Walther Harich Der Kunstfälscher   Roman   Die Buchgemeinde / Berlin SW 68 Alle Rechte vorbehalten Copyright 1930 by Merlin-Verlag G.m.b.H / Baden-Baden Druck von Mänicke \& Jahn A.-G., Rudolstadt I Es wurde nachher bald vergessen, wie die Geschichte ins Rollen kam. Aber es war so gewesen, daß irgendwo, in Detroit vielleicht, oder in Kopenhagen, in Buenos Aires, vielleicht auch in Paris oder Rom, ein junger Museumsassistent plötzlich überrascht die Lupe sinken ließ. Vor ihm lagen die Blätter, die jene seltsamen Kunstwerke aus dem »Fund von Cati« wiedergaben, soweit man sie hatte zusammenbringen können. Außerordentlich scharfe Photographien, die mehr als das Auge festhielten und die Oberfläche fast abzuschälen schienen. Stücke von einem eigenartigen Reiz und meisterlicher Arbeit: Holzplastiken, Madonnenstatuen, eine heilige Katharina, der Engel eines Grabmals, Figuren von Brunnen und aus den Kreuzgängen spanischer Kathedralen. Dem vollen Umkreis altspanischer Gotik entstammend, dreizehntes bis fünfzehntes Jahrhundert. Man entsann sich nach Jahren der Sensation, die diese Stücke erregten, als sie im internationalen Kunsthandel auftauchten. Ein Ursulinenkloster in dem altertümlichen Städtchen Cati (im Valencianischen) war abgebrannt. Aus einem Schuppen rettete man die vergessenen Sachen, die vielleicht Jahrhunderte dort verborgen gewesen waren. Arbeiten von unbekannten Meistern, deren Existenz man bisher nur aus geringen Abweichungen einzelner Werkstattarbeiten erschlossen hatte. Auf einmal tauchten nun von ihnen drei, vier Werke von einer unvergleichlichen Vollkommenheit auf. Andere daneben aus den folgenden Jahrhunderten, Parallelarbeiten zu den Schätzen der berühmten Kartause von Miraflores. Es gab da eine Sibylle aus dem fünfzehnten Jahrhundert von einer erstaunlichen Gewalt des Ausdrucks. Arbeiten von Gil de Siloe und Juan Guas. Die Holzfigur eines laufenden Mönches, die man als Gegenstück zu der berühmten Statue des Königs Ordono in der Kathedrale von Leon seit Jahrzehnten gesucht hatte. Und dann einen Engel, unverkennbar von dem in alle Winde zerstreuten Grabmal des Santiagoritters D. Alonso de Cardenas herstammend. Eine Figur von einem Liebreiz, der die Tränen in die Augen trieb. Bei Betrachtung dieser Figur war es – und das ist das einzig Bezeugte von diesem Hergang –, daß den Assistenten, oder wer es gewesen sein mag, eine gewisse Ähnlichkeit der Gesichtszüge bei sämtlichen Werken dieses Fundes stutzig machte. Sie lag keineswegs auf der Hand. Es war nicht etwa so, daß immer das gleiche Antlitz dem Betrachter aus jedem Bilde entgegengesprungen wäre. Aber es war doch das gleiche Verhältnis eines weichen und runden Kinns zu einer schmalen und edlen Stirn, einer feingeflügelten Nase zu einem vollerblühten Mund, das in mannigfaltigen Abwandlungen immer wiederkehrte. Einmal brach der Ausdruck eines schwärmerischen Auges aus dem Maß dieser Formen leuchtend und verzehrend hervor, ein andres Mal wieder war es die Resignation eines müde heruntergelassenen Augenlids oder ein ruhiger Blick voll süßer Reife. Oder der hohe Ernst auf dieser ungewöhnlich wohlgebildeten Stirn, die wie ein Himmel voller Sterne und Wolken zugleich schien. Und immer derselbe Ansatz der Haare darüber mit der Andeutung eines dunklen Scheitels. Der Museumsassistent legte die Blätter der Mappe vor sich hin, ließ unter dem Glas Teilkreise aus dem Zusammenhang heraus groß vor das Auge treten, deckte Partien von Augen und Stirn vorsichtig zu, zirkelte den Winkel von Stirn und Nase ab, verglich auf den Blättern das Herauswachsen des Halses aus den schmalen Schultern, und konnte schließlich kopfschüttelnd zu keinem andern Ergebnis kommen, als daß ein einziges Modell diesen Arbeiten aus vollen drei Jahrhunderten zum Vorbild gedient haben mußte. Kurzum, daß es sich um Fälschungen handelte! Und dann wird er mit der großen Mappe zu seinem Professor oder Direktor gegangen sein, und sie werden beide über den Blättern gesessen und verglichen haben. »Diese ganzen Arbeiten müssen von einer Hand herrühren!« sagte der Assistent. »Es sind die geschicktesten Fälschungen, die mir je vorgekommen sind!« sagte der Direktor oder Professor und fügte gleich den Namen jenes Mannes hinzu, vor dessen Forum dieser Fall in erster Linie gehörte: des Geheimrats von Bock in Berlin. Und dann begann der geheimnisvolle Apparat des internationalen Museenverbandes zu spielen. Ein kleiner Stab von Spezialisten saß tagelang zusammen, prüfte die Behandlung von Faltenwurf, Blattwerk, Beinstellung, Kopfhaltung, wog dreizehntes und fünfzehntes Jahrhundert gegeneinander aus, verglich die geometrische Aufteilung des Goldgrundes, den Blockcharakter der Figuren, ihre Haltung, die Neigung des Kopfes, die Seitendrehung. Keines der allgemeinen Merkmale einer Fälschung konnte festgestellt werden, nur gewisse Anzeichen dafür, daß diese Arbeiten, die den Charakter von drei verschiedenen Jahrhunderten trugen, von einer und derselben Hand herzustammen schienen und eine einzige Gestalt allen diesen verschiedenen Frauengestalten zugrunde lag. Merkwürdig! Beißend scharfe Photos wurden hergestellt, die verdächtigen Partien in drei- und vierfacher Vergrößerung besonders aufgezogen, mit eingezeichneten Graden der Gesichtswinkel. Einzelne Teile der verschiedenen Arbeiten nebeneinander getypt, um ihre Übereinstimmung deutlicher zu machen. Chiffrierte Depeschen flogen um den Erdball mit vorläufigen Warnungen an die Mitglieder des Verbandes in den einzelnen Ländern und Städten, das bereits abgeschickte oder in Vorbereitung befindliche Material ankündigend. In diesen Tagen wurde in London der große Monumentalbrunnen, den man Juan Guas zuschrieb, für zweihunderttausend Dollars von Mr. Smith aus Philadelphia ersteigert. Der junge Lord Fielding, der das Dezernat für Museen und staatliche Kunstsammlungen bearbeitete, war mit den Leitern des Britischen Museums und des »Victoria and Albert-Museums« anwesend. Unbeweglichen Gesichts sahen sie zu, wie der Amerikaner für das angezweifelte Werk seinen Scheck ausschrieb. »Ein schönes Stück!« sagte der Leiter der Versteigerung zu dem Lord. Er wunderte sich, daß die Herren nicht für die staatlichen Sammlungen mitgeboten hatten. »Indeed!« antwortete der Lord und wandte sich ab. Man hatte noch keine Beweise in der Hand und mußte schweigen. Aber er hatte die Susanne auf dem Brunnenrand mit den Photos andrer Werke aus dem Fund von Cati verglichen. Noch vor drei Tagen hätte er ohne die Warnung den Brunnen für die National Galery zu erwerben versucht. So schwiegen er und seine Herren, und keiner der Beteiligten ahnte etwas von den Alarmsignalen, die schon in allen Weltteilen die Museumsleiter erreicht hatten. Es dauerte vier Tage, ehe das Belegmaterial bei Geheimrat von Bock in Berlin eintraf. Der Geheimrat wußte bereits, daß der Brunnen in London nach Amerika verkauft war, und sein Assistent, Dr. Günther Filscher, jener Filscher, der ein aufschlußreiches Buch über Holzplastiken des Barock verfaßt hatte, hatte herausbekommen, daß sich seit etwa zwei Jahren eine Madonnenplastik, die einem Schüler Pedro de Menas zugeschrieben wurde, im Berliner Kunsthandel befand. Niemand hatte sie in letzter Zeit gesehen. Eine andere Madonnenstatue war vor einem Vierteljahr in Dresden angeboten worden. Wo würde sie jetzt sein? Ebenfalls in Berlin natürlich! Was in Deutschland war, schob sich unwillkürlich in Berlin zusammen oder lief doch wenigstens einmal über Berlin. Man konnte mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf rechnen, daß noch mehr Werke aus diesem merkwürdigen Fund von Cati in der Reichshauptstadt auftauchen würden. Nicht die größten vielleicht, weil die Kaufkraft der deutschen Sammler nicht hoch veranschlagt wurde, aber immerhin einige hochwertige Stücke. Man würde aufpassen müssen. »Halten Sie die Fälschungen für erwiesen?« fragte der Geheimrat seinen Assistenten. Der zuckte die Achseln. »Erfahrungsgemäß sind die meisten Stücke unecht.« Wer war Geheimrat von Bock? Einer jener Gewaltigen, deren Namen die Öffentlichkeit kaum kennt. Der nur hier und dort, von der Masse überhört, etwa in den Etatsberatungen des Parlaments auftauchte. Einer, der hinter Kulissen thronte und den nur wenige Eingeweihte zu Gesicht bekamen. Aber der Geheimrat beherrschte ein ganzes Reich. Große Gebäudekomplexe wurden auf einen Wink seiner Hand geschlossen, veränderten ihre Fassade, wandelten ihren Charakter. Aus griechischen Sälen wurden assyrische oder ägyptische, alte Schlösser verwandelten sich in moderne Galerien. Wenn er der Zerfahrenheit der staatlichen Sammlungen müde war, erstanden irgendwo in Berlin Riesenpaläste, die eine seltsame Kreuzung von amerikanischen Hochhäusern und griechischen Tempeln darstellten. Unzählige Säle voll vorderasiatischer Kunst bauten sich auf sein Geheiß irgendwo auf. Früher wußte niemand, daß sie da waren. Das deutsche Mittelalter entfaltete seine Fülle. Die Renaissance schlug ihren Pfauenschweif durch ungeheure Hallen, zu denen goldgleißende Treppenhäuser emporführten. Geheimrat von Bock hatte seine Hände überall. Niemand wußte in seinem Reich Bescheid wie er. Wenn er heute aufstand und fortging, würde morgen auf Rohbauten die Arbeit einschlafen, würden ganze Speicher voller Kostbarkeiten vergessen werden, würden bereits genehmigte Pläne in einer entlegenen Schublade vermodern. Geheimrat von Bock hatte es in vierzig Jahren erreicht, daß Berlin im internationalen Museumswesen in vorderster Reihe stand. Trotzdem kannte ihn kaum jemand außerhalb des Kultusministeriums, und selbst den meisten Abgeordneten blieb sein Name unbekannt. Am 2. Oktober traf das Material über den Fund von Cati bei der Museumsverwaltung ein. Es war das Geheimnis des Geheimrats, daß er stets die Post erhielt, die er erhalten wollte. Denn im Grunde war es nicht einzusehen, wie irgendein Paket, das unten in dem Treppenhaus des halbfertigen Rohbaus abgegeben wurde, den Weg zu ihm finden konnte und sich nicht in einem der zahlreichen Röhrensysteme verfing. Das Paket mußte an den verschiedenen Bauämtern vorüber, an dem Personalamt, an den einzelnen Museumsleitungen. Es war überhaupt schon ein Wunder, daß es nicht auf der Museumsinsel am Kupfergraben hängen blieb und wirklich nach dem Neubau im Westen hinausfand. Der Briefträger konnte wirklich nicht wissen, daß hinter den oberen Fenstern, mitten zwischen den Baugerüsten, das Gehirn der ganzen Museumswelt lag. Aber der Portier unten in dem Vestibül beschnupperte die Eingänge und beorderte sie durch den improvisierten Fahrstuhl, der zwischen gemauerten Wänden und rohen Eisenträgern dahinlief, nach oben. Dort nahm sie der Sekretär in Empfang, und er ging diesmal schweratmend durch den Saal mit den Gipsabgüssen nach der Antike, an der photographischen Abteilung vorüber, durch den Saal mit dem Oberlicht, der eigentlich für Kupferstiche vorgesehen war und in dem vorläufig die vier Stenotypistinnen saßen, nach dem Zimmer von Dr. Filscher. Dr. Filscher war der Referent für den Museenverband. Auf andern Fahrstühlen und über andre Treppensysteme ging es noch zu sechsunddreißig andern Assistenten. In seinem Arbeitsraum im Mittelpunkt aller Dinge saß der Geheimrat wie eine Spinne im Netz, und wie eine Spinne stieß er von Zeit zu Zeit nach den verschiedenen Ecken vor, und jedesmal begann das ganze System der feinen Verästelungen zu zittern und zu schwanken. »Da ist es!« sagte Dr. Filscher, als er den atelierartigen Raum betrat. Er schlug die Mappe auseinander und breitete die Photos auf dem geräumigen Tisch aus. Der Geheimrat warf von seinen Akten einen flüchtigen Blick darauf und griff nach dem Fernsprecher. »Herrn Professor Ambrus! Er möchte unter allen Umständen sofort zu mir kommen!« Dr. Filscher sah ihn verwundert an. Professor Ambrus, Ordinarius an der Berliner Universität, war nicht Mitglied des Museenverbandes. »Ambrus läßt gerade über spanische Gotik arbeiten«, erklärte der Geheimrat. »Wir unterhielten uns neulich über diese Dinge.« »Darf ich solange das Material durchsehen?« »Tun Sie das, Bester!« Die massige Gestalt des Geheimrats blieb unbewegt, und nur wenn er mit dem Riesenbleistift in den Akten herumkorrigierte, flog es wie von dunklen Schatten über seine Stirn, die wie gemauert war. Und dann saß Dr. Filscher in seinem Zimmer vor den Bildern, verglich, las die begleitenden Erklärungen, sah Blatt für Blatt aufmerksam durch und trat schließlich an das Fenster. Vor ihm lag im Glast des sonnigen Oktobermittags Berlin. Hinter den Türmen der westlichen Vororte verlor sich das Gebrodel der Dächer im Dunst. Plätze mit dem bestaubten Blattgrün schwammen als kleine trübe Flecke herum. Straßen verliefen wie gekritzelte Striche inmitten verwischter Farben. Günther Filscher hatte dies Bild in allen Tagesbeleuchtungen, in allen Stimmungen in sich aufgenommen. Berlin! dachte er. Die Stadt war ihm ein Sinnbild des Lebens. So lag es vor ihm, ungestaltet und fassungslos fremd. Und jedesmal, wenn er durch sein Fenster blickte, empfand er von neuem die Verpflichtung, aus diesem Chaos eine Form zu gewinnen. Er ersehnte Aufgaben, die seine Kräfte anspannten, irgendeinen großen Fall, der die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Bisher war er nur eine Nummer in dem Riesenbetrieb, die auf ein Klingelzeichen des Geheimrats hervorsprang und wieder verschwand. Vielleicht lag hier der lang ersehnte »große Fall« vor ihm? Aber wie selten gelang es, einen großen Fälscher wirklich zu entlarven! Man kannte van der Veeken und einige andre, die es verstanden hatten, ein täuschendes Craquelé zu erzeugen, aber nicht einmal der Verfertiger jener berühmten Florabüste war entdeckt worden, der die größten Koryphäen getäuscht hatte. Hinter dem Glas wurde das Rufzeichen des Geheimrats sichtbar. Dr. Filscher klappte die Mappe zusammen und begab sich in den Arbeitsraum des Vorgesetzten. Professor Ambrus war bereits anwesend. Die beiden Herren saßen auf dem Sofa, der große breite Geheimrat, der wie ein Bär erschien und doch die Behendigkeit eines Wiesels hatte, und die Faunsgestalt des Professors, auf dessen spindeldürren Körper ein richtiges Mephistogesicht gesetzt war. Die Blätter wurden ausgebreitet. Der Geheimrat mit seiner tiefen brüchigen Stimme erklärte. »Ich kenne die Blätter,« sagte der Professor, »ich habe sie kürzlich für mein Seminar angeschafft. Interessante Stücke!« Aber den Gedanken an eine Fälschung lehnte er ab, solange geistesgeschichtliche Deutung als Erklärung übrigblieb. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge? Du mein lieber Gott, es hat sich da ein bestimmter Gesichtstypus herausgearbeitet. »Was für ein Typus?« dozierte er. »Mir scheint eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bamberger Reiter vorzuliegen. Man wird nicht so sehr ein einziges Vorbild für alle diese Arbeiten annehmen müssen als vielmehr Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Künstlern und Werken. Ferdinand der Heilige ist mit seiner Gattin Beatrix von Schwaben im Kreuzgang der Kathedrale von Burgos dargestellt. Welche Verbindungen gab es allein infolge dieser Heirat zwischen Oberdeutschland und Kastilien! Man kennt ganze deutsche Künstlerkolonien dort, die sich immer wieder aus der Heimat ergänzen. Reims mit seiner weltbedeutenden Schule vermittelte zwischen Schwaben, Franken und Kastilien. Es geht hinüber und herüber mit den Meistern und ihren Werkstätten. Hand in Hand damit ist das Auftreten eines schwäbischen oder fränkischen, jedenfalls oberdeutschen Typus innerhalb der spanischen Gotik zu konstatieren. Das Motiv dieses Gesichts pflanzt sich durch zwei, drei Jahrhunderte fort. Es ist nichts Erstaunliches daran!« »Es gibt hier aber noch andre Kennzeichen, die darauf hindeuten, daß diese ganzen Arbeiten von einer einzigen Hand herstammen.« »Kenne ich«, beeilte sich der Professor abzulehnen. »Ein Doktorand wollte mir neulich beweisen, daß der anonyme Schöpfer des Bamberger Reiters in der Dombauhütte von Burgos mitgearbeitet haben müsse. Der junge Mann hatte ganz triftige Gründe dafür. Dieselben ungefähr, die Sie hier anführen. Aber er konnte mich nicht überzeugen.« Dr. Filscher merkte, wie dem Geheimrat das Blut in den Kopf stieg. Dann besann sich der Gewaltige aber und fing an zu lächeln. »Der Vergleich mit Ihrem Doktoranden ehrt mich. Im übrigen sind auch schon andre Leute auf den Gedanken gekommen, bei den bekannten zwei Figuren der Kirche von Burgos die Hand des Bamberger Meisters zu vermuten.« Der Assistent stand hinter den Streitenden und schaute pflichtgemäß über ihre Köpfe auf die ausgebreiteten Photos. Im Innern aber ließ er die Berliner Händlertypen an sich vorüberziehen. Da waren die großen Firmen von Weltruf mit klarem und übersichtlichem Geschäftsgebaren. Im Augenblick hatte dort niemand Interesse an spanischer Gotik. Man war überdies vorsichtig geworden, besonders seit der Geschichte mit den nachgemachten Corots. Aber da waren noch die vielen kleineren Händler. Männer mit Habichtsaugen und Geierklauen darunter. Wer konnte in diese Menschen hineinsehen? Es gibt überall Hyänen des Kunsthandels, die die Qualität und das Anrüchige mit der Sicherheit professioneller Einbrecher wittern und sich die Objekte über Grenzen und Meere hinweg zuspielen. »Mein verehrtester Herr Geheimrat,« fuhr Professor Ambrus gerade fort, »niemand kann dem Kampf Ihres Museenverbandes gegen die Fälscher dankbarer sein als ich. Aber Sie dürfen nun auch nicht gleich alles für unecht erklären, was sich nicht in Ihren staatlichen oder städtischen Museen befindet.« »Es hat mich sehr gefreut, Herr Professor!« sagte der Geheimrat ein wenig zu rasch und erhob sich. Seine Würde konnte zuzeiten brüsk in Erscheinung treten. »Ganz auf meiner Seite, Herr Geheimrat!« Dr. Filscher begleitete den Professor auf einen Wink seines Vorgesetzten hinaus. Wie der ganze junge Nachwuchs in der Berliner Kunstverwaltung war er Ambrus' Schüler. »Was meinen Sie, Herr Doktor, gibt es wirklich so viel Fälschungen?« fragte der Professor draußen, als er den Mantel anzog. »Es gibt sehr wenig Echtes, Herr Professor.« »Und der Londoner Brunnen? Und die Sibylle?« »Ich halte sie nach dem vorliegenden Material ebenfalls für Fälschungen.« Der Professor wandte sich achselzuckend der Treppe zu. Er sah ein, daß viel gefälscht wurde, aber er verstand nicht, wie man mit dieser Skepsis Kunstgeschichte treiben konnte. Der Geheimrat rief seinen Assistenten nochmals herein. Er hatte sich eine Zigarre angesteckt und die Blätter vor sich ausgebreitet. »Fabelhafte Sachen!« sagte er. »Der Mann, der das gemacht hat, ist ein Genie. Man müßte diese Sachen für echt halten, wenn nicht immer wieder das gleiche Gesicht da wäre. Aber ist es nicht im Grunde gleichgültig, ob solche Sachen alt oder neu sind? Sehen Sie sich diese Brunnenfigur an!« »Ich liebe am meisten den Engel von dem Grabmal des Alonso de Cardenas.« »Eine fabelhafte Figur, Ihr Engel! Gil de Siloe soll das gemacht haben? Vielleicht konnte Gil das gar nicht so gut. Weshalb bewertet man eigentlich die alten Sachen höher als die nachgemachten?« »Es ist vielleicht dieses Hineinschlüpfen in einen andern Stil!« sagte der Assistent. »Das Schöpferische besteht in dem Finden des eignen Stils, der eignen Form. Die Form eines andern nachzuahmen, ist eine rein virtuose Angelegenheit, die man letzten Endes nicht als künstlerische Leistung bewerten kann.« Der Geheimrat zeigte lächelnd auf die Photos. »Ist das nur ein Hineinschlüpfen in einen fremden Stil? Das ist mehr!« sagte er. »Da hat ein Mensch sich selber auszudrücken versucht. Mit diesen wenigen hochbegabten Fälschern hat es eine eigene Bewandtnis. Es steckt eine Sehnsucht nach durchgeistigteren Zeiten dahinter, eine Angst vor dem Seelenvakuum der Gegenwart. Zwei solche Leute sind mir in meiner jahrzehntelangen Praxis begegnet, und dieser Dritte scheint mir der vorzüglichste zu sein. Vielleicht ist es eine Gemeinheit, die wir an diesem Menschen begehen. Er ahnt noch nicht, daß seine Werke erkannt sind, daß in jeder größeren Stadt die Museumsmänner auf der Lauer liegen, um ihn abzufassen. Wie soll er es auch ahnen? Innerhalb des Museenverbandes gibt es nur unverbrüchliches Schweigen, bis der Fall reif ist.« »Dieser Fälscher ist jedenfalls ein hervorragender Könner. Vielleicht ist es ein berühmter Künstler, den wir alle kennen.« »Ich hatte einmal einen solchen Fall«, sagte der Geheimrat. »Damals war der Fälscher ein sehr bekannter und hervorragender englischer Maler. Die Angelegenheit wurde unter der Hand erledigt. Es erfuhren nur wenige Menschen von den eigentlichen Zusammenhängen. Hier scheint die Sache ähnlich zu liegen.« »Immerhin ist die Erwerbsgier eines solchermaßen begabten Künstlers ein unsympathischer Zug.« »Erwerbsgier? Du mein lieber Gott, ein solcher Fälscher hat das Wenigste davon. Das große Geschäft wird von den Gaunern gemacht, in deren Händen sich der Mann befindet. Aber jeder Fall liegt anders. Man kann nichts Endgültiges darüber sagen. – Was machen wir nun?« »Ich werde mich herumsehen, Herr Geheimrat, ob ich in Berlin etwas aus diesem Fund von Cati auftreiben kann.« »Tun Sie das, mein Bester! Tun Sie das!« Geheimrat von Bock hatte schon die Akten über die Neuaufstellung des Pergamonaltars hervorgezogen. Dr. Filscher wußte, daß sein Vorgesetzter sich durch einen Hebeldruck umstellen konnte. In diesem Augenblick lebte er nur noch für den kleinasiatischen Hellenismus, und bei einem andern der sechsunddreißig Assistenten würde jetzt das Rufzeichen aufleuchten. Er machte eine Verbeugung und ging hinaus. Schon auf dem Korridor begannen seine Gedanken zu arbeiten: In wessen Händen war damals die merkwürdige Madonnenplastik gewesen? Welcher Dresdner Händler hatte die heilige Katharina angeboten? Aber auch wenn man das herausbekam, hielt man noch immer nicht das Ende des Fadens in der Hand. Solche Spuren verloren sich. Immer tauchte der große Unbekannte auf, der nicht zu ermitteln war. Gegebene Ehrenworte begannen ihre Rolle zu spielen. Rücksichten auf Familien wurden vorgeschützt, die nicht bloßgestellt werden dürften. Es gab so herrliche Ausflüchte, wenn man sich nur in die Brust zu werfen verstand. Die Welt war klein. Vielleicht saß man mit dem Fälscher täglich im Café zusammen oder wohnte mit ihm in derselben Etage. Vielleicht war es wirklich einer der großen Maler oder Bildhauer, oder irgendeiner aus dem namenlosen Meer der Unbekannten, von denen niemand etwas wußte. Nur einen Augenblick in das Innere aller Menschen blicken können, denen man begegnete, oder auch nur, mit denen man sprach! Es mußte toll sein, ein solches Geheimnis mit sich herumzutragen. Vielleicht wußten die nächsten Angehörigen nicht darum. Oder ein solcher Mensch hatte nicht einmal Angehörige! Wieder stand Dr. Filscher an seinem Fenster und blickte über Berlin hin, wo die Oktobersonne die matten Pastellfarben auflockerte. Zwei, drei Menschen waren in diesem Häusermeer, die das Geheimnis des »Fundes von Cati« kannten. Wie sollte man die finden? II Hundert, zweihundert Professoren und Assistenten von Universitäten, Akademien, Kunstverwaltungen, Museen, Kupferstichkabinetten in Detroit, Kopenhagen, Berlin, Paris, London, Buenos Aires suchen in diesen Wochen nach einer Spur, die zu der geheimnisvollen Werkstatt führt. Sie wissen, daß es einen gibt, der in lautloser Stille unerhörte Meisterwerke schafft, eines nach dem andern, in langer Kette, die nicht abreißen will. Die Arbeit eines ganzen Menschenlebens ist bereits auf den Markt geworfen, und immer noch taucht Neues auf. Oder lebt er nicht mehr? Vielleicht haben sich gewissenlose Menschen des Lebenswerks eines genialen Sonderlings nach seinem Tode bemächtigt. Vielleicht wurde er sogar von ruchloser Hand aus dem Wege geräumt. Vielleicht arbeitet er immer noch weiter, sitzt als harmloser Mensch in Restaurants und Cafés und ist in einsamen Nachtstunden von Dämonen besessen. Niemand kann wissen, wie so etwas vor sich geht. Auch er weiß nicht, was in der Welt vor sich geht. Aus dem internationalen Museenverband dringt keine Stimme in den Kunsthandel hinein, und der Mann, der zu seiner Arbeit so absonderlicher und verbrecherischer Umwege benötigt, weiß nicht einmal viel von den Vorgängen im Kunsthandel. Er bekümmert sich nicht mehr darum, seit er mit einer dunklen Existenz vor drei oder vier Jahren das Abkommen schloß, das ihm ein gesichertes Arbeiten verbürgte. Er weiß nicht, wo seine Arbeiten hinkommen, er sieht sie nie wieder, hört nichts wieder von ihnen. Er arbeitet. Es ist eine Wut zur Arbeit in ihm. Manchmal kommt der Dunkle und breitet Photos vor ihm aus, den ganzen Tisch voll Bilder, das Ruhebett, den Fußboden voll Bilder. Eine ganze Welt aus Bildern! Einen Kranz von Statuen auf den Gesimsen verwitterter Dome, einen Wald von Säulen, die Wunderhöhlen dunkler Altarnischen, den Prunk goldener Gewänder, den stählernen Ernst von Harnischen aus geglättetem Stein, das Ungestüm vorjagender Rosse, Könige und Königinnen, und sie besprechen die Arbeit. Ist der einsame Mann jemals auf den Gedanken gekommen, daß er Fälschungen ausführt? Damals, als er für das erste Werk das viele Geld erhielt, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Seitdem nimmt er es mit Gelassenheit hin, daß er ein Betrüger ist. Es ist die Form seines Daseins. Er stellt es sachlich fest und bleibt innerlich ruhig dabei, obwohl in ihm eine geheimnisvolle Kraft bedrohlich heranwächst. Manchmal schwillt es schon wie eine Wolke von dunkler Spannung in sein Bewußtsein hinein. Vielleicht wird er sich einmal an jemandem dafür rächen müssen, daß er ein Verbrecher geworden ist. Aber das liegt noch in weiter Ferne. Das hat mit dem Leben draußen zu tun. Sein eigenes Leben sind die nächtlichen Arbeitsstunden. Er braucht keine Modelle. Er reißt ihre Form in sich hinein, diese Form, die einmal Zeit war und jetzt zeitlos geworden ist. Nie kann er von den Vorbildern etwas ganz gebrauchen. Das macht die Zeit, die immer noch daran haftet. Er braucht seine eigne Welt, er hebt die Behandlung des Faltenwurfs ins ewig Lebendige. Die Hintergründe werden bei ihm transparenter, das Blattwerk wirft er wie einen Teppich aus Stein über das Gemäuer. Die Figur des toten Königs auf seinem Sarkophag sinkt wie in den Mittelpunkt der Welt hinunter. Ein andermal schwebt der tote Bischof wie von Engeln getragen auf seinem Bett aus Marmor. Er dankt den Bildern des Dunklen, daß er so arbeiten kann. Daß er Stücke aus dieser vorhandenen Welt herausbrechen kann und in sein eigenes Leben überführen darf. Krone und Mitra und der von Speeren durchbohrte Heilige sind ihm näher als die Arbeiterheere der Leuna-Werke und ihr wogender drohender Rhythmus. Er braucht die Aura von Einsamkeit um seine Menschen, wie nur die alten Zeiten sie hatten. Manchmal hält er mitten in seiner Arbeit inne, erschrocken von der tiefen Stille der Nacht, die über ihn gestürzt ist. Es gibt nichts Erschreckenderes als die Totenstille der großen Städte, die plötzlich wie eine Blase aus dem Grunde aufsteigt und über den Dächern platzt. Es ist wie ein jähes Knallen über seinem Haupt. Davon wacht er auf und merkt, daß seine Nerven zittern und seine Arme ihm weh tun. Dann setzt er sich auf den Marmor einer umgestürzten Figur und spricht in Gedanken mit dem einzigen Menschen, der manchmal zu ihm kommt und alles von ihm weiß. III Am Morgen wurde Dr. Hans Durlacher, der Juniorchef des Bankhauses Düsen \& Durlacher, in seinem Kontor von dem Kunsthändler Zwingermann angerufen. Nein, er wolle nichts Besonderes und möchte auch am Fernsprecher nichts sagen, aber er hätte etwas für ihn. »Großes Objekt? Welche Zeit? Ich interessiere mich gegenwärtig für die Mingperiode.« Nun, Dr. Durlacher würde sehen. Sie könnten sich am Nachmittag im Café Elsenheim am Kurfürstendamm treffen. Er würde Photos mitbringen. Zwingermann war vorsichtig. Nie sagte er am Fernsprecher ein Wort zu viel. Er hatte keine Ahnung von einem »Fund von Cati«. Er wußte nicht, daß gewisse Abbildungen bei den Mitgliedern des Museenverbandes zirkulierten. Und wenn auch, er würde sich nichts daraus machen. Er hatte da lediglich einige Sachen, einige sehr wertvolle Sachen, von Erich Wein, und der hatte sie von Runge, und der hatte sie von Schabrack. Der große Monumentalbrunnen in London war von allen Autoritäten für echt gehalten worden. Schabrack sollte einen Züricher Privatdozenten an der Hand haben, der an einem Buch über den Fund von Cati arbeitete und die neuen Sachen kunstgeschichtlich einordnete. Aber Zwingermann würde trotzdem die Vorsicht nie außer acht lassen. Man konnte im Kunsthandel nie wissen. Die Geschichte mit den falschen Corots lag noch allen in den Gliedern, und man munkelte, daß der alte Schabrack auch da seine Hand im Spiel gehabt hätte. Das heißt: wer munkelt? Die Fernstehenden wissen von nichts, und die Eingeweihten werden sich hüten, ein Wort zu sagen. »Man munkelt« heißt im Kunsthandel, daß hier oder dort einer möchte, daß gemunkelt wird. Hans Durlacher ärgerte sich jedesmal über Zwingermanns Art. Wenn ihm etwas angeboten wurde, wollte er wissen, wie und was. Sein Konto war jetzt immer angespannt. Er wollte sofort darangehen, einen Plan machen, eventuell irgendein Stück seiner Sammlung abstoßen. Wenn Zwingermann sagte: »Ein Pferdekopf aus der Mingzeit!«, dann konnte die Phantasie anfangen zu spielen. Jetzt schweiften seine Gedanken in allen Ländern und Zeiten herum. Es störte ihn bei der Arbeit. Er überraschte sich dabei, wie er seine Wohnung umräumte, ganze Wände neu ordnete, Ecken auseinanderriß. Und das alles, weil Zwingermann »etwas für ihn hatte«. Als sein Vater, der Seniorchef, bei ihm eintrat, fuhr er fast zusammen. Aber der alte Durlacher wollte nur etwas über ein Akzept wissen. Vielleicht war Hans Durlachers ganze Sammlertätigkeit mit einem schlechten Gewissen verbunden. Noch keine drei Jahre war es her, daß er zu sammeln begonnen hatte. Er wußte nicht, wie es plötzlich über ihn gekommen war. Irgendwie hing es mit dem damaligen Besuch des früheren Kriegskameraden Edmund Stahl zusammen. Jedenfalls fiel ihm Edmund Stahl ein, sooft er an die Anfänge seiner Sammlungen dachte. An und für sich war es mit Edmund Stahl nichts Besonderes gewesen. Man hatte mit ihm im Kriege irgendwo im Osten an derselben Front gelegen. Plötzlich schrieb er aus Hamburg eine Karte, da er zufällig von der Existenz des Hauses Durlacher vernommen oder gelesen hatte, und wenige Tage darauf tauchte er selber auf, bevor er sich nach Argentinien zurückbegab. Zuerst hatte Hans Durlacher geglaubt, daß ein Anleiheversuch dabei herauskommen würde, aber im Gegenteil, der frühere Gefreite d. L. Stahl dachte nicht daran, in Geldverlegenheit zu sein. Noch immer hatte Stahl das ungezügelte und gewalttätige Gebaren, durch das er schon damals einen exotischen Hauch in das streng geregelte militärische Dasein gebracht hatte. Außer im Kriege war er wirklich unmöglich für Europa. Es gab einfach nichts, was er nicht unverblümt aussprach. Der gut erzogene junge Durlacher paßte zu dem ehemaligen Kameraden in keiner Weise, und dennoch imponierte ihm etwas an diesem Manne, der schon als einfacher Soldat getan hatte, was er wollte. Sie machten zusammen eine Tour durch die möglichen und unmöglichen Lokale der Stadt, sie hatten lange Gespräche in jener Stimmung, die der nüchterne Beobachter schon als Betrunkenheit bezeichnen wird, die die Beteiligten aber lediglich als Erhöhung des gewohnten Zustandes empfinden. Stahl sprach unaufhörlich und trank Unermeßliches. Sein Lieblingsthema war die Erotik der Eingeborenen, deren Künste er mit breiter Ausführlichkeit vortrug. Nicht der Stoff, aber die selbstverständliche Freiheit und Unbefangenheit, mit der Stahl sprach, bezauberten Durlacher. Es war, als wenn unter der sengenden Redeweise des Fremden etwas in ihm aufschmölze. Neue, ungeahnte Welten drangen auf ihn ein. Er begann etwas von der inneren Grenzenlosigkeit des Daseins zu spüren. Am nächsten Morgen reiste Edmund Stahl nach Argentinien zurück, nicht ohne ihm einige indianische Waffen und Decken als Geschenk zu hinterlassen. Sicher ahnte er nichts von der Veränderung, die seine kurze Anwesenheit in Hans Durlacher bewirkte. Seit der Bankier an jenem Morgen nach Hause gekommen war, fügte er sich zwar wie bisher den Geboten der Pflicht, soweit sie seinen Beruf und seine Arbeit betrafen, lehnte sich aber offensichtlich gegen jene weitere Ausdehnung des Pflichtbegriffs auf, die auch das Verhältnis zur Familie, Sparsamkeit, geregeltes Leben und Überwindung unordentlicher Neigungen umfassen will. Er mietete sich eine eigene Wohnung, stattete ein Zimmer den indianischen Stücken gemäß aus und wies gelegentliche Einmischungen seines Vaters in sein Privatleben in einer höflichen, aber bestimmten Form ab. Das Merkwürdige war, daß er sich innerhalb weniger Monate zu einem Kunstsammler entwickelte, den man auf allen Auktionen und in allen Antiquitätenläden antreffen konnte. Diese neue Neigung lag nun freilich von Edmund Stahls Wesen denkbar weit ab, und doch gab es auch hier direkte Verbindungslinien. Beschäftigung mit exotischen Dingen ist die Art des zivilisierten Mitteleuropäers, sich der Grenzenlosigkeit des Daseins zu bemächtigen. Ein höchst kultiviertes Hineintauchen in ferne Welten und entlegene Zeiten, ein Wunschtraum, den man herbeiführt, da die Ermattung der Instinkte nichts anderes mehr zuläßt. Vielleicht lag auch noch ein Rest barbarischen Erbes darin, sich mit kostbaren Stoffen zu umgeben, seltsame Formen aufzustapeln, ein Funkeln von Gold, Edelgestein und Emaille um sich spüren zu wollen. Innerhalb dieser neuen Besessenheit aber vergeudete Hans Durlacher nichts. Auch wenn sein Bankguthaben von jetzt ab immer voll in Anspruch genommen war, tauschte, verkaufte und kaufte er mit einem ganz besonderen Geschick. Der Kaufmann in ihm bemächtigte sich auch dieses neuen Gebiets. Die gesammelten Stücke hatten für Hans Durlacher im Grunde keinen besonderen Geldwert. Wenn er seine Arbeit beendet hatte und sonst nichts Besonderes ihn abhielt, lebte er in seinen drei Zimmern ein eigenes Leben, bei dem er sich höchstens von seiner Schwester Hildegard beobachten ließ. Es war fast eine religiöse Verzückung, die ihn erfüllte. Er konnte still auf einem alten Tamburin dasitzen und seine Augen im Kreise gehen lassen. Die Moschee-Ampel strömte dickes gelbes Licht über ihn. Der zerschlissene Samt alter Barockstühle blickte ihn leichenhaft fahl an. Die verdunkelten Farben holländischer Bilder glühten bronzen. Über dem dunklen Gold eines schweren Altarschreins schimmerte das hellere in der Mitra eines Bischofs aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Reliquiare, gestickte Altarvorsätze, Kustodien, Ostensorien glommen von Ständern und Tischen, aus den Vitrinen glitzerten vorgeschichtliche Falbeln, Kameen, Fibeln. An solchen Abenden trank er aus einem der venezianischen Gläser einen schweren bernsteingelben Wein von einer Blumigkeit, die den Atem beklommen machte. Es kam vor, daß er bis zur Bewußtlosigkeit trank. Er brauchte das, um die Geräusche der Großstadt zu überwinden, die durch die Fenster zu ihm drangen, oder um zu vergessen, daß er Hosenbeine mit tadellosen Bügelfalten trug und gräßliche Dinge, wie Kragenknöpfe und Sockenhalter, an sich hatte. Eine Zeitlang versuchte er es mit alten Kostümen, aber es befriedigte ihn nicht. Er hielt, da er sich in seiner Neigung vor den Blicken eines Mannes fürchtete, keinen Diener, sondern zwei Mädchen, von denen die eine vollauf mit Staubwischen und Reinigen seiner Zimmer beschäftigt war. Übrigens machte es ihm nicht viel aus, wenn der Staub auf den in Blütenform gearbeiteten Kerzenträgern oder zwischen den verschlungenen Bändern eines schmiedeeisernen Altargitters aus der Renaissance millimeterdick lag. Seine Gesichtszüge selber sahen allmählich wie verstaubt aus. Er war in den letzten Jahren mager geworden, die Augen hatten den Glanz verloren und schienen tiefer in den Höhlen zu liegen. Ein halbes Jahr, nachdem Edmund Stahl wieder nach Argentinien gefahren war, begannen die Schläfen Hans Durlachers grau zu werden. Er war sich über das Gefährliche seines Zustandes klar, aber er würde sich nicht mehr ändern. Nach den Erschütterungen des letzten Jahrzehnts würde die Bank, bei einigermaßen vorsichtiger Haltung, keine besonderen Krisen mehr durchmachen, wenn man auf größere Expansion verzichtete. Man war mit aussichtsreichen Industrien verbündet und nicht allzu hoch engagiert. Das mochte ausreichen. Auch durch die Liebe würden keine Krisen mehr kommen. Das Leben war zeitlos geworden. Alle Stile und Kulturepochen machten mit einem Schlage halt, wenn sie in dem Zimmer des Sammlers Aufstellung nahmen. Die Entwicklung lag unter Glas. Es war gleichgültig, ob man noch zehn oder zwanzig Jahre lebte. Sämtliche Stücke des berühmten Ganymedfundes würde man doch nicht mehr zusammenbekommen. – – – Als Durlacher sich umgezogen hatte und gerade ausgehen wollte, um sich mit Zwingermann im Café Elsenheim zu treffen, besuchte ihn seine Schwester. Hildegard Durlacher war die einzige in der Familie, die ihm seine Zurückgezogenheit nicht verübelte. »Ah, du gehst aus!« rief sie ihm in der Diele entgegen. »Ein seltenes Ereignis! Für mich bist du einer der wenigen Menschen, die überhaupt noch wohnen. Ich glaube, du hast sogar schon auf jedem deiner Stühle gesessen und sogar schon in die meisten deiner Bücher wenigstens hineingesehen. Du bist ein Unikum!« Sie lachte, als sie vernahm, daß er mit Zwingermann verabredet war. »Also auf dem Kriegspfad! Von Zwingermann hast du übrigens deine besten Sachen!« fügte sie hinzu. Er nickte. Sie ging in das Zimmer hinein und suchte vor der Seidenbespannung, die aus einem französischen Schloß stammte, nach der einen Statue, die sie an dieser Stelle zu finden gewohnt war. »Ach, du hast deine heilige Katharina verkauft!« rief sie enttäuscht aus. »Es war dein schönstes Stück!« »Liebst du es sehr?« fragte er lächelnd. »Sehr!« »So komm!« Er führte sie in sein Schlafzimmer, wo die heilige Katharina dem Bett gegenüberstand. Hildegard trat schnell vor. Diese kleine Skulptur liebte sie über alles. Wie der fast geometrisch aufgeteilte Goldgrund den realistischen Ausdruck des Gesichts in einer strengen, fast archaischen Form zusammenhielt! Und dann dieses Gesicht selber! Den traurigen Blick der dunklen Augen, den verzückten Mund! Es war etwas Herzzerreißendes in diesem kleinen Heiligenantlitz, auf dessen runder schmaler Stirn ein Abglanz des goldenen Himmels zu liegen schien. »Wie heißt der Künstler doch?« fragte sie. »Du hast es mir hundertmal gesagt, und immer vergesse ich es. Es ist mir auch gleichgültig, aber vor einem solchen Werk muß man doch den Namen seines Schöpfers in der Unterwelt beschwören. Ich glaube, daß er dann einen Augenblick aufhorcht.« »Ich wollte, der Künstler hieße Pedro de Mena, aber es ist sicher nur ein Schüler von ihm oder ein Mitglied seiner Werkstatt. Man weiß nichts Genaues.« »Würdest du die Katharina mir verkaufen?« fragte sie. Er schüttelte den Kopf. »Komm, ich muß ins Café! Zwingermann wartet.« Als sie die Treppe hinuntergingen, fiel ihr auf einmal ein, weswegen sie zu ihm gekommen war. »Ja, was ich sagen wollte: Ich habe gestern gehört, daß es hervorragende Fachleute auf der Welt gibt, die die meisten Sachen, die aus dem Kunsthandel kommen, für falsch halten.« »Dann hast du mit Geheimrat von Bock gesprochen!« sagte er lächelnd. »Woher weißt du das? Nun ja, er führte mich gestern abend bei Winkelhausens zu Tisch. Natürlich erzählte ich ihm von deinen Sammlungen. Darauf meinte er, daß das Sammeln sehr gefährlich wäre, weil fast alles unecht sei.« »Nur die Sachen in seinen Museen sind echt, nicht wahr?« »Die Museen haben einen internationalen Verband, der genau auf Fälschungen aufpaßt und alle Mitglieder, aber nur diese, warnt.« »Sehr freundlich von ihm! Aber weißt du, wie man diesen Verband in den Fachkreisen nennt? Den Fälscherverband! Weil er alles Echte unecht macht.« Sie lachten und reichten sich die Hände. Wenn er mit seiner Schwester zusammen war, kam Hans Durlacher sich um zehn Jahre jünger vor. »Auf Wiedersehen!« Sie gingen bester Laune auseinander. IV Wie sollte man dem Fund von Cati beikommen! Geheimrat von Bock hatte Hildegard Durlacher auf einer Abendgesellschaft zu Tisch geführt. Wenn sie ihm von der spanischen Heiligen ihres Bruders erzählt hätte, würde er vielleicht aufgehorcht haben. So aber erfuhr er nicht einmal, daß der Bankier sich gern von dem Kunsthändler Zwingermann beliefern ließ, und vielleicht dachte der Geheimrat überhaupt mehr an den ägyptischen Saal als an die Fälschungen, die sein Assistent zu bearbeiten hatte. Es traf sich sogar, daß Dr. Günther Filscher den Kurfürstendamm entlangschlenderte und an dem Cafe Elsenheim vorüberkam. Der Oktober hatte noch einmal Sonne gesammelt und streute sie aus. Der Kurfürstendamm war wie eine Riviera. Die großen Häuser standen wie Bergkulissen und warfen die Wärme zurück. Das Auge war dankbar für die wenigen Grasbüschel der Vorgärten und walzte sie zu angedeuteten Sommerwiesen aus. Die ganze Natur ist nur angedeutet in dieser Stadt. Der Berliner versteht sich auf Andeutungen. Die Bäume der Straße sind ihm wie Alleen zwischen Wäldern, und die Vorplätze der Cafés wie Terrassen über Alpentälern. Er liest die Hieroglyphen und begreift vielleicht nicht mehr den vollen Klang der Worte. Dr. Filscher konnte sich die Augen eines französischen Impressionisten aufstecken, sich an einem solchen Nachmittag ins Bois de Boulogne versetzen und schon allein durch diese Vorstellung an hohen Entzückungen teilhaben. Obwohl der »Fund von Cati« seine Gedanken keinen Augenblick losließ, freute er sich an der beweglichen und anmutigen Rasse, die Berlin immer reifer austrug. Sein Philologenherz beruhigte einen leisen Widerstand durch die Überlegung, daß alle diese gut angezogenen Menschen für gewöhnlich hart arbeiteten. Sein Ästhetenherz genoß es, daß sie wie elegante Nichtstuer und Luxusgeschöpfe aussahen. Im Vorgarten des Cafés Elsenheim sah er den Kunsthändler Zwingermann mit zwei Herren sitzen. Zwingermann konnte mit seinem fransigen Schnauzbart ein bayrischer Aktuar aus dem Militäranwärterstande sein. Eigentlich mußte er Röllchen auf den Tisch stellen und die Jacke ausziehen. Nur die kleine fleischige Hand war wie die Klaue eines Panthers. Ein blasser, nicht ganz sympathisch und etwas verkniffen aussehender Herr saß neben Zwingermann. Günther Filscher ahnte nicht, daß es jener Dr. Durlacher war, der eine spanische Katharina in seinem Schlafzimmer stehen hatte. Er sah eher wie ein verhungerter Neffe des Herrn Zwingermann aus. Und dann saß noch ein Dritter an dem Tisch, ein kleiner, untersetzter Mann, den Filscher sofort erkannte. Er schien nicht zu den beiden andern zu gehören. Ganz teilnahmslos saß er da und las eine Zeitung. Alles an diesem Mann war kurz und breit, nur der Kopf auffallend klein und schmal. Das blasse Gesicht konnte man mit der Hand bedecken, so klein war es. Zum Überfluß war es in seiner unteren Partie durch einen schwarzgrauen Spitzbart halb verdeckt, so daß es noch kleiner erschien, und die obere Partie verschwand unter einer riesigen schwarzen Hornbrille. Das ist doch Herr Schabrack, dachte Dr. Filscher, der bekannte Kunsthändler! Weshalb tut er so, als ob er Zwingermann nicht kennt? Mein Gott, Zwingermann wird mit dem andern Herrn etwas zu besprechen haben, und Schabrack liest währenddessen seine Zeitung! Dr. Filscher beruhigte sich und ging weiter. Aber er beschloß doch, morgen die Kunsthandlung Schabrack aufzusuchen. Es gab immer interessante Sachen dort. Man wußte nicht einmal, ob Herr Schabrack nicht der genialste Kunsthändler von Berlin war. Herr Zwingermann hatte in der Tat seine Bekanntschaft mit Herrn Schabrack in keiner Weise verleugnet. Im übrigen war es ein ganz zufälliges Zusammentreffen. Manchmal stieß Schabrack aus seiner Geschäftsgegend im Nordosten in den eleganten Westen vor. Dann setzte er sich irgendwohin und beobachtete. Er brauchte das. Aus der Art der Menschen, sich zu kleiden und zu bewegen, konnte er den Gang der nächsten Entwicklung im Kunsthandel entnehmen. Er sah dann, ob China modern werden würde oder Persien oder Griechenland. Gewöhnlich saß er im Café Elsenheim und las Zeitungen. Man hätte denken sollen, daß er sich zu seinem Zweck mehr auf das Beobachten legte, aber er beobachtete auf eine gewissermaßen magische Art, indem er mitten unter den Menschen von Mondänität innerlich ihre Haltung annahm, ihre Gespräche mitführte und mit Inbrunst eins von den Boulevardblättern las, das gerade in Mode war. Dann wußte er alles und kam geladen von Aktuellität in sein Geschäft zurück. Als Herr Zwingermann in das Café kam, setzte er sich aus Höflichkeit zu seinem Kollegen, der indes wenig Notiz von ihm nahm und keine Geneigtheit zeigte, sich in dem magischen Kontakt mit seiner Umwelt stören zu lassen. Auch mit Dr. Durlacher gab es nur die allernotwendigsten Worte, und erst später horchte Schabrack auf, als Zwingermann sich mit seinem Kunden über jene kleine Terrakotta-Statue unterhielt, die Lorenzo Mercadante in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Sevilla geschaffen haben sollte, wie noch vorhandene Rechnungen bezeugten. Zwingermann hatte zwei Photos der Figur mitgebracht. Eine heilige Agnes stand in anmutiger versonnener Haltung mit dem Lamm im Arm da und lehnte sich an einen Baumstamm von auffallend realistischer Behandlung. Ein weites Gewand fiel faltig auf den kleinen runden Sockel hernieder, der fast wie bei einer Porzellanfigur anmutete. Unter einem goldenen Reif ringelten sich die Haare lockig über Schultern von bezaubernder Rundung. In der schmalen runden Stirn war eine rührende Kindlichkeit eingefangen. Durlacher sah die Photos lange an. »Achtzig Zentimeter hoch, wunderbar polychromiert!« ergänzte Zwingermann. »Preis?« »Fester Preis: zwölftausend Mark. Ich dachte gleich, daß es etwas für Sie ist.« Hans Durlacher hatte nur dunkel von einem »Fund von Cati« gehört, und Zimmermann ahnte, daß diese Terrakotta-Figur zu jenem Fund gehörte. Sonst müßte Schabrack es wissen. Schabrack zuckte die Achseln. »Es ist da sehr viel gefunden worden!« sagte er. »Ich kenne lange nicht alles.« »Was ist es eigentlich mit diesem Fund von Cati?« fragte Durlacher. »Man sagt so Fund von Cati, und weiß eigentlich nicht recht, was das bedeuten soll. Vor zwei oder drei Jahrzehnten brannte dort ein Kloster ab, und bei den Löscharbeiten kamen allerhand Kunstwerke zum Vorschein. Natürlich hat man nachher manches dazugetan und behauptet heute von vielem, daß es in Cati gefunden wäre.« »So«, sagte Durlacher. Er wußte, daß es furchtbar viele Märchen über die Auffindung von Antiquitäten gab. Er hielt nichts davon, auch wenn Dokumente beigebracht wurden. In diesem Augenblick stand eine Dame von einem der Tische in der vorderen Reihe auf. »Ist die schön!« dachte oder sagte Durlacher halblaut, obwohl er sie nur einen Augenblick von der Seite gesehen hatte. Sie ging mit schnellen Schritten durch den Gang und verschwand in dem Gewühl der Straße. Dr. Durlacher sah nach dem Tisch, von dem sie aufgestanden war. Eine andre Dame saß noch dort, und jetzt erkannte er sie: Gitta Streicher, die Schauspielerin. Er grüßte hinüber, sie lächelte. Er stand auf, um ihr guten Tag zu sagen. Das eine Blatt der heiligen Agnes behielt er aus Zerstreutheit in der Hand. »Wie geht es Ihrem Gatten?« fragte er. Gitta Streicher war mit dem bekannten Rechtsanwalt van Holten verheiratet. »Scheußlich!« antwortete sie. »Er ist gänzlich überarbeitet, und endlich habe ich ihn dazu bekommen, noch auf vierzehn Tage nach dem Süden zu gehen.« »Sie verreisen?« »Gottlob ja!« »Und Ihre Rolle?« Gitta trat jeden Abend in einem modernen Gesellschaftsstück auf, das ihr nicht im geringsten lag. »Ach, meine Rolle!« stöhnte sie. »Zwei Wochen habe ich sie Tag für Tag gespielt. Es ist ein gräßliches Stück. Ich wollte schon lange nicht mehr. Ich gebe die Rolle auf. Haben Sie das junge Mädchen gesehen, das eben mit mir zusammensaß? Eine junge Anfängerin, kann aber enorm viel. Sie spielt von morgen ab meine Rolle. Sehen Sie sie sich an, es lohnt!« »Ich werde es auf Ihre Empfehlung hin tun.« »Was haben Sie da in der Hand?« fragte sie und zeigte nach dem Bild. »Ein Photo. Spanische Terrakotta, fünfzehntes Jahrhundert. Vielleicht kaufe ich sie.« Gitta Streicher besah das Bild. Es gefiel ihr. »Es ist etwas Ergreifendes in der Haltung!« sagte sie. »Sie haben überhaupt so wunderschöne Sachen. Ihre Schwester erzählte mir erst neulich wieder von Ihren Sammlungen.« Noch immer reichte sie ihm das Blatt nicht zurück. »Wundervoll, nicht wahr!« »Übrigens eine merkwürdige Ähnlichkeit!« sagte sie. »Mit meiner kleinen Kollegin, die eben fortging!« »So«, sagte er gedankenlos. Er wußte, daß Laien immer Ähnlichkeiten herausfinden. Für sie haben Bilder nur den Zweck, irgend jemandem ähnlich zu sehen. »Übrigens schien die junge Dame wirklich auffallend hübsch.« »Ja, sie ist sehr hübsch. Sie brauchen sich nur Ihre heilige Agnes anzusehen!« »Wie heißt sie?« »Sibylle Marcks.« Er kannte den Namen nicht, aber auf einmal fiel ihm ein, daß er das Gesicht dieser kleinen Figur schon einmal gesehen haben mußte. Es war da eine Ähnlichkeit dieser spanischen Heiligen mit irgend jemandem! Er kam nicht darauf. Es mußte ein ihm nahestehender Mensch sein. Ein Gesicht, das er jeden Tag sah. Vielleicht eine Stenotypistin in der Bank. Er mußte einmal darauf achten. »Sibylle Marcks!« registrierte er. »Sie ist wirklich sehr hübsch!« Gitta Streicher brach auf. Er ging zu Herrn Zwingermann zurück. Herr Schabrack war verschwunden. »Die kleine Streicher!« sagte Herr Zwingermann. Jedermann in Berlin kennt sämtliche Schauspielerinnen. »Weshalb zeigen Sie das Bild herum? Man muß vorsichtig sein. Jemand kommt und schnappt Ihnen die Figur vor der Nase fort. Nun, wollen Sie sie haben?« »Zwölftausend Mark sind viel Geld dafür.« »Es ist billig. Haben Sie nicht immer billig bei mir gekauft?« »Ich muß es mir überlegen. Ich habe ein bißchen viel Spanisches. Ich wollte eigentlich an die Mingperiode herangehen.« »Haben Sie viel Spanisches? Nun, vervollständigen Sie! Bringen Sie eine kleine spanische Sammlung, dreizehntes bis fünfzehntes Jahrhundert, zusammen! Spanien wird steigen. Justi hat gerade über Spanien geschrieben. Mayer wird eine neue Monographie bringen.« »Spanisch liegt mir nicht sehr.« »Nun, ist dieses Stück etwa spanisch? Mercadante stammt aus der Bretagne. Ihre heilige Katharina ist sicher niederländisch beeinflußt. In Spanien treiben sich alle Deutschen, Franzosen und Niederländer herum. In der spanischen Gotik finden Sie kaum einen Spanier.« Auf einmal fiel es Durlacher ein, an wen ihn die Terrakotta-Figur erinnerte. Es war die heilige Katharina in seinem Schlafzimmer. Sofort als Zwingermann die Figur erwähnte, fiel es ihm ein. Er nahm noch einmal das Photo vor. Im Grunde war dieses Gesicht ganz anders, und doch so, als hätten die Künstler das gleiche Modell gehabt. »Besinnen Sie sich noch auf meine Katharina?« fragte er. »Es ist eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Gesichtern.« »Ja, gewisse Gesichtstypen gehen hindurch und kommen immer wieder. Ich kann Ihnen dasselbe Gesicht sogar noch einmal zeigen. Herr Schabrack hat mir etwas für Sie hiergelassen. Sehen Sie!« Er nahm ein neues Photo aus der Mappe. Ein Engel, marmorn, irgendwo losgebrochen. »Lebensgröße!« erläuterte Zwingermann. »Donnerwetter!« entfuhr es Durlacher. »Was ist das?« »Das ist eine Engelsfigur von dem Grabmal des Hochmeisters des Santiagoritter-Ordens D. Alonso de Cardenas.« Zwingermann las die genaue Bezeichnung von der Rückseite des Blattes ab. »Gil de Siloe zugeschrieben. Das Grabmal ist in alle Winde zerstreut. Einige Stücke befinden sich in Amerika. Der Engel ist die am besten erhaltene Figur. Nach den Quellen stand er am Fußende des Grabmals.« »Weshalb wird mir das nicht angeboten?« fragte Durlacher streng. Er hatte nie etwas Schöneres gesehen als diesen Engel im lang fließenden Gewand, den weich modellierten Flügeln, die sich wie eine Höhle aus Musik um die Figur schlugen. Und richtig, unter dem gescheitelten Haar blickte wiederum dieses selbe Gesicht hervor. Todernst diesmal, von einer herben Erhabenheit. »Das ist schön!« sagte er. »Die Figur werden Sie kaum bekommen können. Es ist ein sehr wertvolles und berühmtes Stück. Eine Amerikanerin will vierzigtausend Dollar dafür geben.« »Vierzigtausend Dollar!« Hans Durlacher war noch nie auch nur im entferntesten bis zu dieser Höhe gegangen. Es war, als risse es ihn auf einen Berg hinauf. Er überschlug sein Vermögen. Es könnte gehen! dachte er. Dies eine einzige Mal könnte es gehen! Aber wie, wenn dies nur der Anfang war, wenn ihn die großen Objekte anfingen zu reizen! Er verlor den festen Boden unter den Füßen. Zum erstenmal spürte er, daß er an einem Abgrund entlangging. Eigentlich ging er schon drei Jahre neben diesem Abgrund. Es mußte ihn eines Tages bis hierher treiben! Er würde nächtelang dasitzen und nur diese Figur anschauen. Hundertsechzigtausend Mark! Er konnte sein Auto verkaufen, eine Reihe Stücke abgeben. Es war gerade noch innerhalb der äußersten Grenze seines Könnens. Aber der Schritt darüber würde folgen. Bald oder in einem halben Jahr! Mit einmal fiel ihm Edmund Stahl ein. Es war ein Gedankensprung, den er machte. Er dachte etwa, daß sein Sammeln ein Laster ist und daß Edmund Stahl gesagt hatte: man muß seinen Lastern jedes Opfer bringen! »Die Figur ist so gut wie verkauft!« sagte Zwingermann. »Kann man sie wenigstens noch sehen?« »Gewiß! Sie steht bei Schabrack. Aber er zeigt sie nicht jedem. Morgen nachmittag wird sich dort eine kleine geladene Gesellschaft versammeln. Es werden verschiedene Stücke gezeigt werden, und ein Züricher Kunsthistoriker wird über den Fund von Cati sprechen. Der Engel ist in Cati gefunden. Die Amerikanerin wird übrigens auch dort sein. Wollen Sie eine Einladung? Dann rufen Sie Schabrack morgen früh an! – Und die heilige Agnes?« Durlacher nahm noch einmal die Photographie vor. Die heilige Agnes sah ihn an, sie mahnte ihn, sie warnte ihn. Die schmale runde Stirn war ganz schwer von Traurigkeit. »Ich kaufe die Terrakotta-Figur nicht«, entschloß er sich. »Wie Sie wollen!« sagte Zwingermann. Man merkte ihm an, daß er verstimmt war. V Nein, Schabrack zeigte den Engel des spanischen Grabmals nicht jedermann. Auch als am nächsten Vormittag Dr. Günther Filscher seine Kunsthandlung aufsuchte, bekam er sie nicht zu sehen. Schabrack hatte immer interessante Sachen da. Jetzt schien er sich ganz auf die Moderne gelegt zu haben. Pariser Neue Sachlichkeit, zum Teil ganz unbekannte Namen, von einem keuschen glatten Auftrag und Farben von einer natürlichen Unausgesprochenheit. »Wird sich nicht halten!« meinte Schabrack zu dem ihm unbekannten Besucher. »Eine Richtung wie die Nazarener. Die Welt verträgt so etwas nicht lange. Es liegt an den Menschen, die Malerei an sich ist gut!« Schabrack bemerkte es, wenn Dr. Filschers Blick die Ecken durchflog. Immer eilte er schnell hin und deckte irgend etwas auf. Der junge Gelehrte sollte nicht glauben, daß Schabrack etwas vor ihm versteckte. Einmal war es sogar ein Renoir, der mit der Bildfläche gegen die Wand stand, und ein andermal ein Porträt von Erich Torner. So wie Porträts von Torner nun sind: eigentlich gar keine Porträts, sondern spukhafte Phänomene. Diesmal hatte er die Tänzerin Erma Lent gemalt. Jedermann sah mit einem Blick, daß es Erma Lent war, und erst, wenn man näher zuschaute, wußte man nicht mehr, wieso. Da war oben der kleine Beethovenkopf mit dem wehenden Haar, rechts in der Ecke eine fliegende Hand. Noch ein Hals war zu sehen, wie ein Blumenstengel aus Porzellan, dann lange gar nichts, bis aus dem festen Gabelgriff eines Unterleibes zwei Beine herauswuchsen, fast ägyptische Beine von einem antiken Schwung und marionettenhafter Gelöstheit. »Ein fabelhaftes Bild!« sagte Dr. Filscher. Erich Torner war für ihn der größte lebende Maler. Wenn er an Torner dachte, fand er es immer wieder merkwürdig, wie langsam die Namen in der Nachkriegszeit sich durchsetzten. Die Vorstellungen klebten an den mindestens Sechzigjährigen. Er wurde nicht müde, das Bild anzusehen. Schabrack führte ihn durch alle Räume, aber von spanischen Sachen bekam Filscher nichts zu sehen. Es war Schabracks Geheimnis, wie er das machte. Denn fünf Stunden darauf – Dr. Filscher saß längst wieder in seinem Büro und sah auf Berlin hinab – stand der hintere kleine Saal und der Nebenraum voller Gemälde, Marmorbilder, Holzplastiken, Altarflügel von einem merkwürdig fremden Charakter. Zehn Stuhlreihen waren aufgestellt. Auf jedem Stuhl lag in grüner Broschur mit Goldaufdruck die Schrift des Züricher Privatdozenten Dr. Martin Goldbaum über den »Fund von Cati«. Hans Durlacher hatte nicht ganz pünktlich sein können, aber er kam bei weitem zur rechten Zeit. Noch standen die vielleicht sechzig Besucher in Gruppen herum und sprachen in der gedämpften Weise, wie sie vor Konzerten und Auktionen üblich ist. Zwei livrierte Diener an der Außentür ließen sich die Einladung vorzeigen. Vor der Garderobe die stilisierte junge Dame, die in einer Art Verschlag zwischen Broschüren und Verlagskatalogen saß, noch einmal. In dem Verschlag lag eine Präsenzliste aus, und die junge Dame beobachtete, ob die Eintragung des Gastes mit dem Namen der Einladung übereinstimmte. Natürlich sollte man nicht den Eindruck von Überwachung, sondern von vornehmer Exklusivität haben. In der Nähe der Saaltür stand noch einmal eine junge Dame, verteilte Programms und bat, einen Blick in die Einladung tun zu dürfen. Noch bevor sie gelesen hatte, sagte sie »Danke sehr!«. Schabrack bemühte sich, die Honneurs zu machen, aber er brummte nur die Gäste leise an. Als Dr. Durlacher kam, sah er erstaunt zu ihm hin, als besänne er sich nicht, und drehte ihm den Rücken zu. Manchmal trat er zu einer Gruppe, zog einen Herrn am Ärmel fort und sprach mit ihm. Durlacher wunderte sich, daß er keinen Bekannten vorfand. Es war bei solchen Veranstaltungen gewöhnlich das gleiche Publikum anwesend. Diesmal kannte er niemanden. Er suchte mit Blicken die Amerikanerin, die ihm den Engel vor der Nase wegzukaufen gesonnen war, und fand eine männlich aussehende Person in grauen Reisekleidern. Der junge Mann, mit dem sie englisch sprach, war an dem Abendanzug als Dr. Goldbaum erkenntlich, der nachher den Vortrag halten würde. Zwei ältere Herren standen außerdem in dieser Gruppe. Hans Durlacher suchte nach dem Engel des Grabmals und fand ihn im Nebenraum. Die Figur war in eine Art Podest aus weißem geschliffenen Stein eingegipst. Eine glückliche Art der Aufstellung! Jetzt stand sie wie vor einem weiten Trümmerfeld, das die Phantasie ergänzte, totenernst, nicht klagend und nicht getröstet, nicht vernichtet und nicht jubilierend, sondern einfach mit einem großen, beschwingten Ausdruck, der voller Rätsel war wie der Tod, vor dem sie Wache hielt. »Gil de Siloe!« sagte jemand neben ihm, der im Katalog nachblätterte. Der Name weckte Durlacher auf. Er ging auf die Amerikanerin zu und sprach sie englisch an: »Sie wollen den Engel vom Grabmal des D. Alonso de Cardenas kaufen, Miß?« Sie sah erstaunt auf. Vielleicht hatte er sich in der Person geirrt? Er wiederholte seine Frage. »Die Dame versteht nicht englisch«, sagte Dr. Goldbaum neben ihr. Durlacher wunderte sich. Hatte er nicht soeben gehört, wie sie sich auf englisch unterhielten? »Verzeihen Sie, nein. Wir sprachen spanisch miteinander. Die Dame ist Argentinierin.« »Ich werde kaufen den Engel von die Grabmal«, radebrechte die Dame deutsch. »Aber für vierzigtausend Dollar, nicht mehr!« »Nicht für einundvierzigtausend Dollar?« fragte er. »Nicht! Kein Cent mehr!« Er verstand, daß er den Engel haben konnte. Er sah die Dame an. Sie war häßlich und ungepflegt, das Haar fett und schlecht geschnitten. Weshalb sollte er dieser Person das wundervolle Werk lassen! Er würde einundvierzigtausend Dollar zahlen! Als er sich zu Schabrack wandte, um mit ihm zu sprechen, durchzuckte es ihn einen Augenblick. Er hatte sich unter der Amerikanerin eine hübsche junge Mistreß vorgestellt. Eine, die auch auf fünfzigtausend und mehr Dollars springen würde, wenn sie gerade diese Figur haben wollte. Er überdachte das gestrige Auftauchen Schabracks in dem Café, die von ihm zurückgelassene Photographie, die Erwähnung der Amerikanerin mit ihren vierzigtausend Dollar. Vielleicht war diese Amerikanerin eine vorgeschobene Person? Im nächsten Augenblick wies er den Gedanken zurück. Vorgeschobene Personen sehen anders aus, eleganter, gepflegter. Vorgeschobene Personen müssen der allgemeinen Vorstellung entsprechen. Auch Schabrack sah aus wie ein Gauner, und er war ein Mann von bestem Renommee. Oder war er doch ein Gauner? Er sprach Schabrack an. »Kann ich den Engel von Gil für einundvierzigtausend Dollar haben?« fragte er kurz. »Für fünfzigtausend!« »Ich zahle einundvierzigtausend!« »Fünfzigtausend sind geboten.« »Von wem?« Schabrack zuckte die Achseln. »Ich würde einundvierzigtausend geben«, sagte Durlacher noch einmal und sah Schabrack an. Dem war die Sache nicht wichtig, er hatte seine Augen in einer Ecke, in der gerade zwei Diener eine Holzplastik hinstellten. »Andersrum!« rief der Händler ihnen zu. »Das ist eine Figur in Seitenstellung! Nicht frontal!« »Sie wollen mir den Engel für einundvierzigtausend nicht geben?« Schabracks Augen waren noch immer auf die Ecke mit den Dienern gerichtet. »Sehen Sie sich die Sibylle an!« sagte er schließlich. »Kaufen Sie lieber die Sibylle!« Es ist doch eine ehrliche Sache! dachte Durlacher. Schabrack wird mir die Sibylle für zehntausend lassen und den Engel für vierzigtausend an die Argentinierin verkaufen. Dann hat er zwei Figuren untergebracht. »Einundvierzigtausend Dollar für den Engel!« sagte Durlacher noch einmal. Schabrack musterte ihn von oben bis unten. »Gemacht?« fragte er nach einer kurzen Pause. In diesem Augenblick zoppte Durlacher zurück. »Ich denke, es sind fünfzigtausend geboten?« fragte er. »Nun, nicht ganz sicher. Wenn Sie einundvierzigtausend geben, sollen Sie sie haben.« »Ich will es mir überlegen«, meinte Durlacher. Schabrack kehrte ihm wütend den Rücken. Der Bankier stand verlegen da. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Man handelte nicht herunter und drückte sich dann. Er ging noch einmal in den Nebenraum, wo der Engel undurchdringlich die ernste Totenwache hielt. Er überlegte sich den Platz, wo er ihn aufstellen konnte. Aber er würde ihn nun nicht mehr bekommen. Schabrack würde ihm sein Verhalten nicht verzeihen. Er würde den Engel der Argentinierin geben, und wenn er tausend Dollar dabei einbüßte. In diesem Ruf stand Schabrack. Oder Durlacher mußte sofort zu ihm hingehen und die Sache festmachen. In dem Augenblick ordneten sich die Menschen und nahmen auf den Stühlen Platz. Durlacher mußte in den Saal. Er kam sich ausgestoßen vor, so, als ob Schabrack jeden Augenblick einen Diener zu ihm schicken konnte, um ihn hinauszuweisen. Er setzte sich ganz hinten hin, ergriff die ausgelegte Broschüre und blätterte in ihr. Merkwürdigerweise enthielt sie keine Abbildungen. Dr. Goldbaum stand auf dem Podium. Die Deckenbeleuchtung zischte leise. Eine der stilisierten jungen Damen saß neben ihm, knabenhaft, mit einer Stufenfrisur, mit schönem bösen Gesicht. Hinten im Saal war ein Projektionsapparat eingebaut. Es würde Lichtbilder geben. Eine Leinwand wurde aufgerollt. Hans Durlacher wurde das Gefühl des Unbehagens nicht los. Er wußte nicht, ob er in diesem Raum bleiben sollte. Dr. Goldbaum begann zu sprechen. Er sprach in einer überaus verbindlichen Manier, legte die langen Finger seiner Hände gegeneinander, zeigte lächelnd schöne weiße Zähne und ein schmales goldenes Armband. Manchmal streifte er durch eine kleine Bewegung den Ärmel zurück, daß man es sehen konnte. Dr. Goldbaum erzählte von Cati, dem kastilischen Rothenburg, dem gotischen Traum frühen spanischen Mittelalters. Er knüpfte Beziehungen zwischen der Dombauhütte zu Burgos, dem Bamberger Dom und der kleinen spanischen Stadt. Er ließ die Generationen der deutschen und niederländischen Künstler vorüberziehen, die während dreier Jahrhunderte die nordische Kunst dem südlichen Lande eingepflanzt hatten. Dann gab er der jungen Dame neben sich einen Wink, und sie klopfte mit einem kleinen Hammer auf den Tisch. Der Saal verdunkelte sich, eine Lampe zischte auf, ein Lichtkegel schoß von hinten gegen die Leinwand. Winkel und Gassen der kleinen Bergstadt wurden sichtbar. Das Kloster der heiligen Ursula, dicht an eine Landstraße und den kleinen ausgetrockneten Gebirgsbach gedrängt. Da stand es, noch unbeleckt von den Flammenzungen, die es bald umspülen sollten. Sehr friedlich schien es in seinem eigenen Schatten zu atmen. Zwei Ziegen weideten die vertrockneten Grasbüschel an der Mauer ab. Wieder gab Dr. Goldbaum der stilisierten jungen Dame neben sich einen Wink, und sie klopfte mit dem Hammer auf den Tisch. Sie war nur dazu da, um mit dem Hammer auf den Tisch zu klopfen. Dr. Goldbaum konnte das nicht selber tun. Die harte Bewegung hätte ihn aus der Fassung gebracht. Wieder schoß der Lichtkegel nach vorn, und nun sah man die rauchenden Trümmer. Die Mauern waren umgestürzt und hatten die Grasbüschel begraben, wofern es nicht eine andere Stelle war. Neugierige Menschen hatten sich herbeigedrängt und sahen zu, wie weiße Rauchtücher zwischen den Steinen aufflatterten und sich zur Seite legten. Oder sie sahen zu, wie ein einzelner Mann zwischen den Trümmern einherging, als könnte ihm die Hitze und der Dampf nichts anhaben. Es war ein sehr großer und breitschultriger Mann. Das Gesicht mit der kühnen Nase war deutlich zu erkennen. Das Haar war entgegen der dortigen Sitte ganz kurz geschoren. Unter den dichten Brauen, die wie ein in die Höhe gerutschter Bart aus der Kaiserzeit aussahen, lagen zwei schmale, mandelförmige Augen, die ein wenig listig blickten. Auf einmal erkannte Hans Durlacher den Mann: Edmund Stahl! Es konnte niemand anders sein. Sogar den Schritt in den hohen Stiefeln glaubte er aus tausendfacher Erinnerung vom Kriege her wiederzuerkennen. Wie kam Edmund Stahl in die kleine verlassene Stadt Cati? Vielleicht hatte er damals einen Aufenthalt in Spanien gemacht, als er aus Deutschland nach Argentinien zurückkehrte? Konnte es mit der Zeit stimmen? Natürlich konnte es mit der Zeit stimmen! Vor zwei oder drei Jahren sollten die Stücke aus dem Fund von Cati im Kunsthandel aufgetaucht sein. »Am 3. Januar brannte das Kloster der heiligen Ursula ab!« hörte er Dr. Goldbaum in seinem Vortrag fortfahren, und besann sich im Augenblick, daß Edmund Stahls Besuch tatsächlich in die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr 1925 gefallen war. Konnte es sein, daß Stahl bereits am 3. Januar in Cati war? Wenn er über Land gereist war! Aber er hatte vorgegeben, in Hamburg den Dampfer zu besteigen. Merkwürdig! Hans Durlacher konnte dem Vortrag nicht mehr folgen. Er mußte an Edmund Stahl denken. Es war im Grunde gleichgültig, ob Edmund Stahl jener Mann war, der zufällig nach dem Brand über die Trümmer ging, vielleicht um etwas zu suchen oder nur aus Lust an Qualm und Gefahrnähe! Die junge Dame hatte inzwischen drei- oder viermal auf den Tisch geklopft, und das Bild der rauchenden Trümmer war längst verschwunden. Durlacher wartete, ob die bekannte Gestalt sich noch einmal blicken ließ, aber es gab jetzt Bilder von den gefundenen Werken: jene Sibylle war dagewesen, die ihm soeben Schabrack für zehntausend Dollar angeboten hatte. Sie war wirklich fabelhaft, und wahrscheinlich war es töricht, sich auf den Engel versteifen zu wollen. Nur, der Engel war von Gil und die Sibylle von einem, der es nicht verstanden hatte, seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen. Und nun kam jener Monumentalbrunnen, der gerade vor sechs Wochen in London für den Sagenpreis von zweihunderttausend Dollar gekauft worden war. Stammte er wirklich von Guas? Natürlich stammt er von Guas! suchte Dr. Goldbaum zu begründen. Er zog den Vergleich mit den Wasserkünsten der Alhambra, von denen außer Guas fast nur die von den Mauren beeinflußte Mudejarkunst gelernt hätte. Kein andrer spanischer Meister außerhalb der Mudejarkunst hätte diesen Brunnen schaffen können als Juan Guas. Als die junge Dame das nächste Mal auf den Tisch klopfte, schlich sich Durlacher, einem plötzlichen Einfall folgend, hinaus. Jedesmal nach dem Klopfen machte Dr. Goldbaum eine kleine Pause. Erst ließ er das neue Bild heranschießen, dann gab er sich seinem Anblick hin, als ob ihm jetzt die Gedanken kämen, und dann begann er zu sprechen. Diesmal war er sogar so höflich, zu warten, bis Durlacher die Tür hinter sich zugedrückt hatte. Es war dem Davongehenden peinlich, zumal er Schabracks Blicke stechend in seinem Rücken fühlte. Draußen saß noch immer die junge Dame mit der Bernsteinkette in ihrem Verschlag zwischen Broschüren und Programmen. Durlacher ließ sich die Garderobe geben und trat auf die Straße. Es war eine unmögliche Gegend, in der Schabrack seinen Laden hatte. Eine kurze dicke Straße, durch die sich der ganze Verkehr des Viertels drängte. Man hat im Westen keine Ahnung von Berlin! dachte Durlacher, als er drei von den großen Autobussen hintereinander anpoltern sah. Und dahinter tauchten schon andre auf. Wie die eine große Rückenflosse eines einzigen großen Urweltfisches sahen sie aus, über den die Wogen hinwegspülten. Fünf Elektrische warteten auf das Aufglimmen der grünen Lampe. Einige Nummern erkannte Durlacher wieder. Wir im Westen ahnen nichts von den Schicksalen dieser Bahnen hier im Nordosten, wenn sie vornehm durch den Kurfürstendamm gefegt kommen. Hier befördern sie eine Nachtschicht zu den Fabrikvierteln, die sich von Tegel und Borsigwalde her in die Stadt einfressen, und eine Viertelstunde später schaufeln sie die Theaterbesucher in die großen Restaurants und Tanzdielen. Bei dem »Theater« fiel ihm Gitta Streicher, die Schauspielerin, ein. Jetzt würde sie gerade mit ihrem Mann in den Schlafwagen einsteigen. Er stellte es sich ganz deutlich vor. Man ist zuerst immer verzweifelt, wie man sich unterbringen soll. Dann wird man von der Abenteuerlust der Reise geplagt, und es ist entsetzlich, daß man jetzt aus diesem Wagen nicht mehr hinaus kann, nicht einmal, um noch irgendwo einen Mokka zu sich zu nehmen. Und dann dachte er an die Rolle, in der er Gitta noch vor acht Tagen gesehen hatte, an diese Rolle, die ihr zuwider war. So sind die Frauen, gingen seine Gedanken weiter. Wenn Gitta eine gute Rolle hätte, würde sie hiergeblieben sein. Jetzt muß die Überarbeitung ihres Mannes herhalten, um sie nach dem Süden zu bringen. Auf einmal fiel ihm jene junge Dame ein, die heute nachmittag von Gittas Tisch im Café Elsenheim aufgestanden war und die seinem Engel und seiner heiligen Katharina ähnlich sein sollte. Er hatte ihren Namen vergessen. Eigentlich reizte es ihn, diese Ähnlichkeit festzustellen. Vielleicht nicht nur wegen der Ähnlichkeit, sondern weil er sich nach diesem Gesicht bangte, es in Wirklichkeit, wirklich lebendig und über einem richtigen Hals und einem richtigen Frauenkörper zu sehen. Er stellte auf einer Elektrischen den Namen jener Straße fest, in der das Theater lag. Übrigens konnte es auch umgekehrt sein, daß ihm diese Gedanken nur kamen, weil er den Straßennamen gelesen hatte. Das ging manchmal so rasch wie im Traum, und er wußte nicht genau, ob er nicht wirklich träumte. Hatte er wirklich noch vor zehn Minuten gesehen, wie Edmund Stahl über die rauchenden Trümmer eines spanischen Klosters stolzierte? Seit Monaten war er auf keine Elektrische gestiegen, jetzt stand er plötzlich auf der Plattform. Die Menschen lächelten, weil er nicht wußte, wie hoch der Fahrpreis war. Seine Schwester Hildegard fuhr natürlich mit der Elektrischen oder mit ähnlichen Vehikeln. Es war wirklich wie ein Traum, daß er auf einmal über weiche Teppiche ging und an einer Theaterkasse stand. Ein Akt war noch zu sehen. Der Diener ließ ihn leise in die Loge ein und gab ihm das Programmheft. Er drehte es gegen die Bühnenbeleuchtung, um die Namen zu lesen, oder wenigstens den einen Namen. Die andern kannte man. Es sind immer die gleichen Schauspieler in Berlin, und immer in der gleichen Rolle, auch wenn sie ganz anders heißt. Dies Berliner Theater ist das Mosaikspiel der Direktoren mit den Schauspielern. Der Name, den Durlacher suchte, hieß »Sibylle Marcks«, und auf einmal besann er sich, daß Gitta Streicher ihm diesen Namen genannt hatte. Sie war nicht auf der Bühne. Die Situation fiel ihm im Augenblick ein. Das dort war ihre Schwester, und das ihre Mutter. Der junge Mann im Besuchsanzug wußte nicht, mit wem von beiden er es halten sollte. Man konnte bei einiger Kenntnis der Lustspieltechnik ahnen, daß im nächsten Augenblick die Dritte ins Zimmer treten würde, auf die er dann endgültig zuflog, weil es der letzte Akt war. Und diese »Renate«, die jetzt kommen mußte, würde Sibylle Marcks sein. Und sie kam! Er hatte sich von dem Logenschließer ein Glas geben lassen und setzte es an die Augen. Renate, die »ältere Schwester«, trat ein. Sie trug ein leichtes Pariser Stilkleid. Am nächsten Sonntag würde sie so in den Illustrierten Blättern zu sehen sein. Aber trotz des Kleides sah Hans Durlacher nicht »Renate«, er sah die heilige Agnes der kleinen Holzstatue. Genau, wie sie ihn zuletzt mahnend und warnend angeschaut hatte. Eine überraschende Ähnlichkeit, über die Verkleidung des Kostüms hinweg! Frau Streicher hatte recht. Er wußte nicht mehr, weshalb er sich auf den Engel von dem spanischen Grabmal versteift hatte. Diese heilige Agnes war von einer unbeschreiblichen Süße. Aber sie war auch der Engel des Grabmals, und sogar die keusche Susanne von jenem fabelhaften Londoner Brunnen des Juan Guas, und auch die Sibylle, die ihm Schabrack verkaufen wollte. Aber vor allem war sie die heilige Agnes. Ich werde die heilige Agnes von Zwingermann kaufen! nahm er sich vor. Und dann dachte er an die heilige Katharina, die vor seinem Bett stand. Auch mit ihr hatte diese »Renate« eine seltsame Ähnlichkeit. Es war, als hätte sie als Modell allen diesen Künstlern gedient. Von den Vorgängen auf der Bühne sah er nur immer den Kreis seines Okulars, in dessen Mitte die heilige Agnes stand. Manchmal brach irgend etwas bedrohlich in den runden Bildausschnitt ein. Er hatte Furcht. Wenn dieses Bedrohliche ein Männerarm oder gar der zum Küssen bereite Mund eines Mannes sein würde, dann war das Stück zu Ende. Bis dahin sah er Arme, wundervoll undurchgebildete Arme in einer hilflosen Lässigkeit niederhangen, und einen Mund in einer unbeschreiblichen Erregung, mit Muskelspannung, die zwischen Trotz und Hingabe immer neue Übergänge suchte. Er zwang sich zu denken: dies ist Sibylle Marcks, obwohl immer neue Welten in die Gestalt einbrechen wollten. Auf einmal verschwand der Kopf vor ihm unter einem Männerscheitel, der sich darüberdrängte. Das Klatschen prasselte wie Regen von der Galerie hernieder, überrauschte die Wände, donnerte von unten herauf. Hans Durlacher ließ das Glas sinken. Jetzt mußte er sehen, wie sie sich verneigte, wie sie die Arme hob und sinken ließ, wie sie noch einmal hinter dem Vorhang vorkam und zurückging. Merkwürdig, wie dieses Gesicht über die Jahrhunderte hinwegsetzte, wie die Zeiten ein Spiel um dieses Gesicht zu sein schienen. Er ging langsam die Treppe hinunter. Es schadet nichts, wenn er bei der Garderobe würde warten müssen. Sibylle Marcks würde sich erst abschminken. Er würde am Bühnenausgang vorbeigehen und es so einrichten, daß er sie womöglich sah. Schließlich aber blieb er doch am Bühnenausgang stehen, wo es noch gar nicht danach aussah, daß die Künstler das Haus verließen. Etwa zwanzig Menschen standen herum. Einige Herren im Herbstpelz, auch Frauen und junge Mädchen. Er wußte nicht, auf wen sie warteten. Vielleicht wartete dieser Mann im gelben Ulster auf Sibylle Marcks. Vielleicht war er ihr Bräutigam, oder irgendeine von diesen älteren Damen war ihre Mutter. Plötzlich empfand er den Reiz, in die Atmosphäre eines unbekannten Menschen einzudringen. Die Bühnenarbeiter kamen mit hochgeschlagenen Mänteln heraus, und dann der Charakterspieler, der ein Meister im Abschminken sein mußte. Einige, die kühn waren, gingen in das Tor hinein. Menschen strömten vorbei und belächelten die Wartenden. Zwei Schauspieler kamen heraus, dann eine junge Dame mit hochgeschlagenem Mantel, so daß man ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Vielleicht ist sie es, dachte er voller Schrecken. Er sah ihr nach, wie sie die Straße hinuntereilte und ein Auto herbeiwinkte. Der Chauffeur machte kehrt. Sie stand jetzt im hellen Schein der Laterne. Er näherte sich langsam und holte sie ein. Einen Augenblick sah er ihr Gesicht. Sie war es wirklich. Aber nicht die anmutig traurige heilige Agnes, sondern der Engel selber, von einem gesammelten Ernst und einem Ausdruck, der nicht zu bezeichnen war. Man konnte nicht deuten, was hinter dieser schmalen runden Stirn vorging. Es lag keine Freude darin und kein Schmerz, keine Unlust und keine Spannung, sondern einfach ein großer beschwingter Ausdruck. Hans Durlacher sah, wie dieses Gesicht ins Dunkel niedertauchte und sich auflöste. Eine Wagentür wurde zugeschlagen, der Motor zog an. Vor dem Bühnenausgang warteten immer noch zehn Menschen und vertraten sich in der nächtlichen Kälte die Füße. VI An diesem Tage wurde Hildegard Durlacher alle Augenblicke an den Maler Erich Torner erinnert. Einmal sah sie ihn im Auto vorüberfahren, dann stand in dem Fenster einer Kunsthandlung ein Bild von ihm, und schließlich brachte die Zeitung eine Notiz über seinen bevorstehenden fünfzigsten Geburtstag. Da wußte sie, daß sie ihn nun auch auf der Abendgesellschaft bei Köhnens treffen würde. Sie ging mit ein wenig Herzklopfen durch die Tür und war beruhigt, als er noch nicht da war. Resi Köhnen versicherte, daß Torner bestimmt versprochen hätte zu kommen. Aber man wußte, daß er unberechenbar war. Er konnte jemanden treffen und mit ihm weitergehen. Resi Köhnen, die Gastgeberin, rettete für alle Fälle noch etwas von dem kalten Roastbeef in die Küche. Sonst standen belegte Brote und kalte Speisen auf der Anrichte. Wenn Torner noch kam, konnte man ihm wenigstens etwas Roastbeef vorsetzen. Die Bowle war schon zum zweitenmal gefüllt. Es hatte aber nur noch eine halbe Flasche Sekt dazu gegeben. »Gustl, geh in den Keller!« rief Sabine Meerwaldt, die Sängerin, dem Hausherrn zu. Es war ein Witz, denn in diesen Kreisen hatte niemand einen Weinkeller. Außer Erich Torner natürlich, aber der war ein ganz großer Arrivierter. Was sonst hier herumsaß und herumtanzte, würde nie »prominent« werden. Allenfalls konnte Gustav Köhnen, der an einer politischen Zeitungskorrespondenz beteiligt war, noch im Einkommen steigen. Die andern waren in ihrer Stellung ein für allemal festgelegt. Dorle Brausewetter, die kleine Pianistin, würde zeit ihres Lebens Stunden für drei Mark geben und ein wenig korrepetieren. Die Meerwaldt ließ sich ihr jährliches Konzert in der Singakademie von ihrem Freund bezahlen, damit sie nicht ihre Schüler verlor. Resi Köhnen, die Hausfrau, spielte dritte Rollen am Lessingtheater. Hildegard Durlacher liebte diese Art Menschen. Bei ihrem Vater verkehrten alle Berühmtheiten, aber sie fand den geistigen Mittelstand amüsanter und sympathischer. Mit einem der großen Dirigenten läßt sich nicht über Musik diskutieren, bitte sehr. Aber hier saß Alex Schrötter, der Pianist, auf dem Sofa neben ihr und war unerschöpflich an interessanten und abwegigen Theorien. Es gab große Gespräche mit Professor Mittelmann von der Universität, und immer standen drei oder vier kluge Männer zusammen und stritten. Die ganz Berühmten streiten nicht akademisch miteinander, bei ihnen werden die Gegensätze schärfer und bösartiger ausgetragen. Hildegard Durlacher kannte das aus der Nähe. Nur die drei ganz jungen Kolleginnen von Frau Köhnen mißfielen ihr. Sie betrugen sich wie die großen Divas, die sie immer noch werden konnten. Es waren vier junge Herren da, zwei Studenten der Philosophie, ein Kaufmann und ein Assistent der Chemie. Keiner von ihnen wollte das Grammophon aufdrehen und die Nadel wechseln, weil ihm dann die Tänzerin von den andern fortgenommen wurde. Darum drehte sich das Spiel im Herrenzimmer, das zum Tanzen ausgeräumt war. Es gab ein großes Gejage, förmliche Verträge und tragische Vertragsbrüche. Obwohl Alex Schrötter gerade köstliche Sachen über Chopin sagte, eilte Hildegard Durlacher hinter der Hausfrau her in die Küche, um etwas über Torner zu hören. Resi Köhnen hielt die Zeit für gekommen, Kaffee reichen zu lassen. »Ach, schon Kaffee!« sagte Hildegard mit komischem Pathos, »und mein Abgott ist noch immer nicht da.« »Ein schöner Abgott!« rief Frau Köhnen aus. Sie sah sich um, das Mädchen war gerade zu den Kindern ins Schlafzimmer gegangen, die bei dem Lärm nicht schlafen konnten und schrien. »Wieso? Ist etwas passiert?« »Nun, nichts Besonderes, was bei Torner nicht alle Augenblicke passierte. Seine Frau hat eben angerufen, ob er hier wäre. Er ist seit sechs Tagen nicht nach Hause gekommen, und sie sitzt ohne Geld da.« »Wo ist er denn?« »In seinem Atelier oder fortgegangen, weiß ich?« »Lebt er im Atelier?« »Ja, sein Atelier ist in der Stadt. Er schläft auch dort. Manchmal kommt er wochenlang nicht zu seiner Familie. Dann sollte der Lausekerl doch wenigstens Geld schicken! Mehr verlangt man schon nicht von ihm.« Hildegard ging kopfschüttelnd zu den andern zurück. Jemand hatte ein Fenster aufgemacht, und der Rauch wand sich mit blauen Schleierbewegungen durch das Zimmer. Dorle Brausewetter und Alex Schrötter setzten sich an das Pianino und improvisierten vierhändig einen Tango. Dr. Köhnen, der Professor und ein Architekt standen vor dem Büfett bei den Likörflaschen und stritten über das Thema »Hegel oder Schelling?«. Hildegard Durlacher liebte das alles. Sie liebte die verbrauchten Möbel, die aus einer unmöglichen Zeit stammten, die offenen Bücherregale, die unechten Teppiche, sogar den Geruch der billigen Zigarren. Diese ganze Atmosphäre eines unbeholfenen bürgerlichen Idealismus. Schrötter hörte zu spielen auf, als er Fräulein Durlacher wieder hereinkommen sah. Er wollte zu ihr zurück, aber Sabine Meerwaldt hielt ihn an. Sie saß in dem Schaukelstuhl und erzählte von ihrem Besuch in der Akademieausstellung. »Sie sind noch nicht dagewesen? Mein Gott, wie ungebildet! Ein Bild von Torner ist da: man ist einfach baff!« Es gab eine kleine Gesprächspause, zwei, drei Sekunden lang. Vielleicht weil alle zusahen, wie Dr. Köhnen das Fenster schloß. Die Stimme der kleinen Mia Rosenow platzte hinein: »Die Marcks und Erfolg? Na, ich danke, Komma!« Dann ging das Konzert der Gespräche weiter. Wer ist die Marcks? dachte Hildegard und ging zu Sabine Meerwaldt, die von dem Bilde Torners erzählte. Natürlich war es lauter Unsinn, was sie sagte. Der Architekt kam hinzu und stellte die Tatsachen richtig. Was Sabine Meerwaldt beschrieb, war gar kein Bild Torners, sondern ein danebenhängendes. Von Torner war der fabelhafte Akt mit dem verschleierten Kopf darüber. »Dann muß mein Katalog verdruckt sein!« behauptete die Sängerin. »Ich habe genau die Nummer mit dem Katalog verglichen.« Man lachte. Die Meerwaldt verwechselte immer und alles. »Natürlich war das ein Erfolg!« kam die Stimme der andern ganz jungen Schauspielerin aus dem Nebenzimmer. Der Assistent drehte das Grammophon wieder an. Das Mädchen brachte Kaffee herein. Es gab drei verschiedene Sorten Tassen, da kein Dutzend vollzählig war. »Ahoi!« rief in dem Augenblick jemand auf der Straße. Man hörte die Stimme deutlich bis zum vierten Stock herauf. »Ahoi!« Eine helle befehlende Stimme. »Das ist Torner!« Dr. Köhnen ging hinunter, die Haustür zu öffnen. Resi Köhnen dachte an das gerettete Roastbeef. Hildegard fürchtete auf einmal, rot geworden zu sein, und wurde nun erst recht rot. Obwohl es Unsinn war, das mit Torner. Eine kleine Gedankenschwärmerei, wie sie sie sich alle paar Wochen mit einem andern erlaubte, wobei ihr Intellekt ironisierend darüberstand. Der Architekt sprach weiter von Erich Torners Bild in der Akademieausstellung. Man könnte nicht sagen, daß es das beste Bild der Ausstellung wäre, aber es wäre das merkwürdigste. Eigentlich gar kein Bild, nur ein Akt oder richtiger eine Aktstudie. Aber dadurch, daß der Kopf mit einem weißen Schleier verhüllt war, kam etwas Geheimnisvolles hinzu, was natürlich gar nichts mit der Malerei an sich zu tun hatte und doch eine kolossale Wirkung ausübte. »In der Tat, ein herrlicher Trick!« sagte der Professor. Er war mit Köhnens befreundet, und Köhnens waren momentan auf Torner wütend, weil sie auf der Seite seiner Frau standen. »Es müßte in einer Familienzeitschrift unter der Rubrik ›Unsere Bilder‹ angeführt werden: ›Wer ist die geheimnisvolle Frau, die ihr Haupt malerisch umhüllt? Der Maler läßt uns mit einer Frage auf den Lippen zurück, aber diese Frage bohrt in unserm Herzen weiter‹. Ungefähr so, was?« Aber der Architekt widersprach. »Um Gottes willen nein! Es handelt sich natürlich um eine ganz große und ernste Malerei. Der Akt ist einfach unvergleichlich gemalt. Dieser Torner– – –« Hildegard Durlacher ging wie ziellos in das dritte Zimmer, wo der Spiegel hing. Sie mußte einen Blick hineinwerfen. Sie war nicht jedermanns Geschmack, stellte sie zum millionsten Male fest. Sie hatte zu dieser Gesellschaft, die in ihren Augen keine war, nicht einmal ein Abendkleid angezogen. Ihre Haut war gelb, das Haar blauschwarz, die Augen grün und braun. Die Augen waren nicht groß genug zu ihrem Gesicht. Ihre Beine konnten ein wenig dünner sein. Sie ging in das Eßzimmer zurück und war ihrer nicht ganz sicher. Inzwischen war Erich Torner hereingekommen, aber es machte nicht viel Aufsehen. Die jungen Leute interessierten sich nicht für Malerei und kannten von Torner kaum den Namen. Resi Köhnen und der Architekt saßen bei ihm am Tisch, und er aß das Roastbeef. Hildegard hatte ihn noch nie in dieser Nähe gesehen. Sie setzte sich neben den Schaukelstuhl zu der Sängerin, von wo sie ihn am besten beobachten konnte. Er war ganz anders, als sie sich ihn vorgestellt hatte. Wie ein Kavallerieoffizier sah er aus. Ein durchtrainierter Körper und darüber ein energischer Kopf. Das graue Haar kurz geschnitten, und auf der Oberlippe sogar eine kleine Bürste. Sie hätte nicht geglaubt, daß das Erich Torner war. Er schien vollauf mit dem Zerkauen des Roastbeefs beschäftigt. Die Bowle hatte er zurückgewiesen und trank ein Glas von dem sauren Bowlenwein. Recht hat er! dachte Hildegard. Sie hatte das Moseltrinken von ihrem Vater gelernt, dem nicht leicht etwas zu sauer war. Auf einmal erinnerte sie sich, daß ihr Bruder noch vor wenigen Wochen ein Bild Torners besessen hatte, ein Porträt der Tänzerin Erma Lent. Ob sie ihn danach fragte? Aber vielleicht war Torner böse, daß ihr Bruder das Bild weiterverkauft hatte. Sie würde lieber nichts sagen. Alex Schrötter saß wieder bei ihr. Schrötter hatte etwas von der weisen Klugheit eines Urwaldaffen an sich. Seine Blicke schossen nicht auf die Dinge los, sondern schienen aus dem Innern aufzutauchen und dann haltzumachen. Vielleicht war er interessanter als Torner. Aber bei Torner reizte sie der Gegensatz zwischen seinem Aussehen und dem ungebändigten Wesen, das ihm nachgesagt wurde. Vielleicht war er gar nicht ungebändigt. Die Menschen redeten immer so viel. Sie wollte mit ihm sprechen. Erich Torner war schwer festzunageln. Er schweifte nicht in der Gesellschaft umher, sondern saß mit zwei oder drei Bekannten zusammen. Wenn er durch die Zimmer ging, hatte es einen ganz bestimmten Zweck. Er holte sich eine Zigarre oder wollte die kleine Rosenow tanzen sehen oder den englischen Text eines Niggersongs, der gerade aufgelegt war, genauer hören. Er stellte sich neben das Grammophon, senkte ein wenig das linke Ohr und hob den rechten Zeigefinger. Hildegard fragte die Hausfrau, ob Torner seine Sünden bekannt hätte. Resi Köhnen zuckte die Achseln. »Er sagt, daß er heute seiner Frau Geld geschickt hat.« »Ob das wahr ist?« »Natürlich nicht!« »Aber das ist doch furchtbar?« »Ja, aber man kann nichts dagegen tun.« »Lügt er immer?« »Ach nein! Wenn es ihm paßt, sagt er auch die Wahrheit.« Lassen wir Torner! dachte Hildegard. Sie setzte sich wieder zu Schrötter. Immerhin fragte sie ihn, ob er Erich Torner näher kenne. Natürlich kannte er ihn. Eigentlich war Schrötter ein großartiger Kerl. Alle kannte er, überall hatte er gespielt. Hildegard wußte selbst, daß er ein wundervoller Pianist war. Nur das eine fehlte ihm: der Name, und es war nun einmal so, daß er nie einen großen Namen haben würde. Niemand weiß, wie diese Dinge zusammenhängen. Es ist da ein Geheimnis mit im Spiel, das selbst die Konzertagenten nicht ergründen können. »Sehen Sie, Fräulein Durlacher, Torner ist ein großer Name, nicht wahr? Und sein alter Rivale Marcks, der nach Ansicht vieler Fachmänner weit mehr kann, ist völlig unbekannt. So geht es zu.« »Wo hatte sie doch diesen Namen gehört? Hatte heute nicht schon jemand den Namen Marcks ausgesprochen? Sie besann sich nicht. Alex Schrötter wußte es auch nicht. Er erzählte ihr von Anton Marcks, der nur zwei oder drei Bilder im Jahr malte oder auch manchmal eine Plastik schuf. Es gab wundervolle Plastiken von ihm. Ein paar rheinische Städte hatten Brunnen von ihm gekauft. »Macht Torner nicht auch Plastiken?« Schrötter meinte, daß er es seit zwei oder drei Jahren aufgegeben hätte. Vielleicht scheute er den Vergleich mit seinem alten Rivalen? »Weshalb nennen Sie die beiden Rivalen?« »Weil Torner doch mit Frau Marcks durchgegangen ist. Wissen Sie das nicht?« »Torners Frau?« »Nein, nicht seine Frau! Torners Frau spielt keine Rolle. Er bekümmert sich nicht um sie. Sie läßt ihn nur nicht frei.« »Das finde ich unrecht.« Aber Schrötter verstand auch die Gründe von Frau Torner. »Die Frau müßte verhungern ohne ihn. Nein, mit Frau Marcks ist Torner seit Jahren befreundet. Übrigens nennt sie sich nicht mehr Frau Marcks. Sie heißt mit ihrem Mädchennamen irgendwie anders, aber ich habe es vergessen.« Sieh da, dachte Hildegard, jedes Ding hat seine zwei Seiten. »Erzählen Sie! Das ist furchtbar interessant!« In diesem Augenblick traf sie ein Blick aus Erich Torners Augen. Er schoß ihn unter halb geschlossenen Lidern auf sie los. Vielleicht hatte er sie jetzt erst bemerkt. Hildegard Durlacher sah ihn wieder an. Es braucht nichts zu bedeuten, dachte sie schnell. Er hat meinen Namen gehört und weiß, daß mein Vater ein Haus ausmacht. Torner hatte seine Augen rasch abgewendet. »Erzählen Sie!« Schrötter erzählte ihr von Anton Marcks und Erich Torner. Marcks war seiner Ansicht nach der bedeutendere Künstler, und Torner hatte den Ruf. Marcks war der nettere Mensch, und seine Frau ging mit Torner durch. »So, so!« sagte sie, war aber nicht mehr bei der Sache, denn sie sah Torner auf sich zukommen. »Bitte,« fing er an, »sagen Sie mir aber jetzt nichts über mein Bild auf der Akademieausstellung! Ich kenne es und weiß, wie es gemalt ist. Trotzdem erzählen es mir alle Menschen noch einmal. Sie sind die Schwester des bekannten Sammlers, nicht wahr?« Er griff nach einem Stuhl und zog ihn heran. »Was sammelt Ihr Herr Bruder jetzt?« Hildegard konnte darüber nur ungenügende Auskunft geben. Sie hatte nie einen besonderen Plan bei Hans geargwöhnt. Ihrer Meinung nach kaufte er hübsche Sachen zusammen. »Lieben Sie seine Sammlung?« »Ach ja,« sagte sie, »ich bin sehr gern in seiner Wohnung. Es ist für mich so, als wenn ich auf Reisen eine Kirche besuche.« »Das ist ein guter Vergleich. In der Kirche wird man auch der Mühe überhoben, Gott zu suchen.« »Nicht wahr?« griff sie freudig auf. »Jetzt weiß ich endlich, was mir an Kirchen so unsympathisch ist.« »Aber zu Ihrem Herrn Bruder gehen Sie dennoch gern?« »Ja, aber etwas Beengendes hat diese Atmosphäre doch für mich.« Sie suchte in ihren Meinungen nicht etwa heraus, was ihm gefallen könnte, sie wußte im voraus, daß sie mit ihm in allen Dingen übereinstimmte und ruhig sprechen konnte. »Ich habe nur von der Gegenwart aus ein Verhältnis zu den alten Zeiten«, sagte er. »Manchmal möchte ich, daß es anders wäre. Ich möchte mich still hinsetzen und alte Zeit kneipen. Manchmal stelle ich mir so den Himmel vor, daß man da in alten Stilen herumplätschern darf. Hier auf der Erde darf man es, glaube ich, nicht. Sehen Sie: ich empfinde immer, die Zeit will dort und dort hin. Es ist ein Chaos, das Form werden will. Der Künstler muß der Zeit dazu verhelfen, ihre Form zu finden. Das ist einfach seine Aufgabe. Alles andre ist Flucht. Ich male kein Bild, weil es schön ist, sondern ich male, um die Zeitform wieder ein wenig deutlicher herauszuarbeiten. Das ist eine verdammt harte Arbeit, aber es ist einfach Pflicht für mich. Wenn die Leute davon sprechen, daß die Künstler nur unter einem innern Zwang arbeiten sollen, ist das ein Quatsch. Mein Zwang wäre, Ausschweifungen des Körpers und des Gehirns zu begehen. Aber ich tue es nicht. Und deshalb kann ich Sammler und solche Menschen nicht leiden, die sich gehen lassen.« Sie verstand jetzt, weshalb dieser Mensch wie ein preußischer Offizier aussah. Er kommandiert seine Kunst! dachte sie, und das ist vielleicht nicht das richtige. Er will wahrscheinlich auch alles andre kommandieren, und dann kommen furchtbare Sachen heraus. Aber er malt fabelhafte Bilder, und das ist die Hauptsache, und seine Theorien sind vielleicht nur das Rezept, nach dem er sich die größte Leistung ablistet. Man muß nicht zuviel darauf geben, wenn die Künstler von ihrer Art zu arbeiten und dem sprechen, was sie wollen. Es ist gewöhnlich nur ihre Diätetik, nicht ihr Bekenntnis. »Das ist furchtbar richtig, was Sie sagen. Aber glauben Sie nicht, daß die Zeit und ihre Form von selbst weitertreibt?« »Durch uns!« gab er zur Antwort. »Nur durch uns! Die Zeit wird durch uns. Der Weltgeist läßt an sich nicht Barock oder Rokoko wachsen.« Ehe sie widersprechen konnte, war er aufgestanden und ging ins Nebenzimmer. Er tanzte mit Mia Rosenow. Sie sah, daß er die neuesten Touren kannte. Es war längst zweimal Kaffee gereicht, trotzdem dachten die wenigsten an Aufbruch. Das Mädchen begann draußen mit dem Abwaschen des Geschirrs. Sie ging in der Hoffnung auf Trinkgelder noch nicht schlafen. Hildegard Durlacher wollte seit einer Stunde aufbrechen. Torner schien sie vergessen zu haben. Er tanzte mit den drei jungen Schauspielerinnen und hatte Dispute mit Dr. Köhnen und dem Architekten. Manchmal stand einer von den vier jungen Herren dabei. Alex Schrötter klemmte sich wieder an Hildegards Seite, aber es machte ihr keinen Spaß mehr. Sie wartete darauf, daß Torner sie noch einmal ansprach. Sabine Meerwaldt und der Professor gingen als einzige fort. Eigentlich wollte sich Hildegard ihnen anschließen, aber dann blieb sie doch. Ihr war, als ob sie noch etwas erwarten müßte. »Sagen Sie, halten Sie Torner für einen Lady-Killer?« fragte sie Schrötter einmal. Aber Schrötter wußte darüber nichts. Schließlich standen sie doch alle unten auf der Straße und verabschiedeten sich. Die vier jungen Herren gingen mit den drei Schauspielerinnen davon. Noch immer sprach der Maler kein Wort mit Hildegard Durlacher, sondern ging mit dem Architekten voran. Sie folgte mit Alex Schrötter. Sie war müde, und auch Schrötter fröstelte in seinem dünnen Mantel. Ein leeres Auto kam die Straße entlang. Torner hielt es an. »Wir fahren zusammen!« drehte er sich plötzlich zu Hildegard um und öffnete den Schlag. Sie nannte ihm ihre Adresse. »Ich weiß!« sagte er. Eigentlich wußte sie, als der Wagen losfuhr, nicht einmal, ob sie sich von den andern verabschiedet hatte. So rasch ging alles. Torner versicherte ihr, daß sie es getan hätte. »Sie kommen noch zu mir!« sagte er überraschend, als sie den Kaiserdamm hinunterfuhren. »Wie stellen Sie sich das vor?« »Ich will Sie malen. Es dauert eine halbe Stunde, dann bin ich mit der Skizzierung fertig.« »Danke sehr!« Sie fühlte, daß ihr Herz schlug. »Ich ziehe es vor, nach Hause zu fahren und zu schlafen.« »Es ist eine halbe Stunde«, versicherte er nochmals. »Morgen!« »Morgen werde ich es nicht mehr können. Bei mir ist das immer so: es schnappt etwas ein, und dann muß ich arbeiten, oder es ist vorüber.« Er muß wieder kommandieren! dachte sie und sagte laut: »Ich kenne Sie noch zu wenig, um in der Nacht ohne weiteres auf Ihr Atelier zu kommen.« »Halten Sie mich für keinen Kavalier?« »Ich halte Sie für einen großen Maler, und das ist schlimmer. Und Ateliers sind immer kalt. Morgen nachmittag!« versuchte sie es noch einmal. Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Haben Sie dem Chauffeur meine Adresse gesagt?« »Nein, meine!« bekannte er. »So bestellen Sie um!« wollte sie befehlen. »Kind, lassen Sie es doch! Sie werden in Decken gehüllt und auf einen Sessel gesetzt, und ich mache Ihnen in Windeseile einen guten Mokka. Nicht einen besseren Familienkaffee wie Resi Köhnen. Es dauert zwanzig Minuten, dann bringe ich Sie die Treppe hinunter, und Sie sind in sechs Minuten zu Hause.« Sie hatte Lust auf den Mokka. Sie hatte Lust auf sein Atelier. Sie hatte Lust, sich von ihm malen zu lassen. Sie sah nach der Uhr. Es war fast halb zwei. Gegen zwei konnte sie zu Hause sein. »Eine halbe Stunde!« sagte sie nach einer Pause. Er nickte nur und schien gar nicht besonders erfreut über seinen Sieg. Das Bild arbeitete schon in ihm. Vielleicht ärgerte sie das. Der Chauffeur hatte die Birne in dem Wagen brennen lassen. Sie konnte seine Züge deutlich erkennen. Er saß da wie ein Herrenreiter nach dem Rennen. Dieser Mann war gefährlich. Er konnte sich plötzlich auf sie stürzen, oder er konnte sagen: Fahren Sie nach Hause! Ich habe heute keine Lust zu arbeiten! Wo wohnte er eigentlich? Das Auto fuhr zum Rüdesheimer Platz. Der Chauffeur suchte nach der Hausnummer. Hier also mußte es sein. Der Wagen hielt. Hildegard, die fast alle Gegenden Berlins kannte, wußte, daß es in diesen Häusern hoch oben unter dem Dach Atelierwohnungen gibt: immer ein großes Atelier und ein kleiner Raum zum Schlafen. In einer solchen Malerwohnung würde Torner hausen. Hier versteckte er sich vor seiner Frau. Vielleicht würde es nett dort oben sein. Er würde Mokka bereiten, indes sie in Decken eingewickelt auf dem Sofa lag. Männer haben manchmal etwas rührend Mütterliches an sich. Aber auch dieser Mann? Sie traute ihm nicht. In Torner lagen alle Möglichkeiten auf der Lauer. Der Wagen hielt. »So!« sagte der Maler und stieg aus. Aber Hildegard blieb mit plötzlichem Entschluß sitzen. Vielleicht war sie einfach zu müde, um jetzt aufzustehen. »Ich komme doch nicht mehr heraus!« sagte sie. »Es ist zu spät! Morgen, wenn Sie wollen!« Er lüftete schweigend den Hut und gab dem Chauffeur ihre Adresse an. Dann ging er die wenigen Stufen zu seiner Haustür hinauf. Sie sah ihm nach und hatte das Gefühl, einer Gefahr entgangen zu sein. Aber es ist nicht immer schön, einer Gefahr zu entgehen. VII Sibylle Marcks liebte es nicht, wenn Bekannte oder Angehörige vor dem Bühnenausgang des Theaters auf sie warteten. Sie mußte dann an Affenkäfige denken. Nicht einmal ihre Mutter oder ihre Schwester Gabi durften draußen stehen, als sie das erstemal die »Renate« spielte. Sie fuhr mit Gabi schnell in die Schöneberger Wohnung voraus. So konnten sie schon ein paar Blumen und etwas Wein besorgt haben, während Sibylle sich noch abschminkte und im Auto nachkam. Es war eine Dreizimmerwohnung, die Nora Velten mit ihren drei Töchtern bewohnte. Jedermann dachte, daß es eine Fünfzimmerwohnung wäre, weil die Frauen in den Wohnzimmern auf Sofas schliefen und sich im Badezimmer wuschen. Nur Siby – die beiden Mädchen hießen von früh auf Siby und Gabi – fand das abscheulich und hatte sich in der Mädchenkammer eingerichtet. Dort stand ein richtiges kleines eisernes Bett mit einer Waschtoilette, und am Fenster ein nicht zu kleiner Tisch. An den Wänden hingen zwei Bücherregale zwischen vielen Bildern, die irgendwo ausgeschnitten und mit Reißstiften angeheftet waren. Siby mußte ihr eigenes kleines Reich haben, und sie vertrug es auch nicht, mit dem Waschen zu warten, bis etwa das Badezimmer – und es war nicht einmal ein sehr hübsches Badezimmer – frei war. Es sah ganz freundlich in ihrem Zimmer aus, und immer nach den kleinen Gesellschaften, die die Damen Velten gaben, saß man am Schluß zu Dreien oder Fünfen in Sibys Mädchenkammer, trank Likör und rauchte Zigaretten, bis die Luft schwarz war. Eigentlich konnte man nicht von den »Damen Velten« sprechen. Velten war Frau Noras Mädchenname, den sie wieder angenommen hatte, und die beiden Töchter hießen nach ihrem Vater Marcks, Sibylle und Gabriele Marcks. Die Mädels wußten, daß sich hinter der Trennung ihrer Eltern ein Roman verbarg. Frau Nora war eines Tages mit dem besten Freund ihres Mannes auf und davon gegangen. Sie hatte gedacht, daß Erich Torner und sie heiraten würden. Auf einmal ließ seine Frau ihn nicht los. Zum Glück verzichtete Anton Marcks auf seine Töchter und sorgte so reichlich für sie, daß der kleine Haushalt davon bestritten werden konnte. Eigentlich hätte man in der kleinen Schöneberger Wohnung auf Torner wütend sein müssen, aber merkwürdigerweise wurde er hier als eine Art Familienoberhaupt angesehen. Frau Nora bestrafte ihn lediglich dadurch, daß sie niemals einen Pfennig Geld von ihm annahm, obgleich Torner große Summen verdiente. Sie hatte vor kurzem noch eine gesellschaftliche Rolle gespielt. Seit der Scheidung ihrer Ehe zog sie sich vollkommen zurück. Nur ihre Töchter wußten, daß sie ihre letzte Kraft an das Ringen mit einem Mann gegeben hatte, der sich jeder Bindung entzog und sich nur, wenn er vor seiner Staffelei stand, von einem Willen zur Form bis zur Demut überwältigen ließ. Zwei- oder dreimal im Monat suchten Gabi und Siby ihren Vater auf. Es waren offizielle Gänge, zu denen die Mutter die beiden Mädchen pflichtgemäß ermahnte. Vielleicht ahnte Nora Velten, daß Siby, ohne ein Wort darüber zu verlieren, weit öfter in das große Atelierhaus im Grunewald ging und sich dort ganze Nachmittage aufhielt. Sie wollte mit Sibylle nicht darüber sprechen. Sie konnte es nicht ertragen, daß Anton Marcks in ihrer Gegenwart erwähnt wurde. Es war, als hätte sich aller Haß in ihr gegen diesen Mann gewendet. Als sie erfuhr, daß Marcks sich wieder verheiratet hatte, strich sie ihn aus ihrem Gedächtnis aus. Mit ihren Töchtern sprach sie nicht darüber. Erich Torner gehörte auf eine unfeierliche und ganz freie Art zu dem kleinen Haushalt. Er wußte immer, was dort vor sich ging, und erschien dann zur rechten Zeit, gleicherweise überraschend wie erwartet. Er würde auch nach Sibys Debüt auf einmal sein »Ahoi!« vor dem Fenster ertönen lassen. Und dann würde er oben in einer wundervoll eindringlichen Weise über ihr Spiel sprechen, obgleich er vielleicht nicht einmal im Theater gewesen war und sich nur alles mit seiner wunderbaren Kombinationsgabe zurechtlegte. Sibylle saß meist schweigend und etwas ablehnend dabei, wenn Torner anwesend war, obgleich sie viel zu klug war, um nicht die Dinge so zu nehmen, wie sie lagen. Seit einigen Monaten gehörte noch Gabis Bräutigam zu der kleinen Familie. Ein netter Junge und blonder Mediziner, der an einem Krankenhaus Assistent war. Gabi arbeitete dort als Sekretärin des neuen Chefarztes Dr. Czybullek. Auf diese Weise hatten sie sich kennengelernt. Jetzt wollten sie heiraten, und Gabi brauchte eine Aussteuer. Kurt Wessollek, der Bräutigam, konnte eine nette Vierzimmerwohnung bekommen. Es wäre ein Jammer gewesen, die Gelegenheit auszulassen. Man brauchte Möbel und eine richtige Wohnungseinrichtung. Wenn er dann das Geld für seine Instrumente zusammengespart haben würde, konnte er mit dieser Wohnung eine Praxis aufmachen. Alles, was Kurt anfaßte, war praktisch und erreichbar. Die Frage, über die seit Wochen verhandelt wurde, war die, ob der Vater einige tausend Mark hergeben würde. Gewöhnlich schaute man, wenn man darauf zu sprechen kam, Sibylle fragend an. Beim nächsten offiziellen Besuch sollte sie bei Anton Marcks die Rede darauf bringen. Anton Marcks hatte schon einmal mit einigen tausend Mark geholfen, aber man wußte nie, wieviel Geld er hatte. Im Gegensatz zu Erich Torner, dem alles leicht von der Hand ging, lösten sich seine Arbeiten schwer und langsam von ihm ab. Frau Velten beteiligte sich an solchen Gesprächen mit keinem Wort. Die Mädels sollten allein mit ihrem Vater fertig werden. Erst als es an der Zeit war, erinnerte sie an den fälligen Besuch in dem Atelierhaus in der Hagenstraße. Es war zwei Tage nach Sibys Debüt. Gabi, die heiter und blond vor sich hinlebte, war es bei diesen Besuchen nie ganz wohl. Obwohl sie äußerlich mehr ihrem Vater ähnelte, hing sie innerlich an der Mutter. Sie mochte die blonde Frau mit dem Haarknoten nicht, die, den Säugling auf dem Arm, ihnen die Tür aufmachen würde. Immer gab es dort einen Säugling. Gabi konnte sich nicht entschließen, die drei strubbeligen Rangen in der Hagenstraße als ihre Geschwister anzusehen. Sie schnupperte nach dem Geruch der Windeln, um sich zu ekeln, und ärgerte sich dann wieder, wenn in der blitzblanken Wohnung nichts Derartiges zu riechen war. Sie konnte es nicht verstehen, daß Anton Marcks mit einer neuen Frau glücklich war, nachdem er eine Nora Velten an seiner Seite gehabt hatte. Man ging durch einen kleinen Garten an der Villa vorüber zu dem Atelierhaus. Es lag, aus rotem Backstein errichtet und fast so hoch wie die große Villa, zwischen rotblätterigen Linden. »Storchnest« hatten es die alten Freunde von Anton Marcks genannt. Jetzt hatte er keine Freunde mehr. Seit Nora Velten ihn verließ, zog er sich von der Welt zurück. Er muß furchtbar unglücklich mit seiner neuen Frau sein, erklärte Gabi sich diesen Umstand. Sie konnte es noch nicht verstehen, daß die blonde Frau in dem Atelierhaus nur wie ein Vorrat an Proviant war, mit dem Anton Marcks sich eingesorgt hatte, um den Winter seiner Einsamkeit zu überstehen. Siby hatte dieses Bild geprägt und fand es sehr glücklich. Siby hatte Ähnlichkeit mit der Mutter, aber im Grunde war sie die Tochter ihres Vaters. Eigentlich war das Haus nicht nur Atelierhaus. Die eine Seite freilich wurde von dem riesigen Bildhaueratelier eingenommen, auf der andern Seite aber gab es eine zweistöckige Wohnung. Unten ein Wohnzimmer mit Küche, oben zwei Schlafzimmer mit allerhand Nebengelaß. Ins Atelier kam man durch den Hausflur. Es gab in dem Atelier auch eine direkte Tür ins Freie, aber sie wurde nur benutzt, um die großen Marmorblöcke hineinzuschaffen oder die fertigen Skulpturen abzutransportieren. Ein richtiges kleines Geleise diente diesem Zweck. Anton Marcks haute, anders als die meisten modernen Bildhauer, seine Arbeiten selbst in Marmor aus. Kein Steinmetz konnte es ihm recht machen. »Guten Tag, Siby! Guten Tag, Gabi!« sagte die blonde Frau mit dem Haarknoten. Gabi fand, daß die Frau jedesmal älter und häßlicher wurde. Siby fand nur die Züge bedrohlich schärfer werdend, aber aus andrer Ursache. Es stimmte mit ihrer Theorie zusammen, daß ihr Vater diese Frau nicht liebte. Sie alterte rasch, weil sie im Schatten leben mußte. Siby hatte Mitleid mit Frau Beate, aber sie empfand dies Schicksal als unabänderlich. »Guten Tag, Tante Beate!« sagten die Mädchen. »Ist Vater im Atelier?« Es waren jedesmal dieselben Worte. Anton Marcks war immer in seinem Atelier. Sie öffnete ihnen die Tür, und die Schwestern traten in den großen hellen Raum ein. Jedesmal kam ihnen Anton Marcks in dem schmutzigen Kittel mit der kurzen Pfeife in der Hand entgegen. Gabi hielt ihren Vater für unverzeihlich glücklich. Auf seinem breiten Gesicht lagerte heitere Zufriedenheit. Wenn seine Züge vielleicht schmal und fein waren, so verbreiterte sie der große blonde Bart und die blonde Mähne, die hochgekämmt die Stirn viereckig freilegte. »'n Tag, Mädels!« sagte Anton Marcks jedesmal. Das Atelier war voll von Arbeiten. Überall standen Figuren herum, in nasse Tücher eingewickelt, Männer und Frauen. Köpfe und Statuetten erhoben sich von hölzernen Scheiben. Einzelne Gliedmaßen, noch roh im Umriß oder bis auf das feinste Spiel der Muskeln ausgearbeitet, lagen auf Kisten und Tischen. Mulden mit Modellierton verstellten den Weg, Marmorblöcke wuchteten unbeweglich und mit einem weichen verwirrenden Schimmer. »Das Kriegerdenkmal für Lautenbrunn!« zeigte Anton Marcks. Die Gruppe war erst in Ton ausgeführt: ein brüllender Löwe über zwei toten Soldaten. Alle erstorbenen Bewegungen, das entfallene Bajonett, die geschwungene Handgranate, das brüllende Maul, wiesen in eine bestimmte Richtung, aus der es grauenhaft heranzuwogen schien. »Gut, was?« fragte Anton Marcks. »Nun, Kinder, nehmt Platz!« In der Ecke gab es ein kleines Sofa und einige Sessel um einen runden Tisch. Die Möbel wirkten in dem Riesenraum wie aus einer Puppenstube. In einer Schale stand immer Konfekt und daneben der Kasten mit den Zigarren. Zigaretten mußte Anton Mareks erst aus einer der Schubladen hervorzaubern. Natürlich rauchten beide Mädels Zigaretten. Es dauerte immer eine Weile, bis der Vater sie fand, aber er fand bestimmt welche. Auch einen herrlichen türkischen Kaffee machte er auf der kleinen Maschine. Anton Marcks zeigte sich sehr angetan von Kurt Wessollek, der ihm vor einigen Monaten seinen Besuch gemacht hatte. »Das hat bei dem alles Hand und Fuß!« sagte er. Siby setzte ihm die Heiratspläne der Schwester auseinander. Eigentlich wäre das Gabis Aufgabe gewesen, aber sie kam mit ihrem Mundwerk vor dem Vater nicht recht weiter. »Nun wollen wir mal rechnen!« sagte Anton Marcks. Sie überlegten sich die einzelnen Punkte. Der Vater setzte Posten ein, an die noch niemand gedacht hatte. »Ihr habt keine Ahnung, was ein Haushalt ist, Kinder!« Es kam eine Summe zusammen, die fast doppelt so groß war wie die bisher errechnete. Fast viertausend Mark, Wessolleks Instrumente noch keineswegs einbezogen. »Da seht ihr's!« Er wiegte den breiten blonden Kopf hin und her. »Unter dem lohnt es nicht anzufangen. Es wäre einfach hinausgeworfenes Geld.« Viertausend Mark! Die Summe wäre aufzutreiben. Aber wenn man Gabi das Geld gäbe, könne nach ein paar Wochen Siby kommen und dasselbe für sich verlangen, und dazu lange es nicht. »Nein, Vater,« sagte Sibylle, »ich werde keine Ansprüche an dich stellen. Ich nehme jetzt genug ein.« Anton Marcks ließ sich von ihrem Auftreten als »Renate« berichten. Er nickte befriedigt mit dem zottigen Kopf. »Gut so,« sagte er, »aber es ist wegen der Gerechtigkeit! Was Gabi bekommt, muß Siby auch haben und umgekehrt.« Sibylle war gar nicht für Gerechtigkeit, wenn dadurch etwas Greifbares verhindert wurde. Sie wollte nur nicht, daß die Kinder aus der zweiten Ehe zu kurz kämen. Ein Schatten fegte über das Gesicht des Bildhauers. »Sie sind noch klein«, sagte er kurz. Es wurde eine Zeit hin und her gesprochen. Schließlich einigte man sich darauf, daß der Vater seinen beiden Töchtern zusammen viertausend Mark geben würde. Es war ihre Sache, wie sie sich in die Summe teilten. »Wenn du Gabi deinen Teil zur Verfügung stellst, nimm wenigstens Zinsen von ihr!« sagte er. Die Mädels lachten. Sie konnten es sich nicht vorstellen, daß zwischen ihnen von Zinsen und derartigen unfaßlichen Dingen die Rede sein könnte. »Gestern habe ich einen Brief von einem Herrn bekommen, der mich im Theater gesehen hat«, brachte Sibylle das Gespräch auf etwas anderes und sah ihren Vater an. »Er behauptete, daß ich eine auffallende Ähnlichkeit mit einigen altspanischen Bildern und Skulpturen hätte.« »So!« sagte Anton Marcks gelangweilt. »Ich kannte eine Dame, die hatte ein Botticelli-Gesicht, und eine andre, die sah aus wie von Gainsborough. Es gibt immer Ähnlichkeiten. Was war das für ein Herr?« »Ein Bankdirektor Durlacher. Er will mich heute am Bühnenausgang erwarten, um mir Photos zu zeigen.« »Es ist keine sehr originelle Art der Anknüpfung. – Wie hat es dein Wessollek gemacht?« wandte der Vater sich an Gabi. »Auch über Ähnlichkeiten?« Gabi lachte. Wenn Siby eine Herrenbekanntschaft machte, war das immer so romantisch. Bei ihr ging es viel einfacher zu. Sie dachte darüber nach, daß Vater sehr viel Geld haben mußte, wenn er so einfach viertausend Mark hergeben konnte. Auf einmal überlegte sie sich, daß sie nun danken mußte. Alle ihre Wünsche waren erfüllt worden. Sie würde heiraten können. Sie ärgerte sich über die Befangenheit, die hier immer über sie kam. Es war wie ein geheimes Einverständnis zwischen dem Vater und Sibylle, von dem sie sich ausgeschlossen fühlte. Vielleicht hatten die beiden längst alles miteinander beredet. Sie gab sich einen Ruck, ging auf den Vater zu, hob die Arme um seinen Hals und gab ihm einen Kuß. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihn auf den Mund zu küssen. Im letzten Augenblick küßte sie ihn aber nur auf die Wange. »Ich danke dir, Vater!« Es kam frostig heraus wie mit zu trockenen Lippen. »Bitte schön, mein Kind!« sagte Anton Marcks. Auch das war ganz trocken gesagt. Auf einmal wußte Gabi, daß das geschenkte Geld nichts mit ihr zu tun hatte. Sie empfing nur den Segen, weil sie bei ihrer Mutter wohnte. Der Vater warf das Geld aus, wenn es nur in Richtung der kleinen Wohnung nach Schöneberg flog. Vielleicht ließ er die blonde Frau und die kleinen Bambinos dafür darben. Zum erstenmal fühlte sie, daß dieser breite blonde Riese noch immer ihre Mutter liebte. Sie verstand alles: ihn, aber noch viel mehr ihre wunderschöne zarte Mutter, daß sie dieses heitere und ruhige Gesicht nicht mehr küssen mochte und sich nach dem andern bangte. »Ich danke dir sehr herzlich, Vater!« sagte sie. Sie tranken den Mokka zu Ende, der unten ganz dick in der Tasse war und fast gekaut werden mußte. Als sie fortgingen, schloß ihnen die blonde Frau die Tür auf. Gabi sah zum erstenmal, daß sie ein ärmliches und geflicktes Kleid anhatte. Sie ertappte sich dabei, daß die Frau ihr deswegen nicht leid tat, sondern daß sie sie ein wenig verachtete. Merkwürdig! »Auf Wiedersehen, Siby! Auf Wiedersehen, Gabi!« »Auf Wiedersehen, Tante Beate!« VIII Hildegard Durlacher las am Morgen eine Notiz in der Zeitung, daß man Erich Torner zu seinem fünfzigsten Geburtstag ein Bankett veranstalten würde. Sie nahm es zum Anlaß, ihn anzurufen, und erwischte ihn glücklich am Telephon. Sie fürchtete, daß er böse wäre, aber er war überraschend freundlich und lud sie nun auch zum Nachmittag ein. »Wollen Sie mich etwa noch immer malen?« »Gewiß will ich Sie malen! Jetzt aber Akt!« Sie kämpfte mit sich, ob sie den Hörer hinlegen sollte. Sie fühlte, daß sie über und über rot wurde. »Davon kann natürlich keine Rede sein!« »Wir werden uns darüber verständigen«, hörte sie seine Stimme. »Kommen Sie nur her!« »Ich komme zu Ihnen zum Tee, so gegen sechs.« »Gut!« sagte er. Sie blieb noch einige Augenblicke am Apparat stehen. Ihr war, als ob er sie vor aller Augen entkleidet hätte. Sie hatte in den acht Berliner Wintern, die sie nun mitgemacht hatte, ihre Abenteuer gehabt. Mit sechsundzwanzig Jahren konnte man in Berlin einiges erlebt haben. Aber vor diesem Maler empfand sie etwas wie zitternde Angst. Es war, als ob er nach ihr griff und sie sich herlangte, ohne alle Umstände. Sie ging von dem hinteren Korridor, in dem sich der Fernsprecher befand, langsam nach vorn, trat in das große Eßzimmer ein, ging durch den blauen und den roten Salon zum Wintergarten. Eigentlich wollte sie sich hier niederlassen, um ihr Buch weiterzulesen. Aber sie mußte vor den Spiegel treten. Das sollte sie sein: diese gemessene Dame mit der Perlenkette um den Hals? Durfte man vor diesem sorgfältig geordneten Gesicht etwas Unpassendes sprechen? Sie versuchte zu lächeln. Wie konventionell dieses Lächeln war! Lächelte sie eigentlich immer so? Sie hatte Torners Stimme im Ohr: »Jetzt aber Akt!« Natürlich würde sie sich nicht als Akt malen lassen, aber diese Worte hatten sie auf eine seltsame Weise aufgeregt. Sie fühlte die Haut an ihrem Körper, diese etwas gelbliche und duftende Haut, die unter Kleidern und Wäsche versteckt war. Sie hatte keine Lust mehr, diese Haut und ihre Brüste zu verstecken. Dennoch saß sie zehn Minuten später mit ihrem alten Lächeln und in tadellos gerader Haltung einem Besucher gegenüber und sprach über die Berliner Theater. Der Besucher und sie hatten alle Feuilletons darüber gelesen, aber sie taten, als ob sie sie nicht kennten. Es war bequem und ersparte dumme Dilettantismen. Als der Besucher gegangen war, rief Peplex, ihr Vater, von der Bank an. Sie zitterte davor, daß er sie während der Teestunde brauchen würde. Aber er wollte nur in acht Tagen eine Gesellschaft geben. Es tagte da eine Generalversammlung in Berlin, und er wollte den Aufsichtsrat bei sich haben. Es wurde allmählich Zeit, sich fertig zu machen. Eigentlich war es noch lange Zeit. Komisch, daß heute nicht wie sonst jede Minute bei ihr besetzt war. Sie kannte es nicht anders, als daß es von einer Matinee rasch zu einem Frühstück und von dort zu einem Tee ging. Ihr fiel ein, daß sie heute eine Besprechung im Rot-Weiß-Klub ausgelassen hatte, und lächelte, als sie sich selbst darüber ertappte. Hatte sie damit gerechnet, sich für Torner freizuhalten? Es mußte wohl so sein. Als sie sich schon ins Ankleidezimmer zurückgezogen hatte, ließ sich ihr Bruder melden. Sie warf einen Kimono über und ging in das Herrenzimmer, neugierig, was er wollte. Er wünschte ihre Gefälligkeit in Anspruch zu nehmen: »Du besinnst dich auf meine heilige Katharina, die dir so gut gefällt?« Natürlich besann sie sich darauf. Er berichtete ihr von dem Zusammentreffen mit Zwingermann in dem Café und von der Sitzung bei Schabrack. Es waren da altspanische Sachen im Kunsthandel aufgetaucht, die viel von sich reden machten. Er dachte daran, ein oder das andre Stück zu erwerben. Dann kam er auf Sibylle Marcks und ihre fabelhafte Ähnlichkeit mit einigen dieser spanischen Sachen zu sprechen. »Ich habe sie im Theater gesehen und ihr geschrieben. Sie wird mich heute abend am Bühneneingang erwarten. Ich möchte gern, daß du dabei bist.« Sie dachte darüber nach, wo sie den Namen Marcks gehört hatte. Hieß nicht jener Maler und Bildhauer, von dem Alex Schrötter ihr erzählte, Marcks? Sie besann sich: Anton Marcks hieß er und war ein Rivale von Erich Torner. Vielleicht hatte er eine Tochter Sibylle. Komisch, daß ihr Bruder nun gerade diese Sibylle kennenlernen mußte! »Du bist herrlich!« lachte sie. »Als ob es heute etwas Besonderes ist, wenn eine Dame einen Herrn aufsucht!« Aber sie schwieg über ihren Besuch bei Torner. »Immerhin!« sagte er. »Ich halte es für besser, wenn du dabei bist. Wo darf dich mein Wagen abholen?« Sie hatte beinahe Lust zu sagen: von Erich Torner! beherrschte sich aber. Ihr Bruder verstand gewisse Sachen nicht. Sie verabredeten sich für zweiundzwanzig Uhr vor dem Theater. Als er gehen wollte, fragte sie ihn nach Anton Mareks. Er hatte den Namen noch nie gehört. Es gab so viele Maler und Bildhauer! Er ging fort. Zum erstenmal fiel ihr auf, daß Hans häßlich war, und nicht nur häßlich, sondern daß etwas Unangenehmes in seinem Aussehen, etwas Verwischtes in seinen Zügen war. Es kam ihr erst zum Bewußtsein, als sie sich ihn mit einer jungen Schauspielerin zusammen dachte. Er kann kein Glück bei Frauen haben, dachte sie, und ging an den Spiegel ihres Ankleidezimmers, um festzustellen, ob sie Ähnlichkeit mit ihm hatte. Nein, stellte sie beruhigt fest. Aber sie zog zur Sicherheit die Augenbrauen noch einmal nach und gebrauchte den Lippenstift. Als sie sich die Pelzjacke angezogen hatte, kam sie sich ein wenig wie ein Tier vor, das durch die Wälder streift. Vielleicht ist der Unterschied nicht allzu groß, dachte sie, ob man mit einem Auto durch die Straßen fährt oder sich in Sumpfwäldern herumdrückt. Immer steht der gleiche Drang dahinter. Sie erzitterte leise. Vielleicht sollte sie doch nicht zu Torner fahren! Aber bei Torner war es ganz anders, gewissermaßen noch Vormittagstimmung. Die große Zäsur des Tages gab es bei dem Maler zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr. Bis dahin stand noch sein Frühstücksgeschirr auf dem Tisch, und die Morgenzeitung war kaum angeblättert. Er erhob sich spät, schrieb, bevor er sich rasierte, beim Kaffeetrinken einige Briefe, sah Zeitschriften durch, machte einige Pinselstriche, um dem Tag das Pensum vorzuzeichnen, und zog sich dann erst richtig an. Es wurde gegen vierzehn Uhr, bis er an der Staffelei stand, und wenn jemand um achtzehn zu ihm zum Tee kam, mußte er zusehen, wie Torner ein paar Eier in die Pfanne schlug und von der Schlackwurst einige Scheiben abschnitt. Selbst das harte Nordlicht in dem Atelier hatte etwas Vormittägliches an sich, und man fröstelte fast vor Frühe, wenn er die Deckenbeleuchtung andrehte. Hildegard Durlacher war ein wenig ernüchtert. Er fing ihren Blick auf. »Sehen Sie ein, daß Sie neulich ruhig zu mir hätten kommen können?« fragte er. »Es ist scheußlich bei Ihnen!« sagte sie. »Man sollte überhaupt nicht zu Ihnen kommen!« Das Atelier war groß, fast ein Bildhaueratelier, und er hatte auch gerade eine Plastik in Arbeit: eine Gruppe von fünf Arbeitern, eingehüllt in eine eigene Atmosphäre von Schweiß und Dampf. Vornübergeneigte Gestalten, wie an Lasten hängend, die sie hinter sich herschleppen. Die Köpfe schienen in den Halsgelenken zu schnappen, und die Adamsäpfel waren wie Schraubmuttern. Hildegard stand entgeistert vor der Gruppe, von der er stumm die nasse Leinwand abhob. »Na?« sagte er. »Merken Sie den Zusammenhang mit meinem Farbenauftrag?« Er feuchtete die Tücher an und legte sie wieder über die grauen Tonmassen. »Es ist kalt hier!« sagte sie. »Sie haben eine ungeschickte Zeit gewählt. Nachts bin ich wirtlicher. Dann rolle ich das Sofa herein. Zwei Bärenfelle! Stellen Sie sich vor: zwei Bärenfelle! Man flüchtet in sie wie in eine Hütte. Und ich kann die Deckenbeleuchtung rötlich abdämpfen.« Ein Teil des Ateliers war durch einen Vorhang abgeteilt. Sie wollte wissen, was dahinter ist. »Allerlei Geheimnisse!« sagte er. Nun erst erblickte sie an den Wänden etwa zwanzig Skizzen des immer gleichen Aktes. Von allen Seiten hatte er ihn durchgezeichnet. Er schien sich langsam in die Runde zu drehen. Immer war eine besondere Partie mit Liebe durchgearbeitet, einmal die Schulterblätter, einmal der Rücken. Nur der Kopf oder das Gesicht fehlte bei allen. Er war einfach fortgelassen. »Das sind die Entwürfe zu Ihrem Bild in der Akademieausstellung!« Er nickte. »Ein vollendeter Akt! Und der Kopf dazu?« »Manche Akte haben keinen Kopf«, lachte er. Sie mußte sich einige Blätter genauer ansehen. Auf einmal fiel ihr sein fünfzigster Geburtstag ein. »Sagen Sie, wird das nicht eine große Feier werden? Sie werden Auszeichnungen bekommen, ein Bankett wird stattfinden.« »Ja«, sagte er gedankenvoll. »Vor dem Bankett wird eine Kollektivausstellung von mir feierlich durch Liebermann und Bock eröffnet werden. Stellen Sie sich vor, daß ich viel darüber nachdenken muß. Es ist doch eine eigentümliche Sache mit der Psyche des Künstlers. Im Grunde bin ich ein Verbrecher. Ich lege mir nicht viel Hemmungen auf, um meine ganze Kraft für die Arbeit freizuhalten, und meine Arbeit ist eigentlich eine Art Exzeß. Ist nicht jedes Werk von mir ein Exzeß: ein Vorstoß ins Ungewohnte, Ungekannte? Nun gibt es im Leben dieses eine eigentümliche Gebiet, auf dem man ungestraft Exzesse begehen kann: die Kunst, Wer sich durch eine zufällige Veranlagung auf dieses besondere Gebiet beschränkt, kommt zu Ehre, Ansehen und Vermögen. Komisch, was?« »Sie halten sich eigentlich für einen Verbrecher? Haben Sie richtige Verbrechen begangen?« »Nein, das ist eben das Merkwürdige: Ich wirke fortgesetzt meine verbrecherischen Instinkte aus, aber was herauskommt sind keine Verbrechen, sondern Kunstwerke.« »Vielleicht begehen Sie doch Verbrechen? Haben Sie nicht Ihre Frau unglücklich gemacht?« »Haben Köhnens Ihnen das erzählt?« fragte er mit bösem Ausdruck. »Natürlich habe ich meine Frau nicht unglücklicher gemacht, als sie von Natur ist. Wissen Sie, es gibt Menschen, denen etwas fehlt, wenn sie nicht unglücklich sind. Meine Frau ist so. Sie wäre einfach trostlos, wenn sie nicht unglücklich sein könnte.« »Ja,« sagte Hildegard, »das gibt es! Aber machen Sie nun dafür wenigstens jene andere Frau, mit der Sie jetzt leben, glücklich?« »Meinen Sie Nora Velten?« »Heißt sie Nora Velten? Ich meine die Frau von Anton Mareks!« »Das ist Nora Velten. Nein, die mache ich nicht glücklich. Ich glaube sogar, daß ich ihr Leben zerstört habe, wie man es so schön nennt.« »Also begehen Sie doch Verbrechen!« »Das sind keine Verbrechen«, sagte er in seinem immer etwas befehlenden Tonfall. »Ich habe vielleicht hier und da etwas ein wenig sichtbarer gemacht, als es ohne mich geworden wäre. Ein Erlebnis, an das die Gedanken sich halten können, ist nicht schlimmer, als jeden Tag drei Stunden schlechter und freudloser Gedanken in einem leeren und unbewegten Dasein. Lassen Sie mich aus mit den unglücklich gemachten Frauen!« Er hatte die Staffelei vorgezogen und ließ den Pinsel auf ihr tanzen. Hildegard wußte, daß er sie jetzt auffordern würde, sich auszuziehen. Ganz sachlich und selbstverständlich würde er es tun. Aber sie wußte nicht, wie sie darauf antworten sollte. Sollte sie dann das Atelier verlassen? Sollte sie ihm einfach gehorchen? Wenn er sie nackend malte, dann würde sie ihm gehören, vielleicht heute, vielleicht in einigen Tagen! Auf einmal sehnte sie sich danach, von diesem Manne genommen zu werden. Sie wollte auf der Chaiselongue zwischen seinen beiden Bärenfellen liegen. Sie wollte ihm auf der Feier seines fünfzigsten Geburtstages zuwinken, und dann würden sie sich fortschleichen und für sich allein, sie beide, ein Fest feiern, von dem niemand etwas ahnte. Dieser Mann war unglücklich. Man konnte ihn nicht glücklich machen. Für ihn gab es nur kurze Feststunden. Die mußte man ihm schenken und dann fortgehen. In dieser Richtung gingen ihre Gedanken. Seine Hand spielte noch immer mit dem Pinsel. Es gab bereits merkwürdige Umrisse auf der Leinwand. Es konnte ihre Gestalt sein, aber nicht nackend, sondern auf eine phantastische Weise bekleidet. Man konnte nicht klug daraus werden. Sie wunderte sich, daß er noch immer nichts zu ihr sagte. Vielleicht hatte er Hemmungen und kämpfte mit sich. Es war schwer zu glauben, daß dieser sichere Mann Hemmungen hatte und vielleicht sogar ein ganz klein wenig schüchtern war. Zehn, zwanzig Sekunden schon hatte er nichts zu ihr gesagt. Sie wußte noch immer nicht, was sie ihm antworten würde, wenn er jetzt den Mund auftat. »Wie ist eigentlich Anton Marcks?« hörte sie sich plötzlich fragen. Ihre Unruhe drängte nach Ausweichen und Hinzögern. Er sah sie erstaunt an. »Anton Marcks? Wie kommen Sie auf Anton Marcks?« »Sie haben ihm doch die Frau fortgenommen! Was ist das für ein Mensch?« »Ein wundervoller Mensch und ein sehr großer Künstler«, sagte er ernst. Aber sie merkte doch, daß er irgend etwas zurückhielt. Es ist etwas mit Marcks, dachte sie, was er nicht sagen will. Aber sie durfte jetzt nicht nachdenken, sonst stürzte sich seine Frage auf sie: Darf ich Sie Akt malen? »Ist es nicht merkwürdig,« sagte sie schnell, »daß Sie beide sowohl malen wie bildhauern? Es gibt doch wenig Künstler heute, die das vereinen.« »Es gibt noch andre,« sagte er, »ich bin überzeugt, daß jeder Maler auch ein wenig Bildhauer ist und umgekehrt. So wie jeder Romanschreiber auch lyrische Gedichte macht. Es ist nur eine Sache des Zufalls, ob diese Betätigung öffentlich wird.« »Hat er eine Tochter Sibylle?« »Zwei Töchter: Sibylle und Gabriele.« »Sibylle Marcks, die Schauspielerin?« »Ja, es ist seine Tochter. Kennen Sie sie?« »Nein, aber mein Bruder hat ihre Bekanntschaft gemacht. Denken Sie sich, aus einem ganz sonderbaren Grunde.« Sie war froh, dieses Thema gefunden zu haben, das Viertelstunden ausfüllen konnte. Dabei sprang Torners Pinsel noch immer auf der Leinwand herum. »Und?« »Diese Sibylle Marcks soll eine ganz merkwürdige Ähnlichkeit mit einigen altspanischen Skulpturen und Bildern haben, die mein Bruder besitzt oder kaufen will oder doch wenigstens kennt.« »Eine Ähnlichkeit mit der Sibylle? Die Sachen aus diesem sogenannten Fund von Cati?« »Fund von Cati? Das weiß ich nicht.« »Es sollen da einige Sachen in einem spanischen Kloster in Cati aufgefunden sein. Sehr interessante Stücke. Ich habe sie noch nicht gesehen. Und Ähnlichkeit mit Sibylle Marcks, sagen Sie?« »Ja, meinem Bruder fiel es auf.« »So, na ja, es gibt manchmal merkwürdige Ähnlichkeiten. Eine Kusine von mir sieht aus wie von Velasquez, und wenn man die Ähnlichkeit der Renaissance-Putten verfolgen wollte, – na ja.« Er schien sich ganz auf die Staffelei zu konzentrieren. Jetzt, dachte sie, jetzt wird er mich fragen! Sie suchte nach einem neuen Anfang. »Sagen Sie,« fragte sie aus einer merkwürdigen Ideenverbindung heraus, da sie gerade an Geheimrat von Bock und das Gespräch mit ihrem Bruder denken mußte, »halten Sie es für möglich, daß diese Sachen gefälscht sind?« »Welche Sachen?« »Die aus dem Fund von – – –« »Fund von Cati? Ich wünsche allen Sammlern, daß alle Sachen gefälscht sind. Es kann sein. Hören Sie, ich will Sie malen, und zwar – – –« Er machte eine lange Pause. Sie fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte. Die Deckenbeleuchtung ließ ein merkwürdig zischendes Geräusch hören. »Ich habe da eine Idee«, fuhr er fort. »Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen? Wie ein Tier, das durch die Wälder streicht. Es begegnet Festen von saftig grünen Wiesen, Delikatessen von braunen Baumrinden oder jungen Haselnußtrieben. Manchmal läuft es mit andern im Rudel zusammen, wo es dann ein endloses Getratsch gibt. Immer schaut es dabei ein wenig nach Liebe aus, ohne allzuviel darauf zu geben. Aber es nimmt sie gerade so mit. Es ist wie alle Tiere nicht gerade ein Raubtier, aber jedes Tier ist für bestimmte Tiersorten eben doch auch ein Raubtier. So möchte ich Sie malen. Ziemlich nackend, oder nur in einem kurzen und vielfach zerschlitzten Gewand. Dabei soll jeder sehen, daß es sich um eine mondäne junge Dame der Gesellschaft handelt. Gewissermaßen genau so, wie Sie sind, nur der konventionellen Hülle entkleidet. Verstehen Sie?« »Ja, ich verstehe. Merkwürdigerweise habe ich heute etwas Ähnliches empfunden, als ich mit Ihnen telephoniert hatte. Sie hatten gesagt, daß Sie mich als Akt malen wollten, und ich war doch in meiner Behausung eine so vollendete Dame der Gesellschaft. Als ich meinen Pelz anzog, dachte ich geradezu – – –« »Pelz!« rief er erfreut aus. »Natürlich Pelz! Ich male Sie im Pelz. Nackend und im Pelz. Der Pelz muß fast so aussehen, als wäre er Ihnen angewachsen. Und so gehen Sie durch eine moderne Straße, an einem Schaufenster vorüber.« »Und dazu brauchen Sie gerade mich als Modell?« »Sie haben etwas von einem Tier, gutmütig und herzlos. So ein bißchen als weiblichen Faun werde ich Sie malen, die Beine frei, den Pelz von den Oberschenkeln an eng anschließend und oben die Brüste frei. Brüste und Hals und Kopf, das muß wie eine wundervolle Blüte oben herausbrechen.« »Sehr schön!« sagte sie lächelnd, »nur kann ich mich leider zu so etwas nicht hergeben.« Er sah sie ernst an, und sie stand mit rotem Gesicht da. Jetzt! dachte sie. Da hatte er sie umklammert, preßte seinen Mund auf ihre Lippen, brach sie durch, warf sie nieder und war über ihr wie ein Gott. Sträubte sie sich, ergab sie sich? Sie wußte es nicht. Der Raum brach über ihr zusammen, sie versank in grenzenlosem Stürzen. Und dann tauchten sie zusammen auf, Gesicht auf Gesicht, und lächelten sich gelöst an. »Darf ich dich malen?« fragte er in ihr Ohr hinein. »Ja,« antwortete sie, »wie du willst.« IX Als Sibylle sich gegen achtzehn Uhr für das Theater zurechtzumachen anfing, kam Gabriele in die kleine Kammer und setzte sich rauchend auf den Bettrand, gerade neben die bereitgelegte Wäsche. »Ich will nämlich spionieren«, sagte sie vergnügt. »Oder brauchst du jetzt Ruhe und Sammlung, um Kraft und Schönheit zu gewinnen?« »Meinetwegen kannst du schon drinbleiben«, lachte Sibylle. »Ich will nämlich wissen, ob du dich heute besonders fein machen wirst.« »Wieso?« »Weil du heute nach dem Theater diesen Herrn Durlacher treffen wirst.« »Ach Gabi, deswegen werde ich nichts Besonderes anziehen.« »Das wollte ich gerade wissen. Ich dachte mir: wenn sie das Beigefarbene anzieht, dann ist sie auf die Bekanntschaft neugierig. Wenn sie den plissierten Rock mit der roten Bluse anbehält, dann verbindet sie mit diesem Zusammentreffen nur den rein sachlichen Zweck, diesen Herrn wegen der spanischen Bilder oder was es ist auszuhorchen!« »Gabi, du bist wahnsinnig schlau und hast wieder einmal recht. Mich interessieren in diesem Fall wirklich nur die spanischen Sachen. Übrigens sind es Skulpturen und nicht Bilder. Aber jetzt könntest du mich vielleicht doch ein wenig allein lassen.« Als Gabriele das Zimmer verlassen hatte, räumte Sibylle mit ein paar Griffen das Bett ab und legte sich hinein. Es mußte ihr in dem engen Raum als Sessel und Chaiselongue dienen. Sie hatte genau eine Viertelstunde Zeit, um die Augen zu schließen und nichts zu denken. Wenn man nichts denken will, dann brechen die entlegenen Dinge ein. Sie liebte das, wenn längst vergessene Situationen sich wieder meldeten. In dieser Viertelstunde lebte sie ein zweites und anderes Leben. Es hatte sogar, da dieses Träumen sich Tag für Tag wiederholte, Form und Zusammenhang in sich. An aufsteigende Phantasiegespinste konnte sie immer wieder anknüpfen und sie nach Belieben weiterführen. Sie malte sich zum Beispiel über mehrere Tage aus, wie es jetzt sein würde, wenn sie vor zwei Jahren Oskar Maretzki, den Pianisten, geheiratet hätte. Zunächst wäre ich von dem schon wieder geschieden, aber ich würde vielleicht ein Kind haben, überlegte sie sich. Sie war damit zufrieden, daß sie nicht geheiratet hatte, genoß die unangreifbare Alleinherrschaft ihres Zimmers, auch wenn es nur eine Dienstbotenkammer war, und suchte in ihrem Gedächtnis nach andern Herren, die nicht geheiratet zu haben in der Erinnerung eitel Freude bereitete. Wie kam eigentlich Gabi darauf, daß ich diesen Herrn Durlacher für Vater ausspionieren will? Sie beschloß, dennoch das beigefarbene Kleid anzuziehen. Gabi würde sich wundern. Oder Gabi würde es gar nicht mehr sehen, denn sie saß jetzt wahrscheinlich mit ihrem Bräutigam vorn im Salon oder war schon mit ihm ausgegangen. Sibylle liebte es, die Wohnung unbemerkt zu verlassen. Wenn man sich ein wenig aus dem Wege ging, verlor die Wohnung ihre drückende Enge. Sie sah nach der kleinen Armbanduhr. Torner hatte sie ihr vor vier Jahren geschenkt. Eigentlich schämte sie sich ein wenig darüber. Wenn sie in die Hagenstraße ging, nahm sie die Uhr ab und steckte sie in die Handtasche. Vater brauchte nicht zu wissen, daß sie ein Geschenk von Torner trug. Sie hatte noch drei Minuten Zeit, oder acht Minuten, wenn sie sich nachher ein wenig beeilte. Aber sie hatte nicht Lust, sich zu beeilen. Sie streckte die Arme und Beine aus, ließ die Muskeln spielen und sprang auf. Während des Ankleidens warf sie von Zeit zu Zeit einen Blick in den Band Rilke, der aufgeschlagen auf dem Tisch lag. Sie ließ sich von dem Hauch eines Lebens anrühren, das wie eine Heimat in ihr widerklang. Durch das Theater hatte sie einmal geglaubt, dieser Art Leben näher zu kommen. Sie lächelte. Jetzt spielte sie die »Renate«, und sie würde solche Sachen weiter spielen müssen, weil man sonst nicht einmal Zeit hatte, Verse zu lesen. Alle mußten jetzt solche Rollen spielen, selbst die Höflich und die Lossen. Sie stülpte die rote Kappe über das Haar und zog den hellen Mantel mit dem roten Lederbesatz an. Sie sah darin ein wenig nach Oberlyzeum aus, aber diese Kleidung erschien ihr angemessener als der Sealpelz, den sie sich auf Ratenzahlung angeschafft hatte. Sie sprang die Treppe hinunter, winkte der Portierfrau zu, eilte bis zur Ecke, wo die Autos standen. Noch immer konnte sie die Gedanken schweifen lassen. Sie kannte das nun schon. Erst in dem Augenblick, wenn sie in ihrer Garderobe vor dem dreiteiligen Spiegel saß, schaltete das neue Dasein ein, das eigentlich nichts mit ihr zu tun hatte und sie nun doch mit ihrem ganzen sonstigen Leben einfach ausschaltete. Das war gelernt und ging wie am Schnürchen. Vier verschiedene Kleider hatte sie in den drei Akten zu tragen, vier verschiedene Arten von Bewegungen auszuführen. Das war alles durchdacht und in seiner Fernwirkung erprobt, um in diesem viereckigen Guckkastenausschnitt den Eindruck von »Natürlichkeit« hervorzurufen. Das rollte ab wie ein Film, hatte seine eignen Gesetze. Andre Schauspieler faßten und handhabten es anders. Die überkam das große Aufatmen schon, wenn sie von der Bühne abtraten. Für Sibylle gehörte das Abschminken noch zu ihrer Rolle. Die Garderobe hatte denselben Geruch, die gleiche improvisierte Unwirklichkeit wie der Schnürboden und die Kulissen, zwischen denen man auf das Stichwort wartete. Man brauchte nur an die Wand zu klopfen, um das Unwirkliche dieser Existenz zu fühlen. Die Garderobe, das war noch Zirkus und Thespiskarren, und die Kleider, die man abstreifte, waren irgendwie Plunder, wenn sie selbst kostbarer waren, als was man draußen trug. Hier war das Lächeln und das Erbleichen, selbst das Gespräch mit den Kolleginnen noch immer eine Angelegenheit der einstudierten Technik. Sibylle wußte, daß man mit dieser Einstellung eine sehr gute oder gar keine Schauspielerin werden konnte. Sie erwachte erst wieder zu sich, als sie das Theater verließ. Gegenüber der Straße unter der Laterne würde Dr. Durlacher mit seiner Schwester stehen und sie erwarten. So war es verabredet. Sie sah unter einem Filzhut ein fahles unschönes Gesicht, tiefliegende, fast ausgelöschte Augen, einen dünnen fransigen Schnurrbart auf einer eingekniffenen Oberlippe. Daneben die Frau mit der exotisch gelben Hautfarbe, mit vollendet regelmäßigen Zügen und ruhigen dunklen Augen. Die Geschwister sahen sie auf sich zukommen. Hildegard mußte lächeln, so kindlich und unbeschrieben sah die kleine Schauspielerin aus. »Mein Gott, sind Sie jung!« sagte sie als erstes. »Einundzwanzig«, antwortete Sibylle. Dann erst begrüßte man sich. Der Bankier sah Sibylle prüfend an. Sie merkte, daß dieser Mensch ganz anders war, als sie sich ihn vorgestellt hatte. Eigentlich war er unangenehm, und die Vorstellung, daß er sich in sie verlieben könnte, empfand sie wie eine Beschmutzung. »Nun?« fragte Durlacher seine Schwester. »Ja, wirklich!« antwortete sie. »Fräulein Marcks sieht deiner Katharina auffallend ähnlich.« Es war für Hildegard Durlacher eine seltsame Situation, nach dem Abend in Torners Atelier mit einem jungen Mädchen zusammenzutreffen, das zu seinem nächsten Bekanntenkreis gehörte. »Ich schlage vor, daß wir in die Weinstube gegenüber gehen«, sagte der Bankier. Er fühlte, daß er sich unbeholfen benahm. Sibylles junge Schönheit verwirrte ihn. Sie war kein Mensch, mit dem er sich unterhalten konnte. Sie war wie die Bilder, die man als eine andre Welt ansah. Als sie in der Garderobe ihre Mäntel ablegten, bemerkte er noch immer das Lächeln um den Mund seiner Schwester. Natürlich vermutete sie bei ihm ein persönliches Interesse für diese Schauspielerin und fand sicherlich, daß er als Liebhaber eine komische Figur machte. Er beobachtete, wie Fräulein Marcks sich ohne Spiegel mit dem Taschenkamm durch das Haar fuhr. Es war kastanienbraun und an der Seite gescheitelt. Auch das fand er verwirrend, obwohl es sich um eine durchaus übliche Frisur handelte. »Interessiert Sie das nun wirklich, Fräulein Marcks, ob Sie alten Statuen ähnlich sehen oder nicht?« fragte Hildegard. Ihm schien, als ob diese Frage einen verborgenen boshaften Zweck hatte. »Sehr!« antwortete das junge Mädchen. »Mir haben schon mehrere Menschen von dieser Ähnlichkeit gesprochen. Ich möchte es selbst einmal feststellen.« Weshalb habe ich eigentlich diese Verabredung ins Werk gesetzt? dachte Durlacher. Es war so überraschend für ihn gewesen, das Gesicht auf der Bühne zu sehen, das ihm fünf- oder achtmal in immer neuer Verwandlung in Schabracks Saal erschienen war. Das war, als ob ein Vorhang fortgezogen würde und ein Geheimnis plötzlich offenbar werden müßte. »Erst wollen wir das Essen bestellen«, schlug Hildegard vor, da ihr Bruder schon seine Photos aus der Tasche ziehen wollte. Am Nachmittag hatte er von Zwingermann unter Schwierigkeiten einige Abzüge für einen Tag erhalten. »Und wie ist es mit der kleinen Terrakotta-Figur von Mercadante?« hatte Zwingermann bei der Gelegenheit nochmals gefragt. »Ich hätte lieber den großen Engel genommen!« Aber der Engel war tatsächlich von der Amerikanerin für den vollen Preis gekauft worden. Die Sibylle hingegen war noch zu haben. Durlacher mußte an diese Unterhaltung denken, während sie sich hinsetzten, und auf einmal fiel ihm ein, daß das junge Mädchen ebenfalls Sibylle hieß. Die Gleichheit des Namens schuf zwischen ihr und der geheimnisvollen Figur einen seltsamen Zusammenhang. »Die Sibylle müßte wie eine Porträtbüste von Ihnen sein«, sagte er und reichte ihr das Blatt. »Das – das ist die Sibylle!« sagte die Schauspielerin und beugte sich darüber. Man merkte, daß sie von der Figur ergriffen wurde. Es war eine Wirkung, wie die Geschwister sie nicht erwartet hatten. Hier schien wirklich ein seltsamer Zusammenhang zwischen dem Betrachter und dem Bild zu bestehen. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie das junge Gesicht über sein marmornes Ebenbild beugte, das wie aus einem Wasserspiegel ihr entgegenzuwachsen schien. Es dauerte lange, ehe sie sich losriß. »Ja,« sagte sie aufatmend, »das ist mein Gesicht.« »Was sind das für fabelhafte Sachen!« entfuhr es Hildegard. »Es sind die schönsten Sachen, die ich überhaupt kenne«, bestätigte Durlacher. Der Kellner brachte die Gerichte. Durlacher schenkte Wein ein und hob sein Glas. »Auf die Sibylle und ihren Schöpfer!« sagte er ernst. »Ja!« stimmte Sibylle hastig ein. »Es ist einer der größten Künstler, die je gelebt haben.« »Ich habe übrigens einen Wolfshunger!« suchte Hildegard die normale Stimmung wieder herzustellen. Aber sie blieben doch in dem Bann der Bilder. Von Zeit zu Zeit legte Hans Durlacher einen neuen Abzug vor, und jedesmal wiederholte es sich, daß Sibylle auf eine ganz merkwürdige Weise von den Blättern ergriffen schien. Nur wollte sie jetzt keine Ähnlichkeit mehr mit sich anerkennen. »Die Bilder sind doch nicht einmal untereinander ähnlich!« ereiferte sie sich. Sie ging die einzelnen Züge durch, wies auf die Stirn, die Mundpartie, die Verschiedenheit des Ausdrucks hin. »Ach,« sagte Hildegard, »wenn Sie jetzt heftig werden, wird die Ähnlichkeit noch stärker.« Auch Durlacher sah es. Wenn Sibylles Auge und Mund sich belebten, nahm die Ähnlichkeit auffallend zu. Sibylle widersprach. Bei dem ersten Blatt wäre sie durch gewisse äußere Merkmale überrumpelt worden, aber jetzt schiene ihr die Ähnlichkeit wirklich nicht mehr in die Augen fallend. »Überhaupt wollten die Künstler dieser Epoche gar nicht eine bestimmte Individualität darstellen. Damals waren Kleider und die Kennzeichen des Standes das Wichtige, und die Gesichter nur Träger eines Ausdrucks. Deshalb sind die Züge ganz allgemein gehalten, so daß jedes gradlinige und einfache Gesicht eine entfernte Ähnlichkeit damit beanspruchen kann. Sicherlich ist das kunstgeschichtlich ganz einfach abzuleiten.« »Es ist eine Ähnlichkeit und auch wieder keine«, sagte Hans Durlacher. »Ich möchte es eine allgemeine Familienähnlichkeit nennen.« »Wieso Familienähnlichkeit?« fuhr Sibylle auf. »Ich sagte das nur so.« Der Kellner brachte die neuen Gerichte. Die Diskussion zerplatzte. »Sie kennen Erich Torner gut?« schoß Hildegard plötzlich los. »Ja.« »Ich war heute nachmittag bei ihm.« Sie brachte das Gespräch auf den merkwürdigen Akt auf der Akademieausstellung. Ein Zeitungsverkäufer bot die Nachtblätter aus. Durlacher erstand eine Zeitung und blätterte darin herum. Er interessierte sich für moderne Bilder nicht sonderlich, obwohl er selber von Zeit zu Zeit ein Bild von einem lebenden Künstler kaufte. Während er die Spalten überflog, folgte er der Unterhaltung der Damen mit halbem Ohr. Die Lektüre der Nachtzeitung gehörte gewissermaßen zu seinen Dienststunden. Es hatte heute mittag auf der Börse gewisse Schwankungen gegeben, auf deren Auswirkung er neugierig war. »Erich Torner?« mischte er sich plötzlich in das Gespräch. »Es ist merkwürdig, Sie unterhalten sich gerade über ihn und hier finde ich seinen Namen.« »Ach, wegen des Geburtstages!« »Nein, nicht wegen des Geburtstages. Ich habe übrigens auch schon eine Einladung erhalten. Dies ist etwas anderes. Ja, mein Gott, aber das kann doch nicht stimmen?« »Was?« fragten die beiden zugleich. Im Innern des Blattes war Torners Porträt der Tänzerin Erma Lent abgebildet, und darunter befand sich die Notiz, daß dieses Gemälde – eines der hervorragendsten des Künstlers – von der Stadt angekauft worden war. »Erma Lent?« rief Sibylle überrascht aus. »Das ist fein! Ich liebe dieses Bild sehr. Es ist wirklich eins der besten von Torner!« »Ich habe dieses Bild bis vor wenigen Monaten besessen«, sagte Dr. Durlacher. »Aber es ist unmöglich, daß die Stadt Berlin es angekauft haben kann, denn ich verkaufte es an einen Großindustriellen, an Dr. Peter Glasberg, und ich halte es für unwahrscheinlich, daß Glasberg es so rasch weiterverkauft hat.« »Aber wenn es doch in der Zeitung steht?« »Sie haben dieses Bild besessen?« Sibylle war sichtlich erstaunt. Durlacher stand auf und ging zum Fernsprecher. Die Damen blieben schweigend zurück. Es war da irgend etwas geschehen, was bis zwischen diese drei Menschen hinein spannte. »Nun, war der Herr noch auf?« fragte Hildegard, als ihr Bruder zurückkam. Die Frage sollte burschikos klingen, aber sie kam mit trockener Stimme heraus. »Natürlich war er noch auf, und das Bild hängt über seinem Schreibtisch. Das von der Stadt angekaufte Bild muß also eine Fälschung sein.« Sibylle nahm die Zeitung in die Hand und betrachtete die schlechte Abbildung. Die beiden sahen, daß sie erregt war. Auf einmal stand sie auf und verließ den Tisch. »Weshalb regt sich Fräulein Marcks auf?« fragte Durlacher erstaunt. »Torner ist der Geliebte ihrer Mutter!« Ihr Bruder sah sie erstaunt an. Sie konnte es nicht verhindern, daß sie bei diesem Wort rot wurde. Sie ärgerte sich, daß sie so wenig von Torner wußte. Dieses junge Mädchen kannte seine Bilder und durfte ihn anrufen. Sibylle kam an den Tisch zurück. Noch immer war die Farbe nicht in ihr Gesicht wiedergekehrt. »Ja,« sagte sie, »das von der Stadt gekaufte Bild ist gefälscht!« X »Der Dunkle« hat den Schlüssel zu dem Atelier. Manchmal tritt er spät in der Nacht auf einmal ein. Er ist der böse Geist, der mahnen kommt. Es ist zwei oder drei Uhr nachts. Er findet den Künstler immer noch am Werk. Manchmal hat er die Deckenbeleuchtung schon ausgeschaltet und sitzt auf dem Klotz, die angefangene Arbeit anstarrend. Die Finsternis hängt wie Wolkenzüge aus den Winkeln hernieder. Der Dunkle dreht das Licht an. Hier herrscht er. Er hat über Licht und Finsternis zu bestimmen. Er zeichnet die Formen vor, die hier werden sollen, diese alten Brunnenfiguren und Statuen, die Könige und Mönche, Engel und Sibyllen. Die Beleuchtung stürzt im Kaskadenfall von der Decke hernieder, schwemmt bis zum Grund der Sockel, stemmt sie ins Helle. Der Schöpfer wendet nicht einmal den Kopf. Er weiß, wer hinter ihm steht. Er hört das Schnappen des Schlosses, das Knarren der Tür und den schlürfenden Schritt. »Was ist das?« fragt der Dunkle. In der Mitte des Ateliers steht er selber in Ton gebildet, in der Gestalt eines ungeheuren Frosches dargestellt. Dünne Schenkel stützen den gewaltigen Bauch, aus der eingesunkenen Brust wächst wulstig das breite Maul, Hals, Kopf und Gesicht in eins zusammengezogen. Aus den wampigen Schwimmhäuten spreizen sich die Enden der Finger, breite platte Saugnäpfe. »Ein netter Spaß!« sagt der Dunkle. »Ein bißchen Markus Behmer, ein bißchen Alfred Kubin.« »Wollen Sie es haben?« grinst der Künstler ihn an. »Danke! Nicht zu verwenden, zu porträtähnlich!« »Für Ihre gute Stube!« »Da bin ich selbst. Überflüssig!« Er hat Humor, der Dunkle! Es macht ihm Spaß, sich näher zu betrachten. Er tastet die feinmodellierten Schenkel ab, die scharfe Bauchfalte, die platte Brust. »Was ist das?« ruft er plötzlich und zeigt auf einige schmale Spalte in der Herznähe. »Was ist das?« Er braucht eigentlich nicht zu fragen. Man sieht auf den ersten Blick, daß hier vier- oder sechsmal mit dem Messer hineingestochen ist. »Eine kleine Übung!« sagt der Künstler. »Eine rührende Zuneigung zu meiner Person! Hoffentlich bewahren Sie mir diese Anhänglichkeit recht lange. Im übrigen, was wollen Sie? Ich gebe Ihnen die Möglichkeit, sich künstlerisch auszuleben. Sie haben nun einmal diese Vorliebe für die alten Stile. Ich nehme Ihnen die Sachen, die Sie sonst nicht verwerten könnten, zu einem sehr anständigen Preise ab ... Wann werden Sie die Madonna fertig haben?« Er zeigt auf eine große Figur, die in nasse Tücher eingehüllt ist. »Ich will sie sehen. Nehmen Sie die Hülle herunter!« »Ich mag sie noch nicht zeigen.« »Ich habe Ihnen dreitausend Mark darauf angezahlt!« Der Künstler wickelt schweigend die Tücher ab. Dabei schiebt er die Froschfigur mit dem Fuß beiseite. Jedesmal, wenn er bei der Umkreisung der Madonna an dem Ungetüm vorüberkommt, gibt er ihm einen neuen Tritt. Jedesmal gerät die Tonmasse ins Wackeln und droht zusammenzustürzen. Aber immer deutlicher schält sich die Madonna heraus. Fast gegenstandslos erscheint sie zunächst, und in diesen Augenblicken, da sich erst von unten herauf ihr architektonischer Aufbau offenbart, wie faltiges Gebirge das langhin fließende Gewand, der Bogen der Knie unter dem Tuch, die Mulde des sanften Schoßes und der ansteigende Hang des Oberkörpers, und nun im Gegenspiel der Kräfte als Ausgleich der Massen die Gestalt des Kindes, schaukelnd auf dem Joch des Oberschenkels, hangend an den gespannten Seilen der Arme, die es dem Auge fernhalten wie eine Welt zum besseren Überschauen und zugleich mit leichter Krümmung aus Liebe an sich zu ziehen scheinen, – in diesen Augenblicken sind die beiden Menschen in einer Art Weihe miteinander verbunden. Der Dunkle weiß nichts von dem seelischen Gehalt, aber er wittert die Werte und die Qualität. Seine Nüstern blähen sich wie beim Feinschmecken von seltenen Gerichten. Es ist seine Art, sich mit dem Transzendentalen auseinanderzusetzen. Ein Erstürmen des Himmels mit dem Scheckbuch. »Wissen Sie, was mich das kostet, Sie diese Figur machen zu lassen? Wissen Sie, daß ich ein Gütchen in Franken dazu ankaufen mußte mit einer alten Waldkapelle, die jetzt abbrennen muß? Nur damit ich sagen kann, daß die Madonne dort gestanden hat!« Der Künstler hört nicht mehr zu. Er hat die Modellierhölzer ergriffen und arbeitet den Hals aus dem Faltenbehang des Tuches heraus. Einen Hals von wunderbarer Rundung und mittelalterlicher Gehaltenheit, und in den das kommende Leid sich dennoch schon eingekrallt hat, aus dem es fast schon wie ein Schrei herausbrechen will. »Das ist Ihr bestes Werk!« fängt der Dunkle noch einmal an. Der Künstler antwortet nicht mehr. Nur, als der Dunkle nach dem Zeitpunkt der Vollendung fragt, zeigt er mit dem Fuß in die Ecke. Da liegen Teile des Werkes in Gips gegossen, die Nähte schon geglättet. Er sieht, daß die Madonna fast fertig ist. Nur die Krone auf dem Haupt wird noch durchmodelliert werden, und der Schleier, der aus der Krone über das Haupt fallen wird. Fertig? Nie wird ein Werk dieses Mannes fertig. Nie wird er es hergeben. Nur der Dunkle weiß den Zeitpunkt zu berechnen, wo er es ihm aus der Hand reißt und es ihm erst wieder zurückgibt, damit der Schöpfer die Patina der Zeit darüber ausgießen kann. Er sieht noch eine Weile zu, dann kehrt er sich still ab und geht hinaus. XI In Haßfurt (in Unterfranken) verließ der Schriftsteller Johannes Amende den D-Zug, schleppte seinen Koffer mühsam die Treppe hinunter und auf der andern Seite wieder in die Höhe, um die Lokalbahn nach Hofheim zu erreichen, die in zehn Minuten abgehen sollte. Er hatte den Koffer nicht aufgegeben und vertraute ihn auch nicht dem Gepäckträger an, weil ganz obenauf, über seinem zweiten Anzug und der Holzfällerjacke, die erste Hälfte seines neuen Manuskripts eingepackt war. Die Arbeit eines halben Jahres, deren Verlust ihn mit einer wirtschaftlichen und geistigen Katastrophe bedrohen konnte. Johannes Amende liebte die Seitentäler des fränkischen Gebirges, und so fuhr er auch jetzt für ein oder zwei Wochen hinauf, um in einem Gebirgsdorf der sogenannten Haßberge seine angefangene Arbeit zu fördern und womöglich zu beenden, obwohl die Jahreszeit schon vorgeschritten war und der Kamm der Berge bereits in frischem Schnee glänzte. Die drei Männer, die von Berlin an in seinem Abteil gesessen hatten, schienen denselben Weg zu nehmen. Auch sie trugen ihre Koffer zu dem Hofheimer Zug hinüber. Es gab nur einen halben Wagen zweiter Klasse. So kam Amende wieder mit den drei Männern zusammen. Der eine, ein großer stämmiger Vierziger, mit dicken schwarzen Augenbrauen, die wie ein hochgerutschter Schnurrbart aussahen, polterte entweder mit einer dröhnenden Stimme Witze und Erlebnisse heraus oder knurrte böse vor sich hin. Amende hätte sich über diese Erscheinung nicht gewundert, wenn die Kleidung des Mannes mit ihrer soliden Eleganz nicht zu seinem Gebaren in einem seltsamen Gegensatz gestanden haben würde. Amende wußte nicht, was er aus diesem Mann machen sollte. Seine Begleiter, die ihn Stahl nannten, schienen ihm unterstellt zu sein. Es war ein großer Schlacks von vierundzwanzig Jahren, dessen Wasserscheitel sich mit zwei Wirbeln gegen den Kamm sträubte, und ein kleiner stämmiger Dreißiger, über dessen Stirn eine breite Narbe lief. Eigentlich hatte Amende seinen Fensterplatz schon belegt, aber der kleine Stämmige mit den krummen Beinen drängte ihn ziemlich brüsk fort und verstaute den bereits auf den Platz gestellten Koffer ins Gepäcknetz. Dem jungen Schriftsteller schien es nicht geraten, mit den drei jungen Leuten anzubinden, und so setzte er sich wortlos in die andre Ecke. Der Zug schob sich in idyllischer Lässigkeit durch das breite Wiesental. Der Nebel hing in grauen Fetzen von den Waldbergen. Dörfer lagen wie ausgegossen in den Geländefalten. Manchmal leuchtete von den Bergen in der Abendsonne eine alte Schloßruine oder eine weiße Kapelle herüber. Alle Viertelstunden ruckten die Bremsen an, und man hielt vor einem kleinen Bahnhof. Nach fünf Stationen schienen die Männer sich zum Aussteigen zu rüsten. Amende bemerkte, daß sie das gleiche Reiseziel wie er hatten. Er zog seinen Mantel an und stellte sich in den Gang. Immer bekannter wurde ihm der kleine Weg, der neben dem Bahnhof herlief. Er besann sich auf einzelne Sträucher und Baumgruppen, zu denen in den vergangenen Jahren seine einsamen Wanderungen gegangen waren. Hier traten die Berge näher zusammen und schienen das kleine Dorf fast zu erdrücken. Oben in der dunklen Waldkuppe lag, von Nebeln fast verhüllt, Maria in der Scharte, die kleine Waldkapelle, die er schon um ihres Namens willen liebte. Einige Menschen standen hinter dem Staketenzaun des Bahnhofs. Er erkannte die Magd des Gasthofs, die auf seine Anmeldung gekommen war, um ihm den Koffer zu tragen. Er ließ die Männer aussteigen und winkte ihr durch das Fenster zu. Damit eröffnete er gewissermaßen seine Ferientage. Mit einem glücklichen Lachen reichte er den Koffer über den Zaun und ging selbst langsam zur Sperre, um seine Karte abzugeben. An der Seite der Dorfstraße gab es einen breiten trockenen Rand, auf dem die Magd ihren kleinen Karren bequem hinter sich herziehen konnte. Sie gingen an der Kirche vorbei, deren Dach von alten Linden rötlich umwölkt war. Fünfzig Schritte vor ihnen schlenkerten die Männer mit ihren Koffern. »Die waren schon vor acht Tagen einmal hier und sind dann mit dem Auto weitergefahren«, sagte die Magd auf seine Frage. Als er einen Blick in sein Zimmer geworfen hatte und zum Abendessen in die Wirtstube hinunterkam, spielten die drei in der Ecke einen geräuschvollen Skat. Ihre Koffer hatten sie neben den Tisch gestellt. Es waren einfache Vulkanfiberkoffer, wie Amende selbst einen hatte. Er setzte sich möglichst weit fort von ihnen ans Fenster und genoß das langsame Dunkelwerden draußen. Herr Weißmüller, der Wirt, hatte ihn schon begrüßt. Frau Weißmüller buk draußen den Pfannkuchen, den sie gleich selbst hereinbringen würde. Die Skatspieler in der Ecke bildeten noch eine letzte Verbindung mit der großen Welt. Er wartete auf ihren Aufbruch. Resi, die Kellnerin, schaute stumm zu dem neuen Gast hinüber und taxierte ihn. Da der Pfannkuchen noch immer nicht fertig war, stieg Amende noch einmal in sein Zimmer hinauf, um den Anzug und die Wäsche auszupacken. Er konnte sich gleich die dicke Brasil mit hinunternehmen, von der er sich eine Kiste mitgebracht hatte. Während er oben an seinem Fenster stand und das dunkle Rauschen des Tannenwaldes in sein Ohr aufnahm, hörte er, wie draußen ein Auto vorfuhr und die drei Reisegenossen mit lautem Halloh einstiegen, wobei die dunkle Baßstimme des Herrn Stahl sogar den fauchenden Motor überdröhnte. Erst als der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, machte sich Amende an seinen Koffer. Zu seinem Erstaunen wollte der Schlüssel nicht passen, oder er hatte überhaupt vergessen, den Koffer zu verschließen. Die Federn gaben nach, der Deckel tat sich auf, aber kein Manuskript lag über einer blauen Holzfällerjacke, sondern es gab da unter einigen Wäschestücken merkwürdige Gegenstände, aus denen man nicht ohne weiteres klug wurde. Nach zwei Sekunden begriff er, daß sein sorgsam gehüteter Koffer vertauscht war. Es war durchaus ein Augenblick, um die Nerven zu verlieren. »Herr Weißmüller!« rief er hinunter. »Kommen Sie doch bitte einen Augenblick herauf!« »Das tu ich schon!« rief der Wirt zurück und kam langsam die Treppe hoch. »Mein Koffer ist mit dem Auto fort! Dies hier ist ein falscher.« Herr Weißmüller wußte nichts von den Passanten, als daß sie vor acht Tagen einmal mit dem Zug angekommen und mit einem Auto abgefahren waren. Der Nummer nach, die er aber nicht behalten hatte, war der Wagen aus Franken. »Wissen's was, Herr Doktor, wir schauen halt nach, ob der Inhalt einen Anhaltspunkt ergibt.« Auch Amende war für den Anhaltspunkt. Herr Weißmüller wühlte in den Sachen herum. Ein fremder Koffer war ihm eine Sensation. »Ei schau da!« rief er plötzlich und hielt mit dem Kramen ein. »Was ist denn nacha dös?« Er legte sorgfältig die Zigarre fort und bedeutete auch Amende, mit seiner Zigarette vorsichtig zu sein. »Das sind ja merkwürdige Geschichten!« Der Schriftsteller wußte mit den ans Licht gebrachten Sachen nichts anzufangen, aber Herr Weißmüller übertraf ihn an Sachkenntnis. »Brandzeug!« konstatierte er. »Spiritus in Würfeln, Brandraketen, Celluloidstreifen, eine Zündschnur! Ich glaube, da sollte etwas brennen.« Er breitete die gefährlichen Dinge sorgfältig auf dem Bett aus. Auch zwei Anzüge von einer derben amerikanischen Eleganz nahm er heraus und ein Paar feste gelbe Stiefel. Er suchte in den Taschen, brachte ein Zigarettenetui, einen Bleistift, Streichhölzer und schließlich eine Ansichtskarte zum Vorschein. Sie war mit Bleistift geschrieben und ziemlich verwischt. »Señor Edmund Stahl, Berlin-Charlottenburg, Pätzoldstraße 37, Pension Falk«, konnten sie mit einiger Mühe entziffern. Der Koffer gehörte also dem großen Dunklen mit den Augenbrauen. Die Karte war aus Buenos Aires abgesandt. Amende verstand kein Wort Spanisch. Immerhin hatte er jetzt eine Adresse. Herr Weißmüller war bedenklich. Die Brandutensilien gefielen ihm nicht. »Es ist da etwas los!« sagte er mehrmals hintereinander und kratzte sich am Kinn. Er hatte das Gefühl, daß dieser Herr Stahl sich in der Gegend nicht mehr blicken lassen würde. »Dann muß ich nach Berlin zurückfahren!« Frau Weißmüller rief von unten, daß der Pfannkuchen fertig sei. »Sagen Sie nix von dem Koffer!« mahnte der Wirt, als sie die Treppe hinuntergingen. »Man muß herumhorchen!« Unter solchen Umständen gewährte selbst Frau Weißmüllers Pfannkuchen mit Kräutern keinen Genuß. Das Schlimme war, daß das Auto jeden Augenblick zurückkommen und den Koffer bringen konnte. Bei jedem Geräusch schrak Amende zusammen. Vielleicht saß man morgen oder übermorgen noch da und wartete. Auf einmal wurde seine Aufmerksamkeit durch ein merkwürdiges Lichterspiel in dem dunklen Fensterrahmen erregt. Er sah einen seltsamen roten Fleck, der zu leben und sich zu bewegen schien. Es war wie eine rote Spinne, die mit kurzen dicken Beinen um sich schlug, oder wie ein Feuerrad, das in wirbelnder Bewegung war. Und nun hörte man Rufe von draußen, noch nicht zu verstehen und deuten. »Herr Weißmüller, schauen Sie! Was ist denn los?« »Jessas!« rief die Kellnerin Resi. »Maria in der Scharte brennt!« Was im Zimmer war, stürzte hinaus. Draußen standen schon die Menschen und sahen der tollen Spinne zu, die sich oben in der entrückten Waldkuppe wälzte. Maria in der Scharte, die kleine Waldkapelle, brannte lichterloh. Mindestens sechs Kilometer lag sie fort, aber man sah durch den Nebel die einzelnen Flammen, wie sie um den dunklen Kern züngelten und ihn auffraßen. Ein Feuerwehrmann blies aufreizend in die Trompete. »Die andern haben auch Spirituswürfel in ihren Koffern gehabt«, sagte der Wirt zu Amende. »Ihre Sachen kriegen Sie nun nicht mehr wieder.« »Ich verstehe das nicht: eine alte Waldkapelle!« »Ich verstehe es auch nicht, aber da handelt es sich um ein ganz großes Geschäft. So um eins von sehr reichen und vornehmen Leuten, wissen's!« Am nächsten Morgen brach Johannes Amende nach einer durchwachten Nacht auf, um nach Berlin zurückzufahren. Den Koffer des Herrn Stahl nahm er mit sich. Am Abend stand er wieder auf dem Anhalter Bahnhof, von wo er vor sechsunddreißig Stunden abgefahren war. Herr Weißmüller hatte ihm ein Nachthemd geborgt. Einige Toilettensachen trug er in dem Reisenecessaire bei sich, das er Gott sei Dank nicht in den Koffer gepackt hatte. Gleich vom Bahnhof aus rief er die Pension Falk an. Eine Frauenstimme antwortete. »Kann ich Herrn Stahl sprechen?« »Herr Stahl? Kenne ich nicht.« »Doch! Der hat noch vor ganz kurzer Zeit bei Ihnen gewohnt.« »Jetzt wohnt er nicht bei uns.« »Dann ist er wohl verreist?« »Ich besinne mich auf keinen Herrn Stahl.« »Ist die Pensionsinhaberin nicht da?« »Das bin ich!« »Dann müssen Sie doch wissen, daß Herr Stahl bei Ihnen wohnte!« Aber die Person hatte schon abgehängt. Es war klar, daß er auf diese Weise nichts erreichen konnte. Noch bevor er die eigene Wohnung aufgesucht hatte, fuhr er mit dem Auto zur Pätzoldstraße. Das Haus war mit der Pracht der neunziger Jahre ausgestattet, das großartige Marmorvestibül roch nach Katzen. Er erkannte die Frau, die ihm öffnete, an der Stimme wieder. Es war eine kleine kräftige Person, die an energisches Zugreifen gewöhnt schien. »Ein Zimmer?« fragte sie. »Für wie lange?« »Vorläufig für einige Tage. Ich weiß noch nicht, wie lange ich in Berlin zu tun habe. Vielleicht bleibe ich auch ganz hier.« »Ja, Sie können ein Zimmer bekommen«, sagte Frau Falk und führte ihn in einen freundlich möblierten Raum. »Wer hat Ihnen mein Pensionat empfohlen?« »Ich sagte es Ihnen schon telephonisch: Herr Edmund Stahl.« »Ach, das ist der große schwarze Herr, der hinten gewohnt hat. Ja, der war schon öfter hier, aber seit mindestens zwei Monaten nicht mehr.« Sie standen sich einige Augenblicke ratlos gegenüber. »Ich will Ihnen etwas sagen«, versuchte er es auf andre Weise. »Ich habe nämlich mit Herrn Stahl gestern auf der Eisenbahn meinen Koffer vertauscht. Es war unten in Bayern. Ich muß meinen Koffer unbedingt wiederhaben. Ich habe den fremden Koffer aufgemacht und fand diese Karte an Herrn Stahl darin. Sehen Sie? Ihre Pension ist als Adresse angegeben. Herr Stahl hat also hier noch vor kurzem gewohnt. Können Sie mir sagen, wie ich zu meinem Koffer komme? Es soll Ihr Schaden nicht sein!« Frau Falk zuckte die Achseln. »Ach,« sagte er, »wenn es mit Ihnen nichts ist, dann muß ich mich eben an die Polizei und an die argentinische Gesandtschaft wenden.« »Lassen Sie doch den Koffer hier! Ich werde dann sehen, daß ich Ihnen Ihren Koffer besorge.« »Nein, den Koffer gebe ich nur, wenn ich meinen eigenen bekomme. Wie ist es, wollen Sie mir nichts über Herrn Stahl sagen?« »Ich weiß nichts von dem Herrn. Es sind so viele Gäste hier, und sie wechseln immer.« Amende hatte den bestimmten Eindruck, daß Stahl oder irgendeiner seiner Komplicen hinter einer der Türen lauerte. »Gut,« sagte er, »dann muß ich mich eben an die Polizei wenden.« »Sie nehmen das Zimmer nicht?« »Nein!« Er erwartete den Zornesausbruch der enttäuschten Vermieterin, oder noch Schlimmeres: daß sich eine Tür öffnete und ein Rowdy heraustrat. Aber nichts erfolgte. »Können Sie mir nicht Ihre Telephonadresse sagen? Vielleicht rufe ich Sie dann morgen an.« »Ach Frau Falk, wir wollen uns nichts vormachen. Morgen vormittag um elf Uhr werde ich Sie anrufen, und dann werden Sie mir angeben, wie ich meinen Koffer wiederbekomme, oder ich gehe zur Polizei.« »Ich werde sehen«, sagte die Frau. Es war schon spät, als er in seiner Wohnung eintraf, die er erst gestern verlassen hatte. Die Betten waren unbezogen, die Gardinen abgenommen, die Aufwärterin natürlich nicht zur Hand. Die letzten Vorräte an Kaffee, Brot, Aufschnitt, Butter hatte er der Frau mitgegeben. Hausschuhe und Schlafanzüge waren mit dem Koffer verschwunden. Nicht einmal die Schuhe oder den Anzug konnte er wechseln. Verzweifelt rief er seinen Studienfreund Wessollek an. »Höre mal, Kurt, du hast doch eine vorzüglich hausfrauliche Braut!« »Gabi! Ja, wieso?« »Ich lade euch zu einem Bummel ein. Lokalitäten und Getränke dürft ihr bestimmen. Bedingung: daß ihr nachher zu mir heraufkommt und Gabi mir das Bett bezieht.« »Schade! Leider haben wir nach dem Theater eine Verabredung. Es geht beim besten Willen nicht, mein Junge!« Verdrießlich legte Amende den Hörer hin und warf sich über die roten Betten. Sein letzter Versuch, die Stimmung aufrechtzuerhalten, war mißglückt. Seine Nerven begannen zu schmerzen. Alle Folgen, die der Verlust des Koffers nach sich ziehen mußte, standen auf und zogen an ihm vorüber. Ihm graute davor, die verlorene Arbeit von vorn zu beginnen. Schließlich schlief er vor Erschöpfung ein. Aber es waren die gleichen Gedanken, mit denen er aufwachte. Unlustig verrichtete er die notwendigen kleinen Arbeiten für sein Aufstehen und war, angesichts der zerwühlten Betten, froh, in einem Café frühstücken zu müssen. Es war gerade halb zehn Uhr, als er damit fertig war. Um elf hatte er Frau Falk anrufen wollen. Er schlenderte die Tauentzienstraße entlang. Der Verlust des Koffers drückte noch immer wie ein Alp. Endlich war es spät genug, in die Wohnung zurückzukehren. Er zitterte, als er den Hörer hob. »Frau Falk selbst dort? Wie steht es mit meinem Koffer?« »Ihren Koffer können Sie bei Peiser zurücktauschen.« Die Frau nannte eine Adresse in der inneren Stadt. »Wohnt Herr Stahl dort?« »Nein, Herr Stahl ist bereits abgereist. Er rief gestern abend zufällig bei uns an, ob sich vielleicht wegen des Koffers jemand gemeldet hätte. Mehr weiß ich nicht.« Amende ergriff den falschen Koffer und stürzte die Treppen hinunter. In zwanzig Minuten konnte er sein Manuskript wiederhaben. Die Taxe führte ihn über den Alexanderplatz in Gegenden, die er noch nie betreten hatte. Es ging durch lange breite Alleen, deren Namen er nicht kannte, durch enge Straßen, die ganz still wie in einer kleinen Provinzstadt dalagen. Dann bog der Wagen wieder in die Verkehrsadern ein und hielt unvermutet. Als Amende das alte schmale Haus sah, in das er sich hineinbegeben wollte, überkam es ihn plötzlich wie Angst. Wenn er nur hierher gelockt wurde, um aus dem Wege geräumt zu werden? Er dachte an die drei Männer aus der Eisenbahn, an den merkwürdigen Inhalt des Koffers, den er in der Hand hielt, an den plötzlichen Brand der Waldkapelle. War es so undenkbar, daß man einen lästigen Zeugen beseitigen wollte? Der Verkehr der Weltstadt donnerte an dem kleinen Haus vorüber. Das staute sich mit Wagen, Elektrischen, Autobussen, kreischte mit Bremsen und ließ sich dann wieder vorwärtsgleiten. Das brauste gefühllos und erbarmungslos an den kleinen Wohnungen vorüber, unbekümmert um das, was darin geschah. »Warten Sie«, sagte er zum Chauffeur. »Ich habe hier zwei Treppen hoch zu tun.« Der Mann nickte. Nun wußte wenigstens irgend jemand auf der Welt, wo er geblieben war. Diese Vorstellung beruhigte ihn. Wenn er nicht nach einer Weile hinunterkam, würde der Mann ihm nachgehen. Konnte man wissen, ob sich beim nächsten Treppenabsatz nicht die Drei aus der Eisenbahn auf ihn stürzten? Er sah die Gestalten vor sich: den langen blonden Schlacks mit dem doppelten Wirbel auf dem Kopf, den kleinen Krummbeinigen mit der Narbe und diesen unheimlichen Herrn Stahl. Es war eine schmale wackelige Holztreppe, die er hinauf mußte. Der Koffer stieß an der Wand an. Eine Treppe hoch sah er das Namensschild »Schabrack«. Ein komischer Name, dachte er. Ob das der Kunsthändler ist? Eine Treppe höher fand er den Namen Peiser. Eine alte Frau machte ihm auf. »Ich komme, meinen vertauschten Koffer zu holen«, sagte er. Sie reichte ihm den Koffer heraus. »Hier ist er!« Das Schloß war erbrochen. »Ja,« sagte die Alte, »man hat das Schloß aufgemacht.« Er öffnete. Obenauf lag das Manuskript über der blauen Holzfällerjacke. Er mußte es in die Hand nehmen und durchblättern, um zu sehen, ob alle Seiten vorhanden waren. Es war wie eine Liebkosung. Er hob den Einsatz hoch. Seine Sachen lagen darin. »Wollen Sie nicht diesen Koffer durchsehen?« fragte er. »Er war nicht verschlossen.« »Nicht nötig«, sagte die Alte, ergriff den Koffer des Herrn Stahl und machte die Tür zu. Draußen stand noch das Auto und wartete. Er hatte den Koffer sich gegenübergestellt und berührte ihn mit den Füßen. Ihm war, als dürfte er ihn nicht aus dem Bereich seines Gefühls herauslassen. Eigentlich war es wunderbar, daß er das Stück wiedererhalten hatte. Eine unheimliche Ordnung herrschte in diesem tollen Durcheinander, das sich mit jeder Sekunde neu verschob, sich ineinanderstaute und fortströmte. An einer Ecke, als das rote Licht Halt gebot, riefen die Verkäufer die Mittagsblätter aus. Amende kaufte eine Zeitung. Die Füße in ständiger Berührung mit dem wiedergefundenen Koffer, überflog er die Überschriften. Plötzlich sprang der Name der Stadt Haßfurt in gesperrtem Druck aus den Zeilen auf. Merkwürdig, daß er gerade jetzt etwas über diese Stadt zu lesen bekam. »Der Brand der Kapelle Sancta Maria in der Scharte bei Haßfurt (Unterfranken) hat erneut die Aufmerksamkeit auf jene wundervolle Madonna gelenkt, die sich in der Sakristei der völlig eingeäscherten Kapelle befand und wie durch ein Wunder gerettet wurde. Es handelt sich hier um eines der kostbarsten Monumentalwerke der fränkischen Gotik aus dem 13. Jahrhundert. Wie wir erfahren, wurde die Plastik, die den Vergleich mit den größten Bildwerken jener Zeit aushält, von einem holländischen Sammler erworben.« Er las die Meldung noch einmal. Was konnte das bedeuten? Er hatte nie etwas von der Madonna gehört. Und dieser merkwürdige Brand! War das ein Anschlag auf das kostbare Werk gewesen? Oder hatte jemand gehofft, sich der Madonna in dem Tohuwabohu eines Brandes bemächtigen zu können? Plötzlich fiel ihm ein, was Herr Weißmüller gesagt hatte, als sie die Feuerspinne durch das Dunkel zucken sahen. »Da handelt es sich um ein ganz großes Geschäft. So um eins von sehr reichen und vornehmen Leuten.« In dem Augenblick sprang der Motor an. Amende überlegte sich, daß er morgen früh wieder in den Haßbergen sein konnte, und ließ die Zeitung fallen. XII Als Dr. Filscher am Morgen sein Büro betrat, leuchtete das Rufzeichen des Geheimrats auf. Es handelte sich um jenes Bild Erich Torners, das die Stadt gewissermaßen zum Auftakt des fünfzigsten Geburtstages des Meisters angekauft hatte. »Ich bin in der Angelegenheit um meinen Rat gebeten worden«, sagte der Geheimrat. »Gehen Sie doch bitte einmal zu Torner und erkundigen sich, was mit dem Bild los ist. Es gibt nämlich Fälle, daß ein Maler ein Bild zweimal malt und nachher nicht recht mit der Sprache heraus will.« »Sehr wohl, Herr Geheimrat.« »Ihr Bericht hat Zeit bis morgen. Was Neues mit diesen spanischen Plastiken?« »Nein.« Als Filscher am Rüdesheimer Platz die Treppen zu dem Atelier in die Höhe stieg, hatte er Herzklopfen. Erich Torner war für ihn der größte lebende Maler unter den jüngeren Deutschen. Eine Gestalt, wie es sie seiner Ansicht nach seit den großen Impressionisten nicht mehr gegeben hatte. Einmal würde alles bedeutungsvoll sein, was mit ihm in irgendeiner Verbindung stand, fühlte er. Vielleicht würde er selber einmal, in dreißig Jahren etwa, von diesem Besuch in einer Zeitung berichten. Die Reinmachefrau öffnete die Tür. Günther Filscher gab seine Karte ab. Erich Torner kam selbst im Schlafrock heraus. »Entschuldigen Sie meinen Aufzug!« sagte er. Auch in diesem merkwürdigen Kostüm bewahrte er seine Haltung. Das Haar war energisch zurückgestrichen. Die kleine Schnurrbartbürste funkelte von Brillantine. Die Worte waren wie das harte klare Profil. »Sie trinken eine Tasse Mokka mit mir!« kommandierte er. Er kommandierte immer ein wenig, aber in der lässigen Art eines Gardekavalleristen. Das Atelier war mit einem farblosen Licht erfüllt. Es schrie förmlich nach Farbe. In der Mitte stand die Plastik, an der Torner gerade arbeitete. An den Wänden erkannte Filscher die Skizzen zu dem bekannten Gemälde in der Akademieausstellung. An der Seite war das Atelier durch einen langen weißgrauen Vorhang abgeteilt. Dahinter ist etwas verborgen, mußte Filscher sofort denken. Er brannte darauf, einen Blick hinter diesen Vorhang zu tun. »Sie sind der Assistent des Geheimrats von Bock«, begann Torner mit einer Höflichkeit, deren Ernst ein wenig nach Ironie schmeckte, »und demgemäß kommen Sie wegen meines Porträts der Erma Lent.« »Ja,« gab Filscher zu, »Geheimrat von Bock hat mich beauftragt, Ihre Meinung über dieses Bild einzuholen. Es wurde behauptet, daß es sich um eine Fälschung handelte. Man will im Magistrat einen Fall daraus machen.« »Leider handelt es sich hier um keinen Fall«, sagte Torner lächelnd. »Die Stadt hat ein richtiges Bild von mir gekauft: mein Porträt der Tänzerin Erma Lent.« »Aber dieses Bild soll noch einmal existieren. Handelt es sich dort um eine Fälschung?« »Dann müßte ich selbst den Beruf eines Kunstfälschers ausüben. Das Bild ist zweimal von mir gemalt worden.« »Davon wußte man nichts.« Torner ging an den Schreibtisch und holte ein Blatt Papier heraus. »Hier habe ich eine Erklärung an die Presse aufgesetzt.« Filscher las. Torner bekannte darin, das Bild zweimal gemalt zu haben: Ein Berliner Kunstsalon hatte eine Ausstellung von ihm vorbereitet. Sein bestes Gemälde, eben dieses Porträt, befand sich damals in London. Die Rücksendung verspätete sich. Der Maler wie der Aussteller wollten gerade dieses Bild nicht missen, und so setzte sich Torner kurz entschlossen an die Staffelei und malte das Bild aus dem Gedächtnis noch einmal. Es war natürlich ein Experiment, dessen Gelingen nicht feststand. Merkwürdigerweise gelang es. Die zweite Fassung war sogar die bessere.« »Und diese zweite Fassung hat die Stadt gekauft?« »Ja, die zweite bessere Fassung.« »Ich sah das Porträt vor einigen Tagen in der Kunsthandlung Schabrack. War das die zweite Fassung, die die Stadt angekauft hat?« »Schabrack? Jawohl, das ist die zweite Fassung gewesen. Die erste Fassung befindet sich in Privatbesitz.« »Der Besitzer weiß aber, daß Sie das Bild noch einmal gemalt haben?« Torner lächelte. »Der Besitzer hat an dem Objekt, glaube ich, ein starkes Interesse. Wenn er Wert darauf legen sollte, würde ich das Bild selbstverständlich zu dem gleichen Preise zurücknehmen. Die Stadt jedenfalls hat das endgültige und besonders gelungene Bild gekauft. Oder halten Sie meine Handlungsweise für inkorrekt?« »Wenn Sie dem Besitzer anbieten, das Bild zurückzukaufen, nicht!« »Ich bedauere, daß das Gerede entstanden ist. Eine kurze Anfrage bei mir hätte genügt, um die Sache aufzuklären.« Es war merkwürdig, aber Filscher glaubte nicht daran, daß Torner sein Bild zweimal gemalt hatte. »Wußte der Kunsthändler, bei dem Sie das Porträt in Berlin ausstellten, daß es nicht dasselbe Bild war, das in London hing?« »Nein, der Kunsthändler wußte nichts davon. Er wollte durchaus das Bild haben, und so malte ich es zum zweitenmal, da ich das Original nicht aus London erhalten konnte.« Torner schien sich für die Frage nicht mehr zu interessieren. Er arbeitete an seiner Kaffeemaschine und reichte dem Besucher eine kleine Tasse herüber. »Trinken Sie bitte«, sagte er. »Ich bin morgens kein Mensch, wenn ich nicht die gehörige Portion Koffein im Magen habe. Übrigens hat es wenig Zweck, daß Sie mich ausfragen. Systeme sind bei mir immer geschlossen und bis auf den letzten Punkt durchdacht. Selbst wenn ich lügen sollte, würde die Wahrheit nie herauskommen. Aber ich habe das Bild in der Tat zweimal gemalt. Natürlich ist mir die Geschichte peinlich. Sie verstehen. – Was halten Sie von meiner Plastik da?« Das alles war leichthin und wie zum Scherz gesagt. In diesem Augenblick ging das Telephon draußen. Man hörte, wie die Aufwartefrau antwortete. »Einen Augenblick«, sagte Torner, horchte und ging hinaus. Günther Filscher sah sich allein in dem großen Raum. Sein Blick überflog die Wände, die fünf oder sechs Bilder daran, die Skizzen zu dem bekannten Akt mit dem verhüllten Kopf. Von draußen kam Torners Stimme. Es gab dort eine längere Auseinandersetzung. Zum Greifen nahe bauschte sich der Leinenvorhang mit den gerafften Falten. Was ist hinter ihm verborgen? Nichts wahrscheinlich, ein Waschtisch, ein Haufen Modellierton, alte Paletten. Oder doch ein Geheimnis? Draußen ging das Gespräch weiter. »Wenn ich es dir doch sage!« beschwor Torner offenbar einen Zudringlichen. Dann hörte er wieder zu, warf nur sein kurzes »Ja – ja« dazwischen. Auf einmal stand Filscher auf, ging vor dem Vorhang auf und ab, zwei-, dreimal, und dann schob er ihn beiseite. Das Gespräch draußen war in vollem Gange. Torner hatte gerade das Wort ergriffen. Hinter dem Vorhang war es dunkel. Man mußte ihn hochheben, um etwas sehen zu können. Jetzt! Eine Staffelei stand da und ein Bild darauf. Merkwürdig. Es war das Bild von der Akademieausstellung, dieses Bild, über das ganz Berlin sprach, dieser wunderbare Akt mit den Schultern, die wie fließendes Wasser waren, mit den Schenkeln, die sich wie breite Blätter um eine Blüte legten. Aber hier war der Kopf darauf. Das mußte näher studiert werden! Was war das für ein Gesicht? Wo hatte er diese feine schmale Stirn schon einmal gesehen, diesen schwärmerischen Ausdruck des Auges, die sanfte Rundung des kleinen Kinns? Es war doch etwas mit diesem Gesicht gewesen! Und plötzlich wußte er: es war das Gesicht jener spanischen Skulpturen. Gerade dieses Gesicht entwuchs dem Hals des Aktes. Das war wie ein Faustschlag mitten auf die Stirn. Um Gottes willen! empfand er und ließ den Vorhang sinken. Das durfte niemand wissen! Er drehte sich schnell zu der Gruppe der fünf Arbeiter um und zündete sich eine Zigarette an. Es war, als ob man einen Mord angesehen hätte. Oder wie eine ganz, ganz große Entdeckung. Die Gedanken jagten sich hinter der Stirn, griffen übereinander, hoben sich auf. Es war, wie wenn man nichts denkt, weil man zuviel auf einmal denken muß. Würde man dem Geheimrat davon berichten? Würde man es für sich behalten, bis alles aufgeklärt war? Ja, war Torner denn nun wirklich der Kunstfälscher? Der berühmte Erich Torner? »Nein, mein Kind«, sagte Torner draußen. »Davon kann keine Rede sein. Du sekkierst nicht mich, sondern dich durch deine Geschichten.« Merkwürdig, daß man das so deutlich hören konnte. Da zankte sich dieser Maler vielleicht mit einer Frau, von der er los wollte, und man stand hier und wußte etwas von ihm, was kein Mensch wußte. Man konnte jetzt die Treppe hinuntergehen und sagen: Erich Torner ist ein Betrüger, ein Kunstfälscher! In diesem Augenblick kam der Maler zurück. »Verzeihen Sie, man wird manchmal gestört. Haben Sie sich die Plastik inzwischen angesehen?« Günther Filscher hatte kein schlechtes Gewissen. Zwischen ihm und diesem Manne war jetzt Krieg. Aber er war furchtbar erregt. Er hörte sich ruhig und sachlich sprechen, obwohl seine Stimme eigentlich zittern mußte. Ein Mechanismus war eingeschaltet, Federn schnurrten ab, ein Apparat lief in unbeirrbarem Gang. Er lag auf der Lauer, er registrierte alle Aussprüche des Malers. Da stand die Plastik mit den fünf Arbeitern. Da hingen drei, vier Bilder an der Wand von einem unerhörten Zeitwillen. Irgendwo in der Ecke stand eine Staffelei mit einer neuen angefangenen Arbeit. Eine junge Dame, in einem merkwürdigen Faunspelz. Und dieser selbe Mensch sollte der Schöpfer jener merkwürdigen Plastiken sein? Man durfte von diesem Stuhl möglichst lange nicht aufstehen. Jeden Augenblick konnte etwas Neues kommen. Einer von den Menschen, die hier verkehrten, mußte um das Rätsel wissen. Aber es kam niemand. Erich Torner sprach in seiner scharfen und amüsanten Art über die Neuerwerbungen der Nationalgalerie. Man hörte mit Vergnügen und Gewinn zu. Auf Augenblicke war der junge Kunsthistoriker wieder der verehrende Besucher, der vor dem großen Maler saß. Bis er von neuem auf der Lauer lag, voller Erwartung, daß ein Wort, eine Miene das Geheimnis berührte. Dabei mußte er sich hüten, auf jenes Bild anzuspielen. Jeden Augenblick empfand er es. Keine Sekunde, da er nicht fühlte, daß dieses Gesicht sie beide durch den Vorhang hindurch anstarrte. Aber er durfte nicht darauf zu sprechen kommen, nicht einmal auf weiten Umwegen. Jede Erwähnung sogar der spanischen Plastiken mußte Torner sagen, daß er den Vorhang hochgehoben hatte. Dabei saßen sie, kaum zwei Meter von diesem Gesicht entfernt, ruhig am Tisch, rauchten Zigaretten und unterhielten sich wie zwei interessierte Kunstfreunde. Bis Torner nach der Uhr sah. »Verzeihen Sie, ich muß diese gemütliche Sitzung leider unterbrechen.« Filscher erhob sich. »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe Sie über Gebühr lange aufgehalten.« »Sehr gefreut!« sagte Torner mit einer höflichen Verbeugung, die alle weiteren Worte abbrach. Filscher mußte sich zügeln, um nicht noch einen gefährlichen Blick nach dem Vorhang zu wagen. Er ging die Treppe hinunter. Eigentlich kam er jetzt erst zur Besinnung. Er blieb auf dem unteren Treppenabsatz stehen, um zu überlegen. Aber durfte er hier stehen bleiben? Vielleicht kam Torner gleich hinterher und traf auf ihn? Er mußte weiter, sich wenigstens in die nächste Haustür stellen, wenn er den Maler beobachten wollte. Und das wollte er doch? Er mußte ihn jetzt Tag und Nacht beobachten. Plötzlich fiel ihm Schabrack ein. Er hatte das Porträt von Erma Lent bei Schabrack gesehen. Und Schabrack hatte neulich in dem Café Elsenheim am Kurfürstendamm gesessen. War ihm nicht etwas dabei aufgefallen? Richtig, Schabrack hatte mit dem Kunsthändler Zwingermann zusammengesessen. Und noch ein dritter Herr war dabei gewesen. Ob der gewußt hatte, daß Schabrack und Zwingermann sich kannten? Er würde jetzt zu Schabrack gehen und ihn fragen: »Sie saßen doch neulich im Café Elsenheim mit Zwingermann und noch einem Dritten zusammen. Wer war dieser Dritte?« Oder vielleicht war es besser, wenn man Zwingermann danach fragte. Zwingermann wohnte im Westen, man konnte ihn leichter erreichen. Eine Dame kam die Treppe in die Höhe. Noch immer stand er auf dem Absatz. Er würde sie vorbeilassen und dann fortgehen. Jetzt bog sie um die Ecke. Sie war nicht mehr ganz jung, vielleicht vierzig. Er sah es an ihrem Gang. Als sie an ihm vorüberging, hob sie den Kopf hoch. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen, im Augenblick erkannte er ihr Gesicht. Es war gut, daß sie schnell weiterging. Er konnte sein Erstaunen nicht zügeln. Sie war es! Es konnte kein Zweifel möglich sein. Älter und durchfurchter schon der Kopf, aber unverkennbar die Frau von dem Bilde dort oben hinter dem Vorhang! Er fühlte, daß er kreideweiß geworden war. Er hörte die Frau die Treppe hinaufgehen, Stufe für Stufe. Natürlich, Torner erwartete sie und hatte deshalb das Gespräch so plötzlich beendet. Oben wurde eine Tür geöffnet und zugeschlagen. Filscher schlich langsam nach oben. Das Geheimnis zog ihn mit fast körperlicher Kraft an. Er stand hochatmend vor der Tür und mußte an sich halten, um nicht zu schellen. Innen hörte er deutlich sprechen. Wenn er jetzt hineinstürzte und die beiden vor das verhüllte Bild riß! Dann aber ging er doch leise hinunter. Noch einmal mußte er an der Stelle stehenbleiben, wo die fremde Dame an ihm vorübergegangen war. Man würde ihn hier nicht überraschen. Er mußte es hören, wenn die Tür sich öffnete. Eigentlich wollte er an nichts denken, er wollte nur gerade hier stehenbleiben. Es war, als ob die Erde unter ihm gebebt hätte und er nun warten müßte, bis sie sich wieder beruhigte. Dann ging er hinaus und verbarg sich in der Tür des nächsten Hauses. XIII Es konnte zunächst gar nicht lange genug dauern, bis sie herauskam. Die Gedanken arbeiteten gegen- und durcheinander. Wie es aber auch sein mochte, er hatte das Ende des einen Fadens gepackt. Vielleicht schlang dieser Faden sich um den ganzen Erdball, aber er würde ihn nun nicht mehr loslassen. Tausend Vorstellungen kamen und gingen. Tolle Situationen bauten sich vor dem Auge auf. Am Ende sah er sich immer Erich Torner gegenüber. Sie standen in drohender Haltung voreinander. Eine Situation auf Leben und Tod! Die Dame kam noch immer nicht. Vielleicht würde es Stunden dauern. Es war gleichgültig. Auch wenn man hier stand, sauste man in rasender Fahrt vorwärts. Die Massen waren ins Gleiten gekommen. Endlich sah er sie zur Tür heraustreten. Sie ging zu der Haltestelle der Elektrischen. Er folgte ihr, und als sie in den Wagen stieg, sprang er schnell nach. Wenn er sich hinten in den Gang gegen die Außentür stellte, konnte er ihr ins Gesicht sehen. Die Züge hatten sich ihm eingeprägt. Jeden einzelnen Teil verglich er nach dem Gedächtnis mit den merkwürdigen Skulpturen. Nach zwanzig Minuten stieg sie aus. Er folgte ihr nach links in die kleine Nebenstraße. In einem dieser Mietshäuser würde sie wohnen. Er ging auf die andere Seite hinüber, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, mußte aber gleich wieder zurückkommen, weil sie in einer Haustür verschwand. Er zog die Portierglocke. Die Tür tat sich auf. Oben auf der Treppe hörte er noch ihren Schritt. »Zu wem wollen Sie?« fragte die Portiersfrau. Es war ein unvermutetes Hindernis. Er machte mechanisch einige Schritte vorwärts und hoffte, daß die Frau ihn in Ruhe lassen würde. Aber sie wiederholte ihre Frage dringlicher und fast schon schreiend. Was sollte er tun? Sich schwerhörig stellen, fiel ihm ein. Aber die Frau kam aus ihrer Koje heraus und pflanzte sich mit eingestemmten Armen auf. »Ich will zu der Dame, die eben hier durchging,« sagte er verlegen, »aber ich komme im Augenblick nicht auf den Namen.« Er zog ein Portemonnaie aus der Tasche und holte eine Mark heraus. »Ach so,« sagte sie, »zu Frau Velten wollen Sie.« »Ja, zu Frau Velten.« Draußen war ein Auto vorgefahren. Ein junges Mädchen stand vor der Haustür, schloß auf und kam herein. Noch vor den letzten Worten hatte Günther Filscher sie durch die Glasscheibe gesehen. Der Ähnlichkeit nach mußte es eine Tochter der Dame sein. Ohne die Mutter hätte er sie sogar für das Urbild der spanischen Skulpturen halten können. Jetzt freilich bemerkte er mit seinem geübten Auge die Unterschiede. Sie war schon näher gekommen, als die Portiersfrau den Namen Velten rief. »Ach so, zu Frau Velten wollen Sie!« Das junge Mädchen mußte diese Worte gehört haben. Natürlich hatte sie sie gehört. »Fräulein Marcks, dieser Herr will zu Ihnen«, sagte die Frau. »Zu mir?« fragte Fräulein Marcks verwundert. Sie sah den jungen Mann erstaunt an. »Verzeihen Sie, ich wollte zu Frau Velten.« »Das ist meine Mutter!« »Aber hier wurde doch eben ein andrer Name genannt!« stammelte er. »Sie wollen jedenfalls zu Frau Velten?« sagte das junge Mädchen mit ein wenig strenger Stimme. »Ja – nein – ich weiß nicht. Es ging eine Dame hier herauf.« Fräulein Marcks streifte ihn nochmals mit einem verwunderten Blick, kehrte sich ab und ging die Treppe hinauf. Es war eine peinliche Situation. Auch die Portiersfrau stand ratlos. Sie wußte nicht, ob sie nun ihre Mark erhalten würde. »Ich habe mich wohl geirrt«, sagte er, drückte der Frau das Geldstück in die Hand und ging rasch hinaus. Draußen konnte er seine detektivischen Fähigkeiten belächeln. Der Zufall hatte ihm eine Portiersfrau zugespielt, und er begnügte sich damit, ihr ein Trinkgeld zu geben. Er hätte mit der jungen Dame die Treppe hinaufgehen müssen. Irgend etwas wäre ihm eingefallen. Er besaß zum Beispiel einen kleinen Taschenspiegel. Er konnte vorgeben, ihn auf der Treppe zu Torners Atelier gefunden zu haben. Das ergab einen Anknüpfungspunkt. Man würde sich über Torner unterhalten. Er malte sich die Szene aus. Es war nur nötig, umzukehren und sich bei Frau Velten melden zu lassen. Vielleicht würde ihm das hübsche junge Mädchen aufmachen! Sie würde annehmen, daß er einen Vorwand suchte, um sich ihr zu nähern. Er würde in die Erde sinken vor ihrem Lächeln, aber er würde sie wiedersehen oder jedenfalls mit ihrer Mutter einige Worte sprechen. Es konnte mit ein paar Sätzen alles abgemacht werden. Vielleicht entdeckte er bei dieser Gelegenheit etwas Wichtiges in der Wohnung. Es konnte zum Beispiel ein Bild dort hängen, etwas aus dem »Fund von Cati«. Diese Frau Velten, oder wie sie hieß, als Sibylle oder heilige Katharina. Er drehte wirklich um und ging zur Haustür zurück. Er schämte sich vor der Portiersfrau. Ihr breites Gesicht mit der grauen Haarsträhne wurde nur für einen Augenblick hinter der Scheibe der Portierswohnung sichtbar und verschwand wieder. Er stieg die mit einem billigen Läufer belegten Treppen in die Höhe. Geschmacklose Figuren kehrten in den Fenstern immer wieder: zwei Frauen, die sich mit Kornähren bekränzten. Aber die Ähren waren ganz deutlich Würste. Endlich fand er das Messingschild: Velten. Noch immer konnte er hinuntergehen, aber er zog schnell die Glocke. Den kleinen Taschenspiegel steckte er aus der Brusttasche des Anzugs in die Manteltasche, um ihn bereit zu haben. Hinter der Tür hörte er Bewegung. Eigentlich kam es ihm erst jetzt zum Bewußtsein, weshalb er hier war. Hinter dieser Tür barg sich das Geheimnis einer der ungeheuersten und raffiniertesten Kunstfälschungen. Vielleicht trat er wie ein Verhängnis in die Wohnung ein, und die Glocke, die er innen schrillen hörte, war ein Unglückssignal für die Bewohner. Das junge Mädchen von der Treppe machte ihm auf. »Verzeihen Sie,« fing er umständlich an, »Ihre Frau Mutter war vorhin bei Herrn Professor Torner.« »So?« »Ja, ich sah sie dort die Treppe in die Höhe gehen. Ich kam nämlich gerade von Torner. Ich war bei ihm gewesen. Ich hatte etwas mit ihm zu besprechen. Ich bin nämlich Kunsthistoriker.« Es schien ihm richtig, möglichst viel von sich und seinen Beziehungen zu Torner einzuflechten. Auf einmal fiel ihm ein, daß er sich vorstellen mußte. »Mein Name ist Filscher, Dr. Günther Filscher.« »Ja, und was wünschen Sie?« »Ich sah, als ich fortging, Ihre Frau Mutter die Treppe in die Höhe gehen, und gleich darauf fand ich diesen kleinen Spiegel. Ich nahm ihn aus Neugierde an mich. Nachher erkannte ich Ihre Frau Mutter in der Elektrischen wieder. Ich dachte, daß dieser Spiegel ihr gehören könnte.« Die junge Dame nahm das kleine Ding und betrachtete es. »Ich kann mich nicht erinnern,« sagte sie und rief dann mit lauter Stimme: »Mutti, komm doch bitte einmal heraus!« Frau Velten kam durch den Flur gegangen. Es war ein seltsam beklemmendes Gefühl, dieser Frau so nahe gegenüberzustehen. Dr. Filscher wiederholte umständlich seinen Bericht über das Zusammentreffen auf Torners Treppe. »Der Herr will wissen, ob dir dieser Spiegel gehört«, unterbrach das junge Mädchen ungeduldig. »Nein, den Spiegel kenne ich nicht.« Frau Velten war ein wenig verlegen. Sie hatte das Gefühl, daß man hier noch einige Höflichkeiten austauschen müßte. Aber ihre Tochter unterbrach sie. »Haben Sie vielen Dank«, sagte sie kurz. »Das Ding muß jemand anderem gehören.« Es war Zeit für ihn, eine Verbeugung zu machen und zwei Schritte zurückzutreten. Die Tür schloß sich hinter ihm. Er ging die Treppe hinunter. Eigentlich hatte er nichts erreicht, aber er kannte jetzt wenigstens den Namen Velten. Man mußte einen von den Kunstreferenten der großen Zeitungen fragen. Die kannten jeden Klatsch in der Künstlerwelt. Es war etwa fünfzehn Uhr geworden. Wenn er ins Romanische Café ging, würde er Bekannte treffen, die ihm über Torner und Frau Velten Auskunft geben konnten. Vielleicht rief er auch auf der Museenverwaltung an. Er ging über die Augsburger Straße, dann an der Gedächtniskirche vorüber. Vor dem Café kaufte er eine Mittagszeitung, knüllte sie in die Tasche und trat ein. Wegen der frühen Stunde waren erst wenige Menschen anwesend. In einer Ecke saß der Kunsthändler Zwingermann mit einer merkwürdigen Frau in grauen, fast männlichen Reisekleidern. Ihr Haar war ungewaschen, man konnte nur schwer seine Farbe erkennen. Zwingermann! Richtig, er hatte zu Zwingermann gehen wollen, um ihn etwas zu fragen. Als er den Mokka bestellt hatte, ging er an dem Tisch vorüber, grüßte und berührte den Kunsthändler bei der Schulter. »Ach verzeihen Sie, Herr Zwingermann. Ich wollte Sie etwas fragen. Sie saßen doch neulich im Café Elsenheim mit Herrn Schabrack und noch einem Herrn zusammen. Besinnen Sie sich?« »Cafe Elsenheim? Mit Schabrack? Ich weiß nicht.« »Vorgestern nachmittag um siebzehn Uhr etwa«, versuchte er einzuhelfen. »Richtig, da saß ich mit Schabrack und einem Herrn zusammen. Schabrack sagte aber keinen Ton. Schabrack redet nie im Café.« »Ich möchte gern wissen, wer dieser andere Herr war, mit dem Sie zusammensaßen. Ich glaubte ihn nämlich zu kennen, besinne mich aber nicht.« Zwingermann nahm den Ausdruck angestrengtesten Nachdenkens an. Nur an seiner Hand, dieser kleinen fleischigen Pantherklaue, bemerkte Filscher zu seiner Verwunderung, daß Zwingermann nervös war. Weshalb regte sich der Kunsthändler auf? »Ich weiß, daß dieser Herr eine Dame kennt, deren Namen ich gern wüßte«, sagte er. Nach Frauen zu fragen, machte einen beruhigend harmlosen Eindruck. Zwingermann lächelte. »Richtig, er sprach an dem Nachmittag mit Gitta Streicher. Meinen Sie die?« Filscher kannte Gitta Streicher dem Namen nach. »Ich meine noch eine andere Dame«, sagte er. »Aber wer war der Herr, mit dem Sie zusammensaßen?« Er ahnte nicht, daß gerade Sibylle Marcks in jener Minute mit Frau Streicher zusammen gewesen war. »Der Herr? Das war der Bankier Durlacher, Sohn von Düsen \& Durlacher.« »Danke, nun weiß ich Bescheid. Ich kenne ihn von einer Gesellschaft her. Man vergißt in Berlin so leicht.« »Bitte schön, Herr Doktor.« Sie trennten sich. Filscher schob sich zum Zeitungsständer vor. Es sollte so aussehen, als wenn er zufällig an Zwingermanns Tisch vorbeigekommen wäre. Er kramte zwischen den Blättern. Dann fiel ihm ein, daß er die Mittagszeitung noch zu lesen hatte. Der Kellner hatte den Mokka auf seinen Platz gestellt. Filscher setzte sich nieder. Er hätte gern mit jemandem über Erich Torner gesprochen. Zwingermann fragte man wohl am besten nicht mehr. Da saß der Maler Veith und rührte in der Kaffeetasse. Der würde ihm jede Auskunft geben können. Er wollte noch einen Blick in die Zeitung tun und sich dann zu Veith setzen. Er schlug die Zeitung auseinander. Auf einmal fiel sein Blick auf eine kleine Notiz. Was war das für eine seltsame Sache? Er las: »Der Brand der Kapelle Sancta Maria in der Scharte bei Haßfurt (Unterfranken) hat erneut die Aufmerksamkeit auf jene wundervolle Madonna gelenkt, die sich in der Sakristei der völlig eingeäscherten Kapelle befand und wie durch ein Wunder gerettet wurde. Es handelt sich hier um eines der kostbarsten Monumentalwerke der fränkischen Gotik aus dem 13. Jahrhundert. Wie wir erfahren, wurde die Plastik, die den Vergleich mit den größten Bildwerken jener Zeit aushält, von einem holländischen Sammler erworben.« Hatte Zwingermann nicht einen forschenden Blick zu ihm herübergeworfen? Er nahm sich zusammen, um keine Überraschung merken zu lassen. Er zündete sich mit einem ruhigen Lächeln die Zigarette an. Das, was er da soeben gelesen hatte, das war doch das Rezept, nach dem der Fund von Cati in den Kunsthandel gebracht worden war? Hatte man schon jemals von einer Madonna in der Kapelle Sancta Maria in der Scharte gehört? Merkwürdig! dachte er und faltete das Zeitungsblatt zusammen. Plötzlich durchschüttelte ihn wie ein Fieberschauer die Gewißheit, daß die Fälscherzentrale sich in Berlin befand. Erich Torner, dachte er. Ahnte der Betrüger nicht, daß sich das Netz um ihn zusammenzog? Aber wie sollte er es ahnen? Noch hatten die Beteiligten, noch hatten der Geheimrat, Professor Ambrus und er zu niemandem ein Wort gesprochen. Noch ahnte niemand, daß der »Fund von Cati« seit Wochen Gegenstand minutiöser Untersuchungen war. Das war wie zwei Welten verschiedener Dimensionen, die sich schattenhaft nebeneinander entwickelten, ehe sie sich krachend ineinanderschoben. Als er aufstand und seinen Mantel anzog, sah er plötzlich zum Greifen deutlich das Gesicht des jungen Mädchens vor sich und fühlte mit einem seltsam süßen Erschrecken, daß sich die Ereignisse irgendwie um ihre Person drehten. Es war wie die Berührung ihrer Schatten ganz tief in einem Grunde, über dem sie getrennt standen. XIV »Hast du die Einladung zu meinem Bankett erhalten?« fragte Torner. Das merkwürdige Bild, auf dem Hildegard Durlacher in einem angewachsenen Faunspelz vor einem Schaufenster der Tauentzienstraße stand, war fast fertig. Sie liebten beide dieses Bild, fanden ihre Zeit darin auf eine selten gelungene Art zusammengefaßt und enthüllt. »Die Einladung zu deinem fünfzigsten Geburtstag? Ja, die habe ich erhalten. Sie kam heute mit der Morgenpost.« »Und du kommst?« »Natürlich komme ich! Weshalb soll ich nicht kommen?« Aus den Umrissen des Kopfes schälte sich deutlicher ihr Gesicht heraus. Noch nie hatten sie darüber gesprochen, was aus diesem Bild werden sollte. War das angängig, daß diese merkwürdige Figur gerade ihr Gesicht trug, das Gesicht von Fräulein Durlacher aus der Dahlemer Villa? Vielleicht hatte sie gedacht, daß Torner da einen Ausweg finden würde. Oder er hatte gedacht, daß sie rechtzeitig protestieren würde. Aber sie protestierte nicht. Sie sah zu, wie ihre Züge gemächlich aus der Leinwand herauswuchsen. Und plötzlich machte ihr die Kühnheit Spaß, dieses Werk einfach, ohne Erklärungen, ausstellen zu lassen. Es würde ein herrlicher Affront gegen die Gesellschaft sein. Obwohl sie nicht eigentlich dachte, daß es wirklich dazu kommen würde. Aber sie verspürte Neugierde. Wie, wenn dieses Bild nun wirklich ausgestellt würde? Sie hatte sich dann unmöglich gemacht. Wie war das, wenn man sich unmöglich machte? »Eigentlich sind wir furchtbare Menschen«, sagte sie. »Wir lieben uns aus Frivolität und weil es uns eine angemessene Pointe schien. Du hast eine Frau, der du kein Geld geben willst. Du hast diese Nora Velten, deren du überdrüssig bist. Ich müßte eigentlich einen Attaché oder zum mindesten den kleinen Schrötter heiraten und eine Glückszentrale damit eröffnen. Statt dessen treffen wir uns hinter dem Rücken aller Menschen in deinem Atelier. Wir empfinden nicht einmal so viel Liebe füreinander, daß wir unser Leben gemeinsam verbringen wollen.« »Wir tun das aber doch nicht, weil es uns glücklich macht!« verwahrte er sich. »Nicht aus Eudämonismus, wenn du so willst.« »Das ist doch gerade das Schlimme!« »Nein, das ist nicht das Schlimme! Wozu sollen wir überlebte Vorstellungen ins Leben zurückrufen? Wir müssen vorwärts, durch die ganze Einsamkeit und Glücklosigkeit dieses Lebens hindurch! Die Russen verbieten alle Märchen und allen Glauben. Das ist der einzige Weg zu neuen Märchen und zu einem neuen Glauben. Wir halten uns an erbärmliche Rückstände, die niemanden beglücken.« Wenn er so sprach, liebte sie ihn. Dann empfand sie das eiserne Muß, das hinter seinen Handlungen stand, diesen Zwang zum ehrlichen Experiment. Es war eigentlich kein Hang zu den Abenteuern der Seele in ihm, oder er gab ihm nicht nach. Sie handelte viel mehr aus Lust zum Abenteuer als er, und manchmal glaubte sie zu fühlen, daß er sie deshalb ein wenig verachtete. Seit jenem ersten Zusammensein in Torners Atelier hatte ihr Leben einen neuen Stil bekommen. Sie dachte geradezu: Stil, nicht Inhalt, und empfand im Innersten diesen Unterschied schmerzlich. Aber es war doch ein neuer Reiz für sie, sich in ihren Verabredungen nach Torner richten zu müssen. Er war in ein Netz von Beziehungen eingesponnen. Seine Arbeitsstunden standen unverbrüchlich fest. Manchmal ging er plötzlich in eine Frühstücksstube, rief sie an, und sie eilte im Auto zu ihm. Oder sie mußte ihn auf eine Ausstellung begleiten. Er ging ziemlich rasch durch die Säle, blieb auf einmal bei einem Bilde stehen, sah es lange an und sagte nichts. Erst hinterher, wenn sie in einer Konditorei zusammensaßen, fing er an zu sprechen, setzte tausend Einzelheiten voraus und verlangte, daß sie alles gesehen hatte wie er. Sie hatte auch alles gesehen. Es war merkwürdig, wie ihr dieselben Dinge aufgefallen waren, an die er anknüpfte. Dann konnte er sie mit einem ernsten und langen Blick ansehen. Sie war nicht mehr Herr ihrer Zeit. Nur die Wünsche ihres Vaters, die Befehle für sie waren, gingen den seinen voraus. Aber sie zitterte davor, daß Peplex sie plötzlich zum Abendessen oder zum Theater wünschen könnte. Sie war wie ein kleines Mädchen geworden, das sich die Zeit zu einem Rendezvous von ihren Schularbeiten abstahl und sich vor einer besonderen Hausaufgabe fürchtete, die ihre Pläne zunichte machen konnte. Eigentlich war nicht einzusehen, weshalb sie sich die Last dieser Freundschaft auferlegte. Es war im Grunde wenig Beglückendes in ihrer Liebe. Beide waren sie allzu entzauberte Menschen. Aber gerade das hatte sie zusammengebracht, und es hielt sie nun zusammen. Vielleicht fühlten sie die Bereitschaft und Fähigkeit zu einer großen Verwandlung, die einmal über sie kommen konnte. Hildegard hatte es tagelang vermieden, zu Torner über Nora Velten zu sprechen, und hatte auch nichts über das merkwürdige Zusammensein mit ihrem Bruder und Sibylle Marcks erwähnt. Bis sie in der Zeitung seine Erklärung über das Porträt von Erma Lent las. »Ich habe so etwas gehört,« sagte sie am nächsten Tag zu ihm, »als ob du das zweite Exemplar, dasjenige, welches die Stadt angekauft hat, selber für eine Fälschung erklärt hättest.« Er sah sie erstaunt an. »Ich habe das zu niemandem gesagt.« Sie buchte bei sich, daß er Geheimnisse mit der kleinen Marcks hatte. Zu deutlich stand die Szene vor ihr, wie die junge Schauspielerin von dem Telephon zurückgekommen war. »Doch,« sagte sie, »du sollst das zu irgend jemand gesagt haben.« Er dachte nach. »Ich habe das zu niemandem gesagt, der darüber sprechen würde«, sagte er nach einer Weile. So hat Sibylle Marcks damals für einen Augenblick die Fassung verloren, stellte sie bei sich fest, und sagte: »Es ist wohl nur ein dummes Gerede!« »Vermutlich, aber das Bild ist trotzdem gefälscht!« Er hatte eine merkwürdige Art, solche aufregenden Dinge mit einer ganz leisen Stimme zu sagen. »Gefälscht?« fuhr sie auf. »Dein Bild gefälscht? Trotz deiner Erklärung?« »Ja, es ist gefälscht. Ich sage es dir, dir allein, und du darfst nie im Leben zu einem andern Menschen darüber sprechen!« »Hast du das wirklich niemand anderem gesagt?« »Doch, ich habe es noch jemand anderem gesagt.« »Nora Velten?« fragte sie listig. »Nein, nicht Nora Velten. Nora weiß von dieser Geschichte nichts. Sie liest kaum Zeitungen.« Also doch, stellte sie fest. Sibylle ist seine Vertraute! »Aber weshalb hast du dann diese Erklärung abgegeben?« »Ich weiß, wer das Bild gefälscht hat«, sagte er leise. »Ich habe es sofort erkannt, als ich es sah.« Im Augenblick, wie er das sagte, wußte sie es auch. »Anton Marcks?« Sie mußte an das Gespräch mit Schrötter denken. »Wie kommst du auf Anton Marcks?« fragte er erstaunt. Sie sagte ihm kurz, was sie wußte. »Ja,« sagte er, »Anton Marcks hat dieses Bild nachgemacht, um mich zu ärgern oder in Verlegenheit zu bringen. Er hat das Bild besser gemalt als ich. Er wollte mir wieder einmal zeigen, daß er der bessere Maler ist.« »Ist er das?« fragte sie. Er zuckte die Achseln. »Es gibt Leute, die das glauben. Meine Ansicht darüber ist die, daß einige Bilder von ihm besser sind als einige Bilder von mir. Darüber hinaus habe ich zwanzig, dreißig Werke geschaffen, an die nichts von ihm heran kann. Aber die Menschen sind komisch. Kennst du die Geschichte vom Aschenputtel?« »Wieso vom Aschenputtel?« »Weil sie bezeichnend ist. Ich stelle mir immer vor, daß die andern Schwestern mit ihrer Arbeit längst fertig sind und auf den Ball gehen können, während das unglückselige Aschenputtel noch immer über ihrem Erbsentopf sitzt. Es braucht einer nur über seinem Erbsentopf zu sitzen und nichts vor sich zu bringen, so ist er schon der allgemeine Liebling.« Sie lachte. »Die Geschichte von dem Aschenputtel ist gut. Aber weshalb sagst du denn nicht offen, daß das Bild gefälscht ist?« »Weil ich Anton Marcks gegenüber ein schlechtes Gewissen habe. Du weißt! Ein einigermaßen geschickter Kunstdetektiv, etwa der junge Dr. Filscher, der mich neulich wegen des Bildes besuchte, würde in drei Tagen herausbekommen, wer es gemalt hat. Marcks wäre erledigt, wenn es herauskäme. Er hat keine Ahnung davon, mit welchen Schikanen so etwas heute ermittelt wird.« »Und du weißt das?« »Ja, die hauptsächlichsten Methoden sind mir bekannt.« Dieses Gespräch rumorte lange in ihr. Er muß furchtbar gemein zu Marcks gewesen sein, überlegte sie sich und nahm sich vor, ihn gelegentlich nach diesen Vorgängen zu fragen. Er beschönigte seine eignen Handlungen nie. Hatte er Nora Velten geliebt? Natürlich hatte er sie geliebt! Sie konnte es sich so gut vorstellen, was er für Gespräche bei Anton Marcks und dessen Frau geführt hatte, Gespräche, die der Frau die Augen für eine neue Welt öffneten, während Marcks vielleicht dabei saß und das Übertriebene daran ironisch glossierte. Es half ihm nichts, denn es gibt Sätze, die sich im Innern einer Frau verfangen wie ein Angelhaken und sie nicht wieder loslassen; Torner war ein Meister solcher Gespräche, Hildegard Durlacher sah das alles deutlich vor sich. Am nächsten Tage fragte sie ihn danach, und sie hatte recht gehabt. »Hat Marcks nicht furchtbar gelitten, als du vor seinen Augen um seine Frau warbst?« »Natürlich hat er gelitten. Aber ich weiß nicht, ob er in der Gegenwart lebt. Er will im allgemeinen Lust oder Schmerz empfinden. So ist es mit Marcks. Er lebt über das Leben hinweg!« »Und weißt du, daß du ihn im Grunde darum beneidest?« »Ja,« sagte er, »das weiß ich lange, und das ist der tiefste Grund, weshalb ich ihm seine Frau fortnahm. Auch ich könnte Abenteuer der Seele haben und grenzenlos schweifen. Ich gestatte es mir nicht. Er aber vagabundiert.« »Dann ist er vielleicht doch der größere Künstler!« »Nein und dreimal nein!« fuhr er auf. »Der größere Künstler bestimmt nicht. Oder huldigst du auch dem Aschenputtel?« »Nein, gewiß nicht«, sagte sie. »Aber dennoch hast du ihn beneidet und ihm deshalb seine Frau fortgenommen!« »Ja, ich beneide ihn um seine geistige Sorglosigkeit, die für mich immer etwas von Skrupellosigkeit an sich hatte.« »Es ist merkwürdig, daß du das sagst, der du dich selbst oft als einen Verbrecher bezeichnest.« »Nicht wahr, das ist merkwürdig! In der Kunst ist alles umgekehrt als im Leben. Ich lebe meine verbrecherischen Instinkte in Bildern aus, und man veranstaltet mir ein Bankett. Und der untadelige Marcks begeht ein richtiges Verbrechen: er fälscht Bilder!« »War das nicht mehr ein Scherz?« fragte sie lächelnd. »Ein Scherz? Er hat dafür Geld bekommen, viel Geld! Das Bild ist mit viertausend Mark bezahlt worden! Ein Bild von ihm wird mit achthundert Mark bezahlt! Dreitausend zweihundert Mark also hat dieser Scherz ihm eingebracht! Nun stelle dir vor, daß er sich, um diesen Scherz auszuführen, noch genau nach dem Standort und Besitzer des Originals erkundigen mußte. Es war also nicht nur ein Einfall, sondern eine ganze Kette von einzelnen Handlungen dazu nötig!« »Und was hat er mit diesem Geld gemacht? Er wird es Nora Velten geschickt haben. Derselben Nora, die du verführt und sitzen gelassen hast!« Torner sah sie mit einem eigentümlich lauernden und belustigten Blick an. »In der Tat,« sagte er, »er hat den Mädels neulich viertausend Mark geschenkt. Sie waren für Gabis Aussteuer nötig.« »Dieser Dichter und Träumer hat Sinn für Humor«, entschied Hildegard. »Er sagte sich, daß du auch einmal etwas für die Schöneberger Wohnung tun kannst, und wenn es nur durch Hergabe deines Namens geschieht. Aber erzähle weiter! Du wolltest gerade sagen, wie es mit Nora Velten weiter war.« »Es war nichts weiter«, sagte er. »Meine Frau gab mich nicht frei. Ich konnte Nora nicht halten, was ich ihr versprochen hatte.« »Hast du wenigstens darunter gelitten?« »Ja, Hildegard, ich habe darunter gelitten! Ich schwöre dir, daß ich maßlos darunter gelitten habe! Und ich bin der einzige gewesen, der darunter gelitten hat.« »Wie das?« »Nora bekam den Lebensinhalt ihres vernichteten Lebens und Marcks den Lebensinhalt des verlassenen Mannes.« »Du bist zynisch, Erich! Ein vernichtetes Leben und Fortlaufen der geliebten Frau, das ist mehr, als eine geistige Koketterie. Das wiegt schwerer als alle Gewissensbisse, die sich der Schuldige darüber macht.« »Aber es wird zum greifbaren Lebensinhalt und trägt so seinen Ausgleich in sich!« beharrte er eigensinnig und griff nach dem Pinsel. Niemand wußte etwas von Erich Torner und Hildegard Durlacher. Niemals hatte sie jemand gesehen, wie sie die vier Treppen zu seinem Atelier hinaufstieg. Und doch hatte sie das Gefühl, daß die Menschen schon darüber sprachen. Resi Köhnen war am Telephon eisig, und als sie bei Professor Mittelmann mit Alex Schrötter zusammentraf, behandelte er sie mit einer besonderen Zartheit, wie er sie gegenüber allgemein Verfemten anzuwenden pflegte. Sie amüsierte sich darüber. Nur daß das Gerede etwa ihr Haus berühren könnte, fürchtete sie. Sie wollte mit Peplex keine Diskussionen, in denen dieser mächtige Bankier immer auf eine so unwiderstehlich rührende Art den kürzeren zog. Es war ihr schon unangenehm genug, daß mit ihrem Bruder irgend etwas los zu sein schien. Sie konnte den Andeutungen des Vaters nicht entnehmen, ob Hans auf Abwege geraten war oder Schulden gemacht hatte. Das war das Merkwürdige: es gab zwischen Torner und ihr keine besonderen Sensationen, und doch hatten sie beide das Gefühl, daß etwas auf der Lauer lag und sich über sie stürzen wollte. Es war irgend etwas von kreisenden Wassern da, die sich vorläufig nur in die Runde drehten, aber im nächsten Augenblick einem Abgrund zurasen konnten. In einer Nacht wurde ihr das ohne besonderen Grund deutlich. Sie war bis gegen drei Uhr bei ihm geblieben. Er hatte sie an die nächste Straßenecke zum Auto hinuntergebracht. Viele Male war es schon so gewesen, aber diesmal fing die nächtliche Stunde an, sie zu erschrecken. Die Straßenlaternen schienen ihr wie tückische Kobolde, die Plätze und Vorstädte, durch die sie jagte, seltsam gespenstisch. Sie empfand es als grauenhaft, daß diese ganze ungeheure Stadt schlafen konnte, und noch grauenhafter die Vorstellung von den riesigen Lebensmassen, die in einigen Stunden aufwachen würden. Was alles konnte aufwachen in dieser Welt, wovon man nichts ahnte! Das Geräusch des Schlüssels in der Gitterpforte war ihr unheimlich. War sie denn anders als ein Einbrecher? Hing sie dort einige Kilometer weiter nicht als Halbtier abgebildet über einer Staffelei? Sie schlich sich in geduckter Haltung durch den Vorgarten, mußte sich überwinden, noch einmal die Schlüssel herauszunehmen, um die Haustür aufzuschließen. Ging auf Zehenspitzen durch die dunklen Gänge zu ihrem Zimmer, und als sie die Tür aufgeklinkt und das Licht angedreht hatte, mußte sie erst genauer hinsehen, ob da nicht schon eine andre Hildegard Durlacher im Bett lag. Was wollte sie in diesem Zimmer? Worin bestand ihr Anspruch auf dieses Bett? Daß sie einmal, vor fast drei Jahrzehnten, in der Wohnung des alten kleinen Mannes geboren war, dem das alles hier gehörte? Aber das war doch so furchtbar lange her, und sie war es nicht mehr. Sie hatte einen Pelz an und strich als Raubtier durch die Wälder, die in Städte verzaubert waren. Ihr Körper bangte sich nach einem Mann, der hinter hundert Wogen dieses Meeres aus Stein auf den Wellen trieb und sich nach ihr bangte. Aber vielleicht bangten sie sich gar nicht nacheinander. Hildegard Durlacher fand, daß etwas sehr Unwirkliches an dieser Welt war. XV »Wenn du nun wirklich zu meinem Bankett kommst«, sagte er und legte den Pinsel aus der Hand. Den Nachsatz ließ er unausgesprochen, und sie wußte, daß nun etwas aus ihm herausbrechen würde. Es war wie damals, kurz ehe er sich auf sie stürzte. »Ich möchte an meinem fünfzigsten Geburtstag einen Abschluß machen«, fuhr er fort und sah sie lauernd an. »Man bekommt das allmählich über. Am Vormittag wird meine Ausstellung eröffnet, die einen Überblick über mein gesamtes Schaffen gibt. Dieses Bild als letztes gehört in den Hauptsaal. Es wird einen kleinen gesellschaftlichen Skandal erregen. Ich habe es mir sehr schön vorgestellt: Alle Leute sind chokiert über dich und mich. Aber die Reden sind nun einmal vorbereitet und zum Teil schon in den Zeitungsdruckereien gesetzt. Große Leute wie Bock und Liebermann sind anwesend. Man kann nicht mehr zurück. Und gleich nach dem Festessen verschwinden wir beide. Wir reisen nach Bali!« »So!« konnte sie nur sagen. »Wieviel Geld kannst du flüssig machen?« »Nun, es reicht schon zu einer kleinen Südseereise – für mich.« »Was ich besitze, reicht für mich. Ich habe es mir überschlagen. Es kommt scheinbar bei Malern meiner Art der Augenblick, an dem das Abendland nichts mehr an Reizen hergeben kann. Die Franzosen gingen nach Barbizon, Arles oder in die Normandie. Ich muß, wie Gauguin, weitergehen: nach der Südsee. Ich will dort primitiv wie ein Eingeborener leben und glücklich sein.« »Ohne Badestube?« fragte sie. »Ohne Badestube!« antwortete er ernst. »Mit dir könnte ich dort leben. Vielleicht habe ich mich in dich verliebt, wie du auf dem Bild hier bist. Die Tauentzienstraße dahinter fängt an mich zu stören. Du müßtest dir die Haare lang wachsen lassen wie ein Balimädchen und ganz einfache Leinenkleider tragen.« »Und was soll ich dort machen?« »In der Sonne liegen, schlafen, baden, Kinder bekommen.« Sie mußte lachen. Sie lachte mit lauter Stimme heraus, was sie selten tat. Sie konnte gar nicht aufhören. Zuerst wunderte er sich, daß sie die Vorstellung eines solchen Lebens nur komisch fand. Erst allmählich merkte er, daß dieses Lachen im Grunde ein Weinen war. Im Augenblick hatte sie mit ihrem raschen Verstand das Chimärische seines Plans durchschaut. Sie brach ihr Lachen kurz ab. »Nein,« sagte sie, »es ist ja heller Unsinn, was du da redest. Wenn du europamüde bist, dann mußt du allein fortgehen. Ein einzelner Mann kann sich schließlich überall durchwinden, aber nicht mit einer europäischen Frau. Kinder kriegen! Wenn du solche Kinder haben willst, dann mußt du dir eine Javanerin an Ort und Stelle nehmen. Eine europäische Frau braucht eine staatlich geprüfte Hebamme, und eine Kinderpflegerin dazu. Und mit den Mädchen von Bali ist es nicht anders. Du denkst wie der selige Rousseau, daß dort Naturzustände herrschen. Aber es sind doch uralte Kulturen und religiöse Traditionen, die hinter dieser anscheinenden Natur stehen, und es gibt sicher ein ganz besonders kompliziertes System der Medizin und Hygiene, ohne das man dort nicht zusammenleben kann. Es ist nichts mit dem primitiven Leben, wenn man nicht an die dortigen Götter glaubt und ihre Gebote kennt. Und mit den Leinenkleidern ist es auch nichts. Weiß der Himmel, mit welchen Tinkturen man sich beschmieren muß, damit die Haut die dort gewebten Stoffe erträgt.« »Du denkst also, daß wir von unserer europäischen Technik nicht loskönnen!« »Nein, wir können von ihr nicht los. Im großen nicht und in den geringsten Kleinigkeiten nicht.« Sie schwiegen. Sie vermieden es, die Schlagworte von der Maschinenkultur des Abendlandes und den gottgesättigten religiösen Kulturen des Orients gegeneinander auszuspielen. Es klang aus hundert Feuilletons und zwanzig Büchern in ihnen nach. Sie fühlten die unübersteigbaren Grenzen. »Wir Europäer sind verdammt,« sagte Torner nach einer Weile mit leiser Stimme, »verdammt, unser sinnloses Tun immer weiter zu treiben.« Sie trat ganz dicht an ihn heran und streichelte sein Haar. »Aber ich verstehe dich mit deinem Wunsch«, sagte sie. »Niemand kann dich so verstehen wie ich. Denkst du, ich bange mich nicht aus dem allem hier heraus! Was sind wir alle für hartherzige und glücklose Menschen! Obwohl jeder einzelne von uns ganz, ganz anders sein möchte! Aber ich wundere mich, daß gerade bei dir sich dieser Wunsch bis zur Änderung deines ganzen Lebens steigern konnte. Du bist es doch, der sich der Zeit verpflichtet fühlt?« Er lächelte. »Ich möchte vielleicht auch einmal Abenteuer der Seele haben und vagabundieren.« »Dann wollen wir wirklich reisen, und zwar gleich nach deinem Geburtstag. Dieses Bild hier wird nicht ausgestellt werden. Wir werden brav jeden Skandal vermeiden. Laß es noch ein wenig bei dir hängen. Vielleicht findet sich dann später ein Liebhaber. Ich denke, daß mein Bruder es gern kaufen wird, obgleich ich es auch verstehen würde, wenn du es als Andenken an mich behalten wolltest.« »Dieses Bild? Nein, das muß weg! Meinetwegen an deinen Bruder. Aber ich werde ein anderes Gesicht darauf malen.« »Wie du willst. Aber ich bin bereit, mit dir eine große Reise zu machen. Meinetwegen nach der Südsee. Nur: es darf niemand erfahren, daß wir zusammen reisen. Wir treffen uns zufällig im Hamburger Zug. Ich fahre für die Welt nach London zu einer Freundin. Wir werden vier Monate oder ein halbes Jahr fortbleiben, immer hübsch im Bereich der europäischen Technik, auf komfortabeln Dampfern und in First-class-Hotels. Für Java oder Bali genügen einige Autotouren und die einschlägigen Bücher mit Abbildungen. Du wirst dort Skizzen machen und malen und dich ein wenig nach dem primitiven Leben der braunen Menschen sehnen. Das genügt für entartete Europäer. Glaube mir, es wird dir vollkommen genügen.« »Das ist eben das Schlimme, daß es genügen wird!« grollte er. »Ich habe dich im Verdacht, daß du die preußischen Offizierslinien in deinem Gesicht ein wenig fortretuschieren möchtest. Aber du mußt sie schon behalten. Erich Torner sieht nun eben so und nicht anders aus.« Er griff ohne zu antworten nach dem Pinsel und fuhr in der Arbeit fort. Mit wenigen Strichen veränderte er das Gesicht auf der Leinwand. Ein süßes scheues Mädelsgesicht mit braunen Rehaugen stand jetzt über dem schmalen Hals. »Nein!« rief sie aus. »Was machst du denn? Der Sinn des ganzen Bildes ist jetzt fort. Solch dumme süße Tiere brauchen nicht auf der Tauentzienstraße zu weiden.« »Siehst du, es muß doch dein Gesicht bleiben!« sagte er resigniert. Er hatte recht, es mußte ihr Gesicht sein. Sie triumphierte leise. Am nächsten Tag rief er sie an. Ob sie einverstanden wäre, wenn er die Eisenbahn- und Schiffskarten gleich für sie mit besorgte. Er schlug vor, nach Neapel zu fahren und dort den Dampfer zu besteigen. Auf diese Weise sparte man Zeit. Sie gab ihre Zustimmung. Armer Peplex, dachte sie an ihren Vater und beschloß, es ihm sofort beim Abendessen zu sagen, daß sie auf einige Monate zu verreisen gedächte. Eigentlich befriedigte dieser Reiseplan sie nicht. Das war nicht die große Verwandlung, die sie erwartete. Mit einmal dachte sie daran, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sie zuckte resigniert die Achseln. Auch das blieb in diesem Zeitalter eine durchaus mondäne Angelegenheit ohne Mythos. Tausend Besprechungen über die Aussteuer, hundert Besuche und Empfänge würden alles ersticken. Man lebte in einem luftleeren Raum. Trotzdem würde sie eines Tages heiraten, süße Babywäsche einkaufen und sich einige Zeit später täglich für Viertelstunden von den gesellschaftlichen Verpflichtungen und den Ansprüchen des Haushalts freimachen, um ein kleines zappelndes Geschöpf zu liebkosen und der Wärterin zurückzureichen. Ganz deutlich sah sie das alles vor sich und nahm bereits vorweg, wie fern und unwirklich auch das sein würde. An diesem Tage kam sie aber nicht dazu, ihrem Vater von der Reise zu erzählen. Es mußte wieder Ärger mit ihrem Bruder gegeben haben. Gewiß hatte Hans wegen irgendeiner Antiquität sein Konto überzogen. Spät am Abend, als Peplex sich bereits in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hatte, aus dem er direkt in sein Schlafzimmer zu gehen pflegte, kam Hans selber. »Ich habe den Engel gekauft«, sagte er sofort, als sie in den Salon getreten war. »Welchen Engel?« fragte sie erstaunt. Sie mußte sich erst an die Photos erinnern, die er damals von jenem seltsamen Fund von Cati gezeigt hatte. »Ein Monumentalwerk, ganz große Sache. Den Engel vom Grabmal des Santiagoritters D. Alonso de Cardenas. Er war sogar Hochmeister dieses Ordens.« »Der Engel war doch schon verkauft?« Sie besann sich darauf, daß eine Amerikanerin ihn für vierzigtausend Dollar gekauft haben sollte. »Er war verkauft, aber die Käuferin konnte das Geld nicht auftreiben. Ich habe die Figur für fünfunddreißigtausend erhalten.« »Dollar oder Mark?« »Dollar.« »Donnerwetter!« »Es ist nicht teuer. Bei dem Brunnenwerk des Juan Guas sind in London zweihunderttausend erzielt worden.« »Hattest du denn das Geld flüssig?« »Nicht ganz. Ich habe meinen Wagen verkauft, den ich sowieso nicht ausnutzte.« »Für deinen Wagen kannst du doch höchstens viertausend Mark erhalten haben.« »Fünftausend! Aber ich erspare nun jeden Monat den Chauffeur und die Garage. Ich habe natürlich auch Wechsel ausgestellt. Einiges Geld hatte ich ja auch auf der Bank, etwa vierzigtausend Mark.« »Du bist wahnsinnig!« »Was heißt wahnsinnig? Ich nehme im Jahr meine sechzigtausend ein. Dann besitze ich noch die Obligationen, die wir von Mutter geerbt haben. Sie bringen nur so verdammt wenig Zinsen, und für die Wechsel muß ich zahlen. Willst du mir nicht meinen Anteil an diesen Obligationen abkaufen?« »Nein«, sagte sie. Es klang vielleicht ein wenig schärfer, als es in ihrer Absicht lag. »Ich brauche mein Geld. Ich will nämlich für längere Zeit verreisen.« »Das ist schade!« »Ich weiß nicht, ob es schade ist. Mir wird es sehr gut tun, einmal aus Europa herauszukommen. Aber sprich nicht darüber. Vater weiß noch nichts.« »Peplex hat gemerkt, daß ich die Obligationen verkaufen will. Er war wütend. Aber mein alter Freund Edmund Stahl sagt, daß man seinen Lastern jedes Opfer bringen müßte.« »Dein alter Freund Stahl war ein furchtbarer Kerl!« »Danke! Aber kannst du meine Obligationen nicht wenigstens beleihen?« »Ich verzichte großmütig auf dieses verlockende Angebot!« »Hm«, machte er kurz und bemühte sich, ein neutrales Thema anzuschlagen. Aber es wollte nicht recht gelingen. Hildegard merkte, daß er verstimmt war. Armer Kerl, dachte sie. Immerhin brauchten hunderttausend Mark ihrem Bruder nicht das Genick zu brechen. Peplex konnte ihm die Obligationen abkaufen, wenn er sie in der Familie behalten wollte. »Mußtest du denn durchaus diesen Engel kaufen?« fragte sie, noch einmal auf das Thema zurückkommend. »Da war doch die Sibylle für zehntausend Dollar zu haben?« »Nein, die Sibylle war nicht mehr zu haben.« »Hast du den Engel von Schabrack gekauft?« »Nein, Schabrack vermittelte nur. Besitzer war ein Herr Schneiders aus dem Industriegebiet.« Sie wurde das undeutliche Gefühl nicht los, daß bei dieser Geschichte etwas nicht in Ordnung war. Es sah fast so aus, als ob ein gerissener Spekulant ihren Bruder zunächst auf zehntausend und dann auf fünfunddreißigtausend Dollar eingeschätzt hätte. »Bist du ganz sicher, daß es sich bei diesen Sachen um keine Schiebung handelt?« »Wenn die Sachen echt sind, sind sie den Preis wert«, sagte er. »Und wenn sie gefälscht sind?« »Es ist ausgeschlossen, daß sie gefälscht sind. Ich habe den Professor Ambrus um Rat gefragt.« »Ah, Ambrus! Und was sagte der?« »Ambrus sagte, daß bei allen neuen Funden etwas von Fälschungen gemunkelt würde. Er persönlich hielte die Sachen aus dem Fund von Cati für so echt, daß er sogar Doktorarbeiten darüber machen ließe.« »Und Geheimrat von Bock?« Sie sahen sich an und lächelten, des alten Scherzes von dem Fälscherverband sich entsinnend. »Aber lassen wir den Geheimrat, er ist ein allzu strenger Herr. Bist du übrigens zu dem Bankett für Torner eingeladen?« »Ja, ich bin eingeladen. Ich habe doch einmal dieses Bild von ihm besessen.« »Ich werde auch kommen«, sagte sie. »Weißt du, daß ich mich inzwischen mit Torner sehr angefreundet habe?« »Das weiß ich nicht. Aber Torner hat die Geschichte mit dem Bild, das er zweimal gemalt hat, geschadet. Ich zum Beispiel hätte das Bild damals nicht gekauft, wenn ich gewußt hätte, daß noch ein zweites Exemplar existiert. Habt ihr darüber gesprochen?« »Nur flüchtig«, sagte sie ausweichend und ärgerte sich über Torners Dummheit. Am nächsten Tage berichtete sie Torner von der Verlegenheit ihres Bruders, und dabei mußte sie endlich jenes Zusammensein mit Sibylle Marcks erwähnen. Sie war erstaunt, welchen Eindruck diese Vorgänge auf ihn machten. Er wollte alles ganz genau wissen. »Bitte,« sagte er mit seinem ernstesten Gesicht, »deinem Bruder war also aufgefallen, daß sich bei allen diesen Stücken das gleiche Gesicht wiederholte? Und durch einen Zufall erfuhr er, daß dieses Gesicht eine täuschende Ähnlichkeit mit Sibylle Marcks haben sollte? Und er schrieb Sibylle daraufhin einen Brief?« »Mein Gott, was hast du?« fragte sie erstaunt. »Ich will die Zusammenhänge wissen!« sagte er barsch. »Ein Dr. Goldbaum hat bei Schabrack einen Vortrag über den Fund von Cati gehalten? Es war keine Presse dazu eingeladen?« »Ich glaube nicht, denn ich habe keine Besprechung darüber gelesen.« »Merkwürdig, höchst merkwürdig! Und nun saßt ihr in der Weinstube zusammen und verglicht die Photos mit Sibylle? Und daß gerade du dabei sein mußtest!« Sie wußte nicht, worauf er hinaus wollte. »Es war eine ausgesprochene Familienähnlichkeit mit Sibylle vorhanden. Das ist wirklich der richtige Ausdruck, denn eine persönliche Ähnlichkeit lag kaum vor.« »Ja,« sagte er, »Familienähnlichkeit wird in der Tat der richtige Ausdruck sein.« Er ging an den Vorhang, der die linke Seite des Ateliers abteilte, und zog ihn zurück. »Was ist das?« fragte sie erstaunt. Sie sah das Bild von der Akademieausstellung, aber mit dem ausgeführten Kopf. »Das ist ja das Gesicht!« rief sie erschrocken aus. »Wie kommst du zu diesem Kopf? Ist das Sibylle?« »Nein,« sagte er, »es ist ihre Mutter!« »Nora Velten?« »Ja, Nora Velten!« Sie konnte die Augen von dem Gesicht nicht loslösen. Das war Nora Velten! Und genau dieses Gesicht kannte sie von den Photos ihres Bruders. »Wie kommst du –« Ihr versagte die Stimme. Hatte er diese spanischen Sachen vielleicht gefälscht? Die Übereinstimmung der Gesichter war zu groß. Die Gedanken wirbelten ihr hinter der Stirn. Ließ dieser strenge Arbeiter, der sich der Zeit verpflichtet fühlte, doch seine Träume in fremden Stilen herumvagabundieren? Wollte er deshalb bis nach der Südsee entfliehen, oder stieg dieser irrsinnige Plan aus demselben Grunde auf, dem diese nachgemachten Kunstwerke entwachsen waren? Von allen Seiten flogen die Zweifel und Beobachtungen herbei und fügten sich in einer zwingenden Art zur Einheit, und dann stürzte das Gebäude wieder zusammen. Sie drehte sich nach Torner um. Er saß im Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. »Sage mir nur das eine, Erich! Sind die spanischen Sachen Fälschungen?« Er rührte sich nicht. »Ich will nicht wissen, wer sie gefälscht hat. Aber sind es Fälschungen?« Auch jetzt blieb er mit den Händen vor dem Gesicht sitzen. »Frage mich nicht!« antwortete es endlich aus ihm heraus, mit einer Stimme, die sie nicht an ihm kannte. Sie nahm schweigend Hut und Mantel und ging hinaus. Er schien es nicht einmal zu bemerken. XVI Günther Filscher wunderte sich selbst über seinen Mut, dem Geheimrat nichts von seinen Entdeckungen mitzuteilen. Er gab lediglich einen kurzen Bericht über seine Unterredung mit Torner. Der Geheimrat hörte kaum zu. Er war völlig von der Neuordnung der Sammlungen im Palais des Prinzen Ferdinand in Anspruch genommen. Das riesige Schultergerüst beugte sich über Akten und aufgeschlagene Mappen. Trotzdem hatte er jedes Wort aufgenommen. Sein Gedächtnisapparat registrierte den Vorfall mit Torner mechanisch. Wenn es an der Zeit war, würde er darauf zurückkommen. Er ließ die Ereignisse wie auf einem laufenden Band an sich vorübergleiten. Es genügte ihm, sie einmal betastet zu haben. Alles, was sich in der Berliner Museenwelt zutrug, lief wenigstens einmal durch diesen Raum, der sich ständig veränderte. Manchmal sah er kahl wie ein verlassenes Atelier aus. Die riesigen Glasfenster ließen nur kaltes Nordlicht ein, die weißen Flächen standen wie die ausgestülpten Flächen eines geometrischen Versuchswürfels. Dann wieder war er mit Gipsabgüssen erfüllt und machte den Eindruck einer gigantischen Welt, deren Farben erblichen waren. Dann wieder waren die Wände mit Stoffen bespannt und trugen dicht bei dicht über dem weinroten Untergrund die berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte. Es war ein Tanz ungeheurer Kapitalien und ungezählter Jahrhunderte, die durch diesen Raum gespensterten. Der Geheimrat liebte das Veränderliche, Fließende. Deshalb wurde auch der neue Museumshochbau nie fertig. Er war wie die Kunst selber, an deren Dom unaufhörlich gearbeitet wurde. Die Treppengerüste und die Fahrstühle liefen durch leere Stockwerke, deren Betonwände soeben erst gegossen waren. In dem Stockwerk unter den Büros waren wenigstens die Zimmerleute schon eingezogen. In den Verwaltungsräumen selbst blieb alles improvisiert. Die Glasplatten des Kuppelhauses waren immer noch nicht fertig gelegt. Einige Korridore wurden durch Bretterverschläge mit darübergenagelter Dachpappe notdürftig vor Regen geschützt, und da an ein Funktionieren der Zentralheizung nicht zu denken war, standen in allen Zimmern kleine eiserne Öfen und steckten die Rohre nach Belieben ins Freie. Man nahm an, daß der Geheimrat diesen Übelständen seit etwa zwei Jahren hätte abhelfen können. Er wollte es anscheinend nicht. Die Atmosphäre von Schutt und Mörtel, von Betonklötzen und Malerleitern war ihm unentbehrlich. Nach außen schützte er Geldmangel vor, und vor irgendwelchen Kommissionen konnte er mit bewegter Stimme auf die Unbequemlichkeiten hinweisen, denen er und seine Mitarbeiter sich unterziehen müßten. »Es ist gut«, sagte er, ohne aufzublicken. Filscher war entlassen. Innerhalb eines Nachmittags hatte der Assistent Näheres über Erich Torner und die Damen Marcks erfahren. Die wenigsten Menschen wußten, daß die ehemalige Frau Marcks ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte und in der Schöneberger Wohnung mit ihren Töchtern wohnte, aber auf die Ehetragödie selbst besannen sich fast alle, die mit den Personalien des Berliner Kunstlebens vertraut waren. Fast niemand konnte sich erinnern, Nora Velten in den letzten Jahren gesehen zu haben, und gleich ihr war Anton Marcks aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Einer oder der andre hatte ihn durch Zufall in einem der kleinen Restaurants am Roseneck bei einer Flasche Wein sitzen sehen. Noch immer sollte er das breite strahlende Gesicht mit den freundlichen Augen haben, die allen Menschen vertraulich zuzublinzeln schienen. Aber es war doch etwas um ihn, daß man nicht recht das Wort an ihn zu richten wagte. Mit geringer Mühe hatte Günther Filscher auch das Theater herausbekommen, an dem Sibylle Marcks beschäftigt war, und sie in ihrer Rolle gesehen. Sie war auf der Bühne genau so, wie er es erwartet hatte, von einem künstlerischen Ernst, der weit über den gegebenen Anlaß hinausschoß. Ich möchte sie wirklich gern unter andern Auspizien kennenlernen, gestand er sich, und bedauerte, daß er sie umschleichen mußte wie ein Wild. Er hatte sich klargemacht, daß es das taktisch Richtige war, wenn er über die junge Schauspielerin den Zugang zu den Menschen suchte, die in das Geheimnis verflochten waren. Auf welche Weise aber konnte er sich ihr nähern? Ich muß sie kennenlernen, schwor er sich jeden Tag und wartete vor dem Bühnenausgang auf sie. Er kannte bald die Minute, in der sie fast als Letzte das Theater verließ und mit dem Auto davonfuhr. Er wartete stundenlang vor ihrem Hause, um ihre Tageseinteilung kennenzulernen. In einer bestimmten Elektrischen konnte er sie am Morgen antreffen, wenn sie zur Probe fuhr. Manchmal sah er sie an der Haltestelle stehen und warten. Er war kaum fünf Schritte von ihr entfernt und wich ihrem Blick aus. Er hatte keine Ahnung, wie dieses Spiel jemals zu Ende gebracht werden sollte. Torners Geburtstag setzte er sich als Termin, er wußte nicht wofür. Vielleicht konnte er sich bei der Eröffnung der Ausstellung ihr vorstellen lassen. Aber er wußte voraus, daß er alle Gelegenheiten unausgenutzt lassen würde. Verbotenerweise ließ er sich von den spanischen Photos in der photographischen Abteilung Abzüge machen. Er wollte die Blätter zu Hause haben. Es war eine merkwürdige Vorstellung, daß er dadurch seinem Ziele näher kommen könnte. Er suchte sogar die entlegene Hagenstraße im Grunewald auf, promenierte an dem Garten vorüber, in dem das Atelierhaus zwischen Linden versteckt lag, und spielte mit der Kühnheit, einfach Anton Marcks seine Karte hineinzuschicken. Weshalb durfte man als Kunsthistoriker nicht einen Bildhauer besuchen? Als er das viertemal die lange Allee vom Roseneck hinuntergewandert war, klinkte er zu seiner eigenen Überraschung plötzlich die Gittertür auf, ging durch die Beerensträucher geradeswegs auf die braune Holztür los und drückte auf einen weißen Porzellanknopf. Eine blonde Frau mit dem Baby im Arm öffnete. »Verzeihung, ich hätte gern Herrn Marcks meinen Besuch gemacht.« Die blonde Frau sah ihn von oben bis unten an. Er wußte nicht, ob es einen Zweck hatte, die Visitenkarte vorzunehmen. »Herr Marcks ist im Atelier«, sagte die Frau und ließ ihn eintreten. Sie langte hinter ihm her nach der Ateliertür und klopfte. »Hm!« brummte eine Stimme von innen. »Gehen Sie bitte hinein!« sagte die Frau. In diesem Augenblick erst legte sich Günther Filscher die Arbeiten zurecht, die er von Marcks kannte. Es waren Öl, Graphik und Plastiken. Eigentlich hatte er diese Arbeiten nie besonders eingeschätzt. Er bewertete sie als einen Eklektizismus von sehr anständiger Haltung. In Windeseile ging ihm das durch den Kopf, ehe er die Tür aufmachte und eintrat. »Verzeihen Sie die Störung, Herr Marcks!« Weiter kam er nicht, denn neben dem blonden Riesen sah er auf einem Holzblock Sibylle sitzen. »Was wünschen Sie?« fragte der Bildhauer. Filscher reichte ihm seine Karte. »Ich bin Kunstgeschichtler und bitte von Zeit zu Zeit einen der führenden Künstler um die Erlaubnis, mir seine Arbeiten betrachten zu dürfen.« Das kam sicher genug heraus. »So«, sagte der blonde Riese, blinzelte ihn belustigt an und strich sich über den blonden Bart. »Bitte, sehen Sie sich um, wenn es Ihnen Freude macht.« Die Augen der jungen Dame ruhten währenddes fragend auf Filschers Gesicht. Er wurde nicht daraus klug, ob sie ihn wiedererkannte. In diesem Augenblick kam ihm die Geschichte mit dem Taschenspiegel unsagbar dumm vor. Sibylle mußte glauben, daß er sie bis hierher verfolgte. »Herr Dr. Günther Filscher,« las Marcks von der Karte ab, »meine Tochter!« Sibylle nickte mit dem Kopf. Er wußte nicht, ob sie ein klein wenig dazu lächelte. »Was wollen Sie denn sehen? Hier ein Kriegerdenkmal für eine kleine rheinische Stadt. Dort ein Zentaur. Das ist eine Badende.« »Sehr interessant«, sagte Filscher und ging um die Figuren herum. Sie waren stärker und eigenartiger, als er sie in Erinnerung hatte, wenn auch keine dieser Gruppen den Vergleich mit Torners Arbeiten aushielt. Aber es war schwer zu schauen, wenn man Sibylles Augen auf sich gerichtet fühlte. Dem Bildhauer schien der Besuch angenehm. Er machte Filscher auf einige glücklich gelöste Probleme aufmerksam, holte aus einer Schublade Photos früherer Arbeiten und übersetzte sie mit großen Armbewegungen wiederum ins Plastische. Allmählich wurde es Filscher klar, daß dieser Anton Marcks ein erstaunliches Können hatte. Keine große vorwärtstreibende Persönlichkeit sprach sich in seinen Arbeiten aus, aber überall trat die urgesunde künstlerische Anlage hervor, vermischt mit einem kleinen spielerischen Hang zum technischen Spintisieren. Filscher mußte an seinen Besuch bei Torner denken. Bei diesem war alles problematischer, brüchiger, zernervender gewesen. Man kam aus der zugespitzten Diskussion nicht heraus. Bei Marcks hingegen herrschte eine menschlich warme Atmosphäre. Dieser blonde Riese war wie ein gutmütiges Tier voll von den Geheimnissen der Tiere. Gewiß hatte er über keine der Fragen nachgedacht, die Torners Gehirn zermarterten, aber sie waren durch ihn hindurchgegangen und lagen nun groß und offen als Lebensresultate da. Wenn das Gespräch abriß, war immer noch des Bildhauers freundliches Augenzwinkern im Raum. Die Marmor- und Tonmassen türmten sich beruhigend wie ein Labyrinth zum Versteckspielen. Zwischen den Blöcken stand man gewissermaßen im Windschatten und fühlte sich seltsam geborgen. Nur von Sibylle her griff eine prickelnde Befangenheit herüber und drückte das Herz ein wenig zusammen. Günther Filscher wagte nicht, das Wort an sie zu richten, und sie blieb schweigend mit übereinandergeschlagenen Beinen auf ihrem Holzblock sitzen und folgte den Bewegungen der Männer mit großen Augen. Manchmal dachte er, daß sie vielleicht mit ihm zusammen fortgehen würde. Aber der Zeitpunkt, an dem er eigentlich hätte aufbrechen müssen, war längst vorüber. »Kommen Sie gelegentlich wieder!« sagte Anton Marcks. Sibylle reichte ihm diesmal die Hand, als er sich vor ihr verbeugte. Er dachte, sie würde »Auf Wiedersehen!« sagen, aber sie sah ihn nur ernst an und nickte ihm zu. Als er nach Hause kam, fand er die Vervielfältigungen nach dem Fund von Cati auf seiner Bude vor. Es erschien ihm als Symbol eines neuen Lebensabschnittes. Auf einmal, da nun die große Mappe an dem Schrank lehnte, war ihm sein lange vernachlässigtes Zimmer lieb. Er schob den Schreibtisch in die Fensternische, was er immer tat, wenn er sich vornahm, mehr zu Hause zu arbeiten, und schrieb noch vor dem Abendessen einige Briefe, an seine Eltern, an seinen alten Gymnasiallehrer, an eine Tanzstundenfreundin, die in einem Industriebüro Stenotypistin war. An diese Freundin schrieb er immer, wenn er keine Möglichkeit hatte, die Briefe zu schreiben, die er eigentlich schreiben wollte. Mit diesem Nachmittag war alles anders geworden. Er hatte über eine Stunde mit Sibylle in demselben Raum verbracht. Wenn er ihr jetzt begegnete, konnte er sie grüßen und sogar ansprechen. Aber er würde es in den nächsten zwei, drei Tagen nicht tun. Vielleicht würde er nun sogar Torners Geburtstag vorübergehen lassen, ehe er etwas unternahm. Er richtete sich wie auf ein langes Warten ein. Wenn er die Mappe mit den Photos durchsah, überraschte er sich dabei, wie er nicht die Züge von Frau Velten, sondern von Sibylle auf den Blättern suchte. Er brauchte nur die Stirnpartie ein wenig zu überdecken und die Perspektive der Mundpartie zu verändern, so wurde Sibylle auf den Blättern sichtbar und schaute ihn in schmerzlicher Erhöhung aller Sinne an. Vielleicht hatte Nora Velten die Leidensstationen dieser Heiligenbilder durchschritten, von den beseligenden Entzückungen heiliger Verkündung bis zu den Tränen, die in schweren blutigen Tropfen über die versehrten Wangen liefen. Vielleicht hatte der Meister sie in Wirklichkeit so gesehen, wie er sie hier dargestellt hatte. Dann war es so, daß Torner, der eigenwillige und stahlharte Künstler, in diesen Schöpfungen seine Tränen geweint hatte, die er sonst seinen scharfen Augen nicht abpressen konnte. Manchmal wurde Günther Filscher von einer scheuen Ehrfurcht vor diesen Blättern erfaßt, und über alle Erschütterungen vor dem Schicksal dreier Menschen hinaus, das hier Gestalt gewonnen hatte, ergriff ihn mit fast körperlicher Gewalt die ungeheure Kunst dieser Werke. Hatte er nicht einmal von feiger Flucht in einen fremden Stil gesprochen? Jetzt schien ihm hinter diesen Fälschungen ein Gestaltungswille und eine Tiefe der Erfindung von solcher Kraft zu stehen, daß sie notwendig die Formen der Zeit sprengen und sich in gotterfülltere Jahrhunderte einsenken mußte. Er wußte: es war Nora Velten, die hier dargestellt war. Aber gerade Sibylle erschien ihm im Spiegel dieser magischen Erhöhung. Ihm war, als wäre auch sie in das seltsame Schicksal eingeflochten, das zu entwirren ihm bevorstand. Welch ein seltsames Band hielt ihn jetzt mit diesen Menschen zusammen! Vielleicht schuf Torner in der Stille der Nacht noch immer Werk auf Werk. Ein geheimnisvoller Apparat arbeitete über Länder und Meere hinweg, um diese Schöpfungen vorsichtig in den Handel zu bringen. Das spannte von Detroit, Chicago, Buenos Aires über London, Paris und Rom bis hierher. Da standen Marmorkolosse in dunklen Schuppen, da fuhren Frachtkisten in unauffälligen Eisenbahnwaggons durch ganze Erdteile. Und gleichzeitig war die Gegenkraft an der Arbeit mit chiffrierten Depeschen, Späheraugen, die die Hinterzimmer der kleinen Kunsthandlungen zu durchwühlen versuchten, mit Röntgendurchstrahlungen, chemischen Analysen, Stilvergleichungen. Und nun stand er, Dr. Günther Filscher, hier, und ein Zufall hatte ihm das Geheimnis offenbart. Das Blinkzeichen rief ihn nach einigen Tagen in das Zimmer des Geheimrats. »Was Neues mit den spanischen Sachen?« Zögernd verneinte der Assistent. »Behalten Sie diese Angelegenheit im Auge!« Von Bock reichte ihm den Ausschnitt aus der Mittagszeitung über die Madonna der abgebrannten fränkischen Kapelle herüber. »Ich habe es schon registriert.« »Meiner Meinung nach ist da das gleiche Fälscherkonsortium am Werk. Es sollte mich wundern, wenn die Madonna nicht die uns wohlbekannten Züge trägt.« »Ich habe daran gedacht.« »Gut!« Der Geheimrat begann bereits in Papieren zu kramen. Aber er fing noch einmal an: »Übermorgen ist dieser fünfzigste Geburtstag von Torner. Die Geschichte mit dem doppelt gemalten Bild hat mir nicht gefallen. Wie denken Sie darüber?« »Ich möchte mir kein Urteil anmaßen.« »Ich möchte es auch nicht, Verehrtester, aber ich muß. Liebermann und ich werden beide bei der Eröffnung der Ausstellung nicht sprechen, und bei dem Bankett werden Sie mich vertreten, nicht wahr? Zur Feier eines Herrn, der seine Bilder doppelt verkauft, schlinge ich keinen solchen Fraß ein. Das werden Sie also für mich tun!« »Sehr wohl, Herr Geheimrat!« »Alles übrige sagt Ihnen Meyerholt. Sehen Sie sich auch einmal die Tischordnung an, die Meyerholt fabrizieren sollte. Die faule Akademie hat das Arrangement bekanntlich wieder einmal in unsre Hände gelegt.« »Sehr wohl, Herr Geheimrat!« Filscher blieb draußen aufatmend stehen, ehe er zu Kanzleirat Meyerholt in die Personalabteilung ging. Er würde das Bankett mitmachen! Er würde vielleicht neben Sibylle sitzen können! »Ich vertrete den Geheimrat bei dem Tornerbankett«, sagte er zu dem alten Herrn. Der Alte sah ihn über die Brille hinweg an. »Herr Professor Torner ist in Ungnade gefallen!« konstatierte er. »Ich hörte, Liebermann wird auch nicht erscheinen.« »Nein, der offizielle Glanz ist dahin.« Es machte dem Kanzleirat Spaß, daß einer dieser Modernen nicht höchster Ehren teilhaftig ward. Es war einiges über die Reihenfolge der Toaste zu verabreden. Und dann die Tischordnung! Der Kanzleirat hatte schon in Zeiten kaiserlichen Glanzes Tischordnungen gemacht. Er kannte Alter und Rang von allen Maßgebenden und witterte sie bei andern. Auch ohne des Geheimrats Geheiß hätte Günther Filscher diese Tischordnung durchflogen. An nichts anderes hatte er gedacht, seit er wußte, daß er nun an dem Fest teilnehmen würde. Sibylle würde dort sein! Natürlich würde sie dort sein! Er sah den Namen einer jungen Malerin neben dem seinen. »Hier muß jemand anderes sitzen«, sagte er zu dem Kanzleirat. Er suchte Sibylle in den langen Reihen und fand sie. »Hier, Fräulein Sibylle Marcks sitzt neben mir!« »Recht!« sagte der Alte lächelnd und tauschte die Namen um. Aufgeregt kam Günther Filscher in sein Büro zurück. Er konnte nicht arbeiten, sondern trat ans Fenster. Da lag noch immer Berlin wie ein Sinnbild des Lebens hinter der großen Scheibe. Im Glast des sonnigen Oktobermittags verlor sich das Gebrodel der westlichen Vororte. Das Dächermeer und die grünen Plätze dazwischen dampften in Perlmutterfarbigkeit. Noch immer dachte er mit einem leisen Schauer den einen Namen: Berlin! So war es damals gewesen, als die erste Nachricht über den Fund von Cati zu ihm gekommen war. Wenige Tage waren seitdem vergangen. Das Wetter hatte sich kaum verändert, noch immer hielten diese sonnigen Oktobertage an. Nur mit ihm war alles anders geworden. Er hatte das Ende des einen Fadens erfassen können und würde es nun nicht mehr loslassen. Er hatte nichts mehr zu tun, als die Zeit auszulöschen, bis er vor Sibylle stand. Als er abends in seinem Zimmer saß, konnte er es nicht ertragen, Sibylle an diesem Tage nicht wenigstens einmal gesehen zu haben. Er stellte aus der Zeitung fest, daß sie spielte, und stand in zwanzig Minuten vor dem Theater. Es war noch früh. Er kannte dieses Bild nun schon: das innere Vibrieren des dunklen Baus, die glimmenden Zigaretten der Chauffeure, das Auf- und Abgehen wartender Menschen. Dann das Aufzischen der Bogenlampen und endlich das Herausschießen der ersten Eiligen aus dem Torgang. Er sah Sibylle kommen, den Mantel hochgeschlagen, das Gesicht in dem Pelzkragen versteckt. Er stand im Dunkel. Es war unmöglich, daß sie ihn erkannte. Aber lächelte sie ihm nicht zu? Plötzlich stand ein Herr bei ihr und zog den Hut. Günther Filscher zuckte zusammen. Wer war das? Er erkannte im Licht der Laterne das bleiche unschöne Gesicht mit den fast ausgelöschten Augen. Das war der Herr, der mit Zwingermann und Schabrack im Café Elsenheim zusammengesessen hatte! Dr. Durlacher von dem bekannten Bankhaus Düsen \& Durlacher sollte es sein. Was hatte der mit Sibylle zu tun? Aber das hing alles zusammen! Das kreiste alles geheimnisvoll um den »Fund von Cati«. Er folgte den beiden mit den Augen. An der Straße stiegen sie in ein Auto und fuhren davon. XVII Dr. Hans Durlacher führte Sibylle Marcks die breite, mit einem roten Teppich belegte Treppe zu seiner Wohnung im alten Westen hinauf. Sie gingen schweigend nebeneinander her. An den Absätzen klirrte das Gitter des Liftschachtes leise, und der Klang zitterte zur Höhe hinauf. Löwenköpfe aus Messing hielten an Gehängen eine dicke Schnur aus rotem Samt, die sich wie eine Schlange ringelte. Die Marmorbekleidung blinkte wie unter Wasser, das darüber zu rieseln schien. Die Etagentüren standen dunkel aus geschnitzter Eiche wie die Portale alter Dome im Halbdunkel der diskreten Treppenbeleuchtung. »Wir hätten doch den Fahrstuhl nehmen sollen«, sagte er. Sie schüttelte den Kopf. Er merkte, daß sie die allzu große Nähe in einem so kleinen Raum mit ihm vermeiden wollte. Weshalb eigentlich? Er würde sie nicht anrühren. Diese Sibylle gehörte für ihn in das Reich traumhafter Entrücktheit. Er war nicht einmal glücklich darüber, daß sie in seiner Nähe war. Eigentlich durfte sie nicht aus der Ferne entlegener und unwirklicher Jahrhunderte heraustreten. Es beruhigte ihn, daß sie jeden Abend auf der Bühne stand. Bühne, das war jenseits der Wirklichkeit. Man bedurfte eines Glases, um ihre Züge aus der Loge zu erkennen. Man konnte sie betrachten wie einen fernen Baum oder wie ein kleines Tier, das man im Okular über ein Felsplateau huschen sieht. Im Grunde wunderte er sich, daß Sibylle nach jenem Abend in der Weinstube nicht einfach aus seinem Leben verschwunden war. Zu seiner Überraschung hatte sie ihn wenige Tage später auf einer Postkarte gebeten, sich seine Sammlungen ansehen zu dürfen. So war sie bereits einmal nach dem Theater bei ihm gewesen, und sie hatten eine Stunde in dem großen Zimmer zusammengesessen, das er durch Herausbrechen einer Mauer gewonnen hatte. Gestern, als der Engel von dem Grabmal des Santiagoritters in diesem Zimmer aufgestellt worden war, hatte er sie eingeladen, die Neuerwerbung anzusehen. Wieder überraschte ihn ein wenig die Schnelligkeit, mit der sie ihren Besuch schon für diesen Abend in Aussicht gestellt hatte. Vielleicht war sie den Werken, die ihre Züge trugen, verbundener, als er ahnte. Für ihn hatte sich die lebende Sibylle mit den toten Kunstwerken auf eine magische Weise verschmolzen. Ohne die Begegnung mit ihr hätte er sich niemals hinreißen lassen, über seine finanziellen Kräfte hinaus jenen wunderbaren Engel des Grabmals zu kaufen. Es war, als wäre durch sie seine Leidenschaft von den Nerven und dem Gehirn ins Blut übergegangen und hätte ihn zu jeder Torheit fähig gemacht. Die Grenzen zwischen seinem Beruf und den einsam in der Wohnung verbrachten Abenden und Nächten waren ihm eingesunken. In seinem Büro hing er zwei präraffaelitische Bilder auf, und plötzlich begann er damit, Akten aus dem Dienstbetrieb mit nach Hause zu nehmen. Dann saß er an seinem Schreibtisch aus strenger Renaissance, umgeben von den Künstlerträumen romanischer, gotischer Jahrhunderte, und arbeitete, bis ihm die Feder aus der Hand fiel. Nie verrechnete er sich in solchen Stunden, wenn er schwierige Rechnungen auszuführen oder zu prüfen hatte. Unter dem Brodem seiner Gefühle und Gedanken funktionierte unbeirrbar der Zahlenmechanismus, der in irgendeinem Zellenkomplex seines Gehirns verborgen war. Er hörte früher auf, lesen als rechnen zu können. Wollüstig trank er den Zauber dieser Stunde ein. Schließlich brachte er jeden Tag Abrechnungen und schwierige Aufstellungen nach Hause mit. Seine unpoetische und dennoch phantastische Arbeit war ihm Ersatz für die an solchen Abenden schmerzlich vermißte Fähigkeit, schreiben zu können. Er fühlte genau, was er unter dem Licht der Moscheeampel, bei dem Duft der Räucherkerzen und der schweren Blume des dicken gelben Weins eigentlich hätte schreiben müssen. Ihm schwebte eine Mischung von d'Annunzio und Verlaine vor, etwas, das schwer und purpurn in einem Strombett aus Gold und Basalt dahinrann. Aber auch Lektüre, die er sich nach seinem Geschmack aussuchte, konnte ihn nicht derart befriedigen wie die Beschäftigung mit den Zahlen und Ziffern, die etwas Traumhaftes für ihn hatten und seltsame Symbole durcheinanderspielten. Gesetzmäßigkeiten kehrten immer wieder und zerstoben vor andern Gesetzmäßigkeiten. Es war ein Wogen und Gleiten von Kräften und Vorstellungen. Fünf waren die Finger einer Hand, sieben die Planeten. Legte man die andre Hand dazu, dann gab es plötzlich die Primzahl siebzehn. Welche Welten trennten sie von dreizehn etwa oder von dreiundzwanzig! Manche Zahlen schwammen über den dunklen Wassern ihres arithmetischen Aufbaus, hatten lange Wurzelenden in die Tiefe gesenkt. Manche wiederum stachen wie Korallenriffe heraus, aus einem Guß, hart und knöchern, nicht zu zerlegen. Solcher Art waren die Sensationen, die er erlebte. Durch den Kauf des Engels hatte er sich mit einem Schlage aller Mittel entblößt und hunderttausend Mark Schulden gemacht. Eigentlich war ihm diese Angelegenheit eine Enttäuschung gewesen. Er hatte mit einem Schwanken seiner ganzen Existenz gerechnet. Als er aber einmal Zwingermann zugesagt hatte, die Summe von einem Tag auf den andern aufzubringen, da war der Geschäftsmann in ihm aufgesprungen, hatte die Situation klar ins Auge gefaßt und gerechnet. Das Auto und den Chauffeur konnte man aufgeben. Vierzigtausend Mark waren einfach dem Konto zu entnehmen. Das übrige erhielt man auf Wechsel, wobei ein beträchtlicher Teil durch hinterlegte Obligationen gedeckt war. In drei Jahren waren diese Wechsel zu begleichen. Das bedeutete, daß man kaum noch zweitausend Mark im Monat für sich hatte. Früher waren es fünftausend gewesen. Man mußte einen neuen Haushaltsplan machen, wenn von der Beschränkung nach außen nichts sichtbar werden sollte. Es war nichts mit dem ungewissen Sprung ins Dunkle. In vierundzwanzig Stunden war alles bestens geordnet. Eigentlich war nichts geschehen. Die große Verwandlung war ausgeblieben. Und wer weiß, vielleicht konnte man den Engel in kurzer Zeit nach Amerika um das Doppelte verkaufen und so jenen Zauberbann brechen, der ihn mit diesem jungen Mädchen verband. Ah! machte Sibylle unwillkürlich, als sie den Raum betrat. Ein handschmiedeeiserner Lettner aus einer Renaissancekapelle war vor die weiße Marmorfigur gestellt. Dahinter stieg der Engel als weiße kühle Flamme vom Boden auf, schwebte über einem weiten Trümmerfeld, totenernst, nicht klagend und nicht getröstet, nicht vernichtet und nicht jubilierend, einfach mit seinem großen beschwingten Ausdruck, der voller Rätsel war wie der Tod, vor dem er die Wache hielt. In der Ecke brannte eine kleine »ewige Lampe«. Ihr rotes Licht floß wirkungslos von dem Marmorkörper ab, kaum einen rötlichen Schimmer auf den Schultern zurücklassend. »Verzeihen Sie,« flüsterte Sibylle, »ich möchte mit diesem Engel einige Minuten allein sein. Nur einige Minuten!« »Gewiß!« sagte Dr. Durlacher und ging leise hinaus. In der Tür warf er einen flüchtigen Blick zurück. Sibylle stand mit gefalteten Händen. Sie sah aus, als ob sie im nächsten Augenblick niederknien würde. Seine Hand zitterte leise auf der Türklinke. Sibyllens Bitte hatte ihn überrascht. Wieder empfand er den magischen Zusammenhang zwischen ihr und diesen gotischen Werken. Es ging wie ein Rätsel zwischen ihr und dem Marmor hin und her. Das war wie unsichtbare elektrische Ströme. Mit vollkommener Deutlichkeit sah er sie in Gedanken vor sich, wie sie vor dem Engel kniete und mit den Lippen seine Füße berührte. Er hätte durch das Schlüsselloch sehen können. Er tat das manchmal, um in einer Art Selbsttäuschung von draußen einen gewissermaßen verstohlenen Blick auf seine Schätze zu werfen. Man konnte durch das Schlüsselloch gerade die Marmorfigur erkennen. Aber er wandte sich ab, um nicht der Versuchung zu erliegen. Es konnte nur einige Augenblicke gewesen sein, als Sibylle die Tür öffnete. »Ich danke Ihnen«, sagte sie mit einer freien und natürlichen Stimme. »Dieser Engel ist wunderbar!« Sie machte Anstalten zu gehen. Erschrocken hielt er sie zurück. Er hatte in der Nische, dort wo sie vor wenigen Tagen zusammengesessen hatten, eine Platte herrichten lassen und selbst das Porzellan dazu ausgesucht. »Ach!« rief sie entzückt aus. »Es stammt aus dem Besitz des Herzogs von Leuchtenberg. Sie werden ihn als Eugen Beauharnais und Stiefsohn Napoleons kennen.« »Entschuldigen Sie die dumme Frage: Sind diese Sachen nun schöner dadurch, daß sie aus einem solchen Besitz stammen, oder spielt da eine Art Snobismus hinein?« Er lächelte. »Es ist doch immerhin ein eigenartiges Gefühl, sich der Teller einer historischen Persönlichkeit zu bedienen. Haben Sie keinen Sinn dafür?« »Offen gestanden, nein. Ich würde nur Sachen um mich dulden, zu denen ich ein ganz persönliches Verhältnis habe.« »Aber Sie selbst haben soeben bei dem Engel des Gil de Siloe einige Minuten der Weihe verbracht!« Er hob sein Glas. Auch sie befeuchtete mit dem schweren Wein ihre Lippen, gab aber die feindliche Haltung nicht auf. »Es interessiert mich nicht, daß diese Statue von Gil de Siloe ist. Sie hat eine starke Beziehung zu meinem Leben, sie ist mir ähnlich. Vielleicht bin ich oder meine Mutter das vor fünfhundert Jahren gewesen, die dem Künstler diesen Gedanken eingab. Vielleicht habe ich als kleines Mädchen dabei gesessen, wie dieser Schöpfer meine Mutter oder mich abbildete.« »Die Werke, die Ihnen ähnlich sehen, erstrecken sich immerhin auf mehrere Jahrhunderte«, warf er lächelnd ein. »Gerade deshalb«, rief sie aus. »Vielleicht habe ich in diesen Jahrhunderten immer wieder auf der Erde gelebt und bin immer wieder gekommen. Und der Bildhauer auch. Vielleicht kommen wir auch jetzt immer noch alle hundert Jahre auf die Erde, und das Spiel wiederholt sich von neuem.« Durlacher sah sie einigermaßen fassungslos an. »Glauben Sie an Seelenwanderung?« fragte er. Seine Frage klang so komisch, daß sie lachen mußte. »An Seelenwanderung? Ja, vielleicht glaube ich daran.« Sie lenkte ab und nahm noch einmal von der Fischmayonnaise. »Entzückende Sachen haben Sie hier, Eugen Beauharnais' würdig!« Er bemerkte mit einiger Überlegenheit, daß die kleine Schauspielerin nicht verwöhnt war. Der Imbiß war schon auf seinen Zweitausendmark-Etat zugeschnitten, und ihm selber machte das Zulangen wenig Freude, da er an die französischen Sardinen, den Kaviar und die vollfleischigen Hummern dachte, die alle auf dieser Platte fehlten. Die Langusten aus der Adria machen es doch nicht, stellte er gerade bei sich fest. »Verzeihen Sie,« fing Sibylle wieder an, »von wem haben Sie eigentlich Ihre heilige Katharina und diesen Engel gekauft?« »Weshalb wollen Sie das wissen?« »Nur so, aus Neugierde. Es interessiert mich, welche Kunsthandlung solche fabelhaften Sachen auf den Markt bringt.« »Die Katharina von Zwingermann. Haben Sie den Namen schon gehört?« »Zwingermann? Nein!« »Und den Engel habe ich von Schabrack gekauft. Allerdings durch Zwingermanns Vermittlung.« »Schabrack? Ja, der ist bekannt. Und, wenn ich fragen darf, was zahlt man für solche Kunstwerke? Verzeihen Sie diese indiskrete Frage, aber es interessiert mich brennend.« Er sah sie erstaunt an. »Wenn Sie es wissen wollen: für die Katharina habe ich seinerzeit sechstausend Mark gezahlt, und für den Engel –,« er machte eine kleine Pause, während der er sich nochmals überlegte, ob er den Preis sagen sollte, »für den Engel habe ich fünfunddreißigtausend Dollar gegeben.« »Das ist viel Geld«, sagte sie ganz ruhig. Er ärgerte sich, daß diese Summe so wenig Eindruck auf sie zu machen schien. »In der Tat, es ist viel Geld.« »Fast einhundertfünfzigtausend Mark! Glauben Sie, daß diese Statue das wert ist?« »In diesen Dingen kann man nicht von Wert sprechen«, sagte er. »Die Sachen haben ihren Preis. Man zahlt sie oder man zahlt sie nicht. Der Engel war für vierzigtausend Dollar fest verkauft. Der Käufer konnte das Geld nicht auftreiben und trat zurück. Auf diese Weise erhielt ich das Werk.« »Könnten Sie es ungefähr für denselben Preis weiterverkaufen?« »Ich glaube, daß ich einmal sehr viel Geld damit verdienen werde.« »Und wenn es sich hier – um eine Fälschung handeln würde? Sind Sie ganz sicher, daß diese Statue ›echt‹ ist?« »Hervorragende Kenner halten sie jedenfalls für echt.« »Natürlich wird sie echt sein«, sagte Sibylle und erhob sich. »Jetzt muß ich aber endlich nach Hause fahren.« »Schade«, sagte er, obwohl es ihm nicht einmal unangenehm war, daß sie ging. Er bangte sich nach Einsamkeit. Er würde den Lettner öffnen und die Statue betrachten, vielleicht eine, vielleicht drei Stunden. Und er würde dabei an Sibylle denken, viel intensiver als jetzt, da sie da war. In diesem Augenblick ging das Telephon. Es war ungewöhnlich, daß man ihn um diese Zeit noch anrief, immerhin kam es vor. Man wußte, daß er meist bis zum Morgengrauen auf war. Er hob den Hörer. Seine Schwester Hildegard war es. »Du bist noch auf, das ist gut. Ich wollte dir nur etwas über deinen Engel von dem spanischen Grabmal mitteilen.« »Bitte!« »Hast du ihn fest gekauft?« »Ja!« »Dann sieh zu, daß du ihn sofort weitergibst. Es ist eine Fälschung!« »Wie kommst du darauf?« »Ich weiß es!« »Hast du vielleicht mit Bock gesprochen?« »Nein, nicht mit Bock, mit jemand anderem. Verlaß dich darauf: der Engel ist gefälscht!« »Kannst du mir nicht irgendeine Andeutung machen?« »Nein, das kann ich nicht, und ich werde es nie können. Durch einen Zufall, einen ungeheuer seltsamen Zufall bin ich in den Besitz dieses Geheimnisses gekommen. Ich kann dir nichts Näheres sagen.« »Ich verstehe dich nicht.« »Vielleicht war es dumm von mir, dich anzurufen. Aber ich wollte dich vor Schaden bewahren.« »Dazu ist es in diesem Falle zu spät.« »Wenn du energisch bist, kannst du den Kauf rückgängig machen.« »Nicht, ohne daß du mir einiges Material gibst. Aber ich vermute, daß du nur Verdachtsmomente hast.« »Sehr starke Verdachtsmomente!« »Ich glaube es nicht!« »Das konnte ich mir denken. Also denn: Gute Nacht!« »Kannst du mir wirklich nichts Näheres sagen?« »Nein!« »Dann also: Gute Nacht!« Er hängte ab. »Was ist Ihnen?« fragte Sibylle erschrocken. Sie sah, daß er kreidebleich geworden war und dicke kalte Tropfen ihm auf der Stirn standen. »Olala«, sagte er mühsam und versuchte, sich zu setzen, blieb dann aber doch stehen. »Es war jemand am Telephon!« Sie goß ein Glas Wasser ein und reichte es ihm. »Kann ich etwas für Sie tun? Soll ich einen Arzt holen?« Er wehrte ab. Die Depression war vorüber. »Es ist nicht so schlimm. Mir sagte nur jemand etwas ganz Merkwürdiges.« »Wollen Sie es mir sagen?« »Ja, ich kann es Ihnen sagen. Aber es ist natürlich Unsinn. Mir sagte jemand am Telephon, daß die Statue eine Fälschung ist. Denken Sie!« Es schien sie nicht im mindesten zu berühren. Wahrscheinlich konnte sie die Tragweite dieser Mitteilung gar nicht ermessen. Vielleicht war es der Ausdruck seines Gesichts, der sie schließlich doch erschreckte. Sie ließ das Glas, das sie in der Hand hatte, fallen. Es gab auf dem Teppich einen kurzen dumpfen Ton. »Ich dumme Gans!« rief sie aus. »Nun habe ich Ihnen das schöne Glas zerschlagen.« »Ach, das Glas!« sagte er. »Aber wenn die Statue nun wirklich unecht ist!« »Hat man Ihnen Beweise gegeben?« »Nein! Meine Schwester war am Telephon. Durch einen seltsamen Zufall wäre sie hinter das Geheimnis gekommen.« »Und Sie glauben ihr?« »Nein, ich glaube ihr nicht. Es muß ein Mißverständnis sein.« Sibylle trat vor die Ecke. Die ewige Lampe glühte auf dem Rankenwerk des Lettners, und dahinter lohte als weiße kalte Flamme der wachende Engel. Durlacher war hinter sie getreten und faßte in der Erregung nach ihrer Hand. »Und wenn es nun gefälscht wäre?« sagte sie. »Wenn nun ein lebender Künstler dieses geschaffen hätte! Wäre es Ihnen dann weniger wert?« »Es wäre nichts wert!« gab er zur Antwort. Er verstand nicht, was an seinen Worten komisch sein konnte. Aber Sibylle fing plötzlich an zu lachen. Er sah sie erstaunt an. Es war ein ganz seltsames Lachen, das er nicht zu deuten wußte. Auf einmal hielt sie ein. »Ich muß jetzt gehen!« »Bleiben Sie noch ein wenig hier!« Es war ihm unerträglich, in dieser Stunde allein zu sein. Sie schüttelte den Kopf. »Wir wollen noch über den Engel plaudern. Sie lieben ihn doch! Wissen Sie, da war ein großes Grabmal des Hochmeisters von dem Santiagoritterorden.« »Hören Sie doch auf damit! Was geht mich dieser Ritterorden an! Die Statue ist erschütternd!« »Nicht wahr? Sie kann einfach nicht unecht sein!« Es sah aus, als ob sie wieder auflachen wollte. Aber sie hielt ein und herrschte ihn an: »Bringen Sie mich hinunter!« Er griff nach den Schlüsseln in der Tasche und öffnete die Tür. Auf einmal fühlte er, daß sie nicht wiederkommen würde. Es war wie ein Abgrund zwischen ihnen aufgerissen. Er mußte etwas gesagt haben, was sie bis auf den Tod verletzte. Er wußte nicht, was es sein konnte. Sie ging vor ihm die Treppe hinunter, er wagte nicht zu sprechen. Als er die Haustür aufgeschlossen hatte, neigte sie nur schweigend den Kopf und eilte davon. XVIII Nie wieder war zwischen Hildegard Durlacher und Erich Torner die Rede von jenem Auftritt. Vielleicht glaubten beide einige Stunden hindurch, daß nun alles zwischen ihnen zu Ende war. Beinahe gleichzeitig kamen sie zu dem Entschluß, sich durch die aufgeregte Szene nicht berühren zu lassen. Als Hildegard am nächsten Tage im Atelier anrief, antwortete Torner mit seiner leisen Kommandostimme. Nichts war vorgefallen. Das Bild bedurfte der letzten Pinselstriche. Einen Tag vor dem Geburtstag war es vollendet. »Wird Nora Velten kommen?« fragte sie. »Wo denkst du hin? An diesem Tag wird meine Frau an meiner Seite sein. Es ist eine Art Silberhochzeit für sie. Sie hat sich ein neues Kleid aus kupferroter Seide machen lassen. Resi Köhnen war hier und teilte mir mit, daß meine Frau auf große Rührung und einen Scheck von mindestens zehntausend Mark rechnet.« »Den würde ich an deiner Stelle vor der großen Reise ausstellen.« »Ist schon geschehen.« Von der Reise sprachen sie kaum. Alles war verabredet. Am Morgen nach dem Bankett wollte Torner fahren, einen Tag später Hildegard. München war Treffpunkt. Peplex hätte eigentlich seit geraumer Zeit sehen müssen, daß Hildegard mit Reisevorbereitungen beschäftigt war. Aber Peplex war so, daß er nichts sah, auch wenn er darüber stolperte. In seiner Bank entging ihm keine Kleinigkeit, zu Hause würde er nicht bemerken, wenn man die Hälfte der Möbel verkaufte und fortschaffte. Hildegard ließ die beiden großen Koffer zwei Tage lang in der Diele stehen. Peplex war gezwungen, einen großen Umweg zu machen, wenn er aus dem Speisezimmer in sein Arbeitszimmer gehen wollte. Die Hausschneiderin kam, um Wäsche und Unterkleider durchzusehen. Spinnendünne helle Stoffe lagen über Sessel gebreitet. Einmal sagte der Bankier geradezu bei diesem Anblick: »Man muß fast an die Tropen denken!« Aber er dachte nicht an die Tropen. Hildegard merkte, daß sie direkt sprechen mußte. »Sieh mal, Peplex,« fing sie bei Tisch an, »andre junge Mädchen gehen für ein Jahr nach England oder nach Paris. Ich bin jetzt sechs Jahre ununterbrochen zu Hause.« »Bis auf die Monate, die du nicht zu Hause bist. Es sind ungefähr vier im Jahr.« Peplex wurde bissig, wenn es sich um Reisen handelte. »Ach Gott, die paar kleinen Unterbrechungen! Aber jetzt will ich einmal richtig verreisen, gleich auf vier Monate, da du diese sympathische Zahl genannt hast.« »Also du willst auf ein Jahr ungefähr weg!« verstand er sofort. »Ich glaube nicht, daß es ein Jahr dauern wird. Aber ich möchte tatsächlich einmal etwas weiter: durch den Suezkanal, nach Indien oder so.« »Allein?« »Danach fragt ein taktvoller Vater nicht.« Peplex seufzte. »Dann würde ich an deiner Stelle diese Gelegenheit zur Hochzeitsreise wenigstens benützen, um vorher schnell zu heiraten.« »Du bist ein herrlicher Peplex!« lachte sie, wechselte aber schnell das Thema. Sie wußte, daß der Kampf um diese Reise erst losgehen würde. Ihr Vater hatte eine besondere Taktik dabei. Mit einmal würde er ein wichtiges Diner oder eine Aufsichtsratssitzung im Rheinland als Dolch zücken. Sie hatte festzubleiben und auf Alice Siebenhügel, die bewährte Sekretärin, hinzuweisen, die alle Adressen und Zusammenhänge kannte und selbst Tischordnungen zu machen verstand. Manchmal glaubte sie nicht an diese Reise. Sie hatte Angst, daß etwas dazwischen kommen würde. Sie sah Torner dasitzen und das Gesicht mit den Händen bedecken. Er hatte irgend etwas Schlimmes begangen. Es konnte peinlich werden, wenn er irgendwo in Aden oder Bombay verhaftet wurde. »Der berühmte Maler befand sich in Gesellschaft von Fräulein Durlacher, der Tochter des bekannten Bankiers«, sah sie schon die Zeitungsmeldungen vor sich. Eines Abends fiel ihr plötzlich ihr Bruder ein. Mitten in einer Gesellschaft stürzte sie an den Fernsprecher und rief ihn an. Weshalb behauptete sie eigentlich, daß sein Engel gefälscht war? Aber konnte sie dem Verhalten Torners eine andere Deutung geben? Im Grunde gönnte sie ihm den Reinfall. Aber es war Durlachersches Geld, das da verlorenging. Sie mußte warnen. Am nächsten Morgen wurde sie von Resi Köhnen angerufen. »Ich höre, Sie wollen verreisen?« »Nach England!« log sie. »Merkwürdig! Erich Torner verreist auch.« »Davon weiß ich nichts.« »So? Hält er es auch vor Ihnen geheim? Seine Frau hat es durch einen Zufall herausbekommen. Er hat Schiffskarten nach der Südsee besorgt. Zwei übrigens.« »Dann wird er wahrscheinlich mit Nora Velten nach der Südsee fahren.« »Sie ahnungsloser Engel! Mit Nora Velten? Die kennt er dazu schon viel zu lange! Übrigens dachten wir schon, daß er seinem Geburtstag aus dem Wege fahren will. Es muß da einen Skandal gegeben haben.« »Einen Skandal?« fragte sie. Ihr war bei dem Gespräch nicht wohl zumute. Die Bemerkungen ihres Bruders fielen ihr ein. »Jedenfalls kommen Bock und Liebermann nicht zur Feier!« »Was heißt das? Sollten sie überhaupt kommen?« »Natürlich sollten sie kommen. Aber sie haben plötzlich abgesagt.« »Ich weiß von diesen Geschichten gar nichts, Liebe. Ich hoffe, mich auch ohne Bock und Liebermann gut zu unterhalten. Wie geht es Ihrem Mann?« Ein wenig später rief ihr Bruder an. »Ich bin ausgegangen!« sagte sie dem Mädchen. Sie wollte wirklich ausgehen. Die Absage der beiden Größen des Berliner Kunstlebens machte sie betroffen. Es mußte da etwas hinter den Kulissen spielen. Ich werde zu Bock fahren, entschloß sie sich in ihrer plötzlichen Art. Sie vermutete den Geheimrat irgendwo auf der Museumsinsel. Erst nach drei Telephonaten stellte sie den Sitz der Museumsverwaltung fest. Eine halbe Stunde später hielt ihr Auto vor dem riesigen Rohbau, der noch immer keine Miene machte, fertig zu sein. Der Pförtner wies ihr den richtigen Fahrstuhl. Über improvisierte Bretterbeläge, die sich unter ihr bogen, zwischen Verschlägen hindurch, an rohen Betonblöcken vorüber kam sie in den Saal, der eigentlich für Kupferstiche gedacht war und in dem sich die vier Stenotypistinnen aufhielten. Schreibmaschinen klapperten, an einem Klappenschrank wurde gestöpselt, Männer mit Akten liefen hin und her. Hildegard wunderte sich, daß eine Kunstbehörde aufgeregter als eine Bank war. »In welcher Angelegenheit?« fragte der Sekretär sie. »Eine Kunstfälschung!« Wenige Minuten später wurde sie zu Dr. Filscher geführt. Der Geheimrat ließe sich entschuldigen. »Wie wundervoll!« rief Hildegard aus, als sie einen Blick durch das große Fenster warf. »Ja, die Aussicht ist schön. Bitte nehmen Sie Platz!« Der Besuch verwirrte ihn. »Hildegard Durlacher« stand auf der Karte, die ihm hereingeschickt war. War das die Schwester dieses Dr. Durlacher? Sie berichtete kurz von dem Kauf des Engels und dem Verdacht einer Fälschung. »Dieser ist es!« sagte der Assistent und nahm das Blatt aus der Mappe. »Ja!« Eine kaum zu bändigende Lust überkam sie, ihm alles zu sagen. »Von wem hat Ihr Bruder die Plastik gekauft?« »Von Schabrack! Durch Zwingermanns Vermittlung, glaube ich.« »Ich dachte es mir.« »Mein Bruder hat noch eine heilige Katharina aus derselben Quelle.« Filscher nahm wiederum ein Blatt aus der Mappe und legte es vor sie hin. »Ja,« rief sie aus, »das ist sie. Ich liebe sie ganz besonders!« Die beiden wußten nicht, wie sie das Gespräch weiterführen sollten. Schließlich fing Hildegard an: »Merkwürdig! Es ist fast das gleiche Gesicht! Kennen Sie dieses Gesicht?« Er sah sie verstohlen an. »Wie meinen Sie das, gnädiges Fräulein?« »Nun, das Gesicht hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer lebenden Dame.« Er nickte. »Kennen Sie sie?« Ehe er diesmal nickte, überlegte er sich nochmals alle Umstände. Er hatte gestern gesehen, wie Sibylle mit dem Bruder dieser Dame davonfuhr. Irgendwie mußte Fräulein Durlacher mit diesen Dingen zusammenhängen. »Ja«, sagte er zögernd. »Sie kennen Frau Velten?« »Nora Velten?« fragte er zurück. »Sie kennen sie also?« »Kaum persönlich!« »Sie wissen, daß diese Sachen gefälscht sind?« »Darüber darf ich nichts sagen«, wich er aus. »Also sie sind gefälscht! Und Sie kennen den Fälscher?« Er zuckte die Achseln. »Sie kennen ihn also! Sie sind ihm auf der Spur!« Er schwieg. »Wann werden Sie ihn entlarven?« »Ich weiß nicht«, wich er aus. Auf einmal durchzuckte ihn die Gewißheit, daß Fräulein Durlacher mehr als er selbst wußte. Weshalb war sie hier? Vielleicht im Auftrag Torners selbst. Sie sollte spionieren, ob man die Spur entdeckt hatte! Wahrscheinlich hatte er schon zuviel gesagt. »Verzeihen Sie«, fing er noch einmal an. »Sie scheinen mein Schweigen falsch gedeutet zu haben. Ich weiß weder bestimmt, ob diese Arbeiten echt sind, noch habe ich eine Ahnung, wer sie gefälscht haben könnte. Es besteht ein bloßer Verdacht, der noch nichts besagen will. Vielleicht hat Ihr Herr Bruder den Engel sogar billig erworben. Es wurden schon größere Summen für diese Sachen bezahlt.« Sie sah ihn mit einem merkwürdig scheuen Blick an. »Ist das die Wahrheit?« »Sie scheinen selbst in einer Richtung Verdacht zu hegen. Sie würden uns sehr unterstützen, wenn Sie mir Angaben machten.« »Danke! Ich werde also meinen Bruder beruhigen: Seine Sachen können echt sein!« »Gewiß!« »Ich danke Ihnen. Verzeihen Sie die Störung.« Er verbeugte sich. Sie sahen sich einen Augenblick in die Augen, als müßten sie weitersprechen. Hildegard zögerte, dann ging sie stumm hinaus. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie Torner warnen mußte. Es war etwas gegen ihn im Gange. Dieser junge Assistent verheimlichte ihr etwas. »Zum Rüdesheimer Platz!« befahl sie dem Chauffeur. Torner mußte sofort abfahren, noch vor seinem Geburtstag! Gerade bog ihr Wagen in den Rüdesheimer Platz ein, als sie Torner selbst vor seinem Hause in eine Taxe steigen sah. Sie winkte ihm zu, aber er bemerkte es nicht. Sie befahl dem Chauffeur, zu folgen. Sie wollte Torner einholen. Aber vielleicht wollte sie auch sehen, wohin er um diese Zeit fuhr! Sie konnte ihm immer noch zurufen, aber sie rief ihm nicht zu, sie war vielmehr gespannt, welche Richtung er einschlagen würde. An der nächsten Straßenbiegung wußte sie, daß er nicht zu Nora Velten fuhr. Sie überdachte seinen Bekanntenkreis. Fünf, sechs Namen fielen ihr ein, aber einer nach dem andern schloß sich aus. Über das Roseneck ging es in eine lange gerade Straße hinein. Hagenstraße las sie. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals etwas von dieser Straße gehört zu haben. Auf einmal merkte sie, daß die Taxe gegen den Bürgersteig lenkte und halten blieb. »Fahren Sie weiter!« rief sie dem Chauffeur zu. Sie sah Torner aussteigen und zahlen und, als sie sich vorsichtig zurückwandte, in den Vorgarten eintreten. Hundert Meter weiter stieg sie selber aus und entließ ihren Wagen. Ein wenig schämte sie sich, daß sie an ihm vorbeigefahren war, und ging nun ganz offen durch den Vorgarten auf das Atelierhaus zu, das zwischen den rotblätterigen Linden lag. Mochten er oder andere sie bemerken! Auf einmal sah sie das Namensschild und fuhr zurück. Weshalb ging er gerade hierher? War alles falsch, was er ihr von seinem Verhältnis zu Anton Marcks erzählt hatte? Weshalb hatte er ihr nicht gesagt, daß er seinen Feind noch immer besuchte? Sie wandte sich ab und eilte zu der Straße. Sollte sie ganz fortgehen? Aber sie mußte Torner warnen! Aber weshalb mußte sie ihn warnen? Schuf dieser Besuch bei Marcks nicht eine neue Situation? Vielleicht befand sie sich in einem großen Irrtum über Torner. Resi Köhnen hatte ihr gesagt, daß er »das Blaue vom Himmel herab log«. In diesem Augenblick war sie geneigt, ihr zu glauben. Aber sie ging doch auf und ab, um ihn abzupassen. Es dauerte kaum eine Viertelstunde, als sie ihn herauskommen sah. Eigentlich wollte sie auf ihn zueilen, aber ihr Schritt verlangsamte sich bei seinem Anblick. Das war nicht der Torner, den sie kannte. Er ging langsam, mit gesenktem Kopf. Zwei tiefe Falten gruben sich von den Mundwinkeln das Kinn hinunter, der Unterkiefer hing wie leblos in den Gelenken. Sie hätte seine Augen sehen mögen, aber sie waren gesenkt, als müßten sie mühsam den Weg suchen. Sie rief ihn an. Er schrak auf. »Ach, du bist es?« »Ja, ich wollte dich einholen, aber du warst auf einmal verschwunden.« »Komm hier fort!« sagte er ungeduldig und strebte vorwärts. Sie ging neben ihm her. Allmählich kehrte das Leben in sein Gesicht zurück, der Gang wurde wieder straffer, sein Kopf hob sich höher. »Was wolltest du bei Marcks?« Ihre Stimme klang weicher, als sie beabsichtigt hatte. Sie fühlte auf einmal eine fast mütterliche Zärtlichkeit zu diesem Mann. »Ich wollte ihn um Verzeihung bitten«, sagte er. »Und?« »Er ist unversöhnlich!« »Ich würde dir auch nicht verzeihen, was du ihm angetan hast.« »Ach, was ich ihm angetan habe! Aber daß ich Nora unglücklich gemacht habe, verzeiht er mir nicht.« Seine Stimme hatte noch nicht den vollen Klang wiedergewonnen. Hildegard war von seinem Zustand merkwürdig berührt. Die Tatsache, daß dieser Mann sich an seinem neuen Lebensabschnitt vor dem besiegten Gegner erniedrigte, erschütterte sie. Mit einem Schlage bekam sein Körper die alte Elastizität wieder. Er hatte sich über Marcks hinweggesetzt. »Du,« sagte sie, die Gelegenheit ergreifend, »Geheimrat von Bock weiß schon, daß diese spanischen Sachen unecht sind. Der Museenverband hat die Spur aufgenommen. Ich glaube sogar, die richtige Spur!« Sie sah, daß er interessiert aufhorchte. Er wurde sogar ein wenig bleich dabei. »Wie hast du das herausbekommen?« fragte er hastig zurück. Sie erzählte ihm von dem Besuch bei dem Assistenten. »Nichts wissen sie!« entschied er. »Daß die Sachen gefälscht sind, merkt ein Blinder, aber wer sie gefälscht hat, wissen sie nicht.« Plötzlich sah er sie belustigt an. »Du glaubst, daß ich der Fälscher bin? Nein, meine Liebe, ich bin es nicht!« »Weshalb sagst du nicht mir wenigstens die Wahrheit!« beschwor sie ihn. »Weil ich nicht darf!« »Du hast diese Sachen nicht gefälscht?« »Nein!« »Aber du weißt, wer sie gefälscht hat?« »Ja!« »Anton Marcks?« »Ich werde es dir niemals sagen!« »Du bist gemein!« schrie sie ihn an. »Du willst Marcks verdächtigen! Weshalb verreist du denn jetzt? Weil sie dir auf den Fersen sind! Mir ist jetzt alles klar: dieser Dr. Filscher, oder wie er heißt, hat deinen Akt von der Akademieausstellung gesehen! Den richtigen, der hinter dem Vorhang steht, den mit Nora Veltens Kopf darauf! War er nicht neulich bei dir? Du hast es mir doch selbst erzählt. Natürlich hatten diese Leute dich schon in Verdacht, sonst hätte der Assistent dich nicht aufgesucht. Nun weiß er alles. Sage mir: ist der junge Mann vielleicht einige Minuten lang allein in deinem Atelier gewesen?« Torner dachte nach. »Jawohl,« sagte er, »meine Frau rief mich gerade an. Ich mußte hinaus und ließ ihn allein. Es ist möglich, daß er hinter den Vorhang gesehen hat.« »Dann bist du verloren!« Er lächelte. »Wir werden reisen, wie wir es verabredet haben. Du weißt! Oder wärest du bereit, auch einen Tag früher zu fahren?« »Ja«, sagte sie. »Ich brauche eine Viertelstunde, um meine Sachen zusammenzusuchen. Aber sage mir die Wahrheit! Ich verlange, daß du mir die Wahrheit sagst, ehe ich mit dir fortreise!« Torner winkte mit der Hand einem vorüberfahrenden Auto. »Ich muß dich jetzt verlassen. Und die Wahrheit werde ich dir sagen, wenn wir den Suezkanal hinter uns haben.« Er stieg ein und fuhr davon. Sie sah ihm nach, ob er sich noch einmal zurückdrehen würde. Aber er blickte sich nicht mehr um. Vielleicht ist er wirklich kein Fälscher, dachte sie. Von Torners Auto sah sie nur noch die kleine Staubwolke unter den Rädern. XIX Noch immer kamen neue Menschen die rotbelegte Treppe hinauf. Der Vorsaal und die angrenzenden Zimmer des Tiergartenrestaurants waren gedrängt voll. Man hatte für den Jubilar einen Sessel neben den großen Blumenaufbau hingesetzt, der wie ein exotisches Gebüsch aussah. Aber Erich Torner war nicht für Feierlichkeiten, eher wie ein Gastgeber ging er von Gruppe zu Gruppe. An einem Ecktisch saß seine Frau in dem neuen Kleid aus kupferroter Seide unter ihren Freunden. Es war der Kreis um Köhnens. Eine feindliche Ecke, obwohl Torner am Morgen in der Wohnung erschienen war, um mit seiner Frau gemeinsam zur Eröffnung der Ausstellung zu fahren. Er hatte sogar den Nachmittagsschlaf auf dem Eßzimmersofa gehalten. Auf seinem Bett in dem Schlafzimmer, das er seit Jahren nicht mehr betreten hatte, hatte Resi Köhnen geruht, die ihrer Freundin an diesem wichtigen und aufregenden Tage nicht von der Seite ging. Jetzt saß die ganze Gesellschaft einschließlich Professor Mittelmanns und der kleinen Pianistin Dorle Brausewetter um den Empireecktisch, und nur Alex Schrötter suchte die Verbindung mit Fräulein Durlacher herzustellen. Aber Hildegard wurde von dem Kreis nicht mehr als zugehörig empfunden. Alle waren sie Zeugen gewesen, wie es an jenem Abend bei Köhnens zwischen ihr und Torner angefangen hatte. Dr. Filscher drängte sich mit Mühe zu Torner durch, um ihm den Glückwunsch seines Chefs auszusprechen. Erkannte Torner ihn wieder? Zwei oder fünf Menschen warteten schon hinter ihm, um dem Jubilar die Hand zu drücken. Einen Augenblick blitzte es in den Augen des Malers auf, als ob er den Assistenten etwas fragen wollte. Aber er sagte nichts. Filscher machte seine Verbeugung und trat ab. Endlich sah er in dem Gewühl Sibylle kommen. Aus seinen Erkundigungen wußte er, daß es ihre Schwester Gabi und deren Bräutigam war, mit denen sie den Saal betrat. Er beobachtete, wie Torner eine Weile mit den Geschwistern sprach. Einige junge Menschen kamen hinzu. Einmal ging Dr. Durlacher an Sibylle vorüber und machte eine formelle Verbeugung. Filscher strengte sich an, jede leiseste Bewegung aufzufangen. In einem unbedachten Blick konnte sich das Geheimnis entschleiern. Was spielte zwischen Sibylle und diesem jungen Bankier, daß sich die beiden heute kaum zu kennen schienen? Welche Verbindungen bestanden zwischen Sibylle und Torner? Er sah ihr feines kühles Gesicht wenige Meter vor sich. Seltsam zu denken, daß dieses junge Mädchen alles wußte. In wenigen Minuten würde er sie nun zum erstenmal wirklich sprechen können. Eine Stunde lang, eine ganze lange Stunde! Die Menschen wogten durch die Räume. Größtenteils waren es dieselben, die man immer bei diesen Gelegenheiten traf. Er erkannte den Ministerialrat, der den Minister zu vertreten pflegte. In einer Gruppe sah er Fräulein Durlacher stehen und erinnerte sich, sie im Abendkleid schon öfters gesehen zu haben. Als sie ihn zufällig ansah, glaubte er grüßen zu müssen, aber sie dankte zerstreut. Vielleicht erkannte sie ihn nicht. Ihr Bruder trat zu ihr, und nach einer Weile sah er eine auffallend hübsche Dame von besonders sympathischem Ausdruck bei ihnen stehen. Er erkannte die Schauspielerin Gitta Streicher. Er ging an der Gruppe vorüber und hörte Frau Streicher von Sizilien erzählen. Plötzlich eilte sie auf Sibylle zu, umarmte sie, sprach auf sie ein. Filscher sah die beiden Arm in Arm in eine entlegene Ecke gehen. Es war die gleiche Ecke, in der Frau Torner und Köhnens ihr Quartier aufgeschlagen hatten. Die Zusammenhänge verwirrten sich ihm. Er hätte alle diese Menschen kennen müssen, um Klarheit zu gewinnen. Auf einmal ergriff ihn das Gefühl des Ausgeschlossenseins. Er wußte nichts von den Beziehungen, die um Sibylle spielten. Das ging in rätselhafter Verstricktheit an ihm vorüber. Wie standen diese Menschen zueinander? Was wußte Fräulein Durlacher von Torner oder von ihrem Bruder? Alle Menschen, die er zur Enträtselung des Geheimnisses brauchte, waren heute in diesen engen Räumen zusammen. Sie sprachen miteinander oder gingen sich aus dem Wege. Geheime Beziehungen verknüpften sie. Er sah, wie der Kunsthändler Schabrack sich in einem altmodischen Gehrock durch die Reihen schob. Jedermann wußte, daß Schabrack den Maler Torner gemacht hatte. Er hatte ihm seine Bilder abgekauft, als sie noch zweihundert Mark kosteten, und er kaufte sie ihm heute ab, wo sie viertausend kosteten. Schabrack! dachte Filscher. Dieser Schabrack hatte einige Stücke aus dem »Fund von Cati« für märchenhafte Summen an den faden Dr. Durlacher verkauft. War Schabrack es, der hinter diesen Fälschungen stand, oder war er selbst betrogen? Zum erstenmal hatte Günther Filscher das Gefühl, noch nichts, noch gar nichts zu wissen. Sibylle, dachte er. Alle seine Hoffnungen waren auf das Gespräch mit Sibylle gestellt. Die Vorhänge wurden beiseite gezogen. Die gedeckte Hufeisentafel lag unter dem Licht der sechzehn Kronleuchter. Zweihundert Menschen drängten sich um die ausgelegten Tischordnungen. Filscher hatte seinen Platz im Gedächtnis. Er sah Sibylle mit Torner zusammenstehen. Sie müssen zusammenstehen, empfand er. Sibylle und er sind verbunden! Er trat auf sie zu. Die ersten Paare schoben sich gegen die Tafel vor. Herren und Damen suchten ihren Namen. »Ich habe die Ehre, Sie zu Tisch zu führen!« sagte er mit einer Verbeugung. Auf diesen Augenblick hatte er seit Tagen gewartet. Sein Herz schlug hart. Wieder fühlte er die Augen Torners mit einer merkwürdigen Spannung auf sich gerichtet, als wenn er ihn etwas fragen wollte. Was konnte es sein? Er sah in Gedanken den Vorhang in Torners Atelier in schweren Falten niederfallen und das Antlitz über dem Aktbild dahinter schwermütig lächeln. Noch war nichts geschehen. Oder war doch etwas geschehen? Hatte man nicht diesem Fräulein Durlacher einige Andeutungen gemacht? Konnte Torner ahnen, daß man einen Blick hinter den Vorhang geworfen hatte? Vielleicht hatte der Kanzleirat Meyerholt mit besonderer Freude Torner neben seiner Frau placiert. Wirklich machte sich Torner gegen die feindliche Ecke auf. Das alles nahm Günther Filscher wahr. Es war, als wollte er seine Aufmerksamkeit von Sibylle ablenken, die neben ihm ging. Es kam ihm dumm vor, ihr seinen Arm zu bieten. So sah er gerade ihre Schulter und das weiche Kinn an seiner Seite. Er wußte nicht einmal, ob sie bei seinem Nahen gelächelt hatte oder ob sie Furcht empfand. Ahnte sie, daß er um Torners Geheimnis wußte? »Bitte rechts!« sagte er. Es waren die ersten Worte, die er an sie richtete. Fast hätte er sie gegen Schabrack gestoßen, der allein seinen Platz aufsuchte. »Ich weiß nicht, ob Sie mich wiedererkennen?« Sie lachte ihn an: »Ich habe Sie auch bei meinem Vater wiedererkannt. Haben Sie den Taschenspiegel noch?« Das kam in jugendlicher Unbefangenheit heraus, oder sie konnte sich meisterhaft beherrschen. »Er liegt irgendwo bei mir zu Hause«, sagte er. Er mußte noch einmal an das Kopfende der Tafel, um seine kleine Rede für die Museenverwaltung anzumelden. Dr. Köhnen wirkte oben als Manager. »Hinter dem Ministerium und hinter der Stadt!« entschied er und machte sich eine Notiz. Sibylle saß bereits auf ihrem Platz, als Filscher zurückkam. Sie vermied es, ihn anzusehen, als er sich setzte. »Das Zusammentreffen mit Ihnen ist jedesmal mit einer kleinen Beschämung für mich verbunden«, fing er zögernd an. »Ach!« machte sie nur. Es konnte alles bedeuten. »Bitte, gnädiges Fräulein, Sie müssen den Eindruck gehabt haben, daß ich Sie verfolge, als ich bei Ihrem Herrn Vater eintrat?« »Sie mich verfolgen?« fragte sie erstaunt. »Wieso? Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen. Ich bin nämlich sehr selten bei meinem Vater.« »Um so mehr. Die Geschichte mit dem Taschenspiegel muß wie ein dummer Anknüpfungspunkt gewirkt haben. Und dann auf einmal tauchte ich bei Anton Marcks auf. Sie werden sich gewundert haben.« »Und jetzt hier!« sagte sie lächelnd. Noch immer war ihr Ausdruck vollkommen unbefangen. »Aber dies ist das einzige Mal, daß ich etwas dafür kann«, gestand er. »Ich habe mich neben Sie setzen lassen.« »So haben Sie die Verpflichtung, mich gut zu unterhalten.« »O Gott, gut unterhalten! Ich bin ein furchtbar schlechter Gesellschafter. Ich benutze nur die Gelegenheit, um Sie wiederzusehen.« »Das konnten Sie so ungefähr jeden zweiten Abend im Theater haben«, lachte sie. »Da war ich auch schon!« »Hoffentlich fanden Sie das Stück scheußlich.« »Ja!« »Und mein Spiel?« »Zu schwer für die Rolle«, sagte er nach kurzem Besinnen. »Gott sei Dank!« lachte sie. Sie sahen sich suchend in die Augen und blickten wieder fort. Ihm war es, als ob sie ihn durchschaut hätte und ihre Unbefangenheit nur Maske wäre. Ahnte sie nicht, daß er Torner auf der Spur war? Würde sie sich schützend vor den Mann stellen, zu dem sie in so geheimnisvollen Beziehungen stand? »Sie haben große Ähnlichkeit mit Ihrer Frau Mutter«, sagte er unvermittelt. Sie sah ihn erstaunt an. Zum erstenmal schienen ihre Lippen zu zittern. »Nicht so sehr, wie man im ersten Augenblick denkt«, sagte sie langsam. Ein forschender Ausdruck blieb in ihren Augen. »Wie kommen Sie eigentlich darauf?« »Es fiel mir schon damals auf, als ich Sie beide in Ihrem Hausflur nebeneinander sah.« »So«, sagte sie kurz. Er fühlte, daß jetzt sein Vorstoß kommen mußte. Sie wartete darauf, daß er sprach. Aber ehe er weitersprechen konnte, klopfte der Ministerialrat an sein Glas, um dem Jubilar die Glückwünsche des Ministeriums darzubringen. Im Augenblick machte die vollklingende Stimme aus der Versammlung von ein paar hundert Menschen eine feierliche Gemeinschaft. Die Blicke wandten sich zu dem Paar, das oben in der Mitte der Tafel präsidierte, dem ein wenig bleichen Torner und der Dame im roten Seidenkleide. Erich Torner hatte die Augen niedergeschlagen, seine Züge sahen entstrafft und teilnahmslos aus, aber wer ihn kannte, wußte, daß das bei ihm der seltene Ausdruck ruhigen Horchens war. Er nahm auf, was in dieser Stunde der Vertreter des Staates über ihn sagte. Es war ihm wichtig, nicht weil er glaubte, daß der Ministerialrat seine eigene Einstellung zu dem Phänomen Erich Torner vortrug. Vielleicht hatte er am Vormittag bei der Eröffnung der Ausstellung die ersten Bilder von ihm gesehen. Aber der Maler wußte, daß es über künstlerische Beiräte, durch Sekretäre, Kritiken und hundert andere Einflüsse in solche Festreden einströmte und ihnen einen Unterbau von wohlmeinender Wahrheit gab. »Sie haben es verschmäht,« sagte der Redner, »dem breiten Publikum zum Gefallen zu arbeiten. Nicht einmal Ihren Anhängern, zu deren begeistertsten ich mich rechne, haben Sie es leicht gemacht. Wenn man nach einigen Ihrer Bilder dachte, Sie auf eine feste Formel bringen zu können, dann warfen Sie das Steuer herum und fingen an einem neuen Ausgangspunkt ganz von vorn an. Sie sind der ewig Suchende unter unsern Lebenden. Sie wollten stets nicht nur schöne Bilder schaffen, sondern zugleich die Entwicklung vorwärtstreiben, und Sie haben sie vorwärtsgetrieben! Die delikate Malweise der Impressionisten, die Ekstase der Expressionisten, die klare Sachlichkeit der Neuesten haben Sie auf den einen Nenner Ihrer Persönlichkeit gebracht. Hat unsre Zeit einen eignen Stil, dann ist er in Ihren Arbeiten zu finden. Nennt sie erst das Suchen nach einem solchen Stil ihr eigen, so ist noch mehr dieses Suchen in Ihren Gemälden niedergelegt. Nie haben Sie bei erreichten Zielen ausgeruht. Sie kannten keine Entspannung, kein Ausruhen, keinen Frieden. Nicht einmal bei sich selbst haben Sie Anleihen gemacht, wie es sonst wohl jeder Künstler einmal tut. Bei jedem einzelnen Ihrer Werke sprangen Sie mit gestrafften Sehnen und Muskeln neu in die Arena. Und wenn es dennoch feststeht, daß jedes Ihrer Bilder unverkennbar Sie selber sind, obwohl Sie als ein Proteus der Wandlungsfähigkeit daherkommen, so dokumentiert sich darin das Wunderbare und Unerklärliche, das in jedem Schaffenden enthalten ist.« Filscher wandte kein Auge von dem Angeredeten und nur manchmal streifte sein Blick Sibylle, deren Finger nervös das Brötchen zerkrümelten. Hatte Erich Torner bei den letzten Worten des Ministerialrats nicht ganz unmerklich gelächelt? Dachte er an die Plastiken Gil de Siloes und Juan Guas und der andern spanischen Meister, bei denen er ausgeruht hatte von seiner strengen Suche nach dem eignen Stil? Oder lächelte er über den Ausdruck der Frau im kupferroten Seidenkleid an seiner Seite? Ihr aufgeblähtes und welkes Gesicht sagte ganz deutlich: Feiert ihn nur, ich allein weiß, was das für ein Mensch ist! »Mögen Sie seine Frau?« fragte Filscher in das Gläserklingen hinein Sibylle. »Ich kenne sie nicht!« Er suchte aus dem Klang ihrer Stimme herauszuhören, wie sie zu Torner stand, dessen Geheimnis sie vor ihm verwahrte. Ehe er eine neue Frage stellen konnte, erhob sich ein Stadtrat, um die Glückwünsche der Stadt und des Oberbürgermeisters auszusprechen, und als diese Rede beendet war, winkte Köhnen ihm zu, und er selbst klopfte nun kurz entschlossen an sein Glas, um im Namen der Museenverwaltung und ihres Chefs, des Geheimrats von Bock, zu gratulieren. Er hatte Weisung bekommen, nur wenige Sätze zu sprechen und keine wärmeren oder begeisterten Töne durchklingen zu lassen. Eigentlich hätte er es bei einem kurzen Glückwunsch und der Entschuldigung des Geheimrats bewenden lassen müssen, aber die wenigen Worte erschienen ihm auf einmal vor Sibylle zu dürftig, und so machte er einige Zusätze. »Wir Museumsmenschen neigen mehr der Vergangenheit zu. An Gil de Siloes oder Juan Guas' oder Rembrandts fünfzigstem Geburtstag sollen die Reden der damaligen Museumswächter sogar auffallend kühl gewesen sein. Um so begeisterter erklingen sie jedesmal später bei dem fünfhundertsten Geburtstag der Meister. Ich kann mich daher kurz fassen und auf die große Festrede verweisen, die in nunmehr vierhundertundfünfzig Jahren ein Museumsdirektor an dieser Stelle über Erich Torner halten wird, und ich kann Sie, verehrter Herr Professor, versichern, daß wir im voraus jedes dieser Worte unterschreiben. Dem Lebenden und Schaffenden aber bringe ich inzwischen mit den besten Wünschen dieses Glas dar!« Er setzte sich mit ein wenig Herzklopfen nieder. Die Reihen der Kellner entwickelten sich wie eine Schnur aus der Tür, um den nächsten Gang zu servieren. Er sah, wie Torner sein Glas niedersetzte. Es war eine sehr gemessene Bewegung. Das zurückgehaltene Gespräch rauschte längs der Tafel wieder auf. Er wußte, daß jetzt, nach seiner Rede, das Fernbleiben des Geheimrats allgemein erörtert wurde. Man hatte wenigstens erwartet, daß die Museenverwaltung den Ankauf eines der Gemälde Torners bekanntgeben würde. Nun hatte sich der Allgewaltige durch einen jungen Assistenten vertreten lassen. »Ich hätte gern anders über Torner gesprochen«, sagte er zu Sibylle. »Sie haben sehr witzig und nett geredet. Aber weshalb erwähnten Sie diese spanischen Meister?« Er wurde rot. In diesem Augenblick kam es ihm zum vollen Bewußtsein, daß er sich für die Eingeweihten verraten hatte. Er hatte einem plötzlichen Reiz nachgegeben, Torner und auch Sibylle zu warnen. Ihr sollt mich nicht für ungefährlich halten; wollte er ihnen sagen. Er suchte in den Reihen die Gestalt Schabracks. Auch Schabrack sollte bei seinen Worten ein wenig erzittern. Der Kunsthändler nahm gerade Sauce und schien ganz dieser Beschäftigung hingegeben. In diesem Augenblick bemerkte Filscher das Gesicht Fräulein Durlachers. Sie und Torner warfen sich einen einzigen Blick zu, der wie ein Funke zwischen zwei elektrischen Polen durch den Saal fuhr. Was war das? Was spielte zwischen den beiden? So hatte diese junge Dame ihn wirklich gestern in Torners Interesse aushorchen wollen? Er sah zu Sibylle hinüber, aber sie schien nichts zu bemerken. Oder hatte sie sich nur so fest in der Gewalt? Erich Torner – Fräulein Durlacher dachte er. Die Szene in seinem Büro stand vor ihm. »Welche spanischen Meister habe ich genannt?« fragte er mit ruhiger Stimme zurück. »Ach so, Gil de Siloe und Juan Guas! Ich hätte auch noch Pedro de Mena nennen können. Diese Namen gingen mir nur gerade durch den Kopf, weil ich in den letzten Wochen einige Abbildungen aus der spanischen Gotik gesehen habe.« Er sagte es ganz leichthin und beschäftigte sich mit seinem Fisch. »Ich liebe diese Zeit ganz besonders«, sagte sie. »Lieben Sie auch die Arbeiten von Erich Torner?« »Ach ja, in gewissem Sinne. Wie kommen Sie darauf?« »Ich glaube, Sie müßten in einem ganz besonderen Verhältnis zu Torner stehen.« »Das ist nicht so sehr der Fall«, sagte sie langsam. »Ich dachte, daß Sie eine große Verehrung für ihn hätten.« »Fragen Sie mich heute nicht nach Torner!« Das war wie in Angst herausgestoßen. Plötzlich veränderte sie ihre Stimme: »Weshalb haben Sie mich in den letzten zwei Wochen belauert?« »Weil Sie mir gefielen«, sagte er und schämte sich gleich darauf der Banalität. Er fühlte die Wahrheit und die Lüge dieser Antwort und wurde rot. »Das ist nicht wahr!« sagte sie. Er hörte ihr heftiges Atmen. »Es ist nicht die ganze Wahrheit«, sagte er leise. »Weshalb sagen Sie mir nicht die ganze Wahrheit?« Er sah sich ängstlich nach der Dame auf seiner linken Seite um. Sie plauderte angeregt mit ihrem Tischherrn, einem Journalisten. »Ich darf nicht!« Ihre Hände lagen plötzlich still wie tote Vögel auf dem Tischtuch. Sie wagten sich nicht anzusehen. Was hatten sie sich gesagt? Vor Filschers innerem Blick stand plötzlich in merkwürdiger Ideenverbindung die Aussicht aus seinem Bürofenster. Berlin lag vor ihm, dieses Labyrinth der Geister. Ein dunkles Gelöbnis stieg in seiner Erinnerung auf. Das Ende eines Fadens hatte er packen wollen. Jetzt hielt er ihn in der Hand. Aber es war so ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Es war kein Triumph dabei, nur eine rätselhafte Beklemmung. Wußte dieses junge Mädchen alles? Ja, sie wußte alles! Und sie wußte zugleich, daß er dicht vor der Lösung des Rätsels stand. Sie hatte es schon gewußt, als er in dem Atelier ihres Vaters auftauchte. Sie hatte bemerkt, wie er vor dem Theater und an den Haltestellen der Elektrischen auf sie wartete. In diesem Augenblick schlug Professor Ambrus an sein Glas, um den Jubilar im Namen der Akademie der Künste und Wissenschaften zu feiern. XX Die Rede des Professors bedeutete für sie beide eine Qual und eine Erlösung zugleich. Sie waren in einem Gespräch unterbrochen worden, dessen Ziel mit dunkler Gefährlichkeit reizte und vor dessen Fortsetzung sie sich dennoch fürchteten. An den Tischen hörte man dieser, der vierten Rede nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit zu. An den unteren Enden der Tafel wurde die Unterhaltung mit Flüsterstimme fortgesetzt. Einige Vorlaute machten mokante Bemerkungen. Von oben wurde Ruhe verlangt. Von manchen Plätzen stieg bereits Zigarettenrauch auf. Man hatte den Braten hinter sich. Professor Ambrus hatte entschieden keinen rednerischen Erfolg. »Sie haben mich in den letzten Wochen öfters gesehen?« fragte Filscher einmal verstohlen hinüber. »Ja«, sagte Sibylle, winkte ihm aber ab. Sie tat, als ob sie dem Redner zuhören wollte, aber er bemerkte, daß sie die kleinen Blumen, mit denen die Tafel geschmückt war, zwischen den Händen zerrieb. »Ich habe Sie jeden Tag gesehen!« flüsterte sie ihm plötzlich überraschend zu, verhinderte aber mit einer hastigen Handbewegung seine Erwiderung. Er versuchte der Rede zu folgen. Ambrus ordnete Torners Schaffen kunstgeschichtlich ein. Er zog eine Linie von Marées her, was den Angesprochenen sichtlich nervös machte. Auch Filscher mußte für einen Augenblick lächeln. Der Redner analysierte das Bild von der Akademieausstellung, jenen merkwürdigen Akt ohne Kopf, der den meisten noch frisch im Gedächtnis war, und suchte an diesem Gemälde Torners Schaffen begrifflich zu fassen. »War das alles falsch?« fragte Sibylle ihn, als der Professor geendet hatte. Sie wollte etwas Gleichgültiges, Fernliegendes sagen, weil sie die Spannung nicht mehr ertrug. »So ziemlich.« In diesem Augenblick beugte sich ein dunkler Herr mit einem klugen Affenkopf schräg über den Tisch. »Fräulein Mareks, ist Wessollek hier?« fragte er. Sibylle zeigte mit der Hand hinüber. »Dort sitzt er mit meiner Schwester!« »Wissen Sie vielleicht, ob Johannes Amende gekommen ist? Ich habe ihn noch nicht sehen können.« »Wessollek hoffte, daß er kommen würde. Er ist jedenfalls seit gestern von seiner Reise zurück. Gabi hat ihm noch eine Einladung schicken lassen.« »Aber gesehen haben Sie ihn noch nicht?« »Ich kenne ihn gar nicht. Ich weiß nur, daß er ein Freund von meinem Schwager ist.« »Ah, danke sehr!« Der Herr mit dem klugen Affenkopf zog sich zurück. »Wer ist das?« fragte Filscher. »Der Pianist Schrötter. Alex Schrötter!« »Und Amende? Ist das der Schriftsteller Johannes Amende?« »Ja. Aber ich habe noch nie etwas von ihm gelesen.« »Sie haben bemerkt, daß ich Sie verfolgte?« versuchte Filscher den Faden wieder aufzunehmen. Wieder wurden sie unterbrochen. Filscher spürte eine leichte Berührung an seiner Schulter. Er fuhr herum. Dr. Durlacher stand vor ihm. »Verzeihen Sie«, sagte der Bankier und stellte sich vor. »Es hat mich sehr interessiert, was Sie vorher in Ihrer Rede gesagt haben. Sie erwähnten einige spanische Plastiker. Darf ich fragen, wie Sie gerade auf diese kamen?« »Guten Tag, Herr Dr. Durlacher«, unterbrach Sibylle und reichte ihm die Hand. »Wir haben uns heute noch nicht begrüßt.« »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein! Ich dachte, Sie wären mir böse.« »Durchaus nicht! Ihr Fräulein Schwester sieht zu uns her!« Sibylle winkte mit der Hand. Auf einmal hatte Günther Filscher die Empfindung, als ob Sibylle eine Unterhaltung zwischen ihm und Herrn Durlacher verhindern wollte. Er spürte ein Atmen hinter dünnen Wänden, vor denen er stand. Er war der Lösung nahe, ganz nahe. Mit jedem Wort berührte er geheime Zusammenhänge, und irgendwo klirrte es leise. »Das Eis wird gerade bei Ihnen gereicht!« hörte er Sibylle sagen. »Ich an Ihrer Stelle würde schleunigst an meinen Platz zurückgehen.« Dr. Durlacher wurde rot. Er verbeugte sich. »Wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein, aber Herr Dr. Filscher wird vielleicht nachher geneigt sein, mir eine kurze Unterredung zu gewähren.« »Aber bitte!« sagte Filscher. Er sah dem Bankier nach, der sich mit schleppenden Schritten entfernte, die Augen eingesunken unter den vorspringenden Stirnknochen, das erloschene Gesicht um eine Schattierung blasser. Sibylle nahm gerade Eis, sie schien völlig damit beschäftigt zu sein. »Weshalb wollen Sie nicht, daß ich mit Herrn Durlacher spreche?« fragte er vorsichtig. »Meinetwegen können Sie mit ihm sprechen, soviel Sie wollen. Ich finde ihn nur furchtbar unsympathisch.« Das war völlig in einem schnippischen Jungmädchenton gesagt, aber Filscher merkte auf einmal an ihren Augen, daß sie sich mit Mühe zurückhielt, nicht in Weinen auszubrechen. »Ich habe Sie aber vorgestern abend mit diesem Ihnen unsympathischen Mann zusammen gesehen«, fuhr er schonungslos fort. »Wie gut Sie aufpassen! Ja, ich fuhr nach dem Theater zu ihm, weil er mir etwas bei sich zeigen wollte.« »Den Engel des Grabmals!« sagte er geradeheraus und sah sie scharf an. »Ja, Dr. Durlacher hatte sich eine wunderbare spanische Plastik gekauft. Er wollte sie mir zeigen.« »Hauptsächlich wohl wegen der Ähnlichkeit mit Ihnen?« »Ja, er behauptete, daß dieser Engel mir ähnlich sähe. Ich fand die Ähnlichkeit nicht groß.« »Sie ist immerhin beträchtlich, da Sie – –Ihrer Frau Mutter sehr ähnlich sind«, sagte er. Er wollte Sibylle weiter scharf ins Auge sehen, aber plötzlich schämte er sich seiner Rolle und schlug die Augen nieder. »Meiner Mutter sieht die Plastik allerdings sehr ähnlich«, sagte sie zögernd. »Die heilige Katharina, die Herr Durlacher besitzt, ebenfalls!« »Ja.« »Sie kennen vielleicht auch die andern Stücke aus dem Fund von Cati?« »Ich – – habe einige Abbildungen gesehen.« »Diese merkwürdige Ähnlichkeit liegt bei allen diesen Figuren vor. Finden Sie es nicht auch?« »Man kann wohl von einer gewissen Ähnlichkeit sprechen.« Plötzlich schlug sie die Augen zu ihm auf. »Was wollen Sie eigentlich von mir?« Sie saßen inmitten der geräuschvollen Tafel wie auf einer einsamen Insel. Selbst ein guter Beobachter konnte von dem Kampf zwischen ihnen nichts bemerken. Für ihre Tischnachbarn waren sie ein Paar, das sich krampfhaft und ruckweise unterhielt. »Ich wollte Sie kennenlernen«, sagte er verlegen. »Nein, Sie wollen ja etwas anderes. Quälen Sie mich doch nicht so!« Sie stieß die Worte heraus. In diesem Augenblick wurde die Tafel aufgehoben. Zwischen das Stühlerücken und das angeschwollene Geräusch der Gespräche hinein sprach Sibylle einige Worte, die er nicht verstand. »Wie bitte? Wirklich, ich habe Sie nicht verstanden!« Sie war bleich geworden und schüttelte den Kopf. »Es war Unsinn, was ich sagte. Gut, daß Sie es nicht verstanden haben.« Er reichte ihr den Arm und führte sie, dem allgemeinen Strom folgend, fort. In den Gesellschaftsräumen waren kleine Kaffeetische gedeckt. Die bekannten Gruppen bildeten sich langsam zurück. In ihrer Ecke fanden sich Kuhnens und ihr Kreis zusammen. Erich Torner und seine Frau kamen mit dem Ministerialrat angegangen. Alex Schrötter hatte sich zu Fräulein Durlacher gefunden und sprach auf sie ein. Der Kunsthändler Schabrack kam mit einer alten Theaterberühmtheit vorbei. Günther und Sibylle ließen sich treiben. Keines wagte zu sprechen, und doch war es, als ob eine unsichtbare Macht sie zusammenhielt. »Verzeihen Sie,« sagte er endlich mit einem plötzlichen Entschluß, »Sie halten mich für Ihren Feind. Sie nehmen an, daß ich einen Menschen, der Ihnen nahesteht, bekämpfe. Wenn Sie es wünschen, verabschiede ich mich jetzt und sehe Sie nie wieder.« Sie stand unschlüssig vor ihm. »Ich möchte mit Ihnen sprechen«, sagte sie nach einer Weile zögernd und sah ihn von unten herauf mit großen Augen an. »Glauben Sie mir, es ist alles ganz anders, als Sie annehmen. Weshalb sind Sie nicht offen?« Ehe er antworten konnte, kam Professor Ambrus an ihnen vorüber und berührte seine Schulter. »Einen Augenblick, mein Lieber!« Es war, als schnitte ein Messer sie auseinander. »Störe ich?« fragte Ambrus. »Um Gottes willen!« In diesem Augenblick bemerkte Filscher zum zweitenmal, wie sich Torners und Fräulein Durlachers Blicke quer durch den Saal trafen. Und dann sah er Torner langsam dem Ausgang zustreben. Mit einem seltsamen Lächeln um die Lippen ging der Maler hinaus. Filscher war gespannt, ob Hildegard ihm folgen würde. Noch stand sie im Gespräch mit dem Pianisten zusammen. Die Szene spielte sich hinter dem Rücken des Professors ab. Der bemerkte an Filschers gespanntem Gesicht, daß hinter ihm etwas vorging, und wandte sich mechanisch um. Aber er sah nur noch, wie Fräulein Durlacher sich von Alex Schrötter verabschiedete und hinausging. Das alles spielte sich in wenigen Sekunden ab. Ob Sibylle etwas bemerkt hatte? Ihre Blicke waren ebenfalls nach der Tür gerichtet. Ihre Augen schauten aufmerksam, als müßten sie den Vorgang sich einprägen, und dann ging ein merkwürdiges Lächeln über ihre Züge, schmerzlich und verachtend zugleich. »Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« fragte der Professor nochmals. Filscher fühlte, wie Sibylles Augen an seinen Lippen hingen. Auch sie hatte Erwartungen an dieses Zusammensein geknüpft, und nun hatten sie kaum angefangen, miteinander zu sprechen. »Dort sitzen meine Geschwister«, fiel ihr die Lösung ein. Sie zeigte auf einen nahen Tisch. »Kommen Sie nachher dorthin?« Ihre Frage war wie eine leise Bitte. »Ich möchte Sie sprechen!« »Ja!« antwortete er und sah ihr nach, wie sie sich zu den andern setzte. Er fühlte, daß die Entscheidung kam. »Tja«, fing der Professor an. »Die Herren Maler haben sich über meine Rede aufgeregt. Was sagen Sie dazu, Verehrtester?« »Darum will ich Feindschaft setzen zwischen dem Kunsthistoriker und dem Künstler«, variierte Filscher. Am liebsten hätte er Ambrus den Rücken zugekehrt. »Ich kann mir denken, Herr Professor, daß Ihr Vergleich mit Hans von Marees den Malern nicht gefallen hat.« »Nein, gar nicht hat er ihnen gefallen, obwohl gewisse Vergleichsmomente einleuchten sollten. Ich verglich, wie erinnerlich, Marées abgeschnittene Bäume und Tierleiber mit jenem Aktbild Torners, bei dem einfach der Kopf fortgelassen ist. Ein sehr ehrenvoller Vergleich, dünkt mich.« »Gewiß!« »Und nun hat mir unser verehrter Jubilar vor einigen Minuten ein merkwürdiges Photo zugesteckt. Bitte, sehen Sie!« Er zeigte dem Assistenten eine kleine Photographie. Sie stellte jenes Aktbild, aber mit dem richtigen Kopf, dar, genau, wie es Filscher in Torners Atelier hinter dem Vorhang gesehen hatte. »Was soll das, Bester?« Filscher starrte verdutzt auf das Blatt. Im Augenblick überschaute er den Zusammenhang. Von diesem Bild schlug sich die Verbindung zu Torners Fortgang. Er begriff, daß Torner nicht nur dieses Fest verlassen hatte, sondern Berlin, vielleicht Deutschland, vielleicht sein ganzes vergangenes Leben. Und jenes Fräulein Durlacher war mit ihm gegangen! In dieser kleinen Photographie, die er dem Professor gegeben hatte, brach Torner die Brücken hinter sich ab. Er warf sein Geheimnis der Gesellschaft vor die Füße. »Was soll das, Bester?« fragte der Professor noch einmal. »Kennen Sie dieses Gesicht nicht? Es ist das Gesicht, das sich auf allen Plastiken des Fundes von Cati wiederholt!« Der Professor sah erstaunt auf das Bild. »In der Tat!« sagte er. »Es ist das gleiche Gesicht! Und was ist daraus zu schließen?« »Daß die sämtlichen Stücke des Fundes von Cati gefälscht sind und daß Torner der Fälscher ist!« »Um Gottes willen! Ich habe mich sehr für die Echtheit dieser spanischen Stücke eingesetzt!« rief der Professor aus. »Vielleicht sind diese Fälschungen Torners echteste Arbeiten!« »Wie das?« »Weil er in diesen Arbeiten etwas von sich mitteilte, was er sonst ängstlich zu verschweigen suchte. Hinter der fremden Maske konnte er sich vielleicht am unmittelbarsten aussprechen.« Das scharfe Faungesicht des Professors bekam einen hilflosen Ausdruck. »Es ist da ein Unterschied in den Generationen«, sagte er. »Ich verstehe nicht einmal, was Sie sagen. Es sind doch Fälschungen!« Er ging kopfschüttelnd ab. Günther Filscher sah ihm nach, wie er durch dieselbe Tür verschwand, durch die vor wenigen Minuten Erich Torner seinen Weg ins Freie genommen hatte. Vielleicht konnte der Professor unten das Auto noch fortfahren sehen. XXI Eigentlich hatte er den Tisch, an dem Sibylle saß, in keinem Augenblick aus den Augen gelassen. Sie hatte zwischen ihrer Schwester und deren Bräutigam Platz genommen. Im Augenblick fiel ihm die Ähnlichkeit Gabis mit ihrem Vater auf. Vor einigen Minuten hatten sich Alex Schrötter und Dr. Durlacher dazugefunden, und dann saß noch ein Herr da, auf den Filscher unter andern Umständen neugierig gewesen wäre. Dieser Herr, der der Schriftsteller Amende sein mußte, hatte ein freundliches rundes Gesicht. Die kleine Nase wurde durch eine große gelbe Hornbrille fast verdeckt. Die Glatze verbarg sich hinter einem zurückgebliebenen Schopf blonder Haare. Sibylle stellte vor. Filscher war ein wenig verlegen, da er jetzt in ihren Kreis eindringen sollte. Es war zugleich der Kreis Erich Torners, gegen den er schon morgen früh den entscheidenden Schlag führen mußte. Der blonde Dr. Wessollek holte zuvorkommend Sessel und Mokkatassen herbei. Sibylle sah ernst zu ihm herüber. »Dr. Günther Filscher?« fuhr Johannes Amende überrascht auf. »Ich habe schon von Ihnen gehört. Sie sind Kunsthistoriker und beschäftigen sich vorzugsweise mit Kunstfälschungen, nicht wahr?« »Nicht vorzugsweise, aber es ist zur Zeit leider immer noch mein Broterwerb«, sagte Filscher, Sibylles wegen ein wenig verlegen. »Es ist mir neulich eine merkwürdige Sache passiert«, fuhr Amende fort. »Ist Ihnen vielleicht zufällig diese Notiz aufgefallen, die vor einiger Zeit durch die Blätter ging?« Er zog einen Zeitungsausschnitt aus der Brieftasche und las vor: »Der Brand der Kapelle Sancta Maria in der Scharte bei Haßfurt (Unterfranken) hat erneut die Aufmerksamkeit auf jene wundervolle Madonna gelenkt, die sich in der Sakristei der völlig eingeäscherten Kapelle befand und wie durch ein Wunder gerettet wurde – – – –« »Einen Augenblick!« unterbrach Filscher ihn. Er hatte selber seine Brieftasche gezogen und fuhr mit dem Schlußsatz fort: »Wie wir erfahren, wurde die Plastik, die den Vergleich mit den größten Bildwerken jener Zeit aushält, von einem holländischen Sammler erworben.« »Also Sie haben den Zeitungsausschnitt auch! Ich wollte schon lange einen Fachmann fragen: was bedeutet diese Notiz?« Aller Blicke wandten sich dem Assistenten zu. Filscher fühlte Sibylles Augen groß und ängstlich auf sich gerichtet. Ein Zufall stieß das Gespräch gerade in das Gebiet hinein, das sie kaum zu betreten wagten. »Sie bedeutet, daß in den nächsten Wochen im internationalen Kunsthandel diese wundervolle Madonna, eines der kostbarsten Monumentalwerke der fränkischen Gotik aus dem 13. Jahrhundert, wie hier steht, auftauchen wird!« sagte Günther Filscher mit möglichst fester Stimme. »Wirklich?« »Ja, natürlich gefälscht! – Übrigens müssen wir leiser sprechen. Ich vermute, daß in diesem Saal einige Menschen sind, die der Notiz nicht ganz fernstehen.« Nur Gabi und Wessollek sahen verwundert auf. Alle andern begriffen, daß sich im nächsten Augenblick etwas zutragen würde. »Es ist mir nämlich etwas Merkwürdiges bei dem Brand dieser Kapelle passiert«, sagte der Schriftsteller und erzählte die Geschichte des vertauschten Koffers. Er beschrieb Herrn Stahl und seine Genossen und die Fahrt zu der Pension Falk. »Ich verstehe das alles nicht«, sagte er schließlich. »Was wollte dieser Stahl mit den Brandutensilien? Weshalb steckte man die Kapelle wirklich an?« Günther Filscher warf einen verstohlenen Blick auf Sibylle. Hing sie oder ihre Mutter auch mit dieser Madonna zusammen? Wußte sie davon? Vielleicht hätten sie unter vier Augen nun über alle die Dinge gesprochen, die durch Amendes Anwesenheit jetzt in dem Kreis zur Erörterung kamen. Etwas trieb ihn vorwärts. Er würde sprechen. »Es ist eine gute Manier, eine Fälschung in den Handel zu bringen«, sagte er. »Taucht eine bisher unbekannte Arbeit von großem Wert auf, so muß mit einiger Genauigkeit nachgewiesen werden, wo sich dieses Stück bisher befand. Eine entlegene Waldkapelle, in der womöglich seit Jahrzehnten nicht mehr amtiert wird, ist herrlich für solche Zwecke. Damit nun nachher nicht jemand kommt, um an Ort und Stelle nachzusehen, wo das Werk gestanden haben könnte, läßt man die Kapelle am besten abbrennen. Dieser Herr Stahl, den Sie erwähnten, ist kein gewöhnlicher Brandstifter, sondern hat die schwere Aufgabe, bei solchen Bränden, die er selbst anlegt und sorgfältig vorbereitet, Kunstwerke zu ›retten‹. Das heißt, er muß dafür sorgen, daß irgendwelche Trümmer oder Reste von Kunstwerken für die betreffende Brandkommission sichtbar werden. Der letzte Beweis der ›Echtheit‹ von solchen Werken wird erst durch Leute wie diesen Herrn Stahl schlüssig. Vermutlich hat ein solcher Spezialist eine ganze Kolonne von ›Kunstrettern‹ an der Hand. Es ist ein schweres, aber einträgliches Geschäft. Bei einem großen Coup kann es sich um eine halbe Million oder mehr handeln. – Und wo haben Sie Ihren Koffer nachher wiederbekommen?« Der Schriftsteller nannte die Adresse. »Merkwürdig!« sagte Günther Filscher. »Es ist das Haus, in dem der Kunsthändler Schabrack wohnt!« »Tatsächlich, mir fiel in dem Treppenaufgang der Name Schabrack auf! Ganz genau besinne ich mich darauf. Und um die Ecke ist der Laden. Ich habe nicht daran gedacht. Wie gehen Sie nun in einem solchen Falle vor? Werden Sie morgen bei Schabrack eine Haussuchung veranstalten?« Günther Filscher sah Sibylle fragend an. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Plötzlich mischte sich Dr. Durlacher ins Gespräch. »Ich kenne Stahl sehr gut!« Alle Köpfe fuhren zu ihm herum. »Zuletzt sah ich auf einer Photographie, wie er über die Brandstätte des Ursulinerinnenklosters in Cati geht.« »Von Cati?« fragte Filscher erregt. »Von Cati? Er ist dort gewesen, als das Kloster abbrannte? Und jetzt war er bei dem Brand dieser Waldkapelle tätig? Auf was für einem Bild haben Sie ihn gesehen? Woher kennen Sie ihn?« Dr. Durlacher berichtete von dem Vortrag des Dr. Goldbaum im Kunstsalon Schabrack. »Ich wunderte mich gleich, als ich Edmund Stahl auf der Leinwand sah. Wenige Tage vor dem Brand des Klosters war er noch bei mir gewesen. Er muß auf dem schnellsten Wege, dem Landwege, nach Spanien hinuntergefahren sein. »Und wo hat er damals gewohnt?« fragte der Schriftsteller dazwischen. »Vielleicht in der Pension Falk?« »Offenbar! Jetzt besinne ich mich. Ich holte ihn einmal im Auto ab. Er wohnte in einer Pension in der Pätzoldstraße in Charlottenburg. Ob es die Pension Falk war, weiß ich nicht mehr. Stahl wartete unten in der Haustür.« »Da haben wir's!« rief Amende aufgeregt zu Dr. Filscher hinüber. »Einige der Hauptkomplicen sind hiermit identifiziert. Wir sind einem ganzen Fälscherkonsortium auf die Spur gekommen!« »Es sind das alles noch keine zwingenden Beweise«, wehrte Filscher ab. »Wir haben die wichtigste Person vergessen!« mischte sich Alex Schrötter in die Unterhaltung. »Sogar die einzig interessante Person. Es handelt sich hier um Kunstwerke von Belang, auch wenn es Nachahmungen sind.« »Durchaus keine bloßen Nachahmungen«, sagte Günther Filscher, »sondern um außergewöhnlich bedeutende und originelle Arbeiten, auch wenn sie in einem lange zurückliegenden Stil gehalten sind.« Ihm war, als leuchtete bei seinen Worten etwas in Sibylles Augen auf. »Um so mehr! Die einzig interessante Person ist der Verfertiger oder, wenn das Wort in diesem Zusammenhang am Platze ist, der Schöpfer dieser Werke! Weder Herr Stahl, noch Herr Schabrack können diese Arbeiten hergestellt haben. Wer ist der Kunstfälscher, um den sich doch hier alles drehen müßte?« Es konnte nicht anders sein, als daß Günther Filscher und Sibylle sich in diesem Augenblick ansahen. »Mir ist heute eine Madonna angeboten worden«, sagte Durlacher überraschend. »Fränkische Gotik, 13. Jahrhundert, Meister unbekannt, Preis eine halbe Million, sie soll aus holländischem Besitz stammen.« Er griff in die Tasche und holte ein Photo hervor. »Einen Augenblick!« unterbrach Filscher. Er fühlte die Entscheidung niedersausen. »Hier wurde die Frage nach dem Kunstfälscher angeschnitten. Sofort als ich die Zeitungsnotiz las, witterte ich, daß der Schöpfer dieser fränkischen Madonna derselbe sein könnte, der auch die unvergleichlich herrlichen Sachen des Fundes von Cati geschaffen hat. Mein Chef und ich, wir fragten uns neugierig, ob auch diese Madonna dieselben Züge tragen würde, die auf allen Werken des Fundes von Cati wiederkehren.« »Ja, sie hat das gleiche Antlitz!« sagte Dr. Durlacher und reichte Filscher das Blatt hinüber. Filscher nahm das Bild in die Hand. Eine ungeheure Spannung hatte sich auch der andern Personen bemächtigt. Johannes Amende rückte mit seinem Stuhl näher heran. Die andern standen auf und schauten ihnen über die Schultern. Es dauerte eine Weile, bis sich ihnen der architektonische Aufbau offenbarte: das faltige Gebirge des langhin fließenden Gewandes, der geschwungene Bogen der Knie unter dem Tuch, die sanfte Mulde des Schoßes und der ansteigende Hang des Oberkörpers, und dann, im Gegenspiel der Kräfte als Ausgleich der Massen, die Gestalt des Kindes, schaukelnd auf dem Joch des Oberschenkels, hangend an den gespannten Seilen der Arme, die es dem Auge fernhielten wie eine Welt zum besseren Überschauen und zugleich mit leichter Krümmung aus Liebe an sich zu ziehen schienen. Ein seltsamer Zauber stieg von dem Blatt aus. Die überströmende Lebensfülle einer entlegenen Zeit, die Beseeltheit ihrer Formensprache, die große Gebärde ihres Ausdrucks schlugen selbst in dem kleinen Format der Wiedergabe aus dem Bild heraus. Minutenlang starrten sie schweigend auf das Blatt. »Mein Gott,« fing Alex Schrötter auf einmal an, »das Gesicht, das ist doch – Fräulein Mareks!« Sie fuhren aus der Versunkenheit auf, suchten die Besonderheit der Züge zu erfassen und zu vergleichen, sahen sich um. Sibylle war verschwunden! XXII Lange nach Mitternacht kehrt der Schöpfer der Madonna in sein Atelier zurück. Diese Nacht noch hat er sich ausbedungen. Eigentlich ist das Werk fertig. Morgen wird es abgeholt werden. Er weiß, daß seine Werke krumme und schmutzige Wege gehen. Solange sie bei ihm sind, sind sie rein. Sie sind mit ihm zusammengewachsen, sie müssen aus ihm herausgeschnitten werden. Und dann haben sie Schicksale, von denen er nur dunkel ahnt. Jedesmal in der Nacht hat er zuerst Steinträgerarbeit zu verrichten. Die Arbeiten für den Tag und für die Öffentlichkeit werden zurückgeschoben, aus der Ecke hinter dem Vorhang rollt er die Madonna heran. Sie ist schwer wie der große Brunnen mit der keuschen Susanne, der vor anderthalb Jahren fertig wurde. Das ist, als ob man das Rad des Ixion dreht, Nacht für Nacht dasselbe, und am Morgen wieder alles zurück. Aber es ist der einzige lustvolle Teil der Arbeit, verantwortungsloses Spiel der Muskeln und Bänder. Das verbindet mit der herzhaften Antike oder mit ganz entfernten primitiven Zeiten. Irgendwo steht da noch die Spottfigur auf den Dunklen. Mit Fußtritten stößt er das froschartige Gespenst vor sich her, daß die Teigmasse ins Wackeln kommt. Mag sie umsacken! Aber wenn der Dunkle heute nacht kommen sollte, soll er sie erblicken. Er hat versprochen, in dieser letzten Nacht nicht zu kommen, aber er gibt Versprechen nur, um durch ihren Bruch zu quälen. Man kann gegen ihn nichts machen. Der Dunkle hat alle Gewalt. Zum hundertstenmal stößt er der Figur das Messer in die Herzgegend. Diesmal läßt er es stecken. Plötzlich fällt ihm ein, daß in dieser Nacht der einzige Mensch, der alles von ihm weiß, kommen wird. Er und dieses junge Mädchen: das ist über alle Liebe, noch über die Stimme des Bluts hinaus. Das ist wohl schon vor Jahrhunderten so gewesen, daß sie zu seinen Füßen saß, damals als sie beide das letzte Mal auf dieser Erde waren. Vielleicht schon zwei- oder drei- oder zehnmal, viele Jahrhunderte oder Jahrtausende zurück. Es ist wie eine undeutliche Erinnerung. Manchmal sprechen sie darüber, wie es war, als er, einer der großen gotischen Meister, auf dieser Erde lebte. Vielleicht wird man es nochmals oder noch viele Male erleben – in den späteren Leben, die kommen werden. Er denkt daran, daß sie es noch nicht weiß, daß diese Nacht die letzte sein wird. Er wird es ihr auch nicht sagen. Aber man kann kein größeres Werk als diese Madonna mehr schaffen. Vielleicht hat man sie nicht geschaffen, sondern nur aus der Kraft der vergangenen Jahrhunderte geschöpft. Man ist vielleicht nur ein Instrument, das aufnimmt und den Ton fortträgt. Wer will das entscheiden? Er setzt sich auf den Schemel, der Statue gegenüber, und sieht sie an. Es ist eins der größten Werke aller Zeiten. Einen kleinen Betrug hat man dazu begehen müssen, eine winzige Erschleichung, von der er selbst nie herausbekommen kann, worin sie im Grunde besteht. Aber das ist sein eigenes und persönliches Verbrechen. Das Werk bleibt davon unberührt. Es ist da, ein erratischer Block in unsrer gottfremden Zeit. Draußen kommen Schritte. Nur der Dunkle oder das Mädchen können es um diese Zeit sein. Fast ehe er sie hörte, hat er erkannt, daß es die Schritte des jungen Mädchens sind. Er besinnt sich, daß er eigentlich gespannt sein müßte, denn sie wollte ihm Nachrichten bringen. Aber er ist nicht gespannt. Er empfindet zu deutlich, daß es die Nacht des letzten Abschieds ist. Alles wird gleichgültig. Sie sitzt auf dem Kissen zu seinen Füßen, schlingt die Arme um seine Knie und sieht abwechselnd die Skulptur und ihn an. »Ich habe die Abbildung der Madonna gesehen!« beginnt sie. »So bietet der Dunkle sie schon aus?« »Er hat sie einem Bankier angeboten, der schon die heilige Katharina besaß und jetzt den Engel des Grabmals gekauft hat. Er heißt Durlacher, von dem Bankhaus Düsen \& Durlacher. Ich habe beide Werke bei ihm gesehen. Du kannst dir denken, wie erschüttert ich war, als ich den Engel wiedersah!« Er streicht ihr mit der Hand über den braunen Scheitel. »Übrigens sind enorme Preise für die Stücke gezahlt worden. Der große Brunnen hat in London zweihunderttausend Dollar gebracht. Durlacher hat für den Engel fünfunddreißigtausend Dollar bezahlt.« »So hat der Dunkle Hunderttausende verdient.« Sie bemerkt das Messer, das in dem Tonklumpen steckt. »Das – das solltest du nicht tun!« sagt sie leise. »Hast du mit diesem Dr. Filscher über die Arbeiten gesprochen?« weicht er aus. »Ja. Der Museenverband hat die Unechtheit der Stücke festgestellt. Sie sind Schabrack und einem Edmund Stahl auf der Spur.« »Ich dachte es mir, als dieser Dr. Filscher zu mir kam. Weiß er, daß ich es bin?« »Ich glaube, er weiß es!« »Der Museenverband ist vorsichtig. Es werden Wochen vergehen, ehe er handelt, und dann wird alles anders sein. Es kann noch keine Beweise, nur Vermutungen geben.« »Du müßtest dich bereithalten, plötzlich abzureisen!« sagt sie ängstlich und schmiegt den Kopf an sein Knie. »Ich bin bereit, abzureisen«, sagt er. »Ich werde einmal ganz plötzlich fort sein.« »Ich komme dir überall hin nach.« »Nein, nein,« wehrt er hastig ab, »du mußt hier bleiben. Wir werden uns schon noch wiederfinden.« Plötzlich beugt er sich über sie und küßt sie. »Ich danke dir für alles, was du mir getan hast, du geliebtes Bild!« Sie fühlt seine Tränen und hebt erschrocken den Kopf. »Was hast du?« »Es ist, weil die Madonna fertig ist«, beruhigt er. »Ich werde jetzt lange nichts arbeiten.« »Und deine modernen Sachen?« »Die patze ich schon hin«, lächelt er. »Du mußt jetzt gehen!« Gehorsam steht sie auf, küßt ihn und geht hinaus. An der Tür sieht sie sich noch einmal um. Als sie draußen ist, bricht sie in Weinen aus. Es schüttelt sie durch und durch. Sie hat ihm nicht sagen können, wie nahe die Gefahr ist. Geliebtes Bild! Sein Wort bohrt sich ihr ins Herz. Geliebtes Bild hat er sie genannt. Sie ist nur das Bild der Geliebten. Niemand auf der Welt ahnt, daß er nie aufhören wird, die Frau zu lieben, deren Bild sie ist. Sie lehnt sich gegen die Wand des nächsten Hauses und birgt ihr Gesicht in den Händen. Im Atelier steht der Meister vor der Froschfigur des Dunklen. Er dreht das Messer in der Tonmasse hin und her. Plötzlich reißt er es heraus und steckt es in die Tasche. XXIII »Wo ist Sibylle?« schrie Gabi auf. »Was sollte das alles heißen? Denkt ihr, ich habe nicht bemerkt, daß hier etwas los war?« Sie sah sich fragend in dem Kreise um. Wessollek hatte Mühe, sie zu beruhigen. »Sie wissen etwas!« fuhr sie Günther Filscher an. »Sie haben ihr heute irgend etwas gesagt, was sie furchtbar aufregte!« »Ich – ich weiß nicht.« »Geh, Kurt! Bringe Gabi nach Hause!« entschied der Schriftsteller. »Bring Gabi nach Hause und paß auf Sibylle auf! Sie wird zu Hause sein, oder sie wird vielleicht ein wenig später kommen und euch brauchen.« »Ich will wissen, was hier los ist!« fuhr Gabi von neuem hoch. Wessollek und Amende warfen sich einen Blick zu. »Komm, Gabi! Es ist besser, wir sehen, wo Siby geblieben ist!« Sie ließ sich widerstrebend hinausführen. »Gott sei Dank!« seufzte Amende auf. Er sah sich um. »Ich ahne merkwürdige Zusammenhänge. Aber wir wollen nicht hier darüber sprechen. Gehen wir in ein Café, wo uns niemand beobachtet. Ich fühle hier Blicke wie Dolche gegen uns gezückt.« »Ich muß mich von meiner Schwester verabschieden«, sagte Dr. Durlacher und erhob sich. »Ihre Fräulein Schwester ist fort!« Filscher sah dem Bankier bei diesen Worten scharf in die Augen. »Fort? Aber wir wollten zusammen nach Hause fahren!« »Das wird kaum möglich sein. Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht in dieser Nacht gar nicht nach Hause kommen.« Johannes Amende pfiff bei diesen Worten leise durch die Zähne. »Ich ahne merkwürdige Zusammenhänge!« sagte er nochmals. »Und wo ist sie?« fragte der Bankier ängstlich. »Verzeihen Sie, Herr Durlacher, aber wollte Ihre Fräulein Schwester etwa in dieser Zeit eine große Reise machen?« Hans Durlacher sah ihn erstaunt an. »Woher wissen Sie das? Ja, sie wollte in der Tat dieser Tage abreisen. Südsee oder so, glaube ich.« »Dann glaube ich, daß sie bereits jetzt diese Reise angetreten hat.« »Und wieso?« »Torner ist fort!« »Pst, Herrschaften!« machte der Schriftsteller. »Nennt bloß hier keine Namen mehr. Hinaus, hinaus! Eine Viertelstunde später saßen sie in einem Café zusammen. Merkwürdig, wie der Zufall sie zusammengeführt hatte. Und doch hätten sie sich über kurz oder lang begegnen müssen, weil sie in das gleiche Geheimnis verschlungen waren. Alex Schrötter hatte die Leidenschaft zwischen Torner und Hildegard Durlacher entstehen sehen. Johannes Amende war Herrn Edmund Stahl auf die Spur gekommen. Dr. Durlacher war eines der Opfer eines unerhört raffinierten Betruges geworden. Bei Günther Filscher kreuzten sich alle Fäden. »Es ist mir alles klar«, fing der Schriftsteller die Diskussion an. »Sie, Herr Dr. Filscher, halten Erich Torner für den Verfertiger dieses ganzen sogenannten Fundes von Cati wie der zuletzt besprochenen fränkischen Madonna.« »Es tut mir leid, hier nichts darüber sagen zu dürfen. Strengste Verschwiegenheit in allen dienstlichen Angelegenheiten ist meine wichtigste Pflicht.« Der Schriftsteller schüttelte den Kopf. »Hier müssen Sie aber nun einmal sprechen, wenn Sie weiterkommen wollen. Wenn Ihnen daran liegt, werden wir drei Ihnen unser feierliches Ehrenwort geben, über alle Eröffnungen, die Sie uns in dieser Angelegenheit machen, absolut zu schweigen.« Die Ehrenworte wurden gegeben. »Ja,« fing Günther Filscher an, »Erich Torner ist der Kunstfälscher!« Er erzählte von der Entdeckung, die er in Torners Atelier gemacht, von den merkwürdigen Beziehungen, in denen Torner Jahre hindurch zu Nora Velten gestanden hatte. Alex Schrötter konnte seine Ausführungen in manchen Einzelheiten ergänzen. Dr. Durlacher erfuhr zu seinem Staunen von der Verbindung seiner Schwester mit dem Maler. Mit einem Schlage wurde ihm klar, aus welcher Quelle Hildegard es erfahren hatte, daß der Engel des Gil de Siloe gefälscht war. »Glauben Sie, daß Ihre Schwester über die Fälschungen Torners genau orientiert war?« fragte Amende. »Es muß wohl so sein. Anders kann ich mir ihre Warnung nicht erklären.« »Sie haben viel Geld daran verloren?« »Etwa hundertfünfzigtausend Mark!« »Und jetzt?« wandte er sich an Filscher. »Was wird jetzt geschehen? Wird Ihr Museenverband etwas gegen Torner unternehmen?« Günther Filscher zuckte die Achseln. »Der Museenverband ist keine Staatsanwaltschaft. Wir werden uns wahrscheinlich damit begnügen, die Fälschungen der Öffentlichkeit bekanntzugeben. Dabei braucht nicht einmal der Name des Fälschers genannt zu werden. Ob allerdings gerade in diesem Falle der Geheimrat schweigen wird, weiß ich nicht.« »Und Sie sind ganz fest davon überzeugt, daß Erich Torner der Fälscher ist?« »Ich halte den Beweis für erbracht!« Amende wiegte den Kopf hin und her. »Nein«, sagte er überraschend. »Sie irren sich. Torner ist nicht der Fälscher. Wir haben alle in einem kleinen und sicher unzureichenden Abbild diese Madonna gesehen. Wer derartige Arbeiten in größerer Anzahl ausführt, kann unmöglich noch nebenbei ein volles Lebenswerk, wie es von Torner vorliegt, aus dem Handgelenk schaffen. Es würde voraussetzen, daß diese modernen Arbeiten heruntergepatzt sind. Aber über den künstlerischen Ernst, der hinter Torners offiziellen Arbeiten steht, kann für mich gar kein Zweifel bestehen. Torner wäre der größte Genius aller Zeiten, wenn er das fertigbrächte!« »Das habe ich mir auch gesagt«, entgegnete Filscher. »Und doch sind die Beweise zu überwältigend.« »Nun, es ist Ihre und Ihres Geheimrats Sache!« Als sie sich in übernächtiger Stimmung an der Gedächtniskirche verabschiedet hatten, fühlte Filscher auf einmal den Bankier hinter sich herkommen. »Begleiten Sie mich in meine Wohnung!« bat er. Seine Schultern waren zusammengesunken, die Augen irrten tief in den Höhlen. Dr. Durlacher war an der äußersten Grenze seiner Kraft. Die Ereignisse der letzten Nacht hatten ihm den Rest gegeben. Die Flucht seiner Schwester wog vielleicht noch schwerer als der Verlust des Geldes. Sie gingen die Treppe mit den Löwenköpfen in die Höhe. Günther Filscher dachte daran, daß hier vor wenigen Tagen Sibylle hinaufgestiegen war. Was würde nun werden? Vielleicht sah er sie niemals mehr wieder! Als er vor dem Engel des Grabmals stand, gab es einen Augenblick, in dem er von seinem Gefühl überwältigt zu werden fürchtete. Die Spannung der letzten Tage war zu groß gewesen. Er hatte den größten Betrug der Kunstgeschichte aufgedeckt! Aber es war keine Freude mehr dabei. Zu tief hatte er in Sibylles Leben eingegriffen. Da mußten noch unerklärte Zusammenhänge zwischen ihr und Torner bestehen. Sie saßen in den schweren Sesseln. Die Mokkamaschine brodelte auf dem Ebenholztisch, der von Elfenbein- und Perlmuttintarsien schimmerte. Die alten und seltenen Skulpturen, die goldenen Stickereien, die Altarschreine und Monstranzen, die verdunkelten Bilder vergangener Jahrhunderte umstanden ihr Gespräch, während hinter dem handgeschmiedeten Lettner die ewige Lampe ihr schweres Licht über den Engel strömte. Hans Durlacher erzählte von sich. Zum erstenmal, seit er der Sammlerleidenschaft erlegen war, sprach er von sich, und Günther Filscher hörte ihm zu, obwohl ihm die Müdigkeit bleischwer in den Gliedern lag. Aber wer konnte in dieser Nacht schlafen! Und Sibylle hatte in dem gleichen Sessel gesessen. »Sie hätten auch die fränkische Madonna für eine halbe Million gekauft?« fragte er. »Ja, ich hätte sie gekauft, um endlich alle Grenzen einzureißen. Der Engel des Grabmals zwang mich zu mancherlei Einschränkungen, aber das konnte noch nicht alles sein. Ich hatte das Verlangen, geradezu meine Existenz aufs Spiel zu setzen. Gerade das wollte ich. Es schien mir im Sinn dieser gotischen Werke zu liegen, die ich über alles liebe. Einmal wollte ich davon fort, zur Mingperiode etwa. Ich blieb bei der Gotik, sie hatte mich völlig ergriffen. Es ist eine Flucht aus der Zeit darin, die mich unwiderstehlich fortriß.« Nach einer Weile fuhr er mit seiner leisen Stimme fort. »Es ist vielleicht dasselbe Bedürfnis, dem jetzt meine Schwester mit ihrer Reise gefolgt ist. Aber meine Schwester wird wohlbehalten von dieser Reise zurückkehren, und auch mich hat im letzten Augenblick etwas zurückgerissen. Vielleicht ist es unser Verhängnis, daß wir uns nicht verlieren können.« Immer hielt zu diesen Gesprächen der Engel die ernste Totenwache. Manchmal schlief einer von ihnen für eine halbe Stunde ein. Die Grenzen von Wachen und Träumen schienen in diesem Zimmer ausgelöscht. Das gotische Taufbecken war voll von Asche und Zigarettenresten, von denen ein scharfer und unangenehmer Geruch aufstieg. Die kleine Mokkamaschine aus Kupfer war dreimal gefüllt worden. Das Tageslicht quoll grau durch die Fenster. Es war gegen halb neun, als Durlacher aufstand und das Licht abdrehte. Nur der Schein der ewigen Lampe spielte hinter dem eisernen Blumengerank. »Ich muß bei mir anrufen!« fuhr Filscher auf. »Ihr Dienst beginnt um neun?« »Um neun oder um elf. Es ist gleichgültig, ich muß nur zu finden sein.« »Der Apparat ist gleich an der Tür im Flur!« Hans Durlacher war so müde, daß er sich nicht entschließen konnte, aufzustehen. Plötzlich schreckte er auf. »Hallo, was haben Sie?« Filscher hatte am Telephon einen heftigen Ruf ausgestoßen und verlangte dringend nach einer neuen Nummer. Er wehrte Durlacher, der auf den Flur hinausgetreten war, mit der Hand ab. Der Bankier konnte aus seinen Worten nicht klug werden, aber in dem aufgedrehten elektrischen Licht sah er, daß Filscher aschfahl geworden war. »Was ist los?« fragte Durlacher erschrocken, als er Filschers flimmerndes Auge sah. »Es ist jemand ermordet worden! Der Kunsthändler Schabrack ist vor einer Stunde ermordet in seiner Wohnung aufgefunden!« »Um Gottes willen!« »Ich bin als Kunstsachverständiger der Mordkommission zugeteilt, die gleich in Schabracks Wohnung kommt. Was sagen Sie dazu?« Sie wurden beide von demselben Gedanken gepackt. Vor wenigen Stunden noch hatten sie gesehen, wie Schabrack sich mit seinem watschelnden Gang durch den Saal schob. Jetzt lag er ermordet in seiner Wohnung! Torners plötzlicher Abgang und die lange vorbereitete Reise fiel ihnen ein. »Ich muß bei meiner Schwester anrufen!« Durlacher rief die Dahlemer Villa an. Der Diener meldete sich. Man hatte das Fräulein bisher weder bemerkt noch vermißt. Allerdings wären die Koffer aus dem Flur verschwunden. »So klopfen Sie an ihr Zimmer, zum Donnerwetter!« Sie warteten eine Weile schweigend. Unendlich langsam tickte die bunte Barockuhr in ihrem aufgeplusterten Porzellangehäuse. Ihre Zeiger wateten wie im Sande. Drei Minuten, fünf vergingen. »Ist Herr Doktor noch da?« »Jawohl!« »Das gnädige Fräulein ist abgereist und hat einen Brief an Herrn Durlacher hinterlassen.« »Danke!« Die beiden standen in dem ungewissen Licht des Korridors. Durch die offenstehende Zimmertür drang das Tageslicht herein. Auf einmal fühlten sie, daß sie noch im Frack waren. Die Hemden waren zerknittert und die Lackschuhe brannten an den Füßen. »Abgereist!« sagte Durlacher kurz. Sie sahen sich an. Zwei Menschen jagten in diesem Augenblick im Expreßzug oder im Auto in die Welt hinaus, ein dritter lag ermordet in seiner Wohnung. Auf eine dunkle Art schienen sie an den Ereignissen teilzuhaben. »Ich muß schnell nach Hause, mich umziehen.« »Was werden Sie machen?« fragte Durlacher ängstlich. Er dachte an seine Schwester. Ob die alles wußte? Filscher ging schon die Treppe hinunter. Die rote Schnur glitt heiß durch seine Hände. Draußen fiel ein feiner kalter Regen, der Wind pfiff um die Ecken. Filscher mußte zwei Minuten im Sturmschritt zurücklegen, ehe er eine Taxe fand. Es war fast neun Uhr. Spätestens um zehn mußte er im Nordosten sein. Es war fünf Minuten vor zehn, als sein Auto vor dem Haus hielt. Er sah es zum erstenmal. Um die Ecke herum befand sich die Kunsthandlung. Schabrack konnte von seiner Wohnung über den Hof zu den Geschäftsräumen gehen. Auf den Briefbogen der Handlung und im Telephonbuch war gewissenhaft neben der Geschäftsadresse auch die Privatwohnung angegeben, aber niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, Schabrack in seiner Wohnung aufzusuchen. Man fand ihn tagsüber in dem kleinen Hinterzimmer, das zwischen die luxuriös ausgestatteten Ausstellungsräume eingeklemmt war. Filscher hatte erwartet, daß das Haus von einer Menschenmenge umlagert sein würde, aber es lag unbeachtet in der langen Reihe ähnlicher Häuser. Unaufhaltsam flutete der Verkehr. Wagen, Elektrische, Autobusse donnerten vorüber. Manchmal kreischte eine Bremse wie ein verwundetes Tier auf. Das jagte vorbei, vorwärts. Die Wohnungen in dieser Gegend waren stille Dschungelverstecke. Ein Verbrecher brauchte nur auf die Straße herauszutreten, und eine fremde Welt nahm ihn auf und trug ihn weiter. Innen wartete ein Polizeibeamter und kontrollierte den Ausweis. »Sind die Herren von der Kommission schon da?« »Die Mordkommission ist seit anderthalb Stunden da.« Filscher ging die Treppe in die Höhe. Es war eine wackelige Holztreppe ohne Absätze. Durch ein Fenster konnte man in den Hof sehen. In einer Ecke stand eine alte Linde mit einer Holzbank. Sonst war jeder Quadratmeter für hölzerne Schuppen, Verschläge, einige Lastautos, Stapel von Kisten ausgenutzt. Durch eine Toreinfahrt auf der hinteren Seite sah man ein Stückchen Rasen, ein kleines Petersilienbeet und einen Stachelbeerstrauch. An diesem Garten von zwei Quadratmeter Umfang hatte Schabrack vorübergehen müssen, wenn er zu seiner Kunsthandlung wollte. Oben auf der Treppe fand Filscher das Messingschild mit dem Namen Schabrack. Aus der Erzählung Amendes wußte er, daß eine Etage höher »Peiser« wohnte. Man würde die Polizei auf die Beziehungen zwischen Schabrack und Peiser aufmerksam machen müssen, fiel ihm ein. Die Wohnung Schabracks war wie gewöhnlich geschlossen. Niemand konnte ahnen, daß hinter dieser Tür ein Ermordeter lag. Filscher klingelte. Ein Schupomann öffnete und ließ sich die Legitimation vorzeigen. Die Herren der Kommission waren im Wohnzimmer. Filscher stellte sich vor. Fünf oder sechs Herren unterbrachen ihr leise geführtes Gespräch. Der Untersuchungsrichter nickte ihm kurz zu. Ein Polizeirat machte den Kunstsachverständigen mit den Räumlichkeiten und dem Befund bekannt. »Es soll in diese Sache eine Kunstfälschergeschichte hineinspielen?« fragte er. »Man hat eigentlich noch nichts herausbekommen«, sagte Filscher verlegen. »Immerhin, es wird Anhaltspunkte geben!« XXIV Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern. Dem Wohnzimmer, in dem man sich jetzt aufhielt, und dem angrenzenden Schlafzimmer. Draußen gab es noch eine Küche und ein Mädchenzimmer, das verhältnismäßig geräumig war. Der Klosettraum war mit Brettern im Flur abgeschlagen. Außer dem Kunsthändler wohnte nur noch die alte Wirtschafterin hier. Die Ermittlungen hatten bisher folgendes ergeben: Schabrack erhielt in dieser Wohnung fast niemals Besuch. Es kam kaum vor, daß außer den gewöhnlichen Lieferanten jemand die Klingel benutzte. Gestern gegen halb zwanzig Uhr, als Schabrack bereits ausgegangen war, hatte es nach Angabe der Wirtschafterin plötzlich geklingelt. Ein großer Herr stand draußen und fragte nach dem Kunsthändler. Dieser Herr sollte bereits mehrmals in der Wohnung gewesen sein, die Wirtin kannte aber nicht den Namen und hatte überhaupt keinerlei Ahnung, wer er war. Er mochte im Laufe der letzten Jahre etwa zehnmal dagewesen sein. Gegen zwei Uhr nachts wachte die Wirtin dadurch auf, daß Herr Schabrack nach Hause kam. Er war nicht allein, sondern in Gesellschaft jenes unbekannten Herrn, den die Wirtin deutlich an seiner Stimme wiedererkannt haben wollte. Sie achtete aber nicht darauf, sondern schlief wieder ein. Im Schlaf glaubte sie einmal das Geräusch eines schweren Falles zu hören. Als hierauf aber alles ruhig blieb, nahm sie an, daß sie nur geträumt hätte, und schlief weiter. Heute früh, als sie in das Zimmer zum Reinmachen kam, fand sie Herrn Schabrack ermordet vor. Er lag dicht an der Schwelle zwischen den beiden Zimmern. Offenbar war er getötet worden, als er sein Schlafzimmer betreten wollte. Der Mörder hatte ihm ein Messer ins Herz gestoßen, Schabrack war hintenüber gefallen. Der weiche Teppich mochte das Aufschlagen gemildert haben. »Die Tür zwischen den Zimmern soll morgens offengestanden haben. Die Wirtin selbst machte sie zu, als sie die Polizei anrief. Wir haben sie deshalb ebenfalls wieder geschlossen. Der Tote liegt unmittelbar dahinter. Wollen Sie ihn sehen?« »Nein, danke!« sagte Filscher. »Die Aussage der Frau steckt voller Widersprüche«, fuhr der Polizeirat fort. »Es erscheint unglaubhaft, daß die Frau nichts über den einzigen Besucher dieser Wohnung wissen sollte. Es ist ferner schwer anzunehmen, daß sie von dem Geräusch des niederstürzenden Körpers nicht völlig erwachte und die weiteren Vorgänge wenigstens zu erlauschen suchte. Ferner stellte sich heraus, daß noch eine andre Person in der Wohnung aus und ein gegangen ist. Eine Treppe höher wohnt eine Frau mit ihrer Tochter.« »Peiser«, sagte Dr. Filscher. Hier mischte sich der Untersuchungsrichter plötzlich in das Gespräch. »Ah, Sie kennen Frau Peiser?« »Ich kenne sie nicht. Ich habe nur zufällig gehört, daß sie über Schabrack wohnen soll.« »Was heißt zufällig gehört?« fragte der Richter scharf. »Sie kannten doch Herrn Schabrack? Hat er zu Ihnen von Frau Peiser gesprochen?« Filscher fühlte mit einiger Beklemmung, daß jedes Wort von ihm ungeahnte Konsequenzen haben mußte. Selbst wenn er etwas verschwieg, konnte es folgenschwer für die Beteiligten sein. Auf einmal ertappte er sich dabei, daß er jemanden schützen wollte. Wen? Torner? Wenn Torner der Mörder war, auch dann wollte er nicht dazu beitragen, ihn zu überführen. Die Amtsmienen der Polizeiorgane weckten seinen Widerspruch. »Ich kenne Herrn Schabrack nur durch rein geschäftliche und sachliche Besprechungen. Den Namen Peiser hörte ich in einem andern Zusammenhang: Ein Bekannter von mir hatte auf der Eisenbahn seinen Koffer vertauscht. Nach vielen Nachforschungen konnte er endlich bei Peiser den Koffer zurücktauschen. Zufällig erzählte er mir davon. Ihm war auf der Treppe der Name Schabrack aufgefallen.« »Wie wurde Ihr Bekannter zu Peiser gewiesen?« »Das ist eine furchtbar komplizierte und wirklich ganz gleichgültige Sache.« Auf einmal fiel ihm ein, daß der Verdacht sehr wohl auf diesen merkwürdigen Herrn Stahl gelenkt werden durfte. Ja, sprach nicht überhaupt die Wahrscheinlichkeit dafür, daß Stahl der Mörder war? Edmund Stahl zu schützen, hatte man nicht die geringste Veranlassung. »Der Mann, mit dem mein Bekannter den Koffer vertauscht hatte, hieß übrigens Edmund Stahl. Er hat seinen Wohnsitz in Valparaiso. Hier wohnte er zunächst in einer Pension Falk in Charlottenburg. Von Frau Falk wurde meinem Bekannten auch gesagt, daß er seinen Koffer von Peiser abholen könnte.« »Ah,« sagte ein Kommissar, »Pension Falk, das ist schon das Richtige! Frau Falk nimmt es mit der polizeilichen Anmeldung nicht sehr genau.« »So, und wie heißt Ihr Bekannter mit dem vertauschten Koffer?« »Es ist der Schriftsteller Johannes Amende.« »Und wann spielte sich die Geschichte ab?« »Vor etwa zehn Tagen.« Der Richter sah sich triumphierend um. »Es stimmt genau. Frau Peiser sagte nämlich aus, daß vor zehn Tagen ein Herr Krause auf Veranlassung des Herrn Schabrack zu ihr gezogen wäre. Vor drei Tagen wäre er wieder abgereist. Bis dahin hatte er sogar die Schlüssel zu Schabracks Wohnung und brachte seine Tage gewöhnlich hier zu. Merkwürdigerweise erwähnte die Wirtschafterin gar nichts von diesem Herrn. Später gab sie dann zu, daß die Sache sich so verhielt. Ihr Edmund Stahl ist selbstverständlich dieser Krause!« Filscher nickte. »Stark belastend ist auch der Inhalt des Koffers. Herr Stahl führte in seinem Koffer Brandraketen, Zelluloidstreifen, Würfelspiritus und ähnliche Brandstifterutensilien mit. Er fuhr mit zwei Burschen, die ähnliche Koffer bei sich hatten, auf einer Kleinbahn von Haßfurt in die Berge. Bei der Station, auf der sie ausstiegen, brannte einige Stunden später eine alte Waldkapelle ab.« »Wo man nachher alte Kunstwerke fand, nicht wahr?« fragte der Polizeirat. »Das hängt doch mit der Kunstfälschergeschichte zusammen?« »Leider ist diese Angelegenheit noch nicht im geringsten geklärt«, bog Dr. Filscher ab. Man sollte bei Stahl und seinem Koffer bleiben. »Ich werde nochmals die Wirtschafterin vernehmen«, sagte der Richter. »Vielleicht kann man sie mit dem Namen Stahl kriegen.« »Sie gibt auch eine sehr genaue Beschreibung jenes Herrn, der Schabrack in der Nacht nach Hause begleitet haben soll«, ergänzte der Kommissar. »Der Herr Kunstsachverständige kennt sicherlich viele Menschen aus diesen Kreisen. Vielleicht kann er nach der Beschreibung den Unbekannten identifizieren.« Der Polizeirat lächelte. »Der große Unbekannte wird meistens nicht identifiziert. Die Wirtschafterin gibt an, daß der Unbekannte sich anscheinend Geld von Herrn Schabrack holen kam. Wir haben nun in Eile die Geschäftsbücher der Kunsthandlung durchgesehen. Schabrack stand naturgemäß zu vielen Menschen in geschäftlichen Beziehungen. Die Firmen oder die Künstler, denen er größere Beträge zahlte, waren aus den Büchern leicht zu ermitteln. Das Geschäftspersonal konnte uns von sämtlichen Herren, die in den Büchern auftraten, genaue Schilderungen geben, die alle nicht auf die Beschreibung der Wirtschafterin paßten. Ich glaube an diesen Unbekannten nicht!« »Wie beschrieb sie ihn denn?« fragte Filscher stockend. Er hatte Angst vor der Antwort. In diesem Augenblick stieß einer der Kommissare einen leisen Schrei aus. Er kniete am Boden vor dem alten Sekretär aus Birnbaumholz. Er hatte ein schwarzes Heidschnuckenfell beiseite geschoben und klopfte auf der Diele herum. Dann zog er einen Schraubenzieher aus der Tasche und löste drei Schrauben. Alle Anwesenden sammelten sich um ihn und sahen ihm zu. Er öffnete eine Klappe. Der Deckel einer Stahlkassette wurde sichtbar. »Der Schlüssel wird bei dem Toten sein.« Ein Beamter öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Günther Filscher sah Schabrack in einer dunklen Blutlache daliegen, mit einem entsetzten Gesicht hintenüber gekippt. Der Hirschhorngriff eines Messers steckte in dem Frackhemd. Der kurzgeschnittene Spitzbart drohte mit einem gesträubten Ausdruck in die Höhe. Das Fürchterliche aber waren die Hände, die zugleich abzuwehren und festzuhalten schienen. Hände, die im Tode wieder zu Klauen geworden waren. Man konnte an einen toten Frosch denken, der auf dem Rücken lag und den weißen Bauch nach oben wölbte. Dumm, gewichtig und schwerfällig lag er da, aber die Hände offenbarten das Raubvogelhafte. Der Beamte hob den Schlüsselbund in die Höhe, die Schlüssel wurden ausprobiert, der Deckel der Kassette sprang auf. Der Kasten war fast bis zum Rand mit eingewickelten Geldrollen gefüllt. »Donnerwetter! Das sind Zehntausende!« sagte der Kommissar. »Das Geld muß gezählt werden!« entschied der Untersuchungsrichter. Das Heidschnuckenfell wurde neben dem Loch ausgebreitet und die Rollen sorgfältig daraufgelegt. Es gab Rollen von hundert bis fünfhundert Mark. Der Polizeirat notierte die Summen. Auf allen Umhüllungen war mit Tinte der Wert vermerkt. Immer neue Schichten wurden in dem eingemauerten Kasten sichtbar. Über hunderttausend Mark hatte der Polizeirat addiert, und noch war kein Ende abzusehen. Mehr als eine halbe Stunde dauerte es, bis der Boden sichtbar wurde. »Zweihundertsiebenundvierzigtausend sechshundertfünfzig Mark!« Die Herren hatten sich um das Loch im Fußboden herumgestellt und sahen erstaunt auf die aufgehäuften Rollen. »Vielleicht hat Herr Schabrack doch nicht über alle Zahlungen Buch geführt,« sagte der Kommissar, »sondern in einigen geheimen Fällen aus diesem Vorrat geschöpft.« »Es kann das Betriebskapital für das Geschäft mit den nachgemachten Stücken sein«, stimmte der Richter zu. »Was meinen Sie dazu, Herr Dr. Filscher?« Filscher zuckte die Achseln. Er mußte daran denken, daß die fünfunddreißigtausend Dollar von Durlacher in diesem Geld enthalten waren. Der Richter ließ die Rollen wieder hineinlegen, die Kassette schließen und den Teppich darüber decken. »Das Geld muß nachher geholt werden«, bestimmte er. »Führen Sie die Wirtschafterin herein!« Ein Schupomann führte eine alte magere Person durch die Tür. Sie stutzte, als sie den Toten erblickte. Vielleicht ist die Frau doch schuldig, dachte Filscher. Gott gebe, daß sie mit diesem Edmund Stahl zusammen die Tat ausgeführt hat! »Wir haben festgestellt,« fing der Richter an, »daß Herr Schabrack mit keinem Herrn, wie Sie ihn schildern, in Geschäftsverbindung gestanden hat.« »Nein,« sagte die Alte, »diese Geschäfte sind nicht durch die Bücher gegangen.« »Aber Sie sagen doch, daß dieser Herr sich von Schabrack Geld holen kam, und irgendwo muß dieses Geld doch gebucht worden sein?« »Dieses Geld ist nicht gebucht worden.« »Was ist denn das für Geld?« Die Alte warf einen scheuen Blick nach dem Toten, als fürchtete sie sich, in seiner Gegenwart das Geheimnis zu verraten. »Kann die Tür zugemacht werden?« Der Polizeirat schloß die Tür. Die Alte atmete auf, als Schabrack verschwunden war. »Das Geld liegt dort!« Sie zeigte auf die Stelle vor dem Schreibtisch. »Sie dachten wohl, daß ich das Geld für mich bewahren wollte?« »Sie dürfen uns nicht für dumm halten. Dieses Geld haben wir längst gefunden. Aber vielleicht hat es ein andrer nicht gefunden, der es sich holen wollte! Wie denken Sie darüber?« Die Alte schwieg. Dr. Filscher wartete gespannt auf die Beschreibung des Unbekannten. Jetzt mußte die Vernehmung darauf zusteuern. »Sie hatten uns die Person des Herrn Krause, der hier tagelang in der Wohnung aus und ein ging, verheimlichen wollen. Vielleicht gibt es noch eine andre Person, die sich des öfteren hier aufhielt?« »Ich weiß von keinem andern.« »Das ist merkwürdig. Wir haben nämlich inzwischen in Erfahrung gebracht, daß sich ein Herr Stahl, Edmund Stahl aus Argentinien, hier aufgehalten hat!« Auch jetzt blieb die Alte ganz ruhig. »Es ist Herr Krause«, erklärte sie. »Er hieß Stahl.« »Das ist ja sehr interessant! Weshalb wurde er falsch genannt? Und wie kam er überhaupt zu Peisers?« »Darüber weiß ich nichts. Auch Herr Stahl stand mit Herrn Schabrack seit langer Zeit in Geschäftsverbindung.« »Er wohnte doch bis dahin in der Pension Falk in Charlottenburg?« »Das weiß ich nicht.« »Sie werden es schon wissen«, redete der Untersuchungsrichter ihr zu. »Es war da doch eine Geschichte mit dem vertauschten Koffer.« Die Frau machte mit beiden Händen eine abwehrende Bewegung. »Ja,« sagte sie, »das ist alles wahr, aber es hat nichts mit dem Mord zu tun. Der Mörder ist der große blonde Herr mit dem Bart!« Günther Filscher horchte auf. Großer blonder Herr mit dem Bart, dachte er. Er sah sich in ein Atelier eintreten. Der blonde Riese mit den freundlichen Augen kam ihm entgegen, und hinter ihm auf dem Holzblock saß Sibylle. Er fand es merkwürdig, daß er bei den Worten der Wirtschafterin an Anton Marcks denken mußte. Er hatte ein Wort gefürchtet, das auf Torner hinwies. Gott sei Dank war Torner in der Nacht nicht bei Schabrack gewesen. Großer blonder Mann mit dem Bart, dachte er zum fünften- oder sechstenmal. Die Worte hakten sich in seinem Gehirn fest. »Sie haben uns diesen fremden Herrn mit dem Bart sehr genau beschrieben«, fuhr der Richter in der Vernehmung fort. »Sie sagten, daß er einen hellen Anzug trug und immer sehr freundlich aussah. Merkwürdigerweise kann sich niemand von den Angestellten auf einen solchen Herrn besinnen, obwohl er doch wohl zu dem näheren Bekanntenkreis des Ermordeten gehört haben muß. Oder können Sie, Herr Dr. Filscher, sich auf einen Kunsthändler oder Künstler besinnen, auf den diese Beschreibung ungefähr passen könnte?« »N–ein«, brachte Filscher heraus. »Es würde auch schwierig sein«, mischte der Polizeirat sich lächelnd ein. »Ein großer starker Herr mit hellblondem Vollbart und breitem heiteren Gesicht: es ist die genaue Umkehrung dessen, wie sich das Volk den Mörder vorstellt. Die Frau wollte nicht trivial sein. Herren mit blondem Vollbart sind heute eine Seltenheit.« Die Alte sah bösartig zu ihm hin. Sie verstand die Worte nicht, fühlte sich aber verhöhnt. Dennoch blieb sie äußerlich ruhig. Sie warf einen scheuen Blick nach der Tür, hinter der der Tote lag. »Herr Schabrack ist tot«, sagte sie. »Man kann jetzt manches sagen. Natürlich ist der blonde Herr allen Personen aus dem Geschäft unbekannt. Herr Schabrack hatte etwas Geheimes mit ihm. Es handelte sich um alte Denkmäler, glaube ich. Niemand wußte etwas davon. Der Herr arbeitete sie für ihn, sie wurden für alt verkauft.« »Der Kunstfälscher!« sagte der Richter und sah Dr. Filscher an. Der blickte zu Boden. Er dachte an Marcks, an Sibylle, an Torner, an Nora Velten. Noch einmal ging er in Windeseile alle Erlebnisse der letzten Wochen durch. Jeder Satz, den er gestern mit Sibylle gewechselt hatte, klang ihm durchs Ohr. Wenn nur nicht dieses Neue dazwischen gekommen wäre, daß der Kunstfälscher der Mörder und der Mörder der Kunstfälscher sein konnte! »Haben Sie wegen der gefälschten Kunstwerke bereits eine Spur aufgenommen?« klang die Frage des Richters hart an sein Ohr. Er riß sich hoch. »Ja,« sagte er zögernd, »wir haben einen bestimmten Verdacht. Er geht aber in ganz andrer Richtung als die Aussage dieser Frau. Die Personalbeschreibung würde nicht im geringsten stimmen. Er merkte auf einmal, daß diese Aussage eine Lüge war. Es war ja seit dieser Minute nicht mehr Torner, den er für den Fälscher hielt! Plötzlich las er alle Anzeichen richtig. Er war der Wahrheit so nahe gewesen und hatte sie nicht erkannt. Um Torner sollte Sibylle gebangt haben, als sie die Entdeckung nahen fühlte? Nein, um ihren Vater bangte sie! Und Torners Gedanken sollten Jahre hindurch um Nora Velten gekreist haben? Nein, Anton Marcks war es, der sich von seiner einstigen Frau nicht lösen konnte. Anton Marcks hatte Nora Velten immer und immer wieder im Bilde beschwören müssen, während Torner nur gelegentlich ihren Akt skizziert hatte. Es war alles richtig so. Die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Daseins drückte sich in diesem Tatbestand aus. Die irrende Sehnsucht des einen und die übersättigte Verachtung des andern. »In welcher Richtung haben Sie Ihre Nachforschungen angesetzt?« fragte der Richter. »Ich glaube, daß immerhin von Schabracks Händlertätigkeit einiges Licht auf diese Mordangelegenheit fallen kann, und umgekehrt.« »Ich darf mich darüber nicht äußern, ohne meinen Chef, Geheimrat von Bock, gefragt zu haben.« »Diesen Edmund Stahl aber bringen Sie doch mit den Kunstfälschungen in Zusammenhang?« »Jawohl, ich bin überzeugt, daß er wichtige Handlangerdienste dabei leistete.« »Und bei dem Mord?« »Das weiß ich nicht.« »Jedenfalls brauche ich dringend das Material dieser Kunstfälscherangelegenheit. Ich bitte Sie, Herr Doktor, sich bis heute nachmittag von Ihrem Chef die Erlaubnis zu erwirken, in vollem Umfang darüber auszusagen. Wir müssen zusammenarbeiten! Vielleicht darf ich Sie heute noch im Polizeipräsidium in meinem Zimmer erwarten.« »Hoffentlich kann ich Herrn Geheimrat erreichen.« Als Filscher schon in der Tür war, rief ihm der Richter nach: »Ich glaube übrigens, daß Sie sich mit Ihrem Verdacht getäuscht haben. Ihren Kunstfälscher hat die Wirtschafterin ganz richtig beschrieben.« XXV Als Günther Filscher aus dem Haus trat, überfiel es ihn wie Schwäche. Er mußte stehenbleiben und sich gegen die Wand lehnen. Er dachte daran, daß Anton Marcks sich heute nacht vielleicht an dieselbe Stelle der Mauer gelehnt, nachdem er oben die furchtbare Tat vollführt hatte. Diese Haustür hatte er mit dem Schlüssel des Ermordeten aufgeschlossen und war in den Strom des nächtlichen Lebens untergetaucht, namenloser Schatten, der er hier war. Von Anton Marcks wußte in diesem Haus niemand etwas. Anton Marcks lebte in seinem Atelierhaus wie in einem andern Erdteil. Auch wenn in den Presseberichten der blonde Riese auftauchte, den die Wirtschafterin gesehen hatte, würde niemand an Anton Marcks denken. Die ganze aufgeregte Stadt lag zwischen ihm und diesem Mordhaus. Das waren andre Völker, andre Rassen fast, die dort im Westen lebten. Sie wußten nichts von dem, was sich in den Engpässen dieser lärmenden Straßen zutrug. Sie lasen kaum die Überschriften von den Zeitungsberichten. Nur Sibylle! Es war kein Augenblick gewesen, an dem Günther Filscher nicht an Sibylle gedacht hatte. Er mußte zu ihr, ehe sie die Meldung von Schabracks Ermordung in den Mittagsblättern las. Auf einmal hatte er das Gefühl, daß alles ein Traum war. Irgend jemand anders war der Kunstfälscher. Weder Torner noch Marcks hatten je daran gedacht, alte Kunstwerke nachzuahmen. Der Fälscher lebte irgendwo in London, in Detroit, in Rom, in Buenos Aires. Und Schrabrack war von irgendeinem Einbrecher ermordet worden, der das versteckte Geld nicht gefunden hatte. Sibylle würde lächeln, wenn er aufgeregt zu ihr gestürzt kam. Er warf sich in ein Auto und fuhr nach dem Westen. Er empfand Genugtuung über die langen Strecken, die zwischen Schabracks Wohnung und seinem Ziel lagen. Es dauerte Minuten, ehe er zum Alexanderplatz kam, und hier begann erst die Welt, von der man wenigstens einige Namen kannte, und es dauerte nochmals lange Minuten bis zur Friedrichstadt. Es war schon nach zwölf Uhr, als er zum zweitenmal die Treppen zu der Schöneberger Wohnung hinaufstieg. Für einen Augenblick wurde das Gesicht der Portierfrau hinter der Scheibe sichtbar. Sie fragte nicht mehr, zu wem er wollte. Plötzlich merkte er, daß er aufgeregt war. Nicht nur wegen der Ereignisse, die sich seit gestern überstürzt hatten, sondern weil er in einer Minute unter so seltsamen Umständen vor Sibylle stehen würde. Er wünschte, den Augenblick der Begegnung hinauszögern zu können. Als er den Klingelknopf drückte, öffnete sie selbst die Tür. »Was ist los?« fragte sie erschrocken. »Schabrack ist ermordet!« stammelte er unsicher heraus. »Kommen Sie!« Sie ließ ihn eintreten und öffnete die Tür zu einem Zimmer. Wie sie die wenigen Schritte vor ihm herging, schien sie ganz ruhig geworden zu sein. »Wir müssen leise sprechen. Meine Mutter ist nebenan.« »Sie weiß von nichts?« »Nein. Meine Mutter bekümmert sich um nichts, was meinen Vater angeht.« »Sie weiß auch nichts von den – spanischen Plastiken?« »Nein.« Lag in diesen Worten bereits ihr Zugeständnis, daß ihr Vater die Werke aus dem Fund von Cati gefälscht hatte? »Fräulein Sibylle!« Er sah sie ernst an. »Sie wissen, daß ich alles weiß?« Sie nickte. An der stummen Bewegung merkte er, daß sie die Tränen kaum zurückhalten konnte. Wenn sie jetzt ein Wort sprach, brach ihre Fassung zusammen. So begann er zu sprechen. Er wollte mit den Ereignissen des Morgens beginnen, aber er merkte, daß er auf diese Weise nicht zu Ende kam. Er fing noch einmal mit seinem Besuch bei Torner und dem Bild an, das er hinter dem Vorhang entdeckt hatte. Er berichtete von dem Zusammentreffen mit Nora Velten auf der Treppe zu Torners Atelier, und wie er dann sie, Sibylle, gesehen hatte. »Sie sollen alles wissen, Fräulein Sibylle! Ich wollte Ihre Bekanntschaft machen, um die Beziehungen zwischen Torner und dem Urbild dieser Skulpturen herauszubekommen. Aber ich habe mich vom ersten Augenblick an für Sie persönlich interessiert. Ich erwähne das nur, weil ich in dieser Stunde ganz ehrlich sein will. Sie sollen wissen, daß ich seit langem Ihr Freund bin, obwohl Sie mich bis gestern für Ihren Feind gehalten haben.« Noch immer sah sie ihn schweigend mit großen ängstlichen Augen an. Jetzt erst stellte sie eine Frage: »Sie haben also Erich Torner für den Kunstfälscher gehalten?« »Sie werden sich wundern, aber ich war noch gestern abend fest davon überzeugt, daß Torner der Schöpfer dieser Bildwerke ist.« »Und Ihr Besuch im Atelier meines Vaters?« Er lächelte verlegen. »Es war mehr Ihretwegen, daß ich Anton Marcks aufsuchte. Ich versuchte mit allen Mitteln, Ihnen zu begegnen, weil ich in Ihnen den Schlüssel des ganzen Geheimnisses vermutete.« »Damals habe ich als sicher angenommen, daß Sie meinem Vater auf der Spur wären.« »Nein, erst seit einer Stunde weiß ich, daß Anton Marcks der Kunstfälscher ist.« Er beschrieb ihr die Nacht in Durlachers Wohnung, berichtete von dem Telephongespräch, das ihn überraschend in die Wohnung des Ermordeten rief. Ihre Augen hingen an seinen Lippen, als wollte sie die Worte aus ihm herausbrechen. »Ich hatte sogar Torner im Verdacht, Schabrack ermordet zu haben. Aber eine andre Spur tat sich auf. Sie entsinnen sich, daß wir gestern über einen gewissen Edmund Stahl sprachen. Dieser Stahl war bis vor drei Tagen öfters in Schabracks Wohnung gewesen. Seither soll er abgereist sein. Gegen diesen Stahl richtete sich zunächst der Verdacht der Polizei.« »Ist er ermittelt?« fragte sie hastig. »Nein!« Er zögerte, ehe er weitersprach. »Die Wirtschafterin Schabracks sagte aus, daß gestern abend, eine halbe Stunde vor Torners Bankett, ein Herr gekommen wäre und nach Schabrack gefragt hätte. Sie kannte den Herrn von Aussehen, wußte aber nicht den Namen. Nachts gegen zwei Uhr kam Schabrack in Begleitung dieses Herrn nach Hause. Sie erkannte den Herrn deutlich an der Stimme. Am Morgen fand sie Schabrack ermordet.« »Die Wirtschafterin erkannte den Herrn nicht?« fragte Sibylle mit leiser Stimme. »Sie kannte ihn nicht dem Namen nach, beschrieb ihn aber genau.« »Und wie beschrieb sie ihn?« »Groß und stark, mit einem hellblonden Bart und auffallend freundlichen Augen!« Er wagte Sibylle während dieser Worte nicht anzusehen. Als er keine Entgegnung von ihr hörte, sprach er mechanisch weiter. »Sie sagte, daß dieser unbekannte Herr sich öfters Geld von Schabrack holen kam.« »Groß und stark, mit einem hellblonden Bart und auffallend freundlichen Augen!« wiederholte Sibylle mit leiser Stimme. »Ja!« »Und von da ab wußten Sie, daß mein Vater der – – – Kunstfälscher ist?« »Ja!« »Und der Richter! Die Polizei! Wissen die, daß dieser Herr Ähnlichkeit mit meinem Vater hat?« »Nein, das wissen nur Sie und ich, und von mir wird es niemand erfahren.« Sibylle erhob sich. »Ich danke Ihnen!« sagte sie mit leiser Stimme und reichte ihm die Hand. »Um Gottes willen, was wollen Sie tun?« fragte er erschrocken, denn sie zitterte am ganzen Leibe. »Ich muß zu meinem Vater!« »Ich werde Sie begleiten. Ich kann Sie in diesem Zustand nicht allein lassen. Ich muß vielleicht auch mit Ihrem Vater sprechen.« Sie nickte stumm. Als sie die Treppe hinuntergingen, fragte sie plötzlich: »Haben Sie meinen Vater gern?« »Ja, sehr gern. Besonders seit ich weiß, daß er diese Skulpturen geschaffen hat. Es sind unerhörte Werke!« »Nicht wahr? Und es ist doch nicht richtig, daß es Fälschungen sind! Nie sind persönlichere Werke geschaffen als diese. Muß man denn immer arbeiten, was heute modern ist? Darf man nicht arbeiten, was in zweihundert Jahren wieder modern sein wird?« Er winkte ein Auto heran. »Man soll schaffen, was morgen modern sein wird!« sagte er. »Das hat mein Vater nicht getan«, sagte sie, als sie eingestiegen waren. Es schien ihr lieb, die Spannung durch Worte überbrücken zu können. Fast hastig redete sie fort. »Torner schafft, was morgen modern sein wird. Mein Vater konnte das nicht. Er verstand es nicht, sich mit der Zeit abzufinden. Er bangte sich nach Zeiten, die erfüllter und gottnäher waren. Es war nur ehrlich von ihm, daß er auf die alten Stile zurückgriff. Er liebte das Mittelalter, die Gesimse verwitterter Dome, Wälder von Säulen, die Wunderhöhlen dunkler Altarnischen, den Prunk goldener Gewänder, den Ernst grauer Harnische, Rosse, Könige, Heilige, und meine Mutter mußte er in eine solche Welt hineinsetzen.« Er verstand, daß sie Worte ihres Vaters wiederholte. »Ich habe das von Anfang an bewußt miterlebt,« fuhr sie fort, »obwohl ich damals erst dreizehn Jahre alt war. Darf ich Ihnen das alles sagen? Vielleicht sage ich es gar nicht zu Ihnen, sondern zu mir selbst. Ich liebe meinen Vater. Er ist für mich der größte Künstler, den ich kenne. Seine Arbeiten sind so herrlich wie die allergrößten Schöpfungen der Kunstgeschichte. Um solche Arbeiten schaffen zu können, hat er sogar sein Gewissen geopfert.« Ihre Worte sind wie die Rede auf einen Toten, dachte er erschrocken. Er sah die unterirdischen Verbindungen zwischen ihr und dem blonden Riesen hin und her laufen. »Ich habe jedes seiner Werke entstehen sehen«, fuhr sie fort. »Ich war Zeuge, wie meine Mutter ihm immer mehr zur Heiligen und Märtyrerin wurde. Oft hat er mein Gesicht benutzt, um die Züge meiner Mutter so festzuhalten, wie er sie früher gekannt hatte. Denn er sah sie nie wieder. Ich habe bis zum heutigen Tage keinen Mann lieben können, weil die innere Verbindung mit meinem Vater mir höher als alles andre stand. Vielleicht bin ich es nun gewesen, die ihn zu dem furchtbaren Schritt getrieben hat. – Ja,« sagte sie nach einer kleinen Pause, »ich bin schuld an allem. Ich hätte es ihm nie erzählen sollen, daß ich die Werke wiedergesehen habe.« Sie hielt einen Augenblick inne, ehe sie fortfuhr: »Ich erzählte ihm, wieviel Schabrack für seine Schöpfungen erhielt. Das mag seinen Haß gegen ihn zum äußersten gesteigert haben. Schabrack hielt meinen Vater wie einen Sklaven. Immer neue Werke mußte er schaffen, um nur das Nötigste zu verdienen. Ich glaube, daß seine neue Familie Not gelitten hat, damit er nur meiner Mutter genügend Geld zukommen lassen konnte. Er wurde von Werk zu Werk weitergehetzt. Er hatte es nämlich noch nicht aufgegeben, auf dem Umweg über die alten Stile zu seinem eignen Stil vorzudringen. Immer mehr Eignes brachte er in seine Arbeiten hinein, bis es ihm schließlich bei seinem letzten Werk gelang, das zu schaffen, was ihm vorgeschwebt hatte. Schabrack sollte dieses Werk nicht bekommen, aber durch Geldnot wurde mein Vater schließlich doch gezwungen, es ihm zu überlassen. Weil es im Stil von den spanischen Sachen so verschieden war, sollte es als fränkische Gotik ausgegeben werden. Es ist die Madonna, deren Photographie Sie heute nacht gesehen haben!« »Die Madonna!« »Heute sollte sie abgeholt werden!« In dem Augenblick hielt der Wagen in der Hagenstraße. Die gelben Blätter der Linde fielen bereits nieder und bildeten unten einen glitschigen Brei. Schweigend gingen sie durch den Vorgarten an der Villa vorüber zum Atelierhaus. Filscher bemerkte, daß Sibylle vor Furcht zitterte, obwohl sie sich zusammenriß. Die blonde Frau mit dem Säugling öffnete. »Guten Tag, Tante Beate. Ist Vater im Atelier?« »Wenn er nicht ausgegangen ist!« sagte die blonde Frau und bog das Kind vor dem Besuch ein wenig zurück, als müßte sie es vor der Einwirkung der fremden Welt schützen. »Ich habe den Vater heute noch nicht gesehen.« Sibylle klopfte leise an der Ateliertür. Nichts antwortete. »Geh nur hinein, Siby!« sagte die Frau und zog sich in die Küche zurück. Sibylle machte die Tür auf und betrat raschen Schrittes das Atelier. Filscher konnte hinter ihrem Rücken nicht sehen, was in dem Raum vorging. Er hatte nur das Gefühl, daß sich etwas Außergewöhnliches ereignet hatte. Er ging hinein und prallte im gleichen Augenblick zurück. In der Mitte des Ateliers stand die fränkische Madonna, aber ein Hammer hatte die Marmorfigur zerstört. In eine Ecke war der Kopf gerollt und sah mit toten Sibyllenaugen zu der Tür hin. Das Christuskind war auf den Sockel hinuntergepoltert. Vor dem Sockel aber lag ausgestreckt der blonde Riese Anton Marcks mit einem dunklen Blutfleck in der rechten Schläfe. Die Hand, die den Revolver hielt, war hingesunken. »Vater!« schrie Sibylle und warf sich über den toten Körper. Das war es, dachte Filscher. Das gab Sibylle die Totenrede über ihren Vater ein. Ihre Seele hatte gespürt, daß er hier mit zerschossener Schläfe lag. Er hörte es hinter sich stöhnen und sah zurück. In der Tür stand die blonde Frau und starrte auf den Toten. Sie wagte nicht hinzustürzen, wo die vornehme Tochter auf den Knien lag und weinte. Sie blieb stehen und rang die Hände ineinander. »Jetzt ist alles aus!« hörte Filscher sie sagen. Es dauerte lange, bis sich Sibylle aufrichtete. »Tante Beate, Vater ist tot!« Die Tränen rannen ihr aus den Augen. Die Frau sah sie mit einem Haßblick an. Der Säugling schaute verwundert auf die merkwürdige Haltung der Menschen. »Vater ist tot!« rief Sibylle noch einmal und schlang ihre Arme um die blonde Frau. »Ja, er ist tot, Siby!« Die Frau sank auf einen Stuhl nieder und drückte das Kind an sich. Sie gab Siby die Schuld, Siby und den andern, die noch immer in der Schöneberger Wohnung saßen und ihren Mann mit den Mitteln einer fernen fremden Welt behexten. Günther Filscher hatte sich in die Ecke gedrückt und sah auf den Toten und auf die Trümmer der Madonna, deren verstümmelte Gliedmaßen gegen die Vernichtung aufzubegehren schienen. Durch das Glasfenster sah man den Postboten, wie er in seiner blauen Uniform den Gang entlang kam. Der Briefdeckel in der Tür klapperte und ein Brief fiel in den Flur. Der Mann ging durch den Garten zurück. Filscher hob den Brief auf. »Herrn Anton Marcks!« sagte er unschlüssig. Die blonde Frau nahm ihn und reichte ihn Sibylle. »Lies, Siby!« sagte sie. »Ihr wißt doch mehr davon als ich.« »Es ist Torners Handschrift!« stellte Sibylle verwundert fest. Sie wußte nicht, ob sie den Umschlag aufbrechen sollte, und hielt ihn eine Weile unschlüssig in der Hand. Schließlich riß sie ihn auf. Sie mußte ein wenig lächeln, ehe die Tränen ihr erneut aus den Augen stürzten. Sie reichte Filscher das Schreiben. Er las: »Anton Marcks! Durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen hält man mich für den Schöpfer jener Skulpturen, die unter dem Namen des Fundes von Cati in den Handel gekommen sind. Man glaubt mir auf der Spur zu sein. Ich lasse die Brüder bei ihrem Glauben und reise mit falschen Papieren mindestens für ein Jahr in den Stillen Ozean. Vielleicht für immer! Dem wirklichen Schöpfer jener unvergleichlichen Meisterwerke bin ich tief verschuldet. Immer wieder habe ich vergeblich versucht, wenigstens einen Teil meiner Schuld abzutragen. Jetzt ist die Gelegenheit dazu gekommen. Der ›Kunstfälscher‹ kann ruhig schlafen. Meine ›Flucht‹ wird den Verdacht bestätigen. Erich Torner.« »Ist es etwas für mich?« fragte die Frau. »Nein«, sagte Sibylle und schämte sich, daß sie so sehr viel mehr von ihrem Vater wußte als seine Frau. »Du kannst es lesen, Tante Beate. Erich Torner will Vater einen Gefallen erweisen. Aber es ist zu spät.« Sie wandte sich mit den tränenden Augen zu Günther Filscher. »Er ist vielleicht doch ein sehr großer Mensch, nicht wahr?« »Und ein großer Künstler!« setzte er hinzu. Die Frau sah den Brief mißtrauisch an und legte ihn beiseite. – Als Günther und Sibylle nachher durch den Garten zur Straße gingen, faßte er ihre Hand. »Ich habe Sie furchtbar lieb, Sibylle!« »Ich Sie auch, Günther!« Aber die Tränen stürzten erneut aus ihren Augen.