Trilby * Roman von George du Maurier Deutsch von Marg. Jacoby     Stuttgart Verlag von Robert Lutz 1897     Erster Teil. »Mimi Pinson est une blonde Une blonde que l'on connaît; Elle n'a qu'une robe an monde, Landérinette! et q'un bonnet!«         Ein Apriltag mit hellem Sonnenschein und Regenschauern. Durch das große Atelierfenster, das oben offen steht, strömt eine angenehme Kühle herein. Endlich läßt sich doch einigermaßen Ordnung herstellen! Der Stutzflügel von Broadwood ist eingetroffen, als Frachtstück mit dem langsamen Güterzug – in Frankreich nennt man's la petite vitesse. Er nimmt jetzt, neu gestimmt, die rechte Wand ein, während eine ganze Rüstkammer von Rappieren, Fechtmasken und Boxerhandschuhen drüben auf der andern Seite hängt. Ein Kletterstrick mit Knoten, ein Luftseil und zwei nebeneinander herabhängende Taue mit Ringen am Ende, sind an einem der starken Deckbalken befestigt. Die mattroten Wände schmücken Gipsabgüsse von Armen, Beinen, Händen und Füßen; ferner ein Dantekopf, Michelangelos 4 Hautrelief von Leda mit dem Schwan, auch ein Kentaur und ein Lapithe aus Elgins Antikensammlung; es liegt nirgends Staub darauf, er hat noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln. Außer einigen Aktstudien in Öl, sieht man auch Kopien nach Tizian, Rembrandt, Velasquez, Rubens, Tintoretto, Leonardo da Vinci – dagegen sind Botticelli, Mantegna und Genossen nicht vertreten; ihre Verdienste hatten sich damals dem großen Haufen noch nicht geoffenbart. Auf einem breiten Sims, das sich in beträchtlicher Höhe rings an den Wänden entlang zieht, stehen noch viele Gipsabgüsse, Terrakotten und Bronzefiguren: ein kleiner Theseus, eine kleine Venus von Milo, ein kleiner Diskuswerfer, ein kleiner geschundener Mann, der drohend die Faust gegen den Himmel erhebt, (wer wollte ihm das auch in seinem Zustand verargen?). Daneben prangen ein Löwe und ein Eber von Barye, ein künstliches Pferdegerippe, dem die Ohren und drei Beine fehlen, ein Pferdekopf vom Parthenongiebel, gleichfalls ohne Ohren, eine Clytia mit der schönen niedern Stirn, dem süßen schmachtenden Blick und der wunderbaren Schulterbewegung nach vorn, durch die ihr Busen zu einem so weichen Nest und Ruhekissen wird, daß er den Erdensöhnen immerdar lieblich und lockend erscheinen muß, von Geschlecht zu Geschlecht. Beim Ofen hängt der Bratspieß, eine Pfanne, die Toastgabel und ein Blasebalg. Daneben, im Eckschrank mit der Glasthür, sieht man Teller, Gläser, stählerne Messer, 5 Gabeln mit schwarzen Holzgriffen und Löffel von englischem Zinn; auch eine Salatschüssel nebst Öl- und Essigflaschen, zwei Senftöpfe, (für englischen und französischen Senf) und mehr dergleichen, alles blitzblank und rein. Auf dem Fußboden, der für schweres Geld angestrichen und gewichst worden ist, liegen zwei Leopardenfelle und ein großer persischer Gebetsteppich. Nur unter dem Luftseil und weit ab von dem großen Fenster, hinter dem, für das Modell bestimmten, erhöhten Tritt, sind grobe Matten ausgebreitet, damit man fechten und boxen kann, ohne auszugleiten, und selbst wenn man fällt, mit heilen Knochen davonkommt und den Hals nicht bricht. Die beiden Fenster, die nach Osten und Westen gehen, sind mit Läden und schweren Wollgardinen versehen, durch die man den Sonnenaufgang und Untergang, je nach Bedarf, hereinlassen oder ausschließen kann. Ringsum sieht man allerlei Nischen, Vorsprünge und Winkelchen, die sich im Lauf der Zeit mit zahllosem Tand, mit Nippessachen, persönlichem Eigentum und neuen Anschaffungen füllen werden. Durch solchen Krimskrams erhält ein Raum erst sein behagliches, heimatliches Aussehen; der Mensch vergißt ihn nie im Leben wieder und verweilt dort oft und gern mit seinen Gedanken in wehmütiger Erinnerung. Vor dem nach Norden gelegenen Atelierfenster aber, das zum Handwerk gehört, steht ein Riesensofa, das so breit und groß und wundervoll weich ist, daß drei wohlgenährte, 6 seelenfrohe Engländer, ohne einander im Wege zu sein, bequem ausgestreckt zusammen darauf liegen und ihr Pfeifchen rauchen können. Und das thaten sie oft. Einer dieser Engländer – er kam aus Yorkshire und wurde Taffy genannt, (oder auch Vollblut, weil er weitläufig mit einem Baron verwandt sein sollte), war jedoch zur Zeit auf andere Art beschäftigt. Nur mit Hose und Hemd bekleidet, die Ärmel weit zurückgestreift, ließ er ein paar Indianerkeulen im Kreise um seinen Kopf herumwirbeln. Große Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, sein Gesicht war starkgerötet und er schaute wild darein. Der junge Mann war sehr groß und blond, hatte gute, aber etwas jähzornige, blaue Augen, und die Muskeln seiner nervigen Arme schienen so fest wie Eisenbande. Drei Jahre lang war er wohlbestallter Offizier im englischen Heer gewesen und hatte den Krimkrieg mitgemacht, ohne eine Schramme davonzutragen. Fast wäre er bei dem unsterblichen Reiterangriff von Balaklawa einer der berühmten Sechshundert gewesen, hätte er nicht gerade an jenem wichtigen Tage im Hospital gelegen, mit einem verstauchten Fuß, den er sich beim Bockspringen geholt, das man zur Kurzweil in den Laufgräben betrieb. Statt Ruhm und Ehre zu erwerben, oder ein frühes Grab, mußte er so schmählich sein Glück verscherzen! Dies Mißgeschick konnte er nicht verwinden; es verleidete ihm das Soldatenleben gründlich. Bald darauf ergriff ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht nach 7 der Kunst; er hing die Uniform an den Nagel und arbeitete jetzt in Paris, im Schweiße seines Angesichts, wie wir gesehen haben. Taffy hatte hübsche, regelmäßige Züge, doch trug er leider, außer seinem gewaltigen Schnurrbart, noch einen riesigen Backenbart, wie er damals Mode war bei der Jugend, wofern diese Zeit (und Haar) genug hatte, um sich den Luxus zu gestatten. Je größer und blonder der Backenbart, desto schöner der Jüngling. Heutzutage, mit unsern glatten Wangen, scheint uns das schier unglaublich. Ein anderer Insasse des Ateliers – dieser Stätte der Glückseligkeit – Sandy, der Laird (oder Gutsherr) von Cockpen benamst, saß, ebenso leicht gekleidet, an seiner Staffelei und malte das naturgetreue Ebenbild eines spanischen Toreadors, der einer hochedlen Dame bei hellem Tage ein Ständchen bringt. Sandy war nie in Spanien gewesen, aber er hatte auf dem Boulevard du Temple den ganzen Aufzug des Toreadors um einen Spottpreis erstanden; nur die Guitarre brauchte er noch zu mieten. Seine Pfeife war ihm eben ausgegangen, und er hielt sie verkehrt im Munde, das heißt, die Öffnung nach unten, so daß sich die Asche über seine Beinkleider ergoß, in die er auf solche Art häufig Löcher brannte. Halb unbewußt begann er jetzt in angenehmem schottischem Dialekt die folgende Strophe laut zu deklamieren: 8 Hier in Paris ist die famose Ru Nov dee Petty Chong, du weißt, So nennt sie nämlich der Franzose, Was ›Neue kleine Feldstraß‹ heißt . . . .« Der schöne Vers mußte ihm wohl gefallen, denn er lachte über das ganze Gesicht und sah so stillvergnügt, so glücklich und wohlgemut aus, daß einem das Herz aufging, wenn man ihn nur ansah. Auch er hatte umgesattelt und den für ihn bestimmten Beruf verschmäht. Nach dem Willen seiner guten frommen Eltern, die in Dundee wohnten, sollte er Beamter der Staatskanzlei werden, wie sein Vater und Großvater vor ihm. Statt dessen saß er jetzt im lustigen Paris, malte Toreadore und deklamierte in der Freude seines Herzens die Ballade von der berühmten Fischsuppe Bouillabaisse , die er weit öfter im Munde führte, als sein Morgen- und Abendgebet. Die Ellenbogen auf das Fenstergesims gestützt, kniete der dritte und jüngste der Kunstgenossen, den man den kleinen Billy nannte, auf dem Sofa. Er hatte den grünwollenen Vorhang fortgeschoben und ließ nun seine Blicke über alle Dächer und Schornsteine von Paris, und weit in die Runde, schweifen; dazu kaute er eine Semmel, nebst einem schmackhaften Knackwürstchen, das stark nach Knoblauch roch. Er aß mit großem Behagen, denn er hatte den ganzen Morgen in Carrels Atelier nach dem lebenden Modell gezeichnet und war sehr hungrig. Der kleine Billy, ein zierlicher, schlanker Junge, stand 9 im einundzwanzigsten Lebensjahr; er hatte große, dunkelblaue Augen, regelmäßige Züge, kohlschwarzes Haar, und eine weiße, von bläulichen Adern durchzogene Stirn. Durch sein feines, anmutiges Figürchen, die kleinen Hände und Füße, und einen wohlgepflegten Anzug, stach er vorteilhaft von seinen Freunden ab, die sich alle Mühe gaben, es den Eingeborenen des Quartier latin an sorgloser Unmanier noch zuvorzuthun, was ihnen auch trefflich gelang. Sein hübsches, freundliches Gesicht verriet durch eine kaum merkliche Färbung die entfernte Möglichkeit eines israelitischen Vorfahren. Es war nur ein leiser Anflug jenes kraftvollen, trotzigen, unbezwinglichen und unverlöschbaren Blutes, welches in starkverdünnter, homöopathischer Dosis von unbezahlbarem Werte ist. Es gleicht dem Montijo, jenem trockenen spanischen Wein, der nicht unvermischt getrunken werden darf, der aber, dem Xeres beigegeben, diesem erst die Blume verleiht, welche ihm bei seiner Wanderung durch die Welt nie wieder abhanden kommt. Behauptet man doch auch vom Windhund, daß er nur, wenn er von einer Bulldogge stammt – was zwar an sich nicht schön ist – je hoffen darf, ein rechter Kampfhund zu werden. Wenigstens haben mir das die Weinhändler und Hundezüchter gesagt, an deren Wahrheitsliebe ich nicht zweifeln möchte. Ein Glück für die Welt, und besonders für uns selber, daß den meisten von uns wenigstens ein Tröpfchen dieses kostbaren Blutes in den Adern fließt, ob wir's nun wissen 10 und man's uns ansieht oder nicht. Tant pis pour les autres! Während der kleine Billy seine Semmel kaute, betrachtete er auch das Menschengewühl unten auf dem Platz St. Anatole des Arts, und die alten Häuser gegenüber, von denen mehrere gerade abgetragen wurden, sie wären sonst wohl aus eigenem Antrieb zusammengestürzt. Durch die so entstandenen Lücken sah er alte, zerbröckelnde, mißfarbige Mauern, mit geheimnisvollen Fenstern und altertümlichen, eisernen Altanen, an denen der Rost nagte. Bei ihrem Anblick fühlte er sich ins Mittelalter versetzt; er träumte von den alten Pariser Mysterien, von Liebe, Haß und Blutthaten in längst vergangenen Zeiten. Eine Mauer war ganz durchgebrochen, so daß der Fluß zum Vorschein kam, die Cité und die unheimliche, alte Morgue; ein wenig nach rechts ragten die grauen Türme von Notre Dame de Paris in den blaugefleckten Aprilhimmel empor; ja man brauchte seine Einbildungskraut nur wenig anzustrengen, um ganz Paris zu seinen Füßen zu sehen. Das war dem kleinen Billy etwas so neues, und er fühlte sich so freudig erregt, daß die Sprache keine Worte hatte für sein Entzücken. Paris! Paris!! Paris!!! Der bloße Name hatte stets einen Zauberklang für ihn besessen, mochte er ihn nun hören, sehen oder aussprechen. Und nun schaute er das Wunder endlich mit 11 eigenen Augen, und er, er selbst – ipsissimus – durfte mitten darin leben und lernen so lange er wollte und ein großer Künstler werden, wie er es so heiß ersehnte. Nach beendetem Imbiß zündete er sein Pfeifchen an und warf sich mit einem tiefen Seufzer aus übervollem Herzen der Länge nach auf das Sofa. Ein solches Glück hatte der kleine Billy noch nie gekannt, es nicht einmal im Traum für möglich gehalten. Und doch war er sein Leben lang glücklich gewesen. Bei seiner zarten Jugend wußte er noch nichts von der Welt und ihrem sündhaften Treiben, er verstand wenig Französisch, und noch weniger von den Pariser Sitten, wie sie im Quartier latin gäng und gäbe sind. Sein verstorbener Vater hatte eine Stelle im Schatzamt bekleidet; der Sohn war nie zur Schule gegangen, sondern zu Hause unterrichtet worden. Seine Knabenzeit hatte er in London verlebt mit Mutter und Schwester; da aber ihre Verhältnisse ziemlich beschränkt waren, wohnten sie jetzt in Devonshire. Das Atelier in Paris hatte er zusammen mit seinen beiden Freunden, Taffy und dem Laird, gemietet. Letzterer schlief auch dort, in einem kleinen Nebenzimmer, während Taffy sein Nachtquartier im Hotel de Seine aufschlug, das in der gleichnamigen Straße lag. Der kleine Billy selbst wohnte im Hotel Corneille auf dem Platz de l'Odéon. Hat wohl schon je ein Mensch in alter oder neuer Zeit ein paar so prächtige Kameraden besessen? Das ist doch 12 rein unmöglich. Alles was sie thaten und sagten erschien ihm geradezu vollkommen; sie waren nicht nur seine Studiengenossen, auch seine Führer und Vorbilder. Taffy und der Laird ihrerseits, liebten den Kleinen nicht minder. Das unbedingte Vertrauen, das er ihnen entgegenbrachte, rührte sie tief, denn sie mochten sich wohl sagen, es sei vielleicht nicht ganz nach Verdienst und Würdigkeit. Sie lachten und freuten sich zwar über seine fast mädchenhafte Unschuld, thaten aber alles, um sie ihm zu bewahren, trotz dem Quartier latin, wo zu lange bewahrte Seelenreinheit leicht verdirbt. Doch er eroberte nicht nur ihre Herzen durch sein zärtliches Gemüt, sein lebhaftes und liebevolles Wesen, sie zollten ihm auch weit größere Bewunderung, als er sich je träumen ließ. Sein feines Gefühl für Form und Farbe, seine scharfe, kühne und sichere Auffassung, die wunderbare Leichtigkeit, mit der ihm die Ausführung gelang, sein offener Sinn für alles was schön und lieblich war in der Natur, und eine Fähigkeit es treu wiederzugeben, die, wie sie neidlos einräumten, ihnen selbst bei weitem nicht in so hohem Maße verliehen war – das alles zeugte von einer Begabung, die nur das echte Genie besitzt. Wenn jemand aus unserm nächsten Kreise solche außergewöhnlichen Gaben hat, so pflegen wir ihn, je nach unserer Gemütsart, überschwenglich zu lieben, oder zu hassen. Taffy und der Laird liebten daher den kleinen Billy von ganzem Herzen. Freilich hatte er auch seine Fehler. Er interessierte 13 sich zum Beispiel nur mäßig für die Bilder anderer Leute. Der Guitarre spielende Toreador des Laird ließ ihn gleichgiltig, zusamt der Schönen, der jener sein Ständchen brachte – wenigstens äußerte er sich weder lobend noch tadelnd über sie. Auch Taffys realistische Leistungen – denn Taffy war Realist – betrachtete er stillschweigend. Eine härtere Prüfung für treue Freundschaft giebt es aber nicht, als dies beredte Schweigen. Was sie einigermaßen tröstete, war, daß er auch, wenn sie alle drei zusammen in den Louvre gingen, sich weder viel um Tizian zu kümmern schien, noch um Rembrandt, Velasquez, Rubens, Veronese oder Leonardo. Er sah sich die Leute an, welche vor den Bildern standen, statt diese selbst zu betrachten; vor allem die Maler, welche sie kopierten, und die bisweilen reizenden jungen Malerinnen, die ihm noch weit schöner erschienen als sie in Wirklichkeit waren. Sehr oft schaute er auch im Louvre zu den Fenstern hinaus, und da gab es viel zu sehen – nämlich immer noch mehr von Paris – und von Paris konnte er nie genug bekommen. Wenn sie aber hernach, übersättigt von klassischer Schönheit, zusammen ins Speisehaus gingen, und Taffy sowohl als der Laird entzückt die alten Meister priesen, oder über sie in Streit gerieten, dann lauschte er ihren Worten mit ehrfürchtiger Aufmerksamkeit, und war ganz ihrer Meinung. Die reizenden, kleinen drolligen Federzeichnungen, die er 14 später entwarf, um sie im heiligen Eifer darzustellen, schickte er an seine Mutter und Schwester nach Hause. Die Skizzen waren so lebendig und naturgetreu, daß man meinte die beiden Freunde sprechen zu hören, und so schön gezeichnet – die alten Meister selbst hätten es nicht besser machen können; ja sie hätten es vielleicht gar nicht machen können, so urkomisch wenigstens gewiß nicht, denn das verstand niemand als eben nur der kleine Billy. Während jetzt der kleine Billy die Ballade von Bouillabaisse da wieder aufnahm, wo der Laird stehen geblieben war, und dabei an seine und seiner Genossen Zukunft dachte – eine ganz unmenschlich ferne Zukunft: er selbst zum Beispiel stand darin schon im vierzigsten Jahr – da ward er plötzlich durch ein Klopfen an der Thür aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Zwei Männer traten herein; voran ein großer, starkknochiger Mensch zwischen dreißig und fünfundvierzig Jahren, sein Alter war schwer zu bestimmen. Er trug ein rotes Barett und einen Sammetmantel, der am Halse durch eine große Metallspange zusammengehalten wurde, hatte wohlgebildete, aber finstere Gesichtszüge, und sah sehr schäbig und schmutzig aus. Sein dichtes, glanzloses, schwarzes Haar fiel ihm in schweren Strähnen hinter dem Ohr bis auf die Schultern herab, nach der bei Musikern beliebten Manier, die einem echten Engländer höchst anstößig ist. Svengali, so hieß der Mann, schien von jüdischer Herkunft, hatte kecke, glänzend schwarze Augen, ein gelbliches hageres Gesicht, 15 einen kohlschwarzen Bart, der die halbe Backe bedeckte und über den ein langer, gedrehter Schnurrbart von etwas hellerer Farbe mit spitzen Enden herabhing. Er sprach fließend französisch, aber mit starkem Accent und deutscher Wortstellung; seine dünne Stimme klang rauh und gewöhnlich, auch schlug sie oft in einen unangenehmen Fistelton über. Sein Gefährte war ein kleines, schwärzliches Männchen – vielleicht ein junger Zigeuner – gleichfalls sehr schäbig und mit Pockennarben im Gesicht. Er hatte große, sanfte, zärtliche braune Augen wie ein Seidenhund, und kleine, unruhige Hände mit hervortretenden Adern und abgebissenen Nägeln. Unter dem Arm trug er eine Fiedel samt Fiedelbogen ohne Kasten, als hätte er auf der Straße gegeigt. » Ponchur mes enfants, « sagte Svengali. » Che vous amène mon ami Checko, qui choue du fiolon gomme un anche! « Der kleine Billy, der allen Meistern süßer Töne die höchste Verehrung zollte, sprang auf und bewillkommnete Gecko so herzlich, wie es ihm mit seinen paar französischen Brocken möglich war. » Ha! lebiano! « rief Svengali, warf sein rotes Barett auf das Instrument und den Mantel auf den Boden. » Ch' espère qu'il est pon, et pien t'accord! « Er nahm auf dem Klavierstuhl Platz und ließ seine Finger mit einer Leichtigkeit, einer Kraft, einer Weichheit über die Tasten gleiten, welche sofort den Künstler verrieten. Nach 16 einigen Tonleitern spielte er Chopins Impromptu in Cis moll so wunderschön, daß der kleine Billy meinte, das Herz im Leibe müßte ihm zerspringen vor Entzücken und unterdrückter Gemütsbewegung. Er hatte noch nie etwas von Chopin gehört, denn er kannte nur die englische Familienmusik – einfache Melodien mit Variationen, wie ›Annie Laurie‹. ›des Sommers letzte Rose‹, ›die blauen Glocken von Schottland‹ und ähnliche kleine unschuldige Klimperstücke von Mutter und Schwester. Mit diesen kann man an Gesellschaftsabenden die erste Steifigkeit verscheuchen und eine allgemeine Unterhaltung in Gang bringen, an der selbst schüchterne Leute teilnehmen, die den Laut ihrer eigenen Stimme nicht ohne Begleitung hören mögen, und deren fröhliches Geplapper sofort verstummt, wenn die Musik aufhört. Chopins Impromptu blieb ihm unvergeßlich, und er sollte es später unter seltsamen Umständen wieder hören. Nun spielten Svengali und Gecko zusammen, – es war ein himmlischer Ohrenschmaus – kleine Bruchstücke, manchmal nur ein paar Takte, aber voll unaussprechlicher Schönheit und Tiefe; kurze Melodien, musikalische Brocken und Schnitzel, die den Hörer im Nu berücken, fortreißen, in Wehmut zerschmelzen oder begeistern konnten und stets an der richtigen Stelle abbrachen. Sie spielten Czardas, Zigeunertänze, ungarische Liebesklagen, lauter Sachen, die man in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts fast nur im östlichen Europa kannte. Der Laird und Taffy 17 wußten sich kaum mehr zu fassen in ihrer Begeisterung, während der kleine Billy vor Wonne völlig verstummte. Als das Konzert zu Ende war, begannen die beiden großen Künstler zu rauchen, die drei Briten aber vermochten selbst das nicht vor übergroßer Aufregung. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. Da ward plötzlich laut angeklopft und eine volle, dröhnende Stimme von großem Umfang ließ den Jodelruf des britischen Milchmanns erschallen: »Die Milch ist da!« Ob es eine Männer- oder Frauenstimme war, konnte man nicht unterscheiden; sie hätte jedem Geschlecht, (selbst dem eines Engels) angehören können. Bevor noch jemand › Entrez ‹ gesagt hatte, zeigte sich eine seltsame Gestalt in dem Thürrahmen des kleinen düstern Vorsaals. Es war ein hochgewachsenes, voll erblühtes junges Frauenzimmer, in dem grauen Waffenrock eines französischen Infanteristen, dessen Verlängerung ein kurzer, gestreifter Unterrock bildete. Unter diesem sah man ihre nackten weißen Fußgelenke, nebst den schlanken rosigen Fersen, die glatt und gerade waren wie ein Messerrücken; die Zehen steckten in ungeheuren Männerpantoffeln, so daß sie bei jedem Schritt die Füße am Boden schleifen mußte. Sie trat mit der größten Unbefangenheit auf, wie jemand, der gute Nerven und gesunde Muskeln besitzt und sich nicht leicht die Laune verderben läßt. Auch mochte sie wohl schon lange in französischen Ateliers verkehren und 18 sich in dieser Luft vollkommen heimisch fühlen. Zu ihrem seltsamen Aufputz gehörte keine Kopfbedeckung; ihr dichtes, welliges braunes Haar war kurz geschnitten, ihr Gesicht blühend und jugendlich. Man würde es auf den ersten Blick kaum sehr schön gefunden haben: die Augen standen zu weit auseinander, der Mund war zu groß, das Kinn zu derb, und die Haut voller Sommersprossen. Auch weiß man ja überhaupt nie genau, wie schön (oder häßlich) ein Gesicht ist, bevor man nicht versucht hat, es zu zeichnen. Ihr Hals, der bis zum Schlüsselbein unter dem aufgeknöpften Militärkragen hervorsah, war von so schneeiger Weiße, wie man sie nie bei Französinnen und äußerst selten bei Engländerinnen findet. Sehr schön war auch ihre kurze, breite Stirn, mit den dichten, geradlinigen Augenbrauen, der hohe, breite Rücken der kurzen Nase, und die vollen, wohlgebildeten Wangen. Sie hätte einen wunderhübschen Knaben abgegeben. Während sie sich in der Gesellschaft umsah, verzog sie den Mund zu einem Lächeln von ganz ungewöhnlicher Breite, so daß ihre, großen weißen Zähne zum Vorschein kamen. Dies Lächeln war so herzlich, so liebenswürdig und zutraulich, daß man ihr kluges, gutes, lustiges, ehrliches und unerschrockenes Wesen sofort daraus erkannte. Sie mochte wohl gewohnt sein, überall, wohin sie kam, mit Freuden empfangen zu werden. Rasch schloß sie jetzt die Thür hinter sich, machte ein 19 ernstes Gesicht, neigte nachdenklich den Kopf, stemmte die Arme in die Seite und sagte mit freundlicher Miene: »Ihr seid lauter Engländer, nicht wahr? – Wie ich die Musik hörte, dachte ich, da könnt' ich ja 'mal ein bißchen 'reingehen, zum Zeitvertreib. Ihr habt doch nichts dagegen? Trilby ist mein Name – Trilby O'Ferrall.« Sie sagte das auf Englisch, mit schottischem Accent und französischer Betonung, in einer so tiefen, kräftigen und volltönenden Stimme, daß man fast einen angehenden Tenor zu hören meinte und unwillkürlich bedauerte, daß sie kein Knabe war: sie hätte ein so lustiger Bub sein können. »Durchaus nicht, wir freuen uns sehr,« sagte der kleine Billy und holte ihr einen Stuhl. »O spielt nur weiter und macht keine Umstände mit mir,« versetzte sie, nahm auf dem Tritt neben dem Klavier Platz und schlug die Beine übereinander. Während die jungen Leute noch halb neugierig, halb verlegen nach ihr hinblickten, zog sie ein in Papier gewickeltes Päckchen mit Eßwaren aus der Rocktasche und rief: »Wenn's euch recht ist, eß' ich nun ein paar Bissen. Ich bin nämlich ein Modell, und es hat gerade zwölf geschlagen; jetzt ist Ruhepause. Ich war bei Durien, dem Bildhauer, eine Treppe tiefer. Dem stehe ich Modell für – für – alles mit einander.« »Alles miteinander?« fragte der kleine Billy. »Jawohl – l'ensemble meine ich – Kopf, Hände 20 undFüße, kurz für alles; besonders die Füße. Hier ist mein Fuß,« sagte sie, den großen Pantoffel fortschleudernd und das Bein hebend. »Es ist der schönste Fuß in ganz Paris. Nur noch einen giebt es, der ihm gleich kommt, und das ist der da.« Sie lachte herzlich, (es klang wie fröhliches Glockengeläute) und streckte ihren andern Fuß vor. Und wirklich, es waren selten schöne Füße, wie sie sonst nur Statuen und Bilder aufzuweisen haben; ein wahres Meisterwerk an Form und Farbe. Sanfte Biegungen, edle Umrisse, feine Linien und hier und da ein Grübchen, vom unschuldigsten Rosa und Weiß angehaucht. Der kleine Billy, der den richtigen Künstlerblick von Gottes Gnaden besaß und ein unmittelbares Gefühl dafür, wie jedes Glied von Mann, Weib oder Kind eigentlich beschaffen sein sollte, (aber so selten ist) war förmlich verblüfft darüber, daß ein wirklicher, menschlicher, nackter Fuß dem Auge einen so entzückenden Anblick bieten könne. Die Gestalt des Mädchens erhielt für ihn, durch den Sockel, auf dem sie stand, eine antike, wahrhaft olympische Hoheit und Würde, trotzdem ihr Aufputz seltsam genug zusammengewürfelt war, aus dem Soldatenrock, dem Weiberrock, und weiter nichts. Die arme Trilby! Das Abbild ihrer reizenden schmalen Füße, die gerade die richtige Größe hatten, ziert noch jetzt in mattweißem Gips manches Wandbrett in den Künstlerateliers der ganzen 21 Welt, und mehr als ein Bildhauer der Zukunft wird sich noch damit abmartern müssen, es solcher Vollkommenheit gleich zu thun. Denn, wenn die Natur sich einmal in den Kopf setzt, irgend einer kleinen Einzelheit ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen, was vielleicht alle Jubeljahre einmal geschieht, dann mag die arme menschliche Kunst nur zusehen wie sie es anstellt, mit ihr Schritt zu halten. Ein wunderbares Ding, so ein menschlicher Fuß – fast noch wunderbarer als die Hand; aber uns weniger bekannt als diese, und selten ein Gegenstand der Bewunderung in civilisierten Ländern, wo Jung und Alt in ledernen Stiefeln oder Schuhen einherwandelt. Man schämt sich seiner und verbirgt ihn. Er kann sehr häßlich sein, abschreckend häßlich, selbst bei der schönsten, der vornehmsten und begabtesten Schönen; so häßlich, daß er alle Romantik tötet, die junge Liebe im Keime erstickt und Herzen zu brechen vermag. Und das alles nur wegen einer übertrieben spitzen Zehe oder hohen Ferse, Mängel, die eigentlich kaum der Rede wert sind. Hat dagegen die Natur sich besondere Mühe mit der Form gegeben, und bleibt der Fuß durch sorgfältige Behandlung, oder einen glücklichen Zufall, verschont von den Flecken, Härten und sonstigen kläglichen, vom Stiefel erzeugten Verunstaltungen, die ihm alles Ansehen rauben – dann gewährt sein plötzlicher, unverhüllter Anblick dem Auge, das zu sehen gelernt hat, die köstlichste, freudigste Überraschung. Kein anderes Gebilde, selbst nicht das göttliche 22 Menschenantlitz, zeigt so hohe körperliche Vorzüge, eine so edle Abstammung, eine so herrliche Entwicklung: Hier erweist sich die Herrschaft des Menschen über das Tier; die Herrschaft eines Mannes über den andern und des Weibes über alle!! En voilà de l'éloquence - à propos de bottes! Trilby hatte die besondere Gabe, die ihr die Natur verliehen, zu schätzen gewußt; hatte sich nie in einen Lederstiefel oder Schuh gezwängt und ihre Füße stets mit der Sorgfalt behandelt, welche manche schöne Dame ihren Händen angedeihen läßt. Sie waren ihr Stolz, die einzige Eitelkeit die sie besaß. Mit offenem Munde, seine Geige in der einen, den Fiedelbogen in der andern Hand, starrte Gecko sie voll Entzücken an, während sie ganz unbefangen ihr Stück Kommisbrot und Rahmkäse verzehrte. Als sie fertig war, leckte sie noch die letzten Käsekrümel von den Fingerspitzen, holte einen kleinen Tabaksbeutel aus einer Seitentasche, drehte sich eine Zigarette, zündete sie an, sog den Rauch in vollen Zügen ein und blies ihn dann mit Wohlbehagen wieder zur Nase hinaus. Svengali spielte Schuberts ›Rosamunde‹ und sandte ihr dabei aus seinen schwarzen Augen schmachtende Blicke zu, welche zünden sollten. Sie sah aber gar nicht nach der Richtung, in der er saß. Sie schaute den kleinen Billy an, den großen Taffy, den Laird, die Gipsabgüsse und Studienköpfe; auch den Himmel, die vielen Schornsteine und die Türme von Notre Dame, welche gerade von ihrem Platz aus sichtbar waren. 23 Erst als Svengali zu spielen aufhörte, rief sie: » Maïe, aïe! c'est rudement bien tapé c'te musique-là! Seulement c'est pas gai, vous savez! Comment q'ça s'appelle? « »Rosamunde von Schubert,« war Svengalis Antwort. »Und wer ist denn Rosamunde?« fragte sie. »Rosamunde war eine Prinzessin von Cypern, Matemoiselle, und Cypern ist eine Insel.« »Ach, und Schubert – wo ist denn das?« »Schubert ist keine Insel, Matemoiselle, Schubert war ein Österreicher, ein Landsmann von mir, der Musikstücke schrieb und Klavier spielte, ganz wie ich.« »Ah so, Schubert war ein Monsieur. Kenne ihn nicht; habe nie von ihm gehört.« »Das bedaure ich, Matemoiselle. Der Mann hatte Talent. Vielleicht gefällt Ihnen so etwas besser: » Messieurs les étudiants, Montez à la chaumière Pour y danser le cancan. « trommelte er, schlug falsche Noten an und eine Baßbegleitung in anderer Tonart. Es war eine ohrenzerreißende, abscheuliche Katzenmusik. »Jawohl, das gefällt mir besser, weil es lustiger ist. Hat das auch einer von Ihren Landsleuten gemacht?« fragte das Fräulein. »Gott bewahre, Matemoiselle.« 24 Jetzt hatte sie die Lacher auf ihrer Seite. Aber das Spaßhafteste dabei war, (wenn man es überhaupt komisch fand) daß sie es ganz aufrichtig meinte. »Lieben Sie die Musik?« fragte der kleine Billy. »Das will ich meinen,« erwiderte sie. »Mein Vater konnte singen wie ne Lerche. Er war ein Mann von Stande, mein Vater, ein Gelehrter, Mitglied der Trinity-Universität zu Cambridge. Patrick Michael O'Ferrall hieß er. Manchmal sang er ›Ben Bolt‹. Kennt ihr das?« »O ja, ›Ben Bolt‹ kenne ich,« sagte der kleine Billy, »es ist ein sehr hübsches Lied.« »Ich kann es singen,« versicherte Miß O'Ferrall; »soll ich 'mal?« »O bitte, wenn Sie die Güte haben wollen.« Miß O'Ferrall warf das Ende ihrer Zigarette weg; sie saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tritt, stützte die Hände auf die Kniee, daß die Ellenbogen weit abstanden, sah mit gefühlvollem Blick zur Decke hinauf und stimmte das rührende Lied an: »O denkst du wohl noch an schön Alix, Ben Bolt? »Schön Alix mit goldbraunem Haar \&c. \&c.« Es giebt Dinge, über die man keine Thräne vergießen kann, weil sie zu traurig, zu ergreifend sind; aber es giebt auch manches, worüber wir nicht lachen können, es dünkt uns zu komisch, zu absonderlich. Dahin gehörte auch Miß O'Ferralls Vortrag von ›Ben Bolt‹. 25 Aus ihrer geräumigen Kehle, und unter dem hochgebauten Nasenrücken hervor, quoll eine wahre Fülle von Atem und Klang. Die Töne waren nicht laut, aber von so unermeßlichem Umfang, daß sie aus allen Ecken und Winkeln des Raumes zu kommen schienen und überall an den Wänden widerhallten. Sie folgte im allgemeinen dem Gang des Liedes: ließ die Stimme bei den hohen Tönen steigen und bei den tiefen sinken; doch verweilte sie so lange auf jeder einzelnen Note, daß es gar nicht menschenmöglich war, irgend eine Melodie herauszufinden. Nicht ein einzigesmal, auch nicht zufällig, traf sie den Ton oder die richtige Weise; sie mußte wohl ganz unmusikalisch und ohne Gehör sein. Als der Gesang zu Ende war, herrschte ein verlegenes Schweigen. Die Zuhörer wußten nicht recht, sollte es Spaß oder Ernst bedeuten. Hatte sie nur Svengali für seine Ungezogenheit von vorhin strafen wollen, so war diese wunderbare Stegreifleistung eine trefflich ausgeführte Rache für seinen häßlichen Vortrag von › Messieurs les étudiants ‹. Seine schwarzen Augen wurden schon grün und gelb vor Ärger, denn, gerade weil er sich so gern über andere lustig machte, konnte er es gar nicht vertragen, selbst als Zielscheibe des Spottes zu dienen und sich auslachen zu lassen. Endlich sagte der kleine Billy: »Besten Dank. Es ist ein wunderschönes Lied.« »Jawohl,« erwiderte Miß O'Ferrall; »leider ist es das einzige, das ich singen kann. Ich habe es ganz so von 26 meinem Vater gehört, wenn er heißen Grog getrunken hatte und guter Dinge war. Es rührte seine Zuhörer oft zu Thränen, und er weinte auch selbst mit. Das thue ich nie. Es giebt Leute, die behaupten, ich verstünde nichts vom Gesang und doch habe ich das Lied in wer weiß wie vielen Ateliers oft sechs- oder siebenmal hintereinander wiederholen müssen. Ich singe es nämlich mit Variationen – nicht die Worte, aber die Melodie; das thue ich übrigens erst seit kurzem. Kennt ihr Litolff? – Er ist ein großer Komponist. Neulich kam er zu Durien und ich sang ›Ben Bolt‹. Was meint ihr wohl, was er gesagt hat? Denkt nur, er sagte: Madame Alboni käme weder so hoch hinauf wie ich, noch so tief hinunter, und ihre Stimme wäre nicht halb so stark. Er versicherte mir's auf sein Ehrenwort. Ich atmete so natürlich und ruhig wie ein Wiegenkind, sagte er, und brauchte nur noch zu lernen, meine Stimme mehr in der Gewalt zu haben. Ja, das hat er gesagt.« » Qu'est ce qu'elle dit? « fragte Svengali. Sie wiederholte es alles noch einmal auf Französisch – ein ganz echtes Französisch; zwar nicht wie man es in der Comédie française hört, oder im Faubourg St. Germain, aber auch keins von der Gasse. Es war eigenartig und ausdrucksvoll – komisch, ohne gemein zu sein. » Barpleu! Litolff hatte recht. Ich versichere Sie, Matemoiselle, noch nie habe ich eine Stimme gehört, die sich mit der Ihrigen messen kann. Sie haben ein ganz außergewöhnliches Talent.« 27 Sie wurde rot vor Vergnügen; die andern aber nannten im stillen Svengali einen schändlichen Kerl, daß er das arme Ding zum Narren hielt und ihm Raupen in den Kopf setzte; auch Monsieur Litolff schien ihnen um kein Haar besser. Nun stand sie auf, schüttelte die Krümel vom Rock, fuhr mit den Füßen in Duriens Pantoffeln und sagte auf Englisch: »So, nun muß ich wieder fort. Das Leben ist nicht bloß Tanz und Spiel – schade drum! Aber was thut's – wenn man nur lustig ist!« Im Begriff das Atelier zu verlassen, blieb sie vor einem von Taffys Bildern stehen, das einen Lumpensammler darstellte, der sich mit seiner Laterne über einen Kehrichthaufen bückt. Taffy war damals ein leidenschaftlicher Realist, wenigstens glaubte er es. Jetzt malt er nur noch tapfere Helden von König Artus' Tafelrunde und schöne Ritterfräulein; er hat eine andere Richtung eingeschlagen. »Die Kiepe hängt dem Lumpensammler viel zu niedrig auf dem Rücken,« bemerkte sie. »Er kann ja mit seinem Haken gar nicht bis zum Rand reichen; wie soll er da die Lumpen in den Korb fallen lassen? Auch hat er nicht die richtigen Holzschuhe an und trägt eine falsche Laterne. Es ist alles mit einander falsch.« »Wirklich?« rief Taffy, rot werdend. »Sie scheinen ja recht bewandert in dergleichen! Schade nur, daß Sie nicht selber malen.« 28 »Ach, jetzt haben Sie's übel genommen,« sagte Miß O'Ferrall. » Oh maïe, aïe! « In der Thür wandte sie sich nochmal um: »Was für schöne Zähne ihr alle drei habt,« sprach sie mit wohlwollender Miene. »Das kommt daher, weil ihr Engländer seid und sie täglich zweimal putzt. Ich thue das auch. – Vergeßt nur nicht: ich heiße Trilby O'Ferrall – 48 Rue des Pousse-Cailloux! - pose pour l'ensemble quand ça l'amuse, va-t-en ville et fait tout ce qui concerne son état! Nun lebt wohl, und besten Dank.« » En voilà une orichinale, « sagte Svengali. »Ich finde sie reizend,« rief der kleine Billy mit jugendlicher Zärtlichkeit. »Was für himmlische Füße sie hat! Mir wird heiß und kalt bei dem bloßen Gedanken, daß sie Modell steht, denn ich halte sie für eine wirkliche Dame.« Kaum waren fünf Minuten vergangen, da hatte er schon, mit der Spitze eines zerbrochenen Zirkels, von Trilbys linkem Fuß, in weißem Umriß auf der roten Wand, eine Dreiviertelansicht eingeritzt, welche vielleicht in ihrer Art noch vollkommener war, als das Original. Es schien an sich nichts Großartiges, und doch zeugte die kleine Skizze von natürlichem Schönheitssinn und rascher Auffassung der besonderen Eigentümlichkeit; die feine Wiedergabe des unmittelbaren Eindrucks verriet schon die Meisterhand. Kein Zweifel, es war Trilbys Fuß, es konnte gar kein anderer sein, und niemand, außer dem kleinen Billy, 29 hätte ihn rein aus innerem Antrieb so naturgetreu zeichnen können. » Qu'est ce que c'est, ›Ben Bolt‹?« fragte jetzt Gecko. Da nötigte Taffy den kleinen Billy, sich ans Klavier zu setzen und das Lied zu singen. Es klang allerliebst in dem englischen Kehllaut seines etwas schwachen Baritons. Nur um dem kleinen Billy Gelegenheit zu verschaffen, dies hübsche musikalische Talent zu seinem und seiner Freunde Vergnügen auszuüben, hatten Taffy und der Laird den Stutzflügel – ein Erbstück von Taffys verstorbener Mutter – auf ihre Kosten aus London kommen lassen. Noch war der zweite Vers nicht zu Ende, als Svengali ausrief: » Mais, c'est tout à fait chentil! Allons Checko, chouez-nous ça! « Er legte seine großen Hände auf die des kleinen Billy, schob ihn mit seinem langen hageren Leibe vom Stuhl herunter, nahm selbst Platz und spielte ein meisterhaftes Präludium. Die reiche, mächtige Tonfülle, die er den Tasten entlockte, machte einen tiefen Eindruck, nach dem dünnen Klingkling des kleinen Billy. Jetzt fiel Gecko ein. Die Geige liebevoll an sich drückend schloß er seine nach der Decke gerichteten Augen und spielte die einfache Melodie, wie sie wohl noch niemals gespielt worden war – erhaben, leidenschaftlich, mit wunderbarem Wohlklang. Beide drehten und wendeten sie nun hin und her und flochten sie durcheinander, bald in dieser, bald in jener Tonart; 30 Svengali übernahm die Führung und Gecko folgte ihm unentwegt, durch Fugen, durch Kanons, durch schwierige Läufe; wie einen Ball warfen sie die Melodie einander zu und fingen sie auf; nach oben ging es, nach unten, bald laut, bald leise, jetzt in Moll, jetzt pizzicato , jetzt mit dem Dämpfer – adagio, andante, allegretto, scherzo – jede Möglichkeit des Wohllautes ward erschöpft, bis die drei empfänglichen Zuhörer vor Wonne und Staunen ganz außer sich gerieten. Aus dem herrischen Ben Bolt samt seiner überzärtlichen Alix, dem allzu aufopfernden Freunde, dem alten Schulmeister, so wacker und treu, den Kameraden, die längst im Grabe ruhen, der Mühle, dem ländlichen Vorbau, dem Leichenstein von Granit so grau und dem trauten Plätzchen: »Dem lauschigen, ach, Am rieselnden Bach,« war ein wundersames, herrliches Tonstück geworden von so dichterischer Pracht, so erhabener Schönheit, wie sie sich die Erfinder der Worte und Melodie, wer sie auch sein mögen, nun und nimmermehr hätten träumen lassen. Und doch hat dies unschuldige Liedchen schon so manches noch unverdorbene britische Herz gerührt, das nichts Höheres kannte – unter andern auch das Herz dessen, der dies schreibt – lang, lang ist's her! » Sacrepleu! il choue pien, le Checko, hein? « rief Svengali, als die beiden ihre Tondichtung aus dem Stegreif zu einem glänzenden Schluß gebracht hatten. » C'est mon 31 élèfe! che le fais chanter sur son fiolon, c'est comme si c'était moi qui chantais! ah! si ch'afais pour teux sous de voix, che serais le bremier chanteur du monte! – Ich kann nicht singen!« fuhr er fort. (Der Bequemlichkeit halber will ich seine Worte übersetzen, wobei natürlich der Dialekt verloren geht. Er verwechselte eben p mit b, t mit d, f mit v, g mit k; aus dem weichen französischen j machte er ein sch und aus der schönen Sprache eine häßliche). »Ich selbst kann weder singen noch Geige spielen, aber die Musik zu lehren verstehe ich – hein Checko? Und eine Schülerin habe ich – hein Checko? - la betite Honorine; « er schielte mit einem widerwärtigen Seitenblick zu den andern hinüber. »Sie wird noch einmal von sich reden machen in der Welt, la betite Honorine - hein Checko? Hört mir zu: So mache ich's, wenn ich sie unterrichte, la betite Honorine. – Spiele mir eine Begleitung, Checko, in bizzicato !« Er zog eine kleine, biegsame Vogelflöte aus der Tasche, (offenbar seine eigene Erfindung) schraubte sie zusammen, setzte sie an den Mund, und blies ›Ben Bolt‹ auf diesem ureinfachen Instrument, während Gecko ihn begleitete, die Geige als Guitarre benutzend und den Blick voll Ehrfurcht und Bewunderung auf seinen Meister geheftet. Wer schildert aber die zierliche Leichtigkeit, den Adel, die Kraft und Anmut, die ruhige Würde, die Leidenschaft, mit der dieser wunderbare Künstler den einfachen kleinen Gassenhauer auf seiner schlechten Jahrmarktspfeife vortrug, denn 32 etwas anderes war das Ding eigentlich nicht. Bald zärtlich erbebend, zitternd, herzbewegend, bald laut und voll, ein Schrei der Angst, ein sanftes Geflüster, ein melodischer Hauch, ausdrucksvoller selbst als die menschliche Stimme; so vollkommen in der Ausführung, daß sogar Gecko solche Wirkung nicht zu erreichen vermochte. Und er war doch ein Meister auf der Geige, die als Königin aller Instrumente anerkannt und gepriesen wird. Die Thräne, die schon so lange im Auge des kleinen Billy gezittert hatte, stieg jetzt bis unter das Augenlid und ergoß sich über die Nase; er mußte sie, um seine Rührung zu verbergen, verstohlen mit dem kleinen Finger fortwischen. Dabei stützte er das Kinn auf die Hand und räusperte sich ganz unnötigerweise – pour se donner une contenance!  – Solche Musik hatte er noch nie gehört; er war wie verzaubert und glaubte zu träumen. Während er den Tönen lauschte, schien es ihm, als gewänne er einen neuen, tiefern Einblick in die Welt der Schönheit und des Schmerzes, in das innerste Wesen der Dinge und die Flüchtigkeit alles Irdischen; ihm war als könne er das All umfassen und den Schleier sich lüften sehen, der die Ewigkeit verhüllt. Zwar entschwand dies wunderbare Gesicht wieder, sobald die Musik verstummte, aber es ließ ihm doch eine unauslöschliche Erinnerung zurück und den Wunsch, einst mit Hilfe seiner eigenen herrlichen Kunst Ähnliches zu erreichen. Als Svengali geendet hatte, schielte er wieder nach seinen Zuhörern hin, die ihn sprachlos vor Verwunderung umstanden. 33 »Seht ihr wohl – auf die Art unterrichte ich la petite Honorine im Singen; so hat Checko bei mir sein Spiel gelernt; so lehre ich › il bel canto ‹. Er war verloren gegangen, der bel canto , aber ich habe ihn wieder gefunden; ich und niemand anders, ich, Svengali – ja, ich, ich, ich! – Doch nun genug für heute von der Musik; gehen wir jetzt zu etwas anderem über! Wie wär's, wenn wir einen Gang zusammen versuchten?« rief er aufspringend und ein Rappier ergreifend, das er, um seine Biegsamkeit zu prüfen, gegen die Wand stemmte. »Vorwärts, kleiner Billy, ich will euch noch etwas zeigen, wovon ihr nichts wißt . . . . . .« Der also Aufgeforderte warf Rock und Weste ab, legte Maske, Handschuhe und Schuhe zum Fechten an und trat Svengali zu einem Waffengang gegenüber, bei welchem ihm jedoch recht übel mitgespielt wurde, denn der Deutschpole war wohlgeübt in der Fechtkunst und schlug sich mit großer Leidenschaft. Dann kam der Laird an die Reihe, und auch ihm erging es schlecht. So mußte denn Taffy die Ehre Englands retten, wie es sich für einen ehemaligen britischen Husaren und echten Vollblutmenschen ziemte. Sein angeborenes Talent und lange Übung in den besten Pariser Fechtschulen befähigten ihn, es mit jedem maître d'armes im ganzen französischen Heer aufzunehmen. Da bekam denn auch Svengali sein Teil. – Als es nun Zeit gewesen wäre, mit dem Spiel aufzuhören und sich an die Arbeit zu machen, stellten sich andere Genossen ein – Franzosen, Engländer, Schweizer, Deutsche, 34 Amerikaner und Griechen. Die Vorhänge wurden zurückgezogen, die Läden weit aufgerissen, daß blendendes Tageslicht hereinströmte, und der Nachmittag verging unter gesunden Turnübungen und Kraftproben. Der kleine Billy aber, der für heute kein Verlangen mehr nach Turnen und Fechten trug, belustigte sich unterdessen damit, die Umrisse von Trilbys Fuß auf der Wand, mit schwarzen, weißen und roten Kreidestrichen auszufüllen. Er wollte den frischen Eindruck nicht verlieren, den er einem günstigen Zufall verdankte, denn ihm stand sein Vorbild noch in greifbarer Lebendigkeit vor der Seele. Jetzt kam Durien herein, sah ihm über die Schulter und rief: » Tiens! le pied de Trilby! vous avez fait ça d'après la nature? « » Nong! « » De mémoire alors? « » Wui! « » Je vous en fais mon compliment. Vous avez eu la main heureuse. Je voudrais bien avoir fait ça, moi! C'est un petit chef d'oeuvre que vous avez fait là, tout bonnement, mon cher! Mais vous élaborez trop. De grâce, n'y touchez plus! « Das freute den kleinen Billy, und er änderte nichts mehr daran; denn Durien war ein berühmter Bildhauer und die Aufrichtigkeit selber. 35 Und dann – doch was gerade an jenem Tage noch besonderes geschah, nachdem es sechs Uhr geschlagen hatte, habe ich wirklich vergessen.   Wenn das Wetter es irgend erlaubte, gingen die jungen Leute zur Mittagsmahlzeit nach der Rue de Monsieur, wo der Père Trin im ›Restaurant de la Couronne‹ ihnen für einen Franken vom Besten zu essen und zu trinken gab: gute, sättigende Suppen, schmackhafte Omeletten, weiße und rote Bohnen und Fleisch, das vor lauter Saucen, Gewürzen und sonstiger Zubereitung gar nicht zu erkennen war; es konnte Rind oder Hammel, Kalb oder Geflügel, guter – oder schlechter – Pökelhering sein, und was nicht alles! Es fragte aber auch kein Mensch danach. – Der Lattichsalat, die Radieschen, der Käse von Brie oder Gruyère waren ebenso gut wie in den ›Trois Frères Provençaux‹ (nur nicht die Butter). Und das alles spülte man mit reichlichem Wein hinunter, der in großen hölzernen Krügen aufgetragen wurde und eine wunderschöne blaue Farbe zurückließ, wenn man ihn verschüttete. Man trank dort ohne Unterschied mit männlichen und weiblichen Modellen, stieß mit Studenten der Arznei und Rechtskunde an, mit Malern, Bildhauern, Arbeitern, Wäscherinnen und Grisetten, fand die Gesellschaft sehr gut und lernte nicht nur Französisch bei der Unterhaltung, wenn man bisher nur die gewöhnliche britische Sorte 36 gekonnt hatte, sondern in mancher Beziehung auch ein besseres Benehmen. Den Rest des Abends verbrachte man dann auf höchst harmlose Weise, bei einem Spiel Billard, Karten oder Domino, in dem gegenüberliegenden Café du Luxembourg, oder man ging in's Théâtre du Luxembourg in der Rue de Madame, wo kleine Possen gegeben wurden, in denen der Engländer die komische Figur war, über die man sich hätte vor Lachen wälzen mögen. Noch lustiger ging es im Jardin Bullier her (der ehemaligen Closerie des Lilas), wo man die Studenten den Cancan tanzen sah und sogar selbst den Tanz versuchte, was gar nicht so leicht ist wie es aussieht; am allerschönsten aber war es im Théâtre de l'Odéon, wenn Fechter und Madame Doche in der Kameliendame auftraten. Schien aber die Sonne hell und es traf sich, daß es gerade auch Samstag Nachmittag war, dann legte der Laird seine Krawatte an, nebst einigen anderen nötigen Toilettengegenständen, und die drei Freunde schlenderten Arm in Arm nach Taffys Wohnung in der Rue de Seine und warteten draußen, bis er sich ebenso anständig gemacht hatte wie der Laird, wozu er nur wenig Zeit brauchte. Dann gingen sie, wiederum Arm in Arm, (der kleine Billy konnte sich immer sehen lassen) die Rue de Seine hinunter und über die Brücke; der große Taffy in der Mitte. In der Cité angelangt, warfen sie einen Blick zur Morgue hinein, kehrten über den Pont Neuf wieder auf's linke 37 Ufer zurück und gingen die Quais entlang in westlicher Richtung weiter. Auf einer Seite der Straße hatten sie vollauf zu thun, die Bilder und Kupferstiche zu betrachten, in den Trödlerläden herumzustöbern und gelegentlich einen Einkauf zu machen; auf der andern Seite waren gebrauchte Bücher ausgelegt, die man in aller Ruhe musterte und durchblätterte, um den Preis herabzudrücken oder vielleicht ein paar alte Schmöker zu erstehen, in die man nie wieder einen Blick hineinwarf. Ihr Weg führte nun über den Pont des Arts, sie blieben jedoch in der Mitte stehen, schauten den Strom hinunter, ostwärts nach der alten Cité und Notre Dame, versanken in Träumereien und fanden keine Worte, um ihre Gefühle auszudrücken. Dann blickten sie in die Abendglut des westlichen Himmels und auf alles, was sie bestrahlte: die Ecke der Tuilerien, den Louvre, die vielen Brücken, die Deputiertenkammer und den goldschimmernden Fluß. Sie sahen, wie sein Bett immer breiter wurde, und folgten seinen Windungen, soweit ihr Auge reichte; er floß an Passy und Grenelle vorbei, nach Saint-Cloud, nach Rouen, nach Havre, nach England vielleicht, wohin sie sich jetzt gar nicht sehnten. Denn gerade zu jener Zeit des Tages, des Jahres und des Jahrhunderts, und gerade während dieses Abschnitts ihres eigenen vergänglichen und ungewissen Daseins hier in Paris zu leben, das war die höchste Erdenlust und wohl der Mühe wert, wie sie deutlich fühlten und einander freimütig bekannten. 38 Unter heiterem Geplauder ging es nun weiter, quer durch den Hof des Louvre, an dessen vergoldeten Thoren leichtlebige, kaiserliche Zuaven die Wache hielten, die Arkaden der Rue de Rivoli hinunter bis zur Rue Castiglione, wo das große Eckfenster des Konditorladens ihre Blicke fesselte. Sie standen still, um die prächtige Ausstellung von Bonbons, Pralinen, glasierten Kastanien, Zuckerwerk, kandierten Früchten und Süßigkeiten von allen Sorten und Farben zu bewundern. Das schimmerte und glitzerte wie lauter bunte Lichter, wie köstliche Edelsteine, Perlen und Diamanten, die nicht nur das Auge reizten, sondern auch den Gaumen kitzelten und auf der Zunge zergingen. Entzückend waren auch um diese Jahreszeit die riesigen Ostereier, die gleich edlem Geschmeide in goldgeschmückten Atlaskästchen gebettet lagen. »Nirgends versteht man sich doch auf dergleichen besser als in Frankreich,« äußerte der Laird, und alle stimmten ihm bei. Von dort schritten sie quer über die Straße und gelangten durch ein großes Thor in die Allée des Feuillants, und weiter nach dem Platze de la Concorde, wo sie, ganz frei von niedrigem Neide, die vornehme Welt betrachteten, die aus dem Bois de Boulogne zurückkam. Denn selbst in Paris sehen die Leute in den Karossen oft so gelangweilt aus, machen so trübselige Gesichter bei ihrem Vergnügen und haben einander so gar nichts zu sagen, daß man meinen sollte, das eintönige Geräusch der vielen Räder, die jeden 39 Nachmittag in derselben Richtung nach Hause rollen, hätte sie alle hypnotisiert, bis sie blödsinnig, stumm und schwermütig geworden wären. Wie weise wußten unsere drei Helden des Pinsels dann über die Eitelkeit von Reichtum, Rang und Mode zu reden! Wie bereitwillig kamen sie überein, daß üppige Verweichlichung nur Übersättigung erzeugt, und daß man die Freuden nicht übertreiben darf, weil sie sonst zur Plage werden – gerade, als hätten sie das alles selbst erlebt und erfahren und als hätte noch kein Mensch vor ihnen diese große Entdeckung gemacht. Bald wurde ihnen aber auch noch etwas anderes klar, denn ihre Eßlust begann sich mächtig zu regen. Sie begaben sich daher nach einem englischen Speisehaus in der Rue de la Madeleine (auf der linken Seite, nicht weit vom Anfang), wo sie bei englischem Roastbeef und Bier, hausbackenem Brot, kräftigem, prickelndem gelbem Senf, Rettich, Apfelpudding und Cheshire-Käse sich neue Stärkung für ihre Lebensgeister und ihre Vaterlandsliebe holten. In solchem Hochgenuß schwelgten sie wohl eine Stunde lang, so gut es eben anging bei ihrem fortwährenden, endlosen, ununterbrochenen Reden und Plaudern. Das waren köstliche Gespräche, so voll von Hoffnung und Begeisterung. Im besten Glauben fällten sie ihr unumstößliches lobendes oder tadelndes Urteil über sämtliche Maler der Gegenwart und Vergangenheit. Sie waren ja bei aller 40 Bescheidenheit so reich an Zuversicht und Vertrauen zu sich selbst und zu einander, wie ein Pariser Osterei reich ist an Süßigkeit und an Wohlgeschmack (für die Jugend). Nun folgte ein Spaziergang auf den belebten, hell erleuchteten Boulevards, nebst einem Glase Bockbier, das man an dreibeinigen Marmortischchen draußen vor einem der Cafés trank, wobei die Unterhaltung auch nie ins Stocken geriet. Endlich ging es heim, durch dunkle stille Straßen über eine der menschenleeren Brücken, nach dem geliebten Quartier latin. Düster, kalt und unheimlich lag die Morgue da im bleichen Laternenschein; die beiden Zwillingstürme von Notre Dame ragten wachsam in die Nacht hinaus und blickten, wie schon seit so vielen Jahrhunderten, auf glückliche, hoffnungsfrohe, offenherzige Jünglinge hernieder, die Arm in Arm, paarweise oder zu dreien, dahinschlenderten, und schwatzten und plauderten ohne Unterlaß. Der Laird und der kleine Billy brachten Taffy sicher bis vor die Thür seiner Wohnung in der Rue de Seine; sie hatten einander aber noch so viel zu sagen, bevor sie sich gute Nacht wünschten, daß Taffy und der kleine Billy den Laird noch bis zu seiner Hausthür auf dem Platz St. Anatole des Arts begleiten mußten. Unterwegs verhandelte Taffy mit dem Laird meist noch allerlei Streitfragen, z. B. über die Unsterblichkeit der Seele, über die wahre Bedeutung des Worts › gentleman ‹, über die 41 beiderseitigen Vorzüge von Dickens und Thackeray, oder ähnliche, tiefe und durchaus nicht abgedroschene Gesprächsstoffe. Dann gingen der Laird und Taffy noch bis zum Platz de l'Odéon, wo der kleine Billy wohnte; worauf dieser sie beide wieder zurück begleitete; und so trieben sie es fort, bis wer weiß wie weit in die Nacht hinein. Ein andermal, wenn es regnete und der Himmel schwer und bleifarben über Paris hing, das mit seinen nassen Schieferdächern aschgrau vor dem Atelierfenster aufstieg, wenn ein ungestümer Westwind durch die Schornsteine heulte und kleine, schmutzfarbene Wellen im Fluß stromaufwärts trieben, wenn die Morgue so feucht und dunkel und schauerlich aussah, daß sich selbst drei kerngesunde Briten dadurch abschrecken ließen – dann beschlossen sie, nicht auswärts zu speisen, sondern den Abend behaglich daheim zu verbringen. Der kleine Billy steckte drei Franken in die Tasche, (manchmal sogar vier) und kaufte in verschiedenen Hintergäßchen einen langen Laib knusperiges, frisches Brot, recht schwarz gebrannt auf der Unterseite, ein Stück Lendenbraten, einen Liter Wein, Kartoffeln, Zwiebeln, Butter, einen kleinen walzenförmigen Käse, bondon de Neufchâtel genannt, zarten krausen Lattich, Kerbel, Petersilie und andere Kräuter, auch Knoblauch, der, auf einer Brotkruste abgerieben, als Würze verwendet wurde. 42 Taffy deckte den Tisch auf englische Art und machte auch den Salat an. Er that das in ganz besonderer Weise (mir ist noch niemand vorgekommen, der nicht sein eigenes Salatrezept hat). Bei ihm kam zuerst das Öl und dann der Essig, aber sein Salat schmeckte ganz ebenso gut wie der anderer Leute. Der Laird stand unterdessen am Herde und bereitete ein schmackhaftes, echt schottisches Gericht. Er verfuhr dabei mit solcher Sachkenntnis, daß man vor lauter Zwiebeln kaum noch etwas vom Braten und vor lauter Knoblauch kaum noch etwas von den Zwiebeln schmeckte. Sie speisten weit besser als beim Père Trin, weit besser als im englischen Restaurant in der Rue de la Madeleine – besser als irgendwo auf Erden. Nach Tische kam der Kaffee, frisch geröstet und gemahlen, und beim Schein der drei Studierlampen wurden Pfeifen und Zigaretten von famosem Knaster geraucht, während die nassen Holzscheite im Ofen zischten und prasselten, der Regen an die Scheiben klatschte und der Wind den altersgrauen Turm umheulte, der an der Ecke der Rue Vieille des Mauvais Ladres stand (der alten Straße der schlimmen Aussätzigen). Und diese Gespräche, bis in die tiefe Nacht hinein! Abermals Dickens und Thackeray, auch Tennyson und Byron (der damals noch nicht vergessen war), dann Tizian und Velasquez, der junge Millais und Hollman Hunt 43 (neue Sterne); Monsieur Ingres, Monsieur Delacroix, Balzac, George Sand, der gute Dumas, Edgar Allan Poe; das alte Griechenland in seiner Herrlichkeit, das alte Rom in seiner Größe! . . . . Ein gutes, ehrliches, schuldloses, ungekünsteltes Geplauder – zwar kein Ausfluß überschwenglicher Weisheit oder höchster Bildung (die oft nicht nur förderlich, sondern auch hinderlich sein kann), auch nicht auf irgend einen praktischen Zweck gerichtet, aber doch rührend und ergreifend durch seine Aufrichtigkeit und Innigkeit. Wie stolz war man auf seine Überzeugungen, wie wichtig nahm man sie, wie unverbrüchlich gedachte man sein Lebenlang daran festzuhalten. Ihr glücklichen, der Kunst und der Freundschaft geweihten Tage und Nächte! Du schöne Zeit sorgenloser Geldnot! Wie reich warst du an Jugend, Hoffnung, Gesundheit, Kraft und Freiheit – ganz Paris war dein Tummelplatz und das liebe, alte, gottlose Quartier latin deine Werkstätte und dein Heim! Von einer Herzensangelegenheit aber, die den Frieden stören könnte, war noch keine Rede. – Nein, wahrhaftig – der kleine Billy hatte solches Glück noch nie gekannt, es auch nicht einmal im Traum für möglich gehalten. – Zwei Tage nach dem Beginn unserer Geschichte, aber am Nachmittag, als das Fechten und Boxen schon in vollem 44 Gange war, hörte man draußen auf einmal Trilbys Ruf: ›Die Milch ist da!‹ Sie trat ein, diesmal augenscheinlich in ihren eigenen Kleidern, eine große, gerade aufgeschossene junge Grisette, mit breiten Schultern, flachem Rücken und voller Brust. Sie trug ein schneeweißes Häubchen mit zierlicher Krause, ein einfaches, schwarzes Kleid, eine weiße Schürze, verblichene und gestopfte braune Strümpfe und weiche, abgetragene Salband schuhe ohne Absätze, die ursprünglich ganz formlos waren. Trilbys Füße hatten ihnen jedoch eine edle, wahrhaft klassische Wohlgestalt verliehen und ihnen den Stempel ihrer Eigentümlichkeit so unvertilgbar aufgedrückt wie eine schöngeformte Hand einem vielgebrauchten Handschuh. Der kleine Billy bemerkte das auf den ersten Blick, und dabei durchbebte ihn ein Gefühl, das nur halb ästhetischer Natur war. Als er ihr nun aber in das Gesicht voller Sommersprossen sah, mit dem lustigen, freimütigen Ausdruck und dem breiten wohlwollenden Lächeln, da durchbebte ihn ein Gefühl, das ganz und gar nicht ästhetischer Natur war, sondern nur aus dem Herzen stammte. Wie durch plötzliche innere Eingebung erkannte er nämlich in der tiefsten Tiefe dieser Augen, (in deren Spiegel nur auf einen Moment sein eigenes verkleinertes Bildchen sichtbar wurde) eine reiche Quelle der Holdseligkeit, einen Strom von Mitgefühl, Selbstlosigkeit und schwesterlicher Liebe, und nur leider ganz unten auf dem Grunde einen dünnen, 45 schlammigen Bodensatz von Kummer und Schande. Einen Augenblick – nur so lange man braucht, um eine aufsteigende Thräne zurückzudrängen – erschütterte diese jähe Offenbarung seinen zarten Körper; ein Strahl innigsten Mitleids durchzuckte ihn und weckte in seiner Seele den ritterlichen Wunsch zu helfen und zu schützen. Aber ihm blieb keine Zeit, sanften Regungen nachzuhängen. Trilby wurde bei ihrem Erscheinen von allen Seiten auf das freundschaftlichste begrüßt. » Tiens; c'est la grande Trilby! « rief Jules Guynot hinter seiner Fechtmaske hervor. » Comment! t'es déjà debout après hier soir? Avons-nous assez rigolé chez Mathieu, hein? Crénom d'un nom, quelle noce! V'là une crémaillère qui peut se vanter d'être diantrement bien pendue, j'espère! Et la petite santé, ce matin? « » Hé, hé! mon vieux, « antwortete Trilby. »Ça boulotte, apparemment! Et toi? et Victorine? Comment qu'a s'porte à c't'heure? Elle avait un fier coup d'chasselas! c'est y jobard, hein? de s'fich' paf comme ça devant l'monde! Tiens, v'là Gontran! ça marche-t-y, Gontran, Zouzou d'mon coeur?« » Comme sur des roulettes, ma biche! « gab Gontran, der meist Zouzou genannt wurde, zurück. Er war Korporal in einem Zuavenregiment. » Mais tu t'es donc mise chiffonnière à présent? T'as fait banqueroute? « (Trilby hatte sich nämlich einen Rückenkorb angeschnallt und trug Haken und Laterne.) » Mais-z-oui, mon bon! « sagte sie. » Dame! pas d'veine hier soir! t'as bien vu! Dans la dêche jusqu'aux omoplates, mon pauv' caporal - sous-off! nom d'un canon - faut bien vivre, s'pas? « Während dieses Austausches von Höflichkeiten hatten sich die Herzensschleusen des kleinen Billy geschlossen. Er konnte von dem Rotwelsch kein Wort verstehen, es klang ihm gemein, und die Sprache des Pöbels mochte er nie leiden. So weit ging aber doch seine Kenntnis des Französischen, daß er den ungezwungenen Gebrauch von › tu ‹ und › toi ‹ für ein Zeichen großer Vertraulichkeit ansah, die er falsch auffaßte. Denn jene unschuldigen kleinen Neckereien (die ich versucht habe niederzuschreiben, wie sie gesprochen wurden), Jules Guinots freundliche Erkundigung, ob Trilby der lustige Hochzeitsschmaus bei Mathieu gut bekommen sei, Trilbys zarte Sorge um Victorines Befinden, die thörichterweise bei dem Fest ein Glas zu viel getrunken hatte, Trilbys verstellte Betrübnis darüber, daß ihr Unglück beim Kartenspiel sie nötige, Lumpen zu sammeln, um wieder zu Gelde zu kommen – das alles war Hebräisch für ihn und eine völlig fremde Ausdrucksweise. Er fühlte sich gekränkt, eifersüchtig, entrüstet. »Guten Abend, Herr Taffy,« sagte Trilby jetzt auf englisch. »Sie waren neulich böse auf mich, und ich bringe 47 Ihnen diese Kunstgegenstände, um Sie wieder zu versöhnen. Sie sind nämlich ganz echt; ich habe sie vom Père Martin entlehnt, einem meiner besten Freunde. Er ist chiffonnier on gros et en détail, grand officier de la Légion d'Honneur, membre de l'Institut et cetera; wohnt: treize bis Rue du Puits d'Amour, rez-de-chaussée, au fond de la cour à gauche, vis-à-vis le mont de piété. « »Was,« rief der gute Taffy, »ein Lumpensammler einer Ihrer besten Freunde – das kann unmöglich Ihr Ernst sein!« »O doch! Pourquoi pas? Ich prahle nie, und der Père Martin ist gar nicht übermäßig stolz,« sagte Trilby mit schlauem Augenzwinkern. »Wenn Sie sein guter Freund wären, würden Sie das bald merken. – Sehen Sie, so muß man das Ding befestigen. Wollen Sie's einmal versuchen? Ich schnalle es Ihnen an und zeige Ihnen, wie man die Laterne halten und den Haken gebrauchen muß. Wer weiß, vielleicht erwerben Sie sich noch einmal Ihr Brot damit. Il ne faut jurer de rien! Wenn Sie wollen, steht Ihnen Père Martin selber Modell. Nachmittags hat er gewöhnlich nicht viel zu thun. Er ist zwar arm, aber ehrlich und sehr sauber und nett; ein höchst anständiger Mann. Er hat die Künstler gern, besonders englische – weil sie zahlen. Seine Frau verkauft bric à brac und alte Meister. Rembrandts von zwei bis fünfzig Franken und darüber. Sie haben ein Enkelsöhnchen bei sich – ein 48 reizendes Kind. Ich bin seine Taufpate. Nicht wahr, Sie verstehen Französisch?« »Jawohl,« gab Taffy schüchtern zur Antwort. »Besten Dank, ich bin Ihnen wirklich –sehr – verbunden –ich –« » Y a pas d'quoi, « sagte Trilby, nahm den Korb ab und stellte ihn nebst Haken und Laterne in eine Ecke. » Et maintenant, le temps d'absorber une fine de fin sec (eine Zigarette) et je m' la brise (dann muß ich fort). On m'attend à l'Ambassade d'Autriche. Et puis zut! Allez toujours, mes enfants. En avant la boxe! « Sie setzte sich auf den Tritt, schlug die Beine übereinander, drehte sich eine Zigarette und sah dem Fechten und Boxen zu. Der kleine Billy brachte ihr einen Stuhl, und da sie ihn ausschlug, setzte er sich selbst darauf, rückte an ihre Seite und unterhielt sich mit ihr, wie er es mit den jungen Damen daheim zu thun pflegte – vom Wetter, von Verdis neuer Oper (die sie nicht gehört hatte), von Notre Dame und dem großartigen Eindruck, den die Kirche macht, von Victor Hugos wunderschönem Roman (den sie nicht gelesen hatte), von dem unnennbaren Reiz, der in dem Lächeln von Leonardo da Vincis Lisa Gioconda liegt (die sie nie gesehen hatte) – das alles setzte sie in Verlegenheit, oder kam ihr komisch vor; vielleicht rührte es sie aber doch auch ein wenig. Taffy brachte ihr eine Tasse Kaffee und sprach französisch mit ihr; er redete sie höchst förmlich an und 49 gab sich viele Mühe mit der Aussprache. Der Laird versuchte es ihm gleich zu thun, aber sein Französisch war von so ehrlicher englischer Sorte, daß es selbst in einer englischen Gesellschaft alle Steifigkeit verscheucht hätte. Sein lustiges Wesen verbannte überhaupt Zwang und Schüchternheit von vornherein und ließ gar keine Empfindlichkeit aufkommen. Aus den nahegelegenen Ateliers kamen bald noch mehr Leute herzu, Kunstgenossen aus aller Herren Länder, wie gewöhnlich. Von vier bis sechs Uhr nachmittags wollte das Kommen und Gehen kein Ende nehmen. Auch Damen stellten sich ein, en cheveux, in Hüten und Hauben; einige kannten Trilby und duzten sie mit zärtlicher Vertraulichkeit; andere nannten sie sehr förmlich mademoiselle, was sie gleichfalls mit mademoiselle und madame erwiderte. » Absolument comme à l'Ambassade d'Autriche, « sagte Trilby zum Laird und blinzelte dabei verständnisvoll mit den Augen. Nun kam auch Svengali und gab ein wundervolles Konzert, das aber an Trilby geradeso weggeworfen war wie ein Feuerwerk an einen blinden Bettler, obgleich sie während der Musik höchst ehrbar stillschwieg. Das Fechten, Boxen und Turnen schien mehr nach ihrem Geschmack, und für einen unmusikalischen Menschen war es auch viel schöner, den großen Taffy zu sehen, der mit dem Rappier in der Hand, bei Auslage und Deckung 50 seine junge gelenkige Kraft in vollem Glanz entfaltete, als Svengali am Klavier zu beobachten, wie er mit keckem Blick und schmachtendem Lächeln seine Zuhörer musterte, als wollte er sagen: » N'est-ce bas que je suis peau! N'est-ce bas que ch'ai tu chénie? N'est-ce bas que je suis suplime, enfin? « Als Durien, der Bildhauer, erschien, forderte er Trilby und eine der andern Damen auf, mit ihm en cabaret zu speisen; dann wollten sie zusammen die Kameliendame im Odéon sehen, wo er Billets zu einer Parterreloge geschenkt erhalten hätte. Also ging Trilby doch nicht nach der österreichischen Gesandtschaft, wie der Laird ganz richtig bemerkte, indem er ihr Augenzwinkern so vortrefflich nachahmte, daß der kleine Billy lachen mußte. Aber es war ihm gar nicht lächerlich zu Mute, dem kleinen Billy. Ein Gefühl der Trauer, der Entnüchterung war über ihn gekommen; er empfand »Ein Sehnen und ein Verlangen Das voll Wehmut ins Herz sich schleicht, Und dem Gram nur gleicht, dem bangen, Wie der Nebel dem Regen gleicht.« Das redete er sich wenigstens ein, denn er that sich selber leid. Eigentlich trauerte er, ohne es zu wissen, nur, weil nicht alle schönen jungen Mädchen mit lieblichem Antlitz, edler Gestalt und himmlischen Füßen auch vollkommen gut 51 und unschuldig sind. Sein Sehnen aber war nichts anderes, als der Wunsch, Trilby in ein reizendes Fräulein verwandeln zu können, z. B. in die Freundin seiner Schwester, das Pfarrerstöchterlein in einem gewissen Dorfe in Devonshire, welches, wie sie, Lehrerin an der Sonntagsschule war; ein einfaches, züchtiges und frommes Mädchen aus guter Familie. Denn bei den Frauen liebte er die Frömmigkeit über alles, obgleich er selbst durchaus nicht fromm war. Er besaß nämlich nicht nur für die Geheimnisse von Form und Farbe ein unmittelbares inneres Verständnis, sondern trachtete auch danach den Schleier zu lüften, der noch weit tiefere Rätsel verhüllt. In knabenhaftem Ungestüm scheute er vor keinem noch so absprechenden Urteil über hergebrachte Lehrsätze zurück. Er war stolz auf sein klares, folgerichtiges Denkvermögen und legte großen Wert auf wissenschaftliche, vernunftgemäße Erkenntnis. Statt dem kleinen überschüssigen Teil seines Geistes, den er nicht bei der Arbeit oder zur Kurzweil brauchte, Ruhe zu gönnen, quälte er sich unablässig mit unlösbaren Fragen über Leben und Tod, und hörte nicht auf, die schlagendsten Beweise gegen die christlichen Glaubenssatzungen ins Feld zu führen – gerade weil er sich gewissermaßen zu der Gemeinde der Gläubigen hingezogen fühlte. Zum Glück für seine Freunde war der kleine Billy aber sehr schüchtern und zurückhaltend, auch stets ängstlich besorgt, die Gefühle des 52 Nächsten nicht zu verletzen; deshalb behielt er alle seine unreifen, jugendlichen Freigeistereien für sich. Diese für sein Alter so ungewöhnliche Aufklärung ward jedoch in etwas dadurch gemildert, daß er sich zum Sklaven gewisser altüberlieferter Gebräuche machte, von denen man nicht gerade behaupten kann, daß sie auf wissenschaftlicher, vernunftgemäßer Erkenntnis beruhen. Er wäre z. B. um keinen Preis unter einer Leiter weggegangen, hätte nun und nimmermehr zu dreizehn bei Tische gesessen, oder sich das Haar an einem Freitag schneiden lassen. Er glaubte an Glücks- und Unglückszahlen und geriet außer sich, wenn er den neuen Mond zuerst durch das Fenster sah. Auch hörte er für sein Leben gern in einer düstern, alten, französischen Domkirche dem Hochamt zu, und gestand sich heimlich, daß dies Gepränge, diese Düfte und Töne beruhigend auf sein Gemüt wirkten. Vielleicht lachte er sich selbst manchmal im stillen tüchtig aus – wenigstens wollen wir es hoffen! Und trotz alles Scharfsinns, mit dem er das Leben betrachtete, hielt er so unverbrüchlich, wie jeder wohlerzogene junge Engländer der Mittelklasse, an dem Glauben fest, daß es ein unendlicher Vorzug sei, aus einer guten Familie zu stammen. Er selbst, Taffy und der Laird waren nach seiner Ansicht von guter Abkunft; desgleichen auch die meisten trefflichen Menschen, die er in England kannte, kurz alle 53 Menschen, deren beide Eltern und vier Großeltern eine anständige Erziehung genossen hatten und der gebildeten Klasse angehörten. Gegen den sich stolz blähenden Adel aber, gegen Herzöge, Grafen, harmlose Freiherrn und Gutsbesitzer, ja, gegen jeden, der an Geburt auch nur einen Zoll über ihm stand, hegte er eine echt demokratische Verachtung, oder redete es sich wenigstens ein. Bei wackern Leuten aus der Mittelklasse ist ein solcher Glaube sehr schätzenswert; wenn sie ihm nur, allen Erfahrungen zum Trotz, ihr Lebenlang treu bleiben können. Er erzeugt Selbstachtung, Unabhängigkeit und manche andere männlich kräftige Tugend; jedenfalls schützt er vor der schlechten Gesellschaft in den höheren wie in den niedrigeren Kreisen. An der ganzen trübseligen Stimmung des kleinen Billy war im Grunde nichts anderes schuld, als der flüchtige Anblick von zwei allzu schönen Füßen, die sein für die vollendete Form allzu empfängliches Auge bezaubert hatten. Ganz gegen alle Gewohnheit war er von dieser Basis ausgegangen, um sich ideale Vorstellungen zu bilden. Wie viele von uns, die älter und weiser sind als der kleine Billy, haben schon die holdselige äußere Erscheinung eines Weibes nur für die Hülle einer schönen Seele gehalten! Oft ist es ein richtiges Gefühl, das uns dabei leitet, oft aber auch nicht. Gewiß ist der Liebreiz der Erscheinung eine große Erschwerung und Gefahr in unserm ohnehin so verwickelten Erdenleben; besonders für 54 das Weib, das ihn besitzt, und vor allem für das Mädchen aus dem Volke, wenn es dazu noch arm und unwissend ist, allzu vertrauensvoll, liebreich und hingebend von Gemüt. Das alles ist so wahr, daß es schon längst zum Gemeinplatz geworden ist. – Trilbys Vater war, wie wir bereits von ihr selbst wissen, ein Mann von Stande, der Sohn eines berühmten Dubliner Arztes gewesen, der bei Georg dem Vierten in Gunst stand. Er hatte die Universität mit Ehren durchgemacht und wollte Geistlicher werden. Aber er besaß alle Tugenden bis auf eine. Schon in früher Jugend hatte er sich dem Trunke ergeben. Den Dienst der Kirche verließ er bald und wurde Lehrer der klassischen Sprachen. Doch auch damit glückte es ihm nicht, weil seine Lieblingssünde ihm Schimpf und Schande brachte. Nun ging er nach Paris, fand dort ein paar englische Zöglinge, verlor sie wieder, lebte von der Hand in den Mund, so gut es ging, und kam immer mehr herunter. Gerade als es mit ihm am allerschlimmsten stand, heiratete er das berühmte Schenkmädchen aus den › Montagnards Ecossais ‹ in der Rue du Paradis Poissonnière (ein sehr nasses Paradies). Sie trug schottische Tracht und war eine wunderschöne Hochlandsmaid von niederer Abkunft. Zehn oder fünfzehn Jahre lang sorgte sie für seinen Lebensunterhalt oder half ihm wenigstens dabei. Trilby wurde ihnen geboren und aufgezogen, so gut es eben ging – à la grâce de Dieu! 55 Patrick O'Ferrall lehrte seine Frau sehr bald, wie man auf die einfachste Art Sorge und Pflichtgefühl betäuben und ertränken kann, und es fehlte ihr nie an Gelegenheit, zu thun, was er sie gelehrt hatte. Dann starb er und hinterließ ein Kind, das leider erst zehn Monate nach seinem Tode zur Welt kam und dessen Geburt der Mutter das Leben kostete. Trilby wurde nun blanchisseuse de fin und zwei oder drei Jahre später geriet sie ins Unglück durch einen Freund ihrer Mutter, dem sie Vertrauen geschenkt hatte. Darauf wurde sie noch Modell und das setzte sie in den Stand, für ihren kleinen Bruder zu sorgen, den sie von Herzen liebte. Bei Beginn unserer Geschichte war dies verlassene Waislein en pension bei père Martin, dem Lumpensammler und seiner Frau, die mit bric-à-brac und billigen alten Meistern Handel trieb. Die braven Leute hingen mit Zärtlichkeit an dem schönen Knaben, der klug, beherzt und voller Schelmerei, bald zum allgemeinen Liebling in der Rue du Puits d'Amour und der ganzen Nachbarschaft wurde. Trilby hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn stets ihren Taufsohn zu nennen und den Enkel von père und mère Martin, so daß die guten Pflegeeltern zuletzt fast selber glaubten, er gehöre ihnen. Die meisten andern Leute hielten ihn für Trilbys Kind (trotz ihrer Jugend), und weil sie ihr Brüderchen so innig liebte, machte sie sich nichts daraus. 56 Der Kleine hätte weit schlechter aufgehoben sein können. La mère Martin war fromm, wenigstens äußerlich; der père Martin war das gar nicht. Aber beide (besonders er) besaßen ein reiches Maß von Liebe und Güte, wenn sie auch daneben grob, unwissend und in mancher Hinsicht gewissenlos waren. Werden die Menschen einst nach ihren Thaten gerichtet, so hat dies wackere Paar droben gewiß für alle Kämpfe und Prüfungen eines armseligen Erdenlebens reichen Ersatz erhalten. Weiter wüßten wir aber von Trilbys Angehörigen nichts zu sagen. Sie selbst saß jetzt im Theater, tief gerührt von Madame Doches Darstellung der Kameliendame. Durien hielt ihre Hand in der seinigen, und ihr schwebte, wie im Traum, bald Taffys edle, hohe Gestalt vor, wie er ruhig, mit dem Rappier in der Hand, wartete, bis sein Gegner wieder zu Atem kam, bald das schöne, ausdrucksvolle Gesicht des kleinen Billy, der ihr mit so höflicher Ehrerbietung begegnete. In den Zwischenakten aber dachte sie mit freundschaftlichen Gefühlen an den lustigen schottischen Laird von Cockpen, der alle Augenblicke mit so schrecklichen französischen Schimpfwörtern und Kraftausdrücken herauskam (noch dazu in Gegenwart von Damen!), ohne auch nur im geringsten zu ahnen, was sie bedeuteten. Denn der Laird faßte alles mit dem Gehör auf und wollte sich für sein Leben gern in der fremden Sprache 57 unterhalten, wodurch er zu mancherlei Irrtümern und Verlegenheiten Anlaß gab. Man denke sich zum Beispiel einen höflichen Franzosen, der eine schöne Tochter Albions folgendermaßen anredet: »Der Henker soll mich holen, Mies, wenn Ihr Thee nicht verdammt kalt geworden ist – gestatten Sie, daß ich dem alten Teufelskerl, dem Jules, sage, er soll Ihnen eine andere Tasse bringen.« Ähnlich drückte sich der Laird aus, bis Zeit und Erfahrung ihn eines Besseren belehrten. Es traf sich vielleicht ganz günstig für ihn, daß er seine ersten, französischen Sprachübungen in der zwanglosen Gesellschaft von St. Anatole des Arts betreiben durfte.     Zweiter Teil. »Dieu! qu' il fait bon la regarder, La gracieuse, bonne et belle! Pour les grands biens qui sont en elle Chacun est prêt de la louer.«         Niemand hätte genau angeben können, wie Svengali eigentlich lebte, und nur sehr wenige wußten wo (oder warum). Er bewohnte im sechsten Stock eines Hauses der Rue Tire-Liard eine geräumige, aber sehr baufällige Dachkammer, in welcher außer einem Bett auf Rollen und dem Klavier nicht viel zu sehen war. Trotz seinem Talent hatte er in Paris noch kein Glück gehabt und war blutarm. Daran trug er aber höchst wahrscheinlich ganz allein die Schuld, mit seinem bald kriechenden, bald großsprecherischen Wesen. Er konnte entsetzlich spöttisch und unverschämt sein; selbst sein Scherz war mehr beleidigend als belustigend, denn er lachte meist am unrechten Ort, zur unrechten Zeit, über das unrechte Ding und auf so boshafte, höhnische Art, daß es jedermann empören mußte. Unerträglich war auch seine Selbstsucht und sein 60 Eigendünkel, und unleidlich die Schäbigkeit und Unsauberkeit seiner Person. Er war ein unangenehmer Mensch und verdiente auch kein Mitgefühl wegen seiner Armut, die ihm wenig Ehre machte. Denn er erhielt fortwährend Zuschüsse aus der Heimat, von seinen alten Eltern, seinen Schwestern, Tanten, Vettern oder sonstigen Angehörigen, die weit hinten in Österreich bei harter Arbeit äußerst sparsam lebten, sehr stolz auf ihn waren und ihm jedes Opfer brachten. Die einzige Tugend, die er besaß, war die Liebe zu seiner Kunst. Aber auch hier liebte er eigentlich nur den Meister in seiner Kunst – sich selbst; von allen andern lebenden oder toten Musikern sprach er mit Verachtung. Er spielte ihre Werke und bedauerte sie dabei aufs tiefste, daß sie nicht Svengalis göttliche Wiedergabe ihrer Schöpfungen hören konnten, denn keiner von ihnen wäre doch je imstande gewesen, solche Musik zu machen. Unter seinen Zeitgenossen am Konservatorium zu Leipzig war er der beste Klavierspieler gewesen – und daher stammte seine maßlose Eitelkeit; auch verstand er wirklich, jedem Musikstück, das er vortrug, einen besonderen individuellen Reiz zu verleihen. Nur an die größten Meister durfte er sich nicht wagen; Chopin war seine höchste Leistung. Bei Händel, Bach und Beethoven wäre jener individuelle Reiz nicht angebracht gewesen. Sein glühender Wunsch, Sänger zu werden, sollte 61 sich nicht erfüllen. Er hatte in Deutschland, Italien und Frankreich eifrige Studien getrieben, mit der vergeblichen Hoffnung, es werde sich doch noch bei ihm irgend eine Stimme entwickeln lassen. Aber die Natur war in diesem Punkte unerbittlich gewesen; er hatte wirklich keinen Ton in der Kehle, außer dem rauhen, heisern, krächzenden Laut, mit dem er sprach. Konnte er es aber auch trotz aller Anstrengung nicht zu einer Singstimme bringen, so erwarb er sich doch eine so gründliche Kenntnis der menschlichen Stimmwerkzeuge, wie sie vielleicht kein Mensch vor und nach ihm je besessen hat. In seinem Innern aber sang und sang und sang er ohne Unterlaß, so himmlisch schön, wie wohl noch nie eine menschliche Nachtigall zur Wonne und zum Entzücken anderer Sterblicher gesungen hat. Das alltäglichste, abgedroschenste Lied aus dem Kaffeehaus, dem Kinderzimmer, der Schule, der Schenke, der Wachtstube, der Gasse, verwandelte sich ihm zu einer göttlichen Melodie. Selbst das Unbedeutendste und Geringste wußte er durch seine Zauberkunst zur höchsten Schönheit zu entwickeln, ohne auch nur eine Note zu ändern. Ich weiß, das klingt unglaublich, aber das soll es auch, sonst wäre ja kein Zauber dabei. Sein Herz, sein Gewissen, seine Mannesehre, sein Mut – alle Gefühle der Ehrfurcht, des Mitleids, der Liebe und Zärtlichkeit, die man sonst zu haben pflegt, waren bei ihm von dem einen Talent verschlungen worden, so daß ihm 62 zum täglichen Gebrauch keine Spur mehr davon übrig blieb. Alles, alles ergoß er in sein kleines Blasinstrument. – Wenn Svengali auf dem Klavier Chopin spielte, oder Ben Bolt auf seiner Jahrmarktsflöte, so glaubte man einen Engel des Himmels zu hören. Aber Svengali, der auf Erden wandelte und suchte wen er betrügen, verraten, ausbeuten, anpumpen konnte, oder verspotten, ärgern und plagen, – sei es Mann, Weib, Kind oder Hund – falls er sich nicht gezwungen sah zu kriechen und sich zu bücken – war wohl ein erbärmlicher Kerl. Um ein paar Groschen zu verdienen, wenn er nichts mehr geborgt bekommen konnte, übernahm er dann und wann die Begleitung von Kaffeehauskonzerten. Aber selbst hierbei gab es häufig Ärgernis. Die Sänger flößten ihm Verachtung ein, und um sich Luft zu machen, spielte er zu laut, oder durchwob die Begleitung mit glänzenden Läufen und Verzierungen eigener Erfindung. Er fuhr wohl auch plötzlich mit den Händen in die Höhe und ließ sie bei den gefühlvollsten Stellen mit einem vollen Akkord auf die Tasten fallen; oder er schüttelte seine zottige Mähne, zuckte die Achseln, grinste die Zuhörer an und that, was er konnte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Musikstunden, welche er gab (hoffentlich nicht in höheren Töchterschulen), wurden ihm wahrscheinlich schlecht bezahlt, denn er hatte selten einen roten Heller in der Tasche und borgte überall Geld, ohne es je zurückzugeben, so daß er zuletzt den Beutel und die Geduld seiner sämtlichen Bekannten erschöpft hatte. Gecko, Svengalis einziger Freund, wohnte nicht weit von ihm in einer kleinen Dachkammer im Impasse des Ramoneurs, und war als zweite Violine im Orchester des Gymnase angestellt. Er teilte seinen geringen Verdienst redlich mit dem Meister, dem er seine große, der Welt noch verborgene Kunst verdankte. Außer ihm hatte Svengali noch eine Freundin (gehabt), nämlich die geheimnisvolle Honorine, über die er gern allerlei Andeutungen fallen ließ. Er prahlte, daß sie › une jeune femme du monde ‹ sei; das war aber nicht der Fall. Mademoiselle Honorine Cahen (oder wie sie im Quartier latin hieß: Mimi la Salope), eine kleine schmutzige und schlampige Jüdin mit einem Puppengesicht, erwarb ihr Brot als Modell und stand in gesellschaftlicher Beziehung auf einer sehr niederen Stufe – tout ce qu'il y a de plus canaille. Doch besaß sie ein lebhaftes Gemüt, eine wunderhübsche Stimme und natürliche Sangesgabe, so daß man über ihren süßen Tönen den abscheulichen Accent vergaß. Während sie in Carrels Atelier Modell stand, pflegte sie ihre Lieder zu singen. Als der kleine Billy sie dort zum erstenmal hörte, war er ganz entzückt, und doch zugleich entsetzt bei dem Gedanken, daß sie ein berufsmäßiges Modell sei. Wenn ein solches besonders anziehend war, wurde sein Zartgefühl dadurch immer verletzt, denn er 64 verehrte das weibliche Geschlecht und hätte jede Sängerin anbeten können, die eine volle, schöne Altstimme besaß. Am meisten schwärmte er für eine Stimme, die in den Mitteltönen umschlägt und dann aufwärts schwebt, wie ein engelgleicher Knabendiskant; sie fesselte ihn unwiderstehlich, traf ihn mitten in's Herz und brachte sein ganzes Innere in Aufruhr. Er hatte einmal die Alboni singen hören, und das war ein Ereignis in seinem Leben; die Sirenen hätten mit ihm leichtes Spiel gehabt. Selbst die Schönheit wirkte nicht so mächtig auf ihn wie die Gewalt der Töne – die Nachtigall trug den Sieg davon über den Paradiesvogel. Daß die arme Mimi la Salope weder die Stimme noch die Schule der Alboni hatte, brauche ich wohl kaum zu sagen, aber ihr Gesang war ganz rein und allerliebst. Ja ordentlich berückend in seiner kunstlosen Art. Sie sang kleine Lieder von Béranger. › Grandmère; parlez-nous de lui! ‹ oder › T'en souviens-tu? disait un capitaine! ‹ oder › Enfants' c'est moi qui suis Lisette! ‹ und ähnliche hübsche Sachen, bei denen dem kleinen Billy leicht das Auge feucht wurde. Aber bald stimmte sie auch andere Weisen an, zu denen Béranger die Worte nicht gemacht hatte. Das Französisch des kleinen Billy reichte nicht aus, um sie zu verstehen, doch erriet er leicht aus dem schallenden Gelächter, mit welchem die › rapins ‹ in Carrels Atelier die witzigen Stellen begleiteten, daß es recht gemeine 65 kleine Lieder sein mußten, trotzdem die Stimme der Sängerin noch ebenso rührend und engelgleich klang. Das machte ihm große Pein; er schämte sich an ihrer Stelle und war völlig entzaubert. Svengali hatte sie in der Brasserie des Porcherons, einer Schenke der Rue du Crapaud-volant singen hören und ihr vorgeschlagen, sie zu unterrichten. Sie kam zu ihm in die Dachkammer, wo er ihr vorspielte, mit ihr liebäugelte, sie angrinste und anblitzte mit den stechenden schwarzen Augen, die sie zu durchbohren schienen. Bald wußte sie nicht mehr, wie ihr geschah und warf sich in Gedanken voll Ehrfurcht und Anbetung vor diesem glorreichen Sohn ihres Volkes in den Staub. Ihre erbärmliche, gemeine, schmutzbefleckte kleine Seele sah in ihm einen hohen, herrlichen Helden und Propheten, der mit Schalmeien und Cymbelklang den Gott Israels pries und seinen Ruhm verkündete – David und Saul in einer Person. Nun fing er an sie zu lehren; zuerst war er freundlich und geduldig, nannte sie mit allerlei Schmeichelnamen, seine ›Rose von Saron‹, seine ›Perle von Babylon‹, seine ›gazellenäugige kleine Jerusalemer Lerche‹, die er zur Königin aller Nachtigallen machen werde. Bevor er ihr aber irgend etwas beibringen konnte, mußte sie erst alles vergessen, was sie wußte. Das Atemholen, die Stimmbildung, der Ansatz – alles war 66 verkehrt. Sie arbeitete unermüdlich, um ihm zu gefallen und hatte bald alle die hübschen kleinen Eigenheiten und anmutigen Kunststückchen verlernt, die ihrer Stimme natürlich waren. Es fehlte ihr jedoch, trotz ihres scharfen Gehörs, an musikalischem Verständnis, überhaupt an allem Verständnis, außer für Sous und Centimes. Sie war so dumm, wie ein kleiner Vogel, der eben aus dem Ei gekrochen ist, und ihre Stimme war weiter nichts als ein angeborenes Gezwitscher, wie Lerchenklang und Drosselschlag, nur durch Kopf, Nase und Kehle erzeugt (gerade eine Stimme, die er gar nicht zu behandeln verstand). Es gehörte ihre Jugend dazu, ihre blühende Gesundheit und ausgelassene Fröhlichkeit – das war auch ihr ganzer Reiz, nur eine beauté du diable, beauté damnée.  – Mit Anstrengung aller ihrer Kräfte übte sie sich in der neuen Methode so viel sie irgend konnte, bis sie heiser war, kaum daß sie sich Zeit zum Essen und Schlafen gönnte. Er wurde nun rauh und ungeduldig, kalt und strenge, aber sie liebte ihn nur um so mehr. Je mehr sie ihn aber liebte, desto ängstlicher wurde sie, und von Tag zu Tag sang sie schlechter. Ihre Stimme schnappte über, das Gehör versagte ihr, die Töne, die sie hervorbrachte, klangen fast so absonderlich wie Trilbys. Da verlor er ganz die Geduld, schimpfte fürchterlich, kniff und puffte sie mit seinen großen, knochigen Händen, bis sie jämmerlich schluchzte und ganz 67 in Thränen zerfloß. Er borgte auch Geld von ihr, Fünffrankstücke, Franken, selbst halbe Franken, die er nie zurückbezahlte; er schrie sie an, zankte und fluchte, bis sie ganz wahnsinnig wurde vor lauter Liebe und mit Freuden sechs Stock hoch aus dem Fenster gesprungen wäre, hätte er es verlangt. Das that er jedoch nicht; es kam ihm nicht in den Sinn, hätte ihm auch nicht einmal viel Spaß gemacht. Aber an einem schönen Sabbatmorgen (einem Samstag, meine ich) packte er sie bei den Schultern und warf sie ein für allemal zu seiner Dachkammer hinaus. Dabei schwur er hoch und teuer, daß er sie auf der Polizei verklagen würde, wenn sie sich je wieder vor ihm blicken ließe – eine furchtbare Drohung für die arme Mimi la Salope und ihresgleichen. »Da würde sich ja zeigen, wo alle die Fünffrankstücke hergekommen seien – Nein – mit denen sie ihm die vielen Singstunden hätte bezahlen wollen, die sämtlich an ihr weggeworfen waren. – Doch nicht etwa von den Malern, denen sie Modell gestanden – Nein?« So kehrte denn die kleine gazellenäugige Jerusalemer Lerche wieder in den Staub der Pariser Straßen zurück, dem sie durch ihre Geburt angehörte; die Flügel waren ihr beschnitten, Kraft und Mut gebrochen und mit ihrem Singen war es auf immer vorbei; sie hatte kaum noch so viel Ton in der Kehle wie ein gemeiner Gartensperling. 68 Darum hören wir auch nichts weiter von › la betite Honorine ‹. Als Svengali am Morgen nach diesem Ereignis in seiner Dachkammer erwachte, fühlte er die unbezwingliche Sehnsucht, sich einen guten Tag zu machen, denn es war Sonntag und wunderschönes Wetter. Er streckte den Arm lang aus nach Beinkleidern und Weste, die am Boden lagen, erfaßte sie und leerte den Inhalt sämtlicher Taschen aus seiner zerlumpten Wolldecke aus: kein Silber, kein Gold, nur wenige Sous und Centimes, die gerade zu einem magern ersten Frühstück reichten! Gecko hatte er tags zuvor rein ausgebeutelt und den Ertrag (mindestens zehn Franken) an einem einzigen Abend verpraßt, ohne Gecko an seinen Freuden teilnehmen zu lassen; er wußte niemand mehr, bei dem er borgen konnte, außer dem kleinen Billy, Taffy und dem Laird, die er seit einigen Tagen vernachlässigt und nicht angepumpt hatte. Nachdem er in seine Kleider geschlüpft war, betrachtete er sich in einem kleinen Spiegelscherben und fand, daß seine Stirn wenig zu wünschen übrig ließ, Augen und Schläfen aber eine entschiedene Schmutzfarbe zeigten. Er goß daher ein wenig Wasser aus einem kleinen Krug in ein kleines Waschbecken, drehte den Zipfel seines Taschentuchs um den Zeigefinger, tauchte ihn ein und entfernte die störenden Flecken. Seine Hände, dachte er, könnten gut noch einen oder zwei Tage bleiben wie sie waren; er fuhr sich mit 69 den Fingern durch die verwirrte Mähne und strich sich die Haare hinter das Ohr, wobei er ihnen den gewissen Schwung gab, den er so sehr liebte und der seinen englischen Freunden ein Greuel war. Dann setzte er sein Barett auf, hing den Sammetmantel um und schlenderte hinaus in die sonnenbeschienenen Straßen, wo ihn ein gewisses Gefühl von Freiheit und Lust überkam, dessen sich kein Mensch an einem hellen Sonntagmorgen des Maimonats in Paris erwehren kann. Er fand den kleinen Billy mit Seife und Schwamm in einer Zinkwanne sitzend, und der Anblick belustigte und interessierte ihn so sehr, daß er darüber den Zweck seines Besuchs fürs erste ganz vergaß. »Himmel! Warum zum Henker thun Sie das?« fragte er in seinem polnischen Deutsch-Französisch. »Natürlich doch, weil ich mich rein waschen will!« »Ach! und wie zum Kuckuck haben Sie sich denn schmutzig gemacht?« Auf diese Frage fand der kleine Billy nicht gleich eine Antwort, und so setzte er denn seine kräftigen Abwaschungen nach Art der Engländer mit Sprudeln, Spritzen und Prusten fort. Svengali lachte laut und lange über den kleinen Engländer, der sich rein waschen wollte – tâchant de se nettoyer! Als er so sauber war, wie es die Umstände zuließen, bat ihn Svengali um zweihundert Franken auf Borg, worauf ihm der kleine Billy ein Fünffrankstück gab. 70 Das genügte dem Deutschpolen einstweilen, faute de mieux , und er fragte ihn, wann er sich wieder rein waschen würde, da er sehr gern dabei sein wollte, um zuzusehen. » Demaing mattaing, à votre service! « sagte der kleine Billy mit höflicher Verbeugung. »Was!! Am Montag auch!! Gott im Himmel! Waschen Sie sich denn alle Tage rein?« Er lachte und lachte, bis er aus dem Zimmer und aus dem Hause war; immerfort lachend ging er über den Platz de l'Odéon und die Rue de Seine hinunter, wo der Vollblutmensch wohnte, den er durch die Schilderungen der sonderbaren Waschungen des kleinen Billy so günstig für sich zu stimmen hoffte, daß er noch ein Fünffrankstück – oder auch zwei – von ihm entlehnen könnte. Wie sich der Leser bereits denken wird, fand er Taffy gleichfalls im Bade, worauf er in ein schallendes Gelächter ausbrach, förmliche Krämpfe kriegte, sich die Seiten hielt, sich wand und krümmte und mit seinem schmutzigen Zeigefinger auf den großen, splinternackten Briten deutete, bis Taffys Geduldsfaden riß und er die Sache krumm nahm. »Was zum Teufel soll denn das Gegacker, Sie Schafskopf! Wollen Sie etwa zum Fenster hinaus in die Rue de Seine befördert sein! Warten Sie nur, ich will Ihnen einmal den Kopf waschen!« Mit einem Sprung war Taffy aus der Wanne heraus. 71 Vor seiner herkulischen Gestalt und seinem gerechten Zorn erschrak Svengali so sehr, daß er die Flucht ergriff. »Donnerwetter,« rief er, die enge Treppe des Hotel de Seine hinunterstolpernd, »was für ein Dickkopf, was für ein Schweinehund, was für ein grober, niederträchtiger, verfluchter Kerl von einem Engländer!« Dann stand er nachdenklich still. »Jetzt gehe ich zu dem Schottländer, auf dem Platz St. Anatole des Arts und hole mir mein zweites Fünffrankstück. Aber eine Weile will ich doch noch warten, damit er mit dem Waschen auch sicher fertig ist.« So frühstückte er denn in der crêmerie Souchet in der Rue Clopin-Clopant, und da er jetzt keine Angst mehr vor Taffy hatte, fing er wieder von vorne an zu lachen, als ob er bersten wollte. An einem Tage zwei Engländer zu sehen, die versuchen sich rein zu waschen, einen kleinen und einen großen, das war doch wirklich zu komisch. Die beiden hatte er ordentlich zum Besten gehabt, meinte er, sie würden an ihn denken! Von seinem Standpunkt aus hatte er eigentlich Recht. Man kann, wenn man will, in einer Woche ebenso schmutzig werden, wie in einem ganzen Menschenleben; wozu soll man sich also so viele Mühe geben mit täglichen Waschungen? Auch braucht man wirklich nicht reiner zu sein als die Leute, mit denen man umgeht, man wird sonst 72 leicht für eingebildet und pedantisch gehalten und erregt das Mißfallen seiner Bekannten. Gerade als Svengali bei dem Laird anklopfen wollte, kam Trilby die Treppe herunter aus Duriens Wohnung. Sie sah sehr verändert aus, hatte große, schwarze Ringel um ihre vom Weinen geröteten Augen, und die Sommersprossen machten die Blässe ihrer Wangen noch auffallender. » Fous afez tu chacrin, matemoiselle? « fragte er. Sie erwiderte, daß sie neuralgische Schmerzen in den Augen habe, woran sie zuweilen leide. Der Anfall dauere gewöhnlich vierundzwanzig Stunden; es sei ein Schmerz, um wahnsinnig zu werden. »Vielleicht kann ich Sie heilen; kommen Sie mit mir herein.« Der Laird war mit seinen Waschungen offenbar fertig (wenn er sich an jenem Morgen überhaupt den Genuß gegönnt hätte). Er verzehrte sein Frühstück, das aus einer Buttersemmel und selbstgebranntem Kaffee bestand. Als er die arme Trilby so leiden sah, war er tief bekümmert und bot ihr Branntwein, Kaffee und Pfeffernüsse an, doch wollte sie weder essen noch trinken. Svengali hieß sie sich auf den Divan setzen, nahm ihr gegenüber Platz und sagte, sie solle unverwandt auf das Weiße in seinen Augen sehen. » Recartez-moi pien tans le planc tes yeux. « Dann strich er ihr über Stirn und Schläfen, Wangen 73 und Hals, leise hin und her. Bald schloß sie die Augen, und der Ausdruck ihrer Züge wurde ruhiger. Nach einer Weile, etwa einer Viertelstunde, fragte er, ob sie den Schmerz noch fühle. » Oh! presque plus du tout, monsieur - c'est le ciel! « Einige Minuten darauf erkundigte er sich bei dem Laird, ob er Deutsch könnte. »Nur genug, um es zu verstehen,« entgegnete dieser (er hatte ein Jahr in Düsseldorf studiert). »Sie schläft nicht,« versicherte ihn nun Svengali auf Deutsch, »aber doch soll sie die Augen nicht öffnen können. Versuchen Sie es einmal.« »Miß Trilby,« fragte der Laird auf Englisch, »schlafen Sie?« »Nein.« »Wollen Sie nicht die Augen aufmachen und mich ansehen?« Sie bemühte sich vergebens es zu thun und sagte, es ginge nicht. »Jetzt soll sie den Mund nicht aufmachen können,« fuhr Svengali fort. »Versuchen Sie.« »Warum konnten Sie die Augen nicht öffnen, Miß Trilby?« Sie wollte sprechen, aber ihre Lippen blieben geschlossen. 74 »Nun kann sie nicht vom Divan aufstehen. Versuchen Sie!« Aber Trilby war wie durch Zauberkraft gebunden und vermochte sich nicht zu rühren. »Jetzt löse ich den Bann,« sagte Svengali. Und siehe da! – sie sprang auf, reckte die Arme in die Höhe und rief: » Vive la Prusse! me v'là guérie! « Sie küßte Svengali vor Dankbarkeit die Hand, und er lachte, fletschte seine großen braunen Zähne, rollte die Augen und fauchte wie ein Kater. »Jetzt will ich zu Durien gehen und ihm sitzen. Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, monsieur . Sie haben mir den Schmerz ganz und gar vertrieben!« »Jawohl, matemoiselle . Jetzt habe ich ihn; gerade hier im Ellenbogen. Aber ich liebe ihn, weil er von Ihnen herrührt. So oft Sie Schmerzen haben, kommen Sie nur zu mir. Nummer 12 Rue Tire-Liard au sixième, an dessus de l'entresol; ich werde Sie heilen und Ihren Schmerz selber leiden –« »O, Sie sind zu gütig!« In ihrer Freude drehte sie sich ein paarmal auf dem Absatz herum und ließ den gewohnten Kriegsruf ertönen: »Die Milch ist da!« Er hallte mächtig durch den ganzen Raum, und aus dem Klavier kam ein feierlicher Widerklang. »Was bedeutet denn das, matemoiselle? « »So ruft der Milchmann in England.« 75 »Ein herrlicher Ton, matemoiselle, wunderschön! Er geht mitten durchs Herz, wurzelt tief im Magen und erblüht in Harmonie auf den Lippen, wie Madame Albonis Stimme – vortrefflich – c'est un cri du coeur! « Trilby wurde rot vor Stolz und Freude. »Ja, matemoiselle, bei meiner Ehre! Ich kenne nur einen Menschen auf der Welt, der den Ton so gut erzeugen kann wie Sie!« »Wer denn, monsieur – vielleicht Sie selbst?« »Ach nein, matemoiselle, so bevorzugt bin ich nicht. Ich besitze leider gar keine Stimme . . . . Es ist ein Kellner vom Café de la Rotonde, im Palais Royal; wenn man Kaffee bestellt, ruft er: Bumm! in Basso profundo Tiefstimme – Contra Fes . – Es ist phänomenal – ganz wie eine Kanone – die versteht sich auch auf Tonerzeugung. Man bezahlt ihm tausend Franken dafür im Café de la Rotonde, wo der Kaffee nicht sehr gut ist. Wenn er stirbt, wird man ganz Frankreich nach so einem durchsuchen, und dann ganz Deutschland, wo die großen Kellner zu Hause sind – und die großen Kanonen – aber man wird keinen Ersatz für ihn finden, und das Café de la Rotonde muß Bankrott machen, wenn Sie nicht die Stelle annehmen. Bitte, erlauben Sie, matemoiselle, daß ich einmal in Ihren Mund sehe.« Sie machte den Mund weit auf und er schaute hinein. »Himmel! Die Höhlung Ihres Mundes ist oben 76 gewölbt wie der Dom des Pantheons, es ist übrig Raum darin für › toutes les gloires de la France; ‹ die Öffnung des Kehlkopfes ist so weit wie die mittlere Pforte von St. Sulpice, wenn an Allerheiligen die Menge hereinströmt. Und kein einziger fehlt von den zweiunddreißig großen, milchweißen britischen Zähnen. Ihr Züngelchen ist muldenförmig vertieft wie das Blütenblatt einer Pfingstrose, und Ihr Nasenrücken gleicht dem Bauch einer Stradivarius-Geige – ein prachtvoller Resonanzboden! Die Lunge in Ihrem schönen weiten Brustkasten ist wie von Leder so stark, Ihr Atem hat einen balsamischen Duft, wie der Atem einer schönen, weißen, jungen Milchkuh, die sich von Frühlingsblumen auf der Wiese nährt. Und Ihr Herz, matemoiselle, ist weich, lebhaft, empfänglich – ein goldenes Herz! Das liest man in Ihrem Gesicht beim ersten Blick! Votre coeur est un luth suspendu! Aussitôt qu'on le touche, il résonne... Wie schade daß Sie nicht auch musikalisch beanlagt sind!« »Aber das bin ich doch, monsieur! Haben Sie mich denn nicht › Ben Bolt ‹ singen hören? Wie kommen Sie darauf, das zu sagen?« Svengali geriet einen Augenblick in Verlegenheit. »Wenn ich die ›Rosamunde‹ von Schubert spiele, rauchen Sie eine Zigarette und schauen sich um . . . Sie sehen den großen Taffy an, den kleinen Billy und die 77 Bilder an den Wänden; oder Sie sehen zum Fenster hinaus, nach dem Himmel, den Schornsteinen und Notre Dame de Paris. Svengali aber sehen Sie nicht an, und er blickt doch einzig und allein auf Sie, und spielt für Sie die ›Rosamunde‹ von Schubert!« » Oh, maïe, aïe! « rief Trilby »wie wunderschön Sie das sagen.« »Aber es thut nichts, matemoiselle, wenn Sie wieder Schmerzen haben, kommen Sie nur zu Svengali; er wird sie Ihnen fortnehmen und selber behalten, als ein soufenir. . Sind Sie dann wieder wohl, so spielt er die ›Rosamunde‹ von Schubert für Sie ganz allein, und dann: › Messieurs les étudiants, montez à la chaumière... ‹ weil das lustiger ist. Und Sie sollen nichts sehen, nichts hören, nichts denken, als nur Svengali, Svengali, Svengali! « Nach diesem großartigen Schluß seiner Rede hielt er für das beste, sich schleunig zu entfernen, um die Wirkung nicht abzuschwächen. Er bückte sich über Trilbys wohlgeformte Hand mit den Sommersprossen, küßte sie, verneigte sich rasch und verlies das Zimmer, ohne erst noch das Fünffrankstück zu entlehnen. »Ein närrischer Kauz,« meinte Trilby. »Mir ist, als wäre er eine große, hungrige Spinne und ich die Fliege im Netz. Aber mein Schmerz ist fort; er hat ihn vertrieben. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für eine Qual ist, wenn der Anfall kommt.« 78 »Ich würde mich aber doch nicht zu viel mit dem Menschen einlassen,« sagte der Laird. »Lieber möchte ich den ärgsten Schmerz ertragen, als mich auf solche unnatürliche Weise kurieren lassen. Svengali ist ein schlechter Mensch, davon bin ich überzeugt. Er hat Sie magnetisiert, das ist die ganze Geschichte. Ich habe schon oft davon reden hören, es aber noch nie mit angesehen. Mesmerismus nennt man es. Die Leute bekommen Gewalt über einen und man muß alles thun, was sie wollen – lügen, morden, stehlen; man kann nicht anders. Das Ende vom Liede aber ist, daß sie einen umbringen, wenn sie ihren Zweck erreicht haben. Es ist ganz schauderhaft; man mag gar nicht daran denken.« So ernst und feierlich hatte der Laird noch nie gesprochen; er war kaum wieder zu erkennen. Seine eindringliche Rede verfehlte ihre Wirkung auch auf ihn selber nicht; sie klang wie eine prophetische Weissagung, und erhöhte noch das Grauen, welches er ohnehin empfand. Der armen Trilby wurde es ganz unheimlich, und kalte Schauer rieselten ihr durch die Glieder. Sie war eine höchst empfängliche Natur, sonst wäre sie auch durch Svengalis hypnotische Kraft nicht so leicht zu beeinflussen gewesen. Den ganzen Tag über, während sie Modell stand bei Durien (dem sie nichts von ihrem Erlebnis erzählt hatte), konnte sie die Erinnerung an Svengali nicht los werden; sie sah seine großen Augen unverwandt auf sich 79 gerichtet und fühlte, wie er mit den weichen, unsaubern Fingerspitzen ihr Gesicht berührte. Angst und Widerwillen stürmten immer heftiger auf sie ein. ›Svengali, Svengali, Svengali!‹ dröhnte und klang es ihr fort und fort in den Ohren und im Gehirn, wie Glockengeläute und Totenklage, bis sie es kaum mehr ertragen konnte, und die Pein fast schlimmer war, als der Schmerz in ihren Augen. »Svengali, Svengali, Svengali!« Endlich fragte sie Durien, ob er ihn kenne. » Parbleu! Si je connais Svengali! « » Qu'est-ce que t'en penses? « »Quand il sera mort, ça fera une fameuse crapule de moins!« * * * » Chez Carrel . « Carrels Atelier (oder Malerschule) befand sich in der Rue Notre Dame des Potirons St. Michel, am Ende eines großen Hofes, auf den viele nach Norden gelegene Fenster hinausgingen. Durch jedes dieser Fenster schaute das Himmelslicht in ein großes, unsauberes Atelier. Das größte und schmutzigste von allen aber war Carrels, wo zwischen dreißig und vierzig Schüler sich täglich, mit Ausnahme des Sonntags, im Aktzeichnen und Malen übten; morgens von acht bis zwölf, und noch zwei Stunden jeden Nachmittag; nur nicht am Samstag, da dieser für die 80 nötige Reinigung des Augiasstalles durch fegen und scheuern bestimmt war. Eine Woche stellte man ihnen ein männliches Modell, die nächste ein weibliches; es wurde das ganze Jahr hindurch regelmäßig damit abgewechselt. Ein Ofen, ein erhöhter Tritt für das Modell, eine Menge Schemel und Kisten, etwa fünfzig starke, niedrige Stühle mit Lehnen, eine Anzahl Staffeleien und viele Zeichenbretter bildeten die ganze Einrichtung. Die kahlen Wände waren über und über mit Karrikaturen bedeckt – des charges – in Kohle und Kreide, auch mit den abgekratzten Farben vieler Paletten – eine in ihrer bunten Mannigfaltigkeit dem Auge wohlgefällige Verzierung. Für Benutzung des Ateliers und des Modells zahlte jeder Schüler zehn Franken monatlich an den massier, den ältesten Schüler und verantwortlichen Leithammel der Herde. Außerdem erwartete man noch von jedem Neueintretenden, daß er dreißig, vierzig oder fünfzig Franken springen ließ, um die ganze Gesellschaft mit Kuchen und Punsch zu bewirten. An jedem Freitag kam der große Künstler, Monsieur Carrel, ein stattlicher, wohlgekleideter, ausnehmend höflicher Herr (der, wie sich gebührte, die Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch trug) auf zwei oder drei Stunden ins Atelier und verweilte einige Minuten bei jedem Zeichenbrett, jeder Staffelei; sogar zehn oder zwölf Minuten, wenn es einem fleißigen und vielversprechenden Schüler galt. Er that dies nicht für Geld, sondern aus Liebe zur 81 Kunst, und verdiente in hohem Maße die Ehrerbietung, welche ihm diese (im übrigen höchst unehrerbietige und unbändige) Genossenschaft zollte, die aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt war. Es gab Graubärte darunter, die dort mehr als dreißig Jahre gearbeitet hatten, noch vor Carrels Zeit. Einen Torso konnten sie beinah so gut wie Tizian oder Velasquez malen – beinah, aber nicht ganz so gut; zu etwas anderem brachten sie es jedoch nie und blieben stehende Größen bei Carrel ihr Leben lang. Auch jüngere Leute sah man da, die in zwei, drei, vier, fünf, zehn oder zwanzig Jahren berühmt werden und in die Fußstapfen ihres Meisters treten würden; andere hinwieder, von denen sich ebenso sicher annehmen ließ, daß Unglück und Mißerfolg in Zukunft ihrer harrten – daß sie im Spital, der Dachkammer, dem Fluß, der Morgue enden würden, oder, was noch schlimmer war, mit dem Reisesacke herumziehen, auf der Straße liegen, vielleicht gar hinter dem väterlichen Ladentische stehen. Unmündige Knaben zählten dazu, die reinen › rapins ‹ voller Ausgelassenheit, Unfug und Mutwillen – blague et bagout parisien – kleine Aufrührer und Tumultuanten, Witzbolde, Eisenfresser, Opferlämmer; fleißige und faule Lehrlinge, gute und schlechte, saubere und schmutzige (besonders letztere). Alle waren mehr oder weniger von einem gewissen esprit de corps erfüllt und im ganzen sehr 82 glücklich und lustig bei der Arbeit, immer offenherzig und bereit, jedem mit künstlerischem Rat unter die Arme zu greifen, der ernstlich danach verlangte. Die Redewendungen freilich, deren sie sich dabei bedienten, klangen für die Eigenliebe des Betreffenden oft nicht allzu schmeichelhaft. Ehe der kleine Billy Mitglied dieser Brüderschaft wurde, hatte er drei oder vier Jahre lang in der Londoner Kunstschule nach dem lebenden Modell und im Britischen Museum nach der Antike gezeichnet und gemalt – er war also kein Anfänger mehr. Als er an einem Montag Morgen sein Debüt bei Carrel machte, war ihm etwas ängstlich und unbehaglich zu Mute. Er hatte die französische Sprache zwar eifrig daheim in England betrieben und konnte ziemlich gut lesen, auch einigermaßen schreiben und sprechen, aber letzteres wurde ihm sehr schwer. Er fand auch, daß das Atelier-Französisch gar keine Ähnlichkeit mit der glatten, höflichen Sprache hatte, die zu erlernen ihn so viel Mühe kostete. Ollendorff will nun einmal mit dem Quartier latin nichts zu schaffen haben. Auf Taffys Rat – denn Taffy war auch Carrels Schüler gewesen – händigte der kleine Billy dem massier sechzig Franken als bienvenue ein – eine Riesensumme. Diese Freigebigkeit machte einen sehr günstigen Eindruck und trug viel dazu bei, etwaige Vorurteile zu besiegen, die sein zierlicher Anzug, sein sauberes Äußere und sein höfliches Wesen erzeugt haben mochten. Es wurde 83 ihm ein Platz angewiesen, ein Reißbrett und eine Staffelei; er arbeitete gern im Stehen und wollte mit einer Kreidezeichnung anfangen. Jetzt war das Modell gestellt und alle machten sich schweigend an die Arbeit. Am Montagmorgen geht es ja überall in der Christenheit meist recht flau und grämlich zu. Während der Freiviertelstunde traten einige Schüler an die Staffelei des kleinen Billy, um seine Leistungen zu begutachten. Sie sahen auf den ersten Blick, daß er seine Sache verstand, und das flößte ihnen Achtung ein. Er besaß von Natur eine sehr leichte Hand, oder vielmehr zwei, denn seine linke war ebenso geschickt wie die rechte. Auf der Londoner Kunstschule hatte er schon nach den ersten Monaten die Unsicherheit des Striches verloren, welche der angehende Maler oft in Jahren nicht los wird, während sie dem Dilettanten lebenslang anhaftet. Selbst seine flüchtig hingeworfenen Bleistiftskizzen zeigten eine unnachahmliche Bestimmtheit, und die ihm eigentümliche Anmut ließ sich in jeder Linie wiedererkennen. Sein Pinselstrich auf Leinwand oder Papier war wie Svengalis Anschlag – einzig in seiner Art. Im Laufe des Vormittags wurden nun allerlei kleine Annäherungsversuche gemacht. Der erste, welcher das Eis des Schweigens brach, war Lambert, ein junger Mensch mit höchst komischem Gesichtsausdruck. Im schlechtesten Englisch warf er plötzlich und ganz unvermittelt die Frage auf: 84 »Habt ihr meines Vaters alten Schuh gesehen?« die er selbst beantwortete: »Nein, ich habe nicht meines Vaters alten Schuh gesehen.« Dann nach einer Pause: »Habt ihr meines Vaters alten Hut gesehen?« »Nein, ich habe nicht Ihres Vaters alten Hut gesehen.« »Ich finde den Kopf des Engländers sehr hübsch. Meinst du nicht auch, Barizel?« »Ja, aber warum sehen seine Augen wie zwei Feuerkugeln aus?« »Weil er ein Engländer ist.« »Und warum ist denn sein Rücken so gerade und steif, als hätte er die Vendômesäule verschluckt bis zur Schlacht bei Austerlitz?« »Weil er ein Engländer ist.« So ging es weiter, bis es an der Außenseite des kleinen Billy nichts mehr zu beschreiben gab. Dann hieß es: »Papelard!« »Was denn?« »Ich möchte wissen, ob der Engländer auch sein Gebet nicht vergißt, wenn er zu Bette geht.« »Frage ihn doch.« »Frage du ihn lieber!« »Ich möchte gern wissen, wie der Engländer sein Herz 85 verloren hat, und möchte die Geschichte seiner ersten Liebe ganz genau und umständlich erzählen hören.« »Frage ihn doch.« »Frage du ihn lieber.« »Ich möchte wissen, ob der Engländer Schwestern hat, und wie viele; auch wie alt sie sind und wie sie heißen.« »So frage ihn doch!« u. s. w. u. s. w. Dem kleinen Billy, der wohl merkte, daß er der Gegenstand der Unterhaltung sei, war dies unbehaglich. Nicht lange, so redete man ihn direkt an. » Ditesdonc, l'Anglais? « » Quoa? « sagte der kleine Billy. » Avez-vous une soeur? « » Wui. « » Est-ce qu'elle vous ressemble? « » Nong. « » C'est bien dommage! Est-ce qu'elle dit ses prières, le soir, en se couchant? « Der kleine Billy wurde puterrot und schaute so wild um sich, daß man für gut hielt, die Bekanntschaft auf eine andere Weise zu eröffnen. Nicht lange, so äußerte Lambert: »Si nous mettions l'Anglais à l'échelle?« Der kleine Billy war im voraus gewarnt worden und wußte, was das zu bedeuten hatte. Man wurde auf eine Leiter gebunden und in feierlichem Zuge auf dem Hof hin und her getragen. Sträubte man sich, so kam man unter die Pumpe. In der nächsten Zwischenpause ward ihm eröffnet, daß er sich, wie gebräuchlich, der unwürdigen Behandlung zu unterwerfen habe, und die Leiter (man brauchte sie im Atelier, um die höchsten Wandbretter erreichen zu können) war schon zur Stelle. Aus den Mienen des kleinen Billy strahlte die herzgewinnendste Freundlichkeit, und er ließ sich so gutmütig festbinden, daß man einstimmig äußerte, es sei kein Witz dabei und ihn wieder frei gab. So entkam er der Leiterprobe. Taffy war ihr auch entgangen, aber auf andere Weise: Als man sich seiner bemächtigen wollte, hatte er den ersten › rapin ‹, der ihm unter die Hand kam, ergriffen und als eine Art Streitkolben benutzt. Er schwang ihn so hoch in die Luft und schlug so viele Schüler, Staffeleien und Zeichenbretter zu Boden, daß ein fürchterlicher Wirrwarr entstand und man allgemein nach ›Frieden‹ rief. Hierauf gab er so erstaunliche und wunderbare Kraftproben zum besten, daß das Andenken daran noch jahrelang in Carrels Atelier fortlebte. Er wurde zur Legende, zur Mythe! Wo sich Überreste des damaligen Quartier latin erhalten haben, erzählt man noch heute, daß er sieben Fuß hoch war und den massier samt dem Modell wie zwei Billardkugeln in die Höhe werfen und auffangen konnte – alles nur mit der linken Hand. Doch kehren wir zu dem kleinen Billy zurück. Als 87 es zwölf schlug, wurde Punsch und Kuchen hereingebracht. Ein herzerfreuender Anblick, der alle in die beste Laune versetzte. Es gab dreierlei Kuchen: Babas, Madeleines und Savarins – das Stück zu drei Sous. Sie waren im Quartier latin gerade so gut wie an anderen Orten, und ich weiß in ganz Frankreich, ja in der ganzen Welt, keine Kuchen, die sich mit diesen vergleichen ließen! Mit Madeleine muß man anfangen, weil es ein ziemlich schweres, sättigendes Backwerk ist; dann kommt Baba an die Reihe, und zuletzt Savarin, ein sehr leichter, ringförmiger Kuchen, der nach Rum schmeckt. Hat man den gegessen, so wird man gut daran thun, aufzuhören. Der Punsch war süß, warm und durchaus nicht zu stark. Auf den erhöhten Tritt, den man in die Mitte geschoben hatte, wurde ein Stuhl für den kleinen Billy gesetzt, damit er seine Gaben austeilen konnte. Er besorgte die Bewirtung mit liebenswürdiger Höflichkeit; zuerst bot er dem massier an, dann den übrigen Graubärten, je nach Alter und Würde, bis zum Modell herab. Eben wollte er nun auch selbst zulangen, als man ihn bat, der Gesellschaft ein englisches Lied vorzusingen. Nach einigem Zögern stimmte er eine Romanze an, das einzige halbwegs komische Lied, das er kannte. Es handelte von einem lustigen Kavalier, welcher der Herrin seines Herzens ein Ständchen bringt; auch eine Strickleiter und ein paar Reiterhandschuhe kommen darin vor, doch sind sie 88 nicht das Eigentum des lustigen Kavaliers; er findet sie nur im Gemach seiner Schönen. Dies armselige Erzeugnis hatte vier ziemlich lange Verse; eine französische Zuhörerschaft konnte aber die Komik unmöglich herausfinden, und eine englische wäre wohl der Ansicht gewesen, daß der kleine Billy kein Talent habe, komische Lieder zu singen. Man spendete ihm jedoch lauten Beifall am Schluß eines jeden Verses, und als der Gesang zu Ende war, fragte man, ob er denn auch ganz gewiß aus sei, und äußerte das tiefste Bedauern darüber. Hierauf setzten sich sämtliche Kunstschüler rittlings auf ihre kleinen kurzbeinigen Stühle, umfaßten die Lehne mit den Händen und galoppierten auf diesen Pferden mit der größten Ernsthaftigkeit um den Thron des kleinen Billy rund herum. Es war der sonderbarste Reiterzug, den er je gesehen hatte, er mußte lachen, daß ihm die Thränen über die Backen liefen und er weder essen noch trinken konnte. Dann ließ er den Punsch und die Kuchen noch einmal herumgehen und gerade, als er sich selbst bedienen wollte, sagte Papelard: »Wißt ihr, ich finde, es liegt etwas wirklich Vornehmes in der Stimme des Engländers, etwas höchst Ansprechendes und Rührendes, so ein gewisses Je ne sais quoi! « »Jawohl, jawohl,« rief Bouchardy, »ein gewisses je ne sais quoi! Das ist gerade der richtige Ausdruck. Meint ihr nicht auch, daß Papelard den Nagel auf den Kopf getroffen hat, er ist wirklich ein kluger Junge!« 89 »Bravo, bravo,« fiel der Chor ein, »wir sind ganz seiner Meinung; Papelard hat das richtige Verständnis für die Sache. Dites donc, l'Anglais! singt uns das schöne Lied noch einmal – hein? Nous vous prions tous. « Der kleine Billy ließ sich nicht lange bitten, und sein Vortrag fand diesmal noch lauteren Beifall. Wieder galoppierten sie in der Runde, aber anders herum und weit schneller, so daß der kleine Billy fast Lachkrämpfe bekam und sich die Seiten halten mußte. Nun hob Duboc an: »Mir scheint die englische Musik sehr ansprechend und aufregend, nicht wahr, Bouchardy?« »O ja,« entgegnete dieser, »aber ich bewundere vor allem die Worte ; es liegt so viel Leidenschaft, so viel Romantik darin. Verstehen kann ich sie gar nicht, aber schon der bloße Laut übt einen mächtigen Reiz durch sein – sein – kurz sein je ne sais quoi! Nun noch einmal, l'Anglais , bitte noch einmal, alle vier Verse.« Er sang das Lied zum drittenmal, von Anfang bis zu Ende, während sie behaglich aßen, tranken, rauchten, einander zunickten und verständnisvolle Blicke tauschten. Très bien, très bien, klang es fortwährend. »Ah, voilà qui est bien réussi!« – »Epatant ça!« – »Très fin! etc. etc.« Dann, angefeuert durch den Erfolg, steigerte der kleine Billy seinen Ausdruck und sein Gebärdenspiel immer mehr, ohne zu bedenken, daß kein einziger seiner 90 Zuhörer die leiseste Ahnung hatte, um was es sich in dem Liede eigentlich handelte. Es war ein klägliches Possenspiel. Erst nachdem er sämtliche vier Verse zum viertenmal gesungen hatte, entdeckte er, daß man ihn zum Besten gehabt und einen Scherz in Szene gesetzt, dem er gründlich zum Opfer gefallen war. Von dem ganzen reichen Gastmahl blieb auch nicht ein Krümel, auch nicht ein Tropfen mehr für ihn übrig. Es war die alte, alte Fabel von dem Fuchs und dem Raben! Doch muß ich, um dem kleinen Billy Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, noch erwähnen, daß er ebenso herzlich über den gelungenen Spaß lachte, wie alle übrigen, und sich das größte Vergnügen darauf zu machen schien. Wenn man einen Scherz so aufzufassen weiß, verlieren die Leute bald alle Lust einen zum Narren zu halten. Es kommt fast auf dasselbe heraus, als wenn man, wie Taffy, riesengroß ist und zornsprühende blaue Augen hat. Dies waren die ersten Erlebnisse des kleinen Billy in Carrels Atelier, wo er in der Folge viele glückliche Stunden und Tage verlebte und sich manchen guten Freund erwarb. So weit die Erinnerung des grauesten Graubarts zurückreichte, war dort noch nie ein Kunstschüler so allgemein beliebt gewesen. Keiner war aber auch liebenswürdiger, heiterer, rücksichtsvoller und höflicher wie er. Und 91 schwerlich hatte schon je einer so große Anlagen für die Kunst besessen. Carrel blieb oft eine volle Viertelstunde bei ihm sitzen und forderte ihn häufig auf, ihn in seinem Privatatelier zu besuchen. Auch sah man meist in den letzten Tagen der Woche bewundernde Gruppen seiner Gefährten die Staffelei umstehen und ihm bei der Arbeit zuschauen. » C'est un rude lapin, l'Anglais! au moins il sait son orthographe en peinture, ce coco-là'. « So lautete das Urteil über den kleinen Billy in Carrels Atelier; es war fast das höchste Lob, das sich ausdenken läßt. * * * Obgleich Trilby noch so jung war, etwa siebzehn oder achtzehn Jahre und so zärtlich von Gemüt (wie der kleine Billy), hatte sie doch ein außerordentlich rasches und sicheres Gefühl für alles, wobei es sich um ihren Geschmack, ihre Gunst oder Neigung handelte; sie wußte immer genau, was sie wollte und brauchte nicht lange Zeit zur Entscheidung. Bei ihrem ersten Besuch im Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts war sie schon nach fünf Minuten überzeugt, daß es der freundlichste, behaglichste, angenehmste und lustigste Ort innerhalb und außerhalb des ganzen Quartier latin sei, und daß seine drei Insassen, sowohl 92 zusammen als einzeln, ihr von allen Menschen, die sie bisher kennen gelernt hatte, am besten gefielen. Erstens waren es Engländer und sie konnte ihre Muttersprache hören und sprechen. Das rief in ihr allerlei zärtliche Erinnerungen wach, an ihre Kindheit, ihre Eltern, die alte Heimat – oder vielmehr ihre vielen, oft wechselnden Heimstätten, denn die O'Ferralls waren stets von einer Wohnung zur andern gezogen, wie ein Vogel von Ast zu Ast. Sie hatte ihre Eltern innig geliebt, und diese besaßen bei ihren vielen Fehlern auch wirklich alle liebenswerten Eigenschaften, die sich so häufig gerade zu jenen Fehlern gesellen: große Herzenswärme, ein einnehmendes frohgemutes Wesen, den Wunsch, andern Freude zu bereiten und die Großmut, der es nicht auf Gerechtigkeit ankommt, denn sie verschenkt ihren letzten Heller und vergißt ihre Schulden zu bezahlen. Trilby kannte auch andere englische und amerikanische Künstler, die ihre Hände und ihren Kopf häufig als Modell benutzten. Keiner von allen hatte jedoch, nach ihrer Meinung, ein so ansprechendes Äußere wie der tapfere, herrliche Taffy, der dicke, lustige Laird von Cockpen, und der feingebildete, zierliche, empfindsame kleine Billy. So beschloß sie denn so viel wie möglich, mit ihnen zu verkehren, in dem reizenden Atelier heimisch zu werden, und sich seinen › locataires ‹ unentbehrlich zu machen. Obgleich nicht im geringsten eitel oder selbstbewußt, zweifelte sie doch keinen 93 Augenblick an ihrer Macht zu gefallen, zu nützen und zu erfreuen, wo es ihr darauf ankam. Sie that den ersten Schritt zur Erreichung dieses Zweckes, als sie vom père Martin Korb, Laterne und Haken entlehnte (er hatte dergleichen Handwerkszeug noch mehr), um sie Taffy zu bringen; denn sie fürchtete ihn durch ihre offenherzigen Bemerkungen über sein Bild beleidigt zu haben. Von da ab kam sie so oft als sie konnte, ohne unbescheiden zu sein, ließ ihren Kriegsruf vor der Atelierthür erschallen, trat ein und setzte sich, nach einigen höflichen Fragen, mit untergeschlagenen Beinen auf den hohen Tritt, verzehrte ihr Frühstück, rauchte eine Zigarette und verplauderte ein Stündchen. Sie berichtete ihnen sämtliche Neuigkeiten aus dem Quartier latin, die ihr zu Ohren kamen, nebst allerlei kleinen Geschichten, von denen sie stets einen großen Vorrat hatte. Was sie erzählte, war immer gutmütig und meistens wahr – so viel an ihr lag gewiß bis aufs Titelchen, denn sie nahm es mit der Wahrheit sehr genau. Sie trug alle die ragots, cancans und potin's d'atelier ganz unbefangen und auf höchst unterhaltende Art vor; machte aber einer von den dreien ein ernsthaftes Gesicht, oder entdeckte sie auch nur einen Schatten von Langeweile in ihren Mienen, so verzog sie sich auf der Stelle. Bald fand sie auch Gelegenheit ihnen von Nutzen zu sein. Wurde zum Beispiel ein Kostüm gebraucht, so wußte sie genau, wo man es borgen oder mieten könne, und so 94 billig wie sie, verstand niemand einzukaufen. Sie schaffte Stoffe zum Kostenpreis herbei, verarbeitete sie zu verschiedenen Frauengewändern, mit kunstvollem Faltenwurf, je nach Bedarf, und stand darin Modell als Geliebte des Toreadors (die Mantille hatte sie selbst gemacht), als Taffys arme Nähterin, die sich eben in der Seine ertränken will, oder als Studie für das schöne französische Bauernmädchen, in dem später so berühmt gewordenen Gemälde des kleinen Billy: ›der Krug geht zu Wasser‹. Sie stopfte ihnen auch die Strümpfe, besserte ihre Kleider aus und sorgte dafür, daß sie ihre Wäsche ordentlich und billig in der Rue des Cloîtres Ste-Petronille bei Madame Boisse gewaschen bekamen, mit der sie befreundet war. Zuweilen, wenn ihnen das Geld ausging und sie gerade eine gute runde Summe brauchten, um irgend einen Ausflug zu machen, z. B. eine Vergnügungsfahrt nach Fontainebleau oder Barbizon auf zwei oder drei Tage, dann war sie es, die ihre Uhren, Vorstecknadeln und dergleichen ins Leihhaus trug, um die nötigen Mittel herbeizuschaffen. Sie leistete ihnen diese kleinen Dienste mit der größten Freude und Bereitwilligkeit und wurde natürlich gut dafür bezahlt – viel zu reichlich nach ihrer Ansicht. Wie froh wäre sie gewesen, alles nur aus Freundschaft thun zu dürfen! So kam es, daß sie in kurzer Zeit eine persona gratissima in dem Atelier wurde – eine sonnige und stets 95 willkommene Erscheinung, strahlend vor Gesundheit, Anmut, Lebhaftigkeit und unerschöpflicher guter Laune, die sich keine Mühe verdrießen ließ und stets bereit war, ihren geliebten › Angliches ‹ jeden Gefallen zu thun. So wurden die drei nämlich von Madame Vinard genannt, der hübschen concierge mit der gellenden Stimme, die fast eifersüchtig zu werden anfing, denn sie war den Angliches auch sehr ergeben, und Monsieur Vinard war es nicht minder und die kleinen Vinards ebenfalls. Trilby wußte immer, wann es an der Zeit sei zu lachen, zu reden oder zu schweigen. Es war ein so hübscher Anblick, wenn sie auf dem Tritt saß, beschäftigt, des Lairds Socken zu stopfen, ihm Knöpfe an die Hemden zu nähen oder die eingebrannten Löcher in seinen Beinkleidern auszubessern, daß alle drei sie in dieser Stellung malten. Eine dieser Skizzen (in Wasserfarben, vom kleinen Billy), das Werk eines Nachmittags, wurde erst kürzlich bei Christie für eine so hohe Summe verkauft, daß ich sie gar nicht nennen will. Manchmal, an einem Regentag, wenn sie beschlossen hatten, zu Hause zu speisen, besorgte sie die Einkäufe, kochte das Essen, deckte den Tisch und machte sogar den Salat. Sie kaufte besser ein als der kleine Billy, kochte besser als der Laird und mischte den Salat besser als Taffy. Man lud sie auch ein, an der Mahlzeit teil zu nehmen, und dann zitterte sie förmlich vor Vergnügen und schien so über alle 96 Maßen glücklich, daß es ganz rührend, fast schmerzlich war, es mit anzusehen. Die Herzen der drei Briten wurden weich bei dieser kindlich warmen, anschmiegenden Dankbarkeit. Sie dachten an Trilbys Verlassenheit, an den Verlust ihrer Stellung in der Gesellschaft, den sie selbst nur halb zu ahnen schien, und daß sie keine Heimat mehr habe. Vielleicht war dies Mitgefühl auch der Grund, daß trotz ihres so vertraulichen Verkehrs niemals die leiseste Andeutung einer Liebelei irgend welcher Art oder Form unter ihnen vorkam – bonne camaraderie, voilà tout. Wäre sie des kleinen Billy Schwester gewesen, sie hätte nicht mit mehr wahrer Hochachtung behandelt werden können. Ihr Gefühl herzlicher Erkenntlichkeit für diese, ihr ungewohnte Rücksicht war weit stärker als irgend eine Leidenschaft, die sie vordem empfunden. Der gute Lafontaine drückt das auf anmutige Weise aus, wenn er sagt: » Ces animaux vivaient entre eux comme cousins Cette union si douce, et presque fraternelle, Édifiait tous les voisins! « Und mit welcher Wonne lauschte sie ihren Gesprächen, die herrlich waren, wie die Reden der olympischen Götter, und doch leichter zu verstehen. Sie konnte ihnen immer folgen, denn sie hatte trotz ihrer arg vernachlässigten Erziehung einen scharfen, natürlichen Verstand und neuerdings ein eifriges Streben zu lernen, so viel sie konnte. Die Freunde borgten ihr englische Bücher – Dickens, 97 Thackeray, Walter Scott – die sie auf ihrer einsamen kleinen Dachkammer in der Rue des Pousse-Cailloux bei nachtschlafender Zeit gierig verschlang. Neue Welten offenbarten sich ihr; sie wurde immer englischer von Tag zu Tag, und das war von großem Wert. Wenn Trilby englisch sprach, war sie eine ganz andere Person, als wenn sie französisch sprach. Sie hatte ihr Englisch größtenteils von ihrem Vater gelernt, einem studierten, wohlunterrichteten Mann; ihre Mutter war zwar eine Schottin aus niederem Stande gewesen, doch hatte sie sich nie so plump und ungeschliffen ausgedrückt, wie viele ungebildete Engländerinnen es thun. Trilbys Französisch dagegen paßte genau zum Quartier latin, es war drollig, eigentümlich, ausdrucksvoll, scharf und witzig – ganz und gar nicht plump, und doch kam kein Satz über ihre Lippen, der nicht klar und deutlich bekundet hätte, daß sie keine ›Dame‹ sei. Ihre Sprache war komisch, ohne gemein zu sein; aber sie war vielleicht etwas zu komisch. Messer und Gabel handhabte sie auf so zierliche Weise, wie es ohne Zweifel in ihres Vaters Familie Sitte gewesen; auch benahm sie sich gewöhnlich, wenn sie mit den drei Freunden allein war, so ganz wie eine Dame, daß die Grisettentracht mit Häubchen und Schürze, die ihr doch so gut stand, auf einmal gar nicht für sie zu passen schien. Das verdankte sie ihrer englischen Erziehung. 98 Traten aber ein paar Franzosen zur Thür herein, so ging urplötzlich eine Verwandlung mit ihr vor – eine neue Trilby kam zum Vorschein, die so drollig und unterhaltend war, daß sich schwer entscheiden ließ, welche von beiden, ob die alte oder die neue, anziehender sei. Freilich muß man zugeben, daß Trilby auch ihre Fehler hatte – wie der kleine Billy. Zum Beispiel war sie entsetzlich eifersüchtig auf jedes weibliche Wesen, das ins Atelier kam, um zu sitzen, zu fegen, zu scheuern oder dergleichen; sogar auf die schmutzige, trunksüchtige alte Hexe, die Taffy für seine ›Ertrunkene‹ benutzte– als ob er sie nicht ebensogut dazu hätte brauchen können. Sie ward dann böse und schmollte, aber nicht lange. Die beleidigte Dulderin zeigte sich schnell wieder zur Versöhnung bereit. Wenn sie ihren drei englischen Freunden sitzen sollte, machte sie jede andere Verabredung rückgängig; selbst Durien hatte ernstliche Ursache zur Klage. Die Ansprüche, welche sie selbst an die Freundschaft stellte, waren durchaus nicht gering. Immer verlangte sie zu hören, daß man ihr gut sei, und alles sollte nach ihrem Kopfe gehen; sogar Socken stopfen und Hemdenknöpfe annähen wollte sie auf ihre Weise. Das war freilich von wenig Belang, aber wenn das Zuschneiden und Drapieren der Gewänder für die Geliebte des Toreadors an die Reihe kam, wurde die Sache schon ernster, ja völlig unerträglich. 99 »Was sie sich wohl einbildete von der Braut eines Toreadors und ihren Hochzeitskleidern zu wissen,« fragte der Laird, so entrüstet, als wäre er selbst der Toreador. – Das war wirklich eine recht verdrießliche Seite ihres unbezähmbaren Trilbytums. Oft strömte sie über von zärtlichen, einschmeichelnden Freundschaftsergüssen und warf dabei allen dreien ohne Unterschied die liebevollsten Blicke zu. Allein zuweilen, wenn der kleine Billy von seiner Arbeit aufschaute, während sie gerade Taffy oder dem Laird zu einem Bilde saß, begegnete er ihren freundlichen grauen Augen, die mit der größten Innigkeit auf ihm ruhten. Ihr Ausdruck war dabei so unaussprechlich sanft und gut, so rührend und eindringlich, und aus ihrem Blick leuchtete ihm solche warme, liebreiche Fürsorge entgegen, daß er fühlte, wie ihm das Herz erbebte und seine Hand zu zittern begann, so daß er nicht weiter malen konnte. Wie im wachen Traum dachte er daran, daß seine Mutter ihn oft so angeblickt, als er noch ein Kind war, und sie eine schöne junge Frau, unberührt von Sorge und Kummer. Er mußte sich tüchtig zusammennehmen, um die Thräne, die ihm so leicht ins Auge trat, zurückzuhalten, damit sie nicht überfloß. In solchem Moment schnitt ihm der Gedanke, daß Trilby ein berufsmäßiges Modell sei, wie ein scharfes Messer durch die Seele. Zwar saß sie nicht allen, die sie haben wollten, aber doch Durien, dem großen Gérôme und 100 Monsieur Carrel, der sie fast ausschließlich in seinen Bildern benutzte. Für das Auge des echten Künstlers, der sich in seine Arbeit vertieft, hat die Schönheit kein Geschlecht; er sucht sie beim Manne, beim Weibe, und am besten, holdesten und göttlichsten offenbart sie sich ihm im Kinde. Je vollkommener sie sich vor seinen Blicken entschleiert, um so mehr ruft sie alle seine edleren Triebe wach. Ich habe in vieler Herren Ländern nach vielen weiblichen Modellen gemalt und habe auch Taffy gesehen, wenn er sich daheim in seiner Zinkwanne vergnügte, oder sich in einem Schwimmbad der Seine, bald nackt wie Ulysses sonnte, bald mit kühnem Anlauf den Kopfsprung machte. An Anmut der Bewegung, an vollendeter Schönheit der Form konnte sich keins jener Modelle dem Manne aus Yorkshire mit dem mächtigen Gliederbau vergleichen. Bewundernd umstanden ihn die Franzosen, wenn er, sich halb in der Luft überschlagend, stocksteif und lang ausgestreckt, wie ein Pfeil in die Tiefe schoß, ein glattes Loch in das Wasser bohrte, ohne zu sprudeln oder zu spritzen, und einige hundert Ellen davon wieder zum Vorschein kam. » Sac à papier! quel gaillard que cet Anglais, hein? « » A-t-on jamais vu un torse pareil! « » Et les bras donc! « » Et les jambes, nom d'un tonnerre! « 101 » Mâtin! J'aimerais mieux être en colère contre lui qu'il ne soit en colère contre moi! « ect. ect. ect. Manchmal brachte Trilby ihren kleinen Bruder mit in das Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts . Er trug dann ses beaux habits de Pâques, Hände und Gesicht waren rein gewaschen und das Haar gut geölt und gelockt. Der Laird stopfte dem allerliebsten Bübchen die Taschen voll Zuckerwerk und malte ihn als › Le Fils du Toréador ‹, unbekümmert darüber, daß der süße kleine Spanier mit den blauen Augen, dem krausen, hellblonden Haar und dem Gesicht wie Milch und Blut im grellsten Gegensatz zu seinem schwarzbraunen Erzeuger stand. Der Kleine ließ sich mit Entzücken von Taffy statt der Indianerkeule oder der Hanteln gebrauchen, im Boxen unterrichten und auf dem Schwungseil schaukeln. Sein helles, fröhliches Kinderlachen, (das ganz wie Trilbys klang, nur eine Oktave höher) war so herzbewegend und ansteckend, daß Taffy eine ganz grimmige Miene machte, um nur die sonderbar zärtliche Freude zu verbergen, die seine Mannesbrust schon bei dem bloßen Laut beschlich. Der kleine Billy und der Laird hätten ihn sonst für einen Kindernarren gehalten. Allein je grimmiger Taffy dreinschaute, um so weniger fürchtete sich der kleine Wicht vor ihm. Der kleine Billy malte ein wunderschönes Aquarell von ihm, ganz wie er war, und schenkte es Trilby, die es dem père Martin gab, welcher es seiner Frau 102 schenkte und ihr streng anbefahl, es nicht als ›alten Meister‹ zu verkaufen. Aber ach, jetzt ist es doch ein alter Meister geworden, und Gott weiß, wo es hingeraten ist! Das waren glückliche Tage für Trilbys Brüderchen; glückliche Tage auch für sie selbst, die den Kleinen ganz unsäglich liebte und ungeheuer stolz auf ihn war. Aber der schönste Tag von allen war doch ein Sonntag, an dem die trois Angliches mit Trilby und Jeannot (so hieß das Kerlchen) nach Meudon in den herrlichen Wald fuhren. Beim garde champêtre wurde das Frühstück und Mittagsmahl eingenommen, und es gab Esel zum reiten, Schaukeln, Guckkasten und Scheiben, nach denen man mit der Armbrust und kleinen Thonkugeln schoß, wobei man Gypsfigürchen traf und die schönsten Preise gewann. Man streifte im Walde umher, fing junge Eidechsen, Frösche und Kaulquappen und blies die schönsten Melodien auf dem mirliton . Wer gehört hatte, wie Trilby auf solcher Rohrflöte › Ben Bolt ‹ zum Besten gab, vergaß es sein Lebtag nicht wieder, er mochte wollen oder nicht. Trilby trat bei dieser Gelegenheit in einer neuen Rolle auf, en demoiselle, mit einem zierlichen schwarzen Hütchen und einer grauen Jacke, die sie selbst verfertigt hatte. Man würde sie, dem Äußeren nach, für die Tochter eines englischen Dekans gehalten haben, nur ihre weiten, hackenlosen, auf der Seite zugeschnürten Atlasstiefel mit den breiten Spitzen, paßten nicht dazu. Als sie 103 aber versuchte, dem Laird ihre schönsten cancan -Schritte beizubringen, bekam man einen ganz anderen Eindruck; auch der Laird sah dann nicht mehr wie der Sohn eines würdigen, gottesfürchtigen und den Sonntag heiligenden, königlichen Kanzleibeamten aus. Dies geschah nach Tische, in der loge du garde champêtre, während Taffy, Jeannot und der kleine Billy die dazugehörige Musik auf ihren mirlitons bliesen. Bald nahmen noch andere am Tanze teil und auch an Zuschauern war kein Mangel, denn beim garde champêtre pflegten an Sommersonntagen viele Leute einzukehren. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß Trilby bei weitem die Schönste auf diesem ländlichen Balle war. Auch hat es schon viel schlimmere Bälle in viel besserer Gesellschaft und mit viel weniger hübschen Tänzerinnen gegeben. Wenn Trilby leichtfüßig den cancan tanzte, (es giebt nämlich cancans der verschiedensten Sorte), sah sie ganz besonders reizend und anmutig aus – et vera incessu patuit dea! Auch hier streifte ihre Lustigkeit nie an Gemeinheit. Über alle Beschreibung komisch aber war es, den Laird zu sehen, wenn er ihr die Schritte nachmachen wollte. Man sagt, der allgemeine Beifall der Menge sei der beste Beweis für die Echtheit des Humors; ist dies der Fall, so hat ein größerer Humorist noch nie einen pas seul getanzt. Es ist ganz unglaublich, was sich in den Fünfziger 104 Jahren ein Engländer alles erlauben durfte! Und er büßte dadurch weder seine Selbstachtung noch die Achtung seiner ehrenwerten französischen Freunde ein. » Voilà l'espayce de hom ker jer swie! « sagte der Laird jedesmal mit einer Verbeugung, wenn er sich für den Applaus bedankte, mit dem die Solos, die er in den Pausen zum Besten gab – meist schottische Nationaltänze und Schwerttänze – von der Versammlung aufgenommen wurden . . . . :   Kurze Zeit darauf wurde der Laird eines schönen Tages krank (wahrscheinlich zur Strafe für seine Sünden). Der Doktor, welchen man rufen ließ, wollte nach einer Wärterin schicken, aber Trilby gab das nicht zu. Nicht einmal von einer barmherzigen Schwester wollte sie hören. Sie übernahm die Pflege selbst und wachte unermüdlich drei Tage und drei Nächte, ohne ein Auge zu schließen. Am dritten Tage war der Laird außer Gefahr; das Fieber hatte aufgehört und der Doktor fand die arme Trilby fest eingeschlafen am Bette des Kranken. Vor der Zimmerthür legte Madame Vinard den Finger auf den Mund und flüsterte: » Quel bonheur! Il est sauvé, M. le docteur; écoutez! il dit ses prières en Anglais, ce brave garçon! « Der gute Doktor, der nur Französisch verstand, lauschte, und vernahm, wie der Laird mit leiser, schwacher 105 aber ganz deutlicher Stimme feierlich und aus tiefstem Herzen die Worte sprach: Grünzeug und Pfeffer, Muscheln, Safran, Lauch, Zwiebeln, Zunge und mancherlei Fisch – Das bringt man bei Terré, dem Restaurant, In Bouillabaisse auf den Mittagstisch. » Ah! mais c'est très bien de sa part, ce brave jeune homme! rendre grâces au ciel comme cela, quand le danger est passé! très bien, très bien! « Der Doktor war ein Freigeist und Anhänger Voltaires, hielt auch selbst nicht viel vom Beten; aber es rührte ihn doch, denn in höherem Alter hatte er gelernt, Nachsicht zu üben und war gütig und duldsam geworden. Auch sagte er später Trilby so viel Anerkennendes und lobte ihre ausgezeichnete Pflege seines Patienten mit so warmen Worten, daß sie vor Freude darüber zu weinen anfing – wie ›schön Alix mit dem goldbraunen Haar‹, wenn Ben Bolt sie eines Lächelns würdigte. Das klingt alles sehr tugendhaft, aber es ist doch wahr. Man wird sich hiernach nicht weiter verwundern, daß die trois Angliches mit der Zeit eine ganz besondere Hochachtung für Trilby hegten und voll Trauer daran dachten, daß ihr außergewöhnliches, behagliches Quartett sich über kurz oder lang auflösen müsse. Alle drei würden sie ihre Schwingen entfalten, von dannen fliegen und die arme Trilby allein zurücklassen! Sie machten schon jetzt 106 allerlei Pläne, wie man ihre Lage verbessern und sie vor den Schlingen und Fallgruben schützen könne, in die sie auf ihrem einsamen Lebenspfad im Quartier latin unfehlbar geraten würde, wenn ihre Freunde fortgezogen waren. Trilby selbst kam so etwas nicht in den Sinn; sie pflegte nie weit in die Zukunft zu schauen und sorgte wenig um den kommenden Morgen. Leider hatte sich aber ein Störenfried in ihr harmloses Paradies gedrängt: ein widerwärtiger unheimlicher Geselle, der fortwährend ihre Pfade kreuzte, dunkle Schatten warf und ihr die Sonne verdeckte – das war Svengali. Er kam auch häufig in das Atelier, wo man ihm, um seiner Musik willen, mancherlei nachsah, besonders wenn er Gecko mitbrachte und die beiden zusammen sich hören ließen. Aber es ward bald offenbar, daß sie die trois Angliches nicht besuchten, um ihnen vorzuspielen; ihr einziger Zweck war, Trilby zu sehen, für die sie beide in Bewunderung entbrannt waren, und zwar jeder auf seine Weise. Gecko nahte sich ihr mit demütiger Verehrung und der rührenden Unterwürfigkeit eines Hundes. Sein stummer Blick schien um Vergebung zu flehen, daß ein so unwürdiger Mensch es überhaupt wage, ihr vor die Augen zu treten. Er war schon überglücklich, wenn sie ihn in ihrer Nähe duldete, ihm ein Wort der gewöhnlichsten Höflichkeit oder des Wohlwollens spendete, wie man einem Hund einen Knochen zuwirft. 107 Svengali bewarb sich kühner um ihre Gunst. Die scheinbare Demut, mit der er vor ihr im Staube kroch, war lauter Hohn und Bitterkeit; sein Scherz war fürchterlich, wie das Spiel der Katze mit der Maus – eine ganz unheimliche Katze, lang, hager, schmutzig und klebrig, schwarz, gespenstisch und widerwärtig im höchsten Grade; mit dünnen, spitzen, spinnenartigen Krallen. Vielleicht ist ein solches Tier gar nicht wirklich vorhanden, sondern nur die Ausgeburt böser Träume. Es war ihm höchst ärgerlich, daß sie ihren nervösen Augenschmerz nicht wieder bekommen hatte. Sie litt zwar nach wie vor daran, verschwieg es aber, denn sie wollte ihn lieber ertragen, als bei ihm Heilung suchen. Wie zum Scherz pflegte er sie mit den Augen zu magnetisieren; näher und immer näher rückte er heran, den Blick mit finsterer Gewalt auf sie gerichtet; wenn er dann die Hände mechanisch vor ihrem Gesicht hin und her bewegte, zitterte und bebte sie vor Grauen am ganzen Leibe; sie fühlte, daß der Bann sich wie ein Alp auf sie niedersenkte und nur mit der größten Anstrengung gelang es ihr, sich zu befreien. War Taffy zugegen, so legte er sich ins Mittel. »Laß das bleiben, alter Junge,« sagte er, und klopfte dabei Svengali so vertraulich auf den Rücken, daß er wohl eine Stunde lang husten mußte und seine magnetische Kraft die ganze Woche über gelähmt blieb. 108 Das Glück war Svengali damals hold. Er spielte mit Gecko in drei großen Konzerten und fand einen wohlverdienten Beifall. Dann gab er sogar ein eigenes Konzert, mit dem er furore machte, worauf er sich sofort einen wunderschönen kostbaren Anzug kaufte, dessen Farbe, Muster und Schnitt so eigentümlich waren, daß die Leute auf der Straße stillstanden und sich nach ihm umsahen, wenn er darin einherstolziert kam – das freute ihn unbeschreiblich. Er hielt sich nun für einen gemachten Mann, blieb Schneidern, Hutmachern, Schustern und Juwelieren die Bezahlung schuldig, gab aber auch nichts von dem Geld zurück, das er bei seinen Freunden geborgt hatte. Er trug die Taschen immer voll Zeitungsausschnitte, lauter Besprechungen über ihn und sein Spiel, die er aus den verschiedenen Tagesblättern sammelte und seinen Bekannten vorzulesen pflegte. Besonders oft bekam sie Trilby zu hören, wenn sie auf dem Tritt saß und Socken stopfte, während das Fechten und Boxen im Gange war. Dann legte er ihr seinen Ruhm und sein Glück zu Füßen, unter der Bedingung, daß sie ihm ihr Leben widme. »Ach Himmel, Trilby,« rief er, »weißt du denn gar nicht, was es heißt, ein großer Musiker zu sein, wie ich? Dein kleiner Billy, der mit seinen stinkenden Oelfarben stockstumm im Winkel sitzt, den Malstock und die Palette in der einen Hand, den kleinen Schweinsborstenpinsel in der andern – was macht denn der für Lärm in der 109 Welt? Wenn sein dummes kleines Bild fertig ist, schickt er es nach London, wo man es an die Wand hängt, neben alle andern – alle in eine Reihe, wie Rekruten bei der Musterung – und die Leute gehen daran vorüber, gucken es an, gähnen und sagen: ›hol's der Henker‹ – Geht aber Svengali nach London, so erscheint er selbst . Ha! ha! Ganz allein sitzt er auf dem Podium und spielt wie kein anderer Mensch spielen kann. Und die schönen Engländerinnen kommen zu Hunderten: sehen ihn, hören ihn, und verlieben sich in ihn bis zum Wahnsinn. Alle die Baronessen, Komtessen und durchlauchtigsten hohen Prinzessinnen verlieren ihre Hoheit und Würde, wenn sie Svengali zuhören. Sie laden ihn zu sich ein in ihre Paläste und zahlen ihm tausend Franken, damit er ihnen vorspielt. Hernach ruht er bequem auf dem weichsten Armsessel aus und sie sitzen um ihn her auf Fußschemeln, bringen ihm Thee mit Rum, Kuchen und marrons glacés, beugen sich über ihn und fächeln ihm Kühlung zu, denn er ist müde, wenn er ihnen Chopin vorgespielt hat für tausend Franken. Ha! ha! ich weiß, wie es alles kommen wird – hein? »Aber er hat für sie alle keine Augen; er schaut nur nach innen und träumt – und von wem träumt er? – Nur von Trilby – daß er sein Talent, seinen Ruhm, seine tausend Franken niederlegen will zu ihren schönen, weißen Füßen. 110 »Die dummen, großen, dicken, flachsköpfigen Ehemänner möchten vor Eifersucht platzen und sich mit ihm boxen. Aber die schönen Engländerinnen – ach, sie rechnen es sich zur Ehre, seine Hemden zu flicken, ihm Knöpfe an die Beinkleider zu nähen und seine Socken zu stopfen; gerade wie du es jetzt für den blödsinnigen Schotten thust, der in seiner heiligen Dummheit fortwährend Toreadore malt, oder für den heißblütigen, dickköpfigen Stier von einem Engländer, der immer versucht, wie er sich schmutzig machen kann, um sich dann wieder reinzuwaschen – e da capo! »Himmel, was für Riesensocken sind das – wahre Kartoffelsäcke! »Sieh nur 'mal deinen Taffy an! Etwas Besseres kann er nicht, als große Musiker mit seinen Bärentatzen zur Kurzweil auf den Rücken schlagen! Der Tollpatsch! . . . »Und mit den Franzosen ist es ebenso – die eingebildeten, verfluchten Kerle – Durien, Barizel, Bouchardy und wie sie alle heißen! Wovon redet denn ein Franzose überhaupt – hein? Nur von sich selber; anderer Leute Verdienst läßt er nicht gelten. Seine Eitelkeit ist rein zum übelwerden. Immer glaubt er, die Welt dreht sich nur um ihn. Der Narr vergißt, daß Svengali noch da ist, um von sich reden zu machen! Ja, ja, Trilby, ich bin es, von dem alle Welt spricht – ich, ich ganz allein; niemand sonst als ich, ich und noch einmal ich! »Höre nur, was der Figaro schreibt.« (Liest den Artikel.) 111 »Nun, was sagst du dazu, hein? Was gäbe wohl dein Durien darum, wenn man so über ihn schriebe? »Aber du hörst mir ja gar nicht zu, Sapperment! Du große Närrin, du dumme Gans! Guckst nach den Schornsteinen draußen, während Svengali redet! Donnerwetter noch einmal! Sieh lieber tiefer unten nach den Häusern auf der andern Seite des Flusses. Da steht ein häßlicher kleiner Bau, und drinnen sind acht schräge Messingtafeln, alle in einer Reihe wie die Betten in einem Schlafsaal. Auf einer der Tafeln wirst du eines schönen Tages liegen und tot sein – du Trilby, die du auf Svengalis Worte nicht hören wolltest und ihn für immer verloren hast! . . . . . Eine Lederschürze wird man über dich breiten, und aus einem Messinghahn über deinen Kopf wird Tag und Nacht, fort und fort, kaltes Wasser über deinen schönen Leib rieseln; von oben herab bis zu deinen reizenden weißen Füßen, die zuletzt ganz grün werden. Drip, drip, drip, tropft das Wasser aus den nassen, ärmlichen, mit Schlamm bedeckten Lumpen, die über dir von der Decke hängen, damit dich deine Freunde wieder erkennen. Doch es kommen keine Freunde, denn du hast keine . . . »Von außen aber schauen allerlei Leute durch die großen Spiegelfenster herein – Engländer, Lumpensammler, Maler, Bildhauer, Arbeiter; auch alte runzelige Waschfrauen, und sagen: ›Was muß das für ein schönes Weib gewesen sein! Seht sie nur an! Die sollte als vornehme 112 Dame in ihrem prächtigen Wagen durch die Straßen rollen, und nun liegt sie hier!‹ Und während sie noch reden, kommt ein schöner Wagen gefahren, mit feurigen Rossen bespannt, in dem sitzt Svengali im warmen Pelzrock und raucht eine Havanazigarre. Er springt heraus, stößt die canaille beiseite und ruft: »Ha, was sehe ich, das ist ja die große Trilby, die nicht auf Svengali hören wollte; die nach den Schornsteinen sah, wenn er ihr seine Liebe, sein ganzes Mannesherz darbot, und –« »Zum Henker, Svengali! was reden Sie denn da Trilby für Zeug vor! Sehen Sie denn nicht, daß ihr ganz übel und weh davon wird. Hören Sie auf und gehen sie ans Klavier, sonst klopfe ich Ihnen wieder freundschaftlich auf den Rücken, daß Sie genug haben sollen.« Auf solche Weise machte der dickköpfige Stier von einem Engländer Svengalis Liebeserklärungen ein Ende und half Trilby aus mancher Not. Denn Taffy verstand es, Svengali in Schrecken zu setzen. Ohne eine wiederholte Aufforderung abzuwarten, ging er ans Klavier, schlug ein paar schrecklich mißtönende Akkorde an und sagte: »Komm, liebe Trilby, singe mir ›Ben Bolt‹ vor! Mich dürstet danach, deine schönen Brusttöne zu hören!« Die arme Trilby ließ sich nicht lange bitten, sondern trug das Gesangstück zum größten Unbehagen des kleinen Billy auf ihre ohrenzerreißende Weise vor. Durch Svengalis Begleitung wurde die Disharmonie noch verschärft 113 und auch sein ermunternder Zuruf: Très pien, très pien, ça y est! besserte nichts daran. Zum Schluß versuchte er noch allerlei Proben mit ihrem Gehör. Er schlug das mittlere C an und das F derselben Oktave; dann fragte er sie, welches höher sei, aber sie erklärte, es wäre eins wie das andere. Nur wenn er eine Note im tiefen Baß und die andere oben im Diskant angab, merkte sie den Unterschied und sagte, die eine klänge wie das Gezänk des père Martin mit seiner Frau und die andere wie die Stimme ihres kleinen Paten, der Frieden zwischen ihnen stiften wollte. Ohne eine Ahnung davon zu haben, war sie vollkommen unmusikalisch. Svengali aber fuhr fort, ihr die übertriebensten Schmeicheleien zu sagen, bis Taffy es nicht länger mit anhören konnte. »Na, warten Sie,« rief er, »nun sollen Sie uns einmal ein Lied singen!« Dabei kitzelte er ihn so entsetzlich zwischen den Rippen, daß Svengali zu heulen und sich zu krümmen begann, als läge er in Krämpfen. Sobald er sich wieder erholt hatte, wollte er sein Mütchen kühlen und fing an, den kleinen Billy zu necken. Er hielt ihm die Arme auf dem Rücken zusammen und drehte ihn im Kreise herum. »Himmel!« rief er, »das soll ein Arm sein, – er hat Muskeln wie ein Mädchen!« 114 »Zum Malen ist mein Arm stark genug,« sagte der kleine Billy. »Und das soll ein Bein sein; so dünn wie ein Malstock.« »Sie bekommen einen tüchtigen Fußtritt, wenn Sie mich nicht loslassen.« Der kleine Billy schlug kräftig mit den Hacken aus und traf das Schienbein des Deutschpolen; dieser wollte eben Wiedervergeltung üben, als der große Taffy ihn von hinten zu packen bekam. Die Töne, die der Musiker nun von sich gab, klangen noch weit unharmonischer als Trilbys – und daß er es nicht wagte, sich gegen Taffy zur Wehre zu setzen, versteht sich von selbst. Svengali war wirklich unausstehlich; nur um der Musik willen konnte man seine Gegenwart dulden. Zu seinem Vergnügen ärgerte, schreckte und ängstigte er ohne Unterlaß alles was kleiner und schwächer war wie er – sei es Mensch oder Tier, Frau oder Kind; selbst eine Maus oder eine Fliege zu quälen, machte ihm Spaß.     Dritter Teil. » Par deça, ne dela la mer Ne sçay dame ni damoiselle Qui soit en tous biens parfaits telle – C'est un songe que d'y penser: Dieu! qu'il fait bon la regarder! «         Ende September, an einem schönen Montagmorgen, gegen elf Uhr, saßen Taffy und der Laird im Atelier ihren Bildern gegenüber. Sie rauchten, sie strichen sich mit der Hand das Knie, und keiner sagte ein Wort. Daß es Montag war, lastete noch schwerer als gewöhnlich auf ihren Lebensgeistern, denn die drei Freunde waren erst am vergangenen Abend von einem achttägigen Aufenthalt in Barbizon und dem Wald von Fontainebleau heimgekehrt. Im Kreise der dortigen Maler, zu denen Millet, Rousseau, Coro, Daubigny zählten, und andere, deren Namen heute schon fast vergessen sind, hatten sie eine entzückende Woche zugebracht. Der kleine Billy besonders, war von dem freien Künstlerleben in Blusen, Holzpantoffeln und riesig großen Panamahüten, so berauscht, daß er sich 116 selbst und seinen Freunden feierlich gelobte, auch er werde sich eines Tages dort ganz niederlassen, den Wald nach der Natur malen, ihn mit den Gestalten seiner Phantasie bevölkern und gesund und froh im Freien hausen. Bei einfachen Bedürfnissen und hohem Streben sollte das ein Götterleben werden! Endlich brach Taffy das Schweigen: »Mit der Arbeit wird's heut' doch nicht flecken,« sagte er; »ein Gang durch den Luxembourg-Garten nebst einem Imbiß im Café de l'Odéon wäre mehr nach meinem Sinn. Die Omeletten sind dort gut, und der Wein nicht blau.« »Ich wollte gerade denselben Vorschlag machen,« meinte der Laird. So zog denn Taffy seine alte Schützenjoppe an und stülpte sich die Cricketmütze verkehrt auf den Kopf, mit dem Zipfel nach innen. Der Laird aber setzte den zerknitterten Strohhut auf, welchen sie bei ihrem Einzug im Atelier vorgefunden hatten, und schlüpfte in Taffys alten Überrock, der ihm bis auf die Hacken herabhing. So angethan schlenderten sie in den warmen Sonnenschein hinaus nach Carrels Atelier, denn sie wollten den kleinen Billy von der Arbeit fortlocken, damit er sich mit ihnen der Faulheit, Gefräßigkeit und allgemeinen Demoralisation ergebe. Kaum aber hatten sie die enge, turmbegrenzte Rue Vieille des Trois Mauvais Ladres betreten, als der kleine Billy selbst ihnen entgegen kam. Er trug Malkasten und 117 Feldstaffelei in der einen und seine kleine Reisetasche in der andern Hand; der Hut saß ihm auf dem Hinterkopf, sein Haar sträubte sich nach allen Richtungen, er sah blaß aus und schien ganz außer sich zu sein. »Großer Gott, was ist denn geschehen?« rief Taffy. »O – o – o – sie sitzt bei Carrel!« »Wer denn, wer?« »Trilby! vor alle den rohen Kerlen! Ich machte nur die Thür auf, und da sah ich sie. Es war als hätte mir jemand mit der Faust vor die Stirn geschlagen, so prallte ich zurück. Nein, nie setze ich wieder einen Fuß in das verfluchte Loch! Ich gehe nach Barbizon und male den Wald. Das wollte ich euch nur sagen. Lebt wohl.« »Halt, warte noch einen Augenblick – bist du denn ganz von Sinnen?« fragte Taffy und hielt ihn fest. »Laß mich los, Taffy – bei Gott, ich muß fort – in einer Woche komme ich wieder – aber halte mich nicht auf – hörst du, laß mich gehen!« »So nimm doch Vernunft an – ich komme mit!« »Bewahre – ich gehe allein – ich will allein sein – laß mich los – ich muß fort!« »Keinen Schritt – erst gieb mir dein Ehrenwort – schwöre mir, daß du schreiben wirst, sobald du dort ankommst, und uns jeden Tag Nachricht geben, bis zu deiner Rückkehr. Das schwöre!« »Ja, ja – auf mein Wort – schwöre dir's! 118 – So – nun Gott befohlen – am Sonntag bin ich zurück – lebt wohl!« – Und fort war er. »Aber was in aller Welt soll denn das heißen?« fragte Taffy verblüfft. »Mir scheint, er ist vor Schrecken ganz aus dem Gleichgewicht geraten, als er Trilby dort bei Carrel in ihrer Verkleidung, oder mangelhaften Bekleidung, hat sitzen sehen. Ein komischer kleiner Kerl! – Aber, über Trilby muß ich mich auch wundern. Sie sollte doch so etwas nicht thun, noch dazu, wenn wir gerade auswärts sind! Wie ist ihr das nur in den Kopf gekommen? Noch nie zuvor hat sie in einer Malschule gesessen. Ich dachte, sie wäre nur des alten Carrels Modell und Duriens.« Eine Zeitlang gingen sie schweigend weiter. »Weißt du – ich fürchte, der thörichte Junge hat sich in sie verliebt – das wäre entsetzlich!« »Mir ahnt schon längst das Schreckliche, daß sie sich in ihn verliebt hat.« »Eine unerhörte Geschichte!« meinte Taffy. In tiefem Brüten versunken, setzten sie ihren Weg fort; je mehr sie aber nachdachten und alle Einzelheiten erwogen, desto mehr wurde ihnen die Vermutung zur Gewißheit. »Da haben wir uns eine schöne Suppe eingebrockt,« sagte der Laird. »Aber bei der Suppe fällt mir ein – wollten wir nicht zum Essen gehen?« 119 Das thaten sie, waren aber so aus dem gewohnten Geleise, daß Taffy ganz gedankenlos drei Omeletten aß, während der Laird zwei halbe Flaschen Wein trank und Taffy drei. Sie wagten sich nicht wieder in das Atelier zurück, aus Furcht, Trilby möchte sie dort aufsuchen, und spazierten den Nachmittag über höchst unglücklich in den Straßen umher. Daß Trilby sich in der Malschule zum Modell hergab, war aber so zugegangen: Carrel hatte plötzlich den Einfall bekommen, er wollte eine Woche lang dort im Verein mit seinen Schülern nach dem Modell malen, damit sie ihm zusehen und es ihm wo möglich nachmachen könnten. Von Trilby aber hatte er sich als besondere Gunst erbeten, daß sie ihm bei diesem Versuch sitzen möchte. Dem großen Carrel war sie so ergeben, daß sie ihm jeden Gefallen gethan hätte. Sie erklärte sich daher gleich bereit und fand sich am Montag morgen pünktlich ein. Carrel stellte sie nach der berühmten Figur aus Ingres Gemälde › La Source ‹. die einen Steinkrug auf der Schulter trägt; dann machten sich alle an die Arbeit und es herrschte eine feierliche Stille im ganzen Raum. Kaum fünf Minuten waren vergangen, da platzte der kleine Billy herein; er sah sie, riß die Augen weit auf, zog die Schultern in die Höhe und stand wie versteinert. Dann streckte er abwehrend die Arme aus, wandte sich und ergriff die Flucht. 120 » Qu'est ce qu'il a donc, ce Kleinerbili? « fragten ein paar Schüler verwundert; (man nannte ihn allgemein bei seinem Spitznamen). »Er wird wohl etwas vergessen haben,« meinte Barizel; »vielleicht seine Zähne zu putzen, oder sich den Scheitel zu machen.« »Am Ende hat er gar sein Gebet vergessen!« »Hoffentlich kommt er bald wieder,« sagte der Meister. Und der Zwischenfall ward nicht weiter erörtert. Trilby jedoch fühlte sich sehr dadurch beunruhigt; sie sann hin und her, was es wohl zu bedeuten haben möchte. Zuerst überlegte sie sich's auf Französisch, – dem Französisch des Quartier latin: Sie hatte den kleinen Billy acht Tage lang nicht gesehen, und sich gefragt, ob er vielleicht krank wäre. Bei dem Gedanken, daß er sie malen würde – natürlich schöner als alle andern – hatte sie sich gefreut. Wenn er nur bald wieder käme, damit keine Zeit verloren ginge! Dann erwog sie es auf Englisch in ihrem Haupte – auf Englisch, wie man es im Atelier von St. Anatole des Arts sprach – ihres Vaters gutes, reines Englisch. Da schoß es ihr plötzlich wie ein Blitz durch den Kopf, sie fühlte ein Prickeln in Händen und Füßen, kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn und Schläfen. Das Gesicht des kleinen Billy war sehr ausdrucksvoll, und sie hatte scharfe Augen. 121 Konnte es möglicherweise sein Gefühl verletzt haben, sie dort sitzen zu sehen? Er war sehr eigen in manchen Dingen, das wußte sie wohl; auch fiel ihr ein, daß weder er, noch Taffy, noch der Laird, je den Wunsch geäußert hätten, ihre Figur zu malen, worauf sie doch mit Vergnügen eingegangen wäre. Der kleine Billy hatte stets stillgeschwiegen, wenn sie erwähnte, sie habe für ›alles mit einander‹ Modell gestanden, wie sie es nannte, und hatte ein sehr ernstes, fast trauriges Gesicht gemacht. Während sie das alles bedachte, wurde sie bald blaß, bald rot, und je mehr ihr der Gedanke zur Gewißheit wurde, desto qualvoller erschien er ihr. Dies neugeborene Gefühl der Scham zerwühlte und zerriß ihr Inneres mit namenlosem Weh, es bereitete ihr Schmerzen, wie sie solche ihr Lebenlang noch nie empfunden hatte. »Was fehlt dir, Kind, bist du krank?« fragte Carrel, der ihr sehr wohlgesinnt war, schon als kleines Mädchen hatte sie ihm gesessen. (Sein Bild in der Galerie du Luxembourg › 1'Enfance de Psyché ‹ ist nach ihr gemalt.) Statt der Antwort schüttelte sie nur den Kopf, und die Arbeit ging weiter. Auf einmal ließ sie den Steinkrug fallen, der in tausend Stücke zerbrach, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und begann heftig zu schluchzen. Vor aller Augen stand sie so da und weinte wie ein großes Kind – › La source aux larmes. ‹ 122 Carrel sprang auf und half ihr vom Tritt herunter. »Was hast du denn, mein armes, liebes Kind? So sage mir's doch!« »O ich weiß nicht – ich weiß nicht – mir ist nicht wohl – ich bin krank – ich will nach Hause!« Ängstlich um sie besorgt, half man ihr beim ankleiden. Carrel ließ eine Droschke holen und fuhr selbst mit nach ihrer Wohnung. Unterwegs schmiegte sie sich weinend an ihn, und gestand ihm alles, so gut sie konnte. Monsieur Carrel traten dabei die Thränen in die Augen und er wünschte zu Gott, er hätte ihr nie zugeredet, Modell zu stehen, weder an diesem Tage noch früher. Tieftraurig dachte er an seine furchtbare Verantwortlichkeit (er hatte selbst erwachsene Töchter), und kehrte in das Atelier zurück. Schon eine Stunde später war ein anderes Modell herbeigeschafft und ein neuer Steinkrug, so daß die Arbeit wieder in Gang kam. Trilby aber lag in trostloser Verzweiflung den ganzen Tag über auf dem Bett, auch noch den nächsten Tag und den darauf folgenden. Sie überdachte ihr vergangenes Leben. Reue und Scham bereiteten ihr Qualen, mit denen verglichen der Schmerz in ihren Augen eine wahre Erleichterung für sie schien. Er stellte sich diesmal sehr heftig ein und peinigte sie länger und schrecklicher als je zuvor; allein mitten in ihrem Elend erkannte sie doch, daß Seelenschmerzen die allerschlimmsten sind. 123 Zuletzt faßte sie den Entschluß, an einen der trois Angliches zu schreiben, und wählte den Laird. Mit ihm stand sie auf vertraulicherem Fuße als mit den beiden andern, denn er war zwar ein schlauer Schotte, aber doch so leutselig und freimütig gegen jeden, dem er wohlwollte, daß man unwillkürlich Zutrauen empfand. Auch hatte sie ihn während seiner Krankheit gepflegt und ihn oft vor dem ganzen Atelier voller Leute gestreichelt und geküßt. Sie that das sogar, wenn sie mit ihm allein war und hatte es immer höchst natürlich und selbstverständlich gefunden, etwa wie ein Kind, das einen geliebten jungen Onkel oder älteren Bruder liebkost. Der gute Laird besaß zwar einen fast unerschütterlichen Gleichmut, aber doch stellten Trilbys unschuldige Freundschaftsbezeugungen ihn manchmal auf eine starke Probe. Gegen Taffy nahm sie sich nie solche Freiheiten heraus, und sie wäre lieber gestorben, als es bei dem kleinen Billy zu thun. Der Brief, den sie an den Laird schrieb, war zwar nicht fehlerfrei, ließ aber deutlich erkennen, daß ihre Rechtschreibung sich sehr gebessert hatte, seit sie nächtlicher Weile so fleißig in den geborgten Büchern las. Er lautete: »Lieber Freund! Ich bin sehr unglücklich. Neulich saß ich bei Carrel, Rue des Potirons, als der kleine Billy hereinkam, aber sofort wieder umkehrte und vor Entsetzen und Widerwillen davonlief. »Es stand alles in seinem Gesicht geschrieben. 124 »Monsieur Carrel hatte mich darum gebeten. Er hat mir von Kind auf viel Freundlichkeit erwiesen, und ich würde ihm alles zu Gefallen thun – nur das niemals wieder. »Er selbst war auch da. »Noch nie habe ich etwas darin gefunden, Modell zu stehen; schon als Kind that ich es für M. Carrel. Mama befahl es mir, und ich mußte ihr versprechen, Papa nichts davon zu sagen. Ich war bald ebenso gewohnt den Leuten zu sitzen, als Besorgungen für sie zu machen, ihre Wäsche zu waschen und ihre Kleider zu flicken. Papa hätte auch nicht gern gesehen, daß ich das alles that, obgleich wir das Geld sehr nötig brauchten, und er hat es nie erfahren. »Ich habe auch andern für alles mit einander gesessen – M. Gérôme, Durien, den beiden Hennequins und Emile Baratier; für Hände und Füße sehr vielen Leuten und für die Füße allein nur Charles Faure, André Besson, Mathieu Dumoulin und Collinet. Sonst niemand. »Es kam mir ebenso natürlich vor, Modell zu stehen, als wenn ich ein Mann wäre. Aber jetzt ist mir der Unterschied ganz klar geworden. »Auch andere schreckliche Dinge habe ich gethan, wie Sie gewiß gehört haben – man weiß es ja im ganzen Quartier. Baratier und Besson, Durien nicht, was auch die Leute sagen. Sonst niemand, das schwöre ich – außer Mamas Freund, der alte Monsieur Penque, gleich zu Anfang. »Jetzt möchte ich am liebsten sterben vor Scham und 125 Kummer, wenn ich daran denke. Denn das ist viel schlimmer als Modell zu stehen; auch wußte ich ganz genau, daß ich unrecht that und kann mich nicht entschuldigen – nein, nicht im geringsten. Freilich giebt es auch andere, die gerade so schlecht sind, und doch sieht sie kein Mensch im Quartier deshalb mit scheelen Augen an. »Wenn Sie mit mir brechen wollen, und Taffy und der kleine Billy, so glaube ich wirklich, ich werde vor Kummer den Verstand verlieren. Ohne Ihre Freundschaft wäre mir das ganze Leben verleidet. Mir ist Ihr kleiner Finger, lieber Sandy, mehr ans Herz gewachsen, als irgendein Mensch – Mann oder Frau – den ich je gekannt habe; und Taffys kleiner Finger, und der des kleinen Billy ebenso. »Was soll ich nur anfangen? Ich wage mich nicht auf die Straße, aus Furcht, einem von Ihnen zu begegnen. Wollen Sie nicht zu mir kommen? »Nie im Leben will ich wieder Modell stehen, nicht einmal für Hände und Gesicht. Ich werde wieder blanchisseuse de fin bei meiner alten Freundin Angèle Boisse, die ihr gutes Auskommen hat in der Rue des Cloîtres Ste. Pétrouille. »Nicht wahr, Sie werden mich besuchen? Bitte thun Sie es doch! Ich bleibe den ganzen Tag zu Hause, bis Sie kommen. Oder, wenn es Ihnen lieber ist, will ich Sie irgendwo treffen; sagen Sie nur wo und wann. Oder ich kann auch zu Ihnen ins Atelier kommen, wenn Sie ganz gewiß allein sind. 126 »Bitte, lassen Sie mich nicht lange auf Antwort warten; Sie machen sich keinen Begriff davon, wie unglücklich ich bin! »Ihre Sie immer liebende, getreue Freundin Trilby O'Ferrall.« Den Brief schickte sie durch einen besonderen Boten, und kaum zehn Minuten später war der Laird schon bei ihr. Sie streichelte ihn und küßte ihn und weinte dabei, bis dem Laird selbst das Wasser in die Augen trat; aber statt in Thränen zu zerfließen, fing er an zu lachen, was viel besser zu ihm paßte und auch weit tröstlicher war. Als er ihr dann so freundlich zuredete und sich auf so einfache, natürliche Weise mit ihr besprach, veränderte sich ihr Aussehen, über das er zuerst förmlich in Schrecken geraten war, zusehends. Sie hatte ihr früheres Selbst schon beinah wiedergewonnen, als er ihre Kammer in der Rue des Pousse-Cailloux verließ. Das Stübchen unter dem Dach, mit der schrägen Wand und dem Mansardenfenster, war so rein und sauber gehalten, als würde es von einer frommen Klosterschwester bewohnt. Reseda und Kapuzinerkresse blühten draußen auf dem Fensterbrett und blaue Winden rankten sich drinnen um die Scheiben. Als sie so neben ihm saß auf dem schmalen, weißen Bett, und seine von Farben und Terpentin entstellte Hand umfaßt hielt, die sie von Zeit zu Zeit streichelte und küßte, 127 hatte er recht väterlich mit ihr gesprochen – wie er Taffy nachher berichtete – und sie gescholten, daß sie so thöricht gewesen war, nicht gleich nach ihm zu schicken, oder ins Atelier zu kommen. Er sagte ihr, wie sehr er, und sie alle, sich freuen würden, wenn sie das Modellstehen ganz aufgeben wollte. Etwas Schlimmes sei eigentlich nicht dabei, aber es wäre doch viel besser so. Vor allem aber hätte es ihn ganz glücklich gemacht, daß sie sich vorgenommen habe, in Zukunft nie mehr vom geraden Wege abzuweichen. Der kleine Billy sei nach Barbizon gegangen und werde eine Weile fortbleiben, aber sie müsse versprechen, gleich heute mit ihm und Taffy zu speisen und das Essen selbst zu kochen. Als der Laird dann fortging, um sein Bild › les Noces du Toréador ‹ weiter zu malen und noch beim Abschied zu ihr sagte: » à ce soir donc, mille sacrés tonnerres de nong de Diu! « – da gab es keinen glücklicheren Menschen als sie im ganzen Quartier latin: sie hatte gebeichtet und Vergebung gefunden! Scham und Reue aber, Bekenntnis und Vergebung, hatten in ihr ein ganz neues, fremdes Gefühl der Selbstachtung wachgerufen. Bisher hatte sie nur stets peinlich darauf gehalten, äußerlich von untadeliger Sauberkeit zu sein; die größte Reinlichkeit war für sie ein Genuß. Ach, sie war zugleich eine der Hauptbedingungen ihres niedern Berufs! Jetzt kannte sie aber noch eine andere Art der Sauberkeit, und wollte nun und nimmermehr aufhören, sie zu pflegen. Die schreckliche Vergangenheit konnte sie freilich nie vergessen, aber sie hoffte doch, ihr späteres Leben würde dieselbe wenigstens insoweit auslöschen, daß andere sich vielleicht nicht mehr daran erinnerten. Die Mahlzeit an jenem Abend war ein sehr denkwürdiges Erlebnis für Trilby. Nachdem sie Messer und Gabeln, Teller und Schüsseln aufgewaschen und in den Schrank gestellt hatte, setzte sie sich zu ihrem Nähzeug. Nicht einmal eine Zigarette wollte sie rauchen; das erinnerte sie zu sehr an Dinge und Auftritte, die ihr jetzt ein Greuel waren. Nein, für Trilby O'Ferrall gab es keine Zigaretten mehr. Sie sprachen mit einander vom kleinen Billy, und so erfuhr sie zum erstenmal etwas von seinem früheren Leben, von der Art wie er aufgewachsen war, von seiner Mutter, seiner Schwester und den Menschen, mit denen er verkehrt hatte. Auch von seiner Zukunft redeten die Freunde, und sie fühlte sich bald stolz gehoben, bald tief niedergedrückt, als sie vernahm, was für ein großes, seltenes Genie er war, und welches herrliche Los sie ihm prophezeiten. Ruhm und Reichtum würden ihm bald winken, wie sie nur wenigen Sterblichen zu Teil werden; falls nämlich das Glück ihn begünstigte und nicht irgend ein Hindernis ihm in den Weg trat, um seine Entwicklung, seine Aussichten, seine glänzende Laufbahn zu hemmen. Sie hörte das alles, und dachte mit Stolz ^n ihn und mit tiefer Demut an ihre 129 eigene Niedrigkeit. Wie konnte sie denn hoffen jemals sich auch nur die Freundin eines solchen Mannes zu nennen? Würde sie aber vielleicht einmal seine Magd sein dürfen – seine treue, demütige Magd? –   Erst nach einem Monat kam der kleine Billy aus Barbizon zurück, so braun gebrannt, daß die Freunde ihn kaum wiedererkannten; als sie aber die Skizzen sahen, die er mitgebracht hatte, rissen sie die Augen weit auf. Das niederschmetternde Gefühl ihrer eigenen Unbedeutendheit verlor sich in der Bewunderung dieser Kunstwerke und in der Liebe und Hochachtung für den Künstler. Der kleine Billy, so jung und zart, so schwach an Körper, so stark an Geist, mit dem warmen Herzen, der kunstfertigen Hand, dem scharfen Auge und der wunderbar schnellen Auffassung – das war ihr Meister, der auf den Thron erhoben werden mußte, zu dem sie aufblicken, vor dem sie sich neigen wollten in unaussprechlicher Verehrung, an dem sie zu Schutz und Trutz hängen würden ihr Leben lang. Als Trilby nach der Arbeit um sechs Uhr ins Atelier kam, rief er: »Grüß Gott, Trilby!« und schüttelte ihr die Hand; sie aber wurde bleich, ihre Lippen bebten und sie sah mit einem so feuchten, sehnsüchtigen, unersättlichen Blick demütigster Verehrung zu ihm herab (das mußte sie, bei ihrer ungewöhnlichen Größe), daß der Laird seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt fand. Bei dem Blick aber, 130 den der kleine Billy zu ihr emporsandte, durchzuckte eine ähnliche Besorgnis Taffys männlichen Busen. Dann gingen die drei Freunde mit einander beim père Trin zu Tische und Trilby kehrte nach ihrer blanchisserie de fin zurück. Tags darauf zeigte der kleine Billy seine Arbeiten Carrel, und der Meister forderte ihn auf, das angefangene Bild ›der Krug geht zu Wasser‹ in seinem Privatatelier fertig zu malen. Bebend vor stolzer Freude nahm der junge Mann diese unerhörte Gunst mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit an. So geschah es, daß man eine Zeit lang im Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts, sowohl von dem kleinen Billy als von Trilby wenig zu sehen bekam; eine blanchisseuse de fin hat keine Zeit, lange von ihrem Bügeleisen fortzubleiben. Nur beim Essen trafen sie öfters zusammen. Am Sonntagmorgen aber, kam Trilby wie gewöhnlich, um dem Laird sein Weißzeug nachzusehen und zu flicken, ihm die Socken zu stopfen und für seine sonstigen kleinen Bedürfnisse zu sorgen. Das war immer ein glücklicher Tag für sie. Das Fechten und Boxen, das Klavierspielen und Geigen wurde nach wie vor betrieben. Am Sonntagnachmittag ging es dann meist sehr lebhaft in dem Atelier her – ganz nach gewohnter Weise. Mit jeder neuen Woche bemerkten die Freunde immer deutlicher, daß in Trilby eine große Veränderung vorging. Sie sprach nicht mehr so kauderwelsches Französisch, außer 131 wenn ihr zufällig irgend ein Kraftausdruck entschlüpfte, auch war sie nicht mehr so drollig und lustig, und doch schien sie sich noch glücklicher zu fühlen als früher. Im Gesicht war sie magerer geworden, so daß ihre Backenknochen sichtbar wurden, die, wie ihr übriger Knochenbau (besonders an Stirn, Kinn und Nasenrücken) eine dem Auge so wohlgefällige Form hatten, daß Trilbys Schönheit dadurch auf ganz wunderbare Weise gewann. Gegen Ende des Sommers verlor sie auch die Sommersprossen, da sie sich weniger im Freien aufhielt; sie ließ ihr Haar wachsen und steckte es in einem Knoten am Hinterkopf fest, wodurch ihre kleinen, platt anliegenden Ohren zum Vorschein kamen – gerade an der rechten Stelle, sehr weit nach hinten und ziemlich hoch; der kleine Billy selbst hätte sie nicht vorteilhafter anbringen können. Ihr etwas zu breiter Mund nahm einen bestimmteren und zugleich lieblicheren Ausdruck an, und ihre großen britischen Zähne waren so weiß, daß sogar die Franzosen nichts dagegen einwenden konnten. Aus ihren Augen aber strahlte ein milder Glanz, den man noch nie darin gesehen hatte; sie leuchteten wie zwei graue Sterne, wie Doppelsterne, oder vielmehr wie Planeten, die einer neuen Sonne ihren Schein verdanken, denn das stille, sanfte Licht war nur zum Teil ihr eigenes. Jedes neue Geschlecht liebt einen andern Schönheitstypus. Damals schwärmte man für die aristokratischen Damen 132 mit der hohen Stirn, dem länglichen Gesicht, dem gebogenen Näschen, dem weichen Kinn mit dem Grübchen, dem kleinen herzförmigen Mund, und den abfallenden Schultern, über welche lange Schmachtlocken herabhingen – die Lady Arabellas und Clementinas, Musidoras und Medoras! – Möglich, daß dieser Geschmack noch einmal zu uns zurückkehrt; Schreiber dieser Zeilen hofft das aber nicht mehr zu erleben. Trilbys Typus würde heutzutage viel mehr bewundert werden, als in den fünfziger Jahren, und ihre Photographie an allen Ladenfenstern stehen; aber damals hatte man so ganz andere Begriffe von Schönheit, daß alle, die ihrem Liebreiz so bereitwillig huldigten, sich kaum erklären konnten, wie das zugehe. Überdies war sie viel zu groß für ihr Geschlecht, ihren Stand, ihre Zeit, und vor allem für das Land, in dem sie lebte. Sie brauchte zu einem tapfern Gendarm kaum in die Höhe zu sehen, und der war doch fast so groß wie ein dragon de la garde, der hinwiederum beinah das Maß des gewöhnlichen englischen Polizisten hat. Aber eine Riesin war sie deshalb noch keineswegs. Eines Tages sagte Taffy zum Laird: »Weißt du, ich möchte meinen Kopf verwetten, daß unter allen Mädchen, die ich kenne, keins so hübsch ist wie Trilby. Sie sieht ganz wie eine große Dame aus, die sich als Grisette verkleidet hat; zu Zeiten sogar wie eine vergnügte Heilige. Ich finde sie reizend. Wenn sie mich so umarmte wie dich, 133 beim Zeus, ich ertrüge es nicht. Es würde zu einem Trauerspiel führen – vielleicht brächte ich den kleinen Billy um.« »Ach was,« meinte der Laird, »glaubst du denn, ich bilde mir ein, daß, wenn sie mir mit so recht schwesterlicher Zärtlichkeit die langen Arme um den Hals legt, diese Liebkosung eigentlich mir gilt?« »Und dabei ist sie so durch und durch echt,« fuhr Taffy fort; »zuverlässig, wahrhaft und aufrichtig wie ein Mann. Auch was sie unsereinem sagt, hört sich so angenehm an. Das ist irländisch, glaube ich. Schmeicheln thut sie auch nicht, es ist immer alles wahr.« »Ah, das ist schottisch,« rief der Laird lachend, und drehte sich nach dem kleinen Billy um, aber der war verschwunden. Sogar Svengali entdeckte die merkwürdige Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war. »Ach, Trilby, wie schön du bist,« sagte er an manchem Sonntagnachmittag; »es ist um wahnsinnig zu werden; ich möchte dich anbeten! So dünn gefällst du mir noch viel besser; du hast einen so herrlichen Knochenbau! Warum antwortest du denn nicht auf meine Briefe? Was – du liest sie nicht einmal? Donnerwetter! Daran habe ich nicht gedacht: die Grisetten vom Quartier latin können ja gar nicht lesen und schreiben. Sie lernen nur den cancan tanzen, mit dem kleinen schmutzigen Affen- und Lumpengesindel, das sie Männer nennen. 134 Sapperment, wir werden den Kerlen einmal zum Tanze aufspielen, wir Deutschen. Bum, bum! werden wir machen, noch besser als der Kellner im Café de la Rotonde - hein? Und die Grisetten im Quartier latin sollen uns Wein einschenken – fotre betit fin blanc, wie der Affe von einem Dichter, der verrottete, verfluchte de Musset sagt, ›der eine so herrliche Zukunft hinter sich hat‹! Bah! Du kennst ihn ja gar nicht, ihren Monsieur Alfred de Musset. Wir haben auch einen Dichter, daß du's weißt, Trilby! Sein Name ist Heinrich Heine. Wenn er noch am Leben ist, so wohnt er hier in Paris, in einer kleinen Straße bei den Champs Elysées . Er liegt den ganzen Tag im Bett und sieht nur noch mit einem Auge, wie die Gräfin Varnhagen, ha, ha! Die französischen Grisetten betet er an; er hat auch eine von ihnen geheiratet; Mathilde heißt sie, und hat ›süße Füße‹ wie du. Dich würde er auch bewundern, und alle deine schönen Knochen einzeln zählen, denn er macht ebenso gern einen Spaß, wie ich. – Ja, ja, du wirst noch ein herrliches Skelett abgeben, und in ganz kurzer Zeit obendrein, weil du deinem Svengali nicht zulächeln willst, der dich bis zum Wahnsinn liebt! – Also du verbrennst seine Briefe, ohne sie zu lesen? Schon gut! Du sollst einen hübschen kleinen Glaskasten von Mahagoniholz für dich ganz allein im Museum der École de Médecine haben; dann wird Svengali kommen, in seinem neuen Pelzrock, mit einer großen Havanazigarre im Munde. Er wird 135 die schmutzigen carabins alle zur Seite schieben und dir durch die Augenhöhlen in deinen dummen, leeren Schädel sehen; deine Nase ist nur noch ein Knochengerüst; sie hat weder Spitze noch Flügel; durch die Nasenlöcher guckt man in den hohen Resonanzboden und in den Mund mit den zweiunddreißig großen englischen Zähnen, und zwischen deinen Rippen hindurch kann man in den weiten Brustkorb sehen, wo die Lunge von starkem Leder einmal gewesen ist. ›Ach‹ sagt Svengali, ›wie schade, daß sie nur so viel Musikverständnis gehabt hat, wie ein großer Kater!‹ Dann betrachtet er alle deine Knochen, bis herunter zu den jämmerlich zerbröckelnden Füßen und sagt: ›Sie war doch eine rechte Thörin, Svengalis Briefe nicht zu beantworten!‹ Die schmutzigen carabins aber sollen –« »Kein Wort weiter, Sie gottloser Kerl, sonst schlage ich Ihnen alle Knochen im Leibe zu Brei!« So ließ sich der jähzornige Taffy vernehmen, der zugehört haben mußte. Svengali aber ging ans Klavier und spielte Chopins Trauermarsch himmlischer als je zuvor. Wenn er an die bekannte pianissimo -Stelle kam, flüsterte er Trilby jedesmal zu: »Das ist Svengali; er kommt und sieht dich an, wie du daliegst in deinem Glaskasten von Mahagoniholz.« Svengalis boshafte Phantasien, über die man so leicht hinwegliest, wenn man sie gedruckt sieht, klangen ganz grauenhaft in seinem deutsch-polnischen Französisch. Er stieß sie 136 mit einem heisern, krächzenden, rauhen Kehllaut hervor, fletschte seine großen gelben Zähne, wie ein knurrender Köter, und ließ die schweren Lider über seine frechen, schwarzen Augen herabfallen. Außerdem begleitete er die süße, schwermütige Melodie noch mit dämonischen Gebärden, welche ausdrücken sollten, daß er gerade in dem Skelett alle Knochen zähle und mit grimmem Wohlgefallen betrachte. Kam er bis zu den Füßen, so erreichte sein schauerlicher Realismus einen solchen Grad, daß er fast komisch wirkte. Aber Trilby überlief es eiskalt; sie hatte keinen Sinn für dergleichen Scherze. Er kam ihr vor, wie ein greulicher Unhold, der gleich einem Alp drohend über ihr schwebte, und Macht hatte, sie zu ersticken und zu zermalmen, sobald Taffy (der ihn allein bezwingen konnte), ihr nicht beistand. Sie träumte sogar noch öfter von ihm, als von Taffy, dem Laird und dem kleinen Billy.   Ohne irgend welche bedeutende Veränderungen oder Erlebnisse, angenehm, ruhig, einförmig, verstrich die Zeit bis Weihnachten. Der kleine Billy sprach wenig von Trilby, und auch sie erwähnte ihn selten. Jeden Vormittag war man im Atelier wie gewöhnlich bei der Arbeit, und allerlei Bilder wurden begonnen und fertig gemalt. Der Laird schickte seine kleinen spanischen Stiergefechte, in denen sich aber 137 der Stier nie blicken ließ, nach seiner Vaterstadt Dundee, wo sie verkauft wurden. Taffy ließ seine kleinen tragischen Lebensbilder des Pariser Elends – Verhungerte, Ertrunkene, Selbstmörder, die sich vergiftet oder durch Kohlendampf erstickt hatten – in der ganzen Welt herumziehen, und verkaufte sie nicht. Der kleine Billy malte die ganze Zeit über in Carrels Privatatelier. Wenn sie sich alle beim Essen trafen, sah er zufrieden und glücklich aus, schien aber zerstreut und noch weniger gesprächig als sonst. Er war von den dreien immer am schweigsamsten gewesen, mehr geneigt zuzuhören, oder seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Am Nachmittag war ein ewiges Kommen und Gehen, die Thür stand nicht still. Es wurden Turnübungen gemacht, gefochten und geboxt; Taffy ließ den Gegner die Kraft seiner Muskeln fühlen, auf die jeder Athlet hätte stolz sein können. Unter den gelegentlichen Besuchern des Ateliers waren einige höchst liebenswürdige und bedeutende Menschen, die seitdem in England, Frankreich und Amerika berühmt geworden sind – oder mit Tod abgegangen, in die Ehe getreten, ins Elend geraten, vielleicht auch zu Ehre und Ansehen gelangt. Da hier eine Pause in meiner Geschichte eintritt, weiß ich nichts Besseres zu thun, als von den wichtigsten Persönlichkeiten kleine Skizzen zu entwerfen, denn mir ist augenblicklich zu Mute, wie dem Zugführer einer 138 französischen Eisenbahn, der langsam fährt, weil sich vor ihm ein großer, gewundener Tunnel aufthut, an dessen anderm Ende er kein Licht sieht. Möglich, daß meine kleinen Charakterschilderungen künftigen Biographen noch eines Tages von Nutzen sein können. Doch sollen sie auch meinen eigenen Zwecken dienen, wie der Leser bald einsehen wird. Durien zum Beispiel, Trilbys wärmster französischer Verehrer pour le bon motif, war ein Sohn des Volkes, ein ausgezeichneter Bildhauer und trefflicher Mensch in jeder Beziehung – er war so vollkommen, daß sich über ihn weniger sagen läßt, als über alle andern. Bescheiden, einfach, genügsam, von strengen Sitten und unermüdlichem Fleiß, lebte er nur für seine Kunst, und auch ein wenig für Trilby, die er gar zu gern geheiratet hätte. Er war Pygmalion, sie Galathea – aber ihr Marmorherz wollte sich durchaus nicht für ihn erwärmen. Durien besitzt jetzt eins der schönsten Häuser im Park Monceau; seine Frau und seine Töchter gehen geschmackvoller gekleidet als alle übrigen Pariser Damen, er ist ein sehr glücklicher Mensch; doch wird er die arme Galathea nie ganz vergessen: » La belle aux pieds d'albâtre - aux deux talons de rose! « Vincent, ein Yankee und Student der Medizin, betrieb die Arbeit so eifrig, wie das Vergnügen. 139 Er ist heute einer der größten Augenärzte der Welt; die Europäer fahren über den Ozean, ihn zu konsultieren. Wenn er selbst einmal zur Erholung die Überfahrt macht, muß er inkognito reisen, wie die Fürstlichkeiten, weil er sonst vor lauter Arbeit zu keinem Vergnügen kommen würde. Seine Töchter sind so schön und talentvoll, daß mancher englische Herzog vergebens nach ihnen schmachtet. Ihre Hauptbeschäftigung während der Herbstferien besteht darin, dem britischen Adel Körbe auszuteilen. Wenigstens liest man das in der Tageschronik, und es kommt mir ganz wahrscheinlich vor. Die Liebe ist nicht immer blind; falls sie es aber ist, wäre Vincent ganz der Mann dazu, ihr den Staar zu stechen. Damals jedoch schrieb er für uns allesamt Rezepte, befühlte und behorchte uns aus rein persönlichem Interesse; ließ sich die Zunge zeigen, sagte uns was wir essen, trinken, thun und lassen sollten und wo von allem das Beste zu haben sei. Zum Beispiel: Einmal nachts wachte der kleine Billy ganz in Schweiß gebadet auf und glaubte, er müsse sterben. Ihm war den Tag über schon elend zu Mute gewesen, und er hatte keinen Bissen zu sich genommen. Mühsam kleidete er sich an und schleppte sich bis nach Vincents Wohnung. »O Vincent, Vincent, mit mir geht's zu Ende,« rief er und fiel fast bewußtlos auf das Bett. Vincent untersuchte ihn sorgfältig und befragte ihn über mancherlei. Dann 140 zog er seine Uhr aus der Tasche und that folgenden Ausspruch: »Hm! schon halb vier – das ist spät – aber immerhin – sag' einmal, kleiner Billy, weißt du, wo die Gemüsehalle ist, über'm Fluß drüben?« »Jawohl! Was für ein Gemüse soll ich denn –« »Hör' mir zu: Gerade dahinter sind zwei Restaurants, Bordier und Baratte; sie stehen die ganze Nacht offen. Geh' dorthin, laß dir ein tüchtiges Abendessen geben, und stopfe in dich hinein soviel du irgend kannst. Es giebt Leute, die meinen, bei Baratte speise man besser: ich ziehe Bordier vor. Mein Rat ist, du versuchst es erst bei Bordier und dann bei Baratte. Aber es ist keine Zeit zu verlieren; mach' daß du fort kommst!« So bewahrte er den kleinen Billy vor einem frühen Grabe.   ›Der Grieche‹ zählte kaum sechzehn Jahr, sah aber zehn Jahre älter aus, war sechs Fuß hoch, konnte noch stärkeren Tabak vertragen als Taffy und hatte eine große Fertigkeit im Anrauchen von Pfeifenköpfen. Seiner Gutmütigkeit wegen war er in St. Anatole des Arts sehr beliebt. Er galt als der Kapitalist des befreundeten Kreises, war äußerst freigebig, voller Herzenswärme und angenehm im Umgang. Man nannte ihn Poluphloisboiospaleapologos Petrilopetrolicoconose – so hatte ihn der Laird getauft, weil sein eigentlicher Name viel zu lang und viel zu gut für 141 das Quartier latin war – er erinnerte an die griechischen Inseln und Sapphos glühende Liebeslieder. Was der Grieche im Quartier latin lernen wollte, wußte niemand. Französisch schwerlich, denn das sprach er wie ein Eingeborener. So oft aber seine Pariser Bekannten ihr Zigeunerleben nach London verpflanzten, wurden sie nirgends gastfreier aufgenommen, bewirtet und verpflegt, als in dem dortigen, wunderschönen Haus seiner Eltern. Dieser Prachtbau, jetzt des Griechen Eigentum, hat eine Einrichtung, wie sie für einen Millionär und Großwürdenträger der Stadt paßt. Sein Bart ist jetzt grau, aber noch heute kann er ebenso lebhaft, lustig und gastfrei sein wie in den alten Pariser Tagen; nur raucht er keine Pfeifenköpfe mehr an.   Carnégie kam ganz frisch von der Universität herüber, wollte sich der Diplomatenlaufbahn widmen und in Paris echtes Französisch lernen. Er verbrachte die eine Hälfte seiner Zeit bei seinen englischen Freunden, auf dem rechten Seineufer und den Rest bei Taffy, dem Laird und dem kleinen Billy auf dem linken. Vielleicht ist er deshalb nicht Gesandter geworden. Er ist Dekan einer Landgemeinde, und spricht das schlechteste Französisch, das ich je gehört habe, so oft er irgend Gelegenheit dazu hat. Meiner Meinung nach geschieht ihm das ganz recht. Er liebte den Adel sehr, kannte auch einige Lords 142 (wenigstens gab er sich das Ansehen), sprach viel von ihnen und kleidete sich so fein, daß selbst der kleine Billy sich in seiner Gegenwart unbehaglich fühlte. Nur Taffy in dem abgeschabten Sammetrocke, und der Laird in Taffys altem Überzieher, der ihm bis auf die Fersen hing, wagten es, mit ihm im Garten des Luxembourg bei der Musik umherzuschlendern, ja sie bestanden sogar darauf, ihn unterzufassen. Sein Backenbart war noch länger, dichter und blonder als Taffys. Aber bei dem bloßen Anblick eines Fechthandschuhs wurde ihm übel.   Der blondhaarige Antoine, ein Schweizer, den wir › le roi des truants ‹ oder den faulen Lehrling nannten, war trotz aller seiner unverbesserlichen Streiche, einer der besten und liebenswürdigsten Menschen, der je ein freies Künstlerleben geführt hat. Man verzieh ihm alles, wie weiland François de Villon, à cause de ses gentillesses. Vom Wert des Geldes hatte er nicht den entferntesten Begriff; er steckte immer in Schulden, weil er, so lange sein Beutel voll war, alles was eigentlich seinen zahllosen Gläubigern gehörte, nach rechts und links an seine Freunde austeilte. Er war, wie Svengali, reich an Witz und Humor, und ein ganz vorzüglicher, eigenartiger Künstler, dabei (im geraden Gegensatz zu dem Deutschpolen) durchaus nicht eingebildet, voll Zartgefühl und echter Geistesgröße; der treueste, selbstloseste Freund und der lustigste Gesellschafter von der Welt. 143 Sobald er keinen Heller mehr in der Tasche hatte, suchte er sich im ärmlichsten Winkel von Paris irgend eine elende Dachkammer, um dort sein letztes Stündchen zu erwarten. In reizenden deutschen, französischen oder englischen Versen – denn er war ein großer Sprachkenner – verfaßte er eine rührende Inschrift für sein Grabmal; noch einen trüben Blick warf er auf die Pariser Schornsteine, fühlte sich verlassen von Freunden, Verwandten, sogar von der Geliebten seines Herzens; benetzte seine harte Brotrinde mit bittern Thränen und legte sich nieder, um elendiglich zu verhungern. Während er so dalag und vergebens auf seine Erlösung wartete, machte er zum Zeitvertreib ganz allerliebste Randzeichnungen für seine Grabschrift. Eine Anzahl solcher Blätter finden sich noch heute im Kunsthandel und werden mit Gold aufgewogen. Inzwischen durchsuchten seine Freunde und Verwandten ganz Paris nach ihm. Ward er endlich in seinem Versteck aufgefunden, dann hatte die Not ein Ende. Im Triumph ging es zum père Marcas in der Rue du Ghette, wo die schöne, illustrierte Grabschrift für zwanzig, fünfzig, ja selbst für hundert Franken verkauft wurde, und dann – Vogue la galère! Das alte Leben fing wieder von vorne an, so lange das Geld reichte . . . e poi, da capo! Jetzt wird sein Name in der alten und neuen Welt gepriesen; das Land, das er sich zur Heimat erkoren, ist 144 stolz auf den Glanz seines Ruhmes. Er aber blickt von der hohen Warte, auf der er steht, gern zurück auf seine faule Lehrzeit, auf die vergangenen Tage der Armut und des Mangels – le bon temps, où l'on était si malheureux! Als Witzemacher ist er so berühmt geworden, daß die Leute zuerst lachen, und dann fragen, was der Spaß eigentlich zu bedeuten habe. Auch giebt es für unsereinen kein besseres Mittel, um den eigenen unschuldigen Witzen Beifall zu verschaffen, als wenn man hinzufügt: ›wie Antoine zu sagen pflegte‹. Der Verfasser dieser Zeilen hat das oft versucht. Macht man aber zufällig einmal wirklich einen guten Witz, der im Munde der Leute weiter lebt, so bekommt man ihn sicherlich nach Jahren mit dem Zusatz wieder zu hören: ›wie Antoine zu sagen pflegte‹.   Lorrimer, der fleißige Lehrling, hat es auch zu hohen Ehren gebracht. Er ist eine Säule der Kunstakademie und wahrscheinlich – wenn er solange lebt – ihr künftiger Präsident. Hoffentlich erreicht er diese Würde aber noch in vielen, vielen Jahren nicht, das ist gewiß auch sein eigener Wunsch. Groß, mager, rothaarig, mit hübschen Gesichtszügen, war er ein eifriger, unermüdlich fleißiger, junger Kunstenthusiast, der in unnatürlichem Bildungstrieb allerhand belehrende Bücher las. An den Vergnügungen des Quartier 145 latin fand er keinen Geschmack, sondern brachte seine Abende mit Händel, Michelangelo und Dante daheim zu, auf dem rechten Seineufer, wo alle achtbaren Leute wohnen. Manchmal ging er auch glatt gescheitelt, in Frack und weißer Halsbinde, in irgend eine feine Gesellschaft. Trotz aller dieser Mängel aber, und trotz seiner untadeligen Führung als Kunstschüler, war er doch ein prächtiger Kamerad und der liebevollste, hilfreichste und teilnehmendste Freund von der Welt. Möge es ihm wohl ergehen, und er noch lange leben! Antoine und Lorrimer hatten damals keine hohe Meinung von einander, obgleich sie auf dem vertrautesten Fuße standen. Aber sie hielten auch beide vom kleinen Billy nicht viel, der doch ohne Frage den höchsten Gipfel des Ruhmes erreicht hat, zu dem sich ein bloßer Bildermaler überhaupt aufschwingen kann. Sowohl Lorrimer als Antoine sind sehr glücklich und mit sehr schönen Frauen verheiratet – vermutlich schon Großväter. Sie bewegen sich in der besten Gesellschaft, › la haute ‹ wie es in der französischen Zigeunersprache hieß – worunter man, so viel ich weiß, Herzoge, Grafen und Fürstlichkeiten versteht, und alle, denen sie gewogen sind und die ihnen wohlwollen. Wenn Lorrimer und Antoine sich in jenen Kreisen begegnen, stürzen sie einander vermutlich nicht gleich in die Arme, sie reden auch nicht mit Vorliebe von der guten alten Zeit. Ich glaube nicht 146 einmal, daß ihre Frauen in freundschaftlichem Verkehr stehen. Unsere Frauen haben alle nicht viel Umgang mit einander, nicht einmal Taffys Frau mit der des Laird. O Orestes! O Pylades! O alle ihr jungen, mittellosen, unberühmten, unzertrennlichen Freunde, von achtzehn, neunzehn, zwanzig, selbst fünfundzwanzig Jahren, die ihr eure Gedanken und Kassen mit einander teiltet, die ihr einer des andern Kleider trugt und stets bereit wart, für den Freund Bürgschaft zu leisten, seine Pfeifen zu rauchen, seinem Liebchen mit Achtung zu begegnen, seine Geheimnisse zu bewahren, seine Späße weiter zu erzählen, seine Uhr zu versetzen und das daraus erlöste Geld zusammen zu verjubeln; die ihr Nächte lang an des Freundes Krankenbette saßet, einander in Kummer und Enttäuschung durch stumme männliche Teilnahme zu trösten verstandet – wartet, bis ihr vierzig Jahre alt seid! Oder auch nur bis der eine oder der andere von euch irgend einen Gipfel erstiegen hat – und wäre er noch so klein! – Oder bis ihr ein Weib genommen und einen eigenen Herd gegründet habt! – Alles ist schon einmal dagewesen, auch dies ward schon oft gesprochen, und es giebt nichts Neues unter der Sonne. » Mai tuh ceci ee ni ici ni lah, « würde der sprachkundige Laird sagen.   Dodor war ein hübscher junger Gardedragoner – ein Gemeiner, nichts für ungut – mit bartlosem Gesicht, 147 rosenroten Wangen, schlanker Taille und Füßen, die für eine Dame schmal genug gewesen wären; merkwürdigerweise sprach er das Englische ganz wie ein Engländer. Sein Freund Gontran, alias l'Zouzou, war Korporal bei den Zuaven. Beide kannten Taffy vom Krimkrieg her und kamen oft in die Ateliers des Quartier latin, wo sie sich von den Grisetten und Modellen bewundern ließen und diese ihrerseits bewunderten, besonders Trilby. Sie galten in ihren Regimentern als schwarze Schafe, ( les plus mauvais sujets ) erfreuten sich aber trotzdem einer besonderen Gunst bei Kameraden und Vorgesetzten, vom Obersten herunter. Oft waren sie zum Korporal oder Brigadier befördert worden, um tags darauf wegen grober Ungebührlichkeiten wieder zu Gemeinen degradiert zu werden, infolge ihrer zu ausgelassenen Freude über die Rangerhöhung. Furcht und Neid, Bosheit, üble Laune oder Verstimmung kannten sie nicht; nie thaten, sprachen oder dachten sie etwas Gehässiges; ihre einzigen Feinde waren sie selber. Je nach der Gesellschaft, in die sie gerieten, und deren Sitten sie nachahmten, war ihr Benehmen tadellos oder ganz verwerflich – sie waren die reinen Chamäleons. Immer zeigten sie sich bereit, ihr letztes Zehnsousstück unter sich oder mit andern zu teilen, (nur schienen sie nie eins in der Tasche zu haben). Ebenso gern würden sie auch ein Zehnsousstück mit uns geteilt haben, das andern 148 gehörte; sie boten uns die Zigarren ihrer Freunde an, luden uns ein, bei diesen zu speisen, traten gegen uns, oder für uns ein – wie es gerade kam. Aller Gram und Kummer, alle Angst und Schande, die sie ihren Angehörigen bereiteten, wurde reichlich aufgewogen durch den endlosen Spaß und die köstliche Unterhaltung, welche andere Leute von ihnen hatten. Wahrlich sie führten einen netten Tanz auf! Aber unsere drei Freunde vom Platz St. Anatole (die den Spielmann nicht zu bezahlen brauchten); waren ihnen trotzdem sehr zugethan, besonders dem Dodor. An einem schönen Sonntagnachmittag, als der kleine Billy seine Charakterstudien nach dem Leben auf dem festfrohen, lustigen Schauplatz der Fête de St. Cloud betreiben wollte, begegneten ihm Dodor und l'Zouzou, die ihm vergnügt zuriefen: » Nous allons joliment jubiler, nom d'une pipe! « Sie bestanden darauf, daß er ihre Belustigungen mitmachte und bezahlte, – als da sind Karussels, Schaukeln, der Riese, der Zwerg, der starke Mann, die dicke Frau – der sie den Hof machten und dafür hinausgeworfen wurden, weil man glaubte, sie hätten ernstliche Absichten – und die wilden Tiere, die sie neckten und reizten, bis die Polizei sich ins Mittel legte. Dann folgten al fresco Tänze, die wildesten, ausgelassensten Cancans; bis zufällig ein Sekondelieutenant oder Gendarm in Sicht kam, worauf sie ganz zierliche und ehrbare Schritte machten, en maître d'école , 149 wie sie es nannten, zum unaussprechlichen Jubel der stets wachsenden, ungeheuern Menge, während das anständige Publikum sich empört abwandte. Der kleine Billy mußte Arm in Arm mit ihnen gehen und immer englisch sprechen, sobald ihnen eine achtbare englische Familie mit Töchtern entgegen kam. Es entzückte den Dragoner, wenn die schönen Töchter Albions ihn verwundert anstarrten, weil er ebenso gut englisch sprach wie sie – ein seltener Fall bei einem französischen Soldaten. Auch Zouzou schmeichelte sich damit, für einen Engländer gehalten zu werden, obgleich er nichts sagen konnte, als die paar Worte: I will not, I will not! die er in der Krim aufgeschnappt hatte und regelmäßig wiederholte, sobald er in Hörweite einer jungen, hübschen Engländerin kam. Der kleine Billy fühlte sich unter diesen Umständen nicht sehr glücklich. Er war kein Stutzer, aber doch ein anständig erzogener junger Brite der höheren Bürgerklasse; es konnte ihm daher nicht angenehm sein, sich vor seinen schönen Landsmänninnen an einem Sonntagnachmittag Arm in Arm mit zwei gemeinen französischen Soldaten sehen zu lassen, die noch dazu die schlimmsten Thunichtgute waren. Später fuhren sie oben auf dem Omnibus mit einer bunt zusammengewürfelten Gesellschaft nach Paris zurück. Die beiden muntern Krieger machten sich sofort allgemein beliebt, besonders bei den Frauen und Kindern, aber leider 150 nicht durch ihr anständiges, gebildetes und vornehmes Betragen. Der kleine Billy beschloß, nie wieder einen Vergnügungsausflug mit ihnen zu machen. Sie aber ließen nicht von ihm ab, gingen mit ihm durch dick und dünn und begleiteten ihn den ganzen Weg bis zum Quartier latin; über den Pont de la Concorde und die Rue de Lille im Faubourg St. Germain. Diesen Stadtteil liebte der kleine Billy sehr. Besonders entzückte ihn der Anblick der prächtigen alten Paläste, der Hotels des alten französischen Adels; das heißt, ihre Außenseite, mit den hohen Säulenportalen, welche über den steingeschnitzten Wappenschildern alte, ruhmvolle Namen aus der Weltgeschichte trugen: Hôtel de Dieses, Hôtel de Jenes, Rohan-Chabot, Montmorency, La Rochefoucault-Liancourt, La Tour d'Auvergne. Hier pflegte er in romantische Träumereien zu versinken über die längst vergangene und vergessene Ritterzeit, in der jene Namen eine Rolle gespielt hatten. Er war nämlich einigermaßen bewandert in der französischen Geschichte und las mit Vorliebe Froissard, St. Simon und den geistreichen Brantôme. Gegenüber einer der schönsten und ältesten dieser Eingangspforten, die er ganz besonders bewunderte, blieb er stehen, ›Hôtel de la Rochemartel‹ stand in verblichenen Goldbuchstaben über einem ungeheuren Steinwappen, und er begann Zouzou von den großartigen Verhältnissen und der architektonischen Schönheit des Gebäudes vorzuschwärmen. 151 » Parbleu! « rief Zouzou, »connu, farceur! – Dort bin ich geboren; am sechsten März 1834 um fünf Uhr morgens, habe ich da das Licht der Welt erblickt. Ein Glückstag für Frankreich, hein? « »Dort geboren! – Nicht möglich – vielleicht im Portierstübchen?« In diesem Augenblick wurden die beiden großen Thorflügel zurückgeschlagen, ein Schweizer in Livree erschien und bald darauf ein offener zweispänniger Wagen, in dem zwei ältere und eine jüngere Dame saßen. Entrüstet sah der kleine Billy, wie die beiden unverbesserlichen Menschen militärisch grüßten und die Damen sich ernst und steif verbeugten. Als eine von ihnen aber zufällig noch einmal zurückblickte, warf ihr Zouzou sogar, zu des kleinen Billy Entsetzen, einen Handkuß zu. »Kennen Sie denn die Dame?« fragte er in strengem Ton. » Parbleu! si je la connais! Es ist ja meine Mutter! Hübsch, nicht wahr? Nur im Augenblick nicht gerade sehr gut auf mich zu sprechen.« »Ihre Mutter! Wie meinen Sie das? Was hat denn Ihre Mutter in dem vornehmen Wagen und dem großen Hause zu thun?« » Parbleu, farceur! Sie wohnt dort?« »Unmöglich! Wer und was ist sie denn?« »Die Herzogin de la Rochemartel, parbleu. . Die andere ist meine Schwester, und die dritte meine Tante, die 152 Princesse de Chevagné-Bauffremont. Sie ist auch die patronne jener Chic-Equipage, denn meine Tante Chevagné ist Millionärin.« »Aber so etwas! – Wie heißen Sie denn eigentlich?« »Wie ich heiße? Sapperment, warten Sie einmal – Gontran – Xavier – François – Marie – Joseph d'Amaury – Brissac de Roncesvaulx de la Rochemartel-Boisségur, wenn Sie nichts dagegen haben. »Ganz richtig,« bestätigte Dodor, » l'enfant dit vrai! « »Merkwürdig! Und Sie, Dodor, was ist denn Ihr Name?« »O, ich bin nur eine unbedeutende Größe und nenne mich kurz und bündig Théodore Rigolot de Lafarce. Aber Zouzou ist ein schrecklich vornehmer Kerl – sein Bruder ist Herzog.« Unsern jungen Briten aus dem höheren Mittelstande überraschten diese Enthüllungen – deren Wahrheit er nicht bezweifeln konnte – so sehr, daß er kein Wort weiter über die Lippen brachte. Wie gründlich er auch die Aufgeblasenheit des Adels zu verachten glaubte, so blieb doch ein Titel ein Titel – und sogar in Frankreich haben die Herzöge etwas zu bedeuten, wenn sie in Schlössern wie das Hotel de la Rochemartel wohnen. Dem kleinen Billy stockte der Atem bei der bloßen Vorstellung. »Denke dir nur,« rief er, sobald er abends wieder mit Taffy zusammenkam, »Zouzous Mutter ist eine Herzogin!« 153 »Jawohl – die Herzogin de la Rochemartel-Boisségur.« »Das hast du mir ja gar nicht gesagt.« »Du hast dich nie danach erkundigt. Es ist einer der berühmtesten Namen Frankreichs. Die Familie ist sehr arm, glaube ich.« »Arm! Du solltest nur das Haus sehen, in dem sie wohnen.« »Ich bin da gewesen; zu Mittag eingeladen; das Essen war nicht sehr gut. Sie leben meist auf dem Lande und vermieten ihr Schloß. Der Herzog ist Zouzous Bruder, doch gleicht er ihm gar nicht; er ist schwindsüchtig und unverheiratet, der größte Ehrenmann in ganz Paris. Zouzou wird eines Tages Herzog werden.« »Und Dodor – der ist auch ein großes Tier! de – irgend etwas, wie er sagt.« »Ja – Rigolot de Lafarce. Er stammt vermutlich von den Kreuzrittern; der Name klingt wenigstens ganz danach, wie so viele andere hier zu Lande. Seine Mutter war eine Engländerin, die den ehrenwerten Namen Brown trug. Er ist in einer englischen Schule erzogen, daher führt er sich vielleicht so schlecht auf und spricht so gut englisch. Seine schöne Schwester ist an einen Offizier bei den Schützen im sechzigsten Regiment verheiratet, Jack Reeve, Lord Reevelys Sohn, ein eigennütziger Mensch. Der arme Dodor! Mit seinem Schwager steht er sich schlecht, und 154 seine Schwester ist das einzige Wesen auf der Welt, an dem er hängt – außer Zouzou.«   Ich möchte wohl wissen, ob der herablassende und leutselige Monsieur Théodore – notre Sieur Théodore – jetzt jüngerer Teilhaber der großen Kurzwarenhandlung von Passefil et Rigolot auf dem Boulevard des Capucines, und eine Säule der englischen Kapelle in der Rue Marboeuf – seine Gehilfen und Gehilfinnen sehr hart anläßt, wenn sie am Montagmorgen ein wenig spät ins Geschäft kommen?! Auch möchte ich wissen, ob der steife, griesgrämige Geizhals und Komunardentöter, der kirchenfromme, liebedienerische Stellenjäger, der himmelnde, großsprecherische alte Geck, Bramarbas und Philister, Monsieur le Maréchal-Duc de la Rochemartel-Boisségur, je seiner Frau, der Maréchale-Duchesse (geborene Hunks aus Chicago) erzählt, wie er eines Tages mit Dodor – doch wir wollen nicht aus der Schule schwatzen. Der Verfasser dieser Zeilen ist kein vornehmer Laffe. Er schmeichelt sich, ein anständig erzogener alter Brite des höheren Mittelstandes zu sein. Und er schreibt für Leute, die ebensolche alte Philister sind, wie er selbst und aus einer Zeit stammen, da man nicht so wenig Wert auf Titel legte, wie heutzutage. Ach, jetzt wird ja alles, was erhaben und groß und altehrwürdig ist, über die Achsel angesehen! Deshalb hat er seinen nichtsnutzigen, herzoglichen 155 Zuaven bis zuletzt aufgespart, zum Schluß dieser kleinen Schaustücke, pour la bonne bouche in seinem Zigeuner menu – um es denen schmackhaft zu machen, die auf das gute alte Quartier latin (das jetzt kaum mehr vorhanden ist), von oben herabsehen. Sie glauben, daß es verdientermaßen vom Erdboden vertilgt worden ist, als eine Stätte der Niedrigkeit und der Gemeinheit, wo die Herren Studenten (greuliche Bummler und Schmarotzer) Tag und Nacht nichts Besseres zu thun hatten, als in der alten Baracke › la chaumière ‹ unter das Strohdach zu klettern – › Pour y danser l'cancan, Ou le Robert Macaire - Toujours - toujours - toujours La nuit comme le jour.... Et youp! youp! youp! Tra la la la la.... la la la! ‹ Weihnachten kam heran. Es gab Tage, an denen das Quartier latin alle seine Sünden unter einer so dichten Nebeldecke verhüllte, wie sie nur das Themsethal zwischen der Londoner Brücke und Westminster aufzuweisen hat. Die Aussicht aus dem Atelierfenster war völlig verschwunden. Weder die Morgue, noch die Türme von Notre Dame, nicht einmal die Schornsteine auf der andern Straßenseite konnte man sehen, und von dem kleinen mittelalterlichen Türmchen an der Ecke der Rue 156 Vieille des Mauvais Ladres, das den kleinen Billy so sehr entzückte, war keine Spur mehr vorhanden. Der Ofen mußte vollgestopft werden, bis er rotglühend wurde, bevor man mit den verklammten Fingern den Pinsel halten oder eine Farbenblase ausdrücken konnte; schon um neun Uhr morgens ging man ans Boxen und Fechten, um sich nach dem kalten, frühen Bade Bewegung zu machen und warm zu werden. Taffy und der Laird machten nachdenkliche Gesichter; sie konnten sich eines traumhaften, kindlichen Gefühls nicht erwehren, und das Herz wurde ihnen weich. Meist sprachen sie über das Christfest daheim, im lustigen England, dem fernen Lande des Weihnachtsgebäcks; und wie schön es um diese Zeit dort sei – zu jagen, zu schießen und sich zu vergnügen bei Spiel und Tanz und Schmaus. Zuletzt bekamen sie förmlich Heimweh und wären am liebsten mit dem nächsten Zug abgereist. Doch hüteten sie sich wohl, eine solche Thorheit zu begehen. Sie schrieben statt dessen an ihre Freunde in London, daß man ihnen den fettesten Truthahn und den größten Plumpudding schicken sollte, der für Geld und gute Worte zu haben wäre; auch Mince-pies, Stechpalmen und Mistelzweige, kräftige, kurze, dicke englische Würstchen, einen halben Stilton-Käse und einen saftigen Lendenbraten – oder lieber zwei, weil einer nicht reichen würde. Denn am Weihnachtstag gedachten sie im Atelier einen 157 homerischen Schmaus zu halten – unser Kleeblatt nämlich: Taffy, der Laird und der kleine Billy – und alle ihre lustigen Gefährten einzuladen, die ich eben deshalb im voraus so genau beschrieben habe – Durien, Vincent, Antoine, Lorrimer, Carnegie, Petrolicoconose, l'Zouzou und Dodor. Die Küche und Aufwartung sollten Trilby, ihre Freundin Angèle Boisse und Monsieur und Madame Vinard besorgen, nebst denjenigen kleinen Vinards, denen man das Geschirr und die Mince-pies anvertrauen konnte. Wenn das noch nicht genug Bedienung war, wollten die Gastgeber selber mitkochen und die Speisen herumreichen. An das Mittagsmahl sollte sich nach kurzer Zwischenpause sofort das Abendessen anschließen, zu dem man noch andere Gäste laden konnte – außer Svengali und Gecko vielleicht zwei oder drei. Aber keine Damen! »Frauenzimmer sind nur Spielverderber,« meinte der gefühllose Laird. Er hatte den schnöden Ausspruch einmal auf einem ländlichen Ball im Hochlande gehört. Wunderschöne Einladungskarten mit den sinnreichsten, von Taffy und dem Laird selbst erdachten Randzeichnungen und Verzierungen, wurden herumgeschickt. (Der kleine Billy hatte keine Zeit, sich daran zu beteiligen.) Verschiedene Weine, Schnäpse und englische Biere bezog man um schweres Geld von M. E. Delevingne in der Rue St. Honoré; auch allerlei Liköre – chartreuse, curaçao, ratafia de cassis und anisette; man sparte keine Kosten. 158 Zum Abendessen bestellten sie Zunge, Schinken, galantines mit Trüffeln, rillettes de Tours, pâtés de foie gras, fromage d'Italie (der nichts mit Käse zu thun hat), saucissons d'Arles et de Lyon, mit und ohne Knoblauch, saure Gelees mit Pfeffer und Salz, kurz alle Gerichte, welche französische Garköche und ihre Frauen aus französischen Schweinen oder andern Vierfüßlern, wildem oder zahmem Geflügel (selbst aus Katzen und Ratten) bereiten können; ferner süße Gelees, Kuchen und verschiedenes Zuckerwerk von dem berühmten Konditor an der Ecke der Rue Castiglione. Den ganzen Tag über wässerte ihnen der Mund nach alle den köstlichen Dingen. In unsern entarteten Zeiten würden wir beim Anblick oder Geruch derselben keinen solchen Hochgenuß empfinden, aber im Rückblick auf dieses Fest läuft einem noch heute das Wasser vor Wehmut im Munde zusammen. Hélas! ahimé! ay de mi! eheu! οίμοι – kurz und gut: o weh! Endlich habe ich den richtigen Ausdruck gefunden! Es war Weihnachtsabend. Die Sendung aus London – Braten, Plumpudding, Mince-pies zum sattessen – bis jetzt nicht eingetroffen – aber das hatte noch gute Weile. Die trois Angliches speisten wie gewöhnlich beim père Trin, spielten Billard und Domino im Café du Luxembourg und faßten ihre Seelen in Geduld, bis es Zeit war, zur Mitternachtsmesse in die Madeleine zu gehen, wo Roucouly, der berühmte Bariton von der Opéra Comique, Adams herrliches Noël singen sollte. 159 Auf allen Straßen strömte die Menge zum Réveillon. Es war eine schöne, klare Frostnacht; der Vollmond eben im Abnehmen, der Spaziergang eine köstliche Erfrischung. Sie gingen auf den Quais am linken Flußufer entlang, über die Brücke und den Platz de la Concorde; dann die von Menschen wimmelnde Rue de la Madeleine hinunter, bis zu dem, von griechischen Säulen getragenen Gotteshaus, das immer so heidnisch-weltlich, so schmuck, so freundlich und neumodisch aussieht. Glücklich brachen sie sich Bahn durch die andächtige Menge, bis sie Platz zum stehen und knieen gefunden hatten. Dann folgten sie dem ergreifenden Gottesdienst mit gemischten Empfindungen, wie es echten Briten von freisinnigen und aufgeklärten religiösen Überzeugungen zukommt, jedoch ohne die unvermischte Geringschätzung der streng orthodoxen Engländer (die sicherlich in hellen Haufen zugegen waren). Bald jedoch schmolzen ihre empfänglichen Herzen vor Wehmut und Rührung bei den Klängen der wundervollen Musik, die ihre Sinne ebenso gefangen nahm, wie die der übrigen Anwesenden. Denn, Schlag zwölf begann die Orgel zu spielen, und die schönste Stimme, welche in ganz Frankreich zu finden war, sang die Worte: » Minuit, Chrétiens! c'est l'heure solennelle Où l'Homme-Dieu descendit parmi nous! « Eine große Welle religiöser Andacht kam auf den kleinen Billy zugeströmt und überflutete ihn ganz; sie nahm 160 ihm den Boden unter den Füßen fort, brachte ihn aus dem Gleichgewicht, raubte ihm alles Selbstbewußtsein und ertränkte ihn in dem großen, brandenden Meer der Liebe – der Liebe zu Welt und Menschen, im Leben und Sterben, der unendlichen Liebesfülle für alles, was war und ist und sein wird – ein weites Gebiet, selbst für das Herz des kleinen Billy. Und ihm war, als strecke er die Arme aus nach Liebe, nach der Liebe einer ihm vor allen andern teuern Gestalt, die hoch aufgerichtet vor seinen Augen stand und auch ihm die Arme entgegenstreckte im gleichen, nicht zu stillenden Verlangen. Es war nicht die dornengekrönte Duldergestalt, denn sie trug die Züge eines Weibes; doch nicht die der heiligen Jungfrau, der Mutter unseres Herrn und Heilands. Es war Trilby, Trilby, Trilby! eine arme gefallene Sünderin, die sich verirrt und fast verloren hatte im Schlamm der verderbtesten aller Städte. Trilby, die schwach und sterblich wie er, der Vergebung so sehr bedurfte! Aus ihren grauen Taubenaugen strahlte ihm eine grenzenlose Liebe entgegen, die ihn tief beschämte; denn er wußte wohl, daß diese unerschöpfliche Liebesquelle sein eigen sei und ewig bleiben würde, mochte auch kommen, was da wolle. » Peuple, debout! Chante ta délivrance! Noël! Noël! Voici le Rédempteur! « So sang jener volle, tiefe, metallreiche Bariton, daß es klang und schwoll und wiederhallte, hoch über Orgelton und Weihrauchduft und über der ganzen Welt – bis vor 161 dem Donnerschall der frohen Botschaft von Liebe und Versöhnung das All zu erbeben schien. Wenigstens kam es dem kleinen Billy so vor, der stets unter dem Einfluß der Musik in eine gesteigerte Gefühlserregung geriet; die menschliche Singstimme besonders besaß eine große Macht über ihn, und drang ihm bis ins innerste Herz – wenn es auch nur eine Männerstimme war. Und nur die großartigste, erhabenste und gewaltigste Stimme vermag einer solchen Botschaft den würdigen Ausdruck zu verleihen. Sie ist ja der Inbegriff und der innerste Kern alles Segens, welcher der gesamten Menschheit zu teil geworden ist. Der kleine Billy kehrte in jener Nacht in sehr erhobener Stimmung nach dem Hotel Corneille zurück; so stolz und demütig zugleich wie er sich noch nie gefühlt. Aber ach, wir sind der Spielball niedriger, alltäglicher, gemeiner Erdendinge! Auf der Schwelle saß Ribot, einer seiner Hausgenossen, dessen Zimmer gerade unter seinem eigenen lag. Er rauchte zwei Zigarren auf einmal, und war so betrunken, daß er die Klingel nicht finden konnte. Aber die Stimme hatte er noch nicht verloren; er sang aus vollem Halse, doch nicht das Noël von Adam. Er war auch nicht zum Réveillon in der Kirche gewesen. Mit Hilfe eines schläfrigen Kellners brachte der kleine Billy den Trunkenbold in sein Zimmer, zündete ihm das 162 Licht an, befreite sich aus seinen zärtlichen Umarmungen und überließ es ihm, sich nach Gefallen auf dem Boden herumzuwälzen. Als er im Bett lag und trachtete, sich die hohen und tiefen Gemütsbewegungen des Abends zurückzurufen, hörte er unten den Saufbruder umherstolpern und sein sinnloses Gebrüll fortsetzen:                   »Allons, Glycère!                   Rougis mon verre Du jus divin, dont mon coeur est toujours jaloux...                   Et puis à table                   Bacchante aimable Enivrons-nous! Les g-glougloux sont des rendezvous!...« Dann hörte das Singen eine Weile auf und man vernahm andere Töne, wie an Bord eines Kanaldampfers. Ein richtiges glouxgloux ! Nun ergriff den kleinen Billy die Angst, der Betrunkene könnte vielleicht seine Bettvorhänge anstecken, und das vertrieb ihm vollends alle himmlischen Gefühle für diese Nacht . . . Ganz außer sich vor Furcht, Ekel und Entrüstung lag unser Held mit offenen Augen da, strengte seinen Geruchsinn an, um sofort zu merken, wenn Kattun oder Musselin in Brand geriete, und fragte sich, wie nur ein gebildeter Mensch – denn Ribot war Student der Rechtswissenschaft – sich so zum Tier erniedrigen könnte? Es war eine Schmach und Schande, eine Entwürdigung sondergleichen. Leute wie Ribot verdienten keine Vergebung, nicht einmal 163 am Weihnachtsfest. Er wollte sich bei der Wirtin, Madame Paul, beklagen, wollte Ribot hinauswerfen lassen, oder selbst gleich am nächsten Morgen ausziehen! Zuletzt schlief er doch ein vor lauter Gedanken an alles, was er thun wollte – und auf so schmähliche und lächerliche Art endete der Réveillon für den kleinen Billy. Am nächsten Morgen führte er wirklich Klage bei Madame Paul, kündigte jedoch die Wohnung nicht und bestand auch nicht auf des Mieters Ausweisung. (Ribot war, wie er ohne jegliches Mitleid vernahm, › bien malade ce matin ‹). Doch äußerte er sich mit großer Strenge über das Betragen jenes Herrn, und wie gefährlich es sei, einem Betrunkenen in einem kleinen Schlafzimmer mit Kattunvorhängen ein brennendes Licht anzuvertrauen. Ohne seine Dazwischenkunft hätte Ribot die Nacht auf der Thürschwelle zubringen müssen, und damit wäre ihm nur sein Recht geschehen! Er war wirklich erhaben in seiner tugendhaften Entrüstung, trotz seines mangelhaften Französisch. Madame Paul aber fühlte sich ganz zerknirscht an Stelle ihres sündhaften Mieters, und brachte die wortreichsten Entschuldigungen vor. So fing denn der kleine Billy seinen einundzwanzigsten Weihnachtstag wie der Pharisäer an, und dankte Gott, daß er nicht war wie Ribot!     Vierter Teil.                     » Félicité passée                     Qui ne peut revenir,                     Tourment de ma pensée, Que n'ai-je en te perdant, perdu le souvenir! «         Die Mittagsstunde hatte bereits geschlagen, aber der mit der Post erwartete Eßkober war noch immer nicht auf dem Platz St. Anatole des Arts abgeliefert worden. Madame Vinards Kücheneinrichtungen waren sämtlich getroffen. Trilby und Angèle Boisse standen schon mit aufgestreiften Ärmeln da, um gleich anfangen zu können. Nach zwölf Uhr setzten sich die trois Angliches und die beiden schönen blanchisseuses mit sehr sorgenvollem Gemüt zum Frühstück, und so groß war ihre Unruhe, daß sie zusammen eine ganze Gänseleberpastete verzehrten und zwei Flaschen Burgunder austranken. Ihre Gäste waren um sechs Uhr eingeladen. Nachdem sie den Tisch aufs feinste mit einem aus dem Hotel de Seine entlehnten Tafeltuch gedeckt hatten, berieten sie, wer wessen Tischnachbar sein sollte, stritten sich darüber und warfen die Tischordnung wieder um, wobei Trilby sehr 166 entschieden auftrat, wie es in solchen Dingen ihre Gewohnheit war. Sie hatte gar kein Recht dazu, setzte aber doch schließlich ihren Willen durch. Das war wieder einmal ihr eingefleischtes Trilbytum, wie der Laird bemerkte. Es schlug zwei Uhr – drei – vier – kein Eßkober ließ sich sehen! Schon fing es an, dunkel zu werden. Es war rein zum verzweifeln! Sie knieten auf dem Sofa, stützten die Ellenbogen auf das Fenstersims und sahen längs des Quais eine Straßenlaterne nach der andern aufleuchten. Mochten sie aber ihre Augen noch so sehr anstrengen, um in der Dämmerung den Postkarren des Chemin de Fer du Nord zu erspähen, es schimmerten doch nur die Umrisse der düstern Morgue vom jenseitigen Flußufer zu ihnen herüber. Endlich fuhr der Laird mit Trilby in einer Droschke nach dem Bahnhof. Aber siehe da, noch ehe sie von der langen Fahrt zurückkehrten, war der schmerzlich erwartete Kober punkt sechs Uhr eingetroffen. Mit ihm zugleich aber kamen Durien, Vincent, Antoine, Lorrimer, Carnegie, Petrolicoconose, Dodor und l'Zouzou – die beiden letzteren, wie gewöhnlich, in Uniform. Das Atelier, in dem Taffy und der kleine Billy hoffnungslos und verzagend am Ofen gesessen hatten, und das noch soeben stumm, düster und trübselig dagelegen, verwandelte sich mit einem Schlage in den Schauplatz der lärmendsten, eifrigsten und fröhlichsten Thätigkeit. Die drei 167 großen Lampen wurden angezündet, und alle Papierlaternen brannten. Braten und Pudding, die pièces de résistance, verschwanden mit Trilby, Angèle und Madame Vinard nach anderen Regionen – der Portierwohnung und Duriens Atelier, die für den Zweck zur Verfügung standen – und sämtliche Anwesende beteiligten sich an den Vorbereitungen zum Festschmaus; niemand durfte müßig bleiben, es gab Arbeit für alle. Würstchen wurden gebraten, als Beilage zum Truthahn, Füllsel und Saucen bereitet; Salat angerührt und Punsch gebraut. Überall gab es Gehänge von Stechpalmenzweigen anzubringen und tausenderlei anderes zu thun. Wie geschickt und anstellig sie alle waren, und dabei so gutgelaunt, daß keiner dem andern im Wege stand – nicht einmal Carnegie, der (wie der Laird mit Entzücken bemerkte) seinen Frack angezogen hatte. Deshalb wählte man ihn auch zum Küchenjungen, ließ ihn Gemüse putzen, Geschirr spülen, Kartoffeln schälen u. dgl. Das Essen zu bereiten war fast ein größerer Spaß als es zu verzehren, und trotz der vielen Köche ward nicht einmal der Brei, d. h. die Suppe, verdorben (Cockaleekie, nach einem Rezept des Laird). Erst um zehn Uhr konnte das Göttermahl seinen Anfang nehmen. Zouzou und Dodor, die von allen Köchen die thätigsten und nützlichsten gewesen waren, schienen ganz zu vergessen, daß sie zu dieser Stunde beide wieder in ihren Kasernen 168 hätten sein sollen, denn es war ihnen nur la permission de dix heures bewilligt worden. Wenn sie überhaupt daran dachten, so machte ihnen doch die Gewißheit, daß Zouzou am nächsten Morgen abermals zum Gemeinen degradiert werden, und Dodor einen ganzen Monat keinen Urlaub erhalten würde, nicht die geringste Sorge. Ebenso gut wie die Küche war auch die Bedienung. Die hübsche, lebhafte, entschlossene Madame Vinard war an hundert Orten zugleich und trieb mit Schimpfen und Schelten auch ihren Gatten zur Rührigkeit. Die niedliche, kleine Madame Angèle bewegte sich sehr zierlich und leise wie ein Mäuschen; wobei jedoch beide Frauen ganz vergnüglich an der allgemeinen Unterhaltung teilnahmen, sobald diese auf Französisch geführt wurde. Trilby, groß, stattlich, anmutig und doch gleichfalls rasch zur That, obwohl sie mehr einer Diana oder Juno als einer Hebe glich, widmete sich insbesondere ihren eigenen Günstlingen – Durien, Taffy, dem Laird, dem kleinen Billy – auch Dodor und Zouzou, denen sie sehr gewogen war und die sie duzte, wie zwei gute Kameraden, während sie ihnen die besten Leckerbissen anbot. Die beiden kleinen Vinards gaben sich die größte Mühe, rührten die Pasteten nicht an und zerbrachen nur zwei Ölflaschen und eine Konservenbüchse, worüber ihre Mutter sehr in Harnisch geriet. Um sie zu trösten, setzte der Laird die Kinder auf seine Kniee, und fütterte sie mit Plumpudding und vielen 169 andern guten Sachen, die sie noch nie gegessen hatten und die ihren kleinen französischen Mägen gar nicht zuträglich waren. Der feine Carnegie hatte sich sein Lebtag noch nicht in so gemischter Gesellschaft befunden. Es erweiterte seinen Ideenkreis außerordentlich, auch brachten ihm Dodor und Zouzou, neben denen er saß, (der Laird hatte gemeint, es würde ihm gut thun, einen Gemeinen und einen einfachen Korporal zu Tischnachbarn zu haben), mehr Französisch bei, als er in den drei Monaten seines Pariser Aufenthalts bis jetzt gelernt hatte. Dies Französisch war ihre besondere Spezialität, eine Umgangssprache, die sich dem Gedächtnis einprägt, aber in diplomatischen Kreisen nicht gerade bevorzugt wird. Bei seiner kirchlichen Laufbahn hat es Carnegie jedoch nicht geschadet. Er ging ganz aus sich heraus und war der erste, der sich freiwillig erbot, ein Lied zum besten zu geben, nachdem die Pfeifen und Zigarren angezündet und die gebräuchlichsten Gesundheiten auf Ihre Majestät, auf Tennyson, Thackeray, Dickens und John Leech ausgebracht waren. Dies Lied, das einzige, welches er konnte, trug er mit krächzender Stimme und etwas schwerer Zunge auf Englisch vor; der Refrain aber war nach seiner Behauptung französisch, und lautete: » Viverler, viverler, viverler, vi Viverler companyie! « Zouzou und Dodor sagten ihm so viel Schmeichelhaftes über seine französische Aussprache, daß er sich nur 170 mit Mühe davon abbringen ließ, das Ganze noch einmal zu singen. Dann ließen sie sich alle der Reihe nach hören. Der Laird sang mit prächtigem Bariton: »Es lebe das Hochland, dideldumdei!« und man rief da capo . Der kleine Billy sang den ›kleinen Billy‹. Vincent sang: »Ein Segel naß, 'ne frische See, Ein Wind, der paßt und faßt \&c.« Die Worte dieses herrlichen Liedes sind der Melodie wie angegossen. Antoine sang: › Le Sire de Framboisy ‹. Stürmisches da capo . Lorrimer fühlte sich ganz besonders begeistert, verstieg sich bis zu Händels Hallelujah und spielte sogar die Klavierbegleitung dazu, fand jedoch nur geringen Beifall. Durien sang: » Plaisir d'amour ne dure qu'un moment Chagrin d'amour dure toute la vie... « Dies war sein Lieblingslied, ist auch eines der schönsten, die es überhaupt giebt. Er trug es wunderschön vor und es hat seitdem im Quartier latin allgemeine Aufnahme gefunden. Der Grieche konnte nicht singen und war klug genug, es bleiben zu lassen. 171 Zouzou gab ein famoses Loblied auf › le vin à quat sous ‹ ganz famos zum besten. Taffys Jagdlied im breiten Yorkshiredialekt klingt mir noch heute in den Ohren, besonders der Schluß: »Und wenn ihr nach des Lieds Bedeutung mich wollt fragen, So kann ich euch nur dies zur Antwort sagen: Ich weiß es nicht trali, ich weiß es nicht, trala! An Nancy denk' ich, mein Herz ihr schenk' ich, Trali, trala!« Taffys Stimme war so voll und kräftig und man fühlte ganz deutlich, daß Nancy ein liebes, süßes Mädchen sein müßte, wo und wann sie auch gelebt haben mochte. Es half nichts, Taffy mußte den Gesang, erst zu ihrer und dann zu seiner Ehre, noch zweimal wiederholen. Der tapfere Dragoner sang zuletzt noch zu aller Erstaunen auf Englisch: ›O Schwester mein‹, ans der Stummen von Portici, mit solchem Pathos und so rein und hoch und richtig, daß die Zuhörer mitten in ihrer lauten Fröhlichkeit auf einmal ganz weichmütig und gerührt wurden, wie das bei Engländern in der Fremde oft vorkommt, wenn sie in etwas angetrunkenem Zustand schöne Musik hören und an ihre, oder ihrer lieben Freunde liebe Schwestern jenseits des Meeres denken. Madame Vinard, die bei ihrem Weihnachtsschmaus auf dem Tritt saß, konnte nicht weiter essen; sie mußte zuhören und sich die Augen trocknen: Il est gentil tout plein, ce 172 dragon! sagte sie zu Madame Boisse, die bescheiden neben ihr stand. » Mon Dieu, comme il chante bien! Il est Angliche aussi, il paraît. Ils sont joliment bien élevés tous ces Angliches - tous plus gentiles les uns que les autres, et quant à Monsieur Kleinerbili, on lui donnerait le bon Dieu sans confession! « Und Madame Boisse war ganz ihrer Meinung. Nun kamen Svengali und Gecko; es war Zeit zum Abendessen und der Tisch mußte von neuem gedeckt und geschmückt werden. Bei dieser Mahlzeit ging es womöglich noch heiterer zu als vorhin beim Mittag, denn die eigentliche Eßlust war gestillt und alle sprachen zu gleicher Zeit – der beste Beweis für eine gehobene Stimmung. Nur wenn Antoine einiges aus seinem Leben berichten wollte, hörte man ihm zu. Er erzählte unter anderm, er habe sich einmal einen Monat lang nicht aus dem Hause getraut, um den Manichäern nicht in die Hände zu fallen. Dann aber konnte er es nicht länger aushalten und ging Sonntag morgens nach den Bains Deligny, wo er unvorsichtigerweise in eine zu tiefe Stelle geriet. Ein kühner Schwimmer rettete ihn zwar aus dem nassen Grabe, aber ach, es war Sartory, sein Schuhmacher, dem er sechzig Franken schuldete, gerade der Gläubiger, vor dem ihm am meisten gebangt hatte – auch wurde er so bald nicht wieder losgelassen. Svengali äußerte hierauf, er wäre Sartory auch 173 sechzig Franken schuldig – » Mais comme che ne me baigne chamais, che n'ai rien à craindre! « Das rief ein schallendes Gelächter hervor; Svengali aber war stolz darauf; er hatte seiner Meinung nach einen besseren Witz gemacht als Antoine, und schmeichelte sich, diesmal die Lacher auf seiner Seite zu haben. Nach dem Essen spielten Svengali und Gecko so wundervoll, daß alle Gäste wieder nüchtern wurden und neuen Durst bekamen. Man brachte die grünbekränzte Punschbowle herbei, stellte sie mitten auf den Tisch, und rings herum reine Gläser. Dodor und Zouzou forderten nun Trilby und Madame Boisse zum Tanze auf. Ihr Cancan war unbeschreiblich komisch für die Zuschauer, aber doch ganz ehrbar und anständig. Der Laird gab einen schönen Schwerttanz zum besten; dann entblößte Taffy, zur allgemeinen Bewunderung, seine mächtigen Arme, und machte allerlei Kraftübungen, wobei er den kleinen Billy statt der Hanteln benutzte, und ihn fast in die Punschbowle fallen ließ. Als er aber einen zinnernen Löffel mit Dodors Säbel zerhauen wollte, flog der Löffel durchs Fenster, worüber Taffy ergrimmte, und schalt, daß die französischen Säbel von noch schlechterem Metall wären als die französischen Löffel. Da blinzelte der Laird dem kleinen Billy zu und meinte sehr salbungsvoll: dergleichen fabriziere man eben besser in England. Nun kamen Hahnenkämpfe an die Reihe. Das ist 174 ein sehr hübsches Spiel: Jedem der beiden Gegner werden die Handgelenke über dem Schienbein festgebunden und ein Besenstiel dazwischen durchgesteckt. So gefesselt setzt man sie einander gegenüber und sie müssen versuchen, sich mit den Füßen umzuwerfen. Der Dragoner und der Zuave wurden dabei so wütend, und ihr Anblick war so unbeschreiblich komisch, daß die ganze Gesellschaft glaubte, vor Lachen bersten zu müssen. Als der Lärm gar kein Ende nehmen wollte, kam ein sergent de ville herein und forderte sie höflich auf, sich etwas stiller zu verhalten, sie brächten das ganze Quartier in Aufruhr; draußen sei schon ein förmliches rassemblement . Natürlich machten sie den Polizisten betrunken und einen zweiten, der nach seinem Kameraden sehen wollte, gleichfalls, und auch einen dritten. Die Pariser Sicherheitswächter mußten sich darauf am Hahnenkampf beteiligen; sie waren noch drolliger, als die beiden Soldaten und schrieen, lachten und tobten noch lauter, als alle übrigen, so daß Madame Vinard sich ins Mittel legte. Bald waren sie so berauscht, daß sie nicht mehr sprechen konnten und fest einschliefen, worauf man sie, einen neben den andern, hinter den Ofen legte. Die fin de siècle Leser, welche sich mit Abscheu von einem Trinkgelage abwenden, wie ich es eben zu beschreiben versucht habe, möchte ich daran erinnern, daß das alles in den fünfziger Jahren geschehen ist. Damals erlaubten sich noch die anständigsten Herren, beim Nachhausegehen fremde 175 Thürklingeln abzureißen, ja sie kamen betrunken vom Derbyrennen zurück und tranken sogar nach Tische zu viel, ehe sie zu den Damen ins Gesellschaftszimmer gingen. Das alles hat John Leech durch seine unsterblichen Sitten- und Charakterbilder im Punch für die Nachwelt getreulich aufgezeichnet und dargestellt.   Monsieur und Madame Binard, Trilby und Angèle Boisse wünschten den Herrschaften nun Gute Nacht. Trilby war die letzte, welche sich empfahl; der kleine Billy begleitete sie bis zur Treppe, und dort sagte er zu ihr: »Neunzehnmal habe ich dich schon gefragt, Trilby, und du hast dich stets geweigert. Heute, am Weihnachtsfest, frage ich dich zum zwanzigstenmal – willst du mich heiraten – Sagst du nicht ja , so verlasse ich morgen früh Paris und komme niemals wieder. Das schwöre ich, bei meiner Ehre!« Trilby wurde leichenblaß; sie lehnte sich gegen die Wand und fing an zu weinen. Der kleine Billy zog ihr die Hände vom Gesicht. »Antworte mir, Trilby!« »Gott verzeih' mir, ja! « rief sie und lief rasch die Treppe hinunter. Es war bereits sehr spät geworden.   Bald erkannte jedermann, daß der kleine Billy ganz ungewöhnlich guter Dinge war und in einem sehr aufgeregten Gemütszustand. 176 Er forderte Svengali auf, sich mit ihm zu boxen, schlug ihm die Nase blutig und jagte ihm solche Angst ein, daß er seine hämischen Witze hinunterschluckte. Er gab ganz wunderbare und überraschende Proben seiner Kraft zum besten. Er schwor Zouzou und Dodor ewige Freundschaft, füllte ihre Gläser immer wieder, auch (in aller Unschuld) sein eigenes, und trank ihnen fortwährend zu. Sie blieben bis ganz zuletzt, und zwischen fünf und sechs Uhr morgens befand er sich zu seiner Überraschung Arm in Arm mit Zouzou und Dodor bei scharfem Wind und hellem Mondschein in der Rue Vieille des Mauvais Ladres. Bald waren sie auf einer Seite des gefrorenen Rinnsteins, bald auf der andern, dann gerade in der Mitte; von Zeit zu Zeit stand er still, um ihnen zu sagen, daß sie zwei famose Kerle wären, und wie lieb er sie hätte. Nicht lange, so flog ihm der Hut vom Kopfe, und rollte, hüpfte und sprang die enge Straße hinunter. Sobald sie einander aber losließen um ihm nachzulaufen, setzten sie sich merkwürdigerweise alle drei auf den Boden. Dodor und der kleine Billy blieben mit den Füßen im Rinnstein sitzen, und umschlangen sich mit den Armen, während Zouzou auf allen Vieren dem Hute nachkroch, ihn glücklich einholte und seine Beute im Munde zurückbrachte, wie ein betrunkener Jagdhund. Der kleine Billy lachte und weinte vor Dankbarkeit und sie saßen noch eine Weile in Liebe und Freundschaft beisammen, bis es ihnen gelang, 177 einander wieder auf die Beine zu helfen. Auf welche Art sie endlich das Hotel Corneille erreichten, darüber schweigt die Weltgeschichte. Sie setzten den kleinen Billy auf die Schwelle der Hausthür und zogen die Klingel. Da sie aber gerade jemand über den Odeonsplatz kommen sahen, und fürchteten es möchte ein Schutzmann sein, nahmen sie rasch, aber sehr zärtlich, vom kleinen Billy Abschied. Sie küßten ihn noch auf beide Wangen, wie es französische Sitte ist, und machten dann, daß sie um die Ecke kamen und den Blicken entschwanden. Der kleine Billy aber versuchte Zouzous Trinklied            »Quoi de plus doux            Que les glougloux - Les glougloux du vin à quat' sous...« Der Fremde kam näher. Zum Glück war es kein Polizist, sondern Ribot, der gerade von einer Weihnachtsfeier mit nachfolgendem Ball im Familienkreise bei seiner Tante, Madame Kolb (der Frau des Elsässer Bankiers), heimkehrte. Am nächsten Morgen war der arme kleine Billy schrecklich krank. Er hatte eine entsetzliche Nacht in seinem Bette verlebt, das sich wie die Wellen des Ozeans hob und senkte, und die Folgen waren nicht ausgeblieben. Sein Licht hatte er zu löschen vergessen, aber es war zum Glück von Ribot ausgeblasen worden, nachdem ihn dieser gute Samariter zu Bett gebracht und warm zugedeckt hatte. 178 Als ihm Madame Paul am andern Morgen eine Tasse tisane de chiendent brachte, war sie zwar freundlich, ermahnte ihn aber wie eine Mutter und sprach in sehr strengem Ton über die Schande und die Gefahren der Trunksucht. »Wenn der gute Monsieur Ribot nicht dazugekommen wäre,« sagte sie, »würden Sie die Nacht über vor der Hausthür gelegen haben, und niemand wird behaupten wollen, Sie hätten das nicht verdient. Und dann bedenken Sie nur, welchen Schaden ein Betrunkener anrichten kann, dem man in einem kleinen Schlafzimmer mit Kattunvorhängen, ein brennendes Licht anvertraut!« »Ribot war so freundlich, mein Licht auszulöschen,« sagte der kleine Billy sehr kleinlaut. » Ah Dame! « rief Madame Paul mit bedeutsamem Nachdruck – » an moins il a bon coeur, Monsieur Ribot! « Am grausamsten aber waren die Gewissensbisse des kleinen Billy, als der gutmütige und unverbesserlich festfrohe Ribot neben ihm am Bette saß, sich freundlich teilnehmend nach seinem Befinden erkundigte und ihm (hinter Madame Pauls Rücken) eine Herzstärkung aus der Apotheke holte. » Credieu! vous vous êtes crânement bien amusé, hier soir! quelle bosse, hein! je parie, que c'était plus drôle que chez ma tante Kolb! « Das alles brauche ich wohl nicht zu übersetzen, außer dem Wort bosse , was so viel wie noce heißen soll, und ein lustiges kleines Trinkgelage bedeutet. 179 In seinem ganzen, unschuldigen kleinen Leben, hatte der kleine Billy eine solche Demütigung, solchen schimpflichen Abgrund von Elend, Schmach und Reue auch nicht einmal im Traum für möglich gehalten. Es lag ihm nichts mehr am Leben. Er hatte nur noch den einen Wunsch: daß Trilby, die liebe, freundliche Trilby kommen möchte, sein Haupt an ihrer Brust betten und ihm ihre sanfte Hand kühlend auf die brennende Stirn legen. So wollte er einschlafen und sterben! Obgleich er nun aber kein anderes Ruhekissen für sein schmerzendes Haupt hatte, als das Polster seines Bettes im Hotel Corneille, so schlief er doch, schlief und schlief, und starb diesmal noch nicht. Als aber, nach etwa achtundvierzigstündigem Schlaf, sein Kopf ganz frei war von den Dünsten jener wüsten Schwelgerei am Christfest, fand er, daß eine ebenso traurige, wie seltsame Veränderung mit ihm vorgegangen sei. Es war, als habe ein befleckender Hauch den Spiegel seiner Erinnerung berührt, und eine Trübung darauf zurückgelassen, so daß er aus seinem früheren Leben nichts mehr mit der alten ursprünglichen Klarheit darin zu erblicken vermochte. Seine Fähigkeit, sich Vergangenes mit allem Glanz und allem Reiz lebendig ins Gedächtnis zu rufen, schien stumpf und roh geworden zu sein. Es hatte ihm stets besondere Freude gemacht, sich Gefühle, Gemütsbewegungen und Erlebnisse noch einmal zu vergegenwärtigen, sie gleichsam durch die Kraft seines Willens wieder zur Wirklichkeit werden 180 zu lassen. Von diesem Genuß war der zarte Blütenstaub jetzt wie weggewischt. Und er erlangte jene unbezahlbare Gabe, die er seiner Jugend und einer glücklichen Kindheit verdankte, und die er, ohne es zu wissen, in so seltener Vollkommenheit besessen hatte, nie wieder in gleichem Maße. Er sollte bald noch andere kostbare Fähigkeiten seiner allzu reichen und mannigfachen Natur verlieren, die erst beschnitten, gelichtet und veredelt werden mußte, damit seine eine höchste Anlage, die Begabung zur Malerei, Spielraum finden könne, sich aufs vollkommenste zu entfalten; sonst hätte man bei ihm vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen (oder vice versa – wenn das richtiger ist). * * * Am Neujahrstag saßen Taffy und der Laird im Atelier bei ihrer Arbeit, als an die Thür geklopft wurde, und Monsieur Vinard, ehrerbietig, mit der Mütze in der Hand, zwei Fremde hereinführte, eine englische Dame und einen Herrn. Der Herr, ein Prediger, war klein, mager, breitschulterig, kurzsichtig, langhalsig und sprach mit trockener Höflichkeit. Die Dame stand im mittleren Lebensalter, sah aber noch jung aus, trotz ihres ergrauten Haars, hatte zierliche Hände und Füße, war klein, doch sehr hübsch, und geschmackvoll gekleidet. Sie war die Mutter des kleinen Billy; der Prediger war ihr Schwager. Als die beiden Maler den kummervollen Ausdruck im 181 Gesicht der Eintretenden sahen, verging ihnen der Mut, sie wegen der Nachlässigkeit ihres Anzugs und dem Tabaksgeruch, der den ganzen Raum erfüllte, um Entschuldigung zu bitten. Die Mutter des kleinen Billy erkannte die Herren auf den ersten Blick, nach den Skizzen und Beschreibungen in ihres Sohnes Briefen. Nachdem alle vier Platz genommen, entstand eine kurze, verlegene Pause; dann wandte sich Frau Bagot an Taffy: »Wir sind in der schrecklichsten Aufregung, Herr Wynne. Ich weiß nicht, ob mein Sohn Ihnen mitgeteilt hat, daß er seit Weihnachten verlobt ist und entschlossen zu heiraten!« »Zu – heiraten!« riefen Taffy und der Laird wie mit einem Munde. Das war in der That eine Neuigkeit! »Ja, eine Miß Trilby O'Ferrall, die sich, nach seinen Äußerungen zu urteilen, in einer ganz anderen gesellschaftlichen Stellung befinden muß als er selbst. Kennen Sie die Dame, Herr Wynne?« »O ja, ich kenne sie sehr gut; wir kennen sie alle.« »Ist sie Engländerin?« »Sie ist eine britische Unterthanin, glaube ich.« »Ist sie protestantisch oder katholisch?« fragte Herr Bagot. »Hm – ja – das weiß ich wahrhaftig nicht.« »Sie kennen sie sehr gut , und doch wissen Sie das nicht, Herr Wynne!« rief der Geistliche. »Ist sie eine gebildete Person, eine Dame?« fragte Frau Bagot etwas ungeduldig, als ob das weit wichtiger wäre. 182 Inzwischen hatte der Laird seinen Freund schmählich im Stich gelassen. Er war in das Schlafzimmer gegangen, von dort durch eine andere Thür auf die Straße, und hatte das Weite gesucht. »Eine Dame?« wiederholte Taffy; »ja, wissen Sie – es fragt sich nur, was man darunter versteht; hier ist alles so – so – ganz anders. Ihr Vater war, glaube ich, ein gebildeter Mann – hatte in Cambridge studiert – ein Prediger – wenn das etwas zur Sache thut . . . er wurde vom Mißgeschick verfolgt, wenn ich nicht irre – auch war er, fürchte ich, etwas dem Trunk ergeben, und es wollte ihm nichts glücken. Seit sechs oder sieben Jahren ist er tot.« »Und ihre Mutter?« »Von ihrer Mutter weiß ich wirklich sehr wenig, außer daß sie sehr hübsch gewesen ist. Sie war, glaube ich, aus niedrigerem Stande als ihr Gatte. Sie ist auch tot; bald nach ihm gestorben.« »Was ist denn das Fräulein? Vielleicht englische Erzieherin oder dergleichen? Giebt sie Unterricht?« »O nein, nein – nichts der Art,« sagte Taffy. (Inwendig aber fügte er hinzu: »Dieser Laird, dieser feige, hinterlistige Schotte, dieser Schleicher – mich so allein in der Patsche stecken zu lassen!«) »Dann hat sie wohl Vermögen – eigene Mittel für ihren Unterhalt?« 183 »Hm – nicht daß ich wüßte; ich glaube, sie hat gar keine.« »Aber was ist sie denn? Hoffentlich doch wenigstens etwas Anständiges!« »Augenblicklich ist sie – blanchisseuse de fin – das gilt hier für ein sehr anständiges Gewerbe.« »Was? – Ist das nicht dasselbe wie eine Wäscherin?« »Nun, doch wohl nicht ganz dasselbe; – de fin, wissen Sie; hier in Paris sieht man eben die Sachen so sehr anders an. Ich glaube, Sie würden nicht finden, daß sie einer Wäscherin gleicht – dem Aussehen nach.« »Ist sie denn so hübsch?« »O ja, ungewöhnlich hübsch; das kann man wohl sagen – sehr schön sogar. Hierüber ist wenigstens nicht der geringste Zweifel.« »Und von unbescholtenem Ruf?« Taffy wurde rot und schwitzte wie bei seinen Turnübungen; sein Gesicht drückte die kläglichste Verlegenheit aus – und er schwieg. Ein Blick voll des unbeschreiblichsten Jammers traf ihn aus den besorgten Mutteraugen, die bange auf ihn gerichtet waren. Nach einer kurzen, höchst peinlichen Stille sagte sie: »O, Herr Wynne – können Sie mir keine Antwort geben?« »Beste Frau Bagot– Sie bringen mich in eine schreckliche Lage! Ich – ich liebe Ihren Sohn wie meinen eigenen Bruder. Seine Verlobung ist mir eine vollkommene – 184 sehr schmerzliche Überraschung. Ich habe wohl an mancherlei Möglichkeiten gedacht – nur an das nicht! Ihnen kann und darf ich nicht verhehlen, daß die Heirat für Ihren Sohn durchaus nicht wünschenswert wäre – in den Augen der Welt nämlich – obgleich wir, sowohl ich als mein Freund Mc. Allister, die aufrichtigste wärmste Hochachtung für die arme Trilby O'Ferrall hegen – ja ich kann wohl sagen, große Bewunderung, Zuneigung und Verehrung. – Sie war früher Modell.« »Modell, Herr Wynne? Was für ein Modell – es gibt natürlich Modelle der verschiedensten Art.« »Nun, ein Modell von jeder Art, in jedem Sinne des Wortes. Für den Kopf, die Hände, die Füße, für alles.« »Doch nicht – die Figur?« »Nun ja – auch das.« »O mein Gott! mein Gott! – Frau Bagot war aufgesprungen; sie schritt jetzt in der entsetzlichsten Gemütsbewegung im Atelier auf und ab. Der Schwager folgte und bat sie, sich zu fassen – aber sie hörte nicht auf ihn. »O Herr Wynne, Herr Wynne, wenn Sie nur wüßten, wie sehr mein Sohn mir ans Herz gewachsen ist – wie er unser alles ist – von jeher. Noch nie im Leben haben wir ihn von uns gelassen, bis er hierher kam, in diese gottlose, verruchte Stadt. Mein seliger Mann wollte nicht zugeben, daß er eine Schule besuchte, aus Furcht, er möchte dort Dinge lernen, die ihm schaden könnten. Mein Sohn 185 war so reinen Herzens, so unschuldig wie ein junges Mädchen; ich konnte mich unbedingt auf ihn verlassen – und deshalb gab ich auch endlich nach, als er nach Paris wollte. O ich thörichte Mutter! Ich hätte ihn nicht allein lassen sollen an diesem verderbten Ort; ich hätte bei ihm bleiben müssen – ich arme, arme Thörin! . . . . . »Er weigert sich sogar uns zu sehen – mich, seine Mutter und seinen Onkel! Im Hotel habe ich einen Brief von ihm vorgefunden, in dem er sagt, er habe Paris verlassen – ich weiß nicht einmal wo er jetzt ist! . . . . . Könnte nicht einer von Ihnen – Sie selbst Herr Wynne, oder Herr Mc. Allister – irgend etwas versuchen, um diesen Jammer, dies Elend abzuwenden? – Sie glauben nicht, wie lieb er Sie beide hat – Sie sollten nur seine Briefe an mich und meine Tochter lesen – die sind immer ganz voll von Ihnen.« »Verlassen sie sich darauf, Frau Bagot, daß Mc. Allister und ich alles thun werden, was in unserer Macht steht. Aber jeder Versuch, Ihren Sohn zu beeinflussen wäre ganz umsonst, davon bin ich überzeugt. Sie ist es, an die wir uns wenden müssen.« »O, Herr Wynne, was soll das nützen! Eine Wäscherin – ein Modell – und der Himmel weiß was sonst noch – der ein solches Glück in den Schoß fällt! –« »Sie kennen sie nicht, Frau Bagot. Was sie auch gewesen sein mag – es wird Ihnen seltsam vorkommen – 186 mir selbst erscheint es wunderbar – aber – bei meiner Ehre – ich halte sie für das beste, selbstloseste Geschöpf, das ich kenne, für das treuste –« »Ah! Sie muß sehr schön sein – das ist mir jetzt ganz klar!« »Sie hat eine schöne Seele, Frau Bagot – mögen Sie es glauben oder nicht. An diese will ich mich wenden, als der Freund Ihres Sohnes, dem sein Wohl am Herzen liegt. Ich nehme gewiß großen Anteil an der augenblicklichen Bekümmernis Ihres Mutterherzens, aber doch gestehe ich, daß ich noch weit mehr Gram und Schmerz empfinde, wenn ich an sie denke.« »Ist es möglich! Sie thut Ihnen leid, wenn sie meinen Sohn heiratet!« »Das nicht – sondern wenn sie auf die Heirat verzichtet. Ich kann mich vielleicht irren – aber ein inneres Gefühl sagt mir, daß sie es thun wird.« »Das ist doch sehr unwahrscheinlich.« »Ich will thun was ich kann, es dahin zu bringen. Bei meinem felsenfesten Vertrauen auf ihre selbstlose Herzensgüte, und bei der leidenschaftlichen Liebe, die sie zu Ihrem Sohne gefaßt hat –« »Woher wissen Sie denn, daß sie ihn so leidenschaftlich liebt?« »Mc. Allister und ich haben es längst geahnt, obgleich wir nicht glaubten, daß es diesen Ausgang nehmen würde. 187 Vor allem sollten Sie sie erst einmal selbst sehen; Sie würden einen ganz anderen Begriff von ihr bekommen; ich sage Ihnen, Sie würden sich verwundern.« Frau Bagot zuckte die Achseln und einige Minuten vergingen unter tiefem Schweigen. Da erscholl, gerade wie in einem Theaterstück, Trilbys Ruf: »Die Milch ist da!« vor der Thür. Sie erschien in dem kleinen Vorzimmer, wollte sich jedoch gleich wieder entfernen, als sie die Fremden gewahrte. Im Grisettenanzug, ihrem Sonntagskleid und dem hübschen weißen Häubchen, nahm sie sich sehr vorteilhaft aus. »Kommen Sie herein, Trilby!« rief Taffy. Und Trilby trat in das Atelier. Sobald sie Frau Bagots Gesicht sah, stand sie still, in aufrechter Haltung, die Schultern leicht in die Höhe gezogen, kreidebleich, mit großen, angstvoll blickenden Augen – eine rührende, schöne und vornehme Erscheinung, trotz ihrer einfachen Kleidung. Die kleine Dame stand auf und trat dicht an sie heran; sie mußte ordentlich zu ihr hinaufsehen. Trilby atmete schwer. Endlich sagte Frau Bagot: »Sie sind Miß Trilby O'Ferrall, nicht wahr?« »O ja, – – ich bin Trilby O'Ferrall; und Sie sind Frau Bagot, das sehe ich gleich!« Ihre volle, tiefe, weiche Stimme hatte einen neuen, ungewohnten Klang angenommen; sie war so tieftraurig, 188 so herzbewegend und paßte so wunderbar zu ihrem ganzen Aussehen und der Lage der Dinge, daß es Taffy kalt den Rücken hinunterrieselte und er fühlte, wie ihm das Blut in den Adern erstarrte. »Ja freilich – Sie sind schön – sehr, sehr schön – darüber ist kein Zweifel. Und Sie wünschen meinen Sohn zu heiraten?« »Ich habe es ihm neunzehnmal abgeschlagen – um seinetwillen; er kann Ihnen das selber sagen. Ich bin keine passende Frau für ihn, das weiß ich. Weihnachten machte er mir seinen Antrag zum zwanzigstenmal und schwor, er würde Paris am nächsten Morgen auf immer verlassen, wenn ich nicht einwilligte. Ich hatte nicht den Mut – es ging über meine Kräfte – und da – – Es war ein furchtbarer Irrtum!« »Lieben Sie ihn denn so sehr?« »Ob ich ihn liebe? – Thun Sie es denn nicht auch?« »Ich bin seine Mutter, mein gutes Kind.« Hierauf fand Trilby offenbar nichts zu erwidern. »Sie haben eben selbst gesagt, daß Sie nicht die richtige Frau für meinen Sohn wären. Wenn Sie ihn denn so lieb haben, werden Sie ihn doch nicht heiraten wollen, um ihn in den Staub zu ziehen, ins Verderben zu stürzen, sein Fortkommen in der Welt zu hindern, ihn von seiner Schwester, seiner Familie, seinen Freunden zu trennen?« Trilbys schmerzerfüllte Blicke suchten Taffys 189 kummervolle Augen. »Und wird das wirklich alles daraus entstehen, Taffy?« fragte sie. »O Trilby, es geht so vieles verkehrt auf dieser Welt und läßt sich nicht wieder gut machen. Ich fürchte, es wird wohl so sein. Es thut mir ganz unbeschreiblich leid – aber belügen kann ich Sie doch auch nicht.« »O nein, Taffy; ich weiß, Sie lügen nicht.« Trilby zitterte so heftig, daß Taffy sie bat, sich zu setzen, aber das wollte sie nicht. In schrecklicher Angst und atemloser Spannung – beinah flehend, sah Frau Bagot ihr ins Gesicht. Da reichte ihr Trilby mit freundlicher Miene ihre bebende Hand. »Leben Sie wohl! Ich werde Ihren Sohn nicht heiraten, das verspreche ich Ihnen. Ich will ihn nie wiedersehen!« Frau Bagot ergriff die ausgestreckte Hand, drückte sie und wollte sie küssen: »Gehen Sie noch nicht fort, Sie liebes, gutes Mädchen; ich möchte noch mit Ihnen sprechen, möchte Ihnen sagen, wie tief ich fühle, was –« »Leben Sie wohl,« wiederholte Trilby, machte ihre Hand los und verließ rasch das Zimmer. Frau Bagot schien ganz betroffen und nur halb zufrieden mit ihrem schnellen Triumph. »Die Frau Ihres Sohnes wird sie nicht werden,« sagte Taffy. »Ich wünschte nur zu Gott, daß sie mich heiraten wollte!« 190 »O Herr Wynne!« rief Frau Bagot, in Thränen ausbrechend. Der Prediger hustete, räusperte sich und sagte mit einem etwas spöttischen Lächeln: »Nun, wenn das sich einrichten ließe – das Fräulein würde schwerlich Widerspruch erheben (er machte Taffy eine schmeichelhafte Verbeugung), so wäre es ja für alle Teile höchst wünschenswert.« »Es ist außerordentlich gütig von Ihnen, werter Herr,« versetzte Taffy, »daß Sie sich so für meine bescheidenen Angelegenheiten interessieren. Sehen Sie – ich bin kein großes Genie wie Ihr Neffe, und was ich mit meinem Leben anfange, kümmert niemand viel, außer mich selbst. Aber ich kann Sie versichern – hätte Trilby mir ihr Herz zugewandt wie ihm – ich würde mit Freuden mein Geschick lebenslang mit dem ihrigen verbinden. Sie ist eine unter Tausenden. Die eine Sünderin, die Buße thut, wissen Sie.« »Ja so – jawohl, versteht sich – ich weiß das alles sehr gut. Aber, über gewisse Thatsachen läßt sich doch nicht hinwegsehen; die Welt ist eben die Welt, und wir müssen in ihr leben,« sagte der geistliche Herr, dessen spöttisches Lächeln vor dem Zornesblitz aus Taffys blauen Augen verschwunden war. Der gute Taffy sah stirnrunzelnd auf den Pfarrer herab (der ein höchst einfältiges Gesicht machte, wie das Menschen manchmal thun, die doch das Recht ganz auf ihrer Seite haben), und fuhr fort: »Ich kann Ihnen nicht sagen, 191 Herr Bagot, wie unbeschreiblich ich während dieser – höchst peinlichen Unterredung gelitten habe, da mir Trilby O'Ferrall die größte Hochachtung einflößt. Ihnen und Ihrer Schwägerin wünsche ich Glück zu dem vollständigen Sieg; Ihr Neffe thut mir aber aufrichtig leid. Er hat vielleicht mehr verloren, als er durch den – den gelungenen Ausgang dieser – dieser Verhandlung – gewinnen kann.« Mit Taffys Beredsamkeit war es aus; länger konnte er seine heftige Natur nicht bezwingen. Da trocknete Frau Bagot ihre Augen, trat zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit einfacher Herzlichkeit: »Ich glaube, ich weiß, wie Ihnen jetzt zu Mute ist, Herr Wynne. Bitte versuchen Sie, Nachsicht mit uns zu haben. Wenn wir fort sind und Sie ein wenig Zeit finden, zu überlegen, urteilen Sie vielleicht weniger hart. Was aber das schöne, hochherzige Mädchen betrifft, so wünschte ich nur, sie wäre der Art, daß mein Sohn sie heiraten könnte – ihr vergangenes Leben, meine ich. Ihr niederer Stand würde mich nicht erschrecken – ich meine das ganz aufrichtig, bitte glauben Sie mir! Und verdammen Sie auch die Mutter Ihres Freundes nicht allzusehr. Denken Sie an alles, was ich mit meinem armen Sohn noch werde durchmachen müssen. Er hat sich das Herz eines solchen Mädchens erobert und kann jetzt noch nicht einsehen, wie verderblich die Heirat für ihn wäre. Daß seine Liebe zu ihr so groß ist, wundert mich nicht. Ich begreife den Zauber, den sie ausübt, sehr 192 wohl, glaube auch trotz allem an ihre Güte. Und dabei ist sie so schön und hat eine so wunderbare Stimme. Das fällt natürlich alles in die Wagschale. Ich bedaure sie von ganzer Seele und wüßte ihr auch keinen Ersatz zu leisten. Ich werde es nicht einmal versuchen; für solchen Verlust gibt es keine Entschädigung. Nur schreiben will ich ihr, und ihr alles sagen, was ich denke und fühle. – Nicht wahr, Sie werden uns verzeihen?« Frau Bagot sprach mit so lebhaftem, warmem Gefühl, mit solcher Anmut und Aufrichtigkeit, und war dabei in ihrem Wesen dem kleinen Billy so lächerlich ähnlich, daß es dem großen Taffy das Herz rührte. Er hätte ihr alles vergeben, nur wußte er nicht was. »Aber ich bitte Sie, Frau Bagot – von Verzeihung kann ja gar keine Rede sein; alles liegt ja nur an den unglücklichen Verhältnissen, ich wüßte nicht, daß irgend jemand daran schuld wäre. – Leben Sie wohl – ich empfehle mich, Herr Bagot.« Er begleitete sie hinunter, bis zu der Mietkutsche, in der eine wunderhübsche junge Dame saß, mit bleichem, ängstlichem Gesicht. Sie glich dem kleinen Billy so auffallend, daß es ordentlich komisch war und das Herz des großen Taffy abermals rührte.   Als Trilby das Atelier verließ und in den Hof hinunter kam, sah sie Miß Bagot am Wagenfenster. Ihre Augen 193 begegneten sich und sie las in des Fräuleins Miene nur angenehme Überraschung und teilnehmende Bewunderung. Wie oft hatte der kleine Billy ihr solchen Blick zugeworfen und dabei ganz ebenso den Mund ein wenig geöffnet und die Augenbrauen in die Höhe gezogen. Sie erkannte seine Schwester sofort, und es schnitt ihr ins Herz. »Nein, nein,« sagte sie und wandte sich ab, »ich will ihn nicht von seiner Schwester, seiner Familie, seinen Freunden trennen. Das steht ein für allemal fest. Damit hat es nun keine Gefahr mehr.« Ihr war etwas wirr im Kopfe, und um sich zu sammeln, bog sie in die Rue Vieille des Mauvais Ladres ein, welche um diese Zeit ganz menschenleer zu sein pflegte. Die Straße war auch wie ausgestorben, nur eine einsame Gestalt saß auf einem Pfosten und ließ die Beine herabbaumeln; sie hatte die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife verkehrt im Munde, einen zerknitterten Strohhut auf dem Kopf, und ihr langer Überrock hing bis zu den Fersen herab. Es war der Laird. Sobald er sie gewahrte, sprang er von seinem Sitz herunter, kam auf sie zu und sagte: »O Trilby – was ist denn nur geschehen? Ich konnte es nicht aushalten und bin fortgelaufen. Die Mutter des kleinen Billy ist da!« »Ich weiß, lieber Sandy; ich komme eben von ihr!« »Nun, und was ist denn los?« »Ich habe ihr versprochen, den kleinen Billy nie wieder 194 zu sehen. Es war sehr thöricht von mir, mich mit ihm zu verloben. Immer wieder habe ich ihn abgewiesen während der letzten drei Monate; aber als er sagte, daß er Paris verlassen würde und nie wiederkommen, gab ich doch nach. Ich hatte mich erboten bei ihm zu leben, für ihn zu sorgen, seine Magd zu sein, alles zu thun was er wünschte – nur nicht seine Frau zu werden; aber er wollte nichts davon hören. O der liebe, liebe kleine Billy! Er ist so engelsgut. Durch mich soll ihm nie ein Leid geschehen, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich verlasse die abscheuliche Stadt und gehe aufs Land; irgendwie kann ich mir schon das Leben fristen. Ich weiß ein paar arme Leute, die mich früher sehr lieb hatten; bei denen will ich wohnen, ihnen bei der Arbeit helfen und für meinen Unterhalt sorgen. Nur über Jeannot bin ich noch im Zweifel. Ich habe es alles längst überlegt, wie Sie sehen; es traf mich nicht unvorbereitet.« Sie lächelte trübselig und preßte die Lippen fest aufeinander. »Aber Trilby, was sollen wir beide, Taffy und ich, denn ohne Sie anfangen? – Sie gehören doch nun einmal zu uns.« »O wie lieb und gut von Ihnen, das zu sagen!« rief die arme Trilby, deren Augen sich mit Thränen füllten. »Für dies Glück habe ich ja einzig und allein gelebt, bis das alles geschah. Aber jetzt kann es doch nicht mehr so weiter gehen, nicht wahr? Alles ist nun anders geworden, selbst der Himmel scheint mir nicht mehr derselbe. Ach 195 Duriens Liedchen: › Plaisir d'amour - chagrin d'amour ‹ ist nur allzu wahr. – Ich will mich nur gleich aufmachen und Jeannot mitnehmen; das wird am besten sein!« »Aber wohin wollen Sie denn gehen?« »Das darf ich Ihnen nicht sagen, lieber Sandy, bis nach langer, langer Zeit. Stellen Sie sich nur vor, was für Verdruß entstehen würde, wenn – nein, es ist keine Zeit zu verlieren; ich muß den Stier bei den Hörnern fassen.« Sie versuchte zu lachen, hielt ihn an dem großen Backenbart fest, küßte ihm Mund und Augen, und ihre Thränen benetzten sein Gesicht. Reden konnte sie nicht mehr; sie nickte ihm nur noch ein Lebewohl zu und schritt dann rasch die schmale, gewundene Straße hinunter. Als sie an die erste Biegung kam, drehte sie sich um, warf ihm noch ein paar Kußhände zu, winkte zum letztenmal, und verschwand. In tiefem Mitgefühl, bekümmert und niedergeschlagen, starrte der Laird ihr noch mehrere Minuten lang nach, die leere Straße hinunter. Dann füllte er seine Pfeife von neuem, zündete sie an, schwang sich wieder auf seinen Pfosten, saß dort mit baumelnden Beinen und schlug die Hacken an einander. So wartete er bis die Kutsche mit den Bagots fortfahren würde, damit er nach Hause gehen, Taffys gerechtem Zorn mit Mannesmut begegnen, und alle etwaigen Vorwürfe wegen seiner Feigheit und Fahnenflucht vor dem Feinde, über sich ergehen lassen könne. 196 Am nächsten Morgen erhielt Taffy zwei Briefe. Der eine, sehr lange, war von Frau Bagot. Er las ihn zweimal durch, und mußte sich eingestehen, daß nur eine kluge, warmherzige Frau so schreiben konnte, die ihren Sohn liebte wie ihren Augapfel. Man fühlte, sie wäre bereit gewesen, ihrem besten Freunde bei lebendigem Leibe die Haut abzuziehen, um dem kleinen Billy ein Paar Handschuhe daraus zu machen, wenn er sie nötig brauchte; der arme Freund aber hätte ihr nichtsdestoweniger aufrichtig leid gethan. Taffys eigene Mutter war auch ein wenig dieser Sinnesart gewesen, und es verging kein Tag, an dem er sie nicht schmerzlich vermißte. Frau Bagot ließ allen äußeren und inneren Vorzügen, die Trilby besaß, volle Gerechtigkeit widerfahren. Aber sie war auch schlau und spitzfindig, wie ihr Geschlecht es sein kann, wenn ihm ein besonderer Fall am Herzen liegt. Mit großem Scharfsinn erörterte sie, was die unausbleiblichen Folgen einer solchen Heirat schon nach wenigen Jahren – vielleicht sogar noch früher, sein würden: völlige Ernüchterung und lebenslange Reue auf beiden Seiten. Er hätte ihre Beweisführungen mit keinem Worte zu widerlegen gewußt. Zwar war er der Überzeugung, daß es sich bei Trilby und dem kleinen Billy um zwei außergewöhnliche Menschen handle, aber er konnte doch unmöglich behaupten, die Natur des kleinen Billy besser zu kennen als dessen Mutter. Kunst und Freundschaft hatten sie eng 197 verbrüdert, wenn er aber sein leiblicher Bruder gewesen wäre, hätte er dann wohl seine Einwilligung zu einer solchen Verbindung geben können, dürfen oder wollen? Nein, weder als Freund noch als älterer Bruder, das unterlag keinem Zweifel. Der andere Brief, in Trilbys kühner, regelloser Handschrift, die über die ganze Seite fuhr, war stellenweise mangelhaft in der Rechtschreibung – er lautete so: »Lieber, lieber Taffy! Ich möchte Ihnen noch Lebewohl sagen. Um all dem Elend ein Ende zu machen, an dem ich ganz allein schuld bin, gehe ich fort. »Gleich nachdem ich dem kleinen Billy mein Jawort gegeben, wußte ich ganz genau, was für eine Thörin ich war und schämte mich vor mir selber. Die ganze Woche über war mir jämmerlich zu Mute, das kann ich Ihnen versichern. Mir ahnte schon wie alles kommen würde. »Ich bin schrecklich unglücklich; aber wenn ich ihn heiratete und er es je bereute und sich meiner schämen sollte, würde ich noch viel, viel unglücklicher sein, selbst wenn er es in seiner Engelsgüte vor mir zu verbergen suchte. »Eine Dame könnte ich doch nie werden – wie wäre das möglich? Ich hätte wohl eine werden sollen, aber mit mir scheint alles verkehrt gegangen zu sein. Das ist mir früher noch niemals klar geworden; aber jetzt läßt sich's nicht mehr ändern. »Armer Papa! 198 »Ich nehme Jeannot mit. In der letzten Zeit habe ich ihn schrecklich vernachlässigt, aber das will ich jetzt wieder gut machen. »Sie müssen nicht versuchen herausfinden, wohin ich gehe. Nicht wahr, Sie werden nicht nach mir forschen, wenn ich Sie darum bitte, und auch sonst niemand. Es würde mir nur alles noch schwerer machen! »Angèle weiß es und hat versprochen, zu schweigen. Ich möchte aber gern noch ein Briefchen von Ihnen haben. Schicken Sie es ihr, sie wird es mir zukommen lassen. »Lieber Taffy, nächst dem kleinen Billy liebe ich Sie und den Laird mehr als irgend jemand auf Erden. Ich bin nie wirklich glücklich gewesen, bis ich Sie kennen lernte. Sie haben mich zu einer ganz anderen Person gemacht; Sie und Sandy und der kleine Billy. »O, es war eine so wunderschöne Zeit, wenn sie auch nicht lange gedauert hat. Mir muß sie für das ganze Leben genügen. Leben Sie wohl; ich vergesse Sie niemals, nein niemals, und bleibe in herzlicher Liebe Ihre immer getreue Freundin Trilby O'Ferrall .« » Nachschrift: Wenn erst alles wieder in Ruhe ist und Gras darüber gewachsen – falls das je geschieht – komme ich vielleicht eines Tages nach Paris zurück und wir sehen uns wieder.« 199 Der gute Taffy grübelte lange über diesen Brief nach. Er las ihn wohl ein halbes Dutzend mal; dann küßte er ihn, steckte ihn wieder in den Umschlag und verschloß ihn. Er wußte, wie tief der Herzenskummer war, der hier einen nicht gerade gewählten Ausdruck gefunden hatte. Und er begriff, daß Trilby, die im täglichen Verkehr stürmisch und zärtlich in ihren Freundschaftsbezeugungen war, wie ein Kind, sich in solchem Fall zurückhaltender zeigen mußte als die meisten Frauen. Seine Antwort schickte er durch Vermittelung von Angèle Boisse; sie war sehr ausführlich, herzlich und liebevoll. Auch der Laird schrieb einen langen Brief voll aufrichtiger Ergebenheit. Beide sprachen ihre feste Hoffnung und Erwartung aus, Trilby bald wieder zu sehen und ihr altes, freundschaftliches Verhältnis zu erneuern, wenn sie die erste Bitterkeit ihres Grams überwunden haben würde. Da ihnen nun ganz erbärmlich zu Mute war, gingen sie zusammen nach dem Café de l'Odéon, wo die Omeletten gut waren und der Wein nicht blau, und verzehrten stillschweigend ihre Mahlzeit. Spät am Abend saßen sie, jeder mit einem Buch in der Hand, im Atelier. Sie fanden es gar nicht leicht, die Unterhaltung in Fluß zu bringen, wenn der kleine Billy nicht da war, um ihnen zuzuhören. Man muß zu dreien sein, um sich Gesellschaft zu leisten, zwei sind oft zu wenig! Plötzlich polterte es mit rasender Eile die dunkle Treppe 200 herauf: der kleine Billy kam wie ein Wirbelwind ins Zimmer gestürzt – verstört, außer Atem, zuerst keines Wortes mächtig vor Aufregung. »Wo ist Trilby? . . . Was ist aus ihr geworden? . . . Sie ist fort . . . O sie hat mir einen schrecklichen Brief geschrieben! . . . Wir wollten uns trauen lassen . . . auf der Gesandtschaft . . . Meine Mutter . . . hat sich eingemischt . . . und der alte, verfluchte Esel . . . der Unheilstifter . . . mein Onkel! . . . Die sind hier gewesen! Ich weiß alles . . . Warum seid ihr beide nicht für sie eingetreten? . . .« »Ich that es . . . so gut ich konnte. Sandy hielt es nicht aus und lief fort.« »Du, Du hättest dich ihrer angenommen! . . . Hast Du nicht meiner Mutter beigestimmt, daß Trilby mich nicht heiraten sollte! . . . Du falscher, falscher Freund! . . . O, sie ist ein Engel – viel zu gut für meinesgleichen . . . das weißt Du wohl. Was sie von ihrer gesellschaftlichen Stellung sagen und dergleichen . . . lauter faules Geschwätz! Ihr Vater war ganz ebenso gebildet wie meiner . . . und überdies . . . was schere ich mich denn um ihren Vater . . . sie will ich, sie , sie ganz allein . . . ich sage euch, ich kann ohne sie nicht leben . . . ich muß sie wieder haben – hört ihr . . . ich muß sie haben! Wir wollten zusammen in Barbizon bleiben – unser Lebenlang – ich hätte die herrlichsten Bilder gemalt, wie die andern Leute dort. Wer 201 fragt wohl nach ihrer gesellschaftlichen Stellung . . . oder nach der ihrer Frauen? Welt und Gesellschaft sind bloße Narrenspossen – wie oft haben wir das gesagt und uns vorgehalten. Ein Künstlerleben hat nichts mit der Welt zu schaffen, es steht hoch über ihrem niedrigen und gemeinen Treiben. Die Gesellschaft ist ein Pfuhl, ein verrotteter, vermoderter Sumpf, der einem zum Ekel wird, vor dem einem graut. Das haben wir gesagt und geglaubt. Und jetzt soll auf einmal kein Wort davon mehr wahr sein! . . . Die Liebe geht allem vor – sie macht alles gleich – die Liebe, die Kunst . . . . und die Schönheit. Wer denkt bei einer Schönheit wie Trilbys noch an Rang und Stand? Und was ist denn meine gesellschaftliche Stellung? – großer Gott! – Keinen Pinselstrich thue ich mehr, bis ich sie wiederhabe . . . . nein, niemals – ich sage euch, ich kann nicht – und ich will nicht! . . .« So schrie und tobte der arme Junge weiter und geberdete sich wie ein Verzweifelter; er warf Stühle und Staffeleien um, und raste wild hin und her in wahnsinniger Erregung. Um ihn zur Vernunft zu bringen, redeten sie ihm zu, und versuchten ihm auseinander zu setzen, daß Trilby, auch ganz abgesehen von ihrer gesellschaftlichen Stellung, weder zur Frau für ihn passe, noch zur Mutter seiner Kinder u. s. w. Aber es war alles umsonst. Er geriet nur noch mehr außer sich, stammelte unzusammenhängende Sätze und stieß 202 verwirrte Laute aus – der traurige Anblick schnürte ihnen ordentlich das Herz zusammen. »Gerechter Himmel! seid ihr beide denn so fleckenrein, daß ihr Steine auf die arme Trilby werft? Es ist eine Schande, eine himmelschreiende Schande, daß es ein anderes Gesetz für die Frau gibt, wie für den Mann! . . . Die armen, schwachen, liebevollen Geschöpfe, denen die rohen Männer immer nachlaufen, um sie zu ängstigen, sie ins Verderben zu locken und dann unter die Füße zu treten! . . . O, o . . . es macht mich krank . . . es bringt mich um!« Er rang nach Atem, kreischte laut auf und fiel in Krämpfen zu Boden. Man schickte nach dem Arzt. Taffy fuhr mit einer Droschke ins Hotel de Lille et d'Albion, um die Mutter des kleinen Billy zu holen. Der Kranke lag ganz bewußtlos da; Sandy und Madame Vinard entkleideten ihn und legten ihn auf das Bett des Laird. Der Doktor kam, und bald darauf Frau Bagot mit ihrer Tochter. Es war ein sehr ernster Fall. Noch ein zweiter Arzt wurde zugezogen. Man schaffte Betten herbei und schlug sie im Atelier auf für die zwei schwerbekümmerten Frauen. So endete dieser Unglückstag, an dem der arme Billy eigentlich hatte Hochzeit halten wollen, wie sich herausstellte. Der Anfall schien epileptischer Natur gewesen zu sein. Es entwickelte sich eine Gehirnentzündung darauf, zu der 203 noch andere Übel hinzutraten, eine langwierige schleppende Krankheit. Viele Wochen vergingen, bis er außer Gefahr war, und auch seine Genesung machte nur allmähliche Fortschritte und zog sich sehr in die Länge. Sein ganzes Wesen war verändert. Er lag matt und teilnahmlos da und erwähnte Trilby nie, außer einmal, um zu fragen, ob sie zurückgekommen wäre, ob man wisse, wo sie sei, ob man ihr Nachricht gegeben habe. Das war offenbar nicht geschehen. Frau Bagot hielt es für besser, nicht zu schreiben, und Taffy und der Laird stimmten ihr bei, daß es zu nichts Gutem führen könne. Frau Bagot trug Bitterkeit im Herzen gegen das Mädchen, welches die Ursache des ganzen Elends war, und Bitterkeit gegen sich selbst, daß sie so ungerecht urteilte. Es war eine trostlose Zeit für alle.   Aber das Unglück war noch nicht erschöpft. Eines Tages im Februar suchte Madame Angèle Boisse Taffy und den Laird in dem Atelier auf, wo sie einstweilen arbeiteten. Sie befand sich in schrecklicher Angst und Sorge. Trilbys kleiner Bruder war am Scharlachfieber erkrankt und gestorben. Am Tage nach seinem Begräbnis hatte sich Trilby aus ihrem Zufluchtsort entfernt und sich nicht wieder blicken lassen. Seitdem war schon eine Woche vergangen. Sie hatte mit Jeannot in Vibraye, einem Dorfe des Bezirks La Sarthe, bei armen Leuten gewohnt, wo sie mit 204 Waschen und Näharbeit ihren Unterhalt erwarb, bis ihr Brüderchen krank wurde. Sie wich nun Tag und Nacht keinen Augenblick von seinem Bett und als er starb, war ihr Schmerz so schrecklich, daß alle glaubten, sie würde den Verstand verlieren. Am Tage nach der Beerdigung konnte man sie nirgends finden – sie war verschwunden und hatte nichts mitgenommen, nicht einmal ihre Kleider – ohne Abschied, ohne irgend eine Botschaft zurückzulassen, war sie fortgegangen. Alle Teiche und Brunnen wurden nach ihr durchsucht, auch der Fluß, an dem Vibraye liegt und der nahe Wald. Taffy fuhr nach Vibraye und fragte dort die Leute aus; er benachrichtigte auch die Pariser Polizei – alles ohne Erfolg; und jeden Nachmittag ging er mit bange klopfendem Herzen nach der Morgue . . . . .   Vor dem kleinen Billy verheimlichte man die Nachricht natürlich. Das machte keine Schwierigkeit; er fragte nie nach etwas, sprach überhaupt kaum ein Wort. Als er zum erstenmal das Bett verließ und in das Atelier getragen wurde, verlangte er nach seinem Bilde ›Der Krug geht zu Wasser‹. Er sah es eine Weile an, zuckte dann die Achseln und fing an zu lachen – es klang jammervoll – wie das Lachen eines harten alten Mannes, der lacht, weil er sonst weinen würde. Dann sah er seine Mutter und seine Schwester an, und erkannte, welche 205 furchtbare Spuren Gram und Sorge in ihren Zügen zurückgelassen hatten. Ihm war, als erwache er aus einem schweren Traum; als habe ihn der Wahnsinn jahrelang umnachtet, als sei er der Gegenstand endloser Herzensangst und Bekümmernis gewesen. In seinem armen, wirren Kopf schien es nun endlich wieder klar zu werden; die Erinnerung an so viele nie ermüdende Liebe und Güte, mit der man ihn überschüttet hatte, kehrte zurück, und mit ihr kam die bitterste Reue. Sein herziges Schwesterchen, seine geliebte, vielgeprüfte Mutter – was war denn nur eigentlich geschehen, um ihr Aussehen so zu verändern!? Er umschlang sie beide mit seinen schwachen Armen und brach in einen Strom von Thränen aus. Lange weinte er verzweiflungsvoll, und als er keine Thränen mehr hatte, schlief er ein. Als er erwachte ward er inne, daß sich noch etwas anderes, tief trauriges mit ihm zugetragen hatte. Aus irgend einer rätselhaften Ursache war seine Liebeskraft nicht mit dem Bewußtsein zurückgekehrt – sie war fortgeblieben und ihm war, als habe er sie auf ewig verloren, und könne sie nie mehr finden – nicht einmal die Liebe zu Mutter und Schwester; auch seine Liebe zu Trilby nicht. Wo das alles einmal gewesen war, fühlte er jetzt nur noch eine tiefe Kluft, eine schreckliche Öde und Leere . . . Wahrlich, wenn Trilby auch viel gelitten hatte, so 206 war sie doch auch die unschuldige Ursache furchtbaren Leidens gewesen. Die arme Frau Bagot konnte den Groll gegen sie nicht aus ihrem Herzen reißen. Doch es ist hohe Zeit, daß ich diesen Teil meiner Geschichte abkürze; sie ist schon viel zu traurig geworden. Als die wärmere Witterung eintrat und die Kräfte des kleinen Billy zunahmen, erhielt das Atelier ein freundlicheres Ansehen. Die Betten der Damen wurden eine Treppe tiefer, nach einem Raum geschafft, der gerade leer stand, und die Freunde besuchten den kleinen Billy, um ihn und seine Schwester etwas zu zerstreuen. Taffy und der Laird waren freilich schon die ganze Zeit über Frau Bagots Stab und Stütze gewesen, zwei feste Krücken, ohne deren unschätzbare Hilfe sie sich schwerlich in alle den Schicksalswirren hätte aufrecht halten können. Monsieur Carrel kam jeden Tag, um mit seinem Lieblingsschüler zu plaudern und Frau Bagots Herz zu erfreuen. Auch Durien, Carnegie, Petrolicoconose, Vincent, Antoine, Lorrimer, Dodor und l'Zouzou fanden sich ein. Die beiden letzteren schienen Frau Bagot ganz unwiderstehlich, sobald sie erst wußte, daß sie Edelleute waren, was kein Mensch vermuten konnte. Sie zeigten sich auch wirklich nur von der vorteilhaftesten Seite, und obgleich sie in allem das schnurgerade Gegenteil des kleinen Billy waren, hegte Frau Bagot doch fast mütterliche Gefühle für sie und gab ihnen manchen 207 harmlosen, wohlgemeinten Rat, den sie avec attendrissement entgegen nahmen, ohne auch nur einen Blick miteinander zu wechseln. Oftmals hielten sie ihr die Wolle und lauschten mit frommem Augenverdrehen und heuchlerischen Mienen auf Miß Bagots geistliche Musik. Wer Soldat ist und ein lockerer Zeisig, hat es wahrlich gut; er bezaubert und entzückt alle weiblichen Herzen, jung und alt, hoch und niedrig (höchstens mit Ausnahme einiger weltlich gesinnter Mütter heiratsfähiger Töchter). Und während er sich insgeheim über seine Verehrerinnen lustig macht, halten sie alles was er sagt, für bare Münze. Sämtliche gute Frauen der ganzen Welt haben sich von jeher mit Wonne von diesen windigen, tollkühnen Prahlhänsen zum Besten halten lassen. Man findet es so rührend, daß sie nie einen Heller in der Tasche haben und glaubt, sie wären jeden Augenblick (selbst in den weichlichsten Friedenszeiten) bereit, ihr Leben in die Schanze zu schlagen. Ja, sogar einige von den wenigen schlechten Frauen, die es giebt, und für die selbst die besten und klügsten unserer Männer oft ihre Seelen verkaufen möchten, haben nur Augen für solche Teufelskerle! »Mein lustiges Soldatenblut, Mein kühnes Auge, wohlgemut, Ein grünes Wams und blanke Wehr Hast du gekannt, und sonst nichts mehr Von mir, mein Lieb, von mir! . . . . .« Als ob das nicht ganz genug wäre. 208 Dem kleinen Billy kam es schier unbegreiflich vor, daß diese beiden höflichen, sanftmütigen und teilnehmenden Söhne des Mars, dieselben sein sollten, die damals auf dem Omnibus von St. Cloud, mir nichts dir nichts, mit aller Welt anbändelten. Er konnte nicht umhin zu bewundern, wie geschickt sie noch die Heuchelei mit ihren übrigen Lastern verbanden. Svengali ließ sich nicht blicken, er mußte offenbar nach Österreich zurückgekehrt sein, mit Taschen voll Napoleons und großen Havanazigarren und eingewickelt in seinen weiten Pelzmantel, den er den ganzen Sommer über nicht vom Leibe gelassen hatte. Aber der wackere Gecko kam oft und machte himmlische Musik, die für den kleinen Billy wohlthätiger war als alles übrige. Sie half ihm, sich in Gedanken die ganze Liebesfülle vorzustellen, die er im Herzen nicht mehr empfinden konnte. Jedes melodische Tonstück erschien ihm wie ein kühler, erfrischender Balsam, oder wie Manna in der Wüste. Es war sein einziges Gut, das ihm nicht genommen werden konnte, solange er Ohren hatte zu hören und ein Meister ihm vorspielte. Der arme Gecko behandelte die beiden englischen Damen de bas en haut, als ob sie Gottheiten wären, sogar wenn sie ihn auf dem Klavier begleiteten. Er bat sie bei jeder falschen Note, die sie anschlugen, um Entschuldigung, ging auf ihre tempi ein – das ist der richtige 209 technische Ausdruck, glaube ich – und machte Trauermärsche aus Scherzos und Allegrettos, um sich gefällig zu zeigen; ja der kleine schwarze Verräter kam sogar mit ihnen überein, daß es alles so viel besser klänge. O Beethoven, o Mozart, wendet ihr euch nicht im Grabe um? Später fuhr der kleine Billy bei schönem Wetter mit seiner Mutter und Schwester im offenen Wagen nach dem Bois de Boulogne, wobei Taffy gewöhnlich den vierten Platz einnahm, oder nach Passy, Auteuil, Boulogne, St. Cloud, Meudon – man kann sehr hübsche kurze Spazierfahrten in der Umgegend von Paris machen. Zuweilen begleiteten Taffy und der Laird auch Frau Bagot und ihre Tochter nach der Gallerie du Luxembourg, nach dem Louvre, dem Palais Royal, ein oder zweimal auch in die Comédie française und dann und wann an Sonntagen zur englischen Kapelle in der Rue Marboeuf. Es machte ihnen allen viel Vergnügen, und Miß Bagot zählte ihres Bruders Genesungszeit zu den glücklichsten Tagen ihres Lebens. Oft speisten sie alle fünf zusammen im Atelier; Madame Vinard bediente sie, und ihre Mutter (ein cordon bleu ) war Köchin. Dann erschien der ganze Raum wie umgewandelt; verschönert, durchleuchtet und durchduftet von dem Wirken so vieler neuer weiblicher Kräfte und Einflüsse. Und was kann reizender sein, als dem Keimen und Wachsen eines jungen Liebestraums zuzusehen, wenn 210 Schönheit und Stärke sich am Lager eines geliebten Kranken zusammenfinden? Der teilnehmende Leser sieht natürlich längst voraus, daß der wackere Taffy in kürzester Frist dem Liebreiz der Schwester seines Freundes zum Opfer fallen muß, und daß auch sie seine mehr als brüderliche Neigung allmählich erwidert; bis an einem schönen Frühlingsabend, gerade als der Märzmonat Abschied nimmt, (um dem 1. April Platz zu machen) der kleine Billy ihre Hände zusammenfügt und ihnen seinen brüderlichen Segen giebt. In Wirklichkeit geschah indessen nichts dergleichen. Was zutrifft ist immer nur das Unvorhergesehene. Pazienza!   Eines Tages endlich – es war noch dazu ein Apriltag mit hellem Sonnenschein und Regenschauern, und durch das große Atelierfenster, das oben offen stand, strömte eine angenehme Kühle herein – gerade wie zu Anfang unserer kleinen Geschichte – da hielt ein Omnibus am Hofthor auf dem Platz St. Anatole des Arts und brachte den kleinen Billy, seine Mutter und Schwester, nebst allen ihren Habseligkeiten nach dem Chemin de Fer du Nord, (das berühmte Bild war schon vorausgeschickt worden). Taffy aber und der Laird fuhren mit auf den Bahnhof, um die lieben Menschen noch bis zuletzt zu sehen, ehe sie der Zug aus Paris entführte. Der kleine Billy mit dem ästhetischen Sinn und der raschen Auffassung, warf manchen traurigen Abschiedsblick auf die grauen Türme von Notre Dame und 211 andere französische Dinge und Orte, die ihm lieb geworden waren. Gott weiß, wann er sie wiedersehen würde! In seinem Heimatland, wo der Ozean die schönen roten Sandsteinfelsen der englischen Küste bespült, wollte er einen reichen Vorrat an Formen und Farben haben, die er sich wieder vor die Seele zaubern könnte, wenn einst sein Herz wieder erwachte. Er hatte eine schwache Hoffnung, daß es ihm leid thun würde, von Taffy und dem Laird Abschied zu nehmen. Als es aber Zeit war Lebewohl zu sagen, konnte er gar keinen Schmerz empfinden, wie sehr er sich auch anstrengte und abmühte. So dankte er ihnen denn aufs inbrünstigste und überschwenglichste für alle ihre Güte, Geduld und Teilnahme, (seine Mutter und Schwester thaten das auch), die Freunde aber konnten vor Rührung kein Wort hervorbringen und machten ganz griesgrämliche Gesichter, wie das ihre Art war, wenn etwas sie innerlich tief bewegte und sie sichs nicht merken lassen wollten. Und wie er zum Wagenfenster hinausschaute, als der Zug sich in Bewegung setzte, und sie beide trübselig dastanden und ihm nachblickten, sah der kleine Billy ganz abgehärmt aus, weil es ihm so leid that, daß er keinen Schmerz fühlte. Sie konnten seinen Anblick kaum ertragen; es war ihnen, als dürften sie ihn nicht allein reisen lassen, oder müßten wenigstens mit dem nächsten Zuge nach Devonshire folgen, um ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, und sich selbst auch. 212 Doch gaben sie dieser liebenswürdigen Schwäche nicht nach. Traurig, Arm in Arm, die Regenschirme hinter sich herschleifend, gingen sie über den Fluß zurück und gerieten bald in das Café de l'Odéon, wo sie in düsterm Schweigen viele Omeletten verzehrten, sehr niedergeschlagen vom besten tranken, der zu haben war, und sich höchst unglücklich fühlten.             Félicité passée             Qui ne peux revenir,             Tourment de ma pensée, Que n'ai-je en te perdant, perdu le souvenir! * * * Fast fünf Jahre sind vergangen, seit wir Taffy und dem Laird Lebewohl und au revoir sagten, und dem kleinen Billy, seiner Mutter und Schwester glückliche Reise wünschten auf ihrer Fahrt nach Devonshire. Dort sollte sich der arme Kranke noch ein paar Monate ganz ruhig verhalten und Kräfte sammeln, um dann mit neuem Mut wieder an die Arbeit zu gehen. Der wohlverdiente Erfolg seines Erstlingswerkes trug gewiß auch nicht wenig zu seiner Genesung bei. Viele meiner Leser werden sich noch seines glücklichen Debüts in der königlichen Akademie in Trafalgar Square erinnern. Gleich am ersten Morgen der Ausstellung wurde das jetzt so berühmte Gemälde: ›Der Krug geht zu Wasser‹ dreimal hintereinander verkauft, das drittemal für tausend Pfund. Das war fünfmal so viel als er selber dafür 213 erhielt; eine große Summe in damaliger Zeit für die Arbeit eines Anfängers, ein Bild von zwei zu vier Fuß. Ich weiß sehr wohl, daß dies nur ein ärmlicher Beweis für den Wert eines Kunstwerkes ist. Allein das Bild von dem ich rede, ist jetzt längst aller Welt bekannt. Erst letztes Jahr (mehr als sechsunddreißig Jahre nach seiner Vollendung) wurde es bei Christie für dreitausend Pfund verkauft. Sechsunddreißig Jahre – das ist eine lange Zeit, und ein besseres Zeugnis als gemeines Geld, und wenn es selbst dreitausend Pfund sind. Der ›Wasserkrug‹ hängt jetzt in der Nationalgallerie neben dem andern Gemälde von derselben Hand, der ›Monduhr‹. Dort kann sie jeder bei einander sehen, sein erstes und sein letztes Bild – die Blüte und die Frucht. Sein Leben war nur kurz; aber er hatte das Glück, welches Künstlern nur selten widerfährt, selbst wenn ihre Werke bestimmt sind ewig zu leben – sein erster Versuch fand gleich die richtige Anerkennung. Ein besserer und schmeichelhafterer Erfolg, als ihm zu Teil wurde, läßt sich nicht denken. Er fing hoch oben an, wie sich's gebührt, bei den Meistern seiner eigenen Kunst. Bald aber verbreitete sich sein Ruhm auch unter den übrigen Genossen und in immer weitere Kreise. Doch war es kein allzu wohlfeil erkaufter Ruhm, der sich schnell verflüchtigt; denn es fehlte ihm auch nicht an Widerspruch, groben Schmähungen und Herabsetzung. Es giebt ja keinen 214 besseren Prüfstein als den grimmen Haß des Philisters, keine lieblichere, erfrischendere, heilsamere Musik als sein Wutgebrüll. Das ist, wie Svengali sagen würde, un cri de coeur. Hat dann aber die öffentliche Bewunderung große Kunsthändler und hohe Wechsel herbeigerufen, so erheben die Krämerseelen ihr gedrucktes Geheul. Sie fühlen sich im Innersten verwundet: In der Hoffnung, einst reiche Geldsäcke zu werden, haben sie alles für die Kunst geopfert, und mußten doch zuletzt einsehen, daß sie nicht malen können, und sich nie einen gefeierten Namen erwerben werden. Nun fangen sie an über diejenigen zu schreiben, die ihre Kunst verstehen – und was für Artikel. Mit Gift und Galle über unsere glücklicheren Berufsgenossen und ihre Bewunderer herzuziehen ist kein sehr reinliches Gewerbe. Es scheint aber leider recht leicht zu sein, und es bereitet vielen Leuten Vergnügen. Man braucht nicht einmal einen guten Stil dazu, aber es macht sich besser bezahlt als Gelehrsamkeit, Geschmack, Talent, Humor, Gefühl, Witz und Weisheit. Es ist sogar einträglich genug, um damit eine Zeitschrift zu begründen und fortzuführen. Für elenden Sold dient dies Gewerbe den niedrigsten Trieben des Menschen; denn manche von uns können sich einer gemeinen Schadenfreude nicht erwehren, wenn sie sehen, wie diejenigen mit Schmutz, mit faulen Eiern und toten Katzen beworfen werden, welche sie nicht umhin können zu bewundern und insgeheim zu beneiden. 215 Hiermit wollte ich nur andeuten, daß der kleine Billy zwar überschwengliches Lob erfuhr, aber auch heftige Angriffe von rechts und links. Es lief aber alles von ihm ab wie die Regentropfen von einem Mantel; sowohl das Lob wie der Tadel.   Es war ein glücklicher Sommer für Frau Bagot, der ihr für alle Herzensangst des vorhergegangenen Winters die freundlichste Entschädigung brachte. Sie hatte ihre beiden geliebten Kinder zusammen unter ihren Flügeln, und alle Welt verkündete den Ruhm ihres Sohnes, ihres Augapfels, den eine gütige Vorsehung noch rechtzeitig dem Rachen des Todes entrissen hatte, und auch aus andern Gefahren befreit, die der glühenden Eifersucht ihres Mutterherzens kaum minder entsetzlich dünkten. Seine Zuneigung für sie schien mit der fortschreitenden Genesung zurückzukehren; aber ach! er wurde nie wieder derselbe fröhliche, unschuldige und freimütige Knabe, der er gewesen, ehe er jenes verhängnißvolle Jahr in Paris zugebracht hatte. Ein Kapitel seines Lebens war abgeschlossen und durfte nie mehr berührt werden; niemals sprach er mit seiner Mutter von jener Zeit, und niemals sie mit ihm. Sie konnte weder vergeben noch vergessen; sie konnte nur schweigen. Im übrigen war er freundlich und liebenswürdig im Verkehr, und es geschah alles, um sein Leben daheim behaglich und angenehm zu machen, was eine liebende Mutter 216 und eine anmutige Schwester ihm an den Augen absehen konnten. Auch die liebreizenden Schwestern Anderer kamen herbei, und waren sehr geneigt, dem jungen, gefeierten Künstler Weihrauch zu streuen, der bei aller Ehre und Auszeichnung so bescheiden und anspruchslos blieb. Unter ihnen auch die Freundin seiner Schwester, das Pfarrerstöchterlein, welches, wie sie, Lehrerin an der Sonntagsschule war, ein einfaches, züchtiges und frommes Mädchen aus guter Familie, das alle Eigenschaften besaß, die ihn früher bei einer jungen Dame entzückt hätten. Sie hieß Alice, war schön, und hatte goldbraunes Haar. Wenn er die kleinen ländlichen Vergnügungen, Kränzchen, Schmausereien, Gartenfeste und musikalischen Abende vielleicht nicht mehr ganz so aufregend fand wie früher, so ließ er sich doch nichts davon merken. Es gab überhaupt vieles, wovon er sich nichts merken ließ, und was Mutter und Schwester sich vergebens bemühten zu erraten – sehr vieles! Eines aber ging ihm fortwährend im Kopfe herum und machte ihn sehr unglücklich: sein Mangel an Gefühl! Zwar, seiner Mutter und Schwester ebenso zärtlich zu begegnen als wäre nichts geschehen, fiel ihm schon aus lieber alter Gewohnheit nicht schwer, ja er war womöglich noch zuvorkommender und rücksichtsvoller, aus lauter Dankbarkeit und Zerknirschung. Aber ach, er fühlte, daß er sich im innersten Herzen nichts, gar nichts mehr aus ihnen machte; auch für Taffy 217 spürte er keinerlei Zuneigung mehr, nicht für den Laird, nicht für sich selber; nicht einmal für Trilby, an die er fortwährend dachte, aber ohne Gemütsbewegung. Man hatte ihm die Geschichte ihres seltsamen Verschwindens erzählt und sie war ihm in allen Einzelheiten durch Angèle Boisse, an die er geschrieben hatte, bestätigt worden. Der Teil seines Hirns, welcher den Sitz des Gefühlsvermögens bildete, schien völlig gelähmt zu sein, während er selbst im übrigen noch gerade so rege und thatkräftig geblieben war wie früher. Ihm war zu Mute wie einem armen Vogel, Vierfüßler oder Reptil, dem der Vivisektor zu Versuchszwecken ein Stück des Cerebellums bei lebendigem Leibe herausgeschnitten hat. Die stärkste Empfindung, deren er noch fähig war, schien eben seine Angst und Sorge über dieses sonderbare Symptom zu sein, und der Zweifel, ob er irgend jemand davon Mitteilung machen solle. Er that dies nicht, aus Furcht andere zu beunruhigen, denn er hoffte, es würde mit der Zeit vorübergehen. So verdoppelte er denn seine Zärtlichkeit für Mutter und Schwester, und zeigte in Wort und That die größte Rücksicht für andere; gerade als hoffte er durch ein äußerliches Nachahmen der Tugend, welche er nicht mehr besaß, diese zurückzugewinnen. Er würde keine Mühe gescheut haben, um selbst dem Geringsten eine Freude zu machen. Auch allen Stolz auf sich selbst hatte er verloren, und er vermißte ihn eben so sehr wie seine Liebesfähigkeit. 218 Zwar sagte er sich wieder und immer wieder, daß er ein großer Künstler sei und keine Anstrengung scheuen wolle um immer Höheres zu erreichen. Aber er selbst hatte kein Verdienst dabei. 2 + 2 = 4, auch 2 × 2 = 4; das war ganz richtig, aber doch kein Grund, warum die 4 sich etwas einbilden sollte. Sie war, so oder so, doch nichts als ein Resultat. Ganz ebenso wie die 4, war auch er nur ein unvermeidliches Resultat von Umständen, über die er keine Gewalt hatte; und wenn er sich auch zu einer so großen 4 machen wollte wie möglich, so empfand er doch nicht mehr die alte Eitelkeit, das alte Selbstgefühl; und dies war ein Vergnügen gewesen, das er mit Schmerzen entbehrte. Auf dem Grunde seiner Seele aber lag eine ruhelose, dumpfe Schwermut, ein fortwährendes Mißbehagen. Und ihm schien zu seiner tiefen Bekümmernis, als sei diese unglückliche Stimmung das stärkste was er überhaupt zu fühlen im stande sein werde. Sie verließ ihn nie, und machte seinen moralischen Zustand zu einer langen, grauen Öde – einer ewigen Dämmerung. Sollte ihm denn nie wieder ein hoffnungsfrohes Morgenlicht aufgehen? – So stand es um den kleinen Billy. – Eines Tages im Spätherbst breitete er seine Schwingen aus und flog fort, nach London, wo William Bagot, alias der kleine Billy, der schon ein berühmter Maler war, mit offenen Armen empfangen wurde.     Fünfter Teil. Ein Intermezzo. »Einst macht' ich mein Herze auf, weit, weit, Daß herein konnt' ziehen die Frühlingszeit; – Jetzt herrscht drin ein Winter strenger Art, Der hat es verschneit und zu Eis erstarrt. Ach, könnte ich doch in fröhlicher Hast Vom Herzen schütteln die Winterlast!«         Als Taffy und der Laird in das Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts zurückkehrten, um dort ihr altes Leben von neuem anzufangen, beschlich sie ein ganz unbeschreibliches Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit, das sich nicht wieder abschütteln ließ, wie auch die Zeit verging. Die beiden Hauptpersonen des Kreises, Trilby und der kleine Billy, hatten doch wohl einen allzumächtigen Zauber ausgeübt. Nach dem vertraulichen Umgang, den die vier zusammen gepflogen, schien es sehr schwer, nun ohne sie weiter zu leben. »O es war eine so wunderschöne Zeit, wenn sie auch nicht lange gedauert hat!« Diese Worte aus Trilbys 220 Abschiedsbrief fanden in den Herzen der beiden Freunde einen traurigen Wiederhall. Das ist nun einmal die Schattenseite unseres Verkehrs mit liebenswürdigen Menschen, daß es uns so schrecklich sauer fällt, sie zu entbehren, nachdem wir uns einmal an ihre ganze Art und Weise gewöhnt haben. Sind sie aber nicht nur liebenswürdig, sondern auch natürlich, anhänglich, klug, treu und aufrichtig wie Trilby und der kleine Billy, so entsteht durch ihren Weggang eine Lücke in unserm Leben, die nichts auszufüllen vermag; besonders wenn sie noch Genie haben wie der kleine Billy und so eigenartig sind wie Trilby im Denken, Reden und Thun. Nichts war unverändert geblieben. Sogar das Fechten und Boxen wurde ganz nachlässig betrieben, nur noch aus Gesundheitsrücksichten, und schon begann eine dünne Fettschicht sich über die Hügel und Thäler auf Taffys gewaltigem Oberarm zu lagern. Dodor und l'Zouzou kamen nicht mehr so oft zu Besuch, nun der reizende kleine Billy samt seiner reizenden Mutter und noch reizenderen Schwester fort war; auch Carnegie, Antoine, Lorrimer, Vincent und den Griechen sah man höchst selten. Gecko kam gar nicht mehr. Sie vermißten sogar Svengali, trotzdem sie ihn nicht hatten ausstehen können. Ein Stutzflügel, auf dem niemand spielt, ist ein trübseliges, grämliches Möbel – alle Töne und Erinnerungen 221 sind darin begraben; er gleicht einem Mausoleum, oder einem großen, schwarzen Sarg auf der Tragbahre. Deshalb schickte man ihn mit la petite vitesse als Frachtgut nach London zurück, wie er gekommen war. Allmählich wurden Taffy und der Laird ganz tiefsinnig und mutlos. Sie frühstückten jeden Tag im Café de l'Odéon und bekamen die guten Omeletten dort förmlich satt; der rote Wein fiel ihnen aber auf die Nerven und stieg ihnen in Kopf und Gesicht, so daß sie sich schläfrig fühlten, bis es Mittagszeit war. Dann wachten sie auf, zogen sich anständig an und speisten sehr vornehm im Palais Royal, der Passage Choiseul oder der Passage des Panoramas, für drei Franken, drei Franken fünfzig, sogar für fünf Franken die Person, und gaben dem Kellner jeder einen halben Franken Trinkgeld. Ins Theater gingen sie fast alle Abend und kamen meist in einer Droschke zurückgefahren, wobei sie Havannas rauchten, das Stück zu fünfundzwanzig Centimes – fünf Sous – zwanzig Pfennig! Mit der Zeit fingen sie sehr kleinlaut an, die gute Gesellschaft zu besuchen, in Frack und weißer Halsbinde, wie Lorrimer und Carnegie. Sie machten sich auch am Hinterkopf den Scheitel in der Mitte und kämmten ihr Haar nach vorn, wie es damals englische Sitte war. Nicht lange, so abonnierten sie auf ›Galignanis Messenger‹, ließen sich in den Cercle Anglais aufnehmen, der nur aus britischen 222 Philistern vom reinsten Wasser bestand, und gingen am Sonntagmorgen zum Gottesdienst in die Rue Marboeuf. Zu Ende des Sommers war ihre Demoralisation endlich so groß geworden, daß sie einsahen, es könne unmöglich noch länger so fortdauern. Sie beschlossen ihr Atelier aufzugeben, Paris zu verlassen und den Winter über nach Düsseldorf zu gehen, wo (wie der Laird, der dort ein Jahr zugebracht hatte, aus Erfahrung wußte) englische Maler, die sich nicht überarbeiten wollen, einen angenehmen Aufenthalt finden. Schließlich ging Taffy zur Kirmes nach Antwerpen, um den modernen flämischen Trunkenbold getreu nach der Natur zu malen, und der Laird reiste nach Spanien, mit der Absicht, dort wirkliche Toreadore zu studieren. Ich will nur gleich hier erwähnen, daß die ›Stierkämpfe‹ des Laird, welche in Schottland so großen Absatz gefunden hatten, so lange er sich begnügte, sie im Atelier von St. Anatole des Arts anzufertigen, weder gefielen noch verkauft wurden, nachdem er in Madrid und Sevilla gewesen war. Er beschloß daher, römische Kardinäle und neapolitanische Pifferaris aus dem Kopfe zu malen, und hatte solches Glück damit, daß er, um sich den Markt nicht zu verderben, die beabsichtigte Reise nach Italien aufgab. Statt dessen ging er nach Algier, wohin Taffy ihm nachkam, um algerische Juden nach dem Leben zu malen (die er nicht verkaufte); dann brachten sie ein Jahr in 2231 München zu, ein Jahr in Düsseldorf, einen Winter in Kairo u. s. w. Während der ganzen Zeit ließ Taffy, der alles au grand sérieux nahm – besonders die Rechte und Pflichten der Freundschaft – den regelmäßigen Briefwechsel mit dem kleinen Billy nicht einschlafen. Dieser hinwiederum erzählte in seinen ausführlichen und sehr unterhaltenden Antworten viel aus seinem Londoner Leben, das in einer Reihe von künstlerischen und gesellschaftlichen Triumphen bestand, deren er jedoch nur mit aller Bescheidenheit erwähnte. Nach seinen Briefen zu urteilen, hätte man glauben können, er sei der glücklichste und zufriedenste Mensch auf Gottes Erdboden. Es war damals in England eine sehr günstige Zeit für junge, vielversprechende Künstler; eine Zeit des Umschwungs und der Fortentwicklung. Neue Schulen wurden gegründet, alte zu Fall gebracht – der heftig hin und her wogende Kampf ums Dasein ließ nur den wirklich Tüchtigen am Leben, so daß man hoffen durfte, der endliche Sieg werde allein dem Begabtesten zu teil werden. Unter den vielen Berühmtheiten jener Periode nehmen zwei Namen einen bedeutenden Platz ein. Ihre Träger erfreuten sich unmittelbarer und dauernder Anerkennung, ja, der Einfluß, den sie auf ihre Zeitgenossen ausübten, hat seine Wirkung noch heutigen Tages nicht verloren. Die Welt wird die beiden ungewöhnlich begabten jungen Künstler, Frederic Walker und William Bagot, so 224 bald nicht vergessen. Sie wurden damals immer zusammen genannt, oder einander entgegengestellt, gerade wie man sich gewöhnt hat Thackeray mit Dickens, Carlyle mit Macaulay, Göthe mit Schiller zu vergleichen. Man weiß, daß dies eine Thorheit ist, und kann doch der Versuchung nicht widerstehen. Was nutzt es wohl, die Rose mit der Lilie zu vergleichen? Das Beste, was die Kunst in England während der letzten dreißig Jahre in der Ölmalerei, im Aquarell, mit Tusche und Kreide geleistet hat, verdankt sie ohne Zweifel dem Vorbild und der Anregung jener beiden jungen Genies. Wenn sie auch echte Söhne ihres Landes und ihrer Zeit waren, blieben sie doch immer eigenartig, empfingen ihre Eindrücke unmittelbar von der Natur selbst und ließen sich weder durch neue noch durch alte Meister beeinflussen. Sie gründeten selber Schulen, statt sich den bestehenden anzuschließen, schrieben sich ihre eigenen Gesetze und wurden zu Gesetzgebern für viele. Alle Gebiete beherrschten sie in gleicher Vollkommenheit: Landschaften, Figuren, Vögel, Vierfüßler, Fische. Man erinnere sich nur an F. Walkers ›Laden des Fischhändlers‹, und an W. Bagots buntscheckige Ferkelchen mit dem ehrwürdigen schwarzen Mutterschwein und dem rosigen, fetten, unförmlichen, watschelnden Papa. Wie viel Kraft, Zartheit und tiefe Empfindung trifft man hier vereinigt; wie erstaunlich ist die Anmut und Leichtigkeit der Ausführung! 225 Jedes der beiden Werke ist vollendet in sich; sie sind himmelweit von einander verschieden und ergänzen sich doch auf das wunderbarste. Merkwürdigerweise waren die Künstler auch im Äußern nur wenig verschieden. Beide klein, schlank und schön gebaut, mit zierlichen Händen und Füßen; immer gekleidet wie die Lilien auf dem Felde, obgleich sie mit solchem Eifer arbeiteten und spannen. Beide hatten edle, regelmäßige Gesichtszüge und wußten sich durch ihr natürliches, einnehmendes Wesen rasch die aufrichtigste Zuneigung aller Kreise zu erwerben. Que la terre leur soit légère! Wessen Namen größer ist, vermag niemand zu sagen. Ich glaube ihre Ruhmessäulen waren von ganz gleicher Höhe, Dicke und Breite, gerade wie ihr eigener Wuchs. Nur darin unterschieden sie sich von den beiden zarten Gestalten, daß es nach meinem Ermessen die höchsten und dauerhaftesten Säulen in den Kunstgefilden der unsterblichen toten Meister sind, die unsere neue Zeit aufzuweisen hat.   Die Kunst des kleinen Billy und sein Ruhm als Maler, kommen für unsere Geschichte jedoch nur soweit in Betracht, als sie Einfluß auf sein Leben und seinen Charakter übten. »Ich möchte gern wissen, wie der Engländer sein Herz verloren hat und möchte die Geschichte seiner ersten Liebe hören!« 226 »Frage ihn doch.« »Frage du ihn lieber!« Das waren Bouchardys und Popelards Worte gewesen, als der kleine Billy zum erstenmal in Carrels Atelier erschien. Antwort auf diese Frage zu geben ist die Aufgabe unserer Erzählung.   Ein hübscher, wohlerzogener, fein gekleideter und berühmter junger Mann findet sehr leicht Einlaß in der Londoner Gesellschaft und braucht nicht erst anzuklopfen. Man hätte aber lange nach jemand suchen können, der hübscher, gebildeter, vom Geschick begünstigter und anscheinend glücklicher war als der kleine Billy. Seine Fehler verzieh man ihm leicht, und alle Welt pries seine Tugenden. Als Taffy und der Laird, nach vier oder fünf Wanderjahren durch fremde Länder, eines Tages in London eintrafen, fanden sie ihn in seinem schönen Atelier in Fitzroy Square, an das sich mehrere behagliche Wohnräume anschlossen. Reizende Studien zu angefangenen Bildern und zahllosen Skizzen schmückten die Wände. Alle Möbel, Nippessachen und bric-à-brac waren aufs geschmackvollste ausgewählt; weder ausländische Tapeten und Vorhänge, farbenprächtige orientalische Draperien und Teppiche, noch der Stutzflügel von Collard, fehlten in diesem Künstlerheim. Auf der Staffelei stand ›Die Monduhr‹, dies unsterbliche Gemälde, das zwar eben erst begonnen, aber 227 bereits von Moses Lyon, dem reichen Kunsthändler, angekauft war. So unverdrossen und angestrengt arbeitete niemand, wie der kleine Billy, doch gönnte er sich auch zur rechten Zeit die nötige Ruhe und Erholung. Der große Spiegel auf seinem Kaminsims steckte voll von Einladungskarten und zarten, duftenden Briefchen, auf denen manche Adelskrone prangte; denn seine eingebildete Abneigung gegen stolze Herzöge, Freiherrn und Grafen hatte er längst überwunden (wie wir das alle früher oder später zu thun pflegen, wenn wir in der Welt vorwärts gekommen sind); auch gegen ihre Frauen, Schwestern, Töchter und Cousinen hatte er nichts mehr einzuwenden, noch weniger als gegen ihre Mütter und Tanten. Trotz seiner zarten Jugend lief er Gefahr (zum Schaden seiner Kunst), einer jener Allerweltsfreunde zu werden, wie ihn gefühlvolle Frauen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, so schwärmerisch lieben – der Mann mit dem platonischen Herzen (das Raum hat für viele), ein Ritter der Damen, ihr Vertrauter und Beschützer, den weder Gatten noch Brüder fürchten; ein zartfühlender, harmloser Dilettant Amors, der zierliche Schäfer, der dans le pays du tendre wohnt, und nie weiter kommt. Die Gattin überhäuft ihn mit Schmeicheleien, der Gatte schenkt ihm sein Vertrauen – von Gefahr aber ist keine Rede, sagt man – und das freut mich. Der eine liebt seine Geige (oft leider auch die seines Nächsten) nur um der süßen Melodien willen, die er ihr entlocken kann – seine Liebe ist eigennütziger Art. Ein anderer, der kein Spielmann ist, kann doch auch eine Geige lieben: er freut sich an ihrem Ebenmaß, ihrer Farbe, ihrer Zierlichkeit, an der feinen Maser, dem schlanken gewundenen Hals, der schönen Vorder- und Rückseite; er liebt die Geige sozusagen um ihrer selbst willen. Er kann sich eine ganze Galerie solcher Instrumente anlegen, denen er seine unschuldige Neigung schenkt – einen förmlichen Harem – ohne auch nur einen Ton von Musik zu verstehen, oder hören zu wollen. Er nimmt sie vom Nagel herunter, stäubt sie ab, streichelt sie, zieht die Schrauben an, klimpert darauf herum – pizzicato – hängt sie wieder hin, nennt sie mit den süßesten Schmeichelnamen: viol, viola, viola d'amore, viol di gamba, violino mio, flüstert ihnen seine kleinen Sorgen zu, und lauscht auf das seelenvolle Getön ihrer kaum hörbaren Antworten, das den Klängen einer feuchten Äolsharfe gleicht. Aber nie rührt er die Saiten, nie gleitet sein Bogen darüber hin, um einen Wohllaut – oder Mißton – darauf zu wecken. Und wer möchte behaupten, daß er nicht klug ist in seinem Geschlecht? Es ist eine altmodische, philiströse Vorstellung, daß Geigen zu nichts anderem da sind, als um auf sich spielen zu lassen; sie selber fangen jetzt an, sich dagegen aufzulehnen, und ganz mit Recht, wie mich dünkt. Auf solche harmlose Art stand der kleine Billy in 229 freundschaftlicher Beziehung zu mancher schönen Dame de par le monde . Auch warfen ihm die weniger glücklichen Kunstgenossen wohl gar höchst ungerechterweise sein ›Strebertum‹ vor; denn nichts verdrießt den Bruder Thunichtgut und den Philister so sehr, als wenn die sogenannten Großen der Erde – das heißt alle die kleinen vornehmen Herren und Damen dieser kleinen Welt – plötzlich vertrauten Umgang mit uns pflegen. Das eifersüchtige Bruderherz fühlt sich dadurch verbittert und gedemütigt; selbst Ruhm und Erfolg verzeiht es uns leichter. Ist denn die bloße Gönnerschaft eines hohen Herrn schon ein so kostbares Gut – ein Glorienschein, ein Ruhmesglanz? – O ihr armen Menschen! »Ein elender Zigarrenstumpf, ein Stück Orangenschale, Von eines Prinzen Fuß berührt, wird schön mit einem Male!« Der kleine Billy war kein Streber – im Gegenteil, er hatte Mühe sich seiner Haut zu wehren. Die Großen und Vornehmen überschütteten ihn mit Beweisen von Gunst und Gastfreundschaft, sie machten förmlich um die Wette Jagd auf ihn. Zuerst nahmen sie ihn ganz für sich ein, und sie sind ja auch oft sehr liebenswürdig, diese huldvollen, gnädigen, leutseligen, gutgelaunten Halbgötter, deren Sitten so einfach und so natürlich sind – oft viel besser als ihre Sittlichkeit. Sie verstehen es meisterhaft im Golde zu waten, ohne daß ihnen etwas davon anklebt; den Reichtum 230 tragen sie mit Anmut und Würde, und die Besitzlosigkeit mit noch größerem Anstand. Das sind Tugenden, die unsere neue Geldaristokratie, die jüdische wie die christliche, erst noch zu lernen hat. Zur Zeit will sie sich überall nach vorn und nach oben drängen, und sich mit den Ellenbogen Platz machen, sowohl daheim als auf Reisen. Bald aber entdeckte der kleine Billy, daß man viel in ihrer Gesellschaft sein kann und doch nie zu ihresgleichen gezählt wird, falls man nicht etwa eins ihrer sitzengebliebenen, häßlichen Küchlein ehelicht, und sich dadurch zu einer Art Anhängsel von ihnen macht. Aber selbst dann bettet sich der fremde Eindringling nicht immer auf Rosen, habe ich mir sagen lassen. Nicht lange, so merkte er, daß ihm an ihrer Gesellschaft nicht das mindeste gelegen war, besonders nicht um solchen Preis; er sah zu viel von ihnen, und der Umgang verlor seinen Reiz, wie das stets der Fall ist. Sie waren nicht etwa alle von einer Sorte. Es gab gute, schlechte und mittelmäßige Leute darunter, die nicht einmal sehr wählerisch waren, wem sie ihre Gunst zuwandten, denn sie zogen manchen sonderbaren Kauz in ihre Kreise, nur um sich eine kleine Kurzweil mit ihm zu machen. Solches launenhafte Gönnertum brachte weder Ruhm noch Ehre; auch an Beispielen ihrer Treulosigkeit fehlte es nicht. Kurz er glaubte zu bemerken, daß der Adel ebenso klug, freigebig, höflich und gebildet, ebenso engherzig, 231 unverschämt, prahlerisch, roh und gemein, ebenso hübsch oder häßlich, ebenso anmutig oder ungeschlacht, ebenso bescheiden oder eingebildet sein kann wie die übrigen Stände, die höheren so gut wie die niederen. Schöne junge Mädchen, welche in ihren Malstunden kleine Landschaften mit einer epheubewachsenen Ruine im Mittelgrund gepinselt hatten, sprachen mit ihm sachverständig über Malerei de pair à pair, als ständen sie ganz auf derselben künstlerischen Stufe und wären auch nicht zu stolz dies anzuerkennen, trotz der gesellschaftlichen Kluft, die zwischen ihnen gähnte. Von Zeit zu Zeit eroberte ihn eine freundliche alte Dame durch ihre Güte, Liebenswürdigkeit, Erfahrung und zarte weibliche Teilnahme, wie die verwitwete Lady Chiselhurst, oder eine liebreizende junge Dame entzückte ihn durch Schönheit, Witz, Gutherzigkeit und schwesterliches Interesse an all seinem Thun und Treiben, wie die Herzogin von Towers, die ihn unwillkürlich immer an Trilby erinnerte, obgleich sie so reich und vornehm war. Aber gerade solche liebe Leutchen, junge wie alte, mit noch höheren Idealen, waren auch in weniger erhabenen Sphären zu finden, und obendrein leichter zugänglich, weil die unübersteigliche Kluft nicht dazwischen lag. Dort war von Gönnerschaft keine Rede; man brachte dem Künstler nur Hochachtung, warme Anerkennung und wohlthuende Lobsprüche entgegen. 232 So geschah es denn, daß der kleine Billy die hohen Herrschaften überdrüssig bekam, noch ehe sie seiner müde wurden. Wie unglaublich und unnatürlich das vielen auch erscheinen mag, ihm ersparte es manches Mißvergnügen. Er ließ sich bei den glänzenden Abendgesellschaften und sonstigen Zusammenkünften nicht mehr sehen, außer in zwei oder drei Häusern, in denen man ihm besonders wohlgesinnt war und ihn um seiner selbst willen stets willkommen hieß – z. B. bei Lord Chiselhurst in Piccadilly, wo die ›Monduhr‹ einige Jahre lang ihre Heimstätte fand, bis man sie nach ihrem letzten und besten Ruheplatz in der Nationalgalerie brachte; oder bei Baron Stoppenheim in Cavendish Square, der viele reizende kleine W. B. gezeichnete Aquarellbilder an Ehrenplätzen auf seinen golddurchwirkten Wandtapeten hängen hatte; oder in der prachtvoll eingerichteten Junggesellenwohnung des Kunsthändlers Moses Lyon. Der kleine Billy war nämlich ein ausgezeichneter Geschäftsmann (das muß ich zu meinem Leidwesen bekennen, obgleich es sich für einen Romanhelden durchaus nicht paßt). Jener homöopathisch verdünnte Tropfen des alten, guten, orientalischen Blutes, der ihm in den Adern floß, gestattete ihm nicht, seine Preise herunterdrücken zu lassen. Er blieb stets bei der Stange und beharrte durch dick und dünn auf der ersten Forderung. Es machte ihm das größte Vergnügen, so viel Geld zu erwerben, als er irgend konnte, um mit wahrhaft 233 fürstlicher Freigebigkeit reiche Geschenke an seine Mutter und Schwester zu senden, deren Verhältnisse sich nach seinem raschen Erfolg wesentlich geändert hatten. Einen großmütigeren Sohn und Bruder gab es nicht, als den kleinen Billy mit dem erstarrten Herzen, das nicht mehr im stande war, zu lieben.   Zuweilen, um sich von all der Pracht auszuruhen und die unteren Strömungen des Londoner Lebens kennen zu lernen, suchte er wohl auch die im äußersten Osten gelegenen Stadtteile auf. In Whitechapel, den Docks, Ratcliffe Highway, Rotheshithe war er bald allgemein bekannt, entdeckte mancherlei, was ihn interessierte, und befreundete sich dort mit den Schiffsarbeitern, Zollwächtern, Abladern, Theerjacken und ähnlichen Leuten, so gut wie mit den Bewohnern von Bayswater, Belgravia oder Bloomsbury. Mit besonderer Vorliebe beteiligte er sich an den ›Singsangs‹ oder freien Zusammenkünften, bei denen die Arbeiter nach ihrem schweren Tagwerk Erholung fanden. Dort saß man um einen Tisch herum, der mit zinnernen Bechern und Gläsern voll schäumenden Biers besetzt war; man rauchte, trank, und jeder, der singen konnte, gab ein Lied zum Besten. Keiner der Gäste wußte sich hier so rasch heimisch und beliebt zu machen wie der kleine Billy; niemand sang schönere Lieder oder brachte bessere Toaste aus wie er; nicht einmal Dodor oder l'Zouzou hätten ihn 234 darin übertreffen können. Dabei war er so froh und heiter, und benahm sich ebenso höflich und ungezwungen unter diesen einfachen Menschen, wie in den prächtigen Gesellschaftsräumen der Großen, wo fürstlich bezahlte Sänger sich hören lassen, Künstler am Flügel die Begleitung spielen, und die Unterhaltung während des Gesangs ruhig weiter geht. So wuchs sein Mitgefühl für die Menschen im allgemeinen mehr und mehr, und entschädigte ihn gewissermaßen dafür, daß er es verlernt hatte, sich einzelnen mit besonderer Wärme anzuschließen. Denn zu einer engeren Freundschaft ließ er es niemals kommen; alle Versuche, sich ihm vertraulich zu nahen, scheiterten an seiner Zurückhaltung; er wies sie zurück, weil er fühlte, daß er sie nicht erwidern könne. Mancher schwärmerische Bewunderer seines Talents und seiner persönlichen Liebenswürdigkeit kam zu der Überzeugung, daß er, bei all seinen Gaben, doch herzlos und launenhaft sei und ebenso schnell bereit eine Beziehung wieder zu lösen, wie er sie angeknüpft hatte. Und doch war ihm nur im Zusammensein mit andern Menschen recht wohl. Er fühlte sich auf der Dampffähre so glücklich wie auf dem Yachtschiff eines Millionärs; ein Sitz auf der engen Bank des gefüllten Omnibus war ihm ebenso lieb wie die Polsterkissen des vornehmen Herrschaftswagens. Ihm lag nur daran, den warmen Pulsschlag seiner Mitmenschen in unmittelbarer Nähe zu fühlen; auch vor der Berührung einer schwarzen, schwieligen Hand 235 scheute er nicht zurück. Diese große, weite, herzgewinnende Menschenliebe spiegelt sich, nach meiner Ansicht, in allen seinen Werken wieder. Im ganzen zog er jedoch bald die Gesellschaft der besten und klügsten Männer seines eigenen Standes, jeder anderen vor. Er verkehrte am liebsten mit denen, welche sich durch besondere Gaben und hohe Bildung in ihrem Beruf hervorthun, mit den Arbeitern auf den verschiedenen Geistesgebieten, die er für das Salz der Erde hielt und zu denen er sich gleichfalls rechnete. Auf die Dauer kann sich der Mensch doch nur unter seinesgleichen wahrhaft heimisch fühlen – und sollte er zur Verbrecherklasse gehören – nirgends sonst werden wir so aufrichtig willkommen geheißen, so herzlich aufgenommen und zum Bleiben genötigt, wenn wir uns nur einigermaßen angenehm machen und man Ehre mit uns einlegen kann. Selbst unser Andenken wird von unsern Standesgenossen am längsten bewahrt, falls wir überhaupt im Gedächtnis der Menschen weiter leben. Wenn der kleine Billy Ruhe und Erholung brauchte, so suchte er sie von nun an in den Häusern derer, die, wie er, auf einer Lebensreise voll Arbeit, Mühe und rastlosen Strebens (der scheinbar glücklichsten, die es giebt), einmal Halt machen wollten, um sich an den frischen Wassern und im kühlen Schatten einer Oase zu erquicken. Man wohnte dort zwar nicht in goldenen Zelten, aber 236 Speise und Trank wurden gut und reichlich geboten und die Unterhaltung drehte sich um mehr als um den Hof, die Jagd, das Pferderennen und enge Parteipolitik, oder um die gefeiertste Schönheit, die neueste Verlobung oder Entführung in der vornehmen Welt. Dort spielten die größten lebenden Künstler zu ihrer und anderer Freude viel schöner als in Konzerten für schweres Geld, man hörte ihrem Vortrag mit Verständnis, unter lautlosem Schweigen zu und zollte ihnen den aufrichtigsten Dank. Es gab damals – und giebt, Gott sei dank, auch heute noch – einige solche Häuser in London. Der kleine Billy hatte dort Zutritt und badete sich mit Wonne in den Fluten des Wohllauts, in dem Strom des klugen Gesprächs, im Meer der weiblichen Bewunderung. Er vergaß dabei manchmal sogar seine Herzenserstarrung, dies chronische Übel, an dem er litt, und für das kein Doktor eine Erklärung oder Heilung wußte. Mit der Zeit hatte er sich darein ergeben, wie man thut, wenn man taub, blind oder gelähmt ist, denn der Zustand dauerte jetzt fast fünf Jahre unverändert fort. Dann und wann kam es ihm im Traum einmal so vor, als habe er seine verlorene Liebesfülle für Mutter, Schwester, Freund, wiedergewonnen; gerade wie der Blinde zuweilen träumt, daß ihm sein Augenlicht zurückgegeben sei. Jedesmal aber erweckte ihn die übergroße Freude, die er dabei empfand, wieder zur traurigen Wirklichkeit, bis er zuletzt auch im 237 Schlaf sich stets bewußt blieb, daß er nur träume, so oft er dies kostbare Gut von neuem zu besitzen meinte. Dann that er was er konnte, um nicht aufzuwachen; er strich diese Nächte im Kalender rot an und erinnerte sich ihrer noch lange. Nirgends aber fühlte er sich glücklicher als in Gesellschaft der großen Chirurgen und Ärzte, die sich für sein sonderbares Leiden interessierten. Denn, wenn Leute wie der kleine Billy krank werden, so thun die großen Doktoren (wie die großen Musiker) aus bloßer Liebe und Güte mehr für sie als für die Fürsten dieser Welt, die ihnen viele tausend Goldstücke als Honorar bezahlen und sie mit Ehren überhäufen.   Unter allen ihm bekannten Häusern in London war keins angenehmer und gastfreier als das des großen Bildhauers Cornelys. Der kleine Billy war dort so beliebt, daß er ohne weiteres seine beiden Freunde, Taffy und den Laird gleich am ersten Abend nach ihrer Ankunft in die Gesellschaft mitbringen konnte. Vorher aber speisten die drei miteinander in dem reizenden kleinen französisch-italienischen Gasthaus in der Nähe von Leicester Square, wo sie Bouillabaisse aßen (man denke sich des Lairds Entzücken!) und spaghetti und poulet rôti, was gar nicht dasselbe ist wie ein gebratenes Huhn. Den Salat durfte Taffy selbst mischen, und sie 238 rauchten ihre Zigarren gleich an Ort und Stelle, sobald sie fertig gegessen hatten – wie das in den guten alten Pariser Tagen ihre Gewohnheit gewesen. Das war eine glückliche Mahlzeit für Taffy und den Laird. Sie hatten ihren kleinen Billy wieder, scheinbar ganz unverändert, noch ebenso anhänglich, teilnehmend und zärtlich, und gar nicht eingebildet. Er wußte über so viele Dinge zu sprechen, die für sie neu waren und ungemein interessant. Sie ihrerseits hatten auch mancherlei zu erzählen, aber sie redeten nicht viel von Paris, aus Furcht, Gott weiß was für alte Geschichten wieder aufzurühren. Mitten in diesem fröhlichen Beisammensein alter langgetrennter Freunde, machte sich leider des kleinen Billy traurige Gemütskrankheit wieder auf so qualvolle Weise bemerklich, als hätten ihn vergiftete Pfeile getroffen. Er mußte unwillkürlich denken, daß Taffy doch sehr dick geworden wäre und ein ganz sonderbarer Kleinigkeitskrämer; und daß der Laird ein rechter Schwätzer sei, so kopflos, so ohne Saft und Kraft! Wie gierig sie beide die Speisen verschlangen und dabei rot wurden bis über die Ohren; wie plump und gewöhnlich sie aussahen, wie ihre Gesichter glänzten! Würde es ihn wohl auch nur im geringsten betrüben, wenn sie im nächsten Augenblick vom Schlage getroffen, tot unter den Tisch fielen? – Dann zeigte er sich womöglich noch anhänglicher, teilnehmender und zärtlicher; denn das waren ja alles nur Symptome seiner 239 unheimlichen Krankheit, an der er so wenig Schuld hatte wie jemand, den der graue Staar befällt. Er sah auch im Spiegel sein eigenes Bild, und kam sich neben dem herkulischen Taffy und dem wohlbeleibten Laird von Cockpen vor wie ein elender Knirps, wie eine jämmerliche, verkommene Mißgeburt. Was war er denn auch anderes als ein erbärmlicher Stümper, der sein Handwerk nur betrieb, um die Menge zu unterhalten, und gewaltig überschätzt wurde. Bilder hatten ja überhaupt keinen Wert, mochten sie gut oder schlecht sein, außer für die Narren, die sie malten, die Händler, die sie kauften, und die ungebildeten, geldstolzen Müßiggänger, die sie bezahlten, um sie bei sich an die Wand zu hängen, weil das Mode war. Es kam ihm alles ganz gleichgiltig vor. Hätte eine Bombe unter ihrem Tisch gelegen und der brennende Zunder dicht daneben, es wäre ihm kaum der Mühe wert gewesen, seine Freunde vor der Gefahr zu warnen, oder seinen eigenen Stuhl beiseite zu schieben. Gerade deshalb aber sprach er mit so viel Wärme und Lebhaftigkeit und war so voller Witz und Laune, daß Taffy und der Laird innerlich staunten über den günstigen Einfluß, den sein Erfolg und die erweiterte Lebenserfahrung auf ihn gehabt hatten. Sie priesen sein glückliches Los und spürten ordentlich einen leisen Anflug von Neid in ihrem warmen, liebevollen Herzen. Seltsamerweise hörten sie in einer kleinen Pause des 240 Gesprächs, entre la poire et le fromage, wie ein Fremder an einem Nebentisch (wo es ziemlich lärmend zuging) plötzlich ausrief: » Mais quand je vous dis que j' l'ai entendue, moi, la Svengali! et même qu'elle a chanté l'Impromptu de Chopin absolument comme si c'était un piano qu'on jouait! voyons!.... « » Farceur! la bonne blague! « unterbrach ihn ein anderer, und dann wurde die Unterhaltung so laut und allgemein, daß nichts mehr zu verstehen war. »Svengali! Wie komisch, daß gerade der Name auftaucht,« bemerkte Taffy. »Was wohl aus unserm Svengali geworden sein mag?« »Er hat auch das Impromptu von Chopin gespielt; es ist mir noch gut erinnerlich. Ein sonderbares Zusammentreffen!« meinte der kleine Billy. Aber sie sollten an jenem Abend noch mehr Sonderbares erleben – es kommt oft alles zusammen. – Nachdem unsere Freunde den Kaffee getrunken und noch einen Likör darauf gesetzt hatten, steckten sie ihre Zigarren an und fuhren in einer Droschke zu Cornelys in die Abendgesellschaft. Sir Louis Cornelys wohnt, wie jedermann weiß, auf dem Campden-Hügel in einem Schloß mit vielen Fenstern. Mag er aber herausschauen aus welchem er will, so hat er immer nur die Aussicht auf den eigenen Garten. Trotz seiner achtzig Jahre arbeitet er noch ebenso fleißig wie 241 sonst, und seine Hand hat nichts von ihrer Geschicklichkeit verloren. Aber er macht kein so glänzendes Haus mehr wie zu jener Zeit, in der sein Ruhm als Gastgeber fast seinem Künstlerruhm gleichkam. Als seine schöne Frau starb, zog er sich von der Welt zurück; er verläßt jetzt seine Besitzung nur noch, um seines Amtes an der Kunstakademie zu walten und einmal im Jahre bei der Königin zu speisen. In den fünfziger Jahren war das jedoch ganz anders. Damals gehörte sein Haus, Winters und Sommers, zu den angenehmsten und geselligsten in ganz London. Er machte den gastfreisten Wirt und Lady Cornelys mit ihren reizenden Töchtern die liebenswürdigsten Wirtinnen, die man sich vorstellen kann. Jeden Samstag, an den Gesellschaftsabenden, während der Londoner Saison, konnte man dort wahrhaft himmlische Musik hören, wenn alle die ausländischen Singvögel über den Kanal gekommen waren, um in der britischen Hauptstadt goldene Ernten zu halten. Zu einem solchen Musikabend im Mechelen-Haus fuhren nun Taffy und der Laird unter dem Schutz des kleinen Billy. Am Eingang des großen Conzertsaals wurden sie von einem stattlichen Herrn im Sammetkäppchen, mit grauem Bart und Haar und geistvollen Augen empfangen. Ihm zur Seite stand eine griechische Matrone von strahlender Schönheit, in so reiche, herrliche Gewänder gekleidet, daß die Freunde vor ihr auf die Kniee gesunken wären, wie bei dem überwältigenden Anblick orientalischer Fürstenpracht, 242 hätte sie nicht der einfache, herzliche Willkommen, den sie ihnen bot, daran gehindert. Kaum in den Saal getreten, schüttelten sie sich schon die Hände mit Lorrimer, Antoine und dem Griechen – welche Kinn- und Backenbärte trugen, an die seit fünf Jahren kein Scheermesser gekommen sein mochte. Allein zu überschwänglichen Begrüßungen war jetzt keine Zeit. Ein donnernder Akkord erklang plötzlich vom Klavier her; es entstand tiefe Stille, man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören, und dann sangen Signor Giuglini und die wunderbare Adelina Patti das Miserere aus Verdis berühmtester Oper, zum Entzücken aller Anwesenden. Eine Ausnahme machten nur solche, die, sich sehr erhaben dünkend, auf die italienische Musik und das bloße Virtuosentum mit Geringschätzung herabsahen, weil sie eben Mendelssohns Briefe gelesen und falsch verstanden hatten. Als die Nummer vorüber war, zeigte der kleine Billy seinen Freunden alle anwesenden Berühmtheiten, vom Premierminister bis herunter zu dem Schreiber dieser Geschichte, der sich sehr freute sie wiederzusehen, mit ihnen von alten Zeiten zu plaudern und sie den reizenden Töchtern des Hauses und andern schönen Damen vorzustellen. Dann trug Roucouly, der große französische Bariton, Duriens Lieblingslied vor: » Plaisir d'amour ne dure qu'un moment; Chagrin d'amour dure toute la vie... « Seine Stimme paßte nur noch für den Konzertsaal; er 243 sang aber eben so göttlich schön, wie er, zur Zeit seiner höchsten Blüte, an jenem Christabend, dessen sich die drei Freunde so gut erinnerten, › Noël, noël ‹ in der Madeleine gesungen hatte. Dann folgte ein Violinsolo des jungen Joachim, schon damals, wie auch heute noch, der größte Geigenspieler seiner Zeit; darauf ein Klaviersolo von Klara Schumann, der einzigen, die ihm ebenbürtig ist. Wer die Musik bisher nur als angenehmen Zeitvertreib betrachtet hatte, oder als einen oberflächlichen Sinnenkitzel, an denen der Geist keinen Anteil hat, ward hier eines Besseren belehrt. Dies Spiel war zugleich eine wohlverdiente Zurechtweisung für alle Virtuosen, die durch ihren hinreißenden Vortrag den Meister, welcher die Musik erdacht hat, vor dem kleineren Künstler zurücktreten lassen, der sie verdolmetscht. Denn diese beiden, in ihrer Art einzigen Musiker, ließen es den Hörer nie vergessen, daß es Sebastian Bach war, den sie spielten, mit größter Vollkommenheit, ohne dabei an sich zu denken. Wer kein Verständnis für Bach hatte, dem wurde die Zeit ein wenig lang. Wer aber ein Bachkenner war (oder es sich einbildete, oder dafür gelten wollte), paßte bei dieser Gelegenheit auf wie ein Schießhund; seine Versunkenheit und Verzückung, der unverwandte, fast steinerne Blick, mit dem er den Tönen lauschte, verriet seine ernste Auffassung und sollte die Oberflächlichen beschämen; ganz ebenso wie vorhin seine Zerstreutheit und Gleichgültigkeit bei den Trillern und Läufen 244 der Signora Patti und bei Roucoulys hübschen kleinen französischen Künsteleien. Das Reizendste an diesen wunderschönen Musikabenden war aber, daß man die Gäste nicht wie in den meisten Konzerten gleich Sardinen einschachtelte. Es waren ihrer verhältnismäßig nur wenige und ausgewählte, sie konnten sich daher zwischen den Stücken frei bewegen und mit ihren Freunden unterhalten. Man verlor sich in die andern Räume, wo es unendlich viel Schönes zu sehen gab, oder lustwandelte draußen im Park bei Mondenschein, Sternenglanz oder dem Licht chinesischer Lampen. Die Oberflächlichen konnten dort sitzen und nach Herzenslust lachen, plaudern und kokettieren, während drinnen Bach gespielt wurde. Die ernsten Musikkenner aber schritten in tiefsinnigem Gespräch durch die dunkeln Baumgänge und Wäldchen, wo sie das französische und italienische Getriller nicht zu hören bekamen. Sie priesen wohl statt dessen den berühmten Zola, Guy de Maupassant oder Pierre Loti und verkündeten im schönsten Englisch den Niedergang der englischen Litteratur, der Kunst, der Musik und aller Einrichtungen ihres Vaterlandes. Denn jene großen Geister, die nichts anderes als klassische Musik hören und nur klassische Bilder sehen können, lesen nicht etwa auch ausschließlich klassische Bücher in den verschiedenen Sprachen. Shakespeare, Dante, Molière und Goethe sind nichts für sie – damit: darf man ihnen nicht kommen. 245 Es macht auch keinen Unterschied, daß von den drei oben genannten unsterblichen Verfassern französischer Unterhaltungslektüre in damaliger Zeit noch gar nicht die Rede war; sie hatten geistesverwandte Vorgänger, die mir gerade entfallen sind. Aber Namen thun nichts zur Sache – in der Geschichte ist schon alles einmal dagewesen. Feydeau, oder sagen wir lieber Flaubert, oder meinetwegen Miß Austen (denn wer tot und begraben ist, gilt fast so viel wie ein Franzose, der leichtfertige Bücher schreibt), ferner Sebastian Bach und Sandro Botticelli – damit alle Künste vertreten sind – mußte man in jenen Tagen verstehen und würdigen können (oder wenigstens die Miene annehmen). Diese Namen haben wenig mit einander gemein, aber ihre Verehrer zählten damals zu den Höchstgebildeten in den geistreichen Londoner Gesellschaftskreisen und durften auf die Philister mit Verachtung herabsehen. Zu sehr später Stunde erschien noch ein großer, schöner, schwarzäugiger Ausländer mit dem Notenheft in der Hand. Seine Ankunft brachte alles in lebhafte Bewegung. »Glorioli ist da,« oder »Ecco Glorioli,« oder »Voici Glorioli!« erscholl es von allen Seiten, bis man ganz nervös davon wurde. Alle schönen Damen, Gesandtinnen, weibliche Berühmtheiten jeder Art, flatterten auf ihn zu und bewillkommneten ihn aufs schmeichelhafteste. Die Baronessen, Komtessen und durchlauchtigsten Prinzessinnen vergaßen ihre Hoheit und Würde, wie Svengali sagen würde. 246 Sie brauchten nicht lange zu bitten, denn schon stand Glorioli auf dem Podium und sein Pianist saß am Klavier, ihn zu begleiten. Er hielt ein Notenblatt in der Hand, warf aber keinen Blick hinein. Statt dessen liebäugelte er mit den schönen Damen und lächelte ihnen zu. Dann öffnete er die dicken, bärtigen Lippen ein wenig, feuchtete sie mit der Zunge an, und nun strömten aus seinem Munde die entzückendsten Töne, die jemals die Kehle von Mann, Weib oder Knaben hervorgebracht hat. Er konnte singen wie er wollte: tief und hoch, stark und leise. Daß er die Oberflächlichen bezauberte, versteht sich von selbst; aber auch die ernstesten Musikkenner fühlten sich gefangen, überrumpelt, in Staunen und Begeisterung versetzt, erschüttert, überwältigt, gereizt, geneckt, gequält, bis sie sich verlocken ließen, alle Verstellung aufzugeben und sich ihrem natürlichen Entzücken zu überlassen. Sebastian Bach aber (den alle wirklich großen Musiker so aufrichtig verehren, und dem von so vielen Musik-Unverständigen mit Affektation gehuldigt wird), geriet einstweilen gänzlich in Vergessenheit. Am begeistertsten von allen zeigten sich jedoch die beiden berühmten Künstler, die an jenem Abend Bach gespielt hatten. Denn ihr Gesichtskreis war weit und allumfassend, ihre Bewunderung aufrichtig; sie erkannten das wirklich Schöne, in welcher Form es auch gegeben wurde. Es war nur ein kleines einfaches Lied, das Glorioli sang, eine leichte, wunderhübsche Melodie, die fast so gut 247 ist wie die Worte, die ihr untergelegt sind und die Alfred de Musset verfaßt hat. Ich liebe sie so sehr, daß ich der Versuchung nicht widerstehen kann, sie hierher zu setzen, als hätte ich sie eben selbst gedichtet, bloß weil es mir ein förmlicher Genuß ist, sie niederzuschreiben: Bonjour, Suzon, ma fleur des bois! Es-tu toujours la plus jolie? Je reviens, tel que tu me vois, D'un grand voyage en Italie! Du paradis j'ai fait le tour - J'ai fait des vers - j'ai fait l'amour...   Mais que t'importe!   Mais que t'importe! Je passe devant ta maison:   Ouvre ta porte!   Ouvre ta porte!     Bonjour, Suzon! Je t'ai vue an temps des lilas, Ton coeur joyeux venait d'éclore, Et tu disais: 'Je ne veux pas, Je ne veux pas qu'on m'aime encore.' Qu'as-tu fait depuis mon départ? Qui part trop tôt revient trop tard.   Mais que m'importe!   Mais que m'importe! Je passe devant ta maison:   Ouvre ta porte!   Ouvre ta porte!     Bonjour, Suzon! Als Glorioli das Lied anfing, während er es sang und nachdem es aus war, thaten einem alle übrigen Sänger leid. Es sang auch niemand mehr an jenem Abend; Glorioli war 248 müde und wollte nicht, die andern aber hatten weder Mut noch Selbstlosigkeit genug, um sich nach ihm hören zu lassen. Vielleicht erinnern sich einige meiner Leser noch an diesen wunderbaren Singvogel, der, obgleich nicht Musiker von Beruf, sich doch herbeiließ, für ein Honorar von hundert Guineen, die vornehme Welt in ihren Salons durch seine Kunst zu entzücken. Noch schöner aber sang er im Kreise seiner Freunde, um ihnen und sich ein Vergnügen zu machen. Denn Glorioli, der größte, stattlichste und vornehmste Jude, den ich je gesehen habe – einer von den Sephardim (oder den Seraphim) kam aus Spanien, wo er jüngerer Teilhaber der berühmten Weinhandlung von Moralés, Peralés, Gonzalés und Glorioli in Malaga war. Er reiste für die eigene Firma, sein Wein war gut und er verkaufte viel in England. Mit seiner Stimme erwarb er sich jedoch weit mehr Gold in dem Monat seines dortigen Aufenthalts, denn es gab Weine von gleicher Güte, ja sogar bessere, aber eine solche Stimme war nirgends in der Welt zu finden. Dem kleinen Billy war sein Gesang zu Kopfe gestiegen wie der feurigste Wein, er sprach noch Tage und Wochen lang von nichts anderem. Auch drückte er seine Freude und Dankbarkeit auf so überschwängliche Weise aus, daß der große Sänger eine förmliche Neigung für ihn faßte (besonders da er erfuhr, dieser schwärmerische Jüngling sei einer der hervorragendsten englischen Maler). Um 249 ihm seine ganz besondere Hochachtung zu beweisen, teilte er ihm im Vertrauen nach dem Abendessen mit, daß in jedem Jahrhundert zwei menschliche Nachtigallen geboren würden – nur zwei: eine männliche und eine weibliche. Er, Glorioli, sei die männliche Nachtigall des neunzehnten Jahrhunderts. »Das glaube ich wohl. Wer aber ist denn die weibliche Nachtigall, die Ihre Genossin sein sollte?« fragte der kleine Billy. » Ah, mon ami... zuerst war es die kleine Alboni, bis vor ein paar Jahren die kleine Adelina Patti erschien, und jetzt ist es La Svengali .« » La Svengali? « » Oui, mon fy! Eines Tages werden Sie sie hören – et vous m'en direz des nouvelles! « »Sie können doch unmöglich behaupten wollen, daß sie eine bessere Stimme hat als Madame Alboni?« » Mon ami, ein Apfel ist eine treffliche Frucht, bis man eine Pfirsich geschmeckt hat. Die Stimme der Alboni ist der Apfel, die der Svengali die Pfirsich; ich versichere es Ihnen auf mein Ehrenwort! Aber, bah! die Stimme ist Nebensache; ihre Wirkung ist das Unglaubliche. Es läuft dem Hörer kalt den Rücken herunter, er möchte wahnsinnig werden, die heißen Thränen stürzen ihm aus den Augen. Ah! die Thräne! mon fy! tenez! alles vermag ich, nur das nicht! – Ce n'est pas dans mes cordes! Ich 250 kann nur Liebesglut entzünden! Aber la Svengali!... Und dann, wenn man noch ganz gerührt ist – hurrr! . . . – da bringt sie einen zum lachen! Ah! le beau rire! faire rire avec des larmes plein les yeux - voilà qui me passe!... Mon ami, als ich sie hörte, gelobte ich mir, keinen Ton mehr zu singen – es kam mir zu abgeschmackt vor. Einen ganzen Monat lang habe ich den Schwur gehalten – und Sie wissen: Je sais ce que je vaux, moi! « »Sie sprechen gewiß von der Svengali!« sagte Signor Spartia herzutretend. » Oui, parbleu! Haben Sie sie gehört?« »Ja, letzten Winter, in Wien,« erwiderte der berühmteste Singlehrer der Welt » J'en suis fou, hélàs! Ich glaubte, ich verstünde eine Stimme auszubilden, bis ich die Schülerin des Erzschurken Svengali hörte. – Er soll sie geheiratet haben, sagt man.« »Des Erzschurken Svengali!« rief der kleine Billy. . . . »das ist am Ende der Svengali, den ich in Paris gekannt habe – ein berühmter Klavierspieler, mit dem ich befreundet war!« »Jawohl, das ist er! auch une fameuse crapule (sauf vot' respect); sein eigentlicher Name ist Adler; seine Mutter war eine polnische Sängerin und er ist im Leipziger Konservatorium ausgebildet. Ein wunderbarer Künstler, ein Singlehrer sondergleichen – einer Frau diesen Gesang beizubringen – und solch' einer Frau! belle comme un 251 ange - mais bête comme un pot. Ich versuchte mit ihr zu reden, aber sie kann nichts sagen, als: ›jawohl‹ oder ›doch‹ oder ›nein‹ oder ›so‹! kein Wort englisch, französisch oder italienisch. Und doch singt sie in diesen Sprachen – ganz göttlich, sage ich Ihnen. Es ist › il bel canto ‹, den die Welt nach hundert Jahren wieder zu hören bekommt . . .« »Was für eine Stimme hat sie denn?« fragte der kleine Billy. »Sie beherrscht alle Stimmlagen, die eine Frauenstimme überhaupt umfaßt – drei, vier Oktaven. Und was für Töne! Menschen, die keinen Begriff von Musik haben, fangen an vor Freuden zu weinen, sobald sie nur den Mund aufthut. Alles was Paganini mit seiner Geige ausrichten konnte, bringt sie durch ihre Stimme zu Wege. Und dieser Wohllaut! Un vrai baume! « »Ich möchte gleich wetten, daß Sie von der Svengali sprechen,« nahm jetzt Herr Kreutzer, der berühmte Komponist, das Wort. » Quelle merveille, hein? Als ich sie im Winterpalast zu St. Petersburg hörte, gerieten die Damen alle ganz außer sich, nahmen ihre Perlen und Diamanten ab, gaben ihr den Schmuck, knieten vor ihr und küßten ihre Hände. Sie aber sagte kein Wort, sie lächelte nicht einmal. Die Männer schneuzten sich in den Ecken des Saales und besahen die Bilder an den Wänden, damit man ihre Rührung nicht merken sollte – ich selber machte es ebenso, und der Kaiser auch!« 252 »Sie reden wohl im Scherz?« sagte der kleine Billy. »Mein Freund, ich scherze nie, wenn ich von Musik spreche. Wenn Sie sie erst einmal selbst gehört haben, werden Sie mir beipflichten, daß es zweierlei Klassen von Menschen giebt, welche singen; zu der einen gehört die Svengali – zu der andern alle übrigen Sänger.« »Singt sie denn aber auch gute Musik?« »Ich weiß nicht. Alles was sie singt ist gut. An die Lieder denkt man nicht, nur an die Sängerin. Jeder gute Sänger, der ein schönes Lied singt, erfreut seine Zuhörer; aber ich möchte lieber eine Tonleiter von der Svengali hören, als das schönste Lied der Welt – und wenn es mein eigenes wäre – von jemand anderem. So mögen die großen Italiener im letzten Jahrhundert gesungen haben. Die Kunst war verloren gegangen und ist neu entdeckt worden von ihr. Sie muß wohl gesungen haben noch ehe sie sprechen konnte, sonst hätte sie nicht Zeit gehabt alles zu lernen was sie weiß, denn sie ist noch lange nicht dreißig Jahre alt. Im Oktober singt sie in Paris, Gott sei Dank, und nach Weihnachten werden wir sie hier in Drury Lane hören. Julien zahlt ihr zehntausend Pfund.« »Wahrhaftig, das muß wohl dieselbe sein, die ich vor zwei oder drei Jahren in Warschau gehört habe,« ließ sich der junge Lord Witlow vernehmen. Es war beim Grafen Siloszech. Der hatte sie auf der Straße singen hören. Ein großer, schwarzbärtiger Kerl begleitete 253 sie auf der Guitarre und ein kleiner Zigeuner geigte dazu. Eine schöne Frau! – das lange, blonde Haar fiel ihr fast bis zu den Knieen herab – aber erzdumm! Siloszech ließ sie bei sich singen; es war um rasend zu werden. Jeder schenkte ihr was er hatte, Uhren, Diamantknöpfe, goldene Vorstecknadeln. Weiß der Himmel, ich hatte so etwas noch nie erlebt. Von Musik verstehe ich nichts – könnte kaum unsere Nationalhymne von ›Lang, lang ist's her‹ unterscheiden, wenn die Leute nicht aufstünden und die Hüte abnähmen. Aber es packte mich wie alle übrigen. Ich gab ihr ein kleines silbernes Riechfläschchen, das ich eben erst für meine Frau gekauft hatte – bei Gott, das that ich, und war doch ganz jung verheiratet. Es muß wohl der besondere Klang ihrer Stimme sein, der es einem anthut.« Der kleine Billy hörte das alles und kam zu der Überzeugung, daß das Leben doch noch nicht ganz freudenleer für ihn sei, da ihm die Aussicht blieb, eines Tages die Svengali zu hören. Jedenfalls wollte er sich vorher noch keine Kugel durch den Kopf jagen.   Es war schon lange nach Mitternacht. Die Baronessen, Komtessen, durchlauchtigsten Prinzessinnen (und andere Damen von geringerem Rang), fuhren in Wagen und Droschken nach Hause, und die Wirtin ging nebst ihren Töchtern zu Bett. Wer zum stärkeren Geschlecht gehörte 254 und gern noch länger ausblieb, speiste noch einmal zu Abend, rauchte und plauderte, bis der Sonntagmorgen über den Campden-Hügel stieg und in das Mechelen-Haus durch alle Fenster hereinschaute. Als Taffy und der Laird im Tagesgrauen heimwärts gingen, hörten sie das Gezwitscher der erwachenden Vögel, und erfrischten sich in der kühlen dämmernden Frühe. Es war ihnen, als hätten sie Jahre durchlebt seit dem gestrigen Abend und die beste Londoner Gesellschaft kennen gelernt. Dann aber überlegten sie, daß sie die meisten Berühmtheiten doch nur von weitem gesehen hatten; sie konnten sich nicht vielen Leuten vorstellen lassen, dazu reichte die Zeit nicht, und so hatten sie sich etwas fremd und unbehaglich gefühlt. Schließlich war es für sie doch nur ein mäßiges Vergnügen gewesen. Droschken gab es auch nicht; sie hatten zu enge Stiefel an und waren entsetzlich müde.   Die Saison war vorüber, die fremden Singvögel davongeflogen, der Sommer nahte seinem Ende. Der kleine Billy hatte die ›Monduhr‹ in die Kunsthandlung von Moses Lyon geschickt, und fand es nun an der Zeit, auf etwa einen Monat nach Devonshire zu gehen, um seiner Mutter und Schwester einen Besuch zu machen. Er war ja ihr Sonnenschein, der Stolz und die Freude ihres Lebens. So fuhr er denn an einem schönen Augustmorgen nach dem großen Westbahnhof, der mir der liebste in ganz London 255 ist, außer denjenigen, wo man die Fahrkarten nach Frankreich löst und darüber hinaus. Der kleine Billy hatte den Westbahnhof so gern, daß er zuweilen einen Spaziergang dahin machte, nur um des Vergnügens willen, die Reisenden abfahren zu sehen. Sie folgten der Sonne, sie gingen den verschiedensten Freuden und Schmerzen entgegen, und er beneidete sie um jede Freude und jeden Schmerz, die sich nicht nur den Sinnen bemerklich machen, wie ein Stück Kuchen, eine hübsche Melodie, ein schlechter Geruch oder Zahnweh. Er nahm seinen Platz rückwärts und auf der Schattenseite in der zweiten Klasse ein, (in unsern demokratischen Zeiten wäre er dritter Klasse gefahren). Mit Reiselitteratur war er wohl versehen, er hatte ›Silas Marner‹ bei sich und Darwins ›Entstehung der Arten‹ (das er zum drittenmal las), etwas leichtere Unterhaltungslektüre und die neueste Nummer des Punch. Wie glücklich wäre er gewesen, hätte sich nur aus seinem Hirn das kleine Knötchen oder Klümpchen geronnenes Blut wegschaffen lassen, welches sein Gefühlsvermögen lähmte. Ließ sich denn etwas Schöneres denken, als nach Hause zu reisen, zu der besten Mutter, der liebevollsten Schwester von der Welt; nach dem reizenden Städtchen am Seestrande, wo noch andere liebe Leute ihn erwarteten, zum Beispiel Alice, die schöne Alice mit dem goldbraunen Haar, die Freundin seiner Schwester, das einfache, züchtige, fromme 256 Mädchen aus seinen Knabenträumen. Er selbst fühlte sich so gesund, so voller Leben und Thatkraft wie je zuvor – bis auf jene unselige kleine Gehirnverhärtung, die ihm alle Freude verdarb. Wenn er nicht Silas Marner las, oder nach der vorüberfliehenden Landschaft zum Fenster hinaussah, beobachtete er voller Anteil seine Mitreisenden der Reihe nach, und beneidete sie alle miteinander. Den dicken, alten, kurzatmigen Philister mit der Kartoffelnase, welcher aufs liebevollste für seine häßliche, kränkliche Tochter besorgt schien; die alte Dame, die sich noch heimlich die Augen trocknete, bei der Erinnerung an den Abschied von ihren Großkindern auf dem Bahnhof (diese hatten, wie Enkel pflegen, eine wunderbare Fassung bewahrt); den schwindsüchtigen Pfarrer ihm gegenüber am Fenster, dessen Frau an seiner Seite saß und nur für ihn zu sorgen und zu denken schien. Ihre sanften Augen mochten wohl seine Trost- und Hoffnungssterne sein, denn er wandte immer wieder den Kopf, um in sie hineinzuschauen und neue Kraft zu schöpfen. Glücklich der Mann, dem solche Sterne leuchten! Der kleine Billy trat der Frau seinen Fensterplatz ab, damit der arme Kranke sie bequemer ansehen konnte, ohne sich umzuwenden. Auch erwies er sich seinen Mitreisenden noch auf andere Art gefällig und nützlich, wie er das immer that, so daß sie ihn alle lieb gewannen, wie einen alten Freund, bevor noch ihr Reiseziel erreicht war. Gern hätten 257 sie gewußt, wer dieser liebenswürdige, freundliche, hilfreiche junge Mann, dieser feine, zierliche kleine Prinz wohl sein möge, der so modisch gekleidet war und doch zweiter Klasse fuhr und so rücksichtsvoll an andere dachte. Sie hielten ihn für ein sehr glückliches Menschenkind und vertrauten ihm in sechs Stunden mehr von ihren Sorgen an, als manchem alten Freund in Jahresfrist. Er aber erzählte ihnen nichts von sich – sein eigenes Selbst war ihm ja nur zur Last – und sie blieben über ihn im Dunkeln. Als er endlich ankam – er war der letzte, welcher ausstieg – empfingen ihn Mutter und Schwester am Bahnhof mit dem schönen kleinen Ponywagen, den er ihnen kürzlich geschenkt hatte. Auch Alice war mitgekommen, und bei der Begrüßung sah sie ihn einen kurzen Moment, völlig unbewußt, mit Liebesaugen an – ein Blick, den man in langen, langen Jahren nicht wieder vergißt, und den nur der erkennt, welchem er gilt. Man sagt, daß bei diesem blitzartigen Aufleuchten alle Frauenaugen einander vollkommen gleichen; deshalb kam es dem kleinen Billy während des Bruchteils einer Sekunde so vor, als hätte Alice ihn mit Trilbys Augen angesehen, oder mit seiner Mutter Augen, wie er sie sich aus der Kindheit erinnerte. Fast hätte ihn das Wonnegefühl durchbebt, nach dem ihn schon so lange dürstete. In der nächsten Sekunde vielleicht wäre sein Übel geheilt gewesen, und der kleine 258 Billy hätte sein altes Erbgut wiedergewonnen, sein Königreich der Liebe! Was kann doch ein schönes Auge alles sehen und wiederspiegeln – auch das Auge eines Hundes, eines Rehs, eines Maultiers, selbst einer Eule! Kein Stern, kein Edelstein ist diesem Juwel vergleichbar! Und wenn nun durch diesen Spiegel die ganze unendliche Schöpfung tief hineinstrahlt in ein reines, jungfräuliches Herz, das sie umfaßt, sich zu eigen macht, erwärmt, durchdringt, verklärt, und alle Strahlen in einen Punkt vereinigt, um sie mit Liebesgefühl erfüllt, durch Iris und Pupille in irgend ein nahes, mitfühlendes Herz zu ergießen – welch ein Lebenselixir ist das! Ach, warum muß solcher Kronjuwel je seinen Glanz verlieren und blind werden! Doch so trüb und blind wird das Auge nie, daß es nicht nach vorwärts und rückwärts blicken kann, nach innen und nach oben, in Thränen zerfließen und doch nicht sterben! Und das ist ja eben der größte Jammer dabei. Aber – wie überflüssig scheint diese ganze Abschweifung (die mir noch dazu Mühe gemacht hat). Warum bin ich nur so ganz vom Wege abgewichen?! Glaubt nur: »Und wenn ihr nach des Lieds Bedeutung mich wollt fragen, So kann ich euch nur dies zur Antwort sagen: Ich weiß es nicht, trali, ich weiß es nicht, trala! An Nancy denk' ich, mein Herz ihr schenk' ich, trali, trala!« .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   . 259 »Wie wunderhübsch Alice geworden ist, Mutter; ich finde sie ganz reizend, und so allerliebst in ihrem Wesen; aber, sie war ja immer ein allerliebstes Mädchen!« Das sagte der kleine Billy am Abend zu seiner Mutter, während sie im Garten saßen und die silberne Mondsichel ins Meer sinken sahen. »Ach William, mein Herzenssohn, du ahnst ja gar nicht, wie glücklich es deine arme, alte Mutter machen würde, wenn du Alice lieb gewännest – und was für eine Freude wäre das auch für Blanche!« »Du lieber Himmel, Mutter . . . . Alice ist nicht für meinesgleichen! Sie muß einen schönen jungen Gutsbesitzer haben, eine Hünengestalt mit Vollbart und vielen Hufen Landes! . . .« »Nein William, glaube mir, du bist keiner von denen, die vergeblich um Liebe werben. Wüßtest du nur, wie viel sie von dir hält; fast noch mehr als deine eigene Mutter!«   In jener Nacht träumte er von Alice. Er liebte sie, wie man ein schönes gutes Mädchen lieben soll; doch selbst im Schlaf verlor er nicht das Bewußtsein, daß es nur ein Traum sei. Aber es war ein köstliches Gefühl, und er that was er konnte, um nur nicht aufzuwachen. Diese Nacht mußte im Kalender rot angestrichen werden. Im Traum hatte ihn Alice geküßt und ihn auf immer von seinem Gehirnleiden befreit. Als er jedoch am nächsten Morgen 260 erwachte, ach, da war das alte Übel wieder da und er fühlte, daß ein Traumkuß ihn nimmermehr heilen würde; – das konnte nur ein wirklicher Kuß von Alices reinen Lippen vollbringen. Er dachte an sie als er aufstand und während er sich anzog und frühstückte. Wie schön war sie doch, wie unschuldig, wie wohlerzogen, wie sorgfältig auf den Weg geleitet, den sie gehen sollte – man hätte sich keine idealere Gattin wünschen können . . . . war es denn möglich, daß sie für ihn, für solchen Knirps, eine Neigung faßte? Bei seiner Bewunderung der schönen Form, schien es ihm unbegreiflich, daß eine Frau, die Augen im Kopfe hatte, je über den Mangel körperlicher Vorzüge beim Manne hinwegsehen könne, um irgendwelcher geistiger Gaben und Kräfte willen. Er hatte griechischen Schönheitssinn, schwärmte für eine Athletengestalt und war überzeugt, alle Frauen ohne Ausnahme – besonders alle Engländerinnen – sähen mit denselben Augen wie er. Einstmals war er eitel und schwach genug gewesen an Trilbys Liebe zu glauben (während doch Taffy neben ihm stand, kalt und unempfindlich, aber den Göttern des Olymps vergleichbar), und Trilby hatte ihn beim ersten Wink, beim ersten Wort aufgegeben, trotzdem er wie wahnsinnig an ihr hing. Wäre es Taffy gewesen, sie hätte ihn nicht fahren gelassen, pour si peu . Leute wie Taffy brauchen bloß den 261 kleinen Finger zu rühren oder zu pfeifen . . . . aber Taffy hatte nicht einmal gepfiffen. Er dachte immer noch an Alice und glaubte, um so recht mit Muße an sie denken zu können, müsse er hinaus auf die Düne gehen, wo die Schafe weideten. So nahm er denn seine Pfeife und seinen Darwin und schlenderte im Morgensonnenschein den grünen Heckenweg hinunter, an der hübschen Kirche vorbei – der Pfarrkirche von Alices Vater. Vor der Thür saß Alices Hund und wartete geduldig auf seine Herrin. Er war ihm sehr zugethan und bewillkommnete ihn mit großer Wärme. Der kleine Billy dachte an Thackerays zartempfundenes Gedicht: »Sie kommt, – sie ist da, – vorbei Ist sie geeilt schon, – sei Der Himmel mit ihr!« Dann ging er in Begleitung des Hundes nach einer Bank am Klippenrande, von der aus man Alices Fenster sehen konnte. Sie hieß im Volksmund ›die Bank der Verliebten‹. »O der Blick – der Blick – der Blick! Aber hat mich nicht Trilby ebenso angesehen? – In der Grafschaft Devon giebt es viele Taffys!« Er setzte sich nieder, rauchte und sah auf das Meer hinaus. Noch hatte die Sonne (die im Osten stand) nicht den blendenden Glanz darüber ausgegossen, welcher dem Wasser die wundervolle saphirblaue, mit Purpur und 262 Dunkelgrün durchschossene Färbung raubt, in die es sich dann und wann in der Morgenfrühe an dieser schönen Küste taucht. Ein frischer Westwind trieb die großen Wellen langsam dem Ufer zu, und die schaumgekrönten Kuppen spiegelten ihr zartes Weiß in den blauen Fluten. Der Himmel war ganz wolkenlos, nur der Rauch eines fernen Dampfers zog sich wie ein dünner, schwarzbrauner Streifen über den Horizont; hier und da glänzten kleine weiße Segel, und stattliche Schiffe zogen vorüber . . . Der kleine Billy bemühte sich nach Kräften, alle diese Schönheit nicht nur zu erkennen, sondern sie auch im Herzen zu empfinden – wie er es als Knabe so oft gethan – und wohl zum tausendstenmal verwünschte er seine Gefühllosigkeit. Warum ließen sich nur alle diese Äther- und Wasserwellen nicht in ebenso mächtige Schallwellen verwandeln! Nur Töne waren noch imstande, sein Gefühl zu erregen; diese einzige Freude war ihm geblieben – aber ach, er verstand nur Bilder zu malen und war kein Musiker. Alices Hund, der ihn lieb hatte, schaute ihm mit den klugen, zärtlichen Augen ins Gesicht, und der kleine Billy deklamierte dem guten Tyras allerlei Verse aus seinen Lieblingsdichtern vor. Das war bei ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er nicht Selbstgespräche hielt. »Brecht, brecht, brecht, Ihr Wellen am Klippenstrand!« Das Gedicht pflegte sich jeder, der auf dieser Bank saß, 263 laut oder leise vorzusagen, außer einigen altmodischen Leuten, die bei: »Wälze deine Wogen, blauer Ozean!« stehen geblieben waren. Wer sich der neusten Bildung befliß, deklamierte nur noch Robert Browning, dessen Stern damals zu steigen begann, und wer ganz ungebildet war, schwieg einfach still – und empfand desto mehr. Tyras hörte schweigend zu. »Weißt du, Tyras: das Beste, was man thun kann, ist die See zu malen; wohliger aber ist es noch, darin zu baden, und am allerwohlsten fühlt sich, wer auf ihrem Grund gebettet liegt. Wie würde dir das behagen: Bei Schlangen und Molchen, ohne Schrein Im Schlamm der Tiefe begraben sein . . .« Tyras wedelte verständnisvoll mit dem Schwanz, wandte den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite und sah seinem Freunde unverwandt fragend ins Gesicht. ,.Wie aufmerksam du mir zuhörst, Tyras. Du bist doch ein recht wohlerzogener Hund!« sagte der kleine Billy und rief dann in den zärtlichsten Tönen: »Alice, Alice, Alice!« Tyras gab einen hohen, weichen Nasenlaut von sich, mit seiner Kopfstimme, obgleich er von Natur einen tiefen Bariton hatte und mächtige volle Brusttöne, die ganz kriegerisch klangen. »Deine Herrin ist eine Pfarrerstochter, Tyras, und 264 deshalb ein noch größeres Rätsel als die anderen Frauen in dieser unverständlichen Welt. Wäre mein Herz nicht mit Wachs verklebt, wie die Ohren der Gefährten des Odysseus, als sie bei den Sirenen vorüberschifften – du wirst doch von Odysseus gehört haben, Tyras – der hatte auch einen treuen Hund – wenn mein Herz nicht mit Wachs verklebt wäre, so würde ich deine Herrin unendlich lieb haben; vielleicht willigte sie auch ein mich zu heiraten, wenn ich um sie anhielte – der Geschmack ist oft wunderbar. Ich weiß, ich würde ihr ein guter Ehemann sein, dazu kenne ich mich genügend – ich würde sie glücklich machen, und auch zwei andern Frauen die größte Freude bereiten. »Was mich persönlich betrifft, Tyras, so macht es keinen großen Unterschied, welche Frau ich nehme, wenn sie nur gut und hübsch ist. Du glaubst mir nicht? Warte nur, bis du auch so ein Leiden hast wie ich – nur ein Eiterbläschen, ein Klümpchen geronnenes Blut, kaum so groß wie ein Stecknadelknopf, in irgend einer Nervenzelle! – Und solche Kleinigkeit, ein solches Nichts ist schuld an all meinem Elend und macht mir das ganze Leben zur Last. Tag und Nacht möchte ich es verfluchen! »Und es bedarf nur eines ebenso winzigen Dinges, eines geringen Anstoßes, um es fortzuschaffen, sagt man. »Dieses winzige Ding aber, dieses Sandkorn, das doch kostbarer ist als ein Diamant, besitzt Alice ganz allein 265 auf der weiten Welt. Sie nur hat das Mittel, das mich jetzt noch heilen kann; durch ihre Hand, ihre Lippen, ihre Augen – ich fühle es – kann ich genesen. Es hat mir letzte Nacht geträumt! Sie schaute mich an, nahm meine Hand – meine beiden Hände – küßte mich auf die Augen, auf den Mund, und sagte mir, wie sehr sie mich liebe! Ein wunderschöner Traum! Das Blutklümpchen zerfloß wie eine Schneeflocke, und ich hatte mein altes Selbst wieder – nach vielen, vielen Jahren – nur durch den Kuß einer reinen Jungfrau! »Noch nie im Leben haben mich unschuldige Frauenlippen geküßt, außer die meiner Mutter und Schwester – und die zählen beim Küssen nicht mit. »O ich weiß, sie wird mir Heilung bringen, die süße Samariterin! Ganz plötzlich werde ich alles wiederhaben, gerade wie in meinem Traum. Dann wollen wir drei uns zusammen freuen und glücklich sein . . . »Aber, deine Herrin ist eine Pfarrerstochter und glaubt alles was man sie von klein auf gelehrt hat, gerade wie du. Das hoffe ich wenigstens. Und es ist mir lieb an ihr – und an dir auch. »Sie hat ihrem Vater geglaubt – wird sie mir auch glauben, obgleich ich so ganz anders denke wie er? Und wenn sie es thut, wird es gut für sie sein – wird sie nicht irre werden an ihrem Vater? O, es ist schlimm, wenn man den Glauben an seinen Vater verliert und das 266 Vertrauen auf ihn. Es ist ein großes Unglück, Tyras, das zu erleben, und entweder an seiner Aufrichtigkeit zweifeln zu müssen oder an seinem Verstande. Denn er hat (mit Hilfe der Mutter) uns das Beste gelehrt, was er selber weiß, wenn er ein guter Vater war – bis ein anderer kommt und uns noch Besseres lehrt – oder Schlimmeres! »Und dann weiß man nicht mehr, welche von den früheren Lehren wahr sind und welche falsch. Wie soll man die Spreu von dem Weizen unterscheiden? . . . »O kniee und bete ruhig weiter, schöne Heilige! Ich will dir gewißlich nicht den Glauben an deinen Vater nehmen – weder an den Vater auf Erden, noch an den Vater im Himmel! »Ja, da kniet sie in der Kirche, beugt das schöne Haupt über die gefalteten Hände, und ihre Gewänder fallen anmutig um sie her: ich sehe es deutlich vor mir. »Tief drinnen aber in dieser Umhüllung ist das arme, sanfte, rührende Ding von Fleisch und Blut, das liebe, schwache Geschöpf mit dem großen Herzen und dem kleinen Hirn, das Weib, das so liebenswert und so gebrechlich ist. Niemals sich selbst genug, immer vertrauend und sich anlehnend – wie oft habe ich es gemalt; ich kenne es auswendig und liebe es – ach ich liebe es unaussprechlich! Wer nicht Maler oder Bildhauer ist, wird solche reine und erhabene Liebe nie begreifen können. »Ja, da kniet sie und bringt Lob und Preis, wie 267 sich's gebührt, oder klagt ihren Kummer demütiglich. Vielleicht betet sie auch für mich. Sie glaubt, daß ihr armes Bitten droben erhört wird. Das Unmögliche wird geschehen, denn sie fleht ja so innig um die Erfüllung ihrer Wünsche. Sie glaubt – sie glaubt – was glaubt sie nicht alles. Tyras? – »Nun, wenn sie an mich zu glauben vermag, so kann sie dreist auch alles andere glauben. Warum nicht? »Ich bin entschlossen, mir selber untreu zu werden, um des lieben Mädchens willen, hörst du! Ich will neben ihr knieen, morgens und abends und den ganzen Sonntag lang, wenn sie es wünscht. Was thäte ich nicht für die einzige schöne Frau, die an mich glaubt? Auch diesen Glauben will ich bei ihr ehren, und mein Bestes thun, damit sie nie irre an mir wird. Wie könnte ich ein so kostbares Gut verschleudern! . . . »Mit Alice, deiner und meiner holden Herrin, Tyras, ist also alles in bester Ordnung. »Aber was soll ich mit Alices Papa anfangen? Da liegt der Hase im Pfeffer! »Ist es unter irgend welchen Umständen erlaubt, einem erwachsenen Mann ein X für ein U zu machen? Selbst wenn er ein Pfarrer ist und mein künftiger Schwiegervater? Das ist eine recht heikle Gewissensfrage. »Wenn ich bei ihm um die Hand seiner Tochter anhalte, was sich nicht umgehen läßt, und er mich nach 268 meinem Glaubensbekenntnis fragt, wie er ohne Zweifel thun wird – soll ich ihm da die Wahrheit sagen? »Nein, ich lüge einfach durch dick und dünn – das muß ich – das will ich – das geht keinen Menschen etwas an. Mit dieser Lüge stifte ich größeren Nutzen als wenn ich die Wahrheit spräche und mache nicht nur ein paar Menschen glücklich, die es wohl verdienen, sondern obendrein auch mich selbst und das liebste Mädchen von der Welt. Der Zweck heiligt die Mittel, das ist meine einzige Entschuldigung. Dabei ist meine Lüge so ungeheuerlich, daß ich für immer daran genug haben werde; ich brauche mein Lebtag keine zweite zu sagen.« Hier sprang Tyras plötzlich in die Höhe und schoß wie ein Pfeil davon. Er hatte eine ihm wohlbekannte Gestalt aus dem Pfarrhaus kommen sehen. Der Pastor war ein großer, starker, wohlansehnlicher Mann, von Wetter und Wind gebräunt; er sah noch jung aus, freundlich, höflich, weltklug, scharfsichtig, etwas pomphaft und sehr gebieterisch, wie jemand, der nicht viel von tiefsinniger Forschung hält und dem ein junger strenggläubiger Landedelmann und Jagdfreund, mit reichem Gut und hohem Wuchs, tausendmal lieber ist, als alle Maler in der Christenheit. »Jetzt gilt's,« dachte der kleine Billy. Es war ihm etwas unbehaglich zu Mute; Alices Vater erschien ihm größer und würdevoller als je, und wie die verkörperte Strenge und Pünktlichkeit. 269 »Willkommen in der Heimat, lieber Apelles! Wir haben alle Ursache stolz auf unsern Künstler zu sein. Erst gestern abend wünschte der junge Lord Archibald Waring, er wäre nur halb so talentvoll wie Sie: Er malt nämlich mit Leidenschaft und möchte am liebsten gleich selber Maler werden. Für den alten, guten Marquis ist das ein förmlicher Kummer.« Nach dieser schmeichelhaften Anrede blieb der geistliche Herr vor dem kleinen Billy stehen und schüttelte ihm die Hand. Eine Weile sahen sie zusammen aufs Meer hinaus, und der Pastor machte die hergebrachten Bemerkungen über die blaue, graue und grüne Färbung der See; über ihre Schwermut und ihre Tücke. »Wer schifft getrost auf deiner Flut, Du unergründlich Meer!« »Wir beide wohl nicht,« sagte der kleine Billy und so wandten sie der See den Rücken und schritten landeinwärts. Das Gespräch kam bald in Fluß; sie sprachen behaglich über Landwirtschaft, Gartenbau und ähnliche harmlose Dinge; denn sie kannten einander schon seit vielen Jahren; der Pastor war sogar eine Zeitlang der Lehrer des kleinen Billy gewesen. In aller Freundschaft hatten sie so einen schmalen, bewaldeten Hohlweg erreicht. Da stand der Pastor plötzlich still und sah dem Maler voll ins Gesicht. 270 »Was für ein Buch haben Sie da in der Hand, William?« fragte er streng. »Dies Buch? – ja so – die ›die Entstehung der Arten‹ von Charles Darwin. Ich – ich habe es – sehr g–g–gern – lese es schon zum drittenmal – und f–f–finde es sehr gut. Es erklärt einem manches, wissen Sie.« Nach einer Pause kam die noch strengere Frage: »In welche Londoner Kirche gehen Sie am häufigsten, William, besonders zum Abendgottesdienst?« Der kleine Billy wurde sehr verlegen; alle Selbstbeherrschung verließ ihn. »Ich – ich – gehe gar nicht mehr zum Gottesdienst,« stammelte er, »weder morgens, mittags noch abends. Schon längst habe ich es aufgegeben, die Kirche zu besuchen. Ich gestehe Ihnen das ganz offenherzig, und will Ihnen auch sagen warum . . .« Sie gingen weiter und ihr Gespräch drehte sich um die wichtigsten Gegenstände; es führte unglücklicherweise zu einer sehr ernstlichen Entzweiung – an welcher wahrscheinlich alle beide die Schuld trugen – und endigte am Ausgang des bewaldeten Hohlwegs in völlig unerwarteter, höchst peinlicher und beklagenswerter Weise. Als sie nämlich ins Freie traten, war der Maler feuerrot, der Priester aber leichenblaß. Er warf sich in die Brust und richtete sich in seiner ganzen Höhe und 271 Würde auf, während der gerechte Zorn ihm aus den Augen sprühte. »Herr,« rief er mit drohend erhobener Stimme, »Sie sind ein – sind ein – ein Dieb – ja, ein Dieb, Herr! Sie wollen mir meinen Heiland rauben! Ich bitte mir aus, daß Sie nie wieder einen Fuß über meine Schwelle setzen!« Der kleine Billy verbeugte sich. »Wenn es sich um Schimpfwörter handelt, so will ich Ihnen nur sagen, daß Sie – daß Sie – ein ganz – aber nein, Sie sind Alices Vater – und was Sie sonst noch sein mögen, muß auf sich beruhen. Das kommt davon, wenn man einem Pfarrer die Wahrheit sagen will. Ich habe die Ehre, Ihnen guten Morgen zu wünschen.« So steif, als hätten sie jeder eine Elle verschluckt, trennten sich die beiden in entgegengesetzter Richtung, während Tyras in der Mitte stand und trostlos bald der einen, bald der andern verschwindenden Gestalt nachschaute. Der kleine Billy aber hatte sich überzeugt, daß er sich ebenso schlecht aufs Lügen verstand, wie aufs Fliegen. Er heiratete die schöne Alice nun doch nicht, und wer weiß, ob sich das nicht sowohl zu ihrem wie zu seinem Heil so gefügt hat. Aber es herrschte große Trübsal im Hause Bagot viele Tage lang, und ein zärtliches, frommes und reines Mädchenherz grämte sich noch lange Monate hindurch vergebens. Das Beste und Schlimmste an der Sache war, daß viele Jahre später der gute Pastor plötzlich, infolge einer 272 glücklichen Spekulation mit irländischem Bier sehr reich wurde – was nicht vielen Pfarrern geschieht, die sich mit Aktien und Dividenden befassen. Gleichzeitig begann er jedoch ernstlicher als früher über manche Dinge nachzudenken (wie es sich für einen Geschäftsmann schickt); wenigstens erzählt man sich das in Nord-Devonshire, und die Geschichte ist nicht ganz unglaublich – soll sogar schon öfter dagewesen sein. Aus kleinen Zweifeln wurden große. Er entzweite sich mit dem Bischof, mit dem Dekan, sogar mit seinem ›armen guten alten Marquis‹, welcher starb, bevor eine Versöhnung zu stande kommen konnte. Endlich hielt er es für Gewissenspflicht, aus der Kirche auszutreten, die für ihn zu eng geworden war, und siedelte mit Hab und Gut nach London über, um wenigstens freier atmen zu können. Dort aber befiel ihn eine große Unruhe. Die geistliche Oberherrschaft war ihm zur zweiten Natur geworden. Er war zu sehr gewöhnt, besonders den Frauen durch seine gewichtige Persönlichkeit, seine hohe, ernste Stirn, seine anmutigen Handbewegungen und den Wohllaut seiner Stimme Eindruck zu machen, und konnte sein Amt nicht entbehren. So trat er denn zu den Unitariern über und wurde bald einer der beliebtesten Prediger dieser Sekte. Seine Tochter Alice blieb jedoch dem alten Glauben treu und heiratete einen ehrwürdigen Archidiakonus der Hofkirche, welcher ihrer gerade noch habhaft wurde, als sie nahe daran war, sich Rom in die Arme zu werfen. Ihre 273 Ehe war weder glücklich noch unglücklich – un ménage bourgeois, ni beau ni laid, ni bon ni mauvais. Und so wurden denn leider die Bande religiöser Übereinstimmung, welche für die innige Zusammengehörigkeit der Familien so wichtig sind, zwischen Vater und Tochter zerrissen; der Zwiespalt der Herzen trennte sie von einander. Ce que c'est que de nous!... Es ist ein wahrer Jammer! Darum hören wir auch nichts weiter von der schönen Alice mit dem goldbraunen Haar.     Sechster Teil. »Vraiment, la reine auprès d'elle était laide         Quand, vers le soir, Elle passait sur le pont de Tolède         En corset noir! Un chapelet du temps de Charlemagne         Ornait son cou . . . . . Le vent qui souffle à travers la montagne         Me rendra fou!   »Dansez, chantez villageois! la nuit tombe . . .         Sabine, un jour, A tout donné – sa beauté de colombe,         Et son amour – Pour un anneau du Comte de Saldagne,         Pour un bijou . . . Le vent qui souffle à travers la montagne         M'a rendu fou!«         Eines Tages finden wir unsere › trois mousquetaires ‹ des Pinsels wieder zusammen in Paris. Sagen wir: › cinq ans après ‹, nach dem Vorbild des guten Dumas. Taffy stellt Porthos und Athos in einer Person vor, denn er ist groß, gutmütig und stark genug, › pour assommer un homme d'un coup de poing ‹, aber nicht zu dick, zu 276 engbongpoäng, wie der Laird sagen würde. Sein Auftreten verrät etwas Würdevolles, etwas aristokratisch Romantisches; man möchte wetten, daß er eine Herzensgeschichte hinter sich hat. Der Laird ist natürlich d'Artagnan, denn er verkauft Bilder zu guten Preisen und ist schon Mitglied der königlichen Kunstakademie. Der kleine Billy aber, der Freund edler Herzoginnen, wird, fürchte ich, Aramis vorstellen müssen. Näher möchte ich übrigens auf den Vergleich nicht eingehen, denn ich habe kein so weites Gewissen wie der gute Dumas, wo es sich um geschichtliche Thatsachen und Persönlichkeiten handelt. Und wer wird wohl leugnen wollen, daß Athos, Porthos und Co. längst historisch geworden sind? Aber auch Taffy, der Laird und der kleine Billy sind – tout ce qu'il y a de plus historiques! Die drei Freunde, geschniegelt und gebügelt, in schwarzen Röcken, steifgestärkten Kragen, mit schönen Krawatten und Vorstecknadeln, hohen Hüten, tadellosen Beinkleidern, Stiefeln und Gamaschen, sitzen an einem kleinen runden Tische beisammen. Sie verzehren ihr Frühstück, in dem Hofe einer ungeheuern Karawanserei, deren hohes Glasdach den Sonnenschein einläßt, aber Regen – und Luft – ausschließt. Auf der obersten Stufe der breiten Marmortreppe steht ein stattlicher alter Mann in Kniehosen, schwarzem 277 Sammetrock und schwarzseidenen Strümpfen, und blickt mit Herrschermiene auf die Umgebung herab. Er ist ebenso groß wie Taffy, trägt eine schwere Goldkette um Hals und Brust und begrüßt würdevoll die Gäste, welche vom Boulevard her durch eine Riesenpforte angefahren kommen. Wollen sie weiter ziehen, so entläßt er sie durch eine kleine Thür, die nach einer Seitenstraße führt. » Bon voyage, messieurs et dames! « An zahllosen anderen kleinen Tischen frühstücken ebenfalls Reisende aus allen Nationen, plaudern und schauen sich um. Es geht sehr heiter, geschäftig und gesellig zu an diesem kostspieligsten aller Pariser Versammlungsorte, wo das reiche Europa und Amerika eine Atmosphäre von Gold und Banknoten verbreitet; auch herrscht eine babylonische Sprachverwirrung. Schon hat Taffy ein halbes Dutzend alter Kriegskameraden aus der Krim erkannt, und drei wackere Schotten haben dem Laird verstohlen zugenickt. Der kleine Billy springt fortwährend vom Frühstück auf, um bald nach diesem, bald nach jenem Tisch zu eilen, wo ihm das unwiderstehliche Lächeln einer überraschten Landsmännin winkt: »Was, Sie hier? Das ist ja reizend!« Wer die Marmorstufen hinaufsteigt, gelangt auf eine breite Terrasse, wo alle Plätze besetzt sind und die Gäste sich drängen. Hohe geschnitzte und vergoldete Glasthüren führen zu den prachtvoll ausgestatteten Lese-, Gesellschafts- 278 und Speisesälen, oder nach den Post- und Telegraphenbureaus und den Ankleidezimmern des Hotels. Rings umher stehen ungeheure, viereckige Kübel mit immergrünen tropischen Gewächsen, deren schöne Namen mir entfallen sind. Überall, wohin man blickt, sieht man Anschlagtafeln, welche verkünden, was für Theatervorstellungen oder Konzerte man an jenem Tage oder Abend zu hören bekommen kann. Auf der größten dieser Tafeln, die am phantastischsten ausgeschmückt ist, steht zu lesen, daß Madame Svengali punkt neun Uhr zum erstenmal in Paris auftreten wird, und zwar im Zirkus der Baschi-Bozuks in der Rue St. Honoré. Unsere Freunde waren zwar erst am vergangenen Abend angekommen, hatten aber ihre Plätze schon vor einer Woche bestellt. Jetzt waren keine mehr zu haben, weder für Geld noch gute Worte. Viele von den Anwesenden mochten nur nach Paris gekommen sein, um die Svengali zu hören, berühmte Musiker aus England und aus der ganzen Welt – aber sie mußten sich einstweilen in Geduld fassen. Der Ruhm der Sängerin glich einem ins Rollen gekommenen Schneeball. Seit zwei Jahren rollte er in Europa herum, überall wo Schnee in Gestalt von Goldstücken zu finden war, und er wuchs zusehends in seinem Siegeslauf. Nach beendetem Frühstück schlenderten Taffy, der Laird 279 und der kleine Billy Arm in Arm, der große Taffy in der Mitte ( comme autrefois ) über den sonnenbeschienenen Boulevard. Sie gingen die Rue de la Paix auf der Schattenseite hinunter, quer über den Vendômeplatz, durch die Rue Castiglione und die Rue de Rivoli. Ihre erhöhte Stimmung wuchs, ihr Schritt wurde immer leichter und sie atmeten mit wahrer Lust. Vor dem wohlbekannten Eckladen des Konditors rauchten sie ihre Zigarren fertig und besahen die schönen Schaufenster. Dann traten sie ein und ließen sich Kuchen geben: Taffy aß eine Madeleine, der Laird eine Baba und der kleine Billy einen Savarin; leider tranken sie noch jeder ein Gläschen rhum de la Jamaïque hinterdrein. Nun führte sie ihr Weg weiter durch den Tuileriengarten und am Quai entlang nach ihrem geliebten Pont des Arts. Dort blieben sie stehen und sahen den Fluß hinunter und hinauf – comme autrefois! Unter allen Umständen und zu jeder Zeit ist die Aussicht entzückend; aber an einem schönen Oktobermorgen, wenn man noch jung ist, sie fünf Jahre lang nicht gesehen hat, und alle Töne und Düfte auf Schritt und Tritt irgend eine geheime süße Erinnerung wachrufen, ja dann – –! Doch der Leser braucht nicht bange zu werden. Ich will gar keinen Versuch machen, den Eindruck zu schildern; wüßte ich doch weder wo ich anfangen, noch wo ich aufhören sollte. 280 Freilich bemerkten sie auch mancherlei Veränderungen; viel Liebes und Bekanntes war nicht mehr da; sogar die gute alte Morgue war verschwunden. Vom gardien de la paix, den sie darum befragten, erfuhren sie, daß eine neue Morgue –» une bien jolie Morgue, ma foi! « – viel geräumiger und bequemer als die alte, hinter Notre Dame, ein wenig nach rechts, gebaut worden sei. » Messieurs devraient voir ça - on y est très bien! « Notre Dame selbst stand noch am alten Platze, La Sainte-Chapelle ebenfalls und Le Pont Neuf mit der Reiterstatue von Henri IV. C'est toujours ça! Sie konnten sich kaum satt sehen, und verglichen das alles im Geist mit dem guten alten Themseufer, das sie eben verlassen hatten, mit London, der Waterloo-Brücke und der Paulskirche – aber Heimweh hatten sie gar nicht und wünschten sich nicht über den Kanal zurück. Als sie den Fluß hinunter nach Westen sahen, fanden sie alles fast unverändert. Nach links hin erstreckten sich die Terrassen und Gärten des alten Hotels de la Rochemartel; ihre hohen Bäume überragten die benachbarten Häuser, beschatteten den Quai, und ließen, wie schon seit hundert Jahren, die gelben Herbstblätter leise auf das Straßenpflaster herabrieseln. Hier war aber nur die Rückseite des Hotels; das vordere Eingangsthor mit dem steinernen Schnitzwerk lag in der Rue de Lille. »Ich möchte wohl wissen, ob l'Zouzou schon sein 281 Herzogtum geerbt hat,« sagte Taffy. Amaury de Brissac de Roncesvaulx de la Rochemartel-Boisségur, wie großartig und erhaben das klingt. Fühlt man sich nicht schon bei dem bloßen Klang dieser herrlichen, französischen Adelsnamen in das zwölfte Jahrhundert zurückversetzt? Sie sind viel romantischer und poetischer, als die englischen. Nicht einmal Howard von Norfolk läßt sich damit vergleichen!« So schwärmte Taffy, der Realist, der Modernste der Modernen. Er hatte die kahle Nüchternheit der Neuzeit herzlich satt bekommen und schmachtete nach allem, was alt, verfallen, vergessen oder übel berüchtigt war, um es getreu nach der Natur zu malen. Sie beschlossen, ihre Karten bei Zouzou abzugeben und ihn zu Mittag einzuladen, falls er noch nicht Herzog geworden war, auch Dodor sollte dabei sein, wenn sie ihn ausfindig machen konnten. Nun ging es weiter, den Quai entlang, die Rue de Seine hinauf und durch allerlei verborgene Nebengäßchen, an die sie sich noch erinnerten, nach dem alten Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts. Dort sah alles ganz anders aus. Auf der Nordseite ließ Baron Hausmann – der seinen Namen mit Recht trug – gerade am ganzen Platz entlang einen neuen Boulevard anlegen. Aber das liebe alte Haus war verschont geblieben. Als sie zu dem großen Atelierfenster hinaufsahen, das ihnen vorhanglos, öde und schwarz entgegenstarrte, 282 bemerkten sie einen weißen Zettel mit den Worten: A louer. Un atelier et une chambre à coucher. Sie traten durch die kleine Pforte in der großen Thorfahrt und sahen im Hof Madame Vinard, die Arme in die Seiten gestemmt, auf der Treppenstufe vor ihrer Wohnung stehen. Ihr Mann sägte Brennholz, wie gewöhnlich um diese Jahreszeit, und sie hielt ihn mit freundlichen Worten zur Arbeit an, indem sie ihn ermahnte, er solle sich doch nicht so hilflos anstellen, als ob er selber ein Holzklotz wäre. Sie erkannte die Freunde auf den ersten Blick, stürzte ihnen entgegen und hob die Arme gen Himmel. Ah, mon Dien! les trois Angliches! rief sie und begrüßte sie aufs herzlichste. Auch Monsieur Vinard empfing sie mit der größten Freude. » Ah! mais quel bonheur de vous revoir! Et comme vous avez bonne mine tous. Et Monsieur Kleinerbili donc! il a grandi ect. ect. - Mais vous allez boire la goutte avant tout - vite, Vinard! Le ratafia de cassis, que Monsieur Durien nous a envoyé la semaine dernière! « Sie wurden ins Zimmer genötigt, wo sie Platz nehmen und sich bewirten lassen mußten wie verlorene Söhne. Eine frisch entkorkte Flasche Johannisbeerschnaps diente statt des gemästeten Kalbes. Die Empfangsfeierlichkeit machte ordentliches Aufsehen im ganzen Quartier: Le Retour des trois Angliches – cinq ans après! Dabei erstattete Madame Vinard Bericht über alles, 283 was sich inzwischen ereignet hatte. Über Bouchardy, Papelard, Jules Guinot, der jetzt im Kriegsministerium war; Barizel hatte die Kunst an den Nagel gehängt und war in seines Vaters Geschäft getreten (Regenschirme); Durien war seit einem halben Jahr verheiratet, hatte ein prachtvolles Atelier in der Rue Taitbout und verdiente Geld wie Heu. Was ihre eigene Familie betraf, so war Aglaë mit dem Sohn des Kohlenhändlers im Eckhaus der Rue de la Canicule verlobt – » un bon mariage; bien solide. « Niniche bildete sich am Konservatorium im Klavierspiel aus und hatte die silberne Medaille erhalten; Isidore war leider auf Abwege geraten – » perdu par les femmes! un si joli garçon, vous concevez! ça ne lui a pas porté bonheur, par exemple! « Und doch war sie stolz darauf und meinte, sein Vater hätte nicht das Zeug dazu gehabt. » A dixhuit ans, pensez donc! »Und der gute Monsieur Carrel; ach, der ist tot! – Ah, messieurs savaient ça! Ja, er ist leider in Dieppe, seiner Vaterstadt, gestorben, letzten Winter, an einem Magenleiden – que voulez-vous! Er konnte nie viel vertragen. Ach, der wunderschöne Leichenzug! Fünftausend Leidtragende, trotz dem Regen – es strömte nur so vom Himmel. Monsieur le Maire und sein Adjunkt gingen gleich hinter der Bahre, dann kam die Gendarmerie, die Douaniers und ein Bataillon der douzième chasseurs à pied mit Musik, und die Feuerwehr en grande tenue, in ihren schönen 284 blanken Helmen. Die ganze Stadt gab ihm das Grabgeleit, es war niemand mehr übrig, der den Zug sehen konnte; q'c'était beau! Mon Dieu q'c'était beau! c'que j'ai pleuré d'voir ça! n'est-ce pas, Vinard? « » Dame, oui, ma biche! j'crois bien! Es war als wollte man Monsieur le Maire in eigener Person zu Grabe tragen.« » Ah ça! voyons, Vinard! Ich glaube wahrhaftig, du willst den Maire von Dieppe mit einem Maler wie Monsieur Carrel vergleichen!« »Gewiß nicht, ma biche! Aber M. Carrel war doch in seiner Art auch ein großer Mann. Übrigens war ich nicht dabei, und du auch nicht, so viel ich weiß.« » Mon Dien, comme il est idiot, ce Vinard – man könnte Wände mit ihm einrennen. Wer weiß, ob man dich nicht noch einmal selbst zum Schultheißen macht – dumm genug wärst du dazu!« Nun erhob sich ein heftiger Wortstreit zwischen Mann und Frau über die beiderseitigen Verdienste eines Bürgermeisters und eines berühmten Malers. Sobald Madame Vinard ihren Gatten zum Schweigen gebracht hatte, was schnell geschehen war, wandte sie sich wieder zu den trois Angliches und teilte ihnen mit, sie habe einen Laden mit bric-à-brac eröffnet, » vous verrez ça! « Ja, das Atelier stand seit drei Monaten leer. Ob sie es sehen wollten? Hier wären die Schlüssel. Natürlich würden sie lieber allein hinaufgehen; » Je comprends ça! et vous verrez ce que vous verrez! « Dann aber sollten sie noch einen Augenblick hereinkommen, einen Schluck trinken und ihr bric-à-brac ansehen. So stiegen sie denn alle drei zusammen die Treppe hinauf und betraten den alten Raum wieder, in dem sie so fröhliche Tage verlebt hatten, und wo einer von ihnen eine Zeitlang so unglücklich gewesen war. Wie fanden sie hier alles verändert! Leer, abgeschabt und ungefegt, verfallen, beraubt, entweiht, lag ihr früheres Künstlerheim da; ein muffiger Geruch verriet den Mangel an Lüftung; das Fenster starrte vor Schmutz, so daß man kaum die neuen Häuser gegenüber erkennen konnte; und wie erst der Fußboden aussah – es war eine Schande! Allerlei Karikaturen in Kohle und weißer Kreide bedeckten die Wände; es waren zum Teil sehr rohe und gemeine Zeichnungen, mit witzigen Anspielungen, welche die trois Angliches nicht verstanden. Unter einer Glastafel, die durch einen eichenen Rahmen an der Wand festgehalten wurde, entdeckten sie mit großer Rührung die alte Kreideskizze, welche der kleine Billy damals von Trilbys linkem Fuß gemacht hatte. Sie sah so frisch aus, als sei sie erst gestern fertig geworden; » Souvenir de la grande Trilby par W. B. (Kleinerbili) « lautete die Überschrift und darunter standen, auf 286 Pergament geschrieben und auf das Glas geklebt, die folgenden Verse:    »Pauvre Trilby - la belle et bonne et chère!    Je suis son pied. Devine qui voudra    Quel tendre ami, la chérissant naguère,    Encadra d'elle (et d'un amour sincère) Ce souvenir charmant qu'un caprice inspira -              Qu'un souffle emportera!    »J'étais jumeau: qu'est devenu mon frère?    Hélàs! Hélàs! l'Amour nous égara.    L'Éternité nous unira, j'espère;    Et nous ferons comme autrefois la paire Au fond d'un lit bien chaste où nul ne troublera              Trilby - qui dormira.    »Ô tendre ami, sans nous qu'allezvous faire?    La porte est close où Trilby demeura.    Le Paradis est loin . . . et sur la terre    (Qui nous fut douce et lui sera légère) Pour trouver nos pareils, si bien qu'on cherchera -              Beau chercher l'on aura!« Taffy wurde es zu enge in der männlichen Brust und er mußte mehrmals tief Atem holen, während er diese eigenartigen französischen Knittelverse las, (denn so nannte er das rührende kleine Reimgedicht auf ère und ra . Die zärtlichsten Regungen, die süßesten Erinnerungen durchschauerten ihn. »Du liebe, liebe Trilby!« dachte er bei sich. »Ach, hättest du mir doch dein Herz geschenkt; für nichts in der Welt würde ich dich aufgegeben haben. Wir beide hätten auf immer vereinigt sein sollen!« 287 Und dies war Taffys ›Herzensgeschichte‹, wie sich der Leser wohl längst gedacht haben wird. Der Laird war gleichfalls tief gerührt und konnte nicht sprechen. Ob er Trilby auch geliebt, oder überhaupt schon einmal geliebt hatte, wußte er nicht; aber er dachte an Trilbys Güte und Selbstlosigkeit, an ihren Frohsinn, ihre unschuldigen Küsse und Liebkosungen, ihre drolligen Scherze. Hatte nicht ihr sonniges Wesen und der Wohllaut ihrer Stimme jeden Raum erfüllt und verwandelt, sobald sie nur zur Thür hereintrat? Wahrlich – ihr, der armen Heimatlosen, der cancan -tanzenden Grisette, der blanchisseuse de fin, und weiß der Himmel was sie sonst noch gewesen – kam kein anderes weibliches Wesen gleich, das er je gekannt hatte. »Eine verfluchte Geschichte!« murmelte er vor sich hin, »warum habe ich sie nur nicht selbst geheiratet!« Der kleine Billy war ganz stumm. Bei dem Gedanken, daß er ein solches Erinnerungszeichen, etwas ihn persönlich so nahe Berührendes, mit trockenen Augen und ruhigem Pulsschlag betrachten könne, fühlte er sich unglücklicher als jemals in den fünf langen Jahren. Mit kaltem Blut und ohne Leidenschaft wünschte er sich wohl zum hunderttausendstenmale tot und begraben zu sein. Verschiedene Abgüsse von Trilbys Füßen und Photographien von ihr selbst, besaßen sie alle drei, aber nichts hätte ihr Andenken so lebhaft und unmittelbar zurückrufen 288 können, wie dieses kleine Meisterwerk von echter Künstlerhand. Es war – wie der Laird meinte – die verkörperte Trilby, und müßte durchaus erhalten bleiben. Schweigend brachten sie Madame Vinard die Schlüssel wieder. » Vous avez vu - n'est-ce pas, messieurs? « sagte sie, » le pied de Trilby! c'est bien gentil. C'est Monsieur Durien qui a fait mettre le verre quand vous êtes partis; et Monsieur Guinot qui a composé l'épitaphe. Pauvre Trilby! qu'est-ce qu'elle est devenue! comme elle était bonne fille, hein? et si belle! et comme elle était vive, elle était vive, elle était vive! Et comme elle vous aimait tous bien - et surtout Monsieur Kleinerbili - n'est-ce pas? « Dann bestand sie darauf, daß jeder von ihnen noch ein Gläschen von Duriens ratafia de cassis trinken müsse und führte sie über den Hof, in ihre Sammlung von bric-à-brac . Sie hatte klein angefangen, wollte aber das Geschäft nach und nach vergrößern. » Voyez cette pendule! ans der Zeit von Louis onze, der sie Madame de Pompadour (!) geschenkt hat. Ich habe sie auf der Auktion in –« » Combiäng? « fragte der Laird. » C'est cent cinquante francs, Monsieur - c'est bien bon marché - une véritable occasion, et - « » Je prong! « sagte der Laird, was so viel heißen sollte als: »ich kaufe die Uhr«. 289 Dann zeigte sie ihnen ein schönes Kleid von Brokat, das man ihr für billigen Preis überlassen hatte, bei – » Combiâng? « fragte der Laird. » Ah ça, c'est trois cents francs, monsieur. Mais - « » Je prong, « sagte der Laird. » Et voici les souliers qui vont avec, et que - « » Je pr - « Aber hier nahm Taffy den Freund beim Arm und zog ihn mit Gewalt aus der Höhle dieser allzu verführerischen Sirene. Nachdem der Laird noch gesagt hatte, wohin man ihm die gekauften Sachen schicken solle, trennten sie sich unter vielen liebevollen Abschiedsworten von Monsieur et Madame Vinard. Der Laird kam jedoch noch einmal zurückgelaufen, um Madame eilig zuzuflüstern: » Oh - er - le play de Trilby - sur le mur, vous savvy - avec le verre et tout le reste - coupy le mur - compreny? . . . Combiäng? « » Ah, monsieur! « sagte Madame Vinard, » c'est un peu difficile, vous savez - couper un mur comme ça! On parlera au propriétaire si vous voulez, et ça pourrait peut-être s'arranger, si c'est en bois! seulement il faut - « » Je prong! « rief der Laird und winkte ihr rasch noch ein Lebewohl zu. Als sie nun die Rue Vieille des Mauvais Ladres hinaufgingen, gewahrten sie, daß die hohe Mauer niedergerissen war – gerade an der Biegung der Straße, wo Trilby sich zum letztenmal nach dem Laird umgewandt und 290 ihm eine Kußhand zugeworfen hatte. Man konnte jetzt in einen altmodischen und sehr vernachlässigten Garten hineinsehen. Schwarze Flechten und Pilze bedeckten die Rinde der hohen Bäume; feuchte, moosbewachsene Wege verloren sich unter den Haufen brauner und gelber Blätter, die sich mit Dung und Moder dort seit langen Jahren angesammelt hatten. In der Mitte lag ein versengter Rasenplatz mit eingefallenen Lauben, steinernen Bänken und verwitterten Faunen und Dryaden ohne Nasen, Arme und Ohren; und ganz im Hintergrund stand ein noch bewohntes aber sehr baufälliges Häuschen mit elenden Läden und zerbrochenen Fensterscheiben, die mit braunem Papier ausgeflickt waren. Dieser Pavillon de Flore war wohl vor hundert Jahren sehr schön gewesen, als er noch lustigen Abbés, hochedeln Herren und feinen gepuderten Damen mit roten Hackenschuhen und Schönpflästerchen zum geheimnisvollen Stelldichein diente. Wie leichtsinnig und sittenlos war das, aber ach, wie anziehend für die Phantasie des neunzehnten Jahrhunderts! Quer über den verwilderten Grasplatz, wo noch die Trümmer eines Puppenwagens neben einem zerfetzten Hanswurst lagen, gingen die Spuren von Karrenrädern und Pferdehufen, denn man stand im Begriff, hier eine neue Straße durchzuführen; vielleicht, wie Taffy vorschlug: »La Rue Neuve des Mauvais Ladres: Die neue Straße der schlimmen Aussätzigen.« »Ach Taffy,« meinte der Laird und blinzelte einmal 291 wieder dem kleinen Billy verständnisvoll zu; »die alten schlimmen Aussätzigen sind doch gewiß viel besser gewesen!« »Ohne allen Zweifel,« erwiderte Taffy mit dem Brustton unerschütterlicher Überzeugung. »Ich wollte nur, ich könnte einen malen – ganz wie er wirklich war.« Wie oft hatten sie sich den Kopf zerbrochen, was wohl hinter der hohen Lehmmauer verborgen sein könne; nun hatten Haue und Spitzhammer ihnen mit wenigen Schlägen die frühere, festfrohe Vergangenheit in ihrem heutigen verkommenen Zustand bloßgelegt. Der trübselige Einblick, den sie gewonnen, paßte so recht zu ihrer jetzigen Stimmung, die vor einer Stunde noch so heiter gewesen war. Ganz niedergeschlagen schritten sie weiter, um einen Gang durch den Garten und die Galerie des Luxembourg zu machen. Die nämlichen Leute schienen noch immer dieselben Bilder in dem langen, stillen Saal zu kopieren, der so angenehm nach Oelfarbe roch: Rosa Bonheurs ›Labourage Nivernais‹ Héberts ›Malaria‹, Coutures ›Romains de la Décadence‹. Und in dem steifen, staubigen Garten spazierten dieselben pioupious und zouzous , mit denselben nounous , oder saßen neben ihnen an den Goldfischteichen, und die nämlichen alten Ehepaare streichelten die nämlichen toutous und loulous Pioupiou (alias pousse-caillou, alias tourlourou – ein gemeiner Infanterist. Zouzou – ein Zuave. Nounou – eine Amme mit zierlichem Häubchen und langen Bändern. Toutou – ein greulicher, kleiner, französischer Schoßhund von unbestimmter Rasse. Loulou – ein Spitz, der jenem an Häßlichkeit nicht nachsteht. . 292 Sie beschlossen nun, zum père Trin zu gehen, dem Restaurant in der Rue du Luxembourg, um dort, zur Erinnerung an alte Zeiten, ihr zweites Frühstück einzunehmen. Als sie aber das kleine Speisezimmer betraten, in dem es ihnen früher so gut geschmeckt hatte, wurde ihnen ganz übel und weh zu Mut von den wohlbekannten Gerüchen, die ihnen entgegenströmten. Sie begnügten sich deshalb damit, den père Trin aufs herzlichste zu begrüßen, obgleich dieser in seiner Freude am liebsten das Unterste zu oberst gekehrt hätte, um solche Gäste nach Verdienst zu bewirten. Der Laird erinnerte nun an die Omeletten im Café de l'Odéon; aber Taffy sagte auf seine herrische Art: »Zum Henker mit dem Café de l'Odéon.« Sie riefen eine vorüberfahrende Droschke an, ließen sich bei Ledoyen in den Champs Elysées absetzen und speisten dort, wie es sich für drei wohlhabende Briten schickt, die zum Vergnügen einen Ausflug nach Paris gemacht haben. Dann fuhren sie im offenen Wagen durch das Bois de Boulogne nach der Fête de St. Cloud, die noch nicht ganz vorüber war, denn sie dauert sechs Wochen. Hier, wo Dodor und Zouzou in vergangenen Zeiten so viele ihrer tollsten Streiche ausgeführt hatten, fanden sie es unterhaltender, als im Garten des Luxembourg. Es ist und bleibt doch ein unwiderstehlich anziehendes Schauspiel, die jungen Franzosen in blauen Blusen und die Töchter des Volkes mit den weißen Häubchen und dem zierlichen 293 Schuhwerk bei ihrer Lustbarkeit zu sehen. Der Laird, welcher wohl an den Ostermontag in Hampstead Heath denken mochte, ließ auch diesmal die Gelegenheit nicht vorübergehen, seine Lieblingsredensart anzubringen. Es sind dieselben Worte, mit denen Yorick, der berühmte Humorist, seine sentimentale Reise anfängt: »So etwas versteht man in Frankreich am besten!« Auf dem Rückweg nach ihrem Hotel, wo sie speisen und sich zum Konzert ankleiden wollten, fiel dem Laird auf einmal ein, daß er noch ein Paar weiße Handschuhe zum Abend brauche. › Ung pair de gong blong ‹, wie er sagte. Sie gingen deshalb auf dem Boulevard weiter, bis sie an einen Kurzwarenladen kamen, der reich und geschmackvoll ausgestattet war. Der patron, ein wohlhäbiger kleiner Bourgeois, empfing sie sehr freundlich und wies sie mit einer würdevollen Handbewegung an einen schlanken, feingekleideten Kommis von aristokratischem Aussehen, der hinter dem Ladentisch stand: » Une paire de gants blancs pour monsieur! « Wie erstaunten die drei Freunde, als sie Dodor erkannten! Der lustige, unwiderstehliche Dodor, dem es durchaus keine Verlegenheit bereitete, daß er den Ladendiener spielen mußte, strahlte förmlich vor Entzücken über dies Wiedersehen. Er machte sie mit Monsieur, Madame und Mademoiselle Passefil bekannt, und es war leicht ersichtlich, in wie hoher Gunst er bei der Familie, besonders bei Mademoiselle stand, trotz seiner untergeordneten Stellung im 294 Hause. Monsieur Passefil lud sogar unsere drei Helden gleich ein, zu Mittag dazubleiben, aber sie zogen vor, Dodor aufzufordern, mit ihnen im Hotel zu speisen, was dieser mit großer Bereitwilligkeit annahm. Daß es bei Tische sehr lebhaft zuging, und sie die schwermütigen Eindrücke des Tages bald vergaßen, war allein Dodors Verdienst. Er erzählte ihnen, daß er nicht einen roten Heller besitze, das Soldatenleben aufgegeben habe und seit zwei Jahren bei père Passefil die Bücher führe und seine Kunden bediene. Da die Eltern ihm wohlwollten und die Tochter ihm ihre Neigung geschenkt hatte, sollte er nächstens nicht nur Geschäftsteilhaber, sondern auch Schwiegersohn des patron werden; denn trotz seiner Mittellosigkeit war es ihm gelungen, die Familie zu überzeugen, daß sie es sich zu hoher Ehre anrechnen könne, ihre Tochter mit einem Rigolot de Lafarce zu verheiraten. Dodors Schwager, der ehrenwerte Jack Reeve, hatte sich schon längst von dem leichtsinnigen Menschen losgesagt. Aber seine Schwester mochte wohl einsehen, daß er noch weit schlimmere Dinge thun könnte, als Mademoiselle Passefil zu heiraten; England war dann wenigstens vor ihm sicher. So hatte sie denn bei der Durchreise einmal der Familie Passefil in Paris einen Besuch gemacht und sie völlig durch ihren Glanz geblendet. Das war auch nicht zu verwundern, denn Mrs. Jack Reeve galt für eine 295 der schönsten, feinsten und vornehmsten Damen in ganz London. »Was macht denn aber l'Zouzou?« fragte der kleine Billy. »Meinen Sie den alten Gontran? Den sehe ich nur wenig. Wir verkehren nicht mehr in denselben Gesellschaftskreisen, wissen Sie. Nicht etwa weil er stolz geworden wäre, bewahre – und ich bin es auch nicht. Aber er ist Offizier – Sekondelieutenant bei den Guiden. Auch ist er nach dem Tode seines Bruders Herzog geworden und erfreut sich besonderer Gunst bei der Kaiserin; er versteht es besser als irgend jemand, sie zum Lachen zu bringen. Jetzt sieht er sich nach der reichsten Erbin um, die er finden kann. Bei seinem großen Namen wird er nicht lange zu suchen brauchen. Man sagt sogar, er habe schon eine aufs Korn genommen – Miß Lavinia Hunks von Chicago. Zwanzig Millionen Dollars. Wenigstens behauptet das der Figaro.« Auch von andern alten Freunden wußte Dodor mancherlei zu erzählen und sie blieben beisammen bis es Zeit war nach dem Zirkus der Baschi-Bozuks zu gehen. Zuvor aber mußten sie noch versprechen, am folgenden Tage mit ihm bei seinen künftigen Schwiegereltern zu speisen.   In der Rue St. Honoré bewegte sich eine Doppelreihe von Droschken und Wagen langsam nach der Eingangsthür des Zirkus der Baschi-Bozuks. Ob der 296 ungeheure Saal wohl noch da ist? Ich möchte fast das Gegenteil wetten. Zur Zeit des zweiten Kaiserreichs plante man so viele Neubauten, daß eine förmliche Zerstörungswut eingerissen war. Ich fürchte daher, meine Pariser Leser würden heute in der Rue St. Honoré vergebens nach dem Saal der Baschi-Bozuks suchen. Unsere Freunde nahmen ihre Plätze ein und sahen sich überrascht um. Sie hatten nie zuvor einen Konzertsaal von so riesigem Umfang und so kaiserlicher Pracht gesehen, denn damals war die Albert-Halle noch nicht gebaut. Alles in Weiß und Gold und mit feuerrotem Sammet ausgeschlagen; strahlende Helle überall; der ganze Raum, bis unter das Dach hinaus, dicht gedrängt voll Menschen, die noch fortwährend herzuströmten. Wo früher die Zirkuspferde hereinkamen mit ihren schönen Reiterinnen, die beiden lustigen englischen Clowns und der feine Herr in Stulpenstiefeln mit der langen Reitpeitsche in der Hand, war jetzt die Plattform für die Sängerin errichtet. Den Hintergrund verhüllten schwere rote Vorhänge, die von zwei Pagen fortgezogen werden sollten, wenn die Diva erschien. Eine kleine Thür unter der Plattform führte in das Orchester, in welchem sich etwa vierzig, für die Musiker bestimmte Stühle und Notenpulte befanden, nebst dem erhöhten Tritt des Kapellmeisters. Den ganzen Zirkus füllten Sitzplätze, und ringsum erhob sich eine Zuschauerreihe über der andern, in dem 297 sich immer erweiternden Kreise, so hoch hinauf, daß man die Leute auf den obersten Bänken in dem ungewissen Licht nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Der kleine Billy schaute umher und erkannte viele seiner Landsleute und eine ganze Anzahl musikalischer Berühmtheiten, die er häufig in London getroffen hatte. In der kaiserlichen Loge saß der englische Gesandte nebst Frau und Töchtern, und vorn in der Mitte, mit dem breiten blauen Ordensband über der Brust, ein königlicher Prinz, der sein Opernglas nicht vom Auge ließ. Noch nie war der kleine Billy so voll freudiger Aufregung und gespannter Erwartung gewesen. Er las auf seinem Zettel, daß die ungarische Kapelle (die erste, glaube ich, die sich im westlichen Europa hören ließ), statt der Ouvertüre verschiedene Zigeunertänze spielen würde. Dann sollte Madame Svengali › un air connu, sans accompagnement ‹ singen und andere Lieder, darunter den ›Nußbaum‹ von Schumann (den man in Paris noch nicht gehört hatte). Nach einer Pause von zehn Minuten kamen abermals Czardas, worauf die Diva noch › Malbrouck s'en va-t-en guerre ‹ vortragen wollte – welche sonderbare Wahl – und zum Schluß ein ›Impromptu von Chopin ohne Worte‹. Ein wunderlich zusammengestelltes Programm, das muß man sagen! Etwas vor neun Uhr nahmen die Musiker ihre Plätze ein. Sie trugen die ungarische Husarenuniform, welche 298 jetzt für uns nichts Neues mehr ist. Sobald die erste Violine eintrat, sahen unsere Freunde, daß es niemand anders als ihr alter Bekannter, der kleine Gecko war. Mit dem Glockenschlag erschien Svengali am Dirigentenpult. Er nahm sich höchst stattlich aus in dem tadellosen Gesellschaftsanzug, trotz seiner langen schwarzen Mähne (die er sich hatte kräuseln lassen). Die glänzenden Verhältnisse, in denen er lebte, hatten seinen äußeren Menschen auf ganz wunderbare Weise verändert; das hinderte jedoch die Freunde nicht, ihn auf den ersten Blick zu erkennen. Als man ihn mit donnerndem Applaus empfing, verbeugte er sich dankend nach rechts und links, schlug dreimal mit dem Taktstock auf das Pult, und die zauberhafte Musik begann. Wir haben uns in den letzten zwanzig Jahren an diese wilden Melodien gewöhnt, aber damals waren sie neu, und ihre verführerischen Klänge überraschten und entzückten das Ohr der Zuhörer. Über den wunderbaren Leistungen von Svengalis Kapelle vergaß die lauschende Menge, daß dies nur zur Vorbereitung diente und das große, musikalische Ereignis des Abends erst folgen sollte. Man rief laut da capo ; aber Svengali wandte sich nur um und verbeugte sich – Wiederholungen waren in diesem Konzert ausgeschlossen. Alles schwieg; es entstand ein Moment atemloser Erwartung – die Neugier war aufs höchste gespannt. Jetzt zogen die kleinen Pagen an der seidenen Schnur: 299 der Vorhang teilte sich in der Mitte und drapierte sich zu beiden Seiten in kunstvollen Falten. Eine hohe Frauengestalt trat hervor. Sie war in ein mit Granatblüten und Käferflügeln gesticktes, golddurchwirktes klassisches Gewand gekleidet, ihre schneeweißen Arme und Schultern waren unverhüllt, auf dem Haupt trug sie ein Sternendiadem, ihr dichtes, hellbraunes Haar war zurückgebunden und fiel ihr fast bis zu den Knieen lose den Rücken hinunter. Langsam schritt sie bis an die Rampe, ließ die Arme ungezwungen am Körper herabhängen, verbeugte sich leicht gegen die kaiserliche Loge und dann nach rechts und links. Ihre Lippen und Wangen waren geschminkt, die dunkeln, geraden Augenbrauen stießen fast über dem hohen Nasenrücken zusammen; in dem etwas geöffneten Munde glänzten blendend weiße Zähne und der Blick ihrer grauen Augen war fest auf Svengali gerichtet. Ihr mageres Gesicht hatte einen etwas müden Ausdruck, trotz der künstlichen Frische der Farbe, aber jeder Zug, jede Linie war göttlich schön, und dabei sprach so viel Freundlichkeit und Bescheidenheit, eine so rührende Einfachheit und Güte aus ihren Mienen, daß sie alle bezauberte. Das ganze Haus erhob sich von den Sitzen, um diese anziehende Erscheinung zu begrüßen; sie lächelte ein wenig, legte die Hand aufs Herz und verneigte sich mit dem etwas linkischen, aber liebenswürdigen Ungeschick eines 300 Schulmädchens, das von gemachter, theatralischer Haltung nicht den leisesten Begriff hat. Es war Trilby. Aber war denn Trilby nicht ganz unmusikalisch – Sie konnte ja keinen richtigen Ton singen, nicht das C vom F unterscheiden! Was hatte sich nur mit ihr zugetragen? – Die drei Freunde saßen da, wie vom Donner gerührt. Der große Taffy zitterte vor Überraschung an allen Gliedern, dem Laird stand der Mund weit offen und der kleine Billy starrte sich fast die Augen aus dem Kopf. Wie seltsam und unheimlich war das alles – es überwältigte, bedrückte und ängstigte sie auf ganz unbeschreibliche Weise. Endlich hörte die Menge auf zu klatschen. Trilby legte die Arme auf den Rücken und stützte den linken Fuß auf einen niedrigen Schemel, den man eigens für sie hingestellt hatte. Ihr Blick war auf Svengali gerichtet, welcher das Zeichen zum Anfang geben sollte. Dreimal schlug er mit dem Taktstock auf, das Orchester gab den Ton an. Dann hob er den Stock in Trilbys Richtung und fuhr fort den Takt zu schlagen, während sie ohne die geringste Anstrengung und ohne alle Begleitung zu singen begann » Au clair de la lune   Mon ami Pierrot! Prête-moi ta plume   Pour écrire un mot. Ma chandelle est morte...   Je n'ai plus de feu! Ouvre-moi ta porte   Pour l'amour de Dieu! « 301 Dieser einfache kleine Gassenhauer war das Erste, was die Svengali zum Besten gab, womit sie vor dem kritischsten Publikum der Welt auftrat. Sie wiederholte denselben Vers dreimal. Es giebt nur den einen. Das erstemal sang sie ganz ausdruckslos – nur die Worte und die Melodie, in den Mitteltönen, und nicht einmal laut; gerade wie ein Kind vor sich hinsingt und dabei an etwas anderes denkt; oder wie eine junge französische Mutter, die nähend an der Wiege ihres Kleinen sitzt, sie mit dem Fuß in Bewegung setzt und dazu singt, um ihn einzuschläfern. Aber ihre Stimme war von so ungeheurem Umfang und solcher Weichheit, Fülle und Frische, daß sie den ganzen Saal zu erfüllen schien; der Ansatz vollkommen rein, tadellos, unfehlbar; der Klang zauberhaft, noch nie dagewesen, wunderbar zum Herzen sprechend! Wären ihr plötzlich Flügel gewachsen und hätten sie hoch in die Lüfte getragen, es würde kaum größeres Aufsehen erregt haben. Wohl hatte die Welt schon manche große Sängerin bewundert – die Catalani, Jenny Lind, die Grisi, Alboni, Patti, aber eine solche Stimme war noch nie dagewesen und wird auch nicht wieder gehört werden. Einer der Erzengel hätte so singen können, oder vielleicht irgend eine Märchenprinzessin. Der kleine Billy hielt sich das Taschentuch vor die Augen und verbarg sein Gesicht in den Händen. In Taffys Backenbart glänzte ein heller Tropfen und der Laird gab sich vergeblich Mühe, die Thränen zurückzuhalten. 302 Sie sang den Vers zum zweitenmal; nicht viel lauter, aber mit etwas mehr Ausdruck. Ihre Stimme schien zu wachsen und sich zu dehnen, als wolle sie den weiten, lachenden Himmel, die väterliche Fürsorge, die das All umfaßt, in Tönen wiedergeben. Pierrots und Columbinens zierliche Anmut und neckische Ausgelassenheit verwandelten sich mit einemmale in heilige Unschuld und harmlosen Frohsinn, als spielten sie wie zwei Kinder vor den Engeln des Paradieses. Es schien ein Traumbild, das plötzlich zur Wirklichkeit geworden war – die Offenbarung eines beglückenden goldenen Zeitalters – eine unschätzbare, unvergeßliche Erinnerung. Der kleine Billy hatte alle Fassung verloren; sein ganzer Körper bebte vor unterdrücktem Schluchzen – und er hatte doch seit fünf langen Jahren keine Thräne vergossen. Die meisten Zuhörer weinten, aber es waren Thränen des Entzückens, der innersten Herzenslust. Als sie den Vers zum drittenmal begann, hatte ihre Stimme einen verschleierten, dumpfen, gramvollen Klang angenommen; sie kam zur Erde zurück. Es war ein großes, düsteres Trauerspiel, vor dem jede Thräne versiegte. Man glaubte die arme Columbine zu sehen, draußen in der Kälte, um Mitternacht, verlassen, betrogen, im Sterben – vielleicht zur Hölle herabsinkend. Dies war ihr letztes, verzweiflungsvolles Flehen. Konnte das denn aber noch Columbine sein und Pierrot? War es nicht Gretchen – 303 und Faust. – Die furchtbarste und zugleich rührendste aller menschlichen Tragödien, aber ohne jede theatralische Leidenschaft, durch den bloßen Ton, durch kaum merkliche Veränderungen in der Klangfarbe ausgedrückt; zu flüchtig und schattenhaft für die klare Vorstellung, aber dem tief erschütterten Gefühl nur allzu verständlich! Als das Lied zu Ende war, folgte der Beifall nicht sogleich. Trilby stand ruhig lächelnd da, als sei sie dies Warten schon gewohnt. Dann aber brach der Sturm los; er wuchs, breitete sich aus, brüllte und tobte – alle Kehlen, Hände, Füße, Stöcke und Schirme wurden in Bewegung gesetzt. Blumensträuße kamen herabgeflogen und die kleinen Pagen eilten herzu, sie aufzuheben, während Trilby sich ganz einfach und débonnaire nach allen Seiten verneigte. Ein solcher Triumph war für sie nichts neues; er blieb nie aus, sie mochte singen in welchem Lande, vor welchem Publikum und welches Lied sie wollte. Der kleine Billy klatschte nicht. Er verbarg das Gesicht in den Händen und es wogte in seiner Brust. Gewiß war das alles nur ein Traum: er glaubte im Schlaf zu liegen und that sein möglichstes, um ja nicht aufzuwachen, sondern sein großes Glück festzuhalten. Das war eine Nacht, die im Kalender rot angestrichen werden mußte! Als die ersten Takte des Liedes dem Munde entströmten, dessen Linien er so genau kannte, und ihre Taubenaugen nach seiner Richtung – nach ihm hinblickten, da 304 zerschmolz auf einmal das starre Eis seines Herzens und die alte Liebeskraft war ihm zurückgegeben. Es erging ihm dabei wie einem Menschen, der jahrelang an Taubheit gelitten hat. Der Arzt bläst durch einen kleinen Gummischlauch in die Eustachische Trompete; es erfolgt ein leichter Knall, irgend ein Hindernis wird beseitigt und von dem Moment an hört der Patient besser als je zuvor – oft sogar allzu gut – und es fängt ein neues Leben für ihn an. Endlich richtete sich der kleine Billy wieder auf; die Svengali hatte den ›Nußbaum‹ schon zur Hälfte gesungen. Er sah sie und sah auch Taffy und den Laird, die neben ihm saßen, den Blick unverwandt auf Trilby gerichtet. Nun wußte er, es war kein Traum, und seine Freude darüber that ihm förmlich weh. Sie sang den ›Nußbaum‹ zu der himmlischen Begleitung ebenso einfach wie das erste Lied. Ihre Töne glichen köstlichen Perlen, von denen jede einzelne sich mit einer Zauberschnur an die nächste reiht. Wer diese Stimme hörte, verfiel unweigerlich ihrem Bann und wäre er auch kein Freund der Musik gewesen. Das Tonstück an und für sich kam dabei wenig in Betracht, denn ihre Wiedergabe der musikalischen Gedanken war bei aller Vollendung so einfach wie die eines Kindes. Es war, als sagte sie den Zuhörern: »Glaubt ihr etwa, daß die Komposition etwas mit diesem Eindruck zu 305 thun hat? Hier ist eins der schönsten Lieder von der Welt; die Worte sind ebenso herrlich, wie die Melodie; ein großer Dichter hat sie ins Französische übersetzt, aber Worte, Melodie, Sprache – auf das alles kommt es nicht an. Ob ich den ›Nußbaum‹ singe oder › Mon ami Pierrot ‹ gilt ganz gleich, denn ich bin die Svengali , und ihr sollt nichts hören, nichts sehen, nichts denken, als Svengali , Svengali , Svengali! « Einen herrlicheren Triumph hätten Sangeskunst und Stimme gar nicht feiern können. Es war il bel canto , wiedererstanden auf Erden nach hundert Jahren – der bel canto des Vivarelli zum Beispiel, welcher fünfundzwanzig Jahre lang dasselbe Lied vor demselben König von Spanien singen mußte, und zum Lohn ein Herzogtum und ungezählte Reichtümer erhalten hat. Ein seltsames Schauspiel! Diese ungeheure Zuhörermenge – Kritiker, Spötter, Deutschenhasser – sie alle saßen mit überströmenden Augen, berauscht von Entzücken da, und sahen im Geist unter dem Nußbaum, in dem Garten einer Vorstadt – in Berlin – ein einfaches, deutsches Mädchen, eine Verlobte und künftige Hausfrau im Kreise ihrer Verwandten und Freunde – die vielleicht Bier tranken, lange Pfeifen rauchten, von Politik und Geschäften sprachen, oder über harmlose alte deutsche Witze lachten. Und das Publikum hielt den Atem an, um nur des Mädchens jungfräulichen Liebestraum nicht zu stören; gerade als ginge 306 das alles im Elysium vor sich, als wäre die Braut eine Nymphe des quellenreichen Ida und ihre Verwandten lauter Götter und Göttinnen des Olymps. Und doch war das alles wirklich so, während Trilby den ›Nußbaum‹ sang. Als sich der nun folgende rasende Beifallssturm gelegt hatte, wandte sie sich mit einer anmutigen Verneigung nach dem königlich britischen Opernglas, das ihr Gesicht fortwährend im Auge behalten hatte, und sang ›Ben Bolt‹ in englischer Sprache. Da dachte der kleine Billy an Svengali mit seiner Jahrmarktsflöte; er meinte, seine Worte zu hören: »Auf die Art unterrichte ich la betite Honorine im Singen; so hat Gecko bei mir sein Spiel gelernt; so lehre ich il bel canto.... er war verloren gegangen, der bel canto ; aber ich habe ihn wiedergefunden – ich , Svengali, ich und niemand anders!« Und wieder war es ihm, als gewänne er einen tieferen Einblick in die Welt der Schönheit und des Schmerzes, in das innerste Wesen der Dinge und die Flüchtigkeit alles Irdischen. Er glaubte den Schleier sich lüften zu sehen, der die Ewigkeit verhüllt. Zu dieser himmlischen Offenbarung gesellte sich aber das wahrhaft erdrückende Gefühl seiner eigenen Richtigkeit im Vergleich mit jenem großen Künstlerpaar. Er hatte ihn einst seiner Freundschaft gewürdigt, und sie – die Geliebte seines Herzens – hatte 307 ihm als Magd, als Sklavin dienen wollen, weil sie sich für zu gering hielt, seine Frau zu werden. Der Gedanke überwältigte ihn; er glühte vor Scham und hätte vor Trilby im Staube knieen mögen voll demütigster Liebe und Verehrung. Sie sang nun noch Gounods Chanson de Printemps (der Komponist war selbst zugegen und tief ergriffen). Damit endigte der erste Teil des Konzerts, und die Zuhörer hatten nun Zeit, Atem zu schöpfen und sich über diese wunderbare Kunstleistung auszusprechen. Ein tausendstimmiges Gebrause und Gemurmel erfüllte den ganzen Raum – Wonne, Entzücken, Staunen und Begeisterung wurden laut. Nur unsere drei Freunde hatten nicht viel zu sagen – für das, was sie fühlten, fanden sie noch keine Worte. Taffy und der Laird sahen den kleinen Billy an, der mit bleichem Gesicht und roten Augen in sich versunken dasaß. Ein Traum von ganz überirdischer Glückseligkeit schien ihm vorzuschweben, denn obgleich seine Augen noch in Thränen schwammen, lächelte er doch wie verzückt und bezaubert. Der zweite Teil des Konzerts war kürzer als der erste; der Donner des Beifalls aber womöglich noch wilder. Trilby sang nur zwei Nummern; zuerst das Lied › Malbrouck s'en va-t-en guerre ‹. Sie begann ganz leicht und lustig, im Marschtempo; noch hatte sie in der Mittellage keine außergewöhnliche 308 Kraft oder Fülle verraten. Das Publikum lachte ganz unbefangen bei dem ersten Vers: » Malbrouck s'en va-t-en guerre -   Mironton, mironton, mirontaine! Malbrouck s'en va-t-en guerre . . .   Ne sais quand reviendra!   Ne sais quand reviendra!   Ne sais quand reviendra! « Das mironton, mironton, mirontaine drückte die höchste kriegerische Tapferkeit und heldenkühnes Selbstvertrauen aus. Es weckte in allen, die es hörten, den Entschluß, mutig jeder Gefahr zu trotzen. » Il reviendraz à Pâques -   Mironton, mironton, mirontaine! Il reviendra-z à Pâques...   Ou.. à la Trinité! « Man lachte noch, obwohl sich in dem mironton, mirontaine bereits eine unbestimmte Ahnung verriet; allerlei Zweifel und Befürchtungen dämmerten auf. » La Trinité se passe -   Mironton, mironton, mirontaine! La Trinité se passe...   Malbrouck ne revient pas! « Hier machte sich schon, besonders in dem mironton, mirontaine , eine entsetzliche Spannung bemerkbar; eine so quälende, echt menschliche und natürliche Angst, daß jedes Herz sie persönlich mitempfand und lauter zu schlagen begann. Den Hörern verging der Atem in der Brust. 309 » Madame à sa tour monte -   Mironton, mironton, mirontaine! Madame à sa tour monte -   Si haut qu'elle peut monter! « O, mit welchen Gefühlen man sie zum Turm hinauf begleitete! Was würde sie dort oben erspähen? – » Elle voit de loin son page -   Mironton, mironton, mirontaine! Elle voit de loin son page,   Tout de noir habillé! « Immer drohender naht das Unglück – die Spannung erscheint unerträglich. » Mon page - mon beau page!   Mironton, mironton, mirontaine! Mon page - mon beau page!   Quelle nouvelles apportez? « Der kleine Billy zerfließt wieder in Thränen; auch andere Zuhörer weinen. Das mironton, mirontaine ist ein jammervolles Klagegestöhn – o du arme Herzogin – du unglückliche, trostlose Gattin – hast du es alles so hören müssen? Bis dahin war die Begleitung ganz einfach gewesen; sie hatte sich nur auf ein paar Akkorde beschränkt. Jetzt aber, ganz plötzlich, ohne Übergang, ohne Modulation; ging sie in der großen Terz von E nach C, zwei volle Oktaven herunter, in Trilbys tiefe Altstimme – feierlich, unheilverkündend. Die Thränen versiegen; dem Hörer stockt das Blut in den Adern. Die Begleitung nimmt ein immer 310 langsameres Tempo an, bis sie in einen gedämpften Trauermarsch übergeht: » Aux nouvelles que j'apporte -   Mironton, mironton, mirontaine! Aux nouvelles que j'apporte,   Vos beaux yeux vont pleurer! « Reicher und voller tönen die Saiten. Das mironton, mirontaine wird zur Totenklage: » Quittez vos habits roses -   Mironton, mironton, mirontaine! Quittez vos habits roses -   Et vos satins brochés! « Hier scheint sich eine große Glocke unter die Instrumente zu mischen – mit mächtigen Klängen, ganz langsam, aber so eindrucksvoll, daß die Nachricht, die sie verkündet, für alle Zeiten in den Herzen derer widerhallen wird, welche sie aus dem Munde der Svengali vernehmen: » Le Sieur Malbrouck est mort -   Mironton, mironton, mirontaine! Le Sieur - Malbrouck - est - mort!   Est mort - et enterré! « Damit brach der Gesang urplötzlich ab.   Über diese herzzerreißende Tragödie, dieses große historische Epos in zwei Dutzend Zeilen, hatten fünf- oder sechstausend lustige Franzosen geweint oder geschluchzt zum Gotterbarmen, und es ist doch im Grunde nichts weiter 311 als ein altes, komisches Volkslied, mit dem die Mütter ihre Kleinen in den Schlaf singen. Es folgte eine bedrückende, schauerliche Stille, wie wenn bei einem Begräbnis die letzte Handvoll Erde auf den Sargdeckel fällt. Dann brach der rasende Applaus wieder los, und die Svengali stand wohl fünf Minuten lang, sich verneigend mitten in einem Blumenregen. Die Da capo -Rufe verhallten jedoch unbeachtet . . . . Nun kam zum Schluß ihre größte Leistung. Das Orchester spielte schnell die ersten vier Baßtakte von Chopins Impromptu in Cis-moll, und wie ein Wirbelwind fiel die Svengali ein, ohne Worte, leicht und anmutig wie eine Nymphe, die sich im Tanze wiegt, oder in den Lüften schaukelt, solfeggierte sie dies wunderbare Musikstück, das nur wenige Pianisten imstande sind zu spielen. So aber hat es noch keiner gespielt, denn welches Klavier könnte solche Töne hervorbringen? Jeder musikalische Gedanke ward hier zu einer Kette der prachtvollsten Edelsteine, die ein loser Goldfaden zusammenhält. Je höher und heller sie singt, um so köstlicher ist der Ton; bis zu solcher Höhe hat sich vor ihr noch keine Frauenstimme verstiegen. Glockenhelles, fröhliches Lachen, wie es nur aus einer unschuldigen, heitern Mädchenseele kommt, die mit lebhaftem Gefühl die ganze Natur umfaßt – die Kühle des Morgens, die sich kräuselnde Welle, das rauschende Mühlrad, 312 den Wind in den Bäumen, das Lerchenlied im wolkenlosen Himmel – die Sonne, den Tau, den Duft der Frühlingsblumen in Wiese und Wald – oder den Flug von Vogel, Biene und Schmetterling; die hüpfenden Lämmer im Grünen – alle Farben, Töne und Wohlgerüche, an denen sich Kinderherzen und glückliche Naturkinder in gesegneten Himmelsstrichen erfreuen – die schuldlosesten Freuden, die seligsten Erinnerungen, die der Mensch besitzt. Das alles ruft Trilbys Stimme in ihren Hörern wach und zaubert es lebendig vor sie hin, während sie dies wunderbare Lied ohne Worte, diesen langen, wiegenden, frohlockenden Tanz trillert und singt. Der Eindruck ist unwiderstehlich, unauslöschlich; weder Worte noch Bilder können etwas Ähnliches bewirken. Thränen der Freude, des reinsten Entzückens fließen aus allen Augen. (Möglich, daß Chopin etwas ganz anderes malen wollte – vielleicht ein Treibhaus mit Tuberosen, Orchideen, Kallas und Hortensien; aber darauf kommt es nicht an). Nun folgt ein langsames Tempo, das Adagio, mit seinen merkwürdigen Verzierungen – das Erwachen des jungfräulichen Herzens, das Aufsteigen des Saftes, der Liebe Morgenlicht; ihr Zweifeln, Fürchten, Fragen. Die weichen, mächtigen Brusttöne klingen wie Glockengeläut, und dazwischen rieseln silberhelle, funkelnde Tauperlen, welche die gewaltige Stimme leicht von sich abschüttelt. 313 Jetzt kommt wieder das erste Tempo, aber rascher, voller Eile und Hast, doch klar, wie immer. Laut, durchdringend und köstlich sind die Töne – sie überschallen das Orchester, greifen bis ins innerste Herz, verkünden namenlose Freude. Ein krystallreiner Strom rieselt, schäumt und sprudelt über sonnbeglänzte Steine – es ist zauberhaft, wonnevoll, entzückend! Kein Zeichen der Anstrengung oder irgend welcher Schwierigkeit! Mit demselben himmlischen Lächeln öffnet Trilby die Lippen, wiegt das Haupt leise hin und her zu Svengalis Taktschlägen, und immer rascher und höher entströmen die Töne ihrem Munde . . . In wenigen Minuten ist alles vorüber, wie beim Schluß eines glänzenden Feuerwerks die Raketengarben versprühen. Langsam verhallen die Klänge, wie das letzte Glimmen einer bengalischen Flamme verlöscht – ihre Stimme tönt nur noch aus weiter Ferne, sie hallt wie ein Echo von allen Seiten ringsum – ganz leise – kaum noch ein Hauch – und doch voll Wohllaut. Noch eine letzte Rakete, ein chromatisches Aufsteigen, panissimo , bis zum E im Alt – dann Dunkel und Schweigen. – Nach kurzer Pause bricht der Sturm los. Die vielköpfige Zuhörerschaft erhebt sich wie ein Mann, Hüte, Stöcke, Tücher werden geschwungen; man stampft, man brüllt . . . » Vive la Svengali! Vive la Svengali! « Svengali steigt zu seiner Frau auf die Plattform; er 314 küßt ihr die Hand, und zusammen ziehen sie sich nun unter fortwährenden Verbeugungen nach dem Vorhang zurück, welcher fällt, um immer wieder und immer wieder aufgezogen zu werden vor dem wunderbaren Künstlerpaar. Das erste Konzert der Svengali in Paris war zu Ende. Es hatte wenig über eine Stunde gedauert, von welcher für die Beifallsrufe der Menge noch mindestens eine Viertelstunde abgerechnet werden muß. Leider ist Schreiber dieses kein Musiker (was der musikalische Leser gewiß längst gemerkt hat), aber jede nicht allzu schwere Musik fesselt ihn unbeschreiblich. Er beklagt es sehr, daß sein vielleicht allzu kühner Versuch, den mächtigen Eindruck zurückzurufen, den er vor mehr als dreißig Jahren empfangen hat, so plump und mangelhaft ausgefallen ist. Ihm bleibt das Andenken an jenen Abend im Zirkus der Baschi-Bozuks unvergeßlich. Könnte ich nur Berlioz' berühmte zwölf Abhandlungen aus La Lyre Eolienne, die unter dem Titel ›La Svengali‹ im Druck erschienen sind, hier folgen lassen – aber sie sind leider vergriffen! Oder Théophile Gautiers herrliche Rhapsodie: ›Madame Svengali – Ange ou femme? ‹ in welcher er beweist, daß man kein musikalisches Gehör braucht (er hatte keins), um sich von solcher Stimme berauschen zu lassen, und auch keinen Schönheitssinn (den hatte er), um für ihr Gesicht und ihre himmlische Gestalt zu schwärmen. In 315 welcher Zeitschrift diese beredte Lobpreisung erschien, ist mir nicht mehr erinnerlich; in den gesammelten Werken habe ich vergebens danach gesucht. Oder die vernichtende Schmähschrift, in der Herr Blagner (so will ich ihn nennen) gegen die Tyrannei der Primadonna, den ›Svengalismus‹, wie er sich ausdrückt, zu Felde zieht. Er versucht zu beweisen, daß das Virtuosentum, wenn es so übertrieben wird wie hier, eine förmliche Versündigung ist – elende Seiltänzerkunststücke mit den Stimmitteln, nichts als eine krankhafte Überreizung der gallischen Sentimentalität. Solche unerhörte Entwicklung eines phänomenalen Kehlkopfs, solche maßlose Ausbildung einer rein körperlichen, abnormen Eigentümlichkeit (sagt er), sind der Tod und Untergang aller wahren Musik; denn sie stellen Mozart, Beethoven und sogar ihn selbst , Blagner, auf dieselbe Stufe mit Bellini, Donizetti, Offenbach und jedem italienischen Melodienklimperer und Balladensinger des Pariser Pflasters. Das gewöhnliche französische Publikum würde am Ende auch die herrlichste Musik, die es zum erstenmal hört, mit der gleichen Begeisterung aufnehmen, wie den ersten besten Gassenhauer im Café chantant . So äußerte sich der Blagnerismus versus Svengalismus . Ich fürchte jedoch, es ist in dieser einfachen Erzählung kein Raum für derartige Meisterwerke der musikalischen Kritik. 316 Und das ist nicht der einzige Grund, der mich zwingt, hier abzubrechen. Unsere drei Helden gingen nach den Boulevards zurück. Sie allein schwiegen mitten in der lauten, aufgeregten Menge, welche aus dem Zirkus der Baschi-Bozuks auf die Rue St. Honoré hinausströmte. Der kleine Billy hatte seine beiden lieben alten Freunde untergefaßt, um sich so recht eins mit ihnen zu fühlen. Ihm war, als hätte er sie nach langer, langer Trennung auf einmal wiedergefunden, und sein Herz floß über von Zärtlichkeit, obgleich er vor innerer Bewegung noch kein Wort über die Lippen brachte. Die alte Liebesfülle war in ihm aufs neue geboren, die Liebe zu Welt und Menschen im Leben und Sterben, ein unendliches, unerschöpfliches Meer von Liebe, ganz wie er es früher besessen. Er hätte sie beide auf offener Straße, vor aller Welt ans Herz drücken mögen; und dies köstliche Gefühl war kein Traum, es war volle, wahre Wirklichkeit. Sein altes Ich war endlich zurückgekehrt, nach fünf langen Jahren; er hatte sich selbst wiedergefunden – und das alles verdankte er Trilby. Was er für sie empfand, wußte er selbst noch nicht. Es schien so groß und unermeßlich und ach, so vermischt mit Schmerz und Reue, daß er den Gedanken daran noch eine Weile von sich schob, um sich erst seines neuen Glückes zu freuen. Er glich einem Mann, der lange taub war 317 und bei seiner Heilung zuerst im Genuß des wiedergeschenkten Sinnes schwelgen will, statt gleich auf eine unheilvolle Nachricht zu hören, die ihn schon lange erwartet und ihn noch immer früh genug ereilen wird. Taffy und der Laird schwiegen gleichfalls. Trilbys Stimme klang ihnen noch in den Ohren, immer sahen sie ihre Gestalt vor sich, und es ward ihnen beklommen zu Mute. Im ersten Café auf dem Boulevard nahmen sie an einem der kleinen Tische im Freien Platz, dem einzigen, den sie unbesetzt fanden, und ließen sich ein Glas Bockbier geben. Es war eine balsamische Nacht und sommerlich warm; lebhaftes Gespräch schallte von allen Seiten: ›die Svengali‹ war in aller Munde. Der Laird trank sein Glas auf einen Zug aus, rief nach einem zweiten, zündete sich eine Zigarre an und sagte mit fester Stimme: »Schließlich glaube ich gar nicht, daß es Trilby gewesen ist.« Bisher hatte noch keiner von ihnen gewagt ihren Namen auszusprechen – es war das erstemal seit fünf Jahren. »Gerechter Himmel!« rief Taffy, »kannst du daran zweifeln?« »Freilich war es Trilby,« sagte der kleine Billy. Der Laird erinnerte sie daran, daß Trilby ja nie den richtigen Ton hätte treffen können und wie verhaßt ihr Svengali gewesen sei. Aber auch abgesehen davon, hatte 318 er durch sein Opernglas mehr als einen Unterschied entdeckt, trotz der wunderbaren Ähnlichkeit. Das Gesicht der Sängerin war länger und schmaler, die Augen größer, und der Ausdruck anders; auch war sie viel stärker und breitschulteriger als Trilby und dergleichen mehr. Die andern aber meinten, das sei alles Unsinn, und wollten nichts davon hören. Sie hatten sogar manchen eigentümlichen Laut ihrer Sprache in der Singstimme wieder erkannt. – Nun das Eis einmal gebrochen war, sprachen sie über ihre wunderbare Leistung wie alle übrigen Leute. Der kleine Billy war am eifrigsten dabei, er geriet in solches Feuer und zeigte so viel Musikverständnis, daß sie ordentlich staunten und sich froh und erleichtert fühlten. Sie waren recht ernstlich besorgt gewesen, welche Wirkung Trilbys so völlig unerwartete Erscheinung auf ihn haben würde. Offenbar hatte er seine Leidenschaft für sie gänzlich überwunden, das war eine große Beruhigung. Er schien überselig, freudetrunken, und sah sie beide mit so strahlenden Blicken an, als habe ihn das Anhören der herrlichen Musik mit doppelter Lebenslust erfüllt, als gewähre ihm das Zusammensein mit den alten Kameraden den höchsten Genuß. Aber der kleine Billy wußte wohl, wie es mit ihm stand. Er wußte, daß seine Liebe zu Trilby mit aller Glut und Kraft zurückgekehrt war, aber er fühlte sich jetzt noch außer stande, sie in ihrer ganzen unendlichen Tiefe zu empfinden und zugleich alle Qualen einer Eifersucht 319 durchzukosten, die das Mark seines Lebens verzehren mußte. Noch vierundzwanzig Stunden ließ er sich Zeit. Aber er hatte die Frist zu lang bemessen. Aus einem kurzen, unruhigen Schlummer schreckte er in der Nacht auf und sah, daß die Flut ihn schon zu verderben drohte. Er erkannte, mit welcher hoffnungslosen, sündhaften, verzweifelten, wahnsinnigen Liebe er an dieser Frau hing, die sein eigen hätte werden können und nun einem andern gehörte – einem Manne, der größer war als er und dem sie es verdankte, daß sie jetzt das herrlichste Weib auf Erden war, eine Königin, eine Göttin! Denn, welcher irdische Thron ließ sich mit dem Herrschersitz vergleichen, der ihr in den Herzen aller Menschen bereitet ward, sobald sie sich nur hören und sehen ließ. – Wie schön sie war, o über alle Begriffe schön! Und wie mußte sie den Mann lieben, der ihr wunderbares Genie entdeckt, es ihr selbst und der Welt offenbart hatte; den Lehrmeister, welcher ihr alles, alles geschenkt hatte! Wie stattlich und Ehrfurcht gebietend, wie glorreich war er selbst – ein großer Künstler, vom Scheitel bis zur Sohle. Wieder sah er die beiden im Geiste vor sich, Hand in Hand, der Meister mit der Schülerin, der Gattin! Lächelnd verbeugten sie sich, umrauscht von dem Beifallssturm, den sie entfesselt hatten und nicht wieder zu stillen vermochten. Das Bild verfolgte, quälte, marterte ihn, und wollte nicht weichen. Wie rasend sprang er auf und lief 320 verzweifelt in dem engen, schwülen Schlafzimmer hin und her. Wäre nur sein altes Gehirnleiden zurückgekehrt, um den Schmerz zu betäuben und ihn bis zum Tode nicht mehr zu verlassen. Er würde es als Wohlthat begrüßt haben. Wohin sollte er fliehen vor allen neuen Gefühlen, die auf ihn einstürmten, und vor den alten Erinnerungen, die in wonnigem Glanz so plötzlich aus dem Grabe aufstiegen? Es gab kein Entrinnen! Täglich, stündlich würde er jetzt nach ihrem Anblick, nach dem Ton ihrer Stimme hungern und dürsten, wie ein in der Wüste Verschmachtender nach einem Labetrunk! Wieder und wieder sah er den alten, lieblich wechselnden Ausdruck ihres Gesichts, und die Töne ihrer unvergleichlichen Stimme, dieser ganz neuen Errungenschaft, klangen in seinen Ohren, bis er hätte laut aufschreien mögen vor Qual und Pein. Ihm war, als umfinge er sie mit den Armen, Gift und Galle saugend aus ihren Küssen, auf die er kein Recht hatte. Eine rein physische Eifersucht, dieses entsetzliche Erbteil aller Adamssöhne, die mit schöpferischer und plastischer Einbildungskraft begabt sind, hielt ihn in ihren Krallen, malte ihm das Verlorene in den entzückendsten Farben und daneben die öde, graue Wirklichkeit. Nachdem er drei oder vier Stunden auf solche Weise mit sich selber gekämpft und gerungen hatte, ertrug er es nicht länger; er war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Rasch 321 entschlossen eilte er auf den Gang hinaus und klopfte an Taffys Thür. »Großer Gott, was ist denn geschehen?« rief der gute Taffy, als der kleine Billy ins Zimmer stürzte. »O Taffy, Taffy, ich glau – glaube, ich werde wahnsinnig,« schrie er, schüttelte sich wie im Fieberfrost und fing an, in unzusammenhängenden Worten und mit stotternder Zunge dem Freunde zu berichten, was er erduldet hatte. Taffy erschrak heftig; rasch schlüpfte er in die Beinkleider, legte den kleinen Billy in sein Bett, setzte sich neben ihn und ergriff seine Hand. Er war auf einen ähnlichen Anfall gefaßt, wie vor fünf Jahren, und wagte in seiner namenlosen Angst nicht, sich einen Augenblick zu entfernen, um den Laird zu wecken und ihn nach einem Arzt zu schicken. Plötzlich verbarg der kleine Billy das Gesicht in den Kissen und fing an, bitterlich zu schluchzen. Taffy atmete erleichtert auf: er fühlte unwillkürlich, daß dies günstig sei. Der Junge war von jeher ein so leicht erregbares, empfindsames, zart besaitetes und verzogenes Muttersöhnchen gewesen und nie in die Schule gegangen. Man mußte ihm etwas nachsehen. Es gehörte vielleicht mit zu seinem Genius, zu seiner liebenswürdigen Natur. Jedenfalls that es ihm gut, einmal recht nach Herzenslust zu flennen und sich auszuheulen. Nach einer Weile wurde der kleine Billy ruhiger; dann sagte er plötzlich: »Du mußt mich doch für einen recht jämmerlichen Kerl und Schwachmatikus halten!« 322 »Wieso, lieber Freund?« »Weil ich mich so ganz dumm und albern benehme. Aber ich hielt es wirklich nicht mehr aus. Ich sage dir, ich war wie verrückt. Die ganze Nacht bin ich im Zimmer hin und her gelaufen, bis alles sich mit mir im Kreise drehte.« »Ganz wie ich.« »Du? Weshalb?« »Aus dem nämlichen Grunde.« »Was sagst du?« »Ich habe Trilby gerade so lieb gehabt wie du; aber sie hat dich vorgezogen.« »Was?« rief der kleine Billy, »du hast Trilby geliebt!« »Jawohl, mein Junge!« »Geliebt? wirklich von Herzen?« »Jawohl, mein Junge!« »Das hat sie wohl nie erfahren?« »O doch. Sie wußte es.« »Aber gesagt hat sie es mir nicht.« »Wirklich? Das sieht ihr ähnlich. Jedenfalls habe ich es ihr gesagt und sie gebeten, meine Frau zu werden.« »Ist es möglich! – wann denn?« »Damals in Meudon, beim Garde Champêtre, als wir Jeannot mitgenommen hatten und sie dann mit Sandy den Cancan tanzte.« »Wahrhaftig? – und sie hat nicht gewollt?« »So scheint es.« 323 »Ja aber weshalb denn nicht in aller Welt?« »Vermutlich hattest du ihr schon das Herz gestohlen. Il y en a toujours un autre! « »Was? mich – mich hat sie dir vorgezogen?« »Nun ja doch. Es scheint seltsam, nicht wahr, alter Freund? Aber der Geschmack ist ja verschieden. Wer so groß ist wie sie, dem gefällt gerade etwas ganz Kleines; zum Gegensatz, weißt du. Es liegt etwas so echt Mütterliches in ihrem Wesen. Auch bist du ein kluger kleiner Kerl und gar nicht so übel. Du hast Verstand, Talent, auch die nötige Dreistigkeit. Ich dagegen bin wohl eine etwas zu gewichtige, zu schwerfällige Persönlichkeit.« »Ja – aber – um des Himmels willen –« » C'est comme ça! Ich mußte mich ins Unabänderliche fügen.« »Weiß der Laird darum?« »Nein; er braucht es auch nicht zu wissen – es geht niemand etwas an.« »Taffy, du bist doch ein prächtiger, ein ganz kapitaler Mensch!« »Meinst du? Sehr verbunden! Jedenfalls stecken wir beide in der gleichen Not und müssen es tragen, so gut wir können. Sie ist die Frau eines andern, den sie wahrscheinlich sehr lieb hat. Ein unausstehlicher Mensch – aber, er hat's um sie verdient. Also damit ist's ein für allemal aus.« »Für mich nicht, nein, niemals, niemals! Großer 324 Gott – sie wäre ja mein geworden, wenn sich meine Mutter nicht hineingemischt hätte und der alte Unheilstifter, mein Onkel. Stelle dir nur vor – sie zur Frau zu haben! Was für ein Herz, was für eine Seele muß sie sein, um so singen zu können! Und dann diese Schönheit – diese Stirn, dies Kinn, diese Wangen! Hast du je etwas so Göttliches gesehen? Hätte ich damals meiner Mutter nichts von der Heirat geschrieben, so wären wir jetzt schon seit fünf Jahren Mann und Frau; wir lebten in Barbizon, das Malen wäre eine Lust! O welcher Himmel auf Erden! – Es ist schändlich, abscheulich, wie man mich behandelt hat! Was brauchten sie sich um meine Sachen zu kümmern! O niemals – niemals –« »Da fängst du schon wieder an! Es hilft ja doch nichts! Und was hätte mir das wohl genützt? Ich wäre um kein Haar besser daran gewesen, sondern ganz im Gegenteil, alter Freund.« Beide schwiegen eine Weile. Endlich sagte der kleine Billy: »Taffy, du bist ein Kapitalkerl. Ich habe immer viel von dir gehalten, aber das war gar nichts im Vergleich zu der Meinung, die ich jetzt von dir habe.« »Das freut mich, mein Junge!« »Nun bin ich, glaube ich, wieder einigermaßen bei Besinnung; wenigstens auf einige Zeit. Ich will zur Ruhe gehen und mich schlafen legen. Gute Nacht! Wie dankbar ich dir bin, dafür giebt es keine Worte!« Nachdem der kleine Billy auf solche Weise seine verlorene Fassung wiedergewonnen hatte, schlüpfte er, kurz vor Tagesanbruch, in sein eigenes Bett zurück.     Siebenter Teil. »Schauerlich weht der Wind, Wo das verlass'ne Kind Wandert allein. Ich seh' ein bleich Gesicht Im blassen Mondenlicht – Lieb, kannst Du's sein? –«         Am nächsten Morgen standen die drei Freunde erst spät auf und frühstückten in ihrem Zimmer. Die gestörte Nachtruhe war schuld daran – sogar der Laird hatte sich bis zum Tagesgrauen schlaflos auf dem Lager gewälzt. Bald staunte er über das Wunder, daß Trilby von den Toten auferstanden war, bald quälten ihn Zweifel, ob es auch wirklich Trilby sei. Er war sehr musikalisch veranlagt und konnte einzelne Takte und Töne, die sie gesungen hatte, gar nicht aus dem Kopf bringen. Sie klangen so lockend und verführerisch, bald lustig, bald traurig; die Sehnsucht, sie wieder zu hören, ließ ihm keine Ruhe und verscheuchte ihm den Schlaf. Besonders die alte, ureinfache Melodie ›Ben Bolt‹ wollte ihm nicht mehr aus dem Sinn; sie umgaukelte ihn mit 326 immer neuen, schönen, nie gehörten Klängen, die fort und fort widerhallten in seinem müden Hirn. Den Rest des Vormittags brachten sie im Louvre zu. Sie hofften sich an der ›Hochzeit zu Cana‹, den ›Mädchen am Brunnen‹, der kleinen Prinzessin von Velasquez und Lisa Giocondas Lächeln ergötzen zu können, allein das war ein vergeblicher Versuch. Es gab ja in ganz Paris nichts, was des Ansehens wert war, außer Trilby in ihrem golddurchwirkten Gewand. Sie stellte alle Prinzessinnen der Welt in den Schatten, und kein Lächeln kam dem ihrigen gleich, während Chopins Impromptu von ihren Lippen perlte. Die Freunde konnten sich nur kurze Zeit in Paris aufhalten und noch einmal wenigstens mußten sie von dem köstlichen Liederquell trinken – coûte que coûte! Als sie sich im Zirkus der Baschi-Bozuks Eintrittskarten verschaffen wollten, erfuhren sie jedoch, daß das ganze Haus für die nächsten Tage und Wochen ausverkauft sei; man fing bereits an, vor der Thür Queue zu machen, und sie sahen ein, daß sie wohl oder übel darauf verzichten mußten, ihren heißen Durst zu stillen. Bei dem Gabelfrühstück, das sie im nächsten Restaurant einnahmen, wollte kein Gespräch in Gang kommen. Sie griffen nach den Morgenblättern und lasen Kritiken des Konzerts, welche von Lobsprüchen überflossen. Aber nichts war ihnen gut genug; man hätte funkelnagelneue Wörter dazu haben müssen! 327 Sie hielten es nun für das Beste, einen langen Spaziergang zu machen, doch fiel ihnen in dem ganzen ungeheuren Paris kein einziger Ort ein, den sie aufsuchen konnten, und sie hatten sich doch vorgenommen, so viel Schönes zu sehen und zu genießen, daß eine Woche gar nicht dazu ausreichte. In einer Zeitung fanden sie die Anzeige, daß das Musikkorps der kaiserlichen ›Guiden‹ am Nachmittag im Bois de Boulogne auf dem Pré Catelan spielen würde. Warum sollten sie nicht dorthin gehen und rechtzeitig wieder zurück sein, um bei den Passefils zu speisen. Viel Vergnügen versprachen sie sich nicht von dieser Gesellschaft, aber es war doch ein Mittel, die Zeit totzuschlagen, da sie es sich nun einmal versagen mußten, Trilby zu hören. Vor dem Pré Catelan war ein großes Gedränge von Droschken, Wagen und Reitpferden, welche die Stallknechte am Zügel hielten; man hätte glauben können, es sei noch die Höhe der Saison. Die Freunde traten in den Kaffeegarten, schlenderten hierher und dorthin, hörten ein paar Stücken der berühmten Kapelle zu und studierten die Pariser Welt nach dem Leben. Plötzlich sahen sie neben drei Damen, von denen die älteste Trauer trug, einen schmucken Offizier von den Guiden in Rot, Grün und Gold sitzen, der niemand anders als ihr Freund Zouzou sein konnte. Sie grüßten; er erkannte sie sofort, sprang auf und schüttelte ihnen herzlich die Hand, 328 besonders seinem alten Freunde Taffy, den er zu seiner Mutter – der Dame in Schwarz – führte und auch den beiden andern Damen vorstellte. Die Häßlichkeit der jüngeren war so augenfällig und Mitleid erregend, daß mir der Versuch, sie zu beschreiben, wie eine Gefühllosigkeit vorkommen würde. Es war Miß Lavinia Hunks, die berühmte Millionärin, mit ihrer Mutter. Der gute Zouzou kehrte darauf zu dem Laird und dem kleinen Billy zurück. In seinem Wesen ließ sich eine gewisse, unbeschreibliche Veränderung nicht verkennen, die sehr herzoglich war. Schon die hübsche Uniform gab ihm ein vornehmes Ansehen; er sprach mit der verbindlichsten, bestrickendsten Höflichkeit; erkundigte sich aufs angelegenste nach dem Befinden von Frau Bagot und ihrer Tochter und bat, ihn den Damen bestens zu empfehlen. Auch äußerte er seine aufrichtige Freude darüber, wie kräftig und gesund der kleine Billy aussähe, obgleich dieser in Wirklichkeit nach der schlaflosen Nacht einem verkümmerten kleinen Gespenst glich. Die Rede kam nun auf Dodor, und Zouzou versicherte, er werde ihm stets die größte Anhänglichkeit bewahren, es sei jedoch ein beklagenswerter Mißgriff gewesen, daß Dodor die Armee verlassen habe, um in ein Ladengeschäft ( petit commerce ) einzutreten. Dadurch habe er seine Stellung in der Welt eingebüßt ( dégringolé ). Wäre er bei den Dragonern geblieben, so hätte er sich mit etwas Geduld und guter Aufführung doch die Epauletten 329 verdienen können – und es wäre ein Leichtes gewesen, ihm zu einer Frau zu verhelfen – un parti convenable – denn Dodor war ja »très joli garçon, bonne tournure – et très gentiment né. C'est très ancien, les Rigolot – dans le Poitou, je crois – Lafarce et tout ça; tout à fait bien!« Es war nicht leicht, sich vorzustellen, daß dieser gebildete, verständige und etwas herablassende junge Mann derselbe war, der damals in der Rue Vieille des Mauvais Ladres auf allen Vieren dem Hut des kleinen Billy nachgekrochen war und ihn im Munde zurückgebracht hatte, wie ein Jagdhund seine Beute. Der kleine Billy ahnte nicht, daß Monsieur le Duc de la Rochemartel-Boisségur erst kürzlich, zum Entzücken einer kleinen, auserwählten kaiserlichen Abendgesellschaft in Compiègne jene Geschichte mit allen Einzelheiten erzählt hatte. Nicht nur die Rolle, die er selbst dabei gespielt, schilderte er aufs lebendigste, sondern er gedachte auch des kleinen Billy mit rührenden Worten: »le joli petit peintre anglais, qui s'appelait Kleinerbili, et ne pouvait pas se tenir sur ses jambes – et qui pleurait d'amour fraternel dans les bras de mon copain Dodor!« » Ah Monsieur Gontran! ce que je donnerais pour avoir vu ça! « hatte die vornehmste Dame Frankreichs gesagt. » Un de mes zouaves à quattre pattes - dans la rue - un chapeau dans la bouche - oh - c'est impayable! « 330 Zouzou gab seine Erlebnisse als Bruder Liederlich ausschließlich im engsten kaiserlichen Zirkel zum Besten, dem er sich heimlich anschloß, wie man munkelte. In der übrigen Welt, besonders in der crème du noble Faubourg (das sich von den Tuilerien fern hielt), benahm er sich als eine würdige, standesgemäße Persönlichkeit, wie sein verstorbener Bruder, und war nach der Ansicht seiner liebenden Mutter très bien pensant, très bien vu, à Frohsdorf et à Rome. Er stellte den kleinen Billy und den Laird weder seiner Mutter, noch Mrs. und Miß Hunks vor; dieser Ehre wurde nur Taffy, der ›Vollblutmensch‹, teilhaftig; auch fragte er sie nicht, wo sie abgestiegen wären, und lud sie nicht ein, ihn zu besuchen. Beim Abschied sagte er nur, es habe ihm die größte Freude gemacht, sie wiederzusehen, und er hoffe, sie eines Tages in London zu begrüßen. Während die Freunde nach Paris zurückgingen, kam es heraus, daß der Vollblutmensch von der Duchesse Mère (Maman Duchesse, wie Zouzou sie nannte) eingeladen worden sei, bei ihr mit den Damen Hunks zu speisen. Der Herzog hatte sein Hotel de la Rochemartel in der Rue de Lille vermietet (an Mrs. Hunks) und mit seiner Mutter eine möblierte Wohnung auf dem Vendômeplatz bezogen. Auch ihren Landsitz, le château de Boisségur bewohnten sie nicht mehr. (Monsieur Despoires oder de Poires, wie es auf seinen Visitenkarten hieß, der berühmte Seifenfabrikant, 331 hatte sich darin häuslich niedergelassen. » Un très brave homme à ce qu'on dit! « Sein einziger Sohn heiratete, nebenbei gesagt, bald darauf Mademoiselle Jeanne-Adelaïde d'Amaury-Brissac de Roncesvaulx de Boisségur de la Rochemartel.) » Il ne fait pas gras chez nous à présent - je vous assure, « hatte Madame Duchesse Mère feierlich zu Taffy gesagt, ihm aber gleich zu verstehen gegeben, daß die Verhältnisse ihres Sohnes sich bedeutend bessern würden, falls seine Heirat mit Miß Hunks zustande käme. Der kleine Billy geriet ganz außer sich, als er das hörte. »Barmherziger Himmel,« rief er, »doch nicht die kleine, blau aufgeputzte Vogelscheuche? Sie ist ja verwachsen – sie schielt, sieht ganz blödsinnig aus und wie eine Zwergin. Mag sie noch so viele Millionen haben – wer sie heiratet, begeht ein Verbrechen. Ein Mann mit gesunden Gliedern sollte lieber Steine klopfen, als eine solche Frau nehmen, wenn er es nicht aus reiner Liebe und Güte thut – und selbst dann gereicht es ihm nicht zur Ehre, denn er beschimpft seine Vorfahren noch im Grabe und thut seinen Nachkommen ein Unrecht an, das nicht wieder gut zu machen ist; er nimmt ihnen Saft und Kraft und zerknickt sie in der Knospe. Seine Mitmenschen sollten sich von ihm lossagen, ihn in den Bann thun – ins Gefängnis, ins Zuchthaus auf Lebenszeit. Wenn er stirbt, müßte er in eine besondere Hölle kommen!« 332 »Schweig still mit deinen gotteslästerlichen Reden, du kleiner Wüterich,« sagte der Laird. »Wer weiß, wohin du selbst noch einmal kommst bei solchen entsetzlichen Gesinnungen. Mit was für Geld könnte man denn die schönen Herzogtümer aus dem zwölften Jahrhundert instand halten? Es wäre ein Unglück, wenn man auf dich hörte.« Taffy, zu au grand sérieux, wie gewöhnlich, sah nicht, wie der Laird mit den Augen blinzelte. »Hol' der Henker die ganze Feudalherrlichkeit,« rief er, »der kleine Billy hat recht und Zouzou handelt abscheulich. Aber sie ist gerade so schlecht; sie nimmt ihn auch nicht um seiner Schönheit willen, darauf möchte ich wetten. An eine Heirat dürfte sie überhaupt nicht denken. Sie ist seine Mitschuldige, seine Helfershelferin, particeps delicti . An den Pranger mit ihnen, samt der Maman Duchesse! Wahrscheinlich habe ich auch deshalb ihre Einladung ausgeschlagen. Kommt jetzt und laßt uns mit Dodor zu Mittag essen – seine Braut heiratet ihn wenigstens nicht, um Herzogin zu werden, nicht einmal wegen seines › de ‹, sondern pour ses beaux yeux. Wenn die künftigen kleinen Rigolots nicht ganz so hübsch und lustig werden, wie ihr Erzeuger, so schadet das nicht, wenn sie nur im übrigen eine verbesserte Auflage von ihm sind. Das wäre in vieler Beziehung wünschenswert.« »Hört, hört!« rief der kleine Billy nach Taffys hochtrabendem Gefühlserguß. 333 Dann gingen sie schweigend weiter und dachten bei sich, wie verkehrt doch die Dinge im allgemeinen eingerichtet sind. Welche prächtige kleine Wynnes, Bagots oder Mc Alisters hätten geboren werden können, um den Verfall der entarteten Menschheit aufzuhalten, hätte es im Buch des Schicksals gestanden, daß eine gewisse Trilby u. s. w. u. s. w. Mrs. und Miß Hunks kamen zu einer vornehmen, blauen Barouche mit Sprungfedern – un ›huit-ressorts‹ – an ihnen vorüber; Maman Duchesse in einem Mietswagen; Zouzou ritt vorbei und sie sahen tout Paris des Weges fahren, ohne daß es ihnen einen großen Eindruck machte. Ja sie kamen sogar überein, daß es im Hyde-Park während der Londoner Saison noch ganz anders herginge. Als sie auf dem Platz de la Concorde anlangten, dämmerte es kaum, doch brannten schon Lampen und Laternen in den Läden, auf den Straßen und unter den Bäumen. Das ist für eine große Stadt an einem hellen Herbsttage die schönste Zeit und ein prächtiger Anblick, der nur leider allzu flüchtig ist. Um den Genuß noch zu erhöhen, ging diesmal gleich nach Sonnenuntergang der gelbliche Mond im Osten von Paris auf und schwebte hoch über den Schornsteinen der Tuilerien. Die Freunde blieben stehen und betrachteten den langen Zug der heimwärts fahrenden Droschken und Wagen, wie 334 sie es früher so oft gethan; – Paris kam noch immer vorüber; tout Paris ist sehr lang. Als sie so mitten in einer Gruppe anderer Zuschauer standen, der kleine Billy ganz vorn am Fahrweg, kam ein prachtvoller offener Wagen, mit glänzendem Geschirr und Livreebedienten, in fast kaiserlichem Staat daher. Darin saßen, bequem zurückgelehnt und in kostbare Pelze gehüllt, Monsieur und Madame Svengali. Er trug einen breitkrempigen, weichen Filzhut auf dem schwarzen Lockenhaar und rauchte eine große Havanazigarre. Die Svengali neben ihm, hatte einen zierlichen runden Sammethut auf und trug das hellbraune Haar in einem großen Knoten tief im Nacken. Trotz Schminke und Puder und trotz der entstellenden schwarzen Farbe unter ihren Augen, war sie eine herrliche Erscheinung, und ihr Anblick erregte nicht geringes Aufsehen unter der Menge, an der ihr Wagen langsam vorbeifuhr. Das Herz des kleinen Billy schlug zum Zerspringen. Er begegnete dem Blick Svengalis und sah, daß dieser sich zu seiner Nachbarin beugte, der er einige Worte zuflüsterte. Sie wandte den Kopf, schaute nach dem kleinen Billy hin, und auch Svengali sah ihn an. Statt aber seinen Gruß zu erwidern, starrten sie beide nur verächtlich zu ihm hinüber und fuhren weiter; er hörte sie noch zusammen lachen und kichern, als gelte es den besten Spaß der Welt. 335 Der kleine Billy war wie vernichtet: ihn schwindelte, alles schien sich mit ihm im Kreise herum zu drehen. Der Laird und Taffy hatten den Vorgang genau verfolgen können, während die Svengalis ihrer offenbar nicht ansichtig geworden waren. »Es kann nicht Trilby sein!« rief der Laird. »Sie wäre außer stande, das zu thun; sie hätte es nicht über das Herz gebracht, davon bin ich überzeugt. Und ihr Gesicht ist ganz anders.« Auch Taffys Glaube war erschüttert, und ernstliche Zweifel stürmten auf ihn ein. Die Freunde stützten den kleinen Billy auf beiden Seiten und führten ihn nach dem Boulevard hinüber. Er war ganz fassungslos, weigerte sich, mit ihnen zu den Passefils zu gehen und wollte auf der Stelle nach Hause reisen. Wie er sich als kleiner Knabe nach seiner Mutter gesehnt hatte, wenn ihn ein Kummer drückte und sie nicht in seiner Nähe war, so konnte er es auch jetzt nicht ohne sie aushalten; er wollte sich von ihr in die Arme schließen lassen und sie mit Zärtlichkeiten überschütten wie seit Jahren nicht. Seine alte Kindesliebe war mächtig in ihm erwacht, samt der Liebe zu seiner Schwester und zur alten Heimat. Als sie ins Hotel zurückkehrten, um sich anzukleiden (Dodor hatte sie gebeten, sich ganz besonders fein zu machen, weil das seiner Schwiegermutter Hochachtung einflößte), wurde der kleine Billy förmlich aufsässig und widerspenstig. 336 Nur durch das Versprechen, am nächsten Morgen mit ihm nach Devonshire abzureisen und dort längere Zeit bei ihm zu bleiben, konnte Taffy ihn endlich bewegen, der Einladung Folge zu leisten. Der große Taffy war ein Gefühlsmensch; er lebte einzig und allein für seine Freunde und hatte deren doch nur wenige – den Laird, Trilby und den kleinen Billy. Trilby war unerreichbar, der Laird stark und unabhängig genug, um ohne ihn fertig zu werden; folglich wandte Taffy sein ganzes Herz voll schützender, tragender Liebe dem kleinen Billy zu und er hätte jede Last und Verantwortlichkeit über sich genommen, welche solche väterliche Fürsorge ihm auferlegte. Denn, erstens war dem kleinen Billy immer alles mit Leichtigkeit gelungen, was der gute Taffy selbst nicht ausführen konnte, wie sehr er sich auch mühte, und das erfüllte ihn mit der größten Bewunderung und Verehrung. Zweitens besaß der kleine Billy weder Körperkraft noch Selbstbeherrschung, war aber großmütig, liebenswürdig, zärtlich und ganz ohne Falsch, Eigennutz und Dünkel. Er hatte auch die Gabe, durch seine Unterhaltung zu fesseln und zu erfreuen, und wenn er schwieg, fühlte man sich ebenso befriedigt – man war seiner so sicher. Das alles erhöhte noch Taffys Liebe, und er hätte dem kleinen Billy mit Freuden jedes Opfer gebracht. Andrerseits wußte auch der kleine Billy, was er an 337 dem großen Taffy hatte, dessen Kleinigkeitskrämerei, Heftigkeit und harmlose Eitelkeit auf seine Stärke, nur Fehler waren, die als Deckmantel seiner vortrefflichen Eigenschaften dienten: ein gesundes Urteil, echte Bescheidenheit, Langmut, Aufrichtigkeit, Teilnahme und die hingebendste Treue, auf die man sich felsenfest verlassen konnte. Dazu kam noch seine ganze, mächtige Persönlichkeit, seine Riesengestalt mit den breiten Schultern und dem Stiernacken, auf dem der kleine runde Kopf wie bei einem Gladiator eingefügt saß, die starken Muskeln, die gewölbte Brust, die schlanken Hüften, der athletische Gliederbau, die Anmut und Kraft in jeder Bewegung, so daß es ein Vergnügen war ihm zuzusehen, und jedes Kleidungsstück sich vorteilhaft ausnahm, wenn er es am Leibe trug – das alles war für den raschen, feinfühligen Künstlerblick des kleinen Billy ein fortdauernder Genuß. Wenn Taffy die Feuerzange so ernst und feierlich über dem Nacken krumm bog und auf dem Arm zerbrach; wenn er fast so hoch sprang wie er selber war, Lehnstühle mit einer Hand an einem Bein in die Luft hob und ähnliche Proben seiner Kraft ablegte – dann mußte man ihn lieb haben. So gab es denn kein Opfer, das der kleine Billy nicht mit Freuden von dem großen Taffy angenommen hätte, als selbstverständlichen Tribut, wie ihn die Körperstärke dem Genius zollt. Ein edles Brüderpaar, sich ergänzend, und wie geschaffen für einen festen unauflöslichen Freundschaftsbund. 338 Für die Kurzweil bei dem Familienschmaus im Hause Passefil sorgten der unwiderstehliche Dodor und der Laird von Cockpen, der bei dieser Gelegenheit sein Äußerstes that. Er sprang mit der französischen Grammatik und Aussprache ganz nach Gutdünken um und hatte als Spaßmacher nicht seinesgleichen. Monsieur Passefil war in seiner Art auch unterhaltend; er besaß einen munteren Witz, wie ihn der wohlhäbige Bourgeois von gesetztem Alter, falls er nicht großprahlerisch ist, überall zu lieben scheint (oft prahlt er auch und ist witzig zugleich). Madame Passefil war nicht scherzhaft aufgelegt. Taffys aristokratische Erscheinung, die feine Bildung und romantische Schwermut des kleinen Billy und die ruhige, natürliche Höflichkeit der drei jungen Leute erfüllte sie mit ehrfurchtsvoller Scheu. Sie nannte Dodor immer Monsieur de Lafarce, während die übrigen Familienglieder und ein paar Bekannte, die auch eingeladen waren, ihn mit Monsieur Théodore anredeten, und er für gewöhnlich Monsieur Rigolot hieß. Jedesmal, daß Madame Passefil seinen aristokratischen Namen aussprach (was sehr häufig geschah), blinzelte Dodor seinen Freunden verstohlen zu; es schien ihn ausnehmend zu belustigen. Mademoiselle Ernestine war offenbar zu liebeselig um überhaupt etwas zu sagen; sie verwandte kaum einen Blick von Monsieur Théodore, den sie zum erstenmal im Gesellschaftsanzug sah. Er nahm sich auch wirklich allerliebst 339 aus – sogar noch herzoglicher als Zouzou – und es war kein Wunder, wenn die glänzende Aussicht, Madame de Lafarce und die Gemahlin eines solchen Gatten zu werden, Mademoiselle Ernestine etwas den Kopf verdrehte. Sie war nicht schön, aber gesund, gut gewachsen, wohlerzogen und vermutlich liebenswürdig und freundlich von Gemüt. Dodor hatte entschieden ein besseres Los gezogen als der Herr Herzog, wenn er seine Braut, die eben erst aus dem Kloster kam und ohne Zweifel noch unschuldiger war als ein Kind, frischweg heimführte. Um etwaige kleine Dodors brauchte man sich keine Sorge zu machen. Nach Tische begaben sich die Herren mit ihren Damen in einen hübschen kleinen Salon, der nach dem Boulevard hinausging. Man durfte dort Zigaretten rauchen und es wurde Musik gemacht. Mademoiselle Ernestine spielte mit großem Eifer ›Les Cloches du Monastère‹ von Lefébure-Vély, wenn ich nicht irre. Es ist das kleinbürgerlichste Klavierstück, das ich kenne. Dann sang Dodor mit seiner schönen Tenorstimme, die einen seltsam ergreifenden und gefühlvollen Klang hatte, allerlei hübsche, unschuldige, französische Liedchen (sein Vorrat schien unerschöpflich zu sein), bei denen ihn seine künftige Gattin aufs gewissenhafteste begleitete: » Petit enfant, j'aimais d'un amour tendre Ma mère et Dieu - saintes affections! Puis mon amour aux fleurs se fit entendre, Puis aux oiseaux et puis aux papillons! « 340 Die ganze Familie war entzückt, fast bis zu Thränen gerührt, während der Sänger bei den schönsten Stellen den Zeigefinger an die Nase legte und dem Laird zublinzelte, der sich köstlich darüber amüsierte. Natürlich sprach man auch von dem Wunder des Tages, der Svengali, das war ganz unvermeidlich. Unsere Freunde hielten es für unnötig, zu verkünden, daß sie › la grande Trilby ‹ war; es würde schon früh genug an den Tag kommen. Und richtig, ehe noch eine Woche verging, hatten alle Zeitungen die wunderbarsten Dinge zu berichten: Madame Svengali – › la grande Trilby ‹, war die einzige Tochter seiner Ehrwürden des hochgeborenen Lords O'Ferrall. Um ein freies, lustiges Leben unter den Pariser Künstlern des Quartier latin führen zu können, une vie de bohème – war sie aus den Urwäldern und dem einsamen Marschland von le Dublin entflohen. Sie war blanche comme la neige, avec un volcan dans le coeur, eine Venus Anadyomene vom Scheitel bis zur Sohle. Abgüsse ihrer Alabasterfüße konnte man in der Rue de la Souricière St. Denis bei Brucciani kaufen; (er erwarb sich ein Vermögen damit). Der große Ingres hatte ihren linken Fuß in einem Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts an die Wand gemalt und ein schottischer Milord und Sonderling (le Comte de Pencock) hatte das Haus samt Atelier und Wand 341 gekauft und es niederreißen lassen, die Wand mit der Skizze aber unter Glas und Rahmen nach seinem Schloß in Edinburg geschickt. Dies war leider nicht der Wahrheit gemäß. Es hatte sich herausgestellt, daß der Wunsch des Laird sich unmöglich erfüllen ließ, weil die Mauer aus zu sprödem Stein bestand. So mußte denn der Comte de Pencock – dies war Madame Vinards Lesart von Sandys Spitznamen – von dem Handel abstehen. Am nächsten Morgen rüsteten sich unsere drei Freunde zur Abreise. Selbst der Laird hatte genug von Paris und sehnte sich danach, wieder vor seiner Staffelei zu sitzen; er arbeitete an einem Hari-kari in Yokohama. (In damaliger Zeit war noch niemand in Japan gewesen und er auch nicht). Sie hatten ihr Frühstück in der Glashalle des Hotels eingenommen, wo, wie gewöhnlich, jeder Tisch besetzt war. Billy ging zum Postbureau des Hotels hinauf um noch einen Brief an seine Mutter abzugeben. Plötzlich schrak er zusammen – seitwärts an einem kleinen Tisch, dort im Bureau, saß Svengali, seine Briefe lesend. Außer ihm befanden sich nur noch einige Schreiber in dem Raum. Der kleine Billy stand unmittelbar vor Svengali; er bebte vor Erregung und wollte schon die Hand ausstrecken, zog sie aber wieder zurück, als er den haßerfüllten Ausdruck in Svengalis Mienen gewahrte. 342 Der Deutschpole hatte schnell seine Briefe zusammengerafft und eilte nach der Thür. Als er bei dem kleinen Billy vorbeikam, schimpfte er ihn »verfluchter Schweinehund« und spie ihm ins Gesicht. Der kleine Billy stand einen Augenblick wie versteinert, dann lief er Svengali nach, holte ihn bei der Marmortreppe ein, schlug ihm den Hut vom Kopfe und trat nach ihm mit den Füßen. Svengali ließ seine Briefe fallen, wandte sich um und versetzte seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht, daß er blutete. Nun hieb der kleine Billy um sich wie ein Wütender, doch konnte er nicht zu Svengali hinaufreichen, der über sechs Fuß maß. Sofort sammelte sich eine Menschenmenge um die Streitenden; auch der schöne alte Mann mit der Halskette war darunter. Vite, vite! un commissaire de police! schrie er und der Ruf ging weiter von Mund zu Munde. Taffy sah den Aufruhr. »Bravo, Kleiner!« rief er, sprang auf und drängte sich zu dem kleinen Billy hin, der in Schweiß gebadet, blutend und keuchend dastand. »Er hat mich angespieen, Taffy,« stammelte er, »der verfluchte Kerl! Kein Wort hatte ich noch mit ihm gesprochen – das kann ich beschwören!« Svengali kam Taffys Anwesenheit völlig unerwartet; er erkannte ihn auf der Stelle und wurde kreideweiß. Taffy hatte hundelederne Handschuhe an; er faßte mit raschem Griff Svengalis Nase zwischen Zeigefinger und 343 Mittelfinger seiner rechten Hand und schüttelte ihm den Kopf tüchtig nach allen Seiten hin und her, während Svengali sich an sein Handgelenk klammerte. Dann ließ er ihn los und verabreichte ihm noch einen lautschallenden Backenstreich. Das war kein Spaß, denn wem Taffy auch nur beim Spiel eins versetzte, dem wurde grün und gelb vor den Augen. Svengali keuchte noch ärger als vorhin der kleine Billy und brachte zuerst kein Wort hervor. » Lâche - grand lâche! « schrie er endlich, » che fous enferrai mes témoins! « »Ich stehe zu Diensten,« versetzte Taffy im schönsten Französisch, öffnete seine Brieftasche und überreichte ihm seine Karte mit den Worten: »Bis morgen um zwölf Uhr bin ich noch hier – und dies ist meine Londoner Adresse, falls ich bis dahin noch nichts von Ihnen gehört habe. Ich bedaure sehr – aber Sie hätten nicht spucken sollen – das schickt sich wirklich nicht. Wenn Sie mir Nachricht geben, will ich Sie treffen wo Sie wollen. Bestimmen Sie nur den Ort; ich stelle mich Ihnen und müßte ich vom andern Ende der Welt angereist kommen.« » Très bien! très bien! « rief ein alter, militärisch aussehender Herr, der in der Nähe stand, und gab Taffy seine Karte für den Fall, daß er seine Dienste brauchen sollte. Als der commissaire de police eintraf, war schon alles vorbei. Svengali war in einer Droschke davon gefahren und Taffy stellte sich dem Beamten zur Verfügung. 344 Sie gingen zusammen in das Postbureau und verhandelten dort mit dem alten militärischen Herrn, dem Majordomus im Sammetanzug und den beiden Schreibern, die bei dem schimpflichen Angriff zugegen gewesen waren. Einstweilen verlangte die Polizei nichts weiter von Taffy und seinen Freunden, als die Angabe von Familiennamen, Vornamen, Vaterland, Titel, Berufsart. Alter, Stand, Wohnung u. s. w. » C'est une affaire qui s'arrangera autrement et autre part! « sagte der alte Herr – monsieur le général, comte de la Tour-aux-Loups. So wurde die Angelegenheit sehr einfach beigelegt; den ganzen Tag über sah man aber eine unheilige Freude aus Taffys zornigen blauen Augen leuchten. Nicht etwa als ob er wünschte, Trilbys Gatten ernstlich Leid und Schaden anzuthun; aber es freute ihn, daß er Svengali eine handgreifliche gute Lehre gegeben hatte. Daß Svengali ihn verwunden könne, zog er keinen Augenblick in Betracht. Er war überzeugt, der Pole werde die Herausforderung auf sich beruhen lassen, und darin täuschte er sich nicht. Noch stundenlang nachher war es ihm, als fühle er die lange, fleischige Nase zwischen seinen behandschuhten Knöcheln und er erinnerte sich mit Wohlgefallen, wie herzhaft er daran gerüttelt hatte. Bei reiflicher Überlegung that der Vorgang ihm leid und er konnte sich der Reue 345 nicht erwehren, denn er war im Grunde der friedliebendste Mensch von der Welt. Nur als er sehen mußte, wie der kleine Billy, von Blut überströmt, sich gegen einen überlegenen Gegner wehrte, war der alte Adam in ihm erwacht. Von Svengali kam keine Botschaft; Taffy brauchte daher auch weder Dodor noch Zouzou zu bitten, ihm als Sekundanten zu dienen. Die Freunde reisten ohne weiteres Blutvergießen und mit gesunden Gliedern nach London ab; Paris war ihnen ganz verleidet. Der kleine Billy blieb bis Weihnachten bei seiner Mutter in Devonshire; Taffy war im Gasthaus des Städtchens abgestiegen. Gleich am Abend ihrer Ankunft, als der kleine Billy müde und abgespannt zu Bett gegangen war, teilte Taffy Frau Bagot mit, daß die Svengali, aller Wahrscheinlichkeit nach, mit Trilby ein und dieselbe Person sei. »Großer Gott,« rief die arme Mutter, »das ist ja die neue Sängerin, die nächstens nach England kommt. Ein Artikel über sie steht heute in der Times. Es heißt, sie sei ein wahres Wunder und habe nirgends ihresgleichen. Das kann doch unmöglich die Miß O'Ferrall sein, die ich in Paris gesehen habe!« »Es ist kaum zu glauben – aber ich bin so gut wie überzeugt, daß sie es ist – und William hat es keinen Augenblick bezweifelt. Nur Mc Allister behauptet das Gegenteil.« 346 »O wie schrecklich. Also darum sieht mein armer Sohn so krank und elend aus. Das alte Leid ist wieder aufgerührt worden. Konnte sie denn überhaupt singen, als Sie in Paris mit ihr verkehrten?« »Keine Note – sie brachte die seltsamsten Töne heraus, wenn sie es versuchte.« »Ist sie noch ebenso schön?« »O ja; das ist außer allem Zweifel; schöner als je!« »Und ihr Gesang – ist der wirklich so wunderbar? Ich weiß noch recht gut, wie schön ihre Stimme klang, wenn sie sprach.« »Wunderbar? – Das will ich meinen! Ich habe nie etwas Ähnliches gehört oder für möglich gehalten. Die Grisi, Alboni, Patti, darf man gar nicht in einem Atem mit ihr nennen!« »Barmherziger Himmel! Sie muß ja ganz unwiderstehlich sein. Mich wundert nur, daß Sie sich nicht auch in sie verliebt haben. Wie schrecklich sind doch diese Sirenen, die einem den Frieden des Hauses zerstören!« »Sie dürfen nicht vergessen, Frau Bagot, daß es Ihrerseits nur eines Wortes bedurft hat. Sie ist gleich zurückgetreten – obgleich sie William sehr lieb hatte. Damals war sie keine Sirene.« »Jawohl, ich weiß – sie hat sich sehr brav benommen – und gethan, was ihre Pflicht war. Verzeihen sie mir, bitte, Herr Wynne – es ist sehr unrecht, aber ich kann 347 nicht vergeben – die schreckliche Krankheit meines Sohnes – die schwere Zeit in Paris . . .« Frau Bagot brach in Thränen aus und Taffy ließ sich versöhnen. »O Herr Wynne – ich hoffe von ganzer Seele, daß ein Irrtum vorliegt – vielleicht ist es nur eine Ähnlichkeit! Wenn sie nach Weihnachten in London auftritt, wird mein Sohn wieder ein Opfer seiner Verblendung werden. Was fange ich nur an!« »Sie ist ja jetzt die Frau eines andern; Williams Glut wird sich wohl oder übel zu Asche verzehren müssen, sobald er sich diese Thatsache einmal recht klar macht. Übrigens hat sie ihn neulich in den Champs Elysées nicht einmal gegrüßt und ihn absichtlich übersehen. Tags darauf ist er sogar mit ihrem Mann handgemein geworden und sie haben einander gestoßen und geschlagen; dadurch wird wohl jeder nähere Verkehr ein für allemal abgeschnitten sein.« »Großer Gott, Herr Wynne – das hat mein Sohn gethan!« »Jawohl, und er war ganz in seinem Recht. Der Mann hatte ihn gröblich beleidigt. William hat sich tapfer seiner Haut gewehrt und zuletzt den Sieg davongetragen. Es ist kein Unglück daraus entstanden. Ich habe alles mit angesehen.« »Wie entsetzlich! Sind Sie denn nicht dazwischen getreten?« 348 »Freilich; auch die andern Leute legten sich ins Mittel. Ich versichere Sie, es ging alles mit rechten Dingen zu. Sämtliche Knochen blieben heil und die Sache war auf der Stelle abgemacht, ohne Herausforderung auf Säbel, Pistolen oder dergleichen Dummheiten.« »Gott sei Dank!« rief Frau Bagot mit erleichtertem Herzen. Nach etwa vierzehn Tagen hatte sich der kleine Billy wieder einigermaßen erholt und arbeitete fleißig in seinem Beruf. Er verfertigte zahllose Studien von Felsen, Klippen und Meer; Taffy malte mit ihm und war seelenvergnügt. Von dem Streit zwischen dem Pastor und dem kleinen Billy war nicht mehr die Rede; der geistliche Herr fand großes Wohlgefallen an Taffy, dessen Vetter, Sir Oskar Wynne, ein Schulkamerad von ihm gewesen war, und lud ihn, so oft er konnte, zu sich ein. Seine Tochter Alice befand sich damals in Algier. Auch der Adel der Nachbarschaft, samt dem lieben, guten Marquis, von dessen Söhnen einer in Taffys früherem Regiment gestanden hatte, erwies sich sehr höflich und gastfrei gegen die beiden Künstler. Taffy konnte nach Herzenslust reiten und jagen und war bei jedermann in Gunst. So verging die Zeit aufs angenehmste und sie feierten auch noch ein sehr vergnügtes Weihnachtsfest im Familienkreise, wenn auch ohne ausgelassene Lustbarkeit. Als die Festtage vorüber waren, bestand der kleine 349 Billy darauf, nach London zurückzukehren, um ein Bild für die Ausstellung zu malen. Taffy begleitete ihn, und es wurde sehr still im Hause der Frau Bagot, deren Mutterherz sich mit allerhand bangen Sorgen und Ahnungen quälte. Auch in der ganzen Umgegend vermißte man die beiden liebenswürdigen Maler, welche bei hoch und niedrig gleich gut angeschrieben waren; sie hatten ja mit den ärmsten Fischern am Strande, mit Frauen und Kindern, ebenso freundlich verkehrt, wie mit den Schloßbewohnern, und hatten so herrliche Skizzen von der schönen Küstenlandschaft gemacht. Die Svengali ist in London angekommen. Ihr Name schwebt auf allen Lippen; ihr Bild steht in den Ladenfenstern. Sie wird nächste Woche in J—s Monsterkonzerten singen. Ihr erstes Auftreten sollte eigentlich schon früher erfolgen, aber es ist ein Hindernis eingetreten – ein Zerwürfnis zwischen Svengali und dem ersten Violinisten, der eine sehr wichtige Persönlichkeit zu sein scheint. Vor dem Bilderladen in Regent Street drängen sich die Gaffer in noch größerer Menge wie gewöhnlich, um die Photographien der Svengali in allen Größen und Kostümen zu bewundern. Sie muß auch wirklich wunderschön sein: ihr Gesicht hat einen holdseligen, freundlichen und dabei schwermütigen Ausdruck, und sie ist eine so vornehme Erscheinung, daß eine Kaiserkrone sie noch besser zieren würde, als ihr kleines Sternendiadem. Eins der Bilder 350 stellt sie in einem klassischen Gewande dar; ihr linker Fuß, den sie auf einen niedern Schemel stützt, ist nur mit einer griechischen Sandale bekleidet und so zart, weich und ebenmäßig – alle fünf Zehen so wunderschön geformt, daß dies Bildnis die größte Bewunderung erregt und schneller verkauft wird als alle übrigen. Eben haben sich drei Herren, ein kleiner und zwei größere, bis dicht an das Schaufenster durchgedrängt. »Siehst du den Fuß , Sandy?« fragte der eine, »kannst du noch zweifeln?« »Nein, das sind Trilbys Zehen, ohne alle Frage,« erwiderte Sandy; darauf treten sie in den Laden ein und machen große Einkäufe.   Der Streit zwischen Svengali und seinem ersten Violinisten war, wie man mir erzählt hat, bei einer Probe im Drury Lane Theater ausgebrochen. Seit dem 15. Oktober, dem Tage jenes ärgerlichen Vorfalls in dem Pariser Hotel, schien eine Veränderung mit Svengali vor sich gegangen zu sein. Er war sehr reizbar und wurde leicht heftig, besonders gegen seine Frau. Offenbar hatte er einen grimmigen Haß auf den kleinen Billy geworfen, den er zum erstenmal wieder sah seit der denkwürdigen Weihnachtsfeier auf dem Platz St. Anatole des Arts vor fünf Jahren. Damals waren sie nach dem Abendessen aneinander geraten und Svengali hatte den 351 kürzeren gezogen; aber das war nicht der Grund seines Hasses. Als er bei der Fahrt in den Champs Elysées den kleinen Billy am Prellstein stehen sah, hatte er ihn gleich wieder erkannt und war in Wut geraten. Doch konnte er nichts thun, als ihn geflissentlich übersehen und von seiner Frau verlangen, daß sie ein Gleiches that. Tags darauf, bei ihrer Begegnung im Postbureau des Hotels, kam ihm der Maler so klein und jämmerlich vor, daß er der Versuchung nicht widerstand, seinen Zorn an ihm auszulassen. Er hatte geglaubt, es mit ihm allein zu thun zu haben, aber wie bitterlich bereute er seine Übereilung, als plötzlich und völlig unerwartet der Mann aus Yorkshire auf dem Schauplatz erschien, der dickköpfige Stier, der britische Philister, der Junker, der verfluchte Aristokrat, der ihm von jeher eine höllische Furcht eingejagt hatte. Gegen die Leiden anderer war Svengali unempfindlich, aber für sein eigenes Wohlergehen sehr besorgt. Er scheute sich bei seinen überreizten Nerven vor jedem körperlichen Schmerz, jeder rauhen Berührung und besaß wenig persönlichen Mut. So ließ er sich denn von dem zornblitzenden Auge des verhaßten Briten gleich ins Bockshorn jagen, leistete keinen Widerstand und konnte sich von der erlittenen Mißhandlung gar nicht wieder erholen. Tag und Nacht dachte er an den Schimpf, der ihm angethan worden; Taffy erschien ihm im Traum wie ein riesiger 352 Alp, der ihn schlug und zwickte, bis ihm der Atem verging, und er schäumend vor ohnmächtiger Wut, Scham und Entsetzen aus dem Schlaf emporfuhr. Um die Ruhe seiner Nächte war es geschehen. Das alles zehrte an seiner Gesundheit, die ohnehin nur auf schwachen Füßen stand; er war nämlich älter als man glaubte – fast fünfzig Jahre – und sein Leben war ein langer harter Kampf gewesen, der ihn sehr mitgenommen hatte. Auch die wilde, eifersüchtige Leidenschaft, welche er für die Frau empfand, die zugleich seine Schülerin und Sklavin war, wurde ihm zu einer Quelle endloser Pein; denn tief in ihrem Herzen, das er doch allein besitzen wollte, trug sie das unverlöschliche, unzerstörbare Bild des kleinen englischen Malers und machte gar kein Hehl daraus. Geckos Liebe zu seinem Meister war ganz verschwunden. All sein Denken und Fühlen galt jetzt nur noch der Sklavin und Schülerin, der er mit der Treue eines Hundes diente, in reiner, selbstloser Hingebung und Verehrung, die jedoch nicht ohne Leidenschaft war. Das einzige Wesen, auf das sich Svengali verlassen konnte, war seine Verwandte, eine alte Jüdin, die er zu sich genommen hatte; aber selbst diese fing an, die Schülerin mehr zu lieben als den Meister. Bei jener Probe im Drury Lane Theater überstieg seine Reizbarkeit alle Grenzen; er unterbrach Madame 353 Svengalis Gesang mehrmals in ungerechtem Zorn und schrie sie an, daß sie so falsch singe ›wie ein verfluchter Kater‹. Zuletzt schlug er sie sogar ein paarmal mit dem Taktstock auf die Finger, worauf sie in Thränen ausbrach, auf die Kniee fiel und mit gefalteten Händen bat: » Oh, oh, Svengali! ne me battez pas, mon ami - je fais tout ce que je peux! « Da war Gecko plötzlich wütend aufgesprungen und auf Svengali eingestürmt; es floß Blut und in Geckos Hand ward ein kleines blutiges Messer sichtbar. Madame Svengali hielt den Kopf des Verwundeten auf ihrem Schoß; sie sah verwirrt und betäubt aus, als wisse sie nicht, ob sie wache oder träume. Gecko wurde schnell entwaffnet, aber nicht der Polizei übergeben, denn da Svengali bald wieder zu sich kam und nach Hause gebracht werden konnte, wünschte man alles öffentliche Aufsehen zu vermeiden. Das bereits angekündigte Konzert mußte jedoch um eine Woche verschoben werden, trotz Monsieur J—s Verzweiflung darüber; Svengali erlaubte seiner Frau nicht, ohne ihn zu singen; er wollte sie immer um sich haben und ließ sie keinen Moment aus den Augen. Der Arzt, welcher den Kranken besuchte, fand die Wunde ganz unbedeutend. Aus dem Zustand der Frau konnte er aber gar nicht klug werden. Sie wich nicht von dem Bett ihres Mannes, folgte ihm aufs Wort und fügte sich unbedingt seinem Willen. Im übrigen machte 354 sie aber einen förmlich stumpfsinnigen Eindruck; hatte vielleicht der plötzliche Schreck ihren Verstand gelähmt? Als der für das Konzert bestimmte Tag herankam, war Svengali wieder so ziemlich hergestellt. Der Arzt verbot ihm jedoch auf das entschiedenste, selbst zu dirigieren und erlaubte ihm nur in das Theater zu gehen. Das ärgerte und verdroß ihn unbeschreiblich; er geriet in maßlosen Zorn und tobte wie ein Wahnsinniger; auch Monsieur J— war ganz außer sich über dies Mißgeschick. Er hatte zwar während der Woche die Proben mit der Kapelle abgehalten, aber doch gehofft, Svengali werde bei der Aufführung die Leitung selbst übernehmen. Die Musiker waren vortrefflich geschult und hatten dieselben Stücke schon öfters gespielt. Sämtliche Begleitungen zu den zahlreichen Liedern seiner Frau hatte Svengali auf das sorgfältigste für sein Orchester gesetzt und niedergeschrieben. Nach dem Ausspruch des Arztes blieb nichts übrig als sich in das Unabänderliche zu fügen. Man beschloß, daß Svengali in einer Loge dem Podium gegenüber Platz nehmen solle, wo seine Frau ihn bequem im Auge behalten konnte; auch verabredete er mit Monsieur J— verschiedene Zeichen zu gegenseitiger Verständigung, falls irgend eine Schwierigkeit einträte. Die letzte Probe wurde auf diese Weise am Vorabend des Konzerts (an einem Sonntag) im leeren Theater gehalten; alles ging vortrefflich von statten und die Svengali sang so schön wie immer. 355 Am Montagabend nahm die Sache ihren gewöhnlichen Gang. Das Haus war bald zum Erdrücken voll, nur die Mittelloge des ersten Ranges blieb leer. Die Lehnstühle im Parterre, zu einer Guinee, waren sämtlich besetzt; hier hatten auch Taffy, der Laird und der kleine Billy ihre Plätze, gerade der Bühne gegenüber. Die Musiker fanden sich allmählich ein und begannen ihre Instrumente zu stimmen. Neugierige Blicke aus dem Publikum wandten sich von Zeit zu Zeit nach der unbesetzten Loge hin. Vermutlich erwartete man dort irgend ein Mitglied der königlichen Familie. Unter lautem Beifall trat jetzt Monsieur J— an das Dirigentenpult und verneigte sich; dann flog auch sein Blick nach der leeren Loge hinüber. Er gab das Zeichen zum Anfang, erhob den Taktstock und die Kapelle spielte einige ungarische Tänze mit glänzendem Erfolg. Hierauf entstand eine längere Pause; auf der Galerie fing man an ungeduldig zu werden. Monsieur J— war verschwunden. Taffy erhob sich von seinem Sitz, wandte dem Orchester den Rücken und sah sich im Theater um. In dem Augenblick kam ein großer Herr mit langem Haar und schwarzem Bart in die vorhin leere Loge und trat dicht an die Brüstung heran. Seine Blicke schweiften über die Zuschauermenge – es war Svengali. Als er Taffy stehen sah, ward er totenbleich; ihre Augen trafen sich. 356 »Großer Gott!« rief Taffy, »seht doch nur, seht!« Der kleine Billy und der Laird standen auf. Sie sahen Svengalis Blicke mit einem so furchtbaren Ausdruck von Schrecken, Wut und Entsetzen auf sich gerichtet, daß es ihnen durch Mark und Bein ging. Er nahm nun in der Loge Platz, starrte aber noch immer unverwandt zu Taffy hinüber, verdrehte die Augen, daß das Weiße oben zum Vorschein kam und biß die Zähne auf einander vor Gift und Galle. Donnernder Beifall erfüllte jetzt das Haus. Während die drei Freunde sich setzten, sahen sie, wie Monsieur J— Trilby zwischen den Musikern hindurch nach vorn führte. Auf ihrem Gesicht lag ein ausdrucksloses Lächeln, und sie hielt die ängstlichen Blicke fest auf Svengali gerichtet, während sie sich nach rechts und links verneigte, gerade wie in dem Pariser Konzert. Die Kapelle spielte die Eingangstakte zu ›Ben Bolt‹, Trilbys erster Nummer auf dem Programm. Sie verharrte unbeweglich in derselben Stellung, sang aber nicht, so daß die Musiker ihr kleines Vorspiel dreimal wiederholen mußten. Man hörte Monsieur J— ihr mit heiserer Stimme zuflüstern: » Mais chantez donc, madame - pour l'amour de Dieu, commencez donc - commencez! « Sie sah sich mit seltsam verwundertem Ausdruck nach ihm um. 357 » Chanter? pourquoi donc voulez-vous que je chante, moi? chanter quoi, alors? « » Mais 'Ben Bolt' parbleu - chantez! « » Ah - 'Ben Bolt'! oui - je connais ça! « Die Musik begann von neuem. Sie versuchte einzufallen, es mißlang ihr jedoch. » Comment diable voulez-vous que je chante, « rief sie ärgerlich, » avec tout ce train qu'ils font, ces diables de musiciens! « » Mais mon Dieu, madame - qu'est-ce que vous avez donc? « flüsterte Monsieur J—. » J'ai que j'aime mieux chanter sans cette satanée musique, parbleu! J'aime mieux chanter toute seule! « » Sans musique alors - mais chantez - chantez! « Die Musik schwieg. Die Zuhörer waren in unbeschreiblicher Spannung. Trilby sah sich nach allen Seiten um und strich mit der Hand über ihr Kleid. Dann hob sie mit gefühlvollem Lächeln die Augen zum Kronleuchter empor und begann: »O denkst du wohl noch an schön Alix, Ben Bolt? Schön Alix mit goldbraunem Haar . . . . .« Weiter kam sie nicht; das ganze Haus geriet in Aufruhr. Lärm und Geschrei tönte von der Galerie, lauter Zuruf, Gelächter, Zischen und Pfeifen. Sie hörte auf zu singen, sah sich wie eine gereizte Löwin um und rief: 358 » Qu'est-ce que vous avez donc, tous! tas de vieilles pommes cuites que vous êtes! Est-ce qu'on a peur de vous? « Plötzlich schien sie sich zu besinnen: »Seid ihr denn nicht alle Engländer?« fuhr sie fort; »was macht ihr denn solchen Lärm – wozu hat man mich hergebracht – was habe ich euch denn eigentlich zuleide gethan?« Sie sprach mit so echt weiblichem Ausdruck, mit so gerechtem Unwillen über die unverdiente Kränkung, ihre Stimme klang so wunderbar voll und tief, daß das Toben einen Augenblick verstummte. Dann kam eine Stimme vom Olymp herab: »Sie sind scheint's eine Engländerin! Warum machen Sie denn Ihre Sache nicht ordentlich, wie sich's gehört. Das Zeug dazu haben Sie ja, man merkt's Ihrer Stimme an, aber Sie brauchen doch nicht so falsch zu singen.« »Was kann ich denn dafür, wenn euch der Gesang nicht gefällt,« rief Trilby. »Ich wollte ja gar nicht singen, und that es nur, weil man mich darum gebeten hat. Der französische Herr dort mit der weißen Weste hat mich aufgefordert. Jetzt singe ich keinen Ton mehr.« »Das wollen wir erst einmal sehen! Gebt uns unser Geld wieder. Wir lassen uns nicht zum Narren halten!« Der Lärm brach von neuem los; es entstand ein entsetzliches Getöse. »Svengali, Svengali!« schrie Monsieur J— in 359 Verzweiflung; » qu'est-ce qu'elle a donc, votre femme?... Elle est devenue folle! « Sie hatte ›Ben Bolt‹ auf ihre alte Weise gesungen, wie früher im Quartier latin; für jedes musikalische Ohr war es eine Marter gewesen, ihr zuzuhören. »Svengali, Svengali!« kreischte der arme Monsieur J— und machte mit beiden Händen heftige Zeichen nach der Loge hin, in der Svengali völlig teilnahmlos saß und den Konzertmeister anstarrte. Ein grauenhaftes, höhnisches Lächeln, ein Ausdruck von Haß und befriedigter Rachsucht lag in seinen Zügen, als wollte er sagen: »Diesmal lache ich euch alle aus und habe euch tüchtig hinters Licht geführt.« Das ganze Haus, Taffy, der Laird und der kleine Billy, alles hatte jetzt nur Augen für Svengali – seine Frau war vergessen. Sie stand da und sah verwundert hierhin und dorthin – nach dem Kronleuchter – nach Monsieur J— und Svengali in seiner Loge – nach den Zuschauern auf der Galerie und in den Rängen – als ob der lärmende Auftritt sie mehr belustige als ängstige. »Svengali! Svengali! Svengali!« schallte es jetzt von allen Seiten spöttisch aus der Zuhörermenge. Monsieur J— nahm Madame Svengali bei der Hand, um sie fort zu führen, was sie geduldig geschehen ließ. Regungslos, mit demselben gespenstischen Lächeln schaute Svengalis entsetzliches Gesicht ihr nach. 360 Jetzt sah man Monsieur J— in Begleitung eines Polizeibeamten und dreier anderer Herren die Loge betreten. Sofort wurde der Vorhang zugezogen und eine Minute später erschien der Konzertmeister totenblaß auf der Bühne, verbeugte sich gegen die Zuhörer und bat um Stille. Ein Herr im Frack, der neben ihm stand, teilte nun der Versammlung mit, es habe sich etwas Entsetzliches zugetragen – Monsieur Svengali sei dort in der Loge plötzlich am Herzschlag gestorben; seine Frau, die das von ihrem Platz auf der Bühne mit ansehen mußte, habe offenbar vor Schrecken den Verstand verloren, anders lasse sich ihr seltsames Benehmen nicht erklären. Die Zuschauer möchten ruhig nach Hause gehen und ihr Geld an der Kasse wieder in Empfang nehmen. In höchster Erregung bahnte sich Taffy mit seinen beiden Freunden den Zugang zu einer Thür, welche auf die Bühne führt. Der Laird zweifelte nun nicht länger, daß es wirklich Trilby war – diese Trilby kannte er. Taffy donnerte mit aller Macht an die Thür, bis sie endlich geöffnet wurde; er gab seine Karte ab und verlangte, daß man ihn und seine Begleiter sofort zu Madame Svengali führe, da sie alte Freunde von ihr seien. Der Schließer, mit dem er verhandelte, wollte ihm die Thüre vor der Nase zuwerfen, aber Taffy drängte sich hinein, die beiden andern folgten; er schloß die Thür vor dem nachstürmenden Volk und befahl dem Mann, ihn zu 361 Monsieur J— zu führen. Dabei sah er so vornehm, mächtig und gebieterisch aus, daß jeder Widerspruch verstummte. Als sie an einem offenstehenden Zimmer vorübereilten, sahen sie auf einem Tisch eine halb entkleidete Gestalt liegen; mehrere Herren – wahrscheinlich Ärzte, beugten sich darüber. So sahen sie Svengali zum letztenmal. Monsieur J— trat eben aus einer andern Thür und als Taffy sich und seine Gefährten ihm vorstellte, wurden sie eingelassen. Die Svengali saß in einem Lehnstuhl am Feuer; um sie her standen mehrere Mitglieder der Kapelle, die mit den Armen in der Luft herumfochten und deutsch, polnisch und ungarisch durcheinander sprachen. Gecko kniete vor Trilby am Boden und rieb ihr abwechselnd die Hände und Füße; sie schien wie gelähmt. Sobald sie Taffy gewahrte, sprang sie jedoch auf und eilte auf ihn zu: »O Taffy, lieber Taffy!« rief sie, »was hat das alles nur zu bedeuten? Wo in aller Welt bin ich denn? Wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht gesehen!« Sie sah den Laird und küßte ihn; dann erkannte sie den kleinen Billy, schaute ihn eine Weile verwundert an und schüttelte ihm die Hand. »Wie blaß Sie aussehen, kleiner Billy, und wie verändert – das macht der Bart! Aber was geht denn vor? warum seid ihr alle schwarz angezogen, als wolltet ihr auf den Ball? Wo ist Svengali? Ich möchte nach Hause!« 362 »Wohin denn – ich meine – wo wohnen Sie?« fragte Taffy. » C'est à l'hôtel de Normandie, dans le Haymarket. On vous y conduira, madame, « sagte Monsieur J—. » Oui - c'est ça! « erwiderte Trilby – » Hôtel de Normandie - mais Svengali - où est-ce-qu'il est? « » Hélàs madame! - il est très malade! « » Malade? Qu'est-ce-qu'il a? – O kleiner Billy, lieber kleiner Billy, wie gut Ihnen der Schnurrbart steht! Aber schrecklich blaß sehen Sie aus! Sie sind doch nicht etwa krank? Hoffentlich nicht! Ich freue mich ganz unbeschreiblich, daß Sie hier sind, obwohl ich Ihrer Mutter versprochen habe, Sie niemals, niemals wiederzusehen. – Sagen Sie mir doch, lieber kleiner Billy, wo sind wir denn eigentlich?« Monsieur J— schien ganz den Kopf verloren zu haben. Er lief wie wahnsinnig bald zum Zimmer hinaus, bald wieder herein. Die Musiker versuchten Taffy alles in unverständlichem Französisch zu erklären. Gecko war nirgends mehr zu sehen. Draußen lärmte noch immer die abziehende Menge, man rief einander zu, man schrie, das Getrampel der Füße wollte kein Ende nehmen; fortwährend kamen Polizeibeamte, Feuerwehrmänner oder andere Leute hereingelaufen – es war ein rasender Wirrwarr. Der kleine Billy hatte sich zusammengenommen wie ein kleiner Held; er machte jetzt den Vorschlag, man möge 363 versuchen Trilby nach seiner Wohnung in Fitzroy Square zu bringen, damit sie endlich zur Ruhe käme. Das schien Taffy ein sehr glücklicher Gedanke; auch für Monsieur J— war es eine Erleichterung, daß er Madame Svengali der Obhut der drei Herren übergeben konnte, welche offenbar mit ihr befreundet waren und einen sehr zuverlässigen Eindruck machten. Ohne Zögern ward der Plan ausgeführt und der kleine Billy fuhr mit Taffy voraus, um seine Wirtin auf das Ereignis vorzubereiten. Diese war zuerst nicht gerade angenehm berührt von der Überraschung; die Herren erklärten ihr jedoch, sie müsse sich diesmal der Notwendigkeit fügen. Madame Svengali, die größte Sängerin Europas, mit welcher Herr Bagot von früher her befreundet sei, habe aus Kummer über den Tod ihres Gatten plötzlich den Verstand verloren. Die Unglückliche müsse wenigstens diese Nacht hier ein Unterkommen finden. Herr Bagot werde in ein Hotel gehen und ihr sein Zimmer abtreten, auch eine Wärterin für sie schicken. Die Dame sei sanft wie ein Lamm, werde vielleicht schon nach einer ruhigen Nacht wieder zu klarer Besinnung kommen. Ein Arzt aus der Nachbarschaft wurde schnell herbeigeholt, und bald nach ihm traf auch der Laird mit Trilby ein. Die vornehme Erscheinung in dem prächtigen Zobelpelz machte auf Frau Godwin, die Wirtin, einen tiefen Eindruck; sie eilte zu ihrem Empfang herbei und war die Dienstfertigkeit und Gefälligkeit selber. 364 Taffy, der Laird und der kleine Billy entfernten sich nun nach verschiedenen Richtungen, um eine Wärterin für die Nacht zu besorgen, Gecko aufzusuchen und Trilbys Dienerin mit den nötigsten Habseligkeiten aus dem Hotel de Normandie herbeizuschaffen. Das ging jedoch nicht so leicht, wie man hätte denken sollen. Die Dienerin, eine alte polnische Jüdin (Svengalis Verwandte) war bei der Nachricht von dem Tode ihres Herrn ganz verzweifelt ins Theater gelaufen, und Gecko befand sich in den Händen der Polizei. Um alles so gut wie möglich zu machen, mußten die Freunde den größten Teil der Nacht auf den Füßen bleiben. So endete das erste Auftreten der Svengali in London. Der Verfasser dieser Geschichte war an jenem denkwürdigen Abend nicht im Konzert zugegen, und hat die vorstehende, höchst mangelhafte und unvollkommene Schilderung der Ereignisse nur nach dem Hörensagen, nach persönlichen Mitteilungen und den Berichten der damaligen Tagesblätter niederschreiben können. Es ist daher leicht möglich, daß sich verschiedene Irrtümer in obige Darstellung eingeschlichen haben, und jeder etwa noch lebende Augenzeuge jenes kläglichen Mißerfolgs würde mich zu Dank verpflichten, wenn er zur Berichtigung derselben beitragen wollte. Das Interesse für die Svengali wird schwerlich so bald erlöschen, nicht einmal bei denjenigen, welche nie das Glück hatten, sie zu sehen oder zu hören (und ihre Zahl ist groß). 365 So hoffe ich denn, bei allen späteren Auflagen ihrer Lebensgeschichte, welche ohne Zweifel in kurzer Frist aufeinander folgen müssen, durch gefällige Mitteilungen in den Stand gesetzt zu werden, die gewünschten Änderungen vorzunehmen. Übrigens glaube ich kaum, daß irgend jemand bessere Gelegenheit gehabt hat, als ich, die verschiedenen Thatsachen kennen zu lernen und den Stoff zu dieser Skizze zu sammeln, natürlich mit Ausnahme von Taffy und dem Laird, deren gütiger Mitwirkung ich, noch mehr als meiner eigenen Erinnerung, alles verdanke, was dieser Erzählung ihren geschichtlichen Wert verleiht.   Am nächsten Morgen begaben sich die drei Freunde wieder nach Fitzroy Square. Der kleine Billy hatte bei Taffy in der Jermyn-Straße geschlafen. Trilby kam ihnen in einem einfachen schwarzen Kleide entgegen und war ganz gerührt vor Freude über das Wiedersehen. Man hatte ihr die Koffer aus dem Hotel geschickt; die Krankenpflegerin war bei ihr, der Doktor eben fortgegangen. Nach seiner Diagnose litt sie an den Folgen einer heftigen Nervenerschütterung – was freilich auf der Hand lag. Ihre Begriffe waren offenbar noch sehr verwirrt; sie schien außer stande, sich ihre Lage klar zu machen. »O wie herrlich, euch alle drei wiederzusehen! Da freut man sich so recht seines Lebens! An allerlei habe 366 ich gedacht, aber an diese Möglichkeit niemals. Drei hübsche, saubere Engländer, die alle englisch sprechen und meine lieben alten Freunde sind! Ah! j'aime tant ça - c'est le ciel! Mich wundert nur, daß ich mein Englisch nicht ganz vergessen habe.« Wie sanft, wie voll und wohlthuend ihre Stimme klang bei diesen unschuldigen Worten; man glaubte, ein schönes Lied zu hören. Dabei warf sie allen dreien nach einander die liebevollsten Blicke zu, ganz auf ihre alte Weise. Aber sie sah krank, schwach und abgezehrt aus; ihre Augen füllten sich mit Thränen; sie hatte die Hand des Laird ergriffen und wollte sie gar nicht wieder loslassen. »Was ist denn nur Svengali zugestoßen? Er muß wohl tot sein.« Die Freunde sahen einander in peinlicher Verlegenheit an. »Wirklich, er ist tot! Ich lese es in euern Mienen. Das thut mir leid; es ist sehr traurig! Er war immer so gut, der arme Svengali!« »Ja, er ist tot,« sagte Taffy. »Und Gecko – der liebe kleine Gecko – ist der auch tot? Gestern abend habe ich ihn noch gesehen – er rieb mir die Hände und Füße: wo war das nur?« »Nein, Gecko ist nicht tot. Er hat nur auf einige Zeit ins Gefängnis wandern müssen, weil er Svengali verwundet hat. Sie haben es ja selbst mit angesehen.« 367 »Ich? Bewahre; gesehen habe ich es nicht. Mir träumte nur von etwas Ähnlichem. Gecko hatte ein Messer in der Hand; man hielt ihn fest und Svengali lag blutend am Boden. Das war kurz vor Svengalis Krankheit. Er hatte sich am Halse verletzt – mit einem rostigen Nagel – das hat er mir wenigstens gesagt. Wie mag er es nur angestellt haben? . . . Aber es war sehr unrecht von Gecko, ihm etwas zuleide zu thun; sie waren doch immer gute Freunde. Wie kam er denn dazu?« »Es war in der Probe – Svengali schlug Sie mit dem Taktstock auf die Finger, bis Sie anfingen zu weinen – das konnte Gecko nicht mit ansehen.« »Er hätte mich geschlagen – in der Probe – und ich hätte geweint? – Aber lieber Taffy, was reden Sie für wunderliches Zeug! Svengali war immer die Güte selbst gegen mich; geschlagen hat er mich nie. Und was sollte ich denn in der Probe thun?« »Die Lieder einstudieren, die Sie am Abend im Theater singen wollten.« »Im Theater? Ich habe nie im Theater gesungen, außer gestern abend, wenn das große Haus ein Theater war. Es schien den Leuten nicht zu gefallen und ich will mein Lebtag in keinem Theater mehr singen. Wie sie alle brüllten! Und in der Loge gegenüber saß Svengali und lachte mich aus. Warum hat man mich dorthin gebracht? Und weshalb verlangte der komische kleine Herr in der 368 weißen Weste durchaus, daß ich singen sollte? In einem so großen Raum und vor so vielen Leuten – dazu kann ich's doch nicht gut genug. Es muß ein böser Traum gewesen sein; anders kann ich mirs nicht denken. War es denn kein Traum?« »Aber – wissen Sie denn nicht mehr, wie Sie in Paris gesungen haben, im Saal der Baschi-Bozucks, und in Wien, in Petersburg und an wer weiß wie vielen Orten?« »Das ist ja dummes Zeug – Sie müssen irgend jemand anders im Sinn haben. Ich bin wohl in Wien und Petersburg gewesen, aber gesungen habe ich dort nie. Gott soll mich bewahren!« Es entstand eine Pause; die drei Freunde sahen sich verblüfft an und wußten weder aus noch ein. Endlich sagte der kleine Billy: »Warum haben Sie mich denn damals in Paris absichtlich nicht wieder gegrüßt, Trilby, als ich vor Ihnen den Hut abnahm? Sie fuhren gerade mit Svengali in dem vornehmen Wagen über den Platz de la Concorde.« »Ich bin mit Svengali in keinem vornehmen Wagen gefahren. Wir benutzten meist den Omnibus. Sie sprechen im Traum, lieber kleiner Billy – oder verwechseln mich mit einer andern Person. Wie käme ich dazu, Sie nicht zu grüßen – das ist ja völlig undenkbar.« »Wo haben Sie denn gewohnt, als Sie mit Svengali in Paris waren?« 369 »Ich besinne mich nicht mehr. Sind wir überhaupt dort gewesen? O ja, natürlich! Im Hotel Bertrand, Place Notre Dame des Victoires.« »Sind Sie lange mit Svengali umhergereist?« »Sehr lange. Viele Monate oder Jahre – ich habe es vergessen. Ich war sehr krank; er hat mich kuriert.« »Krank, Trilby? Was fehlte Ihnen denn?« »O, ich war ganz außer mir vor Kummer und hatte die wahnsinnigsten Schmerzen in den Augen. Als ich meinen lieben kleinen Jeannot in Vibraye verlor, wollte ich mich umbringen. Ich glaubte, ich hätte ihn nicht sorgfältig genug gepflegt. Das brachte mich von Sinnen. Sie schrieben mir dorthin, Taffy, wissen sie es noch? Durch Angèle Boisse – einen so reizenden Brief – ich kann ihn auswendig. »Sie haben auch geschrieben, lieber Sandy,« fuhr sie fort und gab dem Laird einen Kuß. »Wo mögen die Briefe nur hingekommen sein? Ich habe gar nichts mehr was mir gehört auf dieser Welt – nicht einmal die lieben Briefe besitze ich noch. Auch nicht die vom kleinen Billy – ein ganzes Paket! »Svengali schrieb mir auch – er ließ sich meine Adresse von Angèle Boisse geben . . . . »Als Jeannot starb, fühlte ich, daß ich von Vibraye fort mußte – fort von allen Menschen im Flecken – sonst hätte ich mir das Leben genommen. Sobald der Kleine begraben war, schnitt ich mir das Haar ab, kleidete 370 mich wie ein Arbeiter, ich hatte mir eine Bluse, Mütze und Beinkleider verschafft, und wanderte zu Fuß nach Paris, ohne jemand ein Wort zu sagen. Es sollte kein Mensch etwas davon wissen; ich fürchtete mich vor Svengali, der geschrieben hatte, er würde kommen mich abzuholen. Vor ihm wollte ich mich in Paris verbergen. Als ich endlich dort ankam war es zwei Uhr morgens; mir war elend zu Mute; all mein Geld – dreißig Franken – hatte ich verloren, durch ein Loch in der Hosentasche. Ein Fuhrmann auf dem Markt fing Händel mit mir an, nur weil ich sein Pferd streichelte und ihm eine Rübe zu fressen gab, mit der ich den eigenen Hunger stillen wollte. Er hielt mich für einen Mann und schlug mich ins Gesicht; wahrscheinlich hatte er zu viel getrunken. Dann stand ich auf der Brücke, ganz nahe bei der Morgue, und wollte ins Wasser springen. Aber als ich die Morgue sah, konnte ich's nicht. Svengali hatte immer davon gesprochen, daß er kommen würde mich dort anzusehen, wenn sie mich aus dem Fluß zögen. Mir schauderte bei dem Gedanken und es wurde mir ganz dumm und wirr im Kopf. »Nun trieb es mich zu Angèle in die Rue des Cloîtres Ste Pétronille; ich wartete vor ihrem Hause, getraute mich aber nicht die Glocke zu ziehen. Von dort ging ich nach dem Platz St. Anatole des Arts und sah nach dem alten Atelierfenster hinauf. Ich dachte an das große Sopha neben dem Ofen und wie behaglich es dort oben war. 371 Gern hätte ich Madame Vinard wachgeklingelt, aber mir fiel ein, daß der kleine Billy ja im Atelier krank lag, und seine Mutter und Schwester bei ihm waren. Angèle hatte es mir geschrieben. Der arme kleine Billy – ob er wohl viele Schmerzen litt? »Nun ging ich auf dem Platz hin und her und die Rue des Mauvais Ladres auf und ab, dann die Rue de Seine hinunter bis zum Fluß; aber hineinzuspringen wagte ich nicht. Da stand auch ein Polizeidiener, der mir folgte, – mich zu beobachten. Ich kannte ihn gut, es war Célestin Beaumollet, der sich damals am Weihnachtsabend so arg betrunken hat. Der große, wissen Sie, mit den Blatternarben. Er hatte aber keine Ahnung, wer ich sei. »Bis der Tag anbrach, wanderte ich umher; dann hielt ich es nicht mehr aus und ging zu Svengali nach der Rue Tireliard, aber er war ausgezogen, in die Rue des Saints Pères. Da fand ich ihn; er war sehr freundlich, vertrieb mir rasch den Schmerz, brachte mir Kaffee, Brot und Butter – so gut hatte es mir noch nie geschmeckt. Dann ließ er mir ein warmes Bad bereiten – Bidet Frères in der Rue Savonarole besorgen das sehr schön. Ich fühlte mich wie im Himmel. Darauf schlief ich zweimal vierundzwanzig Stunden hintereinander. Als ich aufwachte, sagte er mir, wie lieb er mich hätte. Er würde mich immer kurieren, für mich sorgen, mich heiraten und mir sein ganzes Leben widmen, wenn ich ihm folgen wollte. 372 »Wir blieben eine Woche dort; ich ging nicht aus, bekam auch niemand zu sehen, denn ich war entsetzlich müde und krank – erkältet, glaube ich. »Svengali spielte in zwei Konzerten und erwarb viel Geld; dann reisten wir zusammen nach Österreich, und niemand erfuhr eine Silbe davon.« »Hat er Sie wirklich geheiratet?« »Nein – er konnte nicht. Der arme Mensch hatte schon eine Frau und drei Kinder, um die er sich aber nicht kümmerte. Sie betrieb ein kleines Geschäft irgendwo am Rhein. Es war sehr schlecht von ihm gewesen, sie so im Stich zu lassen, aber darüber waren schon Jahre vergangen, ich hatte keine Schuld. Im Gegenteil, ich sorgte dafür, daß er ihnen Geld schickte, sobald er selbst welches bekam, denn die Frau that mir leid. Er erzählte oft von ihr und machte ihr nach, wie sie in einer Hand eine Salzgurke in der andern ein Glas Schnaps hielt und abwechselnd ein Stück abbiß und einen Schluck trank, um keine Zeit zu verlieren. Das war so komisch, daß ich vor Lachen fast umkam. Auf solche Scherze verstand sich Svengali. – Nun kam auch Gecko zu uns und Martha.« »Wer ist Martha?« »Seine Tante. Sie kochte unser Essen und besorgte die Wirtschaft. Bald wird sie hier sein, sie hat jemand vom Hotel hergeschickt und es mir sagen lassen. Die arme Martha – wie lieb sie ihn hatte! Und der arme Gecko! Was werden sie ohne Svengali anfangen!« 373 »Wie erwarb er denn seinen Unterhalt?« »Ich glaube, er spielte in Konzerten – oder gab vielleicht Stunden.« »Haben Sie ihn je spielen gehört?« »Ja, im Anfang. Manchmal nahm mich Martha mit. Die Leute klatschten viel und er spielte wunderschön – das sagten alle.« »Hat er Ihnen nie vorgeschlagen, Sie singen zu lehren?« » Oh, maïe, aïe! Bewahre doch! Er lachte mich aus, so oft ich versuchte ein Lied zu singen. Martha auch und Gecko! Zum Spaß ließen sie sich ›Ben Bolt‹ von mir vorsingen und bekamen fast Lachkrämpfe dabei. Ich nahm es ihnen nicht übel, mir fehlte eben die musikalische Bildung!« »Verkehrte er sonst mit wem – irgend einer anderen Frau?« »Nicht daß ich wüßte! Er sagte immer, er hätte mich so lieb, daß er gar keine andere Frau ansehen möchte. Der arme Svengali (die Thränen traten ihr in die Augen). Er war immer so gut zu mir, aber ich konnte ihn nicht lieben wie er wollte; es war mir rein unmöglich, schon bei dem Gedanken schauderte mir's. Früher haßte ich ihn förmlich – in Paris – im Atelier – wißt ihr's noch? »Er wich kaum von meiner Seite, und wenn er nicht da war, sorgte Martha für mich – denn ich war immer krank und schwach – oft konnte ich vor Mattigkeit kaum durch das Zimmer gehen. Der weite Weg von Vibraye 374 nach Paris hat mir so geschadet. Ich habe mich davon nie wieder erholt. »Ich that für ihn was in meinen Kräften stand – flickte seine Sachen, kochte ihm gute, französische Gerichte – wie eine Tochter, denn etwas anderes konnte ich ihm nicht sein. Zu Zeiten hatte er, glaube ich, sehr wenig Geld; wir zogen von einem Ort zum andern – aber ich bekam immer von allem das beste Stück, darauf bestand er; selbst wenn für ihn kaum etwas übrig blieb. Er war immer so unglücklich, wenn es mir nicht schmeckte, daß ich mich oft zum Essen zwang. »Machte ich mir allerlei Sorgen, oder hatte ich Schmerzen, dann sagte er nur: › Dors, ma mignonne ‹, und mir fielen die Augen zu. Ich schlief oft stundenlang, glaube ich, und war todmüde, wenn ich aufwachte. Dann kniete er neben mir und war so besorgt und teilnehmend – Martha und Gecko auch. Zuweilen kam der Doktor; dann lag ich zu Bett und war krank. »Gecko kam täglich zum Frühstück und Mittagessen – er ist wirklich engelsgut, der arme kleine Gecko. Warum hat er nur Svengali geschlagen? Das war doch sehr unrecht! Er hat ja alles bei ihm gelernt, was er kann!« »Und Sie bekamen sonst niemand zu sehen – keine Frau, außer Martha?« »Ich weiß von keiner Seele.« »Wer hat Ihnen denn das schöne Kleid geschenkt, das Sie gestern anhatten?« 375 »Es gehört nicht mir, sondern Martha. Oben auf dem Bett liegt es samt dem Pelzmantel. Sie hat eine Menge wunderschöner Kleider von Seide, Sammet und Atlas; auch kostbaren Schmuck und Edelsteine; sie treibt Handel damit und verdient viel Geld. »Ich habe sie oft anprobiert, sie paßten mir wie angegossen, vielleicht weil ich so groß und mager bin. Svengali kniete vor mir und weinte, wenn er mich so schön geputzt sah; er küßte mir die Hände und sagte ich wäre seine Göttin und Kaiserin; solche Reden kann ich nicht leiden. Auch Martha fing an zu weinen und dann sagte er: »› Et maintenant dors, ma mignonne! ‹ »Immer wenn ich aufwachte war ich so müde, daß ich von selbst wieder einschlief. »Seine Geduld war aber unerschöpflich, und ich bin doch die ganze Zeit ein so hilfloses Wesen, eine so schwere, unnütze Last für ihn gewesen! »Einmal in Prag muß ich sogar im Traum gewandelt sein – ich wachte plötzlich auf und befand mich mitten in einer großen Menschenmenge auf dem Marktplatz. Svengali lag, aus einer Stirnwunde blutend, ohnmächtig am Boden, seine Guitarre neben ihm. Er sagte mir später, ein Pferd habe ihm einen Hufschlag versetzt. Gecko war auch da mit seiner Geige, sie mußten wohl irgendwo Musik gemacht haben. Ich war froh, als ich Gecko sah, denn die Leute benahmen sich so sonderbar, als hätten sie in ihrem 376 Leben noch keine Engländerin gesehen. Sie schrieen und johlten und schenkten mir alles was sie hatten. Manche knieten vor mir und küßten mir die Hände und den Saum meines Kleides. »Eine Woche lang mußte Svengali das Bett hüten; ich pflegte ihn und er bedankte sich für alles. Der arme Svengali! Gott weiß, ich bin ihm dankbar gewesen – in vieler Hinsicht. Wie ist er denn gestorben? Hat er noch Schmerzen gelitten?« Sie sagten ihr, der Tod sei ganz plötzlich eingetreten, infolge eines Herzschlags. »Ach, ich wußte, daß er herzleidend war. Er hatte keine starke Gesundheit und Martha ängstigte sich immer um ihn; er rauchte auch viel zu viel.« Hier unterbrach Marthas Eintritt die Unterhaltung. Sie war eine ältliche Jüdin von seltsam fremdländischem Typus und schien ganz überwältigt und fassungslos vor Kummer. Trilby streichelte und küßte sie, nahm ihr Hut und Mantel ab, setzte sie in einen bequemen Lehnstuhl und holte ihr eine Fußbank. Die Alte verstand nur polnisch und wenige deutsche Wörter; Trilby mochte wohl in der langen Zeit des Beisammenseins manches von der fremden Sprache erlernt haben, denn die beiden verständigten sich ganz gut. Martha schien ein gutmütiges Geschöpf zu sein und Trilby sehr 377 lieb zu haben; vor den drei Engländern fürchtete sie sich aber offenbar entsetzlich. Jetzt wurde für die Frauen ein Imbiß gebracht und die drei Freunde verließen sie mit dem Versprechen, gegen Abend wiederzukommen. Es war ihnen ganz verwirrt zu Mute. Der Laird behauptete sogar, die eigentliche Madame Svengali müsse irgendwo verborgen sein und Trilby sei nur untergeschoben worden, natürlich ganz ohne es zu wollen und zu wissen. Daß alles, was sie erzählte, wahr sein müsse, stand ihr im Gesicht geschrieben, ganz wie vor Jahren. Der Blick ihrer Augen, jedes Wort, das sie mit ihrer volltönenden, weichen Stimme sprach, verkündete lautere Wahrheit. Wenn sie mit dieser Stimme, die so lange und sorgfältig ausgebildet worden war, auch den Gesetzen der Melodie und Harmonie nicht mehr gehorchte, und vielleicht nie wieder eine Note singen würde, so klang doch ihre Sprache wie die schönste Musik. Bis auf den einen Punkt, der ihren Gesang betraf, war Trilby nach Ansicht der Freunde bei völlig gesundem Verstande. Ja, Taffy sowohl als der Laird und der kleine Billy dachten, jeder für sich, daß diese allerneueste Trilby in ihrem Wesen ganz besonders rührend, herzbewegend und bestrickend sei. Auffallend gealtert kam sie ihnen aber doch vor, nun 378 sie sie ohne Puder und Schminke sahen; sie zählte erst dreiundzwanzig Jahre und sah wenigstens aus wie dreißig. Ihre Hände waren von fast durchsichtiger Wachsfarbe; viele kleine Fältchen umgaben Mund und Augen, graue Fäden durchzogen ihr Haar. Alle Straffheit, Spannkraft und Frische schien von ihr gewichen, zugleich mit der Erinnerung an die zahllosen Triumphe, die sie überall gefeiert hatte, wohin sie auf ihrer Wanderschaft kam, (wenn sie wirklich die Svengali war). Der furchtbare Schreck, der ihre Gesangskunst mit einem Schlage zerstörte, hatte sie zugleich körperlich völlig zu Grunde gerichtet, das war klar. Aber hatte sie auch ihren Frohsinn und die Fülle der Gesundheit verloren, ja sogar ihren Verstand, so besaß sie doch noch in vollstem Maße den alten Liebreiz, die Anmut und Anziehungskraft, der niemand zu widerstehen vermochte. Jeder Blick, jedes Wort, jede Bewegung wirkte bezaubernd und gewann ihr die Herzen. Konnte sie auch die Leidenschaft nicht wie früher entzünden, so war sie doch jetzt mehr als je eine unbewußte Sirene, ohne Gesang, aber auch ohne Falsch. Das alles empfanden die Freunde tief, jeder auf seine Weise – ganz besonders Taffy und der kleine Billy. Alle Begehungs- und Unterlassungssünden ihres vergangenen Lebens waren völlig ausgelöscht, und was auch ihr Schicksal sein würde – ob Genesung, Irrsinn, 379 Krankheit oder Tod – die Sorge für Trilby, bis zu ihrer Wiederherstellung oder ihrem Ende, war von nun an die Hauptlebensaufgabe, der sie sich widmen wollten. Voll Wehmut dachte der kleine Billy daran, mit wie reiner, selbstloser Leidenschaft sie ihn geliebt hatte, wie bei ihrem Anblick, beim Klang ihrer Stimme die Fähigkeit zu lieben, die jahrelang erstorben war, wie ein warmer Strom sein Herz wieder überflutet hatte und ihm das Leben lieb gemacht, das ihm zuvor eine Last war, trotzdem es ihn mit seinen schönsten Gaben überschüttete. »Du meine arme, geliebte Circe, du göttliche Zauberin,« seufzte er im stillen, »mit deinem himmlischen Blick und Ton hast du mich elenden fühllosen Stein wieder in einen Menschen umgewandelt. Das will ich dir niemals vergessen. Jetzt, da dich selbst ein noch schwereres Geschick betroffen hat als das meine war, sollst du bis zum Tode mein erster und letzter Gedanke sein.« Auch Taffy hatte ganz ähnliche Gefühle; es war jedoch nicht seine Art, so beredte Selbstgespräche darüber zu halten wie der kleine Billy.   Beim Frühstück lasen sie verschiedene Zeitungsberichte über die Vorgänge des gestrigen Abends. Mehrere Blätter (darunter die Times), brachten schon Leitartikel über die unglückliche Sängerin, die so plötzlich zur Witwe geworden und von der Höhe ihres Ruhmes herabgestürzt war. Sie 380 enthielten ein Gemisch von Wahrem und Falschem: eine Zeitung erwähnte unter anderem, daß Madame Svengali im Hause des Malers William Bagot eine Zuflucht und die nötige Pflege gefunden habe. Die Totenschau über Svengali fand am Nachmittag statt und auch Geckos Verhör vor dem Polizeigericht, wegen seines gewaltthätigen Angriffs. Sein Urteil sollte erst gesprochen werden, nachdem die Todesursache gerichtlich festgestellt war. Taffy durfte Gecko im Gefängnis besuchen, erhielt aber wenig Aufschluß durch ihn. Der kleine Geiger erkundigte sich nur aufs eingehendste nach Trilbys Befinden und legte die größte Teilnahme für sie an den Tag; sonst war nichts aus ihm herauszubringen, und sein persönliches Geschick schien ihm vollkommen gleichgültig. Als sie gegen Abend nach dem Haus in Fitzroy Square zurückkehrten, erfuhren sie, daß Leute aus allen Kreisen, besonders aber aus der musikalischen. litterarischen und vornehmen Welt, sowie eine Menge Ausländer sich nach Madame Svengalis Befinden erkundigt hatten. Niemand war vorgelassen worden, aber Frau Godwin, die Wirtin, war sehr stolz darauf, eine so wichtige Persönlichkeit unter ihrem Dach zu haben. Trilby hatte an Angèle Boisse in der Rue des Cloîtres Ste Pétronille, ihre alte Adresse, geschrieben, mit der Hoffnung, daß der Brief sie dort noch finden werde. Sie sehnte 381 sich danach, wieder als blanchisseuse de fin bei ihrer Freundin zu sein, und hatte förmliches Heimweh nach Paris, dem Quartier latin und ihrem alten Beruf. Die Freunde hielten es noch nicht für zeitgemäß, mit ihr über diesen Plan zu reden; daß sie für jetzt außer stande war, irgend welche Arbeit zu verrichten, bedurfte keines Beweises. Der Arzt, der sie mehrmals besuchte, schüttelte bedenklich den Kopf über ihren sonderbaren Schwächezustand und wünschte, daß ein Spezialist zur Beratung zugezogen würde. So schrieb denn der kleine Billy, welcher viele berühmte Doktoren kannte, selbst an Sir Oliver Calthorpe, um seinen ärztlichen Beistand zu erbitten. Während der Besuche ihrer drei alten Freunde fühlte sich Trilby ganz glücklich: sie plauderte mit ihnen oder hörte zu und war dabei so froh und heiter und voller Teilnahme, wie früher. Bei diesen Gesprächen konnte man ihren traurigen Zustand ganz vergessen, denn es war nicht im geringsten zu merken, daß ihr Geist irgendwie gelitten habe, außer wenn die Rede zufällig auf ihr Singen kam. Das schien sie stets zu ärgern und zu verdrießen, als wolle man sich über sie lustig machen. Alles, was sich auf ihre wunderbare musikalische Laufbahn bezog, war ihr vollständig aus dem Gedächtnis entschwunden. Sie hatte den dringenden Wunsch, eine andere Wohnung zu beziehen, um dem kleinen Billy keine 382 Unbequemlichkeit zu verursachen, und die Freunde versprachen, für sie und Martha gleich am nächsten Morgen ein paar Zimmer zu mieten. Als sie ihr mit großer Vorsicht mitteilten, was sie von Svengali und Gecko wußten, war sie zwar sehr betrübt, aber doch nicht so heftig erschüttert, wie man gefürchtet hatte. Geckos Schicksal machte ihr die meiste Sorge, und sie forschte ängstlich, wie es ihm wohl ergehen werde. Tags darauf bezog sie mit Martha eine behagliche Wohnung in der Charlotte-Straße. Sir Oliver besuchte sie dort mit Doktor Thorne, ihrem ersten Arzt und Sir Jacob Wilcox. Sir Oliver interessierte sich sehr für ihren Fall, schon aus Freundschaft für den kleinen Billy. Doch zog ihn auch Trilby selbst in hohem Grade an, und er besuchte sie dreimal im Laufe der Woche, ohne doch zu einer bestimmten Ansicht über ihre Krankheit zu gelangen. Er nahm die Sache sehr ernst, um so mehr, als trotz aller stärkenden Mittel, die er anwandte, ihre Kräfte in rascher Abnahme begriffen waren. Sie verlor täglich an Gewicht, wurde sichtlich magerer und schien in Abzehrung zu verfallen. Ihre Geistesstörung allein war für den Arzt keine genügende Erklärung und einen anderen Grund des Übels vermochte er nicht zu entdecken. Zwei oder dreimal machte er eine Ausfahrt mit ihr und Martha. 383 Bei einer solchen Gelegenheit sah sie an einem Fenster mehrere Frauen mit weißen Häubchen am Bügelbrett stehen. Es war eine französische blanchisserie de fin und der Anblick regte sie so sehr auf, daß man anhalten mußte, weil sie gern aussteigen wollte. » Je voudrais bien parler à la patronne, si ça ne dérange pas, « sagte sie, als sie in den Laden trat. Die Wäscherin war wirklich aus Paris und verwunderte sich sehr, als die kostbar gekleidete, vornehme Dame, welche offenbar den besseren Ständen angehörte, sich mit der bescheidenen Bitte um Arbeit an sie wandte. Dieselbe zeigte sich dabei nicht nur mit allen Einzelheiten des Geschäfts vertraut, sondern führte auch ganz die Sprache einer echten Pariser Wäscherin. Als die Frau sah, wie Martha insgeheim mit dem Finger bedeutungsvoll ihre Stirn berührte und Sir Oliver mit dem Kopf dazu nickte, ging sie bereitwillig auf den Wunsch der großen Dame ein und versprach ihr jederzeit so viel Beschäftigung, als sie irgend haben wollte. Aber damit hatte es gute Wege. Die arme Trilby fühlte sich kaum stark genug, allein bis zum Wagen zurückzugehen, und dies war ihre letzte Ausfahrt. Doch erfüllte das kleine Erlebnis sie mit neuer Hoffnung und Zuversicht. Sie hatte noch keine Antwort von Angèle erhalten (die nach Marseille gezogen war), und der Gedanke, wie traurig es im Quartier latin sein würde 384 ohne Jeannot, ohne Angèle und ohne die trois Angliches auf dem Platz St. Anatole des Arts, beunruhigte sie oft. Die Ärzte hatten streng verboten, irgend einen der Fremden zu ihr zu lassen, die sich nach dem Befinden der berühmten Sängerin erkundigten. Die bloße Erwähnung von Gesang und Musik reizte sie über die Maßen. »Sage es ihnen doch, Martha, daß es ein Unsinn ist,« rief sie. »Entweder halten sie mich für eine ganz andere Person, oder sie wollen ihren Scherz mit mir treiben.« Bei solchen Worten verriet Martha die größte Unruhe, ja sie schienen ihr ein förmliches Entsetzen einzujagen.     Achter Teil. »La vie est vaine:   Un peu d'amour, Un peu de haine . . . .   Et puis – bonjour!   »La vie est brève:   Un peu d'espoir, Un peu de rêve . . . .   Et puis – bonsoir!«         Nach dem Ausspruch des Arztes bei der Totenschau war Svengali am Herzschlag gestorben. Man hatte auch festgestellt, daß durch die Wunde, welche ihm Gecko beigebracht, sein Leiden weder verschlimmert, noch der Tod beschleunigt worden war; trotzdem verurteilte der englische Gerichtshof den kleinen Geiger zu sechsmonatlicher Zwangsarbeit. Taffy besuchte ihn noch einmal im Gefängnis, in der Hoffnung, über vieles Aufschluß von ihm zu erhalten, mußte aber unverrichteter Sache wieder abziehen. Über sein Verhältnis zu den Svengalis und ihre Beziehungen zu einander beobachtete er das hartnäckigste Stillschweigen. 386 Als er erfuhr, daß Madame Svengali unheilbar krank und irrsinnig sei, brach er in Thränen aus und rief: » Ah, pauvrette, pauvrette - ah monsieur, - je l'aimais tant, je l'aimais tant! il n'y a pas beaucoup comme elle, Dieu de misère! C'est un ange du Paradis. « Weiter war nichts aus ihm herauszubringen. Es dauerte geraume Zeit, bis Svengalis Angelegenheiten nach seinem Tode geordnet waren. Letztwillige Verfügungen hatte er nicht getroffen. Seine alte Mutter und zwei seiner Schwestern kamen aus Österreich gereist, um die Erbschaft anzutreten. Man wartete auch auf seine Frau, von der er immer so komische Geschichten erzählt hatte, aber sie kam nicht. Ihr Ladengeschäft am Rhein, sie selbst und ihre drei Kinder waren nur Gebilde seiner Phantasie gewesen, mit denen er sich und andere vergnügte. Seine Hinterlassenschaft betrug dreitausend Pfund, welche ›die Svengali‹ bis auf den letzten Heller für ihn erworben hatte, nebst den noch viel größeren Summen, die bereits verausgabt waren. Von dem baren Geld erhielt Trilby nichts; nur der Schmuck und die Kleider, die er ihr geschenkt hatte, blieben ihr Eigentum. Für ihren Anzug war er stets verschwenderisch bedacht gewesen, und auch zahllose Wertgegenstände, die sie von Kaisern, Königen und den Reichen und Vornehmen der Welt zum Andenken erhalten, fanden sich vor. Dies waren die Kostbarkeiten, von denen Trilby bisher geglaubt hatte, daß sie der alten Martha gehörten. 387 Martha war bei Trilby geblieben, pflegte sie mit der zärtlichsten Sorgfalt und bewies ihr eine fast abgöttische Verehrung, wie sie etwa eine Mutter für ein schönes, reich begabtes Kind empfindet, das dem Tode nahe ist. Denn, daß Trilbys Tage gezählt waren, erkannte man nur allzudeutlich, wenn auch niemand die Natur ihres Leidens verstand. Bald war sie sogar zu schwach, um sich im Krankenstuhl ausfahren zu lassen: sie blieb den ganzen Tag über auf dem Sopha oder dem Lehnsessel in ihrem schönen, lustigen Wohnzimmer, wo ihr Martha Gesellschaft leistete. Dort empfing sie jeden Nachmittag ihre drei lieben alten Kameraden, bewirtete sie mit Kaffee und bat sie, ihre Zigaretten zu rauchen, wie in früherer Zeit. Es war die größte und einzige Freude, die sie noch hatte. Mit kummervollem Herzen beobachteten die Freunde den raschen Verfall ihrer Kräfte, und doch erschien Trilby ihnen von Tag zu Tag schöner. In dem blassen abgezehrten Gesicht trat die vollendete Form der Züge wieder mehr hervor, und ihre Haut war vom zartesten, durchsichtigsten Weiß. Oft nahmen ihre Augen den alten schalkhaften Glanz wieder an, wenn die trois Angliches bei ihr waren. Die kindliche Heiterkeit ihrer Mienen war dann zärtlich und rührend zugleich, es spiegelte sich darin solche herzliche Zuneigung für sie und eine so innige Liebe zum Leben. Wer hätte dieses holdselige Bild je wieder vergessen können! – 388 Die Freunde wußten, daß sie die wehmütige Erinnerung daran für alle Zeiten in treuem Gedächtnis bewahren würden. Trotz aller Schwäche war die arme Trilby noch immer sehr lebhaft in ihren Bewegungen; oft fiel ihnen ein, was für ein starkes thatkräftiges Mädchen sie noch vor wenigen Jahren gewesen, und sie betrachteten sie mit dem tiefsten Mitgefühl und aufrichtiger Bruderliebe. Der unvergleichliche, immer wechselnde Klang ihrer süßen Stimme, wenn sie plauderte oder lachte, erfüllte sie mit Wonne, fast ebenso wie damals, als Trilby im Saal der Baschi-Bozuks den ›Nußbaum‹ sang. Manchmal kam auch Lorrimer zum Besuch, oder Antoine und der Grieche. Es war eine heitere kleine Künstlergesellschaft. Lorrimer, der Laird, Antoine und der kleine Billy machten damals, jeder auf seine Weise, die schönen Studien von Trilbys Kopf in Kreide und Bleistift, welche jetzt alle Welt kennt. Wie sprechend ähnlich waren sie alle und doch wie verschieden von einander! Trilby, vue à travers quatre tempéraments. Vielleicht hatte sich die arme Trilby in ihrem Leben nicht so glücklich gefühlt wie an diesen Nachmittagen, im Kreise der lieben Menschen, welche in ihrer teuern Muttersprache von den schönen alten Tagen im lustigen Paris plauderten. Dann genoß sie die Gegenwart und dachte nicht an die Zukunft. 389 Aber später – in den dunkeln Stunden der Nacht – schreckte sie häufig aus irgend einem Traum auf, der sie mit heitern Erinnerungsbildern umgaukelt hatte, und ihr trauriges Geschick trat ihr klar vor die Seele. Die Gewißheit, daß ihr bald kein neuer Morgen mehr leuchten und der Tod sie mit seiner Eisenhand berühren werde, erfüllte sie mit Grauen. Sie schmeckte das Sterben in all seiner Bitterkeit, und wenn die furchtbare Qual des Gedankens sie übermannte, daß sie für immer scheiden müsse, hätte sie laut aufschreien mögen, oder aus dem Bette springen und mit gerungenen Händen im Zimmer hin und her gehen. Statt dessen verharrte sie still und regungslos, wie eine arme furchtsame Maus in der Falle, um nur ja die gute alte Martha nicht zu wecken, die vor Müdigkeit eingeschlafen war und neben ihr schnarchte. Nach einer oder zwei Stunden gingen diese Schauer jedoch meist vorüber; das Entsetzen schwand und machte einer standhaften Ergebung Platz, die sich wie heilender Balsam auf ihr wundes Herz legte. Ein stiller Friede kam über sie und ihr alter unerschrockener Mut kehrte zurück. Bald sank sie wieder in Schlummer und fühlte sich noch glückseliger im Traume wie zuvor, bis die treue Martha sie mit einem liebevollen Kuß weckte und ihr das Frühstück brachte. Der neue Morgen schenkte ihr neue Freude und die heitere Zuversicht, daß sie, obgleich schwach und dem Tode verfallen, doch noch ihres Lebens froh 390 werden könne, so lange ein ganzer Tag vor ihr lag, auf den sie hoffen durfte.   Zu Trilbys höchster Überraschung trat eines Tages Frau Bagot zu ihr ins Zimmer, die auf den dringenden Wunsch des kleinen Billy aus Devonshire gekommen war, sie zu besuchen. Die zierliche kleine Dame sah blaß aus und zitterte an allen Gliedern, als Trilby aufstand und ihr mit ängstlichem, verlegenem Lächeln die Hand entgegenstreckte. Im ersten Augenblick konnten beide kein Wort sprechen. Frau Bagot blieb wie festgewurzelt an der Thür stehen und blickte bewegten Herzens auf die furchtbar veränderte Trilby. Konnte dies wirklich das Mädchen sein, welches sie damals so sehr gefürchtet hatte? »Ach,« rief Trilby endlich mit bebenden Lippen, »nun habe ich Ihnen mein Versprechen doch nicht halten können, wie ich wollte. Aber es ist ja alles ganz anders gekommen und jetzt brauchen sie keine Angst mehr vor mir zu haben.« Frau Bagot, die sich ebenso leicht von ihren Gefühlen beherrschen ließ, wie ihr Sohn, hörte kaum den Klang von Trilbys Stimme, als sie auch schon zu ihr eilte und sie in ihre Arme schloß. »O mein liebes Kind, mein armes, liebes Kind!« rief sie, in Thränen ausbrechend. Unter Küssen und Liebkosungen geleitete sie sie wieder zu ihrem bequemen Stuhl, und war mit mütterlicher Sorgfalt um sie bemüht. 391 »Ich habe Sie stets bewundert,« sagte sie, »und jetzt liebe ich Sie von ganzem Herzen!« »Es ist sehr gütig von Ihnen, das zu sagen,« versetzte Trilby mit feuchten Augen. »Sie hielten mich damals für eine listige, gefährliche Person, aber das bin ich nie gewesen. Von Anfang an wußte ich, daß ich keine passende Frau für Ihren Sohn wäre und wollte ihn deshalb nicht heiraten. Es war sehr thöricht von mir, ihm zuletzt doch noch mein Jawort zu geben; auch habe ich es gleich bitter bereut, das kann ich Sie versichern. Die Versuchung war im Augenblick zu groß – ich konnte nicht widerstehen.« »O bitte, bitte, sprechen Sie nicht mehr davon! Sie haben sich nicht das Geringste vorzuwerfen – das weiß ich schon längst – zu meiner tiefen Beschämung. Tag und Nacht haben Sie mir im Sinn gelegen. Verzeihen Sie einer armen Mutter ihre Eifersucht. Man muß Sie ja lieben! Welcher Mann wäre wohl imstande, sich dagegen zu wehren, welche Frau könnte Ihnen ihr Herz verschließen. O vergeben Sie mir!« »Ich – Ihnen vergeben? Aber Frau Bagot, wie käme ich dazu? Ich bin nur froh, daß Sie mir verziehen haben, denn das ist die Hauptsache. Damals habe ich Ihren Sohn so lieb gehabt, wie es nur menschenmöglich ist. Auch jetzt liebe ich ihn sehr, aber auf ganz andere Weise; mehr in der Art, wie Sie ihn lieben, glaube 392 ich. In meinem ganzen Leben habe ich niemand gesehen, der ihm gleichkommt – nirgends in der Welt! Wie stolz müssen Sie auf ihn sein – welche Mutter wäre das nicht? – Kein Mädchen ist gut genug für ihn. Ich hätte es mir schon zur Ehre gerechnet, seine niedere Magd zu sein; das habe ich ihm oft gesagt, aber er wollte nichts davon wissen in seiner Herzensgüte. Er dachte immer erst an die andern und dann an sich. Und wie reich und berühmt er geworden ist! Ich habe es wohl gehört und mich darüber gefreut. Es macht mich glücklicher, als wenn ich selbst Ruhm und Reichtum erworben hätte, das können Sie mir glauben.« Wie seltsam klang das aus dem Munde der Svengali, von deren Lob und Preis noch ganz Europa widerhallte, während sie selbst die Erinnerung an ihre glänzenden Triumphe verloren hatte. Überall beklagte man ihre schwere Krankheit und trauerte um ihren nahen Tod, welchen die fortlaufenden Berichte über ihr Befinden voraussehen ließen. Kein fürstliches Haupt hätte mehr öffentliche Teilnahme erregen können. Frau Bagot wußte natürlich, welche sonderbare Form Trilbys Irrsinn angenommen hatte und hütete sich wohl, den Gedanken, welche sie bewegten, Worte zu verleihen. Sie hörte es schweigend mit an, wie die arme Geisteskranke, die Meisterin des Gesanges, die Königin der Nachtigallen, sich selbst vergessend, den Ruhm ihres Sohnes pries. 393 Im Atelier des kleinen Billy in Fitzroy Square, von wo Frau Bagot eben herkam, hatte sie Taffy unermüdlich beschäftigt gesehen, die zahllosen Briefe und Telegramme zu beantworten, die von allen Orten und Enden eintrafen. Denn der gute Taffy hatte sich zu Trilbys Geheimschreiber und homme d'affaires gemacht – natürlich ohne daß sie darum wußte. Das Amt war nicht etwa ein Ruheposten, aber er besorgte alles gern. Täglich mußte er eine Menge Besucher empfangen und ihnen Rede stehen; von allen Seiten liefen teilnehmende Erkundigungen und Beileidsbezeugungen ein; fast sämtliche gekrönte Häupter verlangten Nachricht. Musiker in bedrängten Umständen baten die große Sängerin um Hilfe und Unterstützung – Künstler und andere Geistesgrößen schrieben in Ausdrücken aufrichtiger Bewunderung; uneigennützige Leute boten ihre Dienste an. Auch sehr eigennützige Anfragen erfolgten, ob die Sängerin nicht hier oder da auftreten wolle, sobald sie wieder hergestellt sei u. s. w. u. s. w. Das alles war auf Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, auch in ganz unverständlichen Sprachen abgefaßt; viele Zuschriften mußten unbeantwortet bleiben. Es gewährte Taffy ein fast boshaftes Vergnügen, Frau Bagot seine sämtlichen Obliegenheiten auseinanderzusetzen. Ohne Unterlaß kamen Wagen vorgefahren, die Thür des kleinen Billy stand nicht still: Lord und Lady Palmerston lassen sich erkundigen – der Lord Oberrichter 394 möchte wissen – der Dekan von Westminster und viele andere vornehme und berühmte Leute erlauben sich anzufragen, ob in Madame Svengalis Zustand noch keine Besserung eingetreten ist. Das waren natürlich nur Kleinigkeiten; aber die kleine Frau Bagot kam aus einem kleinen Ort in Devonshire und hatte bis jetzt nur Herz und Sinn für den kleinen Billy gehabt, der ihre ganze Welt ausmachte. Zum erstenmal entdeckte sie nun, daß es noch etwas anderes auf Erden gab als ihren berühmten Sohn. Deshalb machte ihr auch alles, was sie im Atelier sah und hörte, einen tiefen Eindruck, und erfüllte sie mit ehrfurchtsvoller Scheu vor solchem Weltruhm. Wer wollte ihr das verdenken? Madame Svengali, der alles zu Füßen lag, war ja niemand anders als das schöne Mädchen, dessen sie sich so gut erinnerte, das sie einst von oben herab behandelt, dem sie mit wenigen Worten den Laufpaß gegeben, und das sich ihrer Entscheidung so rasch und demütig gefügt. Jahrelang hatte sie ihr im Herzen gegrollt – weshalb – o weshalb nur? Der armen Frau Bagot wurde bald heiß bald kalt; sie hätte in die Erde sinken mögen vor Scham und vergaß darüber fast, daß sie ja ganz in ihrem Recht gewesen und daß › la grande Trilby ‹ keine passende Frau für ihren Sohn war. 395 Sehr kleinmütig schickte sie sich an, Trilby ihren Besuch zu machen und fand eine arme Geisteskranke, die noch viel demütiger war als sie selber und sie um Verzeihung bat. – Hatte sie ihr denn überhaupt etwas zu verzeihen? – Die Leidende hatte ganz vergessen, daß sie die größte Sängerin der Welt war, eine Künstlerin sondergleichen. Dagegen erinnerte sie sich mit Scham und Reue, daß sie einst gewagt hatte (nach endlosem Drängen und wiederholter Weigerung, aus reiner unüberwindlicher Neigung) den – leidenschaftlichen Bitten eines kleinen Kunstschülers – Frau Bagots Sohn – Gehör zu geben, der fast noch ein Knabe war, kaum mehr besaß als sie selbst, ihr nichts zu bieten hatte und noch gänzlich unbekannt war. Während sich die allzu zärtliche Mutter diese Verhältnisse klar machte und ins Gedächtnis zurückrief, vergaß sie mit einemmal den Unterschied der Stände und ihre eigenen strengen Grundsätze. Wie rührend und herzgewinnend erschien ihr Trilbys Schönheit noch im Verwelken: der unaussprechliche Liebreiz, der ihrem ganzen Wesen, ihrem Blick, ihrer Stimme eigen war, wurde durch die Krankheit noch erhöht; auch ihre harmlose Kindlichkeit, ihr völliges Selbstvergessen hatte etwas ungemein Fesselndes und Anziehendes für Frau Bagots empfängliches Gemüt. So dauerte es denn nicht lange, bis die ›schöne bleiche Lilie‹, wie sie Trilby nannte, ihr so sehr ans Herz gewachsen war, daß sie sich kaum mehr 396 erinnerte, aus welchem zweifelhaften Boden die Lilie ihre Nahrung gesogen und unter wie viel Moder und Fäulnis, bei wie viel wechselnden Geschicken, sich auf dem schlanken Stengel die weiße, duftende Blüte entfaltet hatte. So übten Anmut, Schönheit und körperliche Schwäche, vereint mit liebenswürdiger Einfachheit und Natürlichkeit ihren unwiderstehlichen Zauber aus. Und der Weltruhm that vielleicht auch das Seinige dazu. Denn Frau Bagot war im Grunde nur eine kluge kleine Frau aus dem höheren englischen Bürgerstande, mit allen Vorurteilen und hergebrachten Begriffen über Wohlanständigkeit – eine Erzphilisterin, trotz ihrer künstlerischen Triebe und Anlagen. Jahrelang hatte sie Trilby – höchst ungerechterweise – für eine leichtfertige und gefährliche Sirene gehalten – für eine unzüchtige und zügellose Tochter der Hethiter und die besondere Feindin ihres Hauses. »Eine Wäscherin, ein Modell, und weiß der Himmel was sonst noch,« das waren ihre eigenen Worte gewesen. Sie hatte Trilby nicht einmal singen gehört – und doch saß sie jetzt, so gut wie alle andern – Gelehrte, Ungelehrte, Künstler und Laien – bewundernd und anbetend zu ihren Füßen. Es kommt unsereinem wirklich ganz komisch vor, wenn man es recht überlegt.   Frau Bagot ging nicht nach Devonshire zurück; sie blieb bei ihrem Sohn in Fitzroy Square und verbrachte 397 den größten Teil ihrer Zeit damit, Trilby Gesellschaft zu leisten, um so viel sie konnte zu ihrer Erheiterung und Zerstreuung beizutragen. Unmerklich wollte sie ihre Gedanken zum Himmel lenken und ihr den Abschied vom Leben erleichtern. Trilby hatte eine so wohlthuende Art, mit Wort und Blick für alle kleinen Dienste zu danken, daß man ihr gern jeden Wunsch an den Augen abgesehen hätte, nur um ihren Dank recht oft zu hören. Auch erzählte sie ebenso drollig wie früher und wußte viel von ihrem Wanderleben zu berichten, trotz der seltsamen Lücken in ihrem Gedächtnis, die vielleicht – hätte man sie nur ausfüllen können – voll der interessantesten Erlebnisse gewesen wären. Überdies wurde sie nie müde von dem kleinen Billy zu reden und zu hören, und das war für Frau Bagot ein ganz unerschöpfliches Thema. Gelegentlich kamen sie auch auf die Erinnerungen aus ihrer Kinderzeit zu sprechen. Frau Bagot entdeckte einmal in einem Schubfach ein altes, verblichenes Daguerrebild, das eine Frau mit schottischer Mütze darstellte, die einen so lieblich schönen und frommen Gesichtsausdruck hatte, daß man die Augen kaum wieder von dem Bildnis abwenden konnte. Es war Trilbys Mutter. »Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer Mutter!« Trilby sah das Bild lange schweigend an. »Die arme Mama,« sagte sie endlich. »Sie war noch viel, viel 398 hübscher als ihr Porträt. Vor ihrer Verheiratung war sie demoiselle de comptoir – das ist nämlich ein Schenkmädchen – in der Rue du Paradis Poissonnière bei den Montagnards Écossais – wo viele Männer einsprachen, um zu trinken und zu rauchen, ohne sich hinzusetzen. Das war natürlich keine gute Stelle. »Papa liebte sie von ganzem Herzen, obschon sie doch nicht seinesgleichen war. Sie wurden auf der Gesandtschaft getraut, in der Rue du Faubourg St. Honoré. »Die Eltern der armen Mama hatten gar nicht geheiratet. Ihre Mutter war die Tochter eines Schiffers auf dem Loch Neß in der Nähe von Drummadrochit, einem kleinen Ort am See; ihr Vater aber war ein Edelmann – Oberst Desmond, der mit vielen vornehmen Leuten in England und Irland verwandt ist. Er hat sehr schlecht an meiner Großmutter gehandelt, denn er gab sie und meine arme Mama – seine eigene Tochter – dem Elend preis. Das war doch eines Edelmannes recht unwürdig, nicht wahr? – Weiter weiß ich nichts von ihm.« Dann erzählte sie von ihrem Pariser Leben, das so glücklich hätte sein können, wäre ihr Vater nicht dem Trunk verfallen; vom Tode ihrer Eltern, von dem kleinen Jeannot und anderes mehr. Frau Bagot hörte diesen offenherzigen Mitteilungen, die so vieles erklärten, was ihr bisher in Trilbys Wesen unbegreiflich gewesen war, mit Rührung und Interesse zu. Es ergab sich unter anderem daraus 399 daß sie eine Verwandte der berühmten Herzogin von Towers war. Sicherlich würde diese hochherzige und gütige Dame die arme Trilby mit Freuden in ihre Arme geschlossen haben, hätte sie nur gewußt, wie sehr das arme Kind des Schutzes bedurfte. Die Herzogin war einmal, nur um sie singen zu hören, von Paris nach Wien gereist, aber leider vergeblich – die Svengalis hatten sich gerade nach Petersburg begeben. Frau Bagot brachte Trilby viele gute Bücher und las ihr vor. Dr. Cummings Schriften über das baldige Ende der Welt und ähnliche Werke, deren Inhalt als tröstlich gilt für Menschen, welche die Erde bald verlassen müssen; ›des Pilgers Lauf‹, viele fromme Flugblätter und dergleichen mehr. Trilby war so dankbar, daß sie geduldig und aufmerksam zuhörte. Nur zuweilen huschte es wie ein schwaches, belustigtes Lächeln über ihr Gesicht und sie spitzte die Lippen, als wollte sie › Oh maïe, aïe! ‹ ausrufen. Zur Belohnung für ihre freundliche Fügsamkeit las ihr Frau Bagot dann ein Kapitel aus David Copperfield vor, und das war ein himmlisches Vergnügen. Die beste Unterhaltung und den größten Spaß bereiteten Trilby jedoch John Leechs ›Charakterbilder aus dem Leben‹, die eben erschienen waren. Sie kannte von seinen Zeichnungen bis jetzt nur, was ihr im Atelier in irgend einer Nummer des Punch zufällig zu Gesicht 400 gekommen war. Ohne zu ermüden betrachtete sie die Bilder immer wieder von neuem und lernte dadurch das englische Leben besser kennen als aus irgend einem andern Buch, das sie je gelesen. Ihr herzliches Lachen klang dabei oft so melodisch, als sänge sie das Allegro aus dem Impromptu von Chopin. Eines Tages sagte sie mit bebenden Lippen: »Ich wundere mich immer darüber, weshalb Sie nur so himmlisch gut zu mir sind, liebe Frau Bagot. Hoffentlich haben Sie nicht vergessen wer ich war und was für ein Leben ich geführt habe. Sie wissen doch, daß ich kein achtbares Mädchen gewesen bin?« »O liebes Kind – frage mich nicht . . . ich kümmere mich um das alles nicht mehr. Was du auch sonst gewesen sein magst, ich weiß jetzt nur, daß du meine arme, geduldige, kranke Tochter bist – die sicherlich mehr Unrecht erlitten als begangen hat. Ich gäbe alles in der Welt darum, könnte ich einigermaßen wieder gut machen was ich dir zugefügt habe – durch meine Ungerechtigkeit – mein falsches Urteil. Aber, hättest du auch einen Mord begangen, ich glaube wahrhaftig, ich müßte dich dennoch lieben. Du bist so wunderbar – man kann dir nicht widerstehen. Hast du wohl in deinem ganzen Leben irgend jemand gekannt, der dir nicht gut war?« Trilby traten die Thränen in die Augen vor Freude über diese schmeichelhaften Worte. Sie dachte ein wenig 401 nach und sagte dann offen und freimütig: »Nein, nicht daß ich wüßte; mir fällt niemand ein. Aber ich mag wohl sehr viele Menschen vergessen haben, mit denen ich früher zusammenkam.«   Einmal teilte Frau Bagot Trilby mit, ihr Schwager, Thomas Bagot, möchte sie gern einmal besuchen und mit ihr reden. »Ist das der Herr, der mit Ihnen in Paris war, den ich im Atelier gesehen habe?« »Jawohl.« »Nicht wahr, er ist ein Prediger? Wovon will er denn mit mir reden?« »Ach, mein liebes Kind . . . .« stammelte Frau Bagot. Trilby schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Wahrscheinlich werde ich bald sterben. O ja, ich weiß es wohl. Es ist kein Zweifel mehr.« »Liebe Trilby, wir Menschen sind alle in der Hand des großen, gnädigen Gottes,« erwiderte Frau Bagot, während ihr die Thränen über die Wangen liefen. Trilby sah gedankenvoll zum Fenster hinaus; nach einer langen Pause murmelte sie leise vor sich hin: Après tout, c'est pas déjà si raide, de claquer! J'en ai tant vu, qui ont passé par là! Au bout du fossé la culbute, ma foi! »Was hältst du da für ein französisches Selbstgespräch, liebe Trilby? Dein Französisch ist so schwer zu verstehen.« 402 »O bitte, entschuldigen Sie! Ich dachte nur, daß das Sterben gar nicht so schwer sein muß. Ich habe es so oft mit angesehen und so viele Menschen bis zum Tode gepflegt: Papa, Mama und Jeannot, auch Angèle Boisse's Schwiegermutter und Colin Maigret, einen armen Steinklopfer, der im Impasse des Taupes St. Germain wohnte. Er war in der Rue Vaugirard von einem Omnibus überfahren worden und man mußte ihm beide Beine über dem Knie abnehmen. Sie schienen alle nicht sehr betrübt, daß sie sterben müßten und fürchteten sich gar nicht vor dem Tode. Ich fürchte mich auch nicht. – »Die armen Leute haben keine Angst zu sterben und die Reichen sollten das auch lernen. Es wäre gut, sie von Kind an darauf vorzubereiten, damit sie den Tod verachten und verlachen können, wie die Chinesen, die sich – wie man sagt – oft totlachen möchten, während der Henker ihnen den Kopf abschneidet. Es ist nun einmal der Lauf der Welt und wird keinem erspart – wer braucht sich da zu fürchten!« »Aber das Sterben ist nicht alles, mein Kind. – Bist du denn bereit vor Gottes Angesicht zu treten? Hast du nie an das künftige Gericht gedacht und den Zorn deines Schöpfers, wenn du als unbußfertige Sünderin stirbst?« »Wie sollte denn das zugehen? Ich habe ja mein Lebenlang bereut, was ich Unrechtes gethan habe. Auch erwartet keinen von uns Zorn und Verdammnis – selbst den Verworfensten nicht. Il y aura amnestie générale; 403 Papa hat mir das gesagt und er ist ein Pfarrer gewesen wie Herr Bagot. Ich denke oft an Gott und liebe ihn sehr. Wir Menschen brauchen etwas Vollkommenes, das wir verehren und zu dem wir aufblicken können. »Manche Leute glauben freilich nicht einmal an das Dasein Gottes. Der père Martin zum Beispiel – aber von dem will ich gar nicht reden, der war nur ein chiffonnier und zählt nicht mit. »Durien aber, der Bildhauer, der sehr klug ist und ein vortrefflicher Mensch, sagte einmal zu mir: »› Vois-tu, Trilby – ich fürchte sehr, daß Er wirklich nicht lebt, le bon Dieu . Das macht mich schrecklich unglücklich, denn ich verehre Ihn von ganzem Herzen. Bei jedem Werk, das ich anfange, denke ich immer, wie schön es wäre, könnte ich Ihm nur damit gefallen.‹ »Auch ich selbst habe oft gedacht, wie himmlisch es sein müßte, wenn man malen, Musik machen oder schöne Gedichte schreiben könnte, bloß zu Gottes Wohlgefallen. »Einmal, an einem heißen Nachmittag, saßen wir alle im Hof draußen, vor dem Laden der mère Martin und tranken Kaffee mit Bastide Lendormi, einem alten Invaliden von der Vieille Garde, der nur ein Bein, einen Arm und ein Auge hatte und dem jedermann gut war. Da kam Mimi la Salope, die bei den Malern Modell stand, aus dem Leihhaus gegenüber, und der père Martin rief sie herbei, gab ihr eine Tasse Kaffee und bat sie, uns 404 etwas vorzusingen. Sie sang ein Lied von Béranger, vom großen Napoléon, worin es heißt: » Parlez-nous de lui, grand' mère! Parlez-nous de lui! « »Sie muß es wohl sehr schön gesungen haben, denn der alte Bastide Lendormi fing an zu weinen, und als père Martin ihn damit neckte, sagte er: »› C'est égal, voyez-vous! – wer so singt, der betet!‹ »Damals dachte ich, wie schön es wäre, wenn ich singen könnte wie Mimi la Salope, und ich denke das heute noch – nur um zu beten! « »Was, Trilby, wenn du singen könntest wie – aber nicht doch – fast hätte ich vergessen – – Sage mir, Trilby – betest du denn nie zu ihm, wie andere Leute beten?« »Auf den Knieen, mit gefalteten Händen und in bestimmten Worten, meinen Sie? – Nein, nur selten. Sind denn nicht die Gedanken sehr oft Gebete? Man betet auch, wenn man sich schämt und traurig ist über ein Unrecht, das man gethan hat, und wenn man sich freut, eine Versuchung überwunden zu haben; oder wenn man dankbar ist für einen guten Tag, an dem man vergnügt sein darf, ohne daß es irgend jemand schadet. Und wenn man sucht, sich aufzuraffen, nachdem man alles verloren hat, was einem das Leben lieb machte – ist das etwa kein Gebet? Ich glaube sogar ein sehr gutes. Es kann Gebete ohne Worte geben, gerade wie es Lieder ohne Worte 405 giebt, denke ich; und Svengali sagte immer, die Lieder ohne Worte wären die besten. »Es kommt mir auch gar so erbärmlich vor, immer um etwas zu betteln. Man erhält die Dinge, die man haben möchte, doch darum nicht schneller. » La mère Martin betete immer sehr viel und le père Martin lachte darüber, aber seine Wünsche gingen doch öfter in Erfüllung als ihre. »Ich habe einmal mit ganzer Seele gebetet, daß Jeannot nicht sterben möchte.« »Aber wie steht es denn mit deiner Reue, Trilby? Wie demütigst du dich denn vor Gott, wenn du nicht auf den Knieen um Vergebung flehst?« »Wie? Ja, das weiß ich nicht recht. Ich will Ihnen einmal sagen, was das Schlechteste und Erbärmlichste war, das ich je gethan habe . . .« (Frau Bagot wurde es etwas ängstlich zu Mute.) »Ich hatte Jeannot versprochen, mit ihm am Palmsonntag nach St. Philippe du Roule zu gehen, um den abbé Bergamot predigen zu hören. Aber Durien, der Bildhauer, forderte mich auf, mit ihm und Mathieu, einem Studenten der Rechte, und einer gewissen Victorine Letellier nach St. Germain zu fahren, wo gerade irgend ein Jahrmarkt war. Da ging ich am Sonntagmorgen zu Jeannot und sagte ihm, daß aus unserer Verabredung nichts werden könnte. 406 »Er weinte so bitterlich darüber, daß ich schon dachte, ich wollte die Spazierfahrt aufgeben und lieber nach St. Philippe gehen, wie ich versprochen hatte. Da kamen aber gerade Durien, Mathieu und Victorine vorgefahren, und ich stieg zu ihnen ein. Den ganzen Tag war mir elend zu Mute und nichts machte mir Vergnügen. »Wir fuhren in einem zweispännigen, offenen Wagen, den Mathieu bestellt hatte; Jeannot hätte prächtig auf dem Bock neben dem Kutscher sitzen können und wäre niemand im Wege gewesen. Aber ich wagte nicht, es vorzuschlagen, weil sie nichts davon erwähnten, und ich fürchtete, sie hätten keine Lust, ihn mitzunehmen. Jeannot sah uns fortfahren, und ich konnte es nicht übers Herz bringen, mich noch einmal nach ihm umzusehen. Das Traurigste aber war, als Durien etwa auf halbem Wege sagte, es wäre recht schade, daß ich Jeannot nicht mitgebracht hätte, und auch den andern that es hinterher leid. »Das ist jetzt sechs oder sieben Jahre her, aber ich glaube, ich habe fast täglich daran gedacht; manchmal fiel es mir sogar mitten in der Nacht ein. »Ach, und als Jeannot im Sterben lag, und als er tot war – wie hat mich da erst die Erinnerung an den Palmsonntag gequält! »Was soll denn Reue und Buße sein, wenn das keine war?« »O Trilby, so ist's nicht gemeint. Du lieber Himmel, 407 das ist ja gar nichts. Wer schlüge einem kleinen Kinde nicht einmal eine Bitte ab! – Ich denke an viel schlimmere Dinge – im Quartier latin – als du den Malern und Bildhauern Modell standest . . . . Bei deiner Schönheit und Anmut mußt du doch . . .« »Ich weiß, ich weiß . . . . o ja, das war greulich, und ich habe mich furchtbar vor mir selber geschämt. Auch war es nicht einmal lustig oder angenehm. Nichts hat mir Vergnügen gemacht, bis ich Ihren Sohn kennen lernte und Taffy und den lieben Sandy Mc Allister. Aber ich habe damit doch keinen Menschen betrogen, getäuscht oder gekränkt – hat jemand darunter gelitten, so war ich es ganz allein. »Wenn ein Mädchen so etwas thut, muß es schon hier auf Erden schwer genug dafür büßen, das weiß Gott! Man verzeiht es ihr nur, wenn sie eine russische Kaiserin ist, wie Katharina die Große, oder eine vornehme Dame, wie es deren so viele giebt, oder ein großes Genie, wie Madame Rachel und George Sand. »Wäre das nicht gewesen, und hätte ich niemals als Figurenmodell gesessen, dann würde ich mich für gut genug gehalten haben, Ihren Sohn zu heiraten – obwohl ich nur blanchisseuse de fin war – erinnern Sie sich, das war auch Ihre Meinung. »Er wollte sein Lebenlang in Barbizon wohnen und Bilder malen; aus der großen Welt machte er sich gar nichts. Ein solches Leben wäre gerade recht für mich 408 gewesen und er hätte eine gute Frau an mir gehabt, das weiß ich gewiß. Die meisten Malerfrauen dort sind Wäscherinnen oder etwas dergleichen; kein Mensch kümmert sich darum und ihre Ehen sind oft sehr glücklich. »So bin ich doch wahrhaftig für mein Unrecht schwer genug bestraft worden; freilich habe ich es auch reichlich verdient.« »Bist du denn eigentlich einmal konfirmiert worden, Trilby?« »Ich glaube kaum – ich erinnere mich wirklich nicht mehr.« »Du meine Güte! Weißt du denn wenigstens etwas von unserm lieben Heiland, von der Menschwerdung, der Sündenvergebung, der Auferstehung? . . .« »O ja – das habe ich alles gewußt. Sonntags ließ mich Mama immer den Katechismus lernen. Darauf hielt sie mit großer Strenge, was sie auch sonst versäumt und verfehlt haben mag, die arme Mama. Es kam mir alles sehr verwickelt vor. Aber Papa sagte, ich solle mir den Kopf nicht zerbrechen, sondern nur versuchen gut zu sein. Gott würde am Ende schon alles zum Besten lenken – für die ganze Menschheit und jeden einzelnen von uns. Das klingt doch sehr vernünftig, nicht wahr? »Wenn ich gut wäre, sagte Papa, brauchte ich mir keine Sorge darüber zu machen, was die Priester lehrten. Er sei selber ein Pfarrer gewesen, und wisse Bescheid. 409 »Leider bin ich nicht sehr gut gewesen, das kann ich nicht leugnen. Aber Gott weiß, wie oft und wie bitterlich ich es bereut habe. Auch jetzt noch fühle ich Reue darüber. Vor dem Tode fürchte ich mich aber ganz und gar nicht; im Gegenteil, ich sterbe gern. Wenn auch der arme Papa nicht glücklich gewesen ist, glaube ich doch, daß er recht gehabt hat. Er war der klügste und beste Mann, den ich je gekannt habe, außer Taffy, dem Laird und Ihrem lieben Sohn. »Es wird keiner von uns in die Hölle kommen – hat er mir versichert – die Hölle, die wir für uns und andere auf Erden bereiten, ist schon allein schlimm genug. Die Eltern, pflegte er zu sagen, wären für ihre Kinder verantwortlich; er und Mama für mich – seine Eltern für ihn, die Großeltern für diese und so immer rückwärts bis auf Noahs Zeiten und weiter zurück. Gott aber sorgt für uns alle. »Papa riet mir, immer zuerst an andere zu denken, wie es Taffy thut und Ihr Sohn; mich vor nichts zu fürchten, keine Lüge zu sagen und mäßig im Trinken zu sein, dann würde ich auf dem rechten Wege bleiben. Aber ich bin trotzdem manchmal auf den falschen Weg geraten, es war aber nicht Papas Schuld, sondern nur Mamas und meine eigene. Das habe ich gewußt und es ist mir schon währenddem jämmerlich zu Mute gewesen, und auch nachher. Aber ich zweifle gar nicht, daß mir vergeben 410 wird – o nein, ich weiß es gewiß – und auch alle andern können Vergebung finden, selbst die schlechtesten Menschen, die je gelebt haben. Giebt man ihnen in der künftigen Welt nur Verstand genug, um ihre ganze Schlechtigkeit auf Erden zu erkennen, so ist das schon eine reichliche Strafe für alles, sollte ich meinen. Auf diese Art ist die Sache ganz einfach, nicht wahr? Und wenn es nun gar keine künftige Welt gäbe – was ja auch nicht undenkbar ist – dann wäre die Sache noch viel einfacher. »Nicht alle Pfarrer der Welt, nicht einmal der Papst in Rom können mich an Papa irre machen, oder mich zwingen, noch an eine besondere Strafe in der Ewigkeit zu glauben, außer dem, was wir alle hier auf Erden schon durchzumachen haben. Ce serait trop bête! »Wenn Sie es also nicht sehr dringend wünschen, oder Herr Thomas Bagot sich vielleicht beleidigt fühlt, möchte ich nicht mit ihm über solche Dinge reden. Muß es sein, so will ich lieber mit Taffy davon sprechen. Taffy ist sehr klug, obgleich er nicht so viele gescheite Sachen sagt, wie Ihr Sohn, und lange nicht so schön malen kann wie er. Aber ich bin gewiß, er würde Papa recht geben.« Und wirklich, als der gute Taffy in dieser ernsten Angelegenheit um seine Meinung gefragt wurde, stellte sich heraus, daß er mit dem verstorbenen Michael Patrick O'Ferrall völlig übereinstimmte; der Laird ebenfalls, und 411 der kleine Billy (zur schmerzlichen Überraschung seiner Mutter) nicht minder. Auch Sir Oliver Calthorpe, Sir Jacob Wilcox, Doktor Thorne, Antoine, Lorrimer und der Grieche teilten seine Ansichten. Und als in späteren Jahren Frau Bagots Seele von tausend Rätselfragen zerwühlt, von Gram und Kummer durch und durch geschüttelt und zerrissen worden war, bis Zeit und Alter die Schmerzen heilten, und nur noch die Narben sie daran erinnerten, wie tief und schwer die Wunden einst gewesen – da ward auch sie derselben Meinung.   An einem denkwürdigen Sonnabend-Nachmittag, als es in der Charlottestraße eben zu dämmern begann, lag Trilby, mit Kissen gestützt, in ihrem hübschen blauen Morgenkleid bequem auf dem Sopha am Kamin. Sie hatte im Lauf des Tages mit Hilfe des guten Taffy ihr Testament aufgesetzt, um über ihre vielen wertvollen Schmucksachen zu verfügen, die man zusammen wohl auf ein Vermögen schätzen konnte. Es waren lauter Andenken von Leuten, die ihren Gesang bewundert hatten, vom Fürsten bis zum wohlhabenden Bürgersmann; aber wo, wann und von wem sie die einzelnen Kostbarkeiten erhalten hatte, ahnte niemand mehr. Man hatte ihr gesagt, daß es Geschenke wären, die Svengali ihr gemacht habe und sie erinnerte sich auch recht gut an einige solche 412 Gelegenheiten, bei denen seine Gaben von leidenschaftlicher Beteuerungen seiner Liebe begleitet waren. Seine Gefühle für Trilby mußten wohl tief, aufrichtig und beständig gewesen sein, trotzdem sie nicht vermocht hatte, dieselben zu erwidern. Den größten Teil der Besitztümer hinterließ sie der treuen Martha. Jedem der trois Angliches vermachte sie einen schönen Ring für seine Braut, wenn er einmal heiratete und die Braut ihn tragen mochte. Frau Bagot hatte ein Perlenhalsband erhalten und Fräulein Bagot das Sternendiadem. Sehr schöne und kostbare Sachen hinterließ sie den drei Ärzten, die bei ihrer Pflege große Sorgfalt und Hingabe bewiesen hatten und sich weigerten (wie man ihr sagte), ein Honorar für die Behandlung der Madame Svengali anzunehmen. Für Antoine, Lorrimer, den Griechen, Dodor und Zouzou bestimmte sie hübsche Manchettenknöpfe und Krawattennadeln, Carnegie erhielt das kleine silberne Riechfläschchen, das von Lord Witlow stammte; auch die Vinards, Angèle Boisse und andere wurden nicht vergessen. Geckos Andenken bestand in einer prachtvollen goldenen Uhr und Kette, nebst hundert Pfund und einigen herzlichen Zeilen. Sie hatte das alles mit Taffy bis ins kleinste beraten und jedes Vermächtnis nach des Empfängers 413 Eigentümlichkeit besonders für ihn ausgesucht. Der geschäftsmäßige Ton, welchen Taffy annahm und der gewissenhafte Eifer, mit dem er auf alle ihre Wünsche einging, war ihr ein Trost und ein Labsal gewesen. Er hatte so ernst und feierlich ausgesehen und keine Mühe gescheut. Freilich konnte sie nicht ahnen, was sein gefühlvolles Herz dabei im stillen erduldete. Die Urkunde war in aller Form Rechtens unterzeichnet, von den Zeugen beglaubigt und Taffys Obhut übergeben worden. Jetzt lag Trilby still und glücklich da, mit dem Gefühl, daß sie nichts mehr zu thun habe, als die flüchtige Stunde zu genießen und keinen der kostbaren Augenblicke, die ihr noch gegönnt waren, unbenützt vorübergehen zu lassen. Sie litt weder Körper- noch Seelenschmerzen und war von allen Menschen umgeben, die sie am liebsten hatte – Taffy, dem Laird, dem kleinen Billy und Frau Bagot, während Martha mit der großen Hornbrille in der Ecke saß und strickte. Trilby horchte, wie immer, auf das Geplauder der Freunde und nahm herzlich teil daran. Ihre liebevollen Blicke schweiften von einem zum andern; mit Worten ließ es sich nicht ausdrücken, wie teuer sie ihr alle waren. Wenn sie sprach, floß ihr Mund über von der Liebe, die in ihrem Herzen thronte, und ihre schwache Stimme klang schöner, weicher und voller als irgend eine andere in dem Zimmer 414 oder in der ganzen Welt – es waren Laute ungewöhnlicher Art, die aus einer andern Sphäre zu stammen schienen. Ein Karren fuhr unten vor, es klingelte draußen und gleich darauf wurde eine Holzkiste ins Zimmer gebracht. Auf Trilbys Wunsch packte man sie aus, und eine große Photographie Svengalis unter Glas und Rahmen kam zum Vorschein. Sie stellte ihn in der Uniform seiner eigenen ungarischen Kapelle dar, wie er am Dirigentenpult stand, mit der linken Hand ein Notenblatt umwandte und mit der rechten den Taktstock schwang. Ein ausgezeichneter Wiener Künstler hatte das Bild gemacht; Svengali war sprechend ähnlich und sehr günstig aufgefaßt; da er aus der Photographie heraussah, richtete sich sein Blick gerade auf den Beschauer. Es lag etwas Ehrfurchtgebietendes in Miene und Haltung, und seine großen schwarzen Augen hatten einen strengen, befehlshaberischen Ausdruck. Martha erblickte kaum das Bild, als sie an allen Gliedern zu zittern begann. Trilby ließ es sich reichen, und ein Ausruf der Verwunderung entfuhr ihr. Sie hatte es noch nie gesehen und besaß überhaupt keine Photographie von Svengali. Keine Botschaft irgend welcher Art, kein erklärender Brief begleitete das überraschende Geschenk. Nach den Postzeichen zu urteilen, mußte die Kiste ganz Europa durchreist haben, bis sie schließlich nach London kam. Sie war aus irgend einem fernen Ort im östlichen Rußland 415 abgesandt – ein unheilschwangeres Geschick hatte sie aus dem geheimnisvollen Osten, der Geburtsstätte von Pest und Tod, hierhergeführt. Trilby stützte das Bild gegen ihre Kniee und sah es lange mit unverwandten Blicken an; von Zeit zu Zeit ließ sie eine gelegentliche Bemerkung fallen, wie: »Er war wirklich ein schöner Mann,« oder »die Uniform steht ihm sehr gut. Weshalb mag er sie wohl angezogen haben?« Die Freunde setzten das unterbrochene Gespräch fort und Frau Bagot bereitete den Kaffee. Als sie Trilby eine Tasse reichen wollte, fand sie sie noch immer in derselben Stellung, wie vorhin; mit großen, weitgeöffneten Augen, die in seltsamem Glanz leuchteten, starrte sie das Bild an. »Trilby, Trilby, hier bringe ich den Kaffee. Was hast du denn, Trilby – fehlt dir etwas?« Sie lächelte mit irrem Blick und gab keine Antwort. Alle standen auf und drängten sich besorgt um sie. Martha wollte in ihrer Angst die Photographie sogleich entfernen, man hinderte sie jedoch daran, weil man nicht wußte, welche Folgen das haben könne. Taffy klingelte und schickte einen Diener nach Doktor Thorne, der in der Nähe wohnte. Auf einmal fing Trilby an, ganz leise auf Französisch zu sprechen: » Encore une fois? bon, je veux bien! avec la voix blanche alors, n'est ce pas? et puis foncer an milieu. Et pas trop vite en commençant! Battez bien 416 la mesure - Svengali - que je puisse bien voir - car il fait déjà nuit! c'est ça! Allons, Gecko - donne-moi le ton! « Dann lächelte sie und schien den Takt anzugeben, indem sie den Kopf ein wenig hin und her bewegte und den Blick fest auf Svengalis Bild geheftet hielt. Plötzlich fing sie an, Chopins Impromptu in Cis-moll zu singen. Die Töne perlten ihr vom Munde ohne Worte – sie solfeggierte nur und ihre Brust hob sich kaum. Es war als brauche sie keinen Atem bei so geringer Entfaltung ihrer Stimme, deren Klang noch ebenso voll und schön war wie früher; sie hätte das Zimmer, das ganze Haus damit erfüllen und ihre Zuhörer mit einem Strom himmlischer Töne überschütten können. Welche Meisterin in ihrer Kunst sie war und wie sie ihre Stimme geschult hatte! Sie sang mit einer Leichtigkeit wie andere die Augen öffnen und schließen – kein Mensch hätte ihr das nachthun können. Vor Verwunderung, Staunen und Schrecken standen alle Anwesenden wie zu Bildsäulen erstarrt. Nur Martha schlug die Hände zusammen und lief zur Thür hinaus mit dem Ruf: »Gott im Himmel! wieder zurück – wieder zurück!« Genau so hatte Trilby im Saal der Baschi-Bozuks gesungen; nur klang es diesmal noch himmlischer und berückender, weil sie nur mit halber Stimme sang und ihre ganze Seele aus den Tönen sprach. 417 Die vier Zuhörer, welche wie verzaubert um ihr Lager standen, vernahmen wohl den göttlichsten Gesang, der je einem Menschenmunde entströmt ist. Thränen stürzten Frau Bagot und dem kleinen Billy über die Wangen; Thränen standen dem Laird in den Augen, und auch in Taffys Bart hingen Thränentropfen. Wie damals waren es Wonnethränen, die sie vergossen. Als nach dem Adagio das rasche Tempo eintrat, wurde der Klang immer schöner und überirdischer, die Stimme reicher und voller, je mehr sich das Tempo nach dem Ende zu beschleunigte. Dann fing sie an zu verhallen und dahinzusterben, bis zuletzt nur noch ein melodischer Hauch übrig blieb. Nun folgte das leise chromatische Aufsteigen bis zum mittleren E – die letzte Rakete, der Scheideblick, den Svengali selbst am Schluß noch hinzugefügt hatte, denn er fehlt in der Klavierausgabe. Trilby war fertig. » Ça y est-il cotte fois, Svengali? « fragte sie. » Ah! tant mieux, à la fin! c'est pas malheureux! Et maintenant, mon ami, je suis fatiguée - bon soir! « Ihr Kopf fiel in die Kissen zurück und sie versank in tiefen Schlummer. Frau Bagot nahm das Bild leise fort; der kleine Billy kniete neben dem Lager, hielt Trilbys Hand in der seinigen und fühlte nach ihrem Puls, den er nicht finden konnte. 418 »Trilby, Trilby,« flüsterte er und legte das Ohr an ihren Mund, um sie atmen zu hören, aber er vernahm nichts. Gleich darauf faltete sie die Hände über der Brust, stieß einen kurzen Seufzer aus und murmelte mit schwacher Stimme: »Svengali . . . . Svengali . . . . Svengali! . . . .« Schweigend und schreckensbleich standen alle regungslos um sie her. Der Doktor kam, legte die Hand auf ihr Herz, das Ohr an ihre Lippen, hob eins ihrer Lider und sah ihr ins Auge. Dann stand er auf und sagte mit vor Bewegung zitternder Stimme: »Madame Svengali hat ausgelitten; alle ihre Schmerzen sind vorüber.« »Großer Gott, ist sie tot?« rief Frau Bagot. »Ja; sicher schon seit einigen Minuten – möglich aber auch, daß der Tod bereits vor einer Viertelstunde eingetreten ist.«     Vingt ans après. Porthos-Athos, alias Taffy Wynne, sitzt beim Frühstück (seiner Frau gegenüber) an einem kleinen Tisch in der Glashalle der ungeheuern Karavanserei auf dem Boulevard des Italiens in Paris. An der nämlichen Stelle hat er eines Tages, vor mehr als zwanzig Jahren, mit 419 dem Laird und dem kleinen Billy gesessen, als es zu dem ärgerlichen Auftritt mit Svengali kam. Auf dem Schauplatz hat sich nicht viel verändert. nur befinden sich mehr Amerikaner unter der Gesellschaft aus aller Herren Ländern. Fortwährend fahren Droschken, Mietswagen und Omnibusse vor: es ist noch dasselbe Kommen und Gehen, und gerade wie damals steht ein stattlicher alter Mann in Kniehosen, schwarzem Samtrock und schwarzseidenen Strümpfen – der vielleicht die nämliche Goldkette trägt – auf den Marmorstufen, um die Gäste zu begrüßen oder zu entlassen. – Wo mögen nur diese prachtvollen alten Franzosen wachsen? – Vielleicht in Deutschland, wo alle guten, großen Kellner herkommen. Das Wetter ist auch ebenso schön. Im Hof des Grand Hotel ist immer schönes Wetter. Der Laird würde sagen: ›Man versteht sich dort besser auf dergleichen‹. Taffy trägt einen kurzen Bart, der stark ins Graue spielt. Der Ausdruck seiner blauen Augen ist mild und freundlich; zwar ebenso offenherzig wie früher, aber nicht mehr zornig, sondern gutmütig und geduldig. Er hat an Umfang zugenommen, ist viel breiter und stärker geworden, aber das schöne Ebenmaß der Glieder und seine athletische Gewandtheit fallen noch immer angenehm auf, mag man ihn in der Ruhe sehen oder in der Bewegung. Seine Kleider sitzen vortrefflich, doch sind sie nicht neu, sondern 420 nur gut gebügelt, gebürstet und ausgeklopft, sogar an manchen Stellen fein gestopft. Er wird auch einmal einen prachtvollen alten Mann abgeben, wie man sie im Grand Hotel anstellt. Dabei sieht er aus, als könnte man sich in allen großen und kleinen Dingen felsenfest auf ihn verlassen. ›Ein Wort ein Mann‹ steht ihm im Gesicht geschrieben, und wie er aussieht, so ist er auch. Ja, Taffy ist ein Ehrenmann , inwendig und auswendig, vom Scheitel seines Hauptes (das anfängt, etwas kahl zu werden) bis zur Sohle seiner Füße (die weder sehr klein, noch sehr zierlich gestiefelt sind – ex pede Herculem )! Das ist immer das erste, was die Leute von Taffy sagen – und auch das letzte. Vielleicht kommt das daher, weil er nicht gerade übermäßig geistreich ist. Aber der Mensch kann auch nicht alles zugleich sein. Porthos war ein wenig schwer von Begriffen – und Athos auch, glaube ich; desgleichen sein Sohn, der getreue Vicomte von Bragelonne – bon chien chasse de race! Auch Wilfred von Ivanhoe, der Enterbte, und Edgar, der Lord von Ravenswood; sogar Oberst Newcome, dessen Andenken unsterblich ist. Und wir lieben sie doch alle und wünschen, ihnen ähnlich zu sein in Freud und Leid. Taffys Frau gleicht ihm in vieler Beziehung gar nicht, aber (zum Glück für beide) in anderer Art wieder sehr. 421 Sie ist klein und hübsch, hat dunkles, welliges Haar und sehr zierliche Hände und Füße; ungemein lebhaft ist sie, anmutig in Mienen und Geberden, und durchaus nicht schwer von Begriffen. Im Gegenteil, sie faßt alles, was um sie her vorgeht, rasch auf, beobachtet es mit dem größten Interesse und weiß stets allerlei darüber zu sagen, aber nie zu viel. Sie gehört offenbar zu der nicht sehr zahlreichen, aber allezeit hochgepriesenen Schwesterschaft der Herzensbezwingerinnen. Schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert hatte sie dem tapfern Taffy ihr Herz geschenkt, als sie damals im Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts mit ihrer Mutter am Krankenbette des kleinen Billy weilte – aber sie hatte ihre Liebe keinem Menschen gestanden. Tout vient à point pour qui sait attendre! Das ist ein treffliches Sprichwort und hat sich schon manchmal bewährt. Auch in Blanche Bagots Fall war es eingetroffen.   Vor Jahren hatte Taffy einmal eine schreckliche Nacht gehabt, die er sein Lebtag nicht vergessen konnte. Er lag in seinem Zimmer in der Jermyn-Straße in tiefem Schlummer, denn er war ganz erschöpft. Der Gram ermüdet mehr als alles andere und bringt bleischweren Schlaf. An jenem Tage hatte er Trilby zu ihrer Ruhestätte im Friedhof von Kensal Green begleitet. Auch der kleine Billy, 422 der Laird, Antoine, der Grieche und Durien (der dazu aus Paris kam), waren unter den Leidtragenden, nebst vielen vornehmen und berühmten Leuten – Briten sowohl wie Fremden – eine zahlreiche und glänzende Trauerversammlung. Sämtliche Zeitungen des In- und Auslandes berichteten über die Totenfeier der größten Sängerin unserer Zeit. Es war der würdige Schluß für ihre kurze aber ruhmreiche Laufbahn gewesen, während welcher sie aller Welt Freude bereitet hatte. Plötzlich wurde unten an der Hausthür geläutet, als ob Feuer ausgebrochen sei. Taffy schreckte aus dem Schlaf empor und hörte jemand im Dunkeln hastig die Treppe herauf stolpern, auf den Stufen ausgleiten und gegen das Geländer anprallen. Im nächsten Augenblick stürzte der kleine Billy ins Zimmer: »O Taffy, Taffy,« rief er, »ich ver–ver–liere den Verstand, es ist alles aus mit mir – ich komme um.« »Bewahre doch, alter Junge – warte nur, ich will erst Licht machen.« »O Taffy – seit vier Nächten habe ich kein Auge zugethan. Sie ist ge–ge–stor–ben, mit Sven– Sven– Sven– verflucht, ich bringe es nicht heraus – mit dem Namen des rohen Menschen auf ihren Lippen! es war als riefe er ihr aus dem Grabe zu. Sobald sie sein Bild sah, war sie wieder ganz bei Sinnen; sie hat ihn so lieb gehabt, daß sie alle andern darüber vergaß. Jetzt ist sie 423 geradeswegs zu ihm gegangen – um wieder seine Sklavin zu sein – in einem andern Leben – ihm zu helfen schönere Musik zu machen als je – zu singen was er will. O Ta–ta–Taffy, o, o, halte mich, halte mich – ich falle . . . .« Taffy fing den kleinen Billy in den Armen auf, und die alte jammervolle Geschichte, die vor fünf Jahren gespielt hatte, begann von neuem. Im Laufe dieser Erzählung hat aber wirklich schon allzuviel von Krankheit die Rede sein müssen, ich will daher so wenig wie möglich von dem langen Leiden des armen kleinen Billy sagen. Er erholte sich langsam und kam nie wieder völlig zu Kräften; mit seinem künstlerischen Schaffen war es aus, bald verfiel er in Abzehrung und starb noch jung an Jahren, aber mit ruhiger, männlicher Fassung und wunderbarer Ergebung. Das Erdendunkel wandelte sich in Himmelslicht, die Nacht ward zum Morgen verklärt. Wie schuldlos auch sein kurzes Leben gewesen war, wie reich an glänzenden Hoffnungen und Thaten, so machte ihm doch die Art, wie er von der Welt Abschied nahm, noch weit mehr Ehre. Er erschütterte dadurch einen gewissen unfehlbaren Pfarrer in allen Fasern seines Gemüts und veranlaßte ihn, still zu stehen und zum erstenmal gründlich nachzudenken. Als der Pfarrer sich zuletzt niederbeugte, um seinem toten jungen Freund noch einmal die reine weiße Stirn zu küssen, brach es ihm fast das Herz und 424 große Thränen stürzten ihm aus den Augen, wie sie selbst der kleine Billy nie im Leben geweint hatte. Aber das alles ist viel zu traurig, um ausführlich darüber zu schreiben. Am Krankenbette des kleinen Billy in Devonshire war Taffys Liebe zu Blanche Bagot erwacht. Als alles vorüber war, wartete er nur noch wenige Monate, dann fragte er an, ob sie seine Frau werden wolle. Ein Jahr darauf fand die Hochzeit statt und sie wurden ein liebendes Paar. Für Frau Bagot bildet die glückliche Verheiratung ihrer Tochter den einen Lichtpunkt in ihrem Leben, der sie für allen Gram und Kummer entschädigen muß, den ihr das Schicksal beschieden hat. Im ersten Jahr nach der Hochzeit waren Blanches Gefühle vielleicht wärmer als die ihres Gatten. Der schöne, unbewußte Liebesblick (bei dem alle Frauenaugen einander vollkommen gleichen) leuchtete Taffy entgegen, so oft er sie ansah und erfüllte sein Herz mit Beschämung und einem sonderbaren Gefühl seiner eigenen Unwürdigkeit. Dann wurde ihnen ein Knabe geboren und der Liebesblick fiel auf das Kind; der gute Taffy sah, wie der Blick an ihm vorüberflog und empfand eine ohnmächtige, komische Eifersucht, die ihn schmerzte und quälte, trotzdem sie so lächerlich war. Ein zweiter Knabe kam und ein dritter, auf denen nun der Liebesblick der Mutter ruhte, und nur der Abglanz desselben fiel noch auf ihren Vater. Der 425 aber fing den Blick auf und ließ ihn jetzt aus seinen eigenen Augen auf die Gattin herableuchten. Und da keine Tochter kam, blieb sie ihr ganzes Lebenlang im Alleinbesitz dieses freundlichen, liebevollen Sonnenstrahls. Sie sind nicht sehr reich. Taffy leistet noch immer Großes als Turner und Jäger; als Maler hat er weniger Erfolg, und wenn er seine Bilder nicht verkauft, so kommt das schwerlich daher, daß sie für den Geschmack des Publikums zu gut sind. Er selbst giebt sich darüber keinen Täuschungen hin; daß seine Frau es zuweilen thut – möchte ich nicht bestreiten. Von allen Kunstpfuschern, die ich kenne, ist keiner so wenig eingebildet – und mir sind viel ärgere Pfuscher als Taffy vorgekommen. Ich wollte nur, ich könnte seinen Vetter, Sir Oscar, nebst dessen fünf Söhnen umbringen (die Wynnes sind alle reich an männlichem Nachwuchs), desgleichen die siebzehn Enkel und vierzehn Vettern, die zwischen Taffy und dem Freiherrntitel nebst den dazu gehörigen Gütern stehen. Dann wäre er ›Sir Taffy‹, und wir dürften die liebe Blanche Bagot (von ehedem) ›Mylady‹ nennen. Ich gestehe, daß es mir durchaus keine Gewissensbisse machen würde, ein solches, echt Shakespearesches Menschenopfer zu vollziehen. Wenn man genötigt ist, seinen ersten Helden sterben zu lassen, so ist die Versuchung groß, wenigstens dem Helden Numero zwei alle Reichtümer zuzuwenden, die sich nur ausdenken lassen – ihm nicht nur einen Titel zu 426 verleihen, sondern auch ein Schloß mit großem Park, außer einer schönen Frau und lieben Kindern! Aber meine Wahrheitsliebe erlaubt mir das leider nicht, um so mehr, als ich überzeugt bin, daß die Leutchen ohne das alles ebenso glücklich sind. Sie haben wenigstens Geld genug, um eine Woche in Paris zuzubringen, noch dazu im Grand Hôtel! Zwei ihrer Söhne sind jetzt auf der Schule in Harrow (wo auch ihr Vater seine Erziehung genossen hat), und der dritte ist eben, zur Freude der Eltern, in die vorbereitende Anstalt aufgenommen worden. Es ist ihr erster Ausflug seit der Hochzeitsreise, und sie hatten eigentlich mit dem Laird verabredet, daß er sie begleiten sollte. Aber der gute Laird von Cockpen (der jetzt ein berühmtes Mitglied der Kunstakademie ist) denkt eben daran, seine eigenen Flitterwochen zu halten. Er ist nach Schottland gereist, um Hochzeit zu feiern. Seine Erwählte ist eine kluge und hübsche Landsmännin von ihm, die im Alter zu ihm paßt und die er schon als kleines Mädchen in kurzen Kleidchen gekannt hat. Es ist eine Vernunftheirat, die, auf gegenseitiger Zuneigung und Achtung begründet, sicherlich sehr glücklich ausschlagen wird. Vielleicht sitzen die Neuvermählten schon zwei Wochen später an demselben kleinen Ecktischchen im Hof des Grand Hôtel, die junge Frau lacht über alles, was ihr Gatte sagt, und so leben sie vergnügt mit einander bis an ihr seliges Ende. 427 So steht es mit d'Artagnan, dem Helden Numero drei. Auf deine Gesundheit, lieber Sandy Mc Allister! Du schlauster, lustigster und behaglichster aller Schotten! Du feinster, zartester und phantasiereichster aller britischen Maler! Ich trinke auf dein und deiner Familie Wohl, langes Leben und fröhliches Gedeihen.   So sind denn Taffy und seine Frau allein ausgezogen auf ihre zweite Hochzeitsreise im Hochsommer ihres Lebens; sie sind auch ganz zufrieden, daß es sich so gefügt hat. Wenn bei einem Ehepaar die eine Hälfte zu unterhalten versteht und die andere sich leicht unterhalten läßt, sind sie die beste Gesellschaft für einander. Die beiden benutzen ihre Zeit gut und lassen sich nichts entgehen. Sie haben schon im Quartier latin die alten, wohlbekannten Plätze besucht und sind sogar durch die Portiersfrau (es ist nicht mehr Madame Vinard) auf Gefälligkeit in das Atelier eingelassen worden. Von den jetzigen Inhabern, zwei amerikanischen Malern, die sie mitten in der Arbeit finden, werden sie mit kalter Höflichkeit empfangen. Das Atelier ist funkelnagelneu angestrichen und sieht höchst anständig aus. Trilbys Fuß, mit dem Gedicht unter Glas und Rahmen, ist verschwunden; an seiner Stelle steht ein schönes Bücherbrett. Die neue Portiersfrau ist erst seit einem Jahr da und hat nie etwas von Trilby gehört; 428 von den Vinards weiß sie nur, daß sie reich und glücklich sind und irgendwo im südlichen Frankreich leben: Monsieur Vinard ist Schultheiß des Ortes geworden. Que le bon Dieu les bénisse, c'étaient de bien braves gens! Dann sind Herr und Frau Taffy in einem offenen, zweispännigen Wagen durch das Bois de Boulogne nach St. Cloud gefahren, und nach Versailles, wo sie im Hotel des Réservoirs gefrühstückt haben – parlez-moi de ça! – nach St. Germain und nach Meudon. Dort sind sie in der loge du garde champêtre (einem neuen) eingekehrt. Sie haben auch den Salon besucht, den Louvre, die Porzellanfabrik in Sèvres, die Gobelins, das Hotel Cluny, den Dom der Invaliden mit Napoleons Grab, haben ein halbes Dutzend Kirchen gesehen, darunter Notre Dame und die Sainte Chapelle. Bei Dodors haben sie in ihrer reizenden Villa in der Nähe von Asnières zu Mittag gegessen, bei den Zouzous in dem prachtvollen Hôtel de la Rochemartel und bei Duriens im Parc Monceau. (Bei Dodor fanden sie die Küche am besten, bei Zouzou am schlechtesten; bei Durien war die Gesellschaft und die Unterhaltung so gut, daß sie ganz vergaßen auf das Essen zu achten – das war wirklich schade). Die kleinen Dodors sind allerliebst und auch die kleinen Duriens. Was Zouzous Kinder betrifft, so hat er keine – und das ist ein wahres Glück. Sie haben auch Madame Chaumont im Théatre des 429 Variétés gesehen und Sarah Bernhardt, Coquelin und Delaunay im Théatre Français; und in der Oper haben sie Lasalle gehört! Heute ist ihr letzter Tag, da wollen sie nur noch auf den Boulevards herumschlendern, Einkäufe machen, irgendwo frühstücken › sur le pouce ‹, noch einmal nach dem Bois de Boulogne fahren, um tout Paris zu sehen, früh zu Mittag essen (bei Bignon oder im Café des Ambassadeurs) und zum Schluß ihres wohlangewendeten Tages in das neue Theater – les Mouches d'Espagne – auf dem Boulevard Poissonnière gehen, wo Madame Cantharidi in den Petits Bonheurs de Contrebande auftritt. Es soll ein sehr lustiges und anständiges Stück sein – komisch, aber nicht gemein. Sie wissen das von Dodor, der es mit seiner Frau drei- oder viermal gesehen hat. Madame Cantharidi ist, wie jedermann weiß, eine hochbegabte aber sehr häßliche alte Frau von fleckenlosem Ruf, mit ganz ausgesungener Stimme. Sie ist die ehrwürdige Mutter einer großen Schar sehr wohlerzogener, schon erwachsener Kinder, die aber ihre Mutter (und Großmutter) nie auf der Bühne gesehen haben – nicht einmal die Söhne. Ihr vortrefflicher Vater (der Frau und Kinder vergöttert), hat das unter keiner Bedingung zugeben wollen. Im Privatleben ist sie ganz die feine Dame, aber auf den Brettern – seht sie nur einmal, dann versteht 430 ihr sicherlich, warum das Pariser Publikum so für sie schwärmt. Sie ist die echte und wahre Verkörperung des modernen esprit gaulois, über den der gute Rabelais, glaube ich, erröten und sich im Grabe umwenden würde. Die Liebe und dankbare Verehrung ihrer chers Parisiens verdient sie im vollsten Maße. Während des ganzen Empire hat sie ihnen Kurzweil bereitet, im année terrible ist sie ihr Trost und ihre Stütze gewesen und in der darauf folgenden Zeit ihr Hauptvergnügen bis zum heutigen Tag. Möchte Madame Cantharidi noch immer auf ihrem Posten in den Mouches d'Espagne sein, wenn einst die Helden von der Revanche zurückkehren! Sie wird dann ihre komische alte Stimme erheben, um mit ihnen zu krähen, oder sie vielleicht wieder zu trösten – je nachdem die Sache ausfällt. Lachen werden sie jedenfalls, ob sie Sieger sind oder Besiegte. Frau Taffy ist im Französischen nicht sehr bewandert. Man muß mit der Sprache ganz vertraut sein (und mit vielen andern Dingen), um den feinen Witz in Madame Cantharidis Spiel (und Zwischenspiel) aufzufassen. Aber Madame Cantharidi hat einen so komischen Gesichtsausdruck und so drollige Bewegungen, daß Frau Taffy sich jedesmal vor Lachen ausschütten möchte, wenn die kleine alte Dame auf die Scene kommt. Sie lacht so herzlich, daß ein guter Pariser Bourgeois sich umwendet und zu 431 seiner Gattin sagt: » V'là une jolie p'tite Anglaise qui n'est pas bégueule au moins! Et l'gros boeuf avec les yeux bleus en boules de loto - c'est son mari sans doute! il n'a pas l'air trop content par exemple, celui-là! « Der gute Taffy (der ausgezeichnet Französisch kann) ist nämlich ganz entrüstet und sehr böse auf Dodor, der ihnen geraten hat, in die Mouches d'Espagne zu gehen. Er will, sobald der erste Akt aus ist, in aller Stille mit seiner Frau verschwinden. Einstweilen faßt er sich in Geduld, und in seiner Entrüstung lacht er nicht einmal mehr bei den Stellen, die nur komisch sind und nicht gemein. Statt dessen beobachtet er einen kleinen, weißhaarigen Mann im Orchester, der ihm bekannt vorkommt, trotzdem er bis jetzt nur seinen Rücken gesehen hat. Er begleitet eben Madame Cantharidi, die ein Lied voll sehr derber Komik zu singen hat, auf seiner Geige und spielt so meisterhaft, so wunderschön, daß der laute Beifall des Publikums ihm ebensosehr gilt, als der Sängerin. Jetzt wendet der Violinist etwas den Kopf; sein Profil wird sichtbar und Taffy erkennt ihn. Nach kurzer Überlegung reißt Taffy ein Blatt aus seinem Notizbuch und schreibt in ganz regelrechtem Französisch: »Lieber Gecko! – Sie werden sich ohne Zweifel noch an Taffy Wynne erinnern und an den kleinen Billy und des kleinen Billy Schwester, die jetzt Frau Taffy Wynne 432 ist. Wir verlassen morgen Paris und möchten Sie sehr gern vorher wiedersehen. Wollen Sie nicht nach dem Theater mit uns im Café Anglais zu Abend essen? Wenn Sie kommen können, nicken Sie nur mit dem Kopfe, und es wird Sie mit Freuden erwarten Ihr herzlich ergebener Taffy Wynne.« Den zusammengefalteten Zettel giebt er einem Logenschließer für › le premier violon - celui qui a des cheveux blancs. ‹ Gleich darauf sieht er, wie Gecko das Briefchen erhält, es liest und eine Weile darüber nachsinnt. Dann sieht sich Gecko im Theater um, Taffy winkt ihm mit dem Taschentuch und sein Blick begegnet dem des premier violon , der mit dem Kopfe nickt. Der erste Akt ist aus. Herr und Frau Wynne verlassen das Theater. Er erklärt ihr, weshalb, und sie ist ganz bereit, ihm zu folgen, da sie eben anfing, sich recht unbehaglich zu fühlen, ohne doch zu wissen, was ihr an der lebhaften Madame Cantharidi eigentlich mißfällt. Sie gehen nach dem Café Anglais, lassen sich ein kleines, behagliches Zimmer im Entresol geben, das auf den Boulevard hinaussieht, und bestellen ein gutes Abendessen, Fricassé, Hummer-Mayonnaise, noch ein paar andere erlesene Gerichte und Chambertin von der besten Sorte. Wenn es ein Fest gilt, nimmt Taffy alle solche Dinge sehr 433 genau, und es kommt ihm auf die Kosten nicht an. Porthos ist äußerst gastfrei und liebt ein gutes, reichliches Mahl und Athos trinkt gern guten Wein. Bis das Theater aus war, blieben sie in dem Café an der Westecke der Boulevards, nicht weit von der großen Oper, wo es immer sehr lustig zugeht. Sie saßen an einem der kleinen Tische draußen, studierten das Pariser Leben und versparten ihren Appetit auf das Nachtessen. Um halb zwölf Uhr erschien Gecko, sehr bescheiden und demütig. Er sah alt aus – wenigstens zehn Jahre älter, als er wirklich war; nach seiner gebückten Haltung zu urteilen, mußte die Last des Lebens wohl für seine Schultern zu schwer gewesen sein und ihn zu Boden drücken. Nachdem er Frau Taffy die Hand geküßt hatte, schien er nicht übel Lust zu haben, auch Taffys Hand zu küssen, so gerührt war er über das Wiedersehen und so dankbar für die Einladung zum Abendessen. Er war zutraulich und anhänglich wie ein treuer Hund; man mußte ihm auf der Stelle gut sein, schon wegen seiner Einfachheit und Aufrichtigkeit, die noch ebenso goldecht war, wie früher. Zuerst konnte er vor Aufregung kaum essen, aber Taffys gutes Beispiel, die unbefangene Herzlichkeit von Taffys Frau und ein paar Gläser Chambertin brachten ihn bald in eine behagliche Stimmung und weckten den schlummernden und nur allzu großen Appetit des armen Menschen. Sie teilten ihm mit, daß der kleine Billy gestorben 434 sei, und er war tief gerührt, als er erfuhr, was seinen Tod verursacht hatte. Dann sprachen sie von Trilby. Gecko zog die Uhr aus seiner Westentasche, drückte ehrfurchtsvoll die Lippen darauf und rief: » Ah! c'était un ange! un ange du Paradis! Fünf Jahre habe ich mit ihnen zusammen gelebt und o – diese Güte! Dio Maria! Immer hieß es: Gecko hier – Gecko da – ›armer Gecko, wie leid thut es mir, daß Du Zahnweh hast‹, oder: ›Du siehst so blaß und müde aus, Gecko, das macht mich ganz unglücklich. Soll ich Dir ein Glas Maitrank bringen?‹ oder ›Gecko, Du issest die Artischoken à la Barigoule so gern – sie erinnern Dich an Paris, das hast Du einmal gesagt; ich weiß jetzt, wo man Artischoken bekommt und kann sie Dir à la Barigoule zubereiten, dann wollen wir sie heute, morgen und die ganze Woche lang alle Tage zu Mittag essen.‹ Und das thaten wir. »Ach, ihre himmlische Güte war mir tausendmal lieber, als alle Artischoken à la Barigoule  . . . »So war sie immer für alle besorgt – auch für Svengali und die alte Martha. Mit ihrer eigenen Gesundheit ging es schlecht – sie fühlte sich nie wohl – toujours souffrante. »Dabei war sie es, die uns alle erhielt – oft sogar in Pracht und Luxus.« »Und was für eine ausgezeichnete Künstlerin ist sie geworden!« rief Taffy. 435 »Jawohl – aber das kam alles von Svengali. Er war der größte Künstler, den ich je gesehen habe. Glauben Sie nur, Monsieur – Svengali war ein Zauberer, ein Dämon: Früher hielt ich ihn für einen Gott. Er hat mich auf der Straße gefunden, wo ich mir mit meiner Fiedel ein paar Kupfermünzen verdiente. Da reichte er mir die Hand, nahm sich meiner an und lehrte mich alles, was ich weiß – und doch konnte er mein Instrument nicht einmal spielen. »Seit er tot ist, habe ich sehr viel verlernt. Das englische Gefängnis ist schuld daran; es hat mich heruntergebracht und für immer zu Grunde gerichtet. Ach, quel enfer, nom de Dieu (pardon Madame)! Ich tauge nur noch dazu, die Begleitung in den Mouches d'Espagne zu spielen, wenn die alte Cantharidi singt: › V'là mon mari qui r'garde! Prends garde! Ne m'chatouille plus! ‹ Man braucht nicht viel ob-ligato zu so schönen, so erhabenen Versen, hein? »Und dies Lied singt man jetzt in ganz Paris; in demselben Paris, das außer sich war vor Begeisterung, als Trilby den ›Nußbaum‹ von Schumann im Saal der Baschi-Bozuks sang. Sie haben es gehört, nicht wahr? Nun, dann urteilen sie selbst.« Dabei versuchte der arme Gecko, spöttisch zu lachen wie Svengali, ein Lachen voller Hohn und Bitterkeit – und es glückte ihm beinahe. »Aber weshalb haben Sie denn Svengali verwundet? – nach ihm mit – mit dem Messer gestoßen?« » Ah, monsieur, , ich konnte mich schon lange kaum mehr bezwingen. Er strengte Trilby zu sehr an, es mußte sie umbringen – zuletzt war es auch ihr Tod. Und er schalt und schimpfte sie – ganz abscheulich – und einmal in London schlug er nach ihr. Er schlug sie auf die Finger mit dem Taktstock – da fiel sie auf die Kniee und weinte. »Monsieur, ich würde Trilby gegen eine Lokomotive verteidigt haben, die mit grande vitesse daherkam, gegen meinen eigenen Vater, gegen den Kaiser von Österreich – gegen den Papst! und ich bin doch ein guter Katholik, Monsieur. Ich würde für sie auf das Schaffot gestiegen sein und zur Hölle gefahren!« Dabei bekreuzte er sich inbrünstig. »Aber Svengali – liebte er sie denn nicht auch?« »O ja, monsieur, quant à ça, leidenschaftlich. Aber sie liebte ihn nicht, wie er wollte. Sie liebte Kleinerbili, Monsieur! Kleinerbili, der Bruder von Madame. Und ich glaube, Svengali wurde zuletzt zornig und eifersüchtig. Er war wie umgewandelt, seit er nach Paris kam. Vielleicht erinnerte ihn Paris an Kleinerbili und war auch schuld daran, daß Trilby immer an ihn denken mußte.« »Aber wie hat er es nur zu Wege gebracht, daß sie so singen lernte? Sie war doch ganz unmusikalisch – so lange wir sie kannten?« 437 Gecko schwieg eine Weile; Taffy füllte sein Glas, gab ihm eine Zigarre und zündete sich selbst eine an. »Monsieur, freilich, das ist wahr – sie hatte wenig Gehör. Aber eine Stimme besaß sie, wie es nie eine zweite geben wird. Svengali wußte das; er hatte es längst entdeckt. Auch Litolff war es aufgefallen. Eines Tages hörte Svengali, wie Litolff zu Meyerbeer sagte: die schönste weibliche Stimme von ganz Europa steckte in der Kehle einer englischen Grisette, die den Bildhauern des Quartier latin Modell stände, aber unglücklicherweise hätte sie kein musikalisches Ohr und brächte keinen einzigen richtigen Ton heraus. – Sie können sich denken, wie Svengali sich ins Fäustchen lachte – es ist mir ordentlich, als sähe ich ihn. »Wir nahmen sie beide in die Lehre – drei Jahre lang – morgens, mittags und abends – sechs, acht Stunden den Tag. Es brach mir fast das Herz, sie so abgearbeitet zu sehen. Jeder ihrer Töne wurde einzeln vorgenommen, und sie hatten gar kein Ende, einer war immer schöner als der andere – Sammet und Gold, Blumen, Perlen, Diamanten, Rubinen – Honigseim und Tautropfen – Pfirsiche, Orangen und Zitronen! en veux-tu en voilà! – alle Gewürze und Wohlgerüche des Paradiesgartens! – Wir lehrten sie, wie sie die Töne erzeugen und gebrauchen sollte – Svengali mit seiner kleinen Flöte und ich mit der Geige. Sie war ein phénomène, monsieur. Jede Note konnte sie aushalten, so lange Svengali wollte, 438 und alle Gefühle ausdrücken, je nach der Art, wie Svengali sie anschaute. Man mußte weinen, man mußte lachen, man glaubte, der Ton, den sie gerade sang, sei sicherlich der schönste und ergreifendste, den man je gehört hatte. Aber so war es mit allen ihren Tönen; jeder einzelne hatte so viele verschiedene Klangfarben, wie das Glockenspiel von Notre Dame. Sie sang chromatische Läufe und Tonleitern aufwärts und abwärts viel rascher, besser und gleichmäßiger, als Svengali sie auf dem Klavier spielte; und erst ihr Triller – ach, der war wundervoll, wie ein paar Zwillingssterne! Sie hatte den tiefsten Alt und den höchsten Sopran, der je an eines Menschen Ohr geklungen ist. Ihresgleichen ist noch nie dagewesen und wird nie wieder geboren werden. Und nur zwei Jahre lang hat man sie öffentlich bewundern dürfen! »Erinnern Sie sich noch an ihre kühnen Läufe und plötzlichen Pausen – an die Sprünge von der Dunkelheit ins Licht und wieder zurück – von der Erde zum Himmel! Wie sie emporschoß und dahinglitt wie eine Schwalbe – eine Möve im Flug und die Töne schleifte à la Paganini? es war, um wahnsinnig zu werden! Keine andere Sängerin in der Welt dürfte das wagen! Es kam von Svengali . . . er war ein Hexenmeister. »Und wie sie aussah, wenn sie sang – wissen Sie es noch? Die Hände auf dem Rücken, den lieben, schönen schmalen Fuß auf dem kleinen Schemel, ihr langes, 439 aufgelöstes Haar und das freundliche Lächeln, so mild und gütig, wie die Madonna. Ach, bel ucel di Dio, man hätte vor Liebe weinen mögen, wenn man sie nur ansah ( c'était à vous faire pleurer d'amour, rien que de la voir )! Trilby war ja zugleich die lieblichste Nachtigall und der reizendste Paradiesvogel! »Ich sage Ihnen, ihr war nichts zu schwer – jeden Ton brachte sie heraus, wenn es ihr Svengali nur einmal gezeigt hatte – er war der größte Meister auf Erden. Und was sie gelernt hatte, das konnte sie. Et voilà! « »Wie merkwürdig,« sagte Taffy, »daß sie an jenem Abend in Drury Lane so plötzlich den Verstand verloren hat und alles vergaß. Vermutlich hatte sie es mit angesehen, wie Svengali ihr gegenüber in der Loge gestorben ist, und das brachte sie von Sinnen.« Darauf erzählte Taffy dem kleinen Geiger von Trilbys Schwanengesang vor ihrem Tode und von Svengalis Bildnis. Doch Gecko hatte das alles von Martha gehört, die nun auch schon seit mehreren Jahren tot war. Gecko saß eine Weile nachdenklich da, rauchte weiter und sah bald Taffy, bald dessen Frau an. Endlich raffte er sich mit Gewalt zusammen und sagte: »Monsieur, sie hat nie den Verstand verloren – auch keinen Augenblick.« »Was? Sie wollen doch nicht behaupten, daß sie uns alle betrogen hat!« » Non, monsieur! Betrogen hat sie in ihrem Leben 440 keinen Menschen, das konnte sie gar nicht. Sie hatte alles vergessen – voilà tout! « »Unsinn, Freund, man vergißt doch nicht eine solche –« »Monsieur, hören Sie mir zu. Sie ist tot; Svengali ist tot und Martha auch. Ich aber habe ein gutes kleines Leiden, das mich bald umbringen wird, Gott sei Dank – und ohne viele Schmerzen. »Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: »Es hat zwei Trilbys gegeben. Die eine Trilby, die Sie gekannt haben, konnte keine Note singen. Sie war ein Engel aus dem Paradies – dort weilt sie jetzt. Aber sie konnte ebenso wenig singen, wie ich bei einem Wettrennen den Preis davontragen könnte. Sie hat nie gelernt, die Töne von einander zu unterscheiden – eine Geige kann doch nicht allein spielen! – Erinnern Sie sich noch, wie sie ›Ben Bolt‹ sang, an dem Tage, als sie zum erstenmal in das Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts kam? Das war drollig, hein? à se boucher les oreilles. Nun sehen Sie, das war Trilby, Ihre Trilby! Das war auch meine Trilby – und ich liebte sie, wie man die einzige Geliebte, die einzige Schwester, das einzige Kind liebt – sie war eine Märtyrerin auf Erden und jetzt ist sie – Heilige im Himmel. O diese Trilby genügte mir vollkommen! »Das war auch die Trilby, welche Ihren Bruder geliebt hat, Madame, o, und von ganzem Herzen! Ihr armer Bruder wußte nicht, wieviel er verloren hat, denn ihre 441 Liebe war so unendlich groß, wie ihre Stimme und gerade so voll Mitgefühl und himmlischer Holdseligkeit. Sie hat mir erzählt, wie alles zugegangen ist! – Ce pauvre Kleinerbili, ce qu'il a perdu! »Aber dann auf einmal – prrr – schnell – presto – im Nu – mit einer Bewegung seiner Hand über sie hin – einem Blick seines Auges – einem Wort – konnte Svengali sie in die andere Trilby – seine Trilby – verwandeln – die alles thun mußte, was er wollte . . . mit glühenden Nadeln hätte man sie stechen können, sie würde nichts gefühlt haben . . . . »Er brauchte nur zu sagen: › Dors! ‹ und sie war wie aus Marmor gehauen, ohne Bewußtsein. Diese Trilby brachte wundervolle Töne hervor – aber nur die Töne, die er haben wollte, sonst keine. Sie dachte, was er dachte, wünschte, was er wünschte und liebte ihn, weil er sie dazu zwang, mit einer Liebe, die nicht wirklich war, nur künstlich gemacht – nichts als seine Eigenliebe, nach außen gekehrt – à l'envers – – die wie aus einem Spiegel wieder auf ihn zurückstrahlte . . . un écho, un simulacre, quoi! pas autre chose!... etwas so Wertloses! es machte mich nicht einmal eifersüchtig! »Das war die Trilby, die er singen lehrte – und – und ich half ihm dabei – Gott im Himmel verzeih mir's! Sie war nur eine Gesangmaschine, eine Spieluhr, ein Musikinstrument, eine Stradivariusgeige – eine Flöte von 442 Fleisch und Bein – nichts als eine Stimme – Svengalis inwendige Stimme, mit der er Musik machte. Denn, um zu singen wie die Svengali, Monsieur, müssen zwei da sein: eins muß die Stimme haben und das andere sie zu gebrauchen wissen . . . Als Sie den ›Nußbaum‹ von ihr hörten und das Impromptu, da war es Svengali, der mit ihrer Stimme sang, gerade so, wie Joachim seine Geige nimmt und eine Chaconne von Bach darauf spielt . . . Was weiß denn Joachims Geige von Sebastian Bach oder von seiner Chaconne? . . . il s'en moque pas mal, ce fameux violon!... »Und was wußte denn unsere Trilby von Schumann oder Chopin? Ganz und gar nichts. Nußbäume und Impromptus hätten sie nur gelangweilt; sie würde den Gähnkrampf davon bekommen haben . . . Wenn Svengalis Trilby ihre Lieder sang, oder zu singen schien – dann war unsere Trilby gar nicht vorhanden . . . unsere Trilby schlief den Zauberschlaf . . . eigentlich war sie tot. Ah, monsieur... ich habe Svengalis Trilby singen hören in Palästen, vor Fürsten und Königen, wie noch nie ein Weib auf Erden gesungen hat . . . ich habe gesehen, wie Kaiser und Prinzen ihr die Hand küßten, Monsieur, und ihre Frauen und Töchter sie weinend in die Arme schlossen. »Ich habe gesehen, wie man ihr die Pferde ausspannte und vornehme Herren sie bis nach dem Hotel zogen . . . Fackelzüge und Singchöre begleiteten sie und man schrie 443 Vivat und Gloria! Die ganze Nacht hindurch brachte man ihr Ständchen unter ihrem Fenster . . . Sie wußte nichts davon – sie hörte nichts, fühlte nichts, sah nichts – sie verneigte sich nur nach rechts und nach links, wie eine Königin. »Ich habe sie auf meiner Fiedel begleitet, als sie noch auf der Straße sang, bei Jahrmärkten, Volksfesten und auf der Kirchweih . . . die Leute, die sie hörten, gerieten ganz außer sich . . . einmal fiel Svengali in Ohnmacht vor lauter Aufregung; da wachte unsere Trilby plötzlich auf und begriff nicht, was mit ihr vorgegangen sein konnte . . . Wir schafften ihn nach Hause, brachten ihn zu Bett und überließen ihn Marthas Pflege. Dann ging ich mit Trilby Arm in Arm durch die ganze Stadt: wir holten einen Arzt und machten Einkäufe. Das war die glücklichste Stunde meines Lebens! »Ach, was für Erlebnisse, was für Triumphe, was für Abenteuer gab es während der fünf Jahre mit den beiden Trilbys! Man könnte Dutzende von Büchern damit anfüllen. Die Erinnerung verläßt mich nie – Tag und Nacht denke ich daran . . . selbst wenn ich die alte Cantharidi auf der Geige begleite, muß ich denken, wie oft ich zum Gesang der Svengali gespielt habe . . . das war ein Leben! . . . Und dann heimzukommen zu Trilby . . . zu unserer , zu der wirklichen Trilby . . . Gott sei Dank! Ich habe gelebt und geliebet! . . . Christo di Dio... 444 Du verklärte Schwester im Himmel . . . – O Dieu de misère, ayez pitié de nous... «   Die Augen des armen Gecko waren rot, seine Stimme klang scharf und wie von Thränen erstickt, die Erinnerung überwältigte ihn; vermutlich war ihm auch der Chambertin zu Kopfe gestiegen. Er legte die Arme auf den Tisch, begrub sein Gesicht in den Händen, weinte und murmelte in seiner Muttersprache etwas vor sich hin (auf Polnisch vielleicht), als ob er bete. Taffy und seine Frau waren aufgestanden; sie lehnten am Fenster und sahen auf den verödeten Boulevard hinaus, wo eine Schar von Gassenkehrern schweigsam und geräuschlos beschäftigt war, das Asphaltpflaster zu reinigen. In der dunkeln Nacht leuchteten nur wenige Sterne, ein frischer Morgenwind hatte sich erhoben und rauschte in den Blättern der Sykomoren längs des Boulevards; er kühlte und reinigte die Luft, und das war eine Wohlthat für Paris. Unten fuhr eine Droschke im Schritt vorbei; der Kutscher summte eine Melodie. Taffy rief ihn an. » V'là, monsieur! « antwortete er und fuhr vor. Taffy klingelte, verlangte die Rechnung und bezahlte. Dann weckte er Gecko, der eingeschlafen war und sagte ihm, wie spät es sei. Der arme kleine Geiger war wie betäubt und etwas im Rausch – er sah noch älter aus, als vorhin – sechzig, siebzig – so alt, wie ein Mensch nur sein 445 kann. Taffy half ihm in seinen Überrock, reichte ihm den Arm, führte ihn die Treppe hinunter, gab ihm seine Visitenkarte, sagte, wie sehr er sich gefreut habe, ihn wieder zu sehen und daß er ihm bei seiner Rückkehr nach England schreiben werde. Ohne Zweifel hat er dies Versprechen gehalten. Gecko nahm die Mütze von seinem krausen weißen Haar, ergriff Frau Taffys Hand, drückte die Lippen darauf und dankte ihr herzlich für ihren › si bon et sympathique accueil ‹. Dann schob ihn Taffy in die Droschke und der lustige Kutscher sagte: » Àh! bon - connais bien celui-là; vous savez - c'est lui qui joue du violon aux Mouches d'Espagne! Il a soupé l'bourgeois; n'est-ce pas, m'sieur? 'petits bonheurs de contrebande', hein?... Ayez pas peur! on vous aura soin de lui! Il joue joliment bien, m'sieur; n'est-ce pas? « Taffy schüttelte Gecko die Hand und fragte: » Où restez-vous , Gecko?« » Quarante-huit, Rue des Pousse-Cailloux, au cinquième. « »Wie sonderbar!« sagte Taffy zu seiner Frau, »wie rührend! Das ist ja die Straße, in der Trilby damals wohnte; auch dieselbe Nummer, dasselbe Stockwerk.« » Oui, oui, « rief Gecko, sich ermunternd, c'est 446 l'ancienne mansarde à Trilby - j'y suis depuis douze ans - j'y suis, j'y reste!... Er lachte leise und wohlgefällig vor sich hin. Taffy sagte dem Kutscher die Adresse und gab ihm ein Fünffrankstück. Merci, m'sieur! C'est de l'aut' côté de l'eau - près de la Sorbonne, s'pas? On vous aura soin du bourgeois; soyez tranquille - ayez pas peur! - quarante-huit; on y va! Bonsoir monsieur et dame! Er klatschte mit der Peitsche, rasselte davon und sang: » V'là mon mari qui r'garde!   Prends garde! Ne m'chatouill' plus! « Herr und Frau Wynne gingen zu Fuß nach dem nahen Hotel zurück. Sie hing an seinem Arm und schmiegte sich dicht an ihn; es fröstelte sie ein wenig. Die Luft war ordentlich kühl geworden. Ihre Schritte hallten ungewöhnlich laut durch die Stille – tipp tapp, tipp tapp – aber sie schwiegen beide: sie waren müde, schläfrig und in sehr trauriger Stimmung. Beide dachten (mit merkwürdiger Übereinstimmung), daß sie an einer Woche in Paris vollkommen genug hätten. Wie glücklich würden sie sein, schon in wenigen Stunden wieder die Krähen um ihr stilles, englisches Landhaus krächzen zu hören! Dann kamen auch bald die Ferien und sie durften ihre drei lustigen Knaben wieder daheim erwarten! 447 So wollen wir sie denn ihrem nützlichen, gleichförmigen häuslichen Leben überlassen, dem glücklichsten, das ich auf Erden kenne, wenn man, wie sie, ein gewisses Alter erreicht hat und doch noch in den besten Jahren ist. » Où peut on être mieux qu'au sein de sa famille? « Das ist der sicherste Zufluchtshafen, den wir erreichen können. Haben wir uns nur erst einmal die Hörner abgelaufen und die Weisheitszähne bekommen, so daß wir nicht mehr danach verlangen, den Mond vom Himmel herunter zu holen, dann lernen wir auch uns begnügen, und brauchen wenig hienieden . . . .   Nur etwas Glück, nach Not und Plag', Nur etwas Lust – dann Guten Tag!   Nur etwas Glut, von Lieb' entfacht, Nur etwas Licht – dann Gute Nacht!   Nur etwas Scherz bei allen Sorgen Der Tageslast – dann Guten Morgen!   Nur etwas Hoffnung im Trennungsweh Auf Wiederfinden – und dann Ade! –   Ende .