Georg Groddeck Der Seelensucher   *   1971 Limes Verlag Wiesbaden (Reprint der Ausgabe im Internationalen Psychoanalytischen Verlag Leipzig–Wien–Zürich von 1921)     Inhalt. 1. Kapitel. Agathe, der Herausgeber, August Müller und der Seelensucher 2. Kapitel. Die Wanzen kriechen hervor 3. Kapitel. Ein Scharlachfall. Dr. Vorbeuger. Ein Fluchtversuch 4. Kapitel. August wird eingesperrt, Agathe besucht ihn 5. Kapitel. Die Wanzen werden angesteckt. Augusts Berufung 6. Kapitel. Der Vikar wird durch ein junges Mädchen in die Geschichte verwickelt und hat ein Stelldichein 7. Kapitel. August Müller stirbt 8. Kapitel. Thomas Weltlein begegnet dem Sein, dem Werden und dem Fittich der Tat 9. Kapitel. Der Lumpenwilhelm und Agathes Uhr 10. Kapitel. Der Weg der Schmerzen 11. Kapitel. Ein Weinbergskarl und noch einer 12. Kapitel. Der Tunnel der Erniedrigung. Kleider machen Leute 13. Kapitel. Verrückt oder boshaft? 14. Kapitel. Strickt der Strumpf oder wird er gestrickt? 15. Kapitel. Docendo discimus 16. Kapitel. Eine Wanze, die mit Gedanken und Goldwasser malt 17. Kapitel. Wie Lachmann einen Stein rollen läßt 18. Kapitel. Thomas macht am Insekt Mensch Experimente über psychisch-physische Ansteckung 19. Kapitel. Vom Nutzen der Krankheit 20. Kapitel. Wie sich Frauen und wie sich Thomas die Hebung der Sittlichkeit denken 21. Kapitel. Was eine Glocke ist. Agathe reist ab und Thomas spielt Eisenbahn 22. Kapitel. Nicht wahr, zwei Damen? Und der Schlag aufs Paradiesesäpflein 23. Kapitel. Von der inneren Ansteckung, dem Artikel, Held Onan und der Entrüstung des Lesers 24. Kapitel. Großes und kleines Geschäft. Der Kegelkönig 25. Kapitel. Das vierte Gebot. Apfelkraut und Hosenbein. Musik und Liebe 26. Kapitel. Eine Schlägerei. Was das Du eines Prinzen vermag 27. Kapitel. Ein langweiliges Kapitel, das aber nicht unterschlagen werden kann, da es vom Waschen und dem Geheimnis der Sixtinischen Madonna handelt 28. Kapitel. Noch ein Museumsbesuch, ebenso langweilig wie der vorige 29. Kapitel. Die Idee des Pferdes und der Wettkampf mit dem Löwen 30. Kapitel. Der Narr als Held. Vom Sozialismus 31. Kapitel. Wie Thomas die Welt von unten ansieht und was es mit Mädchenfreundschaften auf sich hat 32. Kapitel. Ein Verbrechen? Der Gruß des Kaisers und die Resultate des Studiums 33. Kapitel. Agathe erscheint wieder 34. Kapitel. Mathematik als reine Wissenschaft. Kinderverse und das Rätsel der Brustwarzen 35. Kapitel. Der rote Prinz. Willkommen und Abschied 36. Kapitel. Tod und Begräbnis. Agathe beansprucht Thomas Weltleins Vermögen, Lachmann den Seelensucher und Alwine seinen Unglauben Nachträge aus der Arche Georg Groddeck zum Seelensucher     1. Kapitel. Agathe, der Herausgeber, August Müller und der Seelensucher. Meine Freundin, Frau Agathe Willen, hat mich auf ihrem Sterbelager beauftragt, die Geschichte ihres Bruders, des wunderlichen Herrn Thomas Weltlein zu veröffentlichen. »Thomas,« sagte sie, »war der beste Mensch und der Gescheiteste, den ich je getroffen habe. Ich bin Schuld daran, daß er so elend zu Grunde gegangen ist. Meine übergroße Reinlichkeit und Angst trieben ihn in die Stürme hinaus, in denen er Schiffbruch litt. Und wenn jetzt jedermann über des Armen Narrheit lacht, so lastet das mit Zentnerschwere auf meiner Seele. In meiner Gewissensnot habe ich alles gesammelt, was ich über die merkwürdigen Erlebnisse meines Bruders erfahren konnte. Ich bitte Sie, der Sie ihn kannten und liebten, die Zettel, Briefe und Tagebücher, die dort in der Kiste liegen, durchzusehen, zu ordnen und allen wohlweisen Männern und Frauen zur Warnung drucken zu lassen.« Damit drehte sich die tapfre Agathe gegen die Wand und starb. Es war ein Irrtum der guten Alten, daß ich den also geschilderten Bruder gekannt oder gar geliebt hätte. Als mich der Zufall in die Stadt Bäuchlingen warf, hatte er schon das Zeitliche gesegnet. Aber die Tote konnte ich nicht mehr darüber belehren. An ihrem Bette stehend gelobte ich, ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Ein nachsichtiges Publikum wolle verzeihen, wenn ich ihm weitschweifig erzähle, wie Thomas Weltlein lebte und starb. 2 Ich muß meine Erzählung berichtigen, ehe ich sie beginne. Der Mann, von dem sie handelt, hieß nicht Thomas Weltlein, sondern von den Vätern her war er August Müller benannt. Kraft eigener Machtvollkommenheit jedoch verwandelte er diesen seinen ererbten Namen. Das war in Bäuchlingen männiglich bekannt und auch ich wußte darum. Aber erst aus den Papieren der Schwester erfuhr ich die seltsamen Gründe dieser Wiedertaufe, und auch der Leser wird seinerzeit darüber unterrichtet werden. Vorläufig ist es noch August Müller, von dem ich zu erzählen habe. August Müller war durch den Tod seiner Eltern frühzeitig zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen, hatte sich lange Jahre an einer Reihe von Universitäten studienhalber aufgehalten, war viel gereist und hatte viel erlebt, um sich schließlich als Mann von etlichen dreißig Jahren nach Bäuchlingen zurückzuziehen. Dort lebte er in einem weinumrankten Häuschen zusammen mit seiner verwitweten Schwester Agathe Willen und deren halbwüchsigen Tochter Alwine. An den Einzug dieser Schwester in sein Haus knüpfte sich ein Ereignis, das, so unscheinbar es dem Leser vorkommen mag, erwähnt werden muß. August hatte auf einer seiner Reisen Goethes Enkel, Wolf, kennen gelernt. Durch seine Gabe, einsame Menschen zum Sprechen zu bringen und ihnen aufmerksam zuzuhören, hatte er Wolf Goethes Gunst in so hohem Grade gewonnen, daß dieser ihm zum Andenken einen vom Großvater eigenhändig geschnittenen Schattenriß schenkte. In sauberen Umrissen war aus schwarzem Papier ein Mann geschnitten, der, auf der Weltkugel sitzend, ein kleines nacktes Frauenzimmerchen auf der flachen Hand hielt, dessen Mittelstück er erst forschend mit der Lupe betrachtete. August war entzückt davon, ließ das Bildchen einrahmen und taufte es »Seelensucher«. Er hatte es auf seinem Schreibtisch so aufgestellt, daß jedesmal, wenn er die Augen von Arbeit oder Buch erhob, der Blick darauf fallen mußte. Er liebte das Bild. Nach dem Tode seines Schwagers lud er seine Schwester mitsamt der kleinen Alwine auf einige Wochen zu sich nach Bäuchlingen ein. Da ihm das kleine Mädchen gefiel und die sorgende Hand seiner Schwester ihm das Leben angenehmer machte, bat er eines Morgens Agathen in Zukunft bei ihm zu bleiben und seinen Haushalt zu führen. 3 Agathe, die ihm schräg gegenüber auf dem alten Ledersopha saß und sich darüber ärgerte, daß ihr Töchterchen Alwine genau so wenig dem Vater nachtrauerte wie sie selbst dem Ehegatten, daß sie dem Kinde aber nicht einmal soviel Anstand hatte beibringen können, Trauer zu heucheln, wie sie es vermochte, war im Begriff, die Bitte rundweg abzuschlagen, da sie diesen Mangel an Herzenstakt dem Einfluß einer seltsamen Zuneigung Alwines zu ihrem Onkel zuschrieb. In diesem Moment sah sie, wie Alwine, zärtlich an den lieben Onkel geschmiegt, ihr Händchen nach dem Seelensucher ausstreckte. Mit einem raschen Ruck sprang sie auf, riß das Kind vom Knie Augusts weg, gab ihm einen Klaps auf die Hand und beförderte es an die Luft. Was im Anschluß hieran zwischen den Geschwistern verhandelt wurde, ist mir nicht bekannt geworden, das Resultat war jedoch, daß Goethes Seelensucher von August Müllers Schreibtisch verschwand und Agathe mit ihrer Tochter in sein Haus einzog. Außer seinen beiden Verwandten und einem handfesten Dienstmädchen, Emilie, war noch ein altes Weib im Hause, die den Namen Trude trug und immer eine Atmosphäre von Neid, Zank und Haß mit sich führte. Seltsamerweise genoß sie die besondere Gunst August Müllers, der sie Schön Rottraut getauft hatte und behauptete, sie sei seine Amme gewesen, was nachweislich falsch war. Der Grund, warum er dieses Wesen, dessen einziger Zahn in jeden Frohsinn hinein zu hacken schien, im Hause duldete, war Bosheit. Er freute sich über den beständigen Krieg der Frauen und war der Meinung, das Temperament seiner Schwester brauche eine solche Ablenkung, sonst werde sich ihre reichlich fließende Galle auf ihn ergießen. Gearbeitet hatte August niemals. Er vermied mit viel Geschick alles, was unbequem war, und tat nur, was er mochte. Aber er war freundlich und unterhaltsam, trinkfest und ohne Neid, so daß er allgemein beliebt war. Äußerlich war er wie andere Menschen, nur ein wenig zu lang geraten: er hatte einen ganz ansehnlichen Bauch und eine viel zu früh erworbene Glatze. Seine Nase war rot und fast immer an der Wurzel von kleinen Eiterpickeln verunstaltet. Sonst ist nichts über August Müller zu berichten. 4     2. Kapitel. Die Wanzen kriechen hervor. Die gemächliche Ruhe, in der August lebte, wurde schrecklich gestört als die Schwestertochter Alwine eingesegnet wurde. Frau Agathe hatte ihr zum Zeichen, daß sie nun erwachsen sei, das Schlafzimmer zum Wohnstübchen einrichten lassen und ihr zum Schlafen eine Kammer angewiesen, in der bisher die alte Trude gehaust hatte. Trude schob höhnisch grinsend die dicke Zunge zwischen die Lippen, so daß sie von dem einsamen Zahn doppelt geteilt war, und eilte zu ihrem jungen Herrn, sich zu beschweren, daß sie der Gans weichen solle. August aber, der olympische, entschied, wie von jeher alle Väter der Götter und Menschen, gegen die Alte für das jungblühende Mägdelein, und schmunzelnd freute er sich an dem Knallen der Türen, wenn Schön Rottraut ihren Kram zur neuen Behausung trug. Er ahnte nichts von der fürchterlichen Rache auf die sie sann. Am Morgen nach diesem Tage erschien Agathe in großer Aufregung bei dem Bruder. In der weit abgespreitzten Hand hielt sie mit den äußersten Spitzen der Finger einen weißen zusammengefalteten Bogen Papier. Den schob sie schweigend August unter die Nase, gerade auf seine schöne Ausgabe des Don Quixote. Ihre Miene drückte dabei so viel Abscheu und Eckel aus, daß der also aus seiner Lieblingslektüre Aufgescheuchte nicht zu schelten wagte, sondern geduldig den Bogen entfaltete. Aufmerksam betrachtete er den kleinen Gegenstand, der darin eingewickelt war, untersuchte ihn gründlich mit der Lupe und sagte dann zu der Schwester aufblickend: »Es ist eine Wanze.« »Das weiß ich allein. Brauchst du dazu erst ein Vergrößerungsglas? Fortschaffen sollst du sie.« Mit einer großartigen Bewegung knüllte August das Papier zusammen und warf es aus dem offenstehenden Fenster. »So,« sagte er und sich über das Buch beugend, suchte er die Stelle, bei der er unterbrochen worden war. »So?« wiederholte die Schwester und ihre Stimme zitterte. »Nein, 5 so nicht,« und plötzlich in Tränen ausbrechend, rief sie: »Begreifst du nicht, was das bedeutet? Wir haben Wanzen im Hause, in deinem Hause Wanzen. Bedenke doch, was das heißt. Und noch dazu in deiner Nichte Bett hat sie das Zimmermädchen gefunden. Sie ist ein schmutziges Ding, die Emilie, gestern noch habe ich sie ausgezankt, weil sie Alwines Bett nicht überzogen hatte, und heute findet sie das, das, und sagt mir: für Wanzen brauche sie keine Betten zu überziehen und in der Schmutzwirtschaft bleibe sie nicht. Ich habe ihr mit einer festen Maulschelle den Dienst quittiert. Aber nun geht sie hin und schreit es in der Stadt aus und ich bin um meinen guten Ruf. Wo eine sei, seien noch mehr, hat sie gesagt. Und sie hat Recht. Wo eine ist, da sind auch mehr. Man wird bald mit Fingern auf mich zeigen, und eine wird der andern zuzischeln, ich hätte das Haus verunreinigt.« August lachte laut auf, nahm sich aber sofort zusammen, als er die Verzweiflung Agathes sah. »Laß nur gut sein, Schwesterherz,« sagte er, »das ist nicht so schlimm, damit wollen wir schon fertig werden.« Die kleine Frau blickte mit einem Ausdruck größten Vertrauens zu ihrem Bruder hinüber. »Ja, du wirst meine Ehre retten,« sagte sie, »ich weiß es. Aber leicht ist es nicht. Wanzen sind unausrottbar, mußt du wissen.« August lächelte überlegen. »Beruhige dich nur. Das werde ich schon machen,« erwiderte er. Dabei lehnte er sich im Stuhl zurück und dachte nach. Eine ganze Weile schaute Agathe ihn voll Bewunderung an. Dann ging sie leise hinaus. Von dieser Stunde an war es mit der Ruhe August Müllers aus. All ihr Lebtag hatte Agathe in stummer Andacht zu dem vielbelesenen Bruder aufgesehen, ohne einen Beweis seiner Überlegenheit zu verlangen. Jetzt zum ersten Mal war sein Wissen und Können von ihr auf die Probe gestellt worden, und gerade jetzt, bei dieser lächerlich geringfügigen Aufgabe versagte er. Er hatte sich die Sache leicht gedacht und, siehe da, er kam nicht einen Schritt weiter. Anfangs ging es sehr einfach zu. Von der hilfreichen Schwester angestaunt, begann August sein Werk gründlich, wie er immer war. 6 Die Bettstelle wurde auseinander genommen, jede Fuge geprüft, die Matratze nachgesehen, die Holzteile der Wände abgesucht. Nirgends fand sich auch nur die leiseste Spur. Nun wurde Petroleum und Salzsäure in reichlicher Menge verwendet, und alles schien gut. Befriedigt, siegesgewiß, von Arbeit müde, ruhte das Geschwisterpaar von der Mühe aus. Aber schon am zweiten Morgen fand das Nichtchen ein neues Exemplar des Wanzengeschlechts. Jetzt geriet das Haus in Aufregung. Alles wurde aufgeboten und mit der gesamten Dienerschaft, mit Schwester und Nichte die Jagd erneuert. Es half nichts. Ein frischer Gast erschien und zerstach die gute Alwine in ihrem harmlosen Mädchenschlaf. Mit großem Kraftaufwand wurde der Feldzug zum dritten Mal versucht. Der Tapezierer erschien, die Dielen wurden gedichtet, die Holzverkleidung abgerissen, die Tapete erneuert, alle Möbel gesäubert und mit unglaublichen Säuren und Giften durchtränkt. Der Meister Thugut schwur bei Himmel und Erde, nicht ein Floh könne mehr durch die Fugen eindringen, viel weniger eine Wanze. Sie kam doch. Nicht gleich, aber nach wenigen Tagen war sie da, wieder eine einzige, diese eine aber genügte, um der Schwester Mut zu brechen. Tief seufzend gestand sie sich die Ohnmacht des Bruders ein, der Zweifel erwachte und untergrub das Vertrauen. Ohne ein Wort gegen den Bruder zu verlieren, gab Agathe den Kampf auf. Sie quartierte die Tochter mitleidig um, begnügte sich jedoch im übrigen, mit haßerfüllten Augen an der Kammer vorüber zu gehen. August dachte anders. Seine Ehre stand auf dem Spiel, er gelobte sich selber, nicht eher zu ruhen, als bis er seine Unfehlbarkeit bewiesen hätte. Er zog selber in das verwunschene Gelaß und lag nun Nacht für Nacht auf der Lauer schlaflos dem Getier nachstellend. Von Zeit zu Zeit erwischte er eins von den roten Ungeheuern. Dann richtete er mit geheimer Wonne den Blutsauger hin und begann am nächsten Morgen eine neue Hetze. Agathe geriet in Verzweiflung. Sie sah den stillen ehrbaren Bruder in wildeste Aufregung geraten, blutgierig und grausam werden. Denn allmählich gewann er Geschmack daran, seine Feinde vor versammeltem Hause feierlich mit ausgesuchten Qualen zu Tode 7 zu martern. Er wartete nicht mehr bis zum Morgen mit Suchen und Jagen, sondern er, der Rücksichtsvolle, schreckte mitten in der Nacht Verwandte und Gesinde mit dem Schlachtruf: »Wanzen!« auf, um die schlaftrunkenen Hausgenossen zum Kampf zu verwenden. Seine Lieblingsbücher verstaubten, er stöberte in alten Scharteken herum, um wirksame Mittel zu finden, sein Studierzimmer füllte sich mit Laugen und Säuren, rote, grüne und gelbe Flüssigkeiten standen in Flaschen und Fläschchen umher. Spritzen, Pinsel, Bürsten aller Art sammelten sich an, kurz, Augusts Leben war nur noch ein Kampf mit den Wanzen. Agathe wagte es schüchtern, ihn auf die wunderbaren Helfer der leidenden Welt, die Kammerjäger aufmerksam zu machen. Das nahm er übel. Er werde allein damit fertig. Aber er traute sich zu viel zu und schließlich war er froh, als der staatlich geprüfte Kammerjäger Lauscher zu Hilfe kam. Ach, es war keine Hilfe. Die Not blieb, wie sie gewesen war; alle zwei, drei Tage erschien die eine einzige Wanze, biß den unglücklichen Müller, starb dafür und fand nach kurzer Zeit ihre Nachfolgerin. Ein anderer Jäger kam, ein dritter, vierter. Es war alles umsonst. August ging mit rollenden Augen umher, ein anderer Mensch, verwildert und ganz verwandelt, und scheu wich ihm aus, wer ihm im Hause begegnete. Er las den Anzeigeteil aller Zeitungen andächtig, schrieb um jedes Mittel, das er angepriesen fand und stand im Briefwechsel mit einem Dutzend Menschen gleichen Schlages, wie der staatlich geprüfte Lauscher einer gewesen war. Schließlich in voller Verzweiflung setzte er in den Zeitungen eine Belohnung von 100 Mark aus für den, der ihm ein unfehlbares Mittel angäbe, um Wanzen zu vertilgen. Zu Hunderten kamen die Briefe. August las sie mit Verachtung. Was man ihm empfahl, hatte er längst als nutzlos verworfen. Eines Morgens aber kam er aufgeregt zu seiner Schwester. »Lies,« sagte er und reichte ihr einen Brief hin. Agathe erschrak. Sie kannte die Handschrift, »Von Lachmann,« sagte sie und ließ das Blatt sinken. »Ja, ja. Von deinem alten Verehrer. Hör' nur.« Er riß ihr den Brief fort und las. 8 »Alter Knabe. Ich habe deine Anzeige gelesen und will versuchen, dir das unfehlbare Wanzenmittel zu verschaffen. Aber du mußt hierher kommen. Ich besitze das Mittel nicht selbst, kenne nur die Wirkung. Ein alter Sonderling, seines Zeichens Archäologe, hat es gefunden, geizt jedoch damit, weil er behauptet, die Welt verdiene so große Wohltaten nicht. Mit Geld ist bei ihm nichts zu erreichen. Aber ich habe ihm einmal eine Gräte herausgeholt, die ihm im Halse stecken geblieben war, als er mir während des Essens den Grundriß des Delphischen Tempels mit Hilfe von Heringsschwänzen und Kartoffelschalen vorbaute und plötzlich bemerkte, daß er das Grab des Dionysos an einer falschen Stelle angebracht hatte. Seitdem bin ich sehr gut bei ihm angeschrieben und wenn wir es klug anfangen, luchsen wir dem dreimal Weisen sein Geheimnis ab. Nur mußt du, wie gesagt, herkommen. Ich werde dich bei ihm einführen. Bleibe einige Tage hier. Soweit es mein männermordendes Geschäft als Arzt erlaubt, stelle ich mich dir zu jedem dummen Streich zur Verfügung. Empfiehl mich der gestrengen Frau Schwester als ihren vielgetreuen Vetter Lachmann.« Agathe sagte kein Wort. Der Name Lachmann, die wohlbekannte Art seines Schreibens hatten alte Erinnerungen geweckt. »Was meinst du,« fragte August, »soll ich reisen?« »Gewiß sollst du reisen, gewiß.« »Ja, so ganz sicher bin ich dabei nicht. Lachmann ist ein Hanswurst, dem es Spaß macht, die Menschen zu Narren zu haben. Mit mir ist er freilich immer vernünftig gewesen.« »Immer,« bestätigte Agathe. »Er behandelt Narren als Narren, mit vernünftigen Leuten war er vernünftig. Außerdem, wenn er wirklich einen Streich spielen wollte, so würde er mich doch nicht grüßen lassen. Das täte er mir nicht an.« Dabei errötete das alte Weiblein wie ein junges Mädchen. August wog das Blatt zweifelnd in der Hand. »Und wenn es nichts mit seinem Mittel ist, du bist wenigstens ein paar Tage aus dieser Unglückskammer heraus. Vielleicht vergißt du dann die ganze Geschichte.« 9 August warf ihr einen wütenden Blick zu. »Ich will sie nicht vergessen,« sagte er, schob den Brief in seine Tasche und ging nachdenklich davon. Wahrscheinlich war August Müllers Geist damals schon durch Nachtwachen und Wanzenkampf zerrüttet. Sonst hätte er, der seinen Vetter gut kannte, sich doch gehütet, in die plumpe Falle zu gehen. Denn der Schwester Zureden achtete er für nichts. Er wußte, daß Lachmann ihre alte Liebe war. Sei dem wie ihm wolle, er reiste am nächsten Tage ab. Was er bei seinem Freunde erlebte, läßt sich nicht sicher feststellen. Seine eigenen Erzählungen davon tragen den Charakter der Geistesüberschwemmung, die während seiner Krankheit seine Reden verwässerte. Das wenige, was Agathe selbst feststellte, wird der Leser seinerzeit erfahren. Genug, eines Tages früh am Morgen langte August in ziemlich elendem Zustand wieder zu Hause an.     3. Kapitel. Ein Scharlachfall. Dr. Vorbeuger. Ein Fluchtversuch. Matt und müde trat er seiner Schwester, die sich rasch erhoben hatte, gegenüber, klagte über Abspannung und Hitzegefühl und wies alle Fragen nach seinen Erlebnissen kurz ab. Die Schwester war durch sein kränkliches Aussehen und seine Weigerung, irgend etwas zu genießen, arg erschreckt. Sie hatte in seiner Abwesenheit wieder sein früheres Schlafzimmer für ihn einrichten lassen. Aber August blieb hartnäckig dabei, er müsse noch heute die Wanzen vertilgen. Der Professor Steinschnüffler, Lachmanns Freund, habe ihm sein Mittel gegeben. Es stamme aus der Gesetzsammlung des Königs Hamurabi. Tausende von Jahren sei diese ewige Wahrheit, die von dem großen König in Keilschrift der Welt kundgetan wurde, im Staube vergraben gewesen und erst Steinschnüfflers Scharfblick habe sie wieder entdeckt. Dabei lachte August pfiffig, zog einen zusammengeknüllten Zettel aus der Tasche und spielte damit wie mit einem Ball. 10 Endlich gelang es der Schwester ihn zu Bett zu schaffen. Sie ließ Glühwein für ihn kochen, holte Wärmeflaschen und nasse Umschläge herbei, und als er zuletzt selbst erklärte, das Fieber schüttle ihn, brachte sie aus ihrer wohlversehenen Apotheke Antipyrin. Mit der größten Genugtuung sah sie zu, wie er es verschluckte, dann ging sie, und ganz beruhigt durch die eigene Vielgeschäftigkeit, begann sie ihre Morgentoilette. Sie war eben dabei, ihre Haare aufzustecken, als sich die Türe öffnete und ihr Bruder eintrat. Er war nur halb angezogen, das Hemd war aufgerissen und ließ seine haarige Brust sehen. In der Hand hielt er den unvermeidlichen Feind, den er hingerichtet hatte. Agathe fuhr vom Stuhl auf und flüchtete sich in die äußerste Ecke des Zimmers. »Mein Gott, was hast du gemacht,« schrie sie, »wie siehst du aus.« »Rot, auf dem ganzen Körper scharlachrot,« erwiderte August und betrachtete aufmerksam seine fleckigen Hände. Agathe starrte ihn immer noch entsetzt an. Sie hatte den Handspiegel ergriffen und hielt ihn wie einen Schild vor sich. Als der Bruder jedoch auf sie zuschritt, um sein rotgesprenkeltes Gesicht in dem Glase zu prüfen, schrie sie: »Scharlach! Du hast das Scharlachfieber. Rühr' mich nicht an! Mein armes Kind! Du wirst uns alle anstecken. Bei dem Lachmann hast du es dir geholt. Man soll Ärzte nicht zu Freunden haben. Geh, geh, augenblicklich. Du wirst uns alle töten. Niemand darf dir begegnen. Rasch in dein Zimmer! Ach, meine arme Alwine, die liegt nun auch bald auf dem Kirchhof.« Sie griff zum Staubwedel und ihn als Waffe schwingend, den Spiegel vorgestreckt, trieb sie den Bruder vor sich her. Vergeblich beteuerte der Unglückliche, er fühle sich ganz wohl. Vor den entsetzensprühenden Augen dieser wunderlich ausgerüsteten Schlachtenjungfrau mußte er weichen, bis er schließlich in sein Wanzenzimmer gedrängt war. Krachend schlug hinter ihm die Tür zu, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und August war gefangen. »Du kommst nicht eher heraus, als bis der Arzt hier war,« tönte es noch, dann hörte er, wie die Fenster auf dem Korridor aufgerissen wurden, die Mägde herbei eilten, und bald darauf klatschten Wasserströme auf dem Boden, Eimer klapperten und Schrubberbesen kratzten die Dielen. 11 Eine Weile blieb der Eingesperrte betäubt von der Überraschung an der Tür stehen, dann drückte er auf die Klinke. »Agathe!« Keine Antwort. »Agathe!« wiederholte er. Nichts erfolgte. Nur die eifrigen Besen hörte er den Gang auf und ab fahren. Plötzlich übermannte ihn die Wut. Wie!? Sein ganzes Leben war er der ehrbare Herr Müller gewesen, das Muster eines feinen, ordnungsliebenden Bürgers, der Stolz des Hauses und der Stadt, und nun fegten die Mägde hinter ihm her, als ob er den Schmutz des Augiasstalles an seinen Füßen eingeschleppt hätte. Mit beiden Fäusten gegen die Tür schlagend, schrie er wie ein Besessener nach seiner Schwester. Als das nichts half, rief er sämtliche Insassen des Hauses bei Namen und schickte jeden Einzelnen mit den wildesten Flüchen zur Hölle. Er ließ sich keine Zeit Atem zu schöpfen. Immer drohender wurden die Schläge seiner Fäuste, immer lauter und gellender seine Rufe, bis sie schließlich in ein unartikuliertes Wutgeheul übergingen. Entsetzt über das Geschrei, flüchteten die Mägde zur Herrin, die selbst von der Angst erfaßt, der Verpestete könne, vom Fieberwahn ergriffen, die Tür einschlagen, ihre Herde zu beruhigen suchte. Ihre Besorgnis war ganz unnötig. So sehr das Vorbild aller Bürgertugend auch von dem Grimm verstört war, die Schwester hatte ihn viel zu wohl erzogen, als daß ihm der Gedanke, die Kerkertür zu sprengen, in den Sinn gekommen wäre. Nur tobend und tobend erschütterte er eine Stunde lang das Haus mit seinem Brüllen. Plötzlich verstummte er. Der Schlüssel hatte sich gedreht und durch die schmale Spalte der Tür zwängte sich die hagere Gestalt des Kreisphysikus Dr. Vorbeuger hinein. Ich bin nicht befugt in dieser wahrhaftigen Geschichte zu irgend jemandes Gunsten etwas zu verschweigen und muß zu meiner Beschämung eingestehen, daß Agathe Willen, als sie den Arzt in das Gefängnis ihres Bruders eingelassen hatte, horchend ihr Ohr an die Tür legte. Vorbeugers Worte konnte sie nicht verstehen, er sprach wie gewöhnlich sehr leise und behutsam. Dagegen wurde des Bruders Stimme schon nach den ersten Minuten heftig. »Wozu denn untersuchen? Der ganze Körper sieht aus wie das Gesicht. Mein Hals ist rot? Kein Wunder. Schreien Sie zwei Stunden, so geht es Ihnen ebenso. – Scharlach! Scharlach! Aber ich fühle mich 12 ganz wohl, ganz und gar. Ich fange Wanzen. Wissen Sie auch wie schwer das ist? Wer das kann, ist nicht krank. – So! Vorsicht! und Rücksicht auch, Rücksicht auf meine Schwester, die mich wie eine Maus gefangen hält? Und wie lange, wenn ich fragen darf, soll die Absperrung dauern?« Fast hätte Agathe die Sublimatflasche fallen lassen, die ihr Vorbeuger beim Eintreten in die Hand gedrückt hatte, so schrie der wackre Müller jetzt auf. »Was? Sechs Wochen? Herr, sind Sie verrückt? Nicht eine Minute länger bleibe ich.« Die Tür wurde gewaltsam aufgerissen, so daß Frau Willen gegen die Wand geschleudert wurde, und der Bruder stürzte hinaus, rannte mit einem vernichtenden Blick auf seine Schwester den Korridor entlang, riß den Hut vom Haken und war im nächsten Augenblick im Freien. Verlegen sah Agathe den Doktor an, der mit sauersüßem Lächeln sich die Hände rieb. »Scharlach,« sagte er, »ein leichter Fall, aber immerhin Scharlach, da ist kein Zweifel.« Agathe seufzte. Rote Gespenster tanzten vor ihren Augen, und in stummer Angst faltete sie die Hände über der Sublimatflasche. Vorbeuger wusch sich wichtig in dem Waschbecken, das man ihm hingestellt hatte. »Sehr merkwürdig, dieses Benehmen des Herrn Müller,« sagte er dabei. »Ich will annehmen, daß er durch die Krankheit überreizt ist, wahrscheinlich auch fiebert. Daß er fortläuft, geht aber nicht. Er schleppt mir die Seuche in die Stadt, und ich werde dann verantwortlich gemacht.« Agathe goß dem Arzt den Inhalt der Flasche über die ausgebreiteten Hände, voll Andacht zuhörend. Als er nicht weitersprach, sondern nur sorgfältig die Hände abtrocknete, bat sie schüchtern: »Helfen Sie, Herr Doktor, helfen Sie.« Vorbeuger suchte noch die letzte Feuchtigkeit fortzureiben. Er zog wichtig die Augenbrauen in die Höhe, räusperte sich und sprach: »Als Arzt habe ich hier im Hause nichts mehr zu tun, das versteht sich von selbst. Aber als Staatsbeamter muß ich dafür sorgen, daß Herr Müller isoliert wird; wenn es nicht anders geht, mit Hilfe der Polizei.« Frau Willen setzte die Sublimatflasche beiseite. Sie mußte die Hände ringen. Frostschauer jagten ihr durch die Glieder. August Müller und die Polizei. Es war fürchterlich. »Was wollen Sie tun,« fragte sie. 13 »Den Kranken festnehmen und in das Spital bringen lassen.« »Oh, das wird ein Skandal,« jammerte Agathe. »Nein, um Gottes willen, nein. Sie kennen meinen Bruder nicht. Das gibt ein Unglück, nur das nicht.« Dr. Vorbeuger zuckte abwehrend die Achseln und griff nach Hut und Stock. »Ich bin Beamter und kann auf Privatwünsche keine Rücksicht nehmen. Ich habe Pflichten gegen das Allgemeinwohl. Scharlachkranke sind gemeingefährlich. Fügt sich Herr Müller nicht gutwillig den Gesetzen, so muß ich die Hilfe der Staatsgewalt in Anspruch nehmen.« Frau Willen raffte sich zusammen. »Er wird sich fügen,« sagte sie, »ich stehe dafür.« Vorbeuger lächelte milde. »Sie versprechen viel. Ihr Herr Bruder muß so lange abgesperrt bleiben, bis die Gefahr der Ansteckung vorüber ist. Wie wollen Sie das bei einem Manne bewerkstelligen, der so rücksichtslos selbst gegen Menschen vorgeht, die das Recht haben, ihn einzusperren?« Agathe streckte dem Doktor zuversichtlich die Hand entgegen. »Verlassen Sie sich darauf, Herr Kreisphysikus,« sagte sie. »Sobald August zurückkehrt, sperre ich ihn ein, und er wird nicht eher das Zimmer verlassen, als bis Sie es selbst erlauben.« »Nun, wenn Sie das fertig bringen, alle Achtung. Bitte schicken Sie zu mir, wenn Sie den Herrn Bruder festgesetzt haben. Ich werde unterdessen an den Kollegen Lachmann telegraphieren, ob er etwas über die Ansteckung weiß.« Damit empfahl er sich und ging hocherhobenen Hauptes davon.     4. Kapitel. August wird eingesperrt, Agathe besucht ihn. Agathe entfaltete sofort eine erstaunliche Tätigkeit. Sie warf Kleid und Stiefel ab, band sich eine Serviette um das Haar, zog sich Handschuhe an und bei sich seufzend: das ist nun alles reif ins Feuer geworfen zu werden, ging sie daran, des Bruders Zelle 14 aufzuräumen. Die Magd schickte sie eilig zum Schlosser. Sie selbst schleppte Bett- und Leibwäsche für den Bruder herbei, Eßgeschirr holte sie und allerlei Vorräte, eine große Schüssel zum Waschen der Gefäße und Tücher zum Abtrocknen, Eimer, Besen und Scheuerlappen. Das alles häufte sie auf dem Balkon an, der an das Wanzenzimmer anstieß, und selbst den Nachtstuhl vergaß sie nicht. Eine Riesenflasche Sublimatlösung und ein Bottich Schmierseife vervollständigten die Ausrüstung. Trotz der Eile, die sie hatte, suchte sie sorgfältig das abgebrauchte Gerümpel aus; denn das schwur sie sich zu, nichts sollte wieder gebraucht werden, was in diesem Pestzimmer gewesen war. In weniger als einer Stunde war alles bereit und Agathe setzte sich gedankenvoll vor das Wanzenzimmer und legte die Hände in den Schoß. Sie wartete auf den Schlosser. »Ist es nötig, daß August gepflegt wird, so werde ich es selbst tun. Sonst mag er sehen, wie er allein fertig wird. Muß ich hinein zu ihm, und das wird wohl nötig sein, denn schließlich« – sie dachte gewohnheitsmäßig nicht zu Ende, was sie zwingen werde in des Bruders Zimmer einzudringen – »es muß doch bei ihm gereinigt werden,« nahm sie kühn den Gedanken in andrer Form wieder auf. »Ich werde mir ein doppeltes Kostüm aus Sackleinwand machen. Dann verderbe ich nicht so viel. Eines kann dann immer in Karbollösung liegen, während ich das andere trage. Und zum Balkon schaffe ich mir Zugang mit der Leiter. Das geht ganz gut.« Agathe wurde fast froh bei ihren Plänen. Dazwischen horchte sie nach den Schritten des Schlossers. Endlich erschien Meister Haudrauf und nun begann eine seltsame Arbeit. Zwei bewegliche Eisenstangen ließ Frau Willen an der Außenseite der Zellentür anbringen, zwei Eisenstangen, die in eiserne Haken eingelegt, jeden Sturm von innen aushalten konnten. Bald war das Werk getan und nun saß Agathe mit gefalteten Händen da und wartete. Das Herz schlug ihr. Wenn ihre List gelang, so war ihr Bruder vor der Polizei gerettet. Endlich hörte sie Augusts Schritt. Rasch flüchtete sie in ihr Zimmer. Als er auf den Gang kam, streckte sie den Kopf aus der Tür und sagte: »Gut, daß du kommst. Ich habe dein Bett gemacht. Denke dir, unter der Matratze ist eine Wanze.« 15 Sie konnte nicht vollenden. Wie ein Rasender stürzte August an ihr vorbei, und im nächsten Augenblick war die Tür hinter ihm zugeschlagen und die Eisenstangen vorgelegt. »So, mein Junge,« sagte Agathe: »Jetzt habe ich dich sicher.« Unbekümmert um die Wut des Gefangenen, der sich schnöde überlistet sah, schritt sie davon. Sie fühlte sich so erleichtert, daß sie ganz unbewußt die Melodie aus der Fledermaus: »Ich hab ein schönes Vogelhaus«, zu trällern begann. Mitten im Vers aber fiel ihr ein, daß ihr Bruder krank sei. Erschrocken hielt sie inne und in ihrer Beschämung holte sie sich einen Stuhl, stellte ihn vor die Gefängnistür und saß nun dort, auf jeden Laut horchend, der aus dem Zimmer drang. An dem Rücken der Möbel und Werfen der Kissen konnte sie genau verfolgen, wie der Bruder seiner Lieblingsbeschäftigung oblag. Stunde für Stunde hielt sie Wache. Dort fand sie auch Dr. Vorbeuger. Lachmann sei verreist und könne erst in einigen Tagen bestimmte Antwort geben. Es sei aber nicht unmöglich, daß unter seinen Kranken Scharlachfälle vorgekommen seien. Agathe nahm die Nachricht wie eine Siegesbotschaft auf. Es freute sie, daß sie Recht behalten hatte, und in ihrem Triumphgefühl schrie sie mitten in den Sport des Bruders hinein: »Du hast doch Scharlach. Ich wußte es ja«. August lachte laut auf. »Keine Spur von Scharlach. Ich bin ganz gesund. Das sollst du sehen morgen; heute habe ich noch zu tun. Ich habe Steinschnüfflers Rezept! Wehe den Feinden! Jetzt laß mich in Frieden! Es dämmert schon; ich bin auf dem Anstand. Kein Laut darf das Wild schrecken.« Agathe stand wie auf Kohlen. Sie sah, wie Vorbeuger die Ohren spitzte, um zu hören, was der Mann da drinnen sprach. Die Wanzen im Hause Müller waren längst Stadtgespräch. Frau Willen aber sprach nie davon, sie hoffte immer noch, durch hartnäckiges Schweigen das Gerücht ersticken zu können. »Fieberphantasien!« log sie, »Scharlachfieber, der Arme,« und dabei zog sie den Arzt so hastig fort, daß er sich fast die Nase an der Wand zerstieß. Sein Groll von heute Morgen erwachte wieder und die Nase reibend, wiederholte er drohend: »Ich hoffe, es wird Ihnen 16 gelingen, den Kranken abgesperrt zu halten, Frau Willen. Sonst – ich bin verantwortlich, und in dem Spital ist er sicher.« Unter dem Eindruck dieser schrecklichen Worte verbrachte Agathe den Rest des Tages und die ganze Nacht. Schlaflos saß sie auf dem Stuhl und fertigte ihr Scharlachkostüm an, ein langes weißes Gewand, Segeltuchschuhe, eine dicht anschließende Haube und eine Maske, die nur die Augen frei ließ. So gewappnet wollte sie der Gefahr trotzen. Ab und zu seufzte sie tief. Drinnen regte sich nichts. Aber sie kannte den Bruder. Ihn floh der Schlaf gewiß ebenso wie sie selbst. Er lag auf der Lauer. Je mehr der Morgen nahte, umso schwüler ward ihr zu Mute. Sie malte sich aus, wie der Bruder, sobald sie die Tür öffne, sie über den Haufen rennen und von neuem flüchten werde. Und dann sah sie Leute mit roten Kragen hinter ihm herrennen, ihn mitschleppen, um ihn dem schwer beleidigten Vorbeuger auszuliefern. Fast wären ihr Tränen gekommen, und voll Ingrimm dachte sie des fernen Lachmann, der sie in diese Lage gebracht hatte. Endlich brach der Tag an. Sie erhob sich. War sie erst im Zimmer, so wollte sie schon mit dem Kranken fertig werden. Gefährlich war nur der Moment des Öffnens. Stand er fluchtbereit hinter der Tür, so war alles verloren. Vorsichtig hob sie die Eisenstange fort, leise drehte sie den Schlüssel, legte noch einmal das Ohr an die Tür, dann riß sie sie auf und schoß hinein. Ihr Erstaunen war groß, als sie des Bruders ansichtig wurde. Er saß friedlich auf seinem Bett und wandte der Eintretenden nicht einmal das Gesicht zu, so tief war er in Nachdenken versunken. Den Gruß Agathes erwiderte er nicht. Und als sie ihn aufforderte, auf den Balkon zu gehen, bis sie das Zimmer geordnet habe, erhob er sich, reckte sich zu seiner vollen Höhe empor, schritt langsam auf die Schwester zu und sprach, dicht vor ihr stehen bleibend: »Es hat mich nicht gebissen«. Dabei riß er die Augen weit auf, so daß seine Schwester später behauptete, er habe ausgesehen wie ein sterbendes Kalb. Dann wandte er sich und schritt zu dem Balkon. An der Tür drehte er sich noch einmal um, schüttelte ernsthaft den Kopf und sagte wieder: »Es hat mich nicht gebissen. Weißt du, wie das ward?« Während nun Agathe das Zimmer ordnete, ging 17 er, die Hände auf dem Rücken, den Balkon hin und her. Die Worte der Schwester, mit denen sie ihn von Zeit zu Zeit ansprach, beantwortete er nur mit einem ärgerlichen Kopfschütteln und dem Ausruf: »Stör' mich nicht, ich habe zu tun«. Agathe wurde bei diesem hartnäckigen Schweigen ängstlich. Sie glaubte immer deutlicher wahrzunehmen, daß Fieberphantasien den Bruder beschäftigten; wenn sie jedoch in sein gesundes frisches Gesicht blickte, das so gar nicht erhitzt aussah und nicht den geringsten roten Fleck mehr zeigte, wurde sie wieder irre. Endlich überwand die Sorge um den Bruder ihre Ansteckungsfurcht, und an ihn herantretend, fragte sie: »Fühlst du dich wohl?« Er nickte lebhaft mit dem Kopf, schritt aber ungeduldig weiter. »Ich habe zu tun«. Agathe machte noch einen Versuch. »Aber du tust ja nicht das Geringste. Was hast du denn zu tun?« Da blieb er vor ihr stehen, und aus der tiefsten Brust kam nur das eine Wort: »Nachdenken«. Agathe ging rückwärts zur Tür, so eingeschüchtert war sie von dem Benehmen des Bruders. »Drinnen ist alles fertig. Willst du nicht hineingehen? Du wirst dich erkälten«. Statt jeder Antwort tönte es zum dritten Male: »Es hat mich nicht gebissen«. Agathe ging seufzend davon, verschloß die Zelle und legte die Stange vor. Das seltsame Schweigen des Bruders und sein feierlicher Ernst verwirrten und ängstigten sie noch mehr, als sein früheres Toben. Unruhig lief sie immer wieder in den Garten, um von dort aus den wandelnden Kranken zu beobachten. Am Nachmittag stieg ihre Sorge so, daß sie all ihre Absperrungsvorsicht vergaß und zum zweiten Mal das Giftzimmer betrat. Diesmal nahm August überhaupt nicht von ihr Notiz. Aber zu ihrer Freude sah sie, daß er einen großen Teil der Eßvorräte vertilgt und dem Wein tapfer zugesprochen hatte. Das beruhigte sie einigermaßen. Trotzdem war die Nacht für sie mehr als schlecht, und mit den trübsten Erwartungen betrat sie am Morgen Augusts Zimmer. Er lag noch im Bett, blieb auch darin, ungeachtet der schwesterlichen 18 Ermahnungen aufzustehen; er sprach kein Wort, sondern starrte mit demselben Kalbsblick wie gestern zur Decke empor. Es blieb Agathe nichts übrig, als ihn liegen zu lassen.     5. Kapitel. Die Wanzen werden angesteckt. Augusts Berufung. Ganz anders ging es am Nachmittag her, als Frau Willen den zweiten Versuch machte, ihren Kranken aus dem Bett zu holen. »Kommst du endlich,« rief er ihr schon entgegen. »Setz' dich hierher, dicht zu mir; ich habe dir etwas zu sagen.« Im Vertrauen auf ihren bazillensicheren Panzer folgte Agathe seiner Aufforderung, ja sie überließ ihm sogar die gut geschützte Hand, als sie seine Aufregung gewahr wurde. Mit zitterndem Finger wies er auf das Fußende des Bettes. Dort hatte er mit zwei Stecknadeln den Zettel, Steinschnüfflers Rezept aufgehängt. »Lies,« sagte er ihr. Mit gespanntem Ausdruck verfolgte er, wie sie die Worte entzifferte: »Unfehlbares Wanzenmittel. Töte jede Wanze, die du findest. Hast du die letzte getötet, so ist keine mehr da«. August begann hastig zu sprechen: »Nicht wahr, das ist logisch, das ist einfach und wahr. Das ist unfehlbar. Ich bewundere Steinschnüffler, er ist ein großer Mann. Aber wie, wenn ich noch etwas Besseres wüßte? Etwas, was niemand weiß als ich.« Agathe drückte schweigend die Hand des Bruders. Sie war wiederum zu dem Glauben geneigt, er fiebere. August aber nahm das für ein Zeichen des Zutrauens. Der Schwester Hand wieder drückend, sagte er: »Ich danke dir. Ich weiß nun, daß du an mich glaubst. Aber ich muß es laut sagen, damit ich es selbst fassen kann. Sie sind alle vernichtet, ich habe zum ersten Mal ruhig geschlafen. Begreifst du? Die Wanzen sind verschwunden. Es fragt sich nun, wie das zugegangen ist. Zwei Möglichkeiten gibt es. 19 Entweder das Viehzeug ist vom Scharlach angesteckt und samt und sonders verreckt. Oder –« er schwieg. Im nächsten Augenblick aber richtete er sich wild im Bett auf und sah die Schwester mit Augen an, als ob er ihr Herz und Nieren prüfen wollte. Agathe wich vor diesem Blick zurück und suchte ihre Hand loszumachen. August aber streckte ihr den Kopf immer näher, bis sein gesträubtes Haar fast die Maske der Schwester berührte. Dann flüsterte er: »Glaubst du an eine Berufung durch höhere Mächte, glaubst du an himmlische Geister, die den Menschen zum Richter und Rächer auf Erden machen?« Agathe riß sich los und flüchtete in die äußerste Ecke des Zimmers, so sehr war sie überrascht. »Nein,« stammelte sie. »Nein,« wiederholte er und dehnte das kurze Wort zu einer Ewigkeit voll Entrüstung, »aber du wirst daran glauben, du wirst es mit Augen schauen.« Und die Bettdecke zurückwerfend sprang er mit einem Satz in die Mitte des Zimmers, hob stolz das Haupt und rief: »Sieh mich an!« Agathe hatte sich gegen die Wand gedreht. »Zieh' dir erst Hosen an,« sagte sie kaltblütig. August war wie vom Blitz getroffen. »Wie!« schrie er, »in diesem heiligen Moment, wo du einen Blick in die Tiefe der unaussprechlichen Natur tun kannst, denkst du an Hosen? Pfui, du Weib, du!« Voll Verachtung kroch er in sein Bett zurück und zog sich die Decke über die Ohren. Agathe war über den Auftritt so erschrocken, daß sie nicht wagte, den Kranken allein zu lassen. Mechanisch begann sie das Zimmer noch einmal aufzuräumen. Schließlich trat sie zu dem Bruder. »Willst du nicht aufstehen, August? Ich möchte dein Bett machen.« An der hastigen Bewegung, mit der er ihre Hand zurückstieß, merkte sie seinen Zorn und in der Angst, Aufregung könne ihm schaden, suchte sie ihn zu beruhigen. »Ich habe es nicht bös gemeint,« sagte sie. »Du kennst mich ja, ich glaube alles, was du sagst. Aber vorhin sahst du so furchtbar aus, daß ich nicht wußte, wohin ich die Augen wenden sollte.« August fuhr herum. »Ich sah furchtbar aus?« fragte er. »Ja, das ist möglich, das glaube ich. Ich strahlte Ehrfurcht aus, ich weiß es.« 20 Als er das fragende Auge Agathes sah, wurde er wieder gereizt. »Nun ja, man kann von einem Frauenzimmer nicht verlangen, daß es an Größe ohne Hosen glaubt. Lassen wir das!« Er drehte sich wieder gegen die Wand. »Übrigens bin ich mir selbst noch nicht klar. Vielleicht habe ich magnetische Kräfte, vielleicht auch nicht. Dann sind die Bestien wie ich am Scharlachfieber erkrankt. Welch ein Labsal, daß sie sich selbst den Tod getrunken haben? Das wäre eine Entdeckung, die die Welt mit einem Schlage fördern würde. Gegen Mäuse braucht man schon Seuchengifte. Nun komme ich mit der Tatsache, daß Wanzen durch Scharlachfieber vernichtet werden. Ich muß das verfolgen, wissenschaftlich ergründen. Ein Arzt muß damit experimentieren. Dem Lachmann werde ich diesen Gedanken vortragen. Er soll in seinem Laboratorium Versuche machen. Und einen Maler brauche ich dabei. Bedenke, welch eine Umwälzung es in allen ästhetischen Anschauungen geben wird, wenn man das neue Farbenspiel des Scharlachs auf dem Wanzenrot erst kennt. Eine neue Technik der Farbenbereitung kann entstehen. Denn gewiß wird man, wie man durch die Seuche bei Wanzen fabelhafte Roterscheinungen hervorruft, bei anderen Objekten durch geeignete Übertragungen blaue, grüne, gelbe Farbentöne erreichen. Ja, vielleicht gelingt es sogar, das Schillern der Giftfliegen oder der Libellen, den Zauber der Schmetterlingsfarben durch Ansteckung neu zu gestalten und praktisch zu verwerten; nationalökonomisch allein schon erstaunlich. Denn was bedeutet alles künstliche Indigo gegen diese zukünftige Pracht. Und wenn jetzt Tausende vom Anilin leben, so werden später Zehntausende vom Scharlachwanzenrot ihr Brot haben. Steinschnüffler muß auch heran, es ist nicht ausgeschlossen, daß er hier die Lösung findet, wie frühere Maler ihre unverwüstlichen Farben herstellten. Ungeziefer gab es damals genug und Seuchen erst recht. Unzählige Versuche, unzählige Erfolge werden sich anschließen. Alles was beißt und zwickt wird man zähmen, in den Dienst der Menschheit stellen. Der Mensch wird den Teufel austreiben, er, der Herr des Herrn der Ratten und der Mäuse. Zähle die Augenblicke zusammen, die täglich unnütz im Kampf mit Küchenschaben und Blattläusen verloren gehen; du gewinnst eine Ewigkeit, verwendbar für hohe Ziele. Eine unberechenbare Masse von Denkkraft wird 21 jetzt zum Töten von Raupen, Mücken, Wespen verschwendet, Millionen für Mäusefallen, Insektenpulver, Fliegengifte ausgegeben, die wertvollsten Gedanken können über dem plötzlichen Biß eines Flohs verloren gehen, ja die heiligsten Momente des Lebens, der Liebe werden dadurch zerstört, Ehen gesprengt. Eine neue Welt wird sich aufbauen, eine Welt, erhaben über alles Jucken und Kratzen, über alle Niedrigkeiten des Lebens.« Er schwieg einen Moment, um Atem zu schöpfen, Agathe benutzte die Pause und entfloh. Ihr Herz war zum Springen voll, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.     6. Kapitel. Der Vikar wird durch ein junges Mädchen in die Geschichte verwickelt und hat ein Stelldichein. Als sie weinend den Gang hinab in ihr Zimmer eilte, streckte die Tochter mitleidig den Kopf aus ihrem Stübchen. Frau Agathe scheuchte sie heftig zurück. »Kind, Kind, wann wirst du vernünftig werden? Du siehst doch, ich habe meine Uniform an, komme vom Onkel, und du sollst mir nicht nahe kommen.« Damit schlug sie ihr die Tür zu. In ihrer Verzweiflung über ihres Bruders wunderliches Wesen blieb sie jedoch zögernd davor stehen, und nun entspann sich zwischen den beiden Frauen eine eifrige Unterhaltung. In fliegender Hast erzählte Agathe ihre Abenteuer. Ratlos schlug sie schließlich die Hände zusammen und seufzte: »Was soll ich tun? So kann es nicht weiter gehen. Der Onkel schnappt einfach über. Den gräßlichen Vorbeuger mag ich nicht rufen. Er ist imstande, meinen leiblichen Bruder in ein Irrenhaus zu sperren. Wer soll mir helfen?« Während die Frau draußen jammernd sich auf den Stuhl warf und sich die Maske vom Gesicht riß, um sich die Tränen zu trocknen, hatte Alwine drinnen ganz andere Kämpfe zu bestehen. Um den 22 Onkel sorgte sie sich nicht. Sie war von Kindheit an gewöhnt, in ihm den Unfehlbaren zu verehren, dem alles glücken mußte, und sie zweifelte auch jetzt nicht, daß seine Krankheit zum Besten ausgehen werde. Aber schon lange harrte sie auf eine Gelegenheit, ihre eigenen heimlichen Pläne zur Ausführung zu bringen. Sie war entschlossen ihr Glück selbst zu schmieden. Jetzt stand sie unschlüssig da und wurde bald rot bald blaß, so schämte sie sich ihrer versteckten Wünsche. Zweimal hintereinander öffnete sie den Mund, um zu sprechen, zweimal stockte ihr das Wort. Ehe sie zum drittenmal begann, kniff sie sich selbst in den Arm, um sich Mut zu machen, setzte das frechste Gesicht auf, das sie zur Verfügung hatte, so wie sie es in der Schule zu brauchen pflegte, wenn sie mit ihrem lockengeschmückten Geschichtslehrer unterhandelte, und sagte dann kaltblütig. »Weißt du, Mama, der Onkel braucht gar keinen Arzt, er braucht geistlichen Zuspruch.« »Kind,« rief Agathe mitten im Weinen jubelnd, »den Gedanken hat dir Gott eingegeben. Gewiß, der Pfarrer muß her, der Onkel lästert ja mit seiner höheren Berufung den Himmel und alle Heiligen. Unser guter Breitsprecher, der wird helfen.« Plötzlich sank ihr der Mut. »Nein,« unterbrach sie sich. »Das geht gar nicht. Du weißt, er hat August neulich auf meinen Wunsch ins Gebet genommen und ihm vorgestellt, Wanzenstiche seien eine Schickung Gottes, man müsse sie in Demut hinnehmen und dürfe nicht einmal kratzen; dafür hat ihm August ein lebendes Exemplar zugeschickt als nächtliche Versuchung der Demut. Es war der einzige Feind, den er nicht hingerichtet hat. Seitdem ist es zwischen den Beiden aus.« Alwine stockte der Atem. Jetzt mußte die Entscheidung fallen. Alle Kraft zusammennehmend, zwängte sie die Worte hervor: »Es braucht ja nicht gerade der Breitsprecher zu sein.« Agathe sprang auf. »Ausgezeichnet«, rief sie. »Der andere, der Vikar, der ist der Richtige.« Alwine bestätigte das jenseits der Wand mit einem ernsten Kopfnicken. »Küssen möchte ich dich,« fuhr Agathe fort, »warte nur bis ich die Uniform abgelegt habe. Vikar Ende, der paßt zum Onkel. Der versteht zu reden und August mag ihn gern leiden. Auf 23 Wiedersehen, mein Herzenskind.« Eilig rannte sie davon und kurz darauf ging die zahnlose Trude, den Herrn Vikar herbeizuholen. Alwine stand noch eine ganze Weile an der Tür. »Der ist der Richtige,« wiederholte sie leise und ihr Kleid fassend, tanzte sie in der Stube herum und sang dazu nach eigener Melodie: »Der und kein anderer, der ist der Richtige.« Plötzlich hielt sie inne. Die Klingel tönte. Das war der Vikar. Hurtig, hurtig, ein Schürzchen vor, daß man fleißig ausschaut, die Haare gestrichen, daß man der Madonna ähnlich wird, mit der man neulich verglichen ward. »Langweilig ist es, solch frommes Gesicht. Die Vorliebe treib' ich ihm aus,« dachte sie, als sie sich prüfend beschaute. Sie trat recht ehrbar zur Türe, blieb aber noch einmal stehen und zerrte mit raschem Griff ein Löckchen am Ohr hervor. Das Ohr sollte er sehen, das war hübsch. Er sah es auch wirklich und fühlte nicht übel Lust, es zu zausen, als er nun in eifriger Beratung neben den beiden Frauen saß. In Kurzem war der Kriegsplan entworfen und sicheren Mutes schritt Paul Ende seinem Schicksal entgegen, das tolle Pläne brütend in der Scharlachkammer lag. Dort war Herr Müller inzwischen seinen Gedanken nachgegangen, die ihn auf immer weitere Abwege führten. Anfangs merkte er gar nicht, daß seine Schwester sich fortgeschlichen hatte. Das Gesicht zur Wand gekehrt, sprach er weiter: »Diese Vernichtung des Wanzengeschlechts durch Scharlach ist ein Symbol. Es zeigt den Weg, auf dem das Schicksal vorwärts schreitet. Es läßt uns einen tiefen Blick in das Geschehen der Dinge tun. Da steht sie vor uns, die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, ein tausendfacher Wanzenmephistopheles im roten Mantel. Nicht wahr, das hast du nicht gedacht, daß ich von meinem Standpunkt aus eine neue Epoche der Goetheforschung anbahnen werde. Was gäben wohl die Herren Gelehrten darum, wenn sie plötzlich das Wesen des Dichters vor sich sähen, so deutlich wie ich es sehe. Oder hältst du es für Zufall, daß der Teufel sich den Herrn der Wanzen nennt, daß die Diener des Gutes schaffenden Bösen Insekten sind? Geheime übersinnliche Zusammenhänge bestehen da, die prophetische Zunge des Dichters redet von dem, was jetzt geschieht. Mich ruft ein großes 24 Werk in tausend Stimmen und auch die Goethes erklingt. Ein unermeßliches Feld der Forschung, des Nachdenkens öffnet sich vor mir. Und immer fester wurzelt sich in mir die Überzeugung, daß in diesem Kopf zukünftige Welten verschlossen sind.« August fühlte den Drang, diese Welten in seinem Kopf mit einer Gebärde zu zeigen. Da er jedoch gerade dabei war, sich unter der Bettdecke die Strümpfe anzuziehen, hatte er die Hände nicht frei, stieß also mit aller Kraft den weltenschwangeren Schädel gegen die Wand, gleichsam um sich selbst durch den Klang von seiner Fülle zu überzeugen. Der Schmerz kam ihm unerwartet, verdutzt fuhr er herum und starrte nun, verwundert über der Schwester Flucht, in das leere Zimmer. Sofort aber begann er seine Fäden für sich weiter zu spinnen. Das Gebiet des Gutes schaffenden Bösen flüchtig ins Auge gefaßt erschien ihm endlos. Rasch begann er es zu teilen. Das Studium vom Nutzen der Krankheit stellte allein schon eine Lebensaufgabe vor. Die Grausamkeit, der Neid, die Dummheit, alles erschien ihm auf einmal in neuem Licht. Er versenkte sich so in seine seltsamen Ideen, daß er alle Laster, Gemeinheiten, Fehler im Augenblick lieb gewann, daß er sie gleichsam liebkosend hätschelte. Der rote Schimmer, der jetzt bei Sonnenuntergang den ganzen Himmel bedeckte und sein Zimmer mit feurigem Licht erfüllte, brachte ihn auf blutige Gedanken. Die Geschichte der Religionen zog in raschen Bildern an ihm vorüber, die Menschenopfer, das Foltern der Märtyrer, die Ketzerverfolgungen, die Glaubenskämpfe, all das sah er jetzt wie eine blutige Abendröte, die den heiligen Frieden der Nacht verkündet. Und diese Nacht selbst, die verschriene, düstere, böse Nacht, war sie nicht die Schöpferin alles Lebendigen, die Freundin der Zukunft, die unzählige Leben weckte? Plötzlich zum Ausgangspunkt zurückkehrend, lachte er voll Siegesbewußtsein und Stolz, als ihm einfiel, daß es ja die Nacht war, in der er das Symbol alles Schlechten, die roten Feinde gemordet hatte. Alles war ihm in Rot getaucht, was er sah und dachte, und zwischen allem Blutigen tanzte neckisch das Rot als Liebesfarbe hervor und verwirrte seine Gedanken noch mehr. In diesem Augenblick, als Augusts Verstand just zwischen der 25 Kirche und der Liebe stand, trat der Vikar in sein Zimmer. Sein Erscheinen gab dem armen Narren Gelegenheit, sein Gewebe weiter zu spinnen. »Sie kommen wie gerufen, lieber Vikar, wie eine Erscheinung von oben, als ein echter Bote Gottes«. Dabei streckte er ihm vom Bett aus die Hand entgegen. Ende ging mit den besten Vorsätzen ans Werk, er wollte vorerst still zuhören, um sich ein unbefangenes Urteil über den Kranken zu bilden, dann aber mit ruhiger Würde als wahrer Seelsorger eindringlich sprechen. Trotzdem war er seiner Rolle gerade jetzt nicht gewachsen. Mochte es das Ungewöhnliche seiner Aufgabe sein oder das vertraute Gespräch mit den beiden Frauen, kurz sein Gemüt war erregt, und seine Verwirrung wurde noch größer, da August die einmal ergriffene Hand nicht wieder losließ. Ein Gefühl der Unfreiheit überkam den Geistlichen. »Ich dachte gerade über das Eheverbot für Geistliche nach und gleichsam als Verkörperung dieser Frage stehen Sie vor mir, im roten Sonnenlicht, jung, wie auf Freiersfüßen wandelnd. Wäre ich nicht hellsehend geworden, ich könnte glauben, Ihr Kommen entscheide das Problem zu Gunsten der Priesterehe. So aber blicke ich tiefer und erkenne nur ein Vorzeichen Ihrer Zukunft. Sie passen nicht zum Verlobten Gottes, und ich sehe die Locken wehen, in denen Sie sich fangen werden.« Der Vikar machte seine Hand aus dem Griff des Kranken frei und strich mit der Rechten über die Augen; es tanzte wirklich eine Locke davor. »Verzeihen Sie, Herr Müller,« begann er, »wenn ich freimütig spreche. Ich bin protestantischer Geistlicher, und mir tut es weh, Sie so reden zu hören. Die Seele des Menschen ist ein rätselhaftes Wesen, mit heimlichen Winkeln und Schatten. Nur das Licht, das aus einer anderen Seele strahlt, hellt sie auf. Wir Priester bedürfen der Ehe, der offenen wahrhaftigen Gemeinschaft mit einem anderen Wesen, an dem wir lernen Seelsorger zu werden. Die Ehe ist die große Schule für jeden, eine Bestimmung des Menschen, wie es die alten Geschichten von der Schöpfung des Weibes tiefsinnig lehren. Das Wesen des Priesters, wie es der Ehrgeiz Roms geschaffen hat, ist der ärgste Abfall von Christi Lehre. Das ist gerade der tiefste Sinn des Evangeliums,. daß sich niemand zwischen das 26 Herz des Menschen und seinen Gott drängen soll. Der Geistliche ist Mensch und bleibt es auch in seinem Amte. Nichts Menschliches darf ihm, dem Verkünder der Menschenliebe, fremd sein, am wenigsten die Ehe, die ihn die eigenen Schwächen überwinden, die fremden liebevoll dulden lehrt.« In diesem Augenblick wurde der feurige Redner von einem schallenden Gelächter seines Zuhörers unterbrochen. »Entschuldigen Sie, lieber Herr Ende, entschuldigen Sie mein ungebührliches Lachen. Sie sprechen so warm, und ich nehme herzlich teil an Ihrem zukünftigen Glück, das aus Ihren Augen leuchtet. Aber der Schluß, das war der ganze Breitsprecher, ein typisches Beispiel geistiger Ansteckung.« Der Vikar fiel ein: »Oh bitte, alles Persönliche wollen wir doch aus dem Spiel lassen.« Müller lachte noch lauter. »Haben Sie keine Angst, ich verrate es der Schönen nicht, daß Sie sie gewissermaßen als Geduldsprobe heiraten wollen.« Paul Ende verlor die Fassung. »Ich meinte das nicht,« rief er hastig. »Das Hineinziehen meines Amtsgenossen und Vorgesetzten möchte ich vermieden sehen.« In Müllers Augen leuchtete der Spott auf. »Aber das gehört gerade hierher. Nein, bleiben Sie ruhig sitzen! Sie sind von ihm mit Demut angesteckt worden, und das ist eine Gefahr, diese Infektion. Wenn Sie sie aufkommen lassen, so dauert es kein Jahr, und Sie sind aus einem Verkünder der Menschenliebe ein Priester geworden. Denn Priester, oder wenn Sie wollen Pfaffen gibt es auch unter den sogenannten Protestanten; das werden Sie mir zugeben. Ja, es will mich bedünken, der evangelische Geistliche sei auch von Amts wegen zwischen Gott und Menschen gestellt. Nur gibt ihm unser Bekenntnis nicht die Macht, die der katholische Priester mit seiner Kraft, in der Messe den Leib Gottes zu schaffen, besitzt. Das ist ein großer Fehler unsrer Kirchenverfassung, an dem die evangelische Lehre einmal zu Grunde gehen wird.« »Es ist der große Vorzug unsrer Lehre,« entgegnete der Vikar, »daß sie den Aberglauben der priesterlichen Macht, zu binden und zu lösen, gebrochen hat. Der Glaube allein, nicht die Kirche gibt uns 27 Erlösung. Das Wesen des Protestantismus ist die Freiheit des Einzelnen.« Er hatte ganz vergessen, daß er mit einem Verrückten sprach, aber schon die nächsten Worte Müllers erinnerten ihn daran. »Ich habe nie begriffen,« begann dieser, »was das Wort Protestantismus noch mit unsrer Lehre zu tun hat, es sei denn, daß sie pro testiculus eintritt gegen das Zölibat. Unser Bekenntnis beruht nicht mehr auf einem Protest gegen eine Lehre, sondern ist selbst eine Lehre, eben die Lehre vom Glauben. Das Wort evangelisch paßt für uns, schon deshalb, weil bei uns so schön geredet wird. Protestanten können niemals eine gemeinschaftliche Kirche bilden, ja gerade die Kirche verwirft jeder Protestant ohne weiteres, wie Christus selbst sie verwarf. Die Bildung einer Kirche, der Anschluß an die Gemeinschaft einer solchen ist eine Infektionskrankheit der Seele, für die der Protestant unempfänglich ist.« August hatte sich auf die Bettkante gesetzt und betrachtete nachdenklich seine nackten Beine. »Man weiß zu wenig von ansteckenden Krankheiten, geistigen und körperlichen. Das wird sich nun ändern. Wenn ich die Erfahrungen der letzten Tage mir erst ganz zu eigen gemacht habe,« – er riß hastig das Bettlacken oben von der Matratze fort und suchte nach irgend etwas in den Falten des Überzugs – »werde ich sie wissenschaftlich erproben und bearbeiten, und ich zweifle nicht daran, daß sich sehr bald auf der neuen Grundlage eine neue Wissenschaft aufbauen wird. Einiges läßt sich schon jetzt darüber sagen. So möchte ich annehmen, daß auch hier ein gewisses Gesetz der Gegensätze herrscht; ich meine, daß eine psychische Infektion den Körper umgestaltet, während die körperliche Ansteckung den Geist verändert. Das letztere habe ich an mir selbst erfahren. Mein Scharlachfieber hat meinen gesamten inneren Menschen verwandelt, so sehr, daß ich noch gar nicht daran zu glauben wage. Für die geistige Infektion aber bietet gerade die Kirche ein gutes Beispiel. Ist ein Mensch priesterlich angesteckt, so erleidet sein Gesicht, seine Haltung, sein ganzes äußeres Wesen eine bestimmte Wandlung. Das zeigt sich sogar in der Kleidung. Sie ist die unausbleibliche Folge der Ansteckung. Genau so wie ich rot geworden bin, weil ich das Scharlachfieber bekam, so tragen Sie schwarzes Gewand, weil Sie an dem Kirchenfieber leiden, an einer ganz bestimmten Sorte, dem 28 Demutsfieber; das ist eine fatale Abart. Ihr Gift ist das Bewußtsein der Sünde und der Angst. Die Demut will nicht bemerkt sein, sie schleicht im Dunkeln. Sie verbreitet um sich die Nacht in Gestalt des schwarzen Talars. Es ist ein psychischer Ausschlag; ebenso wie die Tonsur der Katholiken ein psychischer Haarausfall ist, in dem sich der Gedanke ausdrückt, daß der Priester dem Himmel näher steht, als andere Menschen, daß die Seligkeit aller Heiligen sich in ihm widerspiegelt, daß die Offenbarung leichter in seinen Schädel eindringen kann. Sehen Sie, wie kahl mein Kopf ist! Sehen Sie doch? Und ziehen Sie Ihren Schluß! Die Erleuchtung von oben sengt gewissermaßen das Haar fort, und wird sie sehr stark, so kommt es zu einer Ansammlung von Strahlen, zum Heiligenschein.« Der Vikar hatte schweigend zugehört. Er sah ein, daß er mit seinem Widerspruch die Verwirrung nur vergrößert hatte, und versuchte nun, auf die unsinnigen Gedanken seines Schutzbefohlenen einzugehen. »Sie eröffnen da wirklich eine weite Aussicht für den Forscher und Seelenkünder, und ich werde mich bemühen, diesen Ideen weiter nachzudenken. Mich will aber bedünken, als ob Sie doch noch andere Hilfsquellen herbeileiten müßten. Sie erklären Massenerscheinungen vielleicht richtig, vielleicht falsch, jedenfalls aber eigentümlich. Wie aber stehen Sie zu den Einzelerscheinungen, zu den großen Männern mit ihren ausgeprägten Eigenheiten, ihren merkwürdigen Gesichtern und Gewohnheiten. Ich kann mir denken, daß eine ganz bestimmte Geistesrichtung gewisse äußere Merkmale herbeiführt. Man könnte Nietzsches Schnurrbart aus seinem Willen zur Macht herleiten, Ibsens gesträubte Mähne als Symptom des Zwiespalts zwischen Lebenslüge und Lebenswahrheit nehmen. Aber das alles ist doch nicht Infektion. Allenfalls Krankheit.« »Autoinfektion ist es, mein Lieber. Pfui über das häßliche Wort. Selbstansteckung also. Wir sind gewöhnt anzunehmen, die Denktätigkeit spiele sich nur in dem Gehirn ab. Das ist aber düstrer Aberglaube, den sich bloß Leute leisten können, die niemals gebissen worden sind. Wenn das Gehirn denkt, so denken die Schnurrbartspitzen mit, ebenso wie die Fingernägel oder die Darmhäute. Das weiß jeder. Zweifellos sind diese Vorgänge einer wissenschaftlichen Forschung zugänglich, und unsere Zeit, die sich so aufgeklärt 29 vorkommt, beweist nur, daß sie noch tief im Aberglauben steckt, wenn sie darüber lacht, daß Menschen mit verschiedenen Seelen verschieden riechen, wenn sie dummstolz behauptet, man könne die Zukunft nicht aus der Hand lesen oder den Charakter nicht aus der Schädelbildung beurteilen. Ein Hühnerauge entsteht ebensogut durch den Druck der Gedanken, wie durch den Stiefeldruck, und die Wissenschaft wird noch so weit kommen, aus der Form der Entleerungen die Gedanken festzustellen, mit denen sich der Mensch am stillen Ort einsam beschäftigte.« Augusts Blick strahlte Begeisterung, als er im selben Moment das Gerät sah, mit dem Agathe vorsorglich seine Zelle ausgestattet hatte. »Sehen Sie, Herr Vikar, solch einen Stuhl, bei uns gemeinhin Nachtstuhl genannt, wird man später Probestuhl der Gedanken nennen. Man wird ihn in allen Gefängnissen aufstellen, um den Geheimnissen der Verbrecher auf die Spur zu kommen. Die Könige werden fremden Staatsmännern Ehrengeschenke damit machen und besondere Spione, mit dem Titel Gedankenriecher halten, um die Pläne der eifersüchtigen Nachbarn zu erforschen. Dann erst wird es eine hohe Politik geben.« Ergriffen von der Tiefe dieser Gedanken hob August die Augen zur Decke und schwieg in ehrfurchtsvollem Staunen über den Reichtum seiner Eingebungen. Dem Vikar schwindelte der Kopf. Mit einer verzweifelten Anstrengung suchte er das Gespräch abzubrechen. »Ich danke Ihnen,« begann er, »für diese unvergeßliche Stunde. Sie gaben mir Eindrücke in die geheimsten Abgründe menschlichen Daseins,« August stand gerade am Probestuhl der Gedanken, »und ich wage es nicht, weiter zu hören, auf die Gefahr hin, ganz überwältigt zu werden. Alles das verlangt stilles Denken und Einsamkeit und die Nacht, die jetzt hereinbricht, wird mir Muße geben, mich in die neuen Ideen einzuleben. Gestatten Sie, daß ich an Ihrem Lager sitzend, Ihren Anregungen nachträume. Sie selbst aber sollten Ihre kostbare Kraft schonen und im Schlaf sich für die wunderbare Verwandlung stärken.« August lächelte zufrieden. Er dozierte sitzend weiter: »Mein Hirn ist in Gärung, das weiß ich, und ich erkenne dankbar Ihre Fürsorge an. Wer, wie ich, berufen ist, Großes zu leisten, darf nicht 30 leichtfertig mit seinem eigenen Menschen umgehen. Gestatten Sie mir nur, meine Ideen kurz abzuschließen. In dieser Wirkung des Gedankens auf den Bau des Körpers haben wir wohl den besten Weg, das ganze Phänomen der Ansteckung zu studieren. Denn um Ansteckung handelt es sich dabei. Der Gedanke, die Scham verletzt zu haben, steckt die Wangengefäße der Frau an, so daß sie sich mit Blut füllen. Die Idee der Vasallentreue durchseucht den Menschen Bismarck so, daß er das Ansehen einer Dogge bekommt. Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Für den tiefsinnigen Forscher, namentlich wenn er solche Erfahrungen machte wie ich, handelt es sich vielmehr darum, zu ergründen, welche körperliche Ansteckung bei großen Männern bestimmte geistige Richtungen hervorgebracht hat, in welchem Zusammenhang beispielsweise Goethes Dichtkunst zu den Pocken steht, die er als Knabe durchmachte. Man wird von jetzt an ganz anders das Leben unserer Geistesfürsten durchforschen müssen, viel genauer.« Bei diesen Worten gab August einen allgemein menschlichen Beweis, wie solch Durchforschen zu denken sei, klappte den Deckel zu und legte sich wieder hin. »Der Schnupfen, den ein Kind durchmacht, hat wahrscheinlich mehr Bedeutung als ein Schulunterricht, ja man wird das Rätsel eines kantischen Verstandes eher durch ein Studium seiner Nasenschleimhäute, als durch das Lesen seiner Werke lösen. Nur müßte dazu jeder Mensch, dessen Geist durch eine Ansteckung verändert worden ist, mittelst eines besonderen Zeichens kenntlich gemacht werden, damit sich das Studium nicht zu sehr zersplittert, noch mehr aber, damit er sich seines hohen Berufes stets bewußt bleibt. Ich habe in der Muße, die mir meine Schwester gegönnt hat, darüber nachgedacht, welches Symbol ich selbst erwählen soll. Mir fiel dabei dies in die Hände.« August holte unter der Bettdecke eine Streichholzschachtel hervor und öffnete sie behutsam. »Sehen Sie, das ist der letzte Feind, den ich hingerichtet habe. Ich dachte daran, ihn von Rubinen umgeben auf schwarzem Grunde fassen zu lassen und als Ring zu tragen, gleichsam als Devise: Durch Nachtkampf zum Lichtsieg. Was meinen Sie dazu? Dies wäre noch mehr als Goethes Seelensucher und Agathe würde sich darüber ärgern. Die Wanze als Symbol der Schlacht in der Finsternis, der Rubin als Wahrzeichen des strahlenden Scharlachsieges.« 31 Der Vikar seufzte. Gelang es ihm nicht, das Scharlachwanzengespenst zu bannen, so war beider Nachtruhe verloren. »Halten Sie ein, Herr Müller,« bat er. »Die neue Lehre, die Sie mir gaben, erfüllt all mein Wesen und ich bin nicht mehr fähig, irgend etwas anderes zu denken. Wenn Ihr rastloser Geist weiter schweift, gönnen Sie mir Ruhe, mich zu fassen.« August schob ruhig seine Streichholzschachtel zu, drückte dem jungen Freunde die Hand und sagte: »Sie haben Recht. Ich darf den ersten Schüler, den ich finde, nicht erdrücken. Gute Nacht denn, für heute.« Damit wandte er sich um und schon in der nächsten Minute hörte der Vikar an seinem Schnarchen, daß er schlief. Paul Ende wischte sich den Schweiß von der Stirn. Halb mitleidig, halb ängstlich beobachtete er den Schlafenden, immer gewärtig, daß er erwachen und dann in Tobsucht ausbrechen werde. So saß er eine Stunde geduldig da. Allmählich aber, als es im Zimmer stockfinstre Nacht wurde, überschlichen ihn allerlei andere Gedanken und umspannen ihn mit Träumen. Ihm war, als ob er auf der Kanzel stehe um zu predigen, als er jedoch die Hand zum Segen hob, sah er, daß um den Finger eine blonde Locke gewickelt war. Er wollte sie abstreifen, da klang die Locke wie springendes Glas und eine Mädchenstimme tönte an sein Ohr: Herr Vikar. Zweimal machte er den Versuch. Beim dritten Male erwachte er und hörte nun deutlich, daß Alwine vom Garten her nach ihm rief. Gleichzeitig vernahm er, wie ein Steinchen gegen das Fenster anflog. Er erhob sich, sah noch einmal vorsichtig nach seinem Schützling und eilte dann zu dem Balkon. Wirklich, unten auf dem Rasen sah er ein weißes Kleid schimmern. Als er die Tür hastig aufriß, wollte es das Schicksal, daß Alwinchen gerade einen neuen Stein nach oben warf. Fast hätte er den würdigen Geistlichen mitten in das Gesicht getroffen, aber er wich noch glücklich aus, freilich weder ihm noch allen anderen zum Heil, wie der Verlauf dieser Geschichte zeigen wird. »Warte, du loses Ding,« sagte er zu sich; ohne die Frage des Mädchens nach ihres Onkels Befinden zu beantworten, stieg er über das Geländer des Balkons hinweg und ließ sich an dem Weinspalier geschickt zu Boden gleiten. 32     7. Kapitel. August Müller stirbt. Es muß unentschieden bleiben, ob er dabei wirklich, wie seine Worte vermuten ließen, im Sinne hatte, sich an dem Mädchen zu rächen, auch welcher Art diese Rache sein sollte. Denn das vorwitzige Fräulein sah kaum die Gestalt am Weinspalier herunterklettern, als es erschreckt über die zu ausgiebige Wirkung ihres Anbändelns in das Haus flüchtete. Verdutzt stand Ende in dem leeren Garten. Mit ein paar Sprüngen erreichte er die Haustür, aber sie war fest verschlossen. Es blieb ihm nichts übrig als der Rückzug, und er ahnte, daß auch der einige Schwierigkeiten haben werde. Denn im Hinabgleiten hatte er wohl bemerkt, daß das Spalier unter seinem Gewicht nachgegeben hatte. Während er verdrossen die Stangen prüfte, ob er sich ihrer Festigkeit noch einmal anvertrauen solle, bemerkte er, daß ihm der Rückweg überhaupt versperrt war. Die Glastür, die er vorhin geöffnet hatte, war jetzt verschlossen, und bei dem matten Schein, der aus dem Zimmer drang, sah er, daß August Müller nicht mehr im Bette lag, sondern hastig im Zimmer auf und ab ging. Verärgert schaute er nach oben. So lange der Kranke wach war, konnte er nicht wieder hinaufsteigen, ohne sich Erörterungen auszusetzen, die bei der Verrücktheit seines Gegners ihn leicht in die lächerlichste Lage bringen konnten. Er beschloß also zu warten und da das Stehen im feuchten Grase seinen jungen Gliedern nicht sehr verlockend erschien, setzte er sich auf eine Gartenbank, von der aus er das erleuchtete Fenster Augusts im Auge behalten konnte. Auf dieser Bank nun überfiel ihn der Teufel in Gestalt des Schlafs. Die Augen sanken ihm und er erwachte erst von der Kälte kurz vor Sonnenaufgang. Halb noch im Traum reckte er seine steif gewordenen Glieder, wunderte sich über das seltsame Lager, auf dem er ruhte, und erst allmählich kam ihm zum Bewußtsein, wie er hierher gekommen war. Beschämt fuhr er empor. Er, der Geistliche, den die beiden Frauen im vollen Vertrauen als Wächter bei dem Kranken zurück gelassen 33 hatten, hatte seine Pflicht sträflich vernachlässigt, war auf Liebesabenteuer ausgegangen, und schließlich hatte er die Wache verschlafen. Was mochte inzwischen geschehen sein? Das Licht in Augusts Zimmer brannte noch. Eilig ging er zu dem Balkon hin. Die Tür oben stand weit auf. Von Müller war nichts zu sehen. Wahrscheinlich lag er also im Bett. Aber wunderlich war es, daß das Spalier jetzt vollkommen zerknickt und heruntergerissen war. Der Vikar hatte nicht geglaubt, daß die Verwüstung so schlimm gewesen wäre. Die Finsternis der Nacht mußte ihn getäuscht haben, während der anbrechende Tag jetzt alles in klarem Licht erscheinen ließ. Gott sei dank stand die Leiter in der Nähe, mit der Agathe den Balkon zu ersteigen pflegte. Rasch hatte er sie angelehnt, war hinaufgestiegen und schlich auf den Zehen in das Zimmer. Im nächsten Augenblick stürzte er schon mit der vollen Wucht seines Körpers gegen die Korridortür mit ihren Eisenstangen. Das Zimmer war leer, der Kranke verschwunden. Der arme Vikar schlug geängstigt mit den Fäusten auf die bretterne Wand los, die ihn von den Hausbewohnern trennte, und rief mit lauter Stimme abwechselnd: »Frau Willen, Frau Willen! Fräulein Alwine, Alwine!« In dem gegenüber liegenden Zimmer saß währenddessen Alwine mit schreckensbleichem Gesicht und zitternden Gliedern aufrecht in ihrem Bett und horchte auf das Geschrei, das zu ihr drang. Als immer von neuem ihr Name gerufen wurde, sprang sie auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und eilte zu der Mutter. Auch die war schon durch den Lärm geweckt, halb angekleidet trat sie gerade aus der Tür. »Alwinchen,« rief sie jammernd, »Alwinchen, der Onkel tobt wieder. Erschrick nur nicht. Ich werde ihn schon zur Ruhe bringen. Geh doch und leg dich schlafen.« »Ach Mutter, hör' nur, es ist gar nicht der Onkel, es ist der Vikar. Der arme Paul! Wenn der Onkel nur nicht tobsüchtig geworden ist.« Agathe hörte nur halb. »Er mordet ihn, er mordet ihn!« schrie sie und lief den Korridor entlang, was sie laufen konnte, das Töchterchen hinterher, sich ängstlich an der Mutter Rock klammernd. »Frau Willen, öffnen Sie, um Gottes willen öffnen Sie,« schrie es ihnen durch die Tür entgegen. 34 »Ja, ja, nur einen Augenblick noch. Nehmen Sie alle Kraft zusammen, Herr Vikar, halten Sie den Wütenden fest! Wehren Sie sich! Ich komme zu Hilfe. Seine eigene Schwester wird er ja nicht erschlagen.« Die Tür ging auf und der Vikar fiel in die ausgebreiteten Arme Agathes, die in der einen Hand wurfbereit eine Flasche mit kaltem Wasser hielt. »Wo ist er?« rief sie. »Fürchten Sie sich nicht, Herr Vikar! Wo ist der Wüterich?« und ließ die Augen durch das Zimmer schweifen, während sie den Arm mütterlich schützend um den jungen Mann schlug. Der Geistliche wäre am liebsten in ein Mauseloch gekrochen, so schämte er sich. Kleinlaut stammelte er: »Er ist fort.« Agathe erstarrte in der Stellung, in der sie gerade stand und wahrscheinlich wäre sie so als ewiges Wahrzeichen des schrecklichen Augenblicks, gleich Loths Weib versteinert, wenn nicht Alwine, gereizt durch den Anblick des verfrorenen und zerschundenen Vikars in den Armen ihrer sprachlosen Mutter in ein Gelächter ausgebrochen wäre. »Was hast du zu lachen, dummes Ding,« rief sie in vollem Zorn, und ehe sich's Alwinchen versah, hatte sie eine feste Ohrfeige erhalten. Ohne sich weiter um das weinende Kind zu kümmern stürzte Frau Agathe vorwärts nach dem Balkon. »Was sagen Sie? Fort ist er?« sagte sie dabei und in den leeren Garten schauend begann sie wieder: »Fort? Aber wie ist das möglich? Haben Sie geschlafen, Herr Vikar?« Der Pastor Breitsprecher hatte vor einiger Zeit zur großen Entrüstung einiger älterer Damen von dem Vikar gesagt, er besitze noch nicht die nötige moralische Reife zum Prediger. Das, was Paul Ende jetzt tat, gab den Beweis, daß der würdige Pastor Recht gehabt hatte. Der Vikar log. Hätte er Frau Willen allein gegenüber gestanden, er hätte sicher sein christliches Gemüt vor schwerer Sünde gerettet. Aber das schöne Kind dort, mit dem aufgelösten langen Haar, das eben seinetwegen eine Ohrfeige erhalten hatte und nun gar reizend aussah, wie es sich weinend die brennende Backe rieb, durfte er nicht in den Verdacht bringen, als habe es mit ihm ein Stelldichein gesucht oder gar gehabt. 35 Mit fliegenden Worten erzählte er, wie er mit dem Kranken auf dem Balkon gestanden habe, wie er ihm den letzten Feind in der Streichholzschachtel gezeigt habe, wie der Feind, diese kostbare Reliquie in den Garten hinabgefallen sei, und wie er selbst Herrn Müller zu Gefallen am Weinspalier sich hinabgelassen habe, das Kleinod zu suchen. Dann zur Wahrheit zurückkehrend, berichtete er, wie ihm der Rückzug abgesperrt ward, und er auf seinem Beobachtungsposten eingeschlafen war. Die moralische Verderbtheit des angehenden Geistlichen kam jetzt deutlich zum Vorschein, denn statt zu bereuen, freute er sich in sträflicher Weise über das Lächeln, mit dem Alwine, mitten aus ihren Tränen heraus, für seine Diskretion dankte. Er hätte in diesem Augenblick das Dasein Gottes verleugnet. Glücklicherweise wurde das nicht von ihm verlangt, denn Agathe hatte mittlerweile bei der immer noch brennenden Lampe ein Kuvert mit ihrer Adresse entdeckt. Das nahm sie auf, ehe sie es aber erbrach, löschte sie mit den Worten: »Welche Verschwendung!« die Lampe. Im nächsten Augenblick beugten sich drei Gesichter, das alte, zornrote Agathes, das von dem Weinstock zerschundene des Vikars und Alwinchens mit der geschwollenen Backe, über die Blätter, auf die August Müller seine Abschiedsworte niedergeschrieben hatte. Das erste Schreiben lautete wie folgt: »Mit der Mitternachtsstunde des 24. zum 25. . . . . . starb in mir der Mensch August Müller. Kraft mir innewohnender heiliger Gewalt tilge ich den Namen und das Andenken dieses Toten für ewige Zeiten.« Das Zweite enthielt die Worte: »In der Wende der Nacht zum Tage schuf ich mich zu einem Menschen um, dessen Name soll sein Thomas Weltlein, zum Zeichen, daß er empfangen und geboren ward vom Zweifel, der allein der Welt Leben gibt.« Agathe entfaltete das dritte Schreiben und las: »Bis zu dem Augenblick, in dem ich diese Worte schreibe, glaubte ich noch nicht an mich selbst und an meine Kraft. Daß ich ruhig und unbewegt von dir scheiden kann, beweist mir: das Leben, 36 wie ich es lebte, liegt hinter mir, unter mir. Mit allem was war, habe ich nichts zu schaffen, mein Werk gehört dem, was wird, dem Tag, der mich auf den Flügeln der Morgenröte hinwegführt, im Kopf den Zweifel, im Herzen die Welt. Gedenke des Toten! Hoffe des Lebenden! Thomas Weltlein.« Agathens Stimme versagte, und der Vikar nahm ihr hilfreich die Rolle des Vorlesers ab: »P. Scr. Zum Gedächtnis des Sterbens und als Zeichen der Wiedergeburt hinterlasse ich dir den letzten Feind. Er war es, der mich gesund biß. Die Streichholzschachtel, in der er ruht, vertauschest du wohl gelegentlich mit einer würdigeren Grabstätte. Fahr wohl! Hoffentlich hast du die Spalierstangen gut befestigt, so daß ich beim Klettern nicht falle.« Als der Vikar noch das vierte Schreiben öffnen wollte, fiel sein Blick auf Agathe, die sich krampfhaft an der Stuhllehne festhielt. Er warf den Zettel zur Seite, um sie zu stützen. Alwine fing ihn auf und überflog ihn. Eine tiefe Röte stieg ihr in das Gesicht. Ehe sie jedoch den Mund öffnen konnte, sank die Mutter mit dem Ruf: »Er ist verrückt,« ohnmächtig zusammen. Niemand erfuhr, was in dem letzten Brief stand, denn während die beiden jungen Leute die bewußtlose Frau zu Boden gleiten ließen, war das Blatt verschwunden.     8. Kapitel. Thomas Weltlein begegnet dem Sein, dem Werden und dem Fittich der Tat. Der umgetaufte Thomas Weltlein ahnte nichts von der Verwirrung, die er hinter sich gelassen hatte. Barhäuptig, mit geballten Fäusten eilte er die Landstraße entlang. Von Zeit zu Zeit öffnete er die rechte Hand und blickte nachdenklich auf den Gegenstand, der darin verborgen war. Es war das Steinchen, mit dem Alwine ihn unsanft aus dem Schlaf geweckt hatte. Noch ganz befangen von der Erinnerung 37 an das Gespräch über die innere und äußere Ansteckung hatte er seinen neuen Namen gewählt. Die beiden Worte Thomas Weltlein sollten ihn weiter umschaffen, ihn immer und immer an den hohen Beruf erinnern, zu dem er sich berufen glaubte. Man sieht daraus, wie wenig er selbst noch seiner Verwandlung traute. Und jetzt sann er auf ein weiteres Mittel, seinem unsichern Geist von außen nachzuhelfen. Er wollte sich ein Symbol seines Wesens schaffen, ein Wahrzeichen dessen, wozu ihn das Wanzenwunder rief. Dieser runde Kiesel, über dem sich seine Finger so leicht öffneten und schlossen, konnte die Erde bedeuten. Dieser Gedanke gefiel ihm, und er lachte freudig auf. War das die Welt, so war er nicht mit der Nase dagegen gerannt. Nein, sie hatte sich ihm als Eigentum entgegengeworfen, hatte wohl gar absichtlich die hervorragende Stelle seines Gesichts getroffen. Warum sollte ein Stein nicht Absichten haben? Warum sollte nicht bewußtes Leben in ihm wohnen? Die Eitelkeit des Menschen hat den Unterschied zwischen Leben und Totsein erdichtet. Gab es einen Gott, so dachte er allein, und der Stein war ebensogut ein Werkzeug seines Willens wie der Verstand eines Genies. Gab es aber denkende Menschen, so war nicht einzusehen, warum es nicht auch denkende Steine geben sollte; dieser Stein hier dachte gewiß. Er hatte sicher selbst den empfindlichen Platz ausgesucht, den er treffen wollte. Er, Thomas, mußte der Nase nachgehen, hieß das, unbekümmert um Menschenlob und Tadel. Der Schmerz an der Nase erwachte von neuem, und hastig fuhr Weltlein mit der linken Hand empor, um den Schaden zu reiben. Mitten in der Bewegung jedoch hielt er inne, ja es ging eine so plötzliche Wandlung mit ihm vor, daß er eilig stillstand. Etwas Scharfes, Spitzes war ihm über das Gesicht gefahren, und als er die linke Faust öffnete, sah er darin eine halbverdorrte Weinranke. Sie war ihm, als er beim Hinabklettern mit dem Weinspalier zusammenbrach, zwischen den Fingern geblieben, und er hatte sie, ohne darum zu wissen, in der krampfhaft geballten Hand die ganze Zeit über mitgeschleppt. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn: das ist das Symbol; die Rebe, 38 das alte Sinnbild des Wachsens, der Wandlung und der Auferstehung, der Träger heiligen Rausches, das Werkzeug eines welterobernden Gottes. Mit den Blättern des Weinstocks mußte er sich kränzen, sie als mahnenden Schmuck um das Haupt flechten. Triumphierend hob er den Arm, um die halbwelke Zierde um die Stirn zu legen, da fiel ihm ein Wort ein, das ihm die Stimmung störte. Schade, ewig schade, daß hier kein Spiegel in der Nähe ist, sprach er leise vor sich hin. Dann lachte er gutmütig über sich selbst, streckte die Arme aus und blickte abwechselnd auf den Stein und die Blätter. Ein wehmütiges Gefühl stieg in ihm auf, fast wie die schmerzliche Erkenntnis seines verrückten Zustandes. Aber mit einer starken Anstrengung scheuchte er die Wahrheit davon und immer auf den Stein und die Blätter starrend, steigerte er künstlich seinen Schmerz höher und höher, bis ihn eine krankhafte Frömmigkeit überwältigte. »Höre mich, Herr, höre mich, dämmernder Himmel, der du der Sonne harrst! Gib mir ein Zeichen, daß ich es trage zu deinen Ehren, zum Ruhm des Lichts! Siehe, in meinen Händen halte ich den Witz der ganzen Menschheit, das Sein und Werden liegt mir zwischen den Fingern, die Enden aller Philosophie aller Jahrtausende. Du weißt es, Himmel: was sie auch ersonnen haben, in der Mitternachtsstille oder bei der schwälenden Lampe, sie sind nie weiter gekommen als bis zum Sein und Werden. Sie haben auch nie zwischen beiden entschieden. So entscheide denn du! Laß mich nicht in Zweifel stehen, ich gleiche sonst zu sehr dem Esel zwischen den Heubündeln. Du hast ja die Helden geliebt und ihnen Adler zur Rechten und Linken gesandt. So gib auch mir ein Zeichen, daß ich das Rätsel löse.« Er ließ die Arme sinken und fuhr fort: »Hier ist das Sein« – er legte Alwinens Stein sorgfältig auf die Erde – »und hier das Werden,« die Weinranke fand ihren Platz daneben. »Jetzt werde ich zwanzig Schritte zurückgehen und dann mit geschlossenen Augen wiederkommen. Was ich zuerst erblicke, wenn ich die Augen öffne, das soll mir heilig sein.« Er richtete sich auf und blickte umher. Von dem Hügel, auf dem er stand, blickte er weit in die dämmernden Lande. Beinahe 39 hätte er über den lockenden Anblick seine Absicht vergessen. Rasch aber raffte er sich zusammen, winkte dem Himmel zu und rief: »Paß auf, alter Heidengott, und mach es gut!« Dann ging er langsam seine zwanzig Schritte, schloß die Augen und kehrte laut zählend zurück. Bei zwanzig hob er den Blick. Aber statt des Seins und Werdens sah er am Ende der Welt die Sonne aus der Erde steigen. Mit einem Freudenruf streckte er die Arme aus, warf sich auf die Knie und jubelte dem aufgehenden Gestirn zu. »Bist du es, große Sonne? Gibst mir dich selbst, mir, deinem Kinde. Bist du das Zeichen, in dem ich siege? Große Sonne, wie liebe ich dich. Du bist heiliges Licht.« Er kreuzte die Arme über die Brust und beugte den Kopf nieder. Sofort aber fuhr er empor. »Das ist empörend,« rief er. »Ich bete die Sonne an und zum Dank zeigt sie mir Sein und Werden zu gleicher Zeit. Verfluchter Stein, verfluchter Wein! Was soll ich wählen?« Er raffte wütend die beiden Symbole auf, da sah er halb im Straßenstaub vergraben eine Feder liegen, die irgend eine alte Krähe dort abgeworfen hatte. Mit ernstem Blick betrachtete er sie, hob sie andächtig empor und der Sonne zunickend sagte er freudig: »Du verlässest keines deiner Kinder, alter Weltfahrer. Du lachst über das Sein und Werden und bestrahlst den Fittich der Tat. Und du hast Recht. Fort mit dem Sein« – er steckte den Kiesel in die rechte Hosentasche – »fort mit dem Werden« – die Weinranke verschwand in die linke Hosentasche – »ade, Philosophie der Griechen und Inder; die Tat ist alles, das Denken nichts. Das wußten schon andere vor dir, Thomas. Aber Dank, Sonne, daß du mich's gelehrt!« Freudig hob er die Krähenfeder vor das Auge und guckte zwischen dem Flaum in die Sonne. »Du sollst mich tragen zu hohen Höhen. Auf Flügeln will ich dir dienen, ewiges Licht. Schön bist du Welt, liebenswert schön.« Die Rührung überwältigte ihn; er fühlte den unwiderstehlichen Drang irgend etwas zu umarmen und im gewaltigen Druck seine gespannte Seele zu befreien. Um die Hände frei zu bekommen, steckte er die Feder in den Mund, breitete die Arme aus und schritt in Verzückung auf den nächsten Baum zu. 40     9. Kapitel. Der Lumpenwilhelm und Agathes Uhr. »Guten Morgen auch,« tönte es neben ihm. Das Weltlein fuhr sehr rasch herum, öffnete den Mund, um den Gruß zu erwidern und ach, der Fittich der Tat sank langsam flatternd zu Boden. Der arme Thomas aber starrte verwundert auf die krumme Gestalt eines alten Fuhrknechtes, der seinen Wagen führend, ihm gegenüber stand, die Peitsche zwischen die langen Beine geklemmt, deren eines seltsam steif gehalten wurde. Mit den hohlen Händen schützte er das schwälende Streichholz, mit dem er eben die Pfeife anzünden wollte. Thomas suchte mit dem Blick nach seiner Feder. Sie lag vom Morgenwind verweht im Schmutz der Straße neben dem struppigen Gaul, der mit dem dicken Kopf nickend tiefsinnig das Symbol des Höhenfluges betrachtete. Weltlein hob wehmütig sein Heiligtum hoch. Kaum gefunden, schon verloren. Was sagt, Ihr Götter, dies Zeichen? Lähmt Ihr die Schwinge schon jetzt, noch ehe sie entfaltet war? So fahre dahin und harre des, der dich würdiger führt. Eben wollte er die Feder fliegen lassen, da griff der Fuhrmann danach, nahm sie und stach mit dem spitzen Kiel in die Pfeife, den Tabak zu lockern. »Die mußt du mir schenken, hörst du. Die kann ich für den Pfeifenschmirgel brauchen.« Der Kerl hob seinen langen blauen Kittel hoch und versenkte seine Eroberung in eine riesige alte Ledertasche, aus der eine abgebrauchte Wichsbürste und ein zerrissener Straußenfächer hervorragten. Dann sah er mit seinen kleinen schlauen Augen sein Gegenüber an. »Du denkst wohl auch, der Baum da ist die Penne zum roten Apfel, wo sie dich heute Nacht herausgeschmissen haben. Aber wenn du 'nen Schnaps brauchst, bist du bei mir besser aufgehoben. Willst du mitfahren?« Weltlein war im ersten Moment von der vertraulichen Anrede ganz überrascht und, die Wahrheit zu sagen, sogar empört, aber noch ehe er dazu kam, seine Würde zu offenbaren, fiel ihm ein, daß eine Schicksalsfügung vor ihm stehen könne. Er beschloß, sie auf sich zu nehmen. »Wenn da Platz ist,« sagte er, »ganz gern.« 41 »Dann steige nur auf! Platz ist schon, ich fahre nach Griesbach Lumpen holen, kann auch einen mitbringen; das geht in einem hin.« Thomas stand schon mit einem Beine auf dem Rade. Die neue Dreistigkeit brachte jedoch seine Geduld ins Wanken. »Wofür halten Sie mich,« fragte er sehr von oben herab. »Na, na, machen Sie sich man nicht dicke. Was Sauberes sind Sie schon mal nicht. So 'ne Hosen, wie diese Hosen lägen besser hinten im Lumpensack, als daß Sie Ihre schönen Beine zeigen, und das Gesicht, das Sie machen, könnten Sie auch erst waschen, ehe Sie hier Freundlichkeiten mit Grobigkeiten und Siezereien gut machen. Und nun runter hier mit dem Bein, sonst –« Er hob drohend die Peitsche. Also kräftig gemahnt prüfte Herr Weltlein zum ersten Male seit seiner Verwandlung seinen äußeren Menschen. Wahrhaftig er sah aus wie ein echter Stromer. Er hatte sein Jagdkleid an, das in manchem Kampf durch Schwefelsäure und Petroleum arg verwüstet war, und zum Überfluß hatten Agathes Spalierstangen noch ein großes Dreieck aus den schadhaften Beinen herausgerissen. Es sah schon arg aus, das mußte wahr sein, und wenn sein Gesicht auch einige Schattierungen lichter sein mochte als seine Hände, schmutzig war es gewiß. Rasch gefaßt streckte er die schmierige Hand dem Lumpensammler entgegen und lachte. »Recht hast du, Bruder,« sagte er. »Ein echter Lump bin ich und gehöre zu dir. Müde bin ich auch, so nimm mich mit; sollst auch etwas dafür zum Lohn haben.« Er suchte in den Hosentaschen herum, fand jedoch nichts als das Sein und Werden und seine goldene Uhr, die er wie gewöhnlich ohne Kette mit sich trug. Diese gänzliche Armut erschreckte ihn, und jetzt erschien es ihm plötzlich dringend nötig, so rasch als möglich in die Kreisstadt zu kommen, um dort bei seinem Bankier und Freunde Geld zu erheben. Der Lumpenkarren mußte ihn mitnehmen. Das war beschlossene Sache. Er zog die Uhr hervor und sagte: »Siehst du, hier habe ich etwas, das ist gut für die Fahrt, nicht wahr? Die versetze ich in Griesbach, und wenn du mich bis dorthin mitnimmst, bekommst du dein Teil.« 42 Der Lumpensammler kniff das rechte Auge zu und pfiff schneidend zwischen den Zähnen. »Man rauf,« sagte er, »mir ist's recht«. Die Beiden nahmen nebeneinander Platz und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Seit die Uhr zum Vorschein gekommen war, fühlte der Lumpensammler eine merkwürdige, stets wachsende Freundschaft zu seinem Kameraden. »Nun wollen wir es uns bequem machen,« sagte er. Aus der Tiefe seiner Ledertasche brachte er den versprochenen Schnaps hervor, dazu ein Stück Brot und eine Knackwurst, die er brüderlich mit Thomas teilte. Der saß vergnügt, gleichzeitig seinen Hunger und sein Verlangen nach der Weltanschauung eines Lumpensammlers zu stillen, auf einem alten Sack, ließ die Beine auf die Deichsel hinabbaumeln und hieb wacker ein. Ihm war so froh zumute, als ob er niemals etwas anderes gekannt hätte als dieses gemächliche Vagabundenleben. Schon war die Wurst verschwunden. Bevor er jedoch den letzten Bissen Brot in den Mund steckte, hielt Thomas tiefsinnig inne. »Wie wenig bedarf doch der Mensch,« sagte er, »wie glücklich ist er, wenn er nichts besitzt! Glaube mir, Freund: das Schlimmste, was dem Menschen begegnen kann, ist, etwas sein eigen zu nennen. Wo das Gold zum Tore hineinzieht, da kriecht die Sorge hinterdrein durch das Schlüsselloch. Verschenke, was du hast, das ist die tiefste Lebensweisheit. Gewiß, man muß seine Blöße decken und dem Magen etwas zu tun geben. Aber eine zerrissene Hose genügt, und ich muß sagen, dieses Stück Brot hat mir so gut geschmeckt wie –« »Wie ein fetter Hammel,« fiel der Gefährte. ein. »Aber ein Schnaps ist auch nicht zu verachten; trink aus, alter Onkel!« und damit reichte er dem Redner die Flasche. Thomas ließ sich nicht aus seiner feierlichen Stimmung bringen, beide Hände auf die Knie gestützt, in der einen die Brotrinde, in der anderen den Schnaps, saß er da und blickte ernst in das Land. »In solchen Augenblicken,« fuhr er fort, »empfinde ich ganz die Wahrheit der göttlichen Lehre: Selig sind die Armen. Wenn ich bedenke, welch ein Gefühl der Zufriedenheit mich jetzt durchströmt, hier mitten zwischen den Lumpen, die die Menschen achtlos auf den Kehricht werfen, so danke ich dem Himmel, der mich so weise 43 geführt hat. Ich habe da vorhin in deiner herrlichen Tasche, die mir jetzt wie die Quelle aller menschlichen Einsicht erscheint, eine Wichsbürste gesehen. Welch ein Haufen Sorge steckt selbst in einem so einfachen Werkzeug. Da gibt es Menschen, die ihr Leben damit zubringen, als Bürstenbinder oder Arbeiter in irgend einer Fabrik Borsten in Holz zu kleben, bloß damit Wichse auf Stiefel geschmiert werden kann. Ich bitte dich, hat dazu der liebe Gott Menschen geschaffen, damit sie Tag ein Tag aus nichts anderes denken und empfinden als Borsten? Nimm nur die vielen Flüche, die feine Herren gen Himmel schleudern, weil ihnen der Hausknecht die Stiefel nicht blank genug putzte. Nimm den ehelichen Zwist, der schon am frühen Morgen den heiteren Frieden häuslichen Glückes stört, weil die Magd nicht rechtzeitig das Schuhzeug brachte. Betrachte die Damen auf der Straße, mit welcher Sorgfalt sie um die Pfützen herum gehen, damit ihre glänzende Fußbekleidung ja kein Fleckchen treffe. Mit der Hälfte dieser Mühe, auf edle Zwecke gerichtet, könnte eine solche Frau ein Geschlecht erziehen, dem nichts unmöglich wäre. Bedenke nur, welch ein Troß dazu gehört, um wirklich reine Schuhe zu haben. Wer das will, der muß Wagen und Pferde besitzen, ein Kutscher muß herbei, und wo ein Kutscher ist, da ist auch eine Köchin und ein Stubenmädchen, da wird denn bald selbst bei den Besten das Wichtigste im Leben, was man essen soll, damit die Köchin doch beschäftigt sei, wie man dem Mädchen es angewöhnt, zierlich Tassen zu reichen, wie man das gute Porzellan vor ihren mörderischen Händen schützt. Der Blick der Mutter, der die Seele des Kindes ist, fliegt in alle Ecken um Staub zu suchen, das Auge des Vaters, das den Kindern voranleuchten sollte, späht gierig nach Gelegenheiten, Verdienst zu schaffen. Warum? Weil es Wichsbürsten in der Welt gibt. Ist es nicht viel besser, wie wir es haben, du und ich, wir mit unseren schmutzigen Stiefeln? Auf den Kehrichthaufen gehört die Bürste; da erst ist ihr Platz. Glaube mir, das größte Unglück des Menschen ist der Besitz.« Er hielt inne und steckte die Brotrinde in den Mund. Der Lumpensammler rückte ihm näher. »Wenn es dir gar so arg ist, etwas zu haben, kannst du mir die Uhr geben.« Thomas drehte ihm das Gesicht zu. »Nein,« sagte er ruhig, 44 »die brauche ich. Aber störe mich nicht! Ich habe früher den Satz nicht begriffen: Eigentum ist Diebstahl; habe ihn sogar lächerlich gefunden. Aber jetzt begreife ich ihn. Jawohl es ist Diebstahl, Diebstahl am Gut des Nächsten, an der edlen Seele des Menschen, an dem wahrhaft Göttlichen, an den hohen Aufgaben, für die ein jeder geboren ist. Ja ich gehe noch weiter. Eigentum ist Diebstahl, das ist richtig; das andere ist aber ebenso wahr und weit wichtiger: man soll dem, der Geld hat, es nehmen. Nur so befreit man ihn von der Last, der Angst und Sorge, macht ihn zum wahren Menschen, wie ihn Gott gewollt hat. Ja, in diesem Sinne kann man sagen: der Diebstahl ist eine Pflicht jedes anständigen Menschen.« Wieder rückte der blaue Fuhrmann auf seinem Sitz. »Wo hast du eigentlich die Uhr her?« fragte er. »Die Uhr? Sie gehört mir. Sie ist ein Geschenk meiner Schwester. Die gute Agathe.« Thomas griff in die Tasche, holte die Uhr heraus und betrachtete sie zärtlich. Sein neuer Freund griff danach. »Zeig' sie mal,« sagte er. Thomas hielt sie ihm hin, ließ sie aber nicht aus den Fingern. »Die ist gut ihre 300 Mark wert,« sagte der Kittelmann und tippte mit dem Finger darauf. Thomas empfand diese Berührung unangenehm. Mit einer Bewegung des Ekels steckte er die Uhr wieder ein. »Wohl möglich,« sagte er, »aber ich bin müde. Hier hinten ist Platz zum Liegen. Weck mich, wenn die Stadt kommt.« Er erhob sich und streckte sich lang in dem Wagen aus. Der Fuhrmann starrte lange vor sich hin, plötzlich gab er dem Pferde einen Schlag, spuckte aus und drehte sich nach seinem Gast um. »Wenn du die Uhr da versetzt, was gibst du mir ab?« fragte er. Thomas blinzelte gen Himmel. Ihm war wohl zu Mut und behaglich sagte er: »Nun auf ein, zwei Thaler soll es mir nicht ankommen,« dann schloß er die Augen und schlief ein. Der Kutscher saß wieder regungslos, dem Pferde zwischen die Ohren schauend, dann spuckte er noch einmal und murmelte: »Hättest du Halbpart gemacht, wäre es gegangen. So aber – Gerechtigkeit nimm deinen Lauf.« 45     10. Kapitel. Der Weg der Schmerzen. Als Thomas aufwachte, blitzte dicht über seinem Kopfe die blanke Spitze eines Helms in der Morgensonne. Ein bärtiges Gesicht schaute darunter hervor und nickte breit lächelnd dem erstaunten Schläfer zu. Thomas rieb sich die Augen. Wahrhaftig, ein Gendarm, ein richtiger, echter Feldgendarm. In Weltleins Innerem begann es zu kochen. Der Polizeikoller, vor dem Agathe sich so sehr gefürchtet hatte, packte ihn. Er sah wieder, wie gewöhnlich, die Wachtstube vor sich, in der er von dem geschniegelten Polizeileutnant Unterricht im Anstand bekommen hatte. «Guten Morgen,« eröffnete der Behelmte die Unterhaltung. Weltlein rückte voll Abscheu an die äußerste Kante des Wagens. Der Gendarm faßte ihn am Arm. »Na, na, alter Freund, guten Morgen können Sie mir schon sagen, wenn Ihnen auch bei meinem Anblick nicht wohl zu Mut sein mag. Und ausrücken gibt es hier nicht, wenigstens nicht eher, als bis ich gründlich ihre werte Bekanntschaft gemacht habe. Also nun einmal her mit den Papieren.« Thomas starrte seinen Nachbar wütend an. »Lassen Sie mich los,« sagte er, »Sie haben kein Recht, mich festzuhalten.« »Das Recht lassen Sie nur beiseite und seien Sie froh, wenn das Gericht nicht über Sie kommt.« Der Polizist strich sich zufrieden über seinen Witz den Vollbart. »Sie wollen mir damit wohl andeuten, daß Sie Ihre Papiere zu Hause vergessen haben. Dachte ich mir. Aber Ihren Namen haben Sie vielleicht mitgebracht, was? Oder ist der auch weggelaufen?« Er blinzelte dem Fuhrmann zu, der sich vor Lachen ausschütten wollte. Thomas suchte seinen Arm zu befreien. »Mein Name ist Thomas Weltlein. Lassen Sie mich los, sage ich Ihnen. Das ist Freiheitsberaubung.« »So nennt man das, ja; aber vorläufig sind Sie noch gar nicht Ihrer göttlichen Freiheit beraubt. Vorläufig setze ich nur Ihren Namen fest, hier in das Buch. Sehen Sie.« Er zog ein Taschenbuch hervor. »Ach, Lumpenwilhelm,« rief er, »sei doch so gut und stütze 46 den Herrn ein wenig, damit er nicht aus Versehen aus dem Wagen fällt. Er sieht so aus, als ob er Lust dazu hätte.« Lumpenwilhelm wieherte vor Vergnügen, sprang vom Wagen und tat, was ihm geheißen war. Der Gendarm leckte den Bleistift und begann wieder. «Also wie war das? Thomas?« »Thomas Weltlein.« Der Gefragte stockte; ihm fiel es ein, daß die irdische Gerechtigkeit kaum von seiner Verwandlung gehört haben könne. Zögernd fügte er hinzu: »Eigentlich heiße ich August Müller.« »So, so. Eigentlich heißen Sie so, aber uneigentlich gar nicht. Wir wollen nur lieber bei dem einen Namen bleiben. Sonst kann ich mir gleich ein neues Buch anschaffen, wenn ich all Ihre werten Namen aufschreiben soll. Also Thomas Weltlein. Und was darf ich als Ihren Wohnort notieren?« Thomas ächzte vor Wut. » August Müller heiße ich. Ich rate Ihnen, meine Aussagen richtig zu Protokoll zu nehmen.« »Zu Protokoll nehmen ist gut,« scherzte Lumpenwilhelm; »er ist gelehrt der Herr.« Der Gendarm setzte sich in Positur. »Wissen Sie, hier wird nicht lange gefackelt mit Leuten, wo ohne Papiere herumlaufen. Ich bin höflich mit Sie, aber ich kann auch höllisch unhöflich sein. Merken Sie sich das, Sie Herr Weltlein oder Müller, Sie!« Thomas biß die Zähne zusammen. Aber die Qual sollte erst für ihn beginnen. Der Polizist steckte seine Brieftasche weg und wandte sich wieder an seinen Mann: »Der Herr hier« – er deutete auf den Kittelträger, der bei dieser ehrenvollen Bezeichnung freudig seinem Gaul eins mit der Peitsche überknallte, – »hat mir von Ihren Ansichten über fremdes Eigentum erzählt, und da ist es meine Pflicht, einmal in Ihren Taschen nachzusehen, ob Sie nicht etwa statt der vergessenen Papiere irgend etwas anderes eingesteckt haben, natürlich aus Versehen. Wenn Sie nun nicht Lust haben, erst einmal die gehörigen Keile zu kriegen – der Herr da wird mir wohl helfen, wenn es dazu kommen sollte – dann sind Sie so gut, die Arme hochzuheben, damit ich in die Taschen fahren kann. Hoffentlich sind Sie nicht kitzlich.« Thomas hatte das beifällige Nicken des Fuhrmannes gesehen, und wie er die Peitsche erwartungsvoll fester packte. Er ergab sich 47 in das Unvermeidliche und hob die Hände, das gab ihm einen Augenblick Freiheit. Der Lumpensammler konnte der raschen Bewegung nicht folgen und ließ den Arm los; seine ganze Aufmerksamkeit war zudem darauf gerichtet, ob der Polizist die Uhr zum Vorschein bringen würde, und wie er sich ungestraft dieses Kleinods bemächtigen könne. Der Gendarm hatte mittlerweile aus der einen Tasche den Stein, der die Welt und das Sein bedeutete, hervorgeholt und ohne weiteres weggeworfen. Thomas sah seinem Symbol mit zitternder Erregung nach. Als aber jetzt der Mann der Gerechtigkeit aus der anderen Tasche das Werden in Gestalt der Weinranke an das Tageslicht förderte, verlor er die ruhige Besonnenheit. Seine heiligsten Gefühle schienen ihm beschimpft zu sein und mit einem Wutschrei riß er dem Gendarm die Ranke, die dieser mit einem seltsamen Aufleuchten der Augen betrachtet hatte, aus der Hand und sprang aus dem Wagen. »Halt!« schrie der Gendarm, »halt ihn! Das ist ein Hauptdieb. Das ist der Weinbergskarl. Zweihundert Mark Belohnung stehen auf dem Luder.« Nun begann eine Hetze hinter dem unglücklichen Thomas her, als gälte es Tod oder Leben. Wäre er nicht so verrückt gewesen, er wäre entkommen. Aber leider galt ihm sein Symbol mehr als seine Freiheit. Beim eiligen Laufen verlor er das Werden der Welt, und wie er sich bückte, es wieder aufzuheben, packte ihn der langbeinige Lumpensammler, der trotz seines steifen Ganges rascher laufen konnte, von hinten und warf ihn zu Boden. Im nächsten Augenblick war Thomas Weltlein als schwerer Verbrecher gefesselt. Wie ein Sack wurde er zurückgeschleppt und in den Wagen geworfen. Dort lag nun der Auserwählte, vergeblich mit den Banden ringend und mit seinem Geschick hadernd. In ohnmächtiger Wut wälzte er sich umher, um den schmerzenden Gliedern eine bessere Lage zu geben. Dazwischen horchte er auf die Worte des Polizisten, der mit vielem Stolz die Geschichte des Weinbergkarls erzählte, wie für ihn, den geübten Einbrecher, kein Schloß zu fest sei und wie er vor ein paar Tagen erst wieder aus dem Zuchthaus entsprungen sei. »Diesmal haben wir ihn aber fest. Eine verfluchte Visage hat der Kerl. Siehst du, Wilhelm, das ist der Steckbrief und ein Bild 48 dazu.« Der Gendarm zog wieder sein dickes Notizbuch hervor und entfaltete ein Zeitungsblatt. »Danach hätte ich ihn nicht erkannt. Aber die Weinblätter, die haben ihn verraten. So 'ne Leute haben Angewohnheiten. Der da liebt es, in leeren Weinberghäusern zu wohnen, woher der Name. Ich ahnte ja nichts. Ich dachte nur, es ist ein Stromer und du läßt ihn mit einer väterlichen Mahnung laufen. Muß der Unglückskerl nun ausgesucht solch eine Ranke in der Hose haben. Wie ich das sehe, weiß ich gleich, das ist er und kein anderer.« Thomas seufzte. Seinem hohen Symbol also verdankte er es, seinem edlen Streben, daß er wie ein Stück Vieh zur Schlachtbank geschleppt wurde. Mit wachsender Bitterkeit dachte er daran, wie es ihm mit seinen Idealen ergangen war. Der Fittich der Tat war ein Pfeifenreiniger in den Händen des Lumpensammlers geworden, der Stein der Welt lag unter anderen Steinen auf der Landstraße und die dionysische Ranke hatte ihn gar zum Verbrecher gemacht. Wahrhaftig, es wäre besser für ihn gewesen, ruhig in der Schwester Obhut zu bleiben, als so auf der Landstraße mit zerstoßenen Gliedern gerädert zu werden. Er ächzte vor Schmerz und schon schwur er sich zu, komme er erst frei, mit dem nächsten Zuge nach Hause zurück zu kehren, da traf ein Wort sein Ohr, das auf einmal seine Kräfte neu belebte. »Hauen müßte man ihn,« sagte der Fuhrmann eben, »hauen, daß er die Engel im Himmel pfeifen hörte. Wenn so ein Kerl ordentlich die Peitsche fühlt, dann hält er stille. Na, ich habe ihm aber ein paar gelangt.« Er klatschte vor Vergnügen mit der Peitsche. Der Polizist lachte. »Das schadet nichts. Das macht geduldig und bessert ihn. Merk dir das, Weinbergkarl! Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, steht in der Bibel.« Thomas starrte ihn an, das war wieder die höhere Macht, die ihn führte. Aus dem Munde des Schächers sprach sie zu ihm. Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er. Wahrlich, er war auserwählt, da war kein Zweifel. Mitten in seine Verzagtheit hinein tönte ein höhnisches Wort, das ihn auf den Weg zur Höhe wies. Der Schmerz, der große Läuterer der Seele, trat zu ihm heran wie ein Freund, ein Dämon vom Schicksal gesandt, ihn aufwärts zu führen, 49 ihn für den Kampf mit allem Niedrigen zu stärken. Unter dem Eindruck dieses neuen wunderbaren Rufes schämte sich Thomas seines Zweifels und gelobte sich, die Bahn des Schreckens weiter zu gehen. Der Sieg konnte ihm nicht fehlen. Was sollten die Symbole? Hier lagen Tatsachen vor ihm, hier griff er das Kreuz, in dem er siegen sollte, mit Händen. Thomas schaute zufällig nach dem dicken Kopf des Schutzmannes, dessen Helm gerade die Sonne traf. Wo hatte er nur die Augen gehabt, daß er nicht früher diesen überirdischen Glanz sah? Das war er selbst, sein Dämon, sein Helfer und Führer, verkleidet in widrigste Gestalt. Wie sonderbar waren die Pfade des Schicksals! Mit Abscheu wies er jetzt den feigen Gedanken der Heimkehr zurück. Sein Entschluß war gefaßt. Treu dem Gebot des Geschickes wollte er die Schmach des Verbrechers tragen. Die Zukunft mußte ihm doch bleiben. Ganz beruhigt schloß er die Augen. Ihm war, als ob erquickender Balsam ihn berührt hätte, alle Schmerzen schienen verschwunden und er harrte freudig der neuen Prüfungen. Die sollten nicht ausbleiben. Die Unterhaltung der beiden Sieger war eine Zeitlang weit abgeschweift. Jetzt aber brachte sie der Blaukittel auf den Gefangenen zurück. Daß er dabei seine besonderen Gründe hatte, sah man an dem eigentümlichen Zusammenkneifen der Augen, das seinen Worten voranging. »Wollen Sie ihn nicht visitieren, Herr Wachtmeister, ehe wir in die Stadt kommen? Vielleicht hat er noch was Schönes in der Tasche.« Der Polizist sah ihn mißtrauisch an. »Du kriegst nichts ab,« sagte er, »das wird alles auf dem Amt deponiert. Aber recht hast du, nachgesehen muß werden.« Er erhob sich schwerfällig und wälzte seinen Gefangenen herum, um ihm die Taschen zu leeren. Der Blaukittel blieb ruhig sitzen und starrte auf die Ohren seines Pferdes. Als der Gendarm sich wieder zu ihm setzte, sah er ihn fragend an. »Na?« »Gar nichts hat er in den Taschen, reinweg gar nichts. Ich habe mir's wohl gedacht.« Der Fuhrmann räusperte sich. »Das würde ich doch notieren, Herr Wachtmeister. Bei dem Gefangenen nichts gefunden. So ein 50 Kerl behauptet nachher, wir hätten ihm seine goldene Uhr gestohlen.« Der Polizist rückte sich zurecht. »Ein königlicher Gendarm stiehlt nicht, hörst du wohl, und solche Witze laß gefälligst unterwegens. Du bist hier nicht bei deinesgleichen.« In dem Augenblick tönte Weltleins Stimme: »Eine goldene Uhr muß in der Tasche stecken.« Mit einem Seitenblick auf den Fuhrmann erhob sich der Gendarm wieder und stieg über die Latten hinweg, um den Arrestanten von neuem zu durchsuchen. Als er nichts fand, gab er seinem Gesicht den forschenden Ausdruck, mit dem der Herr Polizeiinspektor zu verhören pflegte: »Ist das wahr, Karl, daß du eine Uhr gehabt hast?« »Gewiß ist es wahr,« antwortete Thomas, über die seltsame Mischung von Gutmütigkeit und Strenge in des Polizisten Gesicht lachend. »Da Ihrem Freunde habe ich sie vor einer halben Stunde gezeigt.« »Das ist nicht mein Freund.« Der Polizist erhob den Kopf und schrie den Lumpensammler an: »Höre du, Wilhelm, wenn du hier Geschichten machst, sollst du mal sehen. Gib die Uhr her! Himmeldonnerwetter, Kerl, du fährst ja wie der Teufel; da kann ja kein Mensch ein Wort verstehen.« Wilhelm saß ganz zusammengeduckt da und schlug mit der Peitsche auf seinen Gaul los, der im Galopp den schwankenden Wagen mit sich fortriß. Der Gendarm mußte sich an den Latten festhalten, um nicht zu fallen. »Hältst du gleich still, du! Bist du verrückt? Du schmeißt uns ja um.« Der Lumpenwilhelm peitschte weiter und schimpfte nun seinerseits. »Was? Das hat man von seiner Gutmütigkeit. Brot und Schnaps hat mir der Kerl aufgefressen und nun sagt er, ich hätte ihm seine Uhr gestohlen. So ein Galgenvogel. Und von Sie, Herr Wachtmeister,« er drehte sich mitten in der Fahrt um und schrie die Worte dem Gendarmen laut in das Gesicht, »finde ich es nicht schön, daß Sie mir des Diebstahls beschuldigen, wo ich Ihnen eine Stunde umsonst gefahren habe, und überhaupt, ich habe den Mann gefangen und werde mir auch die zweihundert Mark auf 51 dem Amt ausbitten, daß Sie es nur wissen. Und das lasse ich mir nicht gefallen, daß Sie mir einen Dieb schimpfen, und ich verdiene ehrlich mein Brot, während andere hier sind, wo im Zuchthaus gesessen haben. Aber ich werde Ihnen melden, daß Sie mir beschimpft haben.« Der Polizist lenkte ein. »Na, na, Wilhelm, so war es nicht gemeint. Laß doch das verdammte Jagen, ich falle ja raus. Das mit der Uhr ist doch bloß Spaß. Wer wird denn so einem Zuchthäusler glauben?! Nein, nein, die Prämie, die teilen wir uns, das ist klar. Wir haben ihn ja beide gefangen.« Eben rasselte der Wagen über das Pflaster der Stadt. Der Lumpenwilhelm hielt schmunzelnd sein Pferd zurück. »Hier müssen wir langsam fahren. Aber das ewige Troddeln auf der Landstraße hatte ich dicke.« Der Gendarm gab in seinem Ärger dem unglücklichen Thomas noch einen festen Fußtritt, dann setzte er sich wieder auf seinen Platz. Sein Gesicht war so grimmig, daß die Leute auf der Straße stehen blieben, um ihm nachzuschauen. Thomas hatte reichlich Gelegenheit, sich vom Leid läutern zu lassen. Es dauerte nicht lange, so lief eine johlende Rotte von Straßenjungen hinter dem Wagen her, deren schmeichelhafte Zurufe allein schon genügt hätten, die Geduld eines Heiligen zu erschöpfen. Ab und zu kletterte ein vorwitziges Bürschchen hinten auf den Wagen, um den berühmten Dieb von Angesicht zu schauen, und als der Gendarm mit lauten Drohungen und der Lumpensammler mit der Peitsche die Zudringlichen abwehrten, griffen sie zu der letzten Zuflucht der Straßenkönige, den Steinen und dem Schmutz. Bei alledem schwamm der Auserwählte in Wonnen des Entzückens. Er meinte zu fühlen, wie mit jedem Schimpfwort seine Seele wuchs, wie jeder Stein, der ihn in seiner hilflosen Lage traf, neue Menschenliebe in ihm erweckte. »Heilige Geduld,« rief er sich zu, »rüste mich mit deinen Waffen! Gegrüßt seid mir, Leiden und Schmach, ihr Freunde, die ihr mir dient, einzig zu werden, die ihr der Seele Flügel gebt, über die Erde emporzueilen.« Als diese herrliche Rede jäh durch ein Wurfgeschoß zerschnitten wurde, das des Lobpreisers Zunge traf, wälzte er sich auf den Bauch herum 52 und ließ nun in erhabener Ruhe die feindliche Welt mit seinen Menschen schalten. Jeder Laut, jede Äußerung seiner Gefühle mußte erstickt werden, das bedeutete der Wurf, damit seine Seele sich ganz mit hoher Empfindung fülle. Umringt von der gaffenden Menge, hielt jetzt der Wagen vor dem Rathaus. Der Gendarm sprang herab und bat den Fuhrmann, den Gefangenen mit in die Wachstube zu schleppen. Lumpenwilhelm erhob sich langsam und stieg zu Thomas hinüber; aber statt der Aufforderung des Polizisten zu folgen, holte er bedächtig aus seiner Riesentasche ein Messer hervor, mit dem er auf Thomas zuging. Das war dem guten Weltlein zu viel. Verzagt schloß er die Augen. In der Verwirrung, die seine Gedanken durcheinandertrieb, glaubte er, sein letztes Stündlein sei gekommen, und voll Wehmut nahm er von allen hohen Plänen, die nun unausgeführt bleiben mußten, Abschied. »Was willst du mit dem Messer?« fragte der Gendarm. »Ihm die Hosenknöpfe abschneiden, dann können Sie ihn allein versorgen. Ich muß mein Pferd in den Stall bringen, sonst kriegt's die Mauke.« Er säbelte ruhig sämtliche Knöpfe ab, wobei er den edlen Weltenträumer wie einen Sack von einer Seite zur andern wälzte, löste ihm die Fuß- und Handfesseln und zog ihn mit den Worten: »Nu mal rin ins Klaffitchen,« empor. Thomas öffnete die Augen und streckte selig, in dem Gefühl, am Leben zu sein, die Arme gen Himmel. Das Gleiten der Hosen erinnerte ihn jedoch rechtzeitig an die Niedrigkeiten der Erde. »So halte ich mit der einen Hand die Erde,« rief er gerührt, während er die zerschlagenen Glieder vom Wagen herabmühte und die Hosen festhielt, »die andere aber grüßt dich, Sonne, die du mich liebst.« Der Polizist packte ihn am Kragen und stieß ihn unter dem schallenden Gelächter der Menge vor sich her. Der Wagen fuhr rasselnd davon. Mit leuchtendem Blick schritt Weltlein durch den Korridor. Er hielt jetzt mit beiden Händen das gefährdete Kleidungsstück. Das Bewußtsein seines Sieges hob ihm das Haupt zu königlicher Würde. Für ihn war jetzt alles entschieden. Das Schicksal selbst hatte ihn hierhergeführt, ihm den Namen eines Verbrechers gegeben, einen 53 dionysischen Namen wenigstens, wenn auch keinen schönen. Dem Wink des Schicksals mußte er folgen. » Per aspera ad astra ,« murmelte er, fest entschlossen, die gottverhängte Maske allen Verführungen zum Trotz zu tragen.     11. Kapitel. Ein Weinbergskarl und noch einer. Dem Polizisten waren indessen allerlei Bedenken aufgestiegen. Vor allem erwachte der Zweifel, ob die Geschichte mit der Uhr auch stimme. Er traute dem Lumpenwilhelm jede Niederträchtigkeit zu, auch einen Diebstahl. Wenn der Kerl wirklich eine goldene Uhr gehabt hatte, so hätte er alles durchsuchen und vor allem den Lumpensammler dabehalten müssen. Den hatte er ruhig davonfahren lassen. Da konnte er in eine böse Patsche geraten; jedenfalls hielt er es für besser, zuerst mit dem Bürgermeister zu verhandeln, statt mit dem Polizeiinspektor, dessen Gründlichkeit er fürchtete. Er führte daher sein Opfer geradeswegs in die Schreibstube der Bürgermeisterei. Das Zimmer war noch leer, nur ein einziges Schreiberlein hockte auf seinem Drehbein und fuhr hastig mit den Händen in Akten herum, bald hier, bald da ein Bündel aufschlagend und wieder wegwerfend. Er drehte sich um und fragte giftig: »Was ist nun wieder los? Wen bringen Sie denn da, Weber? Lassen Sie mich doch in Frieden. Ich habe Wichtiges zu tun. Ein Verbrecher ist eingeliefert worden, soll transportiert werden.« »Wollte nur melden, daß hier auch einer ist, Herr Sekretär, ein kapitaler dazu,« antwortete Weber, und die Hand wie ein Schallrohr vor den Mund haltend, sagte er: »Der Weinbergskarl.« Der Schreiber fuhr heftig mit dem Kopf nach vorn und verdrehte dabei die Augen so nach oben, daß er aussah, als ob er ein Teleskopfisch sei, der auf seine Beute losschießt. »Wen?« fragte er, und seine hohe Stimme überschlug sich dabei vor Aufregung. »Den Weinbergskarl,« wiederholte der Polizist so laut wie 54 möglich. Der Schreiber sprang auf die Füße und rang die Hände. »Mein Gott, mein Gott, ich werde verrückt! Einen Weinbergskarl dachte ich noch zu überstehen und nun bringt man mir den zweiten. Menschenskind, der ist ja schon da,« schrie er plötzlich laut los, auf den Gendarmen zuspringend und ihm einen Stoß Akten vor die Nase haltend. »Da, da sind die Handakten und drüben sitzt er selber in der Zelle. Besinnen Sie sich doch! Es kann doch nicht zwei geben.« Der Gendarm zuckte verdutzt die Achseln. »Von dem drüben weiß ich nichts, der hier aber ist der rechte.« Der Schreiber sah zweifelnd den Gendarmen an, dann wandte er sich an Thomas und riß bei seinen Worten den Mund auf, als ob er ihn fressen wollte. »Wer sind Sie, wer Sie sind, frage ich?« »Mein Name ist Weinbergskarl,« erwiderte Thomas mit einer höflichen Verbeugung. Der Schreiber hob vor Erregung ein Bein ums andere in die Höhe. »O Himmel, heut' ist der Teufel los,« seufzte er. »Wie soll ich fertig werden? Und meine Frau hat Geburtstag. Fritz,« schrie er einen Jungen an, der zugleich mit zwei andern jungen Leuten eingetreten war und mit offenem Munde der Szene zusah, »gleich gehst du rüber zum Herrn Polizeiinspektor und bittest ihn herzukommen. Es sei noch einer eingeliefert, noch ein Weinbergskarl.« Dann warf er sich erschöpft auf seinen Stuhl und blätterte wieder hastig hin und her, nur von Zeit zu Zeit nach dem Polizisten und dessen Gefangenen hinschielend. Der Polizeiinspektor erschien. Thomas mit raschem Blick musternd, trat er zu dem aufgeregten Schreiber und ließ sich die Sachlage auseinandersetzen. Dann hörte er den Bericht des Gendarmen an, wobei er von Zeit zu Zeit ein Telegramm, das er in der Hand hielt, ungeduldig hin- und herschwenkte, als ob er zum rascheren Erzählen auffordern wollte. Plötzlich winkte er hastig ab und ging auf Thomas zu, der sich, so gut es bei dem gefährdeten Zustand seiner Kleidung ging, verbeugte. »Ich bitte Sie, den Irrtum meines Untergebenen zu verzeihen. Es liegt eine Verwechslung vor. Sie sind frei. Ich werde sofort für einen Wagen sorgen.« 55 Thomas fiel aus allen Himmeln. Mitten in seiner Heiligung faßte den Märtyrer der Zorn. Mit einer patzigen Bewegung setzte er sich wieder auf seine Bank. »Ich will nicht frei sein,« sagte er, »ich bin der Weinbergskarl und verlange mein Recht.« Der Beamte nickte ihm höflich zu. »Die Sache ist also erledigt,« sagte er und ging zu dem Pult des Schreibers, mit dem er angelegentlich sprach, ohne sich weiter um den Gefangenen zu bekümmern. Thomas war sehr verstimmt. Er hatte neue Qualen erwartet, Beschimpfungen, Schande, Kerker und Ketten, und nun sah er, daß selbst sein roher Dämon respektvoll zwei Schritte von ihm fortrückte. Das paßte ihm nicht. Mit lauter Stimme begann er zu reden. »Sie haben nicht das Recht, mich freizulassen, Herr Inspektor. Sie sind grausam. Aber ich werde mich wehren. Wie ist das möglich? Man ergreift mich, ein Dämon wirft mich zitternden Erdenwurm mitten in die Flammen des Fegefeuers, schon fühle ich, wie die lautere Glut alles abgeschieden Irdische in mir verzehrt und dann, ehe noch das Werk der Reinigung vollendet ist, reißt mich der Oberste der Dämonen hervor und stößt mich in die Wüste der Erde zurück. Alle meine Hoffnungen klammern sich hier an diese Hölle, alle meine Wünsche schweben greifbar vor meinen Augen, die große Freundin Not, nach der ich mich sehne, streckt mir die prüfende Hand entgegen und ich darf sie nicht fassen. So nahe dem Ziele, dem hohen Ziele, dessen Bedeutung niemand ermessen kann als ich. Doch nein, Sie müssen es kennen, sonst würden Sie mir nicht so tückisch in den Weg treten. Aber es soll Ihnen nicht gelingen. Ich verlange mein Recht. Ich bin –« Der Polizeiinspektor drehte sich um und nickte ruhig: »Herr Müller.« »Der Weinbergskarl,« schrie Thomas in voller Wut und sprang auf. »Ich verlange in das Zuchthaus gebracht zu werden, hören Sie, ich verlange es.« Der Beamte wurde unruhig. Er fühlte, wie die Schreiber heimlich in sich hineinlachten. Gegen Thomas streng vorgehen mochte er nicht. Dem Mann war unrecht geschehen, und wenn diese Komödie auch nicht sehr geschmackvoll war, so mußte man doch versuchen, höflich mit dem Herrn auseinanderzukommen. Rasch auf den 56 Gefangenen zuschreitend, gab er ihm das Telegramm, das er in der Hand hielt. »Nehmen Sie, es ist von Ihrer Schwester.« Thomas griff danach. »Von Agathe?« rief er. Die Angst hatte ihn überrascht. Wenn die kam, war er verloren. Nein, Gott sei Dank, sie kam nicht; es war bloß eine Anzeige seines Verschwindens und eine Beschreibung seiner Person. Sofort hatte er wieder den alten Mut. »Ich kenne diesen Mann nicht,« sagte er, »was soll ich damit?« Der Beamte sah ihn bös an und seine Stimme wurde scharf. »Übertreiben Sie die Sache nicht, Herr Müller. Ihnen ist Unrecht geschehen, aber das gibt Ihnen nicht die Erlaubnis, die Behörden zum Besten zu haben.« Vollständig ruhig setzte sich Thomas wieder hin. »Beweisen Sie mir, daß ich nicht der Weinbergskarl bin,« sagte er. »Als solcher bin ich verhaftet und man darf mir nicht gegen mein eigenes klares und unanfechtbares Zeugnis meinen Namen rauben.« »Lachen Sie nicht, Meyer!« schrie der Polizeiinspektor den Jungen an, der ihn geholt hatte und der jetzt die Hälfte seines Schreibärmels in den Mund gesteckt hatte, um nicht loszuplatzen. »Gehen Sie zum Herrn Bürgermeister, ich lasse ihn bitten, einen Augenblick herzukommen. Sie, Weber, bringen den Gefangenen hierher; der Wärter soll mitkommen, damit der Kerl euch nicht durchbrennt. Alle anderen verlassen das Zimmer.« Er wartete, ungeduldig seine Handschuhe hin- und herzerrend, bis er allein mit Thomas war. »Ich kann Ihnen, wenn Sie es wünschen, tatsächlich den Beweis liefern, daß Sie nicht der Verbrecher sind, für den Sie sich ausgeben. Der Dieb, der Sie zu sein behaupten, der sogenannte Weinbergskarl, befindet sich in unseren Händen und wird in der nächsten Minute hier sein. Vorher möchte ich Ihnen noch einmal Gelegenheit geben, die Sache rasch zu beenden. Ich finde es nicht anständig, daß Sie einen Beamten, der nur Ihr Bestes gewollt hat, vor seinen Untergebenen herabsetzen. Wenn Sie dabei beharren, sehe ich mich genötigt, Sie zu bestrafen.« Thomas lächelte. Etwas Besseres konnte ihm nicht begegnen. »Beweisen Sie mir, daß ich nicht der Weinbergskarl bin, und bestrafen Sie mich,« sagte er kalt. 57 Der Inspektor drehte ihm schroff den Rücken und trat an das Schreibpult, nun seinerseits die Akten hin und her werfend. Er wußte, mit einem solchen Beweise würde es Schwierigkeiten geben. Thomas hatte triumphierend die Arme über der Brust gekreuzt. In diesem Augenblick war er von der Größe seines Berufs überzeugt. Nach einiger Zeit erschien der Gendarm Weber mit dem Gefängniswärter. Zwischen sich führten sie ein Männchen, das stumpfsinnig den Kopf und Nacken nach vorn streckte, und leise vor sich hin murmelte. Der Polizeibeamte ging auf ihn zu. »Warum ist der Mann nicht gefesselt?« fragte er. »Wir sind zu zweit, Herr Inspektor,« erwiderte der Wärter und streckte wie zur Bekräftigung seiner Zuversicht seinen Arm aus, öffnete die Hand und schloß sie zur Faust. Der Inspektor schüttelte mißbilligend den Kopf. »Spricht er?« fragte er wieder. »Lauter Unsinn, Herr Inspektor, wie gewöhnlich. Er spielt den wilden Mann.« Der Gefangene lachte blöde auf. »Schöner Herr,« grinste er, »schöner Herr. So bunte Uniform und blanke Knöpfe.« Er suchte die zitternde Hand zu erheben, als ob er damit über das blaue Tuch fahren wollte. Als ihn seine beiden Wärter daran hinderten, sank er wieder in seine frühere stumpfe Haltung zurück. Der Polizeibeamte drehte ihm halb den Rücken zu und redete wieder den Wärter an. »Ich glaube, wir werden den Mann wieder freilassen müssen. Es liegt kein Beweis gegen ihn vor. Der Weinbergskarl ist es jedenfalls nicht.« Er machte eine kurze Pause, aber die albernen Züge des alten Mannes veränderten sich nicht im geringsten. »Wir haben nämlich den Kerl; dort drüben sitzt er.« Auch dieser Versuch, den Einbrecher zu überlisten mißlang. »Sehn Sie ihn sich doch an,« drängte der Beamte. Der Alte machte einen Schritt vorwärts, so daß er nun zwischen der Tür und Thomas stand, immer festgehalten von seinen beiden Begleitern. »Auch sehr schöner Herr, schöne Kleider, nicht so bunt, nicht so blank, aber sehr schön.« Er hatte wieder ein wenig den Arm gehoben, um Weltleins herrliche Gewänder zu prüfen. Der Inspektor versuchte nun noch einmal, den Verbrecher in seiner 58 Rolle der Verrücktheit zu überraschen. Er packte ihn bei der Eitelkeit, und diesmal hatte er mit seinem Kunstgriff Glück. Er stellte sich vor Thomas hin, schlug ihn auf die Schulter und sagte: »Na, Weinbergskarl, nun erzählen Sie mal, wie Sie aus dem Zuchthaus ausgebrochen sind.« Weltlein erhob sich. Seit der Name seiner Schwester genannt worden war, fühlte er sich in seiner Märtyrerrolle nicht mehr sicher. Es wurde ihm immer klarer, daß seine Hartnäckigkeit ihn nicht in das Zuchthaus, das Ziel seiner Sehnsucht, wohl aber nach Bäuchlingen in die Obhut Agathes bringen werde. Er konnte sich nur noch nicht entschließen den Bann zu brechen. Er harrte noch eines Schicksalswinkes, wünschte eine neue Bestätigung dafür zu haben, daß höhere Mächte ihn führten. Jedes Ereignis prüfte er darauf hin, ob es ein Zeichen sei, und auch jetzt überlegte er erst, ob diese Aufforderung zu erzählen, nicht etwa einen tieferen Sinn habe. Er zögerte und sah unsicher umher. Am liebsten wäre er mit einem einzigen Satz entflohen . . . »Das ist nicht leicht zu sagen,« begann er endlich, »ich bin entflohen, wie man eben entflieht.« Der Polizeimann lächelte. »Sie werden schon noch irgend etwas wissen. Das kommt doch nicht alle Tage vor. Wie sind Sie heraus gekommen? Die Türen sind fest, da ist es unmöglich; und die Fenster –« »Ich bin durch das Fenster gestiegen,« unterbrach Thomas, froh, eine Handhabe zu bekommen. »So, so. Aber die Gitter?« »Die habe ich durchgefeilt.« »Und die Feile?« »Ein Freund hat sie mir in die Zelle geworfen.« »Was Sie sagen, Weinbergskarl? Ein Freund hat sie Ihnen zugeworfen? Also ist es übertrieben, wenn man Ihnen nachrühmt, Sie könnten ohne Hilfe fliehen, wenn Sie nur wollten? Sich eine Feile zustecken lassen, das ist lumpig. Hätte ich das gewußt, würde ich mich gar nicht mit Ihnen beschäftigt haben. Mit fremder Hilfe entfliehen, das kann jeder. Aber allein, ganz aus eigener Kraft, das ist etwas.« 59 Thomas wurde mürrisch: »Ohne Hilfe kann niemand aus dem Zuchthaus entfliehen.« »Ich kann's,« tönte auf einmal die Stimme des Gefangenen. Der Inspektor und alle Anwesenden drehten sich ihm hastig zu, und die beiden Wächter faßten seine Arme doppelt fest. Er verzog das Gesicht und stieß einen Schmerzensruf aus. Auf einen Wink ihres Vorgesetzten lockerten die beiden Polizisten den Griff. In demselben Augenblick wurde die Tür von außen geöffnet. »Der Herr Bürgermeister kommt,« rief es von außen. Und »Haltet ihn!« schrieen ein halbes Dutzend Stimmen dagegen. Der gewandte Einbrecher hatte sich losgerissen, das dicke Stadtoberhaupt, das eben den Gang entlang keuchte, hatte er zur Seite geschleudert und war verschwunden. Das Ganze ging so rasch vor sich, daß der kurzsichtige Herr, der hinter dem Bürgermeister herging, gar nicht den Grund merkte, warum der hochweise Magistrat gegen die Wand fiel. Er hatte auch keine Zeit, es sich zu überlegen, denn an ihm vorbei sauste die wilde Jagd: voran der Gendarm Weber, der wütend den Ärmel eines Gefängniskittels in seiner Hand herumwirbelte, dicht hinter ihm der stämmige Wärter, der Polizeiinspektor und die ganze Horde der Schreiber. Hinter ihnen drein lief und schrie der Bürgermeister, ohne eine Antwort erhalten zu können. Und ganz zuletzt trat Thomas hervor, nachdenklich den zweiten Ärmel in der Hand schwenkend und die Hosen haltend. Noch auf der Schwelle stehend begrüßte er den Kommenden mit einem heitern Lachen. »Das ist die Nase, an der man den Bankier erkennt,« rief er. »Willkommen, bester Herr Niedlich. Gelegener kamen Sie niemals als jetzt.«     12. Kapitel. Der Tunnel der Erniedrigung. Kleider machen Leute. Der Bankier starrte sein Gegenüber eine lange Weile an, ehe er in dem wüsten Menschen seinen alten Freund wiedererkannte. »Wahrhaftig, Sie sind es, Herr Müller. Der Bürgermeister rief 60 es mir zu, daß Sie hier in irgend welchen wunderlichen Verlegenheiten festsäßen und ich fuhr her, um mich Ihnen zur Verfügung zu stellen. Aber wie sehen Sie aus. Beinahe hätte ich Sie für einen Stammgast des Gefängnisses gehalten.« »Nicht wahr? Täuschend ist die Verkleidung. Aber ich bitte, nennen Sie mich nicht Müller. Ich reise inkognito. Weltlein heiße ich, Thomas Weltlein.« »So erklären Sie mir doch –« »Später, später, lieber Freund. Vorläufig fahren Sie mich zum nächsten Schneider! Sie sehen, wie nötig ich es habe.« Dabei zog er den kleinen Niedlich mit sich fort, und stieg in den Wagen, der vor der Türe hielt. »Sehen Sie,« begann er, als sie dahin fuhren, »sehen Sie diesen Ärmel! Er erklärt Ihnen alles.« Der Bankier, dessen Augen schon von Natur so aus dem Kopf herausstanden, als ob er sich beständig über die eigene Existenz wundere, starrte verblüfft auf den Flanellappen, der ihm vorgehalten wurde. Thomas brach bei dem Anblick in lautes Lachen aus. »Es ist ein Götterzeichen, mein Lieber, Sie mögen es glauben oder nicht. Erkennen Sie nicht den tiefen Sinn? Sehen Sie nicht, wie es aus dem Ärmelloch spricht: Wer dem Hohen zustrebt, werfe ab, was ihn hindert und wenn es der letzte Rock ist, den er besitzt. Ich bin dem Ruf gefolgt. Mich fordert ein großes Werk und um es zu vollbringen, mußte ich von Hause fort und alles hinter mir lassen, Kleidung, Geld und selbst den Namen. Den Namen vor allem.« Niedlich faßte sich allmählich. »Oh, ich verstehe,« sagte er. »Sie machen Studien nach dem Leben, wollen Erfahrungen in Verbrecherkreisen sammeln. Äußerst interessant ist das, ich wußte nicht, daß Sie sich mit einer solchen wichtigen Arbeit befassen.« »So ganz richtig ist Ihre Vermutung nicht. Meine Absichten sind viel größer, ja ich kann sagen, daß ich mir das höchste Ziel gesteckt habe, das der Mensch sich erdenken kann. Es ist nicht leicht, Ihnen das in ein paar Worten zu erklären. Sehen Sie, die Sache ist die: Nach meiner Ansicht wird der Mensch in die Welt gestellt, wie der Schößling eines Baumes, der in die Tiefe der Erde 61 allerwärts seine Wurzeln treiben und mit Ästen und Zweigen um sich greifen soll. Ich habe, wie übrigens die meisten Menschen, diese Bestimmung arg vernachlässigt, bin gewissermaßen ein verkrüppelter Baum geworden, der seine Säfte und Kräfte nur nach einer Seite hin verbreitete. Sie haben gewiß einmal ein neugeborenes Kind gesehen.« Herr Niedlich lächelte. »Unser drittes ist unterwegs,« sagte er. »Wenn Sie uns die Freude machen wollen, einen Löffel Suppe mit uns zu essen –« »Nein, nein, ich danke sehr. Ich habe keine Zeit, Suppe zu essen, oder vielmehr ich bin nicht frei, muß meiner Wege ziehen, vorwärts, so rasch wie möglich vorwärts.« »Wie schade, ich hätte Ihnen gern meine Kinder gezeigt. Salchen ist solch nettes Mädchen. Wenn sie bei mir ist, holt sie sich sofort meinen Zylinder, hält ihn sich vor den Mund und ruft Zahlen, richtige Zahlen hinein, und dann wieder horcht sie daran. Sie nennt das Telephon spielen. Und der Junge! Er ist kaum zweiundeinhalb Jahre. Das ist ein Genie. Denken Sie, er unterscheidet genau Silber und Gold. Nein, einen Augenblick,« er hielt dem ungeduldigen Thomas den Arm fest, als ob er ihn dadurch am Sprechen hindern könne. »Er ist sich seines Wertes bewußt. Neulich sagte er: Papa, wenn ich sie trinke, ist die Milch silbern, und ich mache sie dann zu Gold.« Der Bankier schlug die Beine übereinander und sah seinen Bekannten herausfordernd an. Der fiel sofort ein: »Also ein Kind, ein Kind. Wenn es geboren wird, sieht es und hört es nicht, spricht nicht und geht nicht. Aber es hat Augen, Ohren, Beine und Mund. Wozu gab ihm die Natur das alles gleich mit? Es ist eine Aufforderung, sich auszubilden, sich zu bemühen. Der Mensch soll gebrauchen lernen, was er hat, so wird er vollkommen. Was aber haben meine Augen gesehen, so lange ich lebe? Buchstaben und Bücher. Mein Mund hat nichtige Dinge gesprochen, wie die Ohren nichtige Dinge gehört haben. Meine Füße haben mich nicht in das Leben getragen, wie sie es gesollt hätten. Über ein Menschenalter habe ich in Finsternis verbracht, ein Menschenalter verschwendet wie ein Toller. Das ist verrückt. Ich war verrückt. Jetzt aber bin ich klar geworden, Mir 62 ist, als ob ich meine Wiege vor mir sähe, darin mein eigenes kleines Ebenbild, den Säugling, aus dem ich wuchs, der der Vater meines Wesens ist. Und wie der verlorene Sohn möchte ich mich vor diesem Bilde niederwerfen, und flehen: vergib mir, ich habe gesündigt vor dir, ich habe vergeudet, was du mir gabst.« Der Bankier war wenig zufrieden. Zu den glücklichen Träumen, in die ihn die Erinnerung an die Handelstalente seines Sprößlings versetzt hatten, paßte dieses Schwärmen nicht. Es wurde ihm unbehaglich und als der gute Thomas sich gar einen Verrückten nannte, pflichtete er mit dem Kopfnicken bei, mit dem er richtige Bemerkungen zu begleiten pflegte. Über diesem Kopfnicken erschrak er, denn sein Blick fiel dabei auf den Ärmel, durch den Thomas eben langsam und feierlich seinen Arm hindurch steckte. Der kleine Mann duckte sich in die Ecke des Wagens und verdrehte die Augen krampfhaft, um unbemerkt über seine vorspringende Nase hinweg die wunderlichen Anstalten des Nachbarn überwachen zu können. »Ich habe mir den Vater des verlorenen Sohns als alten Mann vorgestellt,« sagte er zaghaft. Thomas hatte gerade die Hand aus dem Ärmelloch hervorgestreckt und damit in die Luft gegriffen, als ob er jemand an die Gurgel fahren wollte. Dabei sah er unter den Brauen hervor seinen Bankier so seltsam an, daß er sich vor Angst die Taschen zuhielt. »Es ist alles symbolisch, lieber Freund, alles. Der Vater des verlorenen Sohnes ein Symbol des Wickelkindes und dieser Ärmel ein Symbol meines Lebens. Verstehen Sie? So will ich durch das Dunkel der Welt wandeln, wie meine Hände durch den schmutzigen Tunnel dieses Verbrecherkleides. Oh, dieser Verbrecher, was hat er mich gelehrt! Man muß die Gelegenheit ergreifen, ja, aber man muß sie auch herbeilocken. Sehen Sie, der Ärmel hier war vorher abgetrennt. Sie können noch die Spuren der Schnitte sehen. Bei dem Ruck, mit dem er sich losriß, blieben seinen Wärtern die Ärmel in den Händen. Der Kerl hätte nicht entfliehen können, wenn er nicht vorher sein Kleid zerfetzt hätte. So habe ich alle Bande zerfeilt, zerschnitten, zersprengt, die mich an meine Vergangenheit knüpften, und nun juble ich der Freiheit entgegen, die mich vollkommen machen soll. Nur den Weg, den Weg, den sehe ich noch nicht. Es 63 stehet geschrieben, wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden. Ich habe mich erniedrigt, aber noch ward ich nicht erhöht.« Herr Niedlich streckte die gespreizten Hände nach vorn; »Gott der Gerechte, lästern Sie nicht, ich bin ein gläubiger Christ.« Thomas fuhr auf. »Es steht geschrieben,« rief er drohend, »und ich werde sehen, ob es wahr ist. Vorläufig mißlang es. Ich bin noch nicht vollkommen. Vielleicht ist es die Freude, die mich empor führt, Lust größer noch als Herzeleid. Und ich preise das Geschick, das Sie mir in den Weg führte, just als ich Geld brauchte.« Der Bankier drückte auf den Gummiball, mittelst dessen er dem Kutscher das Zeichen zum Halten zu geben pflegte. »Wieviel brauchen Sie,« fragte er und öffnete den Schlag. Thomas steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus. Ein Depeschenträger ging vorbei und der Gedanke an Agathe schoß ihm durch den Kopf. »Ich muß fort.« »Sie haben ganz recht.« Niedlich drängte ihn auf den Tritt hinaus. »Hier ist Geld« Er holte aus seiner Brieftasche Banknoten und gab sie seinem Freunde, der ihm immer unheimlicher wurde. Auch er sah den Boten gehen und während er den seltsamen Gast fast aus dem Wagen stieß, rief er: »Ich muß zur Post fahren, will Ihrer Schwester telegraphieren,« dann zum Kutscher gewendet: »Los, was die Pferde laufen.« Thomas hatte Lust ihm nachzurennen. »Agathe,« schrie er, »nur nicht Agathe.« Dann sah er ein, daß die Pferde schneller waren als er, und rasch sich wendend eilte er zu dem Schneider. Er sah nur noch, wie der Bankier den Tunnel der Erniedrigung aus dem Wagenfenster warf. So sehr sich Thomas auch beeilte, es verging doch wohl eine Stunde und mehr, ehe er zu seiner Zufriedenheit ausgestattet war. Von dem Gedanken beherrscht, so bald als möglich weiter zu reisen, hatte er sich den ersten besten Anzug ausgesucht und fragte nun, sich flüchtig im Spiegel musternd, nach dem Preise. Der dienstfertige Schneider bückte sich, anscheinend um den Preiszettel zu suchen, obwohl er ihn soeben eigenhändig abgerissen hatte. Der Mann da gehörte zu seinen besten Kunden, gerade weil er auf Rechnung arbeiten zu lassen pflegte. Man mußte verhüten, daß er sich das 64 Barzahlen angewöhnte und wohl gar dahinter käme, wie viel billiger das sei. Als er sich eine Weile vergeblich abgemüht hatte, richtete sich der Kleiderkünstler auf, warf mit kühnem Schwung das Zentimetermaß vom rechten Arm auf den linken und rief: »Haase, sehen Sie einmal nach, was der Anzug Nr. 52 kostet. Einen Augenblick, Herr Müller.« Thomas zuckte bei dem Namen zusammen und öffnete schon den Mund, um den Tod des Herrn Müller anzukündigen. Aber der Schneider eilte davon, um selbst nachzusehen, wie er sagte, in Wahrheit aber, um seinem Gehilfen klar zu machen, daß der Preis von Nr. 52 nicht aufgefunden werden dürfe. Achselzuckend kam er zurück und erzählte, leider lasse sich die Summe im Augenblick nicht feststellen, er werde sich erlauben, die Kleinigkeit auf die Rechnung zu setzen. Thomas wandte sich zum Gehen. »Nun gut, wenn ich Ihnen sicher bin.« Der Schneider legte seine kurzfingrige Hand auf die Herzgegend, die mit einem wahren Stachelzaun von Stecknadeln austapeziert war, so daß es aussah, als wollte er sich zur Bekräftigung seines edlen Vertrauens sämtliche Finger spicken, neigte den Kopf auf die linke Schulter und flötete: »Der Herr Müller belieben zu scherzen, solch ein alter Kunde.« »Weltlein, Thomas Weltlein, wenn ich bitten darf, nicht Müller,« fuhr Thomas auf. »Ich wünsche nicht, daß meine Anwesenheit bekannt wird, ich habe Gründe, unter fremdem Namen zu reisen –« er zögerte ein Weile, – »ja, wenn meine Schwester, Frau Willen nach mir fragen sollte, so wäre es mir lieb, wenn Sie mich nicht gesehen hätten.« Der Schneider spitzte die Ohren. Der abgerissene Zustand des feinen Herrn Müller hatte seine Neugier geweckt, jetzt glaubte er die Lösung gefunden zu haben. Der Herr ging auf galante Abenteuer aus. Mit einem feinen Lächeln des Verständnisses suchte er seinen Mann zu beruhigen, während er gleichzeitig in Gedanken berechnete, wie er dieses Schaf am besten scheren könne. »Ich verstehe vollkommen, .vollkommen, Herr Weltlein. Nicht wahr Weltlein? Gestatten Sie mir, einem alten Routinier, eine Bemerkung. Wenn man ein Glück bei Damen machen will, –« 65 Thomas sah ihn erstaunt an. » – Bitte tausendmal um Verzeihung,« beeilte er sich einzulenken. »Ich glaubte, da die Frau Schwester nichts von der Sache erfahren soll, der Herr Weltlein gehe auf Eroberungen bei dem schönen Geschlecht aus, und da dürfte dieser Anzug doch ein wenig zu power sein. Das schöne Geschlecht pflegt bei solchen Gelegenheiten auf ein hochzeitlich Gewand zu sehen.« Mit zwei Schritten trat Thomas in die Mitte des Ladens und warf das eben gekaufte Jaket ab. »Ein hochzeitlich Gewand, natürlich. Fortuna ist ein Weib, der darf man nicht wie ein Bettler entgegentreten. Wie ein König und Sieger muß man einherziehen, dann wirft sie sich zu unsern Füßen.« Während nun immer neue Schätze des Ladens anprobiert wurden und der geschäftige Schneider Kleider, Wäsche und Hüte in den Tiefen eines rasch herbeigeholten Koffers verschwinden ließ, gingen die Reden unaufhörlich hin und her. »Ich habe die Zeit versäumt, mein Lieber, habe mein Leben verträumt und bin eingerostet und versauert. Fast bin ich schon zu alt, um noch etwas zu erreichen.« »Oh, oh, zu alt, solch stattlicher Herr. Haase, rasch einen andern Gehrock, größere Nummer. Das ist gerade das rechte Alter. Man flattert nicht mehr von einer zur andern, wählt sorgfältig und hält fest an der einen Liebe.« »Ich will daran festhalten, bis an mein Lebensende. Die Wogen der Freude und Lust sollen mich empor heben, mich der Vollkommenheit und Schönheit entgegen tragen, in ihnen will ich mich gesund baden.« »Ganz recht, ein Bad, das wird nötig sein, Herr Müller, pardon, Herr Weltlein. Auf dem Bahnhof finden Sie dazu Gelegenheit. Und gesund muß die Liebste sein. Nur keine kranken Verhältnisse, sonst hat man arg zu schleppen. Hier der Frack muß noch einmal aufgebügelt werden. Gesundheit und Liebe gehören zusammen. So, nun sehen Sie gefälligst in den Spiegel. Als ob Sie die Welt erobern wollten.« »Die Welt, die Welt. Ich fühle wie sie nach mir verlangt, wie ich ihrer begehre. Nein, das Alter drückt mich nicht. Seit die 66 Lumpen mir von den Gliedern gefallen sind, beseelt mich neue Kraft, und Ihre Kleider –« »Nun noch der Zylinder. Kleider machen Leute.« Thomas packte den Schneider vorn an der Brust und schüttelte ihn. »Er weiß es, er weiß es, die tiefe Weisheit von der Ansteckung kennt er, dieser Mann, und spricht sie aus wie etwas Alltägliches. Ja, so ist es. An sich sind wir nichts. Wir handeln nicht aus eigener Macht. Was uns umgibt, was auf uns einwirkt, das läßt uns handeln. Wenn wir lieben, so lieben nicht wir, sondern der Wein, den wir tranken, liebt, wir hassen nicht, sondern der schwere Pudding, der uns im Magen liegt, haßt. Sind wir geistreich, so ist es, weil unsere Kleidung uns gefällt, oder weil ein sympathischer Ton unser Ohr traf, der den Kerker unseres Verstandes sprengte, weil ein Strahl wunderbaren Lichtes in unser Auge fiel. Aus sich heraus schafft der Mensch nichts. Alles liegt in den Verhältnissen, in denen wir leben. Die soll der Mensch wählen, so gut er kann. Gewiß, Kleider machen Leute, Kleider symbolisch das Leben zusammenfassend, die Wohnung, die Speisen, der Umgang, die Bücher. Umgib dich mit Freude, so wirst du freudig, umgib dich mit Vollkommenheit, so bist du vollkommen.« Eben fuhr der Wagen vor, der den Schwärmer mit all seinen Schätzen zur Bahn führen sollte, und stolz schritt Thomas an dem tief dienernden Schneider vorbei. Auf dem Bahnhof tat er nach des Schneiders Rat, und als er nun endlich frisch gesäubert und frisch gekleidet im Zuge saß, rief er sich selber zu: »Siehst du Thomas, du böser Zweifler, diesmal behalte ich Recht. Kleider machen Leute. Jetzt bin ich wirklich Mensch. Und jedenfalls, wenn man die Freude sucht, muß man anständig angezogen sein.« Seit ihm auf dem Wege der Schmerzen Agathe als abschreckender Engel erschienen war, endete jedes Selbstgespräch des Wahrheitssuchers mit dem Gedanken an die Freude. Wo er ihr begegnen würde, wußte er. Der Vetter Lachmann verstand sich darauf. Bei dem würde er die Freude und die Vollkommenheit finden. In Wahrheit fand er bei dem Freunde weder das eine noch das andere, wohl aber seine Schwester Agathe. 67     13. Kapitel. Verrückt oder boshaft? Sobald Frau Willen aus ihrer Ohnmacht erwacht war, ging sie ohne Zögern daran, den entsprungenen Bruder wieder einzufangen. Der reuige Vikar wurde beauftragt, bei den Behörden der umliegenden Ortschaften Erkundigungen einzuziehen. Alwine erhielt den Oberbefehl über Haus und Küche mit der strengen Weisung, den Doktor Vorbeuger mit List und Klugheit von dem Besuch des Kranken abzuhalten. Agathe aber ging straks auf den Bahnhof und setzte sich in den nächsten Zug, der sie nach dem Wohnort Lachmanns bringen sollte. Sie mußte wissen, ob der Bruder gemeingefährlich sei oder nicht. War er vom Scharlach angesteckt, so wollte sie ihn dem wohlbestallten Henker, dem Dr. Vorbeuger überantworten. Der lustige Vetter saß gerade vor seinem Frühstückstisch und war dabei, ein Gänsebein mundgerecht zu zerlegen, als seine Cousine eintrat. Das dienstbare Wesen, das sie anmelden wollte, hatte sie ohne weiteres beiseite geschoben, und jetzt stand sie ernst und aufrecht in der Tür. Lachmann war aufgesprungen, hatte den rechten Arm, der mit dem Messer bewaffnet war, um seine alte Freundin geschlungen und riß sie mit einem hellen Jauchzen der Freude in das Zimmer, wobei er die linke Hand mit dem Gänsebein wie ein Kriegsgott sein Schwert gen Himmel schwang. Mit einer kräftigen Armbewegung stieß ihn Agathe zurück. »Laß den Unsinn, Ernst,« herrschte sie ihn an. »Ich dächte, du wärest alt genug, um vernünftig zu werden.« Der Vetter trat rasch zurück. »Vernünftig werde ich wohl nie werden. Aber eine Lehre von dir habe ich mir gemerkt. Essen ist besser als lieben. Also komm, es ist genug für uns beide da. Nachher erzählst du mir dann, was dich hergeführt hat.« Er setzte sich nieder und schob ihr einen Teller hin. Ohne ein Wort zu erwidern, wandte Agathe sich um und schritt zur Tür. Als sie die Hand auf die Klinke legte, brach ihre Kraft. Mit dem Gesicht gegen die Wand gekehrt blieb sie stehen und wartete. Eine ganze Weile hielt Lachmann stand. Dann aber warf er 68 die Gabel hin und rief: »Entweder man ißt oder man liebt. Eines von beiden geht nur!« Dann erhob er sich und küßte der alten Freundin die Hand. »Du weißt, ich bin immer erst zufrieden, wenn ich dir etwas abzubitten habe.« Er führte sie zum Tisch, nahm ihre Hand und sagte: »Erzähle! Ich werde dir helfen.« Agathe berichtete. Schon nach den ersten Worten wurde ihr leichter zu Mut, sie wußte nicht, war es eine Folge ihrer Beichte, oder ging von der Arzteshand, die sie hielt, eine Beruhigung aus. Lachmann hörte schweigend zu, nur von Zeit zu Zeit zuckte es spöttisch um seinen Mund. Als sie von ihrer Scharlachangst und dem Dr. Vorbeuger erzählte, brach er gar in ein schallendes Gelächter aus. Agathe entzog ihm verstimmt die Hand. »Du lachst über alles, was mich ängstigt. Aber damit hilfst du mir nicht.« »Verzeih, Cousine, ich kann nichts dafür, daß ich Sinn für Komik habe. Dieser Vorbeuger – ich kenne ihn von der Universität her – verdient seinen Namen. Er ist die verkörperte Furcht, und wenn ich von ihm höre, muß ich lachen. Nun gar diese feine Scharlachdiagnose.« Agathe sah zweifelnd zu ihrem Vetter hinüber, der sich wieder seinem Frühstück zugewandt hatte. »Glaubst du nicht daran?« Lachmann schüttelte den Kopf. »Dein Bruder hat ebensowenig Scharlach, wie du oder ich. Erstlich hat er es längst gehabt. Immerhin wäre ja eine zweite Ansteckung möglich; aber hier? nein.« »Wie kannst du das mit solcher Bestimmtheit behaupten?« »Weil August Euer Scharlachfieber während seines Aufenthalts hier dreimal hintereinander gehabt hat. Ich habe ihn aufzuheitern gesucht und ich kann dir sagen, er hat getrunken wie ein Mann. Nachts war er regelmäßig hinüber und morgens hatte er das graue Elend. Am zweiten Tage hatte ich Mitleid mit ihm und gab ihm Antipyrin. Ein paar Stunden darauf war er rot wie ein gesottener Krebs. Das kommt ab und zu bei Leuten mit erregbarem Gefäßsystem vor, und ich habe mich weiter nicht darüber gewundert. Aber deinem Bruder, der sich während der ganzen Zeit wie ein ausgelassenes Kind benahm, das aus strenger Zucht in die Freiheit kommt, machte seine gesprenkelte Haut Spaß. Das eine Mal behauptete 69 er, das sei ein schönes Mittel, bei dem man den Erfolg mit den Augen sähe. Der Rotwein werde durch das Pulver sichtbarlich aus der Haut herausgetrieben mitsamt Kopfschmerzen und Übelkeit. Und ein andermal – sage mal ist dein Bruder boshaft? Hat er etwas gegen dich?« »August? nein, sicher nicht. Wir leben im besten Einvernehmen. Warum fragst du das?« »Nun, urteile selbst. Das zweite Mal, als der Ausschlag nach dem Antipyrin auftrat, kam er zu mir und sagte: »Meinst du, das ist ein feines Mittel, Agathe zu ärgern. Wenn sie mich wieder hofmeistert, nehme ich das Zeug und mache ihr weis, ich hätte Scharlach.« Agathe fuhr auf. »Lachmann!« »Es ist buchstäblich wahr.« »Aber dann ist er ja gar nicht verrückt, dann ist er ja – oh, das ist boshaft, das ist niederträchtig.« Sie legte den Arm auf den Tisch und vergrub den Kopf darin. Dem Vetter wurde unbehaglich zu Mut. Seinen alten Schatz weinen zu sehen, ging ihm ans Herz. Mit beiden Händen suchte er das Gesicht der Frau hochzuzerren. »Um Gotteswillen, weine nicht,« sagte er. Agathe schüttelte den Kopf, den sie immer noch in den Armen verborgen hatte. »Ich weine nicht. Ich freue mich so, ich freue mich riesig.« Plötzlich hob sie das Gesicht und stützte es auf die eine Hand. »Wenn es wirklich nur ein Geniestreich meines Bruders ist, um mich zu ärgern, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe. Unmöglich ist es nicht. Die ganze letzte Zeit habe ich im Kampf mit ihm gelebt. Die roten Krieger haben uns entzweit und ich kann nicht leugnen, daß ich ihm manche Predigt gehalten habe. Ich traue ihm auch ganz gut eine solche schnöde Rache zu.« Lachmann wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. »Dazu ist er nicht mehr Mann genug. Früher ja, aber du hast ihn zu arg untergekriegt. Das getraut er sich nicht.« Sofort geriet Agathe in Zorn. »Er getraut es sich nicht? Warum nicht, wenn ich fragen darf? Weil du es ihm nicht zutraust. Als ob du ihn je richtig beurteilt hättest. Du hast immer an ihm herumgetadelt, du hast ihn immer unterschätzt.« 70 »Aber, beste Agathe, du weißt doch ebenso gut wie ich, daß August das reine Lamm ist, seitdem du deine schützende Hand über ihm hältst.« »So? Hätte ich ihn etwa so lassen sollen, wie du ihn mir seinerzeit überantwortet hast, als wir zusammenzogen? Mein Gott, wenn ich an das erste Jahr denke, wie er da war. Jeden Abend aus, nie vor ein, zwei Uhr nach Hause, immer und überall mit dem Munde voran und nichts als Politik und Zeitungsgewäsch im Kopf. Nein, nein. Das mag für dich ganz gut sein. Aber August war dafür zu schade und ich habe recht getan, ihm die liederlichen Gewohnheiten auszutreiben.« »Und der Erfolg deiner Erziehung ist schließlich, daß du ihn verrückt gemacht hast.« »Ach was! er ist gar nicht verrückt.« »Wir werden ja sehen, wir werden ja sehen.« Lachmann kam ebenso in Eifer, wie seine Cousine. Er sprang auf und lief im Zimmer umher. »Und wenn du ihn eingefangen hast, dann wirst du ihn wieder in derselben Weise zum Guten anhalten?« Agathe sah ihn erstaunt an. »Selbstverständlich werde ich das. Glaubst du, ich dulde leichtsinnige Menschen in meiner Umgebung, das solltest du doch wissen.« Lachmann blieb vor ihr stehen und sah sie böse an. »Ich weiß es ganz gut, du brauchst mich nicht daran zu erinnern.« Agathes Blick wurde unsicher. Sie drehte sich um und schänkte sich ein Glas Wein ein. »Jetzt ist mir die Sache klar. Es ist einfach ein Spaß von dem Jungen.« Sie lachte und hob das Glas. »Komm, Ernst! Wir wollen Frieden mit einander halten, wir sind doch schließlich zu alt, um uns immer zu zanken.« Lachmann stieß mit ihr an. »Da hast du recht.« Er setzte sich nieder und ging zum dritten Mal seiner Gans zu Leibe. »Jetzt kannst du mir etwas abgeben,« meinte Agathe und schob ihm den Teller hin. Während er ihr vorlegte, begann er von neuem. »Das ist alles gut und schön und es freut mich, daß der Appetit bei dir kommt. Aber mit all dem weißt du noch nicht, wo dein Bruder steckt.« Agathe ließ sich nicht stören. »Er wird sich schon melden, du 71 sollst sehen, er kommt hierher. Ach, wie gut war es doch, daß ich gleich zu dir gereist bin. Du glaubst gar nicht, wie sehr du mich getröstet hast.« »Du, Agathe, ganz richtig steht es mit deinem Bruder nicht, sicher nicht. Er hat hier Dummheiten über Dummheiten gemacht.« »Ein Schwarzseher bist du, Ernst. Warum soll er nicht Dummheiten machen, wenn er einmal der Zucht entronnen ist? Machst du etwa nie welche?« »Selten, ich würde an deiner Stelle nicht allzu zuversichtlich sein.« Agathe stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch. »Nun höre einmal zu. Wie ich meinen Bruder kenne, ist er einfach von deinen schlechten Grundsätzen wieder angesteckt worden und hat einen Rückfall in seine liederliche Zeit. Ist das der Fall, so wette ich zehn gegen eins, daß er noch heute hier eintrifft, um mit dir zu bummeln. Und wenn jemand so klar ist, daß er sich den besten Zecher aussucht, um mit ihm zu kneipen, dann ist er nicht verrückt.« »Und wenn er nicht kommt?« »Er kommt, verlaß dich darauf! Wollen wir wetten?« »Gut, gewinne ich, so bezahlst du einen Korb Champagner und trinkst ihn mit aus.« »Einverstanden; und ich bekomme meine –« »Nein, die Briefe bekommst du nicht. Aber ich werde dir 100 Mark für deine Suppenanstalt schenken.« Agathe gewann ihre Wette. Als die beiden von einem Spaziergang zurückkehrten, fanden Sie ein Telegramm vom Vikar, daß August Müller auf dem Wege zu Lachmann sei. Der Vetter bezahlte schweigend sein Geld. Am Abend saßen sie friedlich beisammen und warteten. Agathe hatte versprochen, sich willig der Führung Lachmanns anzuvertrauen, und sich nach ihm zu richten. Als Thomas beim Eintreten seine Schwester sah, runzelte er ein wenig die Stirn, dann aber begrüßte er sie freundlich. »Das ist Recht, daß du auch hierher gekommen bist, Schwesterherz. Nun wollen wir eine vergnügte Zeit miteinander verleben. Nicht wahr, alter Lachmann? Aber vor allem, gebt mir etwas zu essen, ich sterbe vor Hunger.« Während für ihn aufgetragen wurde, sprach er von dem und 72 jenem, fragte nach Alwine und dem Hause, nach Lachmanns Praxis, nach den Neuigkeiten des Tages. Agathe, die ihn verstohlen beobachtete, schüttelte mehrmals verwundert den Kopf und blickte zu Lachmann hinüber. Der Bruder war wieder ganz wie früher, heiter, liebenswürdig, als sei nichts vorgefallen. Sie atmete auf. Aber gar zu gern hätte sie gewußt, was in dieser Menschenseele in den letzten Tagen vor sich gegangen war. Hätte Lachmann es nicht so streng verboten gehabt, sie wäre mit der Frage nach des Bruders Erlebnissen vorgerückt. Während des Essens fragte der Ankömmling unvermittelt: »Wie lange willst du denn hier bleiben, Agathe?« Agathe warf einen fragenden Blick auf Lachmann, der warnend den Finger hob. »Oh, das hat keine Eile,« sagte sie dann, »Alwine wird alles gut besorgen. Wir können ruhig einige Tage hier beim Vetter bleiben und fahren dann zusammen zurück.« Ihr Bruder beugte den Kopf tiefer und erwiderte nichts. Kurz darauf aber begann er von neuem zu plaudern. Er erkundigte sich nach Theater und Konzerten, nach dem Zirkus, und als Lachmann vorschlug, zusammen in das Schauspielhaus zu gehen, nahm er es mit Freuden an. Er wolle nur erst in das Hotel fahren, um sich umzukleiden. »So, du hast schon Quartier gemacht,« sagte Lachmann. »Wo bist du abgestiegen?« »Im Löwen wie gewöhnlich. Auf Wiedersehen.« »Halt, halt! ich fahre mit,« rief Agathe. »Hoffentlich ist noch ein Zimmer für mich frei.« Der Bruder stand schon auf dem Korridor. »So viel ich weiß, ist das ganze Haus besetzt.« »Ach was«, rief Agathe, stellte sich vor den Spiegel und band sorgfältig die Schleife ihrer Hutbänder, auf die sie besonders stolz war. »Für mich findet sich schon noch ein Plätzchen. August, so warte doch, August!« rief sie dem Davoneilenden nach, mußte sich aber entschließen, ihr Kunstwerk halb vollendet zu lassen, wenn sie den kaum Eingefangenen nicht wieder verlieren wollte. »Wir treffen uns vor dem Theater,« rief Lachmann, der oben am Treppenabsatz stand und ihnen hinableuchtete. 73 »Du könntest eine Loge nehmen,« tönte es von unten zurück. »Eine Loge?« mischte sich Agathe ein. »Warum nicht gar, August. Das ist viel zu teuer.« Lachmann schnitt ihr das Wort ab. »Ja, ja, gewiß. Dann ist es gemütlicher. Ich werde alles besorgen, Vetter.« Agathe ärgerte sich über den höhnischen Blick, mit dem der brüderliche Verschwender ihr beim Einsteigen zusah, sie sagte jedoch nichts, ja sie brachte es über sich, seine offene Ungezogenheit in dem Hotel schweigend zu erdulden. Er ließ sich nämlich den Plan des Gebäudes geben und unter dem Vorwand, seine Schwester könne aus Angst vor Feuersgefahr nicht hoch wohnen, suchte er ihr das teuerste Zimmer in dem ganzen Hause aus. Der Zufall wollte es, daß es gerade unter seinem eigenen Quartier lag. »Es ist dir doch recht so?« wandte er sich höflich an die kleine Frau, und sie verschluckte tapfer das: nein, gar nicht. Denn sie sah, wie sich plötzlich das Gesicht ihres Bruders verzerrte und der furchtbar dumme Kalbsblick bei ihm zum Vorschein kam, vor dem sie schon einmal so erschrocken war. »Also führen Sie die Dame nach Nr. 10,« sagte Thomas und schritt pfeifend davon. Im übrigen verlief der Abend ruhig. Die Drei nahmen in harmloser Fröhlichkeit das Schauspiel hin und speisten dann sehr vergnügt miteinander im Löwen. Für den nächsten Morgen verabredete man ein gemeinsames Frühstück bei Lachmann. Dann wollten die beiden Männer zum Frühschoppen in die Weinstube des Lord gehen, wo sie ein paar Freunde zu treffen hofften.     14. Kapitel. Strickt der Strumpf oder wird er gestrickt? Agathe erwachte am nächsten Morgen mit dem herrlichen Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit gut geschlafen zu haben, und als sie daran dachte, wie schön der gestrige Tag geendet hatte, geriet sie in eine ausgelassene Stimmung, die sie fast veranlaßt hätte, das 74 ernsthafte Geschäft des Anziehens lustig wie ein junges Mädchen zu betreiben. Gerade noch zur rechten Zeit, um sie zu verhindern, mit dem großen Schwamm Fangball zu spielen, gewahrte sie, wie unter dem sorglos auf den Stuhl geworfenen Badetuch zwei behäbige violette Bänder vorwurfsvoll herabhingen, wie die schlaffen Arme einer resignierten Frau. Diese Bänder erinnerten sie daran, daß sie den Hut gestern Abend frevelhaft bei Seite geworfen hatte, statt ihn sogleich in die Schachtel zu sperren. Agathe schämte sich, vollendete ihre Toilette mit Würde und entsprechender Langsamkeit, und gleichsam um den teueren Kopfputz für die schlecht verbrachte Nacht zu entschädigen, knüpfte sie ihre Schleife mit geziemend abgemessenen Bewegungen. Die Folge dieser langwierigen Sorgfalt war, daß sie ihren Bruder nicht mehr vorfand. Der Herr sei vor zehn Minuten fortgefahren, sagte der Portier. Sofort befiel Agathe die Angst vor einer neuen Flucht. Beinahe hätte sie einen Wagen genommen, um rascher zu ihrem Berater Lachmann zu kommen. Aber die bessere Einsicht, daß ja das Markstück ebensogut für Alwines Aussteuer gespart werden könnte, veranlaßte sie zu gehen. Auf dem Wege stritten sich das Gefühl ihres Alters und der Wunsch, rasch zum Ziel zu gelangen, und an diesem Zwiespalt schienen selbst die Schleifenbänder teil zu nehmen, wenigstens stand, als Agathe atemlos anlangte, das eine ganz unternehmend nach oben, während das andere sich doppelt wichtig aufbauschte. Schon auf dem Korridor hörte sie das Lachen der beiden Männer. Sie atmete auf, und selig, den verloren Geglaubten wieder zu haben, trat sie ein. »Guten Morgen, Ihr Männer! Ihr seid lustig! Verzeiht mir, daß ich zu spät komme. Aber du hättest auch warten können, August. Ich habe mich halb tot geängstigt.« Sie verstummte plötzlich. Da war wieder der Kalbsblick. »Wirklich, es war recht rücksichtslos von dir, August.« Der Angeredete blickte sie unverwandt an. »Wann reisest du ab?« fragte er. Agathe war starr. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. »So laß doch das dumme Lachen, Ernst,« schalt sie den Vetter aus, 75 sie erinnerte sich, daß sie mit dem Bruder vorsichtig sprechen müsse. »Wann ich abreise? Du weißt ja, ich bleibe so lange wie es dir hier gefällt; und dann, wenn wir wieder daheim sind, dann soll es nett bei uns werden. Es war ja schrecklich die letzte Zeit. Ich war noch in der Minute vor meiner Abreise in deinem Zimmer. Der Don Quixote liegt aufgeschlagen auf deinem Schreibtisch, gerade bei dem Gespräch, in dem der Pfarrer und die Haushälterin über die Flucht des edlen Ritters beraten. Mir war es als ob das Buch seufzte, und ich glaube, es ist sogar eine Träne darauf gefallen. Hoffentlich gibt es keinen Fleck.« Sie trat an den Bruder heran und legte die Hand zärtlich auf seine Schulter. »Ich bin so froh, dich wieder zu haben, August.« »Thomas.« Agathe fuhr zurück. «Um Gotteswillen, August!« »Thomas, Thomas Weltlein. Hast du vergessen, was ich dir schrieb? Überhaupt verstehe ich dich nicht. Wo ist dein Panzer, wo sind die Handschuhe? Sechs Wochen dauert die Ansteckungsgefahr beim Scharlach.« Agathe nahm unwillkürlich die Hand von seiner Schulter. Thomas lächelte befriedigt. »Nicht wahr, Lachmann, sechs Wochen.« Die Schwester hatte sich gefaßt. »Weißt du es denn noch gar nicht,« sagte sie, vor Freude lachend, und faßte nach seiner Hand. »Du hast nicht das Scharlachfieber gehabt. Es war alles nur Scherz von dir, Gott sei Dank.« Thomas hob die Tasse zum Munde. Dem Vetter, der bisher still beobachtet hatte, wollte es fast scheinen, als ob er dadurch ein Lächeln verberge. Ritterlich empört, mischte er sich ein. »Agathe hat ganz Recht, und es ist Zeit, daß du die Dummheiten läßt. Aus eitel Bosheit hast du Antipyrin geschluckt, und von Scharlachfieber ist keine Rede.« So hastig war Thomas selbst bei seiner Flucht aus dem Lumpenwagen nicht aufgesprungen, wie jetzt. »Neidisch seid Ihr,« schrie er, und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch. »Neidisch! Pfui! – Verzeiht,« fuhr er in ruhigerem Tone fort. »Es ziemt sich nicht, daß ich mich derart vergesse. Aber ich hätte Euch eine vornehmere Gesinnung zugetraut. Weil Ihr selbst klein gesinnt seid, gönnt Ihr 76 es mir nicht, daß mich der Dämon des Fiebers aus vielen auserwählte, und wollt mir weismachen, das Morgenrot meines Körpers sei ein gemeiner Medizinausschlag.« »Aber ich versichere dich, es war das Antipyrin,« fielen die beiden andern gleichzeitig ein. »So? und die Verwandlung? Das Riesenwachstum meiner Seele? Ist das auch Antipyrin? Und der Sieg über das rote Gezücht? Wie? Habt Ihr das vergessen? Sind sie nicht tot, vernichtet, verschwunden? Und was wißt Ihr denn von den drei Symbolen? und vom Weg der Schmerzen, von dem Tunnel der Erniedrigung? Das da,« er wies auf seine Schwester, »das ist eine Frau. Die Frauen können nie die Größe des Mannes fassen, und ich verzeihe ihr. Aber du,« er wandte sich an seinen Vetter, »bei dir ist es Neid. Du bist Arzt und in deiner schäbigen Arztesseele, die die Bewunderung von Kranken und Schwachen aufgeblasen hat wie einen Ballon, wurmt es dich, daß du nicht die Entdeckung der inneren Ansteckung gemacht hast, sondern ich, ein Laie, ein Kranker, ein Arztesknecht.« Lachmann hatte längst seine Überlegung wiedergewonnen. »Was für eine Entdeckung meinst du?« Agathe fiel angstvoll ein. »Um Gotteswillen, laß ihn, laß ihn, wenn er davon erst anfängt, hört er nicht wieder auf. Er redet irre.« Thomas rückte sich würdevoll zurecht. »Ich rede nicht irre,« sagte er ruhig und sanft, »ich werde auch nur so viel sagen, wie unbedingt nötig ist, um die Dinge zu verstehen. Ich brauche Lachmann. Er soll diesen Teil meiner Lebensaufgabe übernehmen, und ich zweifle nicht daran, daß er seine Arbeitskraft und seine Kenntnisse gern einer Sache dienstbar machen wird, die der Menschheit nützlich ist, ihm selbst einen Namen geben wird. Ich habe nämlich unter anderem herausgefunden,« wandte er sich an seinen Vetter, »daß es unrecht ist, jede Krankheit unbedingt zu bekämpfen. Du siehst, das geht dich, den Arzt, allerdings etwas an. Die Krankheit ist durchaus kein kulturfeindliches Element, wie es uns das Geschwätz der Ärzte weis machen will und weis gemacht hat; vielmehr ist sie eines der Werkzeuge, durch welche die Natur den Menschen zu seiner Höhe empor gehoben hat. Rottet man die Krankheit aus, so vernichtet man damit alle Sitte und alle Religion, so verhindert man die 77 Entwicklung des Einzelnen und der Gesamtheit, und ich behaupte, daß unsere moderne Hygiene nur den wahren Adel des Menschen in fahrlässiger Weise schädigt.« »Damit hast du nicht so ganz Unrecht,« pflichtete Lachmann bei. Agathe sah mit Erstaunen, daß der Vetter diesem Verrückten ganz ernsthaft zuhörte. »Ich verstehe,« fuhr Thomas fort, »dir werden auf einmal Dinge klar, die du längst dunkel ahntest, wie sie ja jeder ahnt. So ist es mir auch gegangen. Im ersten Moment war ich völlig überrascht von dem neuen Gesicht, das mir die Welt zeigte. Was, die Seuchen ein wünschenswerter Zustand, fragte ich mich, die mörderische Tuberkulose, die schändliche Syphilis ein Nutzen, ja eine Bedingung des Fortschritts? Die Antwort, die ich mir gab, lese ich jetzt auch in deinen Augen. Aber der Gedanke zwingt weiter zu gehen. Warum sucht der Mensch die Gefahr? Weil er sich im Kampfe wachsen fühlt, weil er in der Not edler wird. Sokrates wußte es, Christus wußte es, sie suchten beide das Elend, den Tod, und so sucht es jeder zu allen Zeiten. Jeder, jeder Mensch liebt das Unglück, weil es ihn adelt. Und die große Natur, wo du sie auch packst, tut es dem Menschen gleich. Alles Hohe wächst aus dem Unglück, die Glücksjäger sind alle verächtlich.« Mit einer starken Bewegung des Armes machte er einen Strich durch die Luft, um zu zeigen, wie tief sie in seiner Achtung stünden. Thomas Weltleins Gesicht zeigte jetzt den Ausdruck angestrengten Nachdenkens. »Die Not lehrt beten, das ist ein tiefes Wort. Das will sagen, die Not der Menschen, der ganzen Natur ist der echte Beweis vom Dasein Gottes. Im Unglück offenbart sich seine Güte am lautesten.« Jetzt hörte auch Agathe mit gefalteten Händen zu. »Ganz wie der gute Breitsprecher redet er,« sagte sie andächtig. »Schweige,« redete Thomas sie mit großartigem Ausdruck an. »Was sollen uns, die wir ernst sprechen, die Pfaffen? Sie haben die Sünde erfunden. Als ob es Sünden gäbe. Hinweg mit ihnen!« Er schob sie mit einer Handbewegung beiseite. »Wenn ihr mir folgen wollt, so müßt ihr alles lassen, was ihr bisher liebtet. Ihr müßt wieder Menschen werden. Unterbrechen ist unmenschlich. Aber so 78 sind die Weiber. Sie bilden sich immer ein, das Denken sei wie Strümpfe stricken, das man beliebig unterbrechen und wieder aufnehmen kann, und bei dem es auf ein paar fallengelassene Maschen nicht ankommt. Übrigens ist es ein Irrtum zu sagen: ich stricke einen Strumpf, zum mindesten ist es ungenau, man kann ebensogut sagen, der Strumpf strickt mich, ja erst mit dieser Wendung zeigt man, daß man eine Ahnung von dem Verlauf der Weltgeschichte hat. Der Mensch macht nicht, sondern er wird gemacht. Wenn Agathe mir einen Strumpf strickt, so weiß ich, daß ich demnächst eine neue Fußbekleidung haben werde, und kann mich darüber freuen. Sage ich aber, der strickt Agathen, so sehe ich auf einmal die Geschichte des weiblichen Geschlechtes vor mir, wie es sich Jahrtausende lang in der Beschäftigung mit dem Kleinen verderben ließ und verdarb. Nichts Dümmeres gibt es als unsere Grammatik, unsere Sprache, dieses Erbstück der dunkelsten Zeitalter, das jeder Wahrheit unüberwindliche Hindernisse in den Weg legt und des klaren Denkens spottet. Wie kann man mit altersschwachen Beinen Berge erklettern? Aber das ist etwas für den Philologen, den ich finden werde, nicht für den Arzt. Und doch auch für dich, Vetter Arzt, wird es lehrreich sein. Du sollst von mir noch diagnostizieren lernen. Sieh dir einmal meine Schwester an. Du denkst, sie ist dieselbe Agathe wie vor zwanzig Jahren, ein wenig älter geworden, aber im Grunde dieselbe. Weit gefehlt. Weißt du, was sie ist? Agathe ist eine Hutschleife.« Lachmann schrie fast vor Vergnügen, während Agathe empört aufsprang. Thomas fuhr ruhig fort: »Ja, sicher. Als sie damals ihren seligen Willen geheiratet hatte und sehr bald dahinter kam, welche Dummheit sie begangen hatte, wollte sie vernünftig werden. Und um sich dazu zu zwingen, schaffte sie sich den würdigen Kopfputz der Mütter, den Capothut mit langen Bändern an und knüpfte jeden Tag gewissenhaft eine regelrechte Schleife. Das ging so eine Zeit lang. Jetzt aber ist es schon seit Jahren anders. Agathe wird von der Schleife geknüpft. Die Bänder zerren sie durchs Leben, wie das Seil des Metzgers ein Kalb. Ist es nicht so, Schwesterherz?« Agathe schlug die Augen nieder. Sie dachte an ihre 79 Morgenerlebnisse. Thomas war gutmütig lachend zu ihr herangetreten und hatte sie um die Taille gefaßt. »Adieu, Beste! Wir wollen nun kneipen gehen.« Als er an der Tür war, drehte er sich noch einmal nach den alten Liebesleuten um, die sich mit vielsagendem Seitenblick auf den Narren die Hände drückten. »Ihr seht wohl selbst ein, daß eine solche Weltanschauung, wie ich sie jetzt habe, nur durch gewaltsame Erschütterungen veranlaßt sein kann, daß ich verwandelt bin. Und was sollte mich verwandelt haben, wenn nicht das Scharlachfieber?« Er warf hochmütig den Kopf zurück, senkte ihn aber wieder und fügte nachdenklich hinzu: »Und wie sollte sonst das rote Gezücht verschwunden sein?« Vom Fenster aus sah Agathe, wie die beiden eifrig miteinander sprechend dahinschritten.     15. Kapitel. Docendo discimus . Als die Männer in den kleinen Vorraum der angeräucherten Weinstube kamen, tönte ihnen ein lebhaftes Stimmengewirr entgegen. Laut und scharf erklangen einzelne Worte, eine giftige, schrille Stimme eiferte dagegen und schallendes Gelächter mischte sich darein. »Das ist der Hauptmann Barnow, er hänselt den Lord,« erklärte Lachmann. »Wer ist der Lord?« »Der Wirt, du wirst gleich sehen.« Er öffnete die Tür und zog seinen Freund mit sich in das dunkle Gemach, um dessen runden Tisch eine bunte Gesellschaft saß. Lachmann stellte flüchtig seinen Genossen als Herrn Thomas Weltlein vor und beide setzten sich schweigend an den Tisch. Thomas kam neben ein hageres, altes Männchen zu sitzen, den Justizrat Warnemann, der ihm schlau mit den kleinen Augen zuplinkerte, als wollte er sagen: Famoser Spaß das. »Schlecht ist der Rotwein, Lord,« schrie der Hauptmann, der 80 breitbeinig vor dem Fenster stand und sein Glas gegen das Licht hielt. »Galläpfel und Zuckerwasser haben Sie zusammengemischt und dann haben Sie Ihre rote Nase hineingesteckt; davon hat er die Farbe bekommen.« Thomas stieß den Freund an. »An der Nase hast du ein Beispiel. Innere Ansteckung.« »Suff ist es,« erwiderte Lachmann und der Justizrat nickte dazu und rieb sich die Hände. »Da, beim Justizrat kannst du von Ansteckung reden. Der Mann hat das Recht schon so oft zwischen den Händen zerrieben, daß er sie selbst bei der Unterhaltung in Unschuld waschen muß.« Der Justizrat lachte. Es klang wie das Schütteln von Geld in einer Blechbüchse. »Ihren Prozeß verlieren Sie doch, Sie Menschheitsretter.« Der Wirt hatte eben den Klemmer von der Nase gerissen und trat vor Wut mit dem Fuß darauf. »Der Herr Hauptmann tun dem Lord unrecht,« mischte sich ein junger Offizier ein und liebäugelte dabei mit seinen blanken Stiefelspitzen. »Der Wein färbt ab. Jedesmal, wenn der Lord seine Nase dort hinten in der Ecke in sein Glas gesteckt hat, wird sie röter und röter.« »Eine saubere Wirtschaft! Was denken Sie sich dabei, hier in Pantoffeln herumzuschlürfen? Schickt sich das wohl für eure Lordschaft?« rief jetzt der Professor Kietz dazwischen und warf einen höhnischen Blick auf den Offizier mit den Lackstiefeln. »Kleider machen Leute.« Thomas rückte auf dem Stuhl und öffnete den Mund schon zum Sprechen. Da scholl die tiefe Bauchstimme eines dicken, breitschultrigen Herrn am oberen Ende der Tafel. »Herren, Herren! Wir sind doch hier, um vergnügt zu sein. Vergnügt sein ist alles. Bringen Sie Wein, Lord! Nicht wahr, Oberst Wachter, meinen Sie nicht auch?« Dabei hob er sein Glas und trank dem neben ihm sitzenden Manne zu, der seine Nase mit dem Wrangelbärtchen und den kriegerischen, herabhängenden Mundwinkeln in die Höhe streckte und mit den Fingern einen Marsch auf dem Tisch trommelte, als ginge ihn die Geschichte nichts an. 81 »Der alte Oberförster Lange ist immer vergnügt, solange sein Taschengeld reicht. Einen Taler täglich darf er verspielen, mehr rückt die Alte nicht heraus,« erklärte Lachmann. »Warum schnappst du übrigens immer nach Luft wie ein Fisch, der am Lande liegt? Gefällt es dir nicht?« Thomas schüttelte den Kopf. »Sie sprechen hier immer von Freude und Vergnügen. Darüber kann ich mitreden, Bedeutendes sagen. Aber man läßt mich nicht einmal anfangen, viel weniger ausreden.« »Gott sei Dank, hier mußt du stillhalten. Aber das Mundaufsperren laß! Man könnte dich sonst arg hänseln. Sieh lieber, was der Eisenfresser, der Oberst a. D. Wachter, für ein Gesicht macht. Er berechnet schon, wie er dem gutmütigen Dickwanst an seiner Seite den Taler aus der Tasche ziehen kann; der geschickteste Kartengucker der Welt. Ich werde mich übrigens an dem Raubzug beteiligen.« Lachmann erhob sich und nach wenigen Augenblicken saß er abseits mit den beiden alten Herren über den Karten. »Nur bis ein Uhr,« brüllte der Oberförster und setzte seinen Klemmer ganz vorn auf die Nasenspitze, »dann kommt die Alte und das Kind mich zum Rundgang abholen.« »Das Kind zählt 39 Jahre,« zischelte der Justizrat boshaft. Thomas hob ärgerlich die Hand. Von drüben tönten Worte, die ihn interessierten. » Docendo discimus ,« hörte er einen Mann mit glattrasiertem Gesicht sagen, er wußte nicht, war es ein Geistlicher oder ein Schauspieler. »Nichts Höheres, als die Jugend unterrichten, Herr Professor.« Der Professor Kietz schlug die Beine übereinander und schob das Weinglas beiseite, um seine Arme auf den Tisch zu legen. »So,« rief er höhnisch. »Nun, ich habe noch nichts weiter dabei gelernt, als daß der Staat uns Lehrer schlecht bezahlt. Lieber eine Schar Hämmel hüten als Obertertianer unterrichten. Wenn man die Bengel wenigstens hauen dürfte.« Endlich gelang es Thomas, ein Wort dazwischen zu werfen. »Schwielen auf dem Hintern, gibt Schwielen in der Seele.« 82 Der Geistliche hob das Glas und trank Thomas freundlich zu. »Ganz recht, ganz recht. Mit Güte erreicht man alles und niemand soll strafen als Gott.« »Und seine Stellvertreterin, die Kirche,« höhnte der Professor. »Natürlich, Sie haben es leicht, Herr Pfarrer. Die Kanzel streicht kein Lausbub mit Kreide und Tinte an. Wenn Sie im Ornat erscheinen, ist alles still und im Beichtstuhl sprechen Sie wie der Herrgott selber. Ihre Worte sind Offenbarungen, Gesetze. Sie lehren gar nicht, wissen also auch nicht, ob man dabei lernt.« Thomas sprang fast vor Aufregung vom Stuhl. Das Lernen im Lehren traf ihn in der innersten Seele. Da war ein neuer Weg, falls der Höhenflug der Freude versagte. »Sie vergessen, daß ich auch in der Beichte manches lerne, vielleicht mehr als irgend ein andrer Mensch. Und unser Amt als Seelsorger, das Trösten der Kranken, der Gefangenen, das Leiten und Führen der Menschen, das Ringen mit Zweifel und Gewissen, in dem wir immer von neuem Schüler werden. Jede Stunde offenbart uns neue Geheimnisse, neue Wunder Gottes.« »Ich wollte, ich hätte es so bequem,« murrte der Professor. »Sie denken gering von unserm Beruf, das ist nicht recht, aber daß Sie den eigenen mißachten, ist schade.« »Der geistliche Beruf ist der höchste Grad der –« begann Thomas, aber er wurde durch ein lautes Gelächter unterbrochen, in das die beiden Offiziere ausbrachen. Zwischen ihnen saß ein Mann mit scharfen Gesichtszügen, Knebelbart und einer gewaltigen Habichtsnase, der lebhaft sprechend mit den Händen und Gesichtszügen den Inhalt seiner Worte eindringlicher gestaltete und seine beiden Zuhörer zeitweise zu wahren Stürmen der Heiterkeit verführte. »Dieser Don Quixote schneidet wieder auf,« stieß der Professor hervor. Thomas konnte nicht mehr schweigen. »Erlauben Sie,« rief er, »Don Quixote war kein Schwindler. Sie verwechseln ihn mit Münchhausen. Don Quixote log nicht absichtlich.« Kietz drehte sich zu Thomas um und bog sich weit über den Tisch. Sein ganzes Gesicht hatte sich verändert, ein angenehmes Lächeln trat darauf hervor. »Sie haben ganz recht. Verzeihen Sie den lapsus 83 linguae ! Wie gut, daß Sie mich daran erinnerten. Aber Sie können sich nicht denken, wie sehr ich mich freue, bei Ihnen Verständnis für die Perle der Ritterschaft zu finden. Je mehr man sich in diesen Charakter vertieft, umso größer wird die Hochachtung vor dieser reinen Seele.« Thomas hob das Glas gegen den Sprecher. » Docendo discimus , Herr Professor. Eben noch hielt ich Sie für einen Nörgler und nun lehrt mich mein wohlweises Verbessern in Ihnen einen Verehrer des Hohen kennen.« »Wir Lehrer sind alle Nörgler, Herr Weltlein. Das bringt der Beruf mit sich. Was tun wir anderes als tadeln. Es wird uns zur zweiten Natur.« Weltleins Augen glänzten. »Ansteckung durch den Beruf; ich kenne das. Aber sagen Sie, wer ist der Münchhausen da drüben, von dem Sie sprachen?« »Er behauptet Maler zu sein, Keller-Caprese nennt er sich und Tatsache ist, daß er auf der Berliner Akademie eine Zeitlang zugebracht hat. Ob er jemals ein Bild gemalt hat, steht dahin. In seiner Wohnung hängt ein Bild, das er jedem Besucher als sein Werk vorzeigt. Aber die böse Welt will wissen, ein junger Künstler habe ihm das Porträt bei seinem Tode vermacht zum Dank dafür, daß er dem armen, hungernden Teufel Brot gab um zu essen und ein Bett um darin zu sterben.« Thomas hob feierlich die Hand. »Das ist mehr wert als zehn Bilder. Das regt mich an. Dafür verzeihe ich ihm sogar seinen Doppelnamen.« »Ich traue dem Gerücht nicht«, fuhr der Professor fort. »Der Held dieses Märchens soll von der Akademie wegen mangelnden Talentes fortgejagt worden und dann elend zugrunde gegangen sein. Nun ist das Porträt wirklich ein Meisterwerk oder wenigstens ein Bild, das in jedem Pinselstrich den werdenden Meister zeigt. Einen Menschen, der das malen konnte, schickt man nicht fort. Denn schließlich sind auch an der Akademie noch Leute, die etwas von Kunst verstehen. Ich bin überzeugt, der Kerl drüben hat die Geschichte selber erfunden und in Umlauf gesetzt.« »Wahr oder nicht wahr,« fiel Thomas ein, »Keller-Caprese gefällt mir. Auf Ideen kommt es an und das ist eine Idee.« 84 Der Professor lachte verächtlich auf. »Ideen? Ideen hat der Kerl so viele, wie eine Heuschrecke Eier.« Thomas hörte schon nicht mehr. »Das ist mehr als eine Idee, das ist ein Symbol, ein lebendiges Symbol. Keller-Caprese: am Namen hätte ich es schon hören müssen. Das Finstere und Lichte vereint, das ist tiefsinnig. Und gar für einen Maler. Der feuchte kalte Keller als Wasser, das trocken-warm-lebendige Capri als Farbe. Er selbst der echte Pinsel, der beides zusammenbringt. Sehen Sie nur, er trägt die Haare wie Borsten, er ist ein Pinsel. Oder so: der Keller die Wirklichkeit in scheußlicher Gestalt, mit Ratten und Mäusen, Capri das Ideal mit leuchtender Sonne und farbiger Pracht, der Mensch dazwischen als Künstler.« Der Professor starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Redner, der ihm immer näher rückte und lebhaft weiter sprach. »Tiefer graben, Thomas! Du bist oberflächlich. Denke nur nach Ideal und Wirklichkeit, hier hast du es vor dir, in einem Menschen vor dir. Der sterbende Maler ist das Schöne, der Himmel, die Akademie das Irdische, das Gemeine, und dazwischen Keller-Caprese das Symbol des Menschengeistes, der Himmel und Erde zusammenzwingt und dem dabei das Kunstwerk in den Schoß fällt. Folge der Stimme in dir, Thomas. Der Mensch dort ist die Nächstenliebe, der Träger des Christentums, ein Bild des Gedankens von Jahrtausenden.« Er hielt inne, um von neuem zu beginnen. »Tiefer, Thomas, tiefer: Was ist denn Größe, Heldentum gegen das reine Menschsein. Hier ist es ein Bild der Unsterblichkeit. Das Einfache, das Menschliche ist unsterblich.« »Hören Sie auf,« rief der Professor, »ich werde verrückt, wenn ich das mit anhören muß.« »So sind die Menschen, sie sehen das Symbol nicht und wenn es ihnen auf die Nase fällt.« Thomas erhob sich und sah stolz auf den Professor herab. »Ich will Ihnen zum Dank für Ihre Geschichte die Moral davon geben. Es ist die Lehre von dem Überwinden des Todes. Verstehen Sie? Nicht die große Tat, sondern das einfache Menschsein überwindet den Tod. Daß Keller-Caprese dem Sterbenden ein Bett gab und dafür ein Bild erhielt, das er mit Recht sein eigenes Werk nennt, ist symbolisch. Es stirbt etwas, 85 um neues Leben zu fördern, ein Sinnbild der Ewigkeit. Ihre Geschichte bedeutet die Ehe zweier Welten, des Himmels und der Erde und die Geburt der Kunst. Das ist ein Gedanke, der Sie freilich verrückt machen kann. Ihre Geschichte lehrt, daß in dem Allermenschlichsten, dem tierisch göttlichen Akt der Begattung die Ewigkeit liegt und daß alles Geschehen darin gipfelt. Handeln Sie danach! Der Trauring lehrt mich, daß Sie es dürfen. Ich aber will dem Propheten Keller-Caprese huldigen.« »Halten Sie Ihre Taschen zu,« schrie der Professor ihm nach. »Er pumpt Sie an.«     16. Kapitel. Eine Wanze, die mit Gedanken und Goldwasser malt. Thomas war zu dem Maler getreten, der mit einem raschen Blick den Anzug seines neuen Zuhörers musterte, dann aber zu den beiden Offizieren gewendet fortfuhr zu sprechen. »Ja, meine Herren, ich wiederhole es Ihnen ins Gesicht: Der ewige Friede muß kommen, wird kommen. Sie wollen es nicht glauben, nein, Sie können es nicht glauben. Denn Sie sind mit Blut genährt, Sie leben vom Mord, ebenso gedankenlos wie die Tausende und Millionen um Sie herum. Menschen, die Fleisch essen, müssen blutdürstig denken und handeln. Aber nicht hinter uns, vor uns liegt das Paradies. Jehovah verwarf Kains Opfer der Feldfrüchte und sah wohlgefällig auf das blutige Abels. Der Brudermord war die Folge davon. In der Zukunft aber ruht eine Welt, in der der Mensch den Krieg verabscheuen wird, weil er aus den Halmen des Bodens und dem Saft der Beeren, die er verzehrt, sich ein milderes Herz aufbauen wird. Der Krieg und damit Ihr Beruf, meine Herren, verschwindet mit der Fleischnahrung.« »Danach müßten also unsere Kerls viel Rindfleisch fressen, damit sie Courage in die klappernden Gebeine kriegen,« sagte der Hauptmann lachend. Der Maler drehte sich nach Thomas um, der an ihm vorbei zu 86 einem leeren Stuhl zu gelangen suchte. Er schob den Sessel herbei und lud mit einer großen Bewegung den Gast zum Sitzen ein, als ob er ihm ein Herzogtum schenkte. »Bitte sehr. Ich freue mich, wenn Sie zuhören, denn ich weiß, daß ich die Wahrheit spreche.« Damit wandte er sich wieder an den Hauptmann und sagte mit Würde: »Äße der Mensch kein Fleisch, so gäbe es keine Soldaten.« »Also Lord,« rief der Hauptmann nach dem Wirt, der eben im Hintergrund dabei war, seine Nase aufzufärben, »opfern Sie mir mal wie der selige Abel ein Stück Roastbeef, aber recht blutig muß es sein. Ich will die Sache ausprobieren. Die Kerls haben mir heute den Parademarsch verhunzt, da soll mir das Rinderblut die nötige Kraft zur Kriegerrauheit geben.« »Mir auch, mir auch,« schrie der Leutnant und paukte vor Vergnügen auf seine Beine los, als ob er sie zu Braten zurecht klopfen müßte. »Nun sagen Sie mal, Sie Friedensengel,« begann der Hauptmann von neuem, »wie steht es mit Ihnen selber? Wenn ich nicht irre, habe ich Sie neulich beim Kommerzienrat Leiner Austern essen sehen. Wie stimmt das nun mit Ihrer Theorie? Sie sind ja abtrünnig.« Der Maler hob bedeutsam die Hand. »Denken Sie doch, bitte, nicht, daß ich Fanatiker, Glaubensheld sei. Ich will erforschen, wissen, beweisen. Und dazu brauche ich das Experiment. Von Zeit zu Zeit, wenn sich der Zweifel an meiner Lehre in mir regt, esse ich Fleisch. Und gerade dann merke ich an meinem eigenen Körper und Geist, daß ich recht habe. Alle tierischen Triebe wachen beim ersten Bissen auf und wochenlang muß ich mit meinem Innern kämpfen, um wieder alles Grausame in mir zu überwinden. Meine Hand zuckt dann nach den Fliegen, die auf meinen Bildern schmausen, und ich habe neulich nach den Austern sogar eine Mücke getötet, die mich stach. Aber das ist ja gerade das Beweisende, diese Erfahrung am eigenen Leibe. Sie gibt mir die Zuversicht, sie leitet meine Visionen. O Sie wissen nicht, wie das ist. Ich sehe ein Bild vor mir, wie der grimmige Löwe, keusche Nahrung der Erde suchend, zu Füßen des heiligen Menschen ruht, beide gezähmt von der milden Güte der Natur, beide über das Tierische erhoben und mit dem Himmel versöhnt. Wenn ich es 87 vollenden könnte! Wenn ich Zeit gewönne, all die Gestalten zu beseelen, die in mir leben! Aber ich bin ein schwacher Mensch im Banne der Stunde. In tausend herrlichen Bildern würde ich der Menschheit das Paradies vor Augen stellen, den Frieden auf Erden.« »Mit dem grasfressenden Löwen,« höhnte der Leutnant, »und daneben malen Sie unsern Oberst, der saure Gurken futtert und seinem Burschen voll Demut die Stiefel wichst.« Thomas faßte den Maler am Arm. »Verzeihung, eine Frage. Die Sache interessiert mich, leuchtet mir ein. Innere Ansteckung, das kenne ich. Aber wie denken Sie sich die Ernährung der Wanzen und die Umbildung ihres Charakters?« Der Leutnant schlug mit Messer und Gabel einen Marsch vor Ausgelassenheit. »Bravo, bravo! Wie denken Sie sich's mit Flöhen und Wanzen, Sie Gedankenmaler?« »Das gibt es dann nicht mehr. Sie gehen bloß an fleischfressende Wesen. Sie werden aussterben.« Thomas nickte tiefsinnig mit dem Kopf. Die Erklärung gefiel ihm. »Übrigens bin ich kein Prophet. Ich weiß nicht, wie dieses oder jenes sich gestalten wird, aber der große Zug der Zukunft malt sich vor mir, ich sehe das Bild des Friedens deutlich. Es wird kommen, wenn der Mensch dem Fleisch und Alkohol entsagt.« Erstaunt blickte Thomas auf das Gläschen, das der Maler eben zum Munde führte. »Aber Sie trinken ja selbst Schnaps. Machen Sie damit auch Versuche oder brauchen Sie es zu Ihrer Erleuchtung?« Der Hauptmann zischelte seinem Nachbar zu: »Hören Sie nur, Waschersleben, der Zivilist nimmt den Farbenkleckser ernst.« Beide folgten nun gespannt dem Weiteren. Der Maler aber trank sein Glas aus und sagte dann mit großer Ruhe: »Das ist kein Schnaps. Das ist Danziger Goldwasser. Und ich brauche es nicht zur Erleuchtung, wohl aber zur Beleuchtung. Ich studiere an dem Farbenspiel der Sonne in dieser Flüssigkeit den tizianischen Goldton, und dadurch, daß ich sie trinke, wird dieser köstliche Ton mein Eigen. Das aber bin ich mir schuldig, denn ich bin Maler.« Thomas hörte weder das belustigte Lachen der beiden Krieger, noch sah er das Augenblinzeln, mit dem der Maler seinen 88 Kneipkumpanen Zeichen gab. Langsam, fast zärtlich strich er mit der Hand über den fadenscheinigen Samtrock des Künstlers hinweg. »Sie haben tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge,« begann er, »und es würde mich freuen, wenn Sie mir Näheres über Ihre Methode der Farbenbereitung mitteilten. Vielleicht könnte ich Ihnen behilflich sein. Aber eines ist mir doch wunderlich. Sie tragen abgeschabte Kleider und sollten doch wissen, daß nichts der hellen Künstlerseele so gefährlich ist, wie schlechtes Gewand. Schönheit gebiert Schönheit. Man kann in Lumpen gehüllt nicht schön malen.« Keller-Caprese musterte noch einmal seinen Mann. Trotz aller Narrheit bemerkte Thomas recht wohl, wie ähnlich der Künstler jetzt dem Schneider wurde, dessen Blick er gestern gesehen hatte. Er fuhr mit der Hand in die Luft, als ob er eine Mücke fortjagen wollte. »Ich bin dabei, ein Gemälde des Elends auszudenken, dazu muß ich mich selbst in den elenden Stoff hüllen,« erwiderte der Maler. Thomas zog die Brauen in die Höhe. »Die Kunst sollte sich mit dem Elend gar nicht abgeben. Schönheit, Glanz ist ihr Gegenstand. Das tägliche Leben hat der liebe Gott packend genug geschaffen. Die Kunst aber lebt ein Stockwerk darüber. Menschenwerk steht über Gotteswerk.« Der Leutnant rückte sich in der Uniform zurecht. Aber ehe er noch einschreiten konnte, hob der Hauptmann Barnow beschwichtigend die Hand. »Lassen wir den lieben Gott aus dem Spiele, er hält uns ja doch alle an der Strippe.« Thomas hörte gar nicht zu. »Der Dichter darf allenfalls das Häßliche verwenden, um dem Adel seines Helden eine Folie zu geben. Ein Maler aber macht seinen Untergrund mit der Farbe, der Gegensatz der Farbe sollte bei ihm wirken, nicht der von häßlich und schön. Man braucht bloß einmal eine Darstellung des jüngsten Gerichts gesehen zu haben, um zu wissen, wie verfehlt es ist, neben liebliche Engel scheußliche Teufel zu stellen.« »Na ja, so was wie Engel und Teufel,« fiel der Hauptmann ein, »das malt doch ein anständiger Christenmensch überhaupt nicht. Ist ja alles Aberglaube und geht gegen den Katechismus. Aber wenn ich nun jetzt ein Schlachtenbild male, so ganz echt, daß es 89 nach Schweiß und Pulver, Blut und Dreck stinkt, dann ist das auch nicht recht?« Thomas lehnte sich, vergnügt über die Wendung des Gesprächs, im Stuhl zurück. Er hatte ein Gefühl, als ob seine Stunde endlich schlüge. »Die Antwort darauf hat ein Mann gegeben, der von der blinden Welt für einen Maler gehalten wird. Rembrandt hat seine Auferweckung des Lazarus so wahrheitsgetreu gemacht, daß er selber bei dem Gestank erschrak und einen Kerl in das Bild einfügte, der sich die Nase zuhält.« Der gelehrte Hauptmann fuhr auf den Köder los, als ob er einen Rekruten mit krummen Knien entdeckt hätte. » Also Rembrandt, da haben wir doch den großen Propheten des Elends.« »Den Propheten gewiß, aber nicht den Maler. Rembrandt war gar kein Maler.« Keller-Caprese hob sein Schnapsglas zum Munde. »Der Kerl konnte nichts.« »Doch, er konnte schon etwas, aber nicht malen. Er trieb praktische Ästhetik, zeigte den Menschen, wie man es nicht machen soll. Jedes seiner Bilder predigt über den Text: Du magst noch so viel Genie besitzen, frevelst du gegen die heiligste Pflicht des Menschen, edel zu sein, so taugt dein Werk nichts. Man hat diese Lehre, die er in tausenden von Satiren immer von neuem wiederholt hat, leider nicht verstanden und so ist er aus Versehen nicht nur ein Verderber der Kunst geworden, er ist auch der Vater der schändlichen Gesinnung, mit der man das Elend verhätschelt, statt es zu verachten. In gewissem Sinne ist er selbst für die zweijährige Dienstzeit und die Abschaffung der Prügelstrafe verantwortlich.« Der Leutnant lachte hell auf; es klang so herzerfreuend frisch, daß selbst der schäbige Maler etwas wie warmen Sonnenschein in seinem Innern zu fühlen glaubte. »Sie haben Einfälle wie ein Haus. Famos. Woher haben Sie nur das alles.« Thomas verbeugte sich lächelnd. » Docendo discimus .« Der Hauptmann hatte sich erhoben. Er war verstimmt; denn der heißeste Wunsch seiner Seele war, ein Schlachtenbild zu malen, daß es stinke. Er sehnte den Feldzug herbei, um Studien nach der Natur zu machen. Aber dies herrliche Ideal verbarg er tief im Innern 90 und jetzt brachte er es fertig, ruhig zu sagen: »Mir kann es wurscht sein. Ich male nur Pferde, und die sind immer schön.« »Aber Herr Hauptmann malen Sie auch nicht, wenn sie äppeln,« triumphierte der Leutnant und nickte dem biedern Thomas zu, der halb abwesend ins Blaue starrte, und den Kunsttheorien nachsann, die in ihm erwachten. Der Hauptmann klopfte dem jungen Offizier auf die Schulter. »Kommen Sie mit, wir wollen bummeln.« Und während er dem Wirt zurief, anzuschreiben, ging er mit seinem Kameraden davon. »Warten Sie doch, Herr Hauptmann,« rief der Maler, »wir kommen mit,« und eifrig in seinen Taschen herumsuchend, stotterte er etwas vor sich hin, was wie Geld vergessen klang. Thomas sah ihn schweigend an. Plötzlich leuchteten seine Augen auf und er sagte laut und deutlich: »Wanze.« Dann rief er den Wirt und zahlte, ohne eine Miene zu verziehen, für sich und den Künstler, der schnellfüßig hinter den Offizieren hereilte. Keller-Caprese kam gerade dazu, als der Hauptmann die Worte sagte: »Solch einen Verrückten läßt man nun frei herumlaufen. Der Kerl gehört in ein Irrenhaus. Und Sie, Waschersleben, machen sich mit dem Tollen gemein und ziehen mich auf.« Waschersleben blieb vor Überraschung stehen. »Verrückt,« sagte er. »Ja um Gottes willen, hat denn der Mann im Ernst gesprochen?« »Natürlich hat er das,« und den harmlosen Jungen seinem Nachdenken überlassend, wandte sich der Ältere zu dem Maler. »Wenn Sie uns von diesem Herrn Weltlein befreien, der keine Schlachtenbilder mag, so gebe ich Ihnen morgen ein Glas guten Rotwein.« «Und ich den Kaviar dazu, wenn Sie ihm einen Schabernack spielen,« stimmte der Leutnant ein, dessen Erstaunen allmählich in Entrüstung überging, daß er Narrheit für Spaß genommen hatte. »Werde es besorgen, meine Herren,« erwiderte der Gedankenmaler, lüftete den Hut und schritt auf Weltlein zu, der eben aus der Tür trat. »Ich bin froh, Sie allein zu haben,« rief er und streckte Thomas die Hand hin. »Ihre Worte haben bei mir mächtigen Widerhall gefunden. Es war, als ob Sie meine tiefsten Gedanken erraten 91 hätten. Ja, ja, so ist es: Rembrandt ein Ästhet, ein Satiriker der Kunst, ein weitsehender Lehrer, ein Prophet des ja sagenden Pessimismus, ein Reformator, der abschrecken wollte und anlockte. Er ist wie eine Tollkirsche, die rings um die Früchte drohend Dornen aufsteckt, um zu mahnen: Schein ist nicht Schönheit; meine Beeren glänzen, sind aber Gift. Sie droht und warnt, und doch lockt die falsche Schönheit Kinder und Narren und macht sie toll. Wahrhaftig, ich fühle die tiefe Verwandtschaft unserer Seelen.« Thomas zog seine Hand zurück und schnitt eine Grimasse. »Ich wüßte nicht,« sagte er hochmütig. »Doch, doch. Sie fühlen es wie ich, daß uns beide dasselbe Leben beseelt. Hören Sie nur!« er ergriff Weltlein am Arm und zog ihn mit sich fort. »Rembrandt kannte die hohe Kunst. Wenn er sein Narrengewand abwarf, in dem er die Welt ungestraft züchtigte, wenn er in großen Augenblicken dem inneren Malerberuf folgte, verschwand das Elend vor ihm, und er malte schwelgende Schönheit, Perlen und Edelsteine. Wie gern hat er das gemalt. Das ist das Gesetz des Gegensatzes. Gott weiß, warum er den großen Künstler arm schafft. Je häßlicher sein Leben ist, um so heißer fühlt er die glühende Sehnsucht nach Prunk und Glanz. Nur der Arme kann wirklich Schönes schaffen. Oh, ich verstehe Sie. Sie sind der Mensch, den ich mir gewünscht habe, ich will mich vollsaugen mit Ihren Ideen, will von Ihnen zehren wie eine –« Thomas blieb stehen, riß den Arm los und hob ihn drohend. »Lauert Ihr überall auf mich? Versteckt Euch unter tausend Masken, erscheint im Helm, Lumpenkittel und in Malpekesche?« Dann wandelte sich der Abscheu in seinem Gesicht und verzückt eine Brennessel betrachtend, die üppig in einem Zaun ihre Blätter spreizte, sprach er: »Heil dir, Erde, die du tausendfach Böses mit deinen Säften nährst. Du weckst auch tausendfach Gutes. So will ich sie an meinem Blute saugen lassen. Der lautere Quell in mir vertilgt sie, und aus den Wunden des Körpers und der Seele sprießt endlich die nährende Saat der Vollendung.« Er nahm ruhig wieder den Arm des Malers und schritt mit ihm davon, Vetter, Schwester und alles vergessend. 92     17. Kapitel. Wie Lachmann einen Stein rollen läßt. Punkt ein Uhr erhob sich Lachmann und brach das Spiel ab. Er hatte sich vorgenommen, den Verlauf der Partie als Omen anzusehen. Gewann er, so war er dazu auserkoren, seiner Cousine den verdrehten Bruder wieder herzustellen, verlor er, so wollte er auf die schöne Rolle, feurige Kohlen auf das Haupt seiner treulosen Agathe zu sammeln, verzichten. Er hatte auch nicht verfehlt, das Glück zu beschwören. Den Stuhl hatte er dreimal umgedreht, ehe er sich darauf setzte, während des Gebens hielt er die Hände gefaltet und hob mit geschlossenen Augen, der Blindheit des Geschickes huldigend, die Karten alle auf einmal hoch, zählte bis fünf und sah dann erst nach, was ihm beschert worden war. Er hatte Glück. Nach einiger Zeit fiel ihm ein, daß er durch seine Zaubermittel das Schicksal betrogen haben könne. Er beschloß also, den Bann zu lösen, drehte den Stuhl nach der anderen Seite und hob die Karten einzeln auf, ohne vorher die heilige Fünf anzurufen. Trotzdem gewann er, und als er aufbrach, war er überzeugt, daß der Vetter ihm verfallen sei. Er machte sich infolgedessen auch nichts daraus, als er seinen Schützling nicht vorfand, und hörte, daß der Herr mit dem Maler fortgegangen sei. In bester Stimmung ging er nach Hause. So sehr Lachmann nun auch dem Orakel vertraute, so gut wußte er doch, daß ein vernünftiger Mann dem Glück die Hand biete, um es herbeizuziehen. Und deshalb zählte er diesmal nicht wie gewöhnlich, wie viel Schritte er vom Lord bis zu seiner Haustür brauchte, sondern er überlegte sich gründlich und reiflich, wie er den Narren wieder vernünftig machen solle. Daß es nur eines kleinen Anstoßes bedurfte, um den Nebel in des Vetters Hirn zu verscheuchen, glaubte er fest annehmen zu können. Er sann hin und her, und da ihm in seinem Amte viel närrische Leute begegnet waren, fiel ihm bald dieser, bald jener Kunstgriff ein, mit dem er einmal Glück gehabt hatte. Ganz ohne Verdienst genoß er ja nicht den Ruf, mit den Halbverrückten gut fertig zu werden. Aber er 93 konnte sich doch mit keinem der Pläne recht anfreunden. Ärgerlich stieß er mit der Fußspitze eine ganze Zeit lang ein rundes Steinchen vor sich her, als ob er dadurch seine Gedanken rascher zum Ziele treiben könne. Eben holte er wieder nach dem rollenden Spielzeug aus, da fuhr blitzschnell ein pfiffiger Junge an ihm vorbei und schnappte ihm den Stoß so geschickt vor der Nase weg, daß der Stein weit dahin schoß und in dem Kellerhals eines Fensters eine selige Ruhestätte fand. Der Bengel lief davon, nachdem er dem würdigen Herrn Doktor zuvor noch recht freundlich zugelächelt hatte, so daß Lachmann gar nicht dazu kam, zornig zu werden, sondern sich herzhaft über den Spaß freute. Gleich darauf versank er in Gedanken. Kurz vor seiner Haustür wurde er wieder aufgeschreckt. Quer auf dem Steig standen zwei Knaben, die trotz ihrer Kleinheit den ganzen Weg versperrten und mit lauten Stimmen gegen einander anschrien. Der größere, ein Bube mit ellenlangen Beinen, die er breit über die Straße ausgrätschte, erklärte gerade mit Begeisterung, er habe gestern so viel Kartoffeln hintereinander gegessen, daß er dabei das Schlafengehen vergessen habe und gleich von Tisch weg in die Schule gegangen sei; und dabei streckte er den Kopf mit der dicken runden rosigen Nase so herausfordernd vor, daß es aussah, als habe er in der Eile eine von den Erdfrüchten mitten in das Gesicht statt zwischen die Zähne gesteckt. Der andere lachte nur und trumpfte dann dagegen: »Ich habe einen Onkel; als der mal bei uns eingeladen war, da hat er so lange Kartoffeln gegessen, daß die ersten ihm schon im Bauch keimten als er die letzten in den Mund steckte, und seitdem ist er dick geworden und hat einen richtigen Kartoffelbauch.« Lachmann war höchlichst ergötzt über den Wettstreit auf den Fahrdamm getreten. Bei den letzten Worten blieb er steif stehen, wie von einem hellen Gedanken erleuchtet. Und als er den kleinen Schwadroneur näher ansah, erkannte er in ihm den Jungen, der ihm vorhin seinen Stein wegstibitzt hatte. Das traf ihn so, daß er es ganz geduldig hinnahm, wie der kecke Bursche mit dem Finger auf ihn wies und rief: »Siehste, Gustav, das ist der Herr Doktor, der hat meinem Onkel dann den Bauch aufgeschnitten und die Kartoffeln 94 mit der Hacke rausgeholt, richtig wie auf dem Felde. Du kannst ihn fragen, ob's wahr ist.« »Aus dem Munde der Unmündigen,« sprach Lachmann vor sich hin und mit heiterer Stirn und festem Entschluß trat er in sein Haus. Agathe kam ihm schon auf dem Flur entgegen. »Wo ist August?« fragte sie. Dabei griff sie mit der einen Hand nach ihrem Hut, mit der anderen nach der Haustür, bereit, nach der ersten Auskunft davon zu eilen. Lachmann führte sie, ohne ein Wort zu sagen, in sein Arbeitszimmer zurück. Dort nötigte er sie in den großen Lederstuhl, in dem seine Kranken zu sitzen pflegten, und nahm ihr gegenüber Platz. Dann sagte er langsam und scharf. »Wenn du fortfährst, liebe Agathe, deinen Bruder August zu nennen und ihm auf Schritt und Tritt nachzuspüren, so kann ich dich hier nicht brauchen. Daß Thomas keine Neigung hat, dich hier zu sehen, hast du ja wohl gemerkt. Übrigens ist es der sicherste Weg, ihn noch kränker zu machen.« Agathe schlug die Augen nieder. Sie hatte ein Gefühl, als ob sie in einem Armsünderstuhl säße, so unangenehm war es ihr, daß sie selbst im hellen Licht saß, während ihr Vetter sich wohlweislich im Schatten hielt. Ihre alte Ehrfurcht vor allem, was Arzt hieß und an das Kranksein erinnerte, ließ sie ganz vergessen, daß es ihr Lachmann war, der ihr Sitte predigte. Der weidete sich an dem Vergnügen, die Base mundtot gemacht zu haben und seit langer Zeit fühlte er zum ersten Mal wieder den Wunsch als Arzt tätig zu sein. »Ich könnte dir mit dem alten Bibelspruch antworten,« begann er wieder, »aber ich habe deinen Bruder nicht umgebracht, sondern ihn in sicherer Gesellschaft gelassen, aus der er übrigens nicht vor Nacht zurückkehren wird.« Er stellte mit Befriedigung fest, daß er sich von Minute zu Minute mehr in seinen Beruf hineinfand. In den zwei Sätzen hatte er über zwei Dinge mit einer beneidenswerten Bestimmtheit gesprochen, von denen er so gut wie nichts wußte. Jetzt galt es, Agathe zu unterjochen, gelang ihm das, so konnte er sicher sein, daß er auch mit dem verrückten Vetter fertig werden würde. Der Weg, den er einzuschlagen hatte, war klar: Agathe mußte eingeängstigt und überrumpelt werden. »Ich möchte dich bitten, gut zuzuhören,« fuhr er fort, »dein Bruder 95 steht dicht vor dem Irrenhaus. Es wird Mühe kosten, ihn zur Vernunft zu bringen, aber ich werde es versuchen. Wenn ich jedoch für ihn verantwortlich sein soll, verlange ich von dir unbedingten Gehorsam.« Agathe war zu allem bereit. Sie reichte dem Vetter die Hand und sah ihm treuherzig in die Augen. Einen Augenblick saßen sie sich so gegenüber, dann sah Lachmann, wie der Blick seiner Cousine unsicher wurde, und dem seinen auszuweichen suchte, ohne es doch zu vermögen, er fühlte deutlich, wie sie sich Mühe gab, ihm ihre Hand zu entziehen, ohne daß sie den Mut zur Ausführung hatte. An diesem vergeblichen Bestreben, seinem Einfluß zu entfliehen, erkannte er, daß er genug Kraft besaß. Er gab seine Gefangene frei und setzte ihr auseinander, was sie zu tun und zu lassen hatte. »Unter keinen Umständen,« schloß er, »darfst du ihm widersprechen oder ihn merken lassen, daß du ihn für krank hältst, was er übrigens auch nicht ist, wenigstens bisher noch nicht. Für dich ist dein Bruder der Thomas Weltlein, der durch das Scharlachfieber zum Wanzentöter geworden ist. Ja, ja, du darfst mir schon vertrauen, ich weiß, was ich sage,« fügte er rasch hinzu, als Agathe etwas einwenden wollte. »Du mußt mit ihm verkehren, als seien seine Wunderlichkeiten ganz selbstverständliche Dinge. Kannst du das nicht, so höre schweigend zu und vor allem vermeide, mit ihm allein zu sein. Sonst verdirbst du mir alles. Dabei kann ich dir nicht einmal versprechen, daß ich dich hier behalten werde. Möglicherweise schicke ich dich fort.« Das war Agathe zuviel. »Nie und nimmer lasse ich mich fortschicken,« erklärte sie und sah ihrem Bändiger gerade ins Gesicht. Lachmann zuckte die Achseln und stand auf. »Wie du willst. Ich hätte mir das gleich denken können. Ich kenne ja dein Worthalten.« »Lachmann!« Ohne sich stören zu lassen, sprach er weiter. »Ich muß dich dann aber bitten, dich an einen anderen Arzt zu wenden. Ich pflege meine Kranken allein zu behandeln und nicht bei weisen Frauen Rat zu holen.« Agathe erhob sich. »Du bist und bleibst ein –.« Sie vollendete 96 nicht, sondern setzte ihren Hut auf und band die Schleife. Er sah ihr kaltblütig zu. Mitten in ihrem Werk, während sie das zornrote Gesicht nach oben streckte und so tat, als ob sie eifrig die rebellischen Hutbänder zu ordnen suche, sagte sie: »Gut, ich werde tun, was du willst.« »So will ich dir auch verraten, was ich mit dem Übergeschnappten beginnen werde. Aber erlaube mir, dir zu helfen.« Lachmann trat vor seine Cousine hin und während sie das Kinn höher hob, faßte er ihre Hände, die immer noch vor Zorn zitterten. So sich dicht gegenüberstehend, sahen die beiden sich eine Zeitlang an. »Es ist lange her,« sagte Lachmann mit seltsamer Betonung. Agathe verstand ihn sofort. Sie senkte den Kopf und nickte. »Ich werde es bei Alwinen besser machen,« sagte sie. Im nächsten Moment waren beide wieder bei der Sache. In ruhigem Ton gab Lachmann seine Erklärungen. »Die ganze Verwirrung bei deinem Bruder kommt daher, daß er sich einbildet, eine Entdeckung gemacht zu haben. Er hat die fixe Idee des Erfindens, die alle gescheiten Leute einmal überfällt. Ich will dich nicht mit all dem langweilen, wie er in die Stimmung geraten ist, die für ihn so gefährlich war; du kannst dir das ebensogut selber zusammenreimen. Jetzt liegt die Sache so: Er ist fest davon überzeugt, etwas ganz Neues und seiner Ansicht nach ungeheuer Wichtiges gefunden zu haben: die Tatsache, daß Krankheit den Menschen nicht schädigt, sondern erhebt. Den Beweis dafür sieht er in seinem Scharlachfieber und dem Verschwinden der Wanzen, die natürlich nichts miteinander zu tun haben. Dieser Gedanke, der übrigens in gewissem Sinne richtig, nur nicht neu ist, hat ihn während seiner Gefangenschaft Tag und Nacht beschäftigt, und da er sich langweilte und nichts anderes zu tun hatte, hat er solange damit gespielt, bis er alles darüber vergessen hat und nun nichts anderes mehr sieht als seine Entdeckung. Es ist ihm gegangen wie einem verdrießlichen Menschen, der mit der Stiefelspitze einen Stein fortschleudert, hinterher geht und ihn immer wieder vorwärtsstößt, lediglich aus Langerweile, und der schließlich, weil er über dem Spiel seine Sorgen vergißt, immer toller mit dem Fuß schlägt und hinter dem Stein herspringt, bis er 97 selber mit zerbrochenen Gliedern unversehens unter den Rädern irgend einer Droschke liegt. So ist's mit deinem Bruder; er sieht und denkt nichts anderes mehr als seine Idee und wenn man ihn gewähren läßt, wird er sich bald verrückt denken.« Agathe nickte wiederholt zum Zeichen, daß sie ganz Lachmanns Meinung sei. »Und was willst du tun?« »Das ist ganz einfach. Ich werde ihm seinen Stein fortnehmen, ihm zeigen, daß seine Idee uralt ist und eine echte Binsenwahrheit, oder wenn das nicht genügt, selber den Stein noch wilder rollen lassen, als er es vermag. Du wirst schon sehen.« Lachmann nahm jetzt wirklich die beiden Hutbänder und schlang sie zur Schleife, während Agathe wieder das Kinn hob und vertrauensvoll zu ihm aufsah. »Wahrscheinlich wird er dann schon vernünftiger werden. Sonst muß man weiter sehen, Zeit gewinnen, Geduld haben. Damit kuriert man immer am besten. So, deine Schleife ist fertig und nun sei so gut und laß mich bis heute Abend allein. Gegen acht kannst du wieder kommen, dann werde ich dir weiter Bescheid sagen, falls August oder vielmehr Thomas bis dahin noch nicht zurückgekommen ist.« Den ganzen Nachmittag saß Lachmann in seinem Arbeitszimmer und schrieb Bogen um Bogen, und als er am Abend sein Machwerk der Cousine vorlas, schmunzelte er vor Vergnügen. Mitten darin aber unterbrach er sich und sagte'. »Ich verdenke es dem guten Thomas nicht, daß er über dieser Idee von dem Nutzen der Krankheit verrückt geworden ist. Während ich den Unsinn hier schrieb, dauerte es gar nicht lange, so glaubte ich selber daran, und jetzt beim Vorlesen fühle ich wieder, wieviel Methode in dieser Narrheit liegt.« Agathe faltete ganz ergeben die Hände. »Ja, ja. Nun hoffentlich gelingt dein Plan. Denn wenn wir uns noch lange mit diesem rollenden Steinchen abgeben müssen, können wir alle drei, Arm in Arm in das Narrenhaus wandern.« Lachmann sah sein Gegenüber nachdenklich an, dann hub er wieder an zu lesen. »Also fahren wir fort, hier bei den Worten des Redners. Die Krankheit ist ein gewaltiges Mittel zum Fortschritt der 98 Menschheit und der Kultur. \<Gelächter und Zwischenrufe.\> Natürlich, bei jedem vernünftigen Gedanken lachen die Gelehrten. \<Zwischenrufe: Paradox. Phrasen. Blühender Unsinn.\>   Der Redner spricht weiter: Nein, meine Herren, das sind keine Phrasen, das ist auch kein blühender Unsinn; sondern eine wissenschaftlich beweisbare und längst bewiesene Tatsache. Und daß ich sie in die Form eines Paradoxon gekleidet habe, was doch lediglich eine Sache des Stils ist, ändert nichts an ihrer Wahrheit. Gegenüber den schimpflichen Äußerungen einzelner Herren hier, rufe ich das ehrliche Gewissen der anderen, rufe ich die Erfahrungen aller Ärzte, die Geschichte der Jahrtausende zu Zeugen an. Ja ich wage es, die Herren, die eben so laut ihre Mißbilligung kund gaben, daran zu erinnern, daß Sie selbst so und so oft den Beweis für die Richtigkeit meiner Worte geführt haben. Ich sehe hier ganz von der eigentümlichen Tätigkeit des Arztes ab, dessen Wirken tausendfältig, man möchte fast sagen stets nur darin besteht, künstliche Krankheiten zu schaffen. Denn was ist Chloroformnarkose anderes als eine Krankheit, oder der Morphiumschlaf, oder selbst die künstliche Störung des Körpergleichgewichts durch Bäder, durch Arzneien, durch Serumeinspritzungen, durch Über- und Unterernährung? Und vor allem was tut die Chirurgie, dieses Lieblingskind der Medizin, je anderes als durch einen willkürlichen Eingriff, sei es mit der Hand oder dem Messer oder sonst wie, krank zu machen; durch Krankheit genesen zu lassen. Aber ich wollte davon gar nicht sprechen. Nein, denken Sie daran, wie oft Sie in den Momenten der Angst Wein getrunken haben, sich vergifteten, sich bewußt krank machten, um der Angst wiederstehen zu können, wie Sie in der Freude Wein tranken, sich vergifteten, sich bewußt krank machten, um die Freude zu erhöhen. Weiter: was ist der Hunger anderes als eine Krankheit? Und nun prüfen Sie das Leben, was alles der Hunger getan hat. Und gar der Durst. \<Schallendes Gelächter im Auditorium und Bravorufe.\>« Agathe legte die Hand auf Lachmanns Arm. »Du tätest mir einen Gefallen, wenn du aufhörtest.« Der Vetter lachte vor stolzer Befriedigung. »Nicht wahr, das 99 ist nett.« Und mit rollenden Augen, offenbar halb benommen von dem Gift, das er selber gebraut hatte, fuhr er fort. »Habe ich nicht recht, wenn ich sagte, man soll die Krankheit nicht ausrotten, nicht bekämpfen, man soll sie nach den Grundsätzen einer erst neu zu schaffenden Wissenschaft den höchsten Zwecken der Kultur dienstbar machen? Brauche ich Sie, die Ärzte, die Naturforscher sind, noch daran zu erinnern, daß der Typhus, das Scharlachfieber, die Lungenentzündung in ihrem gewaltigen Ansturm den Menschen von altem Übel und jämmerlichen Gebrechen reinigen, so daß er stark wird, wie nie zuvor? Die Welt ist jetzt einig darüber, daß man die Seuchen verhüten müsse. Aber diese Einstimmigkeit des Urteils sollte schon mißtrauisch machen. Sehen wir näher zu, so entdecken wir, daß die Natur im Großen tut, was wir Ärzte im Kleinen wiederholen. Mit dem Besen der Epidemie fegt sie die Völker von allem Unrat rein. Sie rafft die Minderwertigen weg, mit denen die viehische Brunst des Menschen, dieses schlimmsten Tieres, das Leben der Starken beengt, vergiftet. Vertilgt diese sühnende, reinigende, heilsame Kraft der Natur und ihr werdet bald unter lauter Krüppeln und Idioten leben.« \<Zwischenruf: selbst Idiot.\> Lachmann las jetzt mit lauter, schneidender Stimme, als ob er die eingebildeten Gegner seiner närrischen Phantasien niedersäbeln wollte: »Das paßt den Herren wieder nicht. Studieren Sie lieber Geschichte, als daß Sie mich unterbrechen. Sehen Sie sich die großen Männer des Erfolges an, die Bahnbrecher der Kultur, einen Cäsar, einen Homer, einen Paulus, einen Rafael, Goethe, Nietzsche, Luther, Loyola, Beethoven, Bismark. Sie waren krank, alle miteinander krank. Oder suchen Sie unter Ihren eigenen Bekannten die Menschen, deren Seelengröße Sie am meisten erschüttert hat, deren Nachdenken und Geisteskraft den tiefsten Eindruck auf Sie gemacht hat. Sie werden finden, daß es Kranke waren. Ja, folgen Sie mir nur weiter, und Sie werden staunen. Wovon lebt denn die Menschheit, das Leben selbst, wenn nicht von Krankheit, von Dingen die erst krank gemacht oder gar getötet wurden, damit sie nähren und erfreuen. Man schlachtet das Vieh, 100 man schneidet das Getreide, beides genießt man, nachdem es krank gemacht wurde. Man veredelt die Blumen durch Krankheit. Man ebnet die Wege durch furchtbare Massenseuchen, in denen Bäume und Gräser sterben. Alle Kultur, alle Kunst, alles Menschenerfreuende und Menschenerhebende ruht auf dem was krank ist. Man baut Häuser aus künstlich krank gemachtem Holz, das Brennen des Feuers im Kochherd ist eine Krankheit –« Agathe hielt sich die Ohren zu. »Hör' auf,« rief sie, »du machst mich verrückt.« Mit einem hellen Auflachen warf Lachmann das Manuskript beiseite. »Den Rest will ich dir schenken, Agathe. Aber nicht wahr, davon kann man verrückt werden und dein Bruder ist es geworden. Aber ich werde ihn wieder in die Reihe bringen, Gift gegen Gift. Und er, er soll mir den Kelch bis zur Neige austrinken. Ihm wird nichts erlassen.« Die beiden saßen noch lange beisammen, warteten auf den Bruder und sprachen dieses und jenes. Als der Säumige um Mitternacht noch nicht erschienen war, ließ Lachmann seine Cousine ins Hotel fahren.     18. Kapitel. Thomas macht am Insekt Mensch Experimente über psychisch-physische Ansteckung. Am andern Morgen erschien Thomas ziemlich spät bei seiner Schwester, die schon zum Gehen bereit war. Als sie ihn sah, warf sie den Brief ihrer Tochter, den sie eben las, beiseite und eilte ihm entgegen. »Du siehst arg übernächtig aus,« neckte sie ihn. Er nickte freundlich, wies dann auf den Brief und sagte: »Laß dich nicht stören. Ich liebe freilich das Warten nicht. Aber in meiner Lage gilt es, sich im Entsagen üben.« Agathe wollte davon nichts wissen. Sie brannte vor Begierde, zu Lachmann zu kommen, und mit den Worten: »Ich weiß schon, was in dem Brief steht,« zog sie den Bruder mit sich fort. 101 Unterwegs war Thomas einsilbig und gab halbe Antworten. Nur einmal fuhr er aus seiner Zerstreutheit mit der seltsamen Frage auf: »Hat sich Alwine schon verlobt?« Agathe wagte es nicht, ihren Zorn laut werden zu lassen. Schweigend streckte sie ihren Sonnenschirm vor und spannte ihn auf. Aber in dem plötzlichen Ruck, mit dem sie es tat, drückte sich ihre Entrüstung aus. Thomas lachte. »Antworte doch! Was brauchst du erst dein Gefieder zu sträuben.« Die Bewegung, mit der Agathe den Schirm schulterte, hätte einem Gefreiten Ehre gemacht. Nur stieß sie sich dabei den heiligen Hut schief und als sie nun mit zusammengepreßten Lippen und starrem Blick weiter marschierte, sah sie gefährlich aus. »Die Frage ist ungehörig,« sagte sie. »Meine Tochter ist noch ein Kind.« »Alt genug, um selber ein Kind zu bekommen, kindisch genug, um der Erziehung eines Mannes noch Aussicht auf Erfolg zu geben. Schaff ihr einen Mann und wenn er zu nichts taugte, als ihr ein Kind zu machen, von dem sie dann lernen mag. Dein Freund Breitsprecher pflegt zu sagen: Der Beruf der Frau ist –« »Mutter zu werden. Du brauchst den Pastor nicht zu zitieren. Du verstehst ja doch nichts davon mit deinen Junggesellenansichten. Alwine ist noch zu jung.« Damit riß sie Lachmanns Haustür auf, vor der sie eben angekommen waren, und rauschte mit ihrem schiefen Hut und dem offenen Sonnenschirm in den Flur wie ein Schlachtschiff, das siegreich in den Hafen einläuft, während Thomas pfeifend hinterher schlenderte. Lachmann, der mit seinem Manuskript in der Hand die beiden erwartete, sah erstaunt von Einer zum Andern. »Zankst du schon wieder, Agathe,« sagte er und hob mißbilligend die Papierrolle in die Höhe. Frau Willen achtete nicht darauf. Sie warf Hut und Sonnenschirm beiseite und stürmte in das Zimmer. »Das geht nicht so weiter. Er beträgt sich flegelhaft. Er braucht Ausdrücke, Ausdrücke, die er nur im Tingeltangel aufgelesen haben kann.« Thomas saß schon. Er war gerade dabei, eine Serviette um 102 den Hals zu binden. Jetzt hielt er mitten in der Bewegung inne und sprach salbungsvoll und langsam über das ausgebreitete weiße Linnen hinweg. »Ich bin allerdings in einer Singhalle oder, wie du sagst, in einem Tingeltangel gewesen. Daß aber ein Kind gemacht werden muß, wenn es zur Welt kommen soll, wußte ich schon vorher. Im übrigen wünsche ich nicht, daß du hinter mir her spionierst.« »Ich verbitte mir deine rohen Ausdrücke,« fuhr Agathe auf, »hörst du, ich verbitte mir das.« Thomas lächelte milde. »Vergiß nicht, liebe Agathe,« sagte er, während er seine Vorbereitungen zum Schmaus bedächtig fortsetzte, »daß du hier nicht in meinem Hause bist und suche deinen Ton zu mäßigen, wie es sich unserm gütigen Wirt gegenüber ziemt.« Agathe wurde blutrot und schlug die Augen nieder. Schnell kam ihr Lachmann zu Hilfe, der breitbeinig und mit den Händen auf dem Rücken hinter der Cousine gestanden und sich an dem Eifer der Dame geweidet hatte. »Sieh, sieh, du Schelm, warst im Tingeltangel und nimmst deinen alten Freund nicht mit. Das ist nicht recht. Gab's hübsche Mädchen?« »Es geht,« erwiderte Thomas mürrisch. »Warst wohl im Reichsadler bei der dicken Selma?« »Selma oder Wanda, was weiß ich. Das Insekt hatte mich hineingeschleppt, das Malerinsekt. Ich hatte ihn gemietet, um an ihm zu experimentieren.« Agathe hob den Kopf und seufzte. »Wenn du nur das Manschen mit Gift lassen könntest, hier sticht dich doch keine.« »Es gibt auch Wanzen in Menschengestalt,« sagte Thomas ernst. »Meine Experimente sind aber höher gerichtet.« Er faltete sorgfältig seine Serviette zusammen, legte sie auf den Tisch und deckte die Hand darüber, als ob er den Schatz der Weisheit dort eingewickelt hätte. »Dieser Keller-Caprese ist eine Naturmerkwürdigkeit. Es ist ja bekannt, daß friedliche Menschen durch den Wein streitlustig werden. Mein Maler hat nun mit wahrhaft bewundernswerter Selbstüberwindung und Gedankenschärfe Versuche darüber gemacht, bis zu welcher Feinheit sich diese Reaktion ausbilden läßt. Er ist imstande, jeden Tropfen Wein, den er genießt, 103 in seinem Lauf durch den Körper zu verfolgen und anzugeben, an welcher Stelle des Organismus er eingreifen wird.« »Der Kerl steht immer drei Zoll unter Alkohol,« rief Lachmann dazwischen. »Merkwürdig ist er nur im Lügen.« »Ich weiß, daß dieser Mann lügt,« fuhr Thomas fort, ohne sich stören zu lassen. »Hierin hat er aber die Wahrheit gesprochen. Ich habe der Wissenschaft ein Zwanzigmarkstück geopfert und die Tatsachen haben mich überzeugt. Keller-Caprese gab mir vor jedem Glas, das er trank, genau an, in welchem Körperteil sich der Wein geltend machen würde. Zuerst wurde das Herz ergriffen. Ich fühlte seinen Puls und konnte die Richtigkeit seiner Vorhersage bestätigen. Jetzt kommt die Gesichtshaut an die Reihe. Wirklich, seine Farbe wurde braunrot. Jetzt werde ich den Wein in die Zunge schicken; im nächsten Augenblick fing er an zu lallen. Dieses letzte Wort machte mich nachdenklich. Wie, sagte ich mir, der Mann spricht so, als ob er Nahrungsstoffe willkürlich in bestimmte Körperteile werfen könne. Ich dachte sofort an dich, Lachmann. Denn du wirst begreifen, was sich alles mit einer solchen Gabe auf ärztlichem Gebiete ausrichten läßt, und da ihr vorgebt, mit Fingerhutkraut auf das Herz und mit Salizylsäure auf kranke Gelenke einwirken zu können, schien mir die Sache des Nachforschens wert. Ich fragte also mein Versuchstier danach. So ohne weiteres gehe es nicht, meinte er. Wenn er aber Gegenstände mit dem Wein mische, die seine psychischen Kräfte nach bestimmten Richtungen hin steigerten, so gelinge es ihm allerdings. So tue er ab und zu, wenn er nicht malen könne, zwei, drei Tropfen Terpentinöl in ein Glas Wein und sofort befalle ihn ein unbezwingbarer Drang, den Pinsel zu führen. Ich beschloß, die Sache zu erproben und warf ihm ein Goldstück in sein Glas. Anfangs wollte er sich der schlimmen Folgen wegen nicht darauf einlassen, aber auf meine dringenden Bitten gab er nach, und wahrhaftig, kaum hatte er getrunken, so griff er nach meiner Börse, die ich noch in der Hand hielt, und er hätte sie unter dem Zwange des psychisch verstärkten Goldweins eingesteckt, wenn ich sie nicht sofort in meine Tasche versenkt hätte.« Thomas sah abwechselnd seine Schwester und seinen Vetter an, als ob er den Ausdruck ihres Erstaunens erwarte. Agathe schüttelte 104 nur vielsagend den Kopf, während der lange Vetter mit ernsthafter Miene sagte: »Wenn du noch ein Goldstück los sein willst, so brauchst du das Experiment nur mit mir zu wiederholen.« Thomas sah seinen Freund geringschätzig an. »Ich hätte mir gleich denken können, daß du ein solches Phänomen nicht aufzufassen vermagst. Daß er das Goldstück nahm, war selbstverständlich. Aber daß er nach der Geldbörse griff, nicht wahr, das hättest du nicht getan, das hätte niemand getan. Und mein Versuchsmann bestätigte mir, daß er unbewußt handelte, daß der Zwang der Mischung gegen seinen Willen die Hand geleitet habe. Er machte mir Vorwürfe über mein vorwitziges Experiment, das ihn beinahe zum Diebe gemacht habe.« Thomas schlug selbstzufrieden die Beine übereinander, und sich weit über den Tisch lehnend, bekräftigte er seine Worte mit dem Zeigefinger. »Siehst du, mein Junge, das ist es. Mit einem Glas Wein und einem Goldstück einen ehrlichen Mann zum Diebe machen, das geht noch über die Traumzustände nach der Hypnose, das wirft das ganze Strafrecht um.« Bei dieser Narrheit verlor Lachmann beinahe die Fassung. »Solch ein Kerl stiehlt auch ohne das.« Wieder traf ihn ein verächtlicher Blick Weltleins. »Auch diesen Einwurf habe ich bedacht und erprobt. Der Versuch ist in anderer Form sofort wiederholt worden. Ich habe Fräulein Selma –« Agathe horchte auf. »Wer ist denn das,« fragte sie. »Du hast es ja von Lachmann gehört, die dicke Selma aus dem Reichsadler, ein sehr nettes und wißbegieriges Mädchen, dessen ich mich annehmen werde.« »Mit einem solchen Weibsbild hast du gesprochen?« »Sie saß die ganze Zeit bei uns, zeitweise auf meinem Schoß, das war aber unbequem. Ich brauche Umgang mit Damen, er hebt, er vertieft mich, er adelt. Aber unterbrich mich nicht.« Die Mahnung war unnötig. Agathe war entrüstet in ihren Stuhl zurückgesunken, sie hatte die Arme so fest gekreuzt, als ob sie die dicke Person damit zerdrücken wollte. »Also ich bat Selma, die mit klugen, verständigen Augen zugesehen hatte, einen Kuß auf den Rand des Weinglases zu drücken, das ich eben frisch gefüllt hatte.« 105 »Nun und –« »Die Reaktion war über Erwarten stark, so daß die Sitzung ein unvermutetes Ende fand. Kaum hatte Keller-Caprese den kußgewürzten Wein getrunken, so wurde er vom bacchischen Wahnsinn ergriffen, seine Hände und sein Mund begannen unwillkürliche Tastbewegungen nach der Dame hin zu machen, ja, er wurde handgreiflich, Fräulein Selma aber, so plötzlich in ihrem Zartgefühl verletzt, schrie ein wenig auf und alsobald erschienen zwei wohlgekleidete Herren mit erschreckenden Fäusten und ersuchten uns höflich, den Saal zu verlassen, und als der Maler Schwierigkeiten machte, warfen sie ihn hinaus.« Lachmann krümmte sich auf seinem Stuhl, so schwer wurde es ihm, das Lachen zu verbeißen, während Agathe sich mit dem Taschentuch wedelte und bei jeder Armbewegung mechanisch ein Pfui hervorstieß. »Nach einer Weile,« fuhr Thomas fort, »boten die beiden Herren mir den Arm. Obwohl ich entschlossen war, auch ohne diese Einladung zu gehen, ließ ich mir die ehrende Begleitung gefallen.« »Also wahrhaftig hinausgeworfen,« schrie Lachmann. »Das ist ja ein famoser Spaß. Was sagst du nun, Agathe, zu den Früchten deiner Erziehung?« Er war von der Komik der Situation so gefaßt, daß er ganz seine Aufgabe als Arzt vergaß, und wenn Weltlein nicht in diesem Augenblick das Manuskript unter des Vetters Arm hervorgezogen hätte, wäre wahrscheinlich der mühsam ausgedachte Heilungsplan ganz zu Wasser geworden. Thomas entfaltete die Papierrolle und las bedächtig den Titel: »Rede des Dr. Besserwisser über den Nutzen der Krankheit.« Sein Gesicht wurde nachdenklich und als ihm Lachmann die Schrift fortriß, blieb er eine Zeitlang regungslos sitzen. Der Vetter hatte inzwischen seine Gedanken gesammelt. Ihm lag daran, den Titel nachwirken zu lassen, und so sagte er ablenkend: »Also auf diese Weise bist du dein Versuchstier los geworden.« »Nein,« versetzte Thomas, »noch nicht. Die Sache hatte ein Nachspiel. Ich sagte ja, die Reaktion war über Erwarten stark. Als ich langsam die Straße hinabging, sah ich meinen Maler wieder im 106 Handgemenge mit zwei weiblichen Wesen, zu deren Reizen ihn der psychisch verstärkte Weingenuß hinzog. Ich schritt ein, gab dem unglücklichen Mann erst ein paar Ohrfeigen und dann, weil ich doch selbst an seinen unschicklichen Handlungen schuld war, ein kleines Schmerzensgeld und riet ihm, sich davonzumachen. Als ich mich dann nach der Dame umsah, erkannte ich in ihr – die andere Dame war nämlich ein Dienstmädchen – Käthe Ende, unseres Vikars Schwester.« Bei dem Namen Ende fuhr Agathe auf. Etwas Seltsames begegnete ihr. Sie, die sich nie mit Visionen abgegeben hatte, sah plötzlich am hellen lichten Tage ihre Laube vor Augen und darin Alwine, aber nicht allein, nur vermochte sie den Mann nicht zu erkennen, der bei ihr stand. Schon im nächsten Augenblick war das Traumbild zerstoben, und sie sah ihren närrischen Bruder vor sich. In dem ernsthaften Nicken, mit dem er sich zu ihr wandte, glaubte sie die Worte zu lesen: »Jawohl, du hast ganz richtig gesehen.« Und rasch fragte sie: »Mit wem soll sich Alwine verloben?« Thomas achtete nicht auf die Frage. »Ich habe das gute Mädchen, das aus einer Gesellschaft zurückkam, nach Hause begleitet und wir haben uns recht hübsch unterhalten. Sie hat mir ihre Ansichten über die Frauenfrage auseinander gesetzt, was mir erwünschte Gelegenheit gab, die Anschauungen zweier lediger Frauen, Selmas und Käthes miteinander zu vergleichen. Bei Beiden kommt es darauf hinaus, daß die Männer an allem Unglück schuld sind, weil sie nicht richtig zu lieben verstehen. Aber den Begriff Liebe fassen die Damen recht verschieden auf.« Thomas lachte selbstgefällig. »Übrigens werde ich heute erfahren, wie sich die Masse zu der Frage stellt. Die kleine Ende, die Schriftführerin des hiesigen Vereins für Frauenbildung und Frauenstudium ist, und als solche wohl ab und zu den Mut zeigen muß, sich spät auf der Straße herum zu treiben, hat mich zu einer Versammlung eingeladen. Ein Fräulein Dr. Kampf wird über Hebung der Sittlichkeit sprechen, und ich denke, wir gehen alle drei hin. So viel ich verstanden habe, will dieser Kampf die Folgen geschlechtlicher Ansteckung schildern und da fühle ich mich bei meinen Epoche machenden Erfahrungen berufen einiges zu sagen.« 107     19. Kapitel. Vom Nutzen der Krankheit. Jetzt hielt Lachmann die Zeit für gekommen, um mit seinem Plan zu Tage zu treten. »Ich habe mich,« begann er, »im Laufe des gestrigen Tages noch viel mit deinen sogenannten Entdeckungen beschäftigt. Aber ich muß dir leider sagen, daß deine Entdeckung uralt, daß sie eine gewöhnliche Binsenwahrheit ist.« »Oho!« »Gewiß, eine Binsenwahrheit. Und ich kann dir sogar die Quelle nennen, aus der du geschöpft hast.« Die erwartete Wirkung trat nicht ein. Nichts weniger als erstaunt, blieb Thomas ganz ruhig und sagte nur. »Nun, da bin ich neugierig.« »Du hast deine Idee von der inneren und äußeren Ansteckung aus dem Don Quixote, der von den Ritterbüchern infiziert wird, gestohlen.« Statt jeder Antwort lächelte Thomas, aber sein Gesicht gewann dadurch einen überzeugenden Ausdruck, so daß Agathe unwillkürlich in die Worte ausbrach. »Wenn man ihn so sieht, sollte man wirklich glauben, er wisse alles besser und sei der Klügste von uns.« Thomas bewegte gut gelaunt die Hand gegen seine Schwester. »Bei dir beginnt es zu tagen,« sagte er, »Diesem Neider hier aber muß ich noch ein Wort sagen. Gewiß, Lachmann, die Fabel des Don Quixote ruht auf dem Problem der Ansteckung; wie alles, einfach alles in der Welt damit zusammenhängt. Das Buch ist ein treffliches Beispiel für die Gültigkeit meines Satzes, und ich will nicht bestreiten, daß mich das Studium dieser Meisterschrift auf meinen Beruf vorbereitet hat, ohne daß ich es selber merkte. Mit der Entdeckung selbst hat es gar nichts zu tun. Das siehst du schon daraus, daß der Verfasser, obwohl er der Wahrheit so nahe war, doch nicht die Folgerung gezogen hat. Die Erleuchtung ist wie jede Wahrheit plötzlich über mich gekommen. Und wenn du es eine Binsenwahrheit nennst, so hast du damit vollkommen recht. Wohin 108 du auch blickst, überall wirst du mein Gesetz bestätigt finden. Das gerade beweist die Bedeutung meiner Mission. Du mußt dir auch nicht einbilden, daß diese meine Anschauung vom Wesen der Krankheit das Ende aller Wandlungen sei, die von mir ausgehen werden.« Der ruhige Ton unerschütterlicher Sicherheit, mit dem Weltlein seine Rede hielt, reizte den Arzt, er ging schneller vor, als klug war. »Du sprichst von deiner Entdeckung. Schon als wir zuerst davon redeten, fiel mir ein, daß im vorigen Jahr auf der Naturforscherversammlung eine Rede gehalten worden ist, die ähnliche Gedanken entwickelt. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie gestern auf der Bibliothek unseres Vereins abzuschreiben, und will sie, weil ich deinen Starrsinn kenne, dir vorlesen. Du wirst sehen, daß nichts, gar nichts Neues an deinen Ideen ist, daß die Wissenschaft sie längst kennt und damit arbeitet.« Damit entfaltete Lachmann sein Manuskript mit der sonderbaren Wichtigkeit, die ihm von seiner ärztlichen Tätigkeit her geläufig war. Thomas rückte mit offenkundiger Freude seinen Stuhl näher. »Ich hatte dich schon bitten wollen, mir das Schriftstück zu leihen, dessen Titel einen merkwürdigen Inhalt verspricht. Nun freue ich mich, daß du es lesen willst. Wir können dann gleich daran anknüpfend weiter verhandeln. Denn ich zweifle nicht, daß wir wertvolles Material darin finden werden.« Lachmann hob das Papier, und als er den fragenden Blick Agathens sah, zuckte er hinter dem vorgehaltenen Bogen die Achseln. Die Sache nahm einen anderen Verlauf, als er gedacht hatte. Mit wenig Zuversicht las er sein Machwerk herunter. Als er geendet hatte, sah er, wie sein Zuhörer in sich zusammengesunken dasaß und mit der Hand sein Gesicht beschattete, als ob er den Ausdruck seiner Züge verbergen wollte. Die Hoffnung auf einen Erfolg erwachte wieder. Und mit forschenden Augen seinen Vetter anschauend sagte Lachmann: »Du siehst, die Mission, zu der du dich berufen glaubst, ist schon von einem Anderen erfüllt. Du machst dich lächerlich, wenn du damit hervortrittst. Du bist auch nicht dazu geschaffen, das Geschick zu lenken und wenn du, wie wir alle, ein Werkzeug des ewigen Willens bist, so bist du doch ein sehr 109 geringfügiges. Schicke dich darein. Ein Irrtum ist keine Schande, aber man muß ihn frei bekennen. Und ich weiß, daß du das tun wirst.« Thomas hörte diese Ermahnung an, ohne eine Miene zu verziehen. Dann streckte er die Hand aus, nahm das Manuskript und steckte es zu sich. »Die Rede hat mich, wie du dir denken kannst, außerordentlich gefesselt, ja ich kann sagen, mein Innerstes bewegt. Ich möchte sie noch einmal für mich lesen, da sie wirklich Grundwahrheiten enthält, und mir eine Menge Anregungen bietet. Was sie aber mit meinem Beruf zu tun haben soll, weiß ich nicht. Der Unterschied springt in die Augen. Dieser Mann ist auf Grund von Nachdenken zu seinen Schlüssen gekommen. Er besitzt also einen hervorragenden Verstand. Von mir weißt du aber ganz gut, daß ich nicht mit großen Geistesgaben ausgestattet war, sondern mich mit einem harmlosen Ideenkreis begnügte. Mit mir ist ein Wunder geschehen; denn ich bin verwandelt, so sehr, daß ich sogar einen neuen Namen trage. Dieses Wunder, das aus mir einen Weisen machte, liegt ganz außerhalb meines Wollens. Ich kann nichts dafür und habe kein Recht, darauf stolz zu sein. Aber es beweist mir, daß das Schicksal mich berufen hat, und wo eine Berufung ist, da ist auch ein Beruf. Deshalb kann ich dir nicht beistimmen, wenn du mich für ein geringes Werkzeug hältst.« Lachmann wollte einfallen, aber mit einer abwehrenden Handbewegung schnitt ihm Thomas die Zwischenrede ab. »Ich spreche nicht von meinen seltsamen Erlebnissen im Krankenzimmer und Polizeigefängnis, nicht von den Symbolen und dem Weg der Schmerzen; auch das mag ein eigentümlicher Zufall sein, daß mein Geist plötzlich, nachdem er über ein Menschenalter geruht hat, zu gähren beginnt. Aber daß in mir, der ich ein nichtsnutziger Egoist hinter den Büchern hockte, der Trieb erwacht ist Großes zu leisten, daß der ganze Mensch hier, den du vor dir siehst, nichts anderes ist, als der lebendige Wunsch, gut zu werden und dem All mit ganzem Herzen zu dienen, daß ist ein Wunder. Ich lebe unter einem Zwang, der mich heiligt, und wenn ich mich dagegen stemmen wollte, so würde mich doch die Hand Gottes vorwärts stoßen und es gäbe kein Entrinnen. Mein Fuß tastet mitten in Finsternis und weiß nicht, ob er recht oder falsch tritt, aber vor mir leuchtet ein 110 Licht, dem mich unaufhaltsam ein Dämon zuführt. Ich suche den Weg, ich suche, suche.« Als Thomas diese pathetischen Worte gesprochen hatte, sank er in sich zusammen. Agathe trat zu ihm und fuhr ihm leise tröstend mit der Hand über den Kopf, während Lachmann verstimmt an den Lippen nagte, und mit der Gabel in das Tischtuch bohrte. Nach einer Weile erhob sich Thomas. »Ich gehe in das Hotel zurück,« sagte er, »werde Besserwissers Rede noch einmal studieren und mich auf heute Nachmittag vorbereiten. Nicht wahr, wir treffen uns zu Mittag im Löwen?« Ohne eine Antwort abzuwarten schritt er davon. Agathe sah ihm bekümmert nach, dann wendete sie sich zu Lachmann, nahm ihm mit einem vorwurfsvollen Blick die verwüstende Gabel aus der Hand und setzte sich ihm gegenüber. »Nun,« fragte sie. »Nun,« wiederholte der Vetter, »die Sache ist mißglückt,« und dabei ballte er seine Serviette zu einem Klumpen zusammen und warf sie unter den Tisch. Dann sprang er auf und ging erregt im Zimmer auf und ab. Agathe folgte ihm mit den Augen, als ob von ihrem Freunde alles Gute und Böse abhinge. »Ich habe mich wie ein Dummkopf betragen,« begann er nach einer Weile, »nicht wie ein verständiger Mann. Es durfte nicht so überstürzt werden. Man muß es auf einem anderen Wege versuchen.« Er trat an das Fenster und sah, mit den Händen auf dem Rücken, auf die Straße.     20. Kapitel. Wie sich Frauen und wie sich Thomas die Hebung der Sittlichkeit denken. Als die drei Freunde am Nachmittag in den Saal eintraten, in dem heute der Verein für Frauenbildung und Frauenstudium tagte, eilte ihnen die geschäftige Schriftführerin, Käthe Ende, entgegen und nachdem sie Thomas freimütig die Hand geschüttelt und den Doktor, als alten Bekannten, mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßt hatte, führte sie Frau Agathe an den flüsternden und schauenden Reihen der Frauen vorüber nach vorn. 111 »Ich muß Sie rasch der Präsidentin vorstellen. Der Vortrag wird gleich beginnen. Wir dürfen also auf Sie rechnen, Herr Weltlein,« wandte sie sich zu Thomas um, der halb geistesabwesend hinter den Damen herging. Aber ohne eine Antwort abzuwarten eilte sie weiter. Agathe dachte der Zeiten, als das Mädchen dort noch jung war. Hätte Käthe Ende damals nur im mindesten ihre Neigung zu dem Bruder gezeigt, statt sich spröde zu verstecken, dann liefe er heute nicht mit verdrehtem Namen und verdrehtem Kopf in der Welt herum. Jetzt freilich merkte man ihrem Wesen, mit dem sie des Amtes waltete, nichts mehr von jener verhängnisvollen Schüchternheit an. Die raschen Blicke, mit denen sie den Saal musterte, die sichern Worte und Winke, mit denen sie auf ihrem Wege zögernden Frauen Plätze anwies, zeigten, daß sie ihrer Aufgabe gewachsen war. Vorn vor der Reihe der Stühle stand die kleine rundliche Vorsitzende. Sie blätterte in allerhand Schriften und nahm dabei in wunderlicher Erregung bald den Klemmer von der Nase, bald setzte sie ihn wieder auf. Der Weg zu ihr war durch eine Gruppe von Damen versperrt, die unter vielen Seitenblicken und mit geläufigen Zungen durcheinander schwatzten. Vorderhand war nicht an ihnen vorbeizukommen. Man mußte warten und Käthe Ende benutzte die Gelegenheit, ihre Begleiterin zu fragen, warum der Bruder seinen Namen geändert habe. Agathe geriet in Verlegenheit. Prüfend sah sie erst das Mädchen an, wie weit sie ihm wohl trauen dürfe, dann blickte sie zu Thomas hinüber. Und als sie bemerkte, daß er mit seinen Gedanken abwesend war, begann sie in fliegender Hast zu erzählen. Thomas brachte der Anblick der Damen auf einen seltsamen Gedanken und es begann in seinem Gehirn zu wühlen. Ab und zu fuhren nämlich die Köpfe der Weiber zu einem engen Kreise zusammen, der sich dicht um den Kopf einer langen mageren Frau drängte, sobald sich deren hochmütiger Mund öffnete. Eine ganze Weile sah der arme Narr dieses Gebahren mit an, dann aber warf er sich plötzlich, gerade in dem Moment, als sich der lebendige Ring von Köpfen wieder bildete, auf den Boden, drängte zwischen zweien der achtbaren Damen den Oberkörper durch die Rock- und Faltenmauer hindurch und starrte mit weit aufgerissenen Augen 112 von unten in die entsetzten Gesichter der Frauen. Der Grund dieses wunderlichen Verfahrens ist nie recht aufgeklärt worden. Thomas behauptete später, das Anschauen der zusammengebogenen dicken und dünnen Frauenrücken mit der Krone von echten und falschen Frisuren darauf habe ihm eine neue Idee über Kuppelbau gegeben und nachdem er die Außenwände genugsam betrachtet habe, sei ihm das Verlangen gekommen, die Decke dieses lebendigen Verkuppelns in der Verkürzung zu sehen, die mit den verschiedensten Gesichtern in wechselndem Ausdruck und Charakter doch bedeutende Vorzüge vor einer gemalten hätte haben müssen. Man darf dieser Erklärung wohl mit einigem Zweifel begegnen, zumal der Erzähler bei seinen Worten eines seiner verzwicktesten Gesichter schnitt. Genug, der Erfolg des Manövers war überraschend. Schreiend stoben die Frauen auseinander. Die Magere, die noch eben den Mittelpunkt der Gruppe gebildet hatte, hielt sich das schwarze seidene Kleid fast bis zu den Knieen gerafft, um besser ausschreiten zu können und ein paar andere zwischen sich und den furchtbaren Eindringling zu bringen. Als ihr das mit Hilfe ihrer langen Beine gelungen war, sank sie mit einem entsagungsvollen Lächeln, aus dessen Beobachtung eine Oberhofmeisterin noch etwas hätte lernen können, in einen Stuhl, schloß die Augen und ließ den Kopf zur Seite hängen, wobei zwei lange Locken herrlich zur Geltung kamen. »Exzellenz sinken in Ohnmacht,« ertönte es und alle drängten sich hilfreich zu ihr, die als Frau eines ehemaligen Ministers der Paradevogel des Vereines war. Wütende Blicke schossen auf Thomas, der sich kaltblütig wieder aufgerichtet hatte und den gekränkten Damen freundlich zunickte. Während Käthe Ende, jäh aus der Spannung aufgeschreckt, mit der sie die Abenteuer ihres alten Anbeters erzählen hörte, am liebsten vor Verlegenheit laut aufgeschluchzt hätte, behielt Agathe ihre Fassung und suchte, so gut es gehen wollte, die Situation zu retten. Als sie den tollen Einfall des Bruders sah, bückte sie sich gleichzeitig, hob mit auffälliger Eile ihr schwarzes Täschchen, das sie rasch zur Erde geworfen hatte, auf und rauschte dann, das schwarze Ding wie ein Panier in die Höhe schwenkend, an den 113 aufgeregten Damen vorbei, der Präsidentin entgegen, mit lauter Stimme dem Bruder zurufend: »Komm nur Thomas, ich habe die Tasche schon wieder, du brauchst dich nicht mehr zu bemühen.« Agathes Verfahren beschwichtigte den Aufruhr in etwas. So geschickt aber auch der Ausweg gewählt war und so laut auch die Worte gesprochen wurden, es wäre doch schon jetzt zu unangenehmen Szenen gekommen, wenn nicht in rascher Folge neue Eindrücke die alten verwischt hätten. Als die beiden Geschwister bei der Vorsitzenden anlangten, war dieselbe eben dabei, die Versammlung zu eröffnen. Sie hielt die Glocke schon in der Hand, um sich Gehör zu verschaffen und sah fragend auf die beiden Menschen, die plötzlich vor ihr auftauchten und ihre mühsam errungene Fassung wieder ins Schwanken brachten. Agathe blickte sich nach ihrer Begleiterin um, die die Vorstellung übernehmen sollte, aber die treulose Freundin hatte sie im Stich gelassen und war in großer Angst vor weiteren Verwickelungen an das andere Ende des Saales zu Lachmann geflüchtet, um sich von dem die Leidensgeschichte Thomas Weltleins weitererzählen zu lassen. Das war ein arger Schlag für Agathe. Sie hatte darauf gerechnet, mit Hilfe der Schriftführerin, die ja wenigstens teilweise mit des Bruders Narrheit bekannt gemacht war, sein öffentliches Auftreten zu verhindern. Ehe sie sich nun so weit gesammelt hatte, auf schickliche Art das Unheil zu verhüten, fiel schon die Entscheidung. Thomas ergriff selbst das Wort, stellte sich und seine Schwester als Freunde und Anhänger des Vereines vor, die gerne mit ihren Kräften den hohen Zielen der Frauenbewegung dienen möchten und mit besonderer Dankbarkeit der Schriftführerin Einladung zum heutigen Vortrag angenommen hätten. Er sprach mit solcher Sicherheit und vornehmer Ruhe, daß Agathe nur verblüfft zuhören konnte; und während sie noch die Verwandlung ihres stillen August anstaunte, hatte er die Vorsitzende schon mit verführerischen Schmeicheleien über ihre Verdienste im Verein umgarnt und ihr Herz für sich gewonnen. Die kleine runde Person, die wahrscheinlich seit langen Jahren nichts Anerkennendes mehr aus Männermund gehört und gewiß niemals eine solche Fülle von Lob genossen hatte, schwamm in Entzücken und als der fremde Herr gar von ihren Dichtungen zu sprechen begann, konnte sie 114 sich vor Freude nicht mehr lassen und hob wie ein jauchzendes Kind die Arme empor. Die Glocke, die sie in Händen hielt, erklang dabei. Sie hatte, ohne es zu wollen, die Versammlung eröffnet. Aber der holde Trank der Anerkennung, der ihr gereicht ward, hatte sie berauscht. Rasch flüsterte sie: »Setzen sie sich dort neben die Frau Geheime Kommerzienrat Walther, die stattliche Dame mit den Brillanten in den Ohren« und während die Geschwister den ihnen angewiesenen Platz aufsuchten, sprach sie die Eröffnungsworte, zum ersten Mal in ihrem Leben ohne stecken zu bleiben. So hatte das Lob eines Narren Frucht getragen. Lachmann hatte von all dem, was sich vorn vor dem Rednerpult zugetragen hatte, wenig vernommen. Er war ein Mann, der nur im kleinen vertrauten Kreise zur Geltung kam, in größerer Gesellschaft vermißte er die überlegene Stellung, an die er im Verkehr mit Kranken gewöhnt war, und das machte ihn unbeholfen, und weil er gern ein lebhaftes Gefühl seines Wertes hatte, vermied er es, sich in Lagen zu bringen, die ihn von seiner eigenen Nichtigkeit überzeugen mußten. Die Frauenbewegung an sich interessierte ihn auch nicht. Nach seiner Ansicht waren die Weiber dazu da, Kinder zu gebären, und er teilte sie in solche ein, bei denen es sich für den Mann lohnte, mit ihnen zu schlafen, und in solche, die nicht wert waren, die Kraft des Mannes zu empfangen und zu vererben. Bei diesen Gesinnungen hatte die heutige Versammlung wenig Lockendes für ihn und er ging nur mit, weil er bei dieser Gelegenheit einen Anhaltspunkt für die weitere Behandlung seines Vetters zu gewinnen hoffte. Schon beim Eintreten in den Saal hatte er sich nach einem unauffälligen Plätzchen umgesehen und als er an der hinteren Wand ein paar Männergestalten und unter ihnen den Professor Kietz erblickte, hatte er sich zu denen gesellt und Vetter und Base ihren Weg ziehen lassen. »Sie auch hier, Doktor,« begrüßte Kietz den Freund, »ich dachte, sie wüßten, wie das Schnattern von Gänsen klingt.« Lachmann nickte und lehnte sich behaglich schmunzelnd an die Wand. »Dieselbe Frage könnte ich an Sie stellen,« sagte er. Der Professor schnitt ein ingrimmiges Gesicht. »Ich bin der Ganshirt. Sie haben sich heute einen andern Weideplatz gesucht.« 115 Er stieß ein merkwürdiges kurzes Lachen aus, mit dem er bei seinen Schülern einen groben grammatikalischen Fehler zu verspotten pflegte. »Sonst kommen sie in der Töchterschule zusammen. Aber weil heute von Prostitution und horizontalem Gewerbe die Rede sein wird, fürchten sie, die Gössel in kurzen Röcken könnten vergiftet werden, wenn sie morgen auf den Bänken sitzen, auf denen die Alten heute ihre unheiligen Gedanken ausbrüten.« Lachmann stutzte. Der Thomaswahnsinn fiel ihm ein und machte ihn nachdenklich. »Da haben sie sich denn an den Direktor gewendet,« fuhr Kietz fort, »und der hat ihnen die Aula des Gymnasiums zur Verfügung gestellt, und weil er selber keine Lust hat, seine Sittlichkeit heben zu lassen, muß ich die Moral der Anstalt vertreten.« Er richtete sich auf und streckte den Kopf spähend vor. »Ich habe den Platz gut gewählt, nicht wahr; sechsundsechzig sind es, richtig gezählt, eine ansehnliche Menge für unser bigottes Städtchen. Sie haben alle an mir vorbei passieren müssen. Man braucht nicht zu verzweifeln. Unsern Damen ist nichts Menschliches fremd. Sonst kommen keine zwanzig zu den Versammlungen. Aber heute –. Na, ich will annehmen, daß dieses Interesse für die tieferen Regionen auf Christenliebe beruht. Aber spaßhaft war's, so die Gesichter an sich vorüber ziehen zu lassen. Wie die unterschiedlich aussahen.« Wieder erklang sein niederträchtiges Lachen. »Sehen Sie, Doktor, die Kleine da drüben, auf die bin ich neugierig. Ich gebe ihr Privatstunde, weil sie durchaus studieren will. Wenn der alte Homer seinen Helden in das Bett irgend einer Schönen steigen läßt, tut sie so, als ob sie vor Erröten ersticken müsse. Unter dem Schatten eines gemeinnützigen Zweckes büßt sie aber ihre Lust recht unbefangen.« Lachmann sah nach dem jungen Mädchen hin, das aufgeregt mit der Nachbarin kicherte, wandte sich aber gleich wieder ab. »Die kenne ich,« sagte er, »die wird nicht lange studieren, die hat ein breites Becken und prachtvolle Brüste. So etwas schenkt die Natur nicht ohne Gegenleistung. Menschen von solchem Bau kommen immer in die Wochen.« Er wies nach vorn, wo eben die Schar der Damen vor Weltleins Angriff auseinanderstob. »Da scheint der Teufel los zu sein. Was haben die Weiber?« 116 »Ich kann es nicht unterscheiden,« erwiderte der Professor, der sich auf die Zehen gestellt hatte und den Kopf in die Höhe reckte, wie ein Ziegenbock, der hoch an einer kahlen Mauer saftige Kräuter spürt, ohne sie erreichen zu können. »Vermutlich geht die Sache nun los. Übrigens wird es wohl nicht ohne Skandal verlaufen.« Lachmann wurde stutzig. War Weltleins Narrheit schon so bekannt? »Skandal,« fragte er, »wie meinen Sie das?« »Nun, Sie kennen doch die dicke Walter, die Frau vom Schaumwein-Walter und wissen vermutlich auch von der Feindschaft mit der Stadtpythia, der Frau Professor Rolfs?« Lachmann nickte, ohne recht zuzuhören. Er sah, wie Käthe Ende vorsichtig und leise sich aus dem Knäuel vorn los machte und zurückkam. »Die beiden rivalisieren schon lange hier im Verein. Die eine repräsentiert den Geldsack und die andere den Geist und beide hoffen auf den Vorsitz im Verein, den unsere Ortsdichterin niederlegen will. Die Sache ist jetzt bis zum Platzen reif, seitdem der Weinhändler den Titel Geheimer Kommerzienrat bekommen hat. Die Rolfs hat herausgefunden, ein Mann, wie Walter, der immer Rat findet, geheim Wasser in Wein zu verwandeln und so seinen Kommerzien aufzuhelfen, habe seinen Titel verdient. Sie können sich denken, wie dieses Wort gewirkt hat. Eine Klage soll zuerst beabsichtigt gewesen sein. Aber damit hätte sich der neugebackene Geheimrat in der Gesellschaft unmöglich gemacht und so hat er denn lieber in den Beutel gegriffen und die Thronansprüche seiner Frau hier im Verein mit einem runden Sümmchen unterstützt. Frau Rolfs Aussichten sind nun arg gesunken und wenn sie nicht in der Ex-Exzellenz mit den Schmachtlocken eine Bundesgenossin gefunden hätte, würde sie gar nicht mehr in Betracht kommen.« Der Professor leckte die Lippen im Vorgeschmack der Witze, die er über das Adelsdreieck des Berufes, des Geldes und der Gelehrsamkeit machen wollte. Ehe er jedoch damit beginnen konnte, bemerkte er, daß sein Zuhörer sich von ihm abgewandt hatte und eifrig auf Käthe Ende einsprach. Er behielt nun seine Bemerkungen für sich, sah aber von da an drein, als ob er an versetzten Blähungen leide. 117 Lachmann bemühte sich unterdessen, den aufgeregten Fragen der Schriftführerin Rede zu stehen, deren Angst vor einer öffentlichen Beschämung durch das voreilige Eingehen auf Weltleins Redeplan immer mehr wuchs. Er suchte die vielerlei Wenns und Abers, mit denen er seine Aussagen milderte, dadurch zu verdecken, daß er diese unangenehmen Worte durch eine heftige Körperbewegung bald nach rechts, bald nach links fortwarf. Im Grunde war er aber sehr froh, als die Glocke ertönte und das Fräulein Doktor mit dem Namen Kampf die Rednertribüne betrat. Er tat so, als ob er sich sehr für den Vortrag interessierte und überließ die unbequeme Fragerin ihrer verzweiflungsvollen Ungewißheit. Zu seiner großen Befriedigung hatte die Dame da vorn ein angenehmes Organ, so daß er sich wenigstens einen musikalischen Genuß versprach. Es dauerte aber gar nicht lange, so hatte diese wohltuende Stimme den skeptischen Arzt so beeinflußt, daß er zum ersten Mal in seinem Leben von seinem Grundsatz abging, die Ansichten einer Frau von vornherein für dumm zu halten. Er wurde sich dieser Verzauberung seines Geistes durch das Ohr bewußt, da er sie aber zu den geistigen Ansteckungen Weltleins hätte rechnen müssen, die er doch durchaus für Narrheit halten wollte, gab er sich ihr hin, ohne Widerstand zu leisten. Auf diesem Wege kam er zu dem Glauben, daß Fräulein Kampf eine Menge Kenntnisse besitze und sie in geordneter Folge mit einleuchtender Klarheit vorzutragen wisse. Ja, schließlich interessierte ihn der Vortrag so, daß er sein Notizbuch hervorzog und den Gang der Rede aufschrieb; diese Aufzeichnungen, unterbrochen und erläutert durch Lachmanns Bemerkungen, haben sich in dem papierenen Nachlaß gefunden, zu dessen Verwalter mich Frau Willens Spruch eingesetzt hat. Sie werden hier wörtlich mitgeteilt aus Gründen, die der Leser alsbald erraten wird. »– Rednerin beginnt mit einer treffenden Übersicht über die Ausbreitung der Prostitution, die ziffermäßig das Anwachsen der Liederlichkeit beweist. Genaue Vertrautheit mit dem Gegenstand. Muß sich lange und eingehend damit befaßt haben. – Seltsamer Widerspruch zwischen dem Wesen der Rednerin und dem Inhalt ihrer Worte. Sanftes Gesicht, aschblondes Haar und wasserblaue 118 Augen. Eine derartige Darlegung menschlicher Gemeinheit aus weiblichem Munde sollte beleidigen. Warum bleibt diesem Mädchen gegenüber dieser Widerwille aus? – Gefahren durch Duldung der Prostitution. Ihr öffentliches Auftreten wirkt psychisch ansteckend. Gefahren für die sittliche Gesundheit. Zerstörender Einfluß auf die Ehe, die Rednerin als die Grundlage alles höheren Lebens bezeichnet. – Murren bei einzelnen Vereinsmitgliedern. – Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten durch die Prostitution. Gefahr für die körperliche Gesundheit und für die Nachkommen. Vorschlag, den Geschlechtsverkehr Syphilitischer, besonders die Ehe zu verbieten und zu bestrafen. – Lachmanns Zwischenbemerkung: Wenn wahr wäre, was die Wissenschaft schwatzt, gäbe es keine gesunden Menschen mehr. Das Untersuchen der jungen Mädchen könnte manchem passen. – Spricht weiter über Vererbung und Ansteckung. – Das Organ der Rednerin versöhnt. Die Psyche des Hörers wird durch den Klang beeinflußt. Eine Ansteckung des Geistes durch den Körper. In Weltleins Theorie steckt Weisheit. – Hebung der Sittlichkeit. Es ist von allen kleinen Mitteln abzusehen. Die Knaben müssen besser erzogen werden. Bewunderung der Mütter für die Unarten ihrer Söhne; räumen den Knaben eine frevelhafte Freiheit ein, statt ihre niederen Triebe zu bändigen, wie es bei den Mädchen geschieht. So ziehen die Frauen selbst die Unsittlichkeit groß. Die Lösung des Problems liegt nicht in der freien Liebe, sondern in der Festigung der Ehe. Die Männer sollten zur Keuschheit gebildet werden. – Wirkung auf die Zuhörer. Ernste, aufhorchende Gesichter. – Es handelt sich nicht darum, den Frauen das Recht zu erobern, wie es den Männern gewährt ist, die Freiheit des Geschlechtsverkehrs. Dies Recht ist das schwerste Unrecht, die Frau, die es zu erwerben sucht, frevelt gegen ihr Geschlecht, gegen den Adel des weiblichen, ja des menschlichen Herzens. Wir Frauen stehen über den Männern. Es ziemt sich nicht für uns, zu ihrer Niedrigkeit hinabzusteigen. Wir wollen sie zu unserer Höhe erheben, nicht gewaltsam, voreilig, unweiblich mit Reden und Schelten, sondern langsam, sicher, unwiderstehlich als Mütter der Kinder.« Die letzten Worte hatten offenbar Gedanken ausgesprochen, die 119 alle Anwesenden hegten oder gern vortäuschen wollten. Lebhafter Beifall erscholl von allen Seiten und erregt drängten sich die Frauen nach vorn, um der Rednerin zu danken. Das Mädchen, dem man nichts von Gelehrtheit ansah, stand mitten unter ihren Verehrerinnen so unbefangen und freudig, wie ein Schulkind, das eine gute Zensur nach Hause gebracht hat, und selbst der mürrische Kietz vergaß darüber seinen Zynismus, nickte mehrmals mit dem Kopfe, als ob er sein Lieblingsgericht unerwartet vor sich sähe, und schmunzelte: »So lasse ich mir das Frauenstudium gefallen, solche Frauen zu studieren, lohnt sich.« Den tiefsten Eindruck empfing Agathe, die schon während des Vortrags aufmerksam gelauscht hatte. Sie verliebte sich förmlich in das frische Wesen und den freien Handschlag dieser Frauenrechtlerin, küßte sie herzlich und zog sie neben sich auf einen Stuhl, weil sie sie recht nahe haben müsse. Ihr altes Herz hatte sich erwärmt und am liebsten hätte sie gleich selber angefangen, Knaben zu erziehen, wenn sie nur einen zur Hand gehabt hätte. Daß Thomas, dieses Sorgenkind ihrer mütterlichen Triebe, dicht bei ihr saß, noch dazu mit schrecklichen Redegedanken, vergaß sie ganz und war darauf gespannt, den Augenblick nicht zu verpassen, in dem sie sich an dem eben beginnenden Meinungsaustausch beteiligen könne. Der entsprach freilich gar nicht ihren Erwartungen. Schon die Unordnung, die eingetreten war, beleidigte ihr Empfinden. Man saß nicht mehr, wie während des Vortrags, sondern alles drängte sich in den engen Raum vor den Stühlen zusammen und aus dem erregten Gemurmel klangen abgerissen die Worte irgend einer besonders kampflustigen Frau. Als dann endlich durch die Glocke der Vorsitzenden eine leidliche Ruhe hergestellt war, trat eine spitznasige Frau Rechnungsrätin auf, die in ihrem schlechtsitzenden Korsett und in dem zänkischen Vorstrecken des Zeigefingers es deutlich zur Schau trug, wie sehr sie sich mit dem Leben herumärgern mußte. Sie fing damit an, die zunehmende Unsittlichkeit aus den Stammtischabenden ihres Herrn Rechnungsrates abzuleiten und endete mit der Erzählung von einer Köchin, die ihre – mit Respekt zu sagen – Unterhosen am Ofen des Familienzimmers getrocknet habe. 120 Dann folgte die Frau eines verabschiedeten Hauptmanns, die, demütig-salbungsvoll den fetten Kopf zur Seite neigend, von dem Segen des frommen Glaubens sprach, von der Verderbtheit der Jugend, die aus Büchern und Zeitungen alles schon lerne, was zu ihrer Zeit ein ehrbares Mädchen erst im Wochenbett erfahren habe. Jetzt traten die beiden Hauptkämpen auf den Plan: Zuerst ergoß sich eine Flut Geist aus dem Munde der Frau Professor Rolfs über die Zuhörer. Wenn die witzige Frau nicht die böse Angewohnheit gehabt hätte, ihre treffenden Bemerkungen schon vorher durch ein scharfes Kichern anzukündigen, hätte sie für eine ausgezeichnete Rednerin gelten können. Mit ihren boshaften spitzen Augen, deren Pupillen durch Morphium eng zusammengezogen waren, bald diese, bald jene Nachbarin stechend, griff sie die dumm-dreiste Selbstgefälligkeit der Kirchengläubigen an, setzte aus eigener Machtvollkommenheit und mit vielem Aufwand von wissenschaftlichen Schlagworten einen neuen lieben Gott ein, der in jeder einzelnen Menschenseele sein Quartier aufschlage, sprach von dem Recht der Persönlichkeit und der Sklaverei der Ehe, in der die Gottheit der Frau schlimmer entwürdigt werde, als in dem Straßengewerbe der Dirnen und schloß mit einer leidenschaftlichen Lobpreisung der freien Liebe, mit deren Einführung ein neues Zeitalter beginnen werde. Kaum hatte sie Zeit, sich an dem lebhaften Beifall ihrer Freundinnen zu weiden, als schon die dicke Geheimrätin sich erhob und in trocknem Ton erklärte, das einzig Richtige sei, die jungen Mädchen wie früher zu tüchtigen Hausfrauen zu erziehen. Sie sprach die Worte so langsam und vollgewichtig, als ob sie jedes einzelne mit ihrer stattlichen Person belaste. Für Mann und Kind zu leben, sei das Glück der Frau, alles andere gehe sie nichts an und stille Ordnung und bescheidener Fleiß sei das Werkzeug, mit dem sie ihr Glück schmiede, das freilich nicht glänzend sei – »Wenn man es nicht mit Brillanten behängt,« rief die Frau Professor dazwischen. »Ich trage die Brillanten, weil mein guter Mann sie mir geschenkt hat,« versetzte die Dicke gleichmütig, »und ich trage sie stolz, weil ich sie in langer tätiger Arbeit im Dienste für seine Bequemlichkeit verdient habe, und wenn die Ringe hier auf meiner rauhen Hand 121 auch mancher Dame seltsam erscheinen mögen, so trage ich sie doch gerade deshalb gern. Denn sie erinnern mich täglich daran, was ich meinem Mann verdanke und was er mir verdankt. Sie sind mir gewissermaßen eine Mahnung mitten in dem Strudel der Meinungen über die Stellung der Frau, der auch mich oft genug ergriffen und arg verwirrt hat, nicht zu vergessen, daß Mann und Weib zusammengehören und daß der liebe Gott nicht ohne Grund zwei Geschlechter geschaffen hat, damit sie sich ergänzen. Ich bin einfach erzogen und habe wenig gelernt. Aber das Eine weiß ich und habe es mir gemerkt, daß die Frau eine Gehilfin des Mannes sein soll, und deshalb verstehe ich nicht, warum ich den Mann, zu dessen Hilfe ich geschaffen bin, bekämpfen sollte. Das also ist der Sinn von meinen Brillanten, damit Sie's nur wissen, Frau Professor Rolfs.« Jetzt litt es Agathe nicht mehr. Ganz aufgeregt erhob sie sich. »Die Frau Geheimrat hat ganz recht,« rief sie, »so recht, daß ich mich nicht enthalten kann, auch ein Wort zu sagen, obwohl ich hier nur ein Gast bin. Auf die Erziehung kommt alles bei uns Frauen an. Dazu sind wir von Gott eingesetzt als Mütter. Und einfach sollen wir unsere Kinder erziehen. Verwöhnt sie nicht und macht sie nicht zu eiteln Fratzen, die stundenlang vor dem Spiegel stehen, und ein Gesicht ziehen, wenn Mutter befiehlt, eine Schürze umzutun. Einfach in Worten und Werken, einfach auch in der Kleidung, in der vor allem. Ein junges Mädchen, das gewöhnt ist sich sauber und nett zu tragen, wird selber sauber und nett, denn das Äußere wirkt gar sehr auf das Innere ein. Und ein Ding, das von der Mutter in eiteln Putz und Zier gehüllt wird, wird leicht auch im Herzen verziert und putzsüchtig in ihren Gedanken, weil das Kleid, das sie trägt, an–« Hier unterbrach sich Agathe plötzlich. Sie sah den Blick des Bruders starr auf sich gerichtet. Verwirrt begann sie von neuem: »Es läßt sich gar nicht leugnen, ein kostbares Kleid macht ungeschickt zur Arbeit. In der Küche fürchtet man den Kohlenstaub und in der Speisekammer den Butterteller und bei jedem Schritt denkt man nur daran, daß man nicht hängen bleibe und etwas von den teuren Spitzen verderbe. Ja, man wehrt gar Mann und Kinder von sich ab, damit ihre Zärtlichkeit nichts zerdrückt. Das Glück vieler Menschen wird durch solche 122 törichte Pracht zerstört, weil ja das Herz des Menschen rasch angesteckt wird – du sollst mich nicht immer ansehen,« fuhr sie heftig auf ihren Bruder los und setzte sich blutrot im Gesicht hin, ohne den Satz zu vollenden. Eine verlegene Pause entstand, ausgefüllt von vereinzeltem unterdrücktem Lachen. Um dem Spott ein Ende zu machen, ergriff nun die Vorsitzende das Wort, die immer noch von dem Lob Weltleins zehrte. Ganz geschickt wußte sie die abweichenden Meinungen in dem vieldeutigen Satz zusammenzufassen, daß man die Menschen zur Liebe erziehen solle und eröffnete dann ohne Übergang der Versammlung, daß einer der verehrten Gäste, Herr Thomas Weltlein, die Güte haben werde seine Ansichten über den Gegenstand vom männlichen Standpunkt aus mitzuteilen, was gewiß sämtlichen Anwesenden doppelt interessant sein werde, da bisher nur Damen gesprochen hätten. Das verdrossene Schweigen, mit dem diese Ankündigung aufgenommen wurde, schien freilich die gute Meinung der Präsidentin zu widerlegen, und sie war schon dabei, eine Entschuldigung zu stottern und die Versammlung zu schließen. Aber Thomas stand längst wie eine Katze vor dem Sprunge da und fiel mit mächtiger Stimme in das Gestammel ein. Er las seine Rede ab, und man merkte seinem kindlichen Vergnügen an, wie er sich an seinem eigenen Machwerk berauschte. Wie wir sehen werden, hat der Zufall sein Manuskript erhalten, so daß ich es hier, ergänzt durch mündliche Erzählungen wiedergeben kann. Merkwürdig war mir daran die auffallend saubere Handschrift, in der nicht das Mindeste durchstrichen oder verbessert war. Thomas pflegte mit besonderer Betonung darauf hinzuweisen als auf ein Zeugnis höherer Eingebung, da er doch vor seiner Berufung alle Zeit schlecht und unordentlich geschrieben habe, jetzt aber sich deutlich in seiner Schrift die Hand Gottes zeige. »Gestatten Sie mir, verehrte Damen, Ihnen zuerst meinen Dank zu sagen, daß Sie mir durch den Mund der Dichterin, die als schönes Sinnbild der Künstlerseele des Weibes im allgemeinen und des idealen Gedankenfluges dieses von höherer Zukunft träumenden Vereines im besonderen den Vorsitz führt, daß Sie mir erlauben, die nüchternen Bemerkungen eines Mannes zu 123 äußern, obwohl ja mit einer einzigen mir sehr merkwürdigen Ausnahme alle Rednerinnen der Ansicht sind, daß die Frage sich praktisch nur durch die Mutter oder wenigstens durch die Ehe lösen lasse. Da ich nun weder verheiratet noch Mutter bin –« »Zur Sache,« ertönte die Stimme der Frau Rolfs, die durch einen Rippenstoß ihrer gefälligen Nachbarin darauf aufmerksam gemacht worden war, daß sie mit der Ausnahme gemeint sei. »Der Atem geht einem schon vom Zuhören aus,« erklärte sie leise der lieben Freundin. »Aber ich werde ihm mit einem seiner langgedrehten Satzstricke die Kehle zuschnüren.« Thomas sah verwundert nach der Gegend, von der her der Zwischenruf erscholl, dann fuhr er fort: »Mein sehnlicher Wunsch ist Mutter zu werden. Ich sehe darin keinen Grund zu lachen, meine Damen. Ich teile diesen Wunsch mit dem Geist jedes Zeitalters, das immer ein neues, höheres gebären will, wovon freilich das unsere eine Ausnahme macht, da es sich das Zeitalter des Kindes nennt und damit seine Unfruchtbarkeit kindisch genug ausspricht. Gerade in der Frauenfrage zeigt sich diese Unfruchtbarkeit, die man fast unsittlich nennen möchte, genau so unsittlich, wie die Sucht der Frauen, selbst unfruchtbar zu bleiben.« »Zur Sache,« ertönte es von neuem aus dem Munde der Professorin und diesmal stimmten ein paar alte Mädchen und die kinderlose Hauptmannsfrau mit ein. »Ich bin mitten in der Sache. Es handelt sich um die Hebung der Sittlichkeit durch die Frauen, und wodurch könnten sie dies Ziel besser erreichen, als durch Gebären. Die Sünde liegt nicht in der Sinnlichkeit, oh nein. Die Raserei des Geschlechtsverkehrs ist heilig und es täte unserer Zeit not, ihr wieder den Phallos zu zeigen, damit sie anbete.« Der Professor Kietz stieß seinen Nachbar Lachmann in die Seite und schaute grinsend in die Runde. Die gelehrte Ungeheuerlichkeit des Narren da vorn wurde freilich nicht verstanden, aber das Rauschen der Kleider und das Schwanken der Frisuren zeigte doch, daß ein Sturm bevorstand. Durch eine zufällige Wendung schob ihn der ahnungslose Thomas noch einmal hinaus. »Wie eindringlich mahnte uns eben der Dichtermund einer 124 Frau, die Kinder zur Liebe zu erziehen –.« Die Präsidentin errötete beglückt bei der achtungsvollen Bewegung, mit der Thomas sich zu ihr wandte. »Wahrlich ein herrliches Wort, dessen Tiefe unergründlich ist. Das andere aber ist dem gleich, daß das Weib dem Manne dienen solle, und es ziert die Frau, die es sprach, mehr wie der Schmuck der Edelsteine, die sie als Symbol ihrer hohen Gesinnung gewiß richtig deutete. Der Schmuck gebührt der Frau. Denn ist sie auch die Dienerin des Mannes, so ist sie doch die Herrin der Zukunft, und keine Krone kann reich genug sein, um auf dem Haupt einer Mutter zu ruhen.« Die entrüsteten Mienen der Zuhörerinnen glätteten sich größtenteils und jede reckte den Kopf hoch, um den unsichtbaren Glanz wenigstens anzudeuten, den ihr je nachdem zwei oder sieben Rangen über die Stirn ausgossen. Nur um Frau Rolfs herum schlossen sich die Reihen der Mißvergnügten enger. »Klänge es nicht frevelhaft, so würde ich der Frauen Kraft mit der Gottes vergleichen, der als höchstes Wunder seiner Macht Menschen schuf. Welch seltsames Schauspiel ist es nun, daß die Frau, deren prometheische Natur wir Männer staunend beneiden, nach den armseligen Leistungen des Mannes geizt, ihm den erkünstelten und entwürdigenden Lebenszweck des Berufs mißgönnt und mit ihm, der ein Arbeitssklave ist, in Wettbewerb tritt. Sie nennen das ein Recht, während es doch ganz gewiß ein Unrecht ist.« Jetzt ging Frau Rolfs zum Angriff über. Mit einer bissigen Bemerkung gegen die Vorsitzende, über mangelhafte parlamentarische Disziplin, beantragte sie den Schluß der Debatte, da der Redner nicht dazu zu bewegen sei, zur Sache zu sprechen, auch wohl kaum noch irgend etwas Neues vorgebracht werden könne. Gegen den Beifall, der rings um die Kennerin geordneter Verhandlungen ausbrach und Weltleins entrüstete Versicherung, er habe allerdings ein neues Evangelium zu verkünden, weit übertönte, erhob sich sofort als zweite Streiterin um den künftigen Vorsitz die dicke Kommerzienrätin, und hinter ihrer schützenden Breitseite ließen sich in allen Stimmarten die Rufe: Weiterreden, vernehmen. Erheblich verstärkt wurde das Schlachtgeschrei dieser Partei durch die kräftige Stimme des Professor Kietz, der in der 125 Hoffnung, seine junge Schülerin doch noch bei einer neuen Pikanterie des seltsamen Redners erröten zu sehen, seine Lungen mächtig anstrengte, um Thomas wieder das Wort zu verschaffen. Die gutmütige Dichterin, die immer in die größte Bestürzung geriet, wenn von ihr eine Entscheidung über die Form der Verhandlung verlangt wurde, lief verzweifelt von der Frau Kommerzienrat zur Frau Professor und von der zu Thomas, um Frieden zu stiften und schließlich drängte sie sich hilfesuchend an die Exzellenz, die in einsam-hagerer Größe dastand und spöttisch lächelnd auf den Moment wartete, einzugreifen. »Ich bitte abstimmen zu lassen,« rief Frau Rolfs, »mein Antrag ist genügend unterstützt.« Und da sich die Vorsitzende bei dieser unvorhergesehenen Aufgabe nur noch sorgfältiger hinter ihrem ministeriellen Schutzturm verkroch, ergriff die Präsidentin des Geistes kurz entschlossen die Glocke und schwang sie energisch. Ihre kleinen Augen funkelten dabei in dem Vorgefühl ihres kommenden Sieges und in dem Bewußtsein, das Abzeichen der Macht in Händen zu haben. Ohne im geringsten bei ihrer Lüge zu stocken, verkündete sie dann dem lauschenden Kreise, die Leitung der Verhandlung sei ihr von der Vorsitzenden, die sich wegen ihrer engen Freundschaft mit dem Redner für parteiisch erklärt habe, abgetreten worden und ließ abstimmen. Es wurde nun allerdings mit einer kleinen Mehrheit die Fortsetzung der Debatte beschlossen, aber ein Blick belehrte Frau Rolfs, daß ihre Anhängerschar sich in den letzten fünf Minuten fast verdoppelt hatte. In der sicheren Hoffnung, daß es dem Schützling der Weinpantscherin in seiner Albernheit gelingen werde, die Rivalin ganz aus ihrer Anwartschaft herauszureden, ließ sie der Sache ihren Lauf. Der harmlose Thomas hatte inzwischen dagestanden wie eine mannbare Kirghisenbraut, um die sich zwei Krieger raufen, hoch erfreut über die Wichtigkeit, die seiner Person beigelegt wurde, und in erwartungsvoller Scham harrend, wie sein Schicksal sich entscheiden werde. Kaum war die Abstimmung vorbei, so begann er mit doppelter Selbstgefälligkeit zu sprechen. »Jedem steht ein gewisses Maß der Schaffenskraft zu Gebot. Im allgemeinen sind ihre Grenzen eng genug gezogen, ein Mann, 126 der als einzelner schaffend wirkt, wird mit Recht als Wunder angestaunt. Das Los der Meisten ist, das Glied eines Ganzen zu bilden und erst im Verein mit gleichstrebenden Kräften kann der Mann etwas leisten. Und dann ist es auch nichts weiter, als irgend ein Vorteil für das Leben des Menschen, eine neue Bequemlichkeit, eine neue Möglichkeit stärker zu leben, wenn es hoch kommt, ein Werk, das den Adel des Menschen beweist und viele erhebt oder umbildet. Weiter aber geht die Macht des Mannes nicht. Er vermag nicht, wie die Frau, zu erschaffen, ein Klümpchen Eiweiß zu beseelen, es wachsen zu lassen zu Haupt und Gliedern, zum neuen Menschen, und den als Wahrzeichen unsterblicher Kraft in die Welt zu setzen, damit er lebe. Menschen zu bilden, das ist die Bildung der Frauen, und sie recht nach ihres Gottes Ebenbild – das ist der Mann – zu gestalten, sollte ihr einziges Studium sein. Und mit der Erschaffung des Lebens ist auch die zeugende Kraft der Frau erschöpft. Es ist eitel Anmaßung, Unsittlichkeit, in ein anderes Gebiet hinüber zu greifen, das dem Manne gehört.« Ein Wogen der Entrüstung ging durch den Saal, durch das die scharfe Stimme der Frau Rolfs schrillte. »Ich entziehe dem Redner das Wort.« Alles hatte sich von den Stühlen erhoben und Thomas sah, wie plötzlich eine Menge Arme durch die Luft fuhren, Hüte aufsetzten, energisch Mäntel und Jacken umherschwenkten, oder eilig nach Brillenfutteralen, Täschchen und Börsen griffen. Dicht neben ihm stand einsam nur noch die Schwester, deren Arm Lachmann festhielt, um sie vor einer Torheit zu bewahren. Denn während sie mit der freien Hand den tollen Bruder am Rock zog, schossen ihre Augen Unheil verkündende Blitze nach der Exzellenz hinüber, die eben laut rief. »Das ist ein verrückter Narr und ein ungezogener Mensch dazu, der nicht weiß, was Anstand ist. Schließen Sie die Versammlung,« wandte sich jetzt die Ministerfrau an Frau Rolfs, faßte die tiefbeschämte Vorsitzende, die immer noch bang hinter ihr stand, am Arm und schritt mit zurückgeworfenem Kopf dem Ausgang zu. Neben der Tür stand noch Käthe Ende. Sie hatte sich wie ein gezüchtigtes Schulkind mit dem Gesicht gegen die Wand gedreht 127 und schluchzte leise vor sich hin. Als die Exzellenz im Vorbeigehen ihr zurief: »Sie sind schuld an dem Skandal, Fräulein Ende,« zuckte sie zusammen und drehte sich um. Eben klang der laute Glockenklang wieder durch den Saal, und Frau Rolfs schrie mit Aufbietung aller Stimmkräfte. »Die Versammlung ist geschlossen.« Im nächsten Augenblick schoß auch schon die siegesbewußte Thronprätendentin an Käthe Ende vorüber, sie mit einem boshaften Lächeln musternd, das der Schriftführerin den Untergang weissagte, wenn erst Frau Rolfs das Szepter des Vereins schwang. Dieser höhnische Blick brachte das Mädchen zu einem raschen Entschluß. Kaum war ihre Gegnerin hinter der Exzellenz herlaufend aus dem Saal verschwunden, so schlug Käthe Ende die Tür zu und lehnte sich davor, fest entschlossen, niemanden herein oder hinaus zu lassen, ehe der Ausgang der Neuwahl entschieden sei. Thomas hatte inzwischen ruhig weiter gesprochen, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand zuhöre oder nicht. »Das Streben der Frau sei, den Mann zu lieben und ihm seine Züge abzulauschen, um sie im Kinde neu zu bilden. Der Mann sei ihr Studium, an ihm bilde sie sich und alle Kenntnisse der Welt helfen ihr nichts; alles Streben ist verfehlt, wenn sie den Mann nicht liebt und ehrt. Das ist die wahre Frömmigkeit des Weibes, dessen Religion Anbetung der zeugenden Kraft sein sollte, nicht Nächstenliebe, wie denn das Christentum nur dem Manne gehört. Den Weg weist unwiderstehlich die Natur selber, die das Weib durch die Empfängnis umgestaltet. Der Same, der die Frau befruchtet –« »Du bist ein schändlicher Mensch,« schrie jetzt Agathe, riß ihm seine Schrift aus der Hand und warf sie wie einen Pestlumpen von sich. Lachmann bückte sich danach und sammelte sorgfältig die einzelnen Blätter auf, während Agathe den aufgeregten Bruder mit aller Kraft fort zu ziehen suchte, und ihm sogar den Mund zuhielt, als er sprudelnd von Entrüstung und Weisheit die Worte hervorstieß: »Jede Hündin beweist es. Es ist das große Gesetz psychisch-physischer Ansteckung. Ist sie vom ruppigen Köter belegt, so gleicht noch lange hinaus ihr Wurf –« Alles Übrige war nur noch ein rauhes Gurgeln von Tönen, das noch dazu durch den lauten Klang der Glocke überschallt 128 wurde. Kaum hatte nämlich die Kommerzienrätin bemerkt, daß ihre Gegnerin das Feld voreilig räumte, als sie entschlossen vortrat, mit der einen Hand den unheiligen Thomas faßte, mit der anderen die Glocke der Vorsitzenden. Und so stand sie, ein dicker Engel des Schwertes und des Zornes, da und wartete auf den Moment, wo die Tür sich hinter der Frau Rolfs schloß. Dann aber stieß sie mit einem Ruck ihres arbeitskräftigen Armes den stammelnden Thomas mitsamt seiner Schwester weit von sich und schwang mit aller Macht die Glocke, wobei die Brillanten in ihren Ohren um die Wette baumelten. Die Arme immer ausgebreitet haltend, als ob sie die ganze Versammlung unter ihren Schutz nähme, rief sie mit ihrer rauhen Stimme: »Bleiben Sie, meine Damen, bleiben Sie! Ich werde den Schimpf rächen, der dem Verein angetan ist. Ich werde den Mann, der hier Schweinereien zu machen wagt, hinauswerfen wie ihm gebührt.« Und nun packte sie den verdutzten Thomas am Kragen und führte ihn, immer die Glocke schwingend, unter dem jubelnden Gelächter der Zuschauer zur Tür, die von Käthe Ende geöffnet wurde. So wurde denn Thomas vor den Augen seiner einstigen Anbeterin wie ein Schaf, das der Polizist ausklingelt, durch den Saal geschleppt, und mit ihrer Mithilfe vor die Tür geworfen. Hinter ihm und der nachdrängenden Agathe schloß sich wieder die Pforte und die Kommerzienrätin kehrte auf ihren Platz zurück, während Käthe Ende die zum Ausgang drängenden Frauen zurückwies und sie laut aufforderte, an der Wahl einer neuen Vorsitzenden Teil zu nehmen, die ja auf keine andere fallen könne, als auf die Retterin der Ehre aller, auf die geehrte Frau Geheimrat Walter. Lauter Beifall folgte dem Vorschlag und während Käthe Ende standhaft die Tür mit ihrem kräftigen Rücken gegen einen Überfall von außen und mit ihren Händen gegen eine Flucht von innen deckte, ging die Neuwahl vor sich. Auch der brave Lachmann, der endlich die umhergestreuten Blätter gesammelt hatte, wurde von der Hüterin der Pforte auf seinen Platz zurückgescheucht und mußte wohl oder übel bei der Wahl zugegen bleiben. Um sich die Zeit zu vertreiben, ordnete er die Blätter von Weltleins Rede der Reihe nach und las sie mit wachsendem Erstaunen darüber, was alles der gute Thomas in seiner närrischen Unschuld dem weiblichen 129 Anstandsgefühl zu bieten wagte. Er schüttelte von Zeit zu Zeit nachdenklich den Kopf oder schmunzelte und steckte schließlich die Schrift zu sich. Ich gebe hier den Schluß der Rede, wie sie sich in Agathes Nachlaß erhalten hat. Wie allerdings die Fortsetzung des Satzes lautete, in dem Thomas so rauh unterbrochen wurde, muß der Leser sich selbst zurechtdenken. Gerade dieses Blatt war bei dem Kampf zerrissen worden. Ja es scheinen noch ein paar Sätze verloren gegangen zu sein, wenigstens beginnt der Text ziemlich unzusammenhängend mit den Worten: »– – fehlt der Frau und doch ist jede Arbeit ihres Lohnes wert.« Dann geht es heftig weiter zu dem tollen Schluß. »Dieser Mangel ist das wahrhaft unsittliche Prinzip der Ehe, ja, des gesamten Lebens. Der Mann vergewaltigt seine unwissende Frau, die noch nicht fähig ist zu genießen, und ihre Kälte, ihr Ekel scheucht ihn zurück. Vielleicht erst spät, erst nach Jahren, wenn bei ihm die blinde Leidenschaft schwindet, aber unentrinnbar tritt dieses Verhängnis ein. Und nun kommt die furchtbare Ironie, mit der die Natur stets die Sünde wider ihre Macht bestraft, eine lächerlich grausame Strafe. Denn in der Zeit wo der Mann sich von den alternden Reizen seiner Geliebten, die nicht geliebt sein wollte abwendet, erwacht in der Frau der Trieb, der durch die ungeschickte Pflege lange dahin kümmerte, sich aber endlich mit unwiderstehlicher Kraft emporringt. Es wäre der Stoff zum erschütternden Lustspiel oder zur lächerlichsten Tragödie. Gewiß, der Mann muß erzogen werden, aber nicht, wie es kurzsichtige Menschen verlangen, zum reinen Toren, sondern zum unwiderstehlichen Verführer zur sinnlichen Freude. Er muß unterrichtet werden, methodisch und genau, so wie er das ABC lernt, mit welchen Mitteln in einem Mädchen die Glut anzufachen ist. Schulen müßt ihr gründen, in denen gelehrt wird, wie ein Mann ein Mädchen nimmt und sie zum Weibe macht, in denen die Sinnlichkeit geübt wird und die Kunst zu lieben, zur Liebe zu verführen. Denn die höchste Sittlichkeit liegt in der Sinnlichkeit und die Wurzel alles Schlechten in der widernatürlichen Sucht der Mütter, ihre Kinder zu entmannten Engeln zu machen. Darum, wollt Ihr Frauen die Sittlichkeit heben, so hebt die Sinnlichkeit. Das Manuskript schließt mit drei Ausrufungszeichen, eines dicker 130 als das andere, dahinter aber steht mit Bleistift geschrieben ein Fragezeichen von Lachmanns Hand, und man hat mir erzählt, daß der kluge Doktor an jenem Nachmittag sehr nachdenklich nach Hause gegangen sei, nachdem endlich Frau Walters Wahl entschieden war.     21. Kapitel. Was eine Glocke ist. Agathe reist ab und Thomas spielt Eisenbahn. Unterdessen hatte Agathe ihren immer noch betäubten Bruder mit sich fortgezogen. Auf der Straße angelangt blieb er stehen. »Was war das?« fragte er. »Blamiert hast du dich,« fuhr Agathe auf und setzte ihm den Hut auf, den sie trotz aller Eile im Vorbeigehen aufgerafft hatte, »Dich und mich blamiert.« »Blam–, Ra–da–blam, radablam, blamiert. Natürlich. Nein, das Auditorium ist mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Diese Weiber tun, als ob sie einen festverschlossenen Keuschheitsgürtel statt einer Seele hätten. Aber die dicke Frau Wagner, die mit den Brillanten, die hat mich verstanden. Bei hellichtem Tage, vor ihrer aller Augen eilt sie durch den Saal und schwingt die Glocke.« Agathe sah ihn verblüfft an. »Was meinst du damit?« »Du hast Augen und siehst nichts und Ohren und hörst nichts. Du wirst doch wohl wissen, was eine Wölbung ist, in der sich ein Schwengel hin und her bewegt.« »Ich verstehe dich wirklich nicht.« »Der Schwengel, das war der selige Willen, und die Glocke, das warst du, und daß der Schwengel gehörig bewegt worden ist, hat neun Monate –.« »August!« » – Monate darauf Alwinens Klingelgeschrei bewiesen.« Agathes Hutbänder sträubten sich vor Entsetzen. »Schäme dich !« »Ich? Ich habe in jener Nacht vermutlich ruhig geschlafen.« 131 »August!« »Himmelkreuzdonnerwetter! Schockschwerenot, Bomben und Granaten, verfluchte Schweinerei –« Agathe taumelte schreckensbleich gegen die Wand. »– ich heiße Thomas.« »Ja, ja; also Thomas, sei doch nur ruhig, die Leute gucken ja zu.« »Ach was, Leute hin, Leute her, vom Glockenläuten ist die Rede. Diese dicke Weinhändlersche wollte gern öffentlich Beilager halten, wie die Königinnen der Hunnen oder wie Absalon mit den siebzig Weibern seines Vaters, und weil wir so etwas von Polizei wegen nicht mehr erlauben, hat sie mich durch das Packen am Haarschopf absalonitisch abgestempelt und die siebzig anderen Weiber haben mit weit aufgerissenen Augen – – –« In diesem Augenblick trat der Professor Kietz heran. »Ich freue mich, Sie noch zu treffen, Herr Weltlein, Ihre Rede war einfach famos. Das mit dem Privatunterricht der Knaben und Mädchen im Huren, Verzeihung, gnädige Frau, aber ich kann nur wiederholen, die Rede Ihres Herrn Bruders war einfach – –« »Haarsträubend,« fiel Agathe ein. »Ja, vielleicht auch das, aber schaden kann ein Studium dieser wichtigen Beziehungen des Menschengeschlechts nicht und insofern hat Herr Weltlein ganz recht. Durch die Klingelei hat ja Frau Walter auch dafür gesorgt, des Redners Worte unvergeßlich zu machen.« Thomas strahlte. »Siehst du, der Mann versteht mich! Ja, er versteht das Glockensymbol.« Kietz spitzte die Ohren. »Das Glockensymbol?« »Ach, das ist so ein brüderlicher Scherz.« Agathe trat verlegen von einem Fuß auf den andern. »Sie markiert schon die Glocke, und horch, da schallt's vom Turm!« Wirklich erklang eben die Glocke der katholischen Kirche. Der Professor schaute abwechselnd auf Thomas und auf die verlegene Schwester. »Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.« »Anständige Leute können es gar nicht verstehen,« fiel Agathe 132 ein. »Sie müssen auf den Unsinn nicht hören, den mein Bruder schwatzt.« »So, Unsinn? Hörst du nicht, was der Geist durch den Mund der Glocke spricht? Du bist doch selber eine Glocke. –« »Ich verbitte mir ein für allemal diese Ungezogenheit.« »Ja, hier muß der Glockenstrang ungezogen bleiben.« »August!« »Himmelkreuzdonnerwetter.« »Schockschwerebrett, Bomben und Granaten,« unterbrach der eben hinzutretende Lachmann. »Verfluchte Schweinerei,« ergänzte Thomas. »Also du besinnst dich noch auf meine Kirchenlieder vergangener Zeiten? Das ist nett von dir. Aber nun gedenket der Stunden und achtet des Symbols.« »Wenn Sie doch endlich die Güte haben wollten, mich über das Symbol aufzuklären, ich kann an dem Läuten nichts Besonderes finden.« Kietz hatte den Kopf in die Höhe gereckt, so daß ihm beinahe der Zylinder herunterrutschte, und starrte hoch zum Glockenstuhl hinauf. Thomas packte ihn am Arm, hob seine Hand und wies mit dem gestreckten Finger nach oben. »Was sehen Sie?« fragte er. »Einen Kirchturm und einen Hahn oben darauf.« »Ja, da steht er aufrecht und ragend und weist in den Himmel der Freude und unter ihm liegt die Kirche, die Braut.« Der Professor wich zwei Schritte zurück, riß die Augen auf und dann meckerte er los: »Das ist unglaublich, das ist unglaublich, das muß ich den Pfaffen unter die Nase reiben, das ist unglaublich.« Agathe war wie versteinert und hörte nicht einmal, wie Lachmann ihr zuraunte: »Schaff deinen Bruder weg, sonst gibt's ein Unglück.« »Unglaublich,« fuhr Thomas auf, »die Wahrheit ist immer unglaublich. Der Schoß der Kirche –« Kietz stürmte plötzlich quer über den Platz, dem Geistlichen entgegen, mit dem er neulich beim Lord das Erziehungsgespräch gehabt hatte. 133 »Kommen Sie Herr Pfarrer,« sagte er, »Sie müssen hören, was Herr Weltlein über die Kirche zu sagen weiß.« Er schob die Hand unter den Arm des Priesters und führte ihn zu dem Bürgersteig, wo Thomas Lachmann und Agathe, die ihn gewaltsam fortführen wollten, mit weit ausgebreiteten Armen von sich abhielt. Lachmann ließ die Hände sinken. »Jetzt ist nichts mehr zu retten. Der Pfaff verzeiht selbst den Verrückten keine Kirchenlästerungen.« Er lehnte sich resigniert gegen die Hausmauer; die Arme kreuzend tat er so, als ob ihn die ganze Geschichte nichts anginge. Agathe hielt immer noch den Arm ihres Bruders umklammert und, während ihr die Tränen herunterkollerten, rief sie einmal ums andere, »August, so hör' doch auf, August, so hör' doch auf«. Mitten in die feierlichen Verbeugungen, mit denen sich die Vorstellung des Pfarrers Adam vollzog, platzte Thomas, dessen Rede durch das Weglaufen des Professors unterbrochen war und dessen Backen infolgedessen von unausgesprochenen Gedanken aufgebläht waren, als ob er die Posaune des jüngsten Gerichtes blasen sollte, los: »der Schoß der Kirche empfängt durch die Taufe den Menschen als Kind Gottes. Die Kirche ist ideelle Braut, stets befruchtete Mutter der Gläubigen. Vom Weihwasserbecken bis zum Altar, wohlgemerkt, Altar der Liebe, spricht jeder Stein, der die säulengetragene Wölbung hält und bildet, jede Kapelle, jedes Fenster, die Apsis, die Krypta: hier ist Mutterschaft. Der Turm weist es, die Glocke läutet es, der goldene Hahn kräht das Mysterium von der Gotteshochzeit in Sturm und Wind hinaus. Die Gestalt der Kirche, ihre Bauart, ihre Ausstattung sind nicht Zufallsgebilde, nicht Erfindungen der Kunst, noch weniger logische geschichtliche Entwicklungsformen, wie es die flachen Bücher ästhetischer Banausen lehren; so wie die Kirche ist, mußte sie sein, sie drückt harmonisch vollkommen aus, was sie ist. Ist es nicht so, Herr Pfarrer?« Kietzens Füße hatten sich wie von selbst in die fünfte Tanzpositur gestellt, der rechte höchst schön über den linken, in dem rötlichen Spitzbart des etwas geneigten Kopfes spielte seine eine Hand, die in einem hellgelben Handschuh steckte, während der Arm sich auf die andere stützte und seine Augen lugten möglichst mephistophelisch über die Brille hinweg nach dem geistlichen Herrn. 134 Der aber antwortete freundlich. »Ungefähr ließe es sich so ausdrücken und daß die Übereinstimmung zwischen Idee und Gestalt der Kirche nicht dem Zufall zu verdanken, auch nicht Folge irgend welcher menschlichen Entwicklung ist, fühlt ein jeder, der in das Gotteshaus tritt, wie viel mehr ich, dem täglich sich neu das Mysterium der Formenharmonie des Baues offenbart«. Der Professor wendete sich um zu Lachmann, der noch immer verdrossen an der Wand lehnte und dessen Erregung sich nur ab und zu in kurzen Hieben seines Stockes verriet. Thomas hatte den Blick auf den Freund gerichtet: »Ich kann mir denken, daß du mich hauen möchtest. Ihr Ärzte seid die geborenen Sadisten, symbolische Bluthenker, Schinder und Giftmischer, aber denke nur nicht, alter Knabe, daß du Weltleins Gedankenbrut mit andeutenden Stockschlägen bändigst. Ich gehe lange schon schwanger damit, und sie zurückzuhalten wäre ebenso dumm, als wenn du einer Kreißenden einen Pfropfen vor die Scheide legen wolltest.« Agathe suchte ihn fortzuziehen. »Schäme dich,« rief sie, »auf offener Straße solche Dinge.« »Hast du nie von Sturzgeburten auf offener Straße oder in der Droschke gehört? Die Gebärmutter kümmert sich doch nicht darum, ob ihr im Promenadekostüm oder im Hemde seid. Und daß sich der Herr Pfarrer, den du so ängstlich anschaust, als Junge in die Hosen gemacht hat, was doch auch eine Sturzentbindung ist, wird wohl vorgekommen sein.« Der Geistliche nickte sauersüß lächelnd, die Situation wurde unbehaglich. »Und siehst du nicht, wie die Damen jetzt aus dem Gymnasium strömen? Was aber ist ein Haus anderes als ein Uterus.« Pfarrer Adam schielte nach der Menge der schwatzenden Weiber in der Hoffnung, dort etwas zu finden, was ihm einen Vorwand gäbe um loszukommen, während Kietz wieder an ihn herangetreten war und ihn am Ärmel festhielt. »Nie wäre die Menschheit,« fuhr Thomas triumphierend fort, »auf den Gedanken gekommen, ein Haus zu bauen, wenn sie nicht 135 gesehen hätte, wie sicher das Kind im Mutterleibe ist. Nicht zum Schutz vor Regen und Schnee, vor Tier und Feind wurde das Haus erfunden, sondern der Eros zwang die Menschen dazu. Es ist eine einfache Nachbildung der Zeugungsorgane des Weibes, nicht wahr, Herr Professor Kietz. Zwangsweise entstanden, etwa wie die photographische Kammer als Nachbildung des Auges oder die Eisenbrücke als Nachbildung der Knochenstruktur. Die Sprache bewahrt es ja noch auf, diese Entstehung. Atrium, Vestibulum, so nannten die Römer den Hauseingang und wir den Eingang zum Weibe und ein Impluvium ist hier wie da. Die Kirche –« – Pfarrer Adam hatte sich von dem Griff des Professors befreit, aber Thomas hielt den Davoneilenden am Rockzipfel fest. »– ist in ihrem Bau noch nicht einmal so klar, wie der jüdische Tempel, da haben Sie zwischen Tempel und Allerheiligstem den Vorhang, durch den nur der Hohe Priester –« »Da geht Deine Wanze, Thomas,« fiel ihm Lachmann ins Wort und wies auf den vorbeistreichenden Keller-Caprese, der nach irgend einer Kneipe hinstrebte. Mitten im Satz brach der prophetische Zweifler ab und eilte mit langen Schritten hinter seinem Blutsauger her, während der Pfarrer, seine Rockzipfel betrachtend, ohne ein Wort zu sagen, nach rechts schritt. Auch Kietz verabschiedete sich kurzer Hand. Lachmann faßte seine Cousine unter dem Arm und schleppte sie, die mehr tot als lebendig war, in seine Wohnung. Eine Viertelstunde später erschien auch Thomas. Er achtete gar nicht auf den vorwurfsvollen Blick der Schwester, der jeden Anderen auf die Knie gezwungen hätte, so schwer beladen war er mit heiliger Entrüstung, und ehe noch Lachmann, dessen hochgerecktes Haupt und auf den Rücken gelegte Hände nicht minder klar als vorhin die Lufthiebe andeuteten, was er innig wünschte, den Mund öffnete, hatte er ein weißes Kärtchen mitten auf den Tisch gelegt, sich davor gesetzt und, den Kopf auf beide Arme gestützt, sich in die Betrachtung der Zeichnung auf dem Blatte versenkt. »Es stimmt« sagte er, richtete den Blick erst auf die Schwester, dann auf den Vetter und fügte hinzu, »stimmt es nicht?« Diese Worte, die in meilenweiten Fernen von dem lagen, was die 136 Beiden beschäftigte, erinnerten Lachmann daran, in welchem Zustand der Narr dort war. Er trat vor und sah dem Freund über die Schulter. »Meine Visitenkarte« sagte Thomas und sah seinen Vetter herausfordernd an. Agathe war auch hinzu getreten und Beide riefen in gleicher Verwunderung: »Visitenkarte! Du, das ist aber schwer zu verstehen, eigentlich sieht es mehr aus, wie ein Bilderrätsel.« »Das freut mich« sagte Thomas, »die Welt ist eben schwer zu verstehen und Rätsel gibt sie genug auf, aber nun rate auch.« Agathe holte ihre Brille aus einem silbernen Futteral, das ihr vom Gürtel herabhing, setzte sie umständlich auf, so daß Thomas gereizt mit seinen Fingern auf den Tisch zu trommeln begann, und sagte schließlich: »Das Eine sieht aus wie ein zerbrochenes Beil und das Andere scheint ein kleiner Globus zu sein, aber verstehen tue ich es nicht.« »Bravo!« »Das ist der reine Unsinn,« fuhr sie giftig fort, »solch eine Visitenkarte ist keine Visitenkarte. Geh in den nächsten Papierladen und laß Dir ›Thomas Weltlein‹ darauf drucken, dann weiß jeder vernünftige Mensch, wer Du bist.« Thomas sah sie höhnisch an. »Kannst Du nicht lesen, daß ›Thomas Weltlein‹ darauf steht?« Er freute sich, wie die Schwester nochmals den Versuch machte, auf dem Papier irgend welche Buchstaben zu entdecken. »Du solltest wirklich wieder zu deinen Kochtöpfen zurückkehren, die Bäuchlinger Welt paßt für Dich. Na, und Du anatomisch, physiologisch, chemisch und bakteriologisch geblendeter Medizinmann, kannst du auch nicht sehen, was da geschrieben steht in Keller-Caprese-Weltleinschen Buchstaben!« Lachmann trommelte in deutlichem Unbehagen mit der rechten Fußspitze auf den Boden. »Die Kugel da ist Weltlein, aber dies zerbrochene Beil mit dem S dahinter –« »Na also, los!« »Soll vermutlich Thomas bedeuten.« »Vermutlich, aber wie, mein Freund, wie?« Lachmann zuckte die Achseln. 137 »Ich werde es Euch erklären, was Ihr da Beil zu nennen beliebt, – Du darfst auch zuhören Agathe – ist kein Beil, sondern ein Tomahawk. Nimm die letzte Silbe weg und füg' ein S zu, dann hast Du Thomas. Wie findest Du das?« »Dumm!« »Siehst Du, ich auch. Gerade deshalb ist es so genial; kindlich, naiv, natürlich, primitiv, beinahe steinzeitaltrig einfach. Ja und in dem Tomahawk – merkst Du nicht? –« Er flüsterte »Die neue Welt.« Lachmann nickte. »Und der Friede,« fügte er hinzu. Thomas sah ihn forschend an: »Hast Du auch Wanzen,« fragte er. »Weil ich Deine Sprache verstehe? Nein. Ich bin nur gewöhnt, durch meinen Beruf gewöhnt –« »Bitte, hör' mit Deinem Beruf auf. Du hast ein métier und noch dazu ein stinkiges, Wanzen am Leben zu erhalten, saugfähig zu erhalten. Denn Kranke sind –« »Wanzen« fiel Agathe ein. »Ja, und weil Du krank bist – denn solch dummes Zeug und so gewöhnliche, abscheuliche Sachen schwatzt man nur, wenn man krank ist – so gehörst Du nach Hause und ins Bett.« Sie setzte den Finger so energisch auf die Tischplatte, als ob sie eben einem solchen roten Bieste den Garaus machte. »Natürlich, in Dein verdrecktes Wanzenhaus,« höhnte Thomas und weidete sich daran, wie der Schwester runder, etwas kurzer Finger vor Schreck zusammenknickte. »Und ins Bett kriecht die Wanze mit und Du stänkerst mir dann die unsaubern Geister mit Petroleum aus, bis ich mit diesem Öle Petri ganz durchtränkt bin und wie Du und der heilige Petrus den Herrn verleugne.« Agathe sah mißbilligend zu dem schweigsamen Lachmann hinüber, der zurückgelehnt dasaß und aufmerksam beobachtend die ausgespreizten Fingerspitzen gegen einander wippte. Also aufgefordert mischte er sich in das Gespräch. »Wieso hat Agathe den Herrn verleugnet?« »Den guten Willen hat sie verleugnet.« »Ich habe stets guten Willen anerkannt,« rief Agathe, »du hast aber keinen.« »Das behaupte ich auch nicht, aber du hast deinen eigenen 138 Willen, deinen Eheherrn verleugnet, im Angesichte des Hahns hast du seinen Hahn verleugnet, vorhin mitten auf dem Markt.« »Ich verstehe nicht, was du mit dem Hahn meinst.« Agathe sprach mit spitzen Lippen und kleinem Munde und jede Silbe tönte scheinheilig, süß, fremd, als ob sie in eine Röhre hineinspräche. Sie war fast blaurot vor Anstrengung. »Wenn du dich nicht sofort besinnst, was wir als Kinder Hähnchen, Piephähnchen nannten, frage ich telegraphisch bei meiner Amme an«. Agathe wagte keinen Laut mehr. Mit den halb offenen zugespitzten Lippen stand sie da und keuchte. Lachmann war zornbebend aufgesprungen: »Untersteh dich nicht!« schrie er den Freund an. Thomas verzog keine Miene. »Sie soll nach Hause reisen. Sie begreift es doch nicht, daß der vergoldete Wetterhahn der Kirche dasselbe ist, wie der vergoldende des Kindes, oder vielmehr sie will es nicht begreifen. Unterdessen verlobt sich ihre Tochter und sie kümmert sich nicht darum. Aber sieh dich vor, Agathe, auch ein geistlicher Hahn springt unversehens in einen frischen Korb.« Agathe sank in einen Stuhl: »Schändlich, schändlich,« stammelte sie. Lachmann hatte Thomas am Kragen gepackt und schüttelte ihn, als ob er mit des Vetters Gesicht einen Nagel in eine Steinwand schlüge. »Sofort widerrufst du,« schrie er keuchend und dabei schien er den Ofen für Agathe zu halten, wenigstens drängte er blindlings den Missetäter nach der Ofenecke zu. Da warf sich der geängstigte und halb erwürgte Thomas mit der ganzen Schwere seines großen Körpers nach hinten über, der kleine Lachmann brach unter der unerwarteten Last zusammen, und mit der Hand in die Luft greifend stürzte er nach hinten über, vergraben unter der fleischigen Masse seines Vetters. Agathe sprang hinzu. »August!« rief sie. »Himmelkreuzdonnerwetter.« »Schock schwere Brett!« klang Lachmanns Stimme halb erstickt unter ihm. »Bomben und Granaten!« fiel Agathe in einem Moment der Erleuchtung ein. 139 »Verfluchte Schweinerei!« vollendete Thomas lachend und setzte sich aufrecht, während Lachmann vergeblich mit den Ellenbogen sich in die Höhe zu stemmen suchte.« Setz dich auf meinen Schoß, Schwesterherz, dann sind wir die heilige Anna selbdritt.« Mit Agathes Hilfe hatte sich Lachmann in die Höhe gekrabbelt und hielt prustend seinen runden Bauch. »Du hast einen unerlaubt fetten Bauch, Thomas, du mußt fasten.« Weltlein saß noch immer still vergnügt auf dem Boden: »Fett?« fragte er verwundert, »das hältst du für Fett. Du hast doch vorhin bei den Weibern gehört, daß ich schwanger bin, geistesschwanger.« »Ah,« erwiderte Lachmann und hielt sich die Nase zu, »dann ist es also eines von deinen Geisteskindern, was jetzt in die Windeln gemacht hat.« »Natürlich, hast du nicht gehört, mit welchem Knall es die Welt begrüßte? Übrigens merke es dir, du weiser Doktor, niemals wird ein Mensch dick, es sei denn aus Sehnsucht nach Kindern.« Agathe schüttelte sich vor Lachen, tat aber sittlich entrüstet: »Ferkel seid Ihr alle beide. Du Lachmann, na ja, aber von dir Thomas hätte ich das nicht erwartet.« »Und ich hätte erwartet,« entgegnete er und sprang auf, »daß Du endlich Alwines Brief liest.« »Mein Gott, den hatte ich ganz vergessen.« Agathe sprang auf und suchte ihre Tasche, die wie gewöhnlich verlegt war – diesmal lag sie auf Lachmanns Stuhl – und während die beiden Männer sich gegenseitig abstäubten, durchflog sie den Brief, ließ ihn sofort fallen, raffte den Hut vom Tisch und stülpte ihn auf. »Was ist denn los?« fragte Lachmann besorgt, während Thomas den Brief aufhob und seinerseits las. »Ich muß sofort nach Bäuchlingen«. Sie band wirr die Hutbänder durcheinander. »Alwine hat sich verlobt.« »Was?« »Ich habe es dir gleich gesagt,« triumphierte Thomas, »und weißt Du, wo sie sich verlobt hat, Lachmann? In einer Kapelle, in der Mariahilfkapelle. Ist das nun etwa nicht Ansteckung. Ein junges Mädchen, ein Geistlicher, eine Kapelle, ist es denn denkbar, daß 140 sie sich nicht verloben? Ja, beeile dich nur, sonst hilft Maria zu viel,« rief er der davoneilenden Schwester nach. »So, die sind wir los.« Lachmann zog die Uhr, knipste aus alter Gewohnheit den Sekundenzeiger an und sagte. »Vor heute Abend geht kein Zug, sie wird also in einer halben Stunde wieder hier sein.« »Da kennst du meine Schwester schlecht; sie setzt sich in den Wartesaal und hütet ihre Hutschachtel und regt sich nicht vom Platz, bis der Zug abgeht. Sie hat das Eisenbahnspielen zu lange entbehrt, als daß sie nicht ein paar Stunden Unbequemlichkeit hinnähme, um die Puffpuff zu sehen.« Er stellte sich in die Mitte der Stube, nahm die Ellenbogen an die Seiten und fuhr als Lokomotive sch, sch, keuchend, die Arme vorstoßend im Zimmer auf und ab. Lachmann hielt noch immer die Uhr in der Hand und drehte seinen dicken Kopf bald nach rechts, bald nach links, dem großen Kinde mit den Augen folgend. »Wenn du Bahnwärter spielen willst,« rief ihm Thomas im Laufen zu, »mußt du eine rote Fahne haben.« Lachmann griff mit der freien Hand in die Tasche und schwenkte ein mächtiges Taschentuch in die Höhe. »Nein, weiß gilt nicht.« »Ich habe kein rotes.« »Du kannst ja ein wenig aus der Nase bluten.« »Berlin, alles aussteigen!« rief Lachmann, steckte Taschentuch und Uhr ein und erhob sich. »Das wäre übrigens eine kapitale Idee, wenn wir beide nach Berlin gingen.« »Ja, ja,« sagte Thomas, »aber sag mal, warum ist Nasenbluten so unangenehm?« »Es tropft, es macht dreckig, es ist unbequem.« »Wie flach du bist,« rief Thomas. »Nasenbluten geht wider die Natur. Die Nase ist als hervorragendes Glied exquisit männlich, das Bluten exquisit weiblich, das Nasenbluten also hermaphroditische Unnatur. So, nun können wir morgen nach Berlin fahren. Ich empfehle dir aber, bis dahin Studien über die Lokomotive zu machen, in der göttliche Geheimnisse verborgen sind. Mit Agathe behalte ich, wie du siehst, recht; sie kommt nicht wieder.« 141 »Als galanter Vetter werde ich auf den Bahnhof gehen und sie ätzen und tränken.« Lachmann war vor den Spiegel getreten, ordnete seine vom Sturz zerrüttete Kleidung und ging mit den Worten: »Wir können uns in einer Viertelstunde im Löwen treffen.« Thomas nickte nur. Er hatte die Visitenkarte vor sich und kritzelte darauf herum. Agathe saß wirklich im Wartesaal, auf dem Schoß eine Handtasche haltend, mit der rechten Hand den Schirm, mit der linken die Hutschachtel schützend – gegen Taschendiebe, sagte sie. Als Lachmann später einmal seinem Vetter von dieser Situation der Schwester erzählte, lachte er laut auf. »Das hätte meiner Schwester gepaßt, einem Taschendieb zu begegnen. Bahnhofshalle, Eisenbahn, Handgepäck, Taschendieb, die entschlossenste Witwe könnte solcher Versuchung nicht widerstehen.« Weder im »Löwen«, noch sonstwo trafen die beiden den Repräsentanten des neuen Zeitalters. Agathe reiste, immer noch – trotz aller Diebe – im Besitze ihrer Handtasche, des Schirmes und der Hutschachtel ab, ohne den Bruder wiedergesehen zu haben, und auch aus Lachmanns Reise nach Berlin wurde nichts. Thomas war verschwunden, nur die Visitenkarte hatte er zurückgelassen und darauf ein Gebilde gezeichnet, das er später für ein durchgehendes Pferd erklärte, während Lachmann behauptete, es sei ein Esel und eine freche Anspielung auf ihn. Erst lange Wochen nachher wurde Lachmann durch einen Brief veranlaßt, den verschollenen Freund wieder aufzusuchen.     22. Kapitel. Nicht wahr, zwei Damen? Und' der Schlag aufs Paradiesesäpflein. Thomas war, sobald er annehmen konnte, daß Agathe den Bahnhof geräumt hätte, dorthin geeilt und hatte sich, vereint mit dem seiner harrenden Keller-Caprese, in dem Zug nach Berlin niedergelassen. Er freute sich wie ein Schulknabe, seinen beiden 142 Aufpassern entronnen zu sein, und um dieser Freude Ausdruck zu geben, setzte er sich dem Reisegefährten auf den Schoß, was ihm eine Mahnung, sich anständig zu betragen vonseiten des streng königlich preußisch gerichteten Schaffners eintrug. Er wollte sich gerade mit der Behauptung zur Wehr setzen, daß er lediglich Mutter und Kind mit seinem Freunde spiele, was bei dem riesigen Knebelbart Keller-Capreses, seinen haarigen Händen und der dicken Zigarre zwischen seinen Zähnen schwer zu glauben war, als vom Gang her eine Dame in das Coupé hineinäugte und mit den Worten: »Nein, wie ich mich freue, lieber Meister, Sie hier zu treffen,« beide Hände zum Gruß vorgestreckt, auf Keller-Caprese zueilte. Thomas sprang sofort auf und während der Maler mit gut gespieltem Erstaunen der Dame die Hand küßte und ihr dabei zuflüsterte: Ich fürchtete schon, Ihr würdet nicht kommen« – half Weltlein einem jungen Ding in etwas kurzen Kleidern mit einem kindlich rundbackigen Engelsgesicht, das Handgepäck im Netz unterzubringen. »Es ist reizend, Sie und Ihr Fräulein Tochter nach so langer Zeit zu sehen, Frau von Lengsdorf. Hoffentlich führt uns der gleiche Weg nach Berlin.« »Gewiß, gewiß.« Die Dame lächelte den Schaffner, als sie ihm das Billet zur Kontrolle zeigte, ebenso bezaubernd an wie den Künstler. »Ich will der Kleinen ein wenig die Hauptstadt zeigen und sie in die Gesellschaft einführen. Die Fürstin Pleß bat schon lange darum, ihr das Kind einmal mitzubringen und Prinz Victor hat uns Karten zum Subskriptionsball besorgt. Da soll sie dann Majestät vorgestellt werden. Nicht wahr, Helene?« Thomas, der gerade eine Ladung Schirme oben im Netz unterzubringen suchte, guckte mit halb gewendetem Kopf an seinen ausgestreckten Armen vorbei zu dem jungen Mädchen herab, pustete langsam durch die zugespitzten Lippen und sah in seinem erkünstelten Respekt so drollig aus, daß das Fräulein erst heftig errötete, ihn dann voll und offen anblickte und zutraulich zulächelte. Frau von Lengsdorf, deren große Smaragdohrringe bei jeder Bewegung die Menschen zur Bewunderung der reizenden 143 Ohrmuscheln aufzufordern schienen, warf einen fragenden Blick auf Keller-Caprese und streckte dann nach glücklich verlaufener Vorstellung dem hilfsbereiten Weltlein ihre Hand entgegen, als ob sie einen vertrauten Freund nach langer Trennung wiedersähe. »Ihr Freund Lachmann hat mir von Ihnen erzählt, nicht wahr, Helene? Und in Bäuchlingen sind Sie zu Hause. Solch ein wunderhübsch gelegenes Städtchen, nicht? Du besinnst dich doch, Kind. Bäuchlingen mit der schönen Aussicht oben auf dem Berg, wie heißt er doch, nun, du weißt es doch, nicht, Liebling? Burg –« »Ah Sie meinen die Lügenburg, nicht?« half Thomas aus und begleitete diese Erfindung seiner Phantasie mit einem zufriedenen Lachen, das ihm den Bauch erschütterte. »Richtig, richtig,« mischte sich jetzt Helene in das Gespräch. »Ich besinne mich jetzt ganz gut. Wir waren mit dem Grafen Andor oben. Ich sehe ihn noch, wie er auf die Mauerbrüstung kletterte, um dort ein Glockenblümchen zu pflücken.« Sie sah mit den Unschuldsaugen traumverloren in die Vergangenheit. »Ich hatte schreckliche Angst, er könnte fallen und der Abgrund war –« »Ach ja, der gute Andor,« sagte Frau von Lengsdorf, »er hätte gewiß sein Leben hingegeben, wenn er dir damit hätte Freude machen können, nicht?« und dabei strich sie ihrem Töchterchen über die Wange und ließ ein kostbares Armband im Lichte spielen. »Sie sollten auch einmal nach Bäuchlingen kommen, lieber Meister,« wandte sie sich an Keller-Caprese. »Das ist eine köstliche Idee,« jubelte das Fräulein, »wir wollen uns alle dort treffen und auf der Lügenburg Kaffee trinken.« Frau von Lengsdorf war im Begriff, ihren Schleier hochzuheben, hinter dem sie ein paar Falten verbarg, mitten in der Bewegung stutzte sie. Thomas nickte ihr freundlich zu und sagte: »Ich muß Ihnen mein Kompliment machen, gnädige Frau, das heißt, eigentlich muß ich Ihnen eine ganze Menge machen. Sie besitzen ja alles, was man an Vollkommenheit am Weibe wünschen kann, nicht? Schönheit, Grazie, Liebenswürdigkeit, und Ihr Fräulein Tochter auch, nicht wahr? Aber vor allem, Sie haben Ihr Kind gut erzogen. Haben ihr das mitgegeben, was Sie selbst in so hohem Grade besitzen 144 und was sich nun bei der Tochter zur Vollkommenheit entwickelt hat, nicht wahr, Keller-Caprese?« Dem Maler war ungemütlich zu Mute, er nickte nur, während Frau von Lengsdorf sich verbindlich ihrem Gegenüber zuneigte und ihre schönen Zähne zeigend, sagte: »Ja, ich habe mir Mühe gegeben mit dem Kinde, aber ich weiß nicht, was bei mir so hervorragend und bei meiner Tochter zur Vollkommenheit entwickelt ist.« »Die Wahrheitsliebe, gnädige Frau.« Frau von Lengsdorf streckte ihm die Hand entgegen – »Welch ein schönes Wort.« Helene errötete kindlich unschuldig und Keller-Caprese hätte beinah die Zigarre verschluckt, so tief steckte er sie in den Mund, um nicht laut zu lachen. Thomas hielt die Hand der Dame, holte sich unbefangen die Helenens dazu und sagte: »Sehen Sie, wenn andere Leute lügen, dann suchen sie das zu verbergen, aber Sie, gnädige Frau, setzen, wenn Sie lügen, Ihren Worten ein »nicht« oder »nicht wahr« hinzu, das ist der Gipfel der Ehrlichkeit, nicht wahr?« Frau von Lengsdorf wurde zum ersten Mal in ihrem Leben verlegen und versuchte ihre Hand zurück zu ziehen. Thomas aber fuhr unbeirrt fort. »Der Gipfel? Den hat Fräulein Helene erklommen. Wenn sie etwas sagt, sei es, was es sei, selbst wenn sie das nicht wahr hinzufügt, glaubt man ihr. Solch kindlich reine Züge können nicht lügen; aber sie errötet und sie zwinkert mit den Augen, und man weiß dann, daß sie immer lügt.« »Mein Herr, diese Beleidigung –« Frau von Lengsdorf war im Begriff, den ganzen Plan, den sie mit Keller-Caprese ausgeheckt hatte, über den Haufen zu werfen, so wenig fühlte sie sich der Situation gewachsen, aber Thomas kam ihr zu Hilfe. »Verzeihung, ich wollte Sie nicht kränken, im Gegenteil, ich bewundere Sie. Ich halte das Lügen nicht für ein Laster, sondern für einen Grundpfeiler alles Schönen, Edlen und Herrlichen. Den Menschen lügen zu lehren sollte das Ziel aller Erziehung sein. Es wäre viel vernünftiger, ein Kind zu strafen, wenn es einmal zufällig die Wahrheit sagt, als es für das Lügen zu schlagen. Dem Kinde würde dann der schreckliche, in seinen Folgen geradezu verheerend wirkende Konflikt erspart, der daraus entsteht, daß die 145 Eltern immer lügen dürfen und immer lügen, während das Kind die Wahrheit sagen soll. Nehmen Sie die Lüge aus der Welt und es bleibt nichts übrig. Der Staat, der Handel, die Wissenschaft, die Religion – was ist es anders als Lüge? Und nun gar die Kunst. Keller-Caprese wird es mir bezeugen, er erzählt der Welt, daß er malt, aber er weiß, daß er lügt.« Helene wollte sich ausschütten vor Lachen über die Gesichter der beiden andern Zuhörer. Sie hatte den Hut abgenommen und spielte damit, bis er vom Schoß rutschte und über den Boden rollte. Als sie aufsprang und sich bückte, stieg in Thomas, bei so gefährlicher Nähe beider Weltenhalbkugeln, eine tolle Idee auf. »Warte du,« rief er und klapste ihr munter eines hinten drauf. Frau von Lengsdorf fuhr vom Sitz auf. »Was erlauben Sie sich,« keifte sie Weltlein an. Aber schon hatte der Maler, halb erstickt vor Lachen über das dämliche Gesicht des Mädchens, das vor Überraschung kein Wort hervorbringen konnte, sie am Arm gepackt. »Nimm dich doch in acht,« rief er ihr ungeniert zu, »du verdirbst ja alles.« Thomas hatte die Hand auf den Kopf der vor ihm stehenden Helene gelegt. »Ich sehe doch, daß sie es gewöhnt ist, wenn auch vielleicht von früheren Jahren her,« sagte er, »so wie sie legt nur jemand, der es gelernt hat, die Hand auf die bedrohte Festung, und auch Sie, Gnädigste, begleiten zu oft Ihre Worte mit Armbewegungen, die beweisen, wie gern und oft Ihre Hand ausrutschte, wie es die meine tat. Es wäre übrigens eine Beleidigung gewesen, wenn ich dieser appetitlichen Herausforderung beider Hemisphären nicht gefolgt wäre.« Er zog das Mädchen an sich heran, was sie benutzte, um sich dicht an ihn zu drängen und mit der Engelsmiene des Töchterchens ihre linke Brust in seine Hand zu schmiegen. Dabei zwinkerte sie dem Maler zu, der befriedigt erst die rechte, dann die linke Hälfte seines Schnurrbarts strich, die Zigarre in den Mund und beide Hände in die Hosentaschen steckte, sich zurück lehnte und vergnügt paffte. »Sehen Sie, Lügenmaler, wie sie jetzt zwinkert. Sie brauchen es nicht zu glauben, wenn sie sich an mich drückt, aber die Berührung der Halbkugel, sei sie vorn oder hinten, hat sie doch gern.« Helene stieß seine Hand fort und setzte sich nieder. Thomas fuhr unbeirrt fort. »Das ist die unsterbliche Evanatur. Mit solchem 146 Apfel verführte schon die Menschenmutter den Adam. Hoffen wir, daß ihre Brust so schön und prall war wie die dieses Kindes, für das ich gewiß kein richtiger Adam bin. Mit meiner 45jährigen Schlange darf ich das Paradiesesgärtlein nicht einmal betreten. Und beachten Sie doch,« er wurde immer eifriger, »und Sie, glückliche Mutter, die Sie dieses Wunder der Welt neun Monate lang trugen, welch ein schönes Beispiel innerer Ansteckung sie ist. Die Ohren sind unter der Frisur versteckt und sagen den wahren Spruch: Wer nicht hören kann, muß fühlen. Und um deutlich zu machen, wo das ersehnte Gefühl sitzt, ist das Haar scharf in der Mitte gescheitelt, ich sehe« – er fuhr den Scheitel mit dem Finger entlang, – »die liebliche Kerbe im Geist und fühle den Flaum des rundlichen Pfirsichs.« »Unverschämter,« brauste Frau von Lengsdorf auf und wollte seine Hand fortreißen. Aber Thomas holte aus seiner Hosentasche eine Hand voll Goldstücke, steckte sie wieder ein und sah die Mutter mit einem grausamen Blick an, so daß sich Helene wie in Erwartung einer Züchtigung duckte. »Umsonst ist der Tod, Gnädigste, und ich habe Narrenfreiheit.« Sie biß sich auf die Lippen, kniff sich in Keller-Capreses Arm ein und schwieg. »Die Mutter dieses wundervollen Kindes ist schon der Anbetung würdig, die reife Schönheit strotzt uns entgegen; aber welcher Unterschied der Charaktere, welche Weiterbildung, wie in der inneren Wahrhaftigkeit, so in der äußeren Form. Dort eine Brosche mit leuchtenden Steinen, die den Blick zur Doppelquelle der Lust und Mütterlichkeit lenkt; hier keine Spur von Schmuck, dafür aber – sehen Sie nur das Kinn, wie lieblich es gespalten ist, ein kleiner lieber Popo, einladend zum Tätscheln. Glauben Sie mir, die Seele bildet den Körper und alle die, die diese Kinnbildung haben, lieben das Schlagen. Wollen wir Schule spielen, Helenchen? Unartiges Kind spielen? In Wahrheit wieder einmal, wie wir es taten, als wir klein waren? Überlege es dir, wie nett es war, vom Spielgenossen übergelegt zu werden.« Das Mädchen sah starr vor sich hin, sie hatte das Kinn in die Hand gestützt, so daß der kleine Finger an den Lippen war und mit der anderen Hand öffnete und schloß sie abwechselnd die 147 Druckknöpfe ihrer Handschuhe, die vor ihr auf dem Schosse lagen, während Keller-Caprese den Knebel seiner Uhrkette im Knopfloch hin und her zog und Frau von Lengsdorf nervös mit dem Sonnenschirm gegen ihre Stiefelspitze klopfte. Thomas hatte die Arme über der Brust gekreuzt und sah scharf von einem zum andern. »Ansteckung,« sagte er plötzlich, »sie wissen nicht, was sie tun.« In diesem Augenblick eilte der Pikkolo des Speisewagens vorbei, rief sein gewohntes: »Das Diner ist serviert« und stierte dabei gierig nach der üppigen Brosche der üppigen Frau. »Den unmündigen Adam lockt, was reichlich rund ist. Die Säuglingsjahre liegen ihm näher als mir. Man sagt, ich sei lange mit der Flasche genährt worden; so etwas bleibt, nur wandelt sich mir Milch in Wein, Silber in Gold. Weiser Niedlich,« rief er in Erinnerung versunken, »wie gut, daß ich dich auf dem Weg der Schmerzen traf und von dir lernte, wie tief der Sinn des Geldes ist. Vermögen, Geld und Jugend« – er sah ernsthaft der Frau von Lengsdorf in das böse lächelnde Gesicht, »sind selten gepaart, und hat das Mädchen die leere Tasche, ist's gut, den Mann zu finden, der sie mit seinem Vermögen füllen kann. Nur hurtig muß man sein, Gnädigste, die Beine auseinander reißen, um vorwärts zu kommen. Auf die langen Beine kommt es an. Und –« er steckte wieder die Hände in die Hosentaschen und klimperte mit dem Gelde – »Helenchen weiß darauf zu laufen, in ihrer Unschuld geschickter als die Läufischsten. Die schlagen, wenn sie zeigen wollen, die Beine übereinander und wippen mit dem Fuß das Kleid ein wenig hoch, dies Kind,« er legte wieder die Hand auf Helenens Kopf, die voll Wut danach mit den Zähnen schnappte, »wird vom inneren Gott geleitet. Wenn es sich hinsetzt, wir sehen es alle, streicht es die Röcke mit der Hand nach unten, das ist sehnsuchtweckend und verheißend, ist das Verlangen nach der Gegenbewegung. Tief ist das Leben, glaubt es nur. Zuerst das Stehen,« er streckte den Zeigefinger aus, um ihn langsam zu krümmen, »dann das Zusammensinken beim Hinsetzen und danach ist's wohl richtig, das Kleid zu ordnen. Auf Wiedersehen, meine Damen, in Berlin, ich gehe speisen.« Er trat auf den Korridor hinaus und schritt in der Richtung des Speisewagens vorwärts. Als er die Gangtür zum nächsten 148 Halbwagen öffnete, stolperte er und fiel nach vorn. Nach einem Halt suchend, faßte er eine Coupétür, sie gab nach, schloß sich rollend und klemmte ihm, während er auf das eine Knie sank, empfindlich die rechte Hand. Unwillkürlich steckte er die schmerzenden Finger in den Mund, dann aber streckte er anbetend die Arme empor und rief laut und deutlich die Worte: »Heil dir, göttlicher Lenker, du läßt mich fallen, aber im Fall schaue ich Abgründe tiefsten Geheimnisses«. Nachdenklich betrat er den Speisewagen, blickte sich einen Augenblick um und setzte sich dann an einen Tisch, an dem schon zwei Herren Platz genommen hatten. Während dessen hatten die beiden Damen eine heftige Auseinandersetzung mit dem Maler, bei der eine die andere im Schimpfen auf Thomas und Keller-Caprese überbot. Dabei stand dem jungen Mädchen die größere Fülle und Deutlichkeit der Kraftausdrücke zu Gebot und wenn sich die Mutter in Schaf, Esel, Ochse erschöpft hatte, fing die Tochter damit an, dem Malerfreund einen Wasserkopf anzudichten und schloß damit, ihn einen Scheißkerl zu nennen. Und wenn die Mutter von Thomas als einem Schmutzfink sprach, brauchte Helenchen den Ausdruck: dickes Schwein und wollte sich ausschütten vor Lachen über die vergeblichen Anstrengungen, mit denen Keller-Caprese ihren lauten Redeschwall einzudämmen versuchte. »Warum hast du uns mit diesem Kerl zusammengebracht?« fragte Mutter Lengsdorf schließlich und die Tochter pflichtete ihr bei: »Mit diesem Biest, diesem Aas; diesem –« Hier unterbrach das Vorübergehen des Schaffners ihre Blütenlese von Schimpfworten und der Maler benützte die Pause, um zu rufen: »Aber Kinder, er ist doch ein Narr und hat Geld, und er wird es euch lassen, wenn ihr schlau seid. Auf Wiedersehen in Berlin, sagte er. Wartet bis dahin mit Schimpfen.« Helene sprang ihm auf den Schoß, zupfte ihn am Schnurrbart und wiederholte: »Geld hat er, reichlich viel Geld; wird er mich ins Theater führen und mir ein Auto halten, ein richtiges, niedliches Auto, mit frischen Blumen drin alle Tage?« Keller-Caprese bejahte es mit tausend Schwüren, und das Ende war, daß alle drei einen neuen Kriegsplan ausdachten, um den reichen Esel zu schröpfen. 149     23. Kapitel. Von der inneren Ansteckung, dem Artikel, Held Onan und der Entrüstung des Lesers. Thomas hatte gerade die Suppe gegessen und war dabei, ein Glas Rotwein zu trinken, als die drei eintraten. »Da hinten ist noch ein Tischchen für die Damen,« rief er, »Kellner, zeigen Sie den Damen den leeren Tisch, und Sie, Keller-Caprese, kommen hierher. Ich habe Ihnen zu erzählen.« Und dem Maler ein Glas Wein einschenkend, begann er: »Sie haben es nicht glauben wollen, daß ich besonders vom Schicksal geleitet werde, daß ich berufen bin und daß heimliche Kräfte über mir walten. Aber hier haben Sie den handgreiflichen Beweis.« Er streckte dem Maler seine geschundene rechte Hand hin. »Alles, was ich sage und tue, geschieht ohne meine Absicht; ich werde im wahrsten Sinne des Wortes gelebt, ja mir ist zweifelhaft, ob ich von einem Ich bei mir überhaupt reden darf.« Der eine der Fremden am Tische, der Thomas schräg gegenüber saß, ein älterer Herr mit einer Brille, dünnen, glattrasierten Lippen und grauem, kurzem Backenbart, wurde auf das Gespräch aufmerksam, fing an zögernd und dann endlich hastig zu essen und schien nicht übel Lust zu haben, an der Unterhaltung teilzunehmen. »Die Betonung des Ichs ist etwas, was überwunden werden muß,« sagte Keller-Caprese und wählte sorgfältig unter den Fischstücken aus, auf daß ihm nicht das beste entginge, »egoistische Naturen sind mir ekelhaft.« Thomas nahm wie gewöhnlich keine Notiz von dem, was sein Gegenüber sagte. »Als vorhin das Blendwerk der Hölle in Gestalt der beiden Damen in das Coupé trat und ich von dem Mutterschoß der Kunst aufsprang, klirrte das Geld in meiner Tasche, es warnte mich und jedesmal, wenn es gefährlich wurde, beim Evasapfel und dem Paradies des Mädchens, regte sichs in der Gegend meiner Hosentasche und klopfte gegen das Gold; sei sparsam mit deinem Vermögen. Und vorhin ging ich von euch mit dem Vorsatz, in Berlin die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen. Aber das Endaimonion hat 150 mich gerettet. Gerade als ich mir vorstellte, wie ich die jungfräuliche Türe sprengen werde und, um es mir deutlich zu vergegenwärtigen, die Gangtüre öffnete und nun den engen Korridor, der zum Speisewagen, als dem Bauch des Zuges führt, vor mir sah, strauchelte ich und fiel, so symbolisch den Sündenfall vorwegnehmend, der ja für mich nicht mehr in Frage kommt. Und meine Hand, die schon deutlich im Geist die prallen Äpfel der sündigen Freude griff, wurde gequetscht. Oh, ihr Ärzte, Forscher und Weisen,« fuhr er in Ekstase fort, »seht ihr es denn nicht, daß der Geist sich die Form schafft, daß der innere Gott Hephästos lahm werden ließ, um ihn der Aphrodite widerlich zu machen und ihn so der Schmiedekunst zu erhalten; daß Beethoven taub war, damit er nichts hörte als den singenden Dämon im Innern; daß Homer blind war, weil er nichts sehen sollte, was außer ihm vorging?« Der graubärtige Herr rutschte schon eine Weile auf seinem Stuhl hin und her, jetzt rückte er die Brille zurecht und unterbrach Thomas. »Was Sie da sagen, ist absolut nicht neu. Sie haben es buddhistischen Schriften entnommen und es ist in der Wissenschaft üblich, die Quellen anzugeben, aus denen man schöpft. Wer das nicht tut, begeht ein Plagiat, verstehen Sie, ein Plagiat. Sie sind ein Plagiator.« Er stieß die Worte mit solcher Wut hervor, daß es aussah, als ob er einen schweren Verbrecher vor sich hätte und im Begriff wäre, ihn zu überführen. »Wissenschaft, Wissen und Schaft,« nahm Thomas in seiner Weise die Entgegnung auf. »Dieser Schaft da,« er klopfte sich gegen die Nase, »ist ein ausgezeichneter Beweis dafür, daß der innere Mensch den äußeren schafft und wer von diesem Schaffen weiß, gehört gewiß zur Zunft der Wissenschaft, selbst wenn er ein Plagiator ist. Sehen Sie, der gebildete Sterbliche nennt so ein Ding Nase, noch dazu die Nase, während der Franzose wenigstens le nez sagt, mit Recht, denn solch ein Schaft ist männlich, absolut männlich. Das Weib entbehrt des ragenden Gliedes. Diese phallische Natur der Nase nun bedingt es, daß in ihrer Form sich die Triebe und innersten Seelenregungen des Menschen kenntlich machen. Die lange Nase verkündet die starke, erwachsene Seele, während die Stumpfnasigen auf dem Alter von 15 bis 17 Jahren stehen bleiben, an 151 den Lüsten der Übergangszeit Gefallen finden und selbst die Liebe spielerig betreiben. Die Kartoffelnase ist eine Flucht ins Weibliche aus innerer Angst vor der eigenen Kraft. Und nun bei mir. Mein Naser – es widerstrebt mir, die weibliche Form zu brauchen – ist rot, steht also unter dem Zeichen der Liebe, aber damit ich nicht zu oft zum Herkules der Omphale werde, erheben sich ringsum gelbe Pickel, bestimmt, die Weiber fort zu scheuchen. Denn letzten Endes brauche ich das Weib nicht, bin selbst Weib genug« – er schlug sich stolz auf den Bauch – »bin schwanger und überschwanger. Aber die Versuchung ist groß und – mögen Sie es glauben oder nicht – jedesmal, wo ich der Eva begegne, sprießt meinem Adam am Naser ein neuer Pickel. Ich möchte doch wissen –« er holte einen Taschenspiegel hervor und betrachtete sich – »Wahrhaftig, Helenchen hat mir einen neuen verschafft. So soll er denn auch spritzen, auf daß der Zauber gelöst, die Erregung abreagiert wird.« Er drückte den Pickel auf. »Diese Verschiedenheiten beim Gebrauch des Artikels in den verschiedenen Sprachen,« schob der Herr mit der Brille ein und schaute dabei sein Weinglas an, in dem das Licht spielte, als ob dort irgend eine Lösung seiner Frage zu finden wäre, »haben mir schon viel Kopfzerbrechen gemacht. Wir sagen die Sonne, aber der Grieche brauchte das Wort Helios und der Lateiner soll –« » Le soleil « ergänzte in diesem Augenblick der vierte bisher eifrig essende Tischgenosse. Der Graubart nickte gnädig. »Ganz richtig, le soleil , sehr gut und il sole , wenn man es weiter führen will. Um aber zum Schluß zu kommen, vermutlich stellten sich die Alten, oder um mich präziser auszudrücken, die heißer temperierten Völker, den Sonnenball als männliche Gottheit vor, weil sie mehr die vernichtenden Kräfte der ausdörrenden Hitze sahen; die Pestpfeile des Apollo, der ja vielfach mit Helios zusammenfällt, könnten die Strahlen sein –« »Hohoho«, lachte Thomas dumpf, »Strahlen, da haben Sie es doch. Seit wann kann denn das Weib einen Strahl hervorbringen, es spritzt bei ihr nach allen Seiten.« »Hohoho,« erklang es im Chor; Keller-Caprese hieb sich mit der flachen Hand auf das Knie und rief wiehernd: »Ja, und die 152 Griechen waren Seefahrer, Schiffer und hatten als solche Interesse für salzige Flüssigkeiten, für –« »Schiffen,« schnitt ihm Thomas das Wort ab. Der Herr mit der Brille schob die Unterlippe mißbilligend vor. »Wie dem auch sei, ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß es Sprachen gibt, die die Kraft der Helden im Bilde der Sonne verehren, vielleicht ließe sich auch sagen, das Zeugende, während wir mehr das Fruchtbare, das Mütterliche in ihr sehen, und –« er lächelte äußerst wohlwollend, »man geht wohl nicht zu weit anzunehmen, daß wir Deutsche mit unserm unseligen Nebelklima, unter dem der große Goethe so litt, auch die Launen des Weibes durch den femininen Artikel der Sonne andeuten wollen. Aber was sich auch immer darüber sagen läßt, für andere Gegenstände trifft es nicht zu. Was soll man beispielsweise dazu sagen, daß wir von dem Baum sprechen, aber dann wieder sagen die Birke.« Thomas erhob sich halb vom Sitz: »Buddha« rief er, »das Wirken des inneren Zwangs. Sie sind Lehrer und diese Beschäftigung mit dem erzieherischen, strafenden, schlagenden Beruf zwang Sie, das Beispiel der Birke zu wählen, oder besser, weil Sie die Rute lieben, wurden Sie Lehrer.« Der Herr hatte sich zurück gelehnt und lächelte so, als ob er eben in einen unreifen Apfel gebissen hätte. Als er gar sah, wie Keller-Caprese ihm einen Pfirsich so entgegen hielt, daß aus der Hand die roten Bäckchen geteilt vom Einschnitt hervorleuchteten, schlug er danach, faßte sich jedoch und erhob sich. Thomas drückte ihn wieder auf den Stuhl. »Nein, nein, Herr Professor,« bat er, »Ihre Mitteilungen sind zu interessant, Sie sind gewissermaßen Sachverständiger, lassen Sie uns doch plaudern und achten Sie nicht auf die dummen Streiche dieses albernen Jünglings. Wir sind beide noch nicht mit unserem Erguß fertig und solches Unterbrechen ist schädlich. Ich habe nur in diese Dinge ein wenig die Nase hinein – und es heißt doch der Naser, es muß der Naser heißen. Hineinstecken, das ist doch männlich, und einen langen Naser machen, dem Weib gelingt solch Langwerden nicht.« Wieder mischte sich der Vierte ein, während er, hingerissen vom Vergnügen, ohne hinzusehen aus seiner Zigarrentasche eine 153 Zigarre herauszuholen suchte. »Eine lange Nase drehen, nein, das kann das Weib nicht, wenigstens nicht bei sich, um so öfter bei uns.« Er hatte endlich die Zigarre vorgeholt und schnitt die Spitze ab. Thomas sah gespannt zu, dann wandte er sich ab mit dem einen Wort: »Kastration.« »Wir haben,« begann der Professor von neuem, »mannigfache Zeichen des weiblich abgestimmten Tones unserer Sprache. So ist es auffallend, daß für den Lateiner Mensch und Mann dasselbe ist, homo , l'homme bei den Franzosen, das Weib ist für sie kein voller Mensch.« »Abdesnitten,« fiel Caprese ein. »Nein, immer so dewesen,« warf der Vierte ein. Der Professor ließ sich nicht beirren. »Ihnen ist die Frau eine Sache. Ma chose , sagt der Franzose vom Weibe.« »Das Mensch,« fügte Keller-Caprese wieder ein, er sah dabei auf die vorübergehende Frau von Lengsdorf, die ihm einen vernichtenden Blick zuwarf, während Thomas im stillen wieder den Zwang feststellte, der den Maler gerade in diesem Augenblick zu seinem Ausdruck nötigte. »Weiblich?« ergriff Thomas das Wort. »Kennen Sie irgend ein Volk, wo der dicke Bauch so Männermode ist, wie bei den Deutschen? Ist es da nicht selbstverständlich, daß wir eine Muttersprache haben, wenn selbst die Männer guter Hoffnung sind? Und diese Muttersprache ist die schlaueste, die es gibt. Doppelzüngig, versteckt wie jede Frau. Der ehrliche Franzose, der wahrheitsliebende Engländer haben keine Möglichkeit zu lügen, wie wir. Gleich im Beginn des Satzes müssen sie die Entscheidung über ja und nein geben, ne pas und not , sie lassen sich nicht wie bei uns an das Ende einer langen Periode stellen. Wir können uns überlegen, ob wir positiv oder negativ enden wollen, ja wir können eine Mitteilung mit der Absicht beginnen, ja zu sagen, und wenn es uns dann anders paßt, ist es uns möglich, ohne den Schein des Betruges zu verneinen. Wir sind reich gegen die anderen Völker, denn die Fähigkeit zur Lüge, zur wohlüberlegten, sinnvollen zweckmäßigen Lüge ist die Grundlage der Ehrlichkeit, Relativität, meine Herren, nicht absolut sein, darauf kommt es an. Im Sommer ist es kühl 154 bei 15 Grad Reaumur, im Winter nennen wir es warm. Und so ist es in allen Dingen. Wenn ich den Bart des Herrn Professors ansehe, ist er ein älterer Mann, wenn ich aber sehe, wie er eben Brotkugeln formt, ist er ein Kind.« Der Professor war zusammengefahren und hatte eiligst die Brotkügelchen mit der hohlen Hand bedeckt. »In gewissem Sinne bleiben wir ja wohl immer Kinder,« sagte er, »aber Sie dürfen doch nicht so weit gehen, das schlimmste Laster, das es gibt, die Lüge mit der Relativität aller Dinge zu verwechseln. Die Wahrheit ist relativ, zugegeben, aber Sie dürfen doch nicht –« Thomas wurde plötzlich braunrot vor Wut. »Ich darf nicht? Ich darf nicht? Gewiß darf ich. Und was wollen Sie überhaupt mit Ihren Lastern. Nächstens bringen Sie auch noch das geheime Laster zur Sprache und reden davon ebenso unbedacht wie vom Lügen.« »Sie sind reichlich grob, Herr –« »Weltlein, Thomas Weltlein. Ich bitte um Verzeihung, und bleiben Sie doch sitzen. Ich habe solch Vergnügen an Ihrer Unterhaltung. Aber sehen Sie, mit der Lüge habe ich doch recht. Alles, die ganze Kultur ruht auf ihr, ja ohne sie wäre die Menschheit gar nicht denkbar. Nehmen Sie nur eine so wichtige Sache wie den Stuhlgang – wir sind ja bei Tische und zu einer ordentlichen Mahlzeit gehört das Gespräch über diese unentbehrlichste Gewohnheit sich zu entleeren. Schon Luther stellt im Katechismus Nahrung und Notdurft zusammen, es ist eben eine Notwendigkeit, das Gefäß leer zu machen, wenn es wieder gefüllt werden soll, und infolge der geistigen Ansteckung muß beim Füllen an die Entleerung zum mindesten gedacht werden.« In diesem Moment erhob sich Keller-Caprese, der schon eine ganze Weile wippend auf dem Stuhl gesessen hatte. » Exemplum docet ,« lachte der Professor, »gehen Sie nur,« fügte er aus alter Gewohnheit hinzu, als ob er von irgend einem bedrängten Schüler um Erlaubnis zum Austreten gebeten worden wäre. »Also,« nahm Thomas wieder das Wort, »was würde wohl aus der Welt geworden sein, wenn die Mütter den Kindern nicht beibrächten, das Aa sei dreckig, stänke, sei ekelhaft. Das ist doch eine grobe Lüge. Denn in Wahrheit finden wir unseren eigenen 155 Dreck nicht dreckig, können es gar nicht, da wir ihn in unserem Bauch herumtragen, da wir die verwandelten Kuhfladen als Brot essen – wenn Sie noch einmal Brotkügelchen formen, kriegen Sie was auf die Finger – er stinkt uns auch nicht, oder kriechen Sie etwa nicht unter die Bettdecke, um recht intensiv im Geist zu genießen, was aus Ihnen herausblies; er ist uns auch nicht ekelhaft, denn ein jeder besieht es und freut sich an seiner rundlichen Wurst. Aber –« »Was würde aus der Welt werden, wenn den Kindern nicht abgewöhnt würde, sich in die Hosen zu machen,« grinste der schweigsame Vierte, der bisher mit dicken Lippen an seiner Zigarre gesogen hatte. »Oder wenn ihnen das Abwischen nicht angewöhnt würde,« fügte Thomas hinzu, und warf einen fragenden Blick auf den zurückkehrenden Keller-Caprese, »oder wenn die Erwachsenen gar noch wie die kleinen Kinder ihre Liebe durch Bescheißen der geliebten Persönlichkeit kundgäben? Nein, nein, die Lüge ist edel, ist erhaben, eine sittliche Forderung. Übrigens bescheißen, gäbe es denn Handel und Wandel, wenn diese überaus sittliche Gewohnheit nicht durch den Kaufmann lebendig erhalten würde? Unser freundlich schweigsamer Tischgenosse wird uns da Auskunft geben können. Sie sind doch Kaufmann, oder irre ich mich?« Der also Angeredete nickte. »Reisender der Firma Löwe und Sohn, Weinhandlung en gros und en detail.« »Dachte ich's doch. Wozu hätten Sie sonst so lange die Weinkarte studiert und dann den Kellner nach Weinen aus Ihrer Firma gefragt? Außerdem –« Thomas klopfte wieder an seine Nase » –  übrigens stehen Sie noch nicht auf der Höhe. Sie genierten sich, als ich vorhin vom roten Naser sprach. Der Ihre hat noch dazu einen Stich ins Blaue, die Sehnsucht nach dem Himmel spricht sich darin aus, der Zug ins Hohe, Überirdische. Und wo wäre das zu finden, wenn nicht im Wein.« Thomas wendete sich dem Zahlkellner zu und beglich seine beiden Rechnungen. »Der Wein an sich,« sagte der Reisende und kratzte nachdenklich an seiner Glatze, »wäre schon gut. Wohlgemerkt, wenn er gut ist. 156 Aber das Proben und Durcheinandertrinken mit den Kunden, dazu gehört ein Pferdemagen.« »Und sie müssen noch dazu Ihre eigenen Fabrikate vertilgen,« spottete Keller-Caprese. »Bitte sehr, die Firma Löwe und Sohn –« »Verwandelt nie Wasser in Wein,« fiel Thomas ein. »Aber nehmen wir an, daß wirklich aus dem Keller des Löwen nie mehr hervorgeholt wird, als eingefahren wurde, deshalb bleibt doch Wein ein heiliger Saft, schon die Bibel lehrt es. Nur die Sünder trinken sich selber zum Verderben. Wein und Religion gehören zusammen, bei uns wie bei den dionysischen Kulten der Griechen. So dient denn Löwe und auch sein Sohn der ewigen Kirche en gros und en detail; selbst wenn der Wein am Altare kein Lacrimae Christi und keine Milch unserer lieben Frau ist.« »Sie arbeiten in Blasphemieen, Herr Weltlein,« rief Keller-Caprese und bekreuzte sich als guter Katholik. »Das sind schon Todsünden, Sünden wider den heiligen Geist.« »Nicht ich gab den Weinen Namen,« erwiderte Thomas lächelnd, »und nicht ich habe das Abendmahl eingesetzt.« Der Professor, als kühner Atheist und Ecraseur de l'infame superstition , schmunzelte, während dem Reisenden vor Schrecken die Zigarre ausgegangen war. Er sah sehr nachdenklich aus, während er das Streichholz anzündete und ohne die Zigarre in Brand zu stecken, fragte er: »Was ist eigentlich die Sünde wider den heiligen Geist?« »Ananias,« rief Thomas ganz laut und lachte, als der Frager zusammenzuckte und sein brennendes Streichholz fallen ließ. Am ganzen Tisch herrschte verlegenes Schweigen. Der Reisende hatte ein neues Hölzchen vorgeholt, vergaß aber, es anzuzünden. Eine ganze Weile starrte er Thomas an, dann schlug er die Augen nieder, steckte die Zigarre in den Mund, hielt das tote Streichholz daran und sog, als wollte er den Stengel ohne Feuer in Brand setzen. »Gehören Sie auch zu den Leuten,« fragte Thomas und hielt ihm ein brennendes Streichholz hin, »die sich an der Vorstellung zu weiden suchen, weil sie den Reibungsakt für gesundheitsschädlich 157 halten? Und sollten doch wissen, daß es ohne Reibung kein Feuer gibt, daß die Selbstliebe den Funken des Prometheus schuf. Sonnenfeuer im hohlen Stab, verstehen Sie denn das nicht? Wir haben es doch alle nicht anders gemacht.« »Erlauben Sie,« rief der Professor. Und Keller-Caprese sekundierte: »Ich wüßte nicht.« »Aber ich weiß,« fuhr Thomas unbeirrt fort, »Sie mit Ihrem Pinsel sollten doch schweigen und weiter Landschaften mit Ihrem Öl produzieren, und der Herr Professor, die Art, wie er die Banane vorhin ablehnte – haben Sie schon einmal bemerkt, wie seltsam die halbgeschälte Banane gestaltet ist – und gar der Name: Banane – Ananas – Ananias – da ist doch kein Zweifel. Dieser Abscheu brachte mich ja auf den Gedanken, daß Sie auch Ihre Schüler vor geheimen Lastern warnen. Aber lesen Sie doch die Bibel. Es ist eine grobe Irreführung der Menschheit aus Geschäftsrücksichten, denn diese warnenden Büchlein sind verbreitet wie die Tuberkelbazillen. Es ist alles Schwindel. Lesen Sie nur nach: Held Onan –« In diesem Augenblick trat der Oberkellner an den Tisch. »Ich muß die Herren bitten, den Speisewagen zu verlassen, da sich die anderen Gäste über die Art des Gesprächs beschweren.« Thomas sah den Kellner mit weit aufgerissenen Augen an. »Beschweren, warum denn?« Der Professor hatte sich sofort erhoben und eilte davon, ebenso floh Keller-Caprese vor dem drohenden Gewitter. »Man findet,« sagte der Oberkellner, »daß Ihre Worte den Anstand verletzen.« »Ja, sind denn die Leute unsere Gouvernanten?« fragte der Handlungsreisende giftig, stemmte den Ellenbogen auf den Tisch und schob die Zigarre in den Mundwinkel. »Die Herren drohten mit der Polizei und sie haben recht. Den Ausdruck ›Verletzung des Anstandes‹ habe ich nur mildernd gebraucht, es fielen ganz andere Worte.« Thomas hatte sich umgedreht und begaffte die anderen. »Und dabei haben diese Kerle samt und sonders Zigarren im Munde. Phanerophallen!« Der Weinreisende war jetzt die vollkommene brutale Renitenz. 158 »Es fällt mir gar nicht ein, den Speisewagen zu räumen.« Er lehnte sich zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen. Thomas ahmte jede Bewegung nach. »Mir fällt es auch nicht im Traume ein,« pflichtete er bei. »Wenn die Herren –« »Ich werde bis zur nächsten Station, an der ich aussteige, hierbleiben.« »Und ich auch,« sagte Thomas und gab sich Mühe, auszusehen wie ein Dorfheld aus Oberbayern kurz vorm Raufen. »Dann muß ich den Zugführer –« »Ist nicht nötig«, unterbrach Löwe und Sohn. »Der Zug fährt gleich in die Station ein. Ich steige hier aus.« »Und ich auch.« Beide erhoben sich, setzen die Hüte in den Nacken und marschierten im Gänsemarsch, der Reisende wie eine Lokomotive Dampf blasend, Thomas in Ermanglung einer Zigarre pustend aus dem Wagen.     24. Kapitel. Großes und kleines Geschäft. Der Kegelkönig. Auf dem Perron machte der fremde Herr halt, drehte sich nach Thomas um und sah ihn aufmerksam an. Dann rückte er seinen Hut zurecht, was Thomas gewissenhaft nachahmte, so daß es einen Augenblick aussah, als ob er von einem Lehrer des Anstands Unterricht im Grüßen bekäme. »Schulze,« sagte der Herr. »Müller,« scholl es ihm entgegen, aber sofort folgte »Himmelkreuz –: Weltlein.« Schulze nahm weder von dem Doppelnamen noch von dem Fluch Notiz. »Die Kerle hatten eigentlich recht. Unser Gespräch war nicht für die Öffentlichkeit geeignet.« »Im Gegenteil,« erwiderte Thomas, »man kann es gar nicht laut genug sagen, daß die Selbstliebe –« Der Reisende schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Genug.« Er winkte einem Gepäckträger und beauftragte ihn, 159 seine Handkoffer in das Hotel ›Zum mutigen Ritter‹ zu bringen. »Wenn Sie hier zu bleiben gedenken –« wendete er sich an Thomas. »Ich habe durch Verlassen des Zuges Protest erhoben,« sagte Thomas stolz, als ob er den Speisewagenkellner dadurch auf das schmählichste bestraft hätte. »Ich gedenke noch heute nach Berlin zu fahren.« Er sprach wie ein König von Spanien, der soeben einen Rebellen gerichtet hat und nun zu seinen Regierungsgeschäften zurückkehrt. »Heute geht kein Zug mehr.« Schulze mißbilligte offenbar die gänzliche Unkenntnis des Fahrplanes. »Morgen früh 6 Uhr 19 Min. geht ein Personenzug, er ist um 10 Uhr 13 Min. in Berlin. Der Schnellzug fährt um 10 Uhr 04 Min., ist Punkt 12 Uhr Berlin-Anhalter Bahnhof. Das beste wird sein, Sie kommen mit in den ›Mutigen Ritter‹. Wenn ich Sie einführe, werden Sie für billiges Geld prima Verpflegung und Wohnung haben, und die Gesellschaft pflegt abends nett zu sein. Es ist heute Freitag, also Kegelabend. Spielen Sie Kegel?« Thomas nickte. »Alle Neune,« sagte er. Es war das einzige, was er von dem edlen Spiel wußte. »Dann also –« der Reisende rieb sich die Hände im Vorgefühl des Vergnügens. Thomas sah ihn von der Seite an. »Sie reiben schon wieder.« »Ach, lassen Sie doch Ihre Schweinereien endlich,« rief Schulze ungeduldig. Er ging ein paar Schritte schweigend weiter, dann sagte er: »Was meinten Sie mit der Zigarre, mit den Herren, die Zigarren im Munde hätten.« Thomas antwortete mit einer Gegenfrage. »Besinnen Sie sich, wie die Gänschen, die man junge Mädchen zu nennen beliebt, rauchen. Rein, raus, rein, raus.« »Ich verstehe, verstehe. Sie meinen, das Rauchen ist ein Ersatz für andere Genüsse.« »Ersatz? Eher eine Symbolik. Das Symbol ist nicht Ersatz, sondern hat seine Berechtigung in sich. Aber allerdings lassen sich auf die seelische Verfassung aus dem Rauchen und der Art des Rauchens Rückschlüsse ziehen. Gewohnheits- und 160 Gelegenheitsrauchen, Rauchen durch die Nase, Ringeblasen, Einziehen des Rauches in die Lungen, Zigarren-, Zigarettenrauchen, Pfeifenrauchen; da haben Sie eine Menge Nuancen. Letzten Endes ist das Rauchen ein Beweis dafür, daß auch der Erwachsene Säugling ist. Es ist ein Irrtum, jemanden einen Mann zu nennen, wie es denn überhaupt nichts Dümmeres gibt als die Sprache. Die Bezeichnung Mannweib ist schon wesentlich besser. Dahin deutet schon das Gesicht. Teilen Sie es, so haben Sie oben in Stirn und Nase den Männerbauch mit dem Anhängsel und unter ihm liegt, wie sichs gebührt, das Weib mit den Lippen-Schamlippen und dem Mund als Gebärmuttermund und dem Kinn als Weiberbauch.« Schulze starrte seinen Begleiter halb entsetzt, halb belustigt an. »Und die Augen, und die Ohren, was machen Sie damit?« »Die Augen, die sind das Kind. Pupille, Püppchen, im Auge des anderen spiegelt sich unser Mensch in Kindesform. Das Auge ist Mutter und Kind. Deshalb sagte ich ja, es reicht nicht aus Mann-Weib; Mannkindweib, aber da bleibt die Mutter weg. Und dann gehört das Gottesauge noch hinein und der heilige Geist und die Dreieinigkeit. Das Auge ist tief, ein See, ein Spiegel – da haben Sie wieder die Selbstliebe, die Zigarre, wenn Sie es wollen. Übrigens Zigarre: Sie wissen ja, Bismarck empfahl das Rauchen für den Diplomaten; er behauptete, der Raucher sei im Vorteil, weil er nicht gleich zu antworten brauche, sondern unter dem Vorwand, einen Zug aus seiner Zigarre zu tun, nachdenken könne. Aber vor allem ist das Rauchen ein Mittel zu lügen. Man verdeckt den Mund damit, der sich, wie jedes Weib, zu zeigen liebt und alle Wünsche als Weib deutlich verrät.« »Sie sind ein verdrehter Kerl.« Schulze lachte jetzt wirklich. Thomas blieb stehen. »Natürlich bin ich verdreht. Aber stoßen Sie sich daran nicht. Zu viel Wanzen. Das Gehirn ist dadurch blutleer geworden. Übrigens verdreht. Eine Schraube wird verdreht. Und nun denken Sie dran, daß man von der Schraubenmutter spricht, daß der Ingenieur weibliche und männliche Teile der Maschine unterscheidet, daß also auch die Maschinen in einem ständigen Geschlechtsverkehr stehen. Soll man nicht verdreht werden, wenn man das alles sieht, Sie werden es ja schon vom Hören.« 161 »Ich denke gar nicht daran. Ich finde Sie nur riesig spaßhaft, lache und spitze die Ohren.« »Nun ja, die Ohren spitzen, da haben Sie schon wieder den Hund, der den Vater repräsentiert, den Wauwau für die unartigen Kinder, oder das Pferd, auf dem das Kind reitet. Übrigens ist auch das Weib Pferd, wird vom Manne geritten. Nun ja, und das Ohr hat ja auch eine Muschel, genau wie das Weib, und der Gehörgang –« Schulze stutzte, dann schnippte er mit den Fingern, steckte wieder einmal die Hände in die Hosentaschen und machte längere Schritte. »Ah, nun begreife ich. Denken Sie, Herr Weltlein, in Dingsda, irgendwo in Bayern, habe ich einmal eine Darstellung der Empfängnis gesehen, die war sonderbar. Oben saß der liebe Gott und hatte eine Art Sprachrohr am Munde, das bis ans Ohr der Maria reichte und durch das durchsichtig gemalte Rohr flog die Taube direkt der Maria ins Ohr. Nun begreife ich.« Er freute sich so über seine Entdeckung, daß er immer schneller lief. »Taube, Ohr, taub,« keuchte der dicke Thomas atemlos neben ihm. »Die Taube ist der Vogel der Aphrodite. Es geht eben alles durcheinander. Erlauben Sie, bleiben Sie doch mal stehen. Ich habe nicht so viel Puste, wie Sie.« Er faßte den Reisenden am Rock und hielt ihn fest. »Da ist der ›Mutige Ritter‹.« Schulze wies auf ein Haus, über dessen Einfahrt ein Gepanzerter aus Blech auf einem blechernen Pferde einhergaloppierte. »Zunächst geben Sie mir Bescheid, wie Sie dazu kommen, für ein Weingeschäft zu reisen. Sie sind doch nicht dafür geboren.« »Ganz richtig. Ich habe einmal studiert, Medizin studiert. Aber die Flasche hat mirs angetan und als Weinreisender habe ich sie ja in nächster Nähe.« »Ja, ja, die Flasche, Sie Säugling. Flasche und Glas, das ist auch Verkehr zwischen Mann und Weib. Ich bin überzeugt, daß die Flasche durch die Gewalt der inneren Ansteckung von den Hodensäften her entstanden ist. Und Glas und Jungfernschaft gehört auch zusammen.« Schulze griff das Wort Verkehr auf. Ihm machte der Mann wirklich Spaß, mit seinem jonglierenden Gehirn. »Verkehr ist die Grundlage des modernen Lebens. Verkehrswege, Verkehrsweisen, 162 Erleichterung des Verkehres. Wenn ich Sie so sprechen höre, kommt mir die Idee, daß unsere Zeit zu der großen Steigerung des Verkehrswesens gekommen ist, weil der naturalistische Verkehr zwischen Mann und Weib früherer Zeiten in die sündhafte Heimlichkeit gedrängt worden ist und nun Hoden und Eierstöcke durch – wie nannten Sie es doch – innere Ansteckung gezwungen sind, andere Auswege zu suchen«. Thomas machte ein wichtiges Gesicht. Ein paar Schulbuben rasten eben vorbei, da reizte es ihn, Schulmeister zu spielen. «Und Sie operieren zu viel mit Ersatz, Verehrter. Der Kaufmann hat eben doch auf Ihre Denkart abgefärbt, der Warenaustausch. Man ersetzt eben eine Ware durch die andere oder durch Geld. Aber Sie vergessen, daß bei diesen Geschäften einer immer geprellt sein muß. Vielleicht haben Sie aber recht. Mir kommt unsere Zeit trotz aller Chausseen, Eisenbahnen, Telegraphen und Telephonen doch geprellt vor, wenn ich sie mit der Boccaccios vergleiche.« »Geschäft,« fiel der Reisende ein, »erinnern Sie sich an Ihre Auseinandersetzungen über das Bescheißen. Ein großes und ein kleines Geschäft machen, en gros und en detail. Der ›Mutige Ritter‹ hat neuerdings Wasserklosetts. Ich kenne aber noch die Zeiten, wo über der Mistgrube ein Aufbau war mit Sitzgelegenheiten und den dazu gehörigen Löchern für drei Personen nebeneinander, die gemütlich zu plaudern pflegten.« »Löcher, Brille. Kurios, daß der Mensch diesem Ziel des dunklen Dranges Gelehrsamkeit andichtet. Gelehrt und geleert, vielleicht ist's dasselbe. Es ist eben auch ein Mikrokosmos, ein Weltlein, wir sind ja alle wandelnde Abtritte, haben ständig Dreck in uns. Aber wenn so viel davon gesprochen wird, kommt mich die Lust an, es auszuprobieren, und rasch muß es gehen, darin bin ich Kind.« Im nächsten Moment raste Thomas in das Hotel hinein, überrannte dabei einen kleinen, dicken Herrn im Zylinder mit einer Reitgerte und verschwand, ohne sich im mindesten um Wirt und Portier zu kümmern, in dem gepriesenen Klosett. Von dort kam er angefüllt mit neuen verrückten Ideen zurück, die er zum Gaudium der Stammgäste beim Kegelabend zum besten gab. Die Kegelei fand statt. Die Parteien wurden ausgelost. Auf der 163 einen Seite scharten sich um den Weinreisenden der Hotelbesitzer Weber, der mit seinen verglasten Augen irgendwo in der Ferne große Weintonnen zu suchen schien, ein »Herr Direktor,« der, wie sich später herausstellte, Leiter einer Zelluloidfabrik war und sich dadurch lästig machte, daß er in gewohnheitsmäßiger Furcht vor realem und seelischem Feuer jedes weggeworfene Streichholz oder Zigarettenstümpfchen mit sorgfältigem Scharren seines breiten Fußes austrat, und ein Kassenrendant Leberecht, bei dem die Schöße des ängstlich zugeknöpften Gehrocks etwas auseinanderklafften und ein längst nicht ausgefülltes Dreieck der Hose sehen ließen, runzlig und faltig, wie man sich etwa das Gesicht seiner von ihm in jedem Satz erwähnten »Alten« vorstellen konnte. Die andere Partei bildeten der Arzt, der Apotheker und der Tierarzt, denen durch das Los der im Kegelspiel gänzlich unbewanderte Thomas zugesellt wurde. »Na also, die Sache ist gewonnen, von vornherein schon,« lachte der Fabriksdirektor und ließ die Kugel vorsichtig laufen, während er die Rockschöße über den linken Arm nahm. »Zwei von der medizinischen Fakultät genügen schon, aber nun gar drei –.« Er konstatierte mit Befriedigung, daß sechs Kegel fielen. – »Drei bringen alles um, selbst eine Kegelpartie.« »Nehmen Sie sich nur in Acht, daß Ihre Kugel nicht explodiert, wenn Sie so wild werfen,« tönte es dumpf aus den Bauchtiefen des Arztes, der verächtlich auf das langsame Gehaben des Zelluloidmannes herabblickte. Mit einem rasenden Anlauf warf er die Kugel, die in die Kegel hineinprasselte und am Kugelfang hoch aufsprang. »Das muß rausschießen, wie wenn man Rizinusöl genommen hat. Drei nur? Na, auch recht. Machen Sie's besser, Schulze.« Der Weinreisende stand schon da, lächelte milde und schob, ohne ein Wort zu sagen seine acht Kegel. »Bravo,« hieß es, »und nun kommt der Giftmischer.« Der Apotheker tänzelte vor und während er mit kühnem Schwunge seines gesalbten Hauptes die Künstlerlocke zurückwarf, die ihm beim langen Suchen nach einer möglichst leichten Kugel in die Stirn gerutscht war, rief ihm der ungeduldige Hotelwirt zu: »Nanu mal los, die Kugel ist keine Pille, daß sie so in den Händen herumgemanscht werden müßte.« 164 »Nur Ruhe, laßt ihn nur drehen, je besser so ein Ding gedreht ist, um so glatter rutscht's,« mahnte Dr. Kuno. »Vier nur. Ja, so können wir nicht gewinnen.« Der Hotelier warf nun und lief hinter der Kugel her, wobei seine Augen noch weiter als sonst hervorquollen. Er wischte seine Hand an der Hose ab und freute sich am Purzeln der Kegel.« »Das klappert, als ob's Sektflaschen wären,« meinte er und freute sich über seine acht Kegel. »So,« rief Schulze und rieb sich die Hände, »der Doktor und der Apotheker haben's nicht geschafft. Jetzt probiert's der vierbeinige Kollege mit seiner Pferdekur und gibt der Partie den Rest.« Der Tierarzt stand hemdärmlig da und fuhr mit dem Arm, der die Kugel schieben sollte, ein paarmal vor und zurück, »gerade als ob er eine Klystierspritze reine machen wollte,« ulkte der Doktor, schließlich warf er, legte die Hände auf den Hintern und schaute mit schief gehaltenem Kopf nach den Kegeln. »Acht,« rief er voller Befriedigung und gab sich selbst einen Klaps, daß es knallte. »So spielt man in Venedig.« Jetzt kam der Rendant an die Reihe. Er schob eine sanfte Kugel, kauerte sich langsam hin, so daß die Rockschöße noch weiter auseinanderklafften, und suchte nun durch seltsame Drehungen des gezückten, knochig dürren Gesäßes unter der faltigen Hose den Lauf der Kugel zu verbessern. Die Kegel purzelten seltsam durcheinander. »Alle neune,« scholl es von oben und befriedigt lächelnd schritt der Held mit den Worten: »Und in anderen großen Seestädten,« zum Tisch, ergriff sein Bierglas, blies den Schaum nieder und trank. Alles sah gespannt auf Thomas, der, seit er den Ruf Alle neune gehört hatte, ein seltsames Herzklopfen verspürte. Die allgemeine Aufmerksamkeit schüchterte ihn ein, er überlegte einen Augenblick, ob er nicht lieber erklären sollte, daß er nicht mitspielen könne, dann schloß er in einer ruckartigen Mutanwandlung tapfer die Augen und warf. »Alle neune,« scholl es wieder; der Rendant hörte mitten im Trinken auf, der Doktor Kuno nahm seinen Kneifer ab und putzte ihn und der Tierarzt lachte, daß es dröhnte und rief: »Die Kur hat geholfen, unser Pferdchen äppelt flott.« 165 Die Runde begann von neuem mit wechselndem Erfolg, aber als Thomas an die Reihe kam, schob er acht um den König und beim drittenmal wiederum alle Neune, was das Spiel zugunsten der Doktorpartei entschied. Ein allgemeines Halloh entstand, der große Kegelschieber wurde stürmisch beglückwünscht und das Ganze endete damit, daß er damit beehrt wurde, eine Lage Schnäpse zu stiften. Eine neue Partie begann, die Spieler wurden ausgelost und Thomas kam diesmal zu der Gegenpartei des Doktor Kuno, der mißvergnügt meinte, man könne von vornherein einpacken, wenn man solchen Gegner habe, während der Hotelier eine Flasche Rüdesheimer entkorkte, um sein Glück mit dem großen Kegler Weltlein zu begießen. Aber das Glück hatte sich gewandt. Bei der ersten Runde brachte er es noch auf zwei Kegel, bei der zweiten, wo er in Nachahmung des gewaltig spielenden Kuno die Kugel sausen ließ, daß es prasselte, ward es ein Sandhase und als er verstimmt und eingeschüchtert durch die wachsende Kälte seiner Verehrer das Glück beim drittenmal dadurch zu bannen suchte, daß er sich wie der Rendant in die Knie kauerte und mit dem Allerwertesten die Kugel zu deichseln suchte, eckte er an. Als er das Unheil kommen sah, drehte er verzweifelt seine stattliche Hinterseite im Kreise, so daß sich die Hose gefahrdrohend spannte; es half nichts, es half auch nichts als er in gerechtem Zorn über sein Mißgeschick, sich halb erhob und die Beine auseinanderspreizend nochmals mit Nachdruck und Empfindung sich zusammenkauerte, nur die Hose krachte, die Kugel irrte ab und zwischen Thomas Beinen erschien an Stelle der Naht ein Spalt, aus dem lustig die weiße Unterhose vorschimmerte. Ein schallendes Gelächter brach los, das sich erneuerte, als er verlegen die Hose hinten zusammenhaltend zum nächsten Stuhl eilte und beim ungeschickten Niedersetzen die Naht der Grätsche noch weiter aufplatzte. »Achtung! Sie fallen hinten aus der Hose heraus,« rief der Weinreisende, als Thomas sich erschrocken wieder erhob. »So braucht er wenigstens nicht erst vorn aufzuknöpfen, wenn er pinkeln will,« lachte der Rendant kichernd, »wie ein kleiner Junge, der's Knöpfen noch nicht gelernt hat.« 166 »Eine Weiberhose ist's,« entschied der Doktor, und kramte in seiner Tasche herum. »Aber ich werde die Sache kurieren. Kommen Sie mal her.« Er hatte sich hingesetzt und Thomas zwischen seine Knie genommen, dem der Schweiß auf die Stirne trat und der ängstlich, nach Kunos Hand spähend, stotterte: »Nicht schneiden, nicht schneiden!« »Nein, nein, Verehrter, ich will Sie nicht kastrieren, nur wieder zum Manne machen. Unsereins kann beides.« »Geburtshelfer reinwärts und rauswärts,« spottete der Zelluloidmann. Kuno hatte mit einer Sicherheitsnadel vorn den Spalt zugesteckt, drehte Thomas um und suchte die weit auseinander stehenden Hosenflügel über der fleischigen Wölbung zusammenzubringen. »Kennen Sie die Geschichte von Adam und Eva?« fragte der Tierarzt. »Als der liebe Gott Männlein und Weiblein schuf, ließ er bei Beiden den Bauch vom Nabel bis in die Kerbe offen, damit die Reste der holden Paradiesesfrüchte rasch wieder herausfielen, ehe sie im Bauch verfaulten. Aber beide Menschenkinder fanden das unbequem, weil sie immer mit gespreitzten Beinen gehen mußten, um nicht untenrum klebrig zu werden. Sie gingen zum Herrgott und baten ihn, den Bauch zusammen zu nähen. Schön, sagte der, aber wenn's halten soll, muß ich Bindfaden zum Nähen nehmen. Hier, er griff in die Tasche und gab jedem einen Groschen. Geht zum Krämer und holt eine ordentliche Kordel. Der Adam war brav und brachte ein schönes Stück Schnur an, das vernähte der Herrgott, und weil das Stück zu lang war, schlang er zuletzt einen dicken Knubben und ließ das Übrige herabhängen, so wie wir's immer noch mit Stolz tragen. Der Eva Stück aber sah der Herrgott bedenklich an. Es war gar kurz, denn Evchen hatte, als sie beim Krämer das große Glas mit den roten Bonbons sah, gedacht, die Hälfte tuts auch, hatte sich für fünf Pfennige Klümpchens gekauft und sie aufgelutscht. Der liebe Gott nähte und nähte, aber es wollte nicht fangen und zornig warf er, als das Stück zu Ende war, die Nadel fort und sagte: Zur Strafe sollst du für ewige Zeiten, da, wo ich dem guten Adam ein Schwänzchen geknotet habe, ein Loch tragen, das immer größer wird, je mehr du es zu stopfen trachtest.« 167 »Hoho!« klang es im Kreise und: »Nun ist der Mann wieder fertig,« sagte der Doktor. »Wir können weiterspielen.« Es wurde weiter gespielt, aber Thomas' Leistungen wurden immer geringer. Er gab Acht darauf, daß die Naht nicht weiter platzte und die schlechten Witze, die gerissen wurden, sobald seine Sicherheitsnadeln zum Vorschein kamen, machten ihn verlegen. »Wenn Sie ihm noch eine Binde von einer Nadel zur andern zwischen die Beine gelegt hätten, Doktor, wäre die Jungfrau fertig,« spottete der Rendant und als Thomas in heller Verzweiflung über seine Mißerfolge die Kugel mit beiden Händen zu werfen suchte, meinte er trocken: »Jetzt ist er ganz Tante Auguste damals bei dem Stiftungfest.« Das war zu viel. Thomas schützte Müdigkeit vor und trat aus dem Spiel aus, und als auch dann die anzüglichen Reden von Tante Auguste nicht aufhörten, schlich er sich an das andere Ende der Bahn und setzte sich in der Nähe der Kegeljungen, um das Spiel weiter zu beobachten. »Alle Neune,« scholl es wieder einmal und als dort bei den Spielern der übliche Schrei nach Schnäpsen erklang, was eine kurze Spielpause anzeigte, begannen die beiden Jungen zu schwatzen. »Wenn ich's dir doch sage,« eiferte der Ältere, ein Stift von etwa neun Jahren mit fuchsrotem, kurz geschnittenem Haar und dunkelbraunen Augen. »Erst ist die Katherin so dick gewesen,« er steckte den Bauch weit vor und um zu zeigen, daß es noch nicht reichte, faltete er seine schwarzen Hände über dieser Nachbildung eines schwangeren Leibes, »dann ist die alte Lene mit so einer schwarzen Tasche gekommen, wo sie immer davon erzählt haben, sie hätte Futter für den Storch darin. Wie die eine Weile da war, hat die Katherin angefangen zu schreien, als ob sie am Spieß stäcke, und dann haben sie mich zum Doktor geschickt und der hat wieder so eine Art Tasche gehabt, die hat er mir zu tragen gegeben, und wenn man sie schüttelte, hat's geklappert wie Eisen und ich habe auch die Griffe von zwei großen Fleischermessern gefühlt, weißt du solche, womit man Schinken schneidet.« Der andere Junge hatte mit offenem Munde zugehört. Jetzt zog er seine Hosen, die eine unangenehme Art hatten zu rutschen, weil sie offenbar aus Vaters abgelegten Arbeitshosen dadurch 168 hergestellt waren, daß man die Beinlängen abgeschnitten hatte, hoch, wischte sich die Nase mit dem Finger und sagte: »Du kannst lange schwätzen, eh' ich's glaube.« »Wenn ich's dir doch sage. Ich werde doch wissen, was ein Messergriff ist. Und dann ist er zur Katherin gegangen und ich habe draußen gehorcht und alles war still und auf einmal hat sie geschrieen, geschrieen, genau so, wie wenn eine Sau abgestochen wird. Und gleich darauf hat das Kind gequäkt. Das ist eben, der Doktor schneidet den Weibsen den Bauch auf und holt das Kind heraus. Und nachher blutet's. Ich werde doch noch wissen, was Blut ist.« »Und wenn der Doktor nicht dabei ist, und er ist selten dabei,« warf der Kleine ein. »Dann platzt eben der Bauch von selber. Du kannst doch sehen, vom Nabel bis zum Hähnchen unten ist's nicht fest zugewachsen, da platzt's.« »Frauen haben gar kein Hähnchen,« warf der Kleine ein, der sich noch nicht überzeugen lassen wollte, aber keinen stichhaltigen Einwand fand. »Achtung,« klang es von unten. Der Fabriksdirektor war an den Kugelkasten getreten und suchte sich sein Geschoß aus. Thomas ließ geistesabwesend seinen Blick von dem Manne unten am Eingang der Bahn zu den Kegeln schweifen. Stumpfsinnig begann er zu zählen. Neun Kegel und der König in der Mitte rundete sie zur Wölbung. Schwanger, schoß es ihm durch den Kopf. Jetzt warf der Direktor einen seiner vorsichtigen Würfe; langsam kam die Kugel angerollt. Da plötzlich stand Thomas mitten in der Bahn, breitete die Arme aus und mit dem Ruf: »Der Doktor, der Doktor,« hielt er die Kugel mit dem Fuße auf. Die Spieler verstanden nicht, was vor sich ging, konnten aber von Thomas auch nichts erfahren; er blieb vor den Kegeln stehen, achtete nicht auf die Mahnung, das Spiel nicht zu stören und hielt fortwährend »der Doktor« brüllend, jede Kugel auf. Jetzt sprang Dr. Kuno vor. »Er kommt schon,« rief er und ließ aus voller Kraft eine Kugel dahinsausen. »Nicht so, um Gottes willen.« Thomas sprang in die Höhe und 169 ließ die Kugel unter sich weg rasen. Er hielt dabei mit der einen Hand die vordere, mit der anderen die hintere Sicherheitsnadel, und da nun eine Kugel nach der anderen angesaust kam, hopste er kunstvoll, wie ein kleines Mädchen, das übers Seil springt, immer laut rufend: »Aber das ist ja ganz falsch, das ist ja falsch.« »Scheren Sie sich aus der Bahn raus,« schrie der Hotelbesitzer, »Sie haben da nichts zu suchen.« »Raus aus der Bahn,« ertönte es von allen Seiten und hinten die Kegeljungen, die sich halb tot lachten, wurden plötzlich auch wütend, schrieen »raus« und als sie sahen, wie der Tierarzt ein Bierseidel in die Höhe hob, als ob er es dem albernen Mann da an den Kopf werfen wollte, griffen sie zur Waffe der Gassenjugend und bombardierten das große, dicke Untier, das immer noch hüpfte, obwohl keine Kugel mehr kam, mit Steinen. Wie ein gereiztes Tier brüllte Thomas jetzt auf und die Augen auf den anrückenden Haufen der Spieler, die sich mit Biergläsern und Stöcken versehen, zur Sturmkolonne gesammelt hatten, gerichtet, wich er gegen den Kugelfang hin zurück, packte die beiden Knaben, hob sie hoch, stieß sie mit den Köpfen zusammen und warf den einen rechts, den anderen links beiseite. So wenig bedeutend das Kunststückchen war, machte es doch die Kegelhelden stutzig, zumal sich Thomas jetzt bückte, den Kegelkönig faßte und ihn hoch über dem Haupte schwingend schrie: »Kindsmörder! Ich schlage dem ersten, der herankommt, den Kopf zu Brei.« Der erste in der Reihe war der Hotelier, seine Augen wurden noch stierer als gewöhnlich, wie eine Katze, die man scharf ansieht, drehte er den Kopf beiseite und dann nach hinten. Die tapfere Schar war zagend stehen geblieben, ganz zu hinterst der Dr. Kuno, der nur immer rief: »Packt ihn, er ist verrückt geworden. Paranoia acuta, packt ihn.« Dabei sprang er abwechselnd vor und zurück, je nachdem sein ärztliches Pflichtbewußtsein oder sein Selbsterhaltungstrieb überwog. Jetzt kamen vom Hause her ein paar Weiber gelaufen, die der Lärm angelockt hatte, und erleichtert aufatmend rief der Hotelier im Gefühl, Mann zu sein: »Rufen Sie den Hausknecht, Alwine.« 170 Thomas ließ plötzlich den Kegelkönig sinken, seine rollenden Augen wurden still, und ohne ein Wort zu sagen, verließ er die Bahn. Als hinter ihm her die ganze Bande kam, drehte er sich um und deutete auf den Kegelkönig, den er noch immer in der Hand trug. Alles stockte, als aber Thomas weiter schritt, klang es kriegerisch von den Lippen des Wirtes: »Hinaus mit Ihnen aus meinem Hause. Alwine werfen Sie die Sachen dieses sauberen Herrn auf die Straße. Hinaus mit Ihnen!« Wie ein Feldherr stand er da, eine Hand vorn zwischen die Knöpfe seines Jacketts, die andere gebieterisch ausgestreckt und in seinen Augen flackerte zum erstenmal seit langer Zeit etwas wie Leben. Thomas senkte den Kopf und ging und hinter ihm her tönte die Stimme des Rendanten: »Sie verlieren Ihren Dianagürtel.« Thomas griff nach der Nadel, während ein tolles Gelächter hinter ihm losbrach, und schritt langsam auf die Straße hinaus. Dort stand schon sein Handkoffer, darauf sein Stock und sein Hut. Er stülpte den Hut auf und, den Stock mit dem Fuß beiseite stoßend, setzte er sich auf den Koffer und ließ den Kegelkönig, den er immer noch in der Hand hielt, zwischen den Beinen baumeln, wehmütig den Riß in der Hose und die Nadel vorn betrachtend. Endlich erhob er sich, stellte seinen Kegel sorgfältig vor die Wirtshaustür, nahm Koffer und Stock und ging betrübt zum Bahnhof. Dort im völlig leeren Wartesaal setzte er sich in eine Ecke und dachte nach, und als der Bahnhofsportier zu ihm trat, um ihn zu fragen, mit welchem Zug er fahren wolle, bat er unter Beifügung eines Trinkgeldes, sich vor ihn zu stellen und sich nicht umzudrehen, holte aus dem Koffer den hellen Anzug heraus, der darin war, und zog sich um. Nachdem er den Portier, der im Spiegel sein Tun beobachtet hatte, und wegen Verletzung des Eisenbahnreglements mit Strafe drohte, nochmals klingend beschwichtigt hatte, schlief er ruhig ein. 171     25. Kapitel. Das vierte Gebot. Apfelkraut und Hosenbein. Musik und Liebe. Am andern Morgen fuhr Thomas weiter nach Berlin. Während er an dem Personenzug entlang schritt, um das Coupé I. Klasse aufzusuchen, kam er an einem Wagen IV. Klasse vorbei, aus dessen herabgelassenem Fenster ein derbes Bauernmädchen guckte. Er nickte ihr zu, was sie sofort veranlaßte, kichernd zurückzuweichen, dann schritt er weiter und dachte beim Anblick der aufgemalten IV auf dem Wagen an des Rendanten Wort von den trockenen Zahlen. Während sich eine Reihe von Zahlen vor seinen Augen gruppierten und einen tollen Tanz von Einfällen vor ihm aufführten, sah er, wie ein breitschultriger Mann mit einem in Glanzleder gehüllten Packen auf dem Rücken einem alten Mütterchen die hohen Stufen der vierten Klasse hinaufhalf und ihr zwei mit rot und weiß gewürfelten Tüchern bedeckte Körbe nachreichte. Das Grinsen der Alten, das offenbar Freundlichkeit und Dank ausdrücken sollte, berührte ihn peinlich und zog ihn doch an. Ohne sich weiter um sein Billett zu kümmern, folgte er dem Mann mit dem Lederpacken in das Abteil IV. Klasse. Das Einsteigen eines Menschen, dessen Kleidung und Gehaben in diese Umgebung nicht paßte, erregte bei den Insassen Aufsehen und Widerstand. Das Durcheinander lauter Stimmen stockte plötzlich und aller Blicke wendeten sich dem Fremden zu. Dicht neben der Tür saß das junge Ding, das vorhin vor Weltleins Gruß verlegen zurückgewichen war. Sie errötete, als sie ihn eintreten sah, und wandte sich unwirsch ihrem Nachbar zu, einem Burschen mit schwarzen Kraushaaren, vor dessen Füßen ein Leinenbeutel mit Schlosserwerkzeug lag. Der junge Mann sah sie fragend an und als er aus der Art, wie sie verächtlich die Achseln zuckte und die Mundwinkel nach unten zog, schloß, daß sie übertreibe und sich im Grunde geschmeichelt fühle, musterte er lang und feindselig den Ankömmling, bückte sich dann und kramte in seinem Handwerkszeug. Thomas war viel zu sehr mit seinen eigenen 172 Gedanken beschäftigt, um auf die Gruppe an der Tür zu achten. Er steuerte sogleich nach dem anderen Ende des Wagens hin und pflanzte sich vor der Alten mit den beiden Körben und dem Lederpackenmann auf, die beide am Ende der Bank noch Sitzplätze gefunden hatten. Vor seinen Augen schwebte das Bild der IV, die auf dem Wagen aufgemalt war, und da er sich vorgenommen hatte, die beiden vor ihm sitzenden Leute für Mutter und Sohn zu halten, benutzte er die Gelegenheit, um eine Predigt zu halten. »Wie heißt das vierte Gebot?« fragte er den Mann. Der starrte ihn wie geistesabwesend an, stieß seine Nachbarin und drehte langsam und verlegen den Kopf nach der anderen Seite. »Sie werden es doch wohl noch alleine wissen,« sagte Thomas streng, »Sie brauchen sich das nicht von Ihrer Nachbarin zuflüstern zu lassen, also –?« Der Mann fingerte an den Riemen seines Packen herum, rutschte ein paarmal auf seinem Sitz hin und her, sah, mit einem plötzlichen Entschluß Widerstand zu leisten, zu Thomas auf, schlug die Augen nieder und wandte den Kopf zur Seite. – »Du sollst Vater und Mutter ehren,« kam es langsam von seinen Lippen. »Nun und weiter,« drängte Thomas, »wenn sie auch der letzte auf der Bank sind, so etwas müssen Sie wissen.« Er hielt sein Opfer unter seinem Blick, und wirklich, der Mann gehorchte. »Auf daß es dir wohl gehe, und –« sagte er, »und – Gotts ein Donnerwetter, was haben Sie für ein Recht mich zu fragen?« »du lange lebest auf Erden,« schloß Thomas und warf mit einer Handbewegung den Protest des Mannes beiseite. »Das ist die Hauptsache dabei. Auf daß es dir wohl gehe. Sehen Sie, alle anderen Gebote – Sie dürfen auch mit zuhören –« unterbrach er sich mit einem aufmunternden Blick auf die Alte, »alle anderen Gebote werden einfach hingestellt: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen.« »Du sollst nicht ehebrechen,« fügte ein junger Mensch hinzu, dessen schwungvoll frisiertes Haar den Duft des Friseurladens, wo er gestern gearbeitet hatte, noch mit sich führte, und zupfte dabei seine rechte Manschette vor, trotzdem ihr ursprüngliches Weiß von den Pomadeköpfen seiner Kunden schon arg mitgenommen war. 173 Sein Eifer wirkte ansteckend, denn nun ließ sich gegenüber die Stimme eines Herren mit einer Ballonmütze vernehmen, der seine aufgeschwemmten Züge in Ermanglung eines Kragens durch ein dickes, gelbes Halstuch zur Geltung zu bringen suchte. »Du sollst den Feiertag heiligen.« »Ganz richtig,« ergriff Thomas wieder das Wort, »ich danke Ihnen für die Anregung. Es ist gut, wenn die Menschen so frei und unbefangen ihre Lebensgrundsätze in negativer oder positiver Form aussprechen.« Die beiden Leute sahen sich verdutzt an, während ein etwa 15jähriger Junge, der in der Mitte des Wagens auf einer alten Truhe aus Großvaters Tagen saß und zum Zeitvertreib ein, in ein riesiges rotes Taschentuch gewickeltes, Paket Nahrungsmittel zwischen den Beinen vor und zurück schaukeln ließ, loslachte. »Nun also,« begann Thomas wieder, »alle diese Gebote stehen nackt da, als einfache Befehle oder Verbote; es ist gut möglich, ihnen zu gehorchen. Beim vierten Gebot findet es der liebe Gott angebracht, durch den Mund Mose eine sogenannte Verheißung zu geben, ähnlich wie er sich gar nicht genug tun kann in Verwünschungen und Versprechungen, sobald es sich um die Verehrung seiner eigenen Person handelt, wie das erste und zweite Gebot beweisen. Die Verehrung der Eltern ist ohne weiteres unnatürlich, so daß sie nur durch Bestechung zu erreichen ist.« Der Junge auf dem Koffer hörte auf, sein Bündel zu schaukeln. »Das werde ich mir merken,« sagte diese plötzliche Bewegungslosigkeit. »Die Juden bleiben immer dieselben,« ergriff jetzt einer das Wort, der hinter Thomas stand und fröstelnd seine dürren Schultern noch höher zog als gewöhnlich. Seine hageren von Leid und Entbehrungen verhärmten Züge waren von der Leidenschaft des Hasses und Neides überspannt und seine hohe, schneidende Stimme ließ jede Silbe doppelt scharf hervortreten. »Heutzutage setzen sie in ihre Zeitungen Preisrätsel, die niemand lösen kann, aber auf die versprochene goldene Herrenuhr oder das Kaffeeservice fallen die Dummen doch herein, obwohl die Kostbarkeiten nie zur Verteilung gelangen. Und der alte Mauschelmoses, dem sie die Ehre antun, 174 ihn Gott zu nennen, gibt auch als Prämie für nie zu lösende Aufgaben herrliche Versprechungen, die schönsten der Welt: Glück und langes Leben. Er braucht keine Angst zu haben, daß er um Erfüllung je gemahnt werden könnte. Du sollst nicht töten, wer könnte dieses Gebot halten. Wir töten ununterbrochen, ununterbrochen, leben vom Mord, ununterbrochen.« Er schwieg, kniff den Mund zusammen und schlug die Augen zu Boden. Thomas sah ihn scharf an. »Student?« fragte er. » Studiosus verum naturalium selbstverständlich. Nach vier Jahren vergeblichen Gottsuchens als Theologe.« »Sie haben recht, die Juden sind das konservative Element der Welt. Wer konservativ ist, ist mindestens der Gesinnung nach Jude, wenn er auch vorzieht, anderer Leute Vorteil zu beschneiden, als seinen eigenen. Aber ganz scheinen Sie die theologischen Vorurteile nicht überwunden zu haben. Sie suchen immer noch die Hilfe von oben.« Thomas wies auf den von der Decke hängenden Lederriemen, an dem sich der Student krampfhaft festklammerte. Im selben Augenblick fuhr der Zug in die Station ein, hielt und bei dem plötzlichen Ruck verlor Thomas den Halt. Er fuhr mit den Armen in die Luft, packte noch glücklich den Riemen, so daß er sich vor dem Hinfallen schützte, aber er konnte nicht verhindern, daß er beim Taumeln in den Korb der alten Bäuerin hineintrat. Irgend ein Gefäß krachte in Scherben und eine weiche, klebrige, zähe Masse legte sich um den Fuß Weltleins. »Herrjeh, mein Apfelkraut,« schrie die Alte mit bösem Blick und – »Schön Rottraut,« antwortete Thomas, während er unter dem schallenden Gelächter der Anderen seinen Fuß aus dem Sumpfe zu lösen suchte. Er wußte jetzt, warum ihn die Alte anlockte und abstieß, sie glich seiner angeblichen Amme Trude. Ein allgemeiner Aufstand brach aus. Während der Lederpackenmann fluchte und die Alte keifte, um sich dann beide in dem Verlangen nach Schadenersatz zu einigen, während der Junge auf dem Koffer sein Taschentuchbündel in der Luft wirbelte und mit seinen Beinen voll Entzücken strampelte, während der Friseurgehilfe und der Kerl im Halstuch Arm in Arm standen und über den 175 hilfreich gebückten Studenten hinweg Lachsalven schossen, während die Bauerndirne herbeigeeilt war, um zusammengekauert mit den Händen auf den Knien das Bein mit dem Apfelkrautschwanz zu sehen, wie es sich langsam hob und den weichen zähen Brei langzog, und sogar der eifersüchtige Schlosser grimmig schadenfroh grinste, stand Thomas innerlich unbewegt da, das Bein immer höher und höher ziehend und nachdenklich auf die schwarzbraune Masse blickend, die sich vom Korb zu seinem Bein emporzog. »Es klebt,« sagte er schließlich, griff mit der Hand nach unten und fuhr mitten durch das Apfelkraut; so löste er die Fessel des Fußes, tauschte dafür aber eine gänzlich verkrautete Hand ein, mit der er nichts Besseres anzufangen wußte, als sie am eigenen Haar und, als das nicht genügte, am Hosenbein abzuwischen. »Es klebt,« wiederholte er, leckte die Finger ab und mißbilligend auf die Alte schauend, fuhr er fort, »und es ist süß. Ewiger Apfel der Sünde, zerkocht noch hängst du dich an die Fersen des Mannes und ziehst ihn hinab in die süße Sünde, und ausgesogene Brüste, die längst die strotzende Blankheit des Apfels verloren, verführen den Adam. Klebrig und süß, das ist der Mütter Macht. Mutter, Amme, erdichtete Amme, es bleibt alles am Ende dasselbe, Sehnsucht zurück in die süße Ruhe des klebrigen Mutterschoßes, bis sich die Mutter Erde öffnet, um im Grabesdunkel uns neu schlummern zu lassen.« Er streckte der Alten, die eifrig aus den Scherben des zerschlagenen Topfes die Reste ihres Apfelkrautes in ein neues Gefäß zusammenkratzte, den Fuß entgegen, als ob er sie auffordern wollte, auch dort ihr Eigentum wieder zu sammeln. Als sie geifernd vor Wut darnach spuckte, stellte er den Fuß nieder und mit den Worten: »Die Mütter, Mütter, 's klingt so wunderlich,« holte er ein paar Goldstücke hervor und hielt sie der Alten hin. Wie ein Habicht stieß die Hand des Lederpackenmannes darnach und raffte sie an sich, ehe noch die Frau zugreifen konnte. Sofort begann ein Streit zwischen beiden. Thomas drehte sich nach dem Studenten, der eifrig bemüht war, mit Zeitungspapier die Schmiere von den hellen verdreckten Hosen Weltleins abzuwischen. »Wie recht hatte Jehovah, auf die Kindesliebe einen Preis zu setzen. Sehen Sie nur, wie wütend Mutter und Sohn einander 176 bekämpfen, sobald der goldene Herrgott zwischen sie tritt. So lauert jedes Kind von früh an auf den Tod der Eltern, eines Ringes wegen oder einer Tasse halber.« Der Student blickte erstaunt und verstehend zu Thomas auf, während der Lederpackenmann plötzlich den Streit abbrach und so heftig lachte, daß er gar nicht bemerkte, wie die Frau ihm die Goldstücke wegnahm. »Du, Alte,« schrie er und schüttelte sich, »der denkt, du bist meine Mutter.« »So,« fauchte sie dagegen und fuhr ihm mit den Krallen nach dem Gesicht, so daß er sich ängstlich in die Ecke verkroch. »Bin ich dir etwa nicht mehr jung genug, du Lump du. Was? Da vorn die dreckige Magd, ich hab wohl gesehen, wie du ihr zugeplinkt hast. Aber die wird sich mit einem so alten Schmierfink wie du nicht einlassen, dir sieht's ja doch jede an, daß du nichts mehr fertig bringst als höchstens pissen; bei dir hat's ausgekräht, und wenn ich der Bursch wäre da neben ihr, da nähme ich einen festen Kreuzdorn und versohlte erst dir und da dem saubern Schubjack, der armen Leuten ihr bißchen Hab und Gut zertritt, das Arschloch und hinterher der frechen Trine auch.« Das also angegriffene Mädchen fing nun an zu heulen und zu zetern und auf ihren Liebsten einzureden, der finster dabeistand und den Hammer in der Hand wog, ohne ein Wort zu sagen. Der Kerl in der Ballonmütze warf sich ihr zum Beschützer auf, sprach von Leuten, die ihr Pulver noch frisch auf der Pfanne hätten, während andere leere Beutel trügen und den Hahn kaum noch spannen könnten, und der Friseur setzte zum mindesten den Hut schief auf und fing an von feinen Herren zu reden, die hier nichts zu suchen hätten und ins Zuchthaus gehörten, weil sie doch nur unschuldige Mädchen verführen wollten. Ein wüstes Geschrei ging los. Alles drängte nach dem Punkt hin, wo Thomas festgeklebt am Boden stand, die eine Hand am Lederriemen, die andere mit auseinandergespreitzten Fingern weit vorgestreckt gegen den anstürmenden Haufen, wie ein Redner, der die aufgeregten Leidenschaften der Massen durch eine Geste beruhigen will. Der Hut war ihm ins Genick gerutscht und den Mund hatte er aufgerissen, als ob er den ersten, der an ihn käme, verschlingen wollte. Plötzlich erstarrte das 177 Getümmel. Vom Eingang des Wagens her ertönten die Klänge eines Leierkastens, der in wehmütigen Wimmerlauten Koschats Lied ›Verlassen, verlassen bin i‹ spielte. Die zornigen Gesichter wurden still, glätteten sich, lächelten dann und »ein Leierkasten,« sagte der eine und der andere fügte hinzu, »ja, ein Leierkasten«, und was eben noch wütend zum Kampfplatz eilte, umringte nun den Stelzbeinmann in der Soldatenmütze, der seinen schönen Kopf mit dem ehrwürdigen Kaiser Friedrichbart freundlich von einer Gruppe zur anderen wandte, leise die Melodie vor sich hinsummend. Die Strömung teilte sich, noch ehe sie den Leiermann erreichte, denn mit den Worten: »Na, nu mal Platz da,« erschien der Schaffner. Die Orgel spielte ihre Weisen weiter, während er von einem Reisenden zum anderen schritt und sich die Fahrkarten vorweisen ließ. Ganz zuletzt kam er zu Thomas, der schon seit einiger Zeit hastig in sämtlichen Taschen seines Anzugs herumfuhr, da er wie gewöhnlich sein Billet nicht finden konnte. »Na, nu mal fix,« rief der Schaffner und musterte mißtrauisch Thomas schwarzbraunes Bein, »oder denken Sie hier blind mitzufahren?« Thomas hatte endlich dort, wo sie hingehörte, nämlich in der Billettasche seines Anzugs die Fahrkarte gefunden, der Schaffner sah verwundert auf den gelben Schein. »Sie gehören gar nicht hierher,« sagte er, »die erste Klasse ist ganz vorne im Zuge.« Dabei blickte er fragend das Hosenbein und den dunklen Apfelkrautfleck am anderen Ende des Wagens an. »Haben Sie das da hinten gemacht?« fragte er und erregte mit dem Wort »gemacht« die laute Heiterkeit des Jungen mit dem roten Bündel. »Verunreinigungen sind verboten und wenn Sie das nicht fortschaffen, werde ich Sie melden.« Thomas fühlte sich so eingeschüchtert, daß er sich umdrehte und schon sein Taschentuch hervorzog, um damit die Säuberung des königlich preußischen Eigentums vorzunehmen. Plötzlich besann er sich, daß er sich seine Schüchternheit abzukaufen pflegte, holte ein Goldstück vor und gab es dem Schaffner. »Vielleicht haben Sie die Güte, jemanden zu suchen, der den Fleck wegbringt; es ist Apfelkraut, nichts weiter.« Er holte mit der 178 Fingerspitze eine Probe von seinen Hosen und hielt sie dem Schaffner vor die Nase. Der roch pflichtschuldig daran und schritt dann mit den Worten weiter: »Ich werde es also in Ordnung bringen lassen.« Thomas atmete erleichtert auf und in gehobener Stimmung ging er auf den Drehorgler zu, wobei ihn nur ein wenig störte, daß die linke Sohle allzusehr am Boden haftete. Die übrigen Reisenden hatten wieder ihre Plätze eingenommen, das Stelzbein aber grüßte stramm den hinkenden Herrn, was freilich mehr dem Goldstück als dem Geber galt. »Nein, nein, spielen Sie nicht,« unterbrach Thomas die Bewegung, mit der der Mann nach der Kurbel griff. »Ich sehne mich darnach ein tiefes Wort über die schönste der Künste mit einem Sachverständigen zu wechseln, und da wir beide hinken – ich freilich nur mit der Hose – wird sich ein freundschaftliches Verständnis rasch anbahnen.« Der alte Mann stand noch immer stramm da, allerdings verwundert über diese feierliche Rede. Er stammelte schließlich ein »Jawohl!« hervor und suchte wieder sein Marterinstrument in Bewegung zu setzen. Jetzt hielt ihm Thomas die Hand fest und begann wie ein Wasserfall zu reden. »Es ist Ihnen gewiß schon aufgefallen, daß die Musik, die doch von allen Künsten am wenigsten an der Materie klebt, durch und durch sinnlich ist, aus der Sinnlichkeit entsteht und auf die Sinnlichkeit wirkt. Der Vogel singt, wenn er sich paart, und der Knabe bekommt die tiefen musikalischen Brusttöne, wenn die Schamhaare wachsen. Alles Himmlische hat seinen Ursprung in den Geschlechtsteilen und die Musik entsteht durch die Begierde auf dem Wege der inneren Ansteckung, über die ich demnächst eine kleine Abhandlung in dem Standesorgan der Drehorgelspieler erscheinen lassen werde. Erlauben Sie,« fuhr er fort, ergriff die Kurbel und drehte sie einen halben Takt. »Was ist das?« »Das Gebet einer Jungfrau,« erwiderte der Leierkastenmann. »Ein Stift, der in ein Loch greift,« sagte Thomas hoheitsvoll, »die Walze der Mann, die Platte die Frau.« »Die Sache ist so einfach, daß es jedes Kind begreifen kann. Die Musik ist eine Schöpfung der Liebe, oder, um uns verständlicher auszudrücken, des Eros. Sie wissen doch, was Eros bedeutet?« 179 »Nee,« sagte der Alte und zog die Silbe lang, als ob ihm mit dieser Zumutung die größte Beleidigung angetan sei. »Ist auch nicht nötig. Sie verstehen es auch so, jedes Kind versteht es.« Er fuhr mit dem Arm nach oben und ließ ihn wieder sinken, dann ging der Arm nach rechts und dann nach links, und wieder von vorn. Dabei sah Thomas seinen Schüler aufmerksam an: »Verstanden?« Der Leierkastenmann schüttelte den Kopf und versuchte, von der Wand, an die ihn Thomas gedrängt hatte, fort zu kommen. Aber Thomas hielt ihn fest und wiederholte seine Bewegungen. »Das ist auf und ab, hin und her. Es sind die Prinzipien der Musik und des Eros. Wie Mann und Weib in der Liebe auf und ab sich heben und senken, wie sie die Leiber zueinander hindrängen und wieder her bewegen, so tut es die Musik. Der Ton ist hoch und sinkt hinab zur Tiefe, der Ton ist stark und erstirbt zum pianissimo, die Klänge folgen in breitem Tempo, um überzugehen in furiose Raserei. Die Melodie schwillt an und verklingt. Stellen Sie sich doch eine Violine vor. Da geht der Bogen doch immer auf und ab, hin und her, bald rasch, bald langsam, ein richtiges Bild des Liebesverkehrs. Die Geige die Braut, der Bogen – gespannt – der Liebende und der Arm des Geigers das Brautlager. Man sagt ja auch, eine Frau fiedeln, sie geigen.« »Ja,« die Augen des Alten leuchteten plötzlich verständnisvoll auf, er drehte die Kurbel ein wenig: »sie orgeln.« »Sehen Sie,« rief Thomas vergnügt und warf gleichzeitig der Bauerndirne, die neugierig lüstern zuhörte, einen aufmunternden Blick zu, den ihr Liebhaber mit einem heftigen Stoß in ihre Rippen unschädlich zu machen suchte. »Sehen Sie, Sie verstehen schon, begreifen auch, warum die Menschen im Konzert das Orchester sehen wollen, das ja ein vervielfachtes Brautbett ist mit dem Kapellmeister als gewaltigen Herrscher der Orgie. Und gerade der Kapellmeister mit seinem Taktstock, der auf und ab und hin und her geht, ist eine Erfindung des Eros, gleichsam Mensch gewordenes Testikel- und Ovarienferment. Nein, nein –.« Er strich mit einer seiner großen Armbewegungen die Einwände des Zuhörers weg, obwohl dieser Zuhörer nichts einzuwenden hatte, da er schon längst 180 nichts mehr von allem verstand. »Wenn einzelne sich so setzen, daß sie den Dirigenten nicht sehen können, so ist das nicht Liebe zur Musik, sondern Flucht vor der Erregung. Denn nicht bloß das Auf und Ab im Orchester und beim Kapellmeister wirkt auf das Auge, sondern vor allem der Taktstock. Der Gedanke an das Schlagen, an den gezüchtigten Körperteil, der in Posaune und Trompete versinnbildlicht ist, während die Flötentöne das Wimmern des Geschlagenen verdeutlichen. Die Flötentöne beibringen – Sie verstehen? Empfindlichen Naturen ist so etwas zu viel, die schließen die Augen und verstecken sich so vor der Gewalt der Empfindung. Daher stammt auch die Idee des verdeckten Orchesters, die von Augensündern ersonnen worden ist. – Warten Sie,« unterbrach er sich und schob einen Apfelsinenhändler beiseite, der sich an ihn heran gedrängt hatte und ihm seine Früchte hinhielt. »Nachher.« Der Händler, ein kleiner, buckliger Kerl, dessen eines Auge mit einer schwarzen Binde zugedeckt war, während das andere verschmitzt und scharf alles beobachtete, stellte sich neben den Drehorgler. »Ja, verehrte Herren,« begann Thomas wieder mit erhobener Stimme, als ob er zu einer Versammlung redete, »irdisch und himmlisch, Musik und Liebe sind beides. Da ist das Klavier, der Herrgott Künstler sitzt davor und läßt die Töne erklingen, diese Töne der Ehe, harmonisch und disharmonisch, Diskant und Baß gegeneinander. Da ist das Weib, das die Melodie der Grundoktave führt, ganz echt die erste Violine spielt und ihre Kinder sekundieren ihr bis zu den höchsten Stimmen des Wickelkindes. Der Baß stürmt dagegen an, reißt hie und da die Herrschaft des Themas an sich, und verliert sie wieder, folgt der Frau oder brummt und wütet . . . Ja, meine Herrschaften, das Klavier ist die Ehe, nicht etwa nur das Bild der Ehe, sondern in Wahrheit Liebesspiel, Geburt und Grab, Neigen und Fliehen, Umarmen und Kampf; wie die Glieder der Liebenden, so verflechten sich die Töne ineinander, weichen sich aus, suchen sich wieder, steigen jubelnd empor zum höchsten Himmel des Glückes und sinken nieder in dunkle Trauer. Ein Mutterleib ist das Klavier, in dessen Innern Kinder dem Leben entgegenschlummern. Lange Monde hindurch ist dieser Leib tot, dann aber kommt die große Stunde, wo junges Leben erwacht. Hier 181 hebt sich der Hammer wie ein Kinderarm, und dort wie ein Beinchen, und seltsames Entzücken durchrieselt diesen Frauenleib und klingt im Ton hinaus in die Welt. Und immer lebendiger wird es, Hammer auf Hammer pocht, Kind auf Kind, schauernde Wonnen fließen in Melodien über. Engelchöre singen ihr ewiges Lied und der Donner der Bässe ruft zum jüngsten Gericht. Der Himmel tut sich auf, Sphärenklang ertönt und die Gottheit spricht. Sehen Sie doch die schwarzen Tasten, winzige Kindersärge, die sich bewegen und aus denen der Tod singt. Ist es nicht ein großer Sarg, dieser schwarze Kasten, ein Sarg voll Hoffnung und Auferstehung, voll Liebe und Liebe. Sehen Sie doch die Flügelform, die mächtige schwarze Schwinge des Todes, des Engels, deß, der alle Freud und Schmerzen stillet. Fühlen, greifen, hören, sehen Sie es doch, daß Musik Liebe ist und Liebe Tod und Tod Leben. Gott selbst –« Dem Apfelsinenhändler riß die Geduld, mit einer raschen Bewegung zog er den Leierkasten herum, drehte und mitten in Weltleins Dithyrambus hinein platzte der Fatinizzamarsch: Du bist verrückt, mein Kind. Thomas war der erste, der lachend Beifall klatschte. Wie ein Tanzbär trat er in Takt von einem Fuß auf den anderen, zupfte den alten Soldatenbettler am Bart und warf ihm ein Goldstück auf die Orgel, faßte dann mit beiden Händen in den Apfelsinenkorb hinein und fing an mit den goldenen Früchten zu jonglieren. »Es muß hübsch sein, so mit den Welten herumzuspielen,« sagte er. »Allerdings fallen lassen darf man sie nicht.« Die eine Orange war ihm entglitten und rollte gerade vor den Schlosser hin, der sie unwirsch mit dem Fuß wegstieß; Thomas entschuldigte sich treuherzig, und bat, die beiden Früchte, die er noch in der Hand hielt, der Dame zu geben, für die des Schlossers Herz schlüge. Der junge Mann lachte höhnisch auf. »Wenn sie etwas geschenkt bekommen soll, so schenk ich ihr's. Wir wissen beide, was es bedeutet, wenn feine Herren jungen Mädchen etwas schenken und wenn Sie sich hier nicht bald wegdrücken –« Er vollendete den Satz nicht, sondern legte die geballte Faust auf sein Knie. Thomas sah ihn nur freundlich an, ließ die beiden Orangen auf der flachen Hand tanzen und sagte: »Warum sind Sie mir böse? 182 Sehen Sie mich alten Kerl an und betrachten Sie sich selbst. Wie können Sie eifersüchtig sein, während Sie in allem mir überlegen sind?« Der Schlosser sah auf und da er den Naser mit Pickeln erblickte, lächelte er ein wenig. »Sie halten mir zu viel Reden, die niemand versteht. Nur daß Sie unanständig sind, das merkt ein jeder.« Thomas schüttelte erstaunt den Kopf. »Unanständig?« wiederholte er und seine Frage klang so kindlich verwundert, daß der Schlosser eine Erklärung seiner Worte für nötig hielt. »Sie sprechen von Musik, von Orgel und Fiedel, und meinen damit ganz etwas anderes.« »Haben Sie noch nicht gemerkt, daß auch Sie etwas anderes meinen, wenn Sie den Hammer schwingen? Wissen Sie nicht, daß es stets bestimmte Taktfolgen sind, in denen Sie hämmern?« Thomas trommelte das Mimemotiv auf den Boden des Wagens. »Jede Arbeit bedarf der Ordnung, der Musik, achten Sie nur einmal darauf. Wenn die Leute auf der Straße pflastern, so heben und senken sie die Ramme nach bestimmtem Rhythmus; wenn eine Last mit dem Hebebaum gehoben werden soll, so geschieht es nach einer Melodie. Er steckte den Stock unter den Handwerkssack des Schlossers und, während er so tat, als ob er sich schrecklich anstrengen mußte, stieß er seltsame Töne hervor. »La la la Huuup, la la la Huuup.« Der Schlosser nickte. »Sie wissen also, daß in bestimmter musikalischer Weise gearbeitet wird, und daß das ein allgemeines Gesetz für die Tätigkeit des Menschen ist, auch für die geistige, wissen Sie auch, oder können es mir wenigstens glauben. Warum ist es aber so?« Der Schlosser antwortete immer noch verdrossen: »weil es sich so besser arbeiten läßt.« »Ja, aber warum wird einem die Arbeit leichter, sobald sie im Rhythmus ist? Weil sich in diesem Rhythmus das tiefste Wesen des Menschen ausspricht, weil das Kind in ihm lebendig wird, das alles zum Spiel gestalten muß, weil der mechanische Ernst unerträglich ist, und man ihn phantastisch umgestalten muß. Es steht gar nicht in unserem freien Willen, die Dinge anders als rhythmisch 183 aufzufassen. Horchen Sie auf die Stöße der Schienen. Schon in der ersten Minute wird es Ihnen klar, daß diese Stöße etwas erzählen, etwas singen, das heißt, sie tun das im Grunde genommen gar nicht, aber Ihr Ohr legt ihnen die Melodie unter. Und so machen Sie es mit dem Brausen des Windes, mit dem Rauschen des Wassers, dem Klatschen des Regens, dem Wirbeln der Blätter im Wind, dem Bellen des Hundes, den Drehungen des Schwungrades, mit den Stunden, Tagen, Jahren, mit Sonne, Mond und Sternen. Alles das, mag es so unregelmäßig vor sich gehen wie nur denkbar, wird vom Menschen melodisch gemacht, in Regeln der rhythmischen Folge gebracht. Warum? Da liegen Zwangsverhältnisse vor, die durch das Lebendigsein selber bedingt sind und die gelehrtere Leute als wir beide enträtseln müssen. Eines aber werden Sie ohne weiteres verstehen. Neun Monate lang liegt das Kind im Mutterleibe und den größten Teil dieser Zeit hat es als einzige Beschäftigung den Herzschlag. Das einzige, was es wahrnimmt, was ihm deutlich sein muß, ist der regelmäßige Takt des Pulses. Längst vor jedem Einfluß auf irgend einen der Sinne, längst vor der Geburt, längst ehe das Kind von der Welt auch nur das geringste erfährt, wird es an den Rhythmus gewöhnt, an ein Auf und Ab, ein Hin und Her. Und diesem Auf und Ab, diesem Hin und Her begegnen Sie nun überall. Am stärksten, eindringlich und unvergeßlich ist aber das Hin und Her des Mannes im Weibe.« Der Schlosser fuhr auf: »Hören Sie mit diesen Schweinereien auf, sonst haue ich Ihnen eine runter.« »Dieser Schweinerei verdanken Sie Ihr Leben. Ehret Vater und Mutter, heißt es. Sie sollten nicht Ihre Eltern Schweine nennen.« »Meine Eltern, was gehen Sie die an, was haben die damit zu tun? Ich verbitte mir, daß Sie meine Mutter in Ihren Dreck mit hineinziehen.« Thomas lächelte milde. »Ein Junge, den ich kannte, sehr gut kannte, denn ich war es selbst, sagte, als ihm ein Kamerad die Geschichte von der Zeugung erzählte: Vielleicht sind deine Eltern solche Schweine, so etwas zu tun, meine Eltern tun es nicht. Sie haben viel Ähnlichkeit mit diesem Jungen.« Der Schlosser stutzte einen Augenblick, dann sagte er: »Ja, 184 aber man spricht von so etwas nicht, wenigstens nicht auf der Eisenbahn.« »Nein,« erwiderte Thomas, »man spricht von so etwas nicht, aber man führt die Mädchen an einer Lokomotive vorbei und die spricht noch viel deutlicher als ich.« Er steckte den rechten Zeigefinger in die linke Faust und fuhr damit hin und her.     26. Kapitel. Eine Schlägerei. Was das Du eines Prinzen vermag. »Saukerl,« schrie der Schlosser außer sich vor Wut und suchte dem Gegner an die Gurgel zu springen, aber die Umstehenden, die mit lautem Lachen die Bewegungen des feinen Herrn verfolgt hatten, hielten ihn fest und der Student, der ihn am Arm gepackt hatte, sagte mit seiner scharfen, befehlenden Stimme: »Bleiben Sie ruhig, der Herr hat recht, und Sie als Mechaniker sollten froh sein, zu lernen, warum die Maschine jeden Menschen so stark anzieht.« »Weiter reden!« rief der Friseur, neben den sich ein aufgeputztes Frauenzimmer in weißer Bluse mit grellroten, riesigen Schleifen aufgepflanzt hatte, und der Apfelsinenmann erklärte, was dem Drehorgler recht gewesen sei, müsse dem Schlosser billig sein. Thomas griff das Wort des Studenten auf. »Anziehen, Sie brauchen den richtigen Ausdruck. Woher kommt es, daß man einem einfahrenden Zug fast in die Räder läuft; da reichen die physisch-physiologischen Theorien nicht aus, ebensowenig für die Übelkeit, die Tausende beim Eisenbahnfahren befällt. Und daß alle Kinder Eisenbahn spielen,« er lächelte im Gedanken an sein letztes Beisammensein mit Lachmann, »erklärt sich auch nur durch psychische Vorgänge tiefster Art, innere Ansteckung. Puff-Puff, merken Sie es denn nicht? Es liegt doch im Namen.« Der Bursche in der Ballonmütze wieherte los und griff gleichzeitig der aufkreischenden Schleifenprinzessin von hinten die Brüste aus. Thomas ließ sich nicht stören und setzte ruhig dem wutblassen 185 Schlosser seine Ansichten weiter auseinander. Er hatte die eine Hand oben in den zugeknöpften Rock gesteckt, mit der anderen wippte er seinen Stock auf und nieder, während er das Apfelkrautbein herausfordernd vorgestellt hatte. »An der Lokomotive fällt zunächst das Ding auf, das an der Seite hin und her geht, Kolben, und Zylinder, rein und raus. Oben antwortet der Schornstein kurzatmig vor Anstrengung und dampfend im Schweiß: Sch – Sch – Sch –. Vor einem großen, schwarzen Loch, in dem das Feuer brennt, steht ein Mann aufrecht und stochert mit der Stange die Glut an. Ein Pfiff ertönt – Sie wissen, was eine Pfeife bedeutet, Frauen dürfen nicht pfeifen – und ab und zu öffnet sich ein Hahn und dieses lebendige Eisenmonstrum schlägt sein Wasser aus dem Bauche ab. So ist's mit der Lokomotive, ähnlich mit allen Maschinen, und Sie, der Sie damit umzugehen haben, fühlen das auch recht gut, wollen es nur nicht wahrhaben. Sie müssen es doch fühlen, daß der Schlüssel der Mann ist und das Schlüsselloch das Weib. Wenn Sie nur für drei Pfennige Beobachtungsgabe hätten, müßten Sie längst das Material gesammelt haben, um es den Leuten an der Nase anzusehen, warum Sie einen Schlüssel verlieren oder ein Schloß verdrehen. Das Schloß verschließt die Tür und die Tür das Zimmer, das Frauenzimmer. Jede Frau hat ein Schloß, das der Mann aufschließt. Lesen Sie nur den »Faust,« lieber Mann, den zweiten Teil, die Szene von den Müttern, da finden Sie, was der Schlüssel bedeutet. Der Schlüssel öffnet jede Schatzkammer, auch die Ihres Schatzes wird er öffnen, wenn es nicht längst geschehen ist. Aber die Menschen sind ja so dumm, sie wissen nicht, daß überall das Weib ist, daß sie wahrhaft die Mutter aller Dinge ist. Keller und Küche, Haus und Hof, alles ist weiblich. Denn im Keller ruht das Faß, in dem der neue Wein gärt, lesen Sie nur das Weinlied von Novalis, da finden Sie es. Und in der Küche, im Herd wird alles gekocht, wie im Weibesschoß das Kind. Das erste Haus, das bewohnt ward, war der Frauenleib, der Hof und der Garten mit Springbrunnen und Buchsbaumhecke und Rosenlaube sind auch entstanden durch innere Ansteckung. Die Frau ist die Burg, die erobert werden muß und wenn sie schön ist, ist sie ein Schloß. Haken und Öse nennt der Tiroler Männchen und Weibchen  –« 186 »Und der Strick, an dem man Sie aufhängen sollte, wäre dann auch ein Weib,« schrie der Schlosser, der allmählich rasend wurde. »Gewiß, gewiß,« Thomas jubelte es förmlich. »Der Galgen, die segnende Teufelshand, die den Dieb mit dem Strick zusammengibt. Freund, Bruder,« rief er und breitete die Arme aus, um den Schlosser an sich zu ziehen, »du verstehst mich.« »Ich bin kein Du von Sie.« Der Mann hatte sich mit einem plötzlichen Ruck losgerissen und sich auf Thomas geworfen, der zurück taumelte, dem Apfelsinenmann auf die Füße trat und fast das Gleichgewicht verlor. Dann aber faßte er sich, legte seine Arme über den Kopf des Angreifers und drückte ihn mit seiner schweren Körperlast nieder, bis er wie ein Taschenmesser zusammenklappte. Ein wildes Durcheinander entstand, während der Apfelsinenmann Thomas von hinten umschlang, rissen andere den Schlosser zurück. Geschrei und Fluchen ertönte und es entwickelte sich eine richtige Schlägerei, als der Schaffner erschien. Der Kampf brach plötzlich ab und der Streitfall wurde der hohen Obrigkeit zur Entscheidung vorgelegt. Innerlich war der Schaffner davon überzeugt, daß Thomas ein durchtriebener Halunke sei, der irgendwelche unsauberen Absichten hatte. Was hätte er sonst mit seinem Billett I. Klasse in der IVten zu suchen gehabt? In Anbetracht des empfangenen und in Hoffnung auf ein neues Trinkgeld jedoch versuchte er es, den feinen Herrn irgendwie zu rechtfertigen. Das war nicht leicht, weil mit Ausnahme des Studenten die sämtlichen Insassen des Wagens Partei gegen Thomas nahmen. Vor allem predigte der Apfelsinenmann in hohen Tönen der Entrüstung gegen die Unsittlichkeit des reichen Eindringlings, der, weil er Geld habe, glaube, in anständiger Gesellschaft Zoten reißen zu dürfen, und der ehrlichen Leuten auf die Hühneraugen träte. Ihm sekundierten eifrigst der Bursche in der Ballonmütze, der sich rühmend einen braven Metzger nannte, und die Dame mit der roten Busenschleife, die in seltsamer Geistesverwirrung ihre gänzlich zerschundene Jungfräulichkeit durch sittliches Pathos zu ersetzen strebte. Also bestürmt, entschloß sich der Schaffner, nachdem er mit halboffenem Munde und gesträubtem Schnurrbart die Ankläger durch ein mehrmaliges Abwinken mit der Hand in ihre Schranken 187 zurückgewiesen hatte, zu einem Rüffel und sagte in dem erhabenen Tone der ewigen Gerechtigkeit zu dem Angeklagten: »Man sollte doch von einem Herrn, der für gebildet gelten will, ein anständigeres Betragen erwarten. Sie haben doch schon das königliche Eigentum verdreckt und nun fangen Sie hier Stänkereien an. Schämen Sie sich doch.« Damit wandte er sich zum Gehen, froh, sich aus der Affäre gezogen zu haben. Aber er hatte seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Thomas hatte, als der Kampf abgebrochen wurde, die Hände in die Hosentaschen gesteckt und hörte sich schweigend den Sturm an. Sein Blick ruhte dabei auf dem buckligen Apfelsinenhändler und der schwarzen Binde über dessen linkem Auge. Als der Schaffner seine Rede hielt, wollte er von seinem Allhilfsmittel, dem Gold, Gebrauch machen, merkte aber zu seinem Erstaunen, daß seine Taschen leer waren. Er fühlte seine Brusttasche, auch die war leer, seine Briefmappe mit ein paar hundert Mark war verschwunden. Er wollte gerade Beschwerde über den Diebstahl führen, da fiel wieder sein Blick auf den Händler und aus einer plötzlichen Ideenverbindung heraus tauchte der Entschluß in ihm auf, noch einmal den Weg der Schmerzen zu wandeln. Statt also ruhig das erhabene Geschwätz des Schaffners hinzunehmen, antwortete er im schnoddrigsten Ton, den er aufbringen konnte: »Sie haben hier die Fahrkarten nachzusehen, weiter nichts, dafür bezahlt Sie der Staat, das heißt die Steuerzahler, zu denen ich gehöre. Sie sind mein Angestellter und haben sich demgemäß bescheiden zu betragen. Verstanden?« Der Schaffner kriegte ein Gesicht so blau, als ob es mit Heidelbeersaft beschmiert wäre: »Ihr Angestellter, was? Sie, Sie, Sie.« Er fand aus den vielen Sies nicht mehr heraus, da ihn der ruhige Blick Weltleins vollends verwirrte. Die Sprache versagte ihm und nur noch ein stoßweises Fauchen kam aus ihm heraus. »Eisenbahn!« rief Thomas triumphierend, »er spielt Eisenbahn.« »Ich werde Ihnen was beeisenbahnen. Auf der nächsten Station werden wir ja sehen, ob ich Ihr Angestellter bin oder umgekehrt.« »Ich weiß, daß der Staat das Publikum der Beamten wegen hält,« grinste Thomas. 188 »Sie werden schon sehen, was ein Beamter ist,« drohte der Schaffner. »Man wird es Ihnen auf der Polizei beibringen. Hier sind genug Leute, die bezeugen können, daß Sie einen Beamten beleidigt haben.« Die Stimmung war umgeschlagen. Fast jeder der Insassen hatte trübe Erfahrungen mit Beamten gemacht und gar das Wort Polizei nahm dem Schaffner die Sympathien. Weder der Ballonmützenmann noch der Friseur noch gar das Weib in der Schleifenbluse wünschten mit diesem Organ die Bekanntschaft zu erneuern, und auch das Stelzbein und der Student sahen plötzlich so aus, als ob sie die Sache nichts anginge. Nur der Apfelsinenmann erbot sich von selber, dem Herrn Schaffner zu bezeugen, daß er beleidigt worden sei. Der Zug hatte inzwischen schon Vorortestationen von Berlin durchfahren und der Schaffner eilte, den Zugsführer aufzusuchen, um ihm über Thomas Bericht zu erstatten. Während der kurzen Fahrt, bis der Zug im Anhalter Bahnhof in Berlin einlief, entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch zwischen dem Studenten und Thomas, das sich im wesentlichen um den Polizei- und Beamtenkoller drehte. Während jedoch der Student ganz verständige Ansichten über diese merkwürdige Erscheinung äußerte, brachte Thomas Behauptungen vor, die die Zuhörer nicht aus dem Lachen herauskommen ließen. Zunächst stellte er den Satz auf, Beamter komme von dem Wort Amme her oder zum mindesten werde jeder Beamte durch den Klang des A m so infiziert, daß er Bruchstücke des Ammeseins in seinen Charakter aufnähme. »Der Beamte betrachtet das Publikum als Wickelkind,« sagte er, »muß es so betrachten, er hält sich für verpflichtet, dieses hilfslose Wesen, das nur saugen und heulen kann, zu leiten, hat aber neben und durch dieses Verantwortlichkeitsgefühl auch die Größenidee, das Säuglingspublikum zu erziehen und zu strafen. Dabei ist er sich jedoch seiner Unvollkommenheit bewußt, da ihm das Wichtigste zur Amme, die Milch fehlt, was sich in den beiden weggelassenen Buchstaben m und e ausspricht. Und gerade aus dem Mangel der Milch, aus diesen fehlenden zwei Buchstaben, erklärt sich auch die Abneigung des Publikums. Es befindet sich dem Beamten gegenüber im Zustand der Entwöhnung, die Brüste schmecken bitter, weil sie 189 mit Chinin bestrichen sind, und es sucht sich durch versteckte Auflehnung dafür zu rächen; daß diese verstümmelte Amme Gehorsam verlangt, ohne dafür süße Milch zu geben. Dieser Ammencharakter hat sich in der Gewohnheit der unteren Beamten erhalten, der Mutter der Kompagnie beispielsweise ein Notizbuch vorn zwischen die Brustknöpfe zu stecken, sie betonen so die Milchwirtschaft und reizen damit das Publikum-Säugling noch mehr, das solches Betonen eines Mangels ja als Hohn auffassen muß. Bei der Polizei ist die Sache noch viel schlimmer. Da liegt in der ersten Silbe das Wort Popo drin, mit den fatalen Erinnerungen an die Haue, die man bekommen hat. Die zweite Silbe li ist abgekürzt aus Liebe und weckt den Gedanken an die geradezu ungeheuerliche Anmaßung der Erzieher, daß man sie auch noch dafür lieben soll, wenn sie einem die Hosen stramm gezogen haben. Und das zei ist nun gar die Tatsache, daß man nachher in die Ecke gestellt wurde, bis man um Verzeihung gebeten hatte.« Der Zug lief gerade in die Bahnhofshalle ein, als Thomas diese Auseinandersetzungen beendet hatte. Er gab dem Studenten sein Hotel und seinen Namen an und bat ihn, ihn zu besuchen, dann schritt er, nach allen Seiten höflich grüßend, hinaus. Auf dem Bahnsteig erwarteten ihn Schaffner und Zugsführer, die ihn sofort zwischen sich nahmen, um ihn zur Polizeiwachstube zu bringen. Ihr Triumphzug litt jedoch von vornherein darunter, daß keiner der Mitreisenden sich als Zeuge anschloß. Der Apfelsinenmann war auf eine rätselhafte Weise verschwunden, man sah nur, wie er durch die Bahnsteigsperre ging. Da außerdem Kleidung und Wesen des Angeklagten in der freien Luft ganz anders zur Geltung kamen, wie in der schmierigen Umgebung der 4. Wagenklasse, stiegen dem Schaffner allerlei Bedenken auf, ob es wohl angebracht sei, diesen Herrn vor die Polizei zu bringen. Dort konnte das Goldstück erwähnt werden, das er als Trinkgeld angenommen hatte, und er stellte sich vor, daß es gar leicht wieder aus seiner Tasche herauswandern könne, in der es doch so lieblich klingelte. Dem Zugsführer paßte es erst recht nicht, eine langwierige Verhandlung mitzumachen, die ihm an seiner freien Zeit abgeknapst wurde. 190 Thomas dagegen wuchs mit jedem Schritt, den er zwischen den mürrischen Wächtern machte. Er war wieder ganz erfüllt von der Weihe des Leides, das ihn bis zu der Idee des Heilands zwischen den Schächern begeisterte. Er stürmte förmlich dem Golgatha entgegen, gewillt, bei dem Polizeiwachtmeister neue Qualen auf sich herab zu beschwören. Der Aufzug dieser drei Leute erregte die Aufmerksamkeit des Publikums, zumal Thomas heftig gestikulierend laute Selbstgespräche über seinen Erlöserberuf hielt. Plötzlich teilte sich der Strom der Reisenden, die nach dem Ausgang zustrebten. Ein hochgewachsener Offizier in der Uniform der roten Husaren, dem zur Seite einen halben Schritt dahinter ein Adjutant schritt, kam schnellen Ganges daher. Hie und da blieben die Leute stehen und grüßten ihn in besonders auffallender Weise. Die beiden Eisenbahnbeamten blieben stehen und machten Front, während Thomas weiter stelzte. Der Offizier stutzte einen Moment, als er den großen, dicken Mann sah, dessen linkes, helles Hosenbein mitsamt dem Lackschuh und dem violetten Seidenstrumpf aussah, als ob er durch einen Abtritt gezogen wäre, dann ging er mit ausgestreckter Hand auf Thomas zu und rief: »Müller, Laban, alter lieber Kerl, wo, Teufel, kommst du her?« Thomas hielt im Laufe inne, riß sich heraus aus seinen Träumen, ergriff gleichzeitig respektvoll und kameradschaftlich die Hand des Prinzen Viktor, des roten Prinzen, wie ihn der Volksmund nannte, und erwiderte: »Direkt aus dem Fegefeuer, Königliche Hoheit, und werde vor das jüngste Gericht geschleppt, um in die Hölle geworfen zu werden.« »Kannst du nicht mitkommen; ich fahre hinaus ins Schlößchen und würde mich freuen, ein paar Stunden mit dir zu plaudern, alte Erinnerungen aufzufrischen. Freilich, ganz präsentabel siehst du nicht aus.« »Kann auch nicht mitkommen, so gerne ich es täte. Ich bin auf dem Wege zu Gefängnis, Handschellen und Zuchthaus. Hier sind die Schergen des Gerichtes.« Er ergriff die beiden Beamten, die in untertänigem Staunen erstarben. Der Prinz warf einen fragenden Blick auf den Zugsführer. 191 »Es soll nur festgestellt werden,« stammelte dieser, »ob –. Der Schaffner behauptet, daß –. Ich hoffe, es ist ein Irrtum –. Der Schaffner –.« Der Schaffner stand da und schwitzte vor Aufregung. Er wünschte sich selbst zu allen Teufeln und war sogar bereit, sein Goldstück herzugeben, wenn er nur aus der beklemmenden Nähe des roten Prinzen wegkäme, dessen wenig zartes Wesen er noch von einer unangenehmen Affäre seiner Dienstzeit her im Gedächtnis hatte. Der Prinz wurde ungeduldig. »Ich bin gewohnt, klare Antworten zu bekommen, Zugsführer. Wie heißen Sie?« »Rehbaum, Königliche Hoheit.« »Und der Mann da?« »Kalkner, zu Befehl, Königliche Hoheit.« »Also was ist los, heraus mit der Sprache –« und als nicht sofort Antwort kam, brach er mit den Worten ab. »Ich habe keine Zeit, bis es Ihnen gefällig ist, zu antworten. Mein Zug wartet nicht. Ich hoffe, Sie belästigen den Herrn nicht unnötig. Adieu, Laban, wir sehen uns wohl bald einmal.« Damit ging er davon. Dem Zugsführer war die Lust vollkommen vergangen, mit dem Herrn, der sich mit dem roten Prinzen auf Du und Du stand, Skandal zu haben. Er grüßte kurz und ging wieder zum Zuge zurück. Aber so leicht sollte er von Thomas nicht los kommen; der packte ihn hinten am Rockschoß und erklärte, er wolle sein Urteil haben. Als sich der Zugsführer mürrisch nach ihm umdrehte, benützte der Schaffner die Gelegenheit, mit langen Schritten davon zu eilen, und Thomas mußte nun diesem wichtigeren Schächer nachlaufen. Der aber sprang über die Schienen und durch einen leeren Wagen eines haltenden Zuges davon, und das Ende vom Liede war, daß Thomas pustend und aufgeregt allein dastand, da seine beiden Verfolger vor ihm ausgerissen waren. Verstimmt schritt er dem Ausgang zu und lief beim Durchschreiten der Sperre direkt in die Arme Keller-Capreses. 192     27. Kapitel. Ein langweiliges Kapitel, das aber nicht unterschlagen werden kann, da es vom Waschen und dem Geheimnis der Sixtinischen Madonna handelt. Aus der nächsten Zeit haben sich nur sehr spärliche Nachrichten über die Erlebnisse Thomas Weltleins auffinden lassen. Es scheint, daß er öfter mit Keller-Caprese zusammen gewesen ist, und auch der Student, der den Namen Bernhard Seebach trug, hat sich hie und da mit Thomas getroffen. Aber die Mitteilungen dieser beiden Leute sind ziemlich lückenhaft. Der Student ist im Kriege gefallen und Keller-Caprese ist verschollen, so daß ich mit keinem von beiden persönlich verhandeln konnte. Man ist also völlig auf Agathes Aufzeichnungen angewiesen und die leiden daran, daß sie eine starke Abneigung gegen den Maler hatte und infolgedessen seine Erzählungen teilweise ganz kassiert, teilweise mit eigenen Randbemerkungen völlig entstellt hat. Den Studenten hat auch sie nie zu Gesicht bekommen, vielmehr sind die Verhandlungen durch Lachmann geführt worden, der absichtlich manches der Jugendgeliebten unterschlagen hat, und nun nach Jahren nur unsicher aus der Erinnerung erzählen kann. Von dem größten Teil dieser Berliner Wochen weiß man überhaupt nichts. Es bleibt mir nichts übrig, als die paar Bruchstücke, die leidlich authentisch überliefert sind, zusammenhanglos hierher zu setzen. Dahin gehören zunächst eine Reihe von Besuchen, die Thomas den Berliner Museen abstattete, und zu denen er sich Keller-Caprese als Sachverständigen mitnahm. So einfach wie bei anderen Leuten ging das freilich bei Thomas nicht. Zunächst war die Tafel mit der Aufforderung, sich vor dem Betreten der Sammlungen die Füße zu reinigen, ein schwieriges Hindernis. Thomas behauptete, seine Schwester Agathe müsse in der Nähe sein. »Sie und keine andere hat diesen niederträchtigen Streich ausgedacht, hat die Tafel hierher gehängt und lauert nun irgendwo, um sich an meiner Erniedrigung zu weiden, daran zu 193 weiden, daß ich mich auf fremden Befehl reinigen muß, genau so, als ob ich ein kleiner Junge wäre, dessen Hände und Hals von der Mama auf ihre Reinheit geprüft werden, ehe er sich zu Tisch setzen darf, und der schließlich wieder ans Waschbecken geschickt wird, weil er dreckige Ohren hat.« Auf Grund dieser fixen Idee brachte Thomas zwei volle Stunden damit zu, erst die Umgebung und dann sämtliche Räume der Galerie nach seiner Schwester abzusuchen. Dabei hielt er lange Reden, die teilweise so heftig und laut geführt wurden, daß ein alter Galeriediener, der eben im Begriff war, seine Verachtung für das verständnislose Publikum durch Spucken in den königlich preußischen Museumsspucknapf des Rubens-Saales Ausdruck zu geben, verwundert den Kopf umdrehte und so seine königlich preußische Museumsuniform mit seinem selbstfabrizierten Wurfgeschoß traf. »In dem Waschen liegt der Urgrund aller Lüge und Schlechtigkeit,« tobte Weltlein gerade. »Das Waschen ist das Werk des Teufels, eine Gemeinheit, deren Erfindung die unergründliche Bosheit des Weibes zur Voraussetzung hat. Wer zählt die Tränen, die die armen wehrlosen Kinder unter dieser grausamen Mißhandlung durch die eigene Mutter vergießen. Wenn der liebe Gott den Dreck nicht gewollt hätte, hätte er ihn doch nicht geschaffen. Er hätte uns nicht den Bauch mit schönen braunen, plastisch knetbaren, nur Fremden stinkenden, uns selbst wohlriechenden Stoffen angefüllt, wenn es seine Billigung hätte, daß dann irgend ein beliebiges Weibsbild ankommt und dieses unser höchstes Eigentum, unsere ureigenste Schöpfung Baba schimpft. Sehen Sie denn nicht, Sie blinder Tropf, der Sie sich Maler nennen, daß alle Malerei, alle Kunst auf diesem geheimnisvollen Wunder beruht, das die verderbte Menschheit mit dem Namen Dreck oder gar Schmutz begeifert? Alle Plastik, die Kunstwerke des Phidias und des Michelangelo wären ja gar nicht da, wenn nicht der Säugling mit Darm und After seine Würste formte, um sie dann mit den Händchen zu Abbildern seiner, dem Himmel noch nahen Phantasie zu gestalten. Haben Sie nie als Junge im Sand wie ein Kupferstecher oder im Schnee wie ein echter Maler Figuren mit dem Ihnen von der Natur mitgegebenen Pinsel und dem leuchtenden Goldton Ihres Farbenbehälters im Bauche gemalt? 194 Wahrscheinlich täten Sie es noch, wenn Sie nicht so ein ausgemachter Polizeihase wären, der seine natürlich schönen Triebe der sogenannten Sitte, das heißt der Lüge zum Opfer bringt. Da erzählen sich die Leute Wunderdinge von Giotto oder wie der Kerl heißt, und dem vollendeten O, das er in den Straßenstaub gezeichnet habe, an dem Phänomen aber, daß jedes Kind seine Windeln und Bettlaken bemalt und daß da die Wurzeln aller Kunst liegen, geht die Menschheit achtlos vorüber. Angeborenes Talent? Ja, es hat sich doch noch niemand die Mühe gegeben, die ersten künstlerischen Versuche des Menschen, mögen sie nun plastischer, malerischer oder musikalischer Art sein, zu studieren; festzustellen, wie das Werk dieser primitiven Kunst der Entleerungen oder des Puzens auf den Künstler wirkt und so lange man das nicht tut, ist das Reden über Talent albernes Geschwätz. Kein Mensch aber ahnt, wie viele Meisterwerke der Menschheit verloren gehen, wie vielen Bildhauern, Malern, Musikern, Poeten, Architekten schon in den ersten Momenten ihres Daseins ihre Begabung geknickt wird, lediglich, weil die Mütter für nötig halten, sie zu waschen. Übrigens ist ja die ganze Wascherei sinnlos, man wird doch wieder dreckig. Es ist Danaidenarbeit und ich meinerseits begreife den Ausspruch des Biedermanns: Ich bin kein solches Schwein, daß ich mich alle Tage waschen müßte. Wer sich schmutzig vorkommt, seelisch schmutzig, der wäscht sich, als ob er damit den Sündenkot seines Herzens wegreiben könnte. Aber man sollte zu viel von sich halten, zu stolz sein, um sich schmutzig zu finden. Was ich tue, ist recht, denn ich tue es, ist der Grundsatz des anständigen Mannes. Er überläßt die Reinlichkeit den Pilatusseelen, die Unschuld erheucheln müssen, weil sie zu feige sind, Schuld zu tragen. In der Nationalgalerie hängt ein Bild, da versucht ein Kind ein Mohrenweib mit dem Schwamme weißzuwaschen. Der Maler verstand die Tiefen des Lebens, er malte eine Satire auf das Waschen selbst, das ja nie rein machen kann, sondern nur neue Dreckschichten zu Tage fördert. Und wenn man den Dingen nachgeht, merkt man, daß die ganze Schmutzidee mit den Kleidern zusammenhängt. Gesicht und Hände, die entblößt getragen werden, reinigen sich von selber. Die Kruste, die sich darüber bildet, wenn sie nicht gewaschen werden, wird nie dicker, 195 sie reinigt sich selbst, es stellt sich heraus, daß diese Art Kruste sogar reinlich ist. Sie stinkt nicht wie Hände, die mit Parfüm gewaschen sind, sie sieht nicht häßlich aus, wie die der Wäscherinnen, sie ist, verglichen mit einer frischgewaschenen Hand, nahezu frei von Fäulnisbakterien, kurz, es ist eine anständige ehrliche Hand. Bei der Kleidung aber fängt die Lüge an und natürlich stinkt die Kleidung, wie jede innerlich verlogene Lüge. Sie wissen doch, was innerlich verlogene Lügen sind? Pharisäerlügen, die eine Schandtat in eine ehrenvolle Handlung umzulügen suchen. Alle Menschen, die edel sein wollen, alle, die hilfreich und gut zu werden begehren, gehören in diese Gattung der lügnerischen Pharisäer. Die Haut verwest fortwährend in ihren oberflächlichen Schichten und der Verwesungsgeruch mitsamt den Fettsäuren und Schweinereien fängt sich in der Kleidung. Reine Wäsche, das laß ich mir gefallen, aber das Waschen? Ich bleibe dabei, es ist eine Gemeinheit, sobald es der Reinlichkeit wegen anempfohlen wird. An sich ist ja frisches Wasser angenehm. Die Weiber aber benutzen es, um die Kinder zu quälen, freuen sich an dem Erfolg ihrer Bosheit. Sie selber waschen sich ja nicht einmal das Gesicht mit Seife, weil sie immer parat sein wollen, geküßt zu werden und weil ein Seifengesicht stinkt, ein dreckiges aber wollüstig duftet, wie Haare, wenn sie vier Wochen lang nicht gewaschen sind. Können Sie sich vorstellen, daß sich Engel waschen? Richtig mit Seife, nicht nur zum Vergnügen? Wie mag es überhaupt bei den Engeln unterhalb der Kleider aussehen?« Er stand gerade vor den musizierenden Engeln van Eycks und schaute prüfend auf die einzelnen Figuren. »Starke Zeiten dachten sich die Engel männlich, bei uns sind sie zu Mädchen degradiert und unsere schäbige Denkart ist imstande, dem Engel mit dem feurigen Schwert Weiberzüge zu geben. Aber sagen Sie doch nur, wie mögen diese Wesen unter dem Hemde gedacht sein? Haben sie überhaupt Bäuche und wenn sie welche haben, ist etwas drin? Und wenn etwas drin ist, kommt es heraus und wie sehen die Apparate aus, mit denen die Entleerungen stattfinden. Gibt es Abtritte da oben? Ist der Donner der Furz des Engels?« Bei dieser Frage versank Thomas in tiefes Nachdenken. Die Hände in den Hosentaschen, den Kopf gebeugt und den Rücken 196 gekrümmt, stolperte er vorwärts, ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne auf Keller-Caprese zu achten, der schweigend neben ihm her ging, weil er aus Erfahrung wußte, daß mit seinem Gönner am leichtesten auszukommen war, wenn man ihn schwatzen ließ. Thomas strebte geraden Weges auf den Ausgang zu, dort blieb er stehen, nahm die Stiefelbürste, die dort lag, und putzte sich äußerst sorgfältig die Schuhe, um gleichsam noch einmal den Gegensatz zwischen seinen und der Welt Reinlichkeitsbegriffen zu betonen. Dann wandte er sich, die Bürste gegen den Boden stemmend und mit dem Hinterteil darauf balancierend, als ob er sich den langen Stiel von hinten in den Bauch bohren wollte, zu Keller-Caprese. »Alles in allem haben die Frauen doch recht, uns zur Reinlichkeit zu erziehen. Was sollte wohl daraus werden, wenn wir noch jede Straßenecke wie die Hunde anspritzen wollten. Und das Beachtenswerte ist, daß die Mütter gar nicht den wahren Grund und Zweck ihres Waschens kennen. Sie merken es in ihrer dummen Unschuld nicht, daß es ihnen darauf ankommt, die Kinder nackt zu sehen, die bloße Haut warm zu berühren und in diesem Gefühl zu schwelgen, die intimsten, erregbarsten Teile des Kindes zu inspizieren und zu –. Ist es nicht tiefsinnig, daß die Natur gerade die Mutter zwingt, ihren Kindern den ersten Unterricht im erotischen Genießen zu geben? Dadurch, daß sie Gestank und Dreck an die unterirdischen Teile des menschlichen Körpers bannt, wo Eros schelmisch lächelnd lauert? Und ist es nicht tragisch, daß dem Menschen der erotische Verkehr gerade mit diesem Wesen, dessen Hand zuerst ihn liebkoste, dessen Brust zuerst ihn mit Lust erfüllte und das er infolgedessen mit einer so heißen Liebe liebt, wie niemals wieder irgend wen, daß ihm gerade mit der Mutter die heiße Liebe verboten ist? Trieb und Verbot, Lust und Herzeleid, so innig seid ihr verwoben und schafft am Leben, gebt uns alles Edle und Erhabene.« Er trat auf die Straße und platschte mit einem kindischen Lachen in die nächste Pfütze hinein. Dann sagte er wehmütig: »Ich habe niemand, der mich dafür schilt, und niemanden, der mich wäscht. Wie schwer ist es, erwachsen zu sein.« Er ging eine Weile schweigend weiter, dann begann er von neuem: »In der Frage 197 der Naturgeschichte der Engel fällt mir ein, daß mir einmal erzählt worden ist, Petrus drehe den kleinen Kindern den Bauch ab, ehe sie Engel würden, damit sie ihm den Himmel nicht schmutzig machten. Und wenn ich mich recht besinne, bestehen die Engel auf Raffaels Sixtinischer Madonna tatsächlich nur aus Kopf und Flügeln. Ich meine die Wolkenengel. Die beiden unten haben wenigstens noch Brustkasten. Erinnern Sie sich übrigens, daß der eine dieser Engel den Finger auf den Mund legt und haben Sie je darüber nachgedacht, was das bedeutet? Nein, natürlich nicht. Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Wenn Sie je einen Menschen, während er sich mit Ihnen unterhält oder Ihnen gegenüber sitzt, den Finger auf den Mund legen sehen, so können Sie als gewiß annehmen, daß er etwas verschweigt, daß er sich selbst Schweigen auferlegt, daß er ein Geheimnis hat und es nicht verraten will. Er hält den Mund in des Wortes wahrster Bedeutung. Und der Engel der Sixtina hat ein solches Geheimnis zu hüten, das tiefste unergründliche Geheimnis der Welt. Die Sixtina ist kein christliches Bild, sie offenbart uns symbolisch das Urphänomen des Lebens, das Geheimnis der Mutter. Diese Madonna schreitet durch einen Vorhang, ein weiterer Hinweis, daß hier ein Mysterium waltet. Nach beiden Seiten spalten sich die eng aneinander geschmiegten Hüllen und das Weib, das Kind tragend, erscheint. Aus der Tiefe des Allerheiligsten hervor schreitet sie durch den Vorhang, dem dunklen Triebe gehorchend, der Bestimmung des Weibes entgegen, im Schoße des Himmels die unzähligen Keime neuen Werdens zeigend. Dem Mannessymbol geht sie entgegen, das in dem ausgestreckten Arm und Finger des Papstes offenbart ist, sie achtet des Fingers, der Mannheit nicht, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, ganz erfüllt vom Weibsein und entkleidet jeder kleinlichen persönlichen Leidenschaft. Der Schleier der falschen Scham ist zurückgeschoben. Sie ist das Weib, die Idee des Weibes, das Aphrodite und Mutter zugleich ist. Nur einen Augenblick erschaut der Mensch das tiefste aller Rätsel, die Madonna schreitet mit wallenden Gewändern und schon im nächsten Moment wird sie dem Blick entschwunden sein. Ihre Bewegung ist kreisförmig, ein Schwangerschaftssymbol. Alles, was rund ist, ist Welten- und Muttersymbol. Die Dreizahl der 198 Figuren ist wiederum die Mutter. Denn die Eins ist der Mann, die Zwei die Ehe, die Drei Mann, Weib und Kind, die Dreieinigkeit. Nehmen Sie die beiden Engel mit in den Blick, so haben Sie wieder den Kreis, das Schwangerschaftszeichen, er schließt sich um diese fünf Personen. Aber die Drei ist auch die Zahl des Mannes, und daß hier Weib und Mann und Kind in wunderbarem Mysterium dargestellt sind, sehen Sie an der Stellung der Figuren. Sixtus und Barbara sind in verschiedener Höhe gemalt, und zwischen ihnen steht aufrecht das Weib mit dem Kind. Es sind die Testikel und der Phallus, der als Weib mit dem Sohn erscheint, so die Verschmelzung von Weib und Mann im Menschen zeigend. Denn wer ist ganz Mann oder ganz Weib? Wir sind beides, unlösbar zur Einheit geworden. In diesem Bilde ist die Welt gemalt, und es ist mit Recht die Perle aller Gemälde, es ist göttlich.« Thomas lachte plötzlich laut auf. »Mir fällt gerade eine Illustration zu Goethes Gedicht ›Die Brautnacht‹ ein. Da sieht man auch einen Vorhang dicht zusammen gehalten vom Amor, der neckisch lächelnd den Finger auf den Mund legt. Amor und Engel, sie sind dasselbe, und wie Raffael den Engelköpfchen Flügel anheftet, so malt Felicien Rops den Phallus geflügelt. Gut und böse, rein und unrein, hoch und tief, das alles ist Unsinn. Letzten Endes ist alles Gott und nur wir dummen Menschen mäkeln daran herum. Die Antike fühlte das noch. Die Lateiner haben für hoch und tief denselben Ausdruck: altus . Aber wir, wir sind Pharisäer und tun nichts anderes, als stolz bekennen: Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie jener. Haben Sie den Galeriediener vorhin gesehen? Er wollte die Welt bespucken, den kreisrunden Spucknapf, aber er mußte auf sich selbst speien, da er sich selbst verächtlich war. Und wissen Sie, warum er sich verächtlich ist? Weil er inmitten des blühenden Weiberfleisches, das der göttliche Rubens gemalt hat, mit dem Gefühl der erbärmlichen Impotenz stundenlang herumlaufen muß. Weil er nicht Saft und Kraft sonstwie besitzt, setzt er die Spucke an Stelle befruchtenden Samens, genau wie die halbwüchsigen Bengel. Deren Hoden sind noch nicht reif für den Verkehr mit dem Weibe, da täuschen sie sich eine Männlichkeit durch Spucken vor. Ein Weib hat der Kerl nicht, aber der Spucknapf ist ein 199 Symbol des Weibes. Nur ist der Mann selbst für so eine symbolische Handlung zu invalide, zu schlapp.« Thomas blieb plötzlich stehen, sein Gesicht hatte sich in innerer Qual verzerrt, und er sah finster vor sich hin. Nach wenigen Sekunden holte er sich eine Zigarette vor, steckte sie an, faßte den unvermeidlichen Spazierstock fester und stieß ihn auf den Boden. »Sie können jetzt gehen,« sagte er, fügte aber gleich hinzu, »warten Sie noch einen Moment. Sie haben heute besser zugehört als gewöhnlich und verdienen eine Extrabelohnung. Hier.« Er drückte dem Gauner ein Goldstück in die Hand und schritt davon.     28. Kapitel. Noch ein Museumsbesuch, ebenso langweilig wie der vorige. Einige Zeit darauf trafen sich die beiden wieder im Museum. Thomas schien einen schweigsamen Tag zu haben und Keller-Caprese strengte infolgedessen seine Erfindungsgabe an, um die Unterhaltung in Gang zu bringen. Er war eben dabei, sich über den Goldton Tizians zu verbreiten und ihn in Gegensatz zu dem Silbergrunde Morettoscher Gemälde zu bringen, als ihn Thomas ungeduldig unterbrach. »Das sind selbstverständliche Dinge. Tizian wußte zu leben, und da er nie genug Geld hatte, malte er sich welches. Mich interessiert das nicht. Ich habe so ziemlich alle öffentlichen Galerien der Welt gesehen und das Resultat ist, daß ich vollständig verdummt bin und das Wesentliche an einem Bilde nicht mehr sehe. Das Wesentliche ist der Rahmen. So Ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet Ihr nicht in das Himmelreich kommen, steht in der Bibel, und für Kinder ist der Rahmen viel anziehender als das Bild selbst. Ich bin auch überzeugt, daß das Kind recht damit hat, denn was hat man vom schönsten Tizian, wenn er aufgerollt in irgend einer Ecke steht. Aber ich mag mir Mühe geben, so viel ich will, ich kann die nötige Freude am Rahmen nicht mehr 200 aufbringen. Die Aufmachung ist das Wesentliche an den Dingen. Ich weiß das ganz genau, aber ärgere mich darüber, statt mich daran zu freuen. Die Art, wie die Menschheit dazu gebracht wird, dieses oder jenes für schön zu halten, für edel, für gut, ist mir interessant, wenn ich mich in großen Zusammenhängen damit beschäftige, wenn ich sozusagen einen großen, riesigen, grellbunten Rahmen ansehe. Das Wesentliche des einzelnen Ereignisses, das sehe ich gar nicht. Infolgedessen werde ich betrogen und ausgelacht. Und das kommt nur daher, weil ich von Kindheit auf ein Gernegroß gewesen bin, Erwachsensein gespielt habe. Nichts war für mich erhaben genug, groß genug, weit genug. Deshalb bin ich so lang geworden und so dick und so dumm.« Er seufzte schwer und verfiel in ein dumpfes Brüten. Keller-Caprese zerrte ungeduldig an seinem Knebelbart. Ihm waren solche Stimmungen seines Ernährers höchst unbequem, er wußte, daß knappe Zeiten für ihn kamen, wenn Thomas schweigsam wurde. Er beschloß, den dicken Narren durch Widerspruch zu reizen. »Das ist eine phänomenale Dummheit, was Sie da sagen. Der Kern, der Inhalt, das Bild selbst ist das Beachtenswerte. Der Rahmen ist vielleicht notwendig, aber unwesentlich. Oder wollen Sie wirklich behaupten, daß es auf den Rahmen der Sixtina, auf die Sie neulich solch einen Hymnus gesungen haben, mehr ankommt als auf das Bild?« Thomas geriet so in Wut, daß ihm der Geifer wie ein Sprühregen von den Lippen spritzte. »Gebe ich mir dazu seit Wochen mit Ihnen Mühe, damit Sie mir hier das Kakangelium der Philister vorsingen. Gehen Sie hinüber in die Nationalgalerie und sehen Sie sich dort an, was für Schinken vor 20, 30 Jahren Meisterwerke waren, bloß weil die Zeitungen und der Kunstklüngel, das heißt die Rahmen, Aufsehen erregten. Der wurde berühmt, weil er eine Locke in die Stirne fallend trug, jener, weil er die Weiber wie Huren behandelte, wieder ein anderer, weil er gute Soupers gab und wieder einer, weil er Zoten riß, und daneben finden Sie ein unvergleichliches Gemälde, das angestaunt wurde, weil der Maler rot malte, was grün aussieht, oder gar, weil er überhaupt gar nicht malte, sondern mit Kohle Kartons entwarf. Und mit den alten 201 Bildern ist es doch nicht anders. Die Sixtina? Vor anderthalb Jahrhunderten ist sie für einen Spottpreis verkauft worden. Niemand kümmerte sich um das Bild, und selbst ein leidlich gescheiter Mensch wie Goethe hielt es nicht für der Mühe wert, sie auch nur zu erwähnen. Damals war sie noch wirklich Raffaels Werk. Dann aber hat man sie restauriert und übermalt, so daß kein einziger Pinselstrich darauf mehr von Raffael herrührt, und nun ist sie berühmt geworden, die Perle der Malerei. Das Geschwätz unserer Kunsthistoriker und Ästheten, deren Beruf es ist, die Wahrheit zu fälschen, genau so wie es bei den Geschichtsschreibern ist, das ist das Wesentliche an der Sixtina, an Michelangelo, Rembrandt, Rubens. Wenn wir nicht alle an ästhetischen Blähungen litten, würde sich kein Mensch nach den Ölabsonderungen dieser Maler umdrehen, außer ein paar Sammlern, für die sie etwa denselben Tollheitswert hätten, wie jetzt ein Unikum für die Briefmarkensammler. Die Größe des Menschen wird erst durch Geschrei geschaffen, durch Geschrei von Menschen, die selbst zu impotent sind, um zu zeugen, aber erwachsen und vollsaftig tun, wie die Jungens, die künstlich im tiefsten Baß sprechen. Im Grunde ist an den großen Menschen nichts anderes, als bei den Durchschnittsleuten. Die eigentliche Größe des Menschen beruht gar nicht auf seinen Leistungen, sondern auf der Art, wie er über seine Leistungen denkt. Wer wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hat, gackert, hat seinen Lohn dahin. Und daß ich das immer wieder vergesse, daß ich auf dieses Erwachsentun der kindischen Menschen hereinfalle, ärgert mich. Ein Bilderbuch wie der Struwwelpeter ist zehnmal mehr wert, als das ganze Museum hier und tausendmal tiefsinniger als der ganze Rembrandtschwindel, tausendmal wichtiger auch. Aus dem Struwwelpeter strömt eine Fülle von Weisheit.« Keller-Caprese fand es rätlich, Öl in das Feuer zu gießen. »Ich denke eben darüber nach,« sagte er, und ließ sich auf einen der Sitze nieder, »warum mir das Stehen so schwer fällt und nach der Erwähnung des Struwwelpeters erkenne ich plötzlich, woran das liegt. Mir kam nämlich sofort Buschs Max und Moritz in den Sinn. Das Bild, wo der Schneider von den Gänsen aus dem Wasser gezogen wird, und dann wurde mir klar, daß ich die ganze Zeit, 202 während Sie sprachen, auf Correggios Leda mit dem Schwan gestiert hatte. Gänse und Schwäne gehören zusammen. Vor dem Bilde standen vorher zwei Gymnasiasten und man sah ihren Gesichtern an, was in ihnen vorging. Das hat Erinnerungen in mir geweckt, die schwer lasten.« Thomas war wie elektrisiert. Er setzte sich neben den Maler, hakte bei ihm ein und lachte vergnügt. »Sehen Sie, wie es auf mich wirkt. Ich muß gleich meinen Arm in den Kreis zwischen den Ihren und Ihren Körper schieben. – Da haben Sie wieder ein Stück des Rahmens, der die Maler berühmt macht, die Gegenstände, die sie malen. Alle unsere Begriffe von Schönheit sind abgeleitet von der Sehnsucht, eine Öffnung zu finden, in die wir uns einschieben können. Mann und Weib, gestreckte Form und runde Form, da haben Sie alles. Nehmen Sie noch das Dreieck hinzu, das ja den Mann bedeutet, so ist klar, was schön ist. Die Dreizahl; da haben Sie es. Ich sprach Ihnen ja neulich davon. Übrigens Testikel: testis zeugen, bezeugen, erzeugen. Besinnen Sie sich an das Sprichwort: Durch zweier Zeugen Mund wird die Wahrheit kund. Diese Zeugen, das Latein beweist es ebenso wie das Deutsch, sind die Samenbehälter, und was ihr Mund ist, wissen Sie wohl. Wer die Wahrheit erforschen will, der befrage seine Wünschelrute. Dort wird er sie finden. Mysterium.« Der Narr nahm seinen Arm aus dem seines Nachbarn und faltete andächtig die Hände. Der Maler merkte, daß er Oberwasser bekam, und fuhr fort, sein Korn zu mahlen. »Es ist kein Zweifel, die Justiz mit allem, was drum und dran hängt, stammt her von der Begierde. Cherchez la femme .« Eben trat ein elegant gekleidetes Pärchen in den Saal, ein hübsches, ganz junges Weib, das gelangweilt und schlaff neben ihrem kräftig gewachsenen Begleiter einherging, der seinerseits mit mürrischem Gesichtsausdruck einen Schritt vor ihr und halb abgewendet an den Bildern sich entlang schob. Keller-Caprese verfolgte sie mit begehrlichen Augen. »Es ist ein guter Witz, daß man das Recht als Göttin darstellt, da ja ein jeder weiß, wie parteiisch die Weiber sind.« 203 »Wenn die Wahrheit der Geschlechtsapparat des Mannes ist, konnte man das Forschen nach der Wahrheit nicht besser symbolisieren als durch das Weib,« erwiderte Thomas und bewegte leise schaukelnd den Oberkörper hin und her, unwillkürlich das Forschen nach der Wahrheit darstellend. »Wer weiß so gut mit der Wahrheit Bescheid als die Frau? Und daß sie die Binde über den Augen trägt –« Er vollendete den Satz nicht. Der Apfelsinenmann von der Herfahrt nach Berlin fiel ihm ein und er hielt krampfhaft seine Taschen zu. »Mach die Augen zu, mach' die Augen zu, dann siehste nichts, dann hörste nichts, dann weißte nichts davon,« trällerte der Maler vor sich hin. »Ja,« sagte Thomas, »die Gründlichkeit der Forschung wird durch die Intensität des Genusses verstärkt. Die Binde ist wohl als das Schließen der Augen im höchsten Moment –« »Sehen Sie nur,« der Maler wies aufgeregt nach dem Paar. »Das ist interessant. Ich bin neugierig, wie es ablaufen wird.« Der Herr war vor dem Bilde der Leda stehen geblieben und hatte es eine Weile eingehend betrachtet. Eine kaum erkennbare Unruhe sprach sich darin aus, daß er den Hut ein wenig lüftete und zurechtsetzte. Dann wandte er sich zum erstenmal zu seiner Frau, die so tat, als ob sie sich für einen Tintoretto interessierte. Er winkte ihr und rief sie schließlich bei Namen. Mit absichtlichem Widerstreben trat sie neben ihn und warf einen affektiert gleichgültigen Blick auf das Bild, steckte die Hände in den Hermelinmuff, den sie der Mode folgend trotz des Sommers trug und wandte sich zum Weitergehen. Ihr Mann hielt sie am Arm und flüsterte ihr irgend etwas zu. Darauf trat sie näher an das Bild heran. Nach einer Weile zog sie die Hand aus dem Muff, faßte ihren Mann unter und schmiegte sich an ihn. »Schau, schau,« meinte der Maler und kniff das eine Auge zu, »die sind noch empfänglich für die Werke der Kunst. Ich möchte wetten, daß die beiden in fünf Minuten ins Bett kriechen.« »Wenn sie nicht vorher Gelegenheit finden,« sagte Thomas nachdenklich. »Es ist etwas Merkwürdiges mit der Liebe. Da bilden sich die Menschen ein, sie liebten einander und in Wahrheit lieben sie die Leda oder den Schwan.« 204 »Im Resultat bleibt es dasselbe,« schob Keller-Caprese ein. »Gewiß,« bestätigte Thomas, »aber darum betrügen sie sich nicht minder. Und was wir eben sahen, geschieht in jedem Theater, in jeder Gesellschaft, auf jeder Straße, auf Schritt und Tritt. Das junge Liebesglück zankt sich noch auf der Fahrt zum Ball und mit Hilfe der straff gespannten Hosen über einen Husarenleutnantshintern oder des tiefen Ausschnittes einer Ballschönheit wird der Haß in so heiße Liebe verwandelt, daß schon auf der Rückfahrt noch in der Equipage das Kleid verschoben wird. Was wir Liebe nennen, bei Männlein oder Weiblein ist gleich, das ist nur die Übertragung einer wollüstigen Erregung durch diesen oder jenen Schauspieler, durch dieses oder jenes Buch, auf das Objekt, das uns der Pfaffe angetraut hat. Es ist wie bei den Kaiserkrönungen. Ein Brunnen fließenden Weins ist auf dem Markt aufgebaut, ein jeder fängt ihn auf in sein Gefäß. Die Liebeskraft und Fülle ist kaiserlich reich, aber sie wird nicht besser dadurch, daß der Metzger des Kaisers Wein seinen eigenen Wein nennt, und nicht edler dadurch, daß wir Worte, wie unverbrüchliche Treue, ewige Liebe hinzufügen. Ein Begriff, wie der Treue, ist der reine Blödsinn, eine Erfindung der Weiber, um ihre Männer niederzuhalten, während sie selbst ungestört ihren Gedankensünden nachgehen können. Der Ehebruch ist permanent, die Liebe eine ununterbrochene Kette dicht aneinandergereihter Treulosigkeiten und das Treuegelübde ein von menschlicher Tücke ersonnenes Mittel, um jederzeit als Vorwand für die Entladung schlechter Launen und eigenen Schuldbewußtseins zu dienen.« Keller-Caprese bog sich vor Lachen und klatschte mit den Händen auf die Kniee. Thomas geriet durch den Erfolg seines Geschwätzes noch mehr ins Feuer. »Du sollst nicht ehebrechen! Man kann gar nicht existieren, ohne stündlich die Ehe zu brechen. Du sollst nicht töten! Wir töten mit jedem Atemzug Lebewesen. Wir brechen Blumen, schlachten Vieh, eine großartige Illustration zu dem fünften Gebot. Und Menschen töten? Jedes Mädchen wird mit 20.000 Eiern geboren, ehe es noch die Geschlechtsreife erlangt hat, sind schon 19.000 von diesen Kinderchen ermordet, und der Mann schlachtet fortwährend 205 tausende seiner Kinder, die er mit sich im Sack herumträgt. Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen – daher der Gruß Adieu. Ich möchte auch wissen, was wir anderes tun als lästern, wenn wir ihn für alles Gute verantwortlich machen, das sogenannte Schlechte aber seiner Machtvollkommenheit entziehen und dem Teufel vorbehalten. Der Begriff der Sünde ist ja schon eine Gotteslästerung.« Keller-Caprese fing wieder an, sich zu bekreuzen, diesmal heimlich, da er den Zorn seines Gönners fürchtete. »Die ganze Gesetzgeberei auf dem Sinai ist eben ein Witz des alten Moses und er hatte guten Grund, sein Haupt zu verhüllen, als er die berühmten Tafeln herbeischleppte. Sein Lachen hätte ihn verraten.« Dem Maler wurde unheimlich zumute, mit einem gewaltsamen Ruck steuerte er die Unterhaltung in ein anderes Fahrwasser. »Ihre Reden erinnern mich an den Struwwelpeter, von dem Sie vorhin sprachen. Erinnern Sie sich an das letzte Blatt, wo Robert von seinem eigenen Regenschirm in die Luft geführt wird? So kommen Sie mir vor.« Thomas runzelte die Stirne und sagte mürrisch: »Sie verstehen von diesem wunderbaren Buche scheint's nicht viel. Ich deutete Ihnen schon vorhin an, daß Weltweisheit im Struwwelpeter verkündigt wird. Wenn es auch angängig ist, allumfassende Wahrheiten auf irgend eine einzelne Person anzuwenden, so ist es doch, da das Gewand für individuelle Verhältnisse viel zu weit ist, schleppt und schlottert, geschmacklos, so etwas zu tun. Der fliegende Robert, der von seinem Regenschirm in die Lüfte gehoben wird, steht in Parallele zu Paulinchen mit den Streichhölzern. Sie wissen doch, was das Aufspannen eines Schirmes zu bedeuten hat?« Keller-Caprese beging die Dummheit zu nicken und mit der Hand eine beruhigende Gebärde zu machen, ganz überzeugt davon, daß er wisse, was ein Regenschirm sei. Dadurch ist der Gedankengang Weltleins nicht klar zum Ausdruck gekommen. »Nun also,« fuhr Thomas fort, »der Maler-Dichter wollte damit sagen, daß das Aufspannen des Schirmes im unreifen Alter die Schwindsucht herbeiführe, eine Ansicht, die zur Zeit dieses genialen 206 Irrenarztes gang und gäbe war; er deutet es dadurch an, daß der Knabe Robert getragen von dem roten Schirm – beachten Sie das Rot und auch die Form der Wolke ist bezeichnend – daß er also immer kleiner wird. Das Genie aber, das seine Hand führte, legte hinter diese absichtliche Symbolisierung eine tiefere. Robert fliegt in die Höhe, dem Himmel, der Vollkommenheit näher und näher. Ohne daß der Künstler in seiner beschränkten Berufsnarrheit es ahnt, spricht er die tiefste Weisheit aus, daß dieses angebliche Laster Bedingung und Wurzel alles Fortschrittes ist, daß es die Menschheit emporreißt in die Welt des Ideals.« Thomas schwieg und Keller-Caprese, der im Begriff war einzunicken, fuhr aus dem Halbschlaf auf und rieb sich die Augen. »Und Paulinchen?« sagte er. Thomas lachte. »Paulinchen? sie tut dasselbe wie Sie; sie reibt. Reibt an der Zündholzschachtel, bis die Flammen emporschlagen und sie verzehren. Auge und Schachtel, beides sind ja Symbole des Mädchengeheimnisses. Auch hier steht hinter der Warnung, den Finger nicht zu mißbrauchen, eine tiefsinnige Verherrlichung dieses ersten primitiven Menschentriebes, der Selbstliebe. Die Erfindung des Lichtes und des Feuers tritt uns entgegen mit dem tragischen Schmerz des echten Dichters vorgetragen, der seine Heldin in der Vollendung, im unbewußten Dienste der Menschheit sich verzehren läßt. Und wie nett ist es, daß er die Katzen dabei anbringt, diese Sinnbilder aller Sprachen für das Weibliche, diese chats und cats . Der Entladungstraum, das Feuer der Erregung erlischt. Ein Bächlein in den Wiesen, wie hübsch ist das gesagt, harmlos für die Ungeweihten, tief für den Wissenden.« »Ich hör' ein Bächlein rauschen,« summte Keller-Caprese vor sich hin. Thomas sah ihn streng an. »Ich sprach das letzte Wort mit einem W nicht mit einem P. Ihre Anspielung ist ungehörig.« Er erhob sich und schritt dem Ausgang zu. Der Maler schnitt eine Grimasse hinter Weltleins Rücken und folgte ihm langsam. Er überlegte, wie er die Stimmung dieser vor ihm wandelnden goldhaltigen Hosentasche noch einmal umwandeln könne. Schließlich blieb er vor einem riesigen Gemälde des Veronese 207 stehen, hielt die Hand wie ein Fernrohr vor das linke Auge und rief: »Weltlein, kommen Sie mal, hier diese Beleuchtung und dieses Farbenspiel müssen Sie sehen.« Thomas drehte sich nicht einmal um, irgend etwas mußte ihn arg verstimmt haben. Vor dem Ausgang holte ihn der Maler ein. »Was ist mit Ihnen los, Weltlein?« fragte er, ernstlich besorgt, da ihm die gute Laune seines Opfers als einzig sichere Garantie eines reichlichen Mittagessens galt. »Haben Sie denn oben das Wickelkind nicht gesehen? Auch nicht schreien hören?« fragte Thomas dagegen. »Ein Wickelkind? Nein. Wo war denn eins?« Keller-Caprese sah sich um, als ob er hoffte, durch die Gebäudemauern hindurch die Existenz des schreienden Kindes festzustellen. »Uns gegenüber hing ein Bild, ein Bild – aber Sie sind so stumpf, daß es einem ekeln kann. Sie sehen nichts und hören nichts, hören es nicht, dieses fürchterliche Schreien des gequälten Gottessohnes, der halberwürgt von Wickeln in den Armen der Mutter ruht. Er schreit, er schreit,« Thomas hielt sich die Ohren zu, »und niemand außer mir scheint es zu hören.« Bei dem Maler begann es zu dämmern. »Meinen Sie das Christuskind auf der Mantegnaschen Madonna?« »Er fragt, er fragt!« Thomas brüllte es förmlich in die Welt hinaus und lief mit langen Schritten weiter, beide Finger in die Ohren steckend. »Unseliger, es ist doch ein Symbol, oder eine Satire,« er wurde plötzlich ruhig und ließ die Hände sinken. »Eine Satire, natürlich. Wie konnte ich nur so dumm sein zu erschrecken.« Er blieb stehen, faßte den Maler vorn am Rockknopf und setzte ihm den Zeigefinger der anderen Hand auf die Brust. »Sehen Sie, hinter diesem Wickelkind, das stumm schreit, weil es weder Arm noch Bein rühren kann, stecken all die kleinen Kinder, die von ihren Müttern unter dem Vorwand der Liebe und Fürsorge mißhandelt werden. Mutter und Kind, das ist ein seltsames Kapitel. Erst schmeißen die Frauen solch ein armes hilfloses Wesen aus ihrem Bauch, in dem es hübsch warm und ruhig gelegen hat, heraus, so brutal heraus, daß der robuste Rauswerfer eines Nachtcafés bei ihnen lernen könnte.« 208 Keller-Caprese sah sein lebendiges Portemonnaie so zornig an, daß Thomas belustigt ihm den Knopf abdrehte, den er gefaßt hielt. Er sah ihn an, hielt ihn dem Maler unter die Nase und fuhr fort: »Knopf, Nabel, es ist schon viel, wenn solch ein unfertig fabriziertes Mensch das Kind nicht an der Nabelschnur aufzuhängen sucht, aber ohne ein schief gedrücktes Gesicht und ein verschwollenes Auge für das Kind pflegt es nicht abzugehen. Also aus dieser Tatsache des Mißhandelns leitet die Frau dann das Recht ab, bis an ihr Lebensende das Kind mit dem Wickel: Ich bin deine Mutter, zu lähmen. Sie behauptet ganz frisch drauf los, daß niemand dem Sohn oder der Tochter so nahe steht wie sie: Ich werde doch wohl mein eigenes Kind kennen, –: so etwas tut mein Sohn nicht. Aha,« fuhr er triumphierend fort, als Keller-Caprese fröstelnd den Kopf senkte. »Sie kennen die Melodie, sind auch unter Schmerzen geboren worden und haben das einige tausendmal vorgehalten bekommen. Als ob man vorher befragt würde und als ob es ein Vergnügen wäre, mit dem Kopf vornweg eine Treppe hinunter an die Luft gesetzt zu werden. Aber so sind die Frauen: Denk immer daran, was deine Mutter dazu sagen würde, wenn du etwas Böses tun willst, kennen Sie das Wickelband auch?« Er hatte sein Gegenüber losgelassen und wickelte mit wahrer Wut mit der rechten Hand einen Säugling ein, den er auf dem linken Arm getragen darstellte, wickelte so fest, daß kein Zweifel daran aufkommen konnte, wie überzeugt diese Mutter in Hosen von ihrem Mutterrechte war. »Und der alte Esel von Vater,« Weltleins Augen leuchteten einen Moment im Haß auf und diese Empfindung steckte anscheinend seinen Zuhörer an, wenigstens ballte der die Faust – »steht dabei und bewundert den heiligen Mutterberuf. Kein Wunder, denn das Weibchen läßt ihm die Ohren von reizenden Eroten vollsingen – sie nennt sie Engel und bläst ihnen eine wunderbare Himmelsmusik vor, – rings umrahmen sie ihn, die vielen Liebesstunden, und niemand hört das lautlose Schreien des Kindes, niemand, außer mir. Und diesen schlauen Trick der Frauen, zu mißhandeln und daraus ein heiliges Recht abzuleiten, den haben alle anderen Bestien ihr abgelauscht. Da kommt die Schule und behauptet, Rechte auf den Fleiß des Kindes zu haben, und der Beruf kommt und redet von 209 Pflichten und der Staat kommt, verlangt mit Pauken und Trompeten Vaterlandsliebe, währenddeß er die Taschen leert, uns als Kanonenfutter verwertet, und schließlich predigt die Kirche, die den bekannten großen Magen hat, ihr heiliges Öl von Gott und Sünde. Aber sie kommen alle nicht gegen die Weiber auf. Keiner von ihnen kann sagen: ich habe dich unter dem Herzen getragen – unter dem Herzen, das wagen sie auch noch zu sagen, rühmen sich dessen, daß sie ihre Kinder nicht im Herzen, sondern darunter tragen – keine hat so ein schönes Schlagwort, wie: Du bist mein Fleisch und mein Blut. Sie bilden sich wahrhaftig ein, sie hätten das Kind gemacht, während es ihnen doch gemacht worden ist. Sie kennen doch Agathe? Nein, nicht? Na also, Agathe ist meine Schwester. Übrigens geht Sie das ja gar nichts an. Sie ist aber auch ein Wickelband, eines mit einer Schleife, mit einer Hutschleife, einer violetten Hutschleife; wahrscheinlich, um, wie das Veilchen, mit ihrer Bescheidenheit zu protzen. Aber Veilchen sind aufdringlich durch ihren Geruch und wachsen in solchen Massen – na ja, meine Schwester –« Der Gedanke an Agathe verwirrte die Logik des armen Narren so, daß er den Faden verlor. »Wo war ich stehen geblieben! Richtig, beim violett. Sie haben ja vorher etwas von der Farbe geredet; was war das doch?« »Ein Veronese,« erwiderte Keller-Caprese. Thomas sah voll Mißtrauen, wie der Maler sich die Lippen leckte, die ihm im starren Schrecken über den bizarren Ausfall gegen die Mütter ausgetrocknet waren. »Sie haben wohl an Veroneses Gastmahl des reichen Mannes gedacht, alter Freund, aber zur Strafe für Ihre Gier sollen Sie erst noch eine Abhandlung über die Farben mit anhören.« Er nötigte seinen Genossen auf eine Bank, stellte sich vor ihm auf, die eine Hand auf dem Rücken, die andere vorn in der Brust. »Also beginnen wir zunächst mit dem Rot, der Farbe der Liebe. Sie sehen da gleich eine Reihe von Zusammenhängen. Rot sind die Lippen, mit denen man Worte der Liebe stammelt und mit denen man küßt. Rot ist aber auch das, was Lippen schamhaft verschließen, der Schoß des Weibes. Rot ist auch der Liebesschlüssel, der diesen Schoß öffnet, und rot ist das Blut, das dabei fließt. Rot ist ferner die 210 Nase des vornehmen Mannes, wie Sie an der meinen sehen können. Lachen Sie nicht, Keller-Caprese, sonst lasse ich Sie nachsitzen. – Wir haben also im Rot vereint: die Liebe, das Blut und den –« »Suff!« ergänzte der Schüler. »Rotwein, sehr richtig. Gut. Sie können, wenn Sie wollen, Keller-Caprese, aber Sie wollen nicht. Widersprechen Sie nicht, ich kenne Sie. Sie sind ein durchaus unbrauchbarer Mensch. Aus Ihnen wird nichts. Gehen Sie auf die Straße und werden Sie Steinklopfer. Wir haben also hier, um nochmals zu rekapitulieren, die Liebe, den Mord und den –« »Rotwein,« ergänzte der Schüler. »Suff, sehr richtig, gut. Keller-Caprese, Sie können und so weiter. Wir gehen nun zum Grün über, genau wie in der Physik. Hat man eine Weile auf Rot gesehen, so sieht man auf einer weißen Fläche Grün erscheinen. Man nennt das in Ihrem Jargon Komplementärfarben. Also Grün. Das ist die Farbe der Treue. Immergrün. Merkwürdigerweise behaupten alle Weiber, die Treue sähe blau aus, was doch die Farbe der Hoffnung ist, denn der Himmel ist blau. Aber da das einzige, dem sie Treue bewahren, das Instrument ist, auf das sie hoffen und durch das sie in Hoffnung kommen, und da sie sich gar nichts aus dem Himmel machen, sondern die heiße, feuchte und dunkle Hölle allein lieben und mit sich herumtragen, so verwechseln sie Hoffnung und Treue, und nennen Blau Grün. Vielleicht spricht hier noch der mütterliche Trieb mit. Der Junge hat blaue Schleifen an dem Steckkissen und ist selbst ein grüner, hoffnungsvoller Knabe. – Der Teufel finde sich da heraus, noch dazu, wenn Sie grinsen. Der Teufel weiß allein bei den Weibern Bescheid. Na, Sie wissen schon, Boccaccios Teufel – oder wissen Sie es wieder einmal nicht? Ich hätte mir das denken können, aber ich habe keine Zeit, mich mit Ihrer Faulheit herumzuschlagen. Lesen Sie es nach im Dekamerone, die Erzählung von dem Mädchen in der thebaischen Wüste. Also nun zu der Mischung der Farben, zu dem Weiß. Das ist die Farbe der Unschuld und der Reinheit, wahrscheinlich, weil es so gemischt ist. Weiß ist auch das Symbol der Unschuld und der Reinheit: Die Taube, die bekanntlich das geilste Tier ist und das 211 dreckigste Tier, wogegen das Schwein, das immer schmutzig genannt wird, so reinlich ist, daß es sogar sich ein eigenes Klosett im Stall einrichtet. So spricht man auch von kindlicher Reinheit und kindlicher Unschuld, obwohl man ganz gut weiß, daß Kinder Schweine sind, physisch und psychisch. Der Teufel hole die Sprache. Sie ist eine ganz dumme Erfindung. Wer kann sich denn da herausfinden: Taube, Kind, Schwein. Und dabei nennt die Mutter so und so oft ihr Kind kleines Ferkel, was natürlich den Rückschluß herausfordert, daß sie selber eine große Sau ist. Dies nebenbei. Weiß ist ferner der Schnee, das Leichentuch der Natur. Es liegt der Gedanke nahe, daß die Menschen Weiß als Farbe der Unschuld gewählt haben, weil sie oft in Gedanken morden, gewöhnlich die Leute, die sie zu lieben vorgeben, ihre Ehegatten, Kinder und Eltern. Das Waschen in unschuldigem Weiß hat dann den Vorteil, daß sie ihren verbrecherischen Gedanken mit dem Schein der Reinheit weiter nachhängen können. Weiß ist ferner der –« »Weißwein.« Der Maler war aufgesprungen und sprach heftig weiter. »Sehr richtig, gut, Keller-Caprese. Sie können, wenn Sie wollen, aber mir klebt die Zunge im Halse vom Zuhören Ihres Geschwätzes, und Sie plappern weiter, ohne die Ausgedörrtheit Ihres Innern zu bemerken.« »Gelb ist die Farbe des Neides, Sie sind neidisch, lieber Freund. Im übrigen haben Sie recht; wir wollen essen gehen. Ich kenne an der Herkulesbrücke eine nette Kneipe –« »Um Gottes Willen,« stöhnte der Maler, »es gibt doch Restaurants hier in der Nähe. Ich verhungere, ich verdurste.« Thomas griff in die Tasche: »Hier,« sagte er und gab ihm das übliche Goldstück. »Sie können in der Nähe sich etwas suchen. Ich gehe zur Herkulesbrücke.« Keller-Caprese ließ das Geld in der Westentasche verschwinden. »Ich esse lieber in Gesellschaft,« sagte er, »es ist unterhaltsamer und –« »Billiger,« lachte Thomas und zog ihn mit sich fort. Man weiß von dem Ausgang dieses Museumsbesuches nichts weiter, als daß am folgenden Tage Keller-Caprese halb bekleidet in Weltleins Badewanne aufwachte, als Thomas gerade über ihm den Hahn für das heiße Wasser öffnete. 212     19. Kapitel. Die Idee des Pferdes und der Wettkampf mit dem Löwen. Von dem Studenten, der bei der Fahrt in der vierten Klasse erwähnt worden ist, ist ein Gang in den Zoologischen Garten und das Aquarium überliefert. Thomas hatte sich mit dem gescheiten und wohlunterrichteten jungen Mann hauptsächlich deshalb angefreundet, weil ihm seine spottende Art, die Dinge zu besprechen, gefiel. Leider kam Thomas auf die unglückliche Idee, den hoffnungsvollen Jüngling zu unterstützen, nicht direkt, sondern durch Vermittlung von allerlei Arbeiten, die er überreichlich bezahlte. Mit der besseren Lebenslage hob sich die Laune des Studenten, er wurde milder in seinen Urteilen und dadurch für Thomas langweilig. Hierzu kam, daß Seebach, trotz aller Vorsicht, die Wohltätigkeit Weltleins merkte und sich infolgedessen bemüßigt sah, sich dafür durch hochmütiges Hofmeistern zu rächen. Das gelang ihm umso leichter, als er bald hinter die Verrücktheiten Weltleins kam und Gelegenheiten zum Spotten sich geradezu aufdrängten. Thomas blieb daher hauptsächlich auf Keller-Capreses Gesellschaft angewiesen, die ihm von Tag zu Tag unangenehmer wurde. So verlegte er sich darauf, allein umherzustreifen, was ihn schließlich in allerlei Verlegenheiten brachte. An jenem Nachmittag, von dem ich erzählen will, schritt Thomas die verschiedenen Abteilungen der Tiere ab und ließ sich von Seebach Vortrag halten. Schließlich blieb er vor dem Hundezwinger stehen und sagte: »Ich komme mir vor wie jemand, der einen guten Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und Preißelbeeren und einen guten Wein zuhause auf dem Tisch stehen hat, sich aber von irgend jemanden beschwatzen läßt, in ein modisches Restaurant zu gehen, wo er ein mäßiges Mittagessen, ebenso mäßige Getränke und entsetzlich viel Gestank teuer bezahlen muß. Was habe ich mit all den fremden Biestern zu tun. Ein Droschkengaul ist zehnmal interessanter für mich.« Der Student war gekränkt. »Ich habe Sie nicht hierher geschleppt,« sagte er. 213 Thomas, der sich seit einiger Zeit eine Brille zugelegt hatte, neigte den Kopf und blickte seinen Begleiter über den Brillenrand weg prüfend an. »Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen sagen werde; wenn ich Sie satt habe,« sagte er, »Mißtrauen ist eine böse Sache und läßt Schlußfolgerungen auf die Vergangenheit zu. Ich meinte vorhin, daß die Dinge mich stören, daß die Sinneseindrücke für meinen gegenwärtigen Zustand des unaufhörlichen Gedankengebärens hinderlich sind. Wenn ich einen einzelnen Hund sehe, wie jetzt zum Beispiel den Neufundländer da drüben, verschwindet die reine Idee des Hundes und alles, was sich für mich damit verbindet, sie gerinnt gewissermaßen, wird fest, körperlich. Aber grade das sollte man vermeiden. Man soll denken, und denken kann man nicht, wenn man sieht. Meine besten Spekulationen, die mit vollkommener Logik aufgebaut sind, stürzen zusammen, sobald ich die Wirklichkeit ins Auge fasse.« »Mit anderen Worten,« sagte der Student und streckte die Nase in die Höhe, wie um zu zeigen, daß er weit über Weltleins Fehlern stehe, »die Dinge sollen nicht so sein, wie sie sind, sondern so, wie Sie sie haben wollen, so daß sie in Ihren Gedankenkram hineinpassen, und damit das geht, betrachten Sie alles durch Ihre Brille.« Thomas nahm die Brille ab und sah sie nachdenklich an. »Sie haben das Geheimnis dieses Instruments entdeckt,« sagte er. »Aus Ihnen wird etwas werden, vorausgesetzt, daß Sie die Gewohnheit beibehalten, ab und zu die naturwissenschaftliche Brille abzusetzen. Sehen Sie, es gibt empfindliche Naturen, denen die genaue Wahrnehmung der umgebenden Welt unerträglich ist; solche Leute werden kurzsichtig. Die Augenärzte sind ja dumme Kerle, die behaupten in ihrem Dünkel, Kurzsichtigkeit entsteht durch Überanstrengung des Auges beim Lesen, durch schlechte Körperhaltung etc. und erfinden alle möglichen Druckarten, Schriftformen und Schulbänke. So ist die Geschichte aber gar nicht; das Leben ist witziger. Kurzsichtige stehen unter der Herrschaft ihres Hodensackes – oder Eierstockes, das kommt auf eins heraus – und das ist ein empfindlicher und gewaltsamer Herr; wenn der moralische Anwandlungen bekommt, gern länger schlafen will, während ihn irgend eine Weckuhr zum Aufstehen mahnt, dann läßt er in einer der vielen Küchen, die er 214 im Körper hat, ein Gift kochen, schickt es hinauf zu den Augen und befiehlt denen: schluckt's runter und die Kurzsichtigkeit ist fertig.« »Abderhalden,« schaltete der Naturbeflissene ein, »ich verstehe.« »Ja, ja, Abdera halt den Lauf an und betrachte die Narrheit. Von uns Abderiten läßt sich viel lernen. Wir kennen das Geheimnis der inneren Ansteckung, über das mich die Wanzen aufgeklärt haben.« Der Student kratzte sich am Arm. »Die verdammten Köter setzen einem Flöhe an,« sagte er unwirsch. »Flöhe? Unsinn! Das Wort Wanze juckt Sie. Projektion des Gehörseindruckes auf die äußere Haut.« Thomas hatte die Brille sorgfältig geputzt, und setzte sie wieder auf die Nase. »Ich hätte mich beinahe durch Ihre Zwischenbemerkung über die Flöhe stören lassen, aber Gott sei Dank habe ich meine Brille, die mein Schirm und Schild ist, wenn die boshafte Welt mein Wanzengeheimnis entschleiern will. Mit der Brille sehe ich richtig und verdecke die Pforten meiner Seele, so daß niemand hineinsehen kann. Brillenträger haben etwas zu verbergen. Seien Sie mißtrauisch gegen jeden, der solch ein Ding auf der Nase hat. Es sind alle fakultative Verbrecher, Heuchler und Hodensacksklaven.« Der Student warf einem hungrig fiebernden Jagdhund ein Stück Brot ins Maul und sagte mit einem spöttischen Seitenblick auf Thomas: »Dieser Tyrann ist doch nicht so übel. Abgesehen von dem vielen Vergnügen, das er harmlosen Leuten schafft, hat er also, durch Ihre Brille besehen, die Kurzsichtigkeit eingeführt und auf der Kurzsichtigkeit basiert die Erfindung der Brille, des geschliffenen Glases, des Fernrohres, des Mikroskops.« Thomas riß sich die Brille von der Nase und setzte sie dem Jünger auf. »Tragen Sie sie,« rief er strahlend vor Freude. »Sie sind ihrer würdig. Alle Geheimnisse der Welt entschleiern sich Ihnen.« Seebach hatte die Brille wieder abgenommen, betrachtete sie staunend, hielt sie nochmals vors Auge und sagte dann ganz verwirrt: »Aber das ist ja Fensterglas.« »Selbstverständlich,« erwiderte Thomas, »denken Sie, ich bin so dumm, meine guten Augen mit geschliffenen Gläsern zu verderben. Ich trage die Brille als Ermahnung meiner selbst, damit ich nie 215 vergesse, daß ich eine hohe Mission habe, daß alles in mir dieser Mission dienstbar sein soll; daß ich eher erblinden muß, als irgend etwas sehen, was meinen Gedanken widerspricht. Neulich, als ich in einem alten Jahrgang des Daheim Bilder von dem Untergang der ›Titanic‹ sah, begann ich zu zweifeln, ob wirklich alle Menschen freiwillig sterben; das ärgerte mich. Da fiel mir das Wort der heiligen Schrift ein: So dich dein rechtes Auge ärgert, so reiße es aus. Ich überlegte mir, daß diese Prozedur mit einer Pinzette leichter auszuführen sei als mit den Fingern und da ich keine zur Hand hatte, ging ich in das nächste Bandagengeschäft, eine zu kaufen. Im Schaufenster stand eine Puppe, kreuz und quer von Bandagen überzogen. Über dem einen Auge hing eine schwarze Binde. Ich kaufte mir solch ein Ding, da ich begriff, daß ich mir das immerhin etwas schmerzhafte Ausreißen des Auges ersparen konnte, wenn ich es zuband. Anfangs war ich auch mit dem Erfolg sehr zufrieden, aber bald fiel mir auf, daß ich die schwarze Hülle häufig vergaß. Ich sann auf einen Ersatz und verfiel auf die Brille. Natürlich wählte ich eine mit Fenstergläsern, da geschliffene Gläser mich im Sehen behindert hätten.« Seebach warf dem Pintscher wieder einen Brocken hin. »Ihre Idee ist gut,« sagte er. »Sie ist klug und dumm zugleich, und in gleichem Grade, und alles was die Gegensätze richtig im Gleichgewicht hält, ist genial. Ihre Hodensacktheorien von der Kurzsichtigkeit finde ich aber großartig. Wenn ich recht verstanden habe, ist es so: Wer Schmerzen im Arm hat, ist vom unterleiblichen Tyrannen vergiftet; damit er nicht hauen kann. Der Schmerz im Arm kennzeichnet also den Sadisten.« »Das schlechte Gewissen gehört noch dazu,« ergänzte Thomas. »Sie haben den Satz vollständig begriffen. Als Ersatz der Armschmerzen, die ich nicht brauchen konnte, habe ich mir einen Anzug bauen lassen, der oben in den Ärmeln zu eng war und die Bewegung behinderte, aber später habe ich ihn verändert, weil ich doch meine Arme brauchen will, das heißt ich habe unter den Achseln ein Stück herausgeschnitten. Ich will das modern machen. Ich halte das mit den Ärmeln« – Thomas sah seinen Begleiter herausfordernd an – »für so dumm, daß es viel eher die Bezeichnung genial verdient, wie der Fensterglasversuch.« Er nickte 216 befriedigt, als er sah, daß der Student keine Neigung hatte zu widersprechen, und fuhr fort: »Sie können sich denken, daß ich mich mit ähnlichen Vorsichtsmaßregeln über und über gespickt habe, an Ohren und Nase, an Beinen und Haaren. Auf diese Weise habe ich es erreicht, wirklich rein denken zu können, ohne durch das rohe Objekt meiner Gedanken abgelenkt zu werden. Wenn ich jetzt ein Pferd sehe, so sehe ich das Pferd, die Idee des Pferdes.« Seebach lächelte überlegen. Er dachte daran, daß er vorhin zum erstenmale in seinem Leben in einer selbst bezahlten Droschke gesessen hatte, und diese Erinnerung machte ihn geneigt, sich erhaben vorzukommen. »Und was ist diese Idee des Pferdes, wenn ich fragen darf? Läßt sie sich mitteilen, oder reiten nur Sie persönlich darauf rum?« »Die Idee des Pferdes? Das kommt darauf an, ob Sie von Idee oder Pferd ausgehen. Aber warten sie einmal!« Thomas schloß die Augen, steckte den Spazierstock zwischen die Beine und hopste ein paarmal in die Höhe, warf den Kopf hoch, pustete und schlug aus. »So ist es,« begann er dann und strich sich zufrieden das Kinn. »Idee bringt mich zunächst auf Ida, und Ida hieß ein kleines Mädchen, das ich huckepack zu tragen pflegte. Diese Ida schleppe ich immer noch mit mir herum, wenigstens ihren Geruch, der sicher mehr zur Entwicklung meines Wesens beigetragen hat, als alle meine Lehrer. Pferd führt mich zu fährt, und es fällt mir ein, daß ich diese Ida neulich gesehen habe, wie sie ihr Jüngstes im Kinderwagen Parade schob. Die Idee des Pferdes würde also das Weib sein und damit stimmt überein, daß man das Pferd wie das Weib reitet. Sie sieht weiß aus, diese Idee, muß also ein Schimmel sein und tatsächlich war mein Schaukelpferd ein Schimmel. Nein, Verzeihung.« Thomas sah angestrengt durch seine Fenstergläser ins Weite, »es war ein Apfelschimmel. Die Idee enthält auch Schwarz und da erinnere ich mich, daß mein Vater einen langen schwarzen Rock trug, zu der Zeit, als er mich auf den Knien reiten ließ, und: Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp, dazu sang. Ein weißer Frauenbauch und schwarze Löckchen daran in schönem Ansatz, das ist doch eine Idee. Ida ist schwarz und in solchem Frauenbauche schaukeln wir uns als Embryonen, reiten im Mutterleibe. 217 Schwarzweiß, das sind dann auch die preußischen Farben. Setzen wir Deutschland in den Sattel, sagte Bismarck, reiten wird es schon können. Reiten tun wir auch auf unseren Steckenpferden, unseren Ansichten, das deuteten Sie vorhin an, und haben damit ganz recht. Und auch auf einem Ast reiten wir, oder einem Treppengeländer. Nebenbei, Treppengeländer: Das Herunterrutschen ist die eigentliche Schule des Lebens. Es erregt Lust, direkt himmlische Wollust der Unterwelt und daneben gähnt der Abgrund zur Warnung vor dem Fall. Der dunkle Treppenschacht führt nun wieder zur Hölle, während das rasche Gleiten durch die Luft zum Fliegen überleitet, zur Phantasie, zum Himmel. Und damit kommen wir wieder zum Weibe, das Himmel und Hölle in sich birgt. Wenigstens behaupten das Leute, die Erfahrung haben. Übrigens ist es auch rein physiologisch richtig. Der schwangere Leib ist der eigentliche Himmel, das Kindchen darin der Herrgott, dessen leisester Wunsch allmächtig ist.« Thomas geriet in eine solche Aufregung, daß ihm der Schweiß in hellen Perlen auf die Stirn trat. Er merkte gar nicht, daß Seebach ihm schon längst nicht mehr zuhörte, sondern ein paar Kindern beim Spielen zusah. »Die Idee des Pferdes ist also allumfassend, nicht auszudenken. Ja, ja, sie ist schwarzweiß, Nacht und Tag, Entstehung des Menschen in der nächtlichen Umarmung des Ehebettes und das Grab, das Grab mit der weißen Schneedecke darauf. Schwarz, weiß, Preußen dicht vorm To–« Der Student zerriß das Wort durch einen Rippenstoß. »Sehen Sie,« rief er und wies auf die Kinder. »Da ist Ihre Idee des Pferdes.« Der Junge hatte die beiden Zöpfe des Mädchens gefaßt, schrie hüh und schlug sie mit einer Gerte. Die beiden Männer sahen lachend zu, und Thomas rief voll Begeisterung: »Feste, Junge, immer drauf los.« Seebach hatte ihn, ohne es zu wissen, hinten am Rockschoß gepackt und wippte mit dem Knie, als ob er mitrennen wollte. Plötzlich riß sich das Mädchen los und lief davon, der Junge hinter ihr drein. »Haben Sie bemerkt,« wendete sich Seebach zu seinem Freund, »wie das Mädchen läuft. Sie ist mit ihren zehn, elf Jahren schon Weib, hält beim Rennen den Oberkörper gerade, macht kleine, rasche 218 Schritte und schlägt nach hinten aus. Sie schützt so doppelt und dreifach ihr Heiligtum. Es wäre zu leicht zu stürmen, wollte sie den Hintern so herausrecken, wie es der Junge tut, der greift mit den Beinen weit aus, und seine Haltung entspricht dem gespannten Bogen, auf dessen Sehne der Pfeil liegt, längst ehe der Knabe reif zum Schuß ist. Ein sicheres Beispiel des Atavismus, ein Erbe aus der Zeit, wo man das Weib jagte.« Thomas lachte gutmütig. »Atavismus, da ist schon wieder Ihre wissenschaftliche Brille. Merken Sie denn nicht, daß es Eierstockszwang ist, innere Ansteckung. Sie sehen eben bloß die Schutzmaßregel und vergessen, daß mit der aufrechten Haltung eine Mahnung an den Verfolger gerichtet wird, steif zu werden, daß das Ausschlagen Stöße andeutet, und daß die raschen kleinen Schritte das Tempo der Lust angeben. Da, sehen Sie hin!« Das Mädchen rannte eben an einem Kinderspielplatz vorbei. Zwei kleine Mädchen bauten mit ihren Brüderchen an einem Sandhaufen, das eine wurde überrannt und setzte sich prompt auf den Hintern, während der Knabe bei dem Versuch, der wilden Jagd auszuweichen, nach vorne fiel. »Sie haben recht,« rief der Student vergnügt. »Beide Geschlechter üben schon im Fallen ihre spätere Liebesstellung ein.« »Und es ist Gesetz, daß kleine Mädchen nach hinten, Knaben nach vorn fallen. Sie werden es kaum je anderes sehen. Übrigens haben Sie ja wohl Romeo und Julia gelesen,« ergänzte Thomas und verdeutlichte seine Worte durch rasches Zurück- und Vorwerfen des Oberkörpers und der Arme, so daß es aussah, als ob er einen Bauchtanz aufführen wollte. Ein Spitz, der an das Gitter gelaufen war, um einen Brotbrocken aus des Studenten Vorrat zu erschnappen, nahm das übel, zeigte die Zähne und blaffte ein paarmal, beruhigte sich aber, als ihm Seebach ein Stück Brot zuwarf. »Und die Idee des Hundes,« fragte der Student und tätschelte einen Schäferhund, der seinen Kopf zärtlich in seine Hand schmiegte. Statt jeder Antwort fing Thomas an, so naturgetreu und täuschend zu bellen, daß sich ein ältlicher Herr, der eben vorbeigegangen war und mürrisch bei sich einen siegreichen Wortwechsel mit seinem Prinzipal über sein Anrecht auf einen Fensterplatz im 219 Bureau dramatisierte, erschrocken umdrehte, gleichsam unter dem Eindruck, daß der Chef seine logischen Auseinandersetzungen durch ein plötzliches Donnerwetter unterbräche. Gleichzeitig begannen, angeregt durch die verwandten Laute, sämtliche Köter des Zwingers zu bellen, so daß ein wahrer Höllenlärm entstand. Ein Mann in einer Art Uniform von grauem Stoff kam angerannt und machte mit bullernden Worten von seinem Rechte als Aufsichtsbeamter Gebrauch: Wer sich unterstände, die Tiere zu necken? Dabei sah er mit Blicken, um die ihn ein Mathematiklehrer der Obertertia hätte beneiden können, bald den ältlichen Herrn, bald den Studenten, bald den ihm freundlich zunickenden Thomas an. Der Herr, immer noch halb von der Idee benommen, daß es sich um einen Streit mit seinem Chef handle, wies mit einer anklagenden Gebärde auf die beiden anderen, und sagte mit dem Tone tiefster Empörung, als ob ihm persönlich das schwerste Unrecht angetan sei: »Die sind es gewesen.« »Können Sie nicht lesen,« schrie der Wärter sie an und wies auf eine Tafel, die am Gitter des Zwingers hing. Thomas ging langsam darauf zu, während der Aufseher seine Lippen ärgerlich nach vorn schob, so daß sich sein hellblonder Schnauzbart wie bei einem kläffenden Pintscher sträubte. »Es ist verboten, die Tiere zu necken,« las Thomas mit lauter Stimme und wandte sich dann fragend an den Beamten: »Nun, und – « Der Mann wendete, durch Weltleins Ruhe aus der Fassung gebracht, den Blick ab und murrte, auf Seebach weisend: »Der Herr da –« »Füttert, wie Sie sehen, die Tiere, was ihnen wohl zu behagen scheint.« Der Schnauzbart wurde immer verlegener, zumal er sah, daß alle Hunde friedlich waren und selbst der wachsam mißtrauische Schäferhund sich mit den Besuchern angefreundet hatte. Er drehte sich nach dem ältlichen Herrn um und begann wieder: »Der Herr da –« »Hat erst recht nichts getan, um die Tiere zu necken,« unterbrach ihn Thomas. »Es scheint Ihnen Vergnügen zu machen, die Besucher des Gartens zu tyrannisieren. Aber dazu sind Sie nicht da. Wie heißen Sie?« 220 Der Aufseher wurde bei der Frage nach seinem Namen ganz klein. Der Schnauzbart sank ihm herab und er nagte daran. Einen scheuen Blick auf Thomas Uhrkette werfend, die das Imponierende seines Bauches nachdrücklich betonte, stammelte er einen Namen, den man nicht verstehen konnte, bückte sich, um einen dürren Zweig aufzuheben, und trollte sich fort. Einen Augenblick später hörte man ihn doppelt laut auf dem Kinderspielplatz schelten, wo zwei Jungen damit beschäftigt waren, die Puppe ihrer laut zeternden Schwester dem Wolf als Futter hinzuhalten, der übrigens gleichgültig und ohne Appetit seinen ruhelosen Gang fortsetzte. Thomas wandte sich zum Weitergehen. »Wissen Sie nun Bescheid mit der Idee des Hundes?« fragte er. Seebach verneinte es, überlegen lächelnd. »Sie haben nicht das Geringste darüber gesagt.« »Gesagt, gesagt! Ich habe sie Ihnen doch gezeigt. Haben Sie denn nicht gesehen, wie sie angerannt kam, bellte, scheu wegblickte, wenn man sie ansah, den Schwanz – hier war es ein Schnauzbart – einzog, sich wegdrückte, um auf die Kinder los zu fahren, nachdem es ihr mit Erwachsenen so schlecht gegangen war.« »Der Wärter?« »Heilige Einfalt! Sie sind wirklich schwer von Begriff. Der Wärter ist symbolisch, steht da für alles, was Autorität ist. Alle Autorität ist hündisch, sie bellt, beißt sogar, klemmt aber den Schwanz ein, wenn sie die Peitsche sieht. Wer spielt den Wau-wau mit dem Kinde? Wer ist der große Wau-wau, mit dem ihm bange gemacht wird, sobald es der Frau Mama paßt? Der Vater schwingt den Rohrstock, so lange der Junge willig den Hintern hinhält. Wehrt er sich erst, dann ist's mit dem selbstherrlich scharfen Bellen vorbei und Väterchen schielt nach der Ofenecke, in die ihm bald der stärkere Sohn den Freßnapf stellen wird. Siehe Hebels Schatzkästlein.« Thomas ging hastig und ungleichmäßigen Schritts weiter. Das V des Wortes Vater pfiff langgedehnt von seinen Lippen. »Er kuscht, dieser Vater, so wütend er auch auf die Hosenbeine des Lausbuben losfährt. Die Frau Mama gibt ihm Futter, wenn er brav ist und das Haus schützt. Wenn er wegläuft, zeigt sie ihm 221 die Peitsche, dann kriecht er auf dem Bauch und leckt ihr die Hände. Den Schwanz aber, den er noch eben vor anderen Hundedirnen fröhlich in die Luft reckte und wedeln ließ, läßt er zwischen den Beinen hängen. Der Hund von Mann hebt kühn das Bein auf gegen den stummen, duldenden Stein, selbst wenn es der Eckstein des Menschheitsgebäudes ist, aber er retiriert feige, wenn ein Maulheld schimpfend nach dem Stein sich bückt, ihn zu werfen.« Der Student unterbrach ihn hier, weil er Lust verspürte, die stille Klause des Gartens aufzusuchen, was Thomas lächelnd als einen Erfolg seiner Worte vom Beinaufheben des Hundes bei sich registrierte, ebenso wie er wohlgefällig bei sich selbst den gleichen Drang erwachen fühlte. »Wenn eine Kuh schifft, schifft die andere,« belehrte er den Jüngeren, als sie nebeneinander standen, dann fragte er ihn, ob er wisse, woher die Bezeichnung Brille für das Loch im Abtritt käme. Da der Student eifrig an seinen Kleidern ordnete, während er schon hinausschritt, fuhr er fort: »Ich habe schon eine Menge Deutungen versucht, komme aber nicht dahinter. Eine Zeit lang glaubte ich in dem Worte brüllen die Lösung zu haben, wegen der Donnerlaute, mit denen das Geschäft häufig verbunden ist. Dann kam die Idee, es von brilliant abzuleiten. Auf Grund der Befriedigung, die man dabei empfindet; man sagt ja ein brilliantes Geschäft. Aber ich sehe ein, daß diese Gedankenverbindungen zu gekünstelt sind. Es muß etwas mit dem Sehen zu tun haben, mit dem Auge.« »Vielleicht hilft es Ihnen weiter,« sagte Seebach, »daß die Siebenbürger Bauern ein Rätsel haben, in dem der After Einauge genannt wird. Allerdings würde das nur zu der Bezeichnung Monokel ausreichen, aber man könnte ja denken, daß der Ausdruck zunächst für die Familienabtritte gebraucht wurde. Früher baute man die Dinger zweisitzig, um nicht zu sagen zweischläfrig, um gleichsam die große Intimität der Ehe zu betonen, und noch jetzt beweist die Neigung der Kinder zu zweit den Lokus zu besuchen, wie geselligkeitfördernd diese Angelegenheit ist.« »Mag sein,« erwiderte Thomas nachdenklich, »obwohl ich glaube, daß die Erklärung mit dem Einauge völlig genügt, da ja vermutlich das Einglas früher erfunden wurde, als das Zweiglas. Was mich 222 jetzt beschäftigt, ist aber ganz etwas anderes. Aber man kommt bei Ihrem endlosen Geschwätz nicht zu Wort. Einauge – einäugig – Cyklop – Polyphem. Wenn das Einauge der After ist, so ist Odysseus der Erfinder des Klystiers.« Seebach war so überrascht, daß er stehen blieb, während Thomas laut redend weiter eilte. »Ja, ja, so ist es. Ich muß das Lachmann schreiben. Kennen Sie Lachmann?« wandte er sich zu dem nachlaufenden Seebach. »Nein. Ist auch nicht nötig. Vielleicht wäre es auch etwas für den Vikar Ende.« Er schwieg und brütete an seinen verdrehten Ideen weiter. Seebach war begierig, diesen neuen Spaß seines Hofnarren kennen zu lernen, und nach einer Weile fragte er: »Wie meinen Sie das mit Odysseus und der Klystierspritze?« Thomas fuhr aus seinem dämmernden Träumen auf. »Klystier? Ach so. Ja, das ist doch einfach genug. In das Auge des Cyklopen, das also der After ist, wird ein spitzer Pfahl hineingesteckt, die Klystierspritze. Das Zischen des Auges symbolisiert das Einspritzen der Flüßigkeit. Die Höhle ist der Bauch. Aus dem kommen die Kotmassen in Gestalt der Schafe heraus, Schafe, um zu bezeichnen, daß zunächst einzelne harte Stücke abgehen wie Schafküttel; dann kommt die Wassermasse, dargestellt durch das Meer; dazwischen große Klumpen, das sind die Steine, die Polyphem dem fortrudernden Schiffe des Odysseus nachschleudert. Polyphem, nun ja, man kann gut vom After sagen, daß er viel spricht und daß auch viel über ihn gesprochen wird. Alle Mütter bewillkommnen ihre Kinder mittags mit dem Gruß: Hast du etwas gemacht? Polyphem – Po – Popo; ly – lyly, vermutlich eine Abweichung des griechischen von unserem Lulumachen; phem? phem? Ach so, schäm dich, schäm dich; fem ist auch das schwedische fünf. Fünf Finger, also der Klaps, der auf das unangebrachte Lulu des Popos erfolgt.« Thomas warf die Erörterung mit einer Handbewegung hinter seine Füße. »Die Sache ist ganz klar. Man braucht sich nicht weiter damit aufzuhalten.« Sie waren vor dem Affenhause angelangt und freuten sich beide an den drolligen Tieren. Thomas war im Begriff sich über sein Lieblingsthema, die Onanie, zu verbreiten, die hier von den Tieren offenkundig betrieben wurde. Schon hatte er die Hand zwischen die 223 Brustknöpfe geschoben und die andere auf den Rücken gelegt; da stieß ihn der Student an, zeigte auf eine Affenmutter, die ihr Kind flöhte und sagte: »Sehen Sie, die Reinlichkeit ist Naturtrieb.« Augusts Gesicht war plötzlich erstarrt. »Wanzen,« sagte er vor sich hin, dann fuhr er auf. »Gibt es in diesem erbärmlichen Garten keine Käfige mit Insekten. Sie müssen mir sofort die Abteilung der Insekten zeigen. Im Aquarium, sagen Sie?« Er war schon eine Strecke vorwärts gerannt. »Also, rasch, rasch!« rief er und raste weiter. Seebach hatte noch nicht den Eingang des Aquariums passiert, als Weltlein schon wieder herausgestürmt kam. »Humbug,« schrie er, »ein rechtes Schwindelunternehmen, dieses Aquarium und der zoologische Garten dazu. Fische haben sie darin und Krebse und Schildkröten, aber das nützt doch mir nichts, wenigstens jetzt nichts.« Sein Blick irrte ab und seine Sprache stockte. »Aber merken Sie es sich, Seebach, das mit den Fischen, den kleinen Kindern und der Religion. Zum Donnerwetter, schreiben Sie es sich doch auf. Fische, Christus, Embryo, Badewanne. So, das genügt. Also der Fisch zappelt, das tut das Kind auch; er schwimmt im Wasser, das tut das Kind auch, es hüpft unter ihrem Herzen, heißt es. Der Fisch ist das Symbol der Urchristen, aber das Kindchen, das im Stall geboren wurde, hat sich die Welt unterworfen. Der Fisch –« Sie gingen gerade am Weiher vorüber und Thomas unterbrach sich, um auf einen Storch zu weisen, der zum Gaudium der umherstehenden Kinder langsam einen Frosch verspeiste. »Auch der Frosch hätte als Symbol gebraucht werden können; meine Kommilitonen der medizinischen Fakultät nannten den Kindersaal der Charité den Froschteich. Täglich fand da der bethlehemitische Kindermord wieder statt. Warum wählte wohl die fromme Schar der christlichen Brüdergemeinde den Fisch, nicht den Frosch?« Der Student, der nur unwillig das Geschwätz mit anhörte, zuckte die Achseln. »Es ist ein altes phallisches Symbol,« erwiderte er. Thomas sah ihn scharf an und fuhr fort: »So, so, Sie wissen das. Nun also, der Fisch ist das Kind und das Kind ist der Heiland, der nach dreimal drei Monden aus dem Grabe der Mutter aufersteht. 224 Geburt und Grab, es ist dasselbe, alles ist geheimnisvoll ineinandergeschlungen. Das All, die Welt, ein Ring, eine Kugel. Und die Kugel ist wiederum die schwangere Mutter. Die aber birgt in sich das Meer, die salzige Flut, die das Feste des Kindesleibes umspült.« Thomas blieb keuchend stehen und legte sich die Hand auf den Bauch. »Niemals,« sagte er, »niemals, niemals. Ich werde es nie erreichen.« Rasch wieder ausschreitend und die Sorgen durch einen plötzlichen Ruck der Schultern abschüttelnd, fuhr er fort. »Allnächtlich im Traume allmächtig, schafft sich das Kind von neuem das Meer zum Schwimmen, das heilige Bad, das Urbad und Weltall. Der Erwachsene, der sich des Nachttopfes bedient, ist ein erbärmlicher Pfuscher, gemessen am göttlichen Schaffen des Kindes, und sein Neid wird nicht besser dadurch, daß er das Kind unter dem Vorwande der Reinlichkeit um seine Schöpfung betrügt und auf das Töpfchen zwingt. Freilich,« sein Gesicht war so starr und seine Augen flogen so unstät hin und her, daß ein aufmerksamerer Beobachter, als es der Student war, gemerkt hätte, wie wenig der Mann bei der Sache war, »das Töpfchen ist ja auch ein symbolischer Erdball, der braune Kontinent mitten im gelben Okeanos. Und als Überleitung zur Badewanne ein Wegweiser. Fragt sich nur, was früher erfunden ward, der Topf oder die Wanne. Beide aber wurden erzwungen von dem Gestank, der wohl der Vater der Reinlichkeit ist, oder war es die Klebrigkeit, oder gar das Jucken, das Insekt, die Wanze.« Weltleins Gesicht verzerrte sich, wurde belebt und klar. »Im sogenannten Insektarium bin ich gewesen. Es ist eine Schande, dieser zoologische Garten, das richtige Machwerk einer Aktiengesellschaft, die auf Gewinn arbeitet. Alles mögliche Getier haben sie dort: Schmetterlinge, Käfer, tot und lebendig, wandelnde Blätter und was des Unsinns mehr ist. Sogar Bienen; aber anständige, richtige Insekten, deren Wichtigkeit durch die Tatsache des Insektenpulvers erwiesen ist, haben sie nicht. Jeder lumpige Jahrmarkt eines kleinen Drecknestes hat seinen Flohzirkus, aber hier in dieser vermutlich vom Staat subventionierten Anhäufung von naturwissenschaftlichem Protzentum, das so tut, als ob es belehren wollte, kriegt man diese merkwürdigen Tiere nicht zu sehen. Dabei wimmelt jede Berliner Wohnung davon. Es ist ganz echt modern. Unsere Kinder lernen schon in der Klippschule, daß sie 225 im Zickzack laufen müssen, wenn ein Krokodil sie fressen will, aber wie die Mama abends Springerles fängt, lernen sie nicht, kriegen noch obendrein Schelte, wenn sie wißbegierig dabei zusehen wollen. Das braune Jahrmarktsvolk fährt auch nur von Stadt zu Stadt, um die sorgfältig im eigenen Haar und Leib gehegten Läuse zu verbreiten, ja selbst die Dirnen beschäftigen sich damit, die unentbehrliche Kenntnis der Filzläuse weiteren Kreisen zu übermitteln, aber unsere Millionen verschlingenden zoologischen Gärten vernichten diese Tiere, statt sie zu pflegen, sie überlassen sie, horribile dictu , den Affen zum Fraß.« Dem Studenten war unheimlich zumute, das laute Sprechen Weltleins erregte die Aufmerksamkeit der Menschen, die sich eben vor dem Käfig des Löwen drängten, um zuzusehen, wie er seine Fleischfetzen herunterschlang. In dem unbestimmten Vorgefühl, daß bald irgend etwas Unglaubliches geschehen würde, trat er beobachtend zur Seite. Thomas bemerkte gar nicht, daß er keinen Begleiter mehr hatte. Heftig gestikulierend, fuhr er fort zu sprechen: »Das nennt sich König der Tiere, dieses stinkige Vieh. Warum? Mit welchem Recht? Setzt ihm einen Floh ins Fell und seine starken Pranken nützen ihm nichts, seine mächtigen Kinnladen sind zu nichts gut. Während er mit dem Kopf herumfährt oder mit dem Schweif nach der juckenden Stelle schlägt, hat sich der Meister Floh schon sein Quantum Blut ausgesogen, hüpft fröhlich davon und kümmert sich nicht um den Zorn König Nobels.« Der Löwe hatte seinen Fraß beendet, legte sich blinzend nieder und gähnte. »Reiß nur deinen Rachen auf, Großmaul,« schrie Thomas, »mich schreckst du nicht und den Floh noch weniger. Oder gähnst du, um mir zu zeigen, wie langweilig ich bin? Bist du schon so vermenscht, daß du feige versteckt beleidigst?« Er hatte den Stock erhoben und drohte damit. Ein dicker, kurz gewachsener Herr mit zornrotem Gesicht, den seine noch etwas dickere Frau vergeblich zu beruhigen suchte, schlug nach dem Stock, was unseren Helden gar nicht weiter anfocht. Er nahm den Stock in die andere Hand und schalt von neuem darauf los. »Närrisch eitel ist die Welt, der größte Narr aber ist der Mensch, die Krone der Schöpfung. Schau 226 dir die Leute nur an, Löwe, so sehen sie aus, die sich rühmen, die Erde sei ihnen untertan, die ein dickes Buch schrieben; das Buch, das Buch der Bücher, in dem sie ihrem Gott die Blasphemie unterschieben, er habe Tiere und Pflanzen ihretwegen geschaffen, demselben Gott, der heute oder morgen ihnen einen Tuberkelbazillus in die Lunge schickt; dann ist's aus mit dem dicken Wanst, freilich nicht mit der Großschnäuzigkeit, mit der sie, schon halb aufgefresssen von solch winzigen Tieren, breit dasitzend die Erfindungen ihres Geistes anpreisen.« Der Löwe hatte sich umgedreht und ließ die Beschauer seine mächtige Kehrseite sehen. Thomas trat dicht an den Käfig heran. »Ein Raubtier nennst du dich, prahlst mit deiner Stärke und mußt doch froh sein, mal heimlich verstohlen eine Kuh zu schlagen oder aus dem Hinterhalte heraus ein harmloses Menschenkind anzuspringen. Ich kenne Raubtiere, wirkliche furchtlose, die heldenhaft den Feind angreifen, winzige Zwerge, nicht wie du vergilbt vor Neid, sondern rot brennend von Blutdurst.« Er bog sich weit über die eiserne Barriere, die das Publikum von dem Käfig trennt, so daß sein Kopf fast die Gitterstäbe berührte. Die Menge begann sich zu verlaufen, nur der oder jener warf noch einen Blick zurück. Ein kleiner Junge, offenbar der Sohn des dicken Ehepaares, stand an der anderen Seite des Löwenzwingers, er konnte sich trotz des Scheltens und Rufens der Mutter nicht von dem Tier trennen, weil er durchaus den Löwen brüllen hören wollte. »Peitsche und glühendes Eisen,« fuhr Thomas fort, »schrecken dich elenden Wicht. Die Wanze aber fürchtet nicht Peitsche, nicht Eisen, sie beißt und saugt und stirbt, wenn es sein muß, lautlos und klaglos, heldenhaft. Die Wanze ist König der Tiere, nicht du. Ich habe die Wanzen besiegt, nenne mich stolz Wanzentod. Dich aber verachte –« Das »ich« wurde durch einen mächtigen Guß erstickt, mit dem ihn der Löwe von oben bis unten bespritzte. »Mama,« schrie der Junge und rannte hinter seiner Mutter her, »Mama, der Löwe hat den Mann vollgeschullt, Mama –« Weiter kam er nicht, er blieb erstarrt stehen. Thomas hatte, ohne sich um den Löwendreck zu kümmern, als echter Held die Hosen aufgerissen und »Was du 227 kannst, kann ich auch,« rief er und lachte siegesfroh, als der Löwe sich dem hohen Bogen des Strahles zu entziehen suchte. Der Junge raste halb toll vor Vergnügen zu seinen Eltern und erzählte, auf einem Bein um die Eltern herumhüpfend, den Finger im Munde, was die Verständlichkeit seiner Mitteilungen nicht erleichterte, den Vorgang. Der dicke Vater, der zunächst in Wut geriet, weil er nichts verstehen konnte, dann aber, als seine Gattin mit einer energischen Handbewegung den Saugefinger aus dem schwatzenden Munde zum Vorschein gebracht und geklapst hatte, aufmerksam zuhörte, schien noch einmal so fett zu werden, so blies ihn die Entrüstung auf. Gewaltigen Ganges, als ob er selbst der beleidigte Löwe sei und Vergeltung übe, schritt er auf Thomas los, nach dem Löwenwärter rufend und faßte den ruhig seine Kleider reinigenden Mann, den der Student von der anderen Seite fortzuziehen suchte, am Arm. Wenige Minuten später stand Thomas, begleitet von dem dicken Mann und dem Wärter und gefolgt von dem Studenten und dem Knaben im Wachtlokal des Direktionsgebäudes. Der diensthabende Polizeisergeant, ein magerer, knochiger Mann mit schwerem Dienst, großem Appetit und geringem Gehalt, musterte die beiden Bäuche, die sich ihm entgegenwölbten, den Anklagenden und den Angeklagten mit mürrischen Blicken, und da er fand, daß Weltleins Leibesumfang in einem besseren Verhältnis zu seiner Körperlänge stand als der des schwitzenden Vaters, war er geneigt, gegen den letzteren Partei zu nehmen. Zumal der Junge, der einzige Zeuge des Vorfalles, unter den drohenden Blicken Seebachs zu stottern begann. Der Student, als er das Schwanken der Obrigkeit sah, benützte den Ausweg, der sich bot. »Ich habe Herrn Weltlein,« sagte er, »die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen, schon deshalb, weil er krank ist,« er machte eine verstohlene Bewegung nach der Stirne – »und weil ich mich als sein Freund für ihn verantwortlich fühle, und ich kann bestimmt erklären, daß der Junge dort seine Erzählung glatt erfunden hat.« Damit wäre die Sache erledigt gewesen, wenn nicht Thomas, wütend über die Bewegung Seebachs nach der Stirn, selbst Zeugnis wider sich selbst abgelegt hätte. Das Resultat war schließlich, daß 228 Name und Adresse des Verbrechers aufgeschrieben und er selbst mit dem Hinweis entlassen wurde, daß er weiteres hören werde. Einige Zeit darauf erhielt Thomas eine Vorladung vor das Polizeiamt. Warum er dieser Vorladung nicht folgte, ergibt sich aus dem weiteren Verlauf der Geschichte.     30. Kapitel. Der Narr als Held. Vom Sozialismus. Am nächsten Abend holte Thomas den Studenten zu einer Volksversammlung ab, die von der Berliner Konsumgenossenschaft zu Propagandazwecken einberufen war. Der Saal war gepfropft voll und der Referent war schon mitten in seiner Rede, als die beiden eintraten. Zu Seebachs Erstaunen wurde Thomas hie und da von Arbeitern begrüßt, ja einer drängte sich sogar durch die Menge, um ihm die Hand zu drücken, und dieser eine war niemand anderer als der eifersüchtige Schlosser, mit dem Thomas auf der Fahrt nach Berlin Streit gehabt hatte. »Es ist gut, daß Sie kommen,« flüsterte er, »wir werden einen harten Stand haben. Die Kaufleute der Gegend haben ihr Gefolge aufgebracht, um die Versammlung zu sprengen, und auch von den Unentwegten droht uns heftige Opposition; Langhammer ist da; unser Geschäftsführer, der eigentlich den Vorsitz führen wollte, ist erkrankt und sein Vertreter kann allenfalls eine ruhige Versammlung leiten, dem Skandal nachher ist er aber nicht gewachsen.« Thomas nickte und fuhr mit der Hand durch die Luft, um anzudeuten, daß er alles machen werde. Er zog ein Notizbuch vor und verfolgte den Vortrag aufmerksam. »Wie zum Teufel,« raunte Seebach dem Schlosser zu, »kommen Sie zu der Freundschaft mit Herrn Weltlein? Neulich sah es so aus, als ob Sie ihn am liebsten tot schlügen.« »Den?« fragte der Schlosser dagegen. »Ach das war so eine dumme Geschichte. Nein, der Mann ist brauchbar und gut. Passen sie nur mal auf, nachher, wenn es mit dem Radau losgeht.« 229 Der Redner setzte eben mit großem Aufwand von Zahlen und Beispielen, wobei er billige Zucker- und Mehlzüge von Kilometerausdehnung an den Augen des Publikums vorbeirollen ließ, auseinander, wie viel sich ersparen ließe, wenn man den Zwischenhandel ausschalte, gemeinsam riesige Mengen einkaufe und dann ohne die Absicht des Gewinnes wieder unter die Mitglieder der Genossenschaft verteile, als es in einer Ecke des Saales anfing lebhaft zu werden. Scharren und Zischen ertönte und Rufe: »Schwindel, Lügen!« wurden laut. Der Redner machte eine kurze Pause und das benützte Thomas, um den Schlosser zu fragen: »Steckt die Rasselbande alle auf einem Haufen?« »Ja, sie haben es ungeschickt arrangiert.« »Haben Sie anstellige Leute da?« fragte Thomas wieder, »Leute, die aufs Wort folgen.« »Wenn ich ihnen verspreche, daß es gut ausgeht und nützlich ist, ja.« Thomas hatte ein Gesicht aufgesetzt, als ob er im Begriff sei, die Schlacht von Cannae zu schlagen. »Lassen Sie mir den Vorsitz übertragen, verteilen Sie unsere Leute über den ganzen Saal und dann –« Mehr konnte der Student nicht hören, da der Redner wieder begonnen hatte und der Lärm von neuem losging. Das Publikum wurde im ganzen unruhig, Stühle wurden gerückt, geklatscht und gezischt, dazwischen schrie man Ruhe und selbst der Ruf: Rausschmeißen! wurde laut. Ein Herr im schwarzen Überzieher, der in einer der vorderen Reihen saß und seinen Regenschirm krampfhaft in der Linken festhielt, während er mit der Rechten einen hohen Hut beschwörend gegen den Saal erhob, als sei dort ein Huhn, dessen Gackern er durch Aufstülpen des Hutes ersticken müsse, hatte sich halb vom Sitz erhoben und rief ununterbrochen: Ruhe, Hinsetzen, Hinsetzen, Ruhe, bemerkte aber dabei nicht, daß er der einzige war, der stand. Ein rotbeschlipster Mann mit Backen, die, wie um seine Gesinnung auch körperlich zu zeigen, ein grelles Rot aufwiesen, was sich bei näherem Zusehen als Reste von alten Lupusnarben herausstellte, schüttelte die Faust vor Wut gegen die Ecke, von der das Zischen der Händlergruppe erklang, und zerrte mit der 230 anderen Hand seinen Nachbar am Arm, einen Metallarbeiter mit schwarzen Händen, um den auch zur Entrüstung aufzureizen. Die Aufregung stieg und die Versammlung schien sich wirklich in einen wilden Tumult auflösen zu wollen. Plötzlich ertönte die Klingel des Vorsitzenden. Es trat nach und nach Ruhe ein, und der Vorsitzende teilte der Versammlung mit, daß er soeben dringend abberufen sei und bitte, an seiner Stelle Herrn Thomas Weltlein zum Leiter der Versammlung zu wählen. Ein geradezu Ohren zerreißendes Händeklatschen erscholl aus den verschiedenen Teilen des Saales, obwohl kein Mensch wußte, wer dieser Thomas Weltlein sei. Der Schlosser hatte seine Hilfstruppen alarmiert. Thomas stand zu seiner ganzen Länge aufgerichtet neben dem Rednerpult. Die Ruhe seiner Persönlichkeit wirkte sofort, noch ehe er ein Wort gesprochen hatte. Er ließ langsam seine Augen durch den Saal gehen und sagte: »Ich übernehme den Vorsitz. Das Referat dauert noch fünf Minuten. Ich werde dann, nach einer Pause von zehn Minuten, die Diskussion eröffnen. Jeder wird zu Wort kommen. Bis dahin bitte ich, sich zu gedulden. Der Herr Referent hat das Wort.« Der Student wunderte sich. Bisher hatte er Thomas stets als halben Narren betrachtet, ihn bemitleidet und auf ihn herabgesehen. Die ruhige Kraft, mit der dieser Narr jetzt die Versammlung bändigte, ohne sich scheinbar irgendwelche Mühe zu geben, imponierte ihm; und allmählich erhob sich hinter diesem Erstaunen ein immer wachsendes Gefühl des Neides. Das unerwartete Auftauchen eines vornehm gekleideten Mannes mit sicherem Benehmen hatte auf die Kleinhändler, die gewohnt waren, reiche Kunden devot zu behandeln, Eindruck gemacht, und der Referent konnte ohne Störung seine Rede beenden. Er schloß mit der Devise der Konsumvereine: Einer für alle, alle für einen. Aus der Händlerecke wurde ein kurzer Versuch gemacht, den Schluß der Rede wieder zum Sprengen der Versammlung zu benützen, aber da sich, wie jedesmal bei einer Pause, ein großer Teil des Publikums entfernte, um dringende Geschäfte zu besorgen, fiel der Lärm zu Boden. Die Diskussion eröffnete der Sprecher der Kaufleute, ein hagerer Mann im schwarzen Gehrock, unter dem eine goldene Uhrkette 231 hervorbaumelte. Das Kinn war nach vorn weit vorgebaut, der Schnurrbart gut gepflegt und die Haltung straff, militärisch. Die ganze Erscheinung machte den Eindruck eines tätigen, energischen Mannes. Man hatte ihn ausgewählt, die Sache der Händler zu vertreten, weil er als Besitzer eines Eisenwarengeschäftes nicht so persönlich interessiert an der Sache zu sein schien, wie die Lebensmittelhändler. Das Publikum hörte ihn schweigend an, als er seinerseits an der Hand großer Zahlenreihen nachwies, daß die Genossenschaften teuerer arbeiteten als die Detaillisten. Um so auffallender war es, daß von Zeit zu Zeit aus verschiedenen Teilen des Saales ein ›Sehr richtig!‹ erscholl. Man gewann den Eindruck, daß die Händlerecke sich aufgelöst und die Opponenten sich über den ganzen Saal verbreitet hätten. Kühn gemacht durch diese Wahrnehmung, die ihm seinen Erfolg zu erleichtern schien, wagte der Redner, den Kopf zurückwerfend und die Hände in die Hosentaschen steckend, einen Vorstoß gegen die Leiter der Genossenschaftsbewegung, die hohe Gehälter für minderwertige Leistungen einsteckten, wich aber sofort wieder zurück, als ein Murren hörbar wurde. Als er von dem bescheidenen Aufschlag sprach, den die Geschäftsleute nehmen, ertönte plötzlich eine scharfe Stimme – es war die des Schlossers –: »Dreihundert Prozent erhebt der Hallunke.« »Das ist eine Lüge,« überschrie der Mann das vereinzelte Lachen. »Ich kann es beweisen,« lautete die prompte Antwort. Die Glocke des Vorsitzenden ertönte. »Ich bitte, den Herrn Redner nicht zu unterbrechen,« rief Thomas. »Die Diskussion bietet Raum für jede Meinungsäußerung.« Der Kaufmann, der durch die Zwischenrufe etwas aus der Fassung gebracht worden war, sammelte sich wieder. Aber seine Worte und Gedanken waren jetzt schärfer und klangen gereizt. Er schlug öfter mit der Faust auf das Rednerpult, gestikulierte heftig und redete sich in einen wahren Zorn. Die Wirkung auf die Zuhörer blieb nicht aus. Das Publikum gab lebhafter als vorher seine Billigung und Mißbilligung zu erkennen und plötzlich entstand wieder ein Sturm, als der Kaufmann, um die Gemeingefährlichkeit des Konsumvereines zu kennzeichnen, in seiner Erregung das Wort Sozen gebrauchte, die ersparten Genossenschaftsgelder würden zu 232 Parteizwecken der Roten verwendet. Ein wütendes Händeklatschen und Bravorufen ging los, geleitet von drei Männern, die nebeneinander in der Mitte des Saales saßen, alle drei gut gekleidet und wohlgenährt. Sie erhoben sich halb vom Sitz, klatschten und sahen sich im Saal um, als ob sie auffordern wollten, an der Demonstration teilzunehmen. Tatsächlich steckte ihr Beifall auch die Händlerecke an, und während sich der Lupusmann mit dem roten Schlips vergebens bemühte, durch Schreien und Scharren gegen den Beifall aufzukommen, stand der Redner siegesgewiß auf seinem Podium, die eine Hand auf einem Haufen Papiere, den er als Leitfaden seiner Rede benützt hatte, die andere keck in der Hosentasche. »Als ob er selber nicht an seine Männlichkeit glaube und sich durch das Gefühl davon überzeugen müßte,« sagte der Student halblaut zum Schlosser. »Was heißt denn das?« fragte gereizt ein rothaariger Schuster mit einer Brille auf der Nase und einer riesigen Narbe auf dem Schädel, und deutete auf die drei eifrigen Klatscher in der Mitte. »Das sind doch welche von den Unseren.« »Halt's Maul,« schnauzte ihn der Schlosser an: »Du wirst schon sehen, wie es kommt.« Thomas hatte sich erhoben. Er brauchte diesmal nicht erst die Glocke zu benützen. Seine lange Gestalt wurde überall beachtet, und der Lärm verebbte. »Ich möchte den Herrn Redner bitten,« sagte er, »sich in Anbetracht der vorgeschrittenen Zeit kurz zu fassen. Es ist üblich, bei der Diskussion dem einzelnen zehn Minuten zu gewähren.« »Ich habe nichts mehr zu sagen,« erklärte der Eisenhändler stolz auf seinen Erfolg und stieg vom Podium, um die Glückwünsche seiner Partei zu empfangen. Er war noch nicht in der Händlerecke angelangt, als der Schlosser schon auf dem Podium stand. Er hielt ein Vorlegeschloß hoch in der Hand und rief: »Dies Vorlegeschloß habe ich vor zwei Stunden bei dem Herrn Kramer, der uns soeben auseinandergesetzt hat, wie schlecht der Arbeiter fährt, wenn er im Konsumverein kauft, für 25 Pfennige gekauft. Es ist aus unserer Fabrik und wird von der für acht Pfennige abgegeben. Herr Kramer schlägt 300 Prozent auf. Ich habe nichts mehr zu sagen.« 233 Schallendes Gelächter, in dem die Wut der Händlerecke unterging, durchbrauste den Saal. Thomas stand wieder aufrecht, hob den Arm hoch und sehr bald legte sich der Lärm. »Einer für alle, alle für einen,« sagte er, jedes Wort ruhig und klar aussprechend, während er den Arm sinken ließ. »Die Rede des Herrn Eisenwarenhändlers Kramer, seine ganze Haltung und Persönlichkeit haben uns belehrt, wie es ist, wenn alle für einen arbeiten.« »Dreihundert Prozent,« rief wieder der Schlosser. »Es ist nicht mehr als billig, wenn wir auch jemanden zu Worte kommen lassen, der den Grundsatz: Einer für alle, vertritt. Da dann beide Parteien zu Wort gekommen sind, werde ich nachher die Diskussion schließen. Ich erteile Herrn Langhammer als letztem Diskussionsredner das Wort.« Der Lupusmann bestieg das Rednerpult. »Was ist das nun wieder,« murrte der rothaarige Schuster und setzte seine Brille zurecht. »Langhammer gehört zu den Unentwegten und will gegen den Konsumverein sprechen. Da muß doch von uns einer –« »Schafskopf,« unterbrach ihn wieder der Schlosser. »Du sollst sehen, in fünf Minuten ist Langhammer Mitglied des Vereines.« Der Rotbackige stemmte beide Arme auf die Pultplatte, beugte sich weit nach vorn und schrie in den Saal hinein: »Arbeiter, was euch nottut, ist, daß ihr gegen den Kapitalismus euch zusammenschart, alles andere kann euch nicht helfen. Der König Mammon regiert die Welt. Das Ausbeutertum lebt von eurem Schweiß und der blutigen Arbeit eurer Hände.« »Zur Sache,« rief es aus der Händlerecke. »Arbeiter, das Proletariat der Welt darf sich das nicht mehr gefallen lassen, muß gegen die Blutsauger des Kapitalismus Front machen.« Über Weltleins Gesicht flog ein Schatten bei dem Wort Blutsauger. »Aber euch steckt noch der Kadavergehorsam von der Kaserne her in den Knochen. Der Militarismus –« »Zur Sache,« rief es wieder. Es war diesmal die Stimme des Eisenhändlers und »zur Sache,« sekundierten die drei Männer 234 in der Mitte des Saales und trommelten mit den Beinen auf den Boden. »Überdem, ihr habt es alle gehört. Dreihundert Prozent –« »Lügen! Frechheit! Schmeißt den Kerl runter,« ertönte es wieder von den drei Leuten in der Mitte. Der Tumult ging wieder los. Die drei waren aufgestanden und ihrem Beispiel folgend erhoben sich hie und da unruhige Leute von ihren Sitzen. Thomas hatte wieder zur Klingel gegriffen und läutet; Sturm. Allmählich trat Stille ein. »Es zeigt sich klar, daß hier im Saal die Vertreter des Grundsatzes: Alle haben für einen zu arbeiten, niemanden zu Wort kommen lassen wollen, der für das Allgemeinwohl spricht, wie es eben der Herr tat, der in so roher Weise unterbrochen wurde. Ich danke dem Herrn Langhammer dafür im Namen der Genossenschaft, daß er so tapfer für uns gesprochen hat –« »Das hat er ja gar nicht getan,« schaltete der Schuster ein. Der Schlosser zuckte als Antwort bloß die Achseln. »Und hoffe, daß er dem Verwaltungskörper unserer Genossenschaft seine Hilfe als Mitglied des Genossenschaftsrates nicht versagen wird.« Der Rotschlips war so verblüfft, daß er einen Diener machte, vom Podium stieg und zu seinem Platz hinstrebte. Auf halbem Wege hielt ihn der Schlosser an und redete eifrig auf ihn ein. »Es hat keinen Zweck,« begann Thomas wieder, »die Aussprache weiter fortzusetzen, da das Verhalten der Herren dort in der Ecke und in der Mitte des Saales eine Einigung nicht erhoffen läßt. Ich werde zur Feststellung der Mitgliederliste schreiten und bitte infolgedessen alle diejenigen, die dem Verein nicht beitreten wollen, den Saal zu verlassen.« Kein Mensch rührte sich. Alle vermuteten noch irgend einen Radau. Thomas wiederholte nach einigen Augenblicken scharf: »Ich bitte alle, die nicht Mitglieder der Genossenschaft werden wollen, den Saal zu verlassen.« Zögernd erhob sich einer der drei Leute aus der Mitte des Saales und drängte sich durch die Reihen. Der zweite, folgte ihm und schließlich auch noch der dritte, der, ehe er ging, noch laut nach hinten rief: »Komm, Wilhelm, es hat doch keinen Sinn mehr, 235 die Sache ist nicht mehr aufzuhalten.« Ein paar Leute folgten dem Beispiel, alles bewährte Mitglieder der Genossenschaft, wie der Schuster kopfschüttelnd feststellte. Jetzt kam auch in die Händlerecke Bewegung. Eine einzelne Gestalt löste sich aus der dicht gedrängten Menge und schritt dem Ausgang zu. »Ich werde Listen herumgehen lassen,« ergriff Thomas wieder das Wort, »in die sich einzeichnet, wer dem Verein beitreten will.« Er tauchte eine Feder ein und ging mit einem Bogen Papier auf den Rotschlips los. »Bitte, Herr Langhammer, Ihr Name muß zuerst stehen.« Der Mann sah Thomas verdutzt an und zeichnete seinen Namen ein. Thomas gab die Liste weiter und stieg auf das Podium. »Ich möchte bemerken,« sagte er, »daß es für die Herren Kaufleute keinen Zweck hat, sich in die Liste einzutragen. Der Verein hat statutengemäß das Recht, offenkundige Gegner seiner Tendenzen auszuschließen und er wird Ihnen gegenüber davon Gebrauch machen. Ich möchte Sie nochmals bitten, den Saal zu verlassen.« »Wir werden doch noch unser Bier austrinken dürfen,« schrie einer der Händler gereizt. Thomas richtete sich zur vollen Höhe auf. »Die Herren wollen nur noch ihr Bier austrinken,« rief er, »das kann ihnen niemand übel nehmen, wir wollen also so tun, als ob die Gegner schon fort wären und in unserer Arbeit fortfahren. Wir haben den Genossenschaftsrat zu wählen und die Verwaltung bittet Sie, aus Ihrer Mitte drei Genossenschafter zu ernennen. Die Verwaltung hat kein Vorschlagsrecht, ist jedoch der Meinung, daß ein so verdientes Mitglied wie Herr Langhammer dabei nicht übergangen werden darf.« Thomas hatte diesen Satz gerade vollendet, als die Schar der Kaufleute aufbrach. Einer hinter dem anderen – denn niemand machte ihnen Platz – zogen sie durch den Saal. Thomas folgte ihnen mit den Augen, dann verließ er das Podium und setzte sich müde in einen Stuhl. Eine Stunde später saß er mit ein paar von den Teilnehmern der Versammlung und mit dem Studenten in einem kleinen Restaurant, um den gelungenen Abend zu feiern. Man sprach über die Genossenschaftsbewegung, die Zukunft und Aufgaben der Vereine. 236 Persönliche Erlebnisse und Erfahrungen wurden ausgetauscht und dabei stellte es sich dann heraus, daß Thomas ein alter Anhänger des genossenschaftlichen Gedankens war und vor Jahren schon in Bäuchlingen einen Konsumverein gegründet hatte. Bei seinen Streifereien durch Berlin war er hie und da in Läden der Genossenschaft eingetreten, hatte sich mit den Leuten unterhalten und war schließlich mit dem und jenem Führer der Bewegung bekannt geworden. Auf diesem Wege war ihm auch der Schlosser wieder begegnet, der, hellköpfig, sehr bald merkte, wie brauchbar Weltlein war, wenn man seine Narrheiten nicht beachtete. Nach und nach wandte sich das Gespräch der sozialen Frage zu. Thomas hatte bisher sich nicht an dieser Unterhaltung beteiligt, nur hie und da beim Anstoßen der Gläser Prosit gesagt. Plötzlich stürzte er sich, unbekümmert um das, was die anderen sagten und meinten, auf ein einzelnes Wort, das zufällig genannt worden war, ja in dem Zusammenhang der Unterhaltung genannt werden mußte, auf das Wort ›Allgemeinheit‹. »Allgemeinheit, wozu streiten Sie sich denn noch über die Lösung der sozialen Fragen, wenn Sie das Wort haben,« rief er. »Das ist doch die Lösung. Betrachten Sie nur das Wort: Allgemeinheit.« Er legte den Finger auf die Tischplatte, als ob dort das Wort aufgeschrieben stände, und blickte von einem zum anderen, um sie zum Betrachten aufzufordern. Der rothaarige Schuster, der neben ihm saß, rückte sich die Brille zurecht und lachte, der Schlosser nickte vor sich hin und raunte dem Studenten zu: »Jetzt kommt die Tollheit wieder.« Einer der anderen aber, die Thomas nicht kannten, der Metallarbeiter mit den schwarzen Händen, fragte: »Wieso, wie meinen Sie das?« »Die soziale Frage,« Thomas sah den Metalldreher aufmerksam an, »bezieht sich auf die Sorge für alle. Für alle sorgen zu wollen, ist aber eine Gemeinheit. Also ist die soziale Frage eine Gemeinheit.« »Nun hören Sie mal,« rief der vierte der Arbeiter, ein Buchdrucker von etwa 40 Jahren, der aber ein Jungengesicht wie ein Siebzehnjähriger hatte. »Bitte, ich bin noch nicht fertig,« unterbrach ihn Thomas heftig. »Die Zwischenrufe stören nur den Verlauf den Verhandlung. Jeder 237 wird zu Worte kommen. Vorläufig bin ich an der Reihe. Also: Das Allgemeinwohl, sage ich, ist nichts weiter als eine Zusammenziehung der Worte ›alle‹ und ›mein Wohl‹; das heißt mit anderen Worten: Alle sollen für mein Wohl tätig sein und das ist auch das Ziel, dem die Beglücker der Allgemeinheit zustreben. Sie suchen ihr eigenes Glück und behängen diesen sehr natürlichen Trieb mit einem schönen Kleid, das aber, wie alle Kleider, betont, was es verbirgt: siehe den Ausschnitt der Frauen und den Hosenstall der Männer. Ist das nun nicht gemein? Allgemein ist dasselbe wie: alles ist mein. Der Standpunkt des Kindes macht sich geltend. Das will alles für sich haben. Daher der Eifer gegen den Mammon, was nur ein Deckname für Mama ist. Man soll doch nie vergessen, daß der Mensch, so alt er auch sein mag, Säugling bleibt. Die Wut auf die Blutsauger ist auch nur, um die Stimme des Gewissens zu überschreien, weil jeder sich klar ist, daß er seiner Mama, dem, der etwas hat, das Blut aussaugt. Die Menschen sind Wanzen und es ist natürlich, daß die rote Gesinnung gerade in den Großstädten zunimmt, da dort überall Wanzen sind. Rot-sozial; Sozialdemokraten sind wir ja alle, arm oder reich, das ist gleich.« »Sozial, So zieh, Aal! Es ist die Aufforderung des Menschen an den Nachbar, für ihn den Karren zu ziehen. Aal – zieh dem Aal das Fell ab. Was wieder Doppelbedeutung sein würde, da Aal gleich der Schlange steht. Vielleicht erklärt sich daraus die wachsende Begeisterung der Frau für soziale Tätigkeit. Worte haben eine wunderbare Ansteckungskraft, ein Gift in sich, das unterhalb des Bewußtseins Pandemieen der Begeisterung mit dem Resultat ganzer Weltumwälzungen hervorruft.« Der Metallarbeiter hielt mit den gefalteten, schwarzen Händen sein Bierglas umschlungen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen und starrem Blick sah er auf Thomas' Mund, als ob er durch das angestrengte Sehen den Wortschwall seinem Verständnis näher bringen könnte, während der Buchdrucker, der durch langjährige Beschäftigung mit dem Zeitungsblödsinn den Respekt vor jeder Bildung außer seiner eigenen längst verloren hatte, sich an den Sechsundsechzig spielenden Schlosser mit der Frage wandte: »Ist der verrückt oder bin ich es?« 238 »Du,« erwiderte der Schuster, und der Schlosser, der gerade eine Vierzig ansagen wollte, fügte ein: »Quatschkopf« hinzu. Der Buchdrucker wollte aufbrausen, da er aber die gewaltigen Fäuste des Schlossers betrachtete, zog er es vor, den Ausdruck: Quatschkopf auf Thomas zu beziehen, schmunzelte behaglich und versuchte, weiter zuzuhören. Thomas sann den Wirkungen des Wortklanges nach und war, da er die Arbeiterhände über dem Bierglas verschlungen sah, eben im Begriff, aus dem Worte ›Metallarbeiter‹ auf dem Umwege über Metallus, Karl Martell, Hammer, Nagel, Schlacht bei Poitiers, Christen, Kreuz, Kreuzzüge die ganze moderne Kultur abzuleiten, als ihn der Student aus seinem Brüten aufscheuchte. Seit einer Stunde wuchs in Seebach ein neidischer Groll auf Thomas heran, der ihm den teuflischen Plan eingab, diesem so unverdient erfolgreichen Narren eine Tracht Prügel zu verschaffen. Er suchte ihn also wieder auf die soziale Frage zu hetzen, weil er sich von der gereizten Stimmung des Metallarbeiters allerlei versprach. »So zieh, Alte«, rief er hin und sah Thomas harmlos an. Der Narr blickte ihn einen Augenblick nachdenklich an, dann erwiderte er: »Ja, da liegt ein gut Stück der Frauenfrage darin und nebenbei die ganze Weltgeschichte. So zieh doch den Aal, schreit es aus dem weiblichen Triebleben heraus; der Mann aber, dessen Potenz nach Boccaccio selbst versechsfacht nicht ausreicht, eine Frau zu befriedigen, antwortet mit dem: So zieh mit, Alte, und bald wird er sagen: Zieh du allein am Karren, aber ich werde mich hineinsetzen, damit du mich immer zur Hand hast. Jetzt drängen sich die Frauen in die männlichen Berufe, das ist ganz in der Ordnung und der Mann sollte sich nicht dagegen wehren, vielmehr ihnen aufpacken, was nur aufgepackt werden kann. Die Arbeit dem Weibe, das sei unsere Parole. Wir legen uns dann, uns unseres edlen Blutes als Germanen erfreuend, auf die Bärenhaut, und trinken immer noch eins. Prosit!« Er stieß mit dem Metallarbeiter an. »Auf daß wir noch die Zeit erleben, wo die Frau an der Maschine steht und wir während dessen den sozialisierten Staat regieren.« Der Mann löste langsam seine Hände vom Bierglas, besah sie, grinste und meinte: »Das könnte mir schon passen, wenn meine 239 Alte auch mal solche Hände bekäme; sie schimpft alle Tage darüber und legt mir extra Seife hin. Aber Öl frißt sich zu tief ein, da ist nichts zu wollen. Es sei kommun, sagt sie, solche Finger zu haben.« »Kommun, gemein, Allgemeinheit. Da hat man die ganze Geschichte in drei Worten. Mit dem Sozialismus fängt die Sache an und der Kommunismus ist das Ende. Alles gehört allen. Wir wollen uns in Schnaps berauschen, wir wollen unsere Weiber tauschen, wir wollen freie Menschen sein. Ihren Ursprung hat diese Entwicklung in dem Drang der Weiber, Allgemeingut zu werden. Doppelte Moral, dagegen eifert die Frau, aber sie will im Grunde nicht die Weibermoral für die Männer, sondern die Männermoral für die Weiber. Freie Liebe, danach schreien sie.« Der Schlosser warf plötzlich die Karten zusammen, schlug mit der Faust auf den Tisch und »der Teufel hole sie alle miteinander,« sagte er und trank in hastigen Zügen sein Bier aus. »Ich kann es den Frauen nicht verdenken,« mischte sich der Buchdrucker ein, »wenn sie selbständig werden wollen, möglichst unabhängig will ein jeder sein, und wenn wir nicht alle strebten, hoch zu kommen, sähe es wohl schlecht mit den Fortschritten der Menschheit aus.« »Also das ist der Grund, warum der Kerl so jung aussieht,« dachte Thomas, »kommt nicht von der Mutter los.« »Selbständig?« Der Student warf Thomas einen Seitenblick zu und wiederholte: »Selbständig, ja, das könnte ihnen passen. Aber die Trauben sind sauer. Es steht sich nicht so leicht, wenn nichts da ist als Abgrund. Ich glaube auch,« er lachte dreckig, »daß es ihnen mehr darauf ankommt, daß der Mann steht, und wenn wir gar stets unabhängig wären, niemals schlappschwänzig den Kopf hängen ließen, wäre wohl Freude in Trojas Hallen.« Thomas war unruhig geworden. »Nein, nein,« rief er, »so ist es nicht, nicht so einfach und doch wieder viel einfacher. Sehen Sie;« er faßte sich, uneingedenk alles dessen, was Mutter und Schwester ihm an Lebensart beigebracht hatten, vorn an die Hosen, als ob sich dort das Problem handgreiflich lösen lasse, und stemmte dann befriedigt beide Ellenbogen auf den Tisch. »Sehen Sie, die Sehnsucht nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit beschränkt sich 240 durchaus nicht auf die Weiber, ebenso wenig das Hochstreben, von dem Sie gar nicht gesprochen haben, obwohl es in der Programmrede unseres Freundes,« – er machte eine Verbeugung gegen den Buchdrucker hin – »ausdrücklich betont war. Wir Männer haben doch nicht weniger Freude an diesen Dingen als unsere Frauen, merken wir, daß es unabhängig, selbständig ist, so freuen wir uns, und wir sind nicht weniger beschämt, wenn uns die Erhebung nicht gelingt. Der einzige Unterschied ist der, daß die Frau ihren Mangel nicht aus eigenem decken kann, während der Mann, wenn auch nur für Stunden, das Königsszepter führt. Die Wonne, die das Weib empfindet, treibt sie dazu, zunächst den Mann selbständig zu wollen, denn er ist ihr Werkzeug, und da er über ihr schwebt, muß sie nach oben streben. Da liegt vielleicht die Erklärung, warum die Frau oberflächlich ist, im Vergleich zum Manne: sie hat nicht dasselbe Interesse daran, in die Tiefe zu dringen, wie er. Bei dem Weibe liegen die Dinge so, daß sie zeitweise, aber dann glühend, heftig emporstrebt, mit ihrem ganzen Wesen emporstrebt, während der Mann konzentrisch gerichtet ist, sein Aufwärtsstreben ist bedingt durch den Wunsch, erhaben zu sein, und deshalb pflegt er in sich den Gedanken: Landgraf werde hart. Die Frau entbehrt das Abzeichen der Herrscherwürde, der Moment, in dem sie es in sich fühlt, weckt rasende Begier nach dem Besitz, sie sucht das Szepter dem Manne zu entreißen, zerknickt es dabei und schämt sich der Sünde. Mein verehrter Herr Vorredner,« – er verbeugte sich wieder nach dem Buchdrucker, der sich geschmeichelt in den Stuhl zurücklehnte, den Kopf halb zur Seite geneigt, und mit einem Bleistift spielte, – »hat ganz recht, was wäre die Menschheit ohne das Emporstreben des Weibes. Sie wäre längst ausgestorben. Aus Haß wächst Liebe, aus Liebe wächst Haß, und es hat seine Bedeutung, wenn man vom Liebeskampf spricht. Ein Lanzenbrechen ist es, das oft genug blutig verläuft. Und beachten Sie doch, was in der Bibel steht, von der Feindschaft zwischen dem Weib und der Schlange und zwischen des Weibes Samen und dem der Schlange. Der Schlange den Kopf zertreten, das will das Weib, uns den Kopf beugen, uns kopfhängerisch machen, abhängig, und für die Sünde büßt sie, denn die Schlange sticht sie in die Ferse.« 241 »Der Storch kommt,« rief der Student und blinzelte dem Schlosser zu. »Der Teufel soll sie alle holen,« erwiderte er nochmals. Er erhob sich und verließ für kurze Zeit das Lokal. Der Schuster mischte gleichgültig die Karten. »Ich werde mit meiner fertig, getraue mir's auch mit anderen Weibsen.« »Ja, wer den Knieriem hat und zu handhaben versteht,« lachte der Buchdrucker, »der kann gut gleichgültig sein.« »Was ich mache, geht niemanden etwas an,« erwiderte der Schuster und mischte so heftig darauf los, daß ein paar Karten zur Erde fielen. Thomas drehte den Kopf langsam zu dem Schuster hin, der vom Stuhl aufgestanden war und nach den Karten gebückt den Hintern in die Luft streckte. »Innere Ansteckung,« sagte er, »man kann nicht vom Schlagen sprechen, ohne daß die Seelen mit irgend einer Handlung antworten. Seit langem studiere ich diese Phänomene, aber den tiefsten Grund finde ich nicht.« Er schwieg einen Augenblick, dann nahm er dem Buchdrucker, der mit dem Bleistift auf dem Tisch trommelte, sein Instrument fort und begann wieder: »Alle Mütter klopfen, wenn sie das Kind, das sie auf dem Arme tragen, beruhigen wollen, es hinten drauf. Ein Kind klapst stets das andere, indem es vorbeiläuft. Die Peitsche, der Stock, was für eine wunderliche Rolle spielen sie im Leben der Menschheit, und auf dem Handschlag beruht Treue und Glauben. Man sagt, daß das Nervengeflecht des Gesäßes und der Schamteile innig verflochten sind, aber die Anatomen und Physiologen haben noch keine Mühe darauf verwendet, diese Verbindungen zu studieren. Das erste, was den Kindern beigebracht wird, ist in die Hände zu klatschen, also muß das Gehör hervorragend bei dem Trieb beteiligt sein. Das Rotwerden und die Hitze deuten auf starke Liebesaffekte. Und merkwürdig ist es, daß in allen Sprachen ›Rute‹ der Name für das männliche Organ ist. Das deutet wohl an, daß die Frau ab und zu nach Keile lechzt, wie mein Vater es zu nennen pflegte, und wenn ich recht beobachtet habe, ist jeder Fleck auf dem Tischtuch, jedes Widersprechen, jedes Türschlagen, jede Laune eine Aufforderung zum Tanz der Reiser und weiterhin zur Liebe. Und es gibt Leute, die mit den Händen auf dem Rücken gehen.« 242 Ein allgemeines Gelächter entstand, denn in demselben Augenblicke kam der Schlosser in tiefen Gedanken zurück; die Hände hatte er mit den Handflächen nach hinten über dem Rücken verschränkt. Er lachte gutmütig mit, obwohl er keine Ahnung hatte, wovon die Rede sei. »Seid Ihr immer noch bei den Weibsen und dem Fortschritt der Menschheit?« fragte er, setzte sich und ergriff die Karten, um zu geben. »Wir waren abgeirrt,« erwiderte Thomas. »Aber es ist gut, daß Sie uns an das Thema erinnern. Ich bin nämlich der Meinung, daß diese Sehnsucht, unabhängig, selbständig zu werden, für die Kindheit mehr bedeutet, als alle Fibeln und Bibeln, Moralen und sonstige Erziehungsmätzchen. Wenn das Kind anfängt herumzulaufen, imponiert ihm der Vater als Riese, und zwar sind es die Beine und das, was drum und dran hängt, was seine Aufmerksamkeit reizt.« Als ob ihn das Wort »reizen« selber aufregte, wurde Thomas plötzlich heftig. »Ja, ja, verehrter Herr Seebach, Beflissener der Naturwissenschaften, es ist so. Wenn Sie an einem Hause vorbeigehen, versuchen Sie auch nicht in die oberste Etage hineinzugucken, wohl aber in die Parterreräume. Das ist so und ist bei Kindern nicht anders. Es ist auch sehr weise von der Natur eingerichtet, daß sie den Menschen zwingt, von Anbeginn an seinen Neid und sein Streben, alle seine Affekte auf die Gegend zu richten, die für das Fortbestehen der Menschheit unbedingt notwendig ist. Der Vater ist dem Kinde die Gottheit, das Ideal, dem es zustrebt, denn die Mutter ist ihm zunächst Milchflasche und Schwamm, durchaus nicht göttlich, vielmehr sein Eigentum, außerdem ist sie kleiner als der Vater, brüllt nicht so, macht kleinere Schritte und hat nicht so lange Beine. Das Kind also will Mann werden, weil der Mann groß ist. Und deshalb wächst es und wird geistig und körperlich stark. Weil es aber sieht, daß der Mann sich dadurch vom Weibe unterscheidet, daß er zwischen den Beinen etwas hängen hat –« Der Student unterbrach hier: »Woher soll denn das Kind so was sehen? Ich habe meinen Vater nie nackt gesehen.« »Himmelkreuzdonnerwetter,« schrie Thomas, schlug mit der Faust auf den Tisch und fuhr mit dem Kopf so heftig gegen Seebach los, daß es aussah, als ob er Mauern damit einrennen wollte. »Besinnen 243 Sie sich so genau, was Sie mit zwei Jahren erlebt haben! Wissen Sie noch, wie Sie gehen und sprechen und essen gelernt haben? Wahrhaftig, Sie sind würdig, als Lehrer der Naturwissenschaften an irgend eine Hochschule gerufen zu werden.« Er schwieg und stürzte verstimmt sein Glas Bier auf einmal hinunter. Es war als ob sich ein Druck auf alle gelagert hätte. Keiner redete mehr und alle sahen stumm und verärgert vor sich hin. Plötzlich begann der Metallarbeiter, der bisher seinen Anteil an der Unterhaltung nur durch Zuhören bekundet hatte, zu sprechen. »Der Herr Weltlein hat ganz recht. Man kann nicht immer die Kinder hinausjagen, wenn man den Topf benützt und außerdem will man es auch gar nicht, und mein Junge hat sich wie ein Schwerarbeiter angestrengt, um auch den Topf halten zu können und hat's aller Welt erzählt, das Mädel aber hat geheult, weil es daneben gegangen war, wie sie's ihm nachmachen wollte. Und das muß doch jedem auffallen, daß wir aus den ersten Jahren des Lebens nichts mehr wissen, rein gar nichts mehr.« Er hatte die ganze Zeit angestrengt Thomas angesehen; als er sah, wie dessen Gesicht freundlich und hell wurde, nickte er ernst und faltete wieder die Hände um sein Glas. »Es ist uns auch allen aufgefallen,« bestätigte Thomas, »oder was bedeutet sonst der Ernst, der über die Tischgenossenschaft plötzlich kam? Die Wunden meldeten sich, die das Leben in diesen ersten Jahren schlug und die gewiß die schwersten waren, die wir je empfingen. Genug, der Junge will werden wie der Vater, ein großes Ding haben und deshalb wächst er und deshalb wird er größer als das Mädchen, das bald den Wettlauf traurig aufgibt, in die Breite geht und an der Brust sich doppelt baut, was unten fehlt. Denn in der Brust ist das Weib Mann, es ist ihr männliches Organ, das in das Loch des Kindesmundes hineingesteckt wird und Flüssigkeit ergießt. Des Herren Wege sind wunderbar. Der Name des Herrn sei gelobt.« Der Buchdrucker, den es schon lange ärgerte, daß ein anderer als er das Gespräch tyrannisierte und daß Thomas ihm das Trommelvergnügen mit dem Bleistift verdorben hatte, hielt es für an der Zeit, sich geltend zu machen. »Ihre Paradoxen, Herr Weltlein,« 244 sagte er, »haben mich sehr interessiert und wenn sich auch vieles dagegen sagen läßt und manches Schiefe darin enthalten ist, so merkt man doch immer, daß es durchdacht ist und von einem hochgebildeten Manne vorgetragen wird. Um so unbegreiflicher ist es mir, daß Sie auf einmal mit solcher Pfaffenweisheit kommen. Das Volk ist lange genug mit diesen Ammenmärchen von den tiefen Absichten des Christengottes an der Nase herumgeführt worden. Aber das Volk glaubt daran nicht mehr, die Fackel der Erkenntnis leuchtet so hell, daß der Aberglaube keinen Winkel mehr findet, von wo aus er ungestraft mit seinem Gift die Menschen betäuben kann; die Errungenschaften der Neuzeit beweisen, daß weder für einen Gott noch für seine Taten Platz in der Welt ist. Seit wir wissen, daß nichts verloren geht, seit wir den Kampf ums Dasein kennen, haben wir gelernt, ohne Gott und ohne Religion fertig zu werden. Denn wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat Religion, sagt der Dichter und meint damit, daß der Gebildete keine Religion mehr braucht. Wo die Wissenschaft einzieht, fliehen die Götter; das ist ein allgemeines Gesetz.« Thomas nickte ernsthaft und billigend. »Wenn das All mein sein soll, muß ich zunächst Gott absetzen, das ist logisch. Und daß die Götter fliehen, wenn die Wissenschaft mit ihrer Öllampe kommt, kann ich ihnen nicht verdenken. Übrigens ist es spät und ich bin müde und wenn Sie die Frage des Verhältnisses von Wissenschaft und Gottheit wirklich interessiert, können Sie die Lösung im Struwwelpeter finden. Guten Abend, meine Herren.« Er erhob sich und ging schnurstracks davon. Als der Student hinter ihm herrief, »ja, ja, wenn die Wissenschaft kommt, fliehen die Götter,« drehte er sich in der Tür um und sagte scharf: »Und nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge zum äußersten Meere, so würde mich doch daselbst seine Hand halten und seine Rechte mich führen.« Thomas war noch kaum zwanzig Schritte gegangen, als er von dem Schuster eingeholt wurde. »Ich habe Sie schon lange fragen wollen,« begann der, »warum Sie bei Ihren freisinnigen Ideen so hartnäckig immer wieder von Gott sprechen. Es wäre doch nicht schön und sähe Ihnen auch gar nicht ähnlich, wenn Sie sich über uns einfache Leute lustig machen wollten.« 245 Thomas war stehen geblieben. »Ich bilde mir ein, selber ein einfacher Mensch zu sein und gerade deshalb ist mir nicht alles so klar wie anderen Leuten. Ich weiß zum Beispiel nicht, warum der liebe Gott die Nase ins Gesicht gesetzt hat, statt in die Fingerspitzen. Mich über Sie lustig zu machen, beabsichtige ich nicht. Der Spott liegt mir nicht, meist meine ich, was ich sage. Aber es ist spät. Vielleicht besuchen Sie mich einmal oder ich schreibe Ihnen, wo Sie mich treffen können, nach acht sind Sie ja wohl frei, dann können wir weiter darüber sprechen.« Er gab dem Schuster die Hand, der hielt sie fest und sagte: »Was meinten Sie mit dem Struwwelpeter?« »In der einen Geschichte,« antwortete Thomas, »kommt ein Junge mit der Fahne der Wissenschaft angerannt, ein zweiter hat einen Ball, den Erdball, ein dritter einen Reifen, das ist die Mathematik und ein vierter zeigt triumphierend eine Brezel, die Fessel für den armen Mohren, der die Phantasie ist. Sie wissen ja, Hitze macht phantastisch und abergläubisch, die Sonne, das helle Licht macht dunkel. Und dann kommt der Niklas, den der lange, weiße Bart als Symbol des lieben Gottes kennzeichnet und steckt die wissenschaftlichen Buben dorthin, wo sie hingehören, ins Tintenfaß. Gute Nacht nun.« Er war schon fort, ehe der Schuster noch begriffen hatte, was Thomas meinte. Ob sich die beiden wiedergesehen haben, meldet die Geschichte nicht.     31. Kapitel. Wie Thomas die Welt von unten ansieht und was es mit Mädchenfreundschaften auf sich hat. Kurz darauf ist der Student noch einmal mit Thomas zusammengetroffen. Sie begegneten sich auf der Straße, und Thomas forderte ihn auf, mitzukommen. »Und wo soll die Reise hingehen?« fragte Seebach. 246 »Geradeaus. Muß denn alles immer ein Ziel haben? Wir lügen uns doch bloß etwas vor, wenn wir uns einbilden, wir hätten ein Ziel im Auge.« Der Student zögerte mitzugehen. Seine Aufmerksamkeit war durch eine gelbe Chrysantheme gefesselt, die Thomas in seltsamer Weise im Knopfloch trug, ihr Kopf hing nach unten. »Wenn Sie wieder von der Willensfreiheit sprechen wollen, komme ich lieber nicht mit. Ich kenne Ihre Ansichten darüber –« »Nicht,« unterbrach Thomas, »aber Sie mißbilligen sie.« Er schob den Arm unter den Seebachs und zog ihn mit sich fort. »Ich sehe, Sie interessieren sich für meine Blume, merken aber selbst noch nicht, daß Sie in ihr die Antwort auf die Willensfreiheit finden. Oder sind Sie schon mit dem Vorsatz ausgegangen, mich über den Haufen zu stechen.« Der Student antwortete nicht, ging aber mit. »Besinnen Sie sich an Zarathustras Mahnung, die Welt ab und zu zwischen den Beinen hindurch anzusehen? Ich habe das heute probiert und bin zu merkwürdigen Resultaten gekommen. Man kehrt in gewissem Sinne in die Kindheit zurück, wenn man so alles von unten sieht. Anfangs ist es ein bißchen unbequem, so gebückt zu gehen, aber das lernt sich, namentlich, wenn man erst dahinter kommt, wie interessant die untere Seite eines Stuhles oder eines Tisches aussieht. Denken Sie sich ein Wesen mit dem empfänglichen System des Kindes in der Atmosphäre und mit dem Horizont des Rohrstuhls, auf dem jemand sitzt, oder unter den Eindrücken des halbdunkeln Raumes unterhalb des gedeckten Tisches mit den Gehörsempfindungen der klappernden Teller und Gabeln auf solchem Resonanzboden und mit den verschiedentlichen Geruchswahrnehmungen, mit den seltsam gespenstisch anmutenden Feststellungen des Auges, daß eine Menge Beine ringsum sind ohne dazugehörige Oberkörper. Ich bin der Ansicht, daß weder die Psyche des Kindes noch die des Hundes auch nur annähernd begriffen werden kann ohne gründliche experimentelle Forschungen in der Richtung, die ich heute, wenn auch nur sehr obenhin, eingeschlagen habe. Das Sehen durch die Beine hindurch hat dann noch den Vorteil, daß es von vornherein vom Mittelpunkt alles Lebens aus betrachtet, daß es 247 erotisch betont ist.« Er schwieg einen Augenblick in Nachdenken versunken, zupfte seine Bluse zurecht und fuhr fort. »Die Höhe des Genusses habe ich erreicht, als der Kellner mir den Nachmittagskaffee brachte. Ich hatte wieder den Eindruck des Riesigen, als ich seine Beine auf mich zukommen sah. Unangenehm war nur, daß der Mann sich auch bückte und mir etwas suchen helfen wollte, was ich gar nicht verloren hatte. Das ist auch der Grund gewesen, warum ich den Spaziergang in dieser Stellung aufgegeben habe. Bis in die Mitte des Korridors bin ich ziemlich unbelästigt gekommen, aber dann kam der Hausknecht und fing an zu suchen und dann das Stubenmädchen, der Zimmerkellner schloß sich auch wieder an, und als der Hoteldirektor zufällig vorbeiging, hielt er es für seine Pflicht, ebenfalls mit den Händen auf dem Boden herumzuarbeiten. Alle diese Leute redeten auf mich ein und störten meine Beobachtungen durch die immer wiederholte Frage, was ich verloren hätte. Schließlich verlor ich die Lust, meine Studien fortzusetzen; hatte aber im letzten Augenblick noch die Freude zu sehen, wie einer der Gäste die fünf Mitglieder der Forschungsexpedition filmte. Ich nehme an, daß wenigstens von mir beide Gesichter auf der Platte sind. Das Zimmermädchen ist sicher bloß mit dem zweiten vertreten, und wie es mit den anderen ist, weiß ich nicht; aber besonders beim Kellner denke ich es mir schön, wie sich zwischen den geteilten Vorhängen der Frackschöße die Unterwelt hervordrängt. Ich bin dann, weil ich nicht wünschte, das ganze Hotel in gleicher Weise an meinen Forschungen teilnehmen zu lassen, in mein Zimmer zurückgegangen und habe mich mit Hilfe dieser Blume symbolisch in die Stellung mit dem Kopf nach unten gebracht. Es gehört Anstrengung dazu, um lediglich phantastisch Kopf zu stehen, aber es geht. Erleichtert wird es durch die Einstellung des Gemütes auf den Neid; denn daß das die Grundstimmung ist, wenn man die Welt von unten besieht, werden Sie ja wohl daran gemerkt haben, daß ich mir eine gelbe Blume gewählt habe.« Der Student blieb plötzlich stehen. »Woher wußten Sie, daß ich Sie so stark haßte und am liebsten gemordet hätte?« Statt jeder Antwort wies Thomas auf die Chrysantheme. Erst nach einer Weile, als er aus dem fragenden Blick des Studenten 248 herauslas, daß seine Bewegung nicht verstanden wurde, sagte er: »Der Neid ist gelb, und Ihre Augen waren gelb, als Sie auf die Blume sahen. Und der Kopf der Chrysantheme hängt gerade über meinem Herzen. Übrigens sagte ich Ihnen ja, Neid und Haß sind die Grundstimmung dessen, der von unten nach oben sieht. Und da wir einmal alle kleine Kinder gewesen sind, so ist Neid und Haß die tiefste und älteste Empfindung unserer Seele.« Seebach zuckte die Achseln und wandte sich ab. »Sie sind ein Schauspieler, Weltlein, und noch ein schlechter dazu, der mit starkem Unterstreichen der Effekte auf die Galerie zu wirken sucht.« Thomas nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht,« sagte er. »Ich hätte neulich, nach der Versammlung, als ich merkte, wie ihre Gesinnung gegen mich gelb wurde, irgend eine Gemeinheit gegen Sie begehen sollen, dann würden Sie mich jetzt lieben, statt zu hassen.« Der Student lachte höhnisch auf. »Die große Kunst macht Sie rasend, Verehrter, Sie stellen die Dinge wirklich auf den Kopf. Ich liebe Sie nicht und ich hasse Sie nicht, Sie sind mir völlig gleichgültig.« »Lügen Sie nicht!« schrie ihn Thomas an, dann, sich sogleich beruhigend, fuhr er fort: »Es hat keinen Zweck, sich mit Ihnen zu streiten. Sie haben irgend etwas auf dem Gewissen, was Sie an mir verbrochen haben, und infolgedessen müssen Sie versuchen, mich so weit zu reizen, daß ich ins Unrecht komme. Das ist ein weiblicher Zug Ihres Wesens, aber gerade das weiblich Enttäuschte, was Sie haben, gibt Ihnen die merkwürdig schnelle Aneignungsgabe, die mich an Ihnen anzieht.« Der Student brauste auf: »Weder ist mir bewußt, weibisch zu sein, noch wünsche ich, daß Sie mich zum Gegenstand Ihrer Neigung machen, am wenigsten in dem Sinne, der allzudeutlich die perverse Schamlosigkeit Ihres Wesens verrät.« Thomas schüttelte bedauernd den Kopf. »Sie haben etwas Schweres auf der Seele, glauben mir ein Unrecht getan zu haben, das sich nicht sühnen läßt.« Plötzlich blieb er vor dem Studenten stehen, sah ihn scharf an und sagte: »Nennen Sie mir eines der Gebote, das erste, das Ihnen einfällt. Rasch, eines der Gebote!« 249 Seebach irrte mit dem Blick umher und sagte scharf: »Lassen Sie mich mit Ihrem Unsinn zufrieden!« Thomas hatte ihn an der Schulter gepackt und schüttelte ihn. »Eines der Gebote! An welches haben Sie gedacht? Sie werden doch eines der Gebote sagen können! Eines der Gebote! Der Student hatte jeden Halt verloren; wie ein kleiner Junge ließ er sich hin und her schütteln und während sein Gesicht einen hilflosen Ausdruck bekam, stotterte er: »Das fünfte.« Thomas ließ ihn los. »War es das erste, was Ihnen in den Sinn kam,« fragte er eindringlich. Seebach zuckte die Achseln. »Das fünfte oder das sechste, ich weiß es nicht, es kann auch das siebente gewesen sein.« »Mit anderen Worten, Sie haben zunächst an das siebente gedacht. Was kann ein Mensch wohl einem anderen stehlen?« Seebach zögerte eine Weile, bis er ein seltsames Lächeln auf Weltleins Gesicht bemerkte, dann antwortete er. »Ich habe Ihre Meinungen gestohlen, sie für mein Eigentum ausgegeben, erst gestern noch.« »Es war also nicht nötig, daß Sie sich aufregten, als ich Ihre Aneignungsgabe pries. Übrigens will ich Ihnen einen guten Rat mit auf Ihren Weg geben, den Sie ja doch nun ohne mich gehen wollen.« Ganz gegen seine gewöhnliche Art sprach Thomas schneidend und scharf, so daß der Hohn deutlich durchklang. »Wenn eine klar gestellte Frage zögernd beantwortet wird, ist die Antwort stets – hören sie wohl – stets eine Lüge, eine halbe Wahrheit. Und so ist es auch nur halb wahr, was Sie eben von dem geistigen Diebstahl sagten. Sie schieben das nur vor, und weil Sie im tiefsten Innern das wissen und sich darüber schämen, werden Sie immer tiefer in die Wut gegen mich hineingetrieben. Und sie werden mich verlassen. Aber Sie nehmen sich selbst und Ihr Schuldbewußtsein ja mit, es hilft Ihnen gar nichts. Helfen würde Ihnen nur das robuste Gewissen, von dem bei Ibsen die Rede ist. Sündige tapfer darauf los, das ist ein weiser Spruch.« Thomas lächelte selbstgefällig, vertrat sich im selben Moment den Fuß und blieb bebend vor Wut stehen. »Wanze,« schrie er, »mit den äußeren Bestien wirst du fertig werden, du Wanzenwürger, aber da drinnen«, er schlug sich 250 vor die Stirn, »saugen sie alles aus und setzen Stich an Stich in das Gehirn, bis du eine einzige Beule stinkiger Eitelkeit bist. – Du sollst nicht töten, lautet das fünfte Gebot,« wandte er sich wieder unvermittelt an seinen Begleiter. »Das wäre ja nach dem, was Sie mir vorhin über Ihre Mordphantasien gegen mich gesagt haben, ohne weiteres verständlich, wenn Sie es nicht mit dem sechsten Gebot verknüpft hätten. In dieser Verknüpfung verrät sich aber, daß Sie selbst das sind, was Sie soeben« – er lachte boshaft – »pervers zu nennen beliebten, eine Dummheit, die ich Ihnen nicht zugetraut hätte, wenigstens nicht, daß Sie sie mir gegenüber vorbringen würden.« Aus jedem Wort, das Thomas sagte, klang der grenzenlose Hochmut heraus und weil er das merkte, wurde er immer heftiger. »Sie wollen mich töten, ja, aber zunächst so, wie man den Mann tötet, wenn man ihn einen Kopf kürzer macht. Verstehen Sie, oder muß ich es deutlicher sagen? Kürzer machen und das sechste Gebot, so schwer ist es doch nicht zu begreifen.« Der Student schritt schweigend neben Thomas her, sein Blick war ganz starr, aber er wehrte sich nicht.   Zwischenbemerkung des Herausgebers. Der gefällige Leser wolle sich gütigst daran erinnern, daß diese Unterredung nur durch Lachmann überliefert ist, der sie von dem Studenten haben will. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie so, wie sie erzählt wird, nicht stattgefunden hat, daß vielmehr Lachmann sie absichtlich oder unbewußt verändert hat. Daran ändert Lachmanns Behauptung der völligen Objektivität seines Berichtes nicht das geringste, denn mit der Objektivität ihrer Beobachtungen oder Äußerungen haben es alle Ärzte, obwohl sie recht gut wissen könnten, daß ihr Beruf absolut subjektiv ist. Wie willkürlich Lachmann dabei verfahren ist, geht schon daraus hervor, daß er seine eigene, übrigens sehr unvollkommene Technik der psychoanalytischen Behandlung in dieses Gespräch hinein redigiert hat, ein bei Ärzten unumgängliches Verfahren, ohne das ihre Tätigkeit nicht denkbar zu sein scheint. Die merkwürdige Abweichung in dem Charakter des Helden hat übrigens Agathes Mißbilligung so stark erregt, daß der 251 Bericht von Ausrufungs- und Fragezeichen ihrer Hand geradezu gespickt ist, ja Worte wie ›Verleumdung‹, ›schändlich‹ usw. finden sich dazwischen. Als Abschluß des Ganzen hat Agathe mit dicken Buchstaben die Worte geschrieben: »Ist ein ärztliches Attest und deshalb unwahr.« Der Herausgeber hielt es für zweckmäßig, diesen kleinen Zug mitzuteilen, weil er bezeichnend für die unerschütterliche Rachsucht einer enttäuschten Frau ist.   Lachmanns Bericht lautet weiter: »Fünftes und sechstes Gebot werden fast immer zusammen genannt, die Verwandtschaft von Liebe und Tod spricht sich darin aus und da ist Stoff genug zum Nachdenken. Hier nur so viel: die Liebe springt in Haß um und der Haß tötet. Aber es wäre so viel einfacher, wenn die Menschen wüßten, daß weder Liebe noch Haß dauern, daß sie wechseln wie Tag und Nacht, die ja auch nicht Gegensätze sind, sondern gegenseitige Bedingungen. Wenn sie vernünftiger wären, ließen sie die Nacht des Hasses vorübergehen und morgen liebten Sie mich wieder.« Seebach stieß die Hand, die ihm Thomas entgegenstreckte, heftig zurück. »Päderast,« war das einzige, was er vorbringen konnte. Thomas zuckte die Achseln und lachte gutmütig auf. »Soll es eine Beschimpfung sein? Sie trifft mich nicht. Ich habe keine Freude am Weib und auch keine am Mann, sagt Hamlet, und das ist auch mein Fall. Aber die Frage der Homosexualität interessiert mich, ja ich kann Ihnen verraten, daß ich heute Abend zu einem Ball der Urninge gehen will. Sie sind nur leider heute nicht imstande unbefangen zuzuhören, sonst würde ich Ihnen dieses und jenes zum späteren Gebrauch über das Urningtum sagen.« »Ich bin vollkommen ruhig,« erwiderte Seebach, »sprechen Sie also, ich höre.« Statt jeder Antwort wies Thomas auf eine Gruppe von Schulmädchen hin, die vor ihnen herging und die der Student schon eine Zeitlang betrachtet hatte. Zwei von den Mädchen gingen eng umschlungen nebeneinander, während eine dritte mit verzerrtem Gesicht einen halben Schritt hinter ihnen herging. »Du bist treulos, Anna,« hörten sie sie eben schelten. »Wenn 252 eine Neue kommt, gleich läufst du hinter ihr her und schleckst dich mit ihr ab und vergißt alle Schwüre, die du mir gegeben hast.« Das eine der beiden vorderen Mädchen rief über die Schulter weg, während sie sich noch dichter an ihre Kameradin schmiegte: »Spare du nur deine Eifersucht. Ich mache mir doch nichts aus dir. Du bist ein langweiliges Ding.« Seebach lächelte. »Früh übt sich, was ein Meister werden will. Eine richtige Liebestragödie in Backfischkleidern.« »Habe ich nicht recht,« sagte Thomas eindringlich, als ob er voraussetzte, daß der Student seine Gedanken erraten und ihm widersprochen hätte. »Das ist etwas anderes, eine harmlose Kindersache.« »Gewiß, aber –. Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß unsere Gesetze nur die Liebe zwischen Männern verbieten, die zwischen Weibern straflos lassen?« Der Student, dem das einsame Mädchen gefiel, war nicht mehr bei der Sache. »Das versteht sich von selbst,« sagte er und zupfte seine Manschetten hervor, die ihn die langen Jahre der Armut als unwiderstehliches Lockmittel für Mädchen betrachten gelehrt hatten. Thomas war schon mitten in seinem Thema, der Zeitpunkt, bis zu dem er Wert auf Zuhörerschaft legte, war schon überschritten und er schwefelte infolgedessen darauf los, ohne sich um irgend etwas anderes zu kümmern. »Das Phänomen wäre gar nicht zu erklären, wenn man nicht annehmen könnte, daß das Verbot der Knabenliebe ursprünglich eine Maßregel der Kirche gewesen ist, um das Heidentum in seiner Wurzel zu treffen. Die griechische Kultur ist undenkbar ohne die Vorliebe für männlichen Geist und männlichen Körper und damit, daß man dem antiken Eros, der zunächst die Mannesliebe war, ein Schandmal auf die Stirn brannte, ihn mit einem Kleide von naturwidrigem Kot überzog, vernichtete man den Mythus und die Geistesart der antiken Welt. Achill und Patroklos, Zeus und Ganymed, Orest und Pylades, alles wurde für den Christen unerträglich. Männer wie Sokrates und Lykurg versanken im Sumpf und Alexanders Adel, die thebanischen Helden des Epaminondas und 253 der dorische Staat der Spartiaten wurde der Gegenstand des Abscheues.« Der Student beschleunigte seinen Schritt, die drei Mädchen waren eben in eine andere Straße eingebogen, und er wollte sie nicht aus dem Auge verlieren. Thomas wurde bei dem eiligen Tempo etwas kurzatmig, was sich noch dadurch vermehrte, daß er nach einem Taschentuch suchte, um sich die Nase zu schnauben. »Wir leiden an dieser damals begreiflichen Verdammung der Knabenliebe mehr und mehr, denn allmählich ist auch die edle Form dieses Triebes« – er schnaubte sich jetzt mit solcher Macht, daß sich die drei Mädel erstaunt umsahen und so dem Studenten Gelegenheit boten, ein schmachtendes Gesicht aufzusetzen und den Hut zu ziehen – »die Freundschaft des Mannes mit dem Manne unmöglich geworden. Der Mann steht so einsam in der Welt wie ein Kirchturm.« Ein neuer Gedanke stieg in ihm auf und er blieb stehen, um ihm mehr Nachdruck zu geben. Sein Begleiter jedoch, der es als Erfolg seines Grußes betrachtete, daß nun alle drei Mädchen Arm in Arm dahin schritten und sich eine nach der anderen umdrehten, um dann sich irgend etwas zuzutuscheln, verdoppelte seine Gangart, und Thomas blieb nichts anderes übrig, als halb im Laufschritt, immer noch mit dem Taschentuch in der Hand, hinter ihm herzulaufen, wobei er versuchte, den Studenten am Rockschoß zu packen. »Der Kirchturm,« keuchte er, »beweist nun doch, daß der Trieb unausrottbar ist und sich überall wieder vordrängt, selbst mitten in die Religion hinein. Ja, mir fällt gerade ein, daß sich im Neuen Testament – aber so hören Sie doch – mein Gott, das ist doch wichtig – man muß die Studien machen – der Vikar –« Die Mädchen sowohl wie der Student waren stehen geblieben, da eine vorbeiziehende Kompagnie des Alexanderregiments den Übergang über eine Querstraße versperrte. »Da ist ein neues Beispiel, es ist wirklich interessant. Der Soldat wird bunt herausgeputzt, und was ihn auszeichnet, ist das Gewehr, mit dem er schießt. Die Explosion, die aus dem hohlen Lauf, der Seele, das Geschoß schleudert, ist ja deutlich eine gestaltete Ejakulation und der Knall deutet an, wo das Ziel liegt. Das Gewehr 254 des Mannes –« Wieder begann die Hetze. Die Mädchen, die der Student angeredet hatte, liefen jetzt ebenfalls schneller, um zu entkommen. Thomas schnappte förmlich nach Luft, aber er ließ sich diesmal nicht beiseite schieben. Vorsichtig hatte er den Studenten während des Wartens am Arm gepackt und hielt ihn fest. »Sehen Sie hier,« rief er und wies auf eine Littfaßsäule, die an der Straßenecke stand, »mitten in dem tosenden Berlin in unserem heuchlerischen Jahrhundert steht der Phallus aufgerichtet, und Männlein und Weiblein schauen ihn an, begierig seine Geheimnisse kennen zu lernen. Der elektrische Wagen fährt daran vorbei, den Liebesstrom symbolisierend, und die vorbeirasenden Autos lassen es aus ihren Auspuffern stinken.« Der Student hatte sich andauernd gegen Weltleins Griff gewehrt. Eben stiegen die beiden Freundinnen in eine Tram, während Seebachs Flamme, sich nach ihm umguckend, langsam weiter ging. »Sie sind ein Narr,« sagte er, riß sich los und schrie dahinrennend noch: »und ein Schwein dazu.« Seebach hat Weltlein nicht wiedergesehen, man weiß nicht, ob Thomas zu dem Ball der Urninge gegangen ist.     32. Kapitel. Ein Verbrechen? Der Gruß des Kaisers und die Resultate des Studiums. Am 21. September desselben Jahres erhielt Dr. Lachmann, als er gerade im Begriff war, nach Bäuchlingen zu reisen, um dort seiner Cousine Agathe in den Wirren beizustehen, die im Anschluß an Alwines Verlobung mit dem Vikar Ende entstanden waren, einen Brief aus Berlin, der ihn veranlaßte, seine Reise nach Bäuchlingen aufzugeben und mit dem nächsten Zuge nach Berlin zu fahren. Der Besitzer des Hotels, in dem er seit vielen Jahren beim Aufenthalt in der Hauptstadt abzusteigen pflegte, und mit dem er diese und jene Beziehungen angeknüpft hatte, schrieb ihm: 255 »Verehrter Herr Dr. Lachmann, wie Sie wissen werden, wohnt seit längerer Zeit bei mir Ihr Freund August Müller unter dem Namen Thomas Weltlein. Ich muß Ihnen nun leider mitteilen, daß Herr Müller seit vierzehn Tagen unter Zurücklassung seines Gepäcks spurlos verschwunden ist. Ich habe unter der Hand vorsichtig hie und da Erkundigungen eingezogen, aber niemand kann Aufschluß geben. Wenn mir und anderen nicht das seltsame Wesen Herrn Müller's schon längst aufgefallen wäre, würde ich der Sache kein Gewicht beilegen. Ich kann mich aber nicht der Befürchtung erwehren, daß irgend etwas Besonderes vor sich gegangen ist. Herr Müller ist allerdings nach Aussage des Zimmermädchens ab und zu eine Nacht fortgeblieben, aber die lange Zeit, die jetzt verstrichen ist, ohne daß er wiederkommt, veranlaßt mich, Sie als den einzigen mir bekannten Freund des Herrn Müller zu benachrichtigen, ehe ich bei der Polizei Nachforschungen anstellen lasse oder seine Schwester in Bäuchlingen beunruhige. Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr ergebener Nathanael Peter.« Im Hotel konnte Lachmann nichts weiter erfahren, als daß Thomas am 7. September in Begleitung eines etwas seltsam aussehenden Mannes, der eine schwarze Binde über dem einen Auge getragen habe und der schon öfter mit Herrn Weltlein zusammengetroffen sei, gegen Abend ausgegangen und nicht wieder gekommen sei. Der Portier wußte noch zu berichten, daß Herr Weltlein unstandesgemäß angezogen gewesen sei. Das sei jedoch öfter vorgekommen und er, der Portier, habe dem keine Bedeutung beigelegt. Lachmann wandte sich an die Polizei. Der Beamte, der derlei Anfragen schon zur Genüge kannte, ließ sich durch Lachmanns Erregung nicht irre machen, notierte sich den Sachverhalt und versprach, Nachforschungen anzustellen. Das Wahrscheinlichste sei, daß der Herr mit irgend einer Dame Flitterwochen feiere, vielleicht ließe sich auch im Leichenschauhaus irgend etwas finden. In die Krankenhäuser würden ebenfalls alle Tage Leute bewußtlos 256 eingeliefert, allerdings, da die Sache schon vierzehn Tage her sei, käme das wohl nicht in Betracht. Von diesen drei Möglichkeiten hielt Lachmann die letzte für die wahrscheinlichste. Er fuhr daher zum Charitékrankenhause, um dort Erkundigungen einzuziehen. Die hagere Aufnahmeschwester, die gerade im Begriff war, eine hochschwangere Frau nach der geburtshilflichen Station zu dirigieren, während sie gleichzeitig einem schreienden Kinde einen Schutzverband über eine ziemlich breite Kopfwunde legte und einem alten Weiblein, das neben der Leiche ihres auf dem Transport gestorbenen Sohnes kniete, gut zuredete, musterte ihn mit scharfem Blick und wies ihn an das Bureau, besann sich dann aber, als sie Lachmanns Eigenschaft als Arzt erfuhr, und bat ihn zu warten, da der Unterarzt du jour sofort kommen werde. Gleich darauf trat der blutjunge Doktor ein, rief der Schwester ein Scherzwort zu, kniff das Kind freundschaftlich in die Backen und streckte ihm, wie eine erfahrene Kinderfrau du, du, du, du, du rufend, unter fortwährendem Schütteln den Kopf hin, damit es ihm in die Haare greifen könne, schrie die Frau, deren Wehen schon vorgeschritten waren und die es infolgedessen für nötig hielt, durch Gackern auf ihr Eierlegen aufmerksam zu machen, an, sie solle sich nicht haben, und wandte sich dann, vor dem Toten und seiner Mutter scheu ausweichend, zu Lachmann. Ja, auf der äußeren Station befinde sich ein Mann, der vor etwa 14 Tagen bewußtlos mit einem jetzt fast geheilten Bruch des linken Schlüsselbeines eingeliefert worden sei, auf den passe Lachmanns Beschreibung. Der Herr Kollege möge ihn sich doch einmal ansehen. Der Unterarzt gab noch ein paar Anweisungen und begleitete dann Lachmann zur chirurgischen Station. »Wir wissen nichts Näheres über diesen Mann,« erzählte er, »er hat keine Papiere und wir kennen nicht einmal seinen Namen; aber er macht durchaus nicht den Eindruck, als ob er unseren Kreisen angehöre. Wir haben ihn, da er ein unerträglicher Schwätzer ist und den Krankensaal in Aufregung brachte, zu beschäftigen gesucht und da hat sich herausgestellt, daß er große Geschicklichkeit im Vertilgen von Ungeziefer besitzt. Er scheint mir also eher eine Art Kammerjäger zu sein oder wie man diese Leute nennt.« 257 Lachmann nickte ernsthaft und meinte, das könne wohl stimmen. »Vorläufig verstehe ich nur nicht,« sagte er, »wieso Sie seinen Namen nicht kennen. Heißt er nicht Thomas Weltlein? Oder August Müller?« fügte er hinzu, als sein Begleiter achselzuckend weiterging. Der Unterarzt blieb stehen und sah Lachmann mißtrauisch an. »Wenn Sie schon Bescheid über den Mann wissen, hätten Sie mir die Mühe des Erzählens ersparen können.« »Wieso? Ich weiß nichts anderes, als was Sie mir mitteilen.« Der Unterarzt sah nochmals prüfend in Lachmanns Gesicht und fuhr fort: »Ich habe doch recht verstanden, Medizinalrat Lachmann?« Lachmann verbeugte sich: »Ja, das ist mein Name.« »Verzeihen Sie meine Frage,« fuhr der Unterarzt fort, »die Angelegenheit dieses Mannes ist so rätselhaft, daß es mir verdächtig vorkam, als Sie den Namen August Müller nannten. Wie gesagt, wir wissen nichts von ihm, auch nicht wie er heißt. Aber die Kranken haben ihn, seiner clownhaften Geschwätzigkeit wegen, August getauft und der Ordnung halber hat die Saalschwester den Namen Müller hinzugefügt.« Der Unterarzt steckte die Hände in die Hosentaschen, wie es sein Chef bei den besonders interessanten Stellen seines klinischen Vortrages zu tun pflegte, schob das Kinn nach oben, als ob er dadurch seinen erhabenen Standpunkt, die Dinge von oben herab zu betrachten, anzeigen wollte, und begann zu dozieren: »Es handelt sich da um einen außerordentlich interessanten Fall, so daß sich der Geheimrat veranlaßt gesehen hat, ihn gestern den Studenten vorzustellen. Dieser Mann, der, wie gesagt, völlig bewußtlos und mit gebrochenem Schlüsselbein auf der Straße gefunden worden ist, leidet an einer totalen Amnesie. Offenbar hat er auf irgend eine Weise eine Gehirnerschütterung erlitten. Jedenfalls ist sein Gedächtnis für alles, was vor seinem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit liegt, gänzlich geschwunden, gänzlich. Er weiß nicht, wo er herstammt, wo er wohnt, wer er ist und er weiß auch nicht seinen Namen. Mir ist etwas derartiges noch nicht in meiner –« Der Unterarzt wurde plötzlich blutrot, zog die Hände aus den Taschen und sagte mit verändertem, natürlichem Ton: »Der Geheimrat meint, daß solche lang andauernden 258 Amnesieen außerordentlich selten sind. Er interessiert sich infolgedessen für unseren August besonders. Es wäre eine feine Sache, wenn Sie das aufklären könnten.« Lachmann stellte, während er die Wege und Stege des Charitégartens, die er so oft gegangen war, musterte, stillvergnügt fest, daß die studierende Jugend noch immer so gernegroß war wie zu seiner Zeit. »Vielleicht kann ich Ihnen wirklich behilflich sein,« sagte er. »Ist der Mann mein Freund Weltlein, so könnte die Überraschung, mich zu sehen, ihm wieder zu seinem Gedächtnis verhelfen.« Der Unterarzt nickte zum Zeichen seines Einverständnisses, und beide traten in den Krankensaal ein. »Du, August,« tönte eben eine Stimme aus einem Bett in der Mitte des Saales, dessen Insasse, nach einem Streckverbandsgestell zu urteilen, eine Fracktur des Oberschenkels hatte, »gib man Achtung, daß du nichts von dem kostbaren Gut verschüttest.« Er drehte von seiner Rückenlage gehindert mit vieler Mühe den Kopf herum, um einen auffallend großen Mann zu beobachten, der, umgeben von einer Reihe von Uringläsern, eifrig mit Röhrchen und Reagentien hantierte. »Du sollst sehen,« rief ein anderer mit einem Verband um den Kopf, der gerade mit dem Besen die Überbleibsel von einem Verbandswechsel zusammenkehrte, »er gießt noch eine von den Bowlen hinter die Binde, die Nase hat er schon beinahe drin.« »Ihr seid Banausen,« sagte jetzt der Mann an dem Untersuchungstisch, ohne sich umzudrehen. Lachmann erkannte sofort Weltleins Stimme. »Aus solchem Stoff ist das Colosseum in Rom gebaut und Deutschlands Einheit kam nur zustande, weil Eugenie nicht genug Wert auf dergleichen Untersuchungen legte. Da habt ihr's besser; dreimal im Tage notiere ich eure Pulszahl und einmal koche ich hier die Suppe. Euch kann nichts passieren. Aber ihr solltet um meine Gunst werben, daß ich ein milder Richter sei, wenn ich euch Herz und Nieren prüfe.« »Laban, alter Junge,« rief jetzt Lachmann. Thomas drehte langsam den Kopf und ohne sich im Kochen seines Reagensgläschens stören zu lassen, nickte er nur dem Freunde 259 zu und sagte: »Das ist nett, Lachmann, daß du mich besuchst. Du kannst den Leuten hier besser als ich die Wichtigkeit der Urinuntersuchung klar machen. Aber zum Teufel,« er warf plötzlich das Röhrchen auf den Tisch, so daß es auf den Boden rollend zerbrach, »ich habe die Schweinerei satt und die Amnesie dazu.« Er eilte mit langen Schritten durch den Saal, so daß sein Krankenmantel wie ein schlaffes Segel hinter ihm herflatterte. Dabei hob er seinen linken Arm aus der Schlinge, in der er hing, und begann noch im Laufen die Knöpfe seines Krankenanzugs aufzuknöpfen. Der Unterarzt starrte fassungslos auf die lange Gestalt, die da angerannt kam. »Aber Ihr Arm ist doch noch nicht heil. Nehmen Sie sich doch in acht, hören sie doch, Müller.« »Ach was, Müller. Weltlein ist mein Name, Thomas Weltlein, und der hier,« er klopfte Lachmann auf die Schulter, »ist mein alter Freund, Vetter und Saufkumpan Lachmann. Und mein Arm –« er hob ihn in die Höhe und wollte ihn durch die Luft sausen lassen, ließ ihn aber sofort mit einem Schmerzensgesicht sinken – »na ja, gut ist er noch nicht; aber für meine Bedürfnisse langt es. Und hier aus diesem Stall will ich heraus, sofort.« »Das geht nicht.« Der Unterarzt wurde ganz Obrigkeit. »Sie müssen hier bleiben, und wir werden entscheiden, wann Sie entlassungsfähig sind.« Thomas lachte ihm gerade ins Gesicht. »Das geht nicht? Und ich muß hier bleiben? Komm, Lachmann!« Er faßte den Freund unter dem Arm und drängte zur Tür. Der Unterarzt vertrat ihm den Weg. Er war wütend und wurde es immer mehr, weil er sah, daß Thomas einen Heiterkeitserfolg im Saal hatte. »In diesen Kleidern –« »Denke ich durchaus nicht zu bleiben, man wird mir die meinen wohl bringen.« »Der Herr Geheimrat –« »Ist ein alter Bekannter von mir aus der Universitätszeit und war damals schon kein Licht. Grüßen Sie ihn von mir und sagen Sie ihm, ich hätte mich gefreut, daß er sich so vorzüglich geistig und körperlich konserviert hätte.« Er hatte den Unterarzt beiseite gedrängt und war schon auf dem Korridor. Lachmann zog den 260 Unterarzt, der sich vor Wut die Lippen zerbiß, weil er voraussah, wie schlecht ihm die Flucht des interessanten Amnesiefalles bekommen werde, mit sich. »Es ist Tatsache,« sagte er, »daß Herr Müller oder Herr Weltlein, denn er führt beide Namen, ein alter Bekannter des Geheimrats ist, ebenso wie ich. Ich werde die Sache in Ordnung bringen. Sie sehen ja, der Kranke ist rabiat und wenn Sie einen Skandal vermeiden wollen,« – man hörte bis auf den Korridor den Lärm und das Gelächter, womit die Kranken den Vorfall erörterten – »lassen Sie ihn ruhig laufen. Ich bringe die Sache noch heute für Sie in Ordnung.« Eine Stunde später klopfte Thomas, wieder ganz Gentleman, an Lachmanns Tür im Hotel. Lachmann wollte, wie er es versprochen hatte, den Geheimrat aufsuchen, um ihm die Angelegenheit des Amnesie-Müller aufzuklären und Thomas benutzte die Gelegenheit, um seinen Freund durch den Tiergarten zu begleiten und ihm die Geschichte der letzten vierzehn Tage zu erzählen. »Wie es zugegangen ist? Sehr einfach. Als ich seinerzeit nach Berlin fuhr, wurde mir bei einem Streit in der vierten Wagenklasse meine Brieftasche gestohlen, ich bemerkte es aber zu spät, um noch an Ort und Stelle nachzuforschen. Mein Verdacht fiel sofort auf einen Mann mit einer schwarzen Binde über dem linken Auge, einem Apfelsinenhändler, der eine verteufelte Ähnlichkeit mit dem Weinbergskarl hatte. Du weißt, wer der Weinbergskarl ist?« »Woher sollte ich es wissen,« versetzte Lachmann und zog die Mundwinkel spöttisch herunter. »Du tust mit deinen Erlebnissen wie eine alte Jungfer, die Andeutungen über ihre Liebesaffären macht.« »Wenn du so gering von den Ereignissen denkst, die mit mir vorgehen,« erwiderte Thomas verstimmt, »daß du sie durch so niedrige Vergleiche entwürdigst, lohnt es sich nicht, das weitere mitzuteilen. Übrigens tut es nichts zur Sache, wer der Weinbergskarl ist. Genug, er hat mich in den Zustand versetzt, denn unser geheimer Universitätsfreund Amnesie zu nennen beliebt.« Lachmann schritt mit den Händen auf dem Rücken weiter. »Der Geheimrat muß dich doch wieder erkannt haben.« »Es scheint nicht so.« 261 »Du sahst nicht so aus, daß man Sehnsucht gehabt hätte, alte Beziehungen zu dir wieder anzuknüpfen. Vielleicht war der gute Mann besorgt, du würdest ihn anpumpen.« Thomas steckte die Hand vorn in die Brust, hob den Kopf und streckte den Bauch vor. »Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist. Man denkt so etwas nicht von Thomas Weltlein. Nein, er hat mich tatsächlich nicht wiedererkannt. Und das ist der Beweis dafür, daß er selber an Amnesie leidet, der arme Kerl.« Der Vetter hob die Stirn in die Höhe. »Und deshalb –« »Natürlich deshalb. Ich konnte doch den alten Kameraden nicht vor seinem Assistenten und seinem Personal dadurch bloßstellen, daß ich seinen Gedächtnisschwund aufdeckte. Zumal mir noch auffiel, daß sich allerhand Größenideen bei ihm äußerten, die mir den Verdacht einer Gehirnerweichung nahe legten. Der Mann hat Weib und Kind und eine große Stellung, hat also viel zu verlieren, wenn es heraus kommt, daß er Paralytiker ist. Ich habe mich also geopfert und ihm sein schlechtes Gedächtnis abgenommen.« »Und hast dich den Studenten als höchst interessanten Fall von totaler Amnesie nach Gehirnerschütterung vorstellen lassen. Das finde ich köstlich.« Der kleine Mann lachte, daß ihm der Bauch schütterte. »Dein Lachen ist unangebracht,« sagte Thomas voll Würde. »Ich fühlte mich verpflichtet festzustellen, auf welche Gebiete sich die Verblödung dieses Mannes erstreckt, da er ja von Berufs wegen dazu da ist, junge Leute in die Geheimnisse der Wissenschaft einzuweihen. Zu meiner Beruhigung ergab sich, daß er nur seinen gesunden Menschenverstand verloren hat. Das wissenschaftliche Gedächtnis scheint völlig intakt geblieben zu sein. Der Staat hat also kein Interesse daran, gegen den Mann einzuschreiten, da er seiner Pflicht, gegen die Übervölkerung zu wirken, nachkommt.« »Du scheinst dir in Bäuchlingen eine nette Meinung über die Ärzte gebildet zu haben. Aber wir sind doch nicht alle Vorbeuger.« Sie waren aus dem Brandenburger Tor getreten und Lachmann hielt, sorglich nach rechts und links schauend, seinen Freund am Rockärmel fest, damit er nicht unter die Räder käme. 262 »Ihr werdet alle,« erwiderte Thomas ernsthaft, »in derselben Weise und zu demselben Ziele ausgebildet. Die Beschäftigung mit der Medizin scheint außerdem im Menschen eine spezifische Reaktion hervorzurufen, gewissermaßen psychische Fermente zu schaffen, die von Arzt auf Arzt übertragbar sind und sich in dem Einzelarzt weiter verstärken. Es gibt offenbar eine Art Seuche, für die nur Arztbeflissene empfindlich sind, die, ohne abzubrechen, durch die Jahrtausende wandelt und verhindert, daß der Arzt im Besitze seiner vollen Geisteskräfte bleibt.« Lachmanns ruhige Gangart wurde zapplig, er fing wieder einmal an, mit dem Stock nach Grashalmen der Tiergartenanlagen zu schlagen und seine Mundwinkel hingen so weit herab, daß Thomas sich veranlaßt sah, in seiner Brieftasche nach Heftpflaster zu suchen, um sie von den Ohren her wieder nach oben zu ziehen. »Es ist ein billiger Spaß, sich über die Ärzte lustig zu machen,« sagte er. »Letzten Endes spricht sich darin der Groll der Menschen aus, daß sie den Arzt bezahlen müssen.« »Und daß sie ihn niemals vollwertig bezahlen können, da seine Leistungen stets über dem Entgelt stehen, da hast du ganz recht,« sagte Thomas. »Darin geht es dem Arzt wie der Mutter. Aber mir lag es ganz fern über den Arzt zu spotten, du hast mich nur nicht verstanden. Lassen wir das.« Die beiden schritten eine Weile schweigend dahin, dann begann Thomas wieder: »Der Geheimrat wohnt ja wohl in der Hohenzollernstraße?« »Ja, warum fragst du?« »Weil ich mit zu ihm hineingehen will, weil ich dir vorher noch einiges mitteilen will und weil dort der Kaiser angefahren kommt.« Wirklich hörte man das charakteristische Huppensignal des Kaisers. Sein Wagen bog eben um die Ecke der Tiergartenstraße, um in die Siegesallee einzufahren. Zu beiden Seiten der Straße sah man die Leute stillstehen und grüßen. Die beiden Freunde traten an den Rand des Fahrdammes, wo ein hochgewachsener schlanker alter Herr mit gezogenem Hut stand, dessen ganze Haltung den früheren Offizier kund gab. Der Kaiser schien ihn zu kennen, wenigstens winkte er ihm im Vorbeifahren freundlich zu. 263 Kaum war der kaiserliche Wagen vorüber, so setzte der alte Herr seinen Zylinder auf und wandte sich entrüstet zu Thomas, der, während Lachmann Front gemacht hatte, unbekümmert mit dem Hut auf dem Kopf und der einen Hand in der Hosentasche, den Kaiser ohne Gruß hatte vorbeisausen lassen. »Warum grüßen Sie nicht,« fuhr er los. Thomas zog den Hut, verbeugte sich verbindlich und sagte: »Weltlein ist mein Name.« Der alte Herr hob schon den Arm, um den Gruß zu erwidern, besann sich aber und wiederholte nochmals: »Warum grüßen Sie nicht?« »Nach meiner Meinung war ich Ihnen noch nicht vorgestellt. Das habe ich nun nachgeholt und Sie dann auch gegrüßt, wozu ich vorher keine Veranlassung hatte. Aber ich verstehe nicht, warum Sie nicht grüßen, da Sie doch meine Bekanntschaft zu suchen scheinen.« Der Herr griff wieder nach dem Hut, unterbrach wieder seine Bewegung und sagte ärgerlich mit dem Stock auf die Erde stoßend: »Ich frage, warum Sie Majestät nicht grüßen, Sie haben doch gesehen, daß er vorbeifuhr?« »Gewiß, aber ich bin ihm ebenso wenig vorgestellt wie Ihnen und ich halte es nicht für richtig, Leute mit meinem Gruß zu belästigen, die ich nicht kenne.« Damit wandte sich Thomas zum Gehen. Der andere vertrat ihm den Weg: »Jeder Patriot grüßt seinen Kaiser,« sagte er. Thomas sah seinen Gegner überrascht an, als ob der ihn vor ganz neue Ansichten gestellt hätte. »Verzeihen Sie, ich hatte bisher noch keine Zeit, mich mit der Frage zu beschäftigen, ob ich Patriot bin, werde aber darüber nachdenken. Bitte, erinnere mich doch gelegentlich daran, Lachmann.« Der Vetter stand halb abgewendet da und hatte die Unterlippe weit vorgeschoben, die Sache paßte ihm nicht. »Ich wiederhole Ihnen,« fing der alte Herr, der sich durch Heftigkeit aus der Verlegenheit zu helfen suchte, wieder an: »Jeder Deutsche grüßt seinen Kaiser, es sei denn, daß er ein Revolutionär ist.« »Ja, dann habe ich ja ganz recht getan nicht zu grüßen,« sagte Thomas naiv, »ich bin Revolutionär, das wissen Sie doch. Hören Sie doch, Thomas Weltlein, ich nannte Ihnen schon meinen Namen, 264 da liegt die Weltrevolution, der Zweifel drin. Und rot. – Ich bin Ihnen wirklich dankbar für das Wort. Rot – Wanze – natürlich, Sie haben mir ein Rätsel gelöst. Ich danke Ihnen vielmals.« Er grüßte wieder, nahm Lachmanns Arm und ließ den Herrn stehen, der ihm verblüfft nachschaute, hinter dem Rücken der beiden kurz den Hut lüftete und davon ging. »Ich hätte nicht gedacht,« sagte Thomas im Weiterschreiten und machte dabei ein Gesicht wie ein Junge, der zum erstenmal lange Hosen anhat, »daß ich so bekannt bin.« »Bekannt? Ja weiß Gott, wenn du noch ein paar solche Dummheiten machst, wirst du bald wie ein bunter Hund bekannt sein.« »Nicht wahr? Es war eigentlich nett von dem alten Herrn, daß er so diskret mit dem Wort roter Revolutionär auf das anspielte, was man von mir erwartet, besonders im Vergleich zu der lumpigen Vertraulichkeit, mit der S. M. sich bei mir anzubiedern suchte. Na, ich habe ihn ja auch abfallen lassen.« Lachmann sah seinen Vetter von der Seite an. War das Verrücktheit oder war es Absicht? Ablenkend sagte er: »Du wolltest mir noch irgend etwas erzählen, ehe ich zum Geheimrat Nolde gehe.« »Ja richtig. Mir fiel vorhin bei unserem Gespräch über Noldes Gedächtnisschwund etwas ein, was meine Theorie von der Ansteckung glänzend bestätigt, und ich möchte das unserem Freund persönlich mitteilen. Er hat nämlich sowohl im Krankensaal bei seinen Besuchen, wie namentlich, als er mich im Hörsaal den Studenten vorstellte, geradezu erstaunlich gut über diesen Gegenstand gesprochen, und ich bin der Ansicht, daß sich dadurch, ich meine, durch das intensive Zuhören meinerseits in meiner Seele Gifte gebildet haben, die dann meine totale Amnesie herbeiführten.« Lachmann blieb erstaunt stehen: »Was denn? Hast du denn wirklich dein Gedächtnis verloren gehabt?« »Keine Spur. Aber es paßt doch sehr schön in die Theorie.« Lachmann lüftete spöttisch ehrfürchtig den Hut. »Du hast den Witz aus der Geschichte raus. Man sollte dich eigentlich zum Professor machen.« »Nicht wahr? Aber schließlich ist es doch besser so. Ich bin so freier.« 265 Sie waren an der Hohenzollernstraße angelangt und Lachmann wurde ungeduldig. »Du tätest mir einen Gefallen, wenn du mir endlich etwas darüber mitteiltest, wie du in die Charité geraten bist. Sonst hat doch der ganze Besuch bei Nolde keinen Sinn.« »Du hast recht. Also ich erzählte dir ja vom Weinbergskarl. Ich habe ganz Berlin nach dem Kerl durchsucht und schließlich habe ich ihn gefunden.« Thomas verstummte plötzlich, und als ihn Lachmann mit einem ungeduldigen: »Na also, du hast ihn gefunden,« aufschreckte, sagte er: »Ist es nicht merkwürdig, daß man, sobald das Wort suchen fällt, an das Wort finden denkt?« Er sah geistesabwesend Lachmann gerade ins Gesicht, und da der nur mit einem kurzen Nein antwortete, fuhr er fort: »Mir ist das sehr merkwürdig, namentlich weil man beim Wort finden selten an das Wort suchen denkt. Der Mensch ist eben auf Gegenwart und Zukunft eingestellt und das ganze Geschwätz von der Bedingtheit menschlichen Denkens durch ursächliche Vorstellungen ist eitel Schwindel, erfunden von Heuchlern, die sich nicht eingestehen wollen, daß der Mensch absolut egoistisch ist und infolgedessen nur nach Zwecken denkt und handelt. Verstehst du, was ich meine?« »Nein, aber bitte erzähle –.« »Ich fürchte, ganz verstehe ich es auch nicht.« Sie waren jetzt vor dem Noldeschen Hause angelangt. Lachmann stand still, packte seinen Vetter am Arm und schüttelte ihn. »Du sollst mir die Geschichte vom Weinbergskarl erzählen,« schrie er in voller Wut und stampfte mit dem Bein auf. »Na, du brauchst mich nicht gleich zu treten; also ich habe ihn gefunden, bin mehrfach mit ihm aus gewesen und habe ihn mit Hilfe von Schnäpsen zutraulich gemacht und schließlich habe ich ihn hereingelegt.« Lachmann war im Begriff den Kampf aufzugeben und hob schon die Hand, um auf die Klingel von Noldes Villa zu drücken, als ihm plötzlich eine neue Idee kam. »Du gibst doch vor, für das Wohl deiner Mitmenschen zu sorgen?« Thomas sah ihn treuherzig an: »Ja. Das heißt –« »Jedenfalls verträgt es sich nicht mit deinen Ideen, daß du einen andern absichtlich hereinlegst.« 266 Thomas wurde nachdenklich. »Vielleicht hast du recht. Es ist nicht nett von mir gewesen. Warte noch einen Augenblick; ich werde dir die Sache erzählen. Aber nimm erst die Hand von dem Klingelknopf weg. Das ist zu spannend für mich.« Lachmann ließ lächelnd wie eine Mutter, die ihrem Kinde irgend eine törichte Bitte gewährt, die Hand sinken. »Ja, für dich ist es natürlich nichts,« fuhr Thomas eifrig fort: »aber vor meinen Augen wird der Knopf zum Mittelpunkt des Weibes und ich warte auf den Moment, wo der elektrische Strom durch den Körper hindurch rieselt. Es ist manchmal nicht leicht, sehend zu sein.« Lachmann wurde sich für einen Augenblick über das Schicksal seines Freundes klar. Diese Einsicht war ihm aber unerträglich und er warf sie mit dem Wort »verrückt« beiseite. »Mag sein. Ich glaube es aber nicht. Also ich hatte mir den Weinbergskarl oder Apfelsinenmann auf den Abend des 7. September bestellt, um mit ihm in einen der Berliner Verbrecherkeller zu gehen. Ich hatte, als der Kerl kam, meine Geldtasche, in der ein Tausendmarkschein so steckte, daß er zu sehen war, offen auf dem Schreibtisch liegen, stopfte noch ein paar kleine Scheine hinein und tat sie in meine Brusttasche. Wir sind dann zusammen fortgegangen, haben verschiedene Kneipen besucht, in denen ich allerlei interessante Schufte kennen gelernt habe. Zuletzt waren wir in einem rauchigen Loch irgendwo im Norden Berlins. Ich muß von dem vielen Fusel schon ziemlich besoffen gewesen sein, wenigstens entsinne ich mich nur undeutlich des Raumes, eines sehr blassen dicken Wirtes und daß der Apfelsinenmann mir gegenüber saß und mich ansah. Was dann passiert ist, ob sie mir irgend ein Gift eingetrichtert oder mir einfach eins auf den Deetz geschlagen haben, weiß ich nicht. Genug, als ich wieder zur Besinnung kam, war ich in der Charité.« Thomas schwieg und sah gespannt seinen Zuhörer an, als ob er erwartete, daß seine Erzählung irgend eine erstaunliche Wirkung auf Lachmann haben werde, als ob er zum mindesten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn nicht gar in die Erde versinken werde. Als von alledem nichts geschah, der Vetter vielmehr mit einem verdutzt dummen Gesicht dastand, weil er ganz etwas 267 anderes zu hören gedacht hatte, fuhr er fort: »Ich glaube gar, du verstehst nicht, was ich erzähle.« »Doch, doch,« beeilte sich Lachmann zu sagen. »Ich weiß nur nicht, du behauptetest doch, du hättest den Kerl reingelegt. Doch nicht dadurch, daß du ihn um tausend Mark bereichert hast, denn die wird er dir doch wohl weggenommen haben.« »Ganz richtig. Die hat er mir weggenommen, und das war der Sinn meines ganzen Unternehmens, denn dafür sitzt er nun.« »Wer? Der Weinbergskarl?« »Ja. Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein. Genug, er sitzt. Es ist ja sicher Eitelkeit dabei im Spiel, daß ich ihn wieder eingefangen habe, vielleicht lockten mich auch die 200 Mark Belohnung, die auf seine Festnahme gesetzt sind, aber hältst du es wirklich für meiner unwürdig, wenn ich einen Gewohnheitsverbrecher der Polizei ausliefere?« »Nein, sicher nicht.« Lachmann war neugierig geworden. Er trat an seinen Freund heran und schüttelte ihm die Hand. »Im Gegenteil, ich finde das ganz famos, hätte dir so viel Courage nicht zugetraut, denn immerhin – einen gewiegten Verbrecher, wie den Weinbergskarl –« »Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein,« schaltete Thomas ein. Dabei trat er von einem Bein auf das andere und sah sehr unbehaglich aus. »– mitten unter seinen Kumpanen verhaften zu lassen, dazu gehört etwas. Famos, ganz famos. Aber nun erzähle mal. Wie hast du's angefangen? Ist dir ein Detektiv heimlich nachgefolgt oder –« »Lachmann, du bist der größte Esel dieses und des folgenden Jahrhunderts,« unterbrach ihn Thomas, ging auf das Haus zu und klingelte. Die Tür öffnete sich sofort, und ehe noch Lachmann Zeit gehabt hatte, seinen kurzen Leib die zwei Stufen zum Eingang hochzuwälzen, hatte sich Thomas schon der Situation bemächtigt. »Melden Sie uns dem Herrn Geheimrat,« sagte er, gab dem Diener würdevoll ein Goldstück und schritt an ihm vorbei, ehe der noch seine glattrasierten Lippen öffnen konnte, um sein ewiges Sprüchlein, daß der Herr Geheimrat um diese Stunde nicht empfange, herzusagen. 268 Thomas hatte seinen Überzieher schon halb ausgezogen, sah den Diener streng an, so daß dieser eingeschüchtert ihm Hilfe leistete, und sagte: »Sagen Sie dem Herrn Geheimrat, der Laban und der dicke Bautz seien da, um den frommen Holder zu begrüßen, und führen Sie uns ins Empfangszimmer. Hast du eine Karte da, Lachmann? Also gib sie her.« Der Diener sah, mit etwas geknickten Knien dastehend, zweifelnd herunter auf die Karte und wieder hinauf zu dem langen Herrn, der so wenig Umstände machte. »Haben Sie mich verstanden?« fuhr er den Diener an, während er sich vor dem Spiegel die Haare bürstete. »Ja, aber –« »Melden Sie uns,« mischte sich nun auch Lachmann ein. »Ich danke schön, ich werde schon allein fertig.« Er schälte sich langsam aus seinem Überzieher heraus. »Melden Sie uns: den Laban und den dicken Bautz.« Der Geheimrat kam ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegen und zog den langen Thomas an sich, als ob er, vor Rührung ganz überwältigt, seinen von gefahrvoller Reise zurückkehrenden Sohn begrüße. »Na, ich habe schon von Dr. Hübner gehört, daß du wieder bei dir bist, alter Laban.« Er klopfte Thomas, ihn immer noch umschlungen haltend, auf den Rücken. »Das war ein böses Abenteuer. Wunderst dich wohl, daß ich dir das Gedächtnis nicht gleich aufgefrischt habe. Es war ja auch nicht nett von dir. Aber erstens war es mir doch fraglich, ob es geholfen hätte, und dann ging eben das wissenschaftliche Interesse mit mir durch. Totale Amnesie bei völlig intaktem Intellekt, so total, daß man seine besten Freunde nicht wiedererkennt, so etwas sieht man nicht alle Tage. Und weißt du, Bautz,« er wandte sich an Lachmann, der sprachlos die Gewandtheit bewunderte, mit der sich Nolde aus der Affäre zog, »die Idee, ihm so unter der Hand, gewissermaßen als frei erfundenen Spitznamen, seinen eigenen Namen August Müller aufzuschmuggeln, die war nicht schlecht.« Er trat einen Schritt zurück, senkte die Hände in die Hosentaschen, hob das Kinn hoch und strich den schönen, langen, blonden Vollbart. »Man kann wohl annehmen, daß der 269 Mann durch diesen Kunstgriff der psychischen Therapie zum mindesten für die Heilung sozusagen prädestiniert war, wenn man auch vielleicht nicht so weit gehen darf, ihn für das entscheidende Moment zu halten. Aber ich glaube,« Nolde faltete die Hände in stolzer Freude über sich selbst, »ich glaube, dein Einschreiten, lieber Kollege Lachmann, wäre nicht gelungen, wenn die Sache nicht schon vorher von mir vorbereitet gewesen wäre.« Ehe Lachmann noch mit dem Neidgefühl fertig geworden war, das die Gewandtheit der Universitätsleuchte in Lügen bei ihm erweckt hatte, nahm Thomas das Wort. »Nein, es hätte ganz gewiß nichts geholfen. Lachmanns Erscheinen hat mit meiner Genesung nichts zu tun, aber auch deine feine Therapie, Nolde, war überflüssig. Das Gedächtnis,« er setzte sich auf einen Stuhl und zündete sich die Zigarre an, die Nolde ihm anbot, »war mir von einem Hauptgauner, der mich bestehlen wollte und mich zu diesem Zweck hypnotisiert hat, wegsuggeriert worden, posthypnotisch für 14 Tage jede Erinnerung verboten worden. Das ist des Rätsels Lösung.« Er sah mißbilligend auf Lachmann, der weit vorgebeugt mit aufgerissenen Augen die Hände auf die Knie gestemmt dasaß und ein Gesicht machte, als ob er demnächst platzen werde. »Ich weiß nicht, ob der Fall dadurch nicht noch interessanter wird.« Lachmann lehnte sich im Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und schnippte die Zigarrenasche auf den Teppich. »Holder,« sagte er, triumphierend lächelnd, »der Laban ist dir über.« Nolde sah ungewiß und mißtrauisch nach Thomas, dann Lachmann an und sagte schließlich. »Ja, ja, es ist wirklich interessant. Aber wir wollen uns doch freuen, daß es so abgelaufen ist. Wie wohl du wieder aussiehst, Laban, und dein Schlüsselbein? Ist's wieder ganz heil? Keine Schmerzen mehr? Laß mal sehen!« Er wollte gerade Thomas Arm prüfend heben, als der Diener erschien und ihm etwas zuflüsterte. »Was ist los?« schrie er ihn an. »Das ist nun schon das zweitemal heute, daß Sie mir solch Gesindel hereinlassen, das nicht lesen kann, wann ich Sprechstunde habe.« Er nahm die Visitenkarte und sein Gesicht leuchtete plötzlich, während sich seine Lippen spitzten. 270 »Ah, die Frau von Lengsdorf, und die kleine Helene ist auch mit. Das ist was anderes. Führen Sie sie in mein kleines Sprechzimmer. Ach, ihr entschuldigt wohl einen Augenblick.« Thomas winkte gnädig mit der Hand und der Geheimrat verschwand eiligst, im Laufen noch vorn den Verschluß der Hose prüfend. »Lengsdorf?« fragte Lachmann, »sind das –« Thomas nickte. Er hatte die Hände hinter dem Kopf gekreuzt und die Beine weit von sich gestreckt und schaute mit zusammengekniffenen Augen listig drein. »Ich möchte wohl mit ansehen, wie die Hure und das Hürchen ihn vornehmen,« sagte er. »Wo kennst du sie denn her,« fragte Lachmann interessiert. Er hatte die Hand auf den Rauchtisch gelegt und spielte mit den Fingern auf einem kleinen Aschenbecher Klavier. »So weit, wie du, bin ich mit ihr nicht gegangen,« erwiderte Thomas,« immerhin war es ganz nett.« Lachmann zog verärgert die Hand zurück und steckte sie in die Tasche. »Du bist mir noch immer die Erklärung schuldig, wie du den Weinbergskarl –« »Es kann auch der Apfelsinenmann gewesen sein. Vielleicht war es auch keiner von beiden.« »Himmel Herrgott Sakrament. Das weißt du auch nicht?« schrie Lachmann wütend. »Ich dachte, beide wären eine und dieselbe Person.« »Kann sein, kann auch nicht sein. – So genau weiß ich das nicht.« »Du hast eine verdammte Manier –« »Dir in dein Spiel mit Helenchen zu gucken und das ärgert dich. Aber warum fingerst du auch gerade, wenn von ihr die Rede ist, an dem Loch da herum?« Lachmann schlug sich mit der Faust auf das Knie. »Jetzt hab ich es satt. Entweder du erzählst oder ich lasse dich hier allein mit dem frommen Holder.« »Was willst du eigentlich wissen?« fragte Thomas unschuldig. »Ich will wissen,« Lachmann betonte jedes einzelne Wort mit einem Schlag auf sein Knie, »wie du den Kerl, mit dem du in 271 der Verbrecherkneipe warst und der dir deinen Tausendmarkschein gestohlen hat, der Polizei ausgeliefert hast; du bist doch die ganze Zeit im Krankenhaus gewesen.« Thomas sah ihn belustigt an. Er war in diesem Augenblick ganz Eitelkeit. »Der Tausendmarkschein war falsch.« Er schwieg eine Zeitlang, sich an seiner eigenen Vollkommenheit in dem gegenüberhängenden Spiegel weidend, dann begann er hastig zu erzählen. »Also der Tausendmarkschein ist sehr geschickt gefälscht. Ich habe, als ich meinen Plan gefaßt hatte, Mühe genug gehabt, ihn aufzutreiben; habe ihn schließlich bei einem Sammler von Merkwürdigkeiten gefunden, dem ich dafür meinen Seelensucher geschenkt habe.« Lachmann sprang auf. »Du bist verrückt!« Der Seelensucher, der Goethesche Schattenriß, dessen Entfernung Agathe seinerzeit bei ihrem Einzug in das Haus des Bruders durchgesetzt hatte, war immer ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen. »Also erzähle,« fuhr er resigniert fort. »Diesen falschen Tausendmarkschein hat der Apfelsinenmann an einem der nächsten Tage auf der Deutschen Bank wechseln wollen. Der Mann an der Kassa hat den Braten gerochen und mein Weinbergskarl ist verhaftet worden und alles ist ans Tageslicht gekommen.« »Ja, bist du denn als Zeuge vernommen worden?« Thomas sah ihn verwundert an: »Nein.« »Ja, woher weißt du denn, daß er verhaftet ist?« »Wissen? Ja, wissen tue ich es nicht.« »Du weißt es nicht? Es ist also gar nicht passiert?« »Vielleicht doch, oder wenigstens könnte es passiert sein.« »Du hast dir also die ganze Geschichte aus den Fingern gesogen. Das ist ja skandalös.« Lachmann schäumte vor Wut. »Bitte sehr,« sagte Thomas gereizt, »ich habe ebenso viel Recht wie du oder der Holder da –« Nolde war eben wieder eingetreten, – »mir etwas aus den Fingern zu saugen.« »Weil ihr Ärzte seid, bildet ihr euch ein, ihr hättet allein das Recht, aufzuschneiden. Aber da seid ihr gewaltig im Irrtum.« Er unterbrach sich und wies auf Nolde. »Sieh mal, was der Holder Helenchen zuliebe für einen großen Mund hat.« 272 Der Geheimrat, der Weltleins Bemerkung nicht verstand, fuhr auf: »Ich finde es geschmacklos, so auf die Ärzte zu schimpfen. Und daß du mich mit der Hypnosengeschichte zum Besten gehabt hast, habe ich wohl gemerkt.« Er strich sich stolz den Vollbart, drehte aber gleich darauf verlegen den Kopf beiseite. »Was siehst du mich so an,« fragte er. »Mich interessiert es,« sagte Thomas ernsthaft, »daß du genau derselbe bleibst, wenn du eine falsche Diagnose stellst. Die Würde als ordentlicher Professor und Geheimrat ändert also nichts an der Arztseele. Du bist darin ganz wie Dr. Vorbeuger, nur daß der immer falsche Diagnosen stellt.« »Wieso falsche Diagnose?« fragte Nolde. »Weil es wahr ist, was ich dir von der Hypnose erzählt habe. Ich verstehe auch gar nicht, wie du mit deinem Scharfblick nicht gleich erkannt hast, daß mein zerbrochenes Schlüsselbein die Wahrheit meiner Aussage unerschütterlich bestätigt.« Der Geheimrat faltete die Hände über dem Bauch, wie er es zu tun pflegte, wenn einer der Kandidaten im Examen eine dumme Antwort gab. »Bestätigt? Der Bruch beweist doch, daß du irgendwie gewaltsam betäubt worden bist.« Thomas erhob sich und ging zu Lachmann. »Komm Dicker,« sagte er, »es hat keinen Zweck mehr länger zu bleiben, unser guter, alter, armer Holder ist wirklich vollständig reif für die Universität.« Lachmann blieb ruhig sitzen. Er weidete sich an der Ratlosigkeit Noldes, der nicht wußte, was er aus Thomas machen sollte. »Du bist uns eine Erklärung darüber schuldig, wieso dein Schlüsselbeinbruch beweist, daß du hypnotisiert worden bist.« Thomas zuckte die Achseln. »Für den Weinbergskarl oder wer es sonst gewesen sein mag, war es wünschenswert, daß ich eine Zeitlang aus dem Wege geräumt wurde. Diesen Wunsch hat er mit der Hypnose wie ein Serum in meine Seele gespritzt und dieses Seelengift hat dann durch innere Ansteckung mein Gehirn erschüttert und mein Schlüsselbein zerbrochen. Wie wäre es sonst zu erklären, daß ich keine schwereren Verletzungen habe? Die innere Ansteckung wirkt immer nur, so weit sie für den bestimmten Zweck 273 unbedingt erforderlich ist; man nennt das, wie dir der Herr Geheimrat da bestätigen kann, das Gesetz von der Sparsamkeit der Natur, die stets mit den geringsten Mitteln das größtmögliche Resultat erzielt.« »Das ist der reine Blödsinn,« fuhr der Geheimrat los. »Nein, das ist die reine Theorie und die reine Theorie ist immer richtig.« »Aber du bist ja ganz verdreht, Laban,« dozierte der Geheimrat. »Eine Theorie kann doch nur richtig sein, wenn die Prämissen richtig sind und man kann doch nicht sagen, der liebe Gott sitzt im Himmel, folglich muß der Himmel fest sein.« »Warum soll man denn das nicht sagen können? Jahrtausende lang hat man es gesagt und wenn ich Lust habe, es wieder zu sagen, so ist es eben wieder richtig.« Lachmann beobachtete belustigt den Geheimrat, der wieder den Bart strich, weil er nicht aus noch ein wußte. Daß Thomas übergeschnappt war, wurde ihm allmählich klar, aber er fand nicht den richtigen Dreh, um das Gespräch, in das er sich eingelassen hatte, harmlos zu gestalten. »Der Mensch als Maß aller Dinge,« er zog den Mund krampfhaft in die Breite, was ein vergnügtes Lächeln bedeuten sollte. »Aber darüber sind wir doch hinaus. Die Wissenschaft ist erst fortgeschritten, seitdem sie objektiv geworden ist.« »Das heißt, seitdem der Universitätsprofessor das Maß aller Dinge geworden ist,« sagte Thomas in dem verbindlichsten Ton, der ihm zur Verfügung stand. »Aber nun paß einmal auf. Die Universität ist die Quintessenz alles Wissens. Das ist die Theorie. Folglich sind alle Universitätsprofessoren kluge Leute, sogar du.« Thomas lächelte triumphierend, während Lachmann ihm einen freundschaftlichen Stoß gab. »Das ist eine Unverschämtheit,« brüllte Nolde. »Nein, das ist eine Theorie,« ließ sich jetzt Lachmann vernehmen, »sogar eine, an die du glaubst. Laban hat ganz recht. Im übrigen wollen wir uns doch vertragen.« »Ich zanke mich gar nicht,« eiferte Thomas, »ich führe nur aus, was ich dir vorhin über die ansteckende Verstandesseuche der Ärzte 274 sagte, was übrigens von allen gelehrten Berufen gilt. Das Studium ist an sich ein Gift, das bestimmte wohl erkennbare Folgen herbeiführt. Nimm nur die Theologen. Seit 2000 Jahren zerbrechen sie sich die Köpfe darüber, was in der Bibel steht. Dabei nennen sie es Gottes Wort, wollen uns also weismachen, der liebe Gott habe so verworrenes Zeug gesprochen, daß es erst durch ihre Interpretation verständlich würde. Das ist doch Geistesverkrüppelung und Größenwahnsinn dazu.« Nolde war auf einmal heiter geworden. Da er selbst ein furchtsamer Hase und Teufelsanbeter war, gab es für ihn nichts Schöneres, als einen tüchtigen Hieb gegen alles, was Religion hieß. »Ja,« rief er, griff unter seinen langen Bart und hob ihn hoch, als ob er durch dieses Sträuben seinen Abscheu bezeugen wollte, »und dabei hat doch der Herr Jesus zu einfachen Fischern gesprochen. Da muß er sich doch deutlich ausgedrückt haben . . .« »Und der Jurist,« fiel Lachmann ein, der plötzlich an seinen eben verlorenen Prozeß mit dem Justizrat Warnemann denken mußte, »stellt seine Schutzgöttin blind dar, wahrscheinlich um anzudeuten, wie völlig außerstande er ist, rechts von links, Recht von Unrecht zu unterscheiden.« »Die Sache ist doch ganz klar,« begann Thomas wieder. »Wenn man immer auf einen Punkt stiert, sieht man zuletzt gar nichts mehr. Je eifriger man also studiert, desto dümmer wird man, auch für den Gegenstand des Studiums. Und daher kommt es –« »Daß die Juristen nichts vom Recht verstehen,« unterbrach Nolde und bog sich vor Lachen. »Und die Theologen nichts von der Theologie,« fügte Lachmann hinzu. »Und ihr beide nichts von der Medizin,« schloß Thomas, packte den Geheimrat mit dem rechten und Lachmann mit dem linken Arm und beugte sich nieder, sie mit sanftem Druck mit sich ziehend, und rief: »Auf dem Kopf muß man stehen, wenn man richtig urteilen will. Sonst kriegt man nur eine Masse Hintere zu sehen, da ja alles heutzutage auf dem Kopf steht.« »Aber Hugo, was machst du denn da,« ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen. 275 »Ich lerne die Welt richtig beurteilen,« klang es aus der Tiefe. »Übrigens gestatte, daß ich dir meine Freunde vorstelle. Da links, das dicke Hinterteil ist Lachmann, der Bautz, von vorn kennst du ihn ja schon, in der Mitte, der Hintere mit den langen Beinen dran, ist Laban, August Müller.« Thomas ließ plötzlich die beiden Freunde los. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zur Tür, öffnete sie, schloß sie wieder und sagte: »So, nun ist August Müller fort und wir sind unter uns. Bitte, willst du mich richtig vorstellen, Lachmann.« »Aber Kinder,« sagte Lachmann und prustete, als ob er sich entsetzlich anstrengen müßte, »so ohne weiteres kann ich die Vorstellung nicht übernehmen, dazu brauche ich Zeit. Kannst du uns nicht zum Abendessen da behalten, Holder? Geht es nicht, gnädige Frau, die ich noch gar nicht Holde zu nennen wage.« Nolde sah seine Frau verlegen an; als er sie nicken sah, atmete er auf und sagte: »Dann müssen wir aber erst die Kinder um Erlaubnis fragen.« Der Abend verlief glänzend, und als Thomas spät in der Nacht an Lachmanns Arm nach Hause schwankte, sagte er: »Weißt du, wenn er nicht so ein furchtbarer Dummkopf wäre, möchte ich schon mal in seiner Haut stecken. Die Klara ist nicht ohne. Na, morgen gehen wir zu ihrem Rout.« Lachmann nickte, antwortete aber nichts. Kurz vor dem Hotel blieb Thomas stehen: »So alte Jugendfreunde wieder zu sehen, ist doch netter als ich dachte. Meinst du nicht, daß wir den Prinzen Viktor mal aufsuchen könnten?« Lachmann schlief schon halb, er brummte ein Ja, war aber am anderen Morgen sehr erstaunt, als ihn Thomas veranlaßte, mit ihm zum Palais des roten Prinzen zu fahren, um sich einzuschreiben. Nach wenigen Stunden erhielten sie eine Einladung vom Prinzen zu einem Herrendiner am folgenden Tage auf dem Schlosse Belvedere bei Eberswalde. 276     33. Kapitel. Agathe erscheint wieder. Auf dem Heimwege vom Palais hatten sich die beiden Freunde lebhaft unterhalten. Da das Gesprächsthema noch nicht erschöpft war, ging Thomas mit in Lachmanns Zimmer. Auf der Schwelle stutzte er einen Augenblick, schoß dann mit zwei langen Sätzen durch das Zimmer, setzte sich wie erlöst auf einen Lehnstuhl am Fenster und zog die Rockschöße breit auseinander, so daß sie wie eine Decke über den Sitz herunterhingen, dann beugte er sich weit vor, als ob er prüfen wollte, wie das Polster des Stuhles zwischen seinen Beinen aussähe, und rückte unruhig hin und her. »Hast du es eilig,« fragte Lachmann, verwundert über die seltsamen Maßnahmen seines Vetters. »Sieht man es nicht,« lautete die Gegenfrage. »Nun, dann ist es gut, dann können wir uns weiter unterhalten. Also, ich behaupte, daß der Begriff Vergangenheit auf das tiefste Wesen des Menschen überhaupt nicht anwendbar ist, daß man immer und ohne Aufhören bis an sein Lebensende Kind bleibt und sich wie ein Kind beträgt.« »Und dafür willst du mir den handgreiflichen Beweis auf meinem Polsterstuhl geben. Daraus wird nichts. Wenn du Wickelkind spielen willst, so tue es gefälligst wo anders.« »Aber ich will das ja gar nicht. Es ist etwas viel, viel Schlimmeres. Es ist –« »Agathe!« rief Lachmann aus und ging mit ausgebreiteten Armen auf die eben eintretende Frau Willen zu. Agathe war schon im Begriff, in diese in Anbetracht des hindernden Leibesvorsprunges etwas kurz geratenen Arme zu sinken, wobei sie in einen tief gerührten Blick auf den verlorenen und wiedergefundenen Bruder alles Leid und alle Freude zu legen versuchte, den ein weibliches Augenpaar widerzuspiegeln vermag, als sie plötzlich den Vetter zurückstieß und auf Thomas losfuhr. »Du sitzt auf meinem Hut,« schrie sie, und diesmal war es echte Empörung, die aus ihren Augen blitzte und ihr Kraft gab, den unbeweglich dasitzenden, grinsenden Thomas hochzuzerren. 277 »Ich hatte geglaubt,« begann Thomas mit ernsthafter Miene, ohne sich vom Platz zu bewegen, »daß ich dich in Form deines Hutes ganz niedergesessen hätte, aber,« er beugte sich wieder vor und betrachtete nachdenklich ein Stück violettes Band, das zwischen seinen Rockschößen hindurch baumelte, »es scheint; daß ich das bei meiner offenen Natur hintenherum nicht fertig bringe. Ich gebe dich also hiermit frei und werde den Kampf mit anderen Mitteln fortsetzen.« Agathe nahm den Hut in die Hand. »Du bist ein –,« begann sie, unterbrach sich jedoch und sah, während sie die ursprüngliche Form einigermaßen wiederherzustellen versuchte, kopfschüttelnd zu Lachmann hinüber, der warnend den Finger hob. »Ich bin doch so froh, daß ich euch gefunden habe, Ernst. Als deine Absage kam, habe ich an deine Haushälterin telegraphiert – sie ist übrigens eine treue Seele, die zu schweigen versteht, aber da sie antwortete, du wärest zu einer Konsultation weggerufen, sie wisse nicht wohin, dachte ich mir, daß du hier wärest, um dich herumzutreiben, denn wer sollte dich wohl zur Konsultation kommen lassen? Bei uns sieht's verzweifelt aus. Alwine – der Hut wird wieder ganz gut werden, findest du nicht? Wenn ich ihn so ein bißchen weit nach hinten setze, werden die Hutbänder –« Sie war vor den Spiegel getreten und knüpfte ihre Schleife. »Was ist es mit Alwine,« fragte Thomas barsch und faßte Agathen am Handgelenk. »Nicht auszuhalten ist es mit ihr; patzig und ungezogen ist sie, mault mit mir und zieht ein Gesicht, sobald sie mich sieht. Dabei wird sie elend und sieht aus wie eine richtige Vogelscheuche. Ich sagte, wenn sie es so forttreibt, schnappt Paul eines schönen Tages ab und sucht sich eine andere.« Thomas sah sie groß an. »Dich, nicht wahr? Das möchtest du wohl?« Agathe drehte den Kopf zu Lachmann hin, um anzudeuten, wie verrückt ihr Bruder sei. Aber der Vetter zuckte die Achseln und sagte nur: »Mütter sind immer eifersüchtig auf ihre Töchter und verliebt in ihre Schwiegersöhne.« Agathe blähte sich auf wie ein Truthahn. »Ihr seid natürlich nicht imstande, die Gefühle einer Mutter zu würdigen. Aber ich 278 bin nicht hierher gekommen, um mir von euch Männern rohe Scherze sagen zu lassen, sondern um Rat zu holen. Ihr ahnt gar nicht, wie boshaft das Kind ist. Ich halte es einfach nicht mehr aus.« Sie setzte sich, den Hut mit der halb geknüpften Schleife kunstvoll auf dem Hinterkopf balancierend, auf den Stuhl, auf dem Thomas vorher gesessen hatte, und kreuzte die Arme über der Brust. » Was hast du ihr denn Böses getan?« fragte Thomas, während Lachmann seinen Stuhl neben die alte Freundin zog. »Ihre Aussteuer habe ich ihr besorgt, wenn du das etwas Böses nennst.« »Das kommt darauf an. Hast du sie auch um ihre Meinung gefragt?« »In allen Läden bin ich herumgerannt und habe ihr die niedlichsten Sachen, die ich mir ausgedacht hatte, gekauft, wenn du das böse nennst. Und wenn ich totmüde nach Hause kam, habe ich mich hingesetzt und die Wäsche gezeichnet und Kataloge durchgesehen, aber du nennst das ja wohl böse.« Agathe geriet immer mehr in Eifer. Sie knüpfte die Hutschleife, löste sie wieder und knüpfte sie wieder. Dabei hielt sie den Kopf weit nach hinten gestreckt. »Ob ich Alwine um ihre Meinung gefragt habe? Natürlich habe ich das getan. Sie ist mit allem einverstanden.« Agathe nahm plötzlich den Hut ab und legte ihn neben sich auf den Tisch. »Das heißt, sie hat mir gesagt, ich soll alles machen, wie ich es für gut finde; ihr sei es gleichgültig.« Lachmann unterbrach sie hier. »Mit anderen Worten, du hast von ihr die Zustimmung erpreßt, das Nest des jungen Paares so einzurichten, wie du es haben möchtest, wenn du am Ende heiratetest . . .« Agathe zuckte verächtlich die Achseln. »Das Kind hat nichts als ›rasch heiraten‹ im Kopf und es ist auch ganz gleichgültig, ob ich sie bei jeder Einzelheit frage. Ich weiß, was sie gern hat. Ich kenne mein Kind.« Thomas sah seine Schwester vergnügt an, was sie dazu veranlaßte, die Hutnadel tief in den vor ihr liegenden Hut zu stechen. »Sind es nur diese Differenzen über Wäsche und Möbel, was dich hierher getrieben hat,« fragte Lachmann und zog ihr mit dem 279 Wort »Erlaube« den Hut fort. »Und sollen wir nur entscheiden, ob Kirschbaum oder Nußbaum gewählt werden soll.« »Ich habe mich für Eiche entschieden,« sagte Agathe und stützte nachdenklich den Kopf auf die Hand. Thomas, der inzwischen mit den Händen auf dem Rücken auf und ab gegangen war, blieb plötzlich stehen. »Vielleicht wäre Birke für Alwine am ratsamsten. Aber es wundert mich nicht, daß du in Erinnerung an die mangelnden Qualitäten deines Willen und deine daraus folgenden Entbehrungen recht hartes Holz gewählt hast. Lachmann aber bleibt sich treu als ewiger Junggeselle, der für die Zwillingskirschen ebenso viel Neigung hat, wie für den Sack voll Nüssen.« Lachmann rückte auf seinem Stuhl hin und her, Thomas war ihm ungemütlich. »Mit alledem« sagte er, »ist aber doch nicht die Frage beantwortet, was es zwischen euch gegeben hat.« »Ich sagte dir ja, Alwine will durchaus gleich heiraten und das ist doch bei ihrer Jugend unmöglich. Er ist auch noch gar nichts. Vikar – was will das sagen.« Thomas hatte die Hand in die Hosentasche gesteckt und ließ das Geld klimpern. »Da hörst du die Antwort vom Onkel und meine Patenantwort wird nicht viel anders lauten,« sagte Lachmann heiter, »und irgend wann wird dem frommen Schafsgesicht Endes wohl auch eine Pfarre beschert werden.« Agathes Knie gingen unwillkürlich auseinander, sie setzte sich breit in den Stuhl und faltete mit weit abgespreizten Ellenbogen die Hände auf dem Schoß. Thomas stieß den Vetter an. »Schau, wie die Gewalten aus dunkler Vorzeit aufsteigen und die Menschen zwingen. Wer hätte es gedacht, daß meine leibliche Schwester als moderne Danae dem Goldregen sich darbieten werde, um ihn mit anbetenden Händen in sich hinein zu schaufeln.« Der dicke Doktor blinzelte ihm zu und fuhr fort: »Das mit der Jugend Alwines ist erst recht Unsinn. Brüste und Becken sind bei ihr gut gebaut, und was braucht es mehr. Und wenn wirklich ihre Periode nicht in Ordnung ist –« 280 »Lachmann!« Agathe war plötzlich schmal geworden und ihre Hände hatten sich in die Tischdecke gekrallt, als ob sie des Vetters Haare zwischen den Fingern hätte. »So ließe,« fuhr Lachmann unbeirrt grausam fort, »diese Art Bleichsucht, die bei Bräuten nicht gerade selten ist, sich am besten durch eine rasche Heirat heilen.« »Du bist frivol, Ernst,« sagte Agathe, griff nach ihrer Tasche, öffnete sie, zog die Handschuhe aus, tat sie in die Tasche und schloß sie wieder. Thomas hatte ihre Bewegungen aufmerksam verfolgt. »Du bestätigst diese Möglichkeiten ja, wenn auch der Mund nichts von dem weiß, was die Hände tun. Und du besinnst dich, Mutter pflegte zu sagen: die ersten Kinder kommen wenn sie wollen, die anderen wenn sie sollen.« »Das Mannsvolk ist doch immer zynisch,« sagte Agathe und setzte dann unvermittelt hinzu: »Diese neue Mode, daß Brautleute allein im Walde herumstrolchen, tagelange Radeltouren machen oder gar unter dem Vorwande, gemeinsam auf irgend einem Gut eingeladen zu sein, unter einem Dache schlafen –« »Und das tut Alwine,« riefen beide Männer staunend. »Selbstverständlich nicht,« erwiderte Agathe hoheitsvoll. »Ich habe es verboten. Aber eben deshalb mault Alwine und macht mir das Leben unerträglich. Und jetzt bitte ich dich, Ernst, denn auf meinen Bruder ist ja nicht zu rechnen –« sie warf Thomas einen vernichtenden Blick zu, »komm mit mir nach Bäuchlingen und setz' dem Kind den Kopf zurecht.« »Und du bist fortgereist und hast Alwine mit ihrem pfäffischen Romeo ohne Aufsicht gelassen? Das finde ich köstlich.« Lachmann legte die Hände zwischen die Knie und bog sich lachend nach vorn. »Ich habe der alten Trude Vollmacht gegeben; übrigens ehe ich es vergesse, Thomas, es sind wieder Wanzen da. Alwine hat eine Nacht in diesem scheußlichen Zimmer geschlafen und es hat sie gebissen. Ich dachte mir gleich, daß es so kommen würde. Wanzen sind unausrottbar. Also Trude hat Befehl, jedes Zusammentreffen der beiden zu hindern.« 281 Thomas sprang von seinem Stuhl auf und packte seine Schwester an der Schulter, als ob er sie schütteln wollte, während seine Augen fast aus dem Kopf sprangen. »Was,« schrie er, »der Trude hast du sie ausgeliefert, diesem Biest, diesem Vieh, diesem, diesem, dieser Wanze!« Als ob bei diesem Wort ein inneres Feuer in ihm erloschen wäre, wurde er plötzlich ruhig, ging zum Schreibtisch und setzte ein Telegramm auf. Während des Schreibens rief er der Schwester, die ihren Stuhl dicht an den Lachmanns gerückt hatte, zu: »Ich werde morgen Abend nach Bäuchlingen reisen, heute muß ich zu Frau Klara, morgen zum Prinzen, übermorgen bin ich zu Hause. Ich denke, ihr kommt mit und wir feiern in ein paar Wochen Hochzeit.« Agathe fuhr auf: »Aber, August, so rasch geht das doch nicht.« Thomas drehte sich nach der Schwester um, sah sie mit einem merkwürdig gütigen Lächeln an und sagte: »Warum soll es den nicht gehen, Agathe? Wir wollen es doch versuchen; ein neues Leben anfangen dort, wo wir vor so langer Zeit abgebrochen haben.« Er stand auf und ging mit ausgestreckter Hand auf seine Schwester zu, die sprachlos dasaß, während ihr langsam die Tränen die Backen herunter rollten, und sie Lachmann zuflüsterte: »Ernst, Ernst, er ist wieder der Alte.« Lachmann saß mit aufgestütztem Kopfe da, er hatte die Brille hochgeschoben und in seinem Blick lag ein Spähen und Sichsorgen, wie es bei ihm nur vorkam, wenn er eine Krise zum Schlimmen beobachtete. »Er will wieder Wanzen jagen,« dachte er, »und mit Trude muß es irgendwie zusammenhängen.« Ehe er noch mit seinen Überlegungen fertig war, waren sich die beiden Geschwister in die Arme gesunken, das heißt, Agathe hatte sich an Thomas Brust geworfen und weinte. Thomas selber hielt die Arme weit ausgestreckt hinter dem Rücken seiner Schwester, in der einen Hand hatte er das Telegramm, mit der andern strebte er, die Schwester mit seinem Bauche Schritt für Schritt durch das Zimmer drängend, der Klingel zu. Kurze Zeit darauf ging die Depesche nach Bäuchlingen ab und alles war in Ordnung. 282     34. Kapitel. Mathematik als reine Wissenschaft. Kinderverse und das Rätsel der Brustwarzen. Als die beiden Freunde mitsamt Agathe am Nachmittag zu Frau Nolde kamen, fanden sie die Empfangsräume schon voller Menschen. Der Geheimrat selbst war wie üblich bei den Festen seiner Frau nicht da. Frau Klara aber nickte, sobald sie die große Gestalt Weltleins an der Tür erblickte, ihm lebhaft zu und ging ihm, als ob sie es nicht erwarten könne, ein paar Schritte entgegen. Sie wechselte die vorgeschriebenen Höflichkeiten mit Agathe, begrüßte Lachmann freundlich und zog dann Thomas mit sich zu der Gruppe von Herren und Damen, die sie eben verlassen hatte. »Sie haben es nicht glauben wollen, Exzellenz,« wandte sie sich an einen hageren Herrn im schwarzen Gehrock, der etwas gelangweilt auf die fetten Vorgebirge einer neben ihm sitzenden alten Jüdin sah und zuhörte, wie sie ihm – während sie gleichzeitig einen Teller Hummermayonnaise genießlich leerte – die verschiedenen Heiratsanträge ihrer Tochter vorzählte. » Aber da ist Herr Weltlein selbst, der ihnen bestätigen kann, daß mein Mann wirklich und wahrhaftig gestern verlegen gewesen ist.« Die Exzellenz lächelte ungläubig. »Der Geheimrat Nolde und verlegen, das ist eine wunderbare Mär, für die mir der Glaube in den langen Jahren, die ich ihn kenne, verloren gegangen ist.« »Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte,« erwiderte Frau Nolde eifrig,« würde ich es nicht für möglich halten, aber hier,« sie zerrte Thomas am Rockärmel näher heran, »der hat es fertig gebracht, und die Wirkung ist so stark gewesen, daß der blutige Kasimir Nolde zum erstenmal in seinem Leben schlecht geschlafen hat.« »Da bin ich nun wirklich neugierig,« ließ sich die fette Stimme der Jüdin vernehmen, und daß ihr Erstaunen echt war, zeigte sich daran, daß sie den Weg der Gabel mit dem Stück Hummer dicht vor ihren dicken Lippen unterbrach, »erzählen Sie doch, Herr Weltlein.« 283 »Ja, erzählen Sie,« bat ihre Nachbarin ebenfalls, eine vornehm aussehende Dame in weißem Haare, deren Aussprache, Anzug und Haltung ihre englische Abkunft erkennen ließ. Sie hatte als einzige aller anwesenden Damen eine Handarbeit mit, an der sie eifrig stichelte. »Die Sache war ganz einfach,« begann Thomas, »ich habe mir nur die Nase zugehalten.« Ein breitschultriger Husarenrittmeister, der etwas hinter Thomas stand, prustete bei diesen Worten, die er sich offenbar in eigene Erlebnisse übersetzte, los, so daß die Lady Friedländer sich tief auf ihr Nähzeug herabbeugte, während Klara Nolde sich erschrocken umdrehte und sagte: »Nein, so nicht!« Thomas begann zu erzählen. »Ich habe meinem alten Freund Nolde auseinanderzusetzen versucht, daß jede Erkrankung einen Zweck hat, daß sie von irgend welchen Kräften mit ganz bestimmten Absichten geschaffen wird und das hat er natürlich als Arzt nicht geglaubt, weil es viel zu einfach ist. Da in demselben Augenblick mein Freund Lachmann nieste, fragte er mich, was der Zweck eines Schnupfens sei, und ich habe ihm die Gegenfrage gestellt, welche Folgen ein Schnupfen für die Nase hat. Nun geschah etwas sehr Wunderbares. Nolde ist, wie Sie wissen, Geheimer Medizinalrat und ein Stern erster Größe in der Wissenschaft und trotzdem hat er mir eine richtige Antwort gegeben.« Thomas unterbrach sich einen Augenblick und sah gespannt seine Zuhörer an. »Ja, Sie scheinen das nicht erstaunlich zu finden,« sagte er, »aber dann weiß ich wirklich nicht, ob ich weiter erzählen soll.« »Doch,« sagte die Lady, »erzählen Sie ruhig weiter, es ist erstaunlich.« »Die Nase sei verstopft, hat Kasimir Nolde gesagt, darauf habe ich mir die Nase zugehalten, ihn scharf angesehen und gesagt: ›Wer ihn zuerst gerochen, aus dem ist er gekrochen‹.« Mitten in das verlegene Schweigen klang Frau Noldes helles Lachen hinein. »Ist er nicht köstlich, Landauerchen,« sagte sie zu der Jüdin, die hilfeflehend zu der Exzellenz aufblickte, um auf seinem Gesicht zu lesen, ob sie empört oder vergnügt sein solle. »Nolde hat allerdings geleugnet, aber ich bin überzeugt, daß er schuldbewußt war.« 284 »Ich habe nicht ganz verstanden,« mischte sich ein kleines eisgraues Männchen mit hellen blauen Kinderaugen und weicher Stimme, der Professor Labri genannt wurde, ein, »was die Entstehung des Schnupfens mit diesem Vers zu tun haben soll, der mir übrigens in allen möglichen Varianten beim italienischen Volk, speziell in Sizilien und an der dalmatischen Küste begegnet ist.« »Da ist also der Mediziner dem Mathematiker überlegen,« sagte die Exzellenz trocken; wenn er sprach, klang es so einförmig, wie wenn ein Löffel gegen die Wände eines Blechtopfs geschlagen würde, »und selbst die dumpfe Luft des Ministeriums scheint noch mehr Phantasie übrig zu lassen, als die Beschäftigung mit der reinsten aller Wissenschaften.« Labri schoß einen wütenden Seitenblick auf den Minister, legte die flache Hand auf die linke Brust, als ob er ins innerste Herz getroffen wäre, und begann kurz zu atmen. »Wenn Sie einem Unglücklichen, der nie etwas anderes als eine glatte Fünf auf seiner Mathematikzensur hatte,« mischte sich der Rittmeister ein, »ein Wort über diese reine Wissenschaft, der ich übrigens meine Laufbahn als Soldat verdanke, da man mich schon aus der Obersekunda wegen absoluter Unfähigkeit, ein Dreieck zu konstruieren, vom Gymnasium wegjagte, erlauben wollen, so ist es der Ausdruck meines Erstaunens, wie es ein Mensch ertragen kann, täglich Mathematik zu treiben. Alle halbe Jahre mal träume ich davon, daß ich vor an die Tafel muß, um irgend eine verzwickte Aufgabe zu lösen, und dieser kurze Traum genügt, um mir den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.« Wahrend die Lady dem Offizier freundlich zunickte und dann aus irgend welchen Gründen sich in das Zählen der Stiche vertiefte, erklärte Frau Landauer, wahrscheinlich um den Verdacht von sich abzulenken, daß sie irgend etwas mit dem stadtbekannten Genie ihres Mannes im Ausstellen hoher Rechnungen zu tun haben könne: »Rechnen ist für mich einfach geisttötend, für das Zuzählen und Vervielfältigen reicht es noch, aber Abziehen und gar Teilen.« »Sie gehen eben immer aufs Ganze,« sagte der Rittmeister und nahm ihr dienstbeflissen den leeren Teller ab. 285 Und der Professor flüsterte leise der Wirtin zu: »Teilen ist nicht ihre Sache, sie behält alles lieber für sich.« »Dafür addiert sie,« gab Frau Klara lachend zurück, »jährlich ein paar Pfund zum Speckbestand und das muß man ihr lassen, vervielfältigt hat sie sich in zehn Kindern, dafür kann man ihr manches verzeihen.« Frau Landauer hatte sich in dem Gefühl, daß über sie gesprochen werde, wieder an den Minister gewandt und versuchte aus ihm politische Geheimnisse herauszulocken. »Wie aber ist es mit dem Abziehen?« fragte die Lady. »Das weiß ich nicht.« Klara Nolde wandte sich zum Gehen. »Vorwärts, Thomas, gib die Erklärung.« Sie zwickte ihm ein wenig den Arm und eilte zu den anderen Gästen. »Abziehen, Abzapfen,« begann Thomas, »das Faß zum Laufen bringen, damit kann sich nicht jede Frau so ohneweiters abfinden. Die Abneigung gegen das Subtrahieren ist ein Beweis für die inneren Seelenkämpfe, die Frau Landauer mit sich geführt hat.« Der Minister, dem politische Gespräche ein Greuel waren und der aus Labris Handbewegung schloß, daß der Professor seinen Groll über den Angriff auf die reine Wissenschaft in seine Brust geschlossen hatte, um ihn dort bis zur nächsten Etatsberatung des Kultusministeriums groß zu füttern, legte die Hand auf seines Gegners Schulter und sagte: »Glauben Sie mir, Herr Professor, niemand kann mehr von der Großartigkeit Ihrer Wissenschaft überzeugt sein als ich, und daß sie den Geist nicht tötet, sondern belebt, beweisen uns ja täglich die Errungenschaften der Neuzeit.« »Meinerseits hoffe ich, Exzellenz,« erwiderte der kleine Mann und neigte das Haupt, als ob er die gekränkte Würde einer Königin auf dem Theater zu mimen hätte, »den mathematischen Beweis dafür zu liefern, früher,« er sah dem Minister gerade ins Gesicht, »oder später, daß auf Zahlen und logischen Schlußfolgerungen das Gedeihen des Staates und unserer Kultur beruht.« Die Lady stichelte heftig in ihrem Weißzeug herum, sie liebte es nicht, wenn der Kampf der Meinungen in persönlichen Hader ausartete und suchte beizulegen. »Es läßt sich eben nicht bestreiten, 286 daß die Mathematik, die Zahl, der Urgrund aller Dinge ist, weil in ihr die Möglichkeit der geordneten Phantasie liegt.« Der Professor legte wieder, diesmal mit einem schmachtenden Blick, seine Hand aufs Herz: »Sie wissen nicht, Mylady, wie dankbar ich Ihnen bin. Es ist ja so selten, daß jemand Verständnis dafür hat, wie gerade Mathematik und Kunst die höchste Blüte menschlicher Phantasie sind, wie rein in der Zahl und Konstruktion sich der Adel menschlichen Denkens betätigt. Die Mathematik ist in Wahrheit die unbefleckte Wissenschaft.« Thomas war in Aufregung geraten. »Ach bitte,« rief er und fuhr in allen Taschen herum, während er unruhig von einem Bein aufs andere trat, »hat jemand etwas Papier. Ich muß notwendig – Ich danke sehr.« Er nahm den Bleistift, der an seiner Uhrkette hing und von dem er zu behaupten pflegte, daß in seiner Hülle das Symbol alles Lebens sei, heraus, schrieb eine große Null auf das Papier und hielt es dem Professor unter die Nase. »Ist das nun reine Wissenschaft?« fragte er. Labri sah ihn erschrocken an, schüttelte den Kopf und sagte: »Ich verstehe nicht ganz. Mathematik ist reines Denken –.« Thomas malte dicht neben die erste Null eine zweite, so daß sich die Kreislinien berührten. »Und jetzt?« fragte er, den Professor scharf ansehend. Der Professor wurde mißtrauisch; während der ganze Kreis der Zuhörer auf einmal gespannt lauschte, da niemand begriff, was Weltlein vor hatte; er sagte langsam und zögernd: »Jetzt sind es zwei Nullen.« »Jawohl, Nummer 00.« Thomas' Gesicht hatte einen Ausdruck wilden Triumphes angenommen, als ob er endlich nach langem Harren seinen Todfeind in die Hände bekommen hätte. Mit einer teuflischen Freude, eingedenk aller Qualen seiner Gymnasialzeit, drehte er das Blatt um einen rechten Winkel. »Und so wird es eine 8, das Warnungszeichen ›habt acht‹, und –« er drehte das Blatt wieder so, daß die 8 lag und zog einige Striche daran, »jetzt sehen Sie, wovor man sich in acht nehmen soll, und was es mit der Reinheit der Wissenschaft auf sich hat.« Der Rittmeister war der erste, der sich faßte, laut lachend nahm er das Papier aus Weltleins Hand, beugte sich nieder zu Lady 287 Friedländer und wies ihr die Zeichnung, während Thomas, freudestrahlend mit dem Finger auf die straff gespannt entgegengereckte Sitzgelegenheit des Husaren hindeutend, rief: »Und der Herr Rittmeister übersetzt meine Theorie ins Praktische.« Lady Friedländer sah ihn mit blitzenden Augen an, mit der Nadel hatte sie schnell eine mächtige 1 neben die Acht mit den Tangenten geritzt. »Und das gehört Ihnen, Herr Weltlein, auf Ihre Acht,« rief sie. »Fehlt nur die praktische Nutzanwendung,« blecherte die Exzellenz und warf Labri einen Blick zu, als ob er ihn zur Tat auffordern wolle. Thomas lachte laut und stolz. »Es steckt noch mehr drin,« sagte er, »denn die Null ist der Kreis und der Kreis ist das Weib. Sehen Sie so,« er hatte ein zweites Stück Papier ergriffen und malte hastig einen Kreis darauf. »Verstehen Sie? Nein? Ach so, ich muß es deutlicher machen; erst ist man Mädchen,« er zeichnete einen zweiten Kreis konzentrisch in den ersten, »dann erst Weib,« ein dritter Kreis mit ausgezacktem Rand entstand. »Dazu verhilft der Lady die eins, die doch wohl männlich ist; zusammen ist es eins und null, die Zehn, die Mondmonate der Schwangerschaft, und das wird drei, das dritte im Familienkreis, das Kind, und nun wird aus Mädchen Frau, aus Weib der reine Kreis, die Mutter, eine Null.« Nochmals malte er stolz eine große Null hin, setzte einen dicken Punkt in die Mitte, daneben einen zweiten Kreis mit Punkt, zog zwei Tangenten, schwenkte das Papier hoch und gab es der Lady: »Die nährende Mutter.« Er steckte die eine Hand in die Brust, die andere hinter den Rücken und wartete in Siegerstellung den Triumph seiner Zeichnung ab. Lady Friedländer betrachtete lächelnd Weltleins Machwerk. »Für mich sind es zwei Ringe, also das Symbol einer Ehe.« »Was also, falls man Herrn Weltleins Deutung der Acht annehmen will, bedeuten würde: drum prüfe, wer sich ewig bindet,« fiel der Minister ein. Der alte Mathematiker hatte während dessen das erste Blatt mit den Kreisen nachdenklich betrachtet: »Ihre Deutungen geben zu denken,« sagte er, »aber Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten –« 288 »Im Gegenteil, ich behaupte noch viel mehr,« unterbrach ihn Thomas heftig. »Ich behaupte, daß die Mathematik, wie übrigens alles –« er unterbrach sich plötzlich, – »sehen Sie zum Beispiel, wie Lady Friedländer die Nadel führt, ebenso wie alle Frauen, mit einer seltsamen graziösen Bewegung des Armes von unten nach oben, echt weiblich, genau angepaßt der Bestimmung des Weibes, jedes weibliche Wesen wird ebenso nähen, ebenso in die Höhe streben, der Mann aber näht ganz anders, er führt die Nadel im flachen Bogen vorwärts. Bis in die kleinsten Einzelheiten ist das Leben des Menschen vom Eros bestimmt. Es sind da irgend welche seelischen Stoffe vorhanden.« Er unterbrach sich wieder, alle sahen ihn aufmerksam an, der Rittmeister versuchte sich handgreiflich zu vergegenwärtigen, wie ein Schneider verfahre, Labri hatte ein Notizbuch vorgezogen und schrieb, der Minister trommelte auf der Stuhllehne und pfiff den Dessauer-Marsch leise vor sich hin und Frau Landauer hielt wieder ihre Gabel, diesmal mit einem Stück belegten Brotes zwischen Teller und Mund. Nur die Lady arbeitete ruhig weiter. Plötzlich brach der Strom bei Thomas wieder los. »Es ist alles dasselbe. Der Faden wird in das Öhr gesteckt. Sie kennen die Geschichte von dem Richter und seinem Versuch, eine Frau von der Unmöglichkeit der Vergewaltigung zu überzeugen. Sie soll den Faden ins Öhr stecken, er aber bewegt die Nadel, bis sich die Frau liebkosend auf seinen Schoß setzt und das Nadelöhr willig wird. Die Nadel bohrt ein Loch in das Zeug, der Degen des Offiziers in den Leib des Menschen, die Feder des Ministers taucht in das Tintenfaß und die Gabel der Frau Geheimrat Landauer wird zu der Öffnung des Mundes geführt. Der Mensch geht aufrecht –« Ein Diener mit Kaffee trat auf ihn zu. Thomas griff zerstreut nach einer Tasse und redete emsig weiter, die Obertasse in der rechten, die Untertasse in der linken Hand. »Schließlich wird er matt und setzt sich, sinkt zusammen, wird schlapp, liegt mit gelösten Gliedern. Der Mann hascht sitzend den Ball mit geschlossenen Knien, die Frau öffnet sie weit, um ihn zu empfangen. Das Gehen, das Sprechen, das Essen. – Und die Mathematik –« er richtete sich auf und streckte den Arm mit der Kaffeetasse stolz nach Labri hin. – »Ohne Nabel wäre kein Punkt, ohne Beine keine Linie, kein Winkel ohne 289 Schenkel, kein Dreieck ohne das Dreieck der Venus. Die Schwangerschaft, das Weib ist die Hyperbel, dem Manne aber schießt der Strahl in parabolischem Bogen.« Ein Schrei ertönte und die Lady fuhr entsetzt vom Stuhl auf. Thomas hatte im Eifer der Rede die Parabel mit der Kaffeetasse demonstriert, ward jedoch das leidvolle Gesicht seiner Schwester gewahr und mitten in der Bewegung aufgehalten, schwappte die Tasse über; der Versuch, den Guß von seinem Weg auf das weiße Kleid der Dame abzulenken, führte nur dazu, daß sich die Flut auch über seine Brust ergoß und nun stand er da, braun gefleckt, und starrte verwirrt auf das Unheil, das er angerichtet hatte. Im nächsten Moment schon fühlte er sich sanft von seiner Schwester fortgeführt. Er kroch in sich zusammen und suchte vergeblich den Smoking über die braune Brust zu ziehen. An der Tür trat Frau Klara Nolde zu ihnen und wies sie in das Kinderzimmer, den einzigen Raum, der von der Gesellschaft nicht besetzt war. Wenige Augenblicke darauf, ehe noch Agathe Zeit gehabt hatte, den verwirrten Bruder so weit in Ordnung zu bringen, daß er ihre ununterbrochen prasselnde Strafpredigt anhören, geschweige denn würdigen konnte, trat Klara ein, auf dem Arm eines ihrer Kleider und begleitet von der Lady Friedländer. Thomas machte sich von der Schwester, die auf den Zehen stehend, eifrig an seinem Smoking herumbürstete und ihren Ärger hervorsprudelte, als wenn sie einen kleinen Jungen vor sich hätte, mit den Worten los: »Laß das Mutter und Kindspielen,« und schritt der Lady entgegen. Sie hob lächelnd den Finger und drohte damit, während Thomas sich niederbeugte, ihr die Hand küßte und um Verzeihung bat. »Es war nicht nett von Ihnen, Herr Weltlein, und ich hätte nicht gedacht, daß Sie so bösartig sein könnten.« Thomas hielt ihre Hand fest und streichelte sie leise. »Bös bin ich gewesen und artig werde ich sein, vielleicht werden wir Freunde und sind dann dankbar, daß ich einmal bös – artig war.« »Nein, so leicht soll es dir doch nicht gemacht werden,« mischte sich Klara ein und zog ihn mit einem ärgerlichen Seitenblick auf die Lady fort. »Böse Kinder kommen in die Ecke, ehe sie wieder von artig sein sprechen dürfen. Da, mit dem Gesicht gegen die Wand, 290 bleibst du stehen, bis Mylady sich umgezogen hat. Ja, ja, so geht's einem, wenn man ungezogen ist,« rief sie den beiden Kindern zu, die schon dreiviertel ausgezogen mit großen Augen auf die seltsame Szene starrten, wie der lustige große Onkel, der gestern mit ihnen getollt hatte wie niemand zuvor, in die Ecke gestellt wurde. »Kriegt er auch Haue«, fragte der Junge begierig, während die kleine dreijährige Liesbeth straks auf ihn zuging, sich auf die Zehen stellte und ihn mit ihren Händchen klapste, was Thomas mit lautem Geheul beantwortete. Unterdessen hatte Agathe die Rolle der Kammerjungfrau übernommen und die Lady ausgekleidet. »Es ist unerhört, wie er Sie zugerichtet hat, Mylady, du solltest dich schämen, Thomas. So ein großer Mensch wie du. Aber er hat es gewiß nicht mit Absicht getan. Er ist nur ungeschickt. Und« – sie eilte zum Licht, um die Taille zu prüfen – »ich glaube, der Schaden wird sich reparieren lassen. Erlauben Sie mir, daß ich es versuche –. Hör doch endlich auf mit deinen Albernheiten, Thomas, man versteht doch sein eigenes Wort nicht. – Ja, und der Rock wird auch wieder in Ordnung kommen. Aber es ist ganz gut, wenn er einmal einsieht, wie er es tut. Bei diesem scheußlichen Jagen nach den roten Feinden ist er ganz verschlampt. Aber ich versichere Sie, Lady Friedländer, er ist der beste Mensch unter der Sonne.« »So,« rief jetzt Klara, die die Lady angekleidet hatte, und mit einem lauten »Huh« drehte sich Thomas plötzlich um, so daß die kleine Liesbeth erschrocken zurücktaumelte und unfehlbar gefallen wäre, wenn Thomas sie nicht rasch aufgefangen hätte. Der Schreck genügte aber, sie laut aufheulen zu lassen. Mit einem raschen Ruck hob er sie hoch und wiegte sie ein wenig hin und her, während Agathe mit ihren Fingern über das Köpfchen fuhr und dazu summte: »Heile, Kätzchen, heile, Kätzchen hat vier Beine, Kätzchen hat 'nen langen Schwanz, Bis du heiratest, ist alles wieder ganz.« 291 Thomas streckte ihr die Zunge aus und ließ das Kind durch die Luft fliegen, so daß es jubelnd laut aufkreischte, setzte es auf die Schulter und jagte mit ihr, die vor Vergnügen in die Hände klatschte, durchs Zimmer, wie ein Pferd prustend, machte Sprünge und bockte und ließ schließlich die Kleine sacht in ihr Bett gleiten. »Ich auch, ich auch,« schrie der Junge verlangend, und ohne sich um die lebhaften Proteste der Mutter zu kümmern, die ihre Kinder rasch beten lassen wollte, ließ Thomas den kleinen Mann reiten. »Du sollst doch hören, Thomas,« rief Agathe höchst erzürnt dazwischen, »Frau Nolde will doch zur Gesellschaft zurück. So sei doch endlich still und lass den Jungen herunter.« »Ach, die Klara, die kann ruhig hier bleiben,« entgegnete Thomas. »Die Mama gehört überhaupt mir, nicht wahr, Junge?« »Nein, nein, sie gehört mir,« zeterte der Junge los, »es ist meine Mama, sie gehört mir ganz allein, nicht dir und nicht der garstigen Liesbeth und nicht dem Papa, sie gehört mir, nur mir allein.« »Da, fang dein Früchtchen,« lachte Thomas zu Klara hinüber und warf ihn der Mutter in die Arme. »Aber, Thomas,« Agathe war ganz blaß geworden, »wenn das Kind nun gefallen wäre.« »Dann sänge ich auch den Vers, mit dem sich die Mütter über den Fall aller Fälle trösten: bis du heiratest, ist alles wieder gut.« Und dicht an die Schwester herantretend und sich, die Hände in den Hosentaschen, auf den Beinen wiegend, sagte er mit bezeichnendem Blick: »Heile, Mädchen, heile, Dein Kätzchen hatte vier Beine, Das Kätzchen hatte einen langen Schwanz, Bis du heiratest, ist's Kätzchen wieder ganz.« »Du bist doch ein ekliger Schweinpelz,« lachte Klara, während die Lady fragend sich an Agathe wandte, die nur verächtlich mit den Achseln zuckte. 292 Frau Nolde war dabei, ihren Jungen zu waschen. Die Lady hatte sich in einen Sessel niedergelassen, neben dem Thomas stand, während Agathe das kleine Mädchen auf dem Schoß hielt und langsam auszog. »Merkwürdig,« sagte Klara, »sonst heult der Bengel und wehrt sich, als ob es ihm ans Leben ginge, und heute ist er ganz artig.« »Er präsentiert sich,« erwiderte Thomas, und wie um diese etwas unverständlichen Worte zu verdeutlichen, drehte sich der Junge im selben Moment um, lächelte schalkhaft, und sagte: »Tante Friedländer, hast du da noch ein Zipfelchen?« Und als er ringsum die mühsam ernsten Gesichter mit den lachenden Augen sah, und Frau Claras Worte, »aber Heinrich,!« ihm bestätigten, daß er etwas für Erwachsene gesagt hatte, suchte er seinen Erfolg zu befestigen. »Die Liesbeth hat keins und die Mama auch nicht, aber der Papa hat ein ganz –« Klara suchte ihm den Mund zuzuhalten und das Wort »großes« kam nur noch halb erstickt hervor. »Pfui,« sagte die Mutter, »schäme dich, so etwas sagt man doch nicht.« Sie ärgerte sich und brauchte das Handtuch unsanft, was der Junge sofort mit einem gellenden Heulen beantwortete, in das Liesbeth nach ihrem Gesicht zu urteilen, einzustimmen Lust hatte. Obwohl die Mutter die Kraft von dem Organ ihres Sprößlings kannte und ganz genau wußte, daß sämtliche Räume der Etage jetzt hörten, was vorging, suchte sie doch den Jungen mit Hilfe der mütterlichen Handflächen zu beschwichtigen, was natürlich vollkommen mißlang. Der Junge riß sich los und flüchtete zur Tante Friedländer, in deren Schoß er seinen Kopf verbarg. Die alte Dame streichelte ihm die Haare und redete ihm gut zu, während Thomas feixend zu seiner Schwester hinüberwies, die gleichfalls alle Verführungskünste anwandte, um das andere Heulmaul zu stopfen. Frau Klara stand ratlos da, hatte das Töpfchen in der einen Hand, um die Vorbereitungen zum Schlafen bei ihrem Ältesten endgültig zu erledigen, mit der anderen hatte sie seinen Arm gepackt und zerrte daran, was ihn aber nicht im mindesten rührte. In dieser kläglichen Situation wurde ein Bonbon zur Rettung, das Lady Friedländer aus ihrem Täschchen hervorzauberte, und mit dem erst Heinrich, dann Liesbeth der Mund gestopft wurde. 293 »Jetzt also kommt das höchste der Muttergefühle, das Fest des Strahles,« sagte Thomas lachend und wies auf Klara, die, mit dem Rücken dem Publikum zugekehrt und möglichst breit sich stellend, ihrem Jungen das Töpfchen vorhielt. Das aufregende Geräusch des Wassers war für Agathe zu viel, sie beschloß es zu überschelten. »Du benimmst dich wieder einmal unglaublich, Thomas.« Sie rutschte mit dem Stuhl hin und her, aber das Plätschern klang weiter. »Wieso?« erwiderte der, »ich nehme nur teil an dem großen Phänomen der Mutterliebe und suche die Ursachen des Weltverlaufes zu ergründen. Ich finde es einfach bewundernswert, daß den Knaben dieses unentbehrliche Geschäft durch die unvermeidliche Beteiligung der Mutterhand zur Quelle der Freude wird. Ich bin überzeugt, daß auf diesem alltäglichen Ereignis das Bestehen der Menschheit beruht.« »Schwatze nicht,« sagte Agathe ärgerlich und suchte ihr Kleid gegen die klebrigen Finger Liesbeths zu schützen, was nur zur Folge hatte, daß ihre Backe gestreichelt wurde und eine Kruste von kindlicher Spucke und Zucker erhielt. Thomas zuckte die Achseln mit dem Ausdruck tiefster Verachtung. »Du verstehst natürlich nichts davon,« sagte er, »aber es liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Dreck am Liebesorgan sich sammelt und daß es die Mutter ist, die da reinigen muß. Du verstehst überhaupt nichts, weißt nicht einmal, warum du aus Bäuchlingen ausgerissen bist.« Agathe hielt jetzt beide Händchen des Kindes und klappte sie zusammen. »Rat wollte ich mir bei dir holen, weil es doch unmöglich ist, Brautleute allein im Walde spazieren gehen zu lassen, aber du, du, –« Sie konnte vor Zorn nicht Worte finden. »Rat? ha!« Er trat auf seine Schwester zu und sah sie scharf an. »Dieser Spaziergang im Walde, mit Händedruck, mit leisem Kuß und verstohlenem Reiben an Brust und Leib, mit seliger Versuchung und unseliger Qual ist der Traum aller Frauen und weil du das, was dir nach den Kosthäppchen mit andern beim besten Willen versagt war, Alwine nicht gönnst –« Agathe setzte die Kleine so heftig auf die Erde, daß sie unfehlbar wieder geheult hätte, wenn ihre Mutter sie nicht zum Waschen 294 geholt hätte. »Du bist – « und plötzlich sanft werdend, sagte sie: »Vielleicht hast du Recht. Ich habe das noch gar nicht überlegt.« »Am Hochzeitstage werden dir noch ganz andere Lichter über dein Mutterherz aufgehen,« sagte Thomas selbstgefällig und beugte sich zu dem Jungen herab, der ihm Gute Nacht sagen wollte, »sei nur ehrlich.« Lady Friedländer lachte und sah verständnisvoll zu Klara hin, während Agathe verstimmt ihre Tasche auf und zu knipste. Der Junge trabte vergnügt lachend durch das Zimmer, lief nochmals zur Lady, präsentierte und fragte wieder: »Hast du keins, Tante?« Thomas hob den laut lachenden Bengel hoch und über die Schulter weg der verzweifelten Klara zunickend, sang er: Stock und Hut Steht ihm gut, Hat auch frohen Mut Aber Mutter weinet sehr – Es steckt viel Sinn im kind'schen Spiel.« Mit einem Ruck warf er den Jungen ins Bett und lachte, daß es schallte. Die Gesellschaft gruppierte sich jetzt um Liesbeth herum, die, auf der Wickelkommode sitzend, von der Mutter abgetrocknet wurde. Sie sah ernsthaft von einem zum andern und nahm würdig die Huldigungen ihres Hofstaates entgegen. Plötzlich hob sie ihr Hemdchen und mit den Worten: »Da hat mich was gestochen und da hat mich was gestochen,« tippte sie erst auf ihre rechte, dann auf ihre linke Brustwarze. Alles lachte, aber sofort verstummte die Freude und jeder sah besorgt auf Thomas, der leichenblaß schwankte, während ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Agathe flog zu ihm hin und fing den halb Ohnmächtigen in ihren Armen auf. »Was ist dir?« fragte sie zitternd vor Angst. Er sah sie geistesabwesend an, stieß das Wort: »Alwine,« hervor und ließ sich willig zu einem Stuhl führen. Die Fragen und Hilfeleistungen wehrte er ungeduldig ab. »Nur einen Augenblick,« bat er. Er saß eine ganze Weile und starrte vor sich hin. 295 »Sind es die Wanzen?« fragte Agathe, die beim Nachdenken über die Ursache des Unfalles auf das Wort Stechen gestoßen war. Thomas schüttelte den Kopf, dann hob er den Arm, deutete langsam auf der Schwester Brust und sagte: »Da, du weißt ja.« Und nach einer Weile fragte er eindringlich: »Besinnst du dich noch auf Mama? Ich sehe sie deutlich vor mir, wie sie dich nährte. Ich war sehr neidisch damals und ich rieche noch den eigentümlichen Geruch der Milch. Und später du, besinnst du dich? An dem Rhododendrongebüsch? Und Alwine.« Er brach plötzlich ab, erhob sich und verabschiedete sich, ohne ein weiteres Wort. Man hat nie erfahren, was es für eine Bewandtnis mit Alwine und ihm hatte.     35. Kapitel. Der rote Prinz. Willkommen und Abschied. Den folgenden Vormittag brachte Thomas im Bett zu. Er lag meist mit geschlossenen Augen da und gab auf alle Fragen kurze, mürrische Antworten. Ohne im mindesten zu erklären, was in ihm vorgegangen war. Erst spät erhob er sich, um sich anzukleiden und fuhr dann, ebenso wortkarg wie in den letzten Stunden, mit Lachmann nach Belvedere zu dem Jagddiner des Prinzen Viktor. Außer den beiden Freunden, dem Prinzen und seinem Adjutanten Schmettau, waren noch drei Herren zugegen, ein Kapitänleutnant von Lettow, der zum erstenmal eingeladen war, ein Herr von Hammerstein, Landrat des Kreises Eberswalde, ein Mann mit starkem Kinn und herabhängendem, rötlichblonden Schnurrbart, und ein Graf Dohna, in dem die beiden Freunde zu ihrem Erstaunen den alten, patriotischen Herrn von Weltlein's Grußaffäre mit dem Kaiser wieder erkannten. Das Diner verlief ziemlich langweilig. Der Prinz hatte sich, was bei seinem Temperament leicht vorkam, über einen Förster geärgert, der ihm nicht rasch genug Auskunft gegeben hatte, er war infolgedessen einsilbig und taute erst auf, als der Marineoffizier von seinen 296 Reisen zu erzählen anfing. Während er noch im besten Schwatzen war, brachte einer der Diener ein altertümliches Trinkgefäß in der Form eines Hirschgeweihes herbei. Der Prinz schlug an sein Glas und sagte: »Auf Belvedere ist es üblich, die neuen Gäste mit einem Willkommen zu begrüßen, und schon seit den Zeiten des Kurfürsten Joachim ward jedem, der am Zechgelage weidgerechter Männer teilnimmt, dies Gefäß voll bis zum Rand mit Wein gereicht. Willkommen denn, Bautz, willkommen, Lettow, und du, Laban. Euch trink' ich es zu!« Er führte das Gefäß zum Munde, nippte daran und reichte es dem Adjutanten, der neben ihn getreten war. Um Schmettaus Lippen mit dem hochgestrichenen ›Es ist erreicht‹ spielte ein boshaftes Lächeln, was von dem Landrat durch ein gewaltiges Streichen seines Schnurrbartes und von dem Grafen Dohna mit einem Räuspern beantwortet wurde. Er gab das Geweih weiter an den ihm zunächst sitzenden Lachmann, der, vergnügt über die Ehre, an des Prinzen Tische zu sitzen, es mit strahlenden Augen hochhob, dem Prinzen entgegen hielt und, in der Absicht es als alter Korpsstudent, koste es was es wolle, bis auf den letzten Tropfen leer zu trinken, ansetzte. Der erste Riesenschluck rann ihm die Kehle herunter, aber plötzlich schossen ihm aus den Zacken des Geweihes Strahlen über Augen, Gesicht und Kleider und mit einem ›Pfui Teufel‹ hielt er das Vexiergefäß weit von sich ab, halb blind nach der Serviette tastend und aufspringend. Nun stand er triefend da und wischte an sich herum. »Aber, Bautz,« rief der Prinz, »was hast du für Manieren.« Es war der stehende Witz des Jagddiners und wurde mit dröhnendem Lachen der erfahrenen Gäste quittiert. »Nun, Lettow,« wendete er sich dann zu dem Marineoffizier, »zeigen Sie, daß die Seeschlange dem Doktor blutegel überlegen ist. Es ist halt eine Kunst zu trinken, und Bautz ist zu philiströs geworden, er kann nichts mehr als Klystiere geben und vielleicht spritzt er da auch daneben.« »Den Kopf nach hinten beugen,« rief der Landrat dem Herrn von Lettow zu, der das Gefäß aufmerksam betrachtete, »ganz weit nach hinten, dann geht's!« 297 Der Seemann drehte das Geweih immer noch nach allen Seiten und sah bald den Prinzen, bald den Landrat, bald seine neue Uniform an. »Warten Sie, ich werde es Ihnen vormachen,« rief jetzt Schmettau, ergriff das Gefäß, lehnte sich weit im Stuhl zurück, ließ den Kopf nach hinten über die Lehne hängen und trank. Thomas beobachte scharf seine linke Hand, deren Zeigefinger auf der zweiten Zacke des Geweihes ruhte. »Halt,« rief der Prinz, »das ist nicht erlaubt. Ein tüchtiger Marineoffizier muß sich im dicksten Nebel zurecht finden. Vorwärts, Lettow.« Der Kapitänleutnant nahm das Trinkgefäß und die Haltung des Adjutanten nachahmend, sie noch übertreibend, begann er zu trinken. Plötzlich ließ er das Geweih fallen und sank hustend und prustend, blaurot im Gesicht vom Stuhl. Eine Klappe in dem Zacken, an dem er trank, hatte sich geöffnet, und der Wein war ihm im dicken Strahl in die Kehle geflossen. Nun saß er neben dem wischenden Lachmann am Boden, hilflos mit der Serviette den Strom aufzuhalten suchend, der ihm aus Mund und Nase über die Uniform floß. Der Chor der Eingeweihten lachte, daß sich die Balken bogen. In den Augen des roten Prinzen funkelte die Schadenfreude. »Jetzt kommt an dich die Reihe, Laban,« rief er, »du hast die rechte Nase für den Suff. Gib acht und zeig' uns, was du bäuchlings kannst. Er ist aus Bäuchlingen,« erklärte er dem Grafen Dohna, da er fürchtete, daß die Pointe seines Witzes verloren gehen könnte. Dohna nickte und grinste höhnisch im Andenken an die Fopperei dieses Zivilisten, und im Vorgefühl der Wiedervergeltung. Thomas nahm das Gefäß gleichgültig und hob es zum Munde, ohne es auch nur anzusehen. Aber gleichzeitig drückte er auf die zweite Zacke und lächelte befriedigt, er hatte recht gesehen, sie federte und regelte offenbar den Fluß des Weines. Schon wollte er den Kopf nach hinten überlegen, aber es war ihm, als ob der Prinz seine Fingerbewegung gemerkt hätte und nur noch spöttischer lache. Das machte ihn irre und er änderte zu seinem Unglück seine Taktik, da er ganz sicher gehen wollte. Er winkte dem Diener und 298 sagte: »Kippen Sie mich mal mitsamt dem Stuhl nach hinten über, aber halten Sie fest, ich bin nicht leicht.« Der Diener sah fragend zum Prinzen hinüber, und als er den nicken sah, tat er, wie ihm befohlen war. »Das ist mich so be'wemer, sagte der kleine dicke Junge, dem der Vater einen Rechen angeschafft hatte, um ihn durch Körperbewegung magerer zu machen, und harkte im Sitzen.« Er setzte an und trank. Alle warteten auf den Augenblick, wo er spucken und husten werde, aber er trank und trank und – »Rums,« rief der Prinz und ließ die erhobene Hand mit einem befehlenden Blick auf den Diener rasch sinken und im nächsten Augenblick lag Thomas übergossen vom Wein mitsamt dem Stuhl auf dem Boden. »Sie sind ein vierundzwanzigfach ins Quadrat erhobenes Rind- und Mistvieh,« schrie der Prinz, das Lachen verbeißend, seinen Diener an, der, an derlei Schmeichelei gewöhnt, sich erschrocken stellend, dastand. Aber die Worte gingen in dem Brausen, dem Händeklatschen, dem Fußstampfen der Trinkgenossen unter. Eine jubelnde Freude herrschte. »Nun sind sie alle drei begossen,« rief der Landrat und trank sein Glas aus, während er mit der anderen Hand hoch in die Luft fuhr. »Und schäumen innerlich wie Champagner,« höhnte der Adjutant. »Und sind willkommen,« schloß der Prinz. Die Unterhaltung wurde allgemein und lebhaft, auch Lettow und Lachmann machten mit. Nur Thomas saß steif auf seinem Stuhl und sagte kaum ja und nein. Er blickte von Zeit zu Zeit auf seinen verdorbenen Anzug, dachte an Agathe und schmorte seine Rache. »Na, Laban,« redete ihn schließlich der Prinz an, »erzähle doch auch etwas. Wie steht es mit deinem Jagen?« Thomas lächelte vor sich hin, strich langsam mit Zeigefinger und Daumen am Stengel seines Glases entlang und sagte: »Ich habe nur einmal in meinem Leben der edlen Jagd obgelegen und das Wild, das ich gepirscht habe, war den Tigern und Löwen des Herrn von Lettow höchstens im Blutdurst ähnlich und den Füchsen des Landrates im Gestank. Aber so klein mein Spezialgebiet auch 299 ist, ich glaube wohl sagen zu können, daß kein Sterblicher mehr Erfahrung darin hat als ich.« »Na, na,« sagte der Landrat und strich sich den Schnurrbart, »wenn es deutsches Wild ist.« »Es ist international,« erläuterte Thomas, und Lachmann, dem das Thema gewisser seltsamer Eigentümlichkeiten des Prinzen wegen unangenehm war und der gern rasch über die Sache wegkommen wollte, fiel in erhobenem Tone ein: »Mit anderen Worten, es sind deine geliebten roten Feinde, aber dafür wird augenblicklich kein Interesse vorhanden sein.« »Warum nicht?« sagte der Prinz. »Jagd bleibt Jagd und wenn uns alten Schlaubergern der gute Laban wirklich noch etwas Neues über Rotwild sagen kann –« Thomas hatte unverwandt sein Glas angesehen, in dem die Champagnerperlen hochstiegen, jetzt blickte er den Prinzen scharf an und sagte: »Wanzen.« Prinz Viktor fuhr so heftig zusammen, daß er mit dem Arm gegen das Weinglas stieß und es umwarf. Während der Diener rasch den Schaden beseitigte und die winzigen Spritzer auf der Uniform seines Herrn abwischte, rief Lachmann, ehe noch irgend jemand eine Frage über das seltsame Thema stellen konnte: »Es ist der Kunstausdruck für die kleinen Mädchen, zwischen Laban und mir. Sie saugen Blut und ich darf wohl voraussetzen, daß die Herren sich die rote Farbe aus vierwöchigen Erfahrungen selber erklären können.« »Und der Gestank,« lachte Schmettau, der seinen Herrn genug kannte, um zu wissen, wie versöhnend diese Bemerkung auf ihn wirken werde. Thomas tat, als ob er nichts von der Idiosynkrasie seines Wirtes wisse, und harmlos die Hand gegen Lachmann erhebend, sagte er: »Du vergißt die Hauptsache. Wan – das ist Wahn, und zen – das ist Zentrum. Das Weib ist das Wahnzentrum, hat das Zentrum des Männerwahnes.« »Das stinkend, blutende, aussaugende Zentrum.« Der Adjutant suchte um jeden Preis den Prinzen in gute Laune zu versetzen, selbst auf die Gefahr hin, den alten Grafen Dohna – der 300 Landrat zählte nicht mit, da er in Gegenwart von hohen Herren nicht zu beleidigen war und alle anderen waren Junggesellen – zu kränken. Dohna verbiß seinen Ärger und um sich das zu erleichtern, packte er den neben ihm sitzenden Landrat an seiner empfindlichen Stelle: »Dort, wo mein Wähnen Frieden fand, Wahnfried sei dieses Haus genannt. So sagt ja wohl der göttliche Wagner, nicht wahr, Hammerstein?« Sofort entwickelte sich zwischen den beiden ein hitziges Wortgefecht mit der Losung, hie Wagner, hie Brahms, während die anderen sich, einschließlich des Prinzen, an dem Thomas-Thema, dem Weibe, beteiligten. »Aus diesem Zentrum,« sagte Thomas und fügte Daumen und Finger der linken erhobenen Hand zu einem Ring zusammen, gleichsam, als wolle er vormachen, was er meine, »sind wir alle gekommen, nach der Ruhe in ihm sehnen wir uns, so lange wir eben, in ihm schliefen wir, als wir noch Götter waren, auf deren leiseste Regung hin sich eine Welt, der Kosmos der Mutter, dienstbar bemühte; aus diesem Zentrum entspringt der Gedanke des Königtums und der Kirche, und die Gottesidee selbst nimmt ihren Ursprung dort.« Lachmann rückte ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her, während der Seemann verständnislos von dem Sprecher zum Prinzen sah. »Du mußt uns schon ein wenig deutlicher erklären, was du meinst. Die Philosophie gedeiht nur schlecht im Gehirne des Soldaten,« sagte der Prinz. Thomas bog sich weit über den Tisch. Seine Augen glänzten und seine Hände zitterten. »Ich meine, daß die Welt von einer Kraft nicht nur regiert wird, nein, geschaffen wird; sich aus sich selbst schafft. – Ich hätte nicht gedacht, daß es so schwer sei, sich verständlich zu machen – also ich meine, es gibt etwas, was unsere Nase formt und unser Barthaar . . .« »Das meine ich auch,« rief Schmettau dazwischen, »und bin doch kein Philosoph.« 301 »Vielleicht aber einer, der viel soff,« witzelte Lachmann. Der Wein begann jetzt allgemein zu wirken. »Laßt ihn doch ausreden,« mahnte der Prinz und schlug mit dem gekrümmten Mittelfinger auf den Tisch. Thomas faßte sich verzweifelt mit beiden Händen in die Haare. »Ausreden, ja wenn ich das könnte, aber hier sitzt es fest.« Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. »Wie soll man vom All reden, wenn man nicht selbst Gott ist. Also hört zu. Lachmann so hilf mir doch! Mein Gott, mein Gott. Also ich meine – Ich meine, verdammte Eitelkeit, große Herrscherin, alles dreht sich um das Ich und das Mein, aber ich muß es können, muß es aussprechen, deutlich machen können.« »Er ist vollständig hinüber,« flüsterte Lachmann dem Prinzen zu, »ich glaube, ich muß ihn beseitigen.« Ehe Prinz Viktor noch antworten konnte, hatte sich Thomas gefaßt. Seine flackernden Augen waren ruhig und er begann wie in einem Hörsaal zu sprechen, während er das Glas hochhob und auf die Perlen im Wein blickte. »In so einem Glase spiegelt sich die ganze Welt, sie ist darin enthalten. Aus Erde wurde es gemacht, die Kraft des Feuers steckt darin, Wasser und Luft bilden es, das Licht spielt damit und elektrische Ströme kreisen unablässig in seinen Wänden. Die Menschenarbeit von Jahrtausenden, der Geist längst vermoderter Gehirne lebt da und spricht zu mir, und ich bete an, was unbeschreiblich und unbegreiflich ist. Aber es gibt Wege, die einen Ausblick gewähren, Momente des Hellsehens, in denen der Schleier sich lüftet.« Der Adjutant breitete die Serviette über sein Gesicht und ließ sie mit einer allzu absichtlichen Geziertheit sinken, aber der Prinz winkte ihm hastig mit der Hand und Schmettau sank untertänigst in sich zusammen, innerlich über den Schwätzer Thomas fluchend. »Das Merkwürdige im Menschenleben,« Thomas sprach trocken und sachlich wie ein Rechenlehrer, »ist, daß aus menschlichem Samenfaden und Ei immer ein Mensch wird, nicht ein Hund oder ein Pferd, sondern ein Mensch. Es ist also von vornherein eine Kraft da, die imstande ist, ein Augenpaar zu formen und es unter 302 die Stirn zu setzen, Finger zu schaffen und ihnen Gefühl zu geben, einen Mund zu bilden und darin eine Zunge. Wenn diese Kraft das vermag, ist es doch närrisch zu leugnen, daß sie auch Fabriken baut, Kronen aufsetzt, Reiche gründet und Jagdschlösser baut.« Er sah streng im Kreise umher, als ob er niemandem raten wolle, zu widersprechen. Der Kapitänleutnant Lettow hatte ein Skizzenbuch vor sich hingelegt und zeichnete eifrig Weltleins Profil, wobei ihm der Prinz, über das Papier gebeugt, mit gut gemeinten Ratschlägen zu helfen suchte. »Die Zeichnung von mir zum Beispiel, die der Herr da neben Seiner Königlichen Hoheit entwirft – ja, ja, ich meine Sie, Herr von Lettow, aber ich werde mich erst einmal richtig hinsetzen, daß meine Nase gut zum Vorschein kommt – also diese Zeichnung wird scheinbar von der Hand eines Mannes ausgeführt, in Wahrheit ist es aber Eros selber, der arbeitet. Das Blatt Papier ist ein Weib, der Stift der Mann –« »Und die Zeichnung das Kind,« ergänzte der Prinz lachend. »Ganz richtig, fahren Sie nur so fort, Königliche Hoheit, dann wird etwas aus Ihnen werden. Exzellenz Dohna, wenn Sie nicht aufhören, mit Ihrem Nachbar zu zischeln, werde ich Sie einmal gehörig vornehmen. Ich verstehe auch gar nicht, wie jemand so gedankenlos und indolent sein kann, zu schwatzen, wenn er Gelegenheit hat, auf offener Tafel und bei voller Beleuchtung so einen interessanten Vorgang mit anzusehen, wie den Beischlaf zweier Liebesleute.« Ein schallendes Gelächter brach los, zu dem der Prinz das Zeichen gab. »Ihr seid ja – In der Garderobe,« wandte sich Thomas an den Diener, »steht mein Stock; bringen Sie mir den einmal her. Ihr seid ja eine unglaubliche Rasselbande. Aber ich werde euch die Flötentöne beibringen. Bei der Flöte befinden wir uns auf dem Gebiet der Musik. Deutlicher als in der länglichen Form dieses Instruments, das an die Öffnung des Mundes angesetzt und hin- und hergezogen wird, kann die Natur nicht sprechen.« »Du hast recht,« scherzte der Prinz, »es ist genau so, als ob man mitten in der Tätigkeit das elektrische Licht anknipste, um zu sehen, wie sich das Bräutchen benimmt.« 303 »Er tut nur so,« flüsterte der Landrat Thomas zu, »er hat noch nie ein Weib angerührt.« »In der Elektrizität habt ihr dann – danke schön,« unterbrach er sich, nahm dem mühsam seinen Ernst bewahrenden Diener den Stock ab und legte ihn vor sich auf die Tischplatte – »den Übergang zur Technik. In allen Romanen könnt ihr es lesen, daß ein elektrischer Strom durch seinen oder ihren Körper geht, wenn sich zufällig die Hände berühren. Und dann die Reibung. Wenn es bei der Reibung nicht durch den Körper rieselt wie ein elektrischer Strom, hätten wir keine Dynamomaschinen, keine Trams und kein elektrisches Licht. Das Essen mit der Gabel ist ebenso nur erfunden worden, um den Appetit der Tischgenossen durch die Vorführung eines reizvollen Liebesspiels anzuregen, und es ist ohne weiteres verständlich, daß auch das Sprechen nur dadurch entstanden ist, daß der allmächtige Eros das weibliche Organ des Mundes zur Vereinigung mit der männlichen Zunge trieb. Wie der Schmettau sich die Lippen leckt! Das paßt ihm so. Also weiter.« Thomas wurde nachdenklich und rollte das Stöckchen, das vor ihm lag, hin und her. »Für diese Kräfte,« sagte er stockend, als ob er die Gedanken auseinander legte, »gibt es weder Zeit noch Raum. Wir sind alle Kinder, spielen hier Schule und ahnen es nicht einmal, daß das alles sehr ernsthaft ist. Solch ein Ding wie die Ehe zum Beispiel. Wir lachen über die Inder, die sich mit zwei Jahren verheiraten. In dem Moment aber, in dem wir uns verlieben, sind wir nicht älter. Wir werden unserer Auserwählten gegenüber zum Kinde, empfinden mit der heißen Glut und dem Begehren wie das zweijährige Kind, fühlen irgend eine Ähnlichkeit – vielleicht ist es der Vorname oder der Fuß, das ist besonders häufig – mit dem ersten Gegenstand unserer Leidenschaft, der Mutter, und heiraten sie, weil sie sich für uns in die Mutter verwandelt. Wir heiraten unsere Mutter.« Bis auf den Prinzen, der offenbar irgend eine Absicht verfolgte und deshalb aufmerksam Weltleins Worten folgte, hörte niemand mehr zu. Nur den letzten Satz hatte der Landrat aufgeschnappt und da er von Amts wegen die Gewohnheit hatte, seine hohe Moralität zu zeigen, protestierte er. »Selbst die Fidelitas des Rausches sollte noch gewisse Grenzen 304 kennen. Etwas so Heiliges, wie das Verhältnis von Mutter und Kind, zum Gegenstand des Spottes machen, das geht mir zu weit.« »Ich kann in den Worten Labans nichts finden, was Ihre Entrüstung rechtfertigt, Hammerstein,« sagte der Prinz scharf. Der Lärm des Gespräches verstummte sofort und die folgenden Sätze Thomas' wurden daher von allen gehört. »Erinnern Sie sich doch, Herr von Hammerstein, wie verlegen Sie sind, wenn Ihnen Ihre Frau Gemahlin eine Rede über Wahrheitsliebe hält, wenn Sie sich dann im Spiegel sähen, würde Ihnen ein Gesicht entgegentreten, wie Sie es als Junge Ihrer Mutter gegenüber hatten.« Der Graf Dohna nickte lebhaft, bog sich weit zum Prinzen hinüber und sagte: »Er ist wirklich nicht dumm, dieser Zivilist.« »Und,« fuhr Thomas fort, »sollten Sie niemals als Erwachsener an den Brüsten einer Frau gesogen haben?« Alles lachte und der Adjutant flüsterte Thomas zu: »Die Milchwirtschaft seiner Frau ist total ausgesogen, hängt bis zum Nabel herunter.« »Die Bemerkung ist gar nicht dumm,« pflichtete der alte Herr bei, »jeder, der beim Mädchen zur Attacke übergeht, knöpft ihr zuerst die Bluse auf, wird also gewissermaßen Säugling, der nach Nahrung sucht.« Thomas fuhr wieder mit vollen Segeln. »Daß der Mensch sein Leben lang Kind ist, zeigt sich, sobald er allein ist. Er bläst dann ungeniert die Kindertrompete, die ihm der Herrgott mitgegeben hat, und wenn es ihm unter Menschen passiert, macht er sofort ein achtjähriges Gesicht, sei es nun pfiffig oder verlegen. Die Mütter sind puppenspielende Kinder, das lehrt jeden Abend und jeden Morgen beim Waschen und Füttern ihr Kindergesicht und ihre Bewegungen. Und mit dem Vater ist's nicht anders, sobald er Pferd spielt. Beim Zanken sind die Menschen Kinder, beim Lachen, als Kranke; alle Altersstufen kommen täglich zum Vorschein. Sehen Sie nur den Lachmann, er kratzt sich wahrhaftig den Kopf, das ist ein gutes Zeichen seines Charakters.« Lachmann war verlegen, da alle Blicke sich ihm zuwandten, aber der Prinz nickte freundlich und trank ihm zu. »Und wer von uns bohrt denn nicht in der Nase, wenn er Gelegenheit dazu hat und niemand etwas merkt?« 305 Alles lachte, nur Exzellenz Dohna hob die Nase hoch und schniefte unbehaglich durch das eine Nasenloch. Der Seemann bekam plötzlich Husten, der Zigarrenrauch war ihm plötzlich in die unrechte Kehle gekommen. »Wer malt nicht schöne Figuren mit seinem Strahl an die Wände der Retiraden?« Thomas blickte triumphierend in die Runde. »Die Schrift sagt: So ihr nicht werdet wie die Kinder –« »Lassen Sie gefälligst die Bibel aus dem Spiel,« schrie der alte Graf heftig, aber der Prinz legte ihm beruhigend seine Hand auf den Arm und sagte: »Es herrscht Redefreiheit in meinem Hause.« »Ich bitte um Verzeihung, Königliche Hoheit, aber diese Zusammenstellung –« »Verletzt Ihr Gefühl, ich weiß. Aber das hindert nicht, daß wir Rede-, oder besser Narrenfreiheit haben.« Thomas sah den Grafen durchdringend an: »Exzellenz haben die Zeiten vergessen, in denen Sie die Bibel auf schlüpfrige Stellen hin lasen, um sich aufzuregen.« Der Hieb saß, Dohna wurde blaß und schwieg. »Versetzen Sie sich doch zurück,« fuhr Thomas eifrig fort, »haben Sie den Mut, dreizehnjährig zu sein, zaubern Sie sich die Stellen aus Hesekiel vor, aus der Erzählung von Ammon und seiner Schwester,« einen Augenblick unterbrach er sich, hustete und schnaubte sich und fing wieder an, »aus Susanna im Bade, aus dem Hohenlied, von Lots Töchtern. Einer wenigstens unter uns ist ehrlich, er spielt mit seinem Ring, ist vierzehnjährig.« Der Kapitänleutnant streckte hastig beide Hände vor sich auf den Tisch, so daß der Brillant an seinem linken Goldfinger blitzte. »Am Ring spielen, was heißt das?« rief näselnd der Adjutant, »das ist mir zu hoch.« »Sie sind ja auch nicht verheiratet,« parierte Thomas, »sonst würden Sie wissen, daß der Ehering kein Band ist, wie die Menschen meinen, sondern das Gelöbnis des Weibes, ihren natürlichen Ring niemals auf einen ausgestreckten Finger zu stecken, es sei denn der ihres Mannes.« »Das ist ja eine glänzende Rechtfertigung der doppelten Moral,« sagte der Landrat höhnisch, »danach hat das Weib Treue zu halten 306 und der Mann darf über seinen Finger, wirklich oder symbolisch frei verfügen.« »Wovon manche Leute Gebrauch machen,« rief der Adjutant wieder und trank dem Landrat zu. »Und weshalb die Weiber den Ehering eine goldene Fessel nennen, ein Ausdruck, den Männer nicht brauchen, obwohl sie die Fessel empfinden,« sagte Lettow nachdenklich und betrachtete seinen Ring. »Der Sieg des Weibes, da ist kein Zweifel,« nahm Thomas wieder das Wort, »die natürliche Rachsucht des unterlegenen Teiles –« Lettow lächelte vor sich hin – »die Qual, die Hölle dem Teufel selber bereitet.« »Ich bitte dich, Laban,« unterbrach ihn der Prinz, »laß doch die Bibelsachen fort. Exzellenz Dohna wird ungeduldig.« Er freute sich offenbar darüber den Grafen zu hänseln. »Teufel und Hölle haben nichts mit der Bibel zu tun,« fuhr Thomas unbeirrt fort. »Der Schwefelpfuhl, aus dem die roten Gesichter der schreienden Sünder hervorglühen, während die Teufel schüren, hat den Gestank von hinten her, von den mephitischen Dämpfen; das Gelb stammt von vorn. Die rot leuchtenden Häupter recken sich der feurigen Hölle mit ihrem feuchten Dunkel entgegen und der Teufel ist ein bocksbeiniger, haariger Geselle mit Hörnern und Schwanz.« »Pfui Teufel,« sagte Schmettau unwillkürlich. Alles lachte. Thomas wurde plötzlich wieder nachdenklich. »Wir werden von Kräften gelebt, die wir nicht kennen, wir schwatzen von Freiheit des Willens und können doch nicht eine Kruste Brot mit unserem Willen verdauen, alles geschieht, ohne daß wir es verstehen. Erinnern Sie sich noch, Exzellenz,« er wandte sich zum Grafen Dohna und streckte den Arm bis fast zu dessen Platz, sich weit über den Tisch legend, »wie ich den Kaiser ohne Gruß vorbeifahren ließ?« Der Prinz rückte plötzlich seinen Kopf in dem Kragen zurecht und zog seine Uniform glatt. Dohna hob langsam das Gesicht gegen den Frager und sagte: »Was soll's?« »Ich habe nichts gegen den Kaiser, mag er seine Kindereien treiben wie wir auch.« 307 »Laban,« rief der Prinz drohend. »Aber daß der König sich ohne Szepter und Krone zeigt, das will mir nicht in den Kopf.« »Es wäre wohl ein wenig unbequem und nur ein Vergnügen für Kinder und kindische Leute,« sagte der Prinz und trommelte den Preußenmarsch auf den Tisch. »Jede Braut trägt Kranz und Schleier als Zeichen ihrer Würde. Deutlich vor aller Augen zeigt sie ihr unberührtes Magdtum, stolz ruft sie es in die Welt hinaus: Heute wird das Haupt des Gottes in mein Kränzchen dringen und den dünnen Schleier Hymens zerreißen. Das Symbol adelt den Menschen, adelt jede Handlung, erhebt über Gut und Böse. Ein Weib, das sich auf der Straße entblößt, ist verächtlich, das Symbol des Brautschmuckes aber gebietet Ehrfurcht, auch dem, der es als Entblößung zu deuten weiß. Ein König muß die Insignien seines Berufes tragen, ohne Krone ist er ein Nichts.« Thomas verlor immer mehr die Selbstbeherrschung, er sah verbissen nach dem Prinzen hinüber, immer noch weit über den Tisch vorgebeugt, und krallte sich mit den Fingern ins Tischtuch. »Kranz und Krone, es ist dasselbe. Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, – wißt ihr denn nicht, was der Siegerkranz und das Vaterland, das Land, in dem der Vater herrscht, ist!« Er hob den Finger hoch, sein Gesicht zuckte und der Unterkiefer ging brutal nach vorn. »Des Thrones Glanz gibt Wonne, wir wissen es alle.« »Unerhört!« Graf Dohna wollte aufspringen, der Prinz hielt ihn zurück und biß sich die Lippe. »Paßt es euch nicht, daß der König der Herr ist, das Weltall symbolisiert,« schrie Thomas, »ihr, die ihr euch königstreu nennt? Die Krone das Weib, das Szepter der Mann, der Apfel das Kind, der Untertan, der, von der Linken festgehalten, des Schlages auf den Apfel gewärtig sein muß.« Er richtete sich auf und griff nach dem Stock, alles war Hohn in seiner Haltung und Bewegung. »Der Fürst umhüllt vom weißen Hermelin, geschnitten aus dem Fell der Völker und vollgesogen mit dem Purpur unseres Blutes. Der König ohne Purpurmantel ist ein blutsaugendes Insekt.« »Unverschämter.« Der Prinz war so heftig aufgesprungen, daß der Tisch zitterte und der Wein aus den umgestürzten Gläsern floß. 308 »Der König darf's,« schrie Thomas ächzend. Er rang mit Lettow, der ihn fortzuschaffen suchte, während Schmettau ihm den linken Arm gepackt hatte und ihm den Stock zerknickte und der Graf seine rechte Hand faßte und ihm den Mund zuzuhalten suchte. »Du aber bist rot ohne jedes Recht, ohne jedes Recht.« Thomas sprudelte die Worte hervor. »Laßt ihn los,« rief der Prinz, der an die Wand zurückgewichen war, und bebend vor Wut dastand. »Laßt ihn los. – Wendland, Niemeyer, Krieger,« stieß er schweratmend hervor. – »Deinesgleichen scheust du, läßt die Füße deines Bettes in Wasserschalen stellen, damit du nicht siehst, was du bist, damit an dich dein inneres Wesen nicht herankriechen kann.« »Schmeißt ihn hinaus,« rief der Prinz rasend. Thomas war schon von den Dienern zur Tür geschleppt, er wehrte sich nicht. »Roter Prinz,« rief er und lachte laut, »Wanze, Wanze.« »Und gebt ihm einen Tritt vor den Hintern, dem Schuft,« befahl der Prinz. »Halt! das will ich besorgen,« jubelte der Adjutant und sprang in langen Sätzen nach. Noch einmal hörte man von draußen das verhängnisvolle Wort: »Wanze.« Es klang jubelnd, dann war alles still. Lachmann hatte sich wie alle andern vom Sitz erhoben und stand nun und wußte nicht, was er tun sollte. Die ganze letzte halbe Stunde hatte er stumm dagesessen, bald auf der einen, bald auf der anderen Hinterbacke balancierend, schließlich hatte er die gefalteten Hände auf den Tisch gelegt und unablässig die Daumen gedreht. Eine tiefe Verstimmung nahm von ihm Besitz, die, je mehr sich die Dinge zuspitzten, umso fühlbarer wurde und die er am liebsten in Tränen aufgelöst hätte, wenn er nicht ein gar so erwachsener Mann gewesen wäre. Als sein Freund von den Bedienten gepackt und hinausgeworfen wurde, faßte ihn eine maßlose Wut, wie er sich vorschwatzte, auf Thomas, in Wahrheit auf sich selbst. Von seinem Platz aus sah er gerade auf das Dach einer kleinen Kapelle, auf dem ein goldener Wetterhahn glänzte. »Ehe der Hahn kräht,« fuhr es ihm durch den Kopf und brüsk sich umwendend schritt er zur Tür. 309 »Bautz,« rief der Prinz, »wo willst du hin? Bautz.« Lachmann ging weiter, aber seine Schritte wurden langsamer, und als er den Tritt der Königlichen Hoheit hinter sich hörte, blieb er stehen. »Laß' den Kerl laufen, er verdient es nicht besser,« sagte der Prinz, hakte ihn unter und zog ihn zum Tisch zurück und als er sah, daß Lachmann weiter ins Leere starrte, setzte er hinzu: »So schlimm ist's nicht gemeint, weder von ihm, noch von mir. Wir werden uns schon wieder vertragen. Komm, auf Ärger gehört Wein, wir wollen trinken.« Lachmann war prinzentrunken und setzte sich wieder zu Tisch.     36. Kapitel. Tod und Begräbnis. Agathe beansprucht Thomas Weltleins Vermögen, Lachmann den Seelensucher und Alwine seinen Unglauben. Als er eine Stunde später auf dem Bahnhof ankam, fand er dort alles in höchster Erregung. Die Nachricht von einem schweren Eisenbahnunglück war eingetroffen, der Personenzug nach Berlin war in einer Zwischenstation von dem Expreßzug Brüssel–Berlin überrannt worden. Man erzählte, daß zwanzig Personen umgekommen sein sollten, vielleicht noch mehr. Lachmann brachen fast die Kniee. Er stürzte zum Schalter. »Wissen Sie, ob ein großer, auffallend großer Herr im Gesellschaftsanzug mit dem Unglückszug nach Berlin gefahren ist?« Der Beamte sah ihn prüfend an. »Ein Herr ohne Hut? Mit einer roten Nase? Ja, der hat ein Billet gelöst.« Lachmann eilte davon. Er mußte sofort an die Unglücksstelle telephonieren. Was hatte doch der Beamte gesagt? Den Mann an der Bahnsteigsperre solle er fragen. Richtig. »Ist ein Herr im Gesellschaftsanzug, mit bloßem Kopf und auffallend roter Nase in dem verunglückten Zug mitgefahren?« 310 »Jawohl, ich besinne mich ganz genau. Ja, der ist mitgefahren.« Auf dem Zimmer des Stationschefs bekam er nähere Auskunft. »Zwanzig Tote, viele Verletzte. Nein, unter den rekognoszierten Toten ist keiner mit dem Namen Weltlein, auch kein Müller. Aber teilweise seien die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Warten Sie, ich werde anfragen. – Nein, unter den Überlebenden ist Herr Weltlein nicht. Am besten wird es sein, Sie fahren mit dem Hilfszug mit, der in einer halben Stunde abgeht. Sie sind ja Arzt, nicht wahr?« Lachmann nickte. »Kann ich nicht Verbindung mit Berlin bekommen?« Der Stationschef zuckte die Achseln. »Das ist ganz unmöglich.« Lachmann biß sich auf die Lippen, dann schoß es ihm plötzlich durch den Kopf, den Schlüssel zur Beamtenunmöglichkeit zu gebrauchen. »Herr Weltlein ist ein intimer Freund des Prinzen Viktor. Seine Königliche Hoheit wird sehr ungehalten sein. Er hat mich extra hergeschickt –« »Ich will sehen, was sich tun läßt. Mit wem wollen Sie telephonieren?« sagte der Beamte. »Continental-Hotel, Zimmer 23.« Nach wenigen Minuten war die Verbindung hergestellt. Agathe versprach, sofort zu kommen. Die Hilfszüge aus Berlin und Eberswalde trafen fast gleichzeitig an der Unglücksstätte ein, so daß Lachmann Agathe noch beim Aussteigen helfen konnte. Sie sprachen kein Wort miteinander, sondern gingen sofort auf die Suche. Lachmann hielt merkwürdigerweise dauernd seinen Zylinder unter dem linken Arm, während er mit dem rechten Agathe führte, deren Nase so spitz und schmal war, daß man glauben konnte, sie hätte irgend einem großen Vogel den Schnabel abgebrochen und sich in das Gesicht geklebt. Es bestätigte sich, daß ein großer Herr noch hinter der vorhergehenden Station in dem Zuge gesessen habe. Es könne sein, daß er schwarz gekleidet gewesen sei. Eine rote Nase? Ja vielleicht. Oder auch nicht. Man wußte es nicht. Das Unglück sei durch eine Gasexplosion in einem der Wagen so schlimm geworden. In einem Schuppen waren die Leichen untergebracht. Die meisten waren rekognosziert, nur vorn links am Eingang lagen zwei 311 unbekannnte Frauenkörper und daneben die halb verkohlten Reste eines Mannes, dessen Oberkörper und Arme völlig unkenntlich waren. Agathe blieb zögernd stehen, und während Lachmann vergebens versuchte, aus den Formen des Mannes irgendwelchen Aufschluß zu bekommen, schluckte sie ein paarmal, als ob sie sprechen wolle und nicht könne, hob dann den Finger und wies auf eine halb zerquetschte goldene Uhr, die neben der Leiche lag. Lachmann ließ ihren Arm los und trat näher heran. Auf dem Deckel des Gehäuses war in Emaille ein Monogramm mit Buchstaben eingelegt. Lachmann beugte sich tief herunter und prüfte die Uhr sorgfältig, richtete sich dann auf und sagte, ohne Agathe anzusehen: »A. M.« »Ich habe sie ihm selber geschenkt.« Agathes Stimme klang trocken und keuchend. Lachmann trat von einem Bein aufs andere, bückte sich wieder, nahm die Uhr auf und legte sie wieder hin. Plötzlich beugte er sich über die Leiche und streifte die halb verbrannten Kleider von den Beinen herunter. »Was machst du?« fragte Agathe. »Er muß irgendwo eine Narbe am Bein haben, von einem Jagdunfall her. – Da,« er wies auf eine alte, tiefeingezogene Narbe dicht oberhalb des rechten Knies. »Ja, ich erinnere mich,« sagte Agathe. »Er sprach davon.« Sie sah einen Augenblick auf die Leiche, richtete sich dann kerzengerade auf und sagte: »Komm! Es ist August.« Ohne sich noch einmal umzusehen, schritt sie zur Wachstube und gab dort zu Protokoll: »Die dritte Leiche links vom Eingang ist die meines Bruders August Müller aus Bäuchlingen.« Dann ging sie, gefolgt von Lachmann in den Wartesaal, setzte sich dort und wartete, bis der Zug nach Berlin ging. Auf der ganzen Fahrt sprach sie kein Wort, im Lift des Hotels sagte sie: »Für Alwine ist es ein Glück. Sie ist auf einmal ein reiches Mädchen geworden und kann heiraten.« Lachmann sah sie erstaunt an, aber ehe er noch etwas sagen konnte, schritt sie mit den Worten: »Gute Nacht, ich lege mich sofort schlafen,« davon. 312 Nachdem die Formalitäten vor Gericht erledigt waren, wurde die Leiche nach Bäuchlingen transportiert. Lachmann begleitete seine Cousine, um dem Begräbnis beizuwohnen und ihr beim Ordnen des Nachlasses behilflich zu sein. Sehr seltsam benahm sich Alwine. Sie hatte die Mutter noch nicht begrüßt, als sie erklärte, sie glaube nicht daran, daß der Onkel August tot sei. Irgend ein anderer läge in dem schwarzen Kasten da hinten, aber der Onkel sei es nicht. Dabei sah sie Agathen haßerfüllt an, ließ die Arme schlaff herabhängen, ohne die Hand zu geben und machte sich im Rücken steif, als ihre Mutter versuchte, sie an sich zu ziehen. Agathe zog die Augenbrauen hoch, sah ihre Tochter prüfend an, knüpfte die Hutschleife anders und sagte: »Du scheinst dein unglaubliches Benehmen gegen deine Mutter fortsetzen zu wollen. Nun, wie du willst.« Sie wandte sich zu Lachmann, um dessen Arm zu nehmen, als sie aber sah, daß er eifrig auf Alwine einredete, drehte sie sich um, spannte ihren Sonnenschirm auf und ging, ohne sich um die beiden zu kümmern, schnurstracks nach Hause. Die Beerdigung war noch auf denselben Nachmittag festgesetzt. Breitsprecher sollte die Rede halten. Es war seine letzte Amtshandlung. Er hatte seinen Abschied genommen. Zu seinem Nachfolger hatte er selbst den Vikar Ende vorgeschlagen. Bei Tisch kam es zu einem neuen Zusammenstoß zwischen Mutter und Tochter. Alwine verlangte, daß der Sarg noch einmal geöffnet würde. »Ich glaube nicht, daß es der Onkel ist, ehe ich die Leiche nicht mit eigenen Augen gesehen und wiedererkannt habe.« Agathe kniff die Lippen zusammen, so daß der Mund wie ein Strich aussah, holte aus ihrer Ledertasche mit dem bekannten silbernen Bügel die Uhr hervor, hielt sie Alwine vor die Nase und sagte: »Da.« »Solch eine Uhr kann jeder haben,« erklärte Alwine und stopfte sich ein riesiges Stück Fleisch in den Mund, während ihr Tränen über die Backen herunterkollerten. Agathe kreuzte schweigend die Arme über die Brust, lehnte sich im Stuhl zurück und sah ihrer Tochter böse auf den Mund. »Kind,« mischte sich Lachmann ein, »es ist gar kein Zweifel, daß es der Onkel August ist.« 313 »Sie kann doch den Sarg noch einmal öffnen lassen. Vier Augen sehen mehr als zwei,« erwiderte Alwine trotzig und schnitt an ihrem Stück Braten herum, als ob sie die Mutter unter dem Messer habe. »Der Sarg bleibt zu,« sagte Agathe, erhob sich und legte die Hand so fest auf den Tisch, daß es aussah, als ob sie den Deckel des Sarges mit aller Kraft zuhielte. »Habt ihr wenigstens nach der Narbe gesehen?« »Nach was für einer Narbe?« fragte Agathe streng. »Der Onkel hatte eine tiefe große Narbe oben am Bein.« Sie war rot geworden und hatte die Augen niedergeschlagen. »Woher weißt du, daß er eine Narbe hatte?« Alwine sah ihre Mutter erstaunt an: »Aber du hast es mir doch selbst erzählt, Mutter. Sie hat es mir doch erzählt, Onkel Lachmann, nicht wahr?« »So,« sagte Agathe trocken und nach einer Weile setzte sie hinzu: »Die Narbe ist da.« »Oben, ganz oben am linken Bein.« Agathe setzte wieder die Fingerspitzen auf die Tischplatte. »Ich habe dir gesagt, daß die Leiche die deines Onkels ist und das wird dir genügen. Ich verbitte mir jede Widerrede; der Sarg bleibt zu und wird um 4 Uhr begraben.« »Und ich gehe nicht mit zu eurem Begräbnis,« schrie Alwine, sprang auf, lief vor Wut heulend fort und knallte die Tür hinter sich zu. Lachmann pfiff durch die Zähne. »Du hast dir ja was Nettes herangezogen,« sagte er. »Es scheint so. Also auf Wiedersehen nachher.« Agathe rauschte davon. Um 4 Uhr wurde die Leiche Thomas Weltleins beerdigt. Die Rührung war groß und Breitsprechers Rede vortrefflich. Auf dem Rückweg fragte Lachmann seine Cousine: »Was hat die Kleine?« »Weiß ich nicht,« lautete die Antwort. Lachmann blieb stehen. »Hältst du es für ausgeschlossen, daß wir uns geirrt haben.« »Ausgeschlossen,« sagte Agathe und ging weiter. 314 »Hast du gehört, sie sagte, Augusts Narbe hätte am linken Bein gesessen.« »Die Narbe saß da, wo sie sitzt.« Agathe band ihre Hutbänder fester. Eine Zeitlang gingen beide schweigend weiter, dann sagte Lachmann: »Übrigens, weißt du vielleicht, ob August seinen Seelensucher – du weißt, den Goetheschen Schattenriß, den er mir versprochen hat –« »Ja, und?« »Er hat mir erzählt, daß er ihn verschachert hätte.« Agathe blieb jetzt ihrerseits stehen, sah ihren Vetter an und sagte: »Dann hat er gelogen. Der Schattenriß liegt in der rechten Schieblade seines Schreibtisches, ich habe ihn noch vorhin gesehen. Und wenn dir diese Schmutzerei Spaß macht, was ich nicht verstehe, kannst du sie haben.« Lachmann senkte den Kopf und trottete mit den Händen auf dem Rücken hinter Agathe her. »Ja,« sagte er, »der August war stark im Aufschneiden.« Agathe brach plötzlich in lautes Schluchzen aus, dann sich zusammennehmend sagte sie: »Zehn Lachmanns und zehn Breitsprechers zusammengenommen und meinetwegen zehn Endes dazu, sind nicht annähernd das, was August war. Aber ihr habt ihn eben alle nicht verstanden.« Sie wurde auf einmal eine gebückte alte Frau, nahm Lachmanns Arm und sich schwer auf ihn stützend, sagte sie: »Ich bin froh, daß du da bist.« Als sie nach Hause kamen, fanden sie Alwines Tür verschlossen. Sie hatte sich zu Bett gelegt. 315     Der Seelensucher Zweiter Teil. Anmerkung: Der erste Teil des Seelensuchers erschien vor einigen Jahren im psychoanalytischen Verlag, Wien, Andreasgasse 3. Er endete mit dem feierlichen Begräbnis des Helden August Müller, der sich aus eigener Machtvollkommenheit den Namen Thomas Weltlein gegeben hatte, man wußte nicht recht, ob es in einem Anfall lustiger Laune oder infolge einer Verrücktheit geschehen war. Letzteres ist die Annahme des Berichterstatters, der diese seltsame Geschichte genau nach den Mitteilungen der nunmehr verstorbenen Schwester Augusts erzählt; Agathe selbst, eben die Schwester unsers Helden und die einzige unbefangene Zeugin aller Abenteuer ihres Bruders, ließ nicht von dem Glauben, daß August Müller in Wahrheit der einzige geistig völlig Gesunde unsers Zeitalters gewesen sei, und daß er nur deshalb einen so elenden Tod gefunden habe, weil er, trotz ihrer, Agathes, flehentlichen Warnungen den aussichtslosen Kampf unternommen habe, Ungeziefer, Wanzen, die sich in seinem Haus eingenistet hatten, wieder auszurotten. Die Erzählung beginnt, wie gesagt, in dem Moment, wo Agathe in Begleitung ihres alten Freundes Lachmann von dem Begräbnis der verstümmelten Überreste einer Leiche zurückkehrt, die von ihr und allen Andern als die ihres Bruders August anerkannt worden ist; nur ihre Tochter Alwine hat sich geweigert, in diesem unter den Trümmern zweier zusammengestoßener Eisenbahnzüge hervorgezogenen Körper ihren Onkel wieder zu erkennen. Infolgedessen hat sie sich auch nicht an dem Begräbnis beteiligt, sondern hat sich mit Kopfschmerzen zu Bett gelegt. 317   Sie schläft«, flüsterte Agathe dem Dr. Lachmann zu und verließ ihren Lauscherposten an der verschlossenen Tür ihrer Tochter, um in das Wohnzimmer zu gehen. Schon hatte sie die Klinke in der Hand, da erstarrte plötzlich ihr Blick und die ganze Gestalt, sie ließ die Klinke los und wich, die entsetzten Augen unverwandt nach der Mitte der Türe richtend, wo nichts weiter zu sehen war, als ein gedruckter Zettel mit den Worten »Nicht zu Hause«, Schritt für Schritt zurück. Selbst die drei Stufen, die von der Straße breit und behaglich zur Haustür emporführten, ging sie rückwärts hinunter; sobald sie aber auf der Gasse war, rannte sie spornstreichs den Weg zum Kirchhof zurück, von wo sie eben gekommen war. Lachmann keuchte hinter ihr her, aber sie kümmerte sich nicht um sein Rufen, mit dem er ihre Eile zu mäßigen suchte. Sie schoß weiter dem Friedhof zu, hinter ihr flatterte der schwarze Kaschmirschal und ihr berühmter Agathenhut baumelte, nur von den Bändern gehalten, in ihrem Nacken, als ob er sie durch Kopfnüsse vorwärts jagen wollte. Lachmann sah noch, wie sie aus dem Pompadour, den sie im Laufen wie eine Wurfscheibe schwang, ein großes Bund Schlüssel hervorzog, dann verschwand sie zwischen den Gräbern. Als er atemlos am Eingang des Friedhofs anlangte, kam sie ihm entgegen. »Ich hatte vergessen, ihn einzuschließen«, sagte sie und sah ihren Freund mit Augen an, die einen schweren Vorwurf ausdrückten. »Sie hätten mich daran erinnern sollen.« »Wen haben Sie nicht eingeschlossen?« Er schaute verwundert zu, wie Agathe sich wieder an dem Schlüsselbund zu tun machte; offenbar suchte sie, während sie den kleinen Schlüssel, den sie in der Hand hielt, am Ring hinuntergleiten ließ, nach einem von erheblicher Größe. 318 »Wen, fragt er.« Agathes Stimme bebte vor Verachtung über die Frage. »August natürlich – oder wenn Sie wollen Thomas; man weiß doch nicht, unter welchem Namen er dahingegangen ist. Aber jetzt kann er nicht mehr heraus: das Erbbegräbnis hat ein gutes Schloß.« »Aber er ist doch tot und begraben, wie soll er denn herauskommen?« »Manchmal sprechen Sie wie ein kleines Kind, Lachmann«, sagte Agathe würdevoll. »Glauben Sie, daß das bißchen Erde, das man darauf geschmissen hat, ein Hindernis für meinen Bruder ist? Wenn noch ein ordentlicher Grabstein auf seiner Brust läge, vorläufig schützt uns nur etwas lockere Erde.« Sie probierte eifrig einen Schlüssel nach dem andern an der niedrigen Eingangstür des kleinen, wenig benutzten Friedhofs. »Bitte, lachen Sie nicht bei so ernsten Sachen, das verletzt mein schwesterliches Gefühl.« »Aber er ist doch tot«, war das einzige, was Lachmann erwidern konnte. »Wissen Sie das so genau? An der Wohnzimmertür hängt der Zettel mit der Meldung, daß er nicht zu Hause ist, also sitzt er ganz bestimmt im Wohnzimmer; er sagte immer das Gegenteil von dem, was er tat. Übrigens, was gibt das für eine Sicherheit, wenn einer auch tot und begraben ist, daß er nicht doch wieder kommt. Alle Augenblicke liest man von Scheintoten und so weiter –. Wenn von den verflixten Schlüsseln keiner passen will, – sie warf die Tür mit einem Knall ins Schloß – wälzen wir einen Stein davor. Helfen Sie mir, Lachmann!« Mit großer Anstrengung und unter Beihilfe des verwunderten Freundes schob sie einen der alten ausgegrabenen Leichensteine verfallener Gräber, die an der 319 Kirchhofsmauer lehnten, vor die Eingangstür. »So«, sagte sie dann befriedigt, und wischte sich den Schmutz von den Händen, während Lachmann sich den Schweiß abtrocknete, »wenn er nun auch aus der Erde vorkrabbelt, über das Grabgitter und über die Tür hier kann er nicht weg.« »Na, na«, spottete Lachmann. »Wer aus dem Grabe aufersteht, kommt wohl auch aus dem Kirchhof heraus.« »Sie denken nicht nach, Lachmann.« Agathe schritt nach einem rasch-verstohlenen Griff nach dem Capothut langsam den Weg nach Hause hinab. »Beide Beine sind ihm verbrannt, er kann nicht klettern.« »Dann kann er auch nicht gehen.« Agathe blieb stehen. »Da haben Sie eigentlich Recht. Aber das hindert nicht, daß es unverantwortlich von dem Schlosser ist, an solch einem wichtigen Tor, wie es ein Kirchhofstor ist, kein anständiges Schloß anzubringen. Wie soll man da vor den Toten sicher sein?« Lachmann steckte die Hände behaglich in die Hosentaschen. »Die Alten hatten besser für Sicherheit gesorgt, aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß unsre Trauer und Pietät gegen die Toten auch allerlei nette Sachen erfunden hat. Die Särge pflegen fest zugenagelt zu werden und sechs Fuß Erde sind auch keine Kleinigkeit. Dann der Leichenstein« – »Man müßte ihn gleich drauf setzen, später nützt er doch nichts mehr.« »Das sollten Sie nicht sagen«, versetzte Lachmann. Sie schritten wieder vorwärts, aber er bemerkte, daß Agathe immer zögernder ging. »Man hat es doch mit Gespenstern zu tun. Wenn so ein Gespenst wirklich sich entschließt, mit den Fingern die Erde aufzuwühlen, ist es vermutlich etwas müde, 320 jedenfalls ist ihm Staub in Nase, Mund und Augen gekommen. Was wird es tun? Es setzt sich erst einmal gemütlich auf das Grab, und weil der Mond scheint, liest es die Inschrift auf dem Grabstein. Es ist sehr angenehm, sich gedruckt zu sehen; warum sollte das Gespenst nicht sich mit dieser feierlichen Veröffentlichung seines Namens zufrieden geben, sich in Träumereien über die Leichenrede und all die Trauer um seinen Tod versenken. So lieb, wie am Tage seines Begräbnisses hat man ihn doch sonst nicht gehabt. Ich könnte mir denken, daß ob solchen Sinnens die Geisterstunde vorübergehen könnte. Jedenfalls aber erleichtert der Leichenstein dem Toten, sich wieder zu seiner Lagerstätte zurückzufinden, und das ist es, worauf es ankommt. Ein gelegentlicher Besuch lieber Toten, etwa während des Traums, ist nicht unter allen Umständen unangenehm, aber wenn beispielsweise August –« »Ich verbitte mir ernsthaft derartige Dummheiten, Lachmann«, sagte Agathe scharf. »August Müller ist tot, definitiv tot und öffentlich begraben. Nur Mediziner können so rohe Scherze im Angesicht der Majestät des Todes treiben, aber Sie befinden sich in Gegenwart von Damen – ich spreche auch im Namen meiner Tochter – und da sind derlei Seziersaalflegeleien nicht am Platze.« »Er müßte also auf die August-Müller-Existenz mit all ihren Rechten verzichten und ein für alle Mal Thomas Weltlein sein.« Agathe blieb zum zweiten Male stehen. Langsam, nachdrücklich und aus tiefster Seele dankbar sagte sie: »Aus dem Munde der Kinder und Narren, wollte sagen Ärzte, hört man die Wahrheit. Natürlich, so muß es gemacht werden. Kommen Sie, rasch, rasch!« Sie hatte Lachmann am Arm gepackt und zerrte ihn mit sich. 321 »Um Gotteswillen rennen Sie doch nicht so!« wehrte sich der Doktor entsetzt. »Bedenken Sie, daß ich nicht so dürr bin wie Sie. Ich habe keine Lust, einen Schlaganfall zu bekommen. Was soll denn diese verrückte Eile?« Agathe suchte sich loszureißen. »Er muß fort. Die Uhr! Ich hatte sie ihm ans Kopfende seiner letzen Ruhestätte gelegt, wie er es gewohnt war. Ich muß sie ihm doch geben, und dann muß er gleich weg.« »Wer?« Er hielt sie am Arm fest und wiederholte: »Wer?« »Er. Alwine hat Recht gehabt; wir haben den Falschen begraben, der Richtige sitzt zu Hause im Wohnzimmer und frühstückt.« Der Doktor ließ seine Freundin los und bog sich vor Lachen. »August?« »Himmelkreuzdonnerwetterschockschwerenotbombenundgranaten – Thomas! Es ist immer dasselbe mit so einem Arzt: Ihr ahnt das Richtige, wagt es aber aus lauter Angstmeierei nicht durchzuführen, ehe Ihr nicht die sichere Diagnose habt.« Sie stand auf der obersten Stufe des Hauseingangs, drehte sich zu Lachmann um und sagte, feierlich den Zeigefinger erhebend und senkend: »Thomas –« Heben und Senken – »Thomas heißt er –« dieselbe Bewegung, noch langsamer, noch feierlicher – »Thomas«. Agathe rückte ihren Hut gerade und trat ein. Kopfschüttelnd sah ihr Lachmann nach. Was war das mit seiner alten Liebe? Eine Viertelstunde hatte sie gehandelt und gesprochen, als ob sie ebenso verrückt wäre, wie ihr seliger Bruder, und nun stellte sich heraus, daß sie die Gespenstergeschichte geschauspielert hatte, daß sie nur Zeit gewinnen wollte. Wenn der Selige, der ja offenbar gar nicht selig war, 322 sondern frühstückte, auch nur mit all seinen Verrücktheiten gespielt hätte? Er schritt die Stufen empor und kam gerade zur rechten Zeit, um das Wiedersehen der beiden Geschwister mit anzusehen. Agathe hatte einen Augenblick horchend an der Wohnzimmertür gestanden. Nein, es war kein Zweifel, das war der vertraute Takt, in dem August von Kindheit an mit Messer und Gabel auf dem Teller gearbeitet hatte, wenn es ihm schmeckte. Sie riß die Tür auf und mit dem Ausruf: »Augustthomas, wollte ich sagen«, stürzte sie auf den Bruder zu, kniete neben seinem Stuhl nieder, griff nach seiner Hand und suchte sie zu küssen. August-Thomas-Müller-Weltlein sah mißbilligend auf sie nieder, entzog ihr seine Hand, in der er seine Taufgeschenkgabel, angeblich von Schön-Rottraut stammend, mit einem dicken Stück Cervelatwurst hielt, und sagte: »Du weißt, ich liebe es nicht, wenn man mich in der Arbeit stört.« Er nickte dabei bedeutsam nach dem Goetheschen Scherenschnitt des Seelensuchers hin, der in ein ledernes Photographientäschchen gesteckt gegen eine Bierflasche gestellt ihm gegenüber prangte. »Außerdem habe ich einen Mordshunger; lebendig Begrabenwerden und sich dann mühsam herausbuddeln strengt an.« Er hatte seine Wurstscheibe in den Mund gesteckt und wollte gerade von dem Butterbrod, das auf dem Tischtuch lag, ein Stück abschneiden, als Agathe aufstehend seine Hand festhielt und empört ausrief: »Es ist eins von den guten Tischtüchern.« »Um Gotteswillen!« rief Lachmann von der Türe her und vergaß vor Aufregung, daß das Du zwischen ihm und Agathe aufgehoben worden war. »Nimm dich in Acht, seine Nase wird rot.« Thomas hatte sich erhoben, tatsächlich funkelte seine Nase 323 plötzlich wie eine Glühbirne. »Ich bin im höchsten Grade erstaunt, Agathe«, sagte er. »Es wäre ja denkbar, daß du mich für den Lumpenwilhelm hältst, den du in meinem angestammten Grabe begraben hast. Aber ich bin immer noch Thomas Weltlein, der Mann, der die Welt von einer ihrer größten Plagen befreit hat. Es sind, wie ich mich überzeugt habe, keine Wanzen mehr in dem Scharlachzimmer. Ich habe sie vollkommen besiegt, ich, der Wanzentöter. Und du wagst es, mir mit dieser elenden Tischdeckengeschichte zu kommen? Du, die du dich nicht gescheut hast, mein Heiligtum, mein Wanzenzimmer der Magd Rottraut wieder einzuräumen, sie dort zu dulden, wo ich in schlaflosen Nächten die innere Ansteckung erfand, das Geheimnis der Geheimnisse, das große Mysterium, das Niemand bei Namen nennen darf, das ich selbst nur als das Es zu bezeichnen wage?« Er ergriff den Seelensucher, klappte das Täschchen zu und setzte seinen Hut auf. »Warum erkundigst du dich nicht nach Alwine?« fragte er unvermittelt und sah seine Schwester triumphierend an. Agathe wurde blaß. »Was ist mit Alwine? Ist sie krank?« Thomas schnaubte sich lange und umständlich die Nase. »Das Kind ist glücklich unterwegs. Du regst dich über Tischtücher auf, aber daß Alwine innerlich zerrissen ist und daß das Unglück wächst, das beachtest du nicht.« Agathe war auf einen Stuhl gesunken und starrte ihren Bruder erschrocken an: »Was meinst du? Was ist mit dem Kinde? Alwine!« rief sie und wollte zur Tür laufen. »Da kannst du lange rufen«, sagte Thomas ernst. »Dein Kind ist auch unterwegs auf dem Weg nach Berlin.« »Thomas, was hast du mit Alwine angestellt?« »Ich nichts, aber der Hans Treu, der jetzt tot ist, den will 324 sie noch einmal sehen. Es wird ihr aber nichts helfen, er ist schon begraben, und sie wird sich mit seinem Abbild begnügen müssen, das sie in sich trägt. Ich reise ihr jetzt nach.« »Dann komme ich mit«, rief Agathe eifrig und setzte ihren Hut wieder auf. »Nein,« sagte der Bruder einfach und bestimmt. »Du kommst nicht mit.« Er drückte sie auf den Stuhl nieder und sagte in einem Ton, als ob er nie krank gewesen wäre: »Deine Tochter kann dich jetzt nicht brauchen. Hans Treu ist in dem Zuge, in dem ich verunglückt sein soll, zerschmettert worden. Ich sah ihn zufällig, als ich einstieg, und das war der Grund, warum ich sofort wieder den Zug verließ; ich wollte ihn nicht sprechen, weil er eine ziemlich alberne Seelensucherei nicht ohne Folgen betrieb.« Er war wieder in seinen gewohnten Ton verfallen, bei dem man nie wußte, war es Ernst oder Scherz. »Ich hatte mir vorgenommen, ihm an Hand des Scherenschnitts« – er holte das Täschchen wieder vor, klappte es auf und betrachtete zärtlich den Seelensucher Anm.: Der Seelensucher ist ein Scheerenschnitt aus Goethes Nachlaß; er stellt einen Mann auf der Weltkugel sitzend dar, wie er aufmerksam mit einer Lupe ein nacktes weibliches Figürchen betrachtet. – »in einer schriftlichen Abhandlung auseinander zu setzen«. Er unterbrach sich plötzlich, packte seine Schwester, die sich an ihm vorbei zur Türe schleichen wollte, an dem Handgelenk und sagte: »Wenn du es wagst, Alwine nachzureisen, geschieht ein Unglück.« Seine Augen waren hart vor Wut und seine Nase glühte noch mehr auf. »Ich lasse mir von dir keine Vorschriften darüber machen, was ich mit meinem Kinde zu tun habe.« Thomas lachte höhnisch. »So, nun ist es auf einmal dein Kind. Wohl weil du das Mädel die berühmten neun Monate im 325 Bauch getragen hast? Sie ist wohl gar dein Fleisch und Blut? Na, wir haben ja Gott sei Dank einen Fachmann hier, laß dir von dem sagen, wie gering der Anteil der elterlichen Personen an der Entstehung und Entwicklung eines Kindes ist. Vorwärts, Lachmann, setz der mütterlichen Pfauhenne auseinander, was man über die Zeugung weiß. Du bist zwar nicht geneigt, den Dingen ins Gesicht zu sehen, aber bring deine Weisheit vor! Die Schlußfolgerungen daraus werde ich der Agathe schon klar machen.« Lachmann hatte schon lange versucht, durch Augenplinken und Zupfen an ihrem Kleide Agathen zum Nachgeben zu bewegen. Jetzt warf er sich in die Positur des Gelehrten und sagte, bedeutsam die Hand erhebend, als ob er einen Schwur auf die Richtigkeit seiner Aussage leisten wollte: »Es läßt sich nicht leugnen, daß bei den Zeugungs- und Entwicklungsvorgängen die Personen der Eltern als solche nur Träger und Beförderer des Keimplasmas sind, daß die Mutter, wissenschaftlich gesprochen, nur eine Art Speisekammer für das Kind ist.« – Wie eine Furie fuhr Agathe auf ihn los: »Das ist wieder einmal echt Mann. Weil ihr keine Kinder kriegen könnt, Waschlappen, die ihr seid.« – »Sag lieber gleich Schlappschwänze«, warf Thomas dazwischen. »Mit dir rede ich nicht. Was versteht ihr Männer überhaupt von Kindern und vom Muttersein.« Thomas schlug sich auf den Bauch. »Was ich davon verstehe? Der ist auch schwanger. Aber darauf kommt es nicht an. Hör zu!« Er schloß die Tür, die Agathe schon wieder aufgerissen hatte, führte sie höflich zu dem Stuhl und sagte, als sie alle Platz genommen hatten: »Hans Treu ist also tot, das ist 326 die Wahrheit. Er hat aber Alwinen eine Erbschaft hinterlassen und um die zu regeln, reist Alwine mit mir.« – Agathe war totenblaß geworden und starrte ihren Bruder entsetzt an. »Und du bleibst gefälligst hier und hältst im Interesse des Kindes dem Klatsch stand. Ich werde versuchen, ob ich nicht ein paar Minister herumkriegen kann, daß sie die fahrplanmäßige Abfahrt und Ankunft des Kindes bestätigen, und wenn die es nicht können, so kann es vielleicht der Kaiser.« Er hatte sich erhoben, zog seinen Paletot an und setzte den Hut auf. »Ich werde, so lange das Kind unterwegs ist, dafür sorgen, darauf kannst du dich verlassen, und da ihr mich offiziell begraben habt, wird niemand erfahren, wo Alwine ist. Du sagst den Leuten, daß sie nach den erschütternden Ereignissen – Tod des Onkels und des Bräutigams – zu unsern englischen Freunden aufs Land geschickt worden ist; nach Engelland, was ja der Wahrheit allenfalls entspricht, da ihr mich mit eurer Begräbnisdummheit zum Engel gemacht habt.« Er reichte Agathe die Hand, nickte seinem Freunde zu und ging. »Total verrückt«, sagte Lachmann, »aber gutartig verrückt.« Agathe richtete sich auf, band die Schleife ihres Huts auf, legte ihn sorgfältig und zärtlich bei Seite und sagte: »Ich hätte nicht gedacht, daß man Geheimer Sanitätsrat werden könnte, wenn man so begriffsstutzig ist wie Sie, Lachmann. Sie haben rein gar nichts verstanden. Na der liebe Gott wird ja wohl wissen, warum er solche Leute wie Sie Ärzte werden läßt.« Lachmann wollte auffahren, aber er kam nicht dazu. Agathe war ohnmächtig geworden. 327   Am Tage nach seiner Beerdigung saß Thomas Weltlein in dem Wartezimmer des Rechtsanwalts Justizrat Wohlich, eines bekannten Spezialisten in Ehesachen. Er hatte einen alten Band der Gartenlaube vor sich liegen und blätterte darin, als sich die Tür öffnete und ein neuer Klient eintrat, ein vierschrötiger Mann mit aufgedunsenen bleichen Hängebacken, der kurzatmig ganze Wolken von Schnapsgestank auspustete. Umständlich nahm er neben Thomas Platz, legte seine auffallend weißen Hände gefaltet auf den Tisch und drehte, aus weitvorspringenden Gieraugen seinen Nachbar anstierend, die Daumen. »Wissen Sie auch schon, daß es zwei waren?« fragte Thomas gereizt und legte seine große Hand so fest auf die des pustenden Mannes, daß der mit Daumendrehen aufhören mußte. »Zwei? Daß ich nicht wüßte. Aber einen habe ich bei ihr erwischt. Und jetzt werde ich sie los. Gott seis getrommelt und gepfiffen. So ein Aas!« Er hatte das letzte Wort mit so wollüstigem Genießen hervorgestoßen, daß er sich die Lippen leckte, um dann umständlich sein Taschentuch zu ziehen und sich den Mund zu wischen. Thomas runzelte mißbilligend die Stirn, er war noch immer mit dem Gespräch beschäftigt, das er soeben mit seiner Nichte Alwine gehabt hatte, und der Ausdruck Aas schien ihm ohne das versöhnende Beiwort »kleines« zu scharf. Plötzlich glätteten sich seine Züge und mit den Worten: »Ah, Sie sprechen von Ihrer Frau«, lehnte er sich im Stuhl zurück und begann seinerseits mit den Fingern so heftig auf den Tisch zu trommeln, daß man wirklich hätte glauben können, er täte es zur größeren Ehre Gottes. »Sie wollen sich also scheiden lassen?«, fuhr er fort und ging von der Melodie des Liedes »Da seh i mein herztausige Schatz bei em Andern stehn«, unvermittelt in den 328 Hohenfriedberger Marsch über. »Ich verstehe das gar nicht: erst seid ihr Männer so dumm und heiratet, und wenn euch dann die Frau untreu wird, laßt ihr euch scheiden, um eine andre zu heiraten. Das wollen Sie doch wohl?« »Das habe ich noch nicht gesagt, das kommt darauf an. Möglich wäre es schon. Die Lili, wissen Sie, die Destillenwirtin –«. »Tun Sie es nicht!« sagte Thomas und sah seinen Nachbar streng an. »Beim Dienstbotenwechsel kommt nie etwas heraus, man wechselt nur die Fehler.« Er strich sich wohlweise das Kinn. »Sehen Sie, mein Lieber, unsre Vorfahren waren darin viel vernünftiger. Wenn denen die Frau untreu wurde, dann machten sie kein Geschrei davon beim Rechtsanwalt, sondern schnitten sich einen Haselstock und ließen ihr Weib einmal tanzen und schreien, und dann war es wieder gut.« »Das darf man heutigen Tages nicht mehr, und außerdem – na, Abwechslung ist das halbe Leben.« »Sie verstehen von der Sache nichts; das verhält sich ganz anders.« »Erlauben Sie mal, ich verstehe von der Sache nichts, sagen Sie? Wie kommen Sie mir denn vor? Kennen Sie überhaupt meine Frau? Sind Sie etwa auch so eine Art Bettverwandter von mir?« Er hatte sich halb erhoben und fauchte dem guten Thomas eine ganze Ladung Destillengestank ins Gesicht. »Jetzt hören Sie mal gefälligst zu! Sie haben eine Frau, die ist Ihnen also untreu geworden. Ja, wer ist denn daran Schuld? Doch nicht die Frau. Eine Frau wird nicht untreu, wenn ihr Mann leistungsfähig ist und sie genügend oft ausfüllt. Aber wie wollen Sie impotenter Säufer das machen?« 329 Der Mann wollte wieder aufspringen, aber Thomas schrie ihn an: »Sie sollen zuhören! Sind Sie einmal in Britisch-Indien gewesen? Nein? Nun, ich auch nicht. Das macht aber nichts. Die Inder, sehen Sie, die verstehen etwas von den Weibern, wie er denn überhaupt viel mehr taugt als der Europäer; Sie können das in jedem ernsthaften Tagebuch denkender Reisenden lesen. Also diese Leute, die eine viel tiefere und ältere Kultur haben als wir – mein Gott, Sie müssen doch als gebildeter Mann wissen, daß Christus nur so eine Art Plagiat tiefster indischer Weisheit gelehrt hat –«. »Hören Sie auf mit Ihrem Geschwätz, Sie Narr, Sie konfuser!« »Konfucius heißt der Mann nicht, die Chinesen haben nur einsilbige Wörter in ihrer Sprache. Aber glauben Sie denn, daß ich jede Mode mitmachen kann? Überlassen Sie doch die Chinesen den Universitätsmannequins! Wir haben es hier mit den Indern zu tun, und ich kann nur wiederholen, daß Leute, die acht Wochen dort gewesen sind, die also Bescheid wissen, dicke Bücher über indische Lebensweisheit geschrieben haben. Ich habe sie nicht gelesen, aber man braucht das heutzutage nicht; jede gebildete Dame kann Ihnen darüber einen Vortrag halten, und welche Dame wäre nicht gebildet?« »Meine ist es nicht,« sagte der Mann und sah trotzig drein. »Aber Mensch! Und die wollen Sie heiraten! Also, die Inder, diese vornehmen Lebenskünstler, haben sich davon überzeugt, daß es für den toten Menschen viel angenehmer ist, sich verbrennen zu lassen als begraben zu werden.« Thomas wurde plötzlich nachdenklich. »Übrigens ist das ein Irrtum, es ist ganz nett, begraben zu sein. Sie waren es wohl noch nie?« Der Schnapsmann gähnte und schüttelte den Kopf. »Sie sollten es einmal versuchen. Es ist wirklich recht 330 angenehm, so aus dem Sarge heraus den Schmerz der Angehörigen mit zu erleben. Denken Sie nur, wie sorgfältig Agathe ihr Schnupftuch schonte, damit es bis zu Ende ausreichte. Ich hätte mich vor Lachen gebogen, wenn in dem alten Holzkasten mehr Raum gewesen wäre. – Der Inder also läßt sich verbrennen, und wenn es mit rechter Feierlichkeit vor sich gehen soll, dann springen all seine Weiber mit in den lodernden Scheiterhaufen und werden von den Flammen verzehrt. Wie ist das möglich? Das hängt mit der indischen Religion zusammen. Diese durch ihre Weisheit ausgezeichneten Männer haben sich nicht gescheut, trotz des lärmenden Abscheus, den die europäische Welt gegen die Sinnlichkeit predigt, sie haben sich nicht gescheut, in ihren Katechismus oder wie sie nun das Büchlein nennen mögen, das die Kinder für die Religionsstunde auswendig lernen müssen, genaue Anweisungen über die Liebesnächte zwischen Mann und Weib zu geben. So ein indischer Junge wird schon in seiner frühesten Kindheit darauf aufmerksam gemacht – Hören Sie mal,« unterbrach sich Thomas und schüttelte seinen Zuhörer, der jetzt in dumpfem Schlaf Schnaps schnarchte. »Zu meinem Vergnügen erzähle ich das nicht.« »Entschuldigen Sie,« stammelte der also Angeschrieene und wischte sich die Augen, »ich bin verdammt müde.« Thomas wischte, mit der flachen Hand durch die Luft fahrend, die Unterbrechung weg: »wie man ein Weib toll machen und befriedigen soll. Zunächst geschieht das natürlich theoretisch, aber ich vermute, daß die Praxis sehr bald geübt wird; wir versuchen das ja unter dem Namen Koeducation nachzuahmen; leider nicht mit dem erhofften Erfolg, weil unsre Lehrer selbst sich mit diesen Fragen nicht genügend beschäftigt haben. Oder wissen Sie es etwa, daß die Erregungskurve des Weibes 331 langsam ansteigt und langsam abfällt, während die des Mannes rasch sich erhebt und rasch zusammensinkt?« Der Trunkenbold war auf einmal wach geworden, er merkte auf irgend eine Weise, daß der sonderbare Herr da über kitzliche Sachen sprach. »Ich habe nicht ganz verstanden,« sagte er. »Der Organismus des Mannes fällt mit dem des Weibes nur dann zusammen, wenn die Erregungskurve des Weibes schon durch die Manipulationen des Mannes in die Höhe getrieben ist, ehe er zum eigentlichen Akt schreitet.« »Ach, seien Sie doch so gut, und sagen Sie das noch einmal, ich habe es immer noch nicht verstanden.«   In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu dem Sprechzimmer, eine auffallend hübsche Dame erschien und hinter ihr, sich lächelnd die Hände reibend, der Justizrat Wohlich. »Alle Bonöhr«, stieß der Dickschnaps hervor und musterte das Weibchen, wie sie tänzelnd und mit leichtem Gruß an ihn und Thomas zum Ausgang schritt. Sie trug ein hellblaues Leinenkleid, die rechte Hand hatte sie in die Tasche der Jacke gesteckt, die nach Männerart zugeschnitten war und über der weißen Musselinbluse offenstand, am Arm hing ein bunter Florentiner Strohhut mit Maiblümchen garniert, die leicht gewellten Haare waren schräg gescheitelt. Thomas ließ sich nicht stören; laut dozierend fuhr er fort: »Der Hindu ist durch seine Religion verpflichtet, an sein eignes Vergnügen erst dann zu denken, wenn sein Weib, von tausend normalen und perversen Zärtlichkeiten erregt, in Seligkeit schwimmt. Also gibt es in Indien keine unglücklichen Ehen, und es ist selbstverständlich, daß die Witwe, die mit dem Mann die Glut der Leidenschaft verliert, sich in die brennende Flamme des Scheiterhaufens wirft. Lieben ist eine Kunst, die gelernt und 332 gelehrt werden muß, und nur der Europäer ist so dumm anzunehmen, man verstehe etwas von dieser Kunst, wenn man Talent, oder gar schon, wenn man Lust dazu habe. Lust dazu hat ein Jeder. Viele haben Talent, aber können muß man es. Bei der Liebe kommt alles auf das Können an.« Die Dame war stehen geblieben und wendete sich mit der leisen Frage, wer der Herr sei, an den Justizrat, der die wollüstigen Lippen zu einem bösen Fluntsch verziehend mißbilligend über die Brille hinweg nach Thomas hinsah. Er zuckte die Achseln, und das Weiblein mit dem schiefen Scheitel und dem Florentiner warf dem eifrig gestikulierenden Liebeskönner einen schmachtenden Blick zu und flüsterte dem Justizrat noch beim Hinausgehen so laut, daß es bis an Weltleins Ohr drang, zu: »Ein interessanter Herr. Schade, daß Sie uns nicht bekannt machen können. Wenn er nur nicht so abscheulich aussähe.« Der Justizrat küßte ihr mit einem süßen Lächeln die Hand. Thomas mußte daran denken, wie ähnlich der Mann dem kleinen Lachmannjungen wurde, als der einst beim Fieber nach einem bitteren Chininpulver einen gehäuften Teelöffel Zucker bekam. Einen Augenblick später saßen sich die beiden Herren im Sprechzimmer gegenüber. Der Justizrat musterte Thomas ein wenig, dann, da ihm die Prüfung seines Äußern nichts Günstiges über den Klienten zu sagen schien, sah er flüchtig nach der Uhr auf dem Schreibtisch und sagte: »Also, Herr« – er warf einen Blick auf die neben ihm liegende Visitenkarte – »Herr Weltlein, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Vielleicht tragen sie mir kurz ihre Angelegenheit vor, möglichst kurz. Sie haben gesehen, es warten Leute auf mich.« »Lassen Sie sie ruhig warten. Wir beide haben Zeit.« 333 Der Justizrat wollte entrüstet protestieren, Thomas legte ihm aber beschwichtigend die Hand auf den Arm und sagte: »Sie haben einmal – es ist schon lange her – einen großen Prozeß gegen die Firma August Müller Portland Cement verloren, nicht wahr?« »Das heißt, ja, gewiß. Wir haben den Prozeß damals verloren, sogar in allen drei Instanzen. Aber das war von vornherein eine verlorene Sache, die Firma war viel zu reich, um ihr etwas anhaben zu können. Ich habe mich der Sache nur angenommen weil –« »Ja, es war ein großes Objekt. Meine Angelegenheit hat damit sachlich nichts zu tun, nur persönlich. Ich bin der Erbe des damaligen Inhabers der Firma.« »Thomas Weltlein, Thomas Weltlein? Aber mir ist doch, als hätte der alte Herr Müller zwei Kinder gehabt?« »Ganz recht, und das eine davon, der Sohn bin ich.« Der Justizrat sprang vom Stuhl auf: »Herr, rief er, wenn Sie hierhergekommen sind, mir so etwas zu erzählen, dann sind Sie entweder – der junge August Müller ist vor wenigen Tagen bei dem großen Eisenbahnunglück umgekommen. Ich weiß es genau, denn ich bin beauftragt, den Prozeß noch einmal aufzunehmen.« Thomas holte eine dicke Brieftasche vor, gefüllt mit kostbaren Geldscheinen. Er suchte, nicht ohne umständlich seine Schätze zu zeigen, einen Paß heraus und sagte: »Wie Sie sehen, lebt er noch und sitzt vor Ihnen. Wenn Sie es im Interesse Ihres Prozesses wünschen, kann ich mir auf dem nächsten Paßbüro den Paß bestätigen lassen; es ist ganz zwecklos, die alte Sache wieder aufzuwärmen. Nehmen Sie sich lieber meiner Angelegenheit an.« 334 Der Justizrat hatte sich wieder gesetzt und schob die Brille zurecht. »Und die Visitenkarte? Der Name Weltlein?« Thomas kramte weiter in seiner Brieftasche. »Hier ist ein Bankausweis der deutschen Bank vom heutigen Tage auf meinen Namen lautend. Sie sehen, ich habe das Geld noch bei mir.« »Und die Visitenkarte«, wiederholte Wohlich scharf. Thomas stand auf: »Wenn Sie sich meiner nicht annehmen können, will ich Sie nicht aufhalten. Ihre Zeit drängt. »Oh, bitte durchaus nicht. Bitte, nehmen Sie wieder Platz. Also womit kann ich Ihnen dienen? Bitte, stecken Sie sich eine Zigarette an!« Er hatte den hungrigen Blick gesehen, den Thomas auf die Zigarettenschachtel warf. »Es handelt sich um eine junge Dame, die ein Kind erwartet. Der Vater dieses Kindes – die jungen Leute standen dicht vor der Hochzeit, waren aber nicht verheiratet – ist plötzlich gestorben. Ist es juristisch möglich, zwei Menschen zu verheiraten, wenn der eine davon tot ist?« Der Justizrat lehnte sich im Stuhl zurück und lächelte freundlich. »Das ist natürlich nicht möglich. Sie meinen, ob das Kind noch nachträglich legitimiert werden kann, so daß es den Namen des Vaters trägt. Darüber ließe sich vielleicht sprechen. Allerdings –« »Damit ist mir nicht gedient. Mir liegt nichts an dem Kinde, wohl aber an der Heirat. Verstehen Sie? An der Heirat. Die junge Dame soll ihr Kind als verheiratete Frau bekommen. Sie soll mit dem Vater verheiratet werden. Verstehen Sie doch! Es hilft der Mutter nichts, wenn das Kind legitimiert wird.« »Ich kann mir gar nicht denken, daß Sie diese Frage im Ernst stellen. Eine Ehe mit einem Toten –« 335 »Mit einem Lebendigen kann jeder eine Ehe schließen, das weiß ich. Nein, gerade mit einem Toten.« »Sie hätten sich nicht an einen Rechtsanwalt wenden sollen, sondern an einen Urkundenfälscher. Der macht sowas und setzt ein Datum hin, das die legitime Entstehung des Kindes verbürgt.« »Aber mein Gott, drücke ich mich denn so ungenau aus? Ich frage Sie nochmals, ist es rechtlich möglich, eventuell durch einen Gnadenakt des Kaisers, die Ehe jetzt noch zu schließen? Alles übrige hat doch keinen Sinn, ist nur gefährlich und kommt sofort heraus. Es muß eine richtige Hochzeit werden, Aushängen auf dem Rathaus, standesamtliche und womöglich kirchliche Trauung.« Der Justizrat warf wieder einen forschenden Blick auf sein Gegenüber. War der Kerl verrückt oder tat er nur so? »Auf Ihrem Wege« sagte er, vorsichtig die Worte wählend, »würde die Sache einiges Aufsehen machen, vor allem die Befruchtung einer Frau durch einen Abgeschiedenen. Ein etwas weit getriebener Glaube an die okkultistischen Neigungen unsrer Zeit.« Er machte mit dem Papiermesser, das er in der Hand hielt, einen scharfen Schnitt durch die Luft. »Die eigentliche Schwierigkeit ist die Schwangerschaft.« »Ganz richtig.« »Schwangersein ist noch nicht ein Kind kriegen. Es gibt da allerhand Möglichkeiten.« »Deshalb bin ich hier. Sie sitzen doch als Rechtsanwalt an der Quelle alles Wissens. Können Sie mir nicht Jemanden nennen, der – nun sagen wir eine solche Möglichkeit schafft?« »Das ist nicht meines Amtes. Solche Dinge führen vor den Staatsanwalt, wenn nicht eine Gefahr für die Gesundheit die 336 Unterbrechung der Schwangerschaft fordert.« »Und welcher Arzt würde nach ihrer Erfahrung eine Gefahr für diese unliebsame Schwangerschaft sein?« Wohlich besah sich eine Weile seine Nasenspitze. »All diese Vorkommnisse entbehren nicht des Interesses. Sie glauben nicht, was alles vorkommt und wie schändlich die Menschen gegen geniale Leute vorgehen. Da liegen die Akten eines Graphologen, eines Mannes, dessen große Verdienste auf dem Gebiet der Handschriftenkunde von der Wissenschaft unbedingt anerkannt sind. Denken Sie, man hat es gewagt, einen Mann wie Dr. Brinkeisen wegen Urkundenfälschung zu denunzieren und der Staatsanwalt ist glücklich auf eine solche stupide Verleumdung hereingefallen. Na, Gott sei Dank, hat sich der vortreffliche Mann an uns gewendet. Er wird glänzend freigesprochen werden. Ja es sieht schlimm aus in der Welt. Wenn Sie ahnten, was Alles ich erfahre. Man wird Menschenverächter in unserm Beruf. Fälschungen, Meineid, Betrug, Kindsabtreibung, oh es ist ein bunter Wechsel in dem Tage eines Rechtsanwaltes. Und dabei diese Anforderungen an unsere Literaturkenntnisse. Vorher erst hat mir der Professor Frausold eine Broschüre über den künstlichen Abortus und seine Indicationen zugeschickt. All so was muß man lesen. Und schließlich steht nichts drin, was man nicht besser weiß. Ja, ja, mein verehrter Herr Müller, ich habe eine erdrückende Verantwortung zu tragen.« »Und Sie können mir nicht aus Ihrer großen Bekanntschaft Jemanden nennen, der die Kleine rasch heiraten würde?« »Wo denken Sie hin, Herr Müller. Ich bin doch kein Heiratsbüro. Natürlich kenne ich Leute, die gerne heiraten würden, aber so rasch läßt sich so etwas nicht machen. Vor allem sind diese Dinge sehr kostspielig.« 337 »Es handelt sich um die Erbin eines großen Vermögens.« Thomas hatte sich erhoben. »Oh, bitte; ich kann mich wirklich nicht mit derlei Geschäften befassen«, meinte der Rechtsanwalt und warf seinen Zigarettenstummel verächtlich in den Aschbecher. »Selbstverständlich werde ich mich Ihnen zu Liebe etwas umhören. – Es hat ja, wie es scheint, Eile. Vielleicht haben Sie die Güte, Ihre Adresse hier im Büro zu lassen.« Er geleitete den seltsamen Gast zum Schreibzimmer und hörte noch, wie sein Besucher dem Schreiber laut und deutlich sagte: »Thomas Weltlein, Hotel Fürstenhof«. Bedenklich den Kopf wiegend und an der Brille rückend ging er in sein Arbeitszimmer zurück. Während der Rückfahrt zum Hotel saß Thomas regungslos in Gedanken versunken da. Von Zeit zu Zeit sog er an der Zigarette, die längst ausgegangen war, die er aber immer noch zwischen den Lippen hatte. Kaum war er in die Empfangshalle eingetreten, so setzte er sich auf die kleine Bank neben der Türe, die für die Hotelpagen bestimmt ist. Den Hut hatte er weit nach hinten geschoben, auf der Stirn stand ihm der Schweiß und den Kopf stütze er mit beiden Händen, die Ellenbogen auf den Knieen. Einer der Pagen, ein kleiner pfiffiger Bursche mit einer Stupsnase und sorgfältig gestriegeltem Haar, trat auf ihn zu und fragte nach seinen Befehlen. Thomas sah ihn betrübt an. »Kannst Du Dir vorstellen, daß ein Kind zwei Väter hat?« fragte er in einem Ton, als ob er die berühmte Frage an das Schicksal stelle. »Der eine, was mein richtiger Vater ist,« sagte der Knabe, »ist schon tot, der andere ist mein Stiefvater.« Als Thomas den Kopf schüttelte fuhr er fort: »Manchmal weiß man das nicht genau, ist der Vater der Vater oder ist der Schlafbursche der 338 Vater.« »Ja, so ist es. Manchmal weiß man es nicht. Als der alte Nestor den Telemach fragt, wer er sei, antwortete der: Meine Mutter sagt, ich sei der Sohn des Odysseus.« In diesem Augenblick trat der Gewaltige des Hotels, der wohlgenährte und von der tausendfachen Unruhe des Hotels nie erschütterte Portier, der mit tiefem Mißfallen den Gast auf der Bank der Pagen, noch dazu im Gespräch mit einem feichsenden Knaben sah, heran und fragte nach dem Begehren des Herrn und ob er nicht die Güte haben wolle, weiter hinten in der Halle für die Gäste Platz zu nehmen. »Und es kommt vor, daß die Mutter selbst nicht weiß, wer der Vater des Kindes ist. Ja das kommt vor.« – Plötzlich fühlte Thomas, der immer noch gebeugten Hauptes dasaß, den mißbilligenden Blick des Portiers, er wurde rot, erhob sich, rückte den Hut zurecht und stöhnte: »Nicht einmal in Ruhe Angst haben darf man. Arme Menschen, arme Menschen! – Bitte lassen Sie in Nr. 248 bei der Dame, die dort wohnt, anfragen, wer Hans Treu ist. Ich bin der Onkel der Dame, Thomas Weltlein,« fügte er erklärend hinzu. Dann begann er im Geschwindschritt in der Halle auf und ab zu gehen, blieb aber regelmäßig einen Augenblick vor einer großen Anzeige stehen, auf der ein Konzert des Sängers Battistini angekündigt wurde. Als der Page zurückkehrte, lief er ihm hastig entgegen mit sorgenvollem Gesicht, aber als der ihm mitteilte, Hans Treu sei ein Kosename für Karl Ende, verzog sich sein Mund zu einem breiten Lachen, er warf dem Jungen ein Geldstück zu und eilte vor sich hinmurmelnd: »Battistini, Täufer, einen Namen müssen wir finden für Mutter und Kind oder eine Tochter des Herodes, um das Kind umzubringen,« zum Fahrstuhl. 339 Alwine ging dem Onkel entgegen, als er eintrat. Sie hatte sich kaum verändert, seit sie damals bei der Flucht Weltleins die Ohrfeige von ihrer Mutter bekommen hatte. Als Thomas sie an sich zog, schmiegte sie sich eng an ihn an und schaute mit einem verlegenen und spöttischen Lächeln zu ihm auf. Thomas setzte sich und zog sie auf seinen Schoß. »Ich bin doch heilsfroh,« sagte er, »daß Karl Ende und Hans Treu ein und dieselbe Person sind. Denke dir, ich hatte mir eingebildet – weil du bald von Hans und bald von Karl redetest – du hättest dir eine Art männlichen Harem angeschafft.« »Pfui, Onkel.« »Ja, das ist aber keine schlechte Idee, so ein Männerharem.« Er lehnte sich schmunzelnd in dem Stuhl zurück. »Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß ein Harem von zweiundsiebzig Weibern, wie ihn der König David hatte, oder gar der Salomos in all seiner fünftausendfachen Herrlichkeit der modernen Finanzwirtschaft nicht entspricht; man behauptet nämlich, was du noch nicht zu wissen brauchst, daß lediglich die Nahrungssorge die Gewohnheit des Harems beseitigt habe. Wenn man nun die Frau in die Stellung brächte, die sie anstrebt und die ich ihr ohne weiteres zubillige, wenn ich sie durch ein so liebliches Geschöpf vertreten sehe, wie du eins bist, ließe sich vom rein wirtschaftlichen Standpunkt nicht viel dagegen sagen, wenn sie sich ein Dutzend Männer hielte. Vielleicht wäre das auch physiologisch das Richtige; Boccaccio, der leidlich in der Physiologie des Weibes Bescheid wußte, sagt einmal: Ein Hahn kann sechs Hennen befriedigen, aber sechs Männer nicht eine Frau.« Alwine zog ihn an den Ohren: »Du beträgst dich sehr schlecht, Thomas Weltlein, Gar nicht, wie es sich für einen 340 Onkel schickt. Außerdem habe ich mir sagen lassen, daß eine Frau nicht einmal einen Mann bei der Treue halten kann, wie soll es ihr bei sechsen gelingen. Er ist sehr dumm, dein Bocciamann oder wie der Kerl heißt.« Thomas lachte, daß die Wände zitterten. »Das also ist Unsterblichkeit. Dazu, Schöpfer der Novelle, lebst du im Gedächtnis der Literatur, damit ein hübscher Frauenmund dich mit dem Kugelspiel zusammenbringt. Es lohnt sich nicht, groß zu sein, das Weib öffnet den Mund und unsre Kraft sinkt schlaff zusammen, auf daß sie Mutter wird.« Alwine brach plötzlich in Tränen aus. Sie hielt die Hände vor das Gesicht und weinte herzzerbrechend. Der arme Thomas! Noch nie hatte er so verlegen ausgesehen wie jetzt, als er vergeblich der Nichte die Hände von den Augen wegzuziehen suchte. »Weine doch nicht, mein Kind, bitte, bitte, weine nicht! Ich kann es nicht ertragen. Es hat auch gar keinen Sinn und schadet vielleicht dem Kindchen. Und es ist doch so ein nettes kleines Wesen. Sieh mal, ich freue mich so riesig darauf, wenn der Junge erst herumkrabbelt und mit seinem lieben Stimmchen sagt: Dosser Thomas teinen Thomas heiten lassen. Herr Gott, wie scheckig wird der Bengel aussehen, von seinem Vater den Himmelaufschlag des Auges und den Gott-triefenden Mund, von der Mutter alles Schöne und Schönste und vom Onkel die Nase, ja die Nase mitsamt den Pickeln.« Alwine ließ die Hände sinken und blitzte den Onkel streng an: »Daß du dich nicht unterstehst ihm deine scheußliche Nase zu vererben!«, und dann wieder weinend jammerte sie: »Ich arme kleine Alwine, warum muß das auch so kommen! Ich hatte es mir so nett gedacht, als Frau Pastor im Kirchenstuhl zu sitzen 341 und Karls Stimme zu hören, wenn er so herrlich weise Worte sagt, die man nicht zu verstehen wagt. Und nun läßt er mich allein sitzen und ich kriege ein Kind, das überhaupt keinen Vater hat oder nur einen im Himmel. Ich wollte, ich wäre tot und er säße hier und ängstigte sich vor den schrecklichen neun Monaten und der Entbindung und den bösen Zungen.« Thomas setzte seine Nichte unsanft auf die Erde. »Für einen Pastor mit einem dicken Bauch ist kein Platz auf meinem Schoß«, sagte er böse. Alwine kletterte sofort wieder auf seine Knie. »Nein, Onkel, du mußt mich nicht verstoßen. Ich habe ja Niemanden als dich. Vor der Mama fürchte ich mich, sie ist so anständig und begreift gar nicht, wie man zu einem Kinde kommen kann, und der Karl hat mich ganz im Stich gelassen.« »Ich habe ihm nie getraut,« sagte Thomas und schob den Toten mit einer starken Bewegung der Hand bei Seite. »Wie kann man nur so dumm sein, in einen Zug zu steigen, der entgleisen wird.« »Du bist doch selber drin gewesen.« »Gewesen, aber ich bin doch nicht drin geblieben. So viel Verstand muß man haben. Oder vielmehr – denn mit dem Verstande hat das nichts zu tun – so viel seelische Harmonie muß man besitzen, daß man so etwas vermeidet; Menschen mit seelischer Harmonie verunglücken nicht. Verunglücken tut, wer verunglücken will, man wird nicht verunglückt, sondern man verunglückt, das heißt man benutzt den Unglücksfall, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Dieser Pastorenjüngling hat sich den Zug ausgesucht, damit er nicht der Vater eines unehelichen Kindes zu werden braucht, Er hat Angst vor seiner eignen Courage gehabt, die ihm mal zufällig in Herz und Hosen 342 gekommen war. Denn, daß er dir ohne Superintendentenerlaubnis ein Kind gemacht hat, alle Achtung!« »Na, ob der Mut dazu nun gerade bei ihm gewachsen ist, Onkel –« »Ich will doch nicht hoffen, daß du ihm Mut gemacht hast, Mädel. Übrigens ist das gleichgültig. Er ist tot, also kann er das Kind nicht legitimieren, also hat er sich um seine Verantwortung gedrückt. Und schändlicherweise hat er sich auch noch ganz verkohlen lassen, so daß du nicht einmal im Jenseits dein Recht bekommen kannst, der feige Drückeberger der. Womöglich hängen sie dir da den Kerl an, den sie an meiner Statt begraben haben. Denn wenn meine leibliche Schwester sich betrügen läßt, wird es dem Standesbeamten im Himmel auch nicht leicht sein, den Pastor von dem Lumpensammler zu unterscheiden. Mach dich nur auf etwas gefaßt.« Alwine hatte nur mit halbem Ohr zugehört. »Ach der Karl, um den ist es mir nicht. Sehr amüsant war er nicht. Aber das Kind, das Kind möchte ich los sein. Glaubst du nicht, daß es abstirbt, wenn ich recht traurig bin und heule?« »Das ist wohl ein sehr unsicherer Weg, aber –« »Dann werde ich also nicht mehr weinen«, sagte Alwine und dabei kullerten die Tränen unaufhaltsam weiter. »Dann hat das ja keinen Sinn.« »Aber, fuhr der Onkel eifrig fort, der Justizrat hat mir eine Adresse gegeben – wo habe ich sie nur?« er fuhr in allen seinen Taschen herum, als ob ein Schaffner von ihm das Eisenbahnbillett verlangt hätte – »die Adresse von einem Arzt, der sich ein Vergnügen daraus machen wird, das Kind wegzuschaffen, wenn wir ihn ordentlich be–« Weiter kam er nicht. Alwine war aufgesprungen und sah den Onkel mit entsetzten Augen an. »Unsern armen Junge? Nein, 343 das ist dein Ernst nicht. Lieber sterbe ich. Und ich sterbe ganz gewiß bei der Entbindung. Ich will aber nicht sterben. Wenn mich doch irgend jemand von dieser Last befreite!« Sie sah ihren Onkel kläglich an. »Du siehst aus, wie ein Säugling, dem die Brustwarze aus dem Munde geglitten ist«, stellte Thomas behaglich und sachlich fest. »Und nicht einmal einen Vater hat das arme Kind. Alle seine Schulkameraden werden ihn verspotten und mich erst recht. Und Mama wird mich aus dem Hause jagen.« Thomas war aufgestanden und betrachtete tiefsinnig den Heizkörper in der Ecke des Zimmers. »Der Mensch konnte keinen ungelegeneren Augenblick zum Sterben wählen; es war kein Verlaß auf ihn und kleine Mädchen sollten sich an gereifte Männer anschließen.« Er drehte den Hahn der Zentralheizung auf Warm, fühlte interessiert die Heizröhren an und sagte mit einem Seufzer: »Freilich, warm wird die verdammte Winterröhre nicht selbst im Hochsommer der Liebe. Aber trotzdem, Kind, jetzt mußt du heiraten. Wie wäre es mit Lachmann?« Alwine hörte plötzlich auf zu weinen und brach in ein fröhliches Lachen aus. »Den alten Kerl, der immer wie ein Weinkeller riecht. Eher heiratete ich dich.« Thomas zog die Augenbrauen in die Höhe. »Du mutest mir da etwas zu, Alwine, was durchaus nicht der Mission entspricht, zu der mich Gott in die Welt geschickt hat. Frechheit!« Alwine knickste. »Ich verspreche dem hohen Bräutigam Gehorsam, Demut und jeden Tag ein paar frische Wanzen.« »Das ist unerhört,« rief Thomas erbittert und hob die Hand zu einem Faustschlage auf die Heizung, führte ihn aber nicht aus, da er ein starkes Jucken an seinem Bein verspürte. 344 »Wortansteckung«, stellte er befriedigt fest, »das muß ich mir merken«. Er kritzelte etwas auf ein Blatt Papier, kratzte sich noch einmal und fuhr dann auf Alwine los: »Wie kommst du darauf, mich heiraten zu wollen? Dazu bin ich viel zu schade.« »Du hast nicht immer so gedacht, Onkel.« »Ach was, damals warst du ein Kind und das Heiraten kam nicht in Frage.« »Aber es ist doch deine Idee, daß ich heiraten soll, und im Grunde hast du ja Recht. Nun könntest du aber deinen Rat auch praktisch durchführen.« »Dann müssen wir also zur Annonce oder zum Heiratsbüro greifen. Der Justizrat hat mir eine Adresse –« Alwines Augen füllten sich wieder mit Tränen. Und jetzt rannen langsam Tropfen auf Tropfen die Backen herunter. Thomas sah scheu zu ihr hin, wandte sich ab, fühlte noch einmal den kalten Heizkörper an, – »im Winter wird er schon warm werden« –, trat ein paarmal von einem Fuß auf den andern, ging auf Alwine zu, zog sie an sich und sagte entsagungsvoll: »Also dann werde ich es tun.« Dann klingelte er, und als der Kellner nicht gleich da war, klingelte er eine Minute lang. Endlich erschien atemlos ein Jüngling, heftig kauend und schluckend. »Sagen Sie im Büro, daß zwei Fahrkarten nach London für mich und meine Nichte besorgt werden sollen. Wir wollen heiraten.« Der Kellner schluckte den letzten Bissen und fragte bestürzt: »In London?« »Ja, natürlich in London. Hier in Deutschland bin ich offiziell tot, und Tote können nicht ehelichen, sagt Justizrat Wohlich. Natürlich in London.« Er drehte sich nach seiner Nichte um. »Willst du nicht gefälligst packen? Der Zug geht in 2 Stunden.« 345   Wieder keine Nachricht,« sagte Agathe. Sie warf dem Dr. Lachmann, der friedlich und mit Genuß sein übliches Frühstücksei löffelte, einen bösen Blick zu, als ob er Alwinen verführt hätte, auf und davon zu gehen und seit sechs Wochen nichts von sich hören zu lassen. Dabei schleuderte sie die Briefe und Drucksachen, die sie eben durchgesehen hatte, so heftig über den Tisch, daß eine Kreuzbandsendung sich in Lachmanns Teetasse verfing und sie umwarf. Lachmann war unglücklicherweise gerade damit beschäftigt, einen vollen Löffel herrlichsten halbweichen Eigelbs zum Munde zu führen, als die Papiere um seinen Kopf sausten; er zuckte zusammen und wehmütig auf das niedertropfende Eigelb schauend sagte er: »Es ist gut, daß ich mich von der Praxis zurückgezogen habe, meine Hand ist nicht mehr sicher. Herrlich, daß du die Teeflecken auf das reine Tischtuch gemacht hast.« »So: also ich. Natürlich. Ist es etwa nicht deine Tasse, die umgefallen ist? Und ist das eine Entschuldigung dafür, daß du dir am frühen Morgen die Hosen bekleckerst? Schieb deine Serviette unter die Decke und komm her, damit ich dir die Hosen rein machen kann. Heiß Wasser und nachher Spucke, das hält kein Fleck aus.« Eifrig fuhr sie mit der feuchten Serviette an Lachmanns Hosenbein auf und nieder, ohne im mindesten von dem boshaften Lächeln Notiz zu nehmen, mit dem Lachmann ihre Bewegungen beobachtete; nur als sie zu hören glaubte, daß er die Melodie des Trompeterliedes vom Schöngewesensein und Nichtseinsollen pfiff, hob sie die Augen und sah ihn strafend an. »Ich ängstige mich,« sagte sie. »Du solltest die Polizei –« »Damit herauskommt, daß August noch am Leben ist und daß ich den Falschen begraben habe? Niemals. Er ist tot und 346 soll tot bleiben. Basta.« In diesem Augenblick klopfte es und der Briefträger erschien mit einem ziemlich dicken Brief in der Hand. Er fuhr sich mit dem Brief unter der Nase entlang, wobei es ungewiß blieb, ob er den Tropfen daran wegwischen oder ein Lachen verbergen wollte, und knurrte mit seiner ständig heiseren Stimme, die er auf die Erkältungen im Dienst, andre auf sein stadtbekanntes Saufen zurückführten: »Ich hab mir gedacht, es wäre netter, wenn Sie den Brief vom Fräulein – ihre Handschrift ist es ja – nicht mit den andern Sachen zusammen bekämen.« »Na ja, es ist hübscher so.« Agathes Hände zitterten, als sie nach dem Brief griff. »Er hat doch vielleicht Recht mit seiner inneren Ansteckung. Sieh nur, wie der Liedtke mit seinen vergnügten Händen mir die Finger zum Tanzen bringt. Gehen Sie zu Rottraut, Liedtke, und lassen Sie sich da eine kleine Erkältung geben.« – Dem Briefträger traten die Augen aus den Höhlen, so ereiferte er sich. »Sie wissen, ich trinke nie Schnaps.« »Sie kennen die grüne Flasche, Liedtke. Dem Fräulein zu Ehren werden Sie eine Ausnahme machen.« Liedtke stand plötzlich stramm und ein breites Lächeln verzerrte seinen Mund so, daß Lachmann in Versuchung kam, in diesen Schlitz die durchweichte Teedrucksache zu stecken, so einladend glich seine Mundpartie einem Briefkasten. »Was tut ein alter Soldat nicht alles für die Damen, und noch dazu für das Fräulein Alwine.« Ganz militärisch machte Liedtke kehrt und verließ das Zimmer. »Mein Gott, es sind ausländische Marken,« seufzte Agathe. »Was hat Alwine im Ausland zu suchen?« Sie ließ die Hand sinken, ohne den Brief zu öffnen. 347 »Das Beste wird sein, wir machen den Brief auf.« Lachmann streckte die Hand aus, aber Agathe gab ihm gereizt wie eine Löwin, der man das Junge rauben will, einen Schlag auf die Hand. »Ich werde doch noch meiner eignen Tochter Brief öffnen dürfen, wann mir es beliebt. Hast du sie unter tausend Schmerzen geboren oder ich? Im Übrigen werde ich ihr, sobald sie wieder hier ist, Schönschreibeunterricht geben lassen. Das sieht aus, als ob sie einem Negerjungen die Haare ausgerauft und einzeln auf das Kouvert geklebt hätte.« Lachmann war aufgestanden und sah ihr über die Schulter. »Brügge, Brügge; das muß in Belgien liegen. Wie Teufel mag sie dahin gekommen sein. Na, liederlich soll es ja da zugehen, da hat sie sicher Gelegenheit, sich die Leibeslast weg–.« »Schäme dich, Lachmann, du sprichst von einem unschuldigen jungen Mädchen.« Plötzlich wurde Agathe feuerrot und wütend riß sie das Kouvert auf. Aber schon bei den ersten Worten hörte sie auf zu lesen, warf den Brief von sich und ließ den Kopf in ihre Hände gleiten. »Das ist ja schrecklich,« schluchzte sie. »Wen mag sie denn nun wieder haben. Und gleich geheiratet. Lachmann, ich werde verrückt.« »Das sollte mich nicht wundern. Erblich belastet müßt ihr sein, sonst könnte August –« »Schweig! Er ist vernünftiger als du. Lies lieber den Brief vor; mir schwimmen die Buchstaben vor den Augen.« Lachmann faltete die Hände. »Nun«, fragte Agathe. »Ich flehe den Herrn um Erleuchtung an, und siehe, er hat mein Gebet erhört. Liebe Mama, kann ich schon lesen.« Als er sah, wie Agathe sich die Lippen leckte, erriet er, daß sie 348 sich zu einer längeren Strafpredigt vorbereitete; sofort fing er an, mit der Geschwindigkeit eines Wasserfalls zu lesen: »Bist du auch so vergnügt auf der Hochzeitsreise gewesen, wie ich es bin? Mein Mann behauptet, noch nie so viel Freude erlebt zu haben wie in den letzten Wochen; du kannst dir denken, wie stolz ich bin. ER ist aber auch der beste Mensch der Welt. Weißt du, Spitzen hat ER mir gekauft, ich sage dir: Spitzen! In meinem Leben hätte ich nicht gedacht, daß es so etwas gäbe. Überhaupt wenn ich denke, in was für Hosen du mich hast rumlaufen lassen!« – Hier unterbrach Agathe die Lektüre: »Das ist nicht wahr. Sie hat immer sehr anständige Unterho–Unterwäsche wollte ich sagen getragen, solide und anständig, und auch Spitzen waren dran, wenn auch nicht echte.« »Hosen müssen unanständig sein«, behauptete Lachmann. »Das ist ihr ihnen vom Herrgott zuerteilter Beruf. Und ich meinesteils halte es für pure Eifersucht der Mütter, daß sie die appetitlichen jungen Mädchenbeine in steifleinene Ofenröhren stecken, während sie ihre eignen plumpen Schenkel in Battist hüllen.« »Das ist unverschämt. Nie in meinem Leben habe ich so etwas gehört. Ich bin Mutter und ich trage ordentliche –« »Däftige« »Leinene, bitte, Unterhosen; dabei will ich nicht leugnen, daß ich auch etwas Spitze daran habe, aber das ist wegen der Reinlichkeit. Du kannst dich davon überzeugen.« – »Nicht nötig: ich kann mir deine Hosen ganz deutlich vorstellen. Vermutlich sind sie denen ähnlich, die ich bei dir früher« – 349 »Ach laß doch die alberne Geschichte von dem Umkippen mit dem Stuhl. Es ist gar nicht wahr, daß du damals etwas gesehen hast.« »Damals nicht.« »Du willst doch nicht etwa behaupten, daß ich dir sonst Gelegenheit gegeben habe –« »Wenn du sie mir nicht gegeben hast, was ich nicht beweisen kann, so habe ich sie mir genommen.« Agathe war puterrot geworden. »Ich bestreite ganz entschieden, daß jemals irgend ein Mann – natürlich mit Ausnahme meines seligen Mannes – Sieh mich nicht so infam an!« »Ich habe mir nur meine Zigarre angesteckt. Daß du dabei in meine Blickrichtung gekommen bist, war nicht beabsichtigt. Wenn dichs aber interessiert, will ich dir eine Beschreibung deiner damaligen Steifleinenen geben.« Agathe brach in Tränen aus. Aber Lachmann blieb ungerührt. »Es war doch sehr nett damals am Hang der Waldwiese. Ich denke gern daran zurück und kann nur bedauern, wenn du meine Empfindungen bei solchen Erinnerungen nicht teilst.« »Ach, das ist alles so lange her, daß es schon nicht mehr wahr ist. Und überhaupt« – sie ging unbedenklich zur Attacke über – »mußt du ein recht unsauberes Leben geführt haben, daß du so genau mit intimer Damentoilette Bescheid weißt.« »Aber erlaube mal, mein Beruf bringt das so mit sich, daß man Unterwäsche zu sehen bekommt, und es ist nicht das Schlechteste, was die Damen sich aufs liebe Leibchen ziehen, wenn sie gern untersucht werden wollen. Ich kann dich versichern, ich habe niemals außerhalb meines Berufs eine Damenunterhose gesehen, natürlich mit Ausnahme des Falls, den ich 350 vorhin erwähnte.« »Willst du nicht lieber weiter lesen. Ich brenne vor Begierde zu hören, was mein Fräulein Tochter –« »Frau, bitte!« »Ach was! Für mich bleibt sie ein Kind, und wenn sie hundert Männer hat.« Gegen diese echt mütterliche Auffassung wußte Lachmann nichts einzuwenden; er griff nach dem Brief und fuhr fort vorzulesen: »Als mein Mann die Dinger zum ersten Mal sah, hat er sich schief gelacht und sie sich als Kopfschmuck über sein erhabenes Haupt gezogen; nur mit Mühe hab ich verhindert, daß er mit dieser eigentümlichen Krone zur Table d'hote ging. Ich habe sie jedenfalls nicht wieder anziehen dürfen und bin die ganze Kanalfahrt über und auch den ersten Morgen in London hosenlos gewesen. Es hatte auch seine Vorteile. Mein Mann findet, daß ich besonders hübsche Beine habe. Er behauptet, Weiber – ER sagt immer Weiber – hätten gewöhnlich kurze und krumme Beine –« »Und mit solch einem Wüstling ist mein armes unschuldiges Kind verheiratet. Er muß doch Erfahrungen haben, wenn er so etwas weiß.« »Vermutlich. Aber das pflegt einem gesund denkenden Mädchen nicht unangenehm zu sein. Das Spiel ist dann nicht so genant – du weißt, August behauptet, das Weib sei von Natur ohne jede Scham, das Sichschämen lerne sie dem Manne ab; wenn er zaghaft ist, hält sie es für nötig, sich zu schämen. – Außerdem gibt es doch nichts Schöneres für ein Mädchen als den Gedanken, daß sie imstande ist, durch ihre Vorzüge ein ganzes Heer von Vorgängerinnen vergessen zu machen. Also 351 weiter im Text«: »Weiber hätten krumme und kurze Beine, damit sie besser umschlingen könnten und damit der Weg nicht so lang sei; er aber hat lange Wege gern, und ich finde, daß er Recht damit hat. In London hat er mir dann gleich Höschen nach seinem Geschmack gekauft; die Anprobe war sehr gründlich. Ach, Mama, ich habe nicht gewußt, was so ein Mann nicht Alles – ja nun weiß ich nicht, wie es bei Gretchen weiter geht. Ich weiß nur, daß mein Mann der richtige für mich ist. – Wenn du wüßtest, was ich alles in den paar Wochen gelernt habe! Auf der Hinfahrt war es ein bißchen stürmisch und das Schiff wackelte hin und her wie eine besoffene Gans – (Vergleich von Ihm) –; da wollte ich ein klein wenig seekrank werden. Da hat er mir eine ganze Vorlesung über die Seekrankheit gehalten, daß nur schlechte Menschen seekrank würden, solche, die sich von irgend einem Unrecht gegen ihre Mutter bedrückt fühlten; denn das Meer sei unser aller Mutter – mir fiel gleich die französische Vokabel aus dem kleinen Plötz ein – aus dem Meer stamme alles Leben, Aphrodite und alle Kinder der Liebe, und das Kind selber schwimme im Meer und werde von der Mutter geschaukelt genau wie wir im Schiff. Ich habe das natürlich zuerst nicht verstanden, das von dem Schwimmen des Kindes im Meer und wieso die Mutter Schiff und Meer gleichzeitig ist. Dann hat Er es mir aber erklärt und auch aufgezeichnet – was sehr komisch war, denn ER kann gar nicht zeichnen – und als ich begriffen hatte, daß SEIN Kindchen in meinem Bauche im Wasser lebt, habe ich keine Spur von Seekrankheit gehabt. Allerdings kamen wir dann bald an Land. Auf der Rückreise war ich auch nicht seekrank; allerdings war es da auch nicht stürmisch und dauerte nur zwei Stunden. Ich 352 glaube aber, daß er damit Recht hat, daß man gut zu seiner Mutter sein muß. Jedenfalls hatte ich, ehe er mit mir so gut redete, eine schreckliche Angst vor dir – denn ich bin doch arg bös gewesen, nicht? Aber nun bin ich verheiratet und unser Kindchen soll es gut haben. An ihm will ich gut machen, was ich an dir schlecht gemacht habe. Übrigens ist mir noch gar nicht so zu Mut, als ob ich ein Kind kriegen müßte. ER ist vorläufig das A und das O meines Lebens. Und dann habe ich auch Angst vor dem Kinderkriegen. Ich bilde mir ein, daß ich daran sterben werde. ER behauptet, ich hätte irgend jemanden umgebracht, schlägt dich oder sich selber vor. Aber so sehr ich mir Mühe gebe, es zu glauben, will es mir doch nicht gelingen: ich habe euch Beide viel zu lieb, IHN besonders. Bis jetzt hat er freilich immer Recht gehabt, wenn er etwas gesagt hat, in der Mordgeschichte hat er aber doch wohl Unrecht. Er ist ein schrecklicher Besserwisser.« Lachmann ließ den Brief sinken und sah seine alte Liebe fragend an, wobei er die Augenbrauen so hoch zog, daß sie wie Rundbögen eines Kellereingangs aussahen. »Sollte August etwa –?« Agathe unterbrach ihn unwirsch: »Undenkbar. Scheußlich. Onkel und Nichte. Lies lieber weiter!« »Irgend Etwas wird zerreißen, das ist einmal sicher. Da ist er nun auch wieder mit einer Erklärung da: das sei ein Überbleibsel kindlicher Gebärvorstellungen; Kinder hätten die Idee, daß der Bauch bei dem Kinderkriegen aufplatze, in der linea alba . Aber das ist doch albern, ich habe das nie geglaubt. Ich habe mir eingebildet, der Nabel sei ein Knopf, der werde aufgeknöpft und dann schlüpfe das Kind heraus oder werde herausgeholt. Jetzt weiß ich natürlich, daß das Kind dort 353 herauskommt, wo es hineingegossen wird. Freilich, wie das möglich sein soll – es ist entschieden zu eng, und ich habe fürchterliche Angst. Du weißt ja, wie schlecht ich Schmerzen aushalte. ER sagt, das mit den Schmerzen sei ein dummes Geschwätz der Weiber, um ihre Wichtigkeit zu betonen. Hennen gackern auch, sagt dieses Greuel von Mann, das hindert nicht, daß sie sich vor dem Hahn gern ducken und selbst ohne Hahn Eier legen; das ganze Getue ist auf den Mann berechnet, ein Mittel, um ihn unterzukriegen. Solche abscheulichen Dinge sagt er. Und noch viel Schlimmeres, was ich kaum niederschreiben kann. Denke dir, er fragte mich, ob es schöner wäre, wenn ein Streichholz da durch ginge oder ein festes großes Männchen. Er hat mir gar nicht Zeit gelassen, chokiert zu sein, ich bin eine ganze Weile zu spät gekommen mit dem Erröten. Na, und nachher, da hat er mir auseinander gesetzt, daß der Kopf des Kindes noch viel dicker wäre, und daß infolge dessen das Gebären ein noch viel größeres Vergnügen sei; man dürfe nur nicht klemmen, und was er noch für Unsinn geredet hat, ER! Es ginge auch stoßweise, nur längere Stöße seien es. – Entschuldige! Eben kommt er und will mit mir nach Ostende in den Spielsaal fahren. Das machen wir öfters, es ist sehr lustig. Er spielt methodisch, der alte Schulmeister, der er ist, und verliert immer, und ich spiele, wie es mir gerade einfällt, und verliere auch. Und dann habe ich mich in einen schwarzen Herrn verliebt; ich glaube, es ist ein Mexikaner oder mindestens ein Spanier. Gesprochen haben wir noch nicht miteinander, aber ansehen tun wir uns. ER hat ein sehr häßliches Wort dafür, das ist aber bloß, weil ER eifersüchtig ist. Also auf Wiedersehen, süße Mama, ER zankt schon, daß ich nicht fertig bin.« 354 »Mein Gott, was für ein Kalb!« seufzte Agathe. »Was soll daraus werden. Er scheint wirklich ein Stiesel zu sein mit seinem ewigen Klugscheissen.« »Agathe!« »Anders kann man das nicht bezeichnen. Übrigens war Luther doch Sachverständiger in Sprachdingen und er braucht das Wort: ich weiß es zwar nicht genau, aber mir ist so, als ob mir August mal so etwas gesagt hätte, und wenn der etwas sagt, ist es richtig.« Sie schwieg, sah Lachmann von der Seite an, als ob ihm nicht ganz zu trauen wäre, und sagte dann: »Es wäre nicht so übel, wenn er der ER wäre. Fahr fort!« »Da bin ich wieder. Und einen ganzen Haufen Gold habe ich gewonnen. Ich habe all die blanken Zwanzigfrankstücke zu Säulchen aufgebaut und ab und zu stoße ich sie um und dann muß ER die rollenden Goldstücke haschen, so lange sie kullern; kriegt er sie nicht rechtzeitig, muß er mir ein Goldstück dazu geben von seinen. Er hat nämlich auch gewonnen, aber das finde ich überflüssig, er hat genug Geld. Ich luchse es ihm ab, und ER lacht sich tot dabei. Außerdem ist es spaßhaft, IHN so herumhupfen und kriechen zu sehen. Ach, was ist es schön verheiratet zu sein! Er ist einfach goldig. Das Gold lege ich auf die Sparkasse für den kommenden Thomas« – Lachmann warf einen bedeutenden Blick auf seine Gefährtin – »der wird dann ebenso Säulen bauen und der Vater wird dann für ihn unter den Schränken suchen. – Also wir haben gewonnen, und das ging so zu. Er sagte, wir sollten auf dreizehn setzen, weil das unser Hochzeitstag ist – unsrer, nicht der im Paß steht. Er wollte nicht warten, das gäbe eine schlechte Ehe, behauptete er, wenn man sich erst von Fremden die Erlaubnis geben ließe, das heißt, das hat er mir erst nachträglich auseinander gesetzt, geheiratet 355 haben wir, wie ich sage, aus Liebe, und wie ER sagt, weil keiner von uns in das obere Schlafwagenbett steigen wollte, Scheusal, das er ist. Nichts ist IHM heilig. Wir haben also auf die Dreizehn gesetzt und zum Überfluß noch auf die Eins und die Drei, und alle Zahlen sind glatt herausgekommen. Er hat mir gestern im Bett noch eine lange Vorlesung über Zahlen gehalten, ich weiß aber nicht mehr viel davon, nur was die Sieben ist, die böse und die heilige Sieben, das werde ich nie vergessen, ER hat es mir so eingeremst, wie eben nur ER es kann. Von der Dreizehn habe ich mir gemerkt, daß man sie für eine Unglückszahl hält, weil beim Abendmahl Christus mit den zwölf Jüngern zu Dreizehn bei Tisch gesessen hätten; es sei aber sehr undankbar von den Menschen, die Dreizehn deshalb für eine unheilvolle Zahl zu halten, denn wenn Christus nicht der Dreizehnte bei Tisch gewesen wäre, wäre die Welt gar nicht erlöst worden, und damit hat er eigentlich Recht. Jeder Mensch, sagt ER, ist Christus, jeder Mensch erlöst sich und die Welt durch den Tod am Kreuz – nota bene , das habe ich nicht ganz verstanden, was er damit meinte, es muß aber sehr wichtig sein; ER sah ernst und gütig dabei aus – jeder Mensch ist aber auch Judas und verrät sich, Christus, täglich. Man kann ebensogut annehmen, daß Judas der totbestimmte Dreizehnte ist, und dann ist erst recht keine Ursache, die Zahl der Dreizehn für eine Unglückszahl zu halten. Dann hat ER noch etwas über die Dreizehn gesagt, was auch über meinen Horizont ging, was auf mich aber wie ein heiliges Wort wirkte; es kann aber auch purer Blödsinn sein, denn manchmal sagt mein Mann die größten Albernheiten, die selbst ich für Albernheiten halten muß, mit solchem Ernst, daß ich zuweilen Angst um ihn habe. Ich habe versucht, den Wortlaut im Gedächtnis zu behalten; vielleicht verstehst du, 356 was der Onkel meint.« Agathe fuhr vom Sitz auf. »Was schreibt sie da?« »Onkel ist der Spitzname, den ich ihm gegeben habe«, fuhr Lachmann unbeirrt fort zu lesen. ER ist nämlich viel älter als ich. Mich nennt ER Mütterchen; ist das nicht nett? Dabei ist doch das Kind gar nicht von IHM. Aber er lacht nur und sagt: Es hätte doch hundertmal mein Kind sein können – das ist aber unerlaubt übertrieben. Also das waren seine Worte, oder also sprach ER, um es feierlich zu machen: 13 ist 1 und darauf folgt 3. 1 ist der Vater, 3 ist der Sohn. Zwischen ihnen ist eine Lücke, ein Luftraum, Pneuma – ich weiß ganz sicher, daß Onkelchen Pneuma sagte, obwohl ich nicht weiß, was das heißt, er behauptet, es sei der Name einer Taube, aber ich glaube ihm nicht, er ulkt nur. – 1, der Vater, verschwindet im Pneuma und erscheint wieder als Sohn, als 3. Das Pneuma ist Lust zu zweit, denn die 2 ist zwischen 1 und 3. So ist denn aller Welt Anfang und Ende, Tod und Leben in der Dreizehn enthalten. Die Dreizehn ist der Lobgesang auf den Mann, denn 1 und 3 sind absolut männlich. 2 ist das Weib, ganz Geist. Sie tötet die Eins und gebiert die Drei. Sie ist selbstverständlich wie die Luft, durch die wir alle leben; sie ist der Lebensodem, das Pneuma, sie braucht nicht benannt zu werden, das Weib ist Mutter. Der Vater stirbt im Sohne und der Sohn am Kreuz, die Mütter aber sind ewig. So ungefähr war es. Nachher zitierte er etwas aus dem zweiten Teil vom Faust, da habe ich nicht mehr zugehört. Wenn er ästhetisch wird, faselt er immer. Hoffentlich hast du es verstanden. Mir hat er keine Zeit gelassen, darüber nachzudenken; er wurde wild und behauptete fortwährend: Nun muß die 1 sterben, nun bring sie um! Wie gesagt, manchmal kommt er mir total verrückt vor, aber er bleibt doch immer ER, ein König selbst in Unterhosen. ER ist stark wie ein Gott, ich habe ihn gern. – Denke dir, er hat gar keine rote Nase mehr, wenigstens ist sie schon annähernd rosa, und die greulichen Pickeln sind ganz weg. Er behauptet, er hätte sie sich zugelegt, um mir treu bleiben zu können, damit habe er jede Versuchung in Evasgestalt von sich fortgescheucht; er spricht davon so, als ob man es in seiner Macht hätte, sich Pickel zuzulegen und sie wieder verschwinden zu lassen. Und als ich ihn direkt fragte, ob man das wirklich könne, sagte er, in gewissem Sinne könne man von Absicht reden, wenn jemand Pickel am Naser habe, doch seien es unbewußte Absichten. Und dann quatschte er etwas von Freud und von Verdrängen. Ich habe es nicht verstanden. Aber bei der Gelegenheit habe ich erfahren, wie seine frühere Geliebte hieß: Annaliese. Sie muß eine Studierte sein, oder wenigstens furchtbar gebildet, wenigstens scheint sie ihm viel Mythologie und Ethnologie und Etymologie und wie die Lügien (Ausdruck von IHM für Logik-log ich) sonst heißen mögen. Aber wahrscheinlich hat sie ihm bloß etwas vorgeschmust; wenn man ein andächtiges Gesicht macht und ab und zu wie erschlagen von seiner Weisheit tut, fällt er immer darauf herein und denkt, was er gesagt hat, hätte ich gedacht. So wird es wohl die Annaliese auch gemacht haben, Biest verdammtes! Wahrscheinlich meint er mit dem Verdrängen auch, daß dies Frauenzimmer erst mich aus seinem Herzen verdrängt hat – du weißt ja, die dumme Geschichte, über die du damals so furchtbar böse auf ihn warst, ganz mit Unrecht, denn ich habe ihn rumgekriegt, nicht er mich, – also erst hat sie mich verdrängt und jetzt ich sie. Aber das ist nur so eine Vermutung; er spricht nicht gern von der Geschichte. Als ich neulich seine Narbe tätschelte und sagte: Weißt du noch, 358 schielte er die Nase lang und wurde rot wie ein kleiner Junge und dann sagte er, ich sei naserweis und er müsse mich bestrafen. Das hat ER denn auch getan, Juch! – Heute hat er mich in das Brügger Museum geführt und hat mir die Spitzen Karls des Fünften gezeigt. Wenn Er nur nicht so gräßlich schulmeistern wollte; gleich hat er mich gefragt, ob ich etwas von Karl dem Fünften wüßte. Gott sei Dank fiel mir die Geschichte von der Sonne, die in seinem Reiche nicht unterging, ein und daß er immer Uhren aufzog und das »Nit Kopf ab, Kurfürstliche Gnaden«, was ich mir gemerkt hatte, weil es mir komisch vorkam, daß ein so großer Kaiser wie ein kleines Kind nit statt nicht sagte; er soll allerdings noch sehr jung gewesen sein, vielleicht hat er noch richtig sprechen lernen, es ist ja kaum auszudenken, ebensogut hätte er sich in die Hosen machen können. Also das imponierte meinem Dicken (ein andrer Spitzname) gewaltig. Aber nun ging es los, daß mir ganz schwumrig wurde. Es läge am Namen, daß er ein so großer Kaiser geworden sei. Namen hätten eine unglaubliche Macht – beinahe hätte ich mich bei ihm mit der inneren Ansteckung geschmiert – Karl, Kerl, das sei der Mann, jemand, der Karl hieße, wäre eben ein ganzer Kerl, er engagiere nie einen andern Diener als einen, der Karl hieße, oder mache es wenigstens zur Bedingung, daß er sich so rufen ließe; manchmal würde selbst ein untauglicher Diener dadurch ein ganzer Kerl. Wenn er Kaiser wäre, würde er dem Minister des Auswärtigen den Titel Reichskarl geben, dann –. Und da fing er eine lange Schimpflitanei über Politik an, während der ich mir den Markt unten durch das Fenster angesehen habe. Es war wundervoll, alle die Menschen inmitten der vielen Blumen, die den ganzen herrlichen Platz bedeckten, du kannst dir gar nicht denken, wie schön das ist, all die alten Gebäude. Er erzählte auch etwas in diesem Zusammenhang von Karl des Fünften Einzug in Brügge, oder war es Gent, nein, nein ich weiß schon, Antwerpen, wo ihn die schönsten Mädchen der Stadt total nackt empfangen haben. Komisch! Im Übrigen bin ich mehr für das Angezogene, wenigstens ein Bißchen soll man anhaben, das lockt viel mehr. Und das Ausgezogenwerden ist doch auch nett. In Gent hat er glaube ich eine Masse Menschen aufhängen lassen, und in Brügge sind eben seine Handschuhe und Spitzen. – Dann hat Onkelchen wieder angefangen zu schwärmen, aber ich höre das sehr gerne, er behauptet nämlich, das seien Entdeckungen der Annaliese, was ich nicht glaube, aber was mir beweist, daß er sich in jede verliebt, die ein andächtiges Gesicht zu machen versteht, wenn er seinen Kram auspackt. Er ist sich vollkommen klar darüber, daß es so ist: Alle Männer seien so, sagt ER. ER ist bestimmt so, ich habe es ausprobiert. Frauen sollen eitel sein? Wie soll man dann diese Gier nach Schmeichelei bei den Männern nennen? – Nun, er hat weiter philologiert. Der fünfte Karl, das hat er mir an den Fingern hergezählt, so etwa wie: Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen usw. Karl der Fünfte sei der kleine Finger, ein sehr brauchbarer Finger, wenn er auch nicht dem Karl dem Ersten – das sei Karl der Große gewesen – gleichkäme. Als ich ihm mit Karl dem Kahlen und Karl dem Dicken kam, wurde er böse: es müsse nicht immer alles stimmen, das Leben sei bunt und Gottes Ratschlüsse oft wunderlich. Dann wurde er nachdenklich und auf einmal strahlte sein ganzes Gesicht. Ob ich einmal was von Karl dem Vierten gehört hätte? – Das ist der mit der goldnen Bulle, sagte ich, nachdem ich eine ganze Weile ein verlegenes und nachdenkliches Gesicht gemacht hatte; ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, daß man sich 360 vor Männern noch dümmer stellen muß, als man ist, nur wenn sie einem etwas auseinandersetzen, muß man klug tun. Siehst du, schrie er förmlich vor Triumph, der vierte Finger, das ist der Goldfinger, deshalb mußte der vierte Karl die goldne Bulle verfassen. Jetzt ist überhaupt alles klar. Karl der Große das ist der Daumen, der Hauptfinger, der, in dem alle Möglichkeiten enthalten sind, alle andern Finger fakultativ schon da sind, ebenso wie in Karl dem Großen alle künftigen Kaiser schon vorgebildet waren. – Wie mein Mann auf das Folgende gekommen ist, weiß ich nicht, es ist ziemlich intim, und du brauchst es nicht zu lesen, wenn dir das Intime unangenehm ist. – Karl der Große, das ist einer, der kann, aber nicht muß. Karl der Kahle, bei dem hat sich es zurückgestreift, du weißt, was ich meine, es ist außer den Handflächen und Fußsohlen die einzige kahle Partie des Mannes, aber mit dem bloßen Entblößen der Spitze ist noch nichts getan, erst muß Karl dick werden, dann kann er als goldner Bulle ans Werk gehen, heiraten, und dann schließlich wird der fünfte kleine Karl daraus, der aber schon wieder etwas von den Qualitäten des Daumens hat und sich eventuell in einen großen Karl verwandeln kann. Ich habe meinen Dicken selten so lebendig gesehen wie in dem Moment. Ach Mama, was ist es schön verheiratet zu sein, wenigstens wenn man einen Mann hat, wie ER ist. – Er ist auch sehr generös mit Essen und Trinken und ich werde dicker und dicker.« Lachmann ließ den Brief sinken und lehnte sich im Stuhl zurück. »Ich denke, wir machen nun erst einmal eine Pause.« »Warum?« fragte Agathe eifrig. Lachmann sah sie scharf an, holte sich, ohne sie aus den Augen zu lassen, langsam und gemächlich eine Zigarre vor, steckte sie an, päffte und sagte: »So etwas muß dich doch 361 angreifen. Das ist schon starker Tobak, und du mit deiner zarten Seele.« »Lachmann, das verstehst du nicht. Du hast eben nie ein Kind an der Brust liegen gehabt.« »Weißt du das so bestimmt?« »Ja, das weiß ich allerdings bestimmt. So etwas ist unser Privileg, dazu eignet sich der Herr der Schöpfung nicht.« »Alexander Humboldt erzählt aus den einsamsten Cordilleren, daß er dort einen Mann gesehen und gesprochen habe, an dessen vollkommen entwickelter Brust ein Säugling lag und Vatermilch trank, richtige Menschenmilch. Die Mutter des Kindes war während der Geburt gestorben, da hatte der Vater das Ammesein probiert, da sonst weit und breit keine Milch aufzutreiben war, und es gelang ihm. August ist gar nicht so dumm mit seiner Idee über die Entstehung der Pickel. Ich schäme mich, daß ein Laie – und was für einer – Entdeckung auf Entdeckung macht, während wir vom Fach immer wieder dieselbe Suppe kochen, löffeln und löffeln lassen, die unter den verschiedensten Namen das ganze Menu der Wissenschaft ausmacht. Wenn ich doch je in meinem Leben eine einzige solche Idee gehabt hätte, wie sie dieser armselige Geisteskranke zu Dutzenden produziert.« »Lachmann, ich verbitte mir das; du sollst meinen Bruder nicht geisteskrank nennen. Er ist –« »Tot. Tot nach dem Willen seiner Schwester. Wollen wir nun weiter lesen?« »Allerdings wollen wir weiter lesen. Das versteht sich, daß wir weiter lesen.« »Agathe, ich muß mich über dich wundern. Du bist sonst die Sittsamkeit selber, siehst zur Seite, wenn du an dem 362 Knabenschwimmbad vorbeikommst, fragst den Jüngling in der Leihbibliothek, ob das Buch, das er dir gibt, auch modern sei. Denn wissen Sie, lieber, junger Mann – Lachmann versuchte Agathes Stimme nachzuahmen – ich finde diese neumodischen Dichterlinge mit ihren Pikanterien abscheulich, ja direkt langweilig; ich verstehe ja, daß Sie von Berufswegen lesen. Aber mir bitte muten Sie es nicht zu. Mir wird übel, wenn ich den Namen Strindberg oder Sudermann oder gar Casanova höre.« »Du übertreibst; ich weiß ganz gut, daß Casanova längst tot ist, und Strindberg habe ich sogar gelesen.« »Heimlich wohl auch Casanova.« »Nein, den habe ich nicht gelesen. Aber ich würde ihn sicher nur heimlich lesen. Solche Heimlichkeit ist man sich selbst schuldig – wenn man nicht gerade August ist.« »Oder Alwine. Ich finde sie reichlich offenherzig und – ich kann mir nicht helfen – ich finde ihren Brief pikant.« »Ich finde ihn sogar schmutzig, exorbitant schmutzig. Aber ihre Windeln waren auch nicht rein, und ich habe sie doch gewaschen. Dem Reinen ist alles rein. Für eine Mutter ist ihr Kind niemals schmutzig. Merke dir das! Und nun lies weiter!« Lachmann warf ihr noch einen überqueren Blick zu, dann las er weiter: »In der Nacht, die jener sehr eindringlichen Belehrung über die verschiedenen Sorten Karl folgte, konnte ich lange nicht einschlafen, und da ich meinem Manne als gefügiges Eheweib gern zu Willen bin, habe ich mir etwas zurecht gedacht, was ihn geradezu entzückt hat. Ich habe alle meine geschichtlichen Erinnerungen aufgefrischt und da sind mir noch zwei Kaiser-Karle eingefallen, die habe ich ihm am nächsten Morgen zum Frühstück aufgetischt. Karl der Sechste – sicherheitshalber 363 habe ich noch einmal im Konversationslexikon nachgesehen – ist der mit der pragmatischen Sanktion. Er hatte keine Söhne und hat sein Leben im Wesentlichen damit verbracht, die Thronfolge seiner Tochter Maria Theresia durch tausendundeinen Vertrag zu sichern. Den habe ich nun meinem Dicken als Repräsentanten des weibgewordenen Mannes vorgestellt, als Muttermann gewissermaßen, weil er die Sechs ist, und Thomas behauptet immer, Weiber gäbe es eigentlich gar nicht, es würden nur Knaben geboren; den unartigen Knaben – er versteht darunter eine ganz besondere Unart, über die er sich nicht näher auslassen will, ich würde wohl allein wissen, was das für eine Unart sei, natürlich weiß ich es – den unartigen Knaben würde ihre kleine Sieben unbarmherzig vom Vater abgeschnitten, so daß nur noch ein böses Loch übrig bliebe, eine böse Sieben, eine Sechs. Er nennt das Kastration und behauptet, alle Menschen hätten einen Kastrationskomplex. Daraufhin hat ER sich etwas ausgedacht, womit er mich fürchterlich peinigt. ER hat sich nämlich ein riesiges Bratenmesser angeschafft, das liegt zu oberst in seinem Koffer und daneben liegt ein stählernes Schleifmesser, das wie ein sechseckiger scharf zugespitzter Dolch aussieht. Wenn ich nun nach seiner Ansicht unartig – natürlich nicht wie die unartigen Kinder, was ich ja nicht nötig habe – gewesen bin, steht ER mit einem Gesicht, das nur noch Augenbraue mit darunter liegenden blaugrauen Untertassen ist, auf, holt Bratenmesser und Schleifding vor und wetzt das Messer. »Deinem kleinen Thomas, dem schneide ich sein Ding ab mitsamt allem, was daran hängt«, sagt er dann, und der Ton des Wetzens und das Hin- und Herfahren des großen Messers ist so fürchterlich, daß ich sofort artig werde. Einmal habe ich 364 versucht, Widerstand zu leisten, da kam, wie er sagte, eine atavistische Lust am Menschenfressen über ihn, und er malte mir in allen Einzelheiten aus, wie er nun den Kleinen ganz schlachten, braten und aufessen werde, ich aber solle zur Strafe den Extrabissen haben, der Knabe und Mädchen unterscheide. Er macht mich noch ganz verrückt mit seinem Geschwätz.« Agathe hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schluchzte laut: »Das arme Kind! Der böse Mann!« Lachmann war zunächst sprachlos, dann griff er nach seinem Frühstücksmesser und der Gabel und: »Wenn du es denn nicht anders haben willst, Agathe. Ich kann das ebensogut wie August, und ein Stück Gänsebrust kriege ich zur Not trotz deines vorzüglichen Frühstücks noch herunter.« Dabei fuhr er mit majestätischen Bewegungen mit der Messerschneide an dem Gabelzinken auf und ab; seinen Mund hatte er breit verzogen und ließ aus ihm lang die Zunge heraushängen, so daß er wirklich einige Ähnlichkeit mit dem Menschenfresser im Däumling bekam; zumal ihm nach einigen Sekunden das Wasser aus dem Munde troff. Agathe sah ihn starr an, dann brach sie in ein vergnügtes Lachen aus. »Lies weiter!« Lachmann las: »Also den Pragmatik-Karl – irgendwie fallen mir dabei immer Prager Schinken ein – den habe ich ihm als Sechs vorgestellt und daraus sein Schicksal gänzlicher Impotenz abgeleitet: der Name habe ihm keine Wahl gelassen. ER war total erschlagen; ER hatte nicht geahnt, was für eine gescheute Frau er hätte. Sage das Onkel Lachmann, er hat mich immer für dumm und minderwertig gehalten.« Bei dieser Stelle des Briefes sah Agathe ihren alten Liebhaber, ihm die Hand auf den Arm legend, fragend und vorwurfsvoll an. Lachmann zog die Mundwinkel herunter und knarrte 365 ärgerlich: »Ach, das nennt man den männlichen Protest. Minderwertigkeitsgefühl. Sie hat mir nie die Ohrfeige verziehen, die ich ihr mal in einer günstigen Stunde verabreicht habe, als sie sich nicht in den Hals sehen lassen wollte. Weiter im Text:« »Der Eindruck war so gewaltig, daß ich dachte, der kastrierte Karl könne nicht mehr übertroffen werden, aber ich habe mich selber übertrumpft: ich sagte IHM, ehe er noch zur Besinnung kommen konnte: Und weißt du, Karl die Sieben, der Bayer, der seines Lebens nicht froh werden konnte und ratlos hin und her zappelte, das ist Karls des Sechsten abgeschnittenes Schwänzchen. Das hättest du sehen sollen: Thomas war ganz außer sich, ich habe nie so etwas gesehen. Er packte mich und tanzte mit mir in der Stube rum, und dann ließ er mich los und hob wie ein Tanzbär abwechselnd die Beine hoch und machte mit den Armen die tölpischen Bewegungen solchen Untiers nach, daß ich vor Lachen Bauchschmerzen bekam. Und dann ist er weggelaufen und wie er wiederkam, hatte er ein Babyhemdchen und ein Spitzenhäubchen im Arm, einfach süß, sage ich dir. Und daß ER es gekauft hat. ER als erster mir etwas für den Kleinen geschenkt hat! Ich habe ihn geküßt. Na und seitdem brauchen wir, wenn wir uns über Intimitäten unterhalten wollen, für das Wichtigste den Titel Kaiser Karl der Siebente. Er ist auch feierlich von MIR gekrönt worden, wie, verrate ich nicht. – Seit jenem Morgen fange ich übrigens an, den Kastrationskomplex zu verstehen. Mir ist nämlich etwas aus meiner Kindheit eingefallen, und der Dicke behauptet, es sei sehr wichtig. Als ich noch bei Euch im Zimmer schlief, habe ich manchmal gesehen, wie du deinen falschen Zopf –« Lachmann hob fragend den Kopf, er war frech genug, spöttisch auszusehen. 366 »Man trug damals falsche Zöpfe«, sagte Agathe, ohne im mindesten verlegen zu werden. »Abends abnahmst und ans Fensterkreuz hingst, um ihn morgens wieder zu flechten und aufzustecken. Das hat mich immer furchtbar erschüttert, ohne daß ich wußte warum. Er hat mich nun belehrt. – Du hast damals, weil die Erinnerung daran, wie dein Vater dir es abgeschnitten hat, noch frischer war, gedacht, daß die erwachsenen Frauen es abnehmbar haben; am Tage tragen sie es und in der Nacht legen sie es ab und hängen es irgendwo sorgfältig auf, genau wie es deine Mutter mit dem falschen Zopf machte. – Ich bin überzeugt, daß er Recht hat.« Agathe legte wieder die Hand auf Lachmanns Arm, zum Zeichen, daß er eine Pause machen solle. Erst nach einer ganzen Weile nahm sie den Arm wieder fort und die Lektüre ging weiter. »Du siehst, Mama, schöner kann es deine Tochter nicht haben, ER –« »Na nu hört alles auf,« unterbrach sich Lachmann. »Was ist denn los? Warum liest du nicht weiter?« »Ja, jetzt scheint die Geschichte brenzlich zu werden. Hör nur!« »Ach, Mama, ich hätte es nicht berufen sollen; jetzt ist alles vorbei. Ach, ich bin so unglücklich. Er sitzt im Kittchen und ich – ach ich wollte, ich wäre tot mitsamt dem kleinen Thomas. Der große –« In diesem Augenblick unterbrach ein Klopfen das Lesen und hereintrat Schön-Rottraut mit einer Depesche in der Hand. Sie warf, als sie das Telegramm ihrer Herrin übergab, einen 367 bitterbösen Blick auf Alwines Brief, zwang ihrer abscheulichen Häßlichkeit ein abschreckendes Lächeln ab und sagte in halbverständlichen Zischlauten ihres zahnlosen Mundes etwas, was so klang wie eine Erkundigung nach dem lieben Fräulein Alwine. Agathe achtete gar nicht auf sie. Am ganzen Leibe zitternd versuchte sie das Telegramm aufzureißen, was durchaus nicht gelingen wollte, da sie nach unerschütterlicher Gewohnheit zart die Verschlußstelle zu lösen versuchte, was nicht immer ganz leicht ist. »Sie werden ihn doch nicht erschießen,« murmelte sie. »Er ist doch ein Kind.« »Ach was erschießen,« schrie Lachmann, nahm ihr die Depesche fort und riß sie so heftig auf, daß sie sich in zwei Fetzen auflöste. »Heutzutage erschießt man nicht so leicht.« Dabei versuchte er die beiden Stücke wieder zusammenzusetzen. »Das schöne Telegramm zerreißt er«, sagte Agathe fassungslos. »Das schöne Telegramm.« »Aus Berlin,« las Lachmann eilig. »Alles in Ordnung, sind glückselig und verliebt –« »Das hat sicher ER hinzugefügt,« rief Agathe in Tränen lachend dazwischen. »Erwarten dich und Lachmann so bald als möglich hier Fürstenhof Thomalwinaas.« »Na, da hört sich denn doch Verschiedenes auf. Solch ein verdammtes Mädel, einem einen solchen Schrecken einzujagen. Das kommt davon, wenn man mit dem männlichen Protest adlert.« Agathe sah ihn einen Augenblick verständnislos an, und Lachmann hätte wohl selber nicht angeben können, was er im Augenblick mit dem männlichen Protest meinte, dann richtete sie sich würdevoll auf, sagte: »Mein Kind ist kein verdammtes 368 Mädel, sondern eine verheiratete Frau, mit deinem besten Freunde verheiratet, und mit andern Männern gibt sie sich nicht ab, auch nicht in männlichem Protest,« und rauschte zur Tür. Dort drehte sie sich um und sagte: »Ich weiß nicht was du mit diesem albernen Wort Männlicher Protest meinst. Vermutlich irgend eine Niederträchtigkeit gegen die Frauen. Aber ich dulde nicht,« sie erklärte nicht, was sie nicht dulden wollte, da sie Lachmanns spottsprühendes Gesicht sah, »Ich packe meine Sachen für Berlin. Du wirst gut tun, das auch zu tun, wenn ich dich mitnehmen soll«. Sprach's und verschwand.   Zur selben Zeit, wo das alte, vom Schicksal stets böswillig auseinandergehaltene Liebespaar mit wechselnden Gefühlen den Brügger Brief entzifferten, thronte Thomas Weltlein in Hemd und Unterhosen vor dem Toilettenspiegel im Hotel Fürstenhof. Sein Haupt hielt er steif ein wenig nach hinten gestreckt und reckte mit sauersüßer Miene den nackten stoppligen Hals vor, als ob er trotz aller daraus entstehenden Bitternis seine Frau bäte, ihm ein wenig die Kehle abzuschneiden, um sich von der alles duldenden Kraft seiner Neigung zu überzeugen. Alwine saß in einem der vielen Spitzenhemdchen auf seinem Knie und rührte emsig und in ihr Spiel versunken mit dem Rasierpinsel Seifenschaum. »Jetzt werden sie wohl unser Telegramm haben«, sagte Thomas und versuchte mit verdrehten Augen die wippende Fußspitze seiner jungen Frau zu beobachten. »Ach das Telegramm.« Alwine zog einen Flunsch. »Ich sehne mich offen gestanden nicht sehr danach, Mama jetzt schon wiederzusehen. Wir hatten es doch sehr gemütlich, und du wirst sehen, sie wird sofort anfangen, uns zu erziehen.« »Das ist gerade das Nette an ihr. Schade, daß sie dich nicht 369 so sitzen sieht.« Alwine zog verängstigt ihr Hemd nach unten, was ihn dazu veranlaßte zu bemerken, wie hübsch das von der Natur eingerichtet sei, daß man sofort bei den Weibern oben einen Ersatz fürs Auge bekäme, wenn einem unten die Aussicht beschränkt werde. Alwine machte eine halbe Wendung auf seinem Knie, so daß sie ihm den Rücken kehrte, stellte den Seifnapf auf die Platte des Toilettentischs und fuhr mit dem Pinsel so energisch in dem Gefäß herum, daß man allein an dieser Bewegung feststellen konnte, wes Tochter sie war. »Das hätte ich mitansehen mögen, wie sie den Brief gelesen hat. Das hat sie ein paar Haubenbänder gekostet. So hat sie ausgesehen.« Sie preßte die Lippen eng aufeinander und ließ die Mundwinkel hängen; die Ähnlichkeit mit der Mutter wurde so groß, daß Thomas, der in seiner Verliebtheit trotz der ungeeigneten Stellung seines Kopfs mit den seltsamsten Verrenkungen seiner Augäpfel jede ihrer Bewegungen verfolgte, abwehrend seine breite Hand über ihr Gesicht legte und vorwurfsvoll sagte: »Nicht agathern! Du sollst lieb sein. Aber einseifen darfst du mich jetzt; die Nackenmuskeln tun mir schon weh.« Alwine drehte sich ihm wieder zu, packte ihn mit der linken Hand an seiner Nase und hob den Pinsel, um ihn einzuseifen. Plötzlich verzog sich ihr Gesicht – »Pfui! du hast wieder einen Pickel« – und, klacks! schlug sie ihn mit dem Pinsel auf die Nase, so daß der Schaum über Mund und Kinn heruntertropfte. Thomas fuhr so heftig zurück, daß er sich den Kopf an der Stuhllehne stieß, und kläglich das Gesicht verziehend und den Hinterkopf reibend sagte er: »Der Pickerich merkt sofort, wenn du mich schlecht behandelst, er läßt die Blüten treiben, sobald seinem Herrn Unrecht geschieht.« 370 »Unrecht?« fragte Alwine erstaunt. »Wann um Gotteswillen habe ich dir Unrecht getan?« »Wie soll ich das wissen? Der Pickerich weiß es und hat es dem Naser mitgeteilt. Wir müssen ihn fragen.« Alwine hatte ihren Mann wieder an der Nase gepackt. »Frag ihn, und daß er ja rasch antwortet! Sonst dreh ich dir das R am Schluß deines Nasers ab, daß du schmählich mit einer Weibernase herumlaufen mußt.« Thomas machte ein Gesicht, als ob er in der Obersekunda vor der Wandtafel stände und unter dem gestrengen Blick des Mathematikgewaltigen eine schwierige Dreieckskonstruktion zu lösen hätte. »Mir fällt das Wort Brügge ein und Verrat.« Er richtete sich kerzengerade auf, faßte das Handgelenk seiner Frau, zog ihre Finger von seiner Nase und sie mit vernichtenden Augen anblitzend sagte er: »Du hast mißbilligt, was ich in Brügge tat. Du hast die Wanzenpartei ergriffen.« »Das ist nicht wahr.« Thomas drehte ihren Kopf mit seiner breiten Hand sich zu, so daß sie ihm in die Augen sehen mußte. »Hast du bewundert, was ich tat?« »Bewundert? Wenn du mich allein in einem fremden Lande läßt? Wenn du ganz unnötigen Skandal machst und dich so beträgst, daß sie dich auf die Polizeiwache schleppen? Wir waren doch im Begriff abzureisen; du hättest die Sache ruhig auf sich beruhen lassen können und –« Thomas ließ traurig die Hand seiner Frau sinken. »Nun kommt ein neuer, der Pickerich hat es gehört, daß sie gesagt hat, ich hätte es auf sich beruhen lassen sollen.« Seine Arme sanken schlaff herab und der Kopf beugte sich wie unter einer schweren Last. 371 Alwine schmiegte sich dicht an ihn, suchte mit der einen Hand seinen Kopf aufzurichten, mit der andern streichelte sie sanft seine Backen und sein Kinn, ohne darauf zu achten, daß sie ihm dabei den Seifenschaum immer mehr zwischen die Lippen strich. »Armer Dicker! Hast du ein böses Weib. Aber ich werde es schon lernen. Mir tun doch die Wanzen nichts. Du mußt Geduld haben. Ich werde es schon lernen. Du mußt Geduld haben.« »Ihr begreift es Alle nicht: Lachmann nicht und Agathe nicht und du begreifst es auch nicht, nicht einmal du begreifst es.« Alwine traten die Tränen in die Augen und leise mit gebrochner Stimme flüsterte sie ihm wie einem kleinen Kinde, das getröstet werden soll, zu: »Doch, Lieber, doch Lieber. Ich verstehe es.« Thomas richtete langsam sein Gesicht hoch. »Du hältst mich nicht für verrückt? Sieh mir in die Augen! Du hältst mich nicht für verrückt?« Alwine fühlte, daß ihr Schicksal von der Antwort abhing: ihm treuherzig und aufrichtig in die Augen blickend – das hatte sie schon gelernt, daß man beim Lügen nicht in die Pupillen des andern blicken darf, sondern das Weiße des Auges ansehen muß – log sie: »Niemals habe ich dich für verrückt gehalten.« Sein Gesicht klärte sich langsam auf, während er sie, anfangs forschend, nach und nach zärtlich, ansah. »Ich bin es auch nicht. Sieh einmal, ich habe etwas entdeckt, etwas, was alle Menschen wissen und doch keiner weiß, etwas was das Denken umwälzt, was den Menschen zum Menschen macht, und was doch Niemand je ganz begriffen hat. Ich will nicht sagen, daß 372 ich es ganz begreife, das liegt wohl außerhalb menschlichen Vermögens. Aber es leuchtet ein Licht in mir, bald hell, bald dunkel, und dieses Licht –« Er unterbrach sich und drückte sein junges Weib mit aller Kraft an sich. »Wenn du so Meeraugen machst, Lieber, ist mir, als ob es still würde.« Alwine flüsterte ganz leise: »Ich habe nie so etwas gesehen.« Thomas streichelte ihr sanft das Haar. »Es ist so. So ist es. Wir Menschen glauben zu leben, aber es ist nicht wahr. Wir werden gelebt, und nichts geschieht, was nicht geschehen muß. Das ist eine alte Wahrheit, scheint es, nur ist sie nie begriffen worden, nie gelebt worden. Wenn ich bedenke, wie ich geworden bin, wie sehend und wie glücklich! Und wie, wohin ich auch komme, der Friede mir folgt, Ruhe und Behagen von mir ausstrahlt, nur weil ich die Kraft kenne und anerkenne, die uns alle hält und lebt. –« Er unterbrach sich und sah sein Weib an, als ob langsam und aus weiten Fernen etwas zu ihm zurückkehre. »Was ist dir?« fragte er. »Ich friere.« »Wie solltest du nicht? Wenn das heilige Feuer in dem Menschen angefacht wird, erschrickt er und fürchtet zu verbrennen. Und dann holt er alles, was von Kälte in ihm ist, herbei und häuft es über die Flamme, die er fühlt und nicht verstehen kann. Jedes Fieber entsteht so, jedes Frostgefühl. Fürchtest du dich nicht mehr vor der Wärme des Lebens, so kennst du den Frost nicht mehr und die Hitze rührt dich nicht mehr an. Dann bist du gefeit, dann bist du wie Gott, dann bist du du selbst. Furcht ist das Erbteil des Menschen und Angst seine einzige Sünde. Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.« 373 Alwine hatte dicht an ihn geschmiegt seiner Stimme gelauscht und seinen Blick gesehen; was er sagte, hörte sie nicht. Sie fror nicht mehr. Das also ist Liebe. – »Jetzt ist es vorbei,« klagte sie. »Schade! Ich liebe deine Augen, wenn sie so fern sehen. Sie sind wie das Meer.« »Das Meer, das ist die Mutter. Hat dir Agathe von unsrer Mutter erzählt?« Alwine schüttelte den Kopf. »Zuweilen. Nicht viel.« Er streichelte wieder ihr Haar und flüsterte leise, so daß sie es kaum verstehen konnte: »Du bist meine Mutter, ich brauche keine andre.« Der Ton seiner Stimme änderte sich. »Siehst du, das muß man auch lernen, und wer wissend wird, lernt es spielend, das ›Stirb und Werde‹. Verrat, Treulosigkeit, das sind die tiefsten Lebenskräfte. Wir verraten immer, unsre Liebsten, Besten verraten wir von Beginn an und dann suchen wir unser ganzes Leben lang die wieder zu finden, die wir treulos verließen. Vom Vater, in dessen Hoden wir lebten, lösen wir uns und aus dem Eierstock der lieben Mutter wandern wir weg, dem Leben als Mensch entgegen, der Illusion zu, eine Persönlichkeit, ein Ich zu werden. Es ist nicht wahr, daß sie uns von sich stoßen, wir selber sind es, die sie verlassen. Kinder werden nicht gezeugt, sie zeugen sich selbst, aus eigner Machtvollkommenheit, dem folgend, was sie lebt, dem Namenlosen, dem Unbestimmten, dem Es. Kinder werden nicht geboren, sie lassen sich gebären, die Mutter muß sie gebären, weil sie es sich erzwingen. Der Mensch ist ein Wunder, der Mensch ist allmächtig, und wer das zum ersten Mal, wenn auch nur ganz von ferne in sich verspürt, sollte der nicht frieren? Alle Einsamen frieren, und was ist einsamer als der Mensch? Das Frieren dieser Einsamkeit, das 374 Entbehren der Liebe, die wir von Beginn an verrieten und in jedem Augenblick, wo wir sie von neuem treffen, von neuem verraten, das Suchen nach Liebe. Siehst du, Mütterchen, das läßt sich ja nicht sagen, das läßt sich kaum fühlen; nur Wenige können es fühlen und auch die nur für Momente, es würde sie sonst töten. Du sollst Vater und Mutter verlassen und an Deinem Weibe hangen. Du sollst Vater und Mutter verlassen und an Alwinen hangen. Siehe, das ist meine Mutter, siehe das sind meine Brüder.« Alwine fror und Thomas merkte es. Er zog sie noch dichter an sich und nach einer Weile sagte er: Nun mußt du mich einseifen. Ich will mich rasieren.« 375     Georg Groddeck zum Seelensucher Neulich hat mich wieder Jemand darüber zur Rede gestellt, daß ich, wie es so üblich in der Psychoanalyse sei, alles auf die Sexualität zurückführte. Ich habe gefragt, womit sich eine solche Behauptung begründen lasse, da ich doch mit meinen Patienten ebensooft über alle möglichen Dinge spräche, wobei nicht die leiseste Andeutung des Eros vorkomme. Der Patient verwies mich auf meine Bücher, zunächst auf das Buch vom Es: er begreife nicht, wozu ich solch ein Buch veröffentlicht hätte. Wozu ich das getan hätte, könne ich ihm nicht sagen, erwiderte ich. Aber daß ich es veröffentlichen mußte, sei doch selbstverständlich. Er, mein Widersacher, habe doch auch nicht verhindern können, daß das Kind, das er gezeugt habe, von der Mutter geboren worden sei und er verlange auch gewiß weder von sich selbst noch von seiner Frau, daß das Kind in irgend eine Kammer eingesperrt werde, damit es die Leute nicht sähen. Genau ein solcher Naturprozeß sei es mit dem Buch vom Es gewesen. Ein Zweck sei dabei gar nicht in Frage gekommen, sondern die Notwendigkeit. Wem es nicht gefalle, brauche es nicht zu lesen. Im Übrigen wisse ich, daß im Buch vom Es viel von der sexuellen Frage geschrieben sei; aber es seien doch auch noch andre Dinge darin abgehandelt. Das gab mein Gegner zu, kam nun aber auf den Seelensucher zu sprechen und auf das 376 Titelbild dieses Buchs. Ich bat ihn es mir aus dem Gedächtnis zu beschreiben, und er schilderte nun, daß da ein Mann auf der Weltkugel sitze und die Leibesmitte eines nackten Frauenfigürchens ganz versunken durch eine Lupe betrachte; das beweise doch, wie ausschließlich ich alles unter dem Gesichtswinkel der Sexualität betrachtete. Mitten in dieser Auseinandersetzung lachte er, und als ich ihn nach dem Grund dieses Lachens fragte, meinte er, es sei ihm erst jetzt aufgefallen, daß dieser Mann ja der Welt den Rücken zudrehe, sie also überhaupt nicht ansehe; der Sinn dieses Bildes sei also Spott über Menschen, die das Vergrößerungsglas in so stumpfsinniger Weise benutzten. – Da möge er wohl recht haben, sagte ich. Er könne auch noch eine andre Schlußfolgerung daraus ziehen, nämlich die, daß der Haß gegen die Psychoanalyse und gegen Freud und etwa auch gegen mich und meine Bücher gar nicht darauf beruhe, daß wir die Sexualität überall in unsre Weltbetrachtung hineinzögen, – denn wir sind ja nicht gleich dem Manne, der sich auf die Welt setzt, damit sie ihn nicht in der Betrachtung weiblicher Reize störe, – sondern darauf, daß wir solch weltabgewendeten Genitalbetrachtern, und deren gibt es jetzt Millionen, die geheime Freude ihrer lüsternen Gewohnheit stören, alles Geschlechtliche aus dem Weltgeschehen herauszunehmen, um es mit der Lupe zu vergrößern. Daß wir den Menschen des neunzehnten Jahrhunderts entlarven, sein albernes Beginnen dem Gelächter kommender Generationen überliefern, das ist, was man uns noch nicht verzeiht. Und deshalb bleibt uns nichts andres übrig, als auch uns dem Hohn unseres eigenen Zeitalters zu überantworten. Freuds Lehre hat an sich mit dem, was man Erotik nennt, 377 nicht das Mindeste zu tun, und wir, die wir uns mit mehr oder minder Recht seine Schüler nennen, ebensowenig; wenn wirklich einer von uns Lust haben sollte, es dem Narren mit der Lupe gleich zu tun, so soll man ihm den Seelensucher zu lesen geben, damit er entweder sich über sich selber gesund lacht oder an seiner Wut erstickt. Nicht Freud hat den Menschen mit dem Hinterteil auf die Welt gesetzt, er saß schon darauf, ehe Freud geboren ward; nicht Freud gab dem Menschen Figürchen und Vergrößerungsglas in die Hand, er nimmt ihm Beides als gütiger Lehrer fort und dreht ihn mit sanfter Hand der Welt zu: Sieh, wie groß die Erde ist und wie klein das Dingchen, das dir so wichtig vorkommt; schau dich um, das bißchen Freude, das die Sexualität macht, kannst du überall finden. Die Welt ist durchtränkt davon. Ich weiß nicht, ob sich mein Gegner geschämt hat; ich habe ihn nicht gefragt. Groddeck.