Georg Ebers Die Gred Erstes Buch. »Pietro Giustiniani, der Kaufmann von Venedig«, so zeichnete der kleine Antiquar, dem ich in der Markusstadt einige handschriftliche Hefte abgekauft hatte, die Quittung. Welch ein Name und welch ein Titel! Mit diesem wollte er gewiß das Deutsche an den Mann bringen, das er als Korporal in der österreichischen Armee erlernt hatte; jener veranlaßte ihn, nachdem ich der Größe seiner Vorfahren gedacht, auf die Tasche zu schlagen und halb stolz, halb kläglich zu rufen: »Ja, sie hatten wohl Geld genug; doch wo ist es geblieben?« »Und haben Sie nichts von ihren Thaten vernommen?« fragte ich den kleinen Mann, der das Schnurrbärtchen immer noch militärisch zugespitzt trug. »Thaten?« fragte er verächtlich. »Wären sie nur weniger eifrig hinter dem Ruhme her und dafür bessere Haushälter gewesen! Armes Kind!« Dabei wies er auf die kleine Marietta, die unter den alten Büchern umherspielte, und mit der ich schon gute Freundschaft geschlossen. Heute trug sie in den Ohrläppchen etwas Wunderliches, worin ich bei näherem Hinsehen zusammengedrehte Zwirnfäden erkannte. Das Kind lehnte den hübschen Schwarzkopf zutraulich an mich, und wie ich seinen seltsamen Schmuck befühlte, rief mir von dem kleinen Pulte hinter dem Ladentische her die helle Stimme seiner Mutter klagend entgegen: »Ja, Herr, es ist eine Schande, in einer Familie, die der Kirche drei hohe Heilige gegeben – den Nikolo, die Anna und Eufemia – alle drei Giustinianis – Sie wissen es, weil Sie die Schriften kennen – in solchem erlauchten Hause, dessen Söhne mehr als einmal den Kardinalshut getragen, muß, Herr, muß die Mutter dem eigenen Kinde . . . Aber Sie haben Ihre Freude an dem Mädchen, Herr, wie jedermann im ganzen Quartier . . . He, Marietta! Wenn Dir der Herr nun ein paar Ohrringe schenkte, goldene, echt goldene, mein' ich? Zwirnfäden als Geschmeide im Ohr einer Giustiniani, daß das lächerlich ist, unpassend, unerhört, das steht fest, und ein billig denkender, gelehrter Herr, wie Sie, wird es nicht leugnen!« Wie hätt' ich solche Mahnung ungehört lassen können, und da ich der Antiquarsfrau den Willen gethan, durft' ich mich mit einigem Stolz für den Wohlthäter einer Familie ansehen, die sich vom Kaiser Justinian abzustammen rühmte, die man die Fabier Venedigs genannt und die weiland der Republik große Feldherren gestellt hatte, weitsichtige Staatsmänner und tüchtige Gelehrte. Wie ich die Stadt endlich verließ und Abschied von dem Antiquar nahm, drückte er mir ebenso herzlich wie wehmütig die Rechte. Wenn Frau Giustiniani mich sodann, während sie eine ziemlich lange Reihe von Banknoten einstrich, mit jenem freundlichen Mitleid anschaute, das eine brave Frau übervorteilten Unerfahrenen, zumal wenn sie jung sind, so gern zollt, geschah es wohl, weil die von mir erworbenen Hefte in der That einen recht kläglichen Anblick boten. Mäuse und Insekten hatten den Rand des starken Altnürnberger Papiers zerfressen, und an manchen Stellen fielen aus der Mitte der vergilbten Seiten schwarze Stückchen wie Zunder heraus; ja, viele Zeilen der ursprünglich kräftigen Schrift waren so ganz erloschen, daß ich kaum hoffen durfte, die Kunst der Chemiker zu Hause vermöge sie je wieder kenntlich zu machen; aber das, was diese Hefte enthielten, war so merkwürdig und eigenartig, so kaum erhört in der Zeit ihrer Entstehung, daß es mich mit unwiderstehlicher Gewalt fesselte und ich ihm zu liebe manche halbe Nacht zum Tage machte. Es waren im ganzen neun, und alle zeigten die gleiche Handschrift bis auf das letzte. Deckel und Titelblatt waren verloren gegangen, doch über der ersten Seite des ersten Heftes stand mit großen Lettern geschrieben: »Püchel von meinem Leben.« Dann folgte eine Reihe von Versen, denen ich die folgende, unserem Hochdeutsch nähere Form verleihe: »Denn was man mit den Augen sicht, Das kann uns nie betrügen nicht. Was du ergreifst mit Aug' und Sinn, Wird Geist und Seele zum Gewinn. Sei du nicht wie die Schneck' im Haus, Nein, schau ins Weite frisch hinaus, Dann wird es dir von Gott geschehen, Verdoppelt groß die Welt zu sehen; Und war dir Geist und Seele klein, Thust du die weite Welt hinein, Dann wachsen sie mit mächt'gem Streben, So großen Dinge Raum zu geben; Und wenn dir groß sind Seel' und Geist, So gleichst du, Mensch, dem Herrgott meist. – Zu ihm schau fleißig himmelan, Nicht auf dich selber, Weib und Mann! Vergiß getrost das eigne Sein, Und sorg für andrer Leut' Gedeihn; Denn was du thust mit frohem Mut Für andre, kommt dir selbst zu gut. Wenn manche drob dich thöricht schelten, – War's Gott genehm, was kann dir's gelten? Selbst Schimpf und Fluch laß dich nicht reu'n, Darfst du dich Gottes Segens freu'n. Dies schrieb für Kind und Eniklein In selbig Püchel emsig ein Mit grauem Haar und jungem Sinn Von Nürnberg die Gred Schopperin.« Unter diesen Versen begann der eigentliche Text mit den Worten: »Anno domini 1466 do hub ich an zu diesem püchel zu schreiben von mein Leben alz ich ez ervaren hab.« Erst im zweiundsechzigsten Jahr hat die Verfasserin ihre Erinnerungen aufzuzeichnen begonnen. Dies hebt sie später hervor, doch ergibt es sich auch aus den ersten Zeilen der zweiten Seite, welche also beginnen: »Ich Gred Schopperin ward geboren do man zalt von Krists geburt 1404 jar am eritag noch dem Palmtag in die Nacht zu der firden ora. Mich hub aus der tawff Kristan Pfinzing, mein Ohm, von der Burg. Mein Vater, dem Gott genedig sey, der waz der Franz Schopper, den man nant den Singer. Starb in der montag nacht nach dem Sonntag letare anno 1404 und het zu der e Kristein Peheym, die waz mein Muter. Bei der Frawen hat er meine brüder Herdegen Schopper und Kuncz Schopper. Mein Muter starb an sant Katrein abent anno 1405, also daz ich verlor die Muter also jung, und herticlich krenkte mich Got, als er den Vater zu seinen Gnaden von dieser werlte gefordert, enpfor ich die sunne geschawt.« Diese Zeilen, die ich zuerst im Laden des Antiquars gelesen, hatten mich ihm in die Hand geliefert; doch es wäre ja über die Menschenkraft gegangen, stumm zu bleiben, als ich hier beim Weiterlesen Dinge fand, die meine kühnsten Erwartungen weit übertrafen. Die Verfasserin dieser Handschrift hatte nicht nur, wie die anderen Chronisten ihrer Zeit und ihrer Heimat Nürnberg, die Ulman Stromer, Endres Tucher und ihresgleichen, denkwürdige Ereignisse ohne inneren Zusammenhang notirt, von Familienverbindungen, dem Münzwesen und den kaufmännischen Maßen ihrer Epoche Mitteilungen gegeben, sondern frisch und frank niedergeschrieben, was ihr in der Jugend bis zu deren Abschluß begegnet. In acht Tagen hatte ich das Manuskript nicht nur durchgelesen, sondern auch manches, was mir der Erhaltung besonders wert schien – darunter auch die Verse – wörtlich kopirt. Mit welcher Genugtuung erfüllte es mich später, daß ich damals, obzwar auf Reisen, mich dieser Mühewaltung unterzogen; denn ein grausames Mißgeschick traf die Kiste, in der ich die Hefte mit anderen Büchern und einigen Kunstsachen auf dem Seewege in die Heimat entsandt. An der Elbmündung strandete das Schiff, das sie trug, und mit ihm ging mein köstlicher handschriftlicher Schatz kläglich zu Grunde. Als es nun galt, seinen Inhalt wiederzugeben, unterstützten die geretteten Notizen das Gedächtnis aufs beste; die Einbildungskraft aber füllte willig die Lücken, und wenn es mir auch nicht gelingen konnte, die Mitteilungen der Gred Schopperin Satz für Satz und Wort für Wort wiederzugeben, meine ich doch im ganzen treu nacherzählt zu haben, was sie der Aufzeichnung würdig erachtet. Auch von der Wiedergabe der Ausdrucksweise des fünfzehnten Jahrhunderts, in dem das Deutsche kaum anfing als Schriftsprache in Uebung zu kommen, und der Gelehrte, der Dichter und Literat es noch vorzog, bei jeder größeren und feineren geistigen Arbeit sich des Lateins zu bedienen, hab' ich Abstand genommen. Nur dem Eingeweihten wäre der Erzählerin Redeweise ohne weiteres verständlich gewesen, und ich hätte meiner Gred unrecht gethan, wenn ich den Gedanken und Beschreibungen, deren Sinn und Bedeutung ich völlig begriff, die ungelenke Form gelassen haben würde, die sie ihnen damals gegeben. Die Sprache ihrer Zeit ist ein Spiegel, auf dessen krummer Fläche für uns Neuere auch das schönste Bild leicht ein getrübtes oder verzerrtes Ansehen gewinnt. So faßte ich denn meine Aufgabe dahin auf, den keineswegs des Reizes und der Anmut baren Inhalt meiner alten Hefte mit den fortgeschrittenen Mitteln der Sprache unserer Zeit zur Geltung zu bringen. Ich suchte mich nur in den Geist meiner Gred Schopperin hineinzudenken, und erzählte ihr, hier ergänzend, da ausführend, dort mich einer bezeichnenden Altnürnberger Ausdrucksweise bedienend, die mir im Gedächtnis geblieben, zwanglos und doch in einer der frühen Aufzeichnung unserer Erzählung angemessenen Redeweise nach, was sie lebhaften Geistes und warmen Herzens mit den Sprachmitteln ihrer Zeit und Heimat Kindern und Enkeln mitzuteilen begehrte. Erstes Kapitel. Ich, die Gred Schopperin, ward geboren im Jahre 1404 nach Christi Geburt, am Eritag nach Palmsonntag. Mein Oheim Kristan Pfinzing von der Burg, ein Witmann, dessen Hausfrau eine Schopperin gewesen, hob mich aus der Taufe. Mein Vater, dem Gott gnädig sei, war der Franz Schopper, den man den Sänger nannte. Er starb in der Nacht des Montag nach dem Sonntag Lätare anno 1404, und seine Frau, meine Mutter selig, hieß Kristein, war eine geborene Behaim und schenkte ihm auch meine beiden Brüder Herdegen und Kunz Schopper. Sie starb am Sankt Katharinenabend des Jahres 1404, also daß ich schon als Kind die Mutter verlor, und auch damit kränkte mich Gott gar hart, daß er den Vater in seinen Gnaden von hinnen nahm, bevor ich noch die Sonne geschaut. Statt eines lieben Vaters, wie ihn andere Kinder besaßen, hatte ich nur ein Grab auf dem Friedhof und die freundliche Kunde, die mir solche, die ihn gekannt, von ihm gaben; und ihnen zufolge ist er ein gar fröhlicher, lieber und der eigenen, sowie der Stadt Geschäfte trefflich kundiger Herr gewesen. Der Sänger ward er geheißen, weil er, auch noch, da er im Rat saß, so süß und minniglich zum Saitenspiel zu singen vermochte. Und diese Kunst hatte er im Welschland erworben, wie er daselbst zu Padua sich der Rechtsgelehrsamkeit befleißigt; auch soll ihm die Musika in der weiten Fremde großen und köstlichen Minnelohn von schönen welschen Frauen und Mägeden eingebracht haben. Ein wie weidlicher Mann, von hohem Wuchs und den Augen wohlgefälligen Ansehens er gewesen, des zum Beweis diente mir mein Bruder Herdegen, sein ältester Sohn, von dem es männiglich hieß, er sei das lebendige Widerspiel des Vaters selig, und wenn ich auch ein altes Weibsbild geworden, darf ich doch frei bekennen, daß mir wohl selten ein Mannsbild begegnet, dem das Blauauge heller aus der Stirn geleuchtet und dem das Goldhaar voller niedergequollen wäre auf Kragen und Schulter wie ihm in der Blütenzeit seiner fröhlichen Jugend. Am Osterfest war er geboren, und der Herrgott schenkte ihm so frohgemuten Sinn, wie er nur Sonntagskindern beschieden. Er wußte die Kunst des Sanges gar hell und zierlich zu üben, und da auch mir und dem andern Bruder, meinem Spielgesellen Kunz, der Sinn nach Gesang und der Musika stund, klang und zwitscherte es in unserem verwaisten, der Eltern baren Hause wie in einem fröhlichen Grasmückenneste, und es herrschte darin mehr golden Kinderglück und tagheller Frohsinn, denn in manchem andern Hause, so sich des Vaters und der Mutter erfreuet. Und dafür bin ich dem Herrgott immer besonders dankbar gewesen; denn ein Kinderleben, dem die Mutterliebe fehlt, das habe ich oft erfahren, ist wie ein Tag mit Regengewölk vor der Sonne. Aber der Allgütige hatte, da er die Hand auf das Herz unserer Mutter legte, in eines andern Weibsbildes Brust einen großen Schatz von Liebe für mich und die Brüder geborgen. Unsere Base Metz , eine kinderlose Witib, war es, die unsere Wartung auf sich genommen, und da sie als Jungfrau und bevor sie ihrem Seligen die Hand geboten, heimliche Minne für den Vater im Herzen getragen und später zu unserer Mutter aufgeschaut hatte wie zu einer Heiligen des Himmels, wußte sie sich nichts Lieberes, denn uns von den Eltern zu erzählen, und wenn sie es that, wurde ihr der Blick feucht, und weil ihr jedes Wort gerade aus dem Herzen quoll, fand es auch den Weg in die unseren, und saßen wir Drei um sie her und lauschten ihrer Rede, so gab es außer ihren beiden nassen Augen bald noch sechs andere, so des Tüchleins bedurften. Sie hatte einen schweren, ungefügen Gang und ein Antlitz, wie aus grobem Holze geschnitten, also daß es recht angethan gewesen wäre, Kinder zu ängstigen, und auch in der Jugend, hieß es, sei ihr Ansehen männisch und sonder Liebreiz gewesen, weswegen auch der Vater ihrer heimlichen Minne nimmer geachtet; aber ihre Augen waren wie zwei offene Fenster, aus denen alles, was gut ist und freundlich, lieb und herzig wie Englein heraussah, und diese Augen ließen alles vergessen, was wüst an ihr war, auch die breite Nase mit dem tiefen Eindruck gerade in der Mitten und das Bärtlein am Munde, so ihr mancher junge Gernegroß neiden mochte. Dannocht hatte der Sebald Kreß wohl gewußt, was er that, wie er die Metz Im Hoffin, da er zwischen der sechzig und siebenzig stund, zum Weibe erkor; sie aber war, wie sie mit ihm vor den Altar trat, auf nichts anderes gefaßt gewesen, als nunmehr die Pflegerin eines alten, siechen Griesgrams zu spielen. Doch sich für den Nächsten zu plagen, mutete die Metz just so süß an wie andere, sich auf Händen wiegen zu lassen; auch sollte es ihrer treuen Sorge glücken, den Alten noch volle zehn Jahre dem Tode abspenstig zu machen. Nach seinem Ende blieb sie als wohlbehaltene Witib zurück; doch statt sich zu pflegen, nahm sie alsbald ein neues Leben voll schwerer Plage auf sich, indem sie sich der Pflicht unterzog, bei uns drei Waislein an der Mutter Stelle zu treten. Wie ich groß wuchs, hat sie mir oft mit ihrer guten Stimme, die so tief war wie die dicke Pfeife an der Orgelei , berichtet, drei Dinge habe sie sich vorgesetzt bei unserer Erziehung: uns zu guten, gottesfürchtigen Menschen zu machen, die Einigkeit unter uns zu pflegen, so daß jedes bereit sei, alles für das andere zu lassen, und uns eine frohe Jugendzeit zu schaffen. Wie ihr das erstere gelungen, solches zu schätzen, stell' ich anderen anheim; doch einigere Geschwister, denn wir allzeit gewesen, die soll man mir weisen, und weil aus hundert kleinen Anzeichen herfürging, wie fest wir zusammen stunden, nannten uns die Leute das »Schopperkettlein«, sintemal unseres Geschlechtes Wappen drei Ringe weiset, so zu einer Kette verbunden. Was mich nun angehet, bin ich das jüngste und kleinste unter den Ringlein gewesen, aber das mittelste war ich doch; denn wenn den Herdegen und Kunz dies oder das auseinander trieb, also daß es den einen den andern zu meiden und ihm zu trotzen verlangte, fanden sie sich immerdar bei mir und durch mich wieder zusammen. Aber wenn ich auch bisweilen das Amt der Mittlerin übte, kann mir solches doch nicht zum Ruhm gedeihen, maßen ich sie mit nichten zusammenführte aus Tugend oder löblicher Einsicht, sondern einzig und allein, weil ich es nimmer ertrug, allein zu stehen oder nur mit einem Ringlein zur Seite. O, wie weit liegt doch die liebe, frohe Jugend hinter mir, von der ich hier berichte! Ich stehe auf der Höhe des Lebensberges, ja ich habe den Gipfel allbereit längst überschritten, und wenn ich nun rückwärts schaue und mir vergegenwärtige, was ich erlebt und erfahren, so geschieht es nicht, um daraus für mich selbst die Lehre zu schöpfen, wie man es später wohl besser mache. Denn mein altes Knochengerüst ist fest und spröde geworden, und es zu biegen, würde nimmer gelingen; nein, ich schreibe dies Büchlein zu meinem Genügen und den Kindern und Eniklein, so hinter mir den Berg ersteigen, zu Nutz und Frommen. Den Stein, an den mein Fuß gestoßen, mögen sie meiden, aber da, wo ich rüstig ausgeschritten, da sollen sie es der Alten frohgemut nachthun, obzwar ich tausendfach gewahret, daß man immer nur durch eigene und nimmermehr durch anderer Erfahrung klug wird. So will ich denn von vorn beginnen. Aus der frohen Kinderzeit gäb' es viel zu berichten; denn in ihr ist jegliches neu. Aber was männiglich an sich selbst erfährt, taugt minder gut zum Erzählen, und was hätte ein Nürnberger Kind beim Großwerden und in der Schule vor dem andern voraus? Ist doch den Halmen aus demselben Acker und den Bäumen im gleichen Wald ohne sonderlichen Unterschied immerdar das Gleiche beschieden. Freilich hab' ich wohl in manchen Stücken ein sonderbar und den übrigen Kindern ungleich Wesen besessen; denn Base Metz sagte oftmals, von mir sei die Form zerbrochen, und des Herdegen Klage, daß ich kein Bub geworden, klingt mir noch in den Ohren, wenn ich unserer wilden Spiele gedenke. – Wer im ersten Stock unseres Hinterhauses den Erker kennt, von dem ich mit den Brüdern um die Wette in den Hof sprang, der mag sich leicht entsetzen und es ein Wunder heißen, daß ich mit heilen Gliedmaßen ungestraft davon kam; doch es wohnte mir keineswegs immer die Lust bei, mit den Buben zu toben, und ich bin schon im zarten Kindesalter ein gar nachdenklich Geschöpflein gewesen. Es gab aber auch etliches in meinem jungen Leben, so wohl angethan war, das eigene Sinnen zu schärfen. Wir Schoppers sind nahe verwandt mit all den anderen Geschlechtern der Stadt, so man rats- und wappenfähig heißt und die für Nürnberg dasselbe vorstellen, was für Venedig die Häuser der Signoria, deren Namen im goldenen Buche verzeichnet stehen. Was dort die Barberigo, Foscari, Grimaldi, die Giustiniani und dergleichen, das sind bei uns die Stromer, die Behaim, Ebener, Im Hoff, Tucher, Kreß, Paumgartner, Pfinzing, Pirkheimer, Holzschuher und so weiter, und in ihrer Reihe gewiß nicht am untersten Ende stehen die Schopper. In etwelcher Weise sind wir, die wir wappen-, turnier- und stiftsfähig heißen und gerechten Anspruch haben, uns Adlige und Patrizier zu nennen, allsamt miteinander verschwistert, und wo ein stattlich Haus stund in Nürnberg, da gab es für uns Ohm und Muhme, Vetter und Base, oder doch Gevattern und gute Freunde der Eltern selig. Wo uns nun von selbigen eines ersah, und war es auch nur auf der Gasse, hieß es alsbald: »Die armen Waislein. Gott erbarm sich der lieben verlassenen Dinger!«, und manchem barmherzigen Weibsbilde traten dabei helle Thränen ins Auge. Auch die Herren vom Rat – denn zu ihm gehörten die meisten älteren Männer aus unserer Freundschaft – strichen mir mit der Hand über das Blondhaar und schauten dazu drein, als sei ich ein arm Sünderlein, für das es keine Gnade gebe vor dem Blutgericht oder Rugamt. Warum die Menschen mich wohl für unglücklich hielten, da ich doch keinerlei Kümmernis kannte und mein Herz so fröhlich war wie eine trillernde Lerche? Base Metz konnt' ich nicht fragen; denn es ging ihr schon nahe, wenn mir nur ein Fingerlein weh that. Wie mocht' ich ihr da künden, daß ich ein gar so elend Würmlein sei in den Augen der Leute? Aber bald erkannt' ich selbst, aus was Grund und Ursach sie mich beklagten; denn sieben nannten mich ein vater- oder elternlos, aber siebenzig ein mutterlos Waislein, wenn sie mir ihr Mitleid erwiesen. Daß die Mutter uns mangelte, das war unser Unglück. Aber hatte ich denn nicht die Base Metz, und war sie nicht so gut wie jede andere Mutter? Freilich hieß sie nur die Base, und etwas mußt' ihr dannocht gebrechen, was einer echten Mutter eignet. Da machte ich, obgleich ich noch ein albernes. dummes Ding war, die Augen auf, und ganz für mich allein begann ich zu forschen. Nur die Brüder zog ich ins Vertrauen, und obgleich mein Aeltester mir solches verwies und mich anhielt, der Base nur Dank zu wissen für all ihre Gutheit, legte ich mich dannocht aufs Suchen. Bei den Stromers von der güldenen Rose gab es der Kinder genug, und sie freuten sich noch der eigenen Mutter. Die war ein gar fröhlich jung Weibsbild, rund wie eine Kirsche und weiß und rot wie Schnee und Blut, das mich auch nicht wie die anderen anfaßte, als ob ich wund sei, sondern grad aus mit mir scherzte und derb drein fuhr, wenn ich eine Unart begangen. Bei den Muffels dagegen war die Hausfrau gestorben, und der Vater hatte seinen Kleinen bald darauf eine neue Mutter gegeben, die unser Suslein, dem meine Wartung oblag, »die Stiefmutter« nannte; eine solche aber – das hatten mich die Märlein gelehret, denen ich eifrig genug das Ohr geliehen – eine solche war ebensowenig ein recht und echt Mütterlein, wie unsere herzliebe Base. Selbige »Stiefmutter« nun sah ich die kleine Els, ihres Hausherrn jüngstes Töchterlein, so nicht ihr eigen, baden und trocknen, und es auch einlullen, bis der Schlaf es umfing; und solches alles that sie gar freundlich und wie es sein muß. Wie dann die Els die Augen geschlossen, gab sie ihr auch einen Kuß auf Stirn und Wange; aber die Stromerin von der güldenen Rose hielt es ganz anders; denn wie sie die kleine Klar, die ihr eigen, aus dem Badewasser genommen und in die warmen Tücher auf dem Wickeltisch gestrecket, da drückte sie das ganze Antlitz fest in das junge, frische Fleisch, küßte das ganze Körperlein von oben bis unten, hinten und vorn, als sei es ein süßer rosenroter Mund, und beide fanden des Lachens und ausbündigen Frohmutes kein Ende, wenn die Mutter mit den Lippen auf der weichen, duftenden Haut des Kindes prustete und trompetete, daß es schallte, oder wenn sie den Liebling mit samt den Badetüchern an die weiche Frauenbrust preßte, als lüste es sie, ihn zu zerdrücken. Und dabei brach sie in ein laut und sonderbar Lachen und Kosen aus, und rief ihm inniglich zu: »Du mein Herzblatt, mein Herrgottskäferlein, mein süß, einzig Schatzkind! – Mein, mein, mein! Ich fresse Dich auf!« Ja, solches hatte die Muffelin der Els, ihres Hausherrn Töchterlein, nimmer erwiesen; doch ich wußte noch recht gut, daß Base Metz es mit mir ganz ähnlich getrieben, wie die Stromerin von der güldenen Rose mit dem eigenen Kindlein, und so unterschied unsere Base eigentlich nichts von einer wirklichen Mutter. Dergleichen sagt' ich mir auch, wie ich mich zur Schlafenszeit in meinem weißen Bettlein zum Schlummer ausstreckte, und nun kam die Base und faltete mit mir die Hände, und nachdem sie wie alle Abend das Gebet von den Englein mit mir gesprochen, lehnte sie ihr Antlitz an meines und preßte mein Kinderköpfchen an das übergroße Haupt; solches aber that mir baz wohl, und ich flüsterte ihr ins Ohr: »Nicht wahr, Base Metzlein, du bist meine rechte, wirkliche Mutter?« Da versetzte sie rasch: »Im Herzen gewißlich, und Du bist ein gar glückselig Kind, meine Gred; denn statt einer Mutter hast Du gar deren zwei: mich hier unten, um Dich zu hegen und sorglich zu pflegen, und die andere bei den lieben Englein droben, die auf Dich herabschaut, und die gnadenreiche Jungfrau, der sie so nahe ist, anruft, daß sie Dir das Herzlein rein erhalte und Dich vor Unheil bewahre; ja vielleicht – sieh nur hinauf zu ihrem Bildnis – trägt sie jetzt selbst den Heiligenschein und eine himmlische Krone.« Hienach erhob sich die Base und hielt das Lämplein hoch, also daß sein Licht das große Gemälde vor mir ganz überstrahlte. Da hefteten sich meine Augen auf das schöne Frauenbild mir gegenüber, und es war mir, als schaue es mich an mit innigen Blicken und als streckten sich mir ein paar leibliche Mutterarme zärtlich entgegen. Da setzte ich mich auf in meinem Bettlein, und das, wovon mein Kinderherz voll gewesen, davon gingen mir die Lippen über, und ich sagte ganz leise: »O Base Metz, mein Mütterlein droben möchte mich sicherlich auch einmal küssen und mit mir kosen wie die Stromerin mit ihrer Klar.« Da stellte die Base den Leuchter schweigend aus der Hand, hob mich aus dem Bettlein, hielt mich ganz nah' dem Antlitz des Bildes, und ich verstund ihre Meinung. Meine Lippen berührten leise den roten Mund auf der Leinwand, und wenn mir das auch selber gar wohl that, meinte ich dannocht, es sei damit dem Mütterlein im Himmel ein großer Gefallen geschehen. Hienach murmelte die Base »So, so!« und dergleichen leis vor sich hin, legte mich in die Kissen zurück, stopfte mir die Decke recht fest ein, wie ich's liebte, gab mir noch einen Kuß, wartete, bis ich den Kopf tief in das Kissen gedrückt, und raunte mir zu: »Nun träume mir fein von der Mutter selig.« Damit verließ sie die Kammer, doch die Lampe blieb darin stehen, und sobald ich allein war, schaute ich wieder auf zu dem Bildnis, so mir die Mutter wies in gar köstlichem Staate. Eine Rose prangte ihr an der Brust, ihr güldener Hauptschmuck sah aus wie das Krönlein der Königin des Himmels, und in ihrem Obergewand von köstlichem steifem Brokat bot sie einer hohen Heiligen Anblick. Aber das Himmlischste an ihr schien mir dannocht das weiß und rote jugendliche Antlitz und der liebe Mund, den ich vorhin mit den Lippen berühret. O wär' es mir doch vergönnt gewesen, selbigen noch einmal zu küssen! Und plötzlich schoß es mir heiß durchs Herz, und eine innere Stimme sagte mir, daß tausend Küsse der Base einen einzigen von der jungen, liebreizenden Frau da droben nimmer ersetzten, und daß ich mit ihr fast so viel verloren, wie die barmherzigen Gevatterinnen vermeinten. Und nun mußte ich weinen und immer fort weinen, und es war mir, als hätte man mir das Allerbeste und Liebste genommen, und zum erstenmal kam mir die gute Base so wüst vor, wie den anderen Leuten, und mein dumm klein Köpfchen sagte mir, eine echte Mutter sei schön, eine unechte, ja auch die beste, holdselig und anmutsvoll sei sie nimmer. Darüber entschlief ich, und im Traum trat mir das Bild aus dem Rahmen entgegen und nahm mich auf die Arme, wie die Madonna das Christkind, und schaute mich an mit einem Blick, als habe sich alle Liebe auf Erden darin zusammengefunden. Da schlang ich ihr die Arme um den Hals und wartete, ob sie nicht mit mir kosen und tändeln werde, wie die Stromerin mit ihrer kleinen Klar; sie aber schüttelte nur leise und wehmütiglich das Haupt mit dem blitzenden Krönlein, schritt auf die Base Metz zu und legte mich ihr in den Schoß. Selbigen Traum hab' ich nimmer vergessen, und so oft ich fürder betete, erhob ich das Herz auch zu der Mutter selig und rief sie an, grad wie die Madonna und heilige Margareta, meine Patronin, und wie oft hat sie mich gehört und aus Not und Fährnis errettet! Was die Base angehet, so ist sie mir immer lieber geworden seit jenem Abend; denn die rechte Mutter hatte mich an sie gewiesen, und wenn sie mich fürder mitleidig anschauten und mein Schicksal beklagten, lachte ich still in mich hinein und dachte: »Wenn ihr nur wüßtet! Euren Kindern eignet nur eine Mutter, wir aber haben deren zwei, und unser recht Mütterlein, das ist unter allen die schönste; die andere aber, mag sie auch wüst sein, das ist die beste.« Die Barmherzigkeit der Leute war es, die mich auf solche Gedanken gebracht, und es hat mich später dünken wollen, als habe selbige meiner jungen Seele mit nichten gefrommet. Jedem Hiob nahen sich tröstende Freunde, doch unter ihnen sind wenige, die da kommen, um das Leid mit zu tragen, und desto mehr, die es lüstet, das eigene bessere Geschick mit dem schlechten des andern zu wägen. Die Barmherzigkeit, wie möcht' ich es leugnen, sie gehört zu den edelsten und heilkräftigsten Gaben; doch wer sie dem andern bietet, der übe Vorsicht, und absonderlich wenn es ein Kind ist, dem er sie darreicht; denn ein solches ist ein Bäumlein, das Licht braucht, und der versündigt sich gegen sein gedeihlich Wachstum, der ihm die Sonne verfinstert. Statt es zu beklagen, macht es recht fröhlich, das ist der Trost, der ihm zukommt! Einem großen und wichtigen Geheimnis wähnt' ich dazumal auf die Spur gekommen zu sein, und so wollt' ich denn auch die Brüder hinweisen auf unsere Mutter im Himmel; aber selbige hatten sie allbereit ohne der kleinen Schwester Zuthun gefunden. Erst diesem, dann jenem teilte ich mit, was mich bewegte, und wie ich zu dem Herdegen, dem älteren, kam, sah ich wohl, daß ich ihm nichts Neues bringe; den Kunz, den jüngeren aber fand ich auf der Schaukel, und wie er sich grade so hoch schwang, daß ich dachte, er werde sich überschlagen, bat ich ihn, ein wenig inne zu halten, doch dieweil er die Stricke fester faßte und sich neu zusammenzog, um sich an das Brettlein zu stemmen, rief er: »Laß mich jetzt, Gredlein. Hoch, hoch muß es gehen! Bis in den Himmel, bis hinauf zu der Mutter!« Da wußt' ich genug, und von Stund an sprachen wir oft miteinander von der Mutter selig, und Base Metz sorgte dafür, daß wir auch des Vaters gedachten. Wie das der Mutter hatte sie auch sein Bildnis aus dem Festsaal, wo es früher gehangen, in das große Kinderzimmer versetzt, wo sie mit mir schlief. Und auch von des Vaters Konterfei sollte eine eigene Wirkung ausgehen auf mein späteres Leben; denn da ich zum Ruddeln kam , und der Meister Paul Rieter, der Stadtphysikus, unser Arzt, mich besuchte, blieb er so lang, als könne er die Trennung nicht finden, vor dem Bildnis stehen, und wie er sich endlich, ganz rot im Gesicht vor innerer Bewegung, da er dem Vater zu Padua ein lieber Kumpan gewesen, mir wieder zuwandte, rief er: »Was wirst Du doch für ein glückselig Menschenkind werden, mein Gredlein!« Da mag ich ihn wohl verdutzt genug angeschaut haben; denn glücklich hatte mich noch keiner gepriesen, wenn nicht die Base oder die Waldstromerleute im Forste; – und der Meister mußte meine Verwunderung merken, denn er wiederholte: »Ja, ein Glückskind bist Du; denn alle sind es, Mägede und Buben, die zur Welt kommen nach dem Tode des Vaters.« Wie ich ihm hienach nicht minder erstaunt denn vorhin ins Antlitz schaute, legte er den goldenen Knopf seines Stockes an die Nase und rief: »Bedenke nur, Du Närrlein, der liebe Gott wäre ja nicht der, der er ist, ja – verzeih mir die Sünde – kein Ehrenmann wär' er, wenn er sich eines Kindes, dem er den Vater raubte, bevor es ihn sehen und die erste Wohlthat von ihm empfangen konnte, nicht annehmen wollte als seines besonderen Lieblings. Merk auf, Kind! Ist es ein Kleines, das Mündel zu sein eines Vormunds, der allmächtig ist und dazu der Getreueste aller Getreuen?« Und diese Rede, sie ist mir nachgegangen durchs ganze Leben bis hieher und zu dieser Stunde. Zweites Kapitel. So verrann unsere Kindheit, wie ich allbereit vermeldet, in gar fröhlicher Weise, und während die Brüder die Schützen längst hinter sich gelassen und den Donatus traktirten, lehrte Base Metz mich lesen und schreiben, und das unter vielem Lachen und in gar ergötzlicher Weise. So buk sie zum Exempel von jedem Buchstaben deren vier aus süßem Honigteig, und wenn ich sie wohl behalten, gab sie mir die putzigen A-, B- und C-Küchlein, und einen davon aß ich selbst, die anderen aber gab ich den Brüdern, der Sus oder der Base. Oftmals steckte ich auch etliche zu mir, um sie mit in den Wald zu nehmen und sie dort dem Lieblingsrüden oder dem Kreuzschnabel meines Vetters Götz zu bieten, da er selbst das Süße verschmähte. Von ihm und dem Forste hab' ich noch mancherlei zu berichten, und schon früh war es mein bester Lohn, wenn es hieß, daß es in den Wald gehen werde; denn dort hausten von unseren Blutsfreunden die liebsten und treuesten, der Ohm Waldstromer mit den Seinen. Das Stattliche Weidmannshaus, so er als des Reiches und der Stadt Oberforstmeister im Lorenzerwalde bewohnte, bot mir der Freuden mehr denn jedes andere, maßen es dort nicht nur den Wald gab mit all seinem herrlichen Zauber, sondern auch, außer vielen Rüden, mancherlei selten Getier und andere Kurzweil, die den Stadtkindern fremd bleibt. Aber was mir von alledem das Liebste, das war des Waldstromerpaares einziger Sohn, für dessen Hund ich meine süßen Lettern bewahrte; denn wenn Vetter Götz mir auch an Alter um elf volle Jahre überlegen, so übersah er mich dannocht mit nichten, und bat ich ihn nur, mir dies und das zu zeigen oder mich in den leichteren Künsten des Weidwerkes zu unterweisen, so ließ er um meinetwillen auch ältere stehen. Seit ich im sechsten Jahre mit einem scharlachnen Sammetmützlein in den Forst gekommen, pflegte er mich sein »Rotkäpplein« zu rufen, und solches hörte ich fast gern, und von allen Knaben und Jünglingen, so mir unter des Bruders Freundschaft und sonst begegnet, schien mir keiner dem Götz nur das Wasser zu reichen; auch war mein unschuldig Kinderherz ihm so treulich zu eigen, daß ich ihn täglich mit einschloß in mein Gebetlein. Bis dahin war es stets drei- oder viermal im Jahre auf etliche Wochen hinaus in den Forst gegangen; nachdem ich aber das neunte Jahr überschritten, wurde ich in die Schule gegeben, und weil es die Base ernst damit nahm, sintemal sie wußte, daß der Vater selig viel auf ein tüchtig Wissen gehalten, kam es seltener zu solchen Besuchen; auch hätte es die gestrenge Frau, die meinem Unterrichte fürstund, nimmer geduldet, einer Kurzweil zu liebe der Arbeit Ernst zu durchbrechen. Schwester Margret, oder gemeinhin »die Karthäuserin«, hieß das seltene Weibsbild, so sie mir zur Lehrerin erlesen. Sie war der frömmsten und gelehrtesten eine, stund als Priorin dem Kloster der Karthäuserinnen vor, und hatte zehn große Choralbücher und anderes mehr geschrieben. Obzwar ihres Ordens Regel das Reden verbietet, war es ihr dannocht verstattet, Unterricht zu erteilen. O, wie hab' ich gezittert, da mich Base Metz in ihr Kloster führte! Gewöhnlich stund mir das Zünglein nicht still, es sei denn, daß der Herdegen sang oder mir vorträumte, wie er es zu halten gedenke, wenn er sich zum Kanzler oder zum Feldhauptmann des Reichsheeres aufgeschwungen und eines Grafen oder Fürsten Töchterlein in sein hohes Schloß geführt haben werde. Dazu war der freie Wald mir zur zweiten Heimat geworden, und nun führten sie mich in das Kloster, wo das Schweigen ringsum mich drückte wie ein allzu knapp Mieder. In dem weiten Vorsaal, wo ich verblieb, stunden mancherlei Sprüche auf Latein an den Wänden, und am häufigsten unter einem Totenschädel dieser: »So sauer es fällt, als Karthäuser zu leben, so süß ist's, als solcher zu sterben.« In einer Nische stund der Gekreuzigte, dem so viel licht, scharlachrot Blut von der Dornenkrone und aus den Wunden niedertroff, daß sein heiliger Leib mehr denn zur Hälfte damit bedecket, und mir bei seinem Anblick so angst ward, o, ich kann's nicht beschreiben. Und dabei verblieb es, wie eine Nonne nach der andern durch den Saal huschte, stumm und gesenkten Hauptes, mit auf der Brust gekreuzten Armen, und ohne nur ein Auge auf mich zu werfen. Es war im Mai, der Tag schön und freundlich, doch mich begann hier zu frieren, und mir wurde zu Sinn, als sei der ganze Lenz verblüht, und als habe ich plötzlich verlernt, zu lachen und mich zu freuen. Da schlich sich eine Katze heran, sprang hart neben mich auf die Bank, krümmte den Buckel und wollte sich an mir reiben; ich aber, die sonst gern mit den Tieren spielte, wich zurück, da sie mich mit den grünen Augen sonderbar anfunkelte, denn plötzlich packte mich die Angst, sie werde sich in einen Werwolf verwandeln und mir ein Leids thun. Da öffnete sich die Thür, und an der Seite der Base trat eine Frau in Nonnentracht herein, die jene wohl um eines Hauptes Länge überragte. Ein so hoch Frauenbild hatt' ich nimmer geschaut; doch die Nonne war dabei ganz schmal, und ihre Schultern mochten kaum breiter sein denn die meinen. Auch fiel sie bald zusammen, und so, mit krummem Rücken und vorgebeugtem Haupte, hab' ich sie später gewöhnlich gesehen. Sie sagten, ihr Rückgrat sei siech, und beim Schreiben, das sie auch nächtlicherweile betrieb, habe sie die geneigte Haltung gewonnen. Zuerst wagte ich es nicht, zu ihr auf und ihr ins Antlitz zu schauen; denn die Base hatte mir gesagt, bei ihr gelt' es fleißig sein, und Müßiggang bestehe nimmer vor dem scharfen Blick ihrer Augen; dem Vetter Götz Waldstromer aber war der lateinische Spruch bekannt gewesen, mit dem sie all ihre Schriften begann: »Sieh zu, daß der Satan dich nie müßig finde!« Dies Wort fuhr mir jetzt wieder durch den Sinn, ich fühlte, daß ihr Auge fest auf mir ruhte, und wie schrak ich zusammen, da ihre kalten, spitzen Finder sich wir plötzlich an die Stirn legten und mein gesenktes Haupt nicht unsanft, aber entschieden zwangen, sich in die Höhe zu richten. Da schlug ich die Augen zu ihr auf, und wie ward mir, als ich in ihr mager und bleich Antlitz schaute und darin nichts fand, denn lauter freundliche Güte. Und nun fragte sie mich mit einer leisen, fast klanglosen, doch gar sanften Stimme, wie alt ich sei, wie ich heiße und was ich allbereit vermöge. Das that sie in ganz kurzen Sätzen, in denen kein Wort zu wenig oder zu viel, und so hat sie es auch später beim Unterricht gehalten; denn obzwar ihr der Dispens das Reden gestattete, behielt sie doch stets im Gedächtnis, daß am Jüngsten Tage Rechenschaft gefordert werde von jedem Wort, so die Lippe gesprochen. Zuletzt erwähnte sie auch meiner Eltern selig, aber sie sagte nur: »Vater und Mutter sehen Dich immer, drum sei brav in der Schule, auf daß sie sich an Dir freuen. Morgen und alle Tage um sieben Uhr früh.« Damit gab sie mir einen ganz leisen Kuß aus den Scheitel, verneigte sich stumm vor der Base und wandte uns beiden den Rücken. Mir aber war es, da ich hienach draußen rüstig fürbaz schritt und den blauen Himmel und das Wiesengrün wieder sah, die Vögel singen und die Kinder jubeln hörte, als sei mir eine Last von der Brust genommen, aber auch als fühle ich noch immer den Kuß der hohen, stillen Nonne und als habe sie mir damit etwas verliehen, so mir zur Ehre gereiche. Am folgenden Morgen that ich den ersten Schulgang, und während es sonst nur den Pathen obliegt, den Kindern, bevor sie solchen antreten, Zuckerdüten zu senden, bekam ich dergleichen von vielen Gevattern und anderen aus unserer Freundschaft, weil ich doch in ihren Augen nur ein unglücklich Waislein. So dacht' ich denn mehr an meinen Reichtum und wie ihn verteilen, als an Schule und Lernen, und wie mir die Base, um mich vor Hoffart zu wahren, nur eine Düte ins Ränzlein legte, schob ich eine zweite, besonders kleine, die von der reichen Frau Großin kam und feinere Näscherei enthielt, denn alle anderen, heimlich in das Täschlein, so mir vom Gürtel herabhing. Unterwegs schaute ich nach den Leuten aus, und ob sie auch bemerkten, wie weit ich schon gediehen, und das kleine Herz schlug mir schneller, da mir vor der Rotschmiede des Meisters Pernhart der Vetter Götz begegnete, der aus dem Forst in die Stadt verzogen, um hier in der Losungsstube das Rechnungswesen zu lernen. Nachdem er uns recht frohgemut begrüßet, zog er mich am Zopfe und ging seiner Wege; mir aber war es, als bedeute mir selbige Begegnung das Beste. In der Schule sollt' ich freilich dergleichen Thorheit hurtig vergessen; denn unter den sechzehn Schülerinnen der Schwester Margret stund ich hinter vielen zurück, nicht an Wuchs, denn für mein Alter war ich von artiger Größe, wohl aber an Jahren und Wissen; und solches mußt' ich allbereit in der ersten Stunde erfahren. Fünfzehn von uns gehörten zu den Geschlechtern, und heute am ersten Schultag waren wir alle sonntäglich und gar sauber angethan in seinem florentinischen oder flandrischen Wollstoff und mit schön gezwickelten farbigen Strümpfen. An den Handsäumen der engen Aermel und im viereckigen Ausschnitt am Halse trugen wir geklöppelte Spitzen; keiner fehlte das seidene Band an den Zöpfen, und bei fast allen glänzte im Ohr und an der Brust oder am Gürtel ein gülden Spänglein. Nur eine stach durch Schlichtheit scharf ab von den anderen; denn wenn an ihr auch alles sauber und zierlich, stak sie doch nur in einem Gewande von geringem, grauen heimischen Stoff. Bei ihrem Anblick mußt' ich alsbald des Aschenbrödels gedenken, doch wie ich ihr dann ins Antlitz und auf die Füße schaute, ob die einen wohl sonderbar klein und das andere so anmutsvoll wie im Märchen, da nahm ich an gar feinen, zarten Knöcheln die artigsten Schühlein wahr, und ein so holdselig und dazu fremdartig Antlitz meint' ich nimmer gesehen zu haben. Ja, sie schien aus einer anderen Welt zu stammen wie wir Schülerinnen alle; denn wir waren sämtlich blonde und braune, blau- und grauäugige Mägede mit gesunden rot und weißen Gesichtern; das Aschenbrödel aber hatte gewaltig große dunkle Augen unter der schmalen Stirn mit sonderbar langen, seidig feinen Wimpern, und volles kohlschwarzes Haar fiel ihr in schweren Zöpfen auf den Rücken. Die Ursula Tetzelin galt bei den Buben für die schmuckste von uns allen, und es war mir wohl bewußt, daß mein Bruder Herdegen es gewesen, der ihr das Sträußlein am Mieder heut in der Frühe zugesteckt hatte, weil er sie für seine »Dame« und die Schönste erklärte; doch wie ich sie neben der andern sah, wollt' es mich dünken, als sei sie von geringerem Stoffe. Uebrigens war mir die Neue fremd, während ich die anderen allesamt kannte, und nun mußt' ich mich eine volle Stunde gedulden, bevor es zu fragen anging, wer das holdselige Aschenbrödel sei; denn Schwester Margret hielt uns scharf im Auge, und so lang ich ihre Schülerin war, durfte keine wagen, während des Unterrichts zu plaudern oder andere Kurzweil zu treiben. Endlich in der Zwischenpause fragte ich die Ursula Tetzelin, die schon ein Jahr zu der Karthäuserin ging. Da warf selbige die rote, volle Unterlippe verächtlich auf und versetzte, die »Neue« sei uns aufgedrängt worden und gehöre mit nichten hieher. Schwester Margret, die doch selbst einem adeligen Hause entstamme, habe vergessen, was sie uns und unseren Sippen schulde, und die graue Fledermaus aus Barmherzigkeit zu uns gesellet. Ihr Vater sei nur Schreiber am Vormundschaftsamt und besorge das Rechnungswesen des Klosters umsonst oder für ein Geringes. Er heiße Veit Spieß, und sie, die Ursula, habe von ihrem Vater vernommen, der Schreiber sei nur eines Lautenisten Sohn und müsse sich kümmerlich nähren. Anfänglich sei er als Handelsknecht zu Venedig gewesen. Dort habe er ein welsches Weib gefreit, von der all die Schreiberskinder, und es seien ihrer viele, die schwarzen Teufelshaare und Augen bekommen. Um ein »Gott lohn's!« sei die Ann uns Töchtern adeliger Geschlechter aufgedrängt worden; »doch wir anderen,« schloß die Ursula, »beißen sie heraus; Du wirst es ja sehen!« Solches erschreckte mich baz, und ich versetzte, das würde ja bös sein und könne mir nimmer gefallen; die Tetzelin aber erwiderte lachend, ich sei noch gar grün, und wandte sich dabei dem Fensterbrett zu, worauf alle Neuen ihre Düten ausgeschüttet hatten, wie es der Princeps oder die Erste geboten; denn das Zuckerwerk, so die Novizen am ersten Schultage mitbrachten, war an selbigem, gemäß einer alten Sitte, Gemeingut. Die ganze Schar drängte sich dicht um den wachsenden Berg der Näschereien, und auch ich stund allbereit unter den anderen, wie ich bemerkte, daß des Schreibers Ann, das Aschenbrödel, ganz allein und gesenkten Hauptes neben dem großen Kachelofen im Hintergrunde des Zimmers stund. Da eilte ich denn ungesäumt an ihre Seite, drückte das Dütlein der Frau Großin, so ich mir heimlich in die Tasche geschoben, ihr verstohlen in die Hand und raunte ihr zu: »Ich hatt' ihrer zwei, Annelein; rasch, rasch, und schütt es mit aus!« Da schaute sie mich mit den großen Augen fragend an, und wie sie sah, daß ich's treulich meine, nickte sie mir zu, und in ihrem feuchten Blicke lag etwas, so ich nimmer vergesse, und auch das ist mir im Gedächtnis verblieben, daß es mir, wie die Düte aus meiner in ihre Hand überging, war, als sei nicht sie, sondern ich die Beschenkte. Hienach überreichte sie der Ersten gelassen und schweigend, was sie von mir empfangen, und schien den Spott nicht zu merken, den die Kleinheit der Düte hervorrief. Aber bald ging der Hohn in Genügen und eitel Lobpreisung über; denn aus dem Dütlein des Aschenbrödels fielen so feine Näschereien auf den Haufen nieder, wie sie keine andere gebracht, und darunter sogar ein Fläschlein Rosenöl aus der Levante. Erst mit einem besorgten Blick auf mich, dann aber völlig gelassen, hatte die Ann all diese Herrlichkeiten erscheinen sehen, wie aber das Rosenöl ans Licht kam, ergriff sie es mit sicherer Hand, um es mir zu reichen. Da rief die Ursula: »Nein! Was die Neuen da bringen, wird zu gleichen Teilen verteilt!« Doch die Ann legte die Rechte auf meine Hand, die das Glas allbereit ergriffen, und versetzte bestimmt: »Dies Fläschlein geb' ich der Gred, und dem andern entsag' ich.« Da war denn auch keine, die ihrem Verlangen widersprochen hätte; und wie die Ann sich sträubte, mitzuschmausen, war jede bestrebt, ihr aufzudrängen, was ihr doch zukam. Wenn Schwester Margret in den Schulraum trat, verlangte sie uns in bester Ordnung und voller Ruhe zu finden, und während wir sie still erwarteten, flüsterte die Ann mir zu, als ob sie sich zu rechtfertigen wünsche: »Ich hatte auch eine Düte, doch bei uns daheim sind noch vier Kleine.« Vor dem Kloster wartete die Base, um mich nach Haus zu geleiten, und da ich mich anschickte, Hand in Hand mit der neuen Freundin fürbaß zu schreiten, sah sie das schlicht gekleidete Kind von oben bis unten an, und zwar nicht eben freundlich. Hienach trennte sie meine Hand von der ihren, und solches ging vor sich, als ob es durch Zufall geschähe; denn sie trat zwischen uns, wie um mir das Käpplein gerade zu rücken. Endlich machte sie sich auch mit meiner Halskrause zu schaffen und flüsterte mir dabei fragend ins Ohr, wer das sei? Da versetzte ich: »Das Annelein;« und wie sie weiter nach dem Vater forschte und ich erwiderte, sie sei eines Schreibers Tochter, und dann fortfahren wollte, sie weidlich zu preisen, unterbrach mich die Base, faßte mich bei der Hand, und indem sie der Ann zurief: »Grüß Gott, Kind; ich und die Gred haben Eile,« wollte sie sich rasch mit mir entfernen; ich aber suchte mich von ihr zu befreien und begehrte auf und rief mit dem ungestümen Trotz, der mir damals immerdar eigen, wenn ich glaubte, daß man nicht gelten lasse, was mich recht und billig dünkte: »Das Annelein soll mit uns!« Doch das Schreiberkind hatte auch seinen Stolz und erwiderte fest: »Sei gehorsam, Gred; ich kann auch allein gehen.« Da schaute die Base ihr näher ins Antlitz, und alsbald gewannen ihre Augen den schönen, milden Glanz wieder, der mir an ihnen so lieb war, und sie begann nun selbst die Ann nach ihren Leuten zu fragen. Da erhielt sie denn schnelle und doch bescheidentliche Antwort, und als die Base erfuhr, ihr Vater sei der Schreiber des Vormundschaftsamts, von dem sie viel Rühmliches vernommen, ward sie immer gütiger und sanfter, und wie ich sodann der Ann Händlein von neuem ergriff, ließ sie's geschehen, und weil wir uns trennten, küßte sie ihr die Stirn und gab ihr auch einen Gruß mit an den wackeren Herrn Vater. Wie ich endlich mit der Base allein war und ihr zu wissen that, ich sei dem Schreiberkind hold, und es verlange mich nach keiner lieberen Freundin, versetzte sie bedenklich: »Kleine Mägede dürfen nur Umgang haben mit solchen, deren Mütter einander in ihr Haus laden würden. Gedulde Dich, bis ich mit Schwester Margret geredet.« So schwebte ich, wie die Base am Nachmittag ausging, in gar banger Erwartung; doch sie kehrte heim mit der rühmlichsten Auskunft, und hienach ward die Ann meine Freundin, an der ich bald so fest hing wie an den Brüdern. Wer aber von uns beiden das Beste dadurch gewann, wäre schwer zu sagen; denn wenn ich in ihr eine Vertraute fand, die ich jegliches teilen lassen konnte, was für der Base und der Brüder Ohren nicht taugte, und allem voran mein kindisch Wohlgefallen an dem Vetter Götz aus dem Forste, so bot ihr mein Herz und unser Haus eine friedliche Ruhestätte, wenn es sie nach den schweren Pflichten zu rasten verlegte, die sie allbereit in jungen Jahren auf sich genommen. Drittes Kapitel. Wohl hat meine Schulbank in dem Kloster des allergestrengsten Ordens gestanden, und meine Lehrerin ist eine Karthäuserin gewesen, und dannocht gedenk' ich gern der Jahre, darin meinem Geiste mit guten Genossinnen und stets an der Seite der liebsten Freundin die Wohlthat der Belehrung gereicht ward. Ja, in der stillen Behausung der stummen Schwestern erklang während der Unterrichtspausen gar fröhliches Lachen, und solches drang auch trotz der dicken Mauern des Lehrsaales bis zu den Nönnlein. Wenn selbige mich nun auch anfänglich mit Scheu und Grausen erfüllet, so wurde mir ihr sonderbar Wesen doch bald vertraut, und es gab unter ihnen manche, die ich lieb gewann, und wieder andere, mit denen sich's gar fröhlich plauderte und scherzte, sintemal sie sich feiner Ohren erfreuten, wir aber die Sprache ihrer Augen und Finger schnell genug begriffen. Was die Regel des Schweigens angeht, so hat sie meines Wissens vor uns Mägeden nur die Schwester Renata gebrochen, die man auch endlich des Klosters verwies; doch da ich größer ward, nahm ich wahr, wie selbige Nönnlein, was auch immer aus des Lebens Treiben von ungefähr in das Kloster drang, so froh begrüßten, als wüßten sie sich nichts Lieberes denn die Welt, der sie doch aus freien Stücken entsaget. Was mich nun angeht, so blieb ich sicherlich bis zuletzt eine von denen, die am wenigsten geschickt für das Leben in der Karthause, und doch hatte uns Schwester Margret den Segen und die läuternde Kraft ihrer Ordensregel mit gar lieblichen und bestrickenden Farben geschildert; denn in den der Gottesgelahrtheit gewidmeten Stunden, in denen sie den ausbündigen Reichtum und die ganze Anmut ihres Geistes und ihrer warmen Seele über uns ausgoß, also daß sie aus unserer kleinen Zahl nicht weniger denn vier für das Kloster gewann, pflegte sie gern auf diesen Gegenstand zu kommen, und da sagte sie, daß in jeder Menschenbrust etwas Himmlisches lebe und webe. Mit heiligen, glockenreinen Engelstimmen künde es uns, was göttlich und wahr sei, doch der Lärm der Welt und unser eigen eitel Gerede übertönten es laut, also daß wir es nicht mehr vernähmen. Wer aber der Regel der Karthause folge und stumm in schweigender Umgebung, nie hinaus in die Nähe und Ferne, sondern nur in sich hinein horche, der lerne das Himmlische, so ihm innewohne, bald mit dem Ohre der Seele ergreifen und seiner Stimme lauschen. Die künde ihm die Herrlichkeit und den Willen des Höchsten und entschleiere ihm das Verborgene, also daß er allbereit hienieden der Wonnen des Paradieses teilhaftig werde. Aber ob ich auch nie eine Karthäuserin gewesen und mir das Zünglein oft nur zu schnell lief, meine ich doch auch in meiner Seele Tiefen das Himmlische erkannt und seine Stimme vernommen zu haben; doch ist solches am sichtlichsten und wonnigsten geschehen, wie der Herr mir das Herz mit jener weltlichen Minne gesättiget, gegen die sich die Karthause mit hundert Thoren verschließet. Und auch wenn ich die Liebe gegen den Nächsten bethätigt, so sie Barmherzigkeit heißen, und mich dabei recht müde geschafft und nichts geschont, was mein eigen, auch dann hab' ich das Himmlische deutlich genug in mir selbst verspüret. Immer hielt uns die Karthäuserin an, sonder Scheu zu fragen, und ich bin diejenige unter allen gewesen, die sie am häufigsten mit Einwürfen plagte. Zwar wußte sie meine nach Erkenntnis dürstende Seele nicht immer zufrieden zu stellen, doch sie zu beruhigen gelang ihr allerwegen; denn ich stund fest im Glauben, und was sie in sein Bereich wies als Gottes Offenbarung, das nahm ich willig an, ohne zu zweifeln oder zu grübeln; denn sie hatte uns gelehrt, daß Glauben und Wissen zweierlei Ding, und ich fühlte selbst, daß es aufhören müsse mit der Seele Frieden, wenn ich diesem gestattete, an jenen zu rühren. Mit ihr sah ich in dem Heiland die Liebe selbst, doch daß die Liebe, die er in die Welt gebracht, immer noch lebendig fortlebe und wirke nach seinem Willen, solches anzuerkennen sträubte sich mein denkender Geist; denn ich sah selbst die Erzbischöfe und Bischöfe mit Schwert und Schild in den Krieg ziehen und mit feindseligem Trutz der Nächsten Herzblut vergießen. Papst gegen Papst sah ich Bannflüche schleudern; denn das Schisma gedieh erst während meiner Schulzeit zum Ende. Friedliche Städte verbanden sich, der Not gehorchend, vor unseren Augen, um christlicher Ritter und Herren sich zu erwehren. Auf des Kaisers Straße plünderte der räuberische Adel den Kaufmann, der doch auch seines Glaubens, während die Bürger der Ritter Burgen zu brechen suchten. Von wie viel mehr Fehdebriefen gab es zu hören, denn von Friedensschluß und Bündnis! Und die Bürger unserer guten christlichen Stadt, konnte denn nur unter ihnen jene Liebe aufkommen, die der Heiland gelehret? Und wie die Großen, so die Kleinen; denn war etwa das, was uns Kinder in einer christlichen Schule verband, lauter Liebe? O nein; denn nimmer konnt' ich's vergessen, wie die Ursula Tetzelin, und mit ihr die gute Hälfte der anderen Schülerinnen, meine sanfte, kluge Ann, die bravste und fleißigste von allen, mit übler Arglist verfolget, um sie aus unserer Mitte zu drängen; doch, Dank dem gerechten Sinn der Karthäuserin, vergebens. Ja die schlimmen Ränkespinnerinnen mußten am Ende sehen, daß die Schreiberstochter zu unserem Princeps erhöht ward, und solches zwang sie, den Trutz vor ihr zu beugen. Das alles und noch viel mehr hielt ich der Schwester vor, und ich vermaß mich, sie zu fragen, ob Christi Gebot, auch den Feind zu lieben, das Vermögen des menschlichen Wesens nicht übersteige. – Da hab' ich sie gar nachdenklich gefunden, doch ließ sie es nicht an tröstlichen Worten fehlen und sagte, der Heiland habe nur die Wege gezeigt und das Ziel. Noch irre die Menschheit beklagenswert ab von beiden, aber der Strom entferne sich in vielen Krümmungen von seinem Endziel, dem Meere, bevor er selbiges erreiche, und einen ähnlichen Anblick biete die Menschheit, der dannocht, in wie blutigem Hader sie sich auch jetzund zerfleische, der Tag beschieden sei, an dem der Feind dem Feinde die Palme des Friedens reichen, und es nur noch eine Herde geben werde hienieden und einen Hirten. Und meine, eines Kindes, bange Frage hat ihre lautere und wahrhaftige Seele gewiß vielfach geängstigt; denn nachdem im Verlauf unserer Schulzeit ihre Haltung immer geneigter und ihre Stimme immer leiser geworden, also daß wir oft Mühe hatten, sie zu verstehen, und sie, es war in der Marterwoche des fünften Jahres und kurz vor dem Abschluß unserer Lehrzeit, die Zelle nicht mehr zu verlassen vermochte, ließ sie mich an ihr Lager bescheiden, und mit mir von uns allen nur drei, mein Annelein und die Els Ebnerin, ein gutes Kind und dabei ein gar emsig Bienlein. Indes nun die sieche Schwester uns das Valet bot auf immer und uns mit manchem freundlichen Gruß und guten Rat auch für die anderen das Herz erweichte, kam sie weiterhin auf die Liebe zu sprechen, die der Christ jedem Nächsten schuldig sei und auch dem Feinde. Dabei faßte sie mich besonders ins Auge und bekannte mit dem bleichen, leisen Munde, daß es auch ihr oft schwer gefallen, arge Widersacher und solche, deren Art der ihren vorzüglich entgegen gewesen, nach dem Gebot des Erlösers zu lieben. Denen unter uns, so sich entschlossen, den Schleier zu nehmen, habe sie allbereit des nähern gewiesen, was not thut; denn ihnen sei es vorgeschrieben, und falle es auch ihrer Menschennatur noch so sauer, in der Nachfolge Christi zu leben; wir aber seien bestimmt, in der Welt zu bleiben, und sie könne uns nur raten, den Haß zu meiden als den grimmigsten Seelenfeind und arglistigsten Unhold. Sollte es uns aber widerfahren, daß sich das Herz auch nach wackerem Strauß nicht entschließen wolle, diesen oder jenen zu lieben, dann sollten wir wenigstens hoch zu achten bestrebt sein, was an ihm gut sei und löblich, maßen wir auch an dem Aergsten und uns am wenigsten Genehmen etwas finden würden, das Wertschätzung heische. Selbige Worte aber sind mir unvergessen verblieben, und sie haben mir manchmal die Hand zurückgehalten, wenn das rasche Schopperblut mich schon nach dem Stein greifen ließ, um ihn auf den Nächsten zu schleudern. Nur drei Tage, nachdem sie uns zu sich berufen, hat sodann die Karthäuserin Margret, die uns eine selten feste und doch milde Lehrerin gewesen, und deren Wissen das der meisten Frauen ihrer Zeit himmelhoch überragte, ein sanft selig Ende gefunden, und da ihre irdische Hülle nicht mehr gebeugt, sondern lang und gerade ausgestreckt im Sarge lag, da gewann die fromme Frau, die, bevor sie den Schleier genommen, eine Gräfin von Lupfen gewesen, das Ansehen, als habe sie einem Geschlechte angehört, so das unsere an Haupteslänge überraget. Eine stille königliche Würde breitete sich über ihre edlen, schmalen Züge, und da ihre Leiche die erste war, die ich mit Augen geschaut, bewirkte sie, daß der Tod, vor dem mir bis dahin gegraut, in meiner jungen Seele die Gestalt eines würdigen Herrschers annahm, dem man sich neiget und der uns doch nicht zuwider. So großen Ruhm wie die Ann, die mit gutem Recht unser Princeps, hab' ich nimmer in der Schule erworben; doch ward ich immerhin zu den Besseren gezählet. Der Base aber genügten die Zeugnisse, so ich heimbrachte, völlig, zumal ihr Verlangen, ihre Pfleglinge möchten sich vor anderen herfürthun, durch unseren Aeltesten, den Herdegen, reiche Befriedigung erfuhr; denn selbiger war gleichsam voll von schlummerndem Wissen, und es wollte mich oftmals dünken, als bedürfe es bei ihm nur bescheidener Anweisung und eines guten Anlaufs, um solches zu wecken. Doch sonder Mühe ist auch er nicht zu dem Seinen gekommen, und die, so da wähnten, das Wissen sei ihm ins Maul geflogen, die irrten. Oft weilte ich ihm zur Seite, wenn er sich in die Arbeit vertiefte, und da nahm ich wahr, wie scharf er ins Zeug ging, wenn er einmal Spiel und Kurzweil verlassen. Mit drei wuchtigen Hieben schlug er den Nagel ein, den es Schwächeren nicht mit zwanzig ins Brett zu treiben glückte. Ganze Wochen lang konnte er müßig gehen und mancherlei betreiben, was am letzten in die Schule gehöret, doch hatt' er sich einmal auf die Arbeit gestürzet, dann beherrschte selbige ihn derart, daß er den Stein nicht wahrgenommen hätte, der vor ihm niedergefallen. Mit unserem zweiten, dem Kunz, stund es ganz anders. Nicht als sei er blöden Geistes gewesen. Im Gegenteil! Für alles, was das Leben heischet, war sein Kopf so hell wie der klügste; doch das Erlernen gelahrter Dinge, das fiel ihm sauer, und was der Herdegen in einer Stunde erwarb, dazu bedurfte es bei ihm eines voll gemessenen Tages. Aber er gehörte dannocht nicht zu den letzten; denn er dauerte emsig aus, und lieber hätt' er sich während einer ganzen Nacht des Schlafes begeben, als nur halb erfüllet, was er für seine Pflicht hielt. So gab es denn für ihn während der Schulzeit manche harte Stunde; aber beklagenswert war er darum dannocht mit nichten, sintemal er sich eines gar frohen und schnell zufriedenen Gemütes erfreute und männiglich ihm hold war. Aus seinen großen blauen Augen schauten Heiterkeit und Bravheit Wange an Wange heraus, und wenn er einmal einen Streich begangen, der ihm Strafe zuzuziehen dräute, wußte er Augen zu machen, Augen, die eines Steines, geschweige denn der guten Base Metz Barmherzigkeit erweckt haben würden. Aber auch selbiger Vorzug sollte ihm nicht immerdar frommen; denn nachdem der Herdegen einmal wahrgenommen, wie gern ihm eine Strafe geschenkt ward, hielt er ihn an, manche Unthat, die er selbst verübet, auf sich zu nehmen, und des Kunz weiches Herz ließ es ihm genehmer erscheinen, sich selbst züchtigen zu lassen, denn den lieben Bruder einer Buße verfallen zu sehen. Außerdem war der Kunz ein schmucker, behender Bub; doch neben des Herdegen seltener Leibesschöne und Schwungkraft des Geistes stund er gemeinhin zurück. Dafür hatte er keinen Widersacher, während unseres Aeltesten in allen Stücken ungewöhnliches Wesen und leicht im Guten und Bösen überschäumende Weise ihm schon früh Mißgunst und Gegnerschaft weckten. Da die Base sah, wie übel das Lernen trotz allen Eifers dem Kunzlein glückte, beschloß sie, einen Hilfslehrer für ihn zu nehmen, und solches geschah auf Vorschlag des hochgelahrten Doktors des geistlichen Rechtes, des Plebanus zu Sankt Sebald und kaiserlichen Rates, Albrecht Fleischmann, sintemal wir Schopper zur Gemeinde der Sankt Sebaldkirche gehörten, an deren Altar der Albrecht und Friedrich Schopper selig eine reiche Pfründe geknüpfet. Der Hilfslehrer nun, den der Herr Plebanus Fleischmann der Base in Vorschlag brachte, kurz nachdem er selbst auf dem Konzil zu Costnitz, wohin ihn der ehrbare Rat mit mancherlei Botschaft an den Kaiser Sigismund gesandt, mit dem böhmischen Ketzer Hans Huß disputiret, hieß Peter Pihringer und war ein Nürnberger Kind. Er ist es, der dem Griechischen, so damals in den lateinischen Schulen unserer Stadt noch nicht gelehrt ward, in unserem Haus und bisweilen auch anderwärts Eingang verschaffte; doch glich er mit nichten den hochgemuten Männern und Helden, von denen sein Plutarchus berichtet, vielmehr war er ein gar kümmerlich Männlein, das nichts vom Leben, aber desto mehr aus den Büchern erlernet. Lange Zeit war er in Italien von einem der großen humanistischen Doktores zum andern gewandert, und während er zu ihren Füßen den Geist mit Wissen gefüllt, waren ihm die Heller unter den Fingern geschmolzen, so ihm von seinem Vater, einem ehrsamen Gastgeber und Bäckermeister, anerstorben. Gar vieles hatte er freilich an falsche Freunde auf Nimmerwiedersehen verliehen, und es ist nicht zu glauben, wie oft arge Schelme diesen hochgelahrten Herrn um das Seine betrogen. Als armer Fahrender war er endlich nach Nürnberg heimgekehrt und durch dasselbe Thor dort eingezogen, durch welches der Huß, der auf dem Wege nach Costnitz in unserer Stadt geherbergt und unter unseren studirten Herren manche für seine Lehre gewonnen, am nämlichen Tage den Ausgang gefunden. Nachdem nun unser Magister gegen selbigen Hans Huß eine gar gelehrte Streitschrift erlassen, in der zwar viel Griechisches vorkam, von der es aber hieß, sie habe dem standhaften Prager Professor in seiner Trübsal zu einem Lächeln verholfen, hatte er in dem Doktor Fleischmann, dem selbige Schrift baz genehm, einen Gönner gefunden und hienach mit verschiedentlichem Unterricht das Leben gefristet. Doch das Alleinwohnen war ihm übel gediehen, maßen er des Speisens und Trinkens vergessen und das sauer verdiente Geld verlegt oder verloren. Auch hatte ihn der Weibel heimgeleiten müssen, weil er statt des Buches einen Schinken, den ihm seine Pathin verehret, unter dem Arme getragen und ein andermal mit der Nachtmütze auf dem Haupte zum lauten Ergötzen der Buben und Mägede durch die Gassen geeilt war. Dannocht sollt' es sich zeigen, daß das hohe Lob, womit ihn der Herr Plebanus geehret, mit nichten des Grundes entbehre, maßen er gewißlich nicht nur ein hochgelahrter, sondern auch ein treuer und unermüdlicher Lehrer. Doch sein Wissen ist dem Herdegen, der Ann und mir mehr zu gute gekommen, denn dem Kunz, zu dessen Gunsten er doch bei uns hauste, und was selbigen sonderbaren Mann im übrigen angeht, so hat mir die Base später vertraut, sie habe, da er ihr präsentirt ward, zunächst ein solches Grauen vor seiner Jammergestalt empfunden, daß sie schon im Begriff gestanden, ihn heimzusenden und den Herrn Plebanus um einen anderen Instruktor zu bitten. Aber aus Barmherzigkeit habe sie es dannocht mit ihm versuchet, und dazu sei die Erwägung gekommen, daß ich bald heranwachsen werde, und ein Jungfrauenherz ein wundersam Ding sei, dem ein junger Präceptor, der etwas fürstellet, Gefahr bringen könne. Wie der Magister zu uns ins Haus kam, hatte der Herdegen allbereit die Reife für die hohe Schule erworben; denn er war der erste in seinem ordo , doch achtete ihn unser Vormund, der alte Ritter Hans Im Hoff, von dem ich hienach mancherlei zu berichten habe, noch für zu jung, um die Fährnisse des freien Scholarenlebens auf einer fremden hohen Schule glücklich zu bestehen, und so hielt er ihn noch zwei Jahre in Nürnberg in der Spitalschule zum heiligen Geiste zurück, obzwar es dort mit dem Unterricht nur gar kümmerlich bestellt war. Wenigstens schwur der Magister, wir stünden in allen gelehrten Sachen himmelweit hinter denen in Welschland zurück, und ein wie roh und barbarisch Latein die Herren Patres redeten und bei ihren Schülern durchgehen ließen, solches hab' ich später selbst zu erkennen vermocht. Es ging auch während des Unterrichts in dieser Sprache gar wunderlich her; denn um den Scholaren die Quantität der Silben recht fest einzuprägen, mußten sie die Verse im Chorus singen, und ein Erwählter, dem Pater Hieronymus zum Zeichen seines Amtes ein papieren Hütlein aufgesetzt, schlug dazu mit einem hölzernen Schwert den Takt; wie viel argen Unfug aber die ungestüme Rotte bei dem allen verübte, solches zu schildern würde meinem Kunz besser geraten denn mir. Von den köstlichen und hochberühmten Werken der römischen Schreiber und Dichter, mit denen sich der Magister in Italien vertraut gemacht hatte, und von denen er fast zierliche Abschriften besaß, bekamen die in der Spitalschule nichts zu erfahren, maßen diejenigen, so sie verfaßt, nur blinde Heiden gewesen; doch die bekannten Schulfragen, so man ihnen zur Unterweisung in die Hand gab, enthielten so abgeschmackte, thörichte Dinge, daß sich ihrer auch ein verständiger Heide geschämt haben würde. Die fürnehmste Uebung bestund in den Disputationen über allerlei heikele, spitzfindige Fragen, und die lateinischen Reimverslein, so sie unter Leitung des Pater Jodocus schmiedeten, waren also beschaffen, daß sie bei dem Magister Peter großes und gerechtes Aergernis erregten. – Jeglicher Unterricht ward mit dem alten berühmten Liede: » Salve regina! « begonnen, und in der Spitalschule kam selbiges merklich schöner und feiner zum Vortrag, denn in den anderen Klöstern, wie denn die Mönche just dorten die edle Musika absonderlich pflegten. Mein Herdegen hat daraus großen Vorteil gezogen, und unter den singenden Scholaren war er der fürnehmsten einer. So nahm er auch gern und freiwillig teil an den Uebungen der alumnorum , unter denen ein Dutzend, so man die zwölf pueri hieß, beim heiligen Gottesdienste, bei Begräbnissen und allerlei Festen, ja auch auf der Straße vor den Häusern der Geschlechter und anderer guten Bürger zu singen hatten. Die Heller, so sie dafür empfingen, dienten dazu, den armen Eltern ihren Unterhalt zu erleichtern, und es versteht sich, daß mein Bruder ihnen seinen Part williglich abtrat; ja ein gut Teil seines eigenen Taschengeldes floß den zwölfen zu, unter denen sich etliche fanden, so ihm liebe Kumpane. Es lag etwas Herrschendes in meines Aeltesten Wesen, dem sich seine Gesellen früh unterwarfen. Allbereit bei den Spielen der Schützen wurde er immerdar zum Feldhauptmann erkoren, und bald waren ihm auch die singenden pueri in Gehorsam gewärtig. Base Metz hielt ihnen freilich an manchem Sonn- und Festtag Tisch und Schüssel offen, und wenn sie an unserer Tafel die langen Scholarenmägen für die kommende magere Woche baz ausgefüttert, zogen sie mit uns in den Garten, und da klang es denn oft von fröhlichen Liedern wider, zu denen der Herdegen den Takt schlug und in die wir Freundinnen die Stimmen gar frohgemut mischten. Gemeinhin waren ich, die Ann und die Els Ebnerin die einzigen Mägede unter den Buben, zuweilen aber drängte sich auch die Ursula Tetzelin zu uns, die überall sein mußte, wo sie den Herdegen wußte. Und selbiger war ihr auch emsig genug nachgegangen, bevor ich in die Schule gekommen. Da hatt' es ein immerwährend Blumen- und Sträußleinreichen und -Empfangen gegeben, da hatt' er sie seine Dame, sie ihn ihren Ritter geheißen, und trug er ein rotes Schleiflein an der Kappe, so war es mir wohl bewußt, daß er sich mit ihrer Farbe gezieret; all dies Kinderspiel aber war mir dazumal mit nichten zuwider gewesen, maßen ich gleichfalls meine Farbe erkoren: das Grün meines Vetters vom Forste. Doch mit dem allen hatt' es, seit ich zu der Karthäuserin ging, ein Ende, und ich mußte meiner frühen Kinderminne bald entsagen, nicht nur um der Schularbeit willen, sondern weil ich vernommen, daß der Götz einen Minnehandel begonnen, und noch dazu einen, der seinen Eltern zu großem Aergernis gereichte. Eines Handwerkers, des Rotschmiedes Pernhart Tochter war es, der er mit treuester Minne anhing, und da mir solches kund ward, gereichte es mir zu großem Verdruß, also daß es mich bittere Thränen kostete, da ich es dem Annelein kund that. Doch um weniges später spielten wir wieder gar fröhlich mit unseren Puppen. Dannocht ging mir selbiger Handel tiefer nach, denn sonst wohl Kindern in meinem Alter, und wie wir wiederum in den Wald gezogen waren und ich auf der Forstmeisterei den Götz vermißte und einmal von ungefähr zu hören bekam, wie die Muhme der Base Metz bitterlich klagte, wie schwere Kümmernis der einzige Sohn ihr bereite, da er allen Ernstes darauf bestehe, die Handwerkerdirne vor den Altar zu führen, da stellte ich mich in meiner kindischen Seele Innerstem auf der Muhme Seiten, und es wollte mich schmählich und schmerzlich dünken, daß ein so weidlicher Jüngling es über sich gewinne, um einer geringen Maged willen den allerbesten Eltern bitter Herzeleid zu bereiten. Hienach kam dann ein Sonntag, an dem ich von ungefähr mit der Ann in die Sankt Lorenzkirche zur Messe ging, nicht nach Sankt Sebald, wohin wir gehörten. Weil ich nun mein Gebet gesprochen und Umschau hielt, nahm ich den Götz wahr, und wie er, an einen Pfeiler gelehnt, immerfort nach der nämlichen Richtung schaute. Da folgte ich denn seinem Blicke, und alsbald war mir bewußt, was er mit selbigem suche; denn da kniete eine junge Maged in gar sauberem, fast köstlichem bürgerlichen Gewande, und sie war von so seltener und wunderbar holdseliger Schöne, daß ich nicht von ihr fortschauen mochte. Auch kam mir in den Sinn, daß ich ihr allbereit früher am Johannisfeste begegnet, und der Ohm Kristan Pfinzing, mein Herr Pathe, sie der Base gewiesen und sie die anmutigste Jungfrau Nürnbergs genannt, die männiglich, und solches mit gutem Recht, »schön Trudlein« heiße. Je länger ich selbige nunmehr anschaute, desto holdseliger wollte sie mich dünken, und da die Ann mir bestätigte, was mir allbereit selbst geschwanet, diese anmutsvolle Maged sei des Rotschmiedes Pernhart Tochter und des Götz Herzliebste, erwachte in meinem kindischen Herzen eine große Freude; denn wie mein Vetter sicherlich das stattlichste Mannsbild in der ganzen versammelten Gemeinde, so war Schön-Trudlein die anmutsvollste Jungfrau, vielleicht, so wollt' es mich dünken, in der ganzen weiten Welt. Wär' es möglich gewesen, daß sie von noch größerer Schöne, es hätte meine Freude nur höher gesteigert, und von nun an ging ich, so oft es nur anging, nach Sankt Lorenz und an des Rotschmiedes Haus vorüber, um Schön-Trudlein zu sehen, und wie freudig schlug nur das Herz, da sie mich einmal wahrgenommen, meinen stummen Gruß hold erwidert, und mir dabei fragend, aber gütig in die Augen geschaut. Wie der Götz hienach bei uns fürsprach, zeigte ich ihm wieder das alte frohe Antlitz und Wesen, und da ich mich einmal getraut, ihm zuzuraunen, ich habe schön Trudlein gesehen, und holdseliger denn das ihre sei gewiß keiner hohen Heiligen Antlitz, dankte er mir mit einem leuchtenden Blick, und es kam ihm so recht aus dem tiefsten Innern, wie er mir zurief: »Und könntest Du nur ihr gülden, vielgetreues Herze gewahren!« Da ward mir der Götz werter denn je zuvor, und es hob mich vor mir selbst, daß er mich thöricht jung Ding solchen Zutrauens gewürdigt. Späterhin that es mir weh, sein frank und offen Antlitz immer gedankenvoller, ja finsterer zu sehen, und es war mir gar wohl bewußt, was ihn drückte; denn ein Kind vernimmt und erspähet weit mehr, als die Alten oft ahnen. Zum schärfsten Zwist zwischen Sohn und Eltern war es gekommen, und ich kannte den Vetter und seinen eisernen Willen, der zum Sprichwort unter uns geworden. Mit der Muhme im Forste aber stund es ganz ähnlich; denn trotz ihres siechen Leibes zählte sie zu den Frauen, die keinen Widerspruch dulden, und so füllte es mich mit großem Bangen, wenn ich des Ausganges selbigen Handels gedachte. Da war es mir denn eine rechte Wohlthat, daß ich mein Annelein hatte und in ihr treu Freundesherz ausschütten konnte, was meine junge Seele mit Bangen erfüllte. Wie konnte das Antlitz uns brennen, wenn wir in manchem Gespräch der Minne gedachten, die den Götz und Schön-Trudlein vereinte! Wohl war uns selbige noch wie ein Geheimnis, doch daß es süß und wonnesam sei, das dünkte uns sicher. Kaiser und Reich gegen die harten Eltern aufzurufen, die eine so heilige Herzensblüte niederzutreten gedachten, wär' uns billig erschienen, doch da dergleichen nicht anging, sannen wir auf Anschläge, der Waldmuhme, die sich nur des einzigen Sohnes und keiner Töchter erfreute und deren Liebling ich immer gewesen, das Herz zu rühren. So vergingen etliche Wochen, und eines Morgens, wie ich eben aus der Schule kam, traf ich den Götz, wie er der Base, die mit naßgeweinten Augen in ihn hinein gesprochen, zurief: »Der Mutter eignet die Macht, mich in Mißgeschick und Verderben zu treiben; doch keine Gewalt des Himmels und der Erde kann mich dem Eid und der Treue abwendig machen, die ich geschworen.« Dabei glühten ihm die Wangen, und so groß und hoch war er mir nimmer erschienen. Wie er mich hienach wahrnahm, streckte er wir in seiner redlichen, liebreichen Weise beide Hände entgegen; ich aber schlug inniglich ein. Da schaute er mir in die feuchten Augen, zog mich schnell an sich, küßte wir zum allererstenmale und mit sonderbarem Ungestüm den Scheitel, und ohne ein Mehreres stürzte er an das offene Hausthor und auf die Gasse. Die Base sah ihm mit wehmütigem Kopfschütteln nach und wischte sich die Augen; doch da ich sie frug, was es mit dem Vetter gegeben, versagte sie mir jegliche Auskunft. Am nächsten Tage sollt' es hinaus in den Forst; doch wir blieben daheim; denn Muhme Jacoba wollte niemanden sehen. Ihr Sohn hatte dem Elternhause den Rücken gewandt und sich als landfremder Mann in die Ferne begeben. Solches aber war der erste echte und rechte Kummer, den der Himmel meinem jungen Herzen beschieden. Viertes Kapitel. An das Haus der Eltern meiner Ann knüpfen sich viele der freundlichsten Erinnerungen meiner Kindheit. Zwar war es schlicht genug und mit dem Schopperhof weder an Größe noch an Pracht auch nur zu vergleichen; doch es war ein gar freundlich Menschennest und in vielen Stücken so einzig in seiner Weise, daß es schon darum ein Kind mit sonderbarer Kraft anziehen mußte. Der Herr Spieß, der Ann Vater, war aus Venedig, wo er im Dienst der Mendelschen Handlung gestanden, gen Nürnberg berufen worden, um dort zuerst in der Losungstube und sodann im Vormundschaftsamte mit dem nicht unansehnlichen Vertrauensposten des ersten Schreibers angestellt zu werden. Sein Vater war in der That, wie die Ursula Tetzelin mir in der Schule vermeldet, ein Lautenist, doch er erfreute sich längst als fürnehmster Lehrer in der edlen Musika bei der Geistlichkeit und Laienschaft so hohen Ansehens, daß ihm die Schulung und Leitung des Kirchenchores oblag, und man auch in den Häusern der Geschlechter seine Unterweisung im Lautenspiel und Gesang jeder anderen vorzog. Er war ein gar lieber, heiterer Greis von seltener Herzensgüte und Milde und sonderbar sinnigem Geiste. Wie nun der ehrbare Rat seinen Sohn, den Veit Spieß, gen Nürnberg berufen, lag es dem Alten ob, ein passend Haus für ihn zu erstehen, maßen er selbst sich mit wenigen Kammern begnüget und der Schreiber allbereit zu Venedig mit der schönen Giovanna, dem Töchterlein eines Sensalen Die Vermittler bei allen Geschäften der deutschen Kaufleute mit denen von Venedig. Auch nicht das kleinste Geschäft war ohne sie abzuschließen gestattet, und zwar wegen der an die Republik zu zahlenden Abgaben. Der Fondaco hieß das große Kaufhaus, welches die Republik selbst für den Handel mit Deutschland unterhielt. des Fondaco der Deutschen, in die Ehe getreten war und am eigenen Herde zu wohnen begehrte. Da verfiel der Lautenist, der als ein der Musika beflissener Jüngling vormals längere Zeit in der Markusstadt verweilet, auf den Anschlag, seiner jungen Schwiegerin in unserem Nürnberg die Heimat und das Vaterhaus wiederzugeben, das an einem der Kanäle Venedigs gestanden, und so erwarb er denn ein Bauwerk, dessen Lichter auf das Wasser schauten und das deswegen geschickt schien, ihr das Heimweh zu mindern. Und die Venetianerin freute sich baz der Lage ihres Quartieres, und wohl noch mehr der freundlichen Fürsorge des Alten, obzwar ihr Häuslein gar hoch, doch dabei so schmal, daß sich in jedem Stockwerk nur zwei Lichter neben einander befanden. So bewegte sich denn das Leben in der Vormundschaftsschreiberwohnung nicht von einer Seiten zur andern, sondern von oben nach unten, aber die Venetianerin war ihr dannocht hold, und ich hörte sie sagen, das liebste Plätzchen in ganz Nürnberg sei für sie der Erker im zweiten Stock ihres Hauses. Da stund ihr Spinnrad und Nähkasten, und ein blank venetianisch Spieglein, so sie scherzweise »Frau Neubegier« nannten, zeigte ihr alles, was auf dem Fluß und der Fleischbrücke vorging; denn ihr Haus war unweit derselbigen, dem Barfüßlerkloster gegenüber gelegen. Da waltete sie still in Ordnung, Liebe und sonderbarer Anmut, und wie ihre Blumen im Erker: die Rosen, Aurikeln, Nelken und Gelbveiglein, gediehen unter ihrer pflegsamen Hand auch die Kinder, und wer im Kahne an ihren Fenstern vorbeifuhr, der vernahm viel frohes Leben und wohllautenden Gesang; denn vom Großvater und der Mutter her hatten die jüngern Spießlein fast alle ein feines Ohr für die Musika und weiche, glockenhell tönende Stimmen. Meine Ann freilich that es allen zuvor, und ihre Nachtigallenkehle zog wohl den Herdegen mit besonderer Macht zu ihr. Nur für eines der Schreiberkinder, den kleinen Mario, war die Welt der Töne verschlossen, maßen er taubstumm geboren, und wenn die Ann bisweilen seltener und auf kürzere Zeit, als sie wohl mochte, bei uns verweilte, so lag es an ihm; denn sie wandte auf ihn eine Liebe und Sorgfalt, als sei sie seine leibliche Mutter. Wenn ihr daraus nun auch manche schwere Mühwaltung erwuchs, war doch nichts dem herzlichen Genügen vergleichbar, so ihr die Zärtlichkeit und das wunderbare Fortschreiten dieses Kindes bescherten; denn wenn selbiges zum Unglück geboren, so erwuchs es durch der Schwester treue Sorge zu einem fröhlichen und dankbaren Geschöpflein. Base Metz war etlichemal Zeuge ihrer Unterweisung des Brüderleins gewesen, und was die Ann für selbiges gethan, wollte sie so fromm und wundersam dünken, daß es den letzten Widerstand brach, den sie unserem vertrauten Zusammenhalten in den Weg gestellt hatte. Auch an der Ann schönem Mütterlein gewann die Base Gefallen, obzwar sie schnell gewahrte, daß die welsche Frau sich nur schwer in die deutsche und Nürnberger Art schickte und es der Ann gern überließ, des Hausstandes Lasten zu tragen. Auch unsere nächsten Freunde, und allen voran mein Herr Pathe, Ohm Kristan Pfinzing, gewannen das Annelein lieb, und unter meinen Genossinnen kannt' ich nur eine, die ihr zuwider, ja bis zur Feindseligkeit gram, und das war die Ursula Tetzelin, die mit schlecht verhohlenem Ingrimm gewahren mußte, wie mein Herdegen-Bruder sich ihr mehr und mehr abwandte und der Ann mancherlei erwies, womit er sie früher bevorzugt. Sie hatte des auch kein Hehl, und nachdem mein Aeltester gar jener an ihrem Namenstage mit seinen pueri vom Wasser aus eine Serenade gebracht, während sie im vorigen Jahre der Ursula die gleiche Ehre erwiesen, überfiel selbige meine Freundin in unserem Garten mit so feindselig ungestümen Reden, daß die Base dazwischen treten und meinem großen Unwillen mit der Mahnung begegnen mußte, daß sie ein mutterlos Kind, das keiner minniglich die raschen Triebe zügeln gelehret. Gedenk' ich heut jener Zeiten, so geschieht es mit lauter Dank und Genügen. Unserem Großohm und Vormund, dem Ritter Im Hoff, war es freilich wenig genehm, daß die Base mir, eines edlen Geschlechtes Tochter, gestattete, mit eines Schreibers geringer Sippe nah zu verkehren, doch es konnte der Ann besserem Teil weit eher bei uns, unter meinen Brüdern und ihren Genossen, Schaden erwachsen, denn mir in dem stillen Heim am Wasser, wo es nichts zu hören gab denn schickliche Worte und liebliche Klänge, und nichts zu schauen denn Arbeit, Zierlichkeit und Frieden. Wie gern verweilte ich dort, aber wie war es doch auch so schön, wenn es der Ann verstattet war, den ganzen Sonntag vom Mittag bis Abend bei uns zu bleiben, und wenn wir erst für uns allein plauderten, spielten, des in der Schule Erworbenen gedachten und hienach mit den Brüdern, sei es unter der Base oder des Magisters Geleit, ins Freie zogen oder daheim sangen und fröhliche Kurzweil trieben. Nach dem Ave Maria kam sodann gemeinhin der alte Organist Adam Heyden, der Ann Großohm, um sie zu holen, und an selbigen wackeren und seltsamen Mann sollte sich fürder manche liebe Erinnerung knüpfen, wie ich denn der Ann überhaupt für gar viel Freundliches verpflichtet bin, so meine Jugendzeit schmückte. Das ist gewiß, daß sie es war, die mich zuerst recht spielen geehrt hat; denn während meine Puppen und Ritter und Kramläden der Wirklichkeit, wenn auch nur im kleinen, bis ins einzelne glichen, hatte jene ein Stück Holz in ein Tüchlein gewickelt, als ihr Kind in den Armen geschaukelt, hatte sie mit den kleinen Geschwistern beim Kramladenspiel Steine und Blättlein zu mannigfachen Waren und Münzen gestempelt und dabei weit höheren Genügens genossen denn wir, wenn wir wirkliche Feigen und Mandeln und Nägelein aus Kistchen von Holz und Säcklein von Linnentuch genommen, um sie mit messingenen Gewichten auf wirklichen Wagen mit Zünglein und Schalen zu wiegen. Sie war es, welche die Einbildung in meine Spiele verwob, und die hat uns gar vielfach weit von der Pegnitz über Meere und Ströme in Palmenhaine und goldene Feenreiche getragen. Der Verkehr mit den Brüdern gedieh ihr wie mir zum Genügen; doch zeigte er in den ersten Jahren ein ganz ander Gesicht denn in den späteren. Aus jener frühen Zeit tritt mir, da ich dies schreibe, ein schöner Sommersonntag mit besonderer Deutlichkeit ins Gedächtnis. Wir hatten genug in der Kinderstube gespielt, und weil wir es auf des Hauses Boden unter dem Dach, wo wir in dem mächtigen Gebälk umhergeklettert waren, zu heiß befunden, traten wir in den Garten. Der Herdegen hatte uns gleich nach Mittag hastig verlassen, und wir fanden nur den Kunz, wie er sich Pfeile schnitzte für seine Armbrust. Doch bald warf er das Messer fort und gesellte sich zu uns, und da ihm die Ann baz wohlgefiel, seit sie meine Freundin, that er das Seine, sich ihr genehm oder doch bemerkbar zu machen. Bald stund er vor ihr auf dem Kopfe, bald kletterte er in die Krone des höchsten Obstbaumes und warf ihr eine Birne grad auf den Scheitel, also daß sie aufschrie, bald schlug er mitten im Wege ein Rad, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sein Schuh dabei ihr Antlitz getroffen; doch wie er wahrnahm, daß er uns störe, zog er sich trübselig zurück, aber nur, um sich hinter einem Strauch zu verbergen und, da wir an ihm vorüberkamen, jach herfürzubrechen und durch wildes Geschrei Entsetzen über uns zu bringen. Solches wäre meinem Aeltesten, wenn auch gegen seinen Willen, beinahe noch besser gelungen, da er mit wirrem Haar und in großer Erregung sich zu uns gesellte. Er stund in dem Alter, wo die Buben die Mägdelein als schwach und untüchtig für richtiges Spiel verachten, aber sich dannocht allbereit mühen, von ihnen bemerkt und bevorzugt zu werden. So war ihm denn auch der Ursula offen zur Schau getragene Gunst eine gute Weile fast genehm gewesen, doch begann er ihrer allbereit überdrüssig zu werden und zu erkennen, daß ihm die kluge Ann mit der Nachtigallstimme Besseres gewähre. Nachdem er uns hastig das Willkommen geboten, machte er uns alsbald zu Vertrauten eines übelen Handels. Einer seiner Genossen, der Lorenz Abenberger, eines Apothekers Sohn, der emsig in der Schule und von sonderbar frommer Gemütsart, widmete die freien Stunden allerlei magischen Künsten und hatte, obzwar er nur siebenzehn Jahre zählte, vielen, und so auch uns Mägeden, die Nativität gestellt und uns allerlei krauses Zeug für die Zukunft geweissagt. Selbiger Abenberger nun, ein klein, unscheinbar Bürschlein, hatte in einer alten Postille eine Vorschrift gefunden, Schätze zu heben, und den Herdegen samt etlichen anderen Genossen ins Vertrauen gezogen. Zuerst waren sie ihm auf den Friedhof gefolgt, woselbst sie beim Vollmond Blei durch das linke Auge eines Totenschädels gegossen und aus selbigem Bolzenspitzen geformet. In der vergangenen Nacht waren sie hienach gen Sinterspühel gezogen und hatten alldort mitternächtlicherweile von einem Kreuzwege aus besagte Bolzenspitzen in alle vier Himmelsrichtungen geschossen, um sodann, wo sie niedergefallen, nach Schätzen zu graben. Doch statt auf solche waren sie auf einen frisch verscharrten Leichnam gestoßen und hatten sich hienach eilends aus dem Staube gemacht. Nur der Herdegen war mit dem Abenberger zurückgeblieben, und nachdem er am Haupte des Ausgegrabenen schwere Wunden wahrgenommen, hatte er solches dem Blutgericht kundzuthun gedacht, doch davon einstweilen Abstand genommen, sintemal ihn der Abenberger beschworen, reinen Mund zu halten und ihn nicht ins Verderben zu bringen. Wie aber mein Aeltester vorhin auf dem Fechthause gewesen, hatte er daselbst vernommen, daß ein Handelsknecht der Vorchtels verschwunden sei, und man besorge, daß er Plackern oder übeler Buberei in die Hände gefallen, und nun achtete er es für geboten, des Leichnames Fund nicht länger zu verschweigen und verlangte, der Ann und meinen Rat zu vernehmen. Während ich es nun kurz und bestimmt für notwendig erklärte, dem Herrn Schultheißen ungesäumt Anzeige zu machen, überfiel die Ann ein sonderbar Zittern, und obzwar sie mir nicht widersprach, zeigte sie solches Bangen, daß dem Herdegen aus seiner unbesonnenen That schweres Unheil erwachsen möge, daß ihr die Thränen strömlings über die Wangen rannen, und es mich große Mühwaltung kostete, sie, die sonst eine besonnene und mit nichten schreckhafte Maged, zur Ruhe zu bringen. Doch dem Herdegen gereichte ihre übergroße Sorge zu großem Genügen, und obzwar er sie verlachte, hieß er sie dannocht sein vielgetreu Banghäslein und steckte ihr die Nelke ins Haar, die er am Wamse getragen. – Da ward sie schnell guter Dinge, riet ihm, ungesäumt zu thun, was doch seine Pflicht sei, und nachdem das Blutgericht sodann das Seine verrichtet, ergab es sich, daß die Buben in der That auf den erschlagenen Handelsknecht gestoßen. – Obzwar nun der Herdegen beflissen gewesen, des Abenbergers Schuld zu verschweigen, war selbige dannocht durch andere zu Tage gekommen, und der arme Wicht wurde aus der Schule gestoßen. Zwei Jahre später hatte unser Verkehr allbereit ein ganz ander Ansehen gewonnen. Die zwölf pueri waren unsere Tischgäste gewesen, und nun sangen sie im Garten fröhliche Weisen, so uns Mägeden, zu denen sich die Els Ebnerin und Ursula Tetzelin gesellet, wohl vertraut. Während der Herdegen nun den Takt schlug, hing sein Ohr an den Lippen der Ann, als werde ihm eine Offenbarung teilhaftig; doch seinem besten Kumpan, dem Heinrich Trardorf, der sonst vor allen anderen mich, die Gred, bescheidentlich herfürzog, schien ihr Gesang gleichfalls baz zu behagen, und wie die Lieder schwiegen, geriet er mit ihr in ein fast lebhaft Zwiegespräch; denn er hatte ihr geklaget, wie er mir gut sei und als schlichter Leute Kind nimmer wagen dürfe, den Blick zu mir zu erheben. Des Herdegen Auge war eine Weile verdrossen an den beiden und ihrem Verkehre haften geblieben. Dann hatte er sich jach erhoben, die letzten der Base gar werten Rosen von ihrem Lieblingsstrauche gerissen, sie der Ursula gereicht und sich ihr so völlig ergeben, als sei keine andere im Garten. Doch ihr Vater kam bald, um sie zu holen, und nachdem sie strahlenden Angesichtes mit seinen Rosen gegangen, trat der Herdegen plötzlich auf mich zu, um mir, ohne die Ann eines Blickes wert zu erachten, das Valet zu bieten. Da hielt ich ihn an der Hand zurück und rief jene herbei, daß sie mir helfe, ihm das Fortgehen zu wehren, maßen die anderen eben zum Lautenspiel eines der pueri ein Tänzlein begannen; sie aber trat bescheidentlich heran, blickte mit den großen Augen zu ihm auf und bat ihn gar hold, zu verbleiben. Da wies er auf den Trardorf und entgegnete barsch: »Etwas Halbes kann mir nicht frommen!« Und wiederum wandte er sich dem Thor zu, sie aber faßte ihn bei der Hand und sagte, ohne seines Treibens mit der Ursula auch nur mit einem Wort zu gedenken, sonder Vorwurf, doch inniglich bekümmert: »Wenn Du gehst, so wirst Du mir weh thun. Es ist ja nur schön, wenn Du da bist, und was frag' ich denn nach dem Heinrich?« Das war ihm genug, sein Auge leuchtete wiederum froh in das ihre, und seit jener Stunde in der Kindheit hatte sie den eigenen Willen an den seinen verloren. Von nun an hielt sich die Ann auch von allen anderen zurück, und wenn er dabei war, wollt' es scheinen, als hätte sie Augen und Ohren allein für mich und den Bruder. Des Kunz achtete sie wenig, doch er ließ nicht ab, ihr nachzugehen und ihr seine Dienste aufzudringen, als sei sie eines hohen Herren Tochter, und er nur ihr Page. Daß die Ann den Herdegen für den herrlichsten aller Jünglinge erachte, hatte sie mir frei bekannt, und wie hätte solches mich wunder nehmen können, da ich doch der nämlichen Meinung. Was wußte ich auch im vierzehnten und fünfzehnten Jahre von der Minne und ihrer Fährnis! Wie sie meinem Aeltesten, so war ich weiland dem Götz gut gewesen, und wie es mich damals erfreut, daß mein lieber Vetter einer so holdseligen Maged, wie des Traudlein Minne gewonnen, so dacht' ich, würd' es der Ann späterhin zum Genügen gereichen, wenn der Herdegen sich mit der Schönsten und Fürnehmsten verbände. Darum that ich mein Bestes, die beiden, so oft es nur anging, zusammen zu bringen, und solches geschah mit und ohne mein Zuthun fast häufig; denn nicht nur, daß die Musika sie vielfach verband, und der Herdegen mit mir gemeinsam sie auf der Sandbahn hinter unseren Ställen anwies, ein Roß zu bemustern, – auch das Griechisch, das uns der Magister Peter ins Haus gebracht, bot den Vorwand für sie, manche Stunde zu teilen. Mir ging selbige Sprache nur schwer ein, doch der Lernkopf der Ann war nicht viel geringer denn der meines Bruders, und mit frischer Lust war er beflissen, die schnell begreifende Maged in gleichen Gang mit dem eigenen Fortschritt zu halten. Wie beide endlich so weit gediehen, auch griechische Schriften zu verdeutschen, ward der Magister berufen, ihnen Beistand zu leisten, und welche Veränderung mit selbigem Mann sich zugetragen, nachdem er vier Jahre an unserem Tisch gesessen, das möchten viele zu den Mirabilia zählen. Da er zu uns gekommen, hatt' er sich selbst für ein armselig Unglückswurm gehalten und sich kaum getrauet, einem anderen frank ins Antlitz zu schauen, und was stellte er jetzt dar, trotz der mancherlei Kurzweil, so die Brüder und ihre Genossen, ja zuweilen wohl auch ich, mit seiner Einfalt getrieben! Mancher andere hat allbereit vor mir in Gott Amor den besten der Lehrmeister erkannt, und wenn der Magister sich nunmehr nur noch mäßig gebeugt, ja beinahe aufrecht hielt, wenn er jetzund ein gut neu Gewand mit weiten Hängärmeln, straffes Strumpfwerk, schön gesteifte schneeweiße Kragen und bisweilen sogar ein keck schwarz Federlein am Baret trug, wenn er sich die Hände säuberlich wusch und das lange Haar nicht nur strählte, sondern auch salbte, so war daran in erster Reihe die fast große und treue Neigung schuld, die ihn für die Ann ergriffen, da sie doch noch ein Kind war. Freilich hat die pflegsame Base Metz dem blinden Liebesgotte wacker Helfersdienste geleistet; denn oftmals rückte sie dem Magister mit eigener Hand zurecht, was eben schief saß; auch verehrte sie ihm bei mancherlei Anlaß ein fein Stück Tuch und dazu, in bunt Papier gewickelt, den Schneiderlohn in neugeprägter, blanker Münze. Pünktlichkeit und Ordnung brachte sie ihm eifrig bei, und wo der Ernst nicht fruchtete, wußte sie jenen freundlichen Spott zu üben, der niemand verletzet, weil er einem liebreichen Herzen entspringet. So kam es, daß wie die Zeit erschien, da der Herdegen die hohe Schule zu Erfurt bezog, der Magister nur wenig von anderen gelehrten Herren seines Standes abstach; und wenn es ihm vergönnt war, von den Meistern der Gelehrsamkeit in Italien und den Werken der griechischen Geistesfürsten zu berichten, hab' ich seine Augen leuchten sehen wie die eines Jünglings. Ueber der Brüder Fortschreiten wachte unser Vormund, der alte Ritter Im Hoff, ein strenger und menschenscheuer Herr, der doch kaum seinesgleichen hatte an Reichtum und Ansehen in Nürnberg. Er war auch unser Großohm, wie der alte Adam Heiden der meiner Ann, und verschiedenartigere Mannsbilder lassen sich schwerlich denken. Wenn es dem Herrn Vormund aufzuwarten galt, kam es selten dazu ohne Murren und Sträuben; dagegen war es mir immerdar wie ein Fest, wenn ich die Ann zu dem Organisten begleiten durfte. Er hatte aber auch ein herrlich Quartier hoch im Turme über der Stadt inne, und wie der liebe Herrgott die Welt vom lichten Himmel her, also vermochte er aus seinen Fenstern ganz Nürnberg, die Burg auf dem Hügel, den offenen Kranz von Wäldern, der es im Norden, Osten und Süden umgibt, und die Aecker und Dörfer, die zwischen dem Forst und den Mauern und Türmen unserer Reichsstadt liegen, sowie des Pegnitzflusses Lauf zu überschauen. Er rühmte sich auch gern, der Sonne das erste Willkommen und das letzte Valet zu bieten, und vielleicht verdankte seine Seele ihrem Lichte, das er so reichlich genoß, die sonderbar fröhliche Helle. Immerdar hatte er einen Scherz und eine kleine Liebung für uns Kinder zur Hand, und wie geringen Geldeswert seine Gaben auch besaßen, bereiteten sie doch immer ansehnliche Freude. Ueberhaupt hat wohl kein zweites Mannsbild in Nürnberg so viele Geschenke vergeben und dadurch so viele Gesichter und Herzen fröhlich gemacht, wie der Adam Heyden. Freilich war er nach kurzer, glückseliger Ehe kinderlos zurückgeblieben und hatte für keine Erben Sorge zu tragen; doch der alte Lautenist Gottfried Spieß, der Ann Großvater, war doch im Rechte, da er ihn einmal den kinderreichsten Mann in ganz Nürnberg nannte, maßen sämtliche Buben und Mägdelein der Stadt gleichsam die seinen. Wenn er durch die Gassen schritt, war es für das kleine Volk, als käme ihm der heilige Christ oder Sankt Nikolaus selbst entgegen, und was sich mit der Linken an seinen langen Talarrock hing, das steckte schon mit der Rechten den Apfel oder das Stücklein Lebkuchen in den Mund, davon des Alten Tasche nie leer ward. Aber der Herr Adam hatte auch seine Schwäche, und mancher hieß es nicht gut, daß er dem Weine allzu eifrig ergeben. Doch er betrieb auch das Zechen in seiner eigenen, mit nichten unholden Weise. An jedem Gedächtnistage nämlich verblieb er droben auf seinem Turme ganz allein, und bis nach Mitternacht sah man sein Licht über die Stadt hin scheinen. Da saß er denn völlig einsam vor Krug und Pokal, und des letzteren bediente er sich also, daß er den ersten und zweiten und dritten in aller Stille auf das Wohl des verstorbenen Elslein leerte, so seine Hausfrau gewesen. Dann aber begann er leise zu singen, und bei jedwedem neuen Becher, den er erhob, rief er laut: »Prosit, Adam!« und nachdem er ihn geleert: »Schön Dank, Heyden.« So trieb er es fort, bis er der Krüge etliche geleeret und sich der Turm mit ihm drehte. Dann begab er sich zur Ruhe und träumte weiter von seiner Els, den alten guten Tagen, den lieben Menschen, der Jugendminne und all dem Schönen und Wundersamen, so ihm bei dem stillen Zechen vor dem inneren Auge gestanden. Am folgenden Morgen kam er seinen Pflichten in Treuen nach, und die landläufigen Abende, so für ihn keine Bedeutung besaßen, brachte er bei den Spießens in dem kleinen Hause am Wasser zu oder in der Herrentrinkstube auf der Frohnwage; denn obzwar ebendaselbst nur solche, die zu den Geschlechtern gehörten, gelahrte Männer und ansehnliche Künstler verkehrten, war der Organist Adam Heiden doch unter ihnen ein maßhaltender und gern geduldeter Gast. Und nun unser Großohm und Vormund, der Ritter Sebald Im Hoff! Männiglich wird begreifen, daß meine Scheu vor ihm wuchs, seit ich unversehens in seine Schlafkammer geraten und dort eines schwarzen Sarges ansichtig geworden, darin er Nacht für Nacht wie in einer Bettstatt ruhte. Ihm selber sah und hörte man leichtlich an, daß ein tiefer Gram oder eine schwere Schuld ihm am Herzen fresse, und dannocht ist er einer der stattlichsten alten Herren gewesen, so mir in meinem langen Leben begegnet. Sein Antlitz war wie aus Erz gegossen und wundervoll ebenmäßig gebildet, doch von tiefer, völlig farbloser Blässe. Lange schneeige Locken fielen ihm tief über den Zobelkragen herab; und silberweiß war der spitz geschnittene kurze Vollbart. Wenn er aufgerichtet dastund, war er von sonderbarer Leibeshöhe, und schritt er dahin, so that er es mit fürstlicher Würde. Allbereit seit Jahren suchte er keines andern Haus auf, und dannocht wußten ihn viele zu finden. Wo unter den Geschlechtern, mit Ausnahme seiner eigenen, der Im Hoff-Sippe, ein Bub oder eine Maged heranwuchs, wurden sie ihm zugeführt, aber von ihnen allen waren nur zwei, die sich ihm sonder Scheu zu nähern getrauten: mein Herdegen-Bruder und die Ursula Tetzelin, und gerade sie war während meiner ganzen Jugendzeit die einzige, vor der meine Seele sich völlig abschloß. Dannocht muß ich um der Gerechtigkeit willen bekennen, daß sie zu einem baz wohlgestalteten Weibsbild heranwuchs. Dazu gehörte sie einem reichen und fürnehmen Hause als einziges Kind an, und ihr Vater, ein hoffärtiger und dazu mürrischer Herr, der die Hausfrau, ihre Mutter, frühzeitig verloren, setzte, nachdem sie ein Jahr vor mir und der Ann die Schule verlassen, seine Ehre darein, sie wie eines Grafen oder Kurfürsten Kind zu kleiden. Auch ließen ihrer hohen, vollen Gestalt die Brokate, das feine Pelzwerk und die köstlichen Kettlein und Spangen gar wohl, mit denen sie so hoffärtig prunkte, daß der ehrbare Rat sich bewogen sah, eine Verordnung gegen die übergroße Kleiderpracht der Weibsbilder ergehen zu lassen. Sie war sicherlich die letzte, von der ich gewünscht hätte, daß sie einmal als Hausfrau in den Schopperhof einziehen möge, und dannocht wußt' ich schon, bevor mein Bruder die hohe Schule bezog, daß der Großohm es darauf absah, sie und ihn in künftiger Zeit zusammenzugeben. Der Vater Tetzel wies auf die beiden, wenn sie in ihrer stattlichen Schöne neben einander stunden, als auf ein Pärlein; auch hielt sich der ältere Mann, dessen graues Antlitz so kühl und farblos, wie an seiner Tochter alles bunt war und glänzend, dem Knaben, dem kaum der erste Flaum auf Lippe und Wange keimte, in schier demütiglicher Huld gewärtig, maßen ihm des Großohms Erbe in jeder Rücksicht als Eidam anstund. Freilich wußte männiglich, daß der reiche Im Hoff der heiligen Kirche große Stiftungen zu machen gedenke, und es dünkte mich löblich und weise, daß er alles daran setzte, sich der Jungfrau und der lieben Heiligen Fürbitte zu sichern; denn die schwere That, die ihn aus einem glänzenden Herrn in einen einsamen Büßer gewandelt, sie mochte seine arme Seele schwer genug quälen; ich aber will hier in aller Kürze berichten, was ich von selbiger erfahren. In seiner Jugendzeit hatte der Großohm den Kopf fast hoch getragen und auf sein Wappen und ritterlich Blut so große Stücke gehalten, daß ihn unser Nürnberger städtisch Wesen zu gering und kleinbürgerlich dünkte. Da nun inmitten des letzten Saeculi den Städtern durch des Reiches Gesetz untersagt ward, Turniere zu halten, war er zu Hofe gezogen, hatte zu Prag den Ritterschlag durch Kaiser Carolus erhalten und sich bei manchem Lanzenstechen des Rühmens genug erworben. Seines Leibes sonderbare, mannhafte Schöne erwarb ihm auch Frauengunst die Fülle, und maßen er, was adeliger und ritterlicher Art, allem anderen vorzog, nahm er kein Nürnberger Kind in die Ehe, sondern ein arm Ehrenfräulein, des Freiherrn von Frauentrift Tochter. Aber der Großohm hatte sich in seiner Wahl übel vergriffen; denn sie war ein hoffärtig Weibsbild, so aller Launen voll. Wenn Fürsten und vornehme Herren die Stadt besuchten, nahmen sie fast gern in dem großen und schmucken Im Hoffschen Hause Quartier; sie aber ließ sich sodann von selbigen hofiren und gestattete ihnen mehr Freiheit, denn der sittigen Hausehre eines Nürnberger Bürgers ansteht. Einmal nun, wie der Herr Herzog von Bauern mit zahlreichem Gefolge bei ihm in Herberge lag, entfachte ein schöner junger Graf, dem die Hausfrau des Großohms allbereit als Maged den Vorzug gegeben, seine Eifersucht zu hellen Flammen; und da er eines Abends zu später Stunde und bevor sein Weib von einem Besuch bei der Freundschaft zurückgekehrt war, im Haushofe, woselbst der Kisten und Warenballen die Menge lagen, unter ihrer Kammer ein leis Flüstern und Raunen vernahm, stürzte er, seiner selbst nicht mächtig, hinunter. Dieweil nun sein Rufen auch aus dem Hofe keine Erwiderung fand, stieß er mit dem blanken Schwert aufs Geratewohl hinter die Kisten, von wannen er das Gewisper vernommen, und ein weher Aufschrei lehrte ihn, daß er wohl getroffen. Bald ließ sich auch das Jammern eines Weibsbildes vernehmen, und wie sich nun Knechte und Knappen mit Fackeln und Lichtern nahten, da erkannte er, daß er dem Ludwig Tetzel, dem noch jungen und unbeweibten Ohm der Ursula, das Leben genommen. Selbiger aber hatte sich in den Hof des Großohms geschlichen, um sich eines Stelldicheins mit der schönen Tochter des Wägemeisters der Im Hoffschen Handlung zu freuen, und aus Furcht vor dem Hausherrn hatten die Liebesleute seinen Ruf unerwidert gelassen und sich hinter die Kisten verborgen. So war der Großohm unversehens zum Mörder geworden, und die Richter brachen über ihn den Stab; doch da er selbigen Totschlag frei bekannt und ihn unversehens begangen, begnügten sie sich, ihn an Geld zu büßen; doch sagten etliche, sie hätten dem Henker geboten, zum Zeichen dessen, daß er das Leben verwirket, eine Galgenschlinge hinter seine Hausthür zu nageln; andere aber, daß er die Pflicht auf sich genommen, solchen Strick Tag und Nacht am Halse zu tragen. Was die Tetzels angeht, so hatten sie keinerlei Sühne von ihm geheischet, und dafür ist er ihnen zeitlebens so dankbar verblieben, daß er ihnen die Ursula mit in sein Erbe einzusetzen verheißen; den Im Hoffs aber war er gram bis ans Ende, sintemal selbige, denen er durch Eigenwillen und Hoffart viel Aergernis bereitet, nach dem Spruch des Blutgerichtes Rat gehalten, ob es nicht geboten sei, ihm ihren guten alten Namen abzusprechen und ihn aus dem Geschlecht zu verstoßen. Nur vier gegen drei hatten zu seinen Gunsten gestimmet, und das trug seine trutzige Seele so schwer, daß kein Im Hoff sein Haus betreten durfte, so oft auch einer versuchte, seine Gunst zurück zu gewinnen. Von seiner Hausfrau erntete er geringen Trost im Leide; denn sie hat ihn, nachdem er des Totschlages schuldig befunden, verlassen, ist an den Kaiserhof nach Prag zurückgekehret und endlich bei einem wilden Jagdritt in des Königs Wenzel Gefolge noch bei guten Jahren ums Leben gekommen. Fünftes Kapitel. Drei Jahre waren vergangen, seitdem sich der Herdegen auf die hohe Schule begeben, und nur am Ende des ersten hatten wir ihn auf wenige Wochen wiedergesehen, da er von Erfurt nach Padua übergesiedelt. In den Briefen, so von dorther zu uns gelangten, fehlte es nie an einem Gruß an die Jungfrau Anna. Ja gar oft war selbigem ein griechisch Sätzlein beigefügt, für sie und mich; doch weil ihm ja aufs beste bewußt, daß sie allein solche Nüsse zu knacken vermöge, lud er mich dabei zu Gaste wie der Fuchs den Storch. Bei seinem Hiersein verkehrte er immerfort mit mir und der Ann wie ein rechter, freundlicher Bruder, wenn er nicht aus dem Fechthause die fast wunderbare Kunst zum besten gab und von Rittern und Junkern anstaunen ließ, die er in der Führung des Schwertes auf der hohen Schule erworben. Mit der Ursula kam er auch in selbiger kurzen Vakanzzeit etlichemal zusammen, doch zeigte er deutlich genug, daß er das Gefallen an ihr verloren. Zu Erfurt hatte er nur halb gefunden, was er gesucht, und sich für reif befunden, gen Padua zu ziehen; denn dort nur blühe für ihn – und der Magister bestätigte solches – der rechte Weizen. Wenn er uns damals des Näheren erklärte, was er dort zu gewinnen gedenke, so konnten wir ihm nur recht geben und wußten im voraus, daß er aus der berühmten welschen Gelehrtenstadt als eine Leuchte der Wissenschaft heimkehren werde. Wie ich darum nach seinem Aufbruch gen Welschland die Ann keineswegs heiter wie mich selbst, sondern fast bekümmert sah, schrieb ich solches nur der Bresthaftigkeit zu, die seit einiger Zeit ihren wackeren Herrn Vater bisweilen befiel. Auch der Kunz hatte die Schule verlassen, und er konnte nicht klagen, daß ihm das Wissen den flinken Geist und heiteren Sinn allzu schwer belaste. Er diente nunmehr als Lehrling im Geschäfte des Großohms, und da selbiges sich fürnehmlich gen Venedig wandte, mußte er sich der italienischen Sprache eifrig befleißigen. Unser Magister, der ihrer mächtig, unterwies ihn darin und ließ es sich nach wie vor bei uns gefallen. Base Metz hätte ihn auch nimmer ziehen lassen, sintemal die Sorge für ihn ihr zur Gewohnheit geworden, wie denn viele eines Menschen Nähe schwerer verschmerzen, dem sie vonnöten, denn die eines andern, der sich ihnen selbst dienstlich erweiset. Was den Magister angehet, so wartete er, unter dem Vorwand, sich im Reden der welschen Zunge zu üben, der Frau Giovanna nicht selten auf, wir aber gedachten oft lachend des Sprichworts vom Sack und dem Esel, und die Ann schlüpfte behend in ihr Giebelkämmerlein, wenn der Magister im Anzug, und das wußte sie allemal im voraus, maßen kein ander Menschenkind gleich verschämt mit dem Klopfer an das Thüreisen rührte. Die Jahre, so uns aus der Kindheit in die Jungfrauenzeit überleiteten, verrannen in eitel Frieden und Glück. Base Metz vergönnte uns jede Freude und Kurzweil, und zeigte sie ja einmal ein minder fröhlich Gesicht, so war es, weil ich das Kleid jungfräulich länger gewünscht, als sie es in meinen Jahren für recht fand, oder weil ich mich beim Ritt auf der Bahn oder ins Freie allzu waghalsig erwiesen. Durch meinen engen Bund mit der Ann bekam ich manch ander und besser Ding zu schauen und zu genießen, denn die übrigen Mägede aus den Geschlechtern, so sich heute noch selbst in der Kirche in den eigenen Gestühlen von denen sondern, die kein anerkannt Wappenschild haben. Uebrigens war auch die Ann in manchem Geschlechterhause, worin unsere Schul- und Altersgenossinnen erwuchsen, ein gern gesehener Gast. Im Sommer ging es bisweilen auf den Hof, den wir Schoppers vor der Stadt besaßen, oder zu dem Jörg Stromer, unserem Herrn Vetter, auf die Gleismühle, allwo das Papier gefertiget ward; auch sind wir in der Zeit der heiligen Pfingsten bisweilen auf den Hof zu Laub hinausgeritten, so seiner Schwester, der Frau Anna Vörchtlin, als väterlich Erbe zugekommen war. Doch soviel des Lehrreichen es auch auf der Gleismühl zu sehen gab, und wie gut die frische Butter, das schwarze Landbrot und die Speckküchlein auch mundeten, so uns Frau Vörchtlin als Traktament gab, stund mir der Sinn doch am eifrigsten nach dem grünen Forste, allwo der Konrad Waldstromer, unser Ohm, des immer noch landfremden Vetters Götz Herr Vater, hauste. Weil ich aber von selbigem lieben Blutsfreunde und seinen Leuten fast viel zu reden haben werde, sei es mir hier zu berichten verstattet, daß die Stromer alle von einem Ritter Konrad von Reichenbach abstammen, der weiland von seiner Burg Kammerstein bei Schwabach aufbrach und gen Nürnberg zog. Dorten nahm er eine Waldstromerin zur Ehe, und die Kinder und Enkel, so er mit ihr zeugte, wurden sämtlich Stromer und Waldstromer geheißen. Der Name »Waldstromer« aber erklärt sich daraus, daß dies Geschlecht von alters her als Reichsdienstmannen das Forstmeisteramt in dem meilengroßen Walde versahen, den Nürnberg heute noch seinen Stolz nennt. Die Stadt hatte zwar am Ende des verflossenen Saeculi den Waldstromers sowie den zweiten Forstmeistern, den Kolers, das Waldamt, so ihnen als Erblehn zukam, abgekauft; jedennoch vertraute der ehrbare Rat keinem andern die Sorge für seine Forsten, denn einem Waldstromer oder Koler, und in meiner Jugend waltete des Oberforstmeisteramtes unser Ohm Konrad Waldstromer, ein echter Weidmann. Trat er in unser Haus, so war es mir immer, als wehe frische und heilsame Tannenluft über die Schwelle, und wenn er mir die Hand bot, that es weh, doch zugleich auch gut, denn fest und unbeirrt, wie seiner Rechten Druck, also – solches spürte man – war auch seines Herzens Gesinnung. Das buschige, mit schneeigem Weiß untermischte goldrote Haupt- und Barthaar, die lichten kornblauen Augen dieses Mannes, sowie seine grünen Weidmannskleider, die hohen rotbraunen Stiefel und die Otterkappe, daran gewöhnlich die Feder eines selbst erlegten Raubvogels prangte, gaben seinem Ansehen etwas sonderbar Farbiges und Frohes. Wenn der breitschulterige Herr, mit Hirschfänger und Weidmesser am Gehäng, festen Schrittes, von seinen Rüden und Ganghündlein begleitet, daherkam, mochten andere Kinder sich fürchten, für mich aber hatt' es allbereit früh wenig Trauteres gegeben denn den bedrohlichen Anblick des Weidmannes, der ja noch dazu meines Vetters Götz leiblicher Vater. Wie nun die letzte Apfelblüte gefallen war, kam am zweiten Sonntag nach Pfingsten der Waldohm in die Stadt, um mich und die Base wieder einmal auf die Forstmeisterei zu laden; denn dort weilte er von Lenz zu Lenz, wenn er auch dem Rate verpflichtet, in der Stadt ein eigen Haus zu halten. Ich stund kurz vor dem siebenzehnten Jahre, die Ann hatte selbiges allbereit betreten, und ich hätte ihm gern meine Freude so rückhaltlos wie sonst zu erkennen gegeben, doch es lag mir diesmal etwas auf der Seele, und solches betraf meine Ann. Sie war nicht mehr ganz wie in früheren Tagen; denn sie litt bisweilen an schmerzlicher Kopfpein, und das Blut war ihr aus den frischen Wangen gewichen. Ja an den übelsten Tagen sah sie gar bleich aus, und solcher Anblick schnitt mir in die Seele, und wie recht gab ich der Base, wenn sie versicherte, das enge Haus am Wasser und die schwere Mühe mit dem taubstummen Brüderlein und den anderen Kleinen tauge ihr nichts, und sie müsse ins Freie. Solches übersahen auch ihre Eltern mit nichten, doch gebrach es ihnen an Mitteln, des Arztes Verordnung nachzukommen und die Ann der Wohlthat frischer Waldluft teilhaftig zu machen. Wie nun der Ohm das Gastgebot gethan, vermaß ich mich, ihn gar schmeichlerisch anzugehen, sie mit mir zu laden; und wer hiebei wähnet, es sei ein gar klein und leicht Ding, einen herzensguten alten Herrn zu bestimmen, eine junge und schmucke Maged auf kurze Zeit zu sich in das große und wohlbestellte Haus zu nehmen, der möchte in diesem Falle doch fehlgehen, sintemal es dem Ohm zur Gewohnheit geworden, immerdar und überall auf die Meinung und den guten Willen seiner Hausfrau zu achten. Selbige stammte aus dem ansehnlichen Geschlechte meiner Mutter selig, der Behaim, und wie große Stücke sie auf ihr gut und altadelig Blut hielt, hatte sie deutlich genug bei dem Minnehandel des einzigen Sohnes erwiesen. Dem Ohm war selbiger fast schwer auf die Seele gefallen, doch hatt' er sich still beschieden, sintemal er, der doch sonst ein rechter und ganzer, ja schier rauher Mann, welcher der großen Schar von Erb- und Stockförstern, Waldhütern und Läufern, Zeidlern und Knechten, so unter ihm stund, gestreng und weislich gebot, es nimmer über sich brachte, seiner Hausfrau den Herrn zu zeigen; und doch war die Muhme Jacoba ein gar siech, hinfällig Wesen, das mitten im herrlichen Walde nur selten die freie Gotteslust schöpfte, maßen sie den Gebrauch der Füße verloren und sogar vom Lodderbett auf das Lager getragen werden mußte. Der Ohm kannte sie wohl, und war ihm auch bewußt, daß sie barmherzigen Sinnes und zu vielem Guten bereit, so sagte er sich dannocht, daß seine Macht nicht ausreichen werde, sie zu bestimmen, eines Schreibers Töchterlein in ihr fürnehm Haus zu laden und es dort als ihresgleichen zu halten. So widerstund er denn auch mannhaft meinen süßesten Bitten, bis es sich fügte, daß die Ann, eh' er uns noch verlassen, bei uns fürsprach. Nachdem sie nun die Base Metz und mich kurz begrüßet, und jene ihr des Ohms Namen genannt, trat sie in ihrer sittigen Weise auf ihn zu, machte ihm die Reverenz und reichte ihm sonder Scheu die Rechte, indem sie die großen Augen minniglich zu ihm emporhob, maßen sie durch mich viel Gutes und Liebes von ihm vernommen. Da sah ich dem alten Weidmann allsogleich an, daß ihm, um mich seiner eigenen Rede zu bedienen, »die Witterung« meiner Ann baz behage, und flink faßte ich mir wieder ein Herz und fragte: »Nun, Oehmlein?« »Nun?« wiederholte er langgedehnt und zögernd. Bald aber hob er der Ann das Kinn, schaute ihr in das Antlitz und sagte: »Freilich, freilich. Bei uns draußen kommt der Pfirsich leichter zu roten Wänglein, denn hier zwischen den steinernen Mauern.« Hienach zog er sich das Wehrgehäng tiefer und fragte so rasch, als ob er fürchte, sein schneller Entschluß möge ihn reuen: »Die Gred wird unser lieber Gast sein draußen im Walde, und bringt sie Dich mit, Kind, so sei mir willkommen!« Wie frohgemut solche Ladung angenommen ward, brauch' ich kaum zu versichern, und die Eltern der Ann gaben ihr mehr als gern Urlaub. Von nun an hatte Base Metz mit unseren Hausmägden und der Schneider-Beate die Hände zu rühren; denn es gereichte ihr zum Genügen, nicht nur für meine, sondern auch für der Ann Ausstaffirung Sorge zu tragen, sintemal es auf der Forstmeisterei mancherlei fürnehmen Besuch gab, sonderlich nach Sankt Hubertus, wenn die hohe Jagd aufging. Frau Giovanna, der Ann Mutter, trug sich zwar selbst fast zierlich und wußte auch die Ann weit sauberer und gefälliger zu kleiden, denn andere ihres Standes, aber sie freute sich doch ob der sommerlichen Feiertagsgewänder, so die Base für uns vollbrachte. Auch ein neu grün Reitgewand, wie es für den Wald taugt, ward für jede aus gutem Florentiner Tuche bereitet, und sind je zwei junge Mägede frohen und dankbaren Herzens in die schöne, sonnige Welt hineingeritten, so waren wir es, da wir am Sankt Margaretentag in der Frühe den Unseren Valet sagten, und hoch im Sattel dem alten Forstknecht Balzer folgten, den uns der Ohm nebst vier gewappneten Aufsitzern , so uns als Geleit voranritten, und zween Saumtieren für die Sus und das »Weibergepäck«, zugesandt hatte. Da wir nun in der Früh durch die Felder ritten und die Lerchen trillernd aufsteigen sahen, erhoben auch wir die Stimmen und ließen nicht ab, fröhlich zu singen, bis der Wald uns aufnahm. Da ward uns in der tauigen Morgenfrüh gar andächtiglich und sonntäglich zu Sinne; doch hielten wir still zurück, was wir empfanden, und nur einmal – es ist mir, als hört' ich sie noch – quollen aus dem Herzen und über die Lippen der Ann die schlichten Wörtlein: »Ich bin so dankbar!« Und auch ich war es zu jener Stunde von ganzem Herzen, und wie die Riesenberge im Alpenlande die Spitzen mit reinem Schnee bekleiden, wenn sie dem Himmel nahen, so sollte jeder gute Mensch, wenn er sich Gottes Gnade in den glücklichsten Stunden recht nahe fühlt, das Herz mit heller, lauterer Dankbarkeit schmücken. Endlich hielten wir auf einer von hohen Bäumen umschlossenen Wiese vor eines Zeidlers Hause Rast, und wie wir uns dort an frischer Milch und dem Mundvorrat erlabet, den die Base Metz uns in die Satteltaschen gesteckt, hörten wir Rüdengebell und Hufschlag, und bald darauf bot uns der Ohm das Willkommen. Frohen Mutes ließ er sich von uns bedienen und griff wacker mit zu; doch drängte er früher, denn uns genehm, zum Aufbruch, und während des weiteren Rittes bekam der alte Forst der munteren Scherzworte und des Gelächters vollauf zu hören; der Ann aber wollt' es scheinen, als eröffne ihr der Ohm erst Auge und Ohr für die Geheimnisse des Waldes, die mir der Götz allbereit vor Jahren erschlossen. Wie vieler Vögel Stimmen lehrte er sie lauschen, die vorhin ungehört vor ihr verklungen, und sie gewannen auch für sie rechte Bedeutung, da der Ohm ihre Namen nannte und sie ihr beschrieb, während sein Sohn es auch verstanden, fast täuschend nachzuahmen, wie die einzelnen zwitschern, singen, pfeifen und rufen. Ich aber mischte mich, um die Ann mit dem Ohm recht nah' zusammenzuführen, mit keinem Wörtlein in seine Lehren. Erst am Saume der Lichtung, vor deren waldigem Hintergrund sich die Forstmeisterei erhob, ward der Ohm stiller, und während er mir aus dem Sattel half, fragte er mich leise, ob ich der Ann allbereit etliches von den Besonderheiten der Muhme vertrauet. Solches vermocht' ich frei zu bejahen, und dannocht las ich einige Besorgnis aus seinen Mienen, bis er die Ann seiner Hausfrau vorgeführt und wahrgenommen hatte, daß sie eine so ansehnliche Fülle von Gnade vor ihren Augen gefunden, wie weder er noch ich uns je zu hoffen vermessen. Aber mit wie lieblichem Anstand hatte auch das Schreiberkind, gemäß meiner Vorschrift, der vielgestrengen Frau Forstmeisterin die Hand geküsset, wie bescheidentlich und doch wie gegenwärtigen Geistes hatte sie das Inquisitorium bestanden, dem Frau Jacoba sie unterworfen. Mir, der Gred, wäre bei solchem Ausfragen nach tausend Dingen, so doch die Befragte allein angingen, die Geduld nur zu bald gerissen; doch die Ann blieb sich gleich bis zum Ende, und dabei erwies sie sich so offen, als wär' ihre leibliche Mutter die Fragerin gewesen. Solches aber erweckte in mir einige Besorgnis; denn ich hielt es zwar auch mit der Wahrheit, doch wollt' es mich wenig fürsichtig und weise bedünken, daß sie frank und froh herfürhob, was bei ihr daheim karg und gering; maßen es ja ebendaselbst vieles andere gab, was sich in keinem Geschlechterhause besser und würdiger vorfand. Freilich kannt' ich in dem schmalen Häuslein am Wasser auch nicht das Geringste, dessen sich eine sittige Jungfrau zu schämen brauchte, und am Abend in unserer Schlafkammer machte mir die Ann das Bekenntnis, daß sie es wie eine Gunst empfunden, der Frau, die ihr mit Zaudern das Haus geöffnet, auf einmal und nach jeder Seite hin zeigen zu dürfen, was an ihr sei und wohin sie gehöre. »Ein gleichgiltig Uebersehen von ihr, die doch meine Wirtin,« schloß sie, »wäre schwer zu ertragen gewesen; nun sie sich aber um mich geringe Maged redlich gekümmert, und ich ihr nichts verborgen, ist alles klar und rein zwischen uns beiden.« Etwas Aehnliches mochte auch die Muhme empfinden; denn sie war gleichfalls ein wahrhaftig Weibsbild, und so hatte der Ann offene, bestimmte und dazu holdselige Weise ihr Herz gewonnen. Weil aber die Vielgestrenge dannocht nicht davon absehen wollte, daß es mir und ihrem Hause nicht zieme, einer Maged, die nicht zu den Geschlechtern gehörte, just so zu begegnen, als sei sie der Unseren eine, hob sie plötzlich mit sonderbarem Gewichte herfür, daß der Ann Herr Vater als erster Schreiber des Vormundschaftsamtes beanspruchen dürfe, zum ehrbaren Rate gezählet zu werden. Eine Handwerkstochter, erklärte sie dem Ohm, hätte sie nimmer als Gast über die Schwelle gelassen, indes sie dem artigen Töchterlein eines wackeren Gliedes des ehrbaren Rates nicht nur an ihrem Tisch, sondern vielmehr auch in ihrem Herzen einen guten Platz einzuräumen gedenke. Solche Rede klang mir und dem Ohm Konrad gar lieblich; das Schönste aber war, daß allbereit in den ersten Wochen die Ann mir schier Abbruch zu thun schien an der Liebe, so die Muhme mir vormals in so reichem Maße erwiesen; die Ann hinwiederum widmete sich fleißig der Wartung der siechen Frau, und solche löbliche Verrichtung gewann ihr immer mehr die Liebe des Ohms, der sein schwach, vielgeplagt Weiblein nicht nur im bildlichen Sinne, sondern in des Wortes wahrer Bedeutung auf Händen trug; sintemal er, wenn er daheim war, es keinem andern vergönnte, sie von einem Orte zum andern zu tragen. Wie der Ohm die Ann auf die mancherlei Stimmen des Waldes zu achten gelehret, also öffnete selbige mir die Augen für die mancherlei Vorzüge der Muhme Jacoba, über die ich mich aus Verdruß über ihre Härte gegen den Vetter Götz hinwegzublicken gewöhnet. Barmherzigen und dankbaren Sinnes hatte die Ann die sieche Frau wahrhaftig lieb gewonnen, und nun führte sie mich zur Erkenntnis, daß sie in vielen Stücken ein gar weis und fürtrefflich Weibsbild. Das niedere und verborgene Lodderbett in ihrer stillen Kemenate war aber auch der Mitte eines großen Netzes vergleichbar, und sie selbst der Frau Spinne, die es gewoben, maßen sich ihre Fürsorge auf das ganze Forstrevier und die starke Dienstmannenschar ihres Eheherrn erstreckte. Von jedem Kind in der entlegensten Waldläuferhütte besaß sie Wissenschaft und ließ es nimmer geschehen, daß eines der Waldleute sonder Beistand verkam. Wohl war sie genötigt, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden Händen zu geben, und doch wußte sie stets an der rechten Stelle zu helfen, sintemal sie ihre Botschafter und Helfer klüglich erkor und jedem, der sie suchte, das Ohr lieh. Auch uns nahm sie in Dienst, um uns manch Samariterwerk ausführen zu lassen, und da haben wir die Kunst, mit der sie ihre Fäden spann, und die Weisheit und schrankenlose Großmut, mit der sie zu helfen verstund, oft bewundert. Keine andere Menschenseele wäre fähig gewesen, sich in den großen Büchern zurecht zu finden, so sie mit ihren Aufzeichnungen füllte; doch ihr selbst waren sie so deutlich, daß auch des Schlausten List zu Schanden wurde, wenn sie hineinsah. Daß Herr oder Knecht sich vermessen hätten, ihrem Thun auch nur den leisesten Widerspruch entgegenzusetzen, hab' ich nimmer gewahret, und solches ließ mir das Eine entschuldbar erscheinen, das mich ihr vordem entfremdet. Der Ann war hier alles neu, und was konnt' es Ergötzlicheres geben, was böte wohl höheres Genügen, als einer lieben Freundin das Schöne und Merkwürdige, so uns selbst allbereit vertraut, zu weisen und ihr zu deuten, zu was Zweck und Nutzen es da ist. Dabei halfen mir zween Mannsbilder aufs beste: der Ohm Konrad und der Junker von Kalmbach, ein Schwab, der sich bei jenem in die Lehre begeben, um die Försterei zu erlernen. Selbiger Junker nun war ein stattlicher Gesell von schlankem Wuchs und nicht üblem Ansehen, doch schien es, als sei der Mund ihm verschlossen, und wollte man sich über den Klang seiner Stimme unterrichten und ein »Ja« oder »Nein« vernehmen, kam man nur ans Ziel, wenn man ihn mit deutlichen Fragen anging. Dagegen wußte sein Aug' gar beredt zu erzählen, und wie ich kaum drei Wochen im Wald war, teilten sie mir, wo es nur anging, mit, daß er in heißer Minne meiner begehre; ja schon damals hat er dem Herrn Kaplan eröffnet, daß es ihn verlange, mich als sein Weib heimzuführen nach Schwaben, allwo er reichlich begütert. Das Jawort hätt' ich ihm nimmer gegeben, aber wohlgeneigt war ich ihm dannocht, und solches verbarg ich mit nichten, ja vielleicht hab' ich ihn, wenn auch wahrlich sonder Arg, bisweilen ermutigt, sintemal mir gar wohlgefiel, was mir sein Auge erzähle und mir unerfahrenem Ding noch nicht bewußt war, daß eine Maged, die einem Werber Hoffnungen zeiget, ohne doch willens zu sein, ihn zu erhören, sich damit eines Vergehens schuldig macht, schwer genug, großes Unheil und Herzeleid zu erzeugen. Erst nach der Erfahrung, die nur zu bald über mich verhängt ward, hab' ich mich vor dergleichen fürsichtiglich gehütet, obzwar die Zeit nahe, in der die Mannsbilder sich weit mehr um mich kümmerten, denn nur genehm war. Und dieweil dies nun einmal zu Papier gebracht ist, will ich altes Weibsbild des Zierens noch weiter vergessen und frei bekennen, daß die Ann und ich uns dazumal wohl sehen lassen konnten. Ich bin stattlicher an Wuchs und voller gewesen, während jene, biegsamer und geschmeidiger, an holdseligem Liebreiz alles übertraf, was mir später begegnet. Ich war weiß und rot, und mein Goldhaar stund hinter dem der Ursula mit nichten zurück; doch wer da wissen will, wie wir in unserer Jugend zu schauen waren, der betrachte unsere Bildnisse, vor denen ja jeder von euch mehr denn einmal gestanden. Hinter diese unnützen Dinge kommt aber jetzund das Punktum . Auf der Forstmeisterei gab es wohl bisweilen Gelegenheit, sich zu putzen, doch gemeinhin mußten die Alltagsgewänder genügen; denn alsdann ging's im Geleit des Ohms und des Junkers zu Fuß oder zu Roß auf die Birsch oder mit dem Falken auf dem Handschuh zur Beize. An solchen wackeren Tieren gab es keinen Mangel, und die edelsten von allen, so aus dem fernen Island stammten, brachte der Seyfried Kubbeling aus Braunschweig. Selbiger wunderliche Mann, der mir wohl gewogen, hatte mich vormals auch gelehret, mit den Falken verkehren, und so half ich dem Ohm, die Freundin in selbiger Kunst zu unterweisen. Auf die Birsch kam ich selten, sintemal selbige der Ann zuwider geworden, seitdem ihr Pfeil einen der wackersten Schweißhunde aus der Meute getroffen; der Ohm aber mußte ihr baz hold sein, um ihr solchen Schuß zu vergessen, maßen ihm die Hunde gleich nach der allernächsten Blutsfreundschaft kamen. Sie hatten ihm viel zu ersetzen, und wenn er in ihre Mitte trat, und es waren ihrer damals an die hundert von allen Arten, so umgab ihn kläffend, bellend und auf vier Beinen gleichsam alles, was ihm von Kind an Bemerkenswertes widerfahren. Sie durften zwar nur Namen von einer oder höchstens zweier Silben Länge führen, und doch besaß jedweder eine besondere Bedeutung und pflegte eines Wortes Anfang zu sein, das ihn eines Dinges gemahnte, dessen Andenken ihm wert war. Zuerst hatt' er nur zur Kurzweil etliche nach den Metris der alten lateinischen Verse benamset, so ihm auf der Schulbank übele Freunde gewesen, und da boll denn in seinem Zwinger ein Troch , ein Jamb , ein Spond und Dact , die mit vollen Namen Trochäus , Jambus , Spondäus und Dactylus hießen. Der Spond war von allen Wolfspackern der größte und schwerste, der Anap, eigentlich Anapäst, ein fein und schnellfüßig Windspiel, und sintemal dergleichen Kurzweil ihm Genügen bereitet, führte er sie weiter und ließ sich von dem unverständigen Getier, so seine Waldeinsamkeit teilte, an mancherlei Anmutendes gemahnen. Von zwei zierlichen, gleißenden Ganghündlein, so stets zusammengekoppelt, nannte sich zum Exempel der eine Nik , der andere Syn , weil er zu Sankt Nikodemus das Jawort erhalten, am Sankt Synesiustage aber seine Hochzeit gefeiert worden war. Ein ansehnlicher Rüde Namens Salve, zu deutsch Willkommen, mahnte ihn an die Geburt seines erstgeborenen Sohnes, und in ähnlicher Weise besaß eines jeden Hundes Name besondere Bedeutung; auch vermerkte es die Ann keineswegs übel, da er ein fein jung Hühnerrüdlein nach ihr benannte. Eine Gred war allbereit längst vorhanden. Weit mehr Zeit denn das Birschen und die Reiherbeize nahmen die Kranken in Anspruch, die wir im Auftrag der Muhme heimzusuchen hatten. Das Körblein, so für sie bestimmt war, packte sie mit eigener Hand, und da war keine Arznei, die sie nicht gemischt, kein Gewand, so sie nicht ausgesucht, kein Mundvorrat, der nicht vor ihren Augen den einzelnen zugemessen worden wäre. Bald sollte uns denn in dunstigen Kammern und auf armseligem Stroh viel Not und Elend an die Seele greifen, doch wir ernteten auch manchen Dank und innigliche Herzensfreude, wenn wir sahen, daß Wohlsein und Genesung unseren Besuchen folgte. Das aber schien mir an der Muhme Jacoba Walten des höchsten Rühmens würdig, daß, obzwar ihr doch kein frischer Dank der Getrösteten und Genesenen zu teil ward, sie dannocht bis ans Ende nicht abließ, für ihr arm Völklein im Forste wie eine rechte Mutter zu sorgen. Meine Ann war von Haus aus mit nichten zu dergleichen Hantierung geschaffen, maßen sie weder Blut noch Wunden ungestraft zu gewahren vermochte; doch just bei unseren Krankenbesuchen sollt' ich erkennen, wess' festen Sinnes dies zarte, biegsame Pflänzlein. Seitdem Feldscher Häberlein das Zeitliche gesegnet, gab es keinen Medicus auf der Forstmeisterei, doch die Muhme und der Kaplan, ein schweigsamer, indes zu jedem guten Werke geschickter und wahrhaft frommer Diener des Herrn, stunden im Dienst des Galenus, und zudem kam jeden Eritag der Arzt aus Nürnberg heraus, und zwar seit dem Ableben des Doktors Paul Rieter, von dem ich allbereit geredet, sein Nachfolger, der Meister Ulsenius . . . Selbigem lag es sodann ob, nach der siechen Frau, und gab es Schwerkranke, nach ihnen zu schauen; doch wurde uns Mägeden der Auftrag, des Medicus Dienst zu verrichten, so wies die Muhme uns fleißig an, in was Art und Weise Arznei und Verbandzeug in jedem Falle zu brauchen. Das erstemal ging es zu einer Beerenleserin, die eine Kupferotter in die Zehe gestochen, und da ich mich anschickte, die Wunde gemäß der Vorschrift der Base zu waschen, wurde die Ann bleich wie ein Leintuch, und weil ich wahrnahm, daß sie nahe daran, in Unmacht zu sinken, weigerte ich mich ihrer Hilfe; sie aber leistete mir nichtsdestoweniger Beistand, wenn auch mit verhaltenem Odem und halb abgewandtem Antlitz. Auch bei anderen Wunden hielt sie es ähnlich; doch hatte sie den Zwang, den sie sich anthat, jedesmal mit übler Beschwer zu büßen. Da geschah es, daß der Meister Ulsenius erschien, während die Schaffnerin und Wärterin der Muhme auf die Wallfahrt gen Vierzehnheiligen gegangen, und sintemal auch der Ohm auswärts, rief uns der Medicus auf, ihm Handlangerdienste zu leisten. Hier aber liegt es mir ob, zu berichten, daß ein jäher Sturz mit dem Rosse der Frau Jacoba Siechtum verursacht. Sie hatte sich dabei das Rückgrat beschädigt, und erst etliche Monde später war eine Wunde offenbar geworden, die mit selbigem verbunden. Wie damals nun alles bereit stund, bat die Muhme die Ann, die Wunde zusammenzuhalten, indes Meister Ulsenius die Kompresse benetzte. Da gedachte ich der Schwäche der Freundin und nahte mich ihr, um unversehens an ihre Stelle zu treten; sie aber flüsterte mir zu: »Du läßt mich!« und solches in einem so herrischen Ton, daß ich wohl erkannte, wie ernst sie es meine, und schweigend zurücktrat. Hienach aber wurde ich Zeuge eines fast erhebenden Schauspiels; denn ob sie auch blaß war, that sie doch, wie ihr geheißen, und wandte auch den Blick nicht ab von der Wunde; nur der Busen hob und senkte sich ihr schnell wie bei dräuender Fährnis, die zarten Nasenflügel zitterten, und es drängte mich, ihr die Arme entgegenzubreiten, um sie vor dem Niedersinken zu wahren. Doch sie hielt stand, bis alles vorüber, auch war ich die einzige, welche wahrnahm, wie sie dem schlimmen Feind so wacker getrotzet. Von nun an leistete sie mir sonder Scheu namhafte Hilfe bei jeglichem Verband; wenn aber mir, der Gred, in späterer Zeit etwas besonders sauer fiel, also daß ich es nimmer bewältigen zu können vermeinte, so gedacht' ich der Ann vor der Wunde der Muhme. Aus dem allen ist dann wohl auch das gute Wort erwachsen: »Es wird schon gehen,« so die Kinder gern meinen Wahlspruch heißen. Sechstes Kapitel. Der Sommer ging zur Rüste, auch der Waldhafer war eingebracht worden, und im Weinland hatte die Lese begonnen. Da ging ein gar köstlicher, sonniger Tag auf, und wenn ihr mich fraget, zu welcher Frist mich das Leben im Forst wonnesamer dünke, in der Maienzeit oder im Herbst, so bin ich um die Antwort verlegen. Ja, es ist schön im Wald, wenn der Lenz den fröhlichen Einzug hält! Er ist der Heiland des zahllosen großen und kleinen Volkes, das da grünet und blühet, und darum feiert ihm auch der Wald ein Geburts- und Weihnachtsfest, wie es ihm zukommt! Die Tanne heftet leuchtende Spitzlein an das Ende der Aeste, wie die Menschenkinder Lichtlein an die Zweige des Christbaums. Dann folgt die Bescherung. Sie dauert nicht nur einen Abend, und die Gaben, so sich da zeigen, sind sonder Zahl und von gar buntem, mannigfaltigem Ansehen. Wie die Schelle des Vaters die Kinder, so ruft Schneeglöcklein die andern Blumen herbei. Als Erster und Primus kommen die Primeln, die Himmelsschlüßlein öffnen den andern frohen Lenzkindern die Pforte. »Heraus, heraus!« rufen die wiederkehrenden Singvöglein dem Laubwerk zu, und an den Zweigen springen silbergraue Sammetkätzlein hervor. Das Buchenblatt sprengt die braune, spitze Hülle und tritt zu Tage, so weich wie Seide und so grün wie edler Smaragd. Die andern thun es ihm nach und gesellen sich zum schattenden Schirm gegen die höher steigende Sonne. Was in Minne erglühet, das hebt die Stimme im blühenden Mai, und der stumme Forst ist erfüllt vom Hin- und Widerruf der dankenden und jubelnden Liebesleute, die sich gefunden, von zärtlichen Liedern, Braut- und Hochzeitsgesängen. An tausend heimlichen Plätzlein in der Krone der Bäume, im laubigen Geäst der Sträucher, im Ried des Weihers haben sich Nester gerundet, und bald zwitschert darin junges Leben, rufen sich Vater und Mutter und ermuntern sich und preisen sich glücklich in der Pflege der Jungen. In dieser Zeit der Minne, des Werdens, der Lebensentfaltung fühl' ich des Höchsten Walten mir bei jedem Gang durch den Wald absonderlich nahe, maßen er dann eine Kirche ist, ein herrlicher Dom am höchsten Festtag, der ganz voll von Licht und Gesang und über und über geschmückt mit bunter, frischer Blumen und Laubzier. Dann wird's merklich stiller und der Sommer ist da. Aber im Herbst wird der Wald zum Festsaal, worin man frohgemut einen Abschied auf glückliches Wiedersehen feiert. Dem Vergehen neigt sich das Gewordene entgegen, doch an schönen Tagen schaut jenes uns an wie das liebwerte Antlitz eines Freundes, der die Hand nach uns ausstreckt beim Scheiden. Des Forstes weite Halle ist sodann gar ansehnlich ausstaffiret mit rot und gelbem Putz, und wenn die Stimmen der Vöglein auch seltener geworden, wenn auch des Hähers Schrei dem Sang der Nachtigall und dem Rufe des Buchfinken weichen muß, so ist es dannocht anjetzt so wenig stumm wie im Lenze; denn durch des Forstes Wipfel und über sie hin schmettert des Hifthorns Ruf, das Bellen der Rüden, das Klappern der Treiber, der Weidmannsstimmen jubelnder Halalischrei. Aus der Brust frischer, starker, gesunder Menschenkinder, die sich Herrscher fühlen über alles, so da kreucht und fleucht, dringt es aufwärts. Wie rein ist die Luft, wie würzig duftet das fallende Laub an solch köstlichem Herbsttag! Schimmert es im Lenz weiß und rosenrot, blau und gelb drunten im grünen Rasen, so glänzt jetzt Gold und Scharlach in den Laubkronen und von den Ebereschenbäumen. Deutlicher, klarer denn je zeigt sich die Ferne, und seine Silberfäden schweben in der Luft umher, als wollten sie uns festhalten im Walde, dessen frische Schöne dahinwelkt. Solche Fäden schlangen sich genug durch die sonnige Herbstluft, da die Ann und ich am Sankt Mauritiusmorgen unserer Pflicht nachgingen, das Gefieder, so sich in den Dohnenstiegen gefangen, aus den Schlingen zu lösen. »Treffen die Zugvögel zeitig ein, Wird hart und streng der Winter sein« – kündet die Weidmannsregel, und heuer waren sie früh gekommen, die Krammetsvögel und Drosseln, und es gab bisweilen so reichen Fang, daß unsere Jagdränzlein die Beutestücke kaum faßten, unter die sich leider auch manch herzig sangesfroh Rotkehlchen verloren. Die Sprenkel zogen sich in mäßigen Zwischenräumen zu beiden Seiten zweier Waldgassen hin. Die eine hatte ich, die andere die Ann zu begehen. Beide kamen unweit der Straße, die in die Stadt führt, zusammen. Der Balzer stellte die Schlingen, von uns aber rechnete es sich jedes zur Ehre, die ansehnlichere Beute heimzubringen, und wenn wir uns nach gethaner Arbeit auf einer Rasenbank trafen, die der schwäbische Junker für mich gerichtet, zählten wir die Vöglein, und es gab dabei mancherlei Kurzweil. Einen Hüter brauchten wir nicht, maßen uns der große Spond das Geleit gab. Diesmal war ich sicher, des Gefieders die größere Anzahl im Ränzlein zu haben, und gar fröhlichen Herzens schritt ich dem Ende des Stieges entgegen. Allbereit zweimal hatte mich gedünkt, es sei Hufschlag auf der Heerstraße erschollen, nun aber hob auch der Spond die Nase, und wie mich die Neubegier ankam, also daß ich die Füße hurtiger hob, nahm ich einen Reiter wahr, der sich aus dem Sattel schwang und, ohne des Rosses zu achten, mit langen Schritten der Lichtung entgegeneilte, wo die Ann aus ihrem Stieg hervortreten mußte. Da brach ich mir gewaltsam Bahn durch das Unterholz, so mir den Ausblick verlegte, und weil ich nun auch die Ann wahrnahm und allbereit die Lippen aufthat, um sie zu rufen, schnürte mir eine unsichtbare Gewalt die Kehle zu, und wie angewurzelt mußte ich stehen bleiben und mit fliegendem Odem den Dingen Auge und Ohr leihen, so sich dort am Saume der Heerstraße begaben. Ach, und ich wußte doch nicht, ob ich ihnen zujauchzen solle aus dem tiefsten Grunde des Herzens, oder sie beklagen und verdammen und dazwischen springen, um ihnen ein jäh End' zu bereiten. Dannocht regt' ich kein Glied, und wie gebannt war mir die Zunge. In der Brust fühlt' ich das Herz, in den Schläfen die Adern wie Hämmerlein pochen; auch flimmerte es mir vor den Augen, und trotz alledem vermochten sie so scharf zu schauen wie je, und da erblickt' ich denn zuerst auf der einen Seite der Lichtung den Reiter, der kein anderer war, wie der Herdegen, mein lieber ältester Bruder, und auf der andern die Ann, die ihr Ränzlein in der Hand trug und mit ruhesamem Lächeln die Vöglein zählte, so sie aus den Schlingen genommen. Aber bevor ich noch Zeit gefunden, dem Heimgekehrten zu rufen, scholl eine Stimme hell durch den Wald, und es war die meines Bruders, doch sie war es auch nicht, und was sie rief, das war nur das eine kurze Wörtlein »Ann!«, doch es lag in dem langgezogenen Ruf eine Herzenslust und zärtliche Sehnsucht, dergleichen ich sonst nur aus der Kehle des Nachtigallbuhlen vernommen, wenn er in stiller Maiennacht die Liebste gelocket. Und dieser Schall, er rührte mir selbst an die Seele, doch der Ann, der trieb er das Blut in das Antlitz, so allbereit lang nicht mehr bleich war, und wie die Hindin, die aus dem Dickicht hinaustritt und die entlaufenen Jungen asen sieht auf der Lichtung, hob sie das Haupt hoch und spähte leuchtenden Auges nach der Heerstraße hin, von wannen der Ruf kam. Da traf alsbald, wenn auch erst nur aus der Ferne, ihr Blick den seinen und seiner den ihren, und als hätte ihnen ein unsichtbarer Geist ein Zeichen gegeben, hoben beide die Arme und eilten einander entgegen. Da war kein Hemmen und Halten; denn deutlich nahm ich wahr, daß es sie fortriß, wie die Blume, die man in den brausenden Bach wirft, und dannocht ließ sie, bevor sie ihn völlig erreichet, von jungfräulicher Verschämtheit befangen, die Arme sinken und neigte das Haupt. Aber das Rotkehlchen hatte sich allbereit zu tief hineingewagt in die Schlinge, und der Vogelsteller war nicht der Mann, es entwischen zu lassen, und bevor die Ann sich solcher Gewaltthat versehen, hatte er sie mit beiden Armen umfangen, und sie mochte ihm nicht wehren, ja konnt' es wohl nicht, und so schmiegte sie sich an ihn und ließ es geschehen, daß er ihr das Haupt hob und ihr erst die Augen und dann den Mund küßte, nicht nur einmal, nein, vielemale, und lange, so lang, daß mir sechzehnjährigem Kinde fast bang ward. Da stund ich nun, und es bebten mir die Kniee, und ich sagte mir, daß, was da vorging, kein fromm und dem Herzen der Mutter einer sittigen Maged wohlgefällig Ding sei, ja es schmerzte mich, daß es geschehen und daß mir von meiner Ann etwas bewußt, so das Licht zu scheuen habe, und dannocht konnt' ich mich nicht erwehren, meine Lust daran zu finden; ja es wollte mich wie eine Unthat dünken, ihn und sie so schnell aus solcher Glückseligkeit zu reißen. Sobald aber ihre Lippen von einander gelassen und er endlich die ersten Worte an sie zu richten anhub, da meint' ich, daß nun auch für mich die Zeit gekommen, den Bruder zu grüßen. So faßt' ich mich denn mit aller Macht zusammen, und während ich auf sie zutrat, kehrte des Geistes Besonnenheit, die ganz und gar von mir gewichen, aufs neue in mir ein, und eine innere Stimme fragte mich: Was soll daraus werden? Da streckte er abermals den Arm aus, um sie zu umfangen, und weil eine geheime Scheu mich abhielt, mich in ihr Geheimnis zu drängen, rief ich, bevor ich aus der Lichtung herfürtrat, des Herdegen Namen. Bald lag ich denn auch an des Heimgekehrten Brust, doch wie er mich gar zärtlich geküsset, wollt' es mich dünken, als seien ihm die Lippen mit etwas Fremdem behaftet, so mir nicht fromme, und ich weiß noch, daß ich alsbald das Tüchlein zum Munde führte, um mich davon zu erlösen. Hienach schritten wir selbander heimwärts. Der Herdegen führte das Roß am Zügel, und zwischen mir und ihm schritt die Ann und schaute ihm mit leuchtenden Augen ins Antlitz, so in den letzten zwei Jahren gar stattlich und mannhaft geworden. Gespannten Ohres lauschte sie seinen Berichten, doch einmal, da ihm der Hengst zu schaffen machte, also daß er sich von uns Weibsbildern abwenden mußte, drückte sie mir ganz schnell und als scheue sie sich, es ihn wahrnehmen zu lassen, einen Kuß aus die Wange. Auf der Forstmeisterei wurden wir fröhlich empfangen. Dem Ohm, wie seiner Hausfrau, leuchtete es hell aus den Augen, wie redlich sie sich der Heimkehr meines Herdegen freuten, wenn auch der Mutter, die den eigenen herrlichen Sohn verstoßen, der Anblick jedes andern weidlichen Jünglings ins Herz schnitt. Es war schon am letzten Abend Besuch angekommen, der hochansehnliche Reichsschultheiß Wigelois von Wolfstein und der Herr Besserer von Ulm. Da galt es sich denn schnell für die Mittagstafel kleiden, und so sorglich und mit so emsigem Gebrauch des Spiegeleins hatte die Ann solches nimmer verrichtet. Dabei fügte es sich, daß wir nur auf kurze Augenblicke allein sein konnten, und kein traulich Wort miteinander zu reden vermochten. Bei Tafel ging es ebenso, und maßen der Ohm am Nachmittag den Gästen zu Ehren eine Wildhatz bereitet, und der Jagdschmaus endlich bis gen Mitternacht währte, geriet meiner Geduld ohnehin nicht überstark Fädlein oft in Gefahr, zu zerreißen. Inzwischen ging mancherlei um mich her vor, was meinem nachdenklichen Sinn zu thun gab und die Unruh', die mich allbereit früher befallen, verschärfte. Die Ann ergab sich mit voller Lust dem Weidwerk, und auf dem Heimweg verzögerte sie sich mit dem Herdegen also, daß sie erst heimkamen, nachdem das Thor längst hinter dem letzten geschlossen. Beim Schmause nickte sie mir etlichemal glückselig zu, sonst aber war ich für sie wie versunken, sintemal sie den Erzählungen des Heimgekehrten wie hohen Offenbarungen lauschte. Was ihn betraf, so warf er ihr wohl bisweilen verstohlen einen kurzen, feurigen Blick zu; sonst aber gab er sich geflissentlich das Ansehen, als hab' er wenig mit ihr zu teilen. Oft streckte er sich wie ermüdet, und nur wenn die edlen Herren ihn fragten, war er mit flinker und kluger Antwort beflissen zur Hand. An seines hellen Geistes sonderbarer Frische hatt' er keinerlei Einbuße erlitten; und doch wollte mir nicht mehr alles an ihm behagen wie früher. Wenn der Ohm scherzend sagte, die gelehrte Eule von Padua scheine ein recht bunt und gleißend Gefieder zu tragen, so verstund sich solcher Rede Meinung von selbst, wenn man meinen Aeltesten ansah, und auch mir sagte der schöne Bursch in dem Festgewand, so er für die Tafel gewählet, weit weniger zu, denn im Reise- und Jagdhabit, maßen ihm die ungeschlachte Länge der Aermel des Obergewandes beim Speisen und die übertrieben hohen Schuhspitzen beim Schreiten hinderlich waren. Wie die Muhme Jacoba endlich aufbrach, um die Mannsbilder bei feurigem Wein und freierem Gespräch allein zu lassen, lag es uns ob, ihr bescheidentlich zu folgen; der Herdegen aber winkte mir, mit ihm beiseite zu treten, und nun hoffte ich, er werde mir das Herz erschließen und sich in der alten vertrauten Weise wiederum als mein lieb und treu Brüderlein bewähren, dem das Herz aus der Zunge lag; doch weit entfernt davon, sagte er mir schmeichlerische Dinge über mein anmutig Aufblühen, und erkundigte sich sodann nach der Base, dem Kunz, dem Großohm und zuletzt gar nach der Ursula Tetzelin, was mich billig verdroß. In kurzen Worten gab ich ihm Bescheid und fragte ihn, ob er mir des weitern gar nichts zu sagen habe? Da blickte er nachdenklich zu Boden und murmelte vor sich hin: »Doch, doch.« Aber im Handumdrehen fiel er in den früheren Ton zurück, und nachdem ich ihm unwillig eine gute Nacht geboten, umfaßte er mich und drehte mich wie beim Tanz um sich her. Da macht' ich mich von ihm los und stieg gesenkten Hauptes in unsere Kammer. Dort nestelte eben meine alte Sus der Ann das Festgewand auf, und weil letztere mir dabei recht lieb und dazu, wie es mich dünkte, geheimnisvoll zunickte, vermeinte ich, daß es die Maid sei, die sie am Reden hindere, und sandte die Sus alsbald von hinnen. Nun hätt' ich eher des Himmels Einsturz erwartet, als daß sie, die meines Herzens trauteste Freundin, vor mir verborgen halten könne, was sich heut in der Früh mit ihr ereignet, und dannocht blieben ihr die Lippen verschlossen. Sonst pflegten wir beim Zöpfen des Haares und beim Zubettgehen wie die Grasmücken zu schwatzen, doch heute bekam die Kammer kein Wörtlein zu hören. Mit einem schlichten »Gut' Nacht, Gred!« »Schlaf wohl, Ann!« suchten wir sonst das Lager, nachdem wir unser Gebetlein vor dem Bild der gebenedeiten Jungfrau gesprochen, heut aber schloß mich die Freundin fest in die Arme, und da ich mich anschickte, das Bett zu besteigen, stürzte sie zum andernmal auf mich zu und küßte mich mit Ungestüm. Hab' ich damals ihre Zärtlichkeit erwidert oder nicht, ich kann's nicht mehr sagen, des aber bin ich mir deutlich bewußt, daß ich stumm blieb, und mir Kümmernis und Weh das Herz abzudrücken drohten. Verraten fühlt' ich mich, und meine treue Liebe verachtet. War es denn möglich? Hatt' ich meines Annelein Vertrauen verscherzt, oder es gar nimmer besessen? Und weiter! War sie denn noch die, für die ich sie bisher gehalten, wenn sie mit dem Herdegen ein verborgen und verboten Minnespiel trieb, auch hinter meinem Rücken, und das, heilige Jungfrau, vielleicht allbereit seit Jahren! Die Kerze war längst erstorben. Beide lagen wir dicht neben einander auf den Kissen und suchten den Schlaf, und der Kummer und das wunde Selbstgefühl trieben mir Thränen ins Auge. Da hört' ich von ihrem Lager her ein sonderbar Getön und nahm wahr, daß auch sie weine, immer inniglicher und schmerzlicher weine. Das schnitt mir tief in die Seele. Doch ich suchte mein Herz zu verhärten, bis daß es von ihr zu mir herüberklang: »Gred!« Und nun war es aus mit dem Schweigen, und »Ann!« gab ich zur Antwort. Da schluchzte sie: »Ich hab' ihm ja auf dem Heimweg von der Birsch geloben müssen, es nicht zu verraten; aber es drückt mir das Herz ab. O Gred, Gred, in mich vergraben und einsargen soll ich's, er hat mir's geboten, und dannocht . . .« Da richtete ich mich wie neu belebt auf in den Kissen und rief: »Ach, Annelein, Annelein, da ist ja nichts, was ich nicht allbereit wüßte; denn ich hab' zu geschaut, wie er absaß und wie ihr euch herztet.« Und dann! Bevor ich mich des versah, war sie aufgesprungen, und gleich darauf lag sie vor dem Hauptende meines Bettes auf den Knieen, und ihre Lippen fanden die meinen, und ihre Wange preßte sich an mein Antlitz, und ihre Thränen flossen mir auf Wange, Hals und Brust, während sie mir alles, alles bekannte. Und nun bekam die stille Schlafkammer ein gar bunt Durcheinander von Liebesbeteuerungen und Befürchtungen, von Anschlägen für künftige Zeiten und von langen Berichten zu vernehmen, wie das alles gekommen. Ich hatt' es ja vor meinen offenen Augen keimen sehen und für sein Wachstum, wenn auch unwissentlich, das Meine gethan. Wie konnt' es mich wundernehmen, daß es jetzt da war und zur Blüte gekommen? Bei ihrem Wiederbegegnen heut in der Frühe waren Stahl und Stein zusammengestoßen, und wenn es Funken gegeben, sie hatten's nicht hindern können; auch glaubt' ich der Ann willig, daß sie dem Liebsten in die offenen Arme geflogen wäre, und hätten Vater und Mutter und hundert Warner daneben gestanden. Die vollste und fröhlichste Zuversicht schaute mich mit hellen Augen aus allem an, was sie da sprach, und solche bemächtigte sich auch meiner jungen Seele, und obschon ich mir nicht hehlte, daß sich der Wahl meines Aeltesten manch schwer und übel Hindernis in den Weg stellen werde, gelobt' ich mir dannocht, den beiden mit bester Kraft die Wege zu ebnen. Was mir am Abend minder zugesagt an dem Heimgekehrten, das war jetzund vergessen, und da ich der Ann den letzten Nachtkuß bot, o wie liebt' ich sie wieder. Siebentes Kapitel. Die Hähne krähten schon, da ich entschlief, und wie ich erwachte, saß die Ann allbereit vor dem Spiegel und zöpfte das Haar. Ich wußte, was sie so bald aus den Federn getrieben, und wie sie beim Frühmahl dem Herzliebsten entgegentrat, schien mir ihre Gestalt und mit ihr ihres Antlitzes Schöne also gewachsen, daß ich nicht von ihr fortblicken mochte. Auch der Muhme und dem Reichsschultheiß fiel die sonderbare Wandlung auf, die in dieser Nacht mit ihr vorgegangen, und hienach gesellte selbiger sich zu der Ann und warb, trotz seiner grauen Haare, um ihre Gunst wie ein Jüngling, und der würdige Herr Besserer von Ulm nahm sich an ihm ein Exempel. Beim ersten schicklichen Anlaß zog ich den Herdegen beiseite. Die Ann hatte ihm allbereit kund gethan, daß ich Zeuge ihres Wiedersehens gewesen; doch schien ihm solches wenig genehm, und da ich ihn fragte, wie er es in Zukunft mit dem Bräutlein zu halten gedenke, erwiderte er, so weit seien die Dinge noch lang nicht gediehen, und bevor er nicht den Doktorhut erworben, müßten wir vor den guten Nürnbergern strengstens verborgen halten, was ich von ungefähr erkundet. Bevor er mir die Zunge zu lösen vermöge, fließe wohl noch viel Wasser ins Meer, wenn anders der Großohm fortfahre, seiner Jahre Last so aufrecht zu tragen. Vorerst sei er ein überglücklich Menschenkind, und wenn ich ihm gut sei, müss' ich ihm beistehen, sich der wonnigen Veilchen nach Herzenslust zu freuen, so hier im tiefsten Grunde des Forstes wunderhold für ihn blühten. Da lachte mir denn wiederum sein frischer Jugendmut von früher hell in die Seele. Nur sein unliebsam Erwähnen des Großohms, der ihm doch ein zweiter Vater gewesen, stach mir ins Herz, und ich ließ es ihn hören; desgleichen auch, daß es ihm Ehrenpflicht sei, jetzt schon. wenn auch nur im geheimen, mit der Ann die Ringe zu tauschen. Dazu war er denn auch in Freuden bereit, und ich trat ihm gern das goldene Reiflein ab, so mir die Base bei der Firmelung verehret, und er steckte es der Herzliebsten noch selbigen Tages an den Finger, indes ihr Silberringlein ihm auch für den kleinen Finger zu eng war. So ließ er ihr selbiges und versicherte wohlgemut, sich bis zur Heimkehr in die Stadt ihrer Treu' auch sonder Ring zu getrösten; die Ann aber baute auf den Herzliebsten wie auf Fels und Eisen. Mancherlei Gäste zogen in jener schönen Herbstzeit bei uns aus und ein, an Birschgängen und Wildhetzen sollt' es nicht fehlen, und die Ann bequemte sich willig, des Herzliebsten stürmische Weidmannslust zu teilen; wenn sie aber aus dem Forst heimkam, strahlte ihr des Herzens wonnige Seligkeit noch heller denn sonst aus den Augen, und wer sie so sah, der mochte nicht zweifeln, daß sie auf dem Gipfel menschlicher Glückseligkeit weile. Indes schien da droben ein fast scharfer Wind zu wehen, der sie so hart anfocht, daß ich in mancher stillen Nacht ihrem Seufzen zu lauschen vermochte. Dazu hielt sie ein sonderbarer, mir an ihr neuer Eigennutz, der sich nur noch mit auf den Liebsten erstreckte, und dauernde Unruhe gemeinhin fern von den andern, denen sie doch gut war, und solches that mir weh, wenn ich's auch nicht zu hindern vermochte. Am sonderbarsten wollt' es mich dünken, daß die beiden, so doch vormals keine Stunde beisammen zu sein vermocht, ohne zu singen, solches nunmehr tagelang unterließen. Aber da kam mir die Frau Nachtigall in den Sinn, und daß auch sie am schönsten flötet, so lang ihr die Brust voll ist von zärtlicher Sehnsucht; hat sie sich erst dem Liebsten ganz zu eigen gegeben, wird ihr Ruf bald kühler und kürzer. Doch so weit war es ja noch nicht mit den beiden, und wie ich sie einmal gemahnt, des Sanges nicht zu vergessen, da wunderten sie sich über die Versäumnis, und wie sie nun das erste Lied anstimmten, klang es noch feiner und gewaltiger, denn in früheren Tagen. Unter den Jüngeren, welche sich damals der Gastlichkeit des Waldstromerpaares erfreuten, nahm des Herdegen Genoß, Franz von Welemisl, den fürnehmsten Platz ein. Selbiger war ein Böhme aus freiherrlichem Hause, dessen Frau Mutter selig zu einem der fürnehmsten Geschlechter des Ungarnlandes gehöret. Da nun sein Name für die deutsche Zunge schwer zu bewältigen, hießen wir ihn allesamt nur den Ritter Franz, und er war ein von Körper und Angesicht fast wohlgestalteter, artiger Jüngling, der meines Aeltesten Freundschaft zu Erfurt so froh geworden, daß er ihm gen Padua gefolgt war. Das unerwartete Ableben seines Herrn Vaters hatte ihn früher denn den Herdegen heimwärts gezogen, und nun trug er schwarzes Trauergewand. Auch hielt er das Haupt immerdar ein wenig geneigt, und wie der Herdegen in seiner verwegenen glänzenden Weise und mit seinem langen, vollen Goldhaar manchen der lichten Sonne gemahnte, so mochte ein Sänger jenen wohl mit dem Monde vergleichen; denn er teilte mit selbigem das stille Wesen und die farblose Blässe, welche dadurch noch stärker herfürtrat, daß es von glänzend schwarzen, vollen, doch von keiner Locke gewellten, schlichten Haaren umrahmt war. – Seine Stimme hatte einen wehmütigen Klang, und es griff mir ans Herz, wenn ich wahrnahm, wie minniglich gewärtig er sich meinem Aeltesten erwies. Was selbigen angeht, so war es ihm genehm, in dem Ritter das wiederzufinden, was er weiland in den pueri besessen. Nachdem des Böhmen Herr Vater das Zeitliche gesegnet, hatte der Kaiser selbst den trauernden Sohn zum Ritter geschlagen, und dannocht ließ er weder Trutz noch Hoffart gewahren. Wenn er mir mit den betrübten schwarzen Augen demütiglich und wie um Hilfe bittend ins Auge schaute, hätt' ich mich fast gern in der frohen Meinung gewieget, daß Frau Minne nun auch bei mir Einkehr gehalten; doch die Gelassenheit, mit der ich ihn kommen sah und sein gedachte, strafte solche anmutige Hoffnung Lügen, und was ich für ihn empfand, war eitel Barmherzigkeit, die dem jungen Manne auch zukam, der elternlos, sonder Geschwister und nahe Blutsfreunde, ganz allein aus der Welt stund. Eines Morgens sucht' ich den Herdegen in der Rüstkammer auf und fand ihn dort sonder Wams mit aufgestreiften Aermeln, und neben ihm den Böhmen mit einer Eisenfeile in der Hand und in voller Arbeit, meinen Aeltesten von einem güldenen Reif zu befreien, der ihm nicht nur um den Arm gelegt, sondern geschmiedet. Wie er nun gewahret, daß ich allbereit erblickt, was er doch schnell mit dem Aermel zu verdecken getrachtet, suchte er meine Fragen erst scherzend, dann aber mit ärgerlicher Ungeduld abzuweisen, warf das Wams über und kehrte mir den Rücken. – Hienach wandte ich mich an den Ritter und entlockte ihm das Geständnis, eine gar schöne welsche Marchesa habe den Herdegen bewogen, selbigen Reifen zum Zeichen seiner treuen Dienstbarkeit sich um den Arm schmieden zu lassen. Wie ich nun solches vernommen, überkam mich um der Ann und des Bruders willen großes Bangen, und da ich ihm hienach seinen Treubruch vorwarf, umfaßte er mich in seiner von ausgelassenem Frohmut überschäumenden Weise und fragte, was ich denn noch mehr von ihm verlange, da ich doch mit eigenen Augen gesehen, daß er sich des Ringes zu entledigen getrachtet. Um zu der Marchesa zu gelangen, habe er an zwanzig Flüsse und Flüßlein gekreuzet, und auch in unserem ehrbaren Nürnberg gelte die Regel, daß es hinter der dritten Brücke dem Manne vergönnt sei, sich neuer Minne zu freuen. Solche Rede ging mir fast nahe, und wie er mich, statt in seine fröhliche Weise einzustimmen, unwillig sah und bekümmert, stimmte er einen ernsteren Ton an und sagte: »Unbesorgt, Gredlein! Es wächst hier drinnen nur ein einziger großer Minnebaum, und der heißet Ann; die kleinen Blümlein, so etwa in der Ferne neben ihm erwachsen, die haben ein gar kurz und armselig Leben, und in keinem Fall thun sie dem großen Baume Eintrag.« Da bat ich ihn herzinniglich, nun er doch der begehrenswertesten, minniglichsten Jungfrau Glück und Leben an das seine gefesselt, als redlicher Mann zu handeln und ihr Treue zu halten. Wie ich ihn aber auch von solcher Mahnung wenig gerührt sah, schoß mir das heiße Schopperblut zu Kopfe, und da ich sein Thun und Denken sündlich und ruchlos schalt, brauste auch er aus und rief, ich möge mich hüten, den eigenen Vater zu lästern; denn wie er mit dem Bilde der Ann, so sei selbiger mit dem unserer Mutter selig im Herzen über die Alpen gefahren und habe doch zu Padua vor dem Altan mancher schwarzäugigen welschen Dame die Laute geschlagen und sich ebendaselbst den Namen des Sängers erworben. Ein tüchtig Feuer werde nicht kälter dadurch, daß sich mehr als eins daran wärme; es komme nur darauf an, der rechten stets den Ehrenplatz daran offen zu halten, und der sei der Ann immerdar sicher. Der Ritter Franz war selbigen Gespräches Zeuge gewesen, und sobald mich der Herdegen wiederum verlassen, suchte er mich zu sänftigen und zu trösten, indem er es seines so reich bevorzugten und zu allem Guten und Großen fertigen Freundes einzige Schwäche nannte, der Versuchung, die seiner Schönheit und seinen Gaben lauerte, nicht überall mannhaft genug zu widerstehen. Er, der Franz, denke anders! Und nun bekannte er, daß er mir hold sei, und wenn ich einwillige, die Seine zu werden, mir gewärtiger und treuer anzuhängen und zu dienen gedenke, denn seinem vielgeliebten Herrn und König, der ihn so jung zum Ritter geschlagen. Und das alles klang so warm und wahr, so voll von tiefer, rührender Sehnsucht, daß es mich zu einer andern Stunde ihm vielleicht zu eigen gegeben hätte; in dieser aber mocht' ich keinem Mannsbild trauen; denn wenn des Herdegen Minne nicht echt war, die doch mit ihm groß geworden und einer galt, die mir in vielen Stücken hoch überlegen, auf wes Mannes treuen Sinn ließ sich dann bauen? Ich war auch zu voll von Sorge um des Bruders und der Freundin Glück, als daß ich des eigenen hätte recht gedenken mögen, und so vertröstete ich ihn mit ausweichenden Worten. Kaum aber hatte er selbige vernommen, als mit ihm eine seltsame Wandlung vorging; denn sein wehmütig stilles Antlitz gewann unversehens ein fast dräuendes Aussehen, und in seinen bis dahin so milden Augen entglomm eine Glut, die mich erschreckte. Auch hatte seine Stimme, da er fortfuhr, einen Klang angenommen, so schrill, als sei die Glocke gesprungen, die vormals mit den weichsten Tönen geläutet. Was er aber herfürstieß, waren ingrimmige Klagen über mich, die ihn mit Blick und Rede angelockt, um ein grausam Spiel mit ihm zu treiben, und dräuende Worte gegen den stummen Gleisner, der sich zwischen ihn und mich zu drängen vermesse; und damit zielte er auf den schwäbischen Junker von Kalmbach. Wie ich nun eben anhub, ihm seine jähe und unhöfische Art zu verweisen, brach draußen ein überlaut Lärmen los, und die Ann trat herzu, um mich zu rufen. Was Beine hatte aus der Forstmeisterei, lief zusammen, die Rüden allesamt kläfften und heulten, als sause der wilde Jäger vorüber, und dazwischen klang ein sonderbar und befremdlich Pfeifen und Tönen. Ein Bärenführer, dergleichen ich bisweilen auf dem Jahrmarkt gesehen, hatte den Weg in die Forstmeisterei gefunden, und der braune Mann, sowie seine beiden Gesellen, die seine Brüder zu sein schienen, schauten aus wie all diese Leute. Unter der Adlernase hing jedem ein gewaltiger Schnurrbart, und auf dem wirren dunklen Haar saß eine Kappe von schlaffem rotem Filz. Ein hoch Kameeltier, auf dessen Buckel ein Aefflein hockte, schritt gelassen neben dem einen dahin, während der andere einen braunen Bär mit dem Maulkorb an der Schnauze hinter sich herzog. Des Führers Hausfrau und ein jung schwarz Weibsbild hielten sich zur Seite eines zweiräderigen Wägeleins, davor ein abgetrieben Maultier gespannt war. Ein Bub von etwa zwölf Jahren blies zu des Bären Tanz die Flöte, und da er nichts trug denn ein löcherig Röcklein, und ein kühler Ostwind wehte, bebte er vor Frost und zog sich beim Blasen zusammen. Dannocht war er ein feiner Bub, von schlankem Bau und mit einem Antlitz von fast ebenmäßiger, wenn auch fremdartiger Schöne. Sicherlich war er von fern her, doch kaum von der anderen Stamme. Nachdem wir unserer Neubegier genüget, gebot der Ohm, den Landfahrern den Hunger zu stillen, und wie man ihnen Erbsenbrei und anderes aufgetragen, holten sie aus der Plane über dem Wagen ein schwarzbraun Kind herfür, so mir ein gar artig Mägdelein zu sein schien, trotz seiner dunkelen Farbe. Die Ann und ich schauten den Leuten zu, wie sie speisten, und da wollt' es uns von Anfang an befremden, daß der schöne Bub den Speck, den ihm der ältere Bärenführer reichte, mit Abscheu zurückwies, was ihm jener mit einem ungeschlachten Fausthiebe dankte. Nach dem Mahle ritt der Führer der Bande davon, und nachdem auch wir zu Mittag gespeiset, traf mein lieber Herr Pathe und Ohm Kristan Pfinzing von der Burg ein, der eine Schar Aussöldner in das Lager geführet, allwo sie zum Streit gegen die Hussiten geschult werden sollten. Mit den anderen Gästen gesellte er sich alsbald den Fremden und heischte von der Alten in seiner fröhlichen Weise, uns aus der Hand wahrzusagen, und von der Jungen, zu tanzen. Da kündete jene uns denn die Zukunft; mir aber lauter eitel Hirngespinst, davon sich auch nicht das kleinste bewähret. Dem Herdegen verhieß sie eine Grafenkrone und ein Gemahl aus fürstlichem Hause, und da die Ann solches vernahm und ihm mit dem Finger dräute, raunte er ihr zu, sie stamme ja von der Königin aller Königinnen, der weltbeherrschenden Frau Venus. Solches hörte sie denn fast gern, doch konnte sie niemand bereden, die Alte auch in ihre Hand blicken zu lassen. Sodann kam die Reihe an die junge Freiheit . Sie hatte sich vor dem Tanz das Haar gestrählet, und mit kleinen güldenen Münzlein durchflochten, und sie war eine ansehnliche, schlanke, an Gestalt und Angesicht wohlgebildete Maged, in deren schwarzen Augen ein wahrer Höllenbrand flammte; auch gewährte es einen sonderbaren und fast zierlichen Anblick, wie sie ein Dutzend frischer Eier um sich her in den Rasen legte und nach der Flöte des Knaben und der Handtrommel des einen der zurückgebliebenen Männer, das Tambourin schlug und es bisweilen in freiem, schier ausgelassenem Schwung über dem Haupte schüttelte, daß die Glöcklein an seinem Rande zusammenklangen, während sie den geschmeidigen Leib bald in wirbelnder, blitzschneller Eile wandte und drehte, bald neigte und hob. Dabei waren ihre Flackeraugen nie an den Boden, sondern bald aufwärts, bald auf die Zuschauer geheftet, und dannocht wußte ihr feiner, nackter Fuß auch beim stürmischsten Kreisen die Eier immerdar zu vermeiden. Da klatschten die Herren und wir mit ihnen lauten Beifall, und nun verschnaufte sie eine kurze Weile, nahm dem Herdegen, den sie schon längst ins Auge gefaßt, den Hut vom Haupte und sammelte die Eier mit neuen Biegungen und Neigungen im Takte des Tanzschrittes. Wie sie dann auch der Eier letztes in dem Hut vereinet, reichte sie ihn meinem Bruder, indem sie das Knie vor ihm beugte und das Tambourin mit den Lippen berührte. Da führte der arge Bursch die Finger zum Munde, wie die Kinder, so eine Kußhand werfen, und als der Freiheit Blick den seinen traf, war es, als begegneten sie sich hier mit nichten zum erstenmal. Aus dem kühlen Morgen war ein warmer Herbsttag geworden, und später hatte die Muhme sich in den Hof tragen lassen. Nachdem der Tanz aber vorüber, fragte sie, ihrer Gewohnheit gemäß, den zurückgebliebenen Führer und die alte Freiheit nach allem aus, was sie zu wissen begehrte, und wie sie dabei in Erfahrung brachte, daß die Landfahrer auch des Kesselflickens mächtig, und sie die Ann in die Küche gesandt, um der Schließerin zu gebieten, die bresthaften Häfen zu sammeln, da erhob sich in der Nähe des Wägeleins ein gar ingrimmig Hundegekläff und eines Kindes klägliches Jammern. Der schwäbische Junker, der in der Frühe aufgebrochen, um den Forsthub zu begehen, war heimgekehrt, und die Ganghündlein, so ihn begleitet und die Fremden gewittert, hatten sich auf die braune Kleine gestürzt, die hinter dem Wägelein den Sand aufgewühlt hatte, um Kuchen und Wecklein daraus zu formen. Wohl waren die Hunde alsbald mit allem Eifer abgerufen worden; der eine aber, ein tückisch Krummbein, hatte dem Kindlein das Gebiß in die Schulter geschlagen. Da stund ich denn bald an der Kleinen Seite und nahm sie, weil ich ihr rotes Blut fließen sah, flugs auf die Arme; doch schon stürzte die alte Freiheit schier außer sich auf mich ein, um mir das Kind zu entreißen, und da sie doch wohl die Mutter oder Großmutter der Kleinen, hätt' ich sie ihr gern überlassen, wenn nicht der Ritter Franz eilends dahergekommen wäre, um mir in der Muhme Jacoba Namen zu heißen, das Kind zu ihr zu bringen. Wer hätte sich wohl weit und breit besser denn sie auf die Heilung eines Hundebisses verstanden? Und so trotzte ich denn der Alten, obzwar sie mir das Kind mit wütendem Ungestüm zu entreißen versuchte. Auch wär' ihr solches gelungen, hätte die Kleine mich nicht mit dem heilen rechten Aermlein so zärtlich umhalset, als gehöre sie mir an und nicht dem kreischenden Weibsbild. Doch gar bald fiel auf dies alles ein hell und sonderbar Licht; denn wie wir der Kleinen das Hemdlein gelöst und die Muhme ihm die blutende Wunde säuberlich gewaschen, zeigte sich unter dem dunklen Braun ihrer Haut schimmerndes Weiß, und so lag es denn klar zu Tage, daß hier ein geraubtes Kind der Befreiung bedurfte. Hienach kam es der Schließerin, einer Försterswitib, der die Wilderer den Hausherrn erschossen, und die ihre fünf Waislein mit der Muhme Beistand wacker durchbrachte, alsbald in den Sinn, daß, wie sie vor etlichen Wochen nach Vierzehnheiligen gepilgert, dem Ritter von Hirschhorn, der als Kästner des Herrn Bischofs von Bamberg zu Scheßlitz saß, das unweit des Wallfahrtsplanes gelegen, ein Kind von landfahrender Buberei fortgeführt worden, und nun bedachte die Muhme Jacoba sogleich, wie sie Buße und Gutthat vereine und rief in einem Atem, dies werde den Waislein der Schließerin zu gute kommen, maßen der beraubte Vater demjenigen, der sein Töchterlein lebend zurückbringe, dreißig ungarische Dukaten ausgesetzt hatte, und sodann, man möge die Bärenführersippe ungesäumt binden. Doch die alte Freiheit machte den Unseren zu schaffen; denn indes sie in den Wald zu entweichen versuchte, schrie sie: »Hind – Hind!«, denn das war der Name der Dirne, und dazu fremde Worte, so sie wohl mahnen sollten, die Flucht zu ergreisen; den Knechten aber gelang bald, den wüsten Unhold zu bändigen. Die Ann war bleich und von arger Kopfpein geplaget, und doch half sie der Muhme, das Kind verbinden, und solches war mir genehm, weil ich zu wissen vermeinte, wo der Herdegen und die junge Freiheit zu finden, und es mich verlangte, ihm und seinem armen, betrogenen Lieb Schmach und Pein zu ersparen. So schlüpfte ich denn unvermerkt durch das Würzgärtlein hinter der Forstmeisterei zu der Mooshütte, die der landfremde Vetter Götz an einer verborgenen Stelle hinter einer dichten Fichtenwand zwischen zwo mächtigen Buchen für mich errichtet, wie ich noch ein Schulkind gewesen. Und siehe, meine Ahnung hatte mich nicht betrogen; denn da ich die Fichten umgangen, hörte ich meinen Aeltesten rufen: »Du Wildkatz!« und dann ein garstig Aufkichern der Dirne. Gleich darauf traten beide ins Freie; doch bei dem Pförtlein hielt er sie zurück, um sie zu küssen. Da wies sie ihm die blendenden Zähne, daß es aussah, als werde sie ihn beißen, stieß ihn zurück und lachte dazu: »Auf die Nacht; nicht alles auf einmal!« Er aber riß sie ungestüm an sich, und nun rief ich seinen Namen und trat ihnen entgegen. Da ließ er sie wohl schnell genug fahren, doch stampfte er vor hellem Verdruß mit dem Fuße; mich aber beirrte dergleichen mit nichten, und scheinbar gelassen hieß ich sie mir folgen, – und dabei rief ich dem treuvergessenen Gesellen ein »Pfui!« zu, so ihm wohl noch lang in den Ohren geklungen. Bevor wir dann zu dem Gärtlein gelangten, gebot ich ihm, das Haus zu umgehen, um von rechts her zu den andern zu stoßen; die junge Freiheit aber mußte mir nach der linken Seite hin folgen. Dabei nahm ich wahr, daß sich Moos und dürre Blättlein in das Haar der Dirne geheftet, und gebot ihr, es schnell zu entfernen. Sie that es mit spöttischem Lächeln und fragte mich höhnisch: »Dein Liebster?« »Mit nichten,« versetzte ich schnell; »nur einer, den ich vor dem Heimfall an das Böse behüte.« Da zuckte sie die Achseln; ich aber rief: »Vorwärts!« und wie wir von links her das Haus umgangen, führte man gerade die Alte mit gebundenen Händen von dannen, und kaum hatte die Junge solches wahrgenommen, als sie das Röcklein hoch hob und mit einem weiten Sprunge in den Wald zu entkommen versuchte. Da rief ich den Spond, der mein steter Begleiter, und hieß ihn sie stellen, und der wackere Rüde vertrat ihr den Weg, bis die Knechte sie zu der Muhme Jacoba führten. Selbige fragte sie nun aus, da sie wähnte, ein so jung und wohlgebildet Geschöpf minder verstockt zu finden, denn das alte, in Sünden ergraute Weibsbild; doch blieb die Hind völlig stumm und gab sich das Ansehen, unsere Sprache nicht zu verstehen. Was den Herdegen angeht, so hatt' er indessen die Ann mit ausgesuchter Beflissenheit begrüßet, sich aber dannocht der Dirne ganz nahe gehalten und es auf sich genommen, sie zu binden und in das Loch zu geleiten. Dabei ist es ihm denn auch geglückt, der Abkommen, so viel ihm genehm, mit ihr zu treffen; denn mich hielt der Ritter Franz abermals zurück, und die Werbung, mit der er mich nun anging, hat wohl selten ihresgleichen besessen; denn mich zog alles dem Bruder nach, um ihn vor dem Netz der Landstreicherin zu bewahren, und während der Böhme mich fest bei der Hand hielt und mich seiner Minne versicherte, suchte ich mich von ihm zu befreien und schaute dem Herdegen und der Hind nach, statt ihn zu hören. Endlich begann mich die Hand, die ich ihm nicht zu entringen vermochte, zu schmerzen, und weil er auch wie ein Verwirrter dreinzuschauen begann, gebot ich ihm, mir den Weg freizugeben und an anderer Thüren zu klopfen. Doch ich wäre wohl weniger schnell von ihm freigekommen, wenn nicht ein übel Ungefähr den schwäbischen Junker herbeigeführt hätte. Sonder Gruß und Vorwort trat der Ritter selbigen an und verwies ihm hart und aufbegehrend, durch seine Lässigkeit ein wehrlos Kind dem Anfall seines bissigen Hundes preisgegeben zu haben. Wenn aber dem Böhmen nicht bewußt, daß derjenige, den er mit so barschen Worten wie einen säumigen Knecht zurechtwies, eines gar ansehnlichen adeligen Geschlechtes Sohn und Erbe, so sollt' er es jetzt erfahren, maßen jener aus den Schluß seiner Rede: »Und in Zukunft gebet darum besser acht auf Eure tückischen Hunde,« kühl und zurückweisend versetzte. »Und Ihr auf Eure Zunge.« Da zog der andere die Achseln und entgegnen höhnisch, er gebrauche die seine freilich nicht zum Schweigen, wie andere Leute. Und nun nahm es mich wunder, woher der mundfaule Schwab die Worte nahm, mit denen er ungesäumt Antwort auf Antwort erteilte, bis es ihm des Geredes zu viel ward und er auf den Hirschfänger wies als auf seine zweite, schärfere Zunge. Achtes Kapitel. Die junge Freiheit saß mit den anderen im Loche, und da ich das wohlgestalte junge Weibsbild in sich zusammengekauert durch das Fenster erblickte, jammerte mich seiner, und am liebsten hätt' ich es von hinnen gesandt, auf Nimmerwiedersehen, in die Fremde. Den Herdegen vermocht' ich nicht aufzufinden, des Ohm Kristan Scherze wollten mir nicht munden, und wie ich mich endlich auf meine Kammer begab, war es mir, als schwebe in der Luft ein unabwendbar schrecklich Unheil. Und das ward nicht besser, da die Ann, die die alte Kopfpein seit Wochen verschont, das Lager bestieg, um die wachsende Qual in den Kissen zu bergen. So blieb ich denn stumm und gedankenvoll neben ihr sitzen, bis Muhme Jacoba mich rufen ließ, um die Wunde des geraubten Mägdeleins zu kühlen. Selbiges lag nun wohl gebadet und gesäubert in frischem Linnen, und aus dem braunen, schmutzigen Balg war ein gar lieb blondhaarig Schätzlein geworden. Ich wartete sein auch gern; zumal wenn ich bedachte, welch ein Freudenbringer es für Vater und Mutter zu werden bestimmt sei, und dannocht wollte der drückende Alp nicht von mir weichen, auch nicht, wie Becherklang und das tiefe Lachen des dicken Ohm Kristan zu mir heraufklang. So wie damals hat mir wohl selten des Herdegen frohe Stimme gemangelt. Er war, wie die Schaffnerin meldete, um Ave Maria in die Stadt geritten, sintemal ihn der Großohm dorthin beschieden. Auf der Folter, der mein Bruder noch beigewohnet, war kein Geständnis von der Buberei herauszubringen gewesen, maßen wir uns auf der Gerichtsstube keiner anderen Marterwerkzeuge erfreuten, denn der Streckebank, der Daumschrauben und Geißeln, so zu der bambergischen Tortur notwendig, und der pommerischen Mütze, die das Haupt scharf zusammenzupressen vermag; doch gab es ja in Nürnberg Geräte von weniger milder, mächtigerer Wirkung. Es war grausam schwül in der Luft, und die Sonne gelb und trüb wie ein geblendet Menschenauge hinter finsterem Gewölk zur Rüste gegangen. Mich, die sonst immerdar Rüstige, überkam eine sonderbare Schlaffheit und mit ihr eine ganze Reihe von trüben und schrecklichen Hirngespinnsten. Bald sah ich den Ritter und Junker, die um mich thöricht Ding in Streit geraten, bald meine Ann, abgehärmt, noch bleicher denn vorhin, mit dem Nonnenschleier, und dann gar an der Pegnitz auf der nämlichen Stelle, wo heuer, mitten in der fröhlichen Pfingstzeit, eine arme, verlassene Maged ins Wasser gegangen. Dann flammte der erste Blitz auf, und schneller und schneller zog das Unwetter heran, bis es dicht über uns ausbrach, und je hurtiger dem blendenden Licht des Donners Krachen folgte, desto tiefer schrak ich zusammen. Dazu weinte das wunde Kind neben mir gar kläglich und fand in seiner Fieberangst keine Ruhe. In der Trinkstube war es allbereit still geworden; wie mir aber die Muhme gebot, der Schließerin den Platz am Bettlein der Kleinen zu überlassen, auf daß ich endlich zur Ruhe komme, weigerte ich mich dessen; denn ich hätte nirgends Schlummer gefunden. So ließen sie mich gewähren, und wie ich nach Mitternacht, von neuer Angst um den Herdegen befallen, an das offene Fenster trat, um die heiße Stirn von der Windsbraut streifen zu lassen, erhob sich das Gebell der Rüden plötzlich überlaut, als würde die Forstmeisterei auf allen Seiten von Räubern umschlichen. Und zu alledem nahm ich im Schein der Blitze wahr, wie die alte Linde inmitten des Würzgärtleins der Muhme am Boden lag, und das schnitt mir ins Herz, maßen der Waldohm diesem Baum, den sein Herr Großvater selig gepflanzet, so hold war, und seine bresthafte Hausfrau an heißen Sommertagen nirgends lieber weilte, denn unter seinem Schatten. Und wie der Baum, so schien mir all mein junges Lebensglück entwurzelt, und wie gebannt mußte ich auf die niedergerissene Linde schauen, bis etwas Neues mich schreckte; denn am äußersten Saume des Himmels, da, wo die Stadt liegt, erhob sich ein lichter Schein, der immer heller ward, und endlich rosenfarbig und blutrot. Da erscholl vom Hundezwinger und dem Wächterhäuschen her neues Lärmen, und ich hörte viele Stimmen durcheinander rufen, und da das ferne Licht zu flackern und heller und heller zu leuchten anhub, glaubte ich denen, die unten riefen, ganz Nürnberg stehe in Flammen. Auch Muhme Jacoba hatte sich erhoben, und alles, was unter unserem Dache weilte, schaute nach dem Feuer und gab die Meinung kund, ob es wachse oder sich mindere. Und, dank der gebenedeiten Jungfrau, die letzteren behielten recht: es mochten nur einige Kornböden oder Warenspeicher verbrannt sein, und, unter anderen fühlenden Menschenkindern, begann ich schon freier zu atmen; doch da ließ sich des Wächters Ruf abermals vernehmen, und was nun erschien, das sollte mir zeigen daß mein Bangen nicht grundlos gewesen. Die Nacht vor Sankt Simon und Judas des Jahres 1420 nach der Geburt des Heilandes war es, von der ich rede, und ich will sie nimmer vergessen. Es hat sich das große Ereignis derselben, so auch in den Chroniken verzeichnet stehet, in vieler Gedächtnis erhalten, aber am tiefsten prägte es sich vielleicht doch in das meine; denn während ich jetzund die Feder führe, seh' ich den großen Soler der Forstmeisterei immer noch vor mir. Viele Leute bewegen sich darin hin und her, und alle sind nur dürftig bekleidet und voll Neubegier und Spannung. Der Feuerlärm hat sie rasch aus den Federn getrieben, und jetzt drängen sie sich dicht zusammen und spähen durch das weit geöffnete Thor nach der lichten Stelle am Himmel. Keiner wagt sich hinaus in den Sturmwind, männiglich zieht das Gewand, den Mantel, die Decke fester an sich, sintemal es von draußen her so jach hereinbläst, daß die hellen Kienfackeln an den Wänden dem Verlöschen nahe und ihre gelb und rot flackernden Flammen sonderbare Lichter durch die Halle werfen. Nun ist des Wächters Ruf verklungen, und näher und näher kommt das Raunen und Klagen der Ehalten . Jetzt wankt ein Mann über die Schwelle, den der Thorwächter Endres mühsam stützt, da die Kniee ihm wanken, und der, der dort wie ein Trunkener oder Todeswunder heimkehrt, es ist kein anderer als mein Herdegen-Bruder. Der Fackelschein fällt ihm mitten ins Antlitz, und da sich mein Blick darauf richtet, schrei' ich laut auf, und was meine Seele für ihn empfindet, ist eitel Barmherzigkeit und Minne. Flugs hab' ich mich an des Endres Stelle gedrängt, um ihn zu stützen, und von der andern Seite hält ihn sein treuer Knecht, der Eppelein , aufrecht, den er diesmal, wider seine Art, nicht mitgenommen hatte. Wo wir ihn auch angreifen mögen, fühlt er Pein, und da ihn der Waldohm und alle mit Fragen bestürmen, wehrt er ihnen und zeigt auf Haupt und Mund, die zu schwach sind zum Reden und Denken. Ach, der wunde Gesell dort gleicht dem schönen Herdegen nur noch von fern, dem die welschen Marchesinnen güldene Spangen um den Arm schmieden ließen. Sein Antlitz ist hier gedunsen und blutunterlaufen, dort grausam zerschunden. Die schmucke Stirnlocke, die ihm so gut ließ, wo ist sie geblieben? Der linke Arm schmerzt ihn, und sein zierlich Reitergewand hängt in Hadern an ihm herunter. Einem wunden, zerschlagenen Bettler gleicht er, den man von der Heerstraße gelesen, und es bereitet mir schier Genügen, daß die Ann das Lager hütet, und ihr solcher Anblick erspart bleibt. Die Muhme ist allbereit früher in den Soler getragen worden, und während sie dem Siechen Glieder und Gelenkbänder prüft und keinen Bruch an ihnen findet, fragt der Waldohm ihn aus, und er berichtet in mühsamer und gebrochener Rede, sein Roß sei im Walde vor einem Blitz gescheut, habe sich mit ihm überschlagen und ihn durch das Buschwerk geschleifet; seines Knechtes Gaul, dessen er sich gerade heut bedienet, irre im Walde umher. Sein Bericht ist kaum am Ende, da eilen der Hüter des Loches und der Thorwächter in den Vorsaal und berichten, einer der Gefangenen, und zwar die junge Freiheit, sei entwischt, obzwar man des Gewahrsams Pforte verschlossen und das Licht vergittert gefunden. Sie sei eine Hexe, und nur das eine denkbar, daß sie durch das vergitterte Fensterlein nach Hexenart auf einem Besenstiel, oder als Vogel, Fledermaus oder Eule, entflattert, – ja, solches sei so gut wie gewiß, maßen der Wächter um Mitternacht ein Gespenst im Walde erschaut, und das gleiche Gesicht sei auch dem Rüdenwarte erschienen. Da hätten sie sich beide bekreuzt und etliche Paternoster gesprochen; die Gefangenen aber pflichteten ihnen bei und hatten bekannt, daß die junge Freiheit nicht zu ihnen gehöre, sondern in der letzten Walpurgisnacht von ungefähr zu ihnen gestoßen sei, ohne zu sagen, woher oder wohin. Wie sie aber in eines Vampirs gräßlicher Ungestalt vor etlichen Stunden enteilet, habe sie ihnen mit Fängen und Zähnen übel zugesetzt, und so schlecht das Gesindel auch sei, solches erscheine sicherlich glaubhaft, sintemal es der Wunden und Flecken voll, so nicht von der Folter stammten. Bei diesem Bericht versagte meinem Aeltesten die letzte Kraft, und erdfahl sank er in den Sorgenstuhl zurück. Nun blieb ich bei dem Bruder; doch erteilte er keine Antwort aus meine Fragen und schien zu schlafen. Wie der Morgen graute, fröstelte mich, und da ich dem Wunden doch nichts helfen konnte, begab ich mich hinunter. Dort traf ich die Herren, wie sie sich Valet boten; denn es verlangte diesen in die Stadt, um nach dem Feuer zu forschen, und jenen in das wärmende Bett. Eben hatte man ihnen heißen Alantwein zur Stärkung aufgetragen, als sich von neuem Hufschlag und des Wächters Ruf vernehmen ließ. Da sprangen sie alle hurtig auf, und nur der Ohm Kristan Pfinzing blieb sitzen; denn so lang der Becher vor ihm stund, hätt' es eines Mehreren bedurft, ihn zum Aufstehen zu bringen. Er war ein mächtig beleibter Herr, mit kurzem ziegelrotem Halse, scharf geschorenem Grauhaar und einem runden, wohlgeformten Antlitz, aus dem kluge Aeuglein rund und weit hervortraten. Wir Schoppergeschwister hingen an dem fröhlichen, liebreichen Manne, der selbst kinderlos, mit ganzem Herzen; ich aber war ihm vor den anderen hold, maßen er mein lieber Herr Pathe, und er an der Ann allbereit seit Jahren ein sonderbar, schier väterlich Wohlgefallen gefunden. Gelassen hatte der Ohm Kristan dem feurigen Tranke zugesprochen und der anderen gewartet; doch da sie ihm endlich berichtet, welcher Botschaft Träger der Reiter gewesen, glitt ihm der Becher aus der Hand, also daß er klirrend auf die Fliese schlug und der Alantwein zu Boden rauschte; auch war zu gleicher Zeit sein gut, treu Haupt auf die Seite gesunken, und so verharrte er kurze Zeit bar der Besinnung. Obzwar es hienach bald gelang, ihn ins Leben zurückzurufen, nahm ich doch zu meiner Kümmernis wahr, daß ihm die Zunge fast schwer geworden; doch ist sie mit der Jungfrau gnädigem Beistand späterhin wieder in so guten Schick gekommen, daß man, wenn er beim Becher saß, sein lautes Reden und tiefes Lachen durch der Zimmer drei und vier kenntlich vernahm. Die Botschaft aber, welche ihm den Unfall zugezogen, vor dem ihn Meister Ulsenius lange gewarnet, war wohl geeignet, auch einem gelasseneren Mann das Herz zu erschüttern; denn der Ohm Kristan hauste als Wart auf der kaiserlichen Reichsburg, und es lag ihm ob, sie zu behüten; neben dieser aber hatte sich auf dem gleichen Felsenhügel das alte Schloß des Burggrafen Friedrich erhoben. Nun war selbiger in üble Händel mit dem Herzog Ludwig dem Bärtigen von Bayern-Ingolstadt geraten, also daß desselbigen Ammann , der edle Kristoph von Laymingen, der zu Lauf haushielt, es, mit seinem gnädigen Herrn im Rücken, hatte wagen dürfen, dem Burggrafen Friedrich abzusagen, obzwar selbiger seit kurzem als Herr der brandenburgischen Lande ein mächtiger Kurfürst. Gemeldeter Kristoph von Laymingen – solches hatte der Bote gekündet – war nun in eben dieser Grauennacht gen Nürnberg geritten und hatte dorten zwar nicht die Reichsburg, so noch heute unversehrt dasteht, wohl aber die Burg der alten Zollerschen Burggrafen, die sich an ihrer Seite erhoben, überrannt und in Asche verwandelt. Und wenn solches auch den ehrbaren Rat nicht sonderlich kränkte, sintemal er um manchen Rechtsstreites willen in übler Freundschaft mit dem Herrn Burggrafen und Kurfürsten lebte und es ihm später auch gelang, die leere Brandstätte durch Kauf an sich zu bringen, mußte es doch dem Ohm Kristan baz nahe gehen, da er seinen Hars , dem es oblag, der Burg zu hüten, ins Weite geführet, wenn auch zu dem löblichen Zweck, ihn gegen die Hussiten zu üben. Solches konnte ihm leicht des Kurfürsten Ungnade zuziehen; doch ist es ihm fürder nicht zum Schaden gediehen. Das aber stund sicher und gewißlich fest, daß bei dem allem schnöder Verrat mit im Spiele, und auf der Folter zu Nürnberg hat es sich denn auch ergeben, daß der Bärenführer ein Kundschafter und Zuträger gewesen und dem Laymingen gesteckt hat, wohin der Pfinzing sich mit seinen Haufen begeben. Und wer nun denken möchte, hiemit habe das Unheil ein Ende genommen, so sich damals in der kurzen Spanne Zeit, vom Nachmittag bis zum Morgen, auf der Forstmeisterei begeben, den muß ich eines andern belehren, maßen der junge Tag, der sonder Frührot grau und unwirsch in den vergilbenden Wald einzog, neue Herzenspein und schlimmen Unsegen brachte. Hinter dem Mooshüttlein, wo sich mein Herdegen mit der jungen Freiheit getroffen, hatte der schwäbische Junker und Ritter Franz, ohne nach der Regel und Ordnung des Zweikampfes zu fragen, mit einander gestritten, auf Tod und Leben gefochten, um meinetwillen, – und als solle in dieser argen Zeit meinem armen Herzen nichts erspart bleiben, was weh thut, mußte ich gerade zu dem gefällten Lindenbaum treten, wie der schwäbische Junker den Widersacher schwer getroffen und mit wirrem Haar, einem Besessenen gleich, dahergestürzt kam. So war es denn immer noch eine gnädige Fügung, daß im nämlichen Augenblick der Ohm Konrad und der Herr Kaplan in das Gärtlein traten, und ich sie zu dem Wunden geleiten durfte. Da lag nun das junge Blut in dem feuchten Rasen, noch viel bleicher denn sonst und mit schmerzlich zuckenden Lippen. Ein herbstlich Blatt war ihm auf die Stirn gefallen und hob sich sonderbar ab von seiner schlohweißen Haut; ich aber neigte mich alsbald und hob es von ihm. Neben ihm lag die entwurzelte Linde, von der es stammte, und da ich gewahrte, wie das Regenwasser von ihrem Laube abtroff, war mir's, als ob sie weine. Da zog mich das Herz so warm wie noch nie zu dem Jüngling, dessen Blut um meinetwillen geflossen, doch wie ich ihm recht minniglich ins Antlitz schaute, trat ihm der schwäbische Junker reumütig näher, und nun schoß mir aus des Wunden halb geöffneten Augen ein bitterböser, stechender Blick entgegen, vor dem mir graute. Da war es denn wieder aus und vorbei mit jeglicher zärtlichen Regung. Als ich ihm aber in die regungslosen Züge schaute, die nun so fahl und weiß geworden wie stumpfe Kreide, mußt' ich doch weinen; denn es thut immer weh, dem Tode anheimfallen zu sehen, was noch nicht reif ist zum Sterben, wie wir ja auch die grüne Saat beklagen, die der Hagel zerschlägt, und Erntefeste feiern, wenn der Schnitter das gelbe Korn mäht. So gab es denn in der Forstmeisterei außer der Muhme selbst drei Sieche, sintemal auch der Ohm Kristan etliche Tage der Rast und Wartung bedurfte; doch sollte es nicht an Pflegerinnen mangeln, maßen die Ann heute wieder wohlauf und Base Metz herbeigeeilt war, sobald sie erfahren, was dem Herdegen begegnet; denn selbiger hatte von uns allen den größten Stein bei ihr im Brett, also daß sie ihn auf der hohen Schule von ihrem Eigenen, obzwar er ja ohnehin reichlich versehen, mit so stattlichen Zehrpfennigen bedacht, daß er hinter habhaften Grafensöhnen mit nichten zurückstund. Weil nun Base Metz erst gegen Abend eintraf, lag es mir ob, des Bruders zu warten, doch daß mir die Ann dabei zur Hand sei, solches wollte die Muhme Jacoba nicht wohlanständig für eine junge Maged dünken; noch weniger aber willfahrte sie meinem warmen Verlangen, mich der Pflege des Ritters Franz hinzugeben und dabei lag ihr weniger im Sinn, was sich zieme, denn die Erwägung, daß es dem vom Fieber geschüttelten, wunden Mann übel frommen werde, diejenige sich nahe zu wissen, um deren Minne er vergebens geworben. Es war mir also versagt, der Ann bei dem Bruder zu begegnen, und dannocht lag mir vielerlei auf dem Herzen, und es schwante mir wohl, daß es auch sie dränge, mit mir zu reden; doch gab sie mir, wie ich endlich in unserer Kammer mit ihr allein war, Dinge zu raten, auf die ich nicht von weitem gefaßt war. Denn da ich sie fragte, was sie dem siechen Bruder durch mich zu melden begehre, gebot sie mir ernst und bekümmert, ihrer ganz vor ihm zu geschweigen. Solches aber nahm mich billig wunder, sintemal ich der Meinung, es sei ihr verborgen geblieben, was mich gestern so schwer bekümmert. Doch so stund es mit nichten, und ich erfuhr nun, daß sie alles bemerkt und der Herren leichtfertige Reden über den fröhlichen Gesellen vernommen, den die schöne Dirne sich so schnell vor den übrigen erkoren. Obzwar ich nun zum Guten zu reden versuchte, ließ sie mich wissen, daß, wäre ihrem Herzliebsten kein Leid widerfahren, sie ihn heute noch fragen würde, ob es ihm ernst sei mit dem Verlöbnis, oder ob er es vorziehe, Ring und Wort von ihr zurückzuempfangen. Solches kam ihr sonder Thränen und Seufzen fest und entschlossen über die Lippen, und so begann ich allbereit an der Echtheit auch ihrer Minne zu zweifeln und gab es ihr frank zu erkennen. Da zog sie mich an sich, und indes es feucht und immer feuchter in ihren großen Augen schimmerte, gab sie mir eine Erläuterung, die alles enthielt, was ich mir wohl in der nämlichen Lage selbst gesagt haben würde. Als Geringere trete sie in den Kreis von höher Geborenen, und ihre neue Freundschaft werde ihr gewiß kein Körnlein mehr Ehre zu teil werden lassen, denn der eigene Gatte. Von seinem Verhalten hänge es darum ab, wie ansehnlich oder gering die Wertschätzung sein werde, auf die sie als seine Hausfrau zu zählen habe. Auch so lange ihr Verlöbnis noch geheim, müsse er, sei es mit ihr allein, sei es vor aller Welt, beweisen, daß ihr Jawort ihm ebensoviel gelte, wie das der reichsten und fürnehmsten Erbin. Solches sprudelte sie schnell und mit glühenden Wangen herfür. Ich sah, wie die bläulichen Adern auf ihrer reinen Stirn dabei schwollen, und will das Bild nimmer vergessen, so sie darbot, wie sie den feuchten Blick aufwärts wandte, die Hände auf die wogende Brust preßte und ausrief: »Mit ihm in Not und Tod gehen ist mir ein Kleines; in Schande laß ich mich nimmer führen, auch nicht von ihm!« Wie ich sie hienach, nachdem ich ihr warm zugesprochen und sie lang in den Armen gehalten, endlich verließ, war sie bereit, ihm zu vergeben, doch darauf blieb sie bestehen: Kein Blick, kein Wort, kein Kuß, bevor der Herdegen nicht gelobet, die Schmach von gestern solle die erste und letzte sein, die er ihr zugefügt habe. Wie hatte sie das Geschehene ergriffen, und wie wenig war ihr doch von allem bewußt, womit der Herzliebste sich gegen die Treue, die er ihr schuldig, vergangen! Sie sagen, Amor sei blind, und er ist es auch anfangs; doch ward das Zutrauen einmal erschüttert, so fällt die Binde, und aus dem blödsichtigen Knaben wird ein vieläugiger, scharfsichtiger Argus. Neuntes Kapitel. Zu der Wartung des siechen Mägdeleins, das sich selbst gar lieblich »Klein-Kathrey« nannte, drängten sich alle. Was den Herdegen anging, so mußt' ich ihm einstweilen noch vorenthalten, was die Ann von ihm heischte; denn er lag in heftigem Fieber. Seine Wartung versah sein Diener, der Eppelein, ein Sohn des treuen Knechtes unseres Vaters selig, der bei der Pflege des pestkranken Herren das Leben gelassen. Was den Eppelein selbst angeht, so war er in unserem Hause bei den Rossen erwachsen, hatte dem Herdegen allbereit als Bub bald beim Spiel geholfen, bald ihm Dienste geleistet und sich ihm alleweil in viel wärmerer als Knechtesliebe gewärtig erwiesen. Da geschah es eines Tages, daß durch seine Schuld meines Aeltesten bestes Roß zu Schaden gekommen, und weil selbiger ihn deswegen etliche Tage keines Wortes gewürdiget, war dem Stallbuben solches dergestalt zu Herzen gegangen, daß er unser Haus heimlich verließ und wir, da er nirgends zu finden, lange Zeit wähnten, er habe sich ein Leides gethan. Dannocht war er immerdar frisch und wohlauf gewesen und hatte das Leben in gar wechselnder Weise gefristet, erst als eines fahrenden Quacksalbers Ausschreier, und endlich, maßen er ein schmucker und gelenker Bursche, indem er als Aufwärter in der fürnehmsten Herberge zu Würzburg die Gäste bedienet. Wie nun ebendaselbst der hochwürdige Kardinal Branda, seiner Heiligkeit des Papstes Nuntius, Quartier genommen, hatte er ihn als Leibknecht mit sich gen Welschland geführet, und ihn wohl gehalten, bis den unruhigen Burschen plötzlich das Heimweh beschlichen und er seinem gütigen Herrn entlaufen war wie vormals unserem Hause. Vielleicht hatte ihn zu selbiger Flucht auch ein Liebeshandel getrieben. Gewiß ist, daß er in der Fremde zu einem des Lebens kundigen, anstelligen Gesellen geworden, dem männiglich gut, da er bei aller Schalkheit das treue Nürnberger Herz wohl zu wahren gewußt. Nachdem er die Heimfahrt glücklich bestanden, schlüpfte er eines Tages unversehens in den Schopperhof, wo sein alt Mütterlein im Hofgaden das Gnadenbrot aß, stellte sich ihr gegenüber und zählte, obzwar sie ihn nicht erkannte, einen Goldguldein nach dem andern von dem Ersparten vor sie hin auf den Nähtisch. Da wußte das graue Weiblein sich nicht zu lassen vor eitel Staunen, doch erkannte sie ihn erst, wie er ob ihres sonderbaren Entsetzens in sein alt unbändig Lachen ausbrach. Daß selbiges aber, sagte sie hienach, noch so hell und fröhlich getönet, solches habe ihr anmutiger in die Seele geläutet, denn der Klang der güldenen Münzen. Uns anderen rief die Sus in den Hofrait , und da uns dort ein schmucker Gesell, halb welsch, halb deutsch gekleidet, entgegentrat, wußte keiner, wohin ihn versetzen, bis er dem Herdegen ins Auge schaute und selbiger ausrief: »Der Eppelein ist es!« Da schoß ihm ein Strom von Thränen aus beiden Augen, mein Aeltester aber zog ihn an sich und gab ihm einen rechtschaffenen Kuß auf beide Wangen. Solches kam mir in den Sinn, wie ich denselben Eppelein seinem Herr nach Vorschrift der Muhme die nassen Tücher behutsam und baz bekümmert auf die schwere Kopfwunde legen sah, und ich dachte bei mir, wie herrlich es doch gewesen, als der Herdegen noch so frei und brav dem Zuge des Herzens gefolgt war, und was jetzund sich wohl ereignen möchte, wenn ein arm entlaufen Knechtlein zu dem feinen Junker mit dem duftenden Kräuselgelock zurückkehren werde. Weil ich nun bald wahrnahm, daß ich an diesem Lager, bei dem des Eppelein treue Sorge Wacht hielt, ein überflüssiger Gast und des Ritters Siechenkammer mir verschlossen, ging ich hinab in den Soler; denn ich hatte vernommen, daß sie auch den braunen Buben, der gestern die Flöte geblasen, auf die Folter ziehen wollten. Solches aber hätt' ich fast gern verhindert, maßen mir aus mancherlei Zeichen deutlich geworden, daß selbiger schöne Knabe mit nichten zu der Buberei gehöre und wahrscheinlich, wie Klein-Kathrey, ein Kind war, so einem guten Hause entführet. Wie ich nun hinunterkam, stieß der Forstknecht Balzer den Buben eben in den Soler, und so unwirsch grau und feucht es draußen aussah, so heimlich war es hier drinnen; denn in dem großen Kamin knisterte ein mächtig Feuer. Die Muhme wärmte sich daran, und ihrer Gesellschaft genossen die Ann, der Waldohm, der Jost Tetzel, mein Pathe Kristan Pfinzing, sowie etliche Gäste. Da drängte ich mich zu den andern, kündete ihnen leis, was ich wahrgenommen, und hub sodann herfür, daß der Bub sich sicherlich eines guten Gewissens erfreue; denn er hatte, obzwar man ihn nicht mit ins Loch, sondern, um des Kameeltieres und Aeffleins zu warten, in einen besondern Schuppen gesperret, mit nichten das Weite gesuchet, obzwar ihm solches leicht möglich gewesen. Selbige Erwägung sagte etlichen zu, und sintemal der Bub nur wenige Worte deutsch, wohl aber ein wenig italienisch verstund, ließ ich mich mit ihm auf ein Gespräch ein, und da ergab es sich denn, daß er allerdings ein gestohlen Kind sei; denn die Landstreicher hatten ihn in Welschland gegen eine weiße Maged vertauscht, die sie damals mit sich geführet; er aber war von gar fürnehmer Herkunft und erst zwei Jahre früher in die Sklaverei geraten, nachdem die große Galeere, die sein leiblicher Vater, ein Emir oder Fürst aus Aegyptenland, regieret, mit einer andern von Jenw, oder wie die Welschen sagen, Genua, aneinandergeraten. Nachdem ich nun den anderen solches verdolmetscht, nannte es der Jost Tetzel, der Ursula Vater, eitel Lug und Geflunker, und auch den Waldohm wollte es wenig glaubhaft bedünken, maßen er der Meinung, daß wenn der Bub vornehmer Emire aus Aegyptenland Kind, der Bärenführer sich seiner wohl bedient haben würde, um Lösegeld für ihn zu erpressen. Wie ich nun dem Knaben solches verdolmetscht, schlug er die großen Augen bescheidentlich zu mir auf, und es lag gewißlich etwas Fürnehmes in seiner Haltung und Stimme, da er mich fragte: »Sollt' ich die Meinen, so mir viel Gutes erwiesen, in Armut bringen, um die schlechteste Brut mit Reichtum zu segnen? Nie und nimmer hätte die böse Buberei durch mich erfahren, was ich Dir, die Du schön und gut, freiwillig vermelde.« Selbige Rede ging mir zu Herzen, und es gab nichts Aufrichtiges in der weiten Welt, wenn sie nicht treu gemeint war. Da ich nun wiederum den Dolmetsch gespielet, und der Tetzel dannocht fortfuhr die Achseln zu zucken, verdroß mich solches so sehr, daß ich an mich halten mußte, um die ziemliche Ruhe zu wahren. Daß der Ohm Kristan mein Zutrauen teile, hatte ich ihm längst aus den Augen gelesen; doch vermocht' ich nicht zu ermessen, was er im Schilde führte, da er der Ann mit der armen, lallenden Zunge ein Geheiß zuraunte, so – ihr Antlitz verriet es – von gar wunderlicher Art sein mußte. Wie sie mir aber eröffnet, was der Herr Pathe heische, war ich ihm mit nichten hurtig zu willen, sintemal mich jungfräuliche Scheu und Barmherzigkeit davon zurückhielt. Wie mir aber der wackere alte Herr mit dem schweren Haupte, auf dessen Scheitel immer noch nasse Linnentücher lagen, ermunternd zunickte, riß sein alter meinen jungen Uebermut mit sich fort, ich faßte mir ein Herz, und eh' sich der Bube des recht versah, hatt' ich ihm einen Streich auf die Wange gegeben. Wenn selbiger nun auch nicht sonderlich hart gewesen, schaute der junge Bursch hienach dannocht drein, als habe sich der Boden vor ihm eröffnet. Seine bräunlichen Wangen waren aschgrau geworden und seine großen Augen blickten mich feucht und fragend und dabei so leidvoll an, daß ich meine verwegene That allbereit beklagte. Doch gar bald sollt' ich mich ihrer erfreuen; denn des Knaben Verhalten wandte seine Sache zum Besten. Der Ohm Kristan hatte ihn zu versuchen gewünscht, und weil er die Menschen kannte, war ihm bewußt, daß verschiedener Stände Kinder einen Backenstreich in verschiedener Weise hinnehmen; des Emiren Sohn aber hatte sich wie ein solcher gehalten und die Probe bestanden. Solches kündete ihm die Muhme Jacoba, die des Ohm Kristan Meinung schnell durchschaut, und bald mußte auch der Jost Tetzel, wenn auch unwillig und mürrisch, seinen Irrtum bekennen. Denn nachdem man dem Buben eröffnet, daß er von jeder weiteren Unbill verschont bleiben werde, löste er das Futter des Käppleins und wies uns ein Kleinod, so ihm die Mutter daheim an den Hals gethan, und selbiges bestund aus einem Täfelein von köstlichem himmelblauem Türkis, so groß wie eine ansehnliche Plune ; auch war auf selbigem ein Sprüchlein in wunderlicher Schnörkelschrift zu schauen, die später auch von dem jüdischen Rabbi Hillel als arabisch erkannt ward. Der Bärenführer hatte den Buben Beppo geheißen, doch führte er in Wahrheit einen überlangen, mehrgliederigen Namen, aus dem der Waldohm denjenigen erwählte, der seiner Weidmannszunge besonders geläufig, und selbiger lautete »Akusch«. Mit der Base Metz Zustimmung ward der Bub als »Knappe« in meine Dienste gegeben, weil ich es ja gewesen, die ihn »zum Ritter geschlagen«, und wie ihm solches vermeldet worden, wußt' er sich nicht zu lassen vor Freude, und von Stund an hat er sich als ein flinker, mir allezeit gewärtiger und dankbarer Diener erwiesen; ja das Wenige, das mir für selbigen armen Knaben zu thun vergönnt war, hat mir und den Meinen später mehr denn tausendfältige Frucht getragen. Am Nachmittag desselbigen Tages vermeldete mir die Ann, sie gedenke mit dem Meister Ulsenius noch am nämlichen Abende heimzufahren, und wie sie meinen Bitten fest widerstanden, so erklärte sie auch der Base Metz, sie habe die Ihren allbereit viel zu lange allein und sonder Beistand gelassen. Die Muhme Jacoba war in ihrer Kemenate, und wie sie den raschen Entschluß der Ann hinnehmen werde, das stund zu erwarten. Es war ein so düsterer Tag, daß man kaum gewahrte, wie die Dämmerung hereinbrach. Graue Nebelmassen hingen über den Wipfeln, ein dünner Regen sank mit leisem, einförmigem Rauschen und als woll' er nimmer enden, auf den Forst nieder; sonst aber vernahm man keinen Laut, maßen, um der Wunden zu schonen, weder Hörnerschall, noch Wächterruf, noch Glockenton erklang, und selbst die Hunde zu spüren schienen, daß der tägliche Lauf der Dinge eine Störung erfahren. Die Ann war gegangen, um unter der Sus Beistand die Sachen zu packen, mich aber hatten sie zu dem wunden Kinde beschieden. Es ging mit ihm zum Besten; denn es trieb allbereit mit dem Püpplein, so ihm die Muhme gesandt, gar herzige Kurzweil; auch gereichte es mir anfänglich zu fröhlichem Genügen, Klein-Kathreys Wunsch zu willfahren und das Spiel als guter Gesell mit ihr zu teilen. Doch indes ich ihr zu lieb lachte, dem ledernen Balg die Jäcklein und Röcklein an- und auszog, ihr die Schulter blies, die sie schmerzte, oder ein Stücklein Zuckerwerk darauf legte, verging Viertelstunde auf Viertelstunde, und die Ann, die mir verheißen, mich, sobald sie das Packen vollendet, bei dem Kinde aufzusuchen, wollte nicht kommen. Da ergriff mich allgemach neue Unruh', und wie die Schaffnerin kam, ging ich auf unsere Kammer, um die Ann zu suchen. Dort stund ihr ganzes Ding so sauber verpackt, wie nur sie es vermochte; von der Sus aber erfuhr ich, sie habe sich allbereit vor geraumer Zeit zu der Muhme Jacoba begeben. Da gedachte ich denn, sie dort aufzusuchen und trat in das Gemach, wo der Schreibtisch und die Bücher der Siechen stunden, und das an die Kemenate grenzte. Leisen Schrittes war ich gegangen, sintemal des Ritters Quartier niederseit dieses Raumes gelegen, und so hörte mich niemand; ich aber sah aus dem dunklen Gemach in die Kemenate, wo an einem Doppelleuchter etliche Kerzen brannten, und da lag die Ann zu Füßen der bresthaften Frau, dem Lindenbaume vergleichbar, den der Sturmwind in der letzten Nacht zu Boden geworfen, und verbarg das Antlitz in ihrem Schoß und schluchzte so heftig, daß der zarte Leib ihr flog, wie von Fieberschauern geschüttelt; Muhme Jacoba aber hatte ihr beide Hände aufs Haupt gelegt wie zum Segen. Und ich sah auch eine volle Thräne, und dann ihrer viele auf der Wange dieser Frau, die doch das einzige liebe und wackere Kind in die Fremde gestoßen. An ihrem kleinen Finger hatt' ich oft einen Ring bemerket, der außen ein weiß Dinglein umschloß; doch war es kein Splitter von eines hohen Heiligen Gebein, sondern das erste Zahnlein, so ihr landesfremder Sohn gewechselt. Und während sie wähnte, daß keiner es gewahre, hob sie die Linke an die Lippen und küßte das Zähnlein mit aller Inbrunst. Nun die Minne einmal wieder in ihrem Herzen entsprungen, mußte auch derjenige sein Teil daran haben, den sie, obzwar keiner seinen Namen vor ihr aussprechen durfte, immer noch wie ihren Augapfel liebte. Und ob ich auch nie eine Lauscherin gewesen, konnt' ich doch das Ohr nicht verschließen und mußte hören, wie die sieche Alte der minnekranken Jungen zusprach und ihr gebot, auf Gott zu bauen und des Herdegen Treue. Sodann vernahm ich, wie sie meines Aeltesten Sinn und Wesen als hochgemut und aufrecht lobte und der Ann verhieß, ihr beizustehen nach bestem Vermögen. Mit einem herzlichen Kuß und tröstlichen Worten bot sie dem Liebling das Valet, mir aber kam alsbald eine über die Maßen holdselige junge Maged in den Sinn, des Rotschmiedes Pernhart Tochter, die Groß und Klein in Nürnberg »Schön-Trudlein« geheißen, die mir, so oft ich sie in der letzten Zeit in der Kirche angeschaut, immer trauriger und bleicher erschienen, und der ich nie wieder begegnen sollte; denn der Ohm Kristan hatte gestern feuchten Auges berichtet, man habe selbe aller Anmut volle Jungfrau, die an der Zehrung verstorben, vor etlichen Tagen mit stattlichem Gepräng zur Ruhe geleitet. Und Muhme Jacoba war Zeuge selbigen Berichtes gewesen, hatte den Kopf schweigend geschüttelt und sodann die Hände gefaltet und den Blick zu Boden geheftet. Der Vetter Götz und der Herdegen, Schön-Trudlein und die Ann, – was unterschied sie so weit von einander, daß die Muhme es über sich brachte, ihren Minnebund mit so gar verschiedenem Maße zu messen? Zugleich mit der Freundin verließ ich die dunkle Kammer, draußen aber schloß ich sie in die Arme, und in der letzten Stunde, die uns noch auf der Forstmeisterei zu teilen vergönnt war, trug sie mir Grüße an den Herzliebsten auf und gab mir für ihn das letzte, späte Oktoberröslein, so der Waldohm für sie als Abschiedsgabe gebrochen; doch auf ihrer Forderung blieb sie bestehen. Nach der Abendmahlzeit brach sie auf im Geleit des Meisters Ulsenius. Mit den singenden Lerchen war sie an einem sonnigen Morgen gekommen, und im tiefsten Dunkel zog sie von dannen. Zehntes Kapitel. »Beim heiligen Bacchus, wenn es einen solchen nur im Kalender gäbe, mein Waldknab, aus dem Jungen wird was!« rief der dicke Ohm Kristan Pfinzing, und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Becher klirrten. Seine Zunge lallte dabei noch ein wenig; doch die drei Wochen, so nach dem Abgang der Ann verflossen, hatten ihm gar wohl gethan, und es hielt schon wieder schwer, ihn vom Trinktisch zu lösen. Was er eben gerufen, hatt' er im Rebenter der Forstmeisterei an den Ohm Konrad und den Jost Tetzel, der Ursula Vater, gerichtet, und dabei auf meinen Herdegen-Bruder gewiesen. Selbigem waren die Wunden wohl ausgeheilt, und geschmeidiger hatten sich seine schlanken Glieder nimmer gereget; nur den linken Arm trug er noch in der Schlinge, da, wie er selbst vorgab, der Huf des Rosses ihn dorthin getroffen. Wohin solches geraten, war nimmer kund geworden, und es fragte auch keiner darnach, maßen es nur des Eppelein Gaul gewesen, den der Großohm durch einen besseren ersetzet. Meinem armen Kopf hatt' es freilich von Anfang an zu denken gegeben, warum mein Aeltester just diesen erwählet, um des Vormunds Ladung zu folgen, der auf Rosse mehr hielt denn ein anderer. Ich bin auch allbereit dazumal nicht weitab von der rechten Fährte gewesen, und jetzund will ich berichten, wo das Roß meines lieben Bruders verblieben, und auf was Art und Weise er in so schweren Leibesschaden geraten. Er war der jungen Freiheit auf dem Wege von Padua gen Nürnberg bei Dachau begegnet und hatte allbereit dort das Spiel mit ihr begonnen und ihr bedeutet, sie werde ihn im Lorenzerwald auf der Forstmeisterei finden. Wie nun die Sache mit dem Gesindel eine übele Wendung genommen, hatt' er ihr zugesichert, sie aus dem Kerkerloch zu erlösen. Darum war er denn zum Schein in die Stadt geritten, nachdem er sich des Schlüssels zum Loche bemächtigt und ein gering Gewand des Eppelein und Brot genug in dem Felleisen hinter dem Sattel geborgen. Eine Zeit lang hatt' er hienach im Walde verzogen, um, sobald es völlig dunkel geworden, zu Fuß und heimlich in die Forstmeisterei zurückzuschleichen. Sein Anschlag war so kühn wie klüglich ersonnen, und dannocht hätt' er leicht ein twersch Ende nehmen können; denn wenn ihm die Rüden, so ihn allesamt kannten, auch willig Einlaß gewähret, war er doch in dem Loche selbst einem so grimmen Angriff begegnet, daß es seiner ganzen Kraft und Beherztheit bedurfte, um ihm zu widerstehen. Die argen Sackmänner und Schelme hatten nämlich einen Anschlag wider ihn gezettelt, und es darauf abgesehen, wenn auch über seine Leiche, zugleich mit der jungen Freiheit aus dem Loch zu entwischen. Dem einen Bärenführer war es gelungen, die Bande von den Händen zu streifen, und wie mein Bruder nun in das enge Gemach trat, worin die Gefangenen hausten, fielen sie über ihn her, um ihn niederzuschlagen. Doch der Herdegen hatte allbereit auf der Schwelle ihren Anschlag durchschaut, und nachdem er das Thor hinter sich zugeschlagen, den Hirschfänger gezogen. Die Alte war ihm alsbald an die Kehle gesprungen und hatte ihm grausam zugesetzt mit Zahn und Nagel, der erste Sackmann mit einem Brett aus der Pritsche so ungeschlacht auf ihn eingehauen, daß er mehr als ein Glied gequetscht oder gebrochen wähnte, der zweite aber, dem die Hände gebunden, hatte versucht, sich zwischen ihn und die Pforte zu drängen, und es wäre um ihn geschehen gewesen, hätt' ihm die junge Freiheit nicht mit eigener Gefahr das Leben gerettet; denn da der der Fesseln ledige Mann den schweren irdenen Gefangenenkrug erhoben, um ihn dem Herdegen auf den Schädel zu schmettern, war das beherzte junge Weibsbild dem Mordgesellen in den Arm gefallen und hatte sich an ihn geklammert, bis ihn meines Bruders Klinge getroffen. Da war der erste Bärenführer zusammengesunken, mein Bruder aber hatte seine Retterin vom Boden erhoben und sie bis zur Thüre sich nachgezogen. Wie er selbige hienach geöffnet und die Alte und ihr gebundener Gesell die letzte Kraft aufgeboten, um sich ihm nachzudrängen, war es seinem starken Arme gelungen, sie zurückzustoßen und des Kerkers Pforte fest zu verschließen. Endlich führte er das junge Geschöpf, so er doch für besser erkannt, als er nach selbigem Ueberfall gefürchtet, ins Freie, um sein Manneswort an ihr zu halten. Draußen im Wald ließ er sie bei Donner und Blitz des Eppelein Gewand anthun und sodann das Rößlein besteigen. Hienach führte er sie zu dem Bache, der durch den Wald in die Felder rinnet, und hieß sie in selbigem fortreiten, so lang es gehe, um den Rüden die Witterung zu entziehen. Das Brot in der zweiten Satteltasche konnte sie etliche Tage nähren, und so lag es denn nur an ihrer Klugheit, den Häschern zu entrinnen. Der verlorenen Maged aber hat die Gutthat, die mein Bruder ihr erwiesen, in die Seele gegriffen; denn wie er das Roß eine Weile geleitet, war er nach dem Verlust so vielen Blutes auf den nassen Waldgrund gesunken, und wie er dann die Augen wiederum aufschlug, fand er sein Haupt in ihrem Schoß, und ihre Lippen auf seiner Stirn. Trotz der Gefahr, die ihr dräute, hatte sie ihn nicht im Stich gelassen, sondern alles aufgewandt, ihn ins Leben zurückzurufen, also daß sie sogar beim Schein der Blitze Blätter gesammelt, um damit das Blut zu stillen, so sich aus der tiefsten Wunde reichlich ergossen. Auch war sie nicht zu bewegen gewesen, ihres Weges zu reiten, bis er ihr gezeigt, daß er wieder zu schreiten vermöge. So ist's denn gekommen, daß ich ihrer längst im Guten gedenke, und sie ist auch nicht völlig verderbt gewesen, wie ja jedwedes Menschenherz etwas Gutes birgt, dem es noch gegeben, sich der Minne zu öffnen, sintemal die Minne, die alles verkläret, sicherlich hell, und was hell, auch gut, und das Licht nicht früher erloschen ist, bis das letzte Fünklein verglommen. Was den Herdegen selbst angeht, so hat es mir nimmer eingehen wollen, wie er zur nämlichen Stunde, in der er der reinsten und holdseligsten Herzliebsten die Treue brach, sich in große Fährnis begeben mochte, um einer verlorenen Landfahrerin Wort zu halten; am höchsten angerechnet hab' ich ihm aber, daß er Ehre und Leben einsetzte, um diejenigen dem Arme der Gerechtigkeit nicht entrinnen zu lassen, die ihm um schwerer Missethaten willen verfallen, und solches Heilighalten des Rechtes erhebet wohl die Mannsbilder höher über uns Weiber, denn alles andere. An jenem Abend nun, da der Ohm Kristan meinem Aeltesten zutrank, war selbiger wieder an Leib und Seele der Alte. Anfänglich war es gewesen, als habe sich eine Schranke zwischen uns erhoben, nachdem ich ihn aber vergewissert, daß ich vor seiner Herzliebsten geheim gehalten, was mir bei der Mooshütte zu Gesicht gekommen, erwies er sich mir wieder so hold und zutraulich wie in früheren Tagen, auch zeigte er sich weit schneller gewillt, der Ann zu geloben, was sie begehrte, als ich es von seinem steifen Nacken erwartet. Auch hörte er gelassen hin, da ich ihm das Wort der Ann wiederholte, sie sei bereit, ihm in den Tod zu folgen, doch nicht in die Schande. Dergleichen, versicherte er, habe sie von einem wackeren Gesellen, – und für einen solchen dürfe er sich trotz all seiner Ruchlosigkeit halten – nie und nimmer zu befahren. Dann streckte er seines Leibes ganze Länge gewaltsam auf dem Sorgenstuhle aus, schlug die Arme hoch empor und rief: »O Gred! Wenn Du doch einmal nur ein arm halb Stündlein in Deines tollen Bruders Haut schlüpfen könntest! In Deiner eigenen, die so gar tugendlich weiß ist, wirst Du mich nimmer, und bis auf den jüngsten Tag nicht, begreifen. Hab' ich mir einmal eines Müden Ansehen gegeben, so geschah's der leidigen Fürnehmheit zu Gefallen; in Wahrheit möcht' ich zehnmal des Tages vor lauter wilder Lebenslust losplatzen und aufwärts schießen wie die Pulverraketen. Packt es mich so, dann gibt's kein Halten, und schwören könnt' ich, die ganze schöne Welt sei nur gemacht und geschaffen zu meinem besonderen freien Gebrauche, samt allem, was in ihr, und der übrigen Kreatur weit voran ihr holdseligen Evastöchter alle! Und die Weiber – glaub es mir, Gred – sie geben mir recht. Wenn ich die Arme nur öffne, fliegen sie mir willig hinein, und sie sodann nicht zuklappen, Gred, das fällt sauer, wenn es auch nur eine Seligkeit gibt und eine Ann, und es von allen Wonnen die höchste bleibet, sie ans Herz zu ziehen und ihre Lippen zu finden. Ich will ihr Treue halten, will nichts von den anderen allen; doch wie weis' ich sie von mir? Sollt' ich wohl wünschen, die Buberei hätte mir das Auge geblendet, mir das Bein lahm geschlagen, kurz, mich zur Vogelscheuche gemacht, auf daß die Weiblein mich mieden? Und käm' es dahin, das heiße Schopperblut würde doch kein Wolkenbruch kühlen, und das wilde Verlangen hier drinnen schlägt keine Eichenplanke und kein Steinkrug zu Tode! Es bliebe noch übrig, mich wie der heilige Franz in die Dornen zu werfen. Aber was möcht' es wohl frommen? Du siehst ja, wie hurtig an dieser Haut auch schwerere Wunden genesen!« Wie ich ihn hienach ernstlich auf seine Pflicht gegen diejenige hinwies, die sich ihm ganz zu eigen gegeben und mit der er die Ringe gewechselt, rief er: »Meinst Du, ich sagte mir nicht stündlich, daß sie tausendfach höheren Wertes, denn die anderen alle zusammen? So hold wie ihr von Kindesbeinen an war ich noch keiner, kann ich keiner je werden, und verlör' ich sie, ich ging' sicherlich rettungslos zu Grunde; denn nur aus ihr schöpf' ich alles, was an mir Halbverlorenem das Beste!« Dergleichen bekam ich fast häufig von ihm zu hören, und wenn ihm dabei die großen blauen Augen erglühten und er sich das wallende Goldgelock jählings von der Stirn strich, dann stellte er ein so einzig schön Jünglingsbild dar, daß man die Evastöchter wohl begriff, die sich so willig zeigten, ihm in die Arme zu fliegen. Gerade heute fehlte die Muhme Jacoba nur ungern unter den Gästen, maßen wir morgen heimzukehren gedachten, und die Herren beim Abschiedstrunk saßen. Der Base Metz war die Aufgabe geworden, den Ohm Kristan vor allzu reichlichem Trunk zu hüten; doch macht' er es ihr an selbigem Abend fast schwer, ihre Pflicht zu erfüllen, ja da sie ihm den dritten Becher beharrlich versagte, wußte er sie zu überlisten und seiner dannocht habhaft zu werden; auch gelang es ihr nicht, ihn zur Herausgabe des unrechten Gutes zu bewegen. Wie er vorher dem Herdegen geweissagt, es werde aus ihm etwas werden, hatte sich solches auf die Wahrnehmung bezogen, daß selbigem allbereit der vierzehnte Becher gefüllt ward, und nachdem mein Bruder selbigen geleeret, rief der Alte vergnügt: »Der Eppela Gaila von Dramaus Reit' allezeit zu vierzeht aus. Alter Reimspruch des Nürnberger Volkes auf den Hauptplacker (Raubritter) Apollonius von Gailingen, der der Stadt des Schadens und Schabernackes viel zufügte. Aus dem Namen seiner einen Burg Drameysel bei Muggendorf in der fränkischem Schweiz wurde im Volksmunde »Dramaus«. [Vgl. » Eppela Gaila « in Grimms Sagen sowie » Epple von Geilingen « und folgende in Schöppners Bayrischen Sagen] Bringt es der Bub auf dreimal die heilige Sieben, so erreicht er, was ich in seinen Jahren geleistet.« Hienach bracht' es der Herdegen wirklich auf den einundzwanzigsten Becher, und da er zuletzt dem Ohm zu Gefallen den langen Rebenter auf der Dielenritze durchmaß, verehrte ihm selbiger den köstlichen Eberbecher, den er sich vormals bei einem Wetttrinken erzechet. Uns übrigen gewährte das alles fröhliches Genügen, nur nicht dem Jost Tetzel, der selbst nur ein gar mäßiger Herr; auch hab' ich mich später oftmals gefragt, da ich zu Venedig reiche und fürnehme Herren sich des Rebensaftes sparsam bedienen sah, worin es denn liege, daß wir Deutschen uns des Mannes freuen, der dem Weine wacker zuzusprechen vermag, und denjenigen leichtlich über die Achsel anschauen, der sich vor einem wackeren Trunke scheuet. Wenn mir aber die Antwort immerdar schnell zur Hand war, so dankte ich solches dem Ohm Kristan Pfinzing; denn da ich am selbigen Abend dem Herdegen wehren wollte, weiter zu trinken, fiel selbiger mir ins Wort und sagte, es sei des rechten Mannes Pflicht, es Sankt Georg, dem Drachentöter, in allen Stücken gleich zu thun und jedwedes Ungeheuer, heiße es, wie es wolle, rüstig zu bestehen. Auch im Wein hause ein Drache, Rausch genannt, und deutscher Kraft und Art komme es zu, mit solchem nicht nur fertig zu werden, sondern ihn sich dienstbar zu machen. Wie der Lindwurm des Heiligen, so habe auch der des Rebensaftes zwei mächtige Fittiche, und der echte deutsche Zecher vermöge sich ihrer zu bedienen, um sich auswärts bis in den siebenten Himmel zu schwingen. Was meinen Herdegen angeht, so muß ich bekennen, daß er im Rausche hochgemuter wurde, geistesheller und sangesfroher, und solches wird nur den bevorzugten Drachenbändigern zu teil, die ein liebenswert Gemüt und wuchtig Hirn von Mutter und Vater ererbet. Dergleichen muntere Händel hatt' es jeglichen Abend beim Weine gegeben; doch immer ohne den Ritter Franz. Selbiger mußte sich noch sein still auf der Kammer halten, obzwar Meister Ulsenius des Lebens Gefahr für gehoben erklärte. Einen Schaden an der Lunge sollt' er freilich zurückbehalten, und erst nach etlichen Wochen konnt' er uns folgen. An die Fahrt auf sein Schloß im Böhmerland war in der kommenden Winterszeit zunächst nicht zu denken, und so wurde denn beim Abschiedstrunk beratschlagt, unter wessen Dach er Herberge finden möge. Am liebsten hätt' er wohl in unserem Hause Einkehr gehalten, doch des weigerte sich Base Metz, und mit gutem Grunde, maßen ich ihr frei gekündet, ich werde sein Werben in alle Ewigkeit nicht erhören. Endlich ging sie den Jost Tetzel geradeaus an, ihm in seinem großen Hause Quartier zu bieten, und selbiger weigerte sich des mit nichten, sintemal der Ritter Franz von Welemisl ein reicher, fürnehmer Herr und seine böhmische und ungarische Freundschaft das meiste galt am Hofhalt des Kaisers. Am folgenden Morgen beim Johannistrunk wurden die Augen nur feucht, und bewegten Herzens nahm ich Abschied vom Walde, dem Ohm und der Muhme Jacoba, die ich diesmal erst recht wertschätzen gelernet. Wie die Ann, so zog auch ich ernster heim, als ich gekommen; denn ich war kein Kind mehr, und mit dem Frohmut jederzeit hatt' es ein Ende. Mein neuer Knapp Akusch ritt hinter mir her, und also gelangten wir lachend und wohlbehalten an einem schönen Novembertag gen Nürnberg. Im Hallergarten, den nunmehr die Stadt als ihr Eigentum erworben, wurden das Kameeltier, der Bär und das Aefflein gepfleget, so sie der Landstreichersippe abgenommen, die man gerichtet hatte, und der Gott gnädig sein möge. Der Ann war unsere Ankunft vermeldet worden, doch fand ich sie nicht, und da ich sie bis zum Abend vergeblich erwartet, sucht' ich sie auf in ihrem venetianischen Hause; doch schon auf dem Soler nahm ich wahr, daß nicht alles stund, wie es sollte, maßen es hier, wo sonst ein Dutzend kleiner Füßlein hurtig treppauf treppab sprang, und das Singen und Klingen kein Ende fand von früh bis zum Abend, eine sonderbar tiefe Stille herrschte. Da stund ich und lauschte, und jetzt erst fiel mir bei, daß ich das Messingtäfelein, darauf der Klopfer fiel, mit Filz bekleidet gefunden. Nun begann mir Uebles zu schwanen, und vor meinem innern Auge sah ich plötzlich zwei Schreine; auf dem einen aber lag die Ann totenbleich und still, und auf dem andern des Vetters Götz entschlafene Herzliebste, des Rotschmiedes Tochter, die sie Schön-Trudlein geheißen. Aber da ließen sich Tritte auf der Treppe vernehmen, und alsbald schwand das Gesicht, und ich atmete freier; denn der Ann Großvater, der alte Lautenist Gottlieb Spieß, trat mir entgegen, kündete mir mit tiefen Sorgenfalten auf dem freundlichen Gesicht und dem Finger am Munde, sein Sohn liege hart an einem hitzigen Gehirnfieber darnieder, und Meister Ulsenius habe gestern abend das Schlimmste befürchtet. Hier schnitt ihm das schwere Herzeleid die Stimme ab, und doch trug ihm sein jung Knechtlein die Laute nach, und da er mir zum »Valet« die Hand bot, kündete er mir, die Ann sei droben und warte des Vaters. »Und ich,« fuhr er fort, und es klang zwar bekümmert, doch mit nichten bitter, »und ich – es gibt hier so vieles, was notthut, und doch keinem in den Schoß fällt – ich muß an die Arbeit! Zuerst zu den Tetzels, um dem jungen Volk den Festreigen einzulernen für den fünfzigsten Geburtstag des Hausherren. Sie rechnen dabei auch auf Dich und Deinen Bruder, lieb Gredlein. Freuet euch, Kinder, so lang es noch Zeit ist!« Dabei fuhr er mit der Hand an die Augen, schaute nochmals nach dem Oberstocke hinauf, wo seines Sohnes Haupt im Fieber brannte, und ging aus, um leichtherzige junge Menschenkinder den heiteren Festreigen singen zu lehren. Gleich darauf hielt ich die Ann in den Armen und sie sah so anmutig und frisch aus denn je. Die strenge Pflicht, die ihr zu erfüllen oblag, war ihr heilsam gewesen, und doch hatte sie guten Grund, sich schwer um die Zukunft zu sorgen; denn mit dem Vater starb dem Haus an der Pegnitz auch der Ernährer. Da that es mir denn unsäglich wohl, sie der treuen Minne des Herdegen getrösten und ihr die mancherlei guten Worte wiederholen zu dürfen, mit denen er ihrer gedacht. Solche vernahm sie fast gern, und sintemal echte Minne eine Blume, die, wenn sie das Haupt senkt, nur eines Tröpfleins frischen Taues bedarf, um es wiederum zu erheben, hatte sich ihrer schon nach meinem letzten Schreiben neue Zuversicht bemächtigt. In der trübsten Leidenszeit war ihr zudem noch etwas anderes Herzerfreuendes widerfahren; denn der Meister Ulsenius und seine wackere Hausfrau hatten sie, seitdem sie bei der Heimkehr aus dem Forst in ihrem Haus übernachtet, fast liebgewonnen, und der wohlgesinnte Arzt, der ein vielbelesener Herr, war bedacht gewesen, ihr auch seine reiche Bücherei zu erschließen. So fand ich denn die Ann, trotz der schwersten Trübsal, aufrecht und mutvoll, und wenn herzinnigliche und warme Fürbitte einem Siechen aufzuhelfen vermag, hat es nicht an mir gelegen, wenn ihr Herr Vater dannocht am fünften Tage nach meiner Heimkunft eines schweren und schmerzlichen Todes verblich. Wie man mir aber solches vermeldet, war es, als greife mir eine harte Hand an den freudigen Glauben, und dem armen, kurzsichtigen Menschengeiste mußt' es wohl schwer fallen, eine Antwort auf die Frage zu finden, zu was Zweck und Nutzen dieser Mann auf der Höhe der Manneskraft dem Leben entrissen. Um die große Zahl der Seinen schicklich durchzubringen, sein Häuslein von Schulden zu befreien und für üble Zeiten einen Sparpfennig zu sammeln, hatte er außer den Geschäften seines Amts die Verwaltung fremden Gutes übernommen, also daß er oft die Nacht in den Tag verwandelt und endlich, obschon er ein kernfester Mann gewesen, war er von dem Gehirnfieber ergriffen worden, so ihn von hinnen geraffet. Da lag es denn nahe, zu wähnen, der redlichste Fleiß und das wackerste Streben habe die schwerste Strafe geerntet, die einem Mann in seiner Lage auferlegt werden mag, das ist, von den Lieben zu scheiden, bevor es möglich geworden, ihre Zukunft sicher zu stellen. Wir alle gaben der Leiche des Dahingegangenen das Geleit, und neben dem offenen Sarge dieses wackern Mannes war es, wo der Herdegen die Herzliebe zum erstenmal wieder begrüßte. Es hatten sich auch viele andere dort eingefunden, und so konnte er ihr nur die Hand still und inniglich drücken; doch schaute er ihr dabei so treu in die Augen, daß man in seinem Blick eine Verheißung, die einem Eidschwure gleichkam, zu lesen vermeinte. Der Herr von Hellfeld, Plebanus von Sankt Lorenz, hielt den Leichensermon, und er that es in gar auferbauender Weise, und wie er herfürhob, es werde jeglicher unseren Erlöser und Heiland selbst zu Gaste laden und ihn zu seinem Schuldner machen, der denen treue Liebe erweise, für die das Vaterherz nimmer schlage, drückte mir mein Aeltester verstohlen und dannocht kräftig die Rechte. Auch der Kunz hatte sich eingestellt, und vor der Leiche des Mannes, der ihm vor uns Geschwistern allen den Vorzug gegeben, weinte er so bitterlich, als sei ihm der leibliche Vater gestorben. Die Herren vom Rat waren sämtlich gekommen, dem Manne die letzte Ehre zu erweisen, dessen Wirken sich doch eng an das ihre geschlossen, und mehr denn einen sah ich den andern anstoßen und ihn hinweisen auf die wundersame Schöne der Ann, die in den schwarzen Trauergewändern unter den kleinen Geschwistern dem Schutzengel gleichsah, der mit den Bekümmerten weint und die Klagenden tröstet. Und so hört' ich auch manchen Vater eigener anmutiger Töchter bei jenem Anlaß bekennen, dieser holdseligen Jungfrau Liebreiz habe nicht seinesgleichen in Nürnberg. Auch dem Herdegen kam solches zu Ohren, und ich nahm wahr, wie es ihm das Herz hob und ihn in guten Vorsätzen stärkte. Hienach gab er auch bald durch die That zu erkennen, wie er gesonnen; denn da der Herr Notarius Holzschuher vom Rat, den der Verstorbene zum Vormund seiner Kinder bestellet, der Base Metz, der er als lieber Vetter und Ratsfreund nahe stund, in unserem Hause mitteilte, daß es doch besser um die Witwe und Waisen stehe, denn er besorget, so daß sie ihr Häuslein behaupten könnten, wenn man an die Taschen der Ehrbaren klopfe und sie bewege, die Schuld, die darauf laste, zu tilgen, fuhr mein Aeltester auf und erklärte, daß den Hinterbliebenen eines aufrechten und ehrenfesten Bediensteten der Stadt, so des Schopperhauses Freunde, das Leben anders und ehrenhafter denn mit Hilfe erbettelter Heller gefristet werden solle. Er sei noch nicht volljährig, doch habe er im Sinn, den Ritter Im Hoff, unseren Vormund, zu ersuchen, ihm so viel von dem Seinen vorzustrecken, als nötig, um die auf dem Häuslein lastende Schuld zu tilgen; und obzwar der Herr Holzschuher den Kopf dazu schüttelte und solches für den Herdegen kein leichter Gang war, begab er sich dannocht ungesäumt zu dem Großohm. Bei selbigem fand er freilich einen andern Empfang, als er gehoffet; denn der alte Herr setzte eine Ehre darein, des ihm anvertrauten Mündelgutes mit allem Fleiß zu walten, um, wenn es vor der gesamten Stadt zur Auszahlung kommen werde, durch hohe Ziffern zu zeigen, mit wie weiser und glücklicher Hand er unsere Habe gemehret. Was mein Bruder Bettelei hieß, nannte er nur eine wohlverdiente Steuer, die des Verstorbenen Leuten mit nichten zur Schande, sondern zur Ehre gereiche; er selbst aber sei willens, sich mit einem Dritteil der gesamten Summe zu beschatzen. Was uns Dreien von unseren Eltern selig anerstorben, davon gebe er keinen schlechten Heller heraus. Außerdem hatte der Großohm von der Ann seltenem Liebreiz vernommen, und so hätte er wenig hellsehend sein müssen, wenn er nicht auf des Herdegen wahre Beweggründe gekommen; solche aber waren ihm die ungenehmsten von allen, maßen es bei ihm feststund, die Ursula Tetzelin mit dem Herdegen zusammen zu geben, sobald selbiger den Doktorhut erworben. Also kam es, daß der Großohm und sein bevorzugter Liebling zum erstenmal in Unfrieden von einander schieden, und wie der Herdegen mit glühenden Wangen und seiner selbst kaum mächtig heim kam, vertraute er mir, daß er zwar einstweilen noch unterlassen, dem Alten anzuvertrauen, wie eng er allbereit mit der Ann verbunden, sonst aber ihm sonder Scheu reinen Wein eingeschenkt habe. Beim Abendmahl rührte der Herdegen kaum an, was man auftrug; denn er konnte es nicht verwinden, seine Braut zu einer Almosenempfängerin herabsinken zu sehen. Trüb und unwirsch erhob er sich von der Tafel, und weil es der Base gar zu nah' ging, den Liebling so unfroh zur Ruh' gehen zu sehen, zog sie ihn beiseite, und da sie auch allbereit mit stillem Bangen erraten, wie es mit ihm und der Ann bestellt sei, gab sie ihm gute Worte und erklärte sich bereit, das Spießsche Häuslein ohne fremder Leute Beistand schuldenfrei zu machen. Um ihn heiter zu sehen und ihrem lieben Annelein zu Gefallen, sei sie zu noch ganz anderen Opfern bereit; sie wisse ja ohnehin nicht immer, wohin mit dem Ihren. Allbereit am folgenden Morgen ward nun durch den Herrn Notarius selbiger Handel in aller Stille bereinigt, und obzwar der Herr Holzschuher das Ding solcherstalt darzustellen wußte, als hätten sich in des Verstorbenen Nachlaß Mittel gefunden, die Schuld abzulösen, sah die Ann doch das Rechte, während ihr schön Mütterlein sich solcher günstigen Wendung sorglos freute. Von jetzt an war es der Ann kleine Hand, die das vaterlose Häuslein fest und sicher regierte, während Frau Giovanna nach wie vor für die zierliche und saubere Kleidung der Kinder Sorge trug und den Blumen am Fenster, dem kunstreichen Nadelwerk und dem Kosen mit den Kleinen lebte, sobald sie den leichten Dienst in der Küche verrichtet. Es war ihr und den Ihren vergönnt, für alle Zukunft an der Pegnitz wohnen zu bleiben, auch vermochten sie zwar bescheidentlich, doch ehrbar und sonder fremden Beistand zu leben. Nur ein Almosen ward ihnen kurz nach Beginn geglichen Mondes zu teil, und zwar in geheimnisvoller Weise; denn kam selbige Zeit, so fand sich regelmäßig auf dem Bord im Soler ein Päcklein, darin zwei ungarische Dukaten lagen; und es wäre sicherlich in alle Ewigkeit verborgen geblieben, wer dieser freundlichen Liebung Spender gewesen, wenn die Sus nicht von ungefähr, und zu seinem Verdruß, meinen Bruder Kunz als solchen verraten. Von den drei Dukaten, so ihm sein Geschäftsherr, der Großohm Im Hoff, seitdem er die Lehrzeit vollendet, monatlich zusprach, spendete er heimlich deren zwei dem von der Ann geleiteten Hausstand. Unsere alte Sus war dabei die Helferin, und wenn er selbst sich verhindert sah, das Päcklein auf den Bord niederzulegen, mußte sie sich unter einem Vorwand in das Häuslein am Wasser begeben. Der ehrbare Rat und mancher Freund, dessen Erkenntlichkeit sich der Verschiedene erworben, eröffneten den Waislein die besten Schulen der Stadt, und was die Ann bei der Karthäuserin als unser Princeps erworben, solches übertrug sie nunmehr in ernsten Lehrstunden auf die kleineren Schwestern; auch widmete sie dem taubstummem Brüderlein nach wie vor die allerliebreichste Sorge. Elftes Kapitel. Vor der Marterwoche sollte der Herdegen nach Padua zurück, und der wenigen Monde, so zwischen dem Begräbnis des wackeren Veit Spieß und meines Aeltesten Abschied lagen, ihrer will ich ewiglich dankbar gedenken. Da verging kein Tag, der uns nicht zusammengeführt hätte, und nachdem das Herz mir geboten, die Base ins Vertrauen zu ziehen, und der Herdegen darein gewilligt, wurden wir auch der Heimlichkeiten ledig, so unserer Seelen Ruhe anfangs getrübet. Wohl war es der wackeren Frau nicht leicht worden, sich in dies frühe und unherkömmliche Verlöbnis zu fügen, doch ihm ernstlich zu widerstreben, dazu mangelte ihr dannocht Mut und Vermögen. Wer zwei liebe Menschen der höchsten Glückseligkeit übervoll sieht, der muß anders beschaffen sein denn unsere Base Metz, um sie aus dem Edengärtlein zu verjagen und ihnen die gegenwärtigen Wonnen vorzuenthalten aus Furcht vor künftigem Leide. Solches sah die Base freilich in mancher bangen Tages- und schlaflosen Nachtstunde voraus, sonderlich weil sie vor dem Großohm eine schier ehrfürchtige Scheu hegte; auch mangelte es ihr mit nichten an dem alten Geschlechterstolze, der jedem Nürnberger Kinde eigen, dem allbereit in der Wiege ein ritterlich Wappen zukommt. Daß die Ann ein arm Mägdelein, kümmerte sie wenig; doch daß sie nicht zu den Geschlechtern gehörte, war ihr zuwider und gab ihr zu denken. Wenn sie dann aber ihres Herzblattes Herdegen Augen so glückselig strahlen und die Ann in züchtiger Wonne an ihn geschmiegt sah, dann war es aus mit Aergernis und Sorge. Hab' ich nun vorher dem Walde in seiner Lenzes- und Herbstschöne ein lautes Lob gesungen, und ist mir solches gewiß aus der vollen Seele geflossen, vermag ich dannocht nicht minder freudig die Winterszeit in der Stadt zu preisen, zumal wenn dem Menschen ein so warm und fest gefügt Heim bescheret wie unser alter Schopperhof. Da im vorigen Saeculo, zur Zeit des Regierungsantrittes Kaisers Caroli , die Zünfte unter der Führung des Gaisbartes und Pfauentrittes sich gegen die Geschlechter und den ehrbaren Rat erhoben, warfen sie jenen vor, ihre Häuser seien keine bürgerlichen Gebäu, sondern adelige Sitze und Schlösser, ihre Haushalten keine bürgerlichen Haushalten, sondern fürstlichen Hofhaltungen vergleichbar, – und solches wich nicht weit ab von der Wahrheit; auch hab' ich vernommen, daß wie jüngst etliche Kaufleute aus den skandinavischen Landen Nürnberg besuchten, sie geäußert hätten, ein Nürnberger Geschlechterhaus könne sich in jeder Rücksicht mit dem Palatium ihres Königes messen. Was nun unser Schopperhaus angeht, so war es vierstöckig mit sieben Fenstern in jeder Reihe, zierlichen Erkern an der Seite und spitzen Türmlein auf dem Dache. Der Giebel wandte sich in drei Stufen der Straße zu, ob dem hohen Hausthor prangte unser Wappen mit dem Schopperkettlein und dem Narren auf der Helmzier. Das Mittelfenster des ersten und zweiten Stockes war von stattlicher Breite; auch blinkten darin helle und ansehnliche Scheiben von venedigschem Glas, während die anderen Lichter nur mit kleinen runden Butzen in bleierner Fassung verschlossen. So bot es schon von außen einen gar stattlichen Anblick, doch etwas Wärmeres, Dichteres, Behaglicheres denn die Wohnräume, so uns im Winter Herberge boten, wüßte ich mir nimmer zu wünschen, obzwar ich zu Venedig die Säle und Hallen in den Palazzos der Herren von der Signoria um vieles höher, luftiger, weiter und majestätischer gefunden. Wenn mich aber unter dem sonnigen blauen Himmel der welschen Lande Sehnsucht befiel, so war es zunächst nach dem saftigen, frischen Laub und den vollen Brunnen daheim; doch gleich darauf nach unserem trauten Wohnraum im Schopperhause, mit dem warmen grünen Apostelofen und dem Erker, wo ich so manche Strähne feinen Garns gesponnen, und der geradezu mein eigen, wenn ich auch das Anrecht daran froh genug aufgab, sobald es den Herdegen verlangte, in seiner traulichen Enge mit der Herzliebsten zu kosen, Die Wände dieses Raumes waren mit flandrischen Tapeten behangen, und die Bilder, so künstlich in sie eingewoben, stehen mir heute noch vor Augen. Das liebste war mir von klein an die Geburt des Heilandes, mit Mutter und Kind, Eselein und Oechslein und den heiligen drei Königen aus dem Morgenlande, von denen der fürnehmste ein rabenschwarzer Mohr war, auf dessen Gewand ein goldigblonder Rauschebart herabhing. Auf der andern Tapete war ein Turnierbild zu schauen, und ich weiß noch recht wohl, daß ich, wie ich noch klein, dem Herold, der in die Trompete stieß, ängstlich auf die hochgedunsenen Wangen schaute, so doch endlich platzen mußten, maßen er sie immerfort so ungestüm ausblies. Selbige Tapeten waren mit den Wänden durch eine leichte Wölbung verbunden, die mit Eichenholz bekleidet, in das mein Herr Vater selig manch Sprüchlein hatte schneiden lassen, so er selber gesetzet. Da hieß es: »Unser Dasein ist wie ein Angesicht, Die Minne aber sein Augenlicht.« Oder: »Der Herrgott läßt sich weder schauen noch fassen, Auf daß ihn zu suchen wir nimmer lassen.« Oder: »Wie Gott meiner waltet, ich hatte still, Des Meinen nach eig'ner Macht walten will.« Weil nun der Vater selbst des Sanges froh gewesen, hieß es an einer andern Stelle: »Das Leben schaut sich wie ein Dornenstrauch an, Der Sang sind die Knospen und Blüten dran.« Manches Reimlein stammte auch von dem Großvater selig, und zum Exempel auch dieses: »Mich trug durch die Welt manch Roß und manch Rad, Doch fand ich nur eine Nürnbergstadt.« Unter unser Wappen hatt' er geschrieben: »Die Kett' hier im Schilde hält treu und fest, Der Narr auf dem Helm sich's nicht grämen läßt.« Von dem schön geschnitzten Gestühl und dem Polsterwerk, so mit buntem levantinischem Dibakgewebe von gar lustigem Ansehen überzogen, von all dem artigen Kunstgerät auf den Borden, von dem venedigschen Spiegelein und dem Messingkäfig mit dem grauen Pagelun , den der Falkenhändler Jordan Kubbeling von Braunschweig schon der Mutter selig mitgebracht hatte, will ich geschweigen; doch das sei noch berichtet, daß alles gar blink und blank war, kunstreich und sinnig, fest und warm. Wäre nun solches auch weit weniger köstlich und anmutig anzuschauen gewesen, so wehte darin doch eine gar so traute heimliche Luft, daß es jedermann wohl behagen mußte; denn da gab es nichts von gestern und heute, vielmehr hatte sich an allem, was schön darin war, schon gar mancher gefreut, an dem unser Herz hing, und unser Wohlbehagen an selbigem Raum war nur wie die Fortsetzung des nämlichen Wohlgefallens, so allbereit Eltern und Großeltern genossen. Doch wer diese Schrift lesen wird, weiß ja, wie ein Nürnberger Geschlechterhaus beschaffen, und wer selbst in einem solchen die Kindheit verlebte, dem ist auch bewußt, wie herrlich es sich in dem großen, weiten Soler Versteck spielt, und was Kurzweil verschiedener Art sich in dem dämmerigen Festsaal mit den verhängten Lichtern und dem mächtigen Balkenwerk des Daches treiben läßt; wir aber haben davon sicherlich nichts Nennenswertes unterlassen. Doch damit war es allbereit lange vorbei; nur die Freude am Sang mochte im Hause des Mannes nimmer erlöschen, der es gern gehöret, wenn seine Mitbürger ihn den Sänger-Schopper hießen. O wie wundervoll klangen meines Bruders und der Ann Stimmen zusammen, wenn sie zur Laute oder Mandoline deutsche Lieder sangen oder auch die welschen, so ihnen bewußt. Eines aber war dabei, das ich nimmer genug hören mochte, und von dem ich vermeinte, daß es auf des Herdegen Flatterherz wirken müsse wie gute Arznei. Meister Walther von der Vogelweide hatt' es vollbracht, und es lautete also: »Die Minn' ist weder Mann noch Weib, Sie hat nicht Seele, hat nicht Leib, Irdisch Bildnis ward ihr nicht beschieden, Ihr Nam' ist kund, sie selber fremd hienieden. Und es kann doch niemand ohne sie Des Himmels Gnad' und Gunst gewinnen: Vertraue denen, so da minnen, In falsche Herzen kam sie nie. « Wenn dieser Endreim nun anhub, dann stimmte der Kunz oft mit ein, indem er den aushaltenden Brummbaß zur Melodie auf sich nahm. Sonst hielt er sich bescheidentlich zurück; denn seitdem er wußte, daß der Herdegen mit der Ann einig, erwies er sich ihr gewärtig wie ein vielgetreuer Dienstmann, während er sonst stiller geworden war und in unseres Aeltesten Gegenwart geradezu mundfaul; doch sah ich leicht darüber hinweg, sintemal ich auch sonst wahrgenommen, daß Brüder miteinander wenig gesprächig und unter Freunden der eine gern schweigt, wenn der andere das Wort führt. Uebrigens sollte auch der Kunz uns um Ostern verlassen und auf des Großohms Im Hoff Geheiß gen Venedig ziehen. Des Herdegen brüderliche Liebe hatte gewiß keinen Abbruch erlitten; doch wie mancher andere Jünger Minervas, war auch dieser geneigt, auf den des Mercurius hoffärtig niederzuschauen. Trotzdem hielten des Schopperkettleins Ringe, zu denen die Ann als das vierte gekommen, in festester Innigkeit zusammen, und wenn wir nicht sangen, sondern uns nur geselliger Gespräche erfreuten, so drehten sich selbige fast selten um nichtige Dinge, sintemal der Herdegen zu denen gehörte, die gern und anmutig mitzuteilen wissen, was sie Wissenswertes erworben, und es der Ann gegeben war, scharf zu hören und klüglich zu fragen. Und was hatte mein Aeltester nicht alles von dem großen Guarino und desselbigen ausnehmenden Humanisten ebenbürtigem Schüler Vittorino von Feltre erlernet, der damals zu Padua lehrte! Woher er aber bei seinem schier ausschweifenden Leben Zeit gefunden, außer der Rechtsgelehrsamkeit sich auch des Griechischen so emsig zu befleißigen, daß der Magister voll seines Rühmens, solches ist mir oft wie ein Rätsel erschienen. Und wie lauschten wir, wenn er uns von dem großen Plato erzählte und uns wissen ließ, aus was Grund und Ursach' ihm seine Lehre trauter und fürnehmer scheine denn die des Aristoteles, von dem er allbereit zu Nürnberg aus der Schule mancherlei erfahren. Wenn mir aber vordem gebanget, die Werke der Heiden möchten ihn abwenden vom rechten Glauben, so beruhigte sich nun meine Seele, da mein Aeltester uns zeigte, daß ein so ausbündig Kirchenlicht wie der heilige Augustinus ihnen manche Strecke Weges gefolgt sei. Auch aus des Homerus Gesängen hatte der Herdegen viele Verse aus einer köstlichen Handschrift kopiret und sie nach Anweisung des Meisters von Feltre wohl zu erfassen gelernet. Es war die Stelle, darin ein großer Kriegsheld, bevor er in den Streit zieht, seiner Hausfrau und ihrem Büblein »Valet« sagt, und selbig Stück erschien der Ann und mir so groß und dazu doch so herzig, daß wir wohl begriffen, wie der edle Petrarca zu schreiben vermocht, er freue sich schon des bloßen Anblickes des Homerus, und es lüste ihn, den Großen in die Arme zu schließen. Aber noch höheres Ergötzen denn die griechischen und römischen Heiden gewährten uns des Petrarca Poesien und Schriften. Meister Ulsenius hatte sie allbereit der Ann geliehen, und wie die Biene aus der Blume, sog sie sich täglich aus ihnen ihr Tröpflein Honig. Doch ein Bekenntnis des Petrarca, der sich wohl von allen Liebenden als der treuste bewähret, war ihr vor anderen lieb geworden. In der furchtbaren Zeit des schwarzen Todes, der in Mitten des vorigen Saeculi die Welt und fürnehmiglich auch Welschland heimsuchte, war ihm nämlich das Weib, dem er die heißeste und reinste Minne gewidmet, als Engel des Himmels an einem schönen Frühlingsmorgen im Traume erschienen. Da hatte er sie gefragt, ob sie lebe, und war der Antwort teilhaftig geworden: »Erkenne mich; denn ich bin es, ich, die Dich fortzog von dem Weg des Gemeinen, da Dein junges Herz sich an mich knüpfte.« Und an selbigem sechsten April, der ihm solchen Morgentraum bescheret, einundzwanzig Jahre, nachdem er der Geliebten zum erstenmal begegnet, war Laura eines seligen Todes entschlafen. Mit bittend erhobenen Augen wiederholte sie dem Herzliebsten, da sie im Erker beisammen saßen, wie die Laura den Petrarca abgewandt vom Gemeinen, und es griff auch mir ans Herz, als sie ihn bang und dannocht warm und inniglich anging, ihr zu vergönnen, ihm eine zweite Laura zu werden, damit auch er von dem ausgetretenen Pfade weiche, der für seinen beflügelten Geist viel zu gering sei und niedrig. Während sie nun solches sprach, gewannen ihre großen Augen einen sonderbar lichten, verklärten Glanz, und da ich in ihr lieb Antlitz schaute, das der Trauerschleier umrahmte, ward mir so andächtig zu Sinne wie in der Kirche. Und der Herdegen mochte das Gleiche empfinden, sintemal er das Knie vor ihr neigte, das Haupt in ihrem Schoß barg und ihr die Hände wieder und immer wieder küßte. Doch solcher Weihestunden gab es nicht viele. Im ganzen war es eine schöne, gelassene, mit Ernst vermischte Heiterkeit, die uns vereinte, und nachdem Wochen über den Tod des Vaters der Ann dahingegangen, stellte sich auch der alte Frohsinn wieder ein, und wenn der Herdegen sie lange angeschaut, griff er wohl plötzlich in die Saiten und sang das alte Tanzlied: »Komm doch, Liebchen, komm zu mir, Ach, wie sehn' ich mich nach dir, Ach, wie sehn' ich mich nach dir, Komm doch, Liebchen, komm zu mir. Süßer, rosenfarb'ner Mund, Komm und mache mich gesund, Komm und mache mich gesund, Süßer, rosenfarb'ner Mund!« Da stimmten wir denn alle mit ein, auch Base Metz; und selbige wandte sich wohl um oder verließ hinter dem Kunz her und mit dem Finger dräuend das Zimmer, wenn sie wahrnahm, wie mächtig es des Herdegen Lippen zu dem rosenfarbenen Munde der Liebsten hinzog. Es gab aber noch gar viel anderes Schönes zu singen, und oft, wenn wir uns ganz besonders frohgemut fühlten, stimmten wir wunderlich Völklein die allerleidvollsten Sänge an, wie das von den zwei Wassern, und es ward uns dabei nur wohler. Der Herdegen konnte auch in dieser Zeit nicht umhin, der ausgedehnten Freundschaft unseres Geschlechtes aufzuwarten, doch hielt er sich gern von Festlichkeiten und Tänzen fern; wo er sich aber genötigt sah, dem Gastgebot zu folgen, war ich meist an seiner Seite und hatte meine Freude, wie gefällig und dannocht zurückhaltend er sich gegen die anderen Weibsbilder erwies. Bei den Tetzels war des Hausherren fünfzigster Geburtstag gefeiert worden, und er hatte sich schon um des Großohms willen dem Gesuch, bei Sang und Tanz das Seine zu thun, nicht entziehen können; auch sich bequemen müssen, beim Ehren- und Bräutigamstanz die Ursula, des Hauses Tochter, als Partnerin auszuführen. Dabei hatt' er immerfort die nämliche fröhliche Gelassenheit bewahret, obzwar sie nicht von ihm gewichen und ihn sich für den »Schmoller« zum Tänzer erkoren, bei dem man sich zuerst den Rücken wendet und sich endlich mit einem Kuß wiederum versöhnet. Wie es aber dazu kam, trieb mir die jungfräuliche Verschämtheit das Blut in die Wangen; denn beim Schall der rauschenden Musika und vor aller Augen fiel sie ihm wie von ungefähr fest in die Arme, und es geschah ihr fast recht, daß er ihren Mund mied, den sie ihm frei dargeboten, und ihr nur die Stirn mit den Lippen berührte. Weil sie nun beim Ehrentanz seine Partnerin gewesen, lag es ihm ob, sie auch am Schlusse des Festes zum Kehraus oder Großvatertanz Der auch uns noch wohlbekannte Kehraustanz »der Großvater«: »Und als der Großvater die Großmutter nahm, Da war der Großvater ein Bräutigam, Und die Großmutter war eine Braut; Da wurden sie beide zusammengetraut.« auszufordern; und nun ließ sie ihn den Verdruß fühlen, den sie empfunden, und wandte ihm den Rücken; er aber that ihr mit nichten den Willen, sondern faßte sie, bevor sie sich des versah, bei der Hand und zog sie sich nach. Da half kein Widerstreben, und bald ward ihr der Zwang zum Genügen, und ihr Antlitz strahlte wieder gar fröhlich, nachdem er, wie es selbiger Tanz gebeut, mit ihr, den anderen voran, durch Zimmer und Soler, Küche und Hof, Thür und Fenster, ja auch durch die Ställe gerast war. Wie noch heute beim Kehraus, so führte schon damals jedes ein Hausgerät mit sich; – nur keinen Besen, der Unheil herbeifegt – die Ursula aber hatte ein Löffelein ergriffen und schlug ihm, wie das Rasen zu Ende und er die Hand aus der ihren gelöst, mit selbigem derb auf den Arm und rief ihm zu: »Wenigstens beim Tanz bist Du der Alte verblieben!« Mein Bruder aber erwiderte gelassen: »So werd' ich mich auch bei solchem zu ändern versuchen.« Bei dem Christbaum und der Bescherung, die Base Metz am Weihnachtsheiligabend bereitet, war es gar traulich und herzerfreulich bei uns gewesen. Auch die Ann hatte den Weg zu uns gefunden, nachdem sie die Kleinen zur Ruhe gebracht. Der Herdegen hatte sie selbst als das schönste Geschenk bezeichnet, so er dem Christkindlein danke und ihr als ein köstlich Angebinde des großen Petrarca berühmtes Heldengedicht »Afrika«, darin die Thaten des edlen Scipionis gefeiert werden, sowie desselben Poeten kleinere Dichtwerke in zierlicher Abschrift bescheret. Es waren der sauberen Volumina drei, und auf ihre ledernen Deckel hatte der Buchbindermeister nach des Herdegen eigener Angabe die Worte Anna-Laura und um sie her einen Kranz von vollen Gartenrosen gepreßt. Und sie verstund flugs, worauf solches ziele, und es hob ihr Herz mit so froher und hoffnungsreicher Wonne, daß der heilige Christ an jenem Weihnachtsabend sicherlich keinem glückseligeren und dankbareren Menschenkinde in ganz Nürnberg begegnet. Die mannigfachen Pflichten, so ihre Tage erfüllten, hatten ihr selbst nur knapp Zeit gelassen, für ihn die Hände zu regen, doch war ihr das Brieftäfelein gar artig geglücket, darauf sie das Schopperwappen mit bunter Seide und die Worte Agape und Pistis, so Liebe und Treue bedeuten, in griechischen Lettern mit Goldfäden gesticket. Base Metz hatte tief in den Beutel und sogar in den Linnenschrank gegriffen, also daß das Plätzlein unter dem Christbaum mancherlei Ding aufwies, so zum Zuschatz eines fürnehmen Bräutleins gehören, und wenn die Ann solche Gabe auch um ihrer selbst willen erfreuen mußte, that sie ihr leicht noch wohler, weil sie doch verriet, daß die Base ihrem Bunde günstig gesonnen. Auch wir anderen alle waren gar dankbar und heiter; nur der Magister schaute unfroh und sauer drein und wußte sich keinen Rat, sintemal er für die Ann viele Verse und Sätzlein, so meistens auf die Minne bezüglich, aus griechischen und lateinischen Poesien säuberlich ausgezogen hatte, und all sein Trachten, sie der Ann vorzutragen, vergebens geblieben, maßen selbige wieder und wieder durch den Herdegen und mich abgezogen worden, nachdem sie ihn mit Rede und Handschlag ihrer Erkenntlichkeit versichert. Beim Nachtmahl war er so stumm wie die Karpfen, die aufgetragen wurden, und bei selbigem Mahl ging es ihm zum erstenmal auf, daß mein Herdegen-Bruder zwischen ihn und seines Herzens Abgott getreten; ach, und wie leid that er mir, da er sich nach Tisch gesenkten Hauptes auf seine Kammer zurückzog! Wir andern gingen in die Sankt Sebaldkirche, allwo man an selbigem Abend stets um die Mitternachtsstunde eine Metten hielt, und unter der Metten eine Meß, genannt die Christmeß. Base Metz und der Kunz zogen mit uns, ganz wie in der frohen Kinderzeit, da wir dort nimmer gefehlet, und wie uns auf der Gassen allerlei Volk aufstieß, das fröhlich sang: Puer natus in Bethlehem , Des freuet sich Jerusalem; oder das Christlied: Congaudeat turba fidelium! Natus est rex, Salvator omnium, In Bethlehem .« Zur Freude, Schar der Treuen, sei gesellt; Der König, unser Heiland, kam zur Welt In Bethlehem. stimmten wir frisch mit ein und geleiteten endlich allesamt die Ann heimwärts. Am folgenden Abend gab es glänzendere Gaben, doch da wiederum das » Puer natus « auf der Gasse erscholl, war uns die Lust vergangen, mit einzustimmen. Zwölftes Kapitel. An eines jeglichen Weihnachtsfestes Abend vereinte sich die ganze Freundschaft des Großohms, soweit sie ihm genehm, in dem stattlichen Im Hoffschen Hause. Es hatte dort alles ein gar üppig, fürnehm Ansehen, ja kein Festsaal konnte heller erleuchtet und schmucker ausgeputzt sein denn der, an dessen Schwelle uns der alte Herr begrüßte; und dannocht durchwehte ihn, so gut auch Kamin und Ofen geheizet, ein frostiger Hauch. Indes sich nun Groß und Klein der Gaben des fürnehmen Greises freute, hielt er sich zurück, und in seinem ebenmäßigen, farblosen Antlitz verzog sich keine Miene. Es war, als habe er nur geringen Teil an dem Genügen, so er uns doch nicht müßig und durch andere, sondern mit eigener Mühwaltung bereitet; denn da war kein Stück, so er nicht selbst erlesen und der Art des Beschenkten angepaßt hätte. Weil nun der Handel seines großen Geschäftes sich gen Venedig richtete, konnte man sich in eines Nobile Haus am Canale grande versetzet wähnen, wenn man die Teppiche, die Spiegel, die Brokate und das Geräte in seinem Quartier ins Auge faßte, und auch viele seiner Angebinde waren von dorther bezogen. Vor der Bescherung in seinem Hause pflegte er den alten Mannsbildern und Weiblein unter den Armen der Stadt eine andere, fast reichliche zu bieten und, wenn sie beendet, mit ihnen in die Sankt Aegidienkirche zu gehen und etlichen zwanzig die Füße zu waschen, welches Werk bußfertiger Demut er auch in der Marterwoche zu verrichten pflegte. Nachdem sodann in seinem Hause jedes das Seine empfangen, sagte er denen, so ihm dankten, wenn es Kinder waren, ein eindringlich: »Seid fromm!«; für die Erwachsenen aber hatte er nur ein beinahe unwillig: »Gut,« oder »Laßt's euch genügen!« Diesmal hatte er mir ein Festkleid von köstlichem cyprischen Brokat, dem Kunz alles, was ein fürnehmer Junker nur immer auf Reisen bedarf, und dem Herdegen das Schwert verehret, das er selbst weiland bei Hofe getragen, und dessen mit Edelgestein besetzten Griff der halbe springende Leu aus dem Im Hoff-Wappen krönte. Die Ursula Tetzelin hatte, gleich mir, ein Gewand empfangen, und es war neben dem Schwerte aufgebaut worden. Wie der Herdegen nun dem Großohm mit der köstlichen Waffe in der Hand dankte, brummte selbiger sein üblich »Gut, gut;« doch der Jost Tetzel fügte hinzu, man sage, ein geschenktes Schwert zerschneide die Freundschaft, doch lasse sich solches leichtlich vermeiden, wenn der Empfänger dem Geber ein ander Ding dagegen biete und so das Angebinde in eine Ware verwandele. Da löste der Herdegen schnell die goldene, mit Saphirsteinen besetzte Spange, die ihm die Base verehret, von der Krause, um sie dem Großohm zu reichen; dieser aber fand keinen Gefallen an dergleichen Spiel und wies das Kleinod zurück. Doch wie mein Aeltester nicht abließ und es ihm aufzudrängen trachtete, da ihm alles an der väterlichen Freundschaft des Großohms gelegen, rief selbiger ihm zu, mit dem blinkenden Tand sei ihm wenig gedienet; wenn aber der Tag komme, an dem er etwas von ihm zu fordern habe, möge der Herdegen sich erinnern, daß er in seiner Schuld sei. Hier wurden sie von Dienern unterbrochen, die zum Imbiß luden, und da stund an Wild und Fisch, an Früchten und Kuchen, an den fürnehmsten Edelweinen und dem prächtigsten Geschirr vieles bereit, und Speisetafel wie Kredenztisch sahen aus, als habe sie Pomona, Ceres, Bacchus und Plutus mit den auserlesensten Gaben gerüstet. Aber auch hier war dem Frohsinn keine Stätte bereitet; denn der Großohm wünschte zu guter Zeit der Gäste ledig zu sein, und so stunden keinerlei Tische für die Schmausenden bereit, und nur die Hand diente dem Teller zur Stütze. Wie ich nun eben dem jungen Herrn Vorchtel entronnen, der mich bedienet und dabei eifrig umworben, und die Base suchte, fand ich sie mit dem Großohm und vernahm noch, wie selbiger seine eindringliche Rede damit beschloß, daß ein verständig Weibsbild, wie sie doch sonst sei, dergleichen nimmermehr dulden dürfe, und wie die Base ihm darauf zurief: »Aber Ihr, mein edler und wohlgeneigter Herr Vetter, Ihr kennt doch das Schoppersche ›mit dem Kopf durch die Wand‹. Wenn wir den Hitzkopf zu zwingen suchen, so trotzt er uns sicher; lassen wir ihn hingegen einstweilen frei seiner Wege gehen, so staut sich das Wasser nicht auf, sondern verläuft sich im Sande.« Das waren übele Worte, und wie sie mich bekümmerten, so verdroß mich der Ursula Gebahren; denn sie gab sich das Ansehen, nach keinem der Gäste zu fragen, es sei denn nach dem Ritter Franz, der nunmehr ihres Hauses Gast und, immer noch siech und bleich, für manche Verrichtung des Beistandes einer pflegsamen Frauenhand bedurfte, maßen er sich des rechten Armes noch schwer zu bedienen vermochte. Auch schien ihm die Ursula als Wärterin baß genehm; doch ihre liebreichste Sorge und zärtlichsten Blicke hatt' er dem Herdegen zu danken; denn sie spendete ihm solche immer nur, wenn mein Aeltester es gewahrte. Wie wir endlich Abschied nahmen, hielt der Großohm den Herdegen zurück, und so gab uns der Kunz das Geleit; doch wenn er auch auf dem Heimweg allerlei Kurzweil trieb, brachte er uns doch nicht zum Lachen. Mir that das Herz weh; denn ein gar bitterer Tropfen war hineingefallen, maßen auch die Metz, die ich bis dahin nur des Treuesten und Besten fähig gehalten, sich als falsch erwiesen, und so jung und daseinsfroh ich auch sonst war, sagte ich mir in meiner Seele Pein dannocht, wenn das Leben so beschaffen sei, daß es das arme Menschenkind zwinge, sich immerdar mit dem »Traue, schaue, wem?« gewappnet zu halten, es eine gar harte, schwer zu vollbringende Fahrt sei. Wir schliefen noch immer in der nämlichen Kammer, doch obzwar die Base nicht wußte, daß mir Kunde von dem Rate geworden, den sie dem Großohm erteilt, ging sie mir doch scheu aus dem Wege, und beide blieben wir stumm bis zum Nachtkuß. Da konnt' ich mich denn nimmer halten und fragte sie, ob sie ernstlich bezwecke, den Herdegen und die Ann auseinander zu bringen. Nun begann es gar sonderbar in ihren ungeschlachten Zügen zu zucken, und in ihrer Brust arbeitete es gewaltig, bis es plötzlich losbrach: »So grausam! So kläglich! O dies . . . Es frißt mir das Herz ab!« Hienach schluchzte sie laut auf, und ich that es ihr nach, bis ich schier außer mir rief: »Aber Du bist ihnen doch gut, allen beiden!« »Ja, ja, ja! Aber das, das ist es ja eben!« unterbrach sie mich kläglich. »Der Herdegen, das Annelein – welches von den beiden ist mir wohl lieber? Aber zeige mir zu Nürnberg einen weiseren Mann denn den Großohm, und ich selbst, gnadenreiche Jungfrau, ich komme nicht mit mir ins reine, – ich weiß nicht . . .« Da vergaß ich der schuldigen Ehrerbietung und wiederholte: »Du weißt nicht?« und wie sie die Antwort schuldig blieb, brauste ich auf: »Und doch hast Du ihr Linnen und den halben Zuschatz auf den Christtisch gelegt, als ob sie allbereit vor der ganzen Stadt Braut und Bräutigam wären! Freut man sich, wenn man alt und verständig, einer Minne und ermutigt sie gar, wie Du es gethan, wenn man doch ihr zu widerstreben im Sinne trägt? Ist das die Wahrhaftigkeit und Treue, zu der Du uns vormals früh und spat vermahnet; heißt das aufrecht und gerad sein, oder mit zwo Zungen reden?« Da hatte mir wieder einmal das rasche Schopperblut einen Streich gespielt, und es reute mich, da ich wahrnahm, welch großes Leid meine ungestüme Rede der lieben Seele verursacht. So hilflos und schwankend hatt' ich sie freilich nimmer geschaut, und doch lag ich bald an ihrer Brust, und ein Drittes hätt' es leicht wunder genommen, wie wir einander um Vergebung baten, sie wegen ihrer kleinmütigen Schwäche, ich ob meines unziemlichen Aufbegehrens. In jener Stunde aber bin ich aus ihrem Kind oder Pflegling ihr zur Freundin geworden. Vor Beginn der Marterwoche mußte der Herdegen zum Aufbruch bereit sein, doch bevor er uns verließ, sollte er, der bis dahin sich nur im Fechthause ob seines Armes Kraft und Schnelligkeit großen Ruhm erworben, die ganze Stadt von sich reden machen, maßen er es beim Schembartlaufen Eigentlich Schönbartlaufen. Schönbart bedeutet Maske; also Maskenlaufen, Maskenaufzug. allen anderen zuvorthat. Wenn sich nun auch selbige Sitte bis auf diesen Tag erhalten, ist doch bei vielen in Vergessenheit geraten, wie sie entstanden, während solches in meiner Jugendzeit noch männiglich bewußt war. So sei denn hier vermeldet, daß in der Zeit, da die Zünfte gegen den Rat aufgestanden waren, die Messerer und Metzger treu zu den Geschlechtern gehalten hatten, und weil sie hienach jeden Lohn verschmähten, der ihnen auf Kosten der andern vergönnt werden sollte, warben sie nur um das Recht, in der Faschingszeit durch einen Tanz und Aufzug sich hervorzuthun, wobei es ihnen auch gestattet ward, wie adelige und ritterliche Herren Sammet und Seide zu tragen. Selbiger Tanz mit seinem Zubehör wurde nun das Schembartlaufen benamset, und sintemal es ansehnlicher Leute Beistand bedurfte, um den Handwerkersleuten die Bahn in den Gassen frei zu halten, und selbigen auch der alljährliche Aufwand zu schwer auf den Beutel fiel, räumten sie den jungen Söhnen von den Geschlechtern gegen ein ziemlich Entgelt das Recht ein, an ihrem Aufzug teil zu haben. Was aber unsere frohgemuten, wappenfähigen Herrlein angeht, von denen ja viele das lustige Karnevaltreiben der Wahlen gesehen und mitgemacht hatten, so war es ihnen fast genehm, sich daheim ein ähnlich Genügen zu schaffen, und bald wurde weit mehr auf sie geschaut denn auf die Zünfte. Sie versammelten sich in einzelnen Verbänden, so sie Schembartgesellschaften nannten, unter der Veste, und zogen vor das Rathaus und von dort aus zu dem Tanz der beiden Zünfte. Die Metzger hielten sich bei dem ihren – einem Zäunertanz Eine Art Reigen, ähnlich unserem Katz und Mausspiel. Die Tanzenden bildeten durch Händegeben eine Art von Zaun, woher wohl der Name »Zäunertanz«. – an ledernen Seilen, die wie Leberwürste gestaltet; der der Messerer ging zierlicher vor sich, maßen sie dabei mit bloßen Schwertern ihr Spiel trieben, doch richtete sich die Aufmerksamkeit des Volkes, wie auch heute noch, fürnehmlich auf den Zug der Vermummten, bei dem es denn auch manch ergötzlich und prächtig Ding zu schauen gab. Mit Quasten und Eichenlaubruten schaffte eine Schar von Mannsbildern in rauhen Kleidern, so man Holzleute benamste, und ein gut Teil Vermummter, in Narrentracht und mit Pritschen versehen, dem Schembartszuge Raum, und solchem voran trommelten und pfiffen, trompeteten und schalmeiten fleißige Musikanten, so bei selbigem Anlaß in ihr Spiel auch lustiges Schellengetön mischten. Dann kam hoch zu Roß der Mann mit den Nüssen und warf solche unter die drängenden Kinder. Da gab es denn ein gar munter Gebalg und Gekreisch auf dem Pflaster, doch auch von den Erkern und Lichtern der Häuser her hörte das Lachen und Zetern nicht auf, maßen die jungen Herren den Mägeden und Frauen in den Fenstern wenig Ruhe ließen, indem sie selbige mit Blumensträußlein und süßem Gebäck, ja mit Eiern, so mit Rosenwasser gefüllet, fleißig beschossen. Vieler Schembartleute Gewand war jedes Jahr in Farbe und Art überein, doch unter sie mischten sich Spaßvögel, so als wilde Männer und Weiber erschienen, oder auch als Mohren, als kinderfressende Riesen, als Vogel Strauß und dergleichen. Am Ende des Zuges kam dann das Größte und Schönste, mancherlei wunderlich Gebäu und Gebild, von Gäulen gezogen, dahergefahren. Ein Narrenschiff, und hinter ihm eine Windmühle, ein Vogelherd, darauf man Narren und Närrinnen fing, und andere ähnliche Kurzweil. Unter diese wunderlichen Gefährten und Gruppen hatte sich mein Herdegen gemischt und zwar als kreuzfahrender Ritter, dem drei gefangene sarazenische Fürsten folgten: die jungen Herren Löffelholz und Schlebitzer, so ihn zu dem Aufputz im Fechthause aufgesungen, hoch zu Roß, als schwarze Mohren, und in ihrer Mitten mein junger Knapp Akusch auf dem Kameel des gerichteten Bärenführers als Sohn der Wüste in weißem Gewand; alle drei mit hölzernen Ketten belastet. Der Großohm hatte dem Herdegen die Rüstung geliehen, die er in seiner Jugend auf dem Turnier getragen, für den weißen Mantel mit dem roten Kreuze hatte die Base gesorgt, und wie er da auf dem stolzen, reich gewappneten und mit Scharlach behängten Rappen, dem edelsten und stärksten Hengste aus dem Im Hoffschen Stalle, daherritt, während sein volles Goldgelock im Sonnenlicht gleißte, blieb mancher Jungfrau Blick an ihm haften. Der Kunz mochte sich in seinem Narrenhabit, darin er bald hier, bald dort und ein wenig überall war, besser unterhalten, doch durfte dem Herdegen das Herz höher schlagen; denn von tausend Lippen konnte er sich den Schönsten und seinen Aufzug den stattlichsten nennen hören; auch fiel von manchem Erkerfenster ein Sträußlein, ein Band oder eine Schleife zu ihm nieder; und wie endlich die Zünfte nach vollbrachtem Tanze mit des Rates Stadtpfeifern sich zu des Pfänders Haus begaben, woselbst ihnen ein Trunk aufgetragen wurde, bei dem sie die ihnen verehrten Fastnachtsfische verspeisten, und das Laufen vorbei war, ließ der Großohm den Herdegen zu sich berufen, und das, was der Alte dort ausspielte, um ihn seiner Minne abwendig zu machen, war klüglich gewählt und sollte auch seine Wirkung nicht völlig verfehlen; denn nachdem er den schmucken Gesellen mit stillem Genügen von oben bis unten gemustert und ihm gütig die Schulter geklopfet, zog er ihn, wie von ungefähr, vor den venedigschen Spiegel im Festsaal, wies in das blanke Glas und lachte: »Ein Tankred, ein Gottfried, ein Richard Löwenherz; und daneben ein schmächtig Schreiberdirnlein als hohe Gemahlin!« Wie nun hienach der Herdegen erglühte und der Ann fürnehme Schöne zu preisen anhub, schnitt ihm der Vormund das Wort ab, legte ihm den Arm um die Schulter und raunte ihm zu, auch zu seiner Zeit habe die wappenfähige Jugend mit den artigen Kindern der kleinen Bürger getändelt; doch wem es eingefallen wäre, allen Ernstes um sie zu freien . . . Hier unterbrach er sich selbst mit einem hellen Gelächter, zog ihn fester an sich und rief: »Nichts für ungut, mein Tankred! Den Rappen magst Du zum Angedenken an diese Stunde behalten!« Der alte Berthold, des Großohms Leibknecht, vertraute mir dies alles; denn mein Aeltester war mir bei der Heimkehr manche Antwort schuldig geblieben. Er hatte sich sogar geweigert, meiner Bitte zu willfahren, sich der Ann im Ritterstaate zu zeigen, und unwirsch bemerket, daß selbige dergleichen Mummenschanz abhold. Da war es denn leicht zu erkennen, was in seiner Seele vorging; doch wie mochte derselbe Greis, dessen fürnehme Heirat seines Daseins Glück und Frieden vernichtet, so emsig trachten, denjenigen, den er am meisten liebte, auf den nämlichen Weg zu führen? Und unter dem vielen, so ich nicht verstund, gab es noch ein anderes: Warum war der Eppelein, der seinem Herren so treulich anhing und gar wohl geübt, einer jungen Maged Schöne zu schätzen, ja warum war auch meine alte, gute Sus und mit ihr die Mehrzahl unserer Ehalten der Ann, der sie sich früher sämtlich hold und gewärtig erwiesen, in ärgerlicher Weise entgegen, seitdem sie gewittert, daß es mit ihr und unserem Aeltesten ernst ward? Es hatte mir auch von vornherein wenig gefallen, daß der Herdegen kurz vor dem Aufbruch so fleißig an eitelen Tand denken und ihm zu liebe seiner Trauten so viele Stunden entziehen mochte. Dannocht hatt' es mir an Mut gebrochen, ihn zu vermahnen, maßen er ohnehin sich in mancher stillen Stunde dem Wahne hingab, daß er seiner Minne zu Gefallen vielem werde entsagen müssen, so sich unser Vater selig vergönnet; auch meinte ich zu wissen, woher dieser Kleinmut stamme, der seinem leichtblütigen Wesen doch so gar fremd ließ. Auf selbige Zeit muß ich also zurückschauen, und da gibt es erstlich zu berichten, daß die Ann ihre Minne vor der Mutter nicht länger hatte verheimlichen mögen. Obzwar selbiger nun ans Herz gelegt worden war, fürs erste noch reinen Mund zu halten, hatte die immer noch gar anmutige Witib, wie die meisten welschen und vielleicht auch etliche Nürnberger Frauen, nicht bei sich zu behalten vermocht, was ihr Herz und Sinn als ein großes Glück für ihr Kind und ihr gesamtes Haus bis zum Ueberfließen erfüllte, und ihre nächste Freundschaft ins Vertrauen gezogen. Acht Tage vor Fastnacht waren dann wir Schoppengeschwister und die Base Metz auf den Abend in das Häuslein am Wasser geladen worden, und dazu hatte die gute, doch nicht sonderlich weit denkende Frau Giovanna auch ihren Schwiegervater, den alten Lautenisten, und den Adam Heyden vom Turme, sowie endlich auch die einzige Base der Ann, des Rudel Hennelein Witib, zu Gast geladen. Selbiger Hennelein war der Meister oder Richter der Zeidler gewesen, so damals wie heute im Lorenzerwald ihr Handwerk betrieben. Bei Lebzeiten war er gehalten gewesen, im Flecken Feucht dreimal des Jahres für die Zeidler Gericht zu halten und ihnen auch sonst in allen Rechtssachen das Ohr zu leihen, und wenn er seines Amtes auch sonder Tadel gewartet, hatte er doch mit seiner Hausfrau in übeler Eintracht gehauset und war ein ausgelassener Herr gewesen, der den Schenktisch der Tafel seines unfriedsamen Weibes baz fürzog. Da er nun starb, stund es gar trüb um den Nachlaß, und die Witib mußte in ihrem Häuslein am Milchmarkt die Heller zusammenhalten, obzwar sie sonder Kinder und Anhang. Da nun die Gabe, die die Zeidler der Witib ihres Meisters selig ausgesetzt hatten, zur größeren Hälfte aus Honig bestund, suchte sie solchen aufs beste zu verwerten, indem sie ihn den Pfragnern , die sie oft darum angingen, mit nichten abließ, sondern ihn in den Häusern der Geschlechter in zierlichen Kandeln einzeln anbrachte, wodurch ihr Gewinn sich ansehnlich mehrte. Da nun ihr Eheherr selig zu dem hochansehnlichen Richterstande gehöret, wollte ihr solcher Handel nur übel anstehen, und so trug sie denn stets eine Marderhaube von eines ziemlichen Wagenrades Größe und den anderes, wenn auch fadenscheinigen Putz einer wohlbehaltenen Hausfrau, und bot den Müttern ihren Honig nur als Geschenk an für die herzlieben Kleinen. Dabei war sie nie zu bewegen, den Preis der Gabe zu nennen, weil sich solches für eines Zeidlermeisters Witib nicht schicke, wogegen es sie nur zu ehren vermöge, wenn man ihr eine kleine Liebung als wertes Angedenken darbieten werde. Weil nun ihr Honig gut war, sahen die Kinder sie gern, zumal sie, ohne daß sie es merkte, ihren Spaß mit ihr hatten, sintemal sie ein putzig Weiblein, so das letzte Wort der eigenen Rede gewohnheitsgemäß wiederholte, also daß sie nie rief: »Ei, da ist ja der Kunz,« sondern immer nur: »Ei, da ist ja der Kunz-Kunz!« Auch hielt sie sich stets das Haupt mit den Händen fest, als sei es mit seiner gewaltigen Marderhaube in Gefahr, von dem dünnen Hälslein zu brechen. So stund sie mit den meisten Geschlechterhäusern in regelmäßiger geschäftlicher Verbindung, und das junge Volk hieß sie, die eigentlich Hennelein benamset, die »Henneleinlein«, vielleicht, um auf ihre Unsitte zu weisen, das letzte Wort stets zu verdoppeln. So lang ich zu denken vermag, hatte nun die Henneleinlein auch in unser Haus den Honig gebracht und dafür von der Base Metz nicht nur klingende Heller, sondern auch manch noch wohl brauchbar abgelegt Gewandstück als »Angedenken« erhalten. Uns allen voran hatte der Herdegen seinen Spaß mit ihr getrieben, und es war selbigem auch wohl bewußt, daß sie den Liebesleuten sonderbar hold und manchem Pärchen zu einander verholfen. Selbigem Weiblein hatte die frohe Kunde, ihre Nichte sei bestimmt, als Hausfrau den Schopperhof zu regieren, vor allen anderen hohes und stolzes Genügen bereitet, und weil Frau Giovanna auch sie ins Vertrauen gezogen und zu Gast geladen, hing sie sich so fest an den Herdegen, daß es die Ann mit Aengsten und Unwillen erfüllte. Da merkte ich meinem Aeltesten wohl ab, daß ihm dergleichen übel behage, ja daß es ihm, wenn die Henneleinlein ihm den Arm streichelte und seine Herzliebste mit dem verfallenen Munde auf die Lippen küßte, nicht anders zu Sinn sei, als beflecke ihm eine ungewaschene Hand das hellfarbige Sammetkleid. Den freundlichen und seiner Kunst fürtrefflich mächtigen Lautenisten hatte er immerdar gern gemocht, und wie oft war er frohgemut zu dem wackeren alten Orgelspieler auf den Turm gestiegen; doch da er sich nun von diesen beiden als jüngeres Glied ihrer nächsten Freundschaft behandelt sah, war ihm auch solches zuwider, und es mag wohl wahr sein, daß mancher, den wir an seinem eigenen Herd und in seiner ihm gewohnten Umgebung gern aufsuchen und schätzen, ein ganz ander Ansehen gewinnt, wenn er beansprucht, als einer der Unseren mit uns zu leben. Base Metz war vielleicht um des Großohms willen der Einladung aus dem Wege gegangen und mit ihr zugleich dem Verdruß, den Herdegen an diesem ersten Abend, den er im Haus seiner künftigen Freundschaft verlebte, so still und in sich gekehrt zu finden, daß er sich selber kaum gleichsah. Ja, er entfärbte sich und biß sich die Unterlippe, wie er nur that, wenn er des Ingrimms mühsam Herr ward, als die Henneleinlein, die ihn bis dahin nur als frohgemuten, ausgelassenen Burschen gekannt und sein verschlossen Wesen in ihrer Weise deutete, zutraulich bemerkte, der Junker werde freilich mit dem Bräutlein einen großen Anhang erfreien, doch stehe in Aussicht, daß sich die Sorge bald geringer gestalte. Denn – und dabei schielte sie auf Frau Giovanna – sein schön Schwiegermütterlein werde fleißig umworben, und sie habe einen im Sinn, wenn der sich anzubeißen bequeme, so sei nicht nur die Witib, sondern auch die ganze Kinderherde reichlich versorget. Solches und mehr vermeldete mir der Herdegen auf dem Heimwege, und er that es tief verdrossen und mit grollender Stimme, und was ihm die Henneleinlein noch ferner ins Ohr geraunet, war so beschaffen, daß es auch mir nicht nur ungenehm, sondern mich sogar mit wohl begründeter Sorge erfüllte. Denn die Alte hatte ihm vertraut, wer um Frau Giovanna werbe, und es war kein anderer als der Rotschmiedmeister Ulman Pernhart, derselbigen schönen Maged Vater, um deretwillen Muhme Jacoba den einzigen Sohn in die Fremde gestoßen. Wie weiland das Waldstromerpaar, so verschloß jetzt der Herdegen das Ohr gegen das Lob, so ich dem Rotschmiede nach bester Ueberzeugung zollte; denn die Aussicht, seine künftige Hausfrau diesen Handwerker, wenn auch nur als Stiefvater, ehren zu sehen und sich selbst von ihm »Sohn« heißen zu hören, brachte ihn heiß in Harnisch. Am folgenden Morgen hatten ihn die genannten Junker im Fechthause und auf der Herrentrinkstube zur Teilnahme am Schembartlaufen veranlaßt, und da die Ann später, nachdem das Volk sich verlaufen, zu uns kam, fand sie den Liebsten nicht mehr; denn er hatte sich wiederum zum Trunk auf die Frohnwage begeben, die dergleichen Leuten, wie seiner Verlobten künftigem Stiefvater verschlossen. Zur selbigen Zeit hatte auch der Bruder Ignatius vom Grabenorden mehrmals im Auftrage des Großohms, für den er die Almosenverteilung besorgte, bei uns vorgesprochen, und da der Herdegen uns am Aschermittwoch kündete, selbiger geistliche Herr habe ihn ersucht, ihm unter seinem Geleit bis Ingolstadt folgen zu dürfen, schwante mir nichts Gutes; denn war auch der Pater ein ehrbarer Priester, dessen muntere und gesprächige Weise mich oftmals ergötzet, so mußte er doch sicherlich wohl geneigt sein, des Großohms Wünsche zu fördern. Trotz alledem zeigte sich der Herdegen beim Abschied so tief innerlich bewegt, daß ich Zweifel und Furcht zu überwinden vermochte. Die Ann, die sich eins mit ihm fühlte und wiederum fest an ihn glaubte, war viel zu klug, um nicht zu empfinden, daß er nicht eigentlich in ihre Sippe tauge, ja daß es ihm sauer fallen müsse, ein Weib wie die Henneleinlein Frau Base zu nennen, und so hatten sie sich daheim geeinigt, daß er sich späterhin nicht zu Nürnberg, sondern in des Reiches Dienst um Amt und Würden bewerbe; auch war der Ritter Franz beflissen gewesen, ihn der Fürsprache seines Ohms zu versichern, der an des Kaisers Hof der gewaltigsten einer. Wie sie nun kurz vor dem Aufbruch zum letztenmal mit mir allein waren, rief die Ann, indem sie selbiger Abrede gedachte: »Du hast mir verheißen, an einem fremden Orte das Nest für uns zu bauen, und wo es auch sei, überall, wo wir auf uns selbst gestellt, einander besitzen, wartet unser ein glückselig Dasein.« Da flammten ihm die Augen auf, und mit jugendlichem Ungestüm rief er: »Mit dem Doktorhut an des Kaisers Hof, bald sein Rat und, will's Gott, zuletzt auch des Reiches Kanzler!« Hienach wechselten sie noch gar minnigliche und bewegliche Worte, und wie er allbereit im Sattel saß und ihr zum letztenmal winkte, flossen ihm die Augen über – ich täuschte mich nicht –und zu jener Stunde betete ich brünstig, der Herr möge mich, an der doch nur wenig gelegen, mit jedem Leid und Weh prüfen und schlagen, diese beiden aber wieder zu einander führen und ihr Bündnis gesegnet sein lassen mit der besten Glückseligkeit, die dem Menschenherzen vergönnet. Dreizehntes Kapitel. Der Lenz war vergangen und der Sommer führte mich und die Ann wiederum in den grünen Forst. Der Muhme Gebresten war nicht besser geworden, und dazu nagte an ihrem Mutterherzen des einzigen, so schön erwachsenen Sohnes Verstoßung; doch je bedürftiger sie der Pflege und Ermunterung geworden, desto mehr konnte die Ann ihr sein, desto fester schloß die sieche Frau sie ins Herz. Der Kunz war nunmehr in Venedig. Von dem Herdegen trafen anfänglich gar zärtliche Briefe aus Padua ein, doch leider wurden sie immer seltener, und der letzte, den die Ann mir zeigte, war ein Machwerk, so mir übel behagte, maßen er zwar voll von hochklingenden Worten, dafür aber um so leerer von jeglicher Kunde über sein Leben und seines Herzens Verlangen. Was solches bedeute, verspürte der Ann feiner Sinn und echte Minne sicherlich aufs beste; doch trotzdem ließ sie nicht ab, auf des Liebsten Treue zu bauen, oder that sie es dannocht, so wußte sie solches vor aller Welt, ja selbst vor mir, wohl zu verbergen. Früher als sonst, am Sankt Mauritiustage, mußten wir diesmal den Wald verlassen, sintemal die Ann daheim nicht länger entbehrt werden konnte und ich sie gerade jetzt nicht allein lassen mochte. Der Ohm Kristan gab uns das Geleit, und war er auch schon vordem der Ann hold gewesen, so hatte er in dieser langen Zeit des engen Beisammenseins sie noch weit fester ins Herz geschlossen; auch nannte er sie, seitdem er sie angestellet, ihn beim Weine vor dem »Zuviel« zu warnen, gern sein »Türmerlein«, da es ja der Türmer ist, der des Feindes Anrücken meldet. Aber so viel Liebes der Ann im Forste widerfahren, so wenig freundlich war ihr Einzug in dem kleinen Haus an der Pegnitz; denn des entschlafenen Trudlein Vater, der Rotschmiedmeister Ulman Pernhart hatte nunmehr allen Ernstes um ihre Mutter geworben und war in der ältesten Tochter Abwesenheit so weit gediehen, daß er das Jawort erhalten. Wohl wagte die Ann noch einmal, Frau Giovanna mit bescheidentlichen Vorstellungen anzugehen, von diesem Entschluß zu lassen, doch fiel ihr selbige um den Hals und beschwor sie, als sei die Ann die Mutter und sie das Kind, unter heißen Thränen, ihr den Willen zu lassen. Die Ann werde gewißlich nicht mehr lange im Hause verbleiben und die Kleinen hüten, wie vordem, und es liege nun einmal nicht in ihrem schwachen Vermögen, solche im Sinn und nach Wunsch des Vaters selig zu leiten. Aber gerade dazu sei der Ulman Pernhart der rechte Mann. Der Verstorbene, der ihres Freiers und seines hochwürdigen Bruders, des Herrn Bischofs, bester Schulfreund gewesen, habe große Stücke auf den Meister gehalten, und solches stärke ihr den Mut, dem Drang ihres Herzens zu folgen. Also suchte die Mutter, bald verschämt und kosend, bald auch mit nassen Augen, das eigene Kind zu bestimmen, ihr die Sehnsucht des heißen welschen Herzens zu gute zu halten, und obzwar die Witib über die Mitte der Dreißiger hinaus und ihr Freier den Fünfzig nahe, hätte doch niemand, der dies Paar bei einander gesehen, ihrer späten Minne gespottet; denn dem venedigschen Weiblein war des Angesichtes und der Gestalt jugendliche Anmut mit schier wundersamer Treue eigen geblieben, und was den Pernhart anging, so übersah ihn sicherlich keiner, auch nicht unter vielen. Wie er dazumal war, mocht' er wohl jedem als Musterbild eines kernfesten, aufrechten deutschen Meisters erscheinen; ja selbst eines Ritters Rüstung hätt' ihm nicht übel gelassen. Längst bevor er um Frau Giovanna geworben, hatt' ich den Herrn Plebanus von Hellfeld die Pernharts einen guten Schlag nennen hören, auf den die Stadt stolz sein dürfe, und darnach war er auf den Bruder des Meisters gekommen, der in den Dienst der heiligen Kirche getreten und früh zu bischöflichen Würden berufen worden war. Nachdem das arge Schisma ein Ende gefunden und statt dreier Häupter nur noch eines die christliche Kirche regierte, hatte ihn Papst Martin V. zu seinem Rate erhoben und hielt ihn zu Rom zurück, allwo er zu den Gewaltigsten in der Kurie gehörte. Obzwar nun sein guter deutscher Name Pernhart zu »Bernhardt« verwelscht worden, hatt' er doch nimmer aufgehört, an der Heimat und den Seinen zu hängen und den stattlichen Wohlstand der alten Mutter und des einzigen Bruders daheim so reichlich zu mehren, daß der Rotschmied sich ein Haus zu erbauen vermocht, so hinter denen der Geschlechter nur wenig zurückstund. In der letzten Zeit war es ihm indes zu einsam darin geworden; doch hätt' es solchen Grundes nicht bedurft, um das Aug' auf die aller Anmut reiche Witib des besten Freundes seines hochwürdigen Herrn Bruders zu richten. Schon während die Ann noch im Forst gewesen, hatte Frau Giovanna dem Pernhart verraten, wie es mit ihrer Tochter und dem Herdegen bestellt sei, und sobald selbige wieder daheim, war der Meister darauf zu sprechen gekommen und hatte die Ann kurz und doch herzlich versichert, sie solle ihm willkommen sein in seinem Hause und dort den Platz einnehmen, der durch den Tod seines Trudlein ledig geworden; wenn sie aber einem redlichen Manne folge, werde es an ihm sein, ihr den Zuschatz zu rüsten. Solches und anderes mehr nahm mich rechtschaffen für ihn ein, so sehr ich auch um des Herdegen willen seinem Bund mit der Witib entgegen, und wie ich ihm zum erstenmal als Verlobtem der Frau Giovanna begegnete und mir der stattliche Mann die Hand treuherzig schüttelte, und mir sodann warm und doch aufrecht für alles dankte, was ich für diejenige gethan, die seiner künftigen Hälfte liebster und köstlichster Schatz, erwiderte ich mit aufrichtiger Wärme den Druck seiner Rechten, und es kam mir mitten aus dem Herzen, wie ich ihm frei bekannte, daß ich, was mich betreffe, gern einen neuen Freund in ihm begrüße, doch leider von meinem Bruder mit nichten das Gleiche erwarte. Solches vernahm er mit einem sonderbaren, halb bedauerlichen, halb überlegenen Lächeln, wies mir die harte, ausgearbeitete Rechte und sagte, es gäbe freilich einen ungleichen Druck, wenn sich eine Hand wie die seine mit einer so wohlgepflegten und weißen vermähle, wie sie doch wohl aus dem Sammetärmel eines Schoppers schaue; doch wie er, um zu der lieben Frau zu gelangen, der er nun einmal hold, ihr Häuflein Kinder mit in den Kauf nehme und sich ihrer endlich sogar zu freuen und ihnen ein rechter Vater zu werden gedenke, so müsse sich mein Herr Bruder, wenn seine Minne nur echt, in den Schwiegervater schicken, der nur ein geringer Mann, dessen Ehre indessen zu Gott keiner anderen nachstehe an Reinheit. Wie nun die Rede hin und wider ging, fand ich in seinem Herzen und Kopfe weit mehr und Höheres, denn ich je von einem Handwerksmanne erwartet. Bei häufigerem Begegnen wurden wir vertrauter mit einander, und einmal stellt' ich ihm von ungefähr die Frage, ob er dem Junker von Herzen vergeben, durch dessen Schuld er um sein Liebstes gekommen. Da verwies er mir eifrig, den einer Schuld zu zeihen, dessen er gern und dankbaren Herzens als eines wackern und vielgetreuen Mannes gedenke; denn nicht der Vetter, sondern er selbst habe dem Liebeshandel mit dem Trudlein ein Ende bereitet. Nachdem es nämlich zwischen dem Götz und seinen Eltern zum Bruche gekommen, sei dem Werben des treuen Freiers und seines einzigen Kindes Bitten schwer zu widerstehen gewesen. Aber bei alledem habe er dannocht der Lehre gedacht, so ihm sein Vater selig mit auf den Weg gegeben, dem Nächsten das zu ersparen, was uns Herzeleid brächte, wenn es uns widerführe. Und so habe er sich gefragt, was er dem wohl vergönnte, der sein Kind gegen seinen Willen mit einem ihm ungenehmen Freier zusammenbrächte, und weil ihm außerdem die eigene Manneswürde und der Tochter Wohl verboten, sie einem Gemahl zu vertrauen, dessen Leute ihr, statt Liebe und Nachsicht, Zurückweisung und Mißachtung zollten, sei es ihm endlich geglückt, das Herz zu verhärten und den jungen Waldstromer, der ihm lieb gewesen wie ein leiblicher Sohn, zu nötigen, von der Herzliebsten zu lassen. Da erhob sich in mir ein sonderbarer Groll gegen den Vetter, weil er nicht alles eingesetzet, ein so holdselig Lieb zu erringen; ja, ich vermaß mich, zu bekennen, daß ich an des Trudleins Stelle auch gegen seinen Willen dem Herzliebsten gefolgt sein würde, wohin er begehret. Nun flog das überlegene Lächeln abermals um des Ulman Pernhart bärtige Lippen, und das Auge blitzte ihm hell auf, wie er anhub: »Mein Leben bewegt sich in einem engen Kreise, doch was selbiger umschließet, das beugt mein Wille wie der Hammer das Kupfer. Seid Ihr aber der Meinung, der Junker Götz habe sich widerstandslos ergeben, dann irret Ihr weidlich; denn nachdem ich ihm das Haus gewiesen, hat er die Trud nur abwendig gemacht und war bereit, sie zu entführen, ja – möget Ihr's glauben? – meine leibliche Mutter hatte sich auf der Liebesleute Seite geschlagen! Der Priester stund auch schon bereit, sie heimlich zusammenzugeben, und ihr Wille hätte obgesiegt über den meinen; doch der Eifersucht Augen, das sind die hellsten, und mein Obergesell, der in die Maged vernarrt war, trug mir zu, was im Spiele, und da, Jungfer Gred, hat es denn Dinge gegeben, Dinge, deren ich besser geschweige; – lüstet es Euch aber, sie kennen zu lernen, so wendet Euch an meine Frau Mutter. Ihr werdet ihr begegnen, wenn Ihr es später nicht verschmäht, mein Haus zu betreten, und gewinnet Ihr ihr Zutrauen, woran ich nicht zweifle, obzwar es nicht jedem gelingt, so wird es ihr gar Genügen bereiten, mich, den leiblichen Sohn, an dem sie sonst des Guten überviel rühmet, wegen dieses traurigen Handels auch bei Euch zu verklagen.« Selbige Rede gab dem Vetter Götz das alte Ansehen bei mir zurück, und ich wußte nun, daß der redliche Blick seiner treuen blauen Augen, der gewiß auch der schönen Trud Herz gewonnen, sich bewähret hatte und echt war. Des Meisters Ulman Pernhart Hochzeit mit der schönen Frau Giovanna wurde in aller Stille gefeiert, und ich weiß noch, daß ich sie in der Lorenzerkirche einsegnen sah und daß man mich etliche Monde vorher zum erstenmale zum Tanz auf das Rathaus geführet. Dort tummelte ich mich gar fröhlich, nachdem das erste Bangen bald überwunden, zum Klang der rauschenden Musika, und der Tanz bereitete mir großes Genügen. Aber obzwar es mir nicht an Gespielinnen und weniger noch an Herren mangelte, so meiner begehrten, verließ mich dannocht nur selten das Gefühl, als sei ein Stück meiner selbst daheim verblieben, ja als sei ich nicht voll im Recht, solcher Lust zu genießen; denn die Brüder waren in der Fremde, und die Ann durfte meine Freude nicht teilen, und während ich mich erlustigte, that ihr das Herz weh. Dann kam ein zweiter Tanz, ein dritter und vierter, und daheim erschien nacheinander eine ganze Reihe von jungen Herren im besten Festschmucke bei der Base Metz, und jeder ersuchte sie in seiner Weise, um mich werben zu dürfen; doch obschon sie alle von ansehnlichem Hause, und ich etlichen auch keineswegs abhold, fühlte ich doch nichts, so der Minne vergleichbar, wie ich sie mir dachte, und so gab ich allen den Laufpaß. Solches aber brachte ich fast leicht übers Herz, und die Base hat mich deswegen oft und mit gutem Rechte gescholten. Doch ich war dazumal, und besonders in der letzten Zeit, meiner selbst kaum mächtig; denn anderer Schicksal galt mir das meiste, und ich schätzte den eigenen Wert so gering, daß es mir war, als könne mein Besitz niemand sonderlich beglücken. Was das Leben außerdem brachte, ging wie ein Schattenspiel an mir vorüber; dann aber kam eine Zeit, in der mir das Scherzen völlig verging, und die Freier mich auf dem Tanzsaal vergeblich suchten; denn ein großes und schweres Leid war über mich gekommen. Mit der Ann und dem Herdegen – es fällt mir heute noch sauer, solches niederzuschreiben – war alles aus und vorbei, ganz ohne ihre, ganz, ganz allein durch seine schwere, nie zu sühnende Schuld. Doch ich will der Reihe nach berichten, wie solches gekommen: Allbereit um Martini hörte ich durch die Base Metz, die es von dem Großohm erfahren, der Herdegen habe Padua verlassen und gedenke sich zu Paris, wohin des hochberühmten Gerson großer Geist wißbegierige Jünglinge aus allen Landen lockte, den Doktorhut zu erwerben, maßen ihm der welsche Boden eines blutigen Handels wegen zu heiß geworden unter den Füßen. Solche Rede ließ mich allbereit Uebeles schwanen, zumal weder wir noch die Ann durch ein Wörtlein von des Herdegen eigener Hand erfahren, daß er Land und Schule gewechselt. Da trieb es mich denn in meines Herzens Angst zu dem Großohm, doch wies er mich wie die Base bald zurück, bald speiste er uns mit nichtssagenden oder auch ungeduldigen Antworten ab. So schwebten wir denn in Bangen und Sorgen, bis endlich, wenige Tage vor der Hochzeit des Pernhart, ein Brief des Eppelein für mich eintraf, und da liegt er noch vor mir unter anderen vergilbenden Schriften. »Allertugendsamste eueres gehorsamen Knechtes Eppelein Gockel wohlgewogene Jungfrau Gred Schopperin,« lautete die Aufschrift. Dann folgte die Erklärung, daß er des Schreibens nicht kundig und sich der Feder des Instruktors des jungen Grafen von Solms bediene. »Und da ich einmal,« ging es wörtlich weiter, »der holdseligen und vielgestrengen Jungfer Gred in schwesterlicher Besorgnis mein Manneswort verpfändet, ihr zu schreiben, sobald wir ihres günstigen Rates und Beistandes bedürftig, hätt' ich mich allbereit früher des Herrn Instruktors Feder bedienet, wenn anders sich uns nicht die gnadenreiche Jungfrau zu rechter Zeit hilfreich erwiesen. »Jedannocht treibt mich das Herz an, euch, wohlgewogene und hochansehnliche Jungfrau Gred, zu schreiben, sintemal ich euch in Sehnsucht und Sorge um meinen gnädigen Herren vermute; denn fast lang ist s her, seit ich desselbigen letzten Brief für den Schopperhof dem deutschen Boten vertraut, und so will es mich dünken, als habe mein gnädiger Herr die kostbare Zeit lieber dem Studium und anderem Zeitvertreib, denn denen gewidmet, so doch, da sie seine Nächsten, leicht und gern Nachsicht gegen ihn üben und ohnehin durch den vielgestrengen Herrn Ritter Sebald Im Hoff alles über ihn zu erfragen vermögen, was sie begehren. Mein gnädiger Herr hat selbigem in langen Briefen berichtet, was uns nur immer angeht, und gewißlich auch, wie uns der alte Herr Marchese mit seinen Neffen, den übelen Schelmen, zu Padua an den Hals kam von wegen der schönen und jungen Hausehre des alten Marchese, die meinem gnädigen Herrn also hold war, daß ganz Padua sich daran ergötzet. »Aber es war dannocht ein übeler Handel; denn selber drei fielen sie in finsterer Nachtzeit über uns her, und hätten nicht die gütigen Heiligen mit sonderbarer Gnade ein übriges gethan, wäre leichtlich statt ihres Schelmenblutes kostbares und aller Ehren wertes geflossen. Dannocht sind wir frohgemut und wohlbestellt an Leib und Seele nach Paris gelanget, einer Stadt, wo das Leben noch um vieles wonnesamer blüht, denn zu Nürnberg. »Da mir nun hieneben wohl bewußt, mit wie günstiger Freundschaft sich die hochansehnliche Herrin Gred zu der Jungfrau Ann Spießin immerdar herabgelassen, und ich selbiger, als einer an Wohlgestalt und allen Tugenden reichen Maged, in eigener Person aufs beste gewogen, möcht' ich solcher gütigst ans Herz gelegt haben, sich meinen gnädigen Herren aus dem Sinn zu schlagen und nicht länger zu trachten, ihn festzuhalten, sintemal ihr solches dannocht nichts hülfe, und lieber nach einem anderen Freiersmann auszuschauen, der es ernstlicher meinet, auf daß ihr der Brautkranz nicht völlig verloren gehe, was die liebe heilige Katharina gnädig verhüte. Euch aber, hochansehnliche Jungfer Gred, bitt' ich in aller Unterwürfigkeit, Euerem werten Herrn Bruder dergleichen nicht übel zu deuten, oder ihm gar Euere köstliche Huld zu schmälern, denn mein hochansehnlicher Herr sollte mit der künftigen Hausfrau höher hinaus, und was ihn im ledigen Stande angeht, so gilt auch für uns der Spruch: ›Wie der Herr, so der Knecht‹; und da auch ich, der ich nur ein arm und gering Eppelein, es nimmer vermocht, das Herz an eine Einzige zu heften und mich wohl dabei befunden, so darf man von meinem gnädigen Herren, der reich und von edeler Geburt, sicherlich nichts Geringeres erwarten.« Selbiges Schreiben hätte mich bei anderem Anlaß wohl zum Lachen bewogen, diesmal aber brachte mich die Art und Weise tief innerlich auf, in der sich der geringe Gesell von der Ann zu reden erfrechte. Dannocht war er ein braver, seinem Herren in seltener Treue ergebener Bursch; denn wie der Herdegen überfallen worden war, hatt' er dem einen Neffen des Marchese das Schwert mit eigener Gefahr aus der Hand gerungen und solche wackere That bescheidentlich verschwiegen. Wohl fiel es mir sauer, selbigen Briefes Ankunft mit keinem Blick zu verraten, doch es glückte mir bestens; mit dem anderen Schreiben aber, das bald daraus eintraf, blieb Fürsicht und Sorge vergebens. O dieses Briefes! Seinen Inhalt ganz zu verheimlichen ging ja nicht an; doch ließ ich wenigstens die Hochzeit ihrer Mutter vorüber, bevor ich der Ann zu wissen that, daß mir der Bruder geschrieben. Da liegt der Unglücksbrief vor mir! Er ist um vieles länger, denn alle, so er früher an mich gerichtet, und ich schreibe ihn hier säuberlich ab, doch die Handschrift, wild und unwirsch, wie sie dasteht, wiederzugeben, das vermocht' ich mit nichten. »Es muß aus sein, Gred, alles aus, zwischen der Ann und mir,« lauteten die ersten Worte, so mich wie Geißelhiebe trafen. Und dann ging es weiter: »Da ist es heraus, und nun weißt Du's. Ich bin ihrer nimmer wert; denn wie Judas unsern Heiland, so hab' ich meines Herzens Minne verschachert. »Aber darum ist meine Liebe und Sehnsucht doch mit nichten erstorben. Während ich dies schreibe, reißt es mich zu ihr hin, rufen mir tausend Stimmen zu, daß es nur eine Ann gibt, und den jungen Sieur de Blonay, der sich vermessen, seine Dame und ihr Rosenrot über die anderen Damen und Farben zu stellen, hat mein Schwert in voriger Woche genötigt, dem Blau – Du weißt schon wessen – den Vorrang zu gönnen. »Dannocht muß ich ihrer entsagen; denn ob ich die Versuchung auch gemieden, ist sie mir nachgegangen, und wo sie mich anfiel, bin ich nach kurzem Kampf immerdar unterlegen. Das Verlangen nach jener weltlichen Lust, die sie mich verachten zu lehren begehrte, ist zu mächtig in mir. Zur Sünde bin ich geboren, und wie es nun einmal mit mir bestellt, also mag es verbleiben. »Einer, der wie ich durch das Leben dahinschießt wie ein wilder Falk, dem muß schon ein Pfeil die Schwinge treffen, damit er innehalte und sich besinne. Das bittere Muß, von der Ann zu lassen, das hat getroffen, und nun ich es auf mich genommen, schaue ich rückwärts und in mich hinein, und je schöner, erhabener und lieblicher das war, was ich preisgab, um desto wüster und schimpflicher will mich alles bedünken, was ich in der eigenen Seele gewahre. »Doch bevor ich hinter mich werfe, was rein war und hoch, gottgefällig und wahrhaft beglückend, halt' ich mir selbst den Spiegel vor das sündige Antlitz und bezwinge mich, Dir, meiner Gred, das wüste Bildnis zu weisen, so ich darin gewahre. »In keinem Stück will ich mein Thun zu bemänteln oder zu beschönigen trachten, und dannocht möcht' ich in dieser Stunde, die mich völlig nüchtern und, nachdem ich die Genossen zeitig verlassen, daheim sieht, ernstlich meinen, daß ich recht wohl vermocht hätte, ganz anders und dem Herrgott, Dir, meiner Gred, der Ann und allen Guten wohlgefälliger zu werden, hätten andere Kräfte an meines Lebensschiffleins Steuerruder gestanden. »Wir sind elternlos, Gred, und dem Manne ist, bevor er reif geworden und in sich gefestigt, nichts dringender vonnöten denn ein Meister, vor dem er Rücksicht zu nehmen hat aus Scheu oder Liebe. »Aber wir, aber ich, Gred? »Was war mir der Großohm? »Wir beide sind eines Blutes und stehen einander an Jahren so gleich, daß eines dem andern wohl raten kann, daß wir aber kaum hoffen dürfen, Du werdest Dich meinem, ich mich Deinem Spruch sonder Widerstand fügen. »Und Base Metz! »So mütterlich zärtlich sie sich uns auch immer erwiesen, ihr war alles genehm, was ich that, und darin liegt wohl der Unterschied zwischen einer echten Mutter, die uns nicht selbst mit Schmerzen geboren, und einer treuen Pflegerin, daß dieser bangt, sich den Pflegling durch Härte zu entfremden, die Mutter aber strafet, wo es ihr gut dünkt, maßen sie der Liebe des eigenen Kindes immerdar sicher. Die Minne der Base war groß genug, doch die Strenge, die sie mir erwiesen, die war zu klein. Sie hat mir, da ich die hohe Schule bezog, aus Liebe den Beutel gefüllt, der Großohm that es in jüngster Zeit aus anderen Gründen, und nun ich ihm den Willen zu thun und der Ann zu entsagen verheißen, hasse ich mich selbst und heißer denn je, seitdem ich in einen Glücksstand gekommen, um den mich wohl Tausende beneiden, maßen mich der Großohm in aller Form einzusetzen gedenkt in sein Erbe. In der letzten Nacht war ich, nachdem ich mit großem Spielgewinn heimgekommen, nahe daran, den Qualen dieses Daseins ein Ziel zu setzen . . . »Aber fürchte Dich nicht, Gred! »Der leichte Sinn bringt bald wieder nach oben, was jetzund die Reue tief auf den Grund zieht! »Was soll auch das Jammern? Bin ich denn der erste Junker, der mit einem süßen Bürgerkind ein anmutig Spiel trieb, um es in neuer Minne bald zu vergessen? »Ja, Gred, meine Beichtigerin, vor der ich jetzund, wenn es auch weh thut, die Brust aufreiße, damit sie jegliche Falte meines Innern gewahre, ja, Gred: hätte der Ann ein Wappenschild über der Wiege geprangt, es stünde jetzt anders. Doch einen Rotschmied ›Herr Schwiegervater‹, eine Henneleinlein ›Frau Base‹ heißen, in der Kirche von dem alten Schoppergestühl aus zu geringen Leuten als seinen Blutsfreunden hinübernicken, den Lautenisten bei Vettern und Basen über der Unterweisung der Knaben und Mägede betreffen und ihn als lieben Herrn Großvater begrüßen, seine leiblichen Schwäger und Schwägerinnen die Schreibstuben oder Werkstätten füllen sehen, das schmecket bitter, zumal wenn auf der anderen Seite der Versucher steht und dem prunkenden Herrlein darbietet, was seinem hoffärtigen Sinn das Genehmste. Und Pater Ignatius, wie beredt, wie fröhlich und vielleicht sogar in wie redlicher Meinung wußte er mir hier zu Paris dies alles vor Augen zu führen, wie ernst und auferbaulich wußte er mir endlich in die Seele zu reden, wenn er herfürhob, was die Satzung des Herren und mein alt und edel Geschlecht von mir fordern. »O, es hätte geringerer Hilfsmittel bedurft, um mich Schwächling zu Falle zu bringen, und nachdem ich dem Pater zugesaget, von der Ann zu lassen und nach meiner Heimkehr mich dem Vormund zur Verfügung zu stellen und im einzelnen mit ihm abzusprechen, was der eine dem anderen nachzugeben und zu gewähren gedenke, als handele es sich um ein kaufmännisch Geschäft mit Gewürz aus der Levante oder florentinischen Tuchen, da hat mich der Pater Ignatius gesegnet, als sei mein Heil diesseits und jenseits nunmehr für alle Ewigkeit gesichert. »Bis vor das Thor gab ich ihm das Geleite und war fest überzeugt, in des Lebens Würfelspiel den höchsten Pasch geworfen zu haben; doch kaum hatt' ich das Roß gewandt, da wußt' ich, daß ich den Frieden und die Ruh der Seele mit drein gegeben. »Doch hin ist hin! Ich habe der Ann abgesagt, abgesagt auf immer, und da sie es doch einmal erfahren muß, so gescheh' es denn gleich, und Dich, arme Gred, bestell' ich zum Boten! Wohl hab' ich versucht, der Ann selber zu schreiben, doch es wollte nicht glücken. Eines nur sollst Du ihr sagen, Gred, und das ist, daß ich ihrer auch während der Tage der schwersten Schuld nimmer vergessen und daß mich das Andenken an die seligen Stunden, da sie sich so gern meine Laura genannt, zu einem Ritt nach dem unfernen Treviso bewogen, allwo in des heiligen Franciscus Kirche der älteren Laura Bildnis zu schauen, so des Petrarca Freund Simone di Martino als ein löblich Kunstwerk vollbrachte. Wie mit Stimmen und Winken hat mich selbiges hin zu ihr gezogen, und dannocht, dannocht! O, ich Verruchter! »Da hat die Feder lange Zeit gerastet, und ich habe erst des Petrarca Geliebte mit den blonden Zöpfen vor mir zu schauen vermeinet und dann die Ann und ihr volles schwarzes Haar, das so prächtig glänzte in seiner welligen Weiche und so herrlich abstach von der schneeweißen Stirn. Die Haltung und auch die Augen sind denen der Laura vergleichbar; bei beiden die gleiche hohe Würde und Reinheit! Doch da quillt das volle Herz wiederum über, und es kann nicht vergessen, wie weit an süßer Frauenhuld die Ann der Laura überlegen. Jetzt dämmert der Tag, und ich kann nur noch in den Morgen und in mich hinein seufzen und stöhnen: ›Verloren, verloren, das Schönste und Beste verloren!‹ »Da hab' ich lang still, in mich versunken, durch das Fenster und über die kahlen Bäume des Gartens hinausgeschaut in den grauen Nebel, der erst an den Grenzen der Welt ein Ende zu nehmen scheinet. Es rieselt naß von den nackten Zweigen, und auch meine Augen – ich hab' des kein Hehl – lassen sich noch immer nicht trocknen. Mir ist, als wären auch von meinem Lebensbaum die Blätter zu Boden gesunken, – nein, als hätt' ich sie mit frevelnder Hand von den Zweigen gerissen . . .«   »Ich komme spät heim von einem gar fröhlichen Gelage! Das wenigstens ist eine gnädige Fügung, daß es angeht, die Nacht zum Tage zu wandeln. Ja, Gred, für jeden, dem es erwünscht scheint, viel zu vergessen, ist dies Paris ein köstlicher Ort! Vorhin, da hab' ich tief in den Becher geschaut, doch wer da sagt, ich sei trunken, den nenn' ich einen Schelm; denn ich kann noch schreiben wie einer, und es ist mir auch voll bewußt, daß wenn ich mich verkauft, es nicht billig geschehen ist. Meine Minne hat es gekostet, und da sie groß war, gilt es, eine weite Lücke zu füllen, und so soll es denn heißen: ›Her jetzt mit allem, was Lust bringt, mit Wein und Minnespiel, mit Lichterglanz und rauschendem Tanz in Sammet und Seide, mit Würfeln und Getändel, mit tollen Ritten, frischem Weidwerk und blutigen Händeln!‹ »Ist das nichts? Ist das wenig? »Wie löst sich, wenn alles vorüber, die Frage, was das köstlichere Gut gewesen: selige Minne, die mit weißen Schwanenfittichen sich hoch ausschwingt über das Reich des Standes und des Gemeinen, wie die Ann sie weiland gepriesen, oder echt irdische, frische und derbe Lust, die sich nur genießen läßt mit beiden Füßen am Boden? »Ich habe gewählet und kann nimmer zurück. Jeder Lebensgenuß, wie er heißen mag, hoch soll er leben! Du hast einen fröhlichen, reichen, glänzenden Bruder gewonnen, mein Gredlein, und wenn der bescheidene Bursch von früher, der sich ein arm Schreiberkind zur Hausfrau erwählte, Deinem wie meinem eigenen Herzen auch besser zusagen sollte, behalt ihn doch lieb! Bleib' seiner Minne immerdar gewiß, denke sein in Deinem Gebetlein, und was Du der Ann zu künden hast, das bring' ihr solcherart bei, daß sie sich nicht allzu schwer härme. Stelle ihr für, wie unwert Dein Herdegen-Bruder sich ihrer erwiesen, und wisse Du im geheimen, daß meiner hohen Schutzheiligen Bildnis kein anderes Antlitz zeigt und jemals zeigen wird denn das ihre. »Und nun wird dieser Brief schnell versiegelt und der Eppelein gewecket, auf daß er ihn dem Boten übergebe. Ich bin des Papierzerreißens müde, und wollt' ich bei voller Nüchternheit überlesen, was ich hier halb im Rausche geschrieben, dieser Brief würde sicherlich den Weg vieler anderen wandern, die ich allbereit an Dich und mein traut, lieb, einzig, verloren Annelein gerichtet.« Vierzehntes Kapitel. Die Hochzeit des Meisters Pernhart war am Eritag gewesen. Am Mittwoch pflegte die Ann in der Frühe bei uns einzukehren. Schon lange war uns dies Zusammensein gar traut und genehm, und wir hießen es das italienische Spinnstüblein, sintemal, so lang es währte, die eine das Rad schnurren ließ und den Faden zog, indes die andere aus den Werken der großen italienischen Poeten vorlas. Auch an diesem Mittwoch nach der Hochzeit blieb die Ann nicht aus, ich aber hatte des Herdegen Brief in den Brustausschnitt des Mieders geschoben und erwartete sie beklommenen Herzens. Ihr war die Seele ebenfalls bedrücket, und ihren Augen sah ich an, daß sie geweinet; auch füllten sich selbige auf meine erste Frage hin mit frischen Thränen; denn da ihr die Mutter heut in der Frühe strahlend vor Glückseligkeit entgegengeeilt war, hatte sie mit erneutem Herzeleid des Mannes gedacht, der erst vor einem Jahre verschieden, und dessen Bildnis jetzt schon in seiner treu geliebten Hälfte erloschen zu sein schien. Wie ich ihr nun zu erkennen gab, daß ich ihre Kümmernis wohl begreife und dannocht mit etwas anderem hervortreten müsse, so sie gar grausam betrüben werde, wußte sie alsbald, daß solches von dem Herdegen ausgehe, und während ich nun, bevor ich zu reden anhob, sie nur an mich zu ziehen und kein deutlich Wort hervorzubringen vermochte, löste sie sich von mir und rief: »Der Herdegen? Sprich! Es hat ihn Schweres betroffen! Gred, wie Du weinest! Gnadenreiche Jungfrau! Tot! Ist er tot?« Wie sie solches herfürstieß, waren ihre Wangen tief erblichen, und da ich das Haupt verneinend schüttelte, ergriff sie meine Rechte und fragte dumpf: »Schlecht? So hat er wiederum der Treue vergessen?« Da war es mir, als müßt' ich auf immer verstummen, und doch durft' ich nicht schweigen, und aus der bedrängten Brust rang sich's mir auf die Lippen: »O noch übeler, noch ärger, noch unfaßbarer, Ann! Hier ruhet sein Schreiben. Es soll nunmehr – der Großohm, das reiche Erbe – es soll mit Dir und ihm alles aus und vorbei sein. Und ich, o daß er gerade mich zum Boten erwählet!« Da stund sie mir wie angewurzelt gegenüber, und eine geraume Weile verging, bevor sie das erste Wort fand. Dann fragte sie heiser: »Wo ist der Brief?« Und wie ich dabei an die Brust faßte und das Schreiben herfürzog, um es zu zerreißen und dem Kamine zuschritt, trat sie mir in den Weg, griff mit jähem Ungestüm nach dem Schreiben und rief: »Wenn denn alles hin ist, will ich wenigstens klar sehen. Kein falscher Trost, kein zach Bemänteln!« Damit suchte sie mir des Herdegen Schreiben mit Gewalt zu entringen, meine Kraft aber war der ihren weit überlegen, und für eine Maged fast groß; doch mir sagte das Herz, daß ich in ihrem Falle das Nämliche begehrt haben würde, und so widerstrebte ich ihr denn nicht länger und überließ ihr den Brief. Da stund sie denn und las, und obzwar sie totenbleich, und ich wohl merkte, wie die Lippen ihr zuckten und jeder Nerv in ihr bebte, blieben ihr die Augen doch trocken, und weil sie den Brief endlich zusammengefaltet und ihn mir wiederum darbot, sagte sie mit leisem Hohn, der mir ins Herz schnitt: »So, so ist's also gekommen! Die Minne und die Herzliebste verhandelt! Nur ihr Antlitz kam nicht mit in den Kauf; denn dessen bedarf er, um auch seiner Heiligen die Heiligkeit zu rauben. Nun ist er frei, und des Lebens rauschende Lust in jeder Gestalt ersetzt ihm die Minne, und dannocht, dannocht, Gred! Bete Du, daß er nicht einst in Kümmernis ende!« Aus diesen letzten Worten hatte leise Barmherzigkeit geklungen, und so faßte ich denn ihre Hand und bat recht inniglich: »Und Du, Ann, bete Du mit mir!« Sie aber schüttelte den Kopf und versetzte: »Nein, Gred, es muß alles aus sein zwischen ihm und mir, auch das Gedenken und Wünschen. Ich kenn' ihn nicht mehr, und jetzt laß mich!« Damit nahm sie das Mäntelein um, und schon war sie der Thür nahe, wie Base Metz mit den Näschereien hereintrat, so sie jedesmal brachte, wenn wir das Spinnstüblein hielten, und nachdem sie niedergesetzet, was sie trug, öffnete sie die Arme der Verstoßenen entgegen, um sie an sich zu ziehen und sie mit guten Worten zu trösten; doch die Ann ergriff nur ihre Rechte, zog sie stumm an die Lippen und eilte sodann die Treppe hinunter. Bei dem Mittagsmahl, so nun folgte, wären die Schüsseln just so voll hinaus wie herein getragen worden, wenn der Herr Magister nicht das Seine gethan, es zu hindern; mich aber duldete es nach dem letzten Bissen nicht länger im Hause, und geradenwegs begab ich mich zu den Pernharts. Da wehte eine fast warme und trauliche Luft, und die neuvermählte Frau Giovanna empfing mich gar glückselig und froh des neuen Bundes; doch zu der Ann ward mir der Eintritt geweigert, maßen sie ausbündige Kopfpein dulde und jeden, auch meinen Besuch, abzuweisen geboten. Aber es zog mich mächtig zu ihr, und da der jungen Frau wohl bewußt, wie ich Eins mit ihrer Tochter, wehrte sie mir mit nichten den Gang in den oberen Stock, wo der Pernhart die Kammer des Trudlein selig neu und artig für die Ann hatte richten lassen. Weil ich nun wußte, daß ihr, wenn das Haupt sie schmerzte, jedwedes Lärmen weh that, stieg ich die Treppe fein behutsam hinan und öffnete auch die Thür leis und ohne zu klopfen. So nahm sie denn meinen Eintritt nicht wahr; ich aber wäre gern wieder ungesehen von dannen geschlichen oder hätte mich noch lieber vor sie hin auf die Kniee geworfen und sie um Vergebung gebeten ob des großen Unrechtes, so mein Bruder an ihr verbrochen; denn da lag sie auf dem Lager und hielt das Antlitz in den Kissen vergraben, ihr schlanker junger Leib aber flog, wie vom Frost geschüttelt, auf und nieder, und dabei schluchzte sie leis und dannocht so schmerzlich. Auch nahm sie meiner nicht wahr, bis ich vor ihrem Lager niedersank, ihren Namen rief und sie mit den Armen umfing. Da erhob sie sich jäh in den Kissen, fuhr schnell mit der Hand an die nassen Augen und bat mich leise, sie zu verlassen. Doch ich folgte ihr nicht, und weil sie wahrnahm, wie nah' mir ihr Leid ging, erhob sie sich vom Lager, darauf sie sich in den Kleidern geworfen, und bat mich nur, es das letztemal sein und bleiben zu lassen, daß ich mit ihr von dem Herdegen rede. Hienach führte sie mich an den Putztisch und wies mir die Dinge, so da lagen: lauter kleine Gaben, die ihr mein Bruder verehret, nur nicht des Petrarca Gedichte mit der goldenen Schrift »Anna–Laura«. Dabei bat sie mich, solches alles an mich zu nehmen und es dem Herdegen zu gelegener Zeit zurückzuerstatten. Wie ich ihr nun beistimmend und traurig zunickte, mochte sie aus meinem Blicke gelesen haben, daß ich das Fehlen der Handschrift bemerket, und eh' ich mich des versah, hatte sie der Truhe die drei Bändlein entnommen und sie zu dem anderen geworfen. Dann rief sie mit veränderter Stimme: »Auch das, nein, auch das nicht! Weil es das Beste war, so er mir gab, und da er sich so hold erwies, wie er mir's reichte – o Du, o Du weißt nicht – wollt' ich das Büchlein bewahren. Aber fort, fort auch damit!« Hienach that sie alles auf ihr seiden Halstuch, knüpfte es mit harten Griffen zusammen, schob mir das Bündel in die Hand und bat mich dringend, mich heim zu begeben. Mit meinem Bündel in der frierenden Hand gelangte ich voll Herzeleid und Trübnis nach Hause, und da mir mein Akusch, der arme Wicht, dem unser kalter fränkischer Winter gar weh that, die Thür öffnete, hörte ich droben ein laut und fast munter Lachen und Hägen, und ich erkannte die Stimme der Base Metz, die in eitel Fröhlichkeit schwelgte. Da ergriff mich wieder ungestüme Entrüstung; denn unser Haus war heut sicherlich eines der letzten, dem solche Heiterkeit ziemte. Der Schneesturm hatte meine Wangen gerötet, doch der Unwillen ließ sie noch lichter erglühen, und so eilte ich mit langen Schritten die Treppe hinan. Doch bevor ich noch das erste Wort gefunden, rief die Base, die mit dem Magister und dem alten Konsulenten Pirkheimer vom Rate herabkam, mir schon von weitem entgegen: »Stell Dir nur für, Gred, was der Herr Gevatter soeben für Wunderdinge gebracht hat!« Und nun berichtete sie mit freudestrahlendem Antlitz, während der Herr Konsulent dies und jenes ergänzte: der Magister sei über Nacht zum reichen Manne geworden, maßen ihm von seiner Pathin, der alten Oelhafin, ein gar stattlich Gut anerstorben. Solches war nun freilich eine so sonderbare wie erfreuliche Kunde; denn männiglich hatte die Erblasserin für ein dürftig Weiblein gehalten, so die Pfragnerei ihres Hausherrn selig zwar fortbetrieben, doch sich dabei nur der Hilfe eines wohlfeilen Ladenknechtleins bedienet, das wie eine der mageren Aehren aus dem Traume Pharaonis aussah und dazu noch auf einem Auge blind war. Dannocht erinnerte ich mich wohl, daß ihr Lädlein, so nicht viel größer denn ein stattlicher Schrank, immer voll gewesen von Käufern, wenn wir uns verbotenerweise hineingeschlichen hatten, um für ein Hellerlein getrocknete Feigen zu kaufen. Ich sehe das lahme, kleine Weibsbild noch vor nur, wie es durch den Laden oder die Gasse hinkte, und wie sie die Buben ingrimmig ankeifte, wenn sie ihr »Klipp, klapp, Hinkebein, Schampelein!« nachriefen; denn ganz Nürnberg kannte sie weit besser bei dem Ekelnamen »Schampelin«, als bei dem ihres Hausherren selig. Daß selbiges Weiblein das Zeitliche gesegnet, hatten wir allbereit gestern vernommen; doch war selbst der Magister der Meinung gewesen, ihre Hinterlassenschaft werde den Gang auf das Rathaus kaum lohnen. Nun aber berichtete der Herr Konsulent, sie habe in einem zierlichen und rechtsgiltigen Testament dem Magister ihr gesamtes Gut anerstorben, und solches als dem einzigen Kinde, das man sie je als Pathin über die Taufe zu halten gewürdigt. Bei der gerichtlichen Durchsuchung ihres Quartierleins sei dann im Bettstroh und an anderen verborgenen Orten eine ansehnliche Zahl von abgetragenen Strümpfen gefunden worden, und in selbigen statt ihres dürren Beinleins goldene Guldein und ungarische Dukaten die Fülle. Ferner hatte sie zu Nördlingen ein Haus, zu Schwabach eine Mühle besessen, und so war das Gut, das sie dem Magister gelassen, in der That von ansehnlicher Bedeutung. Auf dergleichen hatte der bescheidene Mann nimmer gehofft, und es schaute sich nun ergötzlich genug an, wie er seiner Würde völlig vergaß, bald auf den einen, bald auf den andern Fuß sprang und fortwährend ausrief: »Nein, nein, nein! Es ist ja nicht möglich! So wäre denn aus dem armen Irus ein Krösus geworden!« Also ging es fort, bis er sich mit dem Herrn Pirkheimer entfernte. Da lachte ich denn mit der Base, und wie ich wieder allein war, erwog ich, wie freundlich es doch von der gütigen Vorsehung geordnet, daß es schon einer kleineren Herzenslust glückt, großes Leid, wenn auch nur auf kurze Zeit, in Vergessenheit zu bringen. Bei Nacht mußte ich freilich des Geschehenen mit neuer Kümmernis denken, doch am nächsten Morgen sah ich den Magister wieder und dachte mich seines Glückes zum andernmale zu freuen; er aber war nun wieder still und gelassen geworden, und beim ersten schicklichen Anlaß nahm er mich beiseite und sagte bescheidentlich und mit niedergeschlagenen Augen: »Denket nicht übel von mir, Jungfrau Gred, wenn ich mir gestern die Freude über irdisches Gut zu Kopfe steigen ließ; doch es war gewißlich nicht der blendende Mammon, der es mir anthat, sondern etwas ganz anderes, Ihr dürft es mir glauben!« Und nun bekannte er, daß er die Ann allbereit, da sie noch in die Schule gegangen, im Herzen getragen und seinem Leben das Ziel gesetzet, sie sich zu gewinnen und mit ihr einen eigenen Hausstand zu gründen. Dazu seien freilich einige Mittel erforderlich gewesen, und so habe er denn jeden Heller beiseite gelegt, den er durch Unterricht bei uns und in der Lateinschule erworben, und sich deswegen auch manch schön und lehrreich Buch zu kaufen oder ein Krüglein Wein unter Geistesgenossen zu trinken versaget. Auch seien allbereit etliche hundert Pfund Heller beisammen gewesen; ja er habe sich dem hohen Ziele nahe gewähnet, als er am Weihnachtsabend vor des Herdegen Aufbruch wahrgenommen, daß der mächtige Herr ihm das einzige Schäflein geraubet. Da sei ihm denn nichts übrig geblieben, als sich, wenn auch gramvoll, so doch still zu bescheiden, bis in den letzten Tagen der Himmel seine Gnade über ihn ergossen. Der mächtige Herr – und damit wies er im Geiste abermals auf meinen Herdegen-Bruder – habe sich des Lämmleins wiederum begeben, und er selbst sei zu einem geworden, der recht wohl einen Hausstand zu erhalten vermöge. Hienach ging er mich bescheidentlich an, ihm bei der Erwählten das Wort zu reden, und ich brachte es nicht übers Herz, seinen lieblichen und treugenährten Hoffnungen auf einmal den Todesstoß zu geben, obzwar ich nur zu gewiß wußte, daß sie völlig vergebens. So ersuchte ich ihn denn, sich nur noch bis Weihnacht zu gedulden, maßen er der Ann Zeit lassen müsse, sich den Herdegen mehr aus dem Sinn zu schlagen; er aber willigte mit freundlicher Demut in den Verzug, obzwar er sich auch in den letzten Jahren zum Vorteil geändert und sich nunmehr sogar eines ziemlichen Ansehens unter den gelehrten Herren der Stadt erfreute, also daß er, zumal er nunmehr ein reichbegüterter Mann, trotz seiner vorgeschrittenen Jahre von mancher Mutter als willkommener Schwiegersohn begrüßt worden wäre. Aber der Magister, der so lange gewartet, drängte auch jetzt nicht. Eine Woche folgte der andern in aller Stille, der dritte Adventsonntag ging vorüber, und die heilige Weihnachtszeit, mit der die Frist ablief, die mir der geduldige Freier bewilliget, stund vor der Thür. Ich hatte die Ann weniger oft denn früher gesehen. Gewöhnlich gab es für sie in dem großen Haushalt des Meisters alle Hände voll zu schaffen, und ich fühlte auch wohl, daß sie für mich eine andere geworden. Etwas Scheues, so ihr früher völlig fremd, war über sie gekommen, also daß es schien, als lebe sie in steter Sorge vor neuer Unbill und Kränkung; auch hatte sie jedes Gastgebot, das von der Els Ebnerin und etlichen anderen von den Geschlechtern an sie ergangen, bescheidentlich, doch mit aller Festigkeit, abgelehnet; ja vor etlichen Tagen, und gestern zum andernmale, des Ohm Kristan herzliche Einladung, auf dem Tanz zu erscheinen, der heut, an seinem Namenstage, in seinem Quartier aus der Burg stattfinden sollte. Auch ich war zu selbigem Feste geladen und hatte dem Herrn Pathen zusagen müssen; doch war meinem scheuen Versuch, die Ann zu bewegen, ihrem besten und liebsten alten Freunde den Willen zu thun, nur die wehmütige Antwort gefolgt, ich müsse mir selber sagen, wie wenig ihr dergleichen anstehen könne. So hatte der Verkehr mit ihr, der mir sonst das höchste Genügen bereitet, die Unbefangenheit verloren, ohne die er doch des rechten Zaubers entbehret; doch darum war sie mir nicht minder teuer, nur daß ich ihr jetzt zu begegnen hatte wie einem lieben Kinde, das nicht ohne unsere Schuld erkrankt ist. An jenem Tage nun, der als meines Herrn Pathen Namensfest der 20. Dezember, fand ich sie nicht bei den anderen, sondern allein auf der Kammer und in der heftigsten Erregung. Die Wangen glühten ihr, und es arbeitete in ihr so mächtig, als sei sie eben einer schlimmen Verfolgung entronnen. So gab es denn alsbald ein schnelles und banges Fragen, dem ein scheues Erwidern folgte, bis sie plötzlich mit einem lauten und wehen: »Es richtet mich zu Grund, und ich trag' es nicht länger!« das Antlitz in den Händen verbarg. Da zog ich sie an mich und pries, um sie zu sänftigen, des Meisters Pernhart, ihres neuen Stiefvaters, Bravheit und Güte; sie aber schluchzte: »Das! Ja, wär' es doch das nur!« Und plötzlich, bevor ich mich des versehen, hatte sie mich fest mit beiden Armen umschlungen und küßte mir sodann Mund und Wangen mit großem Ungestüm. Hienach rief sie: »O Gred, Gred, Du darfst mich nicht lassen! Auch von Dir wollt' ich mich wenden, und es wär' mir geglückt, und hätt' es mich auch noch so viel Herzblut gekostet. Aber heute, jetzt frag' ich: Ist es recht, daß ich mich selbst auf die Folterbank spanne, weil er mir so wehe gethan? Nein, nein, nein! Ich brauch' Deine treue Seele, sie ist mir vonnöten, um hineinzuschütten, was mich zu Boden drückt und erdrosselt. Hilf mir es tragen, sonst endet es schlimm, sonst folg' ich der, die in dieser Kammer dahinging.« Ach, meine Seele hatte ihr ja immerdar offen gestanden, und solches vermeldete ich ihr fröhlichen Herzens, und nun wurde ihr Antlitz und Wesen ganz so wie früher; und war das, was sie mir zu künden gedachte, auch mit nichten tröstlich, so konnt' ich ihr doch aus gutem Herzen Mut einsprechen und fühlte ihr bald an, daß es ihr wohlthat wie ein Bad, sich von allem zu entlasten, was sie in den letzten Wochen gekränkt und geängstigt. Es that ihr immer noch weh, die Mutter den neuen Eheherren wie ein Turteltäublein umgirren zu sehen. Wohl mußte sie seines Lobes voll sein; doch dieser gut unterrichtete und der feineren Sitten wohl kundige Mann hielt auf die alte Handwerkerart, wie sie auch seinem greisen Mütterlein genehm war, und selbst sein jung Weib hatte sich vergeblich bemüht, ihn selbiger zu entfremden. Da speisten denn Meister und Meisterin, Sohn und Tochter, Gesell und Lehrling, Knecht und Magd nach wie vor an der gleichen Tafel, und da die Mägede nach altem Brauch neben der Mutter Platz zu nehmen hatten, und zwar so, daß die jüngste ihr zunächst, die älteste am weitesten von ihr entfernt war, kam die Ann neben den Obergesellen zu sitzen, und das war der nämliche, der des jungen Waldstromers Anschlag dem Meister verraten, weil er selbst ein Auge auf das Trudlein selig geworfen. Dieses Gesellen minnesüchtig Herz hatte sich der Ann sehr bald zugewandt, und da er ein schmucker Bursch, eines wohlbehaltenen Meisters in Augsburg Sohn und Erbe und dazu ein Mädchenkränker und Herzensbrecher, hatt' er sich manchen glücklichen Liebeshandels unter den jungen Töchtern geringeren Standes zu rühmen. In ihrem Kreise war er, wie die Leute sagen, der Hahn im Korbe, und ich erinnerte mich gar wohl, ihn bei einem Gesellentanz am Maienfeste gesehen zu haben, wie er in rosenrotem Gewand und lichtem Strumpfwerk, ganz bekränzet und mit vielen Blumen und manchem frischen Reis auf der Kappe und im Gürtel, die Zunftmeisterstöchter als ein rechter Geck umschwänzelt hatte und mit ihnen umgesprungen war, als erweise er ihnen durch seine Huld hohe Gnade. Zwar hätt' es ihn zum Nachdenken bringen können, daß seines Meisters schöne Tochter sein Werben verachtet, doch focht ihn solches nicht an, maßen es ja um eines fürnehmen Junkers willen geschehen. Bei der Ann mocht' er wohl auf ein leichter Spiel hoffen; denn obzwar ihm selbige von Anbeginn scharf und kenntlich zu fühlen gegeben, daß er ihr zuwider, ließ er nicht von ihr, und heut in der Frühe, da er sie im Soler allein gefunden, hatt' er sich gar vermessen, die Hand nach ihr auszustrecken, um sie zu umfangen. Ob sie ihn nun auch alsbald übel heimgesandt, fühlte sie dannocht, daß ihr, um sich vor seiner Keckheit zu wahren, nichts übrig bleibe, denn eine Klage an den Meister zu bringen und also des Hauses Frieden zu stören. Wohl stund sie fest genug auf den Füßen, um sich selbst vor der Freiheit des geringen Burschen zu schützen, doch ihr fürnehm Wesen fühlte sich wie beflecket von dem Gemeinen, so in der Art dieses Gesellen und manches anderen gelegen, das sie hier täglich berührte. Jedes Mahl mit der großen Schüssel für alle, in die der Gesell den Löffel hart neben den ihren tauchte, ward ihr zur Pein, und da des Meisters alte Mutter solches bemerkt und auch bald genug wahrgenommen hatte, wie schwer sie sich in die neue Lage und Umgebung schicke, deutete sie solches samt den rotgeweinten Augen und bekümmerten Mienen der Ann in ihrer Weise und wähnte, ihre Hoffart trüge es nur schwer, eines Handwerkerhauses Leben zu teilen. So wandte sie denn das Herz von der Stieftochter des Sohnes, die sie doch gar liebreich willkommen geheißen, blickte über sie hinweg, und sprach sie ja einmal zu ihr, so geschah es in herber und unwilliger Weise. Solches aber that der Ann um so weher, je deutlicher sie wahrnahm, daß die neue Großmutter ein warmherzig, wacker und geradsinnig Weibsbild, aus dessen Mund manch weislich Wort kam, und das sich ihren jüngeren Geschwistern so hold erwies, als ob es ihre eigenen Eniklein wären. Ja, man brauchte sie nur anzuschauen, um zu wissen, daß sie aus kernhaftem Holze und Kopf und Herz auf dem rechten Fleck trug. Vor wenigen Stunden hatte die Ann darum ihrem Beichtiger, dem Herrn Plebanus von Hellfeld, das Herz erschlossen und von selbigem den Rat erhalten, den Schleier zu nehmen und im Kloster als Christi Braut neue Glückseligkeit zu erwerben. Da sie nun selbst nichts dringender suchte, denn Frieden und Ruhe vor der Welt, in der sie so Trübes erfahren, hätte sie solchen wohlgemeinten Rat, der mir und der Base gleichfalls bisweilen als das Rechte für sie erschienen, fast gern befolget, wäre ihr Vater selig, der rastlose Arbeiter, dem klösterlichen Leben nicht eifrig entgegen gewesen. Die Selbstsucht, hatte er gesagt, sei der Quell alles Uebels, und wer sich der Welt und den Pflichten entfremde, die sie an ihn stelle, um in eines Klosters Mauern Glückseligkeit zu finden, – denn die Seligkeit, nach der Mönch und Nonne trachteten, sei nichts als eine höhere Glückseligkeit, ausgedehnt über den Tod bis ans Ende der Dinge – der meine wohl den allererhabensten Zielen zu folgen, doch was ihn diesen entgegentreibe, sei dannocht nur Eigennutz, wenn auch unter allen Arten des Eigennutzes der edelste und höchste. Und noch wenige Tage vor seinem Ende hatte er der Ann, in der er längst seiner Kinder vornehmste Erzieherin erkannt, zugerufen, sie möge die Kleinen auf nichts eifriger hinweisen, als sich der Selbstsucht zu begeben, wie es denn auch für ihn, nun der Tod ihm nahe, der beste Trost sei, in festem Glauben auf seines Erlösers Gnade rastlos geschafft zu haben für die Seinen und die verwaisten Kinder, gleichviel ob der Armen oder der Reichen. Selbige Lehre war der Ann tief im Herzen verblieben und ihr auch gegenwärtig gewesen, wie sie den Herdegen zu einem höheren Streben ermuntert, und da sie nun vor der Thür des Herrn Plebanus ihrem alten Großohm, dem Organisten, begegnet war und ihm die Frage gestellet, was er davon denke, wenn eine unglückselige, verlassene Maged in der Stille des Klosters Frieden wiederzufinden suche, den sie verloren, hatte der schlichte Mann ihr tief in die Augen geschauet und hienach wehmütiglich vor sich hingemurmelt: »Also doch, so hat es sich dannocht erfüllet!« Dann war er ihr näher getreten, hatte ihr das gesenkte Haupt aufgerichtet und in ermunterndem Tone gerufen: »Ins Kloster? Du in ein Kloster! Du, unsere Ann, die allbereit in der Schule der Geschwister rüstige Mutter gewesen? Nein, Kind, dreimal nein! Höre vielmehr das Wort, so Dein alter Großohm aus eines weisen und guten Mannes Munde vernommen, da er selbst nach dem schwersten Weh seines Lebens bereit stund, an der Zisterzienser Pforte zu klopfen.« Und selbiges Wort, es hatte gelautet: »Geht Dir verloren, was Du Dein Glück nennst, und gelingt Dir's, es in anderen zu wecken, so findest Du es wieder im eigenen Herzen.« Später hab' ich dann durch den alten Heiden selber erfahren, daß er, der in fast jungen Jahren den Stadtpfeifern als Präfektus vorgestanden, wie ihm die vielgeliebte Hausfrau, sein Elslein, nach kaum anderthalbjähriger Ehe entrissen worden, dem Irrsinn nahe gewesen. Nachdem er hienach sich selbst wiedergefunden, habe er vermeinet, des Herzens Gleichgewicht und der Frieden mit seinem Gott sei nur im Kloster wiederzufinden; und zu jener Zeit war es gewesen, da der weise und fürtreffliche Ulman Stromer ihm jenen Satz zugerufen, der sodann seines Lebens Leuchte und Richtschnur geworden. So war er denn in der Welt verblieben; doch hatte er sich des ansehnlichen Amtes eines Präfektus der Stadtpfeifer begeben und dafür das bescheidene des Organisten auf sich genommen, bei dessen Uebung es ihm gegeben, sein hohes Vermögen in der Musika dem Himmel gleichsam zum Opfer zu bringen. Jener Satz, der den redlichen Greis der Welt erhalten, war der Ann tief in die Seele gedrungen, und weil ich wahrnahm, wie willig sie die Lehre angenommen, das Glück darin zu suchen, es in anderen zu wecken, rief ich sie auf, selbige mit mir im Bunde auch für ihr künftig Leben als Leitstern zu wählen. Solches gefiel ihr fast wohl, und mit dem seltenen Flug, den ihre Seele zu nehmen vermochte und auf dem ich ihr nur folgen konnte, wie das Kind dem Schmetterling oder Vöglein, malte sie nunmehr aus, wie wir fürderhin bestrebt sein wollten, dem Nächsten zu liebe uns selbst zu vergessen. Wie ich sie endlich erhobenen Mutes vor mir dastehen sah, faßte ich mir ein Herz und machte mich scherzend und ihrer Weigerung gewiß zum Freiwerber für den Magister. Solches aber geschah mitten während des Aufbruches, maßen ich mich und sie ohnehin überlange versäumet; denn ich hatte mich noch für das Fest bei dem Ohm Kristan zu kleiden. Wie ich aber eben desselbigen gedachte, erschien sein Knecht mit einem Schreiben, darin der vielgetreue Mann sein »lieb Türmerlein« in zierlichen und warmen Worten zum drittenmale vermahnte, ihm an seinem Ehrentage und beim Trunk auf sein eigen Wohl Glückwunsch und Mahnung nicht vorzuenthalten. Mit selbigen gütigen Briefleins Beistand bracht' ich sie wahrlich zu einer zusagenden Antwort, doch erteilte sie solche in hastiger, beinah ungestümer Erregung. Des Ohms Bote hatte der Werbung Beginn unterbrochen, und während wir gemeinsam und eilig einen Blick auf der Ann Festkleider warfen, brachte ich des Magisters Anliegen zu Ende, und was ich vermutet, das geschah nun auch wirklich; denn ohne sich im mindesten überrascht zu zeigen, wies sie den Antrag bündig zurück und nannte den abgewiesenen Freier ihr arm, brav, vielgetreu Magisterlein, so einer Hausfrau mit freierem Herzen wert sei. Bei dem Ohm Kristan mochte, wenn ich etlicher gelehrter und geistlicher Herren geschweige, die Ann wohl die einzige unter den zahlreichen Gästen sein, die nicht zu den Geschlechtern gehörte. Doch als letzte erschien sie darum gewiß nicht, weder an Gewand noch an Haltung, und wie ich sie dort im Vorgemach beim Kerzenschein im azurfarbenen Festgewand vor mir sah, während sie dem alten Herren und seiner Schwester, die ihm den Hausstand leitete, für ihre Geneigtheit dankte und dabei die großen Augen liebreich und erkenntlich zu ihnen aufschlug, da hätt' ich sie gern vor aller Welt in die Arme geschlossen, und es stieg in mir die Frage auf, wie es denn möglich gewesen, daß mein Bruder solchen Schatz freventlich von sich gestoßen. Da wir sodann den Saal gemeinsam betraten, schwiegen die Stadtpfeifer eben, und es gab eine Stille unter den Gästen, als habe eine Fanfare des Fürsten Nahen vermeldet; solches aber galt nur ihr und ihrer wundervollen Schöne. Von den geladenen jungen Herren schien jeglicher gern an des Herdegen Stelle treten zu mögen, und der Tanz nahm sie so voll in Anspruch, daß sie es kaum wahrnehmen konnte, wie etliche von den geladenen Müttern und Jungfrauen geflissentlich über sie hinwegsahen. Die Ursula Tetzelin aber ließ es sich daran mit nichten genügen, sondern trat ihr näher und fragte sie höhnisch, wie es dem Junker Schopper in Paris ergehe. Da richtete die Ann sich stolz in die Höhe und erwiderte schnell: wenn anders es sie nach solcher Wissenschaft gelüste, werde sie sich wohl besser an die Jungfer Tetzelin wenden, da selbige ja dem lieben Vetter fleißig genug nachzugehen getrachtet. Da rief die Ursula: »Wie sorglich unser Princeps doch das Gelernte behalten; auch die Fabel vom Fuchs und den saueren Trauben!« – Dann wandte sie sich an mich, indem sie fortfuhr: »Und unseres Princeps Gelehrigkeit ist gleichfalls die alte verblieben. Sie weilt ja noch nicht so gar lange in ihres Herrn Stiefvaters Hause, und wie trefflich ist sie allbereit vertraut mit den kleinen Schlägen, wie der Rotschmied sie führet!« Damit wandte sie uns beiden den Rücken, und wie sie hienach mit ihrem Tänzer der Kette, zu der die Ann gehörte, gegenüberstund, merkte ich wohl, daß sie ihn antrieb, sich und seine Genossen fern von der Handwerkerstochter zu halten; ich aber machte alsbald ihren Anschlag bei dem nämlichen Junker zu Schanden. Solcher Fürsprache hätt' es indes kaum bedurft; denn ihr Liebreiz machte sie bei den Mannsbildern ohnehin zu einer der gesuchtesten von allen. – Da sie der Ohm Kristan hienach beim Mahle in seine Nähe berief und recht frei und kenntlich zeigte, wie lieb sie seinem redlichen Herzen, durft' ich wohl hoffen, daß sie nunmehr das Spiel gewonnen, und unsere Freundschaft in Zukunft über ihren Stiefvater, den Rotschmied, hinwegsehen werde. Was brauchte sie nach den wenigen hoffärtigen Weibsbildern zu fragen, so ihr beim Aufbruch deutlich genug wiesen, daß es ihnen ungenehm, ihr hier zu begegnen. Bei der Heimkehr zeigte sie indes ein sonderbar nachdenklich Wesen, und wie wir uns trennten, bat sie mich, morgen in der Frühe bei ihr fürzusprechen. Solches hätt' ich ohnehin nicht unterlassen, maßen ich mir wenig Ergötzlicheres wußte, denn nach einem Feste oder Tanz, den wir am Abend gemeinsam genossen, das Bemerkenswerte mit ihr auszutauschen, so uns beiden begegnet; doch auch damit sollt' es wohl anders werden. Wie ich sie nämlich am nächsten Morgen begrüßte, hatte sie die heitere Miene von gestern Abend völlig verloren, ja man sah ihr an, daß sie wenig geschlafen, und bald erfuhr ich, sie habe nächtlicherweile erwogen, was das Leben von ihr heische, und wie sie wahr zu machen vermöge, was wir uns gestern im Stillen zu vollbringen gelobet. Je fleißiger sie den Sinn darauf gerichtet, desto besser und löblicher sei ihr unser Vorhaben erschienen, und der Tanz bei dem Ohm habe ihr deutlich erwiesen, daß unter den Geschlechtern wenige zu finden, denen ihre Nähe genehm, und keiner, dem ihr Beistand gefrommt haben würde. Darin war sie vielleicht im Rechte; doch wie erschrak ich, da sie mir mit der Festigkeit, die ihr eigen, erklärte, daß sie nach reiflicher Erwägung mit sich einig geworden, dem Magister das Jawort zu geben. Weil sie nun wahrnahm, wie mich solches ergriff, bat sie mich mit der nämlichen dringlichen Hast, die mich gestern an ihr befremdet, ihr wohlbedacht Vorhaben unangefochten zu lassen; denn der Magister sei ein braver Mann, den sie durch ihr Jawort wahrhaft zu beglücken vermöge. Sein neuer Wohlstand werde ihr außerdem die Mittel gewähren, vielen Armen aus Not und Elend zu helfen. Da fragte ich sie ernstlich, wie es denn mit der Minne bestellt sei, und nun fuhr sie abermals ungestüm auf und rief, es müsse doch auch mir bewußt sein, daß sie, was Minne und Minneglück heiße, zu den Toten geworfen. Solches denke sie auch dem Magister offen zu künden, und sie sei gewiß, daß er sich an Freundschaft und gutem Willen ihrerseits genügen lassen werde. Selbige Rede war ihr über die Lippen geflossen, als sei es ihr selbst ungenehm, sie zu hören, und weil eine innere Stimme mir sagte, daß sie doch allem voran zu solchem Entschlusse gekommen, um den Herdegen fühlen zu lassen, daß sie in alle Ewigkeit für ihn verloren, ich aber noch nicht abgelassen hatte, zu hoffen, diese beiden Menschenkinder möchten sich wiederfinden, und der Ann hochgemute Minne des Bruders besseren Teil vor völligem Untergang wahren, brachte mich ihr unselig Vorhaben solchergestalt auf, daß ich es einen tollen und frevelhaften Streich gegen ihren eigenen Frieden, ja auch gegen denjenigen schalt, der ihr doch einmal so wert gewesen wie das eigene Leben. Sie aber schnitt mir das Wort ab und gebot mir streng, den Herdegen, wie ich ihr verheißen, aus dem Spiele zu lassen. Hienach trieb mich das heiße Blut auf die Thür zu, und ich hatt' auch allbereit die Klinke in der Hand, als sie auf mich zugestürzt kam, mich stürmisch zurückhielt und mich mit dringenden Bitten beschwor, ihr den Willen zu lassen; denn sie könne nicht anders. Es sei ihr heiliger Ernst, sich von nun an der Glückseligkeit anderer zu weihen, und da solches schwere Opfer heische, sei sie bereit, das ihre zu bringen. Bestünd' ich auf meiner Weigerung, dem Magister ihren Entschluß zu eröffnen, werde sie ihn durch den Stiefvater oder die Henneleinlein, die mit solchen Angelegenheiten vertraut, unterrichten und zu sich bescheiden lassen. Da sah ich denn, daß hier nur noch wenig zu hoffen, und so nahm ich, wenn auch schweren Herzens und mit einem heimlichen Hintergedanken, die Botschaft auf mich; denn ich fühlte tief die Gefahr, meine Weigerung werde alles verderben. Dabei dünkte es mich wie ein Glücksfall, daß der Magister sich neulich auf etliche Tage nach Nördlingen begeben, um das Haus, so ihm von der Frau Pate dort zugefallen, in Besitz zu nehmen; denn wo ein schwer Unheil bevorsteht, da begrüßt die hoffende Seele schon den Aufschub als Vorläufer der Rettung. Der Kümmernis übervoll watete ich heimwärts und gewahrte vor unserem Hause etliche ledige Rosse des Waldohms. Droben fand ich ihn bei der Base Metz und erfuhr bald, daß er gekommen, um mich und die Ann zu der großen Jagd zu laden, die auf Neujahr angesetzt worden. Es hatte der erlauchte Herzog Albrecht von Bayern nebst anderen Rittern und Herren an selbiger teilzunehmen verheißen, und nun begehrte er unseres Beistandes für seine sieche Hausfrau; auch war es ihm genehm, die Tafel »mit etlichen schmucken Weiblein« zu zieren. Da hatt' es denn zwischen der Base Metz und ihm ein lang Hinundher gegeben, ob es angehen werde, die Rotschmiedsstieftochter so fürnehmen Gästen zu gesellen, und bei ihm die Meinung den Ausschlag gegeben, daß dem Weidmann im Forste eine holdselige Maged, gleichviel welchen Standes, immerdar genehm sei. Nur eines bereitete ihm Sorge, und das war, daß weder er selbst noch ein anderer bisher vor der Muhme Jacoba den Namen des Meisters Ulman Pernhart sich auszusprechen getraut, und daß selbige deswegen keinerlei Wissenschaft von dem Ehebündnis besaß, so ihrer lieben Ann Mutter geschlossen. Aber einmal mußte die sieche Frau solches dannocht erfahren, und weil Base Metz ihrer Neigung kein Hehl hatte, dem Verlöbnis der Ann mit dem Magister Vorschub zu leisten, während ich mit gutem Grunde hoffte, die Waldmuhme werde mir willig beistehen, solches zu hintertreiben, faßte ich rasch den Entschluß, den Ohm zu begleiten, um seine kluge Hälfte um Rat anzugehen. Fünfzehntes Kapitel. Mit hochroten Gesichtern und halb erstarrten Händen und Füßen kehrten wir am Abend desselbigen Tages auf der Forstmeisterei ein. Der Ritt durch den tiefen Schnee und die strenge Dezemberkälte war baz beschwerlich gewesen, doch der Forst in seinem glänzenden Wintergewande, die reine Luft, die sich so frisch und erquicklich atmet, und dazu auch mancherlei Kleines, von den weißen Hütlein aus Steinen und Wurzelstumpfen an bis zu den artigen Kristallgebilden der Flocken, die aus den grünen Sammet meines Pelzmieders fielen, freute mich, obzwar die Sorge mir schwer auf der Brust lag. Da wir die Forstmeisterei erreichten, war der Abendstern allbereit aufgegangen, und hier unter Gottes freiem Himmel, den Riesen des Forstes und den wettergebräunten, derben Menschen wollt' es mich geradezu unmöglich dünken, meine frische, jugendliche Ann als des Magisters andere Hälfte sein weltfremd, welkend Dasein teilen zu sehen. Wer hier im Walde lebe, der müsse, dacht' ich, das Gleiche empfinden, und so verhielt es sich wirklich; denn nachdem wir bei der Muhme am Kamin Platz genommen und sie uns den Würzwein mit den eigenen schwachen Händen gemischet, ließ sie mir das Wort, und nachdem sie vernommen, was mich so kurz vor dem Weihnachtsabend, der doch dem Großohm ein für allemal gehörte, in den Wald gezogen, brachte unseres Hausgenossen Werbung sie anfangs zum Lachen; sobald sie aber vernommen, daß die Ann ernstlich gewillt, sie zu erhören, schwur sie, solchen Tollhäuslerstreich nimmer zu dulden. Sie hatte den Magister mehrfach auf der Forstmeisterei beherbergt, und weil sie, so klein und bresthaft sie selbst war, Kraft und Größe an den Mannsbildern liebte, hatte sie »den vertrockneten Bücherwurm« kaum zu selbigen gezählet. Von seinem neuen Reichtum sagte sie: »Hätt' er statt jedes Tausends ein Lebensjahr weniger, könnt' er dafür einen Zentner schwerer heben und hundert Meilen weiter hinaus in die Welt schauen, dann dürft' er meinetwegen sein Heil bei solchem Prachtkind versuchen!« Was den Ohm angehet, so sang er zu dem schmetternden Liede der kleinen Hausfrau den Brummbaß; sobald er aber abgerufen wurde, fragte mich selbige, bevor er noch die Thür hinter sich zugezogen, so eilfertig, als habe sie die Ungeduld schon lange mühsam bezähmet: »Aber Dein Bruder! Wie ist das alles möglich geworden? Hatt' er denn nicht der Ann die Ehe versprochen?« Da that ich ihr alles kund, was ich wußte, und reichte ihr auch des Herdegen Brief, den ich fürsorglich mit mir genommen, und allbereit beim Lesen gewährte sie einen sonderbaren, ja grauenerregenden Anblick, sintemal sie die Zähne wies wie ein grimmer Rüde, und das Tischlein neben ihrem Sorgenstuhle mit der kleinen Hand schlug, daß die Becher und Arzeneiflaschen, so darauf stunden, wankten und klirrten. Endlich wollte sie gar, ihres Siechtums vergessend, aufspringen; doch von Schmerz überwältigt sank sie mit einem Aufschrei in die Kissen zurück. Dem Großohm Im Hoff war sie nimmer hold gewesen, und nachdem sie ihrer selbst wieder mächtig geworden, verschwur sie sich, seine Ränke zu schanden zu machen und auch ihrem Herrn Neffen in Paris zu weisen, was sie von dem schnöden Bruch eines heiligen Ehegelöbnisses denke. Hienach berichtete ich ihr, wie das Leben der Ann sich so schwer und schier unerträglich gestaltet, und faßte mir auch das Herz, ihr allgemach zu künden, wer der Mann sei, den sie jetzt ihren Stiefvater nenne. Da verstummte sie, schaute sich wie verwirrt in den Schoß und fragte endlich, aus was Grund und Ursach sie solches nicht früher erfahren, und wie ich ihr nun entgegnete, daß männiglich sich billig gescheut, den Namen des Meisters Ulman Pernhart vor ihr zu nennen, fuhr sie wiederum jählings auf und rief mir ins Antlitz, sie verbitte sich auch heute noch, ihr von dem Schelme und Glücksmörder zu reden, der ihres Sohnes Jugend und Unschuld mißbrauchet, um ihn den Seinen zu entfremden und ihn schnöd zu verderben. Da verstieß ich zum erstenmale gegen die Scheu, die ich der ergrauten Frau schuldete, deren ganzes Wesen sicherlich Hochachtung und Schonung heischte; ja ich vermaß mich, sie der schmählichsten Ungerechtigkeit zu zeihen und des Meisters Sache mit glühendem Eifer zu führen. Eine Zeit lang blieb sie sprachlos vor Unwillen und Staunen, maßen sie solcher Widerrede mit nichten gewöhnet; doch bald bezahlte sie mich mit gleicher Münze, und wie ein Wort das andere gab und mich das Ungestüm immer rascher fortriß, hehlte ich ihr nicht mehr, daß der Meister ihrem Götz die Thür gewiesen, um den Sohn von dem Gehorsam nicht abwendig zu machen, den er den Eltern schuldig. Und weiter berichtete ich, was ich durch des Rotschmiedes Mutter von dem Entführungsversuche und seinem Ende vernommen. Nachdem der Obergesell nämlich den Anschlag der Liebesleute dem Meister verraten, hatte selbiger die Tochter in die Kammer gesperrt, und wie ihr Herzliebster, der sie vergeblich mit dem gedungenen Priester am Altar erwartet, endlich kam, um nach ihr zu sehen, war ihm von ihrem Vater eröffnet worden, daß er das Trudlein, wenn der Götz nicht von ihr lasse, entweder kraft seines väterlichen Rechtes zwingen werde, dem Obergesellen als seine Hausfrau nach Augsburg zu folgen, oder es ihr auch freistellen wolle, den Schleier zu nehmen. Solches hatte der Meister mit einem feierlichen Eidschwur bekräftiget, und als sich der Götz, außer sich, das Recht zu erzwingen getrachtet, die Herzliebste zu sehen und aus ihrem eigenen Mund zu vernehmen, ob sie gesonnen, sich dem väterlichen Zwange zu fügen, war es auf der Treppe, die in ihre Kammer führte, zu einem grimmen Streite gekommen, der leicht zu blutigem Ende gediehen wäre, hätte sich nicht die alte Frau Madalen zwischen die Männer geworfen. Hienach hatte der Meister dem Götz versichert, sein Kind wie eine Gefangene verschlossen zu halten, wenn er ihm nicht geloben werde, von dem Trudlein zu lassen, bis er der Eltern Einwilligung gewonnen. Darauf sei denn der Götz in die Fremde gegangen, ohne doch der Herzliebsten zu vergessen; denn von Zeit zu Zeit sei immer wieder ein Schreiben von ihm eingelaufen, so sie seiner Treue versichert. Am Ende des dritten Jahres nach des Vetters Aufbruch hatte er dem Meister endlich in einem neuen Briefe gekündet, daß er nunmehr eine Stellung gewonnen, die ihm gestatte, einen eigenen Hausstand zu gründen, und war den Meister dringlich angegangen, nicht länger zu scheiden, was sich doch nimmer lassen könne. Da hatte denn der Pernhart nicht lange mit der Antwort gezaudert, doch war sie ihm sauer genug aus der Feder geflossen; denn er hatte dem Götz nichts zu erwidern vermocht, als daß das Trudlein nunmehr unter dem Rasen schlummere mit seinem Ringlein am Finger und den letzten Veilchen; die er ihr dargebracht, unter dem Kissen, wie sie's verordnet. So endete die Geschichte von dem armen Trudlein, und bevor ich in die Mitte gekommen, hatte sich mein Ungestüm gesänftigt, sintemal die Muhme immer stiller geworden war, um mir zuletzt andächtiglich zu lauschen. Auch hatte weder mein Auge, noch das der willensstarken Frau trocken zu bleiben vermocht, und wie ich sie endlich fragte: »Nun, Muhme?« fuhr sie auf, wie aus dem Traume und rief: »Und die Handwerkersleute haben mir dannocht mein Kind, das einzige, entfremdet!« Dabei schluchzte sie laut auf und schlug die Hände vor das zuckende Antlitz; ich aber kniete neben ihren Sorgenstuhl hin, schlang den Arm um sie her, küßte die hageren Finger, so ihr die Augen bedeckten, und wie von einer Eingebung getrieben sagte ich leise: »Aber der Handwerker hatte sein Kind auch lieb, und es war eine so süße, holdselige Maged, des Vaters Stolz, die schönste und tugendsamste in Nürnberg, und was sie so früh von hinnen gerissen, was war es denn als die Sehnsucht nach Deinem Sohne? Der Götz, o Muhme, ihn zieht es schon einmal in Deine Mutterarme zurück; doch der Meister, der findet sein Kind, der findet Schön-Trudlein, wie die Leute es nannten, nimmermehr wieder; und doch könnt' er sich seiner heute noch freuen . . .« Da unterbrach sie mich mit abweisenden Worten und Geberden, und wie ich mich dannocht vermaß, sie anzuflehen, das Herz nicht länger zu verhärten und den Sohn heimzuberufen, der doch ihr köstlichstes Kleinod, herrschte sie mir zu, sie alsbald zu verlassen. Solchem Gebot mußt' ich denn wohl oder übel willfahren; weil ich aber allbereit auf der Schwelle stund, winkte sie mir noch einmal, und wie ich mich wandte, rief sie mir zu: »Geh nur, Gred; aber daß Du's weißt, Du bist eine wackere Maged!« Beim Nachtmahl, das ich allein mit dem Waldohm und dem Herrn Kaplan einnahm, vertraute ich jenem an, daß ich mit seiner Hausfrau von dem Pernhart gesprochen, und da er vernahm, daß ich sogar dem Meister das Wort geredet, blickte er mich an, als habe ich mich einer verwegenen That unterfangen; doch nahm ich deutlich wahr, daß ihm solches mehr denn genehm, und der Herr Kaplan, der bis dahin, wie immer, geschwiegen, würdigte mich eines gar beredten, dankerfüllten Blickes und dazu auch etlicher lobender Worte. Nachdem das Mahl längst beendet und der Ohm sich allbereit vom Nachttrunk erhoben, ließ die Muhme mich von der Schaffnerin zum andernmale berufen. Hold und gelassen, als habe sie mir mein Aufbegehren zum Guten geschrieben, lud sie mich ein, mich niederzulassen und gebot mir dann, ihr bis aufs kleinste alles noch einmal zu berichten, was ich über den Götz und das Trudlein in Erfahrung gebracht. Während ich nun solches nach bestem Vermögen vollbrachte, unterbrach sie mich mit keinem Worte; wie ich aber geendet, hob sie das Haupt und rief vor sich hin wie im Traume: »Doch der Götz! Hat er nicht um eines lieblichen Antlitzes willen Vater und Mutter vergessen?« Da bat ich sie zum andernmale recht flehentlich, der Stimme des Mutterherzens zu folgen. Wie ich sie aber hienach ins Leere schauen und die Unterlippe noch weiter denn sonst hervorschieben sah, zweifelte ich nicht mehr, daß sie ihn nimmer heimrufen werde. Eisig lief es mir über den Rücken, und ich schickte mich an, sie zu verlassen; doch sie hielt mich zurück und kam nunmehr auf des Herdegen Sache. Nachdem sie alles erfahren, schaute sie bedenklich drein und rief: »Ich kenn' meine Ann! Hat sie dem Bücherwurm einmal das Jawort gegeben, dann bringen sie die zwölf Apostel selbst nicht ab von dem Gelöbnis, und da liegt sie im Elend, und mit ihrem Schicksal ist auch das Deines Herdegen-Bruders besiegelt.« Hienach fragte sie, wann der Magister heimkehren werde, und wie sie erfahren, daß er schon morgen zurück sein könne, ward sie von großer Unruhe befallen. Mitternacht war allbereit vorüber, da ich sie verließ, und so kam es, daß ich mich übel verschlief. Da galt es denn eilen, und wie ich von ungefähr an das Licht trat, sah ich wiederum die Flocken im Winde stieben, im Schuppen, gewiß für einen Wunden, der ins Kloster geführt werden sollte, einen großen Holzschlitten richten. Im Soler fand ich schon die Waldmuhme, die sonst die Kemenate nimmer vor Mittag verließ. Auch stak sie, statt in dem täglichen, weiten Morgengewande, in einem seltsamen, schier unförmigen Aufputz; denn sie war mit allerlei Röcken und Tüchern also vermummet, daß sie keinem, und am wenigsten sich selber, gleichsah, maßen aus dem zarten, hageren Weiblein eine schier ungeschlachte, umfangreiche, vielmalige Zwiebel geworden. Aus den Schleiern und Hüllen, so das Haupt ihr umgaben, schaute ihr schmal Antlitz herfür wie der Halbmond aus dichtem Gewölk; doch die hellen Augen blitzten mich gar sonnig an, wie sie mir zurief: »Auf, und hurtig an die Morgensuppe gegangen, Du Schlafratz! Dachte, Dich satt und fertig zu finden, und nun läßt der Reisegesell warten, als ob wir tagtäglich mitsammen auf der Landstraße lägen!« »Ja, auf die Landstraße will sie!« stöhnte nun der Ohm und hob mit einem zärtlichen Blick auf die sieche Hausfrau die gefalteten Hände. »He, Kaplan, auch in unseren Tagen geschehen noch Wunder!« Und der schweigsame geistliche Herr blieb ihm diesmal die Antwort nicht schuldig, sondern erwiderte rasch und voll herzinniger Wärme: »Eines wackeren Weibes liebreich Herz hat nie aufgehört, Wunder zu wirken.« »Amen,« sagte der Waldohm und senkte den Mund leise auf den vermummten Scheitel der Muhme. Mir aber kam unser Gespräch von gestern in den Sinn und den Schlitten, den sie gerichtet; doch ganz allein der Blick, mit dem die Reisefertige mich ansah, hätte genügt, mir zu künden, was die bresthafte Frau sich meinem Annlein zu liebe aufzuerlegen gedachte. Da packte es mich, ich wußte selbst nicht wie, und mit einem ganz anderen Ungestüm, denn dem von gestern abend, warf ich mich auf sie und küßte sie wie ein Kind, dem die Mutter das Schönste und Liebste zum Weihnachtsabend bescheret, und indes mein Mund sich auf ihre Augen, die Stirn und Wangen, so die Tücher nicht bargen, heftete, rief sie: »Laß mich, Du tolles Ding, Du erwürgst mich! Was thu' ich denn Großes? Um eines Klatsches willen springt die eine durch den Schnee zu der anderen in Nürnberg, und wer wendet deswegen auch nur den Hals? Nein, jetzt läßt Du mich, Tollkopf! Solch ein Wesen um gar nichts!« Wie ich meines Süppleins eins zwei drei Herr geworden und sodann in den Schlitten gekommen, wie wüßt' ich's zu melden? Wahrgenommen hab' ich überhaupt bis zum Aufbruch nur wenig; denn solches wehrte mir das Naß in den Augen. Dicht an die Muhme geschmiegt, sintemal sie drei Vierteile des Sitzes füllte, flog ich mit ihr über den Schnee, und wir brauchten kein groß beritten Geleit, maßen der Ohm uns voranritt und der Buchenauer, der Steinbacher und andere Placker, so die Straßen um Nürnberg unsicher machten, mit dem Forstmeister Waldstromer in guter Eintracht lebten, schon wegen des Weidwertes. Da ich nun in der Stadt dem Roßknecht gebot, nach dem Schopperhof zu fahren, rief sie: »Nein, zu dem Ulman Pernhart, dem Rotschmiedemeister!« Da murmelte der alte, getreue Mann, der mancherlei von seines jungen, entschwundenen Herren Handel mit der schönen Handwerkerstochter vernommen und dem Götz gar gewärtig gewesen, seines Heiligen Namen und schaute sich nicht anders um, als stürze ein reisiger Troß aus dem Busch, um sein Fuhrwerk zu werfen, und auch ich wußte meine Bewegung schwer zu bemeistern; doch faßte ich mich schnell wieder zusammen und stellte ihr für, daß es doch nicht wohl angehe, in solcher Vermummung eines Fremden Haus zum erstenmal zu betreten. Mein Akusch sei ohnehin vorausgeritten, um der Base Metz ihr Kommen zu melden. Daheim werde ich die Ann rufen; denn es sei an ihr, der Jüngeren, zu der Muhme zu kommen. Doch die sieche Frau bestund darauf, sich in des Meisters Haus zu begeben; weil sie aber die Tücher und anderen wärmenden Dinge belasteten, bequemte sie sich, selbige bei uns niederzulegen. Daheim wollte die Base ihr schier mit Gewalt Rast und Erfrischungen aufdrängen, sie aber wies alles zurück, was für sie süß und dampfend bereit stund, und ließ sich nicht halten; doch wie sie eben in den Soler hinabgetragen ward, fügte es der Zufall, daß der Magister gerade von der Fahrt gen Nördlingen heimkam. In den langen Pelzstiefeln und der rauhen Decke, womit er das Haupt gegen die Dezemberkälte verbunden, glich er freilich eher allem andern denn einem Freier um eine junge und minnigliche Maged, und aus dem Blick, womit ihn die Muhme halb schalkhaft, halb dräuend von oben bis unten maß, mußte wohl männiglich außer dem Magister, der ihr in aller Demut einen wohlgesetzten Sermon hielt, lesen: »Warte, Du Wichtlein; da bin ich! Und kommen Dir die Motten in den Pelz, so hast Du Dich dafür bei mir zu bedanken!« Angethan wie ein fürnehm Weibsbild, mit Mardermantel und Haube, ward sie nun in der wohlverschlossenen Sänfte der Base von dannen getragen; ich aber hatte den Akusch mit einem Zettelein an die Ann vorausgesandt, doch da er sie nicht daheim gefunden, harrte er mein auf der Gasse, und niemand bei den Pernharts hatte erfahren, was ihrer warte. Wie die Träger die Sänfte endlich niedersetzten, fragte die Muhme, indem sie das stattliche Haus, vor dem wir hielten, mit den Augen maß, was solches bedeute; denn vor sieben Jahren hatte sie die Stadt zum letztenmale betreten, und des Meisters neu Quartier war erst später fertig geworden. So war sie denn baz verwundert, den Handwerker in einem Haus von so fürnehmem Aussehen zu finden. Doch es sollte noch besser kommen; denn wie ich mich eben anschickte, den Klopfer zu heben, traten fünf Herren vom Rat, die für jenes Jahr erkorenen Wahlherren, so sämtlich zu den fürnehmsten Häuptern der Stadt gehörten, auf die Schwelle, und in ihrer Mitte der Meister. Sie schüttelten ihm, wie einem guten Gesellen, die Rechte, er aber überragte sie alle, und hätte er nicht dagestanden, wie er aus der Werkstatt kam, im Schurzfell und mit der Schmiedekappe in der Hand, wär' es jedermann leicht begegnet, ihn für den Fürnehmsten zu halten. Selbige Herren waren aber zu dem Ulman Pernhart gekommen, um ihm seine Wahl unter die acht Zunftmeister zu vermelden, welche schon damals zu den zweiundvierzig Mitgliedern des ehrbaren Rates gehörten. Es hatte nämlich der alte Brauermeister Veit Gundling vom Rate das Zeitliche gesegnet, und die Wahlherren waren einig geworden, den Rotschmied, der auch den Zünften genehm, an seine Stelle zu setzen. Allbereit heute hatten sie sich zu ihm begeben, weil, wenn der Wahl Verkündigung auch erst zu St. Walpurgis stattfand, man doch gern vor des alten Jahres Abschluß den Ersatz ins reine brachte. So wurde die Muhme denn Zeuge, wie ihnen der Pernhart frank und aufrecht in kurzen, kernigen Worten beim Abschied dankte. Selbiger war freilich durch ihre Ankunft unterbrochen worden, sintemal ihr alle fünf Wahlherren wohl bekannt, und sie sich sämtlich befleißigten, sie ihres Staunens und Genügens zu versichern, sie auch einmal in der Stadt zu begrüßen. Daß die schwerbewegliche Frau nicht bei dem Pernhart vorsprach, um ein Kupferdach oder einen Muskessel zu bestellen, konnte sich männiglich denken, doch sie schnitt die neubegierigen Fragen, womit man sie anging, kurz ab, und durch das weit geöffnete Thor ward die Sänfte ungesäumt ins Haus getragen. Im Soler empfing sie der Meister. Er war ihr bis dahin nur von fern begegnet, doch hatte er genug über sie vernommen, um sich ein festes Bild von ihr zu gestalten. Mit ihr stund es nicht anders. Sie sah den Mann, dem sie so tief innerlich gram gewesen, hier in seinem eigenen Hause zum erstenmale, und so bot es ein gar sonderbar Schauspiel, wie sie einander mit den Blicken maßen: er, mit leicht geneigtem Rücken, beinahe zaghaft und mit dem Käpplein in der Hand, sie sonder Scheu, aber dannocht mit einer Miene, als wisse sie wohl, daß sie hier nichts Frohes erwarte. Wie jener nun das Schweigen brach, sie aufrecht und dannocht mit ziemlicher Ehrfurcht willkommen hieß in seinem Hause, ohne selbiges, wie das wohl sonst bei Handwerkern üblich, »schlicht« oder gar »dürftig« zu nennen, und sich anschickte, ihr aus der Sänfte zu helfen, sah ich es immer lichter werden auf ihrem Antlitz, und es sagte mir wohl zu, daß sie, der vergangenen Dinge mit keinem Worte gedenkend, dem Pernhart erklärte, zu was Zweck und Frommen sie bei ihm angepocht habe. In dem Wohngemach wich ihr auch die letzte Falte vom Munde, und es sah auch traut und zierlich genug darin aus, maßen es Frau Giovanna trefflich verstund, jedem Ding ein anmutig, dem Auge wohlgefällig Ansehen zu geben. Der Pernhart war indes wortkarg verblieben und hatte ein ernst, beinah' finster Ansehen bewahret. Ganz anders zeigte sich die Frau Meisterin-Mutter. Sie, der das Trudlein alles gewesen, und die ihrer Minne Vorschub geleistet, las in der anderen Seele und erfaßte die Schwere des Opfers, so sie sich auferlegt hatte. Auch nicht die leiseste Spur des alten Grolles war an ihr zu verspüren, und es klang gar artig, wie sie, indes sie der Muhme das Kissen zurecht schob, selbige anging, sie nicht zu beneiden, weil es ihr, der Aelteren, vergönnet, sich der Jüngeren dienlich zu zeigen. Während nun der Pernhart sich bald entfernt hatte, um, wie sich's ziemt, das Festkleid anzulegen, saßen die Alten in regem Gespräch sich gegenüber, und wenn die Edelfrau auch hager und bresthaft, die Meisterin-Mutter hingegen voll und rüstig, glichen sie einander dannocht in vielen Stücken. Gebietende Weibsbilder waren sie sicherlich beide, und da ich wahrnahm, daß sich bei dieser wie bei jener die Unterlippe vorschob, sobald sie ein Wort zum Widerspruch reizte, schien mir solches ergötzlich, doch zugleich erfüllte es mich mit Staunen, wie treffend die alte Pernhartin der Muhme die Ann darzustellen wußte. Freilich hatt' ich bis jetzt vieles an der Freundin mit ganz anderen Augen geschaut, und dannocht wär' ich billig nicht im stande gewesen, auch nur ein Wort der Meisterin ungerecht zu nennen, maßen ich nicht zu leugnen vermochte, daß des Rotschmiedes Stiefkind durch mich und den Umgang mit unserer Freundschaft anders geworden und mit minder bescheidenen Wünschen erwachsen denn anderer Schreiber oder gar Handwerkers Töchter. Bei allem guten Willen, der Seele Unzufriedenheit zu bergen, sagte die Alte, glück' es ihr dannocht mit nichten. Ein Haus sei ein Körper, und wer darin der Art widerstrebe, die ihm zu eigen, der komme mit seinen Gliedern schlecht ins Vernehmen und erschwere es solchen, ihm so dienlich und gewärtig zu sein, wie sie wohl möchten. Ueberall, auch im Kleinsten, erfülle die Ann voll und ganz ihre Pflicht, maßen sie festen Sinnes und Großes über sich vermöge, doch sie schmälere sich selbst den Dank, weil es sonder Freudigkeit geschehe. Solche von ihr zu verlangen, würde heißen, an der Birke nach Trauben suchen, und so sehr sie auch noch jüngst gehofft, die so liebenswerte Maged werde ihr eine ersetzen, die nicht mehr sei, jetzt müsse sie ihr selbst ein neu und ander Heim wünschen. Solcher Rede stimmte die Muhme zu, und weil der Pernhart im Feiertagsgewand wieder eintrat, stattlich und völlig geschickt für die neue Würde, bat mich die Muhme, nach der Ann auszuschauen. Da merkte ich wohl, daß sie mich zu entfernen und mit Mutter und Sohn allein zu bleiben trachte, und so wich ich denn hurtig von hinnen und hielt mich in dem obern Stock bei den Kindern, bis ich Frau Giovanna mit der Ann dem Hause zuschreiten sah. Nun eilte ich ihnen hurtig entgegen, und wie ich mit ihnen wiederum das Gastgemach betrat, beugte der Pernhart eben die Lippen über der Muhme Hand, um sie zu küssen, und in seinen wie in der Weibsbilder Augen schimmerte es feucht; auch waren alle drei so tief ergriffen, daß keines die Thür gehen hörte, und die alte Frau Madalen sich noch allein mit den Pernharts wähnte, wie sie ausrief: »O warum hat es dem Himmel doch nicht gefallen, Euch wenige Jahre früher zu uns zu führen!« Da nickte die Muhme der Greisin nur schweigend zu, und die Meisterin mochte solches für willige Zustimmung nehmen; ich aber las in den Zügen der anderen noch etwas mehr, und das hätte etwa gelautet: »Wir haben einander schwer gekränket, und es freut mich, daß solches nunmehr vergeben; doch wie wert ihr mir auch geworden, das, worauf es euch ankam, hätt' ich euch so wenig heut wie damals gewähret!« Sechzehntes Kapitel. Es stund der Ann gar lieblich, wie sie der Muhme bekannte, die große Herzensgüte, die sie in der harten Winterszeit aus dem Wald zu ihr geführet, mache sie ganz verschämt, und ihr dabei recht inniglich die hageren Händlein küßte; doch auch der älteren Frau ließ es gut, wie sie des Herzens ganze Wärme, die sie sonst keinem zu sehen gab, dem Lieblinge rückhaltlos zeigte. Die Pernharts hatten vernommen, welche Sorge sie in die Stadt gezogen, und so räumten sie denn bald das Gemach, und der Meister rief Frau Giovanna mit sich hinaus, nachdem die Muhme ihr zu erkennen gegeben, wie sie sich ihrer seltenen Anmut freue. Da ich es nun gleichfalls für schicklich achtete, mich zu entfernen, winkte mir die Muhme, zu bleiben. Die Ann hatte längst erkannt, was die sieche Frau zu ihr geführet, und mir unten zugeraunet, so tief sie auch die Fülle der Gutheit erkenne, die ihr die Muhme erwiesen, werde sie dannocht nichts von ihrem wohlbedachten Entschluß abzuwenden vermögen; mir aber war es daraus nur vergönnt gewesen, ihr schnell zuzuraunen, in einem Stücke wenigstens habe sie die Meinung zu ändern; denn ich wisse jetzund sicher und gewiß, daß die Meisterin-Mutter ihr herzlich gut sei. Da hatte sie froh und dankbar gerufen: »O Gred, – wenn sich das doch bewährte!« Sobald wir Drei nun allein, ging die Muhme gerad auf das Ziel los, bekannte offen, aus was Zweck und Ursach sie gekommen, daß sie mit allem vertraut, was der Ann durch den Herdegen widerfahren, wie sie es hingenommen, und daß sie gewillet, dem Magister das Jawort zu geben. Weil die Ann sie nun hienach mit einem entschlossenen »Das bin ich!« unterbrach, ging die Muhme sie an, das eine dem anderen folgen zu lassen. Der Herdegen sei vor dem Magister gekommen, und es frage sich darum zuerst, wie es mit ihr und selbigem beschaffen. Da bat die Ann dringlich, seiner zu geschweigen. Wenn sie der Muhme wert, möge sie es unterlassen, auf die kaum verharschende Wunde zu schlagen. Solches drang ihr recht weh und schmerzlich über die Lippen; doch die andere ließ sich nicht rühren, sondern rief: »Dank' ich nicht noch dem Meister Ulsenius, wenn er mir die Sonde in den Herd des Uebels führet, wenn er mich brennt oder schneidet? Hast Du seine Rede nicht fröhlich gebilligt, der Arzt dürfe nicht früher verzweifeln, bis des Kranken Herz zu schlagen verlernet? Nun wohl! Dein Handel mit dem Herdegen ist siech und wund und liegt schwer darnieder . . .« Da fiel ihr die Ann ins Wort: »Nein, nein, Vielgestrenge, selbigen Handels Herz hat aufgehöret zu schlagen. Es muß mit ihm aus sein auf immer!« »Muß es?« fragte die Muhme, völlig gelassen. »Aber schauen wir dem Ding doch näher ins Antlitz! Dem alten Im Hoff – wir haben's gelesen – verhieß Dein Liebster, Dich preiszugeben und ihm den Willen zu thun. Aber an Dich, Kind, mit eigener Hand zu schreiben, das ließ er fein bleiben. Weil es ihn selbst zu sauer ankam, Dir abzusagen, überließ er's der Gred! Und nun sein Schreiben! Eine Faschingsposse nannt' ich es gestern. Da ist es! Lies es noch einmal! Es trieft ja von Minne wie ein Gewand, so man aus dem Teiche gezogen. Indem er Dir den Stuhl vor die Thür setzt, zieht er Dich ans Herz. Vielleicht hat ihn die Minne nimmer so heiß gebrannt, ist er Dir nie zärtlicher gewogen gewesen, denn da er mit diesem schnöden Geschreibsel die heiligen Bande zerriß, die Euch verknüpfen. Bist Du blöde genug, das nicht selbst zu empfinden?« Da fiel ihr die Ann eifrig ins Wort: »O, ich seh' es recht wohl! Beim ersten Lesen des Briefes hab' ich's erkannt. Aber das, gerade das! Wer um schnöden Gewinn echte Minne verhandelt, muß der nicht schlecht sein? Hätt' er mit der Treue der Minne vergessen, wäre der leichtblütige Fortunatus des ernsten Liebchens überdrüssig geworden, ich hätt' es ihm tausendmal eher vergeben.« »Hat dann Dein Herz überhaupt einmal in Minne für ihn geschlagen?« versetzte die Muhme und schaute ihr erstaunt und, als sei sie einer verneinenden Antwort gewärtig, scharf in die Augen, und weil die Ann hienach ausrief: »Wie möget Ihr solches nur fragen?« fuhr die andere fort: »Also dannocht! Und von der Gred ward mir berichtet, daß Ihr beide ein gar seltsam Bündnis geschlossen: Glückliche Menschen wolltet Ihr schaffen. Zwei Mägede, so sich den Herrgott zu spielen vermessen! Der Magister, nicht wahr, der sollte der erste sein, an dem Du, was Dich's auch koste, den frohen Opfermut zu bewähren gedachtest? Verhält sich's nicht also?« Da nickte ihr die Ann nicht mehr so frei denn vordem bejahend zu, die Muhme aber murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, wie sie immer that, wenn ihr etwas wider den Strich ging, und rief sodann dringlich: »Aber Kind, armes Kind, was hat die Minne, hat der gekränkte Trutz und das Herzeleid aus Deiner warmen Seele und Deinem geraden Köpflein gemacht! Ich Alte, gottlob, ich sehe klarer: Echte und rechte, Vater, Sohn und Geist und dazu der gnadenreichen Jungfrau und jeglichem Menschenkinde, so Dir gewogen, wohlgefällige Minne ist es, was Dich von Kind an mit dem Herdegen verbunden. Er, der treuvergessene Sünder, trägt die seine noch immer im Herzen, und auch Dir ist es mit nichten geglückt, sie aus dem Deinen zu roden. Er hat Dir das Schwerste angethan und sich damit – denk seines Schreibens – und sich damit allbereit jetzund das junge Leben vergiftet. In dem Babel Paris taumelt er nunmehr von einer Lust in die andere. Doch wie lang kann dergleichen dauern? Siehst Du nicht schon den Tag mit mir kommen, an dem er, übersättigt und angeekelt von all dem Tand, als der Unseligen Unseligster ausschauen wird nach festem Grund, wie der Schiffer, der aus leckem Boot im Meere umhertreibt? Dann wird er sich der vergangenen Tage, seiner Kindheit und frühen Jugend, seiner reinen Minne und Deiner erinnern. Dann wird selbige, ja dann wirst Du, die Ann, des rettenden Eilandes Ufer sein, darnach er schmachtet. Dann – ja, Kind, dann bist Du die Einzige, die ihm zu helfen vermag, und ist es Dir ernst, Glückliche zu machen, war die Minne so echt, wie Du – 's ist nicht gar lang her – mir Alten auf den Knieen und unter heißen Zähren vertrautest, dann wird er der erste sein müssen, nicht der fremde Magister, an dem Du Deine – wie soll ich die Hirngespinnste nennen – Deine Vorsätze wahr machst!« Da schluchzte die Ann laut auf und rief mit gerungenen Händen: »Aber er hat mich von sich gestoßen, mich um Gold und Güter verhandelt. Ich, die er in den Staub trat, kann ich ihm nachgehen? Bleib' ich denn noch eine züchtige, verschämte Jungfrau, wenn ich ihn rufe? O, er ist glücklich – und wird es bleiben noch lange, lange Jahre unter den ausgelassenen Genossen, und kommt einmal die Zeit, von der Ihr redet, vielgestrenge Frau, dann wird er nach der verblühten Ann und ihrer Minne so wenig fragen, wie nach dem verschlissenen Festgewande, in dem er weiland geprunket. Er bedarf meiner und meiner Minne, so heiß sie hier drinnen auch glühen wird, so lang ich atme und lebe, er bedarf ihrer nimmer bei dem blendenden Dasein, darin er sich sonnet. Es ist kein Hirngespinnst, wonach ich trachte, und will ich Elende beglücken, muß ich nach anderen suchen!« »Recht, recht,« versetzte die Muhme, »vorausgesetzt, daß Deine Minne nicht höher und besser denn seine.« Und aus der gepeinigten Jungfrau Brust rang sich's: »Aber sie ist dannocht echt und hoch und heiß; es hat nimmer ein echtere gegeben!« »Nimmer?« wiederholte die Muhme und schaute sie fragend an. »Hast Du nichts von der Liebe der Geschrift vernommen, die bereit und fertig ist, alles zu tragen?« Da kamen mir die Worte des Apostels in den Sinn, so uns die Karthäuserin eingeschärft als diejenigen, welche vor allen anderen in des christlichen Weibes Herzen stehen bleiben sollten wie eingebrannt und gemeißelt, und während ich mich bis dahin bescheidentlich zurückgehalten, trat ich jetzt vor und sagte sie mit aller Wärme, deren mein junges Herze fähig, andächtiglich her, und sie lauteten also: »Die Liebe ist langmütig und wohlwollend, sie eifert nicht, sie neidet und prahlet nicht, sie brüstet sich nicht stolz . . . sie ist nimmer auf den eigenen Vorteil bedacht, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht an . . . sie vertraget alles, sie glaubet alles, die Liebe hoffet alles und erduldet alles.« Während ihr nun selbige Worte ans Ohr drangen, schaute die Ann mit fliegendem Odem zu Boden, die Base aber sprach mir mit heller Stimme nach: »Echte Minne verträget alles, glaubet alles, hoffet und erduldet auch alles.« Dann fuhr sie eindringlich fort: »Und so glaube, hoffe und dulde auch Du nur weiter, mein armes Kind, und sage jetzt redlich: Hältst Du es für ein geringer Werk, den verirrten Sünder zum Guten und der Seligkeit diesseits und jenseits zurückzuführen, denn dem Bettler Almosen spenden?« Da schüttelte die Ann verneinend das Haupt, die Muhme aber fuhr fort: »Und wenn eine – laß Dir's wiederholen – so bist Du es, die den Herdegen, der doch erst halb verloren, durch treufeste Minne zu erretten vermag. Komm, komm,« und dabei winkte sie ihr, und da die Ann ihr folgte und wie damals in der Forstmeisterei sich vor ihr niederwarf auf die Kniee, küßte sie ihr Locken und Augen und sprach weiter: »Halte denn fest an Deiner Minne, mein Herzblatt. Du hast nur die eine, und ohne sie ist das Leben schal, ist es nichts. In des Magisters Armen findest Du sie nimmer, und daß Dir der Sinn nicht darnach steht, um jeden Preis eines wohlbestellten Mannes Hausfrau zu werden . . .« Doch sie führte selbigen Satz nicht zu Ende, maßen die Ann die großen Augen mit leisem Vorwurf flehentlich zu ihr aufschlug, als habe sie sich vor Schaden zu wahren. Da tröstete sie die Muhme denn mit etlichen holden Worten und fuhr hienach fort, sie zu mahnen: »An Minne fehlt Dir's gewiß nicht, nur an geduldigem Glauben. Ich weiß ja von der Gred, wie schwere Täuschungen Dir widerfahren. Da fällt es dem armen Herzen freilich sauer, auf ein neu Ergrünen des verdorrten Glücksreises zu hoffen. Aber denke nur meines alten Hausherrn! Er lasset nicht ab, Eichen zu säen, und doch weiß er, daß es ihm nimmer vergönnt sein wird, sie als starke Bäume zu schauen und Gewinn durch sie zu erzielen. So lerne auch Du in Geduld Dich fassen und vergiß nicht, daß, geht der Herdegen verloren, die Frage sich gegen Dich erheben wird: Hast Du ihm die Hand geboten, da es noch Zeit, ihn zu erretten, oder in kleingläubiger Ungeduld gleich nach dem ersten Schlage ihm Huld und Minne entzogen?« Die letzten Worte klangen gar eindringlich von den Lippen der Muhme, und sie griffen der Ann ins Herz, also daß sie bekannte, dergleichen habe sie sich selbst unzähligemale vorgehalten, dann aber sei der gekränkte jungfräuliche Stolz mächtig in ihr geworden und habe ihr verboten, der mahnenden Stimme das Ohr zu leihen, und dannocht sei keine auch nur halb so oft und laut in ihrer Seele vernehmbar, und was sie fordere, das entspreche ja ihres Herzens allerheißester Sehnsucht. »So stille sie!« fiel ihr hier die Muhme eifrig ins Wort, und ich stund ihr zur Seite, und wie die Ann sich also nicht nur bewältigt sah, sondern auch überzeuget und zugegeben hatte, daß es ihr als des Magisters Hausfrau nimmer gelungen wäre, die alte Minne ganz zu ertöten, zeigte sie sich bereit, dem Trutz und Groll zu entsagen. So hatte denn der Muhme liebreiche Treue sie auch vor schwerer Sünde gewahret, und wie fröhlich stimmt' ich der wackern Seele bei, da sie der Ann zurief: »Du mußt Dich für den schlimmen Sausewind dort in Paris schon aufbewahren, Kind; denn wahrhaftig glücklich machen kann Dich keiner als er, und ihn keine andere denn mein lieb und vielgetreu Herzblatt!« Da bedeckte die Ann die Hände der Muhme mit ungestümen Küssen, und frisch und schier jubelfroh quoll es ihr von den Lippen: »Ja, ja, ja! So ist es! Und wenn er mich schlüge und verachtete, wenn er so tief unterginge, daß keiner ihm nachspringen möchte, ich, ich laß ihn nicht sinken!« Und jetzt warf die Ann sich auch mir an die Brust und rief: »O, wie leicht mir wieder ums Herz ist! Ach, Gred, wenn es mich nun zu beten verlanget, so weiß ich doch wieder, wofür!« So hell wie zu jener Stunde haben der Muhme blanke Aeuglein selten geleuchtet, und auch ihre Stimme klang klarer und reiner denn sonst, da sie uns wiederum zu sich berief und sagte: »Und nun will die Alte Euch zu guter Letzt noch ein Geschichtlein zur Nachachtung erzählen: Ihr habet das Riklein gekannt, die Spinnerin, die die Leute das Spät-Riklein nannten. War es nicht ein lieb, immer frohgemut Weiblein? Und doch hat es ihr nicht an schwerer Heimsuchung gemangelt. Neulich, am Damasiustage, ist sie verschieden, und was ich berichten wollte, das knüpft sich an sie. »Das Spät-Riklein hieß sie, weil sie oft bis tief in die Nacht hinein beim Rade saß, um viel zu erwerben, maßen ich doch für jede Strähne drei Heller zahle. Aber die Alte war nicht aus Habgier so schlimm aus nach dem Gelde! »Sie hatte in der Jugend zu den saubersten Mägeden weit und breit gehöret und das Herz an einen Köhlerburschen gehänget, der ein schlimmer Gesell, ein Schafdieb und Räuber gewesen und auf dem Rad ein kläglich Ende genommen. Aber darum ließ das Riklein nicht ab, ihm die Minne treu zu bewahren, und ob er auch tot war, hörte sie dannocht nicht auf, für ihn zu leben und emsig zu schaffen. Der Herr Kaplan hatte ihr nämlich gekündet, ihres Liebsten Seele stehe, da er auf dem Blutgerüst das Sakrament empfangen, das Himmelreich offen, doch werde es manchen Gebetes und mancher Messe bedürfen, um sie aus dem Fegefeuer zu erlösen. Da spann und spann denn das Riklein Tag und Nacht, und was es verdiente, das that es zusammen, und da sie neulich auf das letzte Lager kam, und der Kaplan ihr das Sakrament reichte, holte sie das Ersparte aus dem Bettstroh herfür und wies es ihm mit der Frage, ob es wohl genug sei, um dem Endres damit Einlaß zu erkaufen in der Seligen Himmel? – Da nun der Kaplan solches bejahet, wandte sie sich frohgemut um und entschlief. – So spinne denn auch Du, Kind, und der Flachs an Deinem Rocken sei fröhliches Zutrauen, und will der Mut Dir sinken, so gedenke des alten Spät-Rikleins!« »Und der Meierstochter aus dem ›armen Heinrich‹,« fügte ich hinzu, »die ihr jung Blut willig hingab, um ihren trauten Herrn vom Aussatz zu befreien.« So hatte denn die Muhme erreicht, was sie wollte; doch die Ann von den Ihren zu lösen und als angenommen Kind auf der Forstmeisterei zu behalten, worauf sie mit des Pernhart und der alten Meisterin Zustimmung losging, solches glückte ihr doch nicht; denn jene bestand auf ihrem Willen, bei der Mutter, den Geschwistern und fürnehmlich bei dem taubstummen Mario zu bleiben. Sobald die Muhme ihrer begehre, habe sie nur zu rufen, auch folge sie ihr gern, wenn es ihr genehm sei schon heute, in den Forst; aber um ihre Spinnzeit – und dabei wies sie im Geist aus das Spät-Riklein – löblich zu vollbringen, dazu müsse sie reinen Gewissens der Pflicht gegen die Ihren genügen. So ward denn beschlossen, daß die Ann der Muhme sogleich bis über die Christ- und Neujahrszeit hinaus auf die Forstmeisterei folge; nur erbat sie sich einige Stunden Urlaub, um den Magister der Zweifel selbst zu entheben. Mein Geheisch, dies peinliche Amt mir zu überlassen, hatte sie rundweg abgeschlagen, und daß sie damit das Rechte getroffen, sollte sich bald genug aus des abgewiesenen Freiers Verhalten ergeben; denn er blieb ihr in Treuen gewärtig und nannte sie hinfort seine huldreiche Genossin. Wie er sich nämlich, nachdem sie ihm ihren Entschluß offenbaret, fast ungestüm verschworen, ein Mönch zu werden und das ihm anerstorbene Gut dem Kloster zu verschreiben, war sie gar beredt in ihn gedrungen, solches zu unterlassen, hatte auch ihm die Schönheit der Aufgabe gewiesen, Glückliche zu machen, um seine Bundesgenossenschaft geworben, und nachdem er bekannt, daß er einem solchen Thun keineswegs gewachsen, ihm verheißen, die Elenden auch für ihn aufzusuchen und nur seine Kenntnisse und Guldein in Anspruch zu nehmen. Später verehrte sie ihm auch ein Almoseniertäschlein, darauf gestickt stund: »Die Ann ihrem guten Genossen.« Hier nun will ich bekennen, daß das schöne Werk, worauf der alte Organist die Freundin verwiesen, nicht nur der Muhme, sondern auch mir wie ein eitel Hirngespinnst erschienen war, nachdem es die Freundin dahin geführet, dem ungeliebten Manne das Jawort zu geben. – Sobald es aber mit ziemlichem Ernst und sonder Ueberschwang und schwärmerischem Zuviel ins Leben trat, und uns der Alte vom Turme der Notleidenden viele zugewiesen, hat es Treffliches gewirket, ja es sollte uns glücken, manchen Elenden nicht nur mit Geld und Gut, sondern auch mit Rat und Wartung unter schwerer Mühe Beistand zu leisten. So oft wir auch bei dem Magister anklopften, stunden uns Thür und Beutel offen, und vielleicht ist mancher Elende öfter, denn es wohl sonst geschehen wäre, von ihm aufgesucht und beschenkt worden, damit er Gelegenheit finde, bei seiner »huldreichen Genossin« fürzusprechen, ihr Lob zu ernten und des Handküßleins zu genießen, das die Ann gern von ihm hinnahm, wenn er sich recht eifrig erwiesen. Wir sind freilich ein gar seltsam Vierblatt gewesen: die Ann und ich, der Organist und Magister, und obzwar wir allesamt in der Welt nicht sonderlich erfahren, darf ich doch kühnlich versichern, daß wir mehr Gutes gestiftet und mehr Thränen getrocknet denn manche wohlbehaltene Abtei. Um Neujahr ritt ich der Ann nach in den Wald und half die Weidmannstafel mit geputzten Jungfräulein verbrämen, und da ich endlich nach dem Obestag mit der Freundin heimkehrte, fand sie im Hause ihres Stiefvaters den kecken Obergesellen nicht wieder, maßen die Muhme der alten Frau Meisterin von dessen Verhalten berichtet und zudem sein Vater zu Augsburg gestorben, also daß ihn der Pernhart sonder Schimpf in das ihm anerstorbene Eigene heimsenden konnte. Später hat er sich vermessen, in einem zierlichen Brieflein um die Ann zu werben und ward dafür mit einer nicht minder zierlichen Absage geehret. Siebenzehntes Kapitel. Wer nachdenklichen Sinnes, der käme nicht vorwärts ob der Fülle des Wundersamen, so ihm auf Schritt und Tritt begegnet, wenn sich ihm nicht am Ende des Ueberlegens erwiese, daß die wundersamen Dinge nicht minder notwendige und häufige Glieder in der Kette der wechselnden Erscheinungen des Lebens, denn das Alltägliche und Gemeine; weswegen man also das Sichwundern den Unerfahrenen billig überlasset, den Kindern und Thoren. Dannocht stieß mir manchmal die Frage auf, wie denn ein Weibsbild, dem das Herz so gerad am rechten Flecke schlug, wie der Muhme, den einzigen lieben Sohn um einer Mißheirat willen verloren geben und doch Leib und Leben aufs Spiel setzen mochte, um die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, so einer andern Mißheirat dräuten. Es sollten mich dazumal übrigens noch andere Mirakel zum Nachdenken bringen. Wenn ich nämlich, nachdem die Ann wiederum daheim, das Haus der Pernharts betrat, fand ich sie häufig hart an der Seite der alten Meisterin, wie selbige ihr vielerlei, und auch das Allergeheimste, vertraute. – Einmal, wie ich die Alte mit der Ann, der sie vordem so fremd gewesen, im Erker beisammenfand, hatte jene den Arm um sie geschlungen und schaute ihr mit nassen Augen liebreich ins Antlitz. Sie war durch meinen Eintritt unterbrochen worden, da sie dem neuen Liebling mancherlei aus der Kindheit ihrer Söhne berichtet, und man sah ihr wohl an, wie es sie freute, in den alten Erinnerungen an die süßeste Zeit ihres Lebens zu schwelgen, da ihre beiden Prachtbuben in der Schule immer die ersten gewesen. Ja ihr ältester hatte sich damals also hervorgethan, daß der Herr Bischof von Bamberg in eigener Person ihrem Hausherrn selig ans Herz geleget, ihn geistlich zu machen. Daraufhin hatte selbiger den Ulman in die Lehre genommen und den Erstgeborenen, dem eigentlich Haus und Schmiede zugekommen wäre, der Kirche gewidmet, in deren Dienst er sodann zu so hohen Ehren gelangte. Wohl verstund es die Ann aufs beste, dem allen offenen Ohres zu folgen, und sicherlich that es der alten Frau Madalen auch gut, sie nunmehr in allen Stücken zufrieden sich im Haushalt regen zu sehen; doch lag der Wandlung der Meisterin sicherlich noch anderes zu Grunde. Die Waldmuhme hatte eine schöne That echter Menschlichkeit, wahrer und reiner christlicher Liebe vollbracht, und der Sonnenschein der Minne, der ihren siechen Leib hinaus in des Winters Kälte und des Feindes Haus geleitet, er erklärte mir die beiden Mirakel auf einmal. Er war es gewesen, der die fürnehme Frau all des Tandes und der Narretei, in der sie erwachsen, hatte vergessen lassen, um ein jung und bedrängt Menschenkind, dem sie wahrhaft hold, vor Unheil zu schirmen. Und selbiger Sonnenschein hatte ihr auch in des Rotschmiedes Haus vorangeleuchtet und seinen freundlichen Glanz auf die Ann geworfen, also daß sie der alten Meisterin nunmehr in ganz neuem Lichte erschien. Wen einer der Höchsten und Gestrengsten eines großen Opfers aus reiner Liebe würdig erachtet, der wird dadurch gleichsam geadelt, und es öffnen sich ihm Thüren, die ihm vordem verschlossen, und zu selbigen gehörte auch die der Herzens der wackeren Frau Meisterin, die nun urplötzlich alles in ihr wiederzufinden vermeinte, was sie mit ihrem leiblichen Eniklein, der Trud selig, verloren. Fester, denn in jenem Winter, hatt' ich nie mit der Ann zusammengehangen, und zu dem vielen, das uns verband, gesellte sich nun noch ein süß Geheimnis, so diesmal mein Herz anging und – wiederum wundersamerweise – uns nur noch fester vereinte. So kamen die Faschingswochen; die Ann aber hielt sich von allen Ergötzlichkeiten fern, zu denen man sie willig lud, seitdem ihr Stiefvater zum ehrbaren Rat gehörte. Nur einmal gab sie meinem Drängen nach, mich auf den Geschlechtertanz zu begleiten; weil ich aber wahrnahm, daß es hienach, obzwar man sie weidlich herfürgezogen, wiederum um ihre ruhige Heiterkeit geschehen war, ließ ich sie gewähren und hielt mich ihr zu liebe selbst bis zu einem gewissen Zeitpunkt von dergleichen Lustbarkeiten zurück. Nach Ostern, da der Lenz allbereit in herrlicher Blüte, lüstete es indes auch mich wiederum nach festlicher Freude, und nunmehr soll auch des Wunders gedacht sein, so sich an meinem Herzen vollzogen. Ein Geschlechtertanz war angesagt worden und zwar zu Ehren etlicher Botschafter des Kaisers Sigismund, die gekommen, um mit dem Herrn Kurfürsten und dem Rate wegen des Reichstages zu verhandeln, der aus Anstiften des Erzbischofs Theodorich von Köln im Sommer zu Regensburg gehalten werden sollte. Ihr fürnehm Haupt, der schlesische Herzog Rumpold von Glogau, hatte in einem Hause Herberge gefunden, in das der Lenz den ältesten Sohn heimgeführt hatte aus Padua und Paris, allwo er mit großem Ruhm sich die Doktorwürde des weltlichen und geistlichen Rechtes erworben, und er war es, der in meinem jungen Herzen die erste echte Minne erweckte. Als Kind hatt' ich des Hans Haller, als eines viel Aelteren, der die kleine Gred übersah und sich mit nichten ihrer annahm wie der Vetter Götz, wenig geachtet, und so war er mir dazumal etwas ganz Neues und Fremdes. Fünf Jahre hatt' er auswärts verweilet, und wie ich ihm nun zum erstenmale in die treuen Augen schaute, dacht' ich gleich im stillen, die Jungfrau, die der da sich zur Hausfrau erlese, die sei wohl geborgen. Doch Aehnliches mochte wohl jede Mutter und Tochter aus den Geschlechtern vermeinen, und daß er mich, die vorschnelle, thörichte Gred, zu sich erheben werde, das wagte ich kaum zu erwarten. Doch im geheimen hofft' ich dannocht dergleichen; denn er hatte bei unserem ersten Wiederbegegnen sich gar so freudig überrascht gezeigt über mein Erblühen, und wenige Tage später, da doch viel junges Volk bei den Hallers vereinigt, just mit mir recht viel und huldreich geplaudert. Solches aber war nicht geschehen wie mit unreifen Kindern, als welche die jungen Herren uns Magede unter den Zwanzig dazumal gemeiniglich traktirten, nein, wie mit seinesgleichen. Auch war es ihm dabei wohl gelungen, aus meinem Inneren herauszulocken, was etwa darin verborgen. Frei und fröhlich hatt' ich ihm Bescheid gethan und war dabei dannocht auf der Hut gewesen, mir nichts Unbesonnenes entschlüpfen zu lassen; denn es wollte mich fast köstlich bedünken, dieses klaren und wissensreichen Mannes Wohlgefallen teilhaftig zu werden. Ach, und wie er nun, weil es zum Abschiednehmen kam, mir die Hand so fest drückte und mir, während er mir in den Mantel half, leise vertraute, es falle ihm sauer, sich in der engen Vaterstadt wieder heimisch zu machen, doch wenn ich nur wolle, werde er dem wackeren Nürnberg bald wieder ebenso hold sein, ja noch viel holder denn je vorher – da rann es mir siedend heiß durch die Adern, und ich schaute flehentlich zu ihm auf und sagte leise, so dürfe er nicht mit mir scherzen. Doch er erwiderte recht herzensinnig, es sei ihm heiliger Ernst, und wenn ich ihm die Heimat wieder wert und ein recht zufrieden Menschenkind aus ihm machen wolle, müßt' ich die Seine werden, weil er sich in allen Landen der Welt nichts Lieberes wisse, denn das Kind, das er als eine so holdselige Jungfrau wiedergefunden. Wenn ich ihm allbereit jetzt ein wenig gut sei, dann mög' ich ihm in aller Stille ein Zeichen geben. Da blickt' ich ihm mit beiden Augen hell in die seinen, und aus dem übervollen Herzen wollte mir nichts über die Lippen denn sein Taufname »Hans«, indes ich ihn vorher immer nur Herr Haller gerufen. Und dabei war es mir, als stimmten alle Glocken der Stadt auf einmal ein hell und fröhlich Festgeläut an; er aber erkannte alsbald meiner kurzen Entgegnung Meinung und flüsterte mir gar traute Worte ins Ohr. Hienach geleitete er die Base und mich heimwärts, und es wollte mich dünken, als hätten mir die ehrsamen Mütter von unserer Freundschaft, die das elternlose Kind doch so wacker wegen seines Alleinstehens beklaget, noch nie so wenig minniglich nachgeschaut denn an selbigem Abend, den doch die Minne gesegnet. Allbereit am folgenden Morgen war es in aller Munde, daß sich ein neu Pärlein geeinigt, daß die drei Winkel des Hallerschen und die drei Ringe des Schoppenwappens sich zusammengefunden. Die Ann war die erste gewesen, die von meinem Glück erfahren, und wenn sie auch vordem fest entschlossen gewesen, den Geschlechtertanz, so lang sie allein stund, zu meiden, war sie uns diesmal dannocht zu Willen, weil sie es nicht über sich brachte, meine Glückseligkeit durch ihr Ausbleiben zu schmälern. So hatte die Minne denn auch bei mir Einzug gehalten, und sie glich einem schönen, stillen, blütenreichen Pfingstmorgen im Walde. Was in mir aufgegangen, das war ein reines, volles, ruhiges Genügen, ein Schauen, so jegliches weit und breit hold verklärte, ein frohgemut Danken, weil nun alles so gut geworden. Wenn ich des Morgens gedachte, an dem die Ann dem Herdegen an die Brust geflogen, und an den Minnetaumel, von dem ich in manchem Liede und mancher Aventure gelesen, so kam mir wohl in den Sinn, daß ich mir des Herzens erstes volles Erblühen anders gedacht, daß ich heißer lohende Flammen, ein brennender Weh, ein wilder, stürmischer Drängen dabei zu verspüren erwartet. Doch wie es war und gekommen, wollt' es mich nur schöner bedünken; denn ging die Sonne meiner Minne auch nicht mit brennendem Scharlach auf, so war sie darum dannocht nicht klein und kühl, und das Bild meiner lieben Mutter selig kam mir nicht aus dem Sinn, und es war mir, als sei das, was ich empfand, so rein und herrlich, als ob es aus ihrer himmlischen Heimat gekommen. Und wie lieb und herzlich mich die Eltern in ihrem stattlichen Hause empfingen und mich ihr traut Töchterlein nannten und mir all die Herrlichkeiten wiesen, so der Hallerhof barg! In diesem reichen Heim, diesem weiten, schönen Garten, diesem echten Herrensitz, für den mancher Fürst seine Burg mitsamt der Wildbahn gern hergegeben hätte, sollt' ich als Hausfrau gebieten neben der Mutter meines Hans, deren lieb und würdig Antlitz mir so wohl gefiel, von deren freundlichem Mund ich, die elternlose Waise, mich so gerne »Kind« und »Töchterlein« rufen hörte. Nicht weniger lieb denn sie wurde mir auch der ehrenfeste Vater, wurden mir die jüngeren Geschwister. Ich sollte das Glied, ja, als des Erstgeborenen Gemahl das weibliche Haupt eines Hauses werden, das allen anderen voranstund, dessen Söhne, so lange es einen Rat gab zu Nürnberg, des Regimentes der Stadt mitgewaltet. Auch mein Verlobter war kurz nach seiner Heimkehr zugleich mit dem Meister Pernhart in den kleinen Rat gezogen worden, da er kein Knabe mehr und eben in die Dreißig getreten. Und selbigem Alter entsprach sein fürnehm und gemessen, aber doch freudiges und für alles, was sich über das Gemeine emporhebt, jugendlich empfängliches Wesen. Wenn an eines Menschen Seite, konnt' ich an der seinen mich so gestalten, wie ich zu werden begehrte, und bracht' ich es dahin, von dem alten Ungestüm zu lassen, dann durft' ich wohl hoffen, auch seiner Mutter, die er über alles hoch hielt, ähnlich zu werden. Der Geschlechtertanz, dessen ich allbereit gedacht und auf den die Ann uns zu folgen bewilligt, war das erste größere Fest, dem ich an des Herzliebsten Seite beiwohnen sollte, und der ehrbare Rat war besorgt gewesen, den Abgesandten des Kaisers zu größerer Ehre bei selbigem den höchsten Glanz zu entfalten; denn er hatte mit dem Herrn Burggrafen und Kurfürsten ausgemacht, alles aufzubieten, den Reichstag von Regensburg nach Nürnberg verlegen zu lassen, und dafür galt es nunmehr, auch die Herren Abgesandten zu gewinnen. Was jung und fürnehm, war auf dem Rathaus versammelt, und der Anfang des Festes brachte uns eitel Genügen; auch zeigten sich die Herren Botschafter baz überrascht über die Pracht des Saales und des Gerätes der Stadt, sowie den Kleiderprunk und köstlichen Schmuck der Herren und Frauen. Es waren der Abgesandten sechs, und an ihrer Spitze stund der Herr Herzog Rumpold von Glogau; unter denen aber, so ihm das Geleit gaben, nenn' ich nur den selbigen Ritter und Freiherrn Franz von Welemisl, der aus der Forstmeisterei um meinetwillen so beklagenswerte Wunden davongetragen, sowie einen altmärkischen Junker des Namens Henning von Beust, der zu einer der unbotmäßigen Sippen gehörte, die unserem Herrn Burggrafen, dem Kurfürsten, das Trachten, Gesetz und Recht in den Marken auszurichten, übel gekreuzet. Der erstere war nunmehr Kämmerer des Kaisers, und wenn auch von seiner Wunde genesen, so doch immer noch von einem bösen Husten geplaget. Uebrigens freut' er sich wieder des aufrechten und ritterlichen Ansehens von früher, und das feine Antlitz, dessen Blässe jetzt noch schärfer denn vordem von dem schlichten Rabenhaar abstach, sowie der wehe Ton seiner leisen Stimme sprachen mancher Jungfrau zum Herzen; auch paßte die köstliche, mit funkelndem Edelgestein geschmückte schwarze Kleidung gar wohl zu seinem sonstigen Wesen. Da er nun wahrgenommen, wie es mit mir und meinem Herrn Bräutigam stund, gab er sich das Ansehen, als sei seine Seele todeswund; doch sollt' ich bald erkennen, daß er sich trefflich zu trösten gewußt, und die Minne, die er mir weiland gestanden, auf die Ursula Tetzelin mit Zins und Zinseszins übertragen. Selbige ließ sich auch gern von ihm hofiren, und ich wünschte dem schwarzen Werber das beste Glück bei seiner Erwählten. Ein Tanzsaal ist überall für die Herren vom Hofe ein voller Weiher, und so hatte sich auch der Junker Henning von Beust, sobald er den unseren betreten, auf den Fischfang begeben; doch war des Ritters Franz Köder Wehmut und Trauer, so suchte jener mit eitel Frohsinn und Keckheit die Herzen zu kirren. Mein Herr Bräutigam, bei dessen Eltern er im Quartier lag, hatte ihn selbst meiner Gunst empfohlen und mit mir und der Ann an seiner lebenslustigen, treuherzigen Weise allbereit gestern und vorgestern Genügen empfunden. Man mochte sich aber auch nichts frohgemuteres denken, denn selbigen rotlockigen jungen Edelmann im bunten Gewand, daran die Zatteln am Hals und an den Aermeln lustig flatterten und viele Glöcklein mit hellem Klingklang zusammenschollen. Licht und Leben lachte aus dem Blauaug' dieses frischen Gesellen. Die Schulbank freilich hatt' er nimmer gedrücket; denn während unsere Knaben noch hinter den Büchern sitzen, war er allbereit mit dem Vater zur Jagd und auf Fehden geritten oder hatte gar an der Straße den Lastwagen derselben städtischen Pfeffersäcke aufgelauert, deren guten Wein und junge Töchterlein er auf ihrem Rathause mit nichten verschmähte. Die Ann hatt' es ihm allbereit im Hallerhof angethan, und er ließ nicht von ihr, obzwar ich, nachdem er etliche spitze Worte vernommen, mit denen die Ursula Tetzelin sie bei ihren Tänzern herabzusetzen getrachtet, ihm offen gekündet, wes Blutes und Herkunft sie sei. Doch solches widerstand ihm mit nichten, ja es steigerte nur seine Lust, sie herfürzuziehen und ihrer Widersacherin das übele Spiel zu verderben. Es schien, als könne er des Tanzes mit der Ann nimmer genug finden, und sobald die Stadtpfeifer Zinken, Drommeten, Krummhörner und Schalmeien, Geigen, Poschen und Rebeben, den Dudelsack und das Trumscheit erklingen ließen, und die Schweizerpfeiflein den rasselnden Heerpaukenschall überschrieen, war es, als schnelle die Musika ihn in die Höhe und schwinge ihn fürbaz; auch riß sein keck und frohgemut Wesen alles mit fort, und da man wahrnahm, daß er es auch unseren flinkesten Herren vorausthat und ihm jeglicher Tanz wohl vertraut, der im Brandenburgischen, im Sächsischen, im Böhmischen oder an des Kaisers Sigismund ungarischem Hofhalt geschätzet, ging man ihn bald an, uns neue Tanzarten zu weisen, und er ließ sich nicht lange bitten. So bracht' er es denn auch bald dahin, daß unsere fränkische und Nürnberger Ehrbarkeit das Antlitz verhüllte, und ein so rasend und ausgelassen Treiben begann, daß es selbst mir, trotz meiner jungen Jahre und frischen Lust am schnellsten Takte, zu viel ward. Mein Hans, der junge Ratsherr, fand immer noch Genügen, mich im polnischen Tanze einherzuführen oder ehrbar mit mir zu schwäbeln, doch hielt er sich von dem wilden Aufundnieder des Zäuner- und des Taubentanzes schicklich zurück; fürnehmlich aber widerstund ihm, und mir mit ihm, der Totentanz, den sie im Brandenburgischen, Ungarischen und Schlesischen pflegen. Es hat sich aber bei selbigem einer tot zu stellen und, während er ausgestreckt daliegt, sich durch den Kuß eines anderen erwecken zu lassen. Da nun der Junker von Beust, wie die Märker sagen, »die Tanzleiche« war, verwickelte er sich mit der Ann in einen sonderbaren Handel. Selbige küßte nämlich statt ihn selbst nur die Luft dicht über seiner Wange, und der kecke Gesell, der sich solche minnigliche Gabe mit nichten entgehen lassen wollte, kündete ihr, nachdem der Tanz vorüber, daß sie in seiner Schuld sei und er nicht ablassen werde, bis ihm sein gut Recht widerfahren. Doch die Ann bat ihn gar hold, ein gnädiger Gläubiger zu sein und ihr zu erlassen, was sie nun einmal, gewiß nicht aus übelem Willen, verabsäumt. Weil er sich indes mit nichten ergab, wurde der Streit von anderen wahrgenommen, und der Jörg Löffelholz that den Vorschlag, einen Minnehof zusammenzuberufen und die strittige Frage vor selbigen zu bringen. Solches fand alsbald ungestümen Beifall, und obzwar ich und mein lieber Bräutigam, und andere mit uns, Einspruch erhoben, saßen die Tänzerinnen bald im Kreise beisammen, und der Jörg Löffelholz, den sie zum Regenten erkoren, fragte jeglicher den Spruch ab. So kam denn auch an die Ursula Tetzelin die Reihe, und wie sie der Junker Henning, bevor sie das Wort genommen, fragend anschaute, warf sie die roten Lippen trutziglich auf und erklärte, sie werde sich des Urteils enthalten, maßen ihr nur bewußt sei, was sich adeligen Jungfrauen zieme. Da versetzte der Altmärker mit so edeler und ernster Würde, wie ich sie dem lachenden Springer nimmer zugetraut hätte: »Den besten Adelsbrief, werte Dame, hat die Jungfrau empfangen, der der Herrgott die mildeste Güte und holdeste Anmut verliehen, und in diesem Saale fand ich keine, die er mit beiden reichlicher gesegnet, denn diejenige, gegen die ich im Scherz Klage erhoben. So fordere ich denn den Herrn Regenten des Minnehofes auf, Euch zum andernmale um Euren Spruch zu ersuchen.« Solche Worte mochten der Ursula übel behagen, und dannocht wußte ihr kecker Geist ihnen wohl zu begegnen; denn mit einem hellen Gelächter, so frei und zwanglos genug klang, versetzte sie hurtig: »Ihr trutzigen Herren von der Mark entziehet also Seiner Majestät dem Kaiser auch das Recht, Adelsbriefe auszustellen und schreibet es von nun an dem Himmel zu! Ein keck Unterfangen! Doch die Politika kümmert mich wenig, und so vernehmet denn meinen Spruch: Hätte Euch die Gred Schopperin oder die Els Ebnerin oder eine andere von uns, deren Ahnen der Kaiser und nicht Euer märkischer Herrgott das Wappen verliehen, den Kuß geweigert, so würde ich sie verdammen, statt des einen Euch vorenthaltenen Kusses deren zween vor etlichen Zeugen von Euch hinzunehmen; der Jungfrau Spießin dagegen, die sich vermessen, einem adeligen Herrn und Gaste der Stadt die Liebung vorzuenthalten, die wir von den Geschlechtern ihm willig gewähret, ihr lege ich in Gnaden auf, Euch, Junker Henning von Beust, die ritterliche Hand zur Sühne bescheidentlich zu küssen.« Selbige Worte klangen hell und frei durch die lautlose Stille, und ich will bekennen, daß ich die Ursula nie schöner gesehen, denn da sie dem Junker mit strahlenden Augen und zuckenden Lippen selbige Antwort erteilte. Dem stürmischen Wogen ihrer vollen Brust sah man wohl an, mit welcher Lust sie dem alten Hasse freien Lauf gelassen, und daß ihr das Vorhaben geglückt, die Feindin bis in der Seele Tiefe zu kränken, solches kündete das totenbleiche Antlitz der Ann deutlich genug. Dannocht fand selbige kein Wort der Entgegnung, und während die Ursula sprach, war es mir in der Fülle des Grolles und Herzwehes nicht anders, als hebe sich vor mir ein Nebel; doch sobald sie schwieg, und der siegreiche Blick ihres Auges das meine nur streifte, wurde es flugs wieder hell in mir und um mich, und ohne der Vielen zu gedenken, so uns umstanden, trat ich einen Schritt vor und rief: »Wir danken Euch, Junker; Ihr habt Euch auf die rechte Seite geschlagen, die einzige, Ursula,« und dabei schaute ich ihr strafend ins Antlitz, »die einzige, zu der ich meinen Freund und jedwedes wackere Herz halten sehen möchte.« Da verneigte sich der Märker und versetzte, indes er einen verweisenden Blick auf die Tetzelin warf: »Wollte Gott, ich käme nimmer vor eine schwerere Wahl!« Hienach wandte er ihr den Rücken, um sich der Ann zuzuwenden, die Ursula aber lachte abermals hell auf und rief ihm trutziglich nach: »O, möcht' Euch doch der Himmel den Sinn beim Wählen immerdar schärfen, sonderlich aber beim Unterscheiden, was auf der märkischen Landstraße fremdes Gut, was das Eure.« Da schoß das Blut dem Junker ins Antlitz, und wie er mit einem raschen Griff den kecken Schnurrbart zurückstrich, mochte er freilich einen ähnlichen Anblick gewähren, wie wenn er sich im Sattel hob, um sich auf das Geleit unserer Fuhrleute zu stürzen, und die Beust nebst ihren nächsten Blutsfreunden, den Alvensleben, waren es auch gewesen, so vor kaum einem Jahre die Frachtwagen der Muffel und Tetzel bei Jüterbock geworfen. Aber so heiß es auch in ihm kochte, der Junker hielt dannocht an sich, maßen ihm die ritterliche Zucht wehrte, der Ursula mit gleicher Münze zu zahlen, und der Base Metz war es von ungefähr beschieden, ihm bei solcher löblichen Selbstbeherrschung Beistand zu leisten; denn mit langen Schritten kam sie heran, und dabei funkelten ihr die Augen in so dräuendem Glanz, daß sie es dem Edelgestein in dem hohen Federngebäu auf ihrem Scheitel zuvorzuthun schienen. Das junge Volk, so den Minnehof umstund, schob sie beiseite wie ein schnelles Schiff den Laich auf dem Wasser. Unaufhaltsam steuerte sie fürbaz, und da sich die Ann, sobald sie ihrer ansichtig geworden, ihr an den Arm klammerte, streichelte sie ihr Haar und Wangen, warf der Ursula ein scharf: »Mit Dir red' ich später!« ins Antlitz und gebot mir hienach kurz, mit meinem Bräutigam zurück zu bleiben. Während nun Base Metz die Ann mit sich fortzog, bat der Junker Henning selbige warm und demütiglich um Vergebung wegen der Unbill, die ihr um seinetwillen widerfahren; und sie gewährte ihm solche gern und ersuchte uns wie ihn nur, ihr nicht weiter zu folgen. Als er sodann dem Kreis der anderen wiederum nahte, rief die Ursula, angestachelt durch die mißbilligenden Blicke, so sie von allen Seiten her trafen: »Schon zurück, mein Herr Junker? Hättet Ihr Euch des guten Rechtes auf meinen Kuß so willig begeben, Ihr dürftet gewiß sein, daß ich jedermann, der mir gewärtig, aufbieten würde, Rechenschaft wegen solchen Schimpfes von Euch zu fordern!« Damit schaute sie dem Junker kecklich ins Antlitz, ohne zu ahnen, daß sie mit solcher Herausforderung bei dem Märker just das Rechte getroffen; denn frohen Blickes warf selbiger das Lockenhaupt zurück und rief: »So lasset Euch denn melden, daß ich Euern Kuß nicht annähme, auch wenn Ihr mir ihn bötet. Ich hab' es gesagt, und nun ruft Euere Kämpen!« Hienach schwieg er, und während er die Umstehenden mit herausfordernden Blicken maß, rief er: »Wer von den Herren hier in der Runde den Kuß der Lippen, die meiner Dame mit böslichen Worten wehe gethan, höher schätzet denn ich, der Edle Henning Beust, Erbherr von Busta und Schadstett, der bücke sich nach meinem Handschuh . . . Da liegt er!« Hiemit warf er selbigen zu Boden, und an die Ursula kam nunmehr das Erbleichen. Suchenden Auges schaute sie von einem der jungen Herren, die ihr hofirten – und es waren ihrer viele – auf den andern, und je stiller es ringsumher blieb, desto rascher flog ihr der Odem, desto zornmütiger blitzte ihr Auge. Plötzlich aber gewann sie größere Ruhe; denn sie hatte den Ritter Franz von Welemisl wahrgenommen, und männiglich konnte erkennen, was ihr Blick von ihm heischte. Auch der Böhme verstund es, hob den Handschuh auf und raunte dem Junker mit leisem Zucken der Achseln zu: »Die Jungfrau Tetzelin gebeut es.« Da zog es wie Kümmernis über des braven Altmärkers frohes Antlitz, maßen ihm der Böhme bis dahin ein guter Gesell gewesen, und so versetzte er rasch: »Nicht also, Herr Ritter! Gern hätt' ich auch mit Euch wacker geraufet, bevor Ihr das schwäbische Eisen gekostet; doch jetzund seid Ihr noch nicht wieder Ihr selbst, und mit dem siechen Freunde streiten, das geht wider märkische Art.« Aus selbigen Worten klang die Gutheit eines aufrechten Herzens, und ich sah dem Böhmen wohl an, daß er ihre redliche Meinung erkannte; doch wie er allbereit die Hand hob, um sie dem Junker zu reichen, warf die Ursula das Haupt verächtlich zurück. Da änderte der Ritter plötzlich die Haltung und rief: »So möget Ihr Euch entschließen gegen märkische Art, Euch dem Kämpen zu stellen, dessen Dame Ihr kränktet.« Hier ward dem Streit ein Ende gemacht; denn der Herr Herzog Rumpold, der Botschaft Führer, war, da er des Märkers aufbegehrende Stimme vernommen, vom Spieltisch herbeigeeilet, um Ruhe zu stiften, und wie er den Junker beiseite gezogen, sah man wohl, daß er ihn streng ins Gebet nahm. Und es war auch eine fast frevelhafte Unthat für einen der kaiserlichen Gesandten, beim Tanz und als Gast einer friedfertigen Reichsstadt den Handschuh zu werfen, und wenn der Herr Herzog den Junker dannocht keiner schweren Buße unterzog, so hatte er solches den anwesenden Ehrbaren vom Rate zu danken, die sich wohl geneigt zeigten, eins gerade sein zu lassen; denn es kam ihnen viel darauf an, die Botschafter unserem Nürnberg wohlgesinnt zu entlassen. So rauschte denn die Musika bald wieder hell durch das ernste Rathaus, und unter dem jungen Volke, das da so munter tanzte, lachte und koste, ließ es sich der Ursula am letzten ansehen, eine wie arge Trübung dieses Festes Lust durch sie erfahren. Das fröhlichste Genügen strahlte ihr aus den Augen, und dem Ritter Franz erwies sie sich so vertraut, daß man glauben mochte, sie würden als versprochen Pärlein das Rathaus verlassen. So schritt das Fest dem Ende entgegen, und wie ich nach einem der letzten Tänze Umschau hielt, sah ich zu meinem Befremden die Tetzelin mit dem Junker Henning aufs eifrigste reden. Auf dem Heimwege aber berichtete mir selbiger, sie habe ihm zu wissen gethan, während des Reichstages werde er eines adeligen Herren Ansprache zu gewärtigen haben, der seinen Handschuh in ihrem Dienste aufheben und ihm zeigen solle, daß es auch andere als sieche Ritter freue, für sie zum Schwerte zu greifen. Der Märker hätte nun gern gewußt, mit wem er es zu thun haben werde; ich aber verschwieg seinen Namen, obzwar ich mich aufs festeste versichert hielt, daß die Ursula auf keinen anderen hoffte, denn auf meinen Herdegen-Bruder. Am folgenden Morgen ritten die Herren Botschafter an den Kaiserhof zurück, mich aber führte mein erster Gang zu den Pernharts, und dort fand ich, daß die Ann durch der Ursula schnöden Angriff weit mehr erschreckt worden war, denn verletzt und bekümmert; auch sollte ihr einige Genugtuung werden, sintemal mein lieber Pathe, der Ohm Kristan, nebst anderen Herren vom Rate den alten Tetzel nötigten, sie und ihren Stiefvater ob der unbesonnenen und hochfahrenden Rede seiner Tochter um Vergebung zu bitten. Zu solcher Demütigung mußte der trutzige und mürrische Mann sich sonder Widerrede entschließen, da ja der Pernhart seit Sankt Walpurgis in den Rat eingeführet und seitdem mit den Seinen auf den Geschlechtertanz gehörte; denn wenn auch Handwerker und Kleinkrämer von selbigem ausgeschlossen waren, galten doch die Ratsherren von den Zünften ebensowohl für tanzberechtigt wie diejenigen aus den Geschlechtern. Nur von ungefähr war der Meister damals dem Rathause fern geblieben, und wie er seine Hausfrau bei dem nächsten Feste dort ausführte, gehörten sie zu den stattlichsten älteren Paaren. Wenn aber die Ann sich nicht bewegen ließ, sie zu begleiten, hielt sie weder Herzeleid noch Trübnis zu Hause, sintemal mein sonniges Glück sie gleichsam mit erwärmte und des Herdegen Heimkehr bald zu erwarten. Selbiger aber sah sie mit einer Zuversicht entgegen, vor der mir bangte, wenn ich der Briefe des Bruders gedachte; denn solche wußten von nichts zu berichten denn von eitel Lust und Kurzweil. Mein Verspruch mit dem Hans Haller war ihm ganz nach dem Herzen; er hieß ihn einen Mann, der an Herkunft und Gaben meiner würdig, und fügte hinzu, daß er seinem Beispiele folgen und bei der Brautschau, da er der Minne doch einmal abgesagt, mehr dem Kopfe denn dem Herzen zu folgen und an unser altes Wappen ein nicht minder edeles zu fügen gedenke. Achtzehntes Kapitel. Wenn der Ann große Zuversicht mich ängstigte, so stärkte der erfahrenen Muhme Jacoba sichere Hoffnung mir bald wieder den Mut, doch traf ich sodann den Großohm und hörte ihn über den Herdegen reden, als sei er sein gehorsamer Sohn, sank er mir wieder. Der alte Herr hatte großes Genügen über meinen Verspruch zur Schau getragen und mir als Brautgeschenk einen köstlichen Rubinschmuck verehret; doch konnt' ich mich desselbigen kaum freuen, sintemal er dabei herfürhob, daß er einen gleichen für die edele Jungfrau bewahre, die er für den Herdegen erlesen. Base Metz brauste auf, wenn sie wahrnahm, daß wir die Ann immer noch mit dem Herdegen zu einigen gedachten; doch das hinderte sie nicht, sich ihr so hold zu erweisen wie je, und ihr, wo es nur anging, mit kleinen und großen Geschenken Freude zu bereiten. Ueber meines Aeltesten Treubruch hegte sie eigene Gedanken. Sie hielt ihn für einen Sieg des adeligen Blutes über die Neigung des Herzens, und je wohler es ihr that, Lobenswertes an dem Liebling zu finden, desto besser behagte ihr selbige Meinung. Unter den wenigen, so um seinen heimlichen Verspruch mit der Ann gewußt, war des Zeidlermeisters Witib, die Henneleinlein, und selbige hatte sich in der Hoffnung, sich bald als Base an ein fürnehm Geschlecht zu hängen, so froh gewieget, daß das Scheitern derselben ihr das Herz mit bitterem Ingrimm erfüllte, und sie darum nicht abließ, in den Häusern, die sie mit Honig versorgte, dem Herdegen einen übelen Leumund zu machen. Dergleichen hätte mich nun nicht im mindesten angefochten, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, mich des Herzliebsten Nähe zu freuen; doch leider war selbiger nur drei Wochen nach unserem Verlöbnis als Begleiter des Herrn Erhart Schürstab zu Hofe gesandt worden, um wegen des gehemmten Verkehres mit Venedig Seiner Majestät dem Kaiser Sigismund, der selbigem mächtigen und hochwichtigen Platze seit dem Kriege fast übel gesonnen, im Namen der Stadt Vorstellungen zu machen. Da galt es denn, die Geduld zusammenfassen, und mein Herzliebster schrieb mir fast häufig, und seine minniglichen Briefe hätten mich mit eitel Wonne gesättigt, wäre nicht in jeglichem etwas Betrübendes über den Junker Henning, dem ich doch hold war, zu lesen gewesen. Selbiger hatte sich in der Nähe Seiner Majestät des Kaisers, der damals immer nur wenige Tage am gleichen Orte Hof halten konnte, bevor er von Wien gen Regensburg aufbrach, fest an meinen trauten Herren geschlossen und erwies sich ihm dienstlich, wie er vermochte; mein Hans aber nannte ihn einen Jüngling sonder Falsch mit eines Kindes offenem Herzen und heiterem Sinn. Solcher war ihm auch jetzt noch eigen, doch mitten in der ausbündigsten Fröhlichkeit überkam ihn bisweilen das Herzeleid so gewaltig, daß er in dumpfen Trübsinn verfiel und in seiner Seele Not dem Hans bekannte, er könne die Ann nie und nimmer vergessen. Aus selbigem Bekenntnisse ist meinem Herzliebsten dann die schwierige Pflicht erwachsen, den Freund zu warnen und ihm zu vermelden, daß seiner Erwählten Herz nimmer frei sei. Doch des Junkers Frage, ob sie mit einem anderen versprochen und ob selbiger sie zu der Seinen zu machen gedenke, mußte er als wahrhaftiger Mann verneinen. Solches stärkte dem liebeskranken Gesellen dann wieder den Mut, und endlich bracht' er es dahin, daß der Hans mich fragte, ob die Ann sich nicht dannocht bereit finden könne, den Herdegen, der solches wohl um sie verdienet, preiszugeben und sich des schmucken und liebenswerten Junkers Henning zu erbarmen. Da konnt' ich freilich keine andere Antwort erteilen, als ein bestimmt »nie und nimmer«; denn wie ich der Ann meines Verlobten Brief gewiesen und des Märkers Lob recht laut dazu gesungen, hatte sie erst traurig gefraget, ob es mir denn leid geworden, sie in der Minne zu meinem Bruder zu stärken, und weil ich solches lebhaft verneinet, eifrig gerufen: »Ihr kennet mich ja, und es muß euch bewußt sein, daß mich jetzund nichts, weder Du, noch Frau Jacoba, noch ganz Nürnberg, meiner Minne abwendig zu machen vermöchte.« Solches kündete ich dem Hans ungesäumt, doch mein Brieflein erreichte ihn nimmer, und darum blieb er verschont von der traurigen Pflicht, dem Junker die letzte Hoffnung zu rauben. O, mein Hans! Wie fehlte er mir an allen Enden! Und doch will ich immerdar des hellen Juniusmondes jenes Jahres dankbar gedenken! Wir Mägede waren Tag für Tag im Hallergarten; denn des Hans würdige Mutter hatte die Ann gar bald ins Herz geschlossen, und mir bangte schon, daß ihr seltener Liebreiz es auch seinem jüngeren Bruder, dem Paulus, einem frischen Burschen von neunzehn Jahren, anthun werde. Da der Sommer heißer ward, folgten wir der Ladung in den Forst, und Ohm und Muhme hatten ihre helle Freude an dem heiteren Wesen und dem wunderholden Erblühen ihres Lieblings, den Frau Giovanna auch gar artig gekleidet. An Gesellschaft fehlte es uns im Forste mit nichten; denn mehrere junge Herren zogen uns nach, und die Stadt füllte sich mit fürnehmen Gästen, von denen mancher den Weg in den Wald fand. Es hatten nämlich die Herren Kurfürsten sowie andere Große des Reiches, und allen voran unser Herr Burggraf, wirklich beschlossen, den Reichstag statt zu Regensburg zu Nürnberg abzuhalten, und wie sie daselbst zusammengeströmt, mußte Kaiser Sigismund sich nach fünftägigem Verzug zu Regensburg wohl oder übel bequemen, ihnen in unsere gute Stadt zu folgen. Da waren ihm denn Quartiermacher vorausgesandt worden, und unter ihnen wiederum der Herr Herzog Rumpold von Glogau und der Junker Henning von Beust, während die Majestäten meinen Herzliebsten immer noch in ihrer Nähe zurückbehielten. Wie nun jene, was ihnen oblag, vollendet, wurden auch sie auf die Forstmeisterei geladen. Es folgte aber den allbereit Genannten ein Herr von Eberstein und ein welscher Graf, Fazio di Puppi, die beide in Sang und Lautenspiel wohl erfahren. Nur mein Herdegen-Bruder, den wir allbereit seit Pfingsten erwarteten, blieb immer noch aus. Base Metz war daheim verblieben, sintemal es dort viel zu schaffen gab, um den hohen Gästen, so der Schopperhof aufnehmen sollte, schickliche Herberge zu bereiten; auch hatte des alten Hauses Aeußeres ein festlich Gewand anzulegen, um dem Geheiß des Rates gerecht zu werden, jeglicher Bürger solle das Mögliche thun, sein Heim also zu putzen und auszuzieren, daß es Ihrer Majestäten Herz und Augen ergötze. Am Sankt Liboriustage gegen Abend war der Herr Herzog Rumpold in die Forstmeisterei eingeritten, und ich sehe noch das verklärte Antlitz vor Augen, mit dem der Junker Henning die Ann wiederbegrüßte; sie aber nahm sein minniglich Werben so gelassen wie huldreich entgegen und wußte ihn dannocht zu hindern, sich gar zu augenfällig zwischen sie und die anderen Herren zu drängen. Deren waren fast viele für uns zwei, zu denen nur noch die Els Ebnerin, unsere liebste Schulgenossin, getreten, auf die es der junge Herr Jörg Löffelholz abgesehen hatte. Bald nach dem Mittagsmahle kam mein Akusch und meldete, daß der Herdegen gestern abend in Nürnberg eingetroffen. Der Großohm, dem er vorher Kunde gegeben, war ihm mit dem Jost Tetzel und seiner Ursula in eigener Person entgegengeritten. Im Im Hoffschen Hause hatte mein Bruder Herberge genommen und erst heut in der Frühe der Base Metz aufgewartet. Am Nachmittag gedachte er mich mit des Ohms Urlaub auf der Forstmeisterei zu begrüßen. Da ich nun der Muhme Jacoba solches vermeldet, geriet sie in einige Erregung und gebot mir, der Ann beizustehen und alles wohl zu befolgen, was sie ihr zu raten gedenke. Hienach gab sie mir auf, sie zu ihr zu bescheiden und that dann den Vorschlag, das ganze junge Volk möge den Zeidler Martein um die Blumen angehen, so in seinem artigen Würzgärtlein reichlich gediehen, und dort die Kränze winden, deren der Ohm Kristan bedurfte, um der Frau Kaiserin Gemächer schicklich zu schmücken. Dahin, sagte sie, werde sie den Herdegen nach seiner Ankunft senden; denn es war ihr bewußt, daß des Akusch Botschaft nicht verschwiegen geblieben. Wie nun die Ann sich leicht entfärbte, schüttelte die Muhme mißbilligend das Haupt und bat sie, die Ruhe zu wahren. Auch sie habe viel gegen den losen Gesellen auf dem Herzen, doch werde sie es einstweilen noch fein bei sich behalten. Am letzten dürfe er wähnen, sein Treubruch habe sonderlich schweres Herzweh verursacht, und wenn alles gut gehen solle, müsse sie es über sich gewinnen, dem Heimgekehrten freundlich zu begegnen und sich so zu halten, als habe sie seine Absage leichtlich verwunden, ja als biete es ihr eitel Genüge, sich von dem märkischen Junker und den anderen edelen Herren herfürziehen zu lassen. Wenn sie ihn hinter selbigen nur um etliches zurückstehen lasse, dann sei schon Großes gewonnen. Solches Spiel wollte der Ann indes mit nichten behagen, doch die Base ließ ihre Bedenken nicht gelten, und wiederum gelang es ihrer eindringlichen Rede, der geängsteten Maged große Seelennot zu bewältigen, und nachdem ich der Freundin zugesaget, ihr Beistand zu leisten, verhieß sie der klugen Frau, die ihr so deutliche Beweise ihrer opferwilligen Freundschaft gegeben, sich auch diesmal in Gehorsam zu fügen. Hier zu Nürnberg hat männiglich in der Kirche etlichen Schauspielen zugeschaut, wobei es redlichen und aufrechten Bürgern und Gesellen gelang, den Judas Ischariot oder gar den leibhaftigen Gottseibeiuns zu spielen, und zu Venedig sah ich bei den Aufführungen, so sie Bombaria nennen, keines Verbrechens schuldige Manns- und Weibsbilder Niedertracht, Grausamkeit und Arglist solchergestalt zur Darstellung bringen, daß man hätte schwören mögen, sie seien verruchte Sünder und überreif für den Galgen. Daraus geht denn herfür, daß der Mensch gar wohl befähigt ist, sich anders zu zeigen, denn er in That und Wahrheit beschaffen; ja das Verstellen bereitet den meisten etliches Genügen, wie man an der Lust deutlich genug wahrnimmt, mit der sich Klein und Groß bei Faschingsscherzen und dergleichen vermummet. Doch das Herz darf dabei nicht mit im Spiel sein, und ich meine noch immer, daß das, so der Ann von der Waldmuhme angesonnen ward, zu dem Allerschwersten gehöret, was einer reinen und wahrhaftigen Maged jemals auferlegt worden. Dazu verstund ich dazumal noch nicht völlig, was solch verwegen Spiel bezwecke; jetzt aber, da ich die Mannsbilder kenne, will es mich klüglich ersonnen dünken, und es sollte auch seinen Zweck nicht verfehlen, obzwar aus dem späteren Verlauf selbiger Dinge recht deutlich herfürgeht, wie wenig auch des Klügsten Planen und Denken frommet, wenn es der Himmel anders bestimmt hat. Drunten zeigten sich die Herren mehr denn bereit, unserem Vorschlag zu folgen, doch keiner außer mir mochte ahnen, was das Zucken bedeute, so der Ann Lippen bisweilen bewegte, indes sie die jungen Mannsbilder, so uns durch den Wald in das Würzgärtlein des Zeidlers Martein geleiteten, durch heitere Anmut entzückte. Während ich und die Els unter des Jörg Löffelholz Beistand Blumen schnitten, saß sie unter der schattenden Linde neben der Gaisblattlaube und lehrte die Herren, so sich rings um sie her gelagert, Kränze winden und das Laub verflechten. Jeglichen lüstete es, sich von so schönen Lippen unterweisen zu lassen, und bei Fingerzeig und Lob, Handreichung und Tadel gab es des Lachens, des Kosens und der Kurzweil genug. Der Junker Henning lag ihr zu Füßen, neben ihm aber mein Schwägerlein Paulus und der junge Herr Holzschuher. Der Ritter von Eberstein hatte sich aus dem Zeidlerhaus einen Schemel geholt und flocht mit allem Eifer, während der welsche Graf Fazio di Puppi die Mandoline erklingen ließ, die er »seines Herzens Traute« nannte, und von der er sich auch auf den weitesten Fahrten nicht trennte. Wie die Els und ich der Blumen genug geschnitten, ließen auch wir uns zu den anderen nieder, und es ruhte sich gar hold im Schatten der Linde, durch deren Laub ein leises Lüftlein zog, während sich Bienen und Falter über den Blüten im Würzgarten und der warmen Sommerluft wiegten. Die Vögel sangen nicht mehr; denn sie hatten längst ihr Nestlein gebaut, uns aber, denen das junge Herz der Minne voll war, lüstete nach Sang und Liedern, und nachdem der Puppi eine artige welsche Weise zum besten gegeben, und ich ihm zum Lohne die Laute mit einer Rose geschmücket, that es der Herr von Eberstein ihm nach, und dann drangen sie in die Ann und mich, das Unsere zu thun, doch allen voran der märkische Junker. Da lächelte die Ann ihm so huldreich zu, daß es mir baz um ihn leid that, und nachdem sie mir gewinket, hielt ich nach unserer alten Art die Unterstimme, und so scholl des Fürsten Wizlav Lied an die Frau Minne aus unseren beiden Kehlen gar hell und frisch über die Herren zu unseren Füßen und das Würzgärtlein hin: »Die Erde ist erschlossen, Die Blumen sind entsprossen, Ringsum hat sich ergossen Wundervolle Blütenduft. Die Thäler all erklingen, Der Sturm kann nicht mehr zwingen Die Vöglein, die sich schwingen Jubelnd in die blaue Luft. Nun wird gar manches Herze Entflammet gleich der Kerze Von süßem Liebesschmerze: Leih uns, Minn', ein gnädig Ohr! Willst du uns nicht erhören, Willst uns die Lust nur stören? Wer wird zu dir noch schwören, Stolze Minne, sieh dich vor!« So weit waren wir gekommen, als naher Hufschlag, der bisher im weichen Waldboden verklungen, uns unterbrach. Da sah ich, wie die Ann sich entfärbte und beide Hände samt den Rosen, so sie auserlesen, um sie in den Kranz zu verflechten an die Brust drückte, als sei ihr ein Leides geschehen. Der Junker Henning, der während des Sanges ihr andächtiglich, ja wie verzückt ins Antlitz geschaut, nahm solches allsogleich wahr und schwang sich auf die Füße, um ihr beizuspringen; sie aber hatte sich wunderbar schnell zusammengefaßt und wies lächelnd auf den Zeigefinger, von dem zwei helle Blutstropfen auf ihr weiß Obergewand gesunken. Während sich hienach des Gärtleins Pforte öffnete, wies sie dem Märker den Finger und stieß hastig herfür: »Gestochen! Der Rosendorn! Wollt Ihr ihn mit Gunst herausziehen, Junker?« Damit reichte sie ihm die Hand, und selbiger ergriff sie schnell und behielt sie wie ein Kleinod oder Wunder lang in der seinen, bevor er der Pflicht gedachte, sie von dem Dorn zu erlösen. Auch die anderen Herren, und allen voran mein jung Schwägerlein Paulus, waren aufgesprungen, um ihr Beistand zu leisten, und letzterer riß sich sogar die Spitzenkrause vom Halse und tauchte sie in den Brunnen. Indes waren die Ankömmlinge uns näher getreten: Erst der Herzog Rumpold, dann der Jost Tetzel und zuletzt, neben der Ursula, mein Herdegen-Bruder. Da eilte ich ihm entgegen, und wie er mich in die Arme schloß und mich küßte und mir so recht aus vollem Herzen den Glückwunsch bot wegen meines Verspruches, hatt' ich allen Groll vergessen und freute mich nur, ihn wieder zu haben, bis die Ursula mich begrüßte und er der Ann ansichtig wurde. Selbige war unter der Linde auf dem Sattelkissen von blauem Sammet, darauf sie thronte, sitzen geblieben, und sie bot in der That den Anblick einer regierenden Fürstin, wie sie die Dienste der Herren, so ihr wund Fingerlein aus der Ruhe geschrecket, gnädiglich hinnahm. Der Junker umwand es gar sorgsam mit einem grünen Blatt, das seine Frau Großmutter ihn als Heilkraut achten gelehret, mein Schwägerlein hielt ihr die Spitzen hin, und der welsche Graf entlockte dazu seiner trauten Mandoline wehmütige Töne. Dergleichen hätte mir nun sicherlich zu anderer Zeit Kurzweil bereitet, jetzt aber lag mir das Lachen fern, und ich hatte nur Augen für die Ann inmitten des ihr gewärtigen Hofstaates und meinen Bruder. Anfänglich schien sie ihn nicht zu gewahren, und da der Junker ihr die Hand noch nicht frei gab, schlug sie, der solch freies Wesen immerdar zuwider gewesen, ihm mit etlichen Nelkenblumen über die Finger. Dann gewahrte sie den Herrn Herzog und erhob sich sogleich, um ihn mit ziemlicher Reverenz zu begrüßen, und nachdem sie sich auch vor der Ursula und ihrem Vater kurz und kühl verneiget, gab sie sich das Ansehen, als nehme sie jetzt erst wahr, daß auch der Herdegen gekommen. Da mußte ich wiederum jenes Morgens gedenken, an dem die Minne sie dem Heimkehrenden in die Arme getrieben, und mit banger Spannung harrte ich ihres weiteren Verhaltens; doch sie sollte alles weit überbieten, so ich von ihr erwartet; denn mit einem minniglichen Lächeln reichte sie ihm die Hand, hieß ihn willkommen daheim und im Walde, wies ihn munter zurecht, weil er für mich, sein traut Schwesterlein, und die Base zu lang ausgeblieben, und wandte ihm dann den Rücken, um dem Junker zu gebieten, ihr das Kissen wiederum zurechtzulegen. Hienach reichte sie selbigem die Hand, damit er sie beim Niedersitzen stütze, und fragte ihn, ob man in der Altmark der hohen Frau Musika ganz und gar nicht diene? Da er nun solches verneinet, sintemal er daheim manch schönes Lied zu Harfen- und Lautenschlag aus dem Munde der Edelfräulein vernommen, und die Kinder kein Spiel betrieben, ohne zu singen, also daß er selbst beim Ringelreihen fast häufig die Stimme erhoben, ging sie ihn an, solchen Sanges eine Probe zu geben. Unter dem Beistand der anderen ließ sie sodann nicht ab, ihn zu drängen, bis der Junker das Sträuben aufgab, und nachdem er hervorgehoben, daß er nur wie ein Starmatz oder Gimpel die Weise nachzuzwitschern verstehe, die er von der Knabenzeit her im Gedächtnis behalten, sang er weder laut noch schön, aber so rein wie bescheidentlich den Ringelreihen: »Es regnet auf der Brücke, und ich ward naß.« Solchen schlichten, schier einfältiglichen Sang lobte die Ann gar hold und versicherte, daß sie sich wohl getrauen wolle, einen rechten Sänger aus dem Junker zu machen. Die anderen stimmten ihr bei, und der Herdegen, der außerhalb unseres Kreises mit der Ursula mir gegenüber stund, folgte dem allem baz verwundert und als ginge ihm nicht ein, was das Ohr doch hörte und das Auge gewahrte. Wie sodann der Herr Herzog von unserem Sang, den er unterbrochen, mehr zu vernehmen begehrte, waren wir ihm gern zu Willen, und erhoben die Stimmen, während er von des Zeidlers Sorgenstuhl aus emsig lauschte und uns mit gnädigem Beifall belohnte. Wie vorher so blieb auch jetzt männiglich der Winke der Ann gewärtig, und zum erstenmale schien sie froh ihrer Macht und gebrauchte sie wacker. Bisweilen wandte sie sich auch dem Herdegen mit einem heiteren Worte frei und zwanglos zu, doch selbiger verschmähte es immer noch, sich zu den anderen niederzulassen. Es war auch, als ob er und die Ursula nicht zu uns gehörten; denn selbige war in eitel Sammet und schweren Brokat gekleidet, und über ihrem Reithut wölbten sich gelbe und veilchenblaue Straußenfedern wie eine Laube; der Herdegen aber war ganz nach französischer Sitte angethan, und inmitten der Zindelbinde, die ihm Stirn und Haupt umgab, erhob sich gleichfalls ein Busch von hohen Federn. Sein Bandelier war mit Edelgestein gezieret und rings mit güldenen Schellen besetzet, die den Gesang störten, wenn er sich regte; auch bereitete es ihm in dieser Sommerzeit gewiß keine Lust, die Zatteln zu tragen, so handhoch von der Schulter auf den Aermel seines sammetnen Untergewandes fielen. Je froher wir anderen sangen, und je mehr es den Anschein gewann, als seien wir nur hier, um uns der Ann und dem Herrn Herzog gewärtig zu zeigen, desto schlechter gelang es meinem Bruder, den Mißmut zu bergen, und nachdem der Junker die Ann aufgefordert, das Tanderadei zu singen, und selbige ihm gern willfahret, wußte sich der Herdegen nicht länger zu halten, bat den Italiener um die Mandoline und griff, als geschehe es nur zu seinem eigenen Genügen, in die Saiten. Da wandte sich die Ann ihm allsogleich zu und bat ihn gar hold um ein Lied; er aber fragte sie, welches sie zu hören begehre, und sie erwiderte schnell: »Eure alten Lieder, Junker Schopper, kenn' ich von früher her zur Genüge, und Eurem Ansehen nach gefallet Ihr Euch jetzund mehr in der französischen Weise. So gebet uns denn etwas zu hören, was zu Paris in der Mode.« Da versetzte er schnell: »Hier in meiner Väter Heim würd' ich es – mit Eurer Vergunst, werte Jungfrau – vorziehen, in ihrer Sprache zu singen.« Hienach verneigte er sich leicht vor der Ursula und mir, ohne der Ann einen Blick zu schenken, und fuhr fort, indem er auf sie und den Junker hinwies: »Und da ihr, wie wir eben wahrgenommen, den Ringelreihen hold seid, laß ich dem märkischen einen fränkischen folgen.« Nun griff er keck in die Saiten, und die Vöglein, so allbereit in der Lindenkrone zur Ruhe gingen, hoben noch einmal die Köpflein, und alles, was eine Seele und Ohren hatte, weit und breit, und die Ann nicht am letzten, lauschte, da er mit seiner hellen Stimme und herrlichen Kunst also begann: »Ich spring' an diesem Ringe, Des besten, so ich's kann, Von hübschen Fräulein singe, Als ich's gelernet han. Ich reit' durch fremde Lande, Da sah ich mancherhande, Da ich die Fräulein fand. Die Fräuelein von Franken, Die seh' ich allzeit gern, Nach ihn'n stehn mein' Gedanken, Sie geben süßen Kern. Sie sind die feinsten Dirnen, Wollt' Gott, ich sollt' ihn'n zwirnen, Ich wollte spinnen lern'n!« Da klatschte der Herr Herzog dem weidlichen Sänger lauten Beifall, und alle thaten es ihm nach; nur der Junker Henning, dem es mit nichten entgangen, daß der Herdegen sein bescheidentlich Zwitschern zu überbieten getrachtet, und wie heiße Blicke er auf seine Erwählte geworfen, regte sich nicht. Auch die Ann schlug die Finger nur leise zusammen, schaute in den Schoß und blieb eine gute Weile keines Wortes mächtig; hätte sie sich aber zu reden getraut, wär' das Spiel wohl verloren gewesen. Doch der Ritter von Eberstein sollte ihr bald, wenn auch unwissentlich, Beistand leisten; denn er forderte die Ursula auf, dem Herrn Schopper für das Lob der fränkischen Fräulein mit einem andern Liede zu danken. Da dachte selbige denn ein Uebriges zu thun, indem sie statt eines deutschen Liedes des Herrn de Machault Lay » J'aim la flour « wählte, so auch uns wohl vertraut war, maßen sie es erst von der Ann Großvater, dem alten Lautenisten Spieß, erlernet; doch brauchte sie sich mit nichten zu scheuen, die Stimme zu erheben, sintemal selbige fast stark und von hellem Klange. Aber sie sang mit übermäßiger Kraft und einer Aussprache, die den Herdegen lächeln machte, und ich sehe sie noch, wie sie, in dem glänzenden gelben und veilchenblauen Putz hoch aufgerichtet, die süß dahintändelnden Reimlein: » J'aim la flour De valour Sans falour Et l'aour Nuit et jour « – aus voller Brust und als riefen sie zum Kampfe heraussang. Die Verkehrtheit dieser Weise konnte der Ann, der das Feinste, was die Musika heischet, gleichsam im Blut lag, am letzten entgehen, und des Herdegen Lächeln gab ihr die halbverlorene Ruhe zurück. Wie die Ursula nun im Wahne, etwas Ausbündiges geleistet zu haben, die Ann kecklich und als sei nichts zwischen sie getreten, zum Singen anforderte, weigerte sie es ihr so gelassen wie fest; doch der Herr Herzog, der immer noch ein weidlicher Sänger und fein im Gedächtnis bewahret, was der Ann von seiten der Ursula auf dem Geschlechtertanz widerfahren, ließ sich die Laute reichen, und sang des Speervogel Lied, welches lautet: »Tritt ein reines Weib daher In schlichtem Kleid, So kleidet doch so lieblich sie Die Sittsamkeit, Daß ihr an Glanz die Blume weicht, Daß sie der güld'nen Sonne gleicht, Die an dem frühen Maientag hinstrahlet auf die Lande; – Kein Aug' erfreut das falsche Weib im stolzen Prunkgewande.« Selbige Reimlein sang er der Ann zu, als gelte es, sie damit zu preisen, und bei dem Schlußsätzlein, so ihm gar verwerflich von den Lippen klang, ließ er einen raschen Streifblick über die Ursula gleiten, und männiglich mochte empfinden, wie gut des Speervogel Lied auf die beiden Gegnerinnen passe. Indes ließ sich schwer erkennen, was die Ursula bei dem allen empfand; denn sie dankte dem Herzog ganz unbefangen für das schöne Lied, so den falschen Weibern den Spiegel weise. Dabei warf sie einen langen Blick auf die Ann und zog hienach den Ebersteiner und den Herdegen in ein Gespräch; doch wie oft wandten sich dabei meines Aeltesten Augen der verlassenen Herzliebsten zu! Was mich betrifft, so vermöcht' ich nur wenig von dem vielen wiederzugeben, was die Blumen und Bäume des Würzgärtleins weiter zu hören bekamen. Nur die Ann und der Herdegen stehen heute noch vor mir, wie sie einander weder zu sehen noch zu hören schienen, während doch jedes im geheimen nur Aug' und Ohr hatte für das andere. Auch ist mir noch wohl bewußt, daß mich des Bruders Unruhe und Qual bald mit Genügen, bald mit Barmherzigkeit erfüllte, und daß ich dem wackeren Junker Henning am liebsten zugerufen hätte, es werde ein freventlich Spiel mit ihm getrieben; denn die Ann goß ihm unbesorgt Oel und wiederum Oel in die hell brennende Minne. Da stund der alte Tetzel mit seiner Tochter, und beiden sah man wohl an, daß sie den Herdegen endlich im Garn zu haben wähnten; ja vielleicht war selbiger bereits dem Großohm zu Willen gewesen und der Ursula Verlobter. Aber hatte dieser seltsame Bräutigam seiner Trauten bisher auch nur einen einzigen Blick warmer Minne vergönnet? Was mochte aus alledem werden? Wie konnt' ich der Seele Ruhe und Klarheit zurückgewinnen in dieser verkehrten Welt, unter diesem Mummenschanz, der mir alles auf dem Kopfe und in Verrenkungen wies, was sonst aufrecht gestanden? Wohin ich auch sehen mochte, gab es Dinge, die ich nicht zu schauen begehrte, und die Heiligen wissen, wie es geschah, doch blickte ich dabei nimmer ins Leere; vielmehr hafteten die Augen wie gebannt auf zwei bestimmten, winzigen Dingen, den zween Blutstropfen, so der Ann vom Finger gefallen und nun als dunkele, kreisrunde Flecklein auf ihrem weißen Gewande lagen, und, da es dämmerte, schwarz erschienen und immer größer und größer. Da erhob sich zu meinem Heil der Herr Herzog und mahnte zum Aufbruch, und alsbald zerrann das Trugbild, und an seiner Statt sah ich die Ann, wie sie mit dem allerholdseligsten Lächeln dem Junker Henning die Rechte reichte, daß er ihr beistehe, sich zu erheben. Auf der Forstmeisterei wartete unser das Nachtmahl, und Muhme Jacoba vergönnte dem Herrn Herzog den Ehrenplatz zu ihrer Rechten und rief die Ann mit dem Junker an seine Seite. Den Herdegen hieß sie neben dem Waldohm an der Tafel anderem Ende und die Ursula inmitten des Tisches niedersitzen, um deutlich kund zu geben, daß sie von etwelchem Zusammenhang der Tetzelin mit ihrem Neffen nichts wisse. Während selbigen Mahles hatte sich mein Herr Nachbar seiner Genossin wenig zu freuen, maßen das Spiel aus dem Würzgärtlein so fort ging und mir nicht minder widerstund denn der französische Staat meines Bruders, der zur Tafel ein lang blau und rot Kleid von köstlicher Seide, mit einer Quaste an Stelle des Gürtels, angethan, so dem Schlafrock aufs Haar glich, dessen sich der Magister und mancher ehrsame Bürger bediente, wenn sie sich's daheim bequem machen wollten. Dazu bestürmte mich die Sehnsucht nach dem Herzliebsten so gewaltig, daß mir das Auge wieder und wieder feucht ward und ich den lieben Heiligen dankte, wie die Muhme endlich die Tafel aushob. Draußen fragte sie heimlich, wie die Ann ihre Sache geführet, und ich mußte versetzen: »Nur zu gut.« Auch der Herdegen zog mich, sobald er der Ursula den Nachtgruß geboten, beiseite und begehrte zu wissen, was es mit der Ann sei. Da versetzte ich geschwind, solches könne ihm gleich sein, dieweil er ihr doch abgesagt habe. Er aber erwiderte unwirsch, dabei müss' es verbleiben; doch nehme er mit einigem Befremden wahr, wie leicht sie verwunden, was ihm selbst Tage und Nächte verdorben. Da fragte ich, ob er sie lieber in Gram und Kummer wiedergefunden oder gar begehret, sie möge um seinetwillen die liebe, kurze Jugend vertrauern? Hier unterbrach er mich jach mit der Versicherung, ihm sei wohl bewußt, daß ihm jeglich Recht gebreche, ihr was auch immer zu wehren; doch eines gehe ihm nahe, nämlich, daß sie, die er wie eine Heilige hochgehalten, sich nunmehr um nichts besser und edler erweise denn die anderen Weibsbilder alle. Da verlangte ich zu wissen, warum er denn der Heiligen absage, und solches, wie es den Anschein habe, um einer Maged willen, die sicherlich die weltlichste von uns allen. Endlich fragt' ich ihn gerade heraus, wie es zwischen ihm und der Tetzelin stehe, und erhielt zur Antwort, erst begehre er zu wissen, ob es ernst sei mit der Ann und dem märkischen Junker. Da versetzte ich neckend, solches möge er selbst zu ergründen versuchen, eilte die Treppe hinan, vor der wir uns unterredet, warf ihm von dem ersten Absatze aus eine Kußhand zu und wünschte ihm eine ruhsame Nacht. Auf unserer Kammer fand ich die Ann in großer Erregung. Die sonst so gelassene Maged schritt sonder Aufenthalt in dem engen Gemach auf und nieder, und da ich gewahrte, wie sie das Bangen und des Gewissens Mahnungen verzehrten, zwang mich die Barmherzigkeit, den Vorsatz zu brechen, keine Hoffnungen in ihr zu wecken, und gestund, daß ich wahrgenommen habe, meines Herdegen Herz gehöre ihr, trotz aller Ursulas, auch jetzt noch. Solches gereichte ihr wohl zu einigem Trost, doch gab es ihr mit nichten die Ruhe zurück. Es war, als mache sich das sauere Werk dieses Tages erst jetzund recht an ihr fühlbar, ja sie konnte den Thränen nicht wehren, wie sie bekannte, der Herdegen habe sie vorhin verstohlen um eine kurze Unterredung gebeten, sie aber es über sich gewonnen, ihm solche zu weigern. Das alles ward leise geflüstert; denn uns trennte nur eine dünne Holzwand von der Ursula Kammer, und von Schlaf und Ruhe war zunächst keine Rede; denn der Lärm der zechenden Herren drang durch die offenen Fenster fast deutlich zu uns herauf, und je später es wurde, desto lauter überschrieen der Herdegen und der Junker die anderen. Ich wußte auch, was die Glocke geschlagen, da mein Bruder dem Chorus überlaut vorsang: » Bibit heres, bibit herus, Bibit miles, bibit clerus, Bibit ille, bibit illa, Bibit servus cum ancilla. Bibit soror, bibit frater, Bibit anus, bibit mater, Bibist ista, bibit ille: Bibunt centum, bibunt mille! « Der Erbe, der trinkt wie des Hausstandes Vater, Es trinkt der Soldat und der Seele Berater, Hier jener, dort jene, trinkt wie's ihm behagt, Es trinket der Diener im Bund mit der Magd. Es trinket der Bruder, es trinket die Schwester, Großmutter und Mutter verschmäh'n nicht die Rester. Der trinket, die trinket, es trinken zumal Die Hundert' und Tausend, wer kennt ihre Zahl? Aber damit war es nicht genug. Das Latein selbigen Sanges mochte den Junker gereizt haben, auch seine Weisheit zu zeigen, und mit einer Stimme, die sich bei dem märkischen Kyritzer Bier, so sie Mord und Totschlag benamsen, und dem Glühwein Ypocras keine Mäßigung aufzuerlegen gelernet, schmetterte er die lockeren Verslein herfür: » Per transivit clericus, Durch einen grünen Wald; Invenit ibi stantem, Ein Mägdlein wohlgestalt; Salve mi puella, Gott grüß dich Mägdlein fein; Dico tibi vere Du mußt mein Liebchen sein!« Die anderen Verse waren nimmer verständlich; denn der Herdegen sang mitten in sie hinein, als ob er sie zum Schweigen zu bringen begehre: Ach Elslein, liebes Elslein, Wie gern wär' ich bei dir! So sein zwei tiefe Wasser Wohl zwischen mir und dir!« Wie aber der Herdegen schloß: Hoff', Zeit wird es wohl wenden, Hoff', Glück wird kommen drein, Sich all's in gut verwenden, Herzliebstes Elselein!« – da hörte ich des Junkers Stimme »Annelein!« brüllen und darauf ein groß Getöse, und hienach des Waldohms Stimme, und dann wiederum ein laut Lärmen und Stühlerücken, bis alles still ward. Aber auch jetzt kehrte der Schlaf mit nichten bei uns ein, und was da unten vorgegangen, quälte mich so sehr, wie das Bangen nach dem Herzliebsten. Daß die Ann gleichfalls kein Auge schloß, stund außer Frage; denn sobald es drunten laut geworden, drang ein angstvoll: »O gnadenreiche Jungfrau!« oder: »Wie wird das enden?« nach dem anderen ihr über die Lippen. Doch auch die Ursula schlief nicht, und das Gebet, so sie an ihre Heilige richtete, und von dem mir die Bretterwand kaum ein Wörtlein entzog, heischte mit aller Inbrunst des Herdegen Minne, die ihr doch von Kind an allein gebühre, und das Verderben der falschen Maged, die sich ihr selbige zu rauben vermesse. Da erschrak ich baz, und es war das erstemal, daß mich aufrichtige Barmherzigkeit für die Ursula erfüllte. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Der Reichstag in Nürnberg, – die Kaiserzeit! Schon übermorgen wollten die Majestäten den Einzug halten, und mit ihnen mein Hans. Ein Bote hatt' es verkündet, nun galt es sich tummeln; denn wir drei, die Els, die Ann und ich, waren aus den Töchtern der Ratsherren mit einundzwanzig anderen erlesen, das kaiserliche Paar mit Strauß und Anrede zu begrüßen. Solche hatte die Ursula zu sprechen, die es meisterlich verstund, sich dergleichen Auszeichnungen zu bemächtigen und in der That die fürnehmste war von uns allen, sintemal ihre Mutter selig des hochadeligen Herrn Reynmar von Sulzbach Tochter gewesen. Wegen der Sträuße gab es für mich und die Ann keine Not, sintemal der Hallergarten nicht seinesgleichen hatte in Nürnberg und meine lieben Schwiegereltern es auf sich genommen, uns solche binden zu lassen. Bevor wir die Rosse bestiegen, vernahm ich noch, daß der Herdegen mit dem Junker gestern abend in arge Händel geraten, ja daß beinahe Blut geflossen wäre; denn da mein Bruder das Liedlein zum Preis einer Els gesungen und der Märker ihn unterbrochen, um sich zu der Ann zu bekennen, hatte der Herdegen gerufen: »Wenn Ihr die rote Ann meinet, so im blauen Hechte das Bier schenket, bin ich's zufrieden!« Hienach war der Junker aufgesprungen und hatte den Weinkopf, daraus er getrunken, gegen den Herdegen geschleudert. Selbiger aber war ihm behend ausgewichen und hatte sich ungesäumt mit der blanken Klinge auf den Trunkenen geworfen; doch war der Herzog Rumpold dazwischengetreten, und an diesem Morgen schien wenigstens der Junker Henning des Geschehenen nicht mehr zu gedenken. In der Mark soll dergleichen nämlich bei den Gelagen der Ritter und Herren zu den üblichen Dingen gehören, und in der Frühe vergessen sein, was man abends beim Weine oder Biere gefrevelt. Daheim stieg mein Aeltester wiederum bei dem Großohm ab, während der Junker im Stadthause der Waldstromer, der Herr Herzog von Glogau im Hallerhofe Quartier fanden, woselbst auch der Herr Kurfürst und Erzbischof Konrad von Mainz mit großem Gefolge unterkommen sollte. Bei uns hatte die Base für den Markgrafen von Baden und den Grafen von Henneberg Herberge bereitet. Der obere Stock des Pernhartschen Hauses war für seine Eminenz den Kardinal Branda, den trautesten Freund des Bischofs in Rom, der des Meisters Herr Bruder, hergerichtet worden. Jenen hohen Prälaten hatte Seine Heiligkeit der Papst als Legat auf den Reichstag gesandt, und er celebrirte später gar würdevoll vor dem Kaiserpaar sowie den versammelten Großen die Messe. Bis hieher ist mir die Erinnerung treu verblieben in allen Stücken, und auch von dem, was nun kommt, steht mir manches einzelne so nah' und lebendig vor Augen, als schaue und erlebe ich es zum andernmale; doch möcht' ich alte Frau nunmehr am liebsten die Hände vor das Antlitz pressen und weinen. Denn obzwar diese Tage auch Stunden umschließen, die mich bald in süßem Minneglück, bald in eitelem Trutz schwelgen sahen, ist doch die Menschenseele so beschaffen, daß sie, wo tiefes Weh dem höchsten Genügen auf dem Fuße folget, jenem gestattet, selbiges ganz zu verdunkeln. Aber dafür ist der Seele Schmerz dem Glockengeläut vergleichbar, das in der Nähe dem Ohre weh thut und in der Ferne einen holden, auferbauenden Ton gewinnet. Jetzt freilich, da es gilt, Kunde von dem tiefsten Leid meines Lebens zu geben, dröhnet das Erz, und die längst vernarbten Wunden brennen aufs neue. Die zwei Monde des Reichstages! Hinter mir liegen sie wie ferne Berge. Die einzelnen Formen auseinanderzuhalten will nicht mehr glücken; doch wie der Kirchturm, die Windmühle, die alte Eiche auf dem Höhenkamm am Horizonte, fallen gewisse Begebenheiten allen voran scharf und deutlich ins Auge. Wie die Nacht nach der Heimkehr aus dem Forste und der Morgen des 27. Julius im Jahre 1422 nach des Herren Geburt verging, weiß ich nicht mehr zu melden, doch am Nachmittag seh' ich mich in Seide und Spitzen, weiß und neu gekleidet vom Kopf bis zum Fuße, als ging es zur Hochzeit, zu Seiten der Ann durch die Gassen schreiten, bis zum Platze zwischen Sankt Jakob und dem Deutschen Hause hinter dem Spittler Thor. Wo wir hinschauen, Blumen, Laubgewinde, Teppiche, Wimpel und Fahnen; man möchte meinen, sie hätten die Gärten des ganzen Frankenlandes geplündert. So viel Buntes hat das Auge nimmer geschaut, und atmet die Brust, so zieht sie den Duft des Laubes und der Blüten ein, die des Julius Sonne allbereit trocknet. Einen lichteren Sankt Pantaleonstag mein' ich nimmer erschaut zu haben; der Himmel selbst teilt die Freude der Stadt und glänzt in fleckenlosem Azurblau. Ein leiser Windhauch kühlt die wachsende Hitze und hilft den Flaggen und Bannern sich frei entfalten. Unsere schönen Gotteshäuser, von oben bis unten sind sie mit Laubgewinden, Kränzen und Fahnen geputzet und gleichen frohen Bräuten, die im reichsten Schmuck des Hochzeiters warten. Der Markt ist ein Festsaal geworden, der Schöne Brunnen hat eines gewaltigen Blumenstraußes Ansehen gewonnen, die Ehrenpforten scheinen Wald- und Gartengötter in emsigem Bunde errichtet zu haben. Jeder Erker ist reich geschmücket. Selbst die gezackten Giebel und die Türmlein auf den Dächern freuen sich etlichen Putzes. Was das Auge erreicht, ist farbenbunt, blink und blank. Die kleinste Butze im obersten Dachlicht funkelt fleckenlos. Der Aermste geht in köstlichem Feststaat einher, die von den Geschlechtern tragen ritterlich und adelig Gewand, jeder Handwerksmann gleicht einem vom Rate, jeder Knecht dem Herren. Man möchte wähnen, daß es heut nur Reiche gebe zu Nürnberg. Wie blitzen die breiten Perlenkränze und die von güldener Zier strotzenden »Aufsätze« der Mägede! Was kümmert die Frauen, so die kostbare Marderhaube zu zeigen begehren, die ihr Haupt wie ein breiter Heiligenschein von Pelzwerk umgibt, die Hitze des Sommers? Wie sorgsam haben die Mütter die Kleinen geputzet! Sie sollen Kaiser und Kaiserin mit Augen schauen, und vielleicht trifft der Blick der Majestäten gerade ihr Kindlein! Jetzt nahen die Zünfte mit Zeichen und Bannern. Glänzender haben sie sich noch für keinen Aufzug gerüstet. Sie werden Aufstellung finden an der Gassen und der Landstraße Seiten bis weit hinaus vor das Spittler Thor. Endlich nahet des Einzuges Stunde. Wir sind vollzählig beisammen; obzwar wir aber übereingekommen sind, nur in Weiß zu gehen, trägt die Ursula rosige und himmelblaue Straußenfedern von ansehnlichem Werte, doch überstarker Fülle am Hauptwulst. Bisweilen schaut sie in das Pergament; für uns andere hat sie nur kurze Grüße und Wörtlein. Der Strauß, den ihr ein Knecht in scharlachroter Livrei nachträgt, ist schön und prunkend; doch da naht mein Akusch mit einem Gärtnersknecht, um uns die zu überbringen, so für mich und die Ann aus dem Hallergarten kommen. Wir, und mit uns viele andere, schlagen die Hände zusammen vor eitel Entzücken, doch die Ursula wirft ihnen einen Blick zu, der den Rosen und fremdländischen Lilien den Duft zu rauben dräut. Der Kaiser, heißt es, halte die Zeit ein, und da beginnen schon die Glocken zu läuten. Ich kenne sie alle, und nun ertönt auch mein Liebling, die Benedicta von Sankt Sebald, die der alte Meister Grünewald, der Pernharts liebster Hausfreund, gegossen. Die ehernen Stimmen rühren mir Herz und Sinn auf; und jetzt beginnen auch von der Burg und den Wällen die Stücke mit dröhnendem Gekrach den Gruß an den Kaiser in die Sommerluft zu schmettern, und das Herz schlägt mir immer schneller. Doch auf einmal ist mir's, als wäre der herrliche Schmuck der Stadt, der Putz der Menschen, das Glockengeläut und Kanonengebrüll mit nichten bestimmt, den Kaiser zu ehren, sondern ganz allein den Herzliebsten, der mit ihm heranzieht. Auf ihn richtet sich jeder Wunsch und Gedanke. Da der Stadtpfeifer Trompeten und Heerpauken, Dudelsacke und Zinken erschallen, da das nahende Murmeln und Brausen sich zu lautem Lärm und unbändig starkem Getöse steigert, auch von allen Lichtern und aus jedem Munde ringsumher der Ruf und Schrei ertönet: »Sie kommen!«, schau' ich dannocht nicht nach den Majestäten aus, denen dieser Tag und dies Fest gehören, sondern nur nach ihm, der mein eigen. Und nun sind sie da! Dicht vor uns hält der Kaiser und sein hohes Gemahl, Königin Barbara, die des großen ungarischen Grafen von Cilly immer noch schöne Tochter. Ja, so schaut ein Herr aus, dem sechs Reiche gehorchen; solch ein Mann darf das Haupt der großen deutschen Nation sein! Unter vielen ist er als Kaiser und eines Kaisers Sohn kenntlich! Wie aufrecht sitzt er im Sattel, wie jung leuchtet ihm noch das Auge, und er hat die Fünfzig doch allbereit überschritten. Frohgemut und zufrieden blickt er drein und scheint völlig vergessen zu haben, daß er den Reichstag gen Regensburg berufen und nur gezwungenerweise in Nürnberg einzieht, weil die Herren Kurfürsten und deutschen Großen sich dort versammelt. Auch sein hohes Gemahl hat ein fürstlich Ansehen, und da sie den weißen Zelter zum Stillstand bringt, bleibt selbiger bestrebt, die rosigen Nüstern zu dem braunen Hengst zu heben, den ihr Eheherr reitet. Doch mein Blick verweilet nur kurze Zeit bei dem hohen Paare; denn er wandert den langen Reiterzug hinunter, in dessen letzten Reihen Er nahet. Bei der ungarischen Großen herrlichen Männergestalten, an denen alles, ja auch das Geschirr der Rosse, von funkelndem Edelgestein strotzt, rastet er ein wenig, dann aber gleitet er ungehemmt über die Kurfürsten und Fürsten hin, die Herzoge, Grafen und Ritter in Sammet und Seide, Gold und Silber, den Scharlach und das Violett der Prälaten, das ernste Schwarz und die güldenen Ketten der Räte, kurz, über den gesamten glänzenden Troß, der den Majestäten aus dem Ungarlande gefolget oder ihm entgegengezogen. Jetzt schreitet die Ursula voran, um den Spruch zu beginnen; doch eher hätte man eines Heimchens Zirpen beim Rollen des Donners als einer Jungfrau Rede bei solchem Glockengeläut und Hoch- und Hurrageschrei vernommen. Es will mich dünken, als hätten heute auch die wehenden Tücher, die flatternden Banner und fliegenden Kappen menschliche Stimmen, und die Ursula wendet das Haupt leise dahin und dorthin, als heische sie Beistand. Da winket Kaiser Sigismund, und das Heroldpaar, so den Zug eröffnet, erhebt die Trompeten mit dem reich bestickten schweren Sammettuch. Schmetternde Fanfaren gebieten Ruhe. Bald ist es, als habe man Oel in die tosende Meerflut gegossen. Der Menschen und Geschütze Stimmen verstummen. Was sich vernehmen läßt, sind nur noch die ehernen Stimmen der Glocken, das Wiehern eines Hengstes, das dumpfe Gebraus des Redens und Rufens der Leute in den entfernteren Gassen und einer einzigen Maged helle Stimme. Die Ursula hat geredet, zuletzt so laut, als hätten ihre honigsüßen Reime strafende Worte enthalten. – Das hohe Paar wechselt einen kurzen Blick, aus dem mehr Staunen denn Wohlgefallen spricht, und beide vergönnen der Rednerin etliche dankende Worte. Was Seine Majestät spricht, ist deutsch, nur hat es in seiner böhmischen Heimat und seinen ungarischen Landen einen schärferen Klang denn das unsere gewonnen. Nun winket ein Kämmerer, und paarweise treten wir den hohen Herrschaften näher: eine Tucherin und Schürstabin, eine Grolandin und Stromerin – und endlich als sechstes Paar kommen ich und die Ann, die ja nunmehr eines Ratsherren Tochter, und für deren Wahl außer ihrer Anmut mein Herr Pathe das meiste gethan. In eitel Sammet und Seide gekleidete Pagen, zierliche Edelknäblein, haben der anderen Sträuße in Empfang genommen, doch da wir mit den unseren nahen, blicken Kaiser und Kaiserin sich an. Ich sehe, wie sie uns huldreich mustern und höre sie in einer Sprache, die ich nimmer vernommen, etliches flüstern, und Porro, der Schalksnarr des Königs, nicht Kaisers – denn die Kaiserkrönung Sigismundi sollte erst später zu Rom erfolgen, und es wurden dabei meines Hans Brüder Paul und Erhart auf der Tiberbrücke zu Rittern geschlagen – und der Porro, der sich auf seinem schwarz und gelb gedeckten Pantherrößlein an der Gebieter Seiten hält, rufet: »Laß uns allhier Immlein spielen, Vetter, wenn anders die Blumen, denen diese gute Stadt den Namen ›des Reiches Bienengarten‹ verdanket, zu der gleichen Gattung wie die dort gehören!« Dabei weist er auf uns, und alsbald fragt ihn der König, ob er die Jungfrauen meine oder die Sträuße; der Schalksnarr aber fährt in drolliger Weise auf, schüttelt sich so stark, daß ihm die Schellen an der Kappe klingeln, und rufet: »Wie magst Du einen Christen also aufs Glatteis führen, Vetter! Denn sag' ich die Mägdelein, bekomm' ich es mit Deiner vielgestrengen Hausehre zu thun, und sag' ich die Sträuße, so schädige ich meiner armen Seele Heil durch eine unsaubere Lüge.« »So wähl' eine andere Gestalt,« versetzet hienach die Königin; »denn mir bangt ohnehin, man möchte die Biene Porro doch nur für eine stachelige Wespe halten.« »Recht, recht,« entgegnet der Narr nachdenklich. »Seit Eva sich so sündlich versah, raten die Weibsbilder fürsichtiglich häufig das Beste. Du magst Dich also statt in ein Immlein in einen Schmetterling wandeln, Vetter, und die Blümlein zieren, indes Du sie umflatterst.« Damit bewegt er die Arme wie Fittiche und umkreist uns auf dem Rößlein mit gar drolligen Bewegungen, als ob er uns wie ein Falter umgaukle. Die Ann schaut beschämt und errötend zu Boden, und auch mir treibt die jungfräuliche Scheu das Blut in die Wangen; doch bei alledem vernehm' ich des Königs tiefe, fremdartige und seines hohen Gemahls wohllautende Stimme, und wie beide unsere Blumen preisen, uns nach den Namen befragen und so der Ann wie mir strengstens gebieten, bei keinem Tanz und Feste zu fehlen. Es ist mir auch noch bewußt, daß wir bescheidentlich schickliche Antwort erteilen, bis des Truchsesses Dazwischentreten das Gespräch unterbricht. Und nun seh' ich den Zug weiter und weiter wogen, und die bunten Farben des Sammets und der Seide, der Schabracken und Decken der Rosse, das gleißende Blitzen des blanken Metalles und vielkantigen Edelgesteines blendet mir heute noch die Augen. Doch das alles sinkt plötzlich ins Dunkel, und das Geschrei und Getön, das Läuten, Wiehern und Krachen ringsum scheint im Nu zu verstummen; denn da ist er, da winkt er, liebenswerter, mir gewärtiger, meinem Herzen wohlgefälliger denn je. Doch das Wiedersehen hier ist nicht das rechte, das wird uns erst im Hallerhof und seinem Garten zu teil. Der kann von zwei zufriedenen Menschenkindern und von Stunden des reinsten Genügens erzählen, so jungen Herzen jemals beschieden; doch was sich hienach mir zeiget, das sind blendend helle, heiße Sommertage, voll von Lustbarkeiten und Schaustellungen, Turnieren und höfischer Pracht, Sang und Musika, Tanz und Spiel. Eines Königs und einer Königin hohe Gnade und vieler Fürsten und Herren Huld hörten in ihnen nicht auf, und wie feuriger Edelwein berauschten sie den Sinn. Was jüngst unmöglich erschienen, zur Wirklichkeit ward es. Aus eitelem Genügen an rauschendem Tand, um der mannigfachen Forderungen willen, so diese übervollen Tage an uns stellten, vergaßen wir derer, die unseren Herzen die nächsten. Der Selbstsucht ergebener denn damals bin ich nimmer, weder vor- noch nachher, gewesen. Das Spiel der Ann mit dem Junker, die Huldigungen, mit denen die Höchsten sie ehren, des Herdegen verhaltener Grimm, sein Trachten nach neuer Gunst der verstoßenen Herzliebsten, sein wunderlich, ungleich und aufbegehrend Wesen, sein frevlerisch Spiel mit der Ursula, der er sich gewärtig erweist, wenn der Großohm zugegen, und auf die er zu anderer Frist düstere Blicke schleudert, als sei er ihr feind, das alles zieht wie umnebelt und als kümmere es mich selbst nur von ferne, an mir vorüber. Mitten in all dem Lärm und Glanz, dem Minneglück und der Fürstengunst, überkam mich bisweilen plötzlich das Gefühl, als sei ich ganz allein und verlassen, und selbst bei Tanz und Turnier, ja sogar wenn das Königspaar sich herabließ, mit mir zu plaudern, überfiel mich ein heißes Sehnen nach Ruhe und friedsamen Stunden, – und doch sah ich es dem stattlichen, großmächtigen Herrscher an, daß es ihm Genügen bereite, mich auszufragen und mir die raschen Antworten zu entlocken, um die ich nimmer verlegen. Königin Barbara beschied mich oft in ihre Kemenate und hielt mich dort stundenlang zurück. Bisweilen mußte die Ann mich begleiten, und mir und ihr verehrte sie köstliche Geschmeide. Kaum hatten wir der Burg, wo das Herrscherpaar residirte, den Rücken gewandt, so galt es allbereit, unserer hohen Gäste zu gedenken; denn wie der Markgraf Bernhard von Baden, der bei uns in Quartier lag, nach mir, so begehrte der Kardinal Branda gar oft nach der Ann. Die größere Hälfte des Lebens war dem Putze gewidmet, und während die Base und Sus mich kleideten, beschlich mich allbereit die Sorge um die Gewänder, Bänder und Federn, so der nächste Tag heischte. Mein Hans ward zum Ritter geschlagen. Dem Herdegen stund die gleiche Ehre in Aussicht, – Ehre und wieder Ehre, Lust und wieder Lust, Putz und Glanz! Statt unserer einen lieben Sonne schienen deren zwanzig mit blendendem Licht am Himmel zu glänzen. Oft war es, als atme die Brust so leicht, daß man auffliegen mochte, dazwischen aber ward sie wie von einem Alp belastet. Auch bei Nacht kam im Traume das Tönen der Musika nimmer zum Schweigen, doch wenn man erwachte, erhob sich die Frage: »Wozu das alles?« Der Hans lenkte das Steuer und blieb sich immer gleich in seiner besonnenen und doch innig zärtlichen Weise. Dabei vergaß er nie, für des Bootes Sicherheit zu sorgen, und wollte die Fahrt zu schnell gehen, oder zeigten sich Klippen, so that er das Seine und wahrte mich mit freundlicher Sorge vor Unvorsichtigkeit und Uebermüdung. Die vorschnelle Gred, die doch nirgends fehlen durfte und überall in der ersten Reihe stehen mußte, weil es das Königspaar heischte, sie vollbrachte und erfuhr nicht das Kleinste, das sie reuen oder kränken brauchte, und sie empfand gar wohl, wem sie solches schulde. Mit Freuden sah ich auch, wie der Herzliebste das unbändige Feuer des Junkers zügelte, der die Ann umwarb, als sei er gewiß ihrer Minne, und wie er von meinem Herdegen-Bruder forderte, sich als Mann zu bewähren, dem Doppelspiele ein Ende zu machen und sich entweder für die Ann oder die Ursula zu entscheiden. – Der Waldohm hatte fürnehme Gäste auf die Forstmeisterei geladen. Nach der Jagd ging es wiederum zu dem Zeidler Martein, maßen es den Herzog Ernst von Oesterreich, den Markgrafen Friedrich von Meißen, den Herrn Bischof von Lausanne und andere hohe Herren verlangte, einen Blick auf die weitberühmte Bienenzucht unseres Lorenzerforstes zu werfen. Der Waldohm selbst machte den Führer, und der Herdegen stund ihm dabei zur Seite. Beim kecken Oeffnen eines Korbes hatten ihm etliche Bienen die Hand grausam zerstochen; ich aber sprang ihm bei und zog ihm die Stacheln aus der Hand. Die Ann war an meiner Seite, der Herdegen aber suchte ihr Auge und sang ihr leis ein Liedlein zu, so gar trüb und fremdartig klang, und etwa also begann: » Augustho pirlin pçodyás! « Da fragte ihn die Ann, welcher Sprache es angehöre; denn sie habe nie dergleichen vernommen. Er aber versetzte, daß ihm das Gegenteil bewußt sei, und wie sie ihn hienach ungläubig anschaute, lächelte er bitter und sagte, es könne ihm nur lieb sein, wenn sie selbiger Worte Klang vergessen; denn sie hingen eng zusammen mit dem ersten echten Herzeleid seines Lebens. Da sah ich sie unruhig werden, doch wie sie sich anschickte, ihm den Rücken zu wenden, hielt er sie zurück, um den Sang zu verdeutschen, und sagte mit gedämpfter, verschleierter Stimme und so leis, daß ich es nur mühsam verstund, während er die Erde, die er auf die geschwollene Hand zu legen gesonnen, mit dem Schwerte lockerte: »Bienlein meinen Finger stach, Erde heilt den Stich gemach. Wenn mein Herz im Grabe weilt, Ob mein Leid die Erde heilt?« Da sah ich der Ann das Blut aus den Wangen weichen und hörte sie mit gepreßter Stimme sagen: »Für Euch gibt es anderer Arzneien genug gegen das Wehste,« und ihn erwidern: »Die Deinen, Ann, wirken noch besser.« Inzwischen faßte sie sich wieder zusammen und entgegnete gelassen: »Solches hab' ich einem trefflichen Lehrmeister zu danken; doch welcher Zunge gehört Euer Lied an, Junker Schopper, und wem singt Ihr es nach?« Da entgegnete er rasch: »Einem schwarzbraunen Weibsbild vom Stamm der Zigeuner.« Sie aber faßte Mut und fragte weiter: »Vielleicht gar einem, dem Ihr weiland hier im Forste begegnet?« Da schüttelte der Herdegen das Lockenhaupt, und sein Blick flammte zärtlich auf, wie er erwiderte: »Nein, Ann, bei allen Heiligen, nein. Einem, der verzweifeln wollte, um Deinetwillen verzweifeln, gab es im Walde von Fontainebleau eine Zigeunermutter zu hören.« Hienach schüttelte die Ann das Haupt und versuchte der Stimme einen fröhlichen Ton zu verleihen, da sie erwiderte: »Eure Verzweiflung! Kommt Euch dabei nicht der Mann in den Sinn, der sich verbrannt wähnte, weil er einen anderen ins Feuer gestoßen? Das Bild trifft zu, Junker Schopper!« Da fragte er sie dumpf, und aus seiner Stimme klang redliches Weh: »Ist herber Spott alles, was Du noch für mich übrig behalten? Sag es frei heraus, Ann, hab' ich nichts mehr zu hoffen?« »Nichts!« entgegnete sie fest und streng. Bald aber fuhr sie in milderem Ton fort: »Nichts, Herdegen, gar nichts, so lang nicht der letzte Faden zerrissen, der Dich an die Tetzelin bindet.« Da trat er ihr näher und rief in großer Bewegung: »Sie, sie! O ja, sie hat mit dem güldenen Teufelsnetze umgarnet, was eitel an mir und erbärmlich; doch an dem Herzen da drinnen hat sie so wenig teil, wie die Bienen dort in dem Stocke. Und willst Du, will mein guter Engel mir wieder nahen, so ruf' ich das › apage! ‹, so zerreiß' ich die Schlinge!« Dann verstummte er; denn es nahten etliche Herren und Frauen, die Ursula allen voran; und ich sehe sie noch, wie sie den Handschuh auszog und sich bückte, um dem Manne, den sie doch liebte, Erde auf die heiße Hand zu legen, und wie er ihr widerwillig zuvorkam, um sich ihrem Dienst zu entziehen. In der Nacht, die wir auf der Forstmeisterei zubrachten, schlief die Tetzelin wiederum in der Kammer neben der unseren, und ich hörte sie abermals brünstig zu ihrer Heiligen flehen, während die Ann wie neu belebt mir das übervolle Herz in leisem Flüsterton ausschüttete und bald weinend, bald lachend bekannte, was sie gelitten, und wie froh sie wieder zu hoffen begonnen. Zweites Kapitel. Unser Großohm und Vormund, der alte Ritter Im Hoff, hatte, so lang ich denken konnte, sich als Büßer geführet, in einem Sarge die schlummerarmen Nächte verbracht und den Löwenpart seiner großen Einkünfte an fromme Werke gewandt, um sich das Himmelsthor offen zu halten; und welche Wandlung vollzog sich an ihm durch des Kaisers Nähe! Der aufrechte, steifnackige Herr, der sich nur in der Kirche und vor heiligen Gnadenbildern geneigt hatte, wie geschmeidig wußte er jetzt den Rücken zu krümmen! Sein blutlos Antlitz, auf dem das Lachen erstorben gewesen, schien nun eine Herberge des Lächelns geworden. Der Herzog Ernst von Oesterreich, der ungarische Graf von Gara, durch sein hohes Gemahl ein naher Blutsfreund des Kaisers, sowie desselbigen vertrauter Sekretarius Kaspar Slick, füllten nunmehr samt ihrem großen Gefolge sein weites Haus. Sobald sie ihm nahten, leuchtete es ihm wie Sternenlicht von den alten Zügen, und hatte ihm gar der Kaiser gestattet, ihm aufzuwarten, war es eitel Sonnenglanz, der sie verklärte. Wie so aufrecht und sich wohl bewußt der eigenen Würde begegneten die anderen Herren vom Rat und aus den Geschlechtern, die sich sonst nicht scheuten, auch mit dem gemeinen Mann einen Händedruck zu tauschen, dem Königspaar, den Herzogen und anderen Großen; der Vormund aber entkleidete sich mit dem Ernst auch der Würde, und es war uns gar wohl bewußt, wonach er trachtete. Er, den eines Freiherrn Tochter um des Lebens Glück betrogen, wollte den König bestimmen, ihn an seiner Lebensbahn Ende in den Freiherrnstand zu erheben. Den Sekretarius Slick überhäufte er mit Gunst und Gaben, und da er die Huld der Majestäten mir, seinem Mündel, lächeln sah, ließ er sich jetzund herbei, mit mir zu kosen, mich sein Goldhaar und Blauaug' zu nennen und mir auf die Seele zu binden, bei dem König seines allergetreuesten und zu jedwedem Opfer bereiten Knechtes zu gedenken. Dabei fragte er schmunzelnd, wie mir der Titel und Name eines Freiherrn von Schopper-Im Hoff für den Herdegen zusagen werde? Mich dünkte unser alter ehrlicher und edeler Name gut genug für uns drei, doch um des Bruders und der Ann willen verschwieg ich solches und nahm die Gunst des Augenblickes wahr, ihn zu bestimmen, den Herdegen frei zu geben und ihn statt der Ursula eine andere wählen zu lassen. Aber wie fuhr er da auf, wie wußte er alsbald die frostige, unnahbare Hoffart von früher wiederzufinden, mich eine fürwitzige Närrin und des eigenen Bruders Widersacherin zu schelten! Der Sankt Susannentag war gekommen. Wir wurden zum Turniere geladen. Herzog Ernst von Oesterreich hatte den Herzog Kanthner von Oels in Schlesien in die Schranken gefordert, und außer dem Ruhme ging es um vierundsechzig Goldguldein. Auch andere sollten stechen. Der Königin Barbara Huld hatte mich zu ihren Frauen befohlen. Drunten traf ich mit der Ann zusammen. Ihre Mutter war daheim geblieben, weil die alte Pernhartin unpaß. Der treue Ohm Kristan Pfinzing, der auf der Burg der Bewirtung des Kaiserpaares im Namen des Rates fürstund, gab seinem »lieben Türmerlein« das Geleit und stellte es unter den Schutz etlicher Hausfrauen und Mütter. Indem die Ann eines günstigen Augenblickes wahrnahm, raunte sie mir zu: »Ich mache dem Spiel ein Ende, Gred, ich trag' es nicht länger! Allem, allem hat er zu entsagen geschworen, was mich von ihm fern hält.« Hier wurden wir unterbrochen, und jedes suchte seinen Sitz. Noch waren die Majestäten nicht erschienen, und es gab Zeit genug, Umschau zu halten. Die Schranken stunden mitten auf dem Markte. Die bunt behängten Gerüste, die Herren und Damen, so sie füllten, das Federnwehen, das Gefunkel des Edelgesteines, das Gleißen des Goldes und Silbers, des Sammets und der Seide Schimmern, das Kopf an Kopf der geringeren Leute auf den oberen Plätzen, die Musika und der Lärm, ja der Pferdegeruch des Turnieres treten mir wieder deutlich in das Gedächtnis; doch es sei fern von mir, des näheren zu schildern, womit männiglich vertraut ist. Da zeigt sich der Großohm. Arm in Arm mit der Ursula schreitet er durch die Schrankenthür über den Sand, um seinen Platz auf der anderen Seite des Gerüstes zu suchen. Solches war untersaget, doch der trutzige Greis nahm sich's heraus. Der Ursula war es eben recht, gesehen zu werden. Wie der alte Herr lächelte, wie fürnehm er daherging und wie gut ihm der silberne Panzer mit dem güldenen springenden Im Hoff-Löwen ließ. Helm und Panzer waren für seinen besonderen Bedarf aus feinstem Silber- und Goldblech geschmiedet, und geschickter, meinem Trennmesserlein zu widerstehen, denn dem Schwert und der Lanze. Dannocht freute sich männiglich des leichten Ganges eines so voll gerüsteten Greises. Auch der Tetzel schaute weniger nichtssagend drein denn gewöhnlich, und der Ursula Augen leuchteten, als habe ihr Ritter den Preis errungen. Jetzt nahm der Großohm mich wahr, jetzt nickte und winkte er mir zu, als habe er mir eine frohe Botschaft zu künden. Der Tetzel that es ihm nach und war dabei dem blassen und müden Schatten des Alten vergleichbar. Der Ursula triumphirender Blick rief mir zu, daß sie das Ziel nun erreichet. Einem Blöden konnte nicht entgehen, was sie meinten. Der Herdegen hatte trotz der Ann in den Verspruch mit der Ursula gewilligt. Bahn und Gerüst drehten sich vor mir im Kreise, und kaum hatten sie sich zum Stillstand bequemet, so ließ sich Base Metz schwer auf ihren Platz nieder, und auch ihr Antlitz kündete, daß ihr etwas Bedeutsames begegnet; denn bisweilen zog sie die Wangen zusammen und spitzte den Mund, als schicke sie sich an, ein Licht auszublasen. Wenn mein Blick dem ihren begegnete, brauchte sie den Fächer, um verstohlen auf den Herdegen und die Ursula zu weisen, und dabei zog sie die Achseln so hoch, daß ihr schwer und eckig Haupt mit dem großen Federaufsatz in den Schultern verschwand. Wenn es in ihrer Brust siedete und schäumte, ging es in der meinen nicht minder stürmisch her, und dannocht mußt' ich ein zufrieden, ja fröhlich Ansehen bewahren; denn das Königspaar hatte mich an seine Seite berufen, und ich mußte ihm erläutern, was es zu wissen begehrte. Ueber den Turnierplatz breitete sich sonnig ein blauer Himmel, doch von Westen her zog es dunkel heran, und es wollte mir nur mühsam glücken, schickliche Antwort auf der Majestäten Fragen zu finden. Während die Rosse stampften und wieherten, und die Lanzen an Schild und Harnisch prallten, ja während der österreichische und schlesische Herzog aufeinander lossprengten, und der erstere den letzteren warf, blickte ich nur selten auf die Bahn, die doch aller anderen Blicke fesselte wie mit Ketten und Banden. Die meinen waren an die Plätze gebannt, auf denen die Ursula und die Ann, der märkische Ritter Apitz von Rochow sowie der Herdegen saßen. Junker Henning von Beust hatte drunten beim Lanzenstechen Dienste zu leisten. Dem Rochow ging das Turnier über alles, doch mein Bruder sah nur die Ann. Sie wich ihm zwar aus, er aber ließ nicht von ihr mit Blicken und Reden. Die Ursula war bleicher geworden und schien nur für ihn und sein Treiben Augen zu haben. Was sich in den Pausen vollzog, war mir nicht wahrzunehmen gestattet, sintemal Aug' und Ohr sodann den Majestäten gehörten. Jetzt sprengten wiederum zwei Ritter in die Schranken. Was kümmert' es mich, welchem Land sie entstammten, welche Wappen sie führten und was sie und ihre Rosse vermochten; mir lag anderes im Sinne! Die Ursula und ich hatten lange in Fehde gelegen. doch heute war Barmherzigkeit alles, was ich für sie empfand, und selbige war an diesem Tage, der sie zum Siege geführet zu haben schien, noch besser am Platze, als da sie um des Herdegen Minne so brünstiglich gebetet; denn selbiger flüsterte mit der Hand auf dem Herzen der Ann vielerlei zu; sie aber hatte nun wirklich mit dem falschen Spiele gebrochen, und wie sie jetzt dem Herzliebsten mit heißer Zärtlichkeit ins Auge schaute, bog die Ursula den Fächer, als wünsche sie ihn zu zerbrechen. Die Tetzelin als Herrin im Schopperhofe gebieten und die Ann in schwerem Herzeleid hinwelken zu sehen, das waren zwei grausam schmerzliche Denkbilder, und doch wollten sie mir fast erträglicher erscheinen denn meines herrlichen Bruders, meiner Seele Stolz, sündliche Flatterhaftigkeit und sein unbegreiflich Treiben. Der Rat hatte dem König Sigismund achthundert Guldein, der Königin deren vierhundert, dem Schalksnarren Porro zweiunddreißig und mehreren Großen und Herren ansehnliche Geschenke als Liebung der Stadt darbieten lassen, und nachdem nun Seine Majestät in einer Pause große Freude über die getreue, offene und volle Hand seines lieben Nürnberg, dem schon sein Vater, Kaiser Carolus selig, gar hold gewesen, zu erkennen gegeben, wies er auf die Herren vom Rat, die in dem lang wallenden Haar und Bartschmuck, den dunkelen Sammetüberwürfen, so mit seinem Rauchwerk verbrämet, und den güldenen Ketten einen gar ansehnlichen und Ehrfurcht gebietenden Anblick boten, und pries ihr mannhaft und aufrecht Wesen. Einem jeden, hört' ich ihn sagen, schaue man an, daß er über Eigenes, ja in größerem Kreise als Mitregent gebiete. Jeder sei ihm ebenbürtig an Mannheit und alle beisammen ihm, dem Herrscher, ein werter Genoß. Hienach wies er der Königin der einzelnen wohlgebildete Häupter, und ich mußte vermelden, was mir von ihrem Besitz und den Wegen ihres Handels bewußt. Mit den Hallers, so fürnehmlich mit seinem ungarischen Erblande Geschäfte trieben, war er nicht nur durch meinen Herzliebsten vertraut; selbigen allbereit neben seinem Vater im Rate zu sehen, bereitete ihm Genügen. Seine hohe Gemahlin verglich die treffliche Ordnung, die Sauberkeit und den Wohlstand Nürnbergs mit dem kläglichen Ansehen der Städte in ihrer ungarischen Heimat. Weil sie allbereit in etliche Geschlechterhäuser und auch in das unsere einen Blick geworfen, pries sie Nürnberger Handwerk, Kunst und Reichtum, die ihresgleichen nicht hätten in der Welt, so weit sie sie kenne. Dann freute sie sich wiederum des aufrechten Ansehens der Ehrbaren vom Rate und fragte mich endlich unter etlichen anderen auch nach dem Meister Ulman Pernhart. An diesem fiel dem fürstlichen Paare die hohe Stirn, an jenem das lange Lockenhaar, an einem dritten das helle und kluge Augenpaar sonderlich auf, bis König Sigismund dem Narren Porro die Frage stellte, welches Haupt auf den Bänken ihm gegenüber er für das weiseste und gewichtigste halte. Alsbald ließ der Schalk die blitzenden Aeuglein über die Zuschauerreihen gleiten, und wie sie von ungefähr der Honig-Henneleinlein begegneten, die auch jetzund den großen Kopf mit den Händen stützte, nahm er die Frage des Gebieters wörtlich und versetzte mit drolligem Ernst: »So mich nicht alles täuschet, ist es die Königin der Butterblumen da drüben, Herr Vetter, sintemal sie sich eines so gewichtigen Hauptes erfreut, daß sie es für und für mit den Händen stützet.« Dabei wies er mit der Pritsche auf die Alte, die sich als Zeidlermeisterswitib kecklich auf der vordersten Reihe des Richterstandes ihr Plätzlein erbeutet, von dem aus sie in dem buttergelb leuchtenden Brokatgewand, so Base Metz ihr weiland verehret, das in den Händen ruhende Haupt weit herfürstreckte. Das hohe Paar, das der Pritsche des Porro mit den Augen gefolget, brach nun, sobald es statt eines würdigen Ratsherrn des krummen Weibleins gewahr geworden, in ein fröhlich Lachen aus; der Schalksnarr aber neigte sich mit ehrerbietigen Bücklingen vor der Alten, und da jene die Augen des Königes und seines hohen Gemahles auf sich gerichtet und beide mit ihrer geringen Person beschäftigt sah, wähnte sie, ich habe sie etwa als Base der Ann oder als Witib ihres Gatten selig bezeichnet, der Kaiser Carolus dem Vierten vor langer Zeit die Nürnberger Bienengärten gewiesen, und ließ nun nicht ab, zu knixen und wieder zu knixen, und weil sie dabei den Kopf immer schiefer neigte und immer fester in die Hand drückte, wuchs des Königspaares Lachlust, bis viele wahrnahmen, was da vorging, Truchseß und Kämmerer das Antlitz lang zogen und der Porro endlich dem Spiele ein Ziel setzte, indem er die Alte mit etlichen Geberden begrüßte, so niemand zur Ehre gereichen. Da mußte das verschmitzte Weiblein wohl merken, daß man Spott mit ihm treibe, und weil nicht nur die Majestäten, sondern auch die Höflinge rings um sie her sich die Seiten hielten und sie mich unter selbigen wahrnahm, hielt sie mich für die Urheberin dieses Schimpfes und warf mir so bitterböse Blicke zu, daß mir allbereit dazumal Uebeles schwante. Nach dem Turnier sollte es großen Tanz im Fechthause geben, zu dem die kaiserlichen Majestäten, Fürsten, Ritter und Herren vom Reichstag nebst den Geschlechtern der Stadt geladen. Am nächsten Tage, dem Sanctae Clarae , wollte man bei den Tetzels den Namenstag der Frau Clar, die der Ursula Großmutter und die Aelteste der Sippe, mit einem Mittagsschmause feiern. An selbigem werde, solches flüsterte mir der Großohm zu, den der König beim Ausgang des Turniers zu sich beschieden, die Verlobung des Herdegen mit der Ursula der Freundschaft kundgethan werden. Der Alte hatte von des Herdegen Treiben mit der Ann nichts wahrgenommen, sintemal er und der alte Tetzel auf der nämlichen Seite des Gerüstes gesessen, und die hohen Federbüsche und Helme dem Blicke gewehret, ihn zu erreichen. So strahlten denn Zuversicht und Genügen ihm noch jetzt aus den Augen. Das Turnier hatte lange gewähret, – es blieb mir kaum die nötige Zeit, mich für den Tanz neu zu kleiden. Bisher war ich in diesem Strom von Saus und Braus frisch wie ein Fisch fürbaz geschwommen; heute aber fühlt' ich mich müde. Was die Seele betroffen, der Leib empfand es mit, und am liebsten wär' ich daheim verblieben; doch nun kam mir die Frau Königin in den Sinn, die um so vieles älter, auf die männiglich schaute, von der jedermann etwas Holdes erwartete, und die in dem lastenden Ornat dannocht allem vorstund, was mich ermüdet. Jetzt war auch ein Gewitter mit aller Macht niedergegangen, und mit der ganzen erfrischten Kreatur richtete auch ich mich auf und atmete freier. Der Fechtsaal, der große viereckige Raum von heute, den allbereit damals Zellen für die Zuschauer von allen Seiten umgaben, war tageshell erleuchtet. Mit meinem Verlobten schritt ich, nun wieder ganz froh, im polnischen Tanze dahin, den das Kaiserpaar führte. Die Mutter der Ann hatte auch jetzt um der alten Meisterin willen daheim bleiben müssen, und meine Freundin stund unter dem Schutze der Base. Sie wurde von dem Junker Henning geleitet, sein Landsmann, der Ritter Apitz von Rochow, führte die Ursula und umwarb sie wiederum mit feurigem Eifer. Der Böhme Franz von Welemisl, der doch sonst wie ihr Schatten und abermals bei den Tetzels Herberge genommen, hatte, vom Husten geplagt, das Haus hüten müssen. Auch meinen Bruder sucht' ich vergebens. Jetzt war der erste Tanz zu Ende, und der Herdegen betrat mit dem Großohm den Festsaal, aber der alte Herr schaute weniger zuversichtlich drein denn am Morgen. Die Ann war bleich, doch in dem weiß und granatroten Seidengewande, das ihr Stiefohm, der Herr Bischof, ihr durch den Kardinal Branda aus Welschland gesandt, schöner denn je. Wie ich eben ernstlich mit ihr zu reden begann, ward sie mir von dem Junker Henning entführet, und im gleichen Augenblick trat der Großohm heran, um mich zu fragen, wer das holdselige Bild adeliger Frauenschöne sei, mit dem ich eben geredet. Er hatte die Ann zum erstenmale aus der Nähe gesehen, und mit welchem Genügen kündete ich ihm nun, daß sie des Ratsherrn Pernhart Tochter und dieselbige sei, mit der mein Bruder versprochen. Da fuhr der Alte ingrimmig auf, doch wegen all des fürnehmen Volkes, so uns umdrängte, mußte er sich Zwang anthun, und bald war er wieder verschwunden. Das Fest ging seinen Gang, und ich sah den Bruder erst mit der Ursula tanzen, dann mit der Ann. Jetzt stunden sie bei den Blumen, so des Saales Hintergrund umgaben, und man hätte wähnen mögen, sie seien in Zwist geraten und stritten eifrig. Es zog mich zu ihnen hin, doch die Frau Königin hatte mich in ihre Nähe befohlen und ließ nicht ab, mich nach hundert Namen und Dingen zu fragen. Endlich, noch vor Mitternacht, verließen die Majestäten das Fest. Ich atmete auf, hing mich an den Arm meines Hans und gedachte, mich zu dem Herdegen führen und mir endlich reinen Wein schenken zu lassen; doch er kam mir zuvor, und wie schaute er drein! Die Augen blitzten, die Wangen glühten ihm heiß, den Mund hatte er fest zusammengebissen. Eilfertig winkte er mir und dem Hans, ihm zu folgen, und bat uns stürmisch, mit ihm und seiner einzigen Herzliebsten, denn das sei die Ann, den Tanz nur auf kurze Zeit zu verlassen. Solche Forderung weckte unser gerechtes Erstaunen, doch da wir erfuhren, daß sie in keinem Falle ihm zu folgen gedenke, es sei denn unter unserem Schutz, und daß alles für ihn daran hänge, heute noch zu wissen, wie er mit ihr stehe, thaten wir ihm den Willen. Nun erfuhren wir auch, daß er heut in der Frühe dem Großohm und dem Jost Tetzel mit nichten sein Wort verpfändet, sondern ihnen nur verheißen, sich bis zum morgenden Tag zu entscheiden. Bald schritt ich mit dem Hans hinter dem neu vereinten Paare her auf der Gasse fürbaz. Es war mir dabei wohlig und dankbar zu Sinne, und wenn wir die beiden einander gar trutziglich befehden sahen, machte es uns lachen, und wir kamen überein, daß der klugen Waldmuhme Rat doch zum Besten geleitet. Auch kündete ich dem Hans, ich gedenke aus alledem eine Lehre zu ziehen und mir von schmucken Junkern und Rittern weidlich hofiren zu lassen, sollt' es mich einmal etwas recht Thörichtes bei ihm durchzusetzen gelüsten. Endlich wollte die Ann, nachdem wir den Weg zu ihres Vaters Hause etlichemal zurückgelegt, den Klopfer schwingen, doch sie ward dieser Mühe enthoben; denn eben trat die Henneleinlein heraus, die der Frau Giovanna bei der Pflege der alten Meisterin Gesellschaft geleistet. Die Laterne, die der Eppelein uns vorantrug, war keine Sonne, und dannocht zeigte sie mir deutlich genug der Alten giftigen Blick; – und ein wie grimmer Hohn klang aus ihrer Rede! Jeglicher empfing sein voll gemessen Teil, auch mein Hans, dem sie zurief: »Haltet das Bräutlein von dem Porro fern, mein Herr Haller; denn es schicket sich übel für eines Ratsherren künftige Hausfrau, mit den Narren gemeine Sache zu machen! Immerhin ist Lachen besser denn Weinen, und wohl dem, der zuletzt lacht!« Damit kicherte sie auf, nickte der Ann höhnisch zu und wandte uns den Rücken. Im Hause des Meisters war alles still, er selbst wohl zur Ruhe gegangen. Dannocht traten wir aus des Herdegen Wink ihm nach auf den Soler, und dort zog er die Ann ans Herz und meldete uns, er sei wiederum ganz und für alle Ewigkeit mit ihr einig. Hienach folgte eine Umarmung der anderen, doch am längsten ruhte die Freundin an meiner Brust und flüsterte mir dabei zu, daß sie so glückselig sei, wie sie es nimmer verdienet. Der Herdegen frug mich, ob er es nun recht gemacht, und ob ich mich ihm jetzt wieder als die alte Gred zu erweisen gedenke? Da bot ich ihm denn recht inniglich die Lippen zum Kusse, und wie vom Weine berauschet war der Verirrte, der sich selbst und sein Bestes wiedergefunden. Er wußte seiner Herzenswonne so gar keinen Rat, daß er bald mich, bald den Hans an sich zog, seinem Eppelein, der uns mit der Laterne die Lachen wies, so der Gewitterregen verursacht, vielemal auf die Schulter schlug und ihm einen vollen Beutel in die freie Linke schob, obzwar es ja von nun an mit des Großohms güldenem Segen vorbei war. Um keinen Preis wollt' er zum Tanze, zu der Ursula und den Ihren zurück, und da er uns endlich verließ, hörten wir ihn auf der Gasse, in die er abgeschwenkt, hell wie die Lerche, die sich in wenigen Stunden aufschwingen sollte, das Lied von der Minne singen, die nie in falsche Herzen kommet. Jetzt waren wir am Ziel. Der Tanz wogte, die Musika tönte, unser Verschwinden, meinten wir, sei kaum wahrgenommen worden; doch gleich beim Eintritt fragte der Großohm mit umwölkter Stirn, wo der Herdegen verblieben, und da ich hienach von ungefähr aufwärts schaute, gewahrte ich – nein, ich täuschte mich nicht – gewahrt' ich die Henneleinlein in einer der Zuschauerzellen. Niemand sagt' es mir, und dannocht wußte ich sicher und ganz gewiß, daß mich betreffe, was sie redeten, und nun erkannte ich im dunklen Hintergrunde der Zelle den Federstutz, den die Ursula während des Tanzes getragen. Das Herz begann mir wiederum banger zu schlagen; denn jedes Wort der Alten war sicherlich bestimmt, uns zu schaden. Der Hans belächelte mein Bangen und der Mägede eitelen Brauch, allerhand auf sich zu münzen, was andere betreffe. Nun zeigte die Ursula sich wiederum im Saale, und wie rauschte sie an des Junkers Henning Arm an uns vorüber! Ein pfälzischer Ritter führte mich zum Kehraus auf, dem ich ihm allbereit früher bewilligt. Atemlos hielten wir inne. Das Fest war zu Ende; doch die Ursula und der Junker ließen noch nicht von einander. Gespannten Ohres lauschte er ihrer Rede, und plötzlich schlug er in ihre dargebotene Rechte, und die Augen, die er vorher grollend zu Boden gerichtet, blitzten ihm dabei hell auf. Hienach schritt er Arm in Arm mit dem Ritter von Rochow durch das Gedränge, und beide lachten und zogen sich die roten Schnurrbärte länger. Ich hing wieder meinem Trauten am Arm und bat ihn, mich zu den märkischen Herren zu geleiten, weil es mich drängte, sie zu befragen; doch der Junker Henning schien uns geflissentlich zu meiden. Dannocht glückt' es uns endlich, ihn festzuhalten, und nachdem ich mich scherzend erkundigt, ob er die Fehde mit der Tetzelin beigelegt und Waffenstillstand oder gar guten Frieden mit ihr geschlossen, erwiderte er in einem Tone, der seiner franken und frohen Art völlig zuwider, solches liege einstweilen noch im geheimen, und wir seien schwerlich die ersten, denen er es zu vertrauen gedenke. Hienach bot er uns mit einem höfischen Gruß das Valet, doch mein Verlobter hielt ihn zurück und ersuchte ihn gelassen, ihm solcher Rede Meinung zu deuten; doch der Rochow nahm für den jüngeren Landsmann das Wort und frug in der hochfahrenden und aufbegehrenden Weise, die ihm an Geberde und Stimme eigen, ob man hier in der Heimat des Nürnberger Tandes auch Minne und Treue zu selbigem zähle. Da unterbrach ihn der Junker Henning, und indes er einen mahnenden Blick auf mich warf, sagte er, es sei fern von ihm, einem ehrenfesten Gesellen wie meinem Hans die Freundschaft zu kündigen, bevor er ihn vernommen. – Damit reichte er meinem Bräutigam um etliches vertrauter denn vorher die Hand, verneigte sich minniglich vor mir und zog den Vetter mit sich von dannen. Endlich stunden wir mit den Haller-Eltern und der Base im Freien. Die Alten stiegen in die Sänften, und schon leuchteten mir unsere Knechte mit Fackeln voran zu der meinen, wie meines Trauten Arm mich zurückhielt, und er mir zurief: »Da graut es im Osten! So früh waren wir nimmer beisammen, Gred, und die guten Stunden sind kostbar. Bist Du nicht zu müde, so wandern wir selbander durch den frischen Morgen bis an Dein Haus.« Des war ich mehr denn zufrieden, und dicht an ihn geschmieget ging es nun fürbaz. Er fühlte, wie das Herz mir pochte, und da er frug, ob es die Minne sei, die es so stark bewege, bekannt' ich frei, die Brandenburger überböten alle Ritter im Reich an Trutz und Rauflust, und darum fürchte ich, es werde Händel geben zwischen dem Junker Henning und meinem Herdegen-Bruder. Doch der Hans erwiderte, wenn die Märker sich an selbigem zu reiben gedächten, könne er ihnen solches nicht wehren, nur meine er, daß es zu ihrem Schaden ausschlagen werde; denn der Herdegen habe selbst im Fechthause zu Paris kaum seinesgleichen gefunden; in jedem Falle wollten wir uns nicht die wonnige Morgenwanderung mit dergleichen verderben. Damit zog er mich näher an sich, und indes wir langsam fürbaz schritten, schloß er mir das ganze Herz auf und bekannte, daß ihm bei seinem einsamen Leben in der Fremde immer etwas Großes gemangelt, also daß er auch unter den frohsten und liebsten Genossen und wo die schönsten Erfolge seinen Fleiß und sein Mühen gekrönet, nicht dahin gelangt sei, sich des Lebens aus vollem Herzen zu freuen. Erst durch mich und meine Minne sei er ein ganzer, voller, frohgemuter Mann geworden, auch fühle er sich erst recht gesund, seitdem mein Besitz die unnennbare Sehnsucht gestillet, an der seine Seele vormals gekranket. Da konnt' ich ihm denn freudigen Herzens bekennen, daß es mir ähnlich ergangen, und was wir weiter geredet, das sollte wohl auch als Sang zu Laute und Mandoline gar hold und hochgemut klingen. Zwei gleich gestimmte Seelen gaben sich damals einander ganz zu erkennen und schauten in unserer Stadt engen Gassen das weite Himmelreich offen. Auf des Schopperhauses Schwelle fanden sich auch unsere Lippen, und wie es endlich zum Abschied kam, schloß er mich noch einmal ans Herz, hielt mich so lang an der Brust wie nimmer vorher, riß sich dann los und rief mir zu, indem er mir beide Hände auf die Schultern legte und mir beim Lichte des jungen Morgens treu in die Augen schaute: »Was nun auch kommen mag, Gred, wir lieben einander und sind eins durch das andere der wahren Glückseligkeit kundig geworden, und dannocht leben wir noch in der Minne Märzenzeit, und die Maientage, an denen es am schönsten, die sollen erst kommen; doch auch unser Märzenglück, ich laß es gelten!« Drittes Kapitel. Das Bangen und trübe Ahnen war ganz und gar von mir gewichen, da ich in der tief verdunkelten Kemenate das Lager bestieg. Der Schlaf schloß mir ungesäumt die Augen, und traumlos schlummerte ich fort, bis Base Metz mich erweckte. Da wandte ich mich, weil ich noch schläfrig; sie aber blieb neben mir stehen, und kaum war die Hälfte eines Viertelstündleins verronnen, als ich abermals ihre Hand auf der Schulter fühlte und zitternd und mit perlender Stirn erwachte. Mir hatte geträumt, ich sei mit dem Hans, dem Großohm und anderen in den Lorenzerwald geritten, doch es war langsam fürbaz gegangen; denn all unsere Rosse hatten gelahmet. An der nämlichen Stelle aber, wo die Ann dem Herzliebsten beim Dohnenstieg in die Arme geflogen, hatt' ich einen hohen gelben Leichenstein gewahret, auf dem mit großen schwarzen Lettern deutlich zu lesen: » Hans Haller «. Da war ich mit einem jähen Schrei aufgefahren und bedurfte langer Zeit, bis ich mich im wachen Leben zurechtfand. Base Metz lachte der Schlaftrunkenheit, die sie sonst nie an mir gewahret, und konnte doch nicht leugnen, daß mein Traum ihr mit nichten behage. Hienach fuhr sie indessen auf und versicherte, daß es kein Wunder sei, wenn solches Heiden- und Türkenleben im Hirn einer jungen Maged dergleichen tolle Ausgeburten erwecke. Sie habe mich geflissentlich in den Tag hinein schlafen lassen, damit ich mich stärke. Der Herdegen sei schon zweimal dagewesen, um nach mir zu fragen, und der Hans und die Ann sodann gleichfalls; es fehlten nur noch anderthalb Stunden an Mittag. Solches machte denn auch mich lachen; doch gleich darauf fiel mir auf die Seele, was sich gestern abend an der Hausthür der Pernharts und im Fechthause begeben, und ferner, daß wir zu den Tetzels zur Tafel geladen, und daß selbige sowie der Großohm des Glaubens lebten, des Herdegen und der Ursula Verlöbnis könne heute der Freundschaft kundgethan werden. Bang und hastig begann ich mich zu kleiden, und während die Sus mich noch zopfte, stürmte die Base herein und meldete, Königin Barbara habe die eigene Sänfte gesandt, um mich zu ihr zu führen. Da galt's denn sich tummeln! Auf der Burg war das Quartier für das hohe Paar vom ehrbaren Rat auf Wunsch des Königs Sigismund neu hergerichtet worden, und es bot einen gar prächtigen Anblick, doch hatte mich dergleichen nimmer weniger ergötzet. Des Papstes Legat, die fürnehmen Abgesandten des griechischen Kaisers, der Herr Kurfürst Konrad von Mainz und etliche Edelleute warteten der Königin auf. Sie hatte sich zu behaupten vermessen, daß zur Stund deutsche Jungfrauen des Sanges Kunst nicht minder artig zu üben vermöchten denn die im Welschland und mich so eilfertig zu sich beschieden, um die großen Herren etliche Lieder hören zu lassen. Es ging nicht an, dem fürstlichen Willen zu widerstreben, und wohl oder übel mußt' ich die Laute ergreifen und erst allein, dann mit dem Herrn Conte di Puppi singen und wiederum singen. Unsere Stimmen hatten auch den König herbeigezogen, und es gab des Rühmens genug, doch mich lüstete nicht nach dergleichen. Zum erstenmal ward der Sang mir zur Folter, und da sich die großen Herren verabschiedet hatten und ich wieder allein mit der Königin und ihren Frauen, überkam es mich, ich wußte nicht wie, und ich brach in Thränen aus, in heiße, bittere Thränen. Mit echter Frauenhuld faßte die gnädige Fürstin mich da in die Arme, und indes sie mir das Riechfläschlein bot und mir tröstend zusprach, fuhr ich jäh zusammen, sintemal sich hinter mir ein gar jämmerlich Stöhnen und Schluchzen, wie aus einer Frauenbrust, erhob. Da wandte ich mich und gewahrte den Schalksnarren Porro, der sich auf ein Ruhebett geworfen und indes er mir nachahmte, sein glatt und ohnehin sonderbar schmal und hoch Antlitz so lang zog, als seien aus dem einen zwei hagere Antlitze geworden. Solches aber gewährte einen so drolligen Anblick, daß ich ins Lachen geriet. Wie er indes mit dem Jammern nicht nachließ, mahnte ihn die Königin ernstlich, die Narretei nicht auf die Spitze zu treiben. Da schluckste er weiter: »O wie irrest Du doch, hohe und holdselige Base! Nie und nimmer hab' ich meines Narrenamtes schmählicher vergessen denn eben jetzt. Ach das Leben, das Leben! Wären wir nicht samt und sonders als Narren geboren und würdigten es, wie es ist und immerdar sein wird, mit dem hellen Geiste des Weisen, wir hörten nicht auf zu klagen von der Rute der Wärterin an bis zur Sichel des Todes.« Ob es dem Porro ernst, vermochte ich nicht zu ermessen, glich doch sein Antlitz den Rätselsprüchen, die mehrfacher Deutung fähig; selbige Rede aber griff mir ans Herz, und ob mir das Leben bis dahin auch hundertfach mehr Grund zum Dank denn zur Klage gegeben, ahnte mir doch, daß es des Leides viel mit sich bringe, da die Königin ernstlich versetzte: »Vielleicht bist Du im Rechte, doch magst Du mit nichten vergessen, daß Du keineswegs als Weiser in unserem Dienste stehest; übrigens versteh' ich als gute Ungarin Latein, und der einzige Horatius Flaccus macht Deine grämliche Lehre zu schanden, wenngleich wir als Christin bekennen, daß es weiser und löblicher ist, die eigenen Sünden und die der Welt zu beweinen und des Jenseits zu denken, denn den Freuden der Gegenwart zu leben. Was Dich betrifft, teueres Kind, so fahre noch lange fort, Dich der Purpurblumen im Garten zu freuen, ob auch Gift in ihren Kelchen verborgen.« »Man braucht sie ja nicht zu essen,« versetzte der Narr, »und ich habe mich oft gefragt, warum der flüchtige Schmetterling sich so lustiger bunter Flügel bedienet, während alles, was tief gräbt, grau ist und braun und von garstigem Ansehen.« Dabei brach er in ein helles Gelächter aus, und solches in so unbändig ergötzlicher Weise, daß nun das Weinen vor eitel Fröhlichkeit an uns kam, und die Frau Königin ihm endlich gebieten mußte, innezuhalten. Beim Ausbruch hatt' ich das Empfangsgemach des Königs zu durchschreiten. Dort verabschiedete er eben meinen Hans gar huldvoll, und mit den Herren Tucher, Stromer und Schürstab vom Rate trat ich auf den Burghof. Ich höre noch, wie sie ihm Dank sagten für die furchtlose Mannhaftigkeit, mit der er dem Kaiser dargethan, daß der Schatz fortfahren werde, Mangel zu leiden, wenn es bei der alten Unordnung bleibe. Auch rühmten sie den wohldurchdachten Plan, den er zum Zwecke der Besserung selbiger Dinge ausgearbeitet, und das Herz schlug mir froh und stolz, da ich die hohe Wertschätzung gewahrte, die so ansehnliche Häupter der Stadt dem jungen Amtsgenossen zollten. Der Hans konnte sich von den anderen nicht sondern; doch wie ich die Sänfte bestieg, raunte er mir zu: »Keine Besorgnis! Der Herdegen und der Märker – Du weißt schon! Auf nachher bei den Tetzels!« Daheim hörte ich wiederum, daß mein Bruder, die Ann und endlich auch der Eppelein, des Herdegen Knecht, nach mir gefraget; doch ich hatte mich für das Fest neu zu kleiden, und wie bang mir das Herz dabei pochte! Der kecke und mannhafte Märker und mein Bruder kreuzten vielleicht jetzt schon die Klingen! Die Base, die nun alles wußte, und ich stiegen vor dem Tetzelhof aus den Sänften. An dem großen Thor stund der Eppelein gestiefelt und gespornt und hielt zwei Rosse am Zügel. Der Herr, der mit ihm redete, war mein Herzliebster. Mitsammen traten wir in den Soler, und aus den ersten Blick ward uns bewußt, daß etwas Schlimmes im Werke. Der Brief in des Liebsten Hand rief ihn sogleich nach Altenperg hinaus. Der Junker Henning und mein Aeltester gedachten einen Waffengang mit scharfen Schwertern zu thun; dergleichen aber konnte nur mit übeler Gefahr auf der Stadt eigenem Weichbild geschehen, sintemal selbiges unter des Reiches Frieden gestellt war, und der Kaiser in einer scharfen Botschaft Ritter und Knappen, Herren und Knecht, kurz jedermann mit Acht und Bann bedroht hatte, der sich erkühne, so weit das Nürnberger Land reichet und so lang der Reichstag währe, einem anderen abzusagen, Fehde zu beginnen oder eine Waffe in feindlicher Absicht gegen wen auch immer zu brauchen. Darum wollten sie sich bei Altenperg treffen, maßen kein jenseits der Grenzen des reichsstädtischen Gebietes gelegenes Dorf schneller erreichbar. Dies alles war meinem Bräutigam schon diesen Morgen kund gewesen, doch hatte der Herdegen ihm den jungen Herrn Schlebitzer und einen österreichischen Ritter als Waffenwart bezeichnet; beide aber waren, wie der Brief erwies, ihm abtrünnig geworden, der erstere auf seines Herrn Vaters, des Ratsherren, strenges Geheiß, der andere, weil er von seinem Herzog zum Dienste befohlen. Jetzt forderte des Herdegen Brief meinen Hans auf, an der Ausbleibenden Stelle zu treten und ungesäumt gen Altenperg zu traben. Doch noch anderes stund in dem Briefe. Mein Bruder erklärte darin, daß er sich mit der Ann ernstlich und unauflöslich mit ihrer Eltern Einwilligung versprochen, und stellte sodann an meinen Bräutigam das Gesuch, den Tetzels und dem Großohm zu künden, daß er der Ursula ganz und auf immer entsage. Näheres werde er dem Hans auf der Wahlstatt berichten. Nun hielt Base Metz, mein Verlobter und ich kurzen Rat, und wir beschlossen, selbige Botschaft den Tetzels erst nach dem Festmahl und des Waffenganges Ausgang zu vermelden. Alles drängte mich, den Herzliebsten zu mahnen, sich dieses Rittes zu begeben; und ich sehe mich noch, wie ich die Hände flehentlich erhob und spüre, wie er sie erfaßte, um sie mit sanfter Gewalt niederzudrücken. Wie er mich dabei versicherte, daß, wenn einem, es ihm gelingen werde, die Gegner auszusöhnen, bevor es zum Blutvergießen komme, schaute ich ihm in das treufeste, mannhaft ernste und doch gütige Antlitz und dachte mir, daß, wo dieser hintrete, alles zum besten ausschlagen werde, und mit neuer Zuversicht rief ich: »So reite!« Jedes Wort von damals steht mir, wie in Erz gegraben, fest im Gedächtnis. Wieder klatschte des Eppelein Peitsche an die Lederschäfte der Stiefel, von der Treppe her frug des alten Tetzels blecherne Stimme, wo wir nur blieben, und eine Seidenschleppe rauschte die Stufen hernieder. Da warf mir der Herzliebste eine Kußhand zu, und ich folgte ihm über die Schwelle. Draußen machte ihm der wilde Hengst so viel zu schaffen, daß er meine Abschiedsgrüße nicht wahrnahm. Da flog es mir plötzlich durch den Sinn, daß dies Roß dem Herdegen von dem Großohm verehret worden, und auch darin schien mir ein übeles Vorzeichen gelegen. Endlich nahm ich wahr, daß der Hans in seidenem Strumpfwerk, sonder Sporn und Reitstiefel aufsaß; doch der Hallerstall war voller Rosse, schon als Knabe hatt' er das seine gerüstet und ungerüstet getummelt und war ein Reiter, der sich auch beim Lanzenstechen als sattelfest bewähret. Jetzt hatte er den Hengst gezwungen und trabte gelassen dem Eppelein voran aus dem Pflaster fürbaz, und wie er hienach hinter dem Eckhause verschwand, war es mir plötzlich, als wandle sich der Prellstein, an dem er vorbeigeritten, in das gelbe Grabmal, das ich im Traume erschaut, und als blicke mir zum andernmale von selbigem in großen schwarzen Lettern der Name »Hans Haller« entgegen. Da mußt' ich mit der Hand über die Augen streichen, um mich von dem argen Gesicht zu befreien, und doch war ich jung und rüstig genug, um aufrecht und ohne daß die Kniee mir wankten, der Ursula Gruß zu erwidern. Indes die Base uns nun auf der Treppe voranstieg, prustete und schnaufte sie wie ein siedender Kessel, und auch unter den anderen, so auf den Ruf zur Tafel warteten, wußte sie keine Ruhe zu finden. Männiglich nahm wahr, daß sie etwas Außerordentliches quäle, mir aber glückte es gut genug, mich zu bemeistern, auch da ich des Bruders und Bräutigams Ausbleiben mit wichtigen Geschäften entschuldigte. Doch dem Großohm schwante das Rechte, und wie ich seinen leisen und kurzen Fragen der Wahrheit getreu Antwort erteilet, stieß er ingrimmig herfür, das also sei sein Dank! Wie er sich uns bisher als Wohlthäter erwiesen, so werde er hinfort zeigen, wie er denjenigen begegne, die sich seiner zu spotten erfrechten. Da bat ich ihn, mir erst auf wenige Worte Gehör zu schenken; er aber schwenkte nur unwillig die Rechte und winkte hienach der Ursula, die sich ihm an den Arm hing und die Lippen fester schloß, nachdem er ihr mit einem strengen Blicke auf uns etliches zugeflüstert, dessen Meinung ich wohl zu erraten glaubte. Ja, wie sie den Ritter Franz von Welemisl zu sich heranrief, ihm die Hand bot und ihm ein kurzes Wort zuraunte, sah ich ihr an, daß sie von allem unterrichtet. Endlich zog sie den Vater beiseite, um ihm etliches zu künden, so sein graues Antlitz mit Blut füllte und ihn zu kräftiger Gegenrede reizte. Aber wie immer, wußte sie ihrem Willen Geltung zu schaffen, und er zuckte zwar ungehalten, doch überwältigt die Achseln. Während selbiger kurzen Zwiegespräche hatten sich des Rebenters breite Thore geöffnet, und wie der Tetzel endlich, mit seiner alten Mutter am Arm, die Gäste ersuchet, ihm zu folgen, flüsterte mir der Ohm Kristan, der Ann vielgetreuer Gönner, fröhlich zu, der Herdegen habe ihm vorhin vertraut, daß er mit seinem»lieben Türmerlein« einig, und was mit ihm und dem Junker von Beust im Werke. Ich möge mir's getrost schmecken lassen; der Brandenburger aber werde ein bitter Stück Nürnberger Stahl zu kosten bekommen, des sei er sicher. Mit einem hellen: »Kopf oben, Gredlein!« schloß seine Rede. Bald darauf saßen wir an der reichen Tafel, an deren Spitze die alte Frau Clar thronte und dabei gar mürrisch und unfestlich dreinsah. Die Ursula hatte sich den Ritter Franz zum Nachbar erkoren. Der Stuhl zu ihrer Linken, der für den Herdegen bestimmet, war leer; doch gebot sie, wie zum Scherz, ihrem weißen Brabanter Hündlein, sich darauf niederzulassen. Das Mahl nahm seinen Lauf, und es ging dabei so still und dumpf her, daß der Herr Muffel vom Rate, den sie den Gallen-Muffel nannten, sich gemüßiget sah, den Ohm Kristan über den Tisch hin flüsternd zu fragen, ob es nicht ein sonderbar Ding sei um solchen Leichenschmaus ohne Toten? Da überlief es mich abermals, doch der behäbige Ohm Kristan hatte allbereit den Glaskelch gehoben, und indes er sich wohlig dehnte, winkte und trank er mir zu und rief sodann für jedermann vernehmlich: »Auf den jüngsten Verspruch und das allertrauteste Brautpaar!« Da nickte ich ihm verständnisvoll zu und that ihm redlich Bescheid; die Ursula aber, die uns mit Ohr und Auge gefolgt war, gab jetzt ihrem Herrn Vater ein dringlich Zeichen, und selbiger erhob sich langsam, schlug an das Glas, und da männiglich seines Spruches gewärtig, that er den Gästen kund, daß er sie nicht nur zur Feier des Namenstages seiner Frau Mutter geladen, die der Herr Tucher vorhin in preiswürdiger Rede gefeiert, sondern vielmehr auch, um sich mit ihnen des Verspruches seiner Tochter Ursula mit dem hochedelen Ritter und Freiherrn Franz von Welemisl zu freuen. Da ging es denn an ein weidlich Hochrufen, Anstoßen und Becherleeren, indes die alte Frau Clar Tetzelin, die taub war und der darum die rechte Meinung der Rede ihres Sohnes entgangen, laut ausrief: »So ist der junge Schopper also dannocht gekommen?« Bei diesen Worten entfärbte sich der Ritter, der der Alten mit dem Glase in der Hand an der Ursula Seite genaht war, und selbige unterbrach die Großmutter und flüsterte ihr ins Ohr, um was es sich handele. Da schaute die Greisin ihren Sohn und dann auch den alten Herrn Im Hoff kopfschüttelnd an, doch wußte sie gute Miene zum bösen Spiel zu machen, reichte dem Ritter die Rechte zum Handkuß und ließ sich von der Ursula umarmen; hienach aber wiegte sie das alte Haupt auf und nieder, und solches immer stärker und schneller, je öfter den Bräutigam das Husten ankam. Wohl stund Herren und Frauen das Staunen auf dem Antlitz geschrieben, doch war das Eis nun gebrochen, und aus der stummen und bedrückten ward eine ausbündig heitere Tafelrunde. Am fröhlichsten schaute Base Metz drein. Der Ursula Verspruch hatte eine große Gefahr von ihrem Liebling genommen, und von nun ab gewann auch ihr Federaufsatz die verlorene Ruhe zurück. Rings um mich her ward geschwatzt und gelacht, klangen Becher, erhoben sich Stimmen zu wohlgesetzten Reden und manchem schallenden Lebehoch. Wo ein Verspruch gefeiert wird, meint man ja immerdar, das Glück am Leitseil zu haben, und hätten sich auch Blöd und Taubstumm zusammengefunden. Der Platz zu meiner Linken, der meinem Trauten zukam, blieb leer, zu meiner Rechten aber saß der hochwürdige Herr Sebald Schürstab, der Minoriten Prediger und Guardian, der, sobald er einen Trinkspruch ausgebracht hatte, den Teller mit den Augen durchbohrte und allbereit auf den folgenden sann. So hinderte mich unter all den frohen Gästen nur wenig, mein Bangen und Hoffen die eigenen Wege wandeln zu lassen. Wenn die Gläser klangen und ein neues Hoch erscholl, stieß ich mit an und stimmte ein, ohne doch recht zu wissen, wem es wohl gelte. Dazu ward es immer heißer im Saal, die Luft immer schwerer zu atmen. Wie gestern, so zog auch heute ein Gewitter herauf. Obzwar die Sonne noch nicht untergegangen, war es so dunkel geworden, daß man Licht gebracht hatte, und die fünfzig brennenden Kerzen auf den silbernen Armleuchtern steigerten die Hitze. Ueber die verhängten Fenster hin flackerte der Glanz der Blitze wie ein flüchtiger Lichtschein, und des Donners Grollen erschütterte die Butzen, daß sie in der Bleifassung klirrten und klingelten. Der Herr Guardian gedachte der hohen Heiligen, deren absonderlichen Schutz sich zu sichern dies Haus nimmer vergessen, und bekreuzigte sich. Wir thaten desgleichen, und bald war des Gewitters vergessen. Wiederum klangen die Gläser, ich sah gebratene Pfauen mit weitausgespreizten schillernden Schweifen und trutziglich erhobenen Häuptlein, sah Eberköpfe mit Zitronen im Maul und zierlichem Schmuck, sah große Lachse, die blaue Forellen umlagerten und scharlachrote Krebse umkletterten, Pastetenschüsseln und kunstvoll geschichtetes Kuchengebäu herein und hinaus tragen, ja, ich griff bisweilen mit eigener Hand zu und führte auch manchen Bissen unwillkürlich zum Munde; doch ob es Brot oder Ingwer, meine Zunge unterschied es mit nichten. Silberköpfe und venetianische Gläser wurden aus Flaschen und Krügen gefüllt; ich hörte den Fürstenberger und Bacharacher, den Malvasier und Cyperwein loben und nahm die Wirkung wahr, die der edle und feurige Rebensaft übte, ja bisweilen vertrat ich bei dem Ohm Kristan seines »Türmerleins« Stelle; doch es war, als hebe nur ein fremder Wille oder alte Gewohnheit den mahnenden Finger. Nahm ich teil an einem Festmahl, oder träumte mir nur, als Gast an eines reichen Hauses Tafel zu sitzen? Was mir sicher bewußt, das war, daß des Gewitters Ungestüm gebrochen, und weder Hagel noch Regen fürder die Scheiben berührten. Wie durchnäßt mußte mein Hans sein, der sonder Mantel in höfischer Kleidung hinausgeritten! Nach dem Gebahren und den Stimmen der Mannsbilder konnte des endlosen Mahles Schluß nimmer fern sein; und da kamen auch allbereit die Schüsseln mit den eingemachten Gewürzen und Früchten, die Törtlein und Näschereien für die Kinder daheim. Ich atmete hoch auf, und sehr bald, dacht' ich, würden sich wohl auch die anderen erheben; denn der Jost Tetzel war von seinem Platze verschwunden. Jetzt schaut sein fahl Antlitz durch den Vorhang, und seine hagere Hand winkt dem Großohm. Selbiger erhebt sich nun gleichfalls, und die Ursula folgt ihm. Von draußen her läßt sich ein gar sonderbar Hinundher von Schritten und Stimmen vernehmen. Nun rufet ein Knecht auch den Herrn Ebner und den Ohm Tucher, und das Geflüster und Gerede hinter der Thür wird lauter und lauter. Die Gäste sind ganz still geworden und fragen einander mit Blicken und Worten. Es hat sich etwas Ungewöhnliches, sicher nichts Gutes, begeben. Wie der Klöppel beim Sturmgeläut an die Glocke, schlägt mir das Herz an das Mieder. Was da draußen vorgeht und einen nach dem anderen hinauszieht, gilt mir, muß mir, mir allein gelten. Es drängt mich von meinem Platze fort, und schon rück' ich den Stuhl, da seh' ich den Ohm Tucher neben der Base Metz, und sein immer noch vom Wein gerötet gut und würdig Antlitz ist ein Herold des Entsetzens und Kummers. Jetzt neigt er sich dem Ohr der Base entgegen. Mein Auge hängt an seinem Munde, und jetzt – jetzt schnellt sie, die meine zweite Mutter, rasch wie die Jüngste empor, und indes sie die Hand auf die Brust preßt, schrillt es ihr von den Lippen: »Jesus Maria, die Gred!« Da wird es mir dunkel vor den Augen, ein veilchenblauer Schimmer verdeckt die Tafel, die Gäste und alles ringsum, ich schließe die Augen, und wie ich sie alsbald wieder öffne, erhebet sich vor mir nah und greifbar deutlich der gelbe Leichenstein mit der schwarzen Schrift, von dem mir geträumet, und ob ich die Lider auch wiederum schließe, der Name »Hans Haller« bleibet mir vor dem inneren Blick stehen, und statt zu weichen, wachsen die Lettern, sie kommen mir näher und näher, einer Reihe gieriger Werwölfe vergleichbar. An der hohen Lehne des festgefügten Stuhles halt' ich mich fest, um nicht in die Kniee zu sinken; doch da stößt eine traute Hand ihn zur Seite, und statt seiner stützen mich zwei alte und doch kräftige Arme, und sie ziehen mich an eine treue Brust, und wie der Base Metz von Thränen halb erstickter Ruf: »Mein arm, arm, lieb, gut Gredlein!« an mein Ohr klingt, da ist es mir, als schmelze und löse sich mir etwas in der Brust und quille mir auf bis an die Augen, und, ob es mir auch keiner gesagt hat, ist es mir doch sicher bewußt, daß ich allbereit vor der Hochzeit zur Witib geworden, daß der Base Thränen und meine eigenen nicht dem Herdegen fließen, sondern ihm, ihm . . . Aber dort, mir gegenüber! Was ist das? Da steht die Ursula, und ihre blauen Augen fließen über von Zähren, und selbige gelten mir und lehren mich, daß mein Leid groß und herb genug ist, um auch der Feindin ungut Herz zu bekümmern. Viertes Kapitel. Das Gewitter hatte die Luft von neuem geklärt. Wie blau lachte der Himmel, wie hell leuchtete die Sonne Tag für Tag von früh bis zum Abend; mir aber war es, als höhne mich ihr heiterer Glanz, und oft wähnte ich, daß ich meines Herzens Weh leichter und geduldiger tragen könnte, wenn es regnen, immerfort regnen wollte. Ach, und wie wohl hätte dem vom Weinen ermüdeten Auge ein grauer, glanzloser Tag gethan! Nur in des armen, wunden Herzens Tiefen sah es finster genug aus, und doch wußt' ich längst gut und klar genug, wie das Schreckliche sich begeben. Es war das einzige, wonach ich mit Eifer geforschet; denn was sonst des Lebens Lauf auch immer geben und nehmen mochte, wunsch- und widerstandslos ließ ich's geschehen. Das Leid war mir zum Zweck und Inhalt des Daseins geworden. Statt ihm zu wehren, hegte und hätschelte ich es wie ein lieb Kind, und ihm ungestört nachzuhängen, schien mir das Schönste. Doch wie selten war es mir gestattet, dies Verlangen voll und ganz zu stillen; – ich aber haderte darob mit der harten, grausamen Welt, und dannocht ist es just selbige Welt und ihr erbarmungslos Drängen und Heischen gewesen, was mich dazumal vor noch Schlimmerem bewahrte. Einen jeden, der mich zu jener Zeit aus dem eigensüchtigen und dumpfen Trübsinn aufzuscheuchen unterfing, den möcht' ich jetzt segnen, von dem Schneider an, der mir das Trauergewand anmaß, bis zu der Ann, deren holder Trost mir doch weniger genehm war denn die Einsamkeit, in der ich mich still dem bittern Seelenleid hingab. Nur denen zu lauschen, so seiner letzten Stunden und seines Hingangs Zeugen gewesen, lag mir am Herzen, und so gelang es, mich gleichsam zu seines Endes Zeugen zu machen. Die alte Henneleinlein, die der Schalksnarr mir so aufsässig gemacht, war – also fass' ich das Gehörte zusammen – nachdem sie uns vor der Thür des Meisters Pernhart getroffen, ungesäumt in das Fechthaus geeilet, um der Tetzelin zu vermelden, daß mein Bruder wieder eins sei mit der verstoßenen Herzliebsten. Hienach hatte die Ursula dem Junker kecklich gekündet, der Herdegen werde als ihr Ritter den Handschuh aufnehmen, den er auf dem Geschlechtertanz hingeworfen; und doch treibe er ein doppelt Spiel und habe auch der Ann, um ihrer Gunst zu genießen, trüglich die Ehe versprochen. Da war der Märker in redlichem Unwillen aufgefahren, hatte der Ursula den Treuvergessenen zu züchtigen verheißen und meines Bruders Herausforderung nicht nur angenommen, sondern des Kampfes Weise zu schärfen begehret. So war denn der Tetzelin Anschlag aufs beste gelungen; denn sie hatte, so lange sie auf den Herdegen gehofft, bangen Herzens gefürchtet, der Märker werde mit ihm in Händel geraten; nun sie aber in ihrer Seele Empörung den Treuvergessenen dem Schwerte des Junkers überantworten wollte, hielt sie es in ihrem großen und böslichen Ingrimm für geschickt, meinen Bruder zum Herausforderer zu stempeln, maßen ein solcher, sobald der Streit einen blutigen Ausgang nahm, schwerer Heimsuchung gewiß war. Auch hatte sie sich mit nichten verrechnet, da sie meinen Aeltesten, den sie nur zu gut kannte, dem Märker für ihren Ritter ausgab. Am Morgen, der dem Tanz im Fechthause folgte, war sie nämlich den Herdegen in einem kurzen Schreiben angegangen, er möge, eingedenk der Freundschaft, die sie von Kind an verbunden, und weil sie keines Bruders sich freue, dem Junker von Beust weisen, daß eines Nürnberger Geschlechtes Tochter nicht schutzlos dastehe, wenn märkische Hoffart sich vermesse, sie vor aller Welt zu beschimpfen. Selbigem Schreiben war meines Bruders Herausforderung auf dem Fuße gefolgt; doch hatt' er sich wohl nur so großer Eile beflissen, weil er längst darauf brannte, den kecken Edelmann zu züchtigen, der ihm der bangen Stunden genug bereitet. Um der Ursula zu Willen zu sein, hätt' er das Schwert kaum gezogen, da er wohl durchschaute, daß es ihr vor allem am Herzen lag, den verlorenen Handel mit ihm vor den Leuten so zu wenden, als habe er, in dem die ganze Stadt ihren künftigen Gemahl gesehen, sich mit nichten von ihr abgewandt, sondern vielmehr in ihrem Dienst sein Herzblut vergossen. In der That wähnte die Ursula ein sicheres Werkzeug für ihre Rache gefunden zu haben; denn sie hatte in Erfahrung gebracht, daß der Junker Henning von Beust zu den gefürchtetsten Kämpen in den Marken gehöre. Zwar war auch der Herdegen als weidlicher Fechter in Nürnberg bekannt, doch es ist nun einmal fränkische und deutsche Art, das fremde Mittelgut höher zu schätzen denn das eigene Beste. Außerdem war ihr durch den Großohm oft genug zu Ohren gekommen, unsere Herren von den Geschlechtern seien doch nur halbe Ritter, und so wähnte sie denn, den Herdegen dem Märker vor das Messer zu liefern. Dannocht sollte sie sich übel verrechnen; denn da der Hans meinem Bruder zu Altenperg als Waffenwart diente, und sein redlich Bemühen, die feindlichen Gegner auszusöhnen, vergeblich geblieben, wurde er Zeuge, wie das Nürnberger Schwert, so freilich zu Erfurt, Padua und Paris die beste Schulung genossen, das märkische nicht nur bestand, sondern es an Kraft und Schnelligkeit so weit überbot, daß der Junker mit schweren Wunden an Haupt und Brust den Freunden in die Arme sank, während der Herdegen, wenn ich eines leichten Risses im Arm geschweige, unversehrt aus dem Streite herfürging. Voller Staunen sahen die Zeugen, was er vermochte, und der Ritter Apitz von Rochow verschwor sich, allbereit nach meines Bruders erstem Streich das trübe Geschick des Vetters vorausgesehen zu haben; auch sei es während des Straußes gewesen, als wandele sich dieses feingeschniegelten Nürnberger Fantes geschmeidige Klinge in eine wütende Schlange, die überall züngele und selbst Stahl und Eisen durchbeiße. Später stellte er es als möglich hin, daß der Herr Schopper, von dem man sage, er sei noch vertrauter mit allerlei Geschrift denn mit den Waffen, sich eines Schwertzaubers bedienet, vor dem freilich ein frommer Ritter aus der Mark sein Kreuzlein schlage. Weil nun der Junker von Beust in des Kaisers persönlichem Dienst stund, war das Geschehene nicht zu verbergen, und nachdem der wunde Mann im Pfarrhause von Altenperg Unterkunft und Wartung gefunden, galt es, seinen glücklicheren Gegner vor dem Zorn Seiner Majestät in Sicherheit zu bringen. Da bewährte sich denn der Rochow, sowie der von Muschwitz, der dem Junker als zweiter Waffenwart gedienet, als rechte Edelmänner, indem sie meinem Bruder, obzwar sie ihn unter sich geheimer Wissenschaft ziehen, in ihren Burgen Versteck und Unterkunft boten; doch derjenige, der bald nicht mehr sein sollte, riet ihm, zunächst beim Waldohm auf der Forstmeisterei abzuwarten, was er selbst, andere Freunde und ich für ihn an Gnade auszuwirken vermöchten. Wie sich mein Verlobter endlich zum Aufbruch anschickte, war das Gewitter allbereit heraufgezogen, und darum rieten ihm die Märker, mit ihnen in des Pfarrers Haus zu verziehen, bis es ausgetobet; er aber weigerte sich dessen, weil seine Braut mit großem Bangen seiner harre, maßen sie von des Bruders Gefahr unterrichtet, und machte sich alsbald aus den Weg. Der Herdegen gab dem Hans seinen Eppelein mit, damit er ihm nachführe, weß er bedürfe, und so ritt denn mein Herzliebster, von dem Knechte gefolget, der Stadt zu. Zwar gab es bei strömendem Regen der Blitze und Donnerschläge genug, doch ging alles aufs beste, bis bei Sankt Linhart der Hagel mit schweren Schloßen niederfuhr. Zu gleicher Zeit zersplitterte ein zündender Blitz mit grausem Donnergekrach einen Baum hart neben der Straße, und nun geriet das gewaltige Tier in Raserei, bäumte sich kerzengerade auf, überschlug sich nach hinten und preßte den Reiter an den Stamm einer Pappel. Dem Trauten, mit dem mich so feste Bande vereinet, ich hab' ihm nie wieder ins Antlitz geblickt, es sei denn im Traume, und ich dankte denen, so mir wehrten, sein zerschmettert Haupt mit Augen zu schauen; denn wenn er mir nun in stillen Gesichten begegnet, so erscheint er mir wie zu jener Stunde, da er vor unserem Hause im Glanz des jungen Morgenlichtes mit auferbauter Seele und in festlichem Kleide mir den Abschiedskuß schenkte. Nur die Lippen auf die Hände der teuren verhüllten Leiche zu drücken, ließ ich mir nicht wehren. An einem hellen und festlichen Mariä-Himmelfahrtsmorgen ward der Ritter, Doktor und Ratsherr Hans Haller, seines alten Geschlechtes ältester Sohn, mein lieber Herr Bräutigam, auf den Friedhof getragen. Das Sammettuch, womit die Eltern ihres teuren Erstgeborenen Sarg bekleidet, war so kostbar, daß es einen armen Hausstand der Jahre mehrere leicht erhalten hätte. Wie viele Kerzen wurden für ihn verbrannt, wie viele Messen gelesen! Eine Fülle von Huld und Gnade strömte von allen Seiten auf mich ein, ja wo ich hinkam, ward mir hohe Ehrerbietung erwiesen. Auch zu Hause begegnete mir alles wie etwas Geweihtem, an dessen Nähe man sich auferbaut und wovon man gern jegliches fernhält, was das Leben Gemeines und Störendes mitbringt. Base Metz, die sonst weithin hallenden Trittes und mit lauter Stimme die Stufen hinanstieg, ging jetzt auf Schuhen leise schreitend einher, und wenn sie rief oder sprach, war es sanft und kaum hörbar. Aber ich, ich hatte weder Auge noch Ohr für das alles. Es erweckte mit nichten meinen Dank und gereichte mir ebensowenig zum Troste. Alles war mir eins, selbst der Königin Barbara gütiger Zuspruch. Die Besessenheit, mit der Groß und Klein mir schier demütiglich gewärtig, fröstelte mich an, ja es war mir bisweilen, als sollt' es mich höhnen. Wenn einem, so stund meinem lieben Verstorbenen das Himmelreich offen, doch war er ohne das Sakrament von hinnen gegangen, und so mocht' ich nirgends fehlen, wo des Heiles seiner Seelen gedacht ward. Ich ging auch gern in Kirchen und Kapellen, weil ich dort sicher war vor der Ansprache der Menschen. Was das Leben auch bot und heischte, war mir gleichgiltig geworden. Hätte man von Anfang an mir vergönnet, mich hie und da zu stoßen und selbst zu bücken, es wäre vielleicht nie so weit mit mir gekommen; denn allbereit der erste Aufruf meiner Thatkraft wirkte auf mich wie ein Zauber. Die Pflicht, mich zu regen, gab mir die Kraft zurück; es zu thun, und so wurde die neue, schwere Fährnis, die über uns hereinbrach, zu stärkendem Wein, der dem müden und wunden Herzen den kräftigen Schlag zurückgab. Es mußte schon etwas Großes sein, um mich aus dem schlaffen Halbschlaf aufzurütteln, und solches ließ nicht auf sich warten; denn meines Herdegen-Bruders Heil und Leben geriet in schwere Gefahr. Das Unheil hatte es nämlich gefügt, daß man kurz vor dem Waffengang zu Altenperg, trotz des schärfsten Verbots, unter den Augen der kaiserlichen Majestäten des Reiches Frieden mehrfach durch blutige Zweikämpfe gebrochen, und nun war der Kurfürst Konrad von Mainz Hand in Hand mit dem Brandenburger bei dem Kaiser vorstellig geworden, ein streng Exempel zu statuiren. Von allen Kurfürsten aber übte keiner größeren Einfluß, wie denn auch der geistliche Herr an des Reichstages Ende zum Reichsvicarius, der von Brandenburg aber zum Oberbefehlshaber des Reichsheeres ernannt ward. Des letzteren Stimme fiel zu selbiger Zeit besonders schwer ins Gewicht, da die große Freundschaft, die ihn früher dem Kaiser verbunden, in kühle Entfremdung umgeschlagen, und es Seine Majestät vor und während des Reichstages deutlich empfunden, welche Macht dem Brandenburger innewohne, und was er seiner Sache im Reiche bedeute. Wenn nun der Herr Kurfürst und Burggraf Friedrich darauf bestund, es möge in des Herdegen Sache des Gesetzes volle Strenge walten, so geschah solches mit nichten, wie doch etliche wähnten, weil er mit unserer guten Stadt und dem ehrbaren Rate nicht einig, und es ihm also genehm sein mochte, den Sohn eines städtischen Geschlechtes seinen Groll fühlen zu lassen, sondern vielmehr, weil er, dem alles Kleinliche fern, von des Herdegen blutigen Händeln zu Padua und seinem wilden Treiben zu Paris mancherlei vernommen. Auch war ihm zu Ohren gekommen, daß mein Aeltester mit zween Jungfrauen ein falsch Spiel getrieben. Ja, der Großohm hatte ihm vermeldet, daß die Ursula, die dem Herrn Kurfürsten von Kind an bekannt, durch des Verlobten Treubruch zum Aeußersten getrieben, dem bresthaften böhmischem Ritter von Welemisl die Hand geboten. Außerdem war des Junkers Henning Herr Vater, der Ritter Johann von Beust, gen Nürnberg gezogen, um des Wunden zu warten, und nachdem der alte Herr am Siechenbett seines Sohnes mancherlei von dessen Freunden vernommen, ging er den Kurfürsten ernstlich an, dahin zu wirken, daß den Gegner seines Erstgeborenen die verdiente Strafe ereile. Der Herr Kurfürst habe der märkischen Ritterschaft oftmals die Zähne gewiesen und sich auf Recht und Gerechtigkeit berufen, wenn er auf der Bürger Seite getreten und dem Adel Hoheit und Befugnis geschmälert. Nun sei es an ihm, zu zeigen, daß er auch ritterlich Blut nicht ungestraft durch die Satanskünste eines Städters vergießen lasse, und sei er dannocht dazu bereit, so werde man wissen, daß er des brandenburgischen Adels geschworener Feind und ihm den Daumen aufs Auge setze, nicht dem guten Rechte zu Gefallen, sondern aus Haß und üblem Willen. Da ich nun in späterer Zeit den alten Ritter mit dem roten Eisenfresserantlitz und gewaltigen Schnurrbart mit eigenen Augen geschaut und erfahren, daß er, der in der Jugend einer der gefürchtetsten Raubritter und Placker gewesen, nunmehr durch seinen Reichtum und Einfluß eine der mächtigsten Stützen des Herrn Kurfürsten in der Altmark geworden, konnt' ich mir wohl vorstellen, wie seine dräuende Rede geklungen, und wie willig ihm jener das Ohr geliehen. Dannocht vernahm der gerechte Mann, bevor er gegen den Herdegen einschritt, den von Rochow und die anderen Zeugen; sie aber sagten aus, daß zwar alles der Ordnung gemäß hergegangen, der Rochow aber von Anfang an der Meinung gewesen, der Satan selbst führe dem Herdegen die Klinge. Der Muschwitz versicherte gar, gesehen zu haben, daß des Nürnbergers Schwertrand Feuer gespieen. Hienach drang der hohe Herr in des Kaisers Majestät. nach dem Herdegen zu fahnden, Acht und Bann über ihn zu verhängen, und ihn, wenn man seiner habhaft geworden, vor das Blutgericht zu stellen. Doch von alledem sollt' ich erst später Kunde erlangen, weil männiglich sich scheute, meinen großen Schmerz durch neues Leid zu erhöhen. Der Weg, den ich damals wandelte, war derjenige, welcher in Trübsinn oder in das Kloster leitet, und ich hatte mich so ganz an mich selbst verloren, daß ich schon das Meine für des Bruders Schicksal gethan zu haben wähnte, da ich den Majestäten bescheidentlich ans Herz geleget, ihm huldreich zu vergeben, und später etliche Bittschreiben zu des Gefährdeten Gunsten mit meiner Unterschrift versehen hatte. Ich wußte ja auch nicht, wie übel es mit dem Herdegen stund und fragte nur noch selten darnach, seitdem mich der Waldohm versichert, er sei wohlgeborgen. Oft war es mir freilich, als werde mir von der Ann und den anderen ein geheimes Etwas verborgen; doch hatte mich selbst die Neubegier verlassen, und lieb war mir nur, was mir fern blieb. So ging es fort, bis jener Ruf erscholl, der mich aus dem bleiernen Schlafe schreckte. Ganz für mich allein, und auch unsichtbar für unsere hohen Gäste, hatt' ich den Tag verbracht. Stumm vor mich hinbrütend, saß ich am Spinnrad, so sich längst nicht mehr drehte, doch unversehens drangen polternde Schritte und scheltende Stimmen die Treppe hinan. Die Thür des Erkerzimmers, wo ich weilte, flog auf, und über die Schwelle drangen, trotz des Widerstandes der alten Sus, etliche Büttel der Stadt mit zween Hatschieren des Kaisers. Die Base war ausgegangen, wie es in jüngster Zeit fast häufig geschah, und gekränkt und verdrossen über solche widrige Störung, trat ich den Eindringlingen entgegen und fragte sie unwillig, was sie berechtige, eines Nürnberger Geschlechterhauses Frieden zu stören. Da versetzte der Hauptmann sonder Umschweif, er komme im Auftrag Seiner Kaiserlichen Majestät und des Blutbannes der Stadt, um sich zu vergewissern, ob der landflüchtige Junker Herdegen Schopper, über den des Reiches Acht verhänget, sich nicht in seines Vaters Hause verberge. Da galt es zunächst sich festhalten, um nicht in die Kniee zu sinken. Doch gleich darauf fand ich Mut und Besinnung wieder, und nachdem ich die Büttel versichert, sie würden vergeblich suchen, ihnen aber zugleich freigestellt, zu thun, was ihres Amtes, und nur zu bedenken, daß hohe Herren bei uns Herberge genommen, atmete ich, sobald ich den Schreck überwunden, hoch auf, und es war mir zu Sinne wie einem Kinde, so man in dem brennenden Hause vergessen und das den rettenden Vater zu sich eindringen sieht. Sie hatten mir verschwiegen, was über den Bruder verhängt war, und nun es mir bewußt, ergänzte ich schnell manches Wort, das ich mit halbem Ohre vernommen. Der Base häufige Ausgänge in höfischem Staat, der Ann verweinte Augen, ihr seltsam Wesen und noch weit mehr fand alsbald volle Erklärung. Der neu erwachte Geist und die auferstandene Thatkraft forderten wiederum ihr Recht, und jener wollte sich, wie in früheren Tagen, nicht zufrieden geben, bevor er nicht klar durchschaut, was ihn anging. Indes die Sus und die anderen Ehalten, zu denen sich auch etliche aus dem Gefolge unserer Gäste gesellet, mit den Bütteln das Haus durchstöberten, hatte ich mich geschwind beschuhet und zum Ausgang gerüstet, und obzwar es schon dämmerte, eilt' ich von dannen. Als hätte der äußere mit dem innern Menschen eine Wandlung erfahren, mußt' ich beim Durchwandern der Gassen das Haupt wieder heben und mich aufrecht halten, während ich in den letzten Wochen gesenkten Kopfes und lässig dahingetrollt war. Ja, wie ich jetzt mit festen und langen Schritten auf des Pernhart Haus losging, mußte mich männiglich wieder dafür halten, was ich doch war: ein jung, gesund Menschenkind, vor dem sich noch ein langes Leben aufthat, und dem Kraft und Mut genug innewohnte, nicht allein sich selbst, sondern auch andern, und allen voran dem geliebtesten Bruder, zu helfen. Und wie ich endlich mein Ziel erreicht hatte und der alten Meisterin gegenüberstund, die längst völlig genesen, wach und aufrecht, mit dem jüngsten Eniklein im Schoße auf dem Sorgenstuhl saß, da wußt' ich sogleich, daß ich an die rechte Schmiede gekommen. Die wackere Frau hatte wohl bemerkt, woran es mir gemangelt, und hätte die Base sie nicht beschworen, meiner bekümmerten Seele zu schonen, sie wäre längst zur Verräterin dessen, was dem Herdegen dräute, an mir geworden. Ihr war mit nichten entgangen, wie mir die müde Hingabe an Dinge, so nicht zu ändern, Kraft und Willen gelähmet, das Gute zu vollbringen, wozu ich geschickt war. Und nun stund ich, der nachtwandelnden Willenlosigkeit ledig, vor ihr, begehrte alles der Wahrheit gemäß zu erfahren und erklärte mich bereit, was in und an mir, dem einen Zwecke zu weihen, den Bruder zu retten. Da hörte ich von der Meisterin Lippen, daß ich nun wieder die alte Gred, was die Base doch noch jüngst mit gutem Grunde geleugnet, und jene behielt recht; denn als je furchtbarer und unüberwindlicher die Gefahr sich erwies, desto höher wuchs mir der Mut, desto mächtiger die Spannkraft. Jetzt erfuhr ich auch, daß das, was ich an der Ann für ein schwächlich Minnesehnen gehalten, nur zu gerechte Herzensangst gewesen; auch daß sie mit nichten müßig geblieben, sondern unter der Base Metz und ihres treuen Gönners, des Ohms Kristan, Beistand Himmel und Erde zu Gunsten des Herzliebsten in Bewegung gesetzet, doch bis dahin vergebens. Ja, des Geächteten Sache war so gut wie verloren, und der Ohm Kristan, der sonst immer das Beste hoffte, verhehlte nicht, daß der Herdegen im günstigsten Falle als landfremder Mann in fernen Landen ein neues Leben zu beginnen haben werde. Doch weder ich noch die Ann waren gewillt, die Hoffnung sinken zu lassen, und in selbiger Zeit trieb unsere Freundschaft schöne neue Blüten. Als Bundesgenossen kämpften wir Schulter an Schulter, reich an Liebe zu einander, der Minne voll für meinen Bruder, und da ich sie verließ, und sie sich anschickte, mich heimzugeleiten, war es in des Rotschmiedes Hause allen zu Sinne wie den Verteidigern einer belagerten Stadt, die allbereit auf Uebergabe denken und plötzlich mit wehenden Bannern und schmetternden Trompeten den Entsatz heranrücken sehen. Ein schwerer Kampf stund uns freilich bevor, und das Bollwerk, welches sich von Tag zu Tag unüberwindlicher erwies, war unser Herr Burggraf, der Kurfürst Friedrich, während sein Standesgenosse von Mainz alles auf ihn schob, wenn der Kardinal Branda, der Ann freundlicher Gönner, ihn um Gnade anging. Bevor ich zu neuem Leben erwacht war, hatt' ich mich, trotz mancher gütigen Ladung der Frau Königin, fern vom Hofe gehalten. Meine Bittschriften waren unberücksichtigt geblieben, und da mir die Audienz bewilligt worden, um die ich ersuchet, empfing mich Königin Barbara zwar gnädig, doch ohne mich zu Ende zu hören. Sie helfe gern, aber dem Gesetze habe auch sie sich zu fügen, und endlich bekannte sie frei, daß ihr guter Wille an dem Einspruch des brandenburgischen Kurfürsten scheitere. Am nämlichen Tage ward uns sodann das Ansehen selbigen weisen und gewaltigen Fürsten recht deutlich vor Augen geführet; denn in der Sankt Sebaldkirche empfing er als Oberbefehlshaber des Kreuzheeres, so gegen die hussitische Ketzerei aufgeboten werden sollte, des Kaisers eigen Schwert. Ehrwürdige Bischöfe umgürteten ihn mit selbigem, nachdem er es aus der Hand des päpstlichen Legaten samt dem Banner empfangen, das der heilige Vater selbst geweihet, und das ihm beim Ausgang aus der Kirche von dem Grafen von Hohenlohe vorangetragen ward. Daß es nichts Leichtes war, zu solchem Herren in solcher Zeit fürzudringen, versteht sich, doch gelang es mir, wenigstens seinen Kämmerer zu sprechen, und durch selbigen ward mir kund, wie vieles meinem Bruder zum Schaden gediehen; maßen nicht nur des Junkers Henning Herr Vater auf seine strenge Bestrafung dringe, sondern auch eine ziemliche Zahl von Nürnberger Leuten, die weiland meines Aeltesten Hoffart verdrossen. Wer ihn einmal mit einem Buche unter dem Arm auf der Gasse oder zu später Nachtstunde durch das erleuchtete Fenster hinter Schriften und Pergamenten gesehen, der hielt sich für einen Zeugen seiner schwarzen Künste. So sollte ihm selbst der Fleiß, den er bei all seiner Ausgelassenheit immerdar bewähret, zum Schaden gereichen, und in gleicher Weise ging es mit der Großmut und offenen Hand, die ihm allzeit eigen gewesen; denn der Arme, dem er statt eines dünnen Hellerleins einen vollwichtigen Dukaten in den Hut geworfen, sprach von der Satansliebung, so er empfangen und die ihm in der Hand gebrannt haben sollte. Außerdem hatte des Eppelein Prahlerei über das Gold, so sein Herr zu Paris hinausgeworfen und womit er ihm selbst die Taschen gefüllet, den übeln Leumund bestärket. Wie viele hielten sich versichert, daß Satanas selbst als Schatzmeister in seinen Diensten gestanden! Ein flüchtig Wort, so der Ritter von Rochow zuerst bildlich gebrauchet, war also zu einer Klage erwachsen, schwer genug, einen freundlosen Mann um Ehre und Freiheit, ja auf den Scheiterhaufen zu bringen, und es ist mir wohl bewußt, daß sich schon viele im voraus freuten, den schmucken, hoffärtigen Junker mit der spitzen Mütze auf dem Kopf und den Teufelszungen am Halse, von Flammen umlodert, verröcheln zu sehen. Fünftes Kapitel. Der Reichstag ging zu Ende, und noch war uns nichts zu des Herdegen Gunsten auszurichten gelungen. Da ward uns von der Waldmuhme, die all unseren Schritten mit klugem Rat und herzlicher Teilnahme folgte, vermeldet, derjenige, an dessen mächtigem Willen das Wohl und Weh des Herdegen hing, der Herr Kurfürst Friedrich, habe, um des Weidwerkes zu pflegen, morgen auf der Forstmeisterei vorzusprechen verheißen, und auch wir möchten ungesäumt kommen. Bei unserer Ankunft war der Erwartete allbereit erschienen und dem Hochwilde nach auf die Birsch gegangen; wir aber folgten ihm heimlich in den Wald, und auf ein Zeichen des Ohms Kristan traten wir ihm aus dem Busch entgegen. Obzwar er uns nun eifrig und geschmeidig genug zu entrinnen trachtete, ließen wir nicht von ihm ab und hielten ihn mit so zäher Dringlichkeit fest, daß er später versicherte, wir hätten ihn im Forste gestellt wie ein Stück Wildbret. Es sei wohl keinem Bären oder Keiler jemals saurer gefallen, den Rüden zu entrinnen denn ihm damals, so hellen Augen und so beredten von der Frau Minne selbst gelenkten Weiberzünglein Blick und Gehör zu verschließen. Dazu habe mein Trauergewand, so doch einem Jüngling gegolten, den er vor vielen geschätzet, ihm jeglich unliebsam Wort auf den Lippen ertötet, und da sei ihm denn wiederum bewußt geworden, daß Evas alte Macht mit nichten gebrochen. Aber wie weit waren wir entfernt, an irgend eine Macht, die uns innewohne, zu glauben, da wir den vielgestrengen, großen Herren antraten, dessen mannhafte, gelassene und dazu väterliche Würde mir weit majestätischer dünkte denn die des stattlichen, doch ruhelosen Kaisers. Ich seh' ihn noch vor mir, wie er, mit dem gestiefelten Fuß auf des Hirsches Nacken, uns das edele Haupt zuwandte, so langes, schlichtes, ergrauendes Haar umwallte, und uns mit den mächtigen blauen Augen erst freundlich überrascht anblickte, bald aber unfroh und beinah unwirsch. Da galt es die Hand aufs Herz pressen, um wenigstens einen Teil der wohlüberlegten Sätzlein im Sinn zu behalten, so wir zu des Herdegen Gunsten fürzubringen gedachten. Doch die Minne und der feste Wille, dem Geächteten Gnade zu schaffen, kamen uns zu Hilfe, und da des Herrn Kurfürsten erste Frage von mir zu wissen begehrte, ob ich die Jungfrau Schopperin, seines werten, zu früh geschiedenen Hans Haller Verlobte, füllten sich mir zwar die Augen mit Thränen, doch stärkte mir das Andenken an den Verstorbenen den Mut also, daß ich den Blick des gewaltigen Mannes wohl bestund und von nun an froh verspürte, wie jedes Wort, so die Furcht verschlungen, mir wiederum frei zu Gebot stund. Dabei schien es, als hätt' ich mit dem eigenen Bangen auch das der Ann überwunden; denn indes sie vordem bleich und keines Wortes mächtig in meines Rockes Falten gegriffen, stund sie mir jetzund furchtlos zur Seite. Nachdem ich sie dem Kurfürsten als die dem Herdegen versprochene Braut vorgeführet, mit der er von Kind an in Minne verbunden, vermeldete ich ihm, daß es mit nichten meines Bruders eigener Wunsch, sondern nur der des Großohms gewesen, die Ursula zu der Seinen zu machen. Auch hob' ich, um meinen Aeltesten von dem Verdachte der Goldmacherei zu befreien, eifrig herfür, daß ihn der alte Ritter Im Hoff in der Absicht, ihn seinem Begehr geneigt zu machen, mit Dukaten baz überschüttet. Hienach sprach ich von des Herdegen Fechtkunst, und nunmehr wagte sich die Ann mit dem Vorschlag herfür, man möge ihren Bräutigam unter freiem Geleit gen Nürnberg kommen und ihn dort Proben seiner Kunst mit einer Klinge ablegen lassen, so Seiner Heiligkeit des Papstes Legat, der Herr Kardinal Julianus Cäsarinus, geweihet und von jeglichem Teufelsspuke gesäubert. So durfte denn alles, was wir vorher erwogen, zur Aussprache kommen, und wenn der Herr Kurfürst im Anfang manchen Widerspruch hören ließ oder uns gar den Rücken zuzuwenden versuchte, gelang es uns dannocht immer, ihn festzuhalten, ja wir ließen nicht von ihm ab, da er schon längst den Fuß von des Hirsches Nacken gezogen, und gaben ihm endlich, von manchem neckischen Worte, womit er uns drängte, halb ergötzt, halb gepeinigt, das Geleit bis vor die Forstmeisterei. Dort entließ er uns mit der Versicherung, er wolle des jungen Frevlers Handel noch einmal prüfen. In der Forstmeisterei stund die Tafel allbereit gerüstet, doch hielten wir uns schicklich von selbiger fern. Des Bruders Sache lag ja auch nunmehr in guter Hand; denn das Waldstromerpaar und der Ohm Kristan waren des Herrn Kurfürsten Tischgenossen. Auch gereichte es uns zu großem Trost, als die Muhme uns kündete, der alte Ritter von Beust, des Junkers Henning Vater, der sich dem Gefolge des Kurfürsten gesellet, habe ihr aus freien Stücken vermeldet, daß ihn sein eifrig Einschreiten gegen den Herdegen reue, maßen sein Sohn, der nunmehr der Lebensgefahr völlig entronnen, ihn dringend nötige, alles aufzubieten, um Acht und Verfolgung von einem Manne zu wenden, dessen Fechtkunst zwar erstaunlich, den er aber, schon weil ihn der Hans Haller selig seiner Freundschaft gewürdigt, keiner übelen Zauberkünste fähig halte. Ich, des Verstorbenen früh verwitwete Braut, sei ihm wert, und er werde es sich nie vergeben, wenn mir aus seiner oder der Seinen Gegnerschaft neuer Kummer erwachse. Selbiger Bericht gereichte mir zu großem Genügen, und solches nicht nur um des Herdegen willen, sondern auch, weil es wenig Erfreulicheres gibt denn einem, dem wir hold gewesen und an dem wir zu zweifeln begannen, mit gutem Grund Abbitte zu leisten. Getrösteten Mutes und so heiteren Sinnes, wie mir dazumal nur möglich, ging ich mit der Ann auf unsere Kammer, und wie ich dort des Ohms Kristan tiefe Stimme so frohgemut wie nur je dröhnen hörte, da wußt' ich, daß sich für den Herdegen alles zum Besten wende. Auch sollten unsere bangen Zweifel bald völlig schwinden; denn während die Herren drunten noch zechten, polterte ein schwerer Tritt die Treppe heraus, ein fester Finger pochte an unsere Kammer, und des Ohms Kristan tiefe Stimme fragte: »Schlummert ihr allbereit, oder wachet ihr noch, ihr Mägede?« Da versetzte die Ann in ihres Herzens ahnungsvoller Freude, daß wir längst sänftiglich schliefen; der Ohm aber lachte: »So, so. Dann schlummert fein weiter und lasset euch sagen, wie ich mir das nächste Traumbild denke, so euch beschieden: Ihr stehet mit uns allen auf einer grünen Wiese, und ein Waldvöglein singet euch zu: ›Acht und Bann werden von dem Herdegen genommen!‹ Da gibt's große Freude; doch ein Rabe krächzt von einem dürren Zweige in den Jubel hinein: ›Das wäre! Des Gesetzes Würde gilt es zu wahren, und ganz ungestraft werd' ich den Taugenichts nicht lassen.‹ Hienach zwitschert das Waldvöglein wieder: ›Nur zu! Geschieht ihm ganz recht; doch mach's nicht zu arg mit der Buße!‹ – Da stimmen wir ihm alle bei, und ihr erwachet.« Damit stampfte er die Treppe hinunter, und so eifrig wir oben auch riefen und ihn durch die Thürspalte mahnten, uns Näheres zu künden, hörte er uns dannocht mit nichten. Bei der Heimkehr zeigte es sich alsbald, daß der Herr Kurfürst für uns thätig gewesen; denn ich fand ein Schreiben mit des Kaisers Insiegel vor, darin es hieß, Bann und Acht seien durch Seiner Majestät Gnade von meinem Herdegen-Bruder genommen, einstweilen aber sei als schuldige Buße die Zahlung von tausend ungarischen Dukaten über ihn verhänget. Da hatten denn so Waldvöglein wie Rabe recht behalten; weil ich aber auf die Burg ging, um der Kaiserin meinen Dank auszusprechen, wies man mich ab, wie es mir denn allbereit vorher kund geworden, daß man die trauernde und bittstellende Gred bei Hofe mit anderen Augen ansah denn die fröhliche, die Blumen und Lieder gebracht, so oft man sie geladen. Nur der Schalksnarr Porro schien die alte Gesinnung bewahrt zu haben; denn da ich ihn im Vorhofe traf, begrüßte er mich gar hold, und nachdem er erfahren, was uns der Brief des Kaisers vermeldet, raunte er mir beim Abschied zu: »Wenn ich einen Fuchs zum Bruder hätte, trautes Kind, würd' ich ihm raten, im Bau zu verziehen, bis die Hunde daheim. Im Ungarland bin ich auch einem Burschen begegnet, dem ein Strauchdieb einen Fußtritt versetzet, nachdem er ihm die Tasche geleeret. Weißt Du was? Man sollte sein letztes Wams verpfänden, um ein Großer zu werden. Mit dem Einlösen hat's keine Not; denn es ist selbigen gegeben, aus der kleinen Leute Vergehen güldene Dukaten zu prägen. Ja, wenn mein Bruder ein Fuchs wär'!« Die letzten Worte trällerte er vor sich hin und verschwand, weil etliche Höflinge nahten. Selbige wohlgemeinte Warnung ließ ich mir gesagt sein, und wie sehr es die Ann und mich auch drängte, den Herdegen wiederzusehen und ihn aus dem Versteck zu befreien, legten wir uns dannocht Geduld auf, obzwar das Vormundschaftsamt sich mit des Großohms Bewilligung und nachdem die Base Bürgschaft geleistet, alsbald willig bezeiget, das verlangte Bußgeld aus unserer Eltern hinterlassenem Gut in des Kaisers Schatz abzuführen. Was dann weiter geschah, lehrte uns bald, wie weise des Schalksnarren Mahnung gewesen. Der Ritter Apitz von Rochow, der nämliche, welcher des Junkers Henning Waffenwart gewesen, war noch in Nürnberg, und der hochfahrende und rauhe Mann hatte sich der Wartung seines jungen Vetters erst in der Pfarre zu Altenperg, dann aber im Deutschen Hause allhier mit so großer und liebreicher Treue hingegeben, daß er bis zum Eintreten der Leute des Junkers weder Tag noch Nacht sich Ruhe vergönnt und hienach in ein hitziges Fieber verfallen. Erst vor kurzem hatte der Wundarzt ihm wieder gestattet, ins Freie zu treten, und sein erster Gang führte ihn zu uns, um mir sein Beileid zu bezeigen und für mancherlei Erfrischungen zu danken, mit denen die Base den Junker und ihn während ihres Siechtums erquicket. Dabei ließ er sich mit lautem und schier maßlosem Unwillen über den Ritter Franz von Welemisl aus und gab wohl zu erkennen, daß er ihm die Ursula, nach deren Gunst er seit des Reichstages Beginn so eifrig getrachtet, von ganzer Seele mißgönne. Von uns aus begab er sich zu den Tetzels, und allbereit dort kam es zu scharfen Worten und feindlichen Blicken zwischen ihm und dem Böhmen. Hienach, und zwar wenige Stunden nachdem des Kaisers Schatz meines Bruders Bußgeld empfangen, trafen die Ritter Franz und Apitz in der Herrentrinkstube auf der Frohnwage zusammen, und dort begann der von Rochow, den der Wein um Mäßigung und Fürsicht gebracht, der Ursula Verlobten zu hecheln. Nachdem er ihm vorgehalten, daß er es meinem Herdegen-Bruder überlassen, den Handschuh aufzuheben, dessen Leder ihn doch wohl zu schwer bedünket, und jener sich schicklich verantwortet, fragte er, da die Rede auf das Heiraten gekommen, ob der Kirche, die doch die Ehe unter Blutsverwandten untersage, nicht auch das Recht zukommen solle, gesunden und schönen Jungfrauen zu wehren, den Bund fürs Leben mit bresthaften Männern zu schließen. Solche Rede war wegen des Böhmen Anwesenheit wenigen genehm, doch der Märker spann sie weiter, bis er auf einen Einwand des alten Herrn Groland die Frage stellte, was der Priester wohl zu thun habe, wenn der sieche Hochzeiter vor dem Altar das »Ja« nicht herausbringe vor Husten? Dabei maß er den Welemisl wiederum mit herausfordernden Blicken, selbigem aber schoß das Blut jählings zu Häupten, und bevor einer sich des versah, saß sein Dolch dem Spötter bis zum Heft in der Schulter. Hienach eilte alles, was Hände hatte, dem Märker zu Hilfe, und als endlich etliche nach dem Böhmen fahndeten, war er verschwunden. Selbige grause That erregte das gerechteste Aufsehen, am meisten aber bei Hofe, sintemal die Kämmerer und Ehrenfräulein, die dem Königspaare am nächsten, Blutsfreunde des Böhmen, dessen Mutter zu dem edelen ungarischen Hause der Pereny gehöret. Was Kaiser Sigismund angeht, so geriet er in grimmen Zorn, ja er dräute, des Mörders Schild zu zerschlagen und ihn am Leben zu strafen. Nie und nirgends sei unter des Reiches Frieden und seinen leiblichen Augen so viel edel Blut in schnöden Händeln geflossen denn hier in unserer wohlgesitteten Reichsstadt, und er wolle nunmehr ein weithin sichtbar Exempel statuiren. Den jungen Schopper werde er noch ganz anders als mit Geld zu büßen wissen, darauf verpfände er sein königlich Wort, und was den Welemisl angehe, denke er eine Strafe zu ersinnen, die manche gewaltthätige Ritterhand vom Schwertgriffe zurückhalten solle. Dabei bot er nicht nur die eigenen Trabanten und Hatschiere, sondern auch die Büttel der Stadt aus, um nach den beiden Frevlern zu fahnden. Zwei Tage später brachten die Nürnberger den Ritter Franz ein, der zwar Fuhrmannskleider angelegt hatte, sich aber dannocht in der Schenke zu Schwabach durch den übelen Husten verraten. Doch nun war seine Majestät allbereit anderen Sinnes geworden, sintemal ihm Königin Barbara selbst noch weniger Ruhe ließ denn die Schranzen; stund doch das Haus ihres Vaters, des ungarischen Grafen Cilly, mit den Perenys, und also auch mit den Welemisls, in vielfältiger Verbindung. Kaiser Sigismund war ein großmütiger und leichtlebiger Herr, der einmal, nachdem vierzigtausend Dukaten in seinen Schatz geflossen, der immerdar Not litt, selbige alsbald unter seine Freunde verteilet und dabei gerufen: »Nun schlaf' ich gut; denn was mir die Ruhe nahm, das geht mit euch von hinnen!« Und der leichtherzige Mann, den es ohnedem wider seinen Willen viel hin und her trieb, sah nun auch hier seinen Frieden durch den Ritter schmählich getrübet. Das war schwer zu ertragen, und wie seine hohe Gemahlin zu glücklicher Stunde herfürhob, der Welemisl sei durch des Rochow bitteren Hohn zum Aeußersten gebracht worden und habe keineswegs mit sündlichem Vorbedacht, sondern vom Weine erhitzt und im Jähzorn gehandelt, und sei darum der Gnade besser wert denn der junge Schopper, der, auf seine ausbündige Fechtkunst bauend, adlig Blut freventlich vergossen, da streckte Kaiser Sigismund die Waffen. Auch ward er darin von seinem vertrauten Sekretarius Kaspar Slick, den die Königin gewonnen, bestärket, und selbiger rechtskundige Mann war mit einer Auskunft zur Hand, der sich des Reiches Schultheiß als mild und doch billig ungesäumt anschloß. Es verhielt sich aber mit selbiger also: Vor etwa zehn Jahren hatte der Ritter Endres von Steinbach während einer Fehde mit der Stadt einen Nürnberger Bürger erschlagen, und unter Beistand des Abtes von Waldsassen war selbiger Edelmann mit dem Rat ausgesöhnt worden, nachdem er als Buße auf sich genommen, eine Wallfahrt gen Vach und Rom zu thun, in vier Klöstern ein steinern Kreuz aufzurichten und hienach dem Rat in eigener Person mit zehn Spießen zwei Jahre lang bei jeglicher Fehde zu dienen. Also war es geschehen, und Kaiser Sigismund verhängte nun über den Böhmen wie meinen Bruder, ansehens sie schwererer Vergehen schuldig denn der von Steinbach, sie sollten nicht nur nach Rom pilgern, sondern gen Jerusalem an das heilige Grab und andere geweihte Stätten. Dem Welemisl wurde die nämliche Buße an Geld auferleget wie dem Herdegen, und in Erwägung, daß sie beide das vergossene Blut damit gesühnet und ihres Frevels Opfer dem Tod entronnen, Acht und Bann von ihnen genommen. Nach vollbrachter Wallfahrt sollten sie in den alten Stand und Besitz, ihre Befugnisse, Lehen und Rechte zurückkehren dürfen. Kurz nachdem selbig Urteil besiegelt, brach der Hofstaat von Nürnberg auf, um sich wiederum über Regensburg, wo der Kaiser den Zwist der bayerischen Herzoge zu schlichten versuchte, gen Wien auf, nachdem er dem Schultheißen den strengen Befehl erteilet, beide Frevler die Pilgerfahrt nicht später denn vierundzwanzig Stunden nach des Urteils Verkündigung antreten zu lassen. Sechstes Kapitel. Soll ich nun schildern, wie die Ann und ich den Herdegen in seinem Versteck, einem kleinen Zeidlerhofe an der verborgensten, für Reiter völlig unwegsamen Stelle des Lorenzerwaldes, fanden, wie mein Aeltester auch in der schlichten Bauerntracht ein gar weidlicher Bursch, die Herzliebste just so stürmisch in die Arme schloß, wie dazumal am Dohnenstieg bei der Heimkehr aus Welschland, – wie der liebe, vielgequälte Gesell, da er mich im Trauergewand wahrnahm, der Schwester an seiner Brust das Plätzlein einräumte, so die Braut eben verlassen? Ach, auch ihm war der Hans teuer gewesen, und seine Liebe zu mir hatte nimmer gewanket! Wie wir dann endlich in größerer Ruhe der Wonne, uns wieder zu haben, genossen, fand ich, daß sein Blick stetiger, seine Stimme ernster und gehaltener geworden; ja, richtete er die Rede an mich, so gewann sie einen sanften, herzbewegenden Klang, aus dem mir seiner Seele tiefes Mitgefühl wohlthuend zusprach. Und wie lieb und doch ernst wußt' er die Ann mit dem traurigen Wiedersehen zu versöhnen, bei dem Willkommen und Lebewohl einander so nahe berührten. Auf der Forstmeisterei freute ich mich des hohen Schwunges, der dieses Jünglings ganzes Wesen über alles hinaushob, was alltäglich und nüchtern; seiner Liebsten Augen aber ruhten wie auferbaut auf ihm, wenn er mit dem Ohm oder dem Herrn Schultheiß sprach, der uns hierher begleitet. – Ob selbiger nun auch gehalten war, seines Herrn, des Kaisers, Befehl zu erfüllen, verhieß er uns dannocht, die Verkündigung des Urteils bis zu unserem Eintritt in die Stadt am nächsten Morgen hinauszuschieben, auf daß er unser Beisammensein auch mit der Base Metz verlängere, so weit es nur anging. Der Waldmuhme leuchtete die helle Lust aus den Augen, wenn sie den Liebling an des Herdegen Seite trafen, und im stillen sagte sie sich wohl, diese beiden, die nach ihrer Meinung zu einander gehörten, hätten sich ohne ihren Beistand schwerlich wiedergefunden. Vor dem Ausbruch in der Frühe des folgenden Morgens berief sie den Herdegen noch einmal, um ihm in aller Stille ans Herz zu legen, daß, wenn ihm auf seiner Wanderung einer begegne – er wisse schon, wer – er ihm künden möge, daheim im Lorenzerwalde schlage ein Mutterherz, so nicht zur Ruhe komme, bis es noch einmal seiner Nähe genossen. Der Ohm gab uns das Geleit in die Stadt. Vor dem Thore verkündete der Herr Schultheiß dem Herdegen das Urteil, das ihm Nürnberg am folgenden Morgen zur selbigen Stunde zu verlassen gebot, und des Mahles, so wir alsdann mit unseren Nächsten und Liebsten genossen, will ich mein Lebtag in froher Rührung gedenken. Base Metz nannte es ihres Herzblattes Henkerschmaus. Jeglichen Gerichtes hatte sie in der Küche selber gewartet und aus allen Weinen des Kellers die edelsten erlesen. Doch wäre als Speise auch nur Hafermus und statt der Edelweine Dünnbier aufgetragen worden, es hätte das nichts an unserer hohen und doch wehmutsvollen Herzensfreude geändert. Es konnte aber auch niemand das nach so vielen Fährnissen neu und inniglich vereinte Paar anschauen, ohne daß ihm das Herz aufgegangen wäre. O, wie lieb waren mir doch diese beiden! Sie hatten erfahren, daß das Dasein dem einen wertlos sei ohne das andere, und ihre Herzen schienen nunmehr so fest zusammengehörig, wie zwei Flüsse, die sich zu einem Strome verbunden, und deren Wasser keine Macht der Welt zu sondern vermag. Hinter großen Blumensträußen saßen sie mitten unter uns wie auf einer glücklichen Insel, und dannocht blieben sie mit uns verbunden und zeigten, daß es sie freue, von so viel treuer Liebe umgeben zu sein. Die Ann vergaß, trotz ihrer Seele Bewegung, mit nichten ihres Türmeramtes und drohte dem Ohm Kristan, wenn er des Guten zu viel zu thun begehrte; der aber versicherte, dieses Tages walte aller Heiligen Gunst, und es könne ihm darum heute nichts Uebeles widerfahren. Der Waldohm und der Meister Pernhart hatten sich zusammengefunden, und was sie auch miteinander sprachen, alles betraf den Vetter Götz, den landfremden Sohn des alten Weidmannes. Und wie wohl that es dem Vater, von dem Fernen zu reden, zumal wenn des Pernhart Lippen überströmten vom Lobe des Jünglings, der doch seines einzigen Kindes frühes Ende verschuldet. Am sonderbarsten erwies sich wohl der Magister. Die Vereinigung des Herdegen mit der Herzliebsten raubte ihm die letzte Hoffnung auf ihren Besitz; und dannocht hatten seine Augen nie so zärtlich und entzückt an ihr gehangen. Gewißlich wärmte ihm das Glück, so sie wie eine Glorie umstrahlte, das treue Herz, und mit etlichem Bangen sah ich den sonst so nüchternen Mann den Becher wieder und wieder heben, um der Ann, mochte sie es wahrnehmen oder nicht, zuzutrinken und ihr die Nagelprobe zu weisen. Auch der Ohm Kristan hob den Pokal gar fleißig, und wie ich ihn so frisch und frohgemut zechen sah, bangte mir, er werde uns bis in die Nacht bei der Tafel erhalten, indes dem Bruder und der Ann die Zeit zu traulichem Gespräch doch so kurz zugemessen. Aber dieser wackere Mann vergaß nirgends, auch nicht beim Weine, was anderen willkommen, und so war er, der sich doch schwer von einer frohen Tafelrunde trennte, der allererste, der zum Aufbruch drängte. Bevor die Sonne zur Rüste ging, waren wir wieder allein. Den Magister hatte man auf das Bett getragen, woselbst er erst am Nachmittag des folgenden Tages erwachte. In dem Erker, der es in glücklicheren Tagen so oft aufgenommen, saß unser trautes Pärlein bald wieder beisammen, und da ich es in der wachsenden Dunkelheit plaudern und kosen hörte, war es mir bisweilen, als sei jener wonnesame Winter zurückgekehrt, in dem diese beiden der Minne echten Frühling genossen. So vergingen etliche Stunden, und wie ich eben fragte, ob es nicht endlich an der Zeit, die Lampe zu bringen, ward es laut auf der Treppe, und die Base meldete, der Ritter Franz sei in das Haus gedrungen, und da er beteure, in des Herdegen Hand liege seines Lebens Wohl und Weh, habe sie es nicht über das Herz gebracht, ihm den Einlaß zu weigern. Da brauste der Bruder auf, doch schon ging die Thür, und zugleich mit der Maid, die uns Lampen brachte, trat der Böhme über die Schwelle. Nun wollten wir Jungfrauen uns rasch entfernen; doch der Ritter hielt uns zurück und sagte, indem sein Blick mein Auge demütiglich suchte, ich möge vielmehr verbleiben, um ihm Fürsprache zu leisten. Wie ihn der Herdegen hienach, ohne ihm die Hand zu bieten, zum Reden nötigte, bat ihn der andere, ihm zu vergönnen, seiner Pilgerfahrt Genosse zu werden. Weil aber dem Herdegen solch trüber Geselle mit nichten genehm, und er dem Böhmen dies sonder Rückhalt zu wissen that, gemahnte ihn selbiger ihrer früheren Freundschaft; auch flehte er ihn an, sich an seine Stelle zu denken und nicht zu vergessen, daß er als gesunder Mann die Schmach, die ihm von dem Rochow vor vielen zugefüget worden, sicherlich mit dem guten Schwerte statt mit dem Dolche gestraft haben würde. Sie seien zur gleichen Buße verurteilt, und wenn der Herdegen es ablehne, sich seine Begleitung gefallen zu lassen, werde solches seiner geschädigten Ehre den Todesstoß geben. Da ging ich denn den Bruder recht warm und inniglich an, mir zu liebe den früheren Freund nicht zurückzustoßen. Und da an selbigem Tage die Minne des Herdegen ganzes Wesen erfüllte, schmolz seine Härte, und wie froh und dankbar schlug mir das Herz, da ich ihn dem Mann die Hand reichen sah, der um meinetwillen so Schweres erfahren. Indes die beiden hienach noch etliches wegen des Aufbruches besprachen, wurde es draußen abermals laut, und ob ich dem eigenen Ohr auch nicht traute, vernahm ich dannocht deutlich genug der Ursula Tetzelin Stimme. Auch die Ann hatte sie erkannt, und mit dem Rufe: »Diese Stunden soll keiner mir trüben, und die Ursel am letzten!« das Zimmer verlassen. Der englische Gruß war schon längst geläutet, und es mußte etwas Wichtiges sein, was den seltenen Gast so spät zu uns führte. Die Base, die der Ursula den Zutritt verwehret, hielt sie noch immer am Arme, sie aber strebte vergebens, sich von der Alten schwerer Hand zu befreien, bis sie des Herdegen ansichtig wurde. Da gelang es ihr, und ob ihr der Odem auch flog, klang es doch schier siegesfroh, wie sie ausrief: »Ich mußte hierher, und da bin ich!« »Doch wenn Du als Störenfried kommst, weis' ich Dir sicherlich beizeiten den Ausgang!« keuchte die Base; die andere aber achtete ihrer mit nichten, sondern trat gerade auf den Herdegen zu und hub an: »Ich mußte Dich noch einmal sehen vor dem Aufbruch, ich mußt' es! Der alte Jörg gibt mir das Geleit, und wenn ich fort bin, wird Frau Metz für die Nachrede sorgen. Schaut sie nur an! Doch mir ist alles eins. Weis' mir ein Plätzchen, Herdegen, wo ich mit Dir und der Anna Spießin allein reden kann. Ich bringe Dir eine Botschaft!« Hier unterbrach sie die Base mit einem so höhnischen Gelächter, wie ich es bei ihrer Seele Schlichtheit und Güte nie für möglich gehalten, mein Bruder aber sagte kurz und ernst, er habe nichts mehr mit ihr zu teilen. Da versetzte sie, daran zu zweifeln sei Sünde, dieweil er ja nun ein frommer Pilgrim und ehrbarer Bräutigam geworden, und verlangte abermals die Ann zu sehen; doch es ward ihr geweigert, und nun zuckte sie die Achseln und wandte sich dem Böhmen zu, der ihr näher getreten, um ihn mit eisiger Hoffart zu heißen, sich fortzuheben, da ihr seine Gegenwart lästig. Da sah ich den letzten Blutstropfen aus des siechen Ritters Wange weichen, und es griff mir baz ans Herz, wie er die Hände gegen sie aufhob und mit leiser Stimme flehentlich ausrief: »Ihr wißt, Ursula, was um Euretwillen aus mir geworden, und wie Schweres mir jetzund bevorsteht. Dreimal bin ich bei Euch, meiner verlobten Braut, vorgesprochen und ebenso oft abgewiesen worden . . .« »Damit Ihr Euch das viertemal sparet, weil ja aller guten Dinge nur drei sind!« fiel sie ihm hier spöttisch ins Wort. »Ihr habt mir die Lust benommen, Eure Freifrau zu werden, Herr Ritter. Und da heute einmal der Tag der offenen Aussprache sein soll, bekenn' ich hier frei, daß selbige Lust mir allezeit und auch schon in unseres Verlöbnisses Stunde himmelweit fern lag. 's ist ein sonderbar Ding um die Minne! ›Es lebe die Gred!‹ heißt es heute bei euch edelen Herren, und morgen: ›Die Ursula lebe!‹ Etlichen wächst sie dagegen ins Innerste ein wie ein Polyp, und auch mich durfte man leider zu selbigen zählen. Die Minne, wenn Ihr es wissen wollt, die ich nur einmal vergeben, diesem da, mein Herr Freiherr von Welemisl, dem Herdegen Schopper dort gehörte sie allbereit, wie ich noch im kurzen Kleidchen das Schreiben erlernte, und so ist es fortgegangen bis zu der Stunde, da die wackere Henneleinlein, des trutzigen Junkers Schopper neue Frau Base – es ist, um sich tot zu lachen – da dies vieledele Weibsbild mir der Wahrheit gemäß ins Ohr blies, ihr einstiger Neffe habe mich samt des alten Im Hoff Erbe preisgegeben um einer Schreiberdirne willen! Und doch hat er mir als Bub Sträußlein gebracht und meine Farbe getragen. Dannocht ist mir später manch heißer Blick von ihm zu teil geworden. Jüngst noch hat er seinem Herrn Vormund aus Paris geschrieben, daß er willens sei, mich zu der Seinen zu machen. Reißet nur die Augen auf, Ihr, höchst achtbare Allerweltsbase Metz, und Du, ehrenfeste Jungfrau Gred! Bekreuziget euch in aller Heiligen Namen. Des toten Wolfes Zähne beißen nicht mehr, und von meines Herzens Minne zu dem da darf ich jetzund getrost versichern, daß sie eingesargt ward und begraben. Doch,« und dabei schlug sie sich auf den hoch wogenden Busen, »doch etwas anderes hat dafür hier drinnen mit Pauken und Trompeten den fröhlichsten Einzug gehalten: der Haß! – Ich hasse Dich, Herdegen, hasse Dich wie den Tod, die Pest und die Hölle, und hasse Dich doppelt, seitdem Deine Fechterkünste dem Spiel, in das ich Dich mit dem Märker verwickelt, ein so grundverkehrt Ende bereitet!« Da faßte die Base sie, außer sich vor Empörung, wiederum am Arme, um sie aus dem Zimmer zu führen, sie aber sprach in begütigendem Ton: »Nur noch etliche Augenblicke, mit Gunst, bitt' ich mir zu gewähren; denn bei der Jungfrau und allen Heiligen schwör' ich's, daß ich in Wahrheit zu so später Stunde gekommen, um mich einer Botschaft zu entledigen, die den Herdegen angeht.« Hienach gab die Base sie frei, sie aber zog ein Brieflein herfür und fragte zum anderenmale nach der Ann; doch mein Bruder versicherte gelassen, er gedenke sie keineswegs zu rufen und ersuche sie um das Schreiben, wenn anders es für ihn bestimmt sei. Da versetzte sie, solches werde er alsbald erfahren, da sie es vorzulesen gedenke, nur sei es ihr leid, seine liebe Braut unter den Zuhörern zu missen. Indes erfreue sie sich, dank den Heiligen, einer hellen Stimme, und die Thüren im Schopperhofe seien kaum dichter denn in anderen Häusern. Das Schreiben hier habe ihr des Kurfürsten und Erzbischofs von Trier neuer Adjunktus, der im Tetzelhof Herberge gefunden, für den Herdegen anvertraut, da er ihn ebensowenig wie des Kaisers Häscher aufzufinden vermocht, und es sei ihr dabei ans Herz gelegt worden, es dem Junker Schopper eigenhändig zu übergeben. Aber sie wolle mehr thun und ihm das Lesen erleichtern. Da gebot ihr mein Bruder in dräuendem Ton, ihm, was sein eigen, nicht länger vorzuenthalten, sie aber weigerte sich dessen, und da der Herdegen nach ihrer Hand griff, um ihr den Brief zu entwinden, kreischte sie dem Böhmen zu: »Gebet dem Buben sein Teil, dem Schelm und Jungfrauenkränker, um derentwillen ich Euch verschmäht und verachtet. Mir zu Hilfe, wenn Ihr kein Wicht seid!« Doch mein Bruder hatte ihr den Brief allbereit unversehens entrissen, und der Böhme, der schon nach dem Dolche gegriffen, sich schnell eines Besseren besonnen, da er meinem mahnenden Blicke begegnet. Es war ein grauser, Entsetzen erregender Augenblick, und die Ursula, der sich die Zöpfe gelöst und deren blaue, blitzende Augen dräuend und voller Haß von einem zum anderen schweiften, hielt sich nun an dem schweren Gestell fest, auf dem unser silbern und gläsern Ziergerät prangte, und rief mit heller Stimme, so laut sie vermochte: »Von seiner Buhle zu Padua, der Marchesa Bianca Zorzi, stammet dies Schreiben. Das Schwert des Fechters dort hat sie zur Witib gemacht, und sie lädt ihn zurück in ihre Arme. Gen Venedig ist das brünstige Weibsbild gezogen und gedenkt dort mit des alten Eheherrn Mörder in eitel Lust und Wonne zu schwelgen. Und er – ob er der geringen Schreiberdirne auch tausend Schwüre geleistet, er wird der welschen Circe den Willen thun, und entrinnt er ihren Netzen, so fällt er in die einer anderen. O, ich kenn' ihn, und hier drinnen gewahr' ich, daß er von dieser zu jener taumeln wird, jubeln und schwärmen, bis die Heiligen meines Herzens heißes Flehen erhören und er in Verzweiflung, in Leid und Armut verkommet, und der Schreiberdirne unter meinen Augen vor Schimpf und Kummer das Herz bricht. Fort, fort denn auf die Wanderung, Herdegen Schopper, fort in die Luft und das Elend. Fort mit dem schwarzen, blassen Reisekumpan. Schwelge und taumele, bis Du, der Du dieses Herzens echte Minne mit Füßen getreten, klein wirst und den Menschen ein Abscheu wie ein aussätziger Bettler!« Damit schüttelte sie an dem Gestell, daß der kostbare Glaskelch, den die deutschen Kaufherren im Fondaco zu Venedig dem Vater zum Abschied verehret, zu Boden stürzte und mit lautem Geklirr auf der Diele zerschellte. Wie gebannt und erstarrt hatten wir die Rasende gewähren lassen; doch da wir uns endlich ermannten, um ihrem tollen Gebahren ein Ende zu machen, war sie allbereit entronnen und eilte mit langen Sätzen die Treppe hinunter. Der Herdegen rang bleich und außer sich nach Fassung. Die Base, der der Odem ausgegangen, brach endlich in lautes Weinen aus; denn der wahnwitzigen Thörin Fluch war ihr schwer auf die Seele gefallen. Ich allein bewahrte Besinnung genug, um ans Licht zu treten und ihr nachzuschauen. Da sah ich, wie sie, von dem Knechte geleitet, der ihr die Laterne vorantrug, gesenkten Hauptes dahinschritt, während der Böhme dringlich in sie hineinsprach. Wie ich endlich wieder ins Zimmer zurücktrat, hatte Base Metz den Arm um den Herdegen geschlungen und versicherte ihm unter Thränen, der Fluch der Bosheit habe keine Macht über einen frommen, treufesten Christen; er aber entwand sich ihr, um nach der Ann zu schauen, die gewiß im Nebenzimmer verblieben war und nun vielleicht des Beistandes bedurfte. Doch da ging allbereit die Thür, und wir sollten kaum den leiblichen Augen trauen; denn froh und mit dem nämlichen schalkhaften Lächeln, so ihr eigen gewesen, wenn es ihr beim Versteckspiel gelungen, an dem Sucher vorbei zum Anschlag zu kommen, rief sie uns entgegen: »Der Jungfrau Dank, daß die Luft nieder rein ist! Lacht mich nur aus! Bis droben unters Dach bin ich aus eitel Furcht vor der Tetzelin entwichen! War sie gekommen, um sich den Bräutigam zu holen?« Bei solcher Frage konnte der Herdegen einem Lächeln nicht wehren, und gleich ihm erging es auch uns, ja selbst Base Metz, die bis dahin wie vernichtet auf der Ruhebank gesessen und die Füße weit in das Zimmer gestreckt hatte, verzog das Antlitz und rief: »Holen! Die Ursula, die sich den Böhmen holt! Der Unhold! Hat man dergleichen in dieser guten Stadt schon jemals erlebt und gesehen? Und ihre Mutter selig war ein so ehrbar, verständig Weibsbild! Neunzehn Jahre zählt das ganze Ding! – Himmlischer Vater, was soll daraus in den Vierzigen und Fünfzigen werden, da bei den meisten die Bosheit erst angeht!« So fuhr sie noch ein gut Weilchen fort, doch bald war die Tetzelin und der ganze böse Zwischenfall vergessen, und wir verlebten traute und köstliche Stunden, bis nach Mitternacht die Pernharts bei uns fürsprachen, um die Ann heimzugeleiten. Auch ich und der Herdegen gingen mit, und nachdem es einen gar beweglichen und doch hoffnungsfrohen ersten Abschied gegeben, schritt ich an des Bruders Arm durch die kühle Herbstnacht nach Hause. Wie ich nun auf selbigem Gange den Herdegen wegen der schönen Marchesa und ihres Schreibens vermahnet, beteuerte er, in den bösen Wochen, die er als Knecht auf des Zeidlers Hofe in bitterer Sehnsucht verbracht, sei er seiner selbst sicher geworden. Weder die Marchesa, die er aus tiefstem Herzensgrunde verachte, da sie bei aller Leibesschöne der Lügen und Ränke voll, noch Frau Venus selbst werde ihn hinfort der Minne und Treu', die er der Ann geschworen, abwendig machen; ja er würde sich statt zu Venedig in Genua einschiffen, wenn er sich solcher Furcht vor der eigenen Schwäche nicht schäme und er sich nicht so innig sehne, unseren lieben Bruder Kunz wiederzusehen, dessen er so lange entbehret. Da fiel es mir denn schwer, das Rechte zu finden; doch wollt' es mir in keinem Fall rätlich erscheinen, ihm die erste Gelegenheit zu rauben, sich als treu und brav zu bewähren; auch hielt ich des jüngeren Bruders Nähe für einen festen Schild gegen die Versuchung. Vor den Bildnissen der Eltern wünschte ich ihm gute Ruhe für die wenigen Stunden, so uns noch vom Aufbruche trennten, und wie ich zu selbigen hinaufwies, verstund er mich und schloß mich mit einem: »Unbesorgt, Mütterlein Gred!« inniglich in die Arme. Bevor es dämmerte, waren wir wieder mit dem Herdegen vereinigt. Während unserer Rast hatte er in einem liebreichen Schreiben den Großohm, der ihn gestern nicht vor sich gelassen, seines Gehorsams und seiner Dankbarkeit versichert. Die Hähne krähten noch auf den Höfen, und mit Esel und Gespann zogen die Landleute zu Markte, da ich in den Sattel stieg, um dem Bruder das Geleit zu geben. Er selbst hatte noch mit dem neuen Herrenknecht, den er gedungen, im Hofe zu thun; denn der Eppelein, dem es um des Verfolgten Sicherheit willen nicht gestattet gewesen, ihn in den Versteck zu begleiten, war wie von der Erde geschwunden. Wir wußten auch, aus was Grund und Ursach; denn die Henneleinlein hatte den Häschern des Kaisers geraten, nach ihm zu fahnden, um ihn auf der Folter zu zwingen, Auskunft über seines Herren Verbleib zu erteilen. Hätten sie ihn ergriffen, wär' es um seine gesunden Glieder geschehen gewesen; doch der frohgemute Bursch war auch den Knechten und Maiden vom Hoflager ein gar willkommener Gesell bei Wein und Kurzweil gewesen, und so hatten sie ihm gesteckt, was ihm dräue. Indes wir nun voller Sorge von einem Tag in den andern lebten, zeigte sich jede Woche zu zweien- oder dreienmalen ein alt Köhlerweib aus dem Walde und bot der Küchenmaid Holzkohlen zum Kaufe, und so oft es auch Abweisung erfuhr, kehrt' es doch immer wieder und fragte nach mancherlei Dingen. Während wir nun noch des Herdegen harrten, kam es abermals mit dem Karren gefahren, und sobald es das Nötige erfraget, riß es das Kopftuch ab, lachte laut auf, und was da im Weiberrocke vor uns stund, war der Eppelein und kein anderer. Da gab es denn große Freude, und in kurzer Zeit hatte sich der durchtriebene Gesell wiederum in einen stattlichen, wenn auch bartlosen Herrenknecht verwandelt. Der Base Metz half des Eppeleins Rückkehr trefflich des Abschieds Weh überwinden, doch da wir endlich zum Aufbruch kamen, faßte es sie dannocht hart genug an. Vor dem Thore fanden wir die Pernharts mit der Ann und den Ohm Kristan. Auch der Herr Schultheiß war erschienen, um Kenntnis von des Herdegen Aufbruch zu nehmen, und endlich auch der Heinrich Trardorf, sein liebster Schulgenoß, der ihm allzeit gewärtig verblieben. Wie die Mauern und Gräben der Stadt längst hinter uns lagen, folgte uns schneller Hufschlag, und der Ritter Franz gesellte sich mit zween Knechten dem Wandergenossen. Mein Bruder hatte bald den Platz an der Ann Seite gefunden, und so trabten wir fürbaz, und wenn die beiden gewillt, die Lippen vom Sattel aus zu vermählen, brauchten sie keine Zeugen zu fürchten; denn der Herbstnebel war so dicht, daß er sie den Blicken auch der Näheren entzog. So ging es fort bis Lichtenhof, und weil wir dort hielten, um einander das letzte Lebewohl zu bieten, war es, als wolle der Himmel uns ein freundlich Vorzeichen senden; denn der Nebel stob wie auf den Wink eines Zauberers jach auseinander, und vor uns lag im leuchtenden Sonnenschein die Stadt mit Mauern und Türmen und blinkenden Dächern, hoch überragt von der ehrwürdigen Burg. So schieden wir froher denn wir erwartet, und den getrennten Liebesleuten war es noch lange vergönnt, Tuch und Hut zu erkennen, womit sie einander winkten. Siebentes Kapitel. Mit des Herdegen Aufbruch erhob sich ein neuer Meilenstein an meines Lebens Straße. Das Bangen um den Bruder war geschwunden, und tiefe Ruhe hielt bei mir Einkehr. Ich hatte erfahren, daß es im Bereich des Möglichen liege, des Herzens Weh zu bemustern und sagte mir, daß stumpfe Hingabe an das Leid demjenigen am wenigsten zugesagt hätte, an dessen Urteil mir am meisten gelegen. Die Erinnerung an ihn war mir das Liebste, und es drängte mich, gemäß seinem Wunsch und Willen zu wandeln. Solches gelang mir auch einigermaßen, und die Ann stund mir wacker zur Seite. Auch für den Lauf der Welt, in dessen Mitten mein Liebster gestanden, öffneten sich mir wieder Augen und Ohren, zumal im Reich und an seinen Grenzen mancherlei geschah, was auch die eigene liebe Heimat anging und mit großer Fährnis bedräute. Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg hatte Geduld zu üben, bis der Fürsten, Herren und Städte Gleven zusammenkamen, welche er nach des Reichstags Beschluß als Feldherr gegen die Hussiten im Böhmerlande führen sollte. Ein Jahr verging müßig, und dannocht konnten die böhmischen Banden jeden Tag den Spieß wenden und, statt sich angreifen zu lassen, zum Ueberfall schreiten. Einzelne Ketzerscharen waren allbereit über des Böhmerlandes Grenzen hinausgebrochen, und unsere gute Stadt mußte, der Belagerung und des Sturmes gewärtig, die Mauern befestigen und die Gräben vertiefen. Wenn schon vor dem Reichstage viele Hände bei solcher Arbeit thätig gewesen, so führte jetzund, was männlichen Geschlechtes in Nürnberg, vom Knaben bis zum Greise, den Spaten oder verrichtete Maurerdienste. Alle Knechte im Dienste der kleineren Bürger und Geschlechter – auch die unseren – mußten sich als Schanzgräber tummeln, unsere feinen jungen Herrlein sahen sich gezwungen, im Sonnenbrand und Regen hier selbst zu schaffen, dort die Werkleute zu leiten, und es schadete ihnen solches so wenig wie dem Magister, dessen schwache Kraft und Unbehilflichkeit dem Werke gewißlich weniger frommte denn selbiges seinem schwächlichen Leibe. Wo drei Männer im Gespräche stunden, war man sicher, von der Politika und fürnehmlich den Hussiten reden zu hören. Erst ward am meisten von dem Friedgebote des Königes, dem Widerstand des Pfalzgrafen Ludwig, den geistlichen Kurfürsten von Mainz als Reichsvikar anzuerkennen, dessen Preisgabe selbiger Würde zu Boppard und der schlimmen Versäumnis gesprochen, welche dies alles nach sich ziehen mußte. Dann hieß es, der Markgraf Friedrich von Meißen, den der König mit den Landen des verstorbenen Kurfürsten Albrecht von Sachsen belehnet und dessen Gebiet nun ein starkes Bollwerk gegen die Böhmen zu sein schien, werde dem Ketzergreuel ein Ende bereiten; doch weder er noch der Herzog Albrecht von Oesterreich richteten etwas Rechtes gegen den Feind aus, und im Reiche ging es dazu übel genug her. Zu Bingen beklagten sich die Kurfürsten mit Recht über den fernen König, und da er sie gen Wien zum Reichstage berief, versagten sie ihm den Gehorsam. Das Friedgebot ward zum Spott, und wie viel Blut düngte des Reiches Boden bei zahllosen Fehden! Wie aber hatte sich das Los des Heeres gestaltet, von dem man so Großes gehofft? Des Feldherrn Mut und Geschick waren vergebens gewesen; denn der große Hars, den er geführet, hatte aus den verschiedenartigsten Teilen und Teilchen mit eigenen Köpfen bestanden, und der Ketzer Ungestüm trieb ihn jach auseinander. Da hörte man auch unter den friedsamen Bürgern der gerechten Klagen überviel, an des Reiches Spitze einen König zu haben, dessen ungarisches Land und die Gefahren, so selbigem von den Osmanen, den Böhmen und sonst noch dräuten, ihn viel zu sehr in Anspruch nahmen, als daß er Zeit, Kraft und Geld hätte finden können, um für die deutschen Staaten genügende Sorge zu tragen. Sein Schatz war immerdar leer; denn welche Summen hatte allein der unselige Krieg mit Venedig verschlungen! Noch hatte er nicht einmal die Mittel gefunden, sich zur Kaiserkrönung gen Rom zu begeben. Des Reiches uneinige Fürsten unter einen Hut zu bringen gelang ihm mit nichten, und wenn man den vierten Carolus, seinen Herrn Vater selig, des deutschen Reiches Erzstiefvater geheißen, so verdiente er, der doch ein großmütiger, kluger und nimmer rastender Herr, kaum einen besseren Namen, indes er doch auch nicht, wie der Verstorbene, seines böhmischen Heimatlandes, nachdem ihm selbiges zugefallen, als echter Vater zu walten vermochte. Keine Woche verging nach des Herdegen Aufbruch, ohne der Ann Briefe von seiner Hand zu bringen, und sie waren voll von treufester Minne. Auch ich hatte vormals ähnliche Schreiben von einem anderen empfangen, und so kam es, daß selbige Briefe, so inniglich ich sie der Ann auch vergönnte, meines Herzens verharschende Wunde hart anfaßten. Wenn ich dann schweigsam und gesenkten Hauptes das Mahl verließ, geschah es nicht selten, daß der Magister Einlaß in meine Kammer begehrte, um mich in seiner Weise zu trösten. Seiner Sache gewiß, legte er dann mancherlei Bände und Hefte vor mich hin und suchte mich zu überreden, ihrer als der besten Arznei gegen Seelenpein zu genießen. Der gewaltigen Heiden Leben, so sein Plutarchus schildere, versicherte er, erhebe auch schwache Seelen zu ihrer Größe, und des Boetius Consolatio philosophiae werde meine gebeugte Seele sicherlich aufzurichten vermögen. Doch eine einzige wohlverwandte Stunde mitten im Leben oder eine mühevoll vollendete fruchtbringende That hat mir immerdar besseren Trost geboten denn ein ganzer Stoß schweinslederner Bände. Nur einzelne Sprüche aus der Geschrift oder weise und wohlfeine Sätzlein aus den Werken der Griechen und Römer sind mir bisweilen wie Samenkörner in die Seele gefallen Leider sollten den ersten in eitel Sonnenlicht getauchten Briefen des Herdegen andere folgen, die wohl angethan waren, uns mit wachsender Unruhe zu füllen. Die Pilgerer hatten überlanger Zeit benötiget, um sich Venedig zu nähern, da der Ritter Franz jenseits der Brennerstraße von neuem Siechtum befallen worden, und mein Bruder sich seiner Wartung treulich beflissen. So konnte es geschehen, daß ein ander Nürnberger Kind, so viel später denn sie aufgebrochen, an ihnen vorbeizog, und das war die Ursula Tetzelin, deren Vater es rätlich befunden, sie aus unserer Stadt zu entfernen; denn dort war ihr der Boden zu heiß geworden, sintemal sie zu zween blutigen Händeln Anlaß geboten, und auch Base Metz ihres zügellosen Gebahrens in unserem Hause mit nichten geschwiegen. Wie sie jetzund selbst, so war die Jungfrau Mendelin, ihre Muhme, vor vielen Jahren in die Markusstadt gekommen, und obwohl es dort den Edelleuten verboten, eine Fremde in die Ehe zu nehmen, war sie doch längst mit Bewilligung des Rates der Republik des Philippo Polani, eines wohlbestellten Nobile, Gattin und hielt mit ihm in allen Ehren Haus zu Venedig. Gab es nun auch zu Augsburg, Ulm und Frankfurt Geschlechter genug, so mit den Tetzels verschwistert, so hatte die Ursula dannocht denen in Venedig den Vorzug gegeben, und sicherlich war die Erwartung, dem Herdegen dort in Gunst oder Haß zu begegnen, dabei mit im Spiele gewesen. Allbereit zu Brixen, wo ihn der sieche Ritter zurückhielt, traf sie mit ihm zusammen; er aber schrieb, daß er sich gezwungen gesehen, mehr denn ihm genehm mit ihrem Vater und ihr zu verkehren, wie denn in der Fremde manches sich leicht überbrücke, was daheim durch Mauer und Graben geschieden; ja im Welschland werde schon der Kölner dem Nürnberger zum Landsmann. Meiner Fürstellung entzog es sich völlig, wie zwischen selbigen beiden noch ein gut Wort gewechselt werden könne, und genehm war mir solche Begegnung gewiß nicht. Sein nächster Brief lautete indes zufrieden genug; denn er hatte ein fröhlich Wiedersehen mit dem Kunz gefeiert und in dem Fondaco oder Kaufhause der Deutschen, woselbst sich der Kunz einer eigenen Kammer erfreute, Unterkunft gefunden. Des Herdegen zweites Schreiben aus Venedig bestätigte leider die Kunde, die allbereit auf anderem Wege zu uns gekommen, daß die Pest dort ausgebrochen sei, und er keine Reisegelegenheit finde, weil, solange die Seuche in der Markusstadt wüte, die Häfen der Levante den Schiffen von Venedig den Anker zu werfen verböten. Da ergriff mich denn wiederum großes Bangen; denn selbiger Seuche war ja unser lieber Vater zum Opfer gefallen. Im dritten oder vierten Schreiben berichtete unser Pilgrim mit leichtem Hohn, daß ihn die Marchesa Zorzi, die in der That von Padua nach Venedig verzogen, und im Hause der Polani, ihrer Wirte, mit der Ursula Freundschaft geschlossen, ihn durch ihren Pagen zu sich entboten; doch konnte er sich der glimpflichen und dannocht bestimmten Art rühmen, mit der er ihr ein für allemal den Gehorsam geweigert. Weit beängstigender noch wollte mich freilich bedünken, was beide Brüder von den schwarzen Barken erzählten, die, bis über den Rand mit nackten Leichen beladen, in nächtiger Stille durch die Kanäle glitten, um sich ihrer furchtbaren Fracht auf den Friedhöfen am Strande oder auf offener See zu entlasten. Auch in der Nähe des Fondaco wütete die Seuche, und mitten unter diesem Sterben weilten meine beiden Brüder, wußte die Ann den Herzliebsten, hielt auch die Ursula stand, obzwar der Polani Palazzo, der ihr Herberge bot, dicht bei dem Kaufhaus der Deutschen gelegen. Aber mag es auch unglaublich klingen: in den Tanzsälen Venedigs hatte die Musika nimmer stürmischer gerauscht, war in den Spielhäusern das Gold nie in volleren Strömen von der einen Hand in die andere geflossen, hatt' es zu keiner Zeit mehr feurig Minnespiel gegeben. Es muß gewesen sein, als habe jedermann der Wille beseelt, in die kurze, ihm noch vergönnte Spanne des Lebens alle Sinnenlust eines langen Daseins zusammenzudrängen, und den anderen voran die Marchesa Bianca Zorzi. Was den Herdegen anging, so duldete es ihn nie lange in der Enge des alten, von der Pest umlagerten Fondacohauses, und von Sehnsucht und Ungeduld getrieben, war er von früh bis spät in der Barke, auf dem Markusplatz oder den Straßen am Wasser, und weil es ihn, wie die Mücke zum Lichte, immer dahin trieb, wo fürnehme und schöne Frauen zu finden, glückte es dem ruchlosen Weibe, Tag für Tag ihm den Weg zu verlegen, und so oft es ihre Wirte gestatteten, hielt sich die Ursula an ihrer Seite. Ja, die deutsche Jungfrau, die der Karthäuserin Lehre genossen, entblödete sich nicht, der welschen Sünderin Handlangerdienste zu leisten. Da geriet denn mein Herdegen-Bruder in schlimme Gefahr, daß sich durch seine eigene Schuld der Ursula Wahrsagung erfülle. Ja er hatte allbereit den Fuß in der Schlinge, weil er es nicht über sich gebracht, der Marchesa zu weigern, an ihrem Namenstag bei ihr zu erscheinen. Doch eine höhere Macht trat dazwischen und bewahrte ihn gnädiglich vor schwerer Reue; denn die Pest, des Todes rastloser Henkersknecht, riß auch das schöne, ruchlose Weibsbild aus der Lebenden Reihe. Die Ursula geberdete sich bei ihrem Hingang, wie wenn ihr die leibliche Schwester gestorben; und als wolle die Marchesa über das Grab hinaus Bundesgenossenschaft mit ihr halten, war es bei ihrem Begräbnis, wo der Sohn eines der ältesten und fürnehmsten Geschlechter der Republik der Tetzelin ansichtig wurde und in glühender Minne für sie entbrannte. Oftmals hatte sie sich mit der Verstorbenen und den Polanis öffentlich gezeiget, und so waren die jungen Herren von der Signoria, die Dichter und Maler längst auf sie aufmerksam geworden; denn ihres Blondhaars natürlicher Goldglanz, den sich manche schwarzlockige Edelfrau oder Courtisane auf ihres Hauses Dache vergeblich zu erfärben trachtete, war für die Welschen von ausbündigem Reiz. Das Gleiche galt wohl von ihrer sammetnen Haut, die allbereit zu Nürnberg manchem das »Weiß wie Schnee und rot wie Blut« aus dem Schneewittchenmärlein ins Gedächtnis gerufen. So hatte denn auch der Anselmo Giustiniani noch bei Lebzeiten der Marchesa Zorzi, seiner Base, von ihr vernommen, während er in des Staates Geschäften auswärts verweilet. Wie er sie hienach unter den Leidtragenden mit eigenen Augen erblickt, war es um seines Herzens Ruhe geschehen, und alsbald setzte er alles daran, sie zu der Seinen zu machen. Doch die Ursula begegnete dem fürnehmen Werber mit eisiger Kühle, und da selbiger bei den Polanis, ihren Wirten, mit dem Herdegen zusammentraf, gab sie sich das Ansehen den großen Herren ganz zu übersehen und nur für meinen Bruder Augen und Ohren zu haben, bis es jenem zu viel ward und er sich unwirsch entfernte. Aus des Herdegen Brief, dem wir dies alles entnahmen, klang barmherziges Mitgefühl für die schöne, unselige Jungfrau, die sich so schmählich gegen ihn vergangen, weil sie die heiße Minne außer sich gebracht, die sie um seinetwillen jetzt noch verzehre, und der sie von Kind an Treue gehalten. Selbst vor eines so hohen Freiers wie des Anselmo Giustiniani Augen, habe sie sich frei zu ihm bekannt, und wenn die Ann sich seiner Treue auch der Tetzelin gegenüber versichert halten dürfe, wolle er doch nicht leugnen, daß er der Ursula, wie es in der Geschrift heiße, um so vieler Liebe willen vieles vergebe. Uebrigens sei es nunmehr auch mit jedem Schatten einer Gefahr für ihn aus und vorbei, da er der Tetzelin allbereit Lebewohl gesaget, um morgenden Tages gen Genua zu reiten und, mit dem verpesteten Venedig im Rücken, dort das Schiff zu besteigen. Es sei auch gut, daß er gehe; denn gestern beim Abschied von der Ursula habe ihm der Giustiniani deutlich zu erkennen gegeben, daß er ihm im Wege. Daheim hätte er jedermann, der sich erdreistet, ihm so zu begegnen, die Zähne rechtschaffen gewiesen, in Venedig aber sei ihm wie jedem Insassen des Fondaco das Waffentragen strengstens verboten, und er habe von dem Anselmo Giustiniani vernommen, daß er, entgegen der Art seiner edelen, gütigen und den Wissenschaften holden Sippe, zwar ein kluger und dem Staate nützlicher, doch harter und gewaltthätiger Mann. Solches sei denn auch aus dem Blick seiner schwarzen, finsteren Augen zu lesen, und gar mancher fremde Ritter und Herr, der einem venedigschen Edelmann seiner Art ins Gehege gekommen, sei, keiner wisse wohin, auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Da wir solches lasen, wich der Ann das Blut aus dem Antlitz, ich aber biß die Zähne zusammen; denn ich will gestehen, daß mir des Herdegen Führung und Rede zu großem Aergernis gereichte. Vor der Ann wußte ich solches wohl zu verbergen; wie ich aber allein war, schlug ich mit der Faust in die Linke und fragte mich, wer denn wohl eitleren Sinnes, ein Manns- oder Weibsbild? Denn was war es, das meinen Bruder zu der Maged, die ihn selbst und seine Herzliebste mit grimmem Hasse verfolget, immer noch so kräftig hinzog, daß er sie am liebsten geherzt und getröstet, als das eitele Wohlgefühl, sich, den städtischen Junker, dem großen Edelherrn vorgezogen zu sehen? Was mich angehet, so sah ich allbereit damals, daß die Ursula dort das Spiel nur wiederhole, so sie allhier mit dem Herdegen und dem Märker getrieben. Vor des eifersüchtigen Marchese Augen that sie dem Verhaßten schön, um des mächtigen Edelmannes Groll gegen ihn zu erregen. Wie war ich nach alledem so herzensfroh, da endlich des Bruders erster Brief eintraf, der zu Genua geschrieben, und zwar an Bord der Galeasse, die er mit dem Ritter Franz und dem Eppelein bestiegen, damit sie ihn gen Zypern führe. In diesem Schreiben vermeldete er, daß er Venedig sonder Hindernis verlassen, und bot uns so froh, minniglich und hoffnungsreich den Abschied, daß die Ann und ich alles von ganzem Herzen vergaßen und vergaben, was uns Aergernis bereitet. Wie ein duftender Minnestrauß war dieser letzte Gruß, und er verleitete uns, mit dem Herdegen auf seine lange Pilgerfahrt zu schauen wie auf einen Ritt in den Forst. Selbiges Schreiben lehrte auch, daß ihm unbewußt geblieben, wie schwerer Fährnis er eben entronnen; denn bald genug sollt' ich durch den Kunz erfahren, daß ihn verkappte Mordgesellen am Abend, der dem Aufbruch des Herdegen folgte, in der winkeligen Chrisostomogasse, der die Rückseite des deutschen Kaufhauses zugewandt ist, überfallen und ihn leicht überwältigt hätten, wenn ihm nicht etliche baumstarke Tiroler Ballenbinder des Fondaco rechtzeitig Hilfe gebracht. Es stund aber fest, daß die Meuchler im Dienste des Giustiniani gestanden und im Halbdunkel den Kunz für den ihm ähnlichen Bruder gehalten. Unverletzt war mein Zweiter durch der Heiligen besondere Gnade von hinnen gekommen, doch gar leicht hätt' es ihm hier wie in der Schulzeit bestimmt sein können, die Strafe abzubüßen, die der Herdegen auf sich gezogen. Und gedenk' ich hier des vielen, was meinem ältesten Bruder über den zweiten hinweg zum besten gediehen und manchen ähnlichen Falles, will es mich dünken, als sei es etlichen beschieden, sich von anderen, die wahrlich nicht besser, das Licht vertreten und sie die Früchte fortschmausen zu lassen, die an ihren Bäumen gereifet. So war denn der Herdegen schwerer Anfechtung glücklich entronnen, und nachdem die Ann und ich zu Sankt Lorenz auf den Knieen und Schulter an Schulter ein recht herzinniglich Dankgebet gesprochen, war es uns zu Sinne wie dem Feldhauptmann, dessen Sieg ein laut Tedeum gefeiert. Aber wie manchmal im Mai, wenn die Sonne allbereit recht sommerlich hell und warm geschienen, eine trübe Zeit hereinbricht mit finsteren Tagen und bösem Frost in den Nächten, so sollte sich für uns der lange Zeitraum gestalten, der jenem frohen und erbaulichen Kirchgange folgte; denn aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monde, und kein Brieflein, kein Bote wollte kommen, um uns Gutes oder Böses von unseren Pilgern zu künden. Da war es denn wie ein Trost und eine Stütze, als des Kunz und der anderen Freunde Spähen und Forschen die sichere Kunde erzielte, die Galeasse, die den Herdegen gen Cypern geführet, sei den Lomellini zu Genua, denen sie gehörte, verloren gegangen. Sarazenische Seeräuber, hieß es, hätten sich ihrer bemächtigt; doch Näheres und wohin die Bemannung und die einzelnen Fahrgäste gekommen, ließ sich mit nichten erkunden, obzwar der Kunz alsbald gen Genua gefahren und die Fütterer, so dort ihr eigen Handelshaus haben, alles aufboten, um der Verlorenen Spur zu finden. Das älteste und prächtigste Glied des dreiringigen Schopperkettleins schien das Schicksal von ihm gerissen zu haben, vielleicht auf immer, dem dritten und letzten hatte des Herzliebsten Tod des Daseins Freude vergället, und nur das mittlere, zweite, der Kunz, war unangetastet verblieben und nunmehr so beschaffen, daß sein Anblick der seligen Eltern Herz baz erfreut haben würde. So dachte ich wenigstens, da ich ihn nach langer Trennung als weidlichen Mann von hohem Wuchs und wohlgestaltetem Antlitz wieder begrüßte. Was gut und recht an ihm gewesen, hatte sich zu Venedig, des Handelsstandes hoher Schule, gar köstlich entfaltet, nur der lachende Frohmut, der ihm als Knabe eigen gewesen, wo war er verblieben? Aus seinem klugen, milden Blick sprach jetzt vielmehr derselbe Ernst wie aus der tiefen Stimme, die er gewonnen. Der Großohm hatte sein, so lang' er den Herdegen vorzog, wenig geachtet; doch nun sich der Kunz zu Venedig aufs wackerste bewähret, des Im Hoffschen Hauses alter Geschäftsführer verstorben, und der Vormund selbst, von schwerem, schmerzlichem Siechtum befallen, sich der Vorbereitung auf das nahende Ende Tag und Nacht hingab, hatte er den jungen Neffen nach und nach mit der ganzen Leitung des großen Geschäftes betraut, und so wurden von dem Kunz im Anfang der Zwanziger Leistungen gefordert, die man sonst nur ergrauenden Männern zutraut. Doch mit der Schwere der Aufgaben, die man ihm stellte, wuchsen ihm Kraft und Ernst. Bald zu Nürnberg, bald zu Venedig, ein Frühaufsteher und, kam es darauf an, stets bereit, den Nachtschlaf hinter dem Schreibtisch oder auf schnellen Fahrten zu opfern, schien er blind und taub geworden für alles, was der Jugend Genügen bereitet. Bevor er die Vierundzwanzig noch überschritten, fand ich allbereit die ersten weißen Haare in seinem braunen Gelock. Männiglich schrieb seines Wesens sonderbaren Ernst der Last der Verantwortlichkeit zu, die ihm so jung auferlegt worden, und gewiß nicht mit Unrecht, doch mein schwesterlich Herz fand dafür auch noch eine andere Ursach'; denn sah ich von ungefähr seinen Blick auf der Ann ruhen, so wußt' ich genug, und daß ich mich in meiner Vermutung nicht täuschte, solches wurde mir deutlich bewußt, da die alte Frau Pernhartin sie einmal in seiner Gegenwart ihr arm, lieb Witiblein nannte, und ihm das Blut dabei bis an die Stirn stieg. Da hätt' ich denn die Ann fast gern mit einem mahnenden Wörtlein gewarnet, wenn sie ihm so herzinniglich und schwesterlich liebreich dankte für die schwere Mühsal, der er sich unbeirrt unterzog, um des verlorenen Bruders Spuren zu finden. Und wie schön war die verlassene Braut in diesen Tagen des Harrens und der bangen, unbefriedigten Sehnsucht! Armer Kunz! Sicherlich war er ihr gut, und doch gab er ihr durch keinen Blick und kein Wort seines Herzens Meinung zu ahnen. Wie nun in diesen Tagen der alte Hans Tucher, einer der würdigsten und weisesten Leiter der Stadt und des Rates, des Todes verblich, verehrte er ihr zu ihrem Namensfeste das Gebetbüchlein mit dem Wahlspruch des Alten, den er ihm bei der Firmelung hineingeschrieben; und selbiger geht also: »Gott füg es zum Besten, und ein gut End zu dem Letzten.« Und die Ann empfing diese Liebung mit großer Freude, und mehr als einmal, wenn mir nach einer Enttäuschung der Mut sinken wollte, wies sie mich auf die Verheißung: »Ein gut End zu dem Letzten.« Da schaute ich denn bescheidentlich und beschämt zu ihr auf; denn es ist etwas anderes, nicht ganz verzagen oder immer fest und gewiß auf einen glücklichen Ausgang bauen. Ihr aber war das letztere gelungen, und wenn ich sie neben der mühevollen Arbeit, der sie Tag für Tag oblag, sich aufrecht und heiter den harten und mühevollen Uebungen unterziehen sah, so der Beichtiger ihr angeraten, um dem Herzliebsten der Heiligen Gunst zu erwerben, ward mir bewußt, daß der Apostel doch recht hat, wenn er der Minne die Macht zuschreibt, alles zu hoffen und alles zu glauben. Dabei war es ihr und uns mit nichten leicht gemacht, die Zuversicht aufrecht zu halten; denn bisweilen zeigten sich Spuren des Verschollenen, die aber, sobald der Kunz ihnen nachging, wie Irrwische im Nebel verflogen. Doch so oft er sich auch getäuscht sah, ermüdete er dannocht mit nichten, und wie einmal, während er gerade zu Nürnberg verweilte, aus Venedig die Kunde zu uns gelangte, ein deutscher Mann, der recht wohl der Herdegen sein könne, stehe im Sklavendienste zu Joppe, bereitete er sich, ungesäumt dahin aufzubrechen und ihn zu lösen. Der Großohm aber, der im Angesicht des Todes eifrig trachtete, sich durch gute Werke des Himmels Gnade zu sichern, gewährte ihm Urlaub, und ich wußte ihn zu bestimmen, meinen Akusch mit sich zu nehmen, der seiner arabischen Muttersprache kundig verblieben. Auch legte ich dem Kunz an die Seele, ihn den Seinen zurückzugeben, falls sie sich – wonach wir bisher vergebens getrachtet – auffinden ließen. Solches versprach er mir gern, doch so oft es auch den Knaben nach der Heimat gebanget, so hoch er auch in kalter Winterszeit sein heiß Vaterland gepriesen, fiel es dem braven Gesellen dannocht fast sauer, sich von uns zu trennen, und da es zum Abschied kam, hörte er nicht auf, mir zu beteuern, daß er daheim alles aufbieten werde, seiner lieben Gebieterin Bruder zu finden. So zogen denn beide in die ferne Levante, doch auch diesmal hatten wir vergeblich gehoffet; denn statt des Gesuchten fand der Kunz einen wüsten Schweizer Landsknecht, der den Sarazenen in die Hände gefallen. Selbigen löste der Kunz um seines christlichen Glaubens willen um ein Geringes; was aber den Akusch angeht, so ließ er ihn zu Joppe zurück; denn er stammte aus dem Aegypterland und meinte der Seinen Spur gefunden zu haben. Der Kunz unterließ es, ihn dorthin zu begleiten, sintemal in Alexandria alles geschah, was für eines gefangenen Franken Auffindung und Lösung zu geschehen vermochte; denn dort blieb der Akusch gewiß nicht müßig, und außerdem hatte die Schickung ein Nürnberger Kind dorthin geleitet. Die Ursula war mit des großen Rates Einwilligung des Marchese Anselmo Giustiniani ehelich Weib geworden und selbigem ins Aegypterland gefolget, wohin ihn die Republik als ihren Konsul versandt. Dort weilte sie nun an des fürnehmen Gatten Seite, und in manchem Brief an den Großohm hatte sie in warmen Worten versichert, was an ihr sei, das werde geschehen, um ihres Jugendgefährten Verbleib zu erkunden. Ihr Gemahl sei der mächtigste Franke in des Sultanus Reichen, und es freue sie, zu sehen, wie eifrig er die Nachforschung nach dem Verschollenen betreibe. Selbiger habe zwar ihre kindische Minne übel belohnet, doch wisse sie sich keine schönere Rache denn ihm die Schuld aufzuerlegen, ihr und ihrem Herren für seine Lösung zu danken. Selbige Worte kamen gewiß aus einem aufrichtigen Herzen, und sie wäre kein Weib gewesen, wenn sie dem Unglücklichen nicht nachgesehen, was sie an dem Glücklichen heimzusuchen getrachtet. Vor allem aber war sie wohl von trutziger und jacher Gemütsart, doch immerdar eher offen bis zur Verachtung der Scham und guten Sitte denn hintertückisch und gleisnerisch gewesen. Doch auch ihr gelang es mit nichten, des Verschwundenen Fährte zu finden, und so wurden bei vergeblichem Harren die Wochen und Monde zu Jahren, und da man am 22. März des zweiten Jahres, so dem Aufbruch des Herdegen folgte, die Reichskleinodien, zu denen auch ein Nagel vom Kreuze Christi und die Lanzenspitze gehörte, womit man des Herren Seite durchbohret, im feierlichen Aufzuge einholte, ritt ich ihnen mit den anderen entgegen. Sie kamen aus Blindenburg an der Donau, und der Kaiser sandte sie uns als Gewähr seiner Huld, damit wir sie hinter unseren festen Mauern sicher verwahrten. In großem Geheimnis und unter dem Vorgeben, daß der Wagen, der sie trug, Weinfässer führe, hatten sie die Reise vollbracht, und es gab des Jauchzens und der Freude viel beim Einzug dieser Kleinodien. Ja ihnen zu Ehren ließ man die Gefangenen frei, und was mich angeht, so gedenke ich selbigen frohen Tages besonders, weil es an ihm war, da ich die schwarzen Trauerkleider abthat und seit langer Zeit zum erstenmal wieder im bunten Festgewand ausging. Wenn es mir aber gelungen, mich rüstig und nicht allzu säumig loszuringen von der niederdrückenden Last des Leides, so dank' ich das nicht am letzten dem Wald, zu dem uns nach wie vor die Herbst- und Lenzzeit hinauszog, und seinem heilkräftigen Zauber. Wie oft hab' ich dort unter den alten, mir wohl vertrauten Bäumen gerastet und stille Rückschau gehalten! Wenn ich aber jener Tage gedenke, frag' ich mich häufig, was wohl köstlicher gewesen, der wirkliche Genuß oder jenes zweite, stillere Genießen in trauten, der Erinnerung gewidmeten Stunden. Bei solchem Denken und Träumen im Walde bekamen Auge und Ohr genug zu schauen und zu hören. Lautlos zogen die Wolken dahin, das sanfte Grün mir zu Füßen, und was da sproßte an Baum und Strauch, im Rasen und am Saume des Weihers, das bildete eine eigene, stille Welt sonder Harm und voll des köstlichsten Reizes. Des Menschengetümmels mit seinem Lärmen und Drängen, seinem Kampf und Begehren – das war so schön – gemahnte hier nichts, auch nicht die Stimmen des Forstes. Der Vögel Gesang, der Käfer und Bienen Gesumm, das Rascheln des Laubes und das Rauschen und Säuseln ringsum war des Waldes ureigene Sprache. Aber nein! Ein Menschenkind gab es dannocht, des ich gerade hier gedenken mußte, wenn das Sinnen und Träumen über die Tage hinausdrang, in denen ich der Minne erste Wonnen erfahren, und das war der junge Geselle, der hier im Forste daheim, den die Muhme Tag und Nacht zurückersehnte, dessen Lieblingslieder ich dem Ohm vorsingen mußte, so oft er uns mit den alten, rüstigen Händen des Abends auf dem Weiher im Nachen umherfuhr, und der vielleicht längst meinem Trauten nachgefolgt war, in der Fremde verdorben. Der allzeit thätigen Ann war das müßige Träumen im Wald weniger genehm. Sie mußte dazu ein Buch oder Nadelwerk haben. Oft auch blieb sie allein bei der Muhme, und seitdem selbige in ihr eine Leidgenossin erkannt und mit ihr auszutauschen vermochte, wie es thut, wenn man in der Ferne weiß und halb verloren geben muß, was unserem Herzen das Liebste, schloß sie sie immer fester an sich, und so gab es bittere Stunden, wenn uns die Pflicht wiederum in die Stadt rief. Auch dort lag uns des Herdegen Schicksal fort und fort im Sinne. Doch darum dünkten uns die Sonnentage so hell und die Kindergesichter so hold wie je, und mit frischem Eifer verrichteten wir die Pflicht jeder Stunde. Umfingen die Ann bisweilen die Sorgen mit tieferem Dunkel, so leuchteten ihr dafür die Hoffnungssterne mit noch hellerem Trostlicht denn mir und der Base, und nur selten war es ihr anzumerken, daß ein Leid sie bedrücke. Freilich gab es außer der täglichen Arbeit und Mühsal in und außer dem Hause noch anderes, was sie von dem Bangen um den Verlorenen abzog. Zuerst kam nämlich ihres Stiefvaters Bruder, Seine Eminenz der Kardinal Bernhardi – denn zu solcher Würde hatte der heilige Vater den früheren Bischof erhoben – von Rom gen Nürnberg und nahm Herberge bei ihren Eltern, und selbiger hohe Prälat war ein Mann, wie mir noch keiner begegnet, und sein schön, bartfrei und doch mannhaft bräunlich Antlitz mit den alles durchdringenden, gewaltigen Augen dünkte mich oft wie ein magisch Buch, dem die Macht innewohnet, andere zu zwingen, auch gegen den Willen zu offenbaren, was ihnen etwa innewohnet an Geist oder Gaben. Dabei war er mit nichten von finsterem Ernst, sondern frohgemut und geneigt, mit uns Mägeden zu scherzen. Aber auch in seiner Schalkheit lag immerdar ein Sinn, der zum Nachdenken reizte, und ging ich von ihm, so fühlte ich immer, daß ich innerlich reicher geworden. Auch dem Magister gönnte er die Ehre seiner Bekanntschaft, und wenn er von den neuen griechischen Handschriften berichtet, so nach Welschland gekommen, kehrte selbiger heim wie ein Trunkener und wußte den Gewinn nicht sattsam zu rühmen, von solcher Perle der Humanisten des Verkehrs gewürdiget zu werden. Die Heimat wiederzusehen, gereichte dem Herrn Kardinal zu großem Genügen, und was ihm dort am besten gefiel, das war die Ann. Ja, wär' es auf ihn angekommen, hätt' er sie mit sich gen Rom geführet. Aber mit wie hoher Verehrung sie auch zu einem solchen Manne aufsah und wie minniglich sie ihm gewärtig, wollte sie doch von der Pflicht nicht lassen, die sie gegen die Geschwister und fürnehmlich gegen das taubstumme Brüderlein auf sich genommen. Auch fühlte sie sich wie die Wache auf dem Posten; denn zu Nürnberg wurde alles vorbereitet, was für den Herdegen geschah, und dorthin mußte jegliches zuerst gelangen, was von ihm etwa ausging. Die alte Frau Meisterin hatte sich auch immer fester an sie geschlossen, und sobald der Herr Kardinal wahrnahm, daß es seiner alten Mutter schweres Weh bereiten werde, sich von ihr zu trennen, ließ er ab von seinem Wunsche. Mit der Base Metz führt' ich ein gar traulich Dasein, und nimmer hatt' ich ihrem Herzen näher gestanden; denn so lange sie wahrgenommen, daß ihr Trost mir in meinem Leid wenig fromme, hatte sie sich ferner von mir gehalten. Sobald ich aber von neuem rüstig die Hände regte und ein Liedlein sang, wenn es treppauf treppab ging, war es, als sei die alte Liebe mit doppelter Fülle erstanden. Da drängte es mich denn, ihr zu danken, und jederzeit hielt ich ihr Ohr und Herz offen, wenn es sie lüstete, über ihren Herdegen-Liebling zu reden und mir all die wunderbaren Schicksale zu vertrauen, die ihm in ihrer Einbildung begegnet. Solches aber geschah fast jeden Abend vom Auskleiden an bis wir längst zur Ruhe gegangen, und da galt es die Augen offen halten, auch wenn sie zum zwanzigstenmale die hochfliegende Meinung kund that, daß es die Mamluken im Aegypterland, so alle Sklaven gewesen und den Sultanus stets aus ihrer Mitte erkoren, sicherlich gelüste, den Herdegen, der doch der schönste und prächtigste von allen, auf den Thron zu erheben. Vielleicht werde er sich auch solcher Gunst nicht entziehen, wenn es ihm glücke, sie ihrem heidnischen Unglauben abwendig und zu frommen Christen zu machen. Ja, es siel ihr nicht sauer, sich die Ann in lauter Seide und Edelgestein als Frau Sultana zu denken. Wenn mich dann bei solchen wunderlichen Hirngespinnsten, so sie bis ins einzelne auszumalen verstund, der Schlaf übermannte, träumte mir von lauter Türken und Heiden und blutigen Schlachten zu Land und zu Wasser. Nüchternen Magens soll man von keinem Traume berichten, – doch wenn ich den ersten Bissen genossen, mußt' ich es haarklein thun, und für jedes Traumgesicht suchte sie mit ernstlicher Mühe die Deutung. Achtes Kapitel. Der Herr Kardinal hatte Nürnberg wieder verlassen, und zwar auf lange Zeit, maßen er mit Aufträgen von seiten Seiner Heiligkeit des Papstes betraut war, die ihn über Köln und Flandern bis nach England führten. Weil es ihm nun nicht vergönnet, die Ann in eigener Person mit sich zu führen, hegte er den Wunsch, sie wenigstens im Bild zu besitzen, und so verschrieb er dazu einen wohlberufenen Meister der Malerzunft von Venedig. Selbigem Künstler sollten wir nun manche gute Stunde verdanken; denn der Giacomo Bellini war ein gar frohgemuter, vieler italienischen Lieder kundiger Jüngling, der uns die Zeit wohl zu vertreiben verstund, indessen wir ihm still zu halten hatten; denn auch ich mußte ihm sitzen, sintemal Base Metz es also begehrte und dazu dem Maler mein Blondhaar arg in die Augen gestochen. Weil selbiger nun keines Wörtleins der deutschen Sprache mächtig, mußten wir auf italienisch mit ihm verkehren, und solche Uebung gereichte mir zu großem Genügen; es konnte aber auch schwerlich einen besseren Lehrmeister geben als den Giacomo Bellini; denn er legte es kecklich darauf ab, mir Kopf und Herz zu verdrehen, und es wär' ihm solches auch baz geglücket, wenn er nicht gleich anfangs verraten, daß er daheim ein lieb jung Weiblein gelassen, und mir der Sinn allbereit nach neuer Minne gestanden. Immerhin sollt' ich durch ihn erfahren, eines wie leichten Anstoßes es bedarf, um der Männer Treue zu Fall zu bringen, ja wenn ich der Ann und des Herdegen, des Giacomo, der doch auch ein gottbegnadeter, wackerer Gesell, und seiner jungen Frau Liebsten gedachte, wollt' es mich dünken, als habe das Weib, dem die Minne eines Mannes mit beflügeltem Geiste zu teil wird, solch hohes Glück bisweilen mit großer Seelennot und Herzenspein zu erkaufen. Dannocht denk' ich herzlich gern des frohen, an schalkhaftem Spiel und mancher Neckerei überreichen Verkehres mit dem welschen Maler, und nachdem ich ihm einmal deutlich und kräftig gewiesen, daß das Herz einer Nürnberger Jungfrau kein Tand oder Spielzeug, und daß selbst ihre Lippen ein Heiligtum, so sie dem künftigen Gemahl rein zu bewahren schuldig, ging zwischen uns alles aufs beste. Das Bildnis der Ann, das der Giacomo zuerst vollbrachte, stellt sie dar als heilige Cäcilie, die der Musika lauschet, welche von droben her an ihr Ohr dringt. Auf lichtem Gewölk ihr zu Häupten schweben nämlich zwei liebreizende Engelein, so zum Klange der Mandoline und Geige Loblieder singen. Also hatte der Herr Kardinal es verordnet, und das Werk gelang so fürtrefflich, daß, wenn es die Heilige von ihrer himmlischen Höhe des Anschauens gewürdigt, es ihrem Herzen sicherlich genehm war. Was mein Bildnis angehet, hatt' ich zuerst beschlossen, mich in dem pfirsichfarbenen Brokatgewand mit den silbernen Delphinen darstellen zu lassen, weil ich selbiges zu jener frühen Stunde getragen, da mir der Hans auf unseres Hauses Schwelle das letzte traute Lebewohl geboten. Wie ich aber an einem kalten Morgen mit einer roten Pelzkappe und dem mit Zobel verbrämten grünen Mantel von gleichem Stoffe in die Werkstatt kam, bestund der Herr Giacomo darauf, mich so und nicht anders zu malen. Erst dacht' er mich als Kirchengängerin zu schildern, dann aber fand er, daß er meine Besonderheit nicht recht zu treffen vermöge, wenn er mich mit gesenktem Haupte und Blick darzustellen habe. So gab er mir denn den Falken auf die Hand, den mir mein Bräutigam weiland verehret. Den Blick hielt ich in die Ferne gerichtet, als harre ich des Reihers, also daß ich einer Jägerin gleichsah; »der keuschen Diana«, sagte der Maler und gedachte dabei der Abweisungen, so er oft genug erfahren. Es ließ sich aber auch schwer beschreiben, in wie verschiedentlicher Art und Weise der erfinderische Künstler solche herfürrief. Da mein Bildnis allbereit halb vollendet, hatte er zum Exempel dem Falken auf meiner Hand sein eigen froh Antlitz gegeben, so mit zärtlich schmachtendem Blick zu mir aufsah. Nachdem ich nun hienach, wie er sich von ungefähr entfernet, auf einem leeren Fleckchen vor seinem Antlitz den Namen seiner Hausfrau daheim mit dem Rotstift geschrieben und darunter eine Rute gezeichnet, brachte er mir am nächsten Tage ein gar sauber gestellt Sonettlein, das ihm nicht so leicht verziehen worden wäre, hätt' er es nicht so bescheidentlich überreicht und mit gar so wohllautender Stimme verlesen. Es ging aber also: »Auf dem Olympus, wo die Götter wohnen. Die Erd' und Himmel allgewaltig leiten, Seh' ich die höchste Gottheit aller Zeiten, Den Jupiter an Junos Seite thronen. Ein hohes Liebespaar! In allen Zonen Begegnet wohl das Auge keinem zweiten; Zu seinem Heiligtum die Völker schreiten, Und Fürsten neigen stumm vor ihm die Kronen. Doch ewig kann auch sie kein Band vereinen; Der Gott enteilt der Göttin, und als Schwan Wird er der Schönheit Ledas unterthan. Und ich, seh' ich dein lichtes Auge scheinen, Ade, mein Heim. Und auf des Gottes Bahn Treibt es zu dir, Erhabenste, mich Kleinen.« Ob ich nun auch selbigem Sonett sonder Auflehnung bis ans Ende gelauschet, hab' ich dem Giacomo doch hienach ein gar erzürnt Antlitz gewiesen, und das Blatt, worauf es stund, in zwei Stücke gerissen und hinter den Ofen geworfen. Auch ließ ich nicht von meinem gekränkten und aufgebrachten Ansehen, bis er mich gar demütiglich um Vergebung gebeten. Doch nachdem ich ihm solche erteilet und er die Werkstatt verlassen, hab ich – daß ich's gestehe – die Fetzen des Papieres gesammelt und in der Gürteltasche verborgen. Auch will mich's bedünken, als hätt' ich es damals geflissentlich nur in zwei Stücke gerissen, damit mir später das Zusammenfügen besser gelinge. Heute noch liegt es bei anderen Angedenken in meiner Truhe; dagegen aber mein' ich, daß der Giacomo das Sonett, so er am folgenden Morgen auf der Staffelei fand, mit geringerer Sorgfalt verwahrte. Es ging aber also: »Das war der Hans, – ihm wollt's behagen Wie weiland Jupiter mit klugen Tücken Holdsel'ge Menschentöchter zu berücken; Der süße Lohn ließ ihn das Schwerste wagen. ›Ade,‹ so rief er, ›Weib! beginnt's zu tagen, Sind überschritten schon die ersten Brücken. Beglückt sein will auch ich, will hoch beglücken, Als Schwan wie Jupiter nach Liebe jagen.‹ Ein Zauber wandelt ihn, – und da ein Kranz Das Haupt ihm zierte, wähnt' er, daß ihm fehle Nichts, was bestricken mag des Weibes Seele, – Und zu der schönen Leda flog der Hans. Die sah ihn an und lacht aus voller Kehle: ›Du wirst ein Brätlein geben, hübsche Gans!‹« Aber völlig unerwidert lassen konnte der Giacomo selbige Verse nicht, und heute noch nimmt man, wenn man näher hinschaut, auf meinem Bildnis einen Gänsekopf wahr, der aus dem Gebüsch im Hintergrunde tief beschattet, aber doch kenntlich herfürschaut. Trotz vieler kleiner Fehden solcher Art blieben wir einander dannocht hold; auch will ich bemerken, daß wie ihm im folgenden, das ist im vierzehnhundertsechsundzwanzigsten Jahre nach des Herren Geburt, ein Knäblein geboren ward, so sich später unter dem Namen Giambellini, das ist Hans oder Giovanni Bellini, als ausbündiger Maler herfürthat, ich, die Gred Schopperin, berufen ward, es über die heilige Taufe zu halten. Und ich bin ihm alleweil eine treue Pathin verblieben, also daß selbiger Künstler es nicht am wenigsten dem Einfluß der Meinen danket, wenn er am Fondaco der Deutschen zu Venedig mit einem Amte betraut ward, des andere walten, das ihm aber heute noch jährlich etliche hundert Dukaten abwirft. So wurden besagte Bildnisse vollendet, und seh' ich das meine an, wie es so gar frohgemut und doch sehnsüchtiglich aus dem breiten Rahmen hinausschaut, so mein' ich, der Giacomo habe in dem Buch meiner Seele gelesen und, was er darin gefunden, gar trefflich wiederzugeben verstanden; denn ich war in der That zu jener Zeit ein glückselig jung Menschenkind, und das Bangen und Sehnen, so mir bisweilen um der Verlorenen willen und ich weiß selbst nicht, um was sonst noch, das Herz befiel, war nur der Schatten, an dem es ja nirgends fehlt, wo es Licht gibt. Auch hatt' ich alle Ursach', mich froh und dankbar zu fühlen; denn ich war gesund wie die Forelle im Bach und fand Gelegenheit genug, die bescheidenen Gaben und Kräfte zu brauchen, so mir zu eigen. Was den Herdegen angeht, so gereichte es uns zu großem Trost, daß der Herr Kardinal Bernhardi seine Sache nunmehr zu der eigenen gemacht und von Rom aus der Geistlichkeit in der Levante geboten, Erkundigungen nach ihm einzuziehen. Neun Monde waren zu des hohen Prälaten Fahrten bestimmt gewesen, und weil allbereit fünf davon verronnen, freuten wir uns herzlich auf seine Rückkehr; doch es gab einen zu Nürnberg, der solche noch eifriger denn wir ersehnte, und das war mein Großohm, der alte Herr Im Hoff. Wohl hatte selbiger, wie vermeldet, als Vormund uns zum Danke verpflichtet, doch an meiner Liebe war ihm nimmer viel gelegen gewesen, ich aber konnte seiner lange Zeit kaum anders denn mit stillem Groll gedenken. Jetzund war es indes so grausam elend um ihn bestellt, daß ein steinern Herz durch seinen Anblick erweicht worden wäre. Da führte mich denn die Barmherzigkeit zu ihm, obzwar es eine Pönitenz war, bei ihm zu verweilen. Der alte Freiherr, – denn selbigen Titels freute er sich in der That, seitdem er dem Schatz des Kaisers eine beträchtliche Summe vorgeschossen, – der Greis, welcher früher ein freventlich, augenfällig Spiel mit falscher Buße getrieben, also daß er auch armen Almosenempfängern, die sich zuvor gar sorglich gesäubert, an etlichen Feiertagen die Füße gewaschen, war nun, da ihn Siechtum und Tod in vollem, schrecklichem Ernst antraten, redlicher bedacht, sich durch fromme Uebungen das Himmelsthor zu erschließen. Den Sarg, dessen er sich vormals als Lager bedienet, hatt' er freilich auf des Meisters Ulsenius Geheiß mit einer gemeinen hölzernen Bettstatt vertauschet, doch es duldete ihn nicht in derselben, und gewöhnlich mußte er die schlaflosen Nächte im Sorgenstuhle verbringen und von ihm aus die wunden Füße in einer Wanne bergen, der er in einem letzten Reste von Eitelkeit einer Perlmuschel Gestalt und Farbe gegeben. Doch das Ruhen im Sarge und das Spiel mit dem Tode gingen ihm nach; denn war er immerdar bleich gewesen, so bot er jetzt den Anblick eines Verstorbenen. Das Blut schien ihm erstarrt in den Adern, und es fror ihn immerdar so hart, daß der große Apostelofen sowie der weite Kamin ihm gegenüber Tag und Nacht mit gewaltigen Scheiten gespeist werden mußten. In solcher grausamen Hitze begann mir allbereit auf der Schwelle die Stirn zu perlen, und blieb ich länger, so verging mir der Odem. Des Siechen Sprache war zum Lallen geworden, und was uns der Meister Ulsenius von dem Herd seiner Leiden und wie es ihn langsam zu Tode nage, berichtet, des will ich lieber geschweigen. Statt des Faschingspieles der Fußwaschung nahm er jetzund schmerzliche Kasteiungen auf sich, und es gab wenige Heilige im Kalender, denen er nicht allbereit bei Lebzeiten Gaben gestiftet. Ein Dominikanerbruder war immerfort bei ihm, um den Schapel für ihn abzubeten und ihm andere geistliche Dienste zu leisten, und dannocht quälte ihn besonders bei Nacht eine grausame innere Unruh'. Gegen solche nun schützte ihn am besten die Gegenwart freundlicher Frauen; doch von allen denen, die er an manchem Christabend so reichlich beschenket, kehrten wenige wieder, nachdem sie einmal in seine glühende Marterkammer geschaut, und thaten sie es dannocht, so geschah es nur auf Kommen und Gehen. Am längsten von allen hielt Base Metz bei ihm stand, wenn sie auch nach jedem Besuch manchen Gläsleins herzstärkenden Liquoris bedurfte. Was mich betrifft, so untersagte sie mir immer, wenn ich mit fahlen Wangen von dem Großohm heimkam, des Alten Schwelle zum andernmal zu übertreten; kam aber seine Ladung wiederum an mich, dann ward auch in ihr die Barmherzigkeit mächtig, und sonder Widerrede ließ sie mich ziehen. Aber hätt' ich nicht, dank den Heiligen, zu den Stärksten gehöret, wären mir die häufigen langen Besuche bei diesem Kranken sicher zum Schaden gediehen; denn Leib und Seele hatten gleich schwer bei selbigen zu dulden. Es war nämlich, als hätte dem sonst so schweigsamen Greise das Leid die regungslose Zunge geschmolzen, und wie er sich früher über jedermann erhoben, machte er sich jetzund klein vor dem Geringsten. Jeden, des er habhaft werden konnte, berief er zum Vertrauten seines Elends und schilderte ihm, was er an Leib und Seele ertrage. Zwar hatte ihm der Beichtiger verboten, über das Leid zu murren, womit der Himmel ihn strafte, doch wehrte ihm keiner, das zu beklagen, was sein sündhafter und eitler Sinn vormals verschuldet. Ach, und diese Selbstanklagen waren so zahlreich und schrecklich, daß man seiner Versicherung glauben mußte, was er Gutes gethan und erfahren, sei wie begraben, und nur das Böse, so er vollführt und erlitten, wohlauf und mächtig über ihn verblieben. Der Totschlag, den er unversehens in hastiger Selbstvergessenheit begangen, falle ihm bei Nacht auf die Seele wie die verruchteste Blutthat, und jeden Augenblick, den ihm seines Weibes Falschheit verbittert, bis zu der Stunde, da er erfahren, daß sie ihn auf dem Sterbebette verwünschet, er durchlebe ihn Nacht für Nacht zum andernmal. Dabei schlug er die abgezehrten Hände, durch die das Licht schien, vor das von Thränen triefende Antlitz, und nur wenn ich dann nicht zu bergen vermochte, wie gewaltig mich der Jammer erfaßte, ward er stiller und gewann ein zufriedenes Ansehen. Doch nachdem ich wieder und wieder das Gleiche vernommen, hörte es auf, seine volle Wirkung zu üben, also daß ich zuletzt statt der großen Barmherzigkeit nur noch dumpfe Trübnis und, daß ich's bekenne, unsägliche Langeweile verspürte. Damit versagten mir denn auch die Thränen, und das Tüchlein fuhr nur noch an das Antlitz, um den gähnenden Mund und das Fläschlein zu bergen. Dadurch verloren denn meine Besuche an Wert für den alten Büßer, und endlich ließ er oft Wochen vergehen, ohne mich zu sich zu entbieten. Wie nun die Gemälde vollendet und er vernommen, daß sie gar köstlich gelungen, und er des weiteren erfraget, der Herr Kardinal gedenke in nicht zu ferner Zeit heimzukehren, geriet er in sonderbare Bewegung und begehrte die Bildnisse zu schauen, und zwar auch das der Ann. Solches aber nahm mich nicht wunder, maßen er schon längst des Töchterleins des Ratsherren Ulman Pernhart in allem Glimpf gedachte, ja mich sogar aufgerufen, Vergessen und Vergeben für einen alten Sterbenden von ihr zu erwirken. Wie wir, so waren auch die Pernharts wohl geneigt, ihm den Willen zu thun, und nachdem man an einem Mittwoch die Bildnisse zu ihm getragen, suchte ich ihn am Donnerstag auf, um zu sehen, wie sie ihm behagten. Da fand ich denn mein Konterfei in einer Ecke, also daß es seinem Blick kaum erreichbar; das der Ann aber stund ihm grad gegenüber, und wie ich die Schwelle betrat, hingen ihm die Augen daran, als schwelgten sie im Anblick einer Heiligen des Himmels. Auch schien er so versunken, daß er erst von dem Bildnisse fortsah, wie der Dominikanerbruder ihn anrief. Da warf er mir einen kurzen Gruß zu und fragte, ob ich mich wohl noch erinnere, daß wir ihm als einem getreuen Vormund zu Dank verpflichtet? Weil ich nun solches bejahet, raunte er mir mit einem scheuen Blick auf den Dominikaner zu, der Herr Kardinal sei der Ann sicherlich recht inniglich hold, da er, um ihres Bildnisses teilhaftig zu werden, einen so ansehnlichen Malermeister gen Nürnberg berufen. Weil mir nun noch nicht bewußt, wohin er mich mit solchen Fragen zu leiten gedachte, bestätigte ich nur seine Vermutung mit aller Fürsicht; er aber schaute abermals, doch noch scheuer und mißmutiger denn vorhin, auf den Mönch und flüsterte mir schnell und kaum vernehmbar ins Ohr: »Der da hinten trinket mir heimlich den alten Malvasier und Cyperwein aus. Und die anderen hier, selbst die Herren Plebani, – weißt Du, wie weltlich sie gesonnen und niedrig? Statt das Kreuz auf sich zu nehmen und in heiliger Askese den Leib verdorren zu lassen, pflegen und hegen sie ihn wie verlorene Heiden. Sind das heilige, in des Gekreuzigten Nachfolge wandelnde Priester? Was sie mir zuführet, sind meine Gelübde und Gaben! O, ich kenn' sie, kenne sie alle, so viel ihrer sind hier in Nürnberg. Wie die Stadt, so die Pfaffen! Wer kasteiet sich hier? Blüht hier ein glänzender Hofhalt? Um eines wahrhaft hohen Prälaten Segen teilhaftig zu werden, gilt es nach Bamberg fahren oder nach Würzburg. Was können unsere rotwangigen Priesterlein der Jungfrau und den hohen Heiligen gelten? Der Fleischmann, der Hellfeld, selbst der Prior der Dominikaner, wer sind sie? Hinter dem Bischof von Chiemsee und Eichstädt hatten sie herzugehen auf dem Reichstag! Bei den Privilegien, Bündnissen und Händeln der Stadt, da freilich haben sie die Hand mit im Spiele. Nichts Lieberes wissen sie sich – und der Fleischmann allen voran – denn die Politika, und als Botschafter lassen sie sich übergern versenden. Mir, dem Handelsherrn, sind sie baz nützlich gewesen, wo es galt, das Geleit der Fürsten und Ritterschaft mir zu sichern; doch meiner Seele letztes Geleit, meines ewigen Teiles Wohl und Weh ihnen allein in die Hände geben; – nein, nein, und abermals nein! Denn, Gred, ein großer Sünder bin ich gewesen. Zu meiner Lösung und Rettung bedarf es stärkerer Kräfte, eines mächtigeren Fürspruchs, und da, meine Gred, ist es mir – Du hörst doch? – ist es mir wie des Himmels eigenste Fügung erschienen, daß . . . Wann, sagst Du, daß sie Seine Eminenz den Kardinal Bernhardi zurückerwarten aus England?« Da begriff ich denn wohl, worauf es hinausging, und weil ich erwidert, daß er in drei oder vier Monden hier anzulangen gedenke, seufzte er enttäuschet: »Erst – erst in drei Monden, sagst Du?« »Vielleicht auch noch später,« unterbrach ich ihn eifrig; doch er rief, des Dominikaners vergessend, als sei er besser unterrichtet: »Nein, nein, in dreien! Du hast es gesagt!« Dann senkte er wiederum die Stimme und fuhr zuversichtlich fort: »So lang muß es, wird es auch halten mit der Heiligen Hilfe, wenn ich . . . O, es bleibt mir genug, um Großes zu stiften. Mein Besitz, Gred, das Gut, so mir eignet . . . Es ahnet ja keiner, was ein klug geleiteter Handel in einem halben Jahrhundert . . . Ja, Gred, ja, ich sage Dir, ich halte aus und kann warten. Zwei, drei Monde längstens, wie schnell sie vergehen! Je älter man wird und je einförmiger man lebt, desto rascher entfliehen die Tage.« Da hatt' ich nicht mehr das Herz, zu wiederholen, daß er auch noch länger zu warten haben könne, und weil ich bemerkte, wie schwer es ihm fiel, frei herfürzutreten mit seinem Gewerbe, leistete ich ihm Beistand, und da kam es denn zu Tage, daß er nichts Sehnlicheres wünsche, als aus der Hand des Kardinals die letzte Oelung und Absolution zu empfangen. Es war, als sei er der Meinung, Seiner Eminenz Gnadengesuch werde ihm droben um so viel besser frommen denn das unserer schlichten Plebani, die nicht einmal das bischöfliche Pallium erworben, wie eines Kurfürsten Fürwort des Kaisers Ohr offener findet denn das eines bescheidenen Rates. Auch schmeichelte es wohl seiner Hoffart, unter dem Geleit eines Prälaten in Purpur dieser Welt den Rücken zu kehren. Da verhieß ich ihm denn, seine Sache durch die Ann bei dem Herrn Kardinal führen zu lassen, er aber gab mir den Wunsch zu erkennen, selbige bei sich zu begrüßen; denn schon ihres Bildnisses Anschauen habe ihm besseren Trost gespendet als des Meisters Ulsenius kräftigste Tränke. – Er könne nicht hingehen ohne ihre Vergebung und ohne sie mit Mund und Hand gesegnet zu haben. Zuletzt wies er auch auf mein Bildnis und sagte, so wohl es auch gelungen, könne er seinen Anblick doch nicht lange ertragen; denn es schaue so kerngesund und hoffnungsfroh in die Weite, daß es ihm dabei sei, als spotte es seines Elends. Dann legte er mir ans Herz, ihm die Ann bald zu senden. Für jede Stunde, die sie früher komme, sollten ihr die Heiligen eine Gnade gewähren. Damit schieden wir von einander; und die Ann war dem sterbenden Greise gern zu Willen, und wie ich sie hienach zu ihm geführet, erging es ihm mit ihr selbst wie mit ihrem Bildnis; denn er schien wie bezaubert von ihrem Sein und Wesen, und blieb sie ihm hienach auch nur wenige Tage fern, ließ er sie mit Bitten und Flehen zu sich entbieten. Wie mir, so verstund er auch ihr die Seele zu rühren, doch während ich seines Jammerns bald müde geworden, dauerte der Ann Barmherzigkeit aus, und statt wie ich zu gähnen und als Trösterin zu erlahmen, suchte sie ihn mit großer Kunst abzuwenden von sich selbst und seinen Gebresten. Von dem Herdegen und wie seine Spur endlich zu finden, redeten sie häufig, und während der alte Herr dergleichen vormals anderen anheimgegeben, bot er jetzt den klugen, erfahrenen Geist auf, um die rechten Mittel und Wege zu finden. Bis dahin hatte er auf der Ursula Aussagen gebauet und uns zu dem nämlichen Zutrauen beredet; nun aber kam ihm plötzlich in den Sinn, wie feindlich sie dem Verlorenen gesonnen, und weil die Zeit befürstund, in der die Handelsflotte von Venedig gen Alexandria im Aegypterlande ausbrach, sandte er einen Boten an den Kunz mit dem Auftrag, sich alsbald dorthin zu begeben und in eigener Person nach dem Bruder zu forschen. Solches erfüllte die Ann und auch uns mit neuer Hoffnung und aufrichtigem Danke. Was aber den Großohm angehet, so war er der Ann für mancherlei verpflichtet; denn ihr bloßes Dasein fiel ihm wie Tau auf das dürre Herz, und die Hoffnung, die sie in ihm wach hielt, ihr Ohm, der Herr Kardinal, werde, sobald es angehe, heimkehren und seinen Wunsch mit Freuden erfüllen, stärkte ihm die Kraft und den Willen, sich aufrecht und das schwache Lebensflämmlein in Brand zu erhalten. Neuntes Kapitel. Der Oktobermond kam, der Wald verlangte sein Recht, und just in dieser Jahreszeit durfte ich auf der Forstmeisterei nicht fehlen. Auch an die Ann war eine dringende Ladung ergangen; doch obzwar mancher Besuch in der glühenden Siechenstube des Großohms sie mit arger Kopfpein gestrafet, hatte sie doch seine Wartung nunmehr zu den Pflichten gesellet, und solchen untreu zu werden, vermochte nichts sie zu bewegen. Außerdem war uns bekannt, daß weitaus die meisten der venedigschen Galeeren vom achten bis fünfundzwanzigsten des Septembermondes vom Lido abfuhren und in Mitten des Oktober- oder im Anfang des Novembermondes wieder heimkehrten. Eine viel geringere Zahl verließ Venedig am Obestag und ging daselbst nach vollendeter Fahrt mit Spezereien beladen im Märzmond und spätestens im April wiederum vor Anker. So war denn eben jetzt am sichersten aus der Levante Nachricht zu erwarten, und die Ann wollte nicht fehlen, wenn solche zu Nürnberg eintraf. Am Sankt Dionysiustage zog ich darum allein mit der Base Metz hinaus, doch es folgten uns bald andere Gäste, unter denen sich auch meine Schwäger befanden und das Löffelholzsche Paar; denn die Els Ebnerin war vor etlichen Monden des jungen Jörg Löffelholz Hausfrau geworden. Auch der Ohm Kristan war später und, gab sie ihm nach, mit der Ann, zu kommen gewillet; denn er achtete es für Schuldigkeit, sein »lieb Türmerlein« ins Freie zu führen. Uebrigens war er nunmehr ein naher Freund des Pernhartschen Hauses, und es ließ sich nichts Herzigeres und Kurzweiligeres denken denn sein Verkehr mit der alten Frau Meisterin. Zu keiner Zeit war das liebe Haus im Walde eher einem Taubenschlag vergleichbar gewesen. Jeder Tag brachte neue Gäste und darunter auch viele aus der Stadt, doch keiner hatte bis dahin Kunde von den venedigschen Galeeren und unserem Kunz gebracht, der mit ihnen heimkehren mußte. Da schlug mir denn trotz aller Jagdlust und manchen fröhlichen Weidmannsmahles das Herz recht bange, und der Muhme Jacoba erging es nicht besser. So verfloßen die Wochen, der Laubbäume gelbe und rote Blätter begannen zu fallen, die scharlachenen Trauben der Eberesche zu verschrumpfen und nächtlicher Reif auf den Moor und die Waldwiesen zu sinken. Auch heute war ich an des Ohms Konrad Seite auf die Beize geritten, und wie wir in der Dämmerzeit heimkehrten, konnt' ich zu der Beute der Herren auch etlich Federwild legen. Was von Gästen vorhanden, stund im munterem Gespräch auf dem Hofe, und indes männiglich von der Gunst oder Ungunst berichtete, die ihm Sankt Hubertus erwiesen, erhoben die Rüden, so das gefällte Wild scheu umschnuppert, plötzlich ein ungestüm Gebell, und des Thorwartes Hornruf schmetterte so fröhlich, als melde er einen willkommenen Gast. Am Fenster der Muhme zeigte sich rasch der Schaffnerin Antlitz, und sobald es kund geworden, wer sich da nahe, brachten die Peitschen der Hundejungen die Rüden hurtig zur Ruhe und jagten sie in den Zwinger. Die Knechte führten das Wildbret ab in den Schuppen, und erst nachdem der Hof frei geworden, bot das Thor einem gar wunderlichen Aufzuge Einlaß. Selbiger bestund aus einem langen Wagen, den eine Plane bedeckte, von der man wohl hätte meinen mögen, manches Stadtpförtlein sei für ihre Höhe zu niedrig, und es zogen ihn vier winzig kleine Rößlein mit dunklem, struppigem Haar und trutziglich blitzenden Augen, während etliche Hunde von fürnehmem Schlage ihm folgten. Aus der Plane drang ein scharfes und schrilles Geschrei, so von vielen bunten Pagelunen ausging. Dem Wagen voran ritten zwei Männer von gar verschiedener Statur und Haltung, während ein grober Fuhrknecht ihn lenkte. Uns allen war selbiges Fuhrwerk wohl vertraut; denn allbereit bei Lebzeiten des alten Lorenz Waldstromer selig, der des Ohms Konrad Vater gewesen, war es des Jahres ein- oder zweimal gekommen und immerdar gern gesehen worden; denn zeigte es sich im Augustmond, so war es voll der edelsten Falken, die zu Venedig eingeschifft wurden und an dem Sultanus des Aegypterlandes und seinen Emiren so gute Käufer fanden, daß sie für die allerfürnehmsten bis hundertundfünfzig Zecchinen williglich zahlten. Der alte Jordan Kubbeling von Braunschweig, des Mannes, der da bei uns vorsprach, Vater selig, hatte sie durch Zwischenhändler nach Alexandria führen und dort veräußern lassen müssen, während sein Sohn Seyfried, den man, obzwar er den Sechzigen nahe, Jung-Kubbeling nannte, seine gefiederte Ware in eigener Person ins Aegypterland brachte. Freilich durfte er daselbst mit keinen anderen Waren Handel treiben; wie denn die Republik dem deutschen Kaufmann gar sonderbare Beschränkungen auflegt. Was ein solcher aus der Levante zu haben begehret, das muß er im Kaufhause oder Fondaco zu Venedig durch die Sensale erwerben; doch noch weniger ist es unseren Landsleuten vergönnt, eine Ware, wie sie auch heiße, von der Markusstadt aus auf eigene Hand in die Levante zu führen, sintemal jeglicher deutsche Kaufherr gehalten, was seine Heimat fertigt oder versendet, in Venedig durch jene Sensale verkaufen zu lassen. Ohne selbige darf ein Deutscher weder große noch kleine Geschäfte mit den venedigschen Kaufherren abschließen, und solches geschieht, damit der Republik nichts von der hohen Steuer entgehe, mit der alles belastet. Was nun den Seyfried Kubbeling angehet, so hatte ihm der große Rat aus besonderer und seltener Gunst und in Erwägung, daß er allein seine gefiederte Ware in gutem Wohlsein über das Meer zu führen verstehe, sie ins Aegypterland zu geleiten bewilligt. Auch die Waldstromers versorgten die Kubbelings seit vielen Jahrzehnten mit Falken, und bedurfte der Ohm selbst eines solchen, oder hatte er einen für unseren Burggrafen und Kurfürsten, die Herzoge von Bayern, oder andere große weltliche und geistliche Herren zu besorgen, mußte sie der Seyfried oder Jung-Kubbeling liefern. Freilich verstund auch keiner die fürnehmsten besser zu finden, und während er zwischen Braunschweig, Welschland und der Levante hin und her fuhr, zogen seine Brüder und Söhne bis nach Dänemark, und von dort in die Islandinsel im eisigen Norden; denn da gedeihen die Fürsten des Falkengeschlechtes. Andere immerhin recht ansehnliche Arten bezogen sie auch aus dem ihrer Heimat benachbarten Harzgebirge. Der Mann, welcher Jung-Kubbeling wie früher gen Island jetzund in die Levante begleitete, hieß Uhlwurm, und wenn er auch ursprünglich vielleicht des alten Jordan Knecht gewesen, hielt ihn der Seyfried dannocht wie seinesgleichen, und wer den einen aufnahm, der mußte sich auch gefallen lassen, den anderen mit in den Kauf zu nehmen. In der Forstmeisterei geschah solches mit Freuden, maßen der Uhlwurm ein stiller Mann, den die Weidmannsknappen und Knechte für einen Weisen hielten, der mehr als Brotessen verstehe. Jedenfalls war ihm die Kunst zu eigen, krankes Getier und besonders Falken, Rosse und Hunde durch leis geflüsterte Sprüchlein, den Hauch seines Mundes, Tränklein und Latwergen von mancherlei Gebresten zu heilen, auch hab' ich ihn selbst mit einer alten, grimmen Wölfin, die sich im Eisen gefangen und der keine Menschenseele sich nähern durfte, umgehen sehen, wie mit dem vertrautesten Hündlein. Seinen Herrn überragte der Alte um anderthalb Häupter Länge, und er trug stets eine Kappe, die das Antlitz einer Eule mit Schnabel und Ohren verzierte. Des ganzen Mannes Wesen konnte recht wohl solchen Nachtvogels gemahnen, und wenn ich seines Herren, des Seyfried oder Jung-Kubbeling, gedenke, kommt mir oft in den Sinn, daß er sich als Mittel gegen das Reißen dreier Wildkatzenfelle bediente, die er auf Brust und Beine legte. Denn des kurzen, breitschulterigen Falkenhändlers ganze Person glich, obgleich er aller Tücke und Falschheit bar, in ihrer struppigen Widerborstigkeit sicherlich einer Wildkatz. Im ganzen bot er in dem gelben, grün geschlitzten Ledergewand, den hohen Stiefeln und dem schlecht rasirten, mit grauen, stacheligen Stoppeln bedeckten Antlitz eines Weidmannes Ansehen, der sich im Forst dem Verkehr mit Menschen entfremdet; und dannocht ging aus mancher seiner Handlungen herfür, daß er ein redlich und barmherzig Mannsbild, so Schweres auf sich nahm, um sich den Wenigen, denen er in Treuen anhing, dienstlich und hilfreich zu erweisen. Was er an Getier mit sich führte, das war ihm feil, selbst die isländischen Rößlein, so er selten wieder heim brachte, da sie aus den Burgen, die ihm Herberge boten, in den kleinen Junkern und Edelfräulein eifrige Liebhaber fanden, und so war sein Erwerb und Vermögen nach des Waldohms Meinung von großem Belang. Kaum hielt des Jung-Kubbeling Gefährt aus dem Hofe, als sich die Schaffnerin zum anderenmale an der Muhme Fenster zeigte und ihn zu der Gestrengen hinaufbeschied; der Braunschweiger aber versetzte rauh und kurz: »Erst die, so mein bedürfen!« Dabei hatt' er einen wunden Gesellen im Sinn, den er, dem Tode nah', an der Heerstraße gefunden. Während er selbigen hienach unter des Uhlwurm Beistand mit aller Behutsamkeit unter der Plane herfürzog, blickte ihm der Waldohm, der ihn allbereit längst sehnsüchtiglich erwartet, mit einem fragenden Blick in die Augen, den der andere wohl verstund, doch nur mit einem betrüblichen Schütteln des Hauptes verneinte. Hienach machte er sich weiter mit dem geschlagenen Gesellen zu schaffen und brummte dabei dem Ohm zu: »Bin auch heuer über die Pfütze gefahren und drüben in Alexandria gewesen; doch was Eueren – Ihr wißt schon – angeht: auch diesmal keine Klaue und Feder! Von den Schopper-Brüdern hingegen . . . Doch erst gilt es zwischen dem da und dem Knochenmann den Graben zu ziehen. Angefaßt, Uhlwurm!« Damit schickte er sich an, den Siechen von hinnen zu tragen, ich aber drang auf den Braunschweiger ein, der mir immer in seiner Art gewogen gewesen, und suchte ihn, da er doch den Brüdern begegnet zu sein schien, gar minniglich und dringlich zum Reden zu bringen; er aber wies wiederum auf den siechen Mann und versicherte, was er etwa zu vermelden habe, werde ich immer noch viel zu zeitig erfahren; und solches klang so abweisend und bedauerlich zugleich, daß ich auf das Schlimmste gefaßt war; auch konnte es mein Bangen nur mehren, daß er mir dabei mit der großen Hand über den Aermel fuhr, als woll' er mich trösten; denn solches hatt' er mir bisher nur erwiesen, als er von meines Hans frühem Ende vernommen. Wie er hienach auch meinen Antrag zurückgewiesen, ihm bei der Wartung des wunden Mannes zu helfen, sprang ich zu der Muhme hinauf, um ihr fürsichtiglich zu künden, was ich vernommen; doch der Ohm war mir zuvorgekommen, und auf der Schwelle konnt' ich noch sehen, wie sich seine Lippen von der Stirn der alten Frau Liebsten trennten. Man sah ihnen auch beiden wohl an, daß sie wieder um eine Hoffnung ärmer geworden, doch bestund die Muhme darauf, hinunterzugehen und Jung-Kubbeling selbst zu befragen. Der Ohm suchte ihr solches zu wehren, sie aber achtete seiner Mahnung mit nichten, und während die Gürtelmagd sie mit aller Fürsicht für die Tafel ausstaffirte, dankte sie den Heiligen, daß sie die Ann an diesem Angsttag fern von der Forstmeisterei hielten. So verging die Stunde, die zwischen der Heimkehr vom Weidwerk und dem Mahle offen gelassen wurde, und bald weilten wir bei den anderen im hell erleuchteten Rebenter. Muhme Jacoba saß wie immer auf dem Tragstuhl an der Spitze der Tafel unweit des Kamines, zu dessen Seiten man diesmal ein Tischlein gerüstet, daran Jung-Kubbeling mit seinem Uhlwurm Platz genommen, als wiss' er's nicht anders; und in der That hatte schon der alte Jordan, sein Vater selig, bei jedem Mahl an der nämlichen Stelle gesessen, und trafen sie auf der Forstmeisterei ein, so war dem Gesinde bis ins einzelne bewußt, was ihnen und den Ihrigen zukam. Wenn sie aber nicht mit an der Tafel saßen, so geschah es nur, weil der alte Jordan sich des vor sechzig Jahren als einer übergroßen Ehre, die ihn beenge, geweigert, und Jung-Kubbeling es in allen Stücken hielt wie der Vater. Mein Platz war ihm gegenüber, und ein leerer Stuhl trennte mich von der Muhme; selbiger aber wurde dem Meister Ulsenius, dem Arzte, offen gehalten. Wegen der Placker und des Raubgesindels ritt jener nicht gern im Dunkeln, und so begannen etliche von uns sich allbereit wegen seines Ausbleibens zu sorgen. Dannocht nahm das Gespräch einen lebhaften Fortgang; denn um Mittag waren neue Gäste aus der Stadt gekommen, so mancherlei zu berichten wußten, sintemal die Kunde eingelaufen, daß der Sultanus von Aegypterland die Insel Cypern mit Krieg überzogen, und die Muselmänner den König Janus, welcher selbiges Eiland beherrschet, schmählich geschlagen, als Gefangenen über das Meer geschleppt und zu Altkair , mit Ketten belastet, im Triumph einhergeführet. Dabei belehrte uns denn der hochgelehrte Herr Eberhard Windecke, ein der ganzen Weltgeschichte kundiger Herr, der in Geldsachen als Verordneter des Kaisers gen Nürnberg gekommen und von dem Ohm Tucher mit herausgebracht worden, wie sich selbigen Königes Janus von Cypern Ahnherr durch Giftmord und Eidbruch während der Kreuzfahrten und in des berühmten Sultanus Saladin Zeiten der Krone von Jerusalem bemächtiget, und sie sodann von dem englischen Könige Richard Löwenherz gegen die Herrschaft über Cypern eingetauscht habe. Selbiger Vorfahr des nunmehr geschlagenen und gefangenen Königes Janus hatte den Namen Guido von Lusignan getragen, und des Ahnherrn Sünden, versicherte der Herr Windecke in wohlgesetzten Worten, würden nunmehr heimgesucht an dem späten Enkel. Wie die meisten anderen, so hatte auch ich selbiger Rede mit gebührender Ehrfurcht gelauschet, doch war mir dabei nicht entgangen, mit wie ungeduldigen Blicken die Muhme den Braunschweigern gefolget, da sie sich, nachdem sie sich schnell und notdürftig gesättigt, entfernet, um wiederum nach dem wunden Manne zu schauen; denn gleich mir hätte sie um vieles lieber von gegenwärtigen Dingen vernommen, als von dem längst verstorbenen Lusignan-Sünder. Endlich kehrten die Entlaufenen auf ihre Plätze zurück, und wie der Herr Windecke, der über dem Sprechen das Speisen völlig vergessen, mit verdoppeltem Eifer zugriff, forderte der Ohm Konrad den Braunschweiger ernstlich auf, endlich mit der Sprache herauszukommen; doch, weil selbiger eben eine Birkhahnkeule zum Munde geführet, entgegnete er unwirsch: »Alles zu seiner Zeit, Herr!« Da galt es denn abermals warten, und erst nachdem der Braunschweiger die letzte Nuß mit den kräftigen Zähnen geknackt und man den Abendtrunk aufgetragen, brach er das Schweigen und berichtete in kurzen, ungelenken Sätzen, wie er über Venedig gen Alexandria ins Aegypterland gekommen, und was dabei seinen Falken begegnet. Sobald er aber herfürhob, wo und wie einer verendet, rief der Uhlwurm mit tiefer Stimme und einer Bewegung der Hand, als fege er die Krumen vom Tisch: » Hin! « Und solches »Hin« war fast das einzige Wort, so ich von dieses seltsamen Alten Lippen vernommen. Bei dem weiteren Berichte bediente sich Jung-Kubbeling des Weines gar fleißig, und ob ihm selbiger auch nicht mehr anthat denn lauteres Wasser, hatt' es dannocht das Ansehen, als rede er zu seinem eigenen Genügen. Nur wenn er bemerkte, wo und wie er sich vergeblich nach dem landfremden Götz erkundiget, schaute er der Muhme bedauerlich ins Antlitz. Der Kunz, der auf der nämlichen Galeere wie er übergefahren, war ihm beim Forschen zur Hand gewesen. Wie ich ihn nun fragte, ob selbiger denn nicht auch mit ihm heimgekehrt gen Venedig, und Jung-Kubbeling solches verneinet, rief der Uhlwurm, bevor noch sein Meister ein Ende gefunden, sein tiefes, trauriges »Hin!« und fegte dabei abermals Krumen von der unsichtbaren Tafel. Da fuhr ein furchtbarer Schreck so jach in mich hinein, daß es mir war, als dringe mir eine stählerne Nadel tief in das Innere; der Kubbeling aber hatte wahrgenommen, wie ich erblaßt war, und alsbald fuhr er ingrimmig auf den Uhlwurm los und rief, ernstlich gewillt mich zu trösten: »Nein, und abermals nein! Was weiß denn der Alte? 's ist nur, weil die Galeere um des Herrn Schopper willen einen halben Tag später den Anker hob, daß er so Uebeles vermutet. Es gab ein nichtsnutzig Warten! Aber wer weiß, wo der junge Herr sich herumtreibt! Das setzt sich etwas in das grüne Haupt, und durchgeführt muß es werden! Auch vor mir hat er sich hoch und heilig verschworen, nicht zu rasten, bis er die Spur des Herrn Bruders gefunden, und wenn er die Abfahrt der Galeere aus selbigem Grunde verpaßte, ist das ein Wunder? Ist es ein solches? Und, Jungfrau Gred, was eine falsche Fährte bedeutet, Ihr habt es hier im Forst sicherlich erfahren! Der Herr Kunz! Wohin der beim Birschen nach dem Bruder geraten, wer weiß es? Ich nicht, und der Uhlwurm noch weniger! Aber da stößt die liebe Jugend wie ein ungelehrter Falke hierhin und dorthin, und findet der Herr Kunz, der noch besser und besonnener denn die meisten anderen in so grünen Jahren, keinen, der ihm die Augen öffnet, so kann er – ich sage nicht gewiß, aber vielleicht – denn warum sollt' ich Euch ängstigen? – so kann er bis in alle Ewigkeit suchen und birschen; denn der Junker Herdegen selig . . .« Da fühlt' ich zum andernmale den wehen Stich durch die Brust, und aus der geängstigten Seele rang sich's: »Selig, selig, habt Ihr gesagt? Wie kommt Ihr zu solchem Worte? Bei allem, was Euch heilig, Jung-Kubbeling, quält mich nicht länger! Bekennet, was Ihr über meinen Aeltesten erkundet!« Mit zitternder Stimme hatt' ich solches gerufen, doch nur zu bald sollt' ich wiederum verstummen; denn zum andernmale war mir von des Uhlwurms Munde das furchtbare »Hin!« ins Ohr gedrungen. Da schlug ich die Hand vor das Antlitz und vernahm im Dunkeln, wie der Falkenhändler, und zwar diesmal herzlich bekümmert, des Uhlwurms übles Wort wiederholte: »Hin, hin!« und sodann schnell und in tröstendem Tone fortfuhr: »Aber doch nur vielleicht, – nicht gewiß, Jungfer Gredlein.« Obzwar er nun gewillet, weiter zu reden, ward ihm hier das Wort abgeschnitten; denn ohne daß ich und er es wahrgenommen, hatte eine, die mit dem Ohm Kristan und dem Meister Ulsenius in aller Stille eingetroffen war, sich uns genähert und des Uhlwurms »Hin!« und Jung-Kubbelings Worte vernommen. Es war die Ann, und da sie dem Braunschweiger zurief: »O, wäret Ihr im Recht mit Euerem ›Vielleicht‹, wie gern wollt' ich Euch glauben!« löste ich die Hände vom Antlitz, und da stund sie vor mir in all ihrer Anmut, doch in tiefer schwarzer Trauer, und nun, wie ich selbst, eine bräutliche Witib. Da eilte ich auf sie zu, und wie sie sich erst an mich, dann an die Muhme Jacoba schmiegte, bot sie einen so beweglichen Anblick, daß selbst der Uhlwurm die nassen Wangen mit dem Tafeltuch wischte. Alles schwieg, nur Jung-Kubbeling hörte nicht auf, sich in übelen Aengsten die triefende Stirn zu reiben, bis er endlich herfürstieß: »›Vielleicht‹ hab' ich gesagt, und bei dem ›Vielleicht‹ soll es bleiben; ja, mit der Heiligen Hilfe will ich's erweisen . . .« Da hob die Ann das Haupt, so sie in der Waldmuhme Schoß verborgen, und Base Metz ließ die Arme sinken, mit denen sie mich an sich gezogen; der hochgelehrte Herr Windecke aber schlüpfte eilig von hinnen, da ihm dergleichen rührsam Wesen übel behagte, während der Ohm Konrad von der Ann zu wissen begehrte, was sie über des Herdegen Ende erfahren. Nun berichtete selbige mit leiser Stimme, gestern Abend habe ihr ein Brief des Herrn Kardinals vermeldet, es seien beunruhigende Nachrichten durch die christlichen Kleriker im Aegypterlande gekommen. Sie möge sich des Schlimmsten gewärtig halten; denn seien selbige im Rechte, so erwarte sie Schweres. Dannocht scheine es noch nicht an der Zeit, die Hoffnung sinken zu lassen, und er selbst werde nicht ermüden im Forschen. Während Jung-Kubbeling, der den Uhlwurm abermals zu dem Arzt und dem Siechen gesandt und wieder hinter dem Becher Platz genommen, bei selbiger Rede mit dem einen Ohre in sein Inneres gelauschet, war er der Ann mit dem andern gefolget, und plötzlich stieß er den Weinkopf zurück, schüttelte dräuend die schwere Faust und rief nach der Thüre hin, die dem Uhlwurm den Ausgang geboten: »Die Unke, der Totenkäfer, der alte Schuhu! Blickt er zu dem blühenden Apfelbaum auf, darin ein Vöglein zwitschert, so fragt er nichts, als wann wohl das frohe Herrgottsgeschöpf der Katze anheimfällt. Sein nichtsnutzig ›Hin!‹ und wiederum ›Hin!‹ Auch mir hat's zuletzt das Hirn wie mit schwarzem Dunste benebelt. Aber jetzt, vorhin ist mir ein Licht aufgegangen, und so leihet mir denn das Ohr, ihr Jungfräulein, und ihr, vielgestrenge Herren und Frauen; denn das ›Vielleicht‹ von vorhin, das bleibt stehen!« Da horchten wir hoch auf, und es lag eine Zuversicht in der Stimme und dem Wesen des Mannes, die jedem den Mut heben mußte. Des Herrn Kardinals Versicherung, sich mit der übelen Botschaft, die er erhalten, mit nichten zufrieden zu geben, hatte ihm als recht eingeleuchtet, und was recht, das war des Jung-Kubbeling Sache. Darum hatte er sich aufs Grübeln beleget, bis ihm die Stirn getriefet und ihm alles in den Sinn zurückgekehrt war, was ihm von des Herdegen Sache bewußt, und solches führte er uns nun vor Augen in seiner kurzen, widerborstigen Weise, die ich nimmermehr wiederzugeben vermöchte. Da erfuhren wir denn, daß ihm der Kunz, seitdem er mit ihm ans Land gestiegen, nicht wieder vor Augen gekommen, daß er aber auf eigene Hand nach dem Herdegen geforschet. Im Fondaco der Venetianer war der Anselmo Giustiniani noch immer als Konsul der Republik heimisch gewesen und neben ihm die Ursula, sein Gemahl; dort aber hatt' er von den Bediensteten erfahren, es sei ihnen nichts über einen Schopper aus Nürnberg zu Ohren gekommen; und daß des Kunz Ankunft dort unbekannt geblieben, war leicht erklärlich, sintemal selbiger um der Ursula willen nicht bei den Venetianern, sondern bei denen von Genua Herberge genommen. Wie der Braunschweiger hienach am Tage vor dem Aufbruch seiner Galeere den Fondaco der ersteren abermals besuchet, um die Abfahrtsgenehmigung und sein Hinterlegtes zu holen, war er der Tetzelin begegnet, und da selbige ihn erkannt und auch angeredet, hatt' er die Gelegenheit genützet, sie nach dem Herdegen zu fragen. Aus ihrem Munde nun, und aus keinem anderen, war ihm die Kunde geworden, der ältere Herr Schopper habe ein gewaltsam Ende gesunden, und da er nach dem Wo und Wie geforschet, hatte er die Antwort erhalten, doch wohl beim Minnespiel, so ja seines Daseins Zweck und Endziel gewesen. Uebrigens möge er denen zu Nürnberg raten, endlich von dem Spähen und Nachforschen zu lassen, das ihr allbereit der Mühe und des Schreibens überviel gekostet. Solche Reden hatten dem Jung-Kubbeling zwar übel gefallen, doch war er gelassen verblieben und hatte nur bemerket, daß sie dem Kunz, der mit ihm gekommen, einen Dienst erweisen werde, wenn sie ihm Näheres über das Ende des lieben Bruders berichte. »Da,« fuhr der Händler fort, »da gab es einen Anblick, dergleichen nicht vielen zu teil wird; – denn weil das Weibsbild toll und voll von Minne für den Herrn Kunz . . .« Hier aber fiel ich ihm ins Wort, um zu bemerken, daß er darin sicherlich irre; doch Jung-Kubbeling lachte nur kurz auf und fuhr unbeirrt fort: »Wer hat sie gesehen; ich oder Ihr? Aber Minne hin, Minne her; vernehmt mich nur weiter. Es war der Tetzelin sicherlich unbekannt geblieben, daß der Herr Kunz in Alexandria weile, und sobald sie es erfahren, begann das Forschen und Fragen. Auf Tag und Stunde wollte sie wissen, wann er vor Anker gegangen, warum er im Fondaco der Genuesen Quartier genommen, wann ich ihn zum letztenmal gesehen, und sogar von was Stoff und Farbe seine Gewänder gewesen. Vom Strumpfwerk bis zur Feder am Hute ging sie es durch. Was mich nun angeht, werde ich sie bei alledem blöd genug angestarrt haben; denn da ich zuletzt vermeldet, ich passe nicht auf dergleichen, doch am Abend habe er sich immerdar eines weißen Ueberwurfes mit einer spitzen Kapuze bedienet, wich ihr das Blut aus dem Antlitz, und mit ihm auch all seine Schöne. Einer Besessenen gleich, und wie von Gichtern befallen, schlug sie sich die Stirn, und als hätte der eigene Streich sie gefällt, wäre sie zusammengesunken, wenn ich sie nicht aufrecht erhalten. Doch plötzlich stund sie wieder gerad auf den Füßen, ließ mich gar unhold an und wies mir die Thür; ich aber bin schnell und willig genug von hinnen gewichen. »Weil ich draußen nun dem Uhlwurm berichtet, was ich von dem Junker Herdegen vernommen, war er mit seinem verwünschten ›Hin!‹ rasch bei der Hand; und wie selbiges mich alten Maulwurf verblendet, ihr habt's ja erfahren. Doch das Gebahren der Tetzelin von Nürnberg ist mir dannocht nachgegangen Tag und Nacht, auch noch gestern.« Dann rieb er sich die perlende Stirn, nahm einen Schluck und schöpfte tief Odem, sintemal es ihm wider die Gewohnheit lief, so lauge zu reden. Nachdem wir ihn aber wegen manches einzelnen befraget, wandte er sich wiederum an uns Mägede und sagte: »Vergebet den Umweg; doch man gewinnt mit der Zeit ein Aug' für die Falken, was ihre Tugenden sind, und woran sie kranken. Die Gattung erkennt sich aus dem Gefieder, dem Brustknochen, der Stelzen Farbe und manchem anderen Merkmal, die Sinnesart aus dem Blick und dem Schnabel, und das Gleiche gilt auch vom Menschen. Das alles hab' ich nicht aus mir selbst, sondern von meinem Vater selig, und was beim Falken der Schnabel, das ist bei unsereinem der Mund. Und ruf' ich mir nun der Tetzelin Antlitz vor Augen, wie es damals aussah, so weiß ich genug. Ja, ich will hinfüro den besten isländischen Edelfalken mit einer lahmen Krähe verwechseln, wenn nicht jedes Wort, so sie über des Junkers Herdegen Ende geredet, erstunken war und erlogen. Sie ist ein wohlgestaltet Weibsbild, von ausnehmender Schöne; doch wie ich vorhin beim Grübeln in den Würzburger schaute, ist mir ihr roter Mund mit den weißen Zähnen wiederum in den Sinn gekommen, wie er mir aufgab, die daheim zu warnen, nicht weiter nach dem Verlorenen zu forschen. Und ich will euch nun sagen, wessen selbiger Mund mich damals gemahnet: keines anderen, denn der Schnauze der Wölfin, die ihr an die Kette geleget. So zog sie die Lefzen auf, wenn der Uhlwurm in seiner Art mit ihr koste, und sie ihm freundlich that, indes es sie doch lüstete, ihm an die Gurgel zu springen. Und falsch, falsch, falsch ist auch alles gewesen, was mir damals aus selbigem Munde zu Ohren gekommen. Ich weiß, was ich weiß: Toll und voll ist sie von einem der jungen Schopper, wenn nicht von dem Kunz, so doch von dem anderen, sei es in Haß oder Minne. Schlaget nur ein Kreuzlein; doch dem einen oder auch beiden nach dem Leben zu stehen, des ist sie fähig. Daß der ältere Herr Schopper allbereit ein schmählich Ende genommen, glauben machen wollte sie's mich gewißlich, und einen unsauberen Grund dazu hatte sie ebenso sicher.« Hienach prustete der Alte, wischte sich die Stirn und warf sich in den Stuhl zurück; wir aber wußten nicht, was von seiner Aussage halten, und einer schaute den anderen fragend an; denn am letzten hätten wir in Jung-Kubbeling einen Herzenskünder vermutet. Nur der Ohm pflichtete ihm bei und wies auf die Zukunft, die bald bekräftigen werde, was des alten, weisen Jordan Sohn aus giltigen Merkmalen geschlossen. Nun ward des lauten Hinundher so viel, daß selbst der schweigsame Herr Kaplan das Wort erhob, um der Meinung des Braunschweigers über die Ursula beizupflichten und neu zu begründen, warum trotz ihrer Aussage der Herdegen noch recht wohl am Leben sein könne. Da flog plötzlich die Thür auf, und in den Rebenter stürzte die Schaffnerin, die sonst eine bedächtige Witib, und hinter ihr her der Muhme Gürtelmagd, beide mit glühenden Wangen und so ganz eingenommen von ihrer Sache, daß sie der Ehrfurcht vergaßen, die sie des Hauses Gästen doch schuldig, und es anfänglich schwerfiel, zu ergründen, was sie also in Aufruhr versetzte. Doch sobald uns solches geglücket, eilte Base Metz und hinter ihr her die Ann und ich der Thür zu und in das Ehaltengelaß, wo Meister Ulsenius des ausgezogenen Wandersmannes immer noch wartete; denn hatte die Schaffnerin recht gesehen, so war der wunde Gesell kein anderer als der Eppelein, des Herdegen vielgetreuer Knecht. Auch die Gürtelmagd, die ein jung, schmuck Weibsbild, wollte ihn wiedererkannt haben, und ihre Meinung war wohl von Gewicht, maßen sie zu den Mägeden gehörte, deren Gunst dem Eppelein geblühet. Bald stunden wir denn an des Wiedergekehrten Lager, mit dessen Verband an Haupt und Brust und Armen Meister Ulsenius soeben zu stande gekommen; denn der arme Bursch war gar übel zerschlagen, und hätte ohne der Braunschweiger Beistand sicherlich das Leben gelassen. Warum aber selbige ihn nicht erkannt, obzwar sie ihm in früheren Jahren häufig begegnet, solches war leicht zu erklären; denn auch mir wär' es schwerlich in den Sinn gekommen, der bleiche, hohläugige Sterbende dort auf dem Lager könne der flinke, frohgemute Eppelein sein. Doch er war es dannocht, und die Ann hatte sich alsbald vor seinem Lager auf die Kniee geworfen, und es klang gar beweglich, wie sie ihm: »Du arm, getreu Eppelein!« und andere gute Worte leise und inniglich zurief, ohne doch von ihm verstanden zu werden; denn er war bar der Besinnung. Fürs erste ließ sich auch nicht das Geringste von ihm erforschen, und solches war um so mehr zu beklagen, als ihn die Buberei der Kleider und selbst der Stiefel beraubet, also daß er, wenn er eines Schreibens Träger gewesen, selbiges nimmermehr ausliefern konnte. Er war aber als Bote gekommen; denn wie die Ann, nachdem die Herren uns verlassen, sich über ihn neigte, um ihm die heiße Stirn mit dem feuchten Tüchlein zu netzen, schlug er die Augen ein wenig auf, wies mit der linken Hand, die ihm heil verblieben, auf das Ende der Bettstatt, wo die Füße ihm ruhten, und murmelte wie verloren und kaum verständlich: »Der Brief! O das Brieflein!« Dann ergriff ihn abermals die Unmacht, und später wiederholte er noch mehrmals das nämliche Wort. So mußte ihm denn nur eines Herz und Sinn erfüllen, nämlich das Schreiben, dessen richtige Auslieferung ihm einer – und wer anders wohl denn sein lieber Herr? – auf die Seele gebunden. Jedes Wort, das er im Fieber vor sich hin rief, konnte uns Wichtiges künden, und da uns die Muhme um Mitternacht ins Bett rief, beharrte die Ann darauf, bei dem Eppelein Nachtwache zu halten, ich aber wäre zu dieser Stunde um vieles nicht von ihr gewichen. Weil sie nun mit dem Meister Ulsenius wohl vertraut und auch dem Uhlwurm allbereit aus freien Stücken in aller Stille zur Hand gewesen, fiel ihr des Wunden eigentliche Wartung wie von ungefähr zu; ich aber setzte mich vor den Kamin und schaute bald gedankenvoll in die spielenden Flammen und sprühenden Funken, bald auf das Siechenbett und das Treiben der Wärter. Hienach kam mir Sand in die Augen, und nun verging mir, bald hellauf, bald unter flüchtigem Träumen, Stunde für Stunde. So ward es Morgen, und da gab es etliches zu schauen, wovon ich nicht wußte, ob es sich in Wirklichkeit ereigene oder ob ich es nur im Schlummer gewahre, und es wollte mir so ergötzlich erscheinen, daß ich immer noch lächelte, wie der Schaffnerin Eintritt mich ganz aus dem Schlaf riß. Ich hatte aber zu sehen vermeinet, daß die Ann den grämlichen Uhlwurm ans Fenster gezogen, um ihm dort mit der kleinen, weichen Hand kosend über das rauhe Antlitz zu streichen. Je mehr nun dergleichen ihrem zurückhaltenden Wesen entgegen, desto ergötzlicher war es mir erschienen, und auch des Alten Behaben hatte mich zum Lächeln gezwungen, maßen er brummend und ihr dannocht gewärtig, ich weiß nicht was zugesagt hatte. Wie ich mich hienach, völlig wach, nach ihnen umschaute, waren sie wirklich verschwunden; die Schaffnerin aber hatte die Ann das Haus verlassen und hinter dem Uhlwurm her den Ställen zuschreiten sehen. Da ergriff mich eine seltsame Unruhe, und wie Jung-Kubbeling mir draußen auf meine Fragen erwidert, sein alter Uhlwurm habe bis Mittag Urlaub genommen um an der Stelle, wo sie den Eppelein auf der Straße gefunden, nach dem Brieflein auszuspähen, so er doch wohl bei sich geführet, ward mir auf einmal deutlich, was die Ann von dem Alten erkoset. Zehntes Kapitel. »Der alte Schuhu soll mein gedenken bis ein anderer sein nichtsnutzig ›Hin!‹ ihm selber nachruft!« also wetterte um weniges später der Ohm Kristan vor den Ställen, worin der Mathes meinen Fuchs zäumte und andere Knechte die Herrenrosse sattelten. Ich hatte mich heimlich dahin begeben, weil mir wohl bewußt, daß die Alten mir nimmer gestattet hätten, der Ann nachzureiten, und eben fuhr auch mein Herr Pathe in der schweren Sorge um den Liebling zu toben fort: »Und wovon haben wir gestern, der Meister und ich, uns dem ganzen Ritte hieher mit dem gottverlassenen Kinde geredet denn von den Untaten, so sich in der letzten Woche auf der Heerstraße und just hier im Walde begeben? Mit den eigenen Oehrlein hat sie vernommen, wie der Schürstab uns nötigte, sieben Aufsitzer als Geleit mitzunehmen, maßen sie vorgestern des Vorchtel und Schnöd vereinten Wagenzug überrannt und das Geleit sicherlich geworfen hätten, wenn selbigem nicht von ungefähr die Mannen Hilfe geliehen, so des Maurers und Derrers Gefährte beschirmet. Und dabei war es stockfinster, die Eulen zogen, die Füchse bellten, einen alten, narbigen Landsknecht konnte das Gruseln beschleichen. Eine Sünd' und Schand' ist's, wie die Schelme es treiben bis hart unter die Mauern der Stadt! Einem Tuchbereitergesellen haben sie die Ohren vom Kopf geschnitten, und wie ich dem jungen Wichsensteiner, dem Eber, und dem Gesindel, so sich an ihn gehänget, des Satanas Segen an den Hals gewünschet, vermaß sich die Ann, zu seinen Gunsten zu reden, sintemal er die grausame Art, mit der die Nürnberger seinen Vater, den Erzplacker, zu Tode gebracht, an ihnen heimzusuchen trachte. Als ob sie nicht wüßte, daß unser Land, seit wir den Eppelein von Gailingen gefangen, keine gleiche Mördergrube und Räuberhöhle gewesen! Wenn man weniger Staub verspüret auf den Straßen, sagte der Meister, so gescheh' es, weil das Blut ihn lösche. Und trotz alledem rennt nun die Blitzmaged mit dem alten Griesgram dem Satanas gerad' in die Arme!« Wie ich mich hienach im Stall zum Aufsitzen richtete, wandte sich der Ohm Konrad in lautem Groll gegen Jung-Kubbeling, weil er dem Uhlwurm gestattet, die Ann in solche Fährnis zu stürzen; doch der Braunschweiger wußte sich wohl zu verantworten und schloß mit der Beteuerung, daß er eher geglaubt hätte, seinen Falken könne eines Tages statt der Federn im Schweif ein Löwenschwanz wachsen, als daß es seinen alten Totenriecher gelüsten werde, gemeinsame Sache mit einer jungen Maged zu machen. Er sei gekommen, um den Herren zu raten, das Roß zu besteigen. Doch meines Herrn Pathen Frage, ob Jung-Kubbeling meine, sie stünden hier, um die Messe im Stalle zu hören, machte des Braunschweigers Rede ein Ende, und wie die Herren sodann den Knechten zuriefen, sich zu tummeln, saß ich allbereit im Sattel. Nachdem ich hienach dem Endres geboten, das große Hofthor ungesäumt offen zu halten, bückte ich mich fein, trabte durch die Stallthür ins Freie und bot den Herren einen fröhlichen Morgen. Wie aber die anderen den Gruß erwidert, und der Waldohm mich gefraget, ob ich seine Mahnungen zur Fürsicht vergessen, und wohin ich zu reiten gedenke, versetzte ich schnell: »Unter gutem Geleit, das heißt unter dem Euren, dem Annelein entgegen.« Da schlug der Waldohm mit der Gerte an den Stiefel und fragte mich unwirsch, ob ich auch bedacht, daß auf selbigem Ritt vielleicht Blut fließen werde, und schloß mit dem gütigen Rate: »Und so bleibst Du denn, Gredlein.« »Ich bleibe gehorsam wie immer,« lautete meine fürwitzige Antwort, »und weil ich einmal im Sattel sitze, mein Oehmlein, bleib' ich im Sattel!« Da wußte der traute Alte nicht, ob er den Spaß Spaß sein lassen, oder ein streng Gebot aussprechen solle, und während er und die anderen sich anschickten, in den Bügel zu steigen, rief er mir zu: »Laß doch bei solchem Ernst von den Possen, Du Tollkopf! Mit der Sorge um die Ann hätten wir, dächt' ich, übergenug! Also schnell, Gred, abgestiegen, und den Fuß aus dem Bügel!« »Ungesäumt, Oehmlein,« versetzt' ich nun hurtig. »Ich springe ab, sobald wir die Ann gefunden. Eher bringt mich auch der Riese Goliath nicht aus dem Sattel!« Da verließ den alten Weidmann die Ruhe, und während er sich auf dem großen Braunen zurechtrückte, rief er nur unhold und gebieterisch zu: »Mach mich nicht böse, Gred; Du steigst ab, und thust mir den Willen!« Doch er hätte mich zu jener Stunde leichter bewogen, ins Feuer zu springen denn die Ann im Stich zu lassen, und so hob ich Zügel und Gerte, und während der Fuchs zum Galopp ansprang, und der Ohm Konrad mir noch einmal und unwirscher denn vorher zurief: »Du thust mir den Willen!« versetzte ich fröhlich: »Verlaß Dich darauf, sobald Du mich einholst!« Und wie der Blitz trug mich das Roß durch das Hofthor. Die Herren jagten mir nach, und wenn anders es mich gelüstet, hätten sie mich bis an den jüngsten Tag nicht erwischet, sintemal mein ungarischer Zelter, den mein Hans bei der Fahrt an den Hof aus dem Stalle des Grafen von Cilly, der der Kaiserin Barbara Herr Vater, für mich erworben, weit schneller denn ihre schweren, ramsnasigen Hengste; doch ich begehrte nichts Besseres denn im guten Frieden die Ann mit ihnen zu suchen, und der Ohm war viel zu klug und milde gesonnen, um den Scherz, dem er doch nicht mehr zu wehren vermochte, auf die ernste Achsel zu nehmen, und so ließ ich sie mir denn bald näher kommen, und wir schlossen einen Vertrag, gemäß dessen nur alles vergeben und vergessen, ich aber gehalten sein sollte, bei der ersten Gefahr den Fuchs zu wenden und heim zu sprengen. Waren nun die Herren auch trüben Mutes und ernstlich besorgt zu den Ställen gegangen, so hatten sie doch bei dem wilden Ritt hinter mir her den frohen Mut wiedergefunden, und ob mir auch selbst das Herz bang genug schlug, that ich das Meine, um ihn aufrecht zu erhalten, und dazu half mir des Jung-Kubbeling Anblick. Selbiger hatte nämlich den Weg zu der Stelle zu weisen, wo sie den Eppelein gefunden, und nun hockte er auf einem mächtigen Rappen, von dem die kurzen Beinlein mit den Katzenfellen gar wunderlich in die Lust hinein stachen. Nachdem wir so eine gute Weile fürbaß getrabet, kam mir die frohe Zuversicht dannocht ins Wanken; denn waren die Ann und ihr Gefährte auch einige Zeit durch das Suchen zurückgehalten worden, hätten wir ihnen doch allbereit begegnen müssen, wenn sie sonder Aufenthalt zum Ziele gelangt und umgekehrt wären. Wie wir aber auf eine Lichtung gelangten, wo der Waldweg ein gut Stück zu überblicken, und dannocht nichts denn ein elend Kohlergefährt zu erschauen vermochten, war es, als lege sich eine kalte Hand mir gerade aufs Herz. Fort und fort blickt' ich scharf ins Weite, während eine ganze Heerschar von beklemmenden Denkbildern mir die Seele bewegte. Da sah ich die beiden in des rachedurstigen Eber von Wichsenstein und seiner wilden Raubkumpane Gewalt, da war es mir, als schleppe sie der habgierige Bremberger hinter das Zugthor seiner Burg, um – solches wäre noch das Glimpflichste gewesen – um hohes Lösegeld zu erpressen. Doch wenn der Abersfeld, der zügelloseste unter dem ganzen Rittervolk weit und breit, sie nun aufhob? – Das Blut gerann mir, wie ich solcher Möglichkeit gedachte; denn die Ann war so schön! Welchem Edelmann, der sie erbeutet, hätte sie nicht die Sinne entflammet? Und nun kam mir in den Sinn, was ich von der römischen Lucretia gelesen, und wär' ich eines Zaubers mächtig gewesen, hätt' ich dem nächsten Raben am Wege einen Dolch in die Klauen gegeben, um ihn ihr zu überbringen. In meiner Seele Angst führte ich, während ich Zügel und Gerte zugleich mit der Linken umschloß, mit der Rechten das goldene Kreuzlein auf meiner Brust an die Lippen, und in stillem, brünstigem Gebet stellte ich sie unter den Schutz der gnadenreichen Jungfrau und der eigenen lieben Mutter im Himmel. So kamen wir weiter und weiter, bis wir der Teiche bei Pillenreuth ansichtig wurden. Hart bei dem großen, den man den Königsweiher benamset, stund ein Wegweiser, und unweit desselbigen war die Stelle, wo sie den ausgeraubten Eppelein gefunden, und es war der rechte Platz für Strauchdiebe und Ritter vom Stegreif; denn er lag im Walde und abseit von der Heerstraße, die doch, kam es zur Flucht, schon bei Reichelstorf zu gewinnen. Auch gab es in nächster Nähe keine Burg oder Feste; denn das stattliche Bauwerk mit Wall und Graben, so sich am südlichen Rande des Königsweihers erhob, war nur das Kloster der friedlichen Augustiner-Nönnlein von Pillenreuth. Die Wasser umgab mooriger Grund mit entlaubten Sträuchern, Röhricht, Riedgras und Schilf. Es war eine gar trübselige, unwirtliche Stelle. Auf der sumpfigen Wiese, durch die der Weg zog, lag frisch gefallener Reif, und der Busch weiter gen Süden war ein Krähenhorst, dergleichen mir nimmer wieder begegnet; denn die schwarzen Vögel umkreisten ihn in dunklen Schwärmen und mit lautem Gekreisch, als erhebe sich in seiner Mitte Richtstatt und Galgen, und dazu schrillten und gurgelten aus dem Dickicht des Weiherufers andere Stimmen so trostlos traurig, als hätten sie das Leid der ganzen Welt zu beklagen. Hier hielten wir an und riefen und riefen, doch nur Krähen und Unken erteilten Antwort. »Hier ist es sicherlich gewesen,« beteuerte Jung-Kubbeling, und der Erbförster Grubner, der vor ihm abgesprungen, half ihm von der hochbeinigen Mähre. Auch die Herren waren aus dem Sattel gestiegen und schickten sich an, dem Braunschweiger über die Wiese und zu der Stelle zu folgen, wo sie den Eppelein gefunden; doch jener wehrte ihnen, sintemal sie die Spuren zertreten würden, die er zu prüfen begehre. Da blieben sie denn alle zurück und schauten ihm nach, und indes ich desgleichen that, wuchs mein Bangen, und ich glaubte zuversichtlich, die Krähe sei ein Unheil kündender Vogel, da ein großer, dunkler Schwarm den Kubbeling krächzend umkreiste. Dabei bückte sich selbiger, während er die Spuren auf dem bereiften Rasen erforschte, so tief, daß sein kurzer, zusammengeknickter Leib den Gnomen oder Wichtelmännlein gleich ward, so unter Wurzelwerk und in Felshöhlen hausen. Stumm und bedächtig ging er spähend und prüfend Schritt vor Schritt fürbaß, und nun nahm ich wahr, wie er den schweren Kopf bedenklich, ja wie in Kümmernis wiegte. Da fröstelte mich wieder, und es dünkte mich, das graue Gewölk am Himmel werde schwärzer und schwärzer, und durch den Nebel über den Weiher hin zogen totenbleiche, luftige Gestalten in lang hinwallenden Sterbehemden. Die dicken schwarzen Raupen am Rohr ragten wie Grabsteine regungslos in die Hohe, und die grauen, seidigen Wedel des Sumpfgrases, so der kalte Hauch des Novembermorgens bewegte, schienen mir mahnend abzuwinken und wie Geisterhände zu dräuen. Doch bald sollt' ich Krähen und Nebel und Schilf, ja den ganzen leeren Spuk, der mich geängstigt, um eines wohlbegründeten Schrecknisses willen vergessen; denn Jung-Kubbeling schüttelte das Haupt, und gleich darauf hörte ich, wie er den Waldohm und den Erbförster Grubner aufrief, ihm fürsichtiglich näher zu treten. Jetzt stunden sie neben ihm und beugten sich ebenfalls nieder, jetzt schlug der Waldohm in die Hände, und von seinen Lippen drang ein angstvoll: »Barmherziger Himmel!« Wenige Augenblicke später war ich auf den Zehen durch das feuchte, bereifte Gras an ihre Seite geeilet, und da wies sich denn wohl kenntlich eines zierlichen Weiberschuhes Spur, und man konnte so Sohle wie Stöckel aufs beste erkennen, und hart neben ihr sah man großer und breiter Männerfüße Eindruck, und die Hufeisen am Hacken lehrten Jung-Kubbeling, daß sie des Uhlwurm gewaltige Stiefel verursacht. Doch hatten wir die Gesuchten auch nicht angetroffen, so war ja der Forst überreich an Pfaden, aus denen sie an uns vorbeigezogen sein konnten; aber neben den Spuren der Maged und des Alten gab es noch drei andere. Sie ließen sich für die geübten Weidmannsaugen nur zu gut unterscheiden, und samt und sonders hatten sie Männerstiefel in das bereifte Gras getreten. Zwei davon stammten sicher und gewiß von fein geschnittenen Sohlen, wie sie nur geschickte städtische Schuster machen; ja, der einen folgte ein Streifen, der nur von einem Sporn herrühren konnte, während eine andere Spur so platt und groß war, daß sie gewiß dem Bundschuh eines Bauern oder Köhlers den Ursprung verdankte. Eine grüne Stelle im Reif war nicht anders zu deuten, als daß sie von einem Manne herrühre, der sich auf den Boden lang hingestrecket; ja, das Hinterhaupt des Gefallenen hatte einen faustgroßen Eindruck im Reife verursacht. Da lag es denn auf der Hand, daß die Ann und ihr Gefährte allhier von drei Räubern, zu denen ein Ritter und ein geringer Mann gehöret, überfallen worden waren, daß der Uhlwurm sich zur Wehr gesetzet und einen der Angreifer überwältigt oder den kürzeren gezogen und auf das Gras niedergesunken. Ach, da gab es wohl keinen Zweifel; denn Jung-Kubbeling zeigte eine Spur der Ann, über die der gespornte Fuß des Ritters hingetreten, woraus deutlich erhellte, daß selbige keinenfalls später denn die Mannsbilder hiehergekommen. Auch im Wege fanden sich frische Tritte von Roß und Mann, und so stund es fest, daß schändliche Buberei die Ann und den Uhlwurm aufgehoben und von hinnen geschleppt hatte, ohne doch Blut zu vergießen; denn davon war auf der ganzen Fläche nichts zu gewahren. Inzwischen war der Erbförster mit seinen Ganghündlein der Spur gefolget, die von der Stelle ausging, wo der Mann auf dem Rasen gelegen, und kaum waren sie in das Buschwerk gedrungen, als sich ein laut und ungestüm Gebell erhob und der Grubner uns anrief. Da fanden wir hinter dem hohen Erlengebüsch, so noch unentblättert, ein aus Pfählen ruhendes Holzdach, das des Klosters Fischer errichtet, um die Netze zu trocknen, und darunter lag ein älterer Mann in Knechtsgewand, der doch wohl beim Streit mit dem Uhlwurm ums Leben gekommen. Aber Jung-Kubbeling hatte sich bald neben ihm auf die Kniee niedergelassen, und wie er fand, daß das Herz ihm noch schlage, kam er bald auf die richtige Fährte. Der Knecht schlief hier einen Rausch aus, und dafür zeugte recht deutlich ein leerer Krug an seiner Seite; auch fanden wir ein klein Handgefährt, so voll von ähnlichen Gefässen, und wir atmeten nun auf; denn wenn der trunkene Gesell nicht selbst zu den Buschkleppern gehöret, hätten selbige ihn doch wohl aufgespüret und sich des guten Getränkes bemächtigt. Während Jung-Kubbeling Wasser aus dem Weiher holte, prüfte der Ohm Kristan die Krüge im Wägelein, und gleich in dem ersten fand er seinen Malvasier. Ob selbiger in das Kloster oder wohin sonst gehöre, sollte der Trunkene vermelden, und ein Strom kalten Novemberwassers brachte ihn bald zur Besinnung. Da bot es denn zunächst einen gar ergötzlichen Anblick, wie der so jach aus dem Schlummer Geweckte das Wasser in stumpfer Gelassenheit von sich ablaufen ließ und uns mit weit geöffnetem Munde anstarrte, und es bedurfte auch etlicher Geduld, bis er mancherlei zu künden vermochte, was wir erst später recht deutlich und im einzelnen erfuhren. Er war ein Knecht des Herrn Rummel von Nürnberg, der von Lichtenau ausgesandt worden, um den Nönnlein von Pillenreuth das gute Getränk zu überbringen; der Markt Lichtenau aber liegt hinter Schwabach und war früher dem Ritter von Heideck eigen gewesen, der ihn an die Stadt veräußert, von der ihn die Rummel, so allbereit damals ein alt und edel Geschlecht, samt dem Schlosse erstanden. Wie nun am gestrigen Abend der Ritter von Heideck, des Schlosses früherer Besitzer, ein ehrenfester Edelmann, mit dem Herrn Rummel auf der Burg von Lichtenau beim Nachtmahl gesessen, war ein Reitender von Pillenreuth vor sie getreten mit dem Gesuch der Aebtissin um Hilfe gegen räuberisch Gesindel, so dem Kloster etlich Vieh entwendet. Da hatten die Herren alsbald beschlossen, den Schwestern Hilfe zu bringen, und als fürsichtige Männer noch selbigen Abend ein Handwägelein voll guten Weines gen Pillenreuth gesandt, weil bei den frommen Nönnlein kein rechtschaffen Getränk zu erwarten. Wie die Herren hienach an selbigem Morgen au die Stelle gekommen, wo die Buberei den Eppelein ausgezogen, hatten sie die Ann, die ihnen von der Forstmeisterei wohl bekannt, mitten beim Suchen nach des Herdegen Brief getroffen und ihr mit den bespornten Stiefeln Beistand geleistet. Endlich waren sie in sie gedrungen, ihnen in das Kloster zu folgen; denn die Lichtenauer Aufsitzer hatten sich allbereit in der Nacht auf den Fang begeben und waren vielleicht der Uebelthäter habhaft geworden, und mit ihnen des Schreibens. Da hatte die Ann sich gern bereit gezeiget, solcher günstigen Ladung zu folgen, wenn es anging, denjenigen, so gewißlich von der Forstmeisterei kommen würden, um sie zu suchen, Kunde von ihrem Verbleib zu erteilen. Nun hatte der Herr Rummel dem Knechte, der eben mit dem Wägelein daherkam, geboten, hier zu verziehen, um uns auf das Kloster zu laden; der Bote aber, der sich allbereit unterwegs mit des Wägeleins Inhalt vertraut gemacht, hatte sich selbiger Thätigkeit weiter ergeben, war zuerst auf den bereiften Rasen niedergetaumelt und endlich unter des Fischers Schirmdach auf längere Zeit zur Ruhe gekommen. Leichteren Herzens denn ich nach jenem Berichte ist wohl selten eine Jungfrau ins Kloster gegangen, und obzwar es ja noch Grund genug gab zu zagen und zu bangen, stimmte ich doch gern ein in die Heiterkeit der anderen, und bevor ich wieder in den Sattel stieg, hatte ich etliche Küsse von bärtigen Lippen als Geleitsbrief für die Nönnlein empfangen; denn mein lieber Pathe war in seines Herzens überströmender Lust auf mich eingestürmt, um mir beide Wangen und die Stirn zu küssen; ich aber hatte ihm solches gern vergönnet und hienach lächelnd wahrgenommen, wie er Sorge trug, daß das Wägelein keinen weiteren Aufenthalt finde. In dem Kloster selbst gab es neue Freude. Der Nebel hatte uns denen darin lange verborgen, und so fanden wir die Herren mit der Ann, der Frau Aebtissin und einer Novize, die des Ohms Endres Tucher von Nürnberg junge Tochter, mein lieb Bäslein, das auch der Ann wohl vertraut, beim Frühmahl; denn ob das Kloster auch sonst den Mannsbildern verschlossen, stund es doch seinem Herrn Schirmvogte immerdar offen. Da gab es denn ein gar glückselig Wiederfinden und froh Begrüßen, ja dem Ohm Kristan rannen beim Anblick der Ann zum zweitenmal an diesem frühen Tage helle Thränen auf das runde Kinn, so bei ihm dreifältig doppelt. Wo aber etliche wohlbestallte Nürnberger Herren sich gütlich thun bei Speis' und Trank, und andere zu ihnen stoßen, da müssen sie niedersitzen und mithalten, und wär' es gar in der Hölle. Doch das Pillenreuther Kloster war ein gar heimlicher Ort, und seine Frau Aebtissin eine Edelfrau von feinen Sitten und wirtlicher Art, und so hatte sich denn im Handumdrehen die kleine Tafel verlängert und mit weißem Linnen, Tellern und allem Zubehör bedecket. Am Hunger und Durst fehlte es keinem nach dem Ritt durch den frischen Morgen, und wie seelenfroh war ich, mein Annelein heil und ungeschädigt wieder zu haben. Bevor noch die Rosse im Stall an die Halfter gebunden, saßen wir allbereit an der Tafel, und es gab vom ersten Augenblick an ein gar aufgeräumt und lebensvoll Hinundwider; ich aber hatte mit dem Ritter von Heideck wacker zu streiten, sintemal er zwischen der Ann und mir zu sitzen begehrte und auf der verkehrten Meinung bestund, ein artiger Ritter sei einer Jungfrau immerdar ein erwünschterer Nachbar denn die allertrauteste Freundin. Auch ward mir des Tafelns und der Neckerei bald zu viel, und am liebsten hätt' ich die Ann mir nachgezogen an eine einsame Stelle und dort unserer Teuersten gedacht. Endlich kam die Erlösung; denn der Lichtenauer Gleven Feldhauptmann Jörg Starch, ein langer, hagerer Kriegsknecht mit klugen Augen, einer kleinen, aufwärts strebenden Stutznase und dichtem Knebel- und Schnurrbart, trat ein und vermeldete, indes er die Hand an die Sturmhaube legte, kurz und als schneide er mit den weißen Zähnen ein Wort vom anderen: »Gekappt, gefaßt! Das ganze Gesindel.« Um weniges später waren wir alle auf dem Wall zwischen dem Weiher und Kloster, und da stund denn die armselige Buberei, die der Jörg Starch mit seinen Gereisigen umzingelt und aufgehoben, während sie sich an der Morgensuppe und dem Rest des gesottenen Fleisches geletzet. Sie hatten vermeldet, daß sie zu des Wichsensteiners Bande gehalten, doch wegen allzu harten Regimentes des Ebers von ihm abgesprungen und auf eigene Hand sich des Raubes befleißigt. Der Starch war freilich der Meinung, es müsse sich noch anders verhalten. Wie selbiger ausgesandt worden, hatt' er noch keine Kunde von der Unthat besessen, die an dem Eppelein begangen; sobald er aber vernommen, daß sie jenen auch der Kleider entlediget, hieß er sie, sich in eine Reihe stellen und faßte sie einzeln ins Auge; sie aber boten einen fast kläglichen Anblick, und wären sie nicht der Barmherzigkeit so sehr bedürftig gewesen, hätte ihr Aufzug sicherlich zum Lachen genötigt; denn der eine hatte sich einen roten Weiberrock als Mantel zugerichtet, indem er ihn über das Haupt gezogen und Löcher hineingeschlitzet, durch die er die Arme gestecket, und ein anderer langer Gesell trug eines Barfüßlermönches braune Kutte und auf dem Haupte einer Bürgerin Marderhaube, die ihm eines Säuglinges Windel auf dem Haare festhielt. Des Jörg Starch Forschung nach dem Verbleib der Kleider des Eppelein führte bald dahin, daß der eine auf sein gut und sauber Gewand, der andere auf die Weste, und der Stattlichste auf den Botenhut mit den Hahnenfedern wies, der von seinem verschlissenen Kittel scharf genug abstach. Während nun der Starch in den einzelnen Stücken nach dem Briefe suchte, beugte der Uhlwurm ganz still den langen Leib so tief vor ihnen zu Boden, daß man hätte meinen mögen, er halte Ausschau nach einem vierblätterigen Kleeblatt; – unversehens aber faßte er einen dürren, kleinen Gesellen mit hohlen Wangen und einem ärmlichen Knebelbärtlein am spitzen Kinn, der bis dahin am kecksten von allen dreingeschaut, an die Schuh', befühlte ihren oberen Rand und rief ihm dabei dräuend ins Antlitz: »Wo sind die Schäfte?« »Die Schäfte?« fragte der Kleine bestürzt. »Ich trage doch Schuhe, Meister, und Schuhe sind eben Stiefel, die bar der Schäfte, und die meinigen haben . . .« »Es haben,« wiederholte der Uhlwurm höhnisch, »es haben die Ratten aus Deinen Stiefeln Schuhe gemacht und die Schäfte gefressen; oder waren's die Mäuse? Hieher, mit Gunst, mein Herr Hauptmann!« Da folgte ihm der Starch, und nachdem er das hagere Bürschlein genötigt, sich des linken Schuhes zu entledigen, prüfte er ihn auf allen Seiten, strich sich den Schnurrbart höher und sagte gewichtig: »Fürtrefflich, Meister, das gibt zu denken! Ja, solches verleihet dem ganzen Handel ein neues Antlitz.« Hienach schrie er das Bürschlein an: »Wo sind die Schäfte?« Selbiger aber hatte Zeit gefunden, sich zu besinnen, und versetzte kecklich: »Ich bin nur ein arm, schwach Würmlein, Herr Hauptmann. Sie belasteten mich schwer, und so schnitt ich sie ab und warf sie in den Weiher, woselbst sich wohl jetzund die Karpfen daran letzen.« Dabei warf er mit dem einen Auge einen Blick auf die Genossen, als wollt' er aus ihren Mienen das Lob seines hurtigen Witzes lesen, doch selbige waren viel zu schwer geängstigt, um ihm das Begehrte zu zollen, und ihm selbst ward der kecke Mut schnell gebrochen, da der Starch ihn am Kragen packte und fragte: »Siehst Du den Ast da drüben, mein Bürschlein? Kommt Dir noch ein ander unwahr Wort über die Lippen, so werd' ich ihn, so wahr ich eines Edelmannes Sohn, mit einer so langen und schweren Birne belasten, wie er noch keine getragen. Die Schlinge gerüstet, Sebald! Und nun, mein Liebling, drei Fragen: Hat der Bote die Stiefel getragen? Wie kommst gerade Du, der von euerer Bande einer der letzten, zu den tüchtigen Schuhen? Und endlich: Wo sind die Schäfte?« Da bat der Kleine mit kläglicher Stimme eine Frage nach der andern zu stellen, weil es ihm sei, als brumme ihm ein Hummelschwarm im Schädel, und wie ihm der Starch den Willen that, versetzte er mit einem Blick auf die anderen, als woll' er sagen: »Das habt ihr davon, daß ihr meinen schnellen Witz nicht gewürdigt,« sie hätten die Stiefel allerdings dem Boten ausgezogen, und man habe sie ihm gelassen, weil sie den anderen allen zu eng gewesen, er aber mit einem kleinen und zierlichen Fuße begnadigt. Dabei schaute er uns Weibsbildern, so er längst wahrgenommen, ängstlich und dannocht geckenhaft nach den Augen, und fuhr sodann fort: »Die Schäfte, die« – und nun stockte er wieder. Aber nachdem der Starch abermals auf den Birnast gewiesen, stieß er wie in Verzweiflung herfür, die Schäfte habe ein anderer, der nicht mitgefangen, weil sie so gar schön und lang gewesen, für sich beansprucht. Da lachte der Jörg Starch so hell auf und schlug so laut in die Hände, daß wir Mägede baz zusammenfuhren, und rief: »Also doch, also dannocht! Gottes Tod, ihr Halunken. Die Wichsensteiner Sau hat euch noch gestern geführet, und es ist nur ein teuflisch Ungefähr gewesen, so den Schelm fern von euch gehalten, da ich euch einfing. Keinem anderen denn einem rechten und echten Hauptmann hättet ihr Lumpengesindel in diesem Moorland die Schäfte gelassen, und ich weiß auch, wohin die Sau – denn ein Eber ist der Wichsensteiner Botenmörder nicht mehr – wohin die Sau sich begeben. Aufgemerkt, Sebald! In welchem Dorfe hier herum sitzet ein Schuster?« »Zu Neuseß der krumme Peter und zu Reichelstorf der Hackspann,« lautete die Antwort. »So,« fuhr der Starch hienach fort, »solches war uns zu wissen vonnöten, und nun, mein Bürschlein« – damit schüttelte er den Kleinen von neuem, – »nun heraus mit der Sprache! Ist die Sau, oder, damit kein Mißverständnis entstehe, ist der Wichsensteiner Eber gen Reichelstorf oder Neuseß geritten? Wer soll ihm die Schuh' an die Schäfte setzen, der Peter oder der Hackspann?« Da schlug der Bedrohte die feinen Hände voller Bewunderung zusammen und rief: »Ist solche ausbündige Weisheit seit dem keuschen Joseph, der dem Pharao die Träume gedeutet, wohl jung geworden in Franken? Wer Euch betrügen will, Herr Obrist, der muß früher aufstehen denn wir armseligen, geschlagenen Tröpflein. Gen Neuseß ist er geritten, obzwar der Hackspann geschickter; doch Reichelstorf liegt zu nah' an der Straße, auf der Ihr ziehet, Herr Ritter, und wenn der Eber nur Eueres weitberühmten Namens Echo vernimmt, gestrenger Herr Freiherr und Obrist . . .« Da wetterte der Starch ihn an: »Und ich, Dein weitberühmter Herr Obrist, wie heiß' ich?« »Ihr?« fragte der Kleine, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ihr? Gütiger Himmel! Bei Tag und Nacht, bis zu diesem Augenblick ist es mir gegenwärtig gewesen; doch in dergleichen Aengsten vergäße ja solch ein arm Schneiderlein des leiblichen Vaters ehrlichen Namen!« Da lachte der Starch und schlug dem Kleinen in aller Gunst eins hinter die Ohren, und indes hienach seine Reisigen, denen er aufzusitzen geboten, in den Sattel stiegen, rief er dem Uhlwurm zu: »Das Weitere kann ich Euch überlassen, Meister; denn Ihr wißt, wo Barthel den Most holt! – Die Leute gebunden, Sebald, und fest verwahrt, und sodann einen Schweinestall gerüstet; denn wenn ich heute abend den Eber nicht einbringe, will ich mein Lebtag statt Jörg Starch Matz Dummernick heißen. Ihr habt es vernommen!« Damit begrüßte er uns, schwang sich auf den Hengst und ritt mit den anderen von dannen. »Ein schneidiger Gesell nach dem Herzen Gottes,« rief der Herr Rummel dem Waldohm zu, indes er ihm nachsah. Und das war der Starch; denn wenn wir solches auch nicht abwarten konnten, erfuhren wir doch schon am folgenden Tage, daß er seinen guten adeligen Namen fortführen durfte, sintemal er den Eber von Wichsenstein in des Schusters Werkstätte einfing und ihn nach Pillenreuth schleppte, von wannen er später gen Nürnberg kam und an den Galgen. In dem Uhlwurm hatte der Starch einen wackeren Ersatzmann gefunden; denn kaum war er verschwunden, als der Alte dem Schneider auch den rechten Schuh auszog, und nun ergab sich's, warum der Eppelein sich so ängstlich auf die Füße gewiesen; denn er hatte die ihm anvertrauten Briefe wirklich im Stiefel verwahret. Doch es fand sich nur einer unter dem oberen Leder der Sohle, den der Akusch an mich gerichtet. Nachdem wir aber den nunmehr barfüßigen Gesellen mit peinlicher Marter bedrohet, gestund er, daß er bis vor kurzem ein redlich Schneiderlein gewesen und bei der sitzenden Arbeit weiche Füße gewonnen. Da er nun die Botenschuhe angezogen, habe ihm etwas die Sohle gar peinlich geschunden, und wie er darnach geforschet, sei er unter dem Leder, worauf er getreten, eines großen Briefes ansichtig geworden, der mit einem Siegel verschlossen. Selbiger sei seiner Pein Grund und Ursach' gewesen, und darum habe er erst hineingeschaut, weil er wißbegierigen Sinnes und des Lesens als eines Schulmeisters Sohn bestens kundig; doch weil man dabei gewesen, das Feuer für das Nachtmahl zu entzünden, und es in der Feuchtigkeit sich zu brennen geweigert, hätten die anderen sich des trockenen Papieres bedienet, um die schwache Flamme zum Lodern zu bringen. Da war denn nur noch zu hoffen, daß der Schneider sich etlicher Sätze aus dem Briefe entsinne, und er wußte auch zu berichten, daß er an eine Jungfrau des Namens Ann gerichtet gewesen, und so Rührsames von treulicher Minne unter großer Not und schmerzlicher Trennung enthalten habe, daß ihm, da er auch einmal ein Feinsliebchen besessen, das Weinen nahe gewesen. Bei solcher Rede hatt' er wahrgenommen, daß die Ann diejenige, an welche das Schreiben gerichtet, und alsbald gab er ihr eine Menge der feurigsten Liebesschwüre zu hören, so er sicherlich dem »Amadis«, aber nimmermehr, wie er doch vorgab, dem Briefe entnommen. Eines konnte ihm indes nur aus des Herdegen Schreiben bekannt geworden sein, nämlich, daß der Briefsteller viel von Sklavendienst und gewaltig hohem Lösegelde, sowie von einer schlimmen Feindin und ihrem Hausherren geschrieben, gegen deren Ränke nichts auszurichten, es sei denn mit List und klüglicher Fürsicht. Selbigen Satzes aber wisse er sich fast genau zu entsinnen, maßen es ihm dabei in den Sinn gekommen, den Eber aufzureizen, mit seiner Schar geradenwegs ins Aegypterland zu ziehen und den unschuldigen Sklaven aus der ungläubigen Heiden Gewalt zu erlösen. Denn wenn er sich dem Leben an der Straße ergeben, so sei solches nur geschehen, weil man ihm vorgespiegelt, der Wichsensteiner habe nichts im Sinn denn den Armen wiederzugeben, was ihnen die Reichen genommen, und die Unterdrückten aus der Mächtigen Faust zu erlösen. Solches habe ihm keine Ruhe auf dem Schneidertisch gelassen, bis er die Nadel mit dem großen Küchenmesser der Meisterin vertauschet. Doch er sei bald inne geworden, daß Führer und Gesellen immer nur für das eigene Beste Sorge getragen. Auch sei er zu manchem Greuel und großer Schelmerei genötiget worden, gegen die sich alles, was in ihm, gar hart gesträubet; denn von seiner grundgütigen Frau Mutter her sei ihm eine weiche und rührsame Seele anerstorben, also daß er den Fliegen zur Winterzeit, wenn sie Not gelitten, Zucker gestreut, und es ihm sogar zuwider gewesen, in ein fleischfarben Gewand mit der Nadel zu stechen, aus eitel Furcht, ihm wehe zu thun. Weil die anderen den ausgezogenen Boten an der Straße liegen gelassen, sei er allein umgekehret und habe ihm mit dem eigenen Tüchlein die schwere Wunde am Haupte verbunden, und daß solches der Wahrheit entspreche, dafür werde das Tüchlein zeugen, in dessen Ecke seines Taufnamens »Pignot« Anfangsbuchstabe zu lesen, den seine grundgute Mutter selig hineingesticket. Er sei ein arm Waislein, und wenn . . . Hier versagte ihm vor Schluchzen die Stimme, doch fand er den fröhlichen Mut bald genug wieder; denn die Ann hatte das P. in der Binde um des Eppelein Haupt wahrgenommen, und es stund auch um den armen Schächer nicht viel anders als er vermeldet. Darum nahmen wir uns sein als Fürsprecherinnen an, und wenn er frei kam, hatte er solches einer barmherzigen Handlung und dem Buchstäblein zu danken, so die »grundgute Mutter« dem Sohne in das Tüchlein gesticket. Er ist auch später zu Velden ein ehrsamer Schneidermeister geworden und, statt fürder für die unterdrückten Mitmenschen zu streiten, hat er des langen Weibsbildes, so er sich später trotz seiner Kleinheit zur Hausfrau erkor, hart Regiment in aller Demut ertragen. Elftes Kapitel. Des Herdegen Brief hatte das Feuer verzehret, der des Akusch aber war an mich gerichtet und enthielt nicht viel anderes denn Danksagungen und Versicherungen der Treue, die mir galten, seiner »vielteueren Herrin«, sowie Grüße an die Base, die ihn stets mit gerechter Strenge zum Guten angehalten, und jedes Mitglied des Hauses. Nur die Nachschrift brachte eine Kunde von größerem Belang; denn sie lautete also: »Versichert und geschworen sei noch meiner gnädigen Herrin, daß die Meinen des Herrn Kunz warten als sei er daheim im eigenen Hause zu Nürnberg. Seine Wunden sind schwer, doch treue Pflege und Gottes des Barmherzigen Beistand werden sie heilen. Es gebricht ihm an nichts. Was des Herrn Herdegen Lösung angeht, so stellet sich ihr vieles entgegen. Hätte Gott der Allgütige meinen geehrten Vater nur noch wenige Wochen auf seiner großen Höhe erhalten, wäre ihm eines jeglichen Sklaven Lösung ein Kleines gewesen, nun aber haben ihn Feinde und ungerechter Argwohn in den Kerker gestoßen. O, daß Gott der Allweise auch so arge und übele Menschenkinder geschaffen wie seine Widersacher und das schändliche Weibsbild, so euch unter dem Namen der Ursula Tetzelin vielfach begegnet. Doch durch des Herren Herdegen Brief habt ihr allbereit das Nähere erfahren, und so werdet ihr wohl verstehen, daß eueres gehorsamen Dieners täglich Gebet von dem Höchsten erflehet, es möge euch glücken, einen weisen und mächtigen Herren hieher zu senden, auf daß er uns helfe; denn die Arglist und Wut der Feinde ist so groß wie ihre Macht. Sie sind Leuen und zugleich giftige Schlangen!« Selbiges Schreiben, so ich von Fehlern gesäubert, maßen es mir, der Lehrerin des Briefstellers, zu geringer Ehre gereichet, war mit dem Namen Akusch gezeichnet; dahinter aber stund zu lesen: Ibn Tagri Verdi al-Mahmudi , was so viel besaget wie: Akusch, Sohn des Tagri Verdi al-Mahmudi. Vor Sonnenaufgang waren wir wieder auf der Forstmeisterei und fanden dort die Muhme Jacoba weit ruhiger denn wir erwartet, sintemal ihr nicht nur der Hausherr kurze Nachricht gesandt, sondern ihr auch alles genau mitgeteilt worden war, was uns zurückgehalten; denn Jung-Kubbeling hatte sich, obzwar ihn die Frau Aebtissin zur Tafel geladen, heimlich davongemacht, um Botendienst zu verrichten, maßen ihm der Gedanke an die schwer besorgte Frau keine Ruhe unter den Schmausenden gelassen. Mit dem Eppelein stund es weder besser noch schlechter; doch an seiner Statt wußte uns der mit allen Händeln der Welt vertraute kaiserliche Rat Herr Windecke, der in unserer Abwesenheit die anderen Weibsbilder und voran die Base Metz durch weidliche Unterhaltung baz für sich gewonnen, etwas, so uns in des Akusch Briefe unverständlich gewesen, aufs beste zu deuten; denn da ich ihm selbigen wies, fuhr er erstaunt in die Höhe und versicherte, der Tagri Verdi al-Mahmudi, der meines Knappen Vater, sei der fürnehmste Feldhauptmann des Heeres gewesen, das die Streitmacht von Cypern geschlagen und den König Janus dem Sultanus zu Altkair als Gefangenen eingebracht habe. Ja, er wußte uns auch zu vermelden, was es mit dem Sturz jenes Tagri Verdi auf sich habe; denn durch einen zyprischen Edelmann, der an den Hof des Kaisers gekommen, um selbigen anzugehen, für die Lösung des gefangenen Königs Janus zu sorgen, hatte er Folgendes vernommen: Als es des Akusch ruhmreicher Vater zugleich mit dem jetzigen Sultanus Burs Be zum Rang eines Mamlukenführers gebracht, waren beide während eines Krieges in Gefangenschaft und in den nämlichen Kerker geraten. Dort hatte Tagri Verdi eines Nachts geträumet, sein Genoß Burs Be werde später auf den Thron erhoben werden, und ihm solches gekündigt. Als selbige Wahrsagung sich dann erfüllet und Burs Be Sultanus geworden, war Tagri Verdi schnell von Stufe zu Stufe gestiegen und hatte als großer Emir und Feldhauptmann seines Gebieters herrliche Siege erfochten. Sein Gebieter überhäufte ihn auch mit Ehren und Schätzen, bis er erfuhr, der frühere Genoß habe zum andernmale geträumet, und diesmal, daß es ihm selbst beschieden, den Thron zu besteigen. Da war großes Bangen über den Sultanus Burs Be gekommen, also daß er den siegreichen Feldhauptmann in den Kerker geworfen und manche besorgten, er werde auch seines Lebens nicht schonen. Doch der Herr Windecke wußte noch mehr zu berichten, und wie wir durch ihn erfuhren, daß der Kaiser Sigismund wegen seines leeren Schatzes nichts für die Lösung des Königs Janus zu thun vermöge und die von Venedig selbige in die Hand nehmen würden, überkam uns neues Bangen; denn solches mußte dem hohen Ansehen, dessen die Republik allbereit längst im Aegypterland genoß, und damit auch dem des Giustiniani, ihres Konsuls, neuen Vorschub leisten; damit aber ward es auch der Ursula, seiner Hausfrau, gegeben, alles Uebele, so sie gegen den Herdegen im Sinn trug, mit größerer Sicherheit ins Werk zu setzen. Still und niedergeschlagen begaben wir uns zur Ruhe, und nachdem wir lange keinen Schlaf gefunden, rang es sich mir über die Lippen: »Mein arm, lieb Kunzlein! Im heißen Mohrenlande wund und verlassen darniederliegen, o Ann, das muß hart sein!« »Hart!« wiederholte sie leise. »Doch ein freiem Mann, und noch dazu ein so hochgemuter wie der Herdegen, als Sklav eines ungläubigen Heiden, fern von allem, was ihm lieb, für jeden widerspenstigen Blick gestäubt und gescholten; o Gred, Gred, dergleichen auch nur zu denken!« – Dabei erstickte ihr die Stimme, ich aber sprach ihr zu und zeigte ihr, daß wir des Dankes voll zu sein hätten, weil wir doch endlich wüßten, daß unsere Liebsten am Leben. Hienach ward es still in der Kammer; mir aber kam wiederum in den Sinn, daß des Akusch Gebete erflehten, ein weiser und gewaltiger Herr möge von Nürnberg kommen, um den Feind zu bewältigen, und nun zermarterte ich mir das Hirn, wen wir aussenden könnten, um der Brüder Sache zu führen, doch immer vergebens; denn keiner, der mir in den Sinn kam, mochte Nürnberg auf so lange Frist verlassen oder war geschickt für solche Sendung. Wer von uns zuerst den Schlaf fand, weiß ich nicht zu vermelden, doch als ich am Morgen erwachte, hatte die Ann allbereit die Kammer verlassen, und während die Sus mir beim Zöpfen half, gewann das, was ich bei Nacht geplanet, festere Formen, und mit einem großen Entschluß, der mir das Herz schneller bewegte, begab ich mich hinunter. Wie ich den Soler betrat, bot sich mir wach ein ähnlicher Anblick wie gestern morgen im Halbschlaf; denn statt auf den Uhlwurm hatte die Ann es diesmal auf Jung-Kubbeling gemünzet. Wie jenem stund sie jetzt diesem gegenüber, blickte ihm traut in die Augen und hielt seine große Hand in der ihren; ja, auch da sie mich wahrnahm, ließ sie ihn nicht los und rief mit heller, von Dank erfüllter Stimme: »So bleibt's denn dabei, Vater Seyfried, und thut Ihr mir den Willen, dann kommen wir zum Ziele, und Euer Leben lang werdet Ihr solchen guten Werkes fröhlich gedenken.« »Hat sich was mit dem ›fröhlich‹,« versetzte der andere. »Wenn ich nicht der größte Narr bin von Venedig bis Island, will ich nicht Kubbeling heißen. Kenne mich selbst kaum wieder! Doch unbesorgt! Mein Wort bleibet stehen, wenn mich auch während der winterlichen Fahrt das grausame Reißen . . .« »Vor dergleichen wahren Euch die Heiligen bei solcher Gutthat,« versicherte die Ann; »und faßt es Euch dannocht, mein lieb Vaterlein, so wart' ich Eurer wie die leibliche Tochter. Und nun nochmals die Hand und tausend und abertausend Dank!« Da reichte ihr der Kubbeling mit trübseligem Gebrumm und dannocht schmunzelnd die Rechte, und die Ann hielt sie fest und rief mir zu: »Du bist Zeuge, Gred, daß er mir den Willen zu thun verheißen. O Gred, fortfliegen möcht' ich!« Und wirklich hätte man meinen mögen, es seien ihr Flügel gewachsen, und aus den Augen leuchtete es ihr gar fröhlich und dankbar; ich aber hatte allbereit bei ihren ersten Worten erkannt, wozu sie Jung-Kubbeling geworben, und solches mußte mich wie ein Wunder dünken, sintemal ich allbereit in der Nacht ganz Aehnliches im Schilde geführet und während des Zöpfens beschlossen, den nämlichen Seyfried Kubbeling anzugehen; mir in das Aegypterland das Geleit zu geben; denn wem wäre wohl der Weg dahin besser vertraut gewesen! Doch die Ann war mir zuvorgekommen, und weil ich es auf der Treppe laut werden hörte, fand ich nur noch Zeit, ihr zuzurufen: »Wir reisen, Ann, es ist beschlossene Sache!« Da schaute sie mir erst verwundert und dann mit einem zustimmenden, glückseligen Lächeln ins Aug' und versetzte: »Du hast auch auf dergleichen gesonnen, ich weiß es. Ja, Gred, wir reisen.« Weil nun die anderen eben herbeigeströmt kamen, behielt ich nur Zeit, ihr schnell die Hand zu drücken; nachdem aber die meisten in den Rebenter gedrungen, wo die Morgensuppe allbereit auf der Tafel dampfte, blieben außer der Base Metz nur der Waldohm und der Ohm Kristan mit uns zurück. Da fragte jener den Braunschweiger, ob er in der That heute aufzubrechen gedenke, und selbiger versetzte, nein, wenn anders der Herr Reichsforstmeister ihm noch Herberge vergönne und in einen Anschlag willige, zu dem man ihn soeben geworben. Da reichte ihm der Ohm die Rechte und rief, je länger er es sich bei ihm gefallen lasse, um so besser. Hienach begann er mit einiger Neubegier nach dem Anschlag zu fragen; ich aber nahm die Erklärung auf mich und berichtete kurz, wir hätten bei Nacht überlegt, wen wir wohl den Brüdern zu Hilfe senden möchten, und mit der Morgensonne sei uns das rechte Licht aufgegangen, und da wir auch einen treuen und erfahrenen Geleitsmann gefunden, hätten wir beschlossen . . . Hier unterbrach mich Base Metz, die sich mir mit offenen Ohren genähert, mit einem lauten und banglichen »Was?« Ich aber schaute ihr fest in die Augen und fuhr unbeirrt fort: »Was wir beschlossen, Base, das stehet, – damit Du und ihr es im voraus wisset, – das stehet so fest wie die Burg auf dem Felsen. Und es sei Dir und euch anderen mit Gunst vermeldet, daß ich diesmal keinem gestatten will, mir die Wege zu kreuzen. Kurz denn und bündig: Ich, die Gred, und mit mir die Ann, wir fahren unter des Kubbeling Geleit ins Aegypterland und gen Altkair!« Da fuhr die wackere Alte mit einem Aufschrei zusammen, und indes der Braunschweiger des Rebenters Thür anzog, damit uns die anderen nicht hörten, brach sie mit glühenden Augen schier außer sich los: »Das, das also habt ihr beschlossen! Der Jungfrau Dank, daß Beschließen und Vollbringen nichts weniger denn eins sind. Meinet ihr, ihr hättet die Liebe für die beiden da drunten in Pacht oder zu Lehen? Als wären andere nicht ebenso willig bereit, das Beste für sie zu opfern! Doch, Kopf durch die Wand hat den Schädel zerrannt! Was einer Maged nicht ziemt, davon laß sie die Finger! Ein gar zu aberwitziger Einfall! Daß er Dir durch den Schopperkopf geflogen, ist ja kein Wunder, doch die Ann, die bedachtsame Ann! Ob man von dergleichen zu unserer Zeit auch nur geträumt haben würde, Herr Vetter? Da stehen sie, zwei ehrbare Nürnberger Jungfrauen, die man nach dem Ave Maria nicht allein ins Nachbarhaus gehen läßt! Und das will aufs Meer in die aschgraue Fremde, mitten hinein in den Rachen der gräßlichen Christenschinder und Heiden!« Dabei schlug sie laut in die Hände und schalt nach einem hellen Gelächter, so ihr doch nicht vom Herzen kam, weiter: »Neu wenigstens wär' es und das erstemal, daß dergleichen jung würde in Nürnberg!« Doch des ganzen heiligen römischen Reiches Widerstand und Spott hätten die Ann so wenig wie mich zum Weichen gebracht, und so versetzte ich laut und entschieden: »Alles, was gut und recht ist in Nürnberg, herzliebe Base, das hat sich daselbst immerdar einmal zum erstenmal begeben, und daß wir fahren, ist recht und gut, und so bleibt es dabei!« Da wich Base Metz verdutzt von mir zurück und maß uns eine nach der andern mit einem fragenden Blicke und so nachdenklichem Wesen, als mühe sie sich ab, ein dunkeles Rätsel zu lösen. Dann begann ihr die gewaltige Brust auf und nieder zu steigen, und wer sie kannte, dem mochte es mit nichten entgehen, daß etwas Großes und Besonderes in ihr vorging. Wie sie aber hienach das schwere Haupt hin und her wiegte und die Fäuste hart auf die Hüften stemmte, da hielt ich mich eines jachen und erschrecklichen Sturmes gewärtig, und auch der Waldohm schaute ihr mit bänglicher Erwartung ins Antlitz; doch es dauere lang, bis er herfürstob. Wie aber ward mir, als sie endlich die Hände von den Seiten löste und indem sie mit der rechten in die linke schlug, daß es dröhnte, aufbegehrend und dabei dannocht mit schalkhaftem Frohmut und feuchten Augen herfürstieß: »Wenn denn alles Gute und Rechte immerdar einmal zum erstenmal geschehen muß in Nürnberg, dann soll man in dieser guten Stadt gewahren, daß eine grauköpfige Alte mit dem Zipperlein im Zeh von der Pegnitz über das Meer fährt und zu den greulichen Heiden in Altkair! Euere Hand her, Jung-Kubbeling, und die eueren, ihr Mägede. Wir sind Wandergenossen. Abgemacht! Punktum und Streusand darüber!« Da schrie die stille Ann laut auf und warf sich erst der Base um den Hals und dann auch mir und dem Waldohm; selbiger aber stund da wie vor den Kopf geschlagen, und ebenso mein Herr Pathe Kristan. Beiden widerstund es, unsere Freude zu trüben, doch der Ohm Pfinzing brummte alsbald, unser Anschlag sei eitel jugendlicher Fürwitz, Narretei und dergleichen. »Jedenfalls ein ungelegt Ei, so lange meine Hausfrau nicht den Senf zu der gepfefferten Brühe gegeben,« versicherte der Waldohm und verließ uns, um der Muhme unwillig zu künden, was die Weiberköpfe da drunten für närrisch Zeug zusammengebraut. Auch der Kubbeling schüttelte in aller Stille den schweren Kopf; denn er wußte, daß gegen die Gestrenge droben schlecht aufzukommen. Er und Base Metz hatten immerdar mit dem Ohm Kristan in gutem und fröhlichem Einvernehmen gestanden, heute aber war ihm ein Hase über den Weg gelaufen; denn weder gönnte er jenen einen Blick noch fand er ein Wort für sein Herzblatt, die Ann, und wie er sich endlich einigermaßen zurecht gefunden, polterte er mit so rotem Haupt und so voller Ingrimm herfür, daß wir besorgten, ein neuer Schwindel könne ihn treffen: der Kubbeling wie die Base sollten sich schämen, maßen sie nicht wie besonnene Alte, sondern wie ein Paar junger Obenhinaus zu handeln gedächten. So ging es weiter, bis es dem Braunschweiger zu viel ward, und er plötzlich in großem Unmute ausrief, was er uns verheißen, sei sicherlich nichts weniger denn weise, ja es werde ihm nichts daraus erwachsen denn Schaden, doch selbiger treffe ihn allein, und er nehme ihn auf sich, und wenn der Herr Pfinzing noch fragen könne, aus was Ursach' und Absicht, möcht' es ihm leid thun; denn seines Wissens stünden auch ihm die unglückseligen jungen Herren Schopper um ein weniges näher denn der Mann im Monde. Er hüte sich sonst klüglich, für andere die Haut zu Markte zu tragen, bei diesem Handel aber scheine selbige ihm keineswegs zu teuer; denn gegen die Arglist der Tetzelin, der fürnehmen Hexe im Aegypterland, vermöge weder der beste Wille noch die stärkste Faust etwas auszurichten, vielmehr bedürfe es dazu eines feineren Kopfes als des groben Dinges, so ihm der Herrgott auf des Halses Stümpflein gefüget. Er habe sich aber gelobet, der Teufelin das Spiel zu verderben. Unsere treufeste Minne und klugen Häuptlein würden ihm den Bestand schon leisten, des er bedürfe. Auf die Base setze er das Zutrauen, mit dem Leibhaftigen selbst ein Tänzlein zu wagen, wenn die Not es erheische. Uns allesamt wohl zu schützen, dazu fühle er sich Mannes genug. Nun kenne der Herr Pfinzing seine Meinung, und wenn er noch ein Mehreres zu erfahren begehre, werde er ihn bei den Pagelunen finden, mit denen der Uhlwurm heute noch ohne ihn aufbrechen solle. Damit kehrte er den anderen den Rücken und verließ mit harten Tritten das Zimmer; auf der Schwelle aber wandte er sich noch einmal um und rief: »Doch was Ihr auch im Sinn führet, Herr Pfinzing, reinen Mund gehalten, auch gegen die dort beim Frühmahl, schon wegen der Tetzelin-Natter; denn der Wind fliegt schneller als wir über die Pfütze!« Bei selbiger Rede hatte der Ohm Kristan die Gelassenheit wiedergefunden und folgte dem Kubbeling so schnell wie es ihm seines Leibes große Fülle erlaubte, und zwar mit nichten, um weiter mit ihm zu grollen. Die anderen, so beim Frühmahl saßen, hatten zum guten Glück nichts von unserem Handel vernommen, maßen der Herr Windecke so viel Neues zu berichten wußte, daß aller Ohren an seinem Munde hingen, der wiederum über dem Reden des Speisens vergaß. In der Base Metz waren zwar bei den ungestümen Worten meines Herrn Pathen etliche Bedenken erwacht, doch selbst ein gewaltsamer Einspruch wäre nicht im stande gewesen, sie von etwas, so ihr als gut und recht eingeleuchtet, abwendig zu machen; nur überließ sie es uns mehr als gern, mit der Muhme Jacoba selbigen Handel ins reine zu bringen. So stiegen wir denn zu ihr hinauf, doch vor der Kemenate wollte der Mut uns schier sinken; denn durch die Thür vernahmen wir des Ohms unwillige Rede und dazwischen jenes Lachen der Muhme, dessen sie sich gern bediente, wenn ihr etwas zu Ohren kam, so sie als widersinnig zurückwies. »Und wenn sie nun Nein sagt?« fragt' ich die Ann. Da breitete sich selbiger ein gar trüber und schmerzlicher Schleier über das Antlitz, und es klang kleinmütig genug, wie sie versetzte, dann freilich sei alles vorbei und eine schöne Hoffnung verdorret; denn sie schulde der Frau Waldstromerin weit mehr als sie ihr je heimzahlen könne, und was sie wider ihr Verbot unternehme, das werde gewiß nicht zum Guten gedeihen. Da hörten wir die Muhme abermals lachen, und nun faßt' ich mir ein Herz, drückte auf die Klinke und schritt der Ann voraus in die Kemenate. Doch wenn wir allbereit draußen geringe Hoffnung geheget, so ging sie uns drinnen völlig verloren; denn der Ohm stund bei unserem Eintritt hart vor der Muhme, also daß er uns den Rücken kehrte und unsern Eintritt nicht wahrnahm, und schon seiner Haltung merkte man an, daß er baz aufgebracht und verdrossen; auch zitterte ihm die Stimme wie er mit heftigem Achselzucken und hochgehobener Hand ausrief: »Hirnverbrannt und unziemlich zugleich ist solcher Anschlag!« Weil ich aber jetzund unsere Anwesenheit zum drittenmal durch lautes Husten kenntlich machte, nahm er uns wahr, wandte uns das hochgerötete Antlitz entgegen und rief uns ärgerlich zu: »Da seid ihr ja selber, und wie es auch kommt, das wenigstens soll noch gesagt sein: wenn das Elend hereinbricht, ich wasche die Hände in Unschuld!« Damit schritt er hastig der Thür zu und hatte den Arm schon erhoben, um sie mit aller Macht zuzuwerfen, als ihm das Siechtum der Frau Liebsten in den Sinn kam und er den offenen Flügel behutsam an sich zog, und die Klinke leis aus der Hand ließ. Nun stunden wir der Muhme Jacoba gegenüber und trauten weder Augen noch Ohren, da sie uns beide Arme weit öffnete und mit strahlenden Augen und froh erregter Stimme ausrief: »Hieher, her zu mir, Kinder! O, Ihr lieben, Ihr guten, Ihr prächtigen Mägede! Warum bin ich ein so alt, gefesselt, bresthaft Weibsbild! Warum kann ich nicht mit Euch!« Schon auf ihren ersten Ruf hatten wir uns beide neben sie auf die Kniee geworfen, und nun drückte sie unsere Häupter inniglich an sich, küßte uns Mund und Stirn und rief dann mit überströmenden Augen: »Ja, Kinder, ja, so ist's brav und das Rechte! Mut und Treue sind doch nicht erstorben in der Nürnberger Weibsbilder Herzen. Wie so tausendfach oft hab' ich selbst den Anschlag geschmiedet, auf und davon zu ziehen, dem schlimmen, dem lieben, dem trutzigen Flüchtlinge, meinem Götz, nach, wohin es auch sei, über Berge und Meere ans Ende der Welt. Aber ich, ich elendes Jammergerippe! Doch was der Alten versagt war, das erfüllt jetzt die Jugend, und die Jungfrau und alle Heiligen werden Euch schützen! Und der Kubbeling, Jung-Kubbeling, der wackere, treufeste Seyfried! Daß Ihr mir ihn alsbald heraufführt! So rauh und so gut! Auch mein Alter muß poltern und toben, und zuletzt wickelt ihn sein schwach und bresthaft Nichts von einem Weiblein doch um den Finger. Laßt mich nur machen, und haltet euch getrost seines Segens versichert!« Am Nachmittag zog der Uhlwurm mit dem Wagen voller Pagelune von dannen, um sie gen Frankfurt zu führen, wo des Kubbeling Aeltester mit neuen Falken des Vaters harren sollte. Doch bevor der grämliche Graukopf aufs Roß stieg, raunte er der Ann zu: »Schaffet, trauteste Maged, daß der Seyfried mir gestattet, mich Euerem Geleit ins Aegypterland zu gesellen, und ich wirke Euch einen Zauber, der Euch den Herzliebsten sicher zurückgibt, dafern er noch nicht . . .« Hier wollt' er sein altes »Hin!« rufen; doch er bezwang sich und hielt es zurück. Jung-Kubbeling blieb auf der Forstmeisterei zurück, und was den Waldohm angeht, so erwies sich bald, wie sehr die Muhme mit der Meinung über ihn im Rechte; denn da wir in die Stadt zurückkehrten, hatt' es ganz das Ansehen, als ob er und seine Hausfrau von Anfang an der gleichen Meinung gewesen; ja, unser Entschluß ward ihm immer genehmer, je fester sich die Ansicht in ihm bestärkte, unseren klugen Frauenköpflein werde es glücken, seinen landfremden Sohn wiederzufinden und ihn heim zu locken in den väterlichen Forst. Zwölftes Kapitel. Des Jung-Kubbeling Rat, unseren Anschlag geheim zu halten, befolgten wir mit aller Fürsicht, und auch den Gästen aus der Forstmeisterei blieb er verborgen. Dagegen hatten sie erfahren, was des Herdegen Brief uns vermeldet, und daß die Ursula es sei, die meinen Aeltesten mit tückischer Feindschaft verfolge. Obzwar wir nun jeden einzelnen verpflichtet, reinen Mund darüber zu halten in Nürnberg, mochte doch keine und vielleicht auch keiner solcher seltenen Dinge vor den nächsten Blutsfreunden daheim völlig geschweigen, und weil es ihnen untersagt war, klärlich darzulegen, was der Heimkehr unserer Brüder im Weg stund, erwuchs unter den Gevatterinnen und Basen allerwärts die Meinung, es bedürfe großer und unerschwinglicher Summen, um die jungen Herren Schopper zu lösen. Auch andere sonderbare Gerüchte kamen in Umlauf und überboten einander, der Brüder harten Sklavendienst mit gräßlichen Farben zu schildern. Anfänglich verdroß mich dergleichen, bald aber hörte ich es weniger ungern, sintemal es die Barmherzigkeit wachrief, und die nämlichen Bürger und Weibsbilder, so den Herdegen vormals einen Teufelsbraten gescholten und ihn gern auf dem Scheiterhaufen gesehen, jetzund in ganz anderer Weise seiner gedachten. Dem Mitgefühl sind eben freundliche Augen eigen, die sich dem Guten weit öffnen und dem Bösen willig verschließen, und so kam es, daß sie des armen Sklaven reiche Gaben, so nun der Vaterstadt verloren gingen, in den Himmel erhoben. Dazumal brachte auch ein Brief des Herrn Kardinals die tröstliche Kunde, daß er bereit sei, dem Großohm Im Hoff die letzte Oelung zu reichen, wenn er ihn bei der Rückkehr von England in wirklicher Lebensgefahr finde. Die nächsten Schreiben hatte er in die Stadt Brüssel zu senden verordnet, und nachdem die alte Frau Meisterin, die der Waldmuhme Weisheit und Fürsicht baz hoch hielt, uns gleichfalls die Einwilligung zur Fahrt ins Aegypterland gegeben und auch den Sohn und Frau Giovanna genötigt, das Gleiche zu thun, schrieb die Ann dem Herrn Kardinal, der doch des Pernhartschen Hauses ehrwürdig Haupt, einen langen Brief, worin sie ihm in beweglichen Worten darthat, aus was Zweck und Ursach' sie sich zu solchem Wagnis entschlossen. Am Ende bat sie ihn um seinen Beistand und Segen und erklärte, daß die innere Stimme, auf die er sie selbst zu achten gelehret, sie versichere, etwas im Sinne zu tragen, das Gott und der Jungfrau genehm sei. Mir selbst wäre ein gleiches Schreiben nimmer gelungen, und wie ruhig ging die Ann auch jetzund den Pflichten jeden Tages nach, während Base Metz, so schwer sie die Füße auch trugen, wie ein Irrwisch bald hier und bald dort war. Die Ann hatte auch zuerst den Einfall gehabt, Jung-Kubbeling in den Füttererhof zu führen und sich dort über die Wege zu unterrichten, so gen Genua leiten, sowie über die Händler, so sich dort bereit finden möchten, seine Falken ins Aegypterland zu verkaufen; denn nur wenn wir auf einer anderen als einer venedigschen Galeere nach Alexandria kamen, konnten wir den Spähern der Ursula entrinnen, und daß der Kubbeling durch uns Verlust erlitte, war uns allen billig zuwider. Da aber der alte Herr Fütterer selbst in Nürnberg zugegen, zeigte er sich bereit, die Falken von seinem eigenen Haus für die gleichen Preise wie die von Venedig, durch Kauf zu erwerben, und solches war dem Braunschweiger nicht wenig genehm, maßen er wohl einsah, daß er von denen am Lido später bessere Preise zu erzielen vermöge, wenn sie gewahrten, daß ihm auch andere Vermittlung denn die ihre zur Hand sei. Auch das sprach für den Weg über Genua, daß wir an keine Abfahrtszeit gebunden, weil der alte Fütterer sich anheischig machte, wann der Kubbeling auch komme, für die Ueberfahrt Sorge zu tragen. Da wir Mitte Dezembers aufzubrechen gedachten, zogen wir in den ersten Tagen selbigen Mondes wiederum in den Wald, und wie mir dazumal mag es der Schwalbe und Nachtigall zu Sinn sein, bevor sie sich aufmacht, um über Berge und Meer gen Süden zu ziehen. Dabei war mir die Gottesluft nimmer frischer erschienen, und zu keiner Zeit hatt' ich gesunder, hoffnungsfroher und schwungkräftiger in die Zukunft geschaut. Und der alten, siechen Muhme Jacoba schien es ähnlich zu ergehen. In ihrem lebhaften Geiste war sie allbereit mit uns auf der Fahrt in die Ferne, und wenn sie früher der Ann sichtlich den Vorzug gegeben, schien sie jetzund plötzlich das Ding zu verkehren; denn sie konnte mich nimmer genug bei sich haben und anschauen, und da die Ann mit dem Ohm Kristan endlich heimkehren wollte, hielt sie mich allein mit so dringender Bitte zurück, daß ich nachgeben mußte, und solches kam mich mit nichten hart an, sintemal es eben jetzt gar wunderherrlich im Forste. Ueber die bereiften Bäume breitete sich der reichste Spitzenschmuck. Wie mit flüssigem Silber und Kristall waren sie übergossen, und den ganzen Wald verbrämte glitzernder Schmelz und lichtes Demantgestein in überschwenglicher Fülle. Und wie köstlich hell funkelte es allüberall, wenn die Sonne sich aus dem Frühnebel erhob und vom blauen Himmel aus solche Herrlichkeit herabschien. Bei Nacht stund der Mond am Himmel und ließ des bereiften Waldes Glanz sanfter und lieblicher leuchten, also daß ich bis spät bald auf ihn hinab, bald hinauf sah an das bestirnte Firmament, von dem aus dunklem Cyanblau die Sternschnuppen scharenweis schossen. Nun ist es männiglich, dem die Jugend noch grünet, bewußt, daß wenn es beim Fall eines solchen Himmelslichtes gelingt, einen Herzenswunsch zu Ende zu denken, selbiger der Erfüllung gewiß ist, und da ich in der nächsten Nacht aufwärts schaute und mich eben fragte, ob es uns glücken werde, die Brüder zu retten und den Vetter Götz zu finden, wie sein siech Mütterlein doch so zuversichtlich hoffte, sank eine lichte Sternschnuppe gerad vor mir nieder. Da hab' ich mich so frohgemut und meiner selbst gewiß wie selten vorher und nachher zur Ruhe begeben, und weil ich mich am folgenden Morgen recht frisch und heiteren Sinnes zu der Muhme begab, sah sie mir an, daß mir etwas Gutes begegnet. Nachdem ich ihr hienach vermeldet, was ich beim Falle des Lichtes gedacht, so, wie die Kinder wähnen, einem Engelein aus der Hand sinket, das des Höchsten Herrlichkeit blendet, schaute sie mir mit einem wehmütigen Lächeln ins Antlitz und nötigte mich, mich zu ihr niederzulassen. Hienach nahm sie meine Hand in die ihre und erschloß mir das Herz so weit, wie es vordem nimmer geschehen. Man fühlte ihr wohl an, daß sie dieser Stunde der zutraulichen Aussprache lange geharret, und da bekannte sie denn, sich gerade mir nicht immer erwiesen zu haben, wie es mir wohl zugekommen wäre. Doch mein Anblick habe ihr gar weh an die offene Wunde gerühret; denn auf mich sei schon, bevor ich den ersten Schulgang gethan, ihre liebste Hoffnung gegründet gewesen. Als des einzigen Sohnes künftige Hausfrau habe sie mich damals betrachtet, und der Götz sei selbiger Meinung entgegengekommen, maßen er sich als Knabe und wie ihm der Bart schon gekeimet, nichts Lieberes gewußt denn die Gred mit dem roten Käpplein. Und nun erinnerte sie mich an vieles, so ihr Sohn mir erwiesen, und wie er einmal, da ihn der Herr Burggraf mit anderen Knaben auf die Kadolzburg Die Residenz der Zollerschen Burggrafen von Nürnberg, die sie gern bewohnten, auch noch nachdem sie Kurfürsten von Brandenburg geworden. Im Westen der Stadt gelegen, und drei und eine halbe Wegstunde von ihr entfernt. geladen, was sie und der Ohm als hohe Ehre erachtet, sich trutziglich geweigert, von hinnen zu ziehen, weil Base Metz auf den nämlichen Tag ihr Kommen mit mir verheißen. Da sei es denn zum ersten scharfen Streit zwischen ihm und den Eltern gekommen, und nachdem der Ohm ihm gedräut, ihn gewaltsam fortschleppen zu lassen, sei er heimlich in den Forst entwichen, bei Zeidlersleuten über Nacht verblieben und erst heimgekehret, nachdem der halbe folgende Tag und die Möglichkeit vorüber gewesen, des Herrn Burggrafen Schloß zu rechter Zeit zu erreichen. Zur Strafe sei er hienach eingesperrt worden; da er aber meine Stimme drunten vernommen, habe er sich an der Dachrinne niedergelassen, mich bei der Hand gefaßt und sich abermals mit mir im Walde verborgen, um erst beim Ave Maria wiederzukehren. Da sei er heftig gestäupet worden, obzwar er allbereit ein großer Bub gewesen, der in allen Stücken aufs beste geraten. Des Waldohms Zürnen von damals hatte sich mir wohl ins Gedächtnis gepräget, doch der Anteil, den ich daran besessen, war mir neu und trieb mir die Röte ins Antlitz. Es wollte mich auch bedünken, als hätte die Base mir das alles besser verschwiegen; denn ob es mir auch baz gut that und die Seele erregte, mußte es mich doch hindern, dem Götz ganz frei ins Auge zu schauen, wenn es mir beschieden war, ihm zu begegnen. Endlich gab Muhme Jacoba mir auch bis ins einzelne zu hören, wie es mit dem Vetter gekommen, bevor er sich in die Fremde begeben. Da er ihr nämlich, nachdem sie zürnend auseinandergegangen, von der Stadt aus vermeldet, er werde, wenn sie auf ihrer Weigerung bestehe, für sich und die Herzliebste ein neues Heim in der Fremde suchen, habe sie ihm in einem Schreiben vermeldet, sie halte ihm die Arme zwar immer noch weit offen, doch bevor sie es dulde, daß des alten und edelen Waldstromerhauses einziger Sohn und Erbe sich an eine Handwerkerstochter verliere, wolle sie denjenigen nicht wiedersehen, den sie am allerinnigsten liebe. Nie und nimmer, sie schwöre es mit dem Kruzifix in der Hand auf des Erlösers Wunden, werde sie ihm des Elternhauses Thor erschließen, es sei denn, daß er des Rotschmiedes Tochter abgesaget und sie, die Mutter, um Vergebung gebeten. Jetzt beklagte die alte, sieche Frau ihre Strenge von damals und den vorschnell geleisteten Schwur unter bitteren Thränen; denn der Götz hatte trotz ihres Briefes festgehalten an dem Trudlein, und wie er in der Fremde drei Jahre später vernommen, daß die Vielgeliebte in Bangen und Sehnen nach ihm dahingesiechet und mit seinem Namen auf den Lippen aus dem Leben geschieden, in seiner jungen Seele wildem Aufruhr der Mutter geschrieben, das Trudlein sei tot, er habe von den Eltern nichts mehr zu erbitten; doch wie sie, seine Mutter, mit der Hand an dem Bilde des Erlösers geschworen, ihm das Vaterhaus nicht eher zu öffnen, als bis er seiner reinen, treuen Minne entsaget, so leiste er auf des Gekreuzigten Bild den anderen, nicht minder unverbrüchlichen Eid, nicht eher heimzukehren, bis sie ihn aus freien Stücken zurückrufe und ihm gestehe, daß es ihr leid sei um das frühe Ende der unschuldigen Jungfrau, derengleichen es nimmer gegeben unter den Geschlechtern in Nürnberg, wie sie auch hießen. Auch selbiges Schreiben bekam ich zu lesen, und da erkannte ich wohl, daß diese beiden sich des Lebens beste Freude durch vorschnellen Trutz traurig verdorben. Ob ich nun auch der Muhme unbeugsamen Sinn gut genug kannte, versuchte ich dannocht sie zu bewegen, ein Schreiben an den Sohn ergehen zu lassen, das ihn heimberiefe; sie aber weigerte solches, wenn auch unter gar beweglichen Klagen. »Nur das eine, so er heischet,« stieß sie herfür, »darf ich aus vollem Herzen gewähren. Wenn Du ihm begegnest, sag ihm, die Mutter sende ihm den inniglichsten Segen und lasse ihn ihres Herzens wärmster Minne versichern, und hienach gib ihm zu wissen, daß mich die Sehnsucht nach ihm verzehre, und auch darin sei ich ihm zu Willen, daß ich seiner Herzliebsten Hingang unter vielen Thränen herzinniglich beklage; denn solches ist – die Jungfrau und alle Heiligen sind meine Zeugen – die lautere Wahrheit. Nur will und darf ich ihm das Haus nicht öffnen, bevor er mich nicht um Vergebung gebeten, und thät' ich es dannocht, so müßte er die leibliche Mutter als ein meineidig Weibsbild verachten.« Da hob ich herfür, und auch mir flossen die Augen über, daß doch sein Schwur dem ihren gegenüberstehe, und beide gleich schwer wögen vor des Höchsten Augen. »Vergesset den grausen Eid, herzliebe Muhme!« rief ich ihr zu. »Ich ziehe mit Euch auf die Wallfahrt, und ich weiß ja: Euch wird keine Buße zu schwer sein!« »Gewiß nicht, Gred, nein, gewiß nicht!« entgegnen sie stöhnend. »Und das nämliche sagte mir schon längst der Kaplan, aber er und Du, ihr alle seid dannocht im Unrecht, ich fühl' es hier drinnen. Ein Eid auf Christi Wunden geschworen! Und dann: ich bin die Alte, die Mutter, er der Junge, der Sohn. An ihm ist es, zu mir zu kommen, und so gehe denn er, geh' der Götz auf die Wallfahrt, muß es sein, bis nach Rom und das heilige Grab. Vor ihm liegt lange Zeit, jegliche Buße an sich zu vollziehen, die die heilige Kirche ihm auflegt. Ich, – um ihn wiederzusehen, auf das Rad ließ' ich mich flechten, – fasten wollt' ich und mich kasteien bis ans Ende; doch ich bin die Mutter, er ist der Sohn, und darum liegt es ihm ob, den ersten Schritt zu thun, und nicht mir, die ich ihm das Leben gegeben.« Wie feurig ich auch hienach noch mehrfach in sie drang. und wie oft sie auch nahe daran war, ihres Herzens lautem Mahnruf zu folgen, immer kehrte sie wieder dahin zurück, daß es für sie nicht angehe, das erste zu sein, so dem andern die Hand hinstrecke, obzwar alles, was in ihr war, sie dazu drängte. Durch ein welsches Handlungshaus zu Venedig gingen dem Götz die Briefe zu, so man ihm sandte. Das wußten seine Eltern, und sie hatten dem Kunz längst aufgetragen, bei selbigem nach seinem Verbleib zu forschen, doch war seine Mühe vergebens gewesen; denn der landfremde Mann hatte dem Kaufherren untersagt, wem es auch sei, Kunde über ihn zu erteilen. Dannocht war der Ohm in vielen Briefen mit dringender Bitte in den Sohn gedrungen, der Mutter Siechtum zu gedenken und heimzukehren; doch so inniglich er auch in mancher Antwort die Eltern der zärtlichsten Kindesliebe versichert, war der Götz doch, eingedenk seines Eides, in der Fremde verblieben. Auch selbige Schreiben wies mir die Muhme, und während ich sie las, machte sie mir zur Pflicht, mich von jenem Handlungshaus nicht abweisen zu lassen und nicht zu rasten, bis ich erkundet, wo ihr Sohn weile; denn was ein welscher Herr einem Manne weigere, vermöge eine junge und anmutige Maged recht wohl von ihm zu erforschen. Bevor es noch dämmerte, unterbrach des Meister Ulsenius Besuch selbiges Gespräch. Er kam auch um des Eppelein willen, und wie wir nun, da man eben die Lampe gebracht, dem treuen Gesellen gegenüberstunden, rief er erst mich und dann auch den Waldohm bei Namen und sagte, daß er sich zwar müde fühle, sonst aber recht wohl und behäbig. Hier und dort und fürnehmlich am Halse brenn' es zwar etwas, doch das kümmere ihn wenig, zumal es sich dadurch erweise, daß die Meinung, er sei erschlagen worden und in eine finstere Hölle gekommen, die ihn lange geplaget, ein gröblicher Irrtum. Nachdem er solches mühsam herfürgebracht, rötete sich plötzlich sein bleiches Antlitz, und wie schon bei manchem früheren Anlaß fragte er jetzt wiederum nach seines Herren Schreiben. Da versetzte ich schnell, daß wir den Wegelagerern den Brief abgejagt hätten, und nun war es eine Freude, zu sehen, wie ihm solche Kunde zum Trost und Genügen gereichte. Nachdem er sodann einen guten Schluck feurigen Malvasiers genossen, richtete er sich höher auf und fragte, ob der Herr Im Hoff des Sultanus ausbündige Forderung zu befriedigen gedenke. Da versetzte ich, um ihn noch mehr zu beruhigen, wir hätten guten Grund, solches zu hoffen. Ob seine Besinnung wohl wieder so hell sei, daß er sich erinnere, auf wie hoch sich das verlangte Lösegeld belaufe? Da lächelte er verschmitzt und versetzte, solches werde er auch als toter Mann schwerlich vergessen, maßen er es unterwegs öfter vor sich hingemurmelt denn der älteste Klausner das Paternoster. Wie ihn Ohm Konrad nun lachend antrieb, die Probe zu machen, gab er so schnell wie ein Schulbub, der die Lektion aufs beste erlernet, zur Antwort: »Für den Sklaven, Herrn Herdegen Schopper, von den Ungläubigen benamset Abu sêf im Waffenhause des Sultanus Burs Be auf der Burg zu Altkair werden als Lösung gefordert vierundzwanzigtausend venedigscher Zecchinen. Georg – Christina! Brand und Tod auf das Haupt des tückischen Unholds!« Da wir solches vernommen, meinten wir allesamt, daß er sicherlich in der Zahl oder Münze geirret, auch schienen uns die letzten wunderlichen Worte auf eine Störung seines Geistes zu deuten; bald aber sollten wir erfahren, daß sie im Gegenteil seines Berichtes Treue verbürgten, maßen er uns alsbald mit einiger Mühsal erklärte, sein Herr habe ihn genötigt, sich eines Hilfsmittels zu bedienen, damit er, falls sein Brief in Verlust gerate, jene Zahl mit keiner andern verwechsele. Auch sollte selbiges Mittel dazu dienen, uns zu vergewissern, daß der verlangten Summe unglaubliche Höhe keineswegs auf einem Irrtum des Boten beruhe. Zu selbigem Zweck hatt' er sich also die Namen der Heiligen Georg und Christina einprägen müssen, deren Tage auf den 24. April und 24. Julius des Kalenders fallen; denn auf vierundzwanzig belief sich die Zahl der Tausende, so als Lösegeld geheischt worden waren. Auch an zweimal die zwölf Apostel, an ein doppelt Dutzend und die Stunden eines Tages von Mitternacht bis Mitternacht hatt' ihm der Herdegen außerdem zu denken geboten. Unerhört, sagte der Eppelein, müss' es ja männiglich dünken, und dannocht seien so viele tausend und nicht hundert Zecchinen von dem teuflischen Heidensultan gefordert worden, wie wir auch aus dem Briefe ersehen haben müßten. Nachdem er sodann eine Weile gerastet, ließen wir ihn weiter reden, und nun erfuhren wir, daß der Sultanus willens gewesen, den Herdegen ohne jede Lösung freizugeben; auch habe er ihn dem gefangenen christlichen König Janus von Zypern, dem er damit sich gewärtig zu erweisen gedacht, eben zuführen lassen, wie die Ursula Tetzelin, die mit ihrem Gemahl zugegen gewesen, dem Sultanus zugeraunet, sie wolle ihn nicht eines großen Vorteiles berauben, sintemal der Christensklav dort – und damit habe sie auf meinen Bruder gewiesen – der reichsten Sippe ihres heimischen Landes entstamme, die, ohne es schwer zu empfinden, ein königlich Lösegeld für ihn zu zahlen vermöge, und das Gleiche gelte von seinem Genossen, dem Ritter Franz, der gleichfalls freigegeben werden sollte. Hienach habe der Sultanus, dem es ohnehin trotz der gewaltigen Steuern, womit er den Handel belaste, immerdar an Geld mangele, den Herdegen und den Böhmen wieder abführen lassen und endlich die haarsträubende Forderung gestellt. Zuletzt habe die Ursula es aus freien Stücken auf sich genommen, des Sklaven Leute von des Sultanus Forderung zu unterrichten, und solches sodann tückischer Weise ganz unterlassen. Von welchem Gewährsmann und Zeugen der Eppelein dies alles vernommen, ließ sich an jenem Abend nicht mehr erfragen, maßen selbiger Bericht ihn schwer ermattet; nur erfuhren wir damals noch, daß keine andere als die Ursula, die er fortwährend die Teufelin schalt, den Ueberfall veranlaßt, der meinem zweiten Bruder beinah' das Leben gekostet, doch daß er selbigen allbereit in einem Zustand verlassen, mit dem er, der Eppelein, gern tauschen möge. War solches nun auch, was den Kunz anging, tröstlich, so rückte es dafür die Hoffnung auf des Herdegen Lösung in die Ferne oder gar in das Reich des Nie und Nimmer; denn wenn auch der Großohm über solche ungeheuere Summen verfügte, so fragte es sich doch, ob er sie zu steuern bereit sei, und was uns angeht, so hätten wir sie mit dem Unseren nimmer aufzubringen vermocht; denn ein Nürnberger Guldein und eine venedigsche Zecchine gingen schon damals an Wert nicht gar weit auseinander, und was hier zu Land vierundzwanzigtausend Guldein bedeuten, das mag derjenige ermessen, der da weiß, daß nur zwölf Jahre früher das Münzrecht der ganzen Stadt durch den Kaiser Sigismund dem Herdegen Valzner um viertausend Guldein rheinisch überlassen wurde, und daß der Herr Ulman Stromer selbst sein stattlich Wohnhaus hinter Unserer Frauen Kapelle samt den Häusern daran und seinem Anteil an dem des Rigler aus zweitausendachthundert Guldein anschlug. Für eine Summe wie die geforderte ließ sich eine ganze Gasse auskaufen in Nürnberg, ja, das große Schloß Malmsbach an der Pegnitz hätte die Stadt jüngst für tausend Guldein rheinisch übernommen, wenn der Herr Ulrich Rummel, dem es zu eigen, ihr nicht zuwider gewesen. Uns aber war auferlegt worden, den Wert von zwei Dutzend solcher Schlösser zusammenzubringen! Es war eine wahnwitzige, nimmer erhörte teuflische Erpressung, und da Jung-Kubbeling davon vernahm, kehrte er das Wildkatzenfell nach außen und geriet in ein ungestüm Wettern und Toben. Die Muhme erblaßte, wie sie die ungeheure Zahl nennen hörte, und auch sie war der Meinung, daß der alte Im Hoff, der in jüngster Zeit viel für Stiftungen und Gelöbnisse verausgabt, sich von solcher Summe nimmermehr trennen werde. Fünfzig und im höchsten Fall hundert Guldein für die Befreiung eines Christen und Landsmannes zu opfern, dazu wären die Reichsten unter den Geschlechtern vielleicht zu bewegen gewesen, aber hätten sich auch zwanzig so großmütig erwiesen, woran nicht zu denken, hätte mein Pathe Kristan Pfinzing, die Waldstromer und Hallersippe etwas Rechtes gesteuert und wir unserer gesamten Habe größere Hälfte geopfert, wären wir doch kaum auf vierundzwanzigtausend Zecchinen gekommen, wenn der Großohm nicht einsprang. Da gab es denn nach all den hoffnungsfrohen Tagen die erste sorgenvolle Nacht, und es sollte ihr noch manche andere folgen und mir wiederum bewußt werden, daß ein Unglück nimmer allein kommt. Wie so zuversichtlich hatt' ich gehofft, vor meinem Aufbruch um Mittag den Eppelein noch einmal zu sprechen und ihm mancherlei abzufragen; da ich aber zu ihm hinanstieg, begegnete mir der Meister Ulsenius mit verdrießlicher Miene und berichtete, der thörichte Gesell rede wieder irre. Da er sich nämlich gar so wohl und rüstig empfunden, hatt' er sein früher Feinslieb, der Muhme Gürtelmagd, wie sie allein bei ihm verblieben, so hold umschmeichelt, daß sie ihm mit ihr zu kosen gestattet, und bald darauf war das Fieber mit neuer Gewalt ausgebrochen. Da ich hienach ins Freie trat, setzte sich im Hof ein Zeidlerfuhrwerk in langsame Bewegung. Die Schaffnerin winkte ihm nach, und auf der Plane grinste mir der Henneleinlein Antlitz höhnisch entgegen. Seit ihrem schlimmen Verhalten hatten ihr die Pernharts das Haus gewiesen, auch war sie, da sie sich vermessen, den Schopperhof zu betreten, abgewiesen worden, und so sann sie uns sicher nichts Gutes. Wie ich nun die Schaffnerin nach solchen Besuches Zweck und Absicht befragte, barg selbige ein Honigkrüglein unter der Schürze, so ihr die Alte als Liebung für die Kinder verehret, und gab mir zu wissen, die Frau Gevatterin sei in den Wald gekommen, um ihre Witwengabe an Honig einzutreiben, und da habe sie bei ihr gehalten, um ein wenig zu plaudern. Doch mit selbigem »wenig« schien es eine sonderbare Bewandtnis zu haben, maßen der Schaffnerin derbe Wangen wie eines Gimpels Brustfedern glühten. Da drohte ich ihr denn mit dem Finger und fragte, ob sie der Alten böser Zunge nicht mehr verraten denn recht sei; sie aber verneinte solches mit großem Eifer. Der Ritt in die Stadt, den ich am Nachmittag antrat, war auch nicht eben tröstlich; denn ein eisiger, mit Schnee gemischter Regen fiel strömlings vom Himmel. Je weiter wir kamen, desto schlimmer wurden die Wege, und dannocht hatte mich, da sich das Geleit vor der Stadt zum Heimritt wandte, eine sonderbar trutzige Zuversicht ergriffen. Ob mich das Naß, so von mir und meinem wackeren Bayard niedertroff, so sonderbar erfrischet, oder ob der feste Vorsatz, den ich unterwegs gefaßt, alles einzusetzen, um den Bruder zu befreien, solches gewirket, weiß ich nicht zu vermelden; das aber ist mir wohl erinnerlich, daß wie ich in die dunkelen Straßen einritt, mir das Herz gar hochgemut pochte, und daß es, wär' ich ein Mann wie der Herdegen gewesen, mir wohl hätte beikommen können, mit dem ersten besten, der mir zuwider, Händel zu suchen. So ging es weiter bis zum Hause des Großohms. Da sah ich von selbigem her einer Laterne Licht, dem Glühwurm zur Johanniszeit vergleichbar, über die Gasse schweben, und wie ich erkannt, daß es die Henneleinlein und keine andere war, von der es ausging, setzte ich das Roß, so bis dahin Schritt für Schritt durch den tiefen Kot der Straße gewatet, flugs in raschen Galopp und jagte, so hart es nur anging, mit dem Knechte hinter mir her an ihr vorüber. Und welch thöricht Genügen empfand ich, wie unserer Gäule Huf die Alte von oben bis unten bespritzte; war mir doch sicher bewußt, daß sie zu so später Stunde nur in des Großohms Haus geschlüpfet, um dort zu verraten, was sie etwa von der Frau Gevatterin auf der Forstmeisterei erlauschet. So kam ich froheren Mutes heim denn ich erwartet, und nachdem die Sus vermeldet, daß die Base in der Küche nach dem Abendmahl sehe, schlich ich mich hinauf, wechselte behend die nassen Kleider, sandte den Knecht aus, um die Ann zu uns zu bescheiden, und stellte im Wohngemach den Alantwein zurecht, der immerdar die beste Arznei, wenn die Base einer Stärkung bedurfte. Und meine Fürsorge war nicht vergebens gewesen; denn sobald ich ihr nach und nach und gleichsam mit kleinen Medizinlöffelein eingeflößet, was ich gestern erfahren, und endlich die gräßliche und unerhörte Zahl über die Lippen gebracht, schrie sie laut auf und faßte sich so angstvoll ans Herz, daß es mich ernstlich erschreckte. Da kam denn der Alantwein zu Ehren; doch erst nachdem sie ihm mehrfach zugesprochen, gewann ihre Zunge die Kraft zurück, deutlich zu reden. Dafür blieb sie aber auch, nachdem sie einmal in Thätigkeit geraten, lange Zeit in schneller und, bei ungeduldigem und schier gottlosem Schelten, unaufhaltsamer Bewegung. Nachdem sie sich also die Seele erleichtert, begann sie, wie der Leu im Käfig, auf der nämlichen Diele hin und wider zu wandeln und dabei sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was sie und wir an irdischem Gute besäßen, und zu erwägen, wie es möglich sein werde, es in Gold zu verwandeln. Doch das Ergebnis war wenig tröstlich; denn just wie mit der Waldstromer Habe stund es auch mit der ihren, und diese Zeit der Hussitengefahr erwies sich als höchst ungünstig, wo es galt, liegenden Grund zu verkaufen, und ihr bester Besitz waren Häuser und Felder, sowie etliche Weinberge bei Würzburg. Von vornherein, und als verstehe sich solches von selbst, war sie entschlossen, das Eigene, ja auch den Schmuck, herzugeben bis aufs letzte, und da sie mit gutem Grunde annahm, daß ich dem Herdegen zu liebe ebenso zu handeln gesonnen, fragte sie mich gar nicht, sondern fügte im Geiste das mir von Vater und Mutter anerstorbene Schoppergeschmeide hinzu, und begann sodann zu zählen und sich zu verzählen, zu rechnen und wieder zu rechnen. Auf elftausend Zecchinen ließ sich vielleicht kommen, wenn alles verkäuflich, doch unser Anerstorbenes lag auf dem Vormundschaftsamte, und selbiges war, wie ihr sicher bewußt, kein Pfund Heller auszuliefern berechtigt, ohne des Herdegen und Kunz eigener und wohlbeglaubigter Erlaubnis. Mit dem Meinen stund es nicht besser, maßen das Unsere noch nicht zur Teilung gekommen, und man Häuser und Gründe noch nicht geschätzet. So konnt' ich auf die Auslieferung des Meinen lange Zeit warten, zumal die Herren vom Vormundschaftsamt für das Waisengut in ihrer Hand mit dem Eigenen haftbar. Da kamen wir denn wieder auf den Großohm zurück, und nachdem sie beteuert, selbiger werde gewißlich bereit sein, die Hälfte des verlangten Sündengeldes für einen Gott so wohlgefälligen Zweck zu steuern, während das andere sich mit unserem und der Freunde Beistand schon aufbringen lasse, begann sie an die Zukunft zu denken. Je länger sie es aber that, und auch noch nachdem die Ann sich zu uns gesellet und alles erfahren, desto fröhlicheren Mutes zeigte sich die Base; ja hätte man ihr glauben mögen, wär' es ein weit gemächlicher und ergötzlicher Ding gewesen, in ärmlicher Beschränkung denn im Ueberfluß zu leben, und dabei erinnerte sie mich, wie sie und ich uns so manchmal, wenn die Mannsbilder auswärts gespeiset, aus eitel Leckerei mit einem süßen Brei und dergleichen begnüget, und uns willig des teueren Fleisches enthalten. Von den vielen Knechten und Maiden habe man nichts denn Aergernis, und da sie neulich die Brigitt aus dem Hause gewiesen, sei sie vor lauter Verdruß mit knapper Not einem Fieber entronnen. Das Suslein bleibe uns schon treu; es werde die Armut getrost mit uns teilen, und das Treppauf-Treppab gereiche ihren eigenen alten Füßen schon längst zum Untrost. Der Magister sei ein wohlbehaltener Mann, und fall' es ihm sauer, sich von uns zu trennen, so könnten wir ihn gern, wenn er es sich mit uns in ihrem kleinen Haus am Gras-Plätzlein, so dem Roßmüller vermietet, genügen lasse, als Kostgänger behalten. An gutem heimischem Tuch sei kein Mangel in Nürnberg, und geb' es nicht immerfort an neuen Putz zu denken, so sei das für unserer armen Seelen Heil ein wahrer Gewinn. Was mich angehe, würden vielleicht der Werber weniger werden, aber wer einmal anbeiße, der denke dafür nur an die Gred, wie sie stehe und gehe. Alles in allem meine sie, seien wir der Ursula und dem verruchten heidnischen Sultanus zu Dank verpflichtet, wenn wir um ihretwillen aus dem schädlichen Ueberfluß in gottgefällige Dürftigkeit gerieten. Die Ann war von der gräßlichen Höhe des Lösegeldes weit weniger denn wir in Entsetzen geraten, weil die Gewißheit sie immerfort felsenfest beseelte, der Himmel habe sie und den Herdegen für einander bestimmt und werde sie endlich doch zusammenführen. Dazu hatte sie guten Grund, auf den Ohm und seine Hilfe zuversichtlich zu bauen; denn ein Brief des Herrn Kardinals besagte, daß er ihr wie früher so auch jetzt nur raten könne, der Stimme ihres Innern zu folgen, und so werde er unserer Fahrt in die Ferne kein Hindernis bereiten, wohl aber wünsche er dringend, wir möchten den Aufbruch bis zu seiner baldigen Rückkehr verschieben. Dem Freiherrn Im Hoff dürfe sie vermelden, daß er bereit sei, seinen Wunsch zu erfüllen, wenn er auch hoffe, ihn bei seiner Ankunft in besserem Wohlsein zu finden. Mit solcher frohen Botschaft war sie alsbald zu dem Großohm gekommen, und sie hatte ihn so hoch gehoben und tief innerlich getröstet, daß es wirklich den Anschein gewann als solle sich des Herrn Kardinals Hoffnung bewähren. Wie sie nun in der Frühe des heutigen Tages wiederum bei ihm vorgesprochen, schien ein gar seltsam Wesen über ihn gekommen; denn er hatte sie mit großer Aufmerksamkeit und als hinge daran für ihn das Höchste, ausgeforschet, was sie über des Herrn Kardinals Lebensweise, seines Amtes einzelne Pflichten und dergleichen mehr in Erfahrung gebracht, und wie sie ihm hienach berichtet, ihr sei von alledem zwar wenig bewußt, doch habe sie aus seinem Munde vernommen, er sei dem heiligen Vater zu besonderem Danke verpflichtet, weil er ihn zum Vorsteher der Almosenkasse erhoben und ihm dadurch Gelegenheit geboten, manches gute Werk zu verrichten, war solches dem Großohm absonderlich genehm erschienen. Wie sie sich endlich zum Aufbruch gerüstet, hatte er seinem Leibknecht geboten, den Herrn Notarius Holzschuher vom Rat zu ihm zu bescheiden und dabei zu vermerken, daß er zween zum Schweigen vereidete Zeugen mit sich führen möge. Beim Abschied hatt' er gar gelacht und geschmunzelt und ihr zugeraunt, seine Eminenz der Herr Kardinal werde mit dem alten Im Hoff zufrieden sein, und sie auch und ihr Herzliebster. Das alles gab uns zu denken und war geschickt, uns den guten Mut zu stärken; nur lastete es auf uns beiden, daß der Aufbruch um etliche Wochen hinausgeschoben werden sollte. Dreizehntes Kapitel. Am folgenden Morgen zeigte die Base in fast ergötzlicher Weise, wie ernst sie es mit der künftigen Dürftigkeit nehme, maßen sie der Bäuerin, die uns die Butter brachte, ein einzig Wecklein abnahm, den Metzgergesellen heimsandte, ohne Fleisch zu bestellen, und sich beim Frühmahl enthielt, das Morgenbrot in gewohnter Weise mit Butter zu streichen. Auch des Kettleins und der großen güldenen Spange, die sonst schon in der Frühe wie des Türmers Licht von ihrem Busen glänzte, hatte sie sich entäußert, und während ich die Suppe löffelte, wies sie mir das Kästlein, worin sie alles zusammengehäuft, was sie an Ringen, Spangen und dergleichen besaß, da sie willens, es nachher auf der Ratswage wiegen und sodann durch den Goldschmied schätzen zu lassen. Da ich sie hienach ersuchte, mit meinem Geschmeide das Gleiche zu thun, wies sie solches zurück, maßen die Jugend des Schmuckes schwerer entrate, und es sich erst zeigen müsse, einen wie großen Teil des Lösegeldes der Großohm auf sich nehme. Da macht' ich mich denn gemäß dem Abspruch von gestern abend an die Erfüllung der harten Pflicht, dem alten Herrn die übele Kunde zu bringen und ihn bescheidentlich der Zusage zu gemahnen, für des Herdegen Lösung zu sorgen. Es regnete heftig, und ein feuchter Westwind pfiff durch die triefenden Gassen. Es gab ein mühevoll Waten, und wie ich endlich das Im Hoffsche Haus betreten, rief mir Meister Ulsenius von der Treppe aus zu: »Fürsicht, Jungfrau Gred! Drinnen herrschet noch böser Wetter denn draußen!« So erwartete ich denn von vornherein nichts Gutes, wie ich des glühheißen Krankenzimmers Schwelle betrat, doch es sollte noch böser kommen als ich erwartet; denn sobald der Großohm meiner ansichtig wurde, zog er die Stirn kraus, der Blick seiner hohlen Augen gewann einen zornigen Glanz, und ohne meinen Gruß zu erwidern, kreischte er mich an: »Ihr hoffet, der Alte werde vor eurer Abenteurerfahrt in die Ewigkeit abgehen! He? Doch Ihr irret! Die Zeit, die mir vergönnet, reicht wohl noch aus, euch zu weisen, mit wem Ihr's zu thun habt, wie sie genügte, mir Euch in der wahren Gestalt zu zeigen. Wo ich auf treue Herzen und verständigen Sinn gezählet, was hab' ich gefunden? Lieblose und tückische Heimlichkeit, und dazu erbärmlichen Unverstand und Anschläge, wie sie nur Tollhäusler spinnen!« »Aber, Ohm, so höre doch!« wollt' ich ihn unterbrechen, und die Ahnung. die sich später als begründet erwies, stieg in mir auf, daß die Henneleinlein ihm oder ihrer Vertrauten, der Schaffnerin, gestern abend alles verraten, was sie auf der Forstmeisterei erlauschet; er aber ließ mich nicht ausreden, sondern fuhr fort zu schmähen und zu klagen, und unterbrach mich oft genug, wie ich endlich wieder zu Worten kam und ihm zu Gemüte führte, daß wir unsern Entschluß, in die Weite zu fahren, ihm nur verschwiegen, um ihn vor vorzeitiger Sorge zu wahren. Wie er uns auch schmähe, das werde er zugeben müssen, daß wir uns bisher als schamhafte und ehrenfeste Jungfrauen gehalten; nun aber handele es sich um Freiheit und Leben derer, so unserem Herzen die Nächsten . . . Hier unterbrach er mich mit einem höhnischen Lachen und rief, zu selbigen gezählet zu werden, dürfe er sich freilich nicht schmeicheln. Er habe ja ohnehin erkannt, daß wenn wir ihm Samariterdienste geleistet, solches nur geschehen sei, um ihm das Lösegeld für den verkommenen Bruder und Liebsten aus der Tasche zu ziehen. Eitel Lug und Gleisnerei sei jeglich freundlich Wort gewesen, so wir ihm vergönnet; und schlimmer denn wir beide zusammen, hätt' es die krumme Hexe im Forste und die alte Vogelscheuche getrieben, die sich berühme, Mutterstelle an uns zu vertreten. Bis dahin hatt' ich alles geduldig über mich ergehen lassen, nun aber ward es dem heißen Schopperblute zu viel, und meiner selbst nimmer mächtig, brach ich los und verwies ihm zornmütiglich dergleichen schnöden Verdacht. Wenn nicht sein Alter und Leiden Barmherzigkeit heischten, würd' ich nach solcher Schmähung auch von der Ann fordern, die Schwelle eines Mannes nimmer zu betreten, der uns und die braven Frauen, denen wir zu großem Dank verpflichtet, so böslich lästere. Außer mir und mit glühenden Wangen hatt' ich selbige Worte gerufen, und erst wie ich den Großohm mich anstarren sah wie ein Wunder, gewann ich die Mäßigung zurück und hielt plötzlich inne, maßen es mir durch den Sinn schoß, daß ich der Brüder Sache verleugnet wie Petrus den Herrn, nicht aus Menschenfurcht, wohl aber, um dem verletzten Trutz Genüge zu leisten. Doch ich hatte noch nicht lange geschwiegen, als der gestrenge Mann mit flehentlicher Bitte ausrief: »Nein, Gred, in aller Heiligen Namen, nein! – Du wirst mir die Ann nicht entfremden! Wie hart Du doch sein kannst, wie wüst, und solches gegen einen todmüden Greis am Rande des Grabes! Was hat mir denn die bitteren Worte auf die Zunge geleget als die Angst und Sorge um Euch, die mir wahrlich noch der einzige Trost, das einzige Liebe auf Erden? Und wenn ich nun wiederhole: ›Ich lass' Euch nicht ziehen! Alles, alles setz' ich ein, um Euch abzuhalten, in ein sicher Verderben zu rennen,‹ wirst Du dann mir abermals dräuen, mich allein zu lassen im Elend, und mir auch die Ann zu entziehen?« Da redete ich denn zum Guten, so warm ich nur immer vermochte, und versicherte auch, daß die Ann keinen Fuß vor das Thor der Stadt setzen werde, bevor der Herr Kardinal nicht durch ein anderes den Einzug in Nürnberg gehalten und ihn mit seinem Segen getröstet. Da fuhr der alte Herr freudig auf, erinnerte mich freiwillig an sein Versprechen, einzustehen für des Herdegen Lösung, und solches klang gar minniglich und erfüllte mich mit warmem und aufrichtigem Dank, also daß ich seine hagere Hand erhob und einen Kuß darauf drückte. Doch die gräßliche Höhe des Lösegeldes war ihm noch nicht mitgeteilt worden, und wie ich mich eben anschickte, ihn darauf vorzubereiten, trat die Ann in das Zimmer, und sobald der Großohm sie gewahret, rief er laut und frohgemut: »Gott zum Gruß, süße Maged, 's ist alles wieder im reinen. Ihr lasset von eurer Thorheit, und ich – ich zahle die Lösung!« Da eilte auch die Ann auf ihn zu und dankte ihm mit überströmendem Auge und Munde; auch brachten wir ihn allgemach so weit, daß er ausrief: »Nun, ihr Kinder, eines Königreiches wert wird man ja doch wohl solch leicht Schopperisch Singerblut nicht schätzen!« Jetzt faßte die Ann sich ein Herz und teilte ihm mit, daß die Ursula den Herdegen schändlicherweise für einen der Reichsten in Deutschland gestempelt, und den Sultanus also veranlaßt, die unerhörte Summe von vierundzwanzigtausend venedigschen Zecchinen zu fordern. Da war das Wort denn gesprochen, und es übte wiederum eine ganz andere Wirkung auf den Großohm als ich vermutet; denn statt sich zu entsetzen, lachte er auf: »Das wäre mir ja etwas ganz Neues! Ihr habet Euch eben mehr um die welsche Poeterei gekümmert, Ihr Kinder, denn um das Mein und Dein, so doch die Achse, um die alles sich drehet. Mit der unbändigen Zahl wird's wohl seine Richtigkeit haben, doch auf dem ägyptischen Markt rechnen sie nur im Verkehr mit den Franken nach venedigschen Zecchinen; von den dort gangbaren Dirhemen gehen etwa dreizehn auf solchen Goldfuchs, und so hätten wir denn – der alte Kaufmannskopf hat das Rechnen auch auf dem Siechenbett nicht völlig verlernet – etwa – wartet ein wenig – etwa eintausendachthundertsechsundvierzig Zecchinen; und das ist immerhin ein Lösegeld von gewaltiger Höhe, wie es nur selten für einen Herren vom höchsten Adel gezahlt wird. Vierundzwanzigtausend Zecchinen!« – und dabei lachte er abermals hell auf, – »das spricht sich leicht aus, ihr Kinder, doch Ihr ahnet ja nicht, was es bedeutet. Glaubet nur, daß mancher wohlbehaltene Kaufherr zu Nürnberg einem blühenden Handel vorstehet, und es doch mit ihm aus wär', hätt' er auch nur die Hälfte Eurer vierundzwanzigtausend Zecchinen auf einem Brette zu zahlen!« Da nahm ich das Wort und vermeldete ihm, wie der Eppelein sich die Zahl ins Gedächtnis gepräget, und daß es mit ihr wie mit den Zecchinen volle Richtigkeit habe; denn damit er sich auch wegen dieser Münzgattung ausweisen könne, hatte ihm der Herdegen eingepräget, es handele sich um güldene Dukaten jener Art, deren er drei, in rotes Zeug gewickelt, der Kunz und ich aber zwei als Pathenpfennige im Sparkästlein hätten. Während selbiger Rede war große Unruhe über den greisen Herren gekommen, und sein wachsfarben Antlitz ward mit jedem Augenblick fahler. Indem er sich mit den Armen auf den Lehnen des breiten Sorgenstuhles so hoch aufrichtete, daß es uns mit Staunen erfüllte, wandte er den gläsernen Blick ins Weite und stammelte immer in der nämlichen erhobenen Stellung: »Das, das . . . Es ist . . . Gestern noch, gestern . . . Der Leibhaftige selbst . . . Vierundzwanzigtausend venedigsche Zecchinen sind es denn wirklich . . . Und ich . . . Wie lautete das Wort? . . . Was der alte Im Hoff verheißet, das hält er . . . Doch nun . . . Wenn Ihr Euch anders gegen mich erwiesen . . . Wäret Ihr wie gute Töchter in rechtem Zutrauen beizeiten zu mir gekommen . . . Noch gestern . . . Ich hätte . . . Ja. vielleicht wär' ich . . .« Hienach brauste er ingrimmig auf: »Aber wer ist mir denn hold? Wer nahet mir wohl in echter Minne und redlichem Zutrauen? Keines, keines! Die Ursula . . . Der Bube, den ich von Kind an . . . Und Ihr, – Ihr beide, wie habt Ihr . . . Ja, gestern, gestern . . . Doch heute! Vierundzwanzigtausend Zecchinen!« Dabei brachen ihm die Arme jach zusammen, und mit dem erdfahlen Haupt auf der Achsel blieb er in tiefer Unmacht in dem Sorgenstuhle liegen. Während wir nun alles thaten, um ihn neu zu beleben, und ein Knecht den Arzt, ein anderer den Beichtiger herbeirief, nahm ich wahr, daß die linke Seite des Großohms eine seltsame Starrheit befallen; doch seines siechen Lebens mattes Flämmlein brannte noch immer. Nachdem ihm Meister Ulsenius sodann mehrfach die Ader geschlagen, richtete er das rechte Aug' in die Höhe, und nachdem er mehrfach »Buch« und wieder »Buch« gestammelt, nahmen wir durch mancherlei Anzeichen wahr, daß er »Wasser« meine und in wunderlicher Wirrnis die Worte verwechsele. Also ging es weiter, bis sein oberster Beichtiger, der Herr Leonhard Derrer, des Dominikanerordens altehrwürdiger Prior, mit dem Mesner erschien, um ihm die letzte Oelung zu reichen. Wie selbiger nun dem Verscheidenden mit dem Allerheiligsten nahte, gab es so Betrübendes und Erschreckliches zu schauen und zu vernehmen, daß ich des nicht vergessen will bis ans Ende; denn statt das heilige Sakrament in dankbarer Demut in Empfang zu nehmen, wies der Großohm den Herrn Prior, der ein weißbärtiger Greis von strengem, Ehrfurcht gebietendem Ansehen, aufsässig und voll unbändiger Feindseligkeit zurück, indem er ihm die seltsamsten Worte, so er gewiß anders gemeinet, entgegen stöhnte, solches aber in einem Ton und einer Haltung, die sicher kundgab, daß er sich des Gottesboten zu erwehren trachte. Dabei gelang es ihm bisweilen, das dienstkräftige Auge auf die Ann zu wenden, und wenn er auch sonst das eine Wort mit dem andern vertauschte, glückte es ihm dannocht zu wiederholtenmalen, des Herrn Kardinals Namen und seines heiligen Amtes Titel ihr ungeduldig und heischend entgegenzustammeln, also daß wir leichtlich erkannten, was seine Meinung, und daß er von keinem anderen denn von dem hohen Prälaten die Wegzehrung in Empfang zu nehmen gewillet. Aber solches dem Herrn Prior anzuvertrauen, wollte uns wie ein Verrat an dem Sterbenden dünken, der sich uns noch in der letzten Stunde so huldreich erwiesen. Ja, es drängte uns, ihm alles Liebe zu erweisen, und die Ann ließ seine Hand nicht aus der ihren und flüsterte ihm mehrfach zu, er möge sich nur aufrecht halten; denn der Herr Kardinal sei allbereit unterwegs und werde bald kommen. Der Herr Prior aber zeigte eine wahrhaft christliche Langmut und war dabei der Meinung, des Dahinscheidenden Geist sei schwerer getrübet denn es in Wahrheit der Fall. Ohne des Dräuens und der Auflehnung des Sterbenden zu achten, verharrte er darum auch auf dem Posten, und nachdem des Greises Rechte den Händen der Ann todesmatt entsunken, verwies er uns des Gemaches. Nun vernahmen wir durch die Thüre des Priesters segnende, betende, die Vergebung der Sünden verheißende Stimme, in die sich freilich von Zeit zu Zeit des Großohms grollender Widerspruch leise und doch grauenerregend mischte. So oft er die frommen Worte des Priors unterbrach, überlief uns ein Schauder, und da wir am letzten Ende nur noch das Glöcklein und des Priesters Stimme vernahmen, überkam uns ein sonderbar Grausen bei derselben Handlung, die doch sonst das Gemüt auferbauet und tröstet. Eine gute Weile hatten wir in brünstigem Gebet für die arme, gefährdete Seele des Sterbenden verbracht, als sich die Thür wiederum öffnete, und der Herr Prior mit lauter Stimme kund that, der edele Freiherr und Ritter Sebald Im Hoff sei nach Empfang der heiligen Sakramente eines seligen Todes verschieden. Durch Christi und der Jungfrau Gnade, dacht' ich bei mir, vielleicht eines seligen, eines sanftseligen Todes leider gewiß nicht. Solches betätigten auch des Abgeschiedenen bleiche Züge; denn wo es mir im späteren Leben beschieden, in eines Dahingegangenen Antlitz zu schauen, fand ich immer, daß ihm der Tod das Ansehen gelassener Milde verleihe, also daß der Leute Rede wohl verständlich, es habe des Todes Engel den Verschiedenen geküsset, während des verstorbenen Großohms Angesicht dem eines Mannes gleichsah, dem ein Mächtigerer die Ehre gekränket, und der solches mit stillem, finsterem Groll auf sich genommen. Da drängte uns denn alles was in uns, wieder und wieder für ihn zu beten; doch wie immer bei dergleichen Anlaß verschlang zunächst manche äußere Sorge das andere. Denn sobald sich die Kunde von dem Ende des fürnehmen Greises verbreitet, strömten viele zusammen, mit denen er im Leben verkehret, und dazu Abgesandte vom ehrbaren Rat, Bedienstete mit Siegelwachs und Petschaft, Leichenbitter, Nachbarn und andere gute Leute, und darunter zahlreiche Mönche und Nonnen. Endlich erschien auch der Herr Doktor Holzschuher vom Rate, des Großohms Notarius, der einer der trautesten Freunde unseres Vaters selig gewesen und alles in allem ein Mann von so kernfester, aufrechter Art, daß ich mir nichts Treffenderes wüßte denn des Herrn Kardinals Wort, er gemahne ihn der Eichen des deutschen Forstes. Wie nun selbiger Mann, der in der Jugend der schönsten einer gewesen und jetzt noch, da ihm das volle lange Lockenhaar silbergrau auf die Schulter fiel, einen herrlichen Anblick darbot, uns Mägede statt mit einem freundlichen Blick oder Wink beinahe finster begrüßte, da wußten wir alsbald, daß ihn schwere und wohlbegründete Sorge um unsere Sache bedrücke. Und also verhielt es sich wirklich; denn nachdem er sich mit den Herren Losungern und Regierenden vom Rate, so sämtlich gekommen, ernstlich beredet, winkte er der Base und mir und kündete uns, des Großohms letzte Handlung scheine ihm so beschaffen, daß wir die Hoffnung aufgeben müßten, des Herdegen Lösung mit seines Nachlasses Hilfe bald zu bewirken. Allbereit am nächsten Tage setzte sein hohes Ansehen des Testamentes Eröffnung durch, und so erfuhren wir ungesäumt, in was Art und Weise der Großohm für diejenigen vorgesorget, die seinem Herzen die Liebsten. Da galt es denn, manche schöne Hoffnung zu Grabe tragen, und trotz alledem durften wir dem Entschlafenen nicht grollen; denn ob er gleich der eigenen armen Seele Heil allem anderen vorangestellt, war er dannocht bedacht gewesen, wie der Brüder so auch der Ann künftigen Unterhalt zu sichern und, was er einmal verheißen, redlich zu halten. Nie und nimmer, solches erkannten auch die Feinde an, deren er sich die Fülle erworben, hatte er sein Manneswort gebrochen, und aus all seinen Verordnungen ging deutlich herfür, daß des tödlichen Schlages, der ihn getroffen, wahre Ursach' die plötzliche Erkenntnis gewesen, sich durch eigene Schuld der Mittel beraubt zu haben, des Herdegen Lösung mit dem Seinen zu bewirken, wie er doch mehrfach gelobet. Es stund aber mit des Großohms letztem Willen also: Nachdem er von der Ann vernommen, daß der Herr Kardinal die Rückkehr zu beschleunigen und ihm die letzte Oelung zu spenden gedenke, und ferner auch in Erfahrung gebracht, daß der hohe Prälat des Amtes eines unbeschränkten Vorstandes der Almosenkasse des heiligen Vaters zu Rom mit besonderer Freude walte, hatte er am nämlichen Abend den Doktor Holzschuher, seinen Notarius, nebst den nötigen Zeugen zu sich berufen, seine früheren Verfügungen förmlich verworfen und in einem neuen zierlichen Testament die folgenden Bestimmungen getroffen: Der Ursula sollten die fünftausend Guldein verbleiben, so er freiwillig ihr zu vererben gelobet, nachdem sein Schwert den jungen Tetzel unversehens getroffen. Dem Kunz vermachte er das Geschäft zu Nürnberg und Venedig mit allem Zubehör und den Kapitalien, deren es zu seiner Fortführung bedurfte, sowie auch sein stattlich Haus, da ja dem Herdegen der Schopperhof ohnehin zufiel. Unser zweiter Bruder sollte gehalten sein, den Handel in der nämlichen Weise fortzuführen, wie es der Großohm bei seinen Lebzeiten gehalten, und von dem Gewinn dem Herdegen und der Ann, deren Vermählung der liebste Wunsch seines Alters, zwei Dritteile auszuzahlen. Kein Pfund Heller dürfe, so stund es ausdrücklich geschrieben, vor dem Ablauf von zwanzig Jahren dem Grundvermögen des Handlungshauses entzogen, und selbiges noch weniger veräußert oder aufgelöst werden. Im Falle des Ablebens unseres Kunz betraute er den ältesten Buchführer unter der gleichen Verpflichtung, die jenem auferlegt worden, mit der Geschäfte Leitung. Sobald der Kunz in die Ehe trat, hatte er statt zweier Drittel nur die Hälfte des Reingewinnes dem Bruder zu zahlen. Des Herdegen und der Ann ältester Sohn sollte des Geschäftes Erbe werden; kam selbige Ehe nicht zu stande oder blieb sie ohne männlichen Nachwuchs, sollte des Herdegen Tochtermann, meinem Erstgebornen oder dem des Kunz die Handlung zufallen. Also meinte er für den Unterhalt des jungen Paares aufs beste vorgesehen zu haben, da es doch von dem Herdegen schwer zu erwarten, daß er dem kaufmännischen Geschäfte vorzustehen vermöge, sein eigen Hauptgut aber nicht ausreichte, der Ann ein so sorglos und glanzvoll Leben zu sichern, wie er es ihr wünschte und es der Herrin eines adeligen Nürnberger Hauses zukam. Die liegenden Gründe hatt' er zum größeren Teil der heiligen Kirche, die übrigen aber zur Hälfte meinem Aeltesten, zur Hälfte mir verschrieben. Dreitausend Guldein, so er dem Kloster von Vierzehnheiligen geliehen, und deren Rückforderung ihm zu jeder Frist zustund, waren für des Herdegen Lösung und Heimfahrt ausgesetzt worden. Von seinem baren Hauptgute waren dreitausend Guldein dem Herdegen als Erbe, und je tausend der Ann und mir als Brautschatz ausgesetzt worden, auch hatte er die Spitäler, die Armen der Stadt, sowie die Bediensteten des Hauses mit artigen Vermächtnissen bedacht. Doch wo waren die großen, schier königlichen Schätze verblieben, über die der alte Im Hoff weiland in so reichem Maße verfüget, daß er noch während des Reichstages dem kaiserlichen Schatze, um des Freiherrntitels teilhaftig zu werden, dreißigtausend ungarische Dukaten auf einem Brett darzuleihen vermocht? Der Herr Doktor Holzschuher wußte nur zu klare Auskunft darob zu erteilen, und wenn der alte Herr der Ann einmal versichert, es sei schwer zu glauben, wie beträchtlichen Gewinn weislich geleiteter Handel mit Venedig in vielen Jahren abzuwerfen vermöge, so war er gar wohl berechtigt zu solcher Aussage gewesen; denn nachdem er vieler Heiligen Kirchen und Klöster in Franken allbereit bei Lebzeiten mit adeliger Freigebigkeit bedacht und für Totenmessen und andere Leistungen, so dem Heile seiner Seele dienlich, beträchtliche Summen festgesetzet, war ihm noch ein Gut von vierundvierzigtausend ungarischen Dukaten zur Verfügung geblieben. Selbige aber hatte er, ohne des Herrn Holzschuhers Bitten zu achten, eine so ausbündige Summe wenigstens zur Hälfte der Vaterstadt und den Blutsfreunden zu gute kommen zu lassen, der Almosenkasse seiner Heiligkeit des Papstes zur freien Verfügung des Herrn Kardinales Bernhardt verschrieben, mit dem einzigen Vorbehalt, daß alljährlich an seinem Namenstag zu Rom eine Totenmesse zum Heil seiner armen, solcher Gunst bedürftigen Seele von einem hohen Prälaten celebrirt werden möge. Hienach hatt' er darauf bestanden, daß das vor Notar und Zeugen vollzogene Instrument allbereit in des nächsten Morgens Frühe durch einen besonderen Boten gen Rom gesandt werde, und selbiger war längst in unerreichbarer Ferne, wie der Großohm erfuhr, daß das ihm verbleibende Gut nicht mehr genüge, den Herdegen zu lösen. Solches aber war ihm so schwer aufs Herz gefallen, wie ich allbereit vermeldet. An brünstigen Gebeten für seiner Seele Heil hat es von unserer Seite gewiß nicht gemangelt, und da ich später erfuhr, wie vielen Unglücklichen sein Vermächtnis zum Segen gediehen, versöhnte mich solches allgemach völlig mit seiner sonderbaren Schenkung; und so ruf' ich denn über sein Grab ein laut: » Requiescat in pace! « – Er ruhe in Frieden! Nachdem wir endlich mit dem Herrn Notarius Holzschuher reiflich erwogen und überrechnet, was uns durch des reichen Blutsfreundes Ende anerstorben und was wir selbst aus unserer und der Base Metz Habe in nicht zu ferner Zeit zu erzielen vermöchten, hatten wir es in Schrift und Zahlen vor uns, daß uns noch ein gut Teil des verlangten Sündengeldes fehle. Zwar war das Im Hoffsche Geschäft für sich allein von höherem Werte, doch des Großohms letzter Wille machte es auf zwanzig Jahre unantastbar. Dazu wies uns der Herr Notarius an manchem Beispiele nach, wie es in selbiger Zeit geradezu sündlich sein würde, sich liegender Gründe um jeden Preis, das heißt um ein Dritteil des wahren Wertes, schnell zu entäußern. Endlich bestätigte selbiger, daß es dem Vormundschaftsamt gegenwärtig nicht gestattet sei, auch nur ein Pfund Heller von unserem väterlichen Erbe zur Zahlung zu bringen. So lag es denn schwer genug auf uns, während der Doktor Holzschuher mit dem Ohm Kristan und dem Meister Pernhart leise flüsterte und dabei dies und das zu Papier brachte. Endlich erhoben sich die Herren, und da ich nun dem wackeren Notarius ins Antlitz schaute, ward mir wie es dem welken Grase sein mag, wenn ein reichlicher Regenguß es benetzt hat; denn aus seinem mannhaft schönen Antlitz sprach mir frohe Zuversicht entgegen. Aehnliches verhieß auch des Ohms Kristan und des Meisters Pernhart Ansehen, und wo selbige drei die Streitmacht führten, schien der Sieg mir gesichert. Nun erfuhren wir auch, was sie verhandelt. Wenn sich der rechte Mittelsmann fand, ließ sich der Sultanus vielleicht bestimmen, die Forderung zu ermäßigen; doch sollte die ganze Summe im Auge behalten werden. Von unserer Habe ließ sich mancherlei zwar nicht verkaufen, wohl aber beleihen oder verpfänden, und der gute Wille der Freunde und Mitbürger sollte uns zu dem anderen verhelfen. Endlich schienen die Herren noch etwas heimlich im Schilde zu führen; doch da sie es uns nicht freiwillig kündeten, unterließen wir, darnach zu fragen. Beim Abschied ersuchten sie uns, den Aufbruch zu verschieben und ihnen freie Hand zu lassen. Da mußten wir uns denn fügen, obzwar in mir das Schopperblut siedete bei dem Gedanken, nun thatenlos warten zu müssen und um eines Sohnes unseres Hauses willen, der keinem etwas Gutes erwiesen, andere in unserem Namen gleichsam zum Bettelstabe greifen zu sehen. Doch ich fühlte wohl, daß Trutz und Hoffart hier übel am Platze, und da ich mich mit der Ann und der Base Metz auf dem Heimwege darüber aussprach, ging die letztere mich plötzlich mit der Frage an, ob ich, wenn der Lorenz Stromer sich in des Herdegen Lage befände, nicht willig von dem Meinen steuern werde, und weil ich solches bejahte, versetzte sie, dann sei alles richtig, und da sie ebenso gesonnen, lasse sie die Herren ohne die geringste Scheu in des Herdegen und auch in ihrem Namen von Thüre zu Thür gehen. Freilich gelt' es zu zeigen, daß wir, die die Nächsten dazu, auch die Willigsten zum Geben. Da brachte denn die Ann noch am nämlichen Tage alles, was sie an Geschmeide besaß, bis zu den Pathenpfennigen, so sie im Sparkästlein verwahret, – und darunter befand sich ein gar kostbar Kreuz von Demantstein, so ihr der Kardinal vor etlichen Monden verehret. Wie nun selbiger Tag sich zum Abend neigte, klopfte die Ann nochmals bei uns an, und ihres Kommens Grund war leider kein froher; denn ihr Großohm, der alte Organist Adam Heyden, unser Freund vom Turme, fühlte das letzte Stündlein nahe und hatte uns zu sich beschieden. So geschah es denn, daß uns zwei einander folgende Tage je an ein Sterbebett führten. Auf beiden trat ein Greis den Gang in jene Welt an, und es war, als sei ihr Ende so nah' aneinander gerückt worden, auf daß es unsere jungen Seelen zum Vergleichen und Nachdenken bringe. Da ich heute die steile Turmstiege überwältigt, nachdem ich gestern die breite, mit Matten belegte Treppe des reichen Im Hoff-Hauses leichten Fußes hinaufgeflogen, kam mir in den Sinn, der beiden Verstorbenen Lebensbahn sei diesen Treppen gar wohl vergleichbar, und so jung ich auch war, mußt' ich mir dannocht sagen, daß des schlichten Mannes stufenreiche Stiege, die er zuletzt nur noch keuchend erklommen, zu einem höheren, lichteren Ziele geführet denn die breite Treppe des reichen, fürnehmen Kaufherrn. Da es mir aber endlich vergönnt gewesen, den guten Alten die Augen schließen zu sehen, hörte ich auf mit dem Vergleichen, maßen es mir widerstund, das Andenken des Mannes, dem wir doch Großes dankten, wissentlich zu trüben. Allbereit um Mittag hatte der Organist das Sakrament aus der Hand des Vikares zu Sankt Sebald, Nikolaus Laister, seines greisen Freundes, empfangen. Außer uns, dem Kirchenmeister Hans Richter, der seinem Herzen nahe stund, und den Pernharts hatte er keinem Einlaß gestattet, und anfänglich achtete er nicht unseres Kommens, da er dem taubstummen Bruder der Ann ein Andenken gereichet, so er selbst zierlich für ihn geschnitzelt, und Frau Giovanna hatte hiernach Not, den Kleinen von ihm zu lösen, da er sich mit stürmischer Zärtlichkeit auf ihn geworfen; denn was dem Taubstummen die Seele bewegte, das zwang ihn, es mit ausbündiger Heftigkeit nach außen zu kehren. Wie nun der Bub es so arg trieb, daß es die Ruhe der anderen störte, faßte ihn die Mutter bei der Hand, um ihn in die Nebenkammer zu ziehen, doch der sterbende Alte winkte ihm mit einem Blick und einer Geberde, die keiner zu schildern vermöchte, bittend zu, und alsbald biß der zwölfjährige Knabe die Zähne zusammen und stellte sich still und bescheidentlich an die Thür. Da nickte der Alte ihm zu, als habe er ihm etwas Gutes erwiesen. Hienach schloß er die Augen eine gute Weile und forderte dann mit kaum hörbarer Stimme von dem alten Bacharacher, den ihm die Base gesandt. Da reichte ihm die Ann den Becher, und auf seinen Wink kredenzte ich ihm den Wein; er aber trank, indes Frau Giovanna ihn aufrecht hielt, mit sichtlichem Behagen. Darauf umspielte das alte liebe Lächeln sein Antlitz, und indem er des Bechers Fuß mit den zitternden Fingern faßte, und es duldete, daß ich ihm hilfreiche Hand lieh, rief er mit klarer Stimme: »Noch einmal: Prosit, Elslein! Hast droben lange genug auf den alten Schatz gewartet! Ein Prosit auch meiner trauten, schönen Stadt Nürnberg!« Dann schöpfte er Odem und fuhr fort, als folge er einer alten Gewohnheit: »Prosit, Adam! Schön Dank. Heyden!« Damit leerte er den Becher, den ich ihm führte, bis auf den Grund, und wie er hienach zurücksank und stumm vor sich hin sah, brach ich das Schweigen und bemerkte, dieweil mir solches in der That als etwas Besonderes aufgefallen, er gedenke in seinem alten Spruch ja nunmehr auch unserer guten Stadt. Da nickte er mir denn freundlich zu und fuhr mit einem fragenden Blick auf den Kirchenmeister fort: »Eigentlich läg' es dem rechten Christen wohl ob, für die gesamte Menschheit zu beten! Wohl, wohl; doch sie ist so groß, so gewaltig groß – und wie jedermann hab' auch ich neben der ganzen großen meine eigene kleine Welt, und das ist mein lieb, alt, ehrenfest Nürnberg. Ueber sein Weichbild bin ich nimmer hinaus gekommen, und es umfaßt ja auch alles, was mir wert ist und teuer. Nürnbergs Bürgerschaft ist meine Menschheit, unsere Stadt und was das Auge vom Turme aus erreicht, meine Welt, meine gesamte Welt gewesen, wie klein sie auch sein mag. Unter unserer guten Stadt konnt' ich mir immerdar etwas Rechtes denken, etwas fein und dicht Umschlossenes, Ganzes. Der anderen großen Welt Grenzen zu finden, das hab' ich nimmer vermocht.« Aber seine Welt war doch weiter denn er selber dachte, klang uns doch aus dem stillen Gebet, das er hienach sprach, auch meiner Brüder Namen deutlich ans Ohr, obzwar uns Land und Meer von ihnen trennten. Eine lange Weile blieb hienach alles stumm, während er auf das beinerne Kruzifix an der Wand schaute; endlich aber bat er Frau Giovanna, ihn etwas höher aufzurichten, trank noch ein weniges, blickte sich liebreich und doch nachdenklich in unserem Kreise um und sagte dann leise: »Da hab' ich recht lange in mich hineingeschauet und auf den da am Kreuze. Das ist ein Vorbild! Und ich? Ich scheide gern, und wollt ihr wissen, was mir das Sterben so leicht macht? Wenig hab' ich bedurft und für mich selber behalten, und indes ich fortgab, was andere sparen, ist mir die Gewißheit geworden, daß alles Gute, das wir anderen thun, das Beste ist, so wir uns selber erweisen. Das ist es, das!« Darauf streckte er die Hand aus, und nachdem wir sie an die Lippen gezogen, rief er: »Mein Gott, ich danke dir, sage ich jetzt! Was morgen sein wird, du allein weißt es! Gred – Ann, meine armen Kinder! Möchte doch ein schöner Tag des Wiedersehens für euch kommen, möchte doch der Himmel die Jünglinge in der weiten Ferne gnädiglich schützen. Hier, ganz in der Nähe, da ist es die Kreutzerin mit ihren Waislein – ihr kennet sie, ihr und der Magister – die der Hilfe am meisten bedürftig, und was man anderen Gutes thut, das . . . Aber nun kommet schnell, kommet alle, und auch die Kinder!« Da ließen wir uns vor seinem niederen Lager auf die Kniee nieder, er aber streckte die Hände aus und sprach deutlich: »Der Herr segne und behüte euch, der Herr erhebe das Antlitz auf euch und sei euch gnädig.« Hienach atmete er tief auf, die Hände sanken ihm, und Frau Giovanna schloß ihm die Augen. Ja, diesem schlichten Manne war das Sterben leicht geworden! Keinen hab' ich gekannt, der von Wenigem mehr gegeben, und friedvollere, heiterere Züge sind mir auf keinem Sterbebette wieder begegnet. Des Großohms Leichenbegängnis war groß und fast prächtig. Der gesamte Rat und viele vom Adel gesellten sich dem Zuge. Glockengeläute, Chorgesang, Trauerflor, Kerzen, Weihrauchduft und dergleichen gab es übergenug bei selbiger Bestattung. Nur etwas fehlte, und das waren Thränen; – nicht die der Leichenbitter und Klageweiber, sondern jene, so des Bekümmerten Auge im stillen vergießet. In dem großen Im Hoff-Hause war es gar geräuschlos und feierlich hergegangen vor dem Begräbnis, während aus dem Turm, wo der alte Adam Heiden entschlafen, die Glocken, wie alle Tage zur Taufe und Hochzeit, zur Andacht und Trauer riefen; doch vor dem Pförtlein, so auf die enge Turmstiege führet, sah ich eine Menge von Mägeden und Buben mit ihren Müttern, und obzwar die Blätter gefallen und die letzten Blüten draußen erfroren, trugen doch die meisten einen grünen Zweig oder einen winzigen Strohblumenstrauß in den Händlein, um ihn dem alten gütigen Freund auf den Sarg zu legen. Der Mesner hatte zu thun, die vielen abzuwehren, so ihm noch einmal ins Antlitz zu schauen begehrten, und da man ihn, zwei Stunden nachdem man den Ohm beigesetzet, hinaustrug auf den Friedhof, gab es ein gar seltsam Leichengefolge; denn der Schnee stob durch die Gassen, und die fürnehmen Herren, so ihm gewogen gewesen, wärmten sich daheim nach der Bestattung des Großohms. Aber hinter seinem Sarge her schritten dannocht mancherlei ehrbare und aufrechte Leute, und ihnen folgte eine lange Schar von solchen, denen der Wind durch das Loch im Aermel und über das unbedeckte Haupt pfiff. Aber just unter selbigen gab es manch dürftig Weiblein, das sich mit Tuch oder Hand an die Augen fuhr, und mancher Witib Kind, so sich das Gürtelein fester zog, da es den hinaustragen sah, der es so manchmal gesättigt. Vierzehntes Kapitel. Mit der frohen Hoffnung, wohlgemut in die Welt zu fahren und für den Herzliebsten und Bruder alles einzusetzen, hatt' es nun gute Weile. Es galt fürs erste nur, sich in Geduld fassen, und wenn uns Weibsbildern solches schwer fiel, glückte es dem Jung-Kubbeling noch weit schlechter; ja der an rastloses Wandern gewöhnte Mann war während der müßigen Tage auf der Forstmeisterei erst um den frohen Mut gekommen, dann aber in ein schleichend Fieber verfallen. Zwei volle Wochen hatte er, der, wie er selbst versicherte, bis dahin keines anderen denn des Tierarztes Hilfe geheischet, das Lager zu hüten, wir aber folgten seinem Ergehen mit Bangen, und dazu wußten wir nicht, was von denen zu halten, so uns doch als ehrenfeste und uns liebreich gewärtige Herren bekannt; denn auch der Doktor Holzschuher war wie verschwunden, und kurz nach des Großohms Bestattung hatten der Ohm Kristan und Meister Pernhart sich in des Rates geheimem Auftrag gen Augsburg begeben. Da galt es denn, sich bescheiden, weil uns wohl bewußt, daß jedem rechten Manne des Gemeinwesens Bestes allem vorangeht. Auch die Nächsten hatten unsere Sache auf die lange Bank geschoben, uns aber lag sie Tag und Nacht auf der Seele, und mit allem Eifer gingen wir daran, der künftigen Dürftigkeit die Wege zu bahnen. Die Jungfrau ist meine Zeugin, daß ich die mancherlei Dinge, deren es sich zu entäußern galt, gern und willig preisgab, doch sollten wir wohl merken, daß es mit der Schmälerung der Butter auf dem Brot und des Fleisches beim Mahle leichter gehe denn mit anderen Dingen. Des Geschmeides, so die Base nicht verkaufet, sondern dem Goldschmied verpfändet, konnt' ich leicht entraten; nur das Herz mit dem großen Rubin, das ich als meines Hans erste Liebung täglich getragen, hätt' ich fast gern behalten; weil aber Meister Kaden den Stein eines hohen Preises würdig erachtet, ließ ich ihn trotz der Base und der Ann Einspruch herausbrechen und behielt nur die güldene Kapsel. Sehr sauer fiel es auch, den Ehalten den Dienst zu kündigen und ihren Klagen das Ohr zu verschließen. Von den Knechten boten die meisten uns an, wenn die Dinge also stünden, uns auch um geringeren Lohn fürder zu dienen. Jeglicher ging daher, als sei ihm der Weizen verhagelt, nur die alte Sus trug den Kopf höher denn je, weil wir sie ausersehen, die Jahre der Not mit uns zu teilen. Dem alten Roßknecht, der allbereit in des Vaters Diensten gestanden, sagten wir gern zu, bis ans Ende für ihn zu sorgen, er aber drang ungestüm in mich, wenigstens meinen ungarischen Zelter zu behalten; denn eines ehrbaren Geschlechtes Tochter sonder Sattel und Rößlein war für ihn wie ein Vogel, der die Schwungkraft verloren. Doch gerade für die Rosse fanden sich willige Käufer, und der Stunde will ich gedenken, in der ich dem treuen, flinken Bayard, meines Hans selig Geschenk, zum letztenmal den glatten Hals klopfte und sein klug, klein Haupt an dem meinen fühlte. Der Ohm Tucher hatte ihn für sein Berthlein erstanden, und es war mir ein Trost, daß selbige eine liebe, sanfte Maged, der ich herzlich gewogen. Auch das Silbergerät, so uns anerstorben, wurde verpfändet, und woran es liegen mag, ist mir nicht bewußt, doch die Gottesgabe mundet nun einmal besser aus silbernen denn aus zinnernen Löffeln. Die Base, die gern bis an die letzte Grenze ging, trug auch manches von geringerem Werte dem Pfandleiher zu, doch das alles verschmerzte sich leichtlich, obzwar der Himmel recht grau über der Stadt hing; denn es begegnete uns just damals mancherlei anderes, so uns den Mut hob. Daß der Magister, nachdem er erfahren, wozu wir uns entschlossen, uns das Seine willig darbot und sich bereit erklärte, unser spärlich Leben zu teilen, hatten wir nicht anders erwartet, obzwar wir fest entschlossen, nur so viel von ihm anzunehmen, wie er leichtlich zu entbehren vermochte; dagegen gereichte es uns zu froher Ueberraschung, wie an einem besonders trüben Tage der Heinz Trardorf, des Herdegen liebster Jugendkumpan, der unser Haus lange gemieden, in meines Aeltesten Sache bei uns fürsprach. Selbiger war nunmehr seinem Vater selig als Meister nachgefolget und erfreute sich allbereit so hoher Wertschätzung, daß der Rat den Bau der neuen großen Orgelei für die Lorenzkirche in seine kunstfertigen Hände gegeben. Zwar war mir bewußt, daß der Herdegen sein nur wenig geachtet, da er als prunkender Fant aus Paris heimkehret, doch hatt' ich in der Kirche und sonst oftmals erfahren, wie gern und minniglich sein Blick auf mir geruhet. Wie ich ihm nun die Hand bot und nach seinem Begehren fragte, stockte ihm anfänglich die Rede, obwohl er ein aufrechter Mann, vor dem jeder den Hut zog. Endlich aber kam es heraus, daß er in Erfahrung gebracht, wessen wir für des Herdegen Lösung bedurften, und daß er, weil er ein eigen Haus habe und das Gewerbe ihn mehr denn reichlich nähre, sich nichts Lieberes wisse denn das ererbte Gut für meines Bruders Lösung zu steuern. Dabei hatten sich dem wackeren Gesellen die Augen genetzet, und den meinen war es ebenso ergangen, und obzwar Base Metz hier einfiel und, um ihres Herzens Rührung zu verbergen, beinahe barsch bemerkte, daß der Tag wohl nicht fern, da er Weib und Kind besitzen und es bereuen werde, sich des Seinen vielleicht auf Nimmerwiedersehen entledigt zu haben, reichte ich ihm frei und gern die Hand und kündete ihm, daß, was mich angehe, seine Spende mir die liebste sein solle von allen, und daß der Herdegen sicherlich ebenso gesonnen. Da ging es wie Sonnenschein über des jungen Meisters Antlitz, und indes er mir die Hände sprachlos schüttelte, sah ich ihm an, daß er sich Zwang anthat, um mir nicht mehr zu verraten. Später hab' ich auch durch sein wacker Mütterlein erfahren, daß jenes Angebot ihm sauer genug gefallen, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil er mich von jung an im Herzen getragen, und sein fürnehmer Sinn ihm verboten, um mich zu werben, nachdem er mich eben zu Dank verpflichtet. Trotz dergleichen Lichtblicke gedenk ich indessen jener drei Wochen dannocht als einer besonders trüben und sorgenvollen Zeit. An Stelle Jung-Kubbelings waren sein grämlicher Gesell und sein ältester Sohn mit den Falken auf der gewohnten Straße gen Venedig gefahren. Ins Aegypterland sollten sie nicht, und dies ging dem Uhlwurm hart wider den Strich; denn er vermeinte, daß er weit geschickter sei als sein Herr oder irgend ein ander Menschenkind, der Ann, der seine alte Seele inniger denn jeder anderen gewärtig, die wichtigsten Dienste zu leisten. Kurz vor dem Beginn der vierten Woche ritten wir wiederum auf wenige Tage in den Forst und fanden dort Jung-Kubbeling in ziemlichem Wohlsein und den Eppelein zungenfertig genug, um aus eigenem Antrieb des Abenteuerlichen viel zu berichten. Außer was sein eigen Schicksal angehet, befand sich darunter freilich nur wenig Neues. Der sarazenische Pirat, der die Genueser Galeasse gekapert, die ihn und seinen Herrn gen Cypern geführet, hatte ihn von selbigem und dem Ritter Franz getrennet und ins Aegypterland als Sklaven verhandelt. Dort war ihm mancherlei widerfahren, bis er zu Alexandria auf den Akusch gestoßen. Damals hatte sich meines treuen Knappen Vater noch in glücklichen Umständen befunden und den Eppelein, der im Sklavendienst des Aufsehers der Märkte gestanden, sogleich angekaufet, damit er seinem Sohne bei den Nachforschungen nach dem Herdegen helfe. Solche hatten sie denn auch eifrig betrieben und meinen Bruder samt dem Ritter Franz im Waffenhause des Sultanus auf der Burg zu Altkair gefunden, wohin sie geraten, nachdem beide Pilger zwei Jahre lang auf einer saracenischen Galeere als Ruderknechte ein jammervoll Dasein gefristet. Bei den Fechtübungen der jungen Mamluken hatte der Herdegen selbigen gewiesen, wie wohl er mit des Schwertes Führung vertraut, und sich dadurch ihre Gunst dermaßen erworben, daß sie viele Briefe, so er an uns gerichtet, in seinem Auftrag dem Konsul der Venetianer zur Besorgung übergaben. Da er keine Antwort erhalten, hatt' er solches der Saumseligkeit der Seinen daheim zugeschrieben, bis er durch den Akusch auf die rechte Fährte geführet und ihm deutlich geworden war, daß uns jene Briefe durch der Ursula Schuld nimmer zugekommen seien. Um selbigen Dingen auf die Spur zu kommen, hatte sich der Akusch hienach mit dem Eppelein nach Alexandria zurückbegeben, obzwar sein Vater allbereit dem Unglück verfallen, und wie sie sich dort am Abend nach ihrer Heimkehr dem Fondaco der Republik Venedig näherten, wo sie den Arzt des Konsuls aufzusuchen gedachten, von dem sie vernommen, daß er von deutscher Herkunft, erhob sich in ihrer Nähe lautes Lärmen, und sie nahmen sodann einen wunden Mann wahr, in dem sie alsbald den Kunz erkannten. Da hegten sie denn anfänglich die Meinung, es täuschten sie die Sinne, und daß gerade sie es sein mußten, die ihres Herrn leiblichen Bruder im Blute schwimmend fanden, will mich selbst wie ein Wunder bedünken. Freilich mußte der eine Abendländer, der den andern im Aegypterland suchte, immer zuerst in jenem Fondaco auf Erkundigung ausgehen. Wenige Stunden später hatte der Kunz wohlgebettet und gewartet im Hause der Mutter des Akusch gelegen, und wie sich selbiger sodann nach Altkair begeben, um sich mit meinem Aeltesten neu zu bereden, war er Zeuge des schnöden Verrates der Ursula und der maßlosen Forderung des Sultanus geworden. Später hatt' es mein Bruder mit seiner Gönner Hilfe bewerkstelligt, jenen Brief in des Akusch Hände zu spielen, der dem Eppelein bei Pillenreuth verloren gegangen. Ein Mehreres wußte der treue Gesell nicht zu berichten; da ich aber auf dem Heimritt durch den Wald mich wiederum fragte, welchem klugen und mutigen Freunde wir uns und unsere Sorgen wohl anvertrauen könnten, wenn Jung-Kubbeling uns im Stich ließ, wußt' ich auch diesmal keine Antwort zu finden. Ja, wenn der Vetter Götz, der kluge, eisenfeste Mann, den das Leben in der Fremde mit tausend Erfahrungen bereichert, gewillt gewesen wäre, seines Rotkäppleins und des Jugendfreundes Sache zu der seinen zu machen! Doch ein furchtbarer Eidschwur hielt ihn fern von der Heimat, und wo war er zu finden? Auch die Ann hatte viel zu bedenken, und ich dankte den Heiligen, daß der Eppelein mir allein gekündet, sein lieber Herr habe sich baz verändert, wenn er auch, da er ihn nur von fern geschaut, nicht zu vermelden wisse, worin solche Wandlung belegen. So ging es denn schweigend und zuletzt durch den finsteren Abend fürbaß, und wie wir endlich die Lichter der Stadt gewahrten, wandelte mich nach all dem bangen, ins Ungewisse schweifenden Sinnen die Lust an, die Frage zu stellen, wer uns wohl jenseits des Thores zuerst entgegenkommen werde, sintemal die Base mir von Kind an das unlöbliche Beispiel gegeben, aus dergleichen als eines Vorzeichens oder Augurii zu achten. Wie wir nun eben die Pforte hinter uns gelassen, hob sich eine Laterne, und da wies uns das Licht, so uns aus den Hornscheiben andämmerte, statt des alten Hans Heimvogels kirschroten Trinkergesichtes das allerartigste Jungfrauenantlitz; denn weil ihn der Krampf befallen, bei dem er wähnte, daß ihn Mäuslein bedrängten, hatte die saubere Maria, sein Eniklein, den Dienst für ihn verrichtet, und so grüßte ich sie mit besonderer Huld, maßen die Base es für das günstigste Vorzeichen hielt, wenn eine schmucke Maged es war, die ihr beim Eintritt in die Stadt zuerst entgegenkam. Was die Ann angeht, so hatte sie der Thorwarts-Maria wohl kaum geachtet; weil ich sie aber daheim im Soler auf das Gutes kündende Vorzeichen hinwies, fragte sie, wie ich in solchen Tagen an dergleichen zu denken vermöge; hienach aber seufzte sie auf: »O Gred, wie mir das Herz doch so schwer ist! Drei Jahre lang und länger hab' ich Geduld geübet und es gerne gethan; nun aber das Ziel wiederum in unerreichbare Ferne gerückt wird, nun die Helfer erlahmet, bevor sie sich noch recht für uns gereget, und selbst der Herr Kardinal die Rückkehr verschoben, obzwar doch allen bewußt, daß der Herdegen dem Manne in der Löwengrube vergleichbar, nun sinkt mir der Mut. Und weil auch die kluge Großmutter nichts mehr zu raten weiß, denn ›abwarten‹ wieder und wieder . . .« Da fiel ihr die Sus, die ihr eben die nasse Kapuze vom Haupte gezogen, eifrig ins Wort: »Und solches, Jungfrau Ann, solches ist auch seit Adam und Eva von allen Ratschlägen der beste! Denn das ganze Leben: Abwarten ist's bis ans Ende; und hat man das Sakrament empfangen, und das Auge will brechen, dann wird es wohl zu allermeist ›abwarten‹ gelten, abwarten mein' ich, was uns droben befürsteht. Hier drunten? Meiner Seel! Ich bin grau geworden und habe vergebens auf einen gewartet, der mir damals dies Ringlein gegeben. Anderen ist es besser geglücket; doch hatte sie der Priester gesegnet, war es dann etwa aus mit dem Warten? Beileibe nicht! Eine Eh' oder ein Weh konnt' es werden. Die Hausfrau hat schon so viele Kirchgänge gethan denn Tage im Monat; doch ist sie darum mit dem Abwarten fertig? Kommt der Storch, kommt er nicht? Wird's ein Bub oder ein Mägdelein werden? Und hat er das Kleine gebracht, um das man die Finger wund gebetet am Schapel, was wird aus dem Schreihals? Da wächst so ein Junker Herdegen heran zum Trost aller Augen und Herzen, und ob er das Abwarten leicht macht, wir haben's erfahren! Die gestrenge Frau Waldstromerin im Forste kann gleichfalls ein Lied davon singen, und, Jungfer Ann, wenn der Frau Meisterin Witz Euch früh dazu anhält, so gesegn' es ihr Gott! Ich warte, Ihr wartet, wir warten hier samt und sonders auf den einen, und kehret er mit der Heiligen gnädigem Beistand heim, dann hütet Euch zu wähnen, Jungfer Ann, daß das Abwarten zu Ende.« Mit solchen tröstlichen Worten hing die Alte die nassen Mäntel zum Trocknen, wir aber stiegen gesenkten Hauptes die Treppe hinan. Droben aus dem Erkerzimmer ließen sich laute Stimmen vernehmen, doch wie wir eingetreten waren, bot sich uns ein befremdlicher Anblick; denn dem Ohm Kristan und dem Doktor Holzschuher saß die Base Metz gegenüber, und es schüttelte sie ein so unbändig Lachen, daß sie sich des Leibes keinen Rat wußte und die Arme bald hoch schnellte, bald auf die Kniee zurückfallen ließ, so daß sie der Kinder gemahnte, die sich an dem Spiele »Alle Vöglein fliegen hoch« ergötzen. Da sie meiner gewahr ward, vergaß sie des Grußes und rief mir mit halb gebrochener Stimme entgegen: »Ein Schlücklein Wein, Gred, einen Trumm Brot, ich flieg' auseinander; – es hält nicht länger!« Wie ich nun auch meines Herrn Pathen Kristan herzliches Lachen hörte und dem Herrn Notarius ansah, daß er erst eben davon gelassen, stimmte ich mit ein, und die Ann, der eben noch gar trüb zu Sinn gewesen, mußte es ebenso halten. So dauerte es denn eine ganze Weile, bis wir erfuhren, was solcher ungemeinen Fröhlichkeit Urquell gewesen, und selbiger war so beschaffen, daß uns großer Trost und neue Zuversicht daraus erwuchs, und wir den redlichen Freunden abbitten mußten, sie der Saumseligkeit geziehen zu haben; denn der Herr Notarius hatte die vergangene Zeit aufs beste genützet, um jeden wohlbehaltenen Mann in Nürnberg, der dem Vater selig vertraut gewesen, der reichen Klöster Aebte und andere mehr zu bewegen, für des Herdegen Lösung aus der Heiden Gewalt nach Kräften zu steuern, während die beiden anderen zu Augsburg Großes verrichtet. Was aber der Base Heiterkeit erreget, das war des Ohm Kristan Erzählung, wie er mit des Meisters Pernhart günstigem Beistand den alten Tetzel, der Ursula Vater, während er sich zu Augsburg befand, dem Herdegen gleichsam zinspflichtig gemacht, und meinem Herrn Pathen strahlte jetzt noch das innere Genügen aus jedem Auge, da er uns kündete, wie er den grauen Griesgram für unsere gute Sache geworben. Weil die drei Herren nämlich erwogen, daß der Ursula später des Jost Tetzels gesamtes großes Gut zufallen werde und es ein gottgefällig Werk sei, die verräterische Unholdin wie auch immer zur Strafe zu ziehen, hatten sie einen Anschlag gegen ihren Vater geschmiedet, und eigens um seinetwillen war der Ohm Kristan, den das Reiten zur Winterszeit hart genug ankam, mit dem Meister Pernhart gen Augsburg gefahren; dort aber hatt' er zuerst ein selten Stück Malerkunst geleistet, indem er dem Jost Tetzel seiner Tochter grausame Bosheit in so hellen Farben geschildert, daß dem Meister bange geworden, ein neuer Schlag werde ihn treffen. Sodann hatte er sich verschworen, diesen Handel vor den Kaiser zu bringen, dem er, wie männiglich wußte, baz vertraut, maßen er gleichsam sein Wirt, wenn Seine Majestät auf der Burg Hof hielt. Die Ursula zähle zwar nimmer zu seines gnädigen Herren Unterthanen, doch wolle er, der Kristan Pfinzing, nicht ruhen und rasten, bis der Kaiser wenigstens ihn, ihren Vater, gezwungen, dem Erbe zu entsagen, so seiner Tochter, die eine Welsche geworden, aus einer deutschen Stadt zufallen solle. Alsdann war der Meister mit gemessener, doch gewichtiger Ruhe eingetreten und hatte dem Alten gedräut, ihn und seine Tochter durch seinen Bruder, den Herrn Kardinal, des römischen Papstes schwersten Groll fühlen zu lassen, wenn er sich nicht willig zeige, seines Kindes fluchwürdig Thun, wodurch ein Christ den gottlosen Heiden überantwortet worden, mit schwerer Buße zu sühnen. Wie sie dann endlich des mürrischen Herren Widerstand und grimmig Aufbegehren gebrochen, war es zu einem wunderlichen Handel gekommen; denn während der Tetzel alles einsetzte, um sich möglichst wenig von seiner Tochter Erbe entziehen zu lassen, steigerten seine Peiniger die erste Forderung und heischten ein hundert Guldein nach dem anderen, so der Tetzel zuzulegen habe, bis selbiger endlich mit Schrift und Insiegel verheißen, dem seiner Tochter hinterlassenen Gut zu entsagen und selbigem noch zweitausend Guldein aus dem Eigenen beizufügen, das Ganze aber für des Herdegen Lösung bereit zu halten. So hatt' es denn auf einen Schlag mit der Not um das Lösegeld ein Ende, und wie uns der Herr Notarius den Pergamentstreifen wies, auf dem die einzelnen ihres Beitrages Höhe verzeichnet, da versagte uns die Rede; denn zogen wir die Zahlen zusammen, so ergab sich eine weit höhere Summe als diejenige, deren Höhe uns den Schlaf der Nächte gekürzet. Da ward denn dem feuchten Auge das Lesen fast sauer, und bei jedem Geschlechter- und Kkosternamen und den hohen Ziffern neben ihm erregte uns die Erkenntlichkeit von neuem die Seele also, daß unsere Herzen wohl nimmer von gleicher Liebe zu unserer guten Stadt und den lieben, wackeren Freunden darin erfüllt gewesen. Auch viele geringe Leute hatten von ihrer bescheidenen Habe zu steuern verheißen, und wenn mir die hohen Summen, so unsere nächsten Blutsfreunde verschrieben, die Seele überquellen ließen von dankbarer Freude, so thaten mir die fünf Pfund Heller nicht minder wohl, die ein Schuster gezeichnet, dem wir vor Jahren aus der Not geholfen, da er in Krankheit und Schulden geraten. Endlich ging es an ein gar innig Umhalsen und Küssen, und die Männer, denen dergleichen nach jedem wohlvollbrachten Handel zustehet, lüstete es nach einem Trunke. Da erhob sich die Base mit allem Eifer, um so liebe Freunde und Gäste aufs beste zu bewirten; doch allbereit auf der Schwelle blieb sie zaudernd stehen, und da sie mir winkte, merkte ich wohl, daß nicht alles stund, wie es sollte. Und so verhielt es sich auch wirklich; denn das Silberzeug war bis auf das letzte Stück zum Pfandleiher gewandert, und der Ohm Tucher vom Rate, der meinen Zelter erstanden, hatte auch Hand auf den alten Wein geleget, davon eine stattliche Reihe von Fäßlein und verpichten Krügen im Keller ruhte. Etliche Schinken hingen zum guten Glück noch im Rauche, lebende Hühner und Eier gab es zur Genüge, doch selbst mit der Butter sah es gar kümmerlich aus. Wie mir nun die Base solches mit kläglicher Miene berichtet, überkam mich ein unbändiger Frohmut, und ich verhieß ihr, unsere lieben Gäste sicherlich zufrieden zu stellen, wenn sie nur etliche leckere Schüsseln aus der Küche herfürgehen lasse. Was den Wein angehe, das nähme ich auf mich, und unserer venedigschen Glaskelche habe sich kein Kaiser zu schämen. Damit drängte ich sie der Treppe zu; im Wohnzimmer aber bekannte ich den Gästen frank und frei, wie es stehe, und nachdem sie mich bald mit fröhlichem Gelächter, bald staunend und kopfschüttelnd angehört hatten, fragte ich den Herrn Notarius Holzschuher als rechtskundigen Mann, wie es mit dem Weine zu halten, der doch allbereit einen Käufer gesunden? Da erhob sich denn ein gar fröhlich Hinundher, Fürundwider, und endlich erklärte der Herr Notarius und Doktor beider Rechte, er halte es für seine Pflicht als Ratsfreund und Bevollmächtigter der Schopperschen Erben, reiflich und fürsichtiglich zu prüfen, ob die Zahlung, so der Tucher der Base verheißen, indes noch mit nichten geleistet, nicht allzu gering bemessen sei für die Ware, maßen sich seine Klienten als der Bacchusgabe unkundige Weibsbilder keineswegs genügend auf den Wert derselben verstünden. Von solcher Probe abzustehen, heiße für ihn pflichtvergessen handeln, und da er der eigenen Kennerschaft nicht sattsam vertraue, fordere er den Herrn Kristan Pfinzing als ausbündigen Experten und den Herrn Ratsherrn Pernhart, der als eines hohen Prälaten Bruder manchen guten Tropfen gekostet, in aller Form Rechtens auf, mit ihm in den Schopperschen Keller zu steigen und alldort die Gebinde und Krüge zu bezeichnen, aus denen die Probe geschöpft werden solle. Um indes jeder Forderung zu genügen, werde ein Knecht auszusenden sein, um den Herrn Tucher, als den Käufer, zu der befürstehenden Handlung zu entbieten. Da noch zwei gute Stunden an Mitternacht fehlten, werde man selbigen zweifelsohne noch auf der Herrentrinkstube finden; auch sei es vonnöten, dem Boten einzuschärfen, daß wenn der Herr Tucher bei der Gegenprobe sich seinerseits eines erfahrenen Weinkosters als Zeugen zu bedienen begehre, solcher sich eines gebührenden Empfanges im Schopperhofe getrösten dürfe. Bevor nun hienach eine Viertelstund vergangen, saßen die drei Herrn mit der Ann und mir allbereit vor dem Weine, den sie selbst nach sorglicher Wahl dem besten in unserem Keller entnommen, und wenn die Speisen, so die Base dazu auftragen ließ, auch nur aus irdenen Schüsseln und Tellern Platz gefunden, und kein silbern Stück das schneeweiße Tischtuch zierte, schien die Gottesgabe doch trefflich zu munden. Wie dann auch der Tucherohm erschienen war und den älteren Herren Löffelholz als sachkundigen Zeugen vorgeführt hatte, und beide frohgemut unter uns Platz genommen, kam es, nachdem wir auch den Magister gerufen, zu einem so heitern und herzerfreulichen Becherleeren und Geplauder, daß der Herr Tucher versicherte, es walte in dem alten Schopperhof immer noch der fröhliche Geist unseres sangfrohen Vaters selig; die Ann aber mußte öfter denn seit langer Zeit ihres Türmeramtes bei dem Herrn Pathen warten. Während selbigen Schmauses kam auch manches Bedeutsame zur Sprache, und es schien den Herren weit näher zu gehen denn mir und der Base, daß wir uns so schnell mancher Dinge entäußert, die in keinem Geschlechterhause fehlen und dannocht – wir hatten's erfahren – keineswegs zu des Lebens Notdurft gehören. Und wie so manch schalkhaft Wort bekamen wir über unser schlecht Geschirr, die zinnernen Löffel und den leeren Stall zu vernehmen! Der Weinhandel wurde für nichtig erklärt, und die Base faßte sich ein Herz, um den Herrn in wohlgesetzten Worten zu versichern, ihr sei erst wieder recht wohl, seitdem ihr bewußt, daß sie so liebe Gäste mit eigenem und nicht mit fremdem Gute bewirte. Beim Aufbruch waren wir dem Hahnenschrei näher denn dem Mitternachtsgeläute, und wie ich mich am folgenden Morgen erhob und in den Erker trat, um auf die Gasse zu schauen, schien die Sonne recht hell vom blauen Himmel. Mit stillem Dank dacht' ich des vielen Guten, so der letzte Abend gebracht, und der Treue und Weisheit unserer wackeren Freunde. Manches schalkhafte und klügliche Wort, so da beim Weine gefallen, kam mir wieder in den Sinn, und weil ich mich eben fragte, welch ein neuer Anschlag wohl gesponnen worden, wie mein Herr Pathe mit dem Tucherohm die Häupter flüsternd zusammengesteckt, kam der Tuchersche Roßknecht mit meinem lieben Goldfuchs die Gasse herauf, und wie ich näher hinblickte, nahm ich wahr, daß seine Mähne und der wehende Schweif ganz und gar mit schönen roten Bändern durchflochten. Vor unserem Hausthor kam er zum Stehen, und wie ich hinabgeeilt war, um das traute Tier zu begrüßen, übergab mir sein Führer ein Brieflein, darin nichts zu lesen stund denn die mit großen Lettern geschriebenen lateinischen Worte: » Amicitia fidei «, zu deutsch: »Die Freundschaft der Treue«. So hatten also Not und Entsagung auf einmal ein Ende, und zog auch bald neues Schneewetter herauf, schien doch in meiner Brust die Sonne so wundervoll hell, als sei in dieser Dezemberzeit der Lenz erwacht und damit des Bangens und der Sorge letztes Ende gekommen. Fünfzehntes Kapitel. Es war Mittag geworden. Den Magister hielt arge Kopfpein fern von der Tafel, und die Base öffnete kaum die Lippen. Der schnelle Wechsel der Dinge hatte sie aus dem Gleichgewicht gerissen und so arg verwirrt, daß sie verkehrte Antworten erteilte und auf der Meierei so viele Wecken Butter bestellte, als hätten wir im Sinn, für ein wohlbevölkert Nonnenkloster Kuchen zu backen. – Dabei trieb sie eine sonderbare Unruhe auf und nieder, und solche begann auch mich zu bewältigen, weil die Ann ausblieb, obzwar sie beim Morgenbesuch verheißen, am Nachmittag wiederzukommen. Wie ich mich nun zum Ausgang anschickte, um nach ihr zu schauen, hielt mich zunächst ein Bote zurück, der mich, obzwar wir ja kaum heimgekehret, auf morgen wiederum in den Forst lud, und sodann ein wunderlicher Gast, den ich fast lange aus den Augen verloren. Es war der Apothekerssohn Lorenz Abenberger, der zu des Herdegen Jugendgenossen gehöret und den sie, nachdem er die anderen pueri verleitet, nach Schätzen zu graben, aus der Schule gewiesen. Seit jener Zeit, in der er auch uns Mägeden die Nativität gestellet und uns oft von mancherlei magischen Dingen unterhalten, hatten wir nur noch von ihm erfahren, daß er nach der Eltern Tod die Apotheke des Vaters aus der Hand gegeben und sich nunmehr der Alchimie befleißige. Waren die Leute im Recht, so hatte er allbereit den Stein der Weisen gefunden, oder war doch nahe daran; wenn mich aber auch viele wohlunterrichtete Herren, und voran der Magister, versichert, solches gehöre mit nichten zu den unmöglichen Dingen, so war der Lorenz Abenberger sicherlich noch nicht zum Ziele gediehen; denn da er auf mich zutrat, glich er eher einem Bettler denn einem mächtigen Manne, auf dessen Wink sich Blei und Kupfer in Gold verwandeln. Er hatte vernommen, einer wie hohen Summe wir für des Herdegen Lösung bedurften, und nun versicherte er mich der warmen Freundschaft, die er dem alten Schulgenossen immerdar bewahret, und daß er sich vermögend fühle, die Mittel zu schaffen, ihn aus der Sklaverei zu erlösen. Wie er dabei bemerkte, daß ich sein fadenscheinig, ärmlich und keineswegs sauber Gewand, von dem ein scharfer, alchimischer Duft ausging, bedauerlich musterte, unterbrach er mich mit einem garstigen Kichern und sagte, eine Bettlergestalt, so sich vermesse, große Schätze zu spenden, sei allerdings ein befremdlich Ding; indes bestehe er dannocht auf seiner Verheißung. Denn so sicher wie dem Tage der Abend folge, werde er das Ziel erreichen, wofür er das väterliche und mütterliche Erbe, ja sein alles dahingegeben, wenn er noch ein einzigmal über drei Pfund reinen Goldes frei zu schalten vermöge. – Wenn ich mich bewegen lasse, ihm zu gewähren, was er begehre, sei er bereit, Leib und Seele dem Tode und der ewigen Verdammnis mit seines Herzens Blut zu verschreiben, falls er nicht am dreizehnten Tage den roten Löwen und durch ihn das aurum potabile , so das Arcanum gegen jedes Leid des Leibes und der Seele, gewonnen. Selbiges verleihe auch die Gewalt, jedwedes Mineral, und auch das geringste, so leicht und sicher in lauteres Gold zu verwandeln, wie ich mein Spinnrad zu drehen oder ein Paternoster zu murmeln vermöge. Das alles sprudelte er mit rollenden Augen und keuchender Stimme herfür, und daß es ihm heiliger Ernst mit jeglichem Worte, war nicht zu bezweifeln; auch hätte mich das heiße, brünstige Seelenverlangen, so aus jeglicher Faser seines Wesens meine Hilfe und Barmherzigkeit anrief, wohl bewogen, ihm das Verlangte zu spenden, wär' ich nur im Besitze solchen Reichtumes gewesen; so aber mußte ich ihm die Bitte versagen, und da die Sus uns unterbrach und mir kündete, der Knecht der Pernharts sei gekommen, um mich zu der Ann zu entbieten, warf ich den Umwurf über, gab ihm kurz zu wissen, wie es stund, und verabschiedete ihn mit allem Glimpf, doch entschieden. Da schoß ihm das Blut in die bleichen Wangen, und indes er mir näher trat, knirschte er ingrimmig herfür, ich müsse und werde ihn und zugleich mit ihm auch den leiblichen Bruder erretten, wenn ich nur erst seines Flehens Sinn und Bedeutung begriffen. Und nun begann er mir in strömender Rede zu vermelden, wie weit er gediehen, und dabei floß ihm der Mund über von fremdartigen, magischen Worten, wie das große Magisterium, der rote Löwe, die rote Tinktur und dergleichen, bis es mir ganz wirr ward bei dem sündlichen Galimathias, obzwar es mich heute noch ernstlich dünket, daß er dem Ziele nahe gewesen und es vielleicht auch erreicht hätte, wenn er nicht um weniges später durch die Dünste, so einem zersprungenen Kolben entstiegen, erstickt worden wäre. Doch woher hätt' ich damals wohl die Mittel genommen, ihm Hilfe zu leisten? So unterbrach ich denn mehrfach, doch immer vergebens, seinen flammenden Eifer, bis ich ihm endlich fest und entschieden bedeuten mußte, daß ich nicht über drei Pfund Heller, geschweige denn über so viele Pfunde Goldes frei verfüge, daß er anderwärts anklopfen und mich nicht länger aufhalten möge. Dabei reichte ich ihm die Rechte zum Lebewohl, er aber faßte sie unversehens mit beiden Händen, rüttelte und schüttelte mich am Arm, daß es schmerzte, und fortgerissen von grimmem Zornmut, warnte er mich mit dräuenden Geberden und Worten, seines Lebens Arbeit sowie ihn und uns selber nicht durch schnöden Geiz zu Grunde zu richten. Da entriß ich denn, nachdem ich den ersten Schreck schnell überwunden, dem kleinen, verkümmerten Männlein die Hand und wandte ihm den Rücken; er aber sprang mir behend voraus, versperrte mit gespreizten Armen die Thür und kreischte mir schäumenden Mundes entgegen: »Hinein, hinab denn ins Elend, hinab mit uns allen! Wehe über Dich, Du karge, blinde Thörin! Wehe über uns alle! Fort mit der Hand! Und geläng' es Dir auch, mir den Mund zu knebeln, erfahren solltest Du dannocht, was Du über Dich bringest und Deine Sippe! Aufhalten, verhindern hätt' ich es können und wollen, nun aber soll sich's erfüllen! O, wir sind nicht umsonst jung gewesen mitsammen! Für Dich und Deinen Bruder, den hoffärtigen Fechter, hab' ich allbereit damals das Thema gefunden, und wenn ich Dir's künde, und das Blut gerinnt Dir nicht in den Adern . . .« Da geriet mir das Schopperblut in Wallung, und ich legte die Hand an den Wütenden, dessen Kraft der meinen kaum überlegen; er aber schlug und trat wie von Sinnen um sich und schrie: »Ueber dem Hause des Todes, der Gefangenschaft und Verzweiflung stehen Eure Planeten. Am Sankt Lazarustage begann die Erfüllung, heute aber ficht sie Dich zum erstenmale an, und so schreitet das Unheil fort, bis es am Walpurgistage innehält, weil es nichts mehr gibt, Euch zu rauben!« Hier brach des Abenbergers arges Toben plötzlich ab; denn das grimme Geschrei hatte die Base Metz herbeigelocket, und da sie die Thür hinter ihm von außen geöffnet und ein Mannsbild erblicket, das auf mich eindrang, war sie über ihn hergefallen und hatte ihn von rückwärts her mit den Armen umschlossen und über die Schwelle gezogen. Dabei schrie sie»Feuer!« und »Mordio!« und wiederum »Feuer!«, und so strömten denn Knechte und Mägde eilends zusammen und zerrten den armen Goldmacher hurtig genug die Treppe hinunter. Nun aber that er mir herzinniglich leid, und wie ich vom Erker aus auf ihn niederschaute, nahm ich wahr, daß er sich draußen aufgepflanzet, um mit hoch erhobener Faust zu mir herauf zu dräuen, bis ihm ein Büttel solches verwies und ihn heimwärts sandte. Hienach hatt' ich die Base zuerst ob solchen ausbündigen Vorganges zu trösten und es mir gefallen zu lassen, daß sie mir die Handknöchel mit Wein und Melissengeist rieb, maßen sie wie Feuer glühten und des Unglücklichen Nägel mir auch etliche Schrammen gerissen. Sie war außer sich vor Empörung, und des vielberufenen Schwarzkünstlers und Sternsehers böse Vorhersagungen erfüllten sie mit großem Entsetzen. Da war es denn an mir, der Jüngeren, ihr Mut zuzusprechen, und dannocht gingen auch mir die übelen Flüche nach und klangen mir noch an die Ohren, wie ich endlich unter eines Knechtes Geleit durch die dunklen Gassen strich, um der Ann Ladung zu folgen. Das Herz war mir so schwer, wie es lang nicht gewesen; denn zu dem Bangen gesellte sich auch große Barmherzigkeit mit dem unglückseligen, in mancher Kunst erfahrenen Manne. Ich hatte gelernt, anderer Leid und Lust wie das eigene nachempfinden, und so stellte ich mir die Verzweiflung deutlich genug für, die zu selbiger Stunde des enttäuschten Mannes Seele sicherlich zerriß. Da war es mir denn genehm, daß der Knecht meinen mußte, ich hebe das Tüchlein nur, um den treibenden Schnee aus den Augen zu wischen. Dazu schien es mir fest und gewiß, daß ein neues, grauses Unheil im Anzug, und so deutlich wie damals nach des Abenbergers Anfall hatt' ich nimmer verspüret, wie schutzlos und sonder rechten Halt ich nun dastund. Und warum war die Ann nicht gekommen? Aus was Grund und Ursach' hatte sie mich so spät zu sich entboten? Wie ich endlich zu dem Pernhartschen Hause aufschaute, fand ich die Fenster des ersten Stockes, darin die Prunkzimmer lagen, so des Herrn Kardinals allbereit seit etlichen Tagen harrten, hell erleuchtet, und so war selbiger wohl früher heimgekehrt und hatte sie wiederum bezogen. Aber die Ann wußte doch, wie wert mir ihr hoher geistlicher Ohm, und wär' er mit guter Kunde gekommen, hätte sie mich sicherlich ungesäumt in Kenntnis gesetzt oder den Weg zu uns gefunden. Was gab es nur wieder? In welcher Gestalt nahte das Unheil, so der Abenberger aus den Sternen gelesen? Zagenden Mutes hob ich den Klopfer, und der Odem stockte mir, weil ich ihn dreimal heben mußte, bevor man mir aufthat. Wie schnell war mein Annelein doch sonst zur Hand, wenn sie mein Pochen vernahm! Fürchtete sie, mir mit der Unglückspost zu begegnen, die der Herr Kardinal vielleicht aus Altkair durch seine Kleriker empfangen? O, das Lösegeld hatten wir ja beisammen; doch die Ursula war seit dem Verrat, den sie an dem Herdegen begangen, geradezu gezwungen, ihm nach dem Leben zu trachten; denn was erwartete sie, wenn es ihm heimzukehren glückte? So mochte denn kommen, was da wollte, ich mußte die Fahrt unternehmen, und zwar ungesäumt, auch wenn ich kein ander Geleit fand denn den Eppelein und die Base! Auf selbigem Entschluß zu verharren war ich felsenfest entschlossen, wie endlich die Thür ging. Im Soler regte sich nichts. Hurtig warf ich dem taubstummen Mario, der mir geöffnet, den nassen Mantel zu und stürmte sodann die Treppe hinan. Doch wie ich kaum bis an das erste Stockwerk gelanget, trat die Ann mir heil und frohgemut entgegen, und weil ich sie im Vorsaal bestürmte, so wenig wie ich von der beschlossenen Fahrt zu lassen, nickte sie mir beistimmend zu und wies auf das Erkergemach, wo wir das alles in besserer Ruhe bereden könnten. Ich aber war baz überrascht, sie so heiter zu sehen, zumal nachdem ich erfahren, daß der Herr Kardinal erst morgen einzutreffen gedenke. Ein edler Ritter aus Welschland, kündete sie hastig, sei droben und habe unsere Bildnisse zu betrachten begehret, und so traten wir in das Erkergemach, das hell erleuchtet, wie wenn Gäste geladen. Auch bot es ein sonderbar festlich Ansehen, so mich baz verwirrte, und es fiel mir alsbald ins Auge, daß mein Bildnis, so vor etlichen Tagen für den Herrn Kardinal neben dem der Ann an die Wand gehängt worden, nunmehr auf zween Stühlen stund, deren hohe Lehnen es stützten. Solches und mehr hatt' ich mit wenigen schnellen Blicken erspähet, und wie ich nach dem Fremden aus Welschland fragte, erfuhr ich, daß er mit dem Meister in das Gemach getreten, so man für den Herrn Kardinal gar prächtig mit den köstlichen Stoffen aus Rom und Florenz ausstaffiret, die er seiner alten Frau Mutter verehret. Das Schönste darunter waren prächtige Tapeten von kunstreicher, farbiger Weberei, so die breite Oeffnung verschlossen, welche aus dem Erkergemach in das Nebenzimmer führte. Auch sie mußte der Welsche besichtiget haben, maßen sie gerade niederhingen, während sie sonst an den Seiten aufgenommen waren. Hinter ihnen herrschte völliges Dunkel, und so hatten sich also der Meister und seine Hausfrau mit dem fremden Gaste in die hintere Kammer begeben, wo der Herr Kardinal sonst zu arbeiten liebte und es manch Kunstwerk und etliche griechische Handschriften zu sehen gab, so er mit sich geführet, um sie den gelehrten doctoribus in der Heimat als köstliche Seltenheiten zu weisen. Nur die alte Frau Meisterin war zurückgeblieben, und die helle Freude strahlte ihr von dem Antlitz, da sie mir von dem Sorgenstuhle aus die Hände mit dem heitersten Gruße entgegenstreckte. Sie trug ihr prächtiges Festgewand, und auch von ihr ging etwas Feierliches und Glückseliges aus. Wenn ich nun auch sonst gewißlich immerdar bereit gewesen, mich mit den Fröhlichen zu freuen, so ging das alles zu jener Stunde mir und meines Herzens übeler Beklemmung schnurstracks entgegen, also daß ich mich nicht gleich zurecht finden konnte und es mir war, als höhne all das Heitere und Glänzende rings um mich her mein arm, schwer belastet Gemüte. Da kam es mich denn hart genug an, der rüstigen Greisin Grüße recht frohgemut zu erwidern. Und ihr scharf alt Auge nahm alsbald wahr, wie es mit mir stund, und so hielt sie mich fest bei der Hand und fragte mit lauter Stimme, von wannen die Wolken auf meiner Stirn wohl kämen? Wenn ihre frohe, aufrechte Gred, an der sie nimmer eine übele Laune wahrgenommen, so dreinschaue, dann habe sich gewißlich etwas Schlimmes ereignet. Da kam es über mich, ich weiß nicht wie. War es der Gegensatz zwischen dem Dunkel und der Bangigkeit in der eigenen Brust mit der hellen Freudigkeit rings um mich her, oder was sonst, das mir so scharf ins Herz griff, ich kann es noch heut nicht vermelden; wohl aber ist mir bewußt, daß alles, was mich seit des Abenbergers Fluch so schwer geängstet, mir von neuem ungestüm auf die Seele fiel, und daß ich mit überquellenden Thränen ausrief: »Ja, Großmütterlein, ja, hinter mir liegt eine schlimme, widrige Stunde! Eines Rasenden Ueberfall galt's zu bestehen und gräßliche Flüche aus seinem Mund zu vernehmen. Aber das, das ist's nicht allein, ganz gewiß nicht. Jeden Mannes, und ganz anderer denn des kleinen Abenbergers, will ich mich allzeit erwehren, und was den Fluch angehet, so hab' ich von Kind an des Vaters selig Sprüchlein gelesen: Flucht mir! Was ist dran gelegen, hab' ich Recht an Gottes Segen.« »Und dies Recht, Du hast Dir's redlich erworben!« unterbrach mich hier die Greisin, zog mich zu sich nieder und küßte mir die Stirn. Da weint' ich nicht länger, machte dem Herzen mit neuer Zuversicht Luft und rief immer noch in mächtiger Erregung: »Es ist auch nur eines Weibes schändliche Tücke, die mich so ängstigt. Wie ein schwarzes Unwetter hängt der Ursula Haß über den Brüdern, und so deutlich wie auf dem Gange hieher ward es mir nimmer bewußt, daß es mit dem Lösegeld allein nicht gethan ist. Ja, hätten wir auch das Doppelte beisammen, der Herdegen kommt doch nicht lebendig von hinnen, wenn es nicht glücket, der Ursula, die nun auch das Schlimmste zu befürchten hat von seiner Heimkehr, die Wege zu kreuzen. Wie aber heißet der Bote, der solcher Aufgabe gewachsen? Der Kunz liegt wund in der Fremde, Jung-Kubbeling läßt sich vielleicht bewegen, trotz des bestandenen Fiebers über das Meer zu fahren, doch der gute Wille thut es nicht bei dem geringen Geschick, so ihm eigen. Die anderen Freunde sind zu alt oder an Nürnberg gebunden. So steht es. Und was bleibt uns, der Ann und mir, nun wohl übrig, Großmütterlein? – saget es selber – denn zurückzukommen auf den ersten, einzig richtigen Anschlag? Was uns obliegt, was wir keinen Tag ohne Not hinausschieben dürfen, das ist nur das eine, unter der Jungfrau gnädigem Beistand das Schiff zu besteigen und uns diejenigen, so unserem Herzen die Liebsten, frischen Mutes selbst zu erbeuten. Zwar bin ich ein elternlos Kind, Bräutigam und Vormund sind mir gestorben, und dannocht fürcht' ich mich nicht, in die Ferne zu fahren; denn treue, redliche Minne ist der Leitstern, der uns voranzieht, und an der Ann haben wir deutlich erfahren, wie wahr des Apostels Wort, daß rechte Liebe auch das Größte vermag. Wer auf zwei kräftigen Füßen, heil an Leib und Seele dasteht und auf des Himmels gnädigen Beistand mit fröhlicher Zuversicht hoffet, der kann, auch wenn er nur eine schwache Maged, zur Not der anderen Hilfe entraten, und kerngesund bin ich gottlob! Auch den kunstreichsten Faden, den die Ursula spinnet, derb zu zerreißen, das nehm' ich allemal auf mich, zumal wenn der Ann feines Köpfchen mir beisteht. Und so geh es denn fort, Großmütterlein, fort durch den Schnee und Winter, um die Brüder zu holen, und hält das Reißen unter den Katzenfellen den Jung-Kubbeling zurück, und Meister Ulsenius untersaget dem Eppelein den Ritt in die Ferne, dann findet sich wohl auch ein anderer, der uns das Geleit gibt.« Damit schöpfte ich tief Odem, und wie ich hienach erleichterten Herzens die Ann mit den Augen suchte, um mich ihrer Bestimmung zu vergewissern, ward es mir plötzlich, als erhöbe sich unter meinen Füßen des Zimmers Boden, um mich zu Falle zu bringen; denn die köstliche Tapete, welche des Herrn Kardinals Gemach verschlossen, hatte sich völlig auseinandergegeben, und eines hohen, wettergebräunten Mannes tiefe Stimme rief mir entgegen: »Willst Du Dich dieser Hand anvertrauen, Gred? Sie steht Dir willig und treu zu Diensten!« Da scholl es mir wie ein Jubelruf von den Lippen: »Götz!« und wiederum »Götz!« Und ob es mir auch war, als drehten Wände, Tische und Stühle sich rings um mich her, und als habe des Gemaches Decke und über ihr auch des Himmels blaues Gezelt sich geöffnet, kam ich doch nicht ins Wanken, sondern eilte dem Heimgekehrten geraden Weges entgegen und griff nach seiner lieben, starken Hand. Doch dabei sollt' es mit nichten verbleiben; denn bevor ich recht wußte, wie es geschah, hatt' er mich allbereit in die Arme geschlossen, lag ich an seiner Brust, fühlt' ich seine bärtigen Lippen zum erstenmal fest und heiß auf den meinen. Mit dem Götz waren der Meister Pernhart und seine Hausfrau aus dem Nebengemach getreten, die Ann, die alte Meisterin und die größeren Kinder schauten uns zu; doch weder er noch ich achteten ihrer, und wie wir uns einander in die Augen schauten, und ich fand, daß sein Antlitz das alte geblieben, wenn auch tiefer gebräunet und noch mannhaft schöner und fester denn vordem, da rief mir des Herzens Stimme mit lautem Jubelton zu, daß wir zusammengehörten, und ich wehrte ihm nicht, wie er mich fester an sich zog und mir leise ins Ohr rief: »Aber, Gred, wie geht es wohlan, daß der Vetter, der noch kein Greis, ein jung, holdselig Bäslein in die Ferne geleitet und weiter und immer weiter durchs Leben, ohne den Leuten ein schwer und gerecht Aergernis zu geben?« Da fühlte ich, wie mir das Blut ins Antlitz schoß, und ob ich auch mit nichten um die Antwort verlegen, schonte er dannocht meiner Verschämtheit und fuhr inniglich fort: »Wenn er es als Dein angetrauter Ehegemahl thäte, welche Muhme und Gevatterin wagte es dann wohl, ihn und die ehrenfeste Frau Gred Waldstromerin zu schelten?« Da lächelte ich frohgemut auf zu dem Herzliebsten und versetzte nur leise: »Keine, Götz, keine!« So bin ich denn noch selbigen Abend seine Verlobte geworden, und was war das köstliche Geschmeide, so er am Rialto zu Venedig für sein lieb Rotkäpplein daheim erlesen und mir nun als erste seiner Liebungen darbot, gegen die Fülle der frohen Kunden, mit denen er unsere Herzen aufzurichten vermochte? Bald saßen wir mir den Pernharts, zu denen sie auch Base Metz und meinen lieben Herrn Pathen Kristan Pfinzing berufen, traulich beisammen. Des Götz Arm war um mich geschlungen, und meine Hand ruhte in der seinen. Eine wie lange Frist hatten Berge und Meere zwischen uns gelegen, wie schnell und unerwartet war ich sein und er mein geworden, und dannocht wollt' es mich dünken, als müßt' es so sein, als habe sich jetzt nur erfüllet, was die Vorsehung von Anfang an für mich im Sinne getragen, und dabei sang und blühte es mir in der Brust und im Herzen, als sei es zu einem der Zaubergärten geworden, in denen die Jungbrunnen plätschern, und auch an dem harten Nadelholz und Epheugeranke Rosen und Tulipanen, Goldäpfel und Weintrauben blühen und reifen. Dannocht verlor ich keines seiner Worte und hätte ihm lauschen mögen bis zum grauenden Morgen. Und während wir so dasaßen oder Arm in Arm das lange Erkergemach durchmaßen, bekam ich mancherlei, aber lange nicht genug von des Götz abenteuerlichen Schicksalen und von der herrlichen Wendung zu hören, die unter seinem Beistand der Brüder Schicksal genommen. Was wir aber durch des Heimgekehrten knappen und klaren Bericht und die Antworten auf unsere häufigen Fragen jetzt schon erfuhren, das war, daß er, nachdem er die Heimat verlassen, alsbald in den Kriegsdienst der venedigschen Republik getreten und es unter dem Namen Silvestri, was wohl der vom Walde oder Waldstromer besaget, zu ansehnlicher Größe gebracht. Was er vor Salonichi und sonst gegen den Sultanus Murad und die Osmanen und anderwärts gegen andere Ungläubige verrichtet und der hohen Gunst seines Feldhauptmannes, des großen Pietro Loredano, verdankte, sollte er erst später eingehend berichten. In der letzten Zeit war er zur Führung des Kriegsvolkes auf der Flotte berufen worden, so die Republik gen Alexandria sandte, um wegen des gefangenen Königes von Zypern mit dem Sultanus zu verhandeln. Es waren aber mit ihm auf der größten Galeere etliche hohe Würdenträger aus den berühmteren Geschlechtern der Republik gewesen, und an ihrer Spitze der Prokurator von Sankt Marcus, Marino Cavallo; denn der große Rat wünschte den cyprischen König mit venedigschem Gelde zu lösen und hatte darum den Angelo Michieli der Gesandtschaft gesellet, maßen selbiger das Haupt einer der gewaltigsten und reichsten Handelsgesellschaften des Abendlandes. Mit ihnen allen stund der Götz als wohlberufener Kriegsheld in traulichem Verkehr, und da sie zu Alexandria gelandet, bot ihnen allen der Anselmo Giustiniani, der Republik Konsul, im Fondaco derselben ein stattlich Quartier. Hier sollte mein Verlobter denn auch der Ursula begegnen; ihr selbst aber gab er sich nicht zu erkennen, maßen er allbereit Schlimmes über die Amtsführung des Giustiniani, ihres Gemahles, und ihr eigen Gebahren vernommen. Doch vor einem anderen Bewohner des Fondaco verbarg er sich nicht, und das war der Hartmann Knorr, ein Nürnberger Kind aus gutem Hause, der, nachdem er zu Padua den Doktorhut erworben, die Stelle des Arztes angenommen, den die Republik jedem Konsul zu Alexandria unterhält. Auf selbigen Landsmannes Kammer ergingen sich die beiden Schulgenossen in manchem vertraulichen Gespräch, und weil dem Meister Knorr wohl bewußt, daß der Götz zu der Schopper Blutsfreundschaft gehöre, berichtete er ihm ungesäumt, daß er in meines Akusch elterlich Haus berufen worden sei, dort aber des Kunz gewartet und seltsame Dinge von ihm vernommen habe; denn er hatte der Ursula Schuld gegeben, sie sei es gewesen, die des Herdegen wie des Ritters Franz Schreiben an ihre Leute daheim zurückgehalten, ihres Gemahles Mordgesellen auf ihn gehetzet und endlich seines Bruders Losung hintertrieben. Da war denn der wackere Arzt schon bereit gewesen, mit der nächsten fälligen Galeere gen Venedig zu fahren, um für die gefährdeten Landsleute ins Werk zu setzen, was er vermochte, doch des Götz Ankunft sollte den Bedrängten in anderer Weise Erlösung aus Not und Knechtschaft bringen. Nachdem der Meister Knorr selbigem nämlich auch über etliche andere Frevelthaten Bericht erstattet, so der Giustiniani verübet, war mein Bräutigam alsbald bei den hohen Herren von Venedig klagbar geworden, und ungesäumt hatte der Marino Cavallo, kraft seiner Gewalt als Prokurator von St. Markus, dem Giustiniani mit seiner Hausfrau gen Venedig zurückzukehren geboten, um sich dort dem Kollegium der Pregadi zu stellen, so den Konsulaten vorstehet. Auch des Herdegen und des Ritters Sache hatte der Götz unverweilt in die Hand genommen, und da er in hoher Achtung stund, war der Herr Angelo Michieli unschwer zu bestimmen gewesen, auf seine und des Kunz Bürgschaft hin auch für den Herdegen und den Böhmen das Seine zu thun. So fuhren denn die Botschafter der Republik gen Altkair, und während der geschäftskundige Herr Michieli das Lösegeld für den König Janus auf zweimalhunderttausend Dukaten herunterhandelte und selbige alsbald dem fürstlichen Gefangenen vorschoß, wußte er den Sultanus zu bestimmen, sich für meinen Aeltesten und den Ritter mit je fünfzehntausend Dukaten zufrieden zu geben, und so war denn der Herdegen wie sein Unglücksgefährte in Freiheit gelangt. Bei selbigem Bericht begann mir das Herz immer höher zu schlagen; denn ich hoffte im stillen, die Brüder seien mit dem Götz gekommen und hielten sich nur noch um einer geheimen Ursach' willen verborgen; bald aber erfuhr ich, daß sie gen Jerusalem aufgebrochen, um zu ihrer größeren Sicherheit dem Kaiser bei der Heimkehr vermelden zu können, sie hätten die Buße auf sich genommen und die heiligen Plätze betreten, zu denen sie ausgesandt worden. Weil der Götz nun selbigen herrlichen und tröstlichen Bericht geschlossen, und ich ihn fragte, was ihn endlich zur Heimkehr veranlaßt, bekannte er frei, der Brüder Mitteilungen hätten ihm das Vaterhaus, die Eltern und alles Liebe, das er hinter sich gelassen, so deutlich vor die Seele geführet, daß es ihn nicht mehr länger in der Fremde geduldet. Dann blickte er mir tiefer ins Auge und flüsterte mir zu: »Des siechen Mütterleins und des ergrauten Vaters Bildnis lockten am stärksten, doch nach ihnen ein drittes: ein hold, lieb Kinderantlitz, das nämliche, so mich jetzund froh und minniglich anschaut. So, just so hatt' ich's wieder zu finden erwartet, und wie sie mir nun Dein Bildnis mit dem Rotkäpplein wiesen, und ich der Rede lauschte, mit der Du dem Großmütterlein Dein Innerstes erschlossest, da war ich schnell mit mir im reinen.« Wie lieb der Heimgekehrte denen im Pernhartschen Hause, erst in jener Abendstunde sollt' ich es ganz erkennen; denn der Großmutter Blick hing an ihm wie an einem lieben Sohne, der Meister aber trat ihm bisweilen näher und streichelte ihm den Arm. Nur zweimal wandte er sich schnell, nachdem solches geschehen, und wischte sich heimlich das Auge. Dannocht schaute er neidlos auf unsere Minne; ja, wie der Götz sich schwer von meinem Bildnis zu trennen vermocht, hatte der Meister ihm zugeraunet, wenn er eine an des Trudleins Stelle zu setzen gedenke, so möcht' es die Gred sein, und die Großmutter hatte Amen gerufen. Mitternacht war allbereit gekommen, da erscholl Hufschlag auf der Gasse, und wie er verstummte, erhob sich der Götz, und bald darauf waren die anderen aus dem Zimmer geschwunden. Doch wir sollten uns des trauten Beisammenseins nicht lange freuen; denn der Heimgekehrte hatte die Rosse verordnet, um trotz der späten Stunde in den Forst zu reiten. Sein Knecht, der ihm in die Fremde gefolget, eines Waldhüters Sohn, war hinausgeritten, um dem Erbförster Grubner anzubefehlen, den Waldohm auf morgen in der Frühe zu sich zu bescheiden, und bei ihm gedachte der gute Sohn sich des Wiedersehens mit dem Vater zu freuen, nachdem er im Dunkel der Nacht das Elternhaus ungesehen begrüßet. Ach, wie war es doch so hart, sich von dem Neugewonnenen, dem Allergeliebtesten nach so kurzem Beisammensein zu trennen, den Wegemüden wiederum hinausfahren zu sehen in die finstere Nacht. Und wie wenige vertraute Worte hatten wir noch mit einander gewechselt, wie flüchtig abgesprochen, was der nächste Tag bringen solle, und wie es mit der Mutter zu halten! Meine dringende Bitte, des Eides, der ihm das Elternhaus zu betreten versagte, als eines sündlichen und widernatürlichen zu vergessen, war unerhöret geblieben. Doch wie minniglich hatt' er die strenge Ablehnung, die ich wohl verdienet, da mir doch bewußt, was einem Manne ein Schwur gilt, gut zu machen verstanden, und so bat ich ihn denn recht herzlich, die Rosse heimzusenden und den Abschiedsgruß nicht auszusprechen, bevor noch das Willkommen verklungen. Morgen in aller Frühe werd' es mir die höchste Lust bieten, mit ihm zu reiten, und ein kurzes Stündlein des Harrens könne den Ohm kaum verdrießen. Das alles floß mir behend und warm genug von den Lippen, und er hörte mir auch gelassen zu bis ans Ende; dann aber versicherte er allen Ernstes, wie süß es ihn auch dünke, mich als Wandergenossin zur Seite zu haben, werde es dannocht nicht angehen, und nun setzte er mir so bündig und klar auseinander, was er allbereit gestern verordnet, daß ich zu ihm aufschaute wie zu einem Feldhauptmann, der, was fürder geschehen soll, bis ins einzelne aufs klügste ins Auge fasset und ordnet. Eine gleich bestimmte und klare Vorausbestimmung war mir nimmer begegnet, und dannocht gab sich das Evateil in mir mit nichten zufrieden. Es kam mich gar zu hart an, ihn von mir zu lassen, und von ungefähr ward in mir thörichtem Ding der Wunsch übermächtig, just diesen Mann, der den eigenen Willen überall so eisenfest behauptet, mir gefügig zu machen. So begann ich denn von neuem zu bitten, doch diesmal unterbrach er mich bald mit der Versicherung, er müsse trotz alledem reiten, und zog dabei die Kapuze des Mantels schnell über das Haupt, also daß mir daraus sein wohlgeformt, wacker, gebräunt Antlitz mit dem spitz geschnittenen Vollbart, wie von dem grünen Tuche umrahmt, recht als das Urbild mannhafter Schöne und ernster Milde entgegenschaute. Da schlug mir das Herz noch höher vor Glück und fröhlichem Trutz, solchen seltenen Mannes Herz mein eigen zu nennen, und damit stieg das Verlangen, meine Macht an ihm zu bewähren. Auch war mir wohl bewußt, wie eines Liebenden Wille zu beugen; denn der Hans hatte mir nichts zu weigern vermocht, wenn ich in besonderer Weise gebeten. Weil ich nun solches keineswegs vergessen, faßt' ich des Götz Kapuze an den Rändern und führte sein lieb Haupt meinem Antlitz entgegen. Dann zog ich das Näslein ein, wie die Hasen thun, wenn sie schnuppern, spitzte den Mund zum Kuß, hob mich auf den Zehen, bot ihm die Lippen von ferne und flüsterte ihm recht herzinniglich und flehend entgegen: »Und trotz alledem sollst Du jetzund mein guter, trauter Herzensschatz sein und der Gred den Willen thun, weil sie so brav darum bittet und Dir fast gern einen guten, süßen Kuß dafür böte.« Doch ich hatte mich verrechnet; denn den Lohn, des der Hans bescheidentlich geharret, nahm der kecke Kriegsmann vorweg. Hurtig genug wußte er meine Lippen mit dem bärtigen Munde zu finden, ja, er ließ es sich mit nichten an einem Kuß genügen; doch sobald er des letzten genossen, nahm er meine beiden Hände fest in die seinen und fragte mich ernst und doch hold: »Nicht wahr, Gred, Du liebst mich?« Und wie ich ihn des recht treuherzig versichert, sprach er im gleichen Ton und ohne meine Hände zu lassen: »So muß Dir denn auch bewußt sein, daß ich Dir ohne Not weder das Größte noch Kleinste abschlagen kann und werde. Ist es aber geschehen,« und hier hob er die Stimme, »dann wird nichts auch nur das Geringste daran zu ändern vermögen. – Du kennst mich von Kind an, und Dein eigener Wille war es, der Dich dem Eisenkopf preisgab. Nun aber die Lippen noch einmal, und nichts für ungut! Auf morgen früh! Draußen im Forste gehören wir uns, will's Gott, auf längere Zeit wieder!« Damit zog er mich fest und treu in die Arme, ich aber erwiderte seinen Kuß willig und heiß, und bevor ich noch ein Wort der Entgegnung gefunden, hatt' er das Gemach allbereit verlassen. Da eilte ich ans Licht, und wie er zu mir heraufwinkte und dann dem Schneesturm entgegen die Gasse hinabritt, preßte ich die Hand auf die Brust, und so übervoll von heller Glückseligkeit ist wohl selten ein Menschenkind gewesen, nachdem es in dem Strauß, den es freventlich begonnen, zweimal den kürzeren gezogen. Wie ich heimgelanget, weiß ich nicht zu vermelden, wohl aber, daß ich selten mit so heißem Danke vor dem Betstuhl gekniet, und daß es mir zu Sinn war, als müsse es wie der Mutter selig, so auch dem verstorbenen Hans willkommen sein, daß es also mit mir gekommen. Auf dem Lager kehrte, bevor ich einschlief, alles, was das Schönste in meinem vergangenen Dasein gewesen, als sei es wieder lebendig geworden, zu mir zurück, und zu allererst sah ich mich als Rotkäpplein unter den Bäumen des Forstes mit dem Götz, wie er mir dort tausend Dienste leistete und mich allen anderen vorzog, bis er um des Trudlein willen in die Ferne ging und mir das kindische Herz in Aufruhr versetzte. Dann kam die Lust und der Schmerz, den mir des Herdegen und der Ann Minne bereitet, und nun trat der Hans in meines Lebens Bahn, und wie gern dacht' ich sein und der Glückseligkeit, die ich ihm dankte. Doch bevor ich noch zu meines jungen Lebens schwerster Stunde gelangt war, übermannte mich der Schlaf, und im Traum trat nur des Götz in Gefahr und Todesnot gestählte Mannesgestalt vor die Seele, und er reichte mir nicht, wie es der Hans wohl gethan hätte, den Arm, nein, er schwang mich hoch auf und schritt mit mir, wie der Christophorus mit dem Kinde, sicheren Ganges auf ebenem Wege und über Abgründe fort, wohin er begehrte; ich aber ließ ihn widerstandslos und mit leisem Schauern gewähren, obzwar es mir war, als schmerze mich der Druck seiner stählernen Arme. Und weiter und weiter ging's durch den ältesten Hochwald. Dabei streiften mir die Wipfel der Bäume das Antlitz, und ich vermochte in die Nester der Adler und Wildtauben, der Elstern und Eichkätzlein zu blicken. Es war ein wundersam Wandern, obzwar mir der Odem bisweilen versagte, und so ging es fürbaz, bis ich auf einer Eiche höchstem Ast den Lorenz Abenberger gewahrte, und ich von den bösen Worten erwachte, so er mir zurief. Hienach mied mich der Schlaf, und in Gedanken folgte ich dem Götz durch den Schneesturm. Dann sah ich im Geiste, wie in des Erbförsters Hause des Grubners Tochter, die hübsche Waldtrud, ihm das Willkommen und nach dem kalten Ritt warmen Würzwein bot, den sie ihm mit den roten Lippen kredenzte. Dabei stach es mir weh durch das Herz, und es kam mir in den Sinn, eine wie saubere Maged des Erbförsters Tochter, die nur um ein Jahr älter denn ich und nicht mit Unrecht für die schmuckste galt im ganzen Forste. Und der böse Geist der Eifersucht, der bis dahin so wenig Macht über mich besessen, daß ich gelassen zuzuschauen vermocht, wenn der Hans mit einer der Schönsten höfisch und zutraulich gekoset, raunte mir den wüsten Argwohn ins Ohr, der Götz könne in seiner kecken Kriegerart leicht um flüchtigen Minnesold bei dem hübschen und munteren Wallilein werben. Aber bald gab mir die Erinnerung an den redlichen Blick des Herzliebsten die Ruhe zurück, und jetzt durchzuckte es mich wie ein Schreck, daß ich nun auch den Biß der Schlange verspüret, den sie Eifersucht nennen. Sollte sich selbige dannocht überall einschleichen, wo echte Minne ein Nest baut? Und stund es also, dann – und dabei überlief es mich heiß – dann wäre die Minne, die mich mit dem Hans Haller verbunden, von geringerer Art und kaum die echte gewesen! Aber nein! Hatte sie auch ein anderes Ansehen besessen denn die neue, heißere, die ich jetzund aus früh entzündetem, lange gedämpftem Feuer in mir lodern und glühen fühlte, war sie dannocht von bester Art, treulich und fest gewesen! Wenn mich als des Hans Haller Verlobte die Eifersucht verschonet, so dankte ich solches nur dem großen und felsenfesten Zutrauen, das ich ihm billig gespendet. Und der Götz, der, um einer anderen Treue zu halten, so viel Leid und Mühsal auf sich genommen, war dessen nicht minder wert, und an mir mußte es sein, gegen den bösen Geist anzukämpfen mit aller Kraft, die mir eigen. Noch einmal übermannte mich der Schlaf, und wie es in der Dämmerstunde mir nun wieder in den Sinn kam, was der gestrige Abend gebracht, da mußt' ich mir an die Schultern und Schläfen greifen, um mich zu vergewissern, daß ich wachen Auges einem neuen Tage entgegenschaue. Und welchem Tage! Das Herz floß mir über, da ich, wohin ich auch schaute, keine Fährnis mehr wahrnahm und nichts und gar nichts, als was wohlgeordnet und zum Austrag gekommen, als was sicher, o, so wonnesam sicher! Dankbar und frisch wie die Lerche hob ich mich vom Lager. Da stund die Base noch ungekleidet und mit den Papierwickeln im Haar vor dem Bildnisse der Eltern, leuchtete ihnen mit dem Lämplein ins Antlitz und vertraute ihnen dabei sicherlich in aller Stille, daß ihres Lebens Arbeit und Sorge wiederum zu einem glücklichen Ausgang gediehen, und unaufhaltsam trieb es mich an ihr vielgetreu, wacker Herz, und ob, indes wir einander in den Armen hielten, auch keines ein Wort fand, war uns doch beiden bewußt, wie wir's meinten. Da wir hienach schnell genug zum Aufbruche fertig, stieß im Soler der Magister zu uns, der auf der Base Ruf hinunter gekommen. Im buntgeblümten Morgengewande, so ihm ein gar sonderbar Ansehen verlieh, trat er vor uns, und allbereit nach meinem ersten »Grüß Gott!« rief er munter, es dünke ihn vergebene Mühe, nach dem Befinden zu fragen. Wie er sodann alles vernommen, wußte er sich zuerst nicht zu lassen, und seine Glückwünsche flossen ihm wie eitel Honigseim von den Lippen; auch bot es ein gar ergötzlich Bild, wie er in seines Herzens Genügen von Zeit zu Zeit die Arme über der Brust zusammenschlug wie ein Holzhauer, wenn er im Winter die Hände wärmet. Urplötzlich aber gewann er ein nachdenklich Ansehen, und da die Base, indem sie der Ann gedachte, ihm gut zusprach und sagte, es sei nun einmal in der Welt so bestellet, daß wer in der Sonne stehe, seines Leibes Schatten leicht auf den anderen werfe, nickte der Magister wehmütiglich mit dem Haupte und rief: »Ein weises Wort, würdige Frau Metz! Und wer dergleichen Schatten wirft, der vollbringt es gemeinhin wider den eigenen Willen, sine ira et studio . Und aus dem Gesagten ergibt sich – gestattet den Syllogismus – daß, weil doch alles, was dem einen weh thut, dem andern zur Lust gedeihet und umgekehrt, es auch trübe Gesichter geben muß, so lang' es an fröhlichen nicht mangelt. Was mein geringes Antlitz nun angehet, sollt' ich es wohl zu den beschatteten zählen – und dannocht . . .« Hier stockte ihm plötzlich der Rede Strom; doch bevor wir uns des versahen, floß es ihm laut und baz aufbegehrend von den Lippen: »Und dannocht bin ich mit nichten bekümmert, nein, nicht im mindesten bin ich's; denn ich hab' es gefunden und wem mag es entgehen: Ihr Schatten kann nur so voll und schwarz auf mich fallen, weil sie selbst im lichtesten Sonnenglanz weilet! Und mir, mir ist es ein Leichtes, des Dunkels die Fülle zu tragen, und Ihr, Jungfrau Gred, und sie, o bleibet, bleibet stehen in der allerstrahlendsten Helle immerfort bis ans Ende!« Dabei richtete er Blick und Hände wie aufgebaut himmelwärts, und ohne uns nur sein alt salbungsvoll » Vale « oder » Valete « zu bieten, nahm er das bunte Nachtgewand zusammen und stürmte die Treppe hinan. Das Wetter hatte sich so übel erhalten, wie es gestern gewesen, doch ob mein Bayard auch bisweilen so tief in den Schnee trat, daß meines Gewandes Saum ihn fegte, verging mir der Ritt auf die Forstmeisterei dannocht schnell wie im Fluge. Die Base benützte den Schlitten und kam langsam fürbaz. Da ließ ich sie denn ihres Weges schleichen und hatte sie bald überholet. Mit dem Götz war ich gestern übereingekommen, erst mit der Mutter zu reden und ihm dann aus der Erbförsterei zu berichten, wie sie gesonnen. Die Ann hatte daheim bleiben müssen, maßen sie bei des Herrn Kardinals Ankunft zugegen sein mußte. In dem alten, lieben Waldhause war außer dem Thorwart niemand meines Kommens gewahr geworden. Der Ohm hatte in aller Frühe das Roß bestiegen und war noch nicht wiedergekehret, die Muhme aber fand ich allbereit sonderbarer- und ungewohnterweise drunten voll gekleidet im Gespräch mit dem Kaplane. Vielleicht hatte ihr Hausherr ihr schon vermeldet, was ihn zu dem Erbförster getrieben, und damit hätte er mich einer schweren Pflicht entlastet; denn zog es mich auch mit aller Kraft an das Herz der teueren Frau, so dünkte es mich doch kein Leichtes, sie, die so hinfällig und von so jäher Gemütsart, auf die Glückseligkeit und den schweren Seelenkampf vorzubereiten, die ihrer harrten. Die Tafel stund zwar für sie gedecket; doch hatte sie und der Götz sich durch die schlimmen Gelübde den Zugang zu Schüssel und Becher verschlossen. So überschritt ich denn zagend die Schwelle, und sobald sie meiner ansichtig geworden, rief sie mit heißen Wangen, so nicht nur vom Widerschein des Kaminfeuers glühten: »Die Gred, die Gred! Und wie frohgemut sie dreinschaut! Du hast den Ohm gesehen, Kind, und erkundet, was ihn hinaustrieb!« Da versicherte ich sie denn des Gegenteiles und rief sie auf, sich mit mir zu freuen; denn das Lösegeld für den Herdegen sei völlig beisammen und – das Beste zuletzt – wir hätten günstige Botschaft über die Brüder empfangen. Nun verlangte sie zu wissen, wann und durch wen, und solches in einer Art, als trage sie sich mit einer bestimmten Vermutung; ich aber entgegnete so gelassen wie ich vermochte, ein Pilgrim aus dem Morgenlande sei gestern gekommen, ein gar lieber und wackerer Herr, den ich auch ihr vorzuführen gedenke. Doch weiter gelangte ich nicht; denn ihre Augen blitzten plötzlich hell auf, und ungestüm fiel sie mir in die Rede: »Kaplan, Kaplan! Was saget Ihr nun? Wie der Alte heut in der Frühe fortritt und mir in so sonderbarer Weise das Lebewohl bot, da – höre, Gred – da hat er mir gleichfalls von einem Boten aus dem Morgenlande geredet, der gestern in die Stadt eingeritten, just wie der Deine. Doch nicht über den Herdegen, sondern über ihn, ihn – über den Götz sollt' er sichere Kunde besitzen. Und wenn der Alte mir so viel vertraut, so steckt etwas Gewisses dahinter. – Nun aber, Gred, nun ich Dich sehe, – wenn ich erwäge . . .« Hier kreischte sie plötzlich so schrill auf, daß es mir, die ich eben dem Kaplan einen bedeutsamen Blick zugeworfen, durch Mark und Bein fuhr; und bevor ich mich des versah, klammerte sich ihre schwache, hagere Hand mir um den Knöchel, und mit heiserer Stimme rief sie: »Also doch, also dannocht hältst Du etwas verborgen! Den Blick, womit Du des Kaplanes Beistand geheischet, o, ich hab' ihn gesehen! . . . Dein Zaudern . . . Und wie Du . . . Gred . . . Gred! . . . Bei Christi Wunden frag' ich Dich, Gred: Was geht da vor? Was ist's mit dem Götz? Hat er . . . Herfür, heraus mit der Wahrheit! Hat er geschrieben? – Nein? – Du schüttelst das Haupt? . . . Gnadenreiche Jungfrau! Er, er, der Götz ist auf dem Heimweg!« Damit schlug sie die Hände vor das Antlitz; ich aber warf mich vor ihr nieder, zog ihr erst die Rechte, dann die Linke von den Augen, bedeckte beide mit Küssen und raunte ihr zu: »Ja, ja, Muhme, Mutter, süß, traut Mütterlein! Warte nur – Du sollst alles erfahren. Unser Götz ist müde des landfremden Wanderns, er hat Vater und Mutter und auch mich, sein Rotkäpplein, mit nichten vergessen . . . Ich weiß es, weiß es genau. Geduld! Nur noch ein wenig Geduld, und er wird wieder hier sein – in Deutschland, in Franken, in Nürnberg, auf der Forstmeisterei, hier, hier, wo ich kniee, zu Deinen Füßen, in Deinen Armen!« Da fuhr die tiefergriffene Frau, die mir atemlos gelauschet, mit den Händen in die Luft, als ob sie etwas suche, und es war, als kehrten sich ihre Augensterne nach innen; mich aber erfaßte ein jäher Schreck, maßen ich wähnte, sie habe den Tod aus dem übervollen Freudenbecher getrunken, den mein Mund ihr kredenzet. Es war aber nur eine kurze Unmacht, die sie befallen, und sobald sie wiederum zu sich selbst gekommen, und ich ihr nach und nach und mit aller Fürsicht die volle Wahrheit gekündet, auch daß der Götz und ich einander gefunden und daß uns beide heiß und inniglich nach ihrem mütterlichen Segen verlange, da ward mir selbiger in reicher Fülle zu teil. Doch nun lag es mir ob, ihr zu künden, daß der Heimgekehrte auf seinem Eidschwur bestehe, und schon hatt' ich damit begonnen, als sie die Hände schwenkte und mir eifrig ins Wort fiel: »Denkst Du, ich hätte von ihm, der ein Waldstromer und Behaim zugleich ist, eines Gelübdes Bruch jemals erwartet? Und Zeit genug zu überlegen hat er mir wahrlich gelassen! – Doch erst heute, heut in der Frühe hab' ich den rechten Ausweg gefunden, wenn er auch übeler Weiberlist gleichsieht wie ein Ei dem anderen. – Ihr kennt den aberwitzigen Schwur. Er gebeut mir, den Götz nie und nimmer heimzurufen; doch« – und nun begannen ihr die Augen gar hell und frohgemut zu blitzen – »was der Eid mir mit nichten verwehret, das ist, dem Götz entgegenzuziehen, ihn aufzusuchen, wo er auch weile.« Da schlug der Herr Kaplan in die Hände und rief: »So hat denn wieder einmal des Weiberherzens Minne der List des Satanas eine Grube gegraben!« Ich aber eilte hinaus, um den Schlitten rüsten zu lassen; denn mir war wohl bewußt, daß hier jede Mahnung vergebens. Wenn sie nun, wie sie weiland der Ann zu liebe in die Stadt gefahren, in einem Hügel von warmen Hüllen verwahret worden, so vermummten wir sie heut mit einem Berg solcher Dinge, und Jung-Kubbeling ließ es sich nicht nehmen, die Rosse zu lenken. So ging es denn fürsichtiglich auf die Erbförsterei zu, und auf dem ganzen Wege begegnete uns kein Mensch außer der Base Metz, die nur mir allein winkte, maßen sie nicht erkannte, daß unter den Pelzen und Tüchern zu meiner Seite ein lebend Menschenkind atme. Jung-Kubbeling auf der Pritsche und die Raben, Meisen und Rotkehlchen im Walde bekamen nicht viel von uns zu vernehmen; denn während ich in banger Erwartung dem Ausgang der Begegnung zwischen Mutter und Sohn entgegenharrte, richtete ich nur von Zeit zu Zeit ein hold und ermutigend Wort an die Muhme, in das Jung-Kubbeling jedesmal mit einem überlauten: »So wird es recht sein!«, oder »Gott gesegne's Euch, vielgestrenge Frau!« einfiel. Sobald wir aber dergleichen von uns gegeben, verspürte ich jedesmal am Knie eine leise Berührung, und hienach drückte ich die Lippen auf das oberste Tuch des teueren Bündeleins an meiner Seite. Etwa hundert Schritte vor des Erbförsters Hause schwenkt der Weg von der Straße ab und läßt sich aus den Fenstern desselben wohl überblicken, und kaum war der Schlitten in selbigen Waldpfad eingebogen, als des Grubners Thür sich öffnete, und der Waldohm mit dem Götz ins Freie trat. Der Sohn hatte dem Vater den Arm auf die Schulter gelegt, und so schauten sie uns entgegen. Und es bot einen gar stattlichen und herzerfreuenden Anblick, wie sie dastunden, der Alte und Junge, beide von kräftigem, kernigem Schlag, beide in Wind und Wetter gestählte, wackere, treufeste Männer. Wohl war die schlanke Edeltanne über die knorrige Eiche um ein gut Stück hinausgewachsen; dafür aber hatte sich die Krone des alten Baumes in die Breite begeben. Wie des Jungen Ansehen jetzund, so war des Alten weiland gewesen, und was aus dem Sohne werden sollte, das ließ – und ich freute mich dessen – das ließ des Vaters Gestalt wohl erkennen. Nur als Eheherr versprach der Götz mit nichten in des Alten Fußtapfen zu treten, und wie ich des gedachte und der Abweisung, die ich gestern abend erfahren, färbten sich mir die Wangen noch röter denn sie ohnehin draußen in der Dezemberkälte und jetzund bei des Herzliebsten Anblick geworden. Doch es blieb mir damals keine Zeit zu langem Erwägen; denn da hielt allbereit der Schlitten, und bevor ich mich dessen versah, hatte der Alte mich umschlungen, mir Stirn und Lippen geküsset und mich sein lieb und allertrautestes Töchterlein geheißen. Dann aber drängte der Junge sich heran, um sich seines Rechtes teilhaftig zu machen, und wie er sich zu mir niederneigte, schlang ich ihm die Arme um den Hals; er aber hob mich, obgleich ich in Pelz und Wintergewändern eben nicht die Leichteste, wie ein Kind aus dem Schlitten, und da fanden seine Lippen wiederum die meinen. – Doch für diesmal sollte ihnen nur ein kurz und fast flüchtig Begegnen vergönnt sein; denn der Ohm hatte der Hausfrau Antlitz aus dem Päcklein auftauchen sehen und gab nun sein wohlbegründet Entsetzen laut genug kund, während die Muhme mit aller Zärtlichkeit des sehnsüchtigen, lang beraubten Mutterherzens dem wiedergefundenen Sohne seinen Namen wieder und wieder entgegenrief. Da gab ich den Liebsten willig frei, und im nächsten Augenblick lag er im Schnee auf den Knieen, und seine zitternden Hände lösten Hülle auf Hülle von dem geliebten Haupte, wobei Jung-Kubbeling ihm von der Pritsche her mit den großen, vom Frost blauroten Händen Zofendienst leistete. Und wieder nach wenigen Augenblicken bedeckte die Mutter des einzigen Sohnes Haupt so stürmisch und lang mit zärtlichen Küssen, bis die Kraft ihr versagte und sie erschöpft in die Kissen zurücksank. Da bog der Götz sich zu ihr nieder, und wie er vorher die Liebste aus dem Schlitten gehoben, so that er es jetzt mit der Mutter, und indes er sie so in den Armen hielt und mit ihr dem Hause zuschritt, ohne der Hüllen zu achten, so von ihr fielen und nach und nach in langer Reihe den Boden hinter ihr bedeckten, wie Kohlen, so einem geborstenen Scheffel entquollen, rief sie mit bebender Stimme: »O Du böser, einziger Bub, Du mein Liebling und Herzensbrecher, Du wackerer, schlimmer, trauter, arger Gesell! Götz, mein Sohn, mein ein und mein alles!« Und wie sie sodann in dem warmen Zimmer auf der alten Frau Erbförsterin Sorgenstuhl am Kamin Platz gefunden, ich sie der unnötigen Stücke entkleidet, und der Götz sich niedergelassen zu ihren Füßen, nahm sie sein Haupt in die Hände und rief: »Ich habe Dich nicht erst lange erwartet, sondern bin flugs zu Dir gekommen, mein Bub, weil ich, Du weißt ja – weil ich mich sündlich verschworen, Dich nicht heimzuberufen. Doch Gelübde und Eid hin und her! Null und nichtig sind sie! In des Herzens Tiefe hab' ich's nunmehr erfahren! Der Himmel weiß nichts von alledem, und es ist eitel Narrheit und Hoffart gewesen, und ich rufe Dich zurück, aus vollem Halse und Herzen thu' ich's und bitte Dich um Vergebung für all den Kummer, den wir einander bereitet; denn wieder haben und behalten will ich Dich und nichts weiter hienieden! Ach, und das Trudlein, die arme Maged! Inniglich, wahrhaftig willkommen wär' sie mir heute, wenn sich da nicht eine andere gefunden, die meinem Herzen von dem gesamten Weibervolk auf Gottes weiter Welt die allergenehmste!« Da gab es denn ein gar beweglich Umhalsen und Herzen zwischen den beiden, und wie ich ihre Thränen rinnen sah, gelobte ich mir im stillen, daß, wenn sich die Augen dieser Mutter und dieses Sohnes wiederum mit Zähren füllen würden, ich die letzte sein sollte, die sie gewecket, und daß ich mich allzeit bereit halten wolle, sie dankbar und sorgsam zu trocknen. Daß ich damals auch die schmucke Waldtrud, des Erbförsters Töchterlein, gewahret, hab' ich im Gedächtnis behalten, maßen sie mir ihren Glückwunsch recht inniglich bot; doch ist mir noch besser bewußt, daß ich nichts von Eifersucht verspürte und kaum nach ihr schaute, maßen sich da noch manche fanden, deren Anblick mir weit besseres Genügen darbot. Es war eine köstliche, nie zu vergessende, doch nur gar kurze Stunde; denn auf des Ohms Drängen rüsteten wir uns bald zur Heimkehr. Wie nun der Götz sein Mütterlein aus des Erbförsters heißem Wohngemach in den Schlitten getragen, war ich allein zurückgeblieben, um noch etliche Tücher der Muhme zu sammeln, und bei der Umschau gewahrte ich hinter dem gewaltigen grünen Kachelofen Jung-Kubbeling, der ganz in sich versunken und mit dem Antlitz in den Händen dasaß. Auch rührte er sich nicht, bis ich ihn anrief; dann aber trocknete er mit der Pelzkappe die nassen Augen, und wie ich ihm die Hand auf die Schulter legte, schöpfte er tief Odem und sagte: »Das war ein rührsamer Morgen, Jungfer Gred; aber so wird es recht sein! Scharf angefaßt hat es mich freilich, und meines Bleibens ist nicht länger hier im Forste; sintemal es daheim auch für mich Kinder und Eniklein gibt, die des Alten überlang harren. Morgen in der Frühe brech' ich auf; denn daß ich's Euch nur vertraue: Es duldet mich nicht mehr länger fern von daheim, als eine Fahrt von Braunschweig gen Alexandrien hin und her dauert. Für eine Trennung von zweier Fahrten Länge ist das alte Herz zu weich und sehnsüchtig geworden. Doch nun noch etwas für Euch allein: Ihr werdet eines ehrenfesten Herrn Hausfrau; er aber hat des Fahrers Lust lange gekostet. Sehet Euch vor, daß Ihr ihm den eigenen Herd baz lieb und wert macht, sonst ergehet es Euch wie meiner Alten, die solches mit nichten verstanden und darum mehr allein bleibt denn es uns beiden am Morgen nach der Hochzeit geschwanet.« Damit trat er mit mir ins Freie, und ich ließ mir seine Lehre gesagt sein, und der Götz hat mich auch nimmer auf längere Zeit verlassen, wenn es nicht notthat. Was Jung-Kubbeling angeht, so hielt er Wort und verließ uns am folgenden Morgen; doch haben wir ihn noch manch liebes Mal wiedergesehen, und der edelste Falke in unserem Zwinger ist derjenige, welchen er uns als Hochzeitsgabe sandte; die Ann aber erhielt nach der Trauung einen schön gefärbten Pagelun als des Uhlwurmes Liebung, und der Alte hatte ihn eigens für sie unterwiesen, also daß er deutlich zu rufen verstund: »Der Uhlwurm der Ann allzeit gewärtig.« Zwei Tage verliefen uns nun auf der Forstmeisterei, als sei das Paradies auf die Erde gekommen, und wenn es Gefahr bringt, sich eines Mannes Minne zu freuen, der viel in der Fremde geweilet, so hat es doch auch sein Gutes; denn was anderen fern und unerreichbar, das dünket ihn nahe, und die halbe Welt ist gleichsam sein eigen. Und wie verstund es der Götz, auch mich seines Besitzes teilhaftig zu machen! Am Morgen des dritten Tages nach seiner Ankunft ritt der Herr Kardinal mit der Ann in die Forstmeisterei ein, und weil ihn des Amtes Pflichten auch noch gen Würzburg und Bamberg riefen, konnte er uns verheißen, vor dem Aufbruch nach Welschland unseren Bund mit dem priesterlichen Segen zu weihen; denn wenn es mich auch lieblich dünkte, mit dem Herdegen und der Ann gemeinsam vor den Altar zu treten, sträubte sich doch des Götz Ungeduld, die sich in der Fremde nicht eben verringert, auf meines Aeltesten Heimkehr zu warten; auch wünschte er, wir möchten eine Weile als Mann und Weib zusammengelebt haben, bevor er gen Venedig ziehe, um sich dort von dem Dienst der Republik zu befreien. Es schien ihm damals nicht rätlich, mich auf selbiger Fahrt mit sich zu nehmen; doch wie es nach der Hochzeit zum Aufbruch kam, wagte ich es getrost mit der Bitte, und daß ich ihn durch selbige mit nichten bekümmert oder erzürnet, bewies er mir deutlich, indem er sie sonder Widerrede und fröhlichen Herzens gewährte. So bin ich denn mit ihm in die große und mächtige Marcusstadt gefahren, die mit eigenen Augen zu schauen mich stets gelüstet, und wenn ich auch nimmer über das Meer kam, bin ich doch bis gen Rom gelanget und habe dort unter des Herrn Kardinals Schutz und Führung an meines Götz Seite unvergeßliche Tage genossen. Doch alles zu seiner Zeit, und wenn es mir meine hohen Jahre gestatten, will ich auch davon ein Mehreres berichten. – Wie gut die Muhme und der Kardinal einander verstunden, läßt sich schwer beschreiben, obzwar es bisweilen auch zu minniglichen Fehden kam zwischen den beiden; auch trennte sich der ehrwürdige Herr fast schwer von der Forstmeisterei und der seltenen Frau, deren hellen und regen Geist im siechen Leibe er auch noch später zu den fürnehmsten Wundern seiner Vaterstadt zählte; doch lag es ihm ob, den Christabend bei seinem alten Mütterlein zu feiern; mich aber und den Götz hat er seinem Versprechen gemäß zusammengegeben, und er ist mir und unseren Kindern bis an das späte Ende ein günstiger und hochgeehrter Freund und Gönner gewesen. Die Ann blieb immerdar sein Liebling, und bevor er Nürnberg verließ, setzte er ihr ein Heiratsgut aus, wie nur wenige aus den Geschlechtern ihren Töchtern zu spenden vermögen. Der Weihnachtsabend, den wir auf der Forstmeisterei mit den Eltern, dem Herrn Kaplan und meinem lieben Pathen, dem Ohm Kristan Pfinzing, verlebten, gestaltete sich zu einem gar herrlichen und herzerquickenden Feste; doch es sollte mit der ersten Fährnis enden, so unserem jungen Minneglück in den Weg trat. Denn nachdem die anderen sich zur Ruhe begeben, und der Götz mir schon den letzten Abschiedskuß geboten, hielt er mich zurück und ersuchte mich, morgen in aller Frühe mich gerüstet zu halten, um mit ihm zu dem Zeidler Martein zu fahren, dessen alte Hausfrau seine Amme gewesen. In früheren Zeiten hatt' er selbige an jedem Weihnachtsmorgen mit kleinen Angebinden begrüßet und bis dahin noch kein Stündlein für sie gefunden. Nun würde ich seinem billigen Verlangen fast gern zugestimmt haben, wenn ich nicht unter des Herrn Kaplanes Beistand den Schulkindern heimlich ein Weihnachtslied eingelernet, um die Eltern und den Götz damit aus dem Schlafe zu wecken. Wie er nun von mir geheischet, mich zeitig zur Fahrt bereit zu halten, bat ich ihn, sie hinauszuschieben. Solches aber war ihm mit nichten genehm, und er versetzte, das alte, wackere Weibsbild sei gewohnt, ihn in des Weihnachtsmorgens Frühe kommen zu sehen, und er habe den Besuch ohnehin zu lange verzögert. Doch unsere Ueberraschung lag mir im Sinne, und so bat ich ihn denn freundlich, mir dannocht den Willen zu thun. Jetzt aber zogen sich ihm die über der Nase zusammengewachsenen Brauen dräuend zusammen, und kurz und beinah' barsch gab er mir zu wissen, es werde bei seiner Bestimmung verbleiben. Da schoß auch mir das Blut zu Häupten, und allbereit lag mir ein unwirsch Wort auf der Zunge, als ich der Abendstunde nach unserem Wiedersehen gedachte, und nun fragte ich ihn gelassen, ob er mich für unverständig oder ungut genug halte, ihn an einem frommen und gütigen Vorhaben zu hindern, wenn mich nicht ein triftiger Grund dazu zwinge. Und ich hatte die rechte Weise getroffen; denn er stutzte alsbald, das Antlitz glättete sich ihm wieder, und mit dem Rufe: »Die Weiber, die Weiber!« schüttelte er das Haupt, zog mich fest an sich, und da ich seinen Kuß inniglich erwiderte und die Kammerthür aufthat, rief er mir nach: »Wir werden morgen ja sehen; doch in jedem Fall, so früh es nur angeht!« Wie ich hienach zur Ruhe gegangen, mußt' ich des Gesanges, den die Kinder morgen anstimmen sollten, gedenken, und dabei kam mir die eigene Schulzeit in den Sinn, und wie die Karthäuserin uns die Worte der Geschrift: »Und da die Zeit sich erfüllet,« gar trefflich gedeutet. Wohl richteten sich selbige auf etwas Besonderes, auf unseres Heilandes und Erlösers Geburt; ich aber bezog sie auf mich und den Götz und fragte mich, ob wohl etwas von allem, was mich auf dem Wege bis hieher erfreut und bekümmert, vergebens gewesen, und wie es wohl jetzt um mich stünde, wenn ich allbereit als jung und unbändig Ding, und bevor ich durch des Leidens Schule gegangen, dem Mann zu eigen geworden, den der Höchste von früh an für mich erlesen. Ja, wäre das jähe Schopperblut von damals ungezähmet mit dem stählernen Willen des Götz zusammengeraten, es hätte zwischen uns des Dreinschlagens und Funkenstiebens in Ueberfluß gegeben, und wie leicht wären Glück und Frieden dabei in Stücke gebrochen! Mitternacht war vorbei, da ich einschlief; und in der Dämmerstunde des folgenden Morgens durchtönte die Forstmeisterei der Christnachtschorus, den die Hirten von Engelsstimmen vernommen: »Preis sei Gott in der Höh', und auf Erden Friede.« Er erweckte auch den Götz, und wie wir hienach in den Schlitten stiegen, raunte er mir zu: »Wie ist Euer Gesang doch so auferbauend gewesen, Herzliebste! Und Du hattest recht gestern abend, und Friede soll sein auf Erden, und zu allererst zwischen mir und Dir, überall und immerdar bis ans Ende.« Des Kunz Schopper Nachschrift. Die Kinder dringen in mich, der Gred unvollendete Schrift zu Ende zu führen; doch ich bin den Achtzig nahe, und wie soll ich Gunst erwerben durch eine Kunst, die ich nimmer geübet, es sei denn im Geschäfte? Aber wie es mir immerdar sauer gefallen, denen, die meinem Herzen die Liebsten, einen billigen Wunsch zu weigern, so erfüll' ich ihre Bitte auch diesmal; doch werden sie nur das Nötige in schlichter Rede zu hören bekommen. Sie, auf deren Begehr ich hier sitze, haben ohnehin meine liebe Frau Schwester, die Gred, die als des seligen Forstmeisters, kaiserlichen Rates und Obristhauptmanns unserer guten Stadt, des Ritters Götz Waldstromer Witib, verstorben, wohl gekannt und ihrer Minne, wie ihres weisen und treulichen Rates Beneficium längere oder kürzere Zeit in Liebe genossen. Auch der Anna Spießin selig, die des weiland Herdegen Schopper Hausfrau gewesen, werden sich noch viele erinnern, und was selbigen Herdegen Schopper, meinen lieben Bruder, angehet, so schildert der Gred Gedächtnisbuch sein Sein und Wesen in der Jugend Blüte fast treulich, und es will mich ein peinlich Unterfangen bedünken, des Näheren zu künden, wie es mit dem Niedergang eines so hochgemuten Menschenkindes ergangen. Was mich angeht, der ich das letzte Ueberbleibsel des Schopperkettleins, des die Gred mehrfach gedenket, so weil' ich ja noch unter euch, ihr Lieben, und es hat sich nur wenig mit mir geändert, maßen mein Leben still und geräuschlos dahinfloß. Wie es gekommen, daß die Gred das Gedächtnisbuch so früh abbrechen mußte, ist manchem von euch noch bewußt; doch sei es für die Jüngeren allhier vermeldet. Bis in das siebenundsechzigste Lebensjahr war sie nimmer in die Sänfte gekommen und hatte sich vielmehr auf jeder Fahrt des Rosses bedienet. Seit etlichen Jahren weilte sie mit dem Ehegemahl nur noch im Sommer im Walde, während sie im Winter das Stadthaus bewohnten. Wie ihre Niederschrift nun bis zu der Zeit gediehen, da sie mit dem Götz, ihrem lieben Hausherrn, einig geworden, forderte sie selbigen auf, mit ihr hinaus in den Forst zu reiten; denn es gelüste sie, wieder einmal zur Winterszeit die Stätte zu betreten, die im Dezembermond ihrer glückseligsten Lebenstage Zeuge gewesen. So zogen sie denn, obzwar es kurz vor dem Christtag, hoch zu Roß in den Forst, und da sie mir beim Vorbeireiten so jugendfrisch und mit schier ausgelassener Fröhlichkeit winkten, dacht' ich bei mir, daß es wohl schwerlich in Nürnberg, Franken und Deutschland ein alt, weißhaarig Liebespärlein gebe, so selbigem an Herzensfrische und prächtigem Ansehen gleiche. Im alten, trauten Forst waren ihnen hienach etliche köstliche Tage beschieden; wie sie aber heimritten, strauchelte der Gred Zelter dicht vor der Stadt auf dem Glatteis. Sie erlitt einen schweren Armbruch, und die rechte Hand ist ihr trotz des Meisters Hartmann Knorr Kunstfertigkeit so steif geblieben, daß sie die Feder nur noch mit Mühe zu führen vermochte, während sie auch noch viel später oftmals das Roß bestieg. Da blieb denn das Gedenkbuch lange Zeit liegen, und wie sie sich hienach fleißig geübet, auch mit der Linken zu schreiben, riß der Tod die Ann Schopperin, unseres lieben Herdegen-Bruders selige Witib, ihres Herzens Freundin, von hinnen, und solches griff ihr so tief in die Seele, daß sie nichts vermocht hätte, die Feder zum anderenmal zu ergreifen. Wie sie sodann, wenige Monde nach der güldenen Hochzeit, auch den vielgeliebten Hausherrn verlor, war es mit dergleichen vollends zu Ende, und die rüstige Greisin fiel in sich zusammen und ist ihm drei Monde später nachgestorben; mir aber begegnete es auch sonst fast häufig, daß wenn von einem Paar, das viele Jahrzehnte in inniger Herzenseintracht durchwandert, das eine dahingehet, es dem anderen zu einsam wird hienieden, also daß man vermeinen möchte, sie seien an den Herzen zusammengewachsen gewesen, und das Zurückbleibende habe sich durch des Sensenmannes Schnitt nach innen verblutet. – Da hab' ich das Gedenkbuch noch einmal gelesen und meine nun bemerken zu sollen, daß sich die Gred weit geringer hingestellt und geschildert denn sie in ihres Lebens Lenzzeit in Wahrheit gewesen. Den meisten von euch klingt es wohl noch in der Seele nach, wie der Herr Schultheiß die Braut mit dem güldenen Kranz in den vollen silbernen Locken die Zierde der Stadt, die Freundin und bisweilen auch die weise Beraterin des ehrbaren Rates, den Trost und die Zuflucht der Armen genannt; auch ist euch noch wohlbewußt, wie der Herr Plebanus Johannes Lochner ihr am offenen Grab nachrief, daß sie in der Jugend die schönste und im Alter die würdigste und hilfsbereiteste unter allen Frauen der Sankt Sebald-Gemeinde gewesen. Und ihr habt ihr ja selbst häufig genug beim Almosenspenden geholfen oder vor ihrem Bildnis in stiller Bewunderung gestanden. Aber aus dem Munde des Meisters, der selbiges vollbracht, und der zu den größten seiner weit berufenen Zunft gehörte, hab' ich zu Venedig vernommen, so, wie sie gewesen, könne er sich nur das hochgemute Gemahl eines alten Germanenköniges denken, der die Römer geschlagen, so Eva selbst, wenn er sich das Paradies in dem kalten Deutschland überhaupt fürzustellen vermöge. Das wärmste und anmutvollste Weib, so ihm daselbst zu Gesichte gekommen, das sei eure Frau Mutter und Großmutter gewesen. Und wie sie noch zu Tanz ging, da war unter den jungen Herren von den Geschlechtern, unter den Rittern und Grafen, ja selbst am Kaiserhofe alles einig, die Gred Schopperin sei die schönste und zugleich auch die frohgemuteste und mit allen Gaben des Geistes am reichsten gesegnete Jungfrau in Nürnberg. Nur die Ann hielt neben ihr Stand mit ihrer besonderen mehr welschen und himmlischen denn deutschen und irdischen Schöne. Der Gred Gedenkbuch schließet ab mit ihrer Landung im sicheren Hafen; anderen aber, von denen sie berichtet, war es nicht so bald vor Anker zu gehen beschieden, und wenn ich nun mit meinen Aufzeichnungen beginne, muß ich nach Alexandrien im Aegypterlande zurück. Der Ursula gegen den Herdegen gedungener Dolch hatte mich getroffen; doch wie mir der Vetter Götz Waldstromer den lieben Bruder wieder als freien Mann zuführte, war ich schon von den schweren Wunden genesen und reisefertig. Des Akusch wackere Mutter hatte mein mit einer Treue gewartet, die einer Christin zur Ehre gereicht haben würde, und in ihrem Hause war es, wo ich dem Herdegen und dem Vetter wieder begegnete. Und was gab das für eine frohe Ueberraschung, wie ich den Götz, stattlicher denn je, im glänzenden Waffenschmuck eines oberen Führers im Kriegsheere der großmächtigen Venetia vor mich hintreten sah! Statt des landfremden Abenteuersuchers fand ich einen festen, in jeder Rücksicht ansehnlichen und fürnehmen Herrn, dessen mächtig Auge lehrte, daß ihm das Gebieten Gewohnheit, und dessen Stimme und Wesen dannocht die Freundlichkeit einer barmherzigen Seele verbürgten. Es war auch, als habe sich mit seinem Kommen ein frischer, reinigender Wind erhoben; denn sobald er des Herdegen Sache zu der seinen gemacht und für ihn Bürgschaft geleistet, zahlte des mächtigen Michielischen Handelshauses Haupt die Lösung, die mir, der ich des Geldes Wert kannte, unerschwinglich erscheinen mußte, falls der Großohm nicht für uns eintrat. Dem Ritter von Welemisl, dessen Wesen und Art ihm wenig Zutrauen einflößte, den gleichen Dienst zu leisten, weigerte sich dagegen der Vetter, und so haftete ich für ihn aus Barmherzigkeit und auf des Herdegen Bitte. Hier nun werdet ihr fragen, warum ich nicht zuerst des Wiedersehens gedenke, so ich mit dem lieben, schwer gefährdeten Bruder gefeiert. O, das Herz schlug mir dankbar und freudig genug, wie wir einander in den Armen hielten, doch was war in diesen Jahren der Knechtschaft aus ihm geworden! Wie er gesenkten Hauptes, mit den Händen auf dem Rücken, zu mir eintrat, mußte ich bald nach der ersten Begrüßung das Antlitz wenden und mir etwas zu schaffen machen, um unvermerkt die Thränen zu trocknen; denn der da vor mir stund, war mein Herdegen und war es doch nicht. Achtzehn lange Monde hatt' er auf einer saracenischen Galeere das Ruder gezogen, während der Ritter, den sie für schwere Dienste zu schwach befunden, mit der Kette am Fuße den Sklaven auf der Schiffsbank als Aufwärter gedienet. Dergleichen lange, harte Knechtesarbeit hatt' es auch bewirket, daß der Bruder, dessen kräftig gewachsene Hände mit den köstlichen Ringen ihm weiland zur Zierde gediehen, nunmehr beflissen war, selbige wie eine Schmach auf dem Rücken zu bergen, und sie glichen auch in ihrer ausbündigen Größe und ziegelroten Farbe denen eines Häuers im Walde. Wenn man nun auch sonst bei einem Mannsbilde wenig acht hat auf der Hände Aussehen, so treten mir die des Herdegen doch immer in den Sinn, wenn ich jenes Wiederbegegnens gedenke; denn es war ihm ein Stern und Halbmond in blauer Farbe auf die obere Fläche der rechten geätzet worden, und so fielen sie jedermann ins Auge. Dazu hatte seine vormals so mächtige Brust die Wölbung verloren, und er hielt sich nicht mehr aufrecht wie früher. Es war, als habe der Ritter einen Teil seines Leidens auf ihn übertragen, maßen ihn das Husten oft überkam. Endlich war ihm das schöne goldene Gelock, so ihm früher in reichster Fülle auf die Schultern niedergeflossen, nach der Ungläubigen Sitte abrasirt worden, und dadurch gewann sein wohlgebildet Haupt ein schmal und befremdlich Ansehen. Nur der Schnitt des Antlitzes und die Augen waren die alten geblieben, ja, letztere leuchteten damals vielleicht in noch hellerem und feuchterem Glanze denn vormals. Nur eines gereichte mir zum Trost, und das war, daß mein Herz ihm nimmer mit zärtlicherer, barmherzigerer Liebe entgegengeschlagen. Und wie es Abend geworden und wir Brüder mit dem Götz, dem Meister Knorr und dem Akusch beisammen saßen und dem Weine zusprachen, den nur der letztere verschmähte, da wuchs mir die tröstliche Zuversicht; denn des Herdegen Stimme klang so anmutig denn je beim Reden und Singen, und da er gar begann, von der letzten Jahre Abenteuern und schweren Heimsuchungen zu reden, da mochten wir anderen, und selbst der Götz, nur noch lauschen; denn bald entlockte er uns Thränen, bald zwang er uns zu hellem Gelächter. Und was hatt' er auch alles erfahren! Froher Hoffnung voll ging ich selbigen Abends zur Ruhe; doch allbereit am folgenden Morgen meldete mir Meister Knorr im Vertrauen, des Bruders Brust sei nimmer die stärkste, und überschreite er in kalter Dezemberzeit nach so langem Verweilen unter einem warmen Himmel die Alpen, dann könn' es nicht fehlen, daß solches ihm wie dem Ritter zu schwerem Schaden gedeihe. Da galt es denn, die Heimkehr hinausschieben, und so weh mir des Meisters Bekenntnis that, fügt' ich mich doch willig dem Aufschub; denn so, wie er jetzt war, durft' er der Herzliebsten nimmermehr vor Augen! So machten wir ihm denn deutlich, daß er nimmer in Sicherheit heimzukehren vermöge, bevor er nicht erfüllet, was ihm durch den Kaiser als Buße auferlegt worden, und ob es ihm auch sauer genug fiel, des Herzens Sehnsucht zu zügeln, fügte er sich endlich dannocht unserem vereinten dringenden Mahnen. Während der Götz hienach gen Venedig fuhr, brachte uns die Galeasse, welche den katalonischen Prinzen Don Jaime gen Joppe führte, ins gelobte Land und in die heilige Stadt Jerusalem. Von dort aus besuchten wir, immer unter des besagten, uns fast günstigen fürstlichen Herren großem und sicherem Geleit, noch andere geweihte Stätten. Ueber Neapel und Genua zogen wir endlich heim; zu Damiette im Aegypterlande aber sonderte sich der Ritter Franz von uns, um geraden Weges gen Venedig zu fahren. Wie ich, so sah ihn auch der Herdegen, der im Unglück viel Gutes in ihm erkannt und sich fest an ihn geschlossen, besorgten Sinnes den eigenen Weg ziehen, maßen er sich auf der ganzen langen Fahrt nicht nur als bresthafter Mann erwiesen, sondern vielmehr auch wie einer, dessen Seele und Geist tief umdüstert. Endlich konnte ihm, wenn die Ursula in Freiheit verblieb, zu Venedig fast leicht das Schlimmste widerfahren, maßen die Giustiniani ihm sicherlich übel gewogen und ihrer Sippe Macht und Ansehen mit nichten gebrochen, obzwar just zu jener Zeit der Antonio Giustiniani in Albanien seines hohen Hauses Ehre beflecket und von den Vierzig mit Kerker und anderer Strafe gebüßt worden war. Dafür aber gehörte sein Vetter Orsato noch immer zu den reichsten und mächtigsten Großen Venedigs, und einen wie starken Hinterhalt der Ursula Hausherr an selbigem gefunden, solches erfuhren wir allbereit zu Neapel, wohin die Kunde gedrungen, daß die Pregadi, so seine Richter gewesen, ihn nur mit zweitausend Dukaten gebüßet, welche der Orsato für ihn entrichtet, maßen es ihm ungenehm erschienen, zween seiner Blutsfreunde im Kerker zu wissen. Zu Genua fanden wir viele Briefe voll guter Kunde von unseren Leuten daheim, und sie flossen allesamt über von Minne und froher Hoffnung, uns bald wieder zu haben. Da wußte sich denn der Herdegen vor Ungeduld nimmer zu lassen, und hätt' ich es nur geduldet, wär' er Tag und Nacht sonder Rast und Aufenthalt auf immer neuen Rossen weiter gestürmet; – mir aber lag es immerdar am Herzen, ihn so frisch und rüstig, wie es nur anging, heimzubringen und die Ann vor zu schwerer Enttäuschung zu wahren. Der Herdegen hatte mir ihre Briefe gewiesen, und wie heiße, treuliche Minne und ein wie hochgemuter, reiner Sinn sprach aus denselben! Doch wenn ich sie darin ausrufen hörte, wie sie den Augenblick ersehne, da sie ihm wieder die wallenden Locken streicheln und die liebe, treue Hand als seine gehorsame Maid an die Lippen ziehen dürfe, dann schlug mir das Herz doch banger; denn seine Haltung war zwar weniger gebeugt, das Antlitz minder fahl und eingefallen als früher, doch ein kraftvoller Mann war er nicht wieder geworden. Seine leuchtenden Augen lagen tief in den Höhlen, das Haar hatte sich merklich verdünnt, und in das Gold mischte sich Silber die Fülle. Ach, und die unglückseligen Hände! Um ihretwillen – ich bekenn' es, obzwar ihr es wohl leichtlich belächelt – bracht' ich den Herdegen – es war zu Augsburg – dahin, seine Sehnsucht so hart am Ziele zu zügeln und anderthalb Tage mit mir zu verziehen; denn es lag mir vieles daran, daß er sie zunächst vor den Weibsbildern daheim in Handschuhen berge. Doch bei keinem Beutler in der großen Stadt war ein passend Paar zu finden, und es bedurfte eines vollen Tages, um solches nach dem Maß fertig zu stellen. So galt es denn warten, und da uns zu Augsburg außer anderen guten Bekannten ein trauter Geschäftsfreund vom Fondaco zu Venedig, der Sigmund Gossenprot, lebte, sprachen wir in seinem Hause für, so eines der ansehnlichsten des prächtigen Ortes, und das gute Glück fügte es, daß er just gestern von Venedig gekommen. Er und seine wackere Hausfrau waren dem Herdegen vormals begegnet, und mit neuem Bangen nahm ich wahr, wie sie sein Anblick entsetzte. Des Hauses jung und liebreizend Töchterlein hatte keinen Blick für den Fremden, bei dessen Anblick sonst jeglicher jungen Maged Herzlein schneller geschlagen. Doch auch diesmal gereichte es mir zum Trost, daß es an der Abendtafel ganz anders wurde, und die holdselige Jungfrau meiner armen Person, die sie anfangs wohlgefällig betrachtet, völlig vergaß, um des Herdegen Rede mit glühenden Wangen zu folgen. Anfänglich lief das Gespräch freilich nichts weniger denn munter, war doch der Herr Gossenprot voll von neuer Kunde aus Venedig und auch über des Ritters Franz ferneres Schicksal; solches aber schien wohl geeignet, auch den frohsten Mut ernstlich zu trüben. Da der Böhme nämlich nach Venedig gekommen, war er in der Herberge »Zum Spiegel« eingekehret und dem Wirt als ein finsterer und stummer Gast in die Augen gefallen. Da geschah es eines Tages, daß die Stadt voll ward von einem furchtbaren Lärm, denn es hieß, ein fremder, schwarz gekleideter Herr habe sich am hellen Nachmittage, zu der Zeit, da die junge Frau Giustiniani auszufahren pflegte, aus seiner in ihre Gondel gestürzet und, bevor es die Knechte zu hindern vermocht, ihr einen fein geschliffenen Dolch mehrmals in die Brust und mitten ins Herz gestoßen. Weil man nun ihn zu ergreifen getrachtet, habe er sich mit der Mordwaffe, die noch naß vom Blut seines Opfers, dem strafenden Arm der Gerechtigkeit entzogen. Wie nun der Spiegelwirt solches erfahren, gedachte er alsbald des seltsamen schwarzen Fremden, und da selbiger die Heimkehr nicht fand, meldete er solches dem Blutgericht. Wie man nun sein Felleisen durchsuchte, fand es sich, daß er unter falschem Namen Quartier genommen, und es der Ritter Franz von Welemisl gewesen, der, was die Ursula an ihm und dem Herdegen gefrevelt, so grausam gerochen. Von Augsburg ging es mit großer Hast weiter, und da an einem hellen Juniusmorgen unsere alte, stolze Burg uns von fern begrüßte, und ich sah, wie dem Herdegen bei ihrem Anblick die Augen sich netzten, ging es auch mir nicht anders, und aus dem Sattel drückten wir uns beide stumm, doch inniglich, die Hände. Aus der letzten Herberge hatt' ich einen berittenen Boten abgesandt, um den Unseren der Ankunft Stunde zu melden, und wie wir kurz vor Schweinau ein Staubwölklein gewahrten, trafen sich unsere Blicke, und sie kündeten einander mehr denn lange und wohlgesetzte Reden. Eine hohe, reine und dankbare Freude sättigte und hob alles, was in mir, doch da verschwand die Staubwolke hinter einem Vorsprung des Waldes, und ebenso; sagte ich mir bangen Herzens, verberge der Zukunft Schleier, was uns fürder beschieden. Die scharfen Streiche des Schicksals, so den Herdegen getroffen, sie waren sicherlich nicht völlig vergebens gewesen, und schon seines Leibes schleichend Gebreste wehrte ihm, die übersprudelnde Kraft und Begehrlichkeit auf Neues und immer Neues zu wenden. Doch was mich ängstete, war, daß er sich selbst der Aenderung, so mit ihm von innen und außen vorgegangen, mit nichten bewußt. Aus all seinen Reden hatt' ich ersehen, daß er das Leben immer noch nur so zu erfassen vermochte, wie er es für sich begehrte, und dannocht bereitete es mir stilles Genügen, auf diesen lieben Menschen zu schauen, für den es keinen Winterfrost und Sommerbrand, sondern nur blühende Lenztage hätte geben sollen und fröhliche Herbstzeit. Nun war des Waldes Vorsprung umritten und uns zu schauen vergönnt, was die Wolke geborgen. Vor den Unseren her war ein Wagenzug, der mit Handelsgut befrachtet, gen Süden gezogen, und das erste Fuhrwerk, dem ein hochbepackt Köhlergeschirr aus dem Walde entgegengekommen, hatte an einer Stelle der Straße, wo sie links von einem tiefen Graben, rechts von dichtem Gehölz und Strauchwerk umsäumt ward, nicht zeitig auszuweichen vermocht und sich so fest mit dem Köhlerwagen verrannt, daß beide den Weg wie eine Mauer versperrten. Auch das zweite Frachtfuhrwerk war bei dem plötzlichen Stillstand des ersten zu Schaden gekommen, also daß man es nur mit vieler Mühe vor dem Umschlagen und dem Sturz in den Graben gewahret. So gab es denn ein höllisch Wirrsal. Die Fuhrwerke versperrten den Weg wie eine Mauer, und weder die anderen Gespanne, so zu dem gleichen Zuge gehörten, noch ihr Geleit, noch die Unseren konnten an ihnen vorüber, zumal Graben und Buschwerk für Reiter ungangbar. So mußten denn auch wir die Rosse hemmen und mit zuschauen, wie die sechs prächtigen Fuhrmannshengste, die erst jüngst den Stall verlassen und in ihrem schmucken Braun wie Spiegel glänzten, sowie die Ochsen vor dem Köhlergefährte ausgespannt wurden. Da gab es des Lärmens und Fluchens so viel, da läutete das blanke Messinggehäng an dem Ledergeschirr der mächtigen Rosse so hell und lustig, daß wir das Rufen der Unseren nicht zu vernehmen vermochten; ja anfänglich verriet nur des Götz Federbusch, der das Gewirr überragte, daß sie wirklich gekommen. Während nun der Herdegen das störrige Roß vergeblich antrieb und spornte, um es in den Graben zu zwingen und die sonderbare Wagenburg zu umreiten, hatten sich zwei der Unseren – und wie rasch erkannt' ich in ihnen die Ann und ihren Herrn Vater – hoch zu Roß, den Weg bis zu dem Köhlerfuhrwerk gebahnet; weiter aber vermochten sie anfangs nicht vorzudringen, maßen selbiges zur Seite hing und schwarze Kohlensäcke den Weg versperrten. Da schlug mir das Herz zum Zerspringen, und wie ich nach dem Herdegen ausschaute, um ihm zu winken, hatt' er eben die letzte Kraft eingesetzt, das Pferd in den Graben zu treiben, und er hielt sich nur mühsam im Sattel; denn der Seele Erregung, vereint mit dem thörichten Kampf gegen den störrigen Hengst, hatte seines siechenden Leibes Kraft erschöpfet, und mit bleichen Wangen und tiefen Atemzügen hielt er am Saume des Grabens und preßte die große Hand auf die Brust, als ob sie ihn schmerze. Da fühlte auch ich tief innerlich ein unsagbar quälendes Weh, doch es war mir aus Erfahrung bewußt, daß ihm bei solcher Erschöpfung nichts Hilfe zu bringen vermöge als die ungestörteste Ruhe. So wandte ich denn wieder den Blick und sah, um etliches näher denn vorhin, die Ann hoch im Sattel, wie sie mit dem Tüchlein gar emsig winkte, und neben ihr ihren Vater, der den Ratsherrnhut schwang. Bald darauf waren wir alle vereinet . . . Aber nein! Wie ich mit zager Hand das Obige zu verzeichnen begonnen, da hatt' ich mir gelobet, die lautere Wahrheit und nichts als solche niederzuschreiben, und wenn ich mich nicht gescheut, von dem Herdegen, den des Himmels sonderbare Gunst in allen Stücken so viel reicher begnadiget denn mich, der ich immerdar nur zum Mittelgute gehöret, Etliches zu berichten, was mancher kaum zu seinen Gunsten auslegen möchte, dann steht es mir sicherlich nicht an, des zu geschweigen, was mich selbst an mir gereuet. Dort am Graben hielt mein lieber einziger Bruder, matt, bleich, ein siecher, dem frühen Tode erlesener Mann, und mir, mir gegenüber, mit wenigen Schritten erreichbar, das Weib, dem meines Herzens einzige, heiße Minne von Kind an gegolten. Einer Königstochter vergleichbar saß sie auf einem edelen, weißen, reichgeschirrten Zelter. Ein herrlich Gewand von feinem Gewebe und mit flandrischem Sammet reich verbrämet, umfloß ihr den schlanken Leib. Weiß und saphirblau war es gefärbt, und ebenso das sammetne Hütlein und die schön gerundeten Straußenfedern, so eine Spange von blitzendem Edelgestein daran festhielt. In lichtem Weiß hatt' ich sie – und solches war ihr bewußt – immerdar am liebsten geschaut, während der Herdegen das Blau als ihre Farbe bezeichnet, und nun trug sie beide, vielleicht beiden Brüdern zu liebe. Schöner denn zu jener Stunde hatt' ich sie nimmer gesehen, und sie war auch voller von Wuchs geworden, und wie ließen die roten Wangen der Schwanenhaut und dem ebenholzschwarzen Haar, das ihr lang gezopfet und mit saphirblauem und weißem Sammetband durchflochten aus dem Hütlein hervorquoll! Begehrenswerter ist nimmer eine Jungfrau dem Manne erschienen. Und ihr Vater dort neben ihr auf dem gewaltigen braunen Hengste, das war kein Handwerker mehr! In dem mit Pelz verbrämten Ratsherrenumwurf, mit der güldenen Kette am Halse, dem wohlgeformten, mannhaft ernsten Antlitz und dem langen Gelock, so ihm die Schultern erreichte, glich er dem fürnehmen Haupt eines alten, wappenfähigen Geschlechtes. Diese beiden, an Manneswürde und Weibesschöne überbot sie keines in Nürnberg, und der sieche, gebückte Reiter dort am Graben, war er ihrer noch würdig? »Nein, nein!« rief eine Stimme in meinem Innern, »Ja, ja!« eine andere, und mitten in diesem Widerstreit mußt' ich mir sagen: Er hat ein alt gut Recht an sie, und da steht er bereit, sobald er wieder Odem gefunden, es zur Geltung zu bringen. Aber sie? Was mag sie thun, wie sich zeigen, wird sie seiner aus der Nähe gewahr? Wenn sie nun vor ihm zurückschrickt wie die Frau Gossenprot zu Augsburg und die schmucke Herbergswirtin zu Ingolstadt, die ihm weiland nur allzu gern vieles gewähret? Konnte die Ann, die manchen fürnehmen Freier zurückgewiesen, dem keuchenden Siechen dort noch hold sein wie früher? Und folgte sie nun dem Beispiel, das er ihr selber gegeben, – zerschnitt sie das alte Band, so er ja schon einmal zerrissen, oder – gnadenreiche Jungfrau – wuchs sein Siechtum und wandelte ihn selbst die Scheu an, ihr jung, blühend Leben an das seine zu fesseln – dann, o dann kam die Reihe an mich, dann . . . Und plötzlich schrie es, für keinen anderen vernehmbar, aus meiner Seele Tiefen: »Schau hieher! Blick auf mich, Du holde, Du einzig Geliebte! Laß den anderen, der Dich schon einmal verlassen, und erhöre den Kunz, der Dich mit treufesterer, besserer Minne geliebet denn jener, dem Dein Wert auch heute noch nicht voll bewußt, dessen Herz so wandelbar wie das meine redlich und treu. Da bin ich, ein aufrechter, starker Mann, der jegliches Guten Freundschaft teilhaftig und willig und geschickt, Dich aus kräftigen Händen durch ein reich und glückselig Leben zu tragen!« Indes nun des Bösen Stimme mir solches und mehr dergleichen zurief, hing mein Blick wie gebannt an ihrem Antlitz, und es war mir, als senke sich aus der Ferne der Blick ihres Auges tief in das meine. Und plötzlich hob ich die Arme und streckte sie, meiner selbst unbewußt, wie von Sinnen der Heißgeliebten entgegen. Ob sie es wahrgenommen oder nicht, ich sollt' es nimmer erfahren. Und meines Heiligen oder der Jungfrau Gnade behütete mich vor Schimpf und Tadel; denn indes noch alles, was in mir, der Geliebten zustrebte, rief mich eine helle Stimme bei Namen, und wie ich mich wandte, ward ich der Gred gewahr, die den behenden Fuchs in den Graben getrieben und nun an seinem grasigen Rand aufwärts gesprengt kam. Es war ein halsbrechend Reiterstücklein, zu dem Sehnsucht und schwesterliche Minne sie da getrieben, und hinter ihr her kam ein anderer, der Götz, dem der Neuvermählten ungestümer Wagemut ganz nach dem Herzen. Noch ein Satz, und nun stampften ihre Rosse die Straße, nun hatt' ich die Gred aus dem Sattel gehoben, und nun hielten wir uns wieder in den Armen und stammelten thörichte, unverständliche Worte und mußten bald lachen, bald weinen. So ging es eine gute Weile, bis ein Gezeter mich schreckte, und ich wahrnahm, daß der Eppelein in der Ungeduld, seinen lieben Herrn wiederzusehen, es der Gred und dem Götz nachzuthun getrachtet, doch mit geringerem Glücke; denn er war unter das Roß geraten, so sich mit ihm überschlagen. Sein kläglich Geschrei lehrte mich, daß er des Beistandes bedürfe, und nun erfüllte sich wiederum meines Lebens sonderbar Schicksal, zu anderer Frommen in den Wind zu schlagen, wonach die eigene Seele verlanget, und indes die Gred sich dem Herdegen zuwandte, eilte ich hinab, um den treuen Gesellen, der in des Bruders Dienst so schweren Schaden erlitten, vor dem Schlimmsten zu wahren. Solches glückte denn auch mit etlicher Mühe, und nachdem ich mich überzeuget. daß er keinen erheblichen Schaden erlitten, klomm ich wieder zu der Straße empor, und dabei begann mir das Herz abermals bänglich zu schlagen; denn die Ann und der Herdegen waren einander nunmehr sicherlich begegnet. Wie mocht' es ihr wohl geglückt sein, bei des so traurig veränderten Herzliebsten Anblick des Entsetzens und der Enttäuschung Meisterin zu bleiben? Da ich nun das ungewohnte Kletterwerk in den schweren Reiterstiefeln vollendet, sah ich, daß die Knechte die sechs braunen Hengste allbereit von neuem an den Frachtwagen schirrten, und hinter selbigem an des Waldes Saum stund das Paar, das ich suchte, und wie ich näher trat, hatte die Ann soeben des Herzliebsten ungestalte Rechte des Handschuhes entledigt, um dessen willen wir so lang in Augsburg verzogen, und schaute sie ohne jede Spur von Entsetzen zärtlichen und feuchten Blickes an und rief, indes sie sie wieder und wieder küßte: »O die arme, liebe, teure Hand, wie hat sie so unbändig geschafft, wie so grausam gelitten! Und da? Da hat das blaue Schandmal gesessen? Aber es ist ja fast gar nichts mehr davon übrig geblieben! Und das hier: Meine Farbe, blau, unser lieb Saphirblau ist es!« Da wies er mit Entzücken auf ihr köstlich Gewand; sie aber bekannte, daß sie ganz allein um seinetwillen und um ihm ihre Huld und Minne schon von fern her zu zeigen, sich in der Treue Farbe gekleidet, die ihm immer an ihr die genehmste gewesen. Da schloß er sie fest an sich, und wie sie ihm auch das gelichtete, ergrauende Haar küßte und es die armen, trauten Locken nannte, denen Minne und treue Wartung die alte Fülle zurückgeben sollten, da leistete ich mir vor Gott ein stilles Gelübde, nie wieder anders auf des Herdegen Bund mit der Ann zu blicken denn dankbar und neidlos, und für selbige beiden und ihr Wohlergehen alles zu thun, was in meiner Macht stehen werde. Des frohen Wiedersehens mit den anderen will ich geschweigen. Was Base Metz angehet, so war sie daheim geblieben, um den Liebling an des Schopperhofes geschmückter Thür zu empfangen. O, ihr warmes Herz schlug zärtlicher für ihn denn für uns alle; doch konnte sie das Entsetzen dannocht mit nichten völlig verbergen, so sie beim Wiedersehen ergriff, und ob sie den Heimgekehrten auch von Zeit zu Zeit mit hätschelnder Hand streichelte, ging sie doch um ihn her, als sei etwas an ihm, davor es ihr bange. Am Abend jedoch, wie wir allzusammen beim Wein saßen, da erging es ihr wie mir damals im Aegypterlande, und sie fand den wieder, den ihre Seele so treulich gesuchet. Nun erst war neu zu Tage getreten, was ihr an ihm gemangelt, und von Stund' an vermißte sie nie wieder, was ihm abhanden gekommen und was eine rechte Mutter wohl nimmer entbehrt haben würde; ja, wie es mit seines Leibes Gesundheit bergab ging, und sie mit der Ann seine Wartung teilte, hätt' es keines für möglich gehalten, daß er nicht ihr selbsteigener, leiblicher Sohn. Doch der tückische Unhold, der sich dem Herdegen in die Brust geschlichen, hatte, dem Himmel sei Dank, ein gar träges Wachstum, und nachdem wir dem jungen Paar ein fast prächtig Hochzeitsfest gerüstet, und der Bruder die Ann als liebe Hausfrau in den Schopperhof geleitet, da erwachte in mir die frohe Hoffnung, Meister Knorr habe zu schwarz gesehen, und der Herdegen blühe wieder auf zu neuer Kraft und dem alten, rüstigen Wohlsein. Doch es war nur des Herzens Glückseligkeit, welche ihm ein so aufrecht und frohgemut Ansehen verlieh; das Siechtum aber ging seinen Lauf, und solches war wie ein Wurm, der mir im stillen an der eigenen Freudigkeit fraß, und sein Biß schmerzte doppelt, weil ich ja niemandem weisen durfte, was mir so weh that, es sei denn dem alten Waldstromerpaare, und selbiges verjüngte sich baz an des Sohnes Wiederkehr und glückseligem Ehestande, und trotz ihres langen Siechtumes sah Muhme Jacoba den ältesten Buben der Gred bis zum sechsten Jahre erwachsen. Selbigem übersandte sie auch noch die Zuckerdüte für den ersten Schulgang; doch da das Kind kam, um dem Großmütterlein Dank zu sagen, war sie allbereit in aller Stille entschlafen, und der Ohm überlebte sie nur wenige Monde. Ein Kummer, nur einer, aber freilich ein schwerer und tiefer, trübte noch die letzte Zeit des Daseins dieses seltenen Paares, und das war meines lieben Bruders Herdegen Hingang, der am Ende des fünften Jahres seiner glückseligen Ehe erfolgte. Erst am Schlusse des vierten ergriff ihn das Siechtum mit heftigerer Gewalt, doch er ging aus und ein und hoffte immerdar auf Genesung, selbst noch, wie er vier Wochen vor dem Ende das Lager zu hüten begonnen. In jenen letzten Tagen war es, wo er an einem schönen Maienabend der Ann zurief: »Gib acht, Schatz, jetzt wird es besser! Uebermorgen fahren wir in den blühenden Lenz hinein zu der Frau Nachtigall, die dort allbereit die Stimme erhoben, und zu der Gred. O, dort im Wald, da wehen Lüfte, die jeden Bresthaften heilen!« Doch es kam nicht zu selbiger Fahrt; denn zwei Stunden später war er entschlummert. Leider hatte mich zu selbiger Zeit das Geschäft gen Venedig gerufen, und da mich die Kunde von des einzigen, trauten Bruders Tode ereilte, da war es mir, als sei meines eigenen Wesens Hälfte von mir gerissen worden, und wohl die höhere und bessere; diejenige, die sich nicht nur grämet und sorget um irdisch Gut und was da aufwächst und vergehet hienieden, sondern teil hat an den seligen Freuden einer anderen Welt, in der man nicht fragt, was dies und das nützen und frommen mag, wie ich doch immerdar that in meiner kleineren Seele. Mit des Herdegen Augen waren mir gleichsam die Flügel gebrochen, sein Tod nahm mir das fürnehmste Ziel des Mühens und Sorgens. Fünf harte Jahre hatt' ich geschafft und gerungen und oft die Nacht in den Tag gewandelt, nicht für mich, sondern für ihn und die Seinen, und gestählt und ermutigt durch seines hochgemuten Wesens und seiner Glückseligkeit Anblick. Der Großohm Im Hoff hatte mir, wie euch durch der Gred Gedenkbuch bewußt, sein Haus und des Geschäftes Führung anerstorben; doch während meiner Abwesenheit war vielerlei mit nichten zu meiner Zufriedenheit gegangen, und zudem hatte der sieche Mann allzu hohe Summen dem Betrieb entzogen. Aus der Eltern Erbe fiel wohl auf jeden ein erklecklich Sümmlein, auch vertrauten mir die Geschwister und die Base das Ihre; doch was hatt' ich dafür zu beschaffen! Dazu drang von außen her eine schwere Sorge auf mich ein, maßen des Ritters Franz Blutsfreunde und Erben sich weigerten, aus seinem Nachlaß die Lösung heimzuzahlen, so der Herr Michieli von Venedig ihm vorgeschossen, und für die mein Aeltester und ich gutgesagt hatten. Wenn wir nun auch in selbiger Sache einen Prozeß angestrengt hatten, durften wir dem Herrn Michieli seine willige Großmut doch nicht durch Schaden vergelten, und so nahm ich die gesamte Schuld auf mich, und das war ein hart Ding zu jener Zeit und in meiner Lage, indes mir jene fünfzehntausend Dukaten, da sie mir das Gericht dreißig Jahre später zusprach, wenig frommten, sintemal ich mich längst gewöhnt, mit höheren Summen zu rechnen. Der Freunde Steuer für des Herdegen Lösung zahlte ich gleichfalls heim auf Heller und Pfennig; doch was mich bei des Bruders Lebzeiten am schwersten drückte, das war sein Hausstand; denn es gab wenige zu Nürnberg, die mehr erfordert hätten. Mein Aeltester war eben der einzige von uns, der die Erinnerung an den Vater selig, dessen Handel mit Venedig und Flandern großen Gewinn abgeworfen, festzuhalten vermocht, und so stund es ihm noch im Sinne, wie voll zu seiner Zeit das Haus von Gästen und die Ställe mit Rossen gewesen. In ähnlicher Weise trachtete er nun, es gleichfalls zu halten, und er hielt solches für recht und angemessen, sintemal er das, was ich ihm gab, für die Hälfte des Reingewinnes der Im Hoffschen Handlung ansah, der ihm ja zukam. Und ich ließ ihn gern bei solchem Glauben, obzwar es mit dem Geschäft zu jener Zeit fast mißlich aussah. Nicht er, sondern ich war berufen, des Handels Sorgen zu tragen, und es freute mich herzinniglich, wenn er und sein holdselig jung Gemahl so prächtig angethan ausritten, wenn ich ihn an der Spitze der Tafel viele Gäste bewirten und sie sich gewinnen sah durch sein hochgemut und feurig Wesen, das selbst die Widerwilligen mit fort riß. Aber es war doch nichts Leichtes, das herbeizuschaffen, worauf es hier ankam, und Mahnung und Einspruch zu unterdrücken, wenn der Bruder zum Exempel ein edel Roß, wie es die Emire im Aegypterlande ritten, von dort her für die Ann zu haben begehrte. Konnt' ich die Zahlung weigern, da er mir, nachdem der Himmel ihn mit dem ersten Kinde gesegnet, strahlend vor Lust und Genügen, die über und über mit köstlichem Bildwerk verzierte Wiege aus eitel Elfenbein zeigte, die er von dem kunstreichsten Meister weit und breit um eine Summe für den Liebling erstanden, die dazumal ausgereicht hätte, ein artig Haus zu erwerben? Ob es nun auch kurz vor dem Quartalabschluß, hätt' ich doch dies und das über mich ergehen lassen, bevor ich seines Herzens reiche Wonne geschmälert, und wie ich Dich, Jung-Gredlein, die ja jetzund allbereit Großmutter geworden, hienach in selbiger köstlichen Wiege schlummern sah wie ein Königskind und dazu wahrnahm, mit wie fröhlichem Genügen es Deine Eltern erfüllte, ihr herzig Kleinod so köstlich gebettet zu haben, freut' ich mich meines geduldigen Gebens. Es that mir auch im stillen gar gut, wenn ich das Schopperhaus als das gastlichste in Nürnberg preisen hörte; doch zu anderen Zeiten sah ich Schande und Untergang vor der Thür, und wenn jene Jahre der Herrlichkeit, so sicherlich die härtesten meines Lebens waren, kein betrübt Ende nahmen, so danke ich solches außer des Himmels Gnade dem großen Zutrauen, so männiglich in Nürnberg weit über Verdienst auf meine Redlichkeit und Umsicht setzte. Wie ich aber einmal etliche Monde vor des Bruders zu frühem Hingang dannocht bis an die Stirn ins Wasser geraten, da ist es der Getreuen Getreuester, der Ohm Kristan Pfinzing gewesen, der mir während des letzten köstlichen Gastmahles in des Herdegen Hause das schwere Bangen von Augen und Stirn las und mir in des Wohngemaches Erker aus freien Stücken das Seine darbot; selbiges aber war von stattlichem Umfang und errettete meines Handels gefährdet Schifflein. Neben dem der Base Metz haben wir Ringe des Schopperkettleins und was ihnen entstammet sein Angedenken am höchsten zu halten, und es ist ein seltsam Ungefähr, daß er und sie nicht nur am selbigen Tage, sondern auch in der nämlichen Weise verstarben. Ihn ereilte das Ende an des Schopperhofes Tafel mit dem Becher in der Hand, nachdem die Ann, sein »Türmerlein«, drei Jahre nach dem Tod ihres Hausherren, ihm eben ein warnend Wort zugerufen; Base Metz aber sank entseelt in der Gred stützende Arme, wie sie eben aus der Küche kam, wo sie ihren guten Würzwein für den jäh verstorbenen Ohm Kristan bereitet, und man ihr kund gethan, was ihn betroffen. Zu dem vielem, was der Gred und Ann Gedächtnis auf lange Zeit und bis auf späte Eniklein unter uns sichert, gehören auch des Magisters lateinische Preislieder auf beide. Erst vor etlichen Jahren ist der treue Peter Piehringer als hochbetagter Greis selig verstorben, und wenn der Gred und des Götz Buben so schnell und wacker durch die Schule gegangen, haben sie es seiner Sorgfalt und Unterweisung zu danken. Die Töchterlein der Ann, die Gred und Agnes, gingen ihm über alles, wie es denn überhaupt bestimmt zu sein scheint, daß unser Herz die Kinder der Allergeliebtesten, auch wenn selbige nimmer die unseren geworden, mit gleicher Minne umfängt wie leibliche Söhne und Töchter. Der Eppelein Gockel, meines Aeltesten vielgetreuer Knecht, nahm der Muhme Jacoba Gürtelmagd in die Ehe. Nach seines Herren Tod setzte ich ihn als Wirt in die Trinkstube »Zum offenen Himmel«, und weil seine Hausfrau sich zu regen verstund, und seine Erzählungen von den bunten Schicksalen, so er unter den gottlosen Heiden erlitten, der Gäste übergenug in sein Schenkstüblein zogen, gedieh er zu stattlicher Körperfülle und zu einem wohlbehaltenen Manne. Im siebenten Jahre nach unserer Heimkehr nahmen die schwersten Sorgen für mich und das Geschäft ein Ende, doch galt es noch immer die Augen offen halten und weder Geist noch Leib ruhen zu lassen. Mein halbes Leben verging auf Reisen, und zufolge der Einsicht, daß allein durch die Eröffnung neuer Handelszweige das viele, so mir zu bestreiten oblag, beschafft werden könne, legte ich mich aufs Sinnen, und da ich in des Akusch Hause gesehen, wie willkommen den ägyptischen Frauen Haselnüsse aus dem Frankenlande waren, begann ich auch den Handel mit selbiger unscheinbaren Frucht im großen zu betreiben, und heutigen Tages versend' ich alljährlich von selbiger Ware für mehr denn zehntausend Zecchinen in die Levante. Auch mit dem Pelzwerk des deutschen Nordens und dem heimischen Nürnberger Tand erweiterte ich den Betrieb des Geschäftes, so unter des Großohms Leitung nur Gewürz und Weberwaren vertrieben. Das führte denn nach und nach zu sehr beträchtlichem Gewinn, und unter des Himmels gnädigem Beistand wuchs unser Haus zu weit höherer Bedeutung heran denn es vorher besessen. Auch gereicht es mir zu besonderem Genügen, daß ihm nun wieder an meiner Seite ein Im Hoff vorsteht, und es darum seinen alten Namen fortführen darf; denn der Ann und des Herdegen älteste Tochter, die Gred Schopperin, hat den Berthold Im Hoff geehlicht, und selbiger ist nunmehr mein vielgetreuer Gehilfe. In der älteren Gred Buben, den jüngeren Waldstromers, lebt mancherlei fort von der raschen und sangfrohen Schopperart, und alle drei haben es in verschiedenem Stand zu etwas Rechtem gebracht; denn der Herdegen steht als Reichsoberforstmeister in so hohen Ehren wie der Rechtskonsulent Kunz Waldstromer, mein lieb Pathenkind, im Dienste der Stadt. Der Franz der sich frühzeitig der heiligen Kirche unter des Herrn Kardinals Bernhardi besonderer Fürsorge gewidmet, ist allbereit jetzund ausersehen, seinem altersschwachen Herrn Bischof im Amte zu folgen. Der Sohn der Agnes, des Herdegen jüngerer Tochter, ist der Martin Behaim, ein gar hochgemuter Gesell, in dem des Großvaters feuriger und rastloser Geist, wenn auch in maßvollerer Gestalt, wiedererstanden. Fragt ihr mich nun, wie es gekommen, daß ich, dem doch das Herz warm genug schlägt für unser Nürnberg, sein Wohlergehen und seine Größe, mich nur vorübergehend an den Geschäften des ehrbaren Rates beteiligt, so lautet die Antwort: Da die Mehrung des Wohlstandes der Schoppersippe die ganze mir innewohnende Kraft voll in Anspruch nahm, gebrach es mir an Zeit, nach meines Herzens Verlangen dem Gemeinwesen zu dienen; wie aber mein lieber Neffe Berthold Im Hoff die Leitung des Handels mit mir teilte, trat ich fast gern hinter dem jüngeren Genossen und Tochtermann der Ann zurück und nahm seinen Platz im Geschäfte ein, während er neben dem Kunz Waldstromer zu den höchsten Würden des ehrbaren Rates hinanstieg. Dannocht ist euch allen bewußt, daß ich der lieben Vaterstadt ein gut Teil mehr an Arbeitszeit und Pfunden Heller gewidmet als mancher Losunger und Obristhauptmann. Des sei hier gedacht, damit mich die Späteren nicht übeler Selbstsucht bezichtigen. Endlich möchte wohl auch noch mancher die Frage erheben, warum gerade ich, des alten Schopperhauses letzter männlicher Sproß, unbeweibt durchs Leben gegangen, doch entheben mich diejenigen sicherlich der Antwort, für die ich redlich bekannt, was mein Herz bei der Ann und des Herdegen Wiedersehen empfunden. Nach des heißgeliebten Eheherrn Tode hatte die junge Witib tiefe Schwermut ergriffen, aus der sie nichts zu reißen vermochte. Während selbiger Zeit hinget ihr, meine Gred und Agnes, ihre Töchterlein, euch an mich, wie an den rechten Vater, und da euere Mutter im dritten Jahre ihres Wittums genas, kam es von ungefähr, daß ihr den Mann »Väterlein« nanntet, der mit euch an der Mutter Stelle gekost und getändelt, euch die Händlein zum Gebet gefaltet und euch ins Freie geführet, um sich mit euch zu ergehen. Euere Mutter hatte des nicht acht, und da sie wieder zu neuer, wundersamer Schöne erblüht, und ich des Hans Koler und des Ritters Henning von Beust, der bis dahin unbeweibt verblieben, dringend Werben um sie gewahr ward, begann sich die alte Minne übermächtig in mir zu regen, und da drang mir an einem schönen Maiabend im Forste die Forderung über die Lippen, sie möge mir das Recht gewahren, euch vor aller Welt meine Kinder zu heißen, und sie . . . Doch wozu auf die Wunde schlagen, die heut noch nicht völlig vernarbet! Im Diesseit und Jenseit wollte sie keinem anderen angehören denn ihm, dem ihres Herzens große und einzige Minne gehöret. Der abgewiesene Freier aber hat sich von jenem Maiabend an des Werbens begeben, ihr Kinder mußtet mich hinfort statt »Väterlein« »Ohm Kunz« nennen; und wenn daraus später »lieb Oehmlein« oder bei euch Aelteren »Ohm Kunzlein« geworden, so haltet euch dafür meines Dankes versichert. Auch des Kolers und des Ritters von Beust Werbung wies sie zurück, doch hat sich letzterer durch die Vermählung mit einem märkischen Edelfräulein schadlos gehalten. Da er später gen Nürnberg kam, nahm er bei der Gred als willkommener Gast Quartier, und weil er bei selbiger der Ann wieder begegnete, erwies er sich so jugendfrisch und war ihr trotz ihres ergrauenden Haares so feurig gewärtig, daß es seinem ehelichen Frieden zum Vorteil gedieh, die Hausfrau daheim gelassen zu haben. Der Gred hab' ich bald nachdem die Ann sich mir geweigert, gestanden, was mir begegnet, und da sie es vernommen, schlang sie mir die Arme um den Hals und rief: »Warum verlanget Dich Nimmersatt auch noch nach einem neuen Hausstand? Sind denn nicht allbereit zwei warme Herde Dein eigen, zweier aufrechten Hausfrauen Minne und Sorge, und bist Du nicht längst der Vater und Ratsfreund nicht nur Deiner Neffen und Nichtlein, sondern auch ihrer Eltern geworden?« Solches sagte sie im Ueberschwang schwesterlicher Minne, und wenn es mir wohlgethan, und ich es hier wiederhole, so geschieht es, weil ich eines Trostes gar wohl bedürftig, wenn ich bedenke, wie sauer es mir oftmals gefallen . . . Aber nein! Es war süß, himmlisch süß und jedes Dankes würdig, daß es mir, dem die Schickung unter den drei Ringen des Schopperkettleins weiland die bescheidenden Gaben verliehen, vergönnt war, den anderen allen und auch noch ihren Kindern und Eniklein etwas Rechtes zu sein und eines jeden Wohlsein zu fördern. Solches – ja ich darf es bekennen – solches ist mir in Wahrheit gelungen, und so ist denn meines Lebens Arbeit nicht vergebens gewesen, und ich darf mein Los als ein glückliches preisen. Auch an mir hat sich also das Wort des alten Organisten Adam Heiden als wahr erwiesen, so da besaget, daß wer für anderer Wohl sich gemühet, zugleich auch für das eigene sein Bestes gethan hat.