Walther Harich Angst   Roman   Verlag von Th. Knaur Nachf. Alle Rechte vorbehalten Copyright by Th. Knaur Nachf. Verlag, Berlin W 50 Printed in Germany Erstes Kapitel Sie gingen von dem Vorortbahnhof in die Halle des Münchner Hauptbahnhofs. Rechts, ein wenig hochgereckter, als es ihm eigentlich zukam, der Hauptmann a. D. Werneuchen, die kleine Handtasche am Arm, den Mantel hochgeschlossen. An seiner linken Seite der Student der Rechte Otmar Kamp, ein langer, blonder Schlacks mit treuherzigen blauen Augen, die jetzt niedergeschlagen waren, da die Spannung des Abschieds von dem älteren Freunde auf ihn drückte. Am Eingang der Halle versuchte er noch einmal Werneuchen den Koffer abzunehmen. Der ließ es nicht zu. Aber Kamp besorgte wenigstens die Fahrkarte nach Regensburg und für sich die Bahnsteigkarte, lief dann am Zug entlang, um ein leeres Abteil für den Abreisenden zu finden. Es gab aber keines, und Werneuchen mußte sich zu vier anderen Reisenden hineindrücken. Sie sprachen kaum ein Wort. Diese beginnende Reise schloß so Wichtiges ein, daß zu den unendlichen Erörterungen der letzten Tage nichts mehr hinzuzufügen war. Darüber hinaus hatte noch jeder von ihnen seine eigenen Gedanken und Empfindungen, die er nicht äußern wollte. »Haben Sie den Scheck?« fragte Werneuchen noch einmal, aber nur, um die Zeit hinzubringen. »Hier!« antwortete Kamp und schlug sich gegen die Brust. Er trug den Blankoscheck Werneuchens in seiner Brieftasche. Sehr widerwillig hatte er ihn angenommen. Ihn belastete dieses wichtige Papier, das über den Rest von Werneuchens Vermögen verfügte. Aber es war ihm immerhin lieber gewesen, als daß Werneuchen, wie er durchaus gewollt hatte, das ganze Geld mitnahm. Nur zu kurzem Abschied kletterte der Abreisende noch einmal aus dem Abteil, um Kamp die Hand zu schütteln. »Also leben Sie wohl, lieber Kamp! Und grüßen Sie Elma, wenn Sie sie sehen.« »Gut, gut!« wehrte der Student ab. »Und alles Gute und viel Erfolg!« Alles, was mit dieser Reise Werneuchens zusammenhing, bedrückte ihn. Werneuchens und Elmas Schicksal stand zur Entscheidung, und so manches andere noch. Sie dachten beide daran und wußten es voneinander. Dem Studenten sah man es geradezu an seinem treuherzigen Gesicht an, während Werneuchen seine Mienen besser zu wahren verstand. Das war immer so. Man merkte ihm nichts an, und nur, wenn man ihn ganz genau kannte, so genau, wie es Kamp nun seit fast einem Jahre tat, wußte man, was in dem Schweigsamen vorging, der die inneren Kämpfe hinter leiser Ironie zu verstecken verstand. Er drängte in das Abteil zurück und ließ sich in der hintersten Ecke nieder. Kamp stand eine Weile unschlüssig da. Werneuchen bemerkte es nicht mehr. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Kamp lief eine Weile neben ihm her. Es schien ihm unmöglich, daß Werneuchen nicht doch noch im letzten Augenblick den Kopf zum Fenster herausstreckte. Dann hörte er allmählich zu traben auf und ging mit gesenktem Kopf zurück. Obwohl es ziemlich gleichgültig war, mußte er doch immer denken: »Wozu hat er nicht mehr hinausgesehen?« Irgendwie schien ihm dadurch eine Entscheidung unwiderruflich gefallen, und einen kurzen Augenblick lang durchzuckte ihn sogar der Gedanke, daß er den Freund nicht wiedersehen würde. Ernst Alexander Werneuchen hatte sich in seinen Winkel zurückgezogen und überließ sich seinen Gedanken. Am Abend sollte er in Regensburg die Unterredung haben, die über seine Zukunft entschied. Wenn es nur seine Zukunft gewesen wäre! Aber was hingen da noch für Menschenschicksale an ihm! Jetzt konnte alles besser werden. Er glaubte beinahe an eine glückliche Lösung. Ja, er glaubte ganz fest daran, wie er seit langem nicht mehr geglaubt hatte. Seit Monaten suchte er verzweifelt nach einer Stellung. Er hatte sich auf Zeitungsannoncen gemeldet, hatte Bewerbungen geschrieben und Besuche gemacht. Nun auf einmal war es ganz rasch gegangen. Auf irgendeine seiner Meldungen war ein Brief gekommen. Kurzes Hin- und Herschreiben. Er war für die Hamburger Vertretung der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft in Aussicht genommen. Lebensstellung, sechshundert Mark monatlich und Tantieme. Verlangt wurde allerdings eine Kaution von fünftausend Mark. Selbstverständlich! Er kannte das nun. Große Werte würden durch seine Hände gehen, die Leute mußten sich sichern. Und ganz nebenbei waren fünftausend Mark in dieser kapitalarmen Zeit ein hübscher Betriebsstoff auch für eine große Firma. Natürlich, es hieß Kaution, und war eigentlich etwas ganz anderes. Aber ihm, der gerade noch einiges Geld besaß, wurde einzig auf diese Weise die Möglichkeit gegeben, in eine kaufmännische Stellung hineinzuschlüpfen. Am Abend sollten zwei Direktoren der Gesellschaft in Regensburg sein. Er war zur entscheidenden Besprechung hinübergebeten worden. Er hatte also Chancen, er wiederholte sich das von Zeit zu Zeit. Wenn es gut ging, konnte er am nächsten Tag den Vertrag in der Tasche haben. Ach, wenn er es doch bis zum nächsten Morgen erreicht hätte! Denn an diesem nächsten Morgen stand etwas ganz Seltsames bevor. Seine Frau hatte ihm geschrieben. Die Frau, mit der er nun schon seit undenklichen Zeiten in Scheidung lag, mit der er einen hartnäckigen, mit allen bösartigen Mitteln betriebenen Prozeß führte. Einen flehenden, verzweifelnden Brief hatte ihm Gerda nun, ganz überraschend, geschrieben und ihn beschworen, ihr eine Unterredung zu gewähren. Sie wollte von Berlin, wo sie bei ihren Eltern wohnte, herüberkommen, um ihn zu sprechen. Es paßte gerade mit seiner Regensburger Reise zusammen, und so hatte er sich für den nächsten Morgen in Regensburg am Berliner Schnellzug mit ihr verabredet. Sie hatte gebeten, diese Begegnung streng geheim zu halten. Er ahnte nicht, was sie zu diesem Entschluß getrieben haben mochte. Irgend etwas Wichtiges mußte in dem »feindlichen« Lager vorgegangen sein. Vielleicht löste sich nun manches Rätsel auf, das ihn seit Jahren beschäftigte. Ein wenig fühlte er – er ward dessen mit einem Lächeln inne – die Spannung wie vor dem Zusammentreffen mit einer Geliebten. Ja, vielleicht liebte er diese Frau noch immer ein wenig. Liebte sie vielleicht jetzt erst, da er wie durch Wüsten und Meere von ihr getrennt war. Was würde sie ihm zu sagen haben? Er grübelte darüber nach, mit jagenden Gedanken, die um so reizvoller waren, da er ihnen keinen Anhaltspunkt geben konnte. Natürlich wußte er, daß nach allem Vorgefallenen ihn nichts mehr, niemals mehr etwas mit Gerda verbinden konnte, daß er Elma gehörte, daß er Elma liebte und mit Elma nun für ewig verbunden war. Und dennoch kreisten heute, und seit Tagen, seit sie ihm diesen überraschenden Brief geschrieben hatte, seine Gedanken immer wieder um die bevorstehende Begegnung. Morgen um diese Zeit würde alles anders geworden sein. Vielleicht hatte er den Vertrag mit der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft in Händen, oder er hatte endgültig die Jagd um sein Leben aufgegeben. Auch daran dachte er, daß es vielleicht mit seiner Anstellung nichts würde. In manchen Augenblicken stand es sogar für ihn ganz fest, daß es nichts werden würde. Er konnte die Konsequenzen dieses Falles nicht ausdenken. Wie ein drohendes schwarzes Loch lag diese Möglichkeit vor ihm, und er bemühte sich, Gründe zusammenzusuchen, unter denen seine Aussichten sich gut und hoffnungsvoll gruppierten. Wie es aber auch ausfallen mochte, immer stand für den nächsten Morgen dieses Zusammentreffen mit Gerda da. Irgend etwas würde geschehen. Vielleicht ging wirklich alles gut, und man konnte dann zur Erholung noch einige Wochen in Franken herumreisen. Besichtigung von Domen, Schlössern, Sammlungen, wenn es weiter so nieselte wie bisher. Wanderungen, wenn das Wetter gut war. In zehn Tagen spätestens wollte er unter allen Umständen in München zurück sein. Vielleicht war dann schon der Umzug nach Hamburg vorzubereiten. Wer hätte das noch vor zehn Tagen gedacht, daß er in einigen Wochen diese ganze Münchner Misere hinter sich lassen und in Hamburg ein neues Leben beginnen würde! Ernst Alexander Werneuchen hatte unendlich viel zu bedenken. Er mußte sich zum Beispiel zurechtlegen, wie er den Direktoren seine mangelnde kaufmännische Ausbildung plausibel machen konnte, oder überlegen, wie er Gerda gegenüberzutreten hatte. Und wenn er nicht bedenken wollte, dann kamen die Möglichkeiten und Vorstellungen von allen Seiten auf ihn zugeschossen. Er deckte sich mit seinem Mantel zu und schloß die Augen. * Otmar Kamp hatte sich unterdessen noch einmal umgesehen, als der Zug aus der Halle herausfuhr. Dann gab er sich einen Ruck und ging durch den Vorraum. Draußen verglich er seine Uhr, die immer zwei Minuten am Tag vorging, mit der Bahnhofsuhr. Wenn er schnell machte, konnte er noch im Seminar zwei Stunden arbeiten, ehe er hinausfuhr. Er hatte Glück, gerade bog seine Elektrische um die Ecke. Zwei Stunden Arbeit in dem stillen, um diese Jahreszeit noch immer angenehm geheizten Raum, und dann nach Hause in den kleinen Vorort, wo er seit einigen Monaten in Werneuchens Villa wohnte. Eigentlich war das ewige Hinaus- und Hereinfahren unbequem, aber es war schön und ruhig draußen, und außerdem tat er dem verlassenen Werneuchen einen Gefallen. Ihn fesselte das Schicksal dieses unglücklichen Menschen. Er nahm an diesem Schicksal teil, ging darin auf, seit er zufällig und ohne es zu wollen in einem entscheidenden Augenblick in dieses Schicksal eingegriffen hatte. Es war schon einige Jahre her, seit er die Bekanntschaft Werneuchens gemacht hatte. Kurz nach dem Krieg war die Familie, bestehend aus Ernst Alexander und Frau Gerda, zwei kleinen Jungen und dem Dienstmädchen, von Berlin nach München übergesiedelt. Man hatte die kleine Villa in dem südlichen Vorort erworben. Kamp lernte die Familie kennen, als sie noch im Bahnhofshotel des Vororts wohnten und auf die Möbel warteten. Von Anfang an hatte er, wie alle Bekannten, den Eindruck, daß die Ehe nicht glücklich war, und daß ein Musiker, Adalbert Reuschhagen, Sohn des weltbekannten großen Klaviervirtuosen Ulrich Reuschhagen, hierbei eine gewisse Rolle spielte. Adalbert Reuschhagen war gleichzeitig mit dem Ehepaar von Berlin nach München übergesiedelt und wohnte mit ihnen einige Wochen lang in dem primitiven Hotel zusammen. Bald darauf aber zog er sich von Werneuchens zurück. Man wußte jedoch, daß er in München öfters und in aller Öffentlichkeit mit Frau Gerda zusammentraf. Niemand regte sich darüber auf, auch wenn Reuschhagen nirgends einen sympathischen Eindruck machte. Übrigens sah man den Musiker nur selten und am dritten Ort, und man nahm an, daß Ernst Alexander Werneuchen um diese Freundschaft seiner Frau wußte und sie schweigend duldete. Man zerbrach sich im übrigen nicht viel den Kopf darüber. Otmar Kamp hatte zunächst gleichmäßig mit beiden Eheleuten verkehrt. Wenn man ihn damals gefragt hätte, ob ihm der Mann oder die Frau sympathischer wäre, hätte er gewiß gesagt, daß ihm Frau Gerda näherstand. Herr Werneuchen konnte, trotz körperlicher Anwesenheit, manchmal wochenlang für alle Bekannten einfach nicht da sein. Man bemerkte ihn nicht neben der temperamentvollen und begabten Frau. Bis er dann auf einmal bei Gelegenheit die Aufmerksamkeit an sich riß, scharfe, sarkastische Bemerkungen machte und eine ganz außergewöhnliche Bildung und Belesenheit auch auf entlegenen wissenschaftlichen Gebieten durchblicken ließ. Wenn man sich in irgendeiner persönlichen oder sachlichen Angelegenheit an ihn wandte, überraschte er durch die Güte und Klugheit seines Wesens. Aber immer sank er von Zeit zu Zeit in sich selbst zurück, und man vergaß ihn wieder. In wirklich freundschaftliche Beziehungen zu Ernst Alexander trat Kamp erst, als dieser mit seiner Frau bereits in Scheidung lag. Gerda war mit den beiden Knaben zu ihren Eltern nach Berlin übergesiedelt, die Villa war schon verkauft und sollte demnächst geräumt werden. Es war die Zeit, in der Werneuchen anfing, seiner Zukunft mit Besorgnis entgegenzusehen. Er hatte als Hauptmann nach dem Krieg den Abschied genommen. Von Hause aus wohlhabend, verlor er während der Währungskrise den größten Teil seines Vermögens und bewarb sich nun um eine kaufmännische Stellung. Der junge Student, der noch sorglos dahinlebte, nahm an diesem Verfall einer ihm befreundeten Familie den stärksten Anteil. Aber, wie das so kommt, erst ein besonderer Augenblick machte die beiden Männer zu Freunden. Niemand von denen, die Werneuchens in der letzten Zeit gekannt hatten, zweifelte daran, daß Frau Gerda seit Jahren, wahrscheinlich schon in Berlin, unerlaubte Beziehungen zu diesem unsympathischen, aber gewandten und talentierten Reuschhagen unterhalten hatte. Man brachte die Scheidung, ohne Näheres zu wissen, mit dieser Angelegenheit in Verbindung und faßte die Sache so auf, daß Werneuchen, wahrscheinlich mit Rücksicht auf die Kinder, lange Zeit beide Augen zugedrückt hatte und ihn erst später irgend etwas veranlaßte, die Scheidungsklage einzureichen. Auch Otmar Kamp hatte keine andere Auffassung von der Sache. Der Zufall wollte, daß er es sein mußte, der Werneuchen über Frau Gerda die Augen öffnete. Eines Tages war der Student mit Werneuchen auf der Straße zusammengetroffen, und sie waren ein Stück Weges miteinander gegangen. Werneuchen brachte seit langer Zeit zum erstenmal die Rede auf seine Frau. Kamp hatte den Eindruck, daß die Ehe sich wieder einrenken würde. Die lange Trennung schien in beiden Gatten das alte Gefühl geweckt zu haben. Sie wechselten bereits freundschaftliche Briefe, und Kamp sah schon im Geiste Frau Gerda mit den Kindern wieder nach München zurückkehren, was ihm nicht unlieb gewesen wäre, da er die Gesellschaft der anregenden Frau gern hatte. Zufällig kam das Gespräch auf eine lange zurückliegende Gesellschaft, die sehr eigenartig verlaufen war. Kamp erzählte einiges von jenem Abend, weil es witzig und interessant gewesen war. Er tat es lediglich, um Konversation zu machen. »Ich weiß,« sagte Werneuchen zerstreut, »meine Frau hat mir seinerzeit davon erzählt.« »Aber Ihre Frau war doch gar nicht dort!« fuhr es unglückseligerweise dem Studenten heraus. Zufällig hatte er Frau Gerda spät nachts, als er eine andere Dame nach Hause begleitete, mit Reuschhagen zusammen gesehen. Es war ihm nicht weiter aufgefallen, da man ja in jenem Kreise ganz allgemein annahm, daß Werneuchen um diese Freundschaft seiner Frau wußte. Im nächsten Augenblick freilich bereute er seine Äußerung, als er bemerkte, wie Werneuchen kreidebleich wurde. Frau Gerda hatte den Vorwand gebraucht, die Nacht in jener Gesellschaft und bei den Gastgebern verbracht zu haben, und nun stellte sich überraschend die Wahrheit heraus. Kamp konnte nicht mehr zurück und mußte alles sagen, was er wußte. »Nein!« sagte Werneuchen, »ich glaubte an Gerdas Anständigkeit. Nie ist mir der leiseste Zweifel an ihr gekommen. Wenn ich mich schließlich scheiden lassen wollte, so hatte das ganz andere Gründe.« Erst viel später ließ er sich zu Kamp über diese anderen Gründe aus: es war Angst gewesen, kaum etwas anderes als Angst. »Ich weiß nicht, wie es zustande kam«, sagte er damals. »Ich konnte das Leben an der Seite dieser Frau nicht mehr aushalten. Mir ging die Luft aus, ich hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Ich mußte nach von ihr befreien. Glauben Sie mir, Kamp, ich wäre bei dieser Frau in einem Jahr tot gewesen. Und so beschloß ich, mich scheiden zu lassen. Aber eine Verfehlung Gerdas hatte ich nie angenommen.« Bis zu der unseligen Eröffnung hatte er, wie Kamp erst damals erfuhr, alle Schuld auf sich nehmen, seiner Frau die Kinder lassen und für ihren Unterhalt sorgen wollen. Damals glaubte er ja noch wohlhabend zu sein. Jetzt änderte er sein Verhalten. Es war, als ob er sich an Gerda für die Jahre rächen wollte, in denen ihm, wie er sich ausdrückte, die Kehle zugeschnürt war. Von nun an führte er den Prozeß mit schonungsloser Härte weiter. Merkwürdigerweise ging es seit dieser Zeit mit seinen Vermögensverhältnissen reißend bergab. Otmar Kamp war seit jener Unterredung der einzige Mensch, an den sich Werneuchen anschloß. Alle seine alten Bekannten nahmen bei der Scheidungsangelegenheit die Partei der Frau, obwohl sie von ihrer Schuld überzeugt waren. Kamp aber lernte damals erst Werneuchen verstehen. Was der ältere Freund ihm über die Gründe seiner Trennung von Gerda mitteilte, ließ ihn seltsame Blicke in Werneuchens Inneres tun. Er hatte ihn für einen etwas ernsten, aber durchaus alltäglichen Menschen gehalten. Kein besonderer Zug war ihm aufgefallen, der nicht als kleine Schrulle sich erklären ließ, und nun auf einmal trat alles in ein merkwürdiges Licht. Niemand hatte etwas von der seltsamen Angst geahnt, die Werneuchen zunächst veranlaßte, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Wenn jenes dunkle Gefühl eines drohenden Unglücks wirklich mit dem profanen Wort Angst zu bezeichnen war. Erst als Kamp, bald nach jenem Gespräch, zu Werneuchen hinauszog, da dieser sich scheute, allein in dem abgelegenen Hause zu wohnen, erfuhr er von den inneren Kämpfen, die der Freund bisher still in sich verschlossen hatte. Mit Erstaunen sah der junge Student, daß es das, was man einen alltäglichen Menschen nennt, in Wirklichkeit gar nicht gibt, daß auch das Leben des Unscheinbarsten sich in seltsamen Widersprüchen und Gegensätzen bewegt, daß auch hier Angst und Qual und Hoffnung nahe beieinander liegen. Kamp hatte Werneuchen eigentlich immer für einen tapferen Menschen gehalten, ja gerade diese Eigenschaft schien ihm am ehesten mit der Person Werneuchens verbunden zu sein. Fast nie sprach der frühere Hauptmann von seinen Kriegserlebnissen, aber es kam doch bei Gelegenheit hier und dort heraus, daß er im Felde über den Durchschnitt tüchtig gewesen war. Vor allem aber schien die Art, wie er den Zusammenbruch seiner Ehe und seines Vermögens ertrug, für Kamp geradezu etwas Heldenhaftes zu haben. Zum erstenmal, als Werneuchen von sich erzählte, erfuhr Kamp, daß Ernst Alexander seit Jahren, sogar seit seiner Jugend, an merkwürdigen Angstzuständen litt. Kleine Angewohnheiten, die Kamp zunächst als pedantische Absonderlichkeiten auffaßte, offenbarten auf einmal ihren Charakter. Werneuchen mußte zum Beispiel seine Briefe stets eigenhändig in den Kasten werfen. Meist trug er sie sogar selbst auf die Post, weil er von der Vorstellung nicht loskam, daß sie sonst verlorengehen würden. Wenn er die Straße überquerte, geschah das stets mit äußerster Vorsicht, die er behutsam zu verbergen suchte. Autos und Elektrischen wich er in weitem Bogen aus, nicht nur so, daß er ihnen aus dem Wege ging, sondern in einer Art, die selbst Böswilligkeit oder besonderes Ungeschick der Lenker bereits einkalkulierte. Selbst wenn er den Vorortzug benutzte, setzte er sich stets in den mittelsten Wagen, weil hier die Gefahr bei einem Eisenbahnunglück am kleinsten sein sollte. Dabei war er wiederum ein waghalsiger Schwimmer und Bergkletterer. Man konnte diese Absonderlichkeiten vielleicht zunächst für Überbleibsel aus dem Kriege halten. Aber sie waren tief in seiner Natur verankert. Ein ganzes System stand hinter ihnen. »Gefahren, die ich erkenne und denen man mit Mut und Geschicklichkeit begegnen kann, sind für mich keine«, sagte er, wenn er mit Kamp über diese Dinge sprach. »Aber was im Dunkeln lauert und uns unversehens überfällt, davor habe ich Angst und dagegen wende ich alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln an. Ich muß stets so sitzen, daß ich die Tür im Auge behalte. Anders würde sofort jemand hinter mir stehen, ohne daß ich es merkte. Wir wissen ja gar nicht, ob nicht viele Menschen, vielleicht alle, unter einer solchen Angst leiden, die sich nur verschieden bemerkbar macht. Meinen Vater zum Beispiel glaubte ich gut zu kennen, und doch mußte ich eines Tages sehen, daß ich so gut wie nichts von ihm wußte. Er arbeitete viel und kam vorwärts, aber sein eigentliches Leben war doch der Kampf gegen den Fußnagel seiner großen Zehe, der ständig einzuwachsen drohte. Jeden Morgen arbeitete der alte Herr zehn Minuten lang mit Schere und Feile an dem tückisch sich krümmenden Nagel, und gewiß stand er sein ganzes Leben lang unter der Furcht einer scheußlichen Blutvergiftung oder schmerzlichen Operation, und sein Wohl- oder Schlechtergehen hing weniger von den äußeren Umständen, die wir überschauen konnten, ab als von dem Stand dieses lebenslangen hartnäckigen Kampfes. Wenn man nur ein bißchen Phantasie hat, muß man überall Anzeichen und Warnungen bemerken. Irgendjemand erzählte mir in meiner Jugend einmal, daß große Doggen sich manchmal gegen ihre Herren wenden und sie zerfleischen sollen. Nachher wurde mir die Gefährlichkeit dieser Tiere oft bestritten. Und dennoch habe ich es nie gewagt, mir eine Dogge zu halten. Nicht weil diese Tiere an sich dem eigenen Herrn gefährlich werden, sondern weil man es mir erzählt hatte. Ich mußte das als Warnung auffassen, und wenn ich diese Warnung mißachtete, hätte meine Dogge sich sicher eines Nachts gegen mich erhoben und mich zerrissen.« Werneuchen konnte unzählige derartige Beispiele anführen. Merkwürdigerweise sprach er nie von wirklichen Fällen, die sich ereignet hatten, sondern immer nur von Möglichkeiten. Einzelne Fälle könne man gar nicht anführen, pflegte er zu sagen, denn diese entzögen sich ihrer Natur nach der Öffentlichkeit. Man wüßte nichts von ihnen, es handelte sich hier um stille Tragödien, die sich völlig in der Verborgenheit abspielten. »Wenn ein Dachdecker vom Dach fällt, so weiß man ja nicht, ob er nicht sein ganzes Leben lang bereits unter Ahnungen und Anzeichen dieses Unglücksfalles gelitten hat, ob er nicht einen heldenhaften Kampf gegen diese Gefahren seines Berufes führte, die ihn dann schließlich doch übermannten oder auf eine tückische Art überlisteten.« Werneuchen behauptete allen Ernstes, daß das Schicksal eine gewisse Angst von allen Menschen verlange, mindestens aber von ihm. Man müßte in jeder Beziehung und immer tun, was man nur vermöchte, um jene stets lauernden Gefahren in Schranken zu halten. Die beiden seltsamen Freunde, der entlassene Offizier und der junge Student, saßen oft abends bei derartigen Gesprächen zusammen. Einer oder der andere brachte eine Flasche Wein aus der Stadt mit, und sie saßen in der gemütlichen Ecke von Werneuchens Arbeitszimmer und unterhielten sich über das Unheil, das stets irgendwo lauerte. »Das Schicksal ist ein Hundefänger«, sagte Werneuchen dann. »Man kann gar nicht vorsichtig genug sein. Wenigstens gibt es Menschen, die sich vorsehen müssen. Einige können Gelder unterschlagen, ohne daß ihnen etwas geschieht. Andere dürfen sich nicht die geringste Unregelmäßigkeit zuschulden kommen lassen, ohne daß ihr Leben verpfuscht ist. Ihnen wird bei jeder Gelegenheit die Drahtschlinge über den Kopf geworfen.« Otmar Kamp konnte sich der Stimmung, die von solchen Gesprächen ausging, um so weniger entziehen, als sein Gegenüber ja in der Tat ein Mensch war, dem das Schicksal die Drahtschlinge über den Kopf geworfen hatte. Es überraschte ihn deshalb gar nicht, als an einem dieser Abende Werneuchen ganz ruhig davon sprach, daß er einmal ermordet werden würde. Der Augenblick, da sich der Mörder auf ihn stürze, stehe so deutlich vor ihm, und dieses Bild verfolge ihn seit seiner frühen Jugend mit solchem Vorbedacht, daß er bestimmt mit einem derartigen Ende rechnete. »Vielleicht, wenn ich mein ganzes Leben lang alle Energien aufwende, werde ich diesem entsetzlichen Ende entgehen können. Ich fühle aber ganz genau, daß etwas auf mich wartet und mich vernichten will. Natürlich werden Sie es für Einbildung aufgeregter Nerven halten. Sie täuschen sich indessen. Das menschliche Unterbewußtsein weiß um alles, was noch kommen wird, und manchmal schickt es solche Bilder als Warnungen empor. Manchmal kommen sie freilich auch nur aus einer schlechten Verdauung. Aber überlegen Sie sich nur einmal, wie viele Menschen den oder jenen gern um die Ecke bringen würden. Man will eben morden in dieser besten aller Welten, und von Zeit zu Zeit muß dann eben etwas geschehen, und immer denen, die sowieso schon vom Schicksal verfolgt werden. Das liest sich nachher so leicht in der Zeitung: der oder jener ist ermordet worden. Aber glauben Sie mir, ein solcher Fall kommt niemals so von ungefähr. Die schreckliche Tat beendet immer ein Leben voller Angst und Vorahnungen und ist vielleicht immer eine Erlösung. Aber Sie brauchen diese Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Vielleicht kommen sie auch bei mir nur von schlechter Verdauung.« Wenn sich Otmar Kamp an solchen Abenden auch einem unheimlichen Eindruck nicht entziehen konnte, so nahm er diese Gespräche doch wirklich nicht allzu ernst. Er sah täglich, mit welcher Lebenskraft Ernst Alexander sich gegen sein widriges Schicksal wehrte, und gerade in der letzten Zeit besonders tätig und entschlossen. Er bewunderte ihn geradezu. Werneuchens Leben lag in Trümmern. In wenigen Wochen mußte er sein Haus räumen. Aus diesem Erlös waren ihm etwa sechstausend Mark übriggeblieben, das war der Rest seines Vermögens. Außer seiner kärglichen Hauptmannspension besaß er nichts anderes mehr. Dabei hatte er mannigfaltige Verpflichtungen. Kamp sah, daß Werneuchen oft drauf und dran war, zu verzweifeln und alles laufen zu lassen, wie es wollte. Und der Student mußte sich gestehen, daß er in Werneuchens Lage so gehandelt hätte. Vor allem bewunderte er, daß Werneuchen in seiner Lage noch den Mut gefunden hatte, das Schicksal eines jungen Mädchens an sich zu binden. Aber vielleicht war es gerade die Verbindung mit Elma Diepenbroich, die Werneuchen noch aufrechterhielt Ohne sie hätte er sich wahrscheinlich längst eine Kugel durch den Kopf gejagt. Als sich die Aussicht auf jene Hamburger Stellung bot, war Kamp nicht so hoffnungsfreudig wie Werneuchen gestimmt. Irgend etwas gefiel ihm an der Sache nicht, vielleicht war es die verdächtig hohe Kaution von fünftausend Mark. Werneuchen erklärte ihm die Sache. Die Summe würde natürlich verzinst und sichergestellt, und es wäre auch nichts Ungewöhnliches, eine so hohe Kaution zu fordern. Erstens wollte eine solche Firma es mit einem Menschen in geordneten Verhältnissen zu tun haben und verlange schon aus diesem Grunde eine hohe Kaution. Zweitens könne er, der keine geordnete kaufmännische Ausbildung und keine Erfahrungen hinter sich habe, einzig und allein auf dem Wege über eine solche Kaution eine Stellung erhalten. Es wäre sein Glück, daß er gerade noch dieses Geld hätte. Kamp wunderte sich, daß er diesmal der Mißtrauische und Werneuchen der Hoffnungsvolle war. Ihm leuchtete die Sache nicht recht ein. Wenigstens sorgte er dafür, daß Werneuchen das Geld nicht sofort mit nach Regensburg nahm, sondern mit dem sonstigen kleinen Rest seines Vermögens auf der Bank liegen ließ. Nach einiger Überredung war der Abreisende damit einverstanden, nötigte aber dem Studenten »für alle Fälle« das Scheckbuch mit einem unterschriebenen Blankoscheck auf. Als Kamp auf der Plattform seiner Elektrischen stand, ging es ihm noch einmal durch den Kopf, daß Werneuchen nicht mehr aus dem Zugfenster herausgesehen hatte und daß es eine schlechte Vorbedeutung für die Reise sein konnte. Kamp hatte gerufen und gewinkt und war dem davongleitenden Zug noch zwanzig Meter gefolgt. Werneuchen aber war unsichtbar geblieben, so, als ob ihn das Leben draußen nichts mehr anginge, als ob er sich schon in eine andere Welt zurückgezogen habe. Das war natürlich nur Einbildung. Oder war es eine Warnung aus dem Unbewußten, wie Werneuchen es nannte? »Vielleicht kommt er nicht mehr zurück!« dachte Kamp noch einmal, als er sich auf der Plattform die Zigarette ansteckte. Er zögerte ein wenig mit dem brennenden Streichholz in der Hand. Dann kämpfte er diesen Gedanken nieder, zündete die Zigarette an und warf das Streichholz mit einer energischen Bewegung fort. »Ach Unsinn!« Zweites Kapitel Es war schon dunkel, als Werneuchen in Regensburg ankam. Er kannte die Stadt nicht. Direktor Goldschmidt von der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft sollte im Parkhotel wohnen. Es war gleich bei der Bahn. Fröstelnd ging er über den freien Platz zwischen Anlagen, deren kahle Büsche im Regen raschelten. Der Portier wußte nichts, ein Herr Goldschmidt aus Hamburg war im Hotel nicht abgestiegen. Vielleicht käme er noch mit dem Abendschnellzug. Werneuchen bestellte sich für alle Fälle ein Zimmer, aber er war durch das Ausbleiben Goldschmidts vollkommen niedergeschlagen. Am liebsten hätte er sich auf einen Stuhl niedersinken lassen und nichts mehr getan. Die durch Wochen der Spannung mühsam bewahrte Haltung drohte von ihm abzufallen. Er hätte es vielleicht ertragen, wenn auch diesmal nichts aus seiner Anstellung wurde, und wäre traurig, aber entschlossen nach München zurückgefahren. Aber daß man ihn so einfach in das Hotel einer fremden Stadt bestellte und dort sitzen ließ, das brannte in seinen Nerven. Mühsam sich zusammennehmend gab er seinen Namen an. »Werneuchen? Es ist ein Brief für Sie da«, sagte der Portier. Werneuchen öffnete hastig den weißen Umschlag. Herr Goldschmidt teilte ihm mit, daß er ihn gegen halb neun im »Grünen Baum« erwarte. Gott sei Dank! Der Portier wollte ihm die Handtasche abnehmen, aber Werneuchen brauchte sie wegen der darin befindlichen Papiere. Er ließ sich nur die Nummer seines Zimmers sagen und ging hinaus. So hastig, daß er fast gegen einen Mann gerannt wäre, der an der Hoteltür stand und sich schleunigst entfernte. Die Unruhe wirkte in ihm noch fort. Der Umstand, daß der Direktor ihn nach einem anderen Hotel bestellte, verwirrte die Vorstellungen, die er sich von dem Verlauf des Abends gemacht hatte. Alles beunruhigte ihn jetzt. Mehrmals mußte er sich umdrehen, als ob jemand hinter ihm her wäre. Er hatte das ungewisse Gefühl einer Gefahr, in der er sich befand. Unter einer Straßenlaterne, die kümmerliches Kleinstadtlicht verbreitete, sah er nach der Uhr. Er hatte noch anderthalb Stunden Zeit. Vielleicht nahm er in der Stadt etwas zu sich. Er beeilte sich, um durch die lange und nüchterne Bahnhofstraße zu kommen. Der »Grüne Baum« sollte im Inneren der Stadt sein. »Regensburg!« schwebte ihm vor, »mittelalterliche Straßen, Barockkirchen, ein alter Dom, Zauber süddeutscher Plätze und Märkte.« Eigentlich wollte er sich die Stadt erst morgen ansehen. Vielleicht mit Gerda zusammen, malte er sich aus, die Regensburg auch noch nicht kannte. Auf einmal mußte er sich fragen, wie er das wissen konnte. Sie waren ja schon so lange auseinander. Was konnte sie alles inzwischen kennengelernt haben! Vielleicht war sie oft in Regensburg. Vielleicht hatte sie einen Geliebten hier. Sonderbar, daß diese Frau jetzt ein Leben führte, von dem er nichts wußte. Und daß es ihr mit ihm ebenso erging. Da war man gegen fünf Jahre verheiratet gewesen, und dann korrespondierte man nur noch durch Rechtsanwälte. Wieder stand jäh die Frage vor ihm, was sie von ihm wollen mochte? Wozu das Geheimnisvolle dieser Begegnung? Ob sie zu ihm zurück wollte? Auf einmal wußte er, daß er diese Möglichkeit in den ganzen letzten Tagen immer wieder erwogen hatte. Nicht, daß er es tun wollte, o nein! Er konnte es gar nicht mehr tun. Er war an Elma gebunden. Aber er wünschte, daß Gerda es wollte. Es war nicht so, daß er sich etwa darauf gefreut hätte, es ihr abzuschlagen. Ja, es würde ihm sogar schwer werden, es ihr abzuschlagen. Aber es war eine Beruhigung, wenn sie jetzt noch an ihm hing. Es hätte ihm gezeigt, daß es doch alles nicht so furchtbar gewesen war, wie er dachte, daß sie dennoch, trotz allem, anders zu ihm stand und gestanden hatte. Er kam an einem kleinen Platz vorüber. Hier bewillkommte mit erleuchteter Tür das Gasthaus »Zum grünen Baum«. Er wollte noch nicht hineingehen. Wieso eigentlich nicht? Direktor Goldschmidt war wahrscheinlich noch nicht dort. Und wenn er dort war, erkannte er ihn nicht. Er konnte sich an einen Tisch setzen und zur Nacht speisen und in einer Stunde dann nach dem Direktor fragen. Aber er ging doch vorüber, merkte sich die Lage und suchte, das Innere der Stadt zu erreichen. Man mußte sich diese alte und prächtige Stadt wohl näher ansehen. »Regensburg! Regensburg!« sprach er leise vor sich hin und dachte darüber nach, welche innere Verbindung er mit dieser Stadt hatte. Natürlich, er hatte sie in der Schule gelernt und von ihr gehört. Dort gab es einen Strudel und dort floß der Regen in die Donau. Aber das war es nicht. Es gab da noch eine ganz persönliche Verbindung zwischen ihm und der Stadt, er wußte nur nicht, welcher Art sie war. Aber er hatte ein Gefühl, als ob er einmal in Regensburg gelebt hätte, vielleicht in einem früheren Dasein. Es gibt solche dunkle Erinnerungen, die aufsteigen, man weiß nicht, woher. Er schritt an dem Dom vorüber, der riesengroß in das Dunkel wuchtete. So groß, daß er die oberen Ränder des Daches und der Türme nicht mehr sah. Wie an einem Gebirge ging er vorüber, das oben in den Wolken verschwand. Nur wenige Menschen waren zu bemerken. Dann aber kam er in eine enge, steile Straße, die voller Leben war. Auch das hatte er einmal schon alles gesehen. Vielleicht war es aber nur die Ähnlichkeit mit einer anderen Stadt. Rechts und links führten schwarze Straßenschluchten in ein ungewisses Dunkel, hinauf und hinab. Er ging nach rechts, kam durch Tore und Zwergplätze, die wie aus Stein geschnitten waren, und schließlich zu der großen Brücke, die über den Strom führte. In der Dunkelheit hörte er die Wasser gurgeln. Lichter schwammen längs der Ufer und versanken in der Tiefe. Jenseits der Brücke lag eine neue Stadt mit Mauern und Türmen. Er kannte das alles, als ob er es in einem Traum gesehen hatte. Über die Brücke gingen nur wenige Menschen. Ganz klein sahen sie vor der hohen Mauerbrüstung aus, die die Brücke einfaßte. Über der Mitte des Stromes blieb er stehen und sah sich um. Eigentlich wollte er ein Experiment machen, nämlich feststellen, ob er auch den Ausblick von der Brücke nach der Stadt zu wiedererkennen würde. Ehe er sich umblickte, konnte er sich nur ungefähr ein Bild von aufsteigenden Dächern und Toren machen, wie es in solchen alten Städten eben aussieht. Aber als er nun wirklich sah, da war es wieder, als hätte er alles längst gekannt: die Mauerwehren längs der Ufer, den kleinen Brückenplatz unten und dieses gebirghafte Emporwachsen der Steinmassen, das Hochspringen der Dächerrücken, den unheimlich-traulichen Laternengang in das Innere der Stadt. Alles kannte er wieder. »Vielleicht habe ich einmal irgendwo im Theater eine ganz ähnliche Kulisse gesehen«, dachte er. »Weshalb sollte ein kluger Regisseur nicht auf die Idee kommen, dieses als Kulisse zu benutzen. Und wenn ich recht nachdenke, könnte ich noch in meinem Gedächtnis die Handlung herausbringen.« Dann ging er weiter. Er hatte immer noch Zeit, in den »Grünen Baum« zurückzukehren, und sogar noch etwas zu essen, bevor er den Direktor traf. Jenseits des Stroms verlor er sich rechts in ganz kleinen Gassen, die wie zum Spaß gebaut erschienen. Er ging eine lange dunkle Mauer entlang, mit einem leisen Schauder im Herzen, der ihm sonderbar wohltat. Links von sich glaubte er ein altes Kloster zu erkennen, obwohl die wenigen armseligen Laternen nur ein ungewisses Licht hergaben. Auf einmal ließen ihn die Häuser frei, und er stand wie auf einer spitzen Landzunge, rings von Wasser umgeben. Hier strömte der Regen in die Donau, wie er es gelernt hatte. Wie am Gestade eines Meeres war es, als ob nun gleich das Land zurückweichen und das freie Meer sich auftun müßte. Der Anblick der Wassermassen, die so dunkel daherrollten, erschütterte ihn auf eine ganz eigene Weise. Obwohl es allmählich spät wurde, konnte er sich nicht sogleich entschließen zurückzugehen. Der kalte Regen fiel noch immer, aber er lehnte sich gegen einen Bretterzaun und versank in den Anblick der Fluten, die unaufhaltsam an ihm vorbeistrudelten. Er genoß das graue Licht, das über den Wassern lag, und den fernen Widerschein der Lichter, die aus den Häusern der Stadt ins Tiefe sanken, immer tiefer sanken und doch immer noch zitternd sichtbar blieben. Ihm war, als hätte diese dunkle Ecke zeit seines Lebens auf ihn gewartet. Am liebsten wäre er hier stehengeblieben bis in alle Ewigkeit. Er hatte Angst vor der Unterredung, die in der Stadt auf ihn wartete, und selbst vor der Begegnung mit Gerda. Ihm war, als ob ihm an dieser Stelle nichts geschehen könnte, als ob er hier, wo der Himmel sich mit den unendlich strömenden Wassern berührte, über die Hetze seines Lebens hinausgehoben war. Eine Viertelstunde stand er hier, ehe er sich auf den Rückweg machte. In kürzerer Zeit, als er gedacht, schob er sich wieder am jenseitigen Ufer durch die dunkle Schlucht eines Torbogens in die Gasse, die aufwärts führte, ging an den Schatten des Doms vorüber und stand in dem erleuchteten Eingang des »Grünen Baums«. Der Portier zeigte auf einen Herrn im Eßsaal. »Herr Direktor Goldschmidt sitzt dort!« Werneuchen gab sich einen Ruck und trat mit elastischem Schritt an den Tisch heran. Der Direktor sah sehr anders aus, als Werneuchen sich vorgestellt hatte. Bei weitem nicht so furchteinflößend, wie es seiner Wichtigkeit für Ernst Alexanders Leben zugekommen wäre. Ein kleiner sächselnder Herr mit einem runden Bäuchlein über schmächtigen Schenkeln, mit grauem Zwickelbart und goldner Brille, saß in seinem grauen Anzug vor einem deutschen Beefsteak und einem Bierhumpen. Und dennoch schien der Mann Werneuchen irgendwie unheimlich, gerade durch die Gutmütigkeit, die von ihm ausströmte. Es erschien Werneuchen auf eine beklemmende Art grotesk, daß das Schicksal diese Gestalt annehmen konnte. Goldschmidt ließ ihn Platz nehmen und forderte ihn auf, sich etwas zu bestellen. Er freute sich, daß auch Werneuchen noch nicht zur Nacht gegessen hatte. Sein Mitdirektor Erkner wäre leider heute abend verhindert, und so müsse Herr Werneuchen mit ihm allein vorliebnehmen. Aber gleich im voraus müsse er ihm sagen, daß heute abend eine endgültige Entscheidung noch nicht fallen würde. Erkner und er müßten noch dem Generaldirektor in Hamburg berichten, in dessen Händen das letzte Wort läge. Werneuchen mußte sich Mühe geben, um nicht zusammenzusinken. Wenn er eine Absage bekommen hätte, würde es auf ihn nicht so niederschmetternd gewirkt haben wie diese Verlängerung der Ungewißheit. Das wäre sehr schlimm, meinte er, denn er müsse sich doch einrichten und hätte auch andere Angebote. Daß er dieses gesagt hatte, bereute er gleich wieder, denn vielleicht zog man ihm, dem Glücklichen, der noch andere Angebote hatte, einen armen Teufel vor, der sonst nichts besaß. Er wollte das Wort zurücknehmen, würgte daran, brachte es aber nicht über die Lippen, weil er einen schlechten Eindruck zu machen fürchtete. Herr Goldschmidt beruhigte ihn. Letzten Endes käme es doch auf seinen Bericht an, und wahrscheinlich würde er gut berichten können. Ja, er könnte ihm die Stelle so gut wie versprechen, nur daß er ihm eben nicht das allerletzte Wort sagen dürfte. Aber es wäre ja so gut wie sicher, obwohl natürlich für den Posten eine lange Reihe von Bewerbern vorhanden wäre. »Bitte«, sagte Werneuchen mit reservierter Offiziersmiene. »Aber vielleicht können Sie mir wenigstens sagen, ob ich wirklich, ganz ehrlich gesprochen, für den Posten in engste Wahl komme.« »Ganz ehrlich gesprochen, Herr Werneuchen, so stehen Sie in allerengster Wahl. Aber wir haben natürlich auch mit anderen Herren verhandelt, und nun werden wir nach Hamburg zurückfahren, uns dort die Sache noch einmal gründlich überlegen und Ihnen dann sofort, wenn Sie es wollen, telegraphisch, Antwort zukommen lassen.« »Meinen Sie, Herr Direktor, daß ich den Posten erhalten werde?« »Das glaube ich Sie schon«, sächselte der Direktor, zuckte aber gleich darauf wieder mit seinen Achseln. Werneuchen sah, daß er aus dem Mann nichts Näheres herausbringen würde, und lehnte sich mit einem Seufzer in den Stuhl zurück. »Nun müssen wir uns einmal über das Geschäftliche klar werden«, fuhr Herr Goldschmidt fort. Werneuchen reckte sich auf, als ob er für nichts in der Welt interessierter wäre, als für die Organisation der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft. Der Direktor setzte ihm seine Stellung auseinander: Werneuchen sollte die Aufsicht über die Propaganda und die dort arbeitenden Herren im Bezirk Hamburg erhalten. Es war also ein »großer« Posten. Kundenbesuche hatte er selber nicht zu machen, aber man erwartete von ihm unbedingte Zuverlässigkeit, schneidiges Auftreten gegenüber den ihm unterstellten Herren – das Wort »schneidig« machte sich in Herrn Goldschmidts sächselnder Aussprache besonders markant – und organisatorische Fähigkeiten. Während er redete, überschlug Werneuchen seine Chancen. Man wollte offenbar, wie es nach der Schilderung Goldschmidts aussah, einen Offizier in die Organisation hineinhaben. Werneuchen traute sich selber zu, über dem Durchschnitt seiner einstigen Kameraden zu stehen. Aber er hielt es bei seiner scharfen Menschenkenntnis nicht für ausgeschlossen, daß dieser Herr Goldschmidt einen ganz richtigen Durchschnittsoffizier mit Rücksichtslosigkeit und »Schneid« suchte. Einen, wie Werneuchen es nicht war. Dann gab er seinerseits zum besten, was er sich als sein Organisationsprogramm zurechtgelegt hatte, möglichst in preußischen Offizierston fallend, aber so, wie man ihn einem Vorgesetzten gegenüber gebraucht, und forschte im Gesicht des kleinen grauen Männchens ängstlich nach der Wirkung seiner Worte. Er schien zu gefallen, Herr Goldschmidt taute sichtlich auf. Aber sobald er selbst es bemerkte, zog er sich wieder zurück und verschanzte sich hinter unverbindlichen Redensarten. Werneuchen hatte das Gefühl, daß man mit ihm spielte wie die Katze mit der Maus. Manchmal wollte er aufspringen und dem Mann ihm gegenüber ins Gesicht schreien: »Machen Sie mich doch nicht zum Narren! Ich sehe es ja, Sie wollen mich gar nicht!« Dann wieder schien es ihm, als ob der kleine Direktor nur ein wenig vor sich selber in seiner Machtfülle erglänzen wollte und im Grunde ein gutmütiges Tier war. Wahrscheinlich wartete er nur darauf, daß man »das Geschäftliche« hinter sich brachte und in die angenehmere Region der unanständigen Witze hineinsegelte. »Eine subalterne Existenz!« knurrte Werneuchen in sich hinein, schamvoll, daß sein Leben diesem Menschen ausgeliefert war. Aber es konnte ebensogut sein, daß ein kleiner grausamer Kobold vor ihm saß und sich an seiner Verlegenheit weidete. – Weshalb nur der andere Direktor nicht da war! Aber Herr Direktor Erkner hatte eine ihm befreundete Familie in der Stadt, bei der er wohnte und mit der er abends ins Theater gegangen war. Er wollte sich dann sofort zu Hause hinlegen, weil er, entgegen ihrem ursprünglichen Plan, am nächsten Morgen mit dem Berliner Nachtzug nach München fuhr. »Hätten wir das gleich gewußt, hätten wir Sie nicht nach Regensburg zu bestellen brauchen, Herr Werneuchen. Herr Erkner hätte sich dann in München mit Ihnen verabredet.« So war also diese ganze Reise eigentlich überflüssig gewesen! Goldschmidt hingegen wollte am nächsten Abend nach Hamburg zurückfahren. »Vielleicht kommen Sie gleich mit, Herr Werneuchen, und stellen sich unserm Generaldirektor vor?« Im Augenblick war Werneuchen dabei. Es war wirklich das beste, wenn er sofort mit nach Hamburg fuhr. Er brauchte dann keine entsetzliche Wartezeit durchzumachen. Der Gedanke, nach München zurückzukehren und dort auf die entscheidende Depesche lauern zu müssen, schien unerträglich. Viel besser war es, in ständiger Bewegung zu sein, die Nacht durchzufahren, zu sprechen, zu unterhandeln, bis man die Entscheidung in Händen hatte. Wenn er nur die Kaution bei sich gehabt hätte! Wie anders stand er in Hamburg da, wenn er die fünftausend Mark prompt auf den Tisch legen konnte. Sie sprachen hin und her. Herr Goldschmidt stritt es nicht ab, daß fünftausend hingelegte Mark einen gewissen Eindruck machen. Er betonte die Solvenz der Firma. Aber man wäre schon mehrfach mit Herren hereingefallen, die nachher das notwendige Geld doch nicht besaßen. Übrigens könnte Herr Erkner ja das Geld aus München mitbringen, da er morgen hinführe. Man kam überein, daß Werneuchen Herrn Erkner einen Brief an Otmar Kamp mitgäbe, auf Grund dessen Kamp Herrn Erkner den ausgefüllten Blankoscheck auslieferte. Einen Augenblick war Werneuchen erschrocken. Alle Bedenken fielen ihm ein, die Kamp gegen dieses Stellenangebot ins Treffen geführt. Wollte man ihm nur die fünftausend Mark abjagen? War dieser Direktor Goldschmidt vielleicht ein Gauner? Er sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Ein beweglicher Spießbürger saß ihm gegenüber, eine Seele von Mann, dessen Augen unter der Einwirkung des fünften Glases Bier bereits lustig zu schwimmen anfingen. Aber selbst wenn dieser Mensch ein gerissener Gauner war, so wollte Werneuchen in diesem Augenblick lieber ein Ende mit Schrecken, irgend etwas Tolles, als weiter dieses aufreibende Warten und Bangen ertragen. »Gut!« sagte er. »Ich gebe Herrn Erkner den Brief an meinen Freund mit. Ich kann ihn gleich schreiben. Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, ihn ihm zu übergeben.« Aber Herr Goldschmidt traf seinen Kollegen nicht mehr. Er wollte sich morgen früh ausschlafen und dachte keineswegs daran, wegen des Briefes früh aufzustehen und zum Berliner Nachtzug zu gehen. »Zu dem Berliner Zug muß ich selber gehen,« sagte Werneuchen, »da ich einen Bekannten mit ihm erwarte.« Wieder stand ihm Gerdas Bild lebhaft vor Äugen. »Um so besser! Sie können Erkner nicht verfehlen. Wer fährt denn schon um die Zeit von Regensburg mit diesem Zug nach München! Und Erkner ist gar nicht zu verkennen.« Werneuchen ließ sich Papier und Tinte kommen und setzte in Eile den Brief auf, Kamp erklärend, wie die Sache stand und warum er die Kaution sofort brauchte. Würde er die Stellung bekommen? Diese Frage ging ihm während des Schreibens ständig durch den Kopf. Ja! sagte ihm eine Stimme, der sofort hundert andere Stimmen Nein! entgegenschrien. Seine Feder rasselte über das Papier. Nur keinen Augenblick mehr darüber nachdenken müssen! Wenn nur erst diese Nacht vorüber wäre, in der er vor Ungewißheit doch nicht schlafen konnte. Dann, am Morgen, gab er Herrn Erkner auf dem Bahnhof den Brief, empfing Gerda, brachte mit ihr irgendwie den Tag hin. Dieser Tag würde so ausgefüllt sein mit Erzählen und Besprechen, daß er wie im Flug vorübereilen mußte. Dann kam die Nacht auf der Eisenbahn, und dann der Besuch bei dem Generaldirektor. Die Zeit war herrlich besetzt bis zur fallenden Entscheidung. So war es richtig! Während er schrieb, trommelte Herr Goldschmidt neben ihm auf der Tischplatte den Hohenfriedberger Marsch und pfiff dazu. Die Gesprächspause machte ihn müde. Er sehnte sich nach seinem Bett. »Das ist kein richtiger Abschied!« dachte Werneuchen und bestellte zwei Kognaks, um das Wohlwollen des Gewaltigen nicht einschlafen zu lassen. Die Kognaks waren das Richtige. Auch Herr Goldschmidt bestellte noch zwei, dann stand er auf, um in sein Zimmer zu gehen. Am nächsten Abend wollten sie sich am Berliner Schnellzug treffen. Als er auf die Straße trat, hatte es aufgehört zu regnen. Dunkle Wolkenmassen wurden über den Himmel gerissen. Dazwischen kam hier und da ein Stern zum Vorschein. Im ersten Stockwerk des Hotels ging ein Licht an. Werneuchen sah, wie Herr Goldschmidt ans Fenster trat und die Jalousien herabließ. Er war schon in Hemdsärmeln. Werneuchen wunderte sich, daß ihn dieser Anblick irgendwie beruhigte. Goldschmidt folgte ihm also nicht. Zu seinem Erstaunen merkte er, daß er etwas Ähnliches befürchtet hatte. Wer war Herr Goldschmidt? Einer, der Inserate erließ und fünftausend Mark Kaution verlangte. Weiter wußte er nichts. Aber Herr Goldschmidt wußte von ihm, daß er einen Brief mit einer Anweisung auf fünftausend Mark in der Tasche trug. Aber diesen Brief hatte Werneuchen Herrn Goldschmidt doch persönlich übergeben wollen, und Herr Goldschmidt hatte ihn zurückgewiesen. Oder war das nur eine Finte? Natürlich war das alles Unsinn! Herr Goldschmidt war ein braver Spießbürger. Aber Werneuchen belauschte sich doch, wie er noch eine Weile vor dem Hause stehenblieb und das Licht hinter dem Fenster beobachtete. Endlich erlosch es, Herr Goldschmidt war schlafen gegangen. Aber vielleicht trat er jetzt gleich aus dem Hause, um Werneuchen nachzueilen und ihn in der dunklen, menschenleeren Bahnhofstraße von hinten zu überfallen? Werneuchen mußte über seine Hirngespinste lächeln, und doch blieb er noch eine ganze Weile stehen, ehe er weiterging. Aber er bog nicht nach rechts in die Bahnhofstraße, sondern ging links in die Straßenschlucht hinein. Vielleicht war das eine Vorsichtsmaßregel gegenüber dem unheimlich harmlosen Goldschmidt? Aber es war wohl nur – Werneuchen war sich dessen nicht ganz sicher –, weil ihn jene einsame Stelle am Zusammenfluß der Ströme geheimnisvoll anzog. Er ging an kleinen Laternen vorüber, sah das matte Licht des Flusses glänzen und in der Ferne die Silhouetten der Häuser jenseits des Stroms. Auf der langen Brücke, die bis zur Mitte der Donau anstieg, war kein Mensch zu sehen. Auf der Höhe machte er halt und sah sich um. Wie eine tote Geisterstadt lag Regensburg. Die Dächer und Türme schoben sich dunkel übereinander und türmten die Kulisse gegen den ungewissen Himmel. Nur ein einzelner Spaziergänger lehnte am Anfang der Brücke seine schwarze Gestalt über die steinerne Brüstung und sah ins Wasser hinab. Wieder kam ihm das alles unheimlich bekannt vor. Er kannte die Szenerie in allen Einzelheiten wieder. Nach einer Weile ging er weiter. Ihn umfingen die Gassen, die kaum für Menschen gedacht schienen, so klein und spielzeughaft waren sie. Wieder lagen zur Linken die grauen Umrisse des Klosters. Die lange dunkle Mauer kam und bog dreimal scharf um die Ecke, und dann stand er wieder auf jener spitzen Landzunge, an der von zwei Seiten die Wasser unübersehbar vorübergurgelten. Wie unzählige Köpfe mit Brust und Schultern hob es sich aus dem grauen Gewoge, schwoll vorwärts und sank zurück, um wieder aufzutauchen. Jahrhunderte und Jahrtausende strömten hier vorüber. Ihn beruhigte die Unendlichkeit des Bildes, er fühlte sich über die Jagd seines gehetzten Daseins hinausgehoben. Wie ein Tier, dachte er, das in die Einsamkeit des Dickichts flüchtet. Auf einmal fühlte er, wie die Ungewißheit seines Schicksals, die nun wieder tagelang anhalten würde, an ihm zehrte. Heute abend wollte er den Vertrag in der Tasche haben, und nun war es wieder nichts gewesen als Aussichten. Nun ging es wieder weiter mit Reisen und Besprechungen und Demütigungen. Jetzt erst merkte er, wie müde er war, da er so ganz allein in der Nacht und an den Strömen stand. Weshalb warf er nicht alles von sich und tauchte unter? Vielleicht nicht in diese Wasser hinein, was schon das beste gewesen wäre, aber in eine andere Landschaft, in einen anderen Beruf, in andere Gegenden, in Amerika, wo man nichts von ihm wußte. Weshalb wurde er nicht irgendwo Bergmann oder Steinklopfer? Weshalb zerriß er nicht die Bande, die ihn mit dem Leben so vieler Menschen verknüpften! Auf einmal, da er wieder an seine Lage dachte, an Gerda und Elma und die Kinder, kam die Angst über ihn, daß er hier so allein inmitten der Finsternis stand. War da nicht der Schritt eines Menschen hinter ihm gewesen? Er drückte sich ganz dicht an den Zaun. Nein, es war alles still, nur die Wasser gurgelten unaufhörlich vorüber, oder eine Wasserratte hatte in ihrem Loch rumort. Er blieb dennoch eine ganze Minute gegen den Zaun gepreßt stehen und wagte kaum zu atmen. Gesichter tauchten vor ihm auf mit gräßlichen Grimassen. Er sah Herrn Goldschmidt vor sich, wie er mit den Fingern den Hohenfriedberger Marsch auf der Tischplatte trommelte. Unwillkürlich griff er nach dem Brief an Kamp. Er sah Gestalten huschen. Er hätte schreien mögen. Wenn er jetzt mit einem gellenden Schrei die Nacht zerriß, konnte ihn das vielleicht retten? Aber das war ja alles Unsinn! Seine Nerven waren in den letzten Wochen erbärmlich geworden. Daß er nur morgen nicht laut aufweinte, wenn er zum erstenmal seit Monaten Gerda wiedersah! Er mußte nach Hause, noch einige Stunden schlafen, ehe er aufstand und zum Bahnhof ging. Wenn nur am Zaun nicht diese dunklen Pfähle gewesen wären, die wie lauernde Gestalten aussahen. Er drehte sich um und ging in das Dunkel der Gasse zurück. Drittes Kapitel Otmar Kamp war es nicht unangenehm, in dem hübschen Landhaus Werneuchens einige Tage allein zu verbringen, und er überraschte sich bei dem Wunsch, daß der Freund recht lange fortbleiben möchte. Das Häuschen lag ein wenig abseits des Dorfes an einem kleinen Bach, der am Garten vorbeifloß. Im Grunde war es eigentlich nicht mehr ein durchaus behaglicher Aufenthalt. Von außen freilich machte das Häuschen sich nett und wohnlich. Es war nach norwegischer Art mit Holz bekleidet und von wildem Wein umrankt. Man hätte ein glückliches Familienidyll darin vermuten können. Der Garten aber war verwahrlost, und die meisten Zimmer hatten keine Möbel mehr. Gerda hatte ihre Aussteuer und die Möbel der Kinder vor mehr als einem Jahr fortschaffen lassen, da an keine Rückkehr mehr zu denken war und sie sich in der Wohnung ihrer Eltern einige Zimmer behaglich einrichten wollte. Weil auch Werneuchen das Häuschen in der nächsten Zeit räumen mußte, befand man sich seit Monaten eigentlich schon mitten im Umzug. Frau Gerda hatte nur das Allernötigste für die Wirtschaft dagelassen. Die Köchin geriet bei jeder Mahlzeit über fehlende Tiegel, Kasserollen und Teller in Verzweiflung. Eine andere wäre bei solcher Wirtschaft wohl einfach davongelaufen. Auguste aber war eine alte treue Seele, noch aus den Zeiten von Werneuchens Eltern. Man hatte sie vor einem halben Jahr dem bedrängten Sohn für die Übergangszeit zur Verfügung gestellt. Wirklich eingerichtet waren nur noch die beiden Zimmer des Hausherrn. Otmar Kamp schlief auf der Chaiselongue des Arbeitszimmers und wusch sich in der Badestube. Einen Arbeitsplatz hatte er sich aus Gartenmöbeln in der Nische des sonst ausgeräumten Wohnzimmers zusammengebaut. Seine Bücher lagen auf dem Fußboden umher, seine Kleidungsstücke teils im, teils auf dem Koffer. Nun bezog er während Werneuchens Abwesenheit natürlich dessen Zimmer. Schon am ersten Abend breitete er sich behaglich mit seinen Papieren auf dem großen Schreibtisch aus und hatte sich Ernst Alexanders Bett frisch überziehen lassen. Noch gerade vor Ladenschluß war er auf den glücklichen Gedanken gekommen, sich eine Flasche Rum aus der Stadt mitzunehmen. So arbeitete er nach Herzenslust und hatte die Aussicht, einmal wieder in einem richtigen Bett und in einem nicht von Tabakrauch gefüllten Zimmer zu schlafen. Seine Arbeit ging über Erwarten gut vorwärts. Am liebsten hätte er es so vier Wochen fortgetrieben. Den nächsten Abend wollte er in der gleichen Weise verbringen. Tagsüber war er in München gewesen, hatte Vorlesungen gehört und auf der Bibliothek gearbeitet. Außergewöhnlich früh fuhr er nach Hause, um möglichst ausgiebig die Ruhe und Behaglichkeit des schönen Arbeitszimmers zu genießen. Er war in bester Stimmung. Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Im Westen brach sogar die Abendsonne überraschend aus den Wolken und ließ die beiden weißen Kirchtürmchen grell und lustig aufleuchten. Vom Bahnhof, der auf einer Anhöhe lag, ging er, eine Melodie vor sich hinträllernd, in das Dorf hinunter, das noch vollkommen ländlichen Charakter hatte. Ging durch eine lange schmutzige Straße, auf der Hühner und Katzen umherliefen, dann auf einem schmalen Steig über das Flüßchen, das Ufer entlang und wieder zum Dorf hinaus. Durch eine lange Kastanienallee erreichte man endlich das Grundstück Werneuchens. Man brauchte vom Bahnhof aus etwa eine Viertelstunde. Als er sich dem Häuschen näherte, merkte er zu seinem Erstaunen, daß das Arbeitszimmer erleuchtet war. Die Köchin stand vor der Gartentür und hielt bereits nach ihm Ausschau. Seit zwei Stunden saß ein unbekannter Herr drinnen und wartete auf ihn. Es war schließlich nichts Ungewöhnliches, daß Kamp aus der Stadt Besuch erhielt, diesmal aber wollte ihn ein unheimliches Gefühl beschleichen. Er hatte die meisten seiner Bekannten gerade auf der Universität gesprochen und konnte sich nicht vorstellen, wer um diese Zeit etwas von ihm haben wollte. Wahrscheinlich hing die Sache mit Werneuchen zusammen. Von dieser Seite pflegten fast immer unangenehme Überraschungen zu kommen. Im Klubsessel saß ein großer starker Mensch mit glattrasiertem Gesicht. Er hatte den Mantel anbehalten und den schwarzen steifen Filzhut auf die Chaiselongue gelegt. Als er sich jetzt langsam erhob und in ganzer Größe aufrichtete, mußte Kamp unwillkürlich daran denken, daß außer der alten Auguste weit und breit kein Mensch in der Nähe war. Dieser riesenhafte Mann war unbedingt Herr der Lage. Das drückte sich unabweisbar in seiner Art aus, wie er, kaum noch auf Höflichkeit haltend, aufstand, den Rauch der Zigarre, die er sich angesteckt hatte, ausströmen ließ und sein Gegenüber anblickte. Seine Manieren waren denkbar schlecht. Sein Gesicht hatte einen brutalen Ausdruck. Kamp nahm zunächst an, daß der Besucher von Herrn Müller, dem Käufer des Hauses, mit irgendeiner Bestellung geschickt worden war. Der Fremde kam jedoch von Werneuchen aus Regensburg und brachte einen Brief als Legitimation mit. Kamp riß hastig den Umschlag auf. Die Entscheidung war noch nicht gefallen. Ernst Alexander konnte nur mitteilen, daß sich die Sache bisher überraschend gut anließ. Er wäre mit dem Direktor Goldschmidt in jeder Beziehung einig geworden. Mit den schriftlich vereinbarten Bedingungen hätte es seine Richtigkeit. Er solle, bei sechshundert Mark monatlich und Tantieme, die Propaganda für den Bezirk Hamburg und die Aufsicht über die dort arbeitenden Herren übernehmen. Er selbst hätte nicht etwa Reisen und Besuche zu machen, sondern eben nur die Oberaufsicht. Das alles war offenbar in Eile mit einem schlecht angespitzten Bleistift geschrieben. »Aber um etwas muß ich Sie noch bitten, lieber Kamp. Sie wissen, daß ich ein Mensch bin, der gezwungen ist, stets mit vierfacher Sicherheit zu arbeiten, weil mir alles fortläuft, was ich nicht ganz fest in den Händen habe. Es wäre mir daher lieb, wenn ich den Leuten gleich die fünftausend Mark Kaution übergeben könnte. Die Firma ist nämlich schon mehrmals mit Bewerbern hereingefallen, die nachher das Geld nicht auftreiben konnten. Ich habe nun wegen der Anstellung nichts Schriftliches in Händen, und wer weiß, ob mir nicht im letzten Augenblick jemand mit den gezückten fünf Tausendmarkscheinen zuvorkommt. Denn Bargeld lacht bekanntlich. Sicher ist sicher! So füllen Sie also den Blankoscheck, den ich Ihnen hinterließ, mit fünftausend Mark aus und übergeben Sie ihn Herrn Direktor Erkner. Er fährt morgen früh nach München, will einen Tag dort bleiben und uns dann nach Hamburg nachkommen. Denn hören und staunen Sie! Auch ich fahre morgen abend gleich nach Hamburg weiter, um alles an Ort und Stelle zu prüfen und fest zu machen. Wir sehen uns also einige Tage nicht. Meine Hamburger Adresse teile ich Ihnen oder Elma mit, sobald ich dort angekommen bin, falls ich nicht selbst in einigen Tagen zurück bin. Grüßen Sie Elma, der ich sofort von Hamburg schreibe.« Otmar Kamp las diesen Brief mit gemischten Gefühlen. Schon bei Werneuchens Abreise war es ihm vorgekommen, als ob die Angst des Freundes auch ihn befallen habe. Im Augenblick, da er den Brief zu Ende gelesen hatte, stand ihm die Möglichkeit eines furchtbaren Verbrechens vor Augen. Merkwürdigerweise schlug gerade der unheimliche Eindruck des Fremden diesen Verdacht ein wenig nieder. Er überflog die Gestalt mit einem forschenden Blick. Der Mann stand in nachlässiger Haltung da, die geradezu Nichtachtung ausdrückte, und schien den langen blonden Studenten kaum zu beachten. Nein, dachte Kamp, so ungeschminkt stellt sich das Verbrechen nicht vor einen hin. Wenn dieser Kerl ein Verbrecher wäre, würde er sein wahres Wesen besser zu verbergen suchen. Ein wenig kam er sich auch mit seinen Befürchtungen lächerlich vor. Es war sicher alles sehr harmlos. Dieser Herr war früh aufgestanden, tagsüber in Geschäften herumgelaufen und wartete jetzt zwei Stunden vergeblich auf ihn, während er selber vielleicht noch wichtige Gänge zu erledigen hatte. Der Mann mochte innerlich vor Aufregung kochen, daß ihn diese Geschichte mit der Kaution eines übereifrigen Bewerbers um eine kleine Sechshundertmark-Stellung soviel Zeit kostete. »Sie haben also gestern mit Herrn Werneuchen über seine Anstellung verhandelt?« fragte Kamp, um zunächst überhaupt etwas zu sagen. »Nein,« sagte der Fremde, »ich nicht. Das war ein anderer Herr.« »So ist also Herr Werneuchen mit Herrn Direktor Goldschmidt nach Hamburg gefahren?« »Ich glaube.« Dieser Mann war sicher nur ein subalterner Beamter. Daß man ihn Direktor nannte, mochte irgendwie eine Anerkennung für besondere Tüchtigkeit sein. Diese Feststellung beruhigte Kamp wieder. Gleichwohl wurde er das Gefühl nicht los, daß er persönlich wegen des Blankoschecks in Gefahr schwebte. War dieser Mensch vertrauenswürdig genug, daß man ihm eine so große Summe anvertrauen konnte? Vielleicht war Kamp selber, in dessen Tasche der Scheck sich befand, viel mehr gefährdet als Werneuchen? Wer wußte überhaupt, wie dieser Mann zu der Firma stand? Werneuchen hatte ihn offenbar gar nicht gesehen. Auf einmal hatte Kamp geradezu Angst vor diesem Menschen, und er machte dem Freund innerlich Vorwürfe, daß er ihn in diese Lage gebracht hatte. Andererseits fand er es wieder lächerlich, sich in eine Räubergeschichte hineinzuphantasieren. Er war unentschlossen, wie er sich zu verhalten hatte. Vielleicht trat dieser Mann, während Kamp den Scheck ausfüllte, hinter ihn und sah ihm beim Schreiben über die Schulter. Bei seinen seltsamen Manieren konnte man davon überzeugt sein, daß er es tun würde. Dem Studenten stand die Szene deutlich vor Augen: Er sitzt am Tisch und schreibt. Der Unheimliche hinter ihm liegt fast auf der Rückenlehne des Sessels, so daß er den Atem über seine Haare hinstreichen fühlt. Ohne scharf und unhöflich zu sein, kann man ihn nicht entfernen. Und wozu auch? Vielleicht will der Mann sich nur von dem Vorhandensein einer richtigen Blankounterschrift überzeugen? Man kann nichts dagegen einwenden. Vielleicht schlägt er einem aber auch im nächsten Augenblick den Schädel ein? Jedenfalls war es Kamp klar, daß er diese Szene unter allen Umständen vermeiden wollte. Wer aber konnte wissen, wozu der Besucher fähig war, wenn Kamp sich weigerte, den Scheck herauszugeben? Auf einmal fiel ihm die Ausrede ein, daß er den Scheck nicht bei sich hätte. Der größeren Sicherheit wegen hätte er ihn in München Fräulein Elma Diepenbroich, einer Freundin Werneuchens, übergeben. Er war sehr stolz auf diese Ausrede. Nun würde der Mann ihn nicht mehr umbringen, da er doch den Scheck nur durch ihn erhalten konnte. Der »Direktor« sah ihn mißtrauisch an. Kamp erklärte schnell, daß der Besuch dadurch keine Zeit zu verlieren brauche. Er würde morgen in die Stadt fahren, das Geld, wenn er wolle, gleich von der Bank abheben und ihm mittags einhändigen. Abends könne Herr Erkner dann weiterfahren. »Sie haben den Scheck wirklich nicht hier?« fragte der Mann, und es schien Kamp, daß ein deutliches Drohen in der Stimme lag. »Gewiß nicht! Das Haus ist so abgelegen. Man kann nicht wissen. Ich hatte den Scheck heute früh eingesteckt, es schien mir aber ratsam, ein so wichtiges Papier nicht mit mir herumzutragen. Zufällig traf ich Fräulein Diepenbroich und bat sie, den Scheck in der Stadt aufzuheben.« »Können Sie die Dame nicht telephonisch erreichen?« »Leider nein«, log Kamp weiter und bemühte sich, das auf dem Tisch liegende Telephonbuch mit keinem Blick zu streifen. Wenn er ein Verbrecher ist, dachte er, wird er mich jetzt nach ihrer Adresse fragen und dann wie von ungefähr im Fernsprechverzeichnis nachblättern. Er hätte gefunden: Siegward Diepenbroich, Professor, Kunstmaler, Agnesstraße 182. Das mußte sein Mißtrauen von neuem erregen, denn es war unwahrscheinlich, daß ein so seltener Name zweimal in München vorkam. »Wo wohnt die Dame?« fragte Erkner. »Sie hat ein Zimmer in der Theresienstraße«, log Kamp weiter. »Ich weiß nicht einmal die Nummer, aber ich kenne das Haus.« Der Mann brummte etwas vor sich hin. War er vielleicht nicht zufrieden? Kamp lag im Augenblick sehr viel an der Zufriedenheit des unheimlichen Menschen, der ihn mit einer Handbewegung fortwischen konnte. »Ich hole dann also am Vormittag gleich das Geld, und wir treffen uns um ein Uhr auf dem Promenadenplatz vor der Dresdner Bank. Recht so?« Der Mann nickte. »Wann geht der nächste Zug nach der Stadt?« Kamp sah nach der Uhr. »In einer halben Stunde!« Der Besucher griff nach Hut und Stock. Kamp machte ihn darauf aufmerksam, daß er noch gut zehn Minuten Zeit hätte, obwohl er ihn je eher je lieber losgeworden wäre. Der »Direktor« achtete nicht auf den Einwand, sondern schickte sich zum Gehen an. Kamp begleitete ihn bis an den Gartenzaun. »Ein schönes Grundstück!« »Leider hat Herr Werneuchen es verkauft.« »Guten Tag!« sagte der Mann kurz, ohne auf Kamps Worte einzugehen. Er rührte kaum mit der Hand an die Hutkrempe, als er fortging. Kamp sah ihm nach und mußte den Kopf schütteln. Der Mann hatte ganz den Gang eines »schweren Jungen«. Wieder suchte Kamp sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß ein Verbrecher sich besser maskieren würde. Gleichwohl war er sehr aufgeregt. Als der Fremde fort war, ging Kamp durch alle Räume des Hauses. Er stand noch so sehr unter der Einwirkung des Besuches, daß er nicht gleich Licht zu machen wagte. Aus dem Fenster des Wohnzimmers, wo seine Bücher und sonstigen Sachen lagen, sah er vorsichtig hinaus, ob er den Unheimlichen vielleicht noch erblicken konnte. Auf einmal sah er ihn draußen stehen. Ganz unbeweglich stand er da und schaute zu dem Haus herüber. Kamp hätte ihn nicht bemerkt, wenn nicht in dem Augenblick, da er hinaussah, der Mond hinter einer Wolke hervorgekommen wäre. Wenigstens fünf Minuten sah Kamp ihn dort stehen. Dann, als es Zeit war, zur Bahn zu gehen, trottete er langsam davon. Er wollte also doch abfahren. Der Student konnte nur mühsam den Gedanken niederringen, daß ihm seine Ausrede, den Scheck nicht bei sich zu tragen, das Leben gerettet habe. Dann erst dachte er wieder an Werneuchen. Er las noch einmal kopfschüttelnd den Brief, den dieser seltsame »Direktor« gebracht hatte. Viertes Kapitel Außer Kamp wußte niemand darum, daß Elma Diepenbroich mit Werneuchen verlobt war, selbst Elmas Eltern sahen in Werneuchen nur einen flüchtigen Bekannten ihrer Tochter. Ernst Alexander war vielleicht übertrieben vorsichtig. Sein Scheidungsprozeß war noch nicht beendet. Er rechnete damit, daß Gerda ihn überwachen ließ und Elma vor Gericht zog, wenn ihr von dem Verhältnis etwas bekannt wurde. Durch eine solche Anzeige konnte die Entscheidung immerhin zu seinem Nachteil beeinflußt werden. Er vermied es, Elmas Eltern zu besuchen. Die beiden trafen sich fast nur außerhalb des Hauses. Manchmal, wenn Kamp, der oft bei Diepenbroichs zu Gast war, dort an einer Gesellschaft teilnahm, flüsterte er Elma zu, daß ihr Verlobter unten auf sie warte, und das junge Mädchen ging die drei Treppen hinunter, um Werneuchen im Torbogen des Nebenhauses zu treffen. Ein anderes Mal ließ sich Werneuchen einladen, sprach mit Elma nur das Notwendigste, um kein Aufsehen zu erregen, und war um so lebhafter im Gespräch mit Elmas Freundinnen. Ernst Alexander litt unter dieser Heimlichkeit. »Sehen Sie,« sagte er einmal zu Kamp, »auch darin merke ich, wie mein ganzes Leben unter mir abbröckelt. Durch diese Heimlichtuerei kommt etwas Lasterhaftes in mein Dasein. Es ist schon fast so, als ob ich nur in Spelunken verkehrte und nur des Nachts auszugehen wagte.« Er dachte bei diesen Worten sicher an ein Gespräch, das die Freunde vor kurzem gehabt hatten. Es war, als Werneuchen wieder einmal mit dem Gedanken seiner Ermordung spielte, die Rede davon gewesen, daß nur Personen ermordet würden, die augenscheinlich dafür ausersehen wären: alte Damen, die ängstlich in ihrem Bett zweihundert Mark versteckt hielten. Greise, die mit lüsternen Neigungen auf verrufenen Tanzböden verkehrten. Menschen, die irgendwie aus der Art geschlagen wären und dem Laster, einem vielleicht niemals offenbar werdenden Laster, schon die Hand gereicht hätten. Es müsse immer schon eine Verbindung vorhanden sein zwischen dem Opfer und der Welt, die mordet. Kamp hatte diese Theorie mit Leidenschaft verfochten, um Werneuchen von seinen Ahnungen abzubringen. Ernst Alexander hatte darauf nur leise mit dem Kopf genickt, als wollte er sagen: »Das findet sich dann schon.« Ganz sicher dachte Werneuchen an dieses, seither öfter wiederholte Gespräch, wenn er von seinen Heimlichkeiten mit Elma sprach. »Ich bin doch auch mit Gerda heimlich verlobt gewesen, als ich nach meiner ersten Verwundung aus dem Felde nach Hause kam«, sagte er. »Wir hatten unsere heimlichen Stelldicheins in den Hinterzimmern einer Konditorei, machten einsame Spaziergänge auf Kirchhöfen oder nachts zwischen Schrebergärten und unterhielten einen postlagernden Briefwechsel. Aber es war damals doch ganz anders. Ich war Offizier, und jeden Augenblick konnten wir als Verlobte hervortreten und uns heiraten. Jetzt berührt sich alles, was ich tue, mit Gericht, Polizei und Detektiven. Glauben Sie nur, das ist nicht gut!« Auch auf Elma hatte seine düstere Grundstimmung bereits abgefärbt. Es war seit einigen Wochen deutlich zu merken. Noch vor kurzem war sie ein frisches, ja übermütiges Mädel gewesen, und sicher hatte ein Hang zum Abenteuerlichen bei ihr mitgespielt, als sie Werneuchens Annäherung gestattete. Gerade das Schwankende seiner Existenz hatte sie angezogen. Zu der Zeit, als er sie kennenlernte, wurde der Prozeß in den schärfsten Formen geführt. Es war wirklich zu einem Ringen auf Leben und Tod zwischen den beiden Menschen gekommen, die sich doch einmal geliebt hatten. Man spricht über ganz persönliche und intime Angelegenheiten selten mit Bekannten, eher geschieht es, daß man sich einem gänzlich Fremden mitteilt. So hatte Werneuchen seine traurige Geschichte Fräulein Diepenbroich erzählt, als er sie in jener Zeit einmal aus einer Gesellschaft nach Hause begleitete. Es standen einige wichtige und dramatische Gerichtstermine bevor, und gerade damals fühlte sich Werneuchen überall von Spähern und Mördern umgeben. Er sprach es manchmal offen aus, daß Gerda ihn ermorden lassen wolle. Elma, die sich an Ernst Alexander vom ersten Augenblick an mit heißer Zuneigung anschloß, kam in eine regelrechte Tragödie hinein, die sie ungemein reizvoll fand. Nach jedem Termin trafen sich die beiden in der Torggelstube, und Werneuchen mußte ihr ganz genau den Verlauf der Sitzung schildern. Mit ihr besprach er alle Schriftsätze und Briefe, die er in dieser Angelegenheit schrieb. Sie teilte seinen Haß gegen Gerda und nahm leidenschaftlich für ihn Partei. Zwischen ihr und Kamp gab es oft Auseinandersetzungen über dieses Thema. Erst in der letzten Zeit gewann der junge Student den Eindruck, daß sie über Gerdas Verhalten ruhiger zu denken begann. Daß allerdings Gerda jemals den Versuch machen könnte, ihren einstigen Mann zu beseitigen, hatte sie von Anfang an für ein törichtes Hirngespinst Ernst Alexanders gehalten. Werneuchen aber ließ es sich nicht ausreden. »Was wollt ihr?« sagte er, wenn die Rede darauf kam. »Kennt ihr Gerda? Ich aber kenne sie. Diese kalte, herzlose Person hat nur für einen einzigen Menschen ein echtes Gefühl, und zwar Angst – vor ihrem Vater. Die Angst vor ihrem Vater bestimmt alle ihre Handlungen. Mit allen Mitteln wird sie es zu verhindern suchen, daß ihr Vater von ihren Ehrlosigkeiten etwas erfährt. Wenn ich vor dem Ausgang des Prozesses sterbe, ist sie gerettet. Sie steht unbescholten da, behält die Kinder und spielt die Rolle der traurigen Witwe. Oh, sie wird diese Rolle herrlich spielen!« Diese Ansicht war bei ihm weder durch Elma noch durch Kamp zu erschüttern. Anfangs setzte das junge Mädchen den Ausbrüchen seiner gehässigen Verzweiflung ihre strahlende Laune entgegen, aber seit einigen Wochen war sie selbst ernst und verschlossen geworden. Sogar ihren Eltern fiel es auf, und sie sprachen in ihrer Besorgnis mit Otmar darüber. Dem Studenten war nun freilich die Zunge gebunden, und er mußte schweigen, wo er den Eltern Aufklärung hätte geben können. Wirklich war Elma um ihre Verlobung nicht zu beneiden. Je länger sich der Prozeß mit seinem ungewissen Ende hinzog und je mehr sich Werneuchens wirtschaftliche Lage verschlimmerte, desto qualvoller mußte ihr Zustand werden. Kamp bedauerte sie. An alles dieses dachte der junge Student, als er, nach dem Fortgehen des unheimlichen Besuchers, in dem dunklen Haus am Fenster stand. Natürlich wollte er sofort Fräulein Diepenbroich anrufen und sie von der seltsamen Nachricht aus Regensburg in Kenntnis setzen. Aber er wagte es erst, als vom Bahnhof her der Pfiff der Lokomotive herübertönte und ihm die Gewißheit gab, daß der »Direktor« abgefahren war. Als er in der Ferne das Rollen des Zuges hörte, machte er Licht und ging an den Apparat. Elma war daheim, an der Art ihres Sprechens konnte er aber erkennen, daß einer ihrer Angehörigen im Zimmer war. So verabredete er sich nur kurz mit ihr für den nächsten Vormittag in eine Münchener Konditorei, wo er ihr alles Nähere mitteilen würde. Als er tags darauf die Konditorei betrat, war Elma noch nicht erschienen. Da sie bei ihren Eltern wohnte und oft zurückgehalten wurde, war er es bereits von ihr gewöhnt, daß sie unpünktlich kam. Während er sich in eine Ecke setzte und Zeitungen las, hatte er ständig das Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl er auch auf dem Wege vom Bahnhof des unheimlichen Menschen von gestern nirgends ansichtig geworden war. Der Besuch hatte ihn nervös gemacht. Im Ernst aber dachte er nicht eigentlich daran, daß etwas Schlimmes geschehen sein könnte. Eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit kam Elma. Kamp gab ihr Werneuchens Brief. Während er sie beim Lesen beobachtete, kam ihm wieder zum Bewußtsein, wie entzückend sie war. Jedesmal, wenn er sie einige Zeit nicht gesehen hatte, erstaunte er von neuem darüber. Man hätte sie für achtzehn halten können, während sie bereits zweiundzwanzig Jahre alt war. Ihrem klargeschnittenen Gesicht merkte man die norddeutsche Abstammung an. Von der italienischen Mutter hatte sie nur das dunkle Haar und die großen, übrigens blauen Augen. Werneuchen hatte Glück, daß er dieses wundervolle Mädchen gefunden hatte, trotz seines unscheinbaren Aussehens und obwohl seine äußeren Verhältnisse nichts Verlockendes haben konnten. Elma las den Brief zu Ende. »Da hat er wieder einmal Angst gehabt, daß ihm die Stellung entgeht«, sagte sie. »Ich stelle es mir so deutlich vor, wie er mit dem Direktor im Restaurant zusammensitzt und nun gleich alles festmachen will. Ihn gar nicht mehr losläßt, gleich nach Hamburg mitfährt und ihnen mit seiner Kaution die größten Umstände macht.« »Ist das nicht alles ein wenig merkwürdig?« fragte Kamp. »Zunächst soll er nach Regensburg kommen, um abzuschließen. Dann schließt man nicht ab, macht ihm aber anscheinend weiter Hoffnung. Wozu war dann die ganze Reise, besonders da der eine Direktor nun doch noch nach München kam?« Elma meinte hingegen, der Direktor habe eben keine Vollmacht gehabt, sondern sich den Bewerber nur ansehen sollen. Dieser Direktor Goldschmidt hätte wohl Ernst Alexander selbst geraten, gleich die Kaution zu besorgen und nach Hamburg mitzukommen. Im übrigen hegte sie keine Befürchtungen. Über Kamps Schilderung des unheimlichen Besuchs lachte sie. »Da mußte der arme Kerl über zwei Stunden warten und im Zimmer sitzen, und dann sollte er noch besonders nett sein. Hoffentlich hat sich Ernst Alexander nicht durch seinen übertriebenen Eifer die ganze Sache verdorben. Diesmal scheint es doch aber etwas zu werden.« »Haben Sie gar keinen Zweifel?« fragte Kamp. Sie sah ihn plötzlich angstvoll an. »Zweifel? O Gott, ja! Aber ich darf ja nicht zweifeln. Ich muß mich doch an diese Sache anklammern. Es muß doch endlich etwas werden! Dies ist doch unsere letzte Hoffnung!« Nach einer Weile setzte sie wie für sich hinzu: »Ich würde ja wahnsinnig, wenn es diesmal wieder nichts wäre!« Kamp sah sie erstaunt an. Er wagte nicht, ihrem überraschenden Ausruf den Sinn zu unterschieben, der ihm im Augenblick durch den Kopf ging. »Steht es so mit ihr?« dachte er, verbot sich aber alle Schlüsse. Sie hatte gesehen, daß er stutzte und wurde brennend rot. »Er muß doch endlich Geld verdienen!« sagte sie zur Erklärung. Im übrigen war sie der Ansicht, daß man diesem Herrn Erkner, oder wie er heißen mochte, das Geld geben müsse. Wenn Ernst Alexander es schriebe, hätte natürlich kein Mensch das Recht, sich dem zu widersetzen. Nur eine Quittung sollte Kamp sich geben lassen. Der Student schrieb die Quittung gleich in einem Blatt seines Notizbuches aus. Der »Direktor« brauchte dann nur zu unterschreiben. Da es allmählich Zeit wurde, brach Kamp auf. Auf einmal äußerte Elma den Wunsch, diesen Herrn Erkner zu sehen. Vielleicht, fuhr es ihr durch den Sinn, daß sie ihn sprechen und von ihm Näheres über die Anstellung ihres Verlobten erfahren würde. Sie beschlossen, daß Kamp vorausgehen sollte, Elma wollte langsam nachkommen und die beiden um ein Uhr vor der Bank beobachten. Alles Weitere würde sich finden. Auf der Bank erhielt Kamp gegen den Scheck ohne Schwierigkeiten die fünftausend Mark. Als er auf den Promenadenplatz hinaustrat, war es einige Minuten vor eins. Erkner war nirgends zu sehen, obwohl der Student den Platz und die Menschen, die vorübergingen, bei dem hellen Vormittagslicht weithin überschaute. Auf der anderen Seite sah er Elma, wie sie langsam am Bayrischen Hof vorüberschlenderte, lange vor einem Buchladen stehen blieb und sich dann allmählich näherte. Jetzt ging sie quer über den Platz, gerade auf Kamp zu, und setzte sich auf eine Bank, als ob sie die erste Frühlingssonne in aller Gemütsruhe auskosten wollte. Es war der erste warme Tag in diesem Frühjahr. Kamp beobachtete ihren Gang und dachte an die Befürchtungen, die bei ihrem plötzlichen Ausbruch im Café in ihm aufgestiegen waren. Er konnte kein klares Urteil gewinnen. Elma war wohl von Hause aus gewohnt, sich zusammenzunehmen. Kamp ging langsam auf und ab und wußte nicht, was er von dem Fernbleiben Erkners halten sollte. Es waren schon zehn Minuten über eins. Hatte die Summe keine Wichtigkeit für den Mann, daß er es ruhig darauf ankommen ließ, den Geldgeber zu verfehlen? Es war doch immerhin möglich, daß er ihn dann überhaupt nicht mehr fand. Oder hatte er eine Depesche erhalten, daß man mit Werneuchen überhaupt nicht abschließen wollte? Vielleicht war Ernst Alexander schon unverrichteter Dinge nach Hause gekommen und lief draußen verzweifelt umher, weil nun auch diese letzte, so aussichtsvoll begonnene Sache sich zerschlagen hatte? Kamp beschloß, bis halbzwei, aber nicht eine Minute länger zu warten. Er sah, daß Elma Werneuchens Brief vorgenommen hatte und in ihm las. Sie mochte dieselben Befürchtungen hegen wie er und suchte in dem Brief nach Untertönen, aus denen sie etwas herauslesen konnte. Als es von der nahen Frauenkirche halbzwei schlug, gab er das Warten auf und ging zu ihr. »Er ist nicht gekommen.« Elma war sehr aufgeregt. »Da muß etwas geschehen sein!« Sie hatte aus dem Briefe herausgefunden, daß die Sache doch nicht so sicher war, wie Ernst Alexander es darstellte. Kamp beschloß, sie zu Fuß nach Hause zu begleiten und dann gleich zurückzufahren. Vielleicht hatte der Fremde nur keine Zeit gehabt und suchte den Studenten am Nachmittag in der Villa auf. Eigentlich dachte Kamp mit Schrecken daran, mit dem unheimlichen Menschen wieder allein in einem Zimmer zu sein. Während sie nebeneinander hergingen, unterhielten sie sich darüber, was das Ausbleiben Erkners zu bedeuten haben konnte. Sie dachten dabei weit weniger an ein Unglück, als daß Werneuchen nun auch diese Stelle nicht bekommen würde. Nur, um sie von dieser Befürchtung abzubringen, tischte Kamp sein Schauermärchen von dem unheimlichen Unbekannten wieder auf und erreichte wirklich, daß Elma ihn aufzuziehen begann. »Sie mit Ihrem Totschläger!« sagte sie. »Erlauben Sie!« führte er weiter aus, »vielleicht sind sie ihm schon auf der Spur, und er hat flüchten müssen ohne die fünftausend Mark. Vielleicht ist er aber auch nur vorsichtig und fürchtete vor dem Bankhaus eine Falle. Wenn er wirklich ein Verbrecher ist, hat er uns schon in der Konditorei beobachtet, folgt uns jetzt von fern und wird an einer stillen Straße auftauchen, um uns das Geld abzunehmen.« Aber sie hörte gar nicht mehr zu. »Nein!« sagte sie auf einmal und bog in ihre alten Gedankengänge wieder ein. »Er hat die Stelle nicht bekommen! Es ist aus seinem Brief ganz klar zu ersehen, daß die Sache durchaus unsicher ist, und wenn erst etwas unsicher ist, wird es bei Ernst Alexander nie etwas. Der Mann wird ihn mit einigen Höflichkeitsphrasen vertröstet haben, die Werneuchen in seiner Angst sich zu günstig auslegte, oder vielmehr auszulegen sich bemühte. Mein Gott, er will eben nicht daran glauben, daß es auch diesmal wieder nichts ist. Er hoffte vielleicht, er würde es doch noch schaffen, wenn er seine Kaution sofort bar auf den Tisch legt und nach Hamburg mitfährt. Gewiß hat er sich mit aller Gewalt an den Direktor geklammert. Es hängt ja auch so unendlich viel davon ab. Sie ahnen ja gar nicht, was alles davon abhängt!« Da war es wieder! Kamp bemerkte, wie sie mit Tränen kämpfte. Wieder stiegen in ihm allerhand Befürchtungen auf. Wie konnte sie ihm, mit dem Werneuchen fast alles besprach, sagen, daß er keine Ahnung von der Schwere der Folgen hatte? Da mußte noch etwas mitspielen, wovon er nichts wußte. »Wissen Sie überhaupt,« fuhr sie, immer mit Tränen kämpfend, fort, »was das für ein Elend heute ist? Alle Stellen sind besetzt. Überall werden die Leute abgebaut. Es ist geradezu ein Wunder, wenn man noch irgendwo unterkommt. Und noch dazu ein ehemaliger Offizier!« Werneuchen hatte wirklich besonderes Pech. Andere Offiziere hatten inzwischen längst etwas gelernt und einen Beruf ergriffen. Er aber war ja wohlhabend gewesen. Das war sein Unglück. Als sein Vermögen verlorenging, hatte er sich in allen möglichen Versuchen verzettelt, weil er es für zu spät hielt, noch einmal von Grund auf anzufangen. Übrigens hatte er doch schon einmal einen kaufmännischen Posten bekleidet. Es war eine Art Vertrauensstellung bei einer Exportfirma Berdelow \& Hahn gewesen. Damals hatte er noch große Ideale. Er wollte seinen Chef zwingen, die Fabrik in einem arbeiterfreundlichen Sinne und unter dem Gesichtspunkt einer von ihm erträumten deutschen Volkswirtschaft zu leiten. Solche Ideale lagen damals zu Dutzenden in der Luft. Natürlich war es in wenigen Wochen zu einer Auseinandersetzung gekommen. Er hatte Herrn Berdelow vor dem gesamten Kontorpersonal »furchtbare Anklagen« ins Gesicht geschleudert, daß er den Staat und die Arbeiter betrüge, und war fristlos entlassen worden. Dabei unterschieden sich Berdelows geschäftliche Grundsätze, wie Werneuchen später selbst zugab, in nichts von den durchaus üblichen Normen. Die Entlassung nahm er nicht tragisch, da er ja damals noch Geld hatte. Das war seine ganze kaufmännische Laufbahn. Viel ließ sich damit nicht anfangen. Wenn er in Regensburg unvorsichtig von seinem Zusammenstoß mit Herrn Berdelow erzählt hatte, konnte es sehr wohl sein, daß sich die Anstellung daran, vielleicht auch durch eine Erkundigung bei Berdelow \& Hahn, im letzten Augenblick zerschlug. Kamp fragte Elma nach einer solchen Möglichkeit. Aber sie sah darin keine Gefahr. Ernst Alexander hatte, wie sie von ihm wußte, noch vor wenigen Wochen Herrn Berdelow aufgesucht und ihn um Entschuldigung gebeten. Der Fabrikant wäre ausnehmend liebenswürdig gewesen und hätte, Werneuchens sonstige Befähigung anerkennend, fest versprochen, eine gute Auskunft zu erteilen, falls man sich an ihn wenden sollte. Werneuchen war also zu Kreuz gekrochen und hatte sich vor dem einstigen Chef gedemütigt! Was blieb ihm auch anderes übrig? Irgendeine kaufmännische Empfehlung mußte er schließlich haben, wenn er sich um eine Stellung bemühte. Kamp konnte es dem Freunde nachfühlen, wie peinlich ihm dieser Gang gewesen sein mochte, mußte aber doch bei der Vorstellung lächeln, daß Werneuchen ihm so gar nichts davon erzählt hatte. Wahrscheinlich, weil er sich schämte. Was war das überhaupt für eine furchtbare Zeit! Da trieben sich die Arbeitsuchenden zu Zehntausenden in allen Berufen umher. Wenn irgendwo eine Stellung ausgeschrieben war, ging es wie ein Ruck durch die ganze Welt dieser Elenden. Viele, viele hundert Menschen geraten in Bewegung, werden emsig wie die Ameisen, schreiben Briefe und Lebensläufe, machen Bittgänge, betteln um Referenzen, und das alles, damit ein einziger unter ihnen eine magere Brotstelle erhascht. Kamp pries seine Lage, die ihn in so furchtbarer Zeit noch Student und von einem wohlhabenden Vater reichlich ausgestattet sein ließ. Soviel hatte er durch seinen Verkehr mit Werneuchen jedenfalls kennengelernt, daß ihn der Gedanke an einen freien Beruf geradezu entsetzte. Er nahm sich vor, möglichst rasch sein Examen zu machen, um in einer sicheren Laufbahn unterzukommen. Er konnte es so gut verstehen, wenn Werneuchen von Grauen gepackt war bei dem Gedanken, daß er, ganz allein auf sich angewiesen, diesen unendlichen Ozean des Lebens durchschwimmen sollte. Das waren die Dinge, die sie auf ihrem Gang besprachen. Wie Kamp das schöne Mädchen, dessen Züge nun schon leidgezeichnet waren, neben sich hergehen sah, fragte er sich zum ersten Male, ob Elma ihre Verbindung mit Werneuchen nicht schon längst bereute. Liebte sie ihn so, daß sie gern alle diese Sorgen auf sich nahm, nur um mit ihm ewig zusammenzuleben? Es trieb ihn geradezu, eine solche Frage an sie zu richten. Gleichwohl hielt er an sich, aus Furcht, durch eine Andeutung in dieser Richtung sein Verhältnis zu Elma wie zu Werneuchen zerstören zu können. Sie waren inzwischen von der Leopoldstraße links abgebogen und schritten eben über den Elisabethplatz durch die hölzernen Verkaufsbuden, als Direktor Erkner plötzlich auf sie zutrat. Elma wußte sofort, daß er es war. »Haben Sie das Geld?« fragte er Kamp, ohne seine Verspätung oder sein plötzliches Auffauchen mit einem Wort zu erklären. Von Elma nahm er nicht die geringste Notiz. Das junge Mädchen war ein wenig zur Seite getreten und beobachtete den Mann mit halbgeschlossenen Augen, wie sie es tat, wenn sie sich etwas genau einprägen wollte. »Ist das seine Braut?« fragte Erkner unvermittelt. »Eine Freundin oder gute Bekannte«, entgegnete Kamp. »Hübsches Mädel!« Es war Kamp in diesem Augenblick nicht nur unheimlich, sondern ganz und gar widerlich, wie der Mann unverhüllt nach Werneuchens Freundin hinübersah und sie mit seinen schwarzen Augen geradezu verschlang. Lebensart hatte er jedenfalls nicht und legte nicht einmal Wert darauf, sie vorzutäuschen. Kamp zog die Geldscheine aus der Tasche und zählte sie ihm vor. Erkner sah genau auf das kleine Paket. Kamp schien es, als ob er mit gierigem Ausdruck darauf hinstarrte. Oder bildete er sich das alles nur ein? »Wollen Sie bitte diese Quittung unterschreiben?« Er reichte dem Fremden das Blatt und einen Tintenstift. Erkner zögerte einen Augenblick, nahm den Stift ungeschickt in die Rechte und malte mit ungelenken Buchstaben seinen Namen hin. Kamp reichte ihm das Geld, war aber im Augenblick unentschlossen, ob er nicht den in der Nähe stehenden Schutzmann herbeirufen sollte. So völlig ausgeschlossen schien es ihm, daß dieser Mensch, der so schwerfällig seinen eigenen Namen schrieb, ein kaufmännischer Direktor sein konnte. Und doch – es ist seltsam, wie die Gedanken manchmal in die Quere gehen – hielt ihn gerade die Nähe des Schutzmanns ab, etwas Derartiges zu unternehmen. Sollte der Kerl wirklich die Frechheit haben, uns unter den Augen des Polizisten anzusprechen? dachte er und versuchte sich zu beruhigen. Dabei war er seiner Beobachtungen während der ganzen Zeit nicht sicher. Wenn das alles so ist, wie ich es sehe, überlegte er sich, dann müßte Elma mit einem Schrei vor diesem Menschen zurückweichen. Er sah nach ihr herüber, sie aber stand ganz ruhig da und beobachtete die Szene. Sie schien keinen Blick für das Unheimliche dieses Menschen zu haben. Im Gegenteil, sie sprach ihn sogar an. Natürlich wollte sie Näheres über Werneuchens Anstellung erfahren. »Ist Herr Werneuchen nun bei Ihnen angestellt?« fragte sie wie leichthin. Erkner überließ sich eine ganze Weile dem Genuß ihres Anblicks, ehe er antwortete. Zum erstenmal fiel es Kamp auf, daß er in einem gemeinen Berliner Straßenjargon sprach. »Wissen Sie, Fräulein, mit dieser Anstellungsgeschichte habe ich nichts zu tun. Ich erledige das andere, wissen Sie, das andere!« Er ließ offen, was »das andere« sein konnte. Elma fragte weiter, ob Herr Werneuchen lange in Hamburg bleiben würde. »Wissen Sie, wenn man erst mal in Hamburg ist –« sagte er, drehte sich um, griff mit der Hand flüchtig an die Krempe des steifen Filzhutes und ging davon, die Barerstraße hinauf. Kamp schüttelte den Kopf. Dieser Mann hatte den Gang eines Arbeiters, der mit schweren Lasten umgeht. Daß Elma das alles nicht sah! Kamp stand wie vor einem Rätsel. Elma sah nicht, daß dieser Mensch nur ein Betrüger oder ein Raubmörder sein konnte. Oder bildete er sich das alles nur ein? War wirklich etwas von Werneuchens ewigen Befürchtungen in ihm zurückgeblieben? Noch immer kämpfte er mit dem Gedanken, den Schutzmann, der einige Schritte weiter ruhig auf und ab ging, anzurufen. Elma sah dem »Direktor« ebenfalls eine Weile nach. Dann sagte sie: »Ein hübscher Mensch!« Kamp war wie vor den Kopf geschlagen. Er fand den Kerl gräßlich, gemein, widerwärtig und konnte es sich nicht anders vorstellen, als daß jedermann ihn ebenso finden mußte. Und nun fand Elma ihn einfach »hübsch«. Natürlich war er »hübsch«. Kamp sah es eigentlich erst in diesem Augenblick. Hübsch und von dem bestrickenden Zauber eines gefährlichen Tieres. Aber der ganze Eindruck, der rohe Ausdruck, die gewöhnliche Sprache, der Gang hatten etwas Beklemmendes. »Wie können Sie!« sagte er entsetzt und zeigte ihr zur Bekräftigung die Unterschrift auf der Quittung. Sie lächelte nur. Männer sähen das nicht so. Natürlich wäre dieser Mensch kein »Herr« und auch kein »Direktor«. Hübsch wäre er aber doch. Dennoch hatte die Begegnung mit Erkner sie seltsam erregt. Kamp merkte trotz ihrer Versicherung, daß etwas Unheimliches sie angerührt hatte, nur daß es ihr vielleicht selbst nicht bewußt wurde. Plötzlich sank sie wieder in sich zusammen. »Von der Anstellung wußte er auch nichts! Oder meinen Sie, daß er nur nichts sagen durfte?« Kamp beruhigte sie. Da man nun das Geld genommen habe, müßte man Werneuchen doch auch die Stelle geben. »Ach, wer weiß, wie das alles zusammenhängt!« sagte sie traurig. Sie waren an der Ecke der Agnesstraße angelangt und verabschiedeten sich voneinander. Fünftes Kapitel Als Kamp sich dem kleinen Landhaus Werneuchens näherte, hatte er das Gefühl, daß ihn etwas erwartete. Es war aber nichts Bestimmtes vorgefallen. Eine Dame hatte aus der Stadt angerufen, nach Werneuchen gefragt und dann abgehängt. Ein Name war nicht genannt worden, und die Stimme hatte die Köchin nicht erkannt. Sie hatte aber den Eindruck, daß die Stimme verstellt war. Während das Essen hereingebracht wurde, sah Kamp die Post durch, die auf dem Schreibtisch angehäuft war. Er hatte es bereits einmal getan, ohne etwas Auffälliges zu entdecken. Nun hob er wiederum Stück für Stück in die Höhe, eigentlich mehr in Gedanken und um die Zeit hinzubringen. Es waren hauptsächlich Zeitungen. Werneuchen hatte gebeten, sie ihm sorgfältig aufzubewahren. Er hatte stets Furcht, daß ihm etwas Wichtiges entgehen könnte, sei es eine Nachricht oder eine ausgeschriebene Stellung. Geschäftliche Briefe sollte Kamp in seiner Vertretung ohne weiteres öffnen, damit nichts versäumt würde. Unter den Briefen war einer von Werneuchens Rechtsanwalt, der ihn bei seinem Scheidungsprozeß vertrat. Während Kamp noch überlegte, ob er ihn öffnen sollte, fiel sein Blick auf eine amtliche Zustellung, die ihm eiliger erschien. Er hatte sie vorher gar nicht beachtet. Werneuchen wurde darin aufgefordert, sich am Dienstag der nächsten Woche auf dem Münchener Finanzamt einzufinden, um als Zeuge über Steuerhinterziehungen der Firma Berdelow \& Hahn auszusagen. Kamp stutzte. Es lag immerhin zwei Jahre zurück, seit Werneuchen bei der Firma gewesen war. Seltsam, daß man gerade heute von der Angelegenheit gesprochen hatte, während dieses Schreiben schon auf dem Schreibtisch lag. Ein solches Zusammentreffen war aber schließlich nichts Ungewöhnliches. Kamp zerbrach sich den Kopf, was diese Zustellung bedeuten konnte. In der Tat hatte Werneuchen bei seinem Zusammenstoß Herrn Berdelow vorgeworfen, daß er den Staat und die Arbeiter betrüge. Das gesamte Kontorpersonal hatte die Worte mit angehört. Jetzt, zwei Jahre später, forderte das Finanzamt Werneuchen auf, über Steuerhinterziehungen der Firma auszusagen. Hatte Werneuchen vielleicht eine Anzeige gemacht? Das erschien, wie die Dinge lagen, fast ausgeschlossen, denn er hatte öfters gesprächsweise geäußert, daß seine Vorwürfe unberechtigt waren und sich überhaupt mehr auf allgemein ethische Ansichten bezogen, als ein besonderes Vorkommnis im Auge hatten. Natürlich dachte Kamp auch an Werneuchens Besuch bei Berdelow, von dem er soeben durch Elma erfahren hatte. Vielleicht war dieser Besuch weniger befriedigend ausgefallen, als Ernst Alexander seiner Braut eingestehen wollte? Vielleicht hatte es einen erneuten Zusammenstoß mit dem ehemaligen Chef gegeben, und Werneuchen hatte im Zorn eine Anzeige erstattet? Es konnte sehr gut sein, daß Werneuchen bei Berdelow mit einem seiner früheren Mitangestellten ins Gespräch gekommen war und allerhand Belastendes über die Firma erfahren hatte. Vielleicht war er aber auch über das Straffällige irgendeiner Maßnahme aufgeklärt worden, die er bisher für unbedenklich gehalten hatte? Jetzt hatte er sie vielleicht zur Anzeige gebracht, weil ihm Herr Berdelow ein gutes Zeugnis verweigerte? Es war durchaus möglich, daß der letzte Besuch bei Berdelow mit dieser Geschichte im Zusammenhang stand. Ebensogut aber konnte es sein, daß sich ein anderer Angestellter mit der Firma verkracht und sie angezeigt hatte und Werneuchen als Zeugen anrief. Dieser Angestellte konnte annehmen, daß Werneuchen als ehemaliger Vertrauensmann des Chefs Kenntnis verbotener Machenschaften hatte, mit der man sich jetzt an der Firma rächen konnte. Schließlich aber war es noch möglich, daß Herr Berdelow Werneuchen als Entlastungszeugen namhaft zu machen versuchte. Weshalb beschäftigte sich Kamp derart ausführlich mit dieser vielleicht ganz harmlosen Angelegenheit? Auf einmal wurde er sich klar darüber, daß er die Vorladung mit Werneuchens jetzigem Zustand in Zusammenhang brachte. Es war, als ob er dunkel fühlte, daß hier ein Geheimnis obwaltete, das zu enträtseln war, und er packte das Rätsel an, wo es ihm einen Anhalt bot. Hatte diese Vorladung mit dem unheimlichen Besucher irgend etwas zu tun? Er wußte es noch nicht, aber er rechnete bereits mit einer solchen Möglichkeit, als er die vielen Vielleichts dieses Falles durchdachte, und ein leises Grauen beschlich ihn. Lag wirklich schon etwas vor, das zu enträtseln war? Ein Fall? Ein Kriminalfall? Er ging, überlegend, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Auf alle Fälle war es zweifelhaft, ob Ernst Alexander zu dem angesetzten Termin zurück sein konnte, und so schrieb er über Werneuchens plötzliche Abreise nach Hamburg einige Zeilen an das Finanzamt. Inzwischen wurde das Essen aufgetragen. Kamp, der oft allein aß, hatte es sich längst abgewöhnt, daraus eine wichtige Angelegenheit zu machen. Seine Mahlzeit bestand darin, daß er das Notwendigste hinunterschlang, eine brennende Zigarre auf dem Tisch liegen hatte, zwischen den Bissen einige Züge nahm und dazu las. Auch jetzt blätterte er in einer Zeitschrift, fand aber nichts Interessantes und griff schließlich wieder zu dem Schreiben des Rechtsanwalts. Auch hier wurden ihm Rätsel aufgegeben. Das Schreiben war weit wichtiger, als er angenommen hatte. Der Scheidungsprozeß, der nun bereits über ein Jahr lief, schien sich seinem Ende zuzuneigen. Jener Musiker Reuschhagen, den Werneuchen des Ehebruchs mit seiner Frau beschuldigte, ohne dem Gericht bisher einen bündigen Beweis liefern zu können, hatte seine Aussage verweigert und somit indirekt seine Verfehlung zugestanden. Der Rechtsanwalt teilte nun mit, daß die Scheidung im nächsten Termin wahrscheinlich ausgesprochen werden würde, falls nicht etwas Unvorhergesehenes dazwischenkäme. Das war eine Tatsache von großer Bedeutung. Kamp war aufgesprungen und dachte nicht mehr an Essen und Trinken. Er wußte so genau mit allen Phasen dieses Prozesses Bescheid, als ob er selber ihn führte. Reuschhagens Verweigerung der Aussage, um die sich seit Anfang alles drehte, kam völlig überraschend. Irgend etwas mußte bei der Gegenpartei vorgefallen sein. Dieses Verhalten Reuschhagens war kaum anders zu erklären, als daß er sich mit Frau Gerda überworfen hatte. Es konnte Werneuchen im letzten Augenblick noch retten. In wenigen Wochen war er vielleicht, oder vielmehr jetzt wahrscheinlich, schuldlos geschieden und frei und ohne pekuniäre Verpflichtungen gegenüber seiner früheren Frau. Wenn er dann wirklich noch die Anstellung erhielt, konnte er Elma heiraten, und alles wendete sich zum Guten. Und doch lag in dieser Entscheidung etwas, was Kamp im höchsten Grade beunruhigte. Was wurde aus Gerda? Wie würde sich ihr Vater mit einem solchen Ausgang des Prozesses abfinden? Mußte sie durch das Verhalten ihres alten Freundes Reuschhagen nicht in die allerschwierigste Lage kommen? Gerda hatte sich gegen eine rasche Beendigung des Prozesses mit allen Mitteln gesträubt. Immer wieder hatte sie bestritten und Gegenbeweise in Aussicht gestellt und durch beschuldigende Behauptungen neue Termine erzwungen. Bis die Scheidung ausgesprochen war, mußte Werneuchen sie vollkommen unterhalten. Schon aus diesem Grunde hatte sie ein Interesse daran, die Sache möglichst in die Länge zu ziehen. Dadurch kam aber wieder Elma in eine schlimme Lage, ja, wurde, wie Kamp seit heute vermutete, geradezu in eine Katastrophe hineingetrieben. Für alle drei, für Werneuchen, Gerda und Elma, war die Lage furchtbar. Mit Geld wäre die Angelegenheit vielleicht leichter zu ordnen gewesen, aber keine der beteiligten Personen verfügte auch nur über das Notwendige. So waren Werneuchen wie Gerda gezwungen, alle Vorteile, die sie gegeneinander hatten, rücksichtslos auszunutzen, und Elma wurde in diesem Kampf zwischen ihnen zerrieben. Mindestens einer von ihnen mußte als Opfer auf der Strecke bleiben. Immer wieder mußte Kamp an Elmas Andeutungen über die Wichtigkeit dieser Regensburger Reise denken. Wenn es wirklich so war, wie er jetzt vermutete, dann stand es weit schlimmer mit ihr, als er je geahnt hatte. Aber dennoch, vielleicht konnte sich für sie jetzt noch alles zum besten wenden. Aber Gerda? Zum hundertsten Male bereute Kamp sein vorschnelles Wort, durch das er Werneuchen über Gerdas Verfehlungen die Augen geöffnet hatte. Hätte er damals nicht gesprochen, wären Ernst Alexander und Gerda gewiß längst wieder zusammen. Jetzt, da der Musiker zurückgetreten schien, war Werneuchen bereits an Elma gebunden. Und wie gebunden! Es war eine verhängnisvolle Verkettung von Umständen. Die Eheleute hatten sicherlich schlecht zueinander gepaßt. Man konnte sich schon vorstellen, daß Werneuchens unbestimmte und übergeistige Art einer temperamentvollen Frau auf die Nerven fallen konnte. Gerade diese leise ironische Haltung liebte Kamp an ihm. Kamp hielt Werneuchen auch für weit klüger als seine Frau, aber er glaubte schon früher bemerkt zu haben, daß Gerda sich ihrem Manne überlegen gefühlt und ihn sogar ständig ein wenig verachtet hatte. Einst, als junges Mädchen, hatte sie sich wohl von seiner geistigen Überlegenheit anziehen lassen. Inzwischen glaubte sie, über ihn hinausgewachsen zu sein, was nach Kamps Dafürhalten bestimmt nicht der Fall war. Eine Ehe zwischen zwei solchen Menschen hatte gewiß ihre Schwierigkeiten. Alle Bekannten waren sich darüber klar gewesen. Aber noch viel, viel weniger hatte man verstehen können, was Frau Gerda zu Adalbert Reuschhagen hinzog. Er mußte sie durch sein wundervolles, vielleicht von seinem großen Vater ererbtes Klavierspiel betört haben. Sonst war er nicht nur weit unscheinbarer als Werneuchen, sondern fast widerwärtig. Ein rosig aussehender, kleiner, schmächtiger Mensch mit der Sonntagseleganz eines Commis voyageur. Er redete viel und immer in der verbindlichsten Art. Aber was er sagte, waren Oberflächlichkeiten. Dabei war er maßlos eingebildet. Er komponierte Lieder und Kammermusik mit einem äußerlichen Schmiß, der zunächst bestechen mochte. Doch auch diese musikalische Begabung machte es kaum erklärlich, daß die schöne und kluge Frau sich gerade mit diesem Menschen einlassen konnte. Wie sich das Verhältnis der beiden entwickelt hatte, wußte niemand. Man sah Reuschhagen nur noch selten in München, erfuhr aber, daß er hier in einem abgelegenen Winkel wohnte. Als seine Adresse hatte Kamp durch Zufall neulich die Lindwurmstraße erfahren. Da Frau Gerda in Berlin wohnte und nur gelegentlich zu den Gerichtsterminen nach München herüberkam, nahm man an, daß die Beziehungen der beiden sich gelockert hatten. Nach der letzten Entwicklung schien es endlich zu einem Bruch gekommen zu sein. Viel zu spät! mußte Kamp denken. Immerhin setzte ein solcher Bruch voraus, daß es bis dahin noch Beziehungen gegeben hatte. Den Studenten beschäftigten diese Dinge ungemein. Gegen Abend hatte er noch kein Buch vorgenommen, um zu arbeiten. Das war nun der erste Tag, der ganz mit Werneuchens Schicksal ausgefüllt war. Er hatte das Gefühl, daß es jetzt eine Reihe von Tagen geben würde, an denen ihn lediglich die Angelegenheiten dieser Menschen und dieser Prozeß beschäftigen würden. Als er endlich auf dem Schreibtisch die Bücher ausbreitete und die Kanne mit dem heißen Wasser in der Ofenröhre stand, rief Elma an und fragte nach neuen Nachrichten. Er las ihr den Brief des Rechtsanwalts vor. Sie war außerordentlich erfreut. »Endlich scheint es weiterzugehen! Aber jetzt schreiben Sie dem guten Mann sofort, daß er den nächsten Termin möglichst beschleunigt!« Kamp versprach es. Sie redeten viel darüber, was zwischen Gerda und Reuschhagen vorgegangen sein mochte. Die Regensburger Besorgnisse waren durch den Brief des Rechtsanwalts fast in den Hintergrund getreten. Während des Telefongesprächs dachten weder er noch sie mit einer Silbe an den »Direktor Erkner« oder an die Anstellung. Auch die merkwürdige Zeugenvorladung hatte Kamp vollständig vergessen. Den nächsten Tag – es war ein Sonntag – wollte er ganz seinen Arbeiten widmen. Er hatte sich fest vorgesetzt, sein Examen nicht einen Tag später als irgend angängig zu machen. Auch darin schien ihn Werneuchens Lebensangst angesteckt zu haben. Was konnte alles dazwischenkommen? Ein neuer Krieg, Krankheit, Inflation, Verarmung des Vaters. Nur fertig werden, fertig werden! mahnte eine Stimme ihn ständig. So hielt er sich tagsüber auf der Universität oder Bibliothek auf und überließ sich erst abends dem Genuß endloser Gespräche mit seinem seltsamen Freunde. Bis auf einen kleinen Spaziergang war er den Sonntag über wirklich zu Hause bei seinen Büchern. Es war nach dem Abendessen. Die Wasserkanne stand schon im Ofen, die Rumflasche auf einem silbernen Untersatz, – dem einzigen, den Frau Gerda dagelassen hatte. Auguste war zu einer Bekannten ins Dorf gegangen. Plötzlich klingelte das Telefon. Sosehr Kamp an dieses Zeichen gewöhnt war und obwohl er eigentlich einen Anruf Elmas um diese Zeit erwartete, fuhr er doch erschrocken zusammen. Vielleicht weil er sich eben in die Geheimnisse der Strafprozeßordnung vertiefen wollte. Verwirrt nahm er den Hörer zur Hand. Es war tatsächlich Elma. Was sie aber zu sagen hatte, war so seltsam und zugleich so furchtbar, daß Kamp anfing zu zittern und seine Erregung nicht verbergen konnte. Ganz plötzlich war Elma auf die Vermutung gekommen, daß jener unheimliche Mensch, der vorgestern in der Villa auf ihn gewartet und ihnen gestern die fünftausend Mark abgenommen hatte, niemand anders war als – der Packer Bensch. Kamp versuchte anfangs, Elma den Gedanken auszureden. Allmählich wurde er selber aber immer aufgeregter. Sie merkte es sogleich und fühlte, daß auch er von der Richtigkeit ihrer Annahme felsenfest überzeugt war. Das ganze Auftreten dieses Menschen sprach dafür. Wo aber war Bensch hergekommen? Wie hatte er Werneuchen gefunden? Und was war am Ende geschehen? Wenn es wirklich jener seltsame Packer Bensch war, dann mußte mit dem Allerschlimmsten gerechnet werden. Sechstes Kapitel Mit dem Packer Bensen hatte es eine merkwürdige Bewandtnis. Bald nach dem Kriege waren Werneuchens von Berlin nach München übergesiedelt. Ernst Alexander, der ja damals noch wohlhabend war, hatte das Häuschen in dem südlichen Vorort gekauft. Den Umzug hatte man einer kleinen Berliner Speditionsfirma anvertraut, die ihnen von Bekannten empfohlen worden war. Eines Tages war der Packer Bensch gekommen, um die Möbel einzupacken, bevor sie am nächsten Tag in den Möbelwagen geladen wurden. Dieser Packer machte auf Werneuchens zunächst den allerbesten Eindruck. Er war ein ungewöhnlich kräftiger und gut gewachsener Mann von etwa dreißig Jahren. Nur sein Name berührte Werneuchen irgendwie unangenehm. Als Fahnenjunker, lange vor dem Kriege, hatte er unter den Diebereien und Frechheiten eines Kanoniers Bensch zu leiden gehabt. Dieser Kanonier war eine wahre Galgenphysiognomie gewesen, ein blonder, gelenkiger Kerl, eine Art Schlangenmensch, der sich überall durchwand und unter wunderbaren Gliederverrenkungen seine Hand in verschlossene Schränke und Kisten hineinzwängen konnte. Mit diesem Kanonier hatte der Packer gleichen Namens natürlich nichts zu tun. Der Packer war vielmehr dunkel von Haar und Haut, außerdem größer und stattlicher, er bestach auch mehr durch Kraft als durch Geschicklichkeit. Wenigstens schien das zunächst so. Trotz dieser Verschiedenheiten wurde Werneuchen durch den gleichen Namen wieder an den Schrecken seiner Jugendzeit erinnert. Er hatte den Kanonier überhaupt nie ganz vergessen können. Sooft er von einem besonders scheußlichen Verbrechen hörte, stellte sich ihm das Bild dieses Kanoniers als des Täters ein. Es verfolgte ihn alle Jahre hindurch. Aber vielleicht war dieser Kanonier Bensch längst im Kriege gefallen oder ein braver Pferdeknecht auf irgendeinem Gut geworden. Als der Packer Bensch auftauchte, drängte Werneuchen diese störenden Erinnerungen zunächst zurück. Immer mehr aber wuchsen die beiden Benschs ihm zu einer einzigen Person zusammen. Es kam ganz allmählich. Bensch arbeitete für drei und ließ seine Körperkräfte weidlich bewundern. Es lag sogar etwas Gutmütiges und Versöhnendes in dieser Athleteneitelkeit. Als er aber den Eindruck bemerkte, den sein Können hervorrief, setzte er etwas darein, den Werneuchens zu imponieren. Er zeigte ihnen, wie man durch Lösen einer einzigen Schraube das Silberzeug aus einem verschlossenen Büfett herausnehmen kann. Er hob vor ihren Augen mit einem kleinen Stemmeisen eine verschlossene Flügeltüre aus. Er konnte Kisten in einer Weise zunageln, daß jeder »Laie« sie für fest verschlossen halten mußte, der »Kenner« ihnen aber auch die größten Gegenstände mühelos entnehmen konnte. Dazu lachte er heiter, ließ die prachtvollen Zähne in seinem dunklen Gesicht blitzen und die großen schwarzen Augen funkeln. Er pflegte seine Kunststücke mit dem Wort zu begleiten: »Dem Bensch macht niemand etwas vor!« Zufällig hatte auch der Kanonier Bensch diese Redensart bei derartigen Gelegenheiten gebraucht. Im übrigen packte Bensch großartig und mit einer Fixigkeit, daß die geräumige Fünfzimmerwohnung mit allem Porzellan und Geschirr, allen Bildern und Bronzen, mit dem ganzen Schurrmurr, wie es sich in einem Haushalt mit zwei Kindern ansammelt, noch vor Tagesablauf fertig verpackt dastand. In jener Zeit, als sich Deutschland nach dem verlorenen Krieg zum Teil noch in großer Unordnung befand, kam es darauf an, daß der Möbelwagen möglichst rasch mit einem Zug abging. Stand er zu lange auf dem Bahnhof, bestand die Gefahr, daß er ausgeraubt wurde. Außerdem gingen die Tarife sprunghaft in die Höhe. Der Güterverkehr war unregelmäßig und unzuverlässig. Bensch, der natürlich alle Bahnbeamten kannte, versprach, »das Ding schon zu drehen«. Am nächsten Morgen, als der Möbelwagen vor der Tür stand, konnte er mitteilen, daß er eine Lore bekommen habe, auf der die Möbel am Mittag bereits nach München abdampfen und in vier Tagen dort sein würden. Man freute sich über die gute Gelegenheit. Bensch schloß den vollgestopften Möbelwagen zu und übergab Werneuchen die Schlüssel. »Jetzt ist er zu«, sagte er dabei mit seinem gewohnten Grinsen. »Wenn Sie ihn in München wieder aufmachen, werden wir sehen, ob noch etwas darin ist.« »Nun, Herr Bensch,« versuchte Werneuchen auf den Scherz einzugehen, obwohl ihm der Mann immer unheimlicher wurde, »Sie können doch sicher aus einem verschlossenen Möbelwagen alle Möbel herausholen?« Bensch versicherte, daß jetzt nichts geschehen könnte. »Er ist zu, und Sie haben den Schlüssel!« Dazu lachte er jedoch in einer Weise, daß Werneuchens ihre Möbel schon so gut wie verloren gaben. Anfangs hatte Werneuchen Bensch gegenüber das beruhigende Gefühl, daß Alter und Lebensstellung ihn über die Frechheiten solcher Menschen hinausgetragen hätten und daß er einem solchen Kerl nicht mehr wie in seiner Junkerzeit hilflos verfallen war. Aber als er mit dem Packer am Wagen stand, ließ dieses Gefühl der Sicherheit ihn im Stich. Trotzdem kämpfte er seine Furcht noch nieder. Er begleitete den abrollenden Wagen in einer Droschke bis zum Güterbahnhof und überzeugte sich, daß der Möbelwagen in der Tat sofort auf eine Lore geladen wurde. Auch der Bahnbeamte versicherte, daß die Möbel noch im Laufe des Tages abgehen würden. Bensch stand grinsend dabei. Aber die Möbel waren nicht in vier und nicht in vierzehn Tagen in München. Es brauchte volle drei Wochen, ehe der Wagen auf der Rampe des Vorortbahnhofs stand. Erregte Briefe und Depeschen nutzten nichts. Es hieß, daß eine plötzliche Gütersperre nach Süddeutschland die Abfahrt der Möbel im letzten Augenblick verzögert habe. Der Wagen war also wieder von der Lore abgeladen worden und stand noch über zwei Wochen in Berlin auf dem Bahnhof. Weiß der Himmel, ob er überhaupt noch etwas enthielt. Endlich aber war er in München angekommen und stand eines Abends auf der Rampe. Inzwischen war natürlich ein höherer Tarif eingetreten, und der Transport hatte sich entsprechend verteuert. Dazu kamen die hohen Hotelkosten. Während der ganzen drei Wochen hatten Werneuchens mit den Kindern und dem Dienstmädchen im Bahnhofshotel wohnen müssen, wo es teuer und ungemütlich war. Ernst Alexander und Frau Gerda nahmen das Ganze für ein schlechtes Vorzeichen ihrer neuen Lebensperiode, und sie sollten leider damit nur allzusehr recht behalten. Während dieser Zeit lebte der Musiker Reuschhagen bei ihnen. Er siedelte gleichfalls nach München über, um der befreundeten Familie nahe zu bleiben. Als völlig unabhängiger Künstler, der noch dazu von seinem Vater namhaft unterstützt wurde, konnte er seinen Wohnort nehmen, wo er wollte. Er trieb sich viel in der Stadt und der Umgegend herum, und jedermann kannte ihn bald. Werneuchens waren froh, ihn in dieser ungemütlichen Übergangszeit bei sich zu haben. Täglich saß er mehrere Stunden in dem großen leeren Tanzsaal des dörflichen Hotels und spielte Klavier. Damals wurde Otmar Kamp mit Werneuchens und Reuschhagen bekannt. Er war auf einer Wanderung in dem Hotel eingekehrt, um Kaffee zu trinken, als er hinten im Saal vollendetes Klavierspiel hörte. Er ging neugierig hinein. Der Saal war halbdunkel. Adalbert Reuschhagen, den Kamp in seinem blauen Anzug und mit dem geschniegelten Scheitel zunächst für einen Handlungsgehilfen hielt, saß am Klavier. Im Hintergrund saß schweigend Gerda und hörte dem Spiel zu. Sie hatte sich einen von den übereinandergetürmten Stühlen in der Ecke herausgezogen. In der Tür standen einige neugierige Bauern und die Kellnerin. Werneuchen, der oben in seinem Zimmer arbeitete, kam erst später herunter. Kamp wagte es, Reuschhagen für sein Spiel zu danken, und wurde auf diese Weise mit ihm und den Werneuchens bekannt. Damals ahnte noch keiner von ihnen, was alles sie miteinander erleben würden. Und keiner bemerkte auch, wie bezeichnend diese Stunde für die beteiligten Menschen war: Der Spieler im Saal, die andächtig lauschende Frau und der Mann, der oben in seinem Zimmer arbeitete. Am nächsten Nachmittag stand der Möbelwagen auf der Rampe und leuchtete mit seiner grellen Farbe und den schwarzen Buchstaben weithin. Werneuchens gingen alle Augenblicke zu ihm und beklopften ihn, ob auch die Möbel noch darin wären. Vom Aufschließen riet der Beamte ihnen ab, da der Wagen nachher wieder schwer zuging. Am gleichen Abend traf der Packer Bensch aus Berlin ein und nahm in demselben Hotel ein Zimmer. Am nächsten Morgen sollten Leute und Gespanne des Münchner Spediteurs kommen, den Wagen abrollen und ausladen. Bensch übte von der ersten Minute seines Auftauchens an eine unerträgliche Tyrannei aus. Mit dem scharfen Instinkt eines brutalen Menschen hatte er herausgefühlt, daß Werneuchens sich in dieser ihnen fremden Gegend und nach dem langen, unerquicklichen Warten auf ihre Sachen unsicher fühlten. Beim Abendessen, das die Familie in dem gemeinsamen Gastraum einnehmen mußte, setzte er sich an den Nebentisch und übernahm von dort aus die Führung des Gesprächs. »Na, ob die Möbel noch drin sind?« fragte er mit seinem lauernden Grinsen. »Daß der Wagen schwer ist, beweist nämlich gar nichts. Das wären schlechte Diebe, die einen ausgeraubten Wagen nicht mit Steinen füllen würden.« Auf einmal beanspruchte er, daß Werneuchen seinen Aufenthalt in dem Gasthaus bezahlte. Ernst Alexander widersprach. Davon könne keine Rede sein. Bensch bekäme seine Tagegelder, mit denen er auszukommen habe. Der Packer schüttelte den Kopf. Bei Leuten seines Berufs dürfe man nicht so rechnen. Da stünden zu große Werte auf dem Spiel. Er ließ durchblicken, daß es ihm, wenn er zur rechten Zeit einem Bahnbeamten ein kleines Trinkgeld hätte geben können, möglich gewesen wäre, den Abtransport der Möbel erheblich zu beschleunigen. Nun habe wohl irgendwer anders nicht geknausert, und da wäre der Wagen von der Lore heruntergeschoben worden und ein anderer Möbelwagen wäre pünktlich abgegangen. Der Hauptmann hätte viel Geld sparen können. So ginge es nun einmal zu in der Welt! * Das alles wurde in einer widerlichen Berliner Mundart gesagt. Eigentlich waren es ganz unverblümte Drohungen, die Bensch aussprach, aber immer begleitete er seine Worte mit seinem Lachen, so daß man nie wissen konnte, ob er nicht doch nur scherzte. Werneuchen versprach ihm schließlich ein anständiges Trinkgeld, wenn der Umzug ordnungsgemäß beendet sein würde. Im geheimen bedauerte er, daß er diesen Kerl noch nach München hatte kommen lassen. Aber er hatte in seiner Vorsicht geglaubt, alles tun zu müssen, was in seinen Kräften stand, um die Sicherheit des Umzugs zu erhöhen. Nun hatte man diesen Mann auf dem Hals. Werneuchens befürchteten, daß Bensch noch in der letzten Nacht dem Wagen einen Besuch abstatten würde. Ernst Alexander und Reuschhagen standen deshalb mehrmals in der Nacht auf und gingen zum Bahnhof hinüber. Aber der Möbelwagen stand schweigend auf der Rampe und hob sich klar gegen den Sternhimmel ab. Der unheimliche Kerl lag sicher derweil in seinem Bett und schnarchte behaglich. Vielleicht hatte er seinen Raub längst in Sicherheit, und man stand am Morgen vor dem leeren Wagen. Als man am nächsten Morgen aufschloß, war nichts entwendet. Die Möbel, Kisten, Bilder, Spiegel, alles stand noch genau so da, wie man es in Berlin eingepackt hatte. Man bat innerlich Bensch fast um Verzeihung, besonders weil er wieder für drei arbeitete und in seiner Schnelligkeit bewunderungswürdig war. Gleichwohl sollte man in der Nähe dieses Menschen nicht aus der Angst herauskommen. Am Abend hätte Bensch abfahren können, er erklärte jedoch, daß er die Nacht über noch im Hotel bleiben würde. Er wäre zu müde, um die Nacht durchzufahren. Wenn er sich im Dienst des Herrn Hauptmann abgerackert hätte, so könnte der ihm auch ruhig für einen weiteren Tag die Gelder zahlen. Dabei wußte der Bursche ganz genau, wie sehnlich man seine Abreise wünschte, um endlich aus der Angst herauszukommen. Bensch spielte mit Werneuchen wie die Katze mit der Maus. Er wählte seine Worte stets so, daß sie als harmloses Schachern, zunächst um die Ausgaben eines vierten Reisetages, dann um die gesamte Hotelrechnung aufgefaßt werden konnten. Diese Forderungen waren an sich schon eine Unverschämtheit, sie bewegten sich aber immerhin noch im Rahmen dessen, womit man in dieser durcheinandergeratenen Zeit rechnen mußte. Eigentlich aber lag hinter seinen Worten etwas viel Schlimmeres. Bensch machte so nebenbei auf die einsame Lage des Landhauses aufmerksam. Ein kräftiger und entschlossener Mann könne dort eine ganze Familie um die Ecke bringen, ohne daß auch nur ein Hahn danach krähe. »Ich meine ja man bloß so, für spätere Zeiten!« erklärte er. Man hatte wirklich Angst, die Nacht in dem einsamen Haus zuzubringen, und beschloß, unter dem Vorwand, daß die Betten noch nicht ausgepackt wären, noch eine Nacht in dem Gasthaus zu schlafen. Da aber warnte Bensch wiederum davor, die Villa in der Nacht allein zu lassen. Die kostbaren Teppiche und das Silber dürften nicht unbewacht bleiben. »Das ist zu verführerisch!« sagte er und zwinkerte mit den Augen. »Das tun Sie man ja nicht!« Werneuchen wollte daraufhin allein in der neuen Wohnung übernachten. »Das möchte ich keinem raten«, sagte Bensch nun wieder und machte ein drohendes Gesicht. Man konnte meinen, daß er geradezu vor der Entfesselung seiner eigenen Mordgier warnen wollte. Gleich darauf schien er es aber wieder nur auf ein Trinkgeld abgesehen zu haben. »Aber das ist ja alles ganz egal Die Hauptsache ist, daß man gute Freunde hat. Machet euch Freunde mit eurem Mammon!« und er erhob wieder seine Ansprüche auf Bezahlung der Hotelrechnung. Werneuchen sah sich dem Mann schutzlos ausgeliefert. Man konnte ihn selbstverständlich nicht verhaften lassen, ohne sich vor dem ganzen Ort lächerlich zu machen. Man hätte ihm gern alles Verlangte gegeben, wenn man sich damit nur die Sicherheit erkaufte. Aber Werneuchen hatte das Gefühl, daß sich der Packer nur im voraus einen kleinen Triumph verschaffen wollte, um nachher sagen zu können: »Da haben sie mir in ihrer Angst noch Geld in Hülle und Fülle angeboten, und dann räumte ich doch nachts die Villa aus, und niemand wagte mich zu hindern.« Es war, als ob eine unheimliche Macht hinter dem Mann stand und ihn vorwärtstrieb, Werneuchen zu quälen. Werneuchen war damals noch wohlhabend. Gleichwohl besaß er nicht genug, um den Verlust der Möbel und der Wertsachen einfach verschmerzen zu können. Es war für ihn eine Lebensfrage. Nun mußten die Sachen gerade in jener Nacht unversichert sein, weil die Transportversicherung nicht mehr galt und die neue Einbruchsversicherung erst am nächsten Tag abgeschlossen werden konnte. Es war eine unerträgliche qualvolle Lage. Vor Benschs Drohungen standen sie alle in der Wehrlosigkeit ausgelieferter Opfertiere. Nur Reuschhagen schien die Gefährlichkeit des Burschen nicht begreifen zu wollen. »Was wollt ihr?« sagte er. »Das ist ein ganz trefflicher Kerl. Er ist tüchtig und hat Humor, und ihr könntet euch herrlich mit ihm belustigen, statt vor ihm Angst zu haben.« Aber diese Auffassung wollte weder Ernst Alexander noch Gerda einleuchten. Sie konnten beim Abendessen im Gasthof kaum ein Wort sprechen, während der Packer am Nebentisch drauflos renommierte. Werneuchen bezahlte dem Mann schließlich alles, was er wollte. Er war wie gebrochen von dem aufregenden Tag. Er mußte Bensch sogar unter heiterem Blinzeln von dessen schwarzen Augen ein vorzügliches Zeugnis ausschreiben, das der Packer ihm fast Wort für Wort diktierte. Als man endlich in die Schlafzimmer ging, schüttelte Bensch allen freundschaftlich die Hand, um sich zu verabschieden, da er am nächsten Morgen in aller Frühe fahren wollte. Sein »Auf Wiedersehen!« klang durchaus herzlich, und er schien es übersehen zu wollen, wie man vor ihm zitterte und seine Entfernung wünschte. Sicher hätte sich Werneuchen durch die ganze Sache nicht derart aufregen lassen, wenn er nicht fortwährend an die Galgenphysiognomie jenes ehemaligen Kanoniers Bensch hätte denken müssen, und wenn er nicht ständig das Gefühl gehabt hätte, daß ein fremder unheimlicher Wille den Packer anstachelte und vorwärtsschob, um ihn zu vernichten. Dieser Bensch schien ihm wie ein finsteres Verhängnis, das immer wieder in seinem Leben auftauchen würde. Er dachte selbst manchmal, daß es vielleicht nur seine Nerven waren, die ihm Gespenster vormalten. Dann aber traten die Spukgestalten aus seiner Phantasie hervor und wurden Fleisch und Blut. In der Nacht wagte er nicht in der Villa zu schlafen. Er ließ es auch nicht zu, daß Reuschhagen, der sich dazu erbot, es tat. Er stand auch während der Nacht nicht auf, um nachzusehen, ob das Haus noch unversehrt war. Er war einfach mit seiner Kraft zu Ende, legte sich ins Bett, zog die Decke über den Kopf und hatte Angst, ganz einfach Angst. Am nächsten Tag fanden Werneuchens das Häuschen genau so wieder, wie sie es verlassen hatten. Bensch war in der Frühe abgereist. Dennoch glaubte, außer Reuschhagen, keiner, daß er vielleicht doch nur ein harmloser Schwätzer war. Man war fast überzeugt, es mit einem großen Verbrecher zu tun zu haben, den nur ein Zufall von einer Untat abgehalten hatte. Vielleicht hatte er den ganzen Möbelwagen verschieben wollen, und nur der Umstand, daß der Wagen zufällig drei Wochen zurückgehalten worden war, hatte ihn daran gehindert. Und in ähnlicher Weise mochte ihn etwas in der letzten Nacht abgehalten haben, das Häuschen auszuräumen. Werneuchen redete sich fest ein, daß Bensch, wenn auch in anderer Gestalt, noch einmal oder mehrere Male in seinem Leben auftauchen würde. Und er sollte recht behalten. – Seit jenem spukhaften Umzug waren Jahre vergangen. Der Scheidungsprozeß schwebte längst. Gerda war mit den Kindern bereits nach Berlin übergesiedelt und ließ sich schließlich ihre Möbel und die Aussteuer nachkommen. Werneuchen hatte sich diesem Wunsch nicht entgegenstellen wollen, weil an eine Wiederherstellung des Familienlebens nicht zu denken war. Aber er empfand es doch schmerzlich, als nun ein Teil seines Daseins nach dem anderen von ihm abfiel. Gerade damals war er in der unglücklichsten Stimmung. Er fühlte das furchtbare Abbröckeln seines Lebens, dem er hilflos gegenüberstand. Auf Gerdas Wunsch hatte er einen Münchner Spediteur mit dem Abholen der Sachen beauftragt. An einem Freitag sollte der Packer kommen, am Samstag sollten die Möbel verladen werden und abgehen. Schon einige Tage vorher aber stand, kurz nach dem Mittagessen, auf einmal Bensch vor ihm und erklärte, von Frau Hauptmann Werneuchen beauftragt zu sein, die Sachen zu packen. Wenn etwas Werneuchen in dieser unglücklichen Stimmung völlig niederschmettern konnte, so war es das Auftauchen dieses unheimlichen Menschen gerade in dieser Zeit. Er wußte nicht, ob er den Worten Benschs trauen durfte. Vielleicht stand Gerda wirklich mit diesem entsetzlichen Mann in Verbindung. Möglicherweise hatte sie ihn hergeschickt, um irgendeinen Druck auf ihn auszuüben. Wenn Bensch aber ganz von sich aus jetzt wieder auftauchte, dann hatte diese Vorstellung fast etwas noch Furchtbareres. Hatte er ihn die ganze Zeit her im Auge behalten, um sich in der verhängnisvollen Stunde auf ihn zu stürzen? Werneuchens Gedanken jagten sich wie die Fische hinter der Stirn, während der Packer sich ungeniert in einem Sessel niederließ und an der Zigarre weiterrauchte, die er brennend hereingebracht hatte. Bensch schien sich völlig als Herr der Situation zu fühlen. An körperlicher Kraft war er Werneuchen weit überlegen. Wenn es darauf ankam, konnte er ihn mit seiner gewaltigen Faust einfach zusammendrücken. Auf das Mädchen, das draußen in der Küche hantierte, war nicht zu rechnen. Ein Hilfeschrei konnte von niemand vernommen werden. Werneuchen bewahrte mühsam seine Haltung. Am liebsten hätte er sich dem unheimlichen Besucher zu Füßen geworfen und ihn angefleht, rasch zu verfahren. Denn er konnte nichts anderes denken, als daß Bensch vom Schicksal gesandt war, um ihm den Gnadenstoß zu geben. Es war lediglich gesellschaftliche Gewohnheit, die ihn vor dem Schreibtisch aufrechterhielt und äußerlich ruhig erscheinen ließ. Er sagte Bensch, daß er auf Wunsch seiner Frau bereits eine Münchner Firma mit dem Umzug beauftragt habe. »Das werden wir sehen«, antwortete Bensch. »Jedenfalls packe ich jetzt die Sachen Ihrer Frau, und morgen früh kommt der Möbelwagen.« »Gar nichts werden wir sehen! Ich gebe Ihnen die Sachen nicht heraus. Und jetzt verlassen Sie mich!« Bensch ging aber nicht. Er wäre von Frau Werneuchen darauf aufmerksam gemacht worden, daß man ihm die Herausgabe der Sachen verweigern würde. Seinetwegen könnte Werneuchen an seine Frau depeschieren. Bis die Antwort einträfe, müsse er ihn aber gewähren lassen. »Sonst werde ich nicht fertig. Also?« Werneuchen war mit der telegraphischen Anfrage einverstanden. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch ein, daß Gerda für einige Tage verreist war und die Depesche erst nach ihrer Rückkehr erhalten würde. Vielleicht wußte Bensch sogar darum, was er sagte, klang durchaus, als ob er im Bilde wäre. Wie Werneuchen mit Gerda damals stand, war es nicht völlig ausgeschlossen, daß sie die Verweigerung der Sachen fürchtete. Und woher sollte Bensch schließlich seine Kenntnis haben? Dennoch beschloß er, den Packer unter keinen Umständen gewähren zu lassen. »Selbst wenn meine Frau Sie beauftragt hat, werde ich Sie nicht an die Sachen heranlassen. Dabei bleibt es!« Bensch ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen. Das alles, meinte er, sei ihm gleichgültig. Er wäre von der Frau Hauptmann beauftragt worden, hätte den Möbelwagen für morgen früh bestellt, Reiseauslagen gehabt, viel Zeit versäumt, und jedenfalls müsse ihm das alles ersetzt werden. »Da müssen Sie sich an meine Frau halten. Ich habe Sie nicht bestellt.« Mit einem Male verlangte Bensch eine größere Geldsumme. Er hätte so plötzlich abreisen müssen, daß er aus dem Geschäft nicht mehr nach Hause konnte, um Geld einzustecken. Nun sitze er da, müsse tagelang im Gasthaus leben, auf der Eisenbahn liegen und morgen den irrtümlich bestellten Möbelwagen und die Leute bezahlen. Das alles brachte er mit einer wunderbaren Gelassenheit vor, doch so, als ob es ihm mit seinen Worten nicht ernst wäre, als ob er nur gewissermaßen aus Höflichkeit lüge, um Werneuchen den Schrecken eines direkten Griffs nach der Kehle zu ersparen. Er saß zurückgelehnt in seinem Sessel und hielt die Augen halb geschlossen, als langweile ihn die ganze Geschichte und als ob er auf einmal aufstehen und Schluß machen würde. Werneuchen hatte das Gefühl, daß er sich jetzt vor einem ganz bestimmten Augenblick hüten müsse. Vielleicht war es der Augenblick, da er ihm das Geld gab, vielleicht auch, wenn er es ihm verweigerte. Ihm war, als rase er mit einem Auto in völliger Finsternis dahin. Irgendwo lauerte ein Hindernis, an dem er zerschellen mußte, er wußte nicht, wo. Vielleicht trug ihn ein Zufall gerade noch daran vorbei. »Wenn Sie in Verlegenheit sind, werde ich Ihnen die Hälfte der Summe geben«, hörte er sich sagen und drückte Bensch schnell drei Scheine in die Hand. »Nun aber lassen Sie mich allein!« Der Besucher erhob sich. In diesem Augenblick war alles möglich. Er konnte auf Werneuchen zugehen und ihn niederschlagen. Er konnte ihn vielleicht auch nur binden und knebeln und in den Keller werfen. Über nichts hätte Ernst Alexander sich gewundert. Er glaubte deutlich zu bemerken, wie Bensch eine Sekunde lang unschlüssig dastand, ehe er das Geld nahm und hinausging. »Ich komme also morgen früh wieder!« rief er zurück. Als Werneuchen später zu Elma oder zu Kamp von dieser Geschichte sprach, setzte er hinzu: »Sicher hat mich nur eine Kleinigkeit gerettet. Ich stelle es mir so vor, daß Bensch wirklich noch nicht zu Mittag gegessen hatte und ihm nun, da er Geld in Händen hatte, ein leckeres Mahl im Gasthof vorschwebte. Vielleicht war es auch nur reine Faulheit, so wie wir ja auch in unserem Beruf manchmal zu faul sind, einen wichtigen Brief zu schreiben.« Bensch erschien am nächsten Vormittag nicht. Am selben Abend raubte er im Dorf einen Koffer mit Pelzwerk und Brillanten und verschwand. Dieser Raub ging auf sehr einfache Weise vor sich. Eine Dame hatte ihren Koffer, den sie nicht bis zu ihrer Villa tragen wollte, im Bahnhofshotel abgestellt. Nach einer Weile erschien Bensch und holte, angeblich im Auftrag der Dame, den Koffer ab. Seitdem blieb er verschwunden. Dieser Koffer mochte Werneuchen das Leben gerettet haben. Wenigstens war er fest dieser Ansicht. Am nächsten Tag mußte er auf der Polizei angeben, was er von Bensch wußte. Eine Anfrage bei dem Berliner Spediteur ergab, daß Bensch seit Jahren nicht mehr bei der Firma war. Auch von Gerda kam Nachricht, daß sie niemals daran gedacht habe, Bensch mit dem Abholen ihrer Sachen zu betrauen. Wenigstens hatte Bensch sich nun wirklich durch den Raub des Koffers einwandfrei als Verbrecher offenbart. Ein Zufall mußte ihm die Kenntnis von Werneuchens Lage zugespielt haben. Werneuchen aber wurde durch diesen Vorfall in seiner Ansicht bestärkt, daß ein unheimlicher Feind ihn ständig umschlich, um sich im gegebenen Augenblick auf ihn zu stürzen. Siebentes Kapitel Man kann sich denken, welch ein Sturm in Kamp durch Elmas Vermutung erregt wurde, daß jener angebliche Direktor Erkner niemand anders sein könnte als Bensch. Es war ihm jetzt geradezu unbegreiflich, daß weder Elma noch er, die doch von Werneuchen so viel über diesen Menschen gehört hatten, von Anfang an auf diesen Gedanken gekommen waren. Nach Werneuchens Schilderung stand ihnen der Mann so lebendig vor Augen, daß sie ihn hätten zeichnen können, und doch hatten sie ihn beide nicht erkannt, als er nun tatsächlich aufgetaucht war. Aber das gehörte wohl zu dem wunderlichen Wesen dieses Menschen, der noch nicht einmal eine Verkleidung oder Verstellung für nötig hielt. Mitten am hellichten Tage war er in den Vorort gekommen, in dem ihn doch mancher noch wiedererkennen konnte. Obwohl er in der Rolle eines kaufmännischen Direktors auftrat, hatte er es nicht einmal für nötig gehalten, auch nur seine schlechten Manieren zu verschleiern. Es war, als ob er sagen wollte: »Nun bitte, wenn ihr mich erkennt, dann tut es. Aber wundert euch nicht, wenn ich euch dann totschlage.« Er vertraute anscheinend felsenfest auf seine Kraft und Geschicklichkeit, die ihn in keiner Lage verlassen würden. Vielleicht hatte Bensch zunächst damit gerechnet, daß Kamp Verdacht gegen ihn schöpfte und ihm vor der Bank eine Falle stellte. Deshalb hatte er ihn nicht gleich auf dem Promenadenplatz angesprochen, sondern hatte ihn und Elma aus der Ferne beobachtet, ehe er sich das Geld geben ließ. Lind Kamp hatte noch zu Elma gesagt: »Wenn er wirklich ein Verbrecher ist, folgt er uns jetzt von fern, beobachtet uns und wird an einer stillen Stelle auftauchen.« Genau so hatte der Mann gehandelt, und dennoch hatten sie ihm unter den Augen eines Polizisten fünftausend Mark gegeben und ihn laufen lassen. Kamp wütete gegen sich, daß er ihn nicht, seiner inneren Stimme vertrauend, schlankweg auf dem Elisabethplatz hatte verhaften lassen. Aber es war gerade die Unverfrorenheit des Burschen, die ihn davon zurückgehalten hatte. Diese Unverfrorenheit, die zu der Methode Benschs zu gehören schien. Wenn dieser Mann nun wirklich Bensch, und das Geld einem Gauner in die Hände gefallen war, dann bedeutete das in der Tat für den armen Werneuchen eine Katastrophe. Jetzt hatte er kaum noch tausend Mark auf der Bank und gewiß nur einige hundert Mark bei sich. Dabei mußte er fortlaufende Zahlungen an seine Familie leisten, den Rechtsanwalt bezahlen, den kommenden Umzug bestreiten. Von dem Verlust der Kaution, die er zur Erlangung einer Stelle wohl immer benötigen würde, ganz zu schweigen. Mit den fünf- oder sechstausend Mark hätte er sich in jedem Falle noch gut ein halbes Jahr über Wasser halten können. Jetzt stand er dem Nichts gegenüber. Kamp konnte sich jedenfalls nicht denken, auf welche Weise Werneuchen den Verlust des Geldes verwinden wollte, wenn er nicht doch noch überraschend eine Anstellung erhielt. Aber die für eine Vertrauensstellung unerläßliche Kaution war ja fort! Ganz andere Befürchtungen konnten noch auftauchen. War die ganze Regensburger Geschichte nicht vielleicht nur eine Falle gewesen, in die man den Unglücklichen gelockt hatte, um ihm das Geld abzujagen? Kamp besann sich, wie er der Angelegenheit von Anfang an mißtrauisch gegenübergestanden hatte. Zum erstenmal durchzuckte ihn der Gedanke, daß Werneuchen vielleicht nicht mehr am Leben war. Vielleicht war er Verbrechern in die Hände geraten? Sie hatten ihn in irgendeinen stillen Winkel gelockt, um ihn zu beseitigen? Und sie hatten es um so sicherer getan, da sie das vermutete Geld nicht bei ihm vorfanden, sondern es sich erst aus München holen mußten. Dann war also Kamps Rat, das Geld nicht gleich mitzunehmen, für Werneuchen verhängnisvoll geworden. Er wagte nicht auszudenken, was alles geschehen sein konnte. Und auch Elma rührte am Telephon mit keinem Wort an die furchtbaren Möglichkeiten, die sich aus dem Besuch Benschs ergaben. Aber vielleicht war alles nur eine Täuschung. Vielleicht war der »Direktor« wirklich ein ganz harmloser Mann, der das Geld in diesem Augenblick vielleicht bereits Werneuchen oder seiner Gesellschaft in Hamburg pflichtschuldigst ablieferte. Niemand konnte in diesem Augenblick etwas Sicheres sagen. Vielleicht wäre es das Richtige gewesen, sofort die Polizei zu benachrichtigen. Aber das war ja gerade der Fluch dieser inneren Ungewißheit und eines scheuen Empfindens, das ihnen verbot, auf bloße Vermutungen hin derartiges Aufsehen zu erregen. Und wer konnte überschauen, ob man nicht Werneuchen womöglich schadete, wenn die Polizei sich plötzlich in seine Verhandlungen mit der Firma einmischte. »Ja, wie heißt diese Firma denn überhaupt?« fragte Kamp. »Es war eine so allgemeine Bezeichnung, daß ich sie mir nicht gemerkt habe. Wissen Sie den Namen?« Aber Elma wußte ihn auch nicht. Es war wirklich eine ganz unbestimmte Bezeichnung gewesen. Etwas mit »Genossenschaft« oder so. Vielleicht »Hamburger Vertriebsgesellschaft«. Nur die Namen der beiden Direktoren, Goldschmidt und Erkner, gingen aus dem Brief Werneuchens hervor. Aber wer wußte, ob es sich hier um richtige Namen handelte? Immerhin hatte Werneuchen ja von Hamburg sofort Nachricht geben wollen. Es war jetzt wirklich nichts anderes zu tun, als diese Nachricht abzuwarten. Erst wenn sie ausblieb, hatte man einen Anhalt, daß etwas nicht in Ordnung war. Sie trennten sich. Kamp konnte in der Nacht nicht schlafen. Er rief sich jeden Augenblick des Zusammenseins mit dem Unbekannten ins Gedächtnis zurück, legte jedes Wort, jede Bewegung auf die Wagschale. Immerhin hatte der Mann noch einen eigenhändig von Werneuchen geschriebenen Brief vorweisen können. An der Echtheit dieses Briefes war kein Zweifel möglich. Werneuchens Schreibweise, die Eigentümlichkeit seines Ausdrucks waren nicht nachzuahmen, außer allenfalls von jemandem, der ihn sehr genau kannte. Wer hätte einen solchen Brief fälschen können? In erster Linie vielleicht Kamp selber. Vielleicht auch Elma. Und selbstverständlich Gerda! Immer vorausgesetzt natürlich, daß es gelang, die Handschrift täuschend nachzumachen. War es möglich, daß Gerda –? Hier stockten Kamps Gedanken. Er wies diesen Verdacht von sich fort. Dennoch mußte er daran denken, daß Werneuchen selbst lange Zeit befürchtet hatte, von Gerda ermordet zu werden. Und wenn man sich vor Augen hielt, daß der Prozeß gerade jetzt zu Ende zu gehen schien! War da zwischen dem Brief des Rechtsanwalts und dieser mysteriösen Geschichte ein Zusammenhang? Wenn man bedachte, daß Gerda jetzt ihre letzte Stütze verloren hatte, indem Reuschhagen sie im Stiche ließ? Aber wozu war es dann nötig, einen Brief zu fälschen? Nein, Gerda konnte ihr Ziel auf andere Weise erreichen. Und überhaupt, vielleicht hatte sie ihren Mann betrogen, aber einer ruchlosen Tat konnte Kamp sie nicht für fähig halten. Dieser Brief war jedenfalls nicht gefälscht worden. Aber war es nicht viel schlimmer, wenn er echt war? Mußte er denn nicht geradezu Werneuchen mit Gewalt entwendet worden sein? Unter irgendeinem Druck war er anscheinend nicht geschrieben. Kamp las ihn noch einmal Wort für Wort durch. Wenn dieser Brief Werneuchen abgepreßt worden wäre, hätte er sicher irgendwie versucht, zwischen den Zeilen etwas durchblicken zu lassen. Nichts davon war in dem Brief enthalten. Als Werneuchen diesen Brief schrieb, ahnte er nichts von der Gefahr, in der er vielleicht schwebte. Er hatte Angst, vielleicht eine rasende Angst, daß er die Stellung nicht erhalten würde, aber keine Angst um sein Leben. Hier machten Kamps Gedanken wieder halt Werneuchen hatte also doch Angst gehabt? Natürlich hatte er in seiner Lage Angst gehabt. Denn irgendeine innere Stimme mußte ihn doch warnen! Das stand fest: er hatte Angst gehabt, aber er hatte diese Angst, die er gewiß deutlich in sich spürte, falsch gedeutet. Er dachte, daß er sich um die Anstellung ängstigte, und dabei ängstigte er sich schon, ohne es zu wissen, um sein Leben. Ganz deutlich glaubte der Student die Szene vor sich zu sehen: Werneuchen sitzt mit dem angeblichen Direktor dieser Hamburger Firma in einem Winkelcafé und verhandelt mit ihm. Oder vielleicht auch in keinem Winkelcafé, sondern in einem hochachtbaren Lokal. Es macht dem Direktor, der natürlich nicht mehr Direktor ist als etwa Bensch, Spaß, den nervösen Herrn vor sich mit der ausgeschriebenen Stelle zu quälen. Halb sagt er sie ihm zu, halb macht er Ausflüchte. Und dabei steht draußen schon der Mörder, und der »Direktor« weiß es. Werneuchen schreibt seinen Brief. Der »Direktor« nimmt ihn und verspricht, daß morgen früh ein anderer »Direktor«, namens Erkner, nach München fahren und den Brief besorgen werde. Sicher hat er gesagt, »unser Herr Erkner«, wie man sich kaufmännisch ausdrückt. Und inzwischen sitzt Werneuchen da und ängstigt sich: kriege ich die Stelle oder kriege ich sie nicht? Und weiß noch gar nicht, daß er im Grunde seiner Seele schon um sein Leben zittert. So konnte es gewesen sein. Kamp dachte noch einmal über das Auftreten des Fremden nach. Konnte das wirklich ein Direktor Erkner sein? Oder konnte es Bensch sein? Beides war möglich, wenn man sich nicht auf den »Direktor« versteifte. Ein leitender Direktor war der Mann natürlich nicht, vielleicht aber ein Packaufseher der Firma? Kamp merkte, daß er hier ins Uferlose geriet. Vielleicht waren dieser Erkner und Bensch eine und dieselbe Person? Es fiel ihm bei dem Wort »Packaufseher« ein, daß Bensch unter dem Namen Erkner bei der Firma angestellt sein konnte. Tüchtig war er ja, vielleicht hatte er sich zu einer höheren Stellung emporgearbeitet und wurde sogar Direktor genannt. Der Zufall spielte oft sonderbar. Werneuchen dachte, daß ein Herr Erkner seinen Brief besorgen wird, und dabei ist es Bensch, den er natürlich nicht zu Gesicht bekommt und der sich sehr wohl vor einer Begegnung mit Werneuchen hütete, wenn er ihn erkannt haben sollte. Das alles war natürlich möglich. Aber was war hier schließlich nicht möglich? Man mußte einfach abwarten, ob er oder Elma am nächsten Tag einen Brief von Ernst Alexander aus Hamburg erhalten würde. Auch die Zeit rechnete Kamp genau nach. Allerspätestens am Samstag mußte Werneuchen von Regensburg nach Hamburg gefahren sein. Man konnte also annehmen, daß er spätestens am Sonntag seine Hamburger Adresse mitteilte. Spätestens am Montag mit der zweiten Post mußte Elma oder Kamp Nachricht haben. Vielleicht klärte sich morgen mittag alles ganz harmlos auf. Vielleicht hatte er sogar die Anstellung erhalten, der Prozeß lief zu Ende, er konnte Elma heiraten, und alles war gut. Vielleicht war es ein ganz unsinniger Gedanke, daß jener Unbekannte durchaus Bensch sein sollte. Als ob man nicht auf jeder Straße in München vier oder fünf solcher Gestalten traf, die dabei ganz harmlose Leute waren. Außerdem war es abends, wo alle Dinge schlimmer aussehen. Am nächsten Morgen, wenn die Sonne schien, würden sie wahrscheinlich über ihre Befürchtungen lachen. Erst gegen Morgen schloß Kamp endlich die Augen. Plötzlich aber schreckte er wieder empor. Deutlich, mit allen Einzelheiten, sah er folgenden Vorgang im Wachtraum: Ein Eisenbahnabteil zweiter Klasse. In ihm ein gutgekleideter Herr. Kamp weiß, es ist der wirkliche Direktor Erkner. Er ist allein in dem Abteil. Da kommt während der Fahrt Bensch herein. Der Direktor ist erstaunt, befremdet, erschrocken, als die unheimliche Gestalt vor ihm Platz nimmt. Er versucht krampfhaft seine Zeitung weiterzulesen, muß aber Bensch beobachten, der nun aufsteht und sich an der Ventilation über dem Kopf des Direktors zu schaffen macht. Es ist für diesen eine peinliche Lage. Das Verhalten des Mannes kann durchaus harmlos sein, er kann ihm aber ebensogut plötzlich von oben den Schädel einschlagen. Auf einmal fällt Bensch den Direktor an, stürzt sich auf ihn. Kurzer Ringkampf, der Direktor röchelt, Bensch wirft ihn der Länge nach auf die Bank, drückt ihm die Kehle ein, raubt ihm die Taschen aus, steckt Werneuchens Brief zu sich und verschwindet durch die Tür. Ganz deutlich sah Kamp im Halbschlaf die Szene vor sich. Er machte die Augen auf. Draußen schien die Sonne, die Vögel zwitscherten in den Bäumen. Er lag in Schweiß gebadet Er hatte wohl nur geträumt, aber es wollte ihm im Augenblick scheinen, als hätte der Traum ihm die Wahrheit offenbart. Gewiß, er konnte es gewesen sein: irgendein Verbrecher – es brauchte ja nicht gerade dieser Bensch zu sein – hatte den wirklichen Direktor Erkner überfallen, ihm Werneuchens Brief abgenommen und sich die fünftausend Mark geholt Aber Kamp war in diesem Augenblick zu müde, den vielfachen Möglichkeiten noch weiter nachzugehen. Der Kopf schmerzte ihn. Er fiel in tiefen Schlaf. Gegen Mittag weckte ihn das Telephon. Elma fragte an, ob er Nachricht erhalten habe. Doch auch mit der zweiten Post, die bereits dalag, war nichts gekommen. Elma hatte sich gegen gestern ein wenig beruhigt. Wie Kamp hatte auch sie alle Möglichkeiten erwogen und war zu dem Ergebnis gelangt, daß man noch warten müßte. Daß Ernst Alexander bisher noch nicht geschrieben hatte, brauchte nicht unter allen Umständen beunruhigend zu sein. Vielleicht hatte er in Hamburg gleich sehr viel zu tun. Es konnte sein, daß er erst spät am Sonntag eine Karte geschrieben und sie erst am Montag vormittag eingesteckt hafte. Dann war sie kaum vor Dienstag mittag in München. Wenn allerdings morgen nichts ankäme, sollte Kamp unverzüglich mit dem Rechtsanwalt die weiteren Schritte besprechen. Nötigenfalls mußte man dann die Polizei benachrichtigen, was allerdings der Rechtsanwalt wohl am zweckmäßigsten tun würde. Da Elmas Mutter ins Zimmer trat, brachen sie das Gespräch ab und verabredeten nur kurz, daß jeder den anderen anrufen sollte, sobald er etwas erfuhr. Kamp sah die Post noch einmal genauer durch. Sie enthielt nichts, was ihm Aufschluß geben konnte. Auguste brachte das Mittagessen herein. Er konnte nur wenig zu sich nehmen. Es erschien ihm unerträglich, den ganzen Tag und vielleicht auch noch den nächsten abzuwarten, ehe er etwas unternahm. Vielleicht benachrichtigte man am besten doch sofort die Polizei. Aber wie lächerlich war es, wenn morgen eine Karte kam und sich alles harmlos aufklärte! Er durchflog noch einmal die Post der letzten Tage und behielt schließlich die Vorladung des Finanzamts in der Hand. Ob er hier vielleicht das eine Ende des Fadens erfaßt hatte? Natürlich brauchte diese Vorladung nichts, aber auch gar nichts mit der Angelegenheit zu tun zu haben. Immerhin war dieses Zusammentreffen so merkwürdig, daß ein Detektiv wohl zunächst einmal festgestellt haben würde, was hier eigentlich vorlag. Nur zur Sicherheit und um festzustellen, daß die Fährte hier nicht weiterlief. Schaden konnte es jedenfalls nichts, wenn er diesen Herrn Berdelow in Firma Berdelow \& Hahn aufsuchte. Wenn Kamp schon etwas tun wollte – und das wollte er –, dann konnte er nur Herrn Berdelow aufsuchen. Ein in Untätigkeit verbrachter Nachmittag, wo jede Stunde unwiederbringlich kostbar sein konnte, war ihm so unerträglich, daß er auf jeden Fall etwas versuchen wollte. Vielleicht ging er auch gleich zu dem Rechtsanwalt. Er wußte noch nicht. Zunächst schlug er im Telephonverzeichnis Herrn Berdelow auf. Herr Berdelow wohnte offenbar in der Fabrik selbst, irgendwo im Osten. Kamp hatte eine Vorliebe für solche entlegene Gegenden, und vielleicht bestimmte ihn die Lage der Fabrik, es mit Herrn Berdelow zu versuchen. Mit dem nächsten Zug fuhr er zur Stadt. Vom Bahnhof hatte er noch eine halbe Stunde mit der Elektrischen zu fahren. Unterwegs überlegte er, ob er nicht vorher anrufen sollte. Als er aber erst in der richtigen Straße war, hielt er es doch für besser, überraschend aufzutauchen. Er hatte seinen besten Anzug angezogen und Visitenkarten in die Tasche gesteckt. Wenn er sich dringend in einer persönlichen Angelegenheit melden ließ, konnte Herr Berdelow ihn nicht gut abweisen lassen, dachte er sich. Sollte der Mann zufällig nicht da sein, konnte man ja warten oder am nächsten Tag wiederkommen. Die Straße machte einen öden und verlassenen Eindruck. An der Ecke gab es einige Mietskasernen von zweifelhaftem Aussehen. Dann kam ein langer Bretterzaun, der offenbar von einem Brand zurückgebliebene Schutthaufen verbergen sollte. Auf der anderen Seite standen armselige Arbeiterhäuser in ungepflegten Vorgärten. Nachher ging man über eine Brücke, unter der, tief in das Gelände eingeschnitten, Bahngleise hinliefen. Hinter der Brücke erhob sich der Fabrikbau der Firma Berdelow \& Hahn. Durch einen Torweg, vor dem das Eisengitter offen stand, konnte man eintreten. Die Fabrik sah nicht so aus, als ob sie glänzend beschäftigt wäre. Durch die großen Fenster des Hofgebäudes, in dem wohl die eigentlichen Maschinenräume lagen, sah man nur wenige Menschen. Offenbar hatte man schon Feierabend gemacht. Man arbeitete also mit verkürzter Schicht, denn es war erst gegen vier Uhr. Ein Portier, der den Besucher zurechtweisen konnte, war nicht zu bemerken. Kamp ging ein paarmal zwischen Hof und Straße hin und her und wußte nicht recht, ob er wirklich in diesem öden Haus Herrn Berdelow suchen sollte. Er ging noch einmal auf die Straße zurück. Da sah er neben dem Fabrikgebäude, wie ein Schwalbennest angeklebt, eine kleine Villa. Sie wirkte neben dem riesigen Bau einigermaßen kläglich und schien von oben bis unten bestaubt. Man hätte weder in dieser Gegend noch in diesem Hause wohnen mögen. Nicht einmal ein Garten entschädigte für diese Lage. Das Ganze war durchaus verwahrlost. An mehreren Stellen des Hauses bröckelte der Putz ab. Hauptsächlich aber kam der finstere, unfreundliche Eindruck von der riesigen Feuermauer des Fabrikhauses her, an der die Villa stand. Ein Namensschild war nirgends zu sehen. Kamp klingelte auf gut Glück. Eine schlampig angezogene Frau öffnete die Tür. Kamp fragte nach Herrn Berdelow persönlich. Ohne seine Visitenkarte zu beachten, ließ die Person ihn ein und führte ihn durch eine kahle Diele geradeswegs in das Arbeitszimmer des Fabrikanten. Kamp hatte einen griesgrämigen alten Herrn erwartet, Herr Berdelow war jedoch nicht über vierzig Jahre alt. Er war ein großer kräftiger Mann mit einem vollen geröteten Gesicht und einem stattlichen, rotblonden Schnurrbart darin. Kamp wußte nicht, woher es kam, aber dieser Herr Berdelow mißfiel ihm gründlich, und er bedauerte nachträglich den Freund, der mit diesem Manne hatte arbeiten müssen. Vielleicht aber war dieses Mißtrauen ganz unberechtigt, denn Herr Berdelow war, wenigstens zunächst, fast höflich. Er stand sogar auf und kam dem Besucher einige Schritte entgegen. Kamp stellte sich vor. Wie er darauf kam, konnte er sich später nicht erklären, jedenfalls sprang er dem Fabrikanten sofort mit der Frage ins Gesicht, ob ihm ein Direktor Erkner bekannt wäre. Berdelow verneinte. Oder dann ein Direktor Goldschmidt? Herr Berdelow schüttelte auch hier den Kopf. »Oder dann vielleicht ein Herr, das heißt eigentlich kein Herr, sondern ein Mann, ein Arbeiter, ein besserer und jedenfalls sehr tüchtiger Arbeiter namens Bensch?« Berdelow sah den aufgeregten jungen Mann, der ganz rot und mit heruntergefallener blonder Stirnlocke vor ihm stand, erstaunt an. »Ich setze voraus,« sagte er in sehr ruhigem Ton, »daß Sie aufgeregt sind und sehr gewichtige Gründe haben, sich gerade bei mir nach diesen Personen zu erkundigen.« Kamp bejahte. Diese bestimmte und doch höfliche Art imponierte ihm etwas. »Bensch, sagten Sie?« Herr Berdelow zog ein dickes Paket aus dem Schreibtisch und schien eine Liste durchzusehen. Während er mit dem Finger die Rubrik suchend entlangfuhr, sah Kamp sich in dem Raum um. Er schien ihm jetzt ganz gemütlich, wenn auch altmodisch und sogar ein wenig ärmlich eingerichtet. Auf einmal entdeckte er unter dem Schreibtisch zu Füßen Berdelows eine riesige Dogge. Ganz ruhig lag sie da. Sie hatte sich nicht einmal bei seinem Eintritt bewegt, und Kamp hätte sie auch jetzt für tot halten können, wenn ihre Augen nicht gespannt jeder seiner Bewegungen gefolgt wären. Kamp war überzeugt, daß, wenn er nur mit der Hand nach der Tasche gegriffen hätte, der Hund ihm im gleichen Augenblick an die Kehle gefahren wäre. Diese Dogge wendete die Szene sofort wieder ins Unheimliche. Mit einem solchen Wächter allerdings konnte Herr Berdelow ruhig jeden Besucher vor sich lassen. »Nein, ein Arbeiter oder Werkführer Bensch ist bei uns nicht eingestellt und in den letzten drei Jahren nicht eingestellt gewesen«, sagte Herr Berdelow. Kamp wollte es jetzt scheinen, als ob er mit der Nennung dieses Namens eine Überflüssigkeit, wenn nicht gar eine Dummheit begangen hatte. Wenn sich wirklich Verdachtsgründe gegen den Fabrikanten ergeben sollten, hatte er ihn vorzeitig gewarnt und ihm sogar die Richtung angedeutet, aus der die Gefahr kam. Er ärgerte sich. Da ihm im Augenblick nichts anderes einfiel, seinen Fehler gutzumachen, fragte er nach Werneuchen. Herr Berdelow grinste fatal. »Werneuchen?« wiederholte er langgedehnt. »Ein sehr begabter Herr. Leider ein Phantast und völlig unbrauchbar für den kaufmännischen Beruf. Solche Herren können vielleicht Gelehrte oder sonst etwas sein, aber sie gehören nicht ins praktische Wirtschaftsleben. Herr Werneuchen ist wohl ein Freund von Ihnen und hat Sie hergeschickt?« »Nein, Herr Werneuchen hat mich nicht hergeschickt. Ich möchte aber gern wissen, wie es mit seinem letzten Besuch bei Ihnen war. Ich habe meine Gründe dafür. Herr Werneuchen ist doch vor einigen Wochen noch einmal bei Ihnen gewesen?« Man sah es Herrn Berdelow an, daß er anfing, mißtrauisch zu werden. Er überflog, was er bis jetzt nicht getan hatte, die Erscheinung des Studenten mit einem prüfenden Blick. »Jawohl«, sagte er zögernd und, wie es schien, widerwillig. »Herr Werneuchen ist vor etwa zwei Wochen hier gewesen. Er wollte ein Zeugnis über seine Tätigkeit in meinem Betrieb haben. Das war natürlich wieder so eine Phantasterei von ihm. Nach dem, was er hier angestiftet hat! Das ganze Personal hat er mir in Unordnung gebracht. Ich habe ihm aber schön bedeutet, daß ich jeden Menschen nur vor ihm warnen kann.« Das war es! Diese Unterredung war also ganz anders verlaufen, als Ernst Alexander es Elma geschildert hatte. Berdelow hatte ihn einfach kalt abfallen lassen, und Kamp hatte keinen Zweifel, daß es sich genau so verhielt, wie Herr Berdelow es darstellte. Aus Scham und um Elma nicht unnötig zu beunruhigen, hatte Werneuchen die Sache verdreht wiedergegeben. »Entschuldigen Sie,« sagte er aber dennoch, »Herr Werneuchen hat von seinem Besuch bei Ihnen eine völlig andere Schilderung gegeben. Er will Sie wegen seines damaligen Verhaltens um Entschuldigung gebeten haben. Er habe Ihnen gesagt, daß er selbst jetzt völlig anders über jene Dinge denke. Und Sie, Herr Berdelow, hätten daraufhin seine sonstige Tätigkeit anerkannt und ihm versprochen, eine gute Auskunft zu erteilen, falls man sich bei Ihnen erkundigen sollte.« »Da soll doch gleich –! Das ist ja alles Unsinn!« rief Herr Berdelow entrüstet. »Davon habe ich auch nicht eine Silbe gesagt. Im Gegenteil!« Kamp wußte immer weniger, welchen Zweck er seinem Besuch unterschieben sollte. In seiner Verlegenheit zog er die Vorladung des Finanzamts aus der Tasche. »Eigentlich habe ich es mir auch so gedacht, wie Sie es darstellen«, sagte er. »Aber können Sie mir vielleicht etwas über den Zusammenhang dieses Schriftstückes und Ihres Zusammenstoßes mit Herrn Werneuchen sagen?« Berdelow sah das Blatt flüchtig durch. »Donnerwetter!« sagte er dann, aber immer noch mit ruhiger Stimme. »Also Werneuchen steckt hinter dieser Geschichte! Das ist mir in der Tat neu. Da habe ich Herrn Werneuchen doch für anständiger gehalten.« Er reichte Kamp das Blatt zurück. »Natürlich ist alles Unsinn, was darin steht. Wenn ich wirklich irgendwelche Bilanzverschleierungen gemacht hätte, wäre Herr Werneuchen der letzte, mit dem ich sie besprochen hätte. Darauf können Sie Gift nehmen, junger Mann. Außerdem verstand der Mensch ja nichts von Buchführung.« Kamp war entrüstet über das »Junger Mann«, und daß Werneuchen kurzweg als »Mensch« bezeichnet wurde. Hier mußte man noch etwas sagen. Aber er hielt an sich. »Haben Sie nicht zuerst große Stücke auf Herrn Werneuchen gehalten?« fragte er. »Ach nein!« sagte Herr Berdelow und zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich habe diesen Herrn sehr bald erkannt. Nein, ich habe ihn nie in meine Karten gucken lassen. Und wenn er nun etwa durch Sie versuchen will, noch ein gutes Zeugnis herauszuschlagen, so wird daraus nichts. Verstehen Sie, Herr ...? Reden Sie mir auch nicht von Frau und Kindern und dergleichen. Es gibt so viele gute Kaufleute, die ohne Stellung sind. Weshalb soll dieser Herr Werneuchen gerade einem gelernten Kaufmann eine Stelle fortnehmen? Nichts zu machen, Herr ...« Kamp merkte, daß er auf diese Weise nicht weiterkam. Er hatte ja bei der ganzen Unterredung überhaupt kein eigentliches Ziel. Er wollte aushorchen, seinen Gegner vielleicht zu einer unvorsichtigen Äußerung verleiten. Aber es war schwer, hinter ein Geheimnis zu kommen, wenn keins bestand. Alles, was Herr Berdelow sagte, machte einen durchaus vernünftigen, wohlbegründeten Eindruck. Aber konnte man sich überhaupt auf einen Eindruck verlassen? Der eine verschanzte sich, wie der Packer Bensch, hinter so offenkundiger Unverschämtheit, daß man den eigenen Sinnen nicht zu trauen wagte. Der andere ließ sich nicht im mindesten in die Karten sehen. Konnte sich Herr Berdelow nicht längst alles glänzend zurechtgelegt haben? Mußte er nicht, wenn er wirklich in eine kriminelle Angelegenheit verwickelt war, längst damit rechnen, daß er in Verdacht kam? »Mein Kommen hat einen ganz anderen Zweck«, fing Kamp von einer neuen Seite an. »Es besteht doch die Tatsache, daß gegen Sie beim Finanzamt Anzeige wegen Steuerhinterziehung erstattet worden ist. Als Hauptzeuge ist Ihr ehemaliger Sekretär vorgeladen, der immerhin während einiger Wochen Ihre rechte Hand war. Auf den Dienstag, auf morgen also, ist der Termin anberaumt Und jetzt, einige Tage vor diesem Termin, ist der Hauptzeuge unter eigentümlichen Umständen verschwunden.« Herr Berdelow sprang erregt auf. Im Augenblick hatte er begriffen. Ein wenig zu schnell, empfand Kamp, für einen Unbeteiligten. Auch die Dogge erhob sich auf ihre Vorderfüße. »Was heißt das?« rief Herr Berdelow erregt »Damit wollen Sie mir kommen? Herr Werneuchen ist verschwunden? Was heißt verschwunden?« Hatte Herr Berdelow Angst, fühlte er sich ertappt und durchschaut, oder übersah er es nur im Augenblick, daß ihm aus dieser Sache, wegen der Anzeige, große Unannehmlichkeiten erwachsen konnten? »Er ist verschwunden, und dann hat man noch hinterher fünftausend Mark verschwinden lassen.« Kamp fixierte den Fabrikanten bei diesen Worten scharf. »Ach so!« Herr Berdelow lachte jetzt laut auf. »Herr Werneuchen ist mit fünftausend Mark verschwunden? Na, dann suchen Sie nur in Hamburg nach.« Bei diesem Wort starrte Kamp ihn fassungslos an. Wie kam Berdelow auf Hamburg? Wußte er doch etwas? War hier eine Spur? »In Hamburg?« sagte er scharf. »Sie wissen also? Sie geben zu?« »Was weiß ich! Was gebe ich zu! In Hamburg oder in Amerika! Ausgerissen ist er, der saubere Kunde. Hat seine Verpflichtungen nicht einlösen können und ist mit dem letzten Geld verschwunden. Und den soll ich noch empfehlen, was?« »Erlauben Sie!« unterbrach Kamp seinen Redeschwall. »Erlauben!« schrie Berdelow. »Leute wie Sie und ihr unsauberer Kumpan wollen wohl hier noch ehrliche Leute ins Bockshorn jagen! Was soll ich erlauben? Daß Sie sich zum Teufel scheren, erlaube ich. Raus mit Ihnen!« Die Dogge ließ ein lautes Knurren ertönen. »Rrrraus!« schrie Herr Berdelow noch einmal. »Ich empfehle mich Ihnen«, sagte der Student, machte eine förmliche Verbeugung und ging hinaus. Als die Gittertür hinter ihm zuschlug und er auf der Straße stand, begriff er erst seine Verwirrung. Nicht sosehr, weil ihn dieser Auftritt erregt hatte, zitterte er, sondern weil ihm Berdelows Worte noch im Ohr klangen. War es möglich? Konnte es sein, daß Werneuchen vielleicht wirklich mit dem Rest seines Geldes das Weite gesucht hatte? Irgendwo untertauchen wollte? Vielleicht in Amerika oder sonstwo? Diese neue Ansicht der Dinge warf ihn völlig über den Haufen. Das Blut hämmerte in seinen Schläfen. Die schlampige Frau, die ihm geöffnet hatte, putzte seelenruhig an einem Fenster. Sie mußte den Skandal gehört haben, aber solche Auftritte schienen keinen Eindruck auf sie zu machen. Das Fabrikgebäude stand in seinem öden Schweigen. Trostlos und verlassen lag die Straße da. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Über den Bahngleisen spannte sich die phantastisch kahle Brücke. Dahinter lief der Bretterzaun. Kamp sah von seiner Stellung aus auf die dahinterliegenden Schutthaufen, die der Zaun verdecken sollte. Er ging langsam weiter, um seine Gedanken zu ordnen. Aus den Arbeiterhäusern kam kein Laut heraus. Die verwahrlosten Vordergärten rochen auf einmal wie Abfallgruben. Er schlich sich an dem Zaun entlang. Die ganze Straße machte jetzt auf ihn einen noch viel entsetzlicheren Eindruck als vorher. Seltsam, wie er diese Straße wiedersah, wollte ihm Berdelows Auffassung nicht mehr einleuchten, obwohl er sich der Phantastik seiner Begründung vollkommen bewußt war. Aber beim Anblick dieser öden Kahlheit kam er von der Vorstellung eines Mordes nicht mehr los. In dieser Gegend konnte man nachts verschwinden lassen, wen man wollte. Die ganze Gegend schrie förmlich nach Mord. Wie kam er nur darauf? Er fragte sich, ob er nach dem Vorgefallenen wirklich Herrn Berdelow mit Werneuchens Verschwinden in Verbindung setzen wollte. Nein, er glaubte an eine solche Verbindung nicht. Aber er wußte nicht, was er glauben sollte. Vielleicht war es doch nur der Anblick dieser Straße, daß er jetzt ganz sicher an Ernst Alexanders Ermordung glaubte. Oder war Werneuchen wirklich, wie Berdelow annahm, über Hamburg nach Amerika entflohen? Dieser Gedanke hatte so viel Einleuchtendes, aber wenn Kamp wieder die öde Straße ansah, konnte er doch nur an ein Verbrechen denken. Das waren natürlich alles Vorstellungen Werneuchens, in denen er sich bewegte. Das war diese Sucht, zu kombinieren, aus Vorstellungen auf Tatsachen zu schließen, Hirngespinste lebendig werden zu lassen. Aber war es ihm nicht schon mehrmals aufgefallen, daß Werneuchens phantastische Ängstlichkeit seit dessen Abreise sich seiner bemächtigt hatte? Er hatte es sich noch nicht eingestanden, aber schon mehrere Male war er drauf und dran gewesen, es in ganz klaren Worten zu denken. Er sah Gespenster, wie es Werneuchen zeit seines Lebens getan hatte. Vielleicht war auch dieser »Direktor« Erkner nur ein Produkt seiner Phantasie. Seiner und Elmas, die gleich ihm von Werneuchens Ängstlichkeit angesteckt war. Aber er konnte nicht mehr anders. Obwohl er das Unsinnige dieser Gedankenverbindung einsah, schoß es ihm doch in klarer Formulierung durch den Kopf: »Wer jeden Tag, durch Wochen hindurch, diese Straße entlang ging, wie es Werneuchen getan hatte, der war ungeheuer dazu prädestiniert, ermordet zu werden!« Auch als er aus der entsetzlichen Straße hinaus war und das Fabrikgebäude nicht mehr im Nacken hatte, stand es für ihn noch fest, eigentlich zum erstenmal ganz klar und ausgesprochen fest, daß Werneuchen fort war und nicht mehr wiederkommen würde. Eigentlich hatte er es schon gewußt, als er sich auf den Weg zu Herrn Berdelow machte. Aber jetzt war es unverrückbar: Werneuchen war fort, ermordet oder geflohen. Jedenfalls fort! In solchen Gedanken war er bis in die Maximilianstraße gekommen. Er atmete auf. Endlich wurde er den Geruch übler Gegenden los. – Als er die elegante Straße entlangschlenderte, sah die Welt wieder anders aus. Aber er war so zerschlagen von seinen Grübeleien, so todmüde von den Eindrücken der letzten Stunde, daß er in die Ceylon-Teestube unter den Arkaden trat, um sich auszuruhen. Der Raum war um diese Zeit so stark besetzt, daß er kaum einen Platz bekam. Ehe er etwas bestellte, kam ihm der Gedanke, nach Hause zu telephonieren. Post konnte inzwischen kaum gekommen sein, vielleicht aber ein Telegramm oder ein wichtiger Anruf. Vielleicht hatte Elma sogar von Ernst Alexander einen Brief erhalten. Auguste war zu Hause. Sie berichtete ihm, daß Fräulein Diepenbroich inzwischen zweimal angerufen hatte. Das letztemal vor kaum zehn Minuten. Es wäre eine dringende Angelegenheit. Sie hätte bereits in der ganzen Stadt herumtelephoniert, um ihn zu erreichen. Der Herr Kamp möge sofort, auf dem schnellsten Wege in die Lindwurmstraße kommen und unauffällig vor dem Hause Nr. .... auf- und abgehen. Das Fräulein habe gehofft, daß Herr Kamp zu Hause anrufen würde und diese Nachricht ihn noch zur Zeit erreiche. Ohne Besinnen hängte Kamp ab und stürzte hinaus. Im nächsten Augenblick saß er in einem vorüberfahrenden Auto. Er ahnte, was sich zugetragen hatte. Nein, er ahnte es nicht, er wußte es genau: Elma hatte den Packer Bensch wiedergesehen! Achtes Kapitel Kurz bevor ihre Eltern vom Nachmittagsschlaf aufstanden, schlich Elma aus der Wohnung heraus. Sie hielt es nicht mehr aus, in der furchtbaren Spannung, in der sie sich befand, die Gleichgültige zu spielen. Ihr Vater hatte, wie immer, nichts an ihr bemerkt, aber ihre Mutter hatte sie bei Tisch zweimal mit Blicken gestreift, die sie kannte. Sie hatte sich bemüht, ruhig zu sein, und vielleicht nur deswegen hatte sie am Telephon zu Otmar Kamp eine vielleicht allzu gleichgültige Auffassung über Werneuchens Schicksal gezeigt. Im Grunde war sie nichts weniger als beruhigt, aber sie hatte Angst vor dem Augenblick, wo Rechtsanwalt und Polizei benachrichtigt wurden. Bis dahin konnte man die Augen zumachen und vor sich selber fast so tun, als wenn nichts geschehen war. Aber dann begann der Mechanismus die Katastrophe aufzurollen und durchzuwalken. Erst dann wurde alles furchtbare Wirklichkeit, und davor entsetzte sie sich. Ihr war, als müsse sie diesen Augenblick mit allen Kräften hinausschieben. Wenn sie ganz ehrlich vor sich selber war, hatte sie eigentlich keinen Zweifel, daß Werneuchen nicht mehr unter den Lebenden weilte. Er war tot, er war ermordet. Immerhin – dieses Gefühl hatte sie – könnte auf einmal ein Brief von ihm kommen, und alles löste sich wie ein Alpdruck nach dem Emporschrecken auf. Man hatte von Ermordungen gelesen und wußte, daß sich solche Dinge tatsächlich in der Welt zutrugen. Aber daß einem selbst so etwas zustieß, das war unglaublich, traumhaft, unwirklich. Es war kaum auszudenken in seiner Furchtbarkeit Und so war es vielleicht wirklich nur ein Traum, aus dem es ein plötzliches und unwahrscheinliches Erwachen gab. Aber sie wußte genau, daß diesmal hinter dem Traumhaften die Wirklichkeit stand. Sie hatte es begriffen, seit ihr der Packer Bensch eingefallen war. Es war das drittemal, daß Bensch auftauchte. Das drittemal, nach den Warnungen seines zweimaligen Kommens, mußte es etwas zu bedeuten haben: den Tod. Was sie von diesem ganzen Vorgang fassen konnte, war noch lange nicht alles. Wie eine zermalmende Kugel rollte es auf sie zu. Aber ganz empfinden würde sie es erst, wenn es sich in einzelnes auflöste und sie Stück für Stück des Entsetzlichen in die Hand nehmen und beschauen würde. Über diese Dinge war sie sich vollständig klar. Sie wußte, daß die nächsten Tage ihr kaum Erträgliches aufbürden würden, auch wenn sie jetzt das Unerträgliche nicht fühlte, obwohl es eigentlich schon da war. Aber etwas hatte sie bereits begriffen, und es füllte sie so völlig mit ungeheurem Weh und einer brennenden Scham aus, daß fast nichts anderes in ihr Raum hatte: daß sie den Mörder gesehen und gesprochen und ihm sogar noch die Hand gereicht hatte, ohne daß ein Gedanke oder die Ahnung einer Vermutung von ihm in ihr Gehirn geschlagen war. Sie hatte neben ihm gestanden, sie hatte die Hand gefaßt, die vielleicht, nein, sicher! Ernst Alexander umgebracht hatte, und sie hatte nichts gewußt. Und dennoch, schon damals – jetzt wußte sie es ganz bestimmt – hatte sie es tief im Gefühl gehabt, so tief freilich, daß es gerade noch unbemerkt dicht unter der Schwelle ihres Bewußtseins lag. Und aus diesem Gefühl heraus war ihr dann plötzlich die Erkenntnis gekommen, daß der Unheimliche niemand anders sein konnte als jener grauenhafte Packer. Mit einemmal war ihr alles klar geworden, und im nächsten Augenblick stand sie am Telephon, um es Kamp zu sagen. Weil sie dieses Allerfurchtbarste nie geglaubt hätte, wenn sie es nicht von der eigenen Stimme ausgesprochen hörte. Sie wußte nicht, was geschehen sollte. In den nächsten Stunden oder am nächsten Tage würde alles losrollen – das wußte sie – mit Verhandlungen, Polizisten, Untersuchungen. Und sie würde dabeisitzen und immer nur das eine denken, daß sie den Mörder gesehen hatte, nur einen Tag nach seiner ruchlosen Tat. Sie wußte nicht, wohin sie gehen sollte. Sie schlenderte durch die Augustenstraße. Dann fiel ihr ein, daß sie vielleicht Kamp in der Bibliothek aufsuchen konnte. Gewiß arbeitete er dort. Sie stand vor den Anschlägen der Universität, um herauszubekommen, ob er eine Vorlesung hatte. Sie ging in den Lesesaal. Nirgends sah sie ihn. Eigentlich dachte sie auch gar nicht daran, ihn zu finden. Sie wollte nur vor sich selber so tun, als ob ihr Gang durch die Stadt einen Sinn hatte. In Wirklichkeit hatte sie sogar Angst davor, Kamp zu treffen. Sie erwartete von ihm Vorwürfe, daß sie den Mörder ihres Verlobten in dem unheimlichen Menschen nicht gewittert hatte. Nicht einmal nur Vorwürfe, sondern Verachtung, eine wegwerfende Verachtung, die sie vernichten mußte. Dennoch rief sie bei ihm an. Er war in die Stadt gefahren. Die alte Auguste wußte nicht, wohin. Vielleicht hatte er schon den Rechtsanwalt aufgesucht. Oder er hatte, einer plötzlichen Eingebung folgend, die Polizei alarmiert. Eigentlich mußte er das tun. Sie hätte es gar nicht von ihm verstanden, wenn er es nicht getan hätte. Obwohl sie selbst noch eben dagegen gewesen war. Sie setzte sich in das Café, wo Otmar Kamp ihr Werneuchens letzten Brief vorgelesen hatte. Sie wartete sogar eine Viertelstunde, bis der Platz, wo sie damals gesessen hatten, frei wurde und sie sich auf denselben Stuhl setzen konnte. Dort saß sie lange und versuchte sich einzubilden, daß es damals war. Aus Spielerei, und als ob sie die Zeit dazwischen auslöschen könnte. Damals hatte sie noch mit keiner Silbe an das Furchtbare gedacht. Sie sehnte sich nach diesem Vormittag zurück, obwohl sie doch damals schon unglücklich und fast verzweifelt gewesen war. Aber es war doch eine andere und viel müdere Form des Unglücklichseins gewesen! Sie sehnte sich danach, wieder nur so unglücklich zu sein, wie sie damals gewesen war. Unterdessen betrachtete sie sich im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Sie sah fast noch genau so aus wie damals. Was war das Leben denn eigentlich, wenn sie jetzt noch so aussah wie an jenem Vormittag? War sie dann nicht auch noch dieselbe Person? Konnte sie nicht einfach aufstehen und hinausgehen, und alles war nicht gewesen? Lächerlich! Aber es gelang ihr, sich für lange Zeit ganz gefühllos zu machen. Sie brauchte sich nur einige Zeit im Spiegel zu betrachten. Dort saß Elma Diepenbroich, eine hübsche junge Dame der besten Gesellschaft. Sie hatte dunkles Haar und wunderhübsche blaue Augen. Und sie hatte ein neues Frühjahrskostüm an. Einige Jünglinge sahen interessiert nach ihr hin. Das war immer so. Man beneidete sie. Dann zahlte sie und ging hinaus, noch immer ganz mit sich beschäftigt, alles andere von sich forthaltend. Es ließ sich gewiß noch eine ganze Weile fortführen. Sie ging über den Karlsplatz. Gewissermaßen ging sie selber neben sich und beobachtete sich, wie sie über den Karlsplatz ging. Sie sah auch alle Menschen, die dort vorübereilten. Sie sah einen Schutzmann an der Ecke zur Sonnenstraße stehen. Genau so einen, wie der, der dabeigestanden hatte, als sie mit dem Mörder ihres Verlobten sprach. Auf einmal sah sie Bensch. Er ging ziemlich langsam über den Platz und bog neben dem Schutzmann in die Sonnenstraße ein. In diesem Augenblick wachte sie auf, oder vielmehr, sie teilte sich in zwei Hälften. Die eine Hälfte spannte sich, dachte angestrengt nach, faßte Entschlüsse. Die andere Hälfte sah dem allen neugierig zu. Sie trat ruhig, als ob sie eine Auskunft haben wollte, auf den Schutzmann zu und bat ihn, jede verdächtige Bewegung zu unterlassen. Der Mann sah sie erstaunt an. Sie bezeichnete ihm den Herrn im grauen Anzug, der dort eben hinter einem Radfahrer den Bürgersteig erreicht hatte. »Bitte bleiben Sie ganz ruhig und sehen Sie nicht auffällig nach ihm hin! Dieser Mann ist ein Raubmörder! Ich flehe Sie an, mir zu glauben! Ich bin die Tochter des Professors Diepenbroich aus der Agnesstraße. Ich gehe jetzt hinter dem Manne her und behalte ihn im Auge. Bitte schicken Sie mir Hilfe!« Dann ging sie langsam weiter, um Bensch nicht aus dem Auge zu verlieren. Daß er sie bemerkt hatte, hielt sie für ausgeschlossen. Nur wußte sie nicht, ob der Sipomann ihr glauben oder sie für wahnsinnig halten würde. Außerdem wußte sie nicht, ob der Mann seinen Posten verlassen durfte und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, was er nun machen würde. Inzwischen war sie Bensch auf die andere Seite der Sonnenstraße gefolgt. Auf einmal fiel ihr ein, daß sie zu dem Schutzmann das Wort »Raubmörder« gebraucht hatte. Es war ihr ganz unwillkürlich über die Lippen gesprungen. Sie hätte auch kaum etwas anderes sagen können, um seine Teilnahme auf die höchste Spitze zu treiben. Aber daß sie dieses furchtbare Wort, das für sie selbst soviel in sich faßte, nun wirklich zum erstenmal gebraucht hatte, erregte sie bis ins Innerste. Daneben aber verfolgte sie ganz kaltblütig ihre Spur. Sie selbst wunderte sich über dieses nahe Nebeneinander der starken Spannung und der klaren Überlegung. Bensch war inzwischen die Sonnenstraße entlang gegangen und überquerte den Sendlinger Torplatz. Sie kamen an verschiedenen Polizisten vorüber, und jedesmal überlegte sie sich, ob sie nicht auch noch diese alarmieren sollte. Aber sie hatte Furcht, einen anzusprechen. Vielleicht merkte der Verfolgte es. Vielleicht hatte er sie überhaupt schon gesehen. Mit aller Kraft ihrer Seele wartete sie auf Hilfe vom Karlsplatz. Der Sipomann mußte doch irgend etwas veranlassen! Benschs Verhalten war ganz merkwürdig. Manchmal blieb er stehen und starrte lange in eine Schaufensterauslage. Dann ging er beschleunigt weiter. Sie kam schließlich auf den Gedanken, daß er selbst jemanden verfolge, und mußte denken, ob er nicht auch ihnen auf die ganz gleiche Weise nachgeschlichen war, als sie vom Promenadenplatz zum Elisabethplatz gingen. Jetzt bog Bensch in die Lindwurmstraße ein. Als sie noch immer niemanden hinter sich bemerkte, drohte sie fast zusammenzubrechen. Der Sipomann auf dem Karlsplatz hatte ihr wohl nicht geglaubt oder seinen Posten nicht verlassen dürfen. Mit aller Kraft zwang sie sich weiterzugehen. Und wenn sie sich selbst auf Bensch stürzen müßte, sie wollte seiner habhaft werden! Auf einmal ging ein Herr neben ihr. Sie wußte sofort, daß er ihr zu Hilfe kam. Es war ein gut aussehender Herr in blauem Anzug, mit einem blonden Schnurrbart auf der Oberlippe. »Der Mann dort an der Laterne ist der Bewußte, nicht wahr?« »Ja!« sagte sie tonlos und hastete weiter. Sie konnte das Gefühl, das sie überkam, nicht in Worte fassen. Der Herr stellte sich ihr, neben ihr herschreitend, als Polizeikommissar Leuthold vor. Er wäre zufällig auf der Wache am Stachus gewesen, als die Meldung des Wachtmeisters eintraf, und hätte sich sofort mit zwei Kriminalbeamten in Zivil aufgemacht. Er beobachtete sie bereits seit dem Sendlinger Torplatz. Der eine der beiden Wachtmeister ging auf der anderen Seite der Straße, der andere fuhr als Radfahrer etwa fünfzig Schritt vor dem Verfolger her. Von Zeit zu Zeit stieg er ab, befühlte seine Pneumatiks und schüttelte den Kopf, ganz wie ein Radler, dem die Luft ausgeht und der noch eine weite Tour vor sich hat. »Wie ungeschickt!« zischelte Kommissar Leuthold durch die Zähne, als der Radfahrer immer wieder abstieg. Bei aller Aufregung bemerkte Elma, daß er ihr imponieren wollte und mußte lächeln. »Wissen Sie, gnädiges Fräulein, es ist bei dieser Expedition alles ein bißchen improvisiert. Da ist nichts zu machen. Wenn der Kerl da vorn vom Bau ist, weiß er jetzt, daß wir hinter ihm her sind. Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt etwas viel zu Ihnen spreche. Aber es ist natürlich, wenn wir ordentlich ins Gespräch verwickelt scheinen.« Elma wunderte sich, daß man Bensch nicht einfach festnahm. »Los, los!« rief sie in höchster Aufregung. »Weshalb verhaften Sie ihn nicht?« Der Kommissar aber wollte ihn noch beobachten. »Wer weiß, was wir noch alles entdecken!« Auf einmal ging Bensch auf den Eingang eines kleinen Cafés zu, steckte sich eine Zigarette an und drehte sich dabei, wie um die Windrichtung für das Zündholz zu prüfen, halb nach rückwärts um, ehe er hineinging. Elma trat mit einem unbewußten Schritt halb hinter den Rücken des Kommissars, der ein bedenkliches Gesicht machte. Sie erschrak. »Hat er uns jetzt gesehen? Weshalb wird er nicht endlich verhaftet?« Sie hatte die Empfindung, daß ihr Leben von dieser Jagd abhing. Leuthold beruhigte sie. Es wäre kaum möglich, daß er sie bemerkt hätte. »Und wenn auch. Er ist in der Falle. Ich kenne dieses Lokal. Es hat keinen Ausgang nach hinten, außer durch die Küche. Wir haben ihn!« Der Radfahrer vor ihnen stieg ab, lehnte das Rad an die Wand und begann anscheinend seinen entzweigegangenen Schlauch auszubessern. Es sah so natürlich aus, daß Elma wiederum zweifelte, ob dieser Mann wirklich zu ihnen gehörte. Aber auch das konnte sie nicht beruhigen. »Worauf warten Sie denn eigentlich noch? Um Gottes willen, verhaften Sie ihn schnell!« Der Kommissar aber war dafür, erst einzugreifen, wenn Bensch das Café wieder verließ. Auch wenn es Stunden dauern sollte. Wahrscheinlich hätte dieser Bensch, oder wie er hieß, in dem Lokal eine Verabredung. Man könnte vielleicht gleich Helfershelfer mit verhaften, wenn man wartete. Dann käme es auch in einem solchen Falle darauf an, die einzelnen Komplizen möglichst getrennt voneinander dingfest zu machen. Man arbeitete so am besten dem Untersuchungsrichter in die Hände. »Ja, mein gnädiges Fräulein, so einfach ist der Beruf des Kriminalisten nicht!« »Und wenn sie alle zusammen herauskommen?« fragte Elma drängend. Der Mann brachte sie mit seiner vorsichtigen Taktik zur Verzweiflung. »Das tun sie nicht. Diese Leute kommen immer einzeln und unauffällig heraus.« »Und wenn diese Komplizen, oder wie Sie sagen, zuerst herauskommen und wir sie nicht erkennen?« »Wenn etwas Verdächtiges herauskommt, packen wir schon zu. Nun, wir werden ja sehen. Verlassen Sie sich nur ganz auf uns alte erfahrene Kriminalisten.« Der eine Wachtmeister kam über die Straße herüber und empfahl, daß jemand in das Lokal hineingehen und erkunden sollte, mit wem der Mann dort drinnen zusammensitze. Leider wäre die Sache gewagt. »Wenn es ein schwerer Junge ist, kennt er uns alle drei.« Der Kommissar war dafür, zunächst einmal abzuwarten. Auch der Radfahrer kam heran und wurde Elma als Wachtmeister Neumann vorgestellt. Er machte einen stillen, fast einfältigen Eindruck. »Ich kenne das Lokal nicht«, sagte er leise. »Hat es wirklich keinen Hinterausgang?« »Verlassen Sie sich darauf!« entgegnete der Kommissar. »Aus diesem Lokal kommt keine Katze heraus.« Der Wachtmeister zuckte die Achseln. Sie richteten sich auf langes Warten ein. Es konnte zwei, auch drei Stunden dauern. Sie postierten sich in den Toreingängen der benachbarten Häuser. Elma stand mit dem Kommissar zusammen. Sie erzählte ihm in Kürze, worum es sich handelte. »Das sind sehr ungewisse Vermutungen, gnädiges Fräulein, und wenn Sie mir das alles erzählt hätten, würde ich deswegen kein solches Aufgebot in Bewegung gesetzt haben. Aber etwas überzeugt mich in der Tat davon, daß wir es hier mit einem Verbrecher zu tun haben: das Aussehen und der Gang dieses Mannes. Ein Verbrecher scheint er mir zu sein. Ob er tatsächlich ein Verbrechen begangen hat, darüber wage ich jetzt noch nichts zu sagen.« Elma wollte nach Hause telephonieren und nochmals versuchen, Kamp zu erreichen. »Das können Sie ruhig tun«, meinte Leuthold. »Da der Mann nicht sofort wieder herausgekommen ist, wird er wohl noch einige Zeit drin bleiben. Vielleicht hat er dort wichtige Konferenzen.« Elma ging in den nächsten Laden und teilte zu Hause mit, daß sie bei einer Freundin wäre und wohl erst spät wiederkommen würde. Dann rief sie bei Kamp an. Otmar war noch nicht nach Hause gekommen und hatte auch nicht aus der Stadt angerufen. »Dann wird er es wahrscheinlich sehr bald tun. Liebe Auguste, bestellen Sie ihm doch, daß er in die Lindwurmstraße kommen und vor dem Hause Nr. ... unauffällig auf und ab gehen soll.« Auguste notierte sich die Bestellung, und knapp zehn Minuten später raste Kamp herbei. Als sein Auto in die Lindwurmstraße einbog, prüfte er die Hausnummern, sah, daß die angegebene Stelle noch ziemlich weit sein mußte, und ließ den Wagen noch einige hundert Meter laufen. Dann stieg er aus und schlenderte unauffällig, wie man es von ihm verlangt hatte, eine Zigarette rauchend und mit dem Stock schlenkernd, dahin. Er kam an dem bestimmten Haus vorüber, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Nicht einmal ein Polizist war zu sehen, wie er es mit Bestimmtheit angenommen hatte. Vielleicht hatte man ihn doch zum Narren gehalten. Vielleicht saß Bensch oder Berdelow oder weiß der Himmel wer hinter einem dieser unzähligen Fenster und lachte ihn aus. Er hatte das Gefühl, daß er heute verurteilt war, aus den Armeleutegegenden nicht mehr herauszukommen. Besonders an dieser Stelle war die Straße ärmlich und häßlich. Zwischen dürftigen Häuschen standen zerfallene Mietskasernen. In den Erdgeschossen lagen kleine Läden. In einem Hause gab es sogar eine Art Café und Restaurant. Dieses Lokal machte nicht einmal einen allzu üblen Eindruck. Vielleicht hielt sich Elma in diesem Lokal auf, dachte er, aber er ging doch nicht hinein, um nichts zu verderben. Er machte gerade kehrt und wollte ein Stück zurückgehen, als er sich von Elma angerufen hörte. Er sah sie mit dem Kommissar im Toreingang des Nachbarhauses stehen. Mit wenigen Worten war er im Bilde. »Bitte, sagen Sie den Herren, daß man ihn sofort verhaften muß!« flehte sie Kamp an. »Weshalb hat man ihn nicht sofort festgenommen!« Sie kam von dem Gedanken nicht los, daß Bensch trotz aller Versicherungen Leutholds bereits entschlüpft war. Leuthold war noch immer nicht für ein offenes Eindringen in das Lokal mit gewaltmäßiger Verhaftung. Aber vielleicht konnte man etwas anderes tun. Er winkte die beiden Wachtmeister herbei. Nach kurzer Beratung wurde beschlossen, daß Kamp in das Café hineingehen sollte. »Wenn dieser Bensch dort eine Verabredung hat, wie zu vermuten ist, müssen seine Komplizen längst drin gewesen sein. Er muß also mit ihnen zusammensitzen. Gehen Sie nur hinein, Herr Kamp. Es schadet auch nichts, wenn der Bensch Sie erkennen sollte. Reden Sie ihn ruhig mit Erkner an und drücken Sie Ihre Verwunderung aus, daß er noch immer in München ist. Damit Ihnen nichts passiert, stelle ich Ihnen zur Sicherheit Herrn Neumann vor die Tür.« Kamp war sofort damit einverstanden. Gleichwohl schlug ihm das Herz bis zum Hals, nicht aus Angst, sondern vor Aufregung. Er klinkte die Tür auf und trat ein. Im vorderen Raum, wo ein Büfett mit Kuchen und Schnäpsen aufgebaut war, saß nur ein Liebespaar. Er sah sie flüchtig an und ging mit raschen Schritten zum hinteren Zimmer. Durch die Glastüre sah er einige Gestalten sitzen. Er trat ein, aber fast wäre er mit einem Aufschrei zurückgeprallt. Bensch war nicht in dem Raum, dafür aber saßen an einem Tischchen in der Ecke als einzige Gäste – Frau Gerda und der Musiker Reuschhagen. Gerda stieß einen leichten Schrei aus, als sie ihn erblickte. Reuschhagen drehte sich erschrocken um. »Ach Sie sind's«, sagte er. »Ich dachte schon, Werneuchen wäre da.« Neuntes Kapitel »Werneuchen ist doch verreist«, sagte Kamp, um überhaupt etwas zu sagen. Er stand unschlüssig da. Er wußte, diese überraschende Szene verlangte etwas Ungewöhnliches von ihm, aber er war außerstande, auch nur einen Gedanken zu fassen. »Setzen Sie sich nicht?« fragte Reuschhagen und schob ihm mit seiner Lakaienhöflichkeit einen Stuhl hin. Kamp nahm automatisch Platz. Die Kellnerin erschien. Er bestellte wie auf eingeflüsterten Befehl Kaffee und ertappte sich bei dem Gedanken, daß er nun endlich zu seinem Nachmittagskaffee kommen würde. Frau Gerda sagte inzwischen etwas, das er vor Aufregung nicht verstand. Er verstand überhaupt nichts mehr. Gerda – Bensch, Bensch – Gerda! ging es ihm durch den Kopf. Gerda will ihre Möbel haben, es erscheint Bensch! Man verfolgt Bensch – auf einmal findet man Gerda! Natürlich war das nur ein Zufall. Er sagte es sich selbst. Es konnte gar nichts anderes als ein merkwürdiger Zufall sein. Aber dieser Zufall übertölpelte ihn. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Schon unter gewöhnlichen Umständen mußte ihm die Nähe dieser Frau peinlich sein. Auch wenn er davon absah, daß draußen Elma mit drei Polizisten wartete, so bestand doch immerhin noch die Tatsache, daß der Mann dieser Frau seit einigen Tagen verschwunden war und sie wahrscheinlich noch nichts davon wußte. Und Kamp, der doch schließlich ihr Feind war, mußte es ihr vielleicht mitteilen. Es lag ein geradezu wahnsinniges Durcheinander in dieser Verschlingung. »War nicht ein Herr in diesem Raum?« fragte Kamp endlich. »Ein auffallend großer starker Herr im grauen Anzug?« Die beiden schüttelten den Kopf. Sie wollten nichts gesehen haben, verstanden vielleicht nicht einmal Kamps Frage. Das Zimmer hatte drei Türen: die große offene Schiebetür, durch die man aus dem Büfettraum kam, eine Tür, die in die Küche führte, und eine kleinere Tür zur Toilette. Durch die Küche konnte Bensch kaum gegangen sein, ohne Aufsehen und Lärm zu erregen. Blieb nur die dritte Tür übrig. »Wie lange sitzen Sie schon hier?« fragte Kamp. »Mein Gott!« fuhr Gerda nervös auf. »Sie verhören uns ja geradezu!« »Gnädige Frau, es handelt sich um eine merkwürdige Angelegenheit, die der Aufklärung bedarf«, fing Kamp an, stockte aber gleich wieder. Er wußte nicht, ob er vor diesen beiden Menschen den Namen Bensch überhaupt erwähnen und besonders von Elma ein Wort sagen durfte. Oder von dem Polizeiaufgebot draußen, oder den fünftausend Mark, oder überhaupt von allem. »Ich beschwöre Sie, gnädige Frau, sagen Sie mir um Gottes willen, wie lange Sie schon hier sitzen!« »Seit einer Stunde!« sagte Gerda. »Wir haben hier nämlich einiges zu besprechen. Sie können das ruhig Ihrem Freund Werneuchen, dessen Spion Sie doch wohl sind, mitteilen.« »Ich bin kein Spion!« fuhr Kamp auf, dachte aber gleich daran, daß diese Frau ein gewisses Recht hatte, ihn so zu bezeichnen. »Gestatten Sie, daß ich darüber anders unterrichtet bin«, sagte Frau Gerda scharf. »Gnädige Frau, wollen wir diese Sachen nicht einen Augenblick ruhen lassen? Es steht hier etwas ganz anderes auf dem Spiel. Wenn Sie schon solange hier sitzen, müssen Sie gesehen haben, wie jemand hier durchging.« Kamp sagte es fast flehend. Schließlich handelte es sich doch immerhin um das Leben ihres Mannes. »Vielleicht, daß hier jemand durchging«, sagte Gerda. »Ich habe nicht so genau darauf geachtet. Dann muß er jedenfalls dort drin sein.« Sie zeigte mit der Hand nach der kleinen Tür. Bensch war also jedenfalls in jenem Raum. Er wagte wohl nicht, herauszukommen, da er von Gerda und Reuschhagen, die ihn ja kennen mußten, erkannt zu werden fürchtete. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!« sagte Kamp und erhob sich. Er glaubte, Elma und dem Kommissar dieses seltsame Zusammentreffen nicht länger verheimlichen zu dürfen. »Ist er drin?« fragte Elma draußen erregt Kamp zuckte die Achseln und erzählte, was ihm drinnen begegnet war. Elma brannte förmlich auf. Sie schien über diese Nachricht alles andere zu vergessen. »Ich muß sie kennenlernen!« rief sie in höchster Erregung. »Ich muß die Frau kennenlernen. Ich muß sie sprechen. Es hängt ja soviel davon ab! Nehmen Sie mich als eine Bekannte von sich mit hinein!« Kamp sah den Kommissar an. Er verstand Elma nicht. Was konnte sie in diesem Augenblick von Frau Gerda wollen? »Haben die Herrschaften dort drin mit dem Verschwinden des Herrn Werneuchen irgend etwas zu tun?« fragte der Kommissar. Elma und Kamp sahen sich an. »Nein!« sagten sie dann gleichzeitig. In diesem Augenblick traten Gerda und Adalbert Reuschhagen aus dem Cafe heraus, grüßten kurz und gingen die Lindwurmstraße hinab nach der Stadt. Elma verschlang die Frau mit den Augen. »Das ist sie!« sagte sie leise. »Das ist sie!« Sie sahen den beiden nach, wie sie die Straße hinunterschritten, die schlanke, große Frau, die sich leicht in den Knien wiegte, und der kleine, frisch aufgebügelte Reuschhagen mit dem wippenden Gang. Wieder war es Kamp unverständlich, was diese Menschen aneinanderband. Und doch mußte es so stark gewesen sein, daß es alle Beteiligten unglücklich gemacht hatte. Wie mochten sie jetzt miteinander stehen, da Reuschhagen seine Zeugenaussage verweigert hatte? »Ob diese Herrschaften nicht doch in dem Café mit Bensch verabredet waren?« fragte der Kommissar. Kamp schüttelte den Kopf. Ein solcher Gedanke wollte ihm nicht eingehen. »Man erlebt oft die merkwürdigsten Sachen!« bemerkte Leuthold. »Nein!« rief Elma dazwischen. »Jetzt ist es mir klar, wie es gewesen ist. Bensch sah Frau Werneuchen zufällig auf der Straße und erkannte sie. Er ging ihr nach, weil es ihm natürlich nicht gleichgültig sein konnte, was diese Frau hier in München trieb. Deshalb benahm er sich auch so seltsam. Ich hatte gleich den Eindruck, daß er jemandem unbemerkt folgen wollte. Als er in das Café eintrat, bemerkte er, daß er selber verfolgt wurde. Er ging hinein, um durch einen Hinterausgang zu entkommen. Er wird das Café nicht gekannt haben, vielleicht vermutete er mehrere Räume darin. Nun gab es nur das eine Hinterzimmer. Damit Herr Reuschhagen und Frau Werneuchen ihn nicht erkennen, mußte er schnell hindurchgehen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als in das Kabinett zu treten. So ist es!« Der Kommissar gab ihr recht Es konnte in der Tat sein, daß Bensch seine Verfolger bemerkt hatte. Wahrscheinlich hatte er bereits Verdacht geschöpft, als er den Radfahrer ständig vor sich sah. So war er denn schnell in das Café eingetreten, wo er sich wiederum vor Reuschhagen und Frau Werneuchen verbergen mußte und jetzt festsaß. »Schnell, schnell! Worauf warten wir denn noch!« drängte Elma. »Das ist ja doch jetzt alles viel zu spät!« »Das eine möchte ich noch bemerken,« sagte der Kommissar, »daß dieses Zusammentreffen zwischen Bensch, oder wie er heißen mag, und den beiden Herrschaften dort aus dem Café auf keinen Fall ein reiner Zufall ist. An solche Zufälle glaubt der Kriminalist nicht. Immerhin mag die Erklärung des gnädigen Fräuleins genügen. Aber nun wollen wir das Nest ausheben.« »Viel zu spät!« sagte Elma. »Es ist niemand mehr drin!« »Unsinn!« gab Leuthold zurück und erteilte den Beamten seine Befehle. Die Kriminalisten gingen hinein, Kamp und Elma folgten. Der Wirt und die Kellnerin waren im Augenblick verständigt. Das Liebespaar in der Ecke vorn stand neugierig auf und sah sich die Geschichte an. »Es ist niemand mehr dal« sagte Elma noch einmal. Der Wachtmeister Neumann war schnell durch die Küche in den Hof gegangen. Auf einmal trat er aus der Tür des Kabinetts heraus und sagte mit seiner leisen unpathetischen Stimme: »Der Vogel ist fort!« Er sagte es mit einem kaum versteckten Lächeln. Wahrscheinlich war er längst davon überzeugt. Elma stieß einen Schrei aus. Der Kommissar errötete vor Wut. Das Rätsel löste sich sehr einfach. Von dem verschwiegenen Raum führte ein breites Fenster in den Hof. Bensch hatte in aller Gemächlichkeit hinaussteigen und durch das Hinterhaus ins Freie gelangen können. An dieses Fenster hatte Leuthold nicht gedacht. Gewiß war er ein ausgezeichneter Kriminalist, aber diesmal hatte er einen Bock geschossen. Man hätte Bensch wirklich sofort auf der Straße verhaften sollen. »Ich bin ein Riesenrindvieh! Ich bin ein Idiot!« tobte er gegen sich selber. Der eine Beamte grinste dazu. Neumanns kleines Vogelgesicht war wieder unbeweglich und ausdruckslos geworden. Jetzt, nachdem die Spannung der letzten Stunden verflogen war, fühlten sie sich sämtlich stark erschöpft. Man setzte sich hin. Kamp bestellte Kaffee und einige Schnäpse. Der Wirt, die Kellnerin und das Pärchen bestätigten ihnen, was sie schon wußten oder sich denken konnten: Reuschhagen hatte bereits längere Zeit in dem Hinterzimmer gesessen, wo er fast jeden Tag seinen Kaffee einzunehmen und Zeitungen zu lesen pflegte. Gegen halb fünf war Frau Gerda hereingekommen, und kaum eine halbe Minute später der große Mann in dem dunkelgrauen Anzug. Er war rasch durch das Lokal gegangen und nachher verschwunden. Die Kellnerin hatte sich wohl gewundert, aber nicht weiter auf ihn geachtet, da es oft vorkam, daß Personen nur einen Blick in das Lokal warfen und wieder hinausgingen. Als sie in das hintere Zimmer kam, waren nur noch Reuschhagen und die Dame dort anwesend. »Das nenne ich eine verunglückte Expedition!« sagte Leuthold und goß seinen Kognak hinunter. Die beiden Wachtmeister wußten von den Zusammenhängen der Geschichte noch gar nichts. »Heißt er wirklich Bensch?« fragte Neumann. Man konnte ihm darauf nichts antworten. Es war ja sogar möglich, daß Bensch schon als Packer einen falschen Namen angenommen hatte, und es war immerhin noch fraglich, ob es sich überhaupt um jenen Packer handelte. »Ich meine nur,« sagte der andere Wachtmeister, »wenn man den Namen wüßte, wäre schon viel gewonnen. Man kennt doch die Hauptkunden. Allerdings bei diesem Ausreißer kann ich mich nicht entsinnen, ihn schon gesehen zu haben. Vielleicht arbeitet er nur selten in München.« Kamp fragte, ob sie diesen Mann überhaupt für einen schweren Verbrecher hielten und ob hier kein Irrtum möglich wäre. Die beiden Wachtmeister lächelten. »Nein, Herr! Das ist ein ganz schwerer Junge. Da ist kein Zweifel!« »Herrschaften!« sagte der Kommissar und erhob sich. »Jetzt muß gearbeitet werden!« Man brach auf. Draußen entließ Leuthold die beiden Beamten und forderte Elma und Kamp auf, ihn ins Polizeipräsidium zu begleiten. »Jetzt müssen wir methodisch vorgehen!« Während sich Elma von den beiden Wachtmeistern verabschiedete, fragte Kamp leise den Kommissar, was nach seinem Empfinden aus Werneuchen geworden wäre. »Wissen Sie,« sagte Leuthold, »wenn ich das Gesicht dieses Herrn Bensch, oder wie er heißen mag, gesehen hätte, könnte ich es Ihnen mit Bestimmtheit sagen. Manches in der Rückenpartie scheint mir aber auch schon deutlich genug. Ich fürchte, Herr Werneuchen ist tot!« Kamp hatte es gedacht. Zehntes Kapitel Eine Viertelstunde später wurden sie in ein kahles Bürozimmer geführt, und der Kommissar ließ sie eine ganze Weile allein. Erst jetzt kam ihnen zu Bewußtsein, daß die Angelegenheit wie eine Lawine vorwärtsgestürzt war. Aus einer unklaren Befürchtung war in wenigen Stunden »der Fall Werneuchen« geworden. Noch heute abend würde in dem gelben Schreibtisch, hinter dem sie Platz genommen hatten, ein neues Aktenstück mit Werneuchens Namen liegen. Kamp beobachtete das junge Mädchen. Ob sich Elma die ganze Schwere der Ereignisse bereits klargemacht hatte? Wie sie jetzt vor ihm saß, bemerkte er auf einmal, daß sie um Jahre gealtert war. Man konnte sie jetzt nicht mehr für achtzehn Jahre alt halten. Wie eine Witwe saß sie da, die alle Hoffnung begraben hat. Kamp mußte an die Hast denken, mit der sie Gerdas Bekanntschaft hatte machen wollen. Versprach sie sich noch etwas von einer Unterredung mit der Frau ihres Freundes? Aber es war wohl bei ihr nur noch ein Nachschwingen früherer Einstellung. Kamp jedenfalls hatte die Hoffnung, daß Werneuchen noch am Leben sein könnte, vollkommen aufgegeben. Er saß nicht mehr hier, um noch zu helfen oder zu retten. Er wollte nur noch sein möglichstes beitragen, um den Täter oder die Täter zu entlarven. Ja, bei aller Erschöpfung spürte er sogar etwas wie einen gespannten Tatendrang in sich. Dabei dachte er im Innern natürlich fortgesetzt an Ernst Alexander. Er wußte auch, daß in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder Augenblicke kommen würden, wo er um ihn weinte. Ja, geradezu weinte. Alle Worte, die Werneuchen je zu ihm gesprochen hatte, würden auferstehen und ihm mit Werneuchens leiser Stimme, dieser immer ein wenig ironischen Stimme, im Ohr weiterklingen. Werneuchen, dachte er, war sicher ein guter, ein ausgezeichneter Mensch gewesen. Nur die Ungunst der Zeit, dieser angespannte Existenzkampf, die Lebensangst, unter der er ständig litt, und die etwas ganz anderes war als nur Angst um sein Leben, – alles das hatte vielleicht die stachligen Seiten seines Wesens übermäßig hervorgekehrt. Hätte er Offizier bleiben können, so wäre er heute vielleicht ein glücklicher Mann und erfreute sich an Frau und Kindern, Rekruten und Pferden. Diesen Menschen hatte wirklich das Schicksal durch und durch geschüttelt So hielt Kamp ihm im Innern die stille Totenrede. Derweilen er aber noch in aufrichtiger Trauer an ihn dachte, ruckte und stieß bei ihm eine ganz andere und in diesem Augenblick sicher sehr wenig angebrachte Frage unter der Oberfläche: hatte er, Kamp, recht daran getan, seine Partei zu nehmen? Gerdas Gesicht stieg vor ihm auf, und als er an ihre Bezeichnung »Spion Werneuchens« dachte, wurde er über und über rot. Wer konnte wissen, was alles in dieser Frau vorgegangen war, ehe sie sich mit Reuschhagen eingelassen hatte? Und wußte überhaupt jemand mit Bestimmtheit, was zwischen diesen Menschen spielte? Es gab so merkwürdige Dinge im Leben! Vielleicht hätte Kamp längst mit Gerda sprechen und zwischen ihr und Werneuchen vermitteln sollen. »Wie gefällt Ihnen Reuschhagen?« fragte er überraschend Elma, die still zusammengesunken dasaß. »Reuschhagen ist furchtbar!« sagte sie, als hätte seine Frage bei ihr sofort den richtigen Kontakt ausgelöst. »Was hat die arme Frau durchmachen müssen! Wie ist sie gealtert! Sahen Sie nicht wie sie von Reuschhagen behandelt wurde? Wie ein Tier ging sie neben ihm! Ach, Otmar, ich glaube, wir Menschen sind alle furchtbar schlecht zueinander!« Dann verstummte sie wieder. Ja, dachte er, sie hat recht. Wir Menschen sind alle furchtbar schlecht zueinander. Und nicht aus Schlechtigkeit, sondern aus Angst. Weil sich alle vor allen fürchten! Der Kommissar war hin und wieder für einen Augenblick hereingekommen, um die Wartenden zu vertrösten. Einmal drehte er das elektrische Licht an, da es inzwischen dunkel geworden war. Schließlich nahm er an seinem Schreibtisch Platz. Er hatte von seinen Vorgesetzten erwirkt, daß er die Angelegenheit, in die er ganz zufällig auf seinem Inspektionsgang hineingeraten war, zu Ende führte. Natürlich wünschte er nichts dringender, als die Schlappe, die er erlitten hatte, baldmöglichst wieder auszugleichen. Kamp wußte nicht, ob er sich über Leutholds Eifer freuen sollte. Auf ihn machte der Kommissar keinen besonders klugen Eindruck. Jetzt allerdings am Schreibtisch schien er ein ganz anderer Mensch zu sein als draußen. Vielleicht war er ein Mann der Organisation und nicht der Praxis. Elma schien alles gleichgültig hinzunehmen. Sie hatte sich kaum gerührt, als Leuthold eröffnete, daß er die Untersuchung trotz der späten Stunde sofort ins Werk gesetzt habe. »Würden Sie nach einer guten Photographie diesen Herrn Bensch auch in anderer Aufmachung wiedererkennen?« fragte er sie. Sie nickte mit dem Kopf. Vor Kamp erschien auf einmal das Bild, wie Elma sich auf dem Elisabethplatz Bensch mit zusammengekniffenen Augen angesehen hatte. Wie sie immer sah, wenn sie sich etwas ganz genau einprägen wollte. »Mein Gott!« rief er hastig aus. »Sie haben es ja schon damals gewußt, daß er ein Mörder ist! Deshalb sahen Sie sich ihn so scharf an.« »Ja«, nickte sie. »Das war mir alles nicht bewußt, aber etwas in mir rief mir zu, daß ich diesen Menschen ganz in mich aufnehmen müßte. Deshalb habe ich ihn ja auch gleich wiedererkannt, als ich nur seinen Rücken sah.« »Um so eher werden Sie ihn vielleicht auch auf einer Photographie wiedererkennen«, sagte der Kommissar und ließ sie durch einen Beamten, der draußen wartete, zu dem sogenannten Verbrecheralbum führen. »Sie werden dort lange zu tun haben, Fräulein Diepenbroich. Unsere Sammlung ist reichhaltig, wenn auch leider nicht vollständig. Sehen Sie sich diese Galerie schöner Männer recht genau an.« Als sie unter vier Augen waren, fragte Leuthold den Studenten nach dem Verhältnis zwischen Elma und Werneuchen. Kamp sagte ihm das Nötige, ohne auf seine Vermutungen einzugehen. Dann gab er ihm einen zusammenhängenden Bericht über die ganze Geschichte. Während er erzählte, rückte auch der Besuch bei Berdelow, an den Kamp seit Stunden überhaupt nicht mehr gedacht hatte, wieder in den Vordergrund. Leuthold hörte aufmerksam zu, ohne zu unterbrechen. »Kann es nicht sein,« sagte er schließlich, »daß Herr Werneuchen wirklich nach Amerika abgedampft ist?« Er setzte die Gründe dafür im einzelnen auseinander. Vielleicht war es dem Unglücklichen in Regensburg klar geworden, daß er nie und nimmer eine kaufmännische oder sonstige Anstellung erlangen würde. Die Zeiten waren nicht danach. Ihm fehlten Empfehlungen und auch eine kaufmännische oder sonstige Ausbildung. Unter diesen Umständen war es vielleicht sogar das richtige, daß er sein Glück in der Ferne versuchte. Jetzt hatte er noch Geld, um in Amerika etwas zu beginnen. Es war gewissermaßen der letzte Termin. Wenn er jetzt nicht handelte, saß er ein halbes Jahr später ohne einen Pfennig da und konnte überhaupt nicht mehr ein und aus. Man konnte es sogar verstehen, daß er selbst nicht mehr nach München zurückkehrte, um sich sein Geld zu holen. Freilich hätte er Kamp bitten können, es ihm nach Hamburg zu senden. Aber vielleicht wollte er vermeiden, daß sein Entschluß vorzeitig bekannt würde. Seine Bekannten und Angehörigen sollten nichts mehr von ihm hören, bis es ihm besser ging. Deshalb schickte er einen Boten. Es war nicht gerade ein sehr vertrauenerweckender Bote, aber Werneuchen mochte Gründe haben, ihm zu trauen. Vielleicht hatte dieser Bote das Geld längst durch Postanweisung an Werneuchen gesandt, und alles war in Ordnung. »Ist das nicht eine ganz erträgliche Lesart?« Kamp zuckte die Achseln. »Man kann allerdings erhebliche Gegengründe anführen«, fuhr Leuthold fort. »Auffallend ist natürlich, daß sich ein so finsterer Bursche das Geld abholen kam, mag es nun Bensch, dieses sagenhafte Untier, oder irgendein anderer Kerl sein. Im übrigen, wenn es Sie interessiert, nehme ich auch an, daß es sich hier um diesen Packer handelt. Dieses freche Hervortreten und Wiederkommen scheint nun einmal sein Stil zu sein. Auch diese Unvorsichtigkeit, mit der er sich nach allem noch am hellichten Tag in München herumtreibt, scheint zu dem eigentümlichen Habitus dieses Menschen zu gehören. Außerdem setzt sein Auftreten in der Villa draußen vor Ihnen eine gewisse Bekanntschaft mit der Örtlichkeit voraus. Ich glaube also wirklich, daß wir es hier mit diesem Bensch zu tun haben, und damit ist natürlich die Annahme, daß Herr Werneuchen nach Amerika abgedampft ist, hinfällig. »Aber wie kommt dieser Bensch nun zu dem Brief? Die einfachste Annahme ist die, daß er den Brief dem richtigen Direktor Erkner abgenommen hat. Dann aber hätte man eigentlich schon etwas von einem solchen Überfall hören müssen. Es ist doch wohl nicht gut anzunehmen, daß er ausgerechnet gerade diesen Brief gestohlen hat, wenn er von seiner Wichtigkeit keine Ahnung hatte. Man hat also vorderhand als wahrscheinlich anzunehmen, daß Bensch, oder wie er heißt, mit jenen Leuten in Verbindung steht, die den Herrn Werneuchen nach Regensburg gelockt haben. Anders ausgedrückt, mit den Herren, die das Inserat aufgegeben haben. »Hierfür gibt es einen Gegenbeweis. Es ist nun ein Jammer, daß Sie den Namen der Firma nicht wissen. Ja, Sie sagen mir, daß Sie nicht einmal wissen, ob es sich um eine Hamburger Firma handelt oder um eine Firma, die in Hamburg lediglich eine Vertretung hat. Immerhin scheint es möglich, daß die beiden Direktoren, deren Namen wir ja kennen, Goldschmidt und Erkner, in Hamburg wohnen. Wenn es also zwei kaufmännische Direktoren dieses Namens in Hamburg oder sonstwo gibt, die brave, unbescholtene Leute sind, so wäre unsere Hypothese damit zusammengebrochen. Aber dieser Gegenbeweis ist nicht ganz einfach zu führen, da Sie ja Namen und Sitz der Firma nicht wissen. »Es fragt sich nun, wie wir überhaupt mit der Sache weiterkommen, und da scheint mir der Ausgangspunkt der Geschichte jenes Inserat zu sein, auf das Werneuchen sich gemeldet hatte. Wo hat dieses Inserat gestanden?« Leider wußte Kamp auch das nicht einmal anzugeben. Werneuchen, der sonst alles oder doch das meiste und wichtigste mit ihm durchsprach, hatte ihm von seiner Meldung auf das Inserat erst etwas gesagt, als er eine Antwort erhalten hatte. Unter welcher Adresse Werneuchen dann korrespondiert hatte, wußte er ebenfalls nicht anzugeben. »Ich hatte in der letzten Zeit gerade viel zu arbeiten, und gerade in den letzten Tagen haben Werneuchen und ich uns weniger gesprochen. Außerdem pflegte er seine Briefe immer selbst auf die Post zu tragen.« »Wieso tat er das eigentlich?« »Es war eine Laune von ihm, eine Art Aberglauben. Er glaubte immer alles allein tun zu müssen, was nur irgend in seiner Kraft stand. Aber man wird die Briefe der Firma ja in seinem Schreibtisch vorfinden.« »Den Schreibtisch werde ich mir morgen ansehen kommen, aber die Briefe werden wahrscheinlich nicht darin sein. Gewöhnlich pflegt man doch solche Briefe zu der endgültigen Unterredung mitzubringen.« Auch das konnte sein. Dann war es jedenfalls ausgeschlossen, jemals Näheres über die Firma zu erfahren. »Da gibt es noch andere Wege«, sagte der Kommissar, gerade als Elma aus der Kartothek zurückkam. Man merkte es gleich an ihrer müden Gleichgültigkeit, daß sie Bensch unter den Bildern nicht gefunden hatte. »Es sind viele, denen er ähnlich sieht. Aber immer fehlt etwas oder es ist etwas zuviel. Furchtbare Gesichter!« Sie schüttelte sich vor Ekel. Es hatte sie mitgenommen, zu denken, daß Ernst Alexander in die Hände solcher Menschen gefallen war. Der Kommissar fragte sie nach der Anzeige, auf die sich Werneuchen gemeldet hatte. Ihr Gesicht klärte sich auf. Sie hatte sie selbst abgeschrieben. Es war im Café gewesen, wo sie das Inserat, das einen guten Posten in Aussicht stellte, entdeckt hatte. Sie machte Werneuchen sofort darauf aufmerksam und schrieb es gleich für ihn ab. Sie hatte die Abschrift sogar noch im Notizbuch bei sich. Als sie es abgeschrieben hatte, erschien es ihnen besser, wenn Werneuchen sich sofort vom Café aus meldete. Er bestellte Feder und Tinte und steckte nachher den Brief in der Hauptpost ein. »Ich hätte die Anzeige also gar nicht abzuschreiben brauchen. Hier ist sie!« Sie zog ein kleines Buch aus der Tasche und wies die betreffende Seite vor: eine bekannte Fabrikationsfirma suchte einen seriösen Herrn von ausgezeichneter Allgemeinbildung für die Absatzpropaganda in einem auswärtigen Bezirk. Verlangt wurde eine größere Kaution, zugesichert angenehme Lebensstellung. Es folgte die Chiffre, unter der man an die Geschäftsstelle des Blattes schreiben sollte. Der Kommissar sah nach der Uhr. »Die Büros der Zeitung sind bereits geschlossen,« sagte er, »manche Abteilungen pflegen auch nach Geschäftsschluß noch zu arbeiten. Vielleicht haben wir Glück!« Er notierte Inhalt und Chiffre des Inserats auf einen Zettel und klingelte. Ein Beamter erschien. Es war derselbe, der Elma zur Kartothek geführt hatte. Leuthold ging mit ihm auf den Korridor, um ihm draußen Weisungen zu geben. »So,« sagte er zurückkommend, »in einer halben Stunde werden wir, wenn wir Glück haben, wissen, wer die Anzeige aufgegeben hat und wo die Angebote hingegangen sind.« »Kann man das herausbekommen?« fragte Kamp erstaunt »Nicht immer! Manche Firmen holen ihre Eingänge ab, ohne ihren Namen zu nennen. Manche geben hingegen auch ihre Adresse an und lassen sich die Angebote zusenden. Da es sich hier offenbar um eine auswärtige Firma handelt ist anzunehmen, daß die Adresse bekannt ist« Man hatte jetzt nichts weiter zu tun, als abzuwarten. Der Kommissar arbeitete weiter an irgendwelchen Akten. Von Zeit zu Zeit ging er hinaus. Die beiden saßen schweigend da. Auf einmal bedeckte Elma ihr Gesicht mit den Händen und weinte. Kamp trat zu ihr und fuhr ihr mit den Händen leise über das Haar. Es war das erstemal, daß er sie so berührte, und er wußte selbst nicht, wie er dazu kam. Aber ganz plötzlich stieg eine leise und innige Zärtlichkeit für das junge Mädchen in ihm auf. Seine Berührung schien ihr wohlzutun. Der Kommissar saß über seinen Akten und tat, als bemerkte er nichts. Elma schluchzte in einem fort. Ihr Körper wurde förmlich geschüttelt. Endlich stieß sie einige Worte hervor. »So glücklich waren wir damals, als wir die Briefe schrieben und immer noch hofften. Jetzt ist alles zu Ende – alles zu Ende!« Der Student verstand sie so gut. Die ganze Zeit hatte er auf einen solchen Ausbruch gewartet. Ihr Notizbuch mit der abgeschriebenen Anzeige rief ihr jene Zeit des Glücks mit Ernst Alexander zurück. Wahrscheinlich war es für die beiden ein großer Augenblick gewesen, als sie den Brief mit der Bewerbung in den Kasten warfen. Alles konnte sich zum besten wenden, wenn er die Stellung erhielt. Wie gespannt mochten sie über die Aussichten gesprochen haben. Ach, es war auch damals für sie natürlich eine furchtbare Zeit gewesen, voller Suchen und Ringen und Angst. Und doch, wie wundervoll mußte selbst diese Zeit der gemeinsamen Hoffnung noch erscheinen gegen die Stunden des Wartens in dem nüchternen Polizeizimmer, da man nicht nach dem Lebenden, sondern nur noch nach dem Mörder suchte. Auch wenn das Furchtbare vor Elma noch mit keinem Wort ausgesprochen war. Der Kommissar blickte auf. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Sie sprachen eben von Briefen. Nicht von einem Brief, sondern von Briefen, die Sie damals im Café schrieben. Haben Sie damals mehrere Briefe geschrieben?« Elma starrte ihn fassungslos an. »Mehrere Briefe?« fragte sie in Gedanken zurück. »Mehrere Briefe?« In diesem Augenblick ging das Telephon. Leuthold schien eine wichtige Meldung zu erhalten. Kamp kannte ihn nun schon. Wenn er sich aufregte, bekam sein Gesicht etwas Zugeknöpftes, Eisiges. Wie genau würden sie diesen Menschen noch kennenlernen! dachte er. Und wie viele Menschen würden sie noch kennenlernen bei dieser ganzen Geschichte! Menschen, von denen sie heute noch nichts ahnten. Leuthold machte sich während des Ferngesprächs einige Notizen. »Danke!« sagte er schließlich und wandte sich den beiden zu. »Diese Nachricht dürfte von Wichtigkeit sein!« Er zögerte ein wenig. »Leider scheint sie nichts Gutes zu sagen. Herr Werneuchen ist also am Donnerstag voriger Woche im Parkhotel in Regensburg abgestiegen. Gepäck hatte er nicht bei sich, außer einer Handtasche, die er selber trug und bei sich behielt. Er fragte den Portier nach einem Herrn, dessen Namen der Mann vergessen hat« – »Direktor Goldschmidt wahrscheinlich«, schob Leuthold ein. – »Aber es war ein Brief für Herrn Werneuchen abgegeben worden, den derselbe sofort las. Er bestellte dann kurz ein Zimmer, merkte sich die Nummer und ging fort. Seitdem ist er nicht wieder in das Hotel zurückgekehrt. Der Portier nahm an, daß er vielleicht noch abends, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, weitergereist ist und deshalb das Zimmer nicht benutzt hat. Es fiel ihm nicht weiter auf, da es öfters vorkommt, daß ein Reisender seine Pläne ändert »Ferner, eine Fahrkarte nach Hamburg ist weder an jenem Donnerstag, noch in den beiden nächsten Tagen in Regensburg ausgegeben worden. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß sämtliche Herren über Berlin gefahren sind. Das ist alles, was in der Eile aus Regensburg ermittelt werden konnte. Zu erkunden bleibt nun natürlich noch, ob die beiden Direktoren in einem Hotel angemeldet waren. Was sagen Sie dazu?« »Er ist also in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag verschwunden«, sagte Kamp und schauderte bei dem Gedanken, daß ihm im Augenblick von Werneuchens Abreise die Ahnung eines bevorstehenden Unglücks gekommen war, das so kurze Zeit darauf schon eintrat. Ihm schwebte das Bild vor Augen, wie er draußen am Zug noch eine Strecke nebenherlief, ohne den Freund noch einmal zu sehen. Elma starrte vor sich hin. Sie schien von dem ganzen Gespräch keine Notiz genommen zu haben. Die beiden Männer sahen sie fragend an. »Was ist?« fuhr sie auf. »Ich habe im Augenblick nicht zugehört.« Der Kommissar wiederholte kurz, was er aus Regensburg gehört hatte. »Ja«, sagte sie einfach. »Er ist ermordet worden. Er und ich, wir wußten es immer, daß er ermordet werden wird. Ich gehe jetzt.« Sie stand wirklich auf und machte Anstalten, hinauszugehen. Aber sie mußte sich an der Stuhllehne festhalten, so schwach war sie. »Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick«, sagte Leuthold und drückte sie auf ihren Stuhl zurück. Sie saß wie leblos da. »Ja, weshalb? Er ist ermordet. Jetzt ist kein Zweifel mehr, daß er ermordet ist. Nun ist alles aus. Laßt mich doch allein!« Auf einmal schrie sie gellend los: »Und ich habe noch mit dem Mörder gesprochen! Ich habe ihm noch die Hand gegeben! Ich habe ihn gesehen und fühlte es nicht! Ich habe immer gewartet, daß ich ihn wiedertreffe! Und ihr habt ihn laufen lassen!« Endlich sank sie wieder in sich zusammen und saß mit gesenktem Kopf da. Die Männer sahen sich an. Hier war ein Mensch mit seiner Kraft zu Ende. »Sie müssen mir noch etwas sagen«, begann der Kommissar wieder nach einer Weile mit leiser Stimme. »Wie war das mit den Briefen, die Herr Werneuchen in dem Café schrieb? Waren es vielleicht mehrere Briefe? Bewarb er sich um verschiedene Stellen?« Elma schien krampfhaft nachzudenken. Offenbar besann sie sich im Augenblick nicht einmal darauf, wo sie war. Kamp stand hinter ihr und streichelte immer wieder ihr Haar. »Elma!« sagte er manchmal leise. Es schien sie zu beruhigen. Noch nie hatte der junge Student einen Menschen in solchem Jammer gesehen. Das Merkwürdige aber war, daß sich in ihm auf einmal ein leiser Haß gegen Werneuchen zu regen begann. Er suchte dieses Gefühl, das so unerwartet in ihm aufstieg, niederzukämpfen, aber es blieb doch da. Ja, es schien ihm, als wenn es schon aufgetaucht wäre, als er Gerda wiedersah. Weshalb quälte Werneuchen alle Menschen? mußte er denken. Wenn er schon ermordet werden sollte, war das schließlich seine Sache, aber weshalb spielte er immer und ewig mit seiner Angst? Dadurch ist ja erst alles so gekommen! Natürlich wußte Kamp, daß solche Gedanken sinnlos waren. Aber er konnte sich dieser sonderbaren Logik nicht entziehen, während er hinter Elma stand und ihre Haare streichelte. Leuthold fragte mit leiser Stimme noch einmal nach den Briefen. »Briefe?« wiederholte Elma. »Mehrere Briefe?« Auf einmal wurde sie lebhaft »Natürlich!« rief sie. »Er schrieb zwei Briefe! Ich hatte es ganz vergessen. In demselben Blatt stand ja noch eine ganz ähnliche Anzeige. Ich wies ihn noch selbst darauf hin. Er schrieb auch an diese Adresse. Jetzt besinne ich mich. Er warf zwei Briefe in den Kasten, und als nachher eine Antwort eintraf, wußte er nicht, auf welchen Brief sie sich bezog.« »Haben Sie diese zweite Anzeige auch abgeschrieben?« »Nein! Da wußten wir ja schon, daß er gleich im Café schreiben würde. Sie stand aber in derselben Nummer. Ich würde sie gleich wiederfinden. Es war am letzten Donnerstag im März!« Leuthold ging hinaus und kam mit einigen Zeitungen zurück. Der Student hatte den Augenblick benutzt, um seine Lippen auf Elmas Scheitel zu drücken. Die Frage, ob sie es bemerkte und duldete oder ob sie es gar nicht beachtete, schien ihm in diesem Augenblick wichtiger als alles andere. Ihm war ganz heilig zumute, als er seine Lippen von ihren Haaren nahm. »Ich liebe sie!« dachte er in seligem Erschrecken. »Ja, ich liebe sie und habe sie immer geliebt. Ich wagte es nur nicht.« Elma schlug die Zeitungen auf und fuhr mit dem Finger die Reihen entlang. Es erinnerte Kamp daran, wie Herr Berdelow in seinen Listen gesucht hatte. »Hier diese!« rief sie. Es klang wie erfreut. »Die habe ich abgeschrieben. Und gleich darunter steht die andere. Um diese Stelle hat Ernst Alexander sich auch beworben.« Der Wortlaut der zweiten Anzeige stimmte mit dem anderen fast überein. Es war ebenfalls von einer größeren Kaution die Rede. Nur fehlte der Hinweis, daß es sich um einen auswärtigen Bezirk handelte. »Nun, der Beamte muß dann eben nochmals hinübergehen. Er wird übrigens gleich zurück sein«, sagte der Kommissar. Während sie noch mit der Zeitung beschäftigt waren, tat sich die Tür auf, und der Beamte kam von der Geschäftsstelle der Zeitung zurück. Trotz der späten Stunde war es ihm gelungen, den Anzeigenchef zu treffen und Auskunft von ihm zu erlangen. »Die Bewerbungen sind an die Schuh- und Lederwarenfabrik Berdelow \& Hahn gesandt worden!« Kamp bebte zurück. »Berdelow!« rief er entsetzt. »Berdelow – die Vorladung – der Termin – Steuerhinterziehung!« Auf Elma schien die Nachricht keinen Eindruck zu machen. Ging ihr Verdacht in anderer Richtung, oder überwog der Verlust des Geliebten bei ihr alles andere? Sie war schon wieder in ihren Schmerz versunken. Das Gesicht des Kommissars war eisern. Er verriet mit keiner Miene, was er dachte. Vielleicht hatte er in diesem Augenblick einen Entschluß gefaßt, vielleicht drängte er ihn krampfhaft zurück, bis er Auskunft über die zweite Anzeige haben würde. »Genug für heute!« sagte er nach einer Weile des Schweigens. Er fürchtete wohl bei der allgemeinen Ermüdung zu voreiligen Schlüssen zu greifen, und hielt den Augenblick für geeignet, die Sitzung abzubrechen. »Die Protokolle über Ihre Aussagen werde ich fertigstellen lassen. Sie unterschreiben sie dann vielleicht morgen. Morgen um zwölf Uhr mittags komme ich in die Villa hinaus. Es wäre mir lieb, wenn das gnädige Fräulein sich ebenfalls dort einfinden würde. Lassen Sie bitte alle Sachen bis dahin unberührt.« Kamp versprach es. Beim Verlassen des Zimmers wies der Kommissar hinter Elmas Rücken auf sie, um dem Studenten anzudeuten, daß er auf sie achten möge. Es wäre freilich nicht nötig gewesen, denn Kamp war in einer Stimmung, daß er für dies unglückliche Geschöpf sein Leben hingegeben hätte. Elftes Kapitel Als Kamp und Elma in der Ettstraße standen, wußte der Student nicht recht wohin. Am liebsten hätte er Elma mit in Werneuchens Villa genommen, um sie, fern von allen Menschen, zuerst einmal zu sich selber kommen zu lassen. In diesem Zustand konnte er sie unmöglich zu ihren Eltern bringen. Wohin aber mit ihr? Seit Mittag hatten sie beide nichts gegessen, jetzt war es inzwischen halb neun geworden. Vielleicht konnte man sie bewegen, etwas zu sich zu nehmen. Auf seine Frage gab sie keine Antwort, sondern ließ sich willenlos führen. Er schlug den Weg zu einer nahen Weinstube ein, die er kannte. Dort setzten sie sich in eine Nische. Kamp hatte nach all den Aufregungen furchtbaren Hunger und zwang auch Elma, etwas zu bestellen. Sie versuchte zu essen, schob den Teller aber gleich wieder zurück. »Ich kann nicht!« erklärte sie. »Liebe Elma!« sagte Kamp und faßte ihre Hand. »Beruhigen Sie sich doch. Glauben Sie mir, ich werde Sie nie verlassen. Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um Ihnen zu helfen.« Das war keine Phrase. Kamp überlegte sich bereits im Innern tausend Pläne, wie er ihr helfen könnte. Er nahm sich fest vor, sie, wenn möglich, sogar gegen ihre Eltern zu schützen. Vor allem dachte er sich, in einem halben Jahr sein Examen zu machen und sie zu heiraten, sobald er konnte. Vielleicht konnte man in einigen Jahren soweit sein. Seine Eltern waren wohlhabend und gewiß bereit, ihm einen größeren Zuschuß zu geben. Er überlegte, ob er Elma etwas von seinen Plänen zu Ihrer Beruhigung sagen sollte. Zum Glück unterließ er es. Sie hörte ihm schweigend zu, wie er sie wenigstens seiner lebenslangen treuen Freundschaft versicherte. Endlich schob sie seine Hand sanft beiseite, als ob sie ahnte, welche Empfindungen sich in ihm regten, und begann plötzlich zu sprechen: »Wissen Sie, daß Gerda recht hat? Sie sind Ernst Alexanders Freund, aber ich sage Ihnen, es ist entsetzlich!« Kamp starrte sie fassungslos an. Das in diesem Augenblick aus ihrem Munde zu hören, hatte er nicht erwartet. Sie sprach aus, was er selber soeben auf der Polizeistube in sich zurückgedrängt hatte. Es waren seine eigenen Gedanken, denen sie die ganze Zeit nachgehangen haben mußte. »Glauben Sie wirklich daran, daß er tot ist?« fragte er, um sie abzulenken. Sie sah ihn ganz erstaunt an. »Natürlich ist er tot! Er ist ermordet worden! Er hat Gerda geradezu gezwungen, ihn zu ermorden!« »Gerda?« fuhr Kamp auf. Er glaubte, nicht recht gehört zu haben. Sie nickte. »Natürlich Gerda! Sie hat ihn durch Bensch ermorden lassen. Ich wußte es von dem Augenblick an, als ich sie vor dem Café sah. Sie hat es getan! Oder glauben Sie etwa an die Komödie mit diesem Herrn Berdelow? Nein, Gerda hat es getan!« Kamp wußte nicht, was er ihr darauf antworten sollte. Vielleicht hatte die Spannung der letzten Wochen und die Ungewißheit der letzten Tage ihr Denken getrübt. Gleichwohl mußte irgend etwas an ihren Worten wahr sein. Er spürte es deutlich. Er selbst hatte etwas Ähnliches in seinem Inneren gefühlt, das Furchtbare aber nicht einmal zu denken gewagt Nun sprach Elma es nicht nur aus, sondern sie sagte geradezu, daß Gerda recht getan hätte. Ja, das hatte sie gesagt und in dieser Stunde! Mit einemmal schien dem jungen Studenten die Welt verwandelt zu sein. War dies denn noch die kleine Weinstube, in der er so oft gesessen hatte? Die Möbel, die Wände veränderten ihr Gesicht. Da standen keine gewöhnlichen Stühle und Tische mehr. Er sah den Urstoff, aus dem alles gemacht war. Es war Holz, aus Bäumen, aus grünenden, atmenden Bäumen herausgeschnitten. Aus ermordeten Bäumen! Er sah Menschen, wie sie erbarmungslos durch die Wälder stapften mit Äxten und Beilen, um die Bäume zu morden. Er sah einen Glasbläser in Lumpen, wie er mit röchelnder Lunge die Birne der elektrischen Lampen zu glühenden Blasen auftrieb, bis sie leuchteten. Er sah angstvolle Menschenherden, wie sie Lehm und Ton zu Steinen brannten und zu Mauern schichteten gegen Regen und Sturm. Es ist ja gar nicht wahr, dachte er, daß wir in einer komfortablen Weinstube sitzen! Da haben die Menschen unter Ängsten und Morden ja nur das Allernotwendigste zusammengekratzt, um sich gerade noch vor dem Aller-, Alleräußersten zu schützen, und siehe, es langt nicht, es langt nirgends. Überall bricht es hervor. Die Angst und das Morden können nicht aufhören, alle Kreatur bleibt verloren und ausgeliefert Das blasse, dunkle Mädchen vor ihm sprach nur aus, was wahr war. Ohne Anklage, ohne Verteidigung. Sie stellte dieses Unerhörte nur fest, daß eine Frau im Daseinskampf ihren Mann ermorden läßt, und daß sie noch recht daran tut. Und das Seltsame war, daß diese Gedanken den jungen Studenten nicht wie bissige Hunde anfielen, sondern sich eher wie ein mildes, weißes Leuchten von oben auf ihn herniedersenkten. Es war, als sähe er es jetzt zum erstenmal wirklich: So ist das Leben, so muß es sein! Es ging nicht anders! Es war kein Wort weiter darüber zu verlieren! Menschenkampf, Geschlechterkampf! Was sprach man für viele unsinnige Worte darüber. Kampf zwischen Mann und Weib! Ja, es war wirklich so. Sie alle kämpfen um ihr Leben, und Morden ist die eigentliche, die ehrliche Daseinsform. Nein, nein! Das ist ja alles Unsinn! schrie es in ihm dagegen. Das konnte nicht sein! Er durfte es nicht glauben! »Sagen Sie,« fing Elma wieder an, »die beiden heirateten doch im Krieg, nicht wahr?« »Gerda und Werneuchen? Gewiß! Sie heirateten, wenn ich nicht irre, im Jahre 1915.« »Dann ist es richtig«, sagte sie. »Wissen Sie, weshalb er sie heiratete? Er hatte Furcht, zu fallen. Eine entsetzliche Furcht hatte er, zu fallen. Er hat es mir oft gesagt, obwohl er ja so etwas wie ein Held war. Haben Sie einmal seine Orden gesehen? Keiner hat ihm diese Furcht jemals angesehen. Niemals! Er war sicher ein Held. Aber er hatte entsetzliche Furcht. Und nur, weil er nicht allein sein wollte in seiner Angst, weil er wollte, daß sich noch jemand mit ihm ängstige, ja, daß jemand vielleicht Hunger und Entbehrungen erfährt, wenn er gefallen ist, deshalb allein heiratete er. Deshalb! Und nicht aus Liebe! Verstehen Sie, daß das der erste Schritt war, um eine Frau von sich zu stoßen? Daß keine Frau das aushalten konnte? Verstehen Sie denn das nicht?« »Liebe Elma!« beschwor Kamp. »Ich weiß nicht, wo Sie hinauswollen. Aber das wollen wir Menschen doch alle, daß jemand an uns gefesselt ist in Leid und Not. Das ist doch menschlich!« »Nein, nein! Menschlich ist Lieben und Hassen. Er aber liebte nicht. Er hatte nur Angst. Und genau so war es mit mir! Er fühlte, daß er untergehen würde, und da sollten wenigstens noch andere mit ihm untergehen. Glauben Sie mir, im Augenblick, als er ermordet wurde, hat er sich geweidet an dem Gedanken, daß ich nun auch verloren bin. Andere Menschen ziehen aus ihrer Liebe Kraft, den Kampf zu bestehen. Und wenn sie untergehen, dann wollen wir Frauen ja auch mitsterben, mitverloren sein. Aber ein Geschenk muß es sein, kein Zwang! Verstehen Sie das denn nicht? Er aber wollte nur Mitleid, verstehen Sie? Mit-Leiden, Mit-Leiden des anderen. Er wollte uns zum Mitleiden zwingen. Er fesselte uns. Er wollte, daß alle mit ihm gequält würden und Angst hätten.« »Das ist doch alles Einbildung und Konstruktion!« rief Kamp entsetzt. Sie sah ihn groß und ruhig an. »Nein, das ist einfach wahr.« Nach einer Weile fing sie von neuem an: »Wissen Sie, daß ich ein Kind erwarte?« Er nickte. »Sehen Sie, das war es, was er von Anfang an gewollt hatte: nicht mich und sich glücklich machen, sondern mich an sein Unglück fesseln für immer. Ich sollte ihm nicht mehr entrinnen. Nicht ein bißchen liebte er mich. Ich sollte nur mit ihm untergehen!« »Das ist ja Wahnsinn!« schrie Kamp. »Das ist nicht wahr! Das bilden Sie sich ein. Ich weiß, daß er Sie liebte! Er wollte für Sie und das Kind arbeiten und kämpfen, nachdem ihm alles andere genommen war!« »Nein, Otmar! Werneuchen wollte untergehen und mich mitreißen! Das fühlt eine Frau doch! Wissen Sie, worüber ich nachgedacht habe, als ihr glaubtet, daß ich ganz hin wäre vor Schmerz? Ich habe darüber nachgedacht, weshalb ich nicht um ihn trauern kann. Weshalb ich nicht vor Weh nach ihm vergehe. Ich habe mich nur wundern müssen, daß ich ihn selbst in dieser Stunde nicht mehr liebte. Ich wußte das alles ja nicht, aber jetzt, da sein Tod ohne Zweifel war, brach es plötzlich in mir auf. Ich kann ihn nicht mehr lieben, weil er mich nicht geliebt hat. Wenn er mich wirklich geliebt hätte, hätte er nicht sterben können.« Auf einmal sah sie ihn mit großen, glühenden Augen an. »Aber ich will nicht untergehen! Ich will nicht! Ich will keine Angst mehr haben! Hören Sie, Otmar, ich will ins Leben zurück! Helfen Sie mir!« Sie sprach ganz leise, aber aus ihren Worten brach ein wilder Fanatismus. Hatte sie im Fieber gesprochen? Hatte sie den Verstand verloren? Kamp wußte nichts mehr. Er wußte in diesem Augenblick nicht einmal, ob Werneuchen sie wirklich geliebt hatte. Vielleicht war es wirklich nur seine Einsamkeit gewesen, die ihn zu ihr getrieben hatte. Vielleicht hatte er sie wirklich mit allen Mitteln an sich fesseln wollen? Hatte sie recht? Die furchtbare Aufregung, in der sie sich befand, mochte die oberen Schichten ihres Bewußtseins abgehoben und die tiefen, verborgenen Untergründe bloßgelegt haben. Das lebte alles im Menschen: Liebe und Angst durcheinander. Und wenn es wirklich so war, wie Elma sagte, auch dann hatte sie recht und unrecht zu gleicher Zeit. Was mußte Werneuchen gelitten haben! Seine Gestalt stieg vor ihm auf, mit dem leisen, ironischen Lächeln um den Mund, das die Abgründe überdeckte und doch nicht verbarg. Wie mußte ihm die Verzweiflung zugesetzt haben, ehe er seine Einsamkeit nicht mehr aushalten konnte und sich in fremdes Schicksal einkrallte! Armer Werneuchen! Arme Elma! Arme Gerda! O ihr armen, armen Menschen alle! Was habt ihr euch quälen müssen! »Er hat Sie geliebt!« sagte Kamp voller Wärme, und er wußte, daß auch das in jedem Falle die Wahrheit war. »Hat er mich geliebt?« Sie sah ihn an wie ein verendendes Wild. »Sagen Sie das doch nicht! Haben Sie doch Mitleid mit mir! Wenn ich wüßte, daß er mich geliebt hat, ich müßte ja wahnsinnig werden vor Schmerz! Ich könnte es nicht aushalten!« Er fürchtete, daß sie aufschreien würde. Doch sie sank wieder still in sich zusammen und weinte leise vor sich hin. Was sie auch sagen mochte, sie jedenfalls liebte ihn mit jeder Faser ihres Wesens. Ja, sie liebte ihn! Und alles vorher war nur ein Zucken vor dem großen Schmerz gewesen. Ja, sie liebt ihn! dachte Kamp ein ganz klein wenig traurig. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Sie dürfen nicht wahnsinnig werden«, sagte er ernst. »Sie müssen wieder stark und froh werden!« »Stark und froh?« Sie lächelte und sah ihn unter Tränen an. Wie ein ungläubiges Kind sah sie ihn an, dem man ein unwahrscheinliches Märchen erzählt. Da wußte er, daß sie über das Schlimmste hinaus war. Plötzlich stand sie auf. »Kommen Sie. Ich will nach Hause!« »Nach Hause?« fragte er erstaunt. »Sie sehen verweint aus. Man wird Sie ausfragen.« »Nein, ich gehe gleich in mein Zimmer, ich bin sehr müde. Mir ist, als habe ich alles nur geträumt und muß mich auf die andere Seite legen, um weiter zu schlafen.« Sie gingen. Draußen blieb sie auf einmal stehen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Jetzt braucht er sich nicht mehr so furchtbar zu quälen! Ich glaube, er hat seit langem auf diese Zeit gewartet!« Dann schwieg sie den ganzen Weg über. Erst als sie in die Tram stieg, drückte sie Kamp die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen!« Er sah ihr lange nach, wie ihr blauer Mantel immer undeutlicher wurde. »Ich danke Ihnen!« wiederholte er stumm für sich. Hatte sie alles verstanden, was er ihr hatte sagen wollen? Er dachte darüber nach. Zwölftes Kapitel Als Kamp allein war, merkte er, wie kalt es geworden war. Das Frösteln füllte ihn ganz aus. Sonst war es leer in ihm. Er wußte nichts und dachte nichts, als er zum Bahnhof ging. Dieser Tag hatte so merkwürdige Schichten übereinandergelegt, daß eine die andere gewissermaßen aufhob. Zuviel war in die letzten vierundzwanzig Stunden hineingepreßt worden, seit Elma ihn gestern angerufen und den Namen Benschs genannt hatte. Wie fern war das jetzt schon! Das Aufstehen um Mittag, der Besuch bei Berdelow, die Jagd auf Bensch, das Zusammentreffen mit Gerda und Reuschhagen, die Sitzung im Polizeipräsidium und jetzt das merkwürdige Gespräch in der kleinen Weinstube, – wie fern war auch dieses schon! Die Ereignisse waren zu rasch hintereinander gekommen. Etwas im Inneren konnte nicht folgen. Kamp ging auf den Vorortbahnhof. Als wenn nichts vorgefallen wäre, löste er die Karte mit automatischen Bewegungen. Dieselben Leute stiegen in den Zug, deren Gesichter er nun schon seit vielen Monaten kannte. Nichts hatte sich verändert in der Welt. Nur daß nun nicht, wenn er abends nach Hause kam, Werneuchen am Schreibtisch sitzen und ihn nach seinen Erlebnissen in der Stadt fragen würde. Dieses eine war anders geworden. Werneuchen war tot. War er wirklich tot? Auf einmal mußte der Student sich zwingen, es zu glauben. Nein, er war tot, war ermordet worden! Es war die einfache Konsequenz seines Lebens und seines Wesens. Nach Amerika? Nein, Werneuchen fuhr nicht nach Amerika! Er ließ sich ermorden. Dies war nun einmal seine Art. Er hatte erreicht, was er wollte. »Nun braucht er sich nicht mehr so furchtbar zu quälen!« hatte Elma gesagt. Während der Fahrt dachte er darüber nach, wie er sich verhalten würde, wenn Werneuchen auf einmal zurückkäme. Denn es konnte doch immer noch sein. Wenn er ihn zum Beispiel jetzt in der Villa vorfinden würde. Er beobachtete sich ganz kalt und scharf dabei, um seinen Empfindungen auf den Grund zu kommen. Kamp war sein Freund gewesen, er hatte als Gast bei ihm gewohnt, wobei es wenig ausmachen konnte, daß er das Seinige zur Bestreitung der Wirtschaft beigetragen hatte. An langen Abenden hatten sie sich endlos ausgesprochen und waren sich sehr nahegekommen. Ja, er mußte immer wieder sagen, daß er Werneuchen liebte, gerade jetzt liebte, wie er ihn vielleicht noch nie geliebt hatte. Er war ihm fast verehrungswürdig geworden, seit der Tod auf seine Ängste und quälenden Einbildungen das Siegel der Wahrheit gedrückt hatte. Jetzt stand er da, zum Urbild der gequälten Kreatur geworden. Und dennoch: er wünschte Werneuchens Rückkehr nicht. Etwas in ihm lehnte sich dagegen auf, daß er zurückkehrte. Die Lebenden wollen nicht mit den Toten und den dem Tode Verfallenen teilen. Sie wollen sie beklagen und beweinen, aber die Toten sollen sich nicht anmaßen, wiederzukommen. Das Leben schließt sich über den Gräbern zusammen. Es ist kein Platz für die Toten da! Kamp wurde sich ganz klar darüber: wenn Werneuchen zurückkehren sollte, er würde in derselben Stunde sein Haus verlassen und die Partei Gerdas und Elmas in ihrem Kampf gegen seinen Schatten nehmen. Was auch geschehen sein mochte, es war die eine, gemeinsame, es war seine Partei. Die Partei des Lebens gegen das Todgeweihte! Es war fast Mitternacht, als er nach Hause kam. Die Köchin war noch auf und erwartete ihn. Bisher hatte er über Werneuchens Verschwinden kein Wort mit ihr gesprochen. Als sie in der kleinen Vorderdiele stand, sah er ihr an, daß sie etwas wußte. Vielleicht hatten die vielen Telephongespräche sie stutzig gemacht, vielleicht hatte sie irgendein Wort aufgefangen und den Zusammenhang erraten. Sie fragte ihn sofort nach Werneuchen, aber mit einer Stimme, die die Antwort bereits wußte. Kamp wollte ihr ausweichen und sagte, daß Ernst Alexander von Regensburg gleich weiter nach Hamburg gefahren wäre. Aber sie blieb stehen und wartete und sah den Studenten mit ihren alten, verlegenen Augen an. Endlich erzählte sie, daß am Nachmittag Herr Müller, der Käufer der Villa, dagewesen wäre und gefragt hätte, wann er endlich einziehen könnte. Herr Müller hatte schon seit Monaten den vollen Kaufpreis bezahlt, und vor mehr als drei Wochen war der letzte Termin abgelaufen, an dem das Haus geräumt werden sollte. Man konnte es ihm nicht verdenken, daß er endlich seine Villa beziehen wollte. Kamp sagte, daß er morgen selbst gleich an Herrn Müller schreiben würde. Doch die Köchin stand noch immer da und wartete. Sie hatte noch etwas Besonderes auf dem Herzen, was sich bei ihr erst langsam in Worte fassen wollte. Endlich brachte sie es hervor: »Der Packer Bensch ist im Dorf gesehen worden! – Und Herrn Werneuchen ist etwas zugestoßen! – Alle Leute sagen es. Wenn der Packer Bensch im Ort gewesen ist, ist dem Herrn etwas zugestoßen.« Kamp fuhr zusammen. Wenn er immer noch einen kleinen Zweifelsrest gehabt hatte, so stellte sich jetzt die Wahrheit heraus, unerbittlich und zweifelsfrei. Es bestätigte sich: Bensch war es gewesen. Die Kellnerin vom Bahnhofshotel hatte ihn erkannt, als er am Freitagabend in die Stadt zurückfuhr. Sie hatte gleich die Polizei holen wollen, aber Bensch war in München im Gedränge verschwunden. Erkannt hätte sie ihn aber genau, wußte Auguste zu berichten, und auch andere Leute wollten ihn gesehen haben. Das Schlimme wäre nur, daß er hier im Hause gewesen sei, und Herr Kamp solle nicht leugnen: es wäre der Packer Bensch gewesen, der am Freitagnachmittag hier in der Stube auf ihn gewartet habe. »Aber der Herr Kamp und ich haben ja nicht gewußt, wer es ist!« Kamp blieb nichts übrig, als ihr das Notwendigste mitzuteilen. Die alte Vertraute der Familie Werneuchen hörte den Bericht schweigend an. Sie rührte sich nicht dabei, nur an dem Zucken ihrer Lippen konnte man ihre Aufregung erkennen. Sie wollte sofort an die Eltern nach Mainz telephonieren. »O Gott! O Gott! Was meinen Sie, wie die an ihrem Jungen hängen! So feine Leute sind das!« Und reich wären sie früher gewesen, und so stolz auf ihren Ernst Alexander, als er noch Offizier war und immer mehr Orden bekam. Und nun wäre alles so anders gekommen. Das ganze Geld wäre weg, und dann die Scheidung und jetzt dies noch! »Glauben Sie mir, Herr Kamp, wir werden bald die Polizei im Hause haben!« Die Polizei empfand sie fast als das Schlimmste. An diesem Gedanken kletterte ihre Verzweiflung aus ihrem Herzen bis zum Munde empor und machte sich endlich in lautem Jammern Luft. Kamp beruhigte sie, so gut er konnte. Es wäre alles geschehen, um Licht in die Sache zu bringen, und man könnte ja auch noch gar nichts sagen. »Mein Gott! Mein Gott!« rief sie einmal über das andere und stieg heulend und kopfschüttelnd die Treppe in ihre Kammer empor. Als Kamp allein war, setzte er sich an den Schreibtisch. Obwohl er sich vor Müdigkeit kaum rühren konnte, war es ihm ganz unmöglich, an Schlafen zu denken. Es fiel ihm ein, wie er vor zwölf Stunden gegen Mittag auf dem gleichen Stuhl gesessen hatte. Da lag noch vom vorigen Abend das aufgeschlagene Buch mit den Exzerpten. Bis zu diesem Wort war er gekommen, als Elma ihn angerufen hatte. Er schlug das Buch zu. Es würde lange dauern, bis er wieder an seine Arbeit denken konnte. Draußen bauschten sich die Kronen der Kastanien gegen den Himmel. Besonders den Baum, der dicht vor dem Fenster stand, sah er ganz deutlich in dem Gewirr seiner nackten Äste mit den Verzweigungen der strichdünnen Linien. Ein Gehirn, das der Student in seinem überreizten Dämmerzustand wie sein eigenes schmerzhaft in allen Nerven und Adern spürte. Er drehte die Lampe an, nur damit dieses seltsame Gebilde aus präparierten Nervensträngen ins Dunkel zurücktauchte. Morgen würde man diesen Schreibtisch, an dem er jetzt saß, öffnen, und alle geheimsten Aufzeichnungen Werneuchens, die darin liegen mochten, wanderten zu den Akten und wurden Objekt einer lieblosen Durchforschung. Kamp mußte daran denken, wie er dem Kommissar versprochen hatte, alle Sachen bis morgen unberührt zu lassen. Vielleicht war es gerade dieses Versprechen, das seine Hände nach dem Schreibtisch greifen ließ. Er konnte die Gedanken nicht von der Schublade abbringen. Ganz leise stieg der Plan in ihm auf, wenigstens die obere Lade, in der Werneuchen seine eigenhändigen Aufzeichnungen zu bewahren pflegte, zu öffnen, bevor die Hände des Kommissars in diesen Geheimnissen wühlten. Vielleicht, daß sich hier ganz neue Zusammenhänge offenbarten? Er dachte ja nicht daran, etwas zu unterschlagen. Er redete sich sogar ein, daß es seine Pflicht war, durch eine schnelle Durchsicht den Gang der Untersuchung zu beschleunigen. Niemand als er konnte rasch Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Dennoch spürte er ein prickelndes Grauen wie vor einer verbotenen Tat und zugleich das magische Locken des Geheimnisses. Er sah Werneuchen vor sich, wie er nach jedem wichtigen Ereignis stundenlang am Schreibtisch gesessen hatte, um Eintragungen zu machen. Welche seltsamen Bekenntnisse mochten hier niedergelegt sein? Es reizte ihn plötzlich, dem Freund irgendein Geheimnis zu entlocken, das hier vielleicht hinter dem kleinen Schloß verborgen lag. Einmal ganz tief in ihn hineinzublicken, auf den Grund seiner Seele zu schauen. Es war ihm fast sicher, daß sich in diesem verschlossenen Fach etwas finden mußte. Den Schlüssel hatte er nicht. Ernst Alexander pflegte ihn stets bei sich zu tragen. Kamp brauchte irgendein Instrument, einen Schraubenzieher oder ein Stemmeisen. Er konnte schlimmstenfalls dem Kommissar morgen gestehen, daß er sich an dem Schreibtisch versucht hätte. In den Verdacht, einen wichtigen Fund zu unterschlagen, konnte er doch wohl kaum geraten, sonst hätte ihn Leuthold schon gestern hinausbegleitet und die Villa versiegelt. Vielleicht war es doch besser, vorher die Fensterläden zu schließen, damit man ihn nicht etwa von draußen beobachtete, wie er den Schreibtisch aufbrach. Und konnte nicht vielleicht sogar Bensch draußen stehen und auf ihn aufpassen? Er stürzte unter diesem Gedanken fast ans Fenster, um es zu schließen. Als er sich gegen neugierige Blicke abgesperrt hatte, versuchte er zunächst seine eigenen Schlüssel. Dabei hielt er mit der Linken die Schreibtischlampe so, daß sie das Schloß beschien. Auf einmal stutzte er. Es war unverkennbar, daß man angefangen hatte, das Schloß aufzubrechen. Vielleicht hatte Bensch am Freitag, als er in diesem Zimmer über zwei Stunden allein war, die Schublade einer Durchsicht unterziehen wollen. Vielleicht war ihm dieses Vorhaben dann doch zu gewagt oder zu unergiebig vorgekommen, oder er war durch Kamps Eintritt gestört worden. Kamp wunderte sich, daß er es erst jetzt bemerkte. Aber wie sollte er auch darauf kommen, an einem fremden Schreibtisch das Schloß zu untersuchen, selbst wenn er stundenlang davorsaß und arbeitete? Er brauchte nur noch zwei Schrauben zu lösen, und das Schloß war bequem herauszunehmen. Er benutzte das Taschenmesser. In einer Minute hatte er das Fach aufgezogen. Mit einem Blick voller Spannung sah er in die Schublade hinein. »Ernst Alexander Werneuchen, du kannst dich nicht dagegen wehren, daß ich jetzt alle deine Tagebücher, Briefe und Aufzeichnungen herausnehme. Du liegst irgendwo in einem Winkel von Regensburg oder auf dem Grund der Donau, und ich wühle in deinen Geheimnissen!« Kamp fühlte, wie fremd ihm der Freund seit seiner Unterredung mit Elma geworden war. Er konnte den Triumph der Überlegenheit nicht unterdrücken, als er die Briefe und Hefte in der Schublade sorglich geordnet sah und nun in diese Ordnung hineingriff. Zuerst suchte er nach irgendwelchen Zeugnissen, die über die Firma und die gepflogenen Unterhandlungen Aufschluß geben konnten. Es war nichts vorhanden. Diese Briefe hätten gleich vornean liegen müssen. Werneuchen hatte sie also beim Wegfahren zu sich gesteckt. Vielleicht war es nun nie mehr möglich, die Firma, mit der Werneuchen verhandelt hatte, herauszubekommen. Falls es sich nicht doch um Berdelow \& Hahn handelte, was ja immerhin möglich war, so wenig Kamp selbst daran zu glauben vermochte. Auch ein Heft mit Adressen sah er durch. Werneuchen hatte es vor vielen Jahren angelegt und ständig weitergeführt. Unter dem Buchstaben B stand die Firma Berdelow \& Hahn verzeichnet. Diese Eintragung stammte aber sicher noch aus der Zeit seiner dortigen Anstellung. Er flog das Heftchen durch, teils um einen Blick über alle Bekannten Werneuchens zu werfen und womöglich einen Anhalt zu gewinnen, teils weil ihm bei den meisten Namen Unterhaltungen und Situationen einfielen und das Leben Werneuchens sich in diesen Adressen noch einmal in Kürze überschauen ließ. Alte Berliner Bekannte, von denen er gehört hatte, und neue aus der Münchener Zeit standen darin. Reuschhagen war mit einer Berliner Adresse notiert, die dann ausgestrichen und durch die Lindwurmstraße in München ersetzt war. Den Studenten durchfuhr es. Selbstverständlich! Reuschhagen wohnte ja seit langer Zeit in der Lindwurmstraße. Es war also ganz natürlich, wenn er mit Frau Gerda in jenem kleinen Café zusammensaß. Sicherlich hatten sich die beiden von jeher dort getroffen. Auch Gerdas Berliner Adresse war in dem Heft notiert. Werneuchen hielt auf Ordnung. Selbst Adressen, die er genau kannte, trug er ein. Nur eine Adresse, die auf die gesuchte Firma deuten konnte, war nicht vorhanden. Er hatte sie sich vorläufig wohl nur ins Notizbuch geschrieben. Daneben gab es Hefte mit Abrechnungen. Ein richtiges Monatsbudget war auf einem Zettel aufgestellt. Briefe von Gerda aus der Zeit ihres Prozesses, Schreiben des Rechtsanwalts, deren Inhalt Kamp kannte, allerhand belanglose Briefe, wie sie jedermann zu erhalten pflegt. Das alles lag im Vordergrund. Kamp ging es genau durch, obwohl er hier nichts Wichtiges mehr zu entdecken hoffte. Er sah die zusammengelegten Briefstöße an. Auf einmal stockte er. Da lagen zwei Briefe von Gerda aus der allerletzten Zeit Er hatte nicht gewußt, daß Werneuchen mit seiner Frau noch korrespondierte. Er fühlte, daß es ihm heiß über den Rücken schoß. Er entfaltete die Blätter und begann zu lesen. Gerda beschwor ihren Mann, ihm eine Unterredung zu gewähren. Wo immer er es wünschte, würde sie hinkommen, um ihn zu sprechen. Sie müsse ihn sprechen! Aber niemand – dieses Wort war dreimal unterstrichen – niemand dürfe von dieser Unterredung etwas wissen, nicht einmal sein Vertrauter Otmar Kamp! Dann der zweite Brief! Werneuchen mußte seine Frau nach Regensburg bestellt haben. Sie schrieb den Zug, mit dem sie eintreffen wollte. Und wiederum die Beschwörung, keinem Menschen etwas von dieser Regensburger Verabredung zu sagen! »Du weißt nicht, Du kannst nicht ahnen, was auf dem Spiele steht! Ich freue mich ja so, Dich einmal wiederzusehen und alles mit Dir zu besprechen. Glaube mir, Du wirst ein ganz anderes Bild von mir und von allem bekommen. Aber schweige gegen jedermann!« Kamp las die Briefe immer wieder. Was hatte das zu bedeuten? Gerda war in Regensburg gewesen! Am Donnerstagabend war Werneuchen dort eingetroffen. Gerda wollte am Freitag früh mit dem Berliner Zug kommen. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag war Werneuchen verschwunden! Sie hatte ihn in die entlegene Stadt gelockt, oder zum mindesten hatte sie, einzig und allein sie, gewußt, daß er dort sein würde. War sie wirklich erst am Freitag früh gekommen oder hatte sie ihn vielleicht schon am vorhergehenden Abend belauert oder belauern lassen? Das waren Fragen von höchster Wichtigkeit. Aber nein! das waren keine Fragen mehr! Es war klar, daß sie mit Werneuchens Verschwinden im Zusammenhang stand. Hier, die Briefe waren der Beweis. Er las sie zum fünften oder sechsten Male durch. Mit welcher teuflischen Berechnung hatte sie den Mann zu der Begegnung überredet! Sie hatte nicht geschrieben, was sie ihm sagen wollte, hatte seine Neugier angestachelt, alles ins Ungewisse getaucht. Daraufhin mußte er kommen! Kamp war erschlagen von ihrer Tücke. Was bedeutete jetzt Berdelow und die Vorladung des Finanzamts! Das war alles Unsinn! Ein Leim, auf den die Kriminalisten kriechen mochten! Gerda hatte es getan, und er hatte die Beweise in der Hand. Lange saß er vor den Briefen, sie immer wieder betrachtend, umwendend, lesend. Nun brauchte er nichts anderes mehr zu durchstöbern. Diese Briefe waren das Ausschlaggebende. Als er sich über alles klar war, legte er sie in die Lade zurück, nahm sie noch einmal hervor, legte sie wieder zurück. Klar? Eigentlich war er sich über nichts klar. Was wollte er tun? Dem Kommissar morgen diese Briefe geben? Er fürchtete sich vor diesem Augenblick. Hatte nicht Elma gesagt, daß Gerda recht daran getan hatte, Werneuchen ermorden zu lassen? Hatte sie nicht wirklich recht getan? Was wußte er von den beiden Menschen? Sollte er wieder, zum zweitenmal, eingreifen? Konnte er die Verantwortung tragen? Konnte er es verantworten, diese Briefe beiseite zu schaffen? Nichts war ihm klar! Er wollte die Briefe hineinlegen, die Schublade schließen und schlafen gehen, als er ganz hinten in der Lade drei Hefte in Glanzleinendeckel erblickte. Er griff danach in der Erwartung, daß es Tagebücher oder Aufzeichnungen persönlicher Art wären. Vielleicht brachten sie ihn in seinen Entschlüssen weiter. Es war lange nach ein Uhr, als Kamp diese Hefte in die Hand nahm, aber er verspürte keine Müdigkeit mehr. Er überlegte sich, daß er gut zehn Stunden Zeit hatte, ehe der Kommissar hinauskommen würde. Bis dahin mußte er einen Entschluß gefaßt haben. Er schlug die Hefte auf und war enttäuscht. Sie waren kaum zu einem Drittel mit Werneuchens kleiner nervöser Handschrift vollgeschrieben. Die Lektüre würde also nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Mit wenigen Blicken konnte er sich vergewissern, in welcher Zeit die Niederschrift vorgenommen war. Das erste Heft stammte aus jenen Tagen, da der Scheidungsprozeß die schärfsten Formen angenommen hatte. Das zweite Heft war begonnen worden, als Werneuchen durch das Wiederauftauchen des Packers in Erregung versetzt war. Das dritte Heft stammte aus den allerletzten Wochen und enthielt nur kurze Eintragungen über Elma, die nichts Neues sagten. Dieses letzte Heft schob er nach kurzem Überfliegen der Seiten zurück, die anderen legte er zur Lektüre umständlich vor sich hin. Dann setzte er sich bequem in den Sessel und stellte die Lampe zurecht. Dreizehntes Kapitel Alle drei Hefte waren Versuche, ein regelrechtes Tagebuch zu führen. Sie begannen mit Eintragungen alltäglicher Vorkommnisse, die sachlich und einfach aufgezeichnet waren. Man hatte eine Gesellschaft besucht. Das Heft nannte die Namen der Anwesenden. Es war Geld eingegangen, Briefe waren angekommen, Gespräche mit einzelnen Personen waren kurz skizziert. Dann aber traten allmählich psychologische Betrachtungen in den Vordergrund, und schließlich – das wiederholte sich in allen drei Heften – war die Tagebuchform aufgegeben worden, und es folgte eine seitenlange Niederschrift, die wohl jedesmal in einer durchwachten Nacht zu Papier gebracht war. Diese Aufzeichnungen trugen die Überschrift »Wie es kommen muß!« Diese Überschrift war offenbar nachträglich zwischen die Zeilen und Abschnitte eingeklemmt worden. Im ersten Heft beschäftigte sich Werneuchen mit der Möglichkeit, von Gerda ermordet zu werden. Man konnte es nicht anders nennen. Die Schlußausführungen hätten geradezu diese Überschrift tragen müssen. Kamp wußte freilich, daß sich Werneuchen mit dieser Möglichkeit lange herumgeschlagen hatte. Hier aber fand er seine Gedanken bis ins einzelne entwickelt, und hier sah er nun schwarz auf weiß, was er vor wenigen Stunden zu seiner Überraschung aus Elmas Munde vernommen hatte. Es war wunderbar, wie genau Elma Ernst Alexander durchschaut hatte, ohne doch offenbar gewisse Tatsachen zu kennen. Zugleich ging aus den Aufzeichnungen hervor, daß Werneuchens Befürchtungen nicht eine plötzlich aufsteigende und wieder zurücksinkende Idee gewesen waren, sondern daß sich der Gedanke, eines Tages von Gerda ermordet zu werden, in seine Seele gefressen und darin weitergebohrt hatte. »Gerda mußte mich hassen von dem Augenblick an, da es ihr klar wurde, daß ich sie nie geliebt habe. Ich habe sie also um ihr Leben betrogen, denn Liebe ist nun einmal das Leben der Frau. Ich habe ihr tausendmal geschworen, daß ich sie liebte, und wußte doch immer, daß ich es nicht tat. Wozu war dies denn? Liebte ich sie doch vielleicht einmal? Nein, ich liebte sie nicht, ich habe vielleicht nie einen Menschen geliebt. In mir war zuviel Unrast, ich wurde zu sehr vom Unglück verfolgt, als daß ich je einen Menschen lieben konnte. Dieses Unglück war schon lange da, ehe ich mein Vermögen verlor. Ich fühlte mich zum Beispiel unglücklich in meinem Beruf, ich hätte nie Offizier werden sollen. Meine Kameraden und Vorgesetzten liebten mich nicht. Nun ist es mir ja allmählich klar geworden, daß ich mit vielem recht hatte, was sie mir und meinem Wesen zum Vorwurf machten. Nicht ich war der Beschränkte, wie sie und ich lange dachten, sondern sie waren es. Aber dennoch, es wirkte in mir weiter, daß ich lange in einer Umgebung gewesen war, die mit falschem Maß rechnete und weder die Welt draußen noch mich richtig zu werten verstand. Ich hatte Ehrgeiz, aber ich brachte es nicht einmal dazu, mich zum Kriegsakademieexamen überhaupt nur zu melden. Andere, die weit weniger konnten als ich, wurden kommandiert, ich nicht. Andere wurden Adjutanten, ich nicht. Weil ich nirgends besonders beliebt war. Ohne den Krieg und ohne den Nimbus, mit dem er uns Offiziere zunächst umgab, hätte ich Gerda wahrscheinlich nie erringen können. Eigentlich war ich ein Hochstapler vor ihr, denn ich war ja gar nicht der Offizier, den sie in mir zu sehen glaubte. Ich war ein armseliger, vom Unglück verfolgter Mensch. Und wenn ich damals noch reich war, so wußte ich doch, oder wußte etwas in mir, daß dieses Vermögen eines Tages verloren sein würde, noch ehe ich so recht in seinen Genuß gekommen war. Aber gerade daß Gerda in mir den tatkräftigen Offizier und großzügigen Menschen sah, zog mich an. Sie hatte von mir ein Bild, wie ich gern sein wollte, wie ich aber nicht war. Ich habe diese Rolle nur einige Wochen hindurch spielen können. Dann durchschaute sie mich. Dennoch ließ ich alles kommen wie es kam. Ich wollte eben der glückliche Mensch sein, als der ich ihr in der ersten Zeit erschienen war. Nein, ich habe sie nicht geliebt, aber ich sehnte mich danach, jemanden zu lieben wie andere Menschen und glücklich zu sein, und deshalb habe ich mich immer wieder in das Schicksal anderer Menschen mit Gewalt eingekrallt. Ich hoffte, daß es mir eines Tages doch gelingen würde, und hätten nur Gerda oder die anderen Mädchen, die ich vor ihr an mich band, einige Zeit durchgehalten und Nachsicht mit mir gehabt, so wäre vielleicht doch ein anderer Mensch aus mir geworden. Freilich ist das keine Entschuldigung für mich. Denn in der Tat habe ich Gerda um ihr Leben betrogen, und sie mußte schließlich doch merken, daß der Wunsch, von ihr loszukommen, alles andere bei mir überwog. Als unser ältester Junge geboren wurde, stand ich an ihrem Bett und sah, wie sie Schmerzen litt, und ich fragte mich, ob ich bereit wäre, diese Schmerzen für sie auf mich zu nehmen. Nein! klang es in mir. Lieber sollte sie hundertmal mehr gequält werden, als daß ich so litt! Als Gerda dann das zweitemal der Mutterschaft entgegensah, habe ich im allertiefsten Grund in jedem Augenblick und auch bei der Entbindung immer gehofft, daß sie sterben würde.« Hier mußte Kamp mit Lesen einhalten. Dieses Bekenntnis schien ihm grauenvoll Er hatte Werneuchen als den rücksichtsvollsten Menschen kennengelernt, der sich bei jeder Spinne oder Mücke überlegte, ob er sie wirklich töten dürfte, und es dann auf die schonendste Art tat. Dieser Mensch sollte immer auf den Tod seiner Frau gewartet haben? Und doch fühlte Kamp, daß das irgendwie die Wahrheit war. Er las weiter. »Gerda kann zu mir nicht anders gestanden haben als ich zu ihr. Wenigstens von dem Augenblick an, da wir erkennen mußten, daß wir uns gegenseitig nicht glücklich machen konnten. Sicher hat sie jeden Tag darauf gewartet, daß ich im Felde fallen würde. Von dem Augenblick an, da Eheleute merken, daß sie sich nicht lieben, muß Kampf auf Leben und Tod zwischen ihnen sein. Wir wünschten, wir mußten wünschen, voneinander befreit zu werden. Tod war der einfachste Weg dazu. Oder Scheidung? Scheidung ist nur eine symbolische Andeutung dafür, daß man den anderen Menschen gern austilgen möchte. Fast alle Menschen, die sich scheiden lassen, wünschen sich eigentlich gegenseitig den Tod. Sie haben nur nicht den Mut dazu. Was hindert sie daran? Die konventionelle Furcht vor einer solchen Tat und die Furcht vor der Strafe! Aber diese Hemmungen können überwunden werden. Ich freilich brauche Gerda jetzt nicht mehr zu töten, denn das Gesetz gibt mir Mittel an die Hand, sie aus meinem Leben zu entfernen. Es ist eine alte Sache, daß man im Rahmen des Gesetzes rauben und töten kann. Sie hat sich gegen meine »Ehre« vergangen. Ich werde es beweisen, und sie wird schuldig gesprochen werden. Obwohl niemand anders an ihrem Vergehen die Schuld trägt als ich. Mir hilft in diesem Falle das Gesetz, sie verdammt es. Meine Schuld steht außerhalb des Gesetzes. Da sie mich mit den Mitteln des Gesetzes nicht tödlich treffen kann, muß sie zur Mordwaffe gegen mich greifen. Und zwar bald! Noch bevor unser Prozeß entschieden ist! Sie hat Angst vor ihrem Vater, der sie verstoßen würde, wenn er von ihrem Vergehen erführe. Ihr Vater ist reich. Wenn ich vor dem Urteil ermordet werde, steht sie makellos da. Ich bin tot, sie aber erbt einmal das große Vermögen ihres Vaters. Sie wird zögern und immer wieder zögern. Aber es bleibt ihr nichts anderes übrig. Vor dem letzten Gerichtstermin wird sie mich ermorden lassen. Ich habe Angst vor der Zeit, wenn der letzte Termin anberaumt sein wird. Es ist der Augenblick – –« Hier schloß das erste Heft. Kamp zitterte vor Erregung. Er konnte die Seiten nicht zuschlagen, starrte eine lange Weile darauf, las noch einmal ganze Abschnitte. Unheimlich stieg diese Grabesstimme aus den Blättern auf. »Ich habe Angst vor der Zeit, wenn der letzte Termin anberaumt sein wird!« las er mit leiser Stimme noch einmal. Werneuchen hatte recht behalten. Jener Brief des Rechtsanwalts am Tage nach seiner Abreise, das Eingeständnis Reuschhagens, alles traf mit dem Verschwinden Ernst Alexanders zusammen. »Es ist der Augenblick –.« Nur, Werneuchen hatte es noch nicht gewußt, daß der Augenblick gekommen war. Er hatte sich gefürchtet vor dem letzten Termin. Er hatte sich vorgestellt, daß er eine Vorladung zu diesem letzten Termin bekommen und dann, von da ab, sich in acht nehmen und mit Sicherungen umgeben würde. Von da ab! Jetzt noch nicht! Jetzt konnte er noch ruhig nach Regensburg fahren, brauchte noch keine Angst zu haben. Der letzte Termin war ja noch nicht bestimmt. Aber er war doch schon bestimmt, auch wenn er noch nicht angesetzt war. Der Umschwung war bereits eingetreten, der diesen letzten, den allerletzten und entscheidenden Termin, im Gefolge haben mußte. Reuschhagen hatte seine Aussage verweigert. Mit diesem Augenblick war der Prozeß für Gerda verloren. Es war »der Augenblick« gewesen! Die widersprechendsten Gefühle und Gedanken stürmten auf den jungen Studenten ein. Er hatte die Beweise in der Hand, alles rundete sich zum vollständigen Bilde. Noch viel schlimmer, furchtbarer, gemeiner, als Elma es ahnte, war der Kampf zwischen diesen beiden Menschen gewesen. Ein unheimliches Ringen auf Leben und Tod. Jahrelang hatten es die beiden vielleicht nicht geahnt, daß es eines Tages so kommen mußte. Gingen vielleicht mit gleichgültigen Mienen aneinander vorbei, bis die Erkenntnis in ihnen aufstieg, daß sie sich eines Tages im schonungslosen, unbarmherzigen Kampf begegnen würden. Jedem von ihnen allein mußte diese Erkenntnis langsam gekommen sein, zuerst ungläubig zurückgewiesen, dann immer deutlicher und deutlicher. In Werneuchen die Erkenntnis, daß er Gerda durch den Prozeß bürgerlich vernichten müßte. In Gerda, daß sie ihn ermorden lassen würde. Was hatte er, Kamp, dabei zu tun? Noch immer wußte er es nicht Er suchte die Schuld gleichmäßig zu verteilen, fragte nach dem ersten Beginn dieses Kampfes. Soviel er wußte, reichte das Verhältnis Gerdas zu Reuschhagen bereits in die Kriegszeit zurück. Werneuchen hatte erst spät, eigentlich erst vor einem halben Jahr davon erfahren. Aber irgendwie mußte er doch gefühlt haben, daß Gerda ihn hinterging. Vielleicht hatte sie, wenn sie wirklich Reuschhagen liebte, ihm den Tod gewünscht, und er hatte es dunkel gefühlt. Waren seine bösen Wünsche für sie also nicht nur Erwiderung, Vergeltung, Verteidigung? Aber er hatte sie von Anfang an durch die Lüge seiner Liebe betrogen. Er hatte sich ihr anders gegeben, als er war, nur weil er seines unglücklichen freudlosen Daseins überdrüssig war. Wer konnte hier Richter sein? Vielleicht hatten sie alle beide furchtbar an sich gesündigt? Vielleicht trug nur die unglückselige Zeit alle Schuld? Kamp saß lange in tiefem Nachdenken über dem Heft, ehe er es beiseite legte. Seine Gedanken gingen weiter. Welche Schlüsse ergaben sich aus diesen Aufzeichnungen für das Verschwinden Werneuchens? Er überprüfte noch einmal die Sachlage genau und von Grund aus. Konnte es nicht vielleicht doch immer noch ganz anders gewesen sein, als er sich jetzt vorstellte? Nein, nein! Alles zusammen gab ein lückenloses Bild. Er wiederholte noch einmal die Fakta: Gerdas Vater war reich, und sie hatte Angst vor ihm. Wenn der Prozeß ihre Schuld erwies, stand sie mittellos auf der Straße. Im anderen Falle, wenn es ihr gelang, schuldlos aus diesem Prozeß hervorzugehen, hatte sie sich und ihren Kindern Zukunft und Erbschaft gesichert. Sie hatte den Prozeß immer und immer wieder in die Länge gezogen. Nicht, um Werneuchen zu quälen, und nicht nur, um länger seine Versorgung zu genießen, wie man angenommen hatte, sondern weil sie vor dem furchtbaren Entschluß, ihn zu töten oder töten zu lassen, immer wieder zurückbebte. Nun aber ging es nicht länger. Reuschhagen hatte sie im Stich gelassen, der letzte Termin stand bevor. Sie mußte zur Tat schreiten, wenn sie nicht selbst verloren sein wollte. Klar und richtig hatte Werneuchen es niedergeschrieben: »Vor dem letzten Termin muß sie mich ermorden oder ermorden lassen!« Da, in dem kleinen schwarzen Heft, stand es. Er schlug noch einmal das Heft auf und las diesen Abschnitt mit halblauter Stimme. Dachte an das Zusammentreffen in der Lindwurmstraße und an das Auftauchen Benschs. »Wie es kommen muß!« stand über diesen Aufzeichnungen. Die Anzeichen sprachen deutlich. Was hatte Gerda in Regensburg gewollt? Was wollte sie in München? Weshalb tauchte gerade jetzt der Packer Bensch wieder auf? Die Zusammenhänge lagen klar. Wenn der Kommissar morgen früh Gerdas Briefe und dieses Heft las, war sie verloren.– Das zweite Heft handelte von Bensch. Werneuchen hatte hier zunächst seine Erlebnisse mit dem Kanonier Bensch aus seiner Junkerzeit niedergeschrieben. Fast wörtlich so, wie er es Elma und Kamp des öfteren erzählt hatte. Nur einige Einzelheiten waren Kamp neu, an und für sich belanglose Kleinigkeiten. Einmal hatte der Kanonier ein Paar Stiefel, ein andermal ein Portemonnaie gestohlen. Der Wert war nicht groß. Aber oftmals hatte er ihm Dienstgegenstände wie Kinnketten, Geschützverschlüsse, Obergurte, Steigbügelriemen entwendet und ihn dadurch in die peinlichsten Lagen gebracht. Man konnte später vielleicht über die kleinen Nöte des damaligen Fahnenjunkers lächeln, diese Dinge waren für Werneuchen gleichwohl sehr wichtig gewesen, sie konnten von vornherein seine Laufbahn entscheiden und, was schlimmer war, ein Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins war ihm aus jenem Jahr für sein ganzes Leben zurückgeblieben. Nach den Taten des Kanoniers Bensch berichtete das Heft von dem ersten Auftreten des Packers Bensch bei dem Umzug nach München, von seinen kaum verhüllten Erpressungsversuchen bei dem Einzug in die Villa, und dann von diesem unheimlichen Wiederauftauchen nach zwei oder drei Jahren. Alles das war Kamp freilich nicht neu. Er wußte auch längst, daß Ernst Alexander in diesem Bensch den Sendling der feindlichen Macht sah, die sein ganzes Leben beherrschte und belauerte. Einige der niedergeschriebenen Gedanken warfen aber doch neues Licht auf Werneuchens Einstellung. »Man kann nie wissen, ob nicht für irgendeinen Menschen irgendein Grund vorhanden ist, jemanden aus dem Wege zu räumen. Du brauchst nicht einmal Zeuge einer Heimlichkeit zu sein, sondern es ist nur nötig, daß du dafür gehalten wirst. Das Wiederauftauchen Benschs zeigt mir, daß jemand ein Interesse daran hat, mich zu beobachten. Ich weiß nicht, wer und weshalb, irgendein Wille aber umgibt und umlauert mich ständig. Vielleicht ist es nicht einmal Gerda, die mir nachstellt. Es gibt da so viele Möglichkeiten. Zum Beispiel: Ich besinne mich deutlich, wie ich an einem Tag im Spätherbst zum Fenster der Wannseebahn in Berlin hinaussah. Ich öffnete das Fenster. Es war schon dunkel. Der Zug war fast unbesetzt. Wie ich meinen Kopf aus dem Fenster bog, war ich von den Nebenabteilen im Licht des Zuges deutlich zu erkennen. Weiß ich, was in einem der benachbarten Wagen soeben vor sich gegangen war? Vielleicht ein Mord? Vielleicht hatte ein Liebhaber seinen Rivalen aus dem fahrenden Zug gestoßen? Auf einmal sieht der Täter mein Gesicht. Er muß damit rechnen, daß ich ihn bei seiner Tat beobachtet habe. Auf dem Bahnhof sucht er im Gewühl zu entkommen. Ohne es zu wissen, gehe ich hinter ihm her. Er bemerkt mich, er glaubt sich von mir verfolgt und wird nun selber mein unermüdlicher Verfolger. Tagelang, wochenlang verhalte ich mich untätig. Meine Passivität ängstigt ihn erst recht. Er nimmt an, daß ich vielleicht nur auf eine besondere Gelegenheit warte. Er kann es sich nicht anders erklären. Manchmal denkt er: er hat es vielleicht doch nicht gesehen! Dann wieder: er muß es gesehen haben! Diese Ungewißheit macht ihm das Leben zur Hölle. Schließlich wird er mich ermorden oder ermorden lassen. Immer gibt es einen Bensch, der das um ein geringes besorgt. Vielleicht sollte Bensch mich schon das erstemal ermorden, und er hätte es getan, wenn ich in jener Nacht, wie ich zuerst gewollt, allein in der Villa geschlafen hätte. Vielleicht hatte er sogar Mitleid mit mir, als er mir selbst davon abriet? Dann sollte er mich ermorden, als er jetzt wieder auftauchte. Mich rettete der Koffer, der ihm augenblicklichen und größeren Gewinn bot. Bensch aber wird wieder auftauchen, wenn es an der Zeit ist! Ich weiß nicht, weshalb ich ermordet werden soll. Vielleicht ist es Gerda, die sich von mir zu befreien wünscht? Vielleicht stehe ich bei irgend jemandem in dem Verdacht, daß ich etwas gesehen habe, was niemand sehen sollte? Vielleicht hat die Sache sogar mit Politik etwas zu tun, obwohl ich mich nie um Politik gekümmert habe? Das schlimme ist, daß ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Aus jedem Gang, den ich tue, aus jedem Brief, den ich schreibe, kann mein unbekannter Aufpasser herauslesen, daß ich jetzt gegen ihn vorgehen will. Ich besuche den Pfarrer: der Unbekannte glaubt, daß ich meine Anzeige mit diesem besprechen wolle. Ich lasse auf der Polizei meinen Reisepaß erneuern: der Unbekannte glaubt, daß ich jetzt die Anzeige erstatten werde. Vielleicht gibt es irgend etwas: wenn ich das tue, so würde der Unbekannte daraus unzweifelhaft ersehen, daß ich nichts weiß. Aber ich ahne nicht, was es ist. Ich weiß nichts! Ich will nichts anzeigen! Ich will nur Gutes für alle Menschen! Ich bin unschuldig! Laßt mich am Leben!« So schloß das zweite Heft. War das Wahnsinn? Doch Bensch war wiedergekommen, und Werneuchen war verschwunden! Hatte er nicht alles vorausgewittert? Je weiter Kamp in diesem Heft las, desto mehr mußte er an Berdelow denken. Der Zusammenstoß zwischen Werneuchen und Herrn Berdelow war erfolgt, kurz ehe Bensch das zweitemal auftauchte. Werneuchen hatte seinen Freunden mehrfach versichert, nichts Unerlaubtes von Berdelow zu wissen. Was aber tat das, wenn Berdelow aus irgendeinem Grunde zu der Überzeugung gekommen war, daß Werneuchen dennoch um eine Verfehlung von ihm wußte? Vielleicht hatte er Werneuchens Drohung bei seiner Entlassung in diesem Sinne aufgefaßt? Damals hatte er ihn beobachten lassen, um ihn bei dem ersten verdächtigen Anzeichen aus dem Wege zu schaffen. Werneuchen aber schwieg, und Berdelow beruhigte sich wieder. Nun hörte er, daß eine Anzeige eingelaufen war. Er hörte Werneuchens Namen nennen. Seine Angst stieg. Werneuchen kam zu ihm, um ein gutes Zeugnis zu erbitten. Berdelow mußte diesen Besuch ganz anders auffassen. Jetzt beschloß er, Werneuchen zu beseitigen. Es war die höchste Zeit, den vermeintlichen Mitwisser loszuwerden. Damals gab er die Anzeige auf, weil er einen Posten zu besetzen hatte, und vielleicht auch, weil er sich durch die verlangte Kaution aus einer augenblicklichen Schwierigkeit heraushelfen wollte. Zufällig meldet sich auf dieses Inserat unter anderen Werneuchen. Jetzt reift in dem Fabrikanten der Plan, er setzt sich mit Bensch in Verbindung. Sie beschließen, Werneuchen mit Hilfe eines Stellenangebots in eine entlegene Gegend zu locken und dort umzubringen. Konnte das alles sein? Weshalb nicht? Es blieb noch aufzuklären; woher die Verbindung zwischen Bensch und Berdelow stammte und wer jener Direktor Goldschmidt war, mit dem Werneuchen in Regensburg doch wohl richtig verhandelt haben mußte, ehe er seinen letzten Brief schrieb. Natürlich war es nicht so! Aber Kamp bemühte sich, sich auch in diese Möglichkeit hineinzudenken. Er wollte, daß der Kommissar sie als die wahrscheinlichste ansah und diesen Weg verfolgte. Vielleicht kam Leuthold gar nicht auf den Gedanken, daß Gerda die Schuldige sein konnte. Wenn man ihm die Spur Berdelows möglichst auffällig machte! Aber vielleicht war es doch Berdelow gewesen? Gerda oder Berdelow! Vielleicht war einer dem anderen zuvorgekommen? Kamp nahm noch einmal das erste Heft zur Hand, das er bis jetzt nur flüchtig durchblättert hatte. In der Mitte fand er einige Seiten, die er bisher übersehen hatte. »Wie es auch kommen kann!« stand darüber geschrieben. Werneuchen warf hier die Frage auf, ob auch Elma ihn bald hassen würde. »Vielleicht ist sogar sie es, die mich einmal ermorden lassen wird«, stand da. Doch es fehlten die tatsächlichen Unterlagen, die in den anderen Heften mit so grausamer Genauigkeit ausgeführt waren. Es schien, als ob Werneuchen mit dem Schuldgefühl seines gebrochenen gehetzten Wesens Elmas aufkeimenden Haß gewittert hätte, ohne noch Näheres vermuten zu können. Vielleicht mußte er aber auch nur immer wieder vermuten, um der ständig in ihm lauernden Angst Nahrung zu geben. Offenbar war er dann bald selbst von der Sinnlosigkeit seiner Fragen überzeugt gewesen und hatte die Aufzeichnungen eingestellt. Dennoch schlug diese dritte Möglichkeit dem Studenten plötzlich wie eine Sturzflut entgegen. Elma? Nein, es war Wahnsinn, zu denken, daß sie mit Werneuchens Verschwinden irgendwie in Beziehung stehen konnte. Jetzt! Aber wenn sie an Gerdas Stelle gewesen wäre? Wenn diese Eintragungen noch ein oder zwei Monate fortgesetzt worden wären? Ihn schauderte. »Wie es auch kommen kann!« stand über diesen Seiten. Es war anders gekommen, aber wer konnte wissen, wie es nach Monaten oder Jahren hätte kommen müssen! »Elma!« rief er lauter, als er wollte, und klappte das Heft zu. Gegen drei Stunden hatte Kamp gelesen. Die seltsamsten Empfindungen wogten in ihm durcheinander. Jetzt wußte er um die Geheimnisse Werneuchens. Er hatte keine Ahnung von Ernst Alexander gehabt. Die Worte Elmas hatten ihn völlig überrascht und erschüttert. Jetzt erst wußte er, wie sehr sie recht hatte. Immer konnte er sich noch nicht entschließen, schlafen zu gehen, sondern saß lange, lange am Schreibtisch, immer wieder eines der Hefte vornehmend und einige Abschnitte nochmals lesend. Um ihn herrschte tiefe Stille. Das Licht der elektrischen Lampe zitterte unmerklich. Ihm war, als hätte er die ganzen Stunden hindurch mit diesem einsamen Licht Zwiesprache gehalten. Wie ein ferner Gruß von Werneuchen war es, über gestaute Wasser, über rauschende Turbinen, über Akkumulatoren und Transformatoren hindurch, an endlosen Drähten entlang. Kaum noch zu ahnen, ein ganz, ganz fernes Grüßen. »Wie du auch gestorben sein magst, du ferner Freund, von welch furchtbarer Angst die letzten Minuten deines Lebens erfüllt waren, – jetzt hast du Ruhe. Jetzt martern dich nicht mehr die Angstgesichter, jetzt haben die Spannungen deiner verkrampften Seele sich gelöst. Ich weiß: im Krieg bist du ein Held gewesen. Tolle Taten hast du ausgeführt in Flandern und vor Douaumont. Dann war die Angst in dir immer mächtiger geworden, nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor dem Leben mit seinen furchtbaren Möglichkeiten. Du hattest in den Abgrund des Entsetzens gesehen, der uns Menschen stets verborgen bleiben sollte. Du warst zu vertraut geworden mit den dunklen Regungen, die auf dem Boden unseres Wesens lagern. Wir anderen merken sie kaum, du aber fühltest sie als Tatsächlichkeiten, und so stiegen sie auf und gewannen furchtbare Kräfte. Nur weiß ich nicht, ob du so zerfasert, so zerspalten warst, weil dich Mord und Tücke seit Jahren umlauerten, oder ob du diese Gewalten erst aufriefst. Dieses letzte ist das tiefste Geheimnis, das auch du nicht mehr enträtseln konntest. Vielleicht belauerte deine Frau seit Jahren deinen Schlaf, Mordwillen im Auge, und deine schlechten Träume stammten daher. Vielleicht aber wecktest du auch erst die gefährlichen Instinkte durch deine Bereitschaft. Vielleicht wäre Bensch ein gewöhnlicher Packer gewesen, wenn er deine Angst nicht gewittert hätte. Ich weiß nicht, ich weiß nichts! Kann ein furchtbares Ende, wie du es gehabt hast, mit Angst und Entsetzen aufs Leben zurückwirken, oder hat umgekehrt die Furcht vor einem bevorstehenden grausigen Ereignis einen solchen Einfluß auf die Dinge, daß sie eine Katastrophe gewissermaßen durch ihre bloße Bereitschaft herbeizurufen vermag? Es muß ein furchtbarer Entschluß sein, einen Menschen zu ermorden. Und doch steht die Zahl der Morde, die jahraus, jahrein verübt werden, einigermaßen fest. Wie erklärt sich diese Gleichmäßigkeit? Vielleicht durch die regelmäßige Wiederkehr dieser seltenen und besonderen Voraussetzungen? Oder vielleicht senken sich von Zeit zu Zeit in regelmäßigen Abständen Angstzyklone auf unsere Erde nieder und wirken die furchtbaren Taten, zeugen vielleicht alle furchtbaren Ereignisse auf unserer Erde? Kommen vielleicht alle Kriege, alle Morde aus dieser Angst, die auf einmal da ist? Allen Katastrophen, die die gewohnte und gewöhnliche Ordnung stören, fliegt immer ein Atem von Nervosität und Angst voraus. Aber wie ist es: Wittert die Herde den Wolf und drängt sich ängstlich zusammen, oder reißt erst diese Angst den blutgierigen Wolf in den Kreis? Noch einmal: ich weiß nicht, ich weiß nichts! Und wer auch Werneuchen ermordet haben mag, diese Frage wird niemals entscheiden werden: Kam es, weil du Angst hattest? Hattest du Angst, weil es kam?« So hielt Kamp seine einsame Zwiesprache mit dem Licht und der Nacht. Es waren übernächtige Gedanken, die durch sein Hirn fluteten, er wußte es selbst. Und doch schien sich ihm eine Wahrheit zu entschleiern, der er im gewohnten Zustand niemals teilhaftig geworden wäre. Er fühlte, wie im Schicksal Werneuchens nur deutlich sichtbar wurde, was sonst im verborgenen wuchert: die Angst und das Mißtrauen, das Völker und Menschen gegeneinander hetzt. Es ist diese Angst, die uns alle Scheußlichkeiten, die wir von anderen erwarten, selber begehen läßt. Das steigert sich wie Induktionsströme gegeneinander. Wir möchten gut sein und wagen es nicht. Wir möchten einander lieben und fürchten, daß der andere das Mordbeil zückt. Vielleicht war das das Verhängnis Werneuchens und Gerdas gewesen. Und ist immer das Verhängnis aller Menschen und wird es ewig sein. »Ich weiß nicht, ich weiß nichts!« – Allmählich ließ die Spannung der seltsamen Lektüre nach. Die Bilder der Wirklichkeit drängten sich wieder hervor. Was war denn gewesen, ehe er die Hefte aufschlug? Ehe er Gerdas letzte Briefe las? Er sah sich mit Elma an der Elektrischen stehen, ihr die Hand reichen und ihr nachblicken, bis sie verschwunden war. Das war die Wirklichkeit. Was sollte er jetzt beginnen? Irgendein Entschluß wurde von ihm verlangt. Sofort spürte er wieder den dumpfen Haß gegen Werneuchen. Gerade deshalb, weil er tot war und die Lebenden sich quälen mußten. Ganz stark spürte er dieses Gefühl. Vielleicht war es wirklich so, wie es Elma gesagt hatte: daß Werneuchen noch in der letzten Sekunde seines Lebens im Triumph daran gedacht hatte, daß mit ihm nun auch sie vernichtet war? Vielleicht hatte er sogar an die Briefe in seinem Schreibtisch gedacht und gehofft, daß Gerda in den Verdacht des Mordes kommen würde? Seltsam liefen die Gedanken in seinem Kopf gegeneinander. Er hatte Mitleid mit dem Freund, und doch schien ihm dessen wunschlose Todesruhe wie eine Niedertracht, ein schlechter Ausgleich gegen die Angst der Lebendigen. Er mußte an Elma denken. Schlief sie jetzt? Nein, sie würde nicht schlafen. Sie wälzte sich in marternden Gedanken auf dem Bett. Und Gerda? Was würde sein, wenn der Kommissar morgen die Briefe und die Aufzeichnungen fand? Man mußte Gerda für die Schuldige halten. Man würde sie verhaften lassen! In aller Härte und Kälte suchte Kamp sich das klarzumachen. Gerda war schuldig! Hier lagen die Beweise. Aber, wenn sie schuldig war, – dann hatte sie trotzdem, trotz allem recht getan! Elma hatte es gesagt! Und man mußte Gerda retten! Es war furchtbar, einen Menschen zu ermorden. Nur in einer solchen übernächtigen Stunde konnte man daran denken. Aber war die Tat nicht auch aus einer solchen Stunde erwachsen, wo die Dinge des Lebens seltsam weit waren und in unbestimmten Umrissen dastanden? War der Entschluß nicht auch einmal am Rand des Abgrunds gefaßt worden? Und was aus emporgepeitschten und überreizten Nerven hervorgegangen war, das sollte jetzt ins wache Bewußtsein und in die Wirklichkeit zurückschlagen? Nein, man mußte Gerda retten! Die Lebende gegen den Toten retten! Gerda und Elma verschmolzen ihm fast zu einem einzigen Wesen. Es war, als ob man Elma in Gerda retten müßte. Der Entschluß stand fest! Kamp nahm die Briefe, legte das erste und dritte Heft beiseite. Allein das zweite Heft, das Heft des Packers Bensch sollte der Kommissar morgen finden. Wenn er dieses Heft mit den ungewissen Befürchtungen vor einem ewig lauernden Mörder morgen in der Schublade fand, – was mußte er schließen? Ein höhnisches Lächeln umspielte den Mund des Studenten. Der Kommissar würde hier die Bestätigung der Mitschuld Berdelows sehen. Alle Spuren wiesen auf ihn. Mochten sie! Und wer weiß, vielleicht war der Fabrikant wirklich der Schuldige? Dieser anmaßende Kerl in seinem verstaubten Haus! Mochte man ihn verhaften! Kamp wollte nicht gerade seine Verurteilung, aber die Rettung Gerdas wollte er auf alle Fälle. Dazu war es nur nötig, ihre beiden letzten Briefe und die zwei Hefte beiseite zu schaffen. Mit kurzem Entschluß legte er das mittlere Heft in die Schublade zurück und schob sie zu. Wohin aber mit den anderen Sachen? Man konnte sie im Ofen verbrennen. Aber würde der Kommissar nicht die Öfen untersuchen? War es nicht überhaupt seltsam, daß er nicht sofort den Schreibtisch und die ganze Villa versiegelt hatte? Natürlich, er traute dem Freund des Ermordeten. Er glaubte, Kamps Interesse an der Überführung des Täters voraussetzen zu dürfen. Und er hatte damit recht gehabt, solange man auf der Polizeistube gewesen war. Nun aber war alles anders geworden. Aber vielleicht ließ Leuthold ihn längst beobachten? Vielleicht stand draußen einer seiner Beamten und sah, wie er hinter den verschlossenen Läden die ganze Nacht Licht brannte? Man durfte nicht hinausgehen und die Schriftstücke etwa im Garten vergraben. Es konnte sein, daß ihn jemand dabei belauschte. Wenn er sie auf dem Boden versteckte? Aber morgen würde wahrscheinlich das ganze Haus durchsucht werden. Es gab nur eine Sicherheit: alles verbrennen, dann die Asche sammeln und in den Fluß werfen! Doch man mußte es von draußen sehen, wenn er Feuer machte. Und auch die Köchin konnte es bemerken und morgen aussagen! Alle diese Möglichkeiten wurden bedacht und verworfen. Aber das Ausschlaggebende war: Kamp wollte die Schriftstücke gar nicht vernichten. Er wollte sie behalten! Um keinen Preis der Welt, nicht um vollkommene Sicherheit hätte er sie fortgegeben. Ihn lockte das Geheimnis, das er in Händen hielt. Der Gedanke, in diesen Heften über Gerdas Schicksal zu verfügen, überwältigte ihn. Er ging in die ausgeräumte Wohnstube und schob Hefte und Briefe kurz entschlossen unter seine Kollegbücher. Dort mochte man sie suchen! Befriedigt kehrte er in das Arbeitszimmer zurück, öffnete die Läden und drehte das Licht ab. Als der Funke in den Drähten verglomm, war es ihm einen Augenblick lang, als nähme Werneuchen einen letzten Abschied von ihm, und merkwürdigerweise empfand er eine gewisse uneingestandene Genugtuung dabei. Er trauerte um ihn, aber dennoch würde er den Toten verraten und um seine Rache bringen. Ja, er hatte es schon getan, als er die Schriftstücke versteckte. Lebe wohl, Ernst Alexander Werneuchen! Du hast ausgelitten, aber Lebende sollen um deinetwegen nicht mehr leiden! Draußen war es schon hell. In den Kastanien lärmten die Vögel. Im Osten stand der Himmel in Flammen. Er legte sich zur Ruhe. Er war so müde, daß er trotz aller Erregung sofort einschlief. Auf einmal stand der Kommissar vor ihm und fragte im strengen Ton, ob er den Schreibtisch durchsucht hätte. Ein Beamter hinter ihm spielte mit Handfesseln. Er gab zu, die große Schublade geöffnet zu haben, bestritt aber, daß er etwas entwendet hätte. Der Kommissar verlangte mit eigentümlichem Lächeln sein Ehrenwort. Kamp gab es ohne Besinnen. Er hatte sogar das Gefühl, ein gutes Werk dabei zu tun. Dann ließ Leuthold ihm die Fesseln anlegen und hielt ihm die beiden unterschlagenen Hefte und Gerdas Briefe vor. Kamp zuckte mit den Achseln. Später sah er sich am Schreibtisch sitzen. Werneuchen trat herein, er kam von der Reise zurück. Die Anstellung hatte er nicht bekommen. Man merkte ihm an, daß er furchtbar enttäuscht war. Er sprach aber wie gewöhnlich ganz sachlich und mit leiser Ironie über seinen Mißerfolg und machte sich dann an seinen Büchern zu schaffen. Es war unendlich rührend, wie er dastand, innerlich gebrochen und nach außen hin ganz beruhigt. Er sagte nur: »Das liegt so an der Zeit. Ich kann nichts dafür. Ich habe getan, was ich konnte. Und überhaupt kein Mensch kann etwas dafür.« In diesem Augenblick liebte ihn Kamp wie nur je. Er wußte doch, daß Werneuchen ermordet war, und weinte laut auf. Darüber erwachte er. Es war schon spät. Er mußte sich ankleiden. Vierzehntes Kapitel Herr Berdelow hatte das Fräulein Hubermeier nicht geheiratet und seither überhaupt kein ganz reines Gewissen mehr. Seit fünf Jahren hatte er Fräulein Hubermeier, Therese, nicht geheiratet, obwohl sie ihn des öfteren daran erinnerte. Schließlich war es ihr zu bunt geworden, und sie hatte gekündigt. Fräulein Hubermeier, Therese, war Herrn Berdelows rechte Hand. Die Berufung des Herrn Werneuchen war nur einer der vielen fruchtlosen Versuche gewesen, sich eine andere rechte Hand anzuschaffen. Damals war man reumütig zu Fräulein Hubermeier zurückgekehrt. Als aber Fräulein Hubermeier nun endlich kündigte, hatte man sie dummerweise gehen lassen und durch Fräulein Margot Liedtke ersetzt. Seitdem hatte man keine ruhige Stunde mehr. Fräulein Margot Liedtke war nach dem Prinzip ihrer Verschiedenheit von Fräulein Hubermeier, Therese, ausgesucht worden. Man wollte einmal etwas ganz anderes haben, und sie war ganz anders. Fräulein Hubermeier war schwerfällig, pfiffig, treu und arbeitsam gewesen. Fräulein Liedtke hingegen war ungemein fix. Kaum sprach man ein Wort, hatte sie es schon in ihrer Schreibmaschine drin. Es war eine Qual, ihr Briefe zu diktieren, so schnell schrieb sie. Mit Fräulein Hubermeier hatte man alles durchsprechen können, aber Fräulein Liedtke mußte man alles erzählen, und eigentlich hatte sie es schon gewußt und wußte schon Rat und hatte bereits Anordnungen gegeben. Es war kein ordentliches Durchsprechen einer Angelegenheit mit ihr möglich, sie hatte einfach alle Zügel in Händen, und das Kutschieren machte ihr Spaß. Die ganze Fabrik einschließlich des Herrn Berdelow machte ihr Spaß. Sie war dem Fabrikanten unheimlich, und das einzige, was ihn mit ihrem ständigen Umgang versöhnte, war der Umstand, daß sie nicht geheiratet werden wollte. Ja, sie hätte Herrn Berdelow nicht einmal genommen. Sie gehörte einer anderen Welt an. Am Sonntagnachmittag traf man sie in der Odeonbar und am Abend im Tabarin, wo sie Blues und Charleston tanzte. Oder sie saß mit jungen Künstlern in der »Diana«. Als der Juniorchef eines großen Nürnberger Schuhhauses in dem Privatkontor des Herrn Berdelow eine Bestellung aufgab, forderte er sie auf, den Abend mit ihm zu verbringen. Und sie tat es ohne weiteres. Am nächsten Tag wurde die Bestellung vergrößert. Herr Berdelow mußte einsehen, welchen Nutzen ihm Fräulein Liedtke brachte, und er sah es ein. Fräulein Liedtke gefiel ihm gar nicht, aber er wäre dumm gewesen, sie laufen zu lassen. Eine tüchtigere Person bekam er für das Geld nicht. Dennoch war ihm in ihrer Nähe nicht ganz wohl. Sie war ihm unheimlich, weil er sie und ihre Welt nicht überschauen konnte. Oft saß sie abends spät noch in ihrem Büro und arbeitete. Er hatte das Gefühl, daß sie dann andere Dinge tat, als in ihrem eigentlichen Pflichtenkreise lagen. Wenn er durch die Treppentür, die von seiner Villa in das Fabrikgebäude führte, hinaufschlich, um sie zu überraschen, saß sie freilich bei der Abschrift von Briefen oder über kaufmännischen Büchern, gegen die er nichts einwenden konnte. Aber er traute ihr dennoch nicht. Sie nahm alles zu leicht. Wenn sie, ganz offensichtlich sie, der Fabrik einen Auftrag besorgt hatte, redete sie nicht davon. Wenn die Schwierigkeit der Konjunktur die Existenz der Fabrik fast in Frage stellte, ging sie ebenso mit einem leichten Wort darüber hinweg. Kurzum, sie hatte kein Herz. Herr Berdelow malte sich einmal aus, was sie tun würde, wenn er eines Tages in seinem Schreibtischstuhl tot zusammenbrach. Solche Phantasien lagen ihm sonst eigentlich nicht, aber um über Fräulein Margot Liedtke nachzudenken, mußte man schon zu den ausgefallensten Situationen greifen. Was würde sie also tun, wenn er eines Tages tot aufgefunden wurde? Er sah es genau vor sich: sie würde seinen Puls anfassen, ausrufen: »Na, wer ist denn nun eigentlich hier der Chef?« und an ihre Arbeit gehen. So war sie! Vor einigen Tagen hatte sie Herrn Berdelow die Mitteilung des Finanzamts überbracht, daß gegen ihn ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung schwebe. Auch dabei war sie ganz sachlich geblieben. Herr Berdelow hatte hin und her geraten, auf wessen Veranlassung das Verfahren eingeleitet sein konnte. »Da fragen Sie noch?« hatte Fräulein Liedtke ausgerufen. »Das ist doch ganz klar: Fräulein Hubermeier! Und wahrscheinlich wird sie auch schon für das nötige Material gesorgt haben.« »Material!« sagte Herr Berdelow erregt. »Was Material! Es gibt kein Material!« »Ach Gott, Herr Berdelow! Um Material braucht man da wirklich nicht verlegen zu sein, wenn man Sie hereinlegen will.« Und sie hatte ihm gleich aus dem Kopf einige Fälle aufgezählt: »Wie haben Sie denn die Holzleisten für die Lackschuhe verbucht? Was für Spesen haben Sie denn zu dem letzten Auftrag aus Offenburg angegeben, der Ihnen ganz spesenfrei ins Haus flog? Und wie haben Sie den Preis für das Kalbleder angesetzt? Und das Sohlenleder, das Sie aus Brasilien bezogen haben und das nun mit Inlandpreisen zu Buch steht? Material, Herr Berdelow, ist schon da, wenn man ein bißchen herumsucht.« »Das machen alle so!« hatte Herr Berdelow bekümmert gesagt. Vor dieser Person wurde sogar er ganz kleinlaut »Ja, aber einer fliegt mal hinein!« sagte sie achselzuckend. »Und aus der Zeit von Fräulein Hubermeier liegen doch noch ganz andere Dinge vor. Ich habe doch mit Fräulein Hubermeier gesprochen und dann in den Büchern nachgesehen. Es stimmte!« »Was?« schrie Herr Berdelow. »Sie haben sich mit dieser Person eingelassen? Das verbitte ich mir! Dieser Schandperson, die mich ins Gefängnis bringen will?« »Gott, Herr Berdelow, wenn sie mich auf der Straße anspricht! Glauben Sie, es macht mir Spaß, mich mit so einer zusammen sehen zu lassen? Nun wissen wir doch wenigstens, woher es kommt.« Aber Herr Berdelow wußte nichts. Er traute Fräulein Liedtke seit diesem Gespräch noch weniger. Vielleicht steckte sie mit der Hubermeier unter einer Decke. Vielleicht war das ganze Fräulein Liedtke ein Racheakt der Hubermeier, Therese. Er konnte sich ordentlich vorstellen, wie die beiden zusammenstanden und die Liedtke sagte: »Was? Den Berdelow? Den mache ich Ihnen in zwei Monaten so kirre, daß er sich die Finger danach leckt, Sie zurückzurufen und zu heiraten!« Das hätte er der Person glatt zugetraut Und noch viel Schlimmeres! Als es mit den Bestellungen gar nicht mehr vorwärtsging, hatte sie ihn auf den Gedanken gebracht, irgend jemanden zu engagieren und eine größere Kaution zu verlangen. Mit drei- oder fünftausend Mark konnte man allerhand beginnen. Man müsse einmal die Propaganda ordentlich auf den Schwung bringen. Der alte Reisende, Herr Schürrmann, tauge absolut nichts. Man mußte einmal Dampf hinter ihm machen, damit er sich rührte. Es wurde ein Inserat aufgesetzt Und wer meldete sich? Herr Werneuchen! Herr Berdelow erzählte, was er mit Herrn Werneuchen erlebt hatte. Aber Fräulein Liedtke wußte es schon, und sie war dafür, Herrn Werneuchen einzustellen. Fünftausend Mark hätte er, und die wären nicht zu verachten. Und von allen Bewerbern schiene er ihr der beste und tüchtigste, auch wenn er nichts von Buchführung verstand. Natürlich war das alles nur Opposition, um ihn zu ärgern, empfand Herr Berdelow sehr genau. Er aber hatte Werneuchens Brief genommen und auf den Boden gewettert. »Verdammt noch mal, wenn ich den ekelhaften Schwätzer noch einmal einstellen sollte!« Werneuchen war ihm von seinem letzten verunglückten Besuch her in allerschlechtester Erinnerung. Fräulein Liedtke zuckte nur mit den Achseln, hob den zusammengeknitterten Brief auf und faltete ihn glatt. »Dann nicht!« sagte sie. »Sie sind ja der Chef und haben zu befehlen!« Man engagierte Herrn Bötticher, der in vierzehn Tagen eintreten sollte. Dabei stellte es sich heraus, daß Fräulein Liedtke Herrn Bötticher kannte und protegierte. So machte sie es nun einmal. Man kam ihr nicht hinter die Schliche. Bei alledem fühlte sich Herr Berdelow sehr ungemütlich. »Was mache ich nun bloß mit dem Finanzamt?« schrie er Fräulein Liedtke an. Sie war dafür, erst einmal abzuwarten, was man denn überhaupt von ihm wollte. Die Bücher wären doch soweit in Ordnung. Na also! Und Fräulein Hubermeier würde mit sich reden lassen. Herr Berdelow aber nahm die ganze Geschichte als schlechtes Omen. Das Geschäft ging zu schlecht. Nirgends war Kapital. Die Arbeiter waren auf halbe Schicht gestellt. Wenn es so weiterging, konnte man die Bude in einigen Wochen zumachen. Und nun kam noch dieser Ärger mit dem Finanzamt hinzu. Wenn er das Geringste an Steuern nachzahlen mußte, konnte ihm das den Hals brechen. In diese Situation platzte Otmar Kamp mit seiner Nachricht hinein, daß Herr Werneuchen plötzlich verschwunden war. Herr Berdelow ging durch die Treppentür in das Privatkontor hinüber, wo Fräulein Liedtke an ihrer Schreibmaschine saß. »Was mache ich nun?« Er dachte natürlich, daß sie mit einem leichten Wort darüber hinweggehen würde. Aber sie wurde rot und aufgeregt. Herr Berdelow hatte sie noch nie so gesehen. »Das ist ja eine hübsche Geschichte!« rief sie aus. »Nun steckt Fräulein Hubermeier mit Herrn Werneuchen zusammen! Und vielleicht ist Fräulein Hubermeier nicht einmal das Karnickel! Wer weiß, was da noch alles herauskommt! Wissen Sie, Herr Berdelow, das mit dem Finanzamt mag ja noch hingehen. So etwas kommt vor. Aber wenn die Kriminalpolizei kommt, hört die Gemütlichkeit auf. Gottseidank, daß ich bereits eine andere Stelle in Aussicht habe!« »Was? Sie wollen mir kündigen?« rief Herr Berdelow erschrocken. »Sie merken auch nichts!« sagte sie. »Seit acht Tagen schreibe ich vor Ihren Augen Bewerbungen um eine andere Stellung. Ich lege die Briefe Ihnen schon so vor die Nase, daß Sie darüber stolpern müssen, und Sie sehen es nicht. Ich dachte, Sie hätten es längst bemerkt. Na denn, damit Sie es wissen: ich kündige Ihnen zum nächsten Ersten!« Er hatte die Empfindung, daß die Ratten das sinkende Schiff verließen. »Meinetwegen können Sie gleich gehen«, sagte er und wollte hinausgehen. Ihre Kündigung hatte ihm einen Stich ins Herz gegeben. Auf einmal wußte er, daß ihn ihre Seidenstrümpfe und die kniefreien Röcke nicht unbeeindruckt gelassen hatten. Auch hatte sie schlanke weiße Hände und trug einen grünen seltsamen Stein am Ringfinger. Sie rief ihn zurück. »Herr Berdelow!« Er kam gehorsam wieder herein. Vielleicht war es das beste, es ihr gleich zu sagen. »Wollen Sie mich heiraten?« fragte er barsch. Sie lachte, sie bog sich vor Lachen. »Sie heiraten, Herr Berdelow!« Sie wollte nur über die Werneuchen-Affäre mit ihm sprechen. »Wenn diesem Herrn etwas zugestoßen ist, steht es schlimm um Sie.« Er hätte ein nachweisbares Interesse an Werneuchens Verschwinden. Der letzte Besuch Werneuchens käme hinzu. Niemand wüßte, was sie da miteinander besprochen hätten. Sie wären jedenfalls in Unfrieden geschieden. Nun wäre Werneuchen noch Zeuge in dem Strafverfahren, und wer weiß, was noch alles hinzukäme an Indizien, die man jetzt noch gar nicht überschauen könnte. Kurzum, es würde Unannehmlichkeiten geben. Gegen Abend war Herr Berdelow zu seiner alten Mutter in die Stadt gefahren. Er fuhr immer dorthin, wenn ihn etwas bedrückte. Dort konnte er sein Herz ausschütten und hatte die Annehmlichkeit, alles ohne Gefahr der Entlarvung so darstellen zu dürfen, wie es ihm paßte. Denn seine Mutter kam nie aus dem Hause und bezog ihre Kenntnisse von Welt und Menschen lediglich von ihrem Sohn und einer schwerhörigen Köchin. Herr Berdelow erzählte der alten Dame von den Verwicklungen, in die er geraten war. Natürlich unter Umgehung des Korbes, den ihm Fräulein Liedtke erteilt hatte. Frau Berdelow konnte die Liedtke nicht leiden. Sie hatte sie im Verdacht, an der ganzen Geschichte schuld zu sein. Natürlich hätte sie selbst die Anzeige bei dem Finanzamt erstattet und wäre vielleicht sogar an dem Verschwinden dieses Herrn Werneuchen beteiligt. »Und weißt du, wozu das alles? Sie will dich zwingen, sie zu heiraten!« Herr Berdelow wollte nicht gestehen, daß dieser Verdacht sich als gegenstandslos bereits entpuppt hatte. Er wiegte nur bedenklich den Kopf hin und her und sagte nichts. Inzwischen saß Fräulein Liedtke in ihrem Büro und arbeitete. Sie schrieb heute eine Doktorarbeit ab. Im Nebenberuf verdiente sie mit Abschreiben noch etwas Geld für Strümpfe und Zigaretten. Gegen neun Uhr rief die Kriminalpolizei an und erkundigte sich nach Herrn Berdelow. Nein, Herr Berdelow wäre nicht hier. Er wäre zu seiner Mutter in die Stadt gefahren. Worum es sich handelte? Wann Herr Berdelow zurückkäme? Gegen elf Uhr pflegte er zu Hause zu sein, falls er nicht noch länger ausbliebe. Wenn er Aufregungen habe, bliebe er gewöhnlich länger aus. Eine Viertelstunde später empfing Fräulein Liedtke Herrn Kommissar Leuthold, mit dem sie sich bestens unterhielt, während sie dem begleitenden Wachtmeister Neumann die Bücher aus dem Schreibtisch und von den Regalen zureichte. Fräulein Liedtke wollte von einer Verfehlung Herrn Berdelows nichts wissen. Sie kenne alle Vorgänge im Geschäft ganz genau, und niemals gäbe es die geringste Unregelmäßigkeit. Von wem die Anzeige bei dem Finanzamt eingelaufen wäre, könnte man sich hier lebhaft vorstellen. Aber sie sagte nicht, von wem. Jeder Esel hätte Herrn Werneuchen als Zeugen benennen können. Das besagte noch gar nichts. Im Gegenteil, daß man gerade Herrn Werneuchen als Zeugen angegeben habe, beweise die Haltlosigkeit der Beschuldigung. Denn die Eingeweihten wüßten ganz genau, daß Herr Werneuchen in die Bücher fast keinen Einblick gehabt hätte. Der Angeber könne keine Ahnung von den Verhältnissen hier haben, denn sonst hätte er Herrn Werneuchen gewiß nicht als Zeugen angeführt. Allerdings scheine dieses Papier hier gegen Herrn Berdelow zu zeugen. Sie entnahm dem Schreibtisch Werneuchens zusammengeknüllten und wieder geglätteten Brief und reichte ihn Herrn Leuthold hin. Der Kommissar sah das Schreiben aufmerksam durch. Das war also einer der beiden Briefe, die Werneuchen am letzten Donnerstag des März in dem Café geschrieben und nachher in der Hauptpost eingesteckt hatte. Das Datum stimmte genau. Wachtmeister Neumann bat den Kommissar für einen Augenblick heraus. Draußen fragte er ihn, ob es ihm nicht auffiele, daß die Sekretärin Herrn Berdelow hineinzureiten versuche. Aber Herr Leuthold wollte davon nichts wissen. Er hatte den gegenteiligen Eindruck. Und wie sollte sie auch dazu kommen? Es wären zwei Möglichkeiten, meinte Neumann. Entweder hielte sie Herrn Berdelow für schuldig und wolle ihn ein wenig schikanieren. Oder sie selbst wäre, ohne Herrn Berdelows Mitwissen, in die Sache verwickelt. Der Kommissar möge bedenken, daß die Dame genau wußte, was los war. Sie konnte die Korrespondenz mit Briefbogen der Firma und gefälschter Unterschrift von sich aus weiterführen und Herrn Werneuchen in eine Falle locken. Fünftausend Mark wären für eine solche Dame eine ganz andere Sache als für Herrn Berdelow, und sie mache ihm keinen guten Eindruck. Er wolle noch nichts Bestimmtes sagen, aber nach seiner Ansicht müsse man diese Spur verfolgen. Der Kommissar war einigermaßen betroffen. An eine solche Möglichkeit hatte er noch gar nicht gedacht. »Aber würde sie uns in diesem Falle Werneuchens Brief vorgezeigt haben?« fragte er. Neumann zuckte die Achseln. »Manche machen es mit anscheinender Sorglosigkeit.« Sie beschlossen, sich vorderhand nichts merken zu lassen, aber morgen sofort dem Vorleben von Fräulein Liedtke nachzuspüren, und gingen wieder hinein. Margot Liedtke warf ihnen einen fragenden Blick zu. Ihre Nasenflügel bebten leise, aber sie reichte weiter, als wenn nichts geschehen wäre, dem Beamten die Bücher aus dem Regal zu. In dem Augenblick ging das Telephon. Alle horchten auf. Die Sekretärin nahm den Hörer ab. »Hier Berdelow \& Hahn! – Ja! – Nein, ich kann noch nicht! – Heute überhaupt nicht? Ich hoffe doch! – Wann du wieder anrufen kannst? Einen Augenblick!« Sie wandte sich dem Kommissar zu. »Eine Verabredung mit einem Freunde. Wann meinen Sie, Herr Kommissar, werde ich hier fortgehen können? Eigentlich ist ja keine Bürozeit mehr.« »Wollen Sie noch tanzen gehen?« »Ja, ich habe mich ins »Grüne Schiff« verabredet, und jetzt sitzt der Unglücksmensch da und wartet.« »Ich glaube, wir brauchen Sie nicht länger aufzuhalten, Fräulein, denn zu dem eigentlichen Zweck unseres Besuchs werden Sie uns doch wohl nicht behilflich sein.« »Sie wollen Herrn Berdelow verhaften?« fragte sie. Der Kommissar nickte. »Dann wünsche ich Ihnen viel Glück!« lachte sie. »Sie werden ihn bald wieder freilassen. Aber einen kleinen Schrecken gönne ich ihm schon. Sind wir fertig? – Freddi!« rief sie in den Apparat »Ich komme sofort!« Sie verließen zu dritt die Fabrik. Draußen stand das Polizeiauto. Margot Liedtke bat, sie ein Stück mitzunehmen. Herr Leuthold tat ihr gern den Gefallen. Am Maxmonument wollte er sie entlassen. »Bitte«, mischte sich Herr Neumann schüchtern ein. »Können wir die Dame nicht bis zum Nationaltheater fahren? Sie hat es dann näher.« So fuhr man sie bis zum Nationaltheater und ließ sie auf dem Platz aussteigen. »Jetzt können Sie in einer Viertelstunde im ›Grünen Schiff‹ sein«, sagte der Kommissar. Fräulein Liedtke bedankte sich und entschwand. Sie fuhren weiter. Hinter der nächsten Ecke ließ Neumann plötzlich halten. »Nanu?« sagte Herr Leuthold. »Es ist doch selbstverständlich, daß ich die Dame beobachte«, gab Neumann wie erstaunt zurück. »Die geht doch nicht tanzen!« Damit tauchte er ins Dunkel und rannte bis zur Ecke zurück, während Leuthold erstaunt allein weiterfuhr. Der Wachtmeister hatte es sich überlegt, daß Fräulein Liedtke auf dem Platz immerhin einige Zeit brauchen würde, ehe sie in einer Straße verschwinden konnte. Er sah sie gerade noch um eine Ecke biegen. Aber sie ging nicht in der Richtung auf die Ludwigstraße, sondern entgegengesetzt. Er rannte ihr nach, aber sie war nicht mehr zu sehen. »Welche Dummheit von dem Kommissar,« dachte er, »etwas von der bevorstehenden Verhaftung zu sagen! Jetzt läuft sie natürlich, Herrn Berdelow zu warnen!« Er rannte um die nächste Ecke, bog nach links, rannte wieder zurück und bog nach rechts ein. Wenn sie nicht gerade lief, mußte er sie noch sehen. Aber Fräulein Liedtke war verschwunden. »Ob ich noch ins ›Grüne Schiff‹ gehe?« fragte er sich. Oder sollte er lieber ein Auto nehmen und dem Kommissar nachfahren? Nach einiger Überlegung schlug er die Richtung zu dem Tanzlokal ein. Vielleicht konnte er dort wenigstens den Freund des Fräuleins kennenlernen. Er blieb über eine Stunde im »Grünen Schiff« zwischen tanzenden und trinkenden Gruppen. Er unterhielt sich mit einem Dutzend unbekannter Personen, ohne auf eine Spur von Margot Liedtke zu stoßen. Er stand draußen noch eine ganze Weile vor dem Lokal, um es zu beobachten. Er ging dann in die »Diana« weiter, um sie vielleicht dort ausfindig zu machen. Aber er konnte keine Spur von ihr entdecken. Als er spät ins Polizeipräsidium zurückkehrte, war Herr Berdelow ohne Schwierigkeiten verhaftet worden. Sie hatte ihren Chef also nicht gewarnt, sondern es vorgezogen, auf eigene Faust zu verschwinden. In ihr Zimmer in einer kleinen Straße des Ostens war sie ebensowenig in der Nacht zurückgekehrt. Das stellte man am nächsten Morgen in aller Frühe fest. Fünfzehntes Kapitel Bevor Kamp an die Bahn ging, um den Kommissar und Elma abzuholen, machte er noch einen Rundgang durch das Haus und den Garten. Die versteckten Hefte wagte er nicht anzurühren, obwohl der Rand des einen zwischen seinen Kollegheften etwas hervorragte. Ihm war, als müßte er durch die leiseste Berührung mit den Schriftstücken die Aufmerksamkeit des Kommissars auf sie lenken. Draußen war ein wunderbarer Frühlingstag. Kamp genoß die warme Sonne, die noch nie in diesem Jahre so geschienen hatte. Zu seinen Füßen rieselten kleine Bäche über den Weg. Am Fluß blühten die Weidenkätzchen, die Knospen der Blätter sprangen an Bäumen und Büschen auf. Ganz langsam ging er die Anhöhe zum Bahnhof hinan, überschaute mit gerührter Freude das Dorf mit den beiden kleinen Kirchen. Ein sonntägliches Gefühl überkam ihn. Wie schön konnte die Welt sein! Die Menschen aber mordeten oder ließen sich ermorden, was keine kleinere Schuld schien. Fräulein Diepenbroich war nicht mit dem Zug gekommen. Der Kommissar hatte am Bahnhof in München vergeblich nach ihr Ausschau gehalten und geglaubt, daß sie schon draußen wäre. Kamp war besorgt. Wer weiß, was alles nach dem gestrigen Tag mit ihr passiert sein mochte? Das beste zu glauben war noch, daß sie erschöpft war und nicht aufstehen konnte. »Schade!« sagte Leuthold. »Aber wir brauchen sie ja auch nicht so notwendig.« Der begleitende Wachtmeister Neumann sprach nach seiner Gewohnheit kein Wort. Auf dem Wege zur Villa berichtete Kamp von seiner Durchsuchung des Schreibtisches. Er stellte es so dar, als wenn er zuerst die Spuren des versuchten Einbruchs an dem Schloß entdeckt und dann die Schublade vollends geöffnet hatte. Leuthold schien an Kamps selbständigem Eingreifen keinen Anstoß zu nehmen. »Haben Sie etwas gefunden?« Der Student erstattete Bericht. Die Briefe hätten nichts Neues ergeben, aber ein Tagebuch wäre interessant, weil Werneuchen darin fast so etwas wie eine Prophezeiung seiner Ermordung mit einer Reihe näherer Umstände gegeben hätte. Den Packer Bensch habe er, die Tat vorwegnehmend, als Täter bezeichnet und als Grund die wahrscheinlich irrtümliche Annahme seiner Mitwisserschaft an einem Vergehen oder Verbrechen. Während Kamp von dem Tagebuch erzählte, sah er den Kommissar von der Seite an. Natürlich wollte er ihn auf eine ganz bestimmte Fährte bringen. Wenn er dann Werneuchens Aufzeichnungen las, mußte er seinen Verdacht gegen Berdelow bestätigt finden. Kamp wußte noch nichts von den Vorgängen des gestrigen Abends in der Fabrik. »Wir werden sehen!« sagte Leuthold kurz. Kamp schien es fast, als hätte der Kommissar gegen ihn selbst einen bestimmten Verdacht. Aber er konnte sich täuschen. Vielleicht war es nur Müdigkeit oder schlechte Laune, was ihn so kurz angebunden sein ließ. »Insofern ist etwas Neues eingetreten,« fuhr Kamp in seinem Bericht fort, »als verschiedene Leute im Dorf in jenem Unbekannten, der am Freitag hier war, mit Bestimmtheit den Packer Bensch wiedererkannt haben wollen.« »So!« sagte Leuthold nur kurz. Auf einmal sah er den Studenten scharf an und fragte: »Wo haben Sie den gestrigen Abend verbracht?« Die Abwesenheit Elmas schien ihn zu irritieren. Kamp berichtete von dem Zusammensein in der Weinstube. Es wurde ihm klar, daß der Kommissar ihn und Elma hatte beobachten lassen. »Fräulein Diepenbroich ist ein hübsches Mädchen. Sind Sie befreundet mit ihr?« »Ja, ich mag sie sehr gern«, gestand er. Es war ihm ein innerer Genuß, diese Worte zu sagen. »Stehen Sie nicht dadurch in einem gewissen Gegensatz zu Herrn Werneuchen?« Also hatte der Beobachter offenbar gestern einiges von dem Gespräch aufgefangen, das er mit Elma geführt hatte. Kamp konnte nicht verhindern, daß er rot wurde. Aber er beeilte sich, zu versichern, daß das bestimmt nicht der Fall wäre. Eigentlich mochte er ja Elma auch erst seit gestern abend »sehr gern«, und erst in dem gleichen Augenblick hatten auch die Haßregungen gegen Werneuchen eingesetzt. Er fühlte sich auf eine ganz eigentümliche Weise in seinen innersten Empfindungen ertappt. Was gingen den Kommissar seine Gefühle für Elma an. »Offenbar haben Sie mich mißverstanden«, sagte er. »Ich hege für Fräulein Diepenbroich lediglich freundschaftliche Gefühle, und auch diese beruhen gerade auf der Verlobung der Dame mit meinem besten Freunde.« Leuthold nickte kurz, und sie gingen schweigend weiter, Neumann immer einen halben Schritt hinter ihnen. Es war Kamp unangenehm. Er hatte eine Empfindung, als wenn es diesem Menschen gegeben wäre, aus Rückenbewegungen die Wahrheit herauszulesen. Aber wahrscheinlich waren sie alle nur nervös von dem gestrigen Tag. Als sie sich dem Hause näherten, stand Auguste schon mit nassen Augen in der Gartentür. Daß nun wirklich die Polizei in das Haus ihres Herrn eintreten durfte, regte sie schrecklich auf. Sie konnte kaum anders denken, als daß sie nun mitverhaftet würde, und hatte sich ihr bestes Kleid angezogen. Der Kommissar bat sie zu ihrem Erstaunen in höflichem Ton, mit dem Wachtmeister durch das Haus zu gehen. Neumann sollte das Haus von oben bis unten durchsuchen, den Boden nicht vergessen und auch in die Öfen hineinschauen. Ebenso sollte er durch den Garten gehen und auf eventuelle Fußspuren achten. Man stieße manchmal auf die seltsamsten Entdeckungen. Wieder schien es Kamp, als wäre der Kommissar übermäßig eitel. Diese Anweisungen hätte er ebensogut dem Wachtmeister auf der Eisenbahn geben können. Er wollte offenbar dem Außenstehenden durch seine Umsicht imponieren. Sie gingen in das Arbeitszimmer, Neumann begann seinen Rundgang, wobei ihn die Köchin scheu, einige Schritte hinter ihm, begleitete. Der Student überlegte sich, ob er nicht darauf aufmerksam machen sollte, daß die Sachen im Wohnzimmer ihm gehörten, fürchtete aber, gerade dadurch die Aufmerksamkeit auf die versteckten Schriftstücke zu lenken. Er schwieg also, fand es aber in dem Augenblick dumm, die Sachen nicht besser versteckt zu haben. Inzwischen überlegte er sich eine Ausrede für den Fall, daß die Briefe und Tagebücher bei ihm gefunden würden. Er fand aber nichts Plausibles. Vielleicht konnte man noch am besten sagen, daß Werneuchen ihm vor seiner Abreise die Sachen zum Lesen gegeben hätte. Er hätte sie dann unter seine Kolleghefte gesteckt und dort vollkommen vergessen. Das war nicht gerade sehr einleuchtend, aber immerhin eine Ausrede, die man ihm glauben mußte. Gerdas Stellung würde allerdings in diesem Falle nicht gerade verbessert. Während diese Gedanken durch sein Gehirn schossen, erklärte er dem Kommissar, in welchem Zustand er das Schloß gefunden hatte. Leuthold hielt es nicht für ausgeschlossen, daß Bensch die Schublade bereits geöffnet und einige Briefe herausgenommen hätte. Vielleicht wollte er das Schloß wieder in Ordnung bringen, als Kamps Eintritt ihn daran verhinderte. »Halten Sie es für ausgeschlossen, daß aus diesem Schreibtisch etwas Belastendes entfernt worden ist?« »Ja, so ziemlich!« antwortete Kamp, wurde aber wieder rot. »Bensch wird vermutlich mehr nach dem Scheck als nach Briefen gesucht haben.« Unterdessen durchflog Leuthold den Inhalt der Schublade. Manchmal schwieg er ganze Minuten, in denen er aufmerksam las. Dann begann er, ruckweise und immer wieder sich unterbrechend, von den Ergebnissen des gestrigen Abends und der Nacht zu berichten. Kamp atmete auf. Es war ihm der Beweis, daß er nicht im geringsten Verdacht stand. Diese Tatsache nahm ihn so sehr gefangen, daß er zunächst kaum zuhörte, was Leuthold zu erzählen hatte. Erst allmählich wurde seine Aufmerksamkeit gefesselt. Es war gut, daß der Kommissar immer wieder mitten im Satz aufhörte, wenn ihm bei seiner Lektüre etwas auffiel und sein Interesse erregte. So hatte der Student Zeit, sich zu sammeln und sich ein Bild von den Vorgängen zu machen. Natürlich stand die Verhaftung Berdelows obenan. Man hatte ihn bei seiner Mutter in Bogenhausen angetroffen. Er war völlig überrascht gewesen, hatte einen furchtbaren Krach geschlagen, mit dem Ministerium gedroht und geschworen, daß er mit Werneuchen nicht das geringste zu tun hätte. Aber Leuthold zweifelte nicht mehr an seiner Schuld oder doch Mitschuld. Das Verhalten der Sekretärin wäre fast so gut wie ein schlüssiger Beweis. »Das ist eine freche Person!« berichtete er. »Ein weibliches Gegenstück zu Bensch. Läßt die sich in unserem Polizeiauto ein Stück mitfahren, und wir Idioten tun ihr noch den Gefallen, sie bis zum Nationaltheater mitzunehmen. Sie täuschte uns vor, eine Tanzverabredung ins ›Grüne Schiff‹ zu haben. Dabei wollte sie sich nur aus dem Staube machen. Nicht einmal mehr nach Hause ist sie in der Nacht gekommen. Heidi auf und davon! Natürlich hat sie mit Berdelow unter einer Decke gesteckt. Heute früh konnten wir gerade noch feststellen, daß sie schon einmal wegen Diebstahls herangekommen und aus Mangel an Beweisen freigesprochen ist. Was sagen Sie dazu?« »Natürlich ist es Berdelow gewesen!« sagte Kamp. »Wissen Sie, die Fabrik ist überhaupt anscheinend eine Räuberhöhle. Da ist jetzt ein Herr Bötticher engagiert worden. Natürlich auch gegen eine Kaution von einigen tausend Mark. Vielleicht hätte man dem auch den Garaus in den nächsten Tagen gemacht. Der ahnt noch nichts von seinem Glück!« Es war wirklich unglaublich, was die Polizei alles in der einen Nacht vollführt hatte. Man hatte sich bei der Zeitung nach der zweiten Anzeige erkundigt, auf die Werneuchen sich ebenfalls gemeldet hatte. Aber über diese Anzeige war nichts zu ermitteln gewesen, weder wer sie aufgegeben, noch wer die Offerte abgeholt hatte. Ferner hatte man mit dem Finanzamt verhandelt. Es war eine anonyme Anzeige eingelaufen, auf die man an sich nicht einmal besonderes Gewicht legte. Herr Werneuchen war als Zeuge für Steuerhinterziehungen der Firma im allgemeinen genannt worden. Ein besonderer Fall war nicht angegeben. »Sonderbar, wie das manchmal so kommt. Gerade diese Anzeige hat uns auf die richtige Spur gebracht, obwohl fast nichts dahinter zu stecken scheint. Aber Herr Berdelow muß doch wohl einen Riesenschrecken bekommen haben. Seine Geschäftsbücher werden zur Zeit geprüft. Er wird schon Steuern hinterzogen haben. Das tun sie ja alle. Bei solchen Gelegenheiten kommt immer etwas heraus. Nun, wir werden ja sehen.« Man hatte noch viel mehr in der Nacht getan. Man hatte zum Beispiel herausbekommen, daß ein Direktor Goldschmidt aus Hamburg in der Nacht von Donnerstag zu Freitag in dem »Grünen Baum« in Regensburg wohnte. Am Donnerstagabend saß dieser Direktor mit Herrn Werneuchen im Restaurant zusammen und unterhandelte mit ihm. Der Ober besann sich genau auf die beiden. Der Direktor Goldschmidt war ein kleines sächselndes Männchen gewesen. Gegen zehn oder elf Uhr war er auf sein Zimmer gegangen, während der andere Herr – also Werneuchen – das Lokal verließ. Auch darauf, daß der eine Herr einen Brief geschrieben hatte, besann man sich. »Werneuchen ist also offenbar auf dem Wege zwischen dem ›Grünen Baum‹ und dem Parkhotel, wo er sich ein Zimmer bestellt hatte, ermordet worden. Wie das mitten auf der Straße möglich war, ist mir unerfindlich. Aber gerade das ist ein Beweis, daß man ihn noch irgendwo anders hingelockt hat. Denn in diesen Straßen kann niemand ermordet werden!« Zur Zeit stellte die Polizei in Hamburg alle Direktoren Namens Goldschmidt fest. Aber das wäre wohl ein hoffnungsloses Beginnen, weil es sich doch offenbar um einen angenommenen Namen handelte. Jedesmal, wenn der Kommissar eine Pause machte, suchte Kamp seine Gedanken zu sammeln. Klang die Annahme der Polizei wahrscheinlich? Ja! mußte er gestehen. Das hatte alles Hand und Fuß. Das Belastendste war die Sekretärin Berdelows, die sich ganz ohne Grund plötzlich aus dem Staube gemacht hatte. Natürlich steckte sie mit ihrem Prinzipal unter einer Decke! Ohne Mitwisser konnte Berdelow gar nicht handeln. Die Sekretärin hatte gemerkt, daß man ihnen auf der Fährte war, und war entwischt, solange sie für ihre Person noch die Möglichkeit dazu hatte. Hätte Berdelows Mutter einen Telephonanschluß gehabt, würde sie ihn natürlich noch gewarnt haben. So mußte sie sich darauf beschränken, sich selbst zu retten. »Wissen Sie,« fing Leuthold wieder an, »wer der Mann war, der dieses Fräulein Liedtke noch so spät auf dem Büro anrief? Das war niemand anders als der vorgebliche Direktor Goldschmidt! Wenn man das gewußt hätte, wo der an der Quasselstrippe hing, das wäre eine Sache gewesen! Aber so läuft er jetzt noch frei in der Welt herum. Wahrscheinlich mit Fräulein Liedtke zusammen!« Auch das leuchtete Kamp ein. Natürlich hatte Berdelow seine Mitwisser und Gehilfen. Die Sekretärin war vielleicht die gefährlichste von allen. Einen weiblichen Bensch nannte der Kommissar sie. Bensch selbst war wohl jener sagenhafte Direktor Erkner, und der »Direktor Goldschmidt« war der vierte im Bunde. Am frühen Morgen hatte man überdies die Angestellten der Firma Berdelow \& Hahn vernommen, aber ihre Aussagen hatten nichts Wesentliches ergeben. Im allgemeinen traten sie für ihren Chef ein und bezweifelten die Möglichkeit von Unregelmäßigkeiten. Daß Herr Berdelow bei einem Verbrechen seine Hände im Spiele haben sollte, hielten sie sämtlich für ausgeschlossen. Aber die Tatsachen schienen bisher das Gegenteil zu beweisen. »Ich teile Ihnen das alles mit, Herr Kamp, weil Sie naturgemäß das größte Interesse an dem Fall nehmen. Sie dürfen natürlich zu niemandem davon sprechen. Ich halte es aber für gut, daß Sie völlig im Bilde sind.« In diesem Augenblick trat Wachtmeister Neumann zur Tür herein und fragte, ob die Sachen im Wohnzimmer Herrn Kamp gehörten. »Jawohl! Es sind meine Sachen.« »Alle?« fragte der Beamte noch einmal zurück. »Jawohl, alle!« gab Kamp zur Antwort. Neumann verschwand wieder. Der Student fühlte sein Herz gegen die Brust schlagen. Er besann sich auf seine zurechtgelegte Ausrede. Jeden Augenblick mußte jetzt der Wachtmeister ins Zimmer treten und ihm die Schriftstücke unter die Augen halten. Kamp zählte langsam bis zwanzig. Als er diese Zahl erreicht hatte, atmete er auf. Die Gefahr war vorüber. Neumann war wohl schon in einem anderen Zimmer. Der Kommissar las gerade das Heft durch, in dem Werneuchen seine Erlebnisse mit Bensch niedergelegt hatte. »Sehr interessant!« sagte er schließlich. »Wirklich, sehr interessant. Sogar der Kriminalist kann daraus noch lernen. Dieser Gedanke, daß man ermordet werden kann, weil man im Verdacht steht, Mitwisser eines Geheimnisses zu sein, ohne daß man es doch ist, ist neu. Man muß sich das für die Zukunft merken. Hier allerdings liegt der Fall anders.« Wachtmeister Neumann trat ins Zimmer und meldete, daß er mit der Durchsuchung des Hauses fertig wäre und nichts Verdächtiges gefunden hätte. »Ich danke Ihnen«, sagte Leuthold und fuhr in seiner Auseinandersetzung fort, während Kamp eine Last vom Herzen fiel. »Hier allerdings liegt der Fall ganz anders. Ich nehme jetzt nicht mehr an, daß die Sache mit dem Finanzamt bei Berdelow das treibende Motiv gewesen ist. Es war nur das auslösende Moment. Alle Angestellten der Firma haben ausgesagt, daß die Geschäfte denkbar schlecht gingen. Es handelte sich wahrscheinlich in erster Linie um Werneuchens Geld. Man wollte wohl überhaupt einer ganzen Reihe von Menschen, die sich auf den ausgeschriebenen Posten meldeten, ihre Gelder abnehmen. Es war wohl nicht einmal so sehr auf Mord als auf Betrug abgesehen. Herr Werneuchen war als erster herangekommen. Seine Ermordung hat sich dann ganz zwangsläufig ergeben. Davon bin ich jetzt überzeugt. Vielleicht hat dieser Bensch mit der Ermordung Werneuchens sogar seinen Auftrag überschritten. Wahrscheinlich sollte er ihm nur das Geld abnehmen. Kompliziert wurde die Sache dadurch, daß Werneuchen das Geld nicht bei sich hatte. Aber das schlimmste war vielleicht der Umstand, daß Bensch Herrn Werneuchen bekannt war. Vielleicht – ich nehme es so an – hat Bensch gar nicht gewußt, daß es sich um seinen alten Bekannten handelte. Auf einmal steht er ihm in einem stillen Winkel gegenüber. Sie erkennen sich. Denken Sie sich diesen Augenblick, meine Herren! Ich habe jetzt das Tagebuch Herrn Werneuchens gelesen und glaube, ihn einigermaßen beurteilen zu können. Bensch war für ihn das feindliche Prinzip seines Lebens. Er dachte eigentlich immer an diesen Bensch. Auf einmal steht der Kerl vor ihm. Stellen Sie sich das Entsetzen Werneuchens vor! Er will schreien, sich vielleicht auf den Boden werfen, entfliehen. Es ist zu spät. In dieser Situation wirft sich der Kerl über ihn und tötet ihn. Er mußte ihn töten!« »Um Gottes willen! Hören Sie auf!« schrie Kamp entsetzt. Das Bild stand furchtbar vor ihm. Er sah in einer dunklen Straßenecke den Freund auf Bensch starren, der aus dem Dunkel auf ihn zutraf. Das war der Augenblick, vor dem sich Ernst Alexander sein Leben lang gefürchtet hatte. Genau auf diese Weise hatte er immer gefürchtet, ermordet zu werden, und genau so war es jetzt gekommen. Der Student hielt die Hände vors Gesicht und stöhnte laut auf. »Nein, nein!« schrie er. »Das ist zu furchtbar! Das kann nicht sein!« »Doch!« sagte der Kommissar ernst. »So ist es gewesen. Und vielleicht hat erst die furchtbare Angst Werneuchens den Packer gezwungen, ihn zu ermorden. Denken Sie an das Tagebuch!« Kamp konnte keine Antwort geben. Wie es auch alles zusammenhängen mochte, so war es gewesen! Leuthold hatte recht. Sechzehntes Kapitel Er machte entsetzliche Viertelstunden durch, bis die Herren gegen zwei Uhr endlich die Villa verließen. Das Bild von Ernst Alexanders Ermordung, das der Kommissar mit wenigen Strichen so überzeugend gezeichnet hatte, ließ ihn nicht los. Er sank in den Sessel und hielt die Hände vor das Gesicht. Wenn Gerda das zugelassen hatte, konnte man sie dann noch schonen? Diese Frage hämmerte in seinem Kopf, und er fand keine Antwort darauf. Nicht einmal die, daß er die versteckten Schriftstücke aus seinen Kollegheften heraussuchte und den Kriminalisten übergab. Auch das hatte er nicht gekonnt. Er würde in dieser Sache überhaupt zu keinem Entschluß mehr kommen. Gut, daß Elma wenigstens nicht Zeuge dieser letzten Unterhaltung gewesen war. Welchen Eindruck hätte die Schilderung von Werneuchens Ende auf sie machen müssen! Auguste trat herein und brachte – es war halb drei geworden – das Mittagessen. Es war ihrem Gesicht anzusehen, daß schon die Verzögerung der Mahlzeit ihr das ganze Treiben verdächtig machte. Zum Zeichen ihres Unmuts schluckte sie bei jeder Bewegung, als sie die Schüsseln und Teller auf den Tisch stellte. Kamp hatte keinen Hunger, aber er zwang sich, etwas zu essen, schon um die nächsten Minuten zu überwinden. Natürlich wollte er mit dem schnellsten Zug in die Stadt zu Elma fahren. Nicht gerade mit demselben Zug, mit dem die Beamten zurückfuhren. Er konnte das Zusammensein mit ihnen nicht länger ertragen. Aber doch mit dem nächsten. Er hatte eine halbe Stunde Zeit. Die Köchin kam noch einmal hinein und fragte, ob Herr Werneuchen nun tot wäre. Sie vermied das Wort »ermordet«. »Sterben«, das konnte geschehen, das war innerhalb ihrer Weltordnung, obwohl auch dadurch Mahlzeiten höchst unangebracht verschoben wurden. Das andere wagte sie nicht zu denken. Schon daß die Polizei, wenn auch in Zivil, nun wirklich ins Haus gekommen war, faßte sie nicht. So etwas gab es wohl in der Zeitung und in Romanen, aber nicht in Wirklichkeit. »Wir fürchten, daß Herr Werneuchen ermordet worden ist«, sagte Kamp ernst. Sie schrie laut auf, nahm die Schürze vor das Gesicht und stürzte hinaus. Ermordet! Wie das klingt! dachte Kamp. Man sitzt in einem Haus und sagt ganz einfach: der Besitzer ist ermordet worden. Als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre. In wieviel kleine Einzelheiten löst sich so ein Fall für die Überlebenden auf. Man wird des einen furchtbaren Augenblicks kaum gewahr, in dem nun wirklich jemand die Kehle abgedrosselt wurde. Das ist ein Umherlaufen, Suchen, Kombinieren, Aufregung bei Familien, Behörden, Freunden. Nur weil es jenen einen Augenblick gegeben hat, der sich nun, über Tage, Wochen, Monate verbreitet, der Welt mitteilt. Und auf einmal, nachdem man schon tagelang damit gerechnet und in diesen Vorstellungen gelebt hat, kommt dieser Augenblick ganz groß und überwältigend auf einen zu, wie jetzt, da der Kommissar davon sprach. Dabei hatte Kamp eigentlich keinen Augenblick aufgehört, an Elma zu denken. Seit die Kriminalisten allein aus dem Zuge gestiegen waren, zermarterte er sich mit Fragen nach ihrem Ergehen. Ob er bei Diepenbroichs anrief? Immer wieder hatte er es hinausgezögert. Jetzt stand er mit kurzem Entschluß auf und ließ sich verbinden. Frau Diepenbroich war am Apparat Sie war sichtlich erfreut, den Studenten zu sprechen. Klagte über Elma, die gestern spät mit furchtbaren Kopfschmerzen nach Hause gekommen wäre. Heute läge sie den ganzen Tag krank zu Bett. »Ich möchte trotzdem gern bei Ihnen vorsprechen, gnädige Frau«, sagte Kamp. »Paßt es Ihnen, wenn ich in einer Stunde vorbeikomme?« »Aber gern, Herr Kamp. Sie trinken eine Tasse Kaffee bei uns.« Frau Diepenbroich war eine kleine asthmatische Italienerin, voller Freundlichkeit gegen alle Welt. Es ging das Gerücht, daß der Professor in jungen Jahren sein italienisches Modell geheiratet hatte. Kamp mochte die Frau gern, obwohl Elma nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr hatte. Als er die Wohnung in der Agnesstraße betrat, war Elma aus ihrem Zimmer noch nicht zum Vorschein gekommen. Sie hatte das Mittagessen hinausgeschickt und gebeten, sie bis zum Abend in Ruhe zu lassen. »Nicht einmal hineingehen darf ich!« klagte Frau Diepenbroich. Kamp saß mit der Mutter in dem kleinen Salon neben dem Atelier. Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Tür, der Professor trat heraus, im Malerkittel, den Pinsel in der Hand und beteiligte sich an der Unterhaltung. Professor Siegward Diepenbroich war ein fixer Verfertiger von leicht zugänglichen und gut eingeführten Landschaften. Er selbst betonte sein Künstlertum stark, doch hielt ihn, außer seiner Frau, für die sein Schaffen eine Offenbarung war, niemand für einen bedeutenden Maler. Wenn Kamp mit Elma über die Kunst ihres Vaters sprechen wollte, wich sie aus. Aber der Professor verkaufte selbst in diesen schlechten Zeiten immer noch gut, und er hielt dafür, daß letzten Endes der Erfolg entscheide. Wie Kamp in dem Salon saß, fiel ihm auf einmal die Fremdheit zwischen Elma und ihren Eltern schwer aufs Herz. Wo sollten diese Eltern das Verständnis hernehmen, wenn ihre Tochter nun wirklich von einem ernsten Schicksal bedroht war? Noch hatte er mit keiner Silbe bedacht, wie schwer es halten würde, hier eine Brücke zu finden. Wieder regte sich in ihm der Zorn gegen Werneuchen. Wie konnte Ernst Alexander Elma unter diesen Menschen allein zurücklassen! Wie konnte er sie in diese prekäre Lage bringen! Er sah ihn vor sich, wie er in einer kühnen Aufwallung den Stein in die Zukunft schleuderte und dann die Kraft verlor, ihm nachzuspringen. Kamp kannte Elmas Eltern von lustigen Tees und Tanzgesellschaften her. Zum erstenmal überdachte er jetzt besorgt ihre menschliche Reichweite und bekam Furcht. Er wurde sich klar darüber, daß er nichts von Elma verraten durfte. Diese Menschen konnten das Schicksal, in das ihre Tochter verflochten war, nicht verstehen. Alles Zureden, alle Gründe würden hier an einer Mauer gesellschaftlichen Herkommens abprallen. Vielleicht gerade deshalb, weil es in dem Leben dieser Künstlerfrau eine Zeit gegeben hatte, an die sie nicht gern erinnert wurde. Er wußte jetzt nicht mehr, weshalb er eigentlich hierhergekommen war. Elma war nicht zu sprechen. Sie lag in ihrem Zimmer und wollte wohl ein Zusammentreffen mit Kamp unter den Augen ihrer Eltern vermeiden. Vielleicht war er nur gekommen, weil er ihre Nähe suchte. Ich bin verliebt! dachte er wieder. Das Gespräch bewegte sich in nichtssagenden Redensarten vorwärts. Die kleine rundliche Dame, der man die einstige Schönheit nicht mehr ansah, saß steif und schweratmend auf dem Sofa vor ihm, sprach von den oberflächlichen Vergnügungen »heutiger Mädchen« und nötigte ihn zum Zulangen. Der Professor, wenn er den Kopf zur Tür hereinsteckte, schmähte über die moderne Kunst im Glaspalast und die Überheblichkeit der jungen Maler, die nichts mehr lernen wollten. Es war eine fremde Welt, ganz außerhalb der Zeit, in der man lebte. Kamp hatte das nie wie jetzt gespürt. Er lavierte mit seinen Bemerkungen vorsichtig, um nicht anzustoßen. Zur Freude des Professors fand er vieles in der modernen Malerei verschroben und die Röcke der herrschenden Mode zu kurz. Sogar auf Seidenstrümpfe, namentlich bei kaltem Wetter, zu schimpfen, sah er sich genötigt. Bisher hatte er seine Besuche bei Diepenbroichs immer höchst gemütlich und beruhigend gefunden. Heute schnürte ihm etwas die Kehle zu, wenn er Elmas Mutter ihre Ansichten äußern hörte. Dabei wurde er das Gefühl nicht los, daß Frau Diepenbroich über Elma mehr wußte, als sie sich anmerken ließ. Es war ihm manchmal, als suche sie es zu vermeiden, sich und ihrer abwesenden Tochter vor dem jungen Mann aus guter, wohlhabender Familie eine Blöße zu geben. »Hat sich Fräulein Elma gestern auf einer Tanzgesellschaft erkältet?« fragte er vorsichtig. »Ach Gott, Herr Kamp, Elma ist in der letzten Zeit überhaupt so entsetzlich elend, daß ich ganz besorgt bin. Finden Sie nicht auch?« Kamp bejahte. Der Professor trat herein. Frau Diepenbroich lenkte das Gespräch sofort in andere Bahnen, weitab von ihrer Tochter. Kamp unterstützte sie geschickt in ihrem Redeschwung, und der Professor konnte nicht ahnen, daß man eben von Elmas schlechter Gesundheit gesprochen hatte. Als er wieder im Atelier verschwunden war, sahen sich die beiden ein wenig wie Mitschuldige an, beschämt und ertappt. Ja, Elma wäre rasend elend. Frau Diepenbroich hätte seit Wochen in sie gedrungen. »Was hast du bloß?« hätte sie tausendmal am Tage gefragt. Und dabei hätte Elma die besten Partien machen können. Gerade in der letzten Zeit. »Ich will nichts sagen, Herr Kamp, wirklich ganz großartige Partien! Aber mit Elma ist ja nicht zu sprechen.« Kamp saß wie auf Nadeln. War jetzt der Zeitpunkt, der Mutter einen Wink zu geben? Konnte er es vor Elma verantworten, irgend etwas anzudeuten? »Fräulein Elma wird immer die besten Partien machen können«, sagte er. »Sie ist so schön und ein so aufopferungsfähiger Charakter! Jeder Mann könnte glücklich sein, ein solches Mädchen sein eigen zu nennen.« »Nicht wahr?« fiel Frau Diepenbroich schnell ein. Sie konnte es um so eher, als Kamp wegen seiner Jugend als Bewerber kaum ernstlich in Frage kam. »Nicht wahr? Aber was hat sie jetzt nur?« Kamp zuckte die Achseln. Er wollte noch immer nicht mit der Sprache heraus. »Was haben junge Mädchen? Eine unglückliche Liebe vielleicht?« sagte er, mit dem Versuch, zu scherzen und zugleich die Wahrheit anzudeuten. »Wenn man nur wüßte, zu wem!« »Ich weiß es«, sagte Kamp entschlossen und stand auf. Frau Diepenbroich sah ihn erstaunt an. »Sie wissen es?« Sie hatte sich gleichfalls erhoben. »Sie wissen etwas? O Gott, Sie wissen etwas?« Kamp bat darum, Fräulein Elma sprechen zu dürfen. Auch wenn sie in ihrem Zimmer wäre. Aber er müsse sie jetzt, an diesem Nachmittag, unbedingt sprechen! Frau Diepenbroich griff mit den Armen in die Luft. »Um Gottes willen, Herr Kamp! Was ist los? Sie ängstigen mich so! Ich habe mir schon solche Gedanken gemacht!« Sie beschwor ihn, ihr die Wahrheit zu sagen. Kamp verweigerte jede Auskunft, bis er Elma gesprochen hätte. So war es vielleicht ganz gut. Er konnte sie sprechen, und dann alles übrige ihr überlassen. »Sind Sie es?« fragte Frau Diepenbroich. Man hörte es ihr an, daß sie in diesem Falle nicht gerade begeistert, aber immerhin getröstet sein würde. »Nein!« erwiderte er schroff. »Ich bin es nicht. Aber wenn es so wäre, so würde diese Liebe jedenfalls nicht unglücklich sein.« Diese Andeutung glaubte er für alle Fälle machen zu sollen. Nicht seinetwegen, aber weil es Elma vielleicht nützen konnte. »Sie lieben sie?« Die kleine Frau erwog im Augenblick alle Aussichten, die aus dieser Richtung kommen konnten. Kamp war noch jung, viel zu jung für Elma. Aber seine Eltern schienen reich zu sein. Vielleicht war es nicht das Schlechteste. Man behielt auch Elma noch einige Jahre im Hause. Aber sie konnte nicht glauben, daß ihre Tochter sich in den jungen Menschen verliebt haben sollte. »Sie lieben sie?« »Das ist hier ganz unwesentlich«, sagte Kamp schroff. »Aber ich muß Fräulein Elma sprechen.« »So kommen Sie!« Frau Diepenbroich ging voraus. In diesem Augenblick öffnete sich die Ateliertür und der Professor steckte seinen Kopf hindurch. »Wollen Sie schon gehen?« fragte er. »Herr Kamp will nur Elma guten Tag sagen«, erklärte sie. »Schön, schön!« sagte der Maler und zog sich wieder zurück, tun weiterzuarbeiten. Er hatte sein Tagespensum noch nicht völlig erledigt. Man mußte durch das Eßzimmer gehen und dann durch den langen Gang, an dem die Schlafzimmer lagen. Frau Diepenbroich schritt voran. Kamp sah an den Bewegungen ihrer starken, ein wenig vom Oberkörper abstehenden Arme, was in ihr vorging. Sicher überflog sie ihr bisheriges Leben, ob es aufwiegen konnte, was ihr diese Stunde an Angst und Aufregung eintrug. Vor Elmas Tür hielt sie ein wenig an, horchte und klopfte. Nichts antwortete. Sie klopfte noch stärker, und als auch jetzt noch keine Antwort kam, öffnete sie eine kleine Spalte, um vorsichtig hineinzuschauen. Diese Bewegung war unendlich rührend. Kamp schöpfte einige Hoffnung aus ihr und dachte, daß diese Mutter vielleicht doch ihrer Tochter beistehen konnte. Er brachte sein Gesicht in Ordnung, um bei Elma einzutreten. »Mein Gott!« schrie Frau Diepenbroich auf einmal. »Sie ist fort!« Kamp stellte sich neben sie und sah in das Zimmer hinein. Auch in diesem verlassenen Zustand rührte es ihn. Das also war der Raum, in dem seit Wochen und Monaten die schwersten Seelenkämpfe ausgetragen wurden! Wieviel Tränen hatte dieses weiße Kopfkissen erstickt! Wieviel verzweifelte Blicke waren durch dieses Fenster in den halbdunklen Hof gefallen! Die Mutter stand verlegen vor dem leeren Bett und deckte es zu. »Mantel und Huf sind auch fort!« Sie wies auf den Kleiderhaken. »Sie hat sich völlig angezogen und ist fortgegangen.« »Um Gottes willen!« rief Kamp nun auch. »Seit wann ist sie fort?« »Siegward! Siegward!« rief die unglückliche Frau nach ihrem Mann. »Bitte, seien Sie ruhig, gnädige Frau!« redete Kamp ihr zu, obwohl seine Stimme zitterte. »Herr Kamp! Lieber Herr Kamp! Bitte, ich beschwöre Sie! Sagen Sie mir, was geschehen ist! Ich will alles wissen!« Kamp rang mit sich. Durfte er in diesem Augenblick sprechen? Vielleicht war Elma nur ein wenig an die Luft gegangen und wollte zurückkehren und ihr Geheimnis weitertragen. Aber es war unwahrscheinlich, daß es sich so verhielt. Das leere Zimmer starrte ihn wie ein verzweifeltes Gesicht an. »Ihre Tochter«, sagte er mit unsicherer Stimme, »war seit langem mit Herrn Werneuchen verlobt, und Herr Werneuchen ist vor vier Tagen in Regensburg ermordet worden.« »O mein Gott!« Frau Diepenbroich schrie auf. »Werneuchen ermordet! – Und Elma ist – –?« Der Student neigte stumm den Kopf. »Herr Kamp! Liebster Herr Kamp! Wo ist sie? Sagen Sie mir alles! Ist Elma – –?« »Sie ist seine Witwe«, sagte Kamp leise. Die Mutter stürzte sich auf das Bett und suchte es zu umklammern. Ihr Rücken schütterte unter inneren Stößen. Sie stand diesem Augenblick hilflos gegenüber. Sie wollte ihr Kind wiederhaben und wagte das Verlorene nicht zurückzufordern. Kamp stand ratlos neben ihr. Er wußte nicht, was Elmas Verschwinden bedeuten sollte. Hatte sie mit allem ein Ende gemacht? Er fühlte nur, daß sie in diese Wohnung nicht mehr zurückkehren würde. Was hatte er selber noch hier zu tun? Er sah auf die verzweifelte Frau, die sich nicht zu fassen wußte. »Gnädige Frau!« sagte er leise. »Ich gehe!« Sie rührte sich nicht. Vielleicht wollte sie mit der ganzen Welt in der ihre Tochter unglücklich geworden war, nichts mehr zu tun haben. »Ich gehe!« wiederholte er noch einmal. Sie sah zu ihm auf. »Gehen Sie zu ihr?« fragte sie stockend. Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wo sie ist.« Frau Diepenbroich sprang auf. »Meinen Mantel! Meinen Hut!« rief sie. »Ich muß sie suchen!« »Bleiben Sie ruhig, gnädige Frau!« sagte er. »Ich werde sie suchen. Ich finde sie vielleicht noch am ehesten.« Aber es erschütterte ihn, daß sie nun doch nach Elma verlangte. »Ich werde alles aufbieten, um sie zu finden. Seien Sie überzeugt davon!« Sie stand regungslos da und blickte an sich herab. Man sah, daß sie ihrer Ohnmacht gegenüber diesen verwickelten Zustände innewurde. Sie wußte nicht, wo sie ihre Tochter zu suchen hatte. Sie hätte nichts tun können als sinnlos herumzulaufen. Sie sah ihren ungeschulten Körper an, der nicht zu laufen und Treppen zu springen gelernt hatte, und ihre Kleidung, die überall hindern mußte. Ganz verlegen stand sie da, und an ihrem Blick wurde dem Studenten auf einmal die Tragik der Mütter dieser Generation klar, die an dem Leben der neuen Zeit keinen Anteil hatten und mit ihm doch durch ihre Kinder verbunden waren. »Gnädige Frau«, sagte er sanft und führte ihre Hand an seine Lippen. »Ich werde sie finden und gebe Ihnen Nachricht.« »Werden Sie sie wiederbringen?« Er zuckte die Achseln. Sie sank wieder vor dem Bett zusammen und wußte nicht, was sie wünschen sollte. Er ging leise hinaus. Ohne sich von dem Professor zu verabschieden, zog er sich im Korridor an und ging die Treppe hinunter. Wohin? dachte er fortwährend. Wenn ich sie wirklich lieb habe, muß ich es doch erraten? Vielleicht hat sie wirklich ein Ende gemacht. Oder sie ist zu jemandem gegangen, dem sie vertraut? Zu mir vielleicht? dachte er zweifelnd. Er hoffte, daß sie zu ihm gegangen wäre. Er wünschte es inbrünstig. Aber er glaubte es nicht. Aber vielleicht rief er doch zu Hause an. Vielleicht saß sie schon da und wartete auf ihn? Er ging in einen Zigarrenladen, um zu telephonieren. Als er eintraf, wußte er auf einmal, wo sie war. Natürlich, sie war zu Gerda gegangen! Dennoch fragte er bei Auguste an, ob jemand gekommen wäre. Er sah nach der Uhr. Wenn sie den letzten Zug genommen hatte, konnte sie schon in der Villa sein. Sie war aber nicht dort. Er hatte es gewußt. Wo fand er Gerda? Wer konnte ihm Gerdas Adresse geben? Reuschhagen! sagte er sich. Reuschhagen würde wissen, wo sie wohnt. Sie mußte doch noch in München sein, da er sie erst gestern gesehen hatte! Wie gut, daß er gestern nacht in Werneuchens Kalender Reuschhagens Adresse gefunden hatte. Er rief ein leeres Auto an und sagte die Nummer der Lindwurmstraße. In einer kleinen Viertelstunde hielt er vor einer Mietskaserne, kaum hundert Schritte vor dem Café, wo sich am vorhergehenden Tage fast genau um dieselbe Zeit so Wichtiges ereignet hatte. Wieder stand er in dieser langen öden Straße. War es hier eigentlich schöner als bei Berdelow \& Hahn? mußte er denken, und zugleich packte ihn ein Schauder, daß er heute schon wieder hier stand. War das nicht merkwürdig, daß diese Straße ihn anzog? Daß er immer wieder hierher zurückkehrte? Die Kriminalbeamten suchten das Mordnest auf der anderen Seite der Stadt, in der Gegend der östlichen Fabriken. Ihn aber trieb es hierher. Welche unheimliche Macht war dahinter, daß er heute schon wieder in diese Gegend mußte? Weil hier die Fäden zusammenliefen? Weil hier der Mittelpunkt der furchtbaren Begebnisse lag? Gerda kann nicht weit von hier wohnen! fühlte er. Mit zögernden Schritten ging er in das Haus. Er besann sich, daß Reuschhagen eine Wohnung im vierten Stock haben sollte. Wieso ihm das auf einmal einfiel, wußte er nicht, aber er glaubte, es irgendwo gehört zu haben. In Werneuchens Kalender war nur die Hausnummer angegeben. Aber vielleicht wohnte er überhaupt nicht mehr hier? Der Treppenflur überraschte ihn. Er war nicht so ärmlich, wie er gefürchtet hatte. Überhaupt schien das ganze Haus einigermaßen neu zu sein. Aus der letzten Zeit vor dem Kriege. Drei Treppen hoch befand sich eine Pension, die das ganze Stockwerk auf beiden Seiten einnahm. »Chambre garnies und Pensionat« war auf einem Schild zu lesen. Eine Menge Visitenkarten war mit Reißzwecken an die Türe geheftet. Eine Kunstgewerblerin, ein Ingenieur und zwei Studenten stellte Kamp im Vorübergehen fest. Die vierte Treppe ging bereits auf den Speicher. Oder war oben eine Mansardenwohnung eingebaut? An einer kleinen Tür befand sich ein Briefkasten und ein Porzellanschild mit dem Namen Reuschhagen. Kamp wartete lange vor dieser Tür, ehe er sich entschließen konnte, auf die Klingel zu drücken. Von unter her kamen die Klänge eines Klaviers und die Fetzen einer erregten Unterhaltung, die irgendwo auf einer Hintertreppe geführt wurde. Er suchte zu lauschen, ob jemand in der Wohnung war, konnte aber nichts hören. Vielleicht war Reuschhagen nicht zu Hause? Was dann? Endlich klingelte er. Man hörte deutlich das Schnarren der Glocke im Inneren. Doch nichts erfolgte. Natürlich, er wird im Café sitzen! dachte er. Hatte die Kellnerin nicht gesagt, daß er dort täglich seinen Kaffee trinkt und Zeitungen liest? Vielleicht waren sogar Gerda und Elma dort? Er hätte gleich daran denken können. Dennoch drückte er noch einmal auf den Knopf der Klingel. Einen Augenblick glaubte er drinnen den schweren schlurfenden Schritt eines Mannes zu hören, der sich der Türe näherte. Kein Zweifel! Innen knarrte eine Diele. Er hielt den Atem an, um zu lauschen und legte das Ohr gegen die Bretter. Drinnen atmete jemand. »Reuschhagen!« rief er. »Machen Sie doch auf! Ich bin's, Otmar Kamp! Ich höre doch, daß Sie zu Hause sind!« Nichts regte sich mehr. Der Musiker wollte ihm offenbar nicht öffnen. Nur der Atem hinter der Tür ging ganz leise auf und nieder. Kamp wurde wütend. »Zum Donnerwetter!« Er schlug mit der Faust gegen die Tür, drückte auf die Glocke, bis der schnarrende Ton vor Erschöpfung aussetzte. Reuschhagen mußte wohl den Lärm benutzt haben, um sich von der Tür zurückzuziehen, da Kamp hörte, wie innen eine Tür vorsichtig geschlossen wurde. Dann war alles still. Von unten aus dem Pensionat drangen wieder die Töne eines Klaviers und sprechende Stimmen herauf. Es war nichts zu machen! Reuschhagen wollte nicht öffnen. Was sollte er nun tun? Wie konnte er Gerdas Adresse erfahren? Außer über Reuschhagen wußte er keinen Weg. Mißmutig und unentschlossen stieg er die Treppe hinunter. Er wollte es noch einmal mit dem Café versuchen. Vielleicht hatte er sich doch getäuscht, und es war in der Tat niemand in der Wohnung gewesen. Vielleicht wußte man in dem Pensionat etwas von dem Musiker? Wie, wenn er es hier versuchte? Er hielt im dritten Stockwerk an und überlegte, ob er läuten sollte. Während er noch unschlüssig dastand, wurde die Tür von innen geöffnet, und Gerda Werneuchen trat in Hut und Kostüm heraus. Sie wollte an ihm vorbei. Offenbar hatte sie ihn nicht erkannt. »Gnädige Frau!« rief er. Sie stutzte. »Herr Kamp?« Die beiden standen sich gegenüber. »Sie suchen Fräulein Diepenbroich? Ja, die ist bei mir. Kommen Sie!« Sie ging voran und führte ihn in ihr Zimmer. Er wunderte sich, wie freundlich sie ihn begrüßte. Offenbar hatte ihr Elma von ihm erzählt. Siebzehntes Kapitel Als ihre Eltern das Mittagessen einnahmen, war Elma zu dem Entschluß gekommen, daß sie fort mußte. Es war ganz selbstverständlich. Was aus ihr wurde, Interessierte sie nicht. Sie würde untergehen, oder es würde sich etwas finden. Aber es war ihr klar, daß ihr Schicksal keine Diskussion mit ihren Eltern vertrug. Es tat ihr leid, ihnen weh zu tun. Aber schließlich hatte sie selbst so sehr gelitten, daß sie das Recht hatte, alles allein zu Ende zu führen. Sie konnte nicht viel mitnehmen. Nur die kleine Handtasche stopfte sie voll mit den notwendigsten Utensilien und den Bildern Ernst Alexanders. Als sie damit fertig war, überlegte sie sich, ob sie einen Abschiedsbrief schreiben sollte. Aber sie tat es nicht. Sie hätte darin doch versucht, den Eltern ihren Schritt zu erklären, und sie wußte doch, daß sie nicht verstanden werden würde. So schlich sie sich, als sich die anderen zum Mittagschlaf hingelegt hatten, durch das Eßzimmer, das mit unzähligen Erinnerungen auf sie eindrang, durch den Korridor und die Treppe hinunter. In der Tengstraße benutzte sie die Elektrische. Hier erst war sie frei. Sie fuhr bis zum Stachus, dachte daran, wie sie gestern an dieser Stelle Bensch gesehen hatte und was dann alles über sie hereingestürzt war. Heute war sie ganz ruhig. Erst jetzt fiel ihr ein, daß sie am Vormittag zu Kamp hatte hinausfahren sollen. Aber die Tätigkeit der Polizisten berührte sie nicht mehr. Vielleicht würde dieser Bensch gefaßt werden, vielleicht würde er entschlüpfen. Mochte er! Bensch ging sie nichts mehr an. Sie hatte keine Angst vor ihm. Weshalb hatte sie überhaupt jemals irgendeine Angst vor diesem Menschen gehabt? War das nicht Werneuchens Angst gewesen? Das lag alles soweit zurück. Und Gerda? Sie wußte nicht einmal mehr, ob Gerda wirklich die Schuldige war. Vielleicht hatte sie ihren Mann ermorden lassen. Vielleicht hatte Bensch ihn aus eigenem Entschluß erschlagen. Sie wollte das alles nicht mehr wissen. Aber vielleicht mußte sie Gerda doch sprechen? Ich bin wohl nur erschöpft, dachte sie. Es ist doch nicht möglich, daß mich das alles nichts mehr angeht. Vielleicht kam es vom Hunger. Sie hatte keinen Hunger, aber sie überlegte sich, daß sie seit gestern mittag kaum etwas zu sich genommen hatte. Sie begann, sich vor ihrer Gleichgültigkeit zu grauen. Sie zog sich am Automaten zwei Brötchen und würgte sie hinunter. Aber die Gleichgültigkeit blieb. Ich könnte ebensogut hier mitten auf der Straße stehenbleiben, dachte sie, und zusehen, was dann mit mir geschieht. Wenn ich überfahren würde, würde ich zusehen, wie mich das schmerzt. Ich würde vielleicht auch schreien, aber es wäre mir trotzdem gleichgültig. Allenfalls war sie noch ein wenig neugierig, was mit ihr werden würde. Aber es »wurde« nichts. Sie mußte alles selber tun. Sie sah es mit Erstaunen. Sie mußte sich zu jedem Schritt entschließen und das nötige Quantum Willen aufbringen. Blieb sie stehen, so blieb sie stehen. Ging sie vorwärts, so ging sie vorwärts. Aber von selbst wurde nichts. Woher sollte sie noch lange die Kraft zu solchen fortgesetzten Entschlüssen hernehmen, dachte sie. Ich halte das einfach nicht mehr lange aus. Ich muß etwas Größeres beschließen. Zwei Herren gingen hinter ihr her. Wie wäre es, wenn ich mich von ihnen fortführen ließe? Es wäre doch etwas Neues wenigstens. Ich würde keine sehr amüsante Unterhaltung sein. Sie blieb an einem Schaufenster stehen. Aber das war alles nichts. Sie beschloß nun doch, Gerda aufzusuchen. Vielleicht ist das die richtige Stimmung, mit ihr zu sprechen, dachte sie. Aber wo sollte sie Gerda finden? Wer wußte ihre Adresse? Ihr Rechtsanwalt! Auf einmal merkte sie, daß sie auf das Namensschild des Rechtsanwalts gestiert hatte. Deshalb war sie auf den Gedanken gekommen. Hier wohnte er, zwei Treppen hoch. Sie ging hinein. Übrigens war es einer der bekanntesten Anwälte Münchens. Das fiel ihr ebenfalls jetzt ein. Ein großer Mann, berühmt aus den letzten politischen Prozessen. Es war eigentlich interessant, einen solchen Mann zu sehen und zu sprechen. Während sie die Treppen in die Höhe ging, zerbrach sie sich den Kopf, wie sie sich melden lassen sollte. Als Werneuchens zweite Frau? Jedenfalls in der Angelegenheit Werneuchen. Komisch, hier, bei dem Rechtsanwalt, gab es einen Akt Werneuchen, und zwei Straßen weiter, auf dem Polizeipräsidium, gab es ebenfalls einen Akt Werneuchen. Zwei ganz verschiedene Aktenstücke! Sie war oben und klingelte. Ein Schreiber machte ihr auf. Sie fragte nach dem Herrn Doktor persönlich. »In welcher Angelegenheit?« »In der Sache Werneuchen! Ich muß den Herrn Doktor dringend sprechen.« Sie wurde in ein Wartezimmer geführt. Als sie in dem roten Plüschsessel saß, fiel ihr ein, daß der Rechtsanwalt sicher noch nichts von Werneuchens Verschwinden wußte. Auf alle Fälle konnte sie dem Manne etwas Wichtiges mitteilen. Es war ihr fast angenehm. Sie hatte nur wenige Minuten gewartet, als sich die Tür öffnete und ein großer Herr mittleren Alters vor ihr stand. Er hatte ein Schauspielergesicht, lange hagere Backen und angegrautes Haar. Sie merkte, daß er sie erstaunt, wie in plötzlichem Schreck, betrachtete. Gleichzeitig fühlte sie, wie ihr die Kräfte schwanden. Sie taumelte zurück. »Um Gottes willen!« hörte sie ihn sagen, dann wurde es dunkel vor ihren Augen. Sie hatte fast kein Bewußtsein mehr. Dennoch merkte sie, wie sie in ein Zimmer geführt und auf ein Sofa gelegt wurde. Sie bekam Wasser zu trinken. Eigentlich war sie gar nicht ohnmächtig. Sie saß schon wieder aufrecht. »Danke!« sagte sie. »Mir geht es ganz gut« »Ausgezeichnet!« antwortete der Herr. Er wollte, daß sie sich erst ausruhte, aber sie begann gleich zu reden. »Sie wundern sich, daß ich Sie aufsuche. Aber die Sache ist wichtig. Ich wollte Sie um die Adresse von Frau Werneuchen bitten.« »Ja, mein gnädiges Fräulein, wer sind Sie denn? Ich kann Ihnen doch nicht so ohne weiteres die Adresse einer Klientin verraten?« Sie nannte ihren Namen. Er zuckte die Achseln, als wollte er zu erkennen geben, daß ihm das nichts sagte. »Sie kennen auch nicht meinen Vater?« fragte sie. »Diepenbroich? Ganz recht. Ein Maler, nicht wahr? Etwas alte Schule, nicht wahr?« Sie nickte und sagte nun gerade heraus, daß sie die Freundin von Ernst Alexander Werneuchen wäre – sie sagte nicht etwa: Verlobte, sondern gebrauchte mit Absicht den vulgären Ausdruck – und daß sie ein Kind von ihm erwarte. »Das ist ja für den Ausgang des Prozesses sehr interessant«, sagte er. »Und Sie, gnädiges Fräulein, wären bereit, das auch vor Gericht auszusagen? Zu beschwören?« »Wieso?« fragte sie erstaunt. »Weil das den Ausgang des Scheidungsprozesses, den Herr Werneuchen mit seiner Frau führt, sehr beeinflussen würde.« »Den Prozeß?« sagte sie. »Welchen Prozeß? Herr Werneuchen ist vor vier Tagen in Regensburg ermordet worden!« Er trat einen Schritt zurück, wurde kreidebleich. Ha! dachte sie. Er kann sich auch gleich denken, wer der Mörder oder der Anstifter ist. »Sind Sie bei Sinnen?« fragte er. »Gewiß! Ich wußte, daß Sie noch nichts von der Geschichte wissen. Eigentlich wollte ich Ihnen das gar nicht erzählen, sondern Sie bloß um die Adresse von Frau Werneuchen bitten. Aber Sie wollen sie mir ja nicht geben. Da muß ich Ihnen beweisen, daß ich im Bilde bin.« »Aber ich gebe Ihnen die Adresse von Frau Werneuchen nun erst recht nicht! Bitte, warten Sie einen Augenblick. Wollen Sie sich nicht lieber hinlegen?« Sie legte sich gehorsam hin, denn sie fühlte sich zum Umsinken matt. Er ging hinaus. Es dauerte eine halbe Stunde, ehe er zurückkam. Er hatte sich mit dem Polizeipräsidium verbinden lassen und alles erfahren. Elma war eingeschlafen. Er rief Gerda an und bat sie, zu ihm zu kommen. Darüber wachte Elma auf. »Frau Werneuchen wird gleich selbst hierherkommen«, sagte er. »Aber ich bitte Sie, sie zu schonen. Natürlich werde ich ihr erst selbst das Notwendige mitteilen. Ja, wollen Sie überhaupt hierbleiben? Es geht doch nicht, daß Sie Frau Werneuchen hier begegnen!« »Nein!« sagte sie und erhob sich. »Es geht nicht. Ich werde gehen.« Sie schleppte sich zur Tür. »Wo wollen Sie denn hin?« rief er. Er sah, daß sie sich kaum aufrecht halten konnte. »Soll ich Ihnen ein Auto kommen lassen? Darf ich Sie durch einen Boten zu Ihren Eltern bringen lassen?« »Um Gottes willen, nein!« schrie sie. »Ich gehe nicht mehr dorthin!« »Sie sind von Hause fort?« Sie nickte. »Armes Geschöpf!« sagte er und hob die Hand feierlich auf. »Wann wird unsere Gesellschaftsordnung endlich lernen, die Schwachen zu behüten, statt sie fallen zu lassen. Bleiben Sie bitte hier!« Schauspieler! dachte sie und fühlte sich von dem berufsmäßigen Timbre in seiner Stimme angeekelt. Aber sie legte sich auf das Sofa zurück. »Nicht hier!« bat er und führte sie in ein Nebenzimmer, wo eine Chaiselongue stand. »Hier können Sie bleiben. Und regen Sie sich nicht auf. Es wird alles gut werden.« Er nickte ihr väterlich zu und ging hinaus. Sie wollte warten, bis Gerda kam. Konnte man hier hören, was im Nebenzimmer gesprochen wurde? Sie stand leise auf und schlich sich an die Tür. Wenn sie das Ohr an die Türfüllung legte, konnte sie etwas hören. Der Rechtsanwalt telephonierte mit jemandem. »Sie vertreten also den Fabrikanten Berdelow, Herr Kollege?« hörte sie ihn sagen. »Was meinen Sie zu der Geschichte? Völlig unschuldig? Unerhörter Übergriff der Polizei? Ja, ich habe vom Polizeipräsidium Nachricht bekommen, und mir scheint doch – –« Sie hörte noch einige Male das Wort Kollege. Dann wurde sie erneut von einem Schwächeanfall ergriffen und schleppte sich auf das Lager. Sie wollte wach bleiben, versuchte zu zählen und fiel doch gleich in Schlaf. Einige Male hörte sie, wie jemand vorsichtig durch das Zimmer schlich. Eigentlich wachte sie nicht auf. Sie lag mit geschlossenen Augen, konnte aber nicht den Entschluß finden, sie zu öffnen. Sie lag wohl eine halbe Stunde so. Alle Nerven schmerzten sie. Ihr wäre besser geworden, wenn sie sich aufgerichtet hätte, aber sie tat es nicht. Wozu soll ich aufstehen? dachte sie Dann hörte sie im Nebenzimmer erregt sprechen. Zuerst wußte sie nicht, wo sie sich befand. Auf einmal fiel ihr alles ein. Nebenan schrie jemand auf. Gerdal dachte sie. Jetzt hat sie es gehört! Sie sprang auf, ging an die Tür. Drinnen war alles still. Sie riß die Tür auf, sah Gerda auf dem Sofa sitzen, den Rechtsanwalt an seinem Schreibtisch stehen, und stürzte hinein, zu der Frau auf dem Sofa, sank vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, »Gerda!« stammelnd. Die rührte sich nicht. Der Rechtsanwalt ging leise hinaus. Er blieb draußen an der Tür stehen und dachte darüber nach, wie er den hohen Anforderungen an Zartheit, Verständnis und Energie, die er an sich selbst stellte, in diesem seltsamen Fall am besten gerecht würde. Überlegte sich, daß beider Liebe zu dem einen Mann nun, da er tot war, sich leicht in Zuneigung zu der von gleichem Leid Betroffenen umsetzen konnte, und glaubte, nichts fürchten zu müssen. Dennoch behielt er zunächst das Ohr an der Tür und sah dann vorsichtig durch das Schlüsselloch. Die beiden Frauen bewegten sich lange Zeit nicht und schienen auch kaum zu sprechen. Schließlich hörte er lebhaftes Flüstern. Er sah, wie Frau Werneuchen auf die junge Dame einsprach. Merkwürdig! dachte er. Immerhin lagen Akten in dem Zimmer, die er brauchte. Er trat ein, bewegte sich auf Zehenspitzen zum Schreibtisch. »Störe ich?« fragte er mit seiner tiefen, wie er wußte, wohltuenden Summe. Die beiden saßen auf dem Sofa nebeneinander. Bei seinem Eintritt hörten sie zu sprechen auf. »Darf ich Ihnen mit irgendeiner Auskunft behilflich sein, meine Damen?« fragte er und kramte die Akten auf seinem Schreibtisch zusammen. »Können Sie uns ein Auto besorgen?« fragte Gerda. »Gewiß, gern! Was geschieht mit Fräulein Diepenbroich?« »Ich nehme sie mit in mein Pensionat!« Das Telephon klingelte. Polizeikommissar Leuthold war am Apparat. Er hatte gehört, daß Frau Werneuchen sich dort aufhielt Ob sie noch dort war? Ja, sie wäre noch da. Ob sie die Freundlichkeit haben würde, ins Polizeipräsidium, Zimmer Nr. ... zu kommen? In einer Stunde vielleicht, oder wann es ihr am besten paßte! »Ich werde in einer Stunde kommen!« ließ Gerda sagen. Der Rechtsanwalt klingelte nach einem Boten, um das Auto zu bestellen. Als der Bote hinausgegangen war, lehnte er sich mit verschränkten Armen an seinen Schreibtisch und sprach zu den Frauen hinüber. »Meine Damen!« sagte er. »Das Schicksal hat auf eine katastrophale Art Ihre Bekanntschaft vermittelt Ich weiß nicht, ob Sie sich kennen oder wie Sie zueinander stehen. Ich glaubte, mich hier zurückhalten zu müssen und mich in den seltsamen Vorgang dieses Zusammentreffens nicht eindrängen zu dürfen. Aber wenn ich als erfahrener Mann und als Ihr Rechtsbeistand, gnädige Frau, Ihnen einen Rat geben darf, so ist es dieser: Helfen Sie sich gegenseitig, das schwere Leid zu tragen, das Sie gemeinsam betroffen hat. Seien Sie sich Schwestern in Ihrer Leidgemeinsamkeit – –« Hier mußte er aufhören, denn von Elmas Seite hörte er ein merkwürdiges Schlucken und Glucksen, und schließlich lachte sie mit lauter Stimme hinaus. Sie versuchte, sich zurückzuhalten, aber es schüttelte sie von innen her. Sie wollte sprechen, sie brachte einzelne Worte zusammen, immer von lautem Prusten unterbrochen. »Entschuldigen – Sie, – – aber das ist – – alles so – furchtbar komisch!« »Sie ist mit ihren Nerven –« versuchte Gerda zu erklären. »Entschuldigen Sie!« »Es sind die Nerven. Ich weiß! Ich weiß!« sagte der Rechtsanwalt milde und zog sich diskret zurück!« »Das ist nun alles noch viel schrecklicher!« sagte Elma, als er hinaus war. »Ach, hätten Sie mir nie etwas gesagt!« Gerda preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Achtzehntes Kapitel »Sie hat ihn nicht ermordet!« Das war das erste, was Elma bei Kamps Eintritt sagte. Es war ein ganz gemütliches Zimmer, das Gerda bewohnte, wenn auch mit dem gewöhnlichen Pensionskitsch ausgestattet. Es gab ein Sofa und sogar einen Schreibtisch darin, und wenn nicht das Bett und der Waschtisch gestört hätten, hätte man sich ganz behaglich darin fühlen können. Kamp erschien es jetzt selbstverständlich, daß Gerda gerade hier wohnte. Natürlich war ihr das Pensionat von Reuschhagen empfohlen worden, und sie stieg wohl immer hier ab, seit sie von Berlin zu den Gerichtsterminen herüberkam. »Sie hat ihn nicht ermordet!« sagte Elma. Sie lag halb ausgestreckt auf dem Sofa und war mit einer Decke zugedeckt »Wie kamen Sie auf diese wahnsinnige Idee?« fragte Gerda. Kamp sah sie erstaunt an. »Es gibt einige Umstände –« sagte er. »Sie wußte überhaupt nichts von allem. Ich habe es ihr erst sagen müssen«, unterbrach Elma ihn. Der Student war einigermaßen betroffen. Er hatte sich sein Wiedersehen mit Elma anders vorgestellt Noch gestern war er ihre einzige Stütze gewesen. Sie hatte sich an ihn geklammert Auf einmal war sie ihm entschwunden. Er merkte, daß Gerda ihn ausgeschaltet hatte. Er war ein gleichgültiger junger Mann geworden. »Was sagen Sie zu dem allen, gnädige Frau?« fragte er. Gerda zuckte die Achseln. »Wenn Sie irgendwelche Verzweiflungsausbrüche von mir erwarten, sind Sie zu spät gekommen, Herr Kamp.« »Ich bewundere Ihre Ruhe, gnädige Frau!« »Ach, was haben wir in der letzten Stunde durchgemacht Otmar«, warf Elma dazwischen. »Das haben Sie freilich nicht gesehen.« Kamp mußte an Werneuchens Worte über Gerda denken: »Sie wird ihre Rolle als Witwe herrlich spielen!« »Daß sowohl Elma wie ich der Ansicht waren, daß Sie an Herrn Werneuchens Verschwinden immerhin nicht ganz unbeteiligt sind, hatte einige Gründe, gnädige Frau«, sagte er eisig. »Aber so schweigen Sie doch!« rief Elma von ihrem Sofa. »Ich habe ihr doch schon alles erklärt« »Vielleicht wußten Sie selbst noch nicht alles, Elma!« sagte er und beobachtete Gerda scharf. Sie wurde unter seinem Blick rot und im Augenblick erkannte er, daß sie Elma ihre Regensburger Verabredung mit Ernst Alexander verschwiegen hatte. Sollte er sprechen? Aber wie konnte er es vor Elma? Sollte er ihr sagen: Werneuchen hat sich hinter Ihrem Rücken mit seiner Frau verabredet und ist nach Regensburg gefahren, um sie zu treffen, und nicht nur, um über seine Stellung zu verhandeln? Und war er selbst nicht derjenige, der diese Schriftstücke vor dem Zugriff der Polizei bewahrt hatte, um Gerda zu retten? Wollte er sie denn überhaupt noch retten? Er wußte nicht mehr ganz, was er wollte. Vielleicht hatte er es sich in seiner jugendlichen Einbildungskraft und – er gestand es sich selbst ein – Eitelkeit etwa so vorgestellt, daß Gerda vor Angst verzweifelt sein würde, und dann würde er kommen und sie trösten und als Helfer auftreten. »Haben Sie keine Furcht, gnädige Frau! Ich habe Ihre letzten Briefe bei mir verwahrt und werde sie nie einem Menschen zeigen!« Und er würde dann groß dastehen, als Helfer und Retter, aber auch als der Überlegene, auf den alles ankam. Vor Gerda würde er so dastehen und – vor Elma! So hatte er es sich ungefähr gedacht, und nun ging er als ein recht unscheinbarer junger Schlacks in dem Zimmer hin und her und wußte nicht recht, was er mit seinen langen ungeschickten Gliedmaßen anfangen sollte. Er spielte, gewiß auch in den Augen Elmas, gar keine besondere Rolle mehr, seit Gerda so rein gar nichts mit Werneuchens Verschwinden zu tun hatte und vollkommen schuldlos war. Gewiß, er wollte ihr helfen! Natürlich wollte er ihr helfen! Aber vorher wollte er sie gewissermaßen auf die Knie zwingen, sie überführen, ihr im entscheidenden Augenblick ihre Briefe vorhalten, fragen: »Weshalb haben Sie ihn denn nach Regensburg gelockt? Was wollten Sie denn so Wichtiges mit ihm besprechen?« Dann würde sie zusammensinken. Er aber würde ihr sogar das Geständnis ersparen, ganz Ritter sein, sie aufrichten. So mußte er handeln, um Elmas willen. »Ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, gnädige Frau,« fragte er, »daß das Verschwinden Werneuchens mit dem Ende Ihres Prozesses zusammenhängt? Jetzt, da dieser Prozeß in einem einzigen Termin beendet sein mußte, und zu Ihren Ungunsten, gerade da wird Herr Werneuchen nach Regensburg gelockt und verschwindet! Gibt es da nicht einen ganz seltsamen Zusammenhang?« »Wieso Ende des Prozesses?« fragte Gerda. Man konnte ihr die Erregung ansehen. Kamp fühlte deutlich, wie seine Worte sie beunruhigten. »Weil Herr Reuschhagen jetzt seine gerichtliche Aussage verweigert und damit seine Beziehungen zu Ihnen zugegeben hat, gnädige Frau!« sagte er scharf. Die Wirkung seiner Worte war stärker, als er gedacht hatte. Gerda ließ sich in einen Stuhl fallen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Dieser Mensch!« rief sie. »Dieser entsetzliche Mensch!« »Ich denke, Sie sind mit Herrn Reuschhagen befreundet?« fragte Kamp mit eisiger Stimme weiter. »Otmar, lassen Sie das doch bitte!« mischte sich Elma ein. »Es ist ja alles ganz anders gewesen, als wir es uns gedacht haben. Seien Sie doch still!« »So!« sagte Kamp ratlos und sah sich im Zimmer um. Er überlegte, ob er nicht kurzerhand herausgehen und sich überhaupt nicht mehr um die ganze Geschichte bekümmern sollte. Waren denn alle Gründe und Zweifel mit einer kurzen Erzählung Gerdas auszulöschen? Wie oft hatte Werneuchen Gerda eine Meisterin der Lüge und Verstellung genannt? Und jetzt erfand sie eine rührende Geschichte, und Elma hing gläubig an ihren Lippen! Er aber wollte kalt bleiben und der Heuchlerin entgegentreten, bis sie unter ihrer Schuld zusammenbrach. Er sah, wie Elma ihn ängstlich beobachtete, ob er nicht mit diesem furchtbaren Gespräch ein Ende machte. Aber er konnte noch nicht aufhören. »Nun, wie es auch sein mag,« sagte er, »jedenfalls ist Ihr Prozeß nun faktisch zu Ende. Niemand mehr wird Ihnen, gnädige Frau, einen Vorwurf machen, denn der Ankläger ist tot. Oder haben Sie die Hoffnung,« – er sprach das Wort »Hoffnung« mit starker, fragender Betonung aus – »daß Bensch schlecht gearbeitet hat und Herr Werneuchen noch am Leben ist?« »Ich weiß nicht«, sagte Gerda ruhig. »Ich war im Begriff, auf die Polizei zu gehen.« »Von diesem Gang rate ich Ihnen dringend ab. Noch ist niemand darauf verfallen, Sie mit Werneuchens Ende in Verbindung zu bringen. Elma und ich werden schweigen, weil wir wissen, was Sie durchgemacht haben. Bringen Sie sich bei der Polizei nicht unnötig in Erinnerung, gnädige Frau! Ich will Ihnen ganz offen sagen: ich glaube fest daran, daß Sie Ihren Mann durch Bensch haben ermorden lassen!« Bei diesen Worten sah er ihr scharf ins Gesicht. Würde sie zusammenzucken oder sich sonst irgendwie verraten? Aber sie nahm nur ihre Handtasche vom Tisch. »Sie sind wahnsinnig!« sagte sie kurz und schickte sich an zu gehen. »Ich gehe jetzt zur Polizei. Wenn Sie Lust haben, können Sie mich ja dort angeben. Sie lieben es ja von jeher, mir die merkwürdigsten Dinge nachzusagen.« »Ich ...« Kamp wollte etwas erwidern. Aber Gerda war bereits hinausgegangen und hatte die Tür hinter sich geschlossen. »Elma!« rief er. »Fräulein Elma!« Er setzte sich zu ihr. »Das ist alles so furchtbar! Sie hat ihn ja doch ermordet!« Elma strich ihm mit der Hand über das Gesicht. »Sie sind ein lieber Junge«, sagte sie leise. »Aber mit Gerda und Ernst Alexander ist alles ganz anders gewesen. Quälen Sie sich und uns nicht. Ich erzähle Ihnen einmal alles.« »Sie hat aber doch Werneuchen jahrelang mit diesem Menschen betrogen!« »Es ist alles ganz anders. Otmar! – Waren Sie bei mir zu Hause?« Er berichtete ihr von seiner Unterhaltung mit ihrer Mutter, und wie er davongeeilt war, um sie zu suchen. »Um Gottes willen, ich muß doch Ihre Mutter verständigen, daß ich Sie gefunden habe!« »Das ist nun alles ganz gleichgültig geworden, Otmar. Ich gehe nicht mehr nach Hause zurück.« »Und wohin gehen Sie, Elma?« »Ich bleibe bei ihr!« »Bei Gerda?« »Sie hat mich darum gebeten. Ich bleibe nun bei ihr, bis alles vorüber ist. Sie wissen schon, was ich meine.« Sie sah an ihrem Leibe herunter. »Und dann werde ich mir vielleicht eine Stelle suchen. Ich weiß nicht, das ist ja auch alles nebensächlich.« Kamp sprang auf. Gerda war eine Teufelin! Merkte Elma denn nicht, was sie beabsichtigte? Sie brauchte Elma, um ihrem Vater zu beweisen, daß nicht sie, sondern Werneuchen die Ehe gebrochen hatte. Elma und das Kind sollten Unterpfand für Gerdas Unschuld sein. »Oh, man wird Sie herrlich aufnehmen und für Sie und das Kind sorgen. Das ist ja so edelmütig und muß alles schlimme Gerede zum Schweigen bringen. Wir haben noch die Geliebte Werneuchens aufgenommen und ziehen jetzt sein uneheliches Kind groß. – Merken Sie gar nicht, welche Rolle man Ihnen zugedacht hat? Und Sie fallen auf so etwas hinein!« »Vielleicht ist es so«, sagte Elma ganz ruhig. »Vielleicht braucht Gerda mich, um ihren Vater zu beruhigen. Aber wenn es nun schon so ist? Ach Otmar, was haben wir alles durchgemacht! Sollen wir jetzt nicht auch vielleicht ein wenig lügen dürfen, um endlich unsere Ruhe zu bekommen?« »Aber sie hat ihn doch ermordet! Ich werde es Ihnen beweisen!« »Nein, Otmar, sie hat ihn nicht ermordet. Sie hat ihn geliebt, wie ich ihn geliebt habe.« »Reuschhagen hat sie geliebt!« »O Gott, Reuschhagen! Nein, den hat sie wirklich nicht geliebt! Glauben Sie mir, sie hat Ernst Alexander geliebt, auch wenn sie zuzeiten unter ihm litt und ihn manchmal hassen konnte. Aber im Grunde hat sie ihn immer geliebt. Und nun sind wir beide allein ... mit seinen Kindern. Wir sind Freundinnen geworden. Otmar, lassen Sie uns in Frieden!« Kamp schob ihre Hand zurück und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Seine blonde Tolle flog vor der Stirn. Nun hatten sich die beiden Frauen gefunden und waren Freundinnen geworden. Alles war gut. Niemand würde einen Verdacht gegen Gerda aussprechen. Nur er allein, er, Otmar Kamp, störte noch. Ihn mußte man mit guter Manier loswerden, damit er nicht Dummheiten machte. So hatten es die beiden wohl verabredet. Er war ausgeschaltet. Elma war ihm für ewig verloren. Wenn er sie nicht jetzt eroberte, war alles zu Ende. Niemals wieder würde sie sich in späterer Zeit durch seine Person an diese Monate erinnern lassen. Er würde vielleicht noch hier und da in ihrem Leben auftauchen, und man würde sich beim Vornamen nennen, weil man schließlich einiges miteinander erlebt hatte, aber man würde immer sehen, ihn baldmöglichst wieder abzuwimmeln, weil er der einzige Zeuge dieser peinlichen Vorgänge war. Es war wirklich das beste, wenn er jetzt still aus dem Zimmer ging und nichts mehr von sich hören ließ. »Otmar, wir haben doch alle so Furchtbares durchgemacht. Ist es da schlimm, wenn wir jetzt ruhig miteinander leben wollen? Gerda hat eine eigne Wohnung in Berlin bekommen. Sie will mich vorläufig aufnehmen.« »Und Geld?« »Ach, einige hundert Mark habe ich noch, und jetzt, wo der Prozeß zu Ende geht, bekommt Gerda von ihrem Vater genügend Geld. Und ich werde mir bald etwas verdienen.« »Das dürfen Sie nicht tun!« »Sagen Sie mir etwas Besseres!« Kamp blieb mit einem Ruck vor ihr stehen. Etwas Besseres sollte er ihr sagen? Er wußte, daß es vergeblich war, daß er noch viel zu jung war, aber er sagte dennoch: »Ich liebe Sie!« »Ach, lieber Freund, lassen Sie mich mit Liebe in Frieden!« Das war alles. Er atmete tief die Luft ein. Natürlich mußte es so kommen. »Das dachte ich mir!« sagte er. »Wie herrlich, daß er tot ist! Nun ist alles Leid zu Ende. Nun sammelt ihr euch unter der Trauerfahne. Wissen Sie auch, was Werneuchen in seinem letzten Tagebuch geschrieben hat? Daß vielleicht Sie, Elma, Sie ihn einmal ermorden werden. Sie seine Braut, seine Geliebte! Das hat er geschrieben. Und Sie machen es wahr, wenn Sie jetzt mit seiner Mörderin zusammenziehen. Erinnern Sie sich, wie Werneuchen uns immer wieder sagte: Gerda wird ihre Rolle als Witwe herrlich spielen! Besinnen Sie sich?« »Aber sie hat ihn doch nicht ermordet!« »Wissen Sie das so genau? Ich rate Ihnen, seien Sie vorsichtig mit Ihrem Urteil. Noch ist die Untersuchung nicht abgeschlossen. Treiben Sie mich nicht zum Äußersten! Zwingen Sie mich doch nicht, etwas zu tun, was ich nachher vielleicht bereuen würde.« »Otmar, bitte! Können Sie nicht endlich davon aufhören?« Er senkte schuldbewußt den Kopf. »Elma!« fing er nach einer Weile noch einmal an. »Sagen Sie mir noch etwas: Wenn sie ihn nun ermordet hätte! Wenn sie es doch getan hätte, – würden Sie auch dann zu ihr ziehen? Gestern sagten Sie mir doch, daß sie recht getan hat. Wenn sie es getan hat, hat sie dann recht getan?« »Niemand tut recht!« sagte Elma ruhig. »Sagen Sie es mir ganz offen: würden Sie in diesem Falle auch zu ihr ziehen?« Elma dachte lange nach. Er zweifelte schon daran, daß sie ihm überhaupt noch antworten würde. Schließlich fing sie aber doch an: »Ach Otmar, mir kommen so seltsame Gedanken. Kann man überhaupt sagen, daß da ein Unterschied ist, wenn man etwas getan oder wenn man es nicht getan hat? Sehen Sie, ich kann es mir vorstellen, daß auch ich Ernst Alexander, wie er es ja geschrieben hat, ermorden lassen könnte. Ich habe es nicht getan und hätte es wahrscheinlich nicht getan. Aber in meinen tiefsten Gedanken würde ich es vielleicht doch mehrere Male getan haben. Wenn es alles so zwischen Gerda und Werneuchen gewesen wäre, wie ich es noch gestern glaubte, dann kann ich mir denken, daß sie manchmal ganz dicht an der Tat war. Und wenn sie dann wirklich einmal zu einem Bensch das eine Wort gesagt hätte, so wäre es gar nicht viel mehr, als was sie oft gedacht hat Ich glaube, daß ich auch das verstehen könnte.« »Elma!« beschwor er. »Wissen Sie, was Sie da sagen? Wenn Sie es ganz genau wußten, daß Gerda ihn ermorden ließ, – stellen Sie sich das vor: wie sie einen Plan ausheckt, ihn in allen Einzelheiten berechnen muß, wie sie stundenlange Unterhandlungen mit dem Mörder hat, wie sie vielleicht Briefe schreiben muß, um ihn in einen Hinterhalt zu locken –, stellen Sie sich das einmal vor! Stellen Sie sich dann vor, daß sie die Nachricht von der gelungenen Tat bekommt und Trauer heuchelt! Und dann sagen Sie mir, ob Sie noch zu ihr ziehen würden!« Elma senkte den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Es ist doch furchtbarer, als ich dachte. Ich würde nicht zu ihr gehen.« »Sehen Sie, sehen Sie, triumphierte er. »Und wenn ich Ihnen nun beweise, daß sie das alles getan haben muß, – was dann?« Sie sah ihn kopfschüttelnd an. Sie überlegte sich etwas. Er merkte, daß sie zu zweifeln anfing. Ja, sie hatte ihre Zweifel nur betäubt. Es war ein Scheinfrieden zwischen ihr und Gerda geschlossen worden. Zwischen Elma, die ihre Augen vor der furchtbaren Tat verschließen wollte, und Gerda, die der neuen Freundin noch nicht einmal ihre Regensburger Verabredung gestand. Er wollte sie überführen. Nicht gerade vor Gericht, aber vor Elma. Oder vielleicht auch vor Gericht? Er sah Werneuchen wieder vor sich, mit dem ironischen Lächeln um den Mund, mit den leisen hilflosen Bewegungen, die alles Schwere behutsam auszulöschen versuchten. Er sah ihn neben dem Bücherregal stehen, so wie er ihn in der letzten Nacht im Traum gesehen hatte. Es war etwas rätselhaft Liebeheischendes in ihm, das Zwingende der tiefen, stillen Leidbereitschaft, die aufreizte und zugleich entwaffnete. Vielleicht mußte man diesem Menschen wehtun und ihn doch zugleich liebhaben. Ja, das war es! Weil er litt und leiden wollte und vor dem Leiden doch zugleich Furcht hatte. Weil er Kreatur war! Ihn lieben und ihm wehtun! Vielleicht war das das Schicksal Gerdas gewesen. Vielleicht wäre das das Schicksal Elmas geworden. Vielleicht war es im Grunde das Schicksal aller Menschen an allen Menschen? Sie standen beide in Gedanken, als auf einmal Gerda zur Türe hereinkam. »Da, da!« rief sie und zeigte mit ausgestreckter Hand auf das Fenster. »Ich habe eine Viertelstunde gewartet, aber er geht nicht fort!« Sie sahen hinaus. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ging Adalbert Reuschhagen auf und ab. Wie ein kleiner unscheinbarer Kommis sah er aus in dem gebügelten blauen Anzug und mit dem steifen schwarzen Filzhut. Mit dem viel zu großen Stock schlenkernd, eine viel zu große Zigarre im Mund, ging er langsamen Schrittes vorwärts und kehrte wieder um. Wie ein harmloser, gutgelaunter Spaziergänger promenierte er vor dem Hause hin und her mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrpendels. Die drei standen am Fenster und sahen hinaus. »Ich kann nicht vorbei! Er wird noch stundenlang auf mich warten!« sagte Gerda verzweifelt. »Ist er nicht furchtbar?« stieß Elma aus. Kamp war es noch nie eingefallen, in Reuschhagen etwas Furchtbares zu sehen. Er mochte ihn nicht, weil er ihm mit seinen banalen Schwätzereien auf die Nerven fiel. Aber furchtbar? Und doch, wenn er jetzt den Blick zwischen diesem rosigen Antlitz und dem Entsetzensausdruck in Gerdas Gesicht hin und herschweifen ließ, dann wollte ihm etwas von der Furchtbarkeit dieses Menschen aufdämmern. »Frau Gerda!« sagte er. »Wie konnten Sie sich mit diesem Menschen einlassen?« »Ja, wie konnte ich! Wie konnte ich!« Ihr Gesicht überzog sich mit einer tiefen Blässe. »Einmal, einmal habe ich es getan! In einem Augenblick der Verstörung, als ich bemerkte, daß Ernst Alexander mich nicht mehr liebte. Damals ging ich zu ihm, um ihn um Hilfe zu bitten. Er hat mich übertölpelt, überwältigt. Ich wollte nicht, ich liebte ihn nicht, ich habe mich gewehrt, aber er hat mich schließlich doch bekommen. Das war alles! Seit der Zeit hat er mich nicht mehr aus den Krallen gelassen. Ich habe ihm geflucht, ich habe ihn auf meinen Knien gebeten, mich frei zu lassen. Er gab mich nicht mehr frei. Ich habe ihm Geld geben müssen, soviel ich entbehren konnte. Ich habe meinen Mann bestehlen müssen, um ihm die Taschen zu füllen. Meine Uhr, meine Schmucksachen, alles hat er bekommen, nur damit er mich nicht verriet. Ich war ja in seiner Hand! Und die Kinder! Und mein Vater!« Sie fiel auf einen Stuhl nieder und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Kamp schwankte zwischen Mißtrauen und Erschütterung. War das wirklich das Leben dieser Frau gewesen? Hatte sie sich in der Umarmung von Erpresserhänden gewunden? »Wenn Sie es Ihrem Mann gesagt hätten?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich konnte doch nicht! Er haßte mich ja damals schon. Er hätte ihn vielleicht totgeschlagen, aber mich hätte er hinausgeworfen. Nein, ich konnte ihm nichts sagen. Vielleicht hätte ich es tun sollen, aber ich wagte es nicht« »Nein«, sagte Kamp entschieden. »Das ist nicht wahr! Sie sind mit Reuschhagen lange Jahre befreundet gewesen. Man hat Sie immer wieder mit ihm gesehen. Sie sind bei ihm in seiner Wohnung gewesen. Sie saßen immer wieder im Café mit ihm zusammen. Ein Erpresser taucht auf und verschwindet wieder. Diesen Mann aber haben Sie jahrelang um sich gehabt« Sie senkte ihren Kopf noch tiefer. »Ja«, sagte sie. »Das ist alles richtig. Aber es war trotzdem so, wie ich gesagt habe. Ich fror doch bei Ernst Alexander! Er liebte mich doch nicht mehr. Und Reuschhagen hat mich angebetet Ich floh immer wieder zu seinem Klavierspiel, wenn ich es zu Hause nicht mehr aushalten konnte. Auch das ist richtig.« »Sehen Sie!« sagte Kamp. »Sie sind also doch seine Geliebte gewesen!« »Niemals wieder!« schrie sie auf. »Während des ganzen Prozesses hat er mich beschworen, zu ihm zu kommen. Er wollte falsch vor Gericht aussagen, einen Meineid schwören. Ich sollte seine Frau werden. Ich aber konnte nicht mehr. Seit Monaten geht dieser Kampf zwischen uns, und als ich ihm jetzt endgültig schrieb, daß ich nie wieder ihm gehören würde, da –« »Da?« »Da hat er dem Gericht mitgeteilt, daß er seine Aussage verweigert. Ich wußte nun, daß ich verloren war, aber ich konnte nicht anders.« »Und gestern im Café?« »Es war unsere letzte Unterredung!« Sie sank völlig in sich zusammen. Ihr Kopf lag fast in ihrem Schoß. Kamp sah, daß sie kein Wort mehr sprechen wollte. »Ich sah das alles schon gestern, als sie aus dem Café herauskam«, sagte Elma. »Nur glaubte ich da noch, daß sie ihn ermordet hat« Nach diesen Worten wurde es still im Raum. Gerda blieb in ihrer zusammengekrümmten Haltung auf dem Stuhl. Elma und Kamp sahen durch das Fenster, wie Reuschhagen unaufhörlich vor dem Hause hin- und herging. Kamp schwankte noch immer zwischen Erschütterung und Unglauben. Konnte ein Mensch wirklich so sehr Theater spielen, über alle Register der Verzweiflung gebieten, wie es Gerda tun mußte, wenn sie jetzt schauspielerte? Dann war sie jedenfalls die abgefeimteste Verbrecherin. Konnte man ihr glauben? War da nicht ein Widerspruch in ihren Worten oder kam da nur das doppelte Gesicht zum Vorschein, das nun einmal alle Dinge haben? Gerda richtete sich auf. Wie gut sie weiß, schoß es Kamp durch den Kopf, wie lange eine solche Pause der Ergriffenheit dauern muß! »Herr Kamp, ich muß jetzt auf die Polizei. Wollen Sie mich an Reuschhagen vorüberbringen?« »Ja!« sagte er. »Aber vorher muß ich noch einmal Elmas Mutter anrufen.« Im Hausflur ist das Telephon!« »Was werden Sie ihr sagen, Otmar?« fragte Elma. »Daß Sie heute nacht noch hierbleiben und morgen oder übermorgen nach Hause kommen werden.« Sie lächelte. »Haben Sie selbstsüchtige Gedanken dabei?« Er wurde rot. Hoffte er immer noch auf sie? »Ich werde nicht mehr nach Hause kommen, aber Sie können es ja meiner Mutter immerhin zur Beruhigung sagen.« Als Kamp zurückkam, hatte sich Gerda das Gesicht gewaschen. Man konnte ihr von den Aufregungen der letzten Stunden nichts mehr ansehen. Sie war fertig. »Warten Sie, Elma?« fragte sie. »In zwei Stunden hoffe ich zurück zu sein.« Dann ging sie an den Nachttisch, zog die Schublade auf und entnahm ihr einen kleinen Revolver. »Im Notfall halten Sie mir Reuschhagen hiermit vom Leibe!« sagte sie. Im Augenblick bebte Kamp vor der Waffe zurück, auch Elma war kreidebleich geworden. »Was ist das!« rief er aus. Gerda wurde dunkelrot Beim Anblick der Waffe gingen alle Gedanken in dem kleinen Zimmer in einer Richtung, und alle drei bemerkten es im gleichen Augenblick. Gerda hob die Hand, als wollte sie durch Zurücknehmen der Waffe den Besitz des Revolvers vergessen machen. Kamp hielt bleich und erschrocken das kleine Ding von sich ab. Elma starrte entsetzt auf den dunklen Stahl. Sekundenlang waren sie alle betreten. Gerda faßte sich zuerst »Sie erschrecken, daß ich diesen Browning besitze?« sagte sie mit ruhiger Stimme. »Ich habe ihn mir vor einigen Wochen gekauft, weil ich ihn einmal zu brauchen fürchtete. Aber ich habe ihn nicht gebraucht, und ich gebe ihn jetzt auch zum erstenmal aus der Hand.« Kamp bewunderte sie. Mit einem Schlag hatte sie die Gedanken der andern erfaßt und sagte schon im nächsten Augenblick alles Notwendige, was diese dunkel aufsteigenden Gedanken zurückweisen konnte. Nicht einmal die Möglichkeit, daß sie den Revolver zur Mordtat jemandem geliehen haben könnte, war außer acht gelassen. Diese Frau war gefährlich klug. »Kommen Sie!« sagte er kurz und steckte die Waffe ein. Aber er warf Elma einen bedeutungsvollen Blick zu. Draußen auf der Straße machte Reuschhagen nicht die mindesten Anstalten, sich ihnen zu nähern. Er tat, als bemerke er die beiden nicht, ging pfeifend und mit dem Stock schlenkernd nach der anderen Seite. Schweigend schritt Kamp neben der Frau. Er mußte daran denken, daß es nur einen Tag her war, daß sie hier mit Reuschhagen aus dem Café durch diese selbe Straße gegangen war. Was mochte in ihr vorgehen? Er sah sie von Zeit zu Zeit scheu von der Seite an. Sie schien sich nicht im geringsten um ihn zu kümmern. Hatte diese Frau eine große Macht über alle Menschen, die sich ihr näherten, oder war sie selbst hilflos und anlehnungsbedürftig? Beides konnte sein. Er suchte ihr Leben zu überfliegen. Beide Gleichungen gingen auf. Vielleicht hatte sie starker an Werneuchen gelitten als er an ihr, vielleicht hatte sie ihn wahnsinnig gemacht. Sie war ihm ein Rätsel. Noch einmal dachte er nach, ob er sie schonen oder bei der Polizei ganz plötzlich mit ihren Briefen hervortreten sollte. Hatte er nicht zwischen Werneuchen und ihr zu wählen? Wen schonte er eigentlich, wenn er sie schonte? Eine Bestie, die Unheil über Unheil anrichten würde? Oder eine arme, gejagte Frau? Er wußte es noch immer nicht. Man mußte vielleicht die Dinge laufen lassen. Aber vielleicht wurde sie von den Polizisten überführt? Vielleicht verfolgte der kleine stille Neumann schon längst diese Spur? Er wurde unterbrochen. Sie waren am Sendlinger Torplatz angelangt Der Zeitungsverkäufer rief das Abendblatt aus. Durch den Straßenlärm hörten sie deutlich die Worte seines Ausrufs: »Die Ermordung des Hauptmanns Werneuchen!« Schaurig klang ihnen beiden der bekannte Name ins Ohr. »Kaufen Sie ein Blatt!« bat Gerda. Als sie es in der Hand hatten, wagten sie es nicht zu öffnen. »Kommen Sie! Wir wollen uns auf die Bank setzen.« Auf der Vorderseite der Zeitung gab es nur Politik. Sie hatten Angst vor dem Augenblick, wenn sie die Zeitung aufschlugen und der Name ihnen in fetter Überschrift entgegenspringen würde. Der Verkäufer rief immer noch sein »Die Ermordung des Hauptmanns Werneuchen!« »Ich halte es nicht aus,« sagte Gerda, »kommen Sie weiter!« Während sie gingen, schlug Gerda plötzlich das Blatt auf und blieb stehen. Kamp sah an ihrer Seite hinein. Wie ein paar gleichgültige Zeitungsleser standen sie mit sachlichen Gesichtern da und lasen den Bericht von Werneuchens Ermordung. Zwei fettgedruckte Überschriften schrien sie an: »Der Fabrikant Berdelow verhaftet!« und »Die Leiche unterhalb Regensburg in der Donau gefunden!« »Wußten Sie das schon?« fragte Gerda. »Nein! Daß die Leiche gefunden ist, wußte ich nicht.« Nun war gar kein Zweifel mehr. Hatte er immer noch geglaubt, daß Werneuchen lebendig zurückkehren würde? Nein, er hatte es nicht geglaubt. Aber daß nun die endgültige Bestätigung da war, jagte ihm doch Schauer über den Rücken. Sie lasen von den Steuerhinterziehungen der Firma Berdelow \& Hahn, von dem Zusammenstoß Werneuchens mit seinem Chef, von der anonymen Anzeige beim Finanzamt und dem Inserat jener unbekannten Firma, von der aus die Spur zu Berdelow \& Hahn weiterführte. Sie lasen von Fräulein Margot Liedtke und ihrer Aufsehen erregenden Flucht, die wie eine Bestätigung der Schuld aussah. »Vorläufig leugnet der Verhaftete!« stand in gesperrten Buchstaben da. »Weitere Verhaftungen stehen unmittelbar bevor!« Personen, die über die Tat etwas aussagen könnten, sollten sich auf dem Polizeipräsidium in einem bestimmten Zimmer melden. »Was heißt das?« fragte Gerda. »Weitere Verhaftungen stehen unmittelbar bevor? Ich denke, sie haben den Anstifter. Wen wollen sie denn noch verhaften?« »Bensch!« »Natürlich! Aber die Mehrzahl: weitere Verhaftungen?« »Sie und mich vielleicht!« sagte Kamp ernst. Er dachte an die unterschlagenen Schriftstücke. Konnte nicht jemand sie inzwischen gefunden haben? »Uns!« warf Gerda ablehnend hin, sagte aber nichts weiter. Ihre Augen eilten zu dem Bericht über die Auffindung der Leiche. Diese Nachrichten mußten auf dem Polizeipräsidium eingelaufen sein, als Leuthold und Naumann in der Villa draußen waren. Die Kriminalisten waren damit überrascht worden, als sie in ihre Amtszimmer zurückkehrten. Die Leiche war am frühen Morgen einige Kilometer östlich von Regensburg angeschwemmt und von Kindern entdeckt worden. Der Ermordete wies Würgspuren am Halse auf, die offenbar von einem verzweifelten Ringen mit dem Täter herstammten. Der Tod selbst war durch einen Messerstich mitten ins Herz herbeigeführt worden. »Er hat sich noch gewehrt!« sagte Gerda schaudernd. »Und ein Messerstich, kein Revolver!« Sie wollte noch einmal ihren Revolver entschuldigen. Aus Briefen und Papieren konnten die Personalien der Leiche festgestellt werden. Es gelang dieses um so eher, da ja die Regensburger Kriminalpolizei bereits von dem Verschwinden Werneuchens Kenntnis hatte. »Die bei dem Toten gefundenen Papiere geben über den Täter und die Gründe der Tat wertvolle Aufschlüsse«, las Gerda halblaut vor. »Ja«, sagte Kamp. »Darum freue sich, wer reinen Herzens ist!« »Hoffentlich ist nichts Mißverständliches in diesen Papieren vorhanden«, warf Gerda ein. Er sah, wie die letzten Sätze sie erregt hatten. Fürchtete sie, daß der Tote ihre letzten Briefe bei sich trug? »Kommen Sie! Wir wollen ein Auto nehmen. Ich kann nicht mehr.« Sie gingen an die Autohaltesteile. »Polizeipräsidium, Ettstraße!« sagte Kamp und öffnete den Schlag. Gerda stieg zuerst ein. »Welch ein Zufall!« ertönte eine Stimme hinter ihnen. »Können die Herrschaften mich vielleicht mitnehmen?« Sie fuhren herum. Wachtmeister Neumann stand hinter ihnen. »Ich muß gerade auf das Polizeipräsidium und hörte eben die Adresse angeben. Und nun sind Sie es. Darf ich mich Ihnen anschließen?« Kamp stellte den Beamten Gerda vor. Sie nickte nur kurz mit dem Kopf und schien durch das Zusammentreffen nicht sonderlich erfreut zu sein. Auch während der Fahrt verhielt sie sich schweigend und sah auf die Straße hinaus. »Es ist inzwischen viel geschehen, nicht wahr?« sagte Neumann und zeigte auf die Zeitung, die der Student noch in der Hand hielt. Der Wachtmeister schien ohne den Kommissar ein ganz anderer Mensch zu sein. Kamp mußte sich zwingen, ihn für den zurückhaltenden Untergebenen zu halten, der sich nur im Hintergrund leise zu räuspern wagte. »In der Tat!« sagte er. »Berdelow verhaftet, die Sekretärin entflohen, die Leiche aufgefunden, Papiere entdeckt, die Aufschlüsse geben!« »Oh, noch viel mehr, als in der Zeitung steht«, sagte der Wachtmeister mit einem kurzen Blick auf Gerda. Mit einemmal schoß dem Studenten das Blut ins Gesicht. Wie kam Neumann hierher? Hatte er vielleicht doch die beiden versteckten Hefte und die Briefe zwischen seinen Büchern gefunden? Hatte er ihn beobachtet, wie er Gerda aufsuchte? War er selbst vielleicht wirklich unter denen, deren Verhaftung nach der Zeitung »unmittelbar bevorstehen« sollte? Er oder Gerda, oder beide? »Hören Sie, Herr Neumann«, fuhr er auf. »Sollen wir uns vielleicht als verhaftet betrachten?« »Um Gottes willen!« rief der Wachtmeister lachend. »Wie kommen Sie nur auf so etwas?« Neunzehntes Kapitel Am frühen Morgen hatten sich der Kommissar Leuthold und Wachtmeister Neumann über verschiedene Punkte nicht einigen können. Neumann behauptete, daß Herr Berdelow an der ganzen Geschichte unschuldig wäre. Man hätte ihn gar nicht zu verhaften brauchen. Der Rechtsanwalt, den sich Berdelow sofort am frühen Morgen genommen hatte, hätte vollkommen recht, hier von einem Übergriff der Polizei zu sprechen. Der Wachtmeister konnte bei aller Bescheidenheit und Zurückhaltung seinem Vorgesetzten gegenüber auch einmal solche Satze in stillem aber festen Ton vorbringen. Neu mann war der Ansicht, daß die Bewerbung Werneuchens um die von Berdelow ausgeschriebene Stelle vollkommen aufgeklärt wäre. Gut, Werneuchen hätte sich beworben, und sein Brief wäre in den Papierkorb geflogen. Damit hätte die Sache ein Ende gefunden. Die Tat selbst ging aber über das zweite Inserat, dessen Herkunft nicht aufgeklärt war. Und die Anzeige wegen der Steuerhinterziehungen wäre eine Lappalie, wie sie sich bei einem größeren Betrieb, der Angestellte neu einstellt und entläßt, immer von Zeit zu Zeit wiederholt. Solche anonymen Anzeigen liefen zu Dutzenden ein, und daß der Anzeiger Herrn Werneuchen als Zeugen genannt hätte, wäre durch dessen Krach mit Herrn Berdelow genügend begründet. Wenn hier eine Fährte zu verfolgen wäre, so wäre es die durchgebrannte Sekretärin. Dieses Fräulein Margot Liedtke wäre mit allen Wassern gewaschen. Die hätte es in sich. Ihr traute Neumann zu, daß sie auf eigene Faust die Korrespondenz mit Herrn Werneuchen weitergeführt und ihn in einen Hinterhalt gelockt hätte. Vielleicht wäre diese Margot Liedtke berufsmäßige Zutreiberin einer ganzen Bande, die es sich zur Aufgabe gesetzt habe, arme Stellungsuchende um ihre Kaution zu betrügen. Das alles wäre möglich, aber mit Herrn Berdelow selbst hätte es nichts auf sich. Herr Leuthold war bestimmt anderer Ansicht. Es ginge aus allem hervor, daß Berdelow mit seiner Sekretärin unter einer Decke steckte. »Aber wenn Sie Lust haben, lieber Neumann, so verfolgen Sie doch bitte seelenruhig Ihre Fährte und suchen Sie das Fräulein Margot!« sagte der Kommissar. »Ich gönne Ihnen, daß Sie unerhörte Entdeckungen machen.« So sehr viel aber versprach sich der Wachtmeister von Margot Liedtke auch nicht, daß er nicht wenigstens noch mit Leuthold zusammen die Villa Werneuchens durchsuchen wollte. »Die Sekretärin ist eine Nebenfährte, die man verfolgen muß, auch wenn man nicht gerade überzeugt ist, daß dabei etwas herauskommt.« »Wie Sie meinen, Neumann. Aber in die Villa kommen Sie noch mit hinaus?« »Jawohl, Herr Kommissar!« So trennte sich Neumann von seinem Vorgesetzten, auch wenn er noch mittags mit ihm zu Kamp hinausfuhr. Aber er arbeitete vom frühen Morgen ab auf eigene Faust, während Leuthold sich den Fall Berdelow vornahm. Am Morgen waren ein Briefchen und Blumen an Herrn Berdelow in seiner Haftzelle abgegeben worden. Sie stammten von Fräulein Hubermeier, Therese, die ihrem »verehrten Chef« ihr Mitgefühl ausdrückte. Neumann sah die Sendung durch. »Wer ist das nun wieder?« dachte er. »Herr Berdelow scheint Haremsbesitzer zu sein!« Er ging zu ihm in die Zelle. Herr Berdelow überschüttete ihn mit Vorwürfen. Wie man dazu käme, einen angesehenen Fabrikbesitzer wegen eines bloßen zufälligen Zusammentreffens zu inhaftieren! Hätte man dazu vierzig Jahre lang ein unangreifbares Dasein geführt, daß man beim ersten Verdächtchen sofort abgeführt würde wie ein Strauchdieb? Neumann versicherte ihm, daß die Haft gewiß nicht lange dauern würde. Er persönlich wäre von der Unschuld des Fabrikanten völlig überzeugt, und alles würde sich in kürzester Zeit herausstellen. »Was haben Sie übrigens da für reizende Blumen bekommen?« In wenigen Minuten hatte er alles aus Herrn Berdelow über Fräulein Hubermeier, Therese, und Fräulein Margot Liedtke herausgebracht, was Herr Berdelow selbst wußte. Er erfuhr nicht nur, daß man eben doch die Hubermeier hätte heiraten sollen, sondern daß diese tüchtige und ehrliche Person leider mit der Liedtke bekannt war, und daß die beiden auch offenbar dem Herrn Bötticher zum Engagement verholfen hatten. Herr Bötticher hatte sich ebenfalls auf sein Inserat gemeldet, hatte einen Besitz von dreitausend Mark Kaution nachgewiesen und sollte seine Stellung in einigen Wochen antreten. Hoffentlich wäre das nicht ein solcher Quatschkopf wie dieser Herr Werneuchen! »Von einem Toten sollte man doch nicht in dieser Weise sprechen!« verwies Neumann den wütenden Fabrikanten. »Aber was macht dieser Tote einem auch zu schaffen!« war Herrn Berdelows Antwort. Neumann hatte genug gehört Er raste im Auto zu Fräulein Hubermeier. Sie wohnte in der Annenstraße hinter dem Maxmonument Diese Lage ihrer Wohnung schien dem Wachtmeister nicht unbedenklich. War es möglich, daß Fräulein Liedtke gestern auf Umwegen ihre Vorgängerin aufgesucht hatte? »Ich verstehe Sie nicht, wie Sie mit diesem Fräulein Liedtke befreundet sein können!« sagte er zu dem aufgeregten älteren Mädchen. »Sie hat Sie doch offenbar bei Herrn Berdelow zu verdrängen versucht!« Fräulein Hubermeier aber hatte gerade eine gute Freundin bei Herrn Berdelow sitzen haben wollen, die sie auf dem laufenden erhielt und ihr Winke gab, wann es wieder Zeit wäre, hervorzutreten. »Jawohl, Winke!« sagte Herr Neumann. »Die hat Herrn Berdelow für sich selber ködern wollen. Sie haben da eine Schlange an Ihrem Busen genährt, Fräulein Hubermeier. Und wie steht es mit Herrn Bötticher?« Von Herrn Bötticher wußte die Hubermeier, Therese, selbst nur wenig. Die Liedtke wäre mit ihm bekannt. Aber wieweit diese Bekanntschaft ging, davon hätte sie keine Ahnung. Ob Herr Bötticher stattlich und jung und ein Kavalier wäre? Ja, das wäre er wohl alles! Aber sie wüßte nichts Genaues. Nur, daß die Liedtke oft mit ihm tanzen gegangen wäre. Aber sie wollte nichts gesagt haben. Die Adresse von Herrn Bötticher konnte sie angeben, da er sie mit der Liedtke einmal zum Kaffee eingeladen hatte. Er wohnte in der Elsenheimer Straße, ganz im Süden, an der Endhaltestelle der Linie 9. Das war die Ausbeute, die Herr Neumann von seinem Besuch bei Fräulein Hubermeier mitbrachte. Es langte noch dazu, Herrn Bötticher aufzusuchen. Dann mußte man schleunigst zum Starnberger Bahnhof, um mit dem Kommissar hinauszufahren. Natürlich war es ein gewagtes Unterfangen, Herrn Bötticher einfach aufzusuchen und ihn geradezu zu warnen, wenn er wirklich eine Missetäter war. Daß Fräulein Liedtke irgendwelche Schandtaten verübte, stand für den Wachtmeister bombenfest. War Herr Bötticher Mitschuldiger oder Opfer? Das mußte man herausbekommen. Bevor er in die Elsenheimer Straße hinausfuhr, sah er auf dem Präsidium schnell die Fremdenmeldungen der letzten Nacht durch. Durch einen anderen Beamten war bereits festgestellt worden, daß die Liedtke in dieser Nacht nicht nach Hause gekommen war. Es war dieses nach Aussage der Wirtin noch niemals sonst passiert. Irgendwo mußte sie also die Nacht zugebracht haben. Konnte er sie aus den Fremdenmeldungen herausfinden? Es war kaum möglich, mußte aber versucht werden. Auch alleinreisende junge Damen gab es eine Menge, und wer konnte wissen, ob die Liedtke allein reiste. Vielleicht hielt sie sich während der Nacht auch bei einer Freundin auf? Unter den Fremdenmeldungen waren etwa zwanzig Personen, die sich auf Margot Liedtke beziehen konnten. Sie zu überwachen, war vollkommen zwecklos. Gerade wollte Neumann zu Herrn Bötticher in die Elsenheimer Straße eilen, als er dringend aus Regensburg an den Apparat verlangt wurde. Richtig, er hatte einen dortigen Kollegen, der ihm befreundet war, mit Recherchen beauftragt Das Gespräch dauerte ziemlich lange. Es hatte kaum noch Zweck, den Weg zur Elsenheimer Straße zu machen. In aller Eile raste er dorthin und die fünf Treppen hinauf, wo Herr Bötticher wohnen sollte. Hier standen Arbeiterhäuser, die kurz vor dem Kriege errichtet waren. Stattliche Bauten aus Beton mit freundlichen Wohnungen. Ganz oben gab es an der Türe zu den Mansardenwohnungen drei Namensschilder. Neumann klingelte. Eine alte Wirtschafterin machte ihm nach einiger Zeit auf. »Herr Neumann? Ja, Herr Bötticher wär zu Hause!« Er wurde in einen dunklen Raum geführt, auf den hinaus drei Wohnungen gingen. Aus einem gemeinsamen Ausguß roch es fürchterlich. Mein Gott, wohin verkrochen sich doch in der heutigen Zeit die Menschen! Und Herr Bötticher sollte ein netter, junger Kavalier sein, mit dem Fräulein Margot Liedtke tanzen ging! Die Wirtschafterin machte einen durchaus guten Eindruck. Es ist fast so ähnlich wie bei Herrn Werneuchen! mußte Neumann denken. Auch hier eine behäbige Köchin, die wie ein altes Familienfaktotum aussieht, und man möchte darauf schwören, daß man im Innern eine höchst behagliche Wohnung antreffen wird. Die Tür zu Herrn Böttichers Flur wurde geöffnet. Es war nur ein kleiner Raum, aber er sah überaus freundlich aus. An einer Garderobe konnte man Mantel und Mütze ablegen. Sogar einige gute Zeichnungen hingen an den Wänden. Die Wohnung hatte offenbar zwei Zimmer und eine Mädchenkammer nebst Küche und sonstigem Zubehör. Herr Bötticher, ein gut aussehender Dreißiger, kam aus dem Wohnzimmer heraus und fragte nach dem Zweck des Besuches. »Ich möchte mich nach Fräulein Liedtke erkundigen«, sagte Neumann und zeigte sein Abzeichen vor. »Bitte, kommen Sie herein!« Der Raum innen war mit Perserteppichen belegt. Es gab am Fenster einen Schreibtisch und in der Mitte des Zimmers einen anderen größeren Tisch, auf dem noch das Frühstücksservice stand. An den Wänden hingen zwei Ölgemälde und wieder einige Zeichnungen. In der Ecke stand ein Klavier. Daneben ein Bücherregal, das von oben bis unten mit Büchern in guten Einbänden gefüllt war. »Nicht Mitschuldiger, sondern Opfer!« dachte Neumann kurz. »Bitte nehmen Sie Platz! Also Sie wollen Erkundigungen nach Fräulein Margot Liedtke einziehen. Ja, ich kenne die Dame. Ich tanze manchmal im ›Grünen Schiff‹ oder in der ›Diana‹ mit ihr, und sie besucht mich auch manchmal. Dann ist sie mir noch behilflich gewesen, eine neue Anstellung zu erhalten. Ich soll Propagandaleiter in einer Schuhexportfabrik werden. Berdelow \& Hahn, wenn es Sie interessiert. Sie ist dort die Sekretärin des Chefs und scheint in der Firma ziemlich allmächtig zu sein. Das ist mir natürlich sehr angenehm, denn mir als früherem Offizier fällt es natürlich nicht ganz leicht, mich in das Geschäftsleben hineinzufinden. Ich kann Ihnen auch die Adresse der Dame angeben.« Den Wachtmeister machte die Ähnlichkeit der Lebensumstände mit denen Werneuchens nicht wenig betroffen. Stürzte sich Fräulein Liedtke immer auf die gleichen Opfer? »Wissen Sie vielleicht zufällig, Herr Bötticher, wo sich Fräulein Liedtke gestern abend und heute nacht aufgehalten hat?« Herr Bötticher wußte das ganz genau. Er hatte sich zu gestern abend mit ihr verabredet. Sie wollte erst spät ins »Grüne Schiff« kommen. Er rief sie noch auf der Fabrik an, wo sie zunächst absagte, dann aber doch kommen wollte. So wartete er in dem Lokal auf sie. Nach einer halben Stunde kam aber ein anderer Anruf, der ihn ins Café bestellte. Dort war er den Abend über mit ihr zusammen. Dann war allerdings etwas Merkwürdiges passiert. Sie wollte in der Nacht ihren Koffer mit einigen Kleidern aus ihrer Wohnung holen, um in ein Hotel überzusiedeln. Und heute früh wollte sie sich auf eine längere Reise begeben. Das war alles sehr romantisch verlaufen. Sie waren mit einer Droschke bis in die Nähe ihrer Wohnung gefahren. Dann hatten sie alle Straßen abgesucht, weil Margot fürchtete, daß ein Herr, der sie schon längst mit Liebesanträgen verfolgte, ihr auflauern könnte. Als niemand zu sehen war, schlich sie sich in ihr Zimmer hinauf, packte leise ihre Sachen zusammen und kam nach etwa einer halben Stunde mit einem schweren Koffer wieder herunter. Er schimpfte noch auf sie, weil sie ihn mitten in der Nacht so lange auf der Straße stehenließ. Sie hatte ihm aber mit einem Kuß den Mund verschlossen. »Gott sei Dank, daß meine Wirtin nichts gemerkt hat!« hatte sie gesagt. »Und dann?« Dann waren sie mit einer Droschke zu einem Hotel gefahren und dort hatte sie sich ein Zimmer genommen. Er gab das Hotel an. Es war eines der besten und teuersten in München. »Und Sie fuhren allein nach Hause?« »Leider!« sagte Herr Bötticher lachend. »Ja, fiel Ihnen denn das alles nicht auf?« »O Gott, Herr Kommissar! Was sollte einem bei Margot noch auffallen! Sie ist das exzentrischste Geschöpf, das Sie sich vorstellen können.« »Und gab sie keinen Grund für ihr merkwürdiges Verfahren an?« »Natürlich habe ich sie gefragt, aber sie lachte nur. Einmal sagte sie, sie hätte Gelder unterschlagen und müßte ausbüxen. Wir lachten noch sehr darüber.« »Aber das ist wahrscheinlich die Wahrheit. Mindestens das war die Wahrheit, wenn die Wahrheit nicht noch viel schlimmer ist!« Herr Bötticher zuckte die Achseln. »Es ist möglich. Sie ist eine tolle Kröte. Wissen Sie, man lernt die verrücktesten Menschen kennen, wenn man so in der Welt herumstromert.« »Sie sind Junggeselle?« »Ich bin geschieden. Aber lassen wir das. Es ist ein trauriges Kapitel!« Auch hierin stimmte also Herr Bötticher mit Herrn Werneuchen überein. »Wollen Sie mit mir in das Hotel fahren, wohin Sie heute nacht Fräulein Liedtke gebracht haben?« »Aber gerne!« stimmte Herr Bötticher zu. »Natürlich! Wenn die Krott unterschlagen hat, muß sie gefaßt werden, und vielleicht kann sich der Portier auf mich besinnen, denn ich habe mit ihm gesprochen.« Sie gingen die fünf Treppen hinunter und rasten die lange Straße zurück zum Stachus. Unterwegs erzählte Neumann seinem Begleiter die ganze Geschichte. »Ich halte es nicht für ausgeschlossen, Herr Bötticher, daß nach Herrn Werneuchen Sie selbst herangekommen wären. Wie stand es mit Ihrer Kaution?« »Nun, ich habe das Geld auf der Bank liegen. Bei Antritt der Stelle hätte ich Herrn Berdelow den Scheck übergeben.« »Nicht früher?« »Keinen Augenblick früher! Und wissen Sie, daß mir so etwas zugestoßen wäre wie diesem Herrn Werneuchen, halte ich für vollkommen ausgeschlossen!« »Hätten Sie nicht ruhig mit dem Scheck in der Tasche Fräulein Liedtke am Abend vorher nach Hause begleitet? Hätte es dann nicht leicht möglich sein können, daß in einer dunklen Ecke auf einmal ein Kerl ankommt und Ihnen die Brieftasche fortnimmt?« fragte Neumann. »Dann hätte er doch das Geld erst einmal von der Bank abheben müssen«, erwiderte Herr Bötticher. »Wissen Sie, Herr Kommissar, ich glaube, man muß schon besonders dazu prädestiniert sein, wenn einem so etwas passieren soll wie Herrn Werneuchen.« »Wenn Sie das ganz ernst meinen und der Ausdruck prädestiniert nicht eine milde Bezeichnung für Dummheit sein soll, haben Sie recht.« »Nein, nein! Ich meine es wirklich in ganz ernstem Sinne. Im Sinne einer Vorherbestimmung durch Schicksal und Charakter, was ja wohl so ziemlich dasselbe ist. Es gibt Menschen, die eines Tages ermordet werden sollen. Sie können diesem Mißgeschick nicht entgehen, obwohl sie es wohl meistens vorausfühlen. Sehen Sie mich an! Als ich verheiratet war, hatte ich auch solche Anwandlungen. Kurz entschlossen machte ich Schluß und lief meiner Frau fort. Was stellte sich nachher heraus? – Ich erzähle Ihnen das alles der Wissenschaft halber, weil es in Ihr Fach schlägt, Herr Kommissar. Was stellte sich heraus? Daß meine Frau seit Jahren mit allerhand Gesindel Verkehr pflegte. Na, hol's der Teufel! Jetzt geht's mir gut.« »Merkwürdige Welt!« dachte Herr Neumann. »Der Krieg hat doch seltsame Erscheinungen gezeitigt! Und merkwürdig gesetzmäßig!« Sie fuhren in diesem Augenblick vor dem Hotel vor. Der Portier erkannte Herrn Bötticher sogleich. Sie traten in das kleine Zimmer hinter seiner Loge ein. Die Dame von gestern? Die hat bis vor einer halben Stunde mit einem Herrn im Frühstückszimmer gesessen, aber sie hieß nicht Margot Liedtke, sondern Maria Leist. Offenbar hatte sie ihren Namen nach den Anfangsbuchstaben auf ihrem Koffer umgeformt Jetzt war sie abgereist Sie wollte mit dem Mittagszug nach Nürnberg fahren. Der Wachtmeister sah nach der Uhr. Sie war seit einer Viertelstunde unterwegs. Sollte man alle Stationen benachrichtigen? Es war ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Aber der Herr, mit dem sie zusammengesessen hatte? Es war ein kleiner Herr mit rötlichem Zwickelbart. Sächselte stark. Seinen Namen konnte man aus der Hotelliste feststellen. Der Portier schlug in dem Buch nach. Hier! Der Herr war ein Direktor Goldschmidt aus Hamburg. »Donnerwetter!« entfuhr es dem Wachtmeister. »Das ist ja interessant!« Und wo war Herr Direktor Goldschmidt geblieben? »Abgereist! Mit der Dame zusammen abgereist!« Neumann stürzte zur Telephonzelle. In Windeseile gab er das Signalement der beiden Personen an alle Stationen. Wenn die beiden zusammen reisten, mußte man sie erkennen. Aber schon während des Telephonierens wurde er skeptischer. Sollten die beiden wirklich fortgereist sein? Hätten Sie es dann wirklich dem Portier verkündet? Oder war der rote Zwickelbart nicht vielleicht eine Maske, die schon in der Vorhalle des Bahnhofs fiel, um etwaige Verfolger zu täuschen? Wer weiß, ob Herr Direktor Goldschmidt nicht ein schlanker, schwarzhaariger junger Mann war? »Können Sie das Auto noch feststellen?« Aber das konnte der Portier nicht versprechen. Er hatte einen gerade vorbeifahrenden Wagen angerufen. Es war keiner von dem nahen Droschkenstand gewesen. »Schade!« Neumann gab das Rennen auf. Er konnte sich nur noch rasch verabschieden, in sein Auto springen und zum Starnberger Bahnhof rasen. Als er in das hinterste Abteil stieg, setzte sich der Vorortzug schon in Bewegung. Erst in der nächsten Station fand er den Kommissar. Inzwischen hatte er sich überlegt, daß es besser war, dem Vorgesetzten die ganze Sache zu verschweigen, wenigstens bis sie die Villa durchsucht hatten. Herr Leuthold neigte ein wenig zu voreiligen Schlüssen. Auf der Rückfahrt berichtete er dem Kommissar von den Ergebnissen seines Vormittags. »Und da wollen Sie noch daran zweifeln, daß Berdelow ein Spitzbube ist?« fuhr der auf. »Nun kennen wir das ganze saubere Kleeblatt: Berdelow, die Sekretärin, den Direktor Goldschmidt und Bensch!« »Haben aber nur den einzigen Unschuldigen festgenommen!« sagte Neumann und lächelte. Leuthold warf den Kopf zurück und machte sein eisiges Gesicht. Er präparierte sich in Gedanken auf die nächste Vernehmung Berdelows. Als sie in ihre Arbeitsräume kamen, drängte die Nachricht von der Auffindung der Leiche alles andere in den Hintergrund. Sie stürzten sich auf die Papiere, die bei dem toten Werneuchen gefunden waren, aber sie waren vollkommen verwaschen und boten keine Möglichkeit der Entzifferung. »Hoffentlich haben Sie an die Presse gegeben, daß die gefundenen Papiere wichtige Schlüsse auf die Täter und die Beweggründe der Tat zulassen?« fragte Leuthold den zuständigen Beamten. »Selbstverständlich!« antwortete der. Zwanzigstes Kapitel Margot Liedtke reckte und streckte sich in ihrem Bett. In einem ersten Hotel zu schlafen, war doch etwas ganz anderes als das Leben in den gräßlichen Mietbuden. Sie hatte genug davon. Eigentlich hatte sie ihr arbeitsames Leben bei Herrn Berdelow noch einige Monate oder sogar Jahre fortsetzen wollen. Sie hätte ein größeres Betriebskapital in die Hände bekommen. Nun hatte die Kriminalpolizei sie plötzlich gestört. Wahrscheinlich hatte man auf sie gar keinen Verdacht. Nichts konnte sie hindern, am nächsten Morgen wieder an ihrer alten Arbeitsstelle zu erscheinen, und die Ein- und Ausgänge der Firma zu kontrollieren. Aber der Teufel soll der Polizei trauen. Vielleicht fand man auf einmal doch etwas heraus, und dann war es zum Fliehen zu spät. Und dann hatte sie so wenig Lust, immer wieder dasselbe Tagwerk abzureißen. Obwohl ja durch die Verhaftung von Herrn Berdelow ein wenig Abwechslung in die Sache gekommen war. Als sie munter in das Polizeiauto hineinhüpfte, dachte sie noch an nichts. Auf einmal war es ihr aufgefallen, daß die Kriminalisten hinausgegangen waren und sich draußen beraten hatten. Das konnte doch nur auf ihre Person abzielen. Sollte sie so dumm sein, den Leuten in die Falle zu gehen? Nein! Das »Grüne Schiff« war heute abend ein verbotener Boden. Ebenso die »Diana«. Diese beiden Lokale hatte sie den Kommissaren angegeben. Wenn sie gesucht wurde, wurde sie dort gesucht. Einen Augenblick hatte sie im Auto daran gedacht, Herrn Berdelow telephonisch zu warnen. Aber seine Mutter hatte kein Telephon, und hinzulaufen, schien ihr doch zu bedenklich. So mochte er selbst zusehen, wie er sich herauswickelte. Sie hielt es auch für möglich, daß sie aus dem Auto nicht mehr herausgelassen und gleich mit zur Polizei genommen würde. Der eine der beiden Männer schien dumm und aufgeblasen zu sein. Zu ihm hatte sie festes Vertrauen. Aber der stillere und kleinere gefiel ihr nicht. Auch daß er sie nicht am Maxmonument herauslassen wollte, gab ihr zu denken. Schade, sie hätte gleich die Therese aufsuchen können! Als sie dann am Nationaltheater aussteigen durfte, hatte sie das deutliche Gefühl, daß man ihr nachspionieren würde. Sie lief, so rasch sie konnte, in das Gewirr der kleinen Gassen nach links hinein, ging ins Hofbräuhaus und rief von dort Herrn Bötticher im »Grünen Schiff« an. In einer halben Stunde trafen sie sich in einem Tanzlokal, das sie sonst nicht zu besuchen pflegte. Sie war so guter Laune wie seit langem nicht mehr. Noch immer wußte sie nicht, was sie unternehmen würde. Sie rechnete ihre Barschaft durch, die sie in ihrer Tischschieblade versteckt hielt. Es waren jetzt über achthundert Mark. Damit ließ sich etwas anfangen. Sie mußte sich nur klar darüber sein, daß sie jetzt nicht sparen durfte. Die großen Abenteuer gab es in den erstklassigen Hotels und nicht in den bescheidenen Absteigequartieren. So endete sie denn im Laufe der Nacht in dem Hotel, an dem sie bisher nie ohne leise Sehnsucht nach mondänem Leben vorbeigegangen war. Als sie mit dem Lift in ihr Zimmer fuhr, wurde ihr klar, daß sie weniger Lust nach Hochstaplerbeute als nach romantischen Abenteuern hatte. Sie wollte ihr Leben genießen. Einige Ahnung hatte sie ja bereits. Herr Bötticher hatte ihr stets gesagt, daß sie sich in der besten Gesellschaft zu benehmen verstünde. Das war alles, was sie vorläufig brauchte. Besonders stolz war sie auf den Gedanken, ihren Namen in Maria Leist zu verwandeln. Der Name gefiel ihr, ganz abgesehen davon, daß ihr Koffer mit den Buchstaben M. L. gezeichnet war. Sie mußte an den kleinen Studenten denken, der ihr den Koffer vor zwei Jahren geschenkt hatte. Eigentlich hatte sie damals schon ein Abenteuerleben beginnen wollen. Aber sie war noch zu jung gewesen. So ganz junge Mädchen gingen immer um die Ecke. Sie hatte das gesehen, und so wartete sie bis jetzt, wo sie dreiundzwanzig Jahre alt war. Das war das richtige Alter. Es fiel nicht mehr auf, wenn sie allein reiste. Man hatte vor einer jungen Dame von dreiundzwanzig Jahren Respekt. Jetzt hieß sie Maria! Maria war ein schöner Name. Sie dachte sich ordentlich in die Rolle der Maria hinein. Wenn man sie mitten in der Nacht geweckt hätte, wäre sie Maria gewesen. Wenn ihr der Name in einigen Tagen nicht mehr gefiel, konnte sie sich ja anders nennen. Es gab Namen genug. Renate war fein. Oder Brigitte. Oder Liselotte. Eine Freundin von ihr hieß Liselotte. Eigentlich war es schade, daß sie sich nicht gleich als Liselotte eingetragen hatte. Das gefiel ihr jetzt bedeutend besser als das ernste Maria. Sie wusch sich in dem fließenden Wasser, stellte fest, daß das Leben doch sehr schön war, wenn man nicht immer an der Schreibmaschine zu sitzen hatte, und schlief selig ein. Am nächsten Morgen brauchte sie sich nicht im geringsten darauf zu besinnen, wo sie war. Nur als sie den Koffer aufmachte, mußte sie lachen. Damit er voll würde und die wenigen Sachen in ihm nicht hin und her schaukelten, hatte sie zwei Tischdecken ihrer Wirtin eingepackt. Ob die das gleich bemerkt hatte? Aber wer kannte sie in der großen Stadt. Und außerdem würde sie schon mittags irgendwo anders hinfahren. Sie wusch sich wieder höchst ausgiebig an dem schönen Waschtisch und zog sich ihr Sonntagskleid an. Das war das einzige, was ihr ein wenig schlechtes Gewissen machte. In der nächsten Stadt, in die sie fahren würde, mußte sie sich noch etwa drei solcher Kleider, und sogar noch schönere und kostbarere, kaufen. Denn von jetzt an würde sie immer in schönen Kleidern gehen. Das mußte man einfach, wenn man Abenteuer erleben wollte. Das ganze Leben war jetzt für sie so, als wenn sie abends tanzen ging. Ein wenig war sie unsicher, was sie jetzt in dem Hotel zu tun hatte. Zum Glück hatte sie im Vorbeigeben die Bezeichnung Frühstückszimmer gelesen. Man frühstückte also in einem besonderen Raum. Ob man dazu den Mantel mit hinunterbrachte? Sie nahm ihn für alle Fälle über den Arm und setzte auch den Hut auf. Das Frühstückszimmer entzückte sie. Menschen saßen an kleinen Tischen. Meistens Ehepaare, aber auch zwei junge Damen und verschiedene Herren. Von ihnen gefiel ihr keiner. Dennoch beschloß sie, nicht müßig zu gehen, sondern ihre Waffen zu erproben. Sie mußte jetzt lernen. Ein Kellner kam und fragte sie nach ihren Wünschen. Sie bestellte Kaffee und Butter. »Auch Aufschnitt?« »Ja, bringen Sie mir auch Aufschnitt!« Auf Befragen nannte sie ihre Zimmernummer. »Das kommt dann alles auf die Rechnung!« kalkulierte sie. Sie frühstückte mit Appetit und in bester Laune, bemerkte aber doch die Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war. Bisher hatte sie sich stets als Herrin der Situation gefühlt. Sie war geradezu frech, denn sie verstand ihren Beruf wie wenige andere. In Schreibmaschine und Buchführung machte ihr keiner etwas vor. Sie konnte mit Geschäftsbüchern förmlich jonglieren. Und ob sie es konnte! Hier aber fühlte sie sich doch unsicher. Das Leben einer jungen Dame war nicht ganz leicht. War es richtig, wenn man sich hier so benahm wie in der Tanzdiele? Oder war hier anderes nötig? Sie wußte es noch nicht genau. Zunächst also mußte sie abwarten, wie es die anderen machten. Sie war sich auch nicht ganz sicher, ob nicht ein Ober mit strengem Blick erschien, wenn sie mit einem der Herren an den Nebentischen zu flirten anfing. Eine Zigarette zur letzten Tasse Kaffee, wie zu Hause, wagte sie schon gar nicht zu rauchen. Zu den beiden jungen Damen am Nebentisch kam von draußen ein junger Mann herein. Sie begrüßten ihn mit Getöse. Das also durfte man? Vielleicht war es dann gar nicht so schwer. Aber sie entdeckte doch, daß das Getöse bestimmte Grenzen einhielt. Man mußte sich also doch zusammennehmen. Erst als sich der junge Herr zu den beiden hinsetzte und ihnen Zigaretten anbot, wagte sie auch zu rauchen. Dann holte sie sich eine Zeitung und tat, als ob sie lese. Ein komischer Herr mit rotem Zwickelbärtchen war zweimal an ihr vorbeigegangen. Endlich fiel es ihr auf. Sie warf ihm einen Blick zu. Er setzte sich so, daß er sie im Auge hatte, vermied es aber, allzusehr nach ihr herüberzusehen. Ob der anbandeln wollte? Verführerisch war er gerade nicht. Doch sie mußte ihre Abenteuerschule nun einmal beginnen. Aber wie weit durfte man gehen? Sie sah einige Male zu ihm hin. Er erwiderte ihren Blick. War es ein feiner Herr? Sie überlegte sich, daß die feinen Herren der wirklichen Welt wahrscheinlich anders aussehen als die feinen Herren der Tanzdiele, die manchmal keine sind. Vielleicht war der kleine Rothaarige wirklich ein feiner Herr. Feiner als Herr Berdelow, der nicht so sehr fein war, war er jedenfalls. Allerdings lange nicht so fein wie der Juniorchef des Nürnberger Schuhhauses, den sie eines Abends begleitet hatte. Schade, daß kein jüngerer Herr hier war. Mit jungen Herren kannte sie sich besser aus. Ob er wenigstens Geld hatte? Ob er sie vielleicht einlud? Ob er ihr ein Kleid schenkte? »Verzeihen Sie«, sagte der Herr. »Darf ich vielleicht einen Blick in Ihre Zeitung werfen?« Sie hatte das Blatt gerade fortgelegt. »Bitte sehr!« sagte sie möglichst freundlich, sich über seine sächsische Aussprache amüsierend. Er war übrigens verheiratet. Er nahm die Zeitung, blieb aber noch bei ihr stehen. »Endlich wird es schönes Wetter! Jetzt kommt er, der Frühling.« »Ja«, sagte sie und lachte ihm ins Gesicht. Also so wurde es gemacht? Es war nicht anders, als sie es aus ihren Kreisen kannte. Vielleicht gab es da überhaupt keine besonderen Unterschiede. Ach, hätte sie doch fürs erste einen ihrer Freunde zur Einführung hier gehabt! Herrn Bötticher oder den Kunstmaler Eisenstein! Aber vor denen mußte sie sich jetzt wohl hüten, da sie doch wahrscheinlich von der Polizei gesucht werden würde. Pah! machte sie. Sollte man sie erst einmal finden! Natürlich durfte sie nicht gerade einem der beiden Herren von gestern abend in die Finger laufen. Der Herr fragte, was sie für den Tag vorhatte. Ob sie sich München ansehen wollte. Woher sie käme. Sie käme aus – aus Erfurt, sagte sie auf gut Glück, und würde sich gern die Stadt ansehen. Ob sie München kenne? Nein, sie wäre zum erstenmal hier. Berlin kenne sie und Hamburg und Dresden und Leipzig, aber noch nicht München. Deshalb sei sie endlich hierhergefahren. Der Herr erbot sich, sie mit München bekannt zu machen. Sie nahm dankend an, aber am Nachmittag müßte sie abfahren. Er müßte am Abend abfahren. Vielleicht schaffte man das Gepäck gleich auf die Bahn. Wenn man ein Auto zusammen nähme, käme es billiger. Ob sie zusammen zur Bahn fahren wollten? Natürlich wollte sie. Man konnte das Gepäck an der Aufbewahrungsstelle abgeben. Und es war ihr auch lieb, das Hotel zu verlassen. Immerhin wußte Herr Bötticher, daß sie hier abgestiegen war. Wenn der sie auch nicht verraten würde, so konnte man doch nicht wissen. Vielleicht war man ihr schon auf der Spur. Eine plötzliche Unruhe befiel sie. Der Herr stellte sich ihr als Direktor Goldschmidt vor. Er war Feuer und Flamme, für sie zu sorgen. Es war ihr lieb, denn dadurch lernte sie, wie es gemacht wird. Er forderte beim Portier die Rechnung, auch gleich für sie mit. Er ließ auch gleich ihr Gepäck herunterkommen. Wie gut, daß sie Hut und Mantel schon mitgenommen hatte. Der Portier winkte ein Auto heran, stand grüßend mit der Mütze in der Hand. Es fiel ihm nichts auf. Nein, es konnte ihm gar nichts auffallen. Sie war noch ein wenig beklommen, wie sie neben dem fremden Herrn im Auto saß. Tröstete sich damit, daß ihm vielleicht noch viel beklommener zu Mute war. Er winkte einen Gepäckträger herbei. Ohne die schöne Begleitung hätte er seinen Koffer wahrscheinlich selbst zur Aufbewahrungsstelle gegeben. Er besorgte ihr alles und drückte ihr zum Schluß den Schein in die Hand. Auch Fahrkarten konnte man sich gleich besorgen. Wohin sie fahren wollte? »Ich will nach Paris!« sagte sie mit plötzlichem Entschluß. »Nach Paris?« fragte er ehrfürchtig. »Ja, natürlich nach Paris. Kennen Sie es? Ich habe dort gute Bekannte. Auch Verwandte!« log sie, als sie seine Unkenntnis des Pariser Bodens merkte. »Aber vorläufig fahre ich nur bis Frankfurt.« Ob sie sich schon einen Zug ausgesucht hätte. Nein, das hätte sie noch nicht getan. Man führe wohl am besten nachmittags. Aber es ging erst abends ein D-Zug, und ein D-Zug mußte es sein. »Ach, lassen wir's!« sagte sie plötzlich. »Ich kann es mir ja noch überlegen.« Ihr fiel ein, daß auch dieser Herr nicht zu wissen brauchte, wohin sie fuhr. Vielleicht fuhr sie am Nachmittag dann nach Nürnberg oder sonst wohin. Man konnte ja auch nach dem Süden fahren, vielleicht nach Wien. Die Wiener sollten so nett sein. Jedenfalls nahm sie noch keine Karte. Herr Direktor Goldschmidt brauchte nun seinerseits plötzlich auch keine. »Vielleicht bleibt man noch eine Nacht in dem schönen München, gelt?« fragte er, mit deutlichem Bemühen, in die Münchner Mundart zu fallen und seine Dame aufmunternd anzusehen. Sie lachte. »Vielleicht bleibt man noch wirklich eine Nacht hier!« Seit sie ihr Gepäck am Bahnhof abgegeben hatte und die ganze Welt offen vor ihr dalag, war sie unternehmungslustig geworden. Ihr Zutrauen zu sich selber stieg. Sie mußte sich noch an die Hotels gewöhnen. Das fühlte sie. Im Augenblick drückte eine solche Institution noch auf ihre Nerven. Jetzt war sie wieder frei und lustig. Herr Goldschmidt machte Programm. Die Sache schien ihm höchst aussichtsreich. Ein solches Abenteuer erlebte man nicht alle Tage. Er wurde nicht ganz klug aus seiner jungen Begleiterin. Offenbar war sie aus gutem Hause, dachte er beruhigt, den Verkehr mit Hochstaplerinnen und internationalen Diebesbanden scheuend. Aber sie schien noch unerfahren. Vielleicht hatte sie eine Erbschaft gemacht und reiste zum erstenmal in der Welt umher. Wer weiß, was sich noch alles herausstellen mochte. Er schlug eine Fahrt durch den Englischen Garten vor. Dann wollte man bei Schleich zu Mittag essen. Dann im Luitpold-Café Kaffee trinken. Alles Weitere war dem Himmel anheimzustellen. Sie schlug sich gerade noch zur rechten Zeit auf den Mund, als es aus ihr herausplatzen wollte: »Da is' ja fad!« Sie durfte doch in dieser Stadt nichts kennen, mußte beim Chinesischen Turm in Erstaunen geraten, beim Monopteros fragen, was das wäre, und sich wundern, wenn man wieder in die Stadt zurückbog. Herr Direktor Goldschmidt erklärte ihr alles. Sie amüsierte sich königlich dabei. »Dös, wenn er g'wußt hätt!« dachte sie immer wieder. Dabei hatte sie die schönste Zeit, ihn zu belauern, wie er sie in Stimmung zu versetzen und auf sie Eindruck zu machen versuchte. Er war ganz Kenner und Weltreisender. Er begnügte sich nicht mit dem Englischen Garten, er mußte ihr auch die Frauenkirche und die Kauffingerstraße zeigen. Als sie über den Karlsplatz fuhren, begegnete ihnen Elma Diepenbroich. Sie schleppte sich gerade durch das Tor und trat, wie Margot, ihren Weg in die weite Welt an. So verschieden waren sie beide, und so verschieden war die Art, wie sie sich gerade von allen alten Verhältnissen gelöst hatten. Und doch standen sie beide unter dem Eindruck einer abenteuerlichen und ungewissen Zukunft und schwankten unter dem Wind eines neuen Schicksals. Sie waren zu verschieden geartet, als daß sie sich hätten bemerken können. Nur, da Elma mitten auf der Straße stehenblieb, mußte der Kutscher des Wagens, in dem Margot saß, einmal »Holla!« rufen, ehe sie beiseitetrat. Die Augen der beiden Mädchen lagen einen Augenblick ineinander, aber sie sahen sich nicht, und schon hatte das Schicksal sie nach verschiedenen Richtungen auseinandergerissen. Im Weinhaus Schleich rechnete Herr Goldschmidt nach, daß die romantische Bekanntschaft ein großes Loch in seine Spesen riß. Aber er ließ es sich nicht verdrießen, bestellte einen weißen Bordeaux, eine Hummermayonnaise als Vorgericht, ein Kalbssteak und Pfirsich-Melba als Nachtisch. Er überlegte, ob der Bordeaux ihn schon bis zum ersten Kuß tragen würde, aber es schien noch nicht so. Maria – sie hieß auch vor ihm Maria – hatte schon einen Schwips und nannte ihn Onkelchen. Herr Goldschmidt ließ das Wort Sekt fallen. »Du, Onkelchen, wenn es jetzt noch Sekt gibt, dann kriegst du einen Kuß von mir!« Da gab es Sekt, und als gerade niemand hinsah, drückte sie, augenschließend, einen Kuß auf seinen gespitzten Mund. Es war unglaublich komisch. Aber auch hier schon machte sie die Feststellung, daß ihr neuer Beruf sie letzten Endes jenseits allen Lebensgenusses stellte. Sie konnte und mußte sogar hemmungslose Ausgelassenheit markieren, aber etwas in ihr mußte dennoch ständig wach und auf der Lauer bleiben. Sie sah voraus, daß das immer so sein würde, und stellte mit einigem Erstaunen, aber durchaus sachlich fest, worin das Anstrengende und Pflichtgemäße ihres neuen Lebens lag. Eigentlich hätte sie sich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre, denn sie wußte ja, daß man nichts umsonst haben kann. Sie bewunderte sich selbst wegen des vielen Unsinns, der ihr einfiel und den sie hinausschwatzte, um »Onkelchen« bei Laune zu halfen. Ihr lag zwar an seiner guten Laune nicht viel, aber sie wollte nun einmal ihre Waffen erproben. Mit einiger Befriedigung stellte sie fest, daß sie sich einiges zutrauen durfte. Nach dem Pfirsich gab es einen Mokka. Herrn Direktor Goldschmidt gefiel es so gut hier, daß er das Aufbrechen hinauszögerte. Als er die Rechnung bezahlte, bekam er noch einen Kuß. Wohin nun? Sie wollte irgendwohin ins Freie, da es nun doch einmal Frühling geworden war. Sie gingen untergefaßt zu den Arkaden und ließen sich in einer Konditorei nieder. Es war schon spät. An der Ecke riefen Zeitungsverkäufer das Abendblatt aus. »Was ruft der da immer? Wer ist ermordet worden?« Herr Goldschmidt kaufte ein Exemplar. »Die Ermordung des Hauptmanns Werneuchen!« schrie der Verkäufer ihm ins Ohr. Wo hatte er doch den Namen Werneuchen schon gehört? War das nicht jener Mann aus Regensburg, mit dem er wegen der Stellung verhandelte? Margot schlug das Blatt auf und las die Sperrzeilen. Natürlich mußte es heute in der Zeitung stehen! fiel ihr ein. Da stand die Verhaftung ihres Chefs. So hatten sie ihn also glücklich bei seiner Mutter erwischt. Na, die alte Dame würde einen Schrecken bekommen haben! Auf einmal mußte sie laut loslachen. Hier war ihr Name genannt. Das war nun freilich nicht sehr erfreulich. Gewiß würde sie nun steckbrieflich verfolgt werden. Aber das Komische war, daß dicht daneben Herr Direktor Goldschmidt aufgeführt war. Wenige Zeilen getrennt prangten ihre beiden Namen in der Zeitung, und sie selbst saßen nun ebenfalls hier in fröhlichem Verein. Das war zum Totlachen. »Hier! Da! Lies, Onkelchen! Du stehst in der Zeitung!« Er hatte schon die Nachrichten überflogen. Ja, um's Himmels willen, was war denn das? Er hatte im »Grünen Baum« mit Werneuchen zusammengesessen. Dann war er in sein Zimmer gegangen und hatte sich schlafen gelegt. Am nächsten Abend sollte dieser Werneuchen an der Bahn sein. Er war aber nicht gekommen. Er hatte auch morgens dem Kollegen Erkner nicht den Brief an den Zug gebracht. Sie hatten nachher in Hamburg noch über den unzuverlässigen Kerl geschimpft, den sie beinahe engagiert hätten. Und nun war er ermordet worden. Kein Zweifel! Da stand es in der Zeitung. Werneuchen war aus dem »Grünen Baum« herausgegangen und war dann ermordet worden. Und ihn, den Direktor Goldschmidt der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft, ihn suchte man. Man nahm sogar an, daß er gar nicht Goldschmidt hieß, sondern einer Mörderbande angehörte. »Nun sagen Sie, gutestes Fräulein! Ist Ihnen schon mal so was vorgekommen!« Margot aber schüttelte sich vor Lachen. Das war ja köstlich! Sie und der Direktor Goldschmidt, der Werneuchen ermordet haben sollte, saßen hier zusammen unter den Arkaden, und ihr armer Chef war eingesteckt worden. »Aber nun hören Sie doch mal zu!« Er erzählte ihr den ganzen Vorgang. Sie mußte die Zeitungsnachrichten zweimal durchlesen, bis sie den Zusammenhang begriffen hatte. Dann war ihr alles klar. Herr Berdelow stand im Verdacht der Anstiftung zum Morde, und ihre, Margot Liedtkes, Flucht war es, was diesem Verdacht die eigentümliche Stütze gab. Der arme Herr Berdelow! Und er hatte ihr noch einen Heiratsantrag gemacht! Herr Direktor Goldschmidt schnaubte entrüstet. »Da gehe ich sofort auf die Polizei! Das kann ich nicht auf mir sitzenlassen! Wenn das meiner Firma bekannt wird! Ich will denen sagen, wer ich bin! Hören Sie, werde ich sagen!« »Onkelchen, Sie gehen auf die Polizei?« »Aber sofort, meine Guteste! Ich bezahle jetzt und gehe los!« Dann bedachte er, daß damit das reizende Abenteuer ein Ende hatte. Er sah sie fragend an. »Und Sie?« »Ich gehe nicht auf die Polizei!« sagte sie und fand es furchtbar komisch, das zu sagen. Auf einmal fiel ihr ein, wie sie ihrem Chef in seinen Nöten zu Hilfe kommen konnte. Sie bestellte beim Kellner Briefpapier. »Onkelchen, wir sehen uns doch nachher wieder, nicht wahr?« »Gewiß doch, Kleine!« »Ich werde Ihnen hier einen Brief schreiben. Ich schreibe Ihnen ganz genau auf, wo und wann wir uns wiedersehen. Sie aber schwören, daß Sie den Brief nicht vor – na sagen wir – nicht vor fünf Uhr aufmachen!« Es war zehn Minuten vor fünf. Er schwor es. Sie schrieb eine, zwei, drei Seiten voll in fliegender Eile. Er brannte vor Neugierde, was sie ihm schreiben konnte. Es war ein richtiges Abenteuer! Endlich hatte sie den Brief fertig, klebte ihn zu und übergab ihn. Er steckte ihn in seine Tasche. »Nun kommen Sie!« sagte er und wollte aufstehen. »Wir gehen doch noch ein Stück zusammen, Onkelchen? Warten Sie einen Augenblick! Ich muß mir noch die Hände waschen.« Sie ging in das Café hinein und betrat auf der anderen Seite die Ludwigstraße. Da sie in der Zeitung stand, paßte man wohl schon am Bahnhof auf sie auf. Wenn sie ihren Koffer wieder haben wollte, fuhr sie am besten mit einem Auto nach Pasing und von dort mit der Vorortbahn wieder herein. Dann holte sie den Koffer ab. Niemand würde sie aufhalten, da sie ja von der anderen Seite kam. Dann mit dem Auto nach Starnberg, und von dort nach Garmisch. Garmisch sollte ein eleganter Badeort sein. Dort konnte sie in einem vornehmen Hotel absteigen. Sie kannte sich jetzt aus. Herr Direktor Goldschmidt war ihre hohe Schule gewesen. Sie winkte ein Auto herbei. Indessen saß der Direktor noch immer an seinem Tischchen und wartete. Es dauerte fünf Minuten, und sie war nicht gekommen. Braucht die lange! dachte er und stieß nervös mit dem Stock auf den Boden. Es vergingen noch fünf Minuten. Von den Türmen hallten Glockenschläge hernieder. Es war fünf Uhr. »Herrgott! Um fünf sollte ich doch ihren Brief aufmachen! Die verdammte Kröte ist fortgegangen! Aber vielleicht hat sie geschrieben, wo ich sie wieder treffe!« Er riß den Brief auf. Was schrieb sie da? Er mußte noch einmal mit dem Lesen anfangen, ihm schwammen die Buchstaben vor den Augen. »Sehr geehrter Herr Goldschmidt! Ich bin Margot Liedtke, die Sekretärin des verhafteten Herrn Berdelow, und es ist herrlich, daß wir beide zusammen in der Zeitung stehen. Wenn Sie auf die Polizei gehen, sagen Sie doch dort bitte ...« Er ließ den Brief niedersinken. »So eine verdammte Kröte!« Einundzwanzigstes Kapitel Das Auto hielt in der Ettstraße vor dem Polizeipräsidium. Kamp wollte bezahlen, aber der Wachtmeister Neumann ließ es nicht zu. »O bitte, nein! Das ist meine Sache!« Dem Studenten schien das ein schlechtes Vorzeichen zu sein. Man behandelte sie wirklich fast wie Gefangene. Sie gingen die Treppe hinauf in Leutholds Büro. Sofort fing das furchtbare Ereignis sie wieder ein und schlug sie in seinen Bann. Kamp spürte das deutlich. Durch die vielfachen menschlichen Verwicklungen, durch seinen Kampf um Elma, das Zusammentreffen mit Gerda, war die Ermordung selbst fast in den Hintergrund gedrängt worden, gerade noch ein ferner Ausgangspunkt zu neuen, sich überstürzenden Begebnissen. Vor das tragische Ende Werneuchens hatten sich die Tragödien Elmas and Gerdas geschoben. In diesem Raum war es sogleich wieder anders. Da lag auf dem breiten gelben Schreibtisch jenes Tagebuch Werneuchens, in dem die unheimliche Gestalt Benschs geisterte. Da lagen die soeben erst angekommenen Lichtbilder von der aufgefundenen Leiche. Ein Bild des aufgetriebenen Halses, an dem man deutlich die Würggriffe des Mörders als dunkle Flecken erkannte. Eine Aufnahme der Stichwunde, die das Wasser aufgetrieben hatte, so daß man den Todesweg des Messers bis in das Herz hinein zu verfolgen glauben konnte. Leuthold, der gerade mit einem Beamten im Flüsterton sprach, grüßte die Eintretenden mit einer kurzen Handbewegung, die zugleich zur Besichtigung der Morddokumente einlud. Gerda kehrte sich mit einem Ausdruck des Abscheus von den Bildern ab. Kamp nahm sie zur Hand und betrachtete sie. Das also war jetzt Werneuchen! Er sah sich wieder neben dem Zug herlaufen, der die Bahnhofshalle verließ, und vergeblich nach dem abfahrenden Freund rufen und winken. Der hatte sich von ihm und der Welt zurückgezogen, war schon im Bannkreis seines Endes, machte sich schon bereit, die Todeswunde und den Würggriff zu empfangen. Erst fünf Tage war das alles her! Er warf einen Blick zu Gerda hinüber. Die hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, den gleichen, auf dem Elma am Tage vorher gesessen hatte, und preßte das Taschentuch gegen die Augen. Vielleicht wollte sie die furchtbaren Bilder, die beim Anblick der Photographien in ihr aufgestiegen waren, niederringen. Wachtmeister Neumann, wieder ganz Untergebener, stand wie abwesend in einer Ecke und schien eine kriminalistische Tabelle an der Wand zu studieren. Endlich hatte der Kommissar das Gespräch mit dem Beamten beendet und wandte sich den Neuangekommenen zu. Sein Gesicht hatte im Augenblick nicht das Eiserne, Strenge, als wenn er vor einem Entschluß stand, sondern eher etwas Weiches, Verbindliches. »Nein, der hat keinen Verdacht gegen uns!« dachte Kamp befriedigt Ein Händedruck für Gerda drückte Beileid und Mitgefühl aus. »Es ist schön, gnädige Frau, daß Sie gleich gekommen sind. Eigentlich hätte ich Sie eine Stunde früher erwartet. O bitte, das soll kein Vorwurf sein, sondern eine Entschuldigung, weil ich nun noch einmal Herrn Berdelow, der, wie Sie wissen, im Verdachte der Anstiftung oder Mittäterschaft steht, hierherbestellt habe. Er wird gleich vorgeführt werden. Wenn Sie sich die kurze Verhandlung mit ihm anhören wollen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Sonst müßte ich Sie in ein anderes Zimmer bitten.« Aber Gerda wollte bleiben. »Sind Sie stark genug, den vermeintlichen Anstifter zu sehen, gnädige Frau? Nun, dann bitte! Tja, wie das alles gekommen ist. Aber ich hoffe, daß die Tat bald ihre Sühne finden wird.« »Hoffentlich!« sagte Gerda wie geistesabwesend. »Haben Sie sonst noch Ansprüche gegen mich? Ich wollte eigentlich übermorgen nach Berlin zurückfahren. Oder brauchen Sie mich noch?« »Ich bestimmt nicht, gnädige Frau. Aber ich habe nicht darüber zu befinden. Das hier ist ja nur die polizeiliche Ermittlung. Heute abend gehen die Akten zu dem Untersuchungsrichter. Der wird Ihnen dann am besten sagen, ob er Sie noch braucht – Einen Augenblick, gnädige Frau!« Die Tür öffnete sich, und Herr Berdelow wurde von zwei Polizisten hereingeführt. Er war noch in seinem gewöhnlichen Anzug, der ein geschwollener Protest gegen die polizeiliche Bewachung zu sein schien. Sein erster Blick fiel auf den Studenten. »Da ist er!« rief er und zeigte auf Kamp. »Dieser Herr da hat den ganzen Unfug angerichtet. Ich protestiere gegen meine Verhaftung. Herr Werneuchen ist ein Bankrotteur und ins Ausland geflohen!« »Bitte!« sagte der Kommissar und wies ihm die Bilder auf dem Tisch. Berdelow faßte die Bilder ins Auge. »Verflixt! Also doch!« rief er aus und prallte zurück. Dies war wohl der Augenblick, auf den es dem Kommissar hauptsächlich ankam. Kamp sah, wie Leuthold den Verhafteten scharf beobachtete. Aber Berdelow war entweder unschuldig oder ein ganz raffinierter Verbrecher. Sein Zurückbeben vor den Bildern war derart echte Überraschung und reines Entsetzen vor etwas Gräßlichem, daß Kamp auf seine Unschuld hätte schwören mögen. »Erkennen Sie den Toten?« fragte Leuthold. Selbstverständlich!« Gerda stieß einen leichten Schrei aus, faßte sich aber sofort und saß wieder still auf ihrem Stuhl, das Taschentuch gegen die Augen gepreßt. »Herr Berdelow, heute abend gehen die Akten zu dem Untersuchungsrichter. Ich habe dann mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun und wünsche Ihnen, daß sich Ihre gänzliche Unschuld in Bälde herausstellt Aber Sie müssen mir zugestehen, daß sich starke Verdachtsmomente gegen Sie richten.« »Sie selbst, Herr, richten sich gegen mich, und nichts anderes!« entgegnete Herr Berdelow. »Mein Verteidiger wird schon die nötigen Schritte tun.« »Beantworten Sie mir noch eine Frage, Herr Berdelow. Herr Werneuchen hatte sich doch um die von Ihnen ausgeschriebene Stelle eines Propagandaleiters beworben. Sämtliche Bewerbungsschreiben – es waren einige hundert – befanden sich in einer Mappe.« »So?« sagte Herr Berdelow. »Ich jedenfalls habe sie nicht aufgehoben. Meinetwegen gehörte das ganze Zeugs in den Papierkorb, nachdem ich Herrn Bötticher ausgesucht hatte.« »Verzeihen Sie, Herr Berdelow, das ist doch eigentlich nicht kaufmännisch gedacht. Dieser Herr Bötticher, den Sie dann engagiert haben, konnte erkranken. Ja, ich habe ihn sogar im Verdacht, daß er bald in ähnlicher Weise erkrankt wäre wie Herr Werneuchen.« »Was wollen Sie damit sagen?« brauste Herr Berdelow auf. »Ich gebe damit meiner Befürchtung Ausdruck, daß die Herren, die sich um eine Anstellung bei Ihnen bewerben und über die nötige Kaution verfügen, in Lebensgefahr zu schweben scheinen, Herr Berdelow. Woher das kommt, ist eben hier zu untersuchen.« »Sie glauben also, daß auch Herr Bötticher bald photographiert auf diesem Tisch gelegen hätte.« »Ich fürchte es, Herr Berdelow.« »Hören Sie!« »Nein, ich höre nicht, ich frage. Ich komme auf den Ausgangspunkt zurück. Ein guter Kaufmann vernichtet keine Bewerbungsschreiben. Wenigstens nicht sofort. Damit er nämlich, wie Sie natürlich ganz genau wissen, wieder einmal bei Gelegenheit auf diese Bewerbungen zurückgreifen kann. Sie haben sie ja auch nicht vernichtet, sondern schön in einer Mappe aufgehoben. Trotzdem wollen Sie mir weismachen, daß Sie sich um die Schreiben gar nicht gekümmert hätten. Das ist doch ein Widerspruch, der deutlich in eine bestimmte Richtung weist« »Na, erlauben Sie mall« »Aber noch weiter! Alle diese Schreiben sind sorgfältig aufgehoben. Nur ausgerechnet das von Herrn Werneuchen befindet sich nicht in der Sammlung. Sie wollten also das Dokument, das nach außen hin Ihre weitere Verbindung mit Herrn Werneuchen dartun konnte, aus der Welt schaffen. Sie wollten, daß Sie, wenn nachher jemand bei Ihnen nach Herrn Werneuchen fragt, die Mappe aufschlagen können und sagen: Herr Werneuchen? Nein! Der hat sich gar nicht bei mir gemeldet!« »Einmal soll ich die Dinger aufheben, ein andermal soll ich sie nicht aufheben. Sie selbst machen Widersprüche, Herr Kommissar, und niemand anders. Werneuchens Brief habe ich nicht aufgehoben, weil ich mit dem nichts mehr zu tun haben wollte. Ich habe den Wisch zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Und die anderen Schreiben mag dann das Fräulein Liedtke aufgehoben haben. So ist es. Ich ärgerte mich, daß mir hier wieder dieser Herr Werneuchen in die Quere kam. An etwas anderes habe ich überhaupt nicht gedacht!« Kamp kam die ganze Verhandlung genau so vor wie sein eigenes Gespräch, das er mit Herrn Berdelow hatte. Man suchte nach Rätseln und Widersprüchen, wo keine vorhanden waren. »Wo ist das Bewerbungsschreiben von Herrn Werneuchen geblieben?« fragte der Kommissar weiter. Herr Berdelow zuckte die Achseln. »Weiß ich? Ich habe es auf die Erde geworfen!« »Hier ist es!« sagte Leuthold triumphierend und zeigte den Brief vor. »Und wo war es? Fräulein Liedtke hat es sorgfältig ausgeplättet und bewahrt. Aber abseits der übrigen Schreiben.« »Da müssen Sie Fräulein Liedtke fragen. Ich weiß nichts darüber.« »Fräulein Liedtke zu fragen, ist mir leider unmöglich. Nun noch etwas: Als Herr Kamp zu Ihnen kam, um sich wegen Herrn Werneuchen zu erkundigen, weshalb haben Sie ihm da nichts von der Bewerbung Werneuchens gesagt?« Herr Berdelow stutzte. »Sehen Sie,« sagte er freundlich, »das ist nun wirklich etwas, wo Sie einhaken können. Weshalb habe ich eigentlich Herrn Kamp nichts davon gesagt? Ich hätte es ihm doch ruhig sagen können? Aber zuerst schoß mir so etwas durch den Kopf: sage ihm nichts davon! Und dann kamen wir nicht mehr darauf zurück. Das ist alles.« »Das ist eine merkwürdige Begründung!« »Haben Sie noch etwas auf dem Herzen, Herr Kommissar?« »Nein, bitte hier das Protokoll zu unterschreiben.« Er las Herrn Berdelow seine Aussage im gedämpften Ton vor. Wozu war das alles? dachte Kamp. Man mußte doch sehen, daß der Fabrikant mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte. Vielleicht hatte die flüchtige Sekretärin ihre Hand im Spiele, aber Herr Berdelow selbst wußte von nichts. Überhaupt schien ihm vor den Bildern des Toten, die da auf dem Tisch lagen, die Frage nach dem Anstifter höchst nebensächlich. Da lag irgendwo in Regensburg der Ermordete aufgebahrt, mit der Wunde im Herzen, die ihm von demselben Ungetüm beigebracht worden war, vor dem er sich Jahre hindurch gefürchtet hatte. Angesichts dieser Wirklichkeit erschien es ihm abgeschmackt, daß hier Protokolle aufgesetzt und unterschrieben wurden. Wie hatte er nur selber noch vor wenigen Stunden die Verhaftung Berdelows wünschen können? Das war alles Theater um das wirkliche Trauerspiel herum. Er mußte fast lächeln, wenn er sah, wie wichtig der Kommissar diesen dicken, rotköpfigen Fabrikanten nahm. Zufällig trafen sich in diesem Augenblick Kamps Augen mit denen des Wachtmeisters Neumann, der noch immer still im hintersten Winkel des Zimmers stand. Vielleicht hatte der Student unwillkürlich nach Neumann hingesehen. In dessen Blick glaubte er dieselbe Auffassung der Lage zu sehen, und es war ihm sogar, als hätte der Wachtmeister ihm kurz zugenickt oder doch zunicken wollen und sich im letzten Augenblick zurückgehalten. Diese schnelle Bewegung erschien ihm wichtiger als das ganze Verhör Berdelows. Auf einmal wußte er, daß der Wachtmeister etwas im Schilde führte. Was konnte das sein? Wenn Neumann überzeugt war, daß Berdelow nicht schuldig war, auf wen konnte sein Verdacht sich lenken? Mit einem Schlage waren seine eigenen Befürchtungen wieder da. Neumann hatte die Tagebücher und Gerdas Briefe bei ihm gefunden! Ganz sicher, der Wachtmeister wußte etwas, was der Kommissar noch nicht wußte. Hatte er Kamp oder Gerda oder beide im Verdacht? Trug er die versteckten Schriftstücke vielleicht schon in seiner Aktentasche? Lagen sie nicht mehr unter den Kollegheften in der ausgeräumten Wohnstube? Weshalb hatte Kamp nicht gleich nachgesehen? Als die Kriminalisten die Villa verließen, hätte es sein Erstes sein müssen, hinzustürzen und sich von dem Vorhandensein der Schriftstücke zu vergewissern. Es war eine unglaubliche Unvorsichtigkeit, daß er das unterlassen hatte. Im nächsten Augenblick zog Neumann sie vielleicht hervor und überreichte sie dem Kommissar. Kamps Einverständnis mit der im höchsten Grade belasteten Frau war dann offensichtlich. Im Augenblick machte er sich klar, daß sich auch gegen ihn Verdachtsgründe in Hülle und Fülle anführen ließen. Aus seiner »Liebe« zu Elma zum Beispiel! Und sogar aus dem Besuch Benschs, dem er doch schließlich die fünftausend Mark in die Hände gespielt hatte. Er konnte nicht verhindern, daß er bleich wurde. Jedenfalls schien es ihm so. Das alles dauerte nur wenige Sekunden. Die beiden Polizisten hatten Berdelow noch nicht abgeführt. Es hatte sich fast noch nichts verändert, seit Kamps Gedanken ihren Galopp angeschlagen hatten. Leuthold saß noch immer am Schreibtisch über dem Protokoll. Gerda hielt sich noch immer das Taschentuch vor die Augen. Da pochte es plötzlich an die Tür. Alle erschraken. Man sah es ihren Gesichtern an. Denn was jetzt hereintrat, mußte irgendwie überraschend sein bei der Zuspitzung der Angelegenheit. Was aber erschien, war ein kleines rothaariges Männchen mit Zwickelbart und goldener Brille und einem baumwollenen Regenschirm unter dem Arm. »Sie wünschen?« fragte Leuthold. »Entschuldigen Sie!« sagte das Männchen im reinsten Sächsisch. »Ist hier das Zimmer, wo der Mord an Herrn Werneuchen bearbeitet wird?« Das Auftreten des Mannes in diesem Augenblick, wo man etwas ganz Fürchterliches erwartet hatte, war eigentlich sehr komisch, und doch lachte niemand. Auch in dieser absonderlichen Spießergestalt vermutete man etwas Überraschendes. Das Zimmer war schon so voll, daß der Eintretende nur mühsam Platz fand. Zum Unglück war noch seine Brille angelaufen und mußte erst geputzt werden. »Jawohl!« antwortete Leuthold gespannt. Selbst Gerda hatte das Taschentuch von den Augen genommen und starrte zur Tür. »Ich bin Sie nämlich der Direktor Goldschmidt von der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft!« sagte der Mann und reichte dem Kommissar seinen Paß und die Visitenkarte hinüber. »Na, da haben wir's!« platzte Berdelow los. »Endlich kommt Vernunft in die Sache.« Das Gesicht des Kommissars wurde wieder eisig. »Nehmen Sie Platz, Herr Goldschmidt«, sagte er. »Sie sind also der Herr, mit dem der Ermordete in Regensburg kurz vor der Tat über eine Anstellung verhandelt hat?« »Na, nach der Tat nicht!« wieherte Berdelow los, dessen gute Laune durch den Eintritt des Direktors sichtlich gestiegen war. Er bekam einen Ordnungsruf. »Lassen Sie mich doch gleich nochmal verhaften, Herr Kommissar! Na, dann schießen Sie mal los, Herr Goldschmidt!« Die Worte hatten bei der allgemeinen Spannung eine so wohltuend befreiende Wirkung, daß der Kommissar nichts mehr einwandte. »Bitte, Herr Goldschmidt!« sagte er nur. Aller Augen hingen an dem Männchen. Nur Wachtmeister Neumann schien in seiner Ecke ein wenig zu lächeln. Herr Goldschmidt erzählte, wie er oder seine Firma in einigen größeren Zeitungen Deutschlands eine Anzeige aufgegeben hatte, um für die Norddeutsche Im- und Exportgenossenschaft einen Propagandaleiter zu suchen. Unter einigen hundert Bewerbern hatte man die besten herausgesucht, darunter Werneuchen. Goldschmidt und sein Mitdirektor Erkner befanden sich, wie sehr häufig, auf einer Geschäftsreise durch Süddeutschland. Da man München diesmal zunächst nicht berühren wollte, hatte man Werneuchen nach Regensburg zu einer Unterredung bestellt. Goldschmidt wollte zuerst im Parkhotel absteigen, wohin er auch Werneuchen bestellt hatte. Dann war er aber doch in den »Grünen Baum« gegangen und hatte für Werneuchen im Parkhotel die Mitteilung gelassen, daß dieser ihm nachkommen sollte. Kollege Erkner hingegen wohnte bei Bekannten in der Wilhelmstraße. An dem Abend der Unterredung mit Werneuchen hatte Kollege Erkner etwas anderes vor, und so verhandelte Herr Goldschmidt allein mit Werneuchen im Restaurant des »Grünen Baums«. Werneuchen machte auf Herrn Goldschmidt den besten Eindruck. Da die Anstellung von dem Hamburger Generaldirektor abhing, konnte er ihm noch keine bindende Zusage machen, aber er konnte ihm das Engagement als höchstwahrscheinlich in Aussicht stellen. Goldschmidt selbst riet dann im Laufe des Gesprächs dazu, am Abend des nächsten Tages, also am Freitag, mit ihm nach Hamburg zu fahren, dort alles mit dem Generaldirektor festzumachen und sich die Kaution nach dorthin nachkommen zu lassen. Da Direktor Erkner nun doch noch für ein oder zwei Tage nach München fahren sollte, konnte er das Geld gleich abholen und mitbringen. Im Beisein Goldschmidts schrieb dann Werneuchen jenen Brief, den der Packer Bensch bei Kamp ablieferte. Zunächst wollte Werneuchen diesen Brief noch nach der Wilhelmstraße bringen, wo Direktor Erkner wohnte. Aber er hätte ihn dort nicht angetroffen, da er im Theater war. So beschloß Werneuchen, den Brief am nächsten Morgen Herrn Erkner auf dem Bahnhof persönlich zu übergeben und ihn zugleich im Namen Goldschmidts darum zu bitten, sich von Herrn Kamp in seiner Villa den Scheck aushändigen zu lassen. Werneuchen sagte, daß er am nächsten Morgen sowieso zum Frühzug auf die Bahn wollte, da er einen Bekannten erwartete. »Er kannte aber doch Herrn Erkner nicht?« warf der Kommissar ein. »Ich hatte ihn ihm genau beschrieben, so daß er ihn erkennen mußte!« »Wie sieht Herr Erkner aus?« »Nun, er ist unverkennbar. Marius heißt er mit Vornamen und trägt einen langen blonden Bart. Einen sehr schönen Bart.« »Dann allerdings!« sagte der Kommissar. »Wie hatten Sie übrigens, Herr Goldschmidt, Ihre Anzeige für das Münchner Blatt aufgegeben?« »Da ich sehr oft in München bin, habe ich sie selbst zur Zeitung gebracht und auch die Offerten gleich abgeholt.« »Ein etwas umständliches Verfahren!« »Nun, man hat dann gleich alles zusammen.« Zu dem Frühzug war Werneuchen nicht erschienen. Erkner reiste ohne den Brief nach München, erledigte dort seine Angelegenheiten und erfuhr erst zwei Tage später in Hamburg, daß ihm ein Brief zur Besorgung mitgegeben werden sollte. »Fiel Ihnen denn nicht auf, daß Herr Werneuchen am Freitagabend nicht an die Bahn kam?« »Natürlich fiel es mir auf! Ich war froh, einen so unzuverlässigen Menschen nicht genommen zu haben.« Erst heute nachmittag, als Herr Goldschmidt wieder in München war, hatte er durch die Zeitung von der ganzen Geschichte erfahren und war gleich auf die Polizei gekommen, um seine Aussage zu machen. »Und um in aller Form und in aller Öffentlichkeit festzustellen, daß meine Firma Norddeutsche Im- und Exportgenossenschaft heißt und ich wirklich der Direktor Goldschmidt und keine fingierte Person bin, wie es in der Zeitung steht!« Er sagte dies mit vollem Nachdruck. Dieser Punkt war ihm sehr wesentlich, und ohne ihn wäre er wohl überhaupt nicht hier erschienen. »Verhaften Sie ihn doch! Er hat auch inseriert!« brüllte Berdelow. Diesmal lachten alle, sogar die Polizisten, die den Fabrikanten hereingeführt hatten. »Einen Augenblick, Herr Berdelow«, sagte der Kommissar. »So hat sich das Mißverständnis zum Glück aufgeklärt. Sie sind es also nicht, der Herrn Werneuchen nach Regensburg gelockt hat. Ich habe über Ihre Entlassung nun leider nicht mehr zu verfügen, aber ich werde sie sofort in die Wege leiten. Wollen Sie bitte mit mir mitkommen.« Aber Herr Goldschmidt meldete sich noch einmal zu Wort. »Ich habe hier noch einen Brief abzugeben«, sagte er und schwenkte das Schreiben von Margot Liedtke in der Luft. Der Kommissar sah es durch. »Das ist merkwürdig, meine Herren! Herr Direktor Goldschmidt bringt uns hier einen Brief von Margot Liedtke, die wir leider schon den ganzen Nachmittag in unserer Gesellschaft vermissen. Fräulein Liedtke schreibt nun hier –. Aber vielleicht lesen Sie es selbst vor, Herr Goldschmidt!« Herr Goldschmidt erzählte, wie er im Frühstückszimmer des Hotels zufällig die Bekanntschaft einer jungen Dame namens Maria Leist machte. Wie er ihr München zeigte, mit ihr zu Mittag aß, wie dann auf dem Odeonsplatz die Abendzeitung ausgerufen wurde und er sich ein Blatt kaufte, weil ihm doch der Name Werneuchen bekannt war. Er schilderte, wie die Dame ihn gefoppt habe, weil er selbst in die Sache verwickelt war und es erst aus der Zeitung erfuhr, verschwieg aber sorgfältig, daß sie ihn dabei mit »Onkelchen« anredete. Schließlich habe sie diesen Brief geschrieben und ihm übergeben. Er las vor, wobei Herr Berdelow sich neben ihn stellte und mit hineinsah, was ihm niemand verwehrte, da es doch nun einmal seine Sekretärin gewesen war. Der Brief aber lautete: »Sehr geehrter Herr Goldschmidt! Ich bin Margot Liedtke, die Sekretärin des verhafteten Berdelow, und es ist herrlich, daß wir beide zusammen in der Zeitung stehen. Wenn Sie auf die Polizei gehen, sagen Sie doch dort bitte, daß Herr Berdelow mit dem Morde gar nichts zu tun hat. Ich kann es ganz bestimmt beurteilen, denn ich wußte um jeden Schritt meines Chefs. Daß ich selbst fortgelaufen bin, hat ganz andere Gründe, die sich bei Durchsicht der Bücher vielleicht herausstellen werden. Da die Bücher nun geprüft werden, habe ich es für das beste gehalten, zu verschwinden. Ich habe nämlich der Geschäftskasse einiges Reisegeld entnommen. Ich hätte das noch gern weiter fortgesetzt, aber es war mir jetzt zu gefährlich. Deshalb verschwinde ich. Man soll mich nicht verfolgen, denn ich bin, wenn Sie dieses auf der Polizei vorlesen, schon längst über alle Berge. Auch Herr Berdelow soll mich nicht wegen der paar hundert Mark verfolgen lassen. Er hätte doch nur Unkosten davon. Er soll lieber Fräulein Therese heiraten. Sie kann ihm auch gestehen, wer die Anzeige bei dem Finanzamt eingereicht hat. Unterschrift Maria Leist alias Margot Liedtke. Aber heute abend heiße ich schon wieder anders!« Herr Berdelow faßte sich zunächst. »Paar hundert Mark? Verfluchte Kanaille!« wetterte er los. »Diese hundsgerissene Person! Solche Scherereien macht sie einem!« Die anderen standen einigermaßen verdutzt da. »Ist Ihnen so was schon mal vorgekommen, meine Herren?« feixte Herr Goldschmidt. Auf den Studenten wirkte diese Aufklärung niederschmetternd. Nicht nur, weil sich das Interesse jetzt auf ihn und Gerda konzentrieren mußte, sondern weil hier ein harmloses Geschäftsidyll mit einer heiratslustigen Vertrauensperson und einer lebenshungrigen Sekretärin tiefe Zusammenhänge hatte ahnen lassen, die sich jetzt in Luft auflösten. Das Schicksal hatte sie alle mit dunklen Andeutungen genarrt. Menschliche Spitzfindigkeit drängte sich hinein, wo ein Eingang zu der Welt furchtbarer Verwicklungen schien, und heraus kam schließlich eine leere Banalität. Obwohl er selbst längst nicht mehr an Berdelows Schuld glaubte, tat ihm diese Auflösung geradezu weh. Was hatte man bei dem Namen des Direktors Goldschmidt an Vermutungen und Befürchtungen empfunden! Und nun stand ein kleines sächselndes Männchen da, das seine Seitensprünge machte. Dieses Männchen hatte gleichzeitig über Werneuchens Schicksal entscheiden können, hatte ihm eine Brotstelle vorhalten oder sie ihm verweigern können. Und an seinem kleinen rosigen Schnüffelmündchen hatten sie alle, Ernst Alexander, Elma und er, mit Spannung gehangen! Der Kommissar nahm die Enthüllung mit verlegener Heiterkeit auf. »Nun, dann wissen wir ja Bescheid. Also Herr Berdelow, wenn ich bitten darf! Jetzt ist alles in schönster Ordnung.« Er ging mit dem Fabrikanten und den beiden Polizisten hinaus. Es war ein Rückzug vom Schlachtfeld, denn durch Goldschmidts Auftauchen waren seine ganzen Kombinationen zu Wasser geworden. So verhielt es sich also mit jener Regensburger Reise! Man war gründlich in die Irre gegangen. Bensch hatte mit jener Anzeige nichts zu tun! Aber Gerda! Was hatte sie in Regensburg gewollt? Weshalb hatte sie ihren Mann dorthin gelockt? Oder hatte sie ihn nicht veranlaßt, dorthin zu fahren? Hatte sie es nur gewußt, daß er dort sein würde? Er sah zu der Frau hinüber. Ahnte sie etwas von einer Gefahr? Sie saß noch immer wie vorher da und brütete stumm vor sich hin. »Hätte Herr Werneuchen nun wirklich die Stelle bekommen?« fragte Kamp den Direktor. »Nun freilich! Er machte einen ausgezeichneten Eindruck auf mich!« »Und er hatte die Kaution!« »Ja, auch die Kaution hatte er!« bestätigte Goldschmidt. Kamp pfiff leise durch die Zähne. So nahe also war die Lösung gewesen! Oder doch nicht? Stieg nicht doch die Katastrophe aus der unlösbaren Verknotung aller dieser Menschen? Mußte sie nicht doch notwendig kommen, auch wenn an einem Ende so etwas wie eine scheinbare Lösung aufzudämmern schien? Da saß Gerda und starrte jetzt den Mann an, der als Letzter von allen Anwesenden Werneuchen so kurz vor seinem Tode gesehen und gesprochen hatte. Von jener Seite mußte das Gewitter kommen, wenn sich auch der Himmel über Ernst Alexander und Elma aufzuheitern begann. Es mußte! Auch wenn er die Anstellung erhalten hätte! Und er hatte sie ja so gut wie erhalten. Aber dennoch hatte noch immer etwas im Hintergrund gelauert. Nur eines verstand Kamp nicht. Goldschmidt hatte gesagt, daß Werneuchen am nächsten Morgen einen Bekannten am Berliner Schnellzug erwarten wollte. Er selber wußte freilich, wer das war. – Schade, daß er bei diesen Worten Gerda nicht angesehen hatte! – Aber dem Kommissar mußte das doch auffallen. Weshalb fragte er nicht sofort danach? Aber Leuthold tat es, sobald er zurückkam und seinen Platz am Schreibtisch wieder eingenommen hatte. »Wissen Sie vielleicht zufällig, Herr Goldschmidt, wer dieser Bekannte sein konnte?« Aber Goldschmidt wußte über diesen Punkt nichts auszusagen, Werneuchen erwartete jemanden am Freitagmorgen mit dem Nachtzug aus Berlin. Das war alles, was er sagen konnte. Leuthold machte gar kein eisiges Gesicht mehr. Er war offenbar völlig ratlos. Seine Kombinationen hatten sich als Irrweg erwiesen. Er hatte zunächst keine Ahnung, wie er den Fall weiter anpacken sollte. Aus Verlegenheit verlas er, was der Direktor zu Protokoll gegeben hatte und legte es Goldschmidt zur Unterschrift vor. »Herr Kommissar,« sagte der, »ich habe wirklich mit nichts hinter dem Berg gehalten. Aber ich möchte Sie nicht sehr gern haben, daß nun in der Zeitung etwas von dem Diner des Direktors Goldschmidt mit der weggelaufenen Sekretärin des Herrn Berdelow drinsteht. Sie verstehen.« »Natürlich nicht, Herr Goldschmidt. Wir sind Ihnen für Ihre Offenheit und die richtige Abgabe des Briefes sehr dankbar. Die Sache wird schon arrangiert werden.« Inzwischen hatten die anderen Personen im Zimmer keineswegs die Empfindung, daß man schon zu einem Ende gekommen wäre. Kamp litt förmlich unter der Spannung, die den Raum erfüllte. Wachtmeister Neumann, der regungslos in der Ecke stand, mußte sich jetzt den Schlag überlegen, den er führen wollte. Gerda kauerte still auf ihrem Stuhl. Man wartete nur, daß Goldschmidt hinausging. Selbst Leuthold schien von der allgemeinen Nervosität und Erwartung angesteckt zu sein, obwohl er ebensowenig wie Kamp ahnen mochte, was sich im nächsten Augenblick ereignen würde. Als Goldschmidt hinausgegangen war, stieß der Kommissar ein verlegenes »Tja« aus. Das Zimmer war auf einmal beängstigend leer. Neumann schien noch mehr als bisher in das Studium der Tabelle an der Wand vertieft zu sein. Endlich sagte er leise und unbestimmt, als ob er zu sich selber spräche: »Vielleicht weiß die gnädige Frau, wen Herr Werneuchen am Freitagmorgen in Regensburg erwartete?« Alle Köpfe fuhren nach Gerda herum. Zweiundzwanzigstes Kapitel Gerda sah ihn erstaunt an. »Wen mein Mann am Freitag früh in Regensburg erwartete? Was tut das hier zur Sache?« »Nun immerhin, gnädige Frau! Das müßten Sie eigentlich einsehen. Es ist doch interessant, zu erfahren, wer außer Herrn Goldschmidt, Fräulein Diepenbroich und Herrn Kamp noch etwas von der Reise des Herrn Werneuchen nach Regensburg wußte?« »Und weshalb fragen Sie mich gerade danach? Wie kommen Sie darauf?« Ihr Hin- und Herreden wurde nachgerade peinlich. Herr Leuthold bekam sein eisernstes Gesicht. Kamp wagte vor Spannung kaum zu atmen. Hatte Neumann die Briefe gefunden? Wußte er etwas von Gerda? »Gnädige Frau,« erhob Neumann auf einmal seine Stimme. »Ich glaube, es ist besser, Sie selbst sagen hier aus, wen Herr Werneuchen Freitag früh aus Berlin erwartete, als daß ich selbst es sagen müßte.« »Wen mein Mann Freitag früh in Regensburg erwartete?« wiederholte sie noch einmal. »Er erwartete mich. Sonst wüßte ich nichts!« »Sie waren also an jenem Tag in Regensburg, gnädige Frau?« nahm der Kommissar die Leitung der Verhandlung wieder in die Hand. Aber man sah es ihm an, wie fassungslos er dieser neuen Tatsache gegenüberstand. »Ich traf Freitag früh dort ein, wie ich es mit – mit meinem Mann verabredet hatte.« »Sie hatten also ein Zusammentreffen mit Herrn Werneuchen in Regensburg verabredet? Wußten Sie etwas von dieser Verabredung, Herr Kamp?« Kamp wurde flammendrot. Das nächste Wort konnte ihn verraten. »Herr Werneuchen hat mir von einer solchen Verabredung nichts gesagt!« stammelte er. »Herr Werneuchen besprach aber doch sonst alles mit Ihnen?« »Es konnte vorkommen, daß er mir auch einmal nichts sagte. So hatte er mir auch von seinem Besuch bei Herrn Berdelow nichts gesagt.« »Vielleicht hat er von dieser Verabredung zu Fräulein Diepenbroich gesprochen?« »Ich glaube es nicht, daß er davon gerade zu Fräulein Diepenbroich gesprochen hat. Ich hätte es jedenfalls an seiner Stelle vermieden.« »Weshalb hatten Sie sich mit Herrn Werneuchen gerade in Regensburg verabredet, gnädige Frau?« »Ich mußte ihn notwendig sprechen und bat ihn um eine Unterredung. An dem Tage, an dem ich von Berlin kommen konnte, mußte er gerade in Regensburg sein, und deshalb verabredeten wir uns dort. Herr Werneuchen wollte nämlich eventuell von Regensburg noch eine kleine Reise durch Franken machen. Ich konnte ihn also nirgends anders treffen als in Regensburg.« »Das mit der Reise nach Franken ist richtig!« warf Kamp ein. »Was hatten Sie mit Ihrem – mit Herrn Werneuchen in Regensburg zu besprechen?« »Das kann ich nicht sagen!« »Das ist sehr schade, gnädige Frau!« »Ich kann es nicht sagen, weil es mich zu sehr aufregen würde.« Kamp erriet, was sie meinte: Nach dem Bruch mit Reuschhagen wollte sie Ernst Alexander die volle Wahrheit sagen und irgendeine Verständigung mit ihm herbeizuführen suchen. »Betrifft es die Angelegenheit mit Herrn Reuschhagen, die Sie mir vorhin im Pensionat erzählten, gnädige Frau?« mischte er sich wieder ein. »Ja ... diese Angelegenheit!« »Darf ich den Herren das Nötige mitteilen?« Gerda blickte sich unruhig im Zimmer um. Man sah, wie unangenehm es ihr sein mußte, über diese Dinge zu sprechen oder sie anzuhören. »Wenn es nicht anders geht –« sagte sie endlich. »Es geht nicht anders, gnädige Frau. Wir müssen jetzt Klarheit schaffen.« »So sagen Sie den Herren das Nötige!« forderte sie Kamp auf. Kamp setzte dem Kommissar kurz auseinander, was er wußte. Gerda weinte dazu leise vor sich hin. Man konnte es verstehen, daß diese Dinge sie ungeheuer erregten. Leuthold und Neumann hörten schweigend und ohne zu unterbrechen zu. Als Kamp geendet hatte, wandte sich der Kommissar an Gerda. »War es alles so, gnädige Frau, wie es Herr Kamp erzählte?« »Ja, so war es, so wahr mir Gott helfe!« Vielleicht hätte sie diese Beschwörungsformel nicht gebrauchen sollen. Die Erzählung ihrer Abhängigkeit von Reuschhagen, die jahrelange Qual, die sie erduldet haben mußte, das alles hatte den Kommissar sichtlich gefesselt. Auch Kamp, da er diese Folgen einer weit zurückliegenden und nur augenblicklichen Verwirrung wieder ausbreitete, fühlte von neuem die tragische Wucht des Verhängnisses, das über Werneuchen und Gerda gewaltet hatte. Als sie nun aber diese Beschwörungsformel aussprach, entstanden neue Zweifel, ob es sich im letzten Grunde wirklich so verhalten haben mochte. Doch vielleicht war es ihr ein Bedürfnis, ihre Qual, da sie nun einmal hier zur Sprache gekommen war, mit dem stärksten Eid zu besiegeln. Vielleicht waren ihre Worte eine Rechenschaft, die sie nicht nur vor diesen Männern, sondern vor Gott selber abgelegt haben wollte. Kamp fühlte, daß er aus dieser Frau niemals klug werden würde. »Sie wollten also Herrn Werneuchen alles sagen und gestehen, da Sie Ihre bisherige Stütze Reuschhagen verloren hatten«, faßte Leuthold kurz zusammen. »Finden Sie nicht selbst, gnädige Frau, daß dieses Geständnis ein wenig zu spät erfolgte?« »Ja,« sagte sie, »aber ich hatte es früher nie gewagt. Ich konnte erst sprechen, als mir nichts anderes mehr übrigblieb. Ich hatte Angst vor Ernst Alexander.« »War Ihr Mann denn so streng? Hätte er Ihnen nicht alles verzeihen müssen, wenn es sich so verhielt, wie Sie sagen?« »Ich weiß nicht. Ich glaube aber, daß Ernst Alexander mich haßte. Er hätte es mir vielleicht doch nicht verziehen, und ich hätte alles verloren.« Kamp nickte zu diesen Worten. Hier lag das Verhängnisvolle zwischen diesen Menschen, der Ausgangspunkt der Tragödie. Werneuchen hätte nicht verziehen! Er wußte es. Werneuchen hätte sie von sich gestoßen. Und vielleicht hätte er recht gehabt. Vielleicht hätte er gesagt: »So lange Jahre hast du mich gezwungen, diesen verbrecherischen Menschen in meinem Hause zu dulden? Als dein und unser Freund ist er bei uns ein und aus gegangen. Du wußtest von diesem Menschen das Schlimmste, was man überhaupt von einem Manne wissen kann, und doch hast du weiter mit ihm verkehrt, hast ihn in seiner Wohnung aufgesucht, seinem Klavierspiel gelauscht und, was beinahe noch schlimmer ist, hast mich gezwungen, das alles mit dir zu tun! Gehe von mir! Ich will mich von dieser verbrecherischen Gesellschaft freimachen!« So hätte Werneuchen zu ihr gesprochen. Und sie? Sie hätte sagen können: »Weshalb hatte ich so große Angst vor dir? Weshalb brachte ich es nicht mehr über mich, es dir zu gestehen? Weil du mich haßtest und vernichten wolltest!« Und er hätte wiederum sagen können: »Du wolltest mich doch auch vernichten! Meine Angst und mein Abscheu vor dir waren doch nicht ohne Grund! Du hast mich doch in der Tat in die Sphäre des Verbrechens hineingerissen!« Und vielleicht hätte er noch sagen können: »Du hast doch den Mörder gegen mich bewaffnet!« Und vielleicht hätte sie dann sagen dürfen: »Aber ich mußte es ja tun, weil du mich dazu zwangst!« Hier war kein Ende! Kamp sah die unselige Verwirrung im Bilde gehässiger Schlangen vor sich, die sich verstrickt hielten und sich nicht loslassen durften, bevor die eine getötet war. Konnte hier noch ein Zweifel an dem Ausgang herrschen? Vielleicht wollte diese merkwürdige Frau noch mit aller Kraft um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen, ehe sie der irdischen Sühne verfiel? Vielleicht gelang es ihr sogar, am Ende schuldlos dazustehen? Oder war sie vielleicht wirklich schuldlos? »Was war aber nun, als Sie Herrn Werneuchen nicht an der Bahn trafen?« hörte Kamp den Kommissar weiter fragen. Der Zug war eine Viertelstunde vor acht Uhr morgens in Regensburg angekommen. Gerda hatte zunächst an ein Verspäten Werneuchens geglaubt, denn in seinem letzten Brief hatte er ihr die Zusammenkunft mit Bestimmtheit versprochen. Aus Angst, ihn zu verfehlen, wagte sie sich lange Zeit nicht vom Bahnsteig und blieb dann über eine halbe Stunde vor dem Bahnhof stehen, weil sie immer noch mit seinem verspäteten Erscheinen rechnete. Sie war völlig verzweifelt, als er nicht kam. Alle ihre Hoffnungen hatte sie auf diese Zusammenkunft gesetzt. Ja, sie hatte sogar gehofft, daß diese Zusammenkunft eine völlige Aussöhnung herbeiführen würde. »Ich wußte ja damals noch nichts von Elma Diepenbroich. Ich hatte wirklich gehofft, meinen Mann durch die Schilderung meiner Leiden so zu erschüttern, daß alles wieder gut wurde.« Schließlich mußte sie annehmen, daß Werneuchen dieser Begegnung im letzten Augenblick doch ausweichen wollte. Sie suchte die großen Hotels der Stadt ab, um ihn vielleicht aufzufinden. Nirgends aber hatte er übernachtet. Sie ging an alle Züge, die aus München kamen. Sie überlegte sich, daß er vielleicht erst am nächsten Vormittag hatte reisen können. Dann lief sie wieder durch die Stadt, um ihm vielleicht irgendwo unvermutet zu begegnen. Sie nahm sich vor, wo sie ihn auch sähe, ihm zu Füßen zu fallen und ihn zu zwingen, sie anzuhören. Schließlich – »Erzählen Sie genau und alles, gnädige Frau!« warnte aus dem Hintergrund die Stimme des Wachtmeisters. »Erkundigten Sie sich nicht auch vielleicht im Hotel ›Münchner Hof‹ nach Herrn Werneuchen?« Leuthold und Kamp sahen den Wachtmeister erstaunt an. Er schien mehr zu wissen, als sie bisher vermutet hatten. »Das weiß ich nicht«, fuhr Gerda fort »Ich fragte in vielen Hotels. Ich weiß aber nicht mehr, wie sie alle hießen. Schließlich aß ich im Wartesaal zu Mittag, da ich ihn auf dem Bahnhof noch immer am ehesten zu treffen hoffte. Dann ging ich, weil ich todmüde war, in ein Hotel in der Stadt. Ich glaube, das war der ›Münchner Hof‹. Dort nahm ich mir ein Zimmer und schlief einige Stunden. Am Abend fuhr ich dann nach München weiter.« »Daß Sie am Freitagnachmittag im ›Münchner Hof‹ waren, habe ich gewußt«, sagte Neumann. »Und ich weiß noch Verschiedenes!« »Woher?« fragte Leuthold erstaunt »Ich dachte, Sie laufen hinter einer ganz anderen Spur her?« »Ich bin hinter zwei Spuren hergelaufen. Die eine, Margot Liedtke, verfolgte ich nur pflichtgemäß, soweit es mir möglich war. Von der anderen wußte ich bald, daß sie zum Ziele führen würde.« »Zum Ziele?« fragte Leuthold erregt »Ja, zum Ziele!« Der bescheidene stille Mensch hatte etwas Unheimliches, als er diese Worte sagte. Kamp war es, als ob er selbst zusammengefahren wäre. »Sind Sie denn am Ziel?« fragte Leuthold zweifelnd. »Sofort!« nickte Neumann. Die Spannung im Zimmer wurde fast unerträglich. »Aber wenn Sie wissen wollen, woher ich meine erste Weisheit habe, so ist das sehr bald gesagt. Ich hatte einen mir befreundeten Kollegen in Regensburg telephonisch um private Ermittlungen gebeten, und dieser Kollege, der in allen Hotels nach einem Herrn Werneuchen geforscht hatte, erfuhr zu seiner und meiner Überraschung, daß sich am Freitagnachmittag im ›Münchner Hof‹ eine Frau Werneuchen für einige Stunden ein Zimmer genommen hatte. Auf dieser Grundlage habe ich dann weitergearbeitet Immer ganz nebenbei. Bitte, gnädige Frau, fahren Sie fort« Gerda schien dies alles gar nicht gehört zu haben. Sie hatte anscheinend gedankenlos vor sich hin gestarrt. Jetzt setzte sie ihre Erzählung fort. In München war sie in ihrem alten Pensionat abgestiegen, das ihr Reuschhagen einmal empfohlen hatte. Sie ging dorthin, obwohl sie sich dadurch einer Begegnung mit Reuschhagen aussetzte. Sie war so verzweifelt über das Fehlschlagen ihres Regensburger Plans, daß ihr auch eine Begegnung mit Reuschhagen gleichgültig geworden war. »Da sich Werneuchen nun ganz von mir abgewendet zu haben schien, glaubte ich sogar, vom Schicksal zur ständigen Verbindung mit Reuschhagen verurteilt zu sein. Ich wollte ihn aufsuchen, rechnete aber damit, daß wir uns einmal begegnen würden. Ich habe auch zweimal bei Werneuchen angerufen. Als sich jemand meldete, verstellte ich meine Stimme, bestellte einen Gruß und wagte mich nicht zu erkennen zu geben. Durch meinen Rechtsanwalt erfuhr ich dann auf Umwegen über den Rechtsanwalt Werneuchens, daß mein Mann tatsächlich nach Regensburg gefahren war. Um so mehr mußte ich damit rechnen, daß er mich nicht hatte sprechen wollen und mir aus dem Wege gegangen war. Als ich in Regensburg durch die Straßen ging, stellte ich mir immer vor, daß er mich vielleicht gesehen und kehrtgemacht hatte, um mir nicht zu begegnen. ›Wenn du wüßtest, wie grausam das ist,‹ sagte ich in Gedanken zu ihm, ›du würdest es nicht tun. Aber wir wissen ja nichts mehr voneinander!‹ Doch ich rechnete noch immer damit, daß er mich vielleicht durch einen unglücklichen Zufall verfehlt hatte. Jedenfalls wollte ich nicht aus München fortfahren, ohne ihn gesprochen zu haben. Ich wollte alles versuchen, um ihn zu treffen und ihn zu der Unterredung zu zwingen. Es waren furchtbare Tage für mich. Nie im Leben war ich so verlassen gewesen. Nicht einmal Reuschhagen bekam ich zu Gesicht. Er wußte wohl gar nicht, daß ich da war. Den ganzen Samstag und Sonntag verbrachte ich auf meinem Zimmer und las. Ich wollte nicht ausgehen. Am Montagvormittag ging ich gleichwohl in die Stadt. Ich hatte das deutliche Gefühl, daß ich Werneuchen treffen würde. Aber ich traf ihn nicht. So ging ich am Nachmittag noch einmal aus, denn ich dachte doch, daß die innere Stimme mich nicht betrügen könne. Stundenlang lief ich durch die Straßen. Sie können sich nicht vorstellen, Herr Kommissar, wie ein so zielloses Umherirren auf einen Menschen wirken muß. Ich hatte doch jahrelang in München gewohnt. Ich hatte viele Bekannte hier. Ober all kamen mir Erinnerungen an mein früheres Leben. Jetzt war ich ausgestoßen. Ich sah kein bekanntes Gesicht mehr, und wo ich eines sah, versteckte ich mich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich mußte irgendeinen Menschen sehen. Ich mußte etwas von Ernst Alexander in Erfahrung bringen. Von Reuschhagen wußte ich, daß er um diese Zeit in dem kleinen Café in der Lindwurmstraße sitzen würde. Ich war bis in den Englischen Garten gegangen, um mich ihm fernzuhalten. Auf einmal mußte ich zu ihm gehen. Ich ertrug das Alleinsein und die Ungewißheit einfach nicht länger. Ich hoffte noch immer, daß mir auf diesem Wege irgend etwas begegnen würde. Vielleicht bog ich um eine Ecke und sah Werneuchen kommen. Ich besah mir die Schaufenster, ich blieb stehen, ich ging zurück, immer in der Hoffnung, daß noch etwas dazwischenkommen würde. Schließlich war ich an dem Café und ging hinein. Reuschhagen saß wie stets in dem Hinterzimmer. Das übrige wissen Sie.« Als Gerda geendet hatte, war es ganz still in dem kleinen Raum geworden. Konnte jemand an der Wahrheit dieser Erzählung zweifeln? Lag hier nicht der Leidensweg einer Frau klar vor Augen, die gefehlt, durch Leiden aber auch gesühnt hatte? Vielleicht hatte Neumann aus Gerdas unvermuteter Anwesenheit in Regensburg fälschlich auf ihre Schuld geschlossen? Aber Gerdas Erzählung mußte diese Hypothese zerstören. Kamp konnte sich nicht erklären, wie man jetzt noch an eine Mitschuld Gerdas glauben sollte. Die Erzählung von ihrem Umherirren in Regensburg und in München trug zu sehr den Stempel der Wahrheit an sich. Selbst daß sie zweimal mit veränderter Stimme in der Villa angerufen hatte, war nachweisbar richtig. Es waren die Anrufe, von denen Auguste ihm berichtet hatte und die er sich nicht erklären konnte. Und genau so, wie sie erzählt hatte, mußte sie zu dem Café gegangen sein. Es stimmte zu auffallend mit dem Bericht Elmas über ihre Verfolgung Benschs überein. Oder hatte ihr Elma vielleicht inzwischen davon erzählt, und hatte Gerda ihre Geschichte danach eingerichtet? Auf einmal fielen den Studenten wieder die Zweifel an. Wie, wenn sich im nächsten Augenblick herausstellen würde, daß diese Frau doch eine Lügnerin war? Der Wachtmeister bat den Kommissar, noch einige Fragen an Frau Werneuchen tun zu dürfen. »Wann, gnädige Frau, haben Sie den Packer Bensch das letztemal gesehen?« »Bei unserem Wegzug von Berlin nach München!« »Denken Sie genau nach, gnädige Frau! Wirklich niemals wieder?« »Nein! Ich weiß das doch ganz genau!« »Würden Sie den Mann sofort wiedererkennen, wenn Sie ihn sehen?« »Unbedingt! Auf den ersten Blick!« »Auch wenn er jetzt hier in dieses Büro hineinkäme, einige Akten auf den Tisch legte und wieder hinausginge?« »Wenn ich ihn überhaupt sehen würde, würde ich ihn sofort erkennen. Wir haben ihn doch tagelang genau beobachtet.« »Gut! Sie saßen mit Herrn Reuschhagen in dem kleinen Café, als Herr Kamp hineintrat. Wer von Ihnen bemerkte Herrn Kamp zuerst? Sie oder Reuschhagen?« »Ich!« »Sie saßen also so, daß Sie die Tür vor sich hatten, während Herr Reuschhagen ihr den Rücken zukehrte. War es nicht so, Herr Kamp?« Kamp rief sich das Bild vor Augen, wie er den Raum betreten hatte. In diesem Augenblick merkte er plötzlich, wo Neumann hinaus wollte. Gerda hatte ihn, Kamp, damals sofort erblickt und erkannt, als er durch die Tür trat, während Reuschhagen sich erst nach ihm umwenden mußte. »Ja, so war es!« sagte er hastig. Er konnte die Worte vor Aufregung kaum herausbringen, denn nun war es klar, daß die nächsten Sätze Neumanns herausbringen mußten, daß Gerda mit Bensch im Einverständnis war. Er sah zu Gerda hinüber, wunderte sich, daß sie noch nicht aufschrie oder etwas Ähnliches tat. Aber sie schien tief nachzudenken. Sie kämpft! dachte er. Sie kämpft mit aller Kraft! Neumann fuhr fort: »Eine Stunde vor Herrn Kamp war der Packer Bensch durch diese Tür getreten. Er kam kurz nach Ihnen herein. Hatten Sie bereits Platz genommen, als er hereinkam?« Jetzt wurde Gerda kreidebleich. In diesem Augenblick erst schien sie die Gefahr über ihrem Haupt zu erkennen. »Ich habe doch nichts gesehen!« rief sie. »Bei Gott, ich habe nichts gesehen!« »Das ist sehr möglich, gnädige Frau. Ich behaupte ja auch gar nichts. Ich frage ja nur. Aber diejenige Person, die auf Ihrem Stuhl saß oder vielleicht noch stand und mit dem Ablegen ihrer Garderobe beschäftigt war, diese Person mußte den eintretenden Bensch doch sofort bemerken? Bensch kam etwa eine halbe Minute nach Ihnen ins Café. Hatten Sie bereits abgelegt, gnädige Frau?« »Nein, ich hatte mein Kostüm an.« »Ja, sie hatte das Kostüm an«, bestätigte Kamp. »Dann saßen Sie also bereits auf Ihrem Platz, als Bensch erschien?« »Ich habe nichts gesehen!« rief sie noch einmal. »Bei Gott! Ich habe nichts gesehen!« »Aber diejenige Person, die auf Ihrem Stuhl saß, die mußte doch jeden Eintretenden sehen und erkennen! Also, gnädige Frau?« »Mein Gott!« rief Gerda entsetzt, preßte das Taschentuch gegen die Stirn und sank in ihren Stuhl zurück. »Also, gnädige Frau?« Der Beamte sagte diese Worte leise und mit einer fast aufmunternden Stimme. »Die Person, die auf Ihrem Platz saß, mindestens diese eine Person mußte den Packer bemerkt haben. Verstehen Sie wohl: mußte! Sie muß mit dem Packer sogar in einem weitgehenden Einverständnis gestanden haben. Denn sonst hätte Bensch sich nicht so unbemerkt und sorglos durch den kleinen Raum schleichen können. Geben Sie das zu? Die betreffende Person mußte geradezu dem Bensch ein Zeichen gemacht haben oder er ihr. Geben Sie das zu?« Gerda wimmerte wortlos vor sich hin. Elma, Elma! dachte Kamp. Und mit dieser Frau wolltest du zusammenziehen! Nicht einmal die furchtbare Tat erschien ihm in diesem Augenblick so entsetzlich, sondern diese vollendete Kunst der Lüge, die sich bis zum letzten behauptete. Welche Herzenstöne der suchenden Angst hat diese Frau noch eben angeschlagen! Wie hatte sie bis zum letzten Augenblick die Rolle der unschuldig Leidenden gemeistert! »Darf ich Ihr Schweigen als Eingeständnis ansehen?« fragte Neumann mit seiner leisen Stimme. Gerda antwortete auch jetzt nicht Sie wimmerte immer nur leise vor sich hin. »Als wir damals in dem Café waren,« sagte Neumann zu den anderen, »habe ich nicht gewußt, daß die gnädige Frau und Reuschhagen den Packer Bensch kannten. Sonst wäre ich gleich auf diese Vermutungen gekommen. Als ich dann die ganze Geschichte vernahm, war es mir klar, wo man die Schuldigen zu suchen hatte. Immerhin war es ja noch möglich, daß dieses Fräulein Margot Liedtke eine Rolle dabei spielte. Deshalb verfolgte ich auch diese Fährte. Aber mein Augenmerk hatte ich doch in erster Linie auf Frau Werneuchen gerichtet Ich habe in Berlin recherchieren lassen, wann Frau Werneuchen dort abgefahren ist. Sie hatte tatsächlich den Nachtzug zu Freitag nach Regensburg benutzt. Eigentlich machte mich das ein wenig irre, denn die Tat war ja doch offenbar in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag geschehen. Dann aber dachte ich, daß Frau Werneuchen den Mord ja gar nicht selbst ausführen wollte. Sie hatte Bensch dazu bestellt, und wollte sich am nächsten Tag nur vergewissern, ob es geschehen ist. Es schien mir aber alles auf die Situation in dem kleinen Café anzukommen. Heute nachmittag war ich noch einmal dort draußen und habe mich an Ort und Stelle davon überzeugt, daß jemand, der hinter dem Tischchen saß, jeden Eintretenden unter allen Umständen bemerken mußte.« Nach diesen Ausführungen sagte niemand ein Wort »Das ist ja so ... so entsetzlich!« rief Gerda auf einmal unter ihren Tränen aus. Die drei wandten überrascht die Köpfe nach ihr hin. »Das ist ja das Entsetzliche!« Sie blickte wild um sich. »Als Sie anfingen zu fragen, ging es mir auf einmal auf. Ich saß ja gar nicht dort! Wir hatten ja die Plätze gewechselt, weil mich das helle Licht vom Fenster bei meinen verweinten Augen blendete. Ich saß ja zuerst gegen das Fenster. Ich habe ja wirklich nichts gesehen!« Die drei Männer sahen sich sprachlos an. »So mußte es kommen!« rief Gerda. »So mußte es kommen! Er ließ ja keine Ruhe! Ich habe es immer gefürchtet. Er mußte Ernst Alexander ermorden lassen, weil er ihm im Wege war. Er wußte ja, daß ich ihm nie gehören würde, solange Ernst Alexander lebte! Aber auch dann nicht! O Gott, auch dann nicht!« »Hatten Sie ihm denn von der Regensburger Verabredung mit Herrn Werneuchen geschrieben?« fragte Neumann. »Ja, ich hatte ihm geschrieben. Ich hatte ihm geschrieben, daß ich meinem Mann alles sagen würde und daß ich in Regensburg alles daransetzen würde, Ernst Alexander zu versöhnen. Das hatte ich ihm geschrieben, und deshalb hat er ihn ja umgebracht. Und ich habe noch mit ihm zusammengesessen und habe ihm die Hand gegeben, und dabei hatte er meinen Mann schon ermorden lassen! O Gott! Und der Mörder war hinter meinem Rücken vorbeigegangen, und ich hatte nichts gesehen!« Sie sank wieder auf ihren Stuhl zurück und fiel in leises Wimmern. »Reuschhagen!« Als erster sprach der Kommissar diesen Namen aus, und die anderen wiederholten ihn mechanisch. Weshalb hatte man nicht gleich an diesen Mann gedacht? Es war doch alles so klar! Kein anderer als der kleine Musiker konnte den Mörder gedungen haben. Dreiundzwanzigstes Kapitel »Da! Dal« sagte Kamp plötzlich und wies mit der Hand auf den Schreibtisch des Kommissars. Über die Bilder des Ermordeten hatte Leuthold die Zeitung gebreitet, die die ersten Nachrichten von Werneuchens Tod brachte. Auf der Hinterseite des Blattes, die jetzt obenauf lag, war in großen Buchstaben der Name Reuschhagen zu lesen. Er bedeckte gerade die Todeswunde. »Was ist das?« Sie nahmen das Blatt hoch. Es war die Anzeige, daß Ulrich Reuschhagen, der große weltberühmte Virtuose, heute abend in der Tonhalle ein Konzert gab. »Ist das –« »Es ist der Vater!« »So wird er heute abend sicherlich in das Konzert gehen?« Kamp zuckte die Achseln. Wer konnte wissen, wie die Zeitungsnachrichten auf Reuschhagen eingewirkt hatten? Rechnete er mit der Möglichkeit, daß man ihm auf der Spur war? Darauf kam es an. »Er geht in das Konzert!« sagte Gerda. »Er geht ganz sicher in das Konzert! Aber, mein Gott, Sie können ihn doch nicht in dem Konzert seines Vaters verhaften!« »Weshalb nicht?« sagte der Kommissar. »Jetzt muß er verhaftet werden, wo wir ihn finden.« Er sah nach der Uhr. »Vielleicht ist Reuschhagen überhaupt schon längst mit seinem Vater zusammen und gar nicht in der Wohnung? Er wird ihn doch wohl in das Konzert bringen? Gnädige Frau, wissen Sie etwas über seine Gewohnheiten in einem derartigen Falle?« »Er holt ihn aus dem Hotel ab und geht mit ihm zur Tonhalle. Dann wird er im Saal sitzen und nach dem Konzert in das Künstlerzimmer gehen, und dann werden sie alle mit einigen Freunden in eine Weinstube fahren.« »Sie sind selbst bei solchen Gelegenheiten öfter dabei gewesen?« »Ja,« sagte Gerda, »sehr oft. In Berlin und auch hier.« »Es ist also zweifelhaft, ob wir ihn noch in seiner Wohnung finden. Jedenfalls muß auch das versucht werden.« Sie beschlossen, daß der Kommissar, Wachtmeister Neumann, Kamp und zwei Mannschaften mit Handfesseln zunächst in der Wohnung Reuschhagens versuchen sollten, ihn zu kriegen. Falls er nicht mehr dort war – denn es war inzwischen nach sieben Uhr geworden –, sollte man zur Tonhalle fahren. »Und Sie, gnädige Frau?« Der Kommissar gab Kamp einen Wink, durch den er ihn aus dem Zimmer bat. »Sie müssen mit der Frau zusammen bleiben«, sagte er draußen zu ihm. »Ich traue ihr nicht so völlig, daß ich sie jetzt schon aus den Augen verlieren möchte. Bringen Sie sie in ihre Pension und bleiben Sie bei ihr, bis alles erledigt ist!« Der Student war damit einverstanden. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, daß sie nicht doch noch Reuschhagen einen Wink zu geben versuchte. Aber konnte sie eigentlich noch einen anderen Gedanken haben als das furchtbare Ende ihres Mannes? Schien sie nicht völlig vernichtet auf ihrem Stuhl zu sitzen? Wer würde jemals in diese Frau hineinzublicken vermögen! Noch heute abend konnte sich alles entscheiden. Er stellte sich Reuschhagen vor, wie er seine Aussage zu Protokoll gab. Was würde man hören? Vielleicht würde er aussagen, daß ihn Gerda nicht einmal, sondern unzählige Male beschworen habe, Werneuchen zu beseitigen oder durch Bensch beseitigen zu lassen? Daß sie, im Einverständnis mit ihm, den unglücklichen Mann nach Regensburg gelockt habe? Aber mußte nicht wieder der Umstand, daß er die Aussage verweigert und Gerda dadurch zum Äußersten getrieben hatte, dagegen sprechen? Vielleicht war es gerade umgekehrt, wie es jetzt, nach Gerdas Aussage, erschien? Vielleicht war Reuschhagen nur das Mittel, dessen sich Gerda bedient hatte, um ihren Mann umzubringen? Vielleicht war es Reuschhagen, der sich im Bann dieser Frau alle Jahre hindurch wand und sich von ihr zu allem, selbst zum Mord, treiben ließ? Und vielleicht betrog sie ihn jetzt gerade um den Siegespreis? Man kam bei dieser Geschichte aus den Vermutungen nicht heraus. Aber mußte nicht die Aussage Reuschhagens die lange gesuchte Klarheit bringen? Wie würde es sein, wenn die beiden, Reuschhagen und Gerda, vor den Gerichtsschranken sich gegenüberstehen würden. Wenn der Musiker ihr zuschrie: »Du, du? Du hast mich ja die ganzen Jahre hindurch gebeten, ihn umzubringen!« Und sie dann weinend das Gegenteil beschwor, als verfolgte arme Frau in ihren Stuhl zurücksank, das Gesicht mit den Händen bedeckte und wieder eine ihrer rührenden, erschütternden Geschichten erzählte? Wie würde das sein? War es etwa nicht möglich, daß es so kam? »Sie müssen also mit der gnädigen Frau vorausfahren, und wir kommen dann nach«, sagte Leuthold. Sie gingen wieder hinein. Gerda hatte sich schon erhoben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Neumann war wieder in seine Ecke gekrochen und schien in den Anblick der statistischen Tabelle vertieft. Kamp, der ihn jetzt kannte, glaubte aus seinen Zügen herauszulesen, daß er seine Zweifel über die Frau teilte. Das Zimmer war noch voll von der Spannung der letzten Stunden. »Gehen wir?« fragte Gerda und blickte sich nach Kamp um. Man sagte ihr, daß der Student sie nach Hause begleiten würde. Sie nickte. Sie hatte es sich schon gedacht. »Ich muß noch beobachtet werden, nicht wahr?« sagte sie und lächelte ein wenig. »Um Gottes willen!« beeilte sich der Kommissar ihr zu versichern. In zwei Minuten saß Kamp mit Gerda im Auto. Sie sprachen kein Wort, bis sie den Sendlinger Torplatz hinter sich hatten. »Die anderen kommen hinter uns her?« brach Gerda endlich das Schweigen. »Ich glaube, Sie wollen versuchen, Reuschhagen in seiner Wohnung zu fassen.« »Er wird schon zu seinem Vater gegangen sein!« »Nun, man wird sehen.« Sie waren angelangt. Als sie ausstiegen und Kamp den Kutscher bezahlte, öffnete sich die Tür des Hauses und Reuschhagen kam heraus. Er rauchte eine Zigarette und trällerte vergnüglich vor sich hin. Als er die beiden sah, wurde er formell und grüßte schweigend. Dann ging er die Straße hinunter nach der Stadt zu. Was macht man jetzt? schoß es dem Studenten durch den Kopf. Ob man versuchen sollte, ihn anzuhalten, bis die Polizisten kamen? Oder sollte man ihn mit Gewalt festnehmen? »Reuschhagen! Reuschhagen!« rief er hinter ihm her. Der kehrte sich um, grüßte noch einmal korrekt zurück und ging in verstärktem Tempo weiter. »Er hat keine Zeit«, sagte Gerda. »Er muß doch rechtzeitig seinen Vater abholen.« »Glauben Sie, daß er wirklich ins Konzert geht? Rechnet er gar nicht damit, daß er in den Verdacht der Beihilfe zum Morde kommen könnte?« »Nein, er geht zu seinem Vater. Wer will ihm auch schließlich etwas nachweisen? Der eigentliche Täter ist doch Bensch. Wer will es beweisen, daß Reuschhagen ihn angestiftet hat? Mir läge ja sehr viel daran, daß der Fall völlig geklärt wird. Aber ich glaube nicht, daß es möglich sein wird. Auch wenn man schließlich Bensch findet. Und wenn Bensch vor Gericht aussagt, daß Reuschhagen ihn angestiftet hat, so wird Reuschhagen das Gegenteil behaupten. Man wird nichts beweisen können. Man könnte ebensogut behaupten, daß ich hinter dem Mord als Anstifter stehe.« »Auch das ließe sich nicht beweisen!« sagte Kamp mit merklicher Betonung. »Nein«, sprach sie wie in Gedanken vor sich hin, sah dann aber den Studenten auf einmal erstaunt an. »Sagen Sie, Herr Kamp,« fing sie nach einer Weile wieder an, »glauben Sie auch jetzt daran, daß der Schatten eines Verdachtes mich noch streifen kann? Halten Sie es jetzt noch für möglich, daß ich bei der Ermordung meines – bei der Ermordung Werneuchens irgendeine Rolle gespielt habe?« Sie war auf dem Treppenabsatz stehengeblieben und sah ihm bei dem Licht der Flurlampe scharf in die Augen. »Glauben Sie das noch? Sagen Sie kurz nein oder ja.« Er gab ihr den Blick zurück. »Ich weiß nicht!« sagte er zögernd. »Sie halten es für möglich?« »Ja!« sagte er mit schärferer Betonung. »Ich halte es auch für möglich, daß Sie eben noch mit dem Gedanken gekämpft haben, Reuschhagen zu warnen. Als er an uns vorüberging, überlegten Sie sich, ob Sie nicht warnen sollten. Sagen Sie es offen, gnädige Frau!« Sie sah ihn entsetzt an. »Sind Sie verrückt?« fragte sie dann. In diesem Augenblick kam unten ein Auto vorgefahren, und sie hörten die Polizisten hinaufkommen. Es waren vier. Vornweg stiegen Leuthold und Neumann die Treppe hoch. Hinter ihnen kamen zwei Männer, ebenfalls in Zivil. Kamp verständigte sie, daß Reuschhagen eben an ihnen vorbei in die Stadt gegangen wäre. »So müssen wir ihn also im Konzert verhaften!« »Wenn er wirklich dort ist!« warf Kamp ein. »Vielleicht hat er schon Verdacht geschöpft. Vielleicht – –« Er wollte sagen, daß ihm Gerda auch vielleicht einen Wink gegeben hatte, unterdrückte es aber noch im letzten Augenblick. Sie hatte seinen angefangenen Satz verstanden und warf ihm einen Blick zu. Was für einen Blick? fragte sich Kamp. Wie ein gehetztes Tier oder wie eine feindliche Schlange? Er konnte ihn aber bei der schwachen Treppenbeleuchtung nicht deuten. Vielleicht aber war alles Unsinn, was er sich zusammengefaselt hatte, und es verhielt sich genau so, wie Gerda es darstellte. Weshalb verfolgte er diese Frau mit seinen Zweifeln? Elmas wegen! schoß es ihm durch den Kopf. Er wollte, daß sie schuldig war, um Elma von ihr zu lösen. Deshalb! Aber vielleicht bin ich wirklich verrückt! Vielleicht sehe ich wie Werneuchen überall Gespenster! »Wir müssen also damit rechnen, daß wir Reuschhagen nicht im Konzert vorfinden. Dann wird er jedenfalls noch einmal in seine Wohnung zurückkehren. Wir müssen sie also unauffällig bewachen. Also müssen wir einen Mann unten im Hausflur postieren, der ihn hereinkommen läßt, und zwei Mann oben, die ihn empfangen. Dann wäre ich dafür, daß Herr Neumann sich mit Herrn Kamp – Herr Kamp, würden Sie das im Interesse der Sache tun? – in die Tonhalle begibt und Reuschhagen dort festzunehmen versucht Möglichst unauffällig! Und die gnädige Frau begibt sich jetzt wohl am besten in ihr Pensionat. Und, gnädige Frau, verzeihen Sie, wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie das Pensionat bis auf weiteres nicht verlassen würden, damit wir Ihnen Nachricht zukommen lassen können.« »Ja,« sagte Gerda, »ich verstehe!« Sie öffnete mit dem Schlüssel die Tür der Pension, in deren Höhe man sich gerade befand. Kamp brannte darauf, mit ihr hineinzugehen, um Elma zu sprechen. Aber Gerda hatte die Tür schon hinter sich zugezogen und geschlossen. Sie tat es mit einer Betonung, als wollte sie für immer den Trennungsstrich zwischen sich und ihm ziehen, der ihr jetzt noch zu mißtrauen wagte. Er stand mit den Beamten draußen. »Kommen Sie bitte doch noch einmal bis zu der Mansarde hinauf, forderte Leuthold ihn auf. »Sie sind ja heute nachmittag schon oben gewesen und kennen die Tür.« Sie stiegen die fünfte Treppe hoch. Wie er darauf kam, war ihm unerfindlich. Vielleicht war es nur die allgemeine unheimliche Stimmung des Treppenhauses oder die Erinnerung daran, wie er heute nachmittag hier hinaufgegangen war. Jedenfalls legte er auf einmal den Finger an den Mund und gebot Stillschweigen. Die Männer verstanden sofort und wurden unhörbar. Hier oben brannte kein Licht mehr. Einer der Polizisten ließ seine Taschenlampe leuchten. Da lag die Tür, die zu Reuschhagens Wohnung führte. Genau wie am Nachmittag war es. Das Porzellanschild mit dem Namen schimmerte im Halbdunkel. Von unten drangen die Töne eines abgespielten Klaviers und die Fetzen einer Unterhaltung herauf. Sie hielten einige Sekunden still. Kamp winkte den Kommissar und den Wachtmeister herbei. Sie traten leise an die Tür. Weshalb tue ich das bloß? fragte er sich selber, aber es war, als ob eine unsichtbare Stimme ihn trieb: er drückte auf die Glocke. Nichts rührte sich im Innern. Natürlich nicht. Reuschhagen war ja nicht zu Hause. Er klingelte noch einmal. Im Innern hörte man das schnarrende Geräusch. Und jetzt knackte eine Diele und leise, ganz leise Schritte tappten heran. Er legte das Ohr an die Türfüllung und hörte wieder jenes leise Atmen drinnen. Da war doch jemand! Sie hielten den Atem an. Kamp pochte gegen die Tür. »Zum Donnerwetter, Reuschhagen! Machen Sie doch auf! Ich höre ja, daß Sie zu Hause sind! Machen Sie doch auf! Hier ist Otmar Kamp. Ich muß Ihnen etwas sagen!« Aber innen blieb alles still. Nur war es, als ob ganz leise eine Tür geschlossen würde und wieder die Diele knarrte. Sie schlichen sich leise hinunter. »Dort oben ist jemand!« sagte Leuthold. »Vielleicht hat er eine kleine Freundin bei sich, die nicht zu öffnen wagt? Oder ein Freund schläft auf seinem Sofa?« »Ich weiß nicht«, sagte Kamp, »aber es ist so unheimlich, daß es heute nachmittag schon genau so war.« »Es kann aber auch eine Gehörshalluzination sein, denn das Geräusch war doch ganz leise! Nun, was es auch ist, wir werden die Tür bewachen. Jetzt gehen Sie in die Tonhalle!« Kamp und Neumann setzten sich in das Auto und rasten die Straße hinunter. Wenn der Beginn des Konzertes sich um eine Viertelstunde verspätete, konnten sie noch zur Zeit kommen. Aber es hatte bereits angefangen. Die Saaltüren waren geschlossen, und von innen kamen die Töne eines Klaviers. An der Kasse konnten sie aber noch Karten erhalten. »Wissen Sie,« sagte Kamp, »wir wollen uns vollkommen trennen. Nehmen Sie diese Karte in der achten Reihe, und ich nehme die in der vierten. Ich werde in der Pause versuchen, Reuschhagen anzusprechen. Natürlich dürfen wir jetzt auch nicht zusammen hineingehen.« Er sah auf dem Programm, daß das Konzert mit einer Beethoven sehen Sonate begann. Er wollte nach dem ersten Satz hineinschlüpfen. Neumann sollte erst nach der ganzen Sonate eintreten. Es war sonderbar, wie unsicher der Wachtmeister in diesem ihm unbekannten Milieu sich bewegte. Es störte ihn, daß er die Situation nicht überschauen konnte. Er hatte keinen Begriff von Sonaten und Pausen und Künstlerzimmern und mußte sich auf die Leitung des Studenten verlassen. Kamp brannte darauf, Reuschhagen zu sprechen. Vielleicht gab ihm ein Wort Aufschluß über alle seine Fragen. Er wollte ihn in der Pause anreden und über seinen Eindruck der Zeitungsmeldungen von Werneuchens Ermordung befragen. In der Pause würde Reuschhagen ja nicht zu seinem Vater in das Künstlerzimmer gehen. Neumann war mit allem einverstanden. Eine Verhaftung im Saal gedachte auch er zu vermeiden. Vielleicht fand man in der Pause Gelegenheit dazu. Jedenfalls wollten er und Kamp nicht ein Wort miteinander sprechen, falls Reuschhagen, wie es natürlich war, sie beobachtete. Wenn die Verhaftung bis zum Schluß des Konzerts noch nicht erfolgt war, wollten sie beide zum Künstlerzimmer gehen und Reuschhagen dort abfassen. Daß er dort sein würde, war als sicher anzunehmen. Als der erste Satz vorüber war, klemmte sich Kamp durch die halbgeöffnete Tür mit anderen Nachzüglern herein und blieb an der Wand zwischen den Stehplätzen stehen. Von hier konnte er den Saal am besten überschauen. Auf der vordersten Reihe, direkt unter dem Podium, saß Adalbert Reuschhagen neben einer Dame. Er hatte einen Smoking an und sah dreifach ausgeputzt aus. Gerade drehte er sich um und sah strafend zu den Zuspätkommenden herüber, die sich zwischen den Reihen drängten. Nein, dieser Mensch dachte nicht daran, daß er in einer Gefahr schwebte. Er war sicher, an ihn konnte nichts herankommen. Den Studenten bemerkte er zwischen den Stehenden nicht. Aber es war nicht einmal Reuschhagen, was Kamps Aufmerksamkeit sogleich auf sich lenkte. Es war der berühmte Virtuose, der auf dem Podium saß, die Hände im Schoß, und darauf wartete, daß wieder Ruhe eintrat. Welch ein Gesicht, mußte Kamp denken. Das Gesicht eines Knaben fast. Unschön, unregelmäßig, mit fast niedriger Stirn unter buschigem Haar, das tief in das Gesicht hineinwuchs. Mit einem eckigen Hinterkopf, auf dem die Haare abstanden. Der seltsame Kopf saß auf einem langen ungelenken Körper, der Mühe hatte, seine Gliedmaßen, diese viel zu langen Arme und Beine, unterzubringen. Unter Augenbrauen, die fast fehlten, blickten zwei Augen hervor, die wieder die eines Knaben waren, weich, träumerisch. Und doch ging ein ungeheurer Eindruck von der ganzen Gestalt aus. Kamp sah es sofort: dieser Mann machte sich nichts aus seinem Ruhm. Er ruhte nicht auf erworbenen Lorbeeren, er stand jedem Augenblick des Lebens neu und unbelastet gegenüber und mußte es Immer von neuem und von Grund aus bewältigen. Eine unglaubliche Frische hatte dieser Mann an sich. Die ganze Frische eines noch jungen Menschen, aber mit dem Können und der Kraft des Alters. Nichts besonders Feierliches war in seiner Art, und dennoch stand der ganze Saal in seinem Bann. Mit einemmal mußte Kamp sich fragen, ob dieser Ulrich Reuschhagen nicht die Macht war, die Gerda an seinen Sohn gebunden hielt. War es vielleicht der Bannkreis dieses Mannes, der sie die ganzen Jahre nicht losgelassen und immer wieder zu Adalbert zurückgezwungen hatte? War es diese abgehobene Atmosphäre, die sie festhielt, um deretwillen sie sogar den kleinen Schwätzer ertrug, weil er die Brücke zu dieser Welt bildete? Ihm fiel ein, wie sie auf dem Polizeibüro gesagt hatte, daß sie oft, in Berlin und in München, unter denen gewesen war, mit denen Ulrich Reuschhagen nach seinen Konzerten in einer Weinstube zusammen saß. Waren es vielleicht solche Abende, die sie alles vergessen ließen, was ihr von dem Sohn widerfahren war? Dachte sie vielleicht jetzt in ihrer Pension voll Sehnsucht an diesen Saal, an Ulrich Reuschhagen, suchte sich fern in die Atmosphäre dieses Menschen zu schwingen? Das, ja das konnte sein! Das war möglich! Nichts bürgerlich Moralisches, aber solche Wünsche, gerade diese Wünsche traute Kamp der unglücklichen Frau zu. Vielleicht war ihr alles sonst im Leben gleichgültig, und sie lebte nur auf, wenn Ulrich Reuschhagen am Flügel saß, oder auch sein Sohn ihr die Welt dieses Großen vortäuschen konnte. Er dachte daran, wie er Gerda kennengelernt hatte: wie sie in dem Saal der kleinen Dorfwirtschaft auf einem Stuhl saß, den sie sich aus einem Winkel hervorgezogen hatte, und dem Spiel Reuschhagens zuhörte. Vielleicht war das die Lösung ihres Lebensrätsels! Ulrich Reuschhagen begann wieder zu spielen. Kamp mußte sich sagen, daß er ein solches Klavierspiel noch nie gehört hatte. Die Sätze der Beethovenschen Sonate wogten vorüber. Mit ungelenken eckigen Bewegungen verließ Ulrich Reuschhagen das Podium, beachtete nicht den Beifallssturm, blieb eine Weile draußen, kam wieder, setzte sich mit leichter Verbeugung sofort an den Flügel und tauchte in die Welt Schuberts. Ein goldener ewiger Knabe, aber mit der Kraft eines Riesen. Selbst an diesem mit Spannung geladenen Tag vergaß Kamp minutenlang, weshalb er hier saß. Und wenn es ihm einfiel, dachte er zunächst an die Frau, die jetzt In ihrem Pensionszimmer saß und vielleicht mit jeder Faser ihres Herzens hierher verlangte und wußte, daß sich in dieser Atmosphäre gleich etwas Furchtbares ereignen würde. In der Pause war keine Gelegenheit, an Adalbert Reuschhagen heranzukommen. Er mußte sogleich in das Künstlerzimmer zu seinem Vater gegangen sein. Wenn doch der Platz in der ersten Reihe leer bliebe! mußte Kamp denken. Wenn doch Reuschhagen mißtrauisch geworden wäre und sich entfernt hätte, um niemals wieder aufzutauchen! Aber es war nicht. Kurz bevor der Meister auf das Podium kam, setzte sich der Sohn mit wichtigen Bewegungen auf seinen Platz. Kamp war nicht auf seinen Stuhl gegangen, weil er beide Reuschhagens von dem Stehplatz aus besser sehen konnte. Auch Neumann bemerkte er jetzt vornan stehend. Adalbert konnte nicht mehr entkommen. Mit einem Sprung wäre der Beamte bei ihm gewesen. Kamp bemühte sich, sich auf das Spiel zu konzentrieren. Aber es wollte ihm nicht mehr gelingen. Er fühlte die peinliche Szene von Reuschhagens Verhaftung herannahen. Wie ein Verräter kam er sich vor dem großen Virtuosen vor, der sich von keinem Unheil umlauert fühlte. Er zerbrach sich den Kopf, wie man alles einrichten konnte, um dem Vater nicht weh zu tun. Konnte man Reuschhagen festnehmen, ehe er das Künstlerzimmer betrat? Aber mußte denn der Vater nicht sofort alles erfahren? Sollte er seinen Sohn vermissen? Würde er nicht sofort nach ihm fragen? Kamp konnte nicht mehr zuhören. Wie würde jetzt alles kommen? Das Programm war zu Ende. Man klatschte, man raste. Die hinteren Reihen stiegen auf die Stühle. Man drängte nach vorn. Adalbert Reuschhagen stand zwischen den Klatschenden eingezwängt. Noch eine letzte Frist gab es: der Künstler erschien, setzte sich wieder und gab den zweiten und letzten Satz der Waldsteinsonate zu. Die meisten hörten ihn stehend, auch Adalbert stand, die Hände in den Hosentaschen, nickte manchmal, wenn ihm etwas gefiel. Kamp sah, wie der Wachtmeister im Gedränge die Tür zu gewinnen suchte, durch die Reuschhagen hindurch mußte. Es war so seltsam, dieses Konzert als Abschluß des aufregenden Tages, als Abschluß der ganzen letzten Tage, und vielleicht als Abschluß einer Begebenheit die sich über Jahre und Jahre hinzog. Mußte auch nicht in dem Leben des großen einsamen Menschen dort oben auf dem Podium dieser Abend einen furchtbaren Einschnitt bilden? Jetzt war das Rondo vorüber. Noch einmal rauschte der Beifall auf. Noch einmal stand Ulrich Reuschhagen auf dem Podium und verneigte sich. Die meisten wandten sich zum Gehen, der Saal entleerte sich langsam. Vorne waren die Bänke schon leer. Nur Adalbert Reuschhagen stand mit einigen Damen in Unterhaltung. Kamp sah, wie Neumann an der Tür wartete. Aber Reuschhagen ging nicht durch die Tür. Mit einem Satz sprang er auf das Podium und ging in das Künstlerzimmer hinein. Hatte er Wind bekommen? Man brauchte es nicht anzunehmen. Es konnte lediglich in der Absicht geschehen sein, auf dem schnellsten Wege zu seinem Vater zu kommen. Kamp und der Wachtmeister warfen sich einen Blick zu. Der Student hatte verstanden: Neumann wollte ebenfalls über die Bühne in das Künstlerzimmer vordringen. Kamp sollte von außen herum gehen, um Reuschhagen den dortigen Ausgang abzuschneiden. Er ging über die Garderoben und dann die kleine Treppe hinauf in den Raum, wo der Meister sein mußte. Eine Menge Menschen gingen vor ihm in die Höhe. Er sah in das Künstlerzimmer hinein. Ulrich Reuschhagen ragte dort mit durchgeschwitztem Kragen und munterem Gesicht und teilte Händedrücke aus. Der Sohn stand in der Nähe und sprach eifrig auf einige Zuhörer ein. Die Tür zum Saal war im Hintergrunde halb offen. Kamp sah den Wachtmeister hinter ihr warten. Von vorn strömten noch immer neue Menschen hinein, um dem Meister zu danken. Dachte Reuschhagen wirklich nicht an Fliehen? Wenn er nun plötzlich hier herausging, sollte Kamp sich ihm entgegenwerfen? Oder sollte er den Mörder Werneuchens entweichen lassen? Er ging noch einmal die Treppe hinunter und holte seine und Neumanns Garderobe. Es herrschte noch starkes Gedränge. Er mußte minutenlang warten, ehe er die Sachen herausbekam. Wenn Reuschhagen sich in dieser Zeit entfernte, so mochte er es tun. Aber Kamp ging die Treppe wieder hoch und hatte oben noch das gleiche Bild. Den Virtuosen, wie er Händedrücke austeilte, und den Sohn, wie er auf eine Gruppe von Menschen einredete. Es dauerte etwa zehn Minuten, dann verließen die meisten den Raum und gingen fort. Nur einige besonders nahe Freunde standen herum. Der Wachtmeister hinter der Tür hatte sich noch nicht gerührt. Jetzt band sich Ulrich Reuschhagen unter Scherzworten einen neuen Kragen um. Eine junge Dame hielt ihm den Frack, pflanzte sich vor ihm auf und knotete den Schlips zusammen. Es war klar, daß die Anwesenden erst mit dem Meister selbst fortgehen würden. Da trat Neumann unauffällig zur Tür herein, nahm Reuschhagen ein wenig zur Seite und flüsterte ihm einige Worte zu. Der junge Musiker sah ihn erstaunt an. Hatte er wirklich keine Ahnung? Neumann wies ihm einen Augenblick lang das Kriminalistenabzeichen vor. Nun fuhr ihm doch ein eisiger Schrecken über das Gesicht. Da drehte Ulrich Reuschhagen sich um und sah seinen Sohn mit einem fremden Manne stehen. Er ging näher. »Was gibt es?« fragte er. Kamp hörte, wie Adalbert dem Vater einige Worte zuwarf. Sie kamen zu dritt aus dem Zimmer. Der Meister warf die Tür hinter sich zu. Nun standen sie auf dem oberen Treppenabsatz zusammen: Vater und Sohn, und hinter ihnen Kamp und der Wachtmeister. »Adieu, Vater!« sagte Adalbert. Es klang ganz heiter, wie er es sagte. »Es wird doch nichts sein, mein Junge?« »Doch, Vater, etwas Schlimmes! Etwas sehr Schlimmes! Gerda Werneuchen!« Wie so ganz anders sah Adalbert Reuschhagen aus, als er vor dem Vater stand. Der Alte hatte sofort begriffen. Seine Züge schmolzen merkwürdig zusammen. Ein ungeheures Weh ergoß sich über sein Gesicht. »Junge!« sagte er. »Gehst du von mir?« »Ich gehe von dir, Vater! Habe Dank für – alles!« »Junge! Junge!« Der Alte nahm den Sohn und umarmte ihn. Hierbei sah das Gesicht Adalberts schon wieder aus, als mache er sich im Innern über den gefühlvollen alten Herrn lustig. Ulrich Reuschhagen aber preßte ihn in wehem Schmerz an sich, küßte ihn auf Mund und Stirn. Er hatte begriffen, daß er für immer Abschied von seinem Kind zu nehmen hatte. Er hielt den Jungen umschlungen. Aber vielleicht umarmte er nur das Idealbild, das er sich von einem Sohn gemacht hatte und das nun in alle Winde zerstäubte. »Leb' wohl, Adalbert!« Er ließ ihn los. Sein Gesicht war seltsam alt geworden. »Rasch meine Sachen! Ein Auto!« herrschte er den blonden Studenten an. Er selbst klammerte sich an die Treppe. Es war ihm unmöglich, in das Künstlerzimmer hineinzugehen, Kamp machte die Tür auf. Zehn fragende Augen starrten ihn an. »Was ist los?« »Etwas mit dem Sohn«, stammelte er. »Der Meister will seine Sachen haben!« Man reichte ihm Hut, Mantel und Stock. Niemand fragte ihn mehr und niemand folgte ihm, als er hinauseilte. Man wollte den Meister draußen nicht stören. Kamp reichte ihm die Sachen. Er nahm sie und ging wortlos die Treppe hinunter. Nicht einen Blick mehr warf er auf den Sohn, der bleich neben dem Kriminalbeamten dastand. Als der Alte verschwunden war, sagte Reuschhagen: »Kommen Sie!« und ging langsam die Treppe voran. Es war wohl noch der Bannkreis des Vaters, der ihm Haltung gab. Sie saßen im Auto. Als der Wagen sich in Bewegung setzte, zog Neumann die Handfesseln hervor, um sie ihm anzulegen. »Wozu eigentlich?« fragte Reuschhagen. Im Nu hatte er einen Revolver aus der Tasche gezogen, hielt ihn gegen die Schläfe und drückte ab. Der Knall zersprengte fast den kleinen Raum und füllte ihn im Handumdrehen mit Rauch und Gestank, Der Kutscher hielt mit einem Ruck. »Bis zur Laterne!« rief Neumann. Sie rissen die Türen auf, zerrten das Gesicht ans Licht. Ein wenig Blut sickerte unter der linken Schläfe hervor, das war alles. Sie sahen in ein eisiges, schweigendes Antlitz ohne Ausdruck. Selbst die Augen hatte der Tote geschlossen. Neben der Laterne stand auf einmal Ulrich Reuschhagen mit dem breiten Hut und dem schwarzen Mantel. Er beugte sich über das Gesicht des Toten, sah einen Augenblick hinauf und ging schweigend davon. »Wir wollen ihn in seine Wohnung bringen«, sagte Neumann. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Unten im Hausflur trafen sie auf den Sipomann, der als Wache ausgestellt war. Er half ihnen die Leiche heraustragen. Sie die fünf Treppen hinaufzuschaffen, waren sie zu wenige. Kamp ging hinauf, nm Hilfe zu holen. In der Tür des Pensionats standen Gerda und Elma. Sie hatten das Auto kommen hören. »Er ist tot!« sagte Kamp. In Gerdas Augen hatte er es aufblitzen sehen. Mit einemmal fiel ihm ein, wie Reuschhagens Tod auf sie wirken mußte. Es war sein Schuldbekenntnis gewesen. Niemand konnte nunmehr behaupten, daß sie ihn zu seinem Verbrechen angestachelt hatte. Sein Tod wischte jeden Verdacht von ihrer Gestalt fort. Nur ihm, Kamp, würde nun niemand mehr Antwort auf seine Frage geben. Nie würde er erkennen, ob sie Werneuchens Tod gewollt hatte, oder ob er ihr nur gelegen kam, oder ob sie um ihren Mann im Herzen trauerte. Nie mehr würden ihn nun, wenn er an sie dachte, Werneuchens Worte verlassen: »Sie wird ihre Rolle als Witwe herrlich spielen!« Aber vielleicht wußte Werneuchen selbst nicht, ob er damit einmal recht haben würde. Der Kommissar kam mit leisen Bewegungen die Treppe heruntergeschlichen und beschwor sie, still zu sein. »Der Mensch da oben ist wieder hinter der Tür!« sagte er. »Ist Reuschhagen gefangen?« Kamp flüsterte ihm das Vorgefallene zu. Leuthold nickte. Neumann kam ebenfalls schon die Treppe herauf. »Wir müssen die Wohnung aufbrechen. Es hilft nichts.« Sie gingen leise hinauf. Wer mochte dort hinter der Wand stehen? Mit lautlosen Bewegungen schlich sich der Student an die Tür. Kein Zweifel, dort atmete jemand. Kamp drückte auf den Klingelknopf. Wieder hörte man das Schnarren der Schelle im Innern. »He, Reuschhagen! Machen Sie auf! Ich höre doch, daß Sie zu Hause sind!« Keine Antwort kam. Kamp hämmerte mit Fäusten gegen die Tür. »Reuschhagen, he!« Nichts rührte sich im Innern. Nur der Atem rasselte ein wenig heftiger. »Nun, dann müssen wir das Mädchen etwas erschrecken!« sagte Leuthold und kommandierte: »Los!« Eine Fackel flammte auf. Lange Schatten stoben zur Decke empor. Eine Axt krachte gegen die Türfüllung. Splitter flogen. Die Lichtkegel zweier Taschenlaternen kreuzten sich in einem dunklen Loch. Eine große schwarze Gestalt stand da, aufrecht, mit erhobenen Armen. Kamp stürzte auf sie zu. Wer war das? Von einem Faustschlag getroffen, taumelte er zurück. »Bensch!« schrie er entsetzt. Ein Wirrwarr von ringenden Leibern, herabsausenden Fäusten. Die Gestalt knickte in die Knie, ächzte und schlug dröhnend zu Boden. In den unteren Stockwerken wurden Türen aufgerissen. Rufe platzten nach oben. Auf einmal war Helle von elektrischem Licht, eine Tür tat sich auf. Kamp sah alles wie im Nebel. Habe ich einen Schlag bekommen? dachte er. Das Zimmer begann sich zu drehen. Oder vielleicht war es nur, weil zuviel auf ihn eingestürmt war? Er sah, wie Reuschhagens Leiche durch die Tür gebracht wurde. Er sah, wie Elma vor dem gefesselten Bensch stand und ihn anstarrte. Dann schlugen seine Gedanken über ihm zusammen. Alles verging in einem seltsamen Brausen. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Sofa in Gerdas Zimmer und blinzelte mit den Augen in eine Stehlampe, die auf dem Tisch brannte. Gerda und Elma saßen auf Stühlen daneben. Er war neugierig, was sie tun würden, und beobachtete sie eine Weile. Aber sie saßen nur still und sahen vor sich hin. Wie lange hatten sie schon so gesessen? Wie kam er hierher? Aber dann besann er sich auf alles. Er räusperte sich. Die beiden sahen auf. Er merkte, daß er ein nasses Tuch auf dem Kopf hatte. »Ist Bensch gefangen?« Ja, Bensch war gefangen und bereits in das Gefängnis transportiert. Vierundzwanzigstes Kapitel Am nächsten Vormittag ging Otmar Kamp auf das Polizeipräsidium. Vor dem Zimmer Leutholds saß auf einer Bank ein junges Mädchen, in Tränen aufgelöst. Neben ihr versuchte ein junger Mann vergeblich, sie zu trösten. Er klopfte Und trat zu dem Kommissar ins Zimmer. Der telephonierte und winkte ihm zu. Leuthold machte sich Notizen auf den Block, den Kamp wiedererkannte. Er wartete mehrere Minuten, bis das Gespräch zu Ende war. »Sie wünschen, Herr Kamp? Ach so, ja, Sie wollen natürlich wissen, was der Bensch ausgesagt hat. Aber die Akten sind schon beim Untersuchungsrichter. Ganz offen gesprochen, ich habe die Sache nicht mehr so im Kopf. Sehen Sie, da ist eine Leiche am Ammersee angeschwemmt. Wahrscheinlich Verbrechen aus Eifersucht. Neuer Fall! Glauben Sie, daß die Karre je stillsteht? In einer Stunde muß ich mit Neumann hinausfahren, und bis dahin sind Protokolle anzufertigen. Adieu, Herr Kamp. Hat mich sehr gefreut« Als er das lange Gesicht des Studenten sah, fiel ihm ein, daß er Neumann bitten konnte, ihm über die Vernehmung Benschs zu berichten. Er ließ den Wachtmeister kommen. »Können Sie Herrn Kamp von Bensch berichten? Haben Sie es noch im Kopf? Ich muß einmal in den Aktensaal hinübergehen. Bitte, das Zimmer steht Ihnen zur Verfügung. Auf Wiedersehen, Herr Kamp.« In der Tür aber hielt er noch einmal an. »Wissen Sie, Herr Kamp,« sagte er, »wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer sehr klug. Sie werden sich jetzt im Kopf unsere einzelnen Maßnahmen vornehmen und werden zu dem Ergebnis kommen, daß wir Kriminalisten eine Bande von Schafsköpfen sind. Sie werden uns alle Fehler nachrechnen, die wir in Ihrem Fall gemacht haben, und herausbekommen, daß Sie selbst viel besser gearbeitet hätten. Aber zum Schluß, sehen Sie, kriegen wir ja in den meisten Fällen doch noch immer alles heraus, und unsere Methoden sind vielleicht nicht so schlecht, als sie manchmal scheinen. Also, leben Sie wohl, Herr ... wie heißen Sie doch gleich? Richtig, Herr Kamp!« »Was hat er?« fragte Kamp den Wachtmeister. »Was er hat?« sagte dieser in seiner stillen Art. »Er ist bereits von einem neuen Fall in Anspruch genommen, und von dem Fall Bensch ist ihm wohl im Augenblick hauptsächlich unser erstes verunglücktes Rennen im Gedächtnis. Deshalb entschuldigt er sich gewissermaßen.« »Ich weiß nicht Herr Neumann, ob Sie unseren Fall nicht vielleicht auch schon halb vergessen haben.« »Nein, Herr Kamp. Ich habe mich mit der Wasserleiche im Ammersee noch nicht beschäftigen dürfen, und dann waren da einige psychologische Momente, die mir den Fall Werneuchen unvergeßlich machen.« »Glauben Sie, daß er nun restlos aufgeklärt ist?« »Er ist so aufgeklärt, wie er je aufgeklärt werden wird. Ein Rest bleibt fast immer übrig.« »So empfinden Sie auch hier einen Rest der zurückgeblieben ist? Ich glaube, die Motive der Tat liegen klar zutage. Der Mörder ist gefaßt und doch wohl geständig.« »Ja, er hat gestanden.« »Der Anstifter hat sich bei seiner Verhaftung das Leben genommen und also auch seinen Anteil zugegeben. Was also bleibt da noch übrig?« »Ich bin mir über die Motive zu dem Selbstmord des Herrn Reuschhagen nicht recht klar«, sagte der Wachtmeister. »Aber ich langweile Sie mit diesen Sachen. Denn wahrscheinlich ist alles sehr schön klar, und es sind nur ganz technische und fachmännische Bedenken, die ich habe.« »Sie meinen, daß der Selbstmord gewissermaßen aus – aus Ritterlichkeit begangen sein könnte?« Der Wachtmeister sah den Studenten erstaunt an. »Vielleicht!« sagte er. »Aber ich glaube, wir lassen diese Kombinationen. Sie wollen wissen, was Bensch ausgesagt hat. Bensch ist genau so, wie ich es mir gedacht habe!« Bensch hatte bereits mehrfach wegen Diebstahls und Gewalttätigkeiten im Gefängnis gesessen. Er war durchaus ein »schwerer Junge«, und dennoch war er nicht so schlimm, wie man ihn sich vielleicht vorstellen konnte. Übrigens hieß er nicht Bensch, sondern irgendwie anders. Den Namen hatte Neumann aber vergessen, und die Akten waren bereits im Justizpalast. Er war sogar in gewissem Sinne naiv und gutmütig. Wer ihn zu nehmen verstand, konnte alles mit ihm machen. Es war das schlimme, daß Werneuchen diese Kunst nicht heraus hatte, während Reuschhagen sie in hohem Grade besaß. Bereits bei dem Umzug nach München hatte Reuschhagen sich an Bensch herangemacht. Schon damals hatte er mit dem Gedanken gespielt, Werneuchen durch Bensch zu beseitigen. Dieser kleine, fixe Musiker, der so kalt und gefühllos schien, mußte eine rasende Leidenschaft zu Gerda gefaßt haben. »Ob Frau Werneuchen hier nicht vielleicht selbst ein Feuer angeblasen hat, dessen Flamme sie nachher erschreckte, lasse ich dahingestellt. Bensch jedenfalls behauptete, daß die Frau den Musiker ›verrückt gemacht‹ habe.« Reuschhagen hatte übrigens vor Bensch nicht die mindeste Angst, sondern unterhielt sich gern und in seiner Weise gemütlich bei einem Glase Schnaps mit ihm. »Wir waren schon damals Freunde«, hatte Bensch gesagt. Reuschhagen hatte dem Packer eine namhafte Summe ausgesetzt, falls dieser Werneuchen aus dem Wege räumte. »Versteht sich, wir sprachen nur so durch die Blume miteinander. Erst allmählich wurden wir deutlicher.« »Wie es gerade so kommt!« wollte Bensch auf das Ansuchen Reuschhagens geantwortet haben, ohne etwas zu versprechen. In den nächsten Jahren hatte der Packer Reuschhagen von Zeit zu Zeit in München aufgesucht und sich Geld geben lassen. Reuschhagen hätte über die Wiederkehr des Burschen genau so entsetzt sein können wie Werneuchen. Er nahm den Packer nur weniger ernst als Werneuchen dies tat. Als Bensch später zum zweitenmal in der Villa auftauchte, um Gerdas Möbel abzuholen, war er in der Tat von Reuschhagen geschickt worden. Der Musiker hatte ihm halb scherzend den Gedanken als guten Tip eingegeben, aber kaum anders, als man einen lästigen Bettler einem Bekannten zuschickt, den man nicht sehr gern hat. »Soll ich ihn – killen?« wollte Bensch damals gefragt haben. Der Musiker ging auf den anscheinenden Scherz ein, betonte aber, daß er Bensch im Augenblick dafür kein Geld geben könnte. Reuschhagen hätte es damals gern gesehen, wenn Werneuchen erledigt worden wäre. Offenbar hatte er sich über ihn geärgert. »Wenn es gerade so kommt«, wollte Bensch Werneuchen auch diesmal aus dem Wege räumen. Im entscheidenden Augenblick zog er es dann aber vor, einen kostbaren Koffer zu stehlen. Die Beute war über Erwarten groß. Bensch wollte das Geld sogar mit dem Musiker teilen, der sich damals mühsam durch Spielen in einem Kino über Wasser hielt. Im übrigen hatte Bensch es damals mehr auf das Silberzeug als auf Werneuchens Leben abgesehen. Reuschhagen selbst fühlte sich von Bensch an der Nase herumgeführt. Dann aber war es Bensch schlechter und schlechter gegangen, und so besann er sich, als er auf seinen zahlreichen Fahrten wieder einmal in München war, auf die Gelegenheit, eine größere Summe zu verdienen. Er suchte Reuschhagen auf und wurde von diesem eine ganze Weile in dessen Mansardenwohnung versteckt. In jener Zeit hatte Gerda sich von dem Musiker ein für allemal getrennt. Zuerst wollte Reuschhagen sich nur rächen und verweigerte vor dem Gericht die Aussage über seine Beziehungen zu Gerda. Als er aber sah, daß es ihr ernst damit war, sich mit Werneuchen auszusöhnen, trat er dem Gedanken, den verhaßten Nebenbuhler nun endlich zu beseitigen, näher. Er hatte durch Gerdas Brief Kenntnis von Werneuchens Reise nach Regensburg erhalten. Sie lauerten Werneuchen am Bahnhof auf. Bensch mußte mit nach Regensburg fahren und seinem Opfer dort auf Schritt und Tritt folgen. Noch immer glaubte Reuschhagen nicht recht daran, daß Bensch diesmal ernst machen würde, und Bensch nahm die ganze Geschichte ebenfalls nicht sehr ernst. »Sie kommen ja auch diesmal bloß mit einem Koffer zurück!« hatte Reuschhagen ihn gehänselt. Bensch aber verfolgte Werneuchen in Regensburg auf allen seinen Wegen. Er sah ihn über die Brücke auf das jenseitige Ufer gehen. Er sah ihn lange Zeit an der Stelle stehen, wo die Flüsse zusammenfließen, und dachte, daß man hier einen Menschen sang- und klanglos umbringen könnte. Im Parkhotel wäre er fast mit ihm zusammengestoßen, als Werneuchen unvermutet wieder heraustrat. Er sah ihn in den »Grünen Baum« gehen, und hier wäre es ihm beinahe zu langweilig geworden, und er wollte das Aufpassen schon aufgeben, als, nach Stunden, Werneuchen endlich doch noch herauskam, und das Unglück wollte, daß er wieder den Weg zur Brücke und zu jener stillen Stelle des Zusammenflusses einschlug. »Wenn er sich nicht gerade dorthin gestellt hätte, weiß ich nicht, ob alles so gekommen wäre«, hatte Bensch ausgesagt. Er sah ihn lange am Ufer stehen. Dann schlich er sich näher. Als Werneuchen zurückging, stand er auf einmal vor ihm. Werneuchen erkannte ihn sofort und stürzte sich auf ihn. »Wenn er das nicht getan hätte, würde man ja noch mit ihm verhandelt haben können. Aber er hatte zu große Angst vor mir. Er starrte mich so entsetzt an, daß ich ihn dann schon aus Mitleid umbrachte.« Es war sehr rasch gegangen. Mit einer Hand hatte er ihn an der Kehle gepackt, mit der anderen Hand stieß er ihm das Messer in das Herz. Das war der Augenblick, vor dem sich Werneuchen sein Leben lang gefürchtet hatte! Dann hatte Bensch den Toten unter die Laterne an der Ecke gezerrt und ihm die Taschen durchsucht. Alles andere ließ er ihm, bis auf das Geld und den Brief an Kamp. »Das Geld wäre zu schade gewesen, und mit dem Brief, da war ich zu neugierig, was darin stand. Ich schleppte ihn dann an das Wasser zurück und stieß ihn hinein. Ich hätte ihn eigentlich noch mit Steinen beschweren sollen, aber ich dachte: Ach was! Und da lag er auch schon drin.« Noch in derselben Nacht war Bensch nach München zurückgefahren. Reuschhagen hatte er von dem Brief nichts erzählt. »Erstens wegen der fünftausend Mark, und dann wollte ich mir doch ein bißchen ansehen, was da als trauernde Hinterbliebene zurückbleibt.« Reuschhagen wäre gar nicht sehr erfreut gewesen, daß Werneuchen nun tot war. »Jetzt wird Gerda erst recht nicht zu mir kommen!« soll er gesagt haben. »Es war eine große Dummheit!« Er versteckte Bensch wieder in seiner Wohnung, wie er es schon öfters gemacht hatte. Bensch sollte die Wohnung auf keinen Fall verlassen, aber er ging doch mehrmals aus. Wer kann mir etwas beweisen? dachte er. Am vorhergehenden Tag war er gerade über den Lenbachplatz gegangen, als er Gerda sah. Er hatte sie sofort erkannt, zumal da Reuschhagen ein Bild von ihr auf seinem Schreibtisch stehen hatte. Wirst doch mal sehen, ob der Herr Reuschhagen jetzt zu seinem Ziel kommt! dachte er und schlich sich vorsichtig hinter Gerda her. Von einer Verfolgung hatte er nichts bemerkt. Er ging hinter Gerda in das Cafe. Auf einmal sah er sie mit Reuschhagen sitzen. Reuschhagen machte ihm sofort ein Zeichen, zu verschwinden. Statt zurückzugehen, war er im Augenblick so verwirrt, daß er sich hinter Gerdas Rücken in das Kabinett begab. Durch das Fenster gelangte er ins Freie. Zu Hause erzählte ihm Reuschhagen dann, daß die Polizei hinter ihm her gewesen war. Von da ab ging er nicht mehr aus und ließ auch keinen Menschen in die Wohnung. »Aber Sie haben den Bensch dann doch gefunden!« sagte er zum Schluß. Gerade an jenem Tage hatten sich Reuschhagen und er vollkommen sicher gefühlt. Aus der Zeitung hatten sie gesehen, daß die Polizei auf einer falschen Fährte war. Dennoch wollte Reuschhagen nicht mehr recht froh werden. Er hatte eingesehen, daß die Ermordung Werneuchens ihn seinem Ziele um keinen Schritt näher gebracht hatte. »Deswegen hat er sich wohl auch gleich erschossen, als man ihn verhaftete. Sonst war er ein dreister Kerl, den man so rasch nicht ins Bockshorn jagen konnte!« Als man Bensch sagte, daß man ihn in der Wohnung gar nicht vermutet hatte, sondern gegen ihn am nächsten Tag einen Steckbrief erlassen wollte, hatte er traurig den Kopf geschüttelt und schließlich gesagt: »Das Leben mit einem Steckbrief ist auch nicht schön. Dann schon besser so!« Gedankenvoll ging Kamp aus dem Zimmer heraus, in dem er so schicksalsschwere Stunden verlebt hatte. Draußen saß immer noch das weinende Mädchen und der junge Mann versuchte immer noch, sie zu trösten. Was ist das alles! dachte er. Fall auf Fall geht hier vorüber, geistert einige Tage in der Luft und wird durch einen neuen Fall verdrängt. Schon wußte Leuthold nicht mehr meinen Namen, und morgen, nach dem Lokaltermin am Ammersee, wird auch Neumann ihn vergessen haben. Wir aber tun so, als ob sich die ganze Welt um uns drehen müßte. Und dabei ist doch nur ein einzelner Mensch ermordet worden, und im Grunde ist alles besser geworden, als es vorher war. Selbst Bensch hat sich mit seinem Schicksal abgefunden. Er nahm ein Auto, um in Gerdas Pension zu fahren. Er ließ es unten warten, denn vielleicht konnte er Elma zu einer Spazierfahrt bewegen. Seine Eltern mußten ihm für diesen Monat doch den Wechsel erhöhen. Der Vater würde schimpfen, aber man war nun einmal in ein tragisches Schicksal verwickelt worden. Er fand Elma allein. Gerda war zu dem Untersuchungsrichter gegangen, der sie um ihren Besuch gebeten hatte. Reuschhagens Leiche war in der Frühe abgeholt worden. »Kommen Sie, Elma, wir wollen ein wenig durch den Englischen Garten fahren.« Sie zog sich an und kam hinunter. Draußen sang der Frühling von allen Zweigen. Schon gestern war es so, als er zum Bahnhof gegangen war, um die Kriminalbeamten abzuholen. Welch herrliches Wetter würde Werneuchen für seine Tour durch Franken gehabt haben! Sie fuhren langsam die gleichen Wege, auf denen am Tage vorher Herr Direktor Goldschmidt von der Norddeutschen Im- und Exportgenossenschaft Fräulein Margot Liedtke spazierengefahren hatte. Die Blätter hatten sich ganz weit hervorgestreckt, die Wiesen leuchteten im neuen Grün, und mit dem Geläut der Glocken zog eine Kuhherde über den Rasen vor dem Monopteros. Unter den Büschen blühten die Krokusse auf, die Düfte stiegen in Schwaden himmelwärts, Vögel zwitscherten von allen Zweigen. Kleine Bäche rieselten über die Wege, auf denen sie fuhren, und der See leuchtete in frischem Blau durch die Bäume. »Daß ich das noch alles so genießen kann, macht mich froh und traurig zugleich«, sagte Elma. »Sie können ja noch nicht verstehen, wie mir zumute ist, Otmar.« Oh, wenn einer, dann er! rief er, da er doch alles Schwere mit ihr zusammen durchgemacht hätte. »Ach nein«, sagte sie. »Ich meine nicht das. Ich meine, daß ich nun so schön spazierenfahre, wo ich doch bald nur noch wenig werde gehen können. Und daß ich mich freuen muß, froh zu sein, weil ich nicht immer traurig sein darf, um das Kind nicht zu beschweren. Das meine ich.« Sie sprachen lange nichts von den letzten Tagen. Dann aber stieg doch ein Schuldgefühl in ihnen hoch, daß sie wieder leben wollten, als wenn nichts gewesen wäre, und er erzählte ihr von der Aussage des Packers Bensch. »Vielleicht ist es sehr schlimm,« sagte sie, »daß ich nicht mehr ganz parteiisch sein kann. Aber es ist wohl die gesunde Natur, die wieder zum Leben drängt. Ich sehe jetzt auch Bensch ganz anders. Vielleicht ist er gar kein Ungetüm. Man hätte es ihm bloß ordentlich sagen müssen, daß man keine Menschen totschlagen darf. Und wenn Ernst Alexander es ihm noch im letzten Augenblick gesagt hätte, so würde er ihm wahrscheinlich geglaubt haben. Er nahm das Ganze nur nicht so furchtbar ernst und dachte nicht, daß es auf einen Menschen mehr oder weniger so sehr ankommt. War er nun eigentlich eine furchtbare, feindliche Macht, die Werneuchens Leben seit Jahren umlauerte? Er war es, und er war es auch wieder nicht. Gewiß hat er ihn seit Jahren umlauert und ist immer wiedergekommen. Aber im Grunde wollte er gar nichts so Schlechtes. Er wäre zu besänftigen gewesen. Aber daß Ernst Alexander diese große Angst vor ihm hatte, das war das Schlimme. Er ist ermordet worden, weil er zu große Angst hatte, ermordet zu werden. Und das heißt eigentlich, daß er im Grunde ermordet werden wollte.« »Aber Reuschhagen?« warf Kamp ein. »Reuschhagen wollte ihn ja eigentlich auch nicht ermorden. Er spielte nur mit dem Gedanken, und glauben Sie mir, als er sah, daß es ernst geworden ist, ist er entsetzt gewesen. Auch er hatte das nur so hingesprochen. Aber das ist ja gerade das Fürchterliche, daß Menschen mit solchen Gedanken spielen. Dann steigt das Furchtbare auf einmal auf und wird Wirklichkeit. Wenn wir Menschen alle das Leben ganz ernst nähmen, würde niemand ermordet werden. Aber woher sollen die Menschen diesen Glauben haben, wenn immer wieder Kriege kommen und Millionen zum Töten und zum Sterben gezwungen werden?« »Ach, Elma,« sagte er, »wir haben nun etwas ganz Entsetzliches aus nächster Nähe mit angesehen, und jetzt sprechen wir so, als ob es etwas Entsetzliches gar nicht gäbe. Doch es gibt es! Es steigt immer wieder hoch und wird immer wieder da sein und sich auswirken. Denken Sie an den Augenblick, der Werneuchen sein ganzes Leben lang vor Augen stand: daß die feindliche Macht ihn einmal in einer stillen, finsteren Straßenecke überfallen wird. Ist das nicht genau so eingetroffen? Sie können ja nun sagen, daß es eingetroffen ist, weil er Angst davor hatte. Aber so einfach ist das nun doch nicht. Ist denn seine Angst nichts Wirkliches gewesen? Es gibt Menschen, die fühlen alles Schlimme, was eintreffen kann. Sie wittern den Fluch, der über der Schöpfung steht. Wir alle haben es manchmal, wenn wir nachts mit einem großen Schrecken aufwachen und uns die Haare zu Berge stehen. Das sind die Augenblicke, in denen auch wir fühlen, welche Untiere in den Höhlen des Lebens hausen, welche Schrecken wie unsichtbare elektrische Schlangen in der Luft liegen. Nein, wir wollen es nicht vorreden: es gibt unermeßliches Unglück in der Welt. Es lauert auf allen Wegen, es ist immer bereit, hereinzustürzen. In unser aller Seelengrund schläft diese Angst. Jeden Tag in jeder Stadt brennt es, und immer sind es Menschen, die davon betroffen werden. Jeden Tag, in jeder Stadt, stürzen Unglückliche, ertrinken, werden vergiftet, holen sich Krankheiten, sterben unter Qualen, und wir wissen nicht, welche Schatten diesen Begebenheiten vorausfliegen. Wir wissen nichts von den Kämpfen, die vielleicht alle Menschen gegen ihre Ahnungen und die schlimmen Anzeichen und Vorboten zu führen haben. Ich glaube, Elma, das Leben ist furchtbar!« Sie zeigte um sich auf den blühenden Frühling, der von allen Ästen jubelte. »Auch da, Elma! Wo Sie hinsehen, ist Kampf und Mord und Hungern und Gebären. Ich glaube, es ist immer nur eine ganz kleine und wenigen Lebewesen vergönnte Perspektive, aus der das Leben schön ist.« »Ein Hoch auf unsere heutige Perspektive!« sagte sie lächelnd. Er antwortete nicht mehr. Auf einmal sah er ihr fest ins Auge. »Werden Sie nun zu Gerda gehen?« »Ich wußte, daß Sie mich das fragen würden, Otmar. Ja, ich gehe zu ihr. Ob ich aber lange bleiben werde, das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen.« »Ich habe ihr vielleicht unrecht getan«, sagte er. »Aber ich kann mich nicht entschließen, sie um Entschuldigung zu bitten. Ich höre immer noch Ernst Alexanders Worte: sie wird ihre Rolle als Witwe herrlich spielen! Sind Sie sicher, daß sie niemals Reuschhagen beschworen hat, ihn umzubringen? Wissen Sie, ob sie nicht nur einmal, sondern ob sie nicht monate- und jahrelang auf seinen Tod gewartet hat, ob sie ihn nicht tausendmal gewünscht hat? Sagen Sie mir, was aus ihr geworden wäre, wenn Werneuchen nicht gestorben wäre? Ja, das sagen Sie mir einmal!« Er sah sie triumphierend an. Als sie schwieg, fuhr er fort: »Der Gedanke müßte doch entsetzlich für sie sein, daß sie durch Werneuchens Ermordung gerettet wurde! Stellen Sie sich das vor: Sie sind in einer furchtbaren Lage, aus der Sie nur ein großes Unglück erretten kann. Und nun passiert dieses große Unglück! Es passiert wirklich und wahrhaftig und reißt Sie aus allen Nöten! Was nun, Elma? Was nun? Würden Sie nicht vergehen vor innerem Zwiespalt? Würden Sie es aushalten können, vor den Menschen trauernd am Grabe zu knien, wo doch ein innerer Jubel in Ihnen ist und Sie eher danken und lobpreisen wollen als klagen? Und sagen Sie noch eines: halten Sie es für ganz ausgeschlossen, daß auch Reuschhagen ihr zur rechten Zeit starb?« Elma hatte den Kopf gesenkt. Kamp fühlte, daß sie sich selbst das alles schon gesagt und keine Antwort gefunden hatte. Auf einmal aber blickte sie ihn mit ihren großen blauen Augen an. »Ich habe es!« rief sie fast. »Ich habe die Antwort auf Ihre Fragen! Und sie lautet: Es soll jeder so gut sein, wie er kann !« – Zwei Tage später brachte Kamp die beiden Frauen zur Bahn. Auch der Untersuchungsrichter hatte ihnen unbedenklich die Abreise gestattet. Elma war noch einmal zu ihren Eltern gegangen, um sich von ihnen für lange Zeit zu verabschieden. Das geschah aber erst, nachdem Kamp ihnen den unweigerlichen Entschluß ihrer Tochter klargemacht hatte, nach Berlin zu der Witwe ihres toten Freundes zu ziehen. Zwischen Eltern und Tochter war über diesen Punkt nicht mehr gesprochen worden. Man trennte sich wie zu einer langen Reise, von der man eines Tages wieder zurück sein würde. Als der Zug sich in Bewegung setzte, winkte Kamp ihm noch lange nach. Es war gerade eine Woche her, seit er Werneuchen zur Bahn gebracht hatte. Dann setzte er sich in die Elektrische, um in der Türkenstraße ein Zimmer zu mieten, denn Herr Müller wollte endlich von seiner Villa in dem südlichen Vorort Besitz ergreifen. Kamp hatte seinen Koffer, das Bücherpaket – Werneuchens beide Tagebücher waren drin – und den gefüllten Rucksack am Bahnhof als Handgepäck abgegeben. Wenn er ein schönes stilles und lichtes Zimmer gefunden hatte, wollte er die Sachen durch einen Dienstmann holen lassen.   Ende