Multatuli (Eduard Douwes Dekker) Die Abenteuer des kleinen Walther Multatuli Unter dem Namen »Multatuli« (»ich habe viel getragen«) verbarg sich zunächst der Verfasser des »Max Havelaar«, der gewesene Assistent-Resident der Abteilung Lebak in der javanischen Provinz Bantam. Mit diesem einen Werke stellte sich im Jahre 1860 Eduard Douwes (spr. Dau's) Dekker (geb. 1820 in Amsterdam) an die Spitze der modernen holländischen Litteratur, und er hat dann den Namen beibehalten, unter dem er berühmt geworden war, obwohl bald aller Welt bekannt wurde, wer das Aufsehen erregende Buch geschrieben hatte, und was er damit bezweckte. Dekker war vierzig Jahre alt, als sein Erstlingswerk erschien. Er hatte sich früher schon litterarisch beschäftigt, ohne indessen auf diesem Gebiete Erfolge zu suchen. In einer unfreiwilligen Muße hatte er in jungen Jahren, 1843, auf Sumatra ein Theaterstück verfaßt, und es ist möglich, daß einige Anspielungen im »Havelaar« darauf zu deuten sind, daß auch kleine Erzählungen von ihm schon damals oder etwas später in holländisch-indischen Kolonialblättern veröffentlicht worden sind. Aber im übrigen hatte er sich beschränkt, seine Gedanken, seine Einfälle und dergl. für sich zu Papier zu bringen, und es waren anscheinend stattliche Sammlungen ungedruckter Manuskripte zustande gekommen. Die Entrüstung machte ihn zum Dichter und rief ihn vor die Öffentlichkeit, vor der ihn bis dahin eine gewisse Keuschheit der Seele hatte zurückbeben lassen. Dekker war, wie erwähnt, Kolonialbeamter in Niederländisch-Indien gewesen und hatte in einer hohen Stellung den Versuch gemacht, das javanische Volk von dem Druck der eingeborenen Häupter, die die niederländische Regierung aus Zweckmäßigkeitsgründen beibehalten hatte, zu befreien. Die Staatsräson, die Trägheit und Schlimmeres, die Mitschuld und der Eigennutz der hohen holländischen Funktionäre, waren gegen ihn und seine Bestrebungen gewesen. Er hatte in einem Augenblick des Mißmutes, der Empörung seinen Abschied erbeten und erhalten, sah aber natürlich bald ein, daß damit weder ihm noch den Javanern geholfen würde, und betrieb zunächst in Batavia, später in Holland seine Wiederanstellung. Er hatte auch Aussicht, aber die Verhandlungen zerschlugen sich hauptsächlich daran, daß die Regierung ihn nach Surinam schicken wollte, er aber die Genugthuung einer Wiederanstellung in Indien verlangte. Da gab er den »Max Havelaar« heraus, im Jahre 1860. Trotz des großen Erfolges, den dieses Buch hatte, gelang es Dekker nicht, auf einen grünen Zweig zu kommen. Allerlei widrige Umstände wirkten dazu mit, vor allem wohl, daß er immer noch nicht die Hoffnung aufgab, wieder in den indischen Dienst treten zu können. Erst allmählich sah Dekker ein, daß seine Hoffnung eine trügerische war. Seine Frau Everdine, eine geborene Baroneß Wijnbergen, in seinen Schriften meist »Tine« genannt, suchte ihn zu bestimmen, auf eigene Faust nach Indien zurückzukehren; sie hatte dort einflußreiche Verwandte, mit deren Hilfe der landes- und volkskundige Gatte sich eine selbständige Position hätte schaffen können. Aber Dekker ging darauf nicht ein. Er zog es vor, in Europa zu bleiben und den Beruf des Predigers in der Wüste zu wählen. Es folgten Jahre tiefsten Elends, während deren Dekker, von seiner Familie getrennt, bald hier, bald da fieberhafte Anstrengungen machte, sein Los zu verbessern. Ein ganzes Jahrzehnt und darüber ist Dekker aus den Sorgen kaum jemals herausgekommen. Seine Frau und seine Kinder, die zunächst in Indien zurückgeblieben waren, kamen nach Europa; aber es war nicht daran zu denken, den Hausstand wieder aufzurichten. Tine, Dekkers Frau, hielt sich meist in Brüssel, zeitweise auch in Gelderland bei Freunden auf, sie war sogar genötigt, die Hilfe ihrer Verwandten in Anspruch zu nehmen, die auf eine Trennung drangen, während Dekker selbst bei Zeitungen als Mitarbeiter anzukommen suchte, bald Bücher schrieb und als Redner auftrat, einmal zu Wiesbaden sogar im Hazardspiel sein Glück versuchte. In die Zeit der sechziger Jahre fallen folgende hauptsächlichsten Schriften Dekkers: »Zeige mir den Platz, wo ich gesät habe« (1861 zu Gunsten der notleidenden Bevölkerung javanischer Landstriche, die durch eine Wassersnot verheert worden waren), »Minnebriefe« (1861 zu Gunsten einer verarmten Familie), »Über freie Arbeit« (1861, eine Schrift über javanische Verhältnisse), »Gespräche mit Javanern« (1862) und andere kleinere Schriften, die später gesammelt, teils auch in die »Ideen« einverleibt worden sind. 1869 begann er seine »Millionen-Studien«, die aber erst später vollendet wurden. In den ersten sechziger Jahren wurden auch die »Ideen« begonnen, auf die wir noch genauer eingehen. Leider trugen ihm diese Schriften, die wir heute noch mit größtem Interesse lesen, kaum das dürftige Stück Brot ein, um nicht zu verhungern. Bei der Herausgabe des »Havelaar« war ihm ein Schriftsteller Jakob von Lennep behilflich gewesen; dieser hatte sich dafür aber das Autorrecht übertragen lassen, und jetzt weigerte er sich aus angeblich patriotischen Gründen, neue Auflagen herzustellen. Die ersten Hefte seiner »Ideen« wurden vom Publikum verschlungen, aber der ganze Überschuß floß in die Tasche des Verlegers, der Dekker ausbeutete. Einige Werke hatte Dekker, wie angeführt, von vornherein mit der Bestimmung in Druck gegeben, daß der Überschuß zu einem Zwecke der Wohlthätigkeit verwendet werden sollte. Der in seinen Hoffnungen gescheiterte Mensch, der genug mit eigenen Sorgen zu thun hatte, konnte nicht leben, wenn er nicht noch anderen wohlthun durfte. Zu allem Unglück fällt in diese Zeit auch noch die Bekanntschaft einer jungen Dame, einer Lehrerin aus dem Haag, die Dekker und seine Werke schwärmerisch verehrte, Mimi Hamminck Schepel. Aus der schöngeistigen Verehrung entwickelte sich bald infolge persönlichen Verkehrs ein regelrechtes Liebesverhältnis, gegen das die beiden Beteiligten wohl redlich angekämpft haben, das sie aber nicht überwinden konnten. Schließlich konnte seine Frau das nicht mehr ertragen, und sie sagte sich im Jahre 1870 von ihm los. Sie hat dann in Italien, bei einer Jugendfreundin, in einer Stellung etwa einer Gesellschafterin, bis 1874 gelebt. Mimi ist Dekkers zweite Frau geworden; sie hat die Briefe Dekkers (neun Bände) herausgegeben. Wenn man die begeisterten Schilderungen von dem innigen Familienleben gelesen hat, die Dekker in seinem Erstlingswerke gab, wenn man weiß, was die erste Frau Dekkers mit ihm getragen hat, und wie sie stets den Glauben an ihn behalten hat, so sehr man ihr auch von verwandter und befreundeter Seite zusetzte, so ist es eine peinliche Enttäuschung, wenn man erfährt, wie dies ideale Verhältnis geendet hat. Selbst die Kinder waren ihm schließlich entfremdet; der Sohn hat ihn später einmal besucht, aber zu einem herzlichen Verständnis ist es nicht mehr gekommen. In den siebziger Jahren besserten sich Dekkers Lebensumstände. Seine Bücher trugen ihm genügend ein, um gemächlich leben zu können; er hatte einen Verleger gefunden, der ihn reichlich honorierte. Seit 1870 hat er fast ununterbrochen in Deutschland gelebt, zunächst in Wiesbaden, später in Nieder-Ingelheim, wo er durch die Munificenz eines Verehrers seiner Werke ein Landhäuschen besaß. Einige Reisen brachten ihn wohl noch in sein Vaterland, er hielt dort wieder öffentliche Vorträge, wohnte der Aufführung seines Theaterstücks » Fürstenschule « bei und ordnete Geschäftliches mit seinen Verlegern. In diese Periode fällt auch die Fertigstellung seiner » Ideen «, die in sieben stattlichen Bänden vorliegen. Die letzten Jahre, etwa das ganze letzte Jahrzehnt seines Lebens, hat er nichts mehr geschrieben. Er lebte in gesicherten Verhältnissen still vor sich hin; die Nachbarn betrachteten ihn als einen Sonderling. Am 19. Februar 1887 ist er zu Nieder-Ingelheim gestorben. * Gehen wir nach dieser kurzen Skizze des Lebensganges Dekkers zu dem Werke über, das uns hier am meisten angeht: den »Ideen«. Wir können uns wohl vorstellen, wie sie entstanden sind. Dekker hatte frühzeitig eine stattliche Sammlung von allerlei Aufzeichnungen angelegt, zu seinem Vergnügen, oder um beim Schreiben selbst seine Gedanken zu klären. Das Paket Schriften mit einigen hundert Titeln, das er seinen »Shawlmann« (Havelaar) dem biederen Droogstoppel ins Haus schleppen läßt, war mehr als ein humoristischer Einfall. Er sagt einmal in den »Ideen«: »Die Liste der Stoffe in Shawlmanns Paket war nicht vollständig. Sie war länger und die Themen waren meist ausgearbeitet. Das Paket ist vielleicht in Straßburg verloren gegangen. Auch in Haarlem, Amsterdam, Brüssel mußte ich Koffer im Stich lassen, im Haag eine ganze Bibliothek.« Das ist etwa 1872 geschrieben, und aus einem seiner Briefe wissen wir, daß 1864 – der Arme führte damals in den Rheinlanden ein wahres Landstreicherleben – ihm die Kölner Polizei beinahe einen Koffer mit Manuskripten auf offenem Markte verkauft hätte, weil er eine Wirtshausschuld nicht begleichen konnte. Es ist also die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß noch gelegentlich einmal Schriften von Dekker sich auf irgend einem Hotelboden in den namhaft gemachten Städten vorfinden könnten. Vergleichen wir die kuriose Liste im »Havelaar« mit den späteren Werken, die unter dem Namen Multatuli auf den Büchermarkt gekommen sind, so finden wir eine Menge von Beziehungen. Vielerlei, was ihm in glücklicheren Zeiten schon durch den Kopf gegangen war, was er in traurigen Stunden mit fieberndem Hirn durchdacht hat, was er damals schon notiert und skizziert hatte, was aber später verloren gegangen war, hat er später wieder aufgenommen und weitergesponnen: und für manchen Titel, der uns in dem Verzeichnis des Shawlmanns lediglich absonderlich oder gar absurd vorkommt, finden wir in den späteren Werken, besonders in den » Ideen ,« die Aufklärung. Natürlich kommt beim Bearbeiten fortgesetzt Neues hinzu. Die »Ideen« sind gewiß eins der eigenartigsten Bücher, die je geschrieben worden sind. Jetzt, wo man sich in weiteren Kreisen mit dem im Leben so vernachlässigten Dichter zu beschäftigen beginnt, wo durch einzelne Veröffentlichungen der Appetit nach dieser seltenen Speise geweckt ist, kann man öfters in Zeitungsartikeln das Bedauern aussprechen hören, daß die »Ideen« noch nicht vollständig ins Deutsche übertragen sind. Wer das sagt, der kennt sie nicht. An den »Ideen« zeigen sich zugleich Dekkers größte Vorzüge und sein größter Mangel. Wir bewundern seine Entschiedenheit, seine Konsequenz, seine logische Schärfe, seine brillante Darstellungskunst, seinen glühenden Eifer für die Wahrheit, seinen tötenden Sarkasmus gegen alle Heuchelei und gegen alle Halbheit – und wir bewundern das alles um so mehr, als er im Leben bewiesen hat, wie ernst ihm das alles war. Der Mann, der von einem Fürstenthron herabstieg – denn derartig war seine Stellung in Indien oder so konnte er sie sich gestalten – um ein Bettler, ein Vagabund zu werden, aber ein ehrlicher Mann zu bleiben, der Mann lügt nicht, er fälscht nicht, er schmückt sich nicht mit bunten Lappen, es sei denn, um sich in dichterischer Illusion über den Gegensatz seines hohen Gedankenfluges und seiner erbärmlichen äußeren Lage hinwegzutäuschen, und die kleine Koketterie, die hie und da wirklich auftaucht, hat mit seiner Wahrheit nichts zu thun. Wir sind eher geneigt, ihm eine gewisse Donquichottenhaftigkeit, eine Principienreiterei zum Vorwurf zu machen, – weniger indes in seinen Schriften wie in seinem Leben. Aber der große Mangel Dekkers besteht in seiner mangelnden literarischen Selbstzucht. Er ist spät zur Litteratur gekommen, und er ist nicht um der Litteratur willen Litterat geworden; sein unstetes Leben, sein mehr als ein Jahrzehnt währendes Unglück, die Sorgen, das Elend, das ihn ruhelos von Ort zu Ort trieb, unter Verhältnissen, die schon gar nicht mehr schlimmer sein konnten – es kamen in den sechziger Jahren Monate vor, in denen er kein gekochtes Essen über die Lippen bekam, in denen er zu Fuß, mit schlechtem Schuhwerk, von Ort zu Ort ging und unterwegs den Bauern grüne Erbsen und Rüben aus den Äckern stahl, um den Hunger zu stillen, und wenn dann bessere Zeit kam, wurde es ihm schwer, sich wieder an Fleischgenuß zu gewöhnen – in diesen fürchterlichen Verhältnissen des jähesten Wechsels, einen Tag von Verehrern enthusiastisch gefeiert, tags darauf von Schmarotzern belagert, und noch einen Tag weiter ohne Brot und Heim, aus dem Zusammenhang mit seiner Familie gerissen, schließlich den Seinen entfremdet, die er so sehr geliebt hat – ist ihm die Zeit nicht gekommen, an sich selbst Kritik zu üben, an seiner Vervollkommnung als Schriftsteller zu arbeiten. So wirkt er mehr durch das, was er sagt, so trifft er auch oft instinktiv die beste Form, die sich denken läßt, aber sehr oft vermißt man auch die zügelnde Hand, die Selbstkorrektur. Als er dann allmählich zur Anerkennung kam, als seine Werke anfingen gesucht zu werden, zwang ihn auch noch vielfach das Geldbedürfnis, die Bogen ohne die letzte Feile in die Druckerei zu schicken, und bei späteren Auflagen brachte er wohl durch Randglossen Korrekturen und Erweiterungen an, stellte er Ideenzusammenhänge her, beantwortete er Einwürfe, die er sich selber machte oder die andere ihm gemacht hatten, und dergleichen mehr, aber zu einer durchgreifenden Überarbeitung hat er sich niemals entschließen können. Es sieht oftmals so aus, als könne er nichts streichen, was er geschrieben hat, als scheine ihm jeder Gedanke zu wertvoll – eine Eigentümlichkeit, die sich wohl auch sonst bei Selbstdenkern, um das Wort Autodidakt zu vermeiden, vorfinden dürfte. In den letzten Jahren ruhte seine Thätigkeit ganz. Wir wissen aus seinen Briefen die Stelle, an der er gerade schrieb, als im September 1874 die Nachricht vom Tode seiner ersten Frau, Tine, die sich schließlich von ihm notgedrungen getrennt hatte, bei ihm eintraf. Es sind nur wenige Bogen, die dann noch dazu gekommen sind, und er hat noch beinahe 13 Jahre gelebt. Es ist, als ob der Kampf aufgehört hätte, nachdem der Dichter in behaglichere äußere Umstände gekommen wäre. Die Not der früheren Jahre hatte seine Kraft aufgezehrt. Wir finden in der Litteratur vielfach Beispiele, daß reichbegabte Naturen auf den verschiedensten Gebieten Lorbeeren suchen und dabei gerade dasjenige Gebiet, das ihnen am nächsten zu liegen schien, vernachlässigen. Dekker hätte auf dem Gebiete des humoristischen Romans, des satirischen Zeitromans, Unvergängliches leisten und dabei seinen Gedanken die weiteste Verbreitung geben können. Er hat im » Havelaar « und in den » Millionen-Studien « einen glänzenden Anfang dazu gemacht, er hat auch in anderen kleineren Schriften bewundernswerte Proben seiner Erzählungs- und Darstellungskunst gegeben, und er hat schließlich in der » Walther-Geschichte ,« die die » Ideen « fortlaufend unterbricht, das Gebiet betreten, auf dem man bedauern muß ihn nicht öfter zu finden. Die » Ideen « nennt Dekker die »Times seiner Seele.« In diesen sieben Bänden, von denen die ersten Anfänge 1862, bald nach »Havelaar« geschrieben sind, von denen der letzte Band 1877, fünfzehn Jahre später, gedruckt herauskam, hat er niedergelegt, was in ihm vorging, was ihn bewegte. Wie in Shawlmanns Paket die Materien bunt durcheinander gewürfelt lagen, wie sie sich wohl auch in seinen verloren gegangenen Koffern und in denen, die die Irrfahrten überdauerten, angesammelt hatten, erschienen die Gegenstände hier vor dem Leser. »Wenn ich etwas geschrieben habe und nachlese, so ist mein Haupteindruck meist: über diese Sache ließe sich vieles sagen« – so spricht er sich einmal aus, und so hat er es auch gehalten. Er hat vieles gesagt, was auszuführen er wohl dem Leser hätte überlassen können, und der aufmerksame Litteraturfreund, der seinen Wegen nachwandelt, merkt vielfach, wie ihm beim Schreiben selbst Gedanken gekommen sind, die er dann in allerlei Abschweifungen ausführt. Das Ganze macht etwa den Eindruck, als ob der geistreiche Feuilletonist einer Tageszeitung beim Durchblättern der Jahrgänge gefunden habe, es sei doch schade, daß das alles, Plaudereien, Skizzen, Humoresken, Satiren, Epigramme, Gedankensplitter, Roman-Fortsetzungen, Leitartikel, – daß das alles, was der Tagesbedarf hervorgerufen hatte, nun auch mit der Befriedigung dieses Bedarfs abgethan sein sollte, und als ob er deshalb alle diese Beiträge, wie sie waren, mit geringer oder gar keiner Nachredaktion zu einem Buch vereinigt hätte. Thatsächlich sind ja manche der Arbeiten Dekkers erst in Zeitungen erschienen, und thatsächlich hat er auch einmal die Herausgabe eines Tageblattes geplant. Dekker hat den Mangel wohl gefühlt. »Ich kenne wenig Schriftsteller, an deren Werken ich so viel auszusetzen hätte wie an den meinen« – »Wer zufrieden ist mit seiner Arbeit, hätte Gründe, mit seiner Zufriedenheit unzufrieden zu sein« – dergleichen Aussprüche finden sich öfter. Ich möchte, um einen Begriff von seinen » Ideen « (dieser Titel ließe sich wohl am besten mit dem Allgemeinbegriff »Gedanken« übersetzen) zu geben, eine Inhaltsangabe der sieben Bände versuchen. Auf Vollständigkeit kann natürlich bei der Vielgestaltigkeit des Werkes nicht im entferntesten Anspruch gemacht werden. Band I : Gedankensplitter, kleine satirische Geschichten, Politisches, Gedanken über die Natur, Philosophisches, eine Reisegeschichte, Bemerkungen zu »Havelaar«, Anfang der Walther-Geschichte, Gedanken über Religion. Band II : Brief an Frau X., politische Auseinandersetzungen mit dem Ministerium Thorbecke, historische Kritik, religiöse Polemik, Fortsetzung von Walthers Geschichte, die Inkasöhne, über indische Verhältnisse, ein Beweis des Pythagoras, Rede auf dem internationalen Kongreß für sociale Fortschritte u. a. Band III : Gedanken über Wahrscheinlichkeitsrechnung, historische Fälschungen, über öffentliche Vorträge, Kunst und Kritik, Erinnerung an Napoleon, Skizze eines Straßenpredigers, Waterloo, die Hühneraugengeschichte von Marseille, die Belohnungstheorie in der Erziehung, die Stellung der Lehrer, allerlei Unterrichtsfragen, Religion u. a. m. Band IV : »Fürstenschule,« Drama in fünf Akten, Auseinandersetzung mit den Kritikern des »Havelaar«, der »Millionen-Studien« u. a., Epigramme, politische Polemik, indische Erinnerungen. Band V : Fortsetzung der Walther-Geschichte, die Geschichte der beiden Scheiks, über das Theater, Bilderdyk, Jakob Claesz van Ilpendam, Sprachliches, Kriegführung in Indien. Band VI und VII : Geschichte Walthers, mit allerlei eingesprengten Betrachtungen u. dergl. Diese flüchtige und lückenhafte Übersicht – ein genauer Index müßte Bogen füllen – kann natürlich keinen vollen Eindruck von der ungemeinen Vielseitigkeit dieses Sammelwerkes geben, das den Titel »Ideen« führt. Das ist auch hier nicht der Zweck. Es soll hauptsächlich gezeigt werden, wie das Stück, das uns hier am meisten interessiert, die » Walther-Geschichte «, sich über die verschiedenen Bände verteilt. Schon im ersten Band setzt diese Erzählung ein, im zweiten wird sie weiter geführt, aber sie dient dem Dichter gelegentlich als Folie für allerlei Gedanken-Entwicklungen, die die Kapitel dann unterbrechen; dann folgen zwei Bände, die sich mit ganz anderen Sachen befassen und in denen die Personen dieser Geschichte höchstens als Beispiele für Ansichten herangezogen werden; in den letzten drei Bänden nimmt die Geschichte dann, wieder mit Unterbrechungen und Einschiebungen, einen immer mehr zunehmenden Raum ein um schließlich im siebenten Bande als Fragment zu endigen. Der Walther-Roman läßt sich aus den übrigen Teilen des »Ideen«-Werkes mit leichter Mühe herauslösen. Es ist eine litterarisch sehr wertvolle Arbeit, deren Schönheiten im einzelnen zu würdigen jetzt der deutsche Leser eingeladen werden soll. In ihren Anfängen hat sie einigen Anklang an Dickenssche Schriften, aber ihr Charakter ist doch ein wesentlich anderer. Ein seltsames Gemisch von Realismus und Phantastik, eine bedeutsame Vertiefung in die Psychologie der Kinderseele thut sich vor uns auf, mit einer fein beobachteten Sittenschilderung verquickt, einer Sittenschilderung, die ziemlich durch alle Schichten geht, vom niedrigsten Volk bis hinauf in den Kreis der Majestäten. Und ein gewaltiger Humor, der alles durchschaut und über alles lächelt, durchgeistigt die manchmal krause Scenenführung. Die in diesem Bändchen wiedergegebenen »Abenteuer des kleinen Walther « führen die Geschichte bis zu einem bestimmten Abschluß, sodaß ein geschlossenes Ganzes entsteht. Ein zweiter Teil » Walther in der Lehre ,« der den Helden in eine ganz neue Umgebung führt und der daher gleichfalls als ganz selbständiges Werk auftreten kann, soll später folgen. Es erscheint dieser Weg als der geeignetste, um die Geschichte des kleinen Walther dem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Die vorliegende Bearbeitung bemüht sich, die ursprünglich durch das ganze Ideenwerk verstreuten Walther-Kapitel so zu einem Ganzen zusammenzubringen, wie der Verfasser vielleicht selbst bei einer späteren Überarbeitung den Roman zusammengefaßt hätte. Von den Betrachtungen, die die Handlung unterbrechen, ist ein etwas sparsamer Gebrauch gemacht worden. Wo die Absicht des Dichters schon in der Geschichte selbst deutlich hervortritt, sind die manchmal weitschweifigen Ausführungen weggelassen. Es ist aber noch genug übrig geblieben, um dem Leser die Art des Dichters vor Augen zu führen. Auch sonst sind hie und da einige Längen gekürzt, und ein paar Einschiebsel, die mit der Walther-Geschichte nach Art der trefflichen Scheheresade verkettet sind, aber für den deutschen Leser mehr Anspruch auf selbständige Existenz zu haben scheinen, sind gleichfalls für diesmal ausgeschieden worden. So ist zu hoffen, daß die Erzählung etwas straffer zusammengefaßt auftrete und ihre großen poetischen wie idealen Schönheiten wirksamer zur Geltung bringe. K. M. Die Abenteuer des kleinen Walther. Ein wenig Poesie, mein Gott, daß ich nicht vergehe vor Ekel über so viel Häßliches um mich! Ein wenig Poesie, mein Gott, und wäre es nur zum Danke dafür, daß sie dich schuf! Nicht wahr, du bist nicht? Du würdest sonst mit deiner Allmacht nicht so thatenlos dasitzen. Du würdest nicht so ruhig zusehen, wie die Schlechtigkeit herrscht, wie die Niedrigkeit hoch steht und das Hohe niedrig! Du würdest nicht die Arme kreuzen, als ginge das Weltall, deine Schöpfung, dich nichts an! Du bist nicht, nicht wahr? Wenn du wärst, du erhöbst von Zeit zu Zeit die Faust und schlügst sie donnernd nieder auf das faule Gebäude, das sich hienieden die menschliche Gesellschaft nennt. Ein wenig Poesie, mein Gott, der durch sie allein da ist! Ich arbeite, ein Wurm, ein Nichts, und in deinem Nichtsthun liegt eine Allmacht brach. Auf, auf, du Gott, der nicht ist, hilf! Strecke die Hände aus, schlage rechts und schlage links, nach vorn und rückwärts und überall, und zeige dich im Handeln nicht geringer, als man dich zeichnete in der Bibel meiner Jugend. Da saßest du auf hohem Wolkenthrone und sahest grimmig und böse aus. Mag's! es war doch Handlung. Du warst zornig, eifrig, von Zeit zu Zeit auch trotzig, zu Launen geneigt – wie nicht anders zu erwarten von alten Göttern, die so lange allein waren und daher sich langweilten. Aber sahst du auch nicht liebenswürdig aus. ich fühlte doch Ehrfurcht und Scheu vor dir, oder was es auch sei – etwas fühlte ich, als das Kindermädchen mich schalt, auf meine Frage, ob sie dich schon ohne Bart gekannt habe, und ob du jung gewesen wärst wie ein anderer? Das sind verbotene Fragen, sagte das arme Ding, und wenn ich noch einmal so fragte, wäre ich verloren, dachte sie. Ich behielt solche Fragen seitdem bei mir und dämpfte die Sehnsucht nach Wissen mit der Angst, daß die Erde sich vor meinen Füßen öffnen müßte, wie in irgend einem Traktätchen zu lesen steht. Auch hoffte ich, die Frage, ob dein Bart schon immer so lang und weiß gewesen sei, würde sich schon später von selber klären, wenn ich erst groß wäre. Ach, ich bin lange groß, und größer als damals das Kindermädchen war, und noch ist mir dieser Bart ein Rätsel, wie du selbst! Aber damals verstand ich dich. Ich lebte mit dir, in dir, und ich glaubte, daß du auch in mir lebtest. Und wenn ich unrecht that – o weißt du es noch, wie ich einmal, schrecklich! mit Kohle eine Brille auf deine Nase gezeichnet habe? Wahrhaftig, es war nur zum Zeitvertreib, kein böser Wille. Ein Kind hat manchmal, ja oft! Langeweile, weil seine Eltern sich meist mit anderen Dingen abgeben als mit ihren Kindern. O wie fürchtete ich mich! Wie zitterte mir das Herz bei dem Gedanken, daß man einst diese Brille entdecken würde und fragen: wer hat diese Brille auf seine Nase gesetzt? Und wenn es das Kindermädchen auch nicht entdeckte, du der alles weiß, du wußtest es doch, du mußtest ja zürnen, brennen, mit Pestilenz schlagen oder so etwas dergleichen. Ich hörte schon die Frage: ob ich lieber mein Erstgeborenes deiner Rache opfern wollte, oder ob ich Masern oder Pest über das ganze Land vorzöge? Masern hatte ich schon gehabt, und ein Erstgeborenes hatte ich noch nicht. Die Wahl war also leicht. Aber Pest? Das fand ich hart für das arme Volk, das dir nie etwas zuleide that, wenigstens nichts so Gräßliches wie diese Brille. Wie erschrak ich vor der Trompete, die ja eigentlich nur sagte: die Post ist da! die in meinem Ohr aber klang wie die Posaune der Assyrer, die du zu Hilfe riefst, um für die Brille zu strafen. Wagen rollten in die Stadt, mit starken Männern voll, mit Namen, die nicht auszusprechen waren. Und als ich unser Mädchen fragte, ob sie den Mut hätte, bei einem feindlichen General zu schlafen und mir seinen Kopf im Sack zu bringen, wie weiland Judith – da sagte sie: Nee! Ich wußte mir keinen Rat, o Gott, und ich verging vor Angst. Da lebtest du, da fühlte ich dein Dasein. Und jetzt? Etwas Poesie gieb mir, mein Gott, du, der in der Poesie allein lebt. Etwas Poesie, daß ich nicht vergehe vor Ekel über all das Häßliche um mich!   Liebe Fancy, meine Muse, ich bitte dich: sing mir ein Lied. Chronologisch-archäologische Untersuchung über den Ursprung dieser Geschichte. Über Poesie, unheilbare Liebe, falsche Haare, und den Helden der Geschichte, der gegen falschen Verdacht verteidigt wird. Die Gefahren des Ruhms, und der Vorzug des obersten Brettes ... Das Jahr weiß ich nicht. Da du dich dafür interessierst, Leser, die Zeit zu wissen, da die Geschichte anfängt, will ich dir ein paar Punkte als Marksteine geben. Meine Mutter klagte, die Lebensmittel wären teuer und die Feuerung auch. Es muß also vor der Entdeckung der Nationalökonomie gewesen sein. Unser Mädchen heiratete den Barbiergehilfen, der nur ein Bein hatte. Das war so sparsam, meinte die gute Seele, wegen des Schuhwerks. Daraus könnte man folgern, daß die Nationalökonomie doch schon entdeckt war. Jedenfalls, es ist lange her. Amsterdam hatte noch keine Bürgersteige, die Einfuhrzölle bestanden noch, man hatte in manchen kultivierten Ländern noch Galgen, und man starb nicht so alle Tage vor Nervosität. Ja, es ist lange her. Ich habe nie begriffen, warum die »Hartenstraat« eigentlich so heißt. Vielleicht ist es ein Irrtum, und man müßte eigentlich Hertenstraat oder etwas anderes schreiben. Niemals habe ich in der Gegend mehr Herzlichkeit gefunden als wo anders, und auch die Hirsche waren dort nicht häufig, wenn auch ein Geflügel- und Wildbrethändler da wohnte. Ich bin lange nicht hingekommen und erinnere mich nur noch, daß die Straße zwei Hauptgrachten miteinander verbindet, Grachten, die ich zudämmen lassen würde, wenn ich die Macht hätte, Amsterdam zu einer der schönsten Hauptstädte Europas zu machen. Die Eingenommenheit für die Zukunft unserer Hauptstadt Amsterdam macht mich nicht blind für ihre Fehler. Darunter rechne ich zu allererst ihre vollständige Unfähigkeit, zum Schauplatz romantischer Begebenheiten zu dienen. Man trifft da keine maskierten Dominos auf der Straße, der bürgerliche Stand wird überall herausgekehrt, kein Ghetto, keine Templebar, kein Chinesenviertel, kein Wunderhof ist da – wer einen Mord begeht, wird gehenkt – und die Mädchen heißen Mietje und Jansje. Alles Prosa. Es gehört Mut dazu, eine Geschichte anzufangen in einem Orte, der auf »dam« endigt. Man kann da schwer Emerentien oder Heloisen wohnen lassen. Es würde auch wenig helfen, denn all diese Schönheiten sind schon profaniert. Wie machen es doch die französischen Autoren, um ihre Margots und ihre Marions als Ideale aufzuputzen, und um ihre Henris und Ernestes vor dem Trivialen zu schützen, die doch ebenso gut an »M'sieu Henri« oder »M'sieu Erneste« erinnern, wie unsere »Burgwalle« an faules Wasser. Goethe war ein mutiger Mann: Gretchen, Klärchen ... Aber ich! In der Hartenstraat! Ich schreibe zwar keinen Roman. Und wenn ich einen Roman schriebe, dann sähe ich noch nicht ein, warum ich ihn nicht als wahre Geschichte ausgeben sollte. Ja, es ist eine wahre Geschichte. Eine Geschichte von einem, der in seiner Jugend in eine Sägemühle verliebt war und der an dieser Qual lange zu schleppen hatte. Denn Verliebtheit ist eine Qual, und wäre es bloß Verliebtheit in eine Sägemühle. Man sieht, daß die Erzählung ganz einfach sein wird. Eigentlich zu einfach, um allein für sich zu bestehen. Ich werde deshalb hie und da etwas dazwischen flechten, wie es die Chinesen mit ihren Zöpfen machen, wenn die zu dünn sind, weil sie nämlich kein Eau de Lob haben und kein Öl von Makassar – ich habe freilich auch zu Makassar keine Beere gefunden, die solch ein Öl lieferte. In der Hartenstraat also, da war eine Leihbibliothek. Ein kleines Jungchen mit » Stadtfarbe« im Gesicht stand auf der Stufe und schien sich nicht entschließen zu können. Es war ihm anzusehen: er trug sich mit einem Plane, der über seine Kraft ging. Er streckte öfters die Hand nach dem Thürgriff aus, aber jedesmal veränderte er die halbe Bewegung, indem er ganz unnötigerweise einen rechtwinkligen Hemdkragen niederzog, der wie ein Joch auf seinen Schultern lag, oder indem er die Hand ebenso unnötig vor einen künstlichen Husten hielt. Scheinbar versunken in die Betrachtung der Bilderbogen, die die Scheiben der Thür zu einer Musterkarte von unbegreiflichen Tieren, viereckigen Bäumen und unmöglichen Soldaten machten, irrte sein Blick fortwährend zur Seite, wie es bei jemand ist, der bei einer Schandthat ertappt zu werden fürchtet. Es war klar, daß er etwas im Sinne hatte, was bis zum jüngsten Tage den Blicken der Passanten und der Nachwelt verborgen bleiben mußte. Und wer außerdem darauf achtete, wie krampfhaft er mit der Linken unter dem aufgeschürzten Schößchen etwas in seiner Hosentasche betastete und knetete, der konnte leicht denken, daß Walther einen Einbruch oder dergleichen vor hatte. Denn er hieß Walther. Es ist nur ein Glück, daß ich auf den Gedanken gekommen bin, seine Geschichte zu erzählen, und ich betrachte es als meine erste Pflicht, mitzuteilen, daß er an einbrecherischen oder mörderischen Absichten ganz unschuldig war. Aber ich gäbe viel darum, wenn ich ihn ebenso kurz und bündig von anderen Sünden freisprechen könnte. Der Gegenstand, den er in seiner linken Hosentasche hin und her drehte, war zwar kein Hausschlüssel, kein Dietrich, keine Keule, kein Tomahawk und keine Höllenmaschine – aber es war doch ein Papierchen, das die vierzehn Stüber enthielt, für die er sein Neues Testament mit Psalmen an den Krämer auf der »Ouwebrüg« verschärft hatte, und der Plan, der ihn auf der »Hartenstraat« so festhielt, war nicht mehr und nicht minder als sein Eintritt in die Zauberwelt der Romanlektüre: er wollte den »Glorioso« lesen. Glorioso! Leser, es giebt viele Nachahmungen, aber es giebt nur einen Glorioso! Alle die Rinaldos und Fra Diavolos der späteren Zeit dürfen mit diesem unvergleichlichen Helden nicht in einem Atem genannt werden, der Gräfinnen zu Dutzenden entführte, Päpste und Kardinale wie fehlbare Menschen ausplünderte, und Walther Pieterse zur Testamentsfälschung veranlaßte. Freilich, das letztere war Gloriosos Schuld nicht, gewiß nicht. Man müßte sich ja schämen, ein Held oder ein Genie zu sein, oder selbst ein Räuber, wenn man deswegen noch für alle Missethaten verantwortlich sein sollte, die nach Jahren begangen werden können, um unserer Geschichte habhaft zu werden. Ich erhebe Einspruch gegen die Mitschuld an den Unthaten, die nach meinem Tode geschehen werden, um den Durst nach der Kenntnis meiner Schicksale zu stillen, und ich erkläre, daß ich mich auf meiner Ruhmeslaufbahn nicht durch das Bedenken zurückhalten lasse, daß einmal etwa ein Neues Testament mit Psalmen verschärft werden kann für »Leben und Thaten von Multatuli,« wenn ich es auch nicht teuer finden würde. »Was murkst du denn hier, Junge? Willst du was, komm 'rein. Wenn nicht, mach dich fort.« Nun mußte Walther wohl hineingehen, oder er hätte auf Glorioso verzichten müssen. Denn der Mann, der sich über den Ladentisch bückte und sich wie eine Strandschnecke herumwand, um die Thür zu öffnen und unserem Helden diese Worte entgegenzubrummen, hatte kein Gesicht, das zum Umkehren riet, wenn er einmal durch »Murksen« an seiner Thür ärgerlich geworden war. So wagte also Walther, der zuerst den Mut nicht gehabt hatte hineinzugehen, jetzt nicht umzukehren. Er fühlte sich hineingezogen – es war, als ob der Buchladen ihn verschluckte. »Glorioso ... bitte, M'neer, und hier ...« Er holte seine Höllenmaschine heraus. »Und hier ist Geld ...« Denn er wußte von dem Schulkameraden, der ihn mit der Romankrankheit angesteckt hatte, daß man in der Leihbibliothek von unbekannten Kunden »Pfand« verlangte. Der Büchermann schien sich durch die niedergelegten vierzehn Stüber für »genügend gedeckt« zu halten. Er holte aus dem Kasten ein Bändchen, das, fettig und zerlesen, auf Umschlag und Blättern Spuren trug von vielem unsauberen Genuß. Ich bin gewiß, daß die »Predigten des Pfarrer Splitvezel,« die in ungestörter Ruhe auf dem obersten Brett standen und mit Geringschätzung auf die Tageslektüre herabsahen, sich geschämt hätten, ihr unbefleckt Gewand mit so viel Unsauberkeit in Berührung zu bringen. Aber es ist nicht schwer, rein zu bleiben, wenn man im obersten Fach steht und niemals verlangt wird. Ich finde daher, daß die Predigten unrecht hatten, und das finde ich von vielen Predigten. Nachdem er mit zitternder Stimme dem Mann seinen Namen angegeben hatte, stopfte Walther sein Missethäterglück unter das bergende Schößchen seiner Jacke und eilte zur Thür hinaus, ganz wie eine Katze, die ihre Beute weg hat, auf die sie stundenlang gelauert hat. Der Einfluß Fränzchen Hallemans auf Walthers Heldenstele, und die Beziehungen dieses Einflusses zum Propheten Habakuk. Große und kleine Mensche, der Zopf des Chinesen, und der Kragen der Menschheit. Walther rannte, rannte... und wußte nicht, wohin. Nach Hause konnte er nicht; dazu wurde ihm da zu sehr aufgepaßt. Was nicht sehr schwer war, denn die Räumlichkeit war beschränkt. Er wählte einsame Straßen und kam schließlich an ein Thor, das er sich erinnerte öfter gesehen zu haben. Den Namen wußte er nicht, und ich weiß ihn auch nicht. Es war ein flacher, niedriger Bogen, wo es immer so nach Asche roch, und wo er einmal jenen Sprung gethan hatte, als er die Predigerstunde schwänzte, mit Fränzchen Halleman, der gemeint hatte, daß Walther es nicht wagen würde zu schwänzen und von dem Thor zu springen. Aber Walther wagte es, gerade weil Fränzchen Halleman an seinem Mute gezweifelt hatte. Diesem Schwänzen hatte er es zu verdanken, daß er so besonders gut im Propheten Habakuk zu Hause war, dessen Prophezeiungen er dann zwölfmal hatte abschreiben müssen, zur Strafe. Der Sprung verschaffte ihm ferner ein Barometer in seiner verstauchten großen Zehe, der, aus edler Rache, ihn später immer warnte, wenn Regen zu erwarten war. In gewissem Sinne war Habakuk als Walthers Übergang zu betrachten, nämlich von der Kinderlektüre zu den Büchern in denen von »großen Menschen« erzählt wird. Seit einiger Zeit fühlte er, daß seine Bewunderung der »braven Heinriche« einen Stoß bekommen hatte, und es ekelte ihn vor den papierenen Pfirsichen, die in den schönen Erzählungen als Lohn des Fleißes ausgeteilt wurden. Andere Pfirsiche kannte er nicht, weil die in bürgerlichen Häusern nicht so vorkamen. Nichts war natürlicher, als daß er feurig danach verlangte, mit seinen älteren Schulkameraden mitreden zu können über die Wunder, die in der wirklichen Welt vorkommen, wo man in der Kutsche fährt, Städte verwüstet, Prinzessinnen heiratet und des Abends nach Zehn noch aufbleibt, auch wenn kein Geburtstag ist. Auch legt man sich in der Welt bei Tisch selber vor, und man braucht nur zu wählen, was man genießen will. So denken die Kinder. Jeder Knabe hat sein Heldenalter, und das ganze Menschentum hat ein Schößchen getragen mit einem Halskragen dazu. Aber wie weit geht die Übereinstimmung? Wo hört sie auf? Wird das Menschengeschlecht reif werden? und mehr als reif: alt? und gebrechlich, kindisch? Wie alt sind wir jetzt? Sind wir Knabe, Jüngling, Mann? oder gar schon ...? Nein, das wäre zu unangenehm. Wollen wir annehmen, daß wir in den »Flegeljahren« stecken! Wir sind denn doch nicht mehr ganz Kind, und wir dürfen noch etwas hoffen von der Zukunft. Ja, von der Zukunft, wenn die dumpfe Schulluft von uns weggeweht ist. Wenn wir Freude haben werden an dem kurzen Jäckchen des Jungen, der nach uns kommt. Wenn man die Freiheit haben wird, ungeschmäht geboren zu werden, ohne gesetzliche Erlaubnis. Wenn die Menschheit eine Sprache sprechen wird. Wenn Metaphysik und Religion werden vergessen sein und Kenntnis der Natur als Adel gelten wird. Wenn man mit den Ammenmärchen gebrochen haben wird. Siehe da etwas Seide in dem Zöpfchen meines Chinesen. Manche werden sagen, daß es nur Flachs ist. Ein italienischer Räuber auf dem Buitensingel zu Amsterdam. Das bittere Leiden der tugendsamen Amalia. Die Wachskerzen, Palladien der Moral. Die Feinheit der Hallemännchen, oder Ehrlich währt am längsten. Auch über Mangel an Raum. Walther dachte durchaus nicht an Heldenzeitalter oder chinesische Zöpfe, als er, ganz gefühllos für die mangelnde Schönheit der Landschaft, an einen Sumpfgraben kam, über den eine überflüssige Brücke führte. Deren Geländer erkor er zum Lesepult, nachdem er sich gut umgesehen und sich überzeugt hatte, daß er allein war und ungestört zum Verschlingen seines Räubers übergehen konnte. Ich habe einen Augenblick die Lust in mir verspürt, den Leser zum Teilnehmer an Walthers Genüssen zu machen, indem ich eine Skizze des unsterblichen Werkes lieferte, das ihn so fesselte. Aber abgesehen davon, daß ich Gloriosos Geschichte nicht recht kenne – was mich übrigens durchaus nicht hindern würde, darüber zu sprechen – habe ich viele andere Dinge dringenderer Natur zu erzählen, und ich sehe mich daher genötigt, euch nach der »Hartenstraat« zu verweisen, in der Hoffnung, daß ihr euch da zurechtfinden werdet, ohne euren Weg gerade über die alte Brücke, die »Ouwebrüg« zu nehmen. Laßt es euch genügen zu wissen, daß es »sehr schön« war. Die tugendsame Amalia, die bei flackerndem Fackelschein, am traurigen Sterbebett ihrer verehrten Mutter, in dem düsteren Cypressenthal, feierlich geschworen hatte, daß ihre feurige Liebe zu dem edlen Räuber, durch die entsetzliche Fallthür und die verrosteten Ketten, mit ihren salzigen Thränen – kurz, es war rührend. Auch war mehr Moral drin als in all den flauen Nachahmungen. Alle Mitglieder der Bande waren verheiratet und trugen Handschuhe. In der Höhle stand ein Altar mit Kerzen, und die Kapitel, in denen Mädchen geraubt wurden, endigten mit ehrbaren Punkten oder geheimnisvollen Gedankenstrichen – die Walther vergebens gegen das Licht hielt, um mehr davon zu erfahren. Er las bis: »Stirb, Verräter!« dann war es dunkel, und er begriff, daß es Zeit war, von dem angeblichen Spaziergang mit den kleinen Hallemans, »die solche anständigen Kinder waren,« nach Hause zu kommen. Mit Bedauern schloß er das teure Büchelchen, und eiligst lief er davon, weil er für sein langes Ausbleiben gescholten zu werden fürchtete. »Er würde nie wieder Erlaubnis bekommen,« so wurde ihm bei derartigen Gelegenheiten gedroht. Aber er verstand wohl, daß es nicht ernst war. Er wußte viel zu gut, daß man die Kinder »gern mal los ist, wenn man etwas beschränkt wohnt.« Und dann: »die kleinen Hallemans waren so außergewöhnlich anständig: sie wohnten neben einem Hause mit einem Balkon und hatten kürzlich so nett ihre Mützchen abgenommen.« Ich glaube ja nun nicht, daß die Hallemännchen anständiger waren als die anderen Männchen aus Walthers Bekanntschaft. Und da ich gern für meinen Glauben Gründe angebe, so will ich hier einen Vorfall einfügen, der sich etwas früher ereignet hatte. Walther bekam kein Taschengeld. Seine Mutter sagte, das wäre nicht nötig, weil er zu Hause alles bekäme, was er brauchte. Es kränkte ihn, daß er immer auf die Erlaubnis zum Mitspielen warten mußte, wenn seine Kameraden mit dem Ball spielten und ihm vorwarfen, daß er zur Anschaffung dieses Möbels nichts beigesteuert hatte. Es kostete in Walthers Zeit drei Deut. Jetzt wird es wohl teurer sein ... ach nein, billiger, infolge der Nationalökonomie. Und er hatte bei öfteren Gelegenheiten noch Verdruß über seine dauernde Geldlosigkeit. Wir werden später sehen, ob es wahr war, was seine Mutter sagte: daß er nämlich zu Hause alles bekam, was er brauchte. Gewiß ist, daß man ihm zu Hause nicht die Gelegenheit gab, hin und wieder über eine Kleinigkeit nach eigenem Willen zu verfügen. Und das ist doch so sehr nett für Kinder. Und für Menschen auch. Die Hallemännchen – die so besonders anständig waren – gaben ihm deutlich zu verstehen, daß sie keine Lust hatten, die Kosten des Verkehrs allein zu tragen. Fränzchen berechnete, daß Walthers Freundschaft sie schon neun Stüber gekostet hatte – ich finde das teuer, nicht um die Freundschaft, sondern um das Berechnen – und Gustav sagte, es wäre noch mehr, aber das lasse ich dahingestellt. Auch hatte ihm dieser vier Griffel vorgeschossen, die er brauchte, um der langen Cecil den Hof zu machen, welche nichts von ihm wissen wollte, weil er noch ein Einsteckjäckchen trug, ein Jäckchen, das unten in die Hose gesteckt wurde, wie es die kleinen Jungen damals trugen; die Griffel hatte sie genommen und an Gustav weiter verschenkt für einen Kuß. Die bitteren Vorwürfe der kleinen Hallemans, die so besonders anständig waren, brachten Walther zur Verzweiflung. »Ich habe es meiner Mutter gesagt, aber sie will mir nichts geben.« »Das geht uns nichts an,« sagten die kleinen Hallemans, die so besonders anständig waren. »Du bist ein Schmarotzer.« Walther hörte das Wort zum erstenmal, aber er verstand es sofort. Nichts macht scharfsinniger als Bitterkeit des Herzens. »Ein Schmarotzer, Schmarotzer! ... ich bin ein Schmarotzer.« Heulend lief er davon und machte einen Umweg, um die Straße zu vermeiden, wo der Vater der langen Cecil einen Trödelladen hatte. O, wenn sie gesehen hätte, daß er wie ein kleines Kind auf der Straße lief und heulte – ja, das war schlimmer, als die Höschen über dem Jackenrand! Schmarotzer, Schmarotzer! Er begegnete viel großen Menschen, die vielleicht auch Schmarotzer waren, aber sie heulten deswegen nicht, wie es Walther that. Schmarotzer! Er sah einen Polizisten und holte Atem, als der vorbei war. Es wunderte ihn, daß der Mann ihn nicht mitnahm. Schmarotzer! Da kam der Mann mit der Kehrichtkarre, der ihm das Wort nachklapperte. Unser armer Dulder erinnerte sich, wie die Hallemännchen, die so besonders anständig waren, ihm einmal vorgespiegelt hatten, welchen Gewinn man im Kleinhandel mit Pfefferminz haben könnte. Für vierundzwanzig Stüber bekam man einen großen Sack voll. Beim Verkauf, so und so viel Stück für den Deut, würde der Vorteil enorm sein, wenn man bloß Kapital hatte, um anzufangen. Das hatten die Hallemännchen ganz genau ausgerechnet. Denn sie waren nicht nur besonders anständig, sondern auch sehr schlau. Schlauheit und Anständigkeit gehen meist Hand in Hand. Aber, hatten sie gesagt, Anfangskapital müßte sein. Sie würden den Einkauf besorgen, sie würden sich mit dem Verkauf befassen, und wenn Walther bloß einen Gulden beisteuern könnte, wäre die Sache gesund. Schmarotzer ... Schmarotzer ... Walther stahl einen Gulden aus Mutters Sparbüchse und brachte ihn den Hallemännchen, die so besonders anständig waren. »Woher hast du ihn?« fragte Gustav, aber er sorgte dafür, daß Walther keine Zeit hatte, zu antworten, oder wenigstens, daß er die Antwort, die in verlegenem Schweigen bestand, nicht bemerkte. »Woher hast du ihn« – ohne Fragezeichen also – »schön nun werden Fränzchen und ich jeder ein Dübbeltje dazuthun, das macht vierundzwanzig, und dann kaufen wir die Pfefferminz-Plätzchen. Auf der Rosengracht ist eine Fabrik – so'n Sack für vier Schilling – wir werden die ganze Arbeit thun, Fränzchen und ich – bei uns auf Schule ist mehr Gelegenheit, verstehst du ... Christian Kloskamp hat schon zwölf bestellt ... nach den Ferien wird er bezahlen ... wir werden die ganze Mühe übernehmen, du brauchst nichts zu thun, Walther – und gleich teilen ... darauf kannst du dich verlassen ...« Walther ging heim und träumte von unerhörten Reichtümern. Er würde der Sparbüchse seiner Mutter einen Thaler zurückgeben, für die lange Cecil würde er einen Bleistift kaufen von dem Manne, der damit in das Holz seines Wagens Löcher pickte. So stark waren sie! Das war etwas anderes als ein paar Schieferstifte, dachte er, und wenn die lange Cecil ihn dann noch nicht als Bräutigam haben wollte, dann – nein, weiter dachte Walther nicht. Es giebt Abgründe auf dem Wege unserer Phantasie, die wir nicht zu ermessen wagen. Wir merken sie instinktmäßig, schließen die Augen und – – Ich weiß bloß, daß Walther den Abend ganz glücklich einschlief und hoffte, daß er bald in betreff der bestohlenen Sparbüchse ein gut Gewissen haben würde, und außerdem ein zufriedenes Herz, was die Liebe zur langen Cecil anging. Ach, ach, Waltherchen hatte ohne die Schlauheit und den Anstand der Hallemännchen gerechnet! Nämlich am folgenden Tage lauerten sie ihm auf, als er aus der Schule kam, Walther, der sich ausgemalt hatte, wie sie unter dem Gewicht von dem großen Sack keuchen würden, Walther, der so gern gewußt hätte, ob Christian Kloskamp seine beherzte Bestellung auch beibehalten hatte, Walther, der vor Neugier auf den Erfolg brannte – o, er wurde bitter enttäuscht, als er Gustav Halleman erblickte, der nicht allein keinen Sack mit Pfefferminz trug, sondern obendrein ein sehr ernstes Gesicht mitgebracht hatte. Auch Fränzchen blickte wie die Tugend selbst. »Nun, wie steht die Sache?« fragte Walther, ohne ein Wort zu sprechen. Er war zu neugierig, um nicht zu fragen, und zu ängstlich, um die Frage anders zu äußern als durch lautloses Mundöffnen und Vorstrecken des Gesichts. »Weißt du, Walther, wir haben uns die Sache überlegt. Es ist viel dagegen.« Armer Walther! Da verunglückten in einem Schiffbruch sein Gewissen und sein Herz. Weg, ihr Träume von moralischer Rechtfertigung, weg, gähnendes Sparbüchschen von Muttern, weg, holzbohrender Bleistift, der ein Loch stoßen sollte in der langen Cecil hartes Herz – weg ... weg ... weg... alles weg! »Verstehst du, Walther, die Plätzchen könnten schmelzen ...« »Ja... a... a,« schluchzte der arme Junge. »Und der Christian Kloskamp, der zwölf bestellt hat, weißt du ...« »Ja... a... a...« Ob Christian wohl auch schmelzen würde? »Er geht ab von der Schule und wird sicher nicht wiederkommen nach den Ferien.« »So...o...o...?« »Ja, und darum, .. und auch ... wir haben ausgerechnet, Fränzchen und ich, daß doch viel weniger aufs Pfund gehen als wir dachten, weil die Pfefferminzplätzchen jetzt sehr schwer sind, verstehst du?« »Ja,« fügte Fränzchen hinzu, mit hohem Ernst, wie einer, der in Lebensgefahr einen großen Rat abgiebt, »die Dinger sind gegenwärtig sehr schwer. Fühle mal, aber du mußt es zurückgeben.« Und er gab Walther ein Pfefferminzchen, das dieser ganz gutmütig auf seinem Finger wog. Der arme Junge gab es ehrlich zurück. Schwer fand er's ... ach, er war so bedrückt, er hätte in diesem Augenblick alles schwer gefunden. Fränzchen steckte das Pfefferminzchen in seinen Mund, und daran lutschend fuhr er fort: »Ja wirklich, sehr schwer ... 's sind englische, weißt du. Und dann ist noch etwas dabei ... nicht wahr, Gustav? Der Anstand! Gustav, sag' es ihm nur.« »Der Anstand, Walther!« rief Gustav bedenklich. »Wir meinen den Anstand,« wiederholte Fränzchen, als ob er etwas erklärte. Walther sah abwechselnd beide an und schien nicht zu begreifen. »Sage du es nur, Gustav.« »Ja, Walther, Fränzchen wird dir es wohl sagen.« »Walther, unser Papa ist in der Diakonie, und er geht mit einer Mappe, und bei uns auf der Gracht ...« »Ja,« rief Gustav, »bei uns auf der Gracht ... weißt du, da wohnt M'neer Krüllewinkel, der hat 'ne Villa ...« »Und'n Balkon ...« »'s ist bloß um den Anstand ... weißt du, Walther? Und wenn Besuch kommt, dann setzt unsere Mama ...« »Ja, dann setzt sie Madeira vor ... wahrhaftig, und unser Tabakskasten ist von Silber ...« »Nee, Fränzchen ... aber 's ist gerade wie Silber, weißt du, Walther?« Der arme Kerl sagte, er wüßte es, wobei er hoffte, endlich doch zu erfahren, was das denn alles mit seiner entschwundenen Hoffnung zu thun hätte. Er stotterte: »Ja, Gustav... ja, Fränzchen ... aber die Pfefferminz...« »'s ist bloß, verstehst du, um dir zu sagen, daß wir sehr anständig sind.« »Ja, Gustav.« »Und artig.« »Ja...a...a..., Fränzchen!« Armer Walther! »Und da du doch sagtest, daß du kein Taschengeld bekämst ...« »Ja, Walther, und weißt du, weil unser Papa so anständig ist ... wenn's Winter wird, kannst du's sehen, dann geht er mit den Waisenjungen ...« »Ja, und er klingelt an allen Thüren. Na, darum haben wir Angst, daß du ...« »Daß du ...« »Den Gulden...« »Den Gulden, verstehst du ...« »Daß du ihn nicht ...« »Daß du nicht ehrlich dazu gekommen bist, das ist es,« sagte Fränzchen, der ein zweites Plätzchen aus der Tasche holte und in den Mund steckte, wahrscheinlich zur Bekräftigung. Es war heraus! Armer, armer Walther! »Und darum Walther, wollen wir lieber nicht mithalten. Aber gleich teilen ... das ist abgesprochen!« »Ja, gleich teilen,« rief Gustav. »Du verstehst ... wir die Arbeit ...« Also, gleich teilen ... Die Hallemännchen waren schlau. Gleich teilen: zwanzig und zweimal zwei durch drei, macht acht. Walther bekam acht Stüber. »Weißt du,« sagte Gustav, »weil unser Papa in der Diakonie ist.« »Ja ... und unser Tabakskasten ... Wenn's auch kein Silber ist ... 's ist gerade wie Silber.« Auf diese wahre Geschichte gründet sich mein Unglauben an die außergewöhnliche Anständigkeit der Hallemännchen. Und ich schlage mich lieber zu der Ansicht, daß dieser Anstand weiter nichts war als ein Vorwand von Walthers Mutter, weil sie »beschränkt wohnte«. Es ist die Frage, ob sie in diesen Kindern etwas besonders Anständiges entdeckt hätte, wenn sie eine Aussicht gehabt hätte, Walther mit einigem Nutzen im Haushalt zu verwenden. Viele Gesetze und die meisten Sitten sind entstanden aus »Mangel an Raum« im Verstande, Charakter, Wohnung, Landgebiet und Existenzmitteln. Das paßt auf die Bevorzugung der rechten Hand sowohl, eine Folge der Enge bei Tisch, als auf die Einrichtung der Ehe, und auf viele Dinge, die dazwischen liegen. Der Unterschied zwischen verbummelten Zuckerdosen und verschärften Bibeln, oder die Macht des Gewissens. Leentjes Verdienste und Mängel, vom philanthropischen Standpunkte aus besehen. Lassen wir die principienschaffende Fruchtbarkeit der Beschränktheit auf sich beruhen, Walther kannte die Frucht, wenn ihm auch die Kenntnis des Ursprungs fehlte. Er sorgte sich auch nicht so sehr um sein Nachhausekommen, als wegen der schrecklichen Strafe, die seiner wartete, wenn man sein Neues Testament mit Psalmen vermissen würde. Er war von seiner Landpartie in die Abruzzen zurückgekehrt, und bei seiner Rückkehr nach Amsterdam fiel ihm die Erinnerung an seine Bosheit – oder die Vorahnung des nun Kommenden – drückend auf das Gemüt. Es würde wohl wenig übrig bleiben von dem, was wir Gewissen nennen, wenn wir die notwendigen Folgen des begangenen Schlechten wegdenken könnten. Aber Walther tröstete sich mit dem Gedanken, daß er diesmal doch keinen Fingerhut um die Ecke gebracht hatte, wie neulich. Das Neue Testament wird man ja nicht so gleich vermissen, dachte er, weil der Sonntag noch in weitem Felde war, und in der Woche würde ja wohl nicht danach gefragt werden. Wie gesagt: es war kein Fingerhut, keine Stricknadel, keine Zuckerbüchse, und sonst etwas von täglichem Bedarf ... Als unser Held nach Hause kam, versteckte er den fettigen Glorioso schnell unter dem Nähtisch von Leentje, derselben Leentje, die nach dem Thorsprung seine Hose geflickt hatte, sodaß seine Mutter es nie erfahren hat. Ja, sie ist ins Grab gestiegen, ohne von der zerrissenen Hose etwas zu wissen. Leentje flickte auch sonst Hosen, und sie bekam dafür sieben Stüber die Woche und abends eine Butterstulle. Lange nach Habakuks Zeit dachte Walther noch manchmal an ihr demütiges »Guten Abend, Jüffrau, guten Abend, M'neer und die Jonge-Jüffrauen, guten Abend, Walther ...« u. s. w. Ja, Walthers Mutter hieß Jüffrau, wegen der Schuhmacherei, Denn »Jüffrau«, das ist der Titel von Frauen aus dem Bürgerstande, gewöhnliche Weiber dagegen heißen bloß »Frau« und »Mevrouw« ist der hohe Titel der vornehmen Damen. So ist es in den Niederlanden noch heute. Alles nach Rang und Ordnung, wie sich's gehört. Jüffrau heißen aber auch unverheiratete Damen, sodaß man sich unter Jüffrau sowohl eine Jungfrau als auch eine »junge Frau« denken kann – und die letztere braucht nicht einmal jung zu sein. Die Jonge-Jüffrauen waren Walthers Schwestern, die tanzen gelernt hatten. Und sein Bruder war »M'neer« seit seiner Ernennung zum dritten Hilfslehrer an der städtischen Zwischenschule – die wird's wohl jetzt nicht mehr geben, es war ein wenig mehr als die Armenschule. Er hatte damals Verlängerungsschlippen an seine Jacke bekommen, um der Schuljugend Respekt einzuflößen, und »Stoffel« paßte eigentlich nicht mehr, sagte seine Mutter. Deshalb sagte Leentje »M'neer« zu ihm. Aber zu Walther sagte sie einfach Walther, weil er noch ein kleiner Junge war. Auch war er ihr drei Stüber schuldig oder eigentlich sechsundzwanzig Deut, die er ihr nie wiedergegeben hat, denn als er später, nach Jahren, die Schuld abtragen wollte, gab es keine Deute mehr, und Leentje war auch tot. Das schmerzte ihn sehr, denn er hatte sehr viel von ihr gehalten. Sie war recht häßlich, sogar ein bißchen schmutzig, und überdies auch etwas schief. Ferner meinte Stoffel, der Schulmeister, daß sie eine böse Zunge führte. Sie soll nämlich erzählt haben, daß er in »den Niederlanden«, d. h. dem Gartenlokal, das so hieß, einmal Erdbeeren mit Zucker gegessen hatte. Das will ich wohl glauben, aber was kann man für sieben Stüber und eine Butterstulle mehr verlangen! Ich habe Herzoginnen gekannt, mit mehr Einkommen, die im Umgang trotzdem nicht angenehm waren. Daß Leentje schief war, kam vom fortwährenden Nähen. Sie hielt die ganze Familie »im Stande« und verstand die Kunst, aus einem alten Rock zwei Jäckchen und eine Mütze zu machen, und dann blieben noch Lappen übrig zu den Gamaschen, die Stoffel brauchte, um sein Nachexamen zu machen. Er fiel dabei durch, weil im Euklid ein Fehler war. Außer Walther war keiner mit Leentje zufrieden. Ich glaube, man fürchtete, sie durch zu viel Sanftmut zu verderben. Die Jonge-Jüffrauen sprach immerzu vom »Stand«, und daß »jeder auf seinem Platze bleiben müßte.« Das galt ihr. Leentjes Vater war nämlich ein Schuster gewesen, der besohlte, und der Vater der Jonge-Jüffrauen hatte einen Laden gehabt, in dem »Schuhe aus Paris« verkauft wurden. Ein großer Unterschied. Denn es ist vornehmer, etwas zu verkaufen, was ein anderer gemacht hat, als selber etwas zu machen. Die Mutter meinte, daß Leentje wohl ein bißchen sauberer sein könnte. Aber ich komme wieder zurück auf den Preis und auf die Schwierigkeit des Waschens, wenn jemand keine Zeit, keine Seife, keinen Platz und kein Wasser hat. Leitungswasser gab es noch nicht, und wenn auch – es ist die Frage, ob es bis zu Leentje durchgedrungen wäre. In einem rauhen Klima ist reinliche Armut oft eine Unmöglichkeit. Die holländischen Grafen und die Fleischpreise, sowie der grundlose Verdacht gegen Pennewips Ehre. Leentjes heimliches Talent, Kleider und Seelen zu flicken. So hatte jeder seinen Ärger mit der armen Leentje. Walther hielt viel von ihr, und er war mit keinem im Hause so intim wie mit ihr, wahrscheinlich, weil ihn die anderen nicht mochten, und ihm daher nichts weiter übrig blieb, als bei ihr Trost zu suchen. Denn jedes Gefühl sucht seinen Ausweg, und es geht nichts verloren – ebensowenig in der moralischen wie in der materiellen Welt. Darüber könnte ich noch mehr sagen, aber das will ich lieber lassen, denn unter meinem Fenster steht gerade ein Leiermann, der mich verrückt macht. Walthers Mutter nannte ihn: »Dieser Junge.« Seine Brüder – es waren noch mehr als bloß Stoffel – behaupteten, daß er falsch und mißgünstig wäre, weil er wenig sprach und sich aus den »Murmeln« nichts machte. Sagte er aber etwas, so verwies man ihm eine ganz unbewiesene Verwandtschaft mit König Salomos Katze. Die Schwestern erklärten ihn für einen »Reißteufel«. Aber mit Leentje stand sich Walther gut. Sie tröstete ihn und fand es schändlich, daß man von einem Jungen, wie er, nicht mehr her machte. Sie hatte also wohl eingesehen, daß er nicht ein Kind war wie andere Kinder. Sonst würde ich mir ja auch nicht die Mühe geben, seine Geschichte zu erzählen. Bis kurz nach der Reise nach Ouwebrüg, Hartenstraat und Aschenthor war Leentje Walthers einzige Vertraute. Ihr las er die Verse vor, welche die lange Cecil verschmäht hatte. Ihr klagte er seinen Schmerz über die Ungerechtigkeit seines Lehrers Pennewip, der ihm »genügend« gab, dem rothaarigen Keesje dagegen »recht gut« mit einem Strich drunter – Keesje, der kein Exempel allein rechnen konnte und in den holländischen Grafen immer stecken blieb! »Armer Junge!« sagte Leentje. »Du hast wohl recht. Sie kamen in das Haus Bayern ... Es ist eine Schande! und um einen Deut aufs Pfund!« Sie behauptete nämlich, daß Pennewip von Keesjes Vater, der Schlächter war, das Fleisch billiger bekam, und daß es deshalb mit den holländischen Grafen und ihren verschiedenen Häusern nicht stimmte. Später hat Walther das für eine »fromme Lüge« angesehen, weil nämlich Pennewip, wohl beschaut, nicht so aussah, als ob er mit Beefsteak Mißbrauch triebe. Aber in jenen Tagen nahm er diesen leichtfertigen Verdacht gegen des Mannes Ehre gern an, als Pflaster auf die seine, die durch Keesjes Bevorzugung gekränkt war. Denn wo unsere Ehre im Spiel ist oder was wir dafür halten, da geben wir weniger auf die Ehre anderer. Und wenn seine Brüder ihn kränkten mit dem höhnenden »Professor Walther« – oder wenn die Schwestern auf ihn die Schuld schoben wegen des »albernen Gekrabbels in den Bettvorhängen« – oder wenn seine Mutter ihn strafte, weil er den Reisbrei aufgegessen hatte, der noch für morgen gut gewesen wäre – dann war es stets Leentje, die Walthers Gemüt wieder ins Gleichgewicht brachte, genau so wie sie die Dreiecke in seinen Hosen und Jacken mit ihren unnachahmlichen Stichen unsichtbar machte. O du häßliche, unsaubere, schiefe, böszungige Leentje, wie hat dich Walther lieb gehabt! Welcher Trost strahlte von ihrem messingnen Fingerhut, welche Ermutigung lag in ihrem Ellenmaß und was für eine Salbung in ihren liebreichen Worten: »Da hast du eine Nadel und einen Zwirn und ein Läppchen ... näh' dir ein Säckchen für deine Griffel und erzähl' mir noch was von all den Grafen, die immer von einem Hause ins andere übergingen.« Das tiefsinnige Schweigen von Jüffrau Laps. Stoffels Predigt. Walthers standhafte Treue zu Glorioso. Rührender Rückblick auf Scelerajosos Tod, und das glorreiche Ende Gloriosos. Der letzte König von Athen. Verdorbene Magen und geplatzte Trommelfelle – ein eigenartiger Stoffwechsel. Ich weiß nicht, welcher Prophet unserem Walther zur Strafe für sein verschärftes Bibelchen aufgegeben wurde. Der Hausgeistliche kam gerade dazu, und der Mann war reinweg entsetzt über so viel Schlechtigkeit. Jüffrau Laps, die auf der Unter-Vorkammer wohnte, hatte auch davon gehört. Sie war sehr fromm und behauptete daher, daß so ein Junge für den Galgen aufwuchs, denn: »Man beginnt mit der Bibel,« sagte sie bedeutungsvoll, »und endigt mit was anderem.« Niemand hat aber jemals erfahren, was wohl das »andere« eigentlich sein könnte, wenn man mit der Bibel angefangen hat. Ich denke, sie wußte es selbst nicht und sagte bloß so, damit die Menschen glauben sollten, sie besäße viel Lebensweisheit und wüßte mehr vom Lauf der Welt, als sie äußerte. Mir kann es recht sein, wenn ich auch nichts von Weisheit halte, die sich nicht in verständlichen Worten äußert, und wenn es meine Sache gewesen wäre, hätte ich der Jüffrau Laps schon den Daumen zwischen die Thür gesetzt. Stoffel hielt eine Nachpredigt, in der er nachtrug, was der Hausgeistliche vergessen hatte. Er redete von Korah, Dathan und Abiram, die auch so etwas wie Walther verbrochen hatten und die dafür mit frühzeitigem Begräbnis gestraft worden waren. Auch sagte er: »daß die Ehre der Familie auf der Ouwebrüg verloren gegangen wäre, daß er als der einzige älteste Sohn einer unbescholtenen Witwe, und als dritter Hilfslehrer auf der Stadt-Zwischenschule verpflichtet wäre, Sorge zu tragen für die Ehre des Hauses ...« »Bayern,« sagte Leentje sachte. »Daß eine Verheiratung oder eine andere Versorgung für die Mädchen durch Walthers Schuld sich zerschlagen könnte, denn niemand würde mit Mädchen zu thun haben wollen, die ...« Kurz, Stoffel betonte, daß es »eine Schande« wäre, und daß er »die Augen niederschlüge vor jedem, der von dem Verbrechen wüßte.« Er hatte deutlich bemerkt, daß auch »die Jungens« davon wissen müssen, denn Ludwig Hopper hatte schon ihm die Zunge herausgesteckt! Und endlich, »daß er sich graulte, über den neuen Markt zu gehen« – dort wurde nämlich in den Tagen gegeißelt, gebrandmarkt und gehenkt – »weil das ihn so unangenehm an die gräßliche Anspielung erinnerte, die Jüffrau Laps über Walthers Zukunft gemacht hatte.« Dann kam noch allerlei von den Korahs und von Dathan und Abiram, worauf die ganze Familie in Geheul ausbrach, weil es so sehr rührend war. Walther tröstete sich mit dem Gedanken an Olorioso, und wenn von dem »anderen« gesprochen wurde, frei nach Jüffrau Laps, träumte er von seiner Hochzeit mit der schönen Amalia, deren Schleppe von sechs Pagen getragen wurde. Jüffrau Laps würde wohl ein besonderes Gesicht gemacht haben, wenn sie diese Auslegung ihrer verschluckten Steigerung erfahren hätte. Es versteht sich von selbst, daß alle Versuche, die unseren Helden zu Erklärungen zwingen sollten, auf welche Weise er eigentlich das Geld verthan hatte, vergebens waren. Nach der fruchtlosen Anwendung aller gebräuchlichen Mittel mußte man davon absehen. Wasser und Brot, Wasser ohne Brot, Brot ohne Wasser, kein Wasser und kein Brot, Hausgeistlicher, Stoffel, Habakuk, Jüffrau Laps, Thränen, Prügel – alles vergebens. Walther war der Junge nicht, um Glorioso zu verraten. Das hatte er gerade von diesem Scelerajoso so schuftig gefunden, dem es dann auch schlecht ging, wie wir gesehen haben. Als ihm wieder gestattet wurde, mit den Hallemännchen, die so besonders anständig waren, spazieren zu gehen, eilte er nach der Brücke draußen vor dem Aschthor, um seine spannende Lektüre fortzusetzen, und er wiederholte das bis zu dem unseligen Augenblick, da er von seinem Helden Abschied nehmen mußte, welcher auf der letzten Seite als reuiger Generalmajor in den Armen der tugendhaften Elvira sanft verschied. Als Walther sein Buch nach der Hartenstraat zurückgebracht hatte, wurde sein Blick durch Mandelkuchen bei dem Konditor an der Ecke gefesselt. Er handelt mit Glorioso, wie die Athener mit Kodrus; niemand war würdig, eines solchen Helden Nachfolger zu sein, und binnen wenig Tagen war der Überschuß von dem Neuen Testament in magenverderbendes Backwerk verwandelt ... Was den Anteil der Psalmen in dem Saldo betrifft, das Walther von seiner italienischen Reise blieb, so lieferte diese sehr eigenartig den Grundstoff zu einer Mundharmonika mit drei Tönen, die Ohren und Seele zerrissen und schließlich durch Meister Pennewip, als störend für die Schulruhe, konfisziert wurden. Betrachtungen, wie man ein großer Mann werden kann. Besuch bei M'sjö Willär, der so klug war. Steckenpferde. Der Leser wird mit Versen bedroht und schließlich um Anerkennung ersucht für die geschickte Art und Weise, wie ihn der Verfasser, nach vergeblichem Herumirren, zu Walther zurückführt. Ich achte mich nicht berufen, in dem Streit zwischen Pennewip und Leentje, betreffend dessen Parteilichkeit für Schlachterskeesje, ein Urteil abzugeben. Aber das feurige Gefühl für Recht und Billigkeit, das mich seit meiner ersten Jugend plagte – ach, seit Jahren warte ich vergebens auf die zweite! – und die alberne Sucht, nach Milderungsgründen zu suchen, wenn auch die Missethat bewiesen wäre, nötigen mich doch zu sagen, daß Meister Pennewips Los als mildernder Umstand für jeden, der an acht Todsünden schuldig befunden war, gelten konnte. Ich habe gefunden, daß viele große Männer ihre Laufbahn als Schweinehirten anfingen – siehe alle biographischen Nachschlagebücher – und es scheint also, daß dieser Beruf die Elemente bietet, um die Menschen zu regieren oder zu fördern. Was nicht dasselbe ist. Wenn etwa Theologen meine Erzählung bekritteln sollten und diese Gelegenheit ergreifen, um mich weitgehender Unkenntnis zu beschuldigen, weil ich eine Hauptsünde mehr zähle als ihnen bekannt sind, und des Verbrechens, daß ich das Menschengeschlecht als eine Abart von Schweinen hinstelle, so antworte ich, daß ja noch eine neue kanonische Sünde entdeckt werden kann, die sie noch nicht studiert haben. Und das muß ihnen doch so angenehm sein wie die Grippe dem Apotheker. Neue Aufgaben, meine Herren! Und was die Verwandtschaft mit den Ferkeln angeht, so denke man einfach an die Verwandtschaft von Kohle und Diamant, und jeder wird zufrieden sein, selbst die Theologen. Aber – nach dieser Anmerkung über die herrlichen Aussichten, die jemand hat, wenn er seine zarte Jugend im Verkehr mit den grunzenden Kohlendiamanten des Tierreichs erlebt hat – ich habe mich schon mehrfach gewundert, daß in den Lebensbeschreibungen berühmter Männer so wenig Schulmeister vorkommen, da doch alle Ingredienzien, die eine Schweineweide zu einer Genieküche machen, in so großem Maße in der Schulstube zu finden sind. Das Umgekehrte kommt öfter vor. Alle Tage sieht man weggejagte Prinzen der lernfaulen Jugend Unterricht geben. Dionysius und Ludwig Philipp sind die einzigen nicht, und ich selber habe einmal versucht, einem Amerikaner das Französische beizubringen. Es ging aber nicht. Wenn die Königswahlen einmal wieder in die Mode kommen sollten, würde es mich freuen, wenn die Wahl des Volkes sich mit Vorliebe auf die Personen richtete, die den Menschen verhältnismäßig studiert haben, wie man die Geographie auf Globen oder Handatlassen lernt. Alle Tugenden, Neigungen, Leidenschaften, Irrtümer, Missethaten, die in der wirklichen menschlichen Gesellschaft Punkte unentbehrlicher Übung ausmachen, findet man auf kleinem, besser zu übersehendem Felde, schon auf der Schulbank, und die hochberühmten Künste manches Staatsmannes kommen, genau besehen, zurück auf das »Beine stellen,« das bei den Macchiavells von drei Fuß Höhe ein und alles ist. Die Aufgabe eines Schulmeisters ist denn auch nicht leicht, und ich habe nie verstanden, warum er so karg besoldet wird, oder, da das nun einmal so sein zu müssen scheint, wie man noch immer Leute findet, die nicht lieber für dasselbe Geld als Unteroffizier gehen und das Laden in zwölf Tempos – vielleicht bin ich mit der Zeit nicht mitgegangen – unterrichten, was doch sicher weniger Kopfzerbrechen macht und mehr Luft mit Sauerstoff giebt. Auch wäre ich lieber Pfaffe. Der hat doch immer mit Leuten zu thun, die in der Sache mit ihm eins sind, und die aus freiem Willen ihm zuzuhören kommen, während der Lehrer dauernd mit Abneigung zu kämpfen hat, und mit der höchst gefährlichen Nebenbuhlerschaft von Kreiseln, Murmeln und Papiermännchen, – von Zuckerwerk, Zahnwechsel, Scharlach und schwachen Müttern ganz zu geschweigen. Pennewip war ein Mann von der alten Schule. So würde er uns wenigstens vorkommen, wenn wir ihn vor uns sähen in seiner grauen Schuljacke, seiner Schoßweste, den kurzen Hosen mit Schnallen, und das alles gekrönt von einem braunen Perückchen, das er fortwährend hin und her schob, und das zu Anfang der Woche immer so lockig war, wenn nicht Regen in der Luft stand. Denn Locken können Feuchtigkeit nicht vertragen, und Sonntags kam der Mann mit der Brennschere. Aber das Altfränkische ist vielleicht bloß Einbildung. Wer weiß, am Ende war er zu seiner Zeit modern, und wie bald wird man von uns dasselbe sagen! Jedenfalls, der Mann nannte sich »Meister«, und seine Schule war eine Schule und kein »Institut,« was auch die Sache weniger gut kennzeichnet, und es ist auch kein Fortschritt, die Dinge anders zu nennen, als sie heißen. Auf seiner Schule, wo nach der naiven Gewohnheit jener Tage Jungen und Mädchen durcheinander saßen, lernte man – oder konnte man lernen – Lesen, Rechnen, Schreiben, vaterländische Geschichte, Psalmensingen, Nähen, Stricken, Aufpassen und Religion. Das alles war an der Tagesordnung, aber wer sich in Anlagen, Eifer oder Gehorsam auszeichnete, der bekam noch obendrein Unterricht im Versemachen, eine Kunst, an der Pennewip viel Gefallen fand. Er bereitete die Jungen vor, bis sie eingesegnet werden konnten, und mit Hilfe seiner Frau führte er die Mädchen bis zu einem Sticklappen mit einem roten Vaterunser auf schwarzem Grunde, oder auch einem gespießten Herzen zwischen zwei Blumentöpfen. Dann waren sie ausgebildet und daher fertig, um Großmütter unseres gegenwärtigen Bürgerstandes zu werden. Naturkunde gab es damals nicht. Dieser Punkt läßt auch heute noch zu wünschen; es soll allerdings besser geworden sein. Es ist einem Kinde nützlicher zu wissen, wie das Korn wächst, als es in einer fremden Sprache nennen zu können. Aber es könnte sich beides wohl vertragen. Die Bürgerschulen waren recht mangelhaft in der Zeit, da Walther und Schlachterskeesje langsam um die Arena der Ehre herumkrochen, aber ich glaube, daß man von unseren heutigen »Instituten« nicht viel anderes sagen kann. Ich gebe jedem den Rat, einmal eine Schule von der Art wie die, in der er seine Jugend verlebt hat, zu besuchen, und ich bin überzeugt, daß mancher Vater, der es mit seinen Kindern gut meint, sie nach dieser Probe lieber zu Hause behalten möchte. Man kommt zu der Überzeugung, daß doch in der Schule des Meister Willer, der so klug war, daß er sich aus lauter Klugheit »M'sjö Willaire« nennen ließ, doch bitterwenig zu lernen war. Ohne diese Probe leben wir weiter im Glauben an die Klugheit des M'sjö Willaire, wie wir ja auch immer jemand für groß halten, den wir in unserer Kindheit kannten, und den wir später nicht wiedersahen ... Als ich vorhin behauptete, daß die Schulmeister zu karg besoldet würden, geschah das nicht, weil ich die Entlohnung als unzureichend ansah im Verhältnis zu der gelieferten Quantität Kenntnis, Wissenschaft und Menschenbildung. Ich hatte nur die Bitterkeit des Brotes im Auge, das man mit so schwerer Arbeit erkaufen muß, und die ungenügende Schadloshaltung für die Marter des Mannes, der sein Leben in einem Wespennest verbringt. Außer dem Versemachen ritt Meister Pennewip noch ein Steckenpferdchen, das ihm mehr als jedes andere auf einen Thron Anspruch gab. Er war besessen von der Rubrizierungswut, – eine Leidenschaft, die wenigen bekannt ist, obwohl sie nicht so selten vorkommt. Ich habe die Krankheit nie recht begriffen, aber ich habe alles Suchen nach der ersten Ursache aufgesteckt, sobald ich einsah, wie schwer mit Steckenpferden aus fremdem Stall umzugehen ist. Ich will mich also mit einer kurzen Beschreibung von Pennewips unschuldigem Tiere begnügen. Er brachte alles, was er sah, wahrnahm oder erlebte, in Familien, Klassen, Genera, Species und Unterabteilungen, und machte so das ganze Menschengeschlecht zu einem botanischen Garten, dessen Linné er war. Er betrachtete das als die einzige Möglichkeit, um einen helleren Blick für die Endziele der Schöpfung zu bekommen, und um alles Dunkel in und außer der Schule aufzuhellen. Ja, er ging so weit, zu behaupten, daß Walthers Neues Testament wieder zum Vorschein gekommen wäre, wenn Jüffrau Pieterse nur hätte angeben können, zu welcher Klasse der Mann gehörte, der es in schwarzes Leder eingebunden hatte. Aber das wußte sie nicht. Was mich angeht, so würde ich nicht im geringsten über Pennewips Klassifizierungssucht gesprochen habe, wenn ich nicht hätte von seiner Arbeit Gebrauch machen können, um meinen Lesern ein Bild des Kreises zu geben, in dem unser Held sich bewegte, wie ich auch besagten Pennewip gern hätte ungestört im Versemachen unterrichten lassen – was ja schließlich nicht verboten ist – wenn ich nicht voraussähe, bald ein paar Gedichte seiner Schüler zu einem hübschen Bilde nötig zu haben. Nach den gewöhnlichen Haupteinteilungen von »beseelt« und »unbeseelt« – wobei der gute Mann dem Menschen schlechtweg eine Seele gab – kam ein System, das aussah wie eine Pyramide, auf der Gott mit Engeln, Geistern und weiterem Zubehör obenauf stand, während die Austern, Polypen und Muscheln ganz unten herumkrochen oder stilllagen, nach Belieben. In halber Höhe standen die Könige, Schulräte, Bürgermeister, Gesetzgeber und Geistliche, Doktoren in Gottesgelehrtheit. Darunter Professoren und Kaufleute, die nicht selbst arbeiteten. Dann Doktoren in profanen Dingen, soweit sie zweispännig fuhren, Advokaten, auch ungedoktorte Geistliche, Obersten von der Bürgerwehr, der Rektor der lateinischen Schule und dergleichen. Philosophen – aber sie mußten ein System aufgestellt haben – Doktoren mit einem Pferde oder ohne Pferd und Dichter kamen später. Ziemlich tief darunter und unweit der Muscheln hatte er die siebente Unterabteilung der dritten Klasse des Bürgerstandes placiert, und in der Gegend gehörte mein Held zu Hause. Bürgerstand, III. Klasse, 7te Unterabteilung. Bürgersmenschen, die zur Miete wohnen. a) Aufgang für Herrschaften. Drei Fenster Front. Zwei Stockwerke mit Hinterzimmern. Die Jungen schlafen allein, ziehen sich aber mit den Mädchen zusammen an. Strohschütten bei Geburtsfällen. Lernen Französisch, zu Weihnachten Gedichte. Die Mädchen heißen Lena, Maria, manchmal – aber selten – Luise. Sticken. Die Jungen gehen aufs Comptoir. Halten ein Mädchen, Nähmamsell, und eine »Person für die grobe Arbeit.« Wäsche zu Hause. Lesen Predigten von v. d. Palm. Sonntags Pökelfleisch, weißes Tischtuch, Liqueur nach dem Kaffee. Religion und Anstand. b) Noch immer drei Fenster. Ein Stockwerk. Oben wohnen Nachbarn, die »zweimal läuten.« (Siehe b 2 .) Leentje, Mietje; Luise kommt sehr selten vor. Die Hausthür wird mit einem Strick geöffnet, der von langem Dienst glänzt. Schlafen in einem Zimmer. Strohschütten bei Geburtsfällen. Dienstmädchen, »halbe Nähmamsell« und »Person.« Sonntags Käse, kein Liqueur, aber sonst Religion und Anstand wie oben. b²) Zweimal läutende Nachbarn, Ungefähr wie oben. Ohne Mädchen, aber »Person.« Nähterin, Weißes Tischtuch, Käse von Zeit zu Zeit, aber selten. Religion wie oben. c) Ein Stockwerk höher. Zwei Fenster Front. Kleines vorspringendes Hinterzimmer. Die ganze Familie schläft in zwei Betten. Von Strohschütten keine Spur. Die Jungen heißen Louw, Piet oder Gerrit und werden Uhrmacher oder Schriftsetzer. Manchmal zur See, aber selten. Fortwährend Zank mit den Nachbarn wegen des verstopften Ausgusses. Übrigens, Religion wie oben. Haben Bekanntschaft mit »ganz anständigen Leuten.« Lesen den »Harlemmer« zusammen mit III, 7, b² (Pp.). Kein Mädchen oder »Person,« sondern eine Nähterin mit sieben Stübern und einer Butterstulle .. Da sind wir angelangt bei Jüffrau Pieterse. Der Leser weiß nun ziemlich genau, was er sich von Walthers Umgebung zu denken hat, und er versteht auch, warum ich sein Gesichtchen »stadtfarbig« nannte, als wir ihn zum erstenmal sahen in der Hartenstraat ... auf dem Wege zum Ruhm... oder auf dem Wege zu dem, was Jüffrau Laps nicht sagen wollte ... jedenfalls aber auf der Bahn zu Dingen, die noch weiter unser Interesse beanspruchen werden. Vorbereitungen zu einer Gesellschaft. Rollenverteilung. Widerstreit zwischen Wollen und Sein, dargestellt in einer Kinderträumerei. Moddergraben-Phantasien, Strohhahnwettrennen, Entenkrieg und Mühlengeschichten, zum Schluß eine Lustreise. Es war Mittwoch. Bei Pieterses sollte eine »Gesellschaft« stattfinden. Jüffrau Laps war eingeladen, und auch die Jüffrau über dem Milchkeller, deren Mann »an der Börse« war. Ferner Frau Stotter, die so lange Hebamme gewesen war, aber immer bloß »sehr anständig.« Dann die Witwe Zippermann, »deren Tochter mit jemand von der Versicherung oder dem Kataster oder so etwas verheiratet war.« Auch die Jüffrau von dem Kuchenbäcker. Das ging nicht anders: es wäre zu auffallend gewesen, wenn man allerlei vermischtes Gebäck bei ihr holen ließ, ohne sie mitzuladen. Dann die Jüffrau von hinten unten, die ja wohl nicht kommen würde, dachte man, »aber man wollte gern nachgeben, nach dem Zank um die zerbrochene Fensterscheibe.« Und kam sie nun nicht, dann war's auch aus, sagte Jüffrau Pieterse. Ja, dann sollte es aus sein mit der Jüffrau von hinten unten. Ich will nun gleich hinzufügen, daß sie wirklich nicht gekommen ist, und daß es daher wirklich mit dieser Jüffrau aus war. Die kleineren Kinder sollten frühzeitig ins Bett, mit dem Versprechen einer Tasse Salbeimilch – dies Getränk vertrat damals vielfach den Thee – zum Frühstück, »wenn sie sich den ganzen Abend nicht hören ließen.« Es ist ja auch lästig, die Kinder zu »hören,« wenn man eine Gesellschaft hat. Was vorgeht, geht vor. Walther bekam Urlaub, um mit den Hallemännchen spazieren zu gehen, die so besonders anständig waren, und er sollte gegen acht Uhr nach Hause kommen, wurde ihm gesagt, aber in einem Tone, der ihn keine Schelte befürchten ließ, wenn er etwas länger ausblieb. Laurens, der natürlich Schriftsetzer lernte und gewöhnlich des Abends gegen sieben Uhr nach Hause kam, war groß genug, um dabei zu sein, aber er mußte versprechen, still zu sitzen und bei der zweiten Tasse zu danken. Die großen Mädchen gehörten dazu, das sprach von selbst – sie hatten die Einsegnung und das Mustertuch hinter sich – und Stoffel präsidierte. Er sollte die Herren begrüßen, wenn die gegen zehn Uhr die Jüffrauen abholen kamen, und die Gesellschaft mit Geschichten von Mungo Park unterhalten und mit dem bestimmten Artikel, worin er besonders stark war. Leentje sollte bleiben, bis die Leute da waren, weil es sonst so unbequem war, jedesmal die Thür zu öffnen. Auch konnte sie etwas helfen beim Wegräumen von der Tafel und bei all der Arbeit, die bei so einer Gesellschaft unvermeidlich ist. »Aber sie sollte etwas flotter drangehen, sonst thäte man es wirklich lieber selbst.« Das älteste von den Mädchen, Jüffrau Truitje, sollte für die »Salbeimilch« sorgen. Pietje hatte die Butterstullen unter sich, und Myntje das Zurechtmachen, »aber diesmal sollte mehr Butter drauf, weil sie das letzte Mal zu trocken waren.« Es würde ganz famos werden, »wenn nur die Jüffrau Laps nicht immer das große Wort führte, denn das war eben ihre Schwäche.« Auch hoffte man, daß die Witwe Zippermann »etwas weniger von ihrem Schwiegersohn aufschnitte, denn das wird auf die Dauer langweilig.« Und die Jüffrau über dem Milchkeller, »konnte auch wohl etwas bescheidener sein, denn sie hatte auch nicht immer in einem geschlossenen Hause gewohnt und ein Laden war keine Schande, und im oberen Stockwerk wohnen auch nicht ... wahrhaftig nicht!« Auch konnte man gar nicht wissen, wie es noch kommen würde. Niemand verstand auch, warum die Jüffrau von dem Kuchenbäcker immer so viel französische Worte gebrauchte, was sich für den Bürgerstand gar nicht paßt, und »wenn sie's wieder thut, Stoffel, dann sage du nur auch mal was, was sie nicht versteht, dann wird sie wohl sehen, daß wir auch nicht von der Straße sind, und daß wir auch wissen, wie sich's gehört.« Und »daß die Jüffrau von hinten unten nicht kommt, das macht mir gar nichts,« fuhr Jüffrau Pieterse fort, »das macht mir absolut nichts. Ich mache mir nichts draus ... vier ... fünf ... da kann Louw sitzen, aber er muß die Beine still halten ... und da ein Stuhl ... ja, so ... es ist ganz gut, daß sie nicht kommt, es wäre doch zu voll geworden ... Leentje, mach' dich an die Arbeit und schnaub' dir die Nase ... oder nein, geh' doch mal zu Jüffrau Laps, und frag', ob die Jüffrau ein paar Schemel leihen will, ohne Lehne, weißt du, weil die Stühle ... da, gegen den Schornstein, das geht sonst nicht ... ja, bitte die Jüffrau um ein Paar Schemelchen, und sag' der Jüffrau, daß es für mich ist, und daß ich die Jüffrau gegen sieben erwarte ... aber mache meine Empfehlung an die Jüffrau und schnaub' dir die Nase.« Jüffrau Pieterse liebte die persönlichen Fürwörter nicht, es war so unhöflich, fand sie ... Walther war diesen Nachmittag schon früh nach seiner Brücke gegangen, die diesmal weniger überflüssig war als gewöhnlich. Denn nach dem Regen des vorigen Tages war diesmal wirklich Wasser in dem Graben, und in diesem Wasser sogar Bewegung, sodaß die Strohhalme, die er gedankenlos oder gedankenvoll – was beinahe dasselbe ist – hineinwarf, nach dem Pfuhl mitgeführt wurden, wo die Balken lagen, die durch die beiden Mühlen, »die Morgenstunde« und »den Adler,« seit einigen Wochen die Zeugen von Walthers Träumereien, gesägt werden sollten. Denn nach Glorioso und der Unmöglichkeit, ihn würdig zu ersetzen, war er an den Nachmittagen, die er frei hatte, unwillkürlich nach dem Fleck zurückgekehrt, wo er mit der Romanwelt Bekanntschaft gemacht hatte, und wie grob auch die Farben waren, in denen sich das erste Bild dieser Welt ihm aufthat, ja vielleicht gerade infolge der Grobheit dieser Farben, er fühlte sich dadurch so angezogen, daß er sich selbst verändert vorkam und nicht mehr begriff, wie er sonst seinen Genuß in den kleinen Kuchen an der Ecke hatte finden können. Eine eigenartige Perspektive hatte sich vor ihm aufgethan. Er träumte von Dingen, denen er keinen Namen geben konnte, die ihn aber mit seinem wirklichen Zustande bitter unzufrieden machten. Er wollte ja gern alles thun, was vorgeschrieben ist, um in den Himmel zu kommen, aber das Beten würde, meinte er, in so einer Höhle mit Kerzen viel leichter gehen. Und was das Ehren seiner Mutter betraf, auf das diese jederzeit solch Gewicht legte ... warum hatte sie keine Schleppe wie die Gräfin? Er hätte seine Bibel nicht verkaufen sollen ... das ist wahr ... er würde es auch nicht wieder thun, das hatte er fest versprochen ... aber dann hätte es sich auch gehört, daß er so ein Kistchen mit Dukaten hätte und eine Feder auf der Mütze, wie es im Buche stand. Auch ödete ihn sein Bruder Stoffel, und seine Schwestern, und Jüffrau Laps, und der Hausgeistliche, und alles. Er begriff nicht, warum nicht die ganze Familie nach Italien ging, um da eine anständige Räuberbande zu gründen. Aber Pennewip durfte nicht mit, dachte er, und Schlachterskeesje auch nicht. Es sollte ihn wundern, was mit seinen Versen werden würde ... Alle Mittwoch nämlich lieferten die Schüler, die am wenigsten ungezogen gewesen waren und deshalb für würdig galten, um den Lorbeer mitzuringen, ein Gedicht ab über einen Gegenstand, den der Lehrer aufgegeben hatte. Walther hatte diesmal »die Tugend« zur Bearbeitung bekommen, nicht ohne Anspielung auf seine frühe Verderbtheit und den Wink, daß die Dichtübung an seiner moralischen Besserung mithelfen solle. Aber Walther hatte schon so oft die Tugend in Reime gesetzt, und er fand diesen Gegenstand so trocken, so langstielig, so abgeleiert, daß er sich die Freiheit genommen hatte, etwas anderes zu besingen, und zwar, was ihm am meisten im Herzen lag, die Räuberei. Er selbst war, wie alle Schriftsteller – und Menschen, sehr von seinem Werk eingenommen. Er war überzeugt, daß der Lehrer das auch sein würde und ihm, der vortrefflichen Ausführung zuliebe, die Abweichung von der Tugend vergeben sollte. Der Vers würde sicher an den Bürgermeister geschickt werden, und der würde dem Papst davon Kenntnis geben, und der würde dann Walther zu sich rufen und ihn als Hofräuber anstellen. So träumte er und warf seine Strohhalme ins Wasser. Sie trieben langsam vorwärts und verschwanden zwischen den grünbewachsenen Balken. Unwillkürlich stellte Walthers Phantasie eine Verbindung her zwischen der Richtung der Halme und seinen Eindrücken. Da ging die Gräfin mit der Schleppe, aber sie blieb an der Ecke sitzen, und saß fest im Modder. Die keusche Amalia traf es nicht besser, auch sie verirrte sich in die Entengrütze. Jetzt Walther selbst: er nahte sich Amalias Grünzeug, und gerade als er sie aus ihrer Gefangenschaft zu retten hoffte, wurde er von einer Ente verschluckt. Das war sehr verkehrt von der Ente. Denn es war Walthers letztes Hälmchen, und er hörte in dem Geklapper der Mühlen Amalias vorwurfsvolle Stimme: »Warre, warre, warre, wal, Wo ist warre, warre, woll ... Walther, der mich retten soll?« Das ärgerte ihn, und er konnte sich nicht enthalten, nach der Ente einen Stein zu werfen, die durch ihre Gefräßigkeit die Ursache von Amalias Zweifel an seiner Ritterehre geworden war. Die Ente wählte das bessere Teil und zog ab, nachdem sie Walther, so gut sie konnte, ausgescholten hatte. Aber die Mühlen schienen sich um die Ereignisse nicht zu kümmern und klapperten tapfer weiter. Walther hörte in ihrem Geknatter und Gesäge allerlei Lieder und vergaß bald Amalia und den Papst, um nach diesen Geschichten zu lauschen. Um den Leser nicht zu der verkehrten Ansicht zu bringen, als ob etwas Besonderes an diesen Mühlen gewesen wäre, beeile ich mich, zu erklären, daß sie knirschten und klapperten wie andere Holzsägemühlen auch ... Es kommt oft vor, daß wir etwas von außen wahrzunehmen glauben, was aus uns selber kommt, und ebenso oft meinen wir etwas selber erdacht zu haben, was von einem anderen herrührt. Das ist eine Art von Bauchrednerei, die oft Anlaß giebt zu Verdruß und Feindschaft. Welche sich wohl am schnellsten dreht? Nun ... mich dünkt ... nein ... zusammen beginnen ... so! Nein, der Adler war vor! Noch einmal ... jetzt! Wieder falsch! Welche nun zuerst oben ist ... nein, so geht's nicht ... noch einmal ... von dieser Wolke an. »Morgenstunde,« paß auf ... wieder gefehlt! Ich kann kein Auge drauf halten ... was für ein Drehen! So, bist du müde? Glaub's wohl. Wenn ich einmal auf so einem Flügel säße ... ich würde mich gut festhalten ... wie würde der Müller Augen machen! Warum heißt du »Morgenstunde?« Hast du etwas im Munde? Und ... »Adler«? ... kannst du fliegen? Willst du mich mitnehmen? Ich würde schon wollen ... was für ein Raum da oben ... und keine Schule! Wie hat wohl die erste Schule angefangen? Was war zuerst? Die Schule oder der Lehrer? Aber der erste Lehrer muß doch auf der Schule gewesen sein ... und die erste Schule muß doch einen Lehrer gehabt haben ... Von selber? Nein, das ist nicht möglich. Kannst du dich von selber drehen? Durch den Wind? Kannst du umkehren anders herumdrehen von selber? Thu's mal, »Adler« ... los! Krieg' die »Morgenstunde« ... flink, flink ... mach's aus ... schön! Nun wieder allein, laß los ... los ... gut so! Nun wieder zusammen ... karre, karre, kra, kra ... streck die Arme aus ... nimm mich mit ... willst du nicht? Gut, »Adler«! Setz deinen Hut auf ... wie fliegen die Bänder! ... Wie heißt du? Warre, warre, warre, wal ... ich kann nicht dafür ... es war die Ente. Sag, wie heißt du? Fanne, fanne, fanne, fan ... heißt du Fan? Und du, Morgenstunde, wie ist dein Name? Sine, sine, sine si, ... was ist das für ein Name, Si? Nun zusammen, vorwärts, zusammen ... singt ein Liedchen zusammen: Fanne, fanne, fanne, fan .. Sine, sine, sine, si.. Fanne, sine, fanne, sine, Fanne sine, ... fan ... cy... Fancy ... was meint ihr damit? Heißt ihr Fancy? Und was ist das ... habt ihr Flügel? Ja, die »Morgenstunde« und der »Adler« waren in eins zusammengeschmolzen, hatten Flügel und hießen Fancy. Fancy hob Walther empor und führte ihn mit sich fort. Als sie ihn wieder auf der Brücke niedersetzte, war es lange dunkel. Walther schüttelte sich, wie einer, der naß ist, rieb sich die Augen und ging nach Hause. Wir werden später sehen, was ihn da erwartete, aber wir müssen ein paar Stunden zurückgehen, und ich hoffe, daß der Leser nicht zu stolz ist, um meine Einladung zu Jüffrau Pieterse zu verschmähen. Man bedenke, daß ihr Mann nichts selber machte, sondern alles von Paris bezog. Im Vorübergehen aber möchte ich noch bei Meister Pennewip einen kurzen Besuch abstatten. Dichtübungen, Perückenfreude, Perückenverdruß und Perückenverzweifelung. Die Schule war aus, und die Bänke sahen aus, als ob die Schüler ihre ganze Langeweile dagelassen hätten. Die Karte von Europa sah verdrießlich auf den Stapel Schreibhefte nieder, neben dem die Gänsefedern lagen, die bis ans Zahnfleisch durch alle die Striche und Häkchen abgeknabbert waren, womit seit undenklichen Zeiten der Zutritt zu aller Gelehrtheit erschlossen wird. Zwar prangte noch das schwere Resultat der Bruchrechnung in aller Pracht auf der schwarzen Tafel, aber doch, die Schule war keine Schule mehr, der Geist war fort, es war eine Leiche. Ja, der Geist war mit den Kindern ausgezogen, denn daß diese eine große Menge von diesem Artikel mit sich herumtrugen, wird der Leser gleich sehen. Wir wissen schon, daß heute der große Tag war, da Meister Pennewip die dichterischen Erzeugnisse des Genies seiner Schüler beurteilen sollte. Da saß er. Sein vielbewegtes Perückchen teilte die Gefühle, die ihn beim Lesen der Poesien bewegten, und wir sind unbescheiden genug, über seine Schulter zu sehen, um auch unserseits durch Eindrücke unschätzbaren Kunstgenusses bewegt zu werden. Perücke: in der Mitte, in Ruhe. Lukas de Bryer, auf das Vaterland. Vaterland, Kuchen und Mandeln, Ich gehe im Mondschein wandeln, Kuchen, Vaterland und Branntewein, Ich wandele in dem Mondenschein, Fünf Finger hab' ich an der Hand Zur Ehre von's liebe Vaterland. »Melodisch,« sagte der Lehrer, »sehr melodisch! Es ist Tiefe drin. Kuchen und Branntwein und das Vaterland in der Mitte.« Perücke: rechts. Lieschen Webbelar, über den Beruf ihres Vaters Die Katze ist kein Narr, Mein Vater handelt mit Kar- Toffeln und Bollen. »Ursprünglich, unmittelbar... aber das Durchschneiden der Kartoffeln kann ich nicht billigen.« Perücke: links. Jeanette Nast, auf den Wetterhahn. Er steht auf dem Schornstein, innen voll Ruß, Und zeigt dem Wind, wie er wehen muß. »Nicht ganz richtig ... denn, genau besehen ... aber als dichterische Freiheit mag es durchgehen.« Perücke: nach vorn. Leendert Snelleman, auf den Lenz. Im Lenz, da ist es fein, Meines Bruders Geburtstag ist im Mai, Aber jetzt hat er kalte Füße, Sodaß wir den Lenz loben müssen. Wir wollen ihn auch feiern, Zu Ostern giebt's Ferien und Eier. »Schade, daß er den Reim so vernachlässigt. Seine Phantasie ist wirklich ungewöhnlich gut entwickelt ... der Übergang zu den Eiern ist sehr eigenartig.« Perücke: im Nacken. Schlachterskeesje, Lobgedicht auf den Lehrer. Mein Vater hat manchem Ochsen den Todesstreich gegeben, Aber Meister Pennewip ist noch am Leben. Manche sind mager und manche fett jetzt, Und er hat die Perücke auf die Seite gesetzt. Die Perücke ging in der That auf die Seite, und noch ein bißchen weiter. »Hm ... es ist sonderbar ... was soll ich dazu sagen?« Die Perücke ging hinüber auf die andere Seite. »Was habe ich mit den Ochsen zu thun?« Die Perücke protestierte durch lebhafte Bewegungen gegen alle Verwandtschaft mit den Ochsen. »Hm ... sollte das das sein, was die neumodischen Buchschreiber Humor nennen?« Die Perücke senkte sich bis auf die Augenbrauen, was Zweifel bedeutet. »Ich werde mir den Jungen mal vornehmen ...« Die Perücke stieg wieder auf den Zenith, um Zufriedenheit auszudrücken über des Meisters Absicht, Schlachterskeesje mal vorzunehmen. Lukas de Wilde, auf die Religion. Die Religion sehr schön sein muß, Sie giebt der Menschheit viel Genuß. »Die Grundidee ist richtig und schön,« sagte der Lehrer» »aber sie hätte mehr ausgearbeitet werden müssen.« Die Perücke nickte sehr deutlich, daß sie das auch fand. Trudchen Gier, auf Frau Pennewip. Den Tugendpfad läßt sie uns sehn, Wer wollt' nicht gerne mit ihr gehn? Und in verlornen Augenblicken Lehrt sie uns nähen, stopfen, stricken. Die Perücke machte einen Freudensprung, und die Locken umarmten einander. Der Lehrer konnte sich's nicht enthalten, seine Frau sofort zur Mitgenießerin von Trudchen Giers Herzensausfluß zu machen, der aufgeklebt und über den Schornstein gehängt wurde, zur Ehre der Sängerin und der Besungenen. Es folgte ein erhabenes Gedicht »auf Gott« von Klaasje van der Gracht, dem Sohn des Katechisiermeisters, über dem Topfladen, in der Peperstraat, dreizehn Jahr alt, ungeimpft zur Ehre der Prädestination, wo der Theekessel aushängt. »Wenn ihm nur sein Vater nicht geholfen hat!« Die Perücke staunte: sie rührte sich nicht. Louwtje de Wilde, auf die Freundschaft. Die Freundschaft sehr schön sein muß, Sie giebt der Menschheit viel Genuß. Die Perücke schien nicht zufrieden. Die »Religion« von Lukas de Wilde wurde hervorgeholt, zur Vergleichung mit Louwtjes »Freundschaft«. »Hm ... so ... 's ist möglich. Man sieht wieder einmal, wie ein Gedanke in zwei Köpfen zugleich entstehen kann. Es kann sein.« Wimpje de Wilde, auf das Angeln. Das Angeln ... »Wie, was ist das?« Ja wirklich, da stand es: Das Angeln sehr schön sein muß, Es giebt der Menschheit viel Genuß. Die Perücke war in fortwährender Bewegung. Es sah aus, als ob sie mitangelte. Der Lehrer blätterte die noch nicht durchgesehenen Gedichte durch, suchte die Sprossen der ganzen Wilde-Familie zusammen, und ... ja wohl! Mieze de Wilde, Kees de Wilde, Piet und Jan de Wilde, alle erklärten einstimmig, daß Religion, Freundschaft, Angeln, Träumen, Blumenkohl und Betrügerei sehr schön sein muß und der Menschheit viel Genuß giebt! Eine Sturzflut von sehr schönen Sachen und Genüssen. Was sollte die Perücke thun? Sie that, was unter den Umständen das Beste war, und mehr kann man nicht verlangen. Nachdem sie die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen eingesehen hatte, einen Unterschied zu finden zwischen Angeln und Freundschaft, Betrügerei und Träumen, Religion und Kohl, that sie, als ob sie es nichts anginge, und hielt die richtige Mitte, mit einem Ausdruck in den Locken, als ob sie erwartungsvoll nach dem Folgenden ausspähte. Wie auch der Leser. Leentje de Haas, auf Admiral de Ruhter Er ist aus den Turm geklommen, Und hat ein Tau gedreht, Dann ist er auf See gekommen, Und ward mit Ruhm besät. Er that noch viel auf Erden, Und hat Saleh gefällt, Draus haben die Behörden Ihn angestellt als Held u.s.w. Die Perücke hob sich beifallspendend in den Locken. Sie schien erfreut. Grete Wanzer, auf eine Raupe. Die Raupe ohne Kummer Kriecht in den Bäumen 'rummer. »Beschreibende Dichtung. Es liegt etwas Kühnes in der Idee der in den Bäumen ohne Kummer herumkriechenden Raupe.« Perücke: ruhig. Ach, die Freude einer Perücke dauert nicht lange! Auch die ihre sollte bald... Aber ich will nicht vorgreifen. Bald, allzubald werden wir sehen... Walther Pieterse, Räuberlied. »He? was ist das? Und die Tugend... wo ist die Tugend?« Der Lehrer traute seinen Augen nicht. Er wandte das Blatt und besah die Rückseite, ob am Ende die Tugend sich da versteckt hielt... O... o... keine Spur von Tugend war auf Walthers Blättchen zu sehen! Arme Perücke! Ja, arme Perücke! Denn nachdem sie erlebt hatte, was nie eine Perücke erlebte, nachdem sie gezerrt, zerpflückt, gezaust und gemartet worden war, auf eine Weise, die selbst die Phantasie der Familie de Wilde überstieg, riß Meister Pennewip sie herunter, preßte sie zwischen die krampfhaft gerungenen Hände, stammelte ein kurzes »Himmel-Menschen-Christenseelen-gute-gnädige-Tugend-meines-Lebens ... wie ist das möglich!« ... klappte sie mit einem Faustschlag wieder auf seinen Schädel ... deckte sie zu mit seinem ehrwürdigen Dreispitz, und stürmte wie ein Besessener aus der Thür. Er schlug den Weg nach Walthers Wohnung ein, wo wir ihn bald ankommen sehen werden, – nachdem wir als gewissenhafte Geschichtschreiber unsere Pflicht gethan haben in betreff der Ereignisse, die dort vorgefallen waren. Ein Theeabend, und wie es anfing. Schreckliche Lücke im Wissen des Verfassers, der nicht einmal weiß, wer läutete, und was Wimpje geantwortet hat. Stoffels zoologischer Witz, Ursache des letzten punischen Krieges. »Himmel! ... aber das freut mich, daß Sie schon da sind! Leentje, setz schnell den Stuhl da weg, und gieb einen Feuertopf in das Fußbänkchen ... schnell, oder ich thu's lieber selbst. Und wie geht's Ihnen? Jüffrau Laps kommt auch, wissen Sie? ... Myntje, denk an deinen Teig und höre mit dem Kämmen auf ... sie kann nicht von ihren Haaren bleiben, das Mädchen, wenn Besuch ist ... nun, setzen Sie sich ... nein, nicht in die Ecke ... da zieht's ...« Es zog in der Ecke nicht mehr als in anderen Ecken auch. Aber ... Frau Stotter war eine »Frau« und keine »Jüffrau«. Sie hatte also kein Recht auf den Ehrenplatz, denn allemal, eine Jüffrau geht über eine Frau, wie eine Mevrouw über eine Jüffrau. Jeder muß in seinem Rang bleiben, vor allem im oberen Stockwerk III, 7, b1 oder c (Pp), wo die Etikette sorgsamer beobachtet wird als am Hofe zu Madrid, ja mit einer Ängstlichkeit, die die Ceremonienmeisterschaft, die auf der Höhe stehen soll, zu einer kopfzerbrecherischen Arbeit macht, und das nicht bloß für eine Jüffrau Pieterse. »Ach, meine liebe Jüffrau Pieterse – ich war so überrascht, wie Louwchen mich einladen kam. Denn ich sagte gerade zu Wimpje, die Mützen macht, wissen Sie ... nein, danke für Feuer, Pietje, nachher – ich sagte gerade zu Wimpie, was mag wohl Jüffrau Pieterse machen .. weil ich so lange nicht von Ihnen gehört habe, wissen Sie ... ja, legen Sie es nur hin, 's ist mein altes – Sie nehmen es doch nicht übel, daß ich mein altes umgethan habe? ... und da sagte Wimpje, wie wir gerade an dem Wachs wachsen ...« Was Wimpje gesagt hat, weiß ich wirklich nicht. Das »Alte« von Frau Stotter wurde abgenommen und auf dem Fußende der Bettstelle in dem Hinterzimmer niedergelegt, wobei den Kindern, die da zusammengepackt lagen, eingeschärft wurde, sie sollten ja die Beine nicht ausstrecken, um das »Alte« der Kindsfrau nicht zu verderben. »Also, meine Liebe, nehmen Sie Platz ... ja, das ist zu uns ... es ist zweimal ... Leentje, wo steckst du wieder! es wird geklingelt, hörst du nicht! ... Es wird Jüffrau Zipperman sein ... denn Jüffrau Zipperman kommt auch, wissen Sie ...« Ich weiß wieder nicht, ob es wirklich Jüffrau Zippermann war, die geklingelt hatte, und der Leser darf mich ausschelten, daß ich Geschichten erzähle, die ich selber nicht recht weiß. Ich muß es schon unaufgeklärt lassen, ob es diesmal Jüffrau Zipperman war, oder Jüffrau Mabbel von dem Kuchenbäcker, oder Jüffrau Krümmel, die einen Mann auf der Börse hatte, oder Jüffrau Laps – ach nein, die brauchte nicht zu schellen, sie wohnte ja im Hause. Genug, gegen halb acht war die ganze Gesellschaft beisammen, und Stoffel rauchte seine Pfeife, als ob's so sein müßte. Leentje war ohne Butterstulle nach Hause gegangen, »die würde sie morgen kriegen, es wäre heute zu viel zu thun, und alles zugleich konnte man nicht machen.« ... »Und dann haben sie gleich eine andere genommen ... wissen Sie ... die so eine Warze auf der Nase hatte.« »Ach, es ist ein Elend mit den Mädchen ...« sagte Jüffrau Pieterse. »Nehmen Sie doch noch eins, und lassen Sie sich nicht nötigen ... 's ist ein Kuchchen von Ihrem eigenen Teig.« »Excüs,« sagte die Kuchenbäckerjüffrau, mit einem Kaninchenmündchen, was Liebenswürdigkeit bedeutet. »Nur zu, oder ich muß denken, daß es Ihnen nicht schmeckt.« Das wollte sie nun nicht, denn sie hatte sie selbst gebacken. »Dann mag ich nicht riffifieren, Jüffrau Pieterse. Oblischiert und danke schön.« »Und Sie, Jüffrau Laps, darf ich Ihnen etwas reichen?« Jüffrau Laps wählte Pfefferkuchen. »Schenk mal ein, Trude! Ja, Frau Stotter, wenn Sie hier sind, müssen Sie auch mittrinken, 's wird Ihnen von Herzen gegönnt! ... Pietje, wisch mal 'n Tisch ab ... so, wie ein Mädchen ... und nu guck mal nach den Kleinen, und sag, daß ich sie nicht hören will! ... Ach, Jüffrau Mabbel, man hat viel Wirtschaft mit den Kindern ... wie geht's denn Ihrem Sientje mit dem Keuchhusten?« »Wir haben 'n Magenetiseer genommen, aber es geht noch nicht ... 's fehlt noch die Kleervonjanze von der Sonnebule.« »Ist die Möglichkeit! ... was man alles erlebt! Und wenn kommt die ... die Kle... Klick... Kleer...« »Das liegt an den Nerven, Jüffrau Zipperman. Aber nun hat er das Schlafmützchen und das Hemdchen, worin sie geschwitzt hat, wissen Sie, und nun wird's wohl kommen, sagt er.« »Was Sie sagen! ... und wie geht's dann weiter?« »Ja, ... dann muß die Sonnebule sagen, was wir thun müssen.« Jüffrau Laps war nicht einverstanden. »Ich thät's nicht ... ich thät's nicht ... um kein Gut der Welt! Denn ich sage bloß, was Gott thut, das ist wohlgethan, das sage ich!« »Ja, Jüffrau Laps, aber die Jüffrau aus dem Mehl- und Vorkostladen hat's auch gethan, und das Kind ist viel besser.« »Das sagen Sie, Jüffrau Mabbel, aber ich sage, sie hat was in den Augen, was mir nicht gefällt ...« »Was denn, Jüffrau Laps?« »Sie hat einen Blick ... einen Blick ... und es ist Sünde ... und das sage ich bloß. 's sind allemal Künste, die nicht passen ... und was Gott thut, das ist wohlgethan.« »Komm, Stoffel, rede du was ... du sitzt da wie von Stein. Sag' uns ein Verschen, oder erzähl' was von deiner Schule. Ja, Jüffrau Mabbel, er kann einen ganzen Vers auswendig, und den kann er hintereinander aufsagen. Und er kann auch alle Zeitwörter mit dem weiblichen Geschlecht.« »Mutter, was redst du?« sagte Stoffel mißvergnügt, »du siehst doch, ich rauche.« »Ja, ja, wenn deine Pfeife alle ist, meine ich, kannst du ein Zeitwort aufsagen. Sie werden sagen, wo hat der Junge das her, Jüffrau Zipperman. Wie ist es doch? ... ich würde betrunken gewesen sein, er würde betrunken gewesen sein ... ach Gott, verstehen Sie wohl, nicht weil er betrunken war, aber es paßt so in das Zeitwort, 's ist um sich schief zu lachen, wenn er anfängt ... Schenk mal ein, Trude, und puste mal in die Tülle ... 's sitzt 'n Blatt vor ...« Der Leser wird es mir zu gute halten, wenn ich über die weiteren Schicksale dieses Theeblättchens leicht hinweggleite, und daß ich auch im weiteren Verlauf von Jüffrau Pieterses Theegesellschaft mir einige Abweichung vom Text der Unterhaltung gestatte ... Stoffel schnurrte seine Konjugation herunter, mit viel Gefühl, und die Damen kreischten vor Vergnügen, als er ihnen erzählte, daß er betrunken gewesen war, und daß sie betrunken sein würden. Darauf wurde die Nachbarschaft durchgehechelt, und die Jüffrau von »hinten unten« bekam ihr Teil. Selbstredend, sie war ja nicht da. Religion und Glaube spielten eine große Rolle, und Jüffrau Laps gab ihre Geneigtheit zu erkennen, eine Betstunde einzurichten, weil die gegenwärtigen Geistlichen ein bißchen leicht über die Sache hingingen und nicht ordentlich in die Ecken fegten. »Ich sage bloß, es steht in der Schrift, daß der Mensch ein Mensch ist,« rief sie, »und das will ich bloß sagen. Man muß es nicht besser wissen wollen als Gott selbst. Die Seligkeit kommt von der Gnade, und die Gnade kommt durch den Glauben, aber wenn der Mensch nicht auserwählt ist, dann hat er die Gnade nicht und kann nicht glauben ... und das ist dann der Grund, warum er verdammt ist, sehen Sie ... Ich sage selbst, das ist gewiß, so gut wie zweimal zwei, verstehen Sie? Und darum möchte ich so gern mein eigen Betstündchen halten ... nicht um Geld oder Gewinn ... Gott, nein ... höchstens eine Kleinigkeit zu Kirmes oder zu Neujahr ... denken Sie mal dran, Jüffrau Mabbel.« Jüffrau Mabbel meinte, daß ihr Mann dagegen wäre, weil er gern des Abends ausginge, und dann müßte sie im Laden bleiben. Überhaupt: es käme mit dem Backen so schlecht zurecht. Kein Mensch könne sich vorstellen, was das für ein arbeitsamer Beruf wäre. »Was meinen Sie, Jüffrau Zipperman, finden Sie nicht, daß es gehen sollte? Ich würde Kaffee geben, und die Seelen könnten was in die Untertasse legen ... denn ums Geld ist mir's nicht zu thun ... wirklich nicht. Wir würden mit dem alten Testament beginnen ... und dann ... Übung ... wissen Sie ... Übung ... wissen Sie?« Jüffrau Zipperman wußte wohl, aber ihr Schwiegersohn von der Assekuranz, oder vom Kataster, hatte gesagt, daß die Geistlichen für diese Sache bezahlt würden, und alle weitere Übung wäre daher unnötige Geldausgabe. Diese Herren vom Kataster, oder von der Assekuranz sind gar nicht so dumm. »Was meinen Sie, Jüffrau Krümmel? Finden Sie nicht, daß so eine Übung ... so eine kleine Übung ...« Jüffrau Krümmel sagte, sie übte sich mit ihrem Manne, wenn er von der Börse käme. Jüffrau Laps war nun genötigt, sich an Frau Stotter zu wenden, wenn sie auch fühlte, daß etwas Herabwürdigendes darin lag, sich an eine »Frau« zu wenden. »Ach, meine liebe Jüffrau Laps, wenn Sie so lange Hebamme gewesen wären wie ich, würde Ihnen die Lust wohl vergehen. Da ist M'neer Lüttelman von der Prinzengracht ... bei dem bin ich gewesen ... immer in anständigen Häusern ... und der sagte immer ... 's ist 'n Haus mit hohen Stufen und im Gang stand so 'ne Uhr, wissen Sie, von Regen und Wind ... und der sagte immer: Frau Stotter, sagte er, Sie sind 'ne gute Frau, sagte er, und 'ne brave Hebamme, das will ich immer sagen, sagte er, und, sagte er, meine ganze Familie soll Sie nehmen, sagte er, aber, sagte er, wenn die Menschen Ihnen so was sagen, sagte er, müssen Sie immer thun, als ob Sie's nicht hören ... danke, Jüffrau Pieterse, meine Tasse ist umgekehrt, sehen Sie – und darum sag' ich bloß: jeder muß wissen, was er thut.« »Aber so 'ne kleine Übung, Frau Stotter ...« »'s ist möglich, Jüffrau Laps, ist wohl möglich ... aber ich habe schon so viel Erfahrung in den Dingen, ich gehe so meinen eigenen Weg, und das ist auch 's Beste. Denn ich bin bei M'neer de Witte gewesen, der 'n Onkel im Rathaus hat ... denn ich gehe immer in anständige Häuser, und der sagte immer, weil er so spaßig ist: Kindsfrau, Kindsfrau, Sie sind mir schon 'ne Kindsfrau! Ich will also bloß sagen, ich weiß ganz gut, was ich thue, denn ich habe schon was im Leben gesehen. Da ist M'neer ... wie heißt er doch ... auf der Prinzengracht ... nein auf dem Kaltmarkt ... ach, wie hieß er doch? ...« Der Leser wird finden, daß Frau Stotter fortwährend vom Thema abwich. Aber das thun wohl mehr Leute. »Und, Jüffrau Pieterse, wie denken Sie über 'ne kleine Betstunde? So 'ne kleine Übung?« »Ach, Liebe, ich habe so viel Übung mit meinen Kindern! Sie wissen nicht, was das heißt, so neune groß zu bringen. Und ich thue da meinen Gottesdienst mit, denn in der Schrift steht ... Trude, gieb der kleinen Kee was drauf, ich hör' sie wieder.« Trude hatte etwas Edles in ihrem Gang, als sie in daß Hinterzimmer ging, um der kleinen Kee was drauf zu geben. Man konnte ihr ansehen, daß sie sich durch die Übertragung der mütterlichen Würde sehr geschmeichelt fühlte. Klein Kee war minder geschmeichelt. »Wovon redeten wir denn gerade? Ja, das ist mein Gottesdienst, sage ich bloß. Es ist eine Wirtschaft mit den Kindern, meine Liebe, Sie wissen das nicht. Und ich finde wenn ich sie gut aufziehe ... geh' mal, Pietje, und bring Simon zurecht, der kneift gewiß seine Schwester wieder, das thut er immer, wenn Leute da sind.« Simon wurde zurechtgebracht. »Wenn Leute da sind, sind die Kinder immer so unartig ... was hör' ich da wieder? .. Myntje, geh' mal nachsehen, und sag', daß sie schlafen sollen.« Myntje ging und kam wieder mit der Meldung, daß sie »was umgeschmissen hatten«. Allgemeine Entrüstung. Böse Botschaft von der Jüffrau von hinten unten. Es ist ja auch unangenehm für die Jüffrau von hinten unten, wenn die Kinder von der Jüffrau von oben vorne etwas umgießen, in der Hinterstube. Schreckliche Aufregung. Endlich: die Kinder waren zurechtgebracht. Jüffrau Zipperman saß wieder in der Ecke, wo »es so zog«, woraus zu ersehen, daß irdische Größe ihre Kehrseite hat, und daß ein Schwiegersohn bei dem Kataster, oder der Versicherung, Anspruch giebt auf Rheumatismus. Jüffrau Laps war sehr zufrieden über die beherzte Manier, mit der die Kinder gestraft wurden. Es wäre gerade, wie in der Schrift stände, sagte sie, und sie führte einen Text an, in dem vorgeschrieben war, jemand zu prügeln. Wo es steht, weiß ich nicht, aber ich bin sicher, daß es irgendwo steht. Denn in der Schrift steht alles. Vor allem vom Prügeln. »Nun, Stoffel, erzähle nun mal was,« sagte die freundliche Gastgeberin, die zeigen wollte, daß ihre Kinder auch noch etwas anderes konnten als kneifen und umschütten. »Ich weiß auf den Augenblick nichts,« sagte Stoffel, ohne die geringste sokratische Hoffart. »Ach, sage doch, was du neulich sagtest ... nun ja ... so ist er immer, Jüffrau Mabbel, man muß ihn auf die Beine bringen, sonst geht er nicht, aber dann weiß er wohl, Sie werden sehen ... vorwärts, Stoffel ... er wird müde sein von seiner Schule ... es ist eine Wirtschaft mit so 'ner Schule! Ja, Jüffrau Krümmel, es ist schon was ... würden Sie wohl denken, daß alle Worte männlich oder weiblich sind? Nicht wahr, Stoffel?« »Nein, Mutter.« »Nicht? nun dann ... und neulich sagtest du ... 's ist bloß, wissen Sie, Jüffrau Zipperman, um ihn zum Sprechen zu bringen, aber so schnell kommt's nicht, weil er müde ist von seiner Schule ... neulich sagtest du doch, daß alles ...« »Nein, Mutter. Männlich, weiblich oder sächlich, habe ich gesagt.« »Ja, und noch mehr,« sagte Jüffrau Pieterse, »Sie werden staunen, wenn Sie es hören: was denken Sie, was Sie sind, Jüffrau Krümmel?« »Ich ... ich ... was ich bin?« »Ja, ja, was Sie sind ... was Sie eigentlich sind?« »Nun .. ich bin Jüffrau Krümmel,« sagte sie, aber sie sagte es mit Zweifel, denn sie las in dem triumphierenden Blick der Jüffrau Pieterse, in den tiefsinnig zusammengekniffenen Lippen Stoffels, daß sie am Ende ganz etwas anderes sein konnte als Jüffrau Krümmel. Die Spannung war zu schön, um sie nicht noch etwas zu steigern, und darum ging Stoffels Mutter vom Speciellen zum Allgemeinen über, indem sie im Kreise mit ihren Blicken herumging: »Und Sie auch, Jüffrau Mabbel, und Sie, Jüffrau Laps, und Sie, Jüffrau Zipperman, und Sie, Frau Stotter ... was denken Sie alle zusammen, was Sie sind?« Keiner wußte es. Das wird ja nun niemand wundern, der weiß, wie schwer Selbsterkenntnis ist, aber so meinte es der spaßhafte Stoffel nicht. Die Sache saß tiefer. Jüffrau Laps antwortete zuerst, und sie sagte mit stolzer Selbstgenügsamkeit: »Ich bin Jüffrau Laps!« »Falsch ... falsch ... ganz falsch!« »Aber um Gottes willen, bin ich nicht Jüffrau Laps?« »Jaaaa...a, Sie sind wohl Jüffrau Laps, aber Stoffel hat nicht gefragt, wer sie sind, sondern was Sie sind ... da sitzt eben das Feine ...« »Was ich bin? nun ... reformiert.« »Jaaaa ... das sind Sie auch ... aaaber, das ist's nicht. Die Frage ist ... was Sie sind? Stoffel, hilf doch mal ...« Stoffel sagte, zwischen zwei Rauchwolken, und also so professormäßig wie möglich: »Jüffrau Laps, ich wünschte zu wissen, was Sie vom zoologischen Gesichtspunkte aus sind.« »Damit geb' ich mich nicht ab,« sagte Jüffrau Laps, wie jemand, der auf dem Sprunge steht, sich beleidigt zu fühlen. »Ich bin 'ne Hebamme,« sagte Frau Stotter, »und dabei bleibe ich.« »Und ich bin die Jüffrau von dem Kuchenbäcker,« rief die Nachbarin, mit etwas Bestimmtem in ihrem Ton, was vermuten ließ, daß sie die Absicht hatte, an dieser Meinung festzuhalten. »Gut, gut, Jüffrau Mabbel, aber ich meine vom zoologischen Standpunkt ...« »Wenn's unanständig wird, geh' ich lieber weg,« sagte Jüffrau Laps. »Ich auch,« fügten die Jüffrauen Krümmel und Zipperman hinzu, »denn wir kommen zu unserem Vergnügen.« »Seid doch friedlich ... 's steht im Buche ... Stoffel, sag's nur ... Sie werden drüber lachen, Jüffrau Mabbel ... und das Schönste ist, daß es im Buche steht ... man kann nichts dagegen sagen ... los, Stoffel, sag' es nur!« »Jüffrau Laps,« sagte Stoffel würdevoll – und ein wichtiger Moment in Jüffrau Pieterses Theeabend war angebrochen – »Jüffrau Laps, Sie sind ein Säugetier!« Ein kurzes Kapitel mit viel Handlung. Der Vorteil des Rauchens. Der punische Krieg. Ich sehe wohl, daß meine Kraft als Geschichtschreiber nicht ausreicht, um die Krisis zu schildern, die diesem schrecklichen Wort folgte. Jüffrau Laps, die mehr und direkter angegriffen war als die anderen, und die außerdem, als angehende Betstundenabhalterin, etwas kriegerisches in ihrem Charakter hatte, ließ ihr Antlitz alle Farben annehmen, die man gewöhnlich braucht, um den Zorn zu schildern. Die vorletzte französische Romanschule ging bis ins Grüne, aber weil sie kein Französisch las, beschränkte sie sich auf ein erschreckliches Violett und rief ... nein, sie rief nichts, denn sie hatte keine Luft. Aber sie zerdrückte ihren Pfefferkuchen zu Grus und sah abwechselnd Stoffel und seine Mutter an, auf eine Weise, die für sie sehr belastend gewesen wäre, wenn diese beiden Personen an jenem Abend gestorben wären. Stoffel entging diesem Blick, indem er, etwa nach Art der Tintenfische, wenn sie Unannehmlichkeiten befürchten, sich in eine dicke Rauchwolke hüllte. Aber die arme Jüffrau Pieterse, die nicht rauchte, war waffenlos. Sie stammelte demütig: »'s steht im Buch ... 's steht wahrhaftig im Buch ... Menschen, seid friedlich ... 's steht im Buch ...« Es kam Luft in Jüffrau Laps' Kehle, genug Luft, um sie vor dem Ersticken zu bewahren. Sie wartete noch einen Augenblick, hustete, warf den mißhandelten Überbleibsel von dem Pfefferkuchen auf den Tisch und begann: »Jüffrau Pieterse. Sie sind ein Rabenaas! Sie mögen selbst ein Säugetier sein, Sie und Ihr Sohn, das sage ich Ihnen! Ich bin so anständig, als Sie nur zu denken wagen, denn mein Vater war im Kornhandel, und nie hat jemand auch nur so viel auf mich sagen können! Fragen Sie alle Menschen nach mir, und ob ich mich je mit Mannsleuten eingelassen habe oder so was ... und ob ich jedem das Seine gebe ... und er war Faktor, wissen Sie ... und wir wohnten überm Stiftshaus ... denn er war im Kornhandel, und da können Sie nach mir fragen, hören Sie! Sie können, Gott sei Dank, überall nach mir fragen ... aber nie und nie, niiiie ist mir so etwas passiert, was Sie mir anthun ... und wenn ich nicht an mir hielte, wollte ich Sie säugetieren, bis Sie gesäugetiert wären ... ja, das thät' ich! Und ich sage Ihnen nochmal, daß Sie ein Rabenaas sind, Sie und Ihr Sohn und Ihre ganze Familie, weg, Trude! Mein Vater war im Korn, wissen Sie ... und ich bin zu anständig, um durch Sie ...« »Aber ... 's steht im Buche ... um der Liebe willen, glauben Sie mir ... 's steht im Buche!« »Halten Sie Ihren Mund mit Ihrem Buche! Sie dürfen wohl schweigen von Ihrem Buche, Sie, die Gottes Wort verschachert haben und verthan auf der Ouwebrüg ...« Das war nun nicht ganz richtig. Das hatte Walther gethan und nicht seine Mutter. Aber in der Aufregung nimmt man es wohl nicht so genau. »Stoffel, hol doch dein Buch.« rief die Mutter, »und zeig's der Jüffrau ... ach, lieber Gott, was hab' ich angerichtet!« »Geht in die Hölle mit eurem Buch und euren Säugetieren! Ihr habt mir nichts zu zeigen in eurem Buch, das sage ich! Und ich sage nochmal, daß ihr Rabenäsers seid, Sie und Ihr Lümmel von Sohn und Ihre Dirnen von Töchtern, die aufwachsen wie ...« Truitje, Myntje und Pietje, die daraus entnahmen, daß an ihrer Art aufzuwachsen etwas haperte, kreischten nun auch mit. Die übrige Gesellschaft heulte von Zeit zu Zeit ein Wort dazwischen. Es kam wieder eine Botschaft von der Jüffrau unten, die mit der Polizei drohte. Die Kinder machten Gebrauch von der Aufregung, um den Bann zu brechen, unter dem sie bisher gesteckt hatten. Sie hatten das Bett verlassen und lauerten durch das Schlüsselloch. Jüffrau Pieterse rief nach ihrem Riechfläschchen und sagte, daß sie sterben wollte. Frau Stotter verlangte ihr »Altes«, und Stoffel spielte den Tintenfisch, so gut es ging. Alle waren aufgestanden und wollten fort. Man konnte viel vertragen, aber das nicht! Jüffrau Krümmel wollte es ihrem Mann sagen. Jüffrau Zipperman dem Kataster oder der Assekuranz. Frau Stotter wollte es dem Mann auf der Prinzengracht erzählen, bei dem sie gewesen war, und Jüffrau Mabbel, ich weiß nicht wem. Kurz, jeder wollte diesen oder jenen zum Genossen der Sache machen, und der Himmel mag wissen, ob es bei der Drohung geblieben wäre, wenn nicht zu guter Stunde der Hausgenius der Pieterses diesen Augenblick den würdigen Mann hätte an der Hausglocke ziehen lassen, den wir so verzweifelt tugendhaft in einem früheren Kapitel verlassen haben. Nachklänge des allerletzten punischen Krieges. Niederlage von Hannibal-Laps gegen Scipio-Pennewip. Die Litteratur der Zukunft. Der Leser erfährt, was alles noch passieren kann. Ja, es läutete – und noch einmal: es war also »zu uns.« Jüffrau Pieterse holte Atem, und daran that sie wohl, finde ich, wenn es auch eigentlich thöricht ist zu sagen, daß man etwas gut finden würde, wenn man ein anderer wäre als man ist. Es kommt mir aber so vor, weil ich an ihrer Stelle Atem geschöpft hätte. Erstens, weil ich mir vorstellen kann, daß sie es lange nicht gethan hatte. Ferner, weil ich weiß, wie man in widrigen Umständen auf jede Änderung Hoffnung setzt, und sogar auf die Veränderung jeder Kleinigkeit. Und endlich, weil ich mir vorstelle, daß Jüffrau Pieterse in diesem Punkt wohl ein Mensch wie jeder andere gewesen sein wird. »Ach, meine Lieben,« sagte sie, »seid doch friedlich, es werden die Herren sein.« Die Damen behaupteten, die Herren könnten es noch nicht sein, weil es noch zu früh war, und gerade dieser Zweifel, diese Ungewißheit, ob es wohl die Herren sein könnten, gab der Krisis eine günstige Wendung. Ungewißheit wirkt immer lähmend, gleichgültig, ob sie mit der Sache in Zusammenhang steht, die uns gerade beschäftigt, oder nicht. Dazu kommt, wenn man einmal in seinem Zorn gestört worden ist, findet man nicht leicht den richtigen Punkt wieder, wo man stehen geblieben ist. Jüffrau Laps machte diese Erfahrung; sie versuchte es, aber es ging nicht. Ihr »Ein Säugetier, hat man so was gehört, ein Säugetier!« wurde überstimmt durch das »Meine Zeit! sonst kommt er nie vor zehn!« Jüffrau Pieterse bemächtigte sich schleunigst dieser Ableitung, und sie bewog die Gesellschaft, wieder Platz zu nehmen. Trudchen wurde beauftragt, die Kinder »zurecht« zu bringen – die recht schlecht dabei wegkamen – und die Gastgeberin hatte gerade eine neue zoologische Verhandlung im Sinn, die einen rückhaltlosen Frieden unter den kriegführenden Parteien zustande bringen sollte, als die Thür geöffnet wurde und Meister Pennewip vor der verstörten Gesellschaft erschien. Er war auch verstört, der Leser weiß es. Die Homöopathen bekommen hier wieder einmal Oberwasser, denn die Überraschung seiner Ankunft wirkte günstig auf die eingeleiteten Friedensunterhandlungen. Stillschweigend wurde ein Waffenstillstand geschlossen zwischen den kriegführenden Parteien – nicht ohne Vorbehalt auf der Lapsseite, den Streit wieder aufzunehmen, sobald der Neugier um die Ursache von Pennewips Ankunft Genüge geschehen wäre – und sie entschloß sich hierzu um so leichter, als man dem Mann ansehen konnte, daß er etwas sehr Gewichtiges auf der Pfanne hatte. Die Perücke rief deutlich Mord und Brand, und das liebte sie, die gute Jüffrau Laps. »Guten Abend, Jüffrau Pieterse, ich bin Ihr unterthäniger Diener. Sie haben, wie ich sehe, Besuch, aber ...« »Das macht nichts, Herr Lehrer; treten Sie nur ein und nehmen Sie Platz.« Die Gesellschaft »machte nichts« und »nehmen Sie nur Platz.« Es herrscht eine eigenartige Umgangsform im Bürgerstand III, 7, b¹ (Pp) . »Trinken Sie ein Täßchen mit, Herr Lehrer?« »Jüffrau Pieterse,« sagte der Mann in würdevollem Ton, »ich bin nicht hierher gekommen, um Salbeimilch zu trinken!« »Aber nehmen Sie doch Platz, Herr Lehrer!« Es ging zwar nicht leicht, aber man rückte zusammen, und es ging. Pennewip räusperte sich mit Würde. Er sah in die Runde, holte eine Rolle Papier heraus, zog die Perücke schief und sprach: »Jüffrau Pieterse! Sie sind eine brave, anständige Frau, und Ihr Mann ... verkaufte Schuhe ...« Jüffrau Pieterse sah Jüffrau Laps mit einem Blick des Triumphes an. »Ja, Herr Lehrer, das that er!« »Fallen Sie mir nicht in die Rede, Jüffrau Pieterse. Ihr heimgegangener Gatte verkaufte Schuhe. Ich habe Ihre Kinder auf meiner Schule gehabt von so klein auf, bis zur Einsegnung. Ist es nicht so, Jüffrau Pieterse?« »Ja, Herr Lehrer,« antwortete sie betreten, denn sie bekam Angst vor der nachdrücklichen Würde in Pennewips Ton. »Und ich frage Sie, Jüffrau Pieterse, ob Sie, so lange Sie durch Vermittlung Ihrer Kinder mit meiner Schule etwas zu thun hatten, Klagen hatten – ich meine: begründete Klagen, – über die Art und Weise, wie ich – mit Hilfe meiner Ehefrau – Ihren mannigfachen Kindern Unterricht gegeben habe, Lesen, Schreiben, Rechnen, vaterländische Geschichte, Psalmsingen, Nähen, Stricken, Sticken und Religion? Das frage ich Sie, Jüffrau Pieterse!« Unheimliche Stille. Die Jüffrau von hinten unten hatte allen Grund zufrieden zu sein. »Das frage ich Sie, Jüffrau Pieterse,« wiederholte der Lehrer, während er den Nasenkneifer aufsetzte, der damals für altfränkisch galt, aber einige Jahrzehnte später wieder neumodisch werden sollte. »Aber, Herr Lehrer ...« »Kein Aber, Jüffrau Pieterse. Ich frage Sie, ob Sie Klagen gehabt haben ... ich meine natürlich: begründete Klagen – über meinen Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen ...« »Nun, nein, Herr Lehrer, ich habe keine Klagen, aber ...« »So? Keine Klagen also? Nun denn, dann erkläre ich Ihnen ... wo ist Ihr Sohn Walther?« »Walther? Ach ja ... ist er noch nicht nach Hause gekommen, Trude? Walther ist spazieren gegangen mit den Hallemans, Herr Lehrer. Es sind sehr anständige Kinder, Herr Lehrer, und sie wohnen ...« »So ... mit den Hallemans ... die auf die französische Schule gehen! So ... ei! Ei... so! ... Also von den Hallemans lernt man solche Dinge ... von den Hallemans III, 7, a1?, vielleicht a ... ja, wer weiß ... es kann am Ende II sein – es ist nicht anders ... Unmoralität, Verderbtheit ... auf der französischen Schule ... Nun also. Jüffrau Pieterse, ich sage Ihnen, daß Ihr Sohn ...« »Wie?« »Ich sage Ihnen, daß Ihr Sohn Walther ...« Der Lehrer sah in die Runde, als wollte er die atemlose Stille einsaugen, die die Folge seines gespenstischen Vortrags war. Jüffrau Laps beeilte sich, den triumphierenden Blick von soeben mit Zinseszins der unglücklichen Gastgeberin zurückzugeben, die wieder großes Verlangen nach ihrem Riechfläschchen hatte, nicht so sehr, weil sie über Walther, diesen Jungen, der ihnen schon so viel Verdruß gemacht hatte, wieder etwas Ungünstiges hören sollte, als aus Ärger darüber, daß Jüffrau Laps Zeuge einer Beschuldigung war, die dieser gewiß für den zoologischen Streit neue Waffen liefern sollte. So kam es denn auch. »Hab' ich's nicht gesagt? Von diesem Walther kommt auch nie was Gut's. Man beginnt mit der Bibel und endigt mit was anderem! Ja, Herr Lehrer, ich wundere mich darüber gar nicht ... aber auch gar nicht. Ich sah es lange kommen. Was kann man auch erwarten von einer Familie ...« Jüffrau Pieterse begriff mit Blitzesschnelle, daß sich hier eine Gelegenheit bot, um den verlorenen Vorteil wiederzugewinnen. Stoffel hatte gesagt: es stand im Buche. Was im Buche stand, mußte der Lehrer wissen. Also: »Herr Lehrer,« rief sie, »ist es wahr oder nicht, daß Jüffrau Laps ein Säugetier ist?« Ich bin überzeugt, daß Pennewip diese Frage in die Klasse der sonderbaren Herzensergießungen einreihte, besonders nach seiner noch unvollkommenen Beschuldigung gegen Walther. Er sah über die Brille hin und beschrieb mit seinem Blick langsam einen Kreis, wobei er überall vorgestreckte Köpfe, lange Halse, offene Münder und angehaltenen Atem antraf. Vor allem Jüffrau Laps hatte etwas Bedrohliches in Miene und Haltung, was deutlich sagte: antworte oder stirb, bin ich ein Säugetier? »Wen habe ich das Vergnügen zu sprechen?« fragte Pennewip, wahrscheinlich ohne zu bedenken, daß diese Frage die ganze Sache noch dunkler machte, weil es nun den Anschein bekam, als ob die tierische Qualität der Jüffrau Laps von ihrem Namen, Wohnort, Alter, von Familienbeziehungen und Beruf abhängig wäre. »Ich bin Jüffrau Laps von unten vorn,« sagte sie. »Ah ... so ... Jüffrau Laps, Sie gehören allerdings in die Klasse der Säugetiere.« Ein zehnfacher Seufzer ging durch die Gesellschaft. Jüffrau Pieterse triumphierte wieder. In der Politik und im Bürgerstande ist ein vollkommenes Gleichgewicht nicht möglich. Die Parteien oder Mächte sind fortdauernd in auf- und absteigender Bewegung. Die Macht Laps, die mit ihrem Stolze von vorhin nichts gewonnen hatte, versuchte, ob sie wohl mit der Gemütlichkeit mehr ausrichten würde: »Aber Herr Lehrer, wie können Sie so was sagen? Mein Vater war im Kornhandel ...« »Jüffrau Laps, antworten Sie mir ...« »Ja, Herr Lehrer, aber...« »Antworten Sie mir, Jüffrau Laps: wo wohnen Sie drin, oder richtiger: worin wohnen Sie?« »Worin ich wohne? Nun ... in meiner Stube, hier unten ... zwei Fenster ... Vorderaufgang ...« »Das war keinesfalls die Bedeutung meiner Frage, Jüffrau Laps. Derselben Bedeutung war, zu wissen, ob Sie zu der besonderen Klasse organisierter Wesen gehören, die sich in einer Austernschale aufhalten.« »Ja, ja, Jüffrau Laps,« rief die triumphierende Gastgeberin, »das ist die Hauptsache, das ist aber auch gerade die Hauptsache!« Und Stoffel fügte hinzu, daß eigentlich das wirklich die Hauptsache wäre! Jüffrau Laps sah ein, daß sie ein verlorenes Menschenkind war, denn sie mußte zugeben, daß sie sich gewöhnlich nicht in einer Austernschale aufhielt. Eine Illusion des armen Geschöpfs! Mit Erstaunen sah sie den Lehrer an, der sich aber an den Eindruck seiner Fragen durchaus nicht kehrte, und mit einem gewissermaßen gerichtlichen Ausdruck in Ton und Perücke fortfuhr: »Können Sie im Wasser leben? Haben Sie Kiemen?« »Im Wasser? Aber ... Herr Lehrer ...« Perücke links. Das bedeutete: kein Aber! »Oder halb im Wasser, halb auf dem Lande?« »Herr Lehrer, wie sollte ich ...« Perücke rechts: keine Ausflüchte! »Antworten Sie mir, Jüffrau Laps! Haben Sie kaltes Blut? Bringen Sie lebende Junge zur Welt?« »Es ist Sünde, Herr Lehrer!« Die Perücke hatte etwas von einem Sturmbock, und mit Recht. Denn jetzt kam die sturmbockige Frage: »Können Sie Eier legen, Jüffrau Laps? das frage ich bloß. Können Sie Eier legen ... he?« Das konnte sie nicht! »Dann sind Sie ein Säugetier, Jüffrau Laps!« Die Perücke kam wieder in die Mitte und in Ruhe. Sie hätte Jüffrau Laps aus dem Felde geschlagen. Es interessiert mich zu wissen, wie der Leser sich die Gesellschaft nach diesem erschrecklichen Urteilsspruch vorstellt, gegen den es keine Berufung mehr gab, und Pennewips Miene hatte etwas Unerbittliches und keine Spur von Gnade war in seinen zusammengekniffenen Augenbrauen. Mir ist der Gedanke gekommen, was wohl alles für verkehrte Ansichten über das, was nach dem eben Erzählten vorfiel, zu Tage kommen würden, wenn ich hier auf einmal mein Buch schlösse, und wie viel tausend Vermutungen die Menschheit jahrhundertelang beschäftigen würden, wenn ich jetzt – durch Leiermänner oder etwas anderes – verhindert würde, fortzufahren. Ich will einmal einen Augenblick der Phantasie nachgeben, und ich lese schon deutlich in den Tageblättern des fünfzigsten Jahrhunderts: Erster Bericht. Es hat wieder ein Gefecht gegeben zwischen den Lapsianen und den Stoffelianen. Die letzteren haben das Feld geräumt, aber nicht ohne ihren Glauben mit ihrem Blut zu besiegeln. Der heilige Lapp ist gerettet, hat aber ein Loch. Man sieht alle Tage einem neuen Treffen entgegen, bei dem wahrscheinlich die Krümmelianen, Katasterianen und Mabbelaren den glaubensverwandten Lapsianen beistehen werden, um dem Uebergewicht der Stoffelianen, die mit Hilfe der Pennewiper einen höchst verderblichen Einfluß in Ober-Asien ausüben, ein Ende zu machen. Ohne der Heiligkeit der Sache Abbruch thun zu wollen, meinen wir doch, daß wir Ober-Asiaten, die die Bildung zum Privateigentum gemacht haben, besser thäten, uns der Bebauung unserer Felder zu widmen und unsere Kühe zu melken, statt uns fortwährend um Dinge zu prügeln, die da vor so langer Zeit auf dem verlorenen Fleckchen vorgefallen sein sollen, das unsere Geschichtschreiber Europa nennen. Zweiter Bericht. Wie man hört, ist gestern von den Alt-Stotters über die Neu-Stotters ein großer Sieg erfochten worden. Seit einiger Zeit ist bekanntlich die Sekte der Stotters in zwei Teile gespalten. Die Alt-Stotters hatten das Vergnügen, die Neu-Stotters völlig auszurotten, sodaß nun die Frage nach der Farbe von Frau Stotters altem Umhang im Sinne der Überlebenden entschieden ist. Dritter Bericht. Eine neue Sekte von Stoffelianen hat sich aufgethan, die insofern von der alten Lehre abweicht, als sie in einigen Punkten die Unfehlbarkeit der Lehre Stoffel Pieterses in Zweifel zieht. Die Zweifel sind gegründet auf sein thörichtes Betragen in den »Niederlanden.« Das alte Erdbeeren-mit-Zucker-Dogma. Die Alt-Stoffelianen haben ein Konzil gehalten, worin beschlossen wurde, die wahre Lehre in allen Ländern zu verkündigen, wo sie noch nicht durchgedrungen ist. Es soll eine allgemeine Kollekte gehalten werden, um Munition und Stoffelien anzukaufen. Auch wird ein Corps europäischer Wilder angeworben, die sich zwar halsstarrig weigern, dem wahren Glauben beizutreten, aber in Religionskriegen sehr brauchbar sind; wenigstens scheinen sie eine instinktmäßige Anlage dazu zu haben, wenn das Handgeld hoch ist. Vierter Bericht. Der Pfefferkuchen, den Jüffrau Laps kurz vor ihrem Tode zerbröckelt hat, soll entdeckt sein. Drei Theologen sind beauftragt, um das ehrwürdige Überbleibsel der Glaubensheldin zu prüfen. Reise-, Aufenthalts- und Erwerbskosten sollen dem Staate zur Last fallen und aus einer entsprechenden Erhöhung der Brot- und Feuerungssteuer bestritten werden. Fünfter Bericht. Bei allen rechtgläubigen Buchhändlern des asiatischen Reiches zu haben: Neuer richtiger und ausführlicher Bericht darüber, was sich auf III, 7, b 1 (Pp) ereignet hat, nachdem der Meister die kategorische Erklärung über die wahre Natur von Jüffrau Laps abgegeben hatte. Alle wohlgesinnten Zeitschriften sprechen ihre Bewunderung über den homiletischen und exegetischen Wert des Prachtwerks aus, das nach dem südostafrikanischen Text, mit Hilfe der neuesten Quellen, aus dem Europäischen übersetzt, zusammengestellt ist. Die Übersetzung der letzten Worte der Jüffrau Laps werfen ein ganz neues Licht auf die Bedeutung ihrer Tierwerdung und zeigen deutlich, wie ihre Säuge-Eigenschaft in genauem Zusammenhange steht mit dem wohlverstandenen Interesse von Volksbildung und anderer Zoologie. U. s. w. Entwicklung der Gründe des langweiligen Friedens in Europa, woran sich der Nutzen des Studiums von Theeabenden ergiebt. Fortsetzung und Schluß der Gedichtproben. Sehr geeignet für Modedichter und andere kluge versaufsagende Kinder. Armer Walther ... reicher Walther! Der aufmerksame Leser, der sich auf Menschenkenntnis versteht, will natürlich gern wissen, aus welchem Grunde unser voriges Kapitel so ruhig geendet hat, und warum die Theegesellschaft den Fall, der vor kurzem Anlaß zu so heftiger Explosion gegeben hatte, jetzt so friedlich auf sich beruhen ließ. Dafür sind drei Gründe. Erstens. Man war schon aufgeregt gewesen, und daher erschöpft. Zweitens. Jüffrau Laps, die Führerin im Streite, überblickte mit genialem Blick das Schlachtfeld, und ohne gerade an das weltberühmte Gefecht zwischen den Horatiern und Kuriatiern zu denken, begriff sie doch mit angeborenem taktischen Talent die Richtigkeit des »Teile und herrsche!« Mit den Mächten Stotter, Mabbel, Krümmel und Zipperman gegen das Haus der Pieterses – das ging. Aber nun dies Haus durch Pennewips mächtige Hand gestützt wurde, gebot die Vorsicht, sich aus dem Kampfe zurückzuziehen. Denn wer kam ihr dafür auf, daß sie sich auf ihre Verbündeten verlassen konnte? Wer übernahm die Bürgschaft, daß nicht die Hebamme oder gar Jüffrau Zipperman zum Feinde überging? und wäre es auch nur aus Ehrerbietung vor der beweglichen Perücke des Lehrers! Nein, nein! nicht auf so unsicherem Boden ließ Jüffrau Laps die Artillerie ihrer Beredsamkeit vorrücken. Schweigend sagte sie: ich werde euch schon später kriegen! und wenn wir sie, nebst allen Verhältnissen der Gesellschaft mit zwanzig oder dreißig Millionen multipliciert denken, so würden wir tags darauf in dieser oder jener Lapsoffiziösen Zeitung gelesen haben: »Die Beziehungen zum Reich der Pieterses sind die allerherzlichsten. Man spricht sogar von einer freundschaftlichen Zusammenkunft der respektiven Souveräne, ohne den mindesten politischen Zweck, bloß um sich an dem gegenseitigen Anblick zu erfreuen. Man sieht hieraus wieder, wie grundlos die Gerüchte waren über eine gewisse Spannung, die in betreff der wahren Natur unserer ehrwürdigen Fürstin sollte bestanden haben. Der Leser wird sich erinnern, daß wir diese Gerüchte denn auch nie anders als mit großer Reserve mitgeteilt haben.« Drittens. Der dritte und vornehmste Grund des Waffenstillstandes war: Neugier. Wer sich aufs neue böse that und böse blieb oder Bosheit verriet, mußte weggehen. Und wer wegging, erfuhr nicht, warum Meister Pennewip gekommen war, und was wieder mit Walther los war. Hieraus sieht man zum tausendstenmal, daß alle Dinge ihre gute Seite haben. Wenn Walther Pieterse tugendhaft gewesen wäre, hätten die Augen wahrscheinlich das Schicksal erfahren, das ihnen durch den Archäologen Klesmeyer einmal für solche Fälle in der alteuropäischen Mythologie angewiesen ist. »Aber Herr Lehrer,« fragte Jüffrau Pieterse, nachdem sie auf das überwundene Säugetier einen Blick geworfen hatte, der etwa sagte: »Wo bleibst du nun?« mit der Wirkung einer Siegesdepesche – »aber Herr Lehrer, was hat der Walther denn nun wieder ausgefressen?« »Ja, was hat Walther wieder gethan?« fügte Jüffrau Laps hinzu, die froh war, daß das Gespräch eine andere Wendung nahm, und zugleich über die neue Missethat, die sie vernehmen sollte, weil sie so fromm war. Denn in der Frömmigkeit ist der Sünder ein Ding, woran man sich erbaut. Und Jüffrau Laps liebte die Erbauung, wie wir gesehen haben. Eben war Pennewip im Begriff, die Anklage vorzutragen, als die Klingel ertönte ... noch einmal ... »'s ist zu uns« – und der arme Delinquent ins Zimmer trat. Er war noch blasser als sonst, und es war auch Anlaß dazu, denn es waren eigene Dinge mit ihm vorgegangen, seit Fancy ihn emporhob und mit sich führte ... »Jüffrau Pieterse,« begann Pennewip, »meine Schule ist berühmt bis nach Kattenburg hin ... hören Sie? Verstehen Sie?« »Ach ja, Herr Lehrer.« »Ich wiederhole: berühmt! Und zwar hauptsächlich wegen der guten Sitten, die da herrschen ... ich meine natürlich: auf meiner Schule. Religion und Tugend stehen bei mir im Vordergrunde. Ich könnte Ihnen Verse zeigen über Gott ... aber ich will das übergehen. Es sei Ihnen genug, zu wissen, daß meine Schule berühmt ist bis ... was sage ich ... ich habe sogar ein Söhnchen gehabt von jemand zu Wittenburg, von dem Sägemüller – und einmal bin ich sogar schriftlich um Rat gefragt worden wegen der Besserung eines Knaben, dessen Vater sogar zu Muiderberg wohnte.« »O, Herr Lehrer!« »Ja. Jüffrau Pieterse! Ich bin noch im Besitz des Briefes und könnte ihn Ihnen zeigen ... der Mann war Totengräber ... und der Jüngling hatte sich vergessen, unpassende Figuren auf die Särge zu malen ... aber gerade darum fühle ich mich verpflichtet, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß ich nicht gesonnen bin, den guten Namen meiner Schule schwinden zu sehen durch Ihren Taugenichts von Sohn, der dort steht!« Der arme Walther war aus den Wolken gefallen. Das klang ja ganz anders als eine Päpstliche Anstellung ... die er übrigens nicht mehr beanspruchte, denn er hatte soeben eine andere bekommen, die ihm besser gefiel. Seine Mutter wollte sofort zu dem übergehen, was sie ihren Gottesdienst nannte, und ihm eine Tracht Prügel verabreichen, um den Lehrer zufrieden zu stellen und ihm zu zeigen, daß auch in ihrem Hause Tugend und gute Sitte im Vordergrunde standen. Aber der Lehrer fand es besser, die Gesellschaft davon in Kenntnis zu sehen, was eigentlich los war, und dadurch gleichzeitig das Schuldgefühl des Patienten zu verstärken. »Ihr Sohn, Jüffrau Pieterse, gehört zu der Klasse der Räuber, Mörder, Frauenschänder und Brandstifter ...« Weiter nichts. »Heilige Gnade! Gute himmlische Gerechtigkeit! Barmherzige Christenseelen! Ach göttliche, menschliche Tugend, ist's möglich! Was muß der Mensch erleben!« So ungefähr – denn für die Genauigkeit stehe ich nicht ein – war die Flut von Ausrufen, unter der der zehnjährige Räuber, Mörder, Frauenschänder und Brandstifter weggeschwemmt wurde. Armer Walther! »Ich werde Ihnen ein Stück von seiner Hand vorlesen,« sagte der Lehrer, »und wer dann noch an der Verderbtheit dieses Knaben zweifelt ...« Die ganze Gesellschaft versprach, nicht daran zu zweifeln. Das Stück, das der Lehrer nun vorlas, war ja nun auch wirklich von der Art, daß der Zweifel schwer fiel, und ich selbst, der Walther zu seinem Helden erkoren hat, werde den Leser nicht leicht überzeugen können, daß er nicht so schlecht war, wie es schien, nach seinem Räuberlied. »Mit dem Schwert, Auf dem Pferd, Und dem Helm auf dem Kopf, Drauf und dran! und dem Feinde den Schädel geklopft, Vorwärts drauf!« »Christenseelen,« rief die ganze Gesellschaft, »ist er toll!« »Auf dem Weg, Längs der Heck', Ein Stoß und ein Schlag – Getötet der Markgraf, Dragoner verjagt ...« »Lieber guter Gott, was hat er bloß gegen den Markgrafen?« fragte die Mutter. »Um den Raub!« »Seht, 's ist um den Raub,« sagte Jüffrau Laps, »ich sag's ja immer, man beginnt mit der Bibel und ...« »Und die Beut', Meine Maid ...« »Hat man so was schon erlebt... er hat kaum gewechselt!« »Und die Beut'. Meine Maid, Mir erkauft mit dem Stahl ...« »Mit dem Sta..a..a..ahl!« »Und die Beut'. Meine Maid. Mir erkauft mit dem Stahl, Wie 'ne Feder trage ich sie in den Saal. In die Höhl'.« »Himmlische Gnade ... was will er in der Höhle ausführen?« »Wie der Wind So geschwind, Jag' ich hin, sie im Arm, Und ihr Weinen und Wimmern ...« »O gerechter Friede, das arme Wurm wimmert dabei!« »Und ihr Weinen und Wimmern macht mir kein' Harm, O Genuß!« »Das nennt er Genuß! Mir wird ganz kalt!« »Und dann wieder, Auf und nieder, Rechts und links durch das Land ...« »Jesses! 's geht schon wieder los!« »Und dann wieder, Auf und nieder, Rechts und links durch das Land, Hier 'ne Villa verwüstet, ein Kloster verbrannt. Zum Spaß!« »Die Hölle steckt in dem Jungen ... zum Spaß!!« »Weiter dann Auf der Bahn Und noch mehr Abenteuer, Und den Weg gezeichnet mit Blut und mit Feuer Und Rache!« »Gütiger Gott, was haben sie ihm denn gethan!« »Denn die Rache Ist die Sache Für den König der Welt, ...« »Ist er verrückt ... ich will ihn königen!« »Denn die Rache Ist die Sache Für den König der Welt, Der, allein gegen alle, sein Scepter behält Und Panier!« »Was ist das für 'n Ding?« »Hurra hier! Folget mir!« Die Gesellschaft schauderte bei der Einladung. »Hurra hier! Folget mir! Kein Pardon wird gespendet, Die Männer gehenkt und die Frauen ...« »Mein Riechfläschchen! Trude, du siehst, ich ...« »Die Männer gehenkt und die Frauen geschändet...« »Mein Riechfläschchen! Trude, Trude!« »Die Frauen geschändet. Zum Pläsier!« »Zum Pläsier,« wiederholte der Lehrer mit Grabesstimme, »zum Pläsier ...« »Er ... thut ... das ... zum ... Pläsier!« Die Gesellschaft war betäubt. Auch Stoffels Pfeife war ausgegangen. Aber Walther hatte etwas Ruhiges in seinem Wesen, und als die Mutter ihn genug geprügelt hatte, um ihre Besinnung wieder zu bekommen, legte er sich nicht unzufrieden in sein Bett in der Hinterstube, wo er bald einschlief und träumte von Fancy. Ausführlicher Bericht, in welchem Zustande sich die Hauptpersonen dieser Geschichte nach der Katastrophe befanden. Am folgenden Tage war vieles zu seiner gewohnten Ordnung zurückgekehrt. Und um nicht den Schein der Nachlässigkeit auf uns zu laden, als ob wir uns nicht um die Personen kümmerten, mit denen wir doch einen so vergnügten Abend verlebt haben, wollen wir im Vorbeigehen erwähnen, daß Jüffrau Mabbel wieder ans Backen und Magnetisieren gegangen war, und Frau Stoffel an ihr Hebammenwerk. Sie verurteilte die unglücklichen Geschöpfe, die man ihrer Sorge anvertraute, zu zwei- oder dreimonatlicher Unbeweglichkeit, wahrscheinlich um den Neugeborenen eine hübsche Vorstellung von ihrer neuen Laufbahn zu geben, und um sie für den unverschämten Lärm zu bestrafen, dessen sie sich bei ihrer Geburt schuldig gemacht hatten. Meister Pennewip war, wie gewöhnlich, mit dem Kultivieren unserer vergangenen angehenden Großeltern beschäftigt, und seine Perücke, die von den Aufregungen des vorigen Abends noch nicht ganz hergestellt war, verlangte sehnsüchtig nach dem Sonntag. Klaasje van der Gracht hatte den Preis erhalten, mit einem würdevollen »Fahre so fort, mein Sohn!« Was er dann auch gethan hat. Noch täglich sehe ich Gedichte abgedruckt, die durch Deutlichkeit, Bündigkeit und Geisteserhebung seine Meisterhand verraten – und da ich höre, der ungeimpfte Klaas sei an den Pocken gestorben, so achte ich mich verpflichtet, ihn gegen diese Verleumdung in Schutz zu nehmen. Das Genie stirbt nicht, das versteht sich von selber, sonst würde es für ein Genie gar nicht der Mühe wert sein, geboren zu werden. Doch wäre auch Klaas als Mensch gestorben, sein Geist lebt in seinen Nachfolgern, und das finde ich eine schöne Unsterblichkeit. Auch die Familie de Wilde ist nicht ausgestorben und wird nicht aussterben. Des bin ich sicher. Jüffrau Krümmel fragte ihren Mann, ob sie wirklich ein Säugetier wäre. Und er, da er von der Börse so viel Lebensweisheit aufgeschnappt hatte, antwortete nach längerer Überlegung, daß er von solchen Dingen immer bloß die Hälfte glaube. »In diesem Falle die letzte,« sagte er dazu, aber leise. Jüffrau Zippermam katasterte bürgerlich weiter, und war erkältet. Aber sie hatte es dafür übrig, denn sie war eine anständige Frau. Bloß das konnte sie nicht ertragen, daß Jüffrau Laps so viel von ihrem Vater »im Kornhandel« hergemacht hatte und von ihrer Tugend. Der alte Laps, behauptete sie, war nicht »im Korn« gewesen, sondern »unterm Korn.« Er hatte es nämlich in einem Sack auf dem Kopfe getragen, und das ist ganz was anderes als Korn verkaufen. Denn wer was verkauft, steht immer höher als wer was trägt. Das hätte also Jüffrau Laps nicht sagen sollen. Und was ihre Tugend anging, so wüßte doch jeder die Geschichte von dem Briefträger, der solchen großen Backenbart hatte, 's war ja nicht um das Menschenkind in Skandal zu bringen, Gott nein! 's war nur, daß man es wußte, und daß man davon sprach ... das war's bloß! Die Jüffrau Laps sollte also ruhig still sein von ihrer Tugend. Jüffrau Zippermann wollte ja nicht den Schiedsmann machen, es war nicht ihre Gewohnheit, schlecht zu sprechen, aber der Briefträger guckte noch immer hinauf, wenn er vorbeiging ... das that er! Trudchen und ihre Schwester saßen so gut wie möglich ausstaffiert am Fenster, und wenn junge Leute vorbeigingen, machten sie Gesichter, als hatten sie niemals irgendwen »zurechtgebracht.« Die Jüffrau von hinten unten erzählte beim Kaufmann, daß sie ausziehen wollte, denn »es wäre ein Skandal bei den Pieterses: ein wahrer Skandal« – und »es hatte gerade was darunter gestanden.« Jüffrau Pieterse wirtschaftete in ihrem Haushalt herum und sah aus wie ein »Weib.« Von Zeit zu Zeit that sie ihren Gottesdienst an den Kindern, die, wenn sie zu wünschen gehabt hätten, gewiß lieber bei den Alfuren, Dajaks oder anderen Verblendeten zur Welt gekommen wären, deren Religion nicht so gefühlvoll war. Jüffrau Laps hatte die Nacht besonders gut geschlafen. Das freut mich. Ich konnte wohl mehr davon erzählen, aber das mag ich nicht, weil ich mich nicht gern erschöpfe. Stoffel war in seine Schule gegangen und hatte da versucht, der Jugend Verachtung des Reichtums einzuflößen, mit Hilfe eines Gedichts, das wahrscheinlich einer auf einer Bodenkammer gemacht hatte, dem sein Reichtum nicht viel Beschwerde machte. Aber die Jungens waren unaufmerksam und schienen nicht zu fassen, welch Vergnügen darin stak, kein Geld zu haben, um Murmeln zu kaufen. Stoffel gab ihre Herzenshärtigkeit schuld an Walthers Wahnideen. Sie hatten sicher schon gehört von seinem Anschlag auf jenen Markgrafen und von dem merkwürdigen Aufenthalt in der Höhle. Darum zeigten sie Stoffel weniger Ehrerbietung, als ihm zukam als drittem Hilfslehrer mit verlängerter Hose. Und Walther? Der lebte noch immer in Erwartung der Strafe, die er so reichlich verdient hatte. Denn seine Mutter hatte ihm klar und mehrfach zu verstehen gegeben, daß die »Zurechtsetzung« vom vorigen Abend bloß eine vorläufige Gottesdienstübung gewesen war, und daß der eigentliche Sold seiner Sünde erst ausbezahlt werden sollte, wenn sie darüber mit dem Hausgeistlichen gesprochen haben würde. Und das war billig. Ganz gewiß. Denn in gottesdienstlichen Sachen hat der Geistliche – ob Haus- oder nicht – eine Stimme. Dafür wird er bezahlt und dafür hat er studiert. Die Menschen, die also behaupten, daß es gut wäre, die Geistlichen aus dem Hause zu halten, wissen nicht, was sie sagen. Aber inzwischen wußte Walther nicht, was anfangen. In die Schule gehen konnte er nicht. Pennewip hatte ihm ausdrücklich verboten, weiter aus dem Horne der Weisheit mitzuschöpfen. Spazieren gehen durfte er gleichfalls nicht. »Gott weiß, was er wieder aufführt, wenn man ihn aus den Augen läßt,« sagte die Mutter, die angeblich fürchtete, daß er wieder auf die Klöster losgehen würde, aber ihm den Urlaub eigentlich nur deshalb verweigerte, weil Walther um diesen Urlaub gebeten hatte. Sie meinte, für viele unartige Kinder oder alle wäre es nützlich, wenn sie nicht ihren Willen hätten. Wäre Walther schlau gewesen, so hätte er sicher vorgegeben, er wäre in das düstere Hinterzimmer ganz verliebt, und er wäre dann zu seiner moralischen Besserung die Treppe hinuntergejagt worden, sodaß er seine Mühlen hätte besuchen können. Aber Walther war eben nicht schlau. Und das Vorderzimmer war ihm verboten, weil die jungen Damen »ihn nicht sehen konnten.« Der Autor beantwortet dem Leser eine einigermaßen wesentliche Frage, gleichgültig ob der Leser die Frage überhaupt stellen will oder nicht. Ja, sie war wohl dunkel, die Hinterstube! Und wenn sie bloß dunkel gewesen wäre! aber sie war außerdem schmutzig, eng und mit all den Dämpfen angefüllt, die die tägliche Atmosphäre von III, 7, b 1 (Pp) ausmachen. Wie ein bleierner Dampfer drückt solch Aufenthalt aufs Herz, und ich mag nicht, was vielleicht meine Pflicht wäre, dem Verlangen nach einer ausführlichen Beschreibung einer solchen Hölle nachgeben, denn ich möchte nicht gern die Veranlassung zu dem Ekel sein, der Autor und Leser bei solch einer Beschreibung befallen müßte. Ja, es wäre vielleicht meine Pflicht. Denn wer mit der Feder zum Volke spricht, hat eine Aufgabe zu erfüllen, eine Aufgabe, die um so heiliger ist, als sie nicht wie andere Aufgaben zu einem Berufe gemacht werden kann. Was veranlaßt mich denn, euch von Jüffrauen unten vorn zu erzählen, und von Pennewips Perücke? Von singenden Mühlen und von dem alten Umhang der Hebamme? Von schmutzigen Hinterstuben und von der hysterischen Bigotterie der Lapsen? Von Stoffels schwachen Zeitwörtern und von Walthers Königtum? Was veranlaßt mich dazu? Ist mir's um die Ehre? Schöne Ehre, der Kopist der schimmligen Bilder zu sein, die unter, neben, über, hinter uns herumlaufen, und die auf jedem Markt zu besehen sind, für nichts. Oder Dank? Du hast mir nicht zu danken, Publikum. Ich schreibe, was ich mir aussuche, ganz gleich, ob es dir ansteht. Und wenn ich die Dinge betrachte, die dir anstehen, wenn ich den Plunder untersuche, wäge und schätze, dem du Beifall klatscht – dann möchte ich, daß du mein Werk auspfiffest, bis du platztest. Meint ihr in der That, daß ein Schriftsteller, dem das Schreiben Mittel ist, nicht Zweck – ein Schriftsteller, der etwas auf dem Herzen hat, einer, der sich berufen fühlt, etwas zustande zu bringen, was außer dem Bereich der Litteraturhandwerker liegt – meint ihr wirklich, daß so einer auf eure Zustimmung angewiesen ist, und daß er euer »Bravo, mein Junge!« in seiner Mütze auffängt, wie ein Almosen, von dem gutgelaunten Rentner dem Genie hingeworfen? Meint ihr das? Ha ... ha ... ihr, die ihr alles aus Paris bezieht oder aus Nürnberg ... und ihr anderen, die nichts wären, wenn sie nicht in dem königlichen Vorzimmer zu etwas gemacht würden, oder im Kabinett eines Ministers, der meistens selbst Mühe hat etwas zu bleiben – meint ihr wirklich, etwas zu bedeuten, weil ihr in vorteilhaftem Handel mit Korn, Spielwaren, Schlafmützen oder Verwaltungsschlummer die Paar Stüber verdient habt, die nun einmal nötig sind, um mein Werk, das heißt das Papier und die Arbeit des Schriftsetzers, zu bezahlen? Reißt doch einmal ein Blättchen aus eurem Kopiebuch, ihr Kaufleute, und zeichnet einmal einen Gedanken auf das Blättchen, dann wollen wir einmal sehen, wie das erste Ding ausfällt, das ihr nicht aus fremder Fabrik bekommen habt. Nehmt doch einmal die seidenen Schnüre ab von eurem Portefeuille, das ihr so großartig unter dem Arme tragt, ihr Minister, als ob das Volk nicht wüßte, daß diese Fetzen seit Jahren das Merkmal der Prachtausgaben von Unbedeutendheit sind! Nehmt sie ab, die seidenen Schnüre, macht's auf ... auf! Laßt uns sehen, was ihr habt, was ihr seid, was ihr wirklich seid als Menschen! Wenn ihr gerade einmal nicht durch eine obenauf schwimmende Clique von Parlamentshelden zur scheinbaren Repräsentation der Ideen erhoben werdet, die sie selbst nicht haben. Was mich zum Schreiben veranlaßt, noch einmal? Geld ... Bezahlung? Bekommt das Schaf Bezahlung für seine Wolle, die Kuh für ihre Milch? Die Bezahlung ist für die Posamentiere und die Käsehändler, die die Wolle und die Milch nicht selber machen. Das ist viel anständiger, wie wir gesehen haben. Die Schafe und die Kühe werden wenigstens gefüttert, sei es auch nicht zur Belohnung für ihre Gaben, so doch, damit sie weiter geben. Aber Schriftsteller, Dichter, Künstler! Ja, auch diese Kühe und Schafe werden manchmal gefüttert. Aber nicht auf der großen frischen Wiese. Man hält sie in muffigen, dumpfen hinteren Bodenlöchern – und dann beklagt man sich noch, daß sie nicht vorteilhaft aussehen, und schlechte Wolle geben, oder blaue Milch ... Pfui! Bezahlung? Was mich also dann veranlaßt? Ich will dir's sagen, Publikum, zum Teil wenigstens. Ich bin dir nichts schuldig, auch nicht alle Wahrheit. Aber was ich dir gebe, soll Wahrheit sein. Was mich bewegt? Sieh hier: Du wirst Mühe haben, es mir zu glauben, aber doch muß ich dir versichern, daß es Menschen giebt, die von Jugend auf sich mit Denken beschäftigten. Es klingt sonderbar, paradox, es jagt euch einen Schreck ein – aber es ist so. Darunter sind Leute, die bemerkt haben, daß in unserer Gesellschaft vieles ist, was anders sein sollte, und mit etwas gutem Willen auch anders sein könnte. Alles Verkehrte in Ordnung zu bringen, ist unmöglich, aber in den Verkehrtheiten stecken zu bleiben, weil wir sie nicht alle abstellen können, ist zu verwerfen, ja – nach meiner Auffassung von der Bestimmung des Menschen – ein Verbrechen. Wer auf seinem Wege einen Stein findet, der einen späteren Wandersmann zum Straucheln bringen könnte, der rolle ihn zur Seite. Es genügt nicht, dem Stein aus dem Wege zu gehen und sich selbst vor Schaden zu wahren. Auf jedem Gliede der großen Reisegesellschaft des Menschengeschlechts ruht eine teure Verpflichtung, die Strecke Weges, die er ging, mit weggeräumten Hindernissen zu zeichnen, auf daß diese ehrenvollen Zeugen seiner Arbeit späteren Reisenden zum Vorteil gereichen und sie zur Dankbarkeit und Nachfolge anspornen. Es giebt auch schwere Steine! Dafür nehmen die Bergleute Pulver und Dynamit. Und die großen, plumpen, scheinbar unbeweglichen Felsblöcke, die den Weg zum Völkerglück und zur Vollkommenheit versperren, läßt man springen mit etwas Geist. Viel braucht's nicht, wie du siehst. Aber doch immerhin etwas mehr, als aus deinem Korn, geliebtes Publikum, destilliert wird. Seit lange habe ich mich beeifert, hie und da einen Stein aus dem Wege zu räumen. Und wenn es mir nicht glückt, so will ich doch Sorge tragen, daß, wer nach mir kommt, Spuren meiner Anstrengungen vorfinde. Kosmopolitische Betrachtungen und die Geschichte von dem Willemsorden. Nicht ohne Absicht ließ ich den Helden meiner Geschichte im Kreise kleinbürgerlicher Beschränktheit geboren werden. Beschränktheit körperlich und geistig – denn es besteht eine innige Verwandtschaft zwischen den blöden Oberenstockwerksideen und der katechisierten Gläubigkeit solch einer Omnibus-Bettstatt. Alles ist in allem. Die Begriffe von Tugend, Sittlichkeit, Religion sind vielfach auf den Leisten der Geräumigkeit geschlagen, in der man sich bewegte. Denn der Mensch – wie die ganze Natur – schafft nichts. Um zu dem gotischen Baustil zu gelangen, mußten wir erst sehen, wie der Eichenwald sich zum Kirchendach wölbte, und die lockige Akanthus war nötig, um den korinthischen Stil zu lehren. Wer in und mit dem Sonnenschein lebt, macht sich einen Gott voll Licht und Farben, und wo man gezwungen ist, die Ellbogen am Leibe zu halten, um Frieden mit der Nachbarschaft zu haben, da braucht man ein kleines Gottchen, das nicht viel Platz beansprucht. Diesen Gott wird man dann reizbar, mürrisch, ungemütlich, übelnehmisch, langweilig und bösartig machen, wenn man stets genötigt war, sein eigenes Leben in kleine Formen zu pressen, und wenn dann gar noch Schmutz dazu kommt, dann ist mit so einem Gott gar kein Auskommen mehr. Die sogenannte christliche Religion hat am meisten Fortschritte gemacht und sich am meisten gehalten in Landstrichen, wo die Menschen dicht zusammengedrängt leben, und wo daher im engen Kämmerchen Gelegenheit vorhanden ist, um all die Spukgeschichten von Sündenfall, Sühnetod, Gnade oder Ungnade und ewiger Verdammnis auszubrüten. Das Leben in der offenen, freien, grünen Natur – nicht des einzelnen Menschen, denn der bringt seine Vorstellungen von Hause mit – das Leben des Volkes in der Geräumigkeit, in Ellbogenfreiheit, fegt die dumpfen Phantasien weg, und man überschütte immerhin die sogenannten unkultivierten Länder mit Sendungen und Evangelien: ohne Zwang wird man nie Erfolg haben mit der wahrlich schweren Aufgabe, die muffigen Stubenthorheiten Völkern aufzudrängen, die gewöhnt sind, ihre Vorstellungen von der frischen Natur zu empfangen. Ich habe einen Sergeanten gekannt, der sich um den Willemsorden bewarb. Ich war damals Schreiber bei einem Advokaten und half dem Manne bei seinen Eingaben und den Weiterungen mit dem Ministerium. Seine »Führung« stand fest. Seine »Treue« war über allen Zweifel erhaben. Das konnte man auf seiner messingenen Dienstmünze für zwölfjährigen Dienst lesen. Die Sache kam also noch auf seinen »Mut« an. »Sehen Sie, junger Herr, das kann ich ihnen nun nicht zu Verstande bringen ... Ich lief ... und schoß ..., und sagte ... und der Leutnant sagte ... und da kam ich ...« Folgte: die Geschichte von seinem Mut. Ach du armseliger Soldatenmut! Es ist anderer Mut im Leben nötig! »Sehen Sie, junger Herr, das möchte ich mal so recht angegeben sehen in der Eingabe ... denn es muß Hand und Fuß haben. Ich möchte gern meinen Mut bewiesen haben«, wissen Sie ... wenn Sie das thun, ist die Sache richtig.« Ich sagte: »Jawohl« und schrieb die Eingabe – es war die siebzehnte, glaube ich – diesmal mit ein paar lateinischen Sprüchen drin, denn ich war Schreiber bei einem Advokaten. Der Mut triumphierte diesmal ... wahrscheinlich durch das Latein. Mein Sergeant wurde Ritter, und ich ging mit ihm spazieren. Das fand ich famos, wegen des Präsentierens ... Ach, welcher Advokatenschreiber wird für mich eine Eingabe machen, in der angeführt wird, welchen Mut ich brauchte, um zu schreiben, wie ich schrieb? »Sehen Sie, junger Herr, wenn sie da so hinter ihrem grünen Tisch sitzen auf dem Ministerium, begreifen sie nicht ...« Siehst du, Publikum der Zukunft, wenn du da so sitzest in deiner späteren Zeit, hinter dem hohen Lesepult von zwanzig Jahrhunderten später ... du wirst nicht begreifen, wie viel Mut heute nötig ist, 1862, um gegen die Batterie anzustürmen, die dir kurz und klein geschossen erscheint im Jahre dreitausend und soundsoviel! Aber Willems- und andere Orden will ich dafür nicht haben. Ich ziehe zu Felde gegen alles, was auf moralischem, gesellschaftlichem oder politischem Gebiete klein, gemein, beschränkt oder niedrig ist. Was die Art und Weise angeht, auf die ich den Kampf führe, so wünsche ich meine vollkommene Freiheit zu bewahren, ohne mich um Gewohnheit oder Schule zu kümmern. Wem es nicht gefällt, der – kaufe bei meinem Nachbar. Und wer etwa meint, daß es mir an Lebensart fehlt, weil ich mit dir, liebes Publikum, so unehrerbietig spreche, zeigt, daß er selber nicht viel Lebensart hat. Denn das muß ich zu deiner Ehre sagen, Publikum, nachtragend bist du nicht. Seit achtzehn Jahrhunderten höre ich dich gottlos, verdorben, verdammt schimpfen, und anstatt böse zu werden, singst du Psalmen zu Ehren deiner Verdammer. Und noch eins habe ich gefunden, oder besser: ich habe die alte Wahrheit an dir bestätigt gefunden, daß es billiger ist, ein ganzes Publikum auszuschelten als eine einzelne Person. Wenn man den Polichinell wegen seines Buckels kränkt, meint er es der Ehre seiner Familie schuldig zu sein, den Nörgler wegen seiner mangelnden Scharfsichtigkeit zur Rede zu stellen, denn der hätte doch durch den Buckel hindurchsehen müssen. Macht man aber ein ganzes Publikum auf solche kamelige Erhabenheiten aufmerksam, so tröstet sich jeder mit der Unvollkommenheit des anderen und amüsiert sich noch darüber ... O Himmel, Marianne, öffne doch das Fenster! Leser, ich bitte dich um Vergebung. Wenn es nicht meine feste Gewohnheit wäre, niemals etwas zu streichen, solltest du den vorigen unehrerbietigen Paragraphen nie zu Gesicht bekommen. Denke dir, daß ich durch häuslichen Ärger – Leiermänner, Hofsänger, aufgenommene Flurläufer, schlechte Laune des Mädchens, Geldmangel oder dergleichen Gemütsbelastungen – auf einem Küchenkämmerchen angelangt bin. Da sind die Zeilen geschrieben, die dich so kränken müssen, und die unverzeihlich waren, wenn ich nicht zwischen ein paar irdenen Töpfen, einem Küchenmädchen und einer Schüssel mit Rüben eingeklemmt wäre. Mangel an Raum, Ruhe und Luft hat so auf meine Stimmung eingewirkt, daß ich – der ich sonst von fröhlicher Gemütsart bin und meine Leser zum Küssen lieb habe – mich habe zu Melancholie und bösen Reden hinreißen lassen. Ich muß nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Ich verachte dich nicht im mindesten, ich möchte dir vor lauter Liebe an den Hals stiegen, und wie ich dich von vorn und von hinten besehe, ich finde keine Spur eines Buckels. Auch war ich nie Schreiber bei einem Advokaten. Du siehst, ich wußte nicht. was ich sagte. Ja, die frische Luft hat deinen Buckel weggeweht, und ich gehe ins Freie. Wenn das Wetter gut ist, will ich dir wieder ein paar Kapitel schreiben, an denen du deine Freude haben sollst! Eine kleine Charakterstudie über unseren Walther und seine »Erzieher«. Wenn aber schon ich, der ich von Zeit zu Zeit die Weltteile durchjage, wie ein neuer Mazeppa, wenn selbst ich so von dem beengenden Eindruck eines Kämmerchens angegriffen wurde, wie muß dann der Seele des armen Walther zu Mute gewesen sein, zwischen den Wänden seiner Wohnung und in den engen Banden seiner ganzen traurigen Welt! Der arme Junge war in Windeln und Umschlägen herangewachsen seit seiner Geburt. Krumme Beine, biblische Geschichte, englische Krankheit, Verse über Tugend und artige Kinder, hübsch Händchen geben, kniende Abendgebete, zornige Gottesgerichte, schwarze Männer für unartige Kinder, Augen zu, vor und nach der Butterstulle, Schlafen mit krummen Knien, Sünde thun, Angst vor zerrissenen Hosen, Gottesdienstübungen, mit und ohne fühlbare Begleitung – armer Walther! Ich weiß wohl, Tausende und Abertausende haben kein besseres Los, aber gerade darum sage ich: armer Walther. Vielleicht daß der Ausruf einen weckt zu der Klage: arme Walthers! Und wäre es auch nicht so, so ist doch, was für den einen paßt, zu weit oder zu eng für einen anderen, und Walthers Seele hatte ihren besonderen Leisten. Das spaßige Räuberlied, das in ihm durch ein eben gelesenes Buch entstanden war, zeigt, wie seine jungfräuliche Seele von den Eindrücken dessen, was ihm groß erschien, berührt wurde. Er war noch ganz Kind, und obendrein ein gutes Kind. Er hatte keiner Fliege wehthun können, und die höchst kriminalistische Richtung seines Liedes kam allein aus dem Wunsche, auf einmal das Höchste zu fassen, das Erste zu erreichen, der Erste zu sein in dem Gebiete, das seine kindliche Phantasie ihm geschaffen hatte. Räuber ... gut! aber dann auch ein flotter Räuber, ein Räuber über alle Räuber, ein Räuber ohne Gnade, zum Spaß! Von dem Frauenschänden hatte er eigentlich keine Vorstellung. Er sagte es um des Reimes willen, und weil er aus ein paar Sätzen seines Buches den Eindruck hatte, daß das etwas besonders Unterhaltendes sein müßte. Hätte er für seine vierzehn Stüber zufällig den Grandisson – langweiligen Angedenkens – in die Hände bekommen, so wäre sein Gedicht diesen Mittwoch ganz anders ausgefallen, und er hätte vielleicht – ja sicher hätte er Schlachterskeesje die Hand zur Versöhnung gereicht und ihm vielleicht noch ein paar Schieferstifte geschenkt, mit vollkommener Verzeihung für diesen oder jenen Grafen aus falschem Hause. Denn das ist das Eigenartige von Gemütern, wie Walthers war, daß sie, was sie sind, ganz sind, und, in welcher Richtung auch, weiter gehen, als auf der Oberfläche der Eindrücke zu liegen schien, die ihnen die Richtung gegeben hatten. Von solchen Charakteren würde man viel erwarten dürfen, wenn nicht der Zufall – d. h. diese oder jene natürliche Ursache, die wir nicht kennen und daher aus Scham vor unserer Unkunde Zufall nennen – wenn nicht solch ein Zufall sich den Spaß machte, diese Walthers in einem Kreise geboren werden zu lassen, in dem sie nicht verstanden und daher mißhandelt werden. Denn das ist auch eine von unseren Eigenartigkeiten, daß wir gern jemand mißhandeln, dessen Seele anders organisiert ist als die unsere. Wie bewegt sich die Uhr? fragt das Kind und hat keine Ruhe, ehe es das Räderwerk, das es nicht versteht, entzwei gemacht hat. Da liegt sie nun in Stücken, und der kleine Bösewicht entschuldigt sich, er wollte doch wissen, wie es gemacht war. So wollen auch die erwachsenen Kinder von der Art, die wir der Kürze halber Menschen nennen, wenn ihnen der Zufall ein kostbar Werk in die Hände spielt – ein Werk, das anders zusammengesetzt ist als gewöhnliche Nürnberger Eierlein – fortwährend untersuchen, wie es gemacht ist. Und sie ruhen meist nicht eher, als bis sie ihre Unkenntnis an dem unglücklichen Gegenstande gerächt haben, der sich vermaß, von jenen Eiern etwas verschieden zu sein. Lange vor Scheiterhaufen und Katechisiermeistern war ein Mann, der sich damit befaßte, die Vorübergehenden »zurecht« zu machen. Er legte sie in sein Bett und reckte sie nach seinem Maße aus, wenn sie zu kurz waren, oder wenn sie zu lang waren, hackte er ab, was herausragte. Den Mann hat Theseus totgeschlagen, und daran hat Theseus wohlgethan. Aber er hat die Bettstelle stehen lassen, und das ist nicht gut, denn die Erben des Systematikers vom rechten Maß setzen das Geschäft mit ungeschwächten Kräften fort. Weil aber jetzt mein Fenster offen steht, will ich für diesmal den geschätzten Leser damit nicht weiter belästigen. Es könnte sonst so aussehen, als wollte ich auch andere auf meiner Bettstelle zurecht machen. Das will ich aber nicht, und darum erzähle ich wieder etwas anderes. Wie die gute Leentje sich wunderte, und was Walther von der Sache hielt. Walther saß, beide Ellbogen auf dem Tische, und ließ den Kopf darauf ruhen. Er schien in die Näherei vertieft zu sein, die Leentje beschäftigte, aber wir werden sogleich sehen, daß seine Gedanken anderswo waren und zwar weit ab vom Bürgerstand III. 7, b¹ (Pp) . Sie hatten ihr verboten, mit dem »ungezogenen Jungen« zu sprechen, und nur von Zeit zu Zeit, wenn Jüffrau Pieterse die Stube verließ, fand Leentje eine Gelegenheit, ihm ein paar Trostworte zuzuflüstern. Zwar – es fiel ihr auf, daß Walther nicht so betrübt war, als man eigentlich von einem erwarten sollte, der zwischen den Prügeln von gestern und dem Hauspfaffen von morgen eingeklemmt saß. Morgen sollte nämlich dieser Mann kommen und die Sache erledigen. »Aber Walther, wie konntest du bloß von Brandstiften sprechen?« »Ach ... ich meinte ... scht!« »Und der Graf ... was war denn wieder mit dem?« »'s war 'n Markgraf ... scht!« »Was ist denn das für ein Graf? Gewiß wieder aus 'm andern Haus?« »Ja ... 's war Amalias Vater ... aber das ist es nicht ... ich hab' dir was zu sagen, Leentje ... scht!« »Amalia ... wer ist Amalia?« »Das war meine Braut ... aber ... Leentje, ich wollte dir sagen ... scht!« »Deine Braut ... bist du toll, Walther ... deine Braut?« »Ja, das war sie ... aber nun nicht mehr ... ich wollte ihr helfen ... aber da kam 'ne Ente ... aber, Leentje, das ist's nicht ... ich begreife nun alles ... scht! ... ich bin vorbeigeschwommen... scht!« »Wer, was? vorbeigeschwommen?« »Bei Amalia vorbei ... sie saß im Entengrün ... ich verstehe jetzt alles ... ich bin ... scht!« »Ich verstehe nichts davon, Walther. Aber die Frauen ... warum wolltest du die Frauen ...« Arme Leentje ... sie war nie geschändet worden ... sie hätte so viel dafür übrig gehabt! »Die Frauen standen im Buch ... aber, hör' mal ... ich bin ... scht!« »Und das Kloster?« »Das hat nichts damit zu thun... ich weiß nun alles ... hör', Leentje... scht!« »Mein Gott, Walther, was fehlt dir! Du siehst ja um dich, als ob du toll wärest!« Walther war aufgestanden. Er richtete sich hoch auf, warf einen stolzen Blick auf die Balken an der Decke, legte die rechte Hand aufs Herz, streckte die linke aus, als wollte er einen spanischen Mantel um sich drapieren ... Man bedenke, daß Walther niemals im Theater gewesen war ... ... und sagte: »Leentje, ich bin ein Prinz!« Darauf kam seine Mutter in die Stube und entfernte ihn mit ein paar Ohrfeigen aus Leentjes Nähe. Eine Geschichte, die während einiger Jahrtausende spielt, oder mehr? Walthers Fürstentum lag auf dem Monde – nein, noch viel weiter. Sehen Sie, wie er zu der neuen Würde gekommen war. Lange vor Anfang dieser Geschichte – ja, sehr lange vorher – da war eine Königin der Geister, ganz wie in »Hans Heiling«. Sie hieß A-D. Sie wohnte nicht in einer Höhle, sondern hielt ihren Hof weit oben über den Wolken, was luftiger ist, und sich auch für eine Königin viel besser paßt. Sie trug eine Halskette von Sternen und eine Sonne war in ihren Siegelring gesetzt. Wenn sie ausging, stoben die Nebelflocken auf wie Staub, und mit einer Handbewegung verjagte sie die Firmamente. Ihre Kinder spielten mit Planeten wie mit Murmeln und sie klagten, daß sie so schwer wiederzufinden waren, wenn sie unter dem Hausrat weggerollt waren. Das Söhnchen der Königin, Prinz Ypsilon, war darüber verdrießlich, und es verlangte fortwährend anderes Spielzeug. Die Königin ließ ihm eine Schachtel Siriusse geben, aber in kurzer Zeit waren auch die wieder verloren. Es war aber Ypsilons eigene Schuld. Er hätte auf sein Spielzeug besser acht geben sollen. Man stellte ihn zufrieden, so gut es ging. Aber was man ihm auch gab, immer verlangte er etwas anderes, etwas Größeres und mehr. Das war ein Fehler in dem Charakter des kleinen Prinzen. Die Mutter, die als Königin der Geister eine sehr verständige Frau war – es ist nämlich zwischen Verstand und Geist kein so großer Unterschied, wie die Leute glauben, denen beides fehlt – die Mutter also meinte, daß es für den Kleinen sehr gut sein würde, wenn er sich ein bißchen an Entbehrung gewöhnte. Sie befahl also, daß man Ypsilon einige Zeit ohne Spielzeug lassen solle. Das geschah. Man nahm ihm alles weg. Sogar den Kometen, mit dem er gerade mit Prinzeß Omikron, seinem Schwesterchen, pinselte. Prinz Ypsilon war etwas eigenwillig. Er vergaß sich in seinen Ausdrücken so sehr, daß er gegen seine Mutter etwas Unehrerbietiges sagte. Auch Prinzeß Omikron wurde durch sein Beispiel angesteckt – nichts ist nämlich schlimmer als schlechte Beispiele – und warf mit heftiger Gebärde ihre Palette gegen das Weltall. Und das paßt sich nicht für ein Mädchen. Nun bestand im Reiche der Geister ein Gesetz; wer die Ehrfurcht vor der Königin aus dem Auge verlor oder etwas gegen das Weltall warf, der sollte mit zeitweiligem Verluste aller seiner Würden gestraft werden. Prinz Ypsilon wurde ein Sandkorn. Als er sich nun ein paar hundert Jahrhundert gut geführt hatte, wurde ihm die erfreuliche Nachricht mitgeteilt, daß er zu einer Moospflanze befördert war. Eines schönen Morgens erwachte er als Koralle. Das geschah um die Zeit, als die Menschen schon anfingen, ihre Speisen mit Feuer zu bereiten. Er baute ein Paar Weltteile, und so etwa tausend Jahrhunderte später wurde er in Anerkennung seines Eifers, in einen Krebs verwandelt. Auch in diesem Berufe hatte niemand die mindeste Klage über ihn, und bald ging er über in die Klasse der Seeschlangen. Er trieb es sehr unschuldig und spielte allerdings mit den Seeleuten ein bißchen Schabernack, aber er that keinem etwas zuleide, und bekam darauf vier Füße, mit dem Range eines Mastodons, und der Vergünstigung, sich auf dem Lande etwas die Beine zu vertreten. Mit philosophischer Ruhe schickte er sich auch in diesen neuen Stand und beschäftigte sich mit geologischen Beobachtungen. Ein paar hundert Jahrhunderte drauf ... Wenn ich so von Jahrhunderten spreche, halte man im Auge, daß alle die Zeit zusammengenommen im Reiche der Geister bloß ein kleines Viertelstündchen war – oder richtiger: daß diese Zeit überhaupt gar nichts war. Denn die Zeit ist eingerichtet zur Unterhaltung der Menschen, wie wir den Kindern Bilderbücher geben. Für Geister ist damals, jetzt, später ganz dasselbe. Sie fassen gestern, heute, morgen zusammen mit einem Blick, wie man ein Wort liest, ohne zu buchstabieren. Was war und werden wird, das ist. Das wußten die Ägypter und die Phönizier sehr gut, aber die Christen haben es vergessen. Fancy verstand, daß Walther nicht lesen konnte, darum buchstabierte sie ihm Ypsilons Geschichte vor, wie ich es auch thue, für den Leser. Ein paar hundert Jahrhunderte später also stieg er auf zum Elefanten, und eine Geisterminute oder etwas später, das ist so etwa zehn Jahre – diesmal meine ich menschliche Jahre – vor dem Anfang meiner Geschichte, wurde er in die Klasse der Menschen versetzt. Ich weiß nicht, was er als Elefant gesündigt hatte. Aber, hatte Fancy gesagt, um nun nicht weiter zurückversetzt zu werden und um in kurzer Zeit wieder in seinen Rang als Geisterprinz zurückzukehren, mußte er nun als Mensch brav aufpassen, keine Räuberlieder machen und nichts verschachern, auch keine Bibel – dann könnte es wohl gehen. Auch müßte er sich in die Schleppenlosigkeit der Jüffrau Pieterse schicken. Fancy meinte: das wäre nun mal so. Diese Fancy wird wohl so eine Art Hofdame bei seiner Mutter gewesen sein, die ihn in seiner Verbannung besuchte, um ihn zu trösten und ihm Mut zuzusprechen, damit er die zeitweilige Bestrafung, die ihm zufiel, nicht auffassen sollte, als ob man ihm böse wäre. Sie versprach ihn von Zeit zu Zeit zu besuchen. »Aber,« hatte Walther gefragt, »wie geht es meinem Schwesterchen?« »Die hat auch Strafe ... du kennst das Gesetz. Aber sie ist ein artiges Kind. Sie findet sich geduldig hinein und verspricht Besserung. Zuerst war sie ein Leuchtkügelchen und hat sich als solches tadellos geführt. Dann wurde sie ein Mondstrahl, und auch in dem Berufe war nichts gegen sie zu sagen. Sie schien, daß es eine wahre Freude war, und eure Mutter mußte sich zwingen, daß sie ihre Strafe nicht verkürzte. Sehr bald wurde sie zu einem Duft befördert und bewährte sich gut, denn sie erfüllte das Weltall, um Kopfschmerzen davon zu bekommen. Das war etwa um die Zeit, da du anfingst; Gras zu fressen. Bald wurde sie ein Schmetterling. Aber eure Mutter fand das nicht recht geeignet für ein Mädchen, und sie ließ sie deshalb schnell in ein Sternbild übergehen – sieh, da steht sie, vor uns.« Walther suchte Omikron, fand sie aber nicht. Es kommt öfter vor, daß man etwas nicht sieht, weil es zu groß ist. »Sieh,« sagte Fancy, »da... rechts... nein, etwas weiter ... da ... da ... der Nordstern! Das ist ihr linkes Auge. Das rechte kannst du nicht sehen, weil sie sich nach dem Orion bückt, ihrer Puppe, die sie auf dem Schoß hat und liebkost ...« Walther sah es deutlich und rief: »Omikron... Omikron!« »Nein, nein,« sagte die Hofdame, »das geht nicht, Prinz! Es steht ausdrücklich in der Verordnung der Königin, daß eure Strafe Einzelhaft ist. Es ist schon eine große Vergünstigung, daß ihr beide in einem und demselben Weltall eingesperrt seid. Als unlängst eure kleinen Brüderchen die Milchstraße mit Sündfluten überschwemmt hatten, wurden sie ganz weit auseinander gesetzt.« Walther war darüber sehr betrübt. Er hätte all den Sternen mit der Puppe auf dem Schoß, die sein Schwesterchen waren, so gern einen Kuß gegeben. »Ach, Fancy,« rief er, »laß mich mit Omikron zusammen sein!« Fancy sagte nicht ja und sagte nicht nein. Sie hatte etwas an sich, als ob sie über die Möglichkeit, ein höchst schwieriges Werk zustande zu bringen, nachdächte. Aber Walther, der aus ihrem Zögern Mut schöpfte, wiederholte seine Bitte: »Ach, laß mich doch mit meinem Schwesterchen zusammen sein, und wenn ich auch wieder Gras essen muß oder Weltteile bauen – ich will mit Vergnügen essen und bauen, wenn ich mit Omikron zusammen sein darf!« Wahrscheinlich scheute sich Fancy, etwas zu versprechen, was über ihre Macht ging, und dabei that es ihr leid, das Versprechen nicht geben zu können. »Ich werde fragen,« flüsterte sie, »und jetzt ...« Walther rieb sich die Augen ... da war die Brücke ... da der Graben ... Er hörte die Ente, die ihn noch aus der Entfernung ausschnatterte ... Er sah seine Mühlen wieder ... ja, ja, sie waren es! Aber sie hießen nicht mehr ... wie war doch der Name? Die Mühlen hießen die Morgenstunde und der Adler, und sie riefen, wie das Sägemühlen gewöhnt sind: »Karre, karre, kra, kra ...« Darauf war nun Walther heimgegangen, und wir haben gesehen, was ihn da erwartete. Der würdevolle Besuch des Herrn Hauspastors, der anders abläuft, als der scharfsinnigste Leser ahnen kann. Über Sprache und Gnade, das Haus an der Ecke, die kompromittierte Frau aus Babylon u. dergl. Nachpredigt mit Gefühl. Da der Leser viel Erfahrung hat – seit Jahren suche ich vergebens jemand, der sich über Mangel an dieser Ware beklagt – wird er wissen, daß Vergnügen sowohl wie Kummer nie so groß sind, wie sie uns aus der Ferne scheinen. Es war also vorauszusehen, daß der Hauspastor, der über Walthers Haupte schwebte, nicht so schwer herniederkommen würde, als ohne diese philosophische Betrachtung zu erwarten stand. Und so war es auch. Der Mann war eigentlich ein Bönhase in seinem Fach. Er gehörte zu der Klasse der Katechisiermeister und Krankenbesucher, was wir so heutzutage »inneren Missionar« nennen, und verhielt sich zu einem wirklichen Pastor wie ein Hühneraugenschneider zu einem Arzte. Aber für die Hühneraugen des Bürgerstandes III, 7, b¹ (Pp) langte es noch. Und wenn das nicht so gewesen wäre – jeder muß sich nach der Decke strecken, und Menschen, die zur Miete wohnen, und noch dazu ganz oben, können für ihre Seelennahrung kein Griechisch beanspruchen. Walther sollte denn auch in ganz gewöhnlichem Holländisch abgekapitelt werden. Jüffrau Pieterse hatte eine reine Jacke an, Stoffel hatte die Pfeife sinken lassen, und auch für Jüffrau Laps war ein Stuhl hingesetzt. Sie hatte darum ersucht, dabei zu sein, »um der Erbauung willen« sagte sie. Die Mädchen waren ausgegangen, da der Hauspastor, wenn er Eindruck machen wollte, immer gewaltig mit den Armen schlenkerte, und man also vorhersah, daß man Platz brauchen würde. »Jünklink,« sprach der Mann, und es schien sofort Eindruck nötig zu sein. »Jünklink ...« Es ist sehr auffallend, wie Glaube und Gnade Einfluß haben auf die Aussprache der gewöhnlichsten Worte. Der Hauspastor würde gewiß nicht gesagt haben: lanke Pfeife oder junke Erbsen – aber die Heiligkeit verwandelt alles. Und nicht allein die Aussprache, auch die ganze Sprache, die Wort- und Satzbildung – ja, ich gehe so weit, daß ich Zweifel hege an der Rechtsinnigkeit eines Menschen, der auf alltägliche Manier, ohne Salbung oder Schwung, mit mir über das Wetter spricht oder nach meinem Befinden fragt. Selbst im Husten und Niesen muß die Gnade sich offenbaren, oder die Sache ist nicht reinlich. Paß einmal ordentlich auf, ob ein Hauspastor sich nicht anders die Nase schneuzt als ein gewöhnlicher Mensch! »Jünklink, du bist tief gesunken ...« Jüffrau Laps nickte; das war ein richtiges Urteil. Stoffel sog an seiner Pfeife mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Gottseligkeit. Jüffrau Pieterse faßte nach ihrem Schürzenzipfel, für den Fall, daß sie heulen müßte. »Jünklink, oder richtiger gesagt: junge Tochter ...« Die Versammlung blickte etwas verwundert drein, aber man hielt dies für ein Sichversprechen. Auch muß man bei geistlichen Zusprachen nicht aufs Wort deuteln. Das ist für den Sprecher lästig und führt zu nichts. »Junge Tochter, kraft meines Amtes, und durch den Ruf zum Hohenpriester des Herrn ... denn jeder, der das Evangelium verkündigt, ist ein Hoherpriester des Herrn ... in dem Herrn ...« Der Mann sah um sich, als suche er Zustimmung. Jeder nickte. »In dem Herrn ...« Neuer Blick, um Zustimmung zu erbitten. Der Blick hatte Erfolg, aber ich kann nicht verschweigen, daß sein langes Beharren bei dem »Herrn« doch Erstaunen hervorrief. Diesmal schlug man die Augen nieder, um ihn zu zwingen fortzufahren. »Durch meine Hohepriesterschaft ... in dem Herrn ... sage ich dir, daß du gleich bist der Hure von Babylon, die da hurete mit den Königen der Erde ...« Möge niemand unter meinen Lesern die Nase rümpfen, weil ich des Hauspastors Rede richtig wiedergebe. Ich gebe zu, daß ich, der ich kein Christ bin, mir die Freiheit nehmen würde, jedem, der sich in meinen vier Pfählen eine solche Sprache herausnähme, vor die Thür zu setzen. Aber Christen können sich doch anstandshalber nicht beklagen, wenn man sie mit Worten aus ihrer Bibel anredet. Das war es auch nicht, was die Zuhörer verblüffte. Jüffrau Laps vernahm sogar sehr gern etwas über den schlechten Ruf jener babylonischen Frau. Sie hatte dabei etwas in ihrer Haltung, was verriet, daß sie niemals in Babylon gewesen war, und daß die Geschichte sie also nicht betraf. Jüffrau Pieterse und Stoffel waren die unverhüllten Plattheiten der Sprache Kanaans zu sehr gewöhnt, als daß sie darüber verwundert oder entrüstet gewesen wären. Nein, das Erstaunen der Gesellschaft hatte einen ganz anderen Grund. Man wird zugeben müssen, daß Meister Pennewip sehr wenige Todsünden ausgelassen hatte, als er Walthers Sündenregister verlas. Und sieh! da kommt der Hauspfarrer und läßt das Brandstiften beiseite, vergißt das Rauben, macht kein Wort von Mord und Totschlag, läßt das Frauenschänden im Dunkeln ... und an Stelle alles dessen beschuldigt er Walther der Hurerei mit den Königen der Erde! Das war etwas ganz Neues, und wie sie auch die kanaanitische Bildersprache gewöhnt war, das fand Jüffrau Pieterse ein bißchen stark. Sie fragte also bescheiden: »Exküs ...« Das »Exküs« hatte sie von der Kuchenbäckerjüffrau. So geht es. Man schimpft auf das Fremde, aber man nimmt es an. Indes war der Fall ernsthaft genug, um den Gebrauch eines Fremdworts zu rechtfertigen. »Exküs, Herr Pfarrer! Walther hat ...« Auch Jüffrau Laps wollte etwas sagen, aber sie wurde unterbrochen: »Schweige, du Frau von den Mauern Jerichos! die du ein Haus der Unzucht bewohnst an den Wällen der Stadt ...« »Aber Herr Pfarrer! Die Jüffrau wohnt hier unten vorn!« »Ja, und mein Vater war ...« »Hör' auf mit deinem Geschwätz, o du Delilah-Rachab! Und Sie, Frau, ich sage Ihnen ... so wahr der Herr lebt ... dies Mädchen ist versunken ...« »Aber Herr Pfarrer ... Walther ist ein Junge!« »Schweigt und hört die Worte des Hohenpriesters! Ich sage euch, sie ist versunken im Pfuhl des Lasters ...« »Herr Pfarrer ...« »Lassen Sie ihn,« flüsterte Jüffran Laps, »dahinter steckt noch was. Er wird mit einem Umwege auf Walther zurückkommen ... sie machen's manchmal so.« Darin hatte sie recht. »Dies Mädchen,« fuhr der Hauspastor fort, mit einem Ausdruck eines Eindrucks, der viel Platz brauchte, und der uns zwingt, die Weisheit der Töchter des Hauses zu bewundern, die durch ihre Entfernung für seine Beredsamkeit Raum schafften, »dies Mädchen ist ... ein Mädchen!« »In Gottes Namen,« seufzte Jüffrau Pieterse. Aber diese Zustimmung kostete sie Anstrengung. Nichts ist schwerer, als ein Wunder zu glauben, das man sieht. Die Wunder, die man nicht sieht, machen einen Unterschied. »Ja, dies Mädchen ist ein Mädchen ... und was mehr sagt ... sie ist ein Weib! Ja, sie ist ein Weib ... und hat gehurt ...« »O liebe Christenseelen, ich kann daraus nicht klug werden!« »Ich aber,« sagte Jüffrau Laps, »ich verstehe es ganz gut.« »Ja, Schlange ... du verstehst mich! Dein Gewissen erklärt dir die Worte, die strömen von den Lippen des Mannes Gottes ... und deine Verderbtheit läßt dich mit den Fersen gegen den Stachel lecken ...« Jüffrau Laps hatte wohl gemerkt, daß der Pastor sich mit Vorliebe an sie wendete. Sie hatte das als eine Huldigung für ihre tiefere Kenntnis im Glauben angenommen, und als einen Wunsch des Sprechers, daß die Erhabenheit seiner Worte besser begriffen werden sollte, als das von dem armen Patienten und den übrigen zu verlangen war. Aber sie meinte, nun doch ein Wörtchen mitreden zu sollen über die Verderbtheit, um gegen die Meinung zu protestieren, als ob diese ihr Privateigentum wäre: »Ja, gewiß, verdorben sind wir alle ... alle ohne Ausnahme ... indessen ...« »Schweig, gottlose Frau Babylons! und ziehe aus aus deinem Hause an den Mauern der Stadt ... du bist verdammt ...« »Wie?« fragte Jüffrau Laps verwundert, und jetzt auch ein wenig beleidigt. Denn die Frommen nehmen Verderbtheit und Verdammnis gern an, wenn die Sache kollektiv gehalten ist, aber sie werden böse, wenn man erklärt, daß bei ihnen persönlich etwas hapert. »Wie? Wie meinen Sie das, Herr Hauspastor?« »Ich sage, daß du verdammt bist, Frau aus Josua zwei ... es hangen rote Schnüre aus deinem Fenster ... und du hast gehurt mit den Königen der Erde ...« Bis dahin war alles gut. Das Huren mit Königen hat etwas Vornehmes und schadet nicht. Aber: »Mit den Königen der Erde und mit dem Briefträger, der solchen dicken Backenbart hat ...« Das war schlimmer als das »Säugetier!« Ehe noch Jüffrau Laps Zeit hatte, den Mann Gottes in Stücke zu reißen und so ihre Ehre wiederherzustellen, stürzte Leentje ins Zimmer: »Der Bursche ist betrunken, Jüffrau, total betrunken ... er hat an der Ecke ›gebittert‹ ... da haben sie ihn hinausgefeuert ... die Jungens laufen hinter ihm her ...« Und sie zeigte durch das Fenster nach der Straße, wo in der That die Straßenjungen mit Gejauchze eine Predigt nachmachten, die der Hauspastor gehalten haben mußte, denn sie riefen: Ho, ho, Stachelschlange, Schlange mit Fersen, halt deinen Schwanz aufrecht! Total betrunken war nun der Hauspastor nicht, aber angetrunken war er. Im Weinhaus an der Ecke hatte er Betstunde gehalten, und Leentje, die das wußte oder vermutete, war hinausgelaufen, um Sicherheit zu haben und durch die Offenbarung der Thatsache Walthers Strafe abzukürzen. Hierbei kam ihr der Hauspastor selbst zu Hilfe, der in dem Weinhaus die Geschichte jenes Briefträgers gehört und sich nachher in dem Patienten geirrt hatte, der zu behandeln war. »Ja,« fügte Leentje hinzu, »'s ist nicht bloß jetzt ... 's ist nicht immer gleich schlimm ... aber das letzte Mal, mit Habakuk ...« »Schweig du, und gehe an deine Arbeit,« sagte Jüffrau Pieterse, die sich schämte, weil sie sich in der Art des Weinbergs, den der Hauspastor bearbeitete, geirrt hatte. Mir kommt dieser Irrtum schon verzeihlich vor, und ich nehme an, daß er noch ziemlich lange hätte weitergehen können, wenn die kluge Leentje nicht ein Ende gemacht hätte. Nicht ohne Mühe beschützte man den Hauspastor gegen die Wut von Jüffrau Laps. Stoffel half dem Mann die Treppe hinunter, so gut es ging, und überließ ihn dann den Straßenjungen, die augenblicks ein Liedchen auf ihn machten, voller Schlangen und Genever. Ich habe dies Gedicht nicht mehr auffinden können. Schade. Und eins machen und für den echten Text ausgeben, ist gegen mein Princip. Sobald Jüffrau Laps sich einigermaßen gefaßt hatte, wählte sie das bessere Teil und beschuldigte sich selbst falscher Auffassung. »O ... o ... o ...! Da sieht man wieder einmal, wie viel Übung dazu gehört, um in der Lehre festzustehen. Ich erinnere mich jetzt ganz genau, wie in der Bibel von verkehrten Handlungen der Töchter Jerusalems gesprochen wird. Das meinte er mit seinem Briefträger. Mein Vater war im Kornhandel, und es weiß also jeder, wer ich bin. Die Sache ist klar ... aber ich fühle je länger je mehr Bedürfnis nach Übung ... Übung, wissen Sie?« »Aber liebe Jüffrau Laps, der Mann war betrunken ...« »So sagt Leentje, aber ...« »Und all das Volk auf der Straße ... hören Sie doch!« »Ganz wie beim Propheten Elisa. Auch den beschimpften die Kinder auf der Straße ... und dann kamen Bären ...« »Hei ... hei ... acht auf deine Fersen!« klang es von draußen. »Warum sendet der Herr nicht seine Bären!« klagte Jüffrau Laps, die einsah, das beste Mittel, sich von diesem Briefträger reinzuwaschen, war, den armen Hauspastor zum Propheten zu erheben. Und hierin hatte sie wieder recht. Was ein Prophet sagt, kann man aufnehmen, wie man will. Eine Braut ist eine Kirche. Ein Tempel ist ein Leib. Ein Vater ist ein Sohn. Ein Sohn ist ein Geist. Ein Geist ist ein Vater. Eins ist drei. Drei ist eins. Und ein Briefträger ist überhaupt nichts. »Aber der Mann war betrunken,« wiederholte Jüffrau Pieterse, als ob sie hierin einen Grund fände, Hauspastors Rede nicht so ganz zu verwerfen, als wenn er bloß von Bibelwut besessen gewesen wäre. »Und wäre er auch für den Augenblick gefallen, was würde das beweisen? Bleibt man nicht immer ein Mensch, und ist der Fall nicht nötig, um die Gnade zu erreichen. Sagen Sie: wo bleibt die Gnade ohne Fall?« Das wußte Jüffrau Pieterse nicht und ich auch nicht. Ich finde, Jüffrau Laps hatte wieder recht: ohne Fall keine Gnade und ohne Gnade kein Fall. Die Dinge gehören zusammen wie Schloß und Schlüssel, und wer da etwas wegnimmt, handelt verkehrt. Wenn man ein Haus will stehen lassen, muß man nicht hier und da einen Pfeiler ausbrechen oder einen Eckstein herausreißen. Es sei, wie es ist, oder gar nicht. Der Hauspastor war ganz in seinem Rechte, und Jüffrau Laps auch, wenn sie die Sache eigentlich bloß deshalb auf das Gebiet brachte, weil sie die Aufmerksamkeit von dem Briefträger ablenken wollte. »Aber was sollen wir denn in Gottes Namen mit diesem ungezogenen Jungen anfangen?« rief schließlich Jüffrau Pieterse. Stoffel verstand wohl, daß in Ermangelung des Hauspastors er zu der Predigt des Tages berufen sei. Er behandelte Hesekiel und die Abscheidung der zehn Stämme und fügte etwas von Matthäus dazu. Dann ging er auf die Makkabäer über und schloß mit Daniel, Paulus, dem Vaterunser und dem heiligen Geist. »Sehr gut,« sagte Jüffrau Laps, »aber nun die Strafe?« Denn die Frommen sind nie zufrieden, ehe etwas von Strafe dazu kommt, worin sie auch, im Hinblick auf die Schrift, ganz konsequent sind. »Wasser und Brot,« schlug die Mutter vor, »oder ... was denken Sie von der Offenbarung?« »Ja ... so ... ich würde die Psalmen ... oder die Geschlechtsregister ... Jakob zeugte Juda, Zadoch zeugte Achin ...« »Ach ... das ist alles schon probiert und hat nichts genutzt.« »Wenn wir ihn ein paar Kapitel auswendig lernen ließen und zwar rückwärts?« Schade, daß der Vorschlag nicht durchging. Möglicherweise hätte dabei etwas herauskommen können, worin Schluß und Sinn steckte. »Wenn ich ihn einmal zu mir nähme, Jüffrau Pieterse? Ums Geld ist's mir nicht zu thun ... Sie könnten Kostgeld geben ...« Walther schauderte. »Ach ja,« fuhr Jüffrau Laps fort, »Sie könnten Kostgeld geben ... und ich würde mit ihm Übungen machen ... denn ums Geld ist's mir durchaus nicht zu thun. Übung ... Andachtsstunde ... wissen Sie?« Glaube nicht, Leser, daß solche Kapitel, wie dies, mir angenehm sind. Das Gegenteil. Aber ich meine, es ist Pflicht, »den Stein nicht zu umgehen, der auf dem Wege liegt«. Und diese sogenannte Religion ... ich sage absichtlich »sogenannte« ... liegt gerade quer über den Weg, und ich will sie wegkanteln, wenn ich kann. Ich habe es nicht erfahren können, welche Marter man schließlich für Walther ausfindig gemacht hat. Ich denke, man wird ihn nach Herzenslust geprügelt haben, und das finde ich – alles wohlbedacht – schließlich noch für das beste. Schlagender Beweis von Walthers Besserung, mit Hilfe eines kirchlichen Zeugnisses. Walthers erste Einladung und Studie in der Liebe. Walther war bedrückt und niedergeschlagen. Selbst Leentje gab sich vergebliche Mühe ihn aufzuheitern, und das ging um so schlimmer, als sie, offen gesagt, aus ihrem Schützling nicht recht klug wurde. Ihr Fassungsvermögen reichte für Walthers vertrauliche Mitteilungen nicht aus, und sie konnte sich nicht enthalten, den Jungen mit einem teilnehmenden Blicke anzusehen, der Zweifel an seinem gesunden Verstande verriet. Vergeblich sparte sie sich ein paar Deute von ihrem knappen Wochengeld ab, um ihn mit den früher so willkommenen Pfeffernüssen zu beglücken – Walthers Seele war ihren Pfeffernüssen entwachsen, und diese Entdeckung verursachte Leentje bitteren Schmerz. »Aber, lieber Junge, sei doch nur verständig und laß dir nicht mit solchem Zeug den Kopf verkeilen! Diese Fancy, oder wie das Mensch heißt, hat dich gefoppt ... oder du hast geträumt.« »Nein, nein, nein, Leentje ... alles ist die Wahrheit! Ich weiß ganz genau, alles, was sie gesagt hat, ist die reine Wahrheit.« »Aber Walther ... die Geschichte mit deinem Schwesterchen ... das hättest du doch früher wissen müssen.« »Ich wußte es auch, aber ich hatte es vergessen. Alles, was Fancy sagte, wußte ich. Es war mir bloß entfallen. Wie sie sprach, kam's mir wieder deutlich zum Bewußtsein.« »Ich werde mal zu den Mühlen gehen,« sagte Leentje. Und das that sie. Nach Walthers Beschreibung fand sie den rechten Fleck, wo die wichtige Begegnung stattgefunden hatte. Sie sah die Balken, den Schmutz, die Enten, das Grün ... alles war da, auch die Asche, alles ... außer Fancy und ihren Geschichten. Und auch Walther fand Fancy nicht mehr. Vergeblich ging er mit den anständigen Hallemännchen spazieren, so oft man ihn zu Hause für überflüssig erklärte. Vergebens stand er stundenlang an der Brüstung seiner Brücke und horchte nach dem Geklapper seiner Mühlen. Sie erzählten ihm nichts und sangen nicht, und es kam keine Fancy. »Sie wird zu viel Dienst haben am Hofe meiner Mutter,« seufzte Walther und ging betrübt heim. Als er aber durchs Fenster all die schönen Sterne sah, die ihm so freundlich zufunkelten und ihm Mut einsprachen, wurde er besser gestimmt. Die Traurigkeit blieb, aber sie war weniger bitter. Sie ging vom Schmerz über in Heimweh, in süßes Verlangen »nach Hause,« und Thränen im Auge, aber nicht mehr verzweifelnd, flüsterte er: »Omikron, Omikron!« Wer hörte das Rufen? Wer verstand die Klage über die Verbannung? Wo und durch wen wurde der Seufzer nach dem Höheren, das feurige Begehren, in einen edleren Stand zu kommen, beachtet? Nach langen Beratungen, und auf Walthers ausdrückliches Versprechen der Besserung, hatte endlich Meister Pennewip sich erbitten lassen, der Räuberhauptmann und Frauenschänder war wieder in Gnaden aufgenommen, oder wenigstens nahe dran. Walther durfte wieder in die Schule gehen und sich in Versemachen, Schönschreiben, Zeitwörtern, holländischen Grafen und dergleichen Wissensschätzen vervollkommnen. Der Lehrer sagte, daß jener Junge zu Muiderberg noch verdorbener gewesen war, und er hatte selbst dafür Rat gewußt. Es würde wohl auch mit Walther noch gehen, aber Jüffrau Pieterse müßte den Hauspastor wechseln, denn der jetzige »gehörte in die Klasse der Weinsäufer.« Nun, das that sie. Walther wurde bei einem wirklichen Pfarrer in Unterricht gegeben, der nach der Kirchenzeit aus einem Buche »Fragen überhörte.« Den Titel des Buches weiß ich nicht mehr, aber die ersten Zeilen waren: Erste Frage: Von wem hast du und alles, was ist, deinen Ursprung? Walther hätte gern sagen wollen: von meiner Mutter – aber in dem Buche stand: Antwort: Von Gott, der alles aus dem Nichts geschaffen hat. Zweite Frage: Woher weißt du das? Antwort: Aus der Natur und aus der Offenbarung. Das verstand Walther nicht, aber gutmütig und folgsam, wie er war, antwortete er treuherzig, was da im Buche stand. Es war ja ärgerlich, daß der schöne schulfreie Sonntag, so recht zum Bummeln geeignet, durch das »Aufsagen« der Könige Israels zunichte gemacht wurde, auch war er auf die Juden neidisch, die immer »weggeführt« wurden – ein Unglück, das ihm ganz famos vorkam – aber er gab sich drein mit frommer Geduld und war nicht der Geringste unter den Seligkeitslehrlingen. Wie nun das Jahr um war, bekam er ein Buch mit dreihundertfünfundsechzig Bibeltexten, einundzwanzig Gebeten, ebensoviel Danksagungen, einem Vaterunser, den zehn Geboten und den Artikeln des Glaubens. Es war auch eine Anweisung drin, wie das alles gebraucht werden mußte, eins auf den Tag, ein Jahr lang ... dreimal täglich, eine Woche lang zur Wiederholung ... und der Rest nach Bedarf. Vorn stand auf einem eingeklebten Blatt: Zur Belohnung für Walther Pieterse, weil er die Lektionen in der Noorderkerk gut aufgesagt hat, und zur Ermutigung, um zur Ehre Gottes auf dem eingeschlagenen Wege fortzufahren. Und darunter standen die Namen von Pfarrer und Kirchenältesten, mit Schnörkeln, die Pennewip beschämen konnten. Der Anstand der Hallemans nahm zu. Die Eltern dieser Kinder mieteten einen Garten an dem »Overtoom.« Das war so »ganz draußen,« sagten sie, und »man konnte doch nicht immer in der Stadt bleiben.« Außerdem: »die Kosten waren so groß nicht,« denn es war ein Gärtner für die ganze Geschichte, und es standen wohl dreißig Beerensträucher da, und das war doch immer eine Annehmlichkeit. Auch wäre wohl Gras genug, um die Wäsche zu bleichen, und das macht für die Wäsche viel aus: denn, so sagte die Stammfrau der Hallemannen, kürzlich war in Betsys Kleide ein Eisenfleck gewesen ... darum war es ganz gut, den Garten zu mieten, und wenn Leute drüber redeten, wäre es der reine Neid. Auch war eine Regentonne da ... und die Jüffrau Karels hatte gesagt, daß sie leck wäre, aber das war Verleumdung, denn jeder mußte selber wissen, was er thut, und wenn man was thut, hat man immer so viel Rederei bei den Menschen ... und wenn man sich daran kehrte, konnte man überhaupt nichts thun ... und für die Kinder war es eine rechte Erholung ... die Jüffrau Karels konnte sich um sich selber kümmern ... und wenn Gustav Geburtstag hätte, so könnte er »junge Herren« einladen ... Gustav hatte Geburtstag. Es sollten junge Herren eingeladen werden, und – o Glück! Walther war unter den Auserwählten. Es würde mich zu weit führen, hier zu untersuchen, was eigentlich Gustav und Fränzchen bewog, ihren ehemaligen Compagnon von dem Pfefferminzgeschäft für die Festlichkeit in Vorschlag zu bringen. Die Liste der Geladenen wurde aufgestellt und genehmigt, und da Jüffrau Pieterse sich geschmeichelt fühlte, daß ihr Sohn mit Leuten verkehrte, die in einer Villa wohnten, so wurde auch von dieser Seite keine Einwendung gemacht. Walther mußte natürlich versprechen, »ganz anständig zu sein, sich nicht schmutzig zu machen, nicht zu balgen, seine Kleider nicht zu zerreißen« und dergleichen mehr. Auch meinte Jüffrau Pieterse, »daß es sehr gütig von ihr wäre, ihm das zu erlauben, denn es wäre doch eine Sache mit solchem Besuche!« Ja, Walther sollte einen Besuch machen! Zum erstenmal essen, trinken, sich unterhalten unter fremdem Dache. Es war ein Hauptereignis in seinem Leben, und er fühlte schon weniger Neid auf die Juden, die so oft auszogen und zuletzt gar nicht wieder nach Hause kamen. Der herrliche Mittag war angebrochen. Mit unbeschreiblicher Würde stieg Walther aus dem Thorweg. »'n bißchen rechts, links, wieder links, dann über 'ne Brücke, und dann rechtsweg ... 's war nicht zu verfehlen,« hatte Gustav gesagt. Und der Garten hieß »Stadtruhe«, also »Walther sollte nur fragen, er würde es schon finden.« So war es auch. Wer zum erstenmal zu Besuch geht, kommt immer zu früh. Walther kam vor den übrigen Gästen auf Stadtruhe an, aber Gustav und Fränzchen empfingen ihn sehr nett und stellten ihn ihren Eltern vor, die sagten, Walther hätte ein hübsches Gesichtchen, wenn er bloß nicht so blaß wäre. Die anderen Spielgenossen kamen dann auch heran, und das Laufen und Werfen nahm seinen Anfang, wie es bei Knaben der Brauch ist. Das wurde dann mit Waffeln und Limonade unterbrochen, »die ganz langsam getrunken werden mußte, weil die Kinder so geschwitzt waren.« Als die Stammmutter der Hallemannen von den Beerensträuchern und der böswillig verleumdeten Regentonne sprach, hätte sie unter den Vorzügen von Stadtruhe auch die Laube erwähnen können, in der Betsy saß mit jenem Herrn ... »Wer ist das?« fragte Walther die kleine Emma, die mit den Jungens mitspielte. »Na, das ist Betsys Schatz ...« Wir wissen aus der rührenden Geschichte der langen Cecil, daß Walther seine erste Liebe schon hinter sich hatte, aber doch erschien ihm Emmas Mitteilung als etwas Neues. Bis dahin war ein Schätzchen, seiner Meinung nach, ein Mädchen, dem man Schieferstifte und Bonbons schenkte. Aber Betsy schien über so etwas erhaben. Walther begriff sofort, daß er die lange Cecil nicht richtig behandelt hatte, und auf einmal kam ihm die Lust, zu wissen, wie ein erwachsener Herr mit einem Mädchen umgeht, das nicht mehr zur Schule geht. »Ihr Schatz?« »Na ja ... engagiert!« Das Wort war Walther zu modern, und wenn der Leser scharfsinnig genug ist, kann er nun wohl berechnen, in welchem Jahre jenes Mädchen ihre Ehe mit dem Barbiergesellen schloß. Man stelle sich einfach die Frage: Wann ist in der Klasse Bürgerstand III, 7, a¹ (Pp) das alberne »Engagiert sein« aufgekommen für das herzliche »Freien«? »Wie?« fragte Walther. »Engagiert ... sie gehen miteinander.« »Was ist das?« »Na ... sie wollen sich heiraten. Weißt du nicht?« Walther schämte sich, daß er so etwas Einfaches nicht wußte, und wie das öfter vorkommt, er schämte sich noch einmal darüber, daß er sich schämte. »Gewiß, das wußte ich wohl ... ich hatte bloß nicht recht verstanden. Emma ... willst du mich heiraten?« Emma konnte ihm für den Augenblick nicht den Gefallen thun, weil sie mit ihrer Mama »engagiert« war. Aber sobald sie wieder frei sein würde, wollte sie es sich überlegen, und dann hatte Walther Aussicht. Denn sie sah ihn recht freundlich an, ehe sie weglief, weil das Spiel sie in die andere Ecke des Gartens rief. Verschiedene Auffassungen von der Liebe. Das Paradies und die Peri. Pfänderspiel und Heimkehr. Liebe ist der Trieb, eins zu sein – und der Trieb, unendlich viel zu sein. Wie überall, ist auch hier die Natur im Princip einfach, in der Anpassung mannigfaltig. Die Liebe eines Diebes wird bedeuten: Komm, wir wollen zusammen stehlen gehen, der Diener des Worts vereinigt sich mit seiner Geliebten in Gebet und Psalm, und so weiter, »jegliches Getier nach seiner Art.« Oder wird der Trieb, mitzuteilen, zusammen zu sein, der Trieb zur Vereinigung bei einzelnen zugleich der Trieb zum Guten sein? Bei Walther war es so, wenn er es auch selber nicht wußte. Hatte er nicht einmal, im Namen der langen Cecil, einem Vögelchen, das so ängstlich in seinem engen Bauerchen herumflatterte, die Freiheit wiedergegeben? Natürlich hatte Cecil darüber gelacht und Walther gefragt, ob er verrückt wäre! Sie begriff natürlich nicht, daß ein Zusammenhang sein konnte zwischen dem Mitleid mit dem armen Tierchen und dem Pochen seines Herzens, als er ihren Namen in die gefrorene Fensterscheibe seines Hinterzimmerchens kratzte, aber sie hätte es vielleicht verstanden, wenn sie Walther hätte liebgehabt. Und das ging nun einmal nicht, weil er das Höschen noch über den Schößchen der Jacke trug. Jedenfalls war es ihm nicht möglich gewesen, an etwas Schlechtes zu denken, als er »Omikron« rief. Dabei vergaß er die lange Cecil, und er hätte sich sehr gewundert, wenn sie auf diesen Ruf erschienen wäre. Die kleine Emma, fand er, sah mehr danach aus. Walther fühlte großen Drang, zu wissen, was der junge Herr mit Betsy in der Laube anfing. Er fand Mittel, sich von den Kameraden etwas abzusondern, und da hörte er nun allerlei, was ihn nicht gerade klüger machte. »Ja, ich hab' auch gesagt, im Mai ...« »Gewiß, wegen der oberen Stockwerke ...« »'s ist ärgerlich! Und was sagt deine Mutter?« »Hm ... sie meint, wir müßten noch ein Jährchen warten. 's ist unanständig, schnell zu heiraten; 's ist gerade, als ob ...« »Vier Jahre ...« »Ja, vier Jahre. Louw und Anna sind sieben Jahre engagiert gewesen.« Walther war stolz, daß er nun genau wußte, was das hieß. Er begriff, daß es so viel besagt wie zusammen ein oberes Stockwerk mieten, am liebsten im Mai. »Und bekommst du nun das Wäschespind?« »Nein ... das will Mutter selbst behalten. Aber wenn wir noch ein Jahr warten, will sie uns ein anderes geben – ein kleines.« »Ich hätte das große lieber ...« »Ich auch, aber weißt du, sie sagt, junge Leute brauchen so ein großes Spind nicht. Aber wie meine Schwester heiratete, hat sie ein großes mitgekriegt.« »Sage also, du willst auch eins.« »'s wird nichts nützen.« »Versuch's nur ... ich heirate nicht ohne das große.« »Ich will's verlangen ...« Derartig waren die Gespräche, die Walther erlauschte. Er war unzufrieden und verkroch sich nachdenklich in einen finsteren Winkel. Was ihm eigentlich fehlte, wußte er selber nicht, aber als Emma ihn rufen kam, sah er aus, als hätte er an ganz etwas anderes gedacht als an Wäscheschränke und leerstehende Stockwerke, denn mit frohem Schreck rief er: »Sollte sie es sein ... mein Schwesterlein?« – – – Es war Abend geworden, und das Spiel der Kinder sollte drinnen fortgesetzt werden. Die kleine Gesellschaft war müde. Es sollte von einem der Großen etwas erzählt werden. Welcher »Große« nach »Stadtruhe« verschlagen worden war, um da die Geschichte vom Paradies und der Peri zu erzählen, weiß ich nicht. Man wird finden, daß es zu Betsys »Engagement« und dem liebehindernden Wäschespind nicht paßte. Aber wie viele meinen, daß das Glück jedem mindestens einmal im Leben lächelt, so scheint auch in der Plattheit und Alltäglichkeit, in der am wenigsten poetischen Umgebung, immer einmal etwas vorzufallen, was dem, der es fassen will, Gelegenheit giebt, sich über das Gemeine zu erheben. Einmal wird dem Ertrinkenden zugerufen: Du kannst schwimmen, streck' die Arme aus! Die Peri, die an der Paradiesespforte vergeblich bat, in den Staat der Seligen aufgenommen zu werden, brachte nach vielen fruchtlosen Versuchen endlich als das Schönste, was die Erde bot, den letzten Seufzer eines reuigen Sünders, und sie fand Gnade bei dem Wächter der Pforte, um der Heiligkeit der Gabe willen, die sie darbrachte ...« »Jetzt Pfänder spielen!« rief Gustav. »Pfänder spielen, Pfänder spielen!« rief ihm die ganze kleine Gesellschaft nach. Es wurden Pfänder gespielt und eingelöst. Es mußte geküßt werden, das versteht sich von selber. Ein Rätsel aufgeben ... es wurde nicht geraten, selbstverständlich. Wer's wußte, durft's nicht sagen. Die gewöhnliche Bedingung beim Rätselraten. »Was soll der thun, dessen Pfand ich hab' in meiner Hand?« »Auf einem Beine stehen!« »Über den Strohhalm springen!« »Einen Vers aufsagen!« »Nein, eine Fabel ... La cigale, oder so was!« »Ja, ja, ja!« Das Pfand war von Walther. »Ich weiß keine Fabel«, sagte er verlegen, »und französisch verstehe ich auch nicht.« »Ich will dir helfen,« rief Emma, »le père, du père ...« »Ach, das ist keine Fabel ... los, Walther!« Für einige in dem Kreise war es eine wahre Wonne, daß Walther keine Fabel konnte und kein Französisch verstand. Wenn ein kluger Mensch wüßte, wie vielen Menschen er durch Dummheit einen Gefallen thun kann, würde er sich manchmal aus lauter Menschenliebe dumm stellen. Aber Walther dachte diesmal nicht an das Vergnügen der anderen, das er auch nicht verstanden hätte. Er weinte und war böse auf Meister Pennewip, der ihn kein Französisch und keine Fabel gelehrt hatte. »Vorwärts, Walther, vorwärts!« drängten die Pfandbewahrer. »Es braucht kein Französisch zu sein, erzähl' nur 'ne Fabel!« »Aber ich weiß nicht, was 'ne Fabel ist!« »Na ... das ist 'ne Geschichte mit Tieren!« »Ja ... oder mit Bäumen: Le chêne un jour dit au roseau ... siehst du, es geht auch ohne Tiere.« »Ja, ja ... 'ne Fabel ist 'ne Geschichte, weiter nichts ... 's kann drin sein, was will!« »Aber 's muß sich reimen!« Walther dachte dran, sein Räuberlied aufzusagen. Aber er bedachte sich noch, und zu seinem Glücke! Denn das wäre ein großer Skandal im Hause Halleman gewesen, das so besonders anständig war. »Aber nein, es braucht sich nicht zu reimen,« rief ein anderer, der wieder schlauer war als die übrigen, »die Kuh giebt Milch, Hänschen sah mal Pflaumen hangen, Prinz Willem der Erste war ein großer Denker. Siehst du, Walther, 's geht von selber ... nur los – erzähl' oder du kriegst dein Pfand nicht!« Walther begann: »Es war einmal ein kleiner Junge gestorben, der nicht in den Himmel durfte ...« »Oho! das ist die Geschichte von der Peri! Was anderes!« »Ich will es anders machen,« versprach Walther verlegen. »Also der kleine Junge durfte nicht in den Himmel, weil er ... kein Französisch verstand und auch weil er oft unartig gewesen war, und weil er meistens seine Aufgaben nicht gelernt hatte, und auch ... weil er ... weil er ...« Ich glaube, Walther hatte hier etwas von der unseligen mütterlichen Sparbüchse auf der Zunge. Aber er verschluckte es, um die Hallemännchen nicht durch die Anspielung auf den Pfefferminzhandel zu kränken. »... weil er mal beim Beten gelacht hatte. Denn das ist gewiß, Jungens, die beim Beten lachen, kommen nicht in den Himmel.« »So ... o ... o ... o?« fragten ein paar Schuldbewußte. »Ja, die kommen nicht in den Himmel. Nun hatte der Junge ein Schwesterchen gehabt, das ein Jahr vor ihm gestorben war. Er hatte sie sehr lieb gehabt, und als er tot war, suchte er sofort nach seinem Schwesterchen ... Wer ist dein Schwesterchen? fragte man ihn ...« »Wer fragte das?« »Still! Fallt ihm nicht in die Rede, laßt Walther weiter erzählen!« »Ich weiß nicht, wer das fragte. Der kleine Junge sagte, daß sein Schwesterchen ... ein blaues Röckchen anhatte und Grübchen in den Wangen ...« »Ganz wie Emma!« »Ja, ganz wie Emma. Man sagte ihm, daß im Himmel ein kleines Mädchen wäre, das gerade so aussah. Sie war ein Jahr zuvor da angekommen, und sie hatte gebeten, ihr Brüderchen einzulassen, das sicher nach ihr fragen würde ... Aber der kleine Junge durfte nicht hinein ... ich habe schon gesagt, warum ...« »Hatte das Mädchen denn immer seine Aufgaben gelernt?« »Natürlich! Das versteht sich ... laßt Walther doch weiter erzählen!« »Er war sehr traurig, daß er sein Schwesterchen nicht wiedersehen sollte, und fand, daß das Sterben eigentlich nicht der Mühe wert gewesen war. Ach, laß mich doch hinein! bat er den Herrn, der an der Thür stand ...« »An der Pforte!« verbesserten viele gleichzeitig, die die Alltäglichkeit einer Thür störte, ohne daß sie die Erhabenheit von Walthers Vorstellung vom Tode rührte. So etwas kommt öfter vor. »Gut, an der Pforte!« sagte der arme Junge und schämte sich, daß er sich so gegen die Vornehmheit versündigt hatte. »Der Herr an der Pforte sagte: Nein! Da kehrte der kleine Junge auf die Erde zurück.« »Das geht nicht ... wer tot ist, bleibt tot!« riefen die Philosophen. »Laßt ihn doch erzählen ... 's ist doch bloß 'ne Geschichte!« Walther fuhr fort. »Er ging zurück auf die Erde und lernte Französisch. Wie er dann wieder vor der ... Pforte stand, sagte er Owi Msjö! Es half aber nichts, er durfte nicht hinein.« »Das glaube ich gern ... er hätte sagen sollen: j'aime, tu aimes. « »Das weiß ich nicht,« sagte Walther einfach. »Noch einmal ging er hinunter und lernte seine Aufgaben, bis er sie rückwärts aufsagen konnte. Und das that er an der Pforte. Aber es nutzte nichts ... er durfte nicht hinein.« »Das glaub' ich wohl,« rief ein Kluger. »Um in den Himmel zu kommen, muß man eingesegnet sein. War er eingesegnet?« »Nein,« sagte Walther, »darum war's auch so schwer. Er versuchte noch etwas anderes, aber es half nichts. Er sagte, er wäre mit seinem Schwesterchen engagiert ...« »Gerade wie Betsy!« rief Emma. »Ja, wie Betsy ... und daß er sie so lieb hätte und daß er sie gern heiraten wollte ... aber 's half alles nichts, er durfte nicht in den Himmel. Zuletzt wagte er schon gar nicht mehr hinzugehen, weil der Herr an der Pforte hätte böse werden können ...« »Nun ... wie weiter?« »Ich ... weiß ... es ... nicht ... weiter,« stotterte Walther, »ich weiß nicht, was der kleine Junge thun sollte, um in den Himmel zu kommen.« Walther wußte wohl weiter, aber er konnte es nicht in Worte bringen, was er wußte. Das zeigte sich eine Stunde später. Beim Nachhausegehen, als die ganze Gesellschaft erschreckt auseinanderfuhr, um einem Wagen auszuweichen, der in toller Fahrt aus dem Thore kam, glitt Emma unter dem Brückengeländer durch und fiel in den Stadtgraben. Man stieß einen Schrei aus ... und noch einen ... Walther war dem Kinde nachgesprungen. Wenn er in dem Augenblick gestorben wäre, hätte ihn wohl der »Herr an der Pforte« nicht abgewiesen, weil er kein Französisch verstand und nicht eingesegnet war. Als er aber naß und beschmutzt nach Hause gebracht wurde, sagte Jüffrau Pieterse, daß man den Herrn nicht versuchen solle, und das war es doch, wenn man ins Wasser sprang und nicht schwimmen konnte. Ich finde, daß man bei jemand, der nicht schwimmen kann, gerade an den Herrn denken darf. Denn wer es kann, hat mehr Aussicht, sich selbst zu helfen. Und Jüffrau Pieterse klagte: »daß mit dem Jungen doch immer was los war!« Nun, das finde ich auch. Große Veränderung in der Familie. Walther wird Hofpoet bei Jüffrau Laps. Die Berge Asiens als Prophylaxis gegen europäischen Hochmut. Die Waschfrau und ihre Tochter. Jüffrau Pieterse muß wohl geerbt haben. Denn die Pieterses zogen mit einem male in eine »anständigere« Gegend, und die jungen Jüffrauen kannten keine einzige mehr von den Mädchen, mit denen sie auf Schneiderei gegangen waren. So etwas kommt immer bei Erbschaften vor, und wenn man umzieht, d. h. wenn man sich dabei »verbessert.« Und es waren noch andere Zeichen. An Leentje wurden eifrigst Versuche gemacht, sie zu einer feineren Sprechweise zu veranlassen, und Stoffel gab sich alle Mühe, bloß Jüffrau Pieterse selbst verdarb es durch schlechtes Beispiel. Walther hatte eine neue Jacke bekommen mit einem kleinen Kragen, wie sie später die Kutscher trugen. Selbstverständlich, von einer in die Hose gesteckten Jacke war nun keine Rede mehr. »Es sah so kindisch aus,« hatten die Schwestern gesagt, »und noch dazu, wo der Junge schon Verse machen konnte.« Denn daß Walther Verse machen konnte, das erzählte man jedem, der es hören wollte. Eigentlich war es ja nicht richtig, Ruhm von einem Thun einzuernten, das dem Thäter so schlecht bekommen war. Das beweist wieder einmal, was die Eitelkeit für eine große Rolle in der Welt spielt. Er selbst brauchte ja nichts davon zu wissen. Man sprach bloß davon, wenn er nicht dabei war. Das Bild der langen Cecil war aus Walthers Herzen geschwunden, und auch die kleine Emma war vergessen. Selbst Omikron mußte von Zeit zu Zeit ihr Gesicht in den Sternen zeigen, um das Kind an seine Liebe zu erinnern. Und selbst wenn er den Abendhimmel ansah, wenn seine Seele von einem unaussprechlichen Verlangen nach dem Guten berührt wurde, dann noch dachte er weniger an Omikron, als daß er durch unbestimmte liebevolle Erinnerungen bewegt wurde. In seinem zwölfjährigen Leben gab es schon eine mythische Vorwelt, die schwer von der wirklichen Geschichte zu trennen war. Er selber wußte nicht, daß er Verse machen konnte. Er glaubte ganz gutmütig, daß sein Räuberlied unter der Kritik war, und grüßte Klaasje van der Gracht mit einer Art von Ehrfurcht. Aber er erfuhr es von Jüffrau Laps, daß er dichten konnte. Es war ihm eine richtige Erleuchtung. Dies Menschenkind hatte einen Oheim, der nächste Woche Geburtstag hatte. Und sie vollführte einen Staatsbesuch bei den Pieterses, um zu fragen, ob Walther zu der Gelegenheit ein Verschen machen wollte. Sie hätte auch ein paar Bonbons dafür übrig. »Aber, Jüffrau Pieterse, Sie müssen ihm sagen, daß es fromm sein muß, und daß mein Oheim ein Witwer ist. Sehen Sie, das muß er hineinbringen. Und ich hätte gern, daß es in der Melodie des 103. Psalms wäre, denn mein Ohm hat den Psalm auf der Leier.« Der begabte Leser merkt wohl, daß sie nicht von Apollos Leier sprach. Sie sprach von so einem Drehding, das ein quietschendes Geräusch macht. Jüffrau Pieterse wollte es Walther sagen, wenn er aus der Schule käme, aber sie überlegte mit Stoffel, wie sie das Ersuchen oder den Befehl einrichten sollte, ohne daß Walther einen Grund von Überhebung darin finden sollte. »Den haßte sie wie den Tod ... bei einem Kinde.« »Hast du deine Lektion gekonnt, Walther?« »Nein, Mutter, ich sollte dreizehn Berge in Asien hersagen und wußte bloß neun.« »Das geht mit dir aber auch gar nicht. Ich bezahle ja mein Schulgeld umsonst. Denkst du, daß mir das Geld auf dem Rücken wächst? Was soll aus dir werden?« Das sage ich auch. Der Auftrag, den Vers zu machen, schmeichelte Walther aber doch. Jüffrau Pieterse und Stoffel hatten sich umsonst bemüht, die gute Meinung, die sie von seinem Talent hatten, durch Geringschätzung zu verdecken. Der arme Junge bekam einen freudigen Schreck bei der Entdeckung, daß man ihn für etwas ansah. Er hatte ja so oft gehört, daß er eigentlich gar nichts war und daß niemals etwas aus ihm werden sollte... mit knapper Not hörte er auf alle die Versuche, die seine Mutter und sein Bruder anstellten, um ihm klar zu machen, daß der ganze Auftrag weiter nichts wäre als eine Strafe für seine Unkenntnis asiatischer Berge. Stoffel gab ihm in aller Eile Unterricht von »stehenden und liegenden« Versen, und daß diese abwechseln sollten, die Verse sollten aber gleich lang sein, und wenn er etwas nicht wüßte, sollte er ihn fragen ... Walther hatte wohl Lust dazu. Er ging ins Hinterzimmer nahm einen Schieferstift und fing an zu schreiben. Aber schön war es nicht. »Ein Witwersmann von Gott«... »O Gott, ein Witwersmann ...« Weiter kam er nicht. Der arme Junge biß sich die Zähne stumpf an seinem Griffel und den Griffel zu Müll, aber es ging nicht. Die liegenden und stehenden Zeilen Stoffels kamen ihm immer dazwischen. Er war einen Augenblick stolz gewesen und wurde schwer dafür gestraft. Jetzt begann er zu glauben, daß seine Mutter recht hatte, wenn sie sagte, daß »aus diesem Jungen niemals etwas werden würde.« Leentje konnte ihm auch nicht helfen. So beschloß er denn, es morgen wieder zu versuchen; vielleicht würde es dann besser gehen. Das fand Leentje auch. »Gut,« sagte die Mutter» »aber denke dran, daß du mich nicht vor Jüffrau Laps blamierst ... denn ich habe gesagt, du kannst es ... und der Mann hat Donnerstag über acht Tage Geburtstag... viel Zeit hast du also nicht.« Walther ging nach dem Aschenthor, suchte seine Brücke und begann da bitterlich zu weinen. »Sieh doch mal nach, was dem Jungen fehlt,« hörte er eine Frau zu einem Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren sagen, »gewiß hat er was verloren.« »Hast du was verloren?« Walther blickte auf und erschrak, denn es war ihm, als ob er das Gesicht erkenne. Es erinnerte ihn an Fancy. »O, nun ist alles gut ... nun du da bist! Ich habe so nach dir verlangt ...« »Nach mir?« »Ja, ja, ja ... ich wußte es bloß nicht ... aber nun weiß ich's. Ach sage mir's doch schnell ... wie ich den Vers machen soll?« Das Mädchen, das mit ihrer Mutter Wäsche zum Bleichen aufs Gras legte, sah Walther erstaunt an. Sie lief zu ihrer Mutter zurück und sagte, sie wüßte nicht, was ihm fehlte. Daß ihm aber etwas fehle, war sicher. »Er sieht aus, als ob er erschrocken wäre,« sagte sie. Und dann holte sie aus einem kleinen Häuschen in der Nähe etwas Wasser, das sie Walther in einer Tasse reichte. Walther selbst begann zu merken, daß er sich geirrt hatte. Es war aber etwas so Gutmütiges in der Art des Mädchens, daß er sich sofort zu ihr hingezogen fühlte, wenn sie auch nur Femke hieß. So nannte sie die Mutter. Und dieser Name erinnerte ihn an Fancy, und das war immer etwas. Femke wies Walther ein umgekehrtes Körbchen an, und forderte ihn auf, ihr zu erzählen, was die Ursache seines Kummers wäre. Walther that das, so gut es ging, während ihre Mutter sich mit der Bleiche beschäftigte. »Vielleicht kann ich dir helfen,« sagte die Mutter, »denn ich habe einen angeheirateten Neffen, der Witmann ist.« »Ja, Jüffrau ... aber die Verse? Und es muß etwas von Gott drin sein.« »Gewiß. Ach, es ist eine ganze Geschichte. Seine Frau war meines Mannes Nichte, weißt du, denn wir sind katholisch, und sie that nach ihrem Glauben ... leg ein Steinchen auf die Achseltücher, Femke, sonst fliegen sie weg ... ja, 's ist so ein Ding mit der Bleiche, du hast keine Ahnung davon ... nun, sie that nach ihrem Glauben, und da that sie wohl daran ... denn du wirst wissen ... sonst ist nicht viel mit dem Menschen los ... aber er ... zieh das Hemd was zurück, Femke, der Ärmel hängt in den Graben ... aber er gab nichts darauf und sagte, es wäre alles Unsinn ... als sie aber starb und er sah, wie für sie gesorgt wurde ... es war Pater Jansen, der um sie war, du wirst ihn wohl kennen ... er geht immer mit so 'nem schwarzen Stöckchen, aber er kommt nie damit auf die Erde ...« Die Frau sah Walther fragend an. Der arme Junge saß auf seinem umgekehrten Körbchen, die Ellbogen auf dem Knie und das Kinn in beiden Händen. Er horchte mit offenem Munde und paßte wohl auf, wie die Sache aufs Versemachen kommen sollte. Aber von Pater Jansen und dessen erdeverachtendem Stöckchen hatte er nie gehört. Das mußte er eingestehen. »Nun, 's war Pater Jansen, der um sie war. Und als meines Mannes Neffe das sah ... gieß nicht vorbei, Femke, dann spritzt der Schmutz so auf ... ja, wie er sah, daß 'n Mensch doch nicht so stirbt wie ein stummes Tier, da hatte er doch Achtung davor, und er hielt später seine Ostern wie ein anderer ... und wie er vergangenes Jahr das Bein brach, er ist nämlich Färber, weißt du, hat er neun Wochen lang dreizehn Stüber von den Armen gehabt ... ich will also bloß sagen, daß ich einen Witwer in der Familie hab'. Und nun mußt du aufstehen von dem Korbe, denn ich brauch' ihn.« Walther stand schnell auf, als ob er unbescheiden zu sein fürchtete. Und die Frau ging weg mit einer ernstlichen Mahnung an Femke, gut auf die Wäsche aufzupassen und sie zu rufen, wenn böse Jungens kämen. Denn das käme wohl vor. »Bist du wieder besser?« fragte die freundliche Femke. »Ach ja,« antwortete Walther, »aber ich weiß nicht, wie ich das alles in meinem Vers zurechtbringen soll. Du mußt bedenken, daß es sich reimen muß, Femke, und daß alle Verse gleich lang sein sollen, und sie müssen liegen und stehen ... denn das hat mein Bruder gesagt und der ist Schulmeister ...« Femke sann nach, und auf einmal rief sie: »Kannst du Lateinisch?« als ob Walther damit geholfen wäre. »Ach nein.« »Na, 's macht nichts, 's Holländisch steht dabei ... ich werde dir helfen. Willst du einmal auf die Wäsche achtgeben?« Walther versprach es, und Femke lief nach Hause. Da kamen ein paar Jungen, die mit Steinen warfen. Walther, im Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit, rief ihnen zu, sie sollten damit aufhören. Nun wurde es noch schlimmer. Denn sie kamen näher und ärgerten Walther, indem sie auf die Wäsche trampelten. Er hatte ein Gefühl, als sähe er Femke mißhandeln, und rannte auf die Wäscheverwüster los. Aber er war der Stärkste nicht, und einer gegen zwei, sodaß er wahrscheinlich unterlegen wäre, wenn seine Dame nicht schnell zurückgekommen wäre. Diese rettete ihn und jagte die Angreifer davon. Als sie sah, daß Walther an der Lippe blutete, gab sie ihm einen Kuß. Das Herz des Knaben zitterte. Seine Seele wuchs auf einmal zu ungekannter Höhe, er fühlte wieder ... zum erstenmal seit langer Zeit das Prinzenhafte, das Leentje damals so erschreckt hatte. Seine Augen blitzten, und den armen Jungen, der eben noch nicht wußte, wie er einen Vers zusammenbauen sollte, durchschossen Strahlen von Gefühl, von Phantasie und von Mut, die den Menschen zum Dichter machen. »O Fancy, Fancy ... sterben für dich ... sterben mit solch einem Kuß auf den Lippen!« Es kränkte ihn, daß die Jungen weg waren. Wären es ihrer zehn gewesen, er hatte Mut zu dem ungleichen Streit. Und Femke, die niemals etwas von poetischen Ergüssen gehört hatte, verstand ihn sofort, weil sie ein unverdorbenes Mädchen war. Sie fühlte Walthers Ritterlichkeit, und daß sie eine Dame war, die Ritterlichkeit belohnen konnte. »Du bist ein lieber, lieber Junge,« sagte sie und faßte sein Haupt mit beiden Händen und küßte ihn wieder und noch einmal ... in einer Weise, als ob sie es wohl schon öfter gethan hätte. Was doch nicht der Fall war. »Und nun mußt du in das Büchelchen sehen, wo die Verse drin sind, vielleicht hilft dir das für deine Tante ...« »Sie ist meine Tante nicht,« sagte Walther, »aber das Buch will ich wohl sehen.« Er legte es auf das Geländer der Brücke und begann zu lesen. Femke, größer als er, hatte den Arm um seinen Hals gelegt und zeigte ihm mit der anderen Hand, wo er lesen sollte. »Siehst du, die Reihen sind gleich lang,« sagte sie. »Ach ja ... aber sie reimen nicht.« Und Walther las: Allerreinste Mutter, Unbefleckte Mutter, Mächtige Jungfrau, Gütige Jungfrau, Getreue Jungfrau, Geistlich Gefäß, Ehrwürdig Gefäß, Schön Gefäß der Ergebung, Geistige Rose, Turm Davids, Elfenbeinerner Turm, Thor des Himmels ... »Aber Femke, wie kann ich das für meinen Vers gebrauchen, ich verstehe nichts davon!« Femke begriff auch nicht viel davon. Seit vier, fünf Jahren las sie täglich in dem Buche, und sie war immer mit ihrem Begriffsvermögen zufrieden gewesen. Jetzt bemerkte sie erst, daß sie ebenso unwissend war wie er. Sie schämte sich und schlug das Buch zu. »Kennst du denn den Glauben nicht?« fragte sie, als ob beider Unwissenheit die Folge dieses Umstandes sein könnte. »So nicht,« sagte Walther. »Ich hab's anders gelernt.« »Aber du glaubst doch an Jesus?« »O ja, das ist Gottes Sohn. Aber ich wußte nichts von den Gefäßen und Türmen. Gehört das zum Glauben?« »Gewiß doch! Und du kennst die heilige Jungfrau doch! Das ist Maria.« »So? Maria? Dann weiß ich's.« »Und das Fegefeuer?« »Davon weiß ich nichts.« »Und die Beichte?« »Nein.« »Aber wie macht ihr's denn dann?« »Wie meinst du das, Femke?« »Nun – um selig zu werden.« »Ja, das weiß ich nicht,« antwortete Walther. »Meinst du, um in den Himmel zu kommen?« »Na gewiß. Darum ist's zu thun, und das geht nicht ohne die heilige Jungfrau und ohne solch Buch. Soll ich dir den Glauben lehren, Walther? Dann kommen wir zusammen in den Himmel.« Das wollte Walther gern. Und Femke begann: »Gott schuf die Welt ...« »Was that er vorher, Femke?« »Das weiß ich nicht. Aber die Menschen sind schlecht geworden durch eine Schlange, und dann hat der Papst die Schlange verflucht, denn der Papst wohnt in Rom, weißt du. Und dann ist Jesus gekreuzigt, um die Menschen wieder gut zu machen... es ist lange her...« »Ja, ich weiß wohl,« sagte Walther. »Jesus hat das Jahr verändert. Er fing mit Null an bei seiner Geburt.« Das wußte nun wieder Femke nicht. So ergänzte der eine die Weisheit des anderen, und Walther war stolz, daß er doch auch etwas vom Glauben wußte, wenn es auch nach Femke nicht der rechte war. »Also Jesus hat die Menschen wieder gut gemacht, und wenn du nun gut betest aus solch einem Buche, dann wirst du selig. Verstehst du, Walther?« »Nicht ganz. Was ist denn eigentlich ein elfenbeinerner Turm?« »Na, das ist so ein Name für die heilige Jungfrau. Es ist, als ob du zum Pastor Pater sagst. Da hast du nun...« Femke suchte ein Beispiel. »Du hast eine Mutter... wie nennst du die?« »Na... ich sag': Mutter.« »Richtig. Wie sagen aber die anderen?« »Die sagen: Jüffrau Pieterse.« »So ist es. Also, wenn man die heilige Jungfrau anredet, sagt man: elfenbeinerner Turm – gerade wie man zu deiner Mutter Jüffrau Pieterse sagt. Wenn man ruft: Jüffrau Pieterse, so ist es, daß sie hören soll, und so will elfenbeinerne Pforte bedeuten, daß man unter der heiligen Jungfrau hindurchgehen muß, um in den Himmel zu kommen. Denn darum handelt es sich.« »Aber Femke ... was ist denn das eigentlich ... eine Jungfrau?« Femke errötete. »Das ist jemand, der niemals ein Kind gehabt hat...« »Ich?« fragte Walther erstaunt. »Nein doch, Junge, es muß ein Mädchen sein!« »Bist du eine Jungfrau?« »Natürlich!« Femke sprach die reine Wahrheit. »Natürlich... weil ich nicht verheiratet bin.« »Aber Maria war doch verheiratet... und Jesus war ihr Kindchen.« »Das ist gerade das Heilige bei der Sache,« antwortete Femke. »Und darum heißt sie elfenbeinerne Pforte. Verstehst du nun, Walther?« Walther verstand es nicht. Aber er bat um Erlaubnis, das Buch mitzunehmen, um darin zu studieren. Das ging nun nicht, denn Femke brauchte es täglich, sagte sie, und Walther beruhigte sich dabei um so schneller, als er für keine Schätze der Welt die Ursache sein wollte, daß an Femkes Seligkeit etwas verdorben würde. Aber Femke forderte ihn auf, öfter wiederzukommen. Sie wollte ihm immer gern erzählen, was sie von der Sache wüßte, und wenn es mit etwas haperte, wollte sie Pastor Jansen fragen. Dann würde wohl Walther bald so klug werden wie sie selber. Walther zog ab, nachdem er das Mädchen herzlich geküßt hatte. Das Zusammentreffen mit diesem Mädchen, das geheimnisvolle Buch, das Seligweiden, der Kampf mit den Wäscheverwüstern, alles kam mit den Gedanken an den Vers, den er machen sollte, durcheinander. Und es schien ihm Zusammenhang dazwischen zu sein. Zu Hause angekommen, blätterte er in Stoffels Büchern, ob da wohl von heiligen Gefäßen, elfenbeinernen Türmen und allerreinsten Jungfrauen etwas zu finden wäre. Er fand aber bloß trockene Schulbücher, die über alles Mögliche, nur nicht über die Seligkeit handelten. Walther fühlte Lust zu schweben, und die ganze Umgebung zwang ihn zu kriechen ... »Meister Pennewip hat 'n Vater und 'ne Mutter gehabt ... und der alte Pennewip, der Speckschlager war, gewiß auch ... und der auch ... aber wer ist der erste Pennewip gewesen? Und wer hat die Schweine geschlachtet, ehe Speckschlager waren? Und was thaten die Speckschlager, wie es noch keine Schweine gab? ... Und ... und ...« Einmal würde er das alles wissen, dachte Walther. Wenn er nur so über das Zustandekommen des Verses beruhigt gewesen wäre! Aber wenn das erst in Ordnung wäre, dann würde er wohl auch über die ersten Ursachen aller Dinge ins klare kommen. Inzwischen träumte er von Femke, von ihren blauen Augen, von ihrer Freundlichkeit und ihren sanften Lippen. Und von der Stimme, mit der sie gesagt hatte: »Du bist ein lieber, lieber Junge ...« Sollte sie es sein – Omikron? dachte er. So träumte das Kind. Und bei dem Knaben, wie in der Entwicklungsperiode der Menschheit, wirkten die Kräfte der dreifachen Feder, die uns vorwärts treibt in einer Richtung. Lieben, wissen, streiten ... Noch einmal Glorioso. Die Geschichte von den edelmütigen Inkasöhnen, weit von hier – lange her. »Aber Walther, liest du denn zu Hause keine Bücher über den Glauben?« So fragte Femke ihren kleinen Freund, als er am folgenden Tage wieder auf dem umgekehrten Korbe bei ihr saß. »Ja, aber sie sind nicht hübsch?« »Kannst du nichts auswendig?« Walther sagte einen Vers eines protestantischen Kirchenliedes auf, das aber bei Femke keine Gnade fand. Sie fand indessen, daß er gut aufsagte. »Liest du nichts anderes?« Walther dachte nach. Er durchflog Stoffels Bibliothek: Werke der dichtliebenden Gesellschaft ... Erdkunde von Ippel ... Über Rechtschreibung ... Reglement über die Brandwacht ... Geschichte Josefs, von Hülshoff ... der brave Heinrich... Vater Jakob unter seinen Kindern ... Predigten von Pastor Hellendoorn ... Katechismus von demselben ... Hoorns Liederbuch ... Er fühlte wohl, daß das alles Femke nicht imponieren konnte. Endlich: »Ich weiß wohl was... aber 's ist nicht vom Glauben... 's ist von Glorioso ...« Femke versprach zuzuhören und Walther erzählte. Erst sprach er abgebrochen, mit all den »und da ...und da ...«, die einmal dazu gehören, aber bald versetzte er sich in die Seele seines Helden und nun erzählte er besser, als er es in dem zerfetzten Buche gelesen hatte. Bei jeder Verwicklung, bei jeder Heldenthat sprang er von seinem Korbe auf und spielte die Thaten seines Helden vor, sodaß Femke davor erschrak. Aber prächtig fand sie es doch, und als er endlich fertig war, war ein Funke von seiner sonderbar geleiteten, aber aufrichtigen Begeisterung in ihr Herz gefallen, das, wie das seine, vor Entzücken klopfte über all das Schöne, was sie gehört hatte. Beider Wangen glühten, und wahrhaftig, wenn da gerade eine Treckscheut nach Italien gegangen wäre, ich glaube, Femke wäre augenblicklich mitgereist, um an so viel Gefahren und so viel Abenteuern teilzunehmen, und ... an so viel Liebelei. Und das allerschönste war, daß aus Walthers Geschichte hervorging, wie zuverlässig ein solcher italienischer Räuber im Glauben war. »Weißt du nicht noch eine Geschichte?« »Ja,« sagte Walther. »Ja, noch eine ... sie steht in einem kleinen Buche ... 's ist ein Kalender, glaub' ich,« Und er erzählte die Geschichte von Telasco und Kusco und von der schönen Aztalpa, aus der Inkazeit in Peru. Telasco und Kusco, Söhne des Königs aus dem Sonnengeschlecht, Zwillinge und beide dem Throne gleich nahe, beide aber in brüderlicher Liebe einander zugethan – wer sollte Inka werden? Es wurden Scheiterhaufen gemacht, für jeden einer, und Gebete stiegen zur Sonne empor, einen von beiden anzuzünden. Aber die Sonne zündete keinen an. Sie befahl statt dessen, daß Aztalpa, die Schwester, wählen sollte; wem sie die Hand reichte, der sollte Thron und Reich erben. Aber auch die Prinzessin, die Sonnentochter, konnte sich nicht entscheiden. Sie liebte beide und beide gleich sehr. Es wurde ein anderes Gottesurteil vorgeschlagen. Wer an einem bestimmten Tage beim Morgengrauen die erste Hirschkuh schießen würde, der sollte der Erkorene sein. Telasco hatte rote Pfeile und Kusco blaue. Der Morgen kam, beide Brüder lagen im Dickicht, die Hirschkuh nahte, beide schossen – beide fehlten. Da schwuren sie sich gegenseitig, »daß sie das nächste Mal nicht absichtlich fehlen wollten.« So geschah es: beide trafen, aber Telasco hatte mit Kuscos und Kusco mit Telascos Pfeilen geschossen. Da machte Telasco den Vorschlag, Aztalpa zu töten, damit keine Spaltung in das Reich käme, und dort oben würde sie beiden gleich nahe stehen. Alle willigten ein, als aber der Tag der Opferung gekommen war, stürzte Aztalpa vor Telasco auf die Knie und rief: »Laß mich den Tod empfangen von Kuscos Hand!« Da rief Telasco: »Aztalpa, du hast gewählt!« Alle verneigten sich vor Kusco, und als man sich nach Telasco umsah, war er verschwunden; man hat ihn nie wiedergesehen ... So erzählte Walther, oftmals von Fragen unterbrochen, und Femke wunderte sich zwar über vieles, aber sie teilte doch seine Bewunderung und schließlich seine Begeisterung. »Weißt du, Walther, wenn das Mädchen gewußt hätte, was Telasco mit seinem Vorschlag wollte, hätte sie es nicht gethan. Aber die Geschichte ist schön. Ich möchte wohl wissen, ob so etwas wirklich vorkommen kann.« »Es war weit von hier und 's ist lange her, Femke. Übrigens, 's steht so im Buche. Aber jetzt muß ich nach Hause, denn ich habe keinen Stüber, um den Thorwächter zu bezahlen, wenn ich nach acht Uhr komme. Ach, Femke, wenn doch die Geschichte mit meinem Gedichte erst in Ordnung wäre.« »Es wird schon gehen. Denke nur an Telasco. Der hatte auch etwas Schweres zu verrichten.« »Nein, ich werde an das Mädchen denken. Guten Abend, Femke ...« Walther bekam einen Kuß, so herzlich, wie er ihn mit seiner Geschichte verdient hatte. Und von Aztalpa träumend, die auf die Wäsche aufpaßte, ging er durch das Aschenthor und nach Hause. Der Mond schien hell, und es verdroß ihn, daß er nicht noch bei Femke bleiben konnte. Er stellte sich vor, daß er jetzt bei Mondlicht noch besser erzählen würde. Aber es ging nicht, wegen des Stübers, den er nicht hatte. Walthers Traum. Die vornehme Kutsche. Der Mond stand am Himmel und langweilte sich; die undankbaren Menschen schliefen und achteten seiner nicht, sollte er sich nicht ärgern? Er strömte sein Leid, das noch durch die gewaltige, Jahrtausende alte Schuld geborgten Lichtes vermehrt wurde, in herzbrechenden Elegien aus, bis der Nachtwind sich seiner erbarmte. Hopp, hopp! fuhr er in die Bäume, und die Blätter tanzten, hopp, hopp! fuhr er über die Dächer, und die Ziegel flogen, die Schornsteine verbeugten sich demütig, die Mühlen tanzten mit den Stämmen, die sie zersägen sollten, auf den Mauern und Schanzen. Da saß ein schlafend Mädchen im Grase... ob's Femke war? Die Wäsche tanzte nach der Musik des Windes um sie her, die Hemden machten possierliche Knixe und boten sich höflich die Manschetten; Schlafmützen, Vorhemdchen, Beinkleider tanzten Menuett, Strümpfe und Kinderkleidchen, Kragen und Taschentücher walzten immer dichter und dichter um das schlafende Mädchen herum, ihre Locken begannen zu flattern ... ein Lächeln, ein Seufzer ... sie sprang auf, der Wirbel ergriff sie, hob sie ... o Himmel ... Femke, Femke! Und Walther griff nach der Erscheinung, die er in einer Wolke von Strümpfen, Socken, Unterbeinkleidern, Hemden und Kragen davonsausen sah, auf dem Wege zum Monde ... »Mutter, Walther kneift mich!« rief Laurens, der Schriftsetzer lernte, und Jüffrau Pieterse stöhnte, daß die Jungens nicht einmal in der Nacht Ruhe halten konnten. Das »Haus« Pieterse versammelte sich an Walthers Bett. Da war die edle Stammfrau, gehüllt in eine ehrfurchtgebietende Jacke, die in breiten Falten auf den Rock von schwarzem Merino niederfiel. Da war Trudchen mit ihren dummen blauen Augen. Myntje und Pietje – ach was rede ich! So hießen ja die Mädchen nicht mehr, nach dem großen Umzuge. Trudchen war eine Gertrude geworden, wie eine morganatische Fürstin von Hessen. Myntje hieß jetzt Mina, und wer ihr einen Gefallen thun wollte, sagte Mine, das klang französisch, fand sie. Aber ihr dummes Gesicht war noch dasselbe wie vorher. Und Pietje hieß Petro. Stoffel hatte gesagt, das wäre ein vornehmer Name. Er selbst kam auch zum Vorschein und setzte sogar seine Mutter, die doch so viel von ihm erwartete, in Erstaunen. So würdevoll war Gang und Haltung. »Was fehlt dir denn, Junge?« rief jedes Walther zu. »O Mutter, Mutter ... Femke!« »Der Junge ist närrisch« – das war das einstimmige Urteil der Familie Pieterse. Und ganz unrecht hatten sie nicht. Walther fieberte. »Sie wollen sie wegtragen ... immer in die Runde ... sie griff nach dem Rauch ... Tochter der Sonne, entscheide... hier ist Telasco ... du sollst nicht sterben, Aztalpa ... Femke, bleibe, bleibe, ich will auf die Wäsche acht geben ... ich will die Hirschkuh schießen... ein Witwersmann mit Gott ... zusammen durch das elfenbeinerne Thor ... da ist sie wieder ... Omikron, bleibe!« »Wenn wir einen Pfarrer rufen ließen?« fragte die Mutter zögernd. Sie wußte nicht, ob gebetet werden mußte oder gestraft ... oder beides. Und jetzt hatte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, Stoffel einen guten Gedanken: »Mutter, ich glaube, daß hier ein Doktor nötig ist... Walther ist krank,« So war es. Der arme Junge hatte ein Nervenfieber. Das war ein Glück für ihn, denn der Arzt, der ihn behandelte, war ein Menschenkenner, der durch liebevolle Zurechtweisung einen heilsamen Einfluß auf Walthers Gemüt ausübte. Aber das konnte erst später geschehen, denn im Anfang der Krankheit war die Krankheit des Kindes gefährlich. Auch für Jüffrau Pieterse war diese Bekanntschaft nützlich. Der Doktor machte ihr zu ihrer großen Verwunderung klar, daß man seine Kinder nicht wie Gepäckstücke in der Bettstelle einpacken soll. Daß Luft, Licht, Leben, Bewegung, Genuß nötig ist, um Seele und Leib zu entwickeln. Daß Strafen, ob mit oder ohne den Herrn, nichts nützen. Daß ihr Gottesdienst besser wegbleiben sollte – und mehr Dinge von der Art, die Jüffrau Pieterse noch nie gehört hatte, und gegen die sie sich doch nicht auflehnte, denn der Doktor... »Ach, liebe Jüffrau Laps, Sie müssen's mal so einrichten, daß Sie hier sind, wenn er kommt. Er schreibt die Rezepte mit einer goldenen Feder und sein Kutscher hat ein braunes Bärenfell um den Hals ...« Ja, so eine goldene Feder und ein Bärenfell! Ach, wenn doch alle Menschen, die die Wahrheit predigen, ihren Kutscher vornehm ausstaffieren könnten, dann würde es wohl bald mit vielen Vorurteilen vorbei sein. Aber meistens ist das nicht so. Ja, ich kenne sogar viele wahrheitsliebende Leute, die überhaupt keinen Kutscher haben, sei es mit oder ohne Bärenfell. Und auch die ... goldenen Federn sind oftmals in falschen Händen. »Ich wollte bloß, daß Jüffrau Zipperman mal käme, wenn gerade der Doktor hier ist. Geh', sag's ihr doch mal, Schertrüde ... daß Waltherchen krank ist, mein ich ... und sag' ihr, wir frühstücken so gegen zwölf ... so spät kam er gestern. Und du, Leentje, geh' mal zum Kaufmann ... wir brauchen Salz... und mach' 'n Wörtchen ... 's ist nicht ums Klatschen ... du weißt, Klatscherei kann ich nicht leiden ... ich möcht' bloß wissen, ob's die Menschen gesehen haben. Und du, Petro, denk' dran, daß du mir 'ne reine Mütze giebst, wenn er wiederkommt... denn das ist ein Mann, so ein Doktor! Ich bin noch ganz hin, wie er so sagte ... und dann gaff' ihn nicht immer so an, Mina, das paßt sich nicht ... aber ich bin doch wirklich neugierig, ob die im Laden ihn gesehen haben!« Ich möchte nicht gern hart urteilen, aber wahrhaftig, es kommt mir vor, als ob Jüffrau Pieterse allmählich an Walthers Krankheit Geschmack bekam. Es ist doch etwas Vornehmes, so eine Doktorkutsche vor der Thür. Was die Jüffrau mit ihrem Verse für Not hatte. Ein seltsames Wiedersehen. »Aber, liebe Jüffrau Pieterse, was soll denn nun aus meinem Ohm werden? Sie sind nun einmal eingeladen, und ich habe ihm doch gesagt, daß es einen Vers geben soll.« »Sehr schlimm, Jüffrau Laps. Sie sehen doch, daß das arme Wurm jetzt keine Verse machen kann. Was denken Sie von Stoffel? Wenn wir ihn fragten.« »Mir ist's recht, wenn's nur ein Vers ist. Sonst bin ich blamiert.« Stoffel wurde also eingeladen, Walthers Stelle zu vertreten. Er machte Einwendungen. »Mutter, du verstehst das nicht so, aber eigentlich kommt mein Respekt dabei zu kurz. Wenn man immer mit der Jugend zu thun hat, weißt du, dann ist der Respekt die Hauptsache, und so ein Vers ...« »Aber die Jungens auf deiner Schule brauchen's ja nicht zu wissen ...« »Das Wort kommt immer weiter als der Mann, Mutter. Du weißt das nicht. Auf der Diakonieschule da war auch so einer, der Verse machte, und was ist aus ihm geworden? Er ist nach Indien, Mutter, und er ist mir noch die Hälfte von einer Flasche Tinte schuldig. Siehst du, Mutter, das kommt davon. Jeder muß auf sein Fach sehen. So ein Vers ... na ja, für so einen Jungen wie Walther ist es ja ganz gut ... aber wenn man selbst Lehrer ist ...« »Und Meister Pennewip?« rief Jüffrau Laps. »Richtig!« rief Stoffel, als ob gerade diese Erwähnung ihn in seiner Beweisführung unterstützte. »Ganz richtig, sehen Sie, gerade Meister Pennewip ...« »Ich habe ein Gedichtchen von ihm gelesen, Stoffel.« »Ganz recht ... du hast ein Gedichtchen von ihm gelesen ... das ist ... das kommt ... ja, Jüffrau Laps, wie soll ich Ihnen das nun gerade erklären? Sie begreifen, in so einem Fach, wie der Unterricht ist, da giebt's alle Arten von Dingen. Da haben Sie zum Beispiel die Geographie. Nun will ich bloß eins sagen: Madrid liegt am Manzanares, verstehst du, Mutter?« »Ja, ja. Stoffel, das ist beispielsweise, als ob du sagen wolltest ...« »Amsterdam am Y. Ganz genau so. Und dann haben Sie wieder sehr viel andere Dinge, Jüffrau Laps, denn Sie können sich gar nicht vorstellen, was da alles dazu gehört. Ein Krämer mischt Zucker mit was anderem, da muß ich nun ganz genau ausrechnen, wie teuer er's Pfund verkaufen muß, ohne Schaden zu nehmen, stellen Sie sich vor! Und dann haben Sie die Gesellschaftsrechnung, und die Brüche, und die Zeitwörter ... aber nun muß ich weg, sonst schlagen die Bengels alles kaputt.« Stoffel ging diesen Mittag früher zur Schule als sonst, und ließ Jüffrau Laps recht ungetröstet zurück. Das arme Menschenkind konnte nicht fassen, wie Madrid und der Krämer und die Brüche Hindernisse für Stoffels Reimgenie oder Schulmeisterwürde sein konnten. Jüffrau' Pieterse schwatzte die Sache zurecht, so gut es ging, und schickte die Laps zu Meister Pennewip selbst. Der Mann erschrak gewaltig, als das zornige Säugetier ihn besuchte, aber als er ihren Wunsch hörte, wurde er ruhiger. »Zu welcher Klasse gehört Ihr Ohm, Jüffrau?« »Na ... zu der Klasse ... meinen Sie wieder mit Muschelschalen und Eiern?« »I wo, Jüffrau, ich meine, auf welcher Stufe er steht ... ich frage, auf welcher Höhe ... ich wiederhole, auf welcher Stufe ... wenn Sie mich verstehen – es ist ein Gleichnis, Jüffrau – auf welcher Stufe der Leiter der Gesellschaft?« »Im Korngeschäft, Meister. Meinen Sie das?« »Das genügt nicht, Jüffrau Laps. Man kann im Korn sein... als Kuchenbäcker ... als Brotbäcker ... als Kleinhändler ... als Großhändler ... als Zwischenhändler ... und alle diese Berufe haben wieder deren eigentümliche Unterabteilungen. Da haben Sie zum Beispiel Josef in Ägypten. Dieser Gottesmann, ... der von einigen in die Klasse der Erzväter gerechnet wird, während andere behaupten ... doch das wollen wir dahingestellt sein lassen – sicher ist, daß Josef Korn aufkaufte und auf der höchsten Stufe stand, denn, Jüffrau Laps, wir lesen ersten Mose 41 ...« »Ja, das weiß ich ... er fuhr in Pharaos Wagen, und er trug einen weißseidenen Rock. Mein Oheim ist Fakter, das war mein Vater auch.« »Sooo ... o ... o ... Fakter, oder richtiger gesagt Faktor ... ei, ei ... davon sagt Mose nichts ... und ich weiß nicht, in welche Klasse ...« »Mein Ohm ist Witwer ...« »Da haben wir schon den Unterschied. Wir lesen ausdrücklich, daß Josef Asnath freite, die Tochter Potipheras, des Priesters zu On, und wir lesen nirgends, daß sein Ehegespons schon tot war, als er sich auf den Kornhandel legte. Also, Jüffrau Laps ... ich würde vorschlagen, wenn es Ihnen ernst ist, Ihren Ohm in einem frommen Liede zu besingen ... begeben Sie sich zu einem meiner Schüler ... Klaasje van der Gracht.« Und Meister Pennewip erklärte ihr, wo das Wunderkind zu finden war. Wieder muß ich um Vergebung bitten, wenn mein Urteil zu scharf ist, aber ich habe Meister Pennewip in einem häßlichen Verdacht. Ich glaube, er hätte das Gedicht wohl geliefert, wenn Jüffrau Laps' Ohm vom König ein weißseidenes Gewand bekommen hätte, oder wenn er in einer Hofkutsche durch den Haag gefahren wäre. Aber den Faktor zu besingen, überließ er dem Genie des »fliegenden Theekessels« in der Peperstraat. Das war nicht schön von Pennewip. Was konnte der Ohm dafür, daß ihn seine Brüder nie in einen Brunnen geworfen hatten? daß er nicht an Araber verkauft worden war? daß er keine Träume auslegen konnte? und daß man heutzutage die Scharfsinnigkeit nicht mit Ringen, weißen Röcken, Galakutschen und Vicekönigstellen belohnt? Also Jüffrau Laps stiefelte nach der Peperstraat und machte die Bekanntschaft des alten Herrn van der Gracht, der sich sehr geschmeichelt fühlte. Es wurde würdevoll festgesetzt, daß Klaasje das Verschen noch denselben Abend fix und fertig machen sollte. Am nächsten Morgen sollte er es nun bei Jüffrau Laps aufsagen, und wenn es würdig befunden würde, der Beweis ihrer Gefühle gegen den Ohm zu sein, sollte Klaaschen zu dem Abend eingeladen werden. Und, hatte der Vater gesagt, er würde einen weißen Kragen umhaben, mit einer hochstehenden Priese. »Ganz wie Josef,« sagte die Jüffrau, »in der Schrift steht doch alles.« Und als sie heimkam, las sie ersten Mose 41 nach und suchte eine Übereinstimmung zwischen der Erhebung Josefs und Klaasjes Apotheose zu finden. In der Nacht träumte sie, sie hätte einen Mantel in der Hand. Der Laureatus kam am Morgen und rasselte seinen Vers herunter. Wir werden ihn später hören, aber zunächst muß ich jetzt erzählen, was sich an jenem Nachmittag im Hause der Pieterses zutrug. Walther lag schwach, aber nicht mehr fiebernd, im Bett. Der Arzt hatte Ruhe verordnet. Das Kind zählte die Blumen des Vorhangs und mühte sich, sie in seiner Vorstellung anders zu ordnen. Er ließ sie übereinanderspringen, ineinanderfließen. Er sah Gesichter darin – Gestalten – Armeen – Wolken ... alles lebte. Es war ermüdend, aber er konnte nicht anders. Und als er sich nach der Wand umdrehte, wurde es noch schlimmer. Die hieroglyphischen Schrammen in der Wand erzählten ihm allerlei, was er nicht zu wissen brauchte, und überschütteten ihn mit unnötigen Eindrücken. Er schloß die Augen, fand aber keine Ruhe. Ihm war, als würde er von der wilden Hochzeit mitgerissen und als müßte er an dem Feste teilnehmen, das der Nachtwind dem Monde gab. Alles drehte und wirbelte um ihn herum und zog ihn mit. Er griff mit beiden Händen an sein Haupt, als ob er seine Phantasien zum Stillstand bringen wollte, aber es half nichts. Die Vorhänge, die Schnüre, die Wand, die Blumen, der Tanz, der Wirbelwind, der Femke emporriß ... sein Griff, um sie festzuhalten ... Das Kind brach in Thränen aus. Er wußte ja, daß alles nur Einbildung war. Er wußte, daß er krank war. Er wußte, daß Schornsteine nicht tanzen, und daß man kein Mädchen von der Erde holt, um dem Mond die Langeweile zu vertreiben ... und doch ... Leise weinend rief er Femkes Namen, leise genug, um nicht von den anderen gehört zu werden, laut genug, um seinem bedrückten Gemüt Luft zu machen ... »Was ist das?« rief er plötzlich. »Antwortet sie? Ist das auch Einbildung?« Wirklich, Walther hörte seinen Namen, und es war Femkes Stimme! »Ich muß wissen, ob ich träume!« sagte der Knabe und richtete sich in seinem Bette auf. »Das ist eine rote Blume ... das eine schwarze ... ich bin Walther ... Laurens ist Schriftsetzer... alles richtig ... ich träume nicht ...« Und er lauschte wieder und bog sich aus dem Bett und öffnete Mund und Augen, so weit er konnte, als sollten Zunge und Gesicht dem Gehör zu Hilfe kommen ... »O Gott ... Femkes Stimme! Ja, ja, sie ist es!« Diesmal war es Gewißheit. Er sprang aus dem Bett, zur Thür hinaus, stürzte die Treppe hinunter, und fiel bewußtlos zu Füßen des Wäschermädchens nieder, das unten einen harten Kampf ausfocht mit der Pieterseschen Familie. Femke ist sich auch ohne Ariadne-Faden des rechten Weges wohl bewußt. Was sie auf der Suche erlebte, und was sie endlich fand. Femke hatte Walther am Tage nach der peruanischen Erzählung erwartet. Erst dachte sie, es wäre wegen des Bildchens, auf dem Aztalpa die beiden Brüder umarmte. Sie hoffte nämlich, daß Walthers schulmeisterlicher Bruder ihm doch wohl auf ein Stündchen das Buch mitgeben würde, in dem so viel Schönes stand. Aber auch ohne das Bildchen verlangte Femke, Walther wiederzusehen. Um seine Person konnte es nicht sein – solch Kind! – aber Walther erzählte so nett. Und vielleicht flossen im Herzen des Mädchens Walther und seine Erzählungen ineinander. »Leg' die Wäsche in die Sonne!« rief die Mutter. Und Femke übersetzte das: »Sonne ... Peru ... Aztalpa ... Kusco ... Walther.« »Jag' die Bälger weg, sie werfen Schmutz auf die Wäsche.« Femke träumte: »Mutig im Streit gegen die Feinde des Landes ... der edelste Zweig der Inkas ... Telasco ...« Ach alles rief: Walther! Und er kam nicht. Am ersten Tage war sie traurig. Am zweiten ungeduldig. Am dritten unruhig. »Mutter, ich will mal sehen, wo der kleine Junge bleibt, der den Vers machen sollte ...« »Geh', mein Kind.« sagte die Mutter. »Wirst du ihn finden?« Femke nickte, aber es stimmte nicht. Sie wußte nicht, wo Walther wohnte, aber sie scheute sich, es zu sagen. Es lag Mut in dem Unternehmen, das Kind aufzuspüren, dessen Wohnung sie nicht wußte, und diesen Mut wollte sie verbergen. Warum wohl? Es ist eine eigenartige Scheu in zärtlichen Gefühlen. Wir verbergen manchmal das Gute in uns und prahlen mit Fehlern. Das Mädchen zog sich so nett an, als sie konnte, und steckte das wenige Geld ein, über das sie verfügte ... ein paar Stüber. Sie lief durch das Aschenthor und fragte nach dem Laden, wo man Bücher lieh. So kam sie sehr einfach in die Hartestraat. Der Lauf der Straßen, der zu Anfang unserer Geschichte Walther unwillkürlich nach dem Thor geführt hatte, führte jetzt Femke vom Thor nach dem Buchladen, wo wir unseren Helden zuerst kennen lernten. Weniger ängstlich als Walther – Femke war ja älter, hatte mehr mit Menschen zu thun und dachte weniger nach – fragte sie frischweg den unfreundlichen Mann nach dem »Buche über die Gräfin mit der Schleppe.« »Wie? Wie heißt der Titel?« »Weiß nicht,« sagte Femke. »'s ist von 'nem Räuber ... der Papst kommt auch drin vor ... oder eigentlich ... ich suche den Jungen, der's gelesen hat, ich wollte fragen, wo der Junge wohnt, und ich will gern dafür bezahlen ...« »Willst du mich zum Narren halten? Bin ich hier, um Jungens aufzusuchen?« »Aber M'neer, ich will dafür bezahlen,« sagte das Mädchen und legte das Geld auf den Ladentisch. »Scher dich weg, was weiß ich von deinem Jungen!« Jetzt wurde Femke böse: »Sie haben mich nicht wegzujagen, als ob ich was Schlechtes thäte! Das laß ich mir nicht gefallen! Wenn Sie's nicht sagen wollen, können Sie's lassen, aber das sage ich Ihnen, daß Sie sehr unfreundlich sind!« Und sie wollte gehen. Aber plötzlich sagte sie: »Und wollen Sie mir auch kein Buch ausleihen?« »Das kann geschehen. Und welches willst du haben?« »Das Buch von dem Räuber und Amalia,« sagte Femke. O, sie stieg! Sie fühlte sich als Kundin! »Ich weiß von keinem Räuber und Amalia. Meinst du Rinaldo Rinaldini?« »Nein. Giebt's noch mehr Räuberbücher? Nun, bitte, sagen Sie mir welche!« Femke sagte das in einem Tone, der dem Mann imponierte. Er ließ sich herbei aufzustehen und den Katalog zu holen. Recht bald nannte er denn auch den »Glorioso« ... »Das ist es ... richtig, das ist's!« rief Femke voller Entzücken. »Aber du mußt Pfand lassen,« sagte der Mann, während er auf die Leiter kletterte, um das kostbare Buch zu holen. »Nein, nein, ich will das Buch gar nicht haben, ich will bloß wissen, wo der Junge wohnt, der es gelesen hat. Ach ich will ja gern dafür bezahlen!« Und sie zeigte auf den Schatz, den sie opfern wollte. Aber der Mann sagte, das wäre nicht nötig, er wäre nicht so, und wenn man ihn freundlich fragte, wollte er schon den Gefallen thun. Er sah in das Register und fand den Namen, den Femke ihm angab: Walther Pieterse, mit Angabe der Wohnung. Er zeigte es ihr und wollte ihr außerdem auch erklären, wie sie den kürzesten Weg finden könnte. Aber Femke war schnell zur Thür hinaus und hatte sogar vergessen, das Geld mitzunehmen. So lief ihr denn der Mann mit dem Gelde nach und hatte Mühe sie einzuholen. An der Wohnung angekommen, erfuhr Femke, daß die Familie Pieterse »nach einer feineren Gegend« verzogen wäre. Es war noch recht weit, aber das Mädchen ließ sich dadurch nicht abschrecken. Bei den Pieterses angelangt, wurde sie durch die jungen Damen mit einem barschen »Was willst du?« empfangen. »Ach, Jüffrau, ich möchte wissen, was Walther macht!« »Wer bist du?« »Ich bin Femke, Jüffrau, und meine Mutter ist eine Waschfrau ... ich möchte wissen, wie es mit Walther steht.« »Was hast du mit Walther zu schaffen?« fragte Jüffrau Pieterse, die auf das Geräusch herbeigelaufen kam. »Ach, Jüffrau ... seien Sie nicht böse ... ich möcht's gern wissen ... und meine Mutter weiß es, daß ich hier bin und fragen will. Walther hat mir von Telasco erzählt und von dem Mädchen, das sterben sollte ... ach Gott, Jüffrau, sagen sie mir, ob er krank ist ... ich kann nicht schlafen, wenn ich's nicht weiß ...« »Walther geht dich gar nichts an, pack dich ... ich sage dir, du sollst machen, daß du weg kommst ... ich liebe nicht, fremde Menschen an den Thüren zu haben ...« »Um Gottes willen, Jüffrau!« rief das Mädchen und rang die Hände. »Das Mädchen ist verdreht. Wirf sie hinaus, Trude, und schmeiß die Thür zu!« Trude begann den Befehl auszuführen. Myntie und Pietie machten sich bereit, ihr beizustehen, aber das tapfere Kind hielt stand. Sie griff nach dem Treppengeländer und klammerte sich fest an. »Schmeiß sie raus, das freche Ding ...« »O Gott, Jüffrau, ich bin nicht frech ... ich will ja gleich gehen ... sagen Sie mir bloß, ob Walther krank ist? Sagen Sie es mir doch! dann will ich ja gehen ... o, sofort! Ach sagen Sie mir doch, ob er krank ist ... ob ... er... sterben ... wird ...« Das arme Kind brach in Thränen aus. Nur Weibsbilder von der Sorte, mit der sie zu thun hatte, konnten bei dem Schmerz ungerührt bleiben. Die Jüffrauen Pieterse hatten bürgerliche Seelen. Noch niedrigere oder – adlige Seelen hätten Femke verstanden. Es ist mit dem Gesicht wie mit dem Gold der Spielhöllen. In alle Hände kommt es nicht. Da sitzen Dirnen und Gräfinnen nebeneinander, die anständigen Menschen, die Schuhe aus Paris verkauften, kommen da nicht hin. »Ich gehe nicht,« schrie Femke. »O Gott, ich gehe nicht! Ich will wissen, ob das Kind krank ist!« Man hörte oben eine Thür öffnen. Walther wurde sichtbar, stürzte die Treppe hinunter, fiel wie ein Baum auf die Kämpfenden und dann leblos zu Femkes Füßen. »Herrje, der Junge!« kreischte die Alte, und die Mädchen standen starr. Aber Femke hob Walther auf und trug ihn nach oben. Man zeigte ihr Walthers Bett, und dort legte sie ihn nieder. Niemand hatte mehr den Mut sie wegzujagen, als sie sich vor dem Lager niedersetzte, und wenn in diesem Augenblick über Vorrecht und Rang hätte abgestimmt werden sollen ... alle Stimmen wären auf Femke gefallen. Aber sie selbst wußte nichts davon. Sie weinte und stotterte: »Ach, nehmen Sie's mir nicht übel, Jüffrau, aber ich konnte nicht schlafen, so mußte ich immer an das Kind denken!« Der Geburtstag des Witwer-Onkels, und wie eine Überraschung manchmal ganz anders abläuft als man denkt. Der Abend ist gekommen. Leentje hält bei Walther Wache, und das Haus Pieterse ist bei dem Geburtstagswitwer versammelt. Jüffrau Laps macht die Honneurs. »Eine komische Geschichte, Jüffrau Pieterse.« sagte der Geburtstagsonkel. »Und was wollte sie denn eigentlich .. das Mädchen?« »Ach Gott, M'neer, das weiß ich selber nicht. Und ich hab' schon hundertmal zu Schertrüde gesagt, daß ich aus der Geschichte nicht klug werde. Stellen Sie sich vor ... ein fremdes Ding, so im Hause zu kommandieren! und ich sagte schon zu Mina: schmeiß sie doch raus! und dann sagte Petro...« »Na ... ich hatt' sie schon gepackt,« quakte die tapfere Petro und zeigte einen blauen Fleck am Handgelenk, aus dem ein anderer geschlossen hätte, daß Femke sie gepackt hatte. »Sie wird schon noch mal kommen,« rief Gertrude, »und ich werd's ihr besorgen!« »Und ich erst!« sagte Mina. So war jeder mutig nach dem Kampf. Das kommt wohl öfters vor. Aber das ist sicher: wenn jetzt über moralischen Wert abgestimmt worden wäre, jetzt hätte Femkes Name nicht gesiegt. »Ein gewöhnliches Ding, M'neer!« »Ein ganz gewöhnliches Ding!« »Und wie sind Sie sie denn nun eigentlich losgeworden?« »Ja, das war schwer ... ich sagte ...« »Nein, Mutter, ich sagte ...« »Nein, ich!« »Nein, ich!« Jeder hatte etwas gesagt. Jeder wollte der Mittelpunkt der interessanten Geschichte gewesen sein. »Ich möchte wissen, wo der junge Herr van der Gracht bleibt,« sagte Jüffrau Laps. »In, Ohm, 's ist 'ne Überraschung ...« Jüffrau Pieterse war es nicht angenehm, von jemand ausgestochen zu werden, wenn sie etwas zu erzählen hatte. »Na also, wir sagten... was sagten wir doch, Schertrüde?« »Mutter ... ich sagte ... 's wär 'ne Schande.« »Ja, das hab' ich auch gesagt. Na ... dann verlangte das Ding kaltes Wasser ... und wie wir's ihr nicht schnell genug gaben, stand sie auf und lief an den Brunnen ... geradezu als ob sie zu Hause wäre! Und sie pumpte und machte ein Tuch naß, und legte es auf Walthers Kopf. Ich war ganz baff vor so viel Frechheit. Dann kam das Kind zu sich, und sie gab ihm 'nen Kuß ... denken Sie, wir standen dabei,!« »Ja,« riefen die drei Töchter, »denken Sie, wir standen dabei!« »Und dann setzte sie sich wieder vors Bett und schwatzte mit Walther...« »Wo bloß der junge Herr van der Gracht bleibt!« seufzte Jüffrau Laps. »'s ist bloß, Ohm, weil wir 'ne Überraschung haben.« »Und schließlich ging sie weg ... wie 'ne Prinzeß!« »Ganz wie 'ne Prinzeß'« bezeugten die Mädchen, und wußten nicht, daß sie die Wahrheit sagten. »Und sie sagte zu Walther, sie würde wiederkommen. Na, das soll gut werden!« Da ging die Glocke. Jüffrau Laps fuhr empor... ach ja, der Katechisiermeister van der Gracht trat mit seinem Sohn ins Zimmer. Jüffrau Pieterse war das nicht sehr angenehm. Sie fühlte, daß der Stern ihrer Erzählung vor dem Verse, den Klaasje mitbrachte, verbleichen mußte. Und auch ohne Vers – was sahen doch die anderthalb Katechisiermeister würdevoll aus! Welcher Gang, welche Haltung, welche Stimme – und der weiße Kragen, und die Schnüre! »Mynheer und Jüffrauen, der Herr schenke Ihnen seinen unentbehrlichen Segen für den Abend dieses Tages! Dies ist mein Sohn Klaas ... von dem Sie wohl schon gehört haben. Er steht mir zu nahe, als daß ich ihn loben dürfte... indessen jedoch Sie verstehen ... wenn man der Vater ist ... nun ja, aller Segen kommt von oben!« »Ja, Oheim, es ist 'ne Überraschung,« »Ganz recht, Jüffrau, eine wahre Überraschung. Die Glückwünsche für diesen Herrn ... an dem freudigen Tage seiner Geburt ... bringt uns in die Stimmung des Psalmisten ... und ich freue mich der Gnade ... denn Mynheer... alles kommt von oben ... das werden Sie wohl auch wissen.« »Nehmen Sie Platz, ich danke Ihnen!« sagte der Gastgeber, der verstand, daß eben ein Glückwunsch ausgesprochen worden wäre. »Kalt draußen, wie?« »Ja, 's ist frisch. Kalt kann ich nicht sagen. 'S ist, was man ... frisch nennt, wissen Sie. Der Herr giebt das Wetter nach seinem Ermessen ... drum sag' ich frisch. Alles kommt von oben.« »Ach ja!« rief die ganze Versammlung und hielt das für fromm. Wie wäre es dem armen Teufel gegangen, der jetzt in diesem Kreise hätte verkündigen müssen, daß manche Dinge von unten kommen! Zum Glück war man diesmal einig. »Also, Oheim, was meinen Sie, fangen wir nun an mit der Überraschung?« »Nur zu, Nichte! Was giebt's?« »Ach, eine Kleinigkeit, Mynheer,« antwortete der Katechisiermeister. »Mein Sohn ist ein Dichter. Loben will ich ihn nicht ... denn er steht mir zu nahe ... aber 's ist nett, das darf ich getrost sagen. Nicht um ihn zu rühmen ... alles kommt von oben ... nein, rühmen will ich ihn nicht. Wenn ich rühme, rühme ich den Herrn. Aber ich sage, daß es nett ist.« Der Dichter Klaus machte seine Lippen so klein, als müßte er einem Vögelchen zu trinken geben. Er schlug die Augen nieder und spielte mit dem untersten Knopf seiner Weste. Sein ganzes Gesicht sah nach Versen aus. Es war etwas Unsauberes in dem Jungen, etwas von einer ungewaschenen Schüssel ... von ungeplättetem Linnen ... von einer gebrauchten Serviette, nein, von unausgebackenem Brot ... Was weiß ich, wonach der Bursche aussah! Geht nach dem christlichen Jünglingsverein, da findet ihr genug von der Sorte ... »Also, Mynheer, nicht um zu rühmen ... hol's nur heraus, Klaas. Als Vater, Mynheer, muß ich Ihnen sagen.. 's ist nett. Denn sehen Sie, in der Schrift ...« Klaas holte sein Papier heraus. »In der Schrift wird, so zu sagen, von Witwern nicht gesprochen ... der Herr wird seine Gründe gehabt haben ... Was thut nun der Junge? Er folgte diesem Winke, und er hat ein Gedicht gemacht über lauter Witwen ...« Klaas legte das Papier auf den Tisch. »Ja, ich wage zu sagen, er hat wohl alle Witwen drin angebracht, die in der Schrift stehen.« »Seht ihr, es ist 'ne Überraschung, ich hab's gleich gesagt,« sagte Jüffrau Laps. »Lies nun vor, Klaas! Es sind siebzig, Mynheer ... siebzig Witwen! Lies los, mein Junge!« Klaas streifte die Arme auf, strich über die Spitzen und begann: »Die Witwen, die in der Schrift erscheinen, Will ich hier im Vers vereinen, Zur freudigen Geburtstagsfeier Von Witwersmännern, gottselig und teuer, Jauchzend dem Herren, blühend im Leben, Jehovah sei die Ehre gegeben.« »Das ist die Aufschrift,« erklärte der Vater. »Ja, das ist die Aufschrift. Nun beginne ich: Ersten Mose 38, Vers 11 thut er schreiben, Eine Witwe im Hause des Schwiegervaters soll bleiben. Zweiten Mose 22, 22 thut's heißen: Du sollst nicht beleid'gen Witwen und Waisen.« »Beachten Sie, Mynheer, daß Kapitel und Vers beide 22 sind. Das hat gewiß seine Bedeutung, denn Gottes Wille ist unerforschlich, und aller Segen kommt von oben. Lies weiter, Klaas!« »Zwei Verse weiter spricht er mit zorniger Stimme. Alle Frauen will er zu Witwen machen im Grimme; Aus dritten Mose 21, Vers 14 ergiebt sich genau, Eine Witwe ist für einen Priester keine Frau; Ein Kapitel später, ein Vers weniger, ist zu lesen, Eine Witwe ohne Kinder soll ihres Vaters Brot essen; Aus vierten Mose 30, Vers 10, ist zu melden, Einer Witwe Gelübde soll für sie gelten ...« In diesem Tone ging es hurtig weiter. Als aber die Stelle kam: »Zweiten Samuelis 20, 3 wird zu wissen gegeben, Daß Davids Kebsweiber als Witwen mußten leben ...« Da wurde Jüffrau Pieterse unruhig. »Kebs ... Kebs?« fragte sie. »Kebsweiber, Jüffrau,« sagte der alte Herr van der Gracht. »Sie sehen, wie der Junge alles hineinbringt, was zu Witwen in Beziehung steht.« »Die Verse sind nicht gleich lang,« klagte Stoffel, »und sie sind nicht abwechselnd stehend und liegend.« »Da kannst du recht haben, Stoffel ... denn du bist ja Schulmeister... aber das macht mir nichts aus. Ich finde diese Kebs ... Kebs ... wie soll ich sagen ...« »Jüffrau Pieterse, Ihr sollt nicht spotten,« rief Jüffrau Laps. »Recht,« sagte der Katechisiermann, »aller Segen kommt von oben. Fahr fort, Klaas!« »Nein! ich will solche Dinge nicht hören ... wegen der Mädchen!« Die Mädchen besahen höchst anständig ihre Fingernägel. Das bedeutet in solchem Falle, daß man sehr brav ist, nicht weiß, was Kebsweiber sind, aber doch, trotz dieser Unwissenheit, öffentlich erklärt, niemals das Kebsweib von irgend jemand werden zu wollen. »Fahr fort, Klaas!« »Nein! Wenn ich gewußt hätte, daß solche Dinge vorgebracht werden sollten, hätte ich meine Töchter zu Hause gelassen!« »Aber, Jüffrau, 's steht in der Schrift! Sie wollen sich doch nicht gegen das Wort erheben.« »Nein, das thu ich nicht. Aber ich will nichts hören, was unanständig ist. Mein Mann ...« »Ihr Mann verkaufte Schuhe, ich weis; Wohl, Jüffrau ... aber Sie werden doch nicht gegen die Schrift ...« »Ich thue nichts gegen die Schrift. Aber Gemeinheiten verbitte ich mir. Komm, Schertrüde ...« Ja, Jüffrau Pieterse war eine Stufe weiter auf der Anstandsleiter der Welt emporgestiegen. Aus einer Seitenstraße in eine Hauptstraße ziehen, Kinder mit französischen Namen, ein Arzt, dessen Kutscher einen Pelz tragt – das bringt den Menschen in die Höhe. Walthers Genesung. Die Bilder des Doktors. Stoffels Allweisheit. Amsterdamsche Dramaturgie. Walthers Krankheit nahm zuletzt eine günstige Wendung. Als er sich stark genug fühlte, um zum erstenmal das Bett zu verlassen, fand die Familie, daß er »gewachsen« wäre. Und wer es nicht selber sah, sprach es den anderen nach. Niemand aber konnte besser von der Sache überzeugt sein als Jüffrau Pieterse. »Der Junge war aus seinen Kleidern ganz heraus, und es würde gewiß was dazu gehören, ihn wieder anständig in die Welt zu setzen!« Man hatte so viel interessante Wichtigkeit aus Walthers Krankheit geerntet, daß es doch nicht anders ging, als auch mit seiner Besserung recht viel »Wirtschaft« zu verbinden. Das Kind saß und tuschte Bilder aus, die es mitsamt dem Tuschkasten von dem Doktor zum Geschenk bekommen hatte. Die Farbe war echt englisch, sagte Stoffel. Ach die Bilder! Besonders interessierten Walther Personen aus den damals beliebten Trauerspielen und Opern. Da waren die Bilder aus Macbeth, Othello, König Lear, Hamlet, aus der Zauberflöte, dem Barbier von Sevilla, dem Freischütz und aus noch ein Paar Stücken, eins immer romantischer als das andere. Und er suchte nun die passenden Farben für die Kleidung seiner Helden und Heldinnen, wobei oft der Rat der ganzen Familie zusammentreten mußte, Leentje inbegriffen. Gewöhnlich war man uneins, aber das gab der Sache noch mehr Wichtigkeit. Nur in einer Hinsicht herrschte Einstimmigkeit: Gesichter und Hände mußten fleischfarbig sein und die Lippen rot. So war es immer gewesen, und warum hieß es denn sonst Fleischfarbe? Hamlet kam schlecht dabei weg, er bekam eine viel gemütlichere Färbung, als zu seiner Melancholie paßte. »Ich möchte wohl wissen, was die Puppen alle bedeuten,« sagte Walther. »Da brauchst du bloß Stoffel zu fragen.« antwortete seine Mutter. »Warte, bis er aus seiner Schule kommt.« Und das geschah. Stoffel – es giebt mehr solche Leute – gestand niemals zu, etwas nicht zu wissen, aber er wußte sich zu helfen. »Was die Puppen bedeuten? Ja, siehst du ... das sind, so zu sagen, die Bilder von verschiedenen Personen. Da ist zum Beispiel der da ... mit der Krone auf dem Kopfe, das ist ein König.« »Siehst du, Walther, Stoffel wird's dir schon sagen,« bestätigte die Mutter. »Ja, aber ich hätt' gern gewußt, welcher König, und was er gethan hat?« »Na!« sagte Stoffel. »Steht ja drunter! Du kannst doch lesen?« »Macbeth?« »Na also. Es ist Macbeth, ein berühmter König des Altertums.« »Und der da, mit dem Schwert in der Hand?« »Auch 'n König ... oder 'n General ... oder 'n Held ... oder so was. Einer, der fechten will, vielleicht David oder Saul oder Alexander der Große ... so genau kann man das nicht immer sagen.« »Und die Dame mit den Blumen? Sie scheint sie zu zerpflücken.« »Die? Hm ... zeig' mal: Ophelia. Ja. das ist Ophelia, weißt du?« »Ja. Warum wirft sie denn die Blätter auf die Erde?« »Warum? warum? Was du »auch alles fragst!« Hier kam die Mutter ihrem Ältesten zu Hilfe. »Ja, Walther, du mußt nicht mehr fragen, als ein Mensch antworten kann.« Walther fragte nicht mehr, aber er nahm sich vor, es bei Gelegenheit schon noch zu ergründen. Einstweilen schweifte seine Phantasie über unermeßliche Gebiete; ein unersättlicher Eroberer, dieser kleine Kaiser Walther in seiner Nachtjacke! Das Gebiet war freilich dünn bevölkert. Er mußte sich begnügen mit denen, die sein Eigentum waren, den wenigen, die er kannte, und mit dem wenigen, was er erlebt hatte. Er brachte die Helden seiner Bilder in Beziehung mit dem Doktor, der ihn so liebevoll behandelt hatte, und mit den Personen aus seinem unvergessenen Glorioso. Auch die Peruanergeschichte lieferte einige Unterthanen für sein Reich. Telasco verheiratete er an Julie, und die Priester der Sonne kamen wieder zu ihrem Recht. Meister Pennewip erhielt eine neue Perücke, aber aus Goldfäden, nach dem Vorbilde des Strohkranzes eines gewissen König Lear.. Auch zog er die Personen heran, die er vom Fenster aus beobachten konnte. Mit solchem Material mußte er sich behelfen. Aber er that das immer noch lieber, als daß er von seiner unmittelbaren Umgebung Gebrauch gemacht hätte. Selbst Lady Macbeth, die doch nicht sehr liebenswürdig aussah und sich so häuslich die Hände wusch, schien ihm immer noch von höherem Rang als seine Mutter oder Jüffrau Laps. Überhaupt, das schien ihm das Höchste in der Welt, so als Puppe auf so einem Bilde zu stehen! Und die Kleidung – Kronen, Diademe, Barette, Federbüsche, eiserne Gitter vor dem Gesicht, – Schwerter und Dolche mit Kreuzgriff, auf dem man schwören konnte, – Schleppen, Puffärmel, Gürtel mit herabhängenden Chatelaineketten, alles gewiß von Gold! Und die Pagen, und die Vögel mit den Kappen über dem Gesicht – nein, mit Walthers täglicher Umgebung hatte das nichts gemein. Wie ist es möglich, dachte er, daß jemand, der so schöne Bilder hat, sie verkauft? Der Doktor wird sie wohl geerbt haben! Ja. selbst wenn er gewußt hätte, daß Lady Macbeth das personifizierte Verbrechen war, dann noch wäre es ihm wie eine Schändung vorgekommen, sie mit den Trägerinnen bürgerlicher Gewöhnlichkeit in Berührung zu bringen. Auf einmal erinnerte ihn etwas in Ophelias Gestalt an Femke! Sie könnte auch so stehen, Blumen zerzupfen und die Blätter auf den Grund streuen ... Er hatte dunkle Erinnerungen an das, was geschehen war, zwischen Traum und Wachen. Und ein paarmal fragte er möglichst gleichgültig nach »jenem Mädchen« ... er scheute sich, den Namen in der Umgebung von Gertrude, Mina und Petro auszusprechen ... man speiste ihn mit gleichgültigen Worten ab, die ihm bewiesen, daß da kein Raum für seinen Roman war. Aber wenn er wieder auf dem Posten wäre, würde er sie besuchen. »Wenn du besser bist, mußt du mal zum Doktor gehen,« sagte die Mutter, »und dich für deine Besserung bei ihm bedanken ... nächst Gott. Und du kannst ihm dann wohl zeigen, was du schon gemalt hast.« »Gewiß, Mutter! Ich will ihr den ganzen Prinzen von Dänemark geben ... ich meine ... ihm, dem Doktor ...« »Nur zu, Junge. Aber sieh dich vor, daß du keinen Fleck drauf machst. Und vergiß nicht, daß der Geist von dem alten Ritter ganz bleich sein muß. Stoffel hat's gesagt ... weil's 'n Geist ist, weißt du.« »Ja, Mutter. Ich werde ihn ganz weiß machen.« »Gut. Und wenn du die Dame da gelb machtest?« Die Mutter zeigte mit der Stricknadel auf Ophelia. »Nein, nein!« rief Walther schnell. »Sie war blau!« »Sie war? Wer war?« »Ich meine bloß, Mutter, daß ich schon so viel gelbe habe. Und da wollte ich sie ... diese ... Ophelia heißt sie, 's steht drunter – mal blau machen. Die da die Hände wäscht, kann ja dann wieder gelb sein.« »Meinetwegen,« sagte die Mutter. »Aber mach keinen Fleck drauf!« Der schlaue Stoffel war aber schließlich dahinter gekommen, was das eigentlich für Bilder waren. Einer seiner Schulmeisterkollegen unterhielt Beziehungen zur Schauspielerwelt, und der hatte ihm erzählt, daß solche Kostümbilder für die Schauspieler von großer Wichtigkeit wären. So erfuhr er denn noch manches andere über diese Bilder und über das Schauspiel im allgemeinen. Es war für Walther ein Glück, daß gerade Stoffel diese Kenntnisse nach Hause brachte. Noch heute haben die Worte »Theater« und »Schauspieler« bei manchen einen Klang von Unsittlichkeit, und damals war es noch schlimmer. Aber die Genugthuung, Weisheit von sich zu geben, beeinflußte Stoffel in günstigerem Sinne, als er sonst mit der Beschränktheit vereinigen konnte, die bei ihm die Stelle des Gewissens vertrat. »Siehst du, Mutter, 's giebt Komödie und Komödie. Du mußt unterscheiden zwischen einem Trauerspiel und ... dem Spiel von allerlei Unsinn, woraus der Mensch nichts lernen kann. Es giebt Komödien, die ... ganz traurig sind, und die Menschen heulen dabei ... ganz achtbare Leute!« »Ist's möglich!« »Ja! Und dann giebt's wieder andere, in denen singen sie und machen Musik, und das kann auch sehr schön sein und sittlich, und das nennen sie z. B. ... Oper. Und ganz achtbare Leute gehen hin. Du siehst, Mutter, daß da nichts Schlimmes dabei ist, und man muß nicht so engherzig sein und alles gleich verwerfen. Bei den alten Griechen spielten sie auch Komödie, und da studieren noch heute unsere ersten Professors drin.« »Ist die Möglichkeit!« »Walthers Bilder sind alle aus wirklichen Stücken, und 's sind ganze Geschichten. Ich kann das nicht so auf einmal alles erzählen, aber ich will nur sagen, daß es auch gute Komödien giebt.« »Das mußt du doch mal Jüffrau Laps sagen! Die sagt immer ...« »Was die sagt! Sie hat niemals Komödien gesehen!« Das war wohl richtig. Aber so ging's der ganzen Familie Pieterse auch. Höchstens Leentje ... »Da kommt's raus!« rief Jüffrau Pieterse. Ja, Leentje hatte einmal am Nachmittag über »fürchterlichen Kopfschmerz« geklagt und war vom Nähen weggegangen – aber später war herausgekommen, daß sie den Abend nicht bei ihrer Mutter zugebracht hatte. Es gab einen großen Sturm, aber das unselige Geschöpf verriet nichts, wo sie die Nacht gewesen war. »Die Nacht« war eine Erfindung von Jüffrau Pieterse, obwohl sie gut wußte, daß das arme Wurm um elf Uhr heimgekommen war. Aber Leentje verriet nichts, sie hatte es ja der Schneiderin nebenan versprochen, die sich so vor den Menschen in acht nehmen mußte, weil ihr Mann ein Mucker war. Dann fand man in Leentjes Nähkasten die Reste von einem »Personen«-Verzeichnis. Und dann sang sie einmal ein Lied vor sich hin, das man nie von ihr gehört hatte. »Ich bin voll Ehr', ich bin voll Ehr', ja, ich bin ein Mann voll Ehre!« Und nun war's heraus! Sie hatte die Komödie besucht bei dem berühmten Jan Gras in der Elandstraat! Leentje fing an zu heulen und wollte eben versprechen, sie würde es nie wieder thun, als zu ihrem Erstaunen ihr gesagt wurde, es wäre ja nichts Schlimmes dabei, und die größten Professors gingen ja auch hin ... Und nun mußte sie erzählen. Es war das »Kind der Liebe« von Kotzebue, das vor ihren erstaunten Augen vorübergezogen war. »Erst war 'ne Musik, Jüffrau, und sie spielten sehr schön, und dann ging der Vorhang hoch, und es war ein großer Wald, und 'ne Frau weinte unterm Baum, und da war 'n Baron, der ihren Sohn gefangen nahm, weil er 'n Jäger war, und er hat sehr schön gesprochen, und die Mutter auch, aber der Baron sagte, daß er Herr auf seinem Boden wär und die Spitzbuben strafen wollte, und er war wütend vor Bosheit, und da sagte die Mutter ... nein, da kam noch wer anders, der sagte ... nein, so war's auch nicht ... aber dann ging der Vorhang runter, und die Schneiderin kaufte Waffeln, die da herumgereicht wurden, und Chokolade haben wir getrunken, und die Schneiderin sagte, alle Tage ist nicht Kirmeß. Und da saß 'n Herr hinter uns, der erzählte uns alles und nahm uns die Tassen ab, wie sie leer waren ... Und die Musik spielte: Schöne Mädchen, schöne Blumen ...« »Pfui!« riefen die drei jungen Damen Pieterse, denn es war ein Gassenhauer. »Und dann ging der Vorhang wieder hoch, ganz von selber, aber der Herr, der hinter uns saß, meinte, es würde durch Menschen gemacht, die man nicht sehen könne, vielleicht durch das »Kind der Liebe« selber, denn, sagte er, so lange der Vorhang herunter war, saß er nicht im Gefängnis, und konnte herumlaufen wie ein anderer. Und da gab die Schneiderin ihm ein Pfefferminzplätzchen, und er sagte: Sehen Sie nur nach dem Stück, Jüffrau, denn Sie haben ja Entree bezahlt! Es kostete zwölf Stuiver die Person... zwölf Stuiver, ohne die Waffeln und Chokolade. Und da sagte der Baron ... ach, ich kann das so genau nicht erzählen. Ich will bloß sagen, daß die alte Frau fortwährend weinte, und sie konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie so unglücklich war. Nämlich, Jüffrau, das Kind der Liebe war ihr eigener Sohn, und er war auch das Kind der Liebe von dem Baron. Das war böse ... weil's doch ein Kind der Liebe war, verstehen Sie, was immer böse ist. Und Papiere hatte er auch keine, und die Mutter auch nicht. Und darum sollt' er nun sterben ... weil er gejagt hatte. Ach, 's war so schön, Jüffrau! Und da ging der Vorhang wieder herunter und wir aßen noch 'ne Waffel. Und da sagte der Herr hinter uns, es wäre so viel schlecht Volk im Saale, Sackträger und so was, und 's wäre gut, daß man Stücke spielte, wo 's Gefängnis drin wäre, daß das Volk doch zur Tugend angehalten würde. Und wie die Schneiderin ihm wieder 'n Pfefferminz anbieten wollte, war die Dose weg ... 'ne silberne Dose. Der Herr meinte, 's hätte gewiß 'n Sackträger gethan!« »Er wird's selbst gewesen sein!« riefen ein paar. Aber Leentje wies das mit Entrüstung zurück. »Nein, sagen Sie so was nicht! Das ist Sünde! 's war ein ganz anständiger Mann, und er sagte zu mir Jüffrau, genau wie zu der Schneiderin, und er ging weg und wollte den Dieb suchen, und wenn er 's Döschen fände, wollte er's der Jüffrau bringen und fragte nach der Wohnung ... Er hatte 'ne Piquéweste an ... nein, sagen Sie so was nicht!« »Na, erzähl' nur weiter von dem Kind der Liebe,« hieß es. »Ach, die Musik war so schön, und ein Herr zeigte ihnen immer mit'm Stock, wie sie spielen sollten...« »Aber erzähl' doch vom Stück!« »Ja, so leicht ist das nicht! 's war sehr schön. Aber man muß das selber sehen, erzählen kann man das nicht so. Der Baron merkte, daß der Jäger im Gefängnis sein eigener Sohn war, weil er früher ... verstehen Sie ... einstmals... Bekanntschaft gehabt hatte ... wissen Sie ...« Es war eine starke Spannung in der Zuhörerschaft. Leentje wurde feuerrot. »Er hatte die alte Frau früher gekannt, und dann war er mit ihr in ... Verkehr gewesen ... ich will bloß so sagen ... und sie sollten heiraten, 's war aber was dazwischen gekommen ... und ... darum hieß es das Kind der Liebe...« Walther horchte mit ebensoviel Spannung wie die anderen, aber seine Phantasie war ruhiger als die der Mädchen. Die sahen vor sich. Stoffel aber fielen ein paar Bücherphrasen ein. »Ganz recht! Er hatte ihre Unschuld gemißbraucht ... so nennt man das ... und sie der Schande zur Beute gelassen. Ich kann nicht genug sagen, Mutter, wie die Jugend sich davor in acht nehmen muß. Alle Tage sage ich's den Jungens in der Schule...« »Hörst du, Walther? Paß wohl auf, und merk' dir, was Stoffel sagt!« Stoffel fuhr fort, weil er solchen Anklang fand: »Ja, Mutter. Die Tugend muß geehrt werden. Das ist Gottes Wille, und was Gott thut, das ist wohlgethan. Unter allen Sünden ist die Wollust ... eine sehr große Sünde, weil es verboten ist... und weil alle Sünde hier oder drüben bestraft wird...« »Hörst du, Walther?« »Hier oder drüben, Mutter! Erlaubte Freude, ja! aber unerlaubter Sinnesgenuß ist ... nicht gestattet! Das lockert alle Bande der menschlichen Gesellschaft... So eine Komödie, seht ihr, kann sehr schön sein, man muß sie nur recht verstehen und gehörig auslegen. Das ist's!« »Und wie ging's denn mit dem Baron weiter?« »Ja, Jüffrau, was soll ich da sagen! Er hat viel gesprochen, und er war sehr traurig, weil er ... damals ... die alte Frau ...« »Verführt hatte,« half Stoffel ein, da Leentje das Wort nicht fand. »So nennt man das.« »Ja, so sagte sie auch. Und er versprach ihr, daß er ihr so was nicht wieder anthun würde. Und dann sagte er zu dem Kind der Liebe, es solle immer auf dem Pfade der Tugend bleiben, und er wollte die alte Frau heiraten. Sie war auch ganz damit zufrieden!« »Das glaub' ich,« riefen die drei Mädchen aus einem Munde, »sie wird eine reiche Baronin!« »Ja,« sagte Leentje, »sie wurde 'ne große Dame. Und das Kind der Liebe fiel dem Baron um den Hals, und sie spielten den ›Jungfernkranz‹ Und der Sohn wurde Husar und sang: Ich bin voll Ehr', ich bin voll Ehr', ja, ich bin ein Mann voll Ehre! Wo aber der alte Baron geblieben ist, weiß ich nicht. Und dann gingen wir nach Hause, aber die Schneiderin hatte keine Freude mehr dran, weil das Döschen weg war. Ob's der Herr ihr nachher gebracht hat, weiß ich nicht.« Die Geschichte war aus. Die Mädchen dachten: »Baronin!« Stoffel: »Die Tugend!« Die Mutter: »Zwölf Stuiver die Person, dazu Waffeln und Chokolade!« Walther: »Der Jäger! So ein Jahr im Walde ... im großen Walde ... so ganz allein ... das möcht' ich wohl auch sein...« Er nahm seinen Pinsel wieder auf und blickte Ophelia an: »... so ganz allein im großen Walde, mit ... Femke!« So dachte sich jeder das Seine. Aber die Theaterfrage im Hause Pieterse war damit noch lange nicht erledigt. Leentje mußte noch viele Auskünfte geben, z. B. wollte Petro wissen, wie alt die Geliebte gewesen sei, als der Baron sie endlich heiratete. Worauf Leentje meinte: so etwa sechzig! Auch Jüffrau Laps mußte ihr Urteil abgeben. Sie erklärte sich natürlich gegen all das »Weltliche« und bestand darauf, daß Walther vor allem zur Kirche müsse. Über das Theater kam sie dann noch in einen großen Disput mit Meister Pennewip, den Stoffel als Hilfstruppe herbeiholte, und der die gewaltige Komödie »Floris der Fünfte« von dem erhabenen Bilderdijk mitbrachte, um der ganzen Versammlung, unter vielen Deklinationen und Konjugationen, unter Betrachtungen über Maß und Reim und was sonst zum Verständnis nötig ist, möglichst klar zu machen, daß, erstens Floris der Fünfte ein Stück wäre, aus dem man viel lernen könne, und daß zweitens überhaupt das Theater etwas sehr Moralisches und Anständiges bedeuten könne. Freilich, Jüffrau Laps überzeugte er nicht. Und auch Walther imponierte das Machwerk, obwohl »dreimal drin gestorben wurde,« lange nicht so wie die schöne Geschichte von Glorioso und wie die peruanische Geschichte, ja selbst nicht so sehr wie das arme Rotkäppchen. Centripedale und centrifugale Kräfte, negative und positive Pole und dergleichen, nachgewiesen an einigen Besuchen, die Walther beinahe nicht abstattet. Walther hatte seinen Kirchgang hinter sich. Der Pfarrer hatte bei der Gelegenheit so besonders schön gepredigt, sagte Stoffel, und »man konnte sich alles so annehmen!« und »wir wollen nur hoffen, daß es Früchte trägt!« »Ja,« sagte die Mutter, »und daß er nicht wieder seine neue Hose zerreißt. Es muß sauer dafür gearbeitet werden.« Nun, so sauer gearbeitet wurde im Hause Pieterse gerade nicht. Das Gewirtschafte im Haushalt, sowie das Klagen oder, wenn man will, Rühmen darüber gehörte nun einmal dazu. Daß Walther die schuldigen Besuche bis nach dem Kirchgang verschieben mußte, war die Folge von Jüffrau Laps' fürchterlichen Drohungen. Sie berief sich auf zweiten Chronika 16, 12, und dagegen hielt die aufkeimende freiere Richtung der Pieterses nicht stand. Man könne ja zwar, sagte Jüffrau Pieterse, nicht alles in der Schrift so gerade auf jeden einzelnen beziehen ... Aber Jüffrau Laps blieb dabei, daß man nur den Glauben und die Gnade haben müsse, dann ginge es wohl; worauf die Jüffrau Pieterse meinte, sie nähme gern Rat an ... »Das ist das Wahre! Dann sind Sie gerettet! Und ... schicken Sie ihn mal zu mir, nach Sonntag. Oder ... 's kann auch am Sonntag sein, aber nach der Kirchenzeit. Dann kann er mir gleich von der Predigt erzählen, wenn auch die Pastoren ... na, was weiß so ein Kind davon!« Jüffrau Laps hielt nicht viel von Pastoren. Man kann Gottes Wort auch ohne Griechisch und Latein verstehen, wenn man nur die Gnade hat. »Ja, Sonntag nach Kirchenzeit. Ich rechne drauf...« Und um die Einladung dringlicher zu machen, sprach sie von den Leckerbissen, die sie ihren Gästen um die Zeit vorzusetzen pflegte. Wenn, wie wir annehmen, Jüffrau Laps an Walthers Besuch viel gelegen war, so lag tiefes Kinderverständnis in diesem Versprechen. Walther hatte Angst davor, mit diesem Wesen allein zu sein. Sie war ihm die lebendige Verkörperung von all den Plagen, die im Alten Testament zur Verwendung kommen, um abtrünnigen Völkern den wahren Glauben beizubringen, als da sind: Donner und Blitz, Pestilenz, Abgründe, böse Schwären, flammende Schwerter und sonstige Requisiten. Wenn er den Mut gehabt hätte, hätte er sie wohl gebeten, die versprochenen Näschereien irgendwo außerhalb ihrer Wohnung niederzulegen. Er würde sie dann schon finden. Aber er hatte den Mut nicht. »Und warum bist du nun nicht hingegangen?« fragte die Mutter, als Stoffels Erbauung durch die Predigt anfing, sich zu beruhigen. Walther berief sich auf die bekannten »Leibschmerzen,« die Kinder immer haben, wenn sie sich um unangenehme Pflichten drücken wollen. Bei etwas Vertrauen zwischen Eltern und Kindern würde die Krankheit seltener sein. »Ich glaube nichts von deinen Leibschmerzen,« erklärte die Mutter, »'s ist bloß, weil du ein unartiges Kind bist und nie thust, was man dir sagt.« Stoffel fand das auch, und man hielt Kriegsrat. Walther wurde verurteilt, den schweren Gang zu gehen. Das Examen, das ihm bevorstand ... Ach, es sah nach keinem Examen aus! Er wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn in Erstaunen und Verwirrung versetzte. »So, mein lieber Junge, bist du da. Du kommst ja so spät! Die Kirche ist lange aus. Sieh mal, was ich für dich habe, expreß für dich!« Sie drückte ihn auf einen Stuhl nieder und schob ihm allerlei Leckereien hin. Walther war verlegen. Es wurde auch nicht besser, als sie ihn nun streichelte und liebkoste. »Und erzähl' was von der Predigt,« sagte sie, als das Kind sich der ungewohnten Zärtlichkeit möglichst zu entziehen suchte. »Was hat der Pastor also gesagt?« »Der Text...« »Na ja, laß nur ... nachher, wenn dein Mund leer ist. Iß nur erst ein Paar Kuchchen. Alles zugleich kann der Mensch nicht thun. Da ist Chokolade, und ein Liqueurchen kriegst du auch. Ich hab's ja immer gesagt, daß du ein netter Junge bist, aber sie müssen dich nicht immer so schuriegeln. Nur zu, mein Junge, und thu als ob du zu Hause wärest...« Das war nun eigentlich nicht das richtige Wort für Walther. Zu Hause! Nach der ersten Überraschung über den sonderbaren Empfang bekam er Angst. Ohne zu wissen warum, ... ja warum? Plötzlich stand er auf und erklärte, seine Mutter habe ihm befohlen, nicht lange wegzubleiben. Kein Wort davon war wahr. Jüffrau Laps protestierte, aber Walther blieb standhaft. Trotz der großen Freundlichkeit wußte er sich durch den Feind durchzuschlagen. Er versprach noch, »bald mal wiederzukommen,« rannte die Treppe hinunter und auf die Straße, Hier durchströmte ihn ein unbeschreibliches Gefühl des Erlöstseins. Unbeschreiblich vor allem für ihn selbst. Niemals war man ihm so ... herzlich entgegengekommen, niemals hatte man ihn so behandelt. Woher sein Widerwille? Beim Abschied hatte sie ihm einen Kuß geben wollen, und er hatte sich durch eine schnelle Wendung dem entzogen. Warum? Er wußte es nicht, aber es verursachte ihm einen Schauder. Und sollte er nun nach Hause? Was sollte er als Grund anführen, daß er so schnell zurückkam? Unwillkürlich lenkten sich seine Schritte nach dem Aschenthor. Es war seine Absicht nicht, Femke zu besuchen, durchaus nicht, wirklich nicht! Er hatte ja seine ausgetuschte Ophelia gar nicht bei sich. Ein Beweis, daß er beim Verlassen der Wohnung nicht an Femke gedacht hatte. Und als er auf dem Buitensingel seine Mühlen zu Gesicht bekam... Ach, sie schwiegen! War kein Wind? oder hielten sie Sonntag? Der Buitensingel war voll Spaziergänger. Walther folgte dem Strom, durch den er Femkes Häuschen näher geführt wurde. Als er vor der niedrigen Umzäunung stand, wagte er nicht einzutreten ... und er schob die Schuld auf die zu Hause gebliebene Ophelia. »Wenn ich das Bild nur hier hätte. Dann sicher!« Das ist die Frage. Ich glaube, mit Bild und allem sonstigen wäre er ebenso scheu gewesen. Er wußte nicht, was er sagen sollte, und nicht einmal, ob er überhaupt etwas zu sagen hätte. Wenn nun Femkes Mutter ihn fragte: Aber was willst du denn eigentlich hier? Wir, du, geliebter Leser, und ich, wir hätten ja wohl zu antworten gewußt. Aber ob unsere Weisheit weiser war als die Dummheit des Kindes, das da zaudernd vor dem Zaun stand? Mit offenem Mund starrte er das Häuschen an. Seine Knie zitterten, sein Herz klopfte, Zunge und Gaumen waren trocken. Eine kleine Rauchsäule, die aus dem Schornstein wirbelte, machte ihn wach. Wenn ein Brand ausbrach! Dann mußte er ja hinein! Dann durfte er sie retten, in seine Arme nehmen, sie wegtragen, weit weg, ... bis ans Ende der Welt, oder wenigstens aus der Stadt heraus! irgendwohin, wo man in rotem Sammet und grüner Seide geht, wo die Herren große Schwerter tragen und die Damen lange Schleppen! Das würde Femke kleiden. Und sie sollte zu Pferde sitzen, und er ihr folgen ... nein, neben ihr reiten mit dem Falken, auf der Faust! Wenn doch ein Feuer ausbräche! Aber es war nichts. Walther sah es wohl. Dieser Rauch ... war so ein gewöhnliches Küchenquälmchen. Er sah nach anderen Häusern in der Nachbarschaft, wo sie auch zu kochen schienen, und überall erlaubten sich die Schornsteine Zeugnis von einer Thätigkeit abzulegen, die von Femkes sich nicht unterschied. Schließlich kam ein Trupp von Spaziergängern, die wohl zu lange in einem der Etablissements verweilt hatten, wo man »Erfrischungen« bekommt. Allzusehr erfrischt, streiften sie im Vorbeigehen Walther von dem Zäunchen herunter und nahmen ihn ein Stückchen mit. Nun, das war so schlecht nicht. Was sollte er da stehen und nach dem Rauch aussehen? Wenn nun doch kein Brand kam, und Ophelia hatte er auch nicht ... Aber morgen! Morgen würde er das Bild mitbringen! und dann würde er nicht so kindisch vor dem Zaun stehen bleiben. Er schämte sich vor seinen bunten Herrschaften mit Federn, Schwertern und Harnischen. Die hatten gewiß Mut, die Könige, Ritter und Pagen, sonst hätte man sie doch nicht so ausgezeichnet. Wenn es nicht anders wurde, würde er wohl nie auf so ein Bild kommen. Aber es würde anders werden, zweifellos, sicher, gewiß, wahrhaftig! Je weiter er sich entfernte, desto tapferer nahm er sich vor am nächsten Tage hineinzutreten und flink zu Femkes Mutter zu sagen: »Guten Tag, Jüffrau, wie geht es Ihnen?« Schwerer fiel es ihm festzusetzen, was er zu Femke selber sagen sollte. Er machte sich Redensarten zurecht, die nach »Floris dem Fünften« schmeckten, und wenn sie Femke nicht gefallen sollten, so würde er sagen, sie seien von »unserem größten Dichter.« Er wollte sie dann auch allerlei fragen, was er nicht verstanden hatte, was ein »lockerer Zeisig« wäre, und was ein »Ehebett« bedeute, und »Keuschheit,« all die geheimnisvollen Worte aus »Floris« u.s.w. Die verschiedenen Arten der Entwicklung des Knaben flossen ineinander. Wir haben es nicht mit eigentlicher Liebe zu thun, aber Walthers Neigung zu Femke, das ist sicher, vermengte sich mit Lust zur Forschung. Er wußte wohl, daß er nicht allzuviel von ihr lernen konnte, besonders Büchersachen, aber schon das gemeinsame Sprechen über Dinge, die sie beide nicht kannten, mußte ein Genuß sein. Er war sehr neugierig, was sie ihm wohl alles zu sagen und zu fragen haben würde, denn auch sie hatte gewiß ihre Empfindungen aufgesammelt für ihr erstes Freundchen. Aber ach! dieser Freundschaft war er nicht so sicher! Sie hatte in seiner Krankheit nach ihm gefragt ... aber vielleicht war sie gerade zufällig da entlang gekommen, und da war es nicht so viel, einmal die Glocke zu ziehen: wie geht's Walther? Immerhin, sie hatte den Mut gehabt. Was würde Mungo Park gesagt haben, wenn er ihn da so unentschlossen vor dem Zaun gesehen hätte! Denn das versteht sich, auf die Art kann man keine Weltteile erobern. Ob man wohl Mungo Park auch gefragt hätte: was willst du denn eigentlich in Afrika? Nun, der konnte wohl antworten. So ein Reisender in so einem Buch mit Bildern wird nicht verlegen. So begann denn Walther allerlei Ansprachen an Negerkönige, die er mit Lanze und Schwert überwunden hatte. Und alle Frauen des Landes küßten ihm die Hände, wenn er vorbei ritt, auf seinem Schimmel mit der feuerroten Schabracke. Und er fragte herablassend nach den guten Mädchen, die Mungo Park in seiner Krankheit gepflegt hatte, »weil der fremde weiße Mann fern war von Mutter und Schwestern und kein Haus hatte.« Er wird sie fürstlich belohnen... Denn Walther ist König in all dem eroberten Lande – und Femke Königin! Wie sie der große Sammetmantel prächtig kleiden wird ... und die goldene Krone! Das Erobern von Weltteilen war ein leichtes Stück. Er war zwar kaum dreizehn Jahre alt, und es konnte ihm einer zuvorkommen, während er durch den verräterischen Pennewip mit Deklination und Konjugation aufgehalten wurde. Und es mußten noch mehr Dinge gelernt werden, ehe man selbst von einem kleineren Lande König werden konnte. Auch mußte sein Taschengeld eine Aufbesserung erfahren, denn sechs Deut die Woche reichten bei aller Sparsamkeit nicht aus. Die Hallemännchen ... na ja, die hatten ja mehr, aber sie dachten zum Glück nicht an Afrika. Vorläufig fürchtete er diese Konkurrenz nicht, aber es konnten andere Kinder, die dem »Großsein« näher waren, auf die Idee kommen! Und dann: wie sollte er es machen, daß seine Mutter nicht brummte, wenn er auf seinen Zügen ins Binnenland einmal länger ausblieb, als es sich mit der Pieterseschen Hausordnung vertrug? Das waren alles so Bedenken. Aber es würde schon gehen. Was dann mit ihm und Femke in Afrika vor sich gehen würde, das würde später in hübschen Büchern mit farbigen Bildern zu lesen sein. Er sah sich schon auf seinem salomonischen Throne und Femke daneben. Sie war aber gar nicht stolz. Sie mochten es alle wissen, daß sie bloß ein Wäschermädchen gewesen war, alle, die da vor ihr knieten. Sie war Königin geworden, weil Walther sie lieb gehabt hatte. Und nun brauchten sie nicht mehr zu knien ... Bei besonderen Gelegenheiten, na ja, da mochte es angehen. Beispielsweise, wenn seine Mutter und Stoffel ihn besuchten. Die sollten wohl sehen, wie alle die Menschen ihn ehrten, ihn und sie, der sie so übel begegnet waren. Aber einmal war genug. Dann wollte er alles vergeben und ihnen ein großes Haus bauen, mit Regenfässern und Waschzubern. Auch für Pennewip würde er eine große Schule bauen, mit Tischen und Tintenfässern, Schreibheften und Landkarten von Europa und Tabellen von den neuen Maßen und Gewichten. Da konnte der alte Meister den ganzen Tag Unterricht geben, von morgens früh bis abends spät – ja die ganze Nacht durch. Eben wollte Walther das Rätsel lösen, wie zu gleicher Zeit Pennewip und die schwarze Jugend zufriedenzustellen wäre, als Leentje die Thür öffnete. Ohne es zu merken, hatte er die Wohnung erreicht und geklingelt. Ahnungslos fiel er in eine ganz andere Umgebung als die war, in der er sich seit einer halben Stunde bewegte. Er begriff kaum, was seine Mutter wollte, die ihn fragte, wie der Besuch abgelaufen war, und ob Jüffrau Laps mit seinem Predigtbericht zufrieden gewesen wäre. Predigt? Laps? Auf das Examen war er gar nicht vorbereitet. Er stotterte allerlei zusammen, zum Glück nicht von Afrika. Es schien indessen in der Zwischenzeit ein Umschwung in der Stimmung vorgefallen zu sein. Denn Stoffel sagte: »Siehst du, Mutter, was ich schon immer sagte. Dazu gehört was, um's der immer recht zu machen. Sie weiß immer alles besser ...« »So ist es,« antwortete die Mutter. »Sie ist verdreht und übergeschnappt, das sage ich! Nun sage du mal, Stoffel, ob man von so 'nem Kinde verlangen kann, es soll alles behalten, was der Pastor sagt. Das kann ich selber nicht. Und du auch nicht. Und Meister Pennewip auch nicht. Und ich sage, kein Mensch kann's. Und das von so 'nem Kinde zu verlangen! Sie will bloß den Professor spielen ... darum thut sie's!« Das war Stoffels Ansicht auch, und die Mutter wurde sehr beredt durch den Beifall. »Was die sich denkt!« fuhr sie fort. »Ob sie denkt, daß sie selber ein Pastor ist? Mit all ihren Bibelsprüchen! Und dann so ein Kind damit zu chikanieren, das eben noch krank gewesen ist! 's ist 'ne Schande! Was brauchst du dahin zu gehen? Du hast mit ihr nichts zu schaffen. Ich sage bloß immer ...« Hier fiel ihr ein, daß sie selbst Walther zu dem Besuch gezwungen hatte. Sie fiel sich daher selbst in die Rede mit der Ermahnung, nun endlich seine Sonntagshose auszuziehen. Und ihre Unzufriedenheit über die falsche Richtung, die ihre Rede eingeschlagen hatte, äußerte sich nun in einer ganz neuen soundsovielsten Leichenrede über Walthers letzten Anzug, für den so schwer gearbeitet werden mußte ... »Und dann das Kind eine ganze Stunde auf dem Trocknen sitzen zu lassen! Und sie hatte doch gesagt ...« Das konnte Walthers Gerechtigkeitsgefühl nicht zugeben. Es versicherte, daß im Gegenteil ... und da kam ihm wieder die übermäßige Freundlichkeit in die Quere – aus Verlegenheit breitete er sich ausführlich über die Chokolade aus ... »So. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Na, 's ist egal. Ich wollte bloß sagen: Das fehlte bloß noch, daß sie dir nichts vorgesetzt hätte. So sind die Menschen. Immer müssen sie an anderen nörgeln, nach sich selber sehen sie nicht. Ich glaube auch an die Gnade, und ich hör' auch mal gern was aus der Schrift, wenn ich meine Wirtschaft besorgt habe ... aber ewig und immerzu davon schwatzen? Nein, darin sitzt es nicht. Wie, Stoffel? Der Mensch muß was thun in der Welt! Und zieh doch endlich die neue Hose aus, Walther, das hab' ich nun schon hundertmal gesagt ... Trude, gieb ihm die alte!« So geschah es. Aber Walther gelobte sich, in Afrika würde er alle Tage seine Sonntagshose anziehen. Unser Held stattet wieder einen Besuch ab und wohnt schrecklichen Schauspielen bei. Am folgenden Tage zog Walther die Klingel am Hause des Doktors. Sein Herzchen zitterte, denn das Haus sah gewaltig vornehm aus. Er wurde eingelassen, und, nachdem er angemeldet worden war, eingeladen, »er solle nur heraufkommen.« Doktors Kaatje führte Walther in das »Studierzimmer,« wo Doktor Halsma damit beschäftigt war, eine natürliche Vaterpflicht zu erfüllen; er unterrichtete seine Kinder. Es waren drei: Ein Knabe, etwas älter als unser Walther, saß allein in einer Ecke an einem kleinen Tischchen und schrieb oder rechnete. Die beiden anderen, ein Knabe von Walthers Jahren, und ein Mädchen, das ein paar Jahre jünger schien, standen am Tische, vor dem der Doktor saß und auf dem ein großer Erdglobus stand, offenbar der Gegenstand des Unterrichts. Das verstand Walther erst später, denn er hatte, so viel ihm bewußt war, nie einen so großen Ball gesehen. Er wußte nicht, daß es eine andere Art gab, die Lage von Ländern klar zu machen, als durch Karten. So bemerkte er noch allerlei im Zimmer, was er wohl sah, was ihm aber erst später klar wurde. Als das Mädchen die Thür des Zimmers öffnete, hörte er die Stimmen der Kinder und auch die des Vaters. Er vernahm sogar Lachen, aber als er eintrat, wurde wie mit einem Zauberschlage alles totenstill. Die beiden Kinder an dem großen Tisch standen wie Soldaten. Es war etwas Komisches in ihrer Haltung, und Walther hätte darüber lachen können, wenn er nicht so verlegen gewesen wäre. Sogar das Mädchen hatte einen Zug von offiziellem Ernst in ihrem Gesicht ... würdevoller als er es je bei älteren Leuten, selbst in der Kirche, gesehen hatte. Während der Doktor Walther bewillkommnete und ihm einen Stuhl anbot, stand der kleine Junge mit der Hand an der Hosennaht, als sollte es heißen: eingerückt – marsch! oder rechtsum – kehrt! Der größere Knabe, der allein saß, hatte bloß einmal aufgesehen und ihn mit dem eigenartigen feindseligen Ausdruck angeblickt, der den Menschen so ungünstig von anderen Tierarten unterscheidet, und den wir vor allem bei Wilden, Kindern und – Frauen beobachten können. »So, mein Bursche, bist du da?« sagte der Doktor. »Das ist brav von dir. Was hast du da?« Und dann wandte er sich zu den kleinen Soldaten: »Erinnert mich nachher, daß ich euch bei Tisch von Olivier van Noort etwas erzähle. Du, Willem, kannst auch dran denken helfen.« Walther schielte verlegen auf seine ausgetuschte Lady Macbeth und wußte nicht recht, wie er sein Geschenk an den Mann bringen sollte. Er fand das Zimmer so prächtig, die Möbel, die großen Schränke mit Büchern... ach, sein Gemälde kam ihm so häßlich vor, er hätte das Ding am liebsten verschluckt. Zu Hause hatten sie ihm allerlei gute Lehren eingetrichtert, wie er stehen, sitzen und sprechen sollte. Er stand also recht linkisch da und sprach stotternd. Mit großer Anstrengung brachte er es heraus, daß er käme, um sich bei dem Doktor zu bedanken »für seine Genesung ... nächst Gott.« Die beiden Soldaten bissen sich auf die Lippen, und auch der Doktor hatte Mühe, ernst zu bleiben. »Nächst Gott? Ja... schön! Brav gesprochen, Kerlchen. Hast du Gott schon gedankt?« »Gewiß, M'neer! Alle Abend im Bett und gestern in der Kirche.« Die kleine Sietske wurde hier von einem Ausbruch von Unart befallen. Sie lachte aus vollem Halse. Das drohte ansteckend zu werden. Willem schien Grund zu haben, sich die Nase stärker zu schneuzen, als üblich ist. Auch Hermann bekam Leben und sah Walther schalkhaft an. Aber der Doktor schien keinen Gefallen an alledem zu finden. Er schlug mit dem Lineal auf den Tisch, daß die Erdkugel zitterte. »Rrrruhe!« rief er mit Donnerstimme, daß Walther ängstlich wurde. »Rrrruhe! Was ist das für eine Samojedenwirtschaft beim Unterricht! Ich will euch...Orrrdnung!« Da fing eine Uhr an zu schlagen. Sietske schien zu zählen und hob bei jedem Schlage einen Finger auf. »Ich will euch ...«. »Fünf!« schrie Sietske. »Meine Hand ist alle, guck mal: fünf! Fünf Uhr, Väterchen, Tyrannchen! Hurra ... Hurra!« Die beiden Jungen schrien sofort mit. Es war ein Quodlibet von »Gaudeamus igitur« und »Vive la joie« und »God save the King« ... vorwärts, Jungens! Vive la vacance ! Willelmus von Nassauen ... mit dem Ellbogen durch seinen Hut! Vorwärts, Willem! Vorwärts, Hermann! Rache, Rache, Rache! A bas les tyrans! Amour sacré – faß ihn fest, Willem, du bist der Stärkste – de la patrie ... de Heer van Son is 'n brave kapitein, hij regeert zijn volkje ... daar ging 'n patertje langs den kant ... Rache! So, so, wie ich dich liebe – Rache, Rache, Rache! Halt dich wacker, Hermann. Ich hab ihn an der linken Hand ... io vivat, io vivat ... bum bum bum ... hurra! Dans son bivouac, le troubadour fidèle ... Rache! Fleur du Tage ... Rache! Oh, shall he, boys, oh shall he, boys oh, shall he ... Rache! Pro salute horum – kein Latein (das rief Sietske) – hop maar Jannetje, hop maar Jannetje ... Rache!« Walther rieb sich die Augen und traute seinen Ohren nicht. Das ging über seinen Verstand. Niemals hatte er träumen können, daß die Welt Schauspiele lieferte wie dieses. Von Zauberei hatte er wohl schon gehört, und daß Elias im feurigen Wagen gen Himmel fuhr, kam ihm nach einigem Bibelstudium nicht so sehr auffallend vor. Aber daß Willem, Hermann und Sietske ihrem Vater, so einem würdevollen Doktor, um den Hals fielen, an ihm in die Höhe kletterten und ihm beinahe die Kleider vom Leibe rissen – unerhört. Er hätte mit einem alten Pantoffel seiner Mutter nicht so umzugehen gewagt, oder mit Stoffels abgelegten Kleidern. Er wunderte sich, daß die Welt nicht unterging. »Na, na, na!« rief der entthronte Tyrann, »ein bißchen sanfter, Jungs! Kann ich dafür, daß euch die Geographie keinen Spaß macht?« »Trag das liebe Töchterchen vor den Spiegel, Papa!« rief jetzt Sietske, die rittlings auf seinen Schultern saß. Der Vater gehorchte. Aber er hinkte, denn Hermann hatte sich auf seinen linken Fuß gesetzt und umarmte den Schenkel. Willem zog ihn am Arme vorwärts. Vor dem Spiegel angekommen, fing die kleine Amazone zu deklamieren und zu gestikulieren an: »O teures Afrika!« Walther erschrak. Da faßte man wirklich seinen Weltteil an, sein Afrika. Und sie schien sich nichts daraus zu machen! »O Afrika, Sofala, Monomotapa, Monoemugi ... prachtvoll! Noch 'n Augenblick, Papa, teurer Schultyrann – halt fest, Willem! Ich will ganz Afrika dem Spiegel erzählen und sehen, was ich für ein Gesicht mache. Mesopotamien, Mesopomomo ... Mund voll, famos! Nigritien – bleib stehen, Papa, ich bin noch nicht halb fertig, »Willem, hilf mir, mein Pferdchen trappelt so ... hüh, hüh! Äthiopien – Hermann, halt ihn an den Füßen fest – nicht kitzeln, sonst fall' ich – Marokko... Schiermonnikoog... hüh, hüh, Pferdchen ... Alexandrien, Sudan, Ägypten... Weesp, Rotterdam, Haarlemmermeer, Kolveniersburgwall – die Stunde ist aus, ich kann sagen, was ich will – Katzenellenbogen, Algiers, Kleopatra, Karl der Große – wer fängt mich auf?« »Ich!« rief Willem. Sietske strampelte in die Höhe, bis sie auf des Doktors Schultern stand, und sprang dann auf Willem zu, der sie geschickt auffing und niedersetzte. »Uff!« rief der Doktor. »Uff, uff, uff? O, teurer Vater, wir sind noch lange nicht beim Uff! Zwei volle Stunden Unterricht, und dann gleich Uff? O nein, teuerster Tyrann von Monomotapapa, ein braves Kind hat auch sein Recht. 'S ist 'ne wahre Schande ... sag's weiter, Hermann...« »'ne wahre Schande... nun du, Willem!« »'s ist 'ne wahre Schande, meine Herren, wie afrikanisch miserabel heutzutage die europäischen Väter ihre niederländischen Kinder behandeln.« »Weg mit den Eltern! Mitrufen, Papa!« »Weg, weg, weg mit ...« » ... mit den Kindern,« brummte der Papa dazwischen. Aber Sietske ertappte ihn dabei. »Was muß ich hören, Sakkerlot! Orrrdnung, Orrrdnung! Was ist das für eine Samojedenwirtschaft ... nach der Stunde!« »Sehr richtig!« schrien die Jungens. »Orrrdnung nach der Stunde! Das ist Ordnung!« »Und ... was seh' ich da!« rief Sietske. »Wer hat das schöne, neue, prächtige, himmlische, entzückende Lineal kaput gemacht? 'ne Säge, 'ne Säge, Papas unschuldiges Lineal ist 'ne Säge! O die Väter, die Väter! Rufe mit: es leben die Kinder!« »Ja. ja... aus voller Brust, Papa!« »Leben die lieben ...Papas!« rief der Vater, und er wurde für diesen Aufruhrschrei wieder tüchtig gestraft. »Wenn ich mal Vater bin, werde ich mich anders betragen!« sagte Hermann. »Ich auch!« versprach Sietske. »Nie, nie, nie mehr als eine halbe Stunde Schule im Jahrhundert. Nie, nie. Sofala, Monomotapapa... vorwärts, teuerster Vater, ruf mit: es leben die Kinder! Sonst ...« »Leben die ...« Wieder ertönte die Glocke. Ein Schlag. Jetzt erhob der Vater den Finger. »Halt! Die Saturnalie ist vorbei. Kommt alle mit – du auch, Bursche – Mama wartet auf uns mit dem Essen.« Willem nahm Sietske auf den Rücken, und Hermann bestieg den Papa. So ritt die Familie die Treppe hinunter. Walther ging hinterher, aber Lady Macbeth verschwand, zusammengedrückt, in seiner Brusttasche. Er wußte nicht, wie ihm war. War das derselbe Mann, der ... Bärenfelle? Goldene Feder? Aber wie war das möglich? Es war doch kein Traum, daß er und alle die Seinen so zu der betäubenden Würde dieses Mannes emporgeschaut hatten? Er begriff nichts davon. Im Speisezimmer herrschte wieder ein ganz anderer Ton wie vor und nach fünf in der Schule. »Stelle den jungen Herrn Mama vor,« sagte der Doktor. Er wandte sich an Willem. Aber Sietske sagte: »Vater, darf ich's thun?« Doktor Holsma nickte. Das kleine Mädchen nahm Walther würdevoll an der Hand und führte ihn zu der Dame, die an der gedeckten Tafel saß und Salat machte. »Mama, dies ist 'n junger Herr ... ach, ich muß deinen Namen wissen. Wie heißt du?« »Walther Pieterse.« »Das ist der junge Herr Walther Pieterse, der sich bei Papa bedanken kommt, weil er... krank gewesen ist, und der... der junge Herr bleibt zum Essen hier, Papa?« Der Doktor nickte wieder. »... und der hier zum Essen bleibt, Mama.« »Wenn Mama gestattet,« sagte der Vater. »Ja. wenn Mama gestattet.« Mevrouw Holsma wies Walther mit ein paar freundlichen Worten einen Stuhl an. Es war auch nötig. Walther kam alles fürstlich vor, und er war froh, daß er saß. Drei Viertel seiner kleinen Figur war nun unter dem Tische geborgen. Das war ebenso viel gewonnen. Beinahe alles, was er sah und hörte, setzte ihn in Erstaunen. Er faltete die Hände. »Willst du beten. Männchen?« fragte der Doktor. »Ja, M'neer,« stammelte Walther. »Eine gute Gewohnheit. Nur zu! Thust du das immer bei Tische?« »Ja, immer ... bei warmem Essen, M'neer!« Es herrschte Sitte in dem Hause. Keiner lachte. »So bete nur ruhig!« Den Augenblick, daß Walther den Blick gesenkt hielt, benutzte der Doktor, um ohne ein Wort seine Kinder zur Artigkeit zu ermahnen. Sie befolgten diesen Wink treulich. Es war ihre Schuld nicht, wenn Walther später merkte, daß er in diesem Kreise eine sonderbare Figur gemacht hatte. »Du thust wohl daran,« sagte Holma. »Wir thun's nicht, und ... wir thun vielleicht auch wohl daran.« »Gewiß,« sagte die Mutter, »jeder muß nach seiner Überzeugung handeln.« Dies einfache Wort berührte Walther tiefer, als man ahnen konnte. Er – eine Überzeugung! Dies kurze Wort der Mevrouw Holsma billigte ihm eine Würde zu, legte ihm ein Gewicht bei und gab ihm ein Recht, an das er nie gedacht hatte. Während er die Suppe aß, dachte er fortwährend: ich darf eine Überzeugung haben! Es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß eine Sache anders aufgefaßt werden konnte, als es ihm durch seine Mutter oder durch Stoffel, oder wen immer – vorausgesetzt natürlich eine erwachsene Person – hingestellt wurde. Die ganze Frage des Betens oder Nichtbetens kam ihm nicht so wichtig vor, wie diese Neuigkeit, daß er eine Überzeugung haben konnte. Sein Herzchen schwoll ... Der Doktor, der ein Menschenkenner war, rief Walther aus seinen Gedanken zurück. »Jeder muß nach seiner Überzeugung handeln. Und um zu einer Überzeugung zu kommen, muß man viel nachgedacht haben. Ich bin überzeugt, daß unser kleiner Gast gern von den Zuckererbsen da wird essen wollen. Sietske, reiche sie ihm.« Sietske that es mit vieler Grazie. Walther hatte den Sinn von Holsmas Worten, auch diesen Übergang, gut begriffen. Er fühlte, daß die Schulmeisterei nach fünf Uhr ohne Gnade zur Seite gestellt war, und daß der freundliche Gastgeber ihn bloß vor kritikloser Besserwisserei hatte warnen wollen, ohne damit den gemütlichen Ton zu opfern, der in der That hier bei Tische herrschte. Trotz seines scheuen Wesens nämlich, oder lieber gerade im Zusammenhang mit dieser Eigenschaft, war Walther ein sehr intelligenter Knabe. Daß dies beinahe allen, mit denen er bisher in Berührung gekommen war, unbekannt geblieben war, lag in dem Mangel an Selbstvertrauen, der ihn hinderte, sich offen auszusprechen. Es sah meist so aus, als ob er später als andere begriffe, weil er – vielleicht feiner organisiert oder von größeren Ansprüchen an seine Erkenntnis – nicht so schnell mit dem Resultat seines Nachdenkens zufriedengestellt war. Während seiner Krankheit hatte Holsma diese Eigenart des Knaben kennen gelernt, und hieraus floß das Interesse, das er ihm bezeugte. Walthers scheues Wesen war zum Teil eine Folge der Methode, nach der man ihm die wenigen Kenntnisse, die er besaß, mitgeteilt hatte. Alles, was man ihn lehrte, war bereits in den Augen des Sprechers eine unumstößliche Sache gewesen. Zweimal zwei ist ... so viel, Prinz Soundso ist ein Held, artige Kinder kommen in den Himmel, Gott ist groß, die Bataver sind besonders tapfer, den wahren Glauben giebt es in der Noorder-Kirche u. s. w. u. s. w. Daß es Zweifel geben konnte, war ihm nie gesagt worden, und er hielt daher seinen Wunsch, mehr von den Dingen zu erfahren, für unangemessen und unrecht. Einigemal hatte er versucht, seiner Wißbegier Luft zu machen, aber es war ihm schlecht bekommen. In der Religionsstunde war sein Gerechtigkeitsgefühl über die böse Geschichte von Jakob und Esau gestrauchelt. Er fühlte einen Augenblick beinahe den Mut, etwas aus dem Lebenswandel des angehenden Erzvaters abzulehnen, und er begann schon ein bescheidenes Wörtchen ... aber der Pfarrer antwortete ihm mit Verweisen. »Solche Fragen paßten sich nicht für ein Kind!« hieß es. Walther sollte doch bedenken, daß der Herr aus diesem Stamme hervorgehen sollte, und daß also die Linsengeschichte vollkommen in Ordnung war. »Der Mensch darf nicht verstockt sein.« Der arme Junge betete den Abend wohl eine Stunde lang, daß Gott ihn nicht so sehr verstocken solle. Und es half. So ging es mit allem. Aus frommem Abscheu vor der Verstocktheit beruhigte er sich bei allem, was ihm gesagt wurde. Da er indessen die ihm gegebenen Vorstellungen nicht verdauen konnte, wurde seine Seele damit nicht genährt. Er sprach, auch innerlich, alles, was ihm vorgepredigt wurde, geläufig nach und verwies sich selber seine Unzufriedenheit als etwas Undankbares und als einen Rest der alten Verstocktheit, die Gott ihm nicht so auf einmal abnehmen konnte. Es scheint sonderbar, daß er nicht an die Möglichkeit begründeten Zweifels dachte, Er wußte ja, daß Tausende und Millionen Menschen anderer Meinung waren als seine Mutter und Pennewip, und daß also die Möglichkeit bestehen konnte eine Wahl zwischen verschiedenen Meinungen zu treffen. Daran dachte Walther nicht. Das war thöricht, beschränkt und kindisch, gewiß – aber es geht dem ganzen Menschengeschlecht so. Walther war scheu und linkisch. Nach allen den sonderbaren Ereignissen im Studierzimmer war er ja wohl auf allerlei Ungewohntes gefaßt, aber daß Willem und Hermann, ja sogar die kleine Sietske sich so ohne weiteres auf ihre Teller nehmen durften, was sie wollten, das wunderte ihn mehr als die Luftreise des Elias. Bei Genoveva in der famosen Wildnis, ja in Afrika konnte es nicht freier und gemütlicher zugehen. Er war ganz überrascht von so viel Ungewohntem. In der That, überrascht und ganz weg – und so sehr, daß er, als seine Nachbarin ihm beim Nachtisch eine Schüssel mit Creme herüberreichte... Es ist geschehen, ihr Götter! Und... ich muß es erzählen! Könnte ich nun doch, wie manch alter Chronikenschreiber, die Schuld auf geheime Ratgeber werfen, »die das rieten und nicht wohl dran thaten.« Ach! welcher geheime Hofrat der Welt konnte Walther geraten haben, den Porzellanlöffel über den Rand der Schale zu schwenken und das Ding – es war noch etwas von der Speise dran, wahrhaftig! – in Sietskes Schoß fallen zu lassen. Er that es, er! O, wie traurig! Schon begann er sich ein wenig auf seinem Stuhl in die Höhe zu schieben. Noch ein Augenblick, dann würde er wirklich gesessen haben. Vielleicht hätte er auch bald etwas gesagt. Es war ihm ein Land von Afrika in den Sinn gekommen, das Sietske vorhin vergessen hatte. Nicht um als klüger zu gelten, hatte er es sagen wollen, aber doch um etwas weniger dumm zu scheinen, als er gewiß aussah. Aber jetzt – nach dieser elenden Löffelgeschichte! Alles das stürmte auf ihn ein. Bevor er noch zu der Frage gekommen war, wie man seine Ungeschicklichkeit aufnähme, ja sofort nach der Katastrophe begann Sietske, als ob es so sein müßte: »Papa wollte etwas von Olivier van Noort erzählen.« Sie stand auf, wischte ihr Röckchen ab und reichte Walther einen anderen Löffel, den sie vom Büffett nahm. »Ja, Papa, Olivier van Noort! Papa hat's versprochen.« Und alle mahnten um die Geschichte. Auch Mevrouw Holsma hatte viel Interesse dafür. Walther merkte, daß man, die Erinnerung an sein Unglückchen unter Gespräch verstecken wollte. Das rührte ihn. Er war so etwas nicht gewöhnt. Als Sietske wieder Platz genommen hatte, sah sie, daß eine Thräne über seine Wange rollte. »Mama, ich hab' einen silbernen Löffel genommen. Das ist doch ebenso gut? So'n porzellanenes Ding ist topfschwer! Ich habe ihn schon dreimal fallen lassen, und Hermann wird auch nicht mit fertig.« Die Mutter nickte ihr freundlich zu. »Wie steht's mit Olivier van Noort?« »Ich traue mich nicht. Ihr sagt wieder, ich fange mit Geographie an.« »Pfui, Papa, bei Tische!« »Ja, ja,« sagte die Mutter, »ich hab's schon gemerkt, daß die Saturnalie Montags, Mittwochs und Freitags immer schlimmer ist. Das Haus dröhnt ja nach der Geographie.« »Eine Viertelstunde ist zu lange,« seufzte Holsma. »Alte Rechte. Papa,« sagte Willem. »Na ja. Aber als es eingeführt wurde, warst du allein. Da ging's noch. Du bist eigentlich der Urheber der Barbarei. Wie Hermann zur Stunde kam ...« »So ein Kerlchen warst du da,« zeigte Willem, »du wußtest nicht A und nicht B.« »Ist nicht wahr. Mutter hatte mich lesen gelehrt. Mama, willst du die Hälfte abhaben? Ich habe hier die schönste Aprikose der ganzen Schale ... ganz zufällig, ja! Nimm sie nur!« »Weil ich dir Lesen beigebracht habe?« »Olivier van Noort!« »Lesen! hm!« brummte der Vater. »Als ob du lesen könntest! So ein eingebildetes Bürschchen!« Man hörte die Klingel an der Hausthür. Gleich darauf kam ein Herr ins Zimmer, der von den Kindern recht freundlich als Onkel Sybrand begrüßt wurde. Der Hausherr lud jetzt die ganze Familie in den Garten und schickte Hermann in das Studierzimmer, ein Buch zu holen. »Aber Junge, schlag' nun nicht heimtückisch den Globus entzwei. Das arme Ding kann nichts dafür!« Und nun kam die Geschichte von Admiral Olivier de Noort und dem armen Viceadmiral Jan Claesz van Ilpendam, den sie 1599 in der Magellanstraße ans Land gesetzt haben, weil er den Gehorsam verweigerte ... eine Geschichte, über die die ganze Familie Holsma mitsamt ihren Gästen sich recht ausführlich und in lebhafter Wechselrede unterhielt ... Ophelia kommt zu hohen Ehren, und eine Liebeserklärung kommt zu einem seltsamen Ende. Die Schule und das Leben Berufswahl. Wenn der Leser an Effekt-Romane gewöhnt ist, wird es ihn gewiß befremden zu vernehmen, daß Walthers Besuch bei der Familie Holsma auf seine geistige Entwicklung großen Einfluß ausübte. Nicht sofort, aber es war ein Keim gelegt, der nicht erstickt werden konnte. Er sah nun doch, daß ein selbständiges Denken möglich war, wenn er sich auch den Genuß noch nicht gönnte. Und daß es andere Meinungen gab als die in seiner Umgebung, diese Erkenntnis war ein großer Fortschritt. Vor allem drückte ihn sein Mangel an Kenntnissen. Jene Kinder wußten viel mehr als er, und das betrübte ihn. Sie hatten von einem gesprochen, der sich vor Fußstapfen erschrak. Wer war das? Der arme Junge hatte nie von Defoes Einsiedler gehört. Er fragte Stoffel. »Fußstapfen? Fußstapfen? Ja, du mußt mir sagen, welche Fußstapfen? Fußstapfen von wem, meine ich. Man muß immer Namen nennen, wenn man zu fragen hat.« »Ganz recht,« sagte die Mutter, »wenn du was wissen willst, mußt du Namen nennen. Und Mevrouw machte den Salat selber zurecht? Das finde ich sonderbar. Na, das Mädchen wird ausgewesen sein.« Von den Sonderbarkeiten, die auf kein günstiges Urteil zu rechnen hatten, war er still gewesen. Kein Wort von der Saturnalie! Nichts von dem unterlassenen Beten bei warmem Essen! Auch verschwieg er die Freiheit, mit der die Kinder sich bewegten und mit der sie am Gespräch teilnahmen. Es war vielleicht eine überflüssige Vorsicht: Bärenfellen verzeiht man viel. Jüffrau Pieterse fragte wiederholt, ob er auch »anständig« gewesen wäre. Walther sagte ja, ohne recht zu wissen, was sie meinte. Die Geschichte mit dem Löffel? War das unanständig gewesen? Er wollte diese Entscheidung lieber nicht seiner Mutter überlassen. Aber nett war es von Sietske doch gewesen ... er hätte es auch gethan. Er erfuhr, daß der Tag nahte, da seine Abwesenheit von Pennewips Schule ein Ende nehmen sollte. Mehr denn je fühlte er, daß diese Quelle der Weisheit nicht genügend war. An Widerstand war jedoch nicht zu denken. Er war unzufrieden mit sich selbst, mit allem! »Aus mir wird nie was Rechtes!« seufzte er. Seine Lady Macbeth kam ihm häßlicher vor als jemals. Er zerriß sie. Und Ophelia? O Himmel! den ganzen Tag hatte er nicht an Femke gedacht. Das kam ihm sehr schlecht vor. Etwa, weil sie bloß ein Wäschermädchen war und die Doktorkinder viel vornehmer? Er nahm die erste Gelegenheit wahr, um seine Schuld loszuwerden. Denn eine Schuld war es, das fühlte er, und dies Gefühl gab ihm Mut. Mit seiner ausgetuschten Zeichnung in der Hand, trat er diesmal mutig an den wohlbekannten Zaun und klopfte an die Thür. Sein Herz pochte sehr, aber er mußte! Auf einmal stand er vor dem Mädchen. Die Herzensdame unseres Helden stopfte gerade Strümpfe. Es ist hart für den Schreiber, aber Walther machte sich nichts draus. »Ah!« rief sie aus und reichte ihm die Hand. »'s ist der junge Herr von damals,« sagte sie zu ihrer Mutter, für den Fall, daß sie sich nicht mehr erinnerte. »Der kleine Junge, der so krank gewesen ist. Und wie geht's jetzt? Du siehst blaß aus.« »Setz dich, mein Junge. Ja, du siehst blaß aus. Gewiß von den Würmern.« »Nicht doch, Mutter. Das Kind hat's Nervenfieber gehabt.« »Na ja, Fieber. Ich will bloß sagen, daß es auch von den Würmern sein könnte. Gieb'm 'n Täßchen, Femke, und schenk'm ein. Kaffee kannst du wohl trinken. Sonst, wenn's von den Würmern ist ...« Die Würmer der Frau Claus waren Walther mehr im Wege als ihre Strümpfe. »Wo läßt deine Mutter waschen?« fragte sie. »Nicht, daß ich jemand rausbeißen will, bewahre, nee! ... aber wenn sie mit ihrer Waschfrau nicht zufrieden ist... 's kommt vor, verstehst du. Na, jeder ist sich selbst der Nächste, und ich empfehl' mich. Wenn Tintenflecke sind, die macht Femke raus, mit Kleesalz, weißt du. Und 's kommt nie 'n Stück weg ... ja, einmal ist's passiert, ein paar Stulpen, die haben wir ersetzt ... frag' Femke.« Er hatte Femke eigentlich etwas anderes fragen wollen. Und sie verstand das wohl. Die Geschichte Aztalpas hatte ihre Spuren hinterlassen. Aber es ging Femke wie Walther mit seiner Umgebung. Sie konnte auch nicht sagen: Mutter, sprich doch peruanischer! Sie fragte also, was die Rolle in seiner Hand bedeutete. Etwas verwirrt brachte Walther heraus, daß es ein Geschenk für sie war. Femke sagte, sie würde das Bild stets bewahren. »Ja,« sagte die Mutter, »und die Kniffe mußt du ausplätten. Plätten thun wir auch, Jungchen. Wir bringen die Wäsche fix und fertig ins Haus, und keiner hat zu klagen. Kannst's deiner Mutter sagen. Da dein Kragen ... der ist nicht gut geplättet. Ist auch lodderig geblaut ... frag' nur Femke. Femke, ist's nicht streifig?« Sieh da – sein Kragen lodderig geplättet? und streifig? Und das hatte die überkluge Petro gemacht. Auch hier Unterschiede in Auffassung und Methode? Und auch darin war die Tradition des Pieterseschen Hauses nicht alleinseligmachend? Aber Femke saß auf Kohlen. Sie dachte nach, wer Ophelia war, und machte Versuche zu einem anderen Gespräch. Endlich schlug sie einen Weg vor. Es müßte durchaus etwas besorgt werden, sagte sie, und »der junge Herr könnte sie ein Endchen begleiten.« »Meinetwegen,« sagte die Mutter. Das junge Paar zog ab. Femkes Besorgungen schienen wenig Eile zu haben. Sie schlug mit Walther einen der Wege ein, die in der Umgebung Amsterdams schlechthin »die Wege« genannt werden und die auch weiter nichts sind. Wer da spazieren geht, muß schon eine Menge von Eindrücken mitbringen, um sich nicht zu langweilen. Nun, daran mangelte es nicht. Walther hatte Femke so viel zu sagen, daß er fast nicht sprechen konnte. Und auch sie hatte mehr an ihn gedacht, als sie selbst sich eingestehen wollte, und mehr, als er ahnen konnte. Sie begann damit, daß sie ihrer Mutter von dem unfreundlichen Empfange bei den Seinen nichts erzählt habe, weil sie nicht wollte, daß ihre Mutter ... »O, Femke, du dachtest also daran, daß ich kommen würde?« »Ja.« sagte sie stockend, aber doch mit einer Schnelligkeit, die Walther in Entzücken versetzte. »Ja, ich dachte wohl, dich wiederzusehen. Und ich habe eine Messe für deine Genesung lesen lassen,« »Wirklich?« fragte Walther, der kaum wußte, was das bedeutete. »Das hast du für mich gethan?« »Ja, und gebetet auch. Ich wäre sehr traurig gewesen, wenn du gestorben wärst. Denn ich glaube, daß du ein guter Junge bist.« »Ach, ich hätte früher kommen sollen! Und ich wollte auch, aber ... Femke, ich traute mich nicht.« Er erzählte, wie er am Sonntag in ihrer Nähe gewesen war. Das Mädchen schrieb seine Schüchternheit der Scheu vor ihrer Mutter zu. »Weißt du, meine Mutter ist eine sehr gute Frau. Sie thut keinem Menschen etwas Böses, aber ... du verstehst wohl. Sie kommt nicht viel unter Menschen. Ich komme besser in der Welt zurecht, weil ich Kindermädchen gewesen bin, so drei Wochen lang. Zur Aushilfe, weißt du, für ein wirkliches Kindermädchen war ich noch zu jung, 's war bei 'ner Verwandten von uns, wo das Mädchen krank war, denn wir sind eigentlich von besserer Familie. Aber das macht ja nichts. Sag' mir lieber, bist du nun wieder ganz gesund?« Walther erzählte nun von seiner Krankheit, und bald kam er unwillkürlich auf die Sache, die ihn am meisten quälte, seine mangelhaften Kenntnisse. »Alle Kinder verstehen französisch, aber auf unserer Schule wird's nicht gelernt. Und wer kein Französisch versteht, kann niemals ein großer Mann werden.« »O, das glaub' ich nicht. Der Kaufmann in der Molstraat hat drei Häuser, und ich weiß gewiß, daß er kein Wort Französisch versteht.« Walther hatte Mühe, ihr auseinanderzusetzen, daß er etwas anderes meinte als den Besitz von drei Häusern, wenn ihm das auch nicht gerade schlecht schien. »Ich möchte gern ... verstehst du ... so gern .. ja, wie soll ich sagen? Ich möchte ...« Die afrikanische Herrschaft schwebte ihm auf der Zunge. Aber er hatte nicht den Mut, seine Träume in Worten auszudrücken. »Du weißt, Femke, daß wir hier in Europa wohnen. Nun, da unten, im Süden, weit weg, weit ... ich will dir's aufzeichnen. Wir können uns hier ein bißchen hersetzen, dann will ich dir ganz genau erklären, was ich meine.« Er führte das Mädchen auf einen Stapel gesägter Planken, und dort nahmen sie Platz, nachdem er ein paar Zweige aufgelesen hatte, die ihm als Zeichenstift dienen sollten. Und nun malte er im Sande umher. »Das ist Europa. Die Erde ist rund ... das heißt, sie besteht aus zwei Hälften ... wie Pfannkuchen. Siehst du, 's sieht aus wie 'ne Brille. Na, mit der einen haben wir nichts zu thun, 's ist Amerika ... kannst ruhig den Fuß rausstellen. Hier wohnen wir ... da ist England ... und hier ist Afrika. Die Menschen da sind ... uncivilisiert. Sie können nicht lesen und tragen wenig Kleider. Wenn aber 'n Reisender kommt, behandeln sie ihn sehr freundlich ... 's steht im Buch. Da will ich hingehen und alle die Menschen lesen lehren, und ihnen Kleider geben und sorgen, daß im ganzen Lande kein Unrecht geschieht. Und dann wollen wir ...« »Ich auch?« fragte Femke erstaunt. »Na gewiß! Ich wollte dich fragen, ob du mitkommen willst. Wir werden Mann und Frau sein. Verstehst du, wenn ich König werde in dem Lande, dann wirst du ...« »Ich? Königin?« Sie lachte. Unwillkürlich aufstehend, zertrat sie alle die Königreiche, die ihr Walther eben zu Füßen gelegt hatte. »Aber – willst du denn nicht meine Frau werden?« »Aber nein, Junge! Ich weiß nicht, wo du den Unsinn her hast. Du bist doch noch ein Kind!« »Willst du dann warten, bis ich groß bin? Willst du mich zu deinem Freunde annehmen?« »Gewiß! Aber du mußt nicht an solchen Unsinn denken. Nicht, daß du später nicht sollst nach Afrika gehen. Warum nicht! Es gehen viele Menschen auf Reisen. Bei uns auf dem Weg wohnte früher 'n Zimmermann, der ist mit seiner ganzen Familie nach Haarlem. Aber ... heiraten!« Wieder lachte sie. Walther machte es Schmerz. Der arme Bursche traf es schlecht mit seiner ersten Liebeserklärung, Plötzlich wurde das Mädchen ernst. »Ich glaube, daß du 'n guter Junge bist, und ich halte viel von dir ...« »Und ich!« rief Walther, »Femke, ich habe immer an dich gedacht ... in meiner Krankheit ... wenn ich denken konnte. Denn ... im Fieber ... ich weiß nicht, an was ich im Fieber gedacht habe ... aber ich denke, 's wird an dich gewesen sein! Und mit dem Bilde, das ich für dich austuschte, hab' ich gesprochen, als ob du es wärst. Und das Bild antwortete und sah dir so ähnlich. Und dann hieß ich Kusco und Telasco und du warst Aztalpa, die Tochter der Sonne. Sag', Femke, darf ich dein Freund sein?« Das Mädchen dachte einen Augenblick nach, und sie fühlte wohl in ihrem unverdorbenen rein menschlichen Herzen den Trieb, etwas Gutes zu thun. War sich das siebzehnjährige Mädchen des Einflusses bewußt, den Walthers Kindesgemüt auf sie ausübte? Wohl kaum. Aber sie wollte ihm eine weniger kränkende Antwort geben. »Gewiß, gewiß sollst du mein Freund sein. Aber ... aber ...« Sie suchte einen Vorwand, ein Hindernis, das ihn nicht verwundete und doch auf den Altersunterschied zurückführte. Er war gewachsen in seiner Krankheit, gewiß ... aber doch ... sie hätte ihn auf den Arm nehmen können, ihn, der davon träumte, sie aus einer Feuersbrunst zu retten. »Mein Freund ... ja ... aber dann mußt du alles thun, was ich verlange.« »Alles, alles, alles! Sag' schnell, was ich für dich thun kann!« Es war für das Mädchen peinlich. Sie wußte nicht, was sie verlangen sollte. Aber sie war nun genötigt, etwas zu nennen. Also denn, sie hatte immer gehört, daß fleißig lernen für Kinder nützlich ist. Wenn sie ihn dazu anspornte? »Hör' mal, Walther, ich habe aus Spaß meiner Mutter erzählt, daß du der Beste in der Schule bist.« »Ich?« rief Walther ganz verblüfft. »Mach, daß du in drei Monaten der Erste in der Schule bist,« sagte Femke, die nicht wußte, was für ein Sarkasmus dem Welteroberer gegenüber in ihren Worten lag. »Siehst du, sonst könnte meine Mutter merken, daß ich über dich gespottet hätte, und das möchte ich nicht. Wenn du dafür sorgst, daß das geschieht ...« »Ich will es thun, Femke!« »Dann geh' also nach Hause und fange gleich an!« So schickte sie ihn weg. Beim Abschied fand sie plötzlich, daß er zu groß geworden war, um ihn zu küssen. Und als ein paar Stunden später Pater Jansen zu ihrer Mutter kam und so nebenbei die Zeichnung sah – er sagte, Ophelia bedeute auf holländisch so viel wie Flora, die in alten Zeiten die Schutzheilige von Rosen und Vergißmeinnicht gewesen wäre – da, da wurde in Femkes Augen Walther auf einmal wieder ein ganz kleines Kind. Daß er noch in der Wiege läge, konnte sie ja wohl nicht sagen, aber doch immerhin: »Ach, das Bildchen ist von einem kleinen Jungen, von einem ganz kleinen Jungen. Er wird so zehn Jahre alt sein, oder ... neun. Ja, älter als neun wird er gewiß nicht sein!« »Bist du närrisch, Mädchen!« rief die Mutter. »Der Junge ist fünfzehn!« »Ja, richtig, fünfzehn ... oder so. Ich will bloß sagen, daß er noch 'n Kind ist.« Sie steckte Ophelia in einen verborgenen Winkel. Frau Claus und Pater Jansen haben die neue Ausgabe der alten Blumengöttin nicht wieder gesehen. »Femke, ich will es thun!« hatte Walther gesagt. Es war wirklich Hoffnung, daß er nun etwas flotter lernte, nun Pennewips Schulweisheit Femkes Farben tragen sollte. Walther verstand wohl, daß sie mit dem verlangten Minnedienst eigentlich seinen eigenen Vorteil im Auge hatte. Aber auch diese Absicht war liebevoll – und wie hätte es ihm gestanden, wenn er nach allem Vorhergegangenen geantwortet hätte: Alles, bloß das nicht! Natürlich hätte er seiner Dame lieber in abenteuerlichen Fahrten gedient. Aber man kann sich die Heldenthaten nicht wählen. Auch Herkules und Sankt Georg hätten sich heutzutage mit Miniaturdrachen begnügen müssen. Jedenfalls, Walther packte seine Arbeit ernsthaft an. Er studierte seinen »Ippel«, seinen »Strabbe«, seine »Vaterländische Geschichte«, sogar die »Geschlechtsliste der Gegenstandswörter« und was sonst dazu gehört, um ein braver Niederländer zu werden. Und selbst das gab ihm etwas von der Poesie, um die ihn andere Herkulesse hätten beneiden können. Turniergeschichten hatte er noch nicht gelesen. Keine Zauberin gab ihm einen gefeiten Panzer. Keine Minerva heftete ihm das Medusenhaupt an den Schild ... nichts von alledem ... aber doch ... Schlachterskeesje konnte aufpassen! Zu Walthers Ehre muß ich sagen, daß er den Gegner ritterlich warnte. Und wirklich, nach drei Monaten war er der Erste in der Klasse. Pennewip selbst fühlte sich genötigt, einzusehen: »Es ist befremdend! Man könnte auch sagen: es ist ... verwunderlich, ja sogar in gewissem Sinne: beispiellos, oder ... ohne Beispiel!« Die Folge war zu Hause eine große Beratung über Walthers Zukunft. Schriftsetzer wollte er nicht werden, und auf die See – ihm hätte es wohl gepaßt, aber die Mutter mochte nichts davon wissen. Auch Stoffel hatte dagegen einzuwenden, daß man meist junge Leute zur See schicke, die zu Lande nichts getaugt hatten. So verflogen Walthers Welteroberungspläne. Er selbst hatte wieder keine Lust zu den glänzenden Laufbahnen, die man ihm vorschlug. Er wollte kein Schulmeister werden, kein Schuster, kein Advokatenschreiber, kein Apothekerjunge, kein Ladenschwengel ... Nach einem großen Rate, bei dem alle Autoritäten gehört worden waren, kam endlich Stoffel zu dem Beschlusse, »daß Walther besondere Anlagen für den Handel hatte.« Und Jüffrau Pieterse gab ihm darin vollkommen recht. Walther tritt in die wirkliche Welt. Die Firma Motto, Handel \& Co. Über die Technik des Romans und die Schnupftabaktöpfe der Römer. In einem gediegenen Geschäft wird ein junger Mensch (p. G.) von ehrbarer Familie gesucht. Bedingungen sind: Ehrlichkeit, gutes moralisches Betragen, und nicht unter fünfzehn Jahren. Bei Lust und Liebe zum Geschäft Aussicht auf Gehalt. Anständige Behandlung zugesichert. Bewerber wollen sich mit frankierten und selbstgeschriebenen Briefen unter dem Motto »Handel« melden bei dem Buch- und Kunsthändler E. Maaskamp, Nieuwendyk beim Dam zu Amsterdam, wo zu haben ist ...« Was für Kunstprodukte zu jener Zeit bei Maaskamp von der Presse kamen, weiß ich nicht mehr. Ich will auch darüber keine Vermutungen äußern, um den Leser nicht in chronologische Schwierigkeiten, betreffend den Zeitpunkt der Geschichte, zu verwickeln. Ich will mich an so etwas nicht binden. Wenn es mir, um Walthers Geschichte zu schreiben, in den Sinn kommen sollte, die Republik nach Ludwig und Willem I. vor die Republik zu setzen, ich würde es ohne Gewissensbeschwerden thun. Auch das »p. G.« in jener Anzeige macht mir keine Sorge. Ich weiß wohl, daß der »protestantische Glaube« als Bedingung für Dienstmädchen, Hausdiener und Lehrjungen erst nach der Blütezeit der Maaskampschen Bilderbogen eingeführt ist. Aber ich dekretiere kraft meiner poetischen Allmacht, daß das »p. G.« wirklich in der Anzeige stand, die das Interesse der Familie Pieterse in hohem Maße in Anspruch nahm. »Besser kann sich's gar nicht treffen,« sagte die Mutter. »Was sagst du, Stoffel?« »Ja. Mutter, besser kann sich's nicht treffen.« »Was mir besonders gefällt, ist die Bedingung: gutes Betragen.« »Gutes moralisches Betragen, Mutter.« »Ja, gutes moralisches Betragen ... hörst du, Walther? Ganz wie ich immer gesagt habe. Und Aussicht auf Gehalt. Wie findest du das, Stoffel?« »Ja, Mutter, aber ... er muß Lust und Liebe zum Geschäft haben.« »Siehst du, Walther, das mußt du haben. Lust und Liebe zum Geschäft. Hab' ich s nicht immer gesagt? Und ... sie verlangen: p. G. Das bist du, Gott sei Dank.« »Ja, Mutter, das ist er.« »Und Stoffel, wenn du nun den Brief schriebst. Was meinst du?« »Aber es steht ja da: selbstgeschrieben.« »Ganz richtig! Wenn du nun einen selbstgeschriebenen Brief schriebst, – es ist doch besser, als wenn so 'n Kind es thut!« Stoffel machte der Mutter nicht ohne Mühe begreiflich, daß es auf Walthers Eigenhändigkeit ankäme. Also wurde Walther an den Tisch gesetzt. »Ja ... was schreib' ich nun oben?« »Weißt du das wieder nicht? Ist doch ganz einfach. Du schreibst: Hochgeehrte Herren! Es steht doch da, daß es ein gediegenes Geschäft ist.« »Ja,« sagte die Mutter. »Und schreib' dazu, daß dein Vater auch 'n Geschäft hatte, 'n Geschäft, verstehst du. Wir verkauften Schuhe aus Paris. Sonst denken sie, daß er ein Schuhmacher gewesen ist.« »Und schreib', daß du der Erste in der Schule bist ...« »Und daß du protestantischen Glaubens bist...« »Und von gutem sittlichen Betragen ...« »Und daß du Lust und Liebe zur Sache hast. Siehst du, dann kriegst du vielleicht gleich Gehalt.« Endlich war das Ding fertig. Nun frankieren! Ging es nicht, wenn der junge Handelskandidat den Brief selber hintrug? Stoffel meinte auch, daß die hochgeehrten Herren »Motto: Handel« in diesem Falle wohl auf die Frankierung verzichten würden. »Aber sage es, wenn du Herrn Maaskamp siehst.« Mit schwerem Herzen machte sich Walther auf den Weg. Alle Menschen mußten ihm ja ansehen, daß er nun in die wirkliche Welt eintrat und im Begriff stand, den »Handel« sich unterthan zu machen. Die geringe Ansicht, die er von sich hatte, drückte ihn sehr. Er fand es unbescheiden, sich bei hochgeehrten Herren anzumelden, die gediegene Geschäfte hatten. Bei jeder Mannsperson, die ihm begegnete, und die nach etwas aussah, fragte er sich: ob dieser da wohl auch ein gediegenes Geschäft hat? Und nie fiel ihm die Frage ein, was denn eigentlich ein gediegenes Geschäft wäre. Na, er wird es ja bald erfahren. Stotternd entschuldigte er sich bei dem Ladenjüngling, daß der Brief nicht frankiert wäre. Der verstand ihn gar nicht und warf achtlos den Brief in einen Kasten, in dem schon ein paar Dutzend solcher Briefe auf die gnädige Entscheidung der Herren Motto, Handel \& Co. warteten. Auf weiteres Gerede ließ sich der junge Mann nicht ein. er hatte gerade mit grellfarbigen Türkenschlachten zu thun. Walther lief das Wasser im Munde zusammen nach so einer bunten Zeichnung griechischer Tapferkeit. Aber was half's? Er hatte kein Geld, und außerdem war er auf dem Wege zum Handel und nicht auf Heldenthaten aus. Später! dachte er. Zu Hause wurde er, wie gewöhnlich, wieder angebrummt. Seine Mutter behauptete, daß er gewiß nicht anständig genug in den Laden eingetreten wäre, sonst hätte ihm der junge Mann wohl freundlicher Antwort gegeben. Sie fürchtete, daß das bei der Beurteilung seines guten Betragens durch die Herren Motto, Handel \& Co. ins Gewicht fallen könnte. »Und was sagst du? es waren schon viel Briefe da? Siehst du, Stoffel, wenn er bloß nicht zu spät kommt! Was haben die Menschen sich so hastig zu melden? Jeder will der erste sein, Gott weiß, ob da nicht am Ende Katholische dabei sind, und ob auch alle auf das gute moralische Betragen geachtet haben. Ich sag's ja, so sind die Menschen!« Walther mußte noch einmal zu Maaskamp gehen und fragen, welches die Adresse der Firma wäre. Da könnte er sich dann gleich vorstellen, und die anderen bliesen durch den Kamm. Dies Vordrängen ging doch nicht, denn es war immer sehr die Frage, ob sie auch gehörig protestantisch waren und die vorgeschriebene Lust und Liebe hatten. Auch wollte Jüffrau Pieterse ihre Nase verwetten, daß keiner sich darauf berufen konnte, daß sein Vater Pariser Schuhe verkauft hätte ... »Sag' das den Herren! Dein Vater that keinen Stich. Er konnte es nicht mal. 'S ist bloß, daß wir beweisen, daß wir auch 'n Geschäft hatten, ein effektives Geschäft! Er nahm nie die Ahle zur Hand. Ist's wahr, Stoffel, oder nicht?« Die hochgeehrten Herren Motto, Handel \& Co. wohnten ... wo sie wohnten, weiß ich nicht, aber sie hatten auf dem Zeedyk einen Cigarren- und Tabaksladen gegründet, verbunden mit einer Leihbibliothek – wahrscheinlich nicht weit von der Stelle, wo sechs oder acht Jahrhunderte früher durch ein Paar Fischersleute »die größte Handelsstadt Europas« gegründet worden war. Walther fand einen von den hochgeehrten Herren in Hemdsärmeln hinter dem Ladentisch; er wog ein Paar Lot Schnupftabak ab, auf das ein altes Mütterchen wartete. Es wurde also wirklich da Handel getrieben. Walther hatte sich von einem gediegenen Geschäft eigentlich bisher keine rechte Vorstellung gemacht, und er war daher weit entfernt zu finden, daß der Schnupftabaksmann sich zu hoch betitelt habe. Ja, mit der eigenartigen Weichheit seines Gemüts machte er sich sogar Vorwürfe, daß er den Begriff »Handel« nicht früher gefaßt hatte. Jetzt wußte er es. Handel bedeutet: in Hemdsärmeln hinter dem Ladentisch Schnupftabak wiegen. Und noch dazu auf dem Zeedyk! Der Tabaksladen nahm bloß die halbe Breite des Hauses ein und stand durch eine Seitenthür in Verbindung mit der Leihbibliothek. Die Firma Motto, Handel \& Co. hatte ihr Geschäft auf zwei Industrien zugleich gegründet. Wer nicht rauchen oder schnupfen mochte, konnte Lektüre haben, und umgekehrt. Über den Fächern der Tabaks- und Schnupfhälfte stand die Versicherung, daß hier etwas »fabriziert« würde. Man schien also, ganz anders als bei Pieterses, hier der Ansicht zu sein, daß das Fabrizieren oder Zurechtmachen von etwas mehr bedeute als das Verkaufen. Lassen wir die Streitfrage unentschieden. Ob es wahr war, daß in diesem gediegenen Geschäft etwas fabriziert wurde? Eigentlich nicht, wenn wir die papierenen Tüten ausnehmen, die durch den jungen Mann protestantischen Glaubens, von gutem moralischen Betragen, mit Lust und Liebe zum Geschäft geklebt werden sollten. Die Ware, die da vorrätig war, betrug mit knapper Not die Jahresmiete, und die böse Welt auf dem Zeedyk behauptete sogar, daß die beiden blauporzellanenen Vasen, auf denen in altmodischer Schrift » Rappee « und » Zinking « zu lesen war, von einem Althändler in der Nachbarschaft geliehen waren. Der gute Mann kam alle Tage nachsehen! Der Laden war sehr klein und wurde hinten durch einen grünen Vorhang abgeschlossen, der den Kunden zu dem Verdacht bringen konnte, es stecke noch etwas dahinter. Und genau genommen, war es auch so. Da hing ein verwittertes Spiegelchen, zur Gesellschaft eines einsamen Stuhls – zur Zeit geziert mit der Jacke des hochgeehrten Herrn Motto – und eines halbrunden Tischchens, das gegen die Wand lehnte, und auf dem eine Pomadenbüchse einem Kamm Vorwürfe machte, daß er in seinen Jahren sich noch Hoffnung auf Zahnwechsel machte. Der Herr »Chef« Motto nämlich widmete die wenige Zeit, die ihm der »Handel« übrig ließ, gern der Verfeinerung seiner natürlichen Schönheit, und es war ihm gelungen, rechts und links von seinem Gesicht eine schöne Haarlocke zu entwickeln, auf die er viel Mühe und Fett verwendete, und die denn auch die Bewunderung aller weiblichen Wesen waren, die in den Laden kamen. »So, du willst hier in den Handel treten?« fragte Motto, nachdem er dem alten Weibchen noch eine Priese aus dem Topf zugegeben hatte. »Und was kannst du denn schon? Lesen, schreiben, rechnen, französisch ... wie? Und wer sind deine Eltern?« »Sie machten in Schuhen ... aus Paris, M'neer. Aber französisch kann ich nicht. Rechnen ja ... den ganzen Strabbe.« »So? Rechnen kannst du? Wie viel ist denn anderthalb Pietje?« Walther stotterte, daß er es nicht wüßte. So wird es wohl auch allen meinen Lesern gehen. »Das muß man doch wissen, wenn man rechnen will! Du weißt also nicht, was 'n Pietje ist? Und kennst du den Unterschied zwischen 'nem Sesthalf und 'm Schilling? Und zwischen Thalern und Achtundzwanzigern? Sieh ...« Der Herr Motto zog die Schublade und schien nach einem Thaler zu suchen, aber aus diesem oder jenem Grunde ließ, er sich an einem »Sesthalf« genügen. Er stellte Walthers Kenntnisse vom Handel auf die Probe, indem er ihn ersuchte, in Gedanken einen »Schilling« daneben zu legen und begründete Rechenschaft über den Unterschied zu geben. Das müßte man im Handel alles genau wissen und kennen, behauptete Motto. Ja, der Herr Motto hatte wohl recht. Es war damals in den Niederlanden schlimm bestellt mit den verschiedenen Geldsorten, schlimmer noch als in Deutschland. Und um die verschiedenen Geldstücke gehörig zu unterscheiden und miteinander zu verrechnen, dazu gehörte Studium. Gerade als man ein Gesetz in der Kammer vorhatte, die Kassierer nach genügendem Examen zu Doktoren der Numismatik zu ernennen, fand der Minister van Hall, daß man das sparen könnte, indem man die Münze vereinfachte. Er war infolgedessen sehr unbeliebt. In Walthers Jugendzeit war man noch nicht so weit. Der Gulden hatte zwanzig Stüber. Der holländische Reichsthaler hatte fünfzig Stüber, der zeelandsche zweiundvierzig. Der Thaler war anderthalb Gulden wert, und der Goldgulden wurde Achtundzwanziger genannt, nach der Zahl Stüber, die er betrug. Von Schrift und Rand und selbst von kreisförmigem Umriß war bei den meisten Stücken keine Spur mehr zu finden, was auf die Industrie der Fälscher und Kipper sehr günstig wirkte. Bei Abend war jede Zahlung ein gefährliches Wagstück. Außer diesen hatten wir noch Dreigulden, Dukatons von dreiundsechzig Stübern, die man gewöhnlich »Reiter« nannte, und noch mehr, deren ich mich nicht mehr recht erinnere. Zum Beweise, wie schwer es war, manche Geldsorten zu unterscheiden, will ich nur erwähnen, daß man sich genötigt sah, den sogenannten Achtundzwanziger, wenn er außergewöhnlich unkenntlich geworden war, noch mit einem besonderen Stempel oder »Poinçon« zu versehen, um sie von den »Thalern« zu unterscheiden. Die Pietjes – Unterabteilungen des zeelandschen Reichsthalers – waren immer krumm gebogen, um sie von den Kindern der holländischen Reichsthaler zu unterscheiden. Wer sich in dem Range und der Geltung der Fünfstüberstücke, der »Sesthalven« und der Schillinge von sechs Stübern, ferner der »Kwaart-Zeeuwen« und der »Dreizehnthalben« niemals irrte, war eine Art Gelehrter. Diese Rasse von unfehlbaren Kassierern wird jetzt wohl ausgestorben sein ... und – die Erde bewegt sich noch! Das war also für unseren Walther auch ein sehr schwieriges Gebiet. »Und französisch verstehst du auch nicht?« fragte der Herr Motto in nicht sehr ermutigendem Tone. »Ach nein!« »Und würden deine Eltern Kaution für dich stellen?« Walther verstand diese Frage nicht. »Kaution, verstehst du? Bürgschaft! Es ist viel Umsatz, und verstehst du, ich muß doch wissen, wem ich den Laden anvertrauen kann. Und ... verstehst du dänisch?« »Nein ... M'neer! »So! Dänisch auch nicht? 's ist bloß, weißt du, weil hier manchmal dänische Matrosen kommen und Tabak kaufen. In 'm Geschäft wie dies hier mußt du alle Sprachen kennen ... das ist die Hauptsache! Sonst bist du futsch! Griechen hab' ich auch schon hier gehabt ...« Walthers Herz sprang. Welche Heldenthaten mochten die wohl bei solchen Gelegenheiten ausführen! »Ja, Griechen auch. Aber sie waren besoffen und wollten 'n Priem Negerhaar für umsonst. Das giebt's nicht. Denn aufs Kleinste aufpassen ist die Hauptsache. Sonst bist du futsch, verstehst du? Ja, im Handel mußt du alle Sprachen kennen, sonst kannst du nicht Antwort stehen! Das ist die Hauptsache. Na, aber das wird noch gehen, wenn nur deine Eltern Kaution stellen können. Manchmal sind wohl zehn Gulden in der Kasse, weißt du, und im Handel muß der Mensch seine Sicherheit haben. Das ist die Hauptsache. Sonst bist du futsch, das begreifst du wohl selber.« »Mein Vater ist tot,« sagte Walther, als ob das die Kautionsstellung weniger nötig machte, vor allem aber, weil er nicht wußte, was er sagen sollte. »So? Tot! Ja, das kommt vor. Tot? Sehr gut! Aber hast du keine Mutter, die für dich einzahlen kann?« »Ich ... will... sie ... fragen,« stotterte Walther. »Gewiß. Frag' sie nur sofort. Denn, weißt du, im Handel, da giebt's nicht viel Gefitze. Gesagt, gethan! Das ist die Hauptsache. Sonst bist du futsch. Hier ist noch 'n Laden. Darin hast du auch zu thun ... wenn deine Mutter Kaution stellen kann. Das ist die Hauptsache.« Der Herr Motto führte Walther in die Leihbibliothek. An den drei Wänden standen einige Schränke mit Büchern, bis an die nicht sehr hohe Decke. Im übrigen befand sich in dem Lokal nicht viel mehr als eine kleine Treppe, die dazu dienen mußte, die zu hoch hängenden Früchte der Litteratur zu pflücken, und ein dickes Buch, in das der protestantische Jüngling, der Lust und Liebe zum Geschäft hatte, die Namen der Leute einzutragen hatte, die für ein Dübbeltje die Woche einen Band entliehen. Jetzt ist es billiger. »Siehst du,« sagte Herr Motto, »das ist das Buch, sozusagen das Großbuch, Du verstehst doch Buchführung?« Walther mußte leider zugeben, dies Fach noch nicht studiert zu haben. »Auch nicht, Junge! Das ist doch die Hauptsache im Handel. Denn, weißt du, wer das nicht kann, ist futsch. Ist ganz einfach. Du schreibst auf, wer 'n Buch holt, mit Tag und Datum dabei, und Hausnummer und Straße und alles. Und wenn sie's wiederbringen, machst du 'n Strich durch. Wär 'ne nette Bescherung, wenn du's nicht thätest. Und wenn du die Leute nicht kennst, mußt du ...« »Pfand verlangen!« rief Walther schnell, erfreut, daß er doch etwas wußte. »Ja, Pfand. Ein Gulden den Band und die Woche. Denn, das verstehst du, wenn ein Band weg ist, ist das ganze Werk futsch. Von den Cigarren und dem Schnupftabak werde ich dir später alles genau erklären, aber ich muß erst wissen, ob deine Mutter ... frag' sie nur schnell! Ich hab' dir nun wohl sechsmal alles erklärt. Denn an Jungens, die in den Handel wollen, ist wahrhaftig kein Mangel – wenn's aber auf Moses und die Propheten ankommt, dann ziehen sie Backsegel auf. Und das ist doch die Hauptsache. Sonst ... du siehst auch ein bißchen schwächlich aus... ich muß erst wissen, daß du Kaution stellen kannst. Adjüs!« Walther ging in eigentümlicher Stimmung nach Hause. Das Verlangen der Kautionsstellung wurde in der Familie zuerst nicht sehr günstig aufgenommen. Als aber Stoffel versicherte, er hatte schon öfters davon gehört, und es wäre im Handel üblich, kam man durch Handeln und Bieten schließlich mit der Firma Motto, Handel und Co. überein, daß eine Summe von hundert Gulden gestellt werden sollte, für die eine Verzinsung von dreieinhalb Prozent zu leisten wäre. Sehr angenehm fand Jüffrau Pieterse das nicht. Sie war an vier Prozent gewöhnt, aber »man muß doch für seine Kinder auch was thun.« Stoffel, der diese Unterhandlungen leitete, wunderte sich, daß er immer bloß die erste Hälfte der Firma zu sehen bekam, oder besser das erste Drittel. Er war so frei, diese Verwunderung in passenden Worten auszusprechen, und erfuhr auf diese Weise, das der Schwanz »und Co.« eine bloße Verzierung war, und daß man auch den »Handel« als Produkt von Mottos reicher Phantasie aufzufassen hatte. Wie ein Atlas trug er das doppelte gediegene Geschäft auf seinen Riesenschultern. So erklärte es sich auch, daß er in Momenten menschlicher Schwäche daran dachte, einen Teil der Last auf den Nacken eines protestantischen Jungen zu legen, der Lust zum Geschäft hatte und Kaution stellen konnte. Denn das war die Hauptsache. Einigermaßen zum Nachteile seiner Tabak- und Schnupfkenntnisse umfaßte Walther den anderen Teil seines Wirkungskreises mit einer Liebe – ach, wenn er so viel geschnupft oder geraucht hätte wie gelesen, wäre er gewiß krank geworden! Und gerade gesund wurde er von dem Bücherverschlingen auch nicht! Mit wahrem Heißhunger schluckte er Reifes und Grünes – viel Reifes war nicht dabei – und las schneller und schneller. Er bekam bald eine sichere Vertrautheit im Voraussehen der endlichen Schicksale von Held und Heldin, mehr, als dem Verfasser lieb sein konnte. Der schlaueste Autor konnte ein Findelkind nicht zehn Seiten lang arm wie eine Kirchenmaus sein lassen – Walther sah doch die Sterne und Ritterkreuze blitzen, mit denen das arme Wurm auf der letzten Seite ausstaffiert wurde! Man sollte meinen, daß er bei dieser Scharfsinnigkeit den Geschmack am Lesen verloren haben sollte; aber nein! er blieb standhaft bis zum offiziellen Triumph, und er hätte es für sündhaft und unritterlich gehalten, eine Sekunde vor der Zeit den Sachsen und Normannen zuzurufen: Seht mal, ob nicht der arme Ivanhoe diesen großmäuligen Brian de Bois-Guilbert flott auf den Kopf schlagen wird! Und doch – beinahe wage ich es nicht zu sagen – ihn beseelte dabei ein Gefühl, als ob er selbst ... – Ivanhoe war? – nein! als ob er, der kleine Walther, die Gottheit vertreten müsse, die dem ausgepumpten Braven Kraft gebe, den wehrhaften Bösewicht zu zerschmettern. Da klingelte dann auf einmal die Thürglocke dazwischen, und man verlangte von dem hochgemuten Walther ganz andere Dinge. Das Einzige, was er in solchen Augenblicken thun konnte, war genau zu wiegen, und niemand eine Cigarre »von den zehnen« in die Hand zu stecken anstatt »von den acht.« Freilich hatte dies Gewissenswerk keinen Zweck, denn in den Kisten steckten Cigarren, die eigentlich »von den zwanzig« hätten heißen sollen. Herr Motto meinte, seine Kunden wären meistens betrunken, und man könnte ihnen ruhig Kohlblätter zu rauchen geben. »Du mußt immer sehen, wen du vor dir hast, siehst du, das ist die Hauptsache.« Das lernte aber Walther niemals. Zehn war ihm zehn, acht war acht, ganz gleich, mit wem er es zu thun hatte. Lügen oder unrechter Vorteil kamen ihm nicht in den Sinn. Höchstens aus Verlegenheit oder aus Angst die Unwahrheit sagen. Und selbst dann, wenn man ihn noch einmal gefragt hätte ... Diese Abneigung gegen das Unwahre wurde – so sonderbar es scheinen mag – durch seine Lektüre genährt. Der tapfere Ritter focht, bis er Sieger war oder tot. Nur tödlich Verwundete gaben sich gefangen. So gehört es sich und Walther hätte genau so gehandelt. Die allerschönste Schöne wurde von allen geliebt, und die Abgewiesenen starben aus Verzweiflung oder ließen sich bei todgeweihten Kohorten anwerben. So ist es korrekt. Die Tugendhaften blieben brav, trotz Teufel und Hölle und sogar trotz Langeweile. Wer einmal von dem Autor zu einem Tugendhelden ernannt war, hatte kein Fleckchen auf dem Kleide. Ob wohl so einer Leibschmerzen oder Gliederreißen haben konnte? In den Büchern gewiß nicht! Daß diese Vollkommenheit unwahr ist, wußte er nicht. Ihm genügte es, daß alle Personen in solchen Romanen accurat das thaten, was der Autor von ihnen verlangte. Die Bösewichter thaten nichts als verraten. Die Helden schlugen alles tot. Die schönen Jungfrauen bezauberten die halbe Welt. Und auch Gott, der Romangott, erfüllte in allen den Büchern seine Pflicht viel besser ... Gestern hatte auf dem Zeedyk ein großer Junge einen kleinen geschlagen. Das sollte einmal im Buche vorkommen! Alle Ritter wären zusammengelaufen! Und auch Walther hatte die Absicht gehabt ... Was konnte er dafür, daß sein Chef ihn in strengem Tone zurückrief? »Was, Donnerwetter, geht dich das an? Du hast deine Arbeit hier im Laden! Da achte drauf! Niemals sich in fremden Krakehl einlassen ... das ist die Hauptsache!« Eine ganz andere Sorte Weisheit, als in den Büchern stand. Er las aber fleißig weiter. Schon war er beim letzten Fache seines Litteraturvorrates angekommen – als er eines Morgens die Thür des Ladens verschlossen und versiegelt fand! Der brave Herr Motto war als Matrose nach Amerika – das war gewiß die Hauptsache! – und der unglückliche Eigentümer der beiden Schnupftabakstöpfe hatte einen verdrießlichen Prozeß, ob die beiden Dinger nicht in die »Masse« gehörten. Nämlich nach römischem Recht, und nach dem muß doch in Prozessen auf dem Zeedyk zu Amsterdam verfahren werden ... leider schnupften die Römer nicht und gaben daher keine Gesetze über » Rappee .« Ich weiß nicht, wie die Sache geendet hat. Hoffentlich hat jeder das Seine erhalten. Jüffrau Pieterse freilich war ja ihre hundert Gulden los, und sie stöhnte genau wie sonst: »Mit diesem Jungen war doch immer was!« Walther konnte ihr nicht helfen. Er hatte so seinen Ärger, daß er in seiner Lektüre so grausam gestört wurde. Die geheimnisvolle Abkunft des jungen Räubers lag ja klar vor seinen Augen, aber man will doch in solchem Falle auch gern wissen, ob man recht geraten hat. Walther erhebt sich erfolgreich über die große Masse und profitiert von seinen Specialkenntnissen. Eine Einladung Doktor Holsmas brachte etwas Abwechslung in die Öde, die Walther im Hause der Mutter drohte. Wie gewöhnlich hatte der Doktor ein Thema zur Debatte gestellt, und die Kinder gaben diesmal, wie sonst, ihre Meinung ab. Das Thema lautete: »Die Kunst des Lesens.« Darin hielt sich Walther durchaus befugt mitzusprechen. Er hatte ja die höchste Zufriedenheit Meister Pennewips davongetragen, als er den bekannten Satz vortrug: »Mein Vater gab mir diesen neuen Hut!« In der »Übung kunstgemäßen Lesens,« herausgegeben von der »Gesellschaft zum allgemeinen Nutzen,« kam dieser Satz vor, und der Schüler mußte ihn aufsagen mit so viel verschiedenen Betonungen, als Worte drin vorkamen. Walther hatte Leentje in helles Erstaunen gesetzt, so viel Weisheit hatte er über diesen neuen Hut von sich gegeben. Leider behandelte Holsma ganz etwas anderes. Wieder fühlte der arme Junge, daß er zurück war. Und das schmerzte ihn. Nicht das Thema selbst ging über seine Begriffe, durchaus nicht. Aber die Beispiele, die die Kinder anführten, waren ihm sämtlich unbekannt. Selbst die kleine Sietske erschien ihm als vorgeschrittener. Das drückte ihn so, daß er auch das Wenige, was er hätte sagen können, nicht an den Mann brachte. Die Liebenswürdigkeit, mit der man ihn behandelte, entging ihm nicht, aber sie machte seinen Zustand noch peinlicher. In gewissem Sinne fühlte er sich in diesem Kreise ebenso am falschen Orte wie daheim. Er meinte, daß die Kinder ihn mißachten mußten, und bei Hermann, der schon Lateinisch lernte, war das wohl auch einigermaßen der Fall. Holsma meinte, es müßte für einen Arzt doch sehr ärgerlich sein, seine Patienten mit Rattengift ermorden zu sehen, wo er doch ganz deutlich Zuckerwasser verschrieben hatte. Dieser Ausspruch gab Onkel Sybrand Gelegenheit, sich über die Dummheit der großen Masse zu äußern, was eine Diskussion über diese Dummheit der großen Masse hervorrief. Gerade damals gab es in Amsterdam ein eigenartiges Vorkommnis. Eine Veränderung im System der Besteuerung war eingeführt. Ein gewisser Betrag, der früher, im Verhältnis zu der Miete, von den Mietern erhoben worden war, sollte jetzt von den Hausbesitzern geleistet werden. Das sollte heißen: wir wollen die Last auf die Besitzenden legen, statt auf die Minderbemittelten. Vermutlich werden nun die Besitzer die Steuer mit einem kleinen Zuschlag auf die Mieten geschlagen haben. Blei für altes Eisen. Die Eigentümer der kleinen Häuser aber achteten sich in ihren Interessen gekränkt. Auf wen sollten sie die Steuer abschieben? Das »gemeine Volk« durchlief, mit Stöcken bewaffnet, die Straßen und verbrannte die Möbel, die aus den Wohnungen der Eigentümer geholt worden waren, um auf dem Markte verkauft zu werden. Es warf die Polizeidiener ins Wasser, mißhandelte die »Veteranen,« die damals die Garnison von Amsterdam ausmachten, und trieb allerlei hergebrachten Unfug. Das war dumm. Denn die angefochtene Maßregel war doch im eigenen Interesse der Aufruhrmacher gedacht. Konnte man nun annehmen, daß in all dem Volk keiner war, der die Verkehrtheit dieser Handlungsweise begriff? Als Walther den Abend nach Hause ging, traf er auf einem der Plätze, die man in Amsterdam Märkte nennt, eine Volksbande an, die eifrig thätig war, das gekränkte Recht zu schützen. Es fehlte nicht viel, so hätte er eine Rede an das Volk gehalten. Da standen ein Paar Altgediente auf Posten und bewachten – später hat sich herausgestellt, daß sie nichts bewachten. Aber das wußten sie im Augenblick nicht. Sie wurden durch die Beredsamsten unter dem Volke ausgescholten. »Blutdiebe« waren sie, und »Stadt- und Landverzehrer.« Walther fand – und es machte ihm Genuß, daß er selbständig dachte – daß die armen Kerle nicht aussahen, als ob sie so viel Grund und Boden verschluckt hatten. Und – horch, da vernahm er etwas, das in seinen Ohren klang wie der bekannte Ruf, der Ruf nach seiner Hilfe! Es war freilich nicht so lieblich wie Amalias: Warre, warre, warre, wo, Walther, der mich retten soll? Aber es kam auf eins heraus. Keine Sägemühle konnte deutlicher sägen: Du bist was! Zeig's! Einer der alten Soldaten, der die Sache philosophisch auffaßte, hatte auf einen beleidigenden Zuruf geantwortet: »Ihr wißt was! Macht, daß ihr weiter kommt! Wenn ich lieber 'n Priem Tabak hätte!« »Negerhit?« fragte Walther schnell, ebenso froh über seine neugebackene Sachkenntnis als über die Vorstellung, daß er nicht zur »großen Masse« gehören wollte. Der Mann verstand weder das ausgesprochene Wort – Negrohead – noch die Absicht. Er glaubte, daß das Kind sich auf die Seite seiner Gegner geschlagen hatte. »Halt den Mund, Lausejunge, und scher dich weg! wart, bis du trocken hinter den Ohren bist!« »Ich will Ihnen Tabak geben!« schrie Walther durch den Lärm hin. »He?« »Tabak ... Negerhit... echten!« rief Walther. »Das wirst du wohl bleiben lassen!« brüllte ein Kerl, der hinter unserem kleinen Selbstdenker stand. Walther drehte sich um und sah den Warner an. »Ich werde diesem Manne Tabak geben!« Wie herrlich er das betonte! Der neue Hut aus der Lektion war gar nichts dagegen. »Ich werde diesem Mann Tabak geben, ich!« Oder sterben! sagte er nicht dazu. Man konnte es ihm ansehen, daß er dazu bereit war. Er hatte selbst nicht gewußt, daß er so mutig war. Er drängte sich durch die Menge und kaufte im ersten besten Tabakladen, was er haben wollte. Seine Sachkenntnis kam ihm dabei bestens zu statten. Der Ladenjüngling mochte wohl aufpassen, daß er auch richtig wog, und daß er sich jedes Versuchs enthielt, etwa den Schilling für einen Sesthalf anzusehen. Er hatte es mit einem Kenner zu thun! Nun, es ging gut ab. Walther hatte einen Stüber zu zahlen und bekam richtig das übrige Geld heraus. Dieser Schilling... o wie gut, daß Willem und Sietske ihn zur Hausthür begleitet hatten, als er Holsmas verließ! So war er im Besitz des Geldstücks geblieben, das ihm seine Mutter »für das Mädchen« mitgegeben hatte. Aber es war nicht so leicht, dem Soldaten die seltene Leckerei zu überreichen. Viele Männer mußten zur Seite geschoben werden, auch Frauen und Mädchen, selbst Kinder ... das war nicht leicht. »Wollen Sie mich eben mal durchlassen?« fragte er so sanft wie möglich, denn die Leute hatten ihm ja nichts gethan. Endlich kam er an die Stelle, von der er zu seiner Heldenthat ausgezogen war. Er hielt die Tüte in die Höhe, und jetzt war seine Scheu verflogen. Unsanft setzte er dem Kerl, der ihn angefahren hatte, die Schulter in die Lenden und drängte sich in die vorderste Reihe: »Da. Mann! Da ist Tabak – Negerhit, wissen Sie und 'n Lausejunge bin ich nicht!« Der Soldat nahm und priemte drauf los. Walther drehte sich um und sah den Mann an, der die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß er es wohl bleiben lassen sollte. Er schien ihn zu fragen, was er nun wohl sagte. Walther wunderte sich selber, daß niemand ihn stieß, schlug oder schalt. Das wäre wohl auch geschehen, wenn nicht der Soldat gemütlich zu den ersten in dem Trupp gesagt hätte: »Besser 'n halben Priem im Maule als 'n ganzen im ... Kragen!« Da lachten alle, und Walthers Gegner meinte; als dieser triumphierend abzog, er wäre ein »toller Blitzbengel.« Seit langem war Walther nicht so vergnügt zu Bett gegangen wie heute. Wenn Femke das gesehen hätte! Wie man ein Verschwender werden kann, wenn man die Geschichte vom verlorenen Sohn zu oft vor Augen hat. Denkst du, mir wachsen die Stüber auf dem Rücken?« fragte die Mutter am nächsten Tage. »Du verdienst noch keinen Deut, Junge! Mußt du für alte Soldaten Tabak kaufen? Soll ich noch weiter herunter kommen nach den hundert Gulden, die du mich schon gekostet hast?« Walther antwortete wenig oder nichts. Die Mutter redete noch einen Strom weiter, und dabei fiel das Wort »Verschwendung.« »Nein, Mutter.« sagte Stoffel, »das ist es nicht. Die Sache ist, daß er in allem so zurück ist. Er versteht noch nicht, mit Geld umzugehen, das ist's!« »Richtig! Er weiß nicht mit Geld umzugehen. Alle anderen Kinder in seinen Jahren ... wenn sie 'n Stüber haben, was thun sie? Sie heben ihn auf. Oder... sie kaufen sich was dafür. Und er? was thut er? Er giebt ihn weg! Junge, Junge, wirst du denn nie klug werden?« Stoffels Bemerkung war wohl nicht schlecht gemeint gewesen, aber sie verwundete Walther tief. Ein »Verschwender« war doch wenigstens jemand, ein Mann! » Prodigue, prodigue !« murmelte er. Denn das Wort kannte er. In einer der Schlafkammern hingen eine Reihe von grob kolorierten Bildern, die die Geschichte von dem verlorenen Sohn darstellten. Es war eine französische Ausgabe, und durch Vergleichung mit der Schrift kam die Familie zu der Überzeugung, daß prodigue wohl nichts anderes heißen könnte als »verloren.« Das hatte auch Stoffel gegen einen seiner Kollegen behauptet, bis der ihn mit Hilfe des Lexikons anders belehrte. Nach vielem Gerede über den französischen Fehler – denn wie es in der Schrift selbst steht, wird's doch wohl wahr sein – hatte man sich dann dabei beruhigt, daß prodigue zur Not auch »Verschwender« sein konnte. Und Walther hatte viel Gedanken über die Bilder gehabt. Erstes Bild . Der Sohn, der sich mit Verschwenden und Verlorengehen beschäftigt, nimmt Abschied von seinem Vater. Der alte Herr hat einen purpurnen Rock an. Sehr hübsch. Aber der Verschwender selbst ... ohe! Dem flattert 'n Mantel um die Schultern – es schien sehr zugig zu sein in dem Säulengang – 'n Mantel ... fürstlich! Und seine türkische Hose war von purem Gold. Der junge Mann hatte einen krummen Säbel an der Seite und auf dem Kopfe einen Turban mit einem Stein... gewiß ein Onyx oder Sardonyx oder auch eine Perle oder ein Edelstein! Was macht's! Der alte Herr sah verdrossen aus – kein Wunder – aber: alle die beladenen Kamele! Und die Sklaven! Und alle die Zubereitungen zu der weiten, weiten Reise! Ein pechschwarzer Mohr hielt ein Pferd am Zaum ... der andere mit dem Steigbügel schien zu mahnen: Na los, verlorengehender Sohn, steig auf! Wir müssen zum zweiten Bilde! Welcher Junge wäre nicht gern so ein verlorener Sohn gewesen? Der krumme Säbel allein war die Sünde wert. Zweites Bild . Hm, hm... böse, böse! Na ja, aber nicht für Walther, der in seiner Unschuld auf die sonderbar aufgeputzten Jüffrauen kein Gewicht legte. Hauptsache, daß tapfer gegessen und getrunken wurde, und die Gesellschaft schien vergnügt zu sein, denn das eine Mädchen in glänzender Seide hing sehr freundlich über der Schulter des Verlorenen. Lieber so verloren als anders gefunden! mußte der Eindruck sein, den so ein Fest auf kindliche Einbildung machte. Der wahre Zweck des Bildes, von Liederlichkeit abzuschrecken, entging Walther ganz und gar. Oder besser, er wußte es wohl, aber er fühlte anders. Was ihn am meisten anzog, war aber nicht Speise und Trank, womit der Tisch überladen war, auch nicht die sündhaft gefärbten Wangen der Damen, die gerade dabei waren, verloren zu gehen. Nein, es war der Neid auf die unbürgerliche Freiheit der Gesellschaft. Um zum Überfluß dem Beschauer den Begriff »Verschwendung« recht beizubringen, hatte der Maler ein Weinfaß durch ein paar Jagdhunde umwerfen lassen ... Jagdhunde! Also Jagd! O Götter, es ist zu viel! Der Wein strömte und ging verloren, als ob er selbst der weggelaufene Sohn wäre. Das gefiel Walther besonders. Keiner von den Gästen gab sich mit so 'ner Kleinigkeit ab, sogar die Kellner nicht. Das hätte mal im Hause Pieterse vorkommen sollen, und wäre es bloß eine Kruke Dünnbier gewesen! Der Zeichner sagt: denkt ihr, daß ich den verführerischen Eindruck von solchen Bildern nicht voraussehe! Wird es nicht durch das folgende wieder gut gemacht? Na, na! Drittes Bild . Prachtvoll. Wie romantisch ist diese Wildnis! O, wer da so sitzen könnte auf dem Felsblock, und in die unermeßliche Tiefe des Weltalls starren und...allein! Denken, denken, denken! Kein Schulmeister, keine Mutter, kein Bruder, kein Prinzipal macht da Vorschriften, was man mit seinem Herzen, seiner Zeit, seinen Ellbogen, seiner Hose anfangen soll! Der junge Mann da hatte überhaupt keine an, und es war deutlich zu sehen, daß er sich nicht genieren würde, sich mit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Rücken zu legen, um Sonne, Mond und Sterne an seinen weitgeöffneten Augen vorüberwandeln zu lassen! In solcher Freiheit konnte man doppelte Lungen gebrauchen, und die Seele konnte unbekümmert aufnehmen, was sie wollte. Walther fragte sich, an was er wohl denken würde, wenn er es erst einmal zu so einer erhabenen Kaiserschaft in dem unermeßlichen Reiche der Einsamkeit gebracht hätte. Hm! Auf dem Felsblock neben ihm konnte ganz gut seine Femke sitzen. O göttliches Verlorensein ... mit ihr! Er wunderte sich, daß nur der eine verlorene Sohn in der Schrift vorkam. Von allen Sünden kam ihm eine wohlangelegte Verschwendung als die verführerischste vor. Und die Wüste war so ... erträglich. Es waren Bäume drin. Auf die konnte man hinaufsteigen, wenn man ordentlich verloren war, und von den Ästen konnte man eine nette Hütte bauen ... für Femke natürlich. Der Verschwender auf dem Bilde schien an so etwas noch nicht gedacht zu haben. Es ist auch wahr – warum war denn die grünseidene Jüffrau nicht bei ihm? Sie wird wohl bald kommen, sagte sich Walther. Wahrscheinlich ist sie noch nicht ganz fertig mit ihrer Verschwendung. Wenn sie sich nur beeilte! Er wartet mit Schmerzen auf sie. Aber das ist auch der einzige Ärger, den so ein richtiger Verschwender aus der profanen Welt in die famose Wüste mitnimmt. Eins muß ich zugeben: die Schweine, mit denen das Bild ausstaffiert war, sahen häßlich aus. Der moralische Maler hatte diese Tiere zu Schildhaltern der Sünde gemacht und ihre Physiognomien mit allerlei abschreckenden Zügen versehen. Und auch der Trog sah unsauber aus. Wenn's mir passiert, sagte Walther, nehm' ich Schafe mit, und Femke soll sie kämmen. Der Zeichner müßte also eigentlich zugeben, daß auch das dritte Bild nicht ausreicht, um einen gehörigen Abscheu gegen das Verschwenden und Verlorengehen einzuflößen. Aber das vierte Bild ? Ebensowenig! Noch weniger! Der alte Herr ist äußerst freundlich, und wir sind in dem Säulengange, wo soeben noch die Kamele geduldig warteten. Einer von den daheimgebliebenen Sklaven klatscht in die Hände und schlägt die Augen gen Himmel ... aus Freude natürlich, daß Waltherchen zurück ist. Er? Der wirkliche Walther? Heimgekehrt? Freundlich empfangen in seinem hohen Range eines gewesenen und genesenen Verschwenders? Ach nein! Und das geschlachtete Kalb! Darin lag der schneidendste Gegensatz zu der Bürgerlichkeit, die Walther bedrückte. Jüffrau Pieterse schlachtete nie irgend etwas, sie nahm bei Keesjes Vater auf ein Wochenbuch, und ein Rippenstück war schon etwas Seltenes. Auf ein junges Kalb war keine Aussicht, ob man verloren war oder nicht. Aber das hinderte doch nicht, daß der Rang eines Verschwenders höher stand als der eines kleinen dummen Jungen, der nicht wußte mit Geld umzugehen. Und siehe da, diesmal hatte er seiner freundlichen Feindin Laps etwas zu danken, was ihn wieder etwas ermutigte. Sie holte in der That die Schrift heran und sprach fortwährend von Schweinetreiben. Walther hatte gern geantwortet: Gut, schön, Jüffrau Laps, aber können's nicht diesmal Schafe sein? Er verstand wohl, daß sie für das Kämmen keine Passion gehabt hätte, und daher auch nicht für das blauseidene Halstüchelchen, das Femkes Lieblingsschaf so nett stehen würde. Aber ein Verschwender war er, versicherte sie. Gott sei Dank! »Richtig, das sage ich auch immer!« antwortete Jüffrau Pieterse. »Denn was thut er? Er verschwendet seiner Mutter Geld. Wenn der Mann priemen will, laß ihn sich Tabak kaufen. Dafür bezahlt ihn der König. Ich habe sauer genug dafür arbeiten müssen... wie, Stoffel?« »Gewiß, Mutter. Aber ich bleibe dabei, daß es 'ne Kinderei von Walther ist.« »Wie ich sage, 'ne Kinderei!« »So ist's nicht!« rief die fromme Laps. »Er ist auf dem geraden Wege nach dem Trog von Lukas 15. Treber wird er essen! Meinen Sie, daß der Herr seine Gleichnisse nicht richtig machen wird? Schicken Sie ihn mal zu mir. Der Fehler liegt an den Pastoren. Sie erklären die Schrift nicht. So ist's! Schicken Sie ihn zu mir.« »Wenn ich nur in Gottes Namen wüßte, wie er auf solche Dinge kommt!« »Das wissen Sie nicht? Aus Hochmut!« Sie sprach die Wahrheit. »Aus Hochmut, aus reinem, klarem Hochmut. Genau wie Belsazar, oder... Sanherib, oder... Nebukadnezar ...« Wie dankbar war Walther! Hätte er in diesem Augenblick ein Briefchen zu schreiben gehabt – an Femke am liebsten – so hätte er sich sicher gerühmt: siehst du, wie ich gewachsen bin; ich bin so schlecht, wie drei alte Könige zusammen! »Hochmut,« sagte Jüffrau Laps. »Er ist Gold von oben. Eisen in der Mitte, und seine Füße sind Lehm. Der Herr wird ihn stürzen! Schicken Sie ihn zu mir.« Die Einladung, den modernen königlichen Bösewicht zu ihr in die Lehre zu geben, wurde so oft wiederholt, daß man zuletzt darauf antworten mußte. »Aber, liebe Jüffrau Laps, der Junge will nicht! Dickköpfig ist er...Was soll man mit so 'nem Kinde machen?« Walther wußte, daß die Mutter nicht ganz ehrlich war. Aber er schwieg dazu, um nicht wieder angefahren zu werden. Als ihm aber sein Verbrechen immer wieder vorgerückt wurde, fuhr es ihm heraus: »Der Mann wollte Tabak, und kein Mensch traute sich ihm was zu geben! Da...« Jüffrau Laps wußte genug. Walther war der Ihre! Sie wußte nun Bescheid, wie diese Festung genommen werden konnte, wenn sie überhaupt zu nehmen war! »Nun, wenn es ihm denn keinen Spaß macht, zu mir zu kommen, dann zwingen Sie ihn nicht,« sagte sie ganz sanft beim Abschiednehmen. »Zwingen nutzt nichts. Man muß jedem seinen Willen lassen. Ich glaube beinahe, daß Sie dem Kinde zu viel zusetzen. Lieber Gott, wer wird so viel Wirtschaft machen um 'n Stüber!« »Das sag' ich auch,« antwortete die Mutter. »Es würde ja gerade aussehen, als ob's darauf ankäme! Wir können schon noch 'n Stüber missen...was sagst du, Stoffel?« »Ja, Mutter, aber 's wird doch Zeit, daß Walther...« »Ach, was für ein Gerede um ein Priemchen Tabak! Der Herr wird's siebenmal siebzigmal vergelten! Was ihr dem geringsten meiner Brüder gethan habt...« Mit diesem vielversprechenden Spruch auf den Lippen verließ Jüffrau Laps die erstaunte Familie. Ja, so leicht war es nicht, aus Jüffrau Laps klug zu werden! Warum wir diesmal Femke nicht zu sehen bekommen, und wie weltlich ein Diener der Kirche sein kann. Wir erführen beinahe, wieso Pater Jausen auf der einen Seite taub ist. Ankündigung großer Dinge. Die eigentümlichen Verhältnisse unseres Helden, die verschiedenartigen Autoritäten, die sich in seiner Seele stritten, und das aufkeimende eigene Denken, das dazu kam, brachten eine sehr niedergeschlagene Gemütsstimmung zustande. Der Gegensatz zwischen seiner hochfliegenden Phantasterei und den niedrigen Erdenklumpen, die ihm anhingen, kam ihm nicht zum klaren Bewußtsein, und die ruhige teilnehmende Pflege, die ihm nach seiner schweren Krankheit nötig gewesen wäre, wurde ihm leider nicht zu teil, dank der Beschränktheit seiner Angehörigen. Er fühlte sich sehr niedergeschlagen. Femke! dachte er, und er sehnte sich nach ihrem frischen gesunden Gesicht, ihrem reinen, natürlichen Blick, ihrem freundlichen Lächeln. Die Phantasie, die ihn zu den Sternen geführt hatte, auf der Suche nach seinem duftigen Schwesterchen, blieb an dem Mädchen der Amsterdamer Niederung hängen, an Femke mit ihrer unpoetischen Länge, Breite, Höhe und Schwere. »Ich will sie sehen.« rief er, »ich will! Und wenn Frau Claus mich zehnmal nach Würmern fragt, mir ist's gleich: ich will sie sehen!« Er trat in das Grundstück und klopfte an. Es wurde »Herein« gerufen. Das war ein bißchen schnell, denn es gehört etwas dazu, um eine Klinke zu ergreifen. Aber Walther that es. Vielleicht dachte er an Missolunghi. Die Türken, die er diesmal vor sich sah, hatten kein erschreckliches Aussehen. Sie waren ungewappnet und ermordeten keinen einzigen Säugling. Aber ... Femke war nicht dabei. Frau Claus stand eifrig am Waschfaß, die Seife roch, und Pater Jansen rauchte ganz friedlich eine Goudasche Pfeife. »So, junger Mann, bist du da? Das ist nett! Das ist der Junge, der unserer Femke das Bild gab, wissen Sie, Pater?« Der Pater nickte ihm freundlich zu und rauchte behaglich weiter, ohne ein Zeichen besonderer Gottseligkeit von sich zu geben. »Ja, Jüffrau, ich wollte mal...« »Sehr nett von dir! Willst 'ne Butterstulle? Und wie geht's deiner Mutter? Ist sie wieder besser? Sie ist ja wohl krank gewesen? Es ist ein guter Junge, Pater. Femke hat's gesagt. Ist deine Mutter wieder besser? Fieber war's ja wohl oder 'n Schlaganfall... oder, was war's doch?« »Ach nein, Jüffrau...« »Du mußt zu mir nicht Jüffrau sagen, ich bin bloß 'ne Waschfrau. Jeder muß in seinem Stand bleiben, nicht, Pater? So, deine Mutter ist nicht krank gewesen? Na, desto besser. Ich dachte, sie war krank gewesen, 's wird 'ne andere gewesen sein. Man hat so viel im Kopfe. Ißt du gern Käse? 's ist Leydscher.« Die gute Frau machte ein Butterbrot zurecht. Trude wäre in Ohnmacht gefallen, wenn sie es gesehen hätte. In dem Bürgerstand, soundsovielte Klasse nach Pennewip, herrscht eine anstandsvolle Knappheit, die bei dem arbeitenden Stande nicht besteht. Arbeiter, die ihr Geld nicht in Genever anlegen, sind nicht so ängstlich in der Ernährung ihrer Familie, wie Leute, die ihren Kindern französische Namen geben. Walther hatte nie so ein Butterbrot gesehen. Er wußte wahrhaftig nicht, ob er das Ding in der Breite oder in der Dicke angreifen sollte, aber der Käse gab ihm die richtige Weisung. Frau Claus gefiel ihm diesmal viel besser. Und Pater Jansen auch, wenn er ihn sich auch ganz anders gedacht hatte. Er hatte sich einen Geistlichen nie anders gedacht, als voll von lauter überirdischen Sachen. So einer schien nun Pater Jansen gar nicht zu sein. Er besuchte die Schafe seiner Herde, besonders gern die einfachen Leute – nicht aus großthuerischer Wohlthätigkeit, denn er hatte selber nichts – sondern weil er sich bei ihnen am gemütlichsten fühlte. Auch hielt er viel von Butterbroten von Frau Claus' Sorte. Im übrigen las er seine Messe, predigte über der Welt Sünden, katechisierte, konfirmierte, absolvierte und was so vorkam. Er übte sein Amt aus, und machte keinen großen Unterschied daraus, daß er zur Kirche gegangen war und daß sein Bruder in Nordbrabant das Geschäft seines Vaters fortführte, der Hufschmied und Gastwirt gewesen war. »Und was willst du werden?« fragte er Walther. »Denn jeder muß in der Welt etwas werden. Hast du keine Lust zur Buchbinderei? Das ist ein gutes Fach.« »Ich bin ... im Handel gewesen, M'neer ... und ich gehe wieder hinein.« »Das ist gut. Junge! Da kannst du reich dabei werden. Vor allem hier in Amsterdam, denn ... Amsterdam ist 'ne Handelsstadt.« Walther hatte Lust, hinzuzufügen: die größte Handelsstadt von Europa. Aber er war doch verblüfft über das ... Irdische in Pater Jansens Sprache. Es war ihm nicht unangenehm, aber es fiel ihm auf. Es sollte noch ärger kommen. »Ein Jungchen wie du muß tüchtig essen ... du siehst recht blaß aus. Mein Bruder biegt ein Hufeisen krumm. Was sagst du dazu? Hast du mal unser brabantsches Brot gegessen? Schinken ist auch nicht schlecht, 'n Mensch, der nicht gut ißt, wird schlapp. Ich esse immer zwei Butterstullen, wenn ich bei Frau Claus bin, aber ich bin lange nicht so stark wie mein Bruder. Die Büchter Kirmeß müßtest du mal sehen! Da ist was los!« Man darf sich nicht vorstellen, daß dies Gespräch Walther unangenehm war. Absolut nicht. Aber verwundert war er. Leichter und gemütlicher hatte er nie Botschaften aus dem Himmel erhalten. Und aus dem Himmel kamen sie doch, die Worte im freundlichen brabantischen Zungenschlag, die Pater Jansen zwischen den Rauchwolken seiner Pfeife von sich gab. Dieser Mann mit dem Priesterrock schwatzte drauf los, als ob kein Gott, keine Gnade und vor allem keine Hölle in der Welt wäre. Er freute sich wie ein Kind über die Muskelkraft seines Bruders, des Schmiedes! Der Mann war von Beruf Seligmacher, und er liebte dicke Butterbrote mit Käse! Noch nie hatte etwas Religiöses sich so lieblich offenbart. Walther fuhr heraus: »M'neer, ich möchte so gern wissen, wer Gott ist!« Pater Jansen sah ihn erstaunt an, als ob er nicht recht verstanden hätte. »Schön, das ist brav von dir. Da mußt du...« »Aber, Pater,« rief Frau Claus, »das Kind ist ja nicht von der Kirche. Nicht wahr?« »Ja, Jüffrau, ich bin schon eingesegnet.« »Gewiß, gewiß, aber ...« »Auf dem Noordermarkt!« »Na also, siehst du, in der Kirche!« Die gute Frau hatte das Herz nicht oder zu viel Herz, um ihm zu sagen, daß es nicht die rechte wäre. »Wer Gott kennen lernen will,« sagte Pater Jansen, »muß brav lernen.« »Gewiß,« sagte Frau Claus, »die Artikel des Glaubens. Die mußt du unsere Femke mal hören aufsagen. Das ist 'ne Lust, nicht, Pater? Sie ist mein eigen Kind, aber ... das ist mir ein Mädchen!« »Ja, Femke ist ein braves Mädchen, und ich habe nie Ärger mit ihr.« Das klang sehr geschäftsmäßig. So meinte es der Pater auch. Die Fleckchen von ihrer Seele ließen sich leicht abputzen. Er sprach ungefähr, wie eine Köchin ihren Kochtopf lobt. Und der Pater hatte noch mehr Lob für Femke. Sie hatte seine Unterhosen so nett geflickt. O! Fancy! Walthers Schönheitsgefühl wurde dadurch nicht getroffen, wenigstens nicht in erster Linie. Es kam etwas anderes ins Spiel. Die Hoheit Fancys konnte nicht dadurch berührt werden, sie sah ja alles nackt, Paters und Menschheit! Walther war sechzehn Jahre alt, also schon ein kleiner Mann – was hatte Femke sich mit den Unterhosen dieses Paters abzugeben! »Ja,« sagte die Mutter, »geschickt ist sie! Ist nicht wieder was bei Ihnen kaput, Pater? Schicken Sie's nur ruhig her!« Walther glühte. Mochten es denn in Gottes Namen Halskragen, Strümpfe, Westen, oder – na, wenn's denn durchaus etwas von der ärgerlichen Sorte sein sollte – wären es denn immerhin Oberhosen gewesen! »Schicken Sie's nur her. Wenn Femke nicht hier ist...« Wo soll sie sein? »Dann werde ich Ihnen das schon zurecht machen. Ich kann's noch ganz gut!« Gott sei Dank! Liebe, beste, herrliche Frau Claus! Thun Sie's, thun Sie's. und lassen Sie Femke, wo sie ist. Aber ... wo war sie? So dachte Walther. Aber was sagte er, der Heuchler, das angehende Menschlein? »Ach so, 's ist ja wahr, Frau Claus, beinahe hätte ich vergessen zu fragen, wo Ihre Tochter Femke ist?« »Femke? Die ist bei 'ner Nichte von uns, bei der das Mädchen krank ist ... wir sind nämlich von guter Familie, junger Herr! Femke ist bei den Kindern von unserer Nichte.« Aber zu fragen, wo diese Nichte wohnte, hatte Walther den Mut nicht. Er machte ein Gesicht, als wäre er ganz zufriedengestellt. Nach einigem Warten und Drehen und Hinundherrücken auf dem Stuhl – Walther wußte noch nicht, wie man einen Besuch beendigt: mancher lernt es nie! verließ er schließlich mit Pater Jansen das Häuschen. »Willst du mir einen Gefallen thun?« sagte der gute Mann, »dann gehe auf meiner rechten Seite. Ich bin hier taub.« Und er zeigte auf sein linkes Ohr. »Ich will dir erklären, wie es kommt. Wie ich 'n kleiner Junge war ... kannst du gut klettern?« »Nein, M'neer!« »So? Nun, ich wohl! In ganz Bücht war kein Junge, der so gut klettern konnte wie ich. Weißt du, was ich gethan hab'? Ich hab' mal 'n Blumentopf aus dem Fenster im dritten Stock geholt. Und ... unser Pastor war nicht gemütlich, ganz und gar nicht! Er wollte mich nicht annehmen, ehe ich das Töpfchen wieder hingebracht hatte, und dann mußte ich die alte Jüffrau um Entschuldigung bitten. Der Topf war nämlich von 'ner alten Jüffrau. Und dann ist sie selbst zum Pastor gegangen, um für mich zu bitten. Und dann hat er mich angenommen. Aber an zwanzig Konfiteors saß ich fest wie 'n Blei am Haken. Ich mach' mir nichts aus 'm Blei, 's ist 'n gemeiner Fisch. Na, 's macht nichts. Ach, der Mann war strenge! Aber ich will dir erzählen, warum ich auf dem linken Ohr taub hin. Auf'm Seminar war 'n Student ... er ist nun Kanonikus in den Rheinlanden, und er wird wohl auch noch Bischof werden, vielleicht auch Papst, denn ... schlau war er! Ich will mal sagen, er hieß... Fink... aber, verstehst du, eigentlich hieß er anders. Dieser Fink war ein böser Bursche. Aber niemals bekam er Strafe, denn er sah sich vor! Paß auf, ob er nicht Bischof wird oder Papst! Du müßtest ihn hören, wenn er ein Stück aus der Vulgata aufsagte. Drei Stunden konnte er hintereinander weg reden, und er irrte sich nie im Text. Es war bloß einer unter den jungen Leuten, die es mit ihm aufnehmen konnten ... im Lernen, verstehst du, und in Kenntnissen und im Latein und so was. Aber im Betragen – nein, nein, dieser andere war im Betragen sehr gut, so gut, wie Fink nur wünschen konnte – aber er stand sich nicht so gut mit den Professoren. Ich kann seinen Namen wohl sagen, weil er tot ist, und ich habe auch nur Gutes von ihm zu erzählen ... er hieß Krüger. Ein sehr guter Junge, das kann ich versichern. Ja, 'n guter Junge war Krüger, und beinahe so klug wie Fink ... vielleicht noch klüger. Manchmal wußte der Rektor nicht, wer Erster sein sollte, und wir Studenten wetteten drauf. Ich verlor immer, denn ich wettete auf Krüger, weil ich ihn so gern hatte. Einmal nun, als die Zeit des Examens herankam, war Krügers Vaters krank geworden – ich kannte den Mann sehr gut, er war Bäcker in Tilburg – und Krüger mußte plötzlich heim. Das war schade, denn er war Fink ein paar Punkte vor, und er wäre gewiß der Erste geblieben, wenn er nur hätte weiter arbeiten können. Wir hatten alle Tage die gewöhnlichen Stunden, und dafür bekam er nun keine Punkte. Aber das hätte noch nichts gemacht, wenn er nur hätte in den schriftlichen Arbeiten mitmachen können, Klasse Rhetorik eins und Theologie drei. Dafür giebt's hohe Punkte, und wer darin gewinnt, der kann die Punkte aus den Lektionen schon entbehren. Wir hatten in Rhetorik dies Jahr: de eloquentia, und in Theologie: de substantia archangelorum ... sehr schwere Stücke, begreifst du. Krüger schickte sein De eloquentia von Hause ein – und es war sehr gut – ja! – aber er schrieb an unseren Pater Theologie drei, daß er De substantia archangelorum schon früher geschrieben hatte ... stell' dir vor, aus Liebhaberei! Du siehst, daß er sehr klug war und Lust zur Sache hatte. Denn wer so etwas zum Vergnügen thut – – –« »Bist du denn ganz verrückt, Junge, oder was fehlt dir? Läufst du mit 'n Pastor! Wie kommst du nur um Himmels willen wieder auf so was! Ins Haus ... sofort! Jesses. was hab' ich für Ärger mit dem Kinde!« Mit diesen Worten brach Jüffrau Pieterse für diesmal die Bekanntschaft mit Pater Jansen ab. Der Weg, den die beiden Leutchen eingeschlagen hatten, führte an Walthers Wohnung vorbei, und seine Mutter, die gerade mit einem Grünkramjuden über ein paar Körbe Kartoffeln verhandelte, meinte den Schlag zu bekommen. »Mit'm Pastor! Stoffel, komm mal schnell 'runter ... der Junge läuft mit 'm Pastor!« Walther schossen die Thränen in die Augen. Er fand, daß Pater Jansen ein guter Mann war, der solche Begegnung nicht verdiente. Der gutherzige Leser hofft mit mir, daß die Ungezogenheit den armen Tauben nur an der linken Seite traf. Es scheint so. Denn als Walther nun sagte, daß er zu Hause wäre und daß seine Mutter ihn riefe, antwortete er sehr freundlich: »So? Da wohnst du? Na, dann will ich dir's nächste Mal erzählen, warum ich links so taub bin ... ganz und gar taub, weißt du!« Gott sei Dank! dachte Walther und wischte die Thränen ab. Es war ihm, als ob seine Mutter eine schwere Sünde begangen hätte, und daß etwa fünfzig Konfiteors oder wie die Dinger heißen, nötig sein würden ... »Ach ja, das wollt' ich noch sagen,« mit diesen Worten wandte sich Pater Jansen noch einmal um, »der Blumentopf von der alten Jüffrau Düngelaar ... 's war nicht um die Blumen, verstehst du, und auch nicht um den Topf, bloß weil ich so gut klettern konnte. Sonst ... man muß niemand was wegnehmen, wenn's auch noch so hoch steht. Adieu, junger Herr!« Und nach einem unverdient freundlichen Gruß an Jüffrau Pieterse ging der Mann seines Weges. Stoffel meinte, es wäre sehr verkehrt, mit Pastors zu gehen. »Als ob er verdreht wäre!« sagte Jüffrau Pieterse. »Ja, Mutter. Aber die Hauptsache ist, daß er nichts zu thun hat und so herumschlendert. Auf die Art wird nie was aus ihm.« Unser Denker hatte wohl schon größere Dummheiten gesagt, wenn er auch in diesem Falle unrecht hatte. Walther ging nicht müßig. Freilich, er brachte nichts Greifbares zuwege. Was in seinem Inneren vorging, davon hatte freilich Stoffel keine Ahnung. »Natürlich,« sagte die Mutter. »Er muß Arbeit bekommen. Wenn er doch Schriftsetzer werden wollte! Oder im Schuhhandel arbeiten. Selber Schuhe machen soll er nicht.« »Dies Laufen mit Pastors kommt nur aus Müßiggang, Mutter. Lauf' ich mit Pastors? Niemals. Warum nicht? Weil ich alle Tage in meine Schule gehe!« »Ja, Stoffel, du gehst alle Tage in deine Schule.« »Uebrigens ... 's giebt wohl auch gute Pastors. Da war zum Beispiel Luther, das war auch 'ne Art Pastor. Was that er?« »Na, gewiß. Er hat die Menschen reformiert gemacht.« »Lutherisch, Mutter. Na, 's ist beinahe ebensoviel. Man muß nicht engherzig sein.« »Nein, der Mensch muß nie engherzig sein. Wie ich immer sage! Denn, Stoffel, was kommt's auf 'n Menschen seinen Glauben an, wenn er nur rechtschaffen ist und nicht katholisch!« Walther sprach mehr Wahrheit als er selbst wußte, als er sich bei Frau Claus den Rang eines Menschen anmaßte, der im Handel gewesen war und wieder hinein sollte. Er kam wirklich wieder hinein. Durch gütige Vermittlung eines Lederhändlers, der – kommerziell gesprochen – mit den Schuhen, die angeblich aus Paris waren, nahe verwandt war, kam unser kleiner Held bei einer Firma an, deren Gediegenheit etwas weniger apokryph war als die der Herren Motto, Handel und Co. Walther sollte seine neue Lehrzeit antreten auf dem weltberühmten Comptoir der Herren Ouwetyd und Kopperlith. Die Sache erlangte ihre Erledigung an einem Mittwoch, und die neue Stelle sollte ohne weiteren Aufschub kommenden Montag angetreten werden. Bevor es aber so weit war, ereigneten sich noch allerlei sonderbare Dinge, die wirklich einigermaßen Walther zu einem Romanhelden zu machen schienen, was er doch gar nicht war. Vornehmer Besuch. Könige und Pfannkuchen. Die »Masse«. Schweben und Fallen. Der Autor schämt sich seines Helden und fürchtet, daß so etwas öfter vorkommt. Es war Donnerstag. Stoffel kam mit einer wichtigen Nachricht nach Hause. Der König – ich weiß wieder nicht, welcher König – war unerwartet in die Stadt gekommen, und am Abend darauf würde er das Theater besuchen. Alles war in Bewegung, denn in republikanischen Ländern giebt man viel auf Titel und Prunk. Mehr noch als gewöhnlich war diesmal die Neugier des Volkes gespannt, denn viele ausländische Fürstlichkeiten – darunter sogar ein Kaiser – waren bei Majestät zu Besuch gekommen. Und aus Utrecht – oder auch aus dem Haag oder Haarlem – würden diese hervorragenden Gäste dem Hofe nach Amsterdam folgen. Es war also diesmal eine Sache »mit Chikanen«. Das republikanische Volk sollte nicht nur das Antlitz oder den Rockschoß des Tyrannen zusehen bekommen, sondern auch die Antlitze und Rockschöße vieler anderer Tyrannen, von den Tyranninnen gar nicht zu sprechen. Die alten Weiber, die auf dem »Dam« – den die Stadtverwaltung sich gestattete als Marktplatz zu vermieten – sonst ihre Ölkuchen verkauften, drohten der Stadt mit Prozessen. Es war auch hart, tagaus, tagein das schöne Geld für Platz- und Frische-Luft-Benutzung bezahlen zu müssen, mit der Aussicht, an die Straßenjugend ein paar Ölkuchen abzusetzen, und jetzt auf einmal weggejagt zu werden, weil Majestät sich vom Balkon des alten Stadthauses »dem Volke« zeigen wollte. Sollte er die alten Weiber nicht sehen? Sollte die Ölkuchen-Industrie geheim bleiben? Fürchtete man Nachahmungen und unfürstliche Konkurrenz? Oder sollten die Ölkuchenweiber den König nicht sehen? Fürchtete er vielleicht unedle Nachbäckerei Seiner Majestät? Das hätten die alten Frauen gewiß nicht gethan. Jedenfalls der Kram mußte weg, und die vertriebenen Industriellen durften sich höchstens inkognito unter die Menge mischen, die nachher rufen sollte: »Es lebe ... dies oder das!« je nachdem es gerade anging. Sie durften auch mitschreien. Eigentlich ist es auffallend, daß Fürsten sterben. All die Vivats scheinen nichts zu nützen. Das Gedränge war diesmal ganz besonders groß, wegen der vielen fremden Hoch- und Durchlauchtigkeiten, die sich bei dieser Gelegenheit um den Tyrannen scharten. Da war – so stand in den Zeitungen – der Prinz von Caramanien, der hatte ganz besonderen Anspruch auf die Sympathie des Volkes, denn es war ausgerechnet, daß einer seiner Vorfahren Kapitän im Dienste der Staaten gewesen war und daher sein Blut für die niederländische Freiheit vergossen hatte. Dies Blut und vielleicht auch die Freiheit war Zeitungs-Arabeske. Aber daß unser Prinz einen grünen Rock trug mit dicken goldenen Schnüren, war sicher. Und auf seinem Kopfe hatte er einen ganz großen Federbusch. Also konnte man bei Gelegenheit sehr passend rufen: »Es lebe der Prinz von Caramanien!« Unter den hochgeborenen Herren war auch ein gewisser Herzog, den sie wegen seiner Tugenden aus seinem Lande gejagt hatten. Der Mann war sparsam und haushälterisch, doch ohne sich selbst etwas abgehen zu lassen. Trotzdem hatte ihn der Pöbel entthront und mit einem Scheffel Diamanten über die Grenze gesetzt. Von diesen Diamanten sollte er nun in Amsterdam ein paar Dutzend sehen lassen, in Gestalt von Rockknöpfen und dergleichen. Die Zeitungen ermahnten deshalb das Volk zu dem wackeren Rufe: »Es lebe der Herzog mit seinen Diamanten!« Prinzeß Erika war eine Nichte des Königs, und sie sollte den Thronfolger eines großen Reiches heiraten, das zu Zaandam zimmern gelernt hatte und daher den Niederlanden seinen Aufschwung verdankte. Dies Reich würde auch die niederländische Staatsschuld bezahlen – so stand in den Zeitungen – wenn man nur ordentlich schrie: »Es lebe Prinzeß Erika!« Die alte Pfalzgräfin von Ätolien stammte geradeswegs von einem gewissen Ritter ab, der seine Stallknechte durch lauter Lüsignans bedienen ließ. In diesem Falle war es für ein republikanisch gesinntes Volk nicht unangebracht heraldisches Verständnis zu zeigen, indem man mit besonderem Nachdruck eine Lebensverlängerung dieser Hoheit verlangte. Also: »Es lebe die Pfalzgräfin von Ätolien!« Der Großherzog von Island war der wohlgeratene Enkel eines Budikers. Seine Verdienste waren drei Spalten lang, eng gedruckt. Der Mann war selbst ein Meister am Setzkasten und Winkelhaken, und mit einiger Anstrengung – na ja – konnte er sogar seinen Namen setzen. An einem Ocean von Abgründen vorbei, so stand in der Zeitung, hatte er sich zum Schwager eines Halbgottes vervollkommnet. Wer also das wahre Interesse des Vaterlandes in unbeflecktem Herzen trug, der konnte es nicht unterlassen, so stand in der Zeitung, aus freier Brust mitzuschreien: »Es lebe der Großherzog von Island!« Es waren noch mehr Potentaten und Potentatgenossen, die Amsterdam mit ihrem Besuch beehrten. Sie hatten gehört, daß die Stadt » la Vénise du Nord « war und sehr interessant ... sehr interessant! Und der holländische Hering! Deliciös! Leider... die Holländer verstehen ihn nicht zu behandeln, er muß gebacken werden. Und die holländische Malerschule! » Rambrànn ... magnifique! « Da waren noch mehr Dinge in Holland recht gut, wie die Hoheiten mit herablassender Freundlichkeit anerkannten. » Il paraît qu'un certain Wondèle a écrit des chaoses, des choses ... mais des chaoses ... passablement bien! « Und die Deiche! Und die Katwyksche Schleuse! Die Schleuse... gigantesque ! In den Mußestunden, die nach dem Heringskochen und dem Käsemachen übrig bleiben, beschäftigt sich die holländische Nation mit Vorliebe damit, die Elemente zu bekämpfen. Das war nächst Schlittschuhlaufen und Wettrennen der beliebteste Zeitvertreib des Volkes. Nun, ich kann dem Leser versichern, daß die vornehme Gesellschaft, höchst zufrieden gestellt, unser Land wieder verlassen hat. Die einzige Person, die einen ganz anderen Eindruck mitnahm, – – nein, so will ich meinem Walther nicht vorauseilen. Auch ein Schriftsteller hat seine Pflichten. – – Den ersten Abend sollte illuminiert werden. Zweihundertfünfzigtausend Unschlittflammen sollten die Begeisterung des Volkes verkündigen. Zweihundertfünfzigtausend feurige Zungen sollten rufen: Hosianna! Gesegnet sei, der da kommt im Namen ... in wessen Namen? Hosianna für wen? für was? Nun, das ist dem Volke gleichgültig. Es war etwas los, es war Gedränge. Das Volk hat etwas von den Kindern, die sich beim Getümmel eines Umzugs, bei einem Todesfall, bei allem, was Unruhe und Aufregung verursacht, bestens amüsieren. Walther hatte Urlaub bekommen, sich die Illumination anzusehen. Er setzte das dumme Gesicht auf, das bei solchen Gelegenheiten obligatorisch ist, und hörte den Gesprächen der Menschen zu, die um ihn herumstanden. »Na, das ist nu 'ne Illumination! Neun Flammen für so 'n groß Haus!« »Zwölf!« rief ein anderer. »Ne, neun!« »Zwölf!« »Neun!« »Drei ... drei ... drei ... und drei! Guck doch: das sind zwölf! oder ich kann nicht zählen.« »Nee, die drei oben gehören nicht dazu. Das Stockwerk ist vermietet. Ich weiß es.« »Ach so! Wenn du so meinst! Ich will bloß sagen, daß viermal drei zwölf ist. Was sagst du, Hannes?« Hannes fand das auch. »Wie lange werden die Lichter brennen?« »Na bis gegen ... Eins!« »Glaub' ich nicht.« »Ich aber!« »Ich nicht!« U. s. w. »Bist du schon auf der Sükkelgracht gewesen?« »Ach, da ist's nicht hübsch.« »Nanu? hübscher wie hier.« »Ja!« »Nein!« U. s. w. »Sieh da, ein Vers!« »Ja. 'n Vers! Können Sie ihn lesen?« »Gewiß! Was steht denn da?« »So kann ich's auch!« »Es ist von ... durchlauchtig Blut ...« »Ja, und von Vaterland, geweiht der Ehr' und Tugend.«. »Und sein durchlauchtig Blut ...« »Nee, da steht: entrissen den Barbaren ...« »Das kommt später. Durchlauchtig Blut ...« »Von Niederlands Helden ...« »Und sein durchlauchtig Blut ...« »Noch was! Helden ist nicht vollständig.« »Ja, Helden ...« »Durch sein durchlauchtig Blut, entrissen den Barbaren ...« »Der Gott von Niederland ...« »Durch sein durchlauchtig Blut ...« »Willkommen, teurer Fürst ...« »Und sein durchlauchtig Blut ...« »Die treue Bürgerschaft ...« »Helden ... scharen! So heißt es!« »Natürlich Scharen. Und sein durchlauchtig Blut ...« »Halt die Luft an mit deinem Blut! Willkommen ... Gottes Hand ...« »Richtig! Und unser Pfand! Hand. Pfand, siehst du?« »Durch sein durchlauchtig Blut ...« U. s. w. »Wer hat wohl den Vers gemacht?« »Na ... doch der Bürgermeister.« »Der Sauertopf?« »Ach nee! Der Schulmeister. Ich kann's auch. Der König ist im Land – nun jauchzt man mit Verstand. Siehst du? Ist ganz leicht. Man kann auch sagen: der Mensch steht in Gottes Hand.« »Und sein durchlauchtig Blut ...« U. s. w. »Ob wohl der König auch nach den Lichtern sieht? Und ob er wohl so 'n Vers auch liest ... und sich abschreibt?« »Dazu hat er seine Minister.« »Ja, oder Generäle. Er hat schon so viel in seinem Leben gesehen und gelesen, mußt du wissen!« »Ebenso schön wie hier?« »Na natürlich!« »Glaub' ich nicht!« »Ich aber.« »Weißt du, was ich denke? Er wird wohl mal hinsehen!« »Meinst du?« »Ja.« »Nee.« U. s. w. »Du, drängel' nicht so!« »Kann nicht dafür. Sie drängeln mich auch.« »Die Menschen sind wie verrückt. Alle drängeln so.« »Ja, nicht wahr? Immer drängeln sie. Weißt du, was ich meine? Die Kalwerstraat müßte nochmal so breit sein.« »Ja, nochmal so breit. Sie ist zu schmal. Das ist sie.« »Ja, sie ist zu schmal.« »Darum drängeln auch die Menschen so!« U. s. w. Ja, für Druck und Stoß war schon gar kein Raum mehr. Man wurde gequetscht, und wer infolge seiner geringeren Schwere weniger als andere an den Erdboden geheftet war, erhob sich in die Luft. Excelsior! Walther schwebte schon und sah über die Männer hinweg, die viel größer waren als er. »Läufst du auf Stelzen?« fragte eine dicke Frau, die mit ihrer Hüfte gegen Walthers Knie drückte. »Na, das ist auch was!« Das Gedränge wurde stärker. Bald hätte die Frau Walther wie ein Gewehr über die Schulter nehmen können. Auch hatte er Aussicht, als Ritter durchs Land zu kommen. Noch ein wenig, und er konnte hinaufgereicht werden, wie es Zimmerleute mit Balken machen. Nach den Lichtern sah man nicht mehr. Man amüsierte sich mit Drängen und Gedrängtwerden. Auch ein Vergnügen. Nein, die Kalwerstraat sollte nicht verbreitert werden. Denn, recht besehen, ist das Drängeln das Schönste von der Geschichte. Wie langweilig würden die zweihundertvierzigtausend Flammen werden – ein paar waren vom Winde ausgeblasen – wenn man sie in Bequemlichkeit hätte ansehen können! Unser kleiner Mann lag auf Schultern und Köpfen seiner Mitmenschen. Wie manche Thronkandidaten stützte er sich auf die Masse. Es giebt festere Stützpunkte, z. B. man selber. Unserem Walther wurde allgemach in seiner Lage etwas unbehaglich. Manchmal hatte er schon Lust, sich irgendwo festzuhalten, an einem Ohre oder einer Augenbraue. Und das ist nicht nach dem Geschmack der »Masse«. Gedrückt will sie werden, aber sich an ihr festhalten, geht nicht. Krak! Erschrick nicht, Leser. Walther zerplatzte nicht, aber die zusammengepreßte Menge hatte die Doppelthür eines Kaffeehauses gesprengt. Der Einbruch war schrecklich. Wie Lava, die Reue fühlt, strömte die Masse nach innen und füllte den Krater, in dem unser Held, nachdem er eine parabolische Linie in der Luft beschrieben hatte, ohne weiteren Schaden auf einem Tischchen landete ... »Waltherchen Pieterse!« rief die erschrockene Gesellschaft, die um den Tisch saß. »Hast du dir weh gethan, Walther?« Nein! Verletzt hatte er sich nicht. Aber er war starr vor Erstaunen. Erst über seine Erhebung, dann über seine Luftreise, dann über das Herniederkommen auf und zwischen allerlei Glaszeug, und endlich, – das war nicht das am wenigsten Erstaunliche – daß er sich auf einmal im Kreise der ihm so wohlbekannten Familie Holsma befand. Es war Sietske, die ihn fragte, ob er verletzt wäre. Gottes Finger hatte alle die Gläser und Gläschen zerbrochen, aber Walther war ganz geblieben. Onkel Sybrand half ihm, so gut oder so schlecht es ging, auf die Beine. Es war nicht leicht, denn das Gedränge war groß. Aber Walther war nur schmal und es ging. Der Wirt schrie aus der Ferne – denn heranzukommen war unmöglich – daß das Zerbrochene bezahlt werden müsse. Aber auch von anderen Tischen hörte man allerlei Klirren. Der Mann war in Verzweiflung. Er verfluchte alle Könige und die »Massen« auch. »Eine Flasche Wein ... drei Limonaden ... sechs Gläser entzwei!« rief Holsma, um sich für Walthers unabsichtliche Zerstörung haftbar zu machen. Und Onkel Sybrand hielt ein Paar zeeländische Thaler in die Höhe. »O Gott, M'neer, ich trau' mich nicht nach Hause,« rief Walther, »Wer soll das bezahlen? Meine Mutter ...« In dem Wirrwarr verstand ihn Holsma nicht. Aber Sietske. »St!« flüsterte sie. »Papa wird's bezahlen, und sonst ... habe ich Geld. Und Willem auch. Hermann auch. Sei stille ...« Aber das verstand wieder Walther nicht. Und als er endlich unter dem Schutz der Holsmas wieder draußen angelangt war und die Gesellschaft sich durch einen Seitenweg der »Masse« entzogen hatte, erklärte er, daß er es nicht wagte, seiner Mutter und seinem Bruder Stoffel unter die Augen zu kommen! »Das Geld macht nichts,« sagte der gute Holsma, »Dafür werde ich schon sorgen. Aber du bist ganz erschrocken, mein Junge. Komm mit uns mit nach dem Kolveniersburgwall, ich will dir Hoffmannstropfen geben. Da kannst du dich erholen.« Die Entfernung war nicht groß genug, um Walther zu beruhigen. »Meine Mutter wird böse sein, wenn ich spät komme.« Holsma redete ihm gut zu. Es sollte eine Botschaft nach Hause geschickt werden, damit die Familie wüßte, wo er wäre. Der Doktor gab ihm etwas ein und führte ihn in ein Zimmer neben dem, wo die Familie sich aufhielt. Da sollte er hin und her gehen, bis er sich ruhig fühlte. Aber das ermüdete ihn. Er that gerade das, was er nicht sollte. Er setzte sich in eine Sofaecke und fiel in Schlaf. Ob es im allgemeinen nützlich ist, nach einem Schreck in Bewegung zu bleiben, weiß ich nicht. Walther fühlte nach heftigen Gemütsbewegungen immer großes Schlafbedürfnis, und er stellte durch dies Mittel, das die Natur ihm anwies, auch in der That sein zerstörtes Gleichgewicht meist wieder her. Vielleicht war es kein eigentliches Schlafen, das ihn bei solchen Gelegenheiten befiel. Er träumte. Er schwebte wieder in der Höhe und wurde immer höher emporgehoben, und starke Fäuste trugen ihn, aber ein Mann biß ihm in die Hand ... Er schrammte sich nämlich das Handgelenk an einem widerspenstigen Pferdehaar, das im Begriff stand, seinen Dienst als Füllsel des Kissens aufzusagen. Und eine Frau schnaubte ihn an: Dumm? nicht dumm? wir, die Masse? Und sie ließen ihn fallen. Aber er fiel mit dem Kopf in Sietskes Schoß, ohne das mindeste Glaszeug. Er freute sich – da kratzte das Pferdehaar wieder – und da klang eine Stimme ... Träumte er noch? Ja, wieder von Schweben und Fallen. Da war Femke ... Natürlich mußte in seinem Traum etwas von Femke vorkommen. Und von der Bleiche. Pater Jansen war auch dabei und schwebte mit in die Höhe und zeigte den Sternen seine Unterhose, die sie geflickt hatte. Orion und der große Bär fanden sie sehr schön, Walther nicht. »Hast du's selbst gethan?« hörte er Sietske im Nebenzimmer fragen. »Oder konntest du nicht durch?« »Nein, es ging nicht, wegen des Gedränges. Ich hab's dem Mann mit dem Hausierwagen aufgetragen.« Was denn? Walther richtete sich auf, Pater Jansen war weg, Orion auch, und die Wolken, und die »Masse«, aber ... die Stimme! Die Stimme klang noch. Und wieder: »Ich kenne ihn sehr gut, o so gut! Es ist ein guter Junge!« Das hörte er Femke sagen! Er sprang auf, trat schnell in das Zimmer der Holsmas und sah gerade noch ein Dreieckchen von einem Frauengewand, das zur Thür hinausglitt, worauf diese sich schloß. Er hatte den Mut nicht – oder gehörte etwas anderes dazu, zu fragen: »Heißt das Mädchen Femke?« Auf dem Heimwege hatte Walther nicht das Geringste vom Schweben oder dergleichen zu leiden. Er fühlte sich recht niedrig ... Wenn er das Dreieckchen des Frauenkleides anderswo getroffen hätte! Nicht bei Holsmas, in dem vornehmen Kreise! Nicht in Gesellschaft von Sietske, die so viel Geld in der Sparbüchse hatte! Nicht unter den Augen des eingebildeten Willem, der Latein lernte – dann ... dann, ja sicher! Aber so? Er war brav genug, sich zu schämen. Das ist aber auch das einzige, was ich zu seinen Gunsten sagen kann. Der junge Herr hat Gewissensbisse. Ein gutes Mittel gegen Lebensüberdruß. Jüffrau Pieterse schwebte in den Wolken, Sie hoffte, daß der Bote, der die Nachricht von Waltherchen überbracht hatte, ihre Wohnung nicht so schnell gefunden haben sollte. Dann konnte er doch in der Nachbarschaft herumgefragt haben, je langer, je besser! »Gewiß ist er beim Kaufmann gewesen,« sagte sie, »sie wissen ja immer nicht, wo sie hingehen sollen ... solche Botschafters! Und warum soll er nun nicht erzählt haben, daß der junge Herr – er sagte: junge Herr! – bei Doktor Holsma loschierte, auf dem Kolveniersburgwall! So ein Mann schwatzt ja immer. Diese Sorte Menschen thut nichts wie schwatzen! Na, 's kann's ja jeder wissen. Ich sage bloß, daß solche Menschen zu gern schwatzen – Aber sag' mal, Walther, wie kam's denn, daß du mit der Familie mitgingst? du bist doch ein toller Bursche ... Stoffel, was sagst du?« Stoffel machte ein sehr bedenkliches Gesicht, als ob er sagen wollte »hm hm, ich werde mir's mal beschlafen« oder »dahinter sitzt mehr ...« »Ich traf die Familie in der Kalwerstraat,« sagte Walther. Und da hatte er recht! Er hatte die Familie, was man so sagt, in der Kalwerstraat getroffen. Aber warum erzählte er nichts von den besonderen Umständen? Ach! »Dein Rücken ist ja so klebrig!« klagte Petro, die mit der Sorge für die Wäsche und dergleichen betraut war. Die Familie roch und faßte an und rieb und fühlte, und dann erklärte sie einstimmig, daß Walthers Rücken sich des Einsaugens von allerlei Düften schuldig gemacht hatte. »Es riecht, so wahr! nach Citrone,« sagte Trude. »Und nach Wein!« »Und den Zucker kann man abkratzen! Junge, wo bist du gewesen? Schämst du dich nicht? Zu so anständigen Leuten zu Besuch kommen – ich kann wohl sagen: loschieren, was meinst du, Stoffel? – und dann Citrone und Zucker auf dem Rücken! ist ja 'ne Schande!« »Es war solch Gedränge auf der Straße!« »Davon kriegst du keinen Wein auf den Rücken! Und Citrone auch nicht! Und Zucker auch nicht. Was sagst du, Trude?« Einstimmigkeit. Schüchtern, wie immer, getraute sich Walther nicht mit der Wahrheit an den Tag zu kommen. Es hätte ihm auch nichts genutzt. Das Verständnis der Familie Pieterse war ein verstopftes Schloß, wozu kein Schlüssel paßte. Walther wußte das aus trauriger Erfahrung, und er ließ sich daher ergebungsvoll den Sturm über den Kopf fegen. Leider war auch in ihm etwas verstopft. Sein Hochgefühl hatte gelitten. Er hatte eine Feigheit begangen! Er fühlte es. Kein Geistlicher konnte es wegpredigen. Gott selbst konnte es nicht ungeschehen machen. Jeder muß nach seiner Überzeugung handeln, hatte Frau Doktor Holsma gesagt. Er hatte es nicht gethan! Vielleicht hat Gott es zugelassen, um zu zeigen, wie gering ich bin. Ein Hund hätte Femkes Saum geküßt, wenn er sie nach so langer Zeit wiedergesehen hätte. Denn sie war es. Gewiß, sie war es! Oder... Ach, er suchte nach »Oders«! Sollte es eine andere gewesen sein? Es kann ja ganz gut eine andere gewesen sein. Wie sollte Femke dahin kommen? Nein, nein, sie war es! Sagte sie nicht, daß sie mich kenne? Sagte sie es nicht mit derselben Stimme, mit der sie mich einen lieben Jungen nannte, als sie mir den Kuß gab bei der Brücke! Ja, damals wußte sie noch nicht, was für ein Feigling ich bin! Sie würde mich nicht verleugnen und verraten! Sie würde überall und zu jedem sagen: das ist Walther, mein kleiner Freund, dem ich damals einen Kuß gab, weil er sich gegen die steinewerfenden Jungens so tapfer zeigte! Und ich ... o Gott! Nein, Gott bleibt ganz aus dem Spiele. Ich bin feige. So kann ich nicht leben! Er dachte an Selbstmord. Und in dieser Stimmung verbrachte er die Nacht von Donnerstag auf Freitag. Am Freitag stand er mit dem festen Vorsatz auf, seiner unwürdigen Existenz ein Ende zu machen. Zum Glück wurde er gleich nach dem Frühstück an eine Arbeit gesetzt, die einen mit dem Leben versöhnen kann. Er war mit Stimmeneinheit verurteilt worden, seine Jacke selbst wieder sauber zu machen – ein Urteil, das meinen vollen Beifall hat – und er widmete sich dieser Aufgabe so, daß er nach einer Stunde Arbeit zu seiner Mutter lief und jauchzend ausrief: »Sieh mal, Mutter, nichts mehr zu sehen!« Dieses kleine Triumphchen jagte die Wolken fort, die sein Gemüt verdüstert hatten. Mancher würde zum Vergnügen in Limonade fallen, wenn er wüßte, wie gut die Anstrengung wirkt, das Paletotchen wieder sauber zu waschen. Der Unglückliche, der nie seine eigenen Kleider gereinigt hat, kennt das Leben nicht. Ich werde sie um Verzeihung bitten, dachte Walther, und er malte sich aus, ob er wohl in Gegenwart der Dienstboten bei Holsmas ihr zu Füßen fallen könnte. Schließlich aber beruhigte er sich dabei, daß Femke vielleicht nicht allzulange mehr bei dem Doktor sein würde. Sehr mutig war es ja nicht, daß er darauf hoffte, die Sache dann mit ihr unter vier Augen zu regeln. Aber die Strafe dafür war schon unterwegs. Unser Held geht mit dem Gedanken an Prinzeß Erika zu Bett. Wie liebenswürdig sie war. Sie! Der Freitag that so, als ob er schon vorbei wäre. Walther bereitete sich vor, die enge Bettstelle zu erklimmen. Er war ruhigen Herzens geworden und hatte nicht einmal Lust, mit Laurens zu balgen, der, ohne allen Anspruch auf geometrische Leistungen, auf dem gemeinsamen Lager stets die Diagonale machte. Walther nahm sich vor, die kleinen Ereignisse des Tages noch einmal zu überdenken. Natürlich! Mit sich selber hatte er diesmal keine Lust, sich zu beschäftigen. Da war ein Prinz, der hatte Geld unter das Volk gestreut ... Ach, wenn ich so ein Prinz wäre! Nun, das war der schlechteste Gedanke nicht. Die meisten denken in solchem Fall: hätte ich so mitgrabschen können! Die Pfalzgräfin von ... wovon doch ... na, 's macht nichts – sie war im Museum gewesen – und dort, wie die Zeitung schrieb, liebenswürdig, sehr liebenswürdig ... Würde ich auch thun, dachte Walther, wenn ich Pfalzgräfin wäre. Was ist das eigentlich für ein Beruf? Der König hatte Audienzen und ein Diner gegeben, und er hatte gesagt ... na, das übliche. Aber für Walther war es neu und interessant. Das Wohl der Hauptstadt lag Seiner Majestät ganz besonders am Herzen. Walther auch. Das hinderte nicht, daß er diese Eigentümlichkeit des Königs sehr nett fand. In Afrika würde er ganz genau dasselbe thun. Und seine Hauptstadt... Nein, weg mit Afrika! Er warf seinen linken Strumpf von sich, sodaß das Ding sich um das Stuhlbein wand wie ein sterbender Regenwurm. Was für sonderbare Geschichten von der Prinzeß Erika! Man sagte, sie sollte einen Großfürsten heiraten, hatte ihm aber einen Korb gegeben. Alle Bürgersleute fanden das reizend, ohne noch zu wissen, ob es nicht bloß Dickköpfigkeit von der Prinzeß Erika gewesen war. Sie war so eigenartig in ihrem Wesen und konnte sich gar nicht in ihre hohe Stellung finden ... Walther zog den zweiten Strumpf aus und mißbilligte es, daß die Prinzeß sich um Äußerlichkeiten nicht kehren wollte. Hm ... hätte sie vielleicht Lust zu tauschen? Er: Prinz Erich? und sie... Ob sie wohl auch des Nachts so eine häßliche Mütze aufsetzte? Ach nein, dachte Walther, Prinzessinnen tragen Mützen von Diamanten, Es ist wirklich ein Jammer, daß so ein Geschöpf sein Glück nicht zu schätzen weiß. Als sie mit der Pfalzgräfin aus dem Museum kam – wo sie liebenswürdig gewesen war – hatte sie sich geweigert, gleich nach dem Schlosse zurückzufahren. Sie wollte das Amsterdamer Judenviertel sehen und faßte forsch einen Kammerherrn am Arm, der ihr den Weg weisen sollte. Der Mann hatte selbst keine Ahnung und lotste sie mit Mühe und Not nach Flohenburg. Er hatte eine kurze Hose an und seidene Strümpfe, und die waren ganz »bespritzt« worden. Und Prinzeß. Erika hatte darüber gelacht! Und noch mehr unfürstliche Seltsamkeiten von der Sorte! In den Zeitungen stand das aber nicht. Da stand bloß von der Liebenswürdigkeit. Nun, auch zu Flohenburg war die Prinzeß äußerst liebenswürdig gewesen, mehr als liebenswürdig. Sie hatte einen ganzen Hausierwagen mit Birnen leer gekauft und die Straßenjugend mit dem saftigen Geschenk bombardiert. Das stand aber auch nicht in der Zeitung. Die Zeitungsschreiber wußten nicht, wie sie die Geschichte mit dem nötigen Respekt erzählen sollten – sie beschränkten sich also auf die sattsam bekannte Liebenswürdigkeit. Es hatte aber jeder davon gehört, wenn man auch nicht wußte, ob es wahr war. Die einen sagten: es wäre wirklich geschehen! Die anderen: es wäre eine ersonnene Geschichte, »was ich Ihnen sage!« Und wieder andere: es wäre wohl diesmal nicht passiert, aber, wohl besehen, könnte es wohl ein andermal vorgekommen sein, und es wäre sehr schwer, immer ganz genau zu wissen, was geschehen wäre und was nicht. Das finde ich auch. Prinzeß Erika ... Walther blies sein Licht aus – oder er wollte es thun. Er hatte eins der beiden Dreiecke ins Auge gefaßt, die Laurens ihm zur gefälligen Auswahl in dem Bette freigelassen hatte ... da vernahm er plötzlich eine große Aufregung im Hause der Pieterses. Ja, es war drei-, viermal heftig geschellt, geklingelt worden! Feuer? Hm? Sollte es vielleicht Prinzeß Erika sein, die zum Tauschen kam? Ach nein. Es war Jüffrau Laps. Tauschen kam sie nichts. Ja, was wollte sie denn, so spät abends? Walther zog das eine Bein wieder aus dem Winkel heraus – und lauschte. Wir auch. Die Stadt ist voll von Mördern und Spitzbuben. Don Quichotte geht auf Abenteuer aus, vergißt aber die Nebenumstände. Der Verschlag, in dem Walther und Laurens in einer Bettstelle schliefen, lag über der Wohnstube. Sie teilten den Raum mit zweien ihrer Schwestern und mußten also aus Zartgefühl immer ein Viertelstündchen früher schläfrig werden als die jungen Dämchen. Ich bin nicht gelehrt genug, um zu wissen, wie viel Sauerstoff vier junge Menschen für acht Stunden nötig haben, um nicht gerade zu ersticken. Aber enge war es in dem Winkelchen. Soldaten hätten sich beschwert... In einem anderen Kämmerchen war eine ähnliche Einteilung, und auch da wurde die Minute der Schläfrigkeit, durch ähnliche Keuschheitsgesetze bestimmt. Wenn nun der geehrte Leser ein klein bißchen Verwaltungsgenie hat, wird er sofort wissen, warum ein Teil der Familie, und natürlich der weibliche, noch im Wohnzimmer zusammen saß, als Walther davon träumte, daß Prinzeß Erika käme, mit ihm zu tauschen. Statt dessen hörte er, wie wir wissen, die Stimme der Jüffrau Laps, die wie eine Rasende die Treppe herausstürmte, und heulend, schluchzend, weinend in die Stube flog. Die gewöhnlichen Ausrufe »Menschenkind, was ist los?« und »Herrejeses, was ist denn passiert?« waren erledigt. Walther konnte wahrnehmen, daß das übliche Glas Wasser angeboten und getrunken war und daß man nun dabei war, die Tiefunglückliche zu veranlassen, »sich doch zu beruhigen.« Jüffrau Laps fing mit der deutlichen Versicherung an, daß es ihr unmöglich wäre, ein Wort herauszubringen. Die Sache schien also wichtig. Walther zog seinen einen Strumpf wieder an, um besser horchen zu können. »Ich schwöre Ihnen bei Gott, dem Allmächtigen, Jüffrau Pieterse, ich kann nicht sprechen vor Schreck und Aufregung.« »Lieber Himmel!« »Wo sind Ihre Kinder? Zu Bett? Doch nicht alle, hoffentlich? Ich kann wirklich nicht sprechen! Noch 'n Glas Wasser, Trude. Hören Sie, wie ich zittere ... Zähneklappern kommt vom Schreck, nicht wahr? Danke, Trude, und wo ist ... Stoffel?« »Nun, der zieht sich aus. Vor mir und Petro, Mine nämlich strampelt so, wissen Sie, und Trude muß bei den Jungens bleiben, sonst hauen sie sich. Deswegen schlaf ich mit Petro, wissen Sie. Und darum zieht Stoffel sich aus, und dann zieht er die Bettgardinen vor, wenn er uns auf der Treppe hört. Aber ...« »Was mich das angeht? Ganz recht. Ich bin außer mir vor Schreck! Und ist ... Laurens auch schon zu Bett?« »Natürlich, lange! Er muß früh nach der Druckerei.« »Alle zu Bett! Und ich, ich laufe wie ein Unglück durch die Straßen, wie verrückt... und weiß nicht, was ich machen soll! So? Also ... hier ist ... alles ... zu Bett?« »Aber was ist denn geschehen?« »Ich will's Ihnen sagen, Jüffrau Pieterse! Ach, wenn Sie wüßten, wie ich erschrocken bin!« Walther zog aus akustischen Gründen jetzt den zweiten Strumpf an. »Sie wissen, Jüffrau Pieterse, daß jetzt so viel gestohlen wird.« »Ja, aber ...« »Und eingebrochen und gemordet! Und daß die Polizei nicht dahinter kommt, wer es gewesen ist. Der Mord an der alten Frau und dem Dienstmädchen in der Lommerstraße ...« »Aber dafür sitzen ja drei im Loch! Was wollen Sie mehr?« »Ja, schön! Die Mörder laufen frei herum, was ich Ihnen sage! Die drei Kerls haben sie eingesperrt, damit wir nichts merken sollen. Sonst würden die Menschen fragen: wozu ist denn eigentlich die Polizei? Sehen Sie! Ich sage Ihnen, daß so ein gemeiner Kerl, der einen Mord begeht, der viel Geld stiehlt, seine blutigen Kleider nicht verstecken kann. Und das Geld auch nicht. Er ist nicht gewöhnt, mit so viel Geld umzugehen. Alle seine Nachbarn kennen seine Hose und Jacke. 'ne Kiste, wo er was verstecken kann, hat so 'n Mann nicht. Verstand von Effekten und Obligationen hat er auch nicht. Und den Weg ins Ausland weiß er auch nicht. Und Freunde, die ihm helfen, das verdächtige Zeug los zu werden, hat er auch nicht. Und ich sage Ihnen, Jüffrau Pieterse – ein Mord oder ein Diebstahl oder so was – wenn sie da den Mörder nicht sofort fassen – dann sag' ich, Jüffrau Pieterse – dann hat's 'n anständiger Mensch gethan, einer, der mehr Röcke und Kisten und Spinde und so was hat und viel weiße Wäsche ... und Freunde unter den Banquiers... Ein gemeiner Mensch würde hunderttausend Gulden in den Brotkasten legen und da finden's dann die Kinder, wenn sie Butter naschen wollen. Was meinst du, Trude?« Trude hatte über solche Kriminalstatistik noch nicht nachgedacht. Walther hörte wenigstens keine Antwort, wenn ihn auch die Neugier veranlaßte, die Hose anzuziehen. »Aber,« hörte er wieder seine Mutter sagen, »was ist denn eigentlich mit Ihnen passiert?« »Was passiert ist? Ich bin ja außer mir! Sehen Sie, wie ich zittere! Die Stadt ist ja voll Mörder!« »Lieber Gott, was kann ich dazu thun?« »Nichts! Ganz und gar nichts! Aber ich bin außer mir! Und ich will Sie um Rat fragen ... gehen denn Stoffel und ... Laurens und ... alle immer so früh zu Bett? Sehen Sie, wie ich noch zittere. Glauben Sie wohl, ich traue mich nicht nach Hause!« »Aber warum denn nicht? Denken Sie, daß sie Sie ermorden werden?« »Jawohl, das denk' ich! Die Mörder der alten Frau und des Dienstmädchens laufen noch herum – gestern bei der Illumination haben sie so viel Uhren gestohlen – und die Polizei – wissen Sie, was die Polizei thut? Die guckt nach, ob einer morgens nach zehne den Teppich ausklopft ... das thut die Polizei! Die Mörder aber läßt sie laufen. Das sage ich!« »Aber was wissen Sie denn von den Mördern? Geben Sie sie an, wenn Sie sie kennen! Das ist Pflicht!« Walther zog die Weste an und nahm das Tuch um den Hals. »Was ich davon weiß! Sie belagern mich in meinem eigenen Hause! Ist das nicht arg? Ich bin mittags von Hause weggegangen, um mir das Wettsegeln auf der Amstel anzusehen. War aber nichts zu sehen, weil kein Wind war. Und die Masse Menschen! Alle Könige waren da und die fremden Prinzen und Prinzessen, wissen Sie, und die Menschen guckten nach den Kutschen und ich auch. Nicht, daß ich mir was aus 'm König mache, Gott nee! Denn er ist ein Wurm in Gottes Hand, und wenn der Herr ihn nicht stützt... alles Irdische ist nur Thorheit. Staub und Asche – glauben Sie mir! Aber ich sah nach den Kutschen, wissen Sie, und nach den Pferden und nach dem Volke, das danach guckte. Und ich dachte so bei mir selber, wenn ich des Abends nach Hause komme, werde ich mir die Kartoffeln braten – die waren nämlich von Mittag übrig geblieben, und wenn Kartoffeln übrig bleiben, wissen Sie, dann brat ich sie mir abends. Und 's war groß Gedränge bei der Amstel, und alle ärgerten sich, weil kein Wind war, denn die Menschen sind ganz toll aufs Vergnügen und fragen nicht, was des Herren ist! Weltlich, weltlich waren die Prinzen und Prinzessen – sehen Sie! Ja, dachte ich, da wundert's mich gar nicht, daß so sehr gemordet wird und gestohlen, denn sie versuchen Gott. Und ich dachte: der Herr wird euch schon fassen, denn der Herr wartet seine Stunde ab. Denn, Jüffrau Pieterse, das thut er immer! Eine Dame – das Mensch hatte rote Pickel im Gesicht und war noch älter als Sie, Jüffrau Pieterse – was meinen Sie, was die auf dem Kopfe hatte? 'n Turban, Menschenkind! Und sie saß in 'ner Kutsche mit vier Pferden. Ist das gegen den Herren oder nicht? Und sie spielte mit'm Fächer, und wie 'n Prinz an ihre Kutsche heranritt, streckte sie die Hand raus und ließ den Fächer dreimal rauf und runter gehen. Und der Prinz machte auch dreimal so. Waren sie toll oder nicht? Was soll der Herr dazu sagen? Wenn keine Pestilenz kommt...« »Aber...was ist Ihnen denn zugestoßen?« »Ganz recht...was mir zugestoßen ist? Das will ich Ihnen sagen. Ich zittere noch so. Ich hatte meine Kartoffeln in Scheiben geschnitten und auf 'm Tellerchen in den Schrank gestellt. Denn ich dachte, wenn ich nach Hause komm', kann ich mir sie gleich braten, denn ich mach' mir nichts aus weltlichen Dingen – denn ich hab' die Gnade – denn ich dachte so bei mir selber, daß ich nicht mehr lange unter all den Menschen bleiben wollte – ach, liebe Jüffrau Pieterse, Sie müssen ... Stoffel rufen. Dann kann er hören, was mir widerfahren ist.« Stoffel war schon unterwegs und das freute Walther. Er hatte Geräusch in der Nebenkammer gehört, und er gründete auf Stoffels Aufstehen die Hoffnung, daß er auch noch zum Vorschein kommen dürfte, um die spannende Geschichte bequemer zu hören, als durch die Ritzen der Stubendecke. Inzwischen hatte er sich ganz angekleidet. Er hörte nun, wie Stoffel unten auf der Bildfläche erschien, und wie die Besucherin, nach dem üblichen Gruß und der feierlichen Versicherung, daß sie noch immer nicht vor Zittern sprechen könne, die Frage that: wo denn ... Laurens bliebe? Laurens? Na, der schlief. Es schien aber die Jüffrau Laps sehr zu hindern, daß... Laurens nicht da war. War das vielleicht der Grund, daß sie mit der Katastrophe nicht herausrückte? Mußte gerade... Laurens Zeuge sein...? »Sagen Sie selbst mal. Stoffel, ist nicht die Stadt voll Mörder und Spitzbuben?« Stoffel zog die Oberlippe einwärts und bemühte sich, mit der anderen seine Nasenspitze zu erreichen. Mach's nach, Leser, und du wirst genau wissen, wie und was Stoffel auf diese Frage nicht antwortete. Jüffrau Laps that, als hätte sie »Ja« verstanden. »Sehen Sie. Stoffel sagt's auch! Die Stadt ist voll von Dieben und Mördern, und – ein anständiger Mensch getraut sich schon nicht mehr allein zu Bett zu gehen. Das sage ich!« »Aber... Jüffrau!« »Die Polizei? Unsinn! Was hilft die Polizei, wenn man nicht auf Gott vertraut? Das ist das Wahre. Und wer das nicht thut, ist verloren. Menschliche Hilfe – ich kann's gar nicht fassen, daß ... Laurens immer so früh schlafen geht. Wissen Sie wohl, das viele Schlafen ist gar nicht gesund. Was sagt die Schrift? Wachet und betet! Aber ... jeder wie er will! Ich kann Ihnen vor Gott versichern, daß ich mich nicht allein nach Hause wage und –« Walthers Neugier war aufs höchste gespannt. Um besser hören zu können, stand er in gebückter Haltung und stützte sich mit der einen Hand auf den Stuhlrücken. Der Stützpunkt kam ins Wanken, der Stuhl glitt aus, knirschte über den Fußboden, stieß an ein anderes Möbel – »Herre Jesses Christes, was ist das nun wieder!« kreischte die Mutter. »Laurens, bist du's?« Walther piepste verlegen, daß es »ich« wäre. Hieraus ergab sich, daß er sich nun in den Kreis der interessanten Ereignisse hinüberplacierte. Sein Eintritt fand unter ungünstigen Umständen statt. Er wurde angefaucht, daß er »noch« nicht ausgezogen wäre – – »Setzt du die Nachtmütze auf, ehe du die Kleider ausziehst?« rief die Mutter. Wahrhaftig, der Junge hatte vergessen, die Schlafmütze abzulegen. Er meinte vor Scham zu versinken. Lieber hätte er alles andere gemißt. »Und ... was hast du denn da?« Ach! unser kleiner Held war noch viel lächerlicher, als man mit einer Nachtmütze allein sein kann. Er hatte sich mit dem eisernen Stab gewappnet, den in vorgeschichtlichen Zeiten sein Vater zum richtigen Abschneiden von Leder benutzt hatte! Während der ganzen Lapsischen Geschichte, die so schlecht vorwärts kam, meinte er, dachte er, hoffte er ... ja er hörte etwas von dem »Wo bleibt Walther?!« Die Sprecherin sagte es nicht – nein, im Gegenteil, es waren gerade die Worte, die sie absichtlich zu vermeiden schien – er glaubte sie doch zu hören! Er hatte sich diesen Freitag feige und schlecht benommen, unritterlich und gemein, aber er blieb immer noch Walther! Mörder? Spitzbuben? Eine Dame in Not – sie hieß Laps, Gott bessere es! – was konnte darauf folgen als: Da bin ich, ich, Walther! O Schicksal, warum mußtest du das Ritterschwert ihm in die Hand geben, der vergessen hatte, seine Schlafmütze abzulegen! Warum hast du nicht diese zwei Lächerlichkeiten auf Stoffel und Walther verteilt! Warum hast du nicht dem schlafenden Laurens das federige Diadem aufgesetzt? Ihm konnte es ja gleich sein, wie er im Schlafe aussah! Walther war wütend. Und ich bin's auch. Femke gegenüber hatte seine Ritterlichkeit geschwiegen, und auf den Ruf von Jüffrau Laps kam sie zum Vorschein! Mit heftiger Gebärde warf Walther seine Waffe prasselnd zu Boden, und schwapp! flog seine Mütze auf den Tisch. Niemand hatte je gedacht, daß das Männchen so heftig werden konnte. Seine Mutter fragte ihn denn auch mit dem gewohnten Interesse für seinen Seelenzustand, ob er denn ganz und gar verdreht wäre? »Ich sage, Sie müssen das Kind nicht so verschagrinieren,« sagte die Besucherin. »Augenblicklich gehst du ins Bett!« rief die Mutter. »Ach, lassen Sie das Kind hier bleiben! Aber ... was ich sagen wollte, Jüffrau Pieterse ... von meinen Kartoffeln –« Walther blieb. Daß er das konnte, hatte er der allgemeinen Neugier zu danken. »Stellen Sie sich vor... wie ich nach Hause komme, so gegen halb elf – früher konnte ich nicht, wegen des Gedränges, wissen Sie – sonst ... ich mache mir nichts aus solchem Rumor, wissen Sie – na, wie ich also nach Hause kam – die Stadt ist voll Spitzbuben und Mörder, das müssen Sie wohl beachten! da waren meine Kartoffeln ... was denken Sie, daß meine Kartoffeln waren? Sie waren – weg!« »Weg?« »Weg!« »Ganz und gar weg?« »Ganz und gar weg!« »Ihre Kartoffeln ... weg?« »Meine Kartoffeln ... ganz und gar, rein weg!« »Aber ...« »Und ich sage Ihnen, das haben die Diebe und Mörder gethan! Wer sonst? Diebe und Mörder sind auf meinem Boden! Und nun wollte ich Sie fragen – denn ich traue mich nicht nach Hause –« Walthers Augen blitzten. »Ich wollte fragen, ob vielleicht ... Ihr Sohn Stoffel ...« Stoffel machte ein sonderbares Gesicht, ein Gesicht, das gewiß allen Mördern bestens gefallen haben würde, weil es sie über die Zukunft ihres Geschäfts ungemein beruhigen konnte. »Aber, Jüffrau,« fragte er, »haben Sie denn keine Katze im Hause?« »Eine Katze? Eine Katze gegen Mörder!« »Nee, Jüffrau, nicht gegen die Mörder. Aber 'ne Katze, die vielleicht die Kartoffeln aufgefressen hat.« »Ich weis; von keiner Katze. Ich weiß, daß die Stadt voll ist von gemeinem Volk, daß man Menschen mordet, ohne daß ein Hahn danach kräht! Nicht, daß ich um mein Leben bange, nein, nicht ... so viel! Wenn der Herr mich ruft, werde ich sagen: laß deine Magd in Frieden fahren, meine Augen haben deine Herrlichkeit gesehen ...« »Aber Menschenskind, warum haben Sie denn nicht auf Ihrem Boden nachgesehen? oder unterm Bett?« »Das wollte ich nicht, Jüffrau Pieterse! Wen Gott bewahrt, ist wohlbewahrt, aber – man soll den Herrn nicht versuchen! Auf den Boden gehe ich nicht, und unters Bett sehe ich nicht, für alles weltliche Gut nicht! Denn da sitzt er ganz gewiß! Und gerade darum wollte ich fragen, ob Ihr Sohn ... Stoffel – oder wenn Stoffel keine Lust hat, ob vielleicht Ihr Sohn ... Laurens ... oder...« »Aber warum haben Sie denn nicht die Nachbarn gerufen, Jüffrau?« So sprach Stoffel. »Die Nachbarn? Na, die muß man kennen, die Nachbarn! Der Mann, der unter mir wohnt, traut sich an kein Schoßhündchen heran, und nun gar ein Mörder! Und neben mir da wohnt ein Mann – wie soll ich sagen – 's ist 'n Junggeselle, und Sie wissen, ich will nicht gern ins Gerede kommen. »Denn ... der Mensch muß auf Anstand halten und niemals Ärgernis geben, das wissen Sie wohl.« Niemand kam auf die Idee, zu fragen, was denn Stoffel für ein Wesen wäre. Kein Junggeselle? Oder sollte er durch sein Schulamt gegen weltlichen Verdacht geschützt sein? »Und außerdem,« fuhr die Verführerin fort, »meinen Sie, daß alle Männer Courage haben? Ich sag' nein! Sie fürchten sich vor 'nem Dieb wie vorm Tode! Vorige Woche stand ein frecher Bettelkerl auf der Treppe, und der Kerl wollte nicht weg. Meinen Sie, daß sie sich da heranmachten? Aber ich, ich faßte ihn schnell und ...« Sie verschnappte sich, und merkte es wohl. »... Na ja, das hätte ich gethan, wenn ich nicht 'ne Frauensperson wäre. Denn Frauenspersonen müssen sich nie mit Roheiten einlassen. Das schickt sich nicht, was sagst du, Trude? Ich lief davon und schloß meine Kammer zu, sehen Sie! Nein, Courage haben die Mannsleute alle nicht!« Alle Mannsleute! Walther fühlte sich beleidigt. Er erbebte vor zurückgedämmter Streitlust, oder doch vor Begierde, zu zeigen, daß er nicht zu »diesen Mannsleuten allen« gehörte. Jüffrau Laps merkte es wohl. »Na, wenn's Stoffel nicht gern thut ...« »Die Wahrheit zu sagen, ich ...« »Und wenn Laurens schon schläft ... und wenn – sonst auch keiner Lust hat ...« Sie stand auf. »Ja, dann muß ich wohl, auf Gott vertrauend, allein – aber graulig ist es für eine Frauensperson ganz alleine!« Sie sah alle der Reihe nach an, bloß den einen nicht, zu sie sprach. Walther mußte sich vergessen fühlen, über die Achsel angesehen, und dadurch zu dem Verlangen angespornt, auch zu der Ritterschaft des Hauses gezählt zu werden. »Ja, wenn keiner hier ist, der sich traut ...« »Ich getraue mich!« Alle standen erstaunt, nur unsere Menschenkennerin nicht, die nichts anderes erwartet hatte, aber sich doch ebenso verwundert stellte wie die anderen. »Du?« »Du, Walther?« »Junge, bist du toll? du?« »Ja, ich! ich getrau es mich, und wären zehn auf dem Boden, und hundert unter dem Bett!« So ein kleiner Luther! Aber es war ein Unterschied. Luther hatte einen Gott, auf den er meinte sich verlassen zu können... mit Hilfe von ein paar Kurfürsten, die trübes Wasser brauchten. Waltherchen – ohne Kurfürsten – war bereit, gegen einen Gott zu Felde zu ziehen, der es zuließ, daß tausend und einige Mörder unter dem Dach und Bett von Jüffrau Laps sitzen konnten. »Junge!« »Ich wag's!« »Ach, laßt ihn. Jüffrau Pieterse. Sie verstehen ... es ist doch eine Gesellschaft für mich, so ein Kind bei mir zu haben! Sehen Sie, dann ängstige ich mich weniger, wenn vielleicht ein Mörder auf dem Boden sitzt. Der Mensch will etwas um sich haben, nicht?« Sie erreichte ihr Ziel: Waltherchen wurde ihr mitgegeben. Mit seinem Päckchen unter dem Arm verließ er das Haus. Der Eisenstab blieb zurück, weil Jüffrau Laps versicherte, daß sie ein wohlgefülltes Zeughaus hätte mit vielen Gerätschaften, mit denen man, so viel man wollte, Räuber totschlagen konnte. Die Ursache, daß die Pieterses so leicht ihre Zustimmung gaben, als Walther zum Schloßvogt berufen wurde, lag vornehmlich in der Eitelkeit. Eigentlich fand es keins der Mitglieder gut, daß der Junge mit der Jüffrau mitging. Aber die Familie war stolz auf seinen Mut. Die Sache würde ja bekannt werden, und man würde es weiter erzählen, und Jüffrau Vieterse würde schon dafür sorgen, daß dabei gesagt würde: »Es ist derselbe junge Herr, wissen Sie, der bei dem Doktor Holsma logiert hat auf dem Kolveniers-Burgwall.« Ja ja, würde dann mancher sagen, es sitzt was drin in den Kindern der Jüffrau Pieterse! Und so etwas hört man gern. Walther aber überlief doch ein Schauder, als er mit der Jüffrau die Treppe ihrer Wohnung hinaufstieg. Das erste, was sie ihm vorsetzte, waren natürlich die Bratkartoffeln, die durch die Schlecker von Mördern aufgegessen worden waren. Hu! Walther hätte gern mit Schinderhannes angebunden. Er meinte wenigstens, er hätte es gethan – aber mit diesen Bratkartoffeln und dieser ekelhaften Freundlichkeit allein zu sein – da gehörte mehr dazu. Er überlegte, wie er eigentlich sich auf diese Heldenfahrt hatte einlassen können, ohne an die Nebenumstände zu denken, die nun einmal unvermeidlich waren. Der berühmteste Niederländer des Jahrhunderts, und was er zuwege brachte. Jüffrau Laps auf dem Kriegspfade. Lange nur getrost zu, mein Junge, und genier' dich nicht. Oder willst du vielleicht erst die Jacke ausziehen, denn da du doch die Nacht hier bleibst ...« Walther behielt vorläufig die Jacke noch an. »Und ... ein Liqueurchen hab' ich auch für dich ... feine Sorte! Von Fockink, weißt du, der seine Fabrik da in der engen Straße hat, weißt du. Du mußt nie durch die Straße gehen, da wohnen gemeine Weibsbilder, und die stehen an der Thür, siehst du, und das ist nicht gut für einen Junggesellen, wie du bist.« Der Junggeselle Walther sah recht erstaunt drein, aber ich kann nicht sagen, daß er böse gewesen wäre. Diese Erhebung war ja noch schmeichelhafter als »in den Handel« zu gehen. Aber verlegen war er doch. Also fand Jüffrau Laps es gut ihm noch zuzureden. »Denn ganz gewiß, Walther, du bist ein Junggesell. Weißt du das nicht? Das kommt davon, daß du zu Hause noch so kindisch behandelt wirst. Ich sage dir, du bist ein Junggeselle, so gut wie einer! Denkst du, daß ich von ... Stoffel so viel halte wie von dir? Ach nein! Ganz und gar nicht! Ich halte viel mehr von dir. Willst du 'ne Pfeife rauchen? Du bist Manns genug dazu. Natürlich, warum, sollst du nicht dein Pfeifchen rauchen wie andere Männer?« Männer! Walther antwortete, daß er »noch nicht« rauchen könnte. Es kostete ihm Mühe, aber sein erster Versuch, es Stoffel hierin gleich zu thun, war böse abgelaufen. »So? Rauchst du nicht?« Sie ließ das »noch« weg. »Sehr gut. Es ist auch eigentlich eine dumme Angewohnheit von den Männern. Das ewige Gequalme! Ich kenne mehr junge Leute, die nicht rauchen. Da ist beispielsweise Piet Hammel, der ist so alt wie du, bloß ein bißchen kleiner, und heiratet 'ne Base von mir – der raucht auch nicht.« Man denke! »Ja, sie wollen heiraten, so etwa ... ich weiß nicht, wann. Aber heiraten wollen sie. Ich will bloß sagen, daß du 'n richtiger Junggeselle bist. Ist ja rein dumm, daß sie dich immer noch wie 'n Kind behandeln. Hab's deiner Mutter schon hundertmal gesagt. Da ist zum Beispiel – na, eben auf der Straße. Ich hatte Angst, nicht? Weil ich ein schwaches Weib bin, na ja. Und 's war Nacht. Denkst du, daß ich mich fürchtete, als du bei mir warst? Keine Spur! Und warum nicht? Na, weil jeder sehen konnte, daß ich eine Mannsperson bei mir hatte. Ich hätte dich unterfassen können – du bist ja beinahe größer als ich – ich that's aber nicht, weil du 'n Paket hattest. Und dann – die Menschen schwatzen so! Der Wächter hätte's sehen können und dann, überall herumerzählen, daß ich nachts mit 'm Herrn ging!« Mit einem Herrn! »Der Mensch muß immer auf seine Reputation denken. Hier zu Hause ist's anders, ganz was anderes. Ich weiß, ja, du wirst nichts Schlechtes von mir erzählen. Wer 'ne Frau beklatscht, ist kein wahrer Mann, das weißt du wohl.« Ja, das wußte Walther. Sie wurde diesmal besser verstanden, als sie ahnte. »Also, was ich sagen wollte, du mußt nie durch jene Gasse gehen. Wenn du 'n Kind wärest, wäre ja nichts dabei. Aber du! Laß mich also einschenken!« Walther trank. O Fancy, meine Muse, was machst du! »Wie findest du das Liqueurchen?« Walther erkannte an, daß das Schnäpschen schmeckte. Und Satans Ladenmädchen schenkte nochmals ein. Die Gläserchen waren ja so klein, richtige Fingerhüte. »Und du mußt auch was essen, mein allerbester Junge! Ach, ich habe immer so viel von dir gehalten. Das ist gesund zu so 'nem Schnäpschen.« Walther begann zu essen. »Und ziehe ruhig deine Jacke aus, mein Lieber. Wir sind ja hier ganz unter uns.« Richtig. Walther zog die Jacke aus. »Und ich will mich dicht zu dir setzen, weil du so ein lieber guter Junge bist.« Fancy! Fancy! Der Liqueur war kräftig, und Waltherchen trank auch mehr davon als gut war. Er verlor etwas von seiner Schüchternheit und antwortete das eine oder andere auf das Geschwätz der Jüffrau, die aber immer noch nicht mit der Sache vollkommen zufrieden war. Na, 's wird schon noch besser werden, hoffte sie. Von Zeit zu Zeit dachte Walther an den eigentlichen Zweck seines Hierseins. Seine Wirtin schien aber alle Diebe und Mörder vergessen zu haben, und als Walther sie daran erinnerte, zeigte sie eine Tapferkeit, die ihm sehr angenehm war. Denn – die seine war futsch. »Ich thät' sie ... denkst du, ich fürcht' mich vor so 'm Kerl? I wo! Nicht vor dreien. Nicht vor zehn! Vor der ganzen Welt nicht! Ich thät sie ...!« Desto besser, dachte Walther, dann brauchte er nicht zu »thäten.« Jetzt raschelte etwas auf dem Boden. Walther erschrak. Er war wieder ganz Kind. »Bleib hier,« rief das Weibsbild. »Ich will nachsehen. Denkst du, ich will dich schlagen oder stechen oder ermorden lassen, mein Junge! Niemals! Wer an dich will, kommt zuerst an mich ... an mich, das sollen sie wohl erfahren.« Und sie ging hinaus und nahm das Licht mit, um nachzusehen, was da oben knackte. Sie ließ Walther lange genug im Dunkeln allein, um ihn ihre Rückkehr wünschen zu lassen. Die Rollen waren vertauscht – noch ein wenig, und der Junge sollte wohl unter ihrer Schürze Schutz suchen. »Aber Jüffrau ...« »Du kannst ruhig Christine sagen. So heiß ich.« Das getraute sich Walter aber nicht. Lieber vermied er die ganze Anrede. »Aber soll ich nun nicht lieber heimgehen?« »Nicht doch! Deine Mutter ist lange zu Bett, das kannst du dir wohl denken. Wir haben's ja abgemacht, daß du hier bleiben sollst ... und frühstücken.« Frühstücken. Ach lieber Himmel, der Junge that ja schon eine ganze Stunde nichts anderes. Sollte das bis zur Morgenstunde so weiter gehen? »Weißt du was? Ziehe dich ruhig aus. Ich werde ein Lager für dich zurecht machen, da ... in der Ecke. Denn wenn ich allein bin – ich als Frau – mit all den Dieben und Mördern, dann werde ich so ... graulig.« Walther wagte nicht, nein zu sagen, ebensowenig aber auch zu thun, was ihm so verlockend angetragen wurde. Er schwankte ... Sie redete zu ... Er begann ... Das Kind war benebelt! O Fancy, ist's nicht schade um den Jungen? Ein Kapitel ans der großen Welt. Der bescheidene Leser wird mit der ganz hohen Politik in Beziehung gesetzt. Wir müssen, um den Gang der Ereignisse zu verstehen, notwendig einige Stunden zurückgreifen. Der Leser erinnert sich, daß diesen Mittag zur Belustigung der hohen Personen ein Wettsegeln auf der Amstel hatte stattfinden sollen. Es war nichts daraus geworden, weil der Wind fehlte. Das Wettrudern war noch nicht Mode – sehr unrecht, denn es ist eine gute männliche Übung – es war auch nicht würdevoll genug, und die Boote nicht danach gebaut. Es war glühend heiß. Könige und Prinzessinnen schwitzten – wie Menschen. Die Fächer bewegten sich immer träger. Man hatte damals eine besondere Sorte: joujoux de Normandie. Die alte picklige Pfalzgräfin, sagte man, verstand sie am elegantesten zu handhaben, und sie verdankte dieser Kunst einen großen Teil des Einflusses, den sie auf die Geschicke der Menschheit ausgeübt hat. Mir ist, als hörte ich so 'nen König sagen: »Ma toute bonne, vous qui avez la main si légère, ne pourriez-vous pas me faire l'amatié ...« u.s.w. Oder: »Ach meine liebe Cousine, wie du göttlich schuschuierst! Auf und nieder ... nieder und auf! Wenn du einmal unseren verehrten Vetter mit den Usurpatormanieren, Kaiserliche Majestät so am Kördelchen hieltest?« Nun spricht ein Prinzlein: »Auf Ehre, Durchlaucht sind zum Küssen adorable! Nur der Respekt hält mich zurück – auf Ehre. Klotho, ich bin Ihr Sklave. Lachesis, Ihrer geschichtelenkenden Hand empfehle ich mein Schicksal! Schaffe mir den Erbprinzen vom Halse! Schicke ihn ins Pfefferland, in den Krieg, in ... kytherische Vergnügungen, womit eine so geschickte Parze wie Durchlaucht Lebensfädchen abschneidet ... zum Entzücken ...« Die Prinzen waren damals in der Mythologie sehr fein gebildet. Die Mythologie ist weg, die Feigheit ist geblieben. Es giebt noch heute hochgestellte Personen, die nicht ein Wort von den Schicksalsgöttinnen sprechen, aber doch wohl des Anhörens wert sind. Ein Prinzeßchen spricht: »Liebe mütterliche Cousine, ... aber nein, wie geschickt ... nie da gewesen! Mit diesen Händchen könntest du mir ganz bequem ein halb Dutzend Provinzchen aus dem deutschen Reichsmoraste zusammenfischen – zur Morgengabe, Cousine!« Ein Sterblicher von niederer Sorte: »Kaiserlich-königliche Hoheit, ich sehe, staune und schweige! Wenn Kaiserlich-königliche Hoheit nur beliebten ... Gottes Erdreich würde sich pflichtschuldigst freuen, wenn Kaiserlich-königliche Hoheit geruhten, es gnädigst balancieren zu lassen auf Kaiserlich-königlicher Hoheit göttlichen Fingern! Ich schweige gehorsamst ... doch daß eine Ober-Geheim-Küchen-Ceremonienmeister-Stelle vaciert, ist allerunterthänigste Wahrheit.« U.s.w. U.s.w. Diese Reden waren weniger dumm, als man denken sollte. Der letzte z.B. bekam wirklich seine Anstellung bei den Kaiserlich-königlichen Hofküchen. Was will man mehr? Ein Reiter näherte sich der Kutsche. »Eh bieng, chefalier, n'est-ze pas qu'il fait affreusemang chaud dang ze pays'? »Wie K.K. Hoheit befehlen. »Ch' étouve!« »Zu dienen.« »Und wo steckt denn unsere kleine wilde Katze? Ist sie hinten? Ist sie vorn? Wo ist sie?« Der Chevalier wurde durch die Volksmenge von der Kutsche weggedrängt. Das war ihm lieb. Er entging so dem deutschen Französisch der Pfalzgräfin, und er brauchte auf die Frage nach der »wilden Katze« nicht zu antworten. Diese Katze war nämlich eine ganz hohe K. K. Hoheit. Ein Trupp wohlwollender Sänger kam ihm zu Hilfe. »Amour à la plus belle, Honneur au plus vaillant ...« Es gab eine Zeit, da die Kraft holländischen Genevers, Amsterdamer Sorte, sich in französischen Romanzen offenbarte. Die Pfalzgräfin winkte mit ihrem Fächer einen sehr eleganten Jüngling von etwa achtzehn Jahren heran. Er drang durch die Menge. » Ecoutez mon prince ! Der Pöbel singt la changsong de la reine ... Wo ist denn Ihre Prinzessin Schwester, mein Waldkätzchen?« » Ma foi, il y a plus d'une heure que je ne l´ai vue! Elle s'amuse pent-être là-bas, au village d´Awercric. Qui sait si elle n'a pas passé léau. Vous savez, Palatine, qu'elle n'a pas l'habitude de se gêner ...« Ja, das wußte die Pfalzgräfin. Die wilde Katze genierte sich nicht. Es konnte schon sein, daß sie da irgendwo in »Awercric«, in Dudekerk, steckte und Dummheiten machte. » Amour au plus vaillant !« schrie wieder ein Trupp begeisterter Niederländer, und unsere Pfalzgräfin war wieder allein. Die Kutschen fuhren langsam, Schritt für Schritt, wie in einer Pantoffelparade. Es ging nicht anders wegen des Gedränges. Anderseits war es Mode, in »Volkstümlichkeit« zu machen. Man machte sich eben einer Versäumnis schuldig, die die Höhe und Würde in den Augen des Volkes sehr benachteiligte. Niemand streute Gold unter die Menge, nicht einmal Silber. Die Pfalzgräfin war die letzte, auf so eine Idee zu kommen; es war zu heiß. Sie wurde aber durch Prinz Erich erinnert, den jungen Helden von soeben, der wieder herankam und erzählte, daß seine Schwester das Waldkätzchen ihm aus »Awercric« Botschaft geschickt hatte. Sie brauchte Geld, und der Bruder hatte nichts bei sich. Die Pfalzgräfin mußte also ihre Ehrendame beauftragen, dem Prinzen ihre Geldbörse aus dem Wagen zu reichen. Dieser gab sie einem Lakaien. Die Prinzessin hatte wirklich Geld nötig. Sie spielte Vorsehung. Was eigentlich passiert war, weiß ich nicht mehr. War vielleicht ein großer Brand tags zuvor in Oudekerk gewesen? – man versicherte damals nicht. Oder hatte ein Bauer alle seine Kühe an der Seuche verloren? Oder konnte eine verlassene Unschuld kein Plätzchen finden, um von ihrem Fehltritt auszuruhen? Wie es auch sei, Prinzeß Erika hatte irgend eine wohlthätige Extravaganz ausgeführt. Es giebt schlimmere Untugenden. Dabei hatte sie die Kutsche verlassen und ihr Gefolge verloren. Um der Menge zu entschlüpfen, die dankend, jauchzend, vor allem lästig um sie herum war, war sie in ein Ruderboot gesprungen, das an einer Einsteigebrücke lag und in dem ein Mann saß und schlief – oder wenigstens nahe daran war. Bei der Hitze! Es war Klaas Verlaan, der »Amstelhafenknecht«. Der »Bums« des Sprunges weckte ihn, und alle Zuschauer lachten über das dumme Gesicht, das er machte. Es war auch Grund dazu. Prinzeß Erika trug ein feuerrotes Seidenkleid mit langer Schleppe, die sie aber – eben bei dem Brande oder den Kühen oder wo es nun war – aufgesteckt hatte. Wenn Klaas Verlaan später die Geschichte seinen Enkeln erzählte, war dies der Knalleffekt. Nun, es giebt Leute, die weniger erlebten. »Sie sah aus wie ein Funken, und ich dacht' warraftig, daß 'n Stern in meine Joll' fiel, so flammte se!« Geben wir Klaas Verlaan weiter das Wort. Der Glanzpunkt im Leben des Amstelhafenknechts und Jüffrau Laps' große Enttäuschung. So flammte sie, erzählte Klaas später ... An den Armen hatte sie lange lederne Handschuhe bis an die Schulter. Einer liegt noch in der Schachtel. Wie ein Kinderstrumpf. Ihre Finger waren klein, aber – Kraft hatte sie drin, ja! Und auf dem Kopfe ein Turm von Puder – wie 'n großer Schneeball. Aber 's Gesichtchen war nett, das muß ich sagen. Und ich war'n bißchen bedonnert, weil daß sie so glomm! Ich wußt' wirklich nicht, was ich in meiner Schute hatte und ob ich fluchen oder höflich sein sollte. Aber sie wartete darauf nicht, und ehe ich noch recht wußte, was los war, packte sie ein Ruder und stieß ab! Ich dachte, wenn sie das Ruder wieder herausholt – es steckte nämlich ziemlich tief im Modder – dann wird sie wohl wackeln. Aber sie ließ es stecken, setzte sich hin und lachte. Da trieben wir nun! Ich war falsch wie 'ne Spinne und sagte, mit 'm Fluch, damals fluchte ich nämlich: ich wäre Herr in meiner Jolle. Ja, so sagte ich. »Ich rudern,« sagte sie. Ihr Holländisch war nämlich miserabel. Und sie griff nach dem anderen Ruder. »Halt!« rief ich. »Könnt Ihr wrikken?« Das verstand sie nicht. Und sie wollte mir das Ruder aus der Hand nehmen, aber wißt ihr, was ich sagte? Ich sagte: »Mein Vater ist kein Seiler, und ich gebe mein Werk nicht aus der Hand!« Denn ich bedankte mich dafür, so auf der Amstel herumzutreiben wie ein Dummer. Alle Menschen sahen zu. Sie ließ also das Ruder los und krabbelte in ihre Tasche. So ein sammetnes Ding mit goldenem Knips dran – und holte 'n Stück Geld 'raus und hielt es mir hin. Da gab ich ihr das Ruder... für das Geld, wißt ihr, denn, dacht' ich, was mach' ich mir draus, wenn die Menschen am Ufer lachen? Das Ding sah aus wie 'n Dukaten, war aber mehr wert. Das hab' ich später gemerkt, wie ich's umwechselte ... mit den anderen zusammen. Ich kriegt nämlich noch mehr. Ja, also, was sollt' ich machen? An Segeln war nicht zu denken und an Rudern auch nicht. Also... ich ließ sie machen, sagte aber, sie müsse wrikken. »Rücken?« rief sie. »Wrikken!« sagte ich. »Seht... so!« Und ich wollt's ihr zeigen, 's ging aber nicht. Das wißt ihr ja selber, 's sind immer zehn Ruderer zu haben auf einen Wrikker. Ich zeigt' ihr also, wie sie die Beine setzen sollte. Sie hatte weißseidene Schuhchen an, und Füße nicht größer als meine Faust. Aber sie lief ganz gut drauf. Hab' ich später gesehen. Sie war so hurtig wie 'n Kiebitz. Aber wrikken konnt' sie nicht! Ich schämte mich vor den Leuten. Jeder kannte doch die Jolle vom Jachthafen, das könnt ihr euch wohl denken. Und wie ich mit der Hand an das Ruder klopfte, wurde sie böse und wollt' mich wegschieben. Wo sie eigentlich hin wollte, verstand ich nicht. Sie schrie bloß immer: »Rücken! Rücken!« Ja, dacht' ich, rücken, rücken! Der Mensch muß doch wissen, wo er hin will. Wir suckelten so sachte stromab – und näherten uns dem Jachthafen. Gott sei Dank, dacht' ich, nun krieg' ich meinen Dukaten, und die Sache ist zu Ende. Jawohl! Auf einmal hörte sie mit Wrikken auf – der Schweiß lief ihr in Tropfen vom Gesicht – und legte das Ruder hin. Ich wollt' es nehmen, damit doch 'n Ende wurde. Aber das wollte sie wieder nicht. Was das nun so werden sollte, war mir unklar ... na, ich will's euch nur sagen, sie wollte baden! Ich bekam 'nen Schreck! Sie war durch und durch geschwitzt. Aber ... sie wollte! Da war nichts zu machen. Und sie hielt mir wieder so'n Dukaten vor die Nase. Bei Everts kriegte ich nachher drei Thaler fürs Stück, und wenn ich mehr hätte, sagt er, sollt' ich nur wiederkommen. Davon ist der silberne Beschlag – ihr seht, 's ist wahr. Und der goldene Ohrring von meiner Alten – jetzt trägt'n Grete – der ist auch von da. Na, sagt' ich, wie Ihr wollt! Wenn Ihr denn partuh krank werden wollt oder sterben oder 's Reißen kriegen ... Sie zog die Schuhe aus und das seidene Kleid und noch mehr. Aber etwas Wäsche behielt sie an, das muß ich sagen. Und sie schmiß ihre Perücke runter, und das konnte sie auch, denn sie hatte eigenes Haar genug, und sie schüttelte 'n Kopf wie 'n Pferd, das die Weide riecht. Und sie sprang – so was hatt' ich nie gesehen ... von 'm Frauenzimmer, wißt ihr – kopfüber ... Erst hatt' ich Angst. Denn, dacht' ich, schwimmen kann ich nicht, und wenn sie nun untergeht – – aber 's war nicht nötig. Sie schwamm ganz gut. Wie 'ne Ente! Oder wie 'n Aal – denn sie flitzte unter der Jolle durch und kam auf der anderen Seite wieder 'raus, als ob sie an der Angel säße, versteht ihr? Es ärgerte mich beinahe, daß ich nicht auch so im Wasser zu Hause war, aber ihr wißt, bei uns in Holland ist das nicht. Sie war wohl aus 'm Land, wo die Menschen nicht so reinlich sind und deshalb alle Tage baden müssen. Die Jolle trieb gegen den Jachthafen, und sie war auch da. Ich half ihr auf die Aussteigebrücke, und da stand viel Volk und guckte zu. Das gefiel ihr nicht. Sie nahm meine Jacke, die in der Jolle lag, und schlug sie sich um die Schultern. Dann sah sie sich schnell mal um, sah 'ne offene Thür in einem von den Bootshäuschen und sprang hinein. Wie 'ne wilde Katze. Ich packte ihren Kram zusammen und wollt' 'n ihr bringen. Aber ich konnt' doch nicht ins Häuschen gehen, 's war doch das von Mynheer Kopperlith von der Kaisersgracht, wißt ihr wohl! Der hätt's mir am Ende übelgenommen, daß ich mit so 'ner fremden Person in sein Bootshäuschen gegangen wäre. Denn, dacht' ich, wenn du mit mir so familiär umgehst, das kannst du – wegen dem Dukaten, versteht ihr – aber M'neer Kopperlith wohnt an der Kaisersgracht! Wißt ihr, Kinder, was Erziehung und Anstand betrifft – geht doch nichts über Holland, das ist ganz gewiß! Sie war ja drin, und ich traute mich nicht. Da stand ich nun mit ihrem seidenen Rock aufm Arm und dem anderen Zeug, und der Sammettasche und den Stiefelchen und der weißen Perücke. Die Menschen aber schrien: »Das ist M'neer Kopperliths ... von der Kaisersgracht ... denk' dran!« Ja, dacht' ich, das will ich schon thun, aber was nun! Eben dacht' ich an die Polizei, da kam meine Tochter Geertje angelaufen ... sie ist nun auch schon tot ... Aber damals war's ein hübsches junges Mädchen von so achtzehn. Und sie sagte: »Vater, laß sie drin, da kann sie sich anziehen!« Ja, das hatt' ich auch gedacht, aber ich hatte Angst vor der Jachtklub-Direktion. 's konnt' mir die Stelle kosten, wenn ich Dummheiten machte. Die Herren wollen in ihren Bootshäusern nichts Fremdes haben. Wie ich so noch nachdenk', kriegt mein Fisch, der mir schon lange nach den Kleidern winkte, unsere Geertje zu sehen. Sie aus dem Häuschen 'raus, Geertje an den Arm, und weg! Ich hinterher mit dem Zeug, das versteht ihr! Geertje brachte sie zu Muttern – und ich dacht': in Gottes Namen! Ja, was sollt ich thun, wie? Aber ... 'n toller Tag war's. Und ich bin noch nicht fertig. Wißt ihr, was ich immer sag'? Ich sag': keiner weiß, ob der Tag gut war, vor'm Zubettegehen! – – So endigte Klaas Verlaan das erste Kapitel seiner Geschichte. Das zweite werde ich erzählen, oder ich kann auch die Geschichte selbst sprechen lassen. Lassen wir die Waldkatze also einstweilen unter Geertjes Obhut ... An der Amstel johlte das Volk weiter. Allmählich verschwanden die Kutschen der hohen Herrschaften. Auch die Reiter langweilten sich und suchten freiere Bewegung zu bekommen. Die Menge drängte, sang, schrie und trank. Man steckte Feuerpfeile an, die am nächsten Tage in den Zeitungen als Zeugen aufgeführt wurden für die unsägliche Liebe des Volkes zu allen möglichen Prinzen und Prinzessinnen. Auch Schwärmer wurden als Zeugen dessen angeführt. Die Pfalzgräfin glaubte es auch wirklich. Sie hatte aber unrecht. Denn die Menge liebt die Schwärmer, weil sie zischen und Feuer spucken und einen ordentlichen Knall geben. So ist es, da können Sie alle griechischen Philosophen drauf nachlesen. Während die Souveräne mit großer Beruhigung auf ihren Thronen saßen – so ein Schwärmer macht wohl viel Geräusch, aber beweist nichts – dachte das Volk bloß an die Schwärmer. Die Hauptsache ist nämlich das Anzünden – Selbstanzünden des Schwärmers. Ein sogenanntes großes Feuerwerk ist ein elendes Ding. Man kann bloß »Ah« sagen und man sieht dabei sehr dumm ans. Aber ... Schwärmer! Da ist man dabei! Es ist Gefahr dabei, wenn man's nicht recht macht. Man wirft sie. Und schnell ... schnell ... eine Sekunde zu spät, und sie platzen in der Hand! Es ist nämlich mal passiert, daß jemand – der traditionelle »jemand« – so 'nen Schwärmer zu lange in der Hand gehalten hat, und dem ist's schlimm ergangen ... Eine famose Angst. Ach, die Gefahr und die Angst ist jetzt abgeschafft. Die Regierungen verbieten solche Wagnisse – wegen der Feuersgefahr, seit die Häuser mit Ziegeln gedeckt find. Als es noch Strohdächer gab, da ging es! Und die anderen Gefahrvergnügen! Wie manche Jungfer kam mit verbrannter Jacke heim – beinahe kam sie gar nicht heim! Wie interessant! Und ein Junge – »die Jungen müssen aber auch überall ihre Nase dabei haben« – hat er nicht beinahe – beinahe 'ne volle Ladung ins Gesicht bekommen? Und dann der Weg, den so ein Ding nimmt! Zündnadel und Chassepot und solch Zeug sind Kinderspiele. Ein richtiger Schwärmer ist darüber erhaben. Er hat Charakter und geht seinen eigenen Weg. Er speit Feuer, er glüht vor Kampfeslust, er erobert verlorenes Terrain, er wechselt seinen Schwerpunkt, er geht gegen den Luftdruck, er kehrt um, als ob er noch etwas vergessen hätte, und wo er noch nicht war, da kommt er angerollt, geblasen, blakend, brennend, zischend, knatternd – immer überraschend, immer erschrecklich durch das Unerwartete. Und sie sausten in offenstehende Fenster und wurden dann erst recht rührig. Dann sprangen sie wie wütende Teufelchen durchs Zimmer, rechts und links und auf und ab – kritz-kratz-kreuz! auf den Tisch, an den Spiegel, hinter die Bilder, zwischen die Stühle, unter das Bett. Ja manchmal tanzten sie ... das Licht aus ... Der Mathematikus, der das alles berechnet, soll noch geboren werden. Aber das macht nichts, für diesmal sind wir mit seinen Leistungen zufrieden. Der Knalleffekt fand statt an Walthers linker Backe, gerade in dem Augenblick, als Jüffrau Laps ihm einen Kuß geben wollte! Dieser famose Schwärmer half Walther die Schlacht gewinnen. Was diese Prinzeß Erika doch für Wirkungen übte! Jüffrau Laps hatte sich ihre sündhafte Lippe verbrannt und schrie: »Jesses, was ist das!« Viel anderes konnte sie auch nicht fragen. Unterricht in der Lehre von der Zweckmäßigkeit. Das wunderbare Standbild in der »gekrönten Wacholderbeere«. Walther bekommt ein Küßchen. Also darum mußte es so warm sein an jenem Tage! Und darum hatte sie das Fenster offen lassen müssen, was ja sonst ein anständiges holländisches Mädchen nie thut! Darum mußte das Wettsegeln ausfallen und Prinzeß Erika sich langweilen und zum Zeitvertreib Wohlthaten austeilen und baden! Und darum johlte das Volk, und sie mit! – mit Schwärmern und Feuerpfeilen in die Stadt, bis auf den Buttermarkt ... Da wohnte nämlich die Laps, die Cäsarin, die kam und anrührte und »Jesses, was ist das!« Sie flog ans Fenster. Walther auch. Es zeigte sich, daß die Absicht des unbekannten Schützen keine böse gewesen war, denn kein Mensch beachtete die neuen Zuschauer. Es standen ja noch mehr Fenster offen und Menschen sahen heraus. Ohne Arg wurde rechts und links bombardiert. Jüffrau Laps hatte die Zurückgezogenheit noch verstärkt, indem sie schnell das Licht ausblies, was der sonst so intelligente Schwärmer versäumt hatte. Walther freute sich kindlich. Er vergaß die aufdringliche Liebenswürdigkeit der Laps und sah in die Menge. Das wirkte ernüchternd auf ihn, und auch sie wurde einfacher gestimmt. »Wie närrisch, daß alle die Menschen hin und her schieben, und sie wissen selber nicht warum.« »Klick klack,« antwortete ein Schwärmer, der sich in einem Trupp von Mädchen festsetzte. Natürlich stoben sie mit lautem Schrei auseinander. »All das Volk ist betrunken.« sagte Jüffrau Laps. »Ich wollte sie gingen nach Hause. Ich bin müde ... 's ist zwei Uhr ...« »Noch ein bißchen!« bat Walther. »Ich bin noch nicht müde. Gar nicht!« »Ich bin nur ängstlich, daß du dich erkältest. Denn weißt du, die Nachtluft, nach so 'nem heißen Tage ... na, setz deine Mütze auf, mein Junge. Ich möchte für alles irdische Gut nicht, daß dir die Nachtluft in den Kopf stiege ... das thut sie manchmal. Sieh, da fliegt wieder einer.« »Amour à la plus belle, Honneur au plus vaillant ...« »Warum singen sie nicht holländisch? Verstehst du was davon?« Walther wußte etwas von dem schönen Dunois, der so viel Türken totschlug und zum Danke die Tochter des Grafen, seines Herrn, bekam. Ja, wie aber belohnte man nun Ritter, die schon einmal belohnt waren? Und wenn nun der Graf und Herr keine Tochter hatte? Walther fragte gerade seine Gastfreundin nach solchen schwierigen Dingen, als beider Aufmerksamkeit durch Schreien und Schimpfen gefesselt wurde. Die Volksstimmung war umgeschlagen. Es gab Krawall. Es wurde gehauen. Man verstand deutlich die üblichen Flüche. Ein Klumpen von Menschen schob sich hin und her, je nachdem die eine oder andere Partei im Vorteil war. Friedliche Drängler schoben vorbei. Die Kämpfer, selbst gedrängt, drängten wieder andere. Man hörte Hilferufe. Die nie fehlenden schwangeren Weiber und die Mütter mit Säuglingen bezeugten ihre Furcht. Besonders an einer Ecke, wo drei Strömungen sich stauten, war es schlimm. Da lag eine sehr beliebte Wirtschaft, wahrscheinlich das Ziel der Volksmenge aus der Amstelstraße. Der zweite Strom kam aus der Utrechtschen Straße auf dieselbe Schenke zu. Und der stärkste Schub kam aus der kämpfenden Truppe, die jetzt ganz in die Enge geriet. Walther wußte aus junger Erfahrung, was es heißt, sich in solcher Sache drin zu befinden. Wer zu Boden stürzte, wurde zertreten. Ganz so schlimm war es ja jetzt nicht, denn es war unmöglich zu fallen, aber um so größer war die Gefahr an den Rändern, wo Keller und Höhlen bereit waren, alles zu verschlingen. Da konnte man Hals und Beine brechen. Ja, es war hier gefährlicher als am vorigen Abend in der Kalwerstraat. »Christenseelen,« rief Jüffrau Laps, »mir wird ganz schlecht davon!« Mit Walther war es auch so weit. Auf einmal griff er nach ihrem Arm, Er glaubte etwas zu sehen – jemand, der ... »Ganz recht, mein Junge, halt dich nur fest. Das ist Mord und Totschlag!« Walther sagte nichts. »Ist's nicht um toll zu werden?« fuhr die liebe Jüffrau fort. »Halt dich nur fest an mir, und denke, daß ich deine Christine bin!« Er hatte ganz etwas anderes zu denken. »Nur Ruhe ... Jesses, das Kind ist ganz außer sich! An dich sollen sie nicht herankommen, da bin ich dafür!« Er kniff sie fest in den Arm, stand aber im übrigen wie versteinert. »Sieh dir's nicht so an, mein Liebling! Aber ... böse ist's. Siehst du das Mädchen da, mit der nordholländischen Kappe? Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein!« »Sie ist's – Femke! O Gott, o Gott, es ist Femke!« Und die Laps von sich abschüttelnd, die ihn zurückhalten wollte, stürzte er die Treppe hinunter, und wenige Augenblicke drauf stand er im dicksten Getümmel vor der Herberge. Wie rasend schlug er sich durch die Menge. Aber als er den Fleck erreicht hatte, auf den er zugesteuert war, sah er Femke nicht! Der Mann mit der bunten Mütze und der Schifferjacke, der von oben so wie ihr Begleiter ausgesehen hatte, der war noch da. Es hatte so ausgesehen, als ob er mit ihr Arm in Arm aus der Amstelstraße gekommen wäre. »Ist hier nicht 'n Mädchen mit 'ner nordholländischen Kappe?« Der Mann, der sich mit allen Nachbarn herumstieß, rang, schlug – jeder that so – konnte nicht antworten. Walther merkte indessen, daß er nach der Herberge zustrebte, und er schloß daraus, daß seine Dame dorthin geflüchtet – oder gedrängt sein müsse. Er kümmerte sich also nicht mehr um die Stöße und Püffe, die er empfing, teilte auch von dieser Sorte so viel aus als er konnte, um recht bald die Geneverschenke zu erreichen. Da war's ja auch sehr enge, aber es wurde doch nicht geprügelt. Ja, unser Walther fing gut an. Gestern im »Polnischen Kaffeehaus«, heute in der »Gekrönten Wacholderbeere« – dort hineingeworfen, hier fechtend, um hineinzukommen! Aber er war da und sah aus nach Femke. Da meinte er sie auch zu entdecken, in einem kleinen Winkel, auf einem Tritt oder dergleichen stehend. Schweigend, mit fest zusammengedrückten Lippen, die Arme übereinandergeschlagen, und einen verächtlichen Zug im Gesicht, sah das Mädchen auf die Menge nieder. Die Kante von ihrer Mütze hing in Fetzen herunter, und Walther glaubte auf ihrem Gesicht sogar so etwas wie ein wenig Blut zu sehen – Femkes liebes Gesicht! Er war erschöpft und konnte nicht mehr zu ihr gelangen. Seine Blicke schweiften zu ihr. Sie stand tapfer und trotzig da. Er rief, sie hörte nicht. »O Gott, sie verachtet mich. Das hab' ich verdient für die Feigheit bei Holsmas!« »Jungechen,« sagte die Wirtin, »geheult wird hier nicht. Willst du heulen, geh zu deiner Mutter.« Leichter gesagt als gethan. Man konnte keinen Fuß rühren, so drängte die Menge. Er wurde gerade gegen den Ladentisch geschoben. Er konnte nicht einmal Femke dauernd im Auge behalten. Die Thränen stürzten ihm über die Wangen. »Was machst du denn in so 'm Gedränge,« sagte die Schnapswirtin, »wenn du so schlapp bist? Hast du dir Schaden gethan? Laß mal einen einschenken!« Ach, er hätte es gern gethan, um seinen Platz zu bezahlen. Aber er »bekam ja zu Hause alles, was er brauchte« und hatte also keinen Deut. Immerhin, hinausgeworfen konnte er nicht werden. Auch wurde die Aufmerksamkeit der Wirtin bald von ihm abgelenkt. Die Menge drohte den Krug als »Operationsbasis« zu benutzen, wie es im militärischen Jargon heißt. Noch immer stand das Mädchen mit gekreuzten Armen auf ihrem Tritt. Es war etwas Spottendes in ihren Zügen: »Wer wagt's?« Walther war sehr schlimm zu Mute; sie sah hinüber, aber sah ihn nicht; er rief, sie hörte nicht. Da zeigte sich der Mann mit der Schifferjacke und der bunten Mütze an der Thür. Er hatte zwar nicht zu den streitenden Mächten gehört, aber er hatte das Schicksal der Neutralität gehabt, beide Parteien waren, wie seine Kleider bewiesen, seine Feinde gewesen. Der Mann strebte mit aller Gewalt in die Schenke und unterließ es bei diesem Streben sogar, die Püffe, die er empfing, gehörig zu erwidern. Zwei-, dreimal wurde er zurückgedrängt, denn wo viele dasselbe wünschen, ist das Erreichen nicht leicht. Aber er hatte doch einen Vorteil vor den anderen, die bloß Ruhe und Schnaps suchten, während er durch ... etwas anderes angespornt wurde. Walther hoffte von Herzen, daß es dem Manne gelingen solle. Dann war doch Femke nicht so verlassen in dem rasenden Trupp. Denn er – wenn er auch stärker gewesen wäre – sie wollte ja doch nichts von ihm wissen! Hätte sie ihn nicht weggeschubst, wie eben erst den frechen Burschen, der ihre Schürze angefaßt hatte? Jetzt schien das Mädchen des Mannes in der Schifferjacke ansichtig zu werden. Wie um ihm Mut zuzusprechen, nickte sie ihm freundlich zu. Oder sie wollte ihm danken für seine Treue. Auch konnte man aus ihrem Lächeln entnehmen, daß sie unversehrt war, und furchtlos. Ja, sie stand da wie eine Statue der Ruhe. Der Schiffer nickte zurück. Der hatte sie gewiß nie verleugnet, dachte Walther. Da faßte auch die Wirtin den Schiffer ins Auge. Er schien ein guter Bekannter zu sein, denn sie schrie ihm hinter dem Schenktisch entgegen: »Na, Klaas, auch da? Kein Wind, wie?« Und sie befahl, ihn durchzulassen. Ja, sie trat sogar ein Paar Schritt heraus und fegte einige Strauchelblöcke beiseite. So bekam Klaas Verlaan, der Amstelhafenknecht, Platz am Schenktisch, nicht weit von Walther. »Na, Mann, Euch haben sie ja gut gehabt!« Das fand er auch, der Mann, der nie seines Tages sicher war vor der Schlafenszeit – und Walther auch, und auch die, die noch immer in ihrem Winkelchen auf dem Tritt stand. »Guten Tag gehabt?« fragte das Weib weiter. »Mit dem Segeln war's miserabel, wie?« Klaas legte den Finger auf den Mund, als ob er etwas Geheimnisvolles sagen wollte. »Ein Glas Klaren?« übersetzte die Wirtin, traf aber nicht das Richtige. »Halb und halb?« Auch nicht. »Roten?« Klaas war diesmal ganz besonders wählerisch. Er lehnte stets ab und machte bloß immer Anstrengungen, mit der Wirtin in ein vertraulicheres Gespräch zu kommen. »Amour à la plus belle«, ging es draußen weiter. »Hol der Teufel die welschen Lieder!« schrie ein Gast. »Wir sind hier allemal Holländer unter uns!« »Ja, wir sind hier allemal Holländer ...« »Und unser Prinzchen ...« »Sßt!« »Ich will aber singen, wie ich will, und wer nicht mitsingt ...« Der Mann mit dem Prinzchen schlug an seine Brust! Jetzt war die ganze Gesellschaft holländisch und prinzlich begeistert. Das »Prinzchen« wurde kräftig heruntergesungen. Einer hielt dann eine Rede und wünschte all den französischen Flickschneidern die ewige Verdammnis. »Hurra!« »Ja, wie wir noch wahre Holländer waren ...« »Ja, wie wir noch wahre Holländer waren ...« »Und unter der Republik!« »Hoch die Republik!« »Da hättet ihr 'n Wettsegeln sehen sollen!« »Und unser Prinzchen ...« »Unter der Republik waren alle Menschen gleich ...« »Ganz gleich!« »Weg mit den Tyrannen!« »Sind kein Haar besser als wir!« »Saugen's Volk aus!« »Ja. saugen's Volk aus!« »Und warum? Weil ihr alle feige Hunde seid!« »Ja, sie sind alle feige Hunde!« »Ihr beugt den Nacken ins Joch!« »Ja, sie beugen den Nacken ins Joch!« »Wenn so 'n König kommt oder Kaiser oder Prinz, dann fährt euch die Angst in den Bauch wie Sämsblätter!« »Ja, wie Sämsblätter!« »Wenn ihr Kerls wäret ...« »Ja, wenn sie Kerls wären ...!« »Der Mensch ist frei geboren!« »Wir sind frei geboren!« »Und 'n holländisch Herz ... was sagt Ihr, Frau Goremest? Was? 'ne Tochter von ... M'neer ...« Ein ganz gefährliches Wort schien dem Redner auf der Lippe zu ersterben. Er wurde blaß. »'ne Tochter von ... M'neer ...« »Gewiß ... fragt mal Verlaan.« Verlaan nickte. »Wahrhaftig wahr, Klaas? Gewiß und wirklich? Und warum – hat sie sich denn da so ... angezogen ... wie ein gewöhnlich Mädchen?« »Ach, sind die Sachen von meiner Geertje, wißt ihr. Reiche Leute haben so Einfälle – –« »Na! Jungens, gehn wir heim! Mutter Goremest will auch schlafen. Der Mensch ist nicht von Stein.« »Weg mit den Tyrannen ... der Mensch ist frei geboren ... holländisch Herz...« »Scht! scht! raus, raus! die ... junge Dame ...« »Was? das Mädchen? was ist?« »Scht! die Tochter von ... aber stille, hört ... von ... ja Donnerwetter ist's denn möglich – von ... M'neer Kopperlith!« »Auf der – Kai... sers... gracht? Mann, was sagt Ihr? Von Herrn Kopper ... lith – auf der Kai ... sersgracht?!« »Ja, gewiß! kommt, kommt!« »Seine Tochter? Seine ... natürliche Tochter?« »Aber stille, stille ... ganz richtig ... ihr versteht ...« Die holländischen Herzen und Republikaner zahlten und verließen den Krug. Dieser Einfall, seinen Schützling zu einem Abkömmling der Kaisersgracht zu machen, brachte Klaas Verlaan mehr Dukaten ein, als er später zugeben wollte. Kopperlith? Kopperlith? auf der Kaisersgracht? Femke auf der Kaisersgracht! Und bei diesem hochmögenden Herrn Kopperlith sollte er ja übermorgen – antreten ... Sein Kopf schwindelte. War er überhaupt noch Walther Pieterse? Bevor er sich aber klar wurde, flog er unter Nachhilfe von Klaas Verlaan und dem republikanischen Redner, dem Klaas einen ... Deut in die Hand gedrückt hatte, zur Thür hinaus. Gewiß! er war ja nicht besser als andere Sterbliche. Das Gedränge auf der Straße hatte nachgelassen. Walther blieb in der Nähe der Herberge, die ihm ein Tempel geworden war, in dem seine Göttin verehrt wurde. Ab und zu flog noch einer aus der Thür, der gern noch geblieben wäre. Ja, man bekommt nicht alle Tage eine Kopperlithsche Tochter zu sehen. Manche wollten sich auch dem Triumvirat Verlaan, Republikaner und Goremest anschließen, um eine anständige Rauferei zu haben, aber die drei fühlten sich stark genug, um Arbeit und ... Lohn zu teilen. Endlich hörte das Herauswerfen auf, und Walther wollte gerade durch einen Riß in der Gardine der Glasthür gucken, als die Thür sich wieder öffnete und der Republikaner heraustrat. Walther hörte, wie Verlaan ihm nachrief: »Da in der Ecke in der Paardenstraat, weißt du! Auf 'n Thalerchen kommt's nicht an ... und sag dem Kutscher ...« Also der Republikaner sollte eine Droschke holen. Für Femke? Walther wartete. Inzwischen hatte Frau Goremest die Laden geschlossen. Ein Hineinsehen war unmöglich. Endlich kam ein Wagen. Der Republikaner sprang heraus. Die Thür der Schenke öffnete sich, und Klaas Verlaan mit seiner angeblichen Kopperlithstochter kam zum Vorschein. »Femke, ich bin hier!« rief Walther, auf sie zu eilend. »Ich bin hier! O Gott, o Gott, Femke, geh nicht mit den fremden Männern!« »Wer Donner ist denn da schon wieder!« schnaubte Verlaan und faßte Walther beim Kragen, um ihn in den Laden hineinzuziehen, »Was willst du? wer bist du?« »Femke, geh nicht mit den fremden Männern. Ich werde dich nach Hause bringen, ich, Walther!« »Der Junge ist nicht klug,« sagte Frau Goremest, »laß'n laufen. Er hat hier 'n ganzen Abend schon rumgeheult wie'n Kalb und keinen Deut verzehrt ...« Walther faßte nach der Hand des Mädchens und bemerkte erst jetzt, wie sonderbar sie aufgetakelt war. Von Gesicht, Kopf, Schultern, Figur – nichts zu sehen. Frau Goremest hatte ihren Mantel hergeliehen. Was thut man nicht für eine Kopperlith? Aber sparsam war sie doch: ein einziges Lichtstümpfchen hatte sie bloß noch brennen lassen. Das flammte jetzt so seltsam, so phantastisch. Und so spukhaft sah alles aus ... »Bist du es, Erich?« fragte das Mädchen auf deutsch. »Femke, Femke, um Gottes willen, gehe nicht mit den fremden Männern!« Er riß sich von Verlaan los, warf sich ihr zu Füßen, schlug ihren Mantel auseinander und bedeckte ihre Hand mit Thränen und Küssen ... »Wie ich sage,« meinte Frau Goremest, »der Junge ist total verdreht.« »Femke, nie wieder will ich dich verleugnen! Schlage mich, tritt mich, töte mich, aber ... gehe nicht mit den fremden Männern!« »Licht!« rief das Mädchen gebieterisch – ein Wort, daß auch ein Holländer versteht. Der Republikaner nahm die Kerze vom Schenktisch und hielt sie so, daß das Gesicht des knienden Walther sichtbar wurde. Das Mädchen sah durch einen Spalt der Mantelkappe auf ihn nieder und schwieg. Sie zog die Hand nicht zurück, die Walther fest an seine Lippen drückte. Verlaan machte eine Bewegung, den Eindringling zu beseitigen. Aber sie streckte den Arm über Walthers Haupt, winkte dem Schiffer ab und sagte: »Mein Bruder!« – auch zwei Worte, die auf holländisch beinahe ebenso ausgesprochen werden wie im Deutschen. »Schon wieder so 'n Kopperlithscher Sprößling!« brummte der Republikaner. »Die jungen Leute haben eigene Manieren, die Nacht zu verleben!« Er sagte es aber leise. Die Kaisersgracht! Als Walther wieder zur Besinnung kam, stand er auf der Straße. Der Wagen war weggefahren, mit ihr oder ohne sie. Mit oder ohne die beiden Männer. Er wußte es nicht. Es war ihm auch gleich. Sie hatte ihn Bruder genannt, ernsthaft, würdig, recht deutlich ausgesprochen ... »O mein Gott, ich danke dir, du bist mild und barmherzig ... Ich wußte nicht, daß Femke so sprechen kann! Sie muß es sehr innig gemeint haben!« Und er nahm sich vor, morgen kolossal reich zu werden – im Handel – und König natürlich auch wieder – und mehr noch: für Femke mehr als ihr Bruder! Jüffrau Laps hatte etwas in ihm geweckt – er wußte es selbst nicht. »Ich bin Femkes Bruder« – sein Herz jauchzte, er lief auf Stelzen, so müde er war, und wunderte sich, daß sein Kopf nicht an die Wolken stieß. Ein Kapitel ohne Abenteuer. Wer es überschlagen will, kann es thun. In solchen Stimmungen, wie die Walthers jetzt war, giebt es im Weltall nur zwei Gegenstände: nichts und ... ich? Walthers Augen schweiften in die Runde. »Buttermarkt« las er auf dem Schilde, und, wo man Strümpfe kaufen kann oder Wagen mieten, wo ein Zimmermann wohnte ... Lieber Gott, wozu das alles? Er hatte Femkes Hand geküßt! Schade, daß die Welt nicht in dieser Sommernacht unterging. Walther hätte, wenn er von dieser Sache überhaupt Notiz genommen hätte, höchstens gefragt: ob sie Schaden genommen hätte! Nun, wenn der Leser einigermaßen auf der Höhe ist, so weiß er, daß die Welt damals nicht unterging. Walther verzieh der Sonne, daß sie aufging, dem Buttermarkt, daß er so hieß, und was sonst war. Aber es kostete ihm doch Mühe, überzeugt zu bleiben, daß das alles kein Traum war. Ein neues Gefühl durchströmte ihn. Seine ehrgeizigen Pläne gröberer Art, wie er jetzt meinte, traten zurück vor dem einen Vorhaben, sie zu lieben, sie zur Liebe zu zwingen. Die Weltteile, die von ihm ihr Glück erwarteten – mochten sie warten! Er dachte an Femke, an ihre weiche Hand... Nie hatte sich die Hand so angefühlt. Sie war ihm fester, rauher vorgekommen – nun, da hatte er sich eben früher geirrt. Auch in ihrer Stimme hatte er sich geirrt – und die Haltung! Der ganze Klaas Verlaan, ein Kerl wie ein Baum, und sein Kumpan waren ganz verblüfft! Was sollte aber der Schwatz von M'neer Kopperlith? und – und – aber sie hatte ihn Bruder genannt, das stand fest wie ein Fels! So vor sich hin brütend schlich er, sehr müde, durch die leeren Straßen der Stadt. Er kam auf den »Damm«. Dort stand schon eine lange Reihe Wagen und warteten. Die Kutscher saßen auf dem Bock und warteten auf die hohen Gäste, die die holländische Sonne hatten aufgehen sehen wollen. Ja, die Sonne war schon da, aber noch fehlten Prinzen und Prinzessinnen. Ein paar Arbeiter sahen zu. Walther war müde. Gestern noch hätte er gern etwas drum gethan, einen lebendigen König zu sehen und zu vergleichen, ob er Macbeth oder Arthur oder Lear glich – heute machte er sich gar nichts draus. Gerade wollte er weitergehen, als die Kutscher sich in Positur setzten. Ein Schusterjunge meinte: nun würden sie wohl bald kommen. Sie kamen in der That und fuhren so schnell davon, daß man sie kaum zu sehen bekam. Nur eine alte Dame tippte dem Kutscher nochmals auf die Schulter. »Sie hat was vergessen,« sagte der Schusterjunge. Drei, vier Kavaliere stürmten ins Schloß zurück und holten den Fächer. Währenddessen wunderte sich der Schusterjunge, »was sie für Pickel im Gesicht hatte!« Walthers Figuren hatten so etwas auch nicht gehabt. Wie anders war das mit Femke! Kurz nachdem die Pfalzgräfin abgefahren war, erschien ein junger Mensch. Er trug eigenes Haar, ziemlich lang, keine Perücke. Seine Kleidung war eine etwas phantastische Variante der damaligen Kadettentracht. Blaue Jacke mit roten Aufschlägen, aber ohne Gold. Im Gegensatz zu den blitzenden Uniformen der anderen fiel es auf. Er trug auch keinen Orden, mußte also wohl etwas ganz Besonderes sein. Auf dem Kopfe trug er eine sogenannte schottische Mütze, wie sie die Leichtmatrosen tragen. Zwei Jockeys führten ihm ein schönes Pferd vor. Das veranlaßte einen Schauermann, dessen Lebensberuf im Aus- und Einladen von Schiffslasten besteht, und einen alten Kavalleristen, der jetzt alte kranke Herren im Wagen spazieren führte, zu kritischen Glossen, ob es sich für einen Seemann wohl schicke, zu reiten. Da sie aber seemännische und kavalleristische Fachausdrücke gebrauchten, verstanden sie sich nicht. Das Pferd war etwas widerspenstig, aber Prinz Erich wurde seiner Herr. Plötzlich befand sich ein Handwagen vor dem Gaule, ein Ding, das die doppelte Funktion einer Fahrgelegenheit und eines Sauregurkenmagazins erfüllte. Eben griff der junge Reiter in die Zügel, aber es war zu spät. Er ließ dem Tier den Willen, und mit einem Satze sprang es über das Gefährt hin. Das war etwas anderes als die alte picklige Pfalzgräfin. So würde es Walther auch mal machen, wenn er so ein Pferdchen haben würde, und er würde es haben, wenn er mit Femke so einig bliebe ... Vorläufig schlenderte er zu Fuß weiter und kam ganz von selbst in die Nähe von Femkes Häuschen. Er setzte sich auf die Wiese, wo sie zu bleichen pflegte, ins Gras und träumte. Von Müdigkeit übermannt, fiel er allmählich in Schlaf, der aber weniger erquickend als unruhig war. Er träumte von allerlei Dingen. Die Hauptsache war aber ein junges Mädchen auf einer Erhöhung, die mit schweren Männern Fangeball spielte, als ob's gar nichts wäre. Laßt sie mich mal gut ansehen ... sie macht sich nichts aus 'm Thaler ... wenn's auch 'n Traum ist. Plötzlich war es die kleine Sietske von Holsmas! Ein sehr prosaisches Kapitel, voll lauter Realismus. Gymnastische Übungen einer kastalischen Nymphe. Ein Ritter, der einen Brief aus dem Himmel empfängt. Als Waltherchen sich ins Gras setzte, hatte er die Absicht, da zu warten, bis er in Femkes Häuschen Leben spürte. Er war sich ja ganz unsicher, ob sie da wäre, aber irgend etwas mußte doch sein. Er wußte nicht, ob sie nicht noch bei den Holsmas war. Ach! er war so müde! Drei Bäume hätten ihn nicht genügend stützen können, und er hatte nur einen. Er fiel denn auch bald um und lag da gar nicht anständig. Sein Mützchen rollte in den Graben und ging allmählich im Modder unter. Ging hin und wieder einer vorbei, so meinte der, daß da ein Betrunkener läge. Ja, die Jugend fängt früh an! Es konnte ja freilich auch ein Kranker sein – aber dazu ist die Polizei. Also that ihm keiner etwas. Da hörte er in seinen Träumen eine Stimme: »Lieber Gott, Junge, wie kommst du hierher?« Erst hörte er diese Stimme etwas entfernter, dann näher und schließlich ganz nahe. Er hatte den unbestimmten Eindruck, als ob jemand ihn aufrichte. »Sietske!« flüsterte er noch schlafend. »Ja, so heiß ich. Woher weißt du das?« »Sietske ... Holsma!« »Na gewiß. Wer hat dir das gesagt? Und was machst du hier? Sehr anständig ist das nicht! Bist du betrunken? Sehr schlimm, so'n junges Blut!« Gewiß, er war – schlaftrunken, und er sprach noch einmal Sietskes Namen aus. »Na, mir macht's nichts, wenn du mich beim Vornamen nennst. Aber wie kommst du dazu? Hat Femke dich so klug gemacht? 's ist 'ne wahre Schande, hier so zu liegen wie'n ...Schwein, das sag' ich! Und noch vor keiner Stunde saßest du hoch wie 'n Ritter ...« Die Person, die so zu ihm sprach, war niedergekniet und stützte ihn. Aber er fiel regungslos auf sie. Sie ließ ihn ins Gras gleiten. »Ach, lieber Gott!« rief sie plötzlich, »wie kann ich so reden! Das Kind ist vom Pferde gefallen, der Arme! Himmel, was bin ich schlecht! Sage, bist du vom Pferd gefallen? Was thust du denn auch auf so 'm Beest? Wo ist deine schottische Mütze? Sie stand dir so nett. Und das Säbelchen. O Gott – bist du tot?« »Sietske,« hauchte Walther. »Gut, gut, nenne mich ruhig bei meinem Namen. Ich bin nicht stolz. Sag mir bloß, ob du tot bist! Wenn doch Femke hier wäre!« »Femke?« klärte sich etwas in dem Schläfer auf. »Femke ... nicht Sietske?« »Sietske bin ich, Frau Claus!« Er öffnete die Augen, aber er schloß sie auch sofort wieder. »Nenn mich, wie du willst ... ich bin 'ne Waschfrau ... wenn du mir bloß sagen wolltest, ob du dir Schaden gethan hast! Schande von deiner Mutter, dich auf so 'n Tier zu lassen ... gewiß hast du Arme und Beine gebrochen. Und die Rippen? Vielleicht auch 'n Hals. Eben sahst du noch so hübsch aus – 's ist keine Stunde her! Was wird Femke sagen?« Walther rieb sich die Augen. »Soll ich Pater Jansen holen lassen? Ach, der arme Wurm kann nicht sprechen. Was hast du gebrochen?« »Gebrochen, ich?« »Ja, du Ärmster, sag's nur!« Walther befühlte sich. Als er an die Stelle kam, wo die Baumwurzel ihre Knorren eingedrückt hatte, nahm sein Gesicht einen fragenden Ausdruck an. »Gebrochen? Ich!« »Wer sonst?« »Wer soll's gethan haben?« »Wer? Du selber!« »Ich?« »Was thust du denn auch auf so 'm Tier?' »Ich? Auf'm Tier?« »Weißt du denn nicht, daß du vom Pferde gefallen bist? Bist du vielleicht ein bißchen ... betrunken gewesen?« »Ich?« Er legte die Hände mit aufgespreizten Fingern auf die Brust, um genau festzustellen, von welchem Ich die Rede war. »Gott, o Gott, wie ist das möglich?« Er betastete die Rippe, die den Eindruck der Baumwurzel bekommen hatte, noch einmal. Dann faßte er Frau Claus am Arm und fragte jetzt ganz deutlich: »Sie sagen ... daß ... ich ... vom Pferd ... gefallen ... bin?« »Ja, so sag' ich!« Walther faßte mit beiden Händen nach seinem Kopfe. Endlich brachte er heraus: »Ich möcht' mich gern waschen!« »Das ist gut!« rief Frau Claus vergnügt. »Ist wirklich nichts kaputt an dir? Und wo ist deine Mütze?« »Waschen,« sagte Walther vor sich hin, »mit ganz kaltem Wasser.« »Gut, Junge! Komm nach der Pumpe! Kannst du auch laufen? Hast du nicht die Beine gebrochen?« Walther faßte hin und sagte ohne die mindeste Übereilung: »Ich ... glaube ... nicht ...« »Und die Rippen?« »Auch nicht.« Frau Claus führte ihn durch ihr Häuschen hindurch nach dem Hofe, auf dem eine große Pumpe stand. »Zieh dich nur ruhig aus, mein Junge! Hier kann dich keiner sehen! Aber wie kam es denn, daß du mich so auf einmal mit dem Vornamen nanntest ... nicht, daß ich's übel nähme ...« Ganz wach war unser Schläfer noch nicht, und er war sich absolut nicht klar, was in den letzten Stunden mit ihm passiert war. Er sagte also, er hätte Kopfschmerzen und müsse sich erst ordentlich waschen. Frau Claus merkte, daß er sich genierte, sich auszuziehen. An sich selbst dachte sie dabei nicht. Sie hängte ein paar Bettlaken über den Zaun, sodaß keiner hindurchsehen konnte, und machte so den Hof zu einer Kammer. Ach, Walther hätte es gestern noch ganz gern gethan. Aber seit gestern dachte er über manches anders. »Ja, ich merke wohl,« sagte Frau Claus, »du hast deine Glieder nicht in der Gewalt. Wozu gehst du auch auf so'n Tier?« Sie faßte flott zu und zog ihn aus, und Walther ließ es geschehen, als ob er fünfzehn Jahre jünger gewesen wäre. Frau Claus dachte darüber auch nicht anders. Sie legte ihn dann auf ein Bänkchen vor der Pumpe und erfaßte den Schwengel. Bei dem ersten Tropfen schüttelte er sich, und dann kam ein breiter Wasserstrahl über Kopf und Schultern. Er konnte nicht sehen noch sprechen. Frau Claus faßte seine Sprechversuche als Zustimmung auf. »Ja, siehst du, nach so 'm Fall ...« »Brr!« »Da steigt einem 's Blut in' Kopf ...« »Brr!« »Aber wenn du dir nichts gebrochen hast ...« »Brr!« »Sonst hilft's nichts ...« »Brr!« »Was meinst du, ob's genug ist?« »Brr!« »Ich kriege schon Seitenstechen!« »Brr!« »Aber wenn du meinst ...« »Brr!« Da hörte sie plötzlich auf, hielt aber den Schwengel fest, als ob sie ihre Bereitwilligkeit zeigen wollte. »Ich hab' ja ganz vergessen ... am Ende hättst du's lieber ...« »Brr!« »... daß ich dich mit grüner Seife abstruppte! So wäscht sich Femke immer. Das macht's Fell glatt! Du müßtest ihren Rücken mal sehen ... wie 'n Spiegel!« Walther wollte gern etwas sagen, konnte aber nicht. »Ja, und ihre Stirn auch! Hast du das noch nicht gemerkt? Alles von der grünen Seife. Deine Mutter wäscht dich wohl nicht mit grüner Seife? Und dann ... schrubben, weißt du, scheuern, reiben, flott! Aber wenn du's ohne Seife gewöhnt bist ...« Und sie hob den schrecklichen Schwengel wieder. »Ich ... glaube ... fast ... 's ist nun wohl genug,« bibberte Walther. Da bekam er einen Schuß Wasser in den Mund, sodaß sie ihn wieder nicht verstehen konnte. »Grüne Seife ist auch gut für Hühneraugen und ... für Rheumatismus...« »Brr!« »Aber wenn du nicht kaputt bist...« »Brr!« »Dann ist nichts zu machen.« Nicht ohne Anstrengung gelang es endlich Walther, sich und das Bänkchen von dem Wasserstrahl loszumachen. So konnte er denn verständlicher um Gnade bitten. Aufzustehen brachte er noch nicht fertig. Und dann ... die gute Frau hatte seine Kleider aufgehängt – und er schämte sich. Er blieb also sitzen. »Willst du noch was?« fragte seine Quellnymphe. »Nein, nein, o nein!« antwortete er schnell – der Schwengel hob sich schon wieder. »Aber ...« Die unschuldige Frau verstand ihn nicht. Und da er wie ein Klümpchen Unglück dasaß, fragte sie: »Thut dir was weh?« »Nein, weh nicht ...« »Bist du vielleicht müde vom Reiten?« »Vom Reiten? Ach ja, ich bin sehr müde!« »Das ist's!« rief Frau Claus. »Und ich habe das Wurm im Schlaf gestört! Weißt du was? Du mußt schlafen!« Und ganz vergnügt trocknete sie Walther ab. Sie holte ein Bettlaken von der Leine wickelte ihn ein und trug ihn weg wie ein Stück Wäsche. Er fühlte, wie sie ihn hinlegte und warm zudeckte. »Streck nun die Beine recht aus, mein Junge, wenn sie nur nicht gebrochen sind!« Walther that, wie sie sagte, und fühlte ein unbeschreibliches Wohlbehagen. Es stieg zum Entzücken, als sie ihn »bestopfte« und dabei sagte: »Na, nun schlaf nur, armes Kind. Du liegst da gut. 's ist Femkes Bett, weißt du!« – – Als er etwa um vier Uhr nachmittags drauf erwachte, hörte er flüsternde Stimmen. Er strengte sich an, zuerst, um zu wissen, wo er eigentlich wäre, und dann, um zu verstehen, was gesprochen wurde. Es schien darauf angelegt, der wunderlichen Verwirrung zwischen Femke und Sietske, die in seinem Gemüt entstanden war, neue Nahrung zu geben. »Ja, Sietske ... aber was thut er auf so 'm Pferd! Wenn ich seine Mutter wäre ...« Und die Antwort: »Base, ich glaube, seine Mutter weiß nichts davon. Hermann hat's auch mal gemacht, die Jungens sind so.« Aha! Sietske war da ... und Frau Claus war ihre Base und hieß auch Sietske! Und das Mädchen ... da in dem Geneverladen? Seine Gedanken waren immer noch wirr. Aber körperlich fühlte er sich wohl. »Wenn ich ein Stückchen aus dem Laken knipste,« dachte er, »um es morgen besehen zu können und sicher zu sein?« Er war leider nicht an sehr feines Bettzeug gewöhnt, sonst hätte er diesmal einen ganz besonderen Genuß an grober Wäsche gehabt ... hm ... er hatte in seinen Träumen die Prinzessinnen immer auf gestickter Seide schlafen lassen, zwischen scharfgeschliffenen Diamanten und auf Perlen. Er wußte noch nicht, daß man sich eine Kaiserlich-königliche Hoheit bei Nacht anders vorstellen konnte, und daß vielleicht einmal eine Prinzessin sich zu niedrig schätzen würde, um Femkes Bett zu schütteln. Er sah sich in der Kammer um. Nach Juwelen suchte er nicht. Dagegen sah er noch eine Bettstelle. Da schlief also Femkes Mutter. An der Wand lief der Schornstein empor, mit Delftschen Täfelchen verkleidet. Die Erweckung des Lazarus war darauf zu sehen. Vier Mattenstühle standen da, einer stand vor seinem Bett, seine Kleider darauf, geordnet und gesäubert. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit etwas herausstehender Schublade. Sie war zu voll. Die bekannten wollenen Strümpfe Pater Jansens guckten heraus und warteten auf Ausbesserung. Sollten auch die ... Unterhosen ...? An der Wand, am Kopfende seines Bettes, hing ein Kruzifix mit einem kleinen Weihwasserbecken. »Damit segnet sie sich,« dachte er und steckte die Hand hinein; es war aber trocken. Aber wie er daran rührte – das kleine Becken hing nicht gerade an der Wand, sondern es war ein viereckiges Pappschildchen darunter gelegt mit etwas Häkelei daran – da bewegte sich dies Pappschildchen – und – was war das? Ein Brief von ziemlich großem Format, oder etwas, was so aussah, fiel hinter dem Papptäfelchen heraus und auf sein Bett. Walther nahm ihn in die Hand und sah nach der Adresse ... es war ihm, als ob es ein Brief von ihr an ihn sein müßte. Er schalt sich dann selbst thöricht ... bebend vor Rührung steckte er das Papier wieder an seinen Platz. Er hatte es gegen das Licht gehalten: es war seine Ophelia, die er ihr nach seiner Krankheit geschenkt hatte! Das Bildchen bewahrte sie bei dem Heiligsten, was sie hatte! Jetzt war er wach. Wer sollte nicht wach werden, wenn er so einen Brief aus dem Himmel empfängt! Frau Claus' Ästhetik. Erscheinung einer Mütze und einer Sibylle. Der Spuk mit dem Dienstmädchen. Der Retter. Er kleidete sich an und trat in das andere Kämmerchen, wo er Frau Claus und die kleine Sietske vermutete. Es war aber kein Mensch da. Jetzt fiel ihm erst ein, daß er nach jenen paar Worten nichts mehr gehört hatte. Das junge Mädchen war gewiß nach dem Besuch bei ihrer »Base« wieder weggegangen. Und Frau Claus selbst! Augenscheinlich hatte sie das Haus auch verlassen. Aber sie that es nicht, ohne ein eigenartiges Zeichen ihres rauhen Charakters und ihres Mangels an Erziehung zu hinterlassen. Auf einem kleinen Tischchen, vor dem wie eine deutliche Einladung ein Stuhl stand, lagen zwei Butterstullen von der bewährten Sorte! und daneben stand eine Kanne mit Kaffee. Der war ja nun schon kalt, aber na ... Walther handelte flink nach seiner Überzeugung. Jetzt kamen ihm aber auch andere Gedanken. Wie eine drohende Wasserhose that sich das Haus Pieterse vor seinem geistigen Auge auf und verjagte selbst die schweren Fragen, die ihn bedrückten und noch der Aufklärung bedurften. Nach Hause? Um Himmels willen! Seine Mutter, Stoffel, die Schwestern, alle nahmen sie die Gestalten Macbethscher Hexen an – selbst Leentje würde verräterisch abfallen und verlangen, daß er um Verzeihung bäte für sein unmanierliches Betragen. Der verlorene Sohn fiel ihm ein – aber es würde wohl kein Kalb zu seiner Heimkehr geschlachtet werden. Sakkerlot! ich habe nichts verbrochen! nichts – nichts! Ich habe nichts verschwendet. Keinen Deut meines Erbteils! Habe ich Wein auslaufen lassen? Keinen Tropfen! Aber irgend etwas mußte doch sein, denn ... er traute sich nicht heim. Hab' ich Vergnügen gehabt? Hab' ich Gastmahle mit vier Damen angerichtet? Nein! Hab' ich Jagdhunde im Saal herumlaufen lassen? Hab' ich 'n schwarzen Knecht gehabt, der mein Pferd hielt? Da blieb er fest! An den Kamelen und den Mädchen fühlt er sich unschuldig. Aber das Pferd? Frau Claus war doch nicht närrisch – hatte sie ihn zu Pferde gesehen? Hatte er auf so einem Tier gesessen? Ja oder nein? Wenn nein, – dann war das Mädchen in der Herberge nicht Femke gewesen, auch nicht Sietske, der Krug kein Krug, der Schiffer kein Schiffer, die Laps keine Laps ... alles Spuk, Traum, Unsinn, Tollheit! »Ich wollte, ich wär' so ein Brotkrümel,« seufzte er und steckte einen in den Mund, »dann wüßt' ich, wo ich hingehörte!« Wohl der erste Brotkrümel, der von einem Herrchen der Schöpfung beneidet worden ist. »Nach Amerika?« Ja, wenn er bloß die famosen hundert Gulden gehabt hätte, mit denen man, wie seine Mutter sagte, in dem Lande leben kann wie ein Prinz. Und selbst, wenn er sie hätte – konnte er Frau Claus' Häuschen so schutzlos der Habsucht der Vorbeigehenden preisgeben? War er nicht gestern, anfänglich wenigstens, gegen Räuber ausgezogen! Außerdem hatte er auch keine Mütze. Nichts war in der Nähe, was so wie ein Hut aussah. Und doch – da hing ja eine nordholländisch-friesische Kappe ... Die Thür wurde behutsam geöffnet, und eine unsichtbare Hand, die sich um den Rand bog, hielt Walther ein elegantes Mützchen hin, ... ganz für Welteroberer und solche, die es werden wollen, geeignet. Walther sperrte Mund und Augen auf. Dieser nette Spuk schien an der Thür zu kleben, aber er bewegte sich doch. Ganz verwirrt, aufs neue in alle Zweifel gestürzt, fragte Walther, als ob es ein lebendes Wesen wäre: »Was willst du? wo kommst du her?« Er würde sich nicht gewundert haben, hatte das Mützchen selbst geantwortet; aber er hörte ein zitterndes Stimmchen, das hinter der Thür hervorkam: »Sind Sie noch nackend? Ich kann nicht hinein kommen. Hier ist Ihr Mützchen ... nehmen Sie ... wenn Sie der Rechte sind – das muß ich erst wissen.« Walther besah sich. Nackt? war er nicht! aber der Rechte? Er lief nach der Thür. Die Mütze verschwand und die Thür wurde geschlossen. »Wer ist da? Wer bist du?« rief er. »Ich bin das Stackerfrauchen. Sind Sie noch ganz nackend? Ich bringe die Mütze... wenn Sie's sind, der Rechte!« Wütend riß Walther die Thür auf und sah die Botschafterin an ... Eine Hexe! eine wahre Hexe! noch häßlicher wie auf den Bildern von Macbeth. Und sie brachte ihm gerade das Kleidungsstück, um das er in Verlegenheit war. Undankbarer Walther! »Was wollt Ihr?« rief er so rauh wie möglich. Das arme verwachsene Geschöpf huppelte zurück. »Sind Sie nicht mehr nackend? Wirklich nicht?« »Jesses, Weib ... was wollt Ihr von mir?« Sie besah Walther von oben bis unten. »Sie hat gesagt, daß Sie rote Lappen auf dem Kragen hätten ...« »Wie?« »Rote Lappen und 'n Säbelchen.« »'n Säbelchen!« »Und daß sie Sie unter die Pumpe gelegt hat ...« Das klang weniger dumm. Das stimmte sogar. Aber das folgende war wieder anders. »Und ganz nackend ausgezogen ... wie 'n Wurm. Und ich sollte nicht hineingehen, weil sie nicht wußte, ob Sie schon die Kleider anhatten. Wo ist Ihr Säbelchen?« Sie hielt die Mütze auf ihren Rücken, zum Zeichen, daß sie sie nicht herausgeben könne, ehe sie das Säbelchen gesehen hätte. Walther wußte nicht, was er sagen sollte, und begann wieder an seinem Verstand zu zweifeln. »Wer seid Ihr?« fragte er endlich. »Wer seid Ihr denn, junger Herr? Seid Ihr das Matroschen, das vom Pferd gefallen ist? Ihr seht nicht aus wie 'n Matros' und ich geb' Euch die Mütze nicht! Frau Claus ...« Dieser Name brachte Walther zum Nachdenken. Vielleicht konnte ihm auf diesem Wege eine Aufklärung werden. Er änderte den Ton und lud das Weiblein ein, näher zu treten. Sie that es zögernd, drückte aber die Mütze immer noch an den unteren Teil ihres Buckels. »Erzählt mir,« sagte Walther so liebenswürdig, als er konnte, »was wollt Ihr, und wer hat Euch geschickt? Wollt Ihr Euch nicht setzen?« Er schob ihr einen Stuhl hin. Aber sie war so verwachsen, daß sie keinen Gebrauch davon machen konnte. »Setzen will ich mich, aber auf meine Manier. Habt Ihr nicht 'n Fußbänkchen? Frau Claus giebt mir immer eins, ich esse hier dreimal in der Woche. Da steht eins ...« Diese Frau speiste dreimal wöchentlich in diesem Hause. Galant schob ihr Walther das Sitzchen unter. »Ihr kommt also von Frau Claus?« »Erst muß ich wissen, wer Sie sind, junger Herr.« »Walther Pieterse.« »Das nutzt mir gar nichts. Sind Sie der junge Herr, der vom Pferd gefallen ist? Das muß ich wissen!« Also es half nichts. »Ja ... ja! Ich bin vom Pferde gefallen, wohl – sechsmal!« »Hm!« Sie wußte bloß von einem Male. »Sechsmal, sagen Sie! Da waren Sie wohl doch 'n bißchen angetrunken?« »Natürlich, aber sehr!« »So? Sehr also? Na, wie kommt's denn, daß Sie nicht nackend sind? Sie sagte, daß sie Sie unter der Pumpe ...« »Ich hab' mich wieder angezogen.« Das schien sie nicht ganz unmöglich zu finden. »Und die roten Lappen?« Walther meinte, daß die Dinger – er hatte keine Ahnung, was sie meinte – in den Graben gefallen wären. »Na also,« sagte er so sanft wie möglich, »sagt mir Eure Bestellung. Ich bin vom Pferd gefallen, betrunken gewesen – ach so sehr – Ihr habt keinen Begriff davon ...« Er wollte sie schon streicheln, aber zum Glück legte sie jetzt los: »Ich bin's Stackerfrauchen, wißt Ihr, und wohne hinter dem Zaun, bei den Mühlen, und Frau Claus ist eigentlich 'ne Base von mir ...« Himmel! schon wieder eine! »Ja, 'ne Base oder 'ne Tante. Nein, ich bin ihre Tante. Wenn ich mein Bruder wäre, könnte ich ihre Großtante sein oder ... ihre Großmutter. Und die kleine Femke ist nach ihr genannt, oder ... eigentlich nach der Urgroßmutter. Denn in unserer Familie heißen alle Femke und Sietske. Und die Männer heißen Sybrand oder Erich. Das haben Sie gewiß nicht gewußt, wie?« »Sybrand?« »Ja, oder Erich! Ich wohne aber hinter dem Zaun ...« Auf einmal kam Walther der Gedanke, die Frau könnte irre sein. »Hinter dem Zaun?« »Ja, von den Mühlen. Da wohn' ich, weil's die Mühle ist von meinem Großvater. Fragen Sie mal alle Menschen, ob nicht Erich Holsma die Mühle gebaut hat – der Riese, so wurde er genannt. Das war 'n Kerl. Er nahm's mit sechs solchen auf, wie Sie sind! Eigentlich ist's meine Mühle, aber ich mach' mir nichts draus, wenn ich nur hinter dem Zaun schlafen kann ...« Walther sah sie fragend an. »Ich warte auf meinen Schatz. Sie sind es nicht, aber so ähnlich sehen Sie aus. Wissen Sie, ein flotter Junge, der alles niederschlägt. Der kriegt die Mühle von mir! Ja!« »Und was hat Euch Frau Claus für mich aufgetragen?« »Ja, sie hat mich gerufen, ich sollte mitgehen und 'n Mützchen für Sie kaufen, weil Sie nackend waren. 'ne Mütze von feinem Tuch, mit 'm Rand von allerlei Farbe, und 'ner Quaste von bunter Wolle. Der Riese trug sie auch so, aber eigentlich war's 'n Prinz und hieß Erich!« »Und was sagte Frau Claus?« »Ich sollte Ihnen das Mützchen geben, aber nicht hineingehen, weil sie ganz nackend wären. Und sie muß so viel Wäsche abliefern gehen. Und ich soll Ihnen sagen ... wenn Sie wach sind ... denn sie sagte, Sie schlafen ...« Das kleine Wesen reckte sich, um auf den Tisch zu sehen. »Wenn Sie nicht schlafen ... auf dem Tisch im Vorderzimmer – das ist hier, wissen Sie!« »Ganz recht, hier!« »Da steht 'ne Butterstulle für Sie, die sollen Sie essen, sagte sie, wenn Sie wach sind.« Noch immer sah sie nach dem Brot. Endlich beruhigte sie Walther und sagte, das wäre schon besorgt. Da hockte sie sich wieder hin. »Wenn Sie wach sind! Aber sonst sollt' ich nicht hineingehen, sagte sie, wegen der Nackigkeit. Er war auch nackend.« »Wer denn?« »Prinz Erich! Wollen Sie die Geschichte wissen?« »Nein, nein, danke! Und gebt die Mütze nur her!« Er streckte die Hand aus, aber sie zog die ihre schnell zurück. »Sind sie das Jungchen, das vom Pferd gefallen ist?« »Ja doch! Gebt die Mütze her!« »Fällt mir nicht ein! Erst muß ich mit eigenen Augen sehen, daß Sie vom Pferde fallen. Denken ... Sie ... daß ... ich ... verrückt... bin?« Er wollte ihr das Ding wegnehmen. Aber sie schlüpfte, schneller als er, zur Thür hinaus und war fort. Walther wurde des Ungewohnten müde und begann einzusehen, daß das Eintönig-Banale auch seine angenehmen Seiten hat. »In Gottes Namen also nach Haus!« seufzte er, »mit oder ohne Mütze! Und... ich will die Thür zumachen, denn hier kann ich's nicht länger aushalten!« Da wurde die Thür wieder aufgethan. Doktors Kaatje trat ein. Walther erkannte sie nicht und verstand nichts, als sie ihm sagte, Femke hätte sie geschickt, um zu sehen, wie es ihm gehe. Er sah die Botin forschend an. Endlich fragte er: »Kommen ... Sie ... auch ... mich ... zum ... Narren... halten?« »Junger Herr! Ich komm' von Femke!« »Von ... welcher ... Femke? ... Ist's ... am Ende ... wieder... 'ne Großmutter ...?« Und mit drohender Gebärde trat er einen Schritt vor. »Sind ... Sie ... der Schatz ... von dem Riesen ... dem ... Müller?« Wieder ein Schritt. Und Kaatje zurück. »Kommen ... Sie ... auch ... sehen ... ob ... ich ... nackend ... bin ... he?« »Junger Herr!« »Wollen Sie ... mich ... auch ... vom Pferd ... sehen fallen?« Kaatje war schon aus der Thür heraus. Er mit geballten Fäusten hinterher. »Junger Herr, was fehlt Ihnen?« »Was mir fehlt? Ich will ... nicht mehr ... zum Narren gehalten werden, das fehlt mir! Verstanden?« Sie wich zurück und er folgte. Das mag wohl komisch aussehen, aber es war der richtige Ausdruck seiner Wut, so mit langen Schritten das Mädchen zu verfolgen. Sie legte den Weg, den sie gekommen war, rückwärts zurück, den Fußsteig durch den Bleicheplatz. »O Jesses, wenn doch der Doktor käme!« »Was ... denken ... Sie ... von ... mir?« »O Gott ... o Gott!« »Denken ... Sie auch ... daß ich ... betrunken bin?« »Nein, nein, nein ... gar nicht!« »Oder ... verrückt?« »Nein, nein ... Wo bleibt der Doktor?« Da machten zwei gleichlautende Schreie der Sache ein Ende. »Gott sei Dank, da ist er!« »Gott sei Dank, da ist er!« Der eine Ruf kam aus der Kutsche des Doktor Holsma, die schnell heranfuhr. Der andere bedeutete, daß zwei Jungen, die in dem Graben nach Fröschen fischten, seine Mütze gefangen hatten. Walther nahm ohne weiteres sein Eigentum an sich. Kaatje rannte auf Holsma zu und erzählte ihm heulend, was los war. »Ist's so schlimm?« sagte der gute Mann. Er näherte sich dem Menschlein, das seine Mütze von Schlamm und Schmutz säuberte. Walther sah ihn erschrocken an. »Na, mein Junge! Das trifft sich gut. Ich wollte dich fragen, ob's dir Spaß macht, heute bei uns zu essen. Wir warten auf dich, und am Abend gehen wir zusammen ein bißchen aus, wenn du Lust hast.« Das war der Ton, den Walther brauchte. Er brach in Thränen aus und fiel dem Doktor um den Hals. »Danke, danke! Das ist auch gut für meine Mutter!« Holsma winkte Kaatje, die ängstlich zur Seite stand. »Geh zu Jüffrau Pieterse und bestelle, daß der junge Herr bei uns ist und den Abend bei uns bleibt.« »Ja,« rief Walther schnell, »und ...« Der Arzt sah ihn besorgt an. Er fürchtete etwas von der angekündigten Thorheit zu vernehmen, aber Walthers Auge machte keinen verdächtigen Eindruck. »M'neer, sie kann vielleicht dabei auch sagen ...« »Los! mein Junge, was hast du auf dem Herzen?« »Daß ich bei Ihnen gewesen bin ... den ganzen ganzen Tag!« Holsma bedachte sich. »Gewiß,« sagte er, »den ganzen Tag.« »Von früh ... sieben Uhr an.« »Ja, von sieben,« wiederholte der Doktor. »Ich habe ... bei Ihnen gefrühstückt.« »Gut, der junge Herr hat bei uns gefrühstückt. Gewiß, er hat bei uns gefrühstückt. Kaatje, kannst mitfahren,« Und als er Walther zum Wagen führte, gab er dem Kutscher Anweisung, vor dem Pieterseschen Hause zu halten, »wo das Mädchen eine Bestellung auszurichten hätte.« Als er neben Walther Platz nahm, faßte dieser seine Hand und rief: »Ach, Herr, was für ein Glück, daß ich Sie sehe!« »Meinst du? Ist doch ... bloß Zufall. Frau Claus ist ...« »'ne Base?« fiel Walther hastig ein. »Ja, und 'ne sehr brave Frau,« sagte Holsma einfach. »Sie ist eine Base von uns und ich kam sie besuchen. Das thue ich alle Woche – nicht als Doktor, sondern als Verwandter. Da kannst du getrost hingehen, da wird dir nichts geschehen!« »M'neer!« rief Walther – und er schluchzte – »ich halte so viel von Femke!« »So?« antwortete Holsma trocken. »Ich auch!« Der Arzt verstand es, alle Anzeichen einer Untersuchung zu vermeiden. Er sprach von sehr gleichgültigen Dingen und merkte, daß sein Mädchen sich doch wohl geirrt hatte. Wohl zeigte sich Walther aufgeregt und erschöpft zugleich, aber krank war sein Geist nicht. Im Gegenteil. Seine Seele wuchs. Femke und nochmals Femke und wieder Femke. Verschiedene Liebenswürdigkeiten und Femke. Nicht ohne Angst schob sich Kaatje an Walthers Knien vorbei, als es vor dem Hause der Pieterses galt, auszusteigen und die Botschaft zu verrichten, und sie war froh, unversehrt aus dem Wagen zu kommen. Walther hielt jetzt den Augenblick für gekommen, um Aufklärungen zu geben und zu empfangen. Aber Holsma war der Ansicht nicht. Er zeigte sich freundlich, aber zu vertraulichen Herzensergüssen hatte er offenbar keine Lust. Als der Bursche seine unklare Geschichte begonnen hatte, fiel er ihm in die Rede: »Und ... ich habe gehört, du sollst in den Handel?« »Ja... übermorgen!« »Nun, das ist gar nicht so übel, wenn du in die richtigen Hände kommst. Du mußt arbeiten. Das ist gut für Jungens wie du bist.« Und als ob er fürchtete, daß Walther sich einbilden konnte, etwas Besonderes zu sein, fuhr er fort: »Es ist gut für jeden, für junge Leute vor allem. In deinen Jahren sind sie alle gleich und brauchen alle Arbeit. Alle Jungen müssen arbeiten, und Mädchen auch, und ... überhaupt alle Menschen.« Walther merkte nicht, daß der Doktor ihm ein Heilmitte! eingab. Aber er spürte wohl, daß die Zeit der Aufklärung nicht gekommen war. Immerhin wäre ihm leichter gewesen, wenn er wenigstens etwas von seinen Abenteuern hätte loswerden können; den Lapsischen Anfall auf seine Tugend wollte er ja ritterlich überspringen. Er fing noch einmal an. Aber bei den Bratkartoffeln schon unterbrach ihn der Doktor wieder: »Ja, so etwas passiert jedem. Da ist nichts dabei. Hauptsache für junge Menschen – und für alte auch – ist viel arbeiten. Es ist, scheint's, noch etwas windig ...« Das stimmte. Wenn es doch gestern so windig gewesen wäre! »Bist du ein Freund von Bildern?« fragte Holsma, als sie ausstiegen. »Gewiß!« »Schön, dann geh einmal hier in diese Stube. Sieh dir alles recht ordentlich an.« Der Doktor schob ihn in das Zimmer und ging schnell durch den Flur und die Treppe hinauf, um die Seinen vorzubereiten, wie Walther zu behandeln wäre. Walther hatte wenig Vergnügen an den Bildern. Er hatte zu wenig Übung. Ein Herr mit einem Hunde und einem Hasen war ihm – ein Herr mit einem Hunde und einem Hasen. Er hätte eine Geschichte dazu dichten müssen. Aber da traf sein Blick auf ein Frauenbild, oder eine Königin oder Fee oder Bürgermeisterstochter ... Femke! An Stelle der nordholländischen Kappe trug sie ein Diadem von funkelnden Sternen oder Strahlen oder ... »Vater und Mutter lassen dich rufen. Das Essen steht auf dem Tisch. Thut's dir noch weh von deinem Fall?« Gute Götter, nun kam auch noch die kleine Sietske mit dem fabelhaften Gaul! Er antwortete, daß er gar nicht geritten sei ... »So? Nicht geritten? Na, nein doch! Ich meine, ob es dir noch weh thut von dem Fall auf den Tisch im Kaffeehause? Wie drollig! Na, wenn's wieder gut ist, gehen wir am Abend alle aus. Vater, Mutter, Willem, Hermann, du, ich – alle! Ins Theater!« Sietske hatte gut begriffen. »Ausgehen?« meinte Walther. »Aber meine Mutter?« »Das wird Vater schon besorgen. Darüber mach dir keine Sorgen. Vater bringt alles in Ordnung.« Auf dem Hausflur blieb Walther noch einmal stehen. Er winkte Sietske und führte sie in das Zimmer zurück, vor das Porträt. »Sietske, wer ist das?« »Das ist eine Ur-ur-ur-urgroßmutter von uns!« »Aber sie sieht aus wie ...« »Wie Femke! Natürlich. Wie ich auch! Wir sehen alle gleich aus. Wenn Hermann solche Kappe aufsetzt, ist er von Femke nicht zu unterscheiden. Komm nun, wir dürfen Mutter nicht warten lassen.« Als Walther in das Speisezimmer trat, wurde er mit der ruhigen Freundlichkeit begrüßt, die der Doktor verschrieben hatte. Man nahm Platz, und als Sietske, wie um Entschuldigung zu bitten, das Porträt erwähnte, sagte der Doktor ruhig: »Ja, 's ist was dran, aber unsere kleine Femke ist nicht so hübsch. Lange nicht!« Eine kalte Brause! Walther hatte noch nie daran gedacht, ob das Mädchen eigentlich hübsch wäre oder nicht. »Willst du etwas Sauce, Walther?« Sie hatte ihn »Bruder« genannt, feierlich, und in welcher Haltung! So würde wohl das Porträt in jenem Zimmer, die Dame mit dem Diadem, auch die Hand ausstrecken ... und er machte eine ziemlich linkische Handbewegung. »Salat?« fragte Sietske. »Es wird hübsch voll sein,« sagte Frau Holsma. »Jeder will Könige und Prinzen sehen. Wir haben ja unseren Gast noch nicht gefragt, ob er Lust hat. Wir wollen nach dem Theater gehen, willst du mit?« Walther war entzückt. Er war noch nie im Theater gewesen und verlangte nach »Kindern der Liebe«. Die geliebten Herrscher rührten ihn weniger. Er hätte einen König hingegeben für einen Baron, der nach allen Regeln der Kunst ein Mädchen verführt. »So nennt man das!« hatte Stoffel gesagt. Hm! er war bei Laps kein solch Baron gewesen, er war auf dem Pfade der Tugend geblieben, so nennt man das ... sie würde ihm gewiß sehr dankbar sein ... »Wir werden die Hälfte der Souveräne Europas sehen,« sagte Holsma, »und ein Dutzend Kandidaten ...« Walther wunderte sich über die Kandidaten in der Komödie, aber Sietske klärte ihn auf. Man hatte Zeit. Holsma hatte noch einen Gang zu einem Kranken; er versprach auch, zu Jüffrau Pieterse mit heranzugehen. Aus allerlei Toilettengründen war das Theater erst um neun Uhr angesetzt. Walther hörte, daß Femke auch die Vorstellung besuchen sollte, und er vernahm aus der Unterhaltung, daß das Verhältnis zwischen der so vornehmen Familie und dem armen Wäschermädchen das allerherzlichste war. Mevrouw Holsma ließ sie durch Sietske einladen, hereinzukommen, aber sie wollte lieber bei dem kleinen Erich bleiben, mit dem sie gerade spielte. »Erich?« dachte Walther. »Ich dachte es wohl,« sagte Mevrouw Holsma, »deshalb ist sie auch nicht zu Tisch gewesen. Sie bleibt lieber am Bett des Kleinen.« »Ja, sie sagt auch, wir sitzen ihr zu lange bei Tische,« sagte Sietske. »Die Komödie wird ihr wohl auch nicht gefallen,« meinte Willem. »Sie ist ein braves Mädel, aber ein bißchen dickköpfig, findest du nicht, Mama?« »Jeder muß nach seiner Überzeugung handeln und nach seinem Geschmack. Femke ist zu gut, als daß man sie zu etwas zwingen sollte.« »Würde sie sich auch nicht gefallen lassen,« war die allgemeine Ansicht. Es mußten wohl besondere Gründe sein, daß die Mutter, »die sonst lieber bei dem kleinen Erich geblieben wäre, der die Masern hatte,« doch mit ins Theater gehen sollte. Aber sie wollte nur ein Stündchen bleiben und dann mit Ohm Sybrand zurückkehren, der sollte dann Femke abholen und ins Theater mitnehmen – wenn sie will. »Ich nenne es Dickköpfigkeit!« sagte Willem. »Sie will bloß keinen feinen Rock anziehen!« »Ja,« sagte die Mutter, »eine Dame will sie nun einmal nicht sein. Sie ist sehr verständig und meint, das Verhältnis mit ihrer Mutter könnte gestört werden.« »Und mit Tante Sietske!« rief Hermann. Das ist gewiß das Stackersweibchen, dachte Walther, eine sonderbare Familie! »Wir hätten früher anfangen müssen, als sie noch klein war. Aber da wollte Base Claus sich nicht von ihr trennen. Und jetzt mag Femke nicht...« »Sie ist ein Trotzkopf,« sagte Willem. »Sie ist stolz,« verbesserte die Mutter. »Zu stolz, um anders zu scheinen als sie ist. Sie würde mit keiner Prinzessin tauschen wollen ...« Ohm Sybrand kam und erzählte, daß die »Scylla« von Rotgans gegeben werden sollte, dann noch eine »Chloris« und noch etwas hinterher. Man machte sich fertig. Holsma, der zurückgekommen war, berichtete Walther, daß die Sache mit seiner Mutter ganz in Ordnung wäre. Walther freute sich unbändig. Dachte er noch an Femke? Wilhelm sagte: »Meinetwegen kann sie auch wegbleiben. Wenn mich die Studenten neben einem Bauernmädchen sehen ... und im September ist's bei mir auch so weit!« So ein Amsterdamer nennt alles »Bauer« – und nun gar der angehende Student, der unterwegs erklären konnte, was das für eine »Scylla« war! Eine Theatervorstellung mit Hindernissen. Der Konflikt zwischen Napoleon und Minos von Kreta. Die Göttin auf dem Olymp. Kußhand und Rose! Die Familie nahm die Plätze ein, diesmal im Parterre. Ihre Loge hatten sie den fremden Potentaten abtreten müssen. Die Loge war aber noch leer. Das wäre also die Komödie! dachte Walther und sah und horchte um sich. Der Andrang war groß. Alles erzählte. Man zankte sich um Plätze, schob aneinander vorbei, erzählte Hofklatsch. Man stellte sich vor, wer da und wer da sitzen würde ... »Die Theaterzettel für die Fürstlichkeiten sind auf Seide gedruckt. Was meinen Sie, was die Elle davon kostet?« »Rotgans ist ein erster Dichter!« »Hm! Eigentlich ein zweiter.« »Er ist bloß ein Dichter vom siebenten Rang.« »Warum denn da 'n Stück von ihm? Wir haben doch andere, die klingen wie Glocken!« »Natürlich! Bilderdyk! ein Phönix!« »Ach ... diese Fremden verstehen ja doch nichts davon. Wir können spielen lassen, was wir wollen.« »Schade um den Floris.« »Da sitzt was dahinter!« »Ja. Bilderdyk ist 'n Patriot ...« »Ein echter Holländer ...« »Ein echter...« »Er wird wohl in dem Stück den fremden Kerls ...« »Scht!« »... nicht genug geschmeichelt haben. Das thut kein Holländer!« »Nein, das thut kein Holländer!« »Scht!« Alles stand auf. Ein Lakai zeigte sich in der Königsloge, wahrscheinlich wollte er nachsehen, ob die Kissen auch ordentlich auf den Stühlen lagen. »Na so was! Vor 'nem Lakai aufstehen! Vor so 'nem Mostrichjungen!« Die so sprachen, hatten es freilich selbst gethan – und die die Unterhaltung geführt hatten, waren Mitglieder des Stadtrats, Kaufleute, große darunter, Doktoren, Gelehrte, vielleicht der große Herr Kopperlith selber dabei. »Warum bloß Rotgans?« »Seine Bauernkirmes ist ganz nett.« »Wie können Sie so etwas sagen! Ein unanständiges Stück, mit gewöhnlichen Ausdrücken drin!« »Na ja, ... aber doch ganz nett!« »Das weiß ich nicht. Ich hab's nicht gelesen, weil es unanständig ist. In der Poesie ist Würde die Hauptsache.« »Na, so 'n Kaiser!« »Ich verstehe, warum Rotgans. Er macht es durch die Huydekopers.« »Er ist von der Familie.« »Ha! Da wird wohl einer von den Schöffen nachher dem Kaiser sagen: Sire, das Stück, ich meine der Dichter von dieser Scylla oder wie das Ding heißt, ist ein Vetter von mir, Majestät zu dienen.« »Unsinn! Wer wird sich mit einer Verwandtschaft rühmen, die Komödie macht?« »Hm ... in Frankreich ist das anders.« »Uebrigens, Rotgans ist nicht der erste beste. Er hat eine Villa an der Vecht.« »Das müssen sie dem Kaiser sagen.« »Die Hauptsache ...« Wieder ein Lakai. Alles sprang auf wie die Teufelchen in der Vexierdose. Und alles, die schweigenden Holsmas ausgenommen, schimpfte dann wieder über die Charakterlosigkeit. »Und der Prolog von Thomasvaar.« »Da soll echt vaterländischer Geist drin sein, wie ich höre.« »Echt vaterländisch! Es muß sehr nett sein. Der Polizeipräfekt hat es selbst gesagt. Drei vereidigte Übersetzer haben sie dazu gebraucht. Na, für 'n Schmarren würde man sich solche Mühe nicht geben!« »Gewiß nicht! Und die Übersetzung ist in Paris gewesen! Und der Minister hat eigenhändig drauf geschrieben: Approuvé ! Genehmigt!« »Ja, sie haben im Auslande doch Respekt vor unserer Litteratur.« »Und vor unserem Charakter!« »Es giebt keinen besseren Volkscharakter als den holländischen!« »Und die Litteratur!« »Das sagt der Polizeipräfekt auch. Er läßt alles übersetzen, was herauskommt. Vor allem gefallen ihm die Alexandriner ...« »Und der Charakter?« »Ja auch. Aber die Alexandriner sind ebenso lang wie die von Racine, und das ist das Nette. Kurze Zeilen finde ich nicht hübsch.« »Hm, Bellamys Röschen?« »Und: Schöner Mann, sag', bist du heute ...« »Schön, ja!« Die Unruhe wurde immer stärker. Die Male, die das Publikum durch diesen oder jenen Lakai gefoppt wurde, der vor Langeweile die Thür aufriß, sind nicht zu zählen. Man murrte schon – aber sachte, sachte ... Walther fiel bei allem Staunen über die ungewohnte Pracht doch auf, daß diese vornehmen Leute so gewöhnliche Dinge sagten. Bloß die Holsmas sprachen nicht. Einmal nur wies Ohm Sybrand nach einer Loge, und es folgte ein kurzes Gespräch. »Da wird sie sitzen, denk' ich,« »Sollte mir leid thun, wenn ich für nichts von meinem kleinen Erich weggegangen wäre,« sagte Frau Holsma. »Femke ist ja zuverlässig!« »Ja! Aber ich wär' doch lieber dabei, das Kind ist doch krank. Lange warte ich nicht mehr.« »Es ist die Frage, ob sie mit den anderen zusammen kommt. Ich höre, sie steckt voller Launen. Etikette bekümmert sie nicht. Das scheint im Blut zu liegen.« »Wenn sie um zehn Uhr nicht da ist, geh' ich. Allzuviel mach' ich mir so nicht daraus.« Dies Gespräch beschäftigte Walther kurze Zeit. Wer war diese Person, um die Frau Holsma vom Bett des kranken Lieblings weggegangen war? Eine große Bewegung ging durch den Saal. Alles stand auf und – blieb stehen. Ein Kaiser oder so etwas betrat die Königsloge. Walther sah wenig davon. Er hörte nur flüsternd erzählen, was geschah. Seine Majestät war schnell nach seinem Sessel gestapft und hatte dabei ein Paar Stühle umgerissen – das war so seine Gewohnheit. Einen Augenblick hatte er dann im Saal umhergesehen, leicht gewinkt, als hätte er keine Zeit, zu sagen: Ist gut! und sich dann mit einem Ruck seinen Sessel hinten herangezogen. Er ließ sich niederfallen, und das Publikum konnte sich wieder setzen ... Wie durch einen Zauberschlag füllten sich nun auch die anderen Logen. Man sah sonderliche Kostüme: Leibchen drei Daumen breit und Schöße von ebensoviel Ellen. Die Busen schwebten zwischen Kinn und Gürtel. Kleine Ärmelchen wußten nicht, sollten sie Schulter oder Oberarm bedecken. Aber lange kalbslederne Handschuhe gingen bis an die Achsel. Auf den Köpfen trugen die Damen Turbane, Blumengarten, was sonst noch! Noch toller aber waren die Uniformen der Herren in jener Zeit. Diese Tschakos u. s. w. – da mußte ja der Feind davonlaufen! Die Musik spielte ... Natürlich das Lied vom tapferen Dunois. »Aufstehen!« wurde gerufen, und alles erhob sich zu Ehren des Tapferen. Da wurde mit einem Bündel Papier heftig auf den Rand der Königsloge geschlagen, gerade, wo man annehmen konnte, daß der Kaiser saß. Die Holsmas konnten nur ein Stück von diesem seltenen Hammer sehen, mit dem Seine Majestät Takt schlug. Dieser improvisierte Taktstock schlug aber etwas anderes als den Takt. Jeder, der im Parterre saß, konnte an den ängstlichen Blicken der Logeninsassen deutlich sehen, daß da etwas haperte. Die Ursache kam auch nicht sobald zu Tage. Selbst die Pfalzgräfin, die gerade ihre Lieblingsfeindin, die Titularherzogin von Grönland, begrüßte, geriet in Verwirrung. Der Kaiser stand auf und fuchtelte mit seinen Papieren wie ein Rasender. Ein Fetzen fiel herunter; wer ihn aufhob, konnte lesen, daß mit dem perfiden Albion etwas los war. Die Dame neben ihm schien ihn beruhigen zu wollen, aber er hörte nicht und paukte nur immer heftiger auf den Rand der Balustrade, daß der Staub nur so flog. Lakaien, Könige, Kammerherren, Marschälle, Adjutanten schossen herbei. Aber Majestät sagte nichts, sondern wies nur wütend nach dem Orchester. Die vorderen Logen gaben dem Kapellmeister ein Zeichen, daß er wahrscheinlich die Schuld an der Störung sei, man zischte von allen Seiten. Der Mann erschrak und stand wie versteinert, seinen Taktstock nach Ost-Südost in der Luft. Diese plötzliche Stille bewirkte, daß man vom »Olymp« herunter das Lied von »unserem Prinzchen« hörte, das da einer nach der Melodie des tapferen Dunois mitgesungen hatte. Allerlei Würdenträger schossen wie aufgestörte Fledermäuse hin und her. Der Kapellmeister kommandierte das schöne Lied: » Où peut-on être mieux « – aber richtig war es noch nicht. Es mußte sein: »Veillons au salut de l'empire.« Auf das Wohl des Reiches bedacht sein, schien dem großen Kaiser angemessener, als dies »Wo kann es besser sein?« welches Lied später an der Beresina gespielt wurde! Also! Wieder ein Kopfnicken: es ist gut! und wieder ließ er sich in den Sessel fallen und vertiefte sich in irgend welche Festungswerke. Endlich war es aus. Der Vorhang ging auf. »Ja, Minos, am Geschenk, das ich dir hab' gegeben. Und aus der Kirch' geraubt ...« »Was, Kirche?« fragte Walther. »Scht!« machte Willem. »Poetische Freiheit. Werden gleich sehen, was er will.« »... hängt Nisus' Kron und Leben.« » Qu'est-ze qu'elle changte ?« schrie die Pfalzgräfin und ließ sich laut über Kostüm und Sprache aus. Walther horchte wie ein Fink. Nicht daß er es schön fand, aber all das Fremde interessierte ihn lebhaft. Kein Mensch wurde durch die tragische Bravheit des guten Minos gerührt, kein Mensch hörte sonst zu. Armer Rotgans! Später wurde erzählt, daß »unser Snoek« und »unser Wattier« Napoleon besonders gefallen hätte. Lieber Himmel! Napoleon! Als er gekrönt werden sollte, ließ er sich von Talma die Mimik einstudieren – statt Talma zu sagen: Sehen Sie einmal, wie einer aussieht, der gekrönt wird! Walther aber hörte andächtig zu, wenn er auch manchmal meinte, solche Verse könnte er auch machen. Mitten drin entstand wieder ein Rumor. Eine der Majestäten hatte ein Glas Orange-Limonade verlangt, und so etwas hatte der Buffetier nicht. Punsch, Chokolade. selbst Milch mit Ei, aber keine Orange-Limonade. Schleunigst wurde in die Apotheke geschickt, aber von da kam der Bote mit einer Flasche Citronenöl zurück. Neue Aufregung. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht, daß man eine Majestät auf etwas ... warten ließ! König Minos erklärte gerade: »Eine angenehme Freude versprühet ihren Brand in meinem Eingeweide...« » De l'eau de fleur d'orange! que diantre !« schrie ein Kammerherr. Und Minos merkte, daß kein Mensch sich um den Brand in seinem Eingeweide kümmerte. Ein Konditor auf dem »Olymp« ließ sein Licht leuchten und erklärte, was man wolle. Aber die Polizei war auf dem Posten und packte ihn am Kragen. Er wurde abgeführt und sollte einstweilen eingesperrt werden wegen »Demonstration für das Haus Oranien!« Damals war das Haus Oranien nämlich verbannt, und Napoleons Bruder war König von Holland. »Eine angenehme Freude versprühet ihren Brand in meinem Eingeweide!« versicherte Minos aufs neue. Der Kapellmeister ergriff den Taktstock und wollte schon wieder »das Heil des Reiches bewachen«. Viele standen auf, um sofort weglaufen zu können, wenn es gefährlich würde. Inzwischen schrie der arretierte Kuchenbäcker wie ein Besessener, aber die beiden italienischen Polizeiagenten, die Napoleon mitgebracht hatte, verstanden kein Wort. Der Kaiser selbst hatte schon längst vergessen, daß er Orangewasser verlangt hatte, und hatte sich längst wieder in die Karte der Befestigungen von Huisduinen vertieft. » Qu'y a-t-il ?« schien er jetzt, aufblickend, die Dame neben ihm zu fragen. »Eine angenehme Freude ...« versicherte Minos schon wieder – er durfte fortfahren. Walther bemerkte, daß die erwachsenen Mitglieder der Familie Holsma nicht im mindesten auf das Stück achteten. »Wenn sie nicht bald kommt, gehe ich,« sagte Frau Holsma wieder. »Vielleicht sitzt sie in der Kaiserloge, weiter hinten. Da können wir sie nicht sehen.« »Ich habe gehört, in Paris bleibt sie nie eine Viertelstunde auf demselben Platz. Vielleicht sehen wir nachher da oder da ...« »Fünf Minuten will ich noch zugeben. Mein kleiner Erich ist mir mehr wert als tausend Basen ...« »Des Königs,« fügte Holsma hinzu. Walther hatte gedacht, sie hätten Femke gemeint. Was war denn an der Prinzessin so interessant? Die Logen saßen ja ganz voll davon. Nach dem dritten Akt ging Mevrouw Holsma wirklich mit Ohm Sybrand fort. Dieser sollte mit Femke wiederkommen. »Wenn sie will,« sagte er, »denn sie macht sich nichts aus so 'nem Trubel.« Das wußte Walther besser. Ohm Sybrand hätte sie einmal in der »gekrönten Wacholderbeere« sehen sollen! Aber ein Ritter schwatzt nichts aus. Der alte Minos war toll verliebt in Ismene, die sehr schön und tugendhaft war. Scylla ist toll verliebt in Minos, der sehr alt und ehrwürdig ist. Ismene ist toll verliebt in Focus, der ein Held ist. Und Focus liebt wieder Ismene ... möglicherweise. Er behandelt sie aber gar nicht ritterlich. »Spar deine Gründe nur, Prinzessin, die mich öden!« sagte er zu ihr. Da ging es schon wieder los, und diesmal wieder auf dem Olymp. War der aufrührerische Konditor zurückgekommen? Aller Augen richteten sich nach oben. Man sah eine Polizei-Uniform, die ein Paar Männern auf der vordersten Bank vergeblich etwas vorstellte. Um ihnen sein Französisch oder Italienisch zu übersetzen, faßte er sie am Arm, um ihnen klar zu machen, daß sie ja nicht gehenkt oder arretiert werden sollten, sondern bloß ihre Plätze räumen. »Spar deine Gründe nur, Prinzessin, die mich öden!« » Qu'y a-t-il encore ?« fragte der Kaiser wieder, und als ihm einer der Kammerherren diese Frage beantwortet hatte, fing er herzlich an zu lachen. Überall steckte man jetzt die Köpfe zusammen. Es schien etwas zu Nettes passiert zu sein. Man flüsterte, lachte, kicherte, man sah nach dem Olymp hinauf. Selbst der Kaiser stand auf und bog sich über die Brüstung, was ihm aber nichts nutzte, denn er konnte nicht um die Ecke sehen, das wunderte ihn. Die Pfalzgräfin hatte die Sache aber schon verstanden. Sie telegraphierte mit jemand, der auf dem Olymp noch immer hinten zu bleiben schien. Auf das Stück des armen Rotgans achtete kein Mensch. Die Pfalzgräfin grüßte mit dem Fächer. Wen? Den aufruhrstiftenden Kuchenbäcker? Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie ihren Nachbarn, daß da oben unter dem Pöbel etwas Besonderes war. »Spar deine Gründe nur, Prinzessin, die mich öden!« Sie machte sich nichts draus. Sie lachte ... Der Kaiser hatte ja gelacht, also durfte man lachen. Sie konnte sich gar nicht beruhigen vor Vergnügen. Jetzt müßte ich eine doppelte Feder haben, um gleichzeitig zu erzählen, was Ohm Sybrand sagte, der eben zurückkam, und zugleich Walthers Ausruf richtig wiederzugeben, der mit offenem Munde und verdrehtem Halse nach oben starrte. »Wo ist Femke?« fragte Holsma. »Sie will nicht,« sagte Ohm Sybrand, »ich dacht's wohl.« »O Gott, da ist sie!« rief Walther. »Wer?« »Femke, Mynheer, Femke, Femke ... o Gott, das ist ja wirklich Femke! Und sie – –« Das Mädchen da oben auf dem Olymp hatte den Polizeimenschen am Kragen genommen und nach hinten geschoben, sie selbst hatte sich auf die erste Bank vorgedrängt und ließ sich da auf die beiden halben Schöße der beiden niederfallen, mit denen der Polizeiagent vergebens parlamentiert hatte. »Es ist Femke, Mynheer, wenn sie ihr bloß nichts thun!« Wieder stand der Kaiser auf und starrte nach oben. Er erblickte das Mädchen mit der nordholländischen Kappe und nickte ihr zu. Und die Pfalzgräfin grüßte noch einmal mit dem Fächer, als wollte sie ihr Glück wünschen zu der Eroberung des Platzes. »Aber M'neer. 's ist Femke.« rief Walther erstaunt, daß er keine Antwort bekam. Auch Holsma und Sybrand waren erstaunt, wenn auch nicht so sehr wie Walther. »Nun, Kinder,« sagte endlich der Doktor, »ihr könnt nachher Mutter erzählen, daß wir sie gesehen haben.« Und zu Walther fuhr er fort: »Das Mädchen ist eine Verwandte von uns ...« »Ja ... Femke!« »Nein, sie heißt anders, und ...« »Herr, soll ich Femke nicht kennen!« Das klang schon ganz anders als damals, den Abend, wo er sie »verleugnet« hatte. Plötzlich sah das fremde Mädchen, deren große blaue Augen frei durch den Saal schweiften, auf unseren Burschen hernieder. Sie beugte sich vornüber, sah ihm mit Aufmerksamkeit ins Gesicht, nickte freundlich und warf ihm eine Kußhand zu. So meinte er und so war es auch. Aber das ganze Parterre war der Ansicht, es gelte jedem von ihnen. Die Standespersonen ärgerten sich über die Frechheit der Bauerndirne und die lustigeren antworteten ... Aber bald wurde gezischt. Aus der höheren Sphäre kam die Nachricht, daß die Base des Königs, Prinzeß Erika, dem niederländischen Volke einen Beweis ihrer Zuneigung geben wollte und deshalb Nationalkostüm angelegt hätte. »Glauben Sie's nicht, M'neer Holsma. Ich sage Ihnen, daß es Femke ist.« versicherte Walther mit Thränen. »Nein, mein Junge, das Mädchen ist Femke nicht.« »Aber ... sie hat mich doch gegrüßt!« »Und der Kaiser sie. Du kannst dir doch denken, daß er kein Waschmädchen grüßen wird.« Ja, das war schwerlich anzunehmen. Aber ebenso befremdlich kam es Walther vor, daß die Prinzessin eine Base von Doktor Holsma sein sollte. Aufs neue glaubte er zu bemerken, daß das Mädchen ihm zuwinkte, und daß sie ihre Lippen bewegte. Es sah aus, als hätte sie wieder gesagt: »Mein Bruder!« Walther lispelte die Worte nach und drückte beide Hände an die Brust. Ha! Jetzt hatte er es ... man hatte ihn für übergeschnappt gehalten und wollte ihn von einer festen Idee kurieren! Deshalb der Besuch des Theaters und die angebliche Weigerung Femkes, mit Sybrand mitzukommen ... aber wie durfte sie den Polizeiagenten in seinem Wirken stören? Und der Gruß des Kaisers? Und woher wußte überhaupt Holsma, daß er sie verleugnet hatte und daß ihre Anwesenheit die Ruhe seines Gemütes bedrohen konnte? »Ach, Herr, lassen Sie doch Femke ruhig hier sitzen. Ich will gewiß ganz ruhig sein! Ich habe solche Furcht, daß ihr da was geschehen könnte unter all den Menschen!« Holsma sah ihn fragend an. Sollte Kaatje doch recht gehabt haben? Er versuchte seine Aufmerksamkeit durch andere, gleichgültige Dinge abzulenken. Aber es half nichts. »Na gut also!« sagte er endlich. »Ich wollte dich nur ein wenig necken. Femke sitzt da, weil sie ... nicht hier sitzen will. Sie meint, das ... schickte sich nicht, weil sie nur ein Wäschermädchen ist. Und wir würden uns schämen, denkt sie, verstehst du.« »Ach, Herr, keiner braucht sich zu schämen, bei ihr zu sitzen. Sogar der Kaiser nicht ...« »Ja, ja,« beruhigte Holsma. »Ganz richtig. Wer brav ist, braucht sich vor niemand zu verkriechen. Sieh nun wieder nach dem Stück, mein Junge.« Walther wollte thun, was der Doktor sagte, aber nicht, ohne von der herrlichen Erscheinung Abschied zu nehmen. Er blickte noch einmal nach oben. Sie nickte ihm zu, nahm einen Zweig mit drei Rosenknospen von der Brust, hielt ihn einen Augenblick zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, zeigte mit der rechten auf Walther und ließ ihn fallen. Der Zweig fiel auf die Glatze eines alten dicken Herrn in Walthers Nachbarschaft, der ihn erfaßte und sehr verwundert anschaute. Ehe er sich aber klar wurde, was er damit machen sollte, war Walther zugesprungen, über Bänke und Stühle, und hatte ihm das kostbare Gut entrissen. Er drückte es, mit einem Blick nach dem Olymp, an die Lippen. Die Pfalzgräfin klatschte Beifall, besonders da Prinzeß Erika genickt hatte, »so hatte sie es gemeint!«. Das war mehr als Walther vertragen konnte. Er hatte sich das Verleugnen Femkes noch nicht verziehen, aber sie, die Edle, die Große, die Majestätische, sie hatte ihm vor allem Volke ihre Vergebung angezeigt! Und darum wollte sie oben sitzen, so hoch ... sie hatte die Flecken seiner Seele weggewischt, seine geschändete Ritterehre wiederhergestellt. Wie Blitze schossen ihm diese Gedanken durch den Kopf ... Ohnmächtig sank er zu Boden. War es ein Wunder? Holsma nahm ihn mit nach Hause, und an Jüffrau Pieterse ging wieder eine Botschaft... »Siehst du, Stoffel, wie ich sagte! Jeder kann es wissen. Er loschiert effektif bei Doktor Holsma auf dem Kolveniersburgwall. Trude, denk dran, wenn Leentje zum Kaufmann geht ... er loschiert da, wahrhaftig!« Ariadne auf Naxos und die Unbrauchbarkeit von Wundern. Wie Stoffel die Sache ansah, und Kaatjes Auffassung von der Vererbung. Jüffrau Laps war das »unglücklichste der Weiber« und das Zimmerchen, aus dem Walther so plötzlich geflüchtet war, der Tempel der verschiedenartigen Schmerzen, die ein Romanschreiber bei solchen Gelegenheiten zur Verfügung hat. Ich will Walther nicht über Josef, Theseus, Jason oder Hippolytos stellen. Apollo bewahre mich vor dieser Affenliebe; ich sehe in meinem Helden durchaus nicht den interessantesten Sterblichen, der je ein Weib im Stich gelassen hat. Nein, nicht in Walthers Wert suche ich den Maßstab für die Verzweiflung der Verlassenen. Und sie selbst nährte ihren Schmerz nicht ausschließlich damit, daß sie auf den Wert des verlorenen Schatzes hinstarrte. Es gab noch etwas anderes dabei, was ihren Schmerz zum Entsetzen, zur Wut anstachelte. Alle Achtung vor den Schmerzen der übrigen verlassenen Damen, vor Asnath, Ariadne, Medea, Phädra – aber Jüffrau Laps mußte die Geschichte vor Walthers Familie vertreten. Das war es! Die wunderbarsten Pläne gingen durch ihren Kopf. Wie wäre es, wenn sie erzählte, er wäre vor den Augen des Volkes weggenommen und aufgefahren im feurigen Wagen, wie weiland der Prophet Elias? Sie ließ diese Idee fallen, aus Besorgnis, daß ihr kein Mensch glauben würde. Nicht einmal Polizei und Justiz ist für dergleichen zu haben. Sie begann damit, daß sie wartete, ob ihr kleiner Theseus vielleicht wiederkäme. Sie hatte nicht deutlich sehen können, ob er in die Schenke geraten oder irgendwo unter der Volksmenge geblieben war, die davor stand. Vielleicht hatte diese oder jene Strömung der johlenden Menge ihn mit sich gerissen. Wohin? nach ... Amerika oder ins Pfefferland? Das wäre gar nicht so schlecht, fand sie, denn eigentlich hatte sie mehr Furcht vor Walthers Rückkehr zu den Seinen, als daß sie nach seiner Rückkehr zu ihr Sehnsucht hatte. Das ist leicht zu begreifen. Was würde wohl Walther zu Hause erzählen? Zu ihrer großen Enttäuschung war seine Mitschuld nicht so weit gediehen, daß er hätte schweigen müssen, im eigenen Interesse, und andere Gründe für solche Keuschheit verstand sie nicht, dazu stand sie zu tief. Sie dachte an die Methode Asnaths, der Frau des biederen Potiphar. Ach, dazu ist aber die entzückende Naivetät Potiphars nicht zu entbehren, und sie hatte Menschenkenntnis genug, um zu wissen, daß weder Stoffel noch selbst Walthers Schwestern unschuldig genug waren, sich in solchen Netzen fangen zu lassen. Man hätte wohl Verdacht gegen die Anwendung ihrer Bibelkunde gehabt. Da wollte sie sich doch lieber auf Walthers ... Kinderhaftigkeit verlassen. Aus Ärger und Wut biß sie ihre Fingernägel ab und fluchte auf all das Volk, das da unter ihren Fenstern noch immer die Nachfeier eines Festes beging, das gar nicht stattgefunden hatte. Einige Augenblicke schmeichelte sie sich mit der Hoffnung, ihren Deserteur noch einmal ins Auge zu fassen, und wenn es glückte, wollte sie ihn mit Krallen und Zähnen in ihr Nest schleppen – nicht um des Vergnügens seiner Gesellschaft willen, sondern um zu verhindern, daß er nach Hause ging und dort mehr erzählte als ihr lieb war. Aber sie hatte kein Glück damit. Ermüdet von dem langen Hinstarren, schob sie endlich ihr Fenster zu, gerade einen Augenblick zu früh, um den Wagen noch wegfahren zu sehen, der Prinzeß Erika nach dem Schlosse auf dem Damm bringen sollte. Die Morgenstunde war schon angebrochen, aber unsere Jüffrau Laps begriff wohl, daß es noch zu früh war, um zu den Pieterses zu gehen. Und obendrein ... was sollte sie da sagen? Daß ihr Ritterchen mitten in der Nacht davongelaufen war? Warum? Wohin? Wer gab ihr Sicherheit, daß nicht die ganze Geschichte schon durch ihn selbst bekanntgegeben war? Sollte Frau Asnath hinter Josefs Netz fischen? O, wie scheußlich! Sie beschloß ... nichts zu beschließen, und die Sache noch ein paar Stunden dem Herrn zu befehlen. Mit diesem Seufzer bestieg sie ihr jungfräuliches Lager, und vor dem Einschlafen stöhnte sie noch vor sich hin: »Hätte doch der Bengel das Genick gebrochen, wie der Hohepriester Eli, 1.Samuelis 4!« Aber mit den wohlthätigen Wundern ist es heute nichts. Der verd... Schwärmer! Und nun, gütige Muse, führe uns zurück nach der Pietersburg! Blase mir ein, was dort geschah während Walthers romantischer Verzauberung, und sorge, daß meine Sprache nicht zu tief unter der Würde des Gegenstandes zurückbleibe! Wir wissen schon, o Klio, wie die Schloßherrin ihren Sproß ausziehen sah zum Schutze seiner improvisierten Dame, und wie sie zwar keine Segenswünsche und keine geweihte Schärpe mitgab, aber doch die bekannte Nachtmütze. Wir wissen auch, wie Junker Stoffel, der Erbstatthalter des Familienruhms ... Ach, wir wollen doch lieber die Sache einfach behandeln. Lassen wir die Muse. Jüffrau Pieterse war den bewußten Freitagabend zu Bett gegangen wie gewöhnlich. Und die anderen auch. Von schrecklichen Träumen hatte sich nichts gezeigt. Keine Spur von Angst über die schreckliche Gefahr hat sich erhalten, der sich Walther so unbedacht preisgegeben hatte, vielleicht, weil eine solche Gefahr den Angehörigen des armen Jungen ganz unbekannt war. Jüffrau Laps hätte es gar nicht nötig gehabt, ihre Absicht so schlau zu verstecken. Walthers Namen bei dem Aufruf der Ritter so sorgfältig wegzulassen – ein überflüssiger Luxus an Politik. Dank der Dummheit der Familie hätte sie ihr Ziel bei gröberer Behandlung der Sache auch erreicht. Der Samstagmorgen brach an, jener Morgen, an dem Walther bei der guten Frau Claus so kräftig unter die Hand genommen wurde. »Ich weiß um die Welt nicht, wo bleibt bloß der Junge so lange?« sagte die Mutter. »Er wird nicht so früh aufgestanden sein, und vielleicht läßt sie ihn beim Frühstück ein Kapitel aus der Schrift lesen.« So Stoffel. Und dabei beruhigte sich die Familie wieder auf ein halbes Stündchen. »Wie wär's, wenn du selbst mal hingingst?« schlug endlich Jüffrau Pieterse vor. »Geht nicht, Mutter! Du weißt, es liegt nicht auf meinem Wege nach der Schule.« Das war ein gültiger Grund. Man muß nie thun, was nicht auf dem Wege liegt. Einer der lieblichen Grundsätze wohlverstandenen Konservatismus. Stoffel selber wußte nicht, wie tief der Sinn seiner politischen Grundregel war. »Aber ... wenn wir Leentje mal hinschickten ... fragen, wo der Junge bleibt?« Das fand Anklang. Leentje ging und kam bald mit der Botschaft zurück, daß Walther »wohl ein bißchen spazieren ginge.« So hatte Jüffrau Laps in ihrer Herzensangst gesagt. Und es war ja auch nicht ganz unrichtig. Der Leser weiß es. Jüffrau Laps unterließ bloß, hinzuzufügen, warum er spazieren ging, und zu welcher Stunde er von ihr weggegangen war. Leentje hatte kein Arg und fragte nicht, denn es schien zu selbstverständlich, daß er nicht im Dunkel der Nacht ausgezogen sein würde. So kam also schließlich weiter nichts heraus als die absonderliche Gewohnheit Walthers, sich herumzutreiben, über die man sich ja schon öfters gewundert hatte. »Da hat man's wieder!« sagte die Mutter. »Der Ärger, den ich mit dem Jungen habe! Ein anderer macht ein Schläfchen nach dem Essen, nicht? Und er – was thut er? Am frühen Morgen läuft er herum! Ich frage dich selber, Stoffel, hat das 'ne Art?« »Nee, Mutter!« »Und uns in der Angst sitzen lassen!« »Ja, Mutter!« »Siehst du, das ist nun wieder so'n Stück von ihm. Er müßte doch wissen, daß wir hier alle miteinander in tödlicher Unruhe ... Gott weiß, wo er sich wieder herumtreibt!« »Gewiß, Mutter! Und nun ist's Zeit für meine Schule ... 'n Morgen, Mutter!« Stoffel zog ab. Von der Angst und der Unruhe war kein Wort wahr. Das gehörte so dazu, meinte die Familie, die im übrigen nicht die geringsten Anzeichen von sich gab, daß sie etwa über Walthers Schicksale bekümmert war. Auch hier spielten wieder einmal Dummheit und Trägheit ihr gewöhnliches Spiel. Es konnte ja sein, daß dem Knaben ein Unglück zugestoßen war ... seine Mutter fand es bequemer, ihn eines ungezogenen Betragens zu beschuldigen, als sich ernstlich darum zu kümmern, wo er eigentlich geblieben wäre. Und dabei blieb es auch, bis Doktors Kaatje kam. Der Leser weiß wohl, wie Holsma seinem Kutscher auftrug, vor Walthers Wohnung einen Augenblick zu halten, damit das Mädchen aussteigen könne. Alles war schleunigst ans Fenster gestürzt. »Da ist er! Da ist er!« rief die ganze Familie, so laut sie konnte. »Er sitzt fürwahr in Doktors Kutsche!« Diese Wahrnehmung verscheuchte alles andere, und Kaatje hatte es leicht mit ihrer Aufgabe, die Familie zu beruhigen. Es kam gar nicht mehr darauf an, wo Walther gewesen war ... er fuhr ja in der Kutsche! In Himmels Namen, was will man mehr? »Bei Doktors gefrühstückt? Mensch, was sagen Sie? Und ... und ... warum hat der Kutscher seine Bärenmütze nicht auf?« Die erstaunte Kaatje berief sich auf die Jahreszeit und fand den Empfang, der ihr zu teil wurde, sehr komisch. Der Verdacht, den sie gegen Walthers geistige Gesundheit hatte, empfing neue Nahrung durch die sonderbare Art und Weise, wie ihre Botschaft aufgenommen wurde. Am Ende war die ganze Familie ... ein bißchen ... »Und hat er wirklich bei Doktors gefrühstückt? Trude, verstehst du ... gefrühstückt?« »Ja, Jüffrau, er hat bei uns ... gefrühstückt! O ja, gewiß, gefrühstückt ... der Herr Doktor hat's selber gesagt!« »Beim Herrn Doktor! Und ... gefrühstückt, sagen Sie! Auf dem Kolveniersburgwall?« »Na gewiß! Wo denn sonst?« »Und ist er auch manierlich gewesen?« »Ja doch. Jüffrau ... aber ...« »Und nun sitzt er beim Herrn Doktor in der Kutsche!« »Gewiß doch, Jüffrau ...« »Hören Sie mal, meine Liebe, ich will Ihnen mal was sagen, aber Sie müssen es keinem weiter erzählen. Er ist ein ungewöhnliches Kind, wissen Sie ...« »Ja,« seufzte Kaatje, vollkommen überzeugt, »das weiß ich!« »So? Wissen Sie? Und wissen Sie auch, warum? Das will ich Ihnen sagen. Er ist ein ungewöhnliches Kind, weil – geh mal ein bißchen beiseite, Petro, und du auch, Mine... Trude kann da bleiben, aber guck auf deine Arbeit! – er ist so ein ungewöhnliches Kind, wissen Sie, weil ... wie ich mit ihm ging, verstehen Sie ...« »Ach, Jüffrau!« »Ja, ja, meine Liebe, da habe ich von 'm Schmetterling, geträumt, der 'n Elefant wegzog. Verstehen Sie nun?« »Ach ja, ja, ja, Jüffrau! Ich verstehe es ganz wohl!« »Sehen Sie, und darum... Machen Sie meine Empfehlung an den Herrn Doktor, und ich lasse mich schön bedanken. Es ist bloß, wenn er nur artig ist ... Walther, meine ich. Ach, trägt der Kutscher so 'ne Mütze immer bloß im Winter?« Kaatje machte, daß sie hinauskam. Sie nahm sich vor, niemals von Schmetterlingen und Elefanten zu träumen. Solch eine Ausschweifung kam ihr höchst gefährlich vor, denn sie fing jetzt allen Ernstes an zu glauben, daß die ganze Familie verdreht wäre, und daß sie bei Walther erst eine kleine Probe davon gesehen hätte. Als ein paar Stunden darauf der Doktor selbst kam, um Jüffrau Pieterse zu beruhigen, kannte die Freude über Walthers Erhöhung keine Grenzen. Holsma achtete wohl auf diese und andere Narrheiten, und er machte Gebrauch von diesen Bemerkungen, als er sich vornahm, Walther eine gewisse geistige Diät vorzuschreiben, die er nach dem Vorfall im Theater angebracht hielt. Jüffrau Laps wußte selber nicht, wie gut alles abgelaufen war. Den ganzen Tag bangte sie noch um ihre »Ehre« – aber die Muse schien ihr keine Tragik zu gönnen. Rätsellösen und praktische Philosophie. Der Leser lernt seine nächstliegende Pflicht kennen. Der Autor auch. Am nächsten Morgen ließ der Doktor unseren Walther auf sein Studierzimmer kommen und sprach ihm freundlich zu. Er ermutigte den angehenden Jüngling, ihm recht offen zu erzählen, was in seinem Gemüt vorging, vermied aber alles, was ihn auf die Idee hätte bringen können, daß es etwas Besonderes wäre. Er verstand mehr, als Walther sagen konnte. Auch die Geschichte der Verführerin, die Walther gern auslassen wollte, lag ihm klar vor Augen, da der Jüngling doch nicht das Geschick dazu hatte. Er hörte sich Walthers Gefühlsausbrüche ruhig an, als ob er so etwas längst kenne, und seine grenzenlose Ehrsucht oder vielmehr seine überspannte Sucht nach dem Guten – faßte er als eine gewohnte Erscheinung, die sich aus seiner Lebensperiode ergab. Auch Walthers Liebe zu Femke behandelte er als eine sehr gewöhnliche Sache. Er meinte, das wäre bei ihm in seiner Jugend genau so gewesen, eine Methode, die unseren Eltern und Erziehern vielfach noch unbekannt zu sein scheint. »Gewiß, gewiß, mein Junge, in solchen Stimmungen möchte man überall sein, alles in Ordnung bringen, beherrschen, gutmachen. Man hat das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Es kränkt einen, daß so viel Verkehrtes in der Welt ist. Ich kenne das sehr gut. Aber nun denke doch einmal nach über die Mittel, die dir zu Gebote stehen. Wie willst du es anfangen, etwas zu bessern?« Walther schwieg. »Meinst du, alle Menschen sind schlecht? Das wirst du doch nicht denken. Es giebt gewiß viele, die dasselbe wünschen wie du? Warum ändern sie die Welt nicht?« Walther schwieg wieder. Gerade die Einfachheit der Frage verblüffte ihn. »Nun, ich will dir helfen. Glaubst du, daß ich ein guter Mensch bin?« »O ja!« rief Walther herzlich. »So? Nun, ich glaube es auch. Ich würde mich schämen, wenn ich nicht wagen dürfte, das zu sagen. Warum ändere ich die Welt nicht? Du sprichst oft von Afrika – weil du das Land nicht kennst, Junge! Nun, ich, der ich ein guter Mensch bin, habe die Sklavenjagden noch nicht abgeschafft. Warum nicht? Was denkst du wohl?« Walther gab keine Antwort. Holsma war mit einer Amputation beschäftigt. Ist es ein Wunder, daß der Kranke das Glied seiner Seele, das abgenommen werden sollte, furchtsam zurückzog? »Ich will dir die Sache anders vorstellen. Du hörst ein anhaltendes Geklopfe und Gehämmer – horch! Das kommt von der Schmiede hier nebenan. Du kannst dir wohl denken, daß mich das manchmal stört!« »Bei Krankheit!« »Ja, und auch, wenn ich zu denken habe. Ich wünschte wohl, die Schmiede weggeschafft zu sehen ... so – husch – weg! Warum thu ich das nicht?« »Weil ... Sie es nicht können, Mynheer.« »Richtig. Darum habe ich auch bis heute in Afrika noch nichts geändert, was da verkehrt geschieht. In Asien auch nicht. Und in Amerika auch nicht. Und in vielen anderen Ländern auch nicht. Aber gestern abend im Theater – als du unwohl warst – da nahm ich dich mit nach Hause und habe für dich gesorgt und dich zu Bett gebracht. Und ich habe deine Mutter über dein Ausbleiben beruhigen lassen. Das war meine Pflicht, nicht wahr?« »O, Mynheer ...« »Keinen Dank, mein Junge. Es kam mir vor, daß es meine Pflicht war, und ich that es: weil ich konnte! Was nicht geht, ist meine Pflicht nicht. Und darum nehme ich auch die Schmiede nicht zwischen Daumen und Finger und versetze sie nicht anderswohin. Aus demselben Grunde gebe ich mich nicht mit Afrika ab. Unmögliche Pflicht ist keine Pflicht, und das Jagen danach steht der Erfüllung unserer wahren Pflichten im Wege. Hast du wohl einmal auf der Schule deine Lektion nicht gekonnt?« »O ja, oft! Aber in der letzten Zeit nicht, weil Femke...« »Laß Femke vorläufig aus dem Spiel. Vielleicht sage ich dir später ein Wörtchen über sie. Wenn du auf der Schule deine Arbeit vernachlässigt hattest, dann hattest du gewiß an etwas anderes als deine Lektionen gedacht, an Dinge, die weitab lagen. Das ist der Fehler von vielen jungen Leuten, und – nimm's nicht übel: ich war auch so! – es kommt größtenteils aus Trägheit. Es ist bequemer, sich einzubilden, daß man über einen Berg in der Ferne schwebt, als in Wirklichkeit den Fuß zu heben und über ein Steinchen zu steigen. Unter den Millionen Dingen, die du thun möchtest, sind wenige, die du thun kannst. Mit diesen wenigen beschäftige dich, das ist der Weg, um weiter zu kommen. Frage bei jeder Gelegenheit: welches ist meine nächstliegende Pflicht? Willst du mir das versprechen?« Walther gab die Hand darauf. »Und du möchtest gern mehr wissen? Ich auch, mein Junge. Was ist da zu thun? Was dich betrifft, so fehlt es dir an allerlei Schulkenntnissen, in denen Altersgenossen dir voraus sind. Das ist leicht nachzuholen, und wir sprechen darüber noch, aber ... deine nächstliegende Pflicht ist das eigentlich nicht! Das bißchen Latein, das unser Willem versteht und worauf du so neidisch bist, ist in ein Paar Monaten nachgeholt, wenn du erst geübt bist im Wollen! Zur Zeit sind ganz andere Feinde zu bekämpfen als die Ritter aus deinen Romanen. Schätze die Schwierigkeiten nicht gering, die du zu bekämpfen hast. Das könnte sonst die Ursache einer Niederlage werden. Du mußt dein Denkvermögen nach deinem Willen gebrauchen lernen und die Phantasie festhalten, die dir sonst über den Kopf wächst. Träumen ist nicht Leben. Verstehst du?« Walther nickte zustimmend. »Die wahre Erhabenheit,« fuhr Holsma fort, »ist, zu thun, was man thun muß – auch das Geringe. Was würdest du von Rittern sagen, die sich durch Vagabunden auf den Kopf schlagen ließen, weil ihre Ritterehre ihnen nicht gestattete, mit ihnen zu fechten? Das wäre doch eine unbrauchbare Ritterschaft. Du gehst jetzt in den Handel. Komm nach einem Monat wieder und erzähle mir, ob du Wort gehalten hast. Dann wollen wir weiter sehen, aber ... das zuerst! Willst du?« »O, gewiß!« rief Walther. »Aber ... Mynheer, darf ich nun fragen ...« »Wegen Femke? Nun, das ist ein sehr gutes, ein braves Mädchen, eine Base von mir.« »Aber wie kam sie denn ...« »Die Dame im Theater war Femke nicht. Es war Prinzessin Erika. Wir wollten sie sehen, weil ihre Vorfahren mit unseren verwandt waren. Da ist nichts Besonderes dabei, mein Kerlchen!« »Eine wirkliche Prinzeß?« »Ja, und Femke ist ein wirkliches Waschmädchen. Wir wollen hoffen, daß Erika von Charakter ebenso gediegen ist wie sie. Aber, mein Junge, leg' dem nicht solch Gewicht bei. Solche Familienabzweigungen sieht man oft. Und wenn man es nicht sieht, es ist so. Es hat eine Zeit gegeben, da Erikas Ahnen sich in Tierfelle kleideten, und meine auch. Wir wissen nicht, ob sie davon weiß, daß sie hier Verwandte hat. Daß wir es wissen ... nun ja, mein Bruder Sybrand hat Vergnügen daran, die Übereinstimmung von allerlei Gegensätzen und dergleichen aufzuspüren. Recht besehen, ist die Welt kleiner als du denkst: alles hängt miteinander zusammen. Wer weiß, am Ende hat es auf die Geschichte Einfluß, daß du morgen bei den Herren ... wie heißen sie doch?« »Ouwetyd und Kopperlith.« »Ja, daß du morgen bei den Herren Ouwetyd und Kopperlith in die Lehre kommst. Nun, welthistorisch oder nicht, jedenfalls thue deine nächstliegende Pflicht. Das ist nun deine ritterliche Aufgabe ... wenn du hören willst. Willst du?« »Ja, Herr! Aber...Femke?« »Da haben wir es schon! Sie hat mit deiner nächstliegenden Pflicht nichts zu thun. Die einzige Dame, der du jetzt zu dienen hast, ist ... wer?« »Der Handel.« »Richtig. Willst du aber durchaus etwas von Femke wissen ... nun, sie sagt auch, daß du dich jetzt nicht mit ihr beschäftigen sollst, und an nichts mehr denken als an deine Arbeit ...« »O, ich will, ich will!« »Noch so zehn Jahre lang.« »Zehn Jahre? Zehn?« »Ja, so sagte sie, als sie erfuhr, daß du noch so wenig weißt und so wenig kannst.« »Zehn Jahre?« »Na ja, so sagte sie. Vielleicht acht ... vielleicht zwölf – oder zwanzig. So etwas kann man nicht so genau vorausbestimmen. Das begreifst du wohl?« »Zehn Jahre!« »So sagte sie.« »Ich will.« »Sehr gut, mein Junge. Es wird mir eine Freude sein, und ... ihr auch. Also fange schnell an, und bilde dir nicht ein, daß es so besonders schwer wäre. Tausende haben vor zehn Jahren mit dem angefangen, was du morgen thun wirst und ... sie leben noch! Du siehst, es geht also. Übrigens, denke du vorläufig nur an den ersten Monat. So wird es kürzer. Nach fünf Wochen etwa erwarte ich dich bei mir. Dann sprechen wir weiter.« Noch einmal versprach Walther, alle »Thorheiten« aus seinen Gedanken zu verbannen, und dann nahm er für diesen Tag Abschied. Aber seine Rosenknospen bewahrte er auf.