Friedrich von Hagedorn Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen Inhaltsverzeichnis.       Vorwort Das geraubte Schäfgen Der Beleidiger der Majestät Die Einbildung und das Glück Das Gelübde Das Delphische Orakel und der Gottlose Der Sultan und sein Vezier Azem Wallraff und Traugott Die Thiere Die Fledermaus und die zwo Wiesel Der Fuchs und der Bock Der Wolf und das Pferd Der Löwe und die Mücke Der Löwe und der Esel Der Wolf und der Hund Mops und Hector Jupiter und die Schnecke Der Bauer und die Schlange Der Hirsch und der Weinstock Der kranke Hirsch und die Wölfe Die Natter und der Aal Der Esel, der Affe und der Maulwurf Der Fuchs ohne Schwanz Der Hirsch, der Hund und der Wolf Der Hase und viele Freunde Der Bär und der Liebhaber seines Gartens Das Schäfgen und der Dornstrauch Der Affe und der Delphin Das Hühnchen und der Diamant Die Henne und der Smaragd Der Marder, der Fuchs und der Wolf Der Adler, die Sau und die Katze Die Kenner Der Papagey Die Bärenhaut Die Räuber und der Esel Der schöne Kopf Die Maske und das Gesicht Der arme Kranke und der Tod Der Berg und der Poet Der Eremit und das Glück Ja und Nein Stentor Philippus, König in Macedonien, und Aster Ben Haly Ruffin Der großmüthige Herr und seine Sclaven Der Schwimmer Processe Mittel bey Hofe alt zu werden Johannes, der Seifensieder Aurelius und Beelzebub Apollo und Minerva Apollo, ein Hirte Die Küsse Phyllis Daphnis Der Blumenkranz Der Stieglitz und der Sperling Liebe und Gegenliebe Reue über eine nicht begangene Bosheit Doris Laurette Wein und Liebe Axiochus und Alcibiades Myron und Lais Das Bekenntniß Bruder Fritz Philemon und Baucis Paulus Purganti und Agnese Die neue Eva Der Ursprung des Grübgens im Kinne Alphabetisch sortiert:         Apollo und Minerva Apollo, ein Hirte Aurelius und Beelzebub Axiochus und Alcibiades Ben Haly Bruder Fritz Daphnis Das Bekenntniß Das Delphische Orakel und der Gottlose Das Gelübde Das geraubte Schäfgen Das Hühnchen und der Diamant Das Schäfgen und der Dornstrauch Der Adler, die Sau und die Katze Der Affe und der Delphin Der arme Kranke und der Tod Der Bär und der Liebhaber seines Gartens Der Bauer und die Schlange Der Beleidiger der Majestät Der Berg und der Poet Der Blumenkranz Der Eremit und das Glück Der Esel, der Affe und der Maulwurf Der Fuchs ohne Schwanz Der Fuchs und der Bock Der großmüthige Herr und seine Sclaven Der Hase und viele Freunde Der Hirsch und der Weinstock Der Hirsch, der Hund und der Wolf Der kranke Hirsch und die Wölfe Der Löwe und der Esel Der Löwe und die Mücke Der Marder, der Fuchs und der Wolf Der Papagey Der schöne Kopf Der Schwimmer Der Stieglitz und der Sperling Der Sultan und sein Vezier Azem Der Ursprung des Grübgens im Kinne Der Wolf und das Pferd Der Wolf und der Hund Die Bärenhaut Die Einbildung und das Glück Die Fledermaus und die zwo Wiesel Die Henne und der Smaragd Die Kenner Die Küsse Die Maske und das Gesicht Die Natter und der Aal Die neue Eva Die Räuber und der Esel Die Thiere Doris Ja und Nein Johannes, der Seifensieder Jupiter und die Schnecke Laurette Liebe und Gegenliebe Mittel bey Hofe alt zu werden Mops und Hector Myron und Lais Paulus Purganti und Agnese Philemon und Baucis Philippus, König in Macedonien, und Aster Phyllis Processe Reue über eine nicht begangene Bosheit Ruffin Stentor Wallraff und Traugott Wein und Liebe Diese Sammlung enthält Versuche in der Kunst zu erzehlen oder freie Nachahmungen der Alten und Neuern, welche sich in dieser Kunst hervorgethan haben. Bey dem Verzeichnisse dieser Kleinigkeiten sind diejenigen angeführet worden, deren Beispiele mich zu dieser Schreibart aufgemuntert haben und in welchen man dasjenige antrifft, was ich in meinen poetischen Fabeln und Erzehlungen nicht selbst erfunden. Ich habe solches für dienlich erachtet, damit desto leichter wahrzunehmen stehe, daß ich in meinen Vorgängern, und insonderheit dem La Fontaine auf eine eben so freie Art gefolget sey, als dieser dem Phaedrus, Ovidius, Ariosto, Boccaccio und Marot nachgeeifert hat. Wider diesen so beliebten La Fontaine Aus fast unzähligen Lobsprüchen, welche man dem La Fontaine mit so vielem Rechte gegeben hat, will ich hier nur wiederholen, was die berühmte von Sevigny von ihm und von seinen Verächtern in dem vierten Bande der Büssy-Rabutinischen Briefe, im 24tten Br. urtheilet: Il y a de certaines choses qu'on n'entend jamais quand on ne les entend pas d'abord. On ne fait point entrer certains esprits durs \& farouches dans le charme \& dans la facilité des Balets de Benserade, \& des Fables de la Fontaine. Cette porte leur est fermée, \& la mienne aussi. Ils sont indignes de jamais comprende ces sortes de bautez, \& sont condamnez au malheur de les improuver \& d'être improuvez aussi des gens d'esprit. Nous avons trouvé beaucoup de ces pedans. Mon premier mouvement est toûjours de me mettre en colere, \& puis de tâcher de les instruire; mais j'ai trouvé la chose absolument impossible. C'est un bâtiment qu'il faudroit reprendre par le pied; il y auroit trop d'affaires à le reparer: \& enfin nous trouvions qu'il n'y avoit qu'à prier Dieu pour eux, car nulle puissançe humaine n'est capable de les éclairer. C'est le sentiment que j'aurai toûjours pour un homme qui condamne le beau feu \& les vers de Benserade, dont le Roi \& toute la Cour a fait ses délices, \& qui ne connoît pas les charmes des Fables de la Fontaine. Je ne m'en dédis point; il n'y a qu'à prier Dieu pour un tel homme, \& qu'à souhaiter de n'avoir point de commerçe avec lui. hat sich unlängst ein gewisser Graf erkläret, dessen Andachten in gebundenen Zeilen denen vollkommen gleich sind, welche ihn in ungebundener Rede so bekannt machen. Mich wundert dieses so sehr nicht, als ich mich wundern würde, wenn die gräflichen Poesien einem La Fontaine, falls er noch lebte, im geringsten gefallen sollten. Hätte ich aber nicht vielmehr des strengen Herrn von Muralt erwehnen sollen, der seinem Entschlusse, sich der Welt zu entäussern, weit grössere Fähigkeiten und vielleicht lebhaftere Empfindungen aufgeopfert hat, als jener? Ihn rühren die Schönheiten der Fabeln des La Fontaine; hingegen verhärtet er sich gegen den Reiz seiner Erzehlungen. Doch ihn entschuldigen seine Einsichten in andre Dinge und eben diejenigen Verdienste und Gaben, welche seine Selbstverleugnung zuletzt unter seine geringsten mag gezählet haben, seitdem er denen beigetreten ist, welche alles, was man in der politen Welt Witz, Kenntniß und Geschmack nennet, in einen gewissen Geist der Prüfung verwandeln, den sie selbst nicht erklären können. Man weiß, wie der Hr. von Muralt veranlasset worden, den Boileau, Bayle, Fontenelle und zum Theil den sinnreichen La Fontaine zu verabscheuen; und wem würde es schwer fallen, die Art solcher Sprödigkeit aus denen Schriften zu bestimmen, welche er nach seinen Briefen von den Engländern und Franzosen herausgegeben hat? Was gegenwärtigen Versuch anbetrifft; so sind zu einigen Stellen gewisse Anmerkungen unentbehrlich gewesen. Von den übrigen wird es genug seyn, wenn selbige nur nicht unangenehm sind. Ich muß noch erinnern, daß ich eine Auflage meiner ersten Gedichte ans Licht zu stellen gedencke. Viele Veränderungen in denenselben werden bezeugen, wie wenig sich mit der Ausgabe zufrieden bin, welche vor neun Jahren dem Drucke von mir überlassen worden. Hamburg, den 27. August, 1738. Das geraubte Schäfgen.             Als Joabs Heldenheer die Kinder Ammon schreckte Und schon ganz Israel das Land um Rabba deckte, Wo der Gewaltigen und Hanons Unverstand Die Boten schänden ließ, die David abgesandt; Da raubte sein Befehl Uria Glück und Leben, Um das geliebte Weib, das ihm der HErr gegeben, Die Tochter Eliams, die Davids Freundinn war, Und, als sie ausgetraurt, ihm einen Sohn gebahr.     Dem HErrn mißfiel die That, und Nathan ward ersehen, Mit Worten Seines Zorns zum Könige zu gehen. Er sprach: In einer Stadt befanden sich zugleich Zween Männer; einer arm, der andre groß und reich. Der Reiche sahe stets in Tagen voller Freuden Die Heerden seines Hofs auf grünen Hügeln weiden; Die Rinder unzerstreut bey jungen Farren ruhn; Der Geiß' und Widder Muth im Felde frölich thun; Die Lämmer ohne Fehl um ihre Mütter springen; Das Lastvieh durch den Klee mit reichen Bürden dringen; Die Blüten dicker Saat sich an den Wassern blähn Und seiner Schnitter Fleiß die schönsten Halmen mähn. Dem Armen, ach! was war dem Armen doch beschehret? Ein einzig kleines Schaf, das er gekauft, genähret. Das wuchs und ward bey ihm und seinen Kindern groß Und kannte seinen Ruf und schlief in seinem Schos Und trank von seinem Kelch und aß von seinem Bissen Und folgte seiner Hand und lief nach seinen Küssen: Er hielte dieses Schaf, sein liebstes auf der Welt, Wie in Jerusalem man eine Tochter hält. Dem Reichen kam ein Gast; daß der bewirthet würde, Nahm er kein Rind, kein Schaf aus seiner Weid' und Hürde. Die räuberische Faust macht ihm ein Freudenmahl Aus jenem weissen Schaf, das er dem Armen stahl. Er schwieg, und David schwur: Der Frevler soll nicht leben! Er soll nicht nur das Schaf vierfältig wiedergeben; Wer solche Missethat in Israel beginnt, So wahr der Höchste lebt! der ist des Todes Kind.     Du, David, bist der Mann: erwiedert der Prophete; Will deine Sele noch, daß man den Räuber tödte? So spricht der HErr, dein GOtt: Ich habe dich gebaut; Zum Könige gesalbt; das Reich dir anvertraut; Den Händen Sauls gewehrt; itzt deines Volks verschonet; Und dir das Haus verliehn, in dem dein Herr gewohnet; Die Weiber deines Herrn gab ich in deinen Schos; Du bist in Israel, du bist in Juda groß. Du bist durch mich ein Herr, ein Sieger und ein König, Du, des Isai Sohn. Ist dieses dir zuwenig; So füg ich mehr hinzu. Wie aber kanst du nun Vor meinem Angesicht ein solches Uebel thun? Des HErrn Gebot verschmähn, ihn und sein Wort verachten, Und den Hethiter dir mit trunknem Schwerte schlachten? Durch dich frisst Ammons Schwert Uria, deinen Knecht. Sein Blut zeugt wider dich, und schreyt zu mir um Recht. Noch darfst du gar sein Weib itzt, als dein Weib, umfassen; Drum soll das Rachschwert nie von deinem Hause lassen. So spricht der HErr, dein GOtt: Zu desto größrer Pein Soll dir dein eignes Haus des Unglücks Quelle seyn. Die Weiber will ich dir vor deinen Augen rauben, Und deinem Nächsten selbst der Strafe Lust erlauben: An ihnen soll das Volk was insgeheim geschehn Bey lichtem Sonnenschein mit Schmach gerochen sehn. Der Beleidiger der Majestät.       Ein König, dem an Macht und Weisheit keiner glich, Erwies sich jederzeit im Herrschen väterlich. Sein Liebling, dessen Glück, so lang er treulich diente, So, wie ein starker Baum an frischen Quellen, grünte, Verscherzte Seine Huld durch schnöden Hochverrath, Ward Seiner Feinde Freund, verwirrte Seinen Staat, Und durfte durch Gewalt Gesetz und Recht vernichten, Mit Blut sich Häuser baun und um Geschenke richten.     Der gütige Monarch ermahnt' ihn mit Geduld, Und sprach: Undankbarer! verehre meine Huld, Die Huld, die deinen Stand mit reichem Segen schmücket, So kräftig dich beschützt, so unverdient beglücket; Du sollst, der höchsten Schmach und Strafe zu entgehn, Was du verübet hast, mir insgeheim gestehn. Erkenne deine Schuld, so wird sie dir vergeben: Das Leben schenk ich dir; nur weihe mir dein Leben.     Den Frevler, dessen Herz ein Herz voll Tücke war, Erweicht' und schreckte nichts. Er lachte der Gefahr. Drauf ward er, ein Gefühl der Reue zu erlangen, Recht über einer Kluft an Faden aufgehangen; Die schnitt man nach und nach und immer einzeln ab, Da ihm des Richters Gunst stets neue Fristen gab. Man hoffte, doch umsonst, er würde sich noch fassen, Selbst sein Erretter seyn, und nicht sein Leben hassen.     Er sah und sah auch nicht die Grösse seiner Noth, Die Folge blinder Wahl, den stündlich nähern Tod. Kein Schrecken, keine Reu erweckte sein Gewissen. Der Thor verblieb verstockt bis alle Faden rissen, Und der Unselige fand seiner Bosheit Ziel, Als er, beym letzten Schnitt, in Kluft und Abgrund fiel.     Der HErr, der Heilige, der Richter unsrer Väter, Ist der Monarch voll Huld; der Mensch der Missethäter; Ein Faden jedes Jahr, das Er zur Busse gönnt; Die Kluft der ewge Pful, der jedem Frevler brennt, Der wider eignes Heil mit frecher Unart streitet, Und den nicht Huld noch Ernst den Weg des Lebens leitet. Die Einbildung und das Glück.               Die Einbildung ist in das Glück verliebt, Das sie so oft gesucht, das ihr so oft entgangen: Des Glückes Sprödigkeit, die ihren Fürwitz übt, Reizt ihre Hoffnung stets und täuscht stets ihr Verlangen.     Als sie noch jung und unerfahren war, Ging sie ihm seufzend nach bis in das Reich der Liebe. Doch hier entfernten es bald schlüpfrige Gefahr, Bald leichter Wankelmuth, bald eifersüchtge Triebe.     Die arme wächst, die Leidenschaft nimmt zu: Sie wagt sich an den Hof, zu den geschmückten Höhen, Wo Pracht und Ehrgeiz rauscht. Dort fehlen Treu und Ruh, Und Titel lassen sich, an statt des Glückes, sehen.     Sie eilt darauf ins Land der Ueppigkeit, Dort mit dem Glücke sich durch Reichthum zu verbinden; Dort war auch Ueberfluß, Gepränge, güldne Zeit, Der bürgerliche Stolz, doch nicht das Glück, zu finden.     Sie rennt zurück, und kömmt auf eine Bahn, Die ihren müden Fuß in niedre Gründe führet. Die stille Gegend ist der Schönen unterthan, Die sich mit keinem Schmuck, als Zucht und Demuth, zieret.     Die Gottesfurcht hat dort ihr Heiligthum, Der Weisheit holdes Kind, die Lust der Ewigkeiten. Der milde Himmel kennt und schützet ihren Ruhm, Und Wahrheit, Lieb' und Recht weicht nie von ihrer Seiten.     Die Einbildung fragt nach dem Glück allhier; Die fromme Schöne spricht: Ich will dir Rath ertheilen. Erwart' es; such es nicht; geselle dich zu mir: So wird dir schon das Glück von selbst entgegen eilen.     Ihr wird gefolgt; nichts konnte besser seyn. Bald sieht man einen Glanz das Heiligthum verklären. Es stellet sich das Glück mit offnen Armen ein, Umfängt die Hoffende und sättigt ihr Begehren. Das Gelübde.         Nichts pflegt der Rachbegier an Thorheit gleich zu seyn. Ein Mann, der unverhofft sein feistes Kalb vermisste, Schwur, wenn er seinen Dieb nur zu entdecken wüsste, So wollt' er einen Bock dem Pan zum Opfer weihn.     Sein Wunsch ward ihm gewährt. Es kam ein Pantherthier, Das gafft' und bleckt' ihn an und droht' ihn zu verschlingen. Da seufzt' er: ich will gern mein Opfer zehnfach bringen; Nur treib, o starker Pan! den nahen Feind von hier.     Betrogne Sterblichen! wer kennt sein wahres Wol? So oft Gelübd und Wunsch den Rath der Allmacht störet. Wenn uns des Himmels Zorn, zu unsrer Straf', erhöret, So lernt man allererst, warum man bitten soll. Das Delphische Orakel und der Gottlose.         Ein Schüler des Diagoras, Diagoras gehöret zu den Ungläubigen des Heidenthums, die man von den gemeinen durch den Namen eines Atheisten, unter welchem dieser bekannt ist, zu unterscheiden pflegte. Er verrieth die Geheimnisse des Aberglaubens in Athen; und der Haß oder die Klugheit seiner Feinde ging endlich so weit, daß sie demjenigen eine nicht geringe Belohnung verhiessen, welcher diesen gefährlichen Spötter lebendig oder todt ihnen liefern würde. Hic post captam Melum Athenis habitavit \& mysteria adeo contempsit, vt multos induceret, ne sacra susciperent. Quare Athenienses, eo proscripto, non solum voce praeconis pronuntiari, sed etiam aereae columnae inscribi iusserunt, eum qui Diagoram occidisset, talentum; qui vero vivum adduxisset, duo talenta accepturum esse. Hoc autem Athenienses fecerunt propter eius impietatem, quod mysteria omnibus enuntiaret, eaque evulgans \& despiciens, illos etiam, qui sacris initiari volebant a proposito isto dehortaretur. \&c. Suidas , in voce Diagoras Melius , Tom. I. pag. 550. 551. Ein Bösewicht, der wenig glaubte, Und seinem frechen Götterhaß Die größte Frevelthat erlaubte, Ging einstens, aus verruchtem Sinn, Nach Delphos zum Orakel hin, Mit atheistischem Vergnügen Den Gott der Dichtkunst zu betrügen.     O Phoebus, (sprach er) dein Verstand Erforschet die geheimsten Dinge. Hier halt ich etwas in der Hand, Das ich für dich zum Opfer bringe. Du Sohn Latonens, gib Bericht: Ist es am Leben oder nicht? Du weißt, es dient zu deiner Ehre, Daß ich von dir die Wahrheit höre.     Er dachte: giebt man zum Bescheid: Dein Vogel ist nicht mehr am Leben; So will ich schon zu rechter Zeit Ihm Flug und Freiheit wiedergeben. Und wenn der schöne Leirer glaubt, Der Athem sey ihm nicht geraubt; So soll, auch dann ihn zu berücken, Ein Druck den Vogel gleich ersticken.     Apollo übte nur Geduld Aus Mitleid mit der kühnen Schwäche, Und sprach: Versuchst du meine Huld? Du bist kaum werth, daß ich mich räche. Zeuch deinen Sperling, o du Thor, Lebendig oder todt hervor. Die Götter lassen sich nicht äffen: Ich kan von ferne sehn und treffen. Der Sultan und sein Vezier Azem.             Es ward ein Sulimann nur durch den Krieg ergetzt, Der seinen Roßschweif oft mit frischem Blut benetzt; Sein und der Feinde Land ward siegreich aufgerieben; (O lernten Helden doch die leichte Wolfahrt lieben!)     Dem tapfern Pyrrhus gleich stritt er ohn Unterlaß; Doch sahe der Vezier, ein andrer Cyneas, Der wahren Grösse Freund, mit heimlichem Erbarmen Der Herrschsucht Opferherd, das schöne Reich verarmen, Hier Felder unbesät, dort Städt' in Flammen stehn Und den kein Säbel fällt in Sclavenfesseln gehn.     Dieß sah er seufzend an; nur durft er es nicht wagen, Bey Kriegesrüstungen den Frieden vorzuschlagen. Doch seines Sultans Huld half dieser Blödigkeit Und gab auf einer Jagd hiezu Gelegenheit.     Es hatte Sulimann die Beyen, Agas, Bassen, Der ganzen Hofstat Zug, in schnellem Ritt verlassen. Ihm folgte der Vezier, weil es sein Herr befahl, Und beyde kamen bald in ein geweihtes Thal, Wo noch zu Oßmanns Oßmann oder Othmann war der dritte Calif nach dem Mahomet, dessen beyde Töchter er geheirathet hatte und daher der Besitzer der beyden Lichter benannt ward. Er hat sich insonderheit durch seine Siege in den Geschichten bekannt gemacht. Zeit ein alter Santon wohnte, Abdallah, der Prophet, Abdallah war, nach dem Berichte des Mr. d'Herbelot, in der Bibliotheque Orientale pag. 7 ein Sohn des Omar, lebte zu den Zeiten Mahomets, und ward, seiner Einsicht und Weisheit wegen, ein Saheb oder ein Gefährte des Propheten geheissen. in dem die Weisheit thronte, Der Omars grosser Sohn, ein Haupt der frommen Schaar, Der Todes-Engel Freund, S. Hadr. Reland, de Relig. Mohammed. L. I. p. 48. imgleichen p. 28 und d'Herbelot pag. 256. Azraels Liebling, war, Der fast, wie Mahomet, die sieben Himmel kannte, Und den ganz Asien vor vielen heilig nannte.     Sie wuschen sich allhier Gesicht und Arm und Hand, Nach Art des Muselmanns, S. Reland. de Relig. Mohammed. L. I. p. 82-85. mit dürrem reinen Sand, Und ehrten andachtvoll, an der bestaubten Stäte, Abdallahs hohen Ruhm mit eifrigem Gebete.     Drauf hebt sich ein Gespräch von dessen Wundern an; Da lächelt der Vezier und spracht zum Sulimann: Ich habe, grosser Held, bereits vor vielen Jahren Die schwerste Wissenschaft des Orients erfahren. Und welche? Die vielleicht kein Imam Die Muselmänner legen diesen Namen dem Vorsteher oder Obersten ihrer Versammlungen in den Moscheen bey, insonderheit aber den rechtmäßigen Nachfolgern ihres Propheten oder dem Oberhaupte ihrer Secte in geistlichen und weltlichen Dingen. Es führten daher die Califen diesen Titel. Unter denselben ließ Moctafi sich den einzigen wahren Imam nennen. Eine jede Stadt des türkischen Gebotes besitzet ihren besondren Imam; dieser aber hat nur die Aufsicht über geistliche Angelegenheiten. eingesehn, Kein Mufti lehren kan: Die Vögel zu verstehn. Der Schwanen Sterbelied, was Staar und Aelster schwatzen, Der Adler heisern Ruf, die Straussen und die Spatzen, Des Pelikans Geschrey, selbst des Humai Die Morgenländer halten den Humai für den treflichsten Vogel in der ganzen Welt. Die Perser glauben, daß er nur von der Luft lebet. Er soll dem Adler am ähnlichsten seyn, und wird von demjenigen, über dessen Kopf er schwebet, als ein gewisser Vorbote eines nahen Glückes, angesehen. Stimm', O Herr der Könige! versteht dein Ibrahim. Ein Dervis Ein türkischer oder persischer Mönch. Diese sind von allen andern sehr unterschieden, indem die sogenannten Calenders zu ihnen gehören, welchen der berühmte Saadi, der selbst ein Dervis war, gewisse seltsame Eigenschaften beyleget. Il conclut par les Calenders , qu'il dit ne fortir jamais de table, tant que la respiration leur dure \& qu'il y reste quelque chose à manger. II dit aussi dans un autre endroit, que deux fortes de personnes ne doivent pas être sans souci, à savoir un marchand dont le vaisseau s'est perdu, \& un riche heritier qui est tombé entre les mains des Calenders . d'Herbelot. hat mir das in Bagdad einst entdecket, In dem Abdallahs Geist und Kraft zu Wundern stecket, Der kennt den Alcoran; und der besitzt dabey Die etwas schwarze Kunst der Caballisterey. Die Probe fällt mir leicht, und die soll nimmer trügen.     Der Sultan höret dieß mit innigem Vergnügen, Und kehrt bey Nacht zurück; da ihn Dianens Schein Zwo Eulen sehen lässt, die unaufhörlich schrei'n. Auf! ruft er; Ibrahim, du wirst dich zeigen müssen, Was giebts? Was wollen die? Ich muß es alles wissen.     Der Großvezier gehorcht, und thut, als gäb er Acht Zu forschen, was allhier die Vögel schwatzen macht; Und endlich kömmt er schnell, als höchst bestürzt, zurücke. O, spricht er: daß dein Reich der Mahomet beglücke! Ich küß in tiefem Staub, Herr, deines Rockes Saum: Nur gib, dein Azem fleht, gib einer Bitte Raum. Verändre das Gebot; will ihm dein Wink befehlen, So sey es, was er hört, dir ewig zu verhehlen, Und – –               Was du itzt gehört soll mir verborgen seyn? Mir! einem Sulimann! Nein, bey dem Allah! Die Araber und alle Mahometaner legen den Namen Allah dem höchsten Wesen bey. nein. Sag an!             Der ganze Lerm betrifft nur Heirathsachen. Zwey Väter sind bemüht, den Mahlschatz aufzumachen, Womit des einen Sohn, zu beider Häuser Wol, Des andern einzig Kind in kurzem freien soll. Er muß, spricht dieser Greis, vor allen andern Dingen Der Braut ein Heirathgut von funfzig Dörfern bringen, Nebst einer wüsten Stadt, die, raubt der Tod den Mann, Ihr Witwensitz verbleibt. Und wie? (hebt jener an) Nur funfzig? O wie leicht ist dieses einzugehen! Zweyhundert sollen dir, mein Freund, zu Diensten stehen. Seit des Propheten Flucht war keine bessre Zeit: Der Janitschar verhert die Länder weit und breit. Es lebe Sulimann! er müsse lange leben! So wird uns jedes Jahr schon Wüsteneien geben.     Hier schweiget der Vezier: der Kayser merkt es sich; Er weiß ihm heimlich Dank, und folgt ihm öffentlich, Beschleußt, der Menschen Werth nie weiter zu vergessen Und lernt der Länder Heil nicht nach den Siegen messen. *               Ein guter Rath ist immer gut;               Doch lerne man die Wahrheit klüglich sagen.               Der Lehren Kraft und Glück beruht               Nur auf der Kunst, sie vorzutragen. Wallraff und Traugott.                     Heulend drang sich Boreas in die dichtverzäunten Felder, Ueberraschte Berg und Thal, beugte, brach, zerriß die Wälder. Durch die räuberischen Winde ward in einer Unglücksnacht Nordens ewigbanger Wüste manches Tempe gleich gemacht. Rauhe Furchen weiß von Reif, öde höckerichte Fluren, Leere Wiesen, fallend Laub, des entblößten Winters Spuren Droheten mit starrem Schrecken, wurden doppelt fürchterlich Als die neue Wuth der Stürme das betrübte Land durchstrich. Was des Pachters wacher Fleiß wohl verpflegt und eingeschlossen, Hohe Ranken an dem Ulm, in den Beeten zarte Sprossen, Zweige starker junger Bäume, die man alten eingesetzt, Hoffnungvolle frische Pflanzen, die der Frost noch nicht verletzt, Was des Winters strenger Grimm vielen Aesten lassen müssen, Ward geknickt, gebeugt, zerstreut, abgeschlagen, umgerissen. Endlich bringt der Tag die Stille: ieder eilt, um selbst zu sehn, Welche Bäume noch zu stützen, welche sonst zu retten stehn; Hausherr, Frau und Knecht und Magd macht sich auf und forscht und zählet Ranken, Sprossen, Baum und Stock, die der Nordwind itzt verfehlet. Zur Erhaltung der Gewächse lehren alle was zu thun; Jeder giebt dem Nachbar Anschlag; weder Witz noch Zunge ruhn.     Wallraff nur fasst den Entschluß, seine Bäume zu behauen Und weit emsiger, als sonst, das beraubte Feld zu bauen, Greift zur nächsten Axt und Hacke, schneidet, pflöcket, kürzt und bricht, Aber kürzt und bricht zu heftig, und verschont fast keinen nicht. Zwar sein Nachbar Traugott kömmt, aus Erfahrung ihn zu lehren, Nicht durch Eile noch Gewalt Ordnung und Natur zu stören. Schone, spricht er, deiner Bäume: glaube mir, allein die Zeit Schaffet, ohne solche Mittel, die erwünschte Fruchtbarkeit. Aber Wallraff hört ihn nicht. Als hierauf der Lenz erschienen, Sahe man fast ieden Baum, nur nicht die gekappten, grünen Und des weisen Alten Stämme voller als man sonst gesehn, Reich an unerzwungnen Früchten, ungekünstelt prächtig stehn.     Diesen Bäumen gleicht der Witz; sucht ihn nicht zu übertreiben; Ehrt die würkende Natur; laßt das Künsteln ferne bleiben. Soll die Sele sich entwickeln und in rechter Grösse blühn, O so muß kein klügelnd Meistern ihr die Majestät entziehn. Die Thiere. An Herrn C. L. Liscow.                               Der Freiheit unverfälschte Triebe Erhöhn den Werth der Wahrheitliebe, Die Deine Sele stark gemacht. Dein glücklicher Verstand durchdringt in edler Eile Den Nebel grauer Vorurtheile, Des schulgelehrten Pöbels Nacht.     Was Haller und die Wahrheit preisen, Mein Freund! das wagst Du zu beweisen: »Wer frey darf denken, denket wol.« Laß Deinen Ausspruch mich vertraulich überführen, Ob ich die Urteilskraft in Thieren Bejahen oder leugnen soll.     Zwo Ratzen, die der Mangel plagte, Und hungrig aus den Löchern jagte, Entdeckten unverhofft ein Ey. Das Ey war ihnen gnug. Es wissen viele Weisen, Ein Manzel selbst, daß, die zu speisen, Kein grosses Mahl vonnöthen sey.     Sie wollen froh zum Essen schreiten; Allein es läßt sich itzt von weiten Der Erbfeind ihres Volkes sehn. Es schleicht ein Fuchs heran; und guter Rath wird theuer, Er frisst die Ratzen und säuft Eyer; Wie läßt sichs unberaubt entgehn?     Die eine legt sich auf den Rücken Und hält mit unverwandten Blicken Das Ey mit ihren Pfoten fest. Die andre weiß darauf, mit glücklichem Bemühen, Sie bey dem Schwanze fortzuziehen; Und so erreichen sie das Nest.     Wer lehret, aus gewissen Gründen, Daß Thiere blosserdings empfinden? Hat hier die Ratze nicht gedacht? Verrieth die Rettungsart, die sie so wohl erlesen, So schön vollführt, kein geistig Wesen, Das zweifelt, forscht und Schlüsse macht?     Zeigt sich in keines Thieres Ränken Die Kraft, was möglich ist, zu denken, Des Menschen Leitstern, der Verstand? Kennt man von ihrem Thun noch keine tiefre Quelle. Als die Erwartung solcher Fälle, Die iedes andern ähnlich fand? S. des Hn. Regierungsraths Wolfen vernünftige Gedanken von GOtt, der Welt und der Sele des Menschen §.277. 870. 872.     Die besten Mittel weislich wählen, Durch Klugheit nie den Zweck verfehlen; Das kann der stolze Mensch allein. Pflegt diese Fertigkeit nicht Thieren beyzuwohnen? Warum denn müssen die Huronen Die nordamericanischen Wilden in Neufrankreich oder Kanada. Les Húrons ont étés appellés ainsi parce qu'ils avoient leurs cheveux brulés de telle maniere, que leur tête ressembloit à une hûre de sanglier. S. Corneille, im Diction. univ. \& histor. Tom. II. pag. 311. b. und den P. Hennepin in seinen Nouvelles Découvertes dans l'Amerique Septentrionale. Amst. 1698. Durch Biberwitz beschämet seyn?     Wann fürchterliche Fluthen schwellen, Wann die Gewalt vereinter Quellen Um Quebec wühlt und Felder frißt; So wird im Strom ein Haus durch Biber aufgeführt An dem der Sturm die Kraft verlieret, Das rund, umpfählt und sicher ist. S. des Freyherrn de la Hontan Nouveaux Voyages dans l'Amérique Septentrionale, im sechszehnten Briefe des ersten Theils, und Tom. II. p. 155-159, imgleichen das Spectacle de la Nature, im zwölften Gespräche des ersten Bandes, p. 361-370.     Die Vörderfüsse scheinen Hände Und flechten aus den Binsen Wände, Die auf sechs festen Stützen stehn. Es kann ihr Wunderbau ein dreyfach Stockwerk zeigen, Und jeder Biber höher steigen, Wann Eis und Wellen weiter gehn.     Sie wählen nahe Pappelweiden, Die sie mit scharfem Zahn durchschneiden; Doch ihre Mühe wird verkürzt, Und sie erwarten stets den Beystand starker Winde, Der plötzlich in die Wasserschlünde Die halb durchnagten Stämme stürzt.     Es werden die, so Arbeit hassen, Der Schmach und Faulheit überlassen, Und man verbannt sie aus dem Stat. Ein echter Biber muß sein Amt getreu verwalten, Bald bauen, und bald Wache halten Und melden, wann ein Mensch sich naht.     Wer war der Plato dieser Thiere? Wer lehrte sie, was ich hier spüre: Kunst, Ordnung, Witz, Bedachtsamkeit? Soll man die Fähigkeit, wodurch sie dieses können, Gefügter Theile Würkung nennen? Wo ist ein Uhrwerk so gescheidt?     Entdeckt man weiter nichts an ihnen, Als die Bewegung der Maschinen, Der Urtheil und Bewustseyn fehlt? Cartesius bejahts; doch ist ihm Recht zu geben? Die Wahrheit mag den Zweifel heben, Die Frankreichs Phaedrus uns erzehlt. Mr. de la Fontaine versichert uns, in der Anmerkung zu seiner 213ten Fabel, daß dieses eine würkliche Begebenheit ist.     Aurorens Feind, ein Freund der Nächte, Ein Thier aus traurigem Geschlechte, Ein Kauz, der schlauste Bösewicht, Ward in dem Nest ertappt; das steckte voller Mäuse; Die waren feist und hatten Speise; Doch ihre Füsse fand man nicht.     Sie wurden hier vom Kauz ernährte, Der ihre Brüder längst verzehret, Und nun für sie den Weizen stahl. Aus Vorsicht lähmt' er sie, weil, die er sonst gefangen, Ihm wieder unverhoft entgangen: Itzt fraß er sie, nach sichrer Wahl.     Hat dieser Schlecker nichts ermessen? Auf einmal alles aufzufressen; Das war zu ungesund, zu viel. Er spart; er will die Maus, eh er sie mästet, lähmen Und ihr zur Flucht die Mittel nehmen. Wie kams, daß er darauf verfiel? Die Fledermaus und die zwo Wiesel.             Es kam die Fledermaus in einer Wiesel Loch; Die war den Mäusen feind, und sprach: Wie darfst du doch, Der Mäuse Misgeburt! dich meinen Augen weisen? Wiewol du kömmst mir recht; ich wollte so schon speisen.     Was? schreit die Fledermaus, ich eine Maus? o nein! Mein gutes Wieselchen, das mögt ihr selbst wol seyn; Die mich zur Maus gemacht sind Neider oder Feinde; Die Kater unsers Dorfs sind meine besten Freunde. Es lebe was gut maust! Ihr wird zuletzt geglaubt; Sie rettet unversehrt ihr unerkanntes Haupt; Und doch geräth sie bald, durch ihr Gesicht betrogen, In einer Andern Bau; die war der Maus gewogen; Ihr waren gegentheils die Vögel ganz verhaßt. Sie fraß, in Hoffnung, schon den ihr zu schlauen Gast.     Es weiß die Fledermaus ihr glücklich zu entgehen. Wofür denn, ruft sie aus, werd' ich itzt angesehen? Für einen Vogel. Ich! du, Wiesel, irrest sehr. Soll dieß ein Fittig seyn? Kennt man nicht Mäuse mehr? Der erste Donnerschlag zerschmettre hier die Katzen! Die Mäuse leben und die Ratzen! *                 Ein Kluger sieht auf Ort und Zeit,                 Aus Vorsicht, daß man ihn nicht fange.                 Er ruft mit gleicher Fertigkeit:                 Es lebe Wolf! Es lebe Lange! [Joachim Lange (1670-1744) war ein entschiedener Gegner der Philosophie Christian Wolffs (1679-1754).] Der Fuchs und der Bock.               Einst reiste Meister Fuchs zu einem seiner Schwäger, Im schwülen Sommer, über Feld: Es hatte sich zu ihm der Ziegenbock gesellt, Der dumm und sicher war, wie viele Hörnerträger.     Ein Abweg führte sie vor eines Pachters Haus; Da ward für ihren Durst ein Schöpfbrunn angetroffen. Hier trunken beyderseits. Das heiß ich recht gesoffen! Hub Reinke bellend an; und zum vollkommnen Schmaus Fehlt nur ein feister Hahn: der Hünerstall steht offen; Wie aber kömmt man hier heraus? Mein Herr! darf ich den Anschlag geben, So stellen sie den Rücken hin; So bald ich aus dem Brunnen bin, Ists ihrem Diener leicht, sie schuldigst nachzuheben! Ha! meckerte der Bock: nichts kann gescheiter seyn. Bey meinem Bart! mir fiel der Streich nicht ein. Die klugen Köpfe sollen leben!     Hierauf bequemt er sich und dienet ihm zur Brücke; Allein der Fuchs läßt seinen Freund zurücke, Und sagt: Voritzt entschuldge mich; Mein Schwager wartet schon; sonst wollt' ich bey dir bleiben. Dort jene Ziege guckt auf dich, Gevatter! sie wird dir die Zeit recht wol vertreiben.     Der Falsche rennt davon und läßt mit scheelem Blick Dem armen Bock nur diesen Trost zurück: So bald wirst du dich nicht des Rettens unterfangen, Bevor du selbst der Noth entgangen. Du murrest; fasse dich; der Mensch ist deiner Art: Oft steckt sein Wissen nur im Bart. Der Wolf und das Pferd.         An einem schönen Frühlingsmorgen Betrat ein Wolf voll Nahrungssorgen Der fetten Anger keimend Grün. Da sah er mit erwünschten Freuden Ein wolbefleischtes Füllen weiden, Das seinen Zähnen reizend schien.     Er hatte grosse Lust zur Beute; Nur daß er ieden Gegner scheute, Der stärker war als Lamm und Schaf. Drum sollt' es ihm durch List gelingen, Den jungen Streiter zu bezwingen, Der an Gewalt ihn übertraf.     Er nähert sich dem stolzen Pferde: Er schwört, daß auf der ganzen Erde Kein Wurzelmann ihm ähnlich sey. Erhabner Houyhnhum Houyhnhum ist der Name, welchen Swift in den Gulliverschen Reisen den Pferden beygeleget hat. Es bedient sich auch die Frau des Capitain Lemuel Gullivers in einem poetischen Schreiben an ihren Mann, unter andern, folgender so zärtlichen Worte: Nay, would kind Jove my Organs so dispose, To hymn harmonious Houyhnhum thro' the Nose, I'd call thee Houyhnhum , that high founding Name, Thy Childrens Noses all should twang the same, So might I find my loving Spouse of Course Endu'd with all the Virtues of a Horse . S. Swift's \& Pope's Miscellanies Vol. III. p. 311. , spricht er weiter: Ich kenne Stauden, Pflanzen, Kräuter, Von hier bis in die Tartarey.     Ich kann den Kranken Hülf erteilen, Spatt, Kropf, Geschwulst und alles heilen, Dem andrer Helfer Rath gebricht. Mir müssen Krampf und Würmer weichen; Den Koller weiß ich wegzuscheuchen; Und was versteh ich sonsten nicht!     Itzt bin ich darum hier erschienen, Mit meiner Wissenschaft zu dienen; Wenn ihnen diese rathen kan. Sie gehn zu frey, zu rasch im Felde: Dieß zeigt, daß ich die Wahrheit melde, Uns Aerzten nicht viel Gutes an.     Dürft ich, weil sie zu sehr sich regen, Ein Band um ihre Schenkel legen; Gewiß, sie sollten Wunder sehn. Ich fordre nichts für Cur und Mühe, Weil ich den Geiz vor allem fliehe; Die Heilung soll umsonst geschehn.     Das Füllen dankt ihm und versetzet: Ich habe mich am Huf verletzet, Und spüre dort die schwerste Pein. Herr Doctor! kommt, beseht den Schaden, Könnt ihr der Schmerzen mich entladen? Nichts, spricht der Wolf, wird leichter seyn.     Er will auch keine Zeit verlieren, Und stellt, den Anschlag auszuführen, Sich unverzüglich hinters Pferd. Das will, aus gleichgeschwinden Pflichten, Ihm zum voraus den Lohn entrichten. Ein Arzt ist seines Lohnes werth.     Der Houyhnhum sucht ihn klug zu machen, Schlägt aus, zerquetscht des Wolfes Rachen Und wiehert ihm die Worte zu: Nichts giebt ein grösseres Vergnügen, Als den Betrüger zu betrügen; Freund! das beweisen ich und du. Der Löwe und die Mücke.             Ein kluger Heiliger, selbst Augustinns, spricht: Musca \& ipsi Soli antecellit; nam viva est \& animam habet. Quæritur enim: quid membra muscarum tam exigua vegetet? quid huc atque illuc pro naturali appetitu tantillum corpusculum ducat? quid currentes pedes in numerum moveat? quid volantis pennulas moderetur \& vibret? Resp. Anima. Avgvstinvs. »Dem Sonnenkörper ist die Fliege vorzuziehen; Denn ihr, nicht jenem, ward ein Lebensgeist verliehen.« Vielleicht ist dieses wahr; ich aber glaub' es nicht. Doch denk' ich keinen Ruhm den Fliegen abzusprechen; Die Fliegen wissen sich zu rächen: Auch Mücken fehlt es nicht an Keckheit, noch an Macht. Wer ist der Heldinn zu vergleichen, Die jenes starke Thier aufs äusserste gebracht, Dem alle Thiere zitternd weichen? Der Thiere Regiment in Monomotapa War durch Gewalt und Recht dem Löwen zugefallen, Der sich, Monarchen gleich, von schüchternen Vasallen                 Geschmeichelt und gefürchtet sah.     Dort heißt ein schwarzer Fürst das Wunder seinerzeit, Hat nur sein Heldenmuth viel Böses unterlassen; Den Löwen nannten auch noch ungelähmte Sassen                 Das Muster seltner Gütigkeit. Das Lob nährt seinen Stolz, so wie sein Grimm die Noth. Mit beiden durfte nur die kühne Mücke scherzen, Die ihm aus römschem Haß, mit freiheitvollem Herzen,                 Des scharfen Stachels Spitze both.     Der Angriff wird gewagt; sie selber bläst zur Schlacht; Sie säumt nicht, an den Feind sich peinlich fest zu saugen, Und hat den König bald um Rachen, Maul und Augen                 Mit tausend Schmerzen wund gemacht.     Er tobet, schnaubt und schäumt; die Thiere bergen sich; Die Tapfersten entfliehn den majestätschen Klauen. Er brüllt; der Hügel bebt; das allgemeine Grauen                 Vermehrt ein ieder Mückenstich.     Was will der Stärkre thun? Die Schwächre giebt nicht nach; Der Löwe sucht umsonst die Mücke zu erreichen, Und wird, nach langem Streit, nach mißgelungnen Streichen,                 Ermüdet und an Kräften schwach.     Sie putzt ihr Panzerhemd, die Schuppen um den Leib Und ihren Federbusch, lässt beyde Flügel klingen, Zieht alle Schwerter ein, die aus dem Rüssel dringen,                 Und hält sich für kein schlechtes Weib. Vielleicht ist es einigen Lesern nicht unangenehm, allhier die Worte des Spectacle de la Nature vorzufinden, welche die obige Stelle erklären. Sie beschreien die eigentliche Gestalt der Mücke, wann sie das Wasser oder die sumpfigten Gegenden ihres ersten Aufenthalts verläßt und die freie Luft suchet. Des débris de l'animal amphibie, il s'élance en l'air un petit animal ailé dont toutes les parties font d'une agilité \& d'une finesse surprenantes. Sa tête est ornée d'un panache, \& tout son corps couvert d'écailles \& de poils, pour le garantir de l'humidité \& de la poussière. Il fait résonner ses aîles en les frottant contre son corps \& sur deux bassins creux qu'il porte à ses côtés. On admire le falbala ou la bordure de petites plumes dont ses aîles sont parées. Mais le moucheron n'a rien de plus précieux que sa trompe. \&c. Ce qu'on voit d'abord n'est qu'un étui d'écailles fort long, \& que le moucheron porte sous son gosier. Vers les deux tiers de cet étui est une ouverture, par laquelle il lance au dehors quatre épées, \& les retire ensuite dans l'étui. De ces quatre épées il y en a une qui toute aiguë \& toute agitante qu'elle est, tient encore lieu d'un nouvel étui aux trois autres qui y sont couchées \& emboitées dans une longue rainure. Ces trois autres traits sont à côtes comme de fines épées. Ils sont barbelés ou hérissés de dents tranchantes vers la pointe qui est un peu crochue \& d'une finesse inexprimable. \&c. S. die ache Unterredung p. 210. 211.     Nun steigt sie in die Luft, mit Sieg und Ruhm geschmückt: Nun weiß sie schon die Kunst, die Löwen zu besiegen: Bald aber sieht man sie in ein Gewebe fliegen,                 Darinn die Spinne sie erstickt. *     Aus beider Sicherheit wird deutlich wahrgenommen, Daß oft der schwächste Feind den kühnsten Helden schlägt; Wie mancher Waghals ist im Zufall umgekommen,                 Den weder Sturm noch Schlacht erlegt! Der Löwe und der Esel.           Ein Esel schleppt sich aus dem Luder; Ein Löwe kömmt ihm zu Gesicht; Zu diesem naht er sich und spricht: Ich grüsse dich, mein lieber Bruder. Der Löwe stutzet und ergrimmt, So bald er sich die Mühe nimmt, Den Bruder ins Gesicht zu sehen. Doch denkt er: Einen edlen Muth Versöhnet nur ein tapfres Blut; Allein die Esel läßt man gehen. Der Wolf und der Hund.             Ein abgezehrter Wolf, ein Bild der Dürftigkeit, Sah einen feisten Hund bey Nacht umherspazieren, Zwar stand sein Wanst ihm an; doch hielt ers für gescheidt, Bey diesem Fremden sich manierlich aufzuführen. Er schien, vor grosser Lust, ganz ausser sich zu seyn, Gesellschaft solcher Art im Felde vorzufinden, Und sprach: Wann wird auch mich ein kleines Glück erfreun? Und ach! wie könnte mich ein guter Rath verbinden! An Gönnern fehlt es nur; die Zeiten sind nicht gut. Kein Blutsfreund ladet uns mit andern lieben Gästen. Wir kämpfen um ein Mahl; wann, mit vergnügtem Muth, Die frohen Hunde sich in vollen Küchen mästen.     Melamp erwiedert drauf: Freund! wir beklagen dich, Wir glaubens, dort im Wald' ist oft nicht viel zu fressen. Doch willst du mit mir gehn; so wirst du, so wie ich, Nach Wunsch verpfleget seyn, und aller Noth vergessen. Mich liebet Herr und Frau; mein Amt fällt gar nicht schwer. Ich hüte Haus und Hof, und halte nächtlich Wache. Auch du scheinst mir geschickt zur Hut und Gegenwehr; Und mehr bedarf es nicht, daß man dich glücklich mache. Der Wolf umhalset ihn, und als er hurtig trabt, Der Stelle vorzustehn, die man ihm angetragen, Sieht er des Hundes Hals enthaart und abgeschabt, Und wird aus Fürwitz kühn, ihn desfalls zu befragen.     Mich dünkt, versetzt sein Freund, mir fällt die Ursach ein: Des Tages legt man mich mit Schmeicheln an die Kette; Aus Furcht, ich mögte sonst falsch oder beissig seyn; Dafern ein Held, wie ich, stets seinen Willen hätte. Was aber schadet dieß? Ich liege warm und still; Mein Herr besuchet mich; der Knecht bringt Trank und Speise. Der Wolf, der weiter nicht den Hund begleiten will, Sucht seinen Rückweg bald und dankt ihm für die Reise.     Nein! ruft er: auf der Welt ist nichts der Freyheit gleich. Sollt' ich mir einen Stand, den sie nicht ziert, erwählen? Dem Weisen gilt sie mehr, als Thron und Königreich: Wenn ihm die Freyheit fehlt, so wird ihm alles fehlen. Mops und Hector.               Der beste Freund in unsrer Welt, Mops, war mit Hector auferzogen, Und blieb ihm, immer unverstellt, Mit wahrer Hundetreu gewogen.     Ihm ging es recht nach seinem Sinn: Wo Möpschen war, da gab es Freude; Doch Hector zog nach Norden hin, Und fand Verfolgung, Frost und Räude.     Wahr ist es: Hectors Unverstand Giebt Anlaß oft ihn zu verlästern: Er ist zu munter, zu galant, Und lebte dort bey keuschen Schwestern.     Kaum finden sich die Brüder ein, Und seufzen brünstig an der Schwelle, (Vom Nachbar recht gehört zu seyn) So übertäubt sie sein Gebelle.     Er wedelt, wenn den Andachtbund Gebet und Wink und Kuß beleben! Er wedelt! O der Höllenhund, Der Unschuld Aergerniß zu geben!     Er nimmt sich endlich mehr in Acht, Damit sein Thun unsträflich scheine. Doch Hectorn drückt schon der Verdacht; Er ist kein Thier für die Gemeine.     Bald soll ein wohlgewählter Stein Den ungezognen Hund ertränken; Nur ist die Strafe fast zu klein; Der Hunger kann noch länger kränken.     Man stösst und schlägt und nennt ihn toll, Zum Vorschmack härtrer Züchtigungen: Doch alles dient zu seinem Wol Und zielt auf nichts, als Besserungen.     Der Brüderschaft ergrimmte Zucht Häuft täglich die vergällten Tücke. Zuletzt treibt ihn die Noth zur Flucht Und schleppt ihn halberstarrt zurücke.     Von Mopsen wird er kaum erkannt; So dürftig kömmt er angekrochen. Allein, so bald er sich genannt, Wird er aufs zärtlichste berochen.     Er spricht: Mein Freund, du jammerst mich, Ich werde dich zu trösten wissen, Es lebt dein Mops fast königlich; Ihn mästen lauter Leckerbissen.     Madame giebt ihm manchen Kuß, Manch Schmätzgen, dem kein Nachdruck fehlet. Ihm kommen sie im Ueberfluß, Dem Manne werden sie gezählt     Wer will, was Höhere gewollt, Dem wird die Ehrfurcht zum Ergetzen. Mir sind die meisten Schönen hold, Mich lieben zwanzig junge Betzen.     Mich lobt das ganze Haus; warum? Ich kan die Treue klüglich üben: Ich bleibe dem Geliebten stumm, Und belle Bettlern oder Dieben. Der Beschluß dieser Fabel enthält zum Theil den Gedanken des du Bellay, in seiner bekannten Grabschrift eines Hundes: Latratu fures excepi \&c. welche von A. Arnauld verändert, aber nicht verbessert worden. S. die Menagiana im dritten Theile der Parisischen Auflage (von 1729.) p. 268. 270. Jupiter und die Schnecke.         Jupiter verhieß den Thieren, die er in der Welt erschuf, Das zu geben, was sie wünschten. Jedes kam auf seinen Ruf. Alle wünschten, alle baten; was sie baten ward verliehn. Zu den andern kroch die Schnecke, bis sie vor dem Zevs erschien. Diese sprach: O Haupt der Götter, darf auch ich mir was erflehn, O so ists, in meiner Wohnung lebenslang herumzugehn! Wenigstens von nahen Feinden bleibt alsdann mein Haus befreit; Wir entschleichen vielen Fragen, vielen Händeln und dem Neid. Tausend mögen stölzer wählen; ieder Segen, der mir blüht, Blüht mir schöner und gedoppelt, wann die Scheelsucht ihn nicht sieht. Wahl und Vortrag ward gebilligt: Jupiter ging dieses ein, Und vor vielen schien die Schnecke glücklich und gescheidt zu seyn. Der Bauer und die Schlange.     Ein Ackersmann fand eine Schlange, Die fast erstarrt für Kälte war. Sein Arm entriß sie der Gefahr Und ihrem nahen Untergange. Er nahm sie mit sich in sein Haus Und sucht' ihr einen Winkel aus, Wo noch ein Rest von Reisern glühte. Doch als ihr Frost und Noth entwich Erhohlte, regt' und hub sie sich, Und lohnte dem mit Biß und Stich, Den ihre Rettung so bemühte. *     Betrogne Huld und Zärtlichkeit, Die Frevlern blindlings Hülfe beut! Hier folgt der Schaden stets der Güte. Der Hirsch und der Weinstock.       Ein Spießhirsch, dem die nahe Jagd Die schlanken Läufte zitternd macht, Flieht schnell zu Holz und thut sich nieder. Der Leithund sucht durch Busch und Flur, Verfolget Ferte, Schritt und Spur, Und findet ihn im Prudel wieder.     Der Hirsch verändert seinen Stand Und springt in ein verzäuntes Land, Wo bald ein Weinberg ihn verstecket. Des Hifthorns Ruf, das Jagdgeschrey, Die muntern Jäger ziehn vorbey, Sein Wiedergang bleibt unentdecket.     Da nichts ihn mehr verscheuchen kan, Fängt er den Stock zu nagen an, Bricht und entblättert Zweig und Reben. Man hetzt auf dieß Geräusch zurück, Er wird, beinah im Augenblick, Erlegt, zerwürkt und Preis gegeben.     Er schreiet, als er zappelnd weint, Als Hund und Rach und Tod erscheint, Und sich mit Schweiß die Ranken färben: Ich sterbe, weil ich den verletzt, Der mich in Sicherheit gesetzt. So sollten, die ihm gleichen, sterben. Der kranke Hirsch und die Wölfe.         Ein Hirsch, der sich nicht wohl befand, Blieb lange Zeit daheim, die Ballen auszuheilen, Und ieder Freund kam angerannt, Ihm Trost und Beirath mitzutheilen.     Gesellschaft pfleget zu erfreun; Drum stellten sich am zwölften Tage Zween Wölfe voller Mitleid ein, Und ieder kam mit dieser Frage: Wie mag es mit dem Kranken seyn, Den ich gewiß recht sehr beklage? Hat man auf ihn gehörig Acht? Ists gut, so eng' ihn einzusperren? Wie stunds mit ihm die vorge Nacht? Das Hirschkalb sagte mit Bedacht: Viel besser, als ihrs wünscht, ihr Herren. Die Natter und der Aal.         Zu der Natter sprach ein Aal: Mein Geschick ist zu bedauren, Weil auf mich fast allemal, Nicht auf dich, die Leute lauren. Ruh und Unschuld schützt mich nicht, Weil mir ieder Netze flicht; Mein Geschlecht füllt alle Reusen. Vetter, fiel die Natter ein; Unschuld wird dich nicht befreyn; Aber ich kan Zähne weisen, Deren Biß die Feinde scheun. Der Esel, der Affe und der Maulwurf.         Ein betrübter Esel heulte, Weil des Schicksals karge Hand Ihm nicht Hörner zugewandt, Die sie doch dem Stier ertheilte; Und der Affe fiel ihm bey, Daß der Himmel grausam sey, Weil er ihm den Schwanz versagte. Als nun ieder murrisch klagte, Sprach der Maulwurf: Ich bin blind; Daß man sich mit mir vergleiche, Wenn des Schicksals Zorn und Streiche Andern unerträglich sind! Der Fuchs ohne Schwanz.               Reinike verwirrte sich In die ihm gelegten Stricke Und, obwol er selbst entwich, Ließ er doch den Schwanz zurücke.     Um nicht lächerlich zu seyn, Predigt' er den Füchsen ein, Auch den ihren abzulegen.     Seine Hörer zu bewegen, Sprach er, als ein Cicero: Erstlich wills der Wolstand so, Um sich zierlicher zu regen: Denn man trabt damit zu schwer Und zu unbequem einher. Zweitens macht ein Schweif zu kenntlich. Drittens hält er in dem Lauf Oft den schnellsten Brandfuchs auf. Viertens riecht er vielen schändlich.     Stumpfer Redner! schweige du, Rief ein alter Fuchs ihm zu; Was du lehrest wird verlachet. Nur der Neid ist was dich quält, Der den Vorzug, der ihm fehlt, Andern gern zuwider machet. Der Hirsch, der Hund und der Wolf.         Ein ieder Frommer thut was man in Hamburg thut: Das Gute glaubt er oft, allein das Böse selten. Ihn lehrt der Lauf der Welt, daß Neid und Frevelmuth Der Tugend Henker sind und auch die Frömmsten schelten. Sonst ists ein bloßes Glück, wenn einen Bösewicht Die Unschuld und das Recht, trotz seiner Kunst! beschämen.     Ein Wolf jagt' einen Hund. Der bat, aus Zuversicht, Den Hirsch, ihn ungesäumt in seinen Schutz zu nehmen. Der Flüchtling wird erhört; doch ihn verfolgt sein Feind Und spricht: Ich komm, o Hirsch, dein einzig Kalb zu rächen. Der Schnaphan hats erwürgt; ich sah' es, ich, dein Freund, Und den verwürkten Hals soll ihm kein andrer brechen. Der Hund verneint die That. Er steht und schwört dabey: Es sey ihm, von Natur, das Wildpret recht zuwider. Ihm zeigt der strenge Hirsch sein fürchterlich Geweih. Beklagter seufzt und heult und wirft sich vor ihm nieder. Als drauf sein Kläger ihm mit neuen Zeugen droht, Kömmt, gleich zu rechter Zeit, das Hirschkalb hergesprungen. Den frechen Lügner trifft Verwirrung, Furcht und Tod; Doch dieses Beispiel schreckt nur wenig Lästerzungen. Der Hase und viele Freunde.             Wo soll man echte Freundschaft finden? Das Lockwort klingt doch gar zu fein, Und kann, die Herzen zu verbinden, Der Anlaß schönster Hoffnung seyn. Man pflegt den milden Stein der Weisen Uns, als ein Wunder, anzupreisen. Man lehrt, er mache mehr, als reich: Fürwahr, ihm ist die Freundschaft gleich.     Ein ieder, der in diesen Jahren Mir ohne Lachen widerspricht, Ist glücklich, falls er nicht erfahren, Wie oft man Treu und Glauben bricht. Wird er den Vorzug nur erwerben, In diesem süssen Wahn zu sterben; So soll einst seines Grabes Stein Der Welt ein seltnes Denkmahl seyn.     Ein Häsgen von beliebten Sitten, Ein kleines Thier von schneller Kunst, Erhielt durch Schmeicheln und durch Bitten Verschiedner Thiere Lob und Gunst. Die Hasen hatten ja vorzeiten Weit mehr, als itzo, zu bedeuten. Als keiner unsern Stutzern glich, Da war auch keiner lächerlich.     Er wandte sich zu allen Freunden, Um ihren Beitritt zu erstehn, Den Hunden, seinen ärgsten Feinden, Zu steuren oder zu entgehn. Man sprach: dein Leben zu erhalten Soll unser Eifer nie erkalten; Der deinem Balg ein Härchen krümmt, Dem ist von uns der Tod bestimmt.     Der muntre Hänsel ist zufrieden Und schätzt sich grossen Hansen gleich. Die Sicherheit, die ihm beschieden, Vertauscht er um kein Königreich. Ihn will so mancher Beistand schützen. Was darf er nun in Aengsten sitzen? Nein; unter vieler Starken Hut Fehlt es auch Hasen nicht an Muth.     Er lebet ohne Noth und Sorgen, So unverzagt, als ungestört, Weil sich mit iedem schönen Morgen, Mit iedem Thau sein Frühstück mehrt. Sein rascher Lauf verlässt die Wälder, Durchstreicht die Triften und die Felder, Wo in beglückter Sicherheit Ihn Gras und Laub und Frucht erbeut.     Wie oft vergällt erwünschte Stunden Verhaßter Stunden Ungemach! Ein Jäger eilt mit schlauen Hunden Der Spur des armen Hansels nach. Hier ist kein Freund, ihm itzt zu rathen: Er fährt, er läuft durch Busch und Saaten, Er drückt sich oft, so gut er kann; Doch alle Hunde schlagen an.     Er rennt und setzt durch Forst und Stege; Sein Absprung aber hilft ihm nicht. Doch endlich kömmt, auf einem Wege, Sein Freund, das Pferd, ihm zu Gesicht. Er sagt: Dieß tolle Hetzenreuten Scheint meinen Tod mir anzudeuten. Doch nimmt mich nur dein Rücken auf, So spürt kein Stöber meinen Lauf.     Das Pferd versetzt: Mein Herr, ich sehe Des Unfalls Grösse noch nicht ein. So mancher Freund ist in der Nähe, Und ieder wird behülflich seyn. Die Treu erleichtert Müh und Bürde; Sie wissen, wie ich dienen würde: So aber wohnt nicht weit von hier Ein ungleich stärkrer Freund, der Stier.     Er eilt durch Heide, Busch und Hecken Und fleht den Stier um Rettung an. Der spricht: Ich will nur frey entdecken, Warum ich dir nicht helfen kann. Du kennest meiner Freundschaft Triebe; Jedoch die Freundschaft weicht der Liebe. Dort lässt sich meine Schöne sehn. Du must zu jener Ziege gehn.     Die Ziege hört des Hasen Klagen, Mit angenommner Traurigkeit, Und hält, ihm alles abzuschlagen, Sich zu der Ausflucht schon bereit. Sie meckert: Dich itzt aufzunehmen, Wird jenes Schaf sich bald bequemen. Dir ist ja seine Gutheit kund. Mir, leider! ist der Rücken wund.     Der Arme flieht mit bangen Schritten, Sucht und erreicht das ferne Schaf, Das, unbewegt bey seinen Bitten, An Furcht den Flüchtling übertraf. Es klagt: Vor Feinden dich zu schützen, Wird meine Schwäche wenig nützen. Ich zittre ja so sehr, als du; Doch eile jenem Füllen zu.     Das sprach: Wenn wir itzt Beystand hätten, So trotzt ich gerne die Gewalt. Ich bin zu jung dich zu erretten, Und mein Herr Vater ist zu alt. Ich sehe schon die Hunde kommen: Nur frischen Muth und Lauf genommen! Doch wenn dein Tod uns trennen soll: Geliebter Hansel, fahre wol! Der Bär und der Liebhaber seines Gartens.             Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit, Den in den dicksten Wald sein Eigensinn verstecket, Vertrieb, unausgeforscht, durch Klipp' und Berg gedecket,                 Wie ein Bellerophon wollte auf seinem Flügelpferde nach dem Himmel reuten, vielleicht um seine Abentheuer recht heldenmüthig zu beschliessen. Er hatte aber das Unglück zu erblinden und aus der Luft in eine wüste Gegend herabgeworfen zu werden, in welcher er lange Zeit bärenmäßig herumirren und endlich vor Kummer und Hunger umkommen mußte. La Fontaine nennet daher seinen Bären mit Recht einen neuen Bellerophon: Certain Ours campagnard, Ours à demi leché, Confiné par le Sort dans un bois solitaire Nouveau Bellerophon vivoit seul \& caché. Bellerophon die Zeit.     Hier sträubet sich der Petz; er liebt nur diese Kluft, Und meidet stets die Spur der Bären, seiner Brüder. Mit Brummen wälzt er sich im Felsen auf und nieder;                 Sein schwaches Haupt Inualidissimum vrso caput, quod leoni fortissimum: ideo vrgente vi, praecipitaturi se ex aliqua rupe, manibus eo operto iaciuntur ac saepe in arena colapho infracto exanimantur. Plin. Hist. Nat. L.VIII. c.XXXVI. scheut freie Luft.     Dieß macht ihn ganz verwirrt. Ihm gleicht vielleicht die Zunft Der Weisen dunkler Art, der steifen Sonderlinge; Die fliehen Licht und Welt, und haschen Wunderdinge;                 Nur nicht die Gabe der Vernunft. Einst, als er saugend Ich bediene mich, dieses zu erläutern, der Worte des kurzen Begriffes von der Jägerey p. 204 , wo der Verfasser anmerket, daß der Bär, nach Beschaffenheit des Winters wol gar zwey Monate ohne Speise und Nahrung in seinem Loche liegen kann. »Damit er sich aber doch die Zeit vertreibe, so sauget er indessen an seinen vordern Tatzen und murmelt wegen der grossen Süßigkeit.« Man versichert, daß gewisse ductus oder Röhrlein von dem Leibe des Bären zu diesen Tatzen gehen, wodurch er die Fettigkeit, die er ins Lager mitgenommen, aussaugt und sich damit erhält. sinnt, wird ihm sein Lebenslauf (Wenn das ein Leben ist) auf einmal sehr verdrüßlich. Er will gesellig seyn; dieß hält er für ersprießlich,                 Und kurz: er macht sich taumelnd auf.     Wohin? das weiß er nicht: das Glück mag Führer seyn, Das Glück, der Thoren Witz. Nicht weit von seiner Höle Lebt' ein bejahrter Mann mit unerweckter Sele,                 Fast wie der Petz, stumm und allein.     Auch der sucht keinen Scherz, der andern artig scheint. Was Herbst und Sommer zollt, des grünen Frühlings Gaben Vergnügen seinen Fleiß. Ich müßt' ein mehrers haben:                 Was aber? Einen klugen Freund.     Der Floren bunter Schmelz entzücket das Gesicht; Pomonens Ueberfluß kann tausend Freude machen; Man darf mit Blum und Frucht vertraulich reden, lachen;                 Doch nur in Fabeln: weiter nicht.     Nicht wahr? die Einsamkeit ist nicht auf ewig schön. Unmitgetheilte Lust muß Ueberdruß erwecken; Der bringt den Greis ins Feld, um Menschen zu entdecken.                 Mein Timon wird zum Diogen.     Er wandert nach dem Forst; hier irrt er hin und her, Und mißt und sucht die Bahn auf unbekanntem Stege. Zulegt begegnet ihm, in einem holen Wege,                 Ein andrer Eremit, der Bär.     Er stutzt. Was soll er thun? Zur Flucht ist keine Spur. Er fasset sich; hält Stand: das wird gut aufgenommen. Petz sieht ihn gnädig an und spricht. Mein Freund, willkommen,                 Besuche mich, und eile nur.     Der Greis versetzt gebückt: Die Gunst verpflichtet mich. O würde mirs erlaubt, in meinem nahen Garten Mit einem schlechten Mahl gehorsamst aufzuwarten!                 Der Vorzug wäre königlich.     Ich habe Milch und Obst; zwar weiß ich gar zu wol, Die Kost ist ziemlich schmal für euch, ihr Herren Bären; Ihr Grossen dieser Welt, ihr könnet besser zehren:                 Doch auch mein Honigtopf ist voll.     Der Vorschlag wird beliebt; noch zeigt sich nicht das Haus, Da die Bekanntschaft schon recht preislich angegangen. Es will so gar der Bär den neuen Freund umfangen;                 Doch der bedankt sich, und weicht aus.     Bald haben diese zwey den schönsten Bund gemacht. Sie bleiben ungetrennt und werden Hausgenossen. Der eine pflanzet, impft und wartet seiner Sprossen;                 Der andre legt sich auf die Jagd.     Unwissenheit und Ernst schliesst öfters beider Mund; Es nährt sich ihre Treu durch beider stumme Blicke. Man machet sich die Lust aus diesem Eintrachtglücke                 Einsylbigt, auch nur selten, kund.     Petz kehret einmal heim; da schlummert sein Orest Zur schwülen Mittagszeit. Er gehet bey ihm liegen, Bewacht den Schlafenden, zerstreut den Schwarm der Fliegen,                 Der seinen Wirth nicht ruhen lässt.     Er schnappt, fängt, scheuchet, lauscht, gafft nach dem Alten hin, Und sieht auf dessen Stirn sich eine Raupe regen; Ha! brummt er: dir will ich das Handwerk zeitig legen!                 Geschmeisse, wisst ihr, wer ich bin?     Er holt den größten Stein; und, weil ers treulich meint, So muß durch einen Wurf so Raup' als Greis erkalten. Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;                 Doch ja so sehr den dummen Freund. Das Schäfgen und der Dornstrauch.             Ein Schäfgen kroch in dichte Hecken, Dem rauhen Regen zu entgehn. Hier konnt' es freilich trocken stehn; Allein die Wolle blieb ihm stecken. *     Beglückt ist, den dieß Schaf belehrt. Bethörte Had'rer, lasst euch rathen. Vertraut die Wolle nicht den scharfen Advocaten. Oft ist, was ihr gewinnt, nicht halb der Kosten werth. Der Affe und der Delphin.         Den Mutterwitz bringt ieder auf die Welt; Der Schulwitz wird durch Bücher uns gegeben; Der eitle Mensch, dem Schein und Wahn gefällt, Sucht überdieß dem dritten nachzustreben. Das ist der Witz, den man, galant zu leben, Auf Reisen sucht, nur in der Fremd' erhält, Wo, ehe man den letztern ausgespüret, Manch Mutterkind die ersten oft verlieret.     Und dennoch ists ein Ruhm, (ich leiste die Gewähr) Mit Vorwitz, Gold und Stolz sich auf den Weg zu machen. Man holt von Städten, Leuten, Sachen, Zum wenigsten die Namen her. Ist dieses nicht genug? wer darf noch mehr verlangen? Wer alles wissen will, der gehe selbst dahin, Wo ich bereits gewesen bin; Da kann er Unterricht empfangen.     Ganz recht! du bist schon hier: dir droht nicht die Gefahr, Die jenem Affen tödtlich war. Der ging zu Schiffe, von Athen Nach Lacedämon hin zu reisen, Den Schönen dort, die ihn noch nicht gesehn, Sein liebliches Gesicht zu weisen.     Die Fahrt fing glücklich an, bey hellem Sonnenschein. Die Luft floß, wie das Meer, gelind' und spiegelrein. Drum singt der Steuermann, den noch kein Unfall störet, Und lenkt das Schiff mit Lust; man jauchzet überall. Die allgemeine Ruh, der öftre Freudenschall Reizt meinen Passagier, der bald den Scherz vermehret, Die Zähne bleckt, erzehlt, wo er herumgeschweift, Und es beim Zevs beschwört, ein Liedgen hüpfend pfeift, Das er beim Chier-Wein von Phrynis Phrynis, citharoedus Mitylenaeus, qui primus putatur apud Athenienses cithara cecinisse \& primas tulisse in Panathenaeis, Callia Praetore, fuit Aristoclidis discipulus. \&c. Suidas. S. auch Rollins Histoire ancienne, T. XI. p. 177. 178. selbst gehöret.     Der Wind verbleibt geneigt. Man sieht zur rechten Hand, In einem fernen Blau, Trezens berühmten Strand Und Argos breiten Busen liegen. Der Thetis weibischen und schnellen Unbestand Scheint Eurus webend einzuwiegen.     Bald aber schwärzet sich die heitre Himmelslust; Es reisst sich Boreas aus seiner tiefsten Kluft In Wirbeln brausend los und thürmt auf Wellen Wellen. Das Schiffvolk sieht erstaunt die wilden Fluhten schwellen, Und zieht die Segel ein: doch fehlt ihm Zeit und Licht. Die Noth verfolgt das Schiff: es krachet, splittert, bricht.           So wird die Hoffnung bald betrogen! Die in erwünschter Sicherheit Der guten Reise sich erfreut Sind itzt ein Spiel empörter Wogen.     Ein ieder ringt mit Furcht und Wellen, Und iedem sinket Hand und Muth. Doch plötzlich legt sich Wind und Fluht; Die Luft fängt an sich aufzuhellen.     Als nun die Stille zugenommen, Da kömmt, vielleicht von ungefehr, Ein spielendes Delphinenheer, Zu aller Trost, herbeygeschwommen.     Dieß Thier pflegt Menschen gern zu dienen. Selbst Plinius erzehlt es so. An welchem Ort? ich weiß nicht wo; In dem Kapitel von Delphinen.     Der Affe naht sich mit Entzücken. Da nimmt ein solcher Menschenfreund, Dem er ein Mensch, wie andre, scheint, Ihn unverzüglich auf den Rücken.     Er freuet sich der stolzen Bürde. Sein Reuter ziert sich auch so schön, Daß, wer ihn nicht zu scharf besehn, Ihn für Arion Arion, der berühmte Virtuose eines Corinthischen Königs, sprang ins Meer, als das Schiffvolk ihn umbringen wollte, und ihm nur erlaubte, noch einmal die Leier zu rühren. Er ward von einem mitleidigen Delphin gerettet, der ihn an das Tänarische Vorgebürge brachte, und, zur Verewigung dieser besondern Dienstfertigkeit, von dem Apollo unter die Sterne gesetzt ward. Gellius erzehlet diese Geschichte aus dem so wahrhaftigen Herodotus; doch erzehlet er dieselbe kaum so gut, als Burcard Waldis, in seinem 1565. gedruckten Esopus, Bl. 102. Das übrige sammlen die Ausleger des achten Schäfergedichts des Virgil, zu den Worten v. 55. 56: Certent \& cycnis vlvlae: sit Tityrus Orpheus, Orpheus in syluis, inter Delphinas Arion. halten würde.     Der junge Herr wird fortgetragen, Bis endlich sein Erretter ruht Und höflich diese Frage thut: Wie ihn der Sturm hieher verschlagen?     Sie sind ja von Athen gekommen? Ja freilich komm' ich von Athen. Mich deucht, da bin ich angesehn; Habt ihr noch nichts von mir vernommen?     Hat ihnen diese Stadt gefallen? Ihr fragt? wem steht Athen nicht an? Mein Vetter, der berühmte Mann, Ist Archon Archon war der oberste Regent in Athen. Die Athenienser führeten diese Würde, nach dem Tode ihres letzten Königes, Codrus, ein. dort und gilt bey allen.     Ach mein! wie werden die Verwandten Um meine Rettung frölich seyn! Wie wird sich mein Papa erfreun, Ma Soeur, mon Frere, nebst den Tanten!     So ist auch (doch kaum brauchts der Frage) Piraeus Piräus oder Piräeus ist der Haven, den Themistocles vor Athen anlegen und durch Mauern an die Stadt anhängen ließ. ihnen wol bekannt? O der? Piraeus hat Verstand; Wir sahen uns fast alle Tage.     Das hieß nun recht die Klugheit zeigen! Kein Meister hat das Schloß erdacht, Das rohe Mäuler sprachlos macht. O wüssten Affen doch zu schweigen!     Er wird erkannt und muß ertrinken. Man wirft ihn in das Meer, und spricht: Delphinen retten Thiere nicht; Fort; du magst schwimmen oder sinken! Das Hühnchen und der Diamant. Ein verhungert Hühnchen fand Einen feinen Diamant, Und verscharrt' ihn in den Sand.     Mögte doch, mich zu erfreun, Sprach es, dieser schöne Stein Nur ein Weizenkörnchen seyn.     Unglückselger Ueberfluß, Wo der nöthigste Genuß Unsern Schätzen fehlen muß! Die Henne und der Smaragd.                 Des Glückes hämscher Eigensinn Wirft viele Schätze dieser Erden Unwürdigen Besitzern hin, Durch Reichthum lächerlich zu werden.     Wo findet beides sich zugleich: Geld und Verstand zu edlen Thaten? Vielleicht im tausendjährgen Reich', In Wahrheit nicht in unsern Staten. Aus eines Bischofs Schatz verlor sich ein Smaragd In dem ein helles Grün mit reinen Farben spielte, Den, wegen stralenreicher Pracht, Ein ieder, der ihn sah, für unvergleichlich hielte     Dieß Kleinod fand ein weiblich Thier, Das von dem leichten Volk, so sich in Federn kleidet, Des Kammes kronengleiche Zier, Die Wachsamkeit (die Phyllis nie beneidet) Und treue Dummheit unterscheidet; Das blinden Aberwitz von guten Männern borgt, Und Junge fremder Art, als seine Zucht, versorgt.     Was that die Henne hier? Sie fand. Sie fand; und finden ist die Kunst von vielen Erben; Doch beider Fund wird übel angewandt: Denn jene scharrt den Stein in Sand, Und diesen kann ihr Gut kein wahres Glück erwerben.     Die Fabel von dem Huhn und von dem Diamant War mir und dir und tausenden bekannt. Mein Freund! den Einwurf kannst du sparen. Sie war bekannt vor tausend Jahren; Ihr ändert nur mein Reim die äussere Gestalt; Und keine Wahrheit wird zu alt. Der Marder, der Fuchs und der Wolf.     Ein Marder fraß den Auerhahn; Den Marder würgt ein Fuchs; den Fuchs des Wolfes Zahn. *     Mein Leser, diese drey bewähren, Wie oft die Grössern sich vom Blut der Kleinern nähren. Der Adler, die Sau und die Katze.         Tyrannin! die du jung und alt Mit unumschränkter Macht regierest! Dich mit der weiblichen Gestalt Der meisten Modelaster zierest, Und bald des Stolzes, bald der List, Auch oft der Einfalt Zuflucht bist, Verläumdung! deren Mund die Wahrheit selbst betäubet, Der Mund, den Zucht und Unschuld scheut; Dir sey zum erstenmal ein Blat von mir geweiht, Das itzt ein Meisterstück, das du vollführt, beschreibet! Es hatt' auf einem hohen Baum Der Vögel Königinn den Obersitz genommen. Die Katze wählte sich der Eiche mittlern Raum. Den untersten hatt' eine Sau bekommen. Die hielten gute Nachbarschaft; Durch Argwohn war noch nie die Eintracht unterbrochen; Doch endlich trennte sie der Bosheit Höllenkraft. Die Katze kam zum Adler hingekrochen, Und sprach. Hört! unsrer Kinder Tod, Wo nicht der unsere, (doch, das zu unterscheiden, Fällt Mutterherzen schwer) scheint gar nicht zu vermeiden. Ein guter Freund warnt in der Noth. Seht, ach! ich bitte, seht! wie wühlt die wilde Sau! Sie gräbt und will den Baum ganz aus der Wurzel heben. Trau, schaue wem; wie muß ich arme Frau An unsern Kindern das erleben! Ihr kennt nicht die Gefahr; mir aber, mir ist bange! So bald die Eiche fällt, die schon beschädigt ist, So seh ichs, wie die Sau die lieben Kätzgen frisst, Die ich verlassnes Weib noch voller Furcht umfange. Ich bin den Lügen gram; ich suche keinen Zwist; Nein, ehrlich, ehrlich währet lange.     Nachdem sie das gesagt, und mit verstelltem Sinn Den Argwohn gleich erweckt, auf den ihr Reden zielte, So schlich die arme Frau stracks zu der Bache hin; Die unten ihre Wochen hielte.     Ach! allerliebste Nachbarinn, Euch ahnts wol nimmermehr, warum ich traurig bin. Die Kinder jammern mich, die eure Brüste saugen. Man traue keinen Adleraugen! Könnt ihr auch schweigen? Gebt doch Acht, Wie über uns der böse Vogel wacht. Ich weiß es nur zu wol, er schärfet schon die Klauen, Und raubet, wenn ihr euch aus eurem Lager macht, Die schönen Kinderchen; doch alles im Vertrauen. Nur sagt mir nicht hernach: Das hätt' ich nicht gedacht!     Dieß wiederholt sie oft, wünscht seufzend gute Nacht, Und klettert in ihr Loch zurücke, Und freut sich der gelungnen Tücke.     Der Adler hütet stets das Nest, Damit der Bache Wuth nicht seine Jungem spiesse, Wie gegentheils die Sau die Eiche nicht verlässt, Damit der Adler nicht auf ihre Ferkel schiesse. So groß nun beider Mangel war; So fürchteten sie doch der Ihrigen Gefahr, Und, da sie iederzeit in ihrer Wohnung blieben, Wo iedem Kost und Aetzung fehlt; So wurden auch, wie Phädrus uns erzehlt, Sie insgesamt vom Hunger aufgerieben, Und die Betrognen dienten bald Dem falschen Katzenmaul zum neuen Unterhalt. *     Was können böse Zungen nicht Leichtgläubigen für Stacheln hinterlassen? Was richten sie nicht an! Wer ist wol mehr zu hassen, Als der von Frommen übel spricht? O könnt' ich dieses hier in kurze Worte fassen! Doch hat nicht Sirach Recht? der ungeheuchelt schrieb: Wer lüget, wer verläumdt ist ärger, als ein Dieb. Die Kenner. An Herrn M. A. Wilkens, I. V. D.         Es ließ sich in der Vögel Chören Unlängst ein junger Vogel hören, Und suchte nichts so sehr, als wahrer Kenner Gunst. Gemeiner Sänger List wirbt manchen feilen Gönner; Allein das Lobgeschrey, der Beifall halber Kenner Entehrt, und zieret keine Kunst. Es lobten ihn die Heidelerche, Ein reisend Paar verirrter Störche, Der Staar, der Zitscherling, Der Zitscherling ist dem Zeisig, und der Wendehals, dem Flug und den Füssen nach, dem Specht ähnlich. Jener hat den Namen von seiner zitschernden Stimme erhalten, und dieser von der ihm gewöhnlichen Drehung des Halses. In dem zu Coburg 1707. gedruckten Unterricht von der Abrichtung und Zahmmachung der Vögel wird der Wendehals p. 182. das Natterwindel genannt. Einige sind der Meinung, daß der Zitscherling der Aegithus ist, welcher, nach der Anmerkung des Plinius, an dem Esel einen furchtbaren Widersacher hat. Spinetis enim se, scabendi causa, atterens, nidos eins dissipat: quod adeo pauet, vt voce omnino rudentis audita, oua eiiciat, pulli ipsi metu cadant. Igitur aduolans hulcera eius rostro excavat. L. X. c. LXXIV. der Wendehals, der Specht. Der Hänfling kam hervor, und bat ihn, mehr zu singen; Der heischre Kiebitz schrie: Nichts kann mir besser klingen; Der Reiger sagte: Du hast Recht.     Die Aelster schwatzte ganze Stunden Und rühmte was sie schön befunden, Des freien Schalles Höh' und sanfter Töne Fall. Der ekle Vogel sprach: Soll nichts dem Wunsche fehlen, Und darf sich mein Versuch selbst einen Richter wählen; So wähl' ich mir die Nachtigall. *     Mich dünkt, sein Wunsch ist nicht zu tadeln. Soll uns ein echter Vorzug adeln, So muß der Einsicht Kraft den Stimmen Werth verleihn. Man kennt, man überlebt des Nachruhms Ewigkeiten, Die der Gelehrten Schaum, die Schmeichler unsrer Zeiten Einander ohn' Erröthen weihn.     Du Freund und Muster deutscher Dichter, Der Wahrheit liebenswürdger Richter, Mein Wilkens, den vorlängst der Pindus liebgewann; Wie reizend werden mir doch meine Lieder schallen! Wie werd' ich, Werthester, mir endlich selbst gefallen, Wenn ich nur Dir gefallen kann! Der Papagey.               In Cuba war ein Papagey; Den neckt' ein ieder um die Wette; Kein einziger gestund, daß er gelehrig sey, Noch daß ihn die Natur recht schön befiedert hätte.     Er wird drauf nach Madrid gebracht; Da übertrifft sein Witz die klügsten Papageien: So oft der muntre Psittich lacht; So oft er etwas nachgemacht; Scheint über seine Kunst sich alles zu erfreuen, So gar sein ernster Herr in seiner Brillenpracht. Das achte Schreiben der Reise durch Spanien enthält ausführliche Nachrichten von der spanischen Brillenpracht. Ich will nur eine Stelle aus dem ersten Theile der deutschen Uebersetzung p. 267. anführen. Sie beziehet sich auf eine Unterredung, welche die Gräfin d'Aunoy mit der Neapolitanischen Marquisin de la Rosa gehabt hat: »Als der Marquis d'Astorgas Vice-Re in Neapolis worden, ließ er sein Brustbild in Marmor hauen, und selbigem die schönen Brillen gar fleissig auf die Nase setzen. Diese sind in Spanien so sehr eingeführet, daß ich mir sagen lassen, man könnte an deroselben unterschiedlichen Grösse auch die Hoheit der Personen von einander unterscheiden; daher je höher einer im Glücke steiget, je grösser lässet er sich seine Brillen machen, wie denn diejenige, so die Grandes tragen, einer Hand groß, und zum Unterschied Ocalas genennet werden, welche sie denn eben so wenig als ihren Kragen ablegen.«     Er tröstet sich in diesem Stande, Wo seinem Wunsche nichts gebricht: Schaut, spricht er, Kluge gelten nicht, Als ausser ihrem Vaterlande. Man tadelt an dem Abstemius, daß er in dieser Fabel dem Papageien die Turteltaube, einen einheimischen, und, so viel man weiß, nicht so gescheidten Vogel, in demselben Behältnisse ohne Noht zugesellet, und daß er nicht jenem, sondern dieser, die Maxime beygelegt hat, in welcher der Schluß und die Stärke der ganzen Erzehlung bestehet. » Psittacus ex oriente in occidentem delatus, vbi huiusmodi aues nasci non consueuerunt, admirabatur sese in maiori pretio \& honore haberi, quam in natali consueuisset solo: Nam caueam eburneam, argenteis contextam virgis incolebat, suauissimisque alebatur cibis, quod caeteris auibus occidentalibus, quae neque in forma, neque exprimendis humanis vocibus erant inferiores, non contingebat. Tunc turtur in eadem cauea conclusus, hoc inquit, nulla est admiratione dignum. Nulli enim in patria meritus honor exhiberi solet. « S. Laurent. Abstem. Hecatomythion II. F. VI. p. m. 122. Ein Fabelmacher ist glücklich, wenn an ihm nur solche Kleinigkeiten zu tadeln sind. Die Bärenhaut.                   Zween Helden, die der Douzestrand La Douze ist ein Fluß in Gascogne, an dessen Ufer gute Steingruben angetroffen werden. Er vereinigt sich mit dem Midour, bey der kleinen Stadt Roquefort, im Lande Marsan. Von Jugend auf, in frühen Wechselchören, Nach stolzen Flüchen singen hören, Verlassen, um die Zahl der Reisenden zu mehren, Ihr liederreiches Vaterland.     Mehr Lust, als Fähigkeit zu ungemeinen Werken, Die Noth und etwas Eigensinn Trieb sie zuletzt nach Pohlen hin, Die Mißvergnügten zu verstärken.     Gesang und Geld und Muth nahm bald und merklich ab, Als diesen sonst galanten Leuten Ein Kürschner Tisch und Stube gab; Vielleicht aus Hoffnung bessrer Zeiten.     Zu diesem sagten sie: Ein grosser Wüterich, Ein unheurer Bär lässt sich im Walde sehen; Euch soll, an Zahlungs statt, die Haut zu Dienste stehen. Herr Wirth! das Fell ist schön, der Anschlag ritterlich. Wir sähen auch nicht gern, um unsers Landes Ehre, Daß ein Gascogner schuldig wäre. Die Bestie wird euch und uns erfreun. Beym Element! wir wollen uns ergetzen; Den Bären soll gewiß kein Teufel besser hetzen. Der Kürschner lächelt zwar; doch geht er alles ein; Sie aber säumen nicht, den Streich ins Werk zu setzen. Der Kühnheit Ungeduld verdoppelt ihren Lauf; Der Wald wird schnell erreicht; ihr Gegner zeigt sich wieder. So gleich trift Furcht und Frost der beiden Jäger Glieder. Der eine springt verzagt zum nächsten Baum hinauf; Den andern wirft Gefahr und Angst und Klugheit nieder; Er streckt sich starrend aus, hält seinen Athem an, Und stellt sich mausetodt, so gut er immer kann; Denn, was er sonst gehört, ist ihm noch unvergessen, Daß Bären selten Todte fressen. S. Henr. Cannegieters Anmerkung über die neunte Fabel des Avianus, v. 15. und dessen Dissert. de aetate \& stilo Flauii Auiani. C. XX. p. 302. 303.     Das Thier betrachtet ihn, beriecht ihn, kehrt ihn um, Und lässt sich durch den Schein betrügen, Pfui! brummt es, welch ein Aas! wir Bären sind nicht dumm; Uns muß was frischeres vergnügen. Es geht hierauf zurück. Der Held verlässt den Baum Und eilt dem Freunde zu. Ich sehe dich am Leben, Ruft er bewundernd aus, und dennoch glaub' ichs kaum. Kein kleiner Heiliger hat dir itzt Schutz gegeben. Allein, wie hält es nun mit unsers Feindes Haut? Er war, wie ich mit Schrecken sahe, Hier deinen Ohren ziemlich nahe; Was hat er dir doch anvertraut?     Nicht viel, versetzt sein Freund; doch glaub' ich diesem Scythen: Er gab mir insgeheim den Rath, Die Haut nicht eher feil zu bieten, Als bis man schon den Bären hat. Die Räuber und der Esel.         Zweene Räuber zankten sich, Des gestohlnen Esels wegen, Und von Worten kams zu Schlägen, Und sie fochten ritterlich.     Als nun ieder in dem Streite Seinen Feind aufs schärfste trieb; Nahte sich ein klügrer Dieb Und entging mit ihrer Beute.     Diesem Esel gleicht ein Stat, Der den Räubern der Provinzen, Zweenen neuverbundnen Prinzen, Zeitig sich ergeben hat.     Beide zanken sich oft müde, Weil die Herrschsucht trotzig ist; Doch ein Dritter stillt den Zwist, Nimmt das Land, und machet Friede. Der schöne Kopf, an ****                       Ja, ja, es reizt auch mich dieß blühende Gesicht, Auch ich empfinde selbst die Kraft von diesen Blicken. Der Mund, das Auge kann entzücken, Und wer verehrt den vollen Busen nicht, Der alles das an Liebreiz übersteiget, Was Paris ie gesehn und Venus ie gezeiget?     Doch Phryne schwatzt und scherzt. Mein erster Trieb wird kalt. Ihr lächerlicher Witz, ihr unerträglich Scherzen Verliert die schon gefangnen Herzen: Ich merke kaum die täuschende Gestalt. Es wird ihr Sieg befördert und gestöret, So oft man sie erblickt, so oft man sie gehöret.     Mein Freund, dir ist gewiß Aesopus noch bekannt, Der klügste Phrygier, der uns vom Fuchs erzehlet, Daß er ein Bild, dem nichts gefehlet, Den schönsten Kopf, bey einem Künstler fand. Er rief: Wie schön ist Auge, Mund und Stirne! Bewundernswerther Kopf, ach hättest du Gehirne! Mr. de la Motte ist mit dieser aesopischen Fabel nicht allerdings zufrieden. Er wünschet das bekannte: O quanta species, inquit, cerebrum non habet! in dem Munde eines andern Lehrers, als des Fuchsen, angetroffen zu haben: La Fable ne veut rien de forcé, de bizarre. Par exemple, je me déclare Pour le Renard gascon qui renvoye aux Goujats Des raisins mûrs qu'il n'atteint pas: Mais, il n'a plus sa grâce naturelle Avec la tête sans cervelle. Son mot est excellent. D'accord: Mais un autre devoit le dire. Findet man aber Ursache, warum ein so witziges Thier, als der Fuchs ist, von dem Rechte, ungehirnter Köpfe zu spotten, mehr, als ein andres, ausgeschlossen seyn sollte? Die Maske und das Gesicht.         Bey Hof', an einem Carnavall, Sprach einst die Maske zum Gesichte: Gib Acht, wie ich hier überall Itzt deinen Ruhm und Stolz zernichte, Und mancher, den du sonst entfernt, Mir folgen und mir schmeicheln lernt.     Venedig ist mein Vaterland; Drum schütz' ich Freiheit, List und Liebe. Wer scheinet oder ist galant, Durch den ich keinen Streich verübe? Man lobt, man ehrt mich tausendfach Und spürt und tanzt und schleicht mir nach.     Ich lehr' in diesem Federhut, Die kronenscheuen Männer krönen. Ich schaffe stillen Wünschen Muth, Dem Muthe Glück, dem Glücke Schönen. Es können hier, durch mich allein, Die Ungestalten grausam seyn.     Ein wenig Prahlen steht dir frey; War des Gesichtes Gegenrede. Doch stimme meinem Vorzug bey Und schäme dich der kühnen Fehde, Weil dieß nur deine Schönheit ist, Daß du mir oft so ähnlich bist.     Das Herz wird nur durch mich erkannt, Durch mich, den Spiegel vom Gemüthe. Mein hoher Ernst beweist Verstand, Mein Lächeln zeugt von Treu und Güte. Die Maske sprach: Mein stolz Gesicht! Vielleicht wol sonst; bey Hofe nicht. Der arme Kranke und der Tod.                 Ein Greis, den Alter, Frost und Gram Und Gicht und Krampf und Hunger krümmten, Dem oft sein bittres Weh die Lust zum Leben nahm, Das Zeit und Schicksal ihm bestimmten, Rief voller Ungeduld und Noth: Ach! komme bald, gewünschter Tod! Der Tod erschien, die Qual zu heben, Da fleht' er, aus verzagtem Sinn: Freund, geht zu meinem Nachbar hin, Und lasst mich armen Alten leben. *     So weibisch ist der meisten Herz; Auch brechend wünscht es kaum zu sterben. Verfolgung, Drangsal, Schimpf, Noth, Armuth,                                         Krankheit, Schmerz, Nichts wird dem Tode Gunst erwerben. Ihn hält ein zärtlicher Maecen Auch auf der Folter nicht für schön; Es erhellet solches aus den Worten des Maecenas bey dem Seneca: Debilem facito manu,     Debilem pede, coxa: Tuber adstrue gibberum,     Lubricos quate dentes: Vita dum superest, bene est.     Hanc mihi, vel acuta Si sedeam cruce, sustine. Man kann hierüber dasjenige nachsehen, was J. H. Meibom zur Erörterung dieser Stelle und zu ihrer Vertheidigung anführet im Maecen. C. XXIV. p. 151.   Vielleicht starb Cato nicht gelassen. S. La Fausseté des Vertus humaines par Mr. l'Esprit, p. 97. Oft scheut, den Krebs und Aussatz frisst, Der sein und andrer Scheusal ist, Mehr, als dieß alles, sein Erblassen. Der Berg und der Poet.         Ihr Götter, rettet! Menschen, flieht! Ein schwangrer Berg beginnt zu kreissen, Und wird itzt, eh man sichs versieht, Mit Sand und Schollen um sich schmeissen. Er brüllt, er kracht, und Thal und Feld Sind durch gerechte Furcht entstellt. Was kann dem nahen Unfall wehren? Es wird ein Wunderwerk geschehn: Er muß mit Städten trächtig stehn Und bald ein neues Rom gebähren.     Sussenus schwitzt und lärmt und schäumt: Nichts kann den hohen Eifer zähmen; Er stampft, er knirscht; warum? er reimt, Und will itzt den Homer beschämen. So setzt sich Pythons Priesterinn Halb rasend auf den Dreyfuß hin, Und spürt in Hirn und Busen Wehen. Was ist der stolzen Feder Frucht? Was würkt des Dichters Wirbelsucht? Zum minsten, glaub' ich, Odysseen.     Allein, gebt Acht, was kömmt heraus? Hier ein Sonnet, dort eine Maus. Der Eremit und das Glück.             Es lebt ein Eremit, der, eitlem Zwange feind, Die Kunst der schlauen Wollust lernet, Die keine Mühe kennt, vom Ekel weit entfernet, Nach dem Genusse schöner scheint.     Verzeiht es mir, erhabne Musensöhne, Für die schon unsre Pflicht den Lorbeerkranz bestellt; Mein Held ist kein gelehrter Held; Und er besaß auf dieser Welt Nichts als ein Buch, ein Glas, und eine Schöne. Doch diese drey, ihn zu erfreun, Sind, wie man sagt, nur selten ungelesen, Unangefüllt, und ungeküsst gewesen. Er lebet. Wie gar viel schließt dieses Wort nicht ein! Ihr Weisen, saget mir, heisst leben mehr, als seyn?     Ihn hält ein Schieferdach vor Neid und Hohn verstecket. Einst, als er unbesorgt bey seiner Phyllis saß Und so die Welt, wie ihn die Welt vergaß, Ward er um Mitternacht durch einen Lärm geschrecket. Man klopft an seine Thür. Er horcht. Wer ists? Das Glück. Macht auf! ich bin es selbst. Ihr selbst? Wer darf es wagen, Wer ist so groß, nur einen Augenblick Dem Glück und was ihm folgt die Einkehr abzuschlagen? Ihr zögert? macht uns auf! Der Eremite spricht: Geht weiter Freund, ich kenn' euch nicht, Die Herberg' ist zu klein, zu schlecht, euch zu empfangen.     Ruhm, Ehre, Hoheit sind bey mir, Erwiederte das Glück, die wenden sich zu dir. Das ist mir wahrlich leid; es ist kein Platz allhier. Bewirthe doch zum mindsten das Verlangen.     Auch dieses wird, versetzt der Bidermann, Hier diese Nacht kein Lager kriegen; Man trifft ein einzig Bett hier an; Und das gehöret dem Vergnügen. Ja und Nein.         Ein Barde hieß, aus frommer Pflicht, Ein ganzes Heer von Sylben ringen. Ich will nur zwo zur Sprache zwingen, Weil doch in Fabeln alles spricht. Es sind die, so ich reden lasse, Machtwörter von der ersten Classe, Die in der Welt was rechtes schreyn, Die alten Feinde: Ja und Nein .     Es rüsten beide sich zum Streit. Sie wollen nun als Helden fechten, Und nicht, wie kleine Hadrer, rechten. Kurz: sie bestimmen Ort und Zeit. Nein trotzt auf kriegerische Freunde; Ja täuscht, verlockt, besticht die Feinde. Nein pocht auf Faustrecht und Gewalt; Ja traut auf seinen Hinterhalt.     Nein tobt, und treibet ieden Mann, Und stellt sich schnaubend an die Spitze; Doch Ja , der Held von mindrer Hitze, Winkt erst dem Feind' und redt ihn an. Halt! spricht er, ehe wir uns schlagen, Hab' ich dir noch ein Wort zu sagen: Laß jene Balger etwas ruhn. Wir müssen selbst das Beste thun.     Du Waghals, dessen Eigensinn Nur selten oder spät zu brechen, Man sagt, dein Eifer lässt sich schwächen; Dich rühret Schmeicheln und Gewinn. Dich hat die Heimat der Guineen Oft zärtlich und gekirrt gesehen, Wo mancher Kitzel in der Hand Dir deine freie Zunge band.     Zum öftern pflegt ein doppelt Nein Ein Ja ganz zierlich auszumachen. Wie sollten denn um Nebensachen Sich Blutsverwandten so entzweyn! Ein ieder kann das Seine prahlen. Das Ja verhandle sich zu Wahlen. Nein mag in die Gerichte gehn Und Recht und Zeugen widerstehn.     Nein soll, wie vormals Fabius, Durch Zögern seinen Feind ermüden. Dem Ja sey Caesars Glück beschieden, Der in der Eile siegen muß. Wir wollen, in gewissen Fällen, Uns beide meisterlich verstellen. Am Hofe soll das Ja oft Nein Und Nein ein wuchernd Jawort seyn.     Nein , das den Werth des Vorschlags sah, Beschloß, von nun an leeren Händen Den Beistand nimmer zu verpfänden, Und sprach zum erstenmale: Ja. Die ganze Fehde ward geschlichtet, Aus Eigennutz ein Bund errichtet, Und beide dienen itzt der Welt, Nach Schweizer-Art, um baares Geld.       T hus Ay propos'd – And for Reply         No , for the first time, answer'd: Ay.         They parted with a Thousand Kisses         And fight e'er since, for Pay , like Swisses . Stentor. An Herrn J. J. D. Zimmermann.                   Ein Zimmermann, zu dem die Musen eilen, Die unereilt den wilden Strephon fliehn! O lehre mich, durch wolgeprüfte Zeilen Mein schüchtern Werk der Tadelsucht entziehn; Der Tadelsucht, die, Neidern zu gefallen, Nach Splittern sieht, nur fremde Fehler merkt, In deren Ton hier auch oft Kinder lallen, Die noch kein Mark der Wissenschaften stärkt.     Sprich: Soll man nur, wie Du, die Wahrheit lieben, (Der sich mein Herz und meine Fabeln weihn) Dem Schmeicheln taub, und dem, was man geschrieben, Mit allem Ernst ein strenger Richter seyn, Durch weisen Fleiß von Fehlern sich entfernen, Die Alten sich zu Mustern ausersehn, Die Nachwelt scheun, und mit Horatz erlernen, Wie Geist und Kunst wol zu verbinden stehn?     Das war genug zu jenen edlen Zeiten, Als den Quintil die Wahrheit lehren hieß, Den Ehrenmann, der, ohne zu verleiten, Dem römschen Witz die rechten Wege wies. Sein edler Geist, der aller Falschheit fluchte, Und Redlichkeit mit Wissenschaft verband, Ersah mit Lust das Schöne, das er suchte, Doch sucht' er nicht die Fehler, die er fand.     Sitzt ein Quintil Quintilius, der würdige Freund des Virgils, scheinet der Patru der Römer gewesen zu seyn. Horatz hat nicht nur in seinem Gedicht an die Pisonen ihn als einen Gelehrten von seinem Geschmack, und als einen Rathgeber von scharfer Einsicht gepriesen; sondern auch durch die Ode auf dessen Tod höhere und solche Eigenschaften in ihm verewiget, die zu allen Zeiten auch einen Ungelehrten liebenswürdig machen müssen, und von der Gelehrsamkeit unzertrennlich seyn sollten. Ergo Quintilium perpetuus sopor Vrget! cui Pudor \& Iustitiae soror Incorrupta Fides nudaque Veritas   Quando vllum inuenient parem? So ist in ewge Todesnacht Der ehrliche Quintil gebracht, Wo wird man seines gleichen finden, Bey dem sich Zucht, Gerechtigkeit, Und Worte sonder Groll und Neid Mit unverfälschter Treue binden? G. F. Weidner. Vom Patru, oder dem Quintil der Franzosen giebt Boileau Nachricht. (Art poët. Chant. II. v. 71-81.) im Raht der kleinen Kenner, Wo man so keck den frühen Machtspruch wagt? Nein! ieder horcht im Schatten grössrer Männer, Und wiederholt was man ihm vorgesagt. Da richten sie nach Stimmen, nicht nach Gründen, Wie Stentor that; man folgt dem stolzen Ton. Fast iede Stadt wird einen Stentor finden, Vielleicht noch mehr; und einen kennt man schon.     Er hatte sich durch List und Händedrücken Bey Grossen klein, bey Kleinen groß gemacht, Und schien ein Mann, den, fast in allen Stücken, Minervens Gunst mit klugem Salz bedacht. Mit Celadon sang Thyrsis um die Wette; Da sollte nun mein Stentor Schiedsmann seyn. Der wuste nicht, wer hier den Vorzug hätte, Doch fiel ihm bald ein rechtes Kunststück ein. Sein starker Mund rief gegen Fels und Klüfte: Ihr Kenner! sagts: Wer trägt den Preis davon? Ists Celadon? So gleich drang durch die Lüfte, Bey iedem Ruf, ein deutlich Celadon. Drauf zeigt' er sich den Schäfern lächelnd wieder, Und schrie: Vernehmt was keiner besser weiß, Was ich entdeckt, und zweifelt nicht, ihr Brüder, Für diesesmal hat Celadon den Preis!     Sie dankten ihm, und Stentor blieb bey Ehren. So gehet es anitzt noch überall; Man glaubet oft, Orakel anzuhören, Und höret nichts, als einen Wiederhall. Philippus, König in Macedonien, und Aster.         Oft ist der Witz ein scharfes Schwert, Das plötzlich aus der Scheide fährt, Und, den es schützen soll, verletzet. Der Einfalt offnes Maul bleibt, ihr zum Vortheil, stumm; Ihr Schweigen nutzet und ergetzet; Und jener Amme Wunsch wird billig hochgeschätzt, Die zu dem Säugling sprach: Mein liebstes Kind, sey dumm! Selbst seine Amme fasst' in der Geburt ihn um, Weissagt' und segnet' ihn mit diesem Wunsch: Sey dumm. Wernicke in seinem Heldengedichte: Hans Sachs .     Philippus Beispiel macht den Satz der Klugheit wahr: Zu sinnreich seyn bringt oft Gefahr. Wie strafte diesen grossen König Ein Scherz, der ihm zu schnell entfiel! Ein einzger Feind ist schon zu viel, Und hundert Freunde sind zu wenig. Philippus war bemüht, in Thrakien zu dringen Und in dem Hinzug noch Methone zu bezwingen, Als Aster, den man dort den besten Schützen hieß, Sich diesem Könige zum Dienst entbieten ließ. Ihn rühmten Hof und Land; von allen ward erzehlet, Nur dieser habe nie der Schüsse Ziel verfehlet, Weil sein geschwinder Pfeil, dem er die Kraft ertheilt, Oft Vögel in der Luft im stärksten Flug ereilt. Wol! sprach Amyntas Sohn, wann wir mit Staaren streiten, So soll er ganz gewiß beim Angriff uns begleiten. Das scheint fürtrefflich schön; denn wer bewundert nicht Den göttlichen Verstand, so oft ein Grosser spricht?     Der Schütze, seine Kunst nicht mehr verhöhnt zu sehen, Eilt, den Belagerten rachsüchtig beizustehen. Er flieht in ihre Stadt, verstärkt die Gegenwehr, Und machet Sturm und Sieg dem stolzen Heere schwer, Das plötzlich sich gescheucht und voll Bestürzung fühlet, Weil Asters scharfer Pfeil, der auf den König zielet, Den ihm bestimmten Flug mit dieser Aufschrift nimmt: Philippus rechtem Aug' ist dieser Schuß bestimmt. Bellum cum Methonaeis gerenti Aster quidam sagitta (cui inscripserat: Aster Philippo telum lethiferum mittit. ) oculum excussit. Cui Philippus rescribens sagittam misit cum hac inscriptione: Asterem Philippus si ceperit, cruci affiget . Promissa igitur pace, Asterem sibi dedi postulauit, deditumque cruci affixit. Suidas , in voce Caranus .     Der König, der ihn nicht so fürchterlich geglaubet, Bereut den Hechelscherz, der ihm sein Auge raubet, Und schiesst den Pfeil zurück, mit dieser Gegengift: Du, Aster, kömmst ans Kreuz, so bald man dich betrifft.     Kaum ward der Friede drauf der frohen Stadt versprochen, So ward auch Asters Scherz durch seinen Tod gerochen. Ben Haly. An Herrn C. P. Krieger.         Gelehrter Kenner der Gesetze, Bey dem im Herzen Recht, im Munde Wahrheit gilt; Der nie mit müssigem Geschwätze Hammoniens Gericht erfüllt!     Nicht nur die Einsicht trüber Sachen; Auch ein durch Ernst gemässigt Lachen, Auch Witz und Dichtkunst steht Dir an.     Erlaube mir, so gut ich kann, Den rechtserfahrnen Muselmann, Ben Haly, Dir bekannt zu machen. Ein Türk, der nach Aleppo eilet, Besuchet seinen alten Freund, Den er getreu zu seyn vermeint, Mit dem er Leid und Freude theilet.     Er spricht: Mich hat mit dir die beste Wahl vereint. Du weisst, wie viel ich schon durch Fleiß und Glück erworben; Nur etwas ist dir unbekannt: Mein Schwager Amurat, der in Algier gestorben, Hat mir den feinsten Diamant Durch ein Vermächtniß zugewandt. Hier ist er! Ich bemerks, auch dich erfreut mein Glück. Dir dank' ich für dieß Freundschaftszeichen. Verwahr' ihn! dir allein darf ich ihn überreichen: Nimm ihn für mich in Acht; ich komme bald zurück.     Es sey! versetzt Orchan, mein Selim kann gebieten; Orchan wird ieden Augenblick Dieß Kleinod wie sein Auge hüten; Er, dein Getreuer bis ins Grab. Drauf folgt ein Abschiedskuß; der Reisende geht ab.     Allein, wo soll man Selen finden, Die nicht auf Eigennutz die Heuchlerdienste gründen? Wo ist nicht Treu' und Glaube schwach? Die Lust, wann wir die Zeit ersehen, Den Nächsten schlau zu hintergehen, Schleicht Bösen aller Orten nach: Den Christen in ihr Betgemach; Und Muselmännern in Moscheen.     Der frohe Selim kömmt in Pera Pera ist eine der Vorstädte von Constantinopel, wo der französische und andere Gesandten sich aufzuhalten pflegen. wieder an, Und rennt, sein Kleinod abzuholen, Das er, zu treuer Hut, dem falschen Freund' empfohlen; Der aber lacht und spricht: Ist Selim nicht ein Mann, Der unvergleichlich scherzen kann? – – Was? Scherzen? Gab ich nicht? – – Ja, weil ichs rühmen soll; Du gabst mir einen Kuß; der war recht Freundschaftsvoll. – – Wo ist mein Diamant? – Dein Diamant! dir träumt. – Hier sind nicht viele Reden nöthig. Fort! mit zum Cadi ! nicht gesäumt! – – Ja, ja, mein Herr, ich bins erbötig.     Sie eilen zum Ben Haly hin, Das war des Cadi Nam'; und in des Sultans Reichen War ihm an Billigkeit kein Haly zu vergleichen, Dafern ich recht berichtet bin. Der arme Selim sucht, dem Richter seine Klagen Mit vielen Worten vorzutragen. Er denkt, ein langer Satz scheint manchem Richter schön. Orchan lärmt zehnmal mehr. Dem Kläger fehlen Zeugen. Er giebt zum öftern zu verstehn, Bey einem Baume seys geschehn. Das hilft ihm wenig; Bäume schweigen.     Beim Allah! schwört Orchan; der Kläger schwatzt im Traum: Ich kenne beide nicht, kein Kleinod, keinen Baum. Hört! spricht der Cadi drauf, noch ist hier kein Beweis. Kennt Selim noch den Baum? – – Wie sollt ich den nicht kennen! – – Verziehe nicht, dahin zu rennen, Und hole mir sofort ein Reis.     Er geht. Ben Haly setzt sich nieder; Und endlich fragt er mit Verdruß: Wie kömmts, daß man hier warten muß? Kömmt denn dein Gegner noch nicht wieder? Von Rechten hat er nichts gelernt. Was will er, daß sein Baum beweise? Ist dieser Baum so weit entfernt? Brauchts, ihn zu finden, einer Reise?     Nein; einer Reise braucht es nicht. Der Baum ist nahe gnug. – – Verfluchter Bösewicht! (Ruft Haly zürnend aus) vor einer halben Stunde War weder Baum noch Diamant, So wie du schwurest, dir bekannt; Und nun verdammst du dich mit deinem eignen Munde. Wolan! daß itzt, vor aller Welt, Ein ieder das, was ihm gebührt, empfange! Dem Selim werde flugs sein Kleinod zugestellt! Orchan bereite sich zum Strange! *     Der Türk besaß die Klugheit nicht, Die vielen Christen Häuser bauet, Da mit so blinder Zuversicht Kein Bruder hier dem andern trauet. Der Irrthum alter deutscher Treu Ist mit der alten Zeit vorbey. Wir sind der höhern Kunst Exempel; Die Einfalt nahm den Handschlag an. Was fordert itzt ein kluger Mann? Verschreibung, Zeugen, Pfand und Stempel. Ruffin.         Ein schöner Herr, der Pflastertreter Krone, Und, um fünf Uhr, der Oper edle Zier, Mit einem Wort': Ruffin, das Wunderthier, Glaubt, daß in ihm die Weisheit sichtbar wohne. Was macht ihn stolz? Der Thoren Alles: Geld. Ein frommer Greis, den schon, seit vielen Jahren, Müh' und Verdienst und Mässigkeit erhält, Ward jüngst von ihm sehr höhnisch angefahren.     Der Alte sprach: Du machst mir nicht Verdruß: Du bist nur reich und trotzest mich vergebens: Dir fröhnet nur ein eitler Ueberfluß, Der Freund, doch nein! der Erbfeind deines Lebens. Es ist dein Haus ein fürstlicher Pallast: Man sorgt, daß dir kein Leckerbissen fehle; Du opferst oft so manches deiner Kehle, Daß kaum dein Tisch der Trachten Menge fasst.     Mir aber ist ein andres Loß verliehen: Wann kehrt bey mir der Schmeichler lächelnd ein? Wann darf der Dunst von gar zu vielem Wein Den Morgenschlaf zu zeitig mir entziehen? Ich lebe nur in stiller Niedrigkeit. Nichts waget sich zu meinen schlechten Hütten, Als Wahrheit, Recht, Unsträflichkeit der Sitten, Gesunder Witz und Selbstzufriedenheit.     Wie thöricht ist dein Hochmuth in Geberden? O Jüngling, Jüngling, stell' ihn ein: Was ich bin, kannst du nimmer seyn; Was du bist, kann ein ieder werden. Hoc ego, tuque sumus. Sed quod sum, non potes esse:   Tu quod es, e populo quilibet esse potest. Martialis , L. V. Ep. 13. Der großmüthige Herr und seine Sclaven.         Auf dem Aegeer-Meer wird einst ein Handelsmann Von einem schnellen Sturm ergriffen. Er wendet sich, so gut er kann, Und darf nur langsam seitwerts schiffen. Allein es mehret sich die Noth, Er und die meisten Sclaven klagen; Die alten hoffen auf den Tod, Die jungen melden sich, die Rettung noch zu wagen; Nur halten sie dafür um ihre Freiheit an, Doch die wird allen abgeschlagen. (Verliert ein Wuchrer gern was er so schwer gewann?)     Bald aber reisst der Sturm Mast, Stang' und Segel nieder. Da ruft er: Freunde, fasset Muth! Wir sinken; doch ich bin euch gut; Ich geb' euch itzt die Freiheit wieder. Scholasticus transfretaturus Codicillos poscebat, quibus Testamentum conderet. Videns autem seruos periculo suo angi, sic eos affatus est: Nolite tristari; nam Vos manumittam. v. Hieroclis , Philosophi, Facetiae , de priscorum Studiosorum dictis \& factis ridiculis. (Londini 1654.) p. 405. n. 23. *     Wie kriechend äussert sich gemeiner Selen Güte! Wer karg ist, bleibts bis in den Tod, In iedem Stand', in Glück, in Noth, Und nichts erhöhet sein Gemüthe. Der Schwimmer.         Es wagte sich einst in den Rhein Ein Baccalaureus, der nie zuvor geschwommen Vom Ufer mogt' er kaum fünf ganzer Schritte seyn, So steckt' er schon im Schilf, fing zappelnd an zu schreyn, Und ward, auf sein Geschrey, von Fischern aufgenommen. Die brachten ihn ans Land; der Dienst war ungemein. Er dankt dafür und spricht: Da schwimm' ein andrer hin! Ich will, das schwör ich euch, nicht eh' ins Wasser kommen, Als bis ich ganz und gar im Schwimmen Meister bin. Scholasticus natare volens paene suffocatus est. Iurauit igitur, numquam se attacturum aquam, priusquam natare didicisset. Hierocles , in Facetiis, n. 1. Man findet in diesem gelehrten Schwimmer einige Aehnlichkeit mit dem Character des Gimcracks, beim Shadwell. Congreve vergleichet mit dem so weisen Gimcrack einen angehenden furchtsamen Dichter, oder, seinen Worten nach, den allerersten Flug einer Muse, die eben Federn bekommen hat: The Works of Mr. Wm. Congreve (Lond. 1730.) T. III. p. 279. Thus does our Author his first Flight commence; Thus, against Friends at first, with Foils we fence; Thus prudent Gimcrack try'd if he were able (Ere he'd wet Foot) to swim upon a Table. Processe.                     Ein vorgeladner Abt fragt' einen klugen Alten: Ihr kennt das ganze Recht; mich rügt ein Bösewicht; Die Schriften bring' ich mit; gebt mir doch Unterricht: Wie soll ich mich dabey verhalten?     Und wenn, versetzt der Greis, ihr hundert Bündel brächtet; So ist schon überhaupt der beste Rath für euch: Ist eure Sache gut; so schreitet zum Vergleich: Und ist sie schlimm; mein Herr, so rechtet. Mittel bey Hofe alt zu werden.         An Höfen fällt es schwer, das Alter zu erreichen, Das mancher schlechter Greis in niedern Hütten fand. Dort wird der Glücklichste, nach kurzen Gnadenzeichen, Mit Titeln wol versorgt, oft plötzlich weggebannt. Ein Alter hatte doch die meisten Lebensjahre An seines Fürsten Hof' ersprieslich zugebracht Und seinen ersten Bart und seine grauen Haare Zu Zeugen frühen Ruhms und langer Gunst gemacht. Der ward: wie dieses ihm so meisterlich gelungen, Was tausend sonst verfehlt? einst insgeheim befragt. Er sprach: Ich habe stets, auch für Beleidigungen, Den Feinden meines Glücks gelassen Dank gesagt. Potentiorum iniuriae hilari vultu, non patienter tantum ferendae sunt. Facient iterum, si se fecisse crediderint. Hoc habent pessimum animi magna fortuna insolentes, quos laeserunt \& oderunt. Notissima vox est eius, qui in cultu regum consenuerat, cum illum quidam interrogaret: Quomodo rarissimam rem in aula consecutus esset, senectutem? Iniurias, inquit, accipiendo, \& gratias agendo. Seneca de Ira, L. II. C. XXXIII. Johannes, der Seifensieder.                       Johannes war ein Seifensieder; Der wuste viele schöne Lieder, Und sang, mit unbesorgtem Sinn, Vom Morgen bis zum Abend hin. Sein Tagwerk konnt' ihm Nahrung bringen; Und wann er aß, so must er singen; Und wann er sang, so wars mit Lust, Aus vollem Hals' und freier Brust. Beim Morgenbrodt, beim Abendessen Blieb Ton und Triller unvergessen; Der schallte recht; und seine Kraft Durchdrang die halbe Nachbarschaft. Man horcht; man fragt: Wer singt schon wieder? Wer ists? Der muntre Seifensieder.     Im Lesen war er anfangs schwach; Er las nichts als den Allmanach, Doch lernt' er auch nach Jahren beten, Die Ordnung nicht zu übertreten, Und schlief, dem Nachbar gleich zu seyn, Oft singend, öftrer lesend, ein. Er schien fast glücklicher zu preisen, Als die berufnen sieben Weisen, Als manches Haupt gelehrter Welt, Das sich schon für den achten hält.     Es wohnte diesem in der Nähe Ein Sprößling eigennützger Ehe, Der, stolz und steif und bürgerlich, Im Schmausen keinem Fürsten wich: Ein Garkoch richtender Verwandten, Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten, Der stets zu halben Nächten fraß Und seiner Wechsel oft vergaß.     Kaum hatte mit den Morgenstunden Sein erster Schlaf sich eingefunden, So ließ ihm den Genuß der Ruh Der nahe Sänger nimmer zu. Zum Henker! lärmst du dort schon wieder, Vermaledeiter Seifensieder? Ach wäre doch, zu meinem Heil, Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!     Den Sänger, den er früh vernommen, Lässt er an einem Morgen kommen, Und spricht: Mein lustiger Johann! Wie geht es euch? Wie fangt ihrs an? Es rühmt ein ieder eure Waare: Sagt, wie viel bringt sie euch im Jahre?     Im Jahre, Herr? mir fällt nicht bey, Wie groß im Jahr mein Vortheil sey. So rechn' ich nicht; ein Tag beschehret Was der, so auf ihn kömmt, verzehret. Dieß folgt im Jahr (ich weiß die Zahl) Drey hundert fünf und sechszig mal.     Ganz recht; doch könnt ihr mirs nicht sagen, Was pflegt ein Tag wol einzutragen?     Mein Herr, ihr forschet allzusehr: Der eine wenig, mancher mehr; So wie's denn fällt, mich zwingt zur Klage Nichts, als die vielen Feiertage; Und wer sie alle roth gefärbt Der hatte wol, wie ihr, geerbt, Dem war die Arbeit sehr zuwider; Das war gewiß kein Seifensieder.     Dieß schien den Reichen zu erfreun. Hans, spricht er, du sollst glücklich seyn. Itzt bist du nur ein schlechter Prahler. Da hast du bare funfzig Thaler. Nur unterlasse den Gesang. Das Geld hat einen bessern Klang.     Er dankt und schleicht mit scheuchem Blicke, Mit mehr als diebscher Furcht zurücke. Er herzt den Beutel, den er hält, Und zählt, und wägt und schwenkt das Geld, Das Geld, den Ursprung seiner Freude Und seiner Augen neue Weide.     Er wird mit stummer Lust beschaut Und einem Kasten anvertraut, Den Band' und starke Schlösser hüten, Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten, Den auch der karge Thor bey Nacht Aus banger Vorsicht selbst bewacht. So bald sich nur der Haushund reget, So bald der Kater sich beweget, Durchsucht er alles, bis er glaubt, Daß ihn kein frecher Dieb beraubt, Bis oft gestossen, oft geschmissen, Sich endlich beide packen müssen: Sein Mops, der keine Kunst vergaß Und wedelnd bey dem Kessel saß: Sein Hinz, der Liebling junger Katzen; So glatt von Fell, so weich von Tatzen.     Er lernt zuletzt, ie mehr er spart, Wie oft sich Sorg' und Reichthum paart, Und manches Zärtlings dunkle Freuden Ihn ewig von der Freiheit scheiden, Die nur in reine Selen stralt Und deren Glück kein Gold bezahlt.     Dem Nachbar, den er stets gewecket, Bis der das Geld ihm zugestecket, Dem stellet er, aus Lust zur Ruh, Den vollen Beutel wieder zu, Und spricht: Herr, lehrt mich bessre Sachen, Als, statt des Singens, Geld bewachen. Nehmt immer euren Bettel hin Und lasst mir meinen frohen Sinn. Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden. Ich tausche nicht mit euren Freuden. Der Himmel hat mich recht geliebt, Der mir die Stimme wieder giebt. Was ich gewesen werd' ich wieder Johann, der muntre Seifensieder. Aurelius und Beelzebub.                               Es wird Aurel, der nichts, als Armuth, scheut, Zum Mammonsknecht, zum Harpax unsrer Zeit. Ihm ist der Klang von vielen todten Schätzen Ein Saitenspiel, das Zählen ein Ergetzen. Oft schläft der Thor, noch hungrig und mit Pein, Vom Hüten matt, auf vollen Säcken ein; Denn Geld und Geiz nimmt täglich bey ihm zu; Geld ist sein Trost, sein Leben, seine Ruh, Sein Herr, sein Gott. Stets nagt ein scharfer Neid Sein blutend Herz. Jüngst mehrt' ein vielfach Leid Des Wuchrers Qual und Unzufriedenheit.     Der Wittwen Fluch? Beraubter Waisen Ach? Die Reue? Nein. Dergleichen Kleinigkeit Giebt Reichen itzt kein grosses Ungemach. Was wichtigers: Zu spät erfolgte Renten, Ein drohender Protest, zu wenige ProCenten, Ein viel zu mildes Jahr, der zu fürwitzge Zoll. Dieß alles füllt sein Herz mit Unmuth, Zorn und Groll. Er wird zuletzt verzweiflungvoll.     Als er so grosser Noth zu peinlich nachgedacht, Ruft der Unsinnige so gar in einer Nacht Den Satan an und Satan schickt ihm gleich Den grössten Herrn aus seinem Reich, Der itzt, den Alten zu berücken, In einer neuen Tracht erschien, Wol zehnmal schöner, als wir ihn In den Gemählden oft erblicken, Wo ihm die Augen funkelnd glühn, Und Hörner seine Stirne schmücken. Er hatte weder Schweif, noch Klauen, Der Hölle zaubernde Gewalt Gab ihm die menschliche Gestalt, Und keinem durfte vor ihm grauen. Er überkam, nach unsrer Stutzer Art, Ein schönes leeres Haupt, ein wol gepudert Haar, Wobey zugleich dem Kinnchen ohne Bart Ein Flügelwerk von Band, anstatt des Schattens, war. Er selbst, wie seine Pracht, war ohne Fehl und Tadel, Und Herr und Kleid von gleichem Adel.     Nur ließ man ihm (so lautet der Bericht) Den einen Pferdefuß. Warum? Das weiß ich nicht. Er war ja sonst, ohn' allen Zweifel, Ein hübscher, recht galanter Teufel.     Bald fand der karge Greis den längst gesuchten Rath, Als dieser Cavallier zu ihm ins Zimmer trat.                           Pray, let me crave Your Name, Sir – Satan .– Sir, Your Slave; I did not look upon Your Feet: You'll pardon me: – Ay now I fee't: And pray, Sir, when came You from Hell? Our Friends there, did You leave Them well? – All well; but pr'ythee, honest Hans , (Says Satan ) leave Your Complaisance. Prior , im Hans Carvel . Mein Herr, wie heissen sie? – Beelzebub. – Willkommen. Der Oberste der Teufel? – Ja. – Ich hatt' es nicht in Acht genommen, Weil ich noch nicht auf dero Füsse sah. Sie setzen sich. – Wie geht es in der Höllen? Wie lebt mein reicher Oheim da? – Recht wie ein Fürst. – Und wie befindet sich Der Lucifer? – Ich bitte dich, Die Complimenten einzustellen. Dich reich zu machen, komm' ich hier. Ich bin dein Retter. Folge mir.     Sein Führer bringet ihn in einen öden Wald Von heiligen bemosten alten Eichen, Den Sitz des Czernebocks, Czernebock war, nach dem Bericht des Helmolds, Lib. I. c. XXXV. der böse, schwarze Gott der Slaven, welche schwarz in ihrer Sprache Czorny und Gott Bog nannten. Ihm ward der gute und weisse Gott, Juterbock , (der Morgengott) oder Belbock entgegen gesetzet. S. des Herrn von Ludewig Diss. de Idolis Slauorum, §. 21. 22. in Opusc, misc. T. II. p. 531. 532. der Gnomen La Terre est remplie presque jusqu'au centre de Gnomes, gens de petite stature, gardiens des tresors, des minieres \& des pierreries. Ceux-ci sont ingenieux, amis de l'homme \& faciles à commander. Ils fournissent aux enfans des Sages tout l'argent qui leur est necessaire \& ne demandent gueres pour prix de leur service que la gloire d'être commandés. Les Gnomides leurs femmes sont petites, mais fort agréables \& leur habit est fort curieux. S.  le Comte de Gabalis p. 264. in der Bibliotheque de Campagne T. II. Aufenthalt, Die Schlachtbank vieler Opferleichen. Hier herrscht, fast tausend Jahr, ein schwarzer wilder Schrecken In grauser Finsterniß. Den unwirthbaren Sitz Verklärt, doch selten nur, ein rother schneller Blitz. Hier sollte sich der Trost Aurels entdecken. Hier blieb der Fliegenfürst und sein Gefährte stehn. Er stampft dreymal: dreymal ertönt der Grund: Es öffnet sich ein lichter, tiefer Schlund Und lässt im Augenblick so grosse Barschaft sehn, Als würde fast der Reichthum aller Welt, Hier an Geschmeid' und Gold, den Augen dargestellt. Sieh, spricht der Höllengeist, auf diesem Platz Liegt ein Geschenk für dich, der Schatz.     Wie wird der Filz durch dieses Wort entzückt! Kein irdsches Paradies scheint ihm so schön geschmückt, So reich an innerm Werth. Kein Thumherr, kein Praelat, Der seiner Pfründe Zins in Rheinwein vor sich hat, Kein Bischof, der erfreut, an einem Kirchweihfest, Das erste Glas besieht, das er sich reichen lässt, Weiß mit so merklichem, doch wolbefugten Sehnen Sein fromm und fett Gesicht durch Lächeln auszudehnen. Er streckt frolockend aus die hoffnungreiche Hand. Wiewol, o harter Zwang! Glück voller Unbestand! Halt, ruft Beelzebub, dieß ist dir zwar gegeben, Allein vor morgen nicht zu heben.     Der Schatz versinkt auf dieses Donnerwort. Gestrenger Herr! wie kurz ist meine Freude! Betrogener Aurel! Wie findest du den Ort? Den Busch? die Kluft? den Schatz? – Er ist und bleibet dein. Betrogen! Was? Ich ein Betrüger? – Nein. – Sey klug und laß ein Zeichen dort, Und nimm dir, wann es tagt, das Gold und das Geschmeide.     Gleich setzt er tiefgebückt sich und ein Zeichen hin. Er jauchzt mit neuvergnügtem Sinn, Und sagt aufs zierlichste mit vielen Worten Dank. Beelzebub verschwand, standsmässig mit Gestank. Es springt Aurel um den bemerkten Platz, Als ob er seinen Fund schon hätte; Doch stösst er sich an einen Baum. Aurel erwacht, (denn alles war ein Traum) Und von dem vorgestellten Schatz Bleibt nur das Zeichen in dem Bette.     Es ist der Geiz der Teufel vieler Alten Und der Beelzebub, der lockend sie bethört. Ihr ungebrauchter Schatz ist aber nicht mehr werth, Als was Aurel allhier erhalten. Apollo und Minerva. An den Verfasser der Trauerspiele: die Horatier und Timoleon.         Mein Behrmann, den Geschmack und Witz und Redlichkeit Von niederträchtgem Wahn entfernet, Den auch ein innrer Reichthum körnet, Der weder Wind noch Fluthen scheut. Ermüde nicht, in lehrenden Gedichten Die deutschen Musen zu erfreun. Der Dünkel meistre Dich; es mag die Thorheit richten; Nicht aber Dich mit Witz und Kunst entzweyn. Der Einfalt lächerliches Lachen Muß Deine Sele nicht klein, trag' und irdisch machen. Sey stets der Wahrheit hold (sie nutzt vor tausend Sachen) Und schäme Dich nicht, klug zu seyn.     Die Fabel, die ich Dich itzt lehre Zeigt unsers Pöbels Ekel an; Und dennoch bleibt es wahr: ein reicher, weiser Mann Ist zwiefach seiner Eltern Ehre. Der Gott der Aerzt' und der Poeten Und Pallas wurden einst vom Himmel weggebannt, Die Ursach' ist noch unbekannt Und scheint zu wissen nicht vonnöthen.     Als dieses Paar die Welt betrat Beriethen beide sich, was bestens anzufangen? Apollo sprach: Ich schaffe Rath, Mein Lebensöl muß Brodt erlangen. Minerva rief frohlockend aus: Auch meiner Kunst bedarf ein iedes Haus.     Man waget den Versuch und baut im nächsten Orte Zwo grosse Storger bühnen auf. Apollo hat, als Arzt, viel herrliches zu kauf Und rühmet was er hat durch ausgesuchte Worte. Sein Wunderelixir, das alte Haut verjüngt, Den echten Theriac, die besten Augensalben, Ein Oel, das iede Krankheit zwingt Und Apotheken gnug, zu ganzen und zu halben.     Die Tochter Jupiters nahm Selen in die Cur, Sie sprach: Mein Gegengift wehrt allen Vorurtheilen, Mein Weisheitbalsam ist die Stärkung der Natur; Er kann den schlimmsten Schaden heilen, Des Aberglaubens Krebs, der viele Lehrer plagt, Die Ueppigkeit, (die Zehrung ganzer Reiche) Den Wurm des Widerspruchs, der Haupt und Zunge nagt, Den Neid. (der kleinen Geister Seuche.)     Die Mittel, die ich zubereite, Vertreiben ungesäumt der Schwätzer Lügensucht Und die Vergessenheit, (des rohen Undanks Frucht) Die Taubheit und den Kropf (die Krankheit grosser Leute) Des Geizes Höllendurst, der Einfalt Eigensinn, Die tilg' ich wundersam; so wahr ich ehrlich bin! Auch nehm' ich die Bezahlung nur Nach glücklich angeschlagner Cur.     Apollo machte fleissig Kunden, Die arme Pallas hatte Ruh. Nur ihm warf man das Schnupftuch zu, Er rieth den Kranken und Gesunden.     Wo wird die Weisheit Kranke finden? Ein ieder hält sich schon für klug, Bescheiden, liebreich, fromm genug. Der Hochmuth hilft ihm bald zu Gründen. Apollo, ein Hirte.             Mein Herz gleicht den zufriednen Herzen, Die Lieb' und freier Muth belebt, Die gern in sichrer Ruhe scherzen, Wann rauschend Glück den Stolz erhebt. Die Ehre gönn' ich grössern Leuten Und wünsche mir auf dieser Welt Nur den Genuß der Zärtlichkeiten, Die Neid und Argwohn nicht vergällt.     Was liebenswürdig ist zu lieben, Hat uns die parende Natur Mit unserm Blut ins Herz geschrieben, Und das entfällt dem Alter nur. Erfinder weiser Schwermuthsgründe! Wenn man bey eurem Klügeln lacht, So rechnets der Natur zur Sünde, Daß sie die Lust so reizend macht.     Verdruß und Tadel zu verhüten, Will ich mich unbemerkt erfreun; Nicht viel gehorchen noch gebieten, Kein Sclav' und auch kein König seyn; Nicht bloß mit Schein und Farben prangen, Die nur der Pöbel trefflich heisst; Kurtz: wenig fürchten und verlangen, Dieß ganz allein rührt meinen Geist.     Als einsten Phoebus von dem Himmel Gezwungen seinen Abschied nahm Und aus der Oberwelt Getümmel Zu seinem Freund' Admetus kam; Da wählt' er sich ein freies Leben, Den angenehmen Schäferstand, Den Sicherheit und Fried' umgeben, Der Neid und Herrschsucht nie gekannt.     Hier konnt' er, zwischen Wald und Flüssen, Der Ruhe Herz und Lieder weihn. Er konnte dichten, lachen, küssen: Bedarf man mehr, vergnügt zu seyn? Der Gott vergaß, bey muntren Chören, Wann ihm ein holder Mund gefiel, Die stolze Harmonie der Sphaeren, Doch nicht sein sanftes Saitenspiel.     Die besten Lämmer auf den Feldern, Die süßste Milch, den schönsten Strauß Die erste Frucht aus nahen Wäldern Las man für diesen Fremdling aus. Man fodert' ihn zu allen Reihen; Kein Tanz schien artiger geziert, Als den er nach den Feldschallmeien Mit einer Hirtinn aufgeführt.     Oft ward im Busch, bey ihren Schafen, Ein müdes Kind von ihm entdeckt, Und, wann sie lächelnd eingeschlafen, Von ihm bewacht, von ihm geweckt. Oft wollten, um ihn zu gewinnen, Ihm andre froh entgegen gehn, Dann schalkhaft seiner Hand entrinnen, Dann wieder ihm zur Seite stehn.     Er hörte manche Hirtinn sagen: Dem Phoebus sey zu viel geschehn, Und Göttern etwas abzuschlagen Sey auch an keiner Daphne schön: Aus Eigensinn zum Baume werden, Wann treue Sehnsucht uns erschleicht; Das sey die schlimmste Wahl auf Erden, Der keine sonst an Thorheit gleicht.     Dem Phoebus gab ein neu Ergetzen Was man zu ihm vom Phoebus sprach, Das er mit schmeichelhaften Sätzen Von Scherz und Regung unterbrach. Man merkte sich die Götterlehre: Ein ieder liebte, ward geliebt, Und fand, daß nichts die Lust vermehre, Die Eintracht, Lenz und Dichtkunst giebt.     So flohen ihn Gefahr und Sorgen Und so entzückte seine Brust Ein frischer Scherz mit iedem Morgen, Mit iedem Abend neue Lust. Er dachte bey den Wasserfällen: Den Nektar, Götter! lass ich euch. Was ist im Himmel diesen Quellen, Was dieser Phyllis Busen gleich?     Der bärtge Zevs ersah die Freude Und des vergnügten Flüchtlings Glück; Und er berief, aus bitterm Neide, Ihn zeitig von der Welt zurück. Dieß lehrt uns, daß die frohe Stille, Die Jugend, Witz und Kuß vereint, Das Herz mit solcher Lust erfülle, Die Götter selbst zu reizen scheint. Die Küsse.         Als sich aus Eigennutz Elisse Dem muntern Coridon ergab, Nahm sie für einen ihrer Küsse Ihm anfangs dreissig Schäfgen ab.     Am andern Tag erschien die Stunde, Daß er den Tausch viel besser traf. Sein Mund gewann von ihrem Munde Schon dreissig Küsse für ein Schaf.     Der dritte Tag war zu beneiden: Da gab die milde Schäferin Um einen neuen Kuß mit Freuden Ihm alle Schafe wieder hin.     Allein am vierten giengs betrübter, Indem sie Herd' und Hund verhieß Für einen Kuß, den ihr Geliebter Umsonst an Doris überließ. Phyllis.                   In einem Thal, wo den verjüngten Häyn Der Frühling schmückt, ein klarer Bach benetzet, Fand Phyllis sich zur muntren Doris ein, Die sich bereits ins Grüne hingesetzt. Ihr fliegend Haar und ihre weisse Brust Reizt' unverdeckt und ließ den Westwind spielen; Den leichten West beschäftigte die Lust, Wann iede sprach, sie gaukelnd abzukühlen. Phyllis.     Ich komme hier, um itzt recht schwesterlich Mein ganzes Herz dir, Freundinn, anzuzeigen. Doris.     Nichts störet uns. Ich unterbreche dich Durch gar kein Wort, bevor du selbst wirst schweigen. Drum zögre nicht, gestehe mirs nur frey. Du wirst ja roth und schlägst die Augen nieder! Mein liebes Kind, wovor denn trägst du Scheu? Sprich was du willst: kein Echo sagt es wieder. Phyllis.     Erräthst du nicht, von wem ich reden will? Erräthst du nicht, daß ich den Thyrsis meyne? Du kennest mich, und schwieg' ich auch itzt still, So weist du doch, ich sey schon längst die Seine. Ich darf es dir, doch dir allein, gestehn, Was für ein Zwang die Phyllis hingerissen, Und wie, nachdem ich ihn zu oft gesehn, Mein Thyrsis mir mit Recht gefallen müssen.     Ich weiß den Tag, und der vergisst sich nie. Ich kam damals zu vollen sechzehn Jahren. Er wünschte Glück und wand mit froher Müh Den schönsten Kranz zu meinen blossen Haaren. Er führte mich zu diesem Wald hinein Und spielt' und sang und lockte Nachtigallen. Wir setzten uns; er ließ von seiner Pein Und meinem Ruhm ein reizend Lied erschallen.     Er hatte sich an meine Brust gelegt Und sprach zu mir von tausend süssen Sachen: Mein weibisch Herz, durch iedes Wort bewegt, Vermochte kaum, den Sieg ihm schwer zu machen; Er bat zu wol um Lindrung seiner Qual, Ein glühend Roth umfärbte seine Wangen: Er küsst' und seufzt', und küsste so viel mal Bis wir zugleich zu seufzen angefangen.     Ich sahe jüngst, und zwar an seiner Hand, Im fetten Klee die sichern Herden weiden; Da fragt' ich ihn: Mein Thyrsis, ist ein Stand, Den Liebende, den ich und du beneiden? Nein, schwur er drauf, mir scheint kein Grosser gleich, Wann ich entzückt in deinen Armen lausche; Und es bezahlt den Kuß kein Königreich, Wann ich mit dir die treuen Mäulgen tausche.     Ist nicht dieß Wort mehr schmeichelhaft, als wahr? Ich zweifle nicht, ich glaube seinen Augen. Man fürchtet oft die schlüpfrige Gefahr; Kann aber Furcht mein Glück zu kränken taugen? Man höret zwar, wie Daphne sich betrübt, Die unverhofft den Damon falsch befunden. Doch hätten die so schön, wie wir, geliebt; Sie würden noch durch gleichen Zug verbunden. Doris.     Die durch Bestand nicht Gegentreu' erhält, Die wird vom Glück zu grausam hintergangen: Der wird zu bald die süsse Lust vergällt, Die ihrem Wunsch zu schmeicheln angefangen. Die gleichet dem, der, zwischen Laub und Gras, Nach Blumen greift und eine Schlang' entdecket, Die zischend schwellt und, ungereizt, voll Haß Den gelben Hals der Hand entgegen strecket. Phyllis.     Ich aber seh' in so gelungner Wahl, Ist Thyrsis hier, die Stunden spielend wallen, Wie diesen Bach, der durch das grüne Thal So lauter schleicht, und ohne brausend Fallen. Denn zwischen Scherz und Selbstzufriedenheit Verfliesst alsdann in heitrer Fluth mein Leben. Doch Thyrsis fehlt; itzt trifft mich alles Leid, Und selbst der Lenz kann mir nicht Freude geben.     Sein Scheiden, ach! war herber Schmerzen voll! Wie kann ich dir, was wir gefühlt, beschreiben: Sein langsames, mein zaghaft Lebe wol, Den letzten Schwur, uns stets getreu zu bleiben. Wie oft erfolgt' ein neuer Abschiedskuß! Wie seufzt' er selbst bey meinem Händeringen! Bald gab er Trost; bald wußt' er vor Verdruß Vor Lieb' und Gram kein Wort hervorzubringen. Doris.     Betrübe nicht, geliebte Schäferinn, Dein zärtlich Herz durch dieses Angedenken, Und lege nur die Last der Sorgen hin; Dir wird ihn bald die Liebe wieder schenken. Ein Ackersmann quält und entstellt sich nicht, So bald die Luft ein feuchter Sündwind schwärzet, Wenn schon von fern ein spielend Sonnenlicht Um Berg und Feld, um Laub und Saaten scherzet. Der Hirten Schaar zog in den stillen Wald Und tränkte schon im Bach die feisten Herden; Doch Phyllis Aug' entdeckte sie zu bald. Sie eilte fort, um nicht behorcht zu werden. Doch Damon wagts, ihr heimlich nachzugehn. Er fleht sie sehr, den Aufbruch aufzuschieben; Allein umsonst; sein Seufzen und sein Flehn Wird durch den Wind schnell in die Luft getrieben. Daphnis.             An einem Hügel voller Linden Saß Amarill, und war bemüht, Aus Blumen einen Kranz zu winden, Und sang ein angenehmes Lied. Sie, die so manches Herz gerühret, Sie, vieler Seufzer einzigs Ziel, Ward hier vom Daphnis aufgespüret, Der ihr vor allen wolgefiel.     Wie manches kam ihm itzt zu statten! Die Lockung stiller Abendzeit, Ein sichrer und verschwiegner Schatten, Der May, ein Freund der Zärtlichkeit, Ihr Mund und Auge reich an Freuden, Ihr ihm schon oft verrathner Sinn; Allein, der Schäfer war bescheiden, Und ging nicht bis zur Schäferinn.     Sie hatte das Geräusch vernommen, Und ihren Hirten bald entdeckt. Sie lacht' und hieß ihn näher kommen, Und sprach: Was hast du dich versteckt? Hältst du aus Schalkheit dich verborgen? Muß ich vor dir von hinnen fliehn? Du schweigest? Ich will nichts besorgen; Dich macht die Liebe nicht zu kühn.     Du lernst die Furcht von deinen Schafen; Doch hast du hier zu ruhen Lust; So darfst du unbekümmert schlafen In meinem Arm, an dieser Brust. Es wird dir Morpheus Träume senden, Die Scherz und Jugend frölich macht. Ich aber will den Kranz vollenden, Denn der war dir schon zugedacht.     Er dankt, gehorcht und legt sich nieder, Ihn streichelt ihre sanfte Hand, Er streckt sich aus und danket wieder: Der Hirtenstab fällt in den Sand. Nachdem er sich an sie gelehnet, Und, sonder Ungemach und Pein, Dreimal geseufzt, dreimal gegehnet, Schläft Daphnis endlich schnarchend ein.     Sie rafft sich auf, um wegzugehen, Nur sagt sie dieses noch zuletzt: Die Zucht, die ich an dir gesehen, Wird billig von mir hochgeschätzt. Man muß der Tugend Lob ertheilen: Wer schläft so schön, so ehrfurchtvoll? Ich muß zu meinen Herden eilen; Sittsamer Schäfer, schlafe wol! Der Blumenkranz.               Dort, wo die Alster sich in engen Ufern krümmt, Und rauschend ihren Lauf durch Busch und Wiesen nimmt, Wo deutsche Treue sich beim deutschen Handschlag findet, Des Landmanns froher Fleiß für sich die Garben bindet, Und alte Freiheit noch den angeerbten Hut Frisch in die Augen drückt und unbefehdet ruht; Da ist ein kühler Ort, dem keine Schönheit fehlet, Den Amor hundertmal der Eifersucht verhehlet, Und dem allein entdeckt, der ihn zum Führer wählet.     Der Zephyr folgt mit Lust den kurzen Wellen nach, Die hier in grüne Tiefen fallen; Die Schäfer nennens einen Bach, Wir Dichter fliessende Crystallen. Ein dick Gesträuch' umschränkt die innre Spur, Wohin oft Wunsch und Sehnsucht leiten, Auf diesen Platz lockt uns die Liebe nur Und ihre Mutter, die Natur.     Hier saß Matild'. Es eilet ihr zur Seiten Ein kleiner Schwarm verbuhlter Frölichkeiten; Der schlaue Scherz, die süsse Schmeicheley, Die Hoffnung selbst und Reinhold kömmt herbey, Der sie so oft besingt, so unverstellt verehret, Und in der Einsamkeit sie blos aus Liebe störet.     Auf seinen Wangen ist zu schaun, An statt der Jugend Milch, ein lebhaft, männlich Braun. Den Augen fehlt kein Geist, noch Ehrfurcht den Geberden. Er hat, was man gebraucht, nie sehr gehasst zu werden.     Dieß ist des Reinholds Bild, der seiner Schönen Hand Voll auserlesner Blumen fand, Woraus sie einen Kranz zu knüpfen angefangen, Den unerkauften Schmuck, mit dem nur Hirten prangen.     Allein, so bald sie hier den muntern Freund erblickt, Will ihr die Arbeit nicht, so wie zuvor, gelingen. Fast ieder Stengel wird durch ihr Versehn zerknickt, Und Reinhold wird versandt, ihr frische herzubringen. Er thut es; doch umsonst, und siehet mit Verdruß Die Blumen, die er reicht, so wie die ersten, brechen. Dieß, spricht er, ist zu viel! Ich will durch öftern Kuß Die Unvorsichtigkeit bey ieder Blume rächen. Sie lächelt und schweigt still, fängt auch von neuem an. Wiewol, wer kan vorher des Schicksals Tücke wissen? Da ihr auch der Versuch noch minder glücken kann, So wird der ganze Kranz, voll Ungeduld, zerrissen; Und Reinhold giebt nunmehr gerechter Strenge Raum. Wem wird im Küssen nicht die Rache süsser schmecken? Er nähert sich, sie seufzt: er straft, sie murret kaum. Hier schliesst sich Busch und Wald, sie hülfreich zu verstecken.     Man glaubt, sie thaten dieß, was einst Aeneas that, Als Dido und der Held in einer Höle waren. Was aber thaten die? Wer das zu fragen hat, Der ist nicht werth, es zu erfahren. Der Stieglitz und der Sperling.         Der Schönen nach der Welt, Die unser Lob erhält Und, voller Dankbarkeit, Uns holde Mäulchen leiht, Die ieder, der recht liebt, Ihr zehnfach wiedergiebt; Der weiht sich insgeheim Ein jugendlicher Reim, Den, ohne Neid und Groll, Kein Alter lesen soll.     Du kennst den stillen Wald, Der Freuden Aufenthalt, Die Einsamkeit und Nacht Nur Kennern schöner macht. Dort, wo ich dir im Thal Die letzten Küsse stahl, Dort ahmet Laub und Bach Den Schmätzgen rauschend nach; Dort lockten Lieb' und May Die Vögel jüngst herbey.     Man sagt, daß in der Schar Ein junges Weibgen war, Ein Vogel deiner Art, Nett, schalkhaft, hüpfend, zart, Der kaum das Nest verließ, Die ersten Federn wies, Dem, der ihn artig fand, Nur spielend widerstand, Und dennoch meisterlich Der Leidenschaft entwich.     Ein Stieglitz, dessen Tracht Die Vögel neidisch macht, Klagt seufzend seine Pein Und hofft erhört zu seyn. Ach! spricht er, lenkte sich Doch deine Huld auf mich! So würde meine Treu Mit iedem Tage neu, Die deiner Artigkeit Mein Herz auf ewig weiht.     Wenn meiner Töne Spiel Dir iemals wolgefiel; Wenn vielen reizend klang Was dein Verehrer sang; So soll der ganze Hayn Hinfort ein Zeuge seyn, Daß mir kein Lied entfällt, Das nicht dein Lob enthält Der nahe Wiederhall Verbreit' es überall.     Ein Sperling ruft ihm zu: Ich singe nicht wie du. Wer aber zweifelt dran, Daß ich gefallen kann? Die mir sich frey ergiebt Wird auch von mir geliebt, Und die geliebet ist, Wird oft von mir geküsst, Und die mein Kuß beehrt, Ist hundert Lieder werth.     Wer glaubet, daß ein Kuß Viel süsses würken muß, Viel seltne Lust verspricht, Mich dünkt, der irret nicht. Das Weibgen sah allein Die grosse Wahrheit ein. Des Sängers Treu' und Kunst Erwirbt nicht ihre Gunst. Ein schneller Seitenblick Verräth des Sperlings Glück.     Sie schwingt sich bald empor, Kömmt ihrem Spatz zuvor, Und fliegt mit frohem Sinn Zur holen Weide hin, Er nimmt sie in sein Nest Und hält ein Liebesfest, Dem keine Freude fehlt, Weil die nur ihn erwählt, Die in der ganzen Schar Die Allerschönste war.     Der Adler herrscht und raubt, Das ist der Macht erlaubt; Der königliche Pfau Trägt seinen Schweif zur Schau; Der muntre Kranich wacht; Der Falk siegt in der Schlacht; Die kleine Nachtigall Scherzt mit dem Wiederhall: Ein Sperling liebt und küsst; Sagt, ob er glücklich ist? Liebe und Gegenliebe.               Vom schweren Dienst der Eitelkeit, Von theuren Freunden voller Neid, Den Henkern unsrer Lebenszeit, Eil' ich den Freuden und der Ruh An deinem vollen Busen zu. Laß itzt mein Herz von dir erlernen, Die Sorgen scherzend zu entfernen. Zum irdschen Himmel wünscht es sich Nur dieß dein Schlafgemach und dich. Der Gott der Liebe schliess' uns ein; Sonst komme niemand! er allein Soll Pförtner, Zeug' und Hüter seyn.     Ich seh den unzufriednen Haufen Nach Höfen und Pallästen laufen, Wo Schmelz und Gold und helle Pracht Gefahr und Knechtschaft schimmernd macht.     Doch will auch ich von deinen Knien Zu solchem Sitz der Ehrsucht fliehen, Und wünsch' ich mir ein höher Glück, Als dieses Lächeln, diesen Blick; So folge Qual und Ungemach Dem Meineid zur Bestrafung nach; Und, daß der Fluch vollkommen sey, Seh' ich mich groß, dich ungetreu!     »So zeigt, mit eingemengten Küssen, »Leander, wie man heftig liebt, »Dem, als bezaubert hingerissen, »Die Schöne dieß zur Antwort giebt:     Was kann mich auf der Welt betrüben, Willst du, mein Schatz, mich ewig lieben? Du, dessen Huld mich stolz gemacht, Mein Wunsch bey Tag' und Traum bey Nacht. O würde, wie ich dir geneigt, Durch mehr, als Weibermuth, bezeugt! Mich schrecket nichts, denn, dir zu gut, Vergiesst Elmira gern ihr Blut, Wenn ihre Grabschrift nur erzehlt, Daß sie den Tod für dich erwählt.     Hofft meine Sehnsucht nicht vergebens, Du Trost und Kleinod meines Lebens; So trennt den Bund der Zärtlichkeit Kein steigend Glück, kein stürzend Leid.     Und sollten Schätze, Reich' und Kronen Den Wechsel tausendfach belohnen; So hiess ich, aus getreuem Sinn, Weit lieber deine Buhlerinn, Als eine grosse Königin. Deum testem inuoco, si me Augustus vniuerso praesidens mundo matrimonii honore dignaretur totumque mihi Orbem confirmaret in perpetuo praesidendum, charius mihi \& dignius videretur Tua dici meretrix , quam Illius Imperatrix . Heloissa in Epist. I. ad Abaelardum , p. 50. (edit. Ricardi Rawlinson, Lond. 1718.)     Wie viel ist mir an dir verliehn! Wird mein Verlangen nicht zu kühn; So müssen sich noch unsre Schatten, Mit wiederholter Eintracht, gatten.     Ihr Götter! scheints euch selbst nicht schön, Zwo Selen so vereint zu sehn?     »Sie seufzt und reicht, zum Unterpfand, »Die weisse, weiche, warme Hand. »Ist dieses Par nicht zu beneiden? »Doch dauren auch der Menschen Freuden? »Nachdem er sich noch was verweilt, »Und ihr den Abschiedskuß ertheilt, »Eilt er von seiner Herrscherin »Den Augenblick zur Hofstatt hin, »Sie aber auch den Augenblick »In ihres Cleons Arm zurück, »Der damals, als Leander kam, »Zum Winkel seine Zuflucht nahm. *     O schönes Beispiel gleicher Triebe! O wahres Muster heutger Liebe! Reue über eine nicht begangene Bosheit.       Ein Weib, die Lais ihrer Zeit, Gerieth in seltne Traurigkeit, Als ihr Verehrer flüchten muste. Mit Recht, sagt' ihre Nachbarinn, Liegt dessen Abseyn dir im Sinn, Der dich so schön zu lieben wuste.     Die theure Nymphe sprach: Ach ja! Sein Abzug geht mir etwas nah; Doch darum kann ich mich nicht fassen, Daß ich ihm, als er Abschied nahm, Da er durch mich um Alles kam, Den schönen Mantel noch gelassen. Doris.         Als Doris, die freundliche Schöne, Den Vorzug der Freiheit verlor, Und man ihr, nach langem Gehöne, Den häßlichsten Ehschatz erkor; Da flohen die gaukelnde Freude, Das Scherzen, der Liebreiz, die Huld; Doch kamen im Hochzeitgeschmeide Die Treue, die Pflicht, die Geduld.     Ihr Mann, den die Eifersucht nagte, Erwies sich so grausam und hart, Daß, was sie nur machte, nur sagte, Ihm gleich zur Beleidigung ward. Es glichen den Tagen die Nächte; Auch dann nahm sein Argwohn nicht ab, Noch wann er die frostige Rechte Zum Anwunsch des Schlafes ihr gab.     Ihr Eifer benetzte die Wangen; Sie klagte dem Himmel ihr Leid: Soll Treue nur Undank empfangen; Was steht denn der Untreu bereit? Auf! rächender Himmel, erwache; Ermüde, mein Elend zu sehn! Du zögerst? So muß denn die Rache Vielleicht durch mich selber geschehn.     Gesetze der Ehre, der Tugend, Euch leb' ich mit Seufzen itzt nach; Doch ist die empfindliche Jugend Nicht dieser Versuchung zu schwach? Es drohet Verzweiflung dem Herzen, Der Kummer verzehret den Leib; Soll Unschuld denn alles verschmerzen, Und bin ich nicht schön und ein Weib?     Was Doris aus Rache vollstrecket, Das hat mir noch niemand erzehlt. Ihr lächelnden Schönen, entdecket: Was hättet ihr selber gewählt? Ihr Mädgen, befraget die Frauen; Zwar sind sie geheim und gescheidt: Doch manche verräth im Vertrauen Die Rache, die Weiber erfreut. Laurette.                 Was kann Verstand und Liebe nicht? Wenn beide sich genau vereinen, So wird, wann uns ein Rath gebricht, Der Anschlag von sich selbst erscheinen. Denn Amor ist noch so verschmitzt, Als wir in den Geschichten lesen, Und, wann der Schalk ein Herz besitzt, So muthig, wie er sonst gewesen.     Boccacio hat ihn gekannt: Er lehret viel von seinen Streichen, Und glaubt, es werde durch Verstand Die Liebe stets den Zweck erreichen. In Welschland war ein junges Weib, Dem weder Reiz noch Regung fehlte; Nichts übertraf den schönen Leib, Als nur der Geist, der ihn besel'te. Der schwarzen Augen schlauer Scherz, Der Anstand lockender Geberden Bezauberten ein iedes Herz Und musten Gismunds Meister werden. Laurette wird von ihm verehrt, (So wollen wir die Schöne nennen;) Allein sie schätzet ihn nicht werth, Ihm ihre Gegengunst zu gönnen.     Sie widersteht der Schmeicheley, Und, was noch mehr, auch den Geschenken. Warum? sie selbst ist nicht mehr frey, Und kann an Guido nur gedenken; An Guido nur, der ihr gefällt, Und jenem schon zuvorgekommen; Drum wird vor Gismund, vor der Welt Ein Ernst voll Keuschheit angenommen, Ein unerheitertes Gesicht, Ein Wolstand, der in Ehrfurcht setzet, Und Tugend, Ehrbarkeit und Pflicht Viel höher, als das Leben, schätzet. Umsonst ist seine Redekunst, Umsonst sein Flehen und Versprechen: Nichts, nichts erwirbt ihm ihre Gunst, Nichts kann den frommen Vorsatz brechen. So züchtig sind zu aller Zeit, So unerbittlich viele Schönen, Die doch den Wahn der Grausamkeit In eines dritten Arm verhöhnen.     Doch Gismund wird auf einmal kühn, Als man ihm heimlich kund gemachet, Wie diese Lippen, die ihn fliehn, Sehr oft den Guido angelachet. Nachdem ihm auch die Cammermagd, Die man, errathet wie? gewonnen, Getreuen Beistand zugesagt, Wird bald ein Mittel ausgesonnen. Er eilt Laurettens Zimmer zu, Die auf des Lieblings Schoosse lauschet, Und itzt mit ihm, in sichrer Ruh, Die allerbesten Küsse tauschet. Sie hört ihn kommen. Sie erschrickt, Und hatte Recht, sich zu erschrecken. Ihr Guido muß, so gut sichs schickt, Sich eiligst hinters Bett verstecken. Sie bebt und glaubt, es sey der Mann; Doch als sie Gismund kaum erkannte, Fing der schon eine Predigt an, Darinn er sie nicht heilig nannte.     Er schwört, den strafbaren Betrug Vor niemand länger zu verschweigen, Sucht sie, ohn' einigen Verzug, Sich nicht geneigter zu erzeigen. Sie klagt: er droht. Sie seufzt: er lacht. Sie fleht um Aufschub; doch vergebens. Er will: sie endlich auch. Dieß macht Die Endschaft alles Widerstrebens. Man sagt sich Lieb' und Eintracht zu, Und giebt und nimmt von beidem Zeichen. Ach Guido! was gedachtest du? Was konnte deinem Unmuth gleichen?     Allein, nun setzt es erst Gefahr: Nun giebts die schlimmsten Augenblicke. Der Mann, der hier nicht nöthig war, Kömmt, eh' man es gedacht, zurücke. Wie wäre, sonder Weiberlist, Dieß iemals glücklich abgegangen? Jedoch, wo die beschäftigt ist, Da sieht man leicht, was anzufangen?     Der Gismund rennt, auf ihr Geheiß, Ganz trotzig, mit entblößtem Degen, Dem Manne, der von gar nichts weiß, Als sucht' er seinen Feind, entgegen. Er knirscht und ruft: Du sollst gewiß, Durch diese Faust noch heut' erkalten. Drauf geht er ohne Hinderniß, Und niemand sucht ihn aufzuhalten.     Lorenzo eilte, ganz entstellt, So gleich ins Zimmer der Laurette, Und fand sein Liebstes auf der Welt, Sein treues Weibgen auf dem Bette. Mein Engel, hättest du gesehn! – Was denn? – Ich kanns vor Angst nicht sagen. Ich zittre noch. – Was ist geschehn? Ach! Kind, was hat sich zugetragen? – Der Gismund – – Rede! – kömmt hieher Mit blossem – – Wie? – mit blossem Schwerte; Und vor ihm lief, ich weiß nicht wer, Der Sicherheit und Schutz begehrte. Ich glaube, daß er auch allhier In einen Winkel sich verkrochen: Denn Gismund fand ihn nicht bey mir, Und trollte sich mit vielem Pochen. –     Das ist mir herzlich lieb, mein Schatz, Erwiderte der Hörnerträger, Es ist mein Haus kein Tummelplatz Für Meuchelmörder oder Schläger. Drauf ruft er durch das ganze Haus: Mein Freund, wo habt ihr euch verborgen? In welchem Winkel? nur heraus! Hier ist nichts weiter zu besorgen.     Mein Guido kömmt und danket ihm, In aller Demuth, für sein Leben, Daß er vor Gismunds Ungestüm Ihm eine Zuflucht hier gegeben. Ihn will, zu grössrer Sicherheit, Der Alte selbst nach Hause bringen, Und ist mit eigner Faust bereit, Ihm, auf den Nothfall, beizuspringen. Es waffnet sich der theure Mann. Laurettens Furcht gewinnt ein Ende. Die Liebesgötter sehn es an, Und klatschen jauchzend in die Hände. Wein und Liebe.                     Nein, Liebe, nein! dir gilt nicht dieses Lied; Es soll mit Bacchus Ruhme prangen, Was mich erweckt und was man hier ersieht Ist wichtiger, als weiss' und rothe Wangen. Ein iedes Glas, das diese Tafel ziert, Verbannt das blinde Kind und macht aus Freunden Brüder, Und wer bey dir oft Herz und Witz verliert, Dem giebt der Wein Verstand und Freiheit wieder.     Was hat vordem die Deutschen groß gemacht, Von deren Muth auch Feinde melden? Sie flohen dich und zechten vor der Schlacht: Und dieß allein, dieß machte sie zu Helden. Das Alter selbst verjünget sich durch Wein, Wann Eintracht, Lust und Durst mit vollen Stutzern winken; Und würden nicht selbst Götter sterblich seyn, Wenn Götter nicht stets ihren Nectar trünken?     Was macht gelehrt? Was nutzet einem Stat? Was suchen alt' und neue Weisen? Was fehlt dem Hof, der so viel edles hat? Was müssen auch die grössten Dichter preisen? Die Wahrheit ists. Man trifft sie selten an; Doch wird sie dir gewiß ein echter Säufer sagen; Und wer sie nicht beim Trunk entdecken kann, Sucht sie umsonst den Schönen abzufragen.     Die Schönheit ist der Falschheit stolzer Sitz, Und jedes Jahr schwächt ihre Stärke. Doch thut der Wein, durch eingeflössten Witz, Im Alter erst die grössten Wunderwerke. Wie oftmals täuscht das Schmeicheln die Vernunft? Wie sklavisch wird ein Mund, der lächelnd trügt, verehret? Doch dieser Wahn verschont die freie Zunft, Die stets ihr Glas in einem Zuge leeret. So wollt' ich einst, bey jubelvoller Lust, Des Weines Lob der Welt erzehlen. Doch rührte bald ein andrer Trieb die Brust, Doch musten bald die besten Worte fehlen. Nein, Bacchus, nein! dir galt nicht mehr mein Lied; Die junge Phyllis kam gegangen; Und man erblickt, wo so viel Liebreiz blüht, Nichts wichtiges, als ihre schöne Wangen. Axiochus und Alcibiades.         Axiochus, ein Schalk von schmeichelhaften Sitten, Und Alcibiades, der Stutzer von Athen, Zween Freunde gleicher Art, bey Mädgen wol gelitten, Schlau, feurig, jung, galant, beredt und wunderschön, Verstärkten da die Treu, wo manche sie verscherzen; Was beiden reizend schien hieß beiden auch gemein. Fand einer keine Lust, den eignen Schatz zu herzen, So stellte sich dafür des andere Mädgen ein. Wie artig iede war, dient wenig zur Geschichte: Gnug, daß die eine drauf ein Töchtergen gebar, Die in den Windeln schon liebreizend von Gesichte, Und Helenen vielleicht an Zügen ähnlich war. Flugs sieht man beiderseits zur kleinen Doris eilen, Ein ieder nennet sie sein wahres Ebenbild, Und will das Vaterrecht nicht mit dem Freunde theilen, Das Recht, das sie zugleich mit Lust und Neid erfüllt. Jedoch, als Doris nur, der Mutter nachzuahmen Und Küsse zu verstehe, sich alt genug befand, Entsagten beiderseits dem ernsten Vaternamen, Und suchten Gegengunst, die Pflicht und Furcht nicht band. Der eine sprach: Du bist der Vater zu dem Kinde; Dieß ist dein Aug' und Mund. Was kann dir gleicher seyn? Halt! rief der andre drauf, auf mich, auf mich die Sünde! Herr Schwager, glaube mir, sie stammt von dir allein. Lysias autem orator de illius narrans delitiis inquit: Cum vna in Hellespontum Axiochus \& Alcibiades nauigassent, in Abydo duo existentes vxores duxerunt Medontiadem, Abydenam, \& Xynocepem. Postea cum filia illis esset nata, quam non posse se discernere dicebant vtrius esset, vbi viro matura fuit, cum hac etiam dormierunt; quam si haberet vtereturque Alcibiades, Axiochi filiam esse dicebat; si Axiochus, Alcibiadis. Athenaevs , Dipnosoph. L. XII. C. 16. (Basil. 1556.) p. 847 Myron und Lais.         Der graue Myron hielt um eine Nacht voll Küsse Bey der geliebten Lais an; Doch weil sein Seufzen nichts gewann, Errieth er, daß sein Haar den Abscheu würken müsse.     Er schwärzet sein bereiftes Haupt: Ein neuer Myron, nach den Haaren, Nicht nach der Stirne, noch den Jahren, Sucht was er schon gesucht; doch wird ihm nichts erlaubt.     Wie schwer sind Weiber zu betrügen! So sehr er Lieb' und List vereint, So gleich, so ungleich auch er jenem Myron scheint, Merkt Lais zweifelnd doch das Alter an den Zügen. Allein, im Zweifel selbst sich schalkhaft zu vergnügen, Spricht sie. Mein junger Herr! es bleibt bey dem Entschluß, Dergleichen Bitten zu versagen. Ich habe was ich ihm anitzt verwegern muß Schon seinem Vater abgeschlagen. Dec. Magni Avsonii Viri Consularis Epigramma de Myrone \& Laide . Canus rogabat Laidis noctem Myron,   Tulit repulsam protinus Causamque sensit, \& caput fuligine   Fucauit atra candidum. Idemque vultu, crine noc idem Myron   Orabat oratum prius. Sed illa formam cum capillo comparans,   Similemque, non ipsum rata Fortasse \& ipsum, sed volens ludo frui   Sic est adorta callidum: Inepte, quid me quod recusaui rogas?   Patri negaui iam tuo. Das Bekenntniß.                 Ein feuriger Galan, der schlechten Dank erwarb Und nicht viel rühmlicher, als Pherecydes, Morborum vero tam infinita est multitudo, vt Pherecydes Syrius copia serpentium ex corpore eius erumpente exspirauerit. Plinius Lib. VII. Pherecydes, der Lehrer des Pythagoras, ist der älteste aller bekannten Weltweisen. Seine Todesart ist vielleicht keine andere, als die gewesen, welche, wo nicht viel früher, doch gewiß im Jahre 1598. aufgehöret hat, pöbelhaft zu seyn, seitdem sie einen der grössesten Könige von Spanien hingerissen. Es hat sich ein argwöhnischer Gelehrter gefunden, der von der Krankheit dieses Philosophen sehr unglimpfliche Muthmassungen äussern dürfen. Quelques Ecrivains anciens vantent beaucoup sa bonne foi \& sa modestie; pour ce qui regarde sa chasteté, je trouve dans un illustre Auteur un fait qui m'en fait un peu douter. Car il assure que Phérecyde perdit la vie par un mal qui est la punition ordinaire des Débauchés. Il est assez singulier que le Pére de tous les Philosophes soit mort de la Vérole. Il eut beaucoup mieux valû pour l'honneur de la Philosophie que ç'eut êté pour avoir trop étudié ou pour s'être enrhumé à observer trop long-tems les Astres, v. Mémoires Secrets de la Republique des Lettres ou le Théatre de la Verité, Lett. V. p. 181. starb, Bekannte was an ihm bereits unheilbar worden Dem Priester Francion vom Carmeliter-Orden, Und sprach: Wie straft mich itzt des Lasters Schändlichkeit! Ach kennt' ich, so wie ihr, doch keine Lüsternheit; So hätt' ich diesen Tod nicht Julien zu danken!     Wie? Julien? o schweigt! versetzt der Mönch dem Kranken. Den Lügen bin ich gram; das ist des Ordens Pflicht. Verläumdet Juliens gesunde Schönheit nicht. Wär' ein so schnödes Gift bey Julchen eingerissen, Der Pater Gardian und ich, wir müstens wissen. Bruder Fritz. An Herrn P. Carpser.                           Versprechen machet Schuld; drum send' ich Dir die Zeilen, Die meine Dichterey zu Deiner Lust entwarf. Dafür entdecke mir: Ob sich ein Kranker heilen Und dem besorgten Arzt die Müh' erleichtern darf?     Freund, dem des Himmels Huld die schwere Kunst zu scherzen, Die Ort und Hörer wählt, die Zeit und Stunde kennt, Und die Gefälligkeit, das Vorrecht edler Herzen, Und wahre Tugenden ohn' eitlen Schein gegönnt; Itzt rühm' ich nicht in Dir Dein hülferböthig Wissen, Die kluge Fertigkeit, die Treue Deiner Hand. Das wird ein andres Blat mit Dank' erheben müssen; Dieß aber macht Dir nur den theuren Fritz bekannt. Fritz war ein guter Mönch, ein Feind der frühen Mette, Den auch der Bischof nicht an Weisheit übertraf. Oft schlief er in dem Chor, oft trank er in dem Bette, Und schlief auf seinen Trunk und trank auf seinen Schlaf. Ihn warf zur Sommerszeit ein hitzig Fieber nieder Und folterte den Mann auf seinem Polstersitz; Sogleich besuchten ihn die feisten Ordensbrüder Und alle trösteten den matten Bruder Fritz. Sein Abt, dem, sonder ihn, auch nicht sein Mundwein schmeckte, Weil keiner so im Trunk Bescheid und Wunder that, Berief den besten Arzt, dem er die Noth entdeckte, Den Segen doppelt gab, und ihn um Hülfe bat. Er sprach: Wählt ein Geschenk aus jenem vollen Kasten, Nur lindert, kann es seyn, des armen Bruders Qual. Ich bete schon für ihn; ich will auch für ihn fasten; Und dieses thät ich doch für keinen Cardinal. Der Doctor streichelt sich und eilt in Fritzens Zelle. Da wird des Kranken Harn mit stummen Ernst besehn; Er fingert um den Puls, erwegt auch alle Fälle, Die theils vorhanden sind, theils zu befürchten stehn. Drauf spricht er: Kraft der Kunst, die ich, als Arzt, besitze, Bemerk' ich hier den Durst, ein Zeichen böser Art; So find' ich, zweitens, auch den höchsten Grad der Hitze, Und die beschleunigt oft der Frommen Himmelfahrt. Um dem Hippocrates getreulich nachzuleben, Muß keine Neuerung die Heilungskunst entweihn. Er heisst uns erst den Durst, und dann das Fieber heben; Und folglich wird der Durst mein erster Vorwurf seyn, Immassen – – Ach, rief Fritz, befreit mich nur vom Fieber. Hilft kein Hippocrates, so hilft der Hipocras . O lasst mir selber itzt die Cur des Durstes über; Hochwürdiger Herr Abt, reicht mir das grosse Glas. Philemon und Baucis.                                   Poeten wissen tausend Sachen, Die in dem groben Theil der Welt Der Wahn und Aberwitz belachen Und Einfalt für unmöglich hält. Wir singen: Boreas muß schweigen; Der Wald erstaunt; es horcht das Meer; Und wenn wir uns recht wild erzeigen, So kömmt der Mond gehorsam her.     Wer untersteht sich, uns zu schimpfen, Als der nicht Midas Strafe weiß? Wer macht aus Schiffen schöne Nymphen, Aus Daphnens Haar ein Lorbeerreis, Aus Byblis Zähren eine Quelle, Aus Jupiter Europens Stier? Wer führt den Orpheus in die Hölle? Wer hat es wol gethan, als wir?     Daß Götter zu den Menschen kommen, (Wie Phrygien längst wahr befand) Beschwuren sonst die alten Frommen, Und ist nur Dichtern recht bekannt. Bey den Egyptern war es eine ausgemachte Sache, daß einige Gottheiten sich, in der Gestalt gewisser heiligen Thiere, den Menschen zeigten, wie aus dem Diodor erhellet (Biblioth. histor. p. m. 12.) Homer, der berühmteste Schüler der egyptischen Priester, gründet viele Erfindungen auf diesen Aberglauben, der zu seiner Zeit allgemein war. Den Griechen kostete es wenig Mühe, ihre Götter, in gewissen Umständen, für sichtbar zu halten. Ihre Theogonie kannte fast keine, die nicht Menschen gewesen wären, welche Furcht oder Liebe vergöttert hatten; daher Cicero dem Homer ohne grossen Grund als einen Fehler vorwirft, daß er seine Götter zu menschlich vorstellt. Von allen Göttern vor der bekannten Theilung zwischen Jupiter, Neptun und Pluto, oder vor den Zeiten des Phalegs und Nimrods, hatten die Griechen wenige Nachrichten, wie der Abt Banier gewiesen hat. s. La Mythologie \& les Fables expliquées par l'Histoire L. II. Ch. IV. p. 207. 212. Es wird in der Odyssee ein Antinous von seinen Mitgästen nicht nur deswegen verabscheuet, daß er, in dem damals noch unerkannten Ulysses, einen dürftigen Fremdling verletzet; sondern auch, weil er, in ihm, vielleicht eine Gottheit beleidiget hatte, welche, in menschlicher Gestalt, die Unterwelt besuchen und das Thun und Lassen der Sterblichen wahrnehmen wollen. S. das XVII. Buch v. 485. und was Pope, in seiner Uebersetzung, über das XVI. Buch v. 170. imgleichen, zum 194. V., über das XX. Cap. des 2. B. Mos. v. 19. und über das VI. Cap. des Buchs der Richter v. 22. wider Dacier anmerket. (Vol. V. p. 71. 73. 74.) Wie zärtlich sie der Welt gewogen, Lehrt aus Philemons güldner Zeit Ovidius, der nie gelogen, Und Swift, der Ruhm der Geistlichkeit. Weil von der Unterwelt zu den gestirnten Höhen Die Boten selten richtig gehen, Fiel zweenen weisen Göttern ein, Als Wanderer, um nicht erkannt zu seyn, Den Erdkreis selber zu besehen. Kurz: es gesellte sich, aus grosser Menschenliebe, Zum Donnergott der Gott der Diebe.     Der schlaue Jupiter entging durch diese Flucht Der alten Juno Eifersucht, Die ihm den Nectar recht vergällte, Und was er nur als Stier und Schwan Und in der Jugend sonst gethan, Ihm täglich unter Augen stellte. Dem Vater folgt Merkur mit kindlich-frohem Muth, Doch ohne Federhut. Jupiter huc, specie mortali, cumque parente Venit Atlantiades positis caducifer alis. Ovid .     Sie hatten bald, was man die Welt genannt, Das narrenvolle Rund bis dahin durchgerannt, Wohin vielleicht nicht ich, noch du, mein Leser, kommen, Bis an Mäanders fernen Strand. Als Licht und Tag nun abgenommen Erblickten sie, zu ihrer linken Hand, Ein hohes Schloß, das Ueppigkeit und Pracht Dem Uebermuth zum Sitz gemacht. Hier wohnt und schwelgt ein trotziger Dynast, Des armen Landes reiche Last, Der Liebling eines Herrn, dem oft-geschätzte Horden In treuer Blösse zinsbar worden. Bey diesem suchten itzt die Götter kurze Rast, Sie stellten sich, nach wahrer Pilger Weise, Vom Mangel aufgezehrt, ermüdet von der Reise, Und flehten sehr um Streu und Speise. Sie flehten, doch umsonst; man wies sie höhnisch ab; Und als Mercur sich gar ins Schloß begab, So fand auch er, ie mehr er bat: Nichts sey vermeßner, stolzer, kühner, Als kleiner Herren kleine Diener, So oft man ihrer nöthig hat.     Sie eilen schnell in manches Reichen Haus, Allein viel schneller noch heraus. Noch etwas wird versucht; sie klopfen an die Hürde, Die in dem Thale liegt, ob die sie bergen würde.     Da lebet, ohne Mißvergnügen, Und durch die Heilungkraft der Zeit Von allen Regungen der Eifersucht befreit, Ein unbeerbt, zugleich veraltend Par, Dem, durch des Schicksals seltnes Fügen, Der langen Ehe Joch nicht unerträglich war.     Der Mann, Philemon, geht, und nöthigt sie herein, Führt beide vor den Herd, heisst beide frölich seyn, Ruft das geliebte Weib, und Baucis kömmt auf Krücken. Sie grüsset ieden Gast mit treuem Händedrücken, Das endlich Jupiter, der wol zu leben wuste, Durch einen Kuß vergelten muste. So ists, durch einen Kuß; iedoch nur auf die Wangen; Nicht mit dem Nachdruck und Verlangen, Womit er oft an Ledens Mund gehangen; Und gleichwol stösst in ihre Brust Der träge Kuß recht jugendliche Lust. Sie stoppelt Scheit und Stroh schon hurtiger zusammen. Inde foco tepidum cinerem dimouit: \& ignes Suscitat hesternos; foliisque \& cortice sicco Nutrit; \& ad flammas anima producit anili. Ein Bündel Reiser wird auf dürren Kien gelegt, Und, als sie Asch' und Kohlen aufgeregt, Facht, bläst und hustet sie den ganzen Stoß zu Flammen. Hierauf wird warme Milch, nebst Feld- und Garten-Früchten, In irdnen Schüsseln aufgetischt, Bey ungleich-grössrer Lust, als wo das Splitterrichten Die theuren Bissen würzt, wo Fluch und Wein sich mischt, Der Schelsucht Auge glüht, der Bosheit Zunge zischt.     Die Fremden besser zu erfreuen, Umsteckt der milde Wirth den Tisch mit dichten Meien, Sucht seinen Witz hervor, der, nach des Landmanns Art, Mit Worten spielt und kein Gelächter spart, Und schwatzt vom Ackerbau, vom Wiesewachs, von Saten; Wie heuer recht nach Wunsch des Nachbars Korn gerathen. Frau Baucis aber lehrt der Wittrung Eigenschaft, Der Seuchen Art, der Kräuter Kraft, Und sagt den neuen Tischgenossen, Wie viele Jahr' in ihrer Eh' verflossen; Wie dieses Dach von Schilf und den geschwärzten Herd Ihr langer Fleiß erbaut und noch kein Fluch beschwert; Was sie besitzen, was noch fehlt, Das alles wird itzt hererzehlt; Auch wie sie neulich erst was herrliches geerbet: Und was? Ein Trinkgeschirr, das noch nicht abgenützt, Woran Silen, der sich auf Keltern stützt, Und mit Satyren zecht, aus Buchenholz geschnitzt: Auf dessen Deckel sey: Philemon, eingekerbet. Sie foderts, und er bringts, voll Most, Zum süssen Schluß der Abendkost.     Das frische Naß wird treulich eingesogen; Doch füllet sich von selbst der Becher wieder an. Die Alte siehts bestürzt, es stutzt der Bidermann, Der weder Freund noch Feind in seinem Trunk betrogen. Nachdem er ihn von neuem ausgebracht, Hat er auf ieden Gast nunmehr gedoppelt Acht, Bis Jupiter sich kenntlich macht.     Er sagt: Wir sprechens nicht als Spötter; Vernehmt die Wahrheit: Wir sind Götter. Herr Wirth, Frau Wirthin, glaubt es nur: Ich bin der Zevs, er ist Mercur. Ihr zweifelt? Können Götter lügen? Wisst: Ich kan donnern, er kan fliegen. You have to Night beneath Your Roof A Pair of Gods: (nay never wonder) This Youth can fly and I can thunder. I'm Iupiter and He Mercurius . Prior in seiner Erzehlung: The Ladle .     Philemon schielt ihn an. Ein Strahl vom innern Licht Erheitert seinen Blick: er glaubt und klügelt nicht. Ein heilger Schauer fährt durch Baucis kalte Glieder. Sie sehn im Gast den Gott, und fallen vor ihm nieder. Ihr Götter! sagt der Greis, wie gütig nehmt ihr an, Was euch die Dürftigkeit wolmeinend reichen kan. Es ist kein Sterblicher an Glück uns gleich zu nennen: O hätten wir nach Wunsch euch itzt bewirthen können! Doch aller Ueberfluß im schönsten Speisesal Ist mangelhaft und schlecht zu einem Göttermahl. Wo solche Gäste selbst die Tafel schmücken wollen, Muß Erde, Meer und Luft die besten Schüsseln zollen.     Es tagt, und Majens Sohn führt das entzückte Par Den hohen Berg hinan, der in der Nähe war. Hier spricht der Donnergott: Der Bosheit Lauf zu hemmen, Soll der Maeander-Fluß die Frevler überschwemmen. Er winkt; der Strom gehorcht. Man sieht das Schloß, das Land, Wo sich kein liebreich Aug' auf fremde Noth gewandt, Von Wind und Fluth bestürmt, mit Schrecken untergehen. Philemons Wohnung bleibt auf einer Insel stehen; Doch nicht als Hürde mehr. Was Schilf, was irden war, Wird Marmor oder Gold; ihr Tischgen zum Altar; Die Kann' ein Opferkelch; die Pfosten werden Seulen; Und, mehr Bequemlichkeit dem Tempel zu ertheilen, Ihr Bett ein Kirchensitz, der noch, nach alter Kraft, Die Hörer gähnen lehrt und oft den Schlaf verschafft. A Bedstead of the antique Mode Compact of Timber many a Load, Such as our Ancestors did use, Was metamorphos'd into Pews; Which still their ancient Nature keep, By lodging Folks dispos'd to Sleep. Swift .     Dieß grosse Wunderwerk erweckt den treuen Beiden Verwirrung, stumme Lust und ehrfurchtreiche Freuden, Erstaunen, Dankbarkeit und neue Zuversicht, Bis unser Phrygier das Schweigen unterbricht: Ach! mögte Jupiter mich Armen würdig finden, In diesem neuen Bau die Opfer anzuzünden, Des Lebens kurzen Rest, als Priester, ihm zu weihn! O sollt' ihm diese Hand den ersten Weihrauch streun! Consilium Superis aperit commune Philemon: Esse Sacerdotes, delubraque vestra tueri Poscimus; \& quoniam concordes egimus annos: Auferat hora duos eadem: nec conitugis vnquam Busta meae videam; neu sim tumulandus ab illa. Ovid .     Der Gott erhöret ihn, und will ihm auch vergönnen, Nebst ihr noch einen Wunsch ohn Anstand thun zu können. Falls, ruft Philemon aus, ein Flehen dir gefällt, Das itzt die Liebe wagt, die uns zuerst gesellt; Wird mir und Baucis einst der Tod zugleich erscheinen, Und keines ie von uns des andern Grab beweinen. Der Wunsch der Zärtlichkeit, der Wünsche Widerspiel, Die oft der Ehstand heckt, erreicht sein edles Ziel. Der Götter Gunst versprichts. Ein Donner lässt sich hören; Der Blitzt zertheilt die Luft; Zevs eilt zur sechsten Spheren.     Hievon verbreitet sich der bald-erschollne Ruhm, Und iedermann besucht das neue Heiligthum; Zum Theil, Philemon selbst um alles zu befragen; Zum Theil, aus frommer Pflicht ihm Gaben anzutragen, Die er, voll vom Beruf, den ihm sein Glück bestimmt, Mit priesterlicher Hand oft abweist, öfter nimmt.     An einem Feiertag, als er im Vorhof gehet, Und Reisenden erzehlt, woher der Bau entstehet, Verwandelt sich sein Haupt; zu Blättern wird das Haar; Den Leib deckt Rind' und Mos; und Baucis wirds gewahr, Und sucht ihm, doch umsonst, die Rechte hinzureichen. Sie wird zum Lindenbaum, sowie ihr Mann zur Eichen. Der wolerfüllte Wunsch ist ihrer Treue Lohn, Und ieder Vater zeigt die Bäume seinem Sohn. Man siehet ihre Zweig' am allerschönsten grünen Und vielen Liebenden mit holdem Schatten dienen. Der Ruf legt ihnen bald die Zauberwürkung bey: Hier reize Laub und Gras zur süssen Buhlerey. Man sagt gar, daß allhier auch spröde Schäferinnen Das Schmeicheln und zuletzt den Schmeichler liebgewinnen; Daß manche, deren Stolz den Hirten widerstand, Zum erstenmal ihr Herz hier voller Mitleid fand; Daß einer Phyllis Kuß den Lycas hier beglücket, Und er sie drauf gelehrt, was noch weit mehr entzücket. Der nächste Lenz verrieth die ihm erzeigte Huld, Der Baum, der arme Baum, nicht Phyllis, trug die Schuld. Die Mutter hätte bald Philemon nebst der Frauen, Wenn Zevs sie nicht beschützt, erbärmlich abgehauen. Paulus Purganti und Agnese.               War nicht der Arzt Purganti zu beklagen? Er hatt' in seinen alten Tagen Ein schwaches Haupt, und einen schwächern Leib, Auch überdieß, zum Zuwachs seiner Plagen, Ein junges Weib.     Sie hieß Agnes' und war ein Bild der Zucht; Es macht' ihr grosser Ruhm, des frommen Wandels Frucht, Das ganze Kirchspiel stolz. Man sprach in langer Zeit Bey ieder Wöchnerinn, bewundernd ohne Neid, Nur von Agnesens Ehrbarkeit. Auf ihrem Bücherschrank stand niemals ein Roman, Doch wol ein Quirsfeld, Kern, Schmuck, Albrecht, Wudrian. Sie war insonderheit der Oper feind gewesen, Und hatte, wie, vor ihr, fast niemand sonst gethan, Den Cubach dreimal durchgelesen. Asmodi selbst verlor das Herz, Die starke Gläubige durch List zu überwinden, Denn sie verfluchte wilden Scherz, Und trotzte gar die Schwachheitsünden. Oft ward von ihr, die Andacht zu entzünden, Ein geistliches Choral auf dem Clavier gespielt Und, wie man mir entdeckt, dem Spiegel zugeschielt, Nur ihr Gesicht aufmerksam zu betrachten, Um ieden Theil davon großmüthig zu verachten.     Allein, sie war ganz heimlich von der Art, Die keusche Reden gern mit Liebeswerken part. Den irdschen Trieb der Lüsternheit Entsündigte des Ehstands Schuldigkeit, Und einer tugendhaften Brust Wird immer iede Pflicht zur Lust.     Agnese, das getreue Weib, Verpflegt des theuren Gatten Leib. Sie weiß ihm von gesunden Speisen Die trefflichsten stets anzupreisen, Was aber schwächet oder zehrt, Wird ihm mit vielem Recht verwehrt. Sie wärmt und würzt des Mannes Wein, Und schneidet ihm die Bissen klein, Legt Mark und Nieren reichlich vor, Drückt seine Hand, zupft ihn ans Ohr, Um durch dergleichen Schmeicheleyen Den alten Paulus zu erfreuen.     Die Dankbarkeit ist eine schwere Last: Zu vieles Zärtlichthun wird endlich auch verhasst. Der Alte fand sein Schätzgen zu geschäftig, Und ihre Liebe viel zu heftig. Er suchte bald in allen diesen Werken Mehr Eigennutz, als Neigung zu bemerken. Den tauben Ottern gleich, wann ihr Beschwerer spricht, Hört' er die süssen Worte nicht. Der Name: Schätzgen, Engel, Leben, Wird ihm zwar oft, doch stets umsonst, gegeben.     Unlängst, als mitten in der Nacht Purganti schnarcht, Agnese wacht, Und, durch ein falsch Gespenst geschrecket, Sich zum Gemahl, so nah als möglich, strecket, Und durch ein Mäulgen ihn erwecket, Giebt diese Dreistigkeit ihm neues Ungemach, Er sinnt den Gegenmitteln nach, Um dem zu weibischen Bezeugen In Zukunft bestens vorzubeugen.     Durch Macht und Widerstand? Ach nein! Was konnt ihm hiezu Muth verleihn? Er krieget, wie der Fabius, Der durch Verzug gewinnen muß.     Was soll man von dem Ritter sagen, Der weder fliehen darf, noch schlagen, Der, wann der Schranken offen steht, Nicht kämpft, auch nicht um Gnade fleht?     Wo die Gewalt unbrauchbar ist, Bedient ein Weiser sich der List. Der Arzt, der seinen Gegner scheut, Kirrt ihn durch falsche Freundlichkeit, Und er erwiedert oft der Frauen Morgenkuß Ganz liebreich, sonder Ueberdruß. Drauf fragt er: Was ist dir geschehn? Du pflegst ja frischer auszusehn. Sie muß ihm ihre Rechte reichen: Hier sind, spricht er, gar schlimme Zeichen: Ein Puls, der viel zu heftig schlägt. Noch mehr! ein Auge voller Glut, Und eine heisse Brust, die sich zu sehr bewegt, Dieß, sonderlich die Brust, die nimmer ruht, Bezeugt ein wallendes, ein angestecktes Blut, Das einen schnellen Tod hervorzubringen pflegt. So urtheilt Musitan. Der Brunnen scheint hier gut, Insonderheit der Spa, der rechte Wunder thut. – Der Spa, mein Kind? – Der Spa. Kurz: Es gedeiht zum Schluß, Daß Agnes ungesäumt den Brunnen brauchen muß.     Doch fehlte sehr des Doctors Wissenschaft: Unkräftig ist allhier der Wasser Wunderkraft. Die in der Heilungskunst gewandt Sind andrer Meinung, als Purgant, Und vom Galen zum Sternenkalb Lehrt ieder Arzt, dieß Mittel hilft nicht halb: Zumal, wann solch ein brennend Gift Des Körpers edle Theile trifft, Und mit dem Kreislauf vom Geblüt Allmählig sich ums Herze zieht.     Agnese trinkt und leert mit Widerwillen Zwölf Flaschen aus, gestärkt durch seine Pillen, Allein umsonst: nichts kann die Krankheit stillen. Es meldet sich der erste Brand, So wie zuvor, in Brust und Hand. Sie ächzt und seufzt ohn' Unterlaß Und sagt, ihr fehlt sie weiß nicht was, Und kömmt zum Ehherrn oft gerannt, Lechzt, klaget, flehet, girrt und sieht ihn sehnend an. Dieß hätte mich gerührt; doch rührt' es nicht den Mann, Der ist kaum ihres Flehns gewärtig, So hält er zum voraus sich mit der Ausflucht fertig.     An statt der thätgen Lieb' und Huld, Spricht er zu ihr nur von Geduld, Von Selbstverleugnung in Beschwerden, Wann Leib und Fleisch geprüfet werden, Und wie, seit Evens Näscherey, Der Weiber Erbtheil Leiden sey; Daß die Entzündung, die sie fühlt, Sich durch kein mürrisch Winseln kühlt; Sie müsse nur der Ruhe pflegen, Die Augen schliessen, sich nicht regen, Und ja die Arme creuzweis' legen.     Doch ende bald, Thalia, den Gesang: Kein Mährgen schickt sich gar zu lang.     Je mehr Purganti spricht und lehrt, Je minder wird sein Weib bekehrt. Ihr Fieber äussert sich bald wieder; Sie schlägt die Augen züchtig nieder Und lispelt: Schatz, ich wollte wol – – – Was willst du? ruft er eifersvoll, Beym Brunnentrinken? Bist du toll? Du willst: du willst; doch ist gewiß Kein Gift dir schädlicher, als dis. Ach! Ach! wann werden doch auf Erden Die Weiber einmal klüger werden? Ich werd' es thun, doch magst du wissen, Du wirst vor morgen sterben müssen. Agnes. Was du mir sagst, mein Herz, ist wahr, Auch ich erkenne die Gefahr. Allein, was ist dieß schnöde Leben, Die kurze Wallfahrt? Mühe, Pein. Muß ich nicht immer fertig seyn, Für dich, mein Kind, es aufzugeben? Den Tod muß nur ein Weltkind scheun; Ich aber will, du sollst es sehn, Ihm lächelnd itzt entgegen gehn. * Purganti stutzt, erwiedert zwar mit Küssen, Jedoch den Mord verbietet sein Gewissen. Er selbst wird kurz darauf ihr durch den Tod entrissen. Seht, wie bey höchster Noth der Himmel Trost ertheilt! Die fromme Wittwe traurt, freit wieder, wird geheilt. Die neue Eva.         Nichts schmeckt so schön, als das gestohlne Brod. Ein Sprichwort sagts, das ich nicht falsch befinde. Man prüfe sich! Liegt etwann im Verbot Die stärkste Kraft, die Würze roher Sünde? Es wird kein Trank gleichgültig angesehn, Wenn uns der Arzt ihn ernstlich untersaget. Und mancher wird was strafbares begehn, Nur weil sein Muth ein groß Verbrechen waget. Zwar nenn' ich nicht der Eva Vorwitz schön; Doch gleiche Lust verleitet ihre Kinder. Wie manche wird die erste Mutter schmähn, Und fehlte doch in gleichem Fall nicht minder.     So sprach ein Mann, als, aus vermeinter Pflicht, Sein junges Weib in strengem Zorn entbrannte Und Evens Fall und blinde Zuversicht, Voll Spötterey, ich weiß nicht wie benannte. Wie sollt' ich doch, so fing sie nochmals an, Aus Lüsternheit, am Apfel mich zu laben, Nicht mich allein, auch einen lieben Mann In solche Noth, wie sie, gestürzet haben? Gewiß, mich deucht, man fängt uns nicht so bald; Wer würde wol itzt einer Schlange trauen? Ach Schade doch! die schlüpfrige Gestalt Erweckt allein den Ekel blöder Frauen. Nein, auf mein Wort! die Aepfel aller Welt Sind ohne Kraft, dein Evgen zu verführen. Was hat die Frucht, das uns so sehr gefällt? Ist sie so süß, und muß man sie probiren?     Süß oder nicht! erwiedert ihr Gemahl, Der Apfelbaum ist nicht ihr Fall gewesen; Nur das Geheiß, das Even anbefahl, Von diesem Baum die Frucht nicht abzulesen. Sollt' ich von dir, nur etwas nicht zu thun, Das gar nicht schön, ja widrig scheint, verlangen; Mein kluges Weib, du würdest weder ruhn, Noch frölich seyn, bis du dich auch vergangen – Wer? ich? mein Herr! – Ja, freilich, eben du. Besinne dich; sonst wag' ich eine Wette. – Gesagt, gethan. – Die Frau setzt hurtig zu, Als ob ihr Geld sich schon verdoppelt hätte.     Beschäme denn die Even unsrer Zeit; Die Probe soll nichts schweres in sich fassen. Was heute dir dein Heinrich hart verbeut, Das hast du stets freiwillig unterlassen. Wem ist nicht hier der Entenpfuhl bekannt, Die dir, wie mir, so sehr verhasste Lache, Wovon du sonst die Augen abgewandt? Ich glaube nicht, daß die dich lüstern mache. Nur diesen Pfuhl verwehrt dir mein Gebot: Gehst du ins Bad, wie sonst, dich abzukühlen, So hüte dich, in seinem Schlamm und Koth, Von morgen an, mit blossem Fuß zu wühlen. Ich sehe schon, das gehst du lächelnd ein; Ich wollte nicht von dir zu viel begehren: Doch soll auch dieß dir bald erlaubet seyn, Denn mein Geheiß soll nur vier Wochen währen. –     Vier Wochen nur? Wie kurz ist diese Zeit! Wer meidet nicht von selbst die garstge Pfütze? Fürwahr! mein Mann ist heute nicht gescheidt, Und weiß noch nicht, daß ich Verstand besitze. Ich nehme mir schon Kleid und Kopfputz aus; Die Wette wird mir mehr als dieses bringen. Mir soll gewiß der nächste Hochzeitschmaus Der Damen Neid, der Männer Lob erzwingen.     So schmeichelt sich das tugendhafte Weib. Sie muß den Sumpf, wie sonst, vorübergehen; Da wird der Sumpf nur seitwerts angesehen: Dient auch ein Sumpf zur Lust, zum Zeitvertreib? Doch bleibt sie bald bey dieser Pfütze stehen. Sie ist damit zum erstenmal vergnügt; Den dritten Tag spazirt sie auf und nieder; Am vierten scheint was dort von Unflat liegt Ihr allbereits viel weniger zuwider. Bald reizet sie so gar das trübe Grün; Sie fängt fast an, die Enten zu beneiden, Und deren Trieb, dem Entrich nachzuziehn, Begeistert sie mit nie gespürten Freuden.     Des Menschen Herz wird stets ein Rätzel seyn; Groß ist sein Muth, noch grösser seine Schwäche. Ich schliesse hier mit Recht die Weiber ein, Zum minsten halb, wenn ich von Menschen spreche.     Begier und Wunsch nimmt stündlich bey ihr zu. Der kleine Zwang wird nur zu früh zur Strafe. Der Vorwitz wächst; er raubt ihr alle Ruh Und stört sie oft des Nachts im ersten Schlafe. Noch geht ein Tag, ein ganzer Tag! vorbey, In stummer Furcht, den Unmuth anzuzeigen, Bis Hannchen forscht. Die Zofe war getreu; Sie sind allein; und wer kann ewig schweigen? Sie hatte sonst ihr alles anvertraut. Itzt, da sie ihr die Wette vorerzehlet, Lacht ungescheut das Mädgen überlaut, Daß ihre Frau nur dieses ihr verhehlet, Und spricht hierauf: Madame zögern nicht Und baden sich am ersten schönen Morgen. Ein solcher Leib, ein herrschendes Gesicht Lässt Häßlichen die Knechtschaft kleiner Sorgen. In Spanien geht dieser Fußzwang an: Doch wenn ich recht, nach meiner Einfalt, schliesse; So denk' ich dieß: Dem Weib' ist hier ein Mann Des Leibes Herr, doch nicht ein Herr der Füsse. Erweisen sie ein echtes Frauenherz! Ein hoher Geist ist selten zu geduldig. Was andre schreckt ist ihm ein blosser Scherz; Sie sind der Welt ein grosses Beispiel schuldig.     Der Morgen kömmt; die Dame geht aufs Feld, Bemerkt den Pfuhl, doch anfangs nur von weiten, Weil Furcht und Geiz den Fuß zurücke hält, Will gleich die Lust ihn hier ins Wasser leiten. Sie kömmt zuletzt an den bemosten Strand, Und hatte nun ihr Hannchen mitgenommen. Die hält sie auf und zeigt ihr mit der Hand Der Enten Zug, die schwimmend näher kommen; Wie diese taucht; wie iene schnatternd ruht; Wie im Morast die gelben Schnäbel spielen; Und dieses macht der Frauen neuen Muth, Von solchem Scherz den seltnen Reiz zu fühlen. Sie sagt: Wolan! den Spas verstatt' ich mir; Ich will dennoch die Wette nicht verlieren. Ich darf den Sumpf, stünd' auch mein Heinrich hier, Zum wenigsten mit einer Zeh berühren. Das will ich thun und zwar den Augenblick: Denn weisst du nicht, heut' ists am sechsten Tage? Doch zeuch mich ja zu rechter Zeit zurück, Dafern ich mich vergeß' und weiter wage. Der Anschlag wird recht sinnreich ausgeführt, Und sie will nichts, als den Pantoffel, netzen, Und dreimal nur. Die Reue, die sie spürt, Heisst sie den Fuß von selbst aufs Trockne setzen.     Ey nun! verflucht! hebt Hannchen an und lacht, Hat ihnen doch kein Priester das befohlen. Was ist es denn, das sie so schüchtern macht? Der Henker mag dergleichen Wetten holen. Sie setzen frey die netten Füßgen drein, Und gönnen nur dem Rechten erst die Ehre; Doch soll es nicht hiemit gemeinet seyn, Als ob nicht auch ihr Linker artig wäre.     Das gute Weib folgt diesem Schlangenrath. Pantoffel, Strumpf und Band wird abgeleget. Der schönste Fuß, der ie die Welt betrat, Der einen Leib, der seiner werth ist, träget, Entblösset sich und rennet durch den Koth, Vertiefet sich und plätschert in der Lache, Und wühlt und forscht, ob Vorwitz und Verbot Den Ekel selbst zur Lust und Freude mache?     Der Mann, der ihr von ferne zugesehn, Den weder sie, noch ihre Zof', entdecket, Wischt itzt hervor und eilt, ihr nachzugehn, Da sein Gemahl noch in dem Pfuhle stecket. Sie springt heraus; er aber hält sie an Und spricht: Mein Schatz, ach schone deiner Füsse. Vergib es mir, wenn ich mich nicht besann, Daß hier der Schlamm nur gar zu reizend fliesse. Erröthe nicht: die Lust vergönn' ich dir; Du darfst hinfort die Wetten nicht mehr scheuen. Nur bitt' ich dich, mein Kind, gelobe mir, Der Even Schuld großmüthig zu verzeihen. Caesarius Heisterbachensis , Ordinis Cisterciensis, in Libris Illustrium Miraculorum \& Historiarum Memorabilium , L. IV. C. 76. Henricus de Vuida miles fuit diues valde, habebat autem vxorem nobilem ac dilectam. Die quadam, dum sermo inter eos haberetur de culpa Euae, coepit illa, vt mos est mulieribus, eidem maledicere \& de inconstantia iudicare animi, eo quod pro modico pomo, gulae suae satisfaciens, tantis poenis ac miseriis omne genus humanum subdidisset. Cui maritus respondit: Noli illam iudicare, tu fortasse in tali tentatione fecisses simile. Ego volo tibi aliquid praecipere, quod minus est, \& propter amorem meum minime poteris custodire illud. Respondente illa: Quod est mandatum? Subiunxit miles: Vt die illa, qua balneata fueris, paludem curiae nostrae nudis pedibus non ingrediaris: aliis diebus, si libet, intres. Erat enim aqua putens, \& fimosa, ex totius curiae sordibus collecta. Illa subridente, \& praecepti transgressionem abhorrescente, subiunxit Henricus: Volo vt poenam addamus: si tu obediens fueris, quadraginta marcas argenti a me recipies; sin autem minus, totidem mihi solues. Et bene placuit ei. Ille vero, ipsa ignorante, secretos custodes paludi adhibuit. Mira res! Ab illa hora Matrona tam honesta \& verecunda nunquam per curiam transire poterat, nisi ad praedictam paludem respiceret, \& quoties balneabatur, toties de eadem palude tentabatur. Die quadam, exiens de balneo, dixit pedissequae suae: Nisi ingressa fuero paludem illam, moriar; statimque succingens se, cum circumspexisset, \& neminem videre putaret, comitante ancilla, aquam illam foetidam vsque ad genua intrauit, \&, huc illucque deambulando, bene concupiscentiae suae satisfecit. Qnod statim nunciatum est marito eius. Ille gaudens, mox vt eam vidit, ait: Quid est, Domina? fuistisne hodie balneata? Respondente illa; Fui; adiecit: in dolio, vel in palude? Ad quod verbum confusa tacuit, sciens eum suum excessum non latere. Tunc ille: Vbi est, Domina mea, constantia vestra, obedientia vestra, iactantia vestra? Eua vilius tentata fuistis, tepidius restitistis, turpius cecidistis. Reddite ergo quod debetis. Et cum non haberet illa quod solueret, omnia vestimenta eius pretiosa tulit, \& per diuersas personas distribuit, sinens, eam per aliquod tempus bene torqueri. Der Ursprung des Grübgens im Kinne.             Man glaube nie was mancher Dichter spricht: Nun ruht mein Kiel; nun schreib' ich ferner nicht. Wie selten weiß ein Dichter aufzuhören! Apollo darf uns auch im Schlafe stören. O combien l'homme est inconstant, divers, Foible, léger, tenant mal sa parole! J'avois juré, même en assez beaux vers, De rénonçer à tout conte frivole. Et quand juré? C'est ce qui me confond. Depuis deux jours j'ai fait cette promesse. Puis fiez-vous à rimeur qui répond D'un seul moment. Dieu ne fit la sagesse Pour les cerveaux qui hantent les neuf soeurs; Trop bien ont-ils quelque art, qui vous peut plaire, Quelque jargon plein d'assez de douceurs, Mais d'être fûrs, ce n'est là leur affaire. La Fontaine . Kein Einfall wird von Barden unterdrückt, So oft sie nur des Phoebus Ruf entzückt, Und, falls sonst nichts den steifen Vorsatz beuget, An Phoebus statt, sich ein Verleger zeiget.     So gehts auch mir. Oft hab' ich selbst gedacht, Der sey beglückt, der keine Verse macht, Der vielen gleicht, die selber niemals dichten, Und dennoch oft gereimte Zeilen richten. Da ward mir schon die Poesie zur Qual, Da schwur auch ich, und zwar zum erstenmal, Mich sollte nichts in dieser Welt verleiten, Die volle Bahn der Dichter zu beschreiten. Der stolze Schwur war viel zu früh gewagt; Des Menschen Herz ist trotzig und verzagt, Und meines wird durch süssen Zwang getrieben, Was ich verwarf bald desto mehr zu lieben. Mich nimmt bereits die Regung wieder ein. Was aber soll mein neuer Vorwurf seyn?     Der holde Gott der Hoffnung und der Freuden, Der, dessen Stand die Götter oft beneiden, Weil man nur ihm des Lebens güldne Zeit, Der Jahre Lenz, die schöne Jugend weiht, Der, dessen Witz die Klügsten unterrichtet, Der lächelnd herrscht, die schwersten Händel schlichtet, Welt und Natur verherrlicht und beglückt, Den zarten Leib mit Pfeil und Bogen schmückt, In Federn prangt und die er abgeleget Dem Hymen schenkt, der ihm die Fackel träget.     Cytherens Sohn, der wahre Menschenfreund, Dem manche schön und keine grausam scheint, Vergnügte nur an seiner Psyche Wangen Den öftern Wunsch, das heftige Verlangen. Ihn labte schon die Frucht der süssen Wahl, Der Wollust Kern, ein rechtes Freudenmahl, So oft ihr Mund, zu dem er seufzend eilte, Kuß, Scherz und Schwur mit seinen Lippen theilte Und ihre Brust nur seiner Götterhand, Nur seinem Blick' entzückend offen stand.     So ward die Lust durch ieden Tag vermehret; So ward sein Witz durch lange Lust bethöret. Wer leugnet noch, daß Schönheit Wunder thut? Der Liebesgott verlor den Wankelmuth, Sein himmlisch Recht; dem lockenden Ergetzen, Dem freien Kuß kein ehlich Ziel zu setzen. Sein weiches Herz, geschwächt durch süssen Wahn, Ward Psychen hold und endlich unterthan. Er hatte nicht, die mich beherrscht, gesehen; Und das allein entschuldigt sein Vergehen.     Um Paphos ist der Venus Aufenthalt. Dort schmückt den Strand ein ihr geweihter Wald, Wo manches Par durch sichre Büsche dringet, Und ieden Kuß der Vögel Chor besinget. Es stehet dort ein Tempel, dessen Pracht Die Gegenwart der Nymphen edler macht, Die sich hieher in starker Zahl begeben, Zur Venus fliehn und nur der Liebe leben.     Man glaubt, daß der den Bau errichten hieß, Dem sie zuerst sich ohne Gürtel wies, Als Zephyrs Hauch, der nie sich schöner fühlte, Zum erstenmal mit ihren Locken spielte, Und was die Welt an Liebreiz in sich hat, Mit ihr zugleich an das Gestade trat.     Dort tön't ihr Lob in buhlerischen Chören; Dort lasset sich die Taube girrend hören; Dort stimmet noch der halberstorbne Schwan, Zu ihrem Ruhm, die letzten Lieder an. Am Tempel selbst grünt bey den Rosenstöcken Ein heilger Kreis von zarten Mirthenhecken. Dort dient man ihr; dort opfern Alt und Jung; Die Spröden auch, doch in der Dämmerung. Die Könige verlassen Königinnen, Und suchen dort geliebte Schäferinnen. Der Schäfer siehts, verlässt die Schäferinn, Und rächt die That an einer Königinn.     Da sollte nun der frohe Gott der Ehen Sein grösstes Werk beglückt vollendet sehen. Was theils verliebt, theils liebenswürdig war, Versammlete sich um das neue Par. Idalia, und, als Begleiterinnen, An ihrer Hand, die zarten Huldgöttinnen. Mit Heben kam die sanfte Schmeicheley, Die Mittlerinn vergnügter Buhlerey, Und Phoebus selbst. Er fand in Psychens Zügen Der Daphne Reiz und Macht, ihn zu besiegen. Er sang und seufzt', er schien gerührt zu seyn; Doch wirkte dieß die Vaterhuld Allein. Es führten dort der Frühling und die Freude Der Floren Zug in buntem Feierkleide. Der gute Zevs erschien bey diesem Mahl, Ob Juno gleich ihm seinen Adler stahl, Aus alter Furcht, er mögt' auf solchen Reisen Wo Venus herrscht, sich wie er pflag erweisen. Der Gott des Weins, der schon beim Eintritt trank, Lallt' einen Wunsch zu iedem Lustgesang. Mercurius kam gaukelnd hergeflogen, Und Iris stieg von dem gefärbten Bogen. Arcadien vermisste seinen Pan; Mit diesem kam der feiste Comus an, Um dessen Haupt die frische Rose blühte, Der tanzend jauchzt' und bald von Nectar glühte. Der braune Mars, in neuer Kriegestracht, Wies Faust und Schwert Vulcan und dem Verdacht. Auch ließ sich itzt, auf nicht zu fernen Höhen, Voll starker Lust, der Gott der Gärten sehen. Der Nymphen Schar, den leichten Zephyrus Beschäftigten der Kuß und Gegenkuß. Nur hatte sich Diana vorgenommen, Zu diesem Zwey erst übers Jahr zu kommen. Sie blieb voritzt, aus Lust zur Jagd, davon; Wer jagte mit? Vielleicht Endymion.     Der Flöten Scherz, die Eintracht reiner Saiten Verkündigen dieß Fest der Zärtlichkeiten. Man öffnet bald des Tempels güldnes Thor. Cytherens Sohn führt seine Braut hervor Und nähert sich den jubelvollen Reihen, Die froh-umkränzt der Liebe Blumen streuen.     Ein leicht Gewand spielt um der Psyche Leib, Versteckt und zeigt der Welt das schönste Weib. Die Freundlichkeit, der Anmuth Wunderblühte, Schmückt ihren Mund, den Sitz der sanften Güte. Die frische Brust nimmt aller Herzen ein, Scheint weiß als Schnee, ist reizender als Wein.     Es sammlet sich mit frölichem Gedränge, Auf Hebens Wink, der fremden Nymphen Menge, Die insgesamt um diesen Vorzug flehn, In Psychens Dienst, in Amors Gunst zu stehn. Er wählt die ihr, vielleicht auch ihm, zu dienen, Die würdigsten, das ist, die jüngsten schienen. Witz, Aug' und Herz treibt ihn von Par zu Par. Bald rührt den Gott ein wallend, lockicht Haar, Ein runder Arm, ein Hals, der fleischicht steiget, Und bald ein Fuß, der mehr verspricht, als zeiget, Bald mancher Mund, der, wann er scherzt, entzückt Und, wann er küsst, durch ieden Kuß beglückt. Bald merkt er sich zwo Wangen, die vor allen Berechtigt sind, durch Lächeln zu gefallen, Und sucht und findt was er stets gerne fand, Manch heitres Aug' und manche schöne Hand.     Der trägen Schar der Augen, die nichts sagen, Wird hier kein Amt von Amor angetragen; Und ieden Mund, der ohne Kraft und Geist Sich kindisch ziert und nur die Zähne weist, Die der Natur, den zarten Huldgöttinnen Ein Scheusal sind, der Freuden Gegnerinnen, Die schwache Brust, die mit dem Alter ringt, Nach Buhlern seufzt und sie zur Keuschheit zwingt, Die Mißgestalt, die eitler Hochmuth leitet, Die Pracht beschimpft und stiller Hohn begleitet; Die alle schickt Cupidens Eigensinn Zum nahen Schwarm der spitzen Nasen hin, Die, wolgepart mit hagern, welken Wangen, Hier müssig stehn und keinen Preis erlangen.     Was gegentheils dem Bräutigam gefällt Sieht sich von ihm den Reihen zugesellt, Die seine Wahl, auf ihren Wunsch, betroffen, Aus Psychens Wink, Befehl und Huld zu hoffen.     Indem er drauf die er sich ausgewählt, Den Würden nach, vertheilet, stellt und zählt, Bezeichnet er die ihm recht artig scheinen, Der Nymphen Kern, die Lust und Witz vereinen; Und ihren Ruhm bewährt ein Liebespfand, Ein neuer Reiz, ein Werk von seiner Hand. Denn iedem Kinn, das seine Wahl beglücket, Wird von ihm selbst das Grübgen eingedrücket, Das, wie man weiß, nur solche Schönen ziert, Durch die noch itzt der schlaue Gott regiert, Durch die sein Recht sich ewig kräftig zeiget, Den Neid beschämt und täglich höher steiget; An welchen man der Anmuth höchsten Wehrt Und Amorn selbst in ihren Grübgen ehrt, Die iederzeit durch dieses Vorzugszeichen Die schönsten sind und dir, o Phyllis, gleichen.