Otto Ernst Gesammelte Werke, 6. Band: Satiren – Fabeln – Epigramme – Aphorismen August Gutbier oder Die sieben Weisen im Franziskanerbräu Im Zirkus, lieber Leser, hast du neben den schönen, starken und mutigen Männern und Frauen, den herrlichen Pferden, Löwen, Tigern und Elefanten immer auch einen Mann gesehen, der fortgesetzt die lebhaftesten Gebärden machte, als wolle er es den kühnen Reitern und Ringern, Fliegern und Springern gleichtun, der aber wohlweislich nie dergleichen tat oder, wenn er es dennoch unternahm, mit großem Nachdruck auf die Nase fiel. Du weißt: das ist der »dumme August,« und hast gewiß weidlich über ihn gelacht. Mir wenigstens ist der dumme August immer ein unbezahlbares Vergnügen gewesen. Wenn du die Augen nur ein wenig auftust, wirst du in der Weltarena, bei den gefährlichen Kämpfen und Spielen, die man das menschliche Leben nennt, neben den schönen Menschen und den gewaltigen Bestien, neben dem herrlichen todesmutigen Michel und seinen Feinden überall auch den dummen August am Werke sehen. »Am Werke« ist er aber eigentlich nicht; er macht immer nur die Gebärde des Wirkenden. Auch Worte macht er fleißig dazu; aber ganz wie der August im Zirkus hütet er sich vor der Tätigkeit und ihren Gefahren. Und wiederum ist er von diesem sehr verschieden. Der Clown des Zirkus stellt sich dumm. Der Clown des Lebens stellt sich klug. Jener ist ein freiwilliger, dieser ist ein unfreiwilliger Spaßmacher. O, Spaß macht er viel; ich wenigstens habe in meinem Leben viel über ihn lachen müssen! Aber er hat auch – und das unterscheidet ihn ferner von dem Zirkuskünstler – eine verflucht ernste Seite, die du, mein lieber Leser, mit deiner Findigkeit schon entdecken wirst. Der feine französische Dichter Alphonse Daudet hat uns in seinem Tartarin von Tarascon solch einen August geschildert; aber er hat ihn fast nur als »kühnen« Jäger, als Löwentöter mit dem Maule dargestellt. Mein Tartarin ist bei weitem vielseitiger; er schießt nicht nur auf Tiere, er schießt auch auf Menschen, auf Kunst und Literatur, auf Staat und Gesellschaft, auf Moral und Religion. Solltest du trotzdem, geschätzter Leser, über meinen August irgend wann und wo einmal lachen, so vergiß nicht, daß ich dich gleich am Eingang dieses Buches auf die Ernsthaftigkeit dieses Mannes hingewiesen habe. Ich hoffe, du wirst dessen gedenken und wirst meine Verteidigung führen, wenn der Verein der sauren Nachteulen gegen mich den zermalmenden Vorwurf erheben sollte, daß meine Erzählung an einzelnen Stellen unterhaltend zu lesen sei. 1. Kapitel. Des Adlers Horst. Wir treten in den Dunstkreis des Herrn August Gutbier. Wir sehen uns zunächst einmal den Wohnsitz, den Lebens- und Wirkungskreis dieses seltenen – nein, selten ist er nicht –, also: dieses außerordentlichen – nein, nein, er ist ja im Gegenteil sehr ordentlich –, sagen wir also: dieses bedeutungsschweren; denn das ist er – Mannes an; wir untersuchen sein »Milieu,« wie August Gutbier selbst sagte, als noch kein Krieg war. Er las nie ein Buch, weil es Geld kostete; auch die Zeitung mußte so billig wie möglich sein; dafür aber las er sie eifrig und gläubig bis auf den letzten Buchstaben und in der Zeitung stand immer »Milieu«. Mit Beginn des Krieges wurde er Sprachreiniger und sagte nicht mehr »Milieu«. Wenn ein Maurerpolier so viel erspart hat, daß er sich selbst ein Haus bauen kann, dann braucht er dazu doch keinen Architekten, nicht wahr? Er hat in seinem Leben so viele Häuser gebaut und weiß nachgerade selbst, daß ein Haus die Vereinigung von 5 oder 7 oder 10 (oder wieviel man nun braucht) zweckmäßigen und viereckigen Räumen ist, nicht wahr? Der Stil, der auf diesem Wege zustande kommt, heißt in der Kunstgeschichte der Maurermeister- oder Polierstil. So sagte sich denn auch August Gutbier, als er die erste Million voll hatte und sich ein eigenes Haus bauen wollte, daß dabei so ein verrückter Architekt mit »künstlerischen« Ideen hervorragend überflüssig sei. Die künstlerischen Ideen merkte man nachher nur auf der Rechnung, obwohl sie dem Architekten keinen Groschen gekostet hatten, und da Herr Gutbier ein ausschweifend sparsamer Mann war und sehr richtig zunächst am Entbehrlichsten sparte, so wies er den Architekten weit von sich; denn was ist schließlich entbehrlicher als die Kunst? Der brave alte Maurermeister Duffke hatte so viele »Villas« gebaut, wie er versicherte, daß ihm die sechs- oder siebenunddreißigste ihrer Art auch keine Schwierigkeiten bereiten konnte; Duffke bekam also den Auftrag und hätte jenen aus den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so wohlbekannten zweitürigen Kleiderschrank aus Zement gebaut – »hätte« sage ich –, wenn nicht Frau Karoline Gutbier, geborene Bohlen, »der Grazie züchtigen Schleier« über das Ganze geworfen hätte. Sie war sehr züchtig; aber darüber später. Frau Gutbier ist es zu danken, daß die Villa Karoline einen kleinen, der Kosten wegen gedrungenen Burgturm mit einer Zinne und Schießscharten trägt. Solch ein Turm hat etwas Romantisches, und Frau Gutbier wollte, wenn Besuch kam, auf der Zinne stehen und mit dem Taschentuch winken, »Droben winken schöne Frauen« – nicht wahr? Wenn sie so hoch stand, sah man die Warze an ihrer Nase nicht. Auf Frau Gutbier ist es zurückzuführen, daß die beiden Vorderecken der Villa vielfach gewulstete Zinktürme trugen, die etwas vermaledeit Renaissanceartiges an sich hatten und durch eiserne Stangen gegen den Wind gestützt wurden. Dem Einfluß der Frau Gutbier – sie hatte großen Einfluß – ist es zuzuschreiben, daß, wenn auch nicht die Fenster, so doch die Türen ziemlich gotisch geraten sind und die Haustür in zwei bunten Glasfenstern zwei weibliche Gestalten im »Jugendstil« aufweist. Warum dieser Stil »Jugendstil« heißt, hat bekanntlich niemals festgestellt werden können; mit der Münchener Zeitschrift hat er jedenfalls nichts zu tun. Er besteht, wie jedermann weiß, darin, daß die Haare und Gewänder der dargestellten Weiber am unteren Ende ohne ersichtlichen Grund verrückt werden und sich in leibschmerzlichen Windungen ergehen. Wenn August Gutbier am Stammtisch von den verschiedenen Schönheiten seines Tuskulums reden hörte oder selbst die Rede darauf brachte, dann konnte er niemals – namentlich bei fortgeschrittener Sitzung – umhin, mit feuchten Augen über den künstlerisch veredelnden Einfluß der Frauen im allgemeinen und seiner Frau im ganz besonderen zu reden. Wenn einer etwa den Burgturm oder die jugendlichen Glasfenster rühmte, dann sagte August glücklich lächelnd: »Ja, das is nu meine Frau – darin is sie ja großartig! Sie muß immer allens mit so 'n poetischen Schimmer umkleiden, verstehn Sie? Darin sind ja nu überhaupt die Frauen einzig. Wir Männer sind ja immer mehr für das Praktische, nicht wahr? Aber die Frauen – das hat ja auch schon unser Schiller so schön gesagt – wie heißt es man noch – »sie flechten und weben duftige Rosen ins menschliche Leben« oder so – ich weiß es nich mehr so genau. Und darum sag ich immer: die Frauen! Wenn wir die nich hätten!« Bevor wir hineintreten in dies Juwel der Baukunst, wollen wir, da wir noch draußen sind, den Garten in Augenschein nehmen. Zwar gibt er, was den Pflanzenbestand anlangt, zu keiner Aufregung Anlaß; er enthält den üblichen länglichrunden Grasplatz mit einem Dutzend Rosenstöcken in der Mitte und ringsherum an den Kanten einige Rhododendren, Mahonien und Kirschlorbeeren; was die Bewunderung aller Geschmackvollen erregt, ist etwas ganz anderes. August Gutbier hatte längst mit voller Klarheit erkannt, daß der Boden seiner Heimat zu Fels- und Grottenbildungen schlechterdings nicht die geringste Neigung zeige und daß also diesem Mangel auf künstlichem Wege abgeholfen werden müsse. So hatte er denn in dem rechten Winkel zwischen Hauswand und Gartengitter eine ganz famose dreieckige Grotte angelegt, die unten ein mit Zink ausgelegtes Becken enthielt, das freilich während des größten Teils des Jahres trocken lag. Die Krönung der Grotte bildete eine Büste Kaiser Wilhelms des Ersten aus Gips gefertigt und mit funkelnder Goldbronze bemalt. Auf diese Weise konnte man schon auf hundert Schritt erkennen, daß Gutbier Patriot war. Was aber dem Garten zur allerhöchsten Zierde gereichte, das waren sieben künstliche Zwerge und ein künstliches Schneewittchen, die die zwölf Rosenstöcke umstanden, ein sozusagen blendendes Schlaglicht in die Gemütstiefe der Bewohner warfen und alle Vorübergehenden zum Verweilen und zu den verschiedenartigsten Ausrufen veranlaßten. Alle diese Schätze waren durch Stacheldraht und durch das christliche Plakat Bissige Hunde! vor dem Gestohlenwerden geschützt. 2. Kapitel Karolinens Sachen Nun wollen wir endlich nähertreten, ins Haus hinein, nicht aber, ohne vorher die Stiefel ausgezogen zu haben und, wie vor Prunksälen in Königsschlössern, in ein Paar bereitstehende Filzpampuschen geschlüpft zu sein. Die gute Frau Karoline ließ das ganze Jahr keinen Sonnenstrahl herein, weil davon die Möbel und die Teppiche bleichen; sie hielt alle Fenster fest verschlossen, weil mit der Luft immer Staub hereindringt (daß mit dem Staub auch Luft hereindringt, darauf war sie nie verfallen); sie duldete nirgends Tabakrauch als im Arbeitszimmer ihres Mannes; sie ging selbst nur auf Strumpfsocken in die besten Zimmer ihres Hauses – da wollen auch wir der vortrefflichen und züchtigen Hausfrau keinen Erdgeruch ins Haus tragen. Ihr Gatte fand es ja eigentlich etwas kleinbürgerlich, daß sie den Salon nur auf Strümpfen betrat; er hätte das Leben gern in einem ›größeren Stil,‹ wie er es nannte, gelebt, weil er sich jederzeit eine neue und zehnmal kostbarere Einrichtung anschaffen konnte; aber darin ließ seine Lebensgefährtin – wie übrigens in den meisten anderen Dingen – nicht mit sich reden. Sie hatte ›die Sachen,‹ diese wundervollen Sachen mit den ausschweifend gedrehten und besinnungslos geschwungenen Beinen, Arm- und Rückenlehnen, mit den hochgewölbten, granitnen Plüschpolstern in die Ehe gebracht; sie sorgte dafür, daß sie an mindestens 350 Tagen des Jahres mit Schutzüberzügen versehen waren; sie erhielt ihnen jahraus jahrein den atemraubenden Naphthalingeruch; sie wischte eigenhändig den Staub von ›Don Juans erster Liebe‹ und von ›Don Juans letzter Liebe,‹ den aufreizend farbenprächtigen Öldruckgemälden in schweren Goldrahmen; sie wollte also nicht, daß ihr diese ›Sachen‹ durch ein entgöttertes Geschlecht ›veraast‹ würden. Das erste Substantiv, das ihre Kinder lernten, hieß »die Sachen«; kein Wort hatte sie in ihrem Leben so oft gesprochen wie »die Sachen«; als sie den Typhus und dabei zum ersten und einzigen Male in ihrem Leben Phantasien hatte, da phantasierte sie von »den Sachen«; als sie – zum Glück unberechtigter Weise – ihr Ende nahe glaubte, empfahl sie ihren Angehörigen »die Sachen,« und als einmal ihr Söhnchen mit einem toten, erdbeschmutzten Sperling ins Wohnzimmer gestürmt war – natürlich auch noch mit Sand an den Stiefeln –, da hielt sie ihm eine Rede, aus der er seine hoffnungslose sittliche Verkommenheit erkennen mußte und die ihm sicherlich für immer das moralische Rückgrat gebrochen hätte, wenn er nicht zum Glück die Wirbelsäule seines Vaters geerbt gehabt hätte. Wir wollen denn auch die Gefühle der Hausgebieterin nicht verletzen und wollen trotz unserer Filzpantoffeln lieber gar nicht ihr Reich betreten; ein allerflüchtigster Blick durch die Türspalten mag genügen, um vor allen Dingen festzustellen, daß im Wohnzimmer ein Grammophon steht, mit einem Schalltrichter so groß wie die Posaune des jüngsten Gerichtes. Die Auswürfe dieses Apparats, die vorwiegend bei offenen Fenstern produziert werden, sind denn auch seit Jahren im ganzen Regierungsbezirk beliebt. Wir schauen durch die halbgeöffnete Tür in den Salon und prallen zurück vor einem überlebensgroßen Porträt des Herrn Gutbier, das ihn darstellt, wie er seine Rechte auf einen ungeheuren Globus stützt. Diese Haltung eines James Cook oder Christoph Kolumbus hatte er dem Maler vorgeschrieben, weil sein Handelsgeschäft nahezu den ganzen Erdball umspanne. In der Tat umspannte die Rechte des Herrn Gutbier nahezu den ganzen Globus. Wir blicken ebenso ins Speisezimmer und lesen über der Anrichte den von zarter Frauenhand in riesigen Lettern gestickten, wuchtig und nachdrücklich eingerahmten Spruch: Deutsch bis ins Mark! Wen also die Kaiserbüste im Garten noch nicht überzeugt hatte, der mußte jetzt merken, daß Gutbier sein Vaterland liebe. Nur ins Herrenzimmer wollen wir einen Augenblick eintreten, weil uns hier ein Kognak winkt, den wir in der sorgfältig eingeschlossenen Luft dieses Hauses brauchen können. Die erste Forderung der Innenkunst, daß ein Wohnraum den Charakter seines Besitzers widerspiegeln müsse, ist hier erfüllt. Seit fünfundzwanzig Jahren hat August Gutbier alle Zigarren-Leibbinden gesammelt, deren er habhaft werden konnte, und mit ihnen hat er sein ganzes »Arbeitszimmer« tapeziert. Dem Eindruck dieser Wände kann sich kein fühlender Mensch entziehen. Mit gleicher Tatkraft hat August aber auch Champagnerpfropfen und Rotweinkapseln gesammelt, hat sie vom Tapezier zu üppigen Girlanden binden und unter der elektrischen Krone und an den Wanden aufhängen lassen, wie man in anderen Tempeln Lorbeergewinde aufhängt. Im übrigen läßt auch dieser Raum überall die »waltende Hand« Karolinens und eine geregelte Ordnung erkennen, als wenn August nie darin gearbeitet hätte, obwohl der Raum zugleich Büchersaal ist. Auf einem hängenden Wandbrettchen stehen Schillers Werke (sämtlich!), Goethes Werke in Auswahl (»Ja, das lesen ja die Kinder in der Schule«, bemerkt August entschuldigend), ferner ein Kochbuch und endlich sämtliche Romane von Nataly von Eschstruth, ein Weihnachtsgeschenk für die Töchter. Ein Buchhändler hatte August einmal ein Paket Bücher zur Ansicht geschickt. Dem hatte er aber heimgeleuchtet! Und ein Freund hatte ihm einmal Frenssens »Jörn Uhl« zur Anschaffung empfohlen. »Was kost't denn das?« hatte er gefragt. »Fünf Mark,« war die Antwort gewesen. »Ich bin doch nicht verrückt,« hatte August erwidert. 3. Kapitel. Die Keuschheit im Quadrat oder Karoline und Goethe Außer einem Kognak – Frau Gutbier nimmt die Flasche gleich wieder an sich – erhalten wir nichts zu unserer Erquickung; denn Karoline – oder, wie wir von jetzt ab, da wir allmählich ein innigeres Verhältnis zu ihr gewinnen, mit ihrem Gatten sagen wollen: Line – Line ist eine glänzende Hausfrau. Sie kocht ein Stück Rindfleisch so lange, bis es aussieht wie zerklüftetes Kalkgestein und gibt es dann erst den Dienstboten zum Mittagessen. Sie stellt die Kognakflasche in den Schrank und dreht den Schlüssel zweimal um; wenn es ginge, würde sie dreimal umdrehen. Sie hält überhaupt alles unter Verschluß, schlechtweg alles; denn sie traut keiner Seele. Sogar ihre Kleider hält sie immer bis hoch an den Hals geschlossen, obwohl dort platterdings nichts zu verschließen ist. Allerdings, da die Dienstboten nicht gern hungern, so bestehlen sie sie mit großem Geschick und geringer Pietät. Auch sonst hat die arme Line von den Dienstboten viel zu leiden. Keine wollte sich auf die Dauer mit trockener Fleischfaser und Kartoffeln zufriedengeben, keine. Doch: eine ! Die tat zwei Jahre lang treu und willig ihre Arbeit, auch die gröbste und schmutzigste, und murrte nie über das Essen und war mit fünfzig Talern im Jahr zufrieden. Da muß sich plötzlich herausstellen, daß sie in gesegneten Umständen ist, wenn dieser Ausdruck bei einer ledigen Person erlaubt sein sollte. Nein, so etwas! Das mußte Line passieren, in Lines Hause, dem züchtigsten von ganz Deutschland! »Alles fühlt der Liebe Freuden,« singt Monostatos in der Zauberflöte; da hat er eben Line Gutbier nicht gekannt. Line Gutbier geborene Bohlen hatte zeit ihres Lebens von den Wonnen der Liebe so viel gewußt wie ein toter, ausgeweideter Kabeljau, der drei Wochen lang in Wind und Sonne gehangen hat. Als sie bei der Werbung des Herrn August Gutbier vernommen hatte, daß er jetzt schon gut und sicher seine 15 000 Mark im Jahre habe, da hatte sie sich gesagt: »Das langt,« und das war ihr Liebesfrühling. Freilich: einen dunklen Punkt gab es auch in ihrer Familie: eine Kusine von ihr mit acht Kindern – das war ja schon unschicklich – hatte diesen Reigen mit einer sehr merkwürdigen Frühgeburt begonnen. Aber mit der verkehrte Line, wenn sie ihr begegnen mußte, auch nur aus der Giraffenperspektive. Und Line Gutbier, diesem Parallelogramm aus Lukretia und Virginia, mußte das zustoßen! In ihrem Hause mußte sie eine Person beherbergen, die seit sieben Monaten – Raus! Auch nicht eine Viertelstunde länger sollte dieses Frauensmensch die vestalische Luft dieses Hauses verpesten! »Packen Sie schleunigst Ihre Sachen! Was? Was?? Auch noch Lohn wollen Sie?« Na, so'ne Frechheit! Das war der Gipfel! Und die hatte sich zwei Jahre lang als die Bescheidene, Wohlgesittete aufgespielt, die nicht »Piep« sagen konnte! Jetzt verlangte das schamlose Weibsstück – Rrrraus!!!! Und dabei hatte Line doch erst vorgestern im Stadttheater den »Faust« gesehen und hatte doch das Stück »ganz nett« gefunden. Nein, nein, teurer Leser, ich mache keine Witze: Line Gutbier war im Stadttheater abonniert. August ging fast gar nicht mehr ins Theater. »Ja, früher,« pflegte er am Stammtisch zu sagen, »als ich 'n junger Kerl war, da war ich auch abonniert, da spielt' ich sogar selbst Theater, jaaa? Da hatten wir 'n Theaterklub – ach, da haben wir die größten Sachen gespielt: »Don Carlos« und »Pechschulze« und was nicht alles! Und sehr gut ! Aber später – dscha, meine Herren, wenn der Ernst des Lebens an einen herantritt, denn geht der Idealismus so nach und nach in die Binsen. Ich laß mir jetz immer von meiner Frau abends im Bett erzählen, was sie gesehen hat; dabei schläft man denn so sachte ein.« Also Line war jeden Dienstag abonniert. Das Dienstagspublikum hieß bei den Schauspielern »die stille Gemeinde«, weil es nur applaudierte, wenn auf der Bühne eine Hose platzte oder jemand in eine Kirschtorte fiel. Nach dem »Faust« oder der »Minna« oder dem »Fidelio« oder der »Entführung aus dem Serail« standen sie von ihren Plätzen so still auf, wie sie gekommen waren, als hätten sie soeben 'n Meter Band gekauft und nicht die geringste Ursache, »Schönen Dank« zu sagen. Bei wem sollten sie sich denn bedanken? Bei den Schauspielern? Die kriegten doch bezahlt. Bei Mozart? Der war doch schon tot. Wenigstens soviel sie gehört hatten. Line Gutbier ist jene berühmte Frau, die eines Abends, als nach den Worten Clärchens: »So laß mich sterben! Die Welt hat keine Freuden auf diese!« der Vorhang sich zu senken begann, sogleich ein durch Goethe unterbrochenes Zwischenaktsgespräch wieder aufnahm, indem sie ihrer Nachbarin zurief: »Ich koch' sie immer mit etwas Essig; das nimmt ihnen den unangenehmen Geruch!« und damit die Zustimmung aller umsitzenden Hausfrauen fand. Also Line hatte erst vorgestern das arme Gretchen und seine Qual, hatte »der Menschheit ganzen Jammer« mit angesehen; aber sie zog keine Verbindungslinie zwischen Goethe und ihrem Hause; Dichter und Künstler waren ja ganz gut gegen Langeweile, wie der Kammerjäger gegen Mäuse und Kakerlaken; aber wenn sie ihr Opernglas und ihre Pfefferminzpastillen wieder in ihren Pompadour gesteckt hatte, dann war der Spaß mit Faust und Gretchen eben vorbei, und das Leben fing wieder an, und das war weiß der Deubel kein Spaß. Da hieß es aufpassen, ob die Mädchen die Ascheimer herausgesetzt hatten! 4. Kapitel Der königliche Kaufmann Frau Line hatte also, wie wir gesehen haben, in der Liebe gehörig getrocknete, gestärkte und gebügelte, reell nach grüner Seife und Chlorkalk riechende Grundsätze. Sie hatte schon lange verschiedene Personen im Ort »auf dem Kieker,« wie sie sagte, das heißt im Verdacht, daß sie den kirchlichen oder standesamtlichen Segen für unnötige Umstände erachteten. Sie sollte nur mal dahinterkommen, sie sollte nur mal hinreichende Beweise in die Hand bekommen, dann wollte sie schon dafür sorgen, daß dieses »Ärgernis« an die Gemeindeklingel und seine Urheber an den Schandpfahl kämen! »Bloß Material gegen sie« mußte sie erst haben! Sie schwärmte fürs Reinmachen, und wie sie in ihrem Hause wöchentlich ein fanatisches Scheuerfest veranstaltete, so wollte sie die ganze Stadt, den ganzen Kreis, den ganzen Regierungsbezirk, die ganze Provinz, ja, wenn die Seife reichte, das ganze deutsche Vaterland reinmachen. Und darin war ihr Mann nun ganz ihrer Meinung! Dieser Mann! Es wird Zeit, daß wir uns mit ihm, dem eigentlichen Helden dieser Erzählung, näher bekannt machen. Wir wollen suchen, daß unser Auge ihn gerade in dem Augenblicke erwischt, da er aus der Tür tritt, um zu seinem Stammtische zu gehen; denn dieser Augenblick ist sein gehobenster. Dann umzittert seine staubgraue Gestalt – August trägt auf Lines Wunsch nur staubgraue Anzüge, weil sie am wenigsten schmutzen und, wenn sie schmutzen, den Schmutz am wenigsten sehen lassen – eine feiertägliche Gloriole, die ihn noch höher, breiter und wuchtiger erscheinen läßt, als er ohnedies ist. August Gutbier ist Mitglied eines Skat-, eines Kegel-, eines Jagd-, eines Athleten- und eines Taubenklubs, Ehrenmitglied eines Pfeifenklubs und Schatzmeister des Bürgervereins Fuhlenbeck-Süderteil. Als solcher hat er bahnbrechend gewirkt, indem er durchsetzte, daß die Straßenbahn an seinen Grundstücken vorbeigeht. Am meisten ans Herz gewachsen aber ist ihm der »Verein Nächstenliebe«, so heißt nämlich sein Stammtisch; warum der so heißt, das werden wir mit vielen anderen wichtigen Dingen noch erfahren. Suchen wir zunächst ein Bild von diesem vielseitigen Manne zu gewinnen! Den Kopf bedeckt jener runde und steife Hut, den alle ordentlichen Menschen tragen. Nur wenn August bei Begräbnissen oder an der Börse einen Mitmenschen hinein senkt, trägt er einen Zylinder. Die Hände sind mit äußerst rotbraunen Handschuhen bekleidet. Ich lege Wert darauf, festzustellen, daß August Gutbier es für »entschieden unfein« hält, ohne Handschuhe auszugehen. Seine ohne allen Zweifel hinreichend großen Füße stecken in Lackstiefeln und Gamaschen; einen Mann mit Zugstiefeletten würde August nicht für satisfaktionsfähig halten, wenn August selbst es wäre. Ich lege überhaupt Wert auf die Feststellung, daß August zu der jetzt so weit verbreiteten Klasse der vornehmen Menschen gehört. »Vornehm« – das war sein oberstes Gesetz. Man wird schon sehen. Er trägt einen mächtigen Spazierstock mit schwerer goldener Krücke und ist immer von einer zähnefletschenden Bulldogge begleitet, die auf einsamen nächtlichen Wegen seinen Mut ganz wesentlich erhöht. Wenn diese Beschreibung seines Anzuges für ein anschauliches Charakterbild nicht genügt, so folge hier noch sein genaues und ausführliches Signalement: Haare: ) Stirn: ) Augbrauen: ) Augen: ) Nase: ) gewöhnlich. Mund: ) Kinn: ) Bart: ) Besondere Kennzeichen: keine. Nun meint der Leser natürlich, daß ich vergessen hätte, den dicken Bauch zu erwähnen. Fehlgeschossen, lieber Freund, mein guter August hat durchaus keinen Bauch. Er ist gut genährt, jawohl; dafür sorgt zwar nicht Line, aber er selbst; von Bauch kann aber gar keine Rede sein, und der geneigte Leser geht gründlich in die Irre, wenn er meinem Helden die fette Gemütsart zuschreibt. Fette Leute sind meistens gutmütig, manchmal bis zur Schwäche; August aber kann sich lasterhaft beherrschen. Denn er ist Kaufmann, Kaufmann bis ins Innerste der Nieren, der Milz, der Gedärme, der Zirbeldrüse, wenn in dieser vielleicht seine Seele zu suchen sein sollte. »Ich bin 'n guter Kerl,« pflegte er zu sagen, und wir müssen es glauben, weil er es oft wiederholte; »ich bin 'n guter Kerl; aber in Geschäften versteh' ich keinen Spaß! Geschäff is Geschäff, da kenn' ich keine Gnade. Wenn ich 'n Kontrakt mache, meine Herren, denn heißt es: Alle Vorteile für mich un alle Verpflichtungen für den andern; da gibt's keene Würschtl. Ich bin gewiß 'n guter Kerl; aber in Geldangelegenheiten hört die Gemütlichkeit auf. Dscha, is nich wahr? Jeder is sich doch selbst der Nächste, nich wahr?« Sie stimmten alle bei; denn in solcher Freiheit offenbarte er sein Herz nur vor Leuten, mit denen er keine Handelsbeziehungen unterhielt. Und gegen die Weltanschauung, daß jeder sich selbst der Nächste sei, hatte ja auch keiner etwas Vernünftiges einzuwenden. Auf dem Firmenschild unseres Helden stand zu lesen: August Gutbier Im- und Export, und August handelte mit allem, was nach Deutschland hinein- und was aus Deutschland hinauswollte. Er verhandelte Antilopendünger aus Afrika und Pralinees nach Afrika; denn sie hatten das gemeinsame Merkmal eines ansehnlichen Gewinn-Koeffizienten. Er würde entschieden geleugnet haben, daß es Dinge gebe, mit denen man nicht handeln könne; er würde gegen ein vorteilhaftes Angebot auf der Stelle seine Hosenträger verkauft und auf dem Nachhausewege seine Hosen und den Gewinn darin mit den Händen festgehalten haben; ja er würde auch die Hose verkauft und den Heimweg in einer Droschke zurückgelegt haben, wenn der Profit aus der Hose den Fuhrlohn in erfreulichem Maße überstiegen hätte. 5. Kapitel August zeigt sich als Kavalier Wir haben diesen königlichen Kaufmann verlassen, als er aus der Tür seines Hauses, seines Gartens (mit der Kaiser- Wilhelm-Grotte und der Schneewittchengruppe!) trat, und sehen ihn jetzt eine Straßenbahn besteigen. Da Hunde in der Straßenbahn nicht zugelassen werden, so muß Pluto hinter dem Wagen herlaufen. Die Fahrt ist recht lang und geht zeitweise sehr schnell, und Pluto muß laufen, daß ihm die Zunge heraushängt und die Augen hervortreten. Das beachtet August nicht. August zieht eine scharfe Grenzlinie zwischen sich und den Hunden. Er würde auch seinen Hausknecht oder seinen Kontorlehrling so hinter dem Wagen herlaufen lassen; denn er zieht eine ebenfalls scharfe Grenze zwischen sich und seinem »Personal«. Er fühlt aristokratisch. Für eine freundliche Verwischung der Grenzlinien ist er mehr nach oben hin. Auf irgendeine Weise ist er einmal mit einer gräflichen Familie zusammengekommen. »Ach, das sind reizende Leute,« pflegt er zu sagen, wenn er darauf zu sprechen kommt, »reizende Leute! So vornehm! Un dabei so einfach! So bescheiden!« Und er gibt ein rührendes Bild von der Vertraulichkeit seines Verkehrs mit diesen Leuten. »Mein lieber Graf,« sagte ich – »dscha, mein lieber Graf, das is nicht so einfach!« sagte ich. Ja, so sagte er. Gewiß möchte der Leser gern erfahren, wie August zu grüßen pflegt. Ich will versuchen, die Skala in ihren Hauptstufen wiederzugeben. Wenn die Brotfrau ihn grüßt, sieht und hört er nichts; sie kriegt ja ihr Geld. Wenn ein Handwerksmeister grüßt, sieht er ihn dreißig Tertien lang teilnahmlos an und hebt die Hand bis zum dritten Westenknopf. Wenn ein Schulmeister grüßt, tickt er an den Hutrand. Wenn die Frau eines Schulmeisters kommt, faßt er den Rand des Hutes an, als wenn er ihn abnehmen wollte; er besinnt sich aber eines Besseren. Vor seinem Hausarzt hebt er den Hut drei Zentimeter hoch. Vor einem Amtsrichter hebt er ihn so weit, daß die Höhlung nach hinten schaut, vor dem Polizeipräsidenten so weit, daß sie nach oben sieht; man kann niemals wissen, ob man nicht mal mit den Leuten zu tun kriegt; wenn aber der Oberbürgermeister kommt, dann tritt er auf zehn Schritt Entfernung auf die Seite, verbeugt sich und senkt den Hut bis zur Kniekehle, so daß die Höhlung nach vorn guckt. Bei einem General begibt er sich seines Anspruchs auf den Bürgersteig und tritt in den Rinnstein. Später hat August dann noch anders grüßen gelernt. Der Wagen der Straßenbahn ist voll besetzt, da steigt noch eine alte Dame ein. Aber August steht nicht auf, um ihr seinen Platz anzubieten, nein, das tut er nicht. Dann steigt noch eine Dame ein, eine junge, aber wenig ansehnliche. August bleibt natürlich sitzen; er denkt ja gar nicht daran, aufzustehen. Endlich kommt eine hübsche Dame, verblüffend fein angezogen und mit einem Blick, als wenn sie für Männerdienste sehr erkenntlich sein könnte. August steht mit heftiger Behendigkeit auf, macht eine einladende und ausgiebige Handbewegung, faßt sogar an die Hutkrempe und sagt »Bitte!?« Die Dame dankt mit den Augen wie für ein ganzes, lebenslängliches Liebesglück, und August blickt vornehm und triumphierend um sich. Immer Gentleman! Und dann blickt er die Dame frei und offen an wie eine Anschlagsäule, deren gesamte Beklebung er zu lesen beabsichtigt. Sie hält es aus. Endlich hält der Wagen bei seinem Stammlokal, dem »Franziskaner«. August schwankt einen Augenblick, ob er die Dame aus den Augen verlieren oder zu spät zum Stammtisch kommen soll. Aber sein Pflichtgefühl siegt; Gutbier steigt aus. Er steigt aus mit dem erhebenden Gefühl, daß er seiner Frau schon wieder mal treu gewesen ist. 6. Kapitel Das geschändete Heiligtum Wie aber das Schicksal so oft die edelsten Handlungen mit schnödestem Undank lohnt, so erntete Gutbier für seine Pünktlichkeit an diesem Tage eine tief empörende Kränkung. Von den Mitgliedern des Stammtisches war noch keines zugegen; dafür aber saß an diesem Tische – man kann es eigentlich gar nicht begreifen – ein Fremder! Ein ganz beliebiger Fremder! Hatte sich ganz frech an den heiligen runden Tisch gesetzt und trank da sein Bier! In einer Gemütsruhe, als gehöre er dorthin! Das war ungefähr so, als wenn ein Zuchthäusler ins Herrenhaus ginge und dort auf der Ministerbank Platz nähme, oder als wenn der Handelsmann Moische Fischgeruch in der Peterskirche zu Rom die Messe zelebrierte. Und ohne jede Befangenheit, ohne jedes Bewußtsein seines Frevels! August Gutbier blieb mit einem Arm im Überzieher stecken, als er das sah. » Was heißt das ?« fragte er den behilflichen Kellner mit tödlicher Betonung. »Ja – ich – ich weiß nicht,« stotterte dieser erbleichend; »das muß der neue Kellner getan haben; der weiß noch nicht –« »Rufen Sie Herrn Merseburg!« versetzte Herr Gutbier steinern. Er blieb im Überzieher stehen und starrte abwechselnd auf das sakrale Rund des Stammtisches und auf den Fremden, der in aller Gemächlichkeit seine Zigarre rauchte und ganz ersichtlich nichts von dem frommen Schauder empfand, mit dem seinerzeit der Sänger aus Rhegium in Poseidons Fichtenhain eintrat. Gutbier hätte verlangen können, daß der Fußboden sich auftue und den Heiligtumsschänder verschlinge; indessen er verlangte es nicht, und so unterblieb es. Herr Merseburg, der Wirt, stürzte bestürzten Sinnes herbei und sah das Schreckliche. » Was heißt das ?« fragte Herr Gutbier abermals. Nur dies; kein Wort mehr; aber jedes Wort war ein Bajonett. »Ach, das hat gewiß der neue Kellner gemacht,« stammelte Herr Merseburg. »Entschuldigen Sie bitte tausendmal; vielleicht nehmen Sie einen Augenblick hier Platz; der Herr hat ja gleich ausgetrunken ...« » Ich den-ke gar-nicht da-ran, « versetzte Gutbier, und diese Worte müssen gesperrt gedruckt werden, weil er sie ganz gesperrt aussprach. » Ich den - ke gar - nicht daran ,« sagte er noch gesperrter und fügte hinzu: »Ich kann mein Bier ja auch anderswo trinken.« Er war 'n guter Kerl; aber er war ein Mann. »Um Gottes willen!« rief Herr Merseburg; »nur einen Augenblick, ich bringe die Sache schon in Ordnung! Unter dreizehn Verbeugungen machte Herr Merseburg dem Fremden begreiflich, daß er sich an einen reservierten Tisch gesetzt habe. »,Oh, ooh!« rief der, »das tut mir aber leid! Ich bitte um tausend Pfund Speck! Gern, gern!« Und er nahm ohne weiteres sein Bier und setzte sich an einen anderen Tisch. »Bitte um tausend Pfund Speck!« hatte er gesagt. Auch noch frivole Redensarten! August blickte ihm nach wie der Kaiser Nero einem verreckenden Christensklaven, der aus der Arena geschleift wird. Und er setzte sich nicht eher an den Tisch, als bis der eilfertige Kellner alle Spuren des Fremdlings bis auf das letzte Stäubchen getilgt hatte, und setzte sich auch dann nur zögernd und ließ sein Hinterteil als wuchtigen Protest auf das Ledersofa fallen. Er war ein reservierter Herr. »Das müssen Sie wirklich entschuldigen,« flüsterte tiefgebeugt Herr Merseburg; »so 'n neuer Kellner –« »Ja, was stell'n Sie denn so 'n Schafskopf daher!« knurrte Gutbier wie ein abziehendes Gewitter. »Warum is Paul denn nich da?« »Paul hat heute seinen freien Tag.« »Ppph – freien Tag!« machte August. »Wann hab' ich mal 'n freien Tag? Ich muß alle Tage arbeiten!« »Dscha,« hauchte Merseburg mit verbindlichem Achselzucken. »Na, kann ja mal vorkommen, nicht wahr? Was darf es denn heute sein? 'n schönes Schnitzel?« August nahm die Speisekarte und holte ein Monokel aus der Westentasche. Er hatte eigentlich vollkommen ausreichende Sehschärfe auf beiden Augen; aber ein Monokel erhöht immer das gesellschaftliche Niveau. Nicht um die Welt hätte Gutbier einen Kellner angesehen, während er mit ihm sprach. Es vergrößert ganz außerordentlich den Abstand, wenn man, während man mit dem Kellner verhandelt, durchs Fenster sieht und andauernd einen Hund auf der Straße beobachtet. August bestellte also sein Essen und sein Bier und griff nach seinem Leibblatt, den »Anzeigen«.   7. Kapitel. Die eine Hälfte des Vereins Nächstenliebe. Nachdem August einen Artikel, in dem die streikenden Weber, obwohl sie wirklich aus Not streikten, als vaterlandslose Schurken genügend gebrandmarkt wurden, als Appetitschnaps mit Beifall genossen hatte, erschien sein Eisbein und sein schweres Stammseidel, auf dem ein sechs Zoll hoher Bismarck als zinnerner Reichsschmied prangte, und zugleich mit diesen Dingen erschien Herr Alois Gselchwampner, der seit fünfundzwanzig Jahren in dieser norddeutschen Stadt ein Regenschirm- und Spazierstockgeschäft betrieb und seinen bayrischen Dialekt nicht nur nicht abgelegt, sondern oppositionell verschärft hatte. Auf gelegentlichen Vorhalt mußte er zugeben, daß sich auch im Königreich Preußen in weit versprengten Exemplaren einzelne so gute Menschen fänden wie er; aber wenn er es dann logischerweise nicht aufrecht erhalten konnte, daß jeder Preuße ein Saupreuße sei, so drehte er sich heftig in den Schultern und rief: »I konn und konn holt den Dialekt nit leiden! Wonn so a Preiß sogt: ›Gäben Sie mir ein Löwenbräu‹ - ja Himmelherrgottsakra, da mecht man do glei dreinschlag'n! Sö san ma zu großschnauzi, dö Herrn Preißen! - Paul, a gonze Maß hob i b'stellt und net a halbe. Sö g'scherter Hammel Sö g'scherter! - Zu großschnauzi san 's ma halt, dö Preißen!« Und darin hatte er ja nun recht: da der bayrische Dialekt die einzig berechtigte Weltsprache ist, so soll ein anständiger Mensch in eine Berlitz-Schule gehen und von einem Bayern Bayrisch lernen, bevor er Löwenbräu trinken will. Auch die Reichswährung war von Alois Gselchwampner noch nicht anerkannt worden. Die Mark war ihm eine preußische Einrichtung, und so sagte er noch standhaft »Gulden« statt Mark, am Biertisch wenigstens, nicht im Geschäft. Dann kam Herr Friedrich Wilhelm Strippecke, der »Uabährliner« aus Klein-Pinne, ein Versicherungsagent, den man »Direktor« nannte, und allerdings ein mildernder Umstand für Gselchwampner. Er vertrat die Weltanschauung, daß die blauäugige Kartoffel, wenn sie in Berlin serviert wird, der beste von allen Erdäpfeln, ja von allen Äpfeln überhaupt sei, die Gravensteiner eingeschlossen. Alle andern Kartoffeln nannte er denn auch Provinzkartoffeln. »Jeistiges Leben?« pflegte er zu sagen, »jeistiges Leben? Wo jibt's denn sowat bei uns? Doch nur in Berlin! Theater? In der Provinz kann man doch nich ins Theater jehn! Theater jibt's doch nur bei Reinhardt! Haben Se hier 'n Mollwitz? Haben Se den überhaupt mal jesehn? Der faßt den Prinzen Heinz als perversen Sekundaner auf! Kolossal! Na sowat jibts hier doch nich! Haben Se hier 'ne Eichhoff? Die Eichhoff als Penthesilea - det is det Fabelhafteste an Sadismus, wat Se sick denken können, meine Herren! Se sollten mal sehn, wat die aus der Rolle macht! Det hat der jute Ewald von Kleist sick nich träumen lassen!« Hierauf erschien in einem Rock mit äußerst effektvollen Seidenaufschlägen, mit sehr blankem Zylinder, goldbeknopftem Ebenholzstock, höchst wertvoll funkelnder Busennadel und knitterschwarzem, senkrecht nach oben gewichstem Schnurrbart der sehr begüterte Besitzer eines stark nach Ammoniak duftenden Vorstadttheaters, genannt »Théâtre Elysée«, er selbst aber ist mit »Herr Geheimrat Direktor Raimond Merswinsky« anzureden. Nämlich darum: Als er noch Direktor des Stadttheaters in Slivovitz war, hatte er dem Fürsten von Klammberg-Krachhausen wiederholt mit Theaterdekorationen und Requisiten ausgeholfen, und dafür war er zum Kommissionsrat ernannt worden. Dann hatte er dem Fürsten mit einer sehr hübschen Schauspielerin ausgeholfen, und da beide hiervon weiter kein Aufhebens machen wollten, so wurde Merswinsky zum Geheimen Kommissionsrat erhoben. Da aber das ein etwas langer Titel ist, so sah es Merswinsky nicht ungern, wenn man ihn kurzerhand in »Geheimrat« zusammenzog. Und ein Bändchen trug er auch im Knopfloch. Solange er nicht da war, konnte Herr Strippecke wohl von dem Glanze Berlins und von der Dunkelheit der Provinz reden; jetzt wäre das nicht ungerügt hingegangen. »Mein verehrter Herr Direktor,« würde der Geheimrat mit hinabgedrücktem Kehlkopf gesagt haben; denn er drückte beim Sprechen immer den Kehlkopf hinunter, weil ihn das in der Meinung bestärkte, ein »sonores Organ« zu haben, »mein verehrter Herr Direktor, wir wollen doch auch nicht ungerecht sein. Glauben Sie mir, es wird überall mit Wasser gekocht, auch in Berlin, sogar in Wien, am Burgtheater. Ich war doch selbst am Burgtheater engagiert - es ist freilich etwas lange her« - er hätte hinzufügen können: es hat auch nicht lange gedauert -, »aber Sie können mir glauben, es wird überall gute und schlechte Komödie gemacht. Diese Medaille hier hat mir Seine Durchlaucht der Fürst von Klammberg-Krachhausen eigenhändig angeheftet für meinen ›Königsleutnant‹; Friedrich Haase hatte diese Medaille nicht. Ich darf daher wohl ein bescheidenes Wort mitreden.« O ja, er war immer bescheiden, immer höflich und maßvoll, der Herr Geheimrat; denn erstens war er der Kavalier des Tisches, die oberste Autorität in allen Fragen des Taktes und der feinen Sitte, und zweitens ist ein Theaterdirektor gegen Menschen, die einmal Publikum sein könnten, immer höflich.   8. Kapitel. Die andere Hälfte des Vereins Nächstenliebe. Nach diesem betrat Herr Melchior Bopserle, ein wohlabgerundeter und in sich abgeschlossener Rentner, das Lokal und nahm zur Linken des Herrn Gutbier auf dem Sofa Platz. Herr Bopserle hatte nicht den Hochmut des Herrn Strippecke, nicht die Protzigkeit des Herrn Gutbier, nicht die großspurige Wampenhaftigkeit des Herrn Gselchwampner, nicht die gewichtige Überlegenheit des Herrn Merswinsky; er hatte nur das Selbstgefühl des Schwaben, indem dieses genügte. Die Schulen in Schwaben sind gut, und so wußte Herr Bopserle, daß das Land Württemberg nicht nur den Schiller und den Uhland geboren, nein, daß es auch den Schubart und den Mörike und den Kerner und den Hauff und den Schwab und den Hölderlin und den Hegel und den Kepler und den David Strauß und noch unzählige andere große Köpfe hervorgebracht hat, und daß er mithin ein Recht habe, ebenfalls großkopfig aufzutreten. Sogar ihre »Wacht am Rhein« hatten die Deutschen von einem Schwaben. »Nu, ond der Zeppelin, was ischt er? A Schwab ischt er!« Das war ja ohne Zweifel richtig, und ebenso richtig war es, wenn Bopserle seine Äußerungen mit der captatio einleitete: »Ah was, i bin a Schwab«; aber er vergaß immer den Unterschied zwischen Zeppelin und sich. Er hatte auch vergessen, daß er dem Werk des Grafen anfangs gar nicht wohlwollend gegenübergestanden hatte. »Da hent se neilich wieder g'sammelt,« hatte er gesagt, »für des Luftschiff von dem verrückte Grafe da, am Bodesee! Wann des G'lump a mal an End' hat, möcht' i wisse. Zum G'spött macht ons der Ma' für de ganz Welt; a Schand ischt des für's ganze Ländle!« Aber im Jahre 1906 hatte er den Grafen dann anerkannt. Schiller hatte er schon früher anerkannt; er hatte sogar etwas von ihm gelesen. Und wenn man nun zu Schiller und Zeppelin noch Uhland, Kepler und all die anderen hinzurechnete, dann hatte Bopserle für die Menschheit wahrhaftig genug getan. Zu der körperlichen Fülle des Herrn Bopserle trug wesentlich das Freiheitsbewußtsein bei, das seine Brust schwellte, ja sozusagen bauschte. Er wußte sehr wohl, daß die Schwaben die einzigen Freien auf der Welt sind, die sich partout nichts gefallen lassen, außer von der Kirche, und daß alle übrigen Menschen an Händen und Füßen in Eisen geschlossen sind und einen Ring durch die Nase tragen wie die Tanzbären; sie merken's nur nicht, die armen Hascherl. Hierauf tauchte ein Mann aus dem Königreich Sachsen auf, der Anton Bemmefett hieß und von Beruf »Musigalchenhändler« und immer freundlich war. Und hier muß nun wirklich gesagt werden, daß Herr Bemmefett sich wohltuend von all den anderen Herren unterschied, die gelegentlich immer wieder betonten, daß der Volksstamm, dem sie angehörten, die vollkommenste Fleischwerdung des Deutschtums darstelle. Nie sollte man von Anton Bemmefett ein Wort hören, daß die Sachsen in der Welt voranmarschierten; nie würde er behauptet haben, daß sie an Großzügigkeit, Edelmut und Intelligenz den anderen deutschen Stämmen überlegen seien, weil er das für ganz selbstverständlich hielt. Wie der Bauch dieses Mannes, so hatte sein ganzes Wesen und seine ganze Erscheinung etwas tief Insichzurückgezogenes, so daß wir mit größter Wahrscheinlichkeit in ihm den Urheber jenes monumentalen Wortes: »Entschuld'chen Se bloß , daß 'ch geboren bin,« zu vermuten haben. Und doch war dieser bescheidene Mann ein großer Philanthrop; denn er und kein anderer hatte den Stammtisch in einen » Verein Nächstenliebe « umgeschaffen. Während die anderen bei diesen Zusammenkünften doch eigentlich nur an ihr eigenes Behagen dachten, hatte er die edle Pflicht empfunden, im Wohlsein wohlzutun. Wer an den Stammtisch herantrat, dem mußte alsbald, gleichsam als Symbol der Nächstenliebe, eine mitten auf dem Tisch stehende gewaltige Guillotine auffallen. Unter ihrem Fallbeil mußten alle Zigarren, die am Tische geraucht wurden, ihre Köpfe lassen, und wenn das auffangende Gefäß der Abschnitzel voll war, so wurden sie zum Besten der Stadtarmen verkauft. Auf dem Sockel stand darum in großen himmelblauen Buchstaben zu lesen: Verein Nächstenliebe. Bemmefett hatte die Tafelrunde zu dieser Höhe des Menschentums erhoben; er hatte zu dieser Tat das Wertvollste beigesteuert: die Idee; er hatte die Tatkraft besessen, die Guillotine anzukaufen; wer findet es nicht gerecht und billig, daß er die Kosten des Apparates auf die anderen verteilte, zumal die Summe durch sechs bequem, durch sieben aber nur unbequem teilbar war? Herr Bemmefett ließ sich zur Rechten unseres Helden auf dem Sofa nieder, das mit Fug und Recht ein für allemal für die drei begütertsten Männer des Kreises reserviert war. Also: Erster Sofasitzender: Herr Im- und Exporteur Gutbier. Zweiter Sofasitzender: Herr Musikalienhändler Bemmefett. Dritter Sofasitzender: Herr Rentner Bopserle. Monete rechts, Monete links, das Geldspind in der Mitten. 9. Kapitel. Lange nachzitternde Erregung. Als Herr Aloisius Gselchwampner am Tische erschienen war, hatte Herr August Gutbier ihm ohne Verzug von dem unerhörten Einbruch jenes Fremden erzählt, der am Stammtisch gesessen habe, als gehöre er dorthin. Als dann Herr Direktor Strippecke gekommen war, hatten Gutbier und Gselchwampner ihm dieselbe Mitteilung gemacht. Als der Herr Geheimrat Merswinsky sich niedergelassen hatte, da hatten Gutbier, Gselchwampner und Strippecke ihm den Vorfall berichtet. Als Herr Bopserle seinen Überzieher abgelegt hatte, da hatten Gutbier, Gselchwampner, Strippecke und Merswinsky ihm den Fall unterbreitet. Als Bemmefett auf seinem Sitze Platz genommen hatte, hatten Gutbier, Gselchwampner, Strippecke, Merswinsky und Bopserle ihm von diesem seltsamen Ereignis Kunde gegeben. Die Erregung war allgemein und tiefgehend. Nur Bopserle faßte als Schwabe die Sache liberaler auf. »Ja wisset Se,« meinte er, »bei ons ischt mer in alle dene Sache net so eiiseiitig und net so engherzig. Bei ons ischt alles freiier, ond jeder hat's gleiiche Recht. Wann i am Biertisch sitz und es setzt sich enner zu mir - no, da sitzt er halt. Mir Siddeitsche empfindet darin andersch, gell, Herr Nachbar?« Diese Anrede war an Gselchwampner gerichtet, der die Augen weit aufriß. »Herr Nachbar,« versetzte er, »Sö erlauben scho, doß i Eahna da widersprich'. Wos S' do g'sagt ham von ins Siddeitsche, des is scho recht. Aber besinnen's Eahna und bedenken 's, daß des hier a Stammtisch is. Wenn i im Hofbraihaus in Minka sitz an einem gewehnlichen Tische und es setzt si aner zu mir, no, so sog' i holt: Griaß Got, Herr Nachbar, wie steht's und wos mochen S' und wir reden a Wörtl z'sammen, und nacha is guat. Aber an Stammtisch , Herr Nachbar, an Stammtisch ! Daß si a boarischer Mann, wo a Büldung hat, an an röservürten Stammtisch setzet - ah na, dös wern S' net derleb'n! Dös gibt's fei net! Dazu san ma vüll z' ricksichtsvoll, dazu ham ma vüll z' vüll G'miat!« »Na, davon nu abjeschnitten,« rief Herr Strippecke, »mit Jemüt könn'n wir ooch ufwarten! Keener hat so viel Jemüt wie der Berliner! Ick will Ihnen mal wat sagen: Unser oller Kaiser Willem z.B., det war 'n sehr jemütvoller Mann. Det war 'n großer Blumenfreund: »Unser Kaiser liebt die Blumen; Denn er hat ein zart Jemiet« - un wissen Se, welche Blume ihm die liebste war? Ausgerechnet die Kornblume! »Eine kleine blaue Blume, Die er fier die scheenste hält.« Jawoll! Also wat det anbelangt, in Jemüt lassen wir uns noch lange nich lumpen. Nee, mir tut bloß leid, dat Se den Mann viel zu früh abjeschoben haben! Det hätte ja 'n Mordsfäz jejeben, wenn ick den hier noch angetroffen hätte! Se hätten mal sehn sollen, wie ick den wegjejrault hätte; det is 'ne Spezialität von mir!« »Nee, nee, nu nee, des is nu nich meine Art,« warf Herr Bemmefett hier ein. »Man muß immer gemietlich blei'm, meine Herren, immer heeflich und freindlich. Wenn's nach mir gegangen wäre, dann hätten wir den Herrn mit der greeßten Zuvorgommenheit und Auszeichnung behandelt, hätten ihn im Laufe der Sitzung zum Ehrenmitglied gemocht und ihm zu verstehn gegäben, daß das verschiedene Flaschen Sekt gostet.« »Unauslöschlich Gelächter erscholl bei den seligen' Göttern, Als sie Bemmefetts Künste ersahn, des klugen Erfinders,« und in dieses Gelächter mischte sich eine leise Wehmut darüber, daß der gute Gedanke zu spät kam. Erst August Gutbiers sittlicher Ernst brachte die Verhandlung wieder auf eine würdige Höhe. Er konnte nicht lachen. »Djä, meine Herren,« sagte er, »ich bin gewiß 'n guter Kerl; aber wenn man mir frech kommt - un das is es doch ganz einfach, das is ganz einfach 'ne kullosale Frechheit is das - denn kann ich auch 'n bischen In »bischen« (= bißchen) ist das sch als ein Laut, also genau wie in »zwischen«, zu sprechen. bannig eklig werden. Wir Hambogger sind sehr exklusiv - wenn wir mal Freundschaft geschlossen hab'n, denn sind wir die gemütlichsten Kerls von der Welt, das muß jeder sagen; aber bis es soweit kommt, da gehört viel zu. Und sich mit Krethi un Plethi an einen Tisch setzen, das is nich unser Fall. Als gebildeter Mensch muß man sich ja leider beherrschen, nöch? Sons hätt' ich noch ganz was anderes getan. Man ischa leider immer zu vornehm.« August wollte damit andeuten, daß er Tätlichkeiten nicht abgeneigt gewesen wäre; aber es war nur gut, daß seine Bildung die Oberhand behalten hatte; denn der Fremde, der noch rauchend und trinkend dasaß, ohne jede Ahnung, welchen Bürgerkrieg er entfesselt hatte, war ein großer Mann von äußerst kräftigem Körperbau. Zu derselben Sache sprach schließlich noch als oberste Autorität der Herr Geheimrat. »Mnjaaa, meine Herren,« sprach er aus der Tiefe seines Kehlkopfes, »das Ganze ist eben eine Frage des Taktes, eine Frage, wenn ich so sagen soll, der guten Sitte, des savoir vivre. Eine gute Kinderstube kann man sich nicht geben; entweder man hat sie, oder man hat sie nicht, und wer sie nicht hat - nun, mein Gott, der hat eigentlich mehr Anspruch auf unser Mitleid als auf unsern Zorn.« »Na ja,« rief August, »die größte Schuld hat ja eigentlich unser Merseburg. Er durfte es ja gar nich ers dazu kommen lassen! So was darf einfach nich passieren!« Der gute Herr Merseburg saß da wie ein armes Mädchen, das sich wegen Kindesmords verantworten soll. Er schwitzte kaltes Wasser und Rotwein. Er war ein Dichter. Er stand mit Apoll und den Musen auf halbem Duzfuß; denn sie duzten ihn nicht wieder, obwohl über dem Stammtisch ein schwergerahmtes Schreiben aus dem Zivilkabinett des Fürsten von Schlempe-Maischhausen hing, in dem ausgesprochen war, daß Seine Durchlaucht das zu Höchstdero Geburtstag verfaßte Gedicht mit Dank entgegenzunehmen geruht hätten. Herr Merseburg erbot sich endlich, die Ecke des Lokals, in der der Stammtisch stand, durch eine dicke Seidenschnur von der Menschheit dauernd abzusperren. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Anklang und wurde zum Beschluß erhoben; Merseburg aber wurde so andauernd und nachdrücklich belobt, daß ihm Burgundertränen ins Auge traten und er, von seinem Erfolg überwältigt, mehrere Flaschen Burgeff zum besten gab.   10. Kapitel Eine neue Störung der Gemütlichkeit Als somit der Einbruch des Fremden endgültig erledigt war, ging man zum nächstwichtigsten Zeitereignis über, nämlich zur Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Serajewo. »Se sollen sahn, meine Herren, das gibt wos!« sagte Bemmefett bedeutungsschwer. »Wieso, was denn?« fragte Gutbier. »Nu, a klein's Kriegle halt zwischen Öschterreich ond Serbien,« meinte Bopserle. »No, was leit ins dran,« grunzte Gselchwampner, »soll'n 's sich halt rausa. Wern's holt was ins G'friß kriegn, dö Herrn Schlawiner, dö lauseten!« »Jawoll!« rief Herr Strippecke, »und denn kommt der Russe mit mang, und denn sitzen wir ooch drin!« »Hmmmm...« tönte es von der Höhe des Geheimrats herab. Alles wandte sich ihm zu. Noch lagerten geheimnisschwere Wolken um den Gipfel des Sinai; aber sie begannen sich zu lichten. »Hmmmm...« begann der Kehlkopf des Geheimen Kommissionsrats, »Sie wissen, meine Herren, ich habe meine Beziehungen... ich habe mit einer hochgestellten Persönlichkeit über die Lage gesprochen, mit einer sehr hochgestellten Persönlichkeit sogar... Sie können sich getrost darauf verlassen, meine Herren, ein Krieg ist vollkommen ausgeschlossen, ich weiß es . Nicht einmal zwischen Österreich und Serbien wird es zu einem Kriege kommen.« Diese Erklärung beruhigte unsern Gutbier offensichtlich. »Das bedaure ich sehr!« erklärte er daher mit Nachdruck. »Ich warte ja bloß darauf, daß wir endlich mal losschlagen! Wir haben uns ja schon viel zu viel von der Saubande gefallen lassen! Wenn unsere Regierung nich so schlapp wäre–« »Wie alt sin Se denn?« fragte Bemmefett mit einem leichten, aber häßlichen Unterton. »Ich?« fragte Gutbier. »Ich bin vierundvierzig.« »Nu, da brauchen Se ja nich mehr mit!« lächelte Bemmefett. »Wieso?« rief Gutbier mit großem Augenaufschlag. »Meinen Sie vielleich, daß ich erst warten werde, bis man mich ruft? Den ersten Tag, wo's losgeht, meld' ich mich freiwillig, da können Sie aber Gift drauf nehmen !« rief er todesmutig. »Sie werden uns gerüstet finden!« drohte Herr Richard Merseburg mit portweinflammenden Blicken; denn er hatte während dieses Gesprächs schon wieder ein Gedicht beinahe fertiggestellt. Er trug ein Reimlexikon im Kopfe mit sich herum, dessen Hauptbestand wir hier aufführen wollen: stark– Mark Schwert – Herd Flammen – verdammen Throne – Kanone Gott –Spott Blut – tut usw. usw. und diese Reime brauchte er nur durcheinanderzuschütteln wie die Würfel beim Knobeln, es kam jedesmal ein Pasch der Dichtkunst heraus, zum Beispiel: Treuer Deutscher, zeig dich stark. Schütz' die heil'ge Landesmark, Schüre der Begeist'rung Flammen, Oder Gott soll dich verdammen! Aus der Scheide mit dem Schwert; Denn es geht für Haus und Herd; Treu dem deutschen Kaiserthrone, Schwing den Säbel, die Kanone! Opfre freudig Gut und Blut, Wie es jeder Deutsche tut; Mach der Feinde Macht zu Spott, Feste drauf, mit uns ist Gott! usw. usw. Die Kriegsbereitschaft Gutbiers hatte auf alle – Bemmefett vielleicht ausgenommen – eine tief beruhigende Wirkung ausgeübt, und so verließ man den beunruhigenden Gegenstand und ging zu Kunstgesprächen über. Bevor wir aber diesen Gesprächen unser Ohr leihen, müssen wir von einem Ereignis Kunde geben, das in der Geschichte des Stammtisches eine Wende bedeutet. Dieser sollte nämlich noch am selben Tage durch ein merkwürdiges Mitglied bereichert werden. Ein Kellner hatte sich zu Herrn Merseburg herabgeneigt und ihm ins Ohr geflüstert, daß drüben am Tisch der berühmte Professor Schellenbarth sitze und Herrn Merseburg zu sprechen wünsche. Herr Merseburg war wie ein Sektstöpsel emporgeschnellt und zu dem erlauchten Gaste geeilt. Es muß aber so schnell wie möglich gesagt werden, daß dieser erlauchte Gast ein durchaus ungehöriger Mensch war.   11. Kapitel Beschreibung des durchaus ungehörigen Menschen. Allerdings war Schellenbarth ein weltberühmter Gelehrter, ein Historiker, der eine ganz neue und geniale, bahnbrechende Art der Geschichtsauffassung und -darstellung gefunden und denn auch in einem monumentalen Werke die Geschichte der Menschheit mit sachlicher und sprachlicher Meisterschaft dargestellt hatte. Er war Mitglied und Ehrenmitglied zahlloser gelehrten Gesellschaften, Ehrendoktor aller vier Fakultäten, und sogar die meisten seiner Fachkollegen zogen tief vor ihm den Hut, was immerhin etwas sagen will. Nur in seiner Vaterstadt hielt man nicht viel von ihm, was aber nicht zu vermeiden war, da der Mensch nun einmal eine Vaterstadt oder einen Vaterflecken haben muß. Von seinen Heimatgenossen galten die Verse eines neueren Dichters, der gesagt hat: »Sie ehren das Große der Heimat nie. Sie schließen im stillen nach Analogie: Wie wüchsen wohl große Geister hier. Wo solche Kälber gedeihn wie wir.« Nun wohl, das alles wäre ja soweit recht schön und gut, und es ließe sich gar nichts gegen den Mann einwenden, wenn er in allen Lebenslagen den würdigen, gemessenen, strengen und unerschütterlichen Ernst bewahrt hätte, den man von einem Manne in solcher Lebensstellung und von solcher Bedeutung erwarten muß. Aber dieser Mann hüpfte, wenn er Kinder damit zum Lachen bringen konnte, in seiner Studierstube umher wie eine Henne, gackerte wie ein ganzer Hühnerhof und legte Marzipaneier! Er baute sich einen Käfig aus Stühlen, hockte sich hinein und brüllte donnerähnlich wie ein Löwe, weil die Kinder das verlangt hatten! Und da er einen ungeheuren Haarschopf und einen langen Ringelbart hatte (der sich schon silbern zu färben begann!!), so hatte er wirklich etwas von einem Löwen. Ja, dieser Ehrendoktor (u.a. der Theologie!) hatte einmal für einen befreundeten Schauspieler eine Posseneinlage, ein Couplet gedichtet, und dieses Couplet war nicht etwa durchgefallen – das hätte ihn ja halbwegs rehabilitiert –, nein, es war sehr ulkig gewesen und hatte stürmische Heiterkeit erweckt – nun, ich meine, das paßt doch nicht zueinander! Die Menschheit zerfällt eben in zwei Klassen: die obere, die ernsthaft ist und ernsthaft bleibt, und die niedere, die lacht und lachen macht; wer durch Gottes Gnade zur oberen gehört, soll sich nicht zur unteren erniedrigen, wenigstens als Deutscher nicht. Beiden Klassen kann man nicht angehören; Zweiseitigkeit läßt mit Sicherheit auf Oberflächlichkeit schließen, auch wo man sie nicht geradezu nachweisen kann, von »Vielseitigkeit« ganz zu schweigen. Man denke an Goethe und seinen lächerlichen Naturforscherehrgeiz, an seine Sucht, zugleich Mailieder und Herbstlieder dichten zu wollen! »Schuster, bleib bei deinem Leisten« – der ewig berechtigte Naturschrei der Schuster! Leider müssen wir das Bild des Mannes durch Züge ergänzen, die es noch empfindlicher trüben. Er war nämlich der Meinung, daß die guten Gerichte auf der großen Welttafel vom lieben Gott dahingesetzt seien, um genossen, nicht, um verschmäht zu werden. Das wäre ja nun auch gar nicht so schlimm gewesen, wenn er diese Anschauung im stillen gehegt und befolgt hätte; bei sich zu Hause hätte er ja Austern und Wein genießen können, so viel er wollte! Aber nein: er suchte förmlich etwas darin, seine Ansicht vor aller Welt zu betätigen, sich vor der Leute Ohren und Augen zu einem guten Tropfen und einem guten Bissen zu bekennen! Er saß, wenn es ihm Spaß machte, ganze Nächte lang bei Wein und Bier, trank zwar nicht unmäßig, aber scherzte dabei unter Umständen sogar mit Kellnerinnen ! Ein bahnbrechender Historiker, bitte! Ein weltberühmter Forscher – ich bitte, das zu bedenken! Ja, er suchte, wenn es ihm Spaß machte, Kutscher- und Seemannskneipen auf, unterhielt sich mit den Gästen dort aufs allerangelegentlichste, und es ging, weiß Gott, das Gerücht, daß er sich mit einigen Arbeitern aus der Hafengegend duze ! Ein Gelehrter von Weltruf, man stelle sich das vor! Wo es in einer Kneipe annehmbare Musik gab, da bestellte er sich etwa ein Impromptu oder ein Lied von Schubert, die Ouvertüre zum »Don Juan«, ein Menuett von Boccherini oder dergleichen, und dann ließ er den Musikanten Wein und Zigarren von bester Qualität auffahren. Einmal fand er einen, der spielte ganz von selbst nacheinander Beethoven, Wagner, Schumann, Weber und Schubert. Schellenbarth riß die Augen immer weiter auf, rief den Kellner und fragte: »Wer ist der Mann?!« »Dja,« sagte der Kellner, »der is so 'n bißchen verrückt; der spielt immer so schwere Sachen, die das Publikum nicht versteht; er geht aber zum Ersten.« » Wo ist der Mann ?« rief Schellenbarth und sprang auf. Er suchte den Mann in seinem Winkel auf, feierte ihn wie einen d'Albert oder Emil Sauer, obwohl er den Unterschied kannte, ließ Sekt und Zigarren kommen, spielte dann mit ihm zusammen vierhändig – in einem Restaurant mit Separees, bitte – bit–tt–te! – und drückte ihm beim Abschied einen Hundertmarkschein in die Hand. Er besaß nämlich von Haus aus ein sehr beträchtliches Vermögen, und für Geld kann man, wie es heißt, »den Deubel tanzen sehen«. Der Deubel interessierte ihn aber nicht; er sah lieber den Menschen tanzen. Und so war denn, wenn er im Wirtshaus saß, an seinem Tisch immer offene Tafel. Besonders liebte er es, arme Teufel, denen die Stühle an Gottes reicher Tafel zu hoch sind, hinaufzuheben und ihnen das Leckerste vorzulegen. Aber auch für den Reichsten zog er mit Behagen die Börse, wenn die Zeche aufgerechnet wurde, und wollte sich im Innersten totlachen über den Harpagon, der sich beschenken ließ. Er wußte auch, daß mancher hernach hinter seinem Rücken sagte: »Der Narr wirft sein Geld für andere weg!« aber eben dies schien ihn besonders zu amüsieren. Wie Timon von Athen war er nicht ängstlich in der Wahl seiner Gäste; aber in einem unterschied er sich bemerkenswert von diesem Timon: Von den schmeichlerischen Hymnen, Dithyramben und Panegyriken seiner Gäste glaubte er nicht die schmächtigste Silbe; von ihren Versprechungen nahm er auch nicht den sanftesten Hauch für Ernst, obwohl er selbst ein gegebenes Wort unter allen Umständen zu halten pflegte, auch wenn es in sonnigster Nachtstunde gegeben war. Wie reiche Fürsten sich zu ihrem Vergnügen eine Schauspielertruppe zu halten lieben, so ließ er sich an seinem Tische von einer ständig wechselnden Gesellschaft das Leben vorspielen und machte aus seltsam strahlenden Augen die Beleuchtung dazu. Aus all diesem geht klar hervor, daß Leonhard Schellenbarth ein – wie ich schon so überaus treffend bemerkt habe – total ungehöriger Mensch war, der z.B. als Hamburger Senator einfach undenkbar gewesen wäre.   l2. Kapitel Versicherung der allertiefsten Hochachtung Dieser selbige Professor nun hatte den Wirt des »Franziskaners« kommen lassen, um ihm in ehrfurchtsvollem Tone zu sagen, er habe von jenem berühmten Stammtisch dort drüben schon so viel Erstaunliches vernommen, daß er (Schellenbarth) es sich zur ganz besonderen Ehre anrechnen würde, an diesem Tische – sei es auch nur als bescheidener Hospitant – ein Stündchen verbringen zu dürfen. Als Merseburg dieses Gesuch vernahm, gingen ihm die Augen über von Stolz und Chambertin; federnden Schrittes überbrachte er es den Paladinen der Tafelrunde, und hier rief es ein allgemeines Räuspern, Raunen, Murmeln und Summen der Genugtuung hervor. Alle wußten, daß Schellenbarth ein berühmter Mann sei, ob als Amtsrichter oder als Konservenfabrikant, das wußten sie nicht genau; aber sein Ruhm war zu allen gedrungen. Nur Merseburg und Merswinsky wußten auch, daß er Historiker war. Die Blicke der Paladine wandten sich dann einhellig auf August Gutbier, weil er der Bestsituierte am Tische war, und der ungekrönte Artus rief denn auch mit Wohlwollen: »Aber natürlich! Selbstverständlich! Sehr angenehm!« und Merseburg federte zurück. Als Schellenbarths hohe Gestalt am Tische erschien, erhob man sich; man stellte sich vor, und Gselchwampner bemerkte: »Mir san sehr erfrait, den großen Hysteriker bei uns begriaßen zu dierfen.« »Meinen tiefgefühlten Dank,« versetzte Schellenbarth. »Ich habe, meine Herren, schon lange in mir den Wunsch und die Hoffnung genährt, Ihrem erlauchten Kreise einmal, wenn auch nur als bescheidener Gast, nähertreten zu dürfen. Ihre biederen Angesichter haben es mir angetan; manch ein herrlich hallendes Wort ist von Ihrem Tisch zu mir herübergedrungen; ich habe Ihre Herzen belauscht, selbstverständlich ohne Absicht, und habe bald herausgefühlt, daß Sie deutsch empfinden; das aber ist für mich entscheidend. (»Bravo!« erscholl es ringsum.) Ich kann Ihnen nicht sagen, wie glücklich ich mich schätze, ja, wie stolz ich bin, in Ihrer Mitte zu weilen, Ihren Worten lauschen und daraus lernen zu dürfen. Unser Deutschtum soll uns freilich niemals hindern, den französischen Champagner lieber zu trinken als den einheimischen. Sie wissen, daß auch Bismarck in dieser Hinsicht bekannte: ›Der Patriotismus reicht bei mir nur bis zum Magen‹. Darum und weil ich gerade heute in meinem stillen Herzen ein Fest feire, nicht zu vergessen, daß mir diese erste Begegnung mit Ihnen ein Fest der Freude ist, und endlich, weil es nicht mehr als billig ist, daß ein Neuling seinen Einstand entrichte, bitte ich um die Ehre, Sie zu einem Glase Cliquot einladen zu dürfen. Ich hoffe, Sie legen mir das nicht als Anmaßung aus, sondern nehmen meine Einladung auf, wie sie gemeint ist: als unwillkürlichen Ausdruck meiner allertiefsten Hochachtung.« Man rechnete ihm den Cliquot nicht als Anmaßung an, fand seine allertiefste Hochachtung begründet und rückte freudig angeregt zusammen. Sogar August rückte zusammen, was er in der Straßenbahn, wo er sich machtvoll zu entfalten pflegte, nicht getan hätte, und wenn sieben Menschen den Erstickungstod durch Quetschung erlitten hätten.   12. Kapitel. August und das hohe C. »Ich hoffe,« sagte Schellenbarth, »daß ich Sie in Ihren Gedanken nicht unterbrochen habe, meine Herren. Ich möchte um keinen Preis stören. Wenn ich recht gehört habe, so pflogen die Herren eines Kunstgesprächs. Kann man davon profitieren?« »Dscha, wir sprachen von unsern Theatern,« versetzte August, »daß da nix mehr mit los ist. Was sind das alles für Stücke, die sie da spielen. Und was sind das für Kräfte. Das is ja allens nix mehr gegen früher. Diese Tenöre jetzt, was sind das allens für Kerls. Ich war da neulich mal im Troubadour, ein gewisser Herr Sternheim als Manrico. Kerl sang total unrein!« »Das hören Sie sofort, nicht wahr?« fragte Schellenbarth mit kindlicher Bewunderung. »Wie beneide ich Sie darum!« »Naja, das 's doch schließlich keine Kunst,« rief August mit lächelnder Überlegenheit, »wenn der Mann Schleim in der Kehle hat und kratzig singt, das muß man doch hören!« »Ja ja,« machte Schellenbarth, und seine Augen glänzten. »Ich geh' auch gar nich mehr hin!« fuhr August fort. »Ja, wenn Caruso wiederkommt! Das laß ich mir gefallen! Das is 'n Kerl, Donnerwetter noch 'n mal. Da is mir kein Preis zu hoch. Das letzte Mal hab' ich an der Börse für vier Plätze 500 Mark bezahlt! Das is denn aber auch was! Da sind die andern ja alle Nachtwächter gegen! Die können sich ja man alle begraben lassen, so wie sie da sind. Heiliges Kanonenrohr, wenn der Caruso als Bajazzo das hohe C herausschmettert, Junge, Junge, das is 'n Staat is das!« »Sie haben das absolute Gehör, nicht wahr?« fragte der Professor ehrerbietig. »Was?« machte Gutbier. Was sollte er haben? »Ich meine, Sie haben ein Ohr, das die absolute Tonhöhe mit Sicherheit feststellt, nicht nur die relative.« August hielt einen Augenblick den Mund offen. »Das weiß ich nich,« sagte er dann. »Aber wenn einer das hohe C singt, das kann man doch hören!« »Ohne Zweifel,« machte der Professor, und seine Augen leuchteten. »Aber kommt es denn im Bajazzo eigentlich zum hohen C ? Ich müßte mich merkwürdig irren, wenn die Rolle des Canio nicht mit dem B abschnitte.« »Sooo?« machte August mißtrauisch. Dann besann er sich plötzlich. »Och Gott, ich mein' ja gar nich den Bajazzo! Ich mein' ja ›Aida!‹ In›Aida‹ als – als – wie heißt er man noch –« »Als Rhadames.« »Jaja, richtig, als Ramades – wenn er da das hohe C hinlegt – Donnerschlag –!« »Ja, bin ich denn heute ganz verwirrt?« hauchte Schellenbarth lächelnd und liebevoll. »Ich mein' immer, der Rhadames bringt es auch nur bis zum B .« »Nee,« erklärte August frech, »das is C !« Als er aber dem Professor in das funkelnde Auge sah, wurde er unsicher und meinte: »Na, das is ja nu auch ganz einerlei. Übrigens, da haben sie jetz im Gesangverein ›Arion‹, da haben sie 'n Tenor, 'n Chauffeur, der singt noch höher als Caruso; das is 'n Phänomen, der Kerl.« Für August war, wie für die meisten Kunstkenner, die Kunst des Gesanges ein Stangenklettern; wer am höchsten hinaufkommt, erhält den Preis. »Den Mann genn ich ooch,« erklärte Bemmefett, »der singt aber bloß bis A .« »Nanu!« rief Gutbier. »Nu reden Sie mir doch keine Löcher in 'n Kopp! Ich hab' den Mann doch gehört –« »Nu, ich ooch?!« »Den sein Tenor klingt doch viel höher als Caruso seiner?« »Glingt, glingt, glingt! Was heeßt ›glingt‹? Das is der Dängber (Timbre), das verwechseln Se! Die Stimme glingt äben heller und dinner; aber deshalb is se doch nich heeher!« »Na ja, das wissen Sie als Sachverständiger ja besser –« »Weeß ich ooch.« »Aber 'ne Stimme hat der Kerl – heiliger Bimbam! Wie 'n Ochse! Ich hab ihn mal zu mir eingeladen – meine Damen sind ja auch sehr kunstliebend – für fünf Mark un frei Bier singt er Ihnen den ganzen Abend was vor – Gott bewahre, hat das Viech 'ne Stimme! Die Fenster haben geklirrt – ungelogen – und die Vase, die auf 'm Klavier steht – wenn ich die nich festgehalten hätte, wär' sie runtergefallen!« »Ja,« sagte der Professor und wiegte träumerisch das Haupt, »es ist etwas Herrliches, wenn ein Mensch so laut singen kann. Es ist gerade wie im Zirkus, wenn so ein Emil Naucke Gewichte stemmt, immer noch schwerere und immer noch schwerere. Man meint, nun ginge es nicht weiter, nun müßten Sehnen und Muskeln reißen; aber es geht immer noch!« »Ja, ja, so is es auch!« rief August glücklich. Er war ganz ein Kind seiner Zeit, die Opern schrieb nach dem Grundsatz: »Siebzig gegen Einen! Auf in den Kampf mit Blech und Holz und Kälberfell und Schafsgedärm gegen das menschliche Stimmband! Es müßte ja mit dem Deibel zugehen, wenn das kleine zarte Ding nicht totzukriegen wäre! Was hat es denn zu geben? Seele! Nu wenn schon!« Es ist eine Stillosigkeit, daß man Anfang und Schluß solcher Opern nicht durch je drei Kanonenschläge anzeigt, wie es bei Feuerwerken seit langem üblich ist. Aber es gibt Sänger, die auf keine Weise unterzukriegen sind – seltene, gottbegnadete Erscheinungen –, das sind dann die richtigen Künstler. »Wie denken Sie über Bach?« fragte Schellenbarth sanft, und von jedem seiner Augen sprühten sieben Millionen Funken ins Unendliche. »Djä, ich weiß nich, welchen Sie meinen,« versetzte Gutbier, »wir haben hier zwei Schauspieler, die so heißen.« »Ich meine keinen Schauspieler, ich meine den Tondichter.« »Och, das is der, der so – Kirchenmusik schreibt –« »Jetzt nicht mehr,« versetzte Schellenbarth mit immer gleicher Sanftmut. »Djä, da muß ich nu leider gestehn: in Kirchenkonzerte geh ich grundsätzlich nich, das 's mir zu langweilig – hähähä – davon versteh ich nix; ich bin ja auch man 'n ganz einfacher, bescheidener Laie, nöch? Ich geh' mal in 'ne nette, hübsche Operette, un denn hab' ich zu Hause mein Grammophon, das is ja nu mein Hauptspaß. Da hab' ich immer die neusten und besten Platten, sämtliche Caruso- Platten – jaa, da spielt mir das Geld keine Rolle, das weiß hier mein Freund Bemmefett, der besorgt mir sie immer. Och, da muß ich Ihnen übrigens sagen« – hier wandte sich Gutbier zu dem Musikalienhändler –, »das letzte Dings, was meine Adrienne da bei Ihnen gekauft hat, das is ja ganz gottvoll, das is ja zum Piepen, das Dings. Wie heißt es man noch: ›Emil, mach mir mal die Bluse zu!‹ Och\> das is ja zu reizend. Das muß sie mir jeden Tag vorspielen!« »Chja, das hat großen Anglang gefunden,« erwiderte Bemmefett. »Se wer'n mer'sch nich glau'm, meine Herren; aber von dem Ding sin in vier Wochen ieber hunderttausend Schtick abgesetzt wor'n.« »Hunderttausend Stück,« wiederholte der Professor mild und versonnen. »Und da heißt es immer, die Deutschen hätten keinen Kunstsinn. Da hat gewiß auch der Verfasser ein glänzendes Geschäft gemacht?« »Wie?« fragte Bemmefett mit jäher Kopfwendung. »Nu chja, chja – nadierlich – nu freilich.« »Pflegt nun der Verfasser an dem Absatz teilzunehmen, oder erhält er eine einmalige Abfindungssumme?« fragte der Gelehrte. »Nu nadierlich, das wird ein- für allemal abgemacht,« erklärte Bemmefett. »Auf lange Abrechnungen gennen mer uns da nich einlassen; wo gämen mer da hin!?« »So so,« machte Schellenbarth. »Was hat nun zum Beispiel der Schöpfer dieses ›Emil, mach mir mal die Bluse zu‹ für sein Werk bekommen?« »Chja – das gann ich Ihnen so aus'm Goppe nich sag'n,« meinte Bemmefett, »da mißt' ich erscht meine Viecher nachschlag' – aber es war chjedenfalls bedrächtlich.« Bemmefett war nämlich nicht ganz ohne Schamgefühl, und er sah während der folgenden Viertelstunde den Professor achtmal von der Seite an, wie man immer wieder nach einem Fenster guckt, durch das Zugluft zu dringen scheint.   14. Kapitel Wenn kluge Männer reden Die Unterhaltung wandte sich wieder der Bühne zu, und zwar diesmal dem redenden Schauspiel. An einem Theater hatte man Ibsens ›Stützen der Gesellschaft‹ gegeben. August Gutbier behauptete, das Stück nicht zu kennen; als man aber näher darauf einging, erinnerte er sich. »Och ja, das kenn' ich, das kenn' ich sogar sehr gut! Da war die kleine Mausbach großartig drin, die machte den Jungen, den Sohn, der auf das Schiff nach Amerika geht. Junge, was hatte das Weib für 'n Paar Beine! Das is doch das Stück mit dem kaputten Schiff, nich? mit dem schwimmenden Sarg un mit dem Konsul, wie heißt er man noch?« »Bernick,« sagte Merswinsky. »Richtig, Bernick. Das is doch von Wildenbruch, nich?« »Nee, det is jottseidank von Ibsen,« sagte Strippecke, »von dem jrößten Dichter, den wir überhaupt haben – abjesehen von Strindberg – un Oskar Wilde natürlich.« »Djä, das mag ja nu sein,« rief August, »'n großer Dichter mag das ja sein; aber glauben kann man doch von der ganzen Geschichte nix. Das is doch allens 'n ganz unmöglicher Kram! Stellen S' sich bloß mal vor, meine Herrschaften: Dieser Mann hat 'n Kind mit 'ner Schauspielerin, un nu will er sich verheiraten, un da is ihm die Geschichte natürlich im Wege, un da nimmt 'n Bruder seiner Braut aus Gefälligkeit das Kind un die Vaterschaff auf sich, weil er doch nach Amerika abreist! Na nu kommen Sie, meine Herren! Wenn der Kerl nich dummer als dumm is, denn weiß ich nich.« »Leugnen Sie das Vorkommen dummer Menschen?« fragte Schellenbarth weich und friedevoll. »Was?« machte August verblüfft. »Ich meine, ob Sie nicht glauben, daß es dumme Menschen gibt.« »Natürlich gibt es dumme Menschen; aber so dumme? Nee, die gibt's nich,« versicherte August. »Un is denn vielleich das andere möglich? Das sind doch allens Räubergeschichten! 'n großer, angeseh'ner Kaufmann, der soll 'n Schiff abgehen lassen, was nich seefest is? Das tut kein deutscher Kaufmann! « »Das Schtick schpielt doch aber auch in Norwechen?!« rief Bemmefett. August stutzte. »Na ja,« meinte er, »das is ja was anderes, das is ja richtig. Aber das is doch überhaup 'n ganz gemeiner Kerl, dieser Bernick,« rief August. »Das is doch sozusagen 'n Schuft is das doch!« »Nu ja doch, det soll er ja ooch sind!« rief Strippecke, der sich sofort und bewußt in den Dialekt der geistigen Zentrale verbiß. »Ja, erlauben Sie aber mal! Was tu' ich denn damit! Auf der Bühne will ich doch keine Verbrecher sehen! Denn kann ich ja man die Gerichtszeitung lesen!« »Verzeihen Sie,« sagte der Professor schüchtern, »wenn ich mich in das Gespräch menge; ich verstehe ja nichts davon; das ist ja nicht mein Fach, und außerhalb seines Faches sollte ein Deutscher eigentlich nicht reden; aber finden sich bei unseren klassischen Dichtern nicht auch Verbrecher?« »Ja, das is aber doch ganz was andres!« schrie August fanatisch, »bei Schiller un Goethe, da is doch allens idealisiert, da is doch allens sozusagen mit einem poetischen Schimmer verklärt! Und da siegt doch immer die sittliche Weltordnung, noch?« (August hatte gestern die Kritik in den »Anzeigen« gelesen.) »Ach du lieber Jott! Ach du lieber Jott ! Sie stehn noch uf dem moralinsauern Standpunkt!« rief nun Strippecke. »Ach du meine Jüte! Ja sehn Se, det is nu reinste Provinz! Darüber sind wir in Berlin nu jlücklich drüber raus!« »Wos kimmert denn ins Berlin?« rief Alois. »Na erlauben Se jefälligst!« machte Strippecke. »Jibt Berlin vielleicht nich in Kunstsachen für janz Deutschland 'n Ton an?« »Zweifellos. Und gewöhnlich einen falschen,« meinte der musikalische Schellenbarth. »Na, det wollen wir noch sehr dahinjestellt sein lassen,« fuhr Strippecke fort. »Die Moral überlassen wir jedenfalls den ollen Spittelfrauen. Und der jute Schiller – na ja, er hat ja mal seine Bedeutung jehabt, det will ick ja gar nich leugnen – aber für unsere Zeit jenügt er denn doch, weeß Jott, nich mehr!« »Was habe Se denn gegen onsern Schiller?« rückte jetzt Bopserle vor. »Ischt Ihne der Schiller nemma gut gnug? I will Ihne was sage, mei lieber Herr Direktor, onser Schiller ond onser Uhland ond onser Mörike, des sind die Altmeischter der Dichtkunscht, des sind Fürschte im Reich der Geischter, die solle Se ons net heronterreiße von ihrem Pooschtament!« »Sö, Herr Direkter,« kam jetzt Gselchwampner, »Sö, wann S' mit Eahnerer ›Prooinz‹ 'leicht Minka manen, i moan' halt, daß mir in Minka a a Kunst ha'm. Sö wissen, scheint's, no net, daß mir in Minka allanig finftausend Maler ham, gell? No jo, mir war's gnua!« »Ich weiß nicht,« sprach jetzt Merswinsky, der Rat der geheimen Kommissionen, aus innerstem Kehlkopf, »was der Herr Direktor gegen die Moral hat. Ich muß sagen, ich habe es immer für meine vornehmste Aufgabe gehalten, auf ein sittlich einwandfreies Repertoire zu halten. Und ich bin überzeugt, unser verehrter Herr Direktor steht im Grunde genommen auf demselben Standpunkt. Gerade das Versicherungswesen ruht doch in eminentem Sinne auf ethischen Grundlagen. Wenn einer seiner Versicherungsnehmer eine schwere Krankheit verheimlicht oder sein Haus ansteckt usw., dann wird es der Herr Direktor sicher nicht billigen –« »Na ja, das ist ja selbstverständlich!« beeilte sich Strippecke, der inzwischen etwas hochdeutscher und kleinlauter im Gemüt geworden war. »Das versteht sich ja per se , meine Herren, im Jeschäft muß natürlich Moral herrschen! Und im Leben überhaupt – na ja, ist ja Unsinn, daß wir überhaupt davon reden – im täglichen Leben müssen selbstredend die Moraljesetze jelten – darüber braucht man doch kein Wort zu verlieren, wo kämen wir sonst hin! – Aber in der Kunst is das doch janz was anderes; die Kunst steht doch auf einem höheren Standpunkt; die soll doch – die Kunst soll doch – jewissermaßen –« »Ich will Ihnen mal was sagen, was die Kunst soll,« rief jetzt Gutbier mit der vollen Breitseite seiner Überzeugung, »die Kunst soll das Schöne bilden! Die Kunst soll uns erfreuen un erheben un veredeln un un un – un so weiter; sie soll uns emporheben über des Tages Last un Arbeit , das soll die Kunst!« »Bravo!« rief Merseburg, der Dichter. »Brafo!« rief Bemmefett, der Musikalienverleger. »Bravo!« riefen alle anderen außer Strippecke. Strippecke war besiegt und die Streitfrage gelöst. »Was sagt denn unser illustrer Gast dazu?« fragte Merseburg mit Andacht. »Ich?« versetzte Schellenbarth. »Ich freue mich, wenn kluge Männer reden, Daß ich verstehen kann, wie sie es meinen «; im übrigen beschränke ich mich auf die Bemerkung, daß unser Cliquot alle ist und daß wir neuen haben müssen.« »Brafo!« schrie Bemmefett, aber lauter als vorhin. 15. Kapitel. August radiert Landschaften. Die Versicherung des Herrn Geheimrats, daß der Gedanke an eine Kriegsgefahr einfach lächerlich sei, hatte unsern Gutbier dermaßen beruhigt, daß er mit seiner Gemahlin eine Autoreise durch Deutschland und in die Schweiz hinein unternommen hatte. Es hat keinen Sinn, daß wir uns in den folgenden drei Wochen mit dem Stammtische befassen; denn was ist das Symposion ohne den Symposiarchen, was ist das Sonnensystem ohne Sonne, was der Verein Nächstenliebe ohne Gutbier? Wohl aber wird es von hohem Reiz sein, den Heimgekehrten die mannigfachen und tiefen Eindrücke seiner Reise in glühenden Farben schildern zu hören. »Unter achtzig Kilometer die Stunde taten wir's nicht!« rief August flammenden Blickes, »'n paar mal haben wir's auf hundert gebracht. Junge, Junge, Junge, meine Herren! Was uns übern Weg lief, das war geliefert! Ich weiß nich, wieviel Hühner, Gänse un Hunde wir auf 'm Gewissen haben; aber wenig sind's nich. Wenn wir uns umsahen, nix als Staub un Dreck, die ganze Landschaff wegradiert! Häuser, Bäume, Menschen – wegradiert! Es war großartig, meine Herren! Und geschimpft haben sie hinter uns her – hohohoho! – wir hab'n uns dotgelacht hab'n wir uns!« In Eisenach waren sie gewesen. »Och, Eisenach is reizend, ich kenn' es ja von früher her! Da wohnt man im Hotel Pinkepank ganz ausgezeichnet! Da gibt es schon zum Frühstück Eier, Wurst un Käse un Honig und Huhn un Perdühn, un mittags 'n tadelloses Diner zu sechs Gängen, un 'n sehr guten Bordeaux zu 5 Mark hat der Mann – überhaup gar nich teuer, gar nich teuer!« Durch Rothenburg an der Tauber waren sie gekommen. »Ja, das 's ja nu sehr unmodern,« meinte August; »aber im ›Grünen Reiher‹ haben wir doch sehr anständig gewohnt. Und 'ne Forelle haben wir da gekriegt, ich kann Ihnen sagen, meine Herren, die kriegen Sie bei Pfordte auch nich besser. Un'n ausgezeichneten Markobrunner dazu! Un für die ganze Geschichte hab' ich – mit Trinkgeld! – zwanzig Mark bezahlt – ich meine, da kann man nix davon sagen!« Und München hatten sie gesehen! »Jaa, das muß man ja nu sagen,« schwärmte August mit verschwimmenden Blicken, »das Hofbräuhaus is ja einzig in seiner Art! Das Bier, meine Herren? Da kann ich 'n ganzen Tag davon trinken un merk' nix davon! Meine Frau, die sons überhaup nix trinkt, hat drei Moaß vull davon getrunken!« (Hier wollte August bayrisch sprechen; in Erinnerung des Hofbräuhauses vergaß er überhaupt allen Partikularismus und empfand reichsdeutsch.) Auch Gselchwampners Augen schwammen in deutscher Bruderliebe wie zwei weiße Billardkugeln in Bouillon, als Gutbier sein München rühmte. »Sö, Herr Nachbar, san's denn auch beim Donisl g'wesen?« »Donisl? Nee.« »Aber gengen S', Sö spaßen halt, – beim Donisl war'n S' net g'wesen? Bei die Weißwierscht vom Donisl?« »Nee nee!« »Ja da legst di nieder! Ja dös is do gor net meegli! Hiatzt, da schaut's her, Leutln, hiatzt is der in Minka g'wesen und hat koane Weißwierscht beim Donisl net gessen! Ja, mei liawer Herr Nachbar, da san's halt in Rom g'wesen und ham an Papst net g'sehgn!« »Ja, man kann ja nich allens sehen, nöch?« meinte August. »Haben Sie die Pinakotheken gesehen?« fragte der Professor, der ein häufiger Gast des Stammtisches geworden war. »Nee,« sagte August, der dabei an etwas Apothekenartiges dachte. »Ah, Herr Nachbar,« meinte Gselchwampner, »des hätten S' net verseimen dierfen! Also mir ham zwei Binagodäken, eine olte und eine neiche, aber die olte is no so guet, daß man si net auskennt, welches die olte und welches die neiche ist. Alsdann haben wir noch eine Klippdodäk, und dann ist da dö Schackgalerie, dö is freili jetzt breißisch g'worn ...« »Sie kennen alle diese herrlichen Sammlungen gewiß wie Ihre Westentasche!« meinte Schellenbarth mit schwärmendem Blick. Aloisius hätte ruhig »ja« sagen können; denn in seine Westentasche guckt man bekanntlich nie hinein; aber er wurde doch verlegen. »No, dös kann i grad net sag'n,« meinte er; »schau'n, S', Herr Professor, wie i furt bin von Minka, da war i halt no a junger Lakl – und hiatzt wann i hienkomma tu, nacha is zum Fasching oder zum Salvater – da kinnan S' Eahna dengen –« »Das Übrige kann ich mir denken,« lachte Schellenbarth. »Lieben Sie das Rokoko?« wandte er sich dann wieder an Gutbier. Gutbier wußte, daß das so etwas mit Schnörkeln ist und mit Reifröcken und tief ausgeschnittenem Mieder. »Ja, ja!« rief er, »das hab' ich sehr gern!« »Waren Sie in Nymphenburg?« rief Schellenbarth, »haben Sie sich das Residenztheater angesehen?« »Nee – nee,« machte August, dem diese ewigen Fragen ungemütlich wurden, »man kann ja nich allens sehn, nöch? Wir sind ja auch bloß 'n paar Tage in München gewesen, denn sind wir nach der Schweiz getöfft. Da is man ja nu glänzend aufgehoben, das muß man ja nu sagen! Für zehn Franken pro Tag un Nase haben wir volle Pension gehabt, un allens sehr gut!« »Waren Sie am Vierwaldstätter See?« fragte jemand. »Jaa, natürlich, selbstverständlich! Vierwaldstätter See un Rigi un Jungfrau, natürlich. Sogar 'n Mongblankk haben wir von weiten gesehen, jaa. Allens sehr hübsch, sehr nett. Bloß die hohle Gasse, da war'n wir ja nu sehr enttäuscht; das ischa nu gar nix!« 16. Kapitel. August spricht alle Sprachen. Den Rückweg hatte das Paar durch die westliche Schweiz genommen. »Da ham Se woll franzeesisch sprechen missen?« meinte Bemmefett. »Jaaa, ich sprech doch französisch wie deutsch!« sagte August in einem Ton, als wenn er sagte: »Ich kann mir doch allein die Nase putzen!« »Als Reisender hab' ich doch alle Sprachen sprechen müssen!« fügte er hinzu. »Alle Sprachen!« Schellenbarth betrachtete ihn mit Wohlwollen. »Es is was Scheenes, wenn man die fremden Schbrachen beherrscht,« fuhr Bemmefett fort. »Aaah, das is gar nich mit Geld zu bezahlen!« rief August. »Da hab' ich auch immer bei meinen Kindern drauf gehalten. Tüchtig Englisch un Französisch! Das is das Allererste, alles andere is Nebensache. Wenn einer perfekt Französisch un Englisch kann, das is bares Geld , sag' ich, immer. Da halt' ich streng auf, auch bei mein'm Jung. Der lernt ja nu natürlich noch Griechisch un Lateinisch außerdem.« »Er besucht das Gymnasium?« fragte Merswinsky. »Na natürlich!« versetzte August. »Das Aas is so'n bischen faul; aber da hilft nu nix, er soll sein Abiturium machen un soll Jura studieren, da kenn' ich keine Gnade. Als Jurist kann er nachher alles werden.« Das war nun eigentlich etwas hart von August, besonders in Anbetracht dessen, daß er selbst nur das Abiturium aus der Quarta erzielt hatte. Sein Junge hatte keineswegs die nötige Begabung; aber August hatte reichlich das nötige Geld für den Humanismus, und so verfügte er ganz einfach: »Er soll sein Abiturium machen.« »Na, wissen Se, mein lieber Herr Jutbier,« erhob jetzt Strippecke seine Stimme, »über die modernen Sprachen will ick ja weiter nischt sagen; aber über den Wert der ollen toten Sprachen sind sick die neuen Jelehrten doch sehr uneinig!« »Och, das is ja Unsinn!« rief August mit vollkommener Sicherheit. »Das is ja allens Quatsch! Es geht nichts über die alten Sprachen!« » Certant Grammatici, et adhuc sub iudice lis est ,« sagte Schellenbarth, indem er Augustus freundlich anlächelte. »Ja ... hähä ... sehr richtig!« rief August mit bleichem Lachen, fügte aber schnell und heftig hinzu: »Franz, noch 'n Halben!« Inzwischen war wieder einmal jener epochale Augenblick gekommen, da nach dem Trinken wieder das Essen schmeckt. » Je voudrais bien déjeuner de quelque chose ,« sprach der Professor mit sonnigem Lächeln Herrn Gutbier mitten ins Gesicht. »Hä???!« machte August. Dann zuckte es flammend auf in seinen Augen: »Och soo! Jawoll! Jawoll! Ich hab's verstanden! ›Deeschöneeh!‹- ›Frühstücken!‹ Jawoll! Ich hab' auch Hunger.« » Est-ce qu'on mange bien ici ?« fragte Schellenbarth. Diesmal hatte August Glück. Merseburg, der in jungen Jahren in Paris als Kellner gedient hatte, mischte sich ins Gespräch und sagte: » Mais oui, monsieur; on y mange très bien .« Da Gutbier inzwischen die Speisenkarte ergriffen hatte, so fragte ihn der Professor: » Que pourriez-vous me recommander, monsieur ?« August wußte, was »rekommandieren« ist, starrte fünf Minuten lang die Karte an und sagte dann: » Côtelette! « » Eh bien, monsieur, ,« wandte sich Schellenbarth schmunzelnd an den Wirt, » je prendrai un côtelette. « » De veau ou de porc? « fragte Merseburg. » de porc ,« antwortete Schellenbarth. Das wußte ja nun August sehr gut, daß porc Schwein heißt, und so rief er denn: » Je aussi porc! « » Chaud ou froid? « fragte Merseburg. August stutzte. »Jawoll!« rief er dann, besann sich aber, daß das deutsch sei, und fügte darum schnell hinzu: » Oui oui! «   17. Kapitel. Die moralische Scheuerfrau. Man war noch beim Schweinernen, als die Gesellschaft in ein Gespräch von großer sittlicher Energie verfiel. Gutbier berichtete nämlich, daß er und seine Gattin über Frankfurt zurückgefahren seien. »Och ja, in Frankfurt, das muß ich Ihnen ja erzählen, meine Herren, da haben wir ja 'n großartiges Erlebnis gehabt, das muß ich ja erzählen!« »Da haben Sie gewiß das Goethehaus besucht,« meinte der Professor. »Goethehaus? Nee, dies war ganz was anderes. Also hören Sie zu, meine Herren. Also wir kommen ins Hotel zum goldenen Hahn und verlangen 'n Zimmer, un gleichzeitig mit uns kommt noch 'n Paar, was meiner Frau sofort verdächtig war, un bestellt auch 'n Zimmer mit zwei Betten. Er 'n Mann von vielleich fufzig, schon 'n bischen grau, un sie 'n gans junges Ding von höchstens Zwanzig; 'ne sehr hübsche Person, das muß ich sagen, un sehr schick gekleidet. Na, meine Frau hatte die beiden ja nu gleich auf 'm Kieker. › Die sind doch nich Mann un Frau?‹ sagte sie: ›in mei'm Leben n«ich! Da laß ich mir'n Kopf abhacken, wenn die Mann und Frau sind!‹ ›Och, das kanns du nich wissen,‹ sag' ich, ›das kommt ja doch vor, daß 'n älterer Mann 'ne junge Frau hat,‹ sag' ich. ›Ja leider ,‹ sagt sie; ›aber die sind nich Mann un Frau, da kanns du Deubel auf sagen,‹ sagt sie. ›Hast du gesehn, wie die Person angezogen is? Hast du die Stiefel gesehn? So 'ne Stiefel trägt keine anständige Frau!‹ Das waren so 'ne ganz hohen, grauseidenen Stiefel, wissen Sie, sehr elegant, tip-top! Na schön. Was passiert? Die ›junge Frau‹ geht mal raus aus 'm Zimmer, un wie sie zurückkommt, findet sie die Tür nich wieder, weil sie sich die Nummer nich gemerkt hat. Da sieht sie 'n Kellner auf 'n Korridor un ruft ihn un fragt ihn, ob er ihr nich sagen kann, welche Nummer sie hat. ›Nee,‹ sagt der, ›das weiß ich auch nicht; aber ich werd' sofort mal unten im Büro nachfragen; wie ist Ihr werter Name? ‹ Das hätte ja nu nich kommen müssen, meine Herren, da platzte ja nu die Bombe. Ihren eigenen Namen wird sie ja woll gewußt haben, aber den von ihr'm ›Mann‹, den hatte sie vergessen! Na, der Kellner erzählt die Geschichte ja nu mir, un ich erzähl' sie natürlich meiner Frau. Da hätten Sie aber mal meine Frau sehen sollen! ›August,‹ sagt sie, ›du gehst mir auf der Stelle runter ins Büro un sagst mir, daß die Person auf der Stelle das Hotel verläßt, sons bleib ich hier keine Sekunde länger!‹ Na, das Pärchen mußte natürlich schleunigst abziehen, un meine Frau kam raus und kuckte sich selbs das Spielwerk an, wie sie abschrammten. Un da konnt' ich meiner Frau ja auch nur beipflichten; wenn so was einreißt, denn is es aus mit unserm Vaterlande. So was können sie im Ausland machen, aber nich bei uns! Unser liebes deutsches Vaterland is immer der Hort gewesen von Zucht und Zitte, un Zucht und Zitte müssen herrschen, sons geht Deutschland zugrunde!« August Gutbier sagte sonst, seiner Mundart entsprechend: »Sucht un Sitte«; aber in moralpathetischen Augenblicken sagte er mit Nachdruck: »Zucht und Zitte.« Die Herren quittierten über diese Erzählung mit sinnreichem Schweigen; sie hegten vielleicht – vielleicht, sage ich – dieselbe Gesinnung; aber sie legten keinen Wert auf ihre Betonung. Nur der geheime Kommissionsrat Merswinsky nickte gewichtig, und Merseburg erhob sein Glas und sprach mit Liebfrauenmilch im Blicke: » Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang, darauf wollen wir trinken, meine Herren!« Und Anton Bemmefett fragte aus der Sofaecke heraus: »Wos mocht d'n jetzt die Jagd, Herr Gutbier?« August sah ihn mißtrauisch an. Er fühlte sich unangenehm berührt. Warum fragte der denn gerade jetzt nach der Jagd? Was sollte das bedeuten? 18. Kapitel. Was vom Regenbogen gut ist. Wir haben den Helden unserer Erzählung in seinem letzten Gespräch als sittlichen Rigoristen, als Mann von strengen Grundsätzen kennengelernt. Indessen war ihm die Milde nicht fremd, wie wir noch öfter beobachten werden. Als die Regierung einem ihrer Beamten den Prozeß machte, weil er von einer großen Firma so ein ganz klein bißchen Schmiergeld angenommen und ihr dafür wertvolle Auskünfte erteilt hatte, die eigentlich das Geheimnis der Regierung bleiben sollten, da erkannte Gutbiers vorahnender Instinkt in diesem Vorgehen der Regierung eine unbegreifliche Härte. Sein weiches Herz war tief erschüttert. »Die Regierung ischa verrückt!« rief er in tiefer Empörung. »Die haben ja Black gesoffen, unsere Herren am grünen Tisch da oben! Haben die 'ne Ahnung vom Geschäftsleben! Das sind ja ganz wirklichkeitsfremde Menschen sind das ja! Das weiß doch jedes Kind, daß geschmiert wird. Wenn ich 'n Auftrag haben will, denn muß ich schmieren, das's doch klar. Un was kommt bei der ganzen Prozessiererei raus? Daß wir uns vorm Ausland blamieren! Im Ausland lachen sie sich ins Fäustchen und schreien: ›Seht ihr woll? In Deutschland is es nich anders als wie bei uns!‹ das haben wir davon, sons nix!« Er hatte sich schon bei früherer Gelegenheit für eine humanere Handhabung der Gesetze ausgesprochen. Eine Firma seiner Vaterstadt hatte so ganz bescheiden und in der Stille ein wenig Sklavenhandel in Afrika getrieben. Nur im Nebenberuf natürlich, aber mit Erfolg. Auch da hatte sich die Regierung in störender Weise hineingemengt. »Die Regierung ischa verrückt mit ihr'm Humanitätsdusel!« hatte August schon damals gesagt. »Die Herren da am grünen Tisch tun grade, als wenn so 'n Nigger 'n Mensch wäre! Das is doch 'n Blödsinn is das doch! Ich bin doch in Afrika gewesen! Ich kenn' doch die Bande! Von selbs arbeiten fällt doch der Gesellschaft gar nich ein! Die sind doch bloß mit Peitsche un Revolver zu regieren!« Abgesehen davon, daß auch August nicht von selbst arbeitete, will sagen: nicht ohne »Anreiz« in seinem Kontor wirkte, war er also auch hier für ein möglichst mildes Strafgesetzbuch. Man würde aber wieder weit in die Irre gehen, wenn man vermutete, daß diese Milde in eine allgemeine Weichlichkeit und Schwäche verschwommen wäre. O nein, wo Härte am Platze war, da hatte August eine granitne Stirn und ein diamantenes Herz, zum Beispiel gegen die »Roten«. Bevor ich mich hierüber weiter auslasse, muß ich aber eine gründliche Vorsichtsmaßregel treffen. Die nachfolgenden Ausführungen könnten möglicherweise von weitem den Anschein erwecken, als wenn ich mit irgendeiner unerlaubten Anschauung sympathisierte. In Deutschland entziehen einem aber, wenn man nicht ihre politischen, kirchlichen und künstlerischen Anschauungen teilt, der Milchmann die Milch, der Schlachter das Fleisch, der Schuster die Stiefel, der Zeitungsverleger die Preßfreiheit, die Damen ihre Liebe, der Priester das Grab und alle ihre Hochachtung. Wenn mir der Grünhöker die Mohrrüben entzieht, bin ich verloren; denn ich soll nach ärztlicher Vorschrift Mohrrüben essen. Sollte also jemals ein Leser auf die grauenvolle Vermutung verfallen, daß ich nicht seiner Partei, seiner Kirche und seiner Kunstrichtung angehörte, so sei ihm dringlichst versichert, daß ich nie eine andere Ansicht vertreten habe noch jemals vertreten werde, als schlechthin platterdings einzig und allein die seine in jeder Hinsicht durchaus. Erst nach dieser Vorhut von Beteuerungen wage ich es, meine Erzählung durch das gefährliche deutsche Gelände weitermarschieren zu lassen. Wenn man die äußersten Radikalen mit »rot« bezeichnet, die Demokraten mit »orange«, die Freisinnigen mit »gelb«, die Nationalliberalen mit »blau«, die Konservativen mit »indigo« und die Reaktionäre mit »violett«, so war August »ultraviolett«. Als echter Deutscher war er ozeantief überzeugt, daß seine Farbe die einzig berechtigte, einzig statthafte und anständige Farbe des Regenbogens sei und der übrige Teil des Spektrums auf bewußte Schurkerei zurückzuführen sei. Es ist richtig, daß wir an diesem August noch erleben werden, wie er eines Tages in einer Fahrt vom Ultraviolett durch den ganzen Regenbogen ins Ultrarot hinuntersauste; aber das geschah unter der Einwirkung so elementarer Ereignisse, daß es wirklich begreiflich erscheinen wird. Vorläufig war er auf die unter ihm liegenden Parteien entsetzlich scharf zu sprechen, besonders natürlich auf die tiefststehende, die rote. In jener denkwürdigen Sitzung des »Vereins Nächstenliebe«, da er sich des geschmierten Beamten erbarmte, fuhr er also fort: »Un woher kommen alle solche Dummheiten, meine Herren? Weil die Regierung bange is vor den Sozis! Wenn so 'n Sozi da im Reichstag das Maul aufreißt, denn fällt der Regierung das Herz in die Hosen! Das is ja eine Schmach un Schande is das ja, daß solche Leute überhaup in 'n Reichstag reinkommen. Unser Bismarck wußte die Burschen anzupacken, aber leider noch lange nich scharf genug!« »Nu nu nu,« machte Strippecke, der bloß freisinnig war. »Was????« rief August. »Gegen die Sorte kann man gar nich scharf genug vorgehen, kann man gar nich! Aber natürlich: die Herren Freisinnigen steifen ihnen ja noch den Rücken! Da! Hier! Haben Sie die ›Anzeigen‹ gelesen? Da steht heute 'n großartiger Artikel drin! Da hat wahrhaftig so 'n freisinniger Rechtsanwalt in der Stichwahl Stimmenthaltung empfohlen, obgleich er ganz genau weiß, daß denn der Sozialdemokrat durchkommt! Un dieser Rechtsanwalt is 'n deutscher Reserveoffizier , meine Herren! Die ›Anzeigen‹ verlangen natürlich, daß der Herr sofort aus 'm Offizierkorps entfernt wird. Und das woll'n wir hoffen! Das fehlte bloß noch, daß solche Leute den Rock des Königs tragen! Das woll'n wir denn doch nicht einführen. Nee, da versteh' ich keinen Spaß! Da war doch hier der Schulmeister, wie hieß er man noch: der Dr. Töpfer, der 'n ›fortschrittlichen Wahlverein‹ gründen wollte. Als Lehrer an einer Schule für die Töchter höherer Stände! Dem hab' ich das aber abgewöhnt, kann ich Ihnen sagen! Ich, ich bin es gewesen, ich hab' ne Elternversammlung einberufen und hab' erklärt: Wir melden sämtlich unsere Töchter ab, wenn der Onkel nich geschaßt wird! Is ja doch 'ne Frechheit sondergleichen, wenn 'n Beamter, der von unserm Geld lebt, sich öffentlich als Fortschrittler aufspielt! Ich kann Ihnen sagen, der Mann is geflogen! Nach Brasilien is er gegangen!« »Nicht nach dem Feuerlande?« fragte Schellenbarth kindlich. »Nee, wieso nach 'm Feuerlande?« »Nun, ich dachte nur. Als Fortschrittler –« »Hahahahahahahah ...« lachte August. »Sehr gut!« »Nu,« meinte Anton Bemmefett, »mei lieber Herr Gutbier, als Nazchonalliberaler bin ich chja nu grade ooch geen Freind der Sozchaldemogradie; aber ...« »Och, ihr Nationalliberalen!« rief August mitleidig, »ihr seid ja überhaup keine Partei, ihr seid ja gar keine Partei! Ihr seid ja nich Fisch un nich Fleisch. Denn is mir 'n Sozialdemokrat noch lieber! Das ischa »ischa« = ist ja. überhaup 'n Unsinn: ›nationalliberal‹. Ein national gesinnter Mann kann niemals liberal sein! Nee, kann er nich!« »In Preiße freilich net!« rief Bopserle. »Weil's der Schutzmann net leid't!« »Ersmal bin ich kein Preuße,« rief August; »ich bin Gott sei Dank Hamborger! Un zweitens, meine Herren, können wir man jeden Abend un Morgen unserm Schöpfer danken, daß Preußen die Führung in Deutschland hat un nich Östreich zum Beispiel!« »Sehr richtig!« schrie Strippecke. Die Augen des Herrn Gselchwampner begannen aufzuquellen. »No, wer weiß, was besser g'wese wär'!« meinte Bopserle. »Was habe Se denn gegen Öschterreich?« »Was ich gegen Österreich habe?« rief August. »Och, bloß 'n ganz klein bischen! Daß nämlich dann die Pfaffen bei uns das Regiment hätten, un besonders der Oberpfaffe in Rom.« Jetzt waren des Herrn Gselchwampners Augen vor die Tür getreten. »I mueß scho bitten, Herr Nachbar,« schnaufte er, »daß S' a wen'g auf Eahnere Wörtln schaug'n. Inser heilinger Vata in Rom is a heilinger Mann, der wo nit hierher g'hert.« »Aber erlauben Sie mal,« rief August, »ich werd' doch woll im freien Hamborg noch meine Meinung sagen können! Ich bin wahraftig selbst ein guter Christ, meine Herren, das können Sie mir zuglauben; aber darum kann man doch woll noch 'n Wort reden!« »Aber net in a solchenen Ton, der wo die Gefiehle anderner Bierger beleidingt,« versetzte Aloisius. »Des wann no amal vorkemma tat, mueß i mei Platzl anderschwo suechen.« Das traf den Dichter und Restaurateur Richard Merseburg ins Herz. »Meine Herren,« sprach er demutsvoll, »ich glaube, das entscheidende Wort ist schon gefallen: Die Hauptsache ist, daß wir Christen sind, und das sind wir doch Gott sei Dank alle!« Er sprach es, und in seinen Augwinkeln schimmerten zwei Lacrymae Christi. Merswinsky ergriff zu dieser hochpolitischen Debatte nicht das Wort; denn hier saß er unter lauter Parkett- und Ersten- Rang-Besuchern. Er wandte sich aber an den Professor und fragte: »Was sagt denn unser allverehrter Herr Professor dazu?« »Ich?« fragte Schellenbarth. »Ich leere mein Glas auf unser herrlich geeintes Deutschland!« »Bravo!« riefen alle und taten dasselbe. 19. Kapitel. Der wilde Jäger. Im Stadttheater hatte man Verdis »Traviata« gegeben. August Gutbier war nicht dagewesen. »Nee,« sagte er, »nee, meine Herren, Sie wissen ja schon, ins Theater kriegt mich so leicht keiner mehr 'rein. Die heutigen Theater sind nicht mehr auf der Höhe. Ich les' bloß noch die Kritiken von dem – wie heißt er noch, der kleine rothaarige Kerl in den ›Anzeigen‹. Hohohoho, hat der Bengel 'ne Schnauze! Ein freches Aas! Der macht mir immer 'n Riesenspaß, der Kerl.« So war August nun immer gewesen. »Schon in seinen Jugendjahren Zeigte Kunz viel Grausamkeit, Riß die Kinder bei den Haaren, Schmiß mit Schneebällen die Leut', Trat die Pferde auf den Fuß; Dieses gab viel Ärgernuß.« Er hatte sich immer über die deutsche Kampfeslust gefreut, wenn zwei Schulkameraden sich geprügelt hatten, daß die Hunde das Blut schlappten; aber er hatte nie eingegriffen, wenigstens nicht zugunsten des Besiegten. Vae victis ! war und blieb seines Herzens Meinung. Er hatte dergleichen immer riesig interessant gefunden. So erquickte er jetzt sein Herz an den Rezensenten, die mit Steinen warfen. Also er hatte diesmal die Oper nicht gehört; aber er »kannte sie natürlich von früher her auswendig.« Gegen die Musik wollte er weiter nichts sagen; gegen Verdi war er gnädig; aber das Libretto! »Parfümiertes Laster!« hatte der Rezensent gesagt und sagte daher auch August. »So was bringt doch bloß 'n Franzose fertig, meine Herren,« meinte er. »Nich bloß, daß er die Halbwelt auf die Bühne bringt; er verherrlicht sie auch noch.« »Ja,« sagte Schellenbarth, »und doch besuchen die Deutschen diese Oper sehr fleißig.« »Ja, das is traurig genug,« rief August. »Wenn ich zu sagen hätte, würden so 'ne Stücke nich gespielt, da können Sie auf ab. So 'ne Frauenzimmer zu glorifizieren – lieber soll man ihnen das G'nick umdrehen.« Diese wuchtige Sentenz fiel wie ein schwerer Stein in einen tiefen, dunklen Brunnen, so daß man nicht einmal »Plumps« hörte. Es ward eine große Stille. Nur Leonhard Schellenbarth blies langsam den Rauch seiner schöngebauten Havanna gegen die Decke und sagte gedankenvoll: »Evangelium Sankt Johannis 8, Vers 7.« Und wieder ward eine Stille. – »Was schteht d'n da?« fragte Bemmefett nach dieser Stille. Und Schellenbarth sprach: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Nur ein Mann wie Sie, Herr Gutbier, hat das Recht, ein solches Vernichtungsurteil zu sprechen. Sie aber haben auch die Pflicht, es zu tun.« Dieses Kompliment blieb unserm August einen Augenblick im Halse stecken wie ein allzu großer Leberknödel; er schluckte mehrere Male daran; aber er kriegte es doch hinunter. »Na ja,« sagte er mit jungfräulichem Erröten. Und abermals ward eine Stille. Und dann sprach Bemmefett, der Musikalienhändler: »Wos mocht d'n jetzt de Jagd, Herr Gutbier?« August errötete tiefer. Was hatte dieser Kerl immer mit seiner Jagd? Nun ja, er war Jäger. Und ob er Jäger war! Was hatte er schon für »kapitale Böcke geschossen«! Was hatte er für ein Gewehr! Einen Drilling mit Zeiß-Fernrohr zu 2000 Mark! Was hatte er für ein Paar Jagdstiefel und was für einen flotten Jägerhut! Mit einer teuren Sperberfeder dran! Wenn er sich anschickte, zu seiner Jagd hinauszufahren, sah er, beim St. Hubertus, schier wie der wilde Jäger aus. Wie er seinen Hund zu behandeln wußte! Mehr Hiebe und Fußtritte als Fressen. Dagegen sein Jagdfrühstück! Allerhand Hochachtung! Und der Kognak! Und die Jagdtrophäen in seinem Zimmer! Lauter selbsterlegte Stücke! Jaja, er konnte schon singen: »Bei Diana auch zur Zeit Hab' ich mein' Freud',« nur hieß sie nicht Diana, auch nicht Artemis, sondern Laura Rietensplieth. Was hatte dieser unangenehme Musikalienhändler gerade jetzt wieder mit seiner Jagd? Aber man mußte ihm antworten. »Och,« sagte August, »vorgestern hab' ich wieder 'n kapitalen Bock erlegt, 'n Mordsvieh! Wiegt mindestens seine fünfzig Pfund!« »Gann man denn da nicht 'n gleenen Braten abgriechen?« fragte Bemmefett. »Nee, der 's schon unterwegs zu meinem Freund, dem Grafen Hoynefeld. Jaa, der is ja auch immer so reizend zu mir; der schickt mir immer von seinen Fasanen, jaa. Das sind überhaup reizende Leute, so einfach, so natürlich!« »Na, meine Herrschaften,« meinte Strippecke, »nu wer'n wir wohl bald unser Pulver für andre Zwecke brauchen müssen als für unschuldige Böcke un so wat. Det österreichische Ultimatum an Serbien, det is nich von Pappe. Det setzt wat.« »Achch!« machte Herr Geheimrat Merswinsky mit höflichem Unwillen über alle inferiore Politik. » Wat ?« rief Strippecke. »Na passen Se uf, Herr Jeheimrat.« »Achch!« wiederholte der Geheimrat. »Glauben Sie doch so etwas nicht! Ein Sturm im Glase Wasser! Serbien wird klein beigeben, und alles wird beim alten bleiben.« »Na, wir wer'n ja sehen.« Dann kam allerdings die österreichische Kriegserklärung an Serbien. 20. Kapitel. Das vertagte Heldenleben. »Na, Herr Jeheimrat, wat sagen Se nu?« fragte Strippecke. »Nun jaaa, das lag ja nahe,« meinte Merswinsky, »aber was will das sagen! Ein österreichisches Armeekorps wird in Serbien einmarschieren, und dann wird die Sache erledigt sein.« »Nu, so obdimistisch bin ich nu nich ,« erklärte Bemmefett. »Ich gloobe vielmehr, daß mir ooch losgehn.« »Achchch!« machte der Geheimrat. »Nu?!« »Achch, Herr Bemmefett! Glauben Sie mir doch! Ich habe doch Beziehungen zu den bestinformierten Kreisen ich versichere Sie, man denkt gar nicht daran. Die Sache wird lokalisiert werden; dafür sorgt England schon!« Dann kam allerdings die Verkündung des Kriegszustandes im Deutschen Reiche und unser Ultimatum an Rußland. »No, Herr G'hoamrat,« meinte Gselchwampner, »dös ham S' net g'spannt, gell?« »Nun, meine Herren, die Verkündung des Kriegs zustandes ist noch kein Krieg ! Warten Sie's doch ab! Rußland wird sich die Sache dreimal überlegen, wenn es sieht, daß wir Ernst machen. Und dann ist ja auch immer noch England da. England wird es nicht zum Kriege kommen lassen. Wenn Sie wüßten was ich weiß ...« Es war merkwürdig zu beobachten, wie August Gutbiers Angesicht bei jeder pessimistischen Betrachtung der Lage eine weißliche Färbung annahm und bei jeder optimistischen Beschwichtigung seine gesunde Farbe wieder erlangte. Dann kam freilich die Mobilmachung und die Kriegserklärung an Rußland. »Meine Herre,« sprach der Rentner Melchior Bopserle, und er hatte sich erhoben, zum Zeichen, daß er ein feierliches Wort zu sprechen gedenke, »meine Herre, fir onsern ›Verein Nägschteliebe‹ g'winnt dieser Tag noch a besonders ernschtes G'sicht insofern, als wir nun onser geischtiges und moralisches Oberhaupt verliere werde. Meine Herre, es wird Ihne alle in unvergeßlicher Erihnerung sei', wie onser allverehrter Herr Gutbier erklärt hat, daß er der erschte sein wolle, der wo sich freiwillig meldet, wenn's losgeht. Meine Herre, das ischt ein großes Wort; das ischt das Wort eines Helden, ond wir sind wohl alle fescht iberzeigt, daß ein Auguscht Gutbier sei Wort wahrmache wird. Meine Herre, onsere beschte Winsche geleite ihn auf sei'm ruhmvolle Weg; meege er dereinscht mit Lorbeer gekrent, das Eiserne Kreiz auf der Bruscht, heimkehre; ein begeischterter Empfang wird ihm g'wiß sein. In diesem Sinne erhebe ich mei Glas ond rufe: Heil ond Sieg onserm Helde!« »Ich kann ja nicht ich kann ja leider nich!« schrie August in wilder Verzweiflung. »Ich kann ja aus meinem Geschäff nich weg! Ich hab' doch Kriegslieferungen, ich bin doch total unabkömmlich! Ja, wenn ich 'n freier Mann wäre!« »Gann denn des nich Ihr Brogurist besorchen?« fragte Bemmefett. »Och, mein Prokurist!« rief August. »Haben Sie 'ne Ahnung! Mein Prokurist hat keinen blassen Schimmer! Nee, das muß ich selber machen, da kann ich keinen andern bei brauchen.« Du wirst sehen, lieber Leser, daß er recht hatte. »Nun,« sprach der Professor mit großer Freundlichkeit, »vielleicht können Sie ja mit der Zeit Ihren Prokuristen einweihen, und er arbeitet sich nach und nach hinein.« »Ja, das hoff ich ja, das hoff' ich ja,« rief August, der mit wiederkehrender Gesichtsfarbe diesen Ausweg betrat. »Och, meine Herren, sowie ich bloß loskommen kann, sowie ich sehe, daß die Karre auch ohne mich geht, stell' ich mich ja, das ischa mal klar; lieber heut als morgen.« So wurde August Gutbiers Heldenlaufbahn denn vertagt. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. 21. Kapitel. English spoken here. On parle français. Si parla italiano. Und nun kam die Kriegserklärung an Frankreich, und dann kam die englische Kriegserklärung an Deutschland. »No, Herr G'hoamrat, was sag'n S' hiatzt zu Eahnere Engländer, dö vadächtigen Lugenbeitel dö vadächtigen?« fragte Gselchwampner. »Dscha, mein Lieber ,« rief der arme Geheimrat, » das konnte keiner wissen.« Und da müssen wir nun ohne alle Ironie dem guten Merswinsky beitreten: das konnte keiner wissen. Es gibt Schweinereien, die keine Menschenseele ahnen kann; aber zum Glück gibt es sie nur in der höheren Diplomatie. Der Leser kann sich ohne mein Zutun denken, daß in diesen Tagen die Wogen der Begeisterung am Stammtisch hektoliterhoch gingen und immer erst in später Stunde verliefen. Aber während sich die Männer im Kampfe gegen England in Worten erschöpften, war es ein Weib, ein Heldenweib, das zur Tat schritt. Und niemand anders war dieses Heldenweib als Karoline Gutbier geborene Bohlen. Noch bevor die »Königin Luise« an der Themsemündung ihre Minen legte, hatte diese Ehefrau von Orleans dem perfiden Albion einen vernichtenden Schlag versetzt! August hatte es hernach am Stammtisch erzählt; August hat mit Stolz und Rührung den Skalden ihres Ruhmes gemacht. In der Straßenbahn war es gewesen. Ahnungslos hatte Frau Karoline Gutbier dagesessen, als sie plötzlich gewahr wurde, daß eine neben ihr sitzende junge Dame ein englisches Buch las ! Das war mehr, als ein deutsches Weib ertragen konnte! Ob sie in dieser Zeit nichts Besseres tun könne als ein englisches Buch zu lesen, hatte Line Gutbier du schamlose Person gefragt. Die hatte sie ganz verdutzt angeblickt und dann weitergelesen. Es war vermutlich eine arme kleine höhere Tochter oder Seminaristin gewesen, die für die Schule das »Cricket on the Hearth« oder so etwas paukte. Aber fragt die Begeisterung nach näheren Umständen? Die Begeisterung hatte denn auch auf eine gegenübersitzende Fischfrau, einen Kontorboten, einen deutschen Tuchfabrikanten und eine Hebamme übergegriffen und sich in steigender Entrüstung Luft gemacht. »Eine Frechheit ist das!« hatte man gemeint. »Eine Unverschämtheit!« »Man sollte ihr das Buch aus der Hand schlagen!« »Man sollte den Wagen halten lassen und die Person hinaussetzen lassen!« Schließlich hatte denn auch die Landesverräterin in schrecklicher Verwirrung, über und über rot, das Buch eingesteckt, sich erhoben und den Ausgang gesucht; aber die biedere Fischfrau hatte noch schnell den Fuß vorgestreckt, daß sie darüber stolpern mußte, und darüber hatte sich ja nun Line Gutbier, die sonst eigentlich nicht viel Sinn für Humor hatte, halb totgelacht. Und als sie gestolpert war, hatte die Deern »Pardon!« gesagt. »Pardon!« Auch noch französisch! Ihr Glück, daß sie draußen war. Dies war der erste Schlag gegen England; Line Gutbier, die Fischfrau, der Kontorbote, der Tuchfabrikant und die Hebamme hatten auf der ganzen Linie gesiegt, und Charles Dickens war endgültig durch Line Gutbier verdrängt worden. Als August diesen Kulturkampf im Straßenbahnwagen in homerischer Breite zu Ende gesungen hatte, fragte Schellenbarth mit gebührender Bescheidenheit: »Darf ich Sie um eine Belehrung bitten?« »Bitte?!« machte August entgegenkommend. »Sie sagten kürzlich: ›Tüchtig Englisch und Französisch! Das ist das Allererste, alles andere ist Nebensache. Wenn einer perfekt Französisch und Englisch kann, das ist bares Geld.‹ So sagten Sie wörtlich; ich höre immer mit besonderer Aufmerksamkeit auf Ihre Worte, weil alles, was Sie sagen, für mich Wert hat. Nun scheint mir zwischen Ihrer heutigen Stellung zu den fremden Sprachen und Ihren damaligen Worten ein Gegensatz zu bestehen. Natürlich ist das nur ein scheinbarer Widerspruch, und Sie werden mich sicherlich ohne Mühe dahin belehren, daß diese scheinbare Inkonsequenz nur meiner mangelhaften Auffassungsgabe zuzuschreiben ist. Sie sind doch noch immer vom Wert der Kenntnis fremder Sprachen überzeugt, nicht wahr?« »Im Geschäfff ??!!« rief August feurig. »Aber selbstverständlich! Natürlich! Ich hab 'n Im- und Exportgeschäft; denken Sie mal an, wo ich da hinkäm' ohne fremde Sprachen! In mein'm Büro wird nich bloß Englisch un Französisch, da wird Spanisch und Portugiesisch un Italienisch un Schwedisch un Norwegisch un Russisch un Gott weiß was korrespondiert. Dascha »dascha« = das ist ja selbstverständlich! Aber dascha auch ganz was anders, nich? Das muß sein! Aber so 'n Deern braucht doch nich engelsche Romane zu schmökern, nich?« »Jaja, soso!« machte Schellenbarth. »Nun verstehe ich. Haben Sie besten Dank!« »Bitte, bitte,« machte August. »Ja nu sagen Se aber mal, Verehrtester,« begann Strippecke, »verjelten denn nu Ihre Jeschäftsfreunde Ihnen diese Liebenswürdigkeit, indem Se Ihnen deutsch zurückschreiben?« »Nee,« sagte August. »Na, denn find' ick diesen Austausch internationaler Höflichkeiten doch 'n bißchen einseitig. Denn würd' ick doch an Ihrer Stelle ooch deutsch schreiben!« »Ja, un keine Geschäfte machen, nich? Was hab' ich denn davon? Denn kommt das Geschäff nich zustande, nich? Un was Hab' ich denn ? Die versteht ja doch meistens kein Deutsch, die Bande, die is ja viel zu ungebildet! Die Hauptsache is doch, daß das Geschäff gemacht wird, nich?« »Sehr richtig,« sagte Professor Schellenbarth. »Sie müssen vor allen Dingen Geschäfte machen, damit das Vaterland wirtschaftlich erstarkt.« » So is es! «!! schrie August; ja, er schrie es. Er war ja so freudevoll überrascht! Nun wußte er's endlich, warum er so gern importierte und exportierte! Die »wirtschaftliche Erstarkung des Vaterlandes« war es, die er im Auge hatte. Es war ihm doch immer so gewesen, als verfolge er bei seinen Handelsgeschäften ein ideales Ziel; er hatte nur nicht darauf kommen können – nun kannte er's! Von nun an hatte der Professor einen Stein bei ihm im Brett; von nun an sah er den Professor mit schier zärtlichen Blicken an.   22. Kapitel. Der Stammtisch und die Stämme. Und als dann bald nach der Austreibung der Dickens-Leserin aus dem Straßenbahnwagen die »Königin Luise« ihr kühnes Werk vollführte und mit ihrem Untergange besiegelte, und als die »Goeben« und die »Breslau« die algerische Küste bombardierten und bei Messina die englische Blockade durchbrachen, da rief August jedesmal, daß es durch den ganzen »Franziskaner« hallte: »Unsere blauen Jungens! Junge, Junge, Junge, unsere blauen Jungens!« Das hatte er übrigens auch schon vor dem Kriege immer gerufen: »Unsere blauen Jungens!« August liebte über alles das Meer; jedes Jahr verbrachte er einige Wochen auf der Insel Sylt, wo die Seeluft einen so herrlichen Appetit erzeugt. Er wählte aber immer den Landweg nach Sylt, so daß er nur die anderthalbstündige Fahrt auf dem Wattenmeer zu Schiff zurückzulegen hatte. Seefahrt ist not, das hatte schon Pompejus gesagt; aber er hatte nicht gesagt, daß gerade August Gutbier fahren müsse; es blieben ja genug andere übrig. Von dem Worte des Pompejus: »Seefahren ist nötig; leben ist nicht nötig« fand er die zweite Hälfte ungemütlich. Aber »Unsere blauen Jungens!« rief er mit seegrün begeisterten Blicken, sobald sich nur eine Gelegenheit bot » unsere blauen Jungens!«, als wenn er von der deutschen Marine 90 Prozent Aktien hätte. Und in der Tat ergriff er, als sich die Gelegenheit bot, ein Eigentumsrecht an der deutschen Seemacht zu erwerben, mit Enthusiasmus diese Gelegenheit. Gerade hatte er wieder einmal gerufen: »Unsere blauen Jungens, meine Herren, die machen den ganzen Kitt allein!« als eine junge Dame mit einer großen Büchse an den Stammtisch trat und um Gaben für die deutsche Marine ersuchte. Alle griffen in die Tasche; die einen schneller, die andern langsamer, August aber am schnellsten; er griff in die Hosentasche und warf etwas in die Büchse ... Ich seh's ja nun deinem Gesicht an, du boshafter Leser, du ganz hinterhältiger, daß du fest überzeugt bist, August habe einen Hosenknopf hineingeworfen. Leugne nicht: das hast du geglaubt! Aber ich müßte ein ganz miserabler Schriftsteller sein, wenn ich dir das zugäbe. Ein guter Schriftsteller oder Dichter überzeichnet und überlädt seine Charaktere nicht, und so stelle ich hier ausdrücklich fest: was August hineinwarf, war mehr als ein Hosenknopf. Ich weiß zwar nicht, wieviel es war; denn August hielt vier Finger vor die Münze, als er sie in den Schlitz steckte; aber eine Münze war es; denn aus dem Innern der Büchse antwortete seinem opferfreudigen Sinne dankbar »des Ruhms lockender Nickelton«. Wenn andererseits ein überängstlicher Leser befürchten sollte, daß August sich an seiner Gabe für die Marine finanziell überhoben haben könnte, so kann ich ihn auch darüber beruhigen. Gleich am Tage nach der englischen Kriegserklärung hatte der Kellner Franz ihm ein Beefsteak empfohlen. »Was, hier, Beefsteak!« hatte August gedonnert. »Was ist das? Was heißt Beefsteak? Das versteh' ich nich! Ich bin kein Engländer. ›Rindsstück‹ heißt das gefälligst! Hier an diesem Tisch wird von heut an kein Fremdwort mehr gesprochen , das merken Sie sich! Jedesmal sowie Sie 'n Fremdwort gebrauchen, kriegen Sie kein Trinkgeld! Basta! « Wenn August dergleichen versprach, hielt er Wort. Dem armen Franz, der bei Ragoût fin und Mayonnaise kahl und krumm geworden, wollte das »feine Gemengsel« und die »Eieröltunke« lange nicht über die Zunge, und August brachte sein Marineopfer schon allein beim »marinierten« Hering wieder ein. Und nun, mein deutsches Publikum, nenne mir doch bitte einen deutschen Dichter, der sich eines solchen Helden rühmen kann! Wir wissen, daß Kneipwirte ihr »Etablissement Piccadilly« (oder so) mit »Kaffee Moltke« (oder so) übersetzten und sich solchermaßen vor Schaden hüteten; aber zeigt mir den Mann, dem die Reinheit der Sprache einen Reingewinn brachte und aus der Muttersprache eine Sparbüchse machte! Im 17. Jahrhundert wäre er Ehrenmitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft« geworden, mein August! Man kann sich denken, in welchem Umfange Herr Alois Gselchwampner am Stammtische erschien, als es hieß, die Bayern hätten unter ihrem Kronprinzen Rupprecht bei Metz oder Dieuze einen großen Sieg erfochten. In beträchtlich erweitertem Umfange erschien Herr Gselchwampner, und er strahlte nicht nur im optischen Sinne, er war geradezu radioaktiv. Der bayrische Löwe schlug in seiner Seele mit dem Schweif einen furchtbaren Reif. Das Tier durfte nicht geneckt werden. »No jo, des hob' i eh g'wißt: bal mir Boarischen eingreifa tean, nacha is 's gar. Bal der boarische Hiasl Frasä ( Française ) tanzt, nacha geht eahna d' Luft aus, dö Herrn Franzos'n, dö Stritzi, dö hundsmiserabligen. In vierzehn Tag san ma in Paris, des mach'n mir Boarn gonz allanig.« »Ja, det is ja nu Mal jar keene Frage,« pflichtete Strippecke bei, »'n tapferer Volksstamm sind de Bayern, da is jar nischt zu sagen. Wenn's mit der Intellijenz ebenso bestellt wäre – –« »Was wollen denn Sö mit Eahnerer ›Intelligenz‹?« rief Aloisius. »Habt's ös 'leicht 'pacht, dö Intelligenz, ös Preißen?! Ah ja freili, intelligent san 's schon, dö Preißen, b'sondersch, wenn's von an Hauptmann von Köpenick ang'führt wer'n!« Das traf Herrn Strippecke häßlich in die Magrngrube. »Ach, nu kommen Se mit der ollen Jeschichte! So wat kann überall vorkommen,« rief er mit einiger Verlegenheit. Indessen verschaffte ihm der deutsche Kronprinz schnell eine glänzende Genugtuung, indem er zwei Tage darauf bei Longwy siegte. »Na??« rief Strippecke, »na??! Scheinen doch nich so janz dammelig zu sein, die ›Saupreißen‹. Wat meenen Se, Männeken, wenn unser Kronprinz nu noch 'n bißgen eher in Paris is als nämlich der Ihrige? Im alljemeinen pflegen se nämlich ziemlich frieh ufzustehen, de Preißen.« »Ja, bloß mit 'm Wahlrecht, da schlafe se als noch ihmmer!« rief Herr Bopserle ingrimmig. »Ach, det is ja nu 'ne janz andere Sache, nich wahr?« rief Strippecke. »Un ob det nu jrade 'n Segen is, wenn 'n Schustergeselle detselbe Stimmrecht hat wie 'n Kommerzienrat, darüber kann man ja nu noch sehr jeteilter Meinung sein, nich wahr? Aber davon is hier ja jar nich die Rede; hier handelt es sich doch um militärische Fragen. Un wenn es sich ums ›feste Druffjehen‹ handelt, denn sind die andern immer erst mitjejangen, wenn wir Preußen ihnen Mut jemacht haben, denn war Preußen allemal vorneweg!« »Chja, mit der Schnauze,« meinte Bemmefett ruhig. »Iberhaupt, wenn die Preißen alles alleene machen, da hätten wir andern chja eechentlich zu Hause bleiben gennen?« »Herr Direktor Strippecke,« fragte hier der Professor mit tiefer Höflichkeit, »Sie werden mir eine Auskunft geben können: War Theodor Fontane eigentlich Kommerzienrat?« Strippeckes Augen strahlten Unverständnis. »Fontane?« fragte er. »Wer is det? Kenn' ick nich.« »Soso,« machte Schellenbarth, »Sie kennen ihn gar nicht. Nun, dann erledigt sich meine Frage. Entschuldigen Sie die Unterbrechung, meine Herren!« und lehnte sich wieder zurück. Der Rangstreit der deutschen Stämme erhielt neue Nahrung, als unmittelbar darauf der Herzog Albrecht von Württemberg bei Neufchateau die Franzosen aufs Haupt schlug. »I bin a Schwab',« sagte Herr Bopserle, »sell ischt mir g'nue. Mir Schwabe brauche ons net zu brüschte; mer kennt ons scho, ond de Hieb', wo mir austeile, kennt mer auu'. Sie sind bekahnt ihm ganzen Reiche; Mer nennt sie halt nur Schwabestreiche. Mir schwätze nit em Teufel e Ohr weg wie g'wisse andere Leut', mir schlage als zue, ond's wägscht koi Gras meh.« »Na, und wir Hamborger?« rief August, der es hohe Zeit fand, die überragende Bedeutung der hamburgischen Nation ins rechte Licht zu setzen. »Meinen Sie vielleicht daß der Hamborger sich lumpen läßt? 'n Hamborger Jung, meine Herr'n, der kneift nich, un wenn ihm tausend Engländer und Franzosen übern Hals kommen. Wissen Sie, was er einfach sagt? Ich will Ihnen sagen, was er sagt: ›Hummel!‹ sagt er.« Das ist nun in der Tat eine hervorragende Leistung; aber an der Front haben die Hamburger doch noch erheblich mehr geleistet. »Nun, Sie werden ja hoffentlich unsern Feinden bald persönlich zeigen, was ein Hamburger vermag,« sprach der Professor mit Wärme. »Ja! Ja!« rief August erbleichend, »ich hoffe es ja, ich hoffe es ja!« und fügte dann schnell hinzu: »Franz, bringen Sie 'mal die Speisekarte.« Ein Bremer, ein Lübecker, ein Schwarzburg-Rudolstädter, ein Schwarzburg-Sondershausener, ein Waldecker, ein Anhalt- Dessauer, ein Anhalt-Zerbster, ein Anhalt-Köthener usw. usw. waren leider nicht am Tische, sonst hätte ich gar zu gern erzählt, wie jeder seine Stammestugenden auf den Stammtisch des Hauses niederlegte. Nur einmal war – als Gast – ein Mann aus dem sächsischen Kreise Schleusingen da, der die Vorzüge der Schleusinger gegenüber den Ungehörigen des Kreises Ziegenrück markant hervorhob. Während das deutsche Volk an den Fronten zu einer einzigen Seele zusammengeschmolzen war, sorgte der »Verein Nächstenliebe« für die unverbrüchliche Wahrung der berechtigten Provinzeigentümlichkeiten und moralischen Reservatrechte. 22. Kapitel. Die Barmherzigkeit riecht unangenehm. Als die Cherusker und Markomannen, die Langobarden und Semnonen des Stammtisches sich wieder einmal über ihre verschiedenen Vortrefflichkeiten unterhielten, traf ein Extrablatt am Tische ein und verkündete nicht mehr und nicht weniger als die Vernichtung der Russen bei Tannenberg. Diese Nachricht und diese Tat waren nun allerdings so groß, daß man tagelang darüber vergaß, ob Hindenburg ein Preuße oder ein Türke sei. Und als nun gar zwei Wochen darauf derselbe Hindenburg zwei russische Armeen vernichtete, da vollzog sich in unseres Augustus Seele ein gleich gewaltiger Umschwung. Seine »blauen Jungens« traten vollständig in den Hintergrund. »Unser Hindenburg!« – er hatte seine Marine-Anteilscheine verkauft und Hindenburg-Kuxe genommen – »unser Hindenburg, meine Herrn, Junge, Junge, Junge, der bringt den Krieg in vier Wochen zu Ende, das soll'n Sie man mal sehn! Denken Sie mal daran, was ich gesagt habe, meine Herrn!« Und dann ließ er eine Landkarte kommen und nahm die Teilung der Erde vor. »Nehmt hin die Welt!« sprach August zu den Deutschen, »Nehmt,sie soll euer sein!« Und mit dem Daumennagel zeichnete er nach einem ziemlich geradlinigen Verfahren das künftige Deutschland in die Karte. »Das nehmen wir,« sagte er schlicht. »Un das. Un das.« Und so weiter. Allerdings: so freigebig er verteilte, was andere Leute erobert hatten – er ließ den Feinden immerhin noch mehr als uns die Franzosen, die uns auf Thüringen beschränkten, und als die Engländer, die von Deutschland nur die Skelette der verhungerten Einwohner übrigließen. »Unser Hindenburg! Unser Hindenburg!« Wenn es nach unserm August gegangen wäre, dann wären alle andern Heerführer und Offiziere kaltgestellt worden – du lieber Gott, was waren das alles für Nachtlichter gegen seinen Hindenburg! – und alle Soldaten wären nach Hause geschickt worden; nur Hindenburg wäre abwechselnd an der West- und Ostfront erschienen, ohne Kanonen, ohne Säbel, ohne ein Taschenmesser, und der Krieg wäre erledigt gewesen. So war nun diese schlichte, einfache, rechtwinklig gebaute Seele! Wo sie einmal bewunderte, da gab sie sich ganz, gab sie sich schrankenlos hin. Wenn die großen Männer manchmal wüßten, wie sie verehrt werden, von wem sie bewundert werden! Hindenburg schlug seine Schlachten und ahnte nicht, daß er Gutbiers Hindenburg war. Freilich kam eine Zeit, da Hindenburg in der Wertschätzung seines Gönners sank; aber das war später; vorläufig war der Herr der himmlischen Heerscharen nur ein Adjutant des Generals von Hindenburg. Deutschlands Frauen haben sich immer ihrer Männer würdig gezeigt; niemand wird von Line Gutbier und ihren Töchtern Lulu und Adrienne etwas anderes erwartet haben. Mit genialem Instinkt begriff Line, daß Deutschland wirtschaftlich durchhalten müsse. Sie entließ darum das eine ihrer Dienstmädchen und setzte das andere im Lohn herab. Sie wußte noch aus der Schule, daß Kriege Teuerungen im Gefolge haben, und sie kaufte vom Mobilmachungstage an alles an Mühlenfabrikaten, Teigwaren, Kolonialwaren, Fettwaren, Konserven, Stiefeln, Kleiderstoffen usw., was sich kaufen und ohne Schaden aufheben läßt. Einen Kavalier entehrt es eigentlich, in einen Kramladen zu gehen und Nudeln zu kaufen; aber August Gutbier beugte sich gern der harten Notwendigkeit der Zeit und brachte ohne falsche Scham unter dem Schleier der Nacht zehn Pfund Nudeln und zehn Pfund Hafergrütze ins Haus. Lulu und Adrienne inzwischen weihten ihr jungfräuliches Fühlen dem Dienste der Barmherzigkeit. Sie meldeten sich als freiwillige Krankenschwestern und suchten gemeinsam mit ihrer Mutter vier Stunden lang in sieben Geschäften gewissenhaft nach den kleidsamsten und dennoch billigsten Kleidern und Schwesternhäubchen. »Es steht ihnen reizend,« sagten August und Line. »Ja, meine Töchter haben sich natürlich als freiwillige Krankenschwestern gemeldet,« sagte August am Stammtisch, »natürlich nur bei Offizieren.« Ja, selbstverständlich nur bei Offizieren wollten sie Pflege tun. Aber Lulu, die relativ Hübschere, kam gerade an jenen launigen Oberarzt, der die Damen beim Antritt ihres Dienstes versammelte und also anhub: »Diejenigen unter Ihnen, meine Damen, die nur Offiziere pflegen wollen, bitte ich, auf die rechte Seite zu treten, die anderen auf die linke.« Da war Lulu Gutbier zur Rechten gegangen, und dann hatte der Mann zu den Damen auf der Rechten gesagt: »Sie können wieder nach Hause gehen; denn Sie kann ich nicht brauchen.« »Der alte Kerl!« hatte Lulu gesagt; aber im Grunde war ihr dieser schlichte Abschied gar nicht unrecht; die Barmherzigkeit hatte schon am Eingang schrecklich nach Jodoform gerochen, und dies Parfüm liebte sie nicht. Adrienne, die Ältere, hielt viel länger aus, mindestens vier Wochen. Sie sagte am ersten Tage, als sie heimkam, es sei »furchbar intresant«; am zweiten Tage sagte sie, es sei »intresant«; vom dritten Tage an sagte sie nichts mehr. Ei ja, Krieg ist schwer. Sie erhielt verschiedene Anschnauzer, weil sie der Ansicht war, daß Töchter höherer Stände die Umschläge nicht so oft zu erneuern brauchen wie Töchter niederer Stände. Die schlimmste Erfahrung aber lag anderswo. Der Thermophor ihres Herzens verströmte seine Gluten umsonst. Sie hatte das heiße Herz ihres Vaters und die Nasenwarze der Mutter. Aber diese Männer, obwohl durch Wunden und Krankheit körperlich und seelisch herabgedrückt und geschwächt, obwohl des Umgangs mit Frauen schmerzlich entbehrend und obwohl zum Teil so übel zugerichtet, daß sie, allzu große Ansprüche erheben zu dürfen, nicht mehr hoffen konnten – für Adrienne wollten sie sich nicht entscheiden. Nicht nur, daß kein Offizier sich von ihr zum Gefreiten befördern lassen wollte – auch kein Gemeiner wollte ihr Premier werden. In bitterem Weh über den Undank der Welt zog sie sich ins Privatleben zurück, klappte den Klavierdeckel auf und spielte: »Emil, mach mir mal die Bluse zu.« Mutter Line hatte indessen eine andere Betätigung ihrer Vaterlandsliebe gefunden und entwickelte auf diesem Felde Ausdauer und Heftigkeit. Es war das Feld der Frauenmode. Sie bekämpfte die französische Mode, und das war brav von ihr; aber sie verwechselte standhaft »deutsch« und »Line« miteinander, und das war unbrav. Ganz zufällig hatte die Mode mal einen guten Einfall gehabt und hatte die Frauenröcke kürzer gemacht, damit man die Füße sehe. Es gibt ja kaum etwas Reizenderes als ein paar zierlicher, hübsch beschuhter und bestrumpfter Frauenfüße. Line fand das nicht. Sie fand diese Mode überflüssig; sie verlangte lange Kleider, bis auf den Fußboden; denn ihre Füße sah man immer. Sie fand diese Mode aber auch bodenlos schamlos, und wenn sie auf der Straße solch einem verlorenen Geschöpf begegnete, dann – Hast du's, lieber Leser, einmal gehört und gesehen, wenn der Maschinist einen Hahn öffnet und überschüssigen Dampf abläßt, damit der Kessel nicht platze? »Tschschschschschschsch...« macht es, nicht wahr? Nun, so – mußt du dir denken – so zischte Line Gutbier mit Zwölfatmosphärendruck: » Frchs Gschpf !!!« vor sich hin, wenn sie solch einer begegnete. » Frchs Gschpf !!!« Das sollte eigentlich heißen: »Freches Geschöpf!«, aber die Konsonanten drängten mit so sittlicher Wucht nach vorn, daß die Vokale nicht zur Entwicklung kamen. Line brachte denn auch die Damen des Vororts Fuhlenbek zu einer geharnischten Protestversammlung gegen fremde und einheimische Frivolität in der Mode zusammen. Dem Ernst der Sache entsprechend, ergriffen nur Frauen zwischen vierzig und neunzig das Wort und vertraten mehr oder minder heftig die wohlbegründete Anschauung, der menschliche Körper, besonders der weibliche, sei etwas so Niederträchtiges, daß man ihn auf jede Weise verbergen müsse. Dieses lichtscheue Treiben fand, wie begreiflich, die wohlwollendste Unterstützung der Polizei. Line Gutbier war sozusagen die Rosa Luxemburg dieser Bewegung; ihre Anschauungen blieben richtunggebend, Anschauungen, die wir, nach ihrem Namen, zusammenfassend als Linealismus bezeichnen können. 24. Kapitel. Der Geheimrat als Mignon. Auch August Gutbier beschränkte seine Wirtschaftspolitik nicht auf das Haus und nicht auf Nudeln und Grütze. Da sah er wahrhaftig am 30. August des Jahres 1914 im »Franziskaner«, nur wenige Tische weit entfernt, ein paar Kerle zusammensitzen, die Sekt tranken! Zwar keinen französischen Sekt, aber Deinhard. In dieser Zeit! »Sie sollten Ihr Geld auch lieber der Kriegshilfe geben!« rief August so laut hinüber, daß es gehört werden mußte. Unter den Gegenständen, die August im- und exportierte, befand sich kein Deinhard. Seine Empörung fand am Tische lebhafte Zustimmung; nur der wirtliche Dichter Richard Merseburg empfand sie als eine Unduldsamkeit; er erhob sich schnell zu einem Inspektionsgange durch das Lokal. Am Tische der Sekttrinker schien der Zuruf die allgemeine Heiterkeit nur erhöht zu haben, und nach einigen Minuten brachte der Kellner von dort einen zusammengefalteten Zettel zu Händen des ersten Sofasitzenden. August entfaltete ihn und las: »Der hochzuschätzende Rufer im Streit wird um Angabe der Summe gebeten, die er für die Kriegshilfe gezeichnet hat, und um Vorlegung der Quittung.« Und im »Verein Nächstenliebe« ward abermals eine große Stille; nur der Professor sprach in diese Stille hinein mit freundlich leuchtenden Blicken: »Das ist ein guter Gedanke; Zahlen beweisen. Sie haben sicher so viel gegeben, daß es den Herren den Mund stopft.« Aber August nannte keine Zahl; er zerriß den Zettel in mehr als hundert Fetzen und rief: »Das is – 'ne Frechheit is das einfach! Man sollte ja eigentlich 'rübergehn un dem Kerl eine 'runterhauen; aber man ischa viel zu vornehm is man ja.« Wer weiß, ob es nicht trotz dieser Vornehmheit doch noch zu einer kräftigen Reibung gekommen wäre, wenn sich nicht plötzlich die Nachricht verbreitet hätte, daß bei St. Quentin Franzosen und Engländer geschlagen worden seien. Die Nachricht werde sogleich vom Rathaus her verkündet werden. In jubelnder Erregung strömte alles hinaus nach dem Rathausmarkte. Und in der Tat erschienen alsbald auf der Rampe des Rathauses Bürgermeister und Senatoren, und der Bürgermeister verlas mit weithin schallender Stimme die herrliche Botschaft. Die Engländer waren aufs Haupt geschlagen; es war kein Herz in Deutschland so friedsam und sanftmütig, daß es ihnen das nicht gönnte. Sie hatten die erste Schlappe zu Lande erlitten, die guten Angelsachsen, die doch eigentlich nur ganz in der Stille angeln wollten. Das war süßer als sieben Siege über Franzosen und Russen. Nicht nur vom Himmel fiel reiche Sonne herab; Sonne drang aus der Erde herauf; Sonne quoll aus dem Herzen zum Himmel; Sonne klang aus Tausenden von Kehlen hinauf, als man entblößten Hauptes »Deutschland, Deutschland über alles« sang. Allgemach verlief sich dann die Menge; aber während die einfach Begeisterten und einfach Patriotischen wieder ihren Geschäften nachgingen, meinte August, einen solchen Tag könne er nicht im Hause zubringen, nach einem solchen Sieg könne er's im Kontor nicht aushalten; ein solcher Erfolg müsse auch würdig gefeiert werden. Und als Richard Merseburg die Herren zu »einer kleinen fidelen Bierreise« einlud, da wirkte das auf die Gemüter der Stammtischherren wie ein zweiter Sieg bei St. Quentin – ach, was sage ich –: wie die Einnahme Londons. Das Wort »Bierreise« darf man nun nicht so wörtlich nehmen; die Herren gingen zu Bock und Schlump und tranken zunächst einmal einen sehr guten 93er Smith Haut Lafitte, dann einen 88er Mouton Rothschild, hierauf, der Parität wegen, einen 91er Pape Clement und endlich einen äußerst wirksamen 99er Chambertin aus dem Land Burgund. Bei diesem Trank invadierten sie England. Herr Versicherungsdirektor Strippecke hatte Zweifel geäußert, ob eine deutsche Invasion möglich sei. » Wir gehen 'rüber ,« sagte August kategorisch, lapidar, monumental. » Wir gehn 'rüber !« sagte er. Sonst nichts, »Na, ich weeß nich!« sagte Bemmefett. » Wir gehn 'rüber ,« sagte August steinhart, stahlhart, betonhart. Vier Silben, nicht mehr. Man blickte auf den Geheimrat Merswinsky. Merswinsky hatte inzwischen die diplomatische mit der strategischen Geheimwissenschaft vertauscht. »Ich habe mit einem von der Marine gesprochen –« sagte er – – mehr sagte er nicht. Aber er zwinkerte mit dem linken Auge so vielsagend, daß kein Zweifel möglich war: wir gingen hinüber. Auf welche Weise wir hinübergehen würden, darüber sagte er natürlich nichts. Man sah es ihm an, daß die Armeeleitung ihm ein furchtbares Schweigegebot auferlegt hatte. Ein Schauer ging durch die Versammlung. Nachdem also das Faktum festgestellt war, warf man die nicht unwichtige Frage etwaiger Hindernisse auf. Einer war der Ansicht, daß die Engländer einen gewissen Widerstand leisten würden. »Was woll'n sie denn machen?!« rief August mit Feldherrnstimme. »Wir schießen doch einfach 'rüber! Wenn wir in Calais sind, schießen wir doch einfach 'rüber!« »Na na na na!« rief Strippecke. »So weit schießen die Preußen nich! Det sind jute 35 Kilometer!« »Was sind das?« rief August. »Reden Sie doch kein Blech! das sind – das sind noch keine zwanzig Kilometer sind das nich! Ich bin doch x mal 'rübergefahren!« Strippecke empfand das nicht als Beweis und bestand auf seiner Zahl; aber August sprach viel lauter. Das war der Unterschied zwischen ihm und dem lieben Gott; der liebe Gott wußte alles; aber August wußte alles besser. Nur eins wußte er nicht, nämlich, warum die Deutschen so unbeliebt wären. Der Professor hätte die Frage ja wohl entscheiden können; aber er nahm an dieser Bierreise durch die mittägigen Provinzen Frankreichs nicht teil. So kam es zu einer Wette um eine weitere Pulle Burgunder; ein Lexikon wurde herbeigeschafft, und August verlor. Das verdarb ihm aber nicht die Laune; wo es sich um die großen Fragen der Vaterlandsverteidigung handelte, durfte das Geld keine Rolle spielen. »Un überhaup!« fuhr August fort. »Was sagt das?! Wenn unsere Kanonen es nich machen, denn machen es unsere Luftschiffe. Mit unsern Luftschiffen schmeißen wir doch das ganze London in 'n Dutt!« Man warf die Frage auf, ob man von einem Zeppelin aus wohl mit voller Sicherheit ein bestimmtes, eng begrenztes Ziel, z. B. ein Kriegsschiff oder ein Arsenal, treffen könne. »Aber selbstverständlich!« rief August. »Das is doch mal sicher!« Und er beschrieb eine Art Ziel- und Wurfapparat, der so genial konstruiert war, daß ihn kein Physiker, kein Techniker, kein Ingenieur jemals begreifen wird. Man blickte wieder Rat und Hilfe suchend auf den Geheimrat. Und richtig: der Geheimrat zwinkerte. Er zwinkerte höchst beruhigend. »Sie haben was –« sagte er. Mehr nicht. Er durfte ja auch nicht mehr sagen. Um Gottes willen! Wie Mignon saß er unter den starrbegierigen Blicken der Männer: »Heißt mich nicht reden, heißt mich schweigen; Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht. Ich möchte euch mein ganzes Innre zeigen ... Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu, Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.« Hier muß der Verfasser die Bierreise leider durch eine seiner (bei ihm) so beliebten Anmerkungen unterbrechen. August hatte natürlich niemals an das Luftschiff Zeppelins geglaubt; er glaubte von der Wiege bis zur Bahre überhaupt an kein Luftschiff irgendwelcher Art, bis es greifbar vorhanden war. Du wirst aber, mein hochbegabter Leser, ohne alle Ausnahme die Beobachtung machen, daß eben dieselben Leute, die vor der Vollendung über die Idee eines Luftschiffes vor Lachen bersten wollen, an das endlich vorhandene Luftschiff die unbescheidensten Anforderungen stellen und schlechtweg alles von ihm verlangen, einschließlich der Quadratur des Kreises, des perpetuum mobile , der Bestimmung des Geschlechts vor der Geburt usw. Es ist also nur natürlich, daß August mit Hilfe des Luftschiffs das englische Weltreich demolieren wollte. Dabei fällt mir ein: Solch ein Luftschiff ist auch die Idee des dauernden Völkerfriedens. Er wird einmal kommen wie die andern Luftschiffe, nachdem Jahrhunderte, Jahrtausende um ihn gerungen haben. Als aber einmal am Stammtische von diesem Luftschiff die Rede war, geriet August in einen telamonischen Zorn, der am liebsten alle Friedensschafe der Welt zerrissen hätte. Und er faßte den geistigen Gehalt seiner Ausführungen zusammen in die barock-originale Formel: »Krieg hat es immer gegeben un wird es auch weiter geben; da ändern wir nix an. Das is immer so gewesen un wird auch immer so bleiben.« »Mit diesen Worten,« rief Schellenbarth in ausbrechender Begeisterung, »haben Sie die Gesinnung dieses ganzen Tisches in wahrhaft monumentaler Weise zum Ausdruck gebracht! Noch nie ist mir eine umfassende Weltanschauung in so glänzender Formulierung entgegengetreten. Ihre Worte haben auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht! Tod und Vernichtung allen Schwarmgeistern und Unruhstiftern!« Und es war nur wenige Tage darauf, daß er mit einem geheimnisvoll verhüllten Paket am Tische erschien und die folgenden Worte sprach: »Schon lange, meine Herren, habe ich den Wunsch gehegt, nach meinen Kräften ein weniges zum Schmuck unseres Tisches beizutragen. Erlauben Sie mir, daß ich meine kleine Stiftung enthülle!« Und was enthüllte er? Eine hübsche kleine silberne Windmühle mit unbeweglichen Flügeln, die auf zwei Seiten eine Inschrift trug. Auf der einen stand: Es ist immer so gewesen und wird immer so bleiben. und auf der anderen: Genio hujus loci. »Wos heißt denn dos?« fragte Bemmefett. »Das wird Ihnen unser Herr Präses gern sagen,« versetzte Schellenbarth. August verfiel in hämorrhoidalische Bewegungen. »Ja. das is ja ganz einfach,« meinte er. » Genio ... Genius. hujus : dieses Monats ... loci ? ... loci ? ... Was heißt man noch › loci ‹?\<« » loci ? ist der Genitiv von locus ?, also: ›Dem Genius dieses Locus‹ oder, wenn Sie ganz deutsch sein wollen: ›Dem Geiste dieses Ortes gewidmet‹.« »Hm... sehr hübsch ... sehr geschmackvoll,« sagte einer nach dem andern. »Sehr sinnreich,« sagte Merseburg. »Massiv,« sagte Bemmefett, indem er das Geschenk in der Hand wog. – Aber es wird Zeit, daß wir unseren Bericht über die Bierreise unserer Freunde wieder aufnehmen. Man schlug einen Lokalwechsel vor und ging zum Kaffeetrinken in den » Jardin des fleurs «. Da gab es viele hübsche Damen mit kurzen Röcken und hohen, perlgrauseidenen Stiefelchen; aber wenn seine Frau nicht dabei war, war August duldsam. Heute, nach dem Chambertin, waren sie überhaupt alle duldsam, oder, wie sie es auch gern nannten: großzügig. Strippecke trank hier täglich seinen Kaffee und stand mit den meisten der fleurs auf dem Nick- und Blinzelfuß; Bemmefett dagegen befolgte das Prinzip: »Blamier' mich nicht, mein schönes Kind, Und grüß mich nicht unter den Linden.« und war ganz Ehrenbürger. Für Gselchwampners Geschmack war keine der anwesenden Damen umfangreich genug; Merswinsky bewahrte ganz die Würde eines Mannes, der die Schaubühne als moralische Anstalt auffaßt und für die Frau als Geschlechtswesen kein Interesse hat; er war Geheimrat; Bopserle war wirklich in diesem Punkte gleichgültig; Richard Merseburg aber sang mit Wärme das nach seiner Meinung von Luther herrührende Wort: »Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Lebenlang« und hielt dies für das wesentliche Ergebnis der Reformation. Sie gingen dann in die Bodega und gewannen hier bei Portwein, Sherry und Madeira die rechte Geistesverfassung für den Besuch eines Kinos. Da sahen sie einen »genialen« Filmschauspieler, der nach übereinstimmenden Zeitungsberichten 125 000 Mark im Jahr verdiente, und eine Filmschauspielerin, die noch »genialer« war, weil sie 150 000 Mark kriegte. Das »Drama« schien unter lauter Epileptikern zu spielen; denn die Mimen stellten eine Liebe dar mit Blicken, Mundöffnungen und Arm- und Beinbewegungen, die gesunde Menschen nicht an sich zu haben pflegen. Aber ein teuflischer Nebenbuhler brachte den Helden durch eine erlogene Anschuldigung, die man deutlich lesen konnte, in ein Gefängnis, in dem er direkt schmachtete; ein Pferd mußte merken, daß er schmachtete, und ein Pianist spielte dazu: »Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!« Es war sehr schön, direkt künstlerisch. Sie sahen auch mindestens zwei Dutzend Feldgraue in offenbarer Gemütsbewegung hin- und herrennen und ihre Gewehre abschießen und sahen irgendwo plötzlich eine große Staubwolke aufwirbeln. Das war die Schlacht bei Tannenberg, und der Pianist spielte dazu: »Der Soldat, der Soldate Ist der schönste Mann im ganzen Staate.« Nachdem die Herren in einem Austernkeller sehr gut und gründlich zu Abend gegessen hatten, landeten sie endlich in einer Bar mit gereifter Damenbedienung. Jeder der Herren nahm auf einem hohen Bock einer Dame gegenüber Platz, und man konnte es jedem dieser guten Mädchen deutlich ansehen, daß es sofort zu seinem Gegenüber eine tiefe, unauslöschliche Herzensneigung faßte. Wie der Blitz, wie bei Romeo und Julie oder wie bei Don Cesar und Beatrice schlug die Liebe bei ihnen ein. Sie schenkten ihren Gästen denn auch gleich die besten Marken ein und schätzten sie viel zu hoch, als daß sie ihnen zumuteten, Reste zu trinken. Hoch am Büffet prankte ein schöngerahmter Spruch: »Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden; Doch ihre Weine trinkt er gern.« Der französische Sekt kostete nämlich dreißig Mark, der deutsche nur fünfzehn; so war dem Wirt das Verständnis für Goethe aufgegangen. August Gutbier war gleich beim Betreten des Lokals als »Der schöne August« begrüßt worden, Gselchwampner als Kommerzienrat, Strippecke als Herr Doktor, und so jeder mit einem Kosenamen; aber die tiefste Inbrunst entzündete doch Richard Merseburg. Als Wirt, der das Lokal eines Kollegen besuchte, war er nach aller Wahrscheinlichkeit der Alleszahlende, und das erweckte in dem gewaltigen Busen der ihn bedienenden rotblonden Riesendame eine wahrhaft verzehrende Leidenschaft. Er hingegen feierte in Zdenka Krzcyvanek »das germanische Rasseweib«; aus seinem Innern aber schluchzte und aus seinen Augen weinte voll Eifersucht die Witwe Cliquot.   25. Kapitel. Zeppelin wild Ehrenmitglied. Es kann nicht unsere Absicht sein, alle bedeutenderen Ereignisse des großen Krieges sozusagen im Lichte des Stammtisches zu betrachten; wir wollen ja keine Weltgeschichte schreiben. Die verehrten Leser würden ja auch gar nicht so viel Alkohol vertragen, von den Leserinnen ganz zu schweigen. Aber einem Irrtum, der leicht Platz greifen könnte, müssen wir denn doch rechtzeitig vorbeugen. Der ahnungslose Leser könnte aus der schönen Begeisterungsfähigkeit des Gutbierherzens die Folgerung herleiten, daß dieses Herz nun alle Leistungen unserer Armee und Marine in kritikloser Enthusiasmuserei vollkommen und unübertrefflich gefunden hätte. Nichts wäre falscher als diese Annahme! Unser August konnte sehr scharf sein – oh! – verdammt scharf! Gewiß: als Otto Weddigen an einem Tage drei englische Kreuzer versenkte, da hielt er mit seiner Anerkennung nicht zurück; in drei Tagen rief er 87 mal »Unsere blauen Jungens! Unsere blauen Jungens!«, das macht auf den Tag 29 mal. Aber als dann nach Ablauf eines Kriegsjahres die englische Flotte noch immer nicht in ihrer Gesamtheit vernichtet war, da zeigte sich August doch ernstlich unzufrieden. »Och was, das ischa lachhaft!« rief er aus. »Unsere Flotte hätte ja längst Schluß machen sollen mit den Schweinehunden, den Engländern! Warum machen wir nich Schluß mit der Bande?! Verstehn Sie das, meine Herren? Ich versteh' das nich!« O ja, einer war schon am Tische, der es verstand: Merswinsky. Man sah es ihm an den Augen an, daß er es verstand; aber er sagte es nicht. »Tirpitz möchte schon,« meinte jemand; »aber – – –« Ja, da stand ein geheimnisvolles »Aber« im Wege, eine geheimnisvolle Person, eine geheimnisvolle Rücksicht ... hm hm. Ja ja. Merswinsky bestätigte das, indem er langsam seine Augenlider senkte. Aber er stellte niemanden bloß. Und als sich nun im Westen der flotte Bewegungskrieg in einen langwierigen Stellungskrieg verwandelte und eines Tages ein Graben oder eine Höhe an die Franzosen verloren ging, da brach aus wundem Augustusherzen der Schrei: Falkenhayn, Falkenhayn, redde mihi legiones ! da nahm unser August als freier Mann wahrhaftig kein Blatt mehr vor den Mund. »Das is unerhört!« rief er, » ein –fach un – erhört is das !« »Ja,« sagte Professor Leonhard Schellenbarth schwer und langsam, jedes Wort mit einem Gewicht behängend, » ja: wären wir beide dabei gewesen, dann wäre das nicht passiert .« » Nee !« rief August. »Das heißt,« lenkte er ein, »ich bin ja kein militärischer Fachmann« (er war seinerzeit auf Plattfüße freigekommen); »ich bin ja man 'n ganz bescheidener einfacher Laie; aber so viel kann ich Ihnen sagen: ich laß so 'n gottverfluchten Karnickelfresser nich in 'n Graben 'rein, da können Sie Deubel drauf sagen!« »Deubel!« sagte Schellenbarth ruhig. »Um so lebhafter ist es zu bedauern, daß Männer wie Sie nicht an der Front sind. Haben Sie denn noch immer keine Hoffnung, hinauszukommen?« »Och, nich an zu denken!« rief August. »Ich kann ja von mein'm Geschäff nich weg! Un denn mein Herz!« »Haben Sie einen Herzfehler?« fragte Schellenbarth mit inniger Teilnahme. »Na und wie! Furchbar! Ich schlaf' ja keine Nach!« Von dieser Schlaflosigkeit abgesehen, ging es ihm aber gut. Besonders mit der wirtschaftlichen Lage des deutschen Volkes war er sehr zufrieden. »Och, das is doch der reine Quatsch, wenn uns die Zeitungen da was von ›Not‹ vorquasseln! Wo is denn ›Not‹? Haben Sie schon was von ›Not‹ bemerkt, meine Herren? Na ja, ischa allens 'n bischen teurer als sons, dascha richtig; aber man kann doch allens kriegen! Ich hab' mir da heut morgen 'n Schinken gekauft zu zwanzig Pfund – na ja, 'n bischen teuer is er ja – aber 'n tadelloser Schinken, kann ich Ihnen sagen! Is doch noch allens da!« Diese Offenherzigkeit sollte er sofort bereuen; Strippecke verlangte, daß er ihm ein Pfund Schinken ablasse. »Nee, das tut mir nu leid,« sagte August; »da kann ich nix von abgeben. Ich hab' 'ne große Familie; so 'n Schinken is im Handumdrehen alle, da is 'n großer Knochen drin.« Bismarck ist der Nationalheros, das ist gewiß, das konnte man schon an Gutbiers Stammseidel sehen; aber beim Schinken hört die deutsche Einigkeit auf. Eine fast noch größere Freude als über den Schinken erlebte August dann durch den ersten großen Zeppelinangriff auf London. Wir haben schon gemerkt, daß die blauen Jungens sich nicht mehr der vollen Gnadensonne des Augustus erfreuten; auch Hindenburg, der im Osten nur mit Unterbrechungen vorging, mußte jetzt den Platz der persona gratissima an den Grafen Zeppelin abtreten. Sic transit gloria mundi ! Dem kleinen Grafen aber hatte August eine besondere Auszeichnung aufgehoben. Er stellte sich zu ihm auf eine Art von Duzfuß; er schlug ihm sozusagen mit der Hand auf den Rücken, daß es knallte, und sagte »Zeppl« zu ihm. » Unser Zeppl , meine Herren! Junge, Junge, Junge, Sie solln mal sehn: der macht das Rennen! Der schmeißt den Onkels so viel Bontjes nach London 'rein, daß sie genug kriegen! Hoch unser Zeppl! Wissen Sie was, meine Herren? Wir ernennen ihn zum Ehrenmitglied unseres Stammtisches !« Dieser Antrag wurde unter Sturmfluten der Begeisterung zum Beschluß erhoben. »Das schreiben wir ihm sofort, auf 'ner Poßkarte!« fuhr August fort. Und eine feine Postkarte wurde gekauft, eine Reliefkarte mit aufgeklebten seidenen Rosen und Veilchen, und alle unterschrieben. Und dieser erhabene Augenblick, in dem August Gutbier den Grafen Zeppelin zu seinem Vereinsbruder erhob, war leider zugleich der Höhepunkt im Leben unseres civis glorius und in seiner patriotischen Entwicklung. Von jetzt ab müssen wir – so leid es uns tut – von einem Abstieg und Niedergang seines Befindens berichten, glauben aber versprechen zu können, daß sich dieser Niedergang – was sonst nur in besonders wertvollen Tragödien zu geschehen pflegt – dramatischer gestalten werde als der Aufstieg.   26. Kapitel. August kennt seine Christenpflicht. Das erste nächtige Dunkel, das auf seinen Lebensweg fiel, war der drohend vorausfallende Schatten einer zukünftigen Kriegsgewinnsteuer. All die wackeren Leute, die der deutschen Regierung, dem deutschen Volke, seiner Armee und Marine fort und fort mit unermüdlicher Treue die schönsten Sachen verkauft und geliefert hatten, sollten – so hieß es – von ihrem Gewinn einen gewissen – vorläufig obendrein noch dazu ungewissen – Prozentsatz an die Gesamtheit zurücksteuern. »Das soll'n sie man mal versuchen, die Herren da vom grünen Tisch un die Quasselmeyer da im Reichstag!« rief August. »Denn soll'n sie aber mal was erleben! Denn werden sie mal gewahr werden, wie's mit der Versorgung von Volk und Armee aussehen wird!« Er hatte gehört, daß die Landwirte einen »Anreiz« brauchten, wenn sie ihr Vaterland ernähren sollten, und dies Wort hatte ihm ausnehmend gefallen. »Die soll'n sich aber wundern, wo die Produktion un wo der Handel bleibt, wenn der Anreiz wegfällt!« rief er aus tief erbebendem Busen. »Ich müßte ja doch 'n dreimal destillierter Esel sein, wenn ich mich abrackerte, um der Regierung Spargel un kondensierte Milch zu liefern, um mir dann nachher meine paar sauer verdienten Groschen wieder abknöpfen zu lassen! Ich werd' 'n Deubel tun! ...... werd' ich den Herren was!« Ich werde mich schwer hüten, alles zu wiederholen, was August sagte. So groß mein Bestreben nach realistischer Treue ist, so weit geht es denn doch nicht, daß ich mir 8000 Jahre Zuchthaus auflüde. »Wenn das Gesetz kommt, meine Herren, denn gibt es Revolution , das soll'n Sie mal sehen!« prophezeite August. Die Schatten im Leben und auf der Stirn unseres Freundes verdüsterten sich weiter, als die unabhängigen und ordentlichen Gerichte gewisse Fälle von Kriegswucher bestraften. Es waren zwar nur schüchterne Versuche zu einer Bestrafung, aber als solche waren sie schon betrübend genug. »Was is das überhaup für 'n Blödsinn: ›Kriegswucher‹!« schrie August schmerzzerrissen zu den Göttern empor. »Was heißt ›Kriegswucher‹?! Man muß doch weiß Gott glauben, daß diese Herr'n Richter in ihrem Leben nie was gehört haben von Markt un von Preisbildung! Aber das ischa die alte Geschichte; die Herren wissen von Tuten un Blasen nix! Wenn ich für 'n Pfund Butter zehn Mark bezahlen will, denn is das doch meine Sache! Das geht doch kein'n Menschen was an! Un wenn der Mann für seine Butter zwanzig Mark kriegen kann, denn is die Butter das eben wert, un denn is er 'n Heuochse, wenn er sie nich nimmt! Das is eben Ausnutzung der Konjunktur is das eben! Das regelt sich doch allens nach Angebot und Nachfrage!« »So ist es!« sprach jetzt Leonhard Schellenbarth mit unbewegter Milde im Angesicht. »Wenn ich einen Dienstboten kriegen kann, der mir für einen trockenen Schwarzbrotknust zwölf Stunden am Tage arbeitet, dann wäre ich ja ein Zentralidiot, wenn ich nicht zugriffe. Wenn ihn die Not in meinen Dienst treibt, weil er nirgend sonst eine Stellung findet – ja, du lieber Himmel, das ist sein Pech! Angebot und Nachfrage sind zwei unerbittliche Lokomotiven, die gegeneinander fahren; wenn das, was zwischen ihnen zerquetscht wird, zufällig ein Mensch ist – tscha, du lieber Himmel: Wer kann dafür? C'est la culture ! Wenn ich mich hinterher in meinem Herzen gedrungen fühle, dem bedauernswerten Opfer der wirtschaftlichen Verhältnisse einen Groschen zu schenken, ja, das ist dann eine Sache für sich; das tu' ich dann eben als Christ und aus Nächstenpflicht; aber das ändert nichts an den Gesetzen des Wirtschaftslebens!« »Sehr gut,« rief August, dessen Hochachtung vor dem Professor vorläufig noch immer im Wachsen war (das andere kam erst später), »sehr gut,« rief er. »Na, das ischa selbsverständlich, was ich aus Wohltätigkeit tun will, das is ja 'ne andre Sache; wo wirklich Not am Mann is, da tu' ich natürlich auch, was ich kann – wir haben da ja auch 'ne Volksküche draußen in Fuhlenbek, jaa, das tut man ja selbsverständlich; aber das hat doch nix mit 'm Geschäff zu tun! Geschäff is eben Geschäff!« Wieder einmal seh' ich dir's an, teurer Leser, daß du meines Helden Beteiligung an der Fuhlenbeker Volksküche in Zweifel ziehst. Du scheinst überhaupt zum Argwohn zu neigen. Gewöhne dir das ab; das ist eine häßliche Eigenschaft. Ich selbst bin mit dem Sammelbogen herumgegangen und bin natürlich an dem reichsten Manne von Fuhlenbek- Süderteil nicht vorübergegangen. Er hat eine Mark gezeichnet. Du meinst natürlich: als einmalige Gabe. Nein, mein lieber Leser, monatlich, monatlich !! Und nicht etwa großprotzig mit seinem Namen daneben: »August Gutbier ..... 1 M.«, sondern bescheiden, ohne jede Prahlerei: »N. N...... 1 M.« Deutsch bis eine Mark! Und drei Monate hintereinander hat Line Gutbier diese Mark ohne Murren entrichtet. Als dann aber die Not noch immer nicht beseitigt war, wurde sie begreiflicherweise ungeduldig. Ob denn das schon wieder ein Monat sei, fragte sie das einsammelnde junge Mädchen. Es komme ihr so vor, als ob sie erst vorgestern gezahlt habe; so rasch vergehe die Zeit. Line war genau wie Jehova; tausend Jahre waren ihr wie ein Tag, wenn sie zahlen sollte. Das nächste Mal fragte sie, ob denn auch wirklich nur Notleidende aus der Kriegsküche gespeist würden. Da kämen doch wohl auch manche, die es gar nicht nötig hätten, die sich nur gern auf andrer Leute Kosten sattessen möchten. Und als sie dann eines Tages tatsächlich erzählen hörte, daß eine im Fuhlenbeker Prytaneion gespeiste Kriegerfrau in einem Gartenkonzert gesehen worden sein solle, da strich Line beim nächsten Erscheinen des sammelnden Mädchens mit tiefer Inbrunst die gezeichnete Mark und erklärte, dazu habe sie nicht ihr Geld, um faule Schlumpen im Nichtstun zu bestärken. Das arme kleine Mädchen, das seine freie Zeit mit dem Einsammeln der Gelder und mit der Pflege schmutziger kleiner Kinderrangen verbrachte, wurde so rot und heiß, als wäre es selbst die Schlumpe, und ging betreten von dannen. So kunstreich ist die Welt organisiert.   27. Kapitel. Line verschenkt was. Dabei konnte Line bei anderen Gelegenheiten wieder sehr freigebig sein. Als an alle wohlgestellten Leute die Bitte erging, entbehrliche Gegenstände ihres Hausrats herzugeben, damit sie an arme, bedürftige, des Nötigsten ermangelnde Leute weitergegeben würden, da stieg Frau Karoline Gutbier geborene Bohlen eigenbeinig bis unter die Zinne ihres Daches und holte folgende Dinge herunter: 1. eine Weckuhr, deren Uhrwerk zwar nicht mehr ging, die aber, wenn man sie anstieß, noch großartig weckte; 2. eine Vase, die ein Loch im Boden hatte, für Makartbuketts aber noch sehr gut zu gebrauchen war; 3. ein Thermometer ohne Kugel; 4. einen Zylinderhut aus einem rauhen Zeitalter; Frau Lines Vater hatte ihn immer getragen, und sie trennte sich darum schwer von ihm; 5. eine weiße Frackweste mit unvergänglichen Spuren von Krebssuppe und feinstem Burgunder; 6. ein altes Portemonnaie, nachdem Line sich noch einmal überzeugt hatte, daß kein Geld mehr darin war; 7. zwei linke Glacéhandschuhe mit Ventilation; 8. eine kleine Venus von Milo in Gips, die Line weggab, weil die Arme fehlten; 9. ein langes, früher hochmodernes Korsett für Unbemittelte, zum Wegschnüren des Magens, mit drei heilen Stangen; 10. ein vollständiges Adreßbuch der Hotels und Gasthöfe im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz aus dem Jahre 1901, mit Abbildungen; denn auch um geistige Nahrung war dringend gebeten worden. Also: wo es Tränen zu trocknen galt, da war auch Line bei der Hand. Es gelang ihr auch sonst, in der Linderung der Nahrungsnöte einen geradezu verblüffenden Erfolg zu erzielen. Sie war nämlich schließlich in den Ausschuß zur Leitung der Kriegsküche gewählt worden und war alle fünf Wochen an der Reihe, die Rohstoffe für die zu bereitenden Speisen zu verwalten und herauszugeben. Kein Mensch macht sich eine Vorstellung, wie anspruchslos sie in den Tafelfreuden anderer Leute war. Ihre Weltanschauung war der vegetarische Altruismus, d.h. sie meinte, daß andere Leute kein Fleisch brauchten. Dagegen hatte sie nichts gegen Knochen, weil ein hinreichend gepeinigter Knochen sieben Suppen hergibt und dann immer noch da ist. Die Steckrübe ist der Filetbraten des Volkes, davon war sie überzeugt. »Wasser ist das Beste,« dachte sie mit Pindar. Und so wechselte sie zwischen Steckrüben mit Wasser und Wasser mit Steckrüben. Sie überwachte genau die Abmessung der Portionen, damit das Volk nicht der Völlerei verfalle. Die Wirkung war fabelhaft: sobald Line Gutbier die Woche hatte, schrumpfte die Not auf ein Minimum zusammen, und bald erschien überhaupt keiner mehr mit dem Suppentopfe. Sie hatte die Not um zwanzig Prozent gelindert. Ja, als in Fuhlenbek innerhalb einer Woche drei Totgeburten vorfielen und Frau Line Gutbier die Ortshebamme fragte, wie es zugehe, daß so viele Kinder tot zur Welt kämen, da sagte die Hebamme: »Die fürchten sich vor Ihrer Suppe.« Aus dieser Antwort sprach der Geist des Aufruhrs, der aus dem Magen kommt. Derselbe Geist war es, der in einer dunklen Nacht in Lines Vorratskeller stieg und daraus 6 Schinken 34 Mettwürste, 3 Leberwürste, 5 Blutwürste, 8 Gänsebrüste, 1 Hammelkeule, 1 Sack Mehl, 1 Sack Reis, 1 Sack Grütze, 1 Sack Graupen, 1 Sack Bohnen, 1 Sack Erbsen, 10 Pfund Butter, 12 Pfund Schmalz und 125 Eier entnahm und nicht zurückbrachte. Man erlasse es mir, die herzzerreißenden Szenen darzustellen, die sich abspielten, als August und Line gewahrten, wie man ihnen ihre Wohltaten gelohnt hatte. Was im Hause des Ödipus vorging, als man entdeckte, daß Jokaste sich erhängt hatte, ungefähr das muß man sich vorstellen; nur daß das Wehgeheul nicht über die Mauern der Speisekammer hinausdrang. Nicht einmal die Dienstmädchen durften es erfahren, die am wenigsten; denn da sie von den Schinken und Gänsebrüsten nichts bekommen hatten, so dachten sie streng. Torquato Tasso hatte wenigstens, wenn andere Menschen in ihrer Qual verstummten, die Gabe von Gott, zu sagen, was er leide. Was soll ein Hamster sagen? Er kann nicht klagen. August und Line mußten all die Schinken, Würste, Eier, Fettwaren, Hülsenfrüchte und Mühlenprodukte still in sich hineinfressen, ohne eine Zunahme an Eiweiß, Fett oder Kohlenhydraten zu empfinden. Ja, August bekam für die nächsten vierzehn Tage ein unterernährtes Aussehen; gleichwohl sagte er, wenn am Stammtisch sein gedrücktes Wesen auffiel und man ihn fragte, was ihm fehle, mit Spartanerstarrheit: »Mir?? Nichts!!« Line aber rächte sich im Frauenverein durch längere Ausführungen über die sittliche Verwilderung der unteren Volksschichten. Die Gasthausverhältnisse waren auch nicht mehr danach angetan, ein bekümmertes Gemüt zu erquicken und aufzurichten. Ein deutscher Bürger in den Verhältnissen unseres August konnte sich zwar im ganzen Deutschen Reiche noch täglich in guten Nahrungsmitteln sattessen; aber die Auswahl und die Güte des Gebotenen war doch gewissen Beschränkungen unterworfen. Die Einführung der beiden fleischlosen Tage hatte zwar das Nationalgefühl unseres Freundes nur vorübergehend umdüstert; in seinem Freiheitsdrang – als Individuum besaß er ein stark entwickeltes Freiheitsgefühl – hatte er es zwar empörend gefunden, daß man einem freien deutschen Manne verbot, am Dienstag ein Beefsteak zu essen; aber er hatte sich gesagt, daß diese Zeit Opfer erfordere, und hatte sich mit Seezunge, Rheinlachs, Forellen, Kaviar, Austern, Hummer und Eierspeisen am Dienstag und Freitag abgefunden. Dann kam die Zeit, da die Fette etwas knapper wurden, besonders die Butter. August aber aß gern Butter; zu Kiebitzeiern zum Beispiel aß er viel Butter. Der Kellner konnte ihm keine geben. August wurde hochrot im Gesicht. »Was??« rief er. »Keine Butter? Das ischa heiter! Das ischa heiter ! Natürlich is Butter genug zu kaufen,« wandte er sich an die Tischgenossen, »wenn man sich bloß nich zu dumm anstellt! Aber unser Freund Merseburg is eben 'n Ochse!« »Um so weniger können Sie erwarten, daß er Butter gibt,« meinte Schellenbarth. »Wieso?« fragte August. »Ach soöo!! Hahahahahahahaha!« Er hatte begriffen und war vorübergehend versöhnt; aber schließlich ist Witz keine Butter. Mit den Eiern ging es zeitweilig auch so. »Was???« schrie August, der mit dem Einschrumpfen der Speisekarte zusehends nervöser wurde, »was??« schrie er den Kellner an. »Keine Eier?« Er schrie so laut, daß der Kellner, wenn er furchtsam und eine Henne gewesen wäre, sofort ein Ei gelegt hätte. Die Firma »August Gutbier, Im- und Export« vertrieb zwar unter anderem auch einen wundervollen Eier-Ersatz; »Ein Teelöffel voll gibt den schönsten Eierkuchen« stand in allen Inseraten zu lesen; aber aus Naturschwärmerei bevorzugte August die richtigen Eier.   28. Kapitel. Es lebe die Höflichkeit des Herzens. Dann wurden auf behördlichen Befehl die Beefsteaks und die Koteletten in den Gasthäusern erheblich kleiner, und nun wurde August sehr ungemütlich. Am ungemütlichsten natürlich gegen den Kellner, etwas weniger, aber doch immer noch ziemlich ungemütlich gegen Herrn Merseburg, höchst ungemütlich dann aber wieder gegen die abwesenden Behörden, gegen die Regierung, gegen den Reichskanzler und den Kaiser, die den sieg- und butterreichen Frieden lange nicht energisch genug herbeiführten. Als an einem fettlosen Tage auch noch die Nachricht kam, daß wir im Westen 7000 Gefangene verloren hätten, da war August nahe daran, wie sein altrömischer Namensvetter mit dem Schädel gegen die Wand zu rennen. Er war gerade wieder einmal sehr mannhaft gegen den Kellner aufgetreten, als am Tische wieder einmal die Frage aufgeworfen wurde, warum die Deutschen so unbeliebt seien. »Ick versteh' et nich!« rief Strippecke der Berliner. »Ich auch nich!« sagte August. »Das scheint mir doch sehr klar,« meinte Schellenbarth. Aller Augen sahen erwartungsvoll auf ihn. »Nun,« sagte er, »wir Deutschen sind ein vielseitig und hoch begabtes Volk, sind dabei äußerst fleißig, strebsam, von zäh ausdauernder Tatkraft, sind vor allem ein unverbrauchtes Volk mit der großen Hoffnung im Herzen. Infolgedessen haben wir viel und Großes erreicht, und selbstverständlich ergießt sich über uns von allen Seiten her der Unflat, den man als ›Neid‹ bezeichnet. Ist doch immer und überall so. Wer unangenehm hervorragt, wird so lange mit Unflat beworfen, bis die sanften Niveauübergänge wiederhergestellt sind. Die Völkerseelen sind darin gar nicht anders als die Einzelseelen, nur daß man die Ausdehnungen einer Völkerseele nicht so leicht überschaut. Das deutsche Volk ist ein Emporkömmling, und Emporkömmlinge werden gehaßt, am meisten die, die alles ihrer ehrlichen Kraft verdanken.« »Bravo, sehr richtig!!« rief August strahlend. »Solch ein Haß,« fuhr Schellenbarth fort, »ist ja eigentlich die unzweifelhafteste Anerkennung, und wir dürfen stolz darauf sein, anstatt darüber zu winseln–« »Bravo, bravo!!« schrie August, »ganz meine Meinung!!« Seine Hochachtung vor dem Professor stieg noch immer. »Ja,« sagte Schellenbarth dann mit seinem dankbarsten und mildesten Lächeln, »nun haben wir Deutschen aber noch ein paar andere Eigenschaften, die nicht schön sind, nicht lobenswert sind. Sie sind nicht schlimm genug, um den Haß einer Welt gegen uns zu rechtfertigen; aber sie geben diesem Haß einen fatalen Schein der Berechtigung; sie sind dem Feind eine bequeme Kulisse, hinter der er seine tieferen Gründe verbergen kann; sie sind vor allem das Zündholz, an dem das aufgehäufte Knallgas in den Seelen unserer Neider explodiert. Ich fahre öfters mit der Vorortsbahn, meine Herren. Wenn ich da sehe, wie 12–14 jährige Schüler sich auf ihren Plätzen herumflegeln, während weißhaarige Damen stehen müssen; wenn ich beobachte, daß diese Buben sich unterhalten, als gehöre der Wagen ihnen allein; wenn ich bemerke, daß niemand im Wagen den Jungen ihr Benehmen verweist; wenn ich sehe, daß eine Dame dem Herrn, der ihr höflich seinen Platz einräumt, nicht einmal mit einem Kopfnicken dankt, dann, meine Herren, geht mir über deutsche Unbeliebtheit ein kleines Licht auf. Wenn ich sehe, wie vor Straßenbahnen oder Theaterkassen die Leute mit Ellenbogen gegeneinander wüten, sogar Männer gegen Frauen, dann, meine Herren, geht mir wieder ein Lichtlein auf. Wenn ich sehe, wie der Deutsche im Salon oder in der Literatur oder in der hohen Diplomatie vor jedem Fremden einen so heftigen Kratzfuß macht, daß er regelmäßig seinem Landsmann mit dem Absatz gegen das Schienbein stößt, dann geht mir ein drittes Lichtlein auf. Und wenn ich« – hier sah Schellenbarth unserm August tief und innig in die Augen – »wenn ich höre, wie deutsche Männer einen Kellner anschnauzen, die nicht um die Welt einen Polizeioffizianten anschnauzen würden, wenn ich höre, wie entsetzlich man in Deutschland beschimpft wird nur darum, weil man nicht die Meinung des Beschimpfers hegt; wenn ich in der deutschen Diplomatie beobachte, wie ein adliges Rindvieh den Vorrang vor dem bürgerlichen Genie hat; wenn ich endlich sehe, daß an dem Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin die großen Denker, Forscher und Dichter unter dem Schwanz des Pferdes angebracht sind, zum Zeichen dessen, was für sie abfällt, dann kommt so allmählich ein kleiner Kronleuchter zustande. Es ist ein hübsches Wort, daß die Engländer mehr Zivilisation hätten, wir aber mehr Kultur; es stimmt auch; aber Zivilisation ist ein Teil der Kultur, und Zivilisation macht beliebt.« Dieser Rede folgte ein nachdenkliches Schweigen der Tischgesellschaft. Dann aber sagte August Gutbier mit sinnendem Ernste: »Da is viel Wahres drin, in dem, was Sie da gesagt haben, Herr Professor. Ich hab' neulich wahrhaftig auch in der Bahn stehen müssen, während so 'n Schnösel von Gymnasiast ruhig sitzen blieb.« Dann nahm Herr Bopserle das Wort. »Sie werde aber zugebe, Herr Professor, daß das, was Sie soebe g'sagt habe, ganz b'sonders fir Norddeitschland zutreffend ischt; der Schwab' zum Beischpiel ischt der heefligschte Mensch von der Welt!« »No freili!« rief Gselchwampner, »dös san halt die Preißen, die wo ins in der gonzen Welt unb'liebt mochen!« »Ja« – versetzte Schellenbarch mit kindlicher Schüchternheit – »es hat jedenfalls an mir gelegen, daß ich die bayrischen Beamten immer am gröbsten gefunden habe.« »Aber beilei', Herr Professor!« rief Aloisius, »dös muß ein gonz ein merkwirdinger Zufall g'wesen sein; mir Bayern san do die g'miatlichsten Leut' von der Welt!« »Jawoll, in dieser jlücklichen Einbildung lebt ihr, det is bekannt,« sagte Strippecke. »Un det is der Unterschied zwischen euch und uns: wir sind man schwer zu verdauen; aber wir wissen's ooch und sind stolz druff.« »Nu, meine Herren,« fiel Bemmefett ein, »Unheeflichgeid – des is nu ä Laster, das man uns Sachsen weeß Gott nich nachsagen gann! Der Sachse is die Heeflichgeid und Zuvorgommenheit selber. Un warum soll mer nu nich heeflich sein, ich bitt' Se in Gottes Namen! Heeflichgeid gost't doch nischt! Und bringt viel ein !« schloß er mit lehrsam erhobenem Zeigefinger. »Bravo, Herr Bemmefett,« rief der Professor und stieß mit ihm an, »es lebe die Höflichkeit des Herzens!« »Brost!« sagte Bemmefett.   29. Kapitel. August wird durch einen Wunderdoktor auf der Stelle geheilt. Es war etwa um die Mitte des dritten, Kriegsjahres, als Leonhard Schellenbarth in das Große Hauptquartier am Franziskanertisch einen kleinen Mann von äußerst raschen, energischen Bewegungen, mit ungemein lebendigen, lustigen Augen und heller Tenorstimme mitbrachte, dessen Namen man bei der Vorstellung, wie das immer so zu gehen pflegt, nicht verstand. Schellenbarth hatte ihn als seinen Freund eingeführt; man hatte oberflächlich von ihm Notiz genommen und setzte die angefangene Unterhaltung fort. Man sprach von den Verlusten an Menschenleben, die der Krieg auch uns koste, und von der umfangreichen Einziehung neuer Mannschaften. »Och, wir haben ja noch so viel Leute!« rief August. »Sie sollen man immer feste einziehen; da laufen noch massenhaft junge un starke Kerls herum, die gut un gern 'n Schießprügel tragen können.« »Unser Herr Gutbier ginge auch gar zu gern mit, wenn er nur könnte!« sagte Schellenbarth zu seinem Freunde. »Warum können Sie nicht?« fragte der Fremde vergnügt. »Kann aus 'm Geschäff nich weg,« versetzte August. »Nun, ihr Geschäft haben Millionen andere auch drangeben müssen,« meinte der Fremde; »für einen Patrioten wie Sie spielt ja der persönliche Vorteil keine Rolle, wenn das Dasein des ganzen Volkes auf dem Spiele steht.« »Um meinen persönlichen Vorteil handelt es sich auch gar nich; ich bin ja Armeelieferant.« »Nun, und – ?« »Ja, das muß ich doch selbs machen!« »Warum, wenn ich fragen darf.« »Na, weil das kein anderer versteht.« »Ich habe von Ihnen gewiß eine sehr hohe Meinung,« sagte der Fremde; »als mein Freund Schellenbarth mir Ihren glühenden Patriotismus schilderte, hegte ich sogleich für Sie die lebhafteste Sympathie, und ich sagte mir: den Mann mußt du kennenlernen! – aber schließlich ist ja kein Mensch unersetzlich. Wenn Sie den ungestümen Drang haben, an die Front zu kommen, dann müßt' es doch mit allen Teufeln zugehen, wenn Sie keinen brauchbaren Vertreter finden könnten. Schließlich hängt es ja auch von der Armeeleitung ab, ob sie nur mit Ihnen oder auch mit einem Vertreter verhandeln will. Und wenn Sie Ihren unerschütterlichen Entschluß sieht, Soldat zu werden, da muß sie doch ein Einsehen haben. Vielleicht kann ich etwas für Sie tun; ich habe gewisse Beziehungen –« »Och, das hilft ja allens nix,« sagte Gutbier traurig; »ich, kann ja doch nich mit! Ich hab' ja 'n Herzfehler.« »Einen Herzfehler?« fragte der Fremde mit ganz großen Augen. »Jaa, ach, mein lieber Herr, wenn ich den nich hätte, denn wär' ich längs über alle Berge! Zwanzig Flaschen Sekt gab' ich ja aus, hier auf der Stelle, wenn ich felddienstfähig wäre!« »Die können wir gleich trinken,« sagte der Fremde. »Wieso?« »Sie haben keinen Herzfehler.« »Nanu? Woher wissen Sie denn das?« »Erlauben Sie zunächst eine Gegenfrage. Haben Sie Ihr Herz untersuchen lassen?« »Natürlich!« »Von wem?« »Ja, wie heißt er man noch, der Doktor – der Name is mir entfallen –« »Wo wohnt er?« »Ja, wie heißt die Straße noch, da unten, da – hab' ich auch vergessen.« »So. Was hat er Ihnen denn verordnet?« »Na – ich soll mich nich anstrengen.« »Soso. Mich wundert nur, daß er Ihnen nicht zuerst und vor allem den Sekt verboten hat. Sekt ist nämlich das reine Gift für Herzkranke. Aber Sie können so viel trinken wie Sie wollen. Sie werden nicht wenig vergnügt sein, wenn ich Ihnen sage, daß Sie nach meiner Überzeugung einen vollkommen tadellosen Pumpapparat im Busen tragen.« »Wieso? Verstehn, Sie denn was davon?« »Mein Freund ist Arzt,« sagte Schellenbarth. »Hach, Ärzte können sich auch irren,« rief August erleichtert. »Ich bin bei der Vorstellung wohl nicht deutlich genug gewesen,« meinte Schellenbarth; »mein verehrter Freund ist der berühmte Spezialist für Herzkrankheiten Generalarzt Professor Dr. Seidensticker.« »Oh, bitte,« machte Seidensticker. Und dann zu unserm Gutbier gewendet: »Der unbekannte Kollege, der Sie untersucht hat, hat sich jedenfalls geirrt. Sie sind für mein ärztliches Auge das Urbild eines blühenden deutschen Mannes, eine wahre Zierde unserer germanischen Rasse. Das Herz lacht mir im Leibe, wenn ich mir Sie als schneidigen Soldaten in einer flotten Uniform vorstelle! Wissen Sie was? Ich bin leidenschaftlicher Sekttrinker und hab' heute gerade meinen schönsten Durst. Ich untersuche Sie auf der Stelle, wenn Sie's wünschen.« »Nee, nee, nee!« wehrte August ab, »das geht doch nich! Hier in der Kneipe!« Herr Merseburg beeilte sich, zu erklären, daß er seine sämtlichen Wohnräume zur Verfügung der Herren stelle. »Na also!« rief Seidensticker vergnügt. »Herrgott, es muß Ihnen doch eine Zentnerlast vom Herzen fallen, wenn Sie hören, daß Sie gesund sind! Es muß ja doch ein scheußliches Gefühl sein, sich immer mit dem Gedanken an ein so fatales Übel herumzuschleppen, sich alle möglichen Vergnügungen versagen zu müssen und seinem Vaterlande in solcher Zeit nicht dienen zu können! Also los!« Er erhob sich halb vom Stuhle. »Nee, nee, nee!« rief August mit angstvollem Lächeln, gab aber keine Gründe mehr an. Übrigens hatte er jetzt wirklich ein wenig Herzklopfen. Der ganzen Tischgesellschaft hatte sich eine ungeheure Spannung bemächtigt, und es blieb nur zweifelhaft, was man inniger ersehnte: die Gesundheit Augustens oder seine militärische Mitwirkung am großen Kriege oder die zwanzig Flaschen Sekt. »Dos versteh' ich nu nich!« rief Bemmefett entrüstet. »Wenn ich Gelächenheit habe, von ener hochberihmten Audoridät gradis undersucht zu wer'n un mir meine Gesundheit bestädt'chen zu lossen, da greif' ich doch zu?!« »Ja,« fuhr Bopserle fort, »ond wo Sie doch gar koin heißere Wonsch hent als Soldat zu werde – des versteh' i au nit!« »Mir sollte det nich jeboten werden,« rief Strippecke. »No jo, i mein aa,« kam Gselchwampner hinterdrein, »hiazt kinnen S' nimmer z'ruck, Herr Nachbar. Wann 's hiazt nit zugreifen, nacha sullt man ja denken, 's war Eahna gar net ernst g'wesen mit Eahnern Badriodismus!« »Och, das ischa nu Quatsch, nich?« rief der bedrängte August. »Ich komm' hier doch nich an 'n Stammtisch, um mich untersuchen zu lassen, noch? Morgen ischa auch noch 'n Tag, nöch?« »Wie alt sind Sie denn eigentlich, wenn ich fragen darf?« sagte der Generalarzt. »Och, ich werd ja schon achunvierzig!« rief August. »Wann?« »'n zweiten August.« »Am zweiten August? Dann waren Sie ja bei Kriegsbeginn noch keine fünfundvierzig. Da können Sie aber von Glück sagen: dann sind Sie ja noch militärpflichtig. Dann werden Sie auch genommen, da können Sie ganz ruhig sein! Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann –« »Ich kann ja geschäfflich nich los!« rief August verzweifelt. »Aaach, das wird alles gemacht!« versetzte Seidensticker mit Frohsinn. »Da machen Sie sich nur keine Sorgen. Ich bin morgen in Berlin; da sprech' ich mit den zuständigen Stellen.« »Ja –« begann August. »Bitte, nichts zu danken,« rief jener, »das sind Gefälligkeiten, die sich von selbst verstehen. Ich bin stolz darauf, unserer Armee einen Mann von Ihrer Qualität zuzuführen. Wenn solche Köpfe feiern, Welch ein Verlust für unsern Staat! Und damit Sie sehen, daß ich in Hinsicht Ihrer Gesundheit meiner Sache gewiß bin, lege ich hier 500 Mark nieder für zwanzig Flaschen Sekt. Wenn Sie Soldat werden, geben Sie mir sie wieder; wenn nicht, bin ich sie los. Einverstanden?« »Ja – ja – natürlich,« stammelte August. Der Verein Nächstenliebe brach in allgemeinen Jubel aus. »Beginnen wir noch heute mit der Vertilgung,« rief der fidele Generalarzt. »Können wir Sekt haben, Herr Wirt?« Merseburg sprang auf, schlug die Hacken zusammen, drückte die 56jährigen Knie durch und schrie: »Zu Befehl, Herr Generalarzt!« Als der Sekt aufgefahren wurde, neigte sich Seidensticker mit menschenfreundlichem Lächeln zu August hinüber und sagte: »Das heißt: Wenn Sie wirklich fest davon überzeugt sind, daß Sie einen Herzfehler haben – mein Gott, ich bin ja auch nur ein Mensch und dem Irrtum unterworfen – also, wenn Sie der festen Meinung sind, daß Ihr Herz nicht in Ordnung ist, dann trinken Sie um Gotteswillen nicht mit; denn wie gesagt: jedes Glas Sekt ist dann ein Nagel zu Ihrem Sarge, jeder Proppen ein Brett!« Das war ja ein netter Besuch, den der Professor da mitgebracht hatte. Und der Professor schien für seinen Mißgriff gar kein Gefühl zu haben; er strahlte übers ganze Gesicht. Aber August fühlte, daß er jetzt Diplomat sein und Selbstbeherrschung üben müsse. »Ja – ja –« sagte er, »ich kann ja Rotwein trinken.« »Ja, Rotwein ist natürlich auch nicht das Richtige.« »Was soll ich denn trinken?« »Nna – trinken Sie Sauerbrunnen.« Da machte August ein Gesicht, als wenn er ihn schon getrunken hätte, sagte »Prost, Prost!«, als die Herren mit dem Sekt auf seine künftige Ruhmeslaufbahn anstießen, bat dann die Gesellschaft, ihn zu entschuldigen, er müsse noch ins Kontor, trank seinen Bierrest aus und ging. Schellenbarth und Seidensticker verabschiedeten sich dann auch bald, da sie gewiß sein konnten, daß die Zurückbleibenden das Geschäft schon liquidieren würden; diese blieben denn auch noch lange beisammen und tranken so lange »Mumm,« bis sie es nicht mehr sagen konnten. In solchen gehobenen Augenblicken befolgte diese Gemeinde einen eigentümlichen Ritus. Sie ließen alles, was auf Erden kriecht, hochleben, und wenn sie zwischen Gis-dur und Gießhübler, zwischen Tonart und Graupensuppe nicht mehr unterscheiden konnten, dann sangen sie das Chorwerk: »Ein Hoch mit harmonischem Klang, Ein Hoch mit harmonischem Klang, Ein Hoch, ein Hoch Mit harmooooonischem Klang, Hoch, hoch!« Canes a non canendo. Tranken sie all den Sekt auf Kosten Seidenstickers oder auf Kosten Gutbiers? Der siebente Tag schon entschied es. August Gutbier hatte nämlich schon drei Tage nach der Begegnung mit Seidensticker den Befehl in Händen, sich zu einer militärärztlichen Untersuchung zu stellen. Und schon vier Tage später stand er vor der Aushebungskommission. Der untersuchende Arzt empfing ihn mit sichtlichem Wohlwollen. »Herr Gutbier,« stellte er den Prüfling dem Vorsitzenden der Kommission vor. Der lächelte nicht minder erfreut. »Haben Sie körperliche Fehler, Herr Gutbier?« »Ja, einen schweren Herzfehler.« »Was Sie sagen!« Der Arzt untersuchte sein Herz. »An dem Fehler sterben Sie nicht,« sagte er dann. Darauf ließ er noch einmal wohlgefällig seine Blicke über den ganzen Menschen gleiten und sagte: »Endlich mal wieder eine deutsche Heldengestalt. Infanterie.«   30. Kapitel. August erwirbt vor seiner Einberufung das Eiserne Kreuz I. Klasse. Über die militärische und kriegerische Laufbahn August Gutbiers liegen keine unmittelbaren Berichte vor. Die Quelle, die uns die genauesten und eingehendsten Aufschlüsse gewähren könnte, seine eigene Mitteilung nämlich, pflegte später nur äußerst spärlich zu fließen und sich nur in den allgemeinsten Andeutungen zu ergießen. Als echter Kriegsmann machte er kein Aufhebens von seinen Heldentaten. Wir sind also auf Nachrichten aus zweiter Hand, auf die Mitteilungen und Schilderungen von Augen- und Ohrenzeugen angewiesen, und auch diese Berichte klingen nur aus nebelhafter Ferne zu uns herüber wie die vom Wind zerrissenen Klänge einer düsteren Ballade. Als August gezogen war, sagte er sich natürlich sofort, daß er dies am Stammtisch als ein frohes Ereignis und als beglückenden Erfolg redlicher Bemühungen auffassen müsse. Er wurde denn auch natürlich angehalten, sein Glück mit allerlei guten Getränken zu feiern. Allgemein bewunderte und belobte man den sicheren ärztlichen Blick des Generalarztes Dr. Seidensticker. »'s war iberhaupt ä reizender Mensch!« rief Anton Bemmefett. »Schade, daß er nich wiedergegommen is? Ha'm Se ihm schon seine fünfhundert Mark zurickerschtattet?« »Natürlich,« sagte August kurz. »Der Professor is ooch nich wiederjekommen,« bemerkte Strippecke. Man versicherte Augusten, daß er das Eiserne Kreuz sozusagen schon in der Tasche habe, und August war davon so erfreut, daß er Wein spendierte. Bald darauf machte man ihm klar, daß das Hanseatenkreuz dann die selbstverständliche logische Folge sei, und August rief: »Das würde mir ja nu 'n ganz besondern Spaß machen; ich bin ja doch 'n Hamborger Jung, verdammichnochmalzu!« und spendete einen noch besseren Wein. Acht Tage später bewies man ihm, daß er nach Recht und Billigkeit Ritter des Eisernen Kreuzes erster Klasse werden müsse, und da ein Ritter repräsentieren muß, so ließ er Sekt kommen. Als man ihm aber noch am selben Abend spät den Pour le mérite verleihen wollte, lehnte er ab, ob aus Bescheidenheit oder Sparsamkeit, war nicht mehr zu unterscheiden. Wenn man ihn genügend feierte, war August freigebig; aber als Mann, der sich beherrschen kann, behielt er auch in der höchsten Begeisterung einen klaren Blick für den Saldo. Als man sich in Vermutungen über den Ort seiner Bestimmung erging, rief August: »Och, ich geh' natürlich zu meinem Freund Graf Hoynefeld, der kommandiert 'n Batteljon im Osten, ja. Ich hab' schon an ihn geschrieben, ja. Das hab' ich. Hab' auch schon mit 'm Feldwebel gesprochen un ihm kräftig die Hand gedrückt. Der macht das. Da steh' ich nix aus!« Aber der Graf und Bataillonskommandeur hatte vermutlich etwas anderes zu tun; er antwortete nicht, und der Feldwebel war wohl »augenblicklich nicht momentan« gewesen; denn August ist ganz anderswo hingekommen. Zunächst ist er – zu seiner Ausbildung – in das paradiesisch gelegene Bumsterlager gekommen, das nach allen vier Himmelsrichtungen die weitesten Ausblicke, jedem Sonnenstrahl, allen Winden und sämtlichen Regentropfen Zutritt gewährt und ungemein viel Erdgeruch aufweist. Die Bewässerung erfolgt ausschließlich durch den Schweiß der übenden Soldaten. Den ersten erschütternden Eindruck erfuhr August, wie man berichtet, bei der Einkleidung. Der Kammer-Unteroffizier setzte ihm nämlich den Helm aus etwa fünfzig Zentimeter senkrechter Entfernung aufs Haupt und sagte, noch bevor der Helm an seinem Bestimmungsort angelangt war, mit einem Ton, der jeden Widerspruch im Keim erstickte: »Der paßt!« August soll das, obwohl sein Schädel besonders fest gebaut war, als Mißhandlung empfunden und ein sehr böses Gesicht gemacht haben, und wenn er das getan hat, so hat er es mit vollem Recht getan, insofern aber auch wiederum ganz mit Unrecht, als er früher immer festgestellt hatte, es gebe in der Armee keine Mißhandlungen. Man soll ihm dann ein Paar kolossale Versteinerungen vor die Füße geworfen und als Stiefel bezeichnet haben. »Die sind ja steinhart!« soll er ausgerufen, und der Unteroffizier soll ihm erwidert haben: »Exzellenz können ooch Zeugstiebel haben, wenn Sie die vorziehen,« und dann, in einen wohlwollenden Ton übergehend: »Siehste, mein Junge, die legste erst dreimal vierundzwanzig Stunden in Wasser wie die Salzheringe, un denn schmierste sie feste mit Tran, vastehste? Denn sollste mal sehen, denn haste 'n Paar hochelejante Ballschuhe!« Was war das? Dieser Hungerleider von Unteroffizier duzte ihn? Und sagte »mein Junge« zu ihm? Zu Herrn August Gutbier, Im- und Export, Börsenpfeiler Nr. 13, mit einer jährlichen Millionen-Bilanz, Kassierer des Bürgervereins Fuhlenbek-Süderteil, Ehrenmitglied des Pfeifenklubs »Volldampf voraus« – »mein Junge«? Wenn August hierüber empört war, so können, wir ihm wiederum nur aus vollem Herzen beipflichten, insofern aber auch wiederum nicht, als er seine Dienstboten und unteren Angestellten auch immer geduzt hatte. Seine Buchhalter zwar hatte er »Sie« genannt, aber nicht »Herr«. »Was heißt ›Herr‹›Herr‹! Herr bin ich!« hatte er gesagt. Dann hatte man ihm einen Drillichanzug hingeworfen, der seit der Schlacht bei Zorndorf nicht gereinigt war. »Der starrt ja von Dreck!« hatte August gerufen und ihn gar nicht angefaßt. Da hatte der Kammerherr aber Augen gemacht! »Wat?« hatte er gerufen. »Dreck nennste det? Mit solchen Ausdrücken sprichste von eenem Monturstück, an dem die janze jlorreiche Tradition des Regiments haftet? Na warte, mein Junge. Mit diesem Anzug jehste noch heute abend unter de Pumpe und wäscht 'n so lange, bis er leuchtet wie jungfräulicher Schnee! Aber det de mir det kostbare Jewebe schonst und keene Bürste und Seefe nimmst, vastehste?« Augenzeugen wollen noch in sinkender Nacht Herrn Gutbier »geschäftig bei den Linnen« an der Pumpe gesehen haben. Sicher ist, daß August schon an diesem Abend mit allen Fibern seiner Seele meuterte. August hatte zwar die Zorndorfer Reliquie einem Kameraden vertrauensvoll zur Reinigung übergeben und den dafür entfallenden Betrag von drei Mark und zwölf Zigarren bereits entrichtet; im letzten Augenblick war aber dann der Kammer-Unteroffizier erschienen, hatte ihm hilfsbereit den Weg zur Pumpe gewiesen und die Arbeit von Zeit zu Zeit überwacht. Als August müde und matt in die Mannschaftsstube zurückgekehrt war, sagte nach einer Weile ein Mecklenburger zu ihm: »Du, Hamburger, leih mir mal deine Knopfgabel.« Erstens wollte August seine Gebrauchsgegenstände nicht von anderen Händen angefaßt wissen – zweitens aber wollte er sich von Gemeinen jedenfalls nicht duzen lassen. »Ich habe meines Wissens,« sagte er mit der ganzen ihm anhaftenden Vornehmheit, »ich habe meines Wissens mit Ihnen nicht die Schweine gehütet!« »Also Schweine hast du gehütet !« rief der Mecklenburger. »So siehst du aus.« Hier hatte August einen verhängnisvollen Fehler gemacht. Nicht nur lachte ihn alles aus, nicht nur duzten ihn von jetzt ab alle, er trug von nun an auch, auf Anregung eines Kenners der Odyssee, den unverlierbaren Beinamen »Der göttliche Sauhirt«.   31. Kapitel. Ein ungehofftes Wiedersehen. Als sich den neuen Mannschaften am nächsten Morgen der zu ihrer Erziehung berufene Sergeant vorstellte, erlebte August ein unverhofftes Wiedersehen. Träumt' er? War sein Auge trüber? Nebelt's ihm ums Angesicht? Nein, er träumte nicht; sein Auge war nicht trüber; es nebelte ihm nicht ums Angesicht. Vor ihm stand sein ehemaliger »Lagerist« Emil Hustefeldt. Derselbe, den er wegen einiger nicht ganz uneigennütziger Manipulationen mit Nachdruck und Einbehaltung der Kaution »hinausgeschmissen« hatte. Für eine so weitgehende Selbständigkeit seiner Angestellten war August nicht eingenommen. Emil Hustefeldt hätte Offizier werden können; denn er war nicht Dissident. Er war ohne Zweifel Christ; denn er war kirchlich getraut, und seine Kinder waren ausnahmslos getauft. Aber er hatte das Christentum mit Auswahl angenommen. Die Lehren unseres Herrn Jesus, daß man seine Feinde lieben, daß man Böses mit Gutem vergelten und dem, der uns auf den rechten Backen schlägt, auch den linken hinhalten solle, lehnte er ab. (August übrigens auch.) Er lächelte freundlich, als er bei der Einzelbesichtigung seiner Zöglinge zu unserm August kam, und sagte nur: »Na, Gutbier, wir kennen uns ja.« »Zu Befehl, Herr Sergeant!« sprach August etwas heiser. Der Herr Sergeant eröffnete seinen Unterricht damit, daß er einem Gymnasialdirektor bedeutete, das Wort »Sergeant« sei französisch und werde nicht »Serschant«, sondern »Schersant« ausgesprochen. Nach dem Geistigen kam dann das Körperliche. »Stillgestanden« und »Rührt euch« wurde geübt. Das Rühren ging besser als das Stillstehen; aber Hustefeldt hatte an Augustens Grundstellung und Körperhaltung wenig auszusetzen und das auch nur in einem sanften, väterlichen Tone. August glaubte zum ersten Male in seinem Leben an Edelmut. Hierauf lernte August das Grüßen. Wir wissen ja, daß er grüßen könnte, aber anders. Mit einem unbewußten Tippen an den Rand der Kopfbedeckung war Emil Hustefeldt nicht zufrieden. Er verlangte keinen Gruß; er forderte eine tiefgreifende anatomische Umwälzung der gesamten gutbierischen Leiblichkeit. August mußte das Haupt nach links oder rechts schleudern als wolle er sich seiner als eines wertlosen Gegenstandes entledigen; er mußte die Hand mit elektrischer Geschwindigkeit an den Mützenrand bringen und mußte Hustefeldt mit Augen ansehen, wie sie der Jüngling zu Sais machte, als er die Wahrheit sah. Herr Hustefeldt stellte sich auf wie ein Standbild von Stein und bezeichnete jedesmal den Rang, den er jezuweilen vorstelle: »Der Herr Hauptmann!« »Der Herr Oberst!« »Seine Exzellenz der Herr Kommandierende General!« »Seine Majestät!« – und August mußte immer furchtbarer grüßen. Jajajajaja, die militärische Disziplin ist keine Brotfrau. Dann kamen Ordnungsübungen, das heißt also, es kam Bewegung in die Massen. Herr Hustefeldt stellte einen Flügelmann oder einen Mann mitten aus dem Gliede hierhin oder dorthin – immer möglichst weit weg – und dann mußten sich ihm die andern im Laufschritt wieder zuordnen. Natürlich ging das Herrn Hustefeldt niemals schnell genug. »Das nennen Sie Laufschritt, meine Herren?« rief er, »das nenn' ich Trauermarsch! Kehrt marsch maaaarsch!« Und immer mindestens dreimal »Kehrt marsch marsch!« bevor er zufrieden war. Wiederholt war August Gutbier der letzte; denn einer muß ja der Letzte sein. »Gutbier kehrt marsch maaaarsch!« schrie dann der Herr »Schersant,« und August mußte den ganzen Übungsplatz noch einmal – aber schneller! – durchmessen. Er hinterließ auf dem Erdboden eine Spur wie ein Meerweib, das sich aufs trockne Land begibt. Schon am zweiten Tage mußte August nachexerzieren. Nach einiger Zeit gab es dann Gewehre. So ein Gewehr ist in der Hand eines tüchtigen Unteroffiziers eine wunderbare Waffe gegen den Gemeinen. Es hat die Eigentümlichkeit, niemals richtig zu liegen und niemals rein zu werden. Wenigstens Augustens Flinte wurde niemals rein. Die subjektive Kritik Hustefeldts behauptete jedesmal, wenn er den Lauf vors Auge hielt, ganze Misthaufen darin zu entdecken. Dann mußte August natürlich eine Stunde strafputzen. Außerdem ist das Gewehr das Heiligste, was der Mensch hat. Der Mensch hat viele Heiligtümer: Vater und Mutter, den Eid, die geweihte Hostie, die Bibel, das Vaterland usw.; aber das Heiligste ist das Gewehr. Die Sünde wider den heiligen Geist ist so schwer, daß sie nie vergeben werden kann; aber die Sünde wider das Gewehr ist größer; sie ist so groß, daß man überhaupt nicht begreift, wie ein Mensch sie begehen kann. August Gutbier beging sie. Er hatte eines Tages eine kräftige Schramme im Lauf. Da flog er drei Tage ins Loch. Bei Wasser und Brot! Aber zu hungern und zu dürsten brauchte er nicht; es war genug von beidem da. Er hatte also ganz recht gehabt, als er damals ausrief: »Das ischa der reine Quatsch, von ›Not‹ zu quasseln! Wo is denn ›Not‹! Wir haben noch dicke genug zu futtern!« Als er dann aber eine Viertelstunde auf der Pritsche gelegen hatte, da fühlte er ein tiefes Heimweh im Rücken. Er hatte zu Hause ein sehr gutes Bett gehabt. Wir haben schon betont, daß August Gutbier nicht fett war. Lieblinge der Götter, wie der Verfasser dieser Erzählung, sind von diesen Göttern mit natürlichen Polstern bevorzugt und überall weich gebettet. Nach Verbüßung seines Arrestes nahm man keine Rücksicht auf seinen geschwächten Zustand; vielmehr hatte August schwer zu ringen, um das Versäumte nachzuholen und die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten zu erwerben. Indessen: schließlich ist der Dienst auf dem Exerzierplatze, genau betrachtet, das reine Vergnügen. Ein etwas geringeres Vergnügen ist der innere Dienst: das Putzen, das Bettenmachen, das Wassertragen, das Fegen und Schruppen, das Waschen und Ausklopfen und – das unübertreffliche Strohsackstopfen. Man muß mit dem Arm seiner ganzen Länge nach in den Sack hinabtauchen, das Stroh herausholen und das endgültig verbrauchte sorgfältig von dem noch nicht ganz endgültig verbrauchten sondern. Das verbrauchte Stroh aber hat der müde Leib der Soldaten größtenteils zu Atomen zerlegen. Diese Atome setzten sich in Nase, Schlund, Augen, Ohren und zwischen Haut und Kleidung und wirken dort genau so gut wie fünf Milliarden Flöhe. Es versteht sich von selbst, daß August zu allen Arbeiten, die dereinst im Himmel »mit einer ganz besonderen Krone gelohnt« werden, zugelassen wurde. Da er das Fußbodenschruppen früher nie studiert hatte und für energische Bewegungen niemals eingenommen gewesen war – sie haben immer etwas Unvornehmes – so ist es begreiflich, daß er es unvollkommen vollführte und darum zweimal machen mußte, und wenn es Aborte zu schruppen gab, so war es klar, daß August sie schruppen mußte. Und dann konnte es noch vorkommen, daß Hustefeldt rief, wenn August eben vom Schruppen ausruhen wollte: »Hier, Gutbier! Putzen Sie mir mal flink die Stiebel, aber fix!« – – »Beim Kommiß da lernen die Bengels parieren, un das is ihnen sehr gesund! Da heißt es 'ran an 'n Baß, un das hat noch keinem geschadet! Da werden sie ers zu Menschen gemacht. Wenn man so 'n gedienten Kerl ins Geschäff kriegt, das is 'n ganz andern Schnack is das! Die militärische Erziehung, meine Herr'n, die is gar nich mit Gold aufzuwiegen is sie nich!« sagte August. Als er noch am Stammtisch saß. Jetzt dachte er zuweilen anders. Jetzt dachte er zuweilen: »Na, warte, du Hund, ich treffe dich wohl mal anderswo. Ich krieg' dich wohl mal in irgend 'ne stille Ecke, da sollst du mich kennenlernen!« Aber August hat nie die Gelegenheit gefunden. »Die Rache ist mein,« spricht Hustefeldt. »Aber der Herr Gutbier war doch ein reicher Mann; er hätte doch sicher Kameraden gefunden, die ihm gegen gute Bezahlung die unangenehmsten Arbeiten abgenommen hätten!« ruft hier der Leser. Das hat er ja auch versucht, lieber Leser; aber der Herr »Schersant« ist ihm sofort dahintergekommen, und Emil Hustefeldt war ein ebenso gerechter wie demokratischer Mann; ich hätte ihn auch Emil Egalité nennen können. »Was hier!« rief er, »'n Burschen halten wie die Herren Offiziere und Druckpunkt nehmen, jawoll jawoll! Das könnte euch so passen! Das gibt's bei mir nu schon mal gar nicht! Hier wird vor keiner Arbeit Kehrt gemacht; hier ist keiner besser wie der andre. Beim Preußen sind alle gleich, bis hinauf zum Gefreiten!« Ich habe geschrieben, das Exerzieren sei, genau betrachtet, das reine Vergnügen. Wie jede Wahrheit, so erleidet natürlich auch diese eine gewisse Einschränkung. Da sind zum Beispiel die Felddienstübungen, die, wenn man ihre strategisch-taktische Idee begreift und einsieht, sehr anziehend sein können, wenn man das nicht tut, weniger. August zum Beispiel konnte nicht einsehen, warum man sich bei einer Gefechtsübung plötzlich mit vollem, eben gereinigtem Anzug, mit voller feldmarschmäßiger Bepackung und mitsamt seiner Knarre in den dicksten Schlamm werfen müsse, wenn es befohlen werde. Er zögerte also. »Was ist los, Herr Gutbier?« rief der Hauptmann. »Ist etwas nicht in Ordnung? Ach so – einen Teppich bitte für Herrn Gutbier!« Jetzt sank August langsam auf die Knie, dann auf die linke Hand, und dann bettete er sich sorgfältig am weichen Busen der Mutter Erde. »Himmeldonnerwetter!« schrie der Hauptmann, »Herrrr, wenn ich kommandiere ›Hinlegen‹, dann haben Sie nicht zweifelnd zu Boden zu flattern wie ein herbstliches Laub, dann haben Sie hinzufallen wie eine tote Latte! Sonst haben Sie im Ernstfalle 'ne Kugel im Bauch! Nehmen Sie sich endlich zusammen, Herrrr!! Sie fallen immer wieder auf!!!« Ebenso konnte August nicht begreifen, warum die Übungen »Hinlegen!« und »Sprung auf, marsch marsch!« so oft und so schnell hintereinander gemacht wurden; es war doch gar kein Feind da. Diese Übungen erregten seine lebhafte Abneigung; dies Emporschnellen empörte ihn; dies Laufen machte ihn schnaufen; dies Hinfallen erregte sein Mißfallen. Wir wollen versuchen, eine solche Übung in Dialogform darzustellen, wobei wir allerdings auf die etwas veraltete Technik des »Fürsichsprechens« zurückgreifen müssen. Also: man lag auf dem Bauch und tat so, als wenn man schösse. Leutnant : Bis zu der alleinstehenden Birke da: Sprung auf, marsch marsch! August (halblaut): Öh! (Nach Zurücklegung der 80 Meter: Schießpantomime wie oben.) Leutnant : Bis zu der kleinen Anhöhe: Sprung auf, marsch marsch! August (lauter): Öhh!!! (Schießen wie oben.) Leutnant : Bis zu dem Haferfeld: Sprung auf, marsch marsch! August (für sich): Verdammich!!! (Wie oben.) Leutnant : Bis zu dem Wachtposten: Sprung auf, marsch marsch! August (für sich): Verfluchte Schweinerei!!! (Wie oben.) Leutnant : Bis zur Kantine: Sprung auf, marsch marsch! August : – – – –!!! ^ Das letzte hat August ziemlich laut gesagt; aber es geht unter im Schlachtgetümmel.   32.Kapitel. Kamerad August. Ein wirksames Mittel gegen fortgesetzte militärische Belästigungen ist das Kranksein, und nach vorliegenden Berichten hat es August wieder und wieder versucht, zu erkranken; es ist ihm aber nach übereinstimmendem Urteil der Ärzte nie gelungen. Wenn er einmal mit dem Anschein einer Krankheit ins Revier kam, dann waren die verabreichten Abführungsmittel so energisch und die Ernährung so immateriell, daß August wie durch ein Wunder, wie durch Gesundbeten oder durch Handauflegen wieder genas. Der Trost des Soldaten nach allen Mühseligkeiten und Beschwerden des Dienstes ist sonst die Menage. Aber August war es eigentlich etwas anders gewohnt, als es ihm hier geboten wurde. Wenn auch Line nicht allzu üppig kochte – anders war es früher doch gewesen, besonders im »Franziskaner«. Namentlich waren die Dinge anders serviert worden. Am ersten Morgen seines Kasernendaseins war ein Eimer mit einer bräunlichen Flüssigkeit in die Stube gebracht worden, und August hatte sich schon gewundert, daß man mit so trübem Wasser den Fußboden scheuern wolle. Aber es war im Gegenteil der Morgenkaffee gewesen. August liebte es nicht, mit allen erdenklichen »Proleten« zusammen in der Küche anzustehen, sich aus einem ungeheuren, lieblosen Kessel – ähnlich dem, in dem die »Jüdin« von Halévy gekocht wird – mit einer pietätlosen Bewegung das Essen in eine Art Waschbecken schütten zu lassen; er liebte es nicht, Linsen und Graupen zu einer gestaltlosen Masse vereinigt und eine Wurst im bekleideten Zustande darin herumschwimmen zu sehen. Überhaupt: der ganze Zuschnitt paßte ihm nicht. Nun wurde ja freilich für unsern Helden die Menage wesentlich gemildert durch häusliche »Futterpakete«; aber auch diese Freude sollte ihm nicht rein beschieden sein. Bei den Soldaten herrscht noch der Kommunismus der ersten Christen, von denen es in der Apostelgeschichte heißt, daß ihnen »alles gemein« war: sie unterscheiden sich nur dadurch von diesen, daß ihnen nichts heilig ist. August schätzte den Kommunismus keineswegs und gedachte nicht, auch nur einen Wurstzipfel an Leute hinzugeben, die ihn nicht interessierten. Er gehörte zwar dem »Verein Nächstenliebe« an; aber zwischen Zigarrenabschnitten und Wurstabschnitten klafft ein unüberbrückbarer Unterschied, und auch die Liebe soll man nicht übertreiben. Die Soldaten empfanden diese Weltanschauung unangenehm, und als August einmal sein Spind in dienstlicher Eile unverschlossen gelassen hatte, waren bei seiner Rückkehr seine sämtlichen Mundvorräte verdunstet. Natürlich tat August das in solchen Fällen einzig Richtige: er tobte; aber da er mit seinen Anschuldigungen und Verdächtigungen zufällig auf lauter Unschuldige traf, so antwortete man ihm mit Verbalinjurien, die hart ans Reale streiften und ihm dicht an der Nase vorbeischrammten. Natürlich dachte August auch nicht daran, von seiner nächsten Futterkiste etwas abzugeben – i, wie käme er dazu?! Er war ein Charakter, wie wir wissen, ganz besonders in Fettwaren. Die Folge war allerdings, daß er sich, gleichsam ein schweinerner Harpagon, an seinen Schätzen nur in größter Heimlichkeit weiden konnte; denn sobald er sie in Gegenwart der Kameraden genoß, streuten sie ihm so viel gesalzene und gepfefferte Epigramme, Bonmots und Glossen darauf, daß er glauben konnte, er sei nach den Molukken oder Gewürzinseln versetzt. Mit besonderer Vorliebe sang man ein Lied, das ein vom Pegasus geschlagener Weißwarenhändler dem großen Uhland abgelauscht hatte: Ich hatt' einen Kameraden, Einen bösern findst du nit. Er fraß vom Speck 'ne Seite, Und von der Wurst die Häute, Die fraß er ooch noch mit. Eine Kiste kam geflogen, Gilt sie dir oder gilt sie mir? Er hat sie weggerissen; Uns hat er was geschonken. Meinst du? Da irrste dir!« usw., mit jener Grazie, deren sanfter Flügel in Kasernen weilt. – Es wird wohl ewig ein Rätsel bleiben, warum August Gutbier, der weidgerechte Jägersmann mit dem Drillinggewehr zu 2000 Mark, der Böcke von 50 Pfund erlegte, sich durchaus nicht entschließen konnte, seine königlich preußische Musketierflinte abzudrücken, als es im Schießstand den ersten scharfen Schuß zu tun galt. So gut wie vorn konnte die Kugel auch einmal hinten hinausfahren: der Gedanke störte ihn. Wäre Beethoven oder Brahms mit seinem Erstlingswerk zu Anton Bemmefett, dem Musikalienhändler, gekommen – sie hätten ihn noch leichter zum Abdruck bewogen als der Schießoffizier unsern August. Nur nach Aufbietung aller erdenklichen Redekünste gewann es August über sich, bei geschlossenen Augen den Abzug durchzureißen und das Geschoß in die Traversen zu entsenden. Zunächst war er einer Ohnmacht nahe wie Tell, als er auf das Haupt des Kindes gezielt hatte; dann aber, als er sich unverletzt fühlte, blickte er strahlend um sich, als habe er den Weltkrieg beendet. Leider war kein Weber zur Stelle, der da hätte jubilieren können: »August hat den ersten Schuß getan!« Mit dem Treffen blieb es dann freilich auch, fernerhin schwach bestellt – eine Scheibe ist eben kein Rehbock –, August schoß entweder ins Erdinnere oder nach den Sternen, entweder zu weit nach Asien oder zu weit nach Amerika hin (als ahnte er das Eingreifen des Herrn Wilson), und manch bittere Rede, manch bittere Strafübung mußte er über sich ergehen lassen. Den Verfasser erfüllt dieser Umstand, da er seinen Helden nun bald an die Front entsenden muß, mit stiller Besorgnis.   33. Kapitel. Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Inzwischen wird es wohl Zeit, daß wir uns einmal nach der verwaisten Schar am Stammtisch umschauen. Offen gestanden, fühlte sie sich nicht so verwaist, wie August vielleicht anzunehmen geneigt war. Offen gestanden, verspürte man sogar etwas wie ein Gefühl der Erleichterung. Es war jetzt nämlich keiner da, der immer recht hatte; man konnte jetzt hin und wieder auch einmal recht haben. Der Tisch hieß zwar Nächstenliebe, das ist wahr. Aber für das Geliebtwerden ist Anwesenheit sehr wichtig. Man irrt nämlich, wenn man glaubt, daß Stammtische und Kaffeekränzchen sich, außer durch das Getränk, in nennenswerter Weise unterschieden. Was man über den im Dienste des Vaterlandes sich verzehrenden August sprach, das lief so gemeiniglich auf die Ansicht hinaus, daß »es ihm gar nichts schaden könne«. Die Nächstenlieber waren herbe Männer; sie besuchten einander nicht in Krankheitsfällen, weil sie der Meinung waren, daß ein echter Mann sich allein mit seinem Leid abfinden müsse; sie waren aber auch wieder weich von Gemüt, insofern, als sie bei eigener Krankheit solch einen Besuch sehr angenehm empfunden hätten. Als in Zeiten, die Gott sei Dank hinter meiner eigentlichen Erzählung liegen, der eine und andere ins Gras beißen mußte, da erschien der Verein Nächstenliebe auch nicht am Grabe, weil, wenn man einen Toten hinabsenkt, immer einer der Umstehenden der Nächste ist, das läßt sich gar nicht vermeiden. Auch der ausschweifende Gedanke Merswinskys, dem Helden eine Wurst ins Feld zu schicken, wurde unter Bemmefetts Führung – Bemmefett hatte den Vorsitz übernommen und seinen bisherigen Platz an den ebenfalls sehr begüterten Geheimrat abgetreten – auch jener Gedanke, sage ich, wurde verworfen, weil August vom Hause her jedenfalls alles in Hülle und Fülle habe. Den Gemütswert einer solchen Wurst übersah der Musikalienhändler. »Aber 'n paar jute Zigarren woll'n wir ihm wenigstens schicken,« meinte Strippecke. Dieser Vorschlag wurde denn auch mit allen gegen Bemmefetts Stimme angenommen, hernach dann allerdings nicht zur Ausführung gebracht. Hinterher entdeckte Bemmefett dann auch für die Nichtabsendung der Wurst noch einen patriotischen Grund; im Lande selbst seien die Lebensmittel so knapp, daß man die Volksernährung durch Sendungen an die Front, die hinreichend versorgt sei, nicht noch schmälern dürfe. »Na, wat det anbelangt – knapp sind die Lebensmittel noch lange nich!« meinte Strippecke. »In jewissen Teilen unseres jeeinigten Vaterlandes jibt et Nahrungsmittel in Masse; bloß die deutschen Brüder sperren ihre Jrenzen un jeben uns nischt ab; se fressen's lieber alleene.« Diese Worte brachten die Seele unseres Aloisius in ihren Urgründen zum Kochen und überkochen. »Han?« brodelte es mit furchtbarem Getöse aus der Tiefe seines Vorratskellers herauf, »han??? Was wollen S' damit sagen, Herr Nachbar? Soll'n 'leicht mir verhungern, damit daß die Herrn Breißen sich mit inserne Knedl und Haxen grüabige Täg machen? War net übel! Soll'n 's Mäu net so weit aufireißen, wann 's nix 'neinz'tean ham! Dös wo mir g'pflanzt und gezicht't ham, dös khert ins allanig, dös is inser Nöservatrecht! San eahna ja eh nit guet g'nua, inserne Kalbshaxen und Schweinswierscht'! Solln's eahnere luftgselchten Hering essen und eahnere Kartofeln und eahnere siassn Supp'n – Herrschaftsaxen is dös a Fraß! Dös glaub' i eh, daß s' ins inserne Schweinshaxen ausfiehrn und inser Bier aussaufen mechten – o mei! Aber dös sag' i Eahna: wann's so weit kimmt – ja pfüet di God, Badriodismus! Nacha hat's g'schnappt!« Bei Aloisiussens tiefer Geringschätzung der nördlichen Küche blieb es ein ewiges Rätsel, wie er in den mehr als fünfundzwanzig Jahren seines norddeutschen Aufenthaltes seine Wampen nicht nur konserviert, sondern noch beträchtlich ausgebaut hatte. Es war nur dadurch zu erklären, daß er zu den norddeutschen Ochsen, Kälbern, Hammeln und Schweinen einen modus vivendi gefunden hatte. Ein Mann von Überzeugungsstarrheit und Duldsamkeit zugleich, schwur er zum Tellerfleisch und aß er Hamburger Beefsteaks. So nahm er Holsteins Rinderbrust Nicht gleich im Anfang willig an; Doch bald ernährt' er sich mit Lust. Der schwäbische Rentner Melchior Bopserle schloß sich der Auffassung Gselchwampners vom Deutschtum »vollinhaltlich« an; er wollte von einer Spätzleausfuhr nichts wissen. Und man darf die Herren nicht etwa tadeln; in jenen Zeiten sperrten sich in Deutschland sogar die Kreise, die Gemeinden und Ortschaften gegeneinander ab, sperrte das Land sich ab gegen die Stadt, und ein Huhn, das ein Ei über die Grenze legte, machte sich des Landesverrats schuldig: ein Schwein, das zu den Städtern überlief, fiel beim preußischen Landwirtschaftsminister in Ungnade. Man kann diese politische Erscheinung je nach dem umworbenen Ausfuhrartikel als Kälber-, Ochsen-, Gänse-, Spätzle-Partikularismus oder auch als »Deutschtum mit Haxen« bezeichnen. Gegen die logische Artillerie Gselchwampners und Bopserles vermochte Strippecke nicht aufzukommen; es ward ihm aber im Grunde nicht schwer, zu verstummen. Seine Ernährungsschwierigkeiten waren durchaus nicht ernsthafter Natur. Wer viel Geld hatte, konnte sich noch immer seinem Vaterlande sehr wohl erhalten, und viel Geld verdiente Strippecke, nicht nur durch Versicherungen, sondern vorwiegend durch Seife, für die er mit gewaltiger Reklame Schaum schlug, obwohl sie selbst nicht schäumte, und mit der er, weil er sie mit dem unsauberen Aufschlag von 1.000 Prozent auf den realen Wert verkaufte, einen kolossalen Reingewinn erzielte. Gselchwampner machte außer in wesentlich verteuerten Schirmen und Stöcken in Fischwurst, Bopserle in Schinken, die er zu äußerst saftigen Preisen absetzte. Merswinsky, der Theaterdirektor, und Bemmefett, der Musikalienhändler, blieben mehr in ihrer »Branche«, jener, indem er ungeheure Mengen Schmalz unter der Hand verkaufte, dieser, indem er Fleischextrakt aus Lakritzen in großen Auflagen an den Mann brachte. Nur Merseburg blieb ganz in seinem Berufe: er erhöhte einfach seine Preise auf das Doppelte und Dreifache, besonders die Weinpreise, worüber gewisse Sorten größenwahnsinnig wurden und die Flaschen sprengten. So überwanden sie alle die Not des Vaterlandes, und obwohl sie alle natürlich den Frieden herbeisehnten, wußten sie doch ihre Sehnsucht männlich zu beherrschen. Wer wünscht den Tod einer Kuh herbei, die täglich zwanzig Liter Milch gibt? »Aber der Krieg auch hat seine Ehre!« deklamierte Merswinsky in diesen Zeiten. Es war die Zeit der teuren Sicherheitszündhölzer, bei denen man sicher sein konnte, daß das erste, so man anstrich, keine Zündmasse trug, das zweite beim Anstreichen zerbrach, das dritte sogleich nach dem Entbrennen erlosch und die Zündmasse des vierten einem ins Auge flog.   34. Kapitel. Man entdeckt bei August orientalische Neigungen. Auch August Gutbier hatte, wenn wir an seiner Stelle ehrlich sein wollen, bis dahin den Krieg nicht eigentlich unangenehm empfunden. Abgesehen davon, daß » business « hundertmal mehr als » usual « war, regte der tägliche Kampfbericht des Hauptquartiers seine Magennerven an, so gut wie die tägliche Fortsetzung des Akkordromans, den er aus den »Anzeigen« zu sich nahm, bevor er zum Abendessen schritt. Und wenn die deutschen Heere einmal, uneingedenk ihrer Pflicht, nicht hinreichend siegten, nun, so erhöhte das eigentlich nur den Spannungsreiz, ohne den Appetit zu vermindern. Es war eine eigentümliche physiologische Erscheinung, über die die Ärzte nachdenken mögen: Ungünstige Nachrichten von der Front wirkten stets auf seine Därme und nie auf seinen Magen. Zum Glück konnte er ja fast immer die Zeitung mit Befriedigung aus der Hand legen. Der Bürger im »Faust« freut sich ja auch, »wenn hinten, weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen«. Nun, für August waren Verdun und Warschau, ja, waren Elsaß und Ostpreußen türkisches Gebiet. Indessen die Anschauungen des Menschen sind, wie seine Schicksale, dem Wechsel unterworfen. Schon auf der Reise zur Front vollzog sich in unserem Helden eine vollkommene Umwälzung, erlebte er sein Damaskus, ward aus dem mordenden Saulus ein nachdenklicher Paulus. Die Wärme eines Viehwagens, in dem er nach dem Westen fuhr, reifte seine geschichtsphilosophischen Gedanken zusehends. »Von dieser Seite sah ich's nie!« dachte er unbekannterweise mit Wallenstein. O diese Märsche! In den Monaten der Ausbildung hatte man immerhin, trotz Hustefeldts Wachsamkeit, manche Unbequemlichkeit abkaufen, manche Annehmlichkeit erkaufen können. Wie sollte man das hier anfangen? Nicht für 'ne Million waren ein paar Beine aufzutreiben, die an Stelle der eigenen liefen, und ein Pferd wurde den Infanteristen nicht bewilligt. »Da tritt kein andrer für ihn ein; Auf sich selber geht er da ganz allein.« Schon nach wenigen Tagen fand August diese Hin- und Hermärsche strategisch vollkommen zwecklos, und im selben Grade, wie seine Schwielen wuchsen, schrumpfte seine Hochachtung vor Hindenburg zusammen. Wenn man nach solchen Märschen wenigstens ins Hotel »Zu den vier Jahreszeiten« gehen und sich ausruhen kann, geht's ja noch; aber dann auch noch biwakieren, im Freien schlafen, in herbstlicher Kälte, im Regen, am Biwakfeuer halb gar gekochtes Fleisch, halbrohe Erbsen essen – Solch eine Nacht war's, als August in Schümanns Austernkeller saß und Kaviar auf Austern aß und sich danach einen saftstrotzenden Hummer, spröde wie ein sechszehnjähriges Landmädchen, servieren ließ. Neben ihm im Kühler stand eine eben entkorkte Pommery und eine Flasche Porter, mit dem er den Pommery verdünnen wollte. Danach wollte er dann ein Filetsteak mit gestobten Austern, etwas Stiltonkäse und eine goldbraune Omelette soufflée bestellen. Er dachte eben nach, was er vielleicht sonst noch nehmen könne, als der Kellner den Sektkühler umstieß und Augusten über den rechten Fuß warf. »Dusseltier!« rief August und erwachte, und der Sektkühler war ein Wassergraben in Flandern, in den sein rechter Fuß hinabgerutscht war. Da die feindlichen Geschosse hier im allgemeinen von Westen nach Osten flogen, so drängte sich August aus einer festgewurzelten Sympathie besonders zu solchen Verrichtungen, die sich in derselben Richtung bewegten. Wenn aus dem Osten zum Beispiel Lebensmittel oder sonst irgendein Bedarf herbeigeschafft werden sollten – August meldete sich sofort. August strebte immer gen Osten wie der Muselmann nach dem Grabe des Propheten. Und nichts lag ihm bei solchen Verrichtungen ferner als Überstürzung auf dem Rückwege. Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, jemals Soldaten bei solch einer Arbeit beobachtet hast, zum Beispiel wenn sie einen Wagen mit Kommißbrot fortbewegten. Unsere Soldaten sind auch deshalb so gesund, weil das Brot nie zu frisch in der Kaserne ankommt. Drei Mann ziehen den Wagen, und viere halten zurück. Der Mont Blanc bewegt sich schneller. August Gutbier war der erste, dem es gelang, diese mit Erlaubnis zu sagen Geschwindigkeit zu unterbieten. Wie Hölderlins Hyperion war er still und bewegt; mit dem Kardinal Este gemeinsam hatte er den Wahlspruch » In motu immotus «. Bei jedem Auftrag solcher Art schiffte er wie Schillers Jüngling mit tausend Masten gen Osten und kehrte wie der Greis zurück, immer in der stillen Hoffnung, die Sache bis zum Friedensschluß ausdehnen zu können. Bei dieser Darstellung schwebe ich aber nun in einer Angst, daß man meinen August für einen an sich sehr trägen und langsamen Menschen halten könnte. Nichts wäre verkehrter als das! Wenn in absehbarer Entfernung ein Geschoß einschlug und andere Deckung suchten, hatte er sie längst gefunden, war er längst bis auf die äußerste Haarspitze verschwunden, und Gott nur weiß, wie und wo er immer so schnell ein Loch fand. Er war also im Gegenteil ein behender Mensch. Oder die Tarnkappe Siegfrieds war durch Erbschaft auf ihn gekommen. Zu Ausflügen nach Westen meldete August sich grundsätzlich nicht. Die ganze Richtung paßte ihm nicht. Wenn es sich um eine schwierige und nicht ungefährliche Erkundung handelte und zu freiwilliger Meldung aufgefordert wurde, so zeigte sich, wie recht wir hatten, wenn wir schon zu Anfang dieser Erzählung mit dem uns eigenen Menschenkennerblick deren Helden als einen reservierten Charakter bezeichneten. Er meldete sich nicht und erklärte seinen Kameraden auch, warum er sich nicht melde. Das ganze Unternehmen sei wieder mal völlig zwecklos; der Kompagnieführer habe ja keine Ahnung. Zwecklos seine Haut zu Markte tragen – nein, das falle ihm nicht ein. Wenn die Sache einen Sinn habe, ja, dann natürlich mit Freuden; aber so – ? Nee. 35. Kapitel. Laura Rietensplieth braucht einen Hut. Nun ist aber im Kriege bekanntlich nicht alles freiwillig; mitunter muß man. Und so hatte es sich beim besten Willen nicht vermeiden lassen, daß August eines Tages in eine metallische Auseinandersetzung mit dem Feinde verwickelt wurde. Der Vorstoß war wieder ganz sinnlos: aber was kann der einsichtsvolle Einzelne gegen die stupide Masse – »Unsinn, du siegst, und ich muß untergehn,« sagt Talbot. Und August ging auch unter in den Wogen des Kampfes, diesmal aber freiwillig. Wenn ich falle, sagte er sich, dann sieht es aus, als wenn ich gefallen wäre. Freilich: ich werde nachher keine Wunde aufweisen können. Aber ich kann ja auch ohnmächtig werden. Soll mir mal einer beweisen, daß ich nicht ohnmächtig war! Im selben Augenblicke wurde August ohnmächtig und stürzte vornüber in den Sand. Die Gelehrten, die diese Erzählung in die Literaturgeschichte einzuordnen haben, werden bei dieser Stelle selbstverständlich anmerken, daß Gutbier und ich diesen Einfall und Umfall von Sir John Fallstaff hätten. Die Literaturforscher gehen nämlich bei all ihren Untersuchungen von der ihnen geläufigen Auffassung aus, daß ein Mensch unmöglich von selbst auf einen Gedanken verfallen könne. Wenn zum Beispiel ein Dichter schreibt »Es regnet,« so weisen sie nach, daß dieser Gedanke auf das 1. Buch Mosis, Kap. 7, Vers 11 zurückgehe, wo es auch regnet. Alles geht bei ihnen zurück. Nun kann ich natürlich nicht mit Bestimmtheit feststellen, ob August jemals Heinrich den Vierten auf der Bühne gesehen habe oder nicht; aber daß er niemals in seinem Leben Shakespeare gelesen hat, dafür lege ich die rechte Hand ins Feuer, mit der ich doch meine Bücher schreibe. Ganz abgesehen von dem allem aber war August Gutbier ohne Zweifel begabt genug, um auch ohne die Anregung Shakespeares zurückzubleiben und hinzufallen, wenn die Luft weiter vorn und oben ihm nicht zuträglich war. Ebenso war er begabt genug, so lange ruhig liegen zu bleiben, bis er sicher sein konnte, daß das Gefecht sich hinreichend vorwärts entwickelt hatte. Dann hob er mit der Langsamkeit, die wir an ihm schätzen gelernt haben, millimeterweise Stirn, Nase, Mund und Kinn vom Boden, suchte sorgfältigst den westlichen Horizont ab, blickte ebenso sorgfältig nach rechts und ebenso sorgfältig nach links, stützte hierauf langsam die Arme auf, drehte sich um und setzte sich. Die Luft war rein, und er selbst, wie er der Vorsicht halber nochmals feststellte, noch immer unverwundet. Er überlegte, ob er sich nicht selbst einen Schuß beibringen solle. Aber dann ließ sich vielleicht feststellen, daß er von einem deutschen Geschoß herrühre. Nun, es konnte ja die verirrte Kugel aus dem Gewehr eines Kameraden sein: dergleichen kam ja vor. Aber er ließ den Gedanken dennoch fallen. Man weiß nie, was aus so einer Wunde werden kann. Es sind schon Menschen an einem Mückenstich gestorben. Er entschloß sich anders. Er wollte sich zielbewußt so weit wie möglich nach Osten verirren und dann bei guter Zeit als »Versprengter« wieder zu seiner Truppe stoßen. Er hatte sich eben behutsam aufgesammelt, seinen Helm aufgesetzt, seine Knarre aufgenommen, seine Uniform ohne Übereilung abgeputzt und zurechtgezogen und sich vorsichtig auf den Weg gemacht, als er, um eine Hecke auf einen schmalen Landweg biegend, einen Mann vor sich sah – den Teufel hätte er sich eher vermutet und vielleicht auch lieber gesehen als diesen Mann. Der Mann war ein Hauptmann; er mochte ein hoher Dreißiger sein, hatte ein tiefgebräuntes Angesicht, und seiner tatkräftigen Nase sah man an, daß viel Wind um sie herumgeweht war. Auf seinen Zügen zeigte sich heiteres Erstaunen, was von den Zügen des Herrn Gutbier nur ein abgefeimter Lügner hätte behaupten können, so weit es die Heiterkeit anbelangt. »Sie hier, Herr Gutbier?« sagte freundlich schmunzelnd der wohlbekannte Fremde. »Zu Befehl, Herr Hauptmann,« versetzte August, indem er körperlich und seelisch die Knie durchdrückte. Er hatte nämlich alsbald in dem Offizier jenen Dr. Töpfer erkannt, jenen unvorschriftsmäßig gesinnten Oberlehrer, den er, August, als treusorgender Vater und mannhafter Patriot aus dem Schuldienst vertrieben hatte. »Jaja, so sieht man sich wieder!« lachte der Doktor. »Ich habe inzwischen in Brasilien mein Heil gesucht und gefunden. Aber als der Krieg kam, bin ich natürlich herübergeschwommen. Sie haben sich natürlich auch freiwillig gestellt?« »Das – äh – ja, ich wollt' es natürlich immer – aber mein Geschäft ließ mich nich los –« »Soso. Und wohin wollten Sie jetzt?« »Ich?? – Ich – ich suche meine Kompagnie. Ich bin versprengt, ich war ohnmächtig geworden, un – un als ich wieder aufwachte – da war sie weg.« »Ja, darauf kann die Kompagnie nicht warten. Da drüben steht sie im Feuer. Kommen Sie mit; ich habe denselben Weg.« Wie liebenswürdig! August dachte in einem fort: Jetzt wird er gleich sagen: »Wissen Sie noch – – – ?« Aber wie eigentümlich: dieser Doktor Töpfer dachte gar nicht so wie August Gutbier! Er berührte das Vorgefallene mit keiner Silbe, erkundigte sich nur immer wieder, wie es in der Heimat aussehe, wie August die Heimat verlassen habe, wie die Menschen daheim den Krieg ertrügen usf., und anstatt auch nur die kleinste Rache zu nehmen, erwies er seinem ehemaligen Verfolger den Liebesdienst, ihn sicher in den Donner der Karthaunen zurückzuführen. In diesem Gefecht wurde August nicht mehr verwundet; dagegen erlebte er am folgenden Tage einen heftigen Unfall. Er erhielt nämlich von seiner Line einen Brief. Schon mehrere Tage hatte er vergeblich auf ein Fettpaket gewartet; nun erhielt er sein Fett, erhielt es reichlich, obwohl nur in einem Brief. Line Gutbier geborene Bohlen drohte ihm mit Scheidung. Hilf Himmel, wie war das gekommen? Nun, sehr einfach, Laura Nietensplieth hatte notwendig einen neuen Hut gebraucht. Wir wissen längst, daß August ein leidenschaftlicher Jäger war, daß er aber den Freuden der Jagd nicht bei der Artemis, sondern bei Laura Rietensplieth frönte. Da Artemis die Beschützerin der Keuschheit ist, so nahm sie es August sehr übel, daß er ihren Namen mißbrauchte, und rächte sich. Sie erregte in der ziemlich schönen, jedenfalls sehr üppigen Laura eine heftige Begierde nach einem neuen Hut mit den kostbarsten Reiherfedern, und da Laura die dazu nötigen Drachmen nicht besaß, so schrieb sie einen glutvollen Brief an August. Die furchtbare Göttin – wir kennen sie ja von der armen Niobe her – tat aber ein Mehreres; sie verwirrte die Sinne des zuständigen Feldpostbeamten, daß er auf den Brief schrieb: »Adressat gefallen« und ihn mit anderen für August bestimmten Briefen zurückgehen ließ. Und da nun Laura auch im Briefschreiben nicht sehr ordentlich war – die Damen sind darin überhaupt fürchterlich: sie schreiben ohne Datum, ohne Angabe ihrer Adresse und lassen den Empfänger kaltblütig im Zweifel, ob sie Frau oder Jungfrau sind, ob sie Julia oder Jochen heißen – also: da Laura auf dem Umschlag keinen Absender vermerkt hatte, so geriet alles in die Hände der redlichen Hüterin des Hauses Gutbier. Lines Schreck über den Heldentod ihres Mannes war groß, aber erträglich; größer war schon der Schreck über seine Untreue; aber am grauenvollsten war der Schreck über den Hutpreis. Da flog das Geld in blauen Lappen hinaus, und sie trug Hüte zu 15 Mark! Ihren Scheidebrief an August wage ich nicht hierherzusetzen; ich halte es nicht für meine Aufgabe, das Herz des Lesers zu zerreißen. Er übertraf an zermalmender Wucht die Flüche des wahnsinnigen Lear. August war gerade zum siebenten Male um Urlaub in die Heimat eingekommen; er zog sein Gesuch zurück. August, unser August in der Enge zwischen Skylla und Charybdis! Die Skylla lauerte bekanntlich im Osten und war ein furchtbares Ungetüm mit bellender Stimme und sechs Köpfen mit drei Reihen gräßlicher Zähne; die Charybdis war ein schrecklicher Strudel im Westen. Es soll nicht behauptet werden, daß Line sechs Köpfe hatte; aber wenn sie haderte, so hatte man den Eindruck. Man hatte den Eindruck von sechs Sprechorganen, die einander ablösten. Dies Bild von der Skylla und Charybdis stimmt eigentlich nur, wenn das Schrecknis auf beiden Seiten gleich groß ist; Augustens Sympathien aber neigten jetzt mehr nach dem Westen. Hier lag doch nur die Möglichkeit des Erschossenwerdens vor; zuhause war er schon erschossen, erschossen für immer und bei lebendigem Leibe. Denn er wagte nicht zu hoffen daß Line ihre Scheidedrohung wahrmachen werde.   36. Kapitel. Die Trauerfeier. Die Trauerkunde vom Heldentode des Im- und Exporteurs August Gutbier verbreitete sich blitzschnell über den ganzen Teil des Erdballs, der sich um das Symbol der Nächstenliebe (die Zigarren-Guillotine im »Franziskaner«) zu versammeln pflegte. Und es erwächst uns die schwere Pflicht, von der Trauersitzung, die sich an den Empfang dieser Nachricht schloß, Bericht zu geben. »Jessas, wer hätt' des denkt!« stöhnte Aloisius. »Jaja, den hat's bald derwischt!« sprach der Rentner Bopserle mit wehmütigem Ernst. »Wenn man's bedenkt – achtundvierzig Jahr – is doch keen Alter!« hauchte Strippecke gedankenvoll. »Er muß sich doch zu weit vorgewagt haben! Er war ja immer ein Draufgänger!« meinte Merseburg, der sich wie alle Dichter auf Menschenherzen verstand. »Nun, er ist einen schönen und ehrenvollen Tod gestorben,« sprach Merswinsky, der kürzlich seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Er sprach es wie aus einem tiefen Grabgewölbe, das eine gute Akustik hat. »Nu, wenn er wärklich ä Herzfehler hatte, da war's ja eichentlich 'ne Erleesung?!« bemerkte Bemmefett voll Mitgefühl. »No, er hätt' doch no lang lebe kenne,« rief Bopserle. »Und dös arme Weiberl,« stöhnte Gselchwampner, »und die Kinder, die armen Hascherln!« »Na, 'n ›Weiberl‹ is det nu jrade nich,« meinte Strippecke, »det is schon 'ne Jemahlin.« »Und fier die is gesorgt, da gennen Se gonz beruhigt sein,« lächelte Bemmefett. »Nun, meine Freunde, Geld ist doch nicht alles!« rief der Geheimrat mit vielem Schmalz. »Ich verliere viel in dem Verewigten!« seufzte Merseburg. Er sprach es mit einem Blick nach oben, und in seinen Augen leuchtete das Graacher Himmelreich. – »Wat jibt's denn heut von der Pfanne, Herr Wirt?« fragte Strippecke schwermütig. »Etwas Extrafeines, meine Herren: Schwarzsauer,« antwortete Merseburg. »Also Schwarzsauer natürlich!« rief Strippecke. »Schwarzsauer muß man Zuhause essen,« meinte Merswinsky. »Na, Herr Geheimrat, wenn Sie mein Schwarzsauer gekostet haben –« begann Merseburg mit Empfindlichkeit. »Ich kenn es doch, lieber Freund, ich hab's doch bei Ihnen gegessen!« rief Merswinsky. »Sehr gut, ohne Zweifel, sehr schmackhaft; aber Schwarzsauer ist das nicht !« Theaterleute haben gemeiniglich im Essen einen sehr durchgebildeten Geschmack, auch solche, die ihn auf der Bühne nicht haben. Da sie meistens weit herumkommen, ist ihr Geschmack auch universell; er spannt den versöhnenden Regenbogen zwischen Risotto und Königsberger Fleck, zwischen Aalsuppe und Borschtsch. »Also Schwarzsauer darf schon vor allen Dingen nicht aus Ochsenblut gemacht werden –« »Tu' ich doch auch nicht!« protestierte Merseburg. »Hören Sie zu: halb Ochsen- und halb Schweineblut –« »Mach' ich doch!« rief Merseburg. »Lassen Sie mich ausreden. Ochsenblut macht die Sose körnig, und Schwarzsauer muß glatt und eben sein wie die Haut der Venus. Und dann nimmt man Bauchfleisch, dazu, und zwar fettes Bauchfleisch vom Schwein; auch ein Schweineohr und eine Schnauze kann nicht schaden –« »Gähn Se mir mit Ihr'm gonzen Schweinegram!« rief Bemmefett; » Gänse schwarzsauer, dos loß ich mir gefollen!« »Gänseschwarzsauer ist eine schöne Sache,« sprach Merswinsky mit der Duldung Nathans des Weisen, »aber ich spreche jetzt von Schweineschwarzsauer. Das Fleisch wird nicht zerschnitten, das ist eine Dummheit; man läßt es ganz, dann bleibt es saftig. Es können einem ja überhaupt die Haare zu Berge steigen, wenn man sieht, wie die Menschen das Fleisch behandeln! Sie schneiden es in Scheiben, damit nur ja alles herauslaufe, was drin ist! Diese Ochsen, die sich Köche nennen! Fleisch läßt man so lange ganz wie irgend möglich, und dann ißt man es in Würfeln, nur in Würfeln! Na ja, das nebenbei. Also das Fleisch kocht man mit zwei bis drei Lorbeerblättern – nicht mehr!! Schauspieler verschwenden nicht gern Lorbeeren. – mit einigen Zwiebeln und einigen weißen Pfefferkörnern – weißen, bitte! – in Essig und Wasser gar. Dann nimmt man das Fleisch heraus und gießt die Brühe, nachdem man sie sorgfältig abgeschmeckt hat, durch ein Haarsieb, damit alle festen Bestandteile zurückbleiben. Und nun vermischt man die Brühe mit dem Ochsen- und Schweineblut, nachdem man dieses zuvor gemischt und mit Essig tüchtig verrührt hat, kocht alsdann diese Mischung unter beständigem Rühren – bitte nicht nachlassen mit Rühren! – auf, tut Salz und Zucker zu und gießt das Ganze über das Fleisch. Die meisten tun keinen Zucker hinzu, das ist ein heller Unfug! Schwarz sauer ohne Zucker ist eine Barbarei! Und nun, meine Herren, die Zugaben! Erstens natürlich Kartoffeln, dann aber: Weizen- und Buchweizenklöße und ganz besonders: in Wasser abgekochte Steckrüben!!« »Um Jotteswillen, Steckrüben!« ächzte Strippecke. »Was?« rief Merswinsky. »Die Steckrübe ist ein integrierender Bestandteil dieses königlichen Essens. Schwarzsauer ohne Rüben, das ist eine Blume ohne Duft, ein Witz ohne Pointe!« »Nu, un wo bleibt das Bockobst?« sprach Bemmefett lauernd. »Brrr!« schauderte Merswinsky. »Backobst! Backobst zum Schwarzsauer ist der schauerlichste Nonsens, den man sich denken kann! Das ist ein abgeschmackter Pleonasmus! Das ist, als wenn Sie alten Holländer mit Roquefort belegen! Die Elemente einer guten Speise sollen mild kontrastieren, nicht einander ähnlich sein; ein vollkommenes Gericht ist eine geschmackvolle Antithese, nicht eine Häufung von Synonymen! Meine Herren, wenn wir wieder Frieden haben, werde ich Ihnen mal ein Schwarzsauer kochen und werde Sie einladen; dann werden Sie etwas erleben!« Wer richtig hinsah, der mußte bemerken, daß dieser Mann die Augen eines Künstlers hatte. Die Einladung wurde mit Beifall begrüßt; nur Gselchwampner rief: »Mi lassen S' aus, Herr G'hoamrat! Steckrüben! Wann i des heer', wird mir eh scho ganz entrisch! Die kriagt bei ins nur 's Vieh!« »Na und? Mögen Sie sie denn nich?« fragte Strippecke. »Wer – –?« fragte Aloisius mit offenem Munde. »Na, die Viecher!« »Des woaß i net,« sagte Alois. Da Bemmefett eingeladen war, so entrollte er die Fahne des Gänseschwarzsauers nicht weiter, sondern steckte sie in die Tasche und fragte höflich: »Wann wer'n mer denn Frieden ha'm, Herr Geheimrat?« »Bald,« sagte Merswinsky mit dem Gewicht von tausend Zentnern. »Hent Sie Ahnhaltsbunkte dafier?« fragte der skeptisch veranlagte Bopserle. Merswinsky bejahte mit den Augenlidern. »Also bald, moanen S', Herr G'hoamrat?« fragte Aloisius mit riesenhaften Augäpfeln. » Sehr bald,« versetzte der Theatermann, jetzt mit fünftausend Zentnern Nachdruck. »Ich Hab' mit einer Person aus der täglichen Umgebung des Kaisers gesprochen – natürlich darf ich nichts sagen –; aber die nächste Theatersaison eröffnen wir im Frieden .« Es war ja eigentlich etwas merkwürdig, saures Schweinefleisch zum Grundgedanken einer Trauerfeier zu machen; aber es lag doch auch wieder eine sinnige und taktvolle Ehrung darin, daß man auf ein schwarzes Gericht verfiel. Strippecke hatte aber seine Portion des Blutgerichts noch nicht vollständig bewältigt, als Merseburg an den Tisch gestürzt kam mit den Worten: »Gott sei Dank, meine Herren, es ist alles nicht wahr: Herr Gutbier lebt und ist gesund!« »Nanu?!!« rief Strippecke und ließ Gabel und Messer fallen. »Wer sagt Ihnen das?« fragte Merswinskh ungläubig. »Hinten sitzt sein Prokurist, der hat telegraphisch angefragt.« »Na so was?!« rief Strippecke. »Dös is aus der Weis'!« meinte selchwampner. »No, wer weiß denn, ob sell wahr ischt?« murrte Bopserle. »Ich hab's nie geglaubt!« versicherte Bemmefett mit Lachen. Kurz: die Enttäuschung war allgemein. Es war aber nichts daran zu ändern: unser Held, wie wir wissen, lebte und war gesund; damit mußte man sich abfinden. Es sollte jedoch nicht immer so bleiben.   37. Kapitel. Eine Schlußabrechnung mit poetischer Gerechtigkeit. Wie viele Kaufleute des deutschen Nordens hatte August einen beträchtlichen Teil seiner jüngeren Jahre in den Tropen zugebracht und, wie die meisten, hatte auch er dabei viel Geld und einen beschädigten Verdauungsapparat davongetragen. Er hatte dieses Übel aber von jeher männlich bekämpft. »Och was,« pflegte er zu sagen, »man muß sich nich immer nachgeben! Man muß nich so weich gegen sich sein! Da muß man gegen angehen!« und hatte dann große Bohnen mit fettem Speck gegessen, um dagegen anzugehen. Magen und Darm hatten sich das unter gelegentlichen feierlichen Protesten bisher noch gefallen lassen. Seitdem aber Line Gutbier die Ausfuhr von Lebensmitteln verboten hatte und weil alle Schuld sich auf Erden rächt, begannen die nicht immer meisterhaft gekochten Dörrgemüse der Feldküche ihre Wirkung zu üben. Die Folge war eine heftige Verdauungsstörung, die durch ein schweres Artilleriegefecht in Augustens Umgebung noch wesentlich gesteigert wurde. Sie wurde so schlimm, daß er sich keine Mühe zum Simulieren zu geben brauchte; jeder Mann erkannte, was ihm fehlte, und so kam er denn ins Lazarett. Es sollte ihm nicht beschieden sein, von dort wieder ins Feld zurückzukehren. Als sein Befinden sich endlich besserte, begannen die Waffenstillstandsverhandlungen, und als er leidlich wieder hergestellt war, erhielt er einen längeren Erholungsurlaub. Den ersten Teil dieses Urlaubs verbrachte er vorsichtshalber bei einer Tante auf dem Lande, und als er sich endlich entschloß, zu den Seinen zurückzukehren, war es Friede. »O schöner Tag, wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit, Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch!« wenn anders man das, was Karoline bei seinem Einzug blies, als einen sanften Friedensmarsch bezeichnen darf. Mit dem Kriege sollten überhaupt die Prüfungen unseres Helden noch lange nicht ihren Abschluß erreicht haben. Zunächst war es das Gericht, das Verschiedenes in und um August zu prüfen wünschte. Der voreilige Leser hat vielleicht hämisch gelacht, wenn August vor seiner Einberufung immer und immer wieder beteuerte, er könne sein Geschäft nicht anderen überlassen, er sei unabkömmlich. Der Mann hatte vollkommen recht gehabt. Denn kaum war er einige Wochen entfernt, so kam es ans Licht, daß er ungeheure Mengen feinsten türkischen Rauchtabaks verkauft hatte, wogegen an und für sich nichts einzuwenden gewesen wäre, wenn der Tabak nicht vorwiegend aus Pferdedünger bestanden hätte. Diese Importen des Importeurs Gutbier nahm das Gericht nicht für vollwertig. Der Anwalt hielt eine glänzende Verteidigungsrede; »ein Meisterwerk forensischer Beredsamkeit«: alle zehn attischen Redner zusammengenommen haben nicht so gesprochen wie der Mann. Er forderte gebieterisch Freisprechung, weil der Tabak nicht gesundheitsschädlich sei, und beschwor die Richter, keinen Justizmord zu begehen. Von einer gesundheitsschädlichen Moral war dem Rechtsanwalt nichts bekannt. Deutsche Richter können aber sehr streng sein, und in diesem Falle verurteilten sie den Angeklagten zu 500 Mark Geldstrafe. Hiernach ergibt sich folgende Aufstellung: Gewinn des Angeklagten aus seinem Tabakshandel M. 427658.– Geldstrafe M. 500.– Genchtskosten M. 287.15 Honorar des Anwalts M. 1000.– M. 1787.15 Von obiger Summe abgezogen M. 1 787.15 Reingewinn M. 425 870.85 Da die Zeitungen nur von einem bestraften Kaufmann »A. G.« berichteten, einige sogar nur von einem »Kaufmann«, so war die Ehre unseres August kaum nennenswert beschädigt. Es ist gleichwohl zu verstehen, daß er das Urteil des Gerichts als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit empfand und dieserhalb wie auf Grund seiner militärischen Laufbahn für den ganzen Rest seines Lebens zur schärfsten politischen Opposition überging. »Sozialdemokrat?« pflegte er zu sagen, »Sozialdemokrat? das is gar nix! Anarchist muß man sein, Anarchist!« Auch sonst wurde August ungerecht behandelt. Er konnte doch wahrhaftig von Rechts wegen verlangen, daß Line sich scheiden lasse. Er hatte doch von seiner Seite alles getan, was in seinen Kräften stand. Aber diese Frau war unversöhnlich. Sie blieb ihm treu. Gewiß: Im Interesse der öffentlichen »Zucht und Zitte« – jetzt sagte August übrigens wieder »Sucht und Sitte« – war die Vermeidung eines Skandals ja mit Dank zu begrüßen; aber zu diesem Gewinn stand das Opfer denn doch in keinem Verhältnis. Der Verfasser dieser Geschichte freilich kann sich nicht verhehlen, daß ihm Line Gutbier mit ihrer Treue einen großen Gefallen tut. In jedem Kunstwerk muß doch poetische Gerechtigkeit herrschen, nicht wahr? Jede Schuld muß ihre Sühne finden, nicht wahr? Nun, August Gutbier ist gewiß ein guter Kerl – ich habe mich wenigstens bemüht, ihn so zu zeichnen – aber: wie das auch dem Edelsten und Besten begegnet, eine tragische Schuld hat er doch auf sich geladen. Die Oberlehrer, die diese Geschichte in der Schule behandeln, werden sie schon herausfinden. Und nun haben sie die vollkommenste Sühne daneben und müssen mich loben. Jedesmal, wenn ich Line Gutbier sah, ist es mir von neuem aufgefallen, daß sie eine auffallende Ähnlichkeit mit der poetischen Gerechtigkeit hat. An den Stammtisch durfte August hinfort nur einmal in der Woche gehen, und dann nur bis zehn Uhr abends. Natürlich sprach man dann oft von Krieg und Tapferkeit. Und wenn von des Krieges Gefahren und Schrecknissen die Rede war, dann pflegte August nur zu sagen: »Och, Kinder, ihr habt ja keine Ahnung – –! Ihr macht euch ja keinen Begriff – –! Wer das nich selbs miterlebt hat – – –!« Er sprach dann nur in Vordersätzen. Und wenn dann Bemmefett seine ehrliche Entrüstung darüber aussprach, daß solch ein Mann ohne Auszeichnung und Beförderung heimkehren mußte, ein Mann, der soviel Todesmut und Selbstverleugnung – – Dann lachte August bitter auf: »Jahaha, wenn es danach ginge – !« »Jaja, das Pferd, das den Hafer verdient, kriegt ihn nicht,« sagte dann wohl mit wehmütigem Kopfnicken der biedere Merseburg. Aber an Pferde mochte August nicht gern erinnert sein.   Jeder anständige Leser kann von einer anständigen Geschichte verlangen, daß er über das weitere Schicksal der handelnden Personen erschöpfenden Bericht erhalte. Als anständiger Erzähler will ich mich dieser Forderung nicht verschließen. Aloisius Gselchwampner mußte erleben, daß eine seiner Töchter sich in einen Preußen verliebte, der niemals »ja« sagte, sondern immer nur: »Na jewiß doch!«, auch bei der Trauung. Aloisius kriegte jedesmal Herzkrämpfe, wenn er dies »Na jewiß doch!« hörte; aber alles Abraten half nichts: die Mesalliance kam zustande. Und als das Verhältnis zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn sich nach und nach vertraulicher gestaltete, kam es eines Tages zu einem Wortwechsel, in dessen Verlaufe der Schwiegersohn seinen Schwiegervater einen »Saubayern« nannte. Von Stund an, da Aloisius erkennen mußte, daß man das Wort »Sau« ebensogut mit »Bayer« wie mit »Preuß« zusammensetzen könne, war er ein gebrochener Mann. Er verbrachte den Rest seines Lebens in Sprachlosigkeit und dumpfem Hinbrüten über dem Maßkrug. Unsern Melchior Bopserle traf der harte Schlag, daß Mecklenburg eine Verfassung erhielt, die genau so »frei« war wie die württembergische. Des Bewußtseins beraubt, ein Sohn des freiesten Volkes zu sein, litt es ihn nicht mehr im Vaterlande; er wanderte aus nach dem demokratischen Amerika, wurde dort binnen dreier Jahre der reichste aller Milliardäre und damit der einzige freie Mann in den Vereinigten Staaten. Gegen den guten Anton Bemmefett benahm sich das Schicksal besonders ungerecht. Es kam ein Gesetz heraus, wonach der Musikalienverleger jedem Tondichter von dem Erlös jedes Abdrucks seiner Werke einen bestimmten Anteil abgeben mußte. Einem Komponisten z.B. einen Lohengrin für 300 Mark oder ein altes Klavier ein für allemal, »mit allen Rechten« abzukaufen, wurde verboten. Bemmefetts Reichtum wuchs freilich auch jetzt noch beträchtlich; aber was wollte das bedeuten, wenn der Urheber der Tondichtung auch etwas bekam? Dieses widernatürliche Verhältnis konnte keine reine Freude mehr bei ihm aufkommen lassen; es schlug ihm auf Leber und Galle, und er siechte elend dahin. Nicht viel anders erging es unserm Geheimrat Raymond Merswinsky. Früher hatte die Kritik die Kunst immer in zwei Abteilungen eingeteilt, in die höhere und die niedere Kunst, und danach hatte sie die niedere möglichst wohlwollend und die höhere möglichst ruppig behandelt. Die Lichtspiele für Ewigblinde, die Operette für Blödsinnige, die Posse für Schwachsinnige und das Kabarett für Doppelsinnige waren immer mit mütterlicher Milde, die Kunst der großen Schauspiel- und Opernhäuser aber mit sadistischer Strenge behandelt worden. Das Publikum hatte daraus den naheliegenden Schluß gezogen, daß die hohe Kunst ein Dreck und die niedere der reine Zucker sei. Das wurde plötzlich anders: die Presse entschloß sich, ganz einfach das Gute gut und das Schlechte schlecht zu nennen, einerlei, woher es komme. Für das Ammoniaktheater unseres Geheimrats hatte dieser Umschwung die Bedeutung eines furchtbaren Kurssturzes. Der Besuch nahm reißend ab, und Raymond war schließlich froh, als er seinen Musentempel noch gegen bares Geld los wurde. Er ließ die Musen laufen und versuchte es mit dem Tempeln. Dabei verlor er mehr, als er hatte, und es fehlte nicht viel, daß er auf seine alten Tage noch mit dem Ärmel an die Arbeit gestreift hätte. Einen geradezu tragischen Ausgang nahm das Leben des Uabäaliners Friedrich Wilhelm Strippecke. Bald nach Friedensschluß wurde die deutsche Reichs- und preußische Staatsregierung nach Treuenbrietzen verlegt und dieses zur Reichshauptstadt erhoben. Als Strippecke eines Tages in einer Theaterkritik des Treuenbrietzener Tageblattes den Satz las: »Mit solchen Stücken sollte man unsere hauptstädtische Bevölkerung verschonen. Dergleichen mag für Provinzstädte wie München, Dresden, Hamburg, Berlin usw. genügen ...« da kam er nicht weiter. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Dagegen war unserm wundermilden Wirte Richard Merseburg als Dichter noch ein großer Erfolg vorbehalten. Er trank seine eigene Weinkarte so lange von oben bis unten und von unten bis oben hinunter und hinauf und unterbrach sich in dieser Beschäftigung durch so viele Hennessys und Meukows, daß er eines Tages erklärte, in seinem Lokal seien weiße Mäuse und an seiner Hose liefen immer Maikäfer hinauf, die er dann mit dem Finger wegknipste. In solch visionärer Stimmung schrieb er die folgenden Verse: »Es räuspert ein Klosett. Ich sehe Mäuse. Triangel. Weiße Mäuse. Bunteres Beet verflickt. Ausstrahlt Hemd Maikäfer. Mäuse. Herbstbruchsieb. Ein Mäusezwilling Labyrinth-Zahn pickt.« Er ließ das Werk drucken und erhielt dafür den »Sturm«- Preis für 1920. Ein Dichter Namens Johann Becher beschuldigte ihn später des Plagiats, indem er auf eigene Verse hinwies, die also lauteten: »Es räuspert ein Klosett. Der Wärter stiebt. Triangel. Ellenbogens. Bunteres Beet verflickt. Ausstrahlt Hemd Haarbrust. Fladen. Herbstbruchsieb. Ein Fingerzwilling Labyrinth-Zahn pickt.« aber Merseburg war bereits in einem Sanatorium seinem Talent erlegen. Und unser August? Er hatte sich seit seiner Verurteilung gegen sein geliebtes Vaterland gewandt, und »die Geschichte liebt die Coriolane nicht«. Der deutsche Reichstag beschloß ein Gesetz, nach dem die Kriegsgewinner nicht nur 25, auch nicht 50, sondern 75 Prozent ihres Gewinnes an die Allgemeinheit zurückgeben sollten. Die Steuerbehörde untersuchte Augustens Umsätze sehr genau und stellte dabei noch eine vieljährige und kraftvolle Steuerhinterziehung fest. An dem Tage, da August alles bezahlt hatte, kam er schwermütig nach Hause. Als er sich eben in die Sofaecke werfen wollte, spielte im Nebenzimmer sein herrliches Grammophon die melancholiche Weise: »Es ist bestimmt in Gottes Rat, Daß man vom Liebsten, was man hat. Muß scheiden –« Da stürzte August ins Nebenzimmer und schlug mit der Faust so gewaltig in das Kunstinstitut hinein, daß es in Trümmer ging, er selbst sich aber eine Verletzung zuzog, die, da eine Blutvergiftung hinzutrat, binnen 24 Stunden zum Tode führte. Auf diese Weise ersparte er sich viel Arger. Jetzt ist nur noch der Professor Leonhard Schellenbarth übrig. Da nach dem Kriege – aber erst nach dem Kriege – in Deutschland der Grundsatz galt: » Freie Bahn dem Tüchtigen «, so wurde Schellenbarth Deutscher Reichskanzler ... Was sagtest du da soeben, mein verehrter Leser? Nun soll ich aber aufhören mit Lügen? Gut. Dann sprech' ich kein Wort mehr. Der süße Willy oder Die Geschichte einer netten Erziehung. Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein Sonntagskind werden. Der weltgeschichtliche Augenblick seiner Geburt war auf eine Minute vor 12 Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit 8 Uhr morgens waren im Schlafraum der Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und der Amme sieben zukünftige Tanten und Basen gegenwärtig. Eine angeregte Unterhaltung und Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähnter, nicht genug zu empfehlender Süßigkeit schoben abwechselnd Tante Bella und Tante Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in den Mund. Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren entzückenden Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker, mitzubringen, der der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder sein langgezogenes Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante Elvira dagegen, ein Fräulein von 57, welcher nach unerforschlichem Ratschluß der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte auf ihren Händen ein für den süßen Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn man ihm nur geneigtest auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier achtbaren Damen nahmen den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen der Wehmutter und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten in der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe von Verwandten immer etwas Beruhigendes habe für »Frauen in solchen Umständen«. Immer näher rückte der bedeutungsschwere Augenblick. Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei aus; denn die Mutter des süßen Willy hieß Frau Helmerding. – Bäh – – – bäh – – – bäh – Das Unvermeidliche war geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.« Der süße Willy war mit beiden Füßen in etwas getreten, was man Leben nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem die Welt zu rechnen hatte. Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen letzten halben Stunde doch geflohen waren, kehrten in Prozession zurück. Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt und heiter dahinfließen könne von Anbeginn, hatte man seit 8 Uhr ein Zuckerbeutelchen bereitgehalten. Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden, als ihm Kusinchen Nelly mit dem Saugobjekt in den Mund fuhr. Willy lutschte schweigend am süßen Dasein. Nachdem er gebadet worden war, ging er von Hand zu Hand. »Wie süüüß, wie rraitzend, wie hiiiimlisch, wie enttt– zückend!« und zum Schluß in siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie süüüüß!« Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie nahm mit sachkundiger Miene das Knäbchen wie ein Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit der rechten das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne Schneidezähne das allerneueste Gassenhauerchen: »Mitten in der Elbe schwimmt ein Krokodil.« Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum beinah auf den Boden fallen lassen, und nur einem schnellen Griff der Wärterin verdankte der junge Helmerding sein Fortbestehen. Der junge Helmerding war der Erstgeborene des alten. Dieser war aber noch gar nicht alt, zählte vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit neununddreißig hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz vorher in einem Bauunternehmen einen kapitalen Zug getan und gleichzeitig in Erfahrung gebracht hatte, daß Frau Helmerding ihm 40 000 Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche Leichtfertigkeit, die früher heiratet, als solche Bedingungen gegeben sind, und Kinder auf Kinder in die Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die Rede sein, die er empfand, als er von der Fondsbörse zurückgekehrt war, das stille Glück der gestiegenen Kurse in der Tasche und das schreiende eines jungen Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine Erziehung genießen, daß dich der –! In die teuerste Schule, das stand fest. Wir haben es ja dazu. Als man der Mutter davon sprach, daß das Kind, damit es sie nicht störe, in einem anderen Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie fast außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter zu verletzen! Ha, eine Löwin, der man ihr Junges rauben will! Als aber der junge Löwe schon die erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief, erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung. Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen Kursus für Lungengymnastik durch. Vermöge einer Ausdauer, die die beseligendsten Hoffnungen für seine spätere Entwicklung erwecken mußte, brachte er es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes Profil hinter der Mundöffnung verschwand. Ein an poetischen Vergleichen reicher Mann würde den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. Was dem süßen Willy noch an Fülle und Rundung des Tones abging, ersetzte er durch Haarwurzelfeinheit der Klangfarbe und durch warm beseelten Vortrag. Und in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte unverkennbar ein Nachklang aus den glücklichen Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in die süße Wollust des Entschlummerns versank und sich dort befand, wo wir nach Egmont »aufhören, zu sein«, begann der süße Willy zu schrein, sicher intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend, wie die Gesanglehrer sagen. Wenn dann die Amme, durch dieses eigenartige Zusammentreffen natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert, das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen entnahm, beeilte sich dieses, durch ein erhabenes Lächeln auszudrücken, daß es mehr als Beschränktheit sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. »Im Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen Augen, »toujours fidèle et sans souci!« Von neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet, war er so rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer zu warten, bis das Bewußtsein der Amme wieder zu neun Zehnteilen in bessere Gefilde entschwebt war und nur noch mit dem Rest im schlechten Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang während der Nacht fünf- oder sechsmal wiederholt, so war die Amme am Morgen in jener Stimmung, aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede hervorzugehen pflegen. Befolgte aber eine andere Amme den manchen Orts gelobten Grundsatz: »Schreien lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine derartig rohe und herzlose Person natürlich keine acht Tage im Hause der liebevollen Helmerdings. Große Männer verbrauchen die Menschen ihrer Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann werden sollte, so verbrauchte er schon im ersten halben Jahre seines Lebens vier Ammen. Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines Menschenfreundes, die Jugend eines großen Mannes zu durchforschen und in tausend kleinen Zügen eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten kindlichen Charakters schon das Bild des späteren Menschen vorgebildet, in dem stillen Weben seiner Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung seines ersten Jahres wurde der süße Willy von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel gezogen. Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich schon hier, und seinem strategischen Überblick entging kein Braten, kein Eingemachtes, kein Ragout, kein Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel zu erhalten, deutete er der Einfachheit halber durch ein mäßiges, fünf Sekunden langes Gebrüll an. Wurde sein Wunsch aus irgendeinem Grunde nicht sofort erfüllt – an dem guten Willen der Eltern mangelte es gewiß nicht – so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit das nächste Mittel, d. h. die nächste Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern. Mit einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter das Gewünschte reichlich auf den Teller. Wir würden jedoch aus dem Charakterbilde des süßen Willy den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen Verweis wieder mit einem etwas gesteigerten Gebrüll von fünf Sekunden antwortete und seiner Mutter mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß. Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden bekundete Willy, sobald er satt war. Wenn er mit dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die Spritzelchen herumflogen, oder wenn er den Finger in die Tunke tauchte, um sinnige Figuren auf das Tischtuch zu malen, so war der Vater in seiner philiströsen Auffassung der Kindesnatur vielleicht roh genug, ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz der Mutter empfand richtiger. »Was du das Kind auch immer kommandieren mußt! Kinder sind doch Kinder! Das arme Wurm weiß ja noch gar nich, daß er das nicht darf. Muß nich wiedertun, hörs, mein Süßen?« »Willy will aber malen!« Und Willy malte einen Kreis, der einen Kopf bedeuten sollte. »Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter. Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe. »Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter. Jetzt bekam der Rumpf Arme. »Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter. Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die Beine hinzu. »Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa mit lieblicher Dreistigkeit anlächelte. Und die Eltern lachten in seliger Freude. »Was doch der Junge für Einfälle hat!« Und in überwallender Freude versetzte die Mutter dem süßen Bengelchen einige knallende Küsse. Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich genährtes und mit den kräftigsten Nahrungsmitteln erzogenes Kind von Krankheiten verschont geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so. Der arme Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen mit ihren Folgen durchmachen. Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter hervor; mit jeder Genesung nahm seine Willensstärke gewaltigere Ausdehnungen an. Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund war, nichts versagen, so war es dem genesenden, »noch halb kranken Zuckerchen« gegenüber das einfachste Gebot der Elternliebe, die wiedererwachende Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche des kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob es vielleicht dies wolle, oder ob es vielmehr das wünsche oder ob es nach jenem Verlangen trage, oder – ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei Dinge zu erhalten. Willy zog in der Regel dieses vor. Eine entzückend geniale Launenhaftigkeit veranlaßte ihn dabei, das, was er noch eben verlangt hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr begehrenswert zu finden und es der nächsten Bonne oder Wärterin an den Kopf zu werfen. Kindermädchen, Bonnen und Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer häufiger. Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit und alles Pflichtgefühl aus diesen Kreaturen geschwunden war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche Range« und ähnliche Lästerungen entblödeten diese Schamlosen sich nicht, in längeren Charakterschilderungen des kleinen Willy vor der Mutter anzuwenden, ja, eines der abgehenden Kindermädchen hatte dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche Daseinsberechtigung abgesprochen, indem es der Mutter mit beinahe wissenschaftlicher Bestimmtheit versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«. Willy Helmerding sollte neben vielen anderen Sterblichen dazu berufen sein, der ärztlichen Wissenschaft wiederholt einen so glänzenden Mißerfolg zu bereiten, daß dem Verfasser der »Kreutzersonate« das Herz im Leib gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten können. Da zeigte es sich wieder einmal klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht einmal imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh zu heilen. Unleserliche Verordnungen konnten sie schreiben; aber so weit war ihre Wissenschaft natürlich nicht gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, Willy werde vielleicht beim Einnehmen der Arzenei die Zähne zusammenbeißen und die köstliche Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem ohnehin schon geschwächten Magen Enthaltung zumuten – einem fiebernden Kinde eiskalte Sturzbäder verordnen: das waren noch die harmlosesten Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein wahres Wunder, daß sich nach all den Pfuschern endlich dennoch ein Arzt fand, der alle Schwierigkeiten auf ebenso überraschende wie leicht verständliche Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern mit seinem Spott, daß die letzte Ursache von Willys Krankheit in ihrer Affenliebe zu suchen sei und daß dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger beschränkte Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: der Mann hatte was gelernt! Herr Helmerding und Frau hörten seinem diagnostischen Vortrage mit offenem Munde und einem äußerst geistreichen, entzückt-verbindlichen Lächeln zu. Übrigens, hatte der Arzt in seiner verblümten Weise weiter erklärt, könne es ihm ja einerlei sein, ob sie ihr Kind zur Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so möge man sich nicht unterstehen, ihn rufen zu lassen; er werde sonst ihrem Boten die Tür weisen. Seltsamerweise gesundete Willy nach den Beschreibungen dieses Arztes auffallend schnell, und damit war wieder einmal bewiesen, wie sehr in der Medizin der Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen vorzuziehen ist. Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel war auch ein länger andauerndes Ohrenleiden, dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen erforderte. Solche Berührungen pflegen trotz der Versicherungen der Ärzte niemals sehr angenehm zu sein, wie man denn überhaupt auf das subjektive Urteil der Ärzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und es z.B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der mit gewinnender Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, es handle sich um einen ganz leichten und schmerzlosen Eingriff, ein Bein abgesägt wird. Immerhin aber erschien es übertrieben und nicht ausreichend begründet, wenn Willy bei jedem Herannahen einer solchen Einspritzung eine Art Kannibalentanz ausführte und verschiedene Gegenstände zerschlug oder zertrat oder zerriß oder seine Mutter in den Finger biß. Der geschäftskluge Papa sah sehr bald ein, daß er bei weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem Einzigen für jede Behandlung, die er sich hübsch gefallen lasse, eine Reichsmark verspreche. Und das tat er. »Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger Offenheit; denn er hatte seinen Vater längst als das Muster eines klugen Mannes kennen gelernt. Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in einem seligen Lächeln. Ein Blitzjunge! »Na da, da liegt es!« »Das sind ja nur zehn Pfennige!« Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und rückte endlich mit einer Reichsmark heraus. Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben verwenden, und da er in jedem erreichbaren Zuckerbäcker-, Lebensmittel-, Spielwaren- und Tabakladen erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, lernte er schon früh den Wert des Geldes schätzen. Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt haben, daß Willy im Verkehr mit anderen Kindern von bestrickenden Umgangsformen gewesen sein muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins hatte er immer einen großen Heiterkeitserfolg damit erzielt, daß er der Amme, seiner Mutter oder seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum Besuch da waren, wurde der in Freiheit dressierte Willy vorgeführt. »Willy, schlag mich mal,« ermunterte die Mutter. Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug sie mal. »Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding. Kein Gast konnte umhin, zu bestätigen, daß das in der Tat zu süß sei. Willy setzte diese Vorführungen in seinen späteren Jahren mit wachsendem Erfolge fort. Es war ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu knuffen, bei den Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die Nase fielen. Doch bewahrte er immer die ehrerbietige Rücksicht, die er, wie er wußte, älteren und größeren Kindern schuldig war; nur kleinere beglückte er mit seinen Gunstbezeugungen. Mit Vorliebe führte er seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem Grunde, weil so die Überraschung größer wurde. Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so wurde er sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie rasend lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, bis er seine Haustür erreicht hatte und wieder im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete. Dann plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; er reckte sich zu seiner ganzen Höhe empor, ließ den Verfolger mit erhabener Kaltblütigkeit herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine Fischotter ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, als Willy nach solcher Heldentat ins Haus glitt. »Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« heulte er alsdann seiner Mama mit dem ganzen Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und wehe dem Vater oder der Mutter, die dann zu Frau Helmerding kamen, um sich über Willy zu beschweren. Höheres bildet Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne. Als die Mutter mit ihrem Sohn,« wie sie dastanden: sie »ihr Kind« – das Wort »Kind« läßt sich mit so unschuldsvollem, alles verzeihendem Klange sprechen – ihr »Kind« verteidigend: »Das Kind? Das Kind? Oh – – –« und er hinter dem Rock der Mutter mit Grimassen hervorschielend. Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich aus gesellschaftlicher Rücksicht zurückhaltender, kniff und puffte Willy die Kinder, die mit ihren Eltern bei Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der sich darauf erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, daß die besuchenden Eltern, wie es sich gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit entschieden tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige Tugend, daß sie oft alle andern verschlingt. Die Erwachsenen, die Willy beim Kommen zunächst fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte er damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren Kleidern seine Stiefel abwischte, ihnen die Brillen von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche bewarf und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren persönlichsten und zartesten Angelegenheiten unterhielt. Freilich muß festgestellt werden, daß die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten, indem sie den zärtlich mahnenden Eltern gegenüber bemerkten, oh, das schade nichts, das mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder gereinigt werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren lassen; er mache ihnen Spaß... So? Ob er das wirklich tue... Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und Seligkeit verschworen haben, daß er »ein lebhafter, drolliger Bursche« sei, ein Urteil, das sie auf dem Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der Meinung waren, daß »die guten Helmerdings sich da eine allerliebste Range heranzögen«. Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht im Hause empfing, zu seinem Unglück jedoch von Leuten, die einer wie der andere ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding ihr Gehalt – er trug seine Goldstücke und Kassenscheine frei in der Westentasche, und aus der Westentasche bezahlte er – hinwarf mit der Frage, wie sie sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« zu lassen, da sie doch »keine blasse Ahnung« davon hätten, wie man mit Kindern umgehen müsse. Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind fern vom bösen Beispiel fremder Kinder zu erziehen, mußten sich also die Helmerdings aus dem Sinn schlagen. Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, daß Willy den ersten Tag seines Schullebens nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen und einem halben Pfund Zuckerwerk ausgerüstet zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des Vaterherzens anerkannt werden, daß dieses Vaterherz anspannen ließ und seinen Liebling mit zwei Pferden der »Vorschule des Gymnasiums« zuführte. Die ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding insofern eine gleichmäßige Teilnahme, als er in allen an die Vertilgung seines Frühstücks dachte und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine stets unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem etwas anderen Sinne als der junge Lessing war er »ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß«. Den Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem Lehrer von vornherein unter zehnmaliger Anrufung seines schonungsvollen Mitgefühls als die hervorragendsten Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet hatte. Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß sich sein Geist vor der Berührung jeglicher Erkenntnis, und das » Noli me tangere « (zu deutsch: Nichts tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck seines Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu den in Romanen häufig erwähnten, die sich »nur in gewissen Augenblicken seltsam zu beleben scheinen«. Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald die Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz erwarb er sich rasch eine allseitige Unbeliebtheit, gewann er im Sturme die Abneigung aller. Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung des Kneif- und Puffsystems hier auf fühlbaren Widerstand stieß. Das Verhältnis zwischen dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl längere Zeit vorzüglich, bis – Willy mit nicht guten und endlich gar mit schlechten Zeugnissen nach Hause kam. Jetzt hielt Herr Helmerding der Ältere den Augenblick für gekommen, da er dem Leiter der Schule in einer kraftvollen Ansprache die riesenhaften Mängel seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort beliebten erzieherischen Maßnahmen auseinandersetzen müsse. Er tat dies unter wiederholter Betonung des Umstandes, daß »sein Kind« doch das Kind »wohlhabender,« »gebildeter« und »angesehener Eltern« sei. Der Schulleiter, der ein so ruhiger Mann war, daß seine Ruhe immer als die ausgesuchteste Höflichkeit erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß es immer etwas Mißliches habe, so abschließend über Dinge zu urteilen, von denen irgend etwas zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe. Er unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Berichte, in denen nur die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten des Schülers Willy Helmerding verzeichnet ständen, in der Überzeugung, daß die Statistik eine vorzügliche Wissenschaft sei. Übrigens könne er Herrn Helmerding Vater schon jetzt die Eröffnung machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu Ostern sitzen bleiben werde. Worauf Herr Helmerding meinte, das werde man – oho! – erst einmal abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in die man alsdann seinen Sohn bringen werde und die wohl die »Individualität der Schüler« (das hatte Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu beurteilen verständen. Der Schulmann bemerkte darauf mit einem unsäglich betrübten Gesicht, daß er untröstlich sei, vor dieser Drohung nicht in dem Maße erschrecken zu können, wie es vielleicht wünschenswert wäre, daß seines Wissens keine Schule um träge und schlecht erzogene »Individualitäten« so dringend verlegen sei und deshalb besonders eine staatliche Schule sich nicht in der glücklichen Lage sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit versammeltem Lehrpersonal zu beweinen. Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater nach einem möglichst entwürdigenden und verachtungsvollen Ausdruck für den Schulmann. Seine ganze, grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht lange, bis Herr Helmerding diesen Ausdruck in dem Worte »hungrig« fand. Er konnte sich keine schimpflichere Charaktereigenschaft denken als den Hunger. »So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, »so'n hungriger Schulmeister!« Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich und aufrichtig (jeder Unparteiische mußte es anerkennen), seiner Gattin und seinem Sohne einen klaren Begriff davon zu geben, »wie er dem Herrn Direktor den Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche Darlegung schloß er mit der an seinen Sohn gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des Vaterherzens kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen zu lassen.« Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte die Stirn, dem Ehepaar Helmerding um Ostern mitzuteilen, daß der süße Willy sich noch einmal den Unbequemlichkeiten des grundlegenden Unterrichts zu unterziehen haben werde. Jetzt aber erschien Frau Helmerding im Amtszimmer des Schulleiters. Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich nur daran, daß der Lehrer seine Pflicht nicht getan habe. Der wirklich mit einer niederträchtigen Ruhe begabte Leiter antwortete, ohne auf den Inhalt dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr lehrreichen und ungemein fesselnden Vortrage über Gerichtswesen im allgemeinen und Beleidigungssachen im besonderen, wobei er besonders Gewicht auf die Tatsache legte, daß solche Streitsachen bedauerlicherweise nicht immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen Falles auch mit einer sehr lästigen Unfreiheit der Bewegung für den Verurteilten endigten. Den herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte Mutterherz, ob er ihren Willy wohl nicht leiden möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf dieser weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie fragte, ob sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz mit derselben Affenliebe behandeln könne wie die entsprechenden Mütter? Worauf die beleidigte Mutter erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« abmelde und ihn nicht einen Tag länger in einer Schule belassen werde, in der er solchermaßen um den Lohn seines Strebens betrogen werde. Worauf der ruhige und schweigende Schulbeherrscher sich deutlich von seinem Sessel erhob und wiederholt abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen auf Frau Helmerding und auf die Tür blickte. Willy wurde einer Privatschule übergeben – selbstverständlich! – mit hohem Schulgeld – selbstverständlich! Der Vater betonte dem Vorsteher gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy Helmerding ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der Vorsteher klopfte Willy auf die Backen mit der Versicherung, daß er hier schon etwas lernen solle; dafür wolle er schon sorgen, der Herr Vorsteher. Dieser Herr entwickelte dann vor Herrn Helmerding in aussichtsvollen Worten seine erzieherischen Grundsätze, in deren Geiste sein Lehrkörper wohl oder übel arbeiten müsse – er dulde nicht, daß auch nur ein Strich anders gemacht werde, als er es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr Vorsteher mit einem sonnigen Blick auf Willy, würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe schließen lasse – eine Schlußfolgerung, die er wohl nur bescheiden anzudeuten brauche – daß die großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen einzig und allein auf seine Leitung zurückzuführen seien. Keine Schule könne so sehr die Individualität der Schüler berücksichtigen, wie die seine. Hier könne Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung der Individualität – oh – es sei überhaupt gar nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige. Hier sei man auf der neuesten Höhe der Neuzeit; denn hier geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung der Individualität. Jeden Buchstaben, jeden Ton im Gesangunterricht, jeden Lehrsatz der Raumlehre erzeuge resp. beweise der Zögling nach seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität dahin ziele, den Lehrsatz nicht zu beweisen. Wenn sich Herr Helmerding oder sein kleiner braver Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers) durch die Maßnahmen der »Lehrpersonen« belästigt fühlten, so möchten sie nur zu ihm kommen; Gerechtigkeit sei seine Lebensregel. Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal einer demokratischen Einrichtung, insofern nämlich, als sie von sämtlichen Eltern geleitet wurde. Da die Eltern freilich ihre erzieherischen Anregungen von ihren Kindern erhielten, so waren im letzten Grunde diese die Herren des Schulorganismus. Der Zucht, die in dieser Anstalt herrschte, glaube ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als wenn ich sage, daß sie hervorragend gemütlich war. Den Lehrern wurde stets nach wiederholtem Bitten bereitwillig das Wort erteilt, und es war keineswegs ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen einige Beachtung schenkte. Die ernsten Mahnungen und Drohungen der Lehrer wurden stets mit einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen. Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft den besten Absichten des Herrn Vorstehers im Wege. Er könnt' es nicht begreifen, wie ein geschulter Lehrer auch nur einen Augenblick schwanken konnte, den August Papendieck auf zwei Tage vom Schulbesuche zu befreien, wenn die Schwägerin seines Großonkels Geburtstag feierte. »Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt vertreiben? Wenn wir den Knaben nicht auf zwei Tage loslassen, so fehlt er vier Tage ohne Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was meinen Sie, wenn die Papendiecks mir ihre vier Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar nichts, die wertvollen Geschenke nicht einmal gerechnet! Sie geben sie mir nicht wieder. Die Stapelfeldts waren auch hier und beschwerten sich bitter über die schlechten Zeugnisse ihres Emil.« »Er hat die Zeugnisse bekommen, die er verdient.« »Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte Zeugnisse. Sie beurteilen alles viel zu streng! Wir sind doch keine Schule nach'm alten Stil! Das muß anders werden. Das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht so weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren Wesen schon mehrere Schüler vertrieben. Wo soll das hinaus? Wenn Sie mir die Schule verderben, so bleibt mir andererseits nichts übrig, als mein Lehrpersonal zu vermindern, seh'n Sie.« »Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen zeigen –« »Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster Klasse – aber das hilft uns alles nichts, lieber Herr Müller! Die Zensuren des Jungen müssen sich bessern, sonst – Sie sollten die Mutter kennen! Salpetersäure ist Mandelmilch gegen die!« Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd richtiges Bild des Herrn Vorstehers empfangen hat, wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie lebhaft dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welchen Anteil er an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich finden, daß der Mann eine bedenkliche Neigung zur wagerechten Lage zeigte, als man ihm eröffnete, Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben. »Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß der Knabe gerade zu dem Zwecke zu uns gebracht wurde, daß er nicht sitzen bleibt? Willy Helmerding wird versetzt, muß versetzt werden, unter allen Umständen muß er versetzt werden; ich habe dem Vater schon längst das Versprechen gegeben.« »Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste Stufe –« »Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden bin. Die Helmerdings sind reiche Leute; bedenken Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den Schlingel später einmal sitzen lassen; die Oberklassen erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt – wie gesagt – jetzt: auf keinen Fall .« Aber ach! die Versetzung des süßen Willy sollte nur dazu dienen, die Leiden dieses schwergeprüften Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt in die Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie war und in der Schule denjenigen Platz einnahm, den der Verstand des Vorstehers wegen dauernder Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche Mann hatte die üble Gewohnheit, beharrlich durchzuhalten und die Nase zu hoch zu halten, als daß man hätte darauf spielen können. Die an ein ungemein zwangloses Betragen gewöhnten Zöglinge, die ihm neu übergeben wurden, betrachteten ihn mit Furcht und Haß, was sie jedoch nicht hinderte, ihn bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres nicht von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise der erste, der eines Tages den rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart verwies. Dieser, der für solche Fälle ein prophetisches Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus den Augen verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im günstigsten Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, obwohl Willy darauf, daß der Lehrer sie sehe, offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden Kinde in liebevollen Worten die eigentliche Bestimmung der Zunge klarzumachen, griff zu einer nichts weniger als philanthropischen Maßregel. Die Maßregel, die er ergriff, bestand zunächst in einem Lineal, sodann in der Hose Willy Helmerdings und endlich in einer wiederholten gegenseitigen innigen Berührung dieser Gegenstände. Man kann sich denken, daß nachmittags 1 Uhr 15 Minuten ein Schrei aus gebrochenem Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte, als Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er gesessen und kein Wort habe er gesprochen, und dennoch habe »Er« ihn »so furchtbar« geschlagen. O Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der Mutter, vom Strahl der Liebe wunderbar erhellt, durch den Instinkt der Zärtlichkeit geschärft, konnte erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem freiesten Gewissen kam. Also um nichts! nur um seiner bestialischen Roheit zu fröhnen – Bestialische Roheit – Frau Helmerding fuhr vom Sofa empor – das sei das richtige Wort! Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. Im übrigen verlange sie – das beleidigte Mutterherz hatte ein Recht, alles zu verlangen – daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale Folterknecht oder das gemißhandelte Kind, Aut – aut . Fürstenblut für Ochsenblut. »Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein gutes Wort und werde entschieden sehr gut wirken, meinte der Vater. Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die rednerische und sittliche Kraft dieser Worte unterhalten hatten (» Das sagst du ihm, das sagst du ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm nur!«) wurde beschlossen, daß beides gesagt werden solle, und daß man eventuell auch von einer »brutalen Roheit« und einem »bestialischen Folterknecht« sprechen könne. Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich seine Redefiguren verschwendete und der Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen konnte, nicht entschließen wollte, sein inniges Verhältnis zu diesem zu lösen, verlegte sich der gekränkte Vater aufs Handeln. Er wollte sich zufrieden geben, wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar Helmerding um Verzeihung bitte und deren Kinde das Zugeständnis mache, daß er sich geirrt und in Übereilung gehandelt habe. Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen und klärte ihn über die Beschwerden und die Genugtuungsbedürfnisse des Vaters auf. »Ich habe in Übereilung gehandelt, in der Tat,« begann der Lehrer. Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um 25 vom Hundert gekränkter. »Ich bedaure das.« Die Züge des Herrn Helmerding wurden um weitere 25 vom Hundert härter. »Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan –« Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck zeigte den Ausdruck entschlossenster Unerbittlichkeit. »– insofern, als ich ihm nicht genug gegeben habe, zumal er, wie ich sehe, nicht davor zurückscheut, seine Eltern mit hervorragender Dreistigkeit zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen, kann das Versäumte noch nachgeholt werden.« Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt plötzlich nur aus einer Mundöffnung zu bestehen. Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn Helmerding schon vorher darauf aufmerksam gemacht hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei ein sehr empfindlicher Charakter, der Benennungen wie »bestialischer Folterknecht« nicht gern höre, auch lasse seine Entschlossenheit nichts zu wünschen übrig, nur diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß Herr Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich auf die wiederholte Versicherung »Er werde ihnen schon zeigen! Er werde ihnen schon zeigen!« beschränkte, wobei er die Zurückbleibenden in quälendem Zweifel darüber zurückließ, was er ihnen zeigen werde. Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende berichtet, als auch schon seine Gattin wie erleuchtet vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen – mit dem Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die Botschaft zu ihr gedrungen, daß wir im humansten aller Zeitalter leben, im Zeitalter der Humanität gegen geknechtete Milliardäre, Hetzapostel und Bankräuber. Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte der Arzt (es war nicht der ironische Herr von damals, dem man in dieser Sache entschieden kein Vertrauen schenken konnte) mit sieghafter Miene, es sei ihm soeben gelungen, festzustellen, daß der in Betracht kommende Körperteil Willys noch Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor kurzem gezeigt haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, unrettbar »geliefert«. Das Recht der Züchtigung stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der Ansicht aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter und Dienstaufsichtsbehörden nie so weit gehen, daß mit ihr eine, wenn auch nur augenblickliche, Störung im Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre. Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine verlockende Aussicht, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, anekdotenumwobenen Anstalten, deren sich ehemalige Schüler noch nach vielen Jahrzehnten in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen und die dem schnöden, nüchternen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von solchen Ausdehnungen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre. Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen wohl genügen, wenn die Frau Vorsteherin ihn nicht zum Trocknen von Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenvorbilder mußten stets um einige Tische von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb, daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines der vorhandenen Muster mit Sicherheit zu schließen gestatteten. Übrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem Stundenplan erteilt. Der Grundsatz der Anschauung, auf dem bekanntlich die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Gerissenheit verfolgt. Dem Unterricht in der Erdkunde dienten nicht weniger als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte, erfreute sich Österreich noch der Lombardei; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden Kongoneger mit den wehmütigsten Erinnerungen erfüllen mußte. Um den naturkundlichen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient, die aus sämtlichen Klappen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, die Glasglocke sitze nach viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Äußerte dennoch ein unerschrockener Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Überlieferung, daß die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit kräftig an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch des naturgeschichtlichen Museums gedenken, das jahraus jahrein auf einem Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Aufgabe zu erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug und aus einem Kalkstummel rauchte. Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern abschließen. Übrigens wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten unterbrochen, die alle in dem Merkmal übereinstimmten, daß sie sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigten. Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich, daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen, ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte? Natürlich war ein Elternpaar wie dieses rücksichtsvoll genug, nie wieder ein Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen mußte. Zeitigte doch auch seine Entwickelung auf anderen Gebieten die anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als três-chic bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene anmutige Beugung des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder anmutige Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark betonende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln, die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Übung erzielt. Dieser Übungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung des Billardkellners, der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt. Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Wirtshaus, der auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen und sie mit einem Stimmaufwand zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der Anwesenden, die nach jedem Witzwort sorgfältig erforscht wurden, nicht die leiseste Spur von Beifall. Ja es kam sogar vor, daß einzelne Gäste mit unverhohlenem Ärger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz Reuter-Gesicht sie eines Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen Leute unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu zertrümmern. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen und einen polizeilichen Strafbefehl ein. Papa Helmerding bezahlte die ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der Westentasche. Kennzeichnete jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte? »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht 95 vom Hundert unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, und werfen sie ihm nicht während des Selbstgesprächs »Sein oder nicht sein« einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, sofern er hübsch ist? Mit einer Frühreife, die den Byronischen Don Juan mit giftigem Neide erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung, daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben vollendeten Gentleman in vollkommen wagerechter Richtung den Hut zu ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte. Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und ein duftiger Spitzensonnenschirm kreiste über dem modernsten Sommerhütchen. Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diesen Ritterdienst mit der Überreichung einer kostbaren Bonbonschachtel, die der Westentasche seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte es Willy auch. Jene Vorverhandlungen würden nun zweifellos zu einem abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy an Mimi gerichtetes Liebesbriefchen, in dem die Regeln der Wortlehre, der Rechtschreibung und der Schönschrift mit unparteiischer Nichtachtung gestraft wurden, geriet in die Hände des Ehepaars Petersen, und dieses vereitelte einen weiteren Verkehr, da es fest entschlossen war, seine Tochter in dieser Beziehung streng sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich durch eine neue entente cordiale . Natürlich machte er innerhalb der vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« – Kavalier verabsäumt dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings tiefster Entrüstung erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen, der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen Corona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die zierlichen blauen Ringe einer Havana in die Abendluft blies und über die des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Schönheiten Heerschau hielt. »Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!« »Ach die, – na – das war einmal,« warf Willy hin, mit unaussprechlicher Lässigkeit die Asche von seiner Regalia knipsend. »Sie ist übrigens gar nicht übel, du!« »Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und lautes Gelächter folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr mal Olga Thieme sehen! Acht Tänze hab' ich neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag euch, 'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte im Halbdunkel begeistert auf. »Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig grimmig auf dich!« »Pah – wat ick mir dafür koofe!« trällerte Willy. »Ist nur ja nichts dran gelegen, sonst – mit'n Stück Cremeschokolade krieg ich sie 'rum.« »Na? Ich weiß nicht so recht –« »Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? Ich meine, wenn einer sie kennt, kenn' ich sie.« Willy blickte im Kreise umher – allgemeine Zustimmung. »Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! Wetten?« »Ja, wetten!« »Um was?« »Um zwanzig Zigaretten – aber ›King‹!« »Abgemacht! Hau durch, Ehlers!« In diesem Augenblick rief einer der Herren: »Achtung!« – Alles machte Front und riß vor Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung herunter. Klara fand diese Huldigung so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die die Versammelten mit den anmutigsten Kußhändchen von der Welt beantworteten. »Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? Die hat was Dämonisches!« »Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. »Wißt ihr, diese Brünetten haben gewöhnlich diesen gelben Teint...« Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack in späteren Jahren nicht in demselben Maße auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die Reinheit der Hautfarbe. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in dieser Hinsicht besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, deren allgemeine Beliebtheit sich leider auf die Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« an Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte ihn an einem schönen Tage dieses Jahres, mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und seinen Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von 5000 Mark zu erfüllen. Nachdem Willy drei Tage lang die Vorzüge der Hauptstadt genossen hatte, erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands folgende Anzeige: »Willy! Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen!« Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte Willy so tief, daß er beschloß, sofort zurückzukehren, sobald seine Kasse erschöpft sei. Nach weiteren zwölf Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es ihn nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich mittels Draht von Papa Helmerding das Geld zur Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines Herzens zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der 5000 Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang wird sich jeder Leser, sofern er ein Verständnis für Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen Sohne ein Kalb geschlachtet haben, und wenn es sein Leben gekostet hätte. Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste Tat kindlicher Ehrerbietung gepriesen und in unsterblichen Romanen verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die von den Berliner Vergnügungen mindestens die Rückreise erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab sie dabei zu erkennen, daß ein kleines Opfer das lebhafte Gefühl der Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht auf die Dauer befriedigen könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in ähnlichen Angelegenheiten vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in einer Poloniusszene klargemacht hatte, das man ganz dieselben Ziele mit weniger Kosten erreichen könne. Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Zubehör der Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können. Selbst die »Presse« des Dr. Wuppdich, eine Unterrichtsanstalt, die in einem halben Jahre eine ganze einjährige Bildung erzeugte, hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck zurückgewirkt hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Ablegung der schriftlichen Prüfung nicht ungünstig: denn seine stilistischen und seine Übersetzungsarbeiten hatten den Prüfungsausschuß in jene gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte, betrachteten sich die Herren diesen jungen Mann, wie es schien, mit einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger Entscheidung die Eignung für eine dreijährige Übung nicht absprechen konnte. Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder der beißende Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine drei Jahre abreißen müssen« ja, um jede gesundheitliche Befürchtung abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit gewiß zu seinem Wesen nicht in Widerspruch gestanden hätte. Um so freudiger war die Überraschung, daß die Aushebungsbehörde, die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße. Unter solchen vielverheißenden Vorzeichen trat Willy endlich in jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Übung gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, verdient kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten Fall 600 000 Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy! Seit 25 Jahren waren das große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele, viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser, weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als den Wert der Häuser mit zwei »malzunehmen« und sich dann über das Ergebnis zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das war Baisse. Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an der er seit seinem 26. Jahre als einer der ersten Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich – ja – aber nur so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund genug für Willy in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur habgierig sei sie und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Genossen durch. Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen; seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine düstere Schwermut umschattete sein Antlitz; dann wieder schien eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt. Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen; nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem kindlichen »Ach was!« Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener inbrünstigen Sammlung auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, wenn er es überhaupt als ein Geschäft betrachtete. Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause Helmerding. Wer an diesem Tage 4 Uhr 20 Minuten nachmittags zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen: »Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! – Du bist 'n gutes Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht, jaa, un viel Glück auch, mein Willy!« Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr. Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer lebenbejahenden Tänzerin vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit zeigte. Erst jetzt erkannten die Aktionäre einstimmig die Vorteilhaftigkeit des Ankaufs. Die alten Helmerdings konnten sich über diesen genialen Streich ihres Kindes gar nicht beruhigen, und als sie in der Nacht, die diesem Tage folgte, erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im Traum die gleiche Verlobungsanzeige: »Zwei Millionen Willy Helmerding Verlobte.« Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein lieblich grünender Myrtenkranz das Ganze. »Meine Herr'n – entschuldigen Sie – meine Damen und Herr'n, wollte ich sagen,« begann auf dem Verlobungsessen der Stadtrat Kneesen, »also: meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm, zu dieser feierlichen Gelegenheit einige schlichte Worte, wie sie aus'm einfachen Freundesherzen kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin, mm, an Ihnen zu richten, mir erlauben werde. Mein alter Freund Helmerding, mit dem ich manchen Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine: 'n bessern Kerl – ich bin immer 'n bischen grade weg, meine Herrschaften – kann man gar nich, un wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm, gar nich gefunden werden. Er is allgemein geachtet un geliebt un hat was für die Stadt getan un hat 'n Herz für die Armen – ja, ja, das has du, Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was die alte Mama Helmerding is, die hab' ich auch immer lieb gehabt – ja, das heißt alles in Ehr'n, meine Herrschaften, alles in Ehr'n – hähähähähä – – Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will mich kurz fassen, meine Herrschaften. Unser verehrtes Brautpaar hat uns die Freude gemacht, die große Freude gemacht – mm – sich in den heiligen Stand der Ehe –- begeben zu wollen. Un wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam betrachte, da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre – un Freude – un – ja, das tut er, un kann ich nur hinzufügen, was ich so halb offisiell weiß, daß er wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird, na, ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch viele dazu, das soll'n Sie mal sehen. Denn solche Männer, ich meine, die brauchen wir, die durch Fleiß un Intelligenz un was sonst noch – sich emporgewickelt – äh – wollt' ich sagen: entwickelt haben, gehören an die Spitze !! Un wenn ich nu zu der lieben Braut übergehe – djä – was soll ich da anders sagen, als – er hat sich 'ne Frau ausgesucht – die zu ihm paßt! Praktisch is sie – un – un – wir haben sie alle gern, un hat uns alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen, als sie ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren hat. Aber – ich meine – unser Willy, der wird sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie, mit mir anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch – un noch 'n mal: hoch! – un zum drittenmal: hoch!« »Komm, mein süßen Willy, du has noch gar nich mit mir angestoßen!« rief die entzückte Frau Helmerding. Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in einem vollen Klange, und im Auge der Mutter schimmerte eine Träne.   Sankt Yoricks Glockenspiel Satiren, Humoresken, Fabeln, Schwanke, Schnurren und Aphorismen Zum tollen Festgeläute Der Narrenglöckelein Lad ich voll Ehrfurcht heute So Herr'n wie Damen ein. Und bricht an mancher Stelle Ein schriller Ton darein – Verzeiht: die eigne Schelle Will auch vernommen sein. Ganz kleine, harmlose Geschichten. 1. Katze, Kaninchen und Rabe. Eine Katze und ein Kaninchen waren Freunde, und eines Tages saßen sie in bester Eintracht unter einem Baume, als ein großer, wütender Bullenbeißer dahergejagt kam. Das Kätzchen war mit einem Satze oben im Gezweig; das Kaninchen aber packte der rasende Hund mit den Zähnen beim Genick, schlug es sich ein paar mal um die Ohren, und tot war es. Ein alter Rabe hatte allem zugesehen und sprach nun kopfschüttelnd zur Katze: »Du bist mir eine nette Freundin! Sobald ein Köter daherkommt, läßt du deinen Kameraden im Stich und flüchtest auf einen Baum!« »Wie?« sprach die Katze entrüstet, »einen Baum nennst du das?« »Ja,« erwiderte der Rabe, »ist das kein Baum?« »Ich bitte sehr ,« versetzte die Katze. »Du scheinst mir in der Ethik schlecht beschlagen zu sein!. Das ist kein Baum, das ist der objektive Standpunkt!« 2. Das gute Gewissen. Ein Löwe fiel ein Pferd an und zerriß es. Ein Fuchs sah es und sprach bei sich: »Das muß ich denn doch sagen – ohne mich rühmen zu wollen! – einer solchen Handlung wäre ich denn doch nicht fähig.« 2. Die kluge Meise. »Ach!« rief die Drossel, die zweitbeste Sängerin unserer Fluren, der Meise zu, »ach, wie wunderbar ist dieser Gesang des Buchfinks: Das, sehen Sie, das ist Genie! Welch kraftvoll-gedrungene, herbe Eigenart in diesem einfachen, lapidaren ›Pink pink!‹ Hier beuge ich mich gern und huldige mit Begeisterung dem überlegenen Genius.« »Jaja,« seufzte die kluge Meise, »die Nachtigall ist weit gefährlicher.« 4. Siehst du? Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. Ein Kork sah das und rief: »Das kommt davon, wenn man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat wie ich!« 5. Seidenwurm und Fliege. Die Insekten waren empört über den Seidenwurm. »Die Anmaßung, mit der dieses Geschöpf sich einspinnt und von aller Welt absondert, ist unglaublich! Sein Dünkel übersteigt alle Grenzen! Und das alles um das bißchen Seide!« So brummte das Krabbelzeug. Am lautesten aber raisonnierte und rumorte eine gewöhnliche Stubenfliege. Da geschah es eines Tages, daß diese Fliege auf einem Teller eine nach ihrer Meinung besonders schöne und kräftige Spur zurückließ. »Hm,« summte sie, in liebevolle Betrachtung ihres Werkes versunken, »schließlich ist der Stolz auf ein bedeutendes Erzeugnis ja begreiflich. Ich habe dem Seidenwurm unrecht getan; ich fange an, ihn zu verstehen.« 6. Der Unparteiische. Fast in jedem Streit sind Recht und Unrecht auf beiden Seiten. Viel Streit würde geschlichtet und vermieden, wenn die Richter danach urteilten. Jemand hatte einen andern »Esel« genannt, und dieser hatte jenen »Ochse« gescholten. Sie riefen meine Vermittlung an. Ich sprach: »In der Sache habt ihr ja beide vollkommen recht; aber in der Form habt ihr euch beide vergriffen.« Da versöhnten sie sich gern und priesen meine Unparteilichkeit. 7. Das Gute um seiner selbst willen. »Jahraus, jahrein,« sagte der ägyptische Regenpfeifer, »jahraus, jahrein such' ich nun dem Krokodil das Ungeziefer ab; aber glaubt einer, es hätte sich nur ein einziges Mal bedankt? Jaja,« seufzte er, »Dank darf man von Tieren nicht erwarten.« – »Nun,« fügte er dann mit edler Entsagung hinzu, »man tut es ja auch nicht des Dankes wegen!« 8. Zweierlei Sprache. Während eines Landaufenthalts kam ich in ein Dorf, wo man die Schweine in den Häusern hielt und diese Tierlein ungehindert durch Stube, Kammer und Küche liefen. »Wie können Sie nur diese unsauberen Tiere in Ihrer Wohnung dulden!« sagte ich zu einem Bauern. »Ooo!« rief der Mann mit Befremden, »die schmutzigsten Schweine sind ja gerade die besten!« 9. Die Anspruchsvollen. Ein junger Adler schwebte majestätisch durch strahlende Himmelsbläue dahin, und sein Herz jauchzte ob der siegenden Kraft seiner Schwingen. Die Taube, die Schwalbe, der Rabe, der Kranich, kurz: alle guten Flieger blickten staunend zu ihm hinauf. »Wer es doch von ihm lernen könnte!« rief der Kranich bewundernd aus. »Pah!« machte die Gans – denn sie und ihre Verwandten nahmen einen anderen Standpunkt ein - »pah!« sagte sie, »was sie für ein Aufhebens von ihm machen! Als wenn er nicht ebensogut nur ein Vogel wäre wie wir!« »Sehr richtig!« versetzte der Pinguin, »ganz meine Meinung. Jaaa, wenn es noch die Signora Fledermaus oder der fliegende Mister Fisch wäre!« 10. Der weise Scheich. Ein Kadi war der Bestechlichkeit überführt und hatte sich vor dem Scheich zu verteidigen. »Ich muß zugeben,« sagte er, »daß ich Geschenke angenommen habe; aber ich habe darum nie dem Schenkenden günstiger geurteilt, sondern bin stets nach dem Rechte verfahren, und wenn der Schenkende anderes erwartete, hat er sich in mir getäuscht.« »Vortrefflich!« lachte der edle Scheich. »Ich war geneigt, dich nur für schwach zu halten; jetzt aber zeigst du selbst, daß du ein reeller Schuft bist, und du sollst doppelt bestraft werden.« 11. Die Wahl. Bei einem klugen Manne meldeten sich zwei Bewerber für einen Posten, der Selbständigkeit und rasche Entschlossenheit forderte. Der Mann bat die beiden, sie möchten, während er noch ein dringliches Geschäft erledige, eine Viertelstunde in seinem Garten verweilen. Der kluge Mann beobachtete nun von seinem Fenster aus, wie einer von den beiden ein Gespräch begann und wie beide dann plaudernd auf und abgingen. Dabei bemerkte er, daß eben jener, der das Gespräch begonnen hatte, jedesmal zuerst den Schritt wendete, wenn der Gartenweg zu Ende war. Diesen Mann wählte er. 12. Das Undenkbare. Zehn Weiber, jede mit einem leiblichen Kinde auf dem Arm, schmähten ein Weib, das zwei Kinder an der Brust liegen hatte, ihr eigenes und ein fremdes. »Unverantwortlich,« riefen die Weiber, »wie diese gewissenlose Person sich verzettelt und vergeudet, anstatt ihre ganze Kraft dem eigenen Kinde zu widmen und es zu etwas Tüchtigem heranzunähren!« Es war ihnen nämlich ungewohnt, und sie dachten gar nicht an die Möglichkeit, daß jenes reiche Weib Nahrung genug für zwei Kinder habe. 13. Die Nachläufer. Ein segenschwerer Regen war niedergegangen. Zwei weltkundige alte Spatzen saßen unter dem Dachvorsprung einer Scheune und lugten ins Wetter. »Merkwürdig,« sagte der eine, »wenn der Himmel sich schon längst ausgewettert hat, meint so ein Scheunendach noch stundenlang plappern zu müssen.« »Und doch,« bemerkte der andere, »wiederholt es nur, was der Himmel schon gesagt hat.« »Ja,« versetzte jener, »aber mit dem Unterschied, daß ein Scheunendach in Tropfen redet, der Himmel aber in Strömen.« 14. Im Tierpark. In einem Tierpark sah ich in einem Käfig zwei Tiger, einen Jaguar, einen Wolf, zwei Hyänen, zwei Bären und einen Hund vereinigt. Die wohlgezähmten Tierlein umschlichen einander beständig mit mordlustigen Blicken, als suchte jedes dem andern einen Hinterhalt abzugewinnen. Dann erschien der Bändiger; die Tiere mußten sich mit ihm in einen Kreis setzen, die Köpfe zusammenschmiegen und, wie der Mann sagte, »eine zärtliche Familie« bilden. »Eine diplomatische Friedenskonferenz,« sagte einer der Zuschauer. 15. Der Osterhase. In der Auslage der Konditorei sah ich einen Osterhasen, der lauter halbe, hartgekochte Eiger gelegt hatte. Damit aber noch nicht zufrieden, hatte das fleißige Tier auch Sardellen auf die halben Eier gelegt. Alles war fein aus Zucker und Marzipan gebildet. »Gott, wie natürlich, nich?« rief eine umfängliche Krämersfrau. »Ja!« stieß ihr Gatte hervor, »das is 'n richtiges Kunstwerk.« 16. Volkesstimme. Auf der Straße mißhandelten verwahrloste Buben einen armen, hinkenden Hund. Der Schlossermeister Balzer sah es von seinem Fenster aus, und hinausstürzen, mit beiden Händen einige Schlosserohrfeigen austeilen und den winselnden Hund in Sicherheit bringen, war das Werk weniger Minuten. Alles dies sah auch sein Nachbar Flaumig, der lyrische Dichter, der in Filzschuhen am Fenster stand. Er verbrachte sein ganzes Leben auf Filzschuhen. Er sah es an mit der ganzen Aufmerksamkeit eines feinsinnigen Künstlers, der ein bewegtes Straßenbild beobachtet. Und dann ging er wieder auf Filzschuhen an seinen Schreibtisch und an sein neues Sonett, ein recht gutes Sonett, und feilte daran mit größtem Künstlerbehagen. Der gute Balzer hatte von seinem Eingreifen noch allerlei Unannehmlichkeiten. Der Vater eines der Rohlinge hatte etwas vom »Jahrhundert des Kindes« gehört und verklagte den Meister, und der Richter, der sogar etwas vom »Jahrhundert des Kindes« gelesen hatte, verurteilte den Verklagten. »Weiß der Kuckuck,« sagten die Leute, »der Balzer hat doch immer Händel! Was für ein vornehmer Mann ist dagegen sein Nachbar Flaumig!« 17. Ein Zielbewußter. Mein Freund Julius Lammfell erklärte eines Tages mit vollem Rechte, Kolumbus habe Amerika entdeckt. »Was?« rief ich, »bist du bei Troste? Kolumbus Amerika entdeckt? Wie kommst du darauf? Kolumbus war der Erfinder des Kompasses! Der Entdecker Amerikas hieß Erasmus von Rotterdam!« Er blickte mich ziemlich starr an; aber als er sah, daß ich fest blieb, lenkte er ein und zeigte sich überzeugt. »Sieh mal,« sagte ich dann, »nun hast du dich wieder einmal durch irgendeine entschiedene Behauptung umüberzeugen lassen. Natürlich hat Kolumbus Amerika entdeckt! Aber ich brauchte nur an deiner Meinung zu rütteln, und sie fiel um. Wie kann man sich so beeinflussen lassen!« Meine Vorhaltung machte sichtlich tiefen Eindruck auf ihn. Wie tiefen, das konnte ich schon am nächsten Tage beobachten. Am nächsten Tage behauptete Julius nämlich, Martin Luther habe die Buchdruckerkunst erfunden. Ich sagte ihm, daß Gutenberg sie erfunden habe. Aber er lächelte sicher und überlegen und blieb bei seiner Behauptung. Er hatte den Tadel von gestern zu Herzen genommen und blieb gegen alle Belehrung unzugänglich. Einen Monat später bemerkte Julius Lammfell ganz richtig, Tilly habe Magdeburg zerstört. »Was?« rief ich empört; »was kohlst du nun da wieder durcheinander? Otto v. Gericke hat Magdeburg zerstört; Tilly war Bürgermeister von Magdeburg und Erfinder der Luftpumpe!« Da ich ein reichlich entschlossenes Gesicht machte, nahm er seine Behauptung zurück und entschuldigte sich. Wenn man einen Waschlappen bei 10 Grad Kälte ins Freie bringt, wird er fest und steif wie ein Brett. Aber wenn man ihn dann ins Zimmer zurückbringt, nimmt er wieder jede gewünschte Form an. Praktischer Wink für Volksredner. 18. Jugend von heute. Das Leben macht die besten Epigramme. Ich saß in der Eisenbahn und hörte zwei Burschen von 15–16 Jahren sich unterhalten. »Ich laß mir von keinem Menschen was sagen!« erklärte der eine. »Na,« versetzte der andere mit hohngeschürzter Lippe, » das wär' ja auch das Letzte !« Unendlich komisch, nicht wahr? Ja. Beim ersten Anhören unendlich komisch. Aber das Ende ist die Verlumpung der Menschheit. 19. Der Pazifist. Ein Mann ging in den Käfig eines Tigers und bot ihm die Hand. Der Tiger nahm gleich den ganzen Arm mit der Schulter und einem Stück der Brust. Nachdem man den Unglücklichen aus den Pranken der Bestie befreit und einigermaßen wieder hergestellt hatte, fragte man ihn: »Wie sind Sie denn nur auf die wahnwitzige Idee gekommen, in den Käfig des Tigers zu gehen?« »Ich finde es so traurig,« sagte er, »daß zwischen Tier und Menschen Feindschaft besteht; ich habe mir vorgenommen, Frieden zwischen ihnen zu stiften, und einer muß doch den Anfang machen.« Er war ein Deutscher. 20. Rechenunterricht. In der Eisenbahn traf ich das Ehepaar Füllhaber, prächtige Leute. Sie wollten ein bißchen in die Alpen fahren und nach Italien. »Sieh da!« rief Herr Füllhaber, als er mich erblickte. »Wohin wollen Sie denn?« »Nach München.« »Trifft sich ja großartig, fahren wir eine ganze Strecke zusammen. Kommen Sie mit in unser Abteil; meine Frau wird sich freuen.« Frau Füllhaber freute sich, und wir plauderten. »Ich hab' gelesen, Sie haben einen neuen Roman erscheinen lassen,« sagte Herr Füllhaber. »Stimmt,« sagte ich. »Dscha - ich würd' ihn ja furchtbar gern lesen, und meine Frau und Kinder auch; aber Bücher kann man sich beim besten Willen nicht mehr kaufen. Dreißig Mark für'n Roman - das geht ja über Kreide und Rotstein! Man kann sich docb nicht arm kaufen!« »Nee,« sagte ich. Und dann schnupperte ich (ich hab' nämlich eine unfehlbare Nase für Zigarren) und rief: »Donnerwetter, Sie rauchen da eine gute Zigarre!« Füllhaber ist sehr liebenswürdig; er hatte schon die Zigarrentasche in der Hand. »Ausgezeichnet!« rief «r. »Müssen Sie mal probieren! Und gar nicht teuer! Drei Mark!« Ich sagte natürlich: »Das war nicht die Absicht!« (war es auch nicht gewesen); aber ebenso natürlich nahm ich die Zigarre und setzte sie in Brand. Füllhaber stopfte mir noch ein paar in die Rocktasche. »Hm,« sagte ich, »das ist dieselbe Zigarre, die ich früher für zwanzig Pfennig kaufte.« »Ja, ja,« bestätigte Füllhaber. »Also das Fünfzehnfache,« sagte ich. »Dscha,« machte Füllhaber; »aber was will man machen? Teuer ist jetzt alles.« »Ja.« Füllhabers sind durchaus nicht knauserig; als Frau Füllhaber eine prachtvolle Bonbonschachtel aufgemacht hatte, mußte ich unweigerlich von den leckeren Pralinen nehmen und immer noch eins und noch eins. »Diese Pralinen,« sagte ich, »Hab' ich früher für vier Mark das Pfund gekauft.« »Ja, jetzt kosten sie fünfzig,« sagte Frau Füllhaber lachend. »Das Zwölfeinhalbfache,« sagte ich. »Ja, rechnen darf man heutzutage nicht!« meinte Frau Füllhaber. – Ich nahm ein Buch zur Hand. »Was haben Sie da?« fragte Füllhaber. Ich reichte ihm das Buch; es war ein neuer Novellenband von einem hochverdienten Dichter. »Was kostet der nun?« fragte Füllhaber. »Fünfunddreißig Mark.« »Nna – das ist doch – das ist doch ungeheuerlich!« rief er ganz empört. »Ja,« sagte ich, »früher hätte er sieben Mark gekostet; es ist also das Fünffache. Im Verhältnis zu Schokolade und Zigarren dürfte der Band ja eigentlich neunzig bis hundert Mark kosten.« Füllhabers sind nette Leute; sie merkten was. Sie hatten offenbar das Gefühl: In Tabak und Süßigkeiten sind wir großzügig; aber wenn es sich um eine Ware handelt, die uns bis ans Lebensende und darüber hinaus unsern Kindern und Kindeskindern zum Segen und zur Freude gereichen kann, sind wir schäbig. Und sie wurden still. Aber ich bin ein rücksichtsvoller Mensch und brachte das Gespräch schnell auf andere Gegenstände. Auf Schaumweine und Damenhüte. 21. Polemik. I. Die bekannte Hexe aus dem »Faust« ging im Sonntagsputze auf der Stadtpromenade spazieren. Eine Dame begegnete ihr und stieß ihr versehentlich an den Sonnenschirm. »Verdammtes Aas, verfluchte Sau, kannst du nicht sehen?« schrie sie. »Sperr' doch deine Glotzaugen auf, altes Biest!« »Mein Gott!« rief ein Herr, der darüber zukam, »schämen Sie sich denn gar nicht? Was sind das für Roheiten!« »Was?« schrie die Hexe. »Ich verbitte mir diesen Ton!« II. Eine große Menschenansammlung auf der belebtesten Promenade der Stadt lockte mich an. Ein Fleischergeselle kniete auf einem anständig gekleideten Mann und schlug ihm ein Loch in den Schädel, nachdem er ihm vorher ein Auge ausgeschlagen und ein Ohr abgerissen hatte. Die Umstehenden verfolgten das Schauspiel mit objektiver Teilnahme. Da bekam der Angegriffene einen Arm frei und gab dem Fleischer eine Ohrfeige. »Wie roh!« riefen die Umstehenden. »Wie unvornehm!« sagte ein vornehmer Herr. Ein Schutzmann trennte endlich die Kämpfenden. »Verzeihung,« sagte der Mißhandelte, nachdem er sich mühsam aufgerichtet hatte, »sagte hier nicht jemand: Wie unvornehm!?« »Ja, ich erlaubte mir,« sagte kalt der vornehme Herr. »Aber erlauben Sie!« meinte der Geschundene, »der Mann hat mir ein Ohr abgerissen, ein Auge ausgeschlagen und ein Loch in den Schädel gehauen!« »Ach was!« rief der Vornehme. »Von solchen Angriffen nimmt ein vornehmer Mensch gar keine Notiz!« »Dann bin ich so frei,« sagte der Einäugige und schlug dem vornehmen Herrn zwei Vorderzähne ein. Natürlich zog der vornehme Herr einen Revolver und schoß ihn nieder. III. Durch die Dorotheenstraße in Berlin schob ein junger Mensch eine Karre. Auf dem Fußsteig stand ein gleichaltriger Postgehilfe und suchte ihn durch Neckreden aufzuziehen. Die ganze Sache hatte aber ein vollkommen gutartiges Aussehen und nahm einen friedlichen Verlauf. Das paßte indessen einem dritten Bengel nicht, der auf dem gegenüberliegenden Fußsteige stand. »Hau ihm doch eens in de Fresse!« rief er dem Karrenschieber zu. Als er das gesagt hatte, trat ich auf ihn zu, zog den Hut und sagte: »Verzeihen Sie, sind Sie vielleicht von der Theaterkritik?« Er sah mich verständnislos an. Dies bestärkte mich in meiner Vermutung. Zwey newe Historien von Dyll Ulnspiegel redivivus. Die erst histori sagt wie Ulenspiegel ein sperlingk dz sprechen leert. Eins Tags so kam der newe Ulenspiegel in eine stadt die heißt Friburg in der Schwyz. Allda war auch ein Professer der lehret die Studenten wie es in der Höllen aussieht und was maßen die abgeschiedenen Seelen als Gespenster müßten umbgehen, wann sie bei Lebzeiten nit wären frumb genug gewest. Und schimpft selbiger professor sehr heftiglichen auff alle menschliche weißheit, daß sie war eytel Dorheit und könnte nichts erkennen und war der Meynung dz ein unvernünftig Tier möchte ebenso vil lernen als die vilberümten Männer der wißenschaft. Da Ulenspiegel soliches horte, gang er als bald zu dem professor . Der Professor sagt Was begeerstu. Ulenspiegel sagt So es Ew. gnaden gefällt so wollt ich mich wohl vermessen einen Sperling das sprechen zu lernen, gleich wie ein Mensch. Der Professor sagt So du dz kanst will ich es dir wol lohnen. Und gab ihm fürs erste L Mark silber: Ulenspiegel thät sich gütlich und wan das geldt verzeert wz so holt er mer. Nach drey monden gang er wieder zu dem professor . Der Professer sagt Bistu bereit. Ulenspiegel sagt Ich bin bereit. Alßbald so versamlet der professor alle geleerten der academia in ein grossen sal, da wz Ulenspiegel mit seinem vogel. Ulenspiegel sagt Ihr Herren wöllen wol merken diesser sperling spricht so klug als ein professor außgenommen die in Friburg. Der Professer sagt Es ist gut, fangen nun an. Ulenspiegel sagt Ich will es tun. Und stellte gegen den Vogel eine frag auff plattteutsch und sagt Segg an, Matz, wat möchst du leeber smöken, Zigarr oder Pip. Darauff antwurt der vogel Pip . Da verwunderten alle Herren deß geleerten Rats sich baß und ernenneten Ulenspiegel allsogleich zum Doctor theologiae honoris causa. Und zog reich an Ehren und geschenken und vergnügt ob seyner schalkheit außer der stat. Die zweyt histori sagt wie Ulenspiegel sich für ein Brillenmacher außgiebt unnd ein Hoff Schrantzen strafft. Nach disser zeit reißt Ulnspiegel in ein stat die heißt Pottsdamm und suchet wo er ein dienst fändt da er über den Winter bleiben kunt. Dan es war tewre zeyt. Alß nun Ulenspiegel vor der Stadt am weg lach und het grossen Hunger da kam der Markgraff von Brandenburg geritten. Der sah dz Ulenspiegel ein seltzam kleit truch unt sprach Wer bistu. Ulenspiegel kunt seyn schalckheit nit lassen und sagt Gnedigster Herr und Fürst ich bin ein Brillenmacher. Der Marckgraff sprach Warumb so machestu keyne Brillen sundern lichst hir müßig. Ulenspiegel sprach Gnedigster Herr meyn Handwerk ist so schlecht dz es seynen Mann nit mag erneren. Der Fürst fragt Warumb. Ulenspiegel sagt Wann ich dz dorfft sagen dz üwer gnaden nit wolt zürnen so wolt ich es wol sagen. Der markgraff sprach Nein sags nur frei. Ulenspiegel sagt Gnedigster Herr dz verdirbt dz Brillenmacher Hantwerck dz der Brillenmacher so vile seint. Sonderlichen an der Fürsten Höffen seint so vil Brillenmacher dz die Fürsten für lauter Brillen die welt nit sehn vnd ein ehrlicher Brillenmacher nit mag sein brodt verdinen. Der Marckgraff Du bist mir ein rechter knecht kumm har und gang mit mir an meynen Hoff. Ulenspiegel ging mitt im. Es war aber an des Marckgraffen Hoff der brauch so sich ein mechtiger Herr zeigete so neigeten sich die mereren so vast tief alß wolten sie mitt der Nasen aufs knie stossen. Eins tags gingt der schatz Meißter des Markgrafen durch den sal und Ulnspiegel was auch inn dem Sal. Die Höffling bückten sich so tieff alß es ir Art war und standen so krumb alß faß Reiffen wann der schatzmeister schon lang zu der tür hinn auß was. Ulenspiegel stund hintter ein schrantzen ond tratt ihn mitt groß gewaltt auff die fersen allso dz der Schrantz laut aufschrie. Der Höffling rufft Du böß verheiter verdorbener. schalk wz bist« für ein verzweifelter schelm dz Du mich also tritst. Ulenspiegel sagt Gnedigster Herr wollen es nit für übel auffnemmen ich vermeynte nit anders denn Ihr wärt nit mehr vorhanden sondern dz ihr dem schatzmeister wärt allbereitz in ....... Der uns vorliegende Druck zeigt hier eine Lücke. Mau dürfte aber nicht allzuweit fehlgehen, wenn man »die Rocktasche« einschiebt. gekrochn. Ja ja, Gerichte müssen sein, aber immer formal! Vor einigen Jahren, während meines Aufenthalts in Afrika, wurde ich eines Abends, als ich mit meinem Freunde spazieren ging und nichts Böses ahnte, von einem Stinktier ( Mephitis Zorilla ) angegriffen. Wodurch ich den leicht gereizten Zorn dieses Tieres auf mich gezogen hatte, weiß ich nicht; vermutlich genügte es ihm, daß ich ein Mensch war; jedenfalls entlud es sich seines aufgespeicherten Sekrets in ausgiebigster Weise gegen mich, um dann wieder ins Dunkel zurückzuschlüpfen. »Das ist ein Stinktier!« sagte ich zu meinem Freunde, reinigte mich nach Möglichkeit von dem Anwurf – semper aliquid haeret – und ging weiter. Nach einigen Monaten wurde mir von einem deutschen Gericht eine Klage zugestellt. Ein Herr Mephitis Zorilla hatte mich wegen »verleumderischer Beleidigung« verklagt. In der Verhandlung wollte ich den Wahrheitsbeweis antreten. Er wurde mir nicht gestattet, weil die Bezeichnung »Stinktier« an sich beleidigend sei. Ich bemerkte, man könne in jeder Naturgeschichte lesen, daß Herr Mephitis ein Tier sei, das zu den Mardern gehöre und zwei Drüsen besitze, aus denen es eine Flüssigkeit von furchtbarem und sehr lange haftendem Gestank verspritze. Hier unterbrach mich der Vorsitzende und bedeutete mich mit distinguiert gespitzten Lippen, das Wort »Gestank« dürfe ich auch nicht brauchen. »Das richtige deutsche Wort für dieses Tier,« so fuhr ich fort, »lautet ›Stinktier‹ wie ein Lügner ›Lügner‹ und ein Betrüger ›Betrüger‹ heißt, und ich möchte wissen, ob der Genius unserer Sprache diese Sprache fürs Leben oder fürs Lexikon geschaffen hat.« Der Vorsitzende erklärte mir darauf, was ich alles hätte tun können: ich hätte meinen Gegner wegen Belästigung und Sachbeschädigung beim afrikanischen Steppengericht verklagen können, ich hätte sagen können: »Dies ist ein reizbares Lebewesen – das Wort »Tier« werde besser vermieden – das einen in keiner Beziehung wohlriechenden Saft ausscheide; Worte wie »Stinktier« und »Lügner« gebrauche ein Gebildeter überhaupt nicht. Der Kläger hatte ein noch größeres Lebewesen seiner Gattung als Anwalt mitgebracht, und beide vertraten nun die Klage, indem sie mir die Hinterseite zuwandten und den Inhalt ihrer vier Drüsen gegen mich abschossen. Alles im Saale außer den beiden hielt sich die Nase zu; Richter und Schöffen zogen sich schnell zur Beratung zurück, und als sie zurückgekehrt waren, verkündigte der Vorsitzende mit zugehaltener Nase, daß ich wegen Beleidigung durch das Wort »Stinktier« zu 1,000 Mark Geldstrafe event. 50 Tagen Gefängnis und sämtlichen Kosten verurteilt sei. Meine Kleider wollte keine chemische Anstalt zur Reinigung annehmen; ich mußte sie verbrennen. Ich habe mich denn auch keiner Berufungsinstanz ausgesetzt.   Die Neunte in Klütenbüttel. In Klütenbüttel sollte Beethovens neunte Symphonie aufgeführt werden, und zwar mit dem Chor an die Freude. Das war gewiß ein Ereignis; aber es war klein im Vergleich zu dem Ereignis, daß der Chor »unter freundlicher Mitwirkung von Damen und Herren der Gesellschaft« gesungen werden sollte! Ganz Klütenbüttel war »künstlerisch empfindend« geworden. Sonst war Klütenbüttel gar nicht so. Die größten und angesehensten Künstler umgingen es auf ihren Reisen in weitem Bogen, nachdem sie einmal versucht hatten, in dieser friedsamen Stadt aufzutreten, und in der Kasse sieben Mark und dreißig vorgefunden hatten. Jetzt aber schaute ganz Klütenbüttel mit einem einzigen Blick der Verachtung auf jenes mit Recht so versunkene Geschlecht hinab, das mit einem Beethoven zusammengelebt und ihn und seine »Neunte« nicht begriffen und nicht gewürdigt hatte. »Ach, dieses D-moll-Thema!« stöhnte Frau ›Senater‹ Burfeind, und dann summte sie etwas in E-Dur. »Ist das nicht ›La Paloma?‹« fragte Frau Dreesen freundlich. »Ach ja, richtig, das ist ja ›La Paloma‹,« rief die Frau Senater. Beethovens Rache sollte nicht auf sich warten lassen. Frau Senater Burfeind war die alleraufgeregteste. Sie hatte soviel Stimme und soviel Gehör, daß sie, wenn hundert Leute mitsangen, allenfalls unbemerkt mit durchschlüpfen konnte. Der große Tag der Aufführung war erschienen. Frau Senater hatte sich zu allen Proben sehr wohlhabend angezogen; aber heute, zum Konzert, hatte sie ein geradezu märchenhaftes Directoire-Kostüm gewählt und sämtliche Brillanten angelegt, die ihre Schmuckkästen hergeben wollten. Da Burfeinds ungeheuer vermögend waren, so war das nicht wenig. Und da Burfeinds ungeheuer vermögend waren, hatte die umfangreiche Frau Senater ihren Platz in der vordersten Reihe. Wer malt ihr Erstaunen, ihre Entrüstung, ihr Entsetzen, als sie ihren Platz durch die Frau eines ganz gewöhnlichen Rektors besetzt fand. »Entschuldigen Sie, Frau Rektor,« sagte sie, »aber das ist doch wohl mein Platz, nich?« »Sooo?« machte die Frau Rektor. »Gott, ich dachte, das wär' einerlei.« »Ja, das ist es doch wohl nicht ,« versetzte die Senaterin, und ihre fleischige Mundpartie machte einen vergeblichen Versuch, spitz zu werden. Hochmut kommt vor dem Fall. Zwar die Frau Rektor, die nicht viel mehr besaß als eine schöne Stimme, mußte in den Hintergrund tauchen; aber die Frau Senater hätte später viel darum gegeben, wenn sie nicht im Vordergrund gesessen hätte. Vorläufig dehnte sie sich wohlig in der Sonne der allgemeinen Beachtung. Sie erregte Aufmerksamkeit; sie sah Operngläser auf sich gerichtet; ihr Kostüm wurde gemustert und wie sie wohl merkte, von mehreren »Damen der Gesellschaft« mit wohltuendem Neide besprochen. Frau Senater als Künstlerin! Natürlich nicht dauernd – igitt igitt! – aber so mal für einen Abend, das war doch sehr nett. Das war so, als wenn man beim Maskenfest als Frau von Pompadour oder so was erschien. Die Symphonie begann. Zu dem Anfangsthema, das auf die wühlenden Triolen herniederblitzt wie durch Wolken zuckendes Geisterlicht auf das gärende Chaos einer werdenden Welt, wiegte Frau Senater lächelnd und im Takte das Haupt wie zu einer Melodie aus dem »Bettelstudenten«. Den Leuten da unten war das ja neu; ihr war das ganz was Altes. Nach und nach freilich wurde das Tönegewirr weniger übersichtlich, und nun begann Frau Senater Burfeinds eigentliche Andacht. ›Was hat sich denn die Professor'n angezogen,‹ dachte sie; ›die spielt ja 'n komischen Zwickel. Mit halblangen Ärmeln? – Und die Helmerdings auf'm ersten Platz? Die brauchen wohl Kredit? – Und da – nein, wie is es bloß möglich! Die Olga Wittkopp! Die hat ja woll aller Scham und Schande 'n Kopf abgebissen! Und noch dazu mit'm Mann.‹ ›Sieh da, Kleekamps!‹ dachte sie und nickte liebenswürdig zum Gruß, und Kleekamps winkten lächelnd zurück. Das romantisch lockende Thema des ersten Hornes lächelte Frau Senator wieder verständnisinnig gewiegten Hauptes mit. Der erste Satz der Symphonie war zu Ende. ›Na endlich,‹ dachten die Klütenbütteler und klatschten begeistert Beifall. Sie hatten lange stillhalten müssen, daher räusperten sie sich nun auch gründlich und andauernd und eröffneten eine äußerst lebhafte Unterhaltung. »Sehr hübsch, nich?« sagte Herr Gutentag. »Ja, sehr nett,« versetzte Frau Butenschön. Es war ihnen gar nicht recht, daß der Kapellmeister schon wieder scharf aufklopfte und die Unterhaltung abschnitt. Das heißt: ein paar Mundvoll konnte man ruhig noch reden, so eilig war's wohl nicht. Da drehte sich wahrhaftig der Dirigent wieder um und sah hartnäckig auf Herrn Gutentag und Frau Butenschön. Was 'n unverschämter Mensch. Aber nun wurde es nett. beginnt der zweite Satz in mächtigem Fortissimo und molto vivace , und das Motiv wiederholt sich zweimal nach ganztaktigen Pausen, das drittemal aber ohne Pause mit einem mordsmäßigen Paukenknall. Der klingt, als wenn ein Riesenkerl mit einem Riesenhammer in ein Riesenfaß den Zapfen hineinhaut und der Hammer von der Wucht des Schlages noch zweimal aufhüpft. Die Klütenbüttler lachten, besonders die ganz jungen Mädchen. Sie stießen einander mit den Ellenbogen an und kicherten und dachten: »Nun wird's endlich lustig.« Frau Senater aber schleuderte einen strafenden Blick ins Publikum. Das war hier doch nicht zum Lachen?! Das war ein Gottesdienst, hatte der Kapellmeister gesagt. Und sie wiegte wiederum das Haupt zu dem neckischen Fugato. Das ist eine entzückende Musik; immer wieder aus anderen Winkeln hüpft das federleichte Motiv hervor, wie wenn aus tausend und abertausend Waldwinkeln immer neue Elfchen hervorspringen zum Tanz, und immer lustiger und lustiger wird ihr Tanz, immer höher schwingen sie sich auf wie trillernde Lerchen in den Sommerhimmel, und alles ist sehr schön; aber es ist zu lang, würde Polonius sagen, und Frau Senater würde dasselbe sagen, wenn sie nicht heute künstlerisch empfindend wäre, und Hamlet würde beiden antworten: »Es soll mit Eurem Barte zum Balbier.« Frau Senater, wie gesagt, sagte nichts; aber – war es der Rotspon, den sie zum Diner genossen hatte, war es das viele Licht im Saal, war es die Hitze, oder waren es Beethovens Elfen und Lerchen – genug, Frau Senater riß plötzlich weit die Augen auf, weil sie sie vorher etwas fest und andauernd geschlossen hatte. Geschlafen? Ach bewahre, das sollte sich doch niemand einbilden, daß sie geschlafen hätte! Sie wiegte ja den Kopf zur Musik; freilich erwischte sie diesmal einen falschen Rhythmus. Der Satz wollte trotz allen vivace und presto nicht enden. Frau Senater starrte mit weit offenen Augen ins Publikum, und nach und nach vermengte sich Olga Wittkopp mit den halblangen Ärmeln der Professorin und mit Helmerdings Kredit und mit der Anmaßung der Rektorsfrau und mit Kleekamps und Butenschöns und mit Beethovens Lerchen-Elfen, und dann betrachtete sie wieder ihr Inneres... Und nun sollte sich Beethovens ganze Bosheit zeigen. Wenn man glaubt, daß es jetzt endlich zum Ende gehe, und wenn er recht pianissimo tut, dann fängt er plötzlich den Satz wieder ganz von vorn an. Aber diesmal kamen die Paukenschläge viel zu früh! machten die Streicher mit erschreckender Gewalt, und Rum – bum – bum! kam es gleich hinterher. Es war aber gar nicht die Pauke, es war Frau Senater Burfeind. Sie hatte sich mit der vollen Breitseite aufs Podium gesetzt. Sie zog sich wegen Unwohlseins zurück. Der Satz wurde unter allgemeiner, aber heiterer Unruhe zu Ende gespielt. Gleichwohl stand in einer auswärtigen Zeitung, es sei alles sehr schön gewesen, nur die Stelle »Ihr stürzt nieder, Millionen!« sei durch die Schuld einer mitwirkenden Künstlerin etwas zu früh gekommen. – – –   Die diplomatische Intervention. (Geschrieben, als Spanien um Kuba kämpfte, paßt aber immer.) Im allgemeinen ist es so, daß die Schafe von den Wölfen gefressen werden. Nun kommt es aber vor, daß der Wolf ein alter und stumpfzähniger Wolf ist und das Schaf ein großer, starkhörniger Widder, der sich gegen das Gefressenwerden auflehnt oder, wie man auch sagt, empört. Und dieses war in diesem Fall der Fall. Der Widder wehrte sich ganz entschieden, und der Wolf machte immer erneute Anstrengungen, wurde aber immer wieder abgeschüttelt. Der Löwe, der bekanntlich kein Schaf in den Klauen eines Wolfes sehen kann, sah dem Kampfe eine Zeitlang ebenso gelb als großmütig zu. Endlich aber lief ihm vor Großmut das Wasser im Munde zusammen, und er brüllte folgendes: »Durch diesen Kampf werden fortgesetzt meine Interessen bedroht. Ich kann nicht ruhig meinen Beutezügen nachgehen, weil ich hier auf der Lauer liegen muß. Der Widder liegt in meiner Interessensphäre, und es kann mir nicht gleichgültig sein, von wem er gefressen wird. Der Widder ist von Rechts wegen frei und unabhängig und hat nicht nötig, sich von einem anderen Tiere fressen zu lassen, falls dieses alt und stumpfzähnig ist. Ganz vor allem namentlich und besonders hauptsächlich in erster Linie aber protestiere ich als christlicher Löwe gegen die Grausamkeiten des Wolfes im Namen der Humanität. Auch bei den größten Viechern ist für das betreffende Gefühl das Wort »Humanität« üblich. « Als der Löwe, so gebrüllt hatte, erklärte der Wolf – ja, man kann ja nun über den Wolf denken, wie man will; aber daß er sich einen so prächtigen, feisten Widder einfach entwischen lassen soll, das kann man von einem Wolf nicht verlangen, wenigstens als Löwe nicht – also der Wolf erklärte, was er mit dem Widder abzumachen habe, das gehe den Löwen gar nichts an, und veranlaßte die inzwischen durch das interessante Schauspiel angezogenen andern Tiere, wie Tiger, Panther, Leopard, Jaguar, Bär, Fuchs usw. zu einer Intervention. Der Tiger richtete auch alsbald an den Löwen folgende Ansprache: »Als Vertreter der hier versammelten Tiere gehörig ermächtigt, namens derselben einen dringenden Apell an die Gefühle der Humanität und Mäßigung des Präsidenten der Raubtiere bei den gegenwärtigen Differenzen mit dem Wolfe zu richten, hoffe ich lebhaft, daß neue Unterhandlungen zwischen beiden Mächten eine Verständigung sichern werden, die, indem sie die Erhaltung des Friedens sichert, alle notwendigen Bürgschaften für die Wiederherstellung der Ordnung gewähren wird. Die durch mich vertretenen Tiere zweifeln nicht daran, daß der selbstlose und rein humanitäre Charakter ihrer Vorstellungen von Ew. Ehren vollkommen anerkannt und gewürdigt werden dürfte.« Der Löwe mußte an Gesichtsrheumatismus oder an Neuralgie leiden; denn während seiner nun folgenden Antwort mußte er immer mit dem linken Auge dem Tiger zuzwinkern und das Gesicht verziehen, als ob er lache. Er erwiderte aber: »Ich erkenne die Gefühle und den guten Willen an, wovon die freundschaftliche Mitteilung der Tiere eingegeben ist, die in der von Eurer Exzellenz gehaltenen Ansprache ausgedrückt ist. Meine Regierung teilt die darin ausgedrückte Hoffnung, daß das Ergebnis der gegenwärtigen Lage die Aufrechterhaltung des Friedens sein werde, welche erreicht wird mit Hilfe der nötigen Garantien für die Wiederherstellung der Ordnung und für die Beendigung des chronischen unruhigen Zustandes, der meinen Interessen so viel Abbruch tut und meine Ruhe bedroht durch die natürlichen Folgen des vor meiner Höhle unterhaltenen Kampfes und der außerdem überdies ohnehin nebenbei noch dazu ganz besonders mein Humanitätsgefühl empört. Meine Regierung würdigt den Humanitären, uninteressierten Charakter der Mitteilung der Tiere und ist überzeugt, daß die Tiere ebenso meine selbstlosen und aufrichtigen Bemühungen, die eine Pflicht der Humanität erfüllen, indem sie der Lage ein Ende setzen, deren unbegrenzte Verlängerung unerträglich wäre, zu würdigen sich bereitfinden zu lassen zu haben sein werden.« Dann erlaubte der Löwe den anderen Tieren abzuziehen, und das taten sie auch. Das nächste Londoner Drama. Das demnächst zum erstenmal aufzuführende Londoner Drama heißt: »Der Diamant«. Die Titelrolle vertritt ein echter, mäßig großer Diamant von wunderbarstem Schliff. Die erste Szene führt uns in den Laden eines Juweliers. Auf den Tischen und an den Wänden große Ausstellung von echten Juwelen; Gesamtwert 738 Millionen Mark. Zwei Herren treten in den Laden. Einer von ihnen stiehlt den Diamanten. Der Dieb wird dargestellt von dem größten Taschenspieler der Gegenwart Mr. Quickfinger. Als die Herren fort sind, entdeckt der Juwelier den Diebstahl und veranlaßt die Verfolgung. Der Dieb wird von seinem Komplizen totgeboxt (Auftreten des Boxkämpfers Mr. Knockdown, genannt The champion of the world! Es fließt echtes Blut !) und des Diamanten beraubt. Der Sieger flüchtet mit seinem Raub auf einen Überseedampfer (Dekoration: der neueste und größte Passagierdampfer Rutland mit Auto-Rennbahn an Bord); das Schiff verbrennt auf offener See (Dekoration: ein Schiffsbrand); die Löschvorrichtungen mit der Bezeichnung » Made in Germany « funktionieren nicht. Der Flüchtling will in ein Rettungsboot springen, springt vorbei und ertrinkt. Gelegentlich einer Tiefseeforschung (Dekoration: Unter der Oberfläche des Meeres! Das Theater zeigt ein ungeheures Aquarium mit allem lebendigen Zubehör) wird er heraufgezogen; man durchsucht seine Kleider nach einem Ausweis über seine Person und findet den Diamanten. Der Gelehrte, der die Expedition leitet, nimmt den Stein an sich. Das Schiff gerät auf eine Klippe (Dekoration: Schiffbruch an einer Felsenküste mit richtigem Wasser); der Gelehrte als einzig Überlebender wird von einer Welle auf den Strand geworfen. Er schlägt die Augen auf, hißt die englische Flagge, die er bei sich hat, und kommt allmählich zum Bewußtsein. Er geht landeinwärts und kommt in einen Urwald (Dekoration: ein Urwald mit echten Giftschlangen und Affen. Mr. Trickbottle mit seinen vier dressierten Papageien, welche Rule Britania singen). Der Gelehrte wird von Wilden überfallen ( NB . Echtes Gebrüll von fünf Minuten Länge!); um den Diamanten nicht in ihre Hände fallen zu lassen, verschluckt er ihn schleunigst. Der Gelehrte wird gefangen genommen, zieht eine Taschenbibel, herausgegeben von der Londoner Bibelgesellschaft, aus der Tasche und liest daraus vor. Die Wilden, die kein Englisch verstehen, nehmen das Christentum an, martern den Gelehrten ( NB . auf der Szene) und schlachten ihn. In seinem Magen findet man den Diamanten, der natürlich dem Häuptling zufällt. Inzwischen lieben sich Lizzie Hallelujah und John Above. Beide sind fromm, noch enthaltsamer und noch ärmer. John war vordem gar nicht enthaltsam, sondern ein Säufer und Straßenräuber; aber Lizzie rettete ihn. (Geschichte einer Rettung, vorgetragen von einer Majorin der Heilsarmee.) Lizzie hat als kleines Kind in Reichtum gelebt; aber dann ist ihr Vater gestorben, und seitdem hatte sie nichts mehr. John geht als Soldat mit auf einen Rachezug gegen den Häuptling, der den Gelehrten gefressen und – wie von einem englischen Schiff aus bemerkt wurde – die gehißte Flagge heruntergerissen hat. (Große Schlacht auf der Bühne mit echten Dum-Dum- Geschossen. Bei jeder Vorstellung werden 100 aufrührerische Wilde, frisch aus den Kolonien bezogen, totgeschossen. Nach der Schlacht großes Gebet mit Choralvortrag.) Ein junger Mann tötet mit ungeheurer Kühnheit den Häuptling mit dem Diamanten und entscheidet dadurch die Schlacht. Der Sieger ist kein anderer als John Above. Der Feldherr spricht ihm den Diamanten zu. John damit nach Hause. Jetzt kann er Lizzie heiraten. Er will den Diamanten beim Juwelier verkaufen. Der Juwelier kein anderer als der Bestohlene. Er läßt John verhaften und vor Gericht stellen. (Ein Londoner Gefängnis. Sensationell!! – Vor dem Untersuchungsrichter!) Der Feldherr entlastet natürlich den Angeklagten. Lizzie, ebenfalls als Zeugin vernommen, erkennt den Diamanten als denselben, den sie in frühester Jugend im Hause ihres Vaters gesehen habe. Der Juwelier wird befragt, woher er den Diamanten habe. Er hat ihn von dem Vormund Lizzies gekauft. Dieser, ein alter, geknickter Sünder, gesteht, in die Enge getrieben, ein, daß er Lizzies Vater durch Hypnose zur Abtretung des Steins und anderer Kostbarkeiten gebracht habe. Der Richter fordert ihn auf, Proben seiner Kraft zu geben (große hypnotische Seance mit den neuesten Tricks!!). Letztes Bild: Lizzies und Johns Vermählungsfest mit Feuerwerk, Bibelverteilung und Fußballspiel. Großartiger Schlußeffekt: Mr. Churl schleudert einen Fußball durch die ganze Länge des Theaters und mit solcher Gewalt gegen den Bauch des Portiers, daß diesem das Blut aus den Ohren läuft. Verfasser des Stückes ist Mr. Cuff; Mr. Smallbrain wird den Text dazu schreiben. Man hofft die zehnfache Zahl der Trilby-Aufführungen zu erreichen. Eine deutsche Übersetzung wird uns das Werk noch vor seinem Erscheinen zugänglich machen.   Mein Interview bei Dr. E. H. Pistol, dem Theaterreferenten, bearbeitet für die Redaktion der »Gerechtigkeit«. Schließlich ist Dr. E. H. Pistol, bekanntlich Theaterreferent an der täglich dreimal erscheinenden hauptstädtischen Zeitung »Der Kodderige«, und Lektor für den Verlag »Hintenrum«, doch der einzige zeitgenössische Journalist und Schriftsteller, der mir imponiert. In ihm ist endlich einmal ein Mann erstanden, der den redlichen und ernstlichen Willen hat, nichts gelten zu lassen. Da ich ebenfalls ein unaufgeführtes Stück geschrieben habe, beschloß ich, ihn aufzusuchen und ihn mir womöglich warm zu stellen. Dr. Pistol empfing mich mit einer Geringschätzung, als wäre ich der Verfasser von »Romeo und Julie«. Als ich aber erklärte, ich käme, um den Schöpfer einer neuen Kultur, den ich längst aus der Ferne angebetet hätte, nun auch persönlich kennenzulernen, lud er mich sofort zum Sitzen ein und fragte mich, wie mein Stück denn heiße. »Madige Liebe,« antwortete ich. »Endlich einmal ein großer Stoff!« rief er. »Wir beide müssen zusammenhalten. Schließlich sind wir beiden doch die einzigen Dramatiker, die ernst zu nehmen sind.« Ich konnte dem nicht widersprechen. Das Gespräch entwickelte sich nun folgendermaßen weiter: Ich: »Was halten Sie von unserm ›berühmten‹ Meyer?« Er: »Meyer? Nun ja – als Kaffer sehr bedeutend. Entschieden eines der größten Rhinozerosse, die je Erfolg gehabt haben.« Ich: »Sehr gut! Sehr scharf und sehr gut. Und was denken Sie über Schulze?« Er: »Na, der gibt ihm nichts nach. Das glücklichste Rindvieh unter der Sonne.« Ich: »Ganz meine Meinung. Und Müller?« Er: »Ja, der übertrifft sie allerdings beide.« Ich: »Das wollt' ich eben meinen. Und was halten Sie denn von Petersen?« Er: »Na, wenn ich zu sagen hätte, wäre der arme Mensch längst in einer Idiotenanstalt untergebracht.« Ich: »Aber Schneider?« Er: »Ich bitte! Woll'n wir denn den ganzen zoologischen Garten durchgehen? Schneider hat ja eine gewisse Routine; er ist also meinetwegen ein routinierter Esel, und folglich hat er Erfolg. Erfolg haben sie ja überhaupt alle, diese Mikrocephalen. Jeder hat seine Clique, die ihn nicht sinken läßt und die besonders dafür sorgt, daß kein ernsthaftes Stück angenommen wird.« Ich: »Haben Sie Ihr Stück denn schon einmal irgendeinem Theater eingesandt?« (Ich verschwieg schonender Weise, daß ich von 113 Ablehnungen wußte.) Er (verbindlich lächelnd): »Nein! Wo denken Sie hin? Glauben Sie, ich werde meine Arbeit von Kretins und Gaunern beschnüffeln lassen?« Ich: »Ja, was ist denn aber zu tun?« Er: »Wir müssen eben kämpfen, kämpfen, mein Lieber, und nicht nachlassen, diese blödsinnige Schwindlerbande zu bekämpfen, bis wir einer wirklichen Dichtung Platz geschaffen haben.« Ich: »Und wann denken Sie, daß für Ihr Stück Raum geschaffen sein wird?« Er (verbindlich lächelnd): »In einem Jahre hoffe ich den einen oder andern Direktor zu der Einsicht zu bringen, daß es nicht richtig ist, die eigentlichen Dramatiker links liegen zu lassen. Vielleicht gründe ich auch inzwischen selbst ein Theater.« Ich: »Haben Sie denn Geld?« Er: »Wozu?« Ich: »Ah pardon! Verzeihen Sie meine Indiskretion! – Was erwarten Sie von der morgigen Première?« Er: »Einen kolossalen Durchfall.« Ich: »Warum?« Er: »Nun, das ist ja selbstverständlich. Der Verfasser hat mit dem ersten Stück Erfolg gehabt und dies ist sein zweites – – Verstehen Sie nicht?« Ich: »Nein.« (Über sein Antlitz huschte so etwas wie »Hornochse«.) Er: »Nun, mein Gott – – also das Publikum weiß doch so viel: Lauter schöne Sachen machen, das kann keiner. Das Publikum will außerdem Genugtuung dafür, daß es sich das erste Mal etwas hat gefallen lassen. Das zweite Stück ist immer schwächer, muß schwächer sein.« Ich: »Könnte es nicht trotzdem einmal anders kommen und auch das zweite Mal einen Erfolg geben?« Er: »Das ist nicht zu befürchten. Bedenken Sie auch die Unzahl der zurückgesetzten und beleidigten Talente, die bei einer solchen Première anwesend sind. Wenn es auch nicht lauter Weltdichter und Zentralgeister sind –« Ich: »O bitte! bitte!« Er: » – immerhin haben die Leute ein Recht zur unerbittlichsten Kritik, und natürlich machen sie Gebrauch davon. Im Augenblick der höchsten Spannung macht z. B. einer »Hatschi!«, daß das ganze Theater lacht – das kann Paul Strangel besonders gut –; Fritz von Gumpelstiel macht bei pathetischen Stellen »Huhu!«, was auch selten seinen Zweck verfehlt; andere husten die ganze Exposition nieder, wieder andere lassen von Zeit zu Zeit einen schweren Gegenstand fallen; Karl Panke prustet bei den tragischsten Stellen auf die wundervollste Weise los, und Emil Krapulinski kolportiert regelmäßig vor der Première einen Kalauer über das Stück, der so oder so die Stimmung verdirbt.« Ich: »Ausgezeichnet! Wenn wir in dieser Weise zusammenhalten, muß schließlich die gerechte Sache siegen.« Er: »Und zuguterletzt – wenn alle Stränge reißen, ist ja noch die Kritik da.« Ich: »Haben Sie die Ihre schon fertig?« Er: »Beinahe, ich habe schon Verschiedenes über das Machwerk gehört –« Ich: »Nun, das schadet ja nichts.« Er: »Na – es beeinträchtigt doch immer die Unbefangenheit.« Ich: »Ach bitte – darf ich nicht hören?« Er: »Wenn Sie es wünschen?« Ich: »Ich bin ganz Schadenfreude.« Er (lesend): »Herr Reimers hatte mit seinem ersten Stück viel Geld verdient. Böse Zungen sprachen sogar von 100000 Mark. Herr Reimers wollte nochmals 100000 Mark verdienen. Die Ästhetik des Herrn Reimers lehrte ihn ganz richtig, daß 100000 und 100000 = 200000 sind. Herr Reimers hatte aber gehört, daß jetzt das Naturalistische sehr beliebt sei. Du mußt also naturalistisch sein, sagte sich Herr Reimers. Herr Reimers hatte aber auch einen gesunden Geschäftsinstinkt, und dieser sagte ihm, daß die Marlitt jedenfalls sicherer sei als der Naturalismus. Herr Reimers kam zu dem Schluß: Machen wir naturalistische Marlitteratur. Wir müssen gestehen, daß Herr Reimers seine Aufgabe glänzend gelöst hat. Leider ist aber selbst der beschränkteste Teil unseres Publikums Herrn Reimers in der Entwickelung um vieles voraus; es ist allmählich hinter die Schliche der von Herrn Reimers vertretenen Branche gekommen. » Post festum « heißt die 5 aktige Ohnmacht des Herrn Reimers. Das Publikum fand diesen Titel sehr richtig, und so trug es denn bei der gestrigen Aufführung die verspätete Tragödie (oder war es ein Lustspiel?) des Herrn Reimers ohne Sang und Klang zu Grabe.« Ich: »Aber das können Sie doch nicht wissen!« Er: »Warum nicht?« Ich: »Wenn nun doch geklatscht wird?« Er: »Mein Lieber!! Seien Sie versichert: Wenn ich morgen schreibe, daß das Stück durchgefallen ist, dann will keiner geklatscht haben. Hören Sie weiter: »In dem Stück treten drei (vielleicht auch mehr) Personen auf: die eine hat braunes Haar, Sommersprossen und Gefühle, die zweite hat blondes Haar, Idealismus und einen Bräutigam, die dritte hat eine Schleppe, Brillanten und eine Vergangenheit!« – Weiter bin ich noch nicht.« Ich: »Famos! Brillant! Das macht Ihnen keiner nach. An welchem Theater sähen Sie Ihr Stück am liebsten aufgeführt?« Er: »Am Odeon-Theater.« Ich: »Warum nicht am Shakespeare-Theater?« Er: »Nun einfach darum, weil das Odeon-Theater 2000 Menschen faßt und 10 % Tantieme gibt, während das Shakespeare-Theater bei 1200 Plätzen nur 8 % zahlt.« Ich: »Da ist allerdings kein Zweifel möglich. Und würden Sie also –« Er: »Verlassen Sie sich darauf: sobald mein Stück angenommen ist, trete ich auch für das Ihrige ein.« Ich: »Herzlichen Dank.« Um ganz sicher zu gehen, legte ich bei diesen Worten mit der Hand, die ich auf dem Rücken hielt, einen 50 Mark-Schein hinter mir auf den Tisch. »Danke!« sagte er. »Welche Beobachtungsgabe!« rief ich erstaunt. »Übung! Übung!« meinte er leichthin. Übrigens, warum geben Sie mir den 50 Mark-Schein nicht einfach in die Hand. Vom Verdienst müssen wir doch alle leben; warum soll man das nicht offen eingestehen?« »Na – wenn es in die Öffentlichkeit dringt – es ist doch immerhin nicht angenehm.« »Wieso?! Wozu hätte man denn schreiben gelernt, wenn man sich nicht mal gegen infame Verleumdungen verteidigen könnte! – Sie haben doch die 50 Mark als Honorar für meine Vorlesung gemeint?« rief er plötzlich angstvoll. »Sie wollten mich doch nur als Lektor bezahlen? Oder sollten Sie – – eine Bestechung – –?« In seinen Worten und Mienen lag etwas Unheimlich-Drohendes. »Aber ich bitte Sie – wie können Sie –« stammelte ich, nach der Tür tastend. Ich schätzte mich glücklich, als ich draußen war. – Dies, hochlöbliche Redaktion, ist mein Interview beim Dr. E. H. Pistol. Sollten Sie keine Verwendung dafür haben, so können Sie sicher darauf rechnen, daß ich im »Kodderigen« eine unbefangene Kritik über Ihr Blatt veröffentlichen werde. Die Geschichte von Strippecke, dem nichts imponieren konnte, ausgenommen Berlin. Die Berliner sind reizende Leute - nein, wirklich! – aber es gibt einige wenige unter ihnen, die nichts in der Welt gelten lassen als Berlin, und zu diesen zählte auch Herr Friedrich Wilhelm Strippecke. Herrn Strippecke hatte nichts Hochachtung abgenötigt; weder der Dom von Köln noch der Hauptmann von Köpenick, weder der Golf von Neapel noch der Hamlet von Shakespeare, weder der echte Kognak von Hennessy noch der Raubmörder Sternickel; immer hatte er erklärt, in Berlin mache man das alles viel besser, gäb' es das alles »viel großartiger und billiger.« Da geschah es, daß Strippecke starb und als Seele von einem Menschen an die Himmelspforte kam. Als der liebe Gott vernahm, daß Herr Strippecke aus Berlin da sei, rief er: »Ach du grundgütiger Herrgott, aus Berlin sind Sie?« »Jott sei Dank!« versetzte Strippecke. »Und wollen jetzt in den Himmel?« »Nu ja doch!« rief Herr Strippecke ungeduldig. »Ja, das tut mir ungeheuer leid!« rief der liebe Herrgott, »auf Berliner sind wir nicht eingerichtet. Dazu langen unsere Mittel nicht.« Herr Strippecke murmelte jetzt so etwas wie, er müsse dann eben vorliebnehmen und wolle ein Auge zudrücken; aber der liebe Gott wollte es durchaus nicht zugeben, daß Herr Strippecke sich auch nur den geringsten Zwang antue, und sagte: »Nein, nein, nein, sagen Sie selbst, was können wir einem Mann wie Ihnen bieten! Wir haben hier freilich einige Quintillionen Sonnensysteme, die in ebenso vielen Farben leuchten und eine unbeschreiblich schöne Musik machen; aber was will das alles sagen für einen Berliner, der die Wachtparade im Lustgarten gesehen hat! Aber da fällt mir ein: geh'n Sie doch mal zu meinem Gegenüber, in die Hölle, da ist es genau wie in Berlin.« Was sollte Herr Strippecke machen – er ging in die Hölle, wo er freundlich aufgenommen und sofort in ein Gefäß mit 95prozentiger Schwefelsäure gelegt wurde, unter dem der Teufel alsdann eine wohlwollende Weißglühhitze entfachte. Als er nach einigen Jahrtausenden Herrn Strippecke fragte, ob er sich schon etwas eingelebt habe und wie es ihm hier gefalle, bemerkte der verwöhnte Mann: »Na ja, 't is ja alles janz scheene; ick muß ja anerkennen, dat et hier anjenehmer is wie uf Capri oder Isola bella oder sonst irgendwo; aber det lassen Se sick jesagt sein, Männeken, Berlin is et noch lange nich!« Stanislaus Mohnkopf. Stanislaus Mohnkopf, der dunkelste und darum größte Dichter der modernen Romantik, ist nicht mehr. Das Bewußtsein seiner Unverständlichkeit hielt ihn sein Leben lang aufrecht. Kurz vor seinem Ende jedoch sprach er zu seiner Dienstmagd: »Das Zwiespältige, das meine Stütze befreit von der Umschließung des Tierisch-Oberflächlichen – gib es mir!« Die Dienstmagd, eine dem Dichter kongeniale Person, brachte den Stiefelknecht. Der Gram darüber, verstanden zu sein, brach dem Dichter das Herz.   Revolverischer Journalisten-Unterricht. Frei nach Goethe. (Redaktionszimmer. Mephistopheles in Schreibärmeln. Ein Schüler tritt auf.) Schüler. Ich bin allhier erst kurze Zeit Und komme voller Lüsternheit, Einen Mann zu sehen und zu kennen. Den alle mir mit Zittern nennen. Mephistopheles. Ach, dieser Ruhm erfreut mich sehr! Ihr seht einen Mann wie viele mehr. Habt Ihr Euch sonst schon umgetrieben? Schüler. Ich habe natürlich Kritik geschrieben. Daher hab ich den dreisten Mut, Mangel an Geld und gelbes Blut. Kaum wollt' mich die Polizei entfernen. Möchte nun Zeitungsschreiber lernen. Mephistopheles. Da seid Ihr eben recht am Ort. Schüler. Aufrichtig – möchte schon wieder fort. In diesen Mauern, diesen Hallen – Ohrfeigen hör' ich ringsum schallen; Es ist ein sehr beschränkter Raum; Man sieht viel Grünes, doch keinen Baum; Vor Kleistertopf, Revolver, Scheren Vergeht mir Denken, Seh'n und Hören. Mephistopheles. Das kommt nur auf Gewohnheit an. So nimmt der Mensch der Börse Brust Nicht gleich im Anfang willig an; Doch bald ernährt er sich mit Lust. So wird es Euch an Panamas Brüsten Mit jedem Tage mehr gelüsten. Schüler. An seinem Hals will ich mit Freuden hangen; Sagt mir geschwind: wieviel muß man verlangen? Mephistopheles. Erklärt Euch, eh' Ihr weiter geht, Was wählt Ihr für eine Spezialität? Schüler. Ich wünschte recht korrupt zu werden, Und möchte gern, was auf der Erden Und in dem Himmel ist, erfassen : Den Silberrubel, das Lorbeerreis. Mephistopheles. Da seid Ihr just im rechten Gleis; Doch müßt Ihr Euch nie was reuen lassen! Schüler. Ich geb' mich hin mit Seel' und Leib; Doch freilich würde mir behagen, Daß ich Reklamen für Bäder schreib An schönen Sommerfeiertagen. Mephistopheles. Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen; Doch Übung lehrt Euch Zeit gewinnen. Mein teurer Freund, ich rat Euch drum Zuerst Collegium moglicum . Da wird der Geist so »ausstudiert«, In tausend Schlüssen so versiert, Daß er im Schlafe selbst fortan Hinflegle die Gedankenbahn Und flink und frech die Kreuz und Quer Irrlichteliere hin und her. Dann wird's Euch klarer Tag für Tag, Daß, was Ihr sonst mit Müh' und Plag' Erworben, Essen und Trinken, frei Und Hirn dazu nicht nötig sei. Zwar ist's mit Eurer Gedankenfabrik Wie mit einem Webermeisterstück: Ein Tritt von oben die Fäden regt, Ihr müßt herüber-, hinüberschießen (Auch ungeseh'ne Fäden fließen) Ein Machtwort tausend Artikel bewegt. Der Leitartikler »schreibt sich ein« Und meint, er müsse »geistreich« sein. Der erste Artikel wäre so. Und drum der zweit' und dritte so, (Und wenn der erste Artikel nicht wär', Der dritte »zöge« schon nimmermehr.) So treiben's die Schreiber allerorten, Sind auch recht viele Weber geworden. Wer will was Lebendigs zertrennen und zerreiben. Sucht erst seinen Geist hineinzutreiben. Dann hat er 'nen Dreck in seiner Hand Und witzelt sich dran aus Rand und Band. Der Lesepöbel nennt es esprit , Spottet seiner selbst und weiß nicht wie. Schüler. Kann Euch nicht eben ganz verstehen. Mephistopheles. Das wird nächstens schon besser gehen. Wenn Ihr, ohne Euch zu genieren, Lernt über alles räsonnieren. Schüler. Mir wird von alle dem so dumm, Als ging' mir ein Film im Kopf herum. Mephistopheles. Nachher vor allen andern Sachen Müßt Ihr in Offiziösem machen. Da seht, daß Ihr aus der Zeitung laßt, Was einem Moloch just nicht paßt. Für was drein geht und nicht drein geht, Ein Preßbureau zu Diensten steht. Doch vorerst dieses halbe Jahr Nehmt ja der größten Ordnung wahr! Fünf Leitartikel jeden Tag! Seid fertig mit dem Glockenschlag! Habt's Strafgesetz wohl präpariert, Paragraphos wohl einstudiert. Damit Ihr keine Gemeinheit begeht, Die etwa in dem Buche steht. Dabei des Anscheins Euch befleißt, Als diktiert' Euch der heilig' Geist. Schüler. Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen! Ich rechne aus, wieviel das nützt; Vereint man Schwarz und Weiß verschmitzt, Vermag man doppelt einzutragen. Mephistopheles. Doch wählt mir eine Spezialität! Schüler. Zum »Unterm Strich« kann ich mich nicht bequemen. Mephistopheles. Ich kann es Euch so sehr nicht übelnehmen: Ich weiß, wie es um diese Leere steht. Es erben sich Geschmack und Urteil – »Fortsetzung folgt« – ermüdend fort; Es schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte Das »Fälscheton« und der Roman d'accord . Vernunft – wär' Unsinn, Wahrheit Plage. Ein Glück noch, daß Du Rezensente bist! Vom Genius, der in Dir geboren ist, War' sonst wohl leider nie die Frage. Schüler. Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt. O glücklich der, den Ihr belehrt! Fast möcht' ich nun die Politik erküren. Mephistopheles. Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen. Was diese edle Kunst betrifft, Es ist so schwer, die Wahrheit stets zu meiden; Wie leicht, daß man Parteigenossen trifft, Die von den Gegnern kaum zu unterscheiden. Durchaus geboten ist's, daß Ihr nur Einen hört Und aufs Parteiprogramm den höchsten Meineid schwört. Im ganzen – haltet Euch an Worte! Dann geht Ihr durch die sichre Pforte Zum Parlamentsgebäude ein. Schüler. Doch muß auch Brustton bei dem Worte sein. Mephistopheles. Sehr gut! Allein wer wird darob sich quälen! Denn wo des Busens echte Töne fehlen. Da wölbt sich voll der Mund zum Wortespei'n. Auf Worten läßt sich trefflich reiten. Mit Worten jedes Manko sich bestreiten. An Worten läßt sich klauben, dreh'n und schrauben, An Worte – braucht man selber nicht zu glauben. Schüler. Verzeiht, ich halt Euch auf mit vielen Fragen, Allein wollt Ihr in aller Eil' Mir vom »Vermischten«, vom »Lokalen Teil« Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen? Zum Lernen hat man keine Zeit, Und, Gott, das Feld ist gar zu breit. Gebt einen Fingerzeig noch, mir zulieb', Mephistopheles (für sich) Haha, als kleiner Sitz- und Hängedieb Mag dieser Tölpel seine Rolle spielen. (Laut.) Der Geist des Tagsberichts ist leicht zu fassen. Ihr bummelt durch die ganz' und halbe Welt, Um Euch stilistisch gehn zu lassen Für's Zeilengeld. Sehr unnütz, daß Ihr ängstlich forschend schweift, Ein jeder schreibt halt, was er schreiben kann; Doch wer im Augenblick des Pöbels Gier begreift. Ist ein gemachter Mann. Es scheint mir, daß Ihr gerne lauft, An »Kühnheit« wird's Euch auch nicht fehlen, Und wenn Ihr Euch nur selbst verkauft, Verkaufen Euch sich andre Seelen. Besonders lernt die alten Weiber führen; Sie sind mit Hofbericht und Maskenball Und Jungfernfall Aus einem Punkt zu divertieren. Und wenn Ihr dabei ehrbar tut. Dann habt Ihr sie all' unterm Hut. Durch »Anstand« müßt Ihr erst Vertraun erwecken ('ne Kunst, die viele Künste übersteigt). Dann braucht Ihr nur die Pfote auszustrecken, Und alles macht sich nun »diskret« und leicht. Versteht die Hand geheim zu drücken Und faßt ins Aug' mit feurig-schlauen Blicken Des Andern Portefeuille dabei, Zu sehn, ob es von Juchten sei. Schüler. Das sieht schon besser aus! Man ahnt doch schon, wieviel! Mephistopheles. Grau, teurer Freund, ist alles Schamgefühl, Und grün, wer sich damit befassen wollte. Schüler. Mir ist, als ob mein Herz zerspringen sollte. Dürft ich Euch wohl ein andermal beschweren, Auch vom Reklameschacher was zu hören? Mephistopheles. Was ich vermag, soll gern geschehn. Schüler. Ich kann unmöglich wieder gehn, Ich muß Euch mein Notizbuch überreichen; Gönn' Eure Gunst mir dieses Zeichen. Mephistopheles. Sehr wohl. (Er schreibt und gibt's.) Schüler (liest). Eritis sicut Sckmockus, scribentee multum et malum. (Macht's ehrerbietig zu und empfiehlt sich.) Mephistopheles. Folg nur dem Freundeswink und meiner Muhme, der Schlange – Du feilst gewiß noch mal an einer Gitterstange! Es muß noch ganz anders kommen! Ein rheinischer Großbazar hatte einmal einen Ausverkauf mit gleichzeitigem Konzert der Düsseldorfer Husaren angezeigt. Die Militärbehörde machte dann allerdings einen Strich durch den schönen Plan; aber das Konzertprogramm ist der Nachwelt wie alles Echte unverloren geblieben. Es hieß darin: 1. » La Paloma «, spanisches Ständchen, Karotten, 2 Pfd. 55 Pfg. von Yradier. 2. »Phantasie aus Lohengrin« Ganz junge Erbsen 1 Pfd. 36 Pfg. von Wagner. 3. Die Mühle im Schwarzwald (Idylle) Kohlrabi 1 Pfd. 19 Pfg. von Herold. usw. usw. Selbst im Zeitalter der Heidelandschaft mit Zigarettenreklame ist das schon eine ganz hübsche Leistung. Aber es gäbe noch hübschere. Wir möchten vorschlagen, unsere Dichter mit Interlinear-Anzeigen herauszugeben, und wollen gleich an einem Beispiel zeigen, wie wir uns das denken: Im wunderschönen Monat Mai Sommerbeinkleider in allen Größen von Mark 1,50 an . Als alle Knospen sprangen, Blumenständer ff. bronziert, Mark 2.– und höher. Da ist in meinem Herzen Dr. med. A. Müller, Spezialist für Herzkrankheiten, Juliusstraße 1b, IV. Die Liebe aufgegangen. Damenhüte – die neuesten Pariser Modelle stets vorrätig . Im wunderschönen Monat Mai, Hochfeine Moselweine, vorzüglich geeignet für Maibowle pro Fl. (mit Glas) von 25 Pfg. an . Als alle Vögel sangen, Prima fette Gänse, Pfd. 43 Pfg. Da hab ich ihr gestanden »Der Galanthomme oder Der galante junge Mann in allen Lebenslagen.« 87. Aufl. Geh. Mark 5.–. Mein Sehnen und Verlangen. Babyausstattungen komplett, von Mark 3.- an bis zu den feinsten . Natürlich wäre auch diese Methode noch der Vervollkommnung fähig. Man könnte z. B. Dichtung und Reklame Wort für Wort oder Buchstaben für Buchstaben abwechseln lassen. Nur wäre hierbei zu bedenken, daß – vielleicht – hier und da – ein Anzeigenleser sich seines durch Geld gewissermaßen etwas reichlich verdreckten Zeitalters schämen könnte.   Von Lotterienummern. I. Der Herr Pfarrer in Himmendorf hatte schwer zu kämpfen mit dem Aberglauben in seiner Gemeinde. So eiferte er denn auch eines Sonntags gegen den unter seinen Pfarrkindern recht verbreiteten Nummern-Aberglauben im Lotteriespiel: »Da träumen sie vielleicht in einer Nacht von der Nummer 87, und dann gehen sie hin und setzen ins Lotto auf Nummer 87; oder sie sehen an einem auffallenden Hause die Nummer 54, so gehen sie hin und setzen auf 54. Liebe Schwestern und Brüder, ich kann Euch nur ernstlich ermahnen: Laßt ab von all solchem sündhaften Aberglauben; er streitet wider den rechten Christenglauben und sollte in einem wahrhaft gläubigen Herzen nicht zu finden sein.« »Welke Nummern hett 'e seggt?« fragte Mutter Möllersch flüsternd ihren Mann. »Söbenunachzig un veerunföftig,« erwiderte Clas Möller. »Söbenunachzig un veerunföftig – söbenunachzig un veerunföftig,« murmelte Mutter Möllersch, »dat dörft wi nich vergeten!« II. Eines Tages gewann Jörgen Brockmann von Himmendorf das große Los. Er lächelte, daß alle seine großen Zähne sichtbar wurden, die Weisheitszähne mitgerechnet. Staunend umstanden ihn seine Mitbauern im Kreise und fragten alle durcheinander, wie er zu der Nummer 56 gekommen sei. Jörgen hatte nämlich das große Los auf Nr. 56 gewonnen. »Jäää,« sagte Jörgen, indem er jenes überlegene Lächeln wiederholte, »jäää, dat hevv ick n' bitten flau anfungen! Süh mol: Ick hevv also in de Nacht drömt, ick tell (zählte) de Appelböm in minen Gor'n (Garten). Un wie ick so tell'n deh (tat), do wör'n dor söß Reegen (sechs Reihen), un in jede Reeg' dor stunn'n negen (neun) Appelböm. Na, nu war de Sak jo klar, hähähä; söß mal negen sünd sößunföftig – also, dor hevv ick notürli opp sößunföftig sett, hähähä.« Ein Gerissener. In einem Dorfe wird eine Wahlversammlung, da ein anderes Lokal nicht zu haben ist, in einer Scheune abgehalten. Neben der Scheune liegt ein Stall. Der redende Kandidat wird in der Aufzählung seiner Vorzüge plötzlich durch das laute Brüllen eines Rindes unterbrochen. Nachdem sich die Heiterkeit des Auditoriums gelegt hat, bemerkt der Redner: »Meine Herren! Auf diesen Einwurf meines Gegners war ich allerdings nicht gefaßt.«   Parodien. Reichsgrafen-Blut oder Die zweite Frau mit den Karfunkelsteinen. Roman von Nataly v. Besenbinder , herausgegeben von Otto Ernst. Der Schaffner riß die Coupéeetür auf, und herein hüpfte mit silphydenhaften Schritten die liebreizendste aller Evastöchter, schleuderte mit den zierlichsten aller Hände ihr graziöses Köfferchen in das Gepäcknetz und schmiegte sich anmutig in die Polster. Ihr gegenüber saß ein häßlicher, aber hochgewachsener Mann, dem man es ansah, daß ihm das Schicksal bereits eine Frau entrissen hatte und ein tödlicher Haß gegen das ganze schlangenzüngelnde Geschlecht der Weiber sein Herz emporbäumte. Er warf einen Blick voll unsäglichen Hasses auf den weiblichen Ankömmling und denselben alsdann gegen die Decke des Waggons, zu der er unaufhörlich bläuliche Rauchwolken emporstieß. Neben dem häßlichen, aber düsteren Rittergutsbesitzer und Rittmeister a. D. – denn nichts anderes war er – drückte sich ein schwerreicher Kaufmann mit zusammengekniffenen Lippen in die Polster. Er war ein Geizhals; denn auf der letzten Station hatte er einem Kellner, welcher 15 Pfennige für ein Glas Bier forderte, durchaus nur 13 geben wollen, welchen Genuß er sich versagte, als der Kellner, ein Mann von ehernem Charakter, auf den 15 Pfennigen verharrte. Dem Kaufmann gegenüber schlummerte sanft ein katholischer Geistlicher, der nur dann, wenn er erwacht war, mit liebevoller Toleranz von einem zum andern blickte, und in dessem Die Flexion des Wortes »dessen« datiert vam ersten Auftreten Natalys. Überhaupt hat der Herausgeber nicht nur im Stil, sondern auch in der Grammatik und Orthographie die Gepflogenheiten der Dichterin respektiert. Antlitz sich tiefe Frömmigkeit mit wohltätigem Sinn und treuer Pflichterfüllung paarte. Die Sonne flimmerte voll unendlichen Zaubers auf Elses entzückendem Goldhaar und rieselte in Millionen widerspenstiger Seidenlöckchen den Nacken hinunter, als sie die dicken Qualmwolken des bleichen und eben darum so interessanten Gegenübers mit den reizend-schnippischen Worten unterbrach: »Wissen Sie nicht, mein Herr, daß dies ein Coupêeé für Nichtraucher ist?« »Was schert Sie das?« stieß er kochend vor unterdrückter Wut hervor, indem er einen seiner kotbespritzten Schaftstiefel neben ihr auf den Sitz streckte. Kurz entschlossen entriß sie die aromatischen Havannablätter seinen Zähnen und schleuderte dieselben mit einem anmutigen Bogen in die lieblich lächelnde Frühlingslandschaft, über der eine Lerche in den Äther stieg mit klirrendem Jubel. Überrascht starrte er sie an – und dann senkte sich eine unbeschreiblich weiche Wehmut auf seine edelgeformte Stirn hernieder. Sollte ihm, dem vom Unglück Blutiggepeitschten, vielleicht doch noch ein Lebensmai grünen? In demselben Augenblick sah er, wie ihrem Handtäschchen ein syringenduftendes Briefchen entglitt. Sie lehnte das süße Köpfchen nach hinten zurück, um ein wenig zu schlummern. Er hob das Briefchen mit seiner schlanken, wohlgepflegten Hand auf, entnahm dem Couvert den Briefbogen und las mit weiblicher Hand geschrieben und mit Entzücken das Folgende: Angebetete Else! Ach, ich weiß ja, daß Du den hochgewachsenen, ach so männlichen Leutnant von den Hopsbütteler Husaren nicht vergessen kannst! Er soll jetzt seine Güter in Pommern bewirtschaften und augenblicklich auf einer Reise nach Bumsbeck begriffen sein. Denkst Du noch an die trotzige Ader auf seiner Stirn? Ach, wenn Du ihn doch kriegtest! Dann kriege ich wohl auch noch einen! Es küßt Dich Deine Erna. P. S. Seinen Namen konnte ich leider nicht erfahren. Mannhardt von Borkenstedt schwankte auf seinem Sitz in einem süßen Rausche. Erst jetzt bemerkte man, daß er ein Paar wunderbar schöner, tiefblauer Augen sein eigen nannte. Seinen vornehmen Mund verklärte ein traumhaft verzücktes Lächeln, und die Sonnenstrahlen tanzten vor ausgelassener Freude um seine tiefschwarzen Bartspitzen. Und Else? Unmittelbar an ihrem unsäglich kleinen Öhrchen hatte der Zufall in der Scheidewand des Waggongs ein kleines Loch gelassen und konnte sie deutlich das Gespräch im benachbarten Cuopée belauschen. »Was ich Ihnen sage!« hörte sie eine ältliche Dame von distingiurtem Äußern flüstern: »Der stolze Herr nebenan mit dem schwarzen Schnurrbart ist der Reichsgraf v. Borkenstedt, früher Leutnant bei den Hopsbütteler Husaren. Ich habe ihn gleich an der trotzigen Ader auf seiner Stirn erkannt. Seine verstorbene Frau hat ihn nur geheiratet, weil sie Reichsgräfin werden wollte. Sie hat ihn schmählich hintergangen. Er lebt jetzt ganz inkongito auf seinen Gütern in Pommern und ist augenblicklich auf einer Reise nach Bumsbeck begriffen.« Else riß voll zärtlichen Mitleids die wonnigen Augen auf und starrte in das freudebebende, edelschöne Antlitz des Reichsgrafen. »Mein Brief –« stammelte sie in reizender Verwirrung. Jetzt war auch der Kaufmann selig entschlafen. »Else!« stieß er voll lodernder Leidenschaft hervor, indem er auf die Knie herniederbrach: »ich weiß, es war eine Indiskretion; aber mir sagte eine innere Stimme, daß dieser Brief das Ende meiner sturmgepeitschten Qual, daß er den ersten goldigen Sonnenstrahl eines neuen seligen Glückes an deiner Seite enthalten müßte! Verzeihe, holdseliger Engel, daß ich dir unfreundlich begegnete; es bäumte sich etwas in mir auf, als du hier hereintratest, als müßte ich mich wehren gegen die Sirenengesänge des Glückes, die mir schon einmal Herz und Leber mit bitterer Galle erfüllt hatten. Ach, mein sturmzertobtes Herz glaubte ja nicht mehr an die Paradieseswonnen der Liebe, ich hatte für immer mit den Freuden dieser trügerischen Welt abgeschlossen. Aber deiner himmlischen Madonnenschönheit, o du mein Seraph, konnte dieses umpanzerte Herz nicht widerstehen; vor den Sonnen deines Angesichtes schmilzt es dahin wie ein jauchzendes Frühlingsgewässer, in dessem Spiegel sich rosige Wölkchen baden und das mit weitgeöffneten Armen dem ewigen Meere der Liebe entgegeneilt!« Und Else? Sie bog sich sanft zu ihm hernieder und hauchte ihm wohl ebenso viele erglühende Worte ins Ohr; aber die waren nicht für die Welt und für andere Sterbliche, die blieben ein süßes, trautseliges Geheimnis zwischen den beiden für immerdar. »Helgoland!« schrie der Schaffner. »Zwei Minuten Aufenthalt!« »Das trifft sich ja wunderbar!« schrie Mannhardt entzückt, »hier können wir uns sofort und ohne Aufgebot trauen lassen! Zufällig habe ich die nötigen Papiere bei mir!« »Ich auch!« rief sie mit kindlichem Jubel. »Wenn ich Ihnen behilflich sein kann –« lächelte der würdige Geistliche. »Aber ich bin Protestant«, wandte Mannhardt ein. Der ehrwürdige Herr erhob die Hand. »Über uns waltet Ein Gott,« sprach er mit tiefer Frömmigkeit. Mannhardt schüttelte ihm tief ergriffen die Hand, und man stand auf dem Perron des Bahnhofs. Das Publikum drängte in dichten Scharen dem Ausgange zu und entleerte sich nur langsam. In diesem Augenblick trat der Kaufmann an die fröhlich plaudernde Gruppe heran. Seine Züge waren merklich verändert und fast schön zu nennen. Das wonnige Glück der beiden Liebesleute schien selbst diesen Felsen aufgetaut zu haben. »Meine lieben jungen Leute,« sprach er mit vor Rührung bebender Stimme, »der Anblick Ihres echten und großen Glückes weckt in mir entschlafene Rückerinnerungen; wollen Sie mir erlauben, zauberisch schöne Braut, daß ich Ihnen als ein kleines Hochzeitsgeschenk dieses Etiu überreiche?« Die bis dahin so arme und völlig elternlose Else öffnete das Etiu und stieß einen leichten Schrei des Entzückens aus. Ein kostbarer Schmuck – von Karfunkelsteinen – in wundervollster Arbeit, wie sie Meister Bellini Vielleicht Cellini; es ist aber möglich, daß Nataly an Botticelli denkt. nicht herrlicher gelingen konnte – im Werte von mindestens 100 000 Mark! Else wollte ein paar stumme Worte des Dankes stammeln; aber der merkantile Freund war bereits in einen Wagen gesprungen, wo er schnell eine Träne zerdrückte. Eben wollten die drei Zurückgebliebenen einen Wagen besteigen, als ein hochadliger Cavallier in kleidsamer Uniform auf den Perron stürzte. Else erbleichte bis tief ins Innerste: Elimar von Steinfels – ihr vergeblicher Verehrer! »Mein Herr!« fuhr er Mannhardt hart an, »Sie werden mir über Ihr vertrauliches Benehmen gegen diese Dame Rechenschaft geben!« »Mit Vergnügen,« donnerte Mannhardt, der in diesem Augenblick in wahrhaft göttlicher Schöne dastand, seine Visitenkarte wechselnd. Else war ohnmächtig in die Arme des duldsamen Seelsorgers gesunken. »Belieben Sie das Randèvaux Trotz des geharnischten Protestes der Korrektoren. zu bestimmen,« stürzte Elimar höhnend einem Coupêt erster Klasse zu. Da – der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt – Elimar glitt aus, indem er unter die Räder geriet – und die furchtbare Nemesis fuhr zermalmend über ihn hin, mit einem schrillen Pfiff ihrem Ziele zueilend. Da schlug Goldelschen selig lächelnd ihr Auge auf und flog an die stattliche Brust des Geliebten. »Dein – ewig dein!« hauchte sie an seinem reich und elegant gesticktem Vorhemd, und ihr Lächeln tauchte ineinander. Mit verschlungenen Händen fuhren sie in den jubelnden Sonnenschein hinaus, und man brauchte nicht im Zeitalter der Baxzillen zu leben, um zu bemerken, wie Millionen Miasmen des Glücks und der Liebe die jauchzenden Lüfte durchschwirrten. Ende.   Die Kuchenbude. Ein Gefühlsspektrum in sieben und noch einigen Farben von Ultrarot bis Ultraviolett, durch Kirchhoffs Spektroskop beobachtet und chromoliterarisch gedichtet. Zugleich eine moderne Novelle. Jahrmarkt. In breiten, grauen Lappen spannt sich die Leinwand zur Höhe empor. Eine herrische, hochgeschwungene Kuchenbude. Ringsum Lärm. Geschrei. Gedränge. Ein veilchenroter, schwül erstickender Lärm. Ein trocknes, gelbes, schwülgelbes Geschrei. Ein modriges, schwefelblaues, staubschwüles Gedränge, überhaupt alles schwül. Bauernweiber in rot-orange-gelb-grün-blau-indigo-violetten Toiletten. Sich einander gegenseitig prügelnde Bauernburschen. Funken prallen an Augäpfel. Gelbe, grüne, blaue Augen. Schwül... Vor mir auf Brettern Liköre. Stechen in die Augen mit roten, gelben, grünen Dolchen. Leichengrünes Glas. Karminroter Schnaps. Eigelber Dotter. Knickebein. Das Ganze von den zarten Lasuren mangelhafter Reinlichkeit überzogen. Und hinter diesem Schauspiel die gelbe Abendsonne, in ein Meer von Blut gequatscht. Selbst ein monströser, vielsagender Riesen-Pracht-Knickbein. In der Kuchenbude hockt hautdürre, triefäugige, weibliche Ohnmacht. Zwischen knochengrauen Fingern gähnendes Strumpfloch. Aus Stricknadeln und Katzenaugen springen Funken. In weitem Umkreis staubsüße, schmalzschmierige, höhnische Backdunstduftluft. Und vor mir Kuchen. Kuchen. Kuchen. Kuchen. – Kuchen. – Kuchen. – Rote, orangene, gelbe, grüne, blaue, indigo-farbene, violette Kuchen. Sirupbrezeln prickeln mit Millionen feiner Nadeln in meine Geruchsnerven, schießen ins Gehirn, bohren sich tief in das Mark des untersten Rückenwirbels. Kolossal nervöse Kuchen. In der Mitte ein riesiges, lebkuchenes, zuckerübergossenes Herz, von einem Pfeil durchbohrt. Mein Herz. Mädchen vor der Kuchenbude. Strammes, dralles, rundes, kerngesundes, fleischfarbenes Bauernmädchen. Phosphorglitzeriger Blick von mir zu ihr hinüberschießend. Mich streift komplizierter Duft ihres Haares. Mir wird pomadenbang. Ihrerseitiger grünlich-verlangender, tigergieriger Lebkuchenblick. Meinerseitige fiebernde Bewegung in die Tasche und wahnsinnglühende Berappung. Ihrerseitiges zahnweißes, weißzähniges Lachen, Fortgehen und Auffressen. Mein Herz! Zerreißt es mit den Zähnen, frißt es, frißt es – frißt mein Herz! Frißt es. Meinerseitiges Sie-nicht-mehr-sehen. Ich fühle mich so innerlich zerfressen, so im Innersten meines Herzens vernichtet, verputzt und vermöbelt. Und dann fühle ich mich so reingefallen, so in Tran getreten, so in die Butter gefallen. Mein ins Leere greifender, tappender, strauchelnder Blick fällt auf eine andere Bude. »Die dressierten Flöhe« steht über dem Eingang. Glühend brennen sich die gasgelben Lettern in den gelben Fleck meiner Netzhaut. Und plötzlich beginnt es in der camera obscura meines Gehirns zu hopsen, zu purzeln und Männchen zu machen. Mein Kopf kommt mir plötzlich vor wie ein Zirkus für in Freiheit dressierte Flöhe. Ja wahrhaftig: das ist er! Ja Alles um mich herum dreht sich wie ein Farbenkreisel. Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett – Alle Farben vermischen sich zum Weiß – und ich trinke die blendende Weiße – die Weiße – die Weiße – Sollte ich vielleicht schon vorher etwas getrunken haben? – – – Aus meinem Tagebuche. Aäi, wie das Bier heut' schmeckte! Fade. Sauer. Scheußlich – Hchrrr – pui! Es floß über den Tisch Und blieb stehen. Und ich starrte in den trüben Tümpel Und starrte – Starrte.... Und mir wurde ganz trübetümpelig zumute. Und erst die Zigarre: Heiliger Bimbam! Zum – Na, ich will es bei mir behalten. Ich stieß den Stummel auf den Tisch, In den Biertümpel; Tschsch – machte es (Pardon, ein Hiatus! Aber »macht' es« Wäre unnatürlich.) Also: Tschsch – machte es, Und aus war er. Der Stummel nämlich. – Und ich bummelte, trottelte, schlotterte, schlankerte Hinaus auf die Straße, Den Hut im Genick, Die Hände in den Hosentaschen, Bis zum Ellbogen nämlich. Und ich starrte in den Rinnstein, Starrte wieder – Und mein bißchen Geist versenkte sich vollständig In das gurgelnde, bullernde, glucksende Schlammwasser. Und dann machte ich ein Gedicht. – Es war ein Sommertag. Vor mir ein Feld: Kartoffeln. Lauter, lauter blühende, blühende Kartoffeln. Und lauter ganz, ganz, ganz schmutzig-lilafarbene Blüten, Wie das die Kartoffeln So an sich haben, Wenn sie blühen. An das Kartoffelfeld Stieß eine Wiese, Und über das Wiesengatter Nickten drei Esel, Gerade noch von der Abendsonne beschienen. Nickten - Nickten – So freundlich So – So – Kollegialisch, Daß ich in tiefer Ergriffenheit Niederfiel auf den Bauch Und rief: Heilige Natur, Du bist doch das Einzig-Wahre! Alles andere, Auch die Kunst, Gegen dich ist es Pimp! Und am Horizont Ging die Sonne zu Bett, Offenbar Müde wie'n Hund Und rot wie Blut. (»Wie Blut« gefällt mir eigentlich nicht! Zu gewöhnlich – Aber ich laß es stehen.) Das alles kam mir wieder in den Sinn, Als ich dahinbummelte, trottelte, schlotterte, schlankerte Nach der Köpenicker-Straße Der konsequente Naturalismus verlangt die Angabe der Straße. Nr. 93. Da wohne ich nämlich. Vor meiner Tür stieg vom Pflaster Eine bleiche Dampfwolke auf, Bläulich-silbern durchzittert Vom Mondlicht. Aus einem Kessel Geheimnisvoll Wirbelte die zarte Dampfsäule empor: »Heiße Frankfurter!« Schrie es mir knirschend entgegen – Brrr, wie mir ekelte – Na? – – – Das nenn ich'n Gedicht, was? Gedanken sind ja keine drin. Das wäre noch schöner! Gedankenlyrik machen Wie der Idiot Schiller, Der »Moraltrompeter von Säkkingen«, Wie ihn Nietzsche genannt hat, Der Philosoph jenseits von Sinn und Unsinn – Und Gefühl? Na, in Jefühl machen wir schon lange nich, Und was die Form anlangt, So ist sie nichts als schandbare Schlamperei; Aber ein Individuum bin ich Verdammt noch'n mal! Und das will was heißen! Individualitäten brauchen wir. Wie Attila, Friedrich Nietzsche Sternickel Und mich. Wir vier, Wir reißen noch mal die Welt aus'm Dreck. Und wenn nich, Na, denn nich. Die Hauptsache ist, daß wir Individuen sind! Gedanken? Phh! Gefühle? Phh phh! Welt? Menschheit? Ist – ja – doch – lllächerlich!   Gedanken und Einfälle. An vielem Lachen erkennt man den Narren, am nie zu erschütternden Ernst den Dummkopf.   Genial kann man auch sein, wenn man lügt; das Genie dient nur der Wahrheit.   Gewisse Rezensenten gleichen den bösen Weibern, die an einem Menschen, solange er lebt, kein gutes Haar lassen, bei seinem Begräbnis aber die schöne Leiche beflennen und ihm die erste Ehre erweisen.   Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit als Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz.   Man soll die Menschen aufklären – gewiß; aber es gibt Geister, die durch Rippenstöße geweckt sein wollen.   Was du nicht klar zu sagen vermagst, das hast du nicht klar erkannt.   Der Kritiker ist selbst etwas – der Kritikaster ist nur eine Laus auf den Werken anderer.   Brotstudium und Forscherdrang – der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis.   Juristenlogik ist eine alte Rakete: man weiß nie, nach welcher Seite das Ding losgeht.   Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen Grundbesitz bringen.   Wer immer dasselbe dichtet, dringt zuletzt durch. Ein steter Tropf höhlt den Stein.   Wenn jemand von einem andern etwas gelernt hat, so schimpft er ihn Schulmeister, um den Eindruck zu erwecken, daß er's längst gewußt habe.   Wenn die Könige baun und wenn sie niederreißen – was ein rechter Karrenschieber ist, findet immer sein Brot.   Ich habe Oberlehrer kennengelernt, die bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen voraushabe.   Es ist ja sonnenklar, daß der Mond dicht hinter den Wolken hängt und daß er größer ist als alle Sterne. Die Klarheit rührt allerdings von der verteufelt großen Entfernung her.   Kritik ist, was nach hundert Jahren die Menschheit sagt. Danach bewertet sich, was heute Herr Schulze redet.   Wenn der Deutsche einen Goethe und einen Schiller in einer Stadt hat, so ist es seine größte Freude, sie auf einander zu hetzen.   Die Wahrheit ist wie die Urschrift eines Palimpsestes: eines Tages kommt sie zum Vorschein, wie viel auch darüber geschmiert wurde.   Wer sich heutigen Tages aus der Menge erhebt, wird so lange mit Unflat beworfen, bis die Niveaugleichheit wieder hergestellt ist.   »Mein Herr ist Professor,« rief eine Katze, »und von dem habe ich's mit eigenen Ohren gehört: Der Löwe ist auch nur eine Katze.«   Während wir leben, häufen sich in unserer Seele Lebensreste an, die von Zeit zu Zeit durch einen Sturm hinausgefegt werden müssen.   Willst du das Geheimnis des Glückes erfahren? Sei stets zufrieden mit dem, was dir das Schicksal gewährt; sei nie zufrieden mit dem, was du leistest.   Die liebende Frau kann sich das ganze Leben als ein seelisches Duett denken; der Mann braucht Abwechselung: Monolog, Duett, Terzett, Quartett, Quintett, Sextett, Septett, Oktett.... Chor und volles Ensemble.   Der Sonntag ist so schön, weil er alle sieben Tage nur einmal kommt. Er ist so schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen.   Keine menschliche Tugend ist so verbreitet wie der Sinn für Wohltätigkeit aus der Tasche anderer.   Überlegung dämpft unsere unedlen Wallungen, aber ach, nur zu oft auch unsere edlen.   Fremdes Verdienst hochachten ist eine bessere Demut als sich selbst geringschätzen.   Solange wir streiten, lassen wir uns nicht überzeugen. Aber wenn wir allein sind, betrachten wir unsere Wunden und Blößen. Dann verträgt es nämlich unsere Eitelkeit besser.   Ihr allzu überlegenen Spötter! Was könnte man nicht verhöhnen? Auch Jesus von Nazareth wurde verhöhnt.   Jede Schuld ist verständlich, wenn man ihr Werden gesehen hat.   Wer so die Lebensschicksale von Schulkameraden und sonstigen Weggenossen beobachtet, der erkennt bald, daß Dummheit kein Hindernis fürs Fortkommen ist. Der Dumme muß nur einen noch Dümmeren finden, und den findet er immer.   Für einen gesunden Schlaf ist ein wohl ausgefülltes Kissen nicht so wichtig wie ein wohlausgefüllter Tag.   Vor jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr sind die Leute da mit Hurrah und Trara – den langen, bitteren Weg mußt du allein gehen.   Es gibt Kränkungen, die so fein und so tief sind wie jene feinen und tiefen Stichwunden, die man anfangs nicht merkt und die erst, lange nachdem man den Stoß erhielt, schmerzen und töten.   Man muß Hammer oder Amboß sein; wer keins von beiden sein will, kommt zwischen beide.   Solange das Recht der Gewalt bedarf, um sich durchzusetzen, wird sie sich immer wieder seine Stelle anmaßen.   Eine irrende Tat ist mehr wert als ein Sack voll kluger Worte.   »Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die Eiche zerschmettert.   »Unvornehm« ist: wenn der andere wiederhaut.   Man muß unsere Rechts- und Gesellschaftsmoral nur erst verstehen! Wenn ich skandalöse Zustände und gemeine Schurken, unter denen vielleicht hunderttausende meiner Mitmenschen leiden, öffentlich kennzeichne, dann handle ich nicht in berechtigtem Interesse. Aber wenn ich eine arme Witwe um drei Mark pfänden lasse, dann handle ich in berechtigtem Interesse. Hm! Hm! Man muß nur erst dahinterkommen!   Die unsauberen Leute erzählen gern, daß sie ein Bad genommen haben.   Eine elektrische Glühlampe können die Motten so viel umflattern, wie sie wollen, ohne zu verbrennen. Aber ob ihnen das recht ist?   Wer für Ideale kämpft, ist versöhnlich; wer für Interessen streitet, nie.   Alle menschliche Entwicklung ist ein rastloses Vorwärtsdrängen mit sehnsüchtig – zurückgewandtem Gesicht. Wir jagen dahin wie Bürgers Wilder Jäger, das Angesicht im Nacken!   Wer glücklich war, will es immer wieder auf dieselbe Weise sein. Aber das Glück wechselt beständig seine Fährte.   Aus den Augen der Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das nicht reden kann.   Ein Schatten ist nichts. Aber der Mann ohne Schatten war tief unglücklich.   Der Gemütslüstling läßt tausend arme Kinder speisen und sieht ihnen mit Tränen im Auge zu, während seine eigenen Kinder hungern.   Die Geschichte von Odysseus und den Sirenen enthält eine köstliche Lehre. Niemand vermag den Sirenengesängen verderblicher Lust zu widerstehen, der sich nicht vorher freiwillig gebunden hat durch das Gesetz. Dieses Gesetz gibt ihm die Freiheit von tödlicher Umklammerung. Aber hören und kennen soll er jene Gesänge – nur Unmündigen mag man die Ohren verstopfen.   Ein wahrer Schlemmer: zu jedem seiner Laster genießt er einen edlen Vorsatz – als Verdauungsschnaps.   Das Unerträglichste auf der Welt ist, einem Elenden zu Dank verpflichtet sein; aber wenn wir dem Edlen dankbar sein dürfen, so erweist er uns damit eine neue Wohltat.   Ein jovialer, immer heiterer Herr! Er erträgt das Mißgeschick anderer mit vielem Humor.   Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der Freiheit träumte.   Wenn im Winter die Sonne scheint, wird es rauher.   Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen.   Wer aus Feigheit oder Mangel an Persönlichkeit mit jedermann liebenswürdig ist, den nennt der Spießbürger »taktvoll«. Und doch zeigt sich der »Takt« gerade darin, daß man eine seine Nase für alle Arten widriger Gesellen hat und ihnen rechtzeitig abwinkt.   Ideale sind wie Nüsse; ihr Inhalt vermodert mit der Zeit und sie werden hohl. Darum soll man seine Ideale rechtzeitig verzehren wie Kronos seine Kinder, und neue sammeln.   Aller Fortschritt der Menschheit ist bedeutungslos, wenn wir nicht dankbare Herzen werden, die ihn empfinden.   Beethovens V. Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus aufgerissenen Himmeln.   Es gibt Leute, die die Welt als ihren reservierten Platz betrachten.   Fuchs und Hund – der Fuchs ist der schlauere von beiden; aber der Hund ist der klügere.   Der Deutsche ist auch in der Kunst immer Parteikopf. Wenn er nach vorn betet, muß er nach hinten f.. zen. Sein Wagner-Enthusiasmus war ein unausgesetztes Verbrechen gegen das keimende Leben in der Musik.   Enthusiasten haben gewöhnlich ein kleines Herz, in dem nur ein Heros zurzeit Platz findet. Wenn sie Mozart lieb gewinnen, werfen sie Beethoven hinaus usw. ins Unendliche.   Das ist ein Genius, der ins Unermessene schweift! Wenn er von Blankenese nach Hamburg reist, nimmt er jedesmal den Weg über San Franzisko!   Gewiß: genießen ist besser als kritisieren; aber eines vergeßt nicht: Genuß ist auch Kritik.   Seltsam: unsere Freude mögen wir mit jedem ersten besten teilen, unser Leid nur mit dem, den wir lieben.   Die Frau ist dann am rührendsten und größten, wenn sie ihrem Manne aus Liebe Unangenehmes sagt.   Die meisten Menschen sind große Kinder und können daher einen Fortschritt nicht ruhig erwarten. Wenn man den Kindern im Herbst sagt: »Bald ist Weihnachten«, so fragen sie nach zwei Minuten: »Ist jetzt Weihnachten?«   Nichts ist »immer so gewesen« und nichts »wird immer so bleiben«. Ihr meint nur, man müsse von Jahrhundert zu Jahrhundert immer einen Fortschritt sehen. Man sieht die Menschheit ebensowenig wachsen wie das Gras. Und dennoch wächst das Gras.   Cosi fan tutte – ein Hain voll Nachtigallen.   Warum rütteln uns heilige Schauer bei den Harmonien von Beethovens »Die Himmel rühmen« oder beim Gefangenenchor im »Fidelio« oder beim Menuett im »Don Juan«, und warum berühren uns andere Zusammenklänge abstoßend oder kalt? Ist das nicht prästabilierte Harmonie? Und ist es ein Beweis gegen diese prästabilierte Harmonie, daß ein Neger sie nicht empfindet?   Je höher der Mensch auf der gesellschaftlichen Stufenleiter emporsteigt, desto mehr erkennt er, daß das Problem des Lebens ganz dasselbe ist für den Fürsten wie für den Schuhflicker und daß alles Gesellschaftliche ein unwesentlicher Zufall ist im Vergleich zum »Menschlichen«. Darum z. B. behandelt der Parvenü seinen Schuhputzer viel schlechter als der Aristokrat. Dieser fühlt sich dem Schuhputzer näher als jener.   Nicht unter denen, die unrecht tun, sondern unter denen, die unrecht leiden, finden sich die meisten und größten Verbrecher an der Menschheit.   Es ist abgeschmackt und töricht, den zu verhöhnen, der nach großen Prinzipien handelt. Wenn wir uns auf der kleinen Erde einmal recht verirrt haben, ist unser Wegweiser ^ die Sonne.   Man bezahlt die Träume der Jugend mit Enttäuschungen; aber man bezahlt sie nicht zu teuer damit.   Das Kennzeichen des Tanzstundenaliers: Ruppig-romantisch.   Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten? Nicht einmal gesund.   Der Deutsche nimmt seine erste Begeisterung immer schnell zurück; er läßt sich auf den Tausendmarkschein der Begeisterung 900 Mark herausgeben. Auch 950.   Dem beschränkten Idealismus der Zimperlichen ist der Gedanke peinlich, daß die schönste Musik durch ein Geschabe auf Tierdärmen entsteht. Dem umfassenden Geiste ist die Verbindung der fernsten Dinge ein neuer Genuß.   Die Erfinder, die diesen Namen vor der Welt haben, sind oft nicht die eigentlichen Erfinder. Sie nahmen oft nur Anregungen auf, die schon durch Generationen weitergegeben wurden. Mag ihr Ruhm noch so verdient sein: der stärkste Mensch ist der, der mit seinen Gedanken jungfräulichen Boden aufreißt. Aber diese Allerersten sind meistens unbekannt geblieben – wie die Götter.   Schrittweise fortschreiten kann auch ein gewöhnlicher Verstand. Den starken Geist erkennt man daran, daß er springen kann und auch gleich nach dem Einmaleins schon das Fünfmalfünf oder gar das Neunmalneun begreift.   Genies sind Menschen, deren Unglück immer genau so groß ist wie ihr Glück.   Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen.   Daß die Menschen allerlei kleine Mätzchen und Schwänke noch immer mit dem Humor verwechseln! Durch Possen und Kapriolen kann man ein weinendes Kind auf Augenblicke zum Schweigen bringen; sind sie vorüber und ist seine Aufmerksamkeit wieder entfesselt, so beginnt es mit erneuten Kräften zu weinen. Still wird es nur, wenn man sein Herz erfreut oder beruhigt. So können wir wohl durch Schnurren und Mätzchen unsere Kümmernisse auf Minuten oder Stunden verstummen machen; aber danach setzen sie von neuem an. Nur der Humor beruhigt unser Gemüt im tiefsten Grunde und macht unsere Seele still und heiter. Und dann noch eins. Die kleinlichen Aufheiterungsmittel muß man, wie das Morphium, in immer stärkeren Dosen anwenden, wenn sie wirken sollen. Der Humor gibt uns eine feste Konstitution, die bis ans Lebensende auch das Bitterste mit Gleichmut und Fassung erträgt.   Das sogenannte »Verständnis« des Pöbels ist widerwärtiger als sein Unverständnis. Wenn der Pöbel das Große zerstört, so ist er wenigstens ehrlich; wenn er es verehrt, so lügt er. Seine Verachtung kann für einen Menschen ehrenvoll sein, seine Verehrung nie.   Manche Genies wären vielleicht viel eher anerkannt worden, wenn sie sich das Haar in die Stirn geworfen und ein finsteres Gesicht aufgesteckt hätten. Sie wußten das vielleicht auch – aber nun taten sie's gerade nicht.   In seltenen, gehobenen Augenblicken kommt über die Menschen eine Schönheit, die ganz anders ist als die individuelle Schönheit. Sie kommt auch über die Häßlichen. Es ist die Schönheit des Menschen .   Die Nervosität ist eine Krankheit unserer Zeit, das mag sein. Aber außerdem ist »Nervosität« das vortrefflichste Deckwort für alle Arten Selbstsucht. Die Gesündesten und Faulsten haben es bereits in Gebrauch genommen.   Der Haß ist ein Fuselrausch; seine Folgen sind Schmerz, Übersättigung, Stumpfheit und selbstanklagender Abscheu. Liebe aller Arten ist aber ein Rausch von edelstem Weine; selbst ihr Katzenjammer wird zum Genuß durch Freuden der Erinnerung und Wonne der Wehmut.   Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist angenehmer als die Laus; denn er springt.   Die Großsprecher sind wie Walfische; sie haben ein ungeheures Maul, können aber nur kleines Getier verschlingen.   Wer »über allen Parteien steht«, ist freilich ein Narr über alle Narren.   Es gibt Leute, die sich nie so weit vergessen können, »Hol mich der Teufel!« oder »Himmeldonnerwetter!« zu sagen. Man nennt sie »gebildete Leute.«   Vorbildern nachstreben ist gut; aber nur das selbst gefundene Ideal verleiht unseren Handlungen einen lebendigen Nerv.   Ich bin überzeugt daß man durch Erziehung die Menschennatur veredeln kann, nur gehören zahlreiche Generationen dazu. Am Einzelnen ist kaum ein Erfolg zu spüren. Entmutigt euch das? Wie kleinlich! Nur winzige Krämerseelen wollen jede Stunde den Gewinn merken. Seid doch stolz, daß ihr an einem Werke mitarbeiten dürft, das viele Jahrtausende erfordert! Kann eurem kurzen Dasein eine größere Ehre zuteil werden?   Alexander, Cäsar, Napoleon, die »Gewaltigen« der Erde – was sind sie gegen dich, Molière! Als jüngst dein Tartüff gespielt werden sollte, hintertrieben es die Mucker mit angstvollem Eifer. Noch nach zwei Jahrhunderten zittert das Geschmeiß vor dir!   Die Aaskrähen der Theaterkritik krächzen am wütendsten, wenn eine erhoffte Hinrichtung nicht stattgefunden hat.   »Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag, der gestern vergangen, und wie eine Nachtwache.« Sind Sie etwa ein tausendjähriger Nachtwächter, Herr Pastor?   Die schöpferische Stimmung ist wie ein sprödes, verführerisches Weib; sie entwindet sich jeder Form, die sie umarmen will, und läßt dann wieder ihre Reize spielen. Und die Begierde wächst.   Kleine Fehler eines großen Kunstwerks wirken wie Schönheitspflästerchen auf der zarten Haut einer schönen Frau.   »Der edlen Kunst geziemt es nicht, nach Brot zu gehen, rief ein fettes Huhn mit seinem bekannten Blick zum Himmel – da schnappte es der Nachtigall ein Würmchen weg.   Die Zahl der Musen hat sich um eine vermehrt. Sie heißt Chuzpe.   Auch in der Kunst sind die Gaben ungleich verteilt; die einen haben das Talent und die andern das große Maul.   Nur was frech-erotisch ist, ist »kühn« – so will es unser landläufischer Geschmack.   »Ich stehe über ihm! Ich stehe über ihm!« schrie ein Frankfurter Spatz auf dem Denkmal Goethes und rezensierte ihm etwas auf den Kopf.   Unseren verlogenen Pessimisten paßt es nicht, wenn eine Dichtung glücklich endet. »Ende gut, alles schlecht«, das ist ihre Weltweisheit.   Die Dichter, die behaupten, es sei ihnen einerlei, ob ihre Bücher gekauft und anerkannt würden, bewundere ich außerordentlich! Aber ich glaub' es ihnen nicht.   Wenn der unerzogene Mensch sich an einer Speise übernommen hat, so schimpft er auf die Speise. Genau so macht es die Masse mit den Geschmacks- und Geistesrichtungen, denen sie im Übermaß gehuldigt hat. Solche Reaktionen beweisen nichts.   Daß in einen Dickschädel nichts hineingeht, ist nicht das Schlimmste; aber wenn doch einmal etwas hineingeraten ist, dann geht es nicht wieder heraus, und das macht ihn gefährlich.   Mit den Dummen ist es wie mit lahmen Uhren; auf einen kräftigen Anstoß laufen sie ein paar Minuten; aber das Bleibende ist der Stillstand.   Nicht glauben können oder wollen, ist Beschränktheit: jeder geistige Fortschritt beginnt mit Glauben. Nur eines ist noch dümmer: einen Glauben niemals aufgeben wollen.   Ich hörte Zeichenlehrer über ein Böcklinsches Gemälde reden. »Das ist verzeichnet!« war ihrer Weisheit Anfang und Schluß. Welcher Dichter wüßte nicht ein Lied zu singen von den – Zeichenlehrern.   Der Humorist ist der Hygieniker, der Luft und Sonnenschein und guten Wein und gesunde Nahrung und lauter solche Dinge verordnet; der Satiriker ist der Chirurg, der schneiden und wehtun muß und oft ohne Narkose.   Schreib deine Satiren so, daß der Zuschauer im Theater ruft: Ja ja, so sind die Menschen! – und du wirst gerühmt werden. Schreib sie so, daß der Hörer sich sagen muß: Ei verflucht, das geht auf mich! – und man wird dich steinigen.   Eine erbärmliche Partikel kann dich so beschimpfen, daß tausend Verteidigungsreden dich nicht mehr reinigen können.   Niemand ist vor seinem Tode Goethe zu nennen, sagte der Professor.   Im Dunkeln finden die Blinden den Weg besser als wir.   Der Instinkt einer Hammelherde ist immerhin viel gescheiter als die Gedanken eines einzelnen Esels.   Genuß ist Einatmung, Kritik ist Ausatmung, also naturnotwendig. Aber es gibt Leute, die einen schlechten Atem haben.   Ein stolzer Rezensent! Jedesmal, wenn er urteilen soll, setzt er sich aufs hohe Rhinozeros.   Trübe Wasser sind gewöhnlich seichter, klare Wasser sind immer tiefer, als sie scheinen. Nach einem Naturgesetz!   Die Welt ist ein Werden, also interessiert mich das Neue und Zukünftige mehr als das Gewesene. Historischer Sinn ist ja trotzdem notwendig; aber man soll dem Frosch, der vom goldenen Stuhl immer wieder in den Pfuhl hüpft, nicht »historisches Denken« nachrühmen.   Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt freilich auch, »Erfahrungen«. Aber mehr im Fressen als in der Botanik.   Talente können einander wohl verdunkeln, nicht aber Genies. Blau ist nicht schöner als Rot, und die Luft ist nicht besser als das Wasser.   Der Streit ist der Vater aller Dinge; aber der Zank ist ihr Stiefvater.   O, meine Deutschen! Zu p.ss.n brauchen sie erst nach dem zehnten Seidel; aber urteilen müssen sie schon nach dem ersten Akt!   Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen.   Die Stümper sind neidischer als die Talente, und die Talente sind neidischer als die Genies. Ein rechtes Genie weiß ganz gut, daß sein Ruhm nur einmal da ist.   In jeder Sturm- und Drangperiode gibt es so gewisse »Stürmer gegen alles«, die alles umstürzen möchten. Habt ein Auge auf sie, das werden nachher die Kettenhunde der Reaktion.   Die Philosophen sagen mit den verschiedensten Worten das Nämliche und mit den nämlichen Worten das Verschiedenste. Das ist die Geschichte der Philosophie.   Es gibt kein trockenes Studium, wenn man selber Saft hat.   Rechtfertigung des Lustspiels . Es gibt Konflikte, die tragisch enden müssen; es gibt keine, die glücklich enden müssen. Aber es gibt viele Konflikte, die glücklich enden können , wenn die Weisheit des Menschen rechtzeitig eingreift. Die Tragödie ist die Kunst vom auf uns lastenden, uns unterdrückenden Schicksal, die Komödie ist die Kunst des gegen das Schicksal sich auflehnenden, sich befreienden Menschen, die Kunst des Optimisten, die Kunst der Hoffenden.   Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich konservieren.   So ist alle Arbeit in der Welt auf das weiseste verteilt: Der eine hält edle Reden, und der andre handelt danach.   Leichtsinnig sein ist so verführerisch, weil der Leichtsinn selbst ein Genuß ist. Er ist eine Fahrt auf der Rutschbahn.....   Keiner braucht so gern das Schimpfwort »Philister« wie der Philister.   Hüte dich vor den Überbescheidenen! Sobald sie sich fühlen, sind sie die Frechsten.   Der junge Löwe benimmt sich so albern wie ein junger Hund. Erst wenn er größer geworden ist und die übrige Tierheit kennen gelernt hat, kommt der Stolz.   Jeder Vergleich hinkt. Man sagt z. B. von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust auf's Auge« – und die paßt doch mitunter so gut dahin!   O dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und umarmt einen Hummer!   Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerina, wenn er selbst auch Professor der Ethik ist.   Das beredteste Zeugnis für die Größe eines Mannes ist die Sucht seiner Feinde, ihn zu verkleinern.   Du nennst den Schmeichler falsch, wenn er von dir abfällt? Er war ein treuer Spiegel deiner Torheit.   Du mußt Unrecht leiden; denn du hast Unrecht getan. Von wem du es leidest, ist gleichgültig.   Mit Feinden kann man sich versöhnen, mit Zwischenträgern nicht.   Mit deinen Erfolgen wächst die Zahl deiner falschen Freunde und deiner echten Feinde.   Wie der Gott, so die Seele; wie der Himmel, so das Meer.   Die Gutmütigkeit des Dummen ist nicht zu verwechseln mit der Güte des Klugen. Wer klug ist und doch gut, der ist sehr gut. Das ist so viel wie: die Gefahr kennen und dennoch tapfer sein. Blinden Mut zeigt auch der ahnungsloseste Wiederkäuer.   Die Leute, die uns nach viertelstündiger Bekanntschaft alle unsere Sünden vergeben haben, sind doch eigentlich recht angenehme Leute! – Aber hüten wir uns, ihnen selbst ein Leid zuzufügen!   Das sind unsere giftigsten und hartnäckigsten Feinde, die ehemals unsere Freunde waren.   Die Unschuld ist nur beredt in ihrer Verteidigung, wenn sie schweigt; wenn sie reden will, schnüren ihr Stolz und Scham die Kehle zu. Sie kann nicht die Sprache der Gemeinheit reden.   Zu einer Schlechtigkeit fähig sein, ist nicht so schlimm wie zu einer edlen Tat unfähig sein.   Das ist der schönste, lohnendste Erfolg, den ich mir denken kann: die Heuchelei so zur Wut zu reizen, daß selbst sie sich vergißt und sich Blößen gibt.   Das Leben ist wie eine Zigarre; wenn sie mit Verstand und Geschmack verbrannt wird, schmeckt auch der letzte Rest noch gut; wenn sie unsinnig verpafft wird, brennt sie schief, und das Ende stinkt.   Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »die Gegenwart nützen« und »sich nicht mit vagen Zukunftsideen abgeben!« – Fressen sich voll und grinsen über die, die dafür sorgen, daß sich auch morgen etwas zu essen findet.   Leichtfertige leben nur in der Gegenwart, Schwerblütige nur in der Vergangenheit, Phantasten nur in der Zukunft. Ein ganzer Mensch lebt in allen dreien.   Selig sind die blind Autoritätsgläubigen! Sie finden schon auf Erden Götter, die ihren bescheidenen Ansprüchen vollauf genügen.   Man kann selbst vor einer Wahrheit Ekel und Überdruß empfinden, wenn sie unaufhörlich abgeplärrt und niemals ausgeführt wird.   Ein neuer Gedanke und tausend alte machen ein neues Buch.   Wörter sind Goldmünzen; wer sie gehörig auswalzt, kann ungeheure Begriffsflächen damit bedecken.   Nietzsche ist der Philosoph der gewendeten Wahrheiten, die wie neue aussehen.   In der Kunst gibt es keine Auferstehung der Toten, sondern nur eine Auferstehung des Lebendigen.   Worin die Menschen am fleißigsten sündigen, darin heucheln sie auch am fleißigsten.   Eine gewisse Art von Frauen hält sich lange in ihrem Aussehen – wie die Strohblumen.   Wenn ein Mandril den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit, oder man ist ein Ästhetiker und Halunke.   Der Verkehr war immer der Vater des Fortschritts. Die Tyrannen stürzen, wenn die Menschen sich kennen lernen.   »Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß.   Unsere Gewürz- und Kaffeekrämer haben oft recht strenge Anschauungen in Ehe- und Liebesfragen. In Eigentumsfragen sind sie milder.   Wenn unser Leibblatt einen Artikel bringt, der uns nicht behagt, werden wir böse, und wenn's noch einmal vorkommt, bestellen wir es ab. Wir machen die Presse zu unserm Sklaven, der uns sagt, was wir hören wollen. Gerechte Vergeltung.   Kleine Sünden schützen uns oft vor den großen wie die Schutzblattern vor den echten Blattern.   Mancher gilt für unbestechlich, weil er erst nach Jahren quittiert.   Heiliger Reinigungseifer, verzage nicht, wenn du nicht allen Schmutz aus der Welt schaffen kannst! Selbst ein Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet.   Die Lüge ist ein seltsames Gewebe: wenn man ihrer mehrere aufeinander legt, werden sie durchsichtig.   Wer die Schwäche seiner Sache fühlt, pflegt zu schreien; darum machen gewisse moderne Komponisten so viel Lärm.   Man kann nicht zu Berge steigen, ohne nach oben zu blicken; man kann sich nicht aufwärts entwickeln, ohne Menschen über sich zu erkennen.   Im Rausch zeigt der Edle sein Edelstes, der Schurke sein Gemeinstes.   Mancher ist schon vor seiner Feigheit in die Tapferkeit geflohen.   Die Halunken suchen immer Deckung hinter der guten Erziehung – ihrer Gegner.   Manch ein Ehepaar ist wie die Kiefer einer Kneifzange: immer gegeneinander, aber untrennbar verbunden.   Die offenbar gehässigen Rezensenten sind nicht die schlimmsten, weil sie sich nämlich verraten; schlimmer sind die mit schwefelsaurem Wohlwollen.   Lies nicht Bücher, die die Stunden totschlagen; lies Bücher, die sie lebendig machen!   Ein echter Dichter ist ein Mann, der jeden Kummer kennt.   Ein Verein mit tausend Mitgliedern ist die tausendfache Verwässerung einer Idee.   Lachen ist gut; aber das Lachen der Dummheit ist häufiger als das Lachen der Weisheit.   Ein Kenner dieser Zeit sprach über einen Geisteskranken das merkwürdige Wort: »Er hat das Vernünftigste getan, was er in dieser Zeit tun konnte: er ist verrückt geworden.«   Man hat die Leute, die im Kriege gegen ihr Vaterland sprachen, Ochsen genannt. Das ist ungerecht; hier handelt es sich nicht mehr um Ochsen, sondern um besten Fleischextrakt.   Kennzeichen des Bureaukraten: Wenn man ihm die Torheit einer Maßregel nachweist, sagt er: Nun gerade!   Es gibt bekanntlich Leute, die so klug sind, daß die andern nicht mitkönnen. Es gibt aber auch Leute, die so dumm sind, daß keiner mitkann.   Das Maulwurfsauge der Durchschnittsmenschen kennt die Farben des Lebens nicht und verträgt sie nicht.   Angegriffen werden immer nur die Könner; die Schafsköpfe genießen Gedankenfreiheit.   Der Tod ist die Gebärde der schweigenden Verachtung für das Leben.   Wenn ein großer Mann tot ist, kann man ihn ruhig ehren, denken die Leute; denn dann fühlt er's ja nicht mehr.   Man kann ein Optimist sein und es doch sehr gut nachfühlen, wenn jemand sagt: »Ich mag nicht mehr,« und die Pistole gegen sich abdrückt.   Unsere »tiefsinnigen« Dichter von heute gleichen gar oft den Leuten, die sich »hoher Beziehungen« rühmen, von denen die andere Seite nichts weiß.   Der Idealist: O Gott, o Gott, wenn das viele Rindvieh nicht wäre! Der Realist: Dann hätten wir keine Beefsteaks.   Die immer zweifelnde Seele stirbt an Nahrungsmangel,   Milliarden von Menschen, unabsehbare Ketten von Zukünften ruhen in deinen Lenden. Also hoffe!   Auch das Genie ist zuweilen frech, aber ohne es zu wissen. Seine Frechheit ist »Gemsenfreche«.   »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Der Racheschrei aller Schuster gegen Hans Sachs.   Die besten Freunde einer Idee sind ihre Gegner; die Anhänger sind es selten.   Kultur ist etwas ganz anderes als Artistenvergnügen.   Es gibt wirklich Menschen, die nicht glücklich sind, wenn sie sich nicht unglücklich fühlen.   Die Menschen haben ein multiplizierendes Gedächtnis für das Übel, ein dividierendes für das Gute, das sie empfangen.   Die Zeit heilt unsere Schmerzen mit einem feinen Radiermesser; aber immer geht ein Stück vom Herzen mit.   Manche Leute reden verächtlich vom Witz. Es sind merkwürdigerweise immer solche, denen noch keiner eingefallen ist.   Es gibt eine Kritik der Rinderhufe, die das Unbequeme einfach niederstampft.   Bei volkstümlichen Konzerten schließen selbst gute Vortragsfolgen gewöhnlich mit einer Banalität. Furchtsame Verbeugung vor dem Pöbel.   Gegen Gestank gibt es kein Heldentum, Frechheit ist der Versuch, Kraft vorzutäuschen.   Die üblichen Handwerker der Diplomatie sind entweder Halunken oder Dummköpfe. Darum muß die Diplomatie geheim bleiben.   Es gibt keinen Helden vor seinem Kammerdiener, sagt man. Aber sollte das nicht gewöhnlich an den Kammerdienern liegen?   Der Mensch mordet unaufhörlich Tier um Tier; aber seinen eigenen Tod will er tragisch genommen sehen.   »Bei Hagenbeck,« hörte ich, »sieht man die Löwen in Freiheit, ohne Käfig und Gitter.« Ich ging hin und sah in der Tat weder Käfig noch sonst ein Gitter. Aber ein unüberspringbarer Graben sperrte sie ab. Da begriff ich die Freiheit der Republiken.   Das Weib, das einmal die Scham abgelegt hat, kennt keine Grenze mehr, wie im Geschlechtsleben, so in der Politik.   Alles Leben ist ein Weg zur Ruhe. Das tröste dich.   Ihr sucht eine internationale Sprache? Sie ist längst im Gebrauch: das Geld.   »Denken Sie, dieser Mensch hat mich \>Halbidiot\< genannt!« – »Nun, er wollte Ihnen nicht gleich die ganze Wahrheit sagen.«   In allen Staaten und unter allen Regierungsformen ist Politik das Schindluderspiel der Mächtigen mit den Schwachen.   »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!« – Schwärmer haben diesen Ruf erfunden; Schurken machen sich ihn zunutze.   Es ist kein Verdienst, gegen seine Umgebung »gütig« zu sein; die größten Verbrecher an der Menschheit sind oft in dieser Weise »gütig«. Einen Blick und ein Gewissen dafür haben, was man den Menschen auf Entfernung antut – darauf kommt's an.   Es gibt viele Menschen, die dir unverbindlich gern etwas Verbindliches sagen.   Manche Künstler sind so größenwahnsinnig, daß sie Schwindel erfaßt, wenn sie zu sich emporblicken.   »Schlafe sanft in stiller Nacht; Gottes Engel halten Wacht«, las ich über meinem Bett im Gasthofe. Ich klingelte sofort dem Kellner und fragte: »Was berechnen Sie pro Engel?«   Was ist künstlerisch? Was zu Herzen geht.   Den Heiratsantrag stellt immer der Mann; aber die Anregung dazu geht nicht selten vom Weibe aus. Genau wie beim Krieg: der Urheber des Krieges schiebt immer dem Gegner die Kriegserklärung zu.   Gewisse Kunstrichter bestaunen nur die nicht überwundene Schwierigkeit; die sehen sie, weil ein Pferd sie merkt; die überwundene Schwierigkeit imponiert ihnen gar nicht; denn die sieht nur der Könner.   Folg deinem innern Sinn, und nach einem Leben voll Zweifel wird dir's doch zur Gewißheit: Hinter dem, was wir schauen und erleben, webt in heiligem Geheimnis eine unbekannte Welt.   Ich fuhr über den kristallhellen Badersee. An einer besonders klaren Stelle meinte jemand: »Hier kann man doch waten!« »Ah beilei'«, lachte der Ruderknecht, »da kinnen S' viermal übereinand ersaufen!« Dieses wünscht seinen oberflächlichen Rezensenten Otto Ernst.