Lily Braun Mutter Maria Eine Tragödie in fünf Akten Personen Maria, (36 Jahre) Angelo, ihr Sohn, (19 Jahre) Giuseppe, ihr Gatte, ein Zimmermann, (68 Jahre) Sandro, ein Maler, (70 Jahre) Giuliano dei Medici, Herzog von Remours, (42 Jahre) Filiberta, seine Gemahlin, (20 Jahre) Lucrezia, seine Geliebte, (35 Jahre) Lorenzo dei Medici, sein Neffe, Herzog von Urbino, (21 Jahre) Bibbiena, Kardinal, (40 Jahre) Der Pater Inquisitor, Abt von Fiesole, Dominikaner, (50 Jahre) Fra Sebastiano, ein Mönch, (40 Jahre) Pietro, Cesare, Roberto, Gasparo, Freunde Angelos, (älter als er) Ein alter Diener Der Stadtknecht 1. Söldner 2. Söldner 3. Söldner 4. Söldner Mönche, Mädchen und Jünglinge, Diener und Dienerinnen, Pagen, Söldner, Gäste der Medici. Zeit: 1513. Schauplatz: Florenz und Umgebung. Erster Akt: Im Hause Giuseppes in San Domenico. Zweiter Akt: Vor der Villa Poggio a Casano. Dritter Akt: Im Palazzo Medici. Vierter Akt: Auf dem Domplatz. Fünfter Akt: Im Hof des Bargello und auf der Piazza della Signoria. Erster Akt Im Hause Giuseppes, des Zimmermanns, in San Domenico bei Florenz. Offene Halle mit gewölbter niedriger Decke. Drei Bogenöffnungen zwischen Säulen im Hintergrund. Die rechte ist durch einen Vorhang verhängt. Links führt eine Holztreppe zu einer Empore, die zu beiden Seiten mit kleinen Türen abschließt. Rechts unten ebenfalls eine Türe. In der Ecke rechts vor dem verhängten Bogenfenster ein Hausaltar; über ihm das Madonnenbild Botticellis »Das Magnifikat«, darunter eine ewige Lampe. Unter der Treppe links eine Sitzbank mit einem Tisch davor, ein großer Lehnstuhl daneben. Durch die zwei Bogenöffnungen Blick auf einen kleinen Garten, mit niedriger Mauer, an der die Straße vorbeiführt. Im Hintergrund die Türme von Florenz. Abenddämmerung. Maria, eine Frau von etwa sechsunddreißig Jahren mit schönen Zügen und goldblonden Haaren, die sich lockig unter dem Tuch hervorstehlen – ihre Kleidung entspricht der der Madonnen des Fra Bartolomeo – sitzt auf dem großen Stuhl zurückgelehnt, ein Gebetbuch im Schoß und blickt in Gedanken verloren hinaus. Das Geräusch näherkommender Schritte und Stimmen weckt sie aus ihrer Versunkenheit. Sie erhebt sich langsam, gießt aus einem Krug Wein in einen Becher, den sie auf den Tisch stellt. Giuseppe, ein alter aber noch rüstiger Mann, Ende der Sechzig, mit Zimmermannshandwerkzeug beladen, tritt ein. Maria, in demütiger Haltung, nimmt ihm während des folgenden Zwiegesprächs das Werkzeug ab, ebenso den Mantel und schließlich die Stiefel, wobei sie vor ihm kniet und er in durstigen Zügen den Becher leert. Giuseppe Ein heißer Tag war's! Meine alten Arme, Der übergroßen Arbeit ungewohnt, Versagen fast den Dienst. Allein die Freude Wirkt wie ein Zaubertrunk. Maria So war es doch das Chorgestühl im Dom, Das zu vollenden dich der Meister holte? Madonna segne dir zum Werk die Hand! Giuseppe Das Chorgestühl, an dem der Holzwurm frißt? Die Zeiten, da wir Ratten, Mäusen, Würmern Noch dankbar waren, weil sie Arbeit schafften Und uns davor bewahrten, zu verhungern, Sind jetzt vorbei. Du träumst, Maria! Unsre Gartenmauer Umschließt für dich die Welt. Indes die Stürme Des jungen Frühlings ihre Wogen peitschen. Meinst du, die kleine alte Pforte dort Sei wie ein Wall, an dem sie brechen müssen. Der Herzog – (Maria erschrickt und hebt abwehrend beide Hände.) Ruht auf den Medici für dich noch immer Savonarolas Fluch? Bist du so fromm Und fühlst es nicht, daß Gott allein es war. Der fürchterlich des Priesters Wahnwitz strafte Und im Triumph Lorenzos edle Söhne Zurückgeführt? Maria (mit leisem Vorwurf) Warst nicht auch du Savonarolas Jünger Und sahst in ihm den Retter von Florenz? Giuseppe (erhebt sich) Ich war betört wie viele! Doch genug – Du bleibst die Heilige und ich der Sünder! Ist Angelo zurück? Maria Noch vor der Nacht Versprach er hier zu sein. Giuseppe Schick ihn zu mir, Sobald er kommt. Ehrwürden, dein Herr Sohn, Hat dann vielleicht noch Zeit für seinen Vater. Maria (sieht bittend, mit gefalteten Händen zu ihm auf) Giuseppe, du bist hart! Hat er nicht stets Getan, was du verlangst, ja mehr als das? Noch gestern schnitzte er den Engelskopf, Der dir mißlang, nur um dich froh zu machen. Giuseppe Du zitterst wieder um dein Küchlein, nicht? Und möchtest's mit den beiden Flügeln decken, Als wär' der Habicht nahe! Wirst du nie Die Furcht verlieren, wenn der Zimmermann, Gewohnt, nur mit dem Hammer dreinzuhaun, In seiner rauhen Weise mit dir spricht? Der Knabe ist ein guter Sohn, – ich weiß! Ich liebe ihn, doch grade darum wurmt mich's Noch mehr als sonst, daß wir ihn Gott versprachen. Ein Größter unter Großen, So stünd' er heute vor dem Medici, Wenn er ein Künstler wäre! Schau hierher: (Er entfaltet eine Rolle, die er beim Kommen auf den Tisch gelegt hatte.) Dies Schild, auf goldnem Grund die roten Äpfel, – Fortuna selbst gab es Florenz zurück! – Soll überall in Kirchen und Palästen, Wo es der Aufruhr frevelnd niederriß, Aufs neue prangen! Wer immer aus dem Holz und aus dem Stein Das Schild der Medici zu meißeln weiß, Ist aller Sorgen ledig; und wer gar Mars und Merkur als dieses Wappens Träger Recht künstlich und lebendig schaffen könnte – Maria (ihn hastig unterbrechend) Und Angelo, mein Sohn, so meinst du, soll – Das Schild der Medici – –! (Sie sinkt in die Knie und verbirgt das Gesicht in den Händen. Giuseppe sieht sie staunend an, zuckt ärgerlich die Achseln, nimmt sein Handwerkszeug und steigt die Treppe hinauf, wo er in der Türe links verschwindet. Inzwischen hört man von fern das Gebetmurmeln der Mönche, die paarweise in langem Zuge an der Gartenmauer vorbeikommen. Maria erhebt sich, geht hinaus und öffnet die Gartenpforte in dem Augenblick, wo der letzte Mönch, der von den andern abgesondert allein geht, vorüber kommt. Er bleibt stehen, sie küßt ihm die Hand, er macht das Zeichen des Kreuzes über sie und tritt mit ihr ein.) Fra Sebastiano Wir haben ihn den ganzen Tag vermißt, Er fehlte bei der Messe, bei der Hora. Ich bin sehr traurig über Euren Sohn, Denn auch den Beichtstuhl meidet er, seitdem Ihn jener böse Geist der Unruh packte Und täglich länger unserm Schutz entreißt. Maria Und heute kam er gar nicht in das Kloster? Noch nie geschah's! Ihm kann doch auf dem Wege Nichts Böses zugestoßen sein? Fra Sebastiano Wer weiß! Der Teufel geht umher seit gestern morgen Und sucht die Seelen, daß er sie verschlinge. Ich ging hinunter, böser Ahnung voll. Als ich die Glocken läuten hörte. Ganz Florenz war auf dem Platz; der Mediceer Gefolgschaft, die seit Jahren schweigen lernte, Erschien erhobnen Hauptes, führte keck Das große Wort, und unser armes Volk, Von jedem Lüftchen hin und her getrieben. Wie ein papierner Drache, den die Kinder Dem Zufall frischer Winde anvertraun, Stand stumm dabei, im Innern längst bereit. Sich einem neuen Herrn zu unterwerfen. Alsdann Giuliano kam, Lorenzos Sohn, Des Prächtigen, des Reichen, Vielgeliebten, Auf weißem Zelter, in dem goldnen Panzer, Dem wohlbekannten, drauf die Sonne lüstern Die Bilder schamlos nackter Heidengötter Zu küssen schien, begrüßte ihn die Menge Wie einen Triumphator. Daß sein Antlitz Bewegungslos und eisern blieb, sein Auge Mit keinem Blick bemerkte, wie das Volk Sein ganzes Herz ihm vor die Füße warf. Erhöhte nur den Eindruck, den er machte; Noch nahm niemand die Acht von seinem Haupte, Und dennoch war, als er zur Erde sprang. Der Schritt, mit dem er aufwärts zum Palast Der Signorie die breiten Stufen trat, Der des Erobrers. Die Fahne in der Faust, darauf die Kugeln Wie blut'ge Tränen glänzten, blieb er stehn Und maß mit jenem Blick der Medici, Dem kühlen, überlegenen, das Volk, Das ohne Schwertstreich sich ihm unterwarf. (Mit gesteigerter Leidenschaft.) Und niemand griff nach einem Stein, und keiner Besaß den Mut, auch nur die Faust zu ballen, Den Mund zu einem Fluch zu öffnen! Schon Sah ich die Krämer mit dem Vorteil rechnen, Leichtsinn'ge Jugend mit der Lustbarkeit – Maria Doch hört' ich heut, die fremden Söldnerscharen Verließen unsre Stadt; die Nachbarin Erzählte mir, das sei des Herzogs Werk. Fra Sebastiano Ein gutes Werk und eines Christen würdig! Wie Wölfe, die der Hunger aus der Berge Versteckten Schluchten in die Ebne treibt. So spien unsre Tore diese Bestien Ins Land hinaus; ein weites Trümmerfeld, Ein gräßlicher Altar, auf dem die Gier Entmenschter Horden unsre Jungfraun opfert. Ist ganz Toskana. Doch die Florentiner Sind trunken vor Entzücken, denn der Herzog Versprach dem treuen Volk den Karneval! Sie reißen schon die roten Kreuze ab. Die sie als Zeichen ihres Christenglaubens Und ihrer Freiheit mit denselben Händen An allen Straßenecken aufgerichtet! – Vereinige, du frömmste aller Frauen, Mit uns dein Bitten, daß der heil'ge Christ Nicht allzu lang die Greuel dulden möge. Und hüte deines Sohns! In seidnen Kleidern, Auf seinen Lippen süßen Honigseim, Das Haupt bekränzt wie Bacchus und Apoll, So naht sich der Verführer! – Sei gesegnet, Mutter Maria, für dein schweres Werk. (Er macht das Zeichen des Kreuzes über die tief sich Neigende. Maria geleitet ihn hinaus, küßt an der Pforte seine Hand, schaut, während er weiter geht, noch einmal die Straße hinauf und hinab und kehrt dann langsam, in Nachdenken Versunken, zurück. Sie steigt die Treppe empor und verschwindet in der Türe links. Kurze Zeit bleibt die Bühne leer. Dann tritt Meister Sandro herein, ein alter Mann in schwarzem, mönchischem Gewande, mit schwarzer Kappe, und Lucrezia, eine schöne, üppige reife Frau in prachtvoller Tracht. Sie bleibt einen Augenblick zögernd an der Schwelle stehen und sieht sich verwundert um.) Lucrezia . In dieser Hütte, sagt Ihr?! (Meister Sandro neigt zustimmend den Kopf.) Welch ein Rahmen Für eine königliche Schönheit! Sprecht! Wie kam es, Meister Sandro? Sprecht geschwind. Damit ich's weiß, eh' ich ihr selbst begegne. Sandro (abweisend, kühl) Gott selber rief sie. Lucrezia (mit leichtem Spott) Durch den Mund des Mönchs?! Sandro Durch jenen Mund, der viele tausend Seelen Vor ewigem Verderben rettete! Der jene unglücksel'ge Stadt, den Schauplatz Der Orgien aller Diener Beelzebubs, Durch seiner Worte reinigendes Feuer Befreite und entsühnte. Lucrezia Meister Sandro, Ihr geht sehr weit! Der Herzog rief Euch nicht An seinen Hof um Eurer Predigt willen. Sandro Mein Pinsel steht allein im Dienst des Herrn. An jenem großen Tag, da sich Florenz Dem Heil'gen unterwarf, da zarte Kinder In ihrer Unschuld weißen Rosenkränzen Die Zeichen unsrer niedrigen Begierden Zum Scheiterhaufen schichteten, – da rief Auch mich der Herr und rief so laut, so drohend, Daß ich mit eignen Armen meine Werke Hosianna singend in die Gluten warf. Lucrezia (Zwischen Erschütterung und Neugierde kämpfend.) Dann maltet Ihr? – Sandro Die Mutter Gottes malt ich, Mutter Maria – (Maria kommt indessen die Treppe herab und geht mit beiden Händen auf Sandro zu.) Maria Meister Sandro – Ihr? Ein seltner Gast! (Sie bemerkt Lucrezia, richtet sich hoheitsvoll auf, mit kühler Würde.) Wen habt Ihr hergeleitet? Lucrezia Lucrezia bin ich. Kennst du mich nicht mehr? Maria Ich kenne dich und kenn' dich nicht. Einst warst du Gespielin mir; doch dann entführte dich Ein bunter Nachen an ein fremd' Gestade, Wo rings die Luft von Lachen widerhallt. Ich aber landete in stiller Bucht. Geleitet sie nach Hause, Meister Sandro, Wir haben miteinander nichts zu schaffen. (Maria wendet sich zum Gehen, Sandro folgt ihr.) Sandro Seid nicht so stolz, Maria! Kann's nicht sein, Daß Euch der Herr erwählt, auf daß auch sie Den Weg zum stillen Port des Friedens fände? (Maria tritt zu Lucrezia) Maria Verzeih mir, bitte! Sieh, ich schäme mich, Daß ich, die Sünderin, dich richten wollte. (Sie umarmen sich. Sandro geht zur Tür rechts.) Ihr geht schon fort? Sandro Ist Angelo zu Haus? Den Kopf der heil'gen Jungfrau, den er schnitzt, Versprach er mir zu zeigen. Maria (traurig, ganz zu Sandro gewendet) Er ist fort. Er flieht das Haus bei Tagesanbruch schon, Er flieht selbst seine Mutter, und die Angst Schlägt ihre Raubtierkrallen um mein Herz. Zu Anfang, wenn er wiederkam, ließ sie Die Beute los, – nur daß er da war, schien mir Beweis genug, daß er auch heimgekehrt! Ich frug ihn einmal, sanft und ohne Vorwurf, Wie er den Tag verbracht – vor wenig Monden Bedurft es keiner Fragen zwischen uns –, Er wich mir aus, ein seltsam Flackerfeuer In seinem Blick. Des Abends in der Kammer Schließt er sich ein; ich stehe an der Türe Scheu – eine Horcherin –! Ich hör' sein Messer, Wie es im Holze knirscht – dann wirft er's weg Und schreitet auf und nieder, stöhnt und seufzt – Sandro Das ist der Kampf des Künstlers um sein Werk Und die Geburt des Mannes aus dem Jüngling! Laß mich in seine Kammer; seinem Lehrer Wird er verzeih'n, wenn er den Schleier lüftet. Der uns vielleicht ein Meisterstück verbirgt. Maria Ihr meint es gut und tröstet dennoch schlecht, Wie könnte je sein Werk ihn mir entfremden, Wenn nicht sein Geist schon fremde Wege ging. (Sie öffnet rechts die Tür, zu der Sandro sich wendet.) Ich frug die heil'gen Väter heut nach ihm, Auch Bruder Sebastiano sah ihn nicht. (Sandro drückt ihr die Hand und geht.) Lucrezia (triumphierend) Ich aber sah ihn! Maria (mit ahnungsvollem Entsetzen) Du?! Lucrezia In Poggio war es. Wohin der Herzog heut am frühen Morgen Mit mir gefahren ist, – mit mir allein! (Mit Betonung.) Ich steh' ihm nah – sehr nah; fast so wie du Vor zwei Jahrzehnten – Maria (gequält) Du wolltest mir von Angelo erzählen. Lucrezia Den Herzog trieb die Ungeduld hinaus, Denn als er gestern abend in Florenz, Berauscht vom Glück der Heimkehr, den Palast Der Mediceer stolzen Schritts betrat, Der Wunder seiner Kindheit gläubig wartend. Und aus dem Säulenhof die Marmortreppe Zum Saal emporschritt, stand er an der Türe, Der weitgeöffneten, entgeistert still: Wo einst der Teppiche gewirkte Pracht In bunten Farben strahlte, starrten ihm Die nackten Wände kalt und roh entgegen, Und statt der Götter des Olymps, die lächelnd Den Knaben grüßten von gewölbter Decke, Sah jetzt der Mann ein nüchtern leeres Nichts Grauweißen Kalks; die Lippen zuckten ihm. Und in die Stirne Grub drohend sich die Falte wilden Zorns. Nur zögernd schritt er weiter; Saal um Saal Dasselbe Bild: geraubt, verbrannt, zerstört. Was unzerstörbar schien, – unsterblich war! – Savonarolas Knechte hausten hier! Maria (unterbrechend) Die Söldner Frankreichs, Spaniens wilde Reiter, Vor denen Piero Medici entwich. Lucrezia Zuletzt stand er vor einer Pforte still, Die mit vier schweren breiten Eisenbändern Tief in der Mauer hing. »Hier fehlt der Schlüssel« Hört' ich den Diener sagen. »Diesen Schlüssel«, Rief drauf der Herzog, »trag' ich stets bei mir, Denn meine Kammer ist es, und sie birgt Den größten Schatz, den ich besessen habe.« (Maria hört in steigender Erregung zu.) Und rasselnd schob er ihn ins rost'ge Schloß. Ein Tritt – und krachend flog die Pforte auf, Ein Sprung – und mitten in dem runden Raum Den grünes Dämmerlicht gespenstisch füllte, Stand schon Giuliano; alle Farbe wich Aus seinen Wangen; mit der blassen Hand Winkt er uns allen, ihn allein zu lassen. Nur eins hatt' ich mit raschem Blick erspäht: Ein breites Bett und einen leeren Sockel. Maria So ist sie fort, die weiße Zauberin, Die, von der Erde ausgespien, der Hölle Die Herzen zuwarf, die sie brechen half? Lucrezia Ein gütiges Geschick hat sie erhalten. Bei Nacht, so heißt's, auf unbekannten Wegen Gelang es einer Schar getreuer Diener Des Hauses Medici, die Marmorstatue Und mit ihr Bücher, Bilder, Prunkgeräte Aus dem gefährdeten Palast nach Poggio, Der abgelegnen Villa, zu entführen. Ein alter Gärtner, den Lorenzo noch Zum Hüter seines Hauses eingesetzt, Bedeckte sie mit Rosen und mit Lorbeer. So schlummerte die Liebesgöttin sanft Dem Tag entgegen, der sie wecken sollte. Maria Du wolltest mir von Angelo erzählen! Lucrezia Gedulde dich, nun bin ich schon bei ihm! Der Herzog war wie toll. »Für einer Dirne Blutheißen Busen«, rief er jüngst in Rom, »Schenk' ich euch alle Götter Griechenlands!« Und jetzt ließ er die Pferde blutig peitschen, Vor Sehnsucht nach der Göttin Marmorbild. Wir kamen unerwartet für den Wächter Nach Poggio heut. Verlegen, ängstlich fast Empfing er uns. »Was gibt's? Verschweige nichts!« Schrie ihn der Herzog zornig an. »Sind hier Wie in Florenz die Götter mir entflohn? Beim Zeus! Ich schick' dich bis zur Unterwelt, Um sie zurückzuholen!« »Gnädiger Herr,« Sagt' drauf der Alte, »fürchtet nichts; kein Fädchen Der Teppiche verlor ich, keine Seite Der Bücher werdet Ihr verknittert finden, Kein Fingernagel fehlt der weißen Frau. Und keines Unberufnen frecher Blick Erspähte Eure Schätze – bis zuletzt –« Und zitternd warf er sich auf beide Knie – »Verzeiht dem alten Mann! – Zu nächt'ger Stunde, Hoch stand der Mond am Himmel, er erschien, Lorenzos Bruder, dem die kalte Gruft, In die ihn Meuchelmörder früh gestoßen. Zu enge ward: Giuliano, Euer Oheim –« »Wahnsinniger –« und mit der harten Faust Stieß ihn der Herzog, daß er stöhnend umfiel, Und ging ins Haus. Doch in der Säulenhalle Stockt schon sein Fuß: Dort lächelt zwischen Rosen Tief eingebettet Venus selbst, und vor ihr Steht er, Giuliano Medici, der Tote, Der Auferstandene, so jung, so schön. Wie jener war, dabei so rein, so keusch, So andachtsvoll, wie jener nie gewesen. Maria Mein Angelo –! Lucrezia Ja – Angelo, dein Sohn, Den die Natur so wunderbar gezeichnet, Daß er den höchsten Adel des Geschlechts, Dem er entstammt, mit seiner höchsten Schönheit In reiner Harmonie vereint. Noch nie Erblickten diese Augen solchen Jüngling. Maria Und vor der Venus stand der Unglücksel'ge? Lucrezia Er lächelte sie an, die schöne Frau, Als war' sie ihm vertraut, wie eine Freundin. Mit zarter Hand schob er den Dornenzweig Ihr aus der glatten Stirn und legte sanft Die erste Purpurrose, die er fand, An ihre wundervollen nackten Brüste. Dann ließ er sich gemächlich in dem Schatten Der nächsten Säulen nieder und begann Mit lauter Stimme, deren Orgelton Das junge Grün der Büsche zittern machte, Aus einem Buch zu lesen, das in Seide, Goldstrahlender, gebunden war. Kein Psalter! Auch kein Gebetbuch! – Was ihn ganz entrückte. Des Plato Gastmahl war's. Maria (wild ausbrechend) Und ich, die Mutter, Die ihn genährt hat mit dem eignen Herzblut, Die jede Regung seiner Kinderseele Zu kennen meinte, besser als sich selbst. Die in dem Spiegel seiner klaren Augen Zu lesen glaubte wie im offnen Buch Der Heil'gen Schrift, – ich wußte nichts davon! (Sie bricht vor dem Altar zusammen. Nach kurzem Ringen, wobei sie betend die Hände erhebt, bemächtigt sich ihrer eine gefaßte Ruhe. Sie steht auf und wendet sich wieder zu Lucrezia.) Kamst du aus keinem andern Grunde her. Als um dies Schwert in meine Brust zu stoßen. So sei bedankt. Die Wunde tut mir wohl, (etwas ekstatischer) Denn für mein Mutterherz ist all ihr Blut Ein roter Quell der Freude! Fließt es doch Für des verirrten Sohnes Seelenheil. Lucrezia Wie du mich stets verkennst, – seit damals schon. Als ich den Kranz von Lilien dir ins Haar flocht Und mir den Rosenkranz! Du meintest zornig, Die Schönste wollt' ich sein! Sah dich Giuliano In jenem Kranze nicht zum erstenmal? Und wählte dich?! Ich bin auch heut ein Werkzeug seines Glücks Und komme zu dir als von ihm gesendet. Maria So kehre um; dein Lohn ist schon verspielt. Eh' ich die Botschaft hörte, die du bringst. Lucrezia Du hast zu diesem stolzen Ton kein Recht, Denn meine Sendung gilt auch einem andern! Jedweden Wunsch erfüllte das Geschick Dem edlen Sproß des Hauses Medici: Bis gestern von der Vaterstadt verbannt, Der sein Geschlecht mit nimmermüden Händen Den Kranz des Ruhmes um die Stirne flocht. Begrüßt ihn heut Florenz als den Gebieter Und ehrt den großen Vater in dem Sohn. Nur eins blieb ihm versagt, und dieses Eine Schmerzt ihn, da er am höchsten stieg, am tiefsten: Ihm fehlt der Erbe, – kinderlos Blieb seine Gattin, kinderlos bin ich – Er sah Angelo. Wie von Gott gesandt Erschien er ihm, noch ehe er erfuhr. Daß du die Mutter – Maria (sehr stolz) Und was will der Herzog? Lucrezia Er fordert seinen Sohn von dir! – Du schweigst? Er, den du einst in tiefster Not geboren. Er steigt empor, so hoch, daß seine Hand Nach Kronen greifen darf! Maria Von allem, was du sagst, drang nur ein Wort Mir tiefer als ins Ohr: Nach seinem Sohn Verlangt der Herzog? Lucrezia Ist es nicht der seine? Maria Nur darum, meinst du, weil er ihn gezeugt. Ist er sein Eigentum? Fast zwanzig Jahre Vergaß er ihn und pocht auf Vaterrecht? Als auf den Straßen das empörte Volk Den Namen Medici schon laut verfluchte, Fühlt' ich mich Mutter. Doch was galt es ihm. Daß ich ins Elend kam, als sein Geschlecht Die Stadt verließ, verfolgt vom Hohn der Menge? Entehrt und arm, das Kind der Medici, Der Vaterlandsverräter, unterm Herzen, Verkroch ich angstvoll mich; ein jeder Blick Schien mir ein Dolchstoß für das Ungeborne, Und jedes Wort ein Fluch! Im Dunkel nur Der Gotteshäuser glaubte ich mein Kind Gesichert vor dem Haß, der es bedrohte. Hier in der Werkstatt, in dem Winkel dort. Den mir Giuseppe freundlich überließ. Weil ihn die frommen Brüder darum baten. Kam es zur Welt. – Und als ich, kaum genesen. Das Kind im Arm, schon auf der Straße stand, Nicht wissend, welchen neuen Weg ins Leben, Ins gräßlich drohende, ich wählen sollte. Da packte ihn das Mitleid, und ich blieb. Ich blieb auch dann, als er die arme Magd Zum Weib begehrte! Meinem Sohn ein Obdach, – Was wollt' ich mehr? – Ich lebte nur für ihn. Mein Denken, Hoffen, Fürchten, mein Gebet Und alle Liebeskräfte meines Herzens Gehören ihm – – Giuliano Medici, Wagst du es noch, ihn deinen Sohn zu nennen?! Lucrezia Entschied nicht Angelo selbst wider dich, Da er die Venus wählte, statt der Jungfrau, Der du den Knaben allzu rasch geweiht? (Maria bedeckt das Gesicht mit den Händen.) Wozu der Streit? Dein Sohn ist jetzt ein Mann, Ich werde ihm die Antwort überlassen. Maria (aufs tiefste erschrocken) Das wirst du nicht! Lucrezia Wer hindert mich daran? Maria Ich, deine Jugendfreundin, seine Mutter! Du bist ein Weib wie ich – so grausam kannst du Zu mir nicht sein! – Er ist mein einzig Glück, Der Inhalt meines Lebens – ach, was sag' ich! – Mein Leben selbst! Was bin ich ohne ihn! Erbarme dich, Lucrezia! Du hast alles, Was du begehrst: Ruhm, Reichtum, Schönheit, Liebe! Laß mir mein Kind! Lucrezia Ich bin des Herzogs Botin. Ich handle nach Befehl. Und ich verstehe, Giulianos Wunsch wie deinen: Angelo Ist wahrlich eines Kampfes wert – (Maria sieht Lucrezia im plötzlichen Verstehen mit weitgeöffneten entsetzten Augen an. Angelo kommt durch die Tür und tritt lebhaft, ein wenig verlegen, ohne Lucrezia zunächst zu bemerken, auf die Mutter zu.) Angelo Du zürnst mir, Mutter? Ach, es war so schön, So wunderschön da draußen. Lucrezia (rasch vortretend) War es das? Angelo (verwirrt) Mona Lucrezia – Ihr – bei meiner Mutter? Lucrezia Sagt ich's Euch nicht, daß wir uns wiedersehn? Ich und Maria waren Spielgefährten. Angelo (zerstreut, immer wieder gequält zur Mutter hinübersehend) Ihr und die Mutter? Ach – Ihr seid so jung – (Er bemerkt Meister Sandro, der aus der Türe rechts eintritt, einen verhüllten Gegenstand in der Hand haltend.) Nicht, Meister Sandro, nicht! Maria Ich schau's nicht an, Wenn du, mein Sohn, dich scheust, es mir zu zeigen. Sandro Er brach sein Wort. Es ist die Jungfrau nicht. Und doch: Was ich als Christ verwerfen muß, Gebietet mir der Künstler, zu bewundern. Angelo Ich bin kein Künstler, will kein Künstler sein! Sandro (hebt die enthüllte Figur, eine Holzkopie des Kopfes der Venus, empor) Du, und kein Künstler? Urteilt selbst! Maria Weh mir! Die weiße Zauberin der Mediceer! Lucrezia Ein Meisterstück! Gebt her! Mit Ruhm und Ehren Wird Euch der Herzog lohnen, was Ihr schuft. Angelo (dicht bei der Mutter) Es war ein Spiel – ein flücht'ger Knabentraum Der müß'gen Stunde – Mutter, schau mich an – Ich trag' es nicht, wenn du dich von mir wendest! Maria (legt ihm die Hände auf die Schultern) Und wandtest du dich nicht zuerst von mir? Angelo (zu Sandro) Gebt ihr das Bildwerk, weil es ihr gefällt. (zu Lucrezia) Ich schenk' es Euch, Madonna, denn mein Herz Hängt nicht daran. (Er umschlingt seine Mutter, die, an seine Brust gelehnt, leise weint.) Sandro (leise zu Lucrezia) Wir wollen gehn – Lucrezia Ich dank' Euch, Angelo; Mir ist die Gabe wert wie keine andere. (Angelo sieht sie mit einem fremden Ausdruck an und neigt grüßend den Kopf, um ihn dann gleich wieder seiner Mutter zuzuwenden. Sandro und Lucrezia gehen ab. Oben an der Estrade öffnet sich die Türe, Giuseppe erscheint und beugt sich über das Geländer.) Giuseppe (sehr ärgerlich) Ihr hattet hohe Gäste, wie ich sah? Natürlich muß der Vater da zurückstehn! Er schindet sich, indes ihr schwatzt – Angelo Ich komme! (Maria küßt ihn lächelnd auf die Stirn, als wäre sie nun völlig beruhigt, während er die Treppe hinaufgeht, sinkt sie wieder in sich zusammen. Angelo springt zuerst scheinbar fröhlich die Treppe empor. Allmählich geht er langsam, als wäre er sehr müde. Oben tritt der Vater ihm entgegen und zeigt ihm das in Holz geschnitzte Schild der Medici mit den roten Kugeln.) Der Vorhang fällt langsam. Ende des ersten Aktes. Zweiter Akt Im Garten der Mediceervilla Poggio a Cajano. Im Hintergrunde die Villa mit der Säulenhalle davor, die, von blühenden Rosen umgeben, die liegende Venusstatue birgt. Zu beiden Seiten der Halle führen breite Freitreppen von dem Balkon bis in den Garten hinab. Es treten auf: Die Freunde Angelos, Roberto und Cesare, reich gekleidete junge Leute. Roberto Wir sind zur Stelle; hierher lud sie uns, Des Herzogs Freundin. Seltsam! Welchem Umstand Verdanken wir die Ehre dieses Mahls? Sie kennt uns nicht – Cesare Was grübelst du! Das Glück Fliegt jetzt umher, ein fremder bunter Vogel, Und läßt sich wahllos nieder, wo's ihm paßt. Vielleicht war's unsre Jugend, die sie lockte – Man sagt, sie trüge auf dem üpp'gen Rücken Schon der Jahrzehnte Last; nach unserm Blut Gelüstet es am Ende gar den Vampyr! Roberto Laß doch den Spott in dieser schönen Stunde! Mir ist, ich wär' aus tiefem Schlaf erwacht Und stünde plötzlich vor des Tages Helle! Wie wird sich seine Pracht mir erst enthüllen, Wenn ich die Augen, die geblendeten, Ganz öffnen kann! Cesare Wir waren durst'ge Zecher, Und Zukunftsträume waren unser Wein; Im Rausch allein vergaßen wir des Lebens Entsetzlich graues Einerlei. Roberto Nun aber Sind wir erwacht und doch vom Traum umfangen. Sind nüchtern und berauscht wie nie vorher! Lorenzo selber ist uns auferstanden, Mit ihm Florenz und seine goldne Zeit. Cesare Warum noch von Lorenzo träumen, da Giuliano lebt und seines Zepters Zauber Die Göttin weckt, die uns entschwunden war. Roberto (tritt vor die Säulenhalle) Dort ruht sie noch! Sieh nur, welch heller Glanz Ihr Haupt umspielt! Sie ahnt schon den Triumph, Den ihr die Jugend von Florenz bereitet. Cesare Das wird ein Fest! Aus allen Fenstern wehn Viel bunte Fahnen, Teppiche und Kränze. Bemerktest du die Wagen, hoch getürmt Mit Fässern Weins frühmorgens in den Straßen? Aus goldnen Bechern trinken wir ihn heut! Roberto Ich sah die Mädchen nur! Wie schlichen sie Scheu und verschämt bis jetzt an uns vorüber, Die Köpfchen dicht verhüllt in Nonnenschleiern, Kaum schien's der Mühe wert, sie anzuschaun. Und nun: welch eine Wandlung! Blumenkränze In offnen Locken, Perlen um den Hals, Die schmeichelnd den entblößten Busen küssen. In lichten Kleidern, die der Glieder Anmut Verführerisch verraten. Gasparo (kommt herbeigelaufen) Wißt ihr schon?! Man flüstert es sich zu auf allen Straßen: Giulianos Sohn ist Angelo – (Sie sprechen noch im Hintergrund lebhaft miteinander, während Angelo mit Pietro langsam näher tritt. Er ist gekleidet wie im ersten Alt.) Angelo Ich fürchte. Mein teurer Freund, daß wir uns nicht verstehn: Du glaubst, wir sind am Ziel, ich aber hoffe, Daß dieser Tag ein Anfang ist. (Die andern haben sich ihm indessen mit einer gewissen Ehrerbietung, die er völlig übersieht, genähert.) Cesare Wie ich! Angelo (freudig überrascht) Cesare, du? Gasparo Wir fühlen heut mit dir. (Roberto spricht indessen mit Pietro, der sichtlich erschrickt.) Angelo Ihr überrascht mich. Was ich kaum gehofft: Ihr könntet, wie das Spiel des Knaben, nun Des Jünglings Werk mit eurem Freunde teilen, Erfüllt ihr, eh' der Wunsch zu Worte kam. Pietro (zögernd und ängstlich) Vielleicht war auch mein Widerspruch zu schroff. Zu keck mein Spott! Angelo Ich kenne deine Art. An deinem scharfen Urteil, deinem Witz Erstarkte mein Gedanke. Er ist reif; Mit jener Kraft, die ihm die Sehnsucht gibt. Wird er die Schale sprengen, die ihn hemmt, Und aus der Erde fruchtbar-heil'gem Schoß Die Ernte locken, die den Hunger stillen. Und allen Durst auf immer löschen wird. Pietro Du sprichst wie ein Verzückter, ein Prophet; Die Nähe Aphroditens macht dich rasen. Angelo Die Nähe Aphroditens – du hast recht! Daß für Florenz sie auferstehen soll. Gilt als Symbol mir für den Sieg des Lichts. Schon riß das Volk, unwissend noch, warum, Und nur von dumpfem innern Drang getrieben Die Kreuze ab, die es auf Schritt und Tritt An Sund' und Buße, Tod und Höllenstrafen Und an der Erde gräßlich Jammertal Erinnern sollten. Für die Kuttenträger Wächst die Verachtung, und der Spott verfolgt Die einst Bewunderten. Pietro Nicht anders war's vor fünfzig Jahren auch. Lorenzo selbst – Cesare Du bist ein Griesgram, Pietro, Und gießt das Wasser deines Mißvergnügens In unsres Freundes Feuerbrand. Angelo Gemach! Zu hoch für dein Bemühn stieg schon die Flamme! Auch der Magnifico – ich weiß es längst – Sang Kirchenlieder. Und ich weiß noch mehr, Noch Staunenswerteres: Der edle Pico, Der Musen bester Freund, starb als ein Mönch. Ficinus, der den Geist des großen Plato Heraufbeschwor, vermochte seinen Anblick Nicht zu ertragen, und er rettete Sich und die Christenheit vor diesem Riesen, Indem er ihn zum Kirchenvater machte. Der Heide Valla nahm das Sakrament; Pomponius Laetus, der mit kecker Stirne Gott leugnete und die Unsterblichkeit, Bekehrte sich, als er die Folter sah, Und Gabriel Salo, der stolze Mann, Kroch feig zu Kreuz, als er dem Scheiterhaufen Genüber stand, auf dem er brennen sollte. Ob Platos Schüler oder Epikurs, Sie machten ihren Frieden mit der Kirche. Den Geist, den uralt heiligen, der plötzlich Aus alten Pergamenten, Marmorstatuen Und umgestürzten Säulen zu der Menschheit Zu reden anfing, wie vermochte sie Ihn zu verstehn, da seine Sprache selbst Nichts als ein Ton war, der ans Ohr ihr schlug? Pietro Und jetzt, so sagtest du mir, wie mich dünkt, Jetzt sei die Zeit erfüllet, da der Glaube, Auf den sich unsre Kirche stützt, erschüttert, Ja, wie du meintest, überwunden ist? Angelo Im Walde sah ich eine Eiche einst Von wildem Weinlaub üppig überwuchert; Es deckte freundlich ihren rauhen Stamm, Es überzog mit saft'gem Grün die Äste, Es war so fest verwachsen mit dem Baum, Daß es sein eigen reiches Leben schien, Und nicht das Sprießen einer fremden Pflanze. In diesem Jahr sah ich die Eiche wieder: Das Weinlaub ward des rauhen Winters Raub, Und blätterlos inmitten ihrer Brüder, Die knospend schon den jungen Frühling grüßten, Stand sie und streckte gramvoll ihre Äste Empor zum Himmel. In den Wurzeln aber Schwillt schon der Saft, kein Weinlaub stiehlt ihn mehr – Und übers Jahr wird meine Eiche grünen, Des eignen Lebens voll. Gasparo Du sprichst in Rätseln! Angelo Ist ihre Lösung euch zu schwer? Die Eiche, Das ist die Menschheit. Roberto Und der wilde Wein? Angelo (sehr stark) Die Lehre Christi. Pietro (sich bekreuzigend) Sprich doch nicht so laut! Angelo So laut will ich's verkünden, daß in Rom Der Heil'ge Vater sich bekreuz'gen wird. Cesare (leise zu Gasparo) Der Heil'ge Vater ist vielleicht schon jetzt Ein Medici – drum wagt er solche Tollheit. Pietro Zu Epikur bekennst du dich, dem Lust Der Zweck des Seins. Erinnre dich, mein Freund, Daß er schon einmal in Florenz geherrscht, Und daß nach jenen Tagen wilden Taumels Savonarola kam. Angelo Den achte ich. Er war ein Mann und sah mit klarem Blick, Was von den Priestern keiner sehen wollte: Daß zwischen jener Welt des Christengotts Und der des Aristoteles, des Plato Ein Abgrund gähnt, und daß der kühngeschwungne Gewalt'ge Bogen, der ihn überbrückt, Und den aus falschen Schlüssen, schönen Worten In ems'ger Arbeit zwei Jahrhunderte Mühsam erbaut, zusammenstürzen muß. Ihn schauderte in seinem Wahrheitsmut Vor einer Fälschung seines Christenglaubens. (Lucrezia steigt indessen die große Freitreppe, die von der Estrade der Säulenhalle in den Garten hinunterführt, langsam hinab.) Dieselben Kräfte, die in seiner Hand Die Geißel schwangen über all die Lust Am Leben, an der Liebe und der Schönheit, In seinem Mund zum Fluche sich geformt, Mit dem er jenen neuen Geist verdammte, Der sich schon heimlich in die Kirchen schlich, – Dieselben Kräfte fühl' auch ich in mir. (Er weist auf das ferne Florenz.) Seht dort die vielen Türme, spitze Finger, Die jeden Gläubigen gen Himmel weisen Als seine Heimat, seiner Sehnsucht Ziel; Darunter all die dunklen Kirchenhallen, In denen Wolken Weihrauchs statt der Luft, Der lebenspendenden, des Lenzes wehn; In denen Fenster, – darauf fromme Kunst Das fürchterliche Martertum der Heil'gen Des Gottessohnes Kreuzestod gemalt, – Der Sonne glühendgoldnen Himmelskuß In rotes Blut und schwarzen Schrecken wandeln. (Lucrezia tritt näher.) Lucrezia Und Eure Kirche, schöner junger Freund? Angelo (sehr überrascht und verwirrt) Mona Lucrezia –! (Er neigt sich über ihre Hand, die sie ihm reicht.) Lucrezia Nehmt – Ihr dürft sie küssen! Wie rot und heiß doch Eure Lippen sind! Wie Rosenblätter, von der Sonne Glut Ganz vollgesogen. Roberto Himmel – ist sie schön! Wär' ich der Herzog, ließ ich ungerührt Die Marmorgöttin unter Rosen schlafen, Und auf dem leeren Sockel stünde sie. Gasparo Angelos Sehnsucht wäre dann erfüllt: Die Kirchen blieben leer; vor Aphrodite, Der lebenswarmen, kniete ganz Florenz. Lucrezia (zu Angelo) Ich war recht ungeschickt, und unterbrach Euch, Doch Eurer Rede Feuer zog mich an Wie einen Schmetterling der Fackel Lodern. Stör' ich Euch, geh' ich wieder. Cesare Eure Nähe Ist wie die Windsbraut, die verborgne Glut Zur Flamme erst entfacht. Lucrezia Ist das die Wahrheit, So muß ich auch die Flamme leuchten sehn! Nach Eurer Kirche frug ich. Angelo Meine Kirche? Gott selber baute sie mit heiterm Lächeln, So wie ein Kind aus bunten Kieselsteinen Sich selbst zur Lust ein Zwergenschlößchen baut. Die Berge formte er zu ihren Säulen, Der Himmel wölbte sich zu ihrem Dach; Das fröhliche Gezwitscher kleiner Vögel, Des Windes flüsternd Spiel in Busch und Baum, Des Donners Rollen und des Meeres Brausen, Wenn der Orkan die wilden Wogen peitscht, Ist seiner Kirche Chorgesang, – ein Loblied Des heil'gen Lebens! Lucrezia Wie entrückt er ist! Wie schön, wie groß! – Hört, Angelo, Ihr müßt Noch heute abend auf des Herzogs Fest Zu seinen Gästen sprechen wie zu uns. Giuliano wird entzückt sein, und der Hof, Der danach brennt, des Lebens froh zu werden. Wird Euch, als seinem Führer, Rosen streu'n. (Ein Page kommt.) Der Page Das Gastmahl ist bereit! Lucrezia Für euch, ihr Herren! Ein kleiner Imbiß nur. Er soll uns stärken Für Aphroditens Einzug in Florenz. Gebt, Angelo, die Hand mir! Angelo Meine Hand?! Lucrezia Erinnert Ihr euch nicht – wie heißt es doch? – Wer sich erniedrigt, soll erhöhet werden! Angelo (führt Lucrezia der Villa zu, die andern folgen) Der Herzog – sagt Ihr – und heut abend schon – So rasch wär' ich am Ziel – Lucrezia Die Macht ist Euer, Ihr braucht sie nur zu fassen. Cesare Seht nur, seht! Die Kurtisane gängelt den Propheten. (Alle ab. Inzwischen haben sich im Hintergrunde Jünglinge und Mädchen angesammelt, die sich um die Venusstatue bemühen.) (Meister Sandro und Maria treten auf.) Maria Nicht hergefunden hätt' ich ohne Euch, Und dennoch war mir einst der Weg nach Poggio Vertraut wie keiner sonst. Sandro Seit jener Zeit Gingt Ihr nur einen noch: den in die Kirche; Ihr lebtet, eine Nonne in Klausur. Maria Ich tat's für meinen Sohn. Jetzt dünkt's mich fast. Es war nicht recht! Denn nun verlor ich ihn. Weil ich die Wege, die er geht, nicht kenne. (Im Hintergrunde lebhafte Bewegung. Die Venusstatue erhebt sich langsam. Einige der sie dicht Umdrängenden treten etwas hervor, sie lachen und scherzen.) Ein Jüngling Sie steht! Sie lacht uns an! Ein Mädchen (sich vor ihr auf die Knie werfend) Wir grüßen dich! Ein zweites Mädchen (streut aus einem Korbe Blumen über die Statue) Mit diesen Rosen schenk' ich dir mein Leben. Ein zweiter Jüngling (ein Mädchen umschlungen haltend) Nun segne, Aphrodite, unsern Bund. Maria Sie ist es! Sie erhebt sich unversehrt! Sandro Was ängstet euch? Ein steinern Frauenbild? Ein uralt Kunstwerk, das ein armer Heide, Dem noch der Stern von Bethlehem nicht schien. Aus weißem Marmor schuf, und das ein Volk, Dem Gott der Herr sich noch nicht offenbarte, In seinem Wahn für eine Göttin hielt? Für uns, die wir durch Christi Blut erlöst. Für uns, die selbst die Hölle nicht mehr schrecken. Der Tod nicht überwinden kann, ist sie Kein Teufelsblendwerk mehr. Maria Ihr kennt sie nicht. Ich aber kenne sie, ich sah sie leben – Sah, wie das Blut in ihren Adern pochte – Und wie der Atem ihren Busen hob – Sah ihre Augen glänzen – wie das Eis, Wenn es der Sonne Leuchten widerstrahlt. Glaubt mir, sie lebt! Nach neuen Opfern sucht sie – Nach meinem Sohn. Sandro Maria, Ihr verliert Euch – Maria Ich war zu stolz. Weil ich der Welt entfloh. Glaubt ich sie überwunden. Dieser Weg Durch bunte Frühlingswiesen, der Gesang Aus jungen Kehlen – und die Luft, die zärtlich, Wie eine Liebeshand, die Wangen streichelt. Sie sind schon voll des Zaubers jener Frau. Sandro So betet, arme Mutter, betet laut! Maria Wie sagt Ihr – Mutter? Weil ich Mutter bin. Kam ich hierher. Die heil'ge Jungfrau lohn' Euch, Die schmerzensreiche Mutter, dieses Wort. Geweihtes Wasser war's, – der Spuk entfloh. Es gilt, des Sohnes Seele zu erretten. (Sie geht mit Sandro nach dem Hintergrund und sucht unter der Menge.) Maria (wieder vortretend) Ihr seht es: Angelo ist nicht dabei! Fra Sebastiano hat Euch falsch berichtet. Sandro Er irrt sich niemals; seine Zwischenträger Sind überall. Maria So laßt uns suchen, Sandro! (Sie gehen. Ein bekränzter Wagen, mit Maultieren bespannt, wird sichtbar und fährt vor die Säulenhalle.) Ein Mann (der mit anderen die Statue zu heben versucht) Sie ist zu schwer. Wir schaffend nicht. Ein zweiter Mann Mir scheint, Sie will nicht fort. Am Boden wuchs sie fest. Ein dritter Mann Hier sind die Seile. Fertig! Jetzt hebt an! Wir schieben sie von rückwärts auf den Wagen. Ein Jüngling Doch aufgerichtet muß die Göttin stehn, Wie eine Heil'ge in der Prozession. Ein Mann (sich bekreuzigend) Gott schütz' uns! Wir sind gute Christen, Herr! Ein Jüngling Getauft, gefirmt, wie's Brauch ist, alter Freund. Und darum frei, zu sündigen! Die Göttin, In ihrer nackten Herrlichkeit, soll aufrecht Heut einziehn in Florenz. Von dieser Sonne Glutrotem Feuer sei ihr Leib durchtränkt. Auf daß an ihm sich jedes Herz entflamme Und heute nacht ein einz'ger Schrei der Brunst Aus tausend Kehlen auf zum Himmel steige. (Alle bemühen sich um den Wagen und die Statue. Angelo kommt rasch und erregt die Treppe herunter, Lucrezia folgt ihm langsam, so daß er zunächst allein bleibt.) Angelo Des Herzogs Sohn? – Giuseppe nicht mein Vater? – Mich narrt ein Traum – und dennoch scheint's mir plötzlich, Als könnt's nicht anders sein. Er war mir fremd. Ein winzig Knäblein noch, verkroch ich mich Vor seiner Stimme. Sah ich gar die Mutter, Wie sie ihm diente, scheu und demutsvoll, Wie er ihr Dienen forderte und annahm. So ward ich schamrot, und die Hände krümmten Sich mir zu Fäusten. Er war gut zu mir. Ich aber liebt' ihn nicht, ich haßt ihn fast. Weil ich ihn lieben sollte. Sprach Natur Nicht laut genug, und spottete vernehmlich Der Menschensatzung, die der Aberglaube Für Gottessatzung hält? Lucrezia Ihr stürmt davon. Ein junger Adler, dem die Gittertüre Des Käfigs aufsprang. Angelo Und ein Engel war es. Der sie geöffnet! Herrin, sagt es mir, Sagt es noch einmal: Er erwartet mich? Nicht schrecken wird ihn, meint Ihr, was ich wünsche. Und was zu wirken ich mir vorgesetzt? Er wird mir ganz ein Vater sein? Lucrezia Ihr zweifelt? Er ist ein Medici! Die Kuttenträger, Die schwarzen, leisen, die wie Fledermäuse Das Haus umflattern, wenn es dunkel wird. Will er verscheuchen mit dem hellen Licht Des Geistes und der Lust, das nie erlöschen. Ja, das von Jahr zu Jahr nur schöner strahlen. Und schließlich für die Schiffer auf dem Meer, Dem unermeßlichen, der Leuchtturm sein soll, Der ihrem Steuer Ziel und Richtung gibt. Angelo So öffnete die Welt mir weit ihr Tor, Und statt, daß ich allein mit blut'gen Händen Die arme Kraft an seinen Gitterstäben Erproben mußte, seh' ich mich vereint Mit treuen Freunden friedlich Einzug halten. Und einen Vater finden, statt des Feinds. (Maria kommt aus dem Hintergrunde, wo sie wieder unter der Menge suchend umherging.) Maria Mein Sohn! Mein Angelo! Angelo (ihr zu Füßen sinkend) Geliebte Mutter! Maria Ich suchte dich in Angst, – nun halt' ich dich. Angelo Ich sehnte mich nach dir in meinem Glück, Nun laß ich dich nicht mehr. Du darfst nicht weinen! Die Kette, die dich fesselte, zerriß. Um meinetwillen trugst du diesen Schleier, – Ich will ihn wandeln in ein Diadem. Um meinetwillen hülltest du den Leib In graue Kleider der Gefangenschaft, – Mit weicher, weißer Seide schmück' ich ihn. Um meinetwillen grub um deinen Mund' Sich diese Falte tiefen Grams; ich gebe Das Lächeln seiner Jugend ihm zurück. Und diese Hände, die du im Gebet So bleich gerungen, füll' ich dir mit Rosen. Lucrezia (erwidert Marias fragenden Blick mit einem triumphierenden) Er weiß! Maria (reißt sich aus der Umarmung ihres Sohnes los) Und hat entschieden? Lucrezia Fragst du noch? Maria Verführtes Kind! Wie sehr muß dir der Glanz Der Erdenlust das Aug' geblendet haben. Daß du die eigne Mutter nicht mehr kennst. Mich lockt kein Diadem und keine Seide; Im Dienst des Herrn trag' ich das Kleid der Magd, Und grub der Gram mir Falten in das Antlitz, So sind sie nichts als Narben, die der Krieger Nicht missen mag, – ein Feigling, dessen Züge Von keinem Lebenskampf die Zeichen tragen! Und meine blassen Hände will ich leer, Auf daß ich im Gebet für dich sie falten Und dir sie, wenn du strauchelst, reichen kann. Angelo Ich strauchle nicht, und dennoch fass' ich sie. Ich greife nicht, wie ein betörtes Kind, Nach buntem Tand, als wär's ein Königsschatz, Doch wenn ein Stern wegweisend mir am Himmel Urplötzlich aufflammt, folg' ich ihm. Maria Auch dann, Wenn er dich nicht nach Bethlehem geleitet? Wenn er, ein Trugbild, in die Irre führt? Was suchst du noch an Gütern, die dir Christi Allgegenwärt'ge Gnade nicht ersetzte? Angelo Die Freiheit! Maria Frei ist der in Gott Gebundene. Angelo Du warst nicht immer kühl und klar und heilig, So wie du jetzt bist, Mutter. Und du hättest Die Freiheit nie ersehnt, du selbst zu sein Und deines eignen Willens Werk zu schaffen? Maria Es war die Sehnsucht meine Sünde, Kind. Ich rang mit Gott, daß er sie schweigen ließe, Und daß mein Wille ausgelöscht in seinem. Angelo Mir aber ist die Sehnsucht ein Versprechen, Der Wille die Gewähr des Werks. Maria Du sollst Die Mutter ehren, sprach der Herr, dein Gott. Und du verwirfst, als war' es eitel Spreu, Was ich dich lehrte, was ich im Gebet Auf dich herabgefleht, was ich an Liebe Dir Tag um Tag und Nacht um Nacht gegeben. Angelo Du sollst den Vater ehren, wie die Mutter – So lautet das Gesetz. Ich will zu ihm. Maria Besudle mir den Namen Vater nicht. Dein Leben dankst du jenem alten Mann, In dessen Augen deine Augen blickten. Als du zuerst sie aufschlugst, den du Vater Zu nennen lerntest mit dem ersten Lallen Der Kinderstimme. Angelo Der mich eingezwängt In eine Welt, die nicht die meine ist. Der dir ein Fremder war und blieb, dich nimmer Vergessen ließ, daß er die Sünderin Aus frommem Mitleid in sein Haus genommen. Maria Klagt' ich ihn an? Angelo Du duldetest und schwiegst! Ich aber, Mutter, sah, was niemand sah. Ich fühlte, was du selbst nicht fühlen wolltest, Daß dieser Mann mit seiner harten Faust Jedwedes Blümchen Glück, das sich im stillen Auf deines Lebens Flur entfalten wollte, Mit allen Wurzeln aus dem Boden riß. Maria Und sahst du es und fühltest du mein Weh, Und weißt, daß ich in dieser weiten Welt Nichts habe – nichts, als dich, mein einzig Kind – Wie kannst du von mir gehn? Angelo So soll auch ich Mein Leben opfern, wie du deins geopfert? Wenn du mich liebst, so forderst du es nicht! Erbarm' dich unser, – bleibe du bei mir! Maria Ich bin vor Gott sein Weib; nur Gott allein Vermag zu trennen, was er band. Die Treue Ist deiner Freiheit Feind; ich wähle sie. Und lieber stürb' ich, als daß je mein Fuß Das Haus der Medici betreten würde! Sei nur in dieser Stunde noch der Knabe, Der gläub'gen Herzens mir zu Füßen saß. Der nichts so sicher wußte, als das eine: Die Mutter trügt mich nicht! Auch ich ging einst Denselben Weg. Ich gab mein Herz nicht nur, Gab meine Seele hin – sie nahmen alles – Angelo Mein Vater? Maria Frag' mich nicht! Sie reißen dir Das Herz heraus und lachen, wenn's dir weh tut! Und breitest du das Höchste, was du hast, Vor ihnen aus als dein Geschenk, sie treten Mit schmutz'gen Sohlen, die durch alle Straßen Und allen Kehricht gingen, frech darauf. Angelo Mein Vater? Maria Frag' mich nicht! Angelo Ich muß es wissen. (Giuseppe kommt atemlos gelaufen.) Giuseppe Nur einen Tropfen Wassers, gute Leute – Ich lief – ich lief – Maria Giuseppe, wie du zitterst! Hier, setz' dich nieder. Giuseppe Setzen? Nein. Ich weiß. Was sich geziemt vor solchem hohen Herrn! Hört, Messer Angelo, – sie kommen schon! (Lucrezia und Angelos Freunde umdrängen ihn.) Angelo Wer kommt? Lucrezia So sprecht doch! Maria Laßt ihn Atem schöpfen! Giuseppe Fra Sebastiane und die Seinen sind's, Die Mönche und die Bauern, die er heute In aller Frühe aus den Betten riß. Mit wilden Reden, daß der Teufel selber Im Lande umgeht und das Volk verführt. Daß heute noch die Jugend von Florenz Sein schandbar Abbild im Triumph von Poggio Geleiten wolle zu des Herzogs Fest, Hieß er sie, sich mit Spieß und Beil bewaffnen Und ihm zu folgen. (Fra Sebastiano stürzt, von Bauern und Mönchen gefolgt, herein. Die Jünglinge und Mädchen, die den Wagen, auf den jetzt die Venusstatue aufgerichtet steht, umgeben hatten, fliehen voll Entsetzen.) Fra Sebastiano Dort, das Götzenbild – Ein Hieb, es ist zermalmt. (Maria klammert sich mit aller Gewalt an Angelo, der mit ihr ringt, um sich loszureißen.) Maria Ich laß dich nicht! Angelo Du mußt – du mußt – daß ich mich nicht vergreife An meiner Mutter! Maria Gott im Himmel hilf! Du darfst das Bild nicht schützen – darfst es nicht! (Angelo befreit sich aus den Armen der Mutter, reißt dem Fuhrmann, der eben im Begriffe ist, zu entfliehen, die Peitsche aus der Hand, und will sich den Anstürmenden entgegenwerfen. Maria eilt ihm nach.) Maria Du frugst nach – ihm. Er nahm mich – mit Gewalt! Sieh, – wie sie triumphiert! – Sie stand dabei Und lächelte. Du kannst es nicht – kannst nicht Ihr Herold sein – sie mordete mein Herz – Und du bist mein – nur mein. Angelo Ich bin des Werkes! (Fra Sebastiano hebt dicht vor der Statue die beilbewaffnete Hand, Angelo schlägt ihm mit der Peitsche über das Gesicht, so daß er zurücktaumelt. Als die Entflohenen das sehn, eilen sie Angelo zu Hilfe. Es entsteht ein Handgemenge. Die Mönche werden zurückgedrängt. Der Zug der Venusstatue, mit Angelo, der die Peitsche umklammert hält, an der Spitze, setzt sich in Bewegung. Maria bricht zusammen; Giuseppe zaudert einen Augenblick, als besänne er sich, ob er bei ihr bleiben solle; dann schließt auch er sich dem Zuge an, der nach recht« verschwindet. aria bleibt allein zurück). Der Vorhang fallt. Ende des zweiten Aktes. Dritter Akt Im Palast der Mediceer zu Florenz. Vorraum des großen Festsaals, gegen diesen durch einen Vorhang abgeschlossen. Rechts ein tiefes, breites Fenster. Links eine Türe. Es treten auf: Giuliano Medici, Lorenzo Medici und der Pater Inquisitor, Abt von Fiesole. Giuliano Er schlug ihn mit der Peitsche ins Gesicht? Beim Zeus, Lorenzo, dieser wilde Knabe Bezeugt durch Taten, daß er meines Bluts! Und Ihr, Herr Abt, beklagt Euch, weil des Fraters Aszetenantlitz rot gezeichnet wurde? Den Heiligen zu danken käm' Euch zu. Daß sie den frommen Mann des Martyriums Gewürdigt haben. Der Abt Wie gedenkt der Herzog Die Schmach zu sühnen? Giuliano Seid mein Gast heut abend. Mit Euren eignen Augen sollt Ihr sehn. Wie ich den lohne, der die Tempelschänder Aus Venus' Reich vertreibt. Der Abt Ihr spottet unsrer?! Herr Herzog, hütet Euch! Auf schwankem Grunde Steht Eure Macht, und sie versinkt im Moor, Wenn Ihr Euch auf den Boden unsrer Kirche, Den felsenfesten, nicht zu retten strebt. Es wird Euch nicht verborgen sein: Versagt Die weltliche Gerechtigkeit – Guiliano (spottend, den Abt unterbrechend) So ist Das heilige Offizium rasch zur Stelle! – Trinkt ein paar Flaschen Wein mit mir. Die Kehle Ist Euch ganz ausgedörrt vom langen Dursten; Mit solcher Stimme predigt Ihr umsonst. Wart Ihr in Rom? Noch nicht? So sputet Euch, Daß Ihr es vor dem Hades noch erreicht. Und lernt, was fromme Weisheit längst erkannte: Daß Gott gehört, was Gottes ist – die Seele –, Und dieser Leib der sündhaft schönen Welt. (Von der Straße her tönt das Geräusch des nahenden Zuges, Musik und Gesang. Giuliano eilt zum Fenster, das er öffnet.) Da sind sie. Welch ein Anblick, so viel Jugend In diesen grauen Mauern! Bin ich nicht Selbst wieder zwanzig Jahre alt? Ich kenne All diese süßen Mädchen. Die Marietta, Die Rosa ist's – die kleine Tullia dort – Noch fühl' ich eure Küsse auf den Lippen! (Er sieht hinaus und winkt ihnen zu.) Lorenzo (zum Abt) Mein Oheim ist heut spaßhaft aufgelegt. Der Abt Ihr meint? Ich sehe nur den Ernst der Stunde. Der Herzog kam zurück, so wie er ging. Lorenzo Ich aber – komme nur. Der Abt Versteh' ich recht? Giuliano (rasch dazwischentretend) Hier gibt's kein Mißverstehn. Mein teurer Neffe Stellt sich Euch vor und bietet sich Euch an. Er lernte Händefalten, Augendrehn Und ist bereit, sogar das Knie zu beugen, Wenn's einen Vorteil gilt. Und alle Sünden, Die er begeht, deckt er hübsch sauber zu, – Er wird Euch niemals Ärgernis erregen. Im übrigen ist er mein guter Freund Und nur im Augenblick nicht recht bei Laune –, Ein Schloß in Spanien ist ihm abgebrannt! Der Abt Noch bin ich ohne Antwort. Welche Sühne habt Ihr beschlossen? Giuliano Keine. Der Abt So lebt wohl. (Der Abt entfernt sich.) Lorenzo Gestatte, Oheim, daß ich mich entferne. Giuliano Du bleibst. Ich wünsche, daß mein Sohn – Lorenzo (spottend) Dein Sohn?! Giuliano Höre, Lorenzo, treib' es nicht zu weit. Wenn meine gute Laune einmal aufhört, Dann schmoll' ich nicht wie ein verwöhntes Kind, Dann weiß ich den zu treffen, der die Schuld trägt. Lorenzo Vor Schaden nur bewahrte ich dich gern. Vor bill'gem Spott den Namen Medici. Wer kennt die Liebesfreuden einer Magd? Giuliano So wisse denn, viel eher zweifle ich dran, Daß ich im Bett der Medici erzeugt bin. Als daß ihr Sohn nicht meines Samens ist! Sie war so keusch, daß selbst der blasse Mond Vor ihr erröten müßte, war so rein. Daß sie mich liebte und es nicht verstand. Was ich noch mehr begehrte als ihr Lächeln. (Lucrezia kommt hastig und erregt herein.) Nun Allerschönste, nun du Botin Amors? Ging unser holder Findling in dein Netz? Lucrezia Er ist im Hof. Giuliano Und ist noch nicht bei mir? Lucrezia Er spricht zum Volk, das sich ihm nachgedrängt. Die Mär von seiner Tat ging vor ihm her. Als trüge sie der Wind auf seinen Flügeln. So wie ein Flußbett in der Frühlingszeit, Das bis zum Rand die wilden Wasser füllen, Erschienen alle Straßen, als er kam. Von seinem Amboß lief der Schmied, der Bäcker Von seinem Mehltrog und der Koch vom Herd; Wen nur die Füße trugen: kleine Kinder, Die kaum dem Gängelband entwöhnt, und Greise, Die sich auf Krücken mühsam fortbewegten – Sie alle strömten ohne Glockenläuten Und ohne Führer, wie besinnungslos, Den gleichen Weg, dem Venuszug entgegen. Wo sich ein Priester ihm entgegenwarf, Da übertönte seine Litaneien Ein einz'ger Ruf: Es lebe Aphrodite! Giuliano Und er – Angelo? Lucrezia Ging dem Zug voran; Die Rechte krampfhaft um die Peitsche klammernd. Das Antlitz starr und bleich. Ich bot ihm Wasser Zu wiederholten Malen auf dem Weg – Er wies mich ab – er sah mich nicht einmal. Lorenzo Euch nicht zu sehn, ist freilich ein Verbrechen. Lucrezia Die Diener, die ihn schmücken wollten, trieb er Mit rauhen Worten fort. Giuliano Was aber fesselt Ihn länger noch an das gemeine Volk? (Man hört draußen wiederholt Heilrufe.) Lorenzo Ihm mag nicht fremd sein, daß des Volkes Fäuste Oft besser treffen als der Fürsten Schwert. Lucrezia Er spricht von einem Gott, der auferstanden. Von einer goldnen Zeit – sie jubeln laut! – Hätt' er sich nicht gesträubt, sie trügen ihn Auf ihren Schultern durch Florenz. Giuliano (tritt an das Fenster, das er weit öffnet) Dies Volk Hört niemals auf, ein Kind zu sein. Ihm ist Das neuste Spielzeug stets das allerschönste; Wonach es gestern voll Entzücken griff. Das schimmelt heut im Winkel. Doch mein Sohn Versteht sein Herrscherhandwerk. (Er sieht hinaus, man hört Sprechen und Schreien.) Lorenzo (hält Lucrezia zurück, die gehen will) Schönste Frau, Ihr seid in meiner Schuld. Lucrezia In Eurer? Lorenzo Ja. Entsinnt Euch nur, als wir im Lager waren Vor den verschloss'nen Toren von Florenz, Und Ihr ganz früh, im ersten Morgengrauen, Aus meines Oheims Zelt entschlüpftet, – heiß Noch von der heißen Stunde –, rieft Ihr nicht Mir lachend zu: Erobert jene Stadt! Und jauchzend flieg' ich In jedes Mediceers Siegerarm. Ich fordre heut mein Recht. Lucrezia (verächtlich) Seid Ihr ein Sieger? Lorenzo Die feile Lagerdirne spottet noch? (Angelo erscheint in der Türe links, von vielen Menschen gefolgt. Lorenzo bemerkt ihn und stößt Lucrezia mit brutaler Gebärde ihm entgegen, so daß sie dicht vor ihm zusammenbricht.) So sei des Bastards! Angelo (neigt sich zu ihr und hebt sie auf) Tat er Euch sehr weh? (Der Herzog wendet sich vom Fenster weg und mustert Angelo ruhig, der keinen Schritt ihm entgegentut, sondern seinen Blick stumm erwidert.) Giuliano Du hast kein Wort für deinen Vater; trägst Das staub'ge Kleid des Klosterschülers noch Und machst im Hof gemein dich mit dem Pöbel? Angelo Ich wartete auf einen Gruß von Euch. Auch wüßt' ich nicht, daß über seinem Kleide Ihr Euren Sohn vergessen könnt. Der Pöbel, Von dem Ihr sprecht, ist Florentiner Volk. Giuliano (zu dem sich vordrängenden Volk) Macht, daß ihr weiterkommt! Für euch Gesindel Brät schon ein ganzer Ochse auf der Piazza, Und aus den Brunnen fließt euch reiner Wein. (Sie drängen eilig hinaus, nur Giuseppe, der unter ihnen ist, zögert noch.) Das Florentiner Volk! Du bist ein Träumer! Was will der Alte noch? Angelo Er war mein Vater. Giuliano (zu Giuseppe, der gebückt, die Kappe in der Hand drehend, vor ihm steht) Ihr zähmtet diesen jungen Löwen schlecht. Das dank' ich Euch. Ich mag das Haustier nicht. Das mit dem gleichen demutsvollen Nicken Sich streicheln und sich schlagen läßt. Nehmt hier, (er wirft Giuseppe einen Beutel zu) Ich fülle mit Dukaten Euch die Kappe. (Giuseppe will unter Dankesbezeugungen gehn.) Noch eins. (Er zieht ein verblichenes Band aus der Brusttasche.) Bringt Eurem Weibe dieses Band. Angelo (entreißt ihm das Band) Tut's nicht: Sie würf's Euch vor die Füße. (Giuseppe drückt sich ängstlich zur Tür hinaus.) Giuliano Ah! Aus diesem Wetterloche pfeift der Sturm? Hier aber ist die Grenze. Ich gestehe Dir, Knabe, nicht das Recht zu, Rechenschaft Von mir zu fordern. Was weißt du davon. Welch wilde Bestien dieses Herz, dies Leben Zum Fraß sich ausgesucht? So wie ich bin, Ward ich durch ihre Schuld; sie floh von mir Im Augenblicke, da ich weicher Ton In ihrer, sanften Hand geworden wäre. Dies Band – das letzte, was mir von ihr blieb – Für meines Sohnes Herz wollt' ich es tauschen! Durch ihn verwirft sie mich zum zweitenmal. (Er wendet sich ab.) Lucrezia Seht, Angelo, er leidet. Angelo Sie litt mehr! (Die Venusstatue wird hereingetragen; viele folgen ihr, darunter auch die Freunde Angelos. Der Vorhang teilt sich einen Augenblick und schließt sich hinter der Statue wieder. Nur die Freunde bleiben zurück.) Pietro Mein teurer Freund. Giuliano (wendet sich rasch um, mit lauter Stimme) Angelo Medici! Gasparo Wir grüßen dich, Besieger aller Seelen! Roberto Und warten dein, du Priester Aphroditens! Cesare Hör' nur die Kirchenglocken, wie sie wimmern, vergebens locken sie. Vergebens toben Die Priester von den Kanzeln wider dich. Angelo Daß sie mich fürchten, ist mein erster Sieg! Gasparo Sie rufen laut, du seist der Antichrist! Angelo Bei Gott, sie haben recht: Der Antichrist, Der die Gesetze umstößt, die sie schufen. Mit denen sie den Geist in Fesseln schlugen, Die Augen blendeten, so daß das Licht Als Finsternis erscheint, das Leben selbst Zum Laster wurde und der Tod zur Tugend. Cesare Der Satan sei dein Vater, sagen sie; Durch seinen Samen sei der Göttin Leib Fruchtbar geworden. Giuliano Welch ein guter Witz! Die schwarze Bande soll vor Wut verrecken In ihrem eignen Gift. Jetzt bin ich wieder Der, der ich war. Rührsel'ger Mummenschanz Paßt nicht für mich. Laßt uns in Eisen gehn, Wie's Fürsten zukommt. (Er reicht Angelo die Hand, in die dieser einschlägt. Dann wendet er sich zu Lucrezia.) Sieh nur, unser Schätzchen, Wie es dir Augen macht! Bist du verliebt In diesen Jungen? Du errötest gar? Warum? Du bliebst sein sittsam in der Sippe. Zieh' ihm zunächst dies schwarze Röllchen aus Und küsse ihm die Schwermut von den Lippen. Das steht uns nicht, mein Sohn; auf unsern Zügen Hat stets das Glück zu strahlen. Angelo Heuchelei Versteh' ich nicht, und dieses Herz hat mir Das Leid gestählt und meines Werkes Strenge. Schenkt Euch die Müh', Lucrezia. Giuliano Wie, du magst Die Schöne nicht? – In einer einz'gen Nacht Lehrt sie dich alle Liebeskünste Roms, Und du vergißt im Rausch, was je dich quälte. (Sie verschwinden alle durch den Vorhang, der von nun an offen bleibt, gehen durch den Saal und verlassen ihn durch eine Tür im Hintergrund. Es erscheinen Diener und Pagen mit brennenden Kandelabern, Blumenkränzen, Stühlen usw.) Ein alter Diener Hierher die roten Sessel; dort die Leuchter! So war's, als der Magnifiko noch lebte Und wir das Fest des großen Heil'gen Plato In diesem Saale feierten. Ein Page Welch Glück Hat dieser Angelo! Vor wenig Monden Saß ich mit ihm noch in der Klosterschule Und borgt' ihm meinen Griffel. Ein zweiter Page Laß ihn dir Mit Gold bezahlen. Heute wird's ihm leicht. Ein Diener Er bringt uns Glück! Dem Schatz, der lange schon In Kisten und in Kasten trauernd schlief, Schloß er die Schleusen auf. An diesem Abend Strömt mehr durch unsre Stadt als je vorher In zwei Jahrzehnten. Eine Dienerin (die mit einem Fruchtkorb auf dem Haupt durch den Saal geht) Seine Mutter aber Liegt weinend schon seit Stunden auf den Knien Vor dem geweihten Muttergottesbild In San Lorenzo. Eine zweite Dienerin (ihr entgegenkommend) Seine arme Mutter! Ihr Mann, der Zimmermeister, ist schon jetzt Voll süßen Weins. Ich sah ihn, wie er sie Vom Betpult fort nach Hause zerren wollte. Eine dritte Dienerin Mein Beppo schwor mir zu – Chorknabe ist er Und ging an ihr vorbei – daß die Madonna Von San Lorenzo sich ihr zugeneigt Und ihr, wie zum Gelöbnis, gar die Hand Gegeben hat! Die erste Dienerin Sie ist die frömmste Frau! Eine alte Dienerin Im Hofe hockt sie jetzt, dicht bei der Treppe, Wie ein versteinert Heil'genbild. Es liegt Ein seltsam Leuchten auf den blassen Zügen. Ihr könnt – so sagt' ich – nicht die ganze Nacht Hier auf den Fliesen liegen; doch sie sprach: Ich warte meines Sohns durch tausend Nächte Mit Augen, die kein Schlaf befällt. (Lorenzo und der Abt kommen im Gespräch, die Dienerinnen laufen auseinander.) Lorenzo Wir sind die Ersten. Der Abt Eine Frage noch: Ihr seid gewiß, der Herzog gibt es zu, Daß hier ein heidnisch Fest gefeiert werde? Lorenzo Ihr zweifelt noch? Angelo hat sein Wort. (Roberto und Cesare kommen durch den Saal.) Cesare Hochwürdigster, Ihr stiegt sogar herab In diesen Pfuhl des Teufels? Der Abt Ist er das? Cesare Was sonst für Euch? Es wird ein Bacchanal! Der Abt Ich denke, man erwartet röm'sche Botschaft Und rüstet sich zur Feier, daß zum Papst Ein Medici gewählt? Roberto Kann man die Wahl Solch eines Heil'gen Vaters besser feiern Als durch ein Fest der Venus? Angelo Wird eine Predigt halten, daß Ihr staunt. Der Abt Ein lust'ger Kardinal – ein frommer Papst, Ihr könntet euch verrechnen, edle Herren. (Sie gehen weiter.) Der alte Diener (kommt wieder, zwei Männer tragen ein bekränztes Rednerpult ihm nach) Hierher. Derselbe Platz, wo einst Ficin Gesprochen hat. Gott, daß ich dies erlebe! (Der Saal füllt sich von allen Seiten mit Gästen, die nächsten abgerissenen Unterhaltungen werden durch die Vorbeigehenden geführt.) Ein Gast Hm. Er versteht's. Ein zweiter Gast Und sorgt für Überraschung. Ein dritter Gast Ein harter Bissen für Lorenzo ist's. Ein vierter Gast Ich gönn's dem Leisetreter. Der Abt (zu einem anderen Geistlichen) Sein wir klug; Kundschafter sandt' ich aus; der Kardinal Kann nicht mehr fern sein, und der Hexentanz Hat dann ein Ende. Eine Dame Hörtet Ihr, man sagt. Er sei sehr schön. Eine andere Dame Und keusch, wie eine Nonne! (Sie lachen. Der Herzog und neben ihm Angelo, fürstlich gekleidet, von Lucrezia gefolgt, treten auf.) Giuliano Seid mir willkommen. Freunde, Anverwandte. Ich grüße euch und bring' euch meinen Sohn Und meinen Erben. Seid ihm wohlgewogen. In meine Faust zwang das Geschick das Schwert, Ließ mich die Pflege sanfter Kunst vergessen. Die sonst die Zierde meiner Sippe war; Er ist ein Medici der alten Art. Er weihe dieses alte Haus der Ahnen Dem Glück und Glanz des kommenden Geschlechts. (Die Herzogin Filiberta kommt, gefolgt von jungen Leuten, rasch durch die vordere Türe links und drängt sich durch die Reihen der Gäste, bis sie vor dem Herzog und Angelo steht.) Filiberta Ich bin zu spät – nicht böse sein, Giuliano! Du glaubst nicht, welchen Spaß wir hatten. Nicht? Das ganze edle Florentiner Volk Schwankt, schwer bezecht, umher; und Liebespaare In zärtlicher Umschlingung liegen selbst Auf Kirchenstufen! – Ist das Angelo? Wie nett von meinem Gatten, daß er mir Solch einen schönen großen Sohn bescherte! Wir wollen Freunde werden, nicht, mein Lieber? (Sie hebt Angelo den Mund entgegen, er küßt ihr förmlich die Hand. Das Herzogspaar nimmt Platz, die Gäste hinter ihm. Angelo betritt das Rednerpult, er spricht zuerst befangen, wie unter den vorhergehenden Eindrücken stehend, dann immer entrückter, so daß er die Zwischenrufe und Bemerkungen der Zuhörer gar nicht beachtet.) Angelo Das Fest der Auferstehung Christi feiert Die Kirche bald. Und Siegeshymnen singt sie, Weil Gottes Sohn gen Himmel fuhr. Wir aber, Wir feiern heut ein Auferstehungsfest Des Lebens selbst, des ew'gen Liebeslebens In diesem Bild der auferstandnen Göttin. Filiberta Er ist so schön wie Eros! Angelo Unsre Heimat Ist nicht der Himmel, sagt ihr stummer Mund, Und unser Gott ist nicht der ferne, fremde. Der sich zur Lust ein Menschenspielzeug schuf, Und um zu proben, ob die lieben Puppen Ihm auch getreu am Faden tanzen, listig In ihren Garten die, Versuchung pflanzte; Der dann, so wie ein König über Sklaven, Zu ew'gem Frondienst sie verdammt. Ein Gast Er spricht Rhetorisch ungeschult. Ein zweiter Gast Doch mit Talent. Angelo Der mit dem Odem seiner Göttlichkeit Den Erdgebornen nicht einmal die Kraft Gegeben hat, von den Galeerenketten Ererbter Schuld sich selber loszureißen, Der seinen Sohn erst für sie opfern mußte! Der Gott, den wir empfinden, der uns lebt, Ist dieses Leben selbst, das in uns atmet. Die Muskeln strafft, in Sehnsucht vorwärts drängt, Uns Schönheit schaun, Weisheit begreifen läßt Und unsre eigne kurze Spanne Leben Todüberwindend einfügt, einen Ton In die erhabne Melodie der Sphären. (Allgemeines Beifallklatschen unterbricht ihn.) Ein Gelehrter Er ist ein zweiter Plethon! Eine Dame Ein Apoll! Cesare Das Leben unser Gott! Roberto Und der Genuß! Der Abt Er ist des Teufels! Lorenzo Doch er reißt sie fort. Angelo Und unser Gottesdienst ist nicht Gebet Vor blut'gen Marterkreuzen und nicht Buße Um Sünden, die der Geist der Gotteslästrung Zu Sünden erst gestempelt. Heißt es nicht Gott lästern, wer das Leben lästert? Ist Nicht Leben, göttlich Leben, in der Hand Des Künstlers, der dies Bild der Schönheit schuf? Nicht göttlich Leben in dem Haupt des Mannes, Der über Sternen neue Welten denkt? – Wenn sich das Vöglein, süßen Ahnens voll, Ein Nestchen baut, und wenn der Feige Samen Die Hülle sprengt und in den üpp'gen Schoß Der Erde gleitet, – wenn des Jünglings Auge Dem Mädchen trunken folgt und sein Gefühl Aus seinem Innern tausend neue Kräfte Zum Leben löst – so ist das Gottes Stimme; Sie ruft: Es werde! über Zeit und Raum. Uns aber raunen falsche Priester zu: Die Erde ist des Teufels; wer das Auge Am Sehen hindern kann, das Herz am Fühlen, Wer Niedrigkeit und Armut selbst erwählt. Statt nach den höchsten Kronen stolz zu greifen. Den schmücken sie mit einem Heil'genschein. Ich aber sag' euch: Dieser lästert Gott. Viele junge Leute Heil – Angelo! Heil – Medici, Erlöser! Der Abt Ein Sakrileg! Ein unerhörter Frevel! (Ein Mönch tritt ein, flüstert mit dem Abt, dieser erhebt sich rasch.) Die Stunde schlägt, die diesen Wahnwitz straft! (Er geht, von Lorenzo gefolgt. Während der folgenden Worte Angelos wird die allgemeine Unruhe immer größer. Man steht verschiedentlich auf, geht zu den Fenstern und flüstert miteinander. Angelo selbst wird umringt, bemerkt aber zunächst weder die Unruhe, noch die Huldigungen, die man ihm darbringt.) Angelo Zur Schönheit beten wir! Zwei junge Mädchen (heben knieend einen Pokal zu ihm empor) Du Allerschönster. Wir opfern dir in rotem Wein; er glüht Wie unser Herz für dich! Angelo Der Größte aber Und Heiligste ist nicht, der sich verlöscht, Damit der Kerzenglanz auf den Altären Sich nicht verdunkle – nein, der ohne Furcht Den Funken Gottes in sich selbst entfacht Und vor der Menschheit, die in Finsternis Verzweifelt irrt, wegweisend, aufwärts flammt, Und weithin leuchtet, eine Feuersäule. (Ein Diener tritt zu Giuliano.) Giuliano (leise) Was soll der Lärm? Der Diener Der Kardinal Bibbiena. (Giuliano springt auf und geht bis zur Tür.) Filiberta Du mußt mein Meister sein im Venusdienst; Nicht wahr, da gibt's Mysterien, unerhörte? Cesare (etwas ironisch) Welch ein Erfolg! Pietro Das war ein Meisterstück! Roberto Die schönsten Mädchen sind heut abend dein! Gasparo Und gelb vor Neid sind alle Schreiberseelen! (Angelo sieht mit erwachendem Verständnis von einem zum andern.) Angelo (wild ausbrechend) Buhl' ich um Beifall wie ein Komödiant?! (Der Kardinal Bibbiena, gefolgt von Priestern, tritt mit Giuliano, Lorenzo, dem Abt usw. in den Saal. Er ist im roten Kardinalsgewand. Wie er die Arme segnend erhebt, fällt alles in die Knie, nur Angelo bleibt aufrecht stehn.) Bibbiena Der Stadt Florenz, die einst den Knaben zärtlich In ihren Armen hegte, sendet Leo, Der Heil'ge Vater, den die Kardinäle Einstimmig wählten, seinen treuen Gruß. Sie wird, wie stets, so hofft er, an dem Himmel Der Christenheit als heller Stern erstrahlen. (Alles umdrängt ihn, um ihm die Hände zu küssen.) Der Segen Gottes schützte meine Reise, Drum kam ich unerwartet. Der Abt Nicht zu früh! Bibbiena (geht weiter und bleibt vor Angelo stehen). Dies ist der junge Mann, von dessen Streichen Mir vor den Toren schon die Kunde kam? Giuliano Mein Sohn. Bibbiena Ganz recht. Man sagte so. Allein Euch hat die Freude, wie mir scheint, verwirrt. Wir wissen längst: der liebe Herzog läßt Der frohen Laune gern die Zügel schießen, Die der Verstand erst eben fester schnallte. Gebt diesem Knaben einen Mentor; laßt Ihn ein paar Jahre, ferne von Florenz, Die Welt betrachten. Unser heil'ger Vater, Besorgt um diese Stadt, trug mir besonders An Euch die Mahnung auf, nicht zu vergessen. Daß er den jungen Herzog von Urbino, Auf dessen Klugheit und ergebnen Sinn Er zuversichtlich baut, zur Seit' Euch stellte. Ihr seid ein Krieger, doch kein Staatsmann, Herzog. (Er geht weiter.) Giuliano (zu Lorenzo) Das dank' ich dir! Noch etwas mehr der Predigt, Und du kannst ruhig sein: ich steig' zu Roß Und such' mir wieder freies Feld, wo Stürme Mir um die Stirne wehn. Lorenzo Tut, was Euch frommt. Bibbiena (wendet sich nochmals zu Giuliano) Noch eins: Der Heil'ge Vater würde trauern. Erführe er, daß sein getreuer Knecht Im Dienst der Kirche schwer beleidigt wurde. Nicht wahr. Ihr sorgt dafür, daß Euer Sohn Die Kirchenbuße, die ihm auferlegt, Treulich erfülle? Dann versprech' ich Euch, Sei zwischen uns das übrige vergessen. (Der Kardinal, von der ganzen Gesellschaft gefolgt, geht durch den Saal, den alle durch die Türen im Hintergrund verlassen. Nur Angelo und Lucrezia bleiben zurück. Angelo stürzt nach vorn, zerrt mit einer wilden Gebärde den Vorhang herunter und umschlingt Lucrezia.) Angelo (in höchster Verzweiflung) In einer Nacht – die Liebeskünste Roms – Die Nacht ist da – jetzt gib mir das Vergessen! (Hinter dem Vorhang werden Schritte und Stimmen hörbar. Jemand scheint mit Metall gegen Marmor zu schlagen.) Angelo Was regt sich dort? Lucrezia Komm mit mir, holder Freund! In meiner Kammer ist es still – ganz still. Ein Brunnen nur rauscht vor dem Fenster leise Und deckt mit seiner Flüsterstimme Den Ton der Küsse, die wir tauschen, zu. Angelo Laß mich! (Er hebt den Vorhang. Man sieht Giuliano und den alten Diener mit einer Blendlaterne vor der Venusstatue.) Der Herzog! Still! Giuliano Wo war es nur? Der alte Diener Am Fuß hier, mein' ich. Giuliano Nimm den Bohrer, rasch! Wer weiß, wie bald das Gold mir nötig ist! Mag er die Macht behalten, – dies ist mein! Der alte Diener Ich find' es nicht, – die Öffnung war versteckt Und gut mit Gips verschmiert. Giuliano So schlage zu! Was zögerst du? Die drüben hören nichts. Sie sind beim Saufen; selbst der Kardinal Hat einen roten Kopf, und Filiberta Kraut ihm das Kinn. Der alte Diener Mein lieber, gnäd'ger Herr! Im Volke heißt's, das Glück der Medici Zerbricht, wenn sie verletzt wird. Giuliano Aberglaube! (Er entreißt dem Diener das Beil und haut gegen die Füße der Statue, die mit ungeheurem Getöse nach hinten fällt, ehe der hinzustürzende Angelo es verhindern kann. In der Ferne bläst die Musik eine Fanfare. Giuliano und Angelo sehen einander stumm an. Angelo weist den Vater mit einer heftigen Gebärde zurück. Dieser reißt aus dem stehengebliebenen unteren Teil der Statue einen Beutel an sich und eilt davon. Angelo bricht in ein konvulsivisches Lachen aus, schlägt die Hände vor das Gesicht und stürzt links zur Türe hinaus, die Treppe hinunter.) Maria (Stimme von unten) Angelo! Der Vorhang fällt. Ende des dritten Aktes. Vierter Akt Vor dem Dom. Im Hintergrund seine Fassade mit der breiten Treppe zum Portal. Rechts vom Dom der Campanile. Im Vordergrund links ganz an der Seite das Portal des Baptisteriums, im Vordergrund rechts die offene Loggia des Bigallo. Rechts und links zwischen dem Bigallo und dem Dom, dem Baptisterium und dem Dom Straßenmündungen. In der Loggia auf einer Marmorbank sitzt Maria, Angelo vor ihr auf der Erde; sein Kopf ruht in ihrem Schoß. Morgendämmerung. Angelo (erwachend) Ich schlief in deinem Schoß. Maria So fest, so still. Wie einst, da er den kleinen, wilden Knaben Allabendlich in sanften Traum gewiegt. Nun erst erkenn' ich deine Augen wieder, – Sie blickten so verstört, jetzt sind sie klar, Und deines Herzens Schlag, auf den ich nächtens So bang gelauscht, als seist du fieberkrank, Geht stark und ruhig. Sieh, der Mutter Schoß Nahm deine Schmerzen auf wie einst das Schluchzen Des kleinen Kindes, dem ein Ball entsprang. Angelo Ich war ein Kind im Traum – ein kleines Kind. Auf deinen Knien saß ich. Licht und rein Erstrahlte über uns der Frühlingshimmel Und spiegelte sein helles Feierkleid Stolz in dem Fluß, der fern das Tal durchzieht. Der kleine Pietro, der Cesare standen Vor mir und wiesen in ein buntes Buch. Ich aber sah sie nicht; ich sah nur dich Im königlichen Schmuck des blauen Mantels Und in der Glorie deines goldnen Haars. Du aber warst nicht, wie sonst Mütter sind; Du lachtest mich nicht an, du sangst kein Lied, Dein Auge blickte tränenschwer, die Lippen Umzuckte schmerzhaft ein unendlich Weh. Ganz so wie jetzt. Maria Das Bild des Sandro ist es. Das dir im Traum lebendig ward – Angelo Das Bild? Nein, Mutter, nein! Jetzt bin ich wach, ganz wach: Es ist die Wirklichkeit. Versuch' es nicht. Zu einem Lächeln deinen Mund zu zwingen. Ich lernte leiden und das Leiden sehn. Maria Mit seinem Trost und seiner Kraft und Hilfe Ist Gott dir nah. Der dich so ganz zerschlagen. Kann dich erhöhen. Aber meine Tränen, Die ungeweinten, die mein Herz bedrücken Und mir im Auge wie ein glühend Feuer Verzehrend brennen, – du, mein Angelo, Kannst sie in einem Strom der Freude lösen. Angelo Was quälst du dich und mich! Laß diese Stunde Noch eine Stunde stillen Friedens sein Und lege deine blassen Dulderhände Noch einmal mir aufs Haupt. Wohl trieb das Leid, Ein Racheengel mit dem Feuerschwert, Mich an dein treues Herz. Jedoch das Leben Reißt mich gewaltsam wieder fort. Ich kann Die Tränen deines Wehs in Freudentränen Nicht wandeln; denn notwendig wie die Trennung Des Kindes von dem mütterlichen Leib, Ist die des Jünglings von der Hand der Mutter. Mach's mir nicht schwer! Maria Du denkst gering von mir. Sei still – ich weiß es, ich verdien's nicht besser, Ich sündigte an dir. In diesen Stunden, In denen ich mit Gott gerungen habe Wie Jakob mit dem Engel, warf er mich Tief in den Staub. Mein Eigen schienst du mir; Ich liebte dich so wie der Geiz das Gold, Das Kind sein Spiel, das eitle Weib die Perlen, Die es zur Schau trägt, wenn es beten geht. Und furchtbar strafte mich der Herr mein Gott, Und seines Zornes Blitz erhellte gräßlich Die Nacht der Sünde, die mein Herz umgab. Er strafte mich an dir. Ich wollte dich Für mich allein, – und deine arme Seele Sah ich verloren gehn, die ihm gehört. Er fordert sie von mir. Mein ist die Schuld. Gib sie ihm wieder! Ich verlange nichts, Nichts mehr für mich. Auf jeden Liebesblick aus deinem Auge, Auf jedes gute Wort aus deinem Mund, Auf jeden Händedruck will ich verzichten Und lächeln will ich, wenn du Abschied nimmst – Nur, daß dein Weg, und führ' er weltenweit Von deiner Mutter fort, zu deinem Gott, Dem Vater deiner Seele, heimwärts führe. Angelo Ich bin bei ihm. Maria Ein Gaukelspiel der Hölle Ist's, das dich blendet. Sie, die weiße Frau – Angelo Zerbrach. Maria So hat Gott selber sie zerschlagen. Um dir zu offenbaren, daß er lebt. Angelo Und ich verstand ihn. Maria Du?! Angelo Denn er erhellte Auch jene Nacht, die mich umfangen hielt. Ich sah den Menschen, die mir Beifall klatschten; Bis in das Herz: Die Liebe lag im Winkel Und hungerte; die Lust saß auf dem Thron, Satt von den Opfern, die sie fraß, und dennoch Von einer Gier, die unersättlich ist. Ich sah den Menschen, die mir Freunde schienen. Bis in die Seele: sie war nackt und bloß Und lag im Kerker, wo die Irren liegen, Mit leeren Augenhöhlen, flügellos. Doch ihre Körper sah ich gleißend prangen, Denn Ruhm und Liebe, Schönheit, Wissen, Glauben, Das schlugen sie wie eitlen Narrenputz, Als golddurchwebten Stoff sich um die Schultern, Das hingen sie als Perlen und Rubinen Den Weibern um den Hals, und damit krönten Sie ihrer Fürsten leeres Hirn. Gott selbst War ihnen nichts als Hüter ihres Golds. Maria Und so erkanntest du in einer Nacht, Was Tausenden nach eines Lebens Irrweg Erst vor des Grabes Tor erschlossen ward: Daß diese Welt ein Blendwerk ist, ihr Ruhm Vor Gott ein Häuflein windverwehter Asche. O, sträube dich nicht mehr mit wildem Trotz, Da sich Gott selber deiner mild erbarmte Und von dem Abgrund, dem dein Fuß schon strauchelnd Entgegenglitt, dich jählings rückwärts riß. Der gute Hirt sucht sein verlornes Lamm; Ein frommer Büßer, beuge ihm dein Haupt, Und sein am Kreuz für dich vergoßnes Blut Wäscht deine Seele rein von allen Sünden. Angelo Bin ich gefallen, und an Kraft so arm. Daß ich nicht selbst auf meine Füße springen Und weiter wandern kann, und bin so blind. Daß ich des rechten Wegs verfehle – nun. So war mir's besser, daß ich liegen bliebe. Maria Unseliger, du leugnest Christi Gnade, Du glaubst an seine Wundenmale nicht! (Die Glocken läuten zur Morgenmesse. Viel armes Volk kommt über die Straßen in den Dom.) Angelo Soll ich mit frommer Lüge dich betrügen? Soll ich dein Herz zerreißen mit der Wahrheit? (Umfaßt die Mutter und führt sie auf die Straße.) Sieh dorthin, Mutter, wie sie müd' und schwer Ihr Unglück auf gebeugten Schultern schleppen. Ob der Magnifiko Florenz beherrschte, Savonarola seine Geißel schwang, Franzosen oder Spanier unsre Stadt Zum Schauplatz ihrer Siegesfreuden machten, – Sie trugen stets die gleiche schwere Last. Maria Die Schule für den Himmel ist die Erde. Wer in Geduld sein Kreuz durchs Leben trägt, Empfängt dort droben einst der Sel'gen Krone. Angelo Du meinst, das sei ein Trost? Ein Fallstrick ist's, Der Arme, Schwache vollends niederreißt Und sie der Kraft beraubt, sich aufzuraffen. Der unser Volk zum Spielball jeder Willkür, Zum Sklaven jeder Herrscherlaune macht. So wie ein Kind, befreit vom Gängelband, Erst weiß, was Gehen heißt; ein Baum vom Stabe, Dem stützenden, erlöst, erst trotzen lernt Der wilden Windsbraut, also wird das Volk, Wenn es die Stelzen, Krücken, Augengläser, Womit ein Fremder seine Kräfte fälschte. Von sich geworfen hat, erst wachsen lernen Und sehn und schreiten aus ureigner Kraft. Maria Und wird den Glauben an der Heil'gen Hilfe, An Gott verlieren! Angelo Aus dem dürren Holz Weckt auch des Himmels Sonne keine Blätter, Doch wo die Wurzel aus der braunen Erde Sich selbst die Kraft saugt, blüht die Blume wieder In jedem neuen Lenz. – An deinem Beispiel Wuchs ich heran. Du warst die Trösterin Der Traurigen, der Armen guter Engel. Den Weg, den du gingst, geh' ich weiter, Mutter; Will ihnen lehren, mit den eignen Händen Durch ihres Jammers nie besiegten Fels Den Tunnel graben, daß das Licht des Lebens Sie jenseits grüßen mag. Drum darf ich dir Ins Auge sehn, darf deinen Muttersegen Erbitten für mein Werk. Dein Herzblut strömt Durch meine Adern. Maria Groß ist meine Schuld, Gebenedeite Mutter unsres Herrn; Doch von der schrecklichsten sprichst du mich frei. Ich habe keinen Teil an seinem Tun! – Man nannte dich den Antichrist. Mir war Bei diesem Wort, als ob das Firmament Zusammenstürzen müßte. Doch mein Glaube An meinen Sohn war wie der Atlas stark. Jetzt aber seh' ich, unglücksel'ges Kind, Daß dich im Engelskleid der Teufel narrte Und deinen Geist zum Werkzeug seiner Taten Gewandelt hat. Den Glauben dieser Armen, Die Krücke für der Schwachen Pilgerfahrt Durch ihres Lebens weite, rauhe Wildnis Willst du zerbrechen? Und ihr einz'ges Gut, Das ihre Not verklärt, ihr armes Lager Zu einem Bett glücksel'ger Träume macht, – Die süße Hoffnung auf den Lohn des Himmels Für all ihr Leid, – so grausam kannst du sein, Grausamer als der blutigste Tyrann, Als Pestilenz und Krieg und Hungersnot, Sie dessen zu berauben? Angelo Mutter, Mutter! Maria Taub bin ich für dein Flehen – muß es sein. Gib Antwort mir: Bist du der Henkersknecht? Angelo O höre mich! Maria Du wagst kein Ja, kein Nein, – (Angelo will sich ihr zu Füßen stürzen.) Rühr' mich nicht an – daß ich vor meinen Gott Mit reinem Kleide trete. (Maria geht zum Dom hinüber; auf den Stufen schwankt sie und bricht zusammen. Angelo springt zu; sie weist ihn zurück; er sinkt in die Knie und verbirgt das Gesicht in den Händen. Maria wendet sich vor der Pforte noch einmal zu ihm um, breitet die Hände über ihn aus, um sie dann wie zum Gebet, gen Himmel blickend, aneinanderzulegen. Pietro kommt.) Pietro Sag', wo bleibst du? Indes du heimlich dem Palast entflohst, Verschachern sie dein Erbe. Angelo Mögen sie! (Er wendet sich schroff von Pietro ab und verschwindet im Hintergrund. Indessen naht die Prozession mit dem Kardinal an der Spitze, von Chorknaben umgeben, von Priestern gefolgt, denen sich in bunter Folge die Bürger von Florenz anschließen. Der Abt und Fra Sebastiano kommen an der Spitze der Dominikaner vorüber.) Der Abt Der Kardinal ist milde und ein Weltmann, Der sich vor jedem scharfen Worte scheut. Fra Sebastiano Und auch der Heil'ge Vater, fürcht' ich, schützt Zuvörderst sein Geschlecht und dann die Kirche. Der Abt Als Streiter Christi stehen wir allein. (Sie gehen weiter. Lorenzo kommt in Begleitung Cesares.) Lorenzo War Angelo gekränkt? Er floh das Fest, Cesare Um in Lucrezias Armen sich zu trösten! Lorenzo Ihr wißt? Cesare Ich sah's. Lorenzo Ihr habt den kühlen Blick, Dem nichts entgeht. Wir sollten Freunde werden. (Giuliano und Filiberta mit großem Gefolge gehen vorüber.) Giuliano Du tanztest lang. Filiberta Du trankst bis heute morgen. Giuliano Vor Abend noch verlassen wir Florenz. Filiberta Du bist ein Narr. Ich geh' nicht. Mir gefällt's. Giuliano (spottend) Hat dir Lorenzo schon erlaubt, zu bleiben? (Sie verschwinden im Dom. Viel Volk strömt von allen Seiten herzu und sammelt sich an der Treppe.) Ein Mann Der Hagre war Lorenzo. Ein zweiter 's ist ein Frommer. Ein dritter Der Unschuld Hüter nennt man ihn. Ein vierter Mit Recht. In seinen Armen schützt er sie – vor andern! Eine Frau Gar kecke Augen hat die Herzogin. Eine zweite Frau Das ist in Rom die Mode. Manche Hure Nagt schon am Hungertuch, weil feine Damen Ihr unentgeltlich in das Handwerk pfuschen. Ein alter Mann Sahst du den Angelo, mein liebes Kind? Ein Knabe Er kam noch nicht. Der alte Mann So führ' mich nah' zur Türe, Daß ich ihn sehen kann, sobald er kommt. (Er drängt sich durch die Menge nach vorn.) Ich habe schwache Augen, gute Leute. Ein andrer Mann Doch sag', du hörtest ihn? Ist's wirklich wahr. Ein Medici sprach zu uns wie ein Bruder? Der alte Mann Von einer neuen Zeit erzählt er uns. Eine Frau Vom Glück. Der alte Mann Vom Sattsein. Ein Mädchen Von der Lust am Leben! Ein junger Mann Als ob dergleichen rare Kostbarkeiten Für unsereinen auch vorhanden wären! Ein zweiter Das war ein ander Brot, als wenn der Priester Mit der Ergebenheit in Gottes Willen Das Maul uns stopft, und fromme Esel schützt Vorm Fressen, Saufen oder gar vorm Schreien. Der alte Mann Wie Angelo, so mögen Engel reden; Auch wenn ihr Lied nur für den Himmel paßt. Ist's gut zu hören. Der junge Mann Wär's nur für den Himmel, So schert' ich mich nicht drum. Mir scheint schon lang', Daß große Herren ihn erfunden haben, Damit sie ungestört bei Wein und Braten Sich mästen können. Ein zweiter Wo bleibt Angelo? Ein dritter (der eben erst herzutritt) Von einem Diener hört' ich eben erst, Er sei entflohn. Ein vierter Und mir erzählte einer, Man habe ihn gewaltsam in ein Kloster Heut nacht entführt. Ein junges Mädchen (drängt sich, aus dem Dom kommend, erregt dazwischen) Lorenzo ließ ihn greifen Und warf ihn in den Turm. Ein Mann Wer sagt dir das? Das junge Mädchen Maria, seine Mutter, lag in Tränen Gebadet auf den Knien und stöhnte dumpf, Ihr Sohn sei ihr gestorben! Ein junger Mann Auf, zum Turm! Vielleicht ist's nicht zu spät, wir retten ihn. Ein zweiter Angelo Medici sei unser Schlachtruf! (Allgemeiner Tumult, in dem sich der Ruf nach Angelo wiederholt. Die Domtüre springt auf, Lorenzo und Cesare erscheinen, während das Volk nach rechts davoneilt.) Lorenzo Er rächt sich rasch. Cesare Ich steh' Euch ganz zu Diensten. Lorenzo Es soll Euch nicht gereu'n. Zu danken weiß ich. (Sie gehen die Domtreppe hinab und verschwinden nach verschiedenen Richtungen. Giuliano tritt aus dem Dom, sich entsetzt umwendend.) Giuliano War's ein Gespenst? Im Dunkel strahlte es Und sah mich an –. Es waren nichts als Augen, Blutunterlaufene – (Maria erscheint in der offenen Domtür, fernes Kerzenlicht vom Altar strahlt hinter ihr.) Maria – du –! (Maria sieht ihn groß und ruhig an und will an ihm vorüber. Er vertritt ihr den Weg.) Maria Du gabst mir einen Sohn und nahmst ihn wieder – Was willst du noch von mir? Giuliano Ich hab' ihn nicht – Maria Du hast ihn nicht. Ich weiß. Er starb auch dir. Laß mich vorüber. Giuliano Nein, ich laß dich nicht. Seit ich dich sah, weiß ich, du bist die Parze, Die heimlich meinen Unglücksfaden spinnt. Dies Schwert ist unbesiegt, doch jeden Lorbeer Entriß mir noch ein andrer, eh' die Stirne Er mir gekrönt. Ein Heimatloser war ich, Da öffnete Florenz mir seine Tore Und speit mich wieder aus wie ekle Speise. Ein Kinderloser war ich. Ein Geschenk Der Götter selber, fand ich einen Sohn, Und er verwarf mich. – Nimm die Schuld von mir. Verfolge mich nicht mehr! Maria Der heil'ge Christ Starb auch für dich. Sein ist allein die Macht Zu lösen und zu binden. Trug ich noch In meinem Herzen eine Spur von Haß, So hat ihn meine Buße ganz gelöscht. Zieh hin in Frieden! (Giuliano entfernt sich, nachdem er ihr kniend die Hand geküßt hat.) Gütige Madonna, Streich aus dem Schuldbuch meines toten Sohn's Nur eine seiner Sünden! (Giuseppe erscheint, das Handwerkszeug tragend. Er packt die in sich Versunkene heftig am Arm.) Giuseppe Hier find' ich dich! Mein Haus ist leer, verwahrlost Ist meine Habe, ausgebrannt mein Herd. Ist das der Dank, daß ich Barmherzigkeit An dir geübt und an dem Bankert – wie? (Pause. Er wartet vergebens auf Antwort.) Weißt du, woher ich komme? Vom Palazzo Der Medici. Man gab mir gestern Arbeit, Heut warf man mich hinaus. Dein saubrer Sohn Hat einen alten, braven Mann wie mich, Dem er sein Leben dankt, ums Brot gebracht. (Pause. Er wartet wieder vergebens auf Antwort.) So rede doch! Die Schmach verschlug dir wohl Die Sprache? – Rasch, ich brauch' die Magd im Haus. Mach, daß du heimkommst. Maria Habe Dank, Giuseppe. Ich will dir dienen besser als bisher. Ich habe große Sünde gutzumachen. Gib mir dein Werkzeug. (Er gibt es ihr.) O, es lastet schwer! Wie wohl das tut! (Giuseppe wendet sich zum Gehen, Maria geht hinter ihn. Meister Sandro tritt ihr entgegen.) Sandro Maria, welch ein Anblick! (Er will ihr die Last abnehmen.) Maria Nicht doch, Meister! Ich trag' es gern! Nur eines bitt' ich Euch: Gebt Antwort mir, als legtet Ihr die Hand Zum Schwur auf Gottes Wort: Glaubt Ihr, ein Mensch Kann so von aller Sünde sich befreien, Daß Gott sein Leiden, seiner Buße Qual Für eines andern großen Sünders Schuld Empfangen mag? Sandro Der heil'gen Beter Chor Befreit die Sünder aus dem Fegefeuer. Ich glaube es, Maria. Maria Dank Euch, Meister. (Sie will gehen, besinnt sich und wendet sich noch einmal um.) Wollt Ihr noch eines mir zuliebe tun: Nehmt das Madonnenbild aus unsrem Hause. War es schon Sünde, daß ich arme Magd Zur heil'gen Jungfrau Euch mein Antlitz gab, So war es größre noch, davor zu beten. Mir ist, ich betete zu meinem Sohn, Der auf dem Schoß ihr saß, und nicht zum Heiland. (Sie geht. Sandro sieht ihr lange nach. Von links strömt Volk herzu und geht nach rechts weiter. Fra Sebastiano, die Kapuze tief in die Stirne gezogen, ist mitten unter ihnen. Eine Frau kommt ihnen von rechts entgegengelaufen.) Die Frau So kommt nur – rasch – die Piazza ist voll Menschen. Angelo prophezeit den Jüngsten Tag! Eine zweite Frau (kommt von links, ein Kind nach sich zerrend) Lauf doch geschwind, – wir kommen noch zu kurz! Er zaubert Brot und Fische aus den Körben Wie Christus selbst! Ein Lahmer Und wandelt gar mein Bein, Mein hölzernes, mir in lebend'ges um? Ein altes Mütterchen Er heilt die Schwären. Eine dritte Frau Macht mein Kind gesund! Ein Mann Gibt mir zurück, was mir der Nachbar stahl. (Sie eilen rechts die Straße hinauf zur Piazza. Fra Sebastiano nähert sich. Sandro und lüftet die Kapuze ein wenig.) Fra Sebastiano Wie märchensel'ge Kinder glauben sie's. Die armen Narren! Sandro Doch daß Angelo Sie durch solch plumpe Lügen an sich lockte! Fra Sebastiano Des Herzogs Bastard? Nein! Ich schürte ihn, Den Brand, der ihre Köpfe schon verwirrte. Je stärker ihre Hoffnung ist, je größer Wird die Enttäuschung sein. Sandro Ihr seid ein Schurke. Fra Sebastiano Der heil'gen Kirche frommer Diener bin ich Und strecke in den Staub, wer ihrer spottet. Sandro Und ich bin Christi Knecht. In seinem Namen Beschütz ich auch den Sünder in der Not. (Sie eilen beide davon. Der Kardinal Bibbiena, der Abt und eine Anzahl Priester kommen von rechts.) Der Abt Nun hörtet Ihr ihn selbst, Herr Kardinal, Die Gnadenwunder heil'ger Sakramente Verleugnet er und den Erlösertod Des Gottessohns! Der Kardinal Beim Zeus, er ging zu weit! Auf offner Straße führt zur Meuterei, Was im Palast der Fürsten nur ein Spiel Der freien Geister ist. – Ihr habt die Macht; Nehmt ihn gefangen – er ist Klosterschüler – Steckt ihn bei Brot und Wasser in die Zelle, Die Eure engste ist, und schickt ihn dann, Wenn ihm der Übermut erst ausgetrieben, In sichrer Hut zu mir nach Rom. Mir scheint, Aus diesem Jüngling läßt sich etwas machen, Das unsres Heil'gen Vaters Langeweile Verkürzen hilft. Der Abt Herr Kardinal, die Sache Ist viel zu ernst, als daß Ihr scherzen dürft. Wir brauchen ein Exempel. Unsre Bürger Sind im Erfüllen ihrer Christenpflicht Schon lange lässig. Dies hier fehlte noch, Um sie an ihrem Glauben irr' zu machen. Ihr wißt so gut wie ich, der Geist des Zweifels Erhebt sich drohend in der ganzen Welt, – Er weicht nur einem Zauber noch: Dem Schrecken. Der Kardinal Der böse Geist des Zweifels, teurer Abt, Spricht auch aus Eurer Angst, sonst würdet Ihr Die Macht des Glaubens ihm entgegensetzen, Nicht die Gewalt. (Die Szene hat sich inzwischen immer mehr gefüllt. Von der Straße rechts strömen die Menschen eifrig redend zurück.) Das Kind (weinerlich zur Mutter) Er gab mir keinen Fisch, Kein Stückchen Brot. Ich habe Hunger, Mutter. Der Lahme Lahm, wie ich war, so schickt er mich zurück. Ein junger Mann Es gibt kein Übel für den Guten, sagt er. Ein zweiter So spottet er noch unsrer Not. Ein dritter Der Wille Wirkt Wunder, sprach er, und versetzt die Berge. Ich wollte längst, ich hätt' des Herzogs Gold, Und doch ist meine Tasche leer wie immer! (Cesare kommt und mischt sich unter die Menge. Man sieht ihn mit dem und jenem sprechen.) Ein Mann Lorenzo Medici, ich weiß es sicher. Verwies ihn heute nacht aus dem Palast. Er ist vielleicht kein echter Sproß des Hauses. Ein zweiter Sagt' ich es euch nicht gleich: er schmeichelt uns; So machen's alle, wenn sie uns gebrauchen. Ein dritter Er ist nur ein Betrüger mehr. Ein vierter Ein Narr! Cesare Ganz recht, mein Freund, ein armer Narr ist er. Lorenzo von Urbino, unser Herr, Bedauert tief, die guten Florentiner An einem Festtag, wie der heut'ge ist, In solcher Not zu sehn, so ganz verärgert, So schlechter Laune! Liebt er doch nichts mehr Als fröhliche Gesichter. »Leider bin ich«, So sagt er mir, »kein neuer Wundertäter, Auch kein Prophet, drum ist der Trost gering, Den ich zu bieten habe.« Seht, er schickte Mit ein paar vollen Beuteln mich zu euch. (Er zieht ein paar Beutel aus der Tasche und hebt sie hoch. Alles drängt sich um ihn. Er spricht weiter, während er das Geld verteilt.) Vergeßt bei einem guten Tropfen Wein Den argen Spuk, der euren Geist verwirrte. Was ihr gesündigt habt in eurem Wahn, Wird euch vergeben. Denn der Heil'ge Vater Ist ja ein Medici, und seinen Segen Schickt er in Fülle der getreuen Stadt. (Er wirft das letzte Geld unter die Menge, die sich darum rauft.) Ein Mann Heil, heil, Lorenzo, unserm gnäd'gen Herrn! Die Menge Heil, heil, dem Vater, dem Beschützer, heil! Der Kardinal Was wollt ihr mehr? Der arme Schwärmer ist Gerichtet. Ihr könnt euer Urteil sparen. (Der Kardinal geht. Fra Sebastiano kommt von rechts.) Fra Sebastiano (zu dem Abt und den Mönchen) Noch drängt sich um ihn eine Menge Volks. Sein Jubel ist die Peitsche seiner Rede, So daß sie, ein gehetztes wildes Pferd, Die letzten Schranken frommen Christenglaubens Blindrasend überspringt. Wie lange noch, Ihr Krieger Christi, duldet ihr den Greuel? (Man hört das Herannahen vieler Menschen, ein Mann eilt voraus.) Der Mann Nehmt euch in acht, friedfert'ge Florentiner! Die Banden, die ihm folgen, tragen heimlich Den Dolch im Gürtel. Dieser sanfte Jüngling Wird ein Tyrann, wenn ihr ihn siegen laßt. (Von rechts kommen zuerst Kinder gelaufen, denen ganz junge Leute folgen. Dann erscheint Angelo, dicht neben ihm Lucrezia. Ihm folgen junge Männer und viele Frauen. Die Gruppe um ihn steht im drastischen Gegensatz zu dem, was vorher von ihr gesagt wurde.) Angelo Nun laßt uns diese grauen Mauern fliehen; Sie sind ein dumpfer Kerker für die Seelen, Die Sonne suchen. Auf den Bergen droben Steht noch ein Tempel aus vergangner Zeit. Durch offne Säulenhallen streicht der Westwind, Im weißen Marmorestrich spiegelt sich Der blaue Himmel. Ein verlass'ner Altar Erwartet unser Opferfeuer. Kommt! (Er will weitergehen. Fra Sebastiano tritt ihm entgegen.) Fra Sebastiano An welchen Gott verkaufst du diese Seelen, Verführer, und um welchen Satanspreis? Angelo Die Sonne scheint nur dem, der sehen kann. Und du bist blind. Fra Sebastiano So nenne seinen Namen! Der Abt Heißt er dir Allah oder Zebaoth? Fra Sebastiano Apollon? Dionys? Angelo Seid ihr so klein, So jämmerlich, daß ihr den Ewigen, Allgegenwärtigen, Geheimnisvollen, Der sich in jedem Grashalm offenbart, In jedem Stern, in jedem Atemzuge, In einen engen Namen spannen wollt? Der Abt Du weichst mir aus, weil du die Wahrheit fürchtest. Ich frage dich vor allem Volk: Bekenne, Ist der dreiein'ge Gott der deine? Angelo Nein! Fra Sebastiano Ihr hört den Gottesleugner! Die Mönche Steinigt ihn! Lucrezia Rühret ihn nicht an! Cesare (reißt Lucrezia fort) Weg mit der Buhlerin! (Er packt Angelo mit beiden Händen. Zwei Männer treten herzu und versuchen ihn zu binden.) Ihr seid gefangen. Angelo Du, Cesare, du?! (Er reißt sich los, während die Mönche ihn umringen und die Männer sein Gefolge zurückzudrängen suchen.) Ein feiger Überfall. Ich trotze euch. Kommt, Freunde, kommt! Der Tempel wartet unsrer. (Die Jünglinge und die Mädchen versuchen zu ihm durchzudringen. Ein Mädchen erscheint auf der obersten Stufe der Domtreppe.) Das Mädchen (laut schreiend) Weicht von ihm, Mädchen! Laßt ihn los, ihr Knaben! Kennt ihr Maria, seine Mutter, nicht? Für einen Toten läßt sie Messe lesen Und geißelt sich für einen, der verdammt. (Alles weicht scheu vor Angelo zurück. Er steht ganz allein zwischen Cesare und den Mönchen. Lucrezia nähert sich ihm und schmiegt sich an seine Füße.) Angelo Nur du, Lucrezia? (Er läßt sich widerstandslos fesseln.) Der Vorhang fällt. Ende des vierten Akts. Fünfter Akt Der Hof des Bargello. Rechts eine Treppe, die zum ersten Stock einer offenen Säulenhalle emporführt. Im Hintergrund eine Tür, rechts unter der Treppe eine zweite Tür. Im Hof lagern Söldner beim Würfelspiel. Erster Söldner Verteufelt, du hast Glück! Mein letzter Heller! Zweiter Söldner Ich kann ihn brauchen. Eine Dirne leerte Die Tasche mir. Dritter Söldner Und du beklagst dich noch? Gibst sonst die ganze Beute für die Weiber! Zweiter Söldner Bei Licht besehn, war's eine alte Vettel. Vierter Söldner In dieser Stadt ist nichts als Lug und Trug; Ich wollt', ich wär' auf freiem Felde draußen, Statt daß ich hier im Dienst der Kuttenträger Für einen armen Jungen, der sie lästert, Wie sich's gebührt, den Schergen spielen müßte. Erster Söldner Was geht's mich an. Die Republik hat Geld. Dritter Söldner Der Herzog von Nemours war auch nicht knausrig. Vierter Söldner War, sagst du, warum: war? Dritter Söldner Du weißt's noch nicht? Er ist davon. Vierter Söldner Und ließ uns dem Lorenzo, Des' Hand vor lauter Rosenkränzedrehn Zu schwach fürs Schwert ist? Dritter Söldner Hol's der Teufel – ja. Vierter Söldner Damit die Mönche den da ungestört Zur Schlachtbank schleppen. Solch 'ner Memme dient Ein braver Landsknecht nicht! Dritter Söldner Halt's Maul, du Grasaff'! Kotz' auf 'nen andern, auf den Herzog nicht! Seit Jahren dien' ich ihm. Ich hielt sein Roß, Als er heut abend in den Sattel sprang Und seine schwarze Rüstung, die zerbeulte, In den Scharnieren knirschte wie zur Schlacht. Er sprach kein Wort, doch unter seinen Zähnen, Die sich in seine Lippen gruben, floß Das rote Blut. Er ritt den Weg nach Rom; Auf seinem Rappen schien er wie ein Riese. Und schob sich dunkel, drohend vor den Himmel, Der hinter ihm in Feuer stand. Er wird Beim Heil'gen Vater bitten für den Sohn, Das glaub' ich fest. Erster Söldner Drum sputen sich die Mönche, Daß ihre Beute ihnen nicht entschlüpft. (Ein paar Mönche kommen in leisem Gespräch mit Bürgern die Treppe hinab.) Sie wissen ihre Zeugen gut zu schmieren. Drei Jahre Ablaß, wer den Angeklagten Der Gottesläst'rung überführt. Die Folter, Der Scheiterhaufen, ewige Verdammnis, Wer ihn verteidigt. Seht nur, wie sie strahlen! Mich soll's nicht wundern, wenn der Dicke dort Geschworen hat, daß er dabei gestanden, Als Angelo zu Bett ging mit der Muhme Des Höllenfürsten! (Pietro kommt zögernd hereingeschlichen.) Dritter Söldner Der da ist sein Freund. Ob er gekommen ist, ihm beizuspringen? Pietro Habt ihr gehört, wie's steht? Erster Söldner Was fragt Ihr viel? Seht jene an! (Auf der oberen Galerie erscheinen Fackelträger und Mönche. Dann Angelo allein im Büßerhemd mit gefesselten Händen. Hinter ihm Knechte und Mönche; der ganze Zug bewegt sich langsam bis zur Treppe.) Dritter Söldner Ihr kommt ein wenig spät. Pietro Wieso denn? (Bei diesen Worten Pietros bleibt Angelo stehn und horcht hinunter.) Dritter Söldner Angelo ist Euer Freund! Pietro Das ist ein Irrtum! Niemals sah ich ihn. (Angelo zuckt zusammen und geht tiefgebeugten Hauptes die Treppe hinunter. Als er an Pietro vorbeikommt, sieht er ihn groß an. Der ganze Zug macht vor der Tür im Hintergrund halt. Der Stadtknecht, eine Riesengestalt in rotem Gewand, schließt sie auf, löst Angelos Handfesseln und führt ihn hinein. Dann sperrt er hinter ihm die Türe zu und wendet sich zu den Söldnern. Pietro schleicht sich davon. Der ganze Zug verschwindet nach links. Der Kardinal, der Abt und Fra Sebastiano kommen die Treppe hinab.) Der Kardinal Ein rasches Urteil! Fra Sebastiano Eine Buhlerin Die einz'ge, die ihn schuldlos fand! Der Abt Er selbst Sich rückhaltlos zur Häresie bekennend, Die man ihm vorwarf. Der Kardinal Meint Ihr, teurer Abt, Daß heute irgendeiner Eurer Christen, Die wider ihn in frommem Eifer zeugten. So mutig – stünden sie vor Heidenrichtern – Zu ihrem Glauben sich bekennen würden Wie dieser Jüngling zu dem seinen? – Ach! Spart Euch die Antwort! – Was beschließt Ihr nun? Der Abt Es bleibt uns nichts mehr übrig zu beschließen. Der Kardinal Der Glaubenseifer ist ein ätzend Wasser, Das von der Tafel der Erinnerung rasch Jedwede Schrift verlöscht. Savonarolas, Des Eifervollen, Blut düngt eine Welt, In der der Kirchenfeindschaft gift'ge Blüten Üppig gedeihn. Und Ihr seid schon bereit, Den allzeit durst'gen Boden neu zu tränken? Fra Sebastiano Uns ziemt es nicht, nach Art der Staatsgelehrten Die Folgen unsres Tuns klug abzuwägen. So wie dem Blitz, der einschlug, Feuer folgt, So folgt der Tat die priesterliche Strafe. Der Kardinal Nur daß die Mauern, ist das Haus von Stein, Dem Feuer trotzen. Der Abt Eurem Einwand kann ich, Herr Kardinal, mich nicht verschließen. Doch, Wenn er nicht abschwört? Der Kardinal Habt Ihr keine Mittel Als Drohung mit dem Tode? Der Abt Seine Mutter. Wenn sie nicht sein verstockt Gewissen rührt, Ist alles fruchtlos. Fra Sebastiano Eine Heil'ge ist sie. Von ihrem Haupte schnitt sie sich das Haar, Das goldgelockte, und auf bloßem Leibe Trägt sie ein rauhes Hemd wie arme Sünder. Vor ihrem Hause sammelt sich das Volk Und lauscht in frommen Schauern. Ihre Geißel Saust durch die Luft. Ihr Jammern könnte Teufel Zu Tränen rühren. Der Kardinal Wieviel mehr den Sohn! Versprecht mir, Abt, Ihr holt die Frau. Das Schauspiel Der Fackeln Neros wiederholen, ist Kein Ruhm für Christen. (Der Kardinal entfernt sich rasch. Der Abt und Fra Sebastiano folgen ihm. Lucrezia kommt über die obere Galerie, von wo aus sie die Söldner unten beobachtet.) Dritter Söldner Habt ihr zugehört? Sie wollen ihn gen Himmel lodern lassen. Damit der Herrgott sieht, wie fromm sie sind. Vierter Söldner Kein schlechter Spaß wär's, diesen armen Vogel Den Raubtierkrallen zu entreißen – was?! Erster Söldner Damit sie uns an seiner Stelle rösten! Zweiter Söldner (kommt aus der Türe rechts) Kommt! Eine gute Seele schickt den Trost Für unsern Henkerposten. Der Stadtknecht (tritt in die Türe mit einem Humpen in der Hand) Reinen Wein! (Sie ziehen sich alle zurück. Lucrezia eilt die Treppe hinab. Sie schmiegt sich wartend in den Schatten einer Säule. Nur ein schräger Mondstrahl erhellt noch die Finsternis. Gleich nach ihr kommen Lorenzo und Cesare über die Galerie die Treppe hinunter auf den Hof.) Lorenzo Ihr tragt nicht gern die Folgen Eurer Tat, Messer Cesare. Cesare Diese wollt' ich nicht! Ihr spracht von Strafe, wünschtet den Rivalen Euch aus dem Wege. Es geschah. Das Volk Fiel von ihm ab. Ihr dankt es mir allein. Doch an dem Urteil dieses Abends bin ich Nicht schuldig! Nein, bei Gott, ich bin es nicht! Lorenzo Ich achte einen Räuber, der sein Opfer Bei Tage überfällt, mehr als den Dieb, Der heimlich sich bei Nacht durchs Fenster einschleicht, Und einen Mörder mehr als den Betrüger. Gehabt Euch wohl! Ein überzart Gewissen, Wie Eures ist, paßt nicht für meinen Dienst. (Cesare geht nach links ab. Lucrezia tritt vor, den Schleier dicht über das Antlitz gezogen. Lorenzo fährt im ersten Augenblick erschrocken vor ihr zurück und greift nach dem Dolch.) Ein Überfall? (Er faßt nach dem Arm Lucrezias.) Ein runder Frauenarm! (Er umschlingt sie.) Der weiche Leib des Weibes! Sei willkommen! Du reizendes Gespenst. (Er versucht ihr den Schleier zu entreißen.) Was wehrst du dich? Nach diesem Tage ödester Geschäfte Verdurst' ich längst nach deinesgleichen! (Sie stößt ihn zurück.) Ah! Du denkst vielleicht, dein Sträuben kühlt den Brand? Lucrezia Versprich mir eins, – und ich gehöre dir. Lorenzo Versprechen? Was du willst: den Mond vom Himmel, Die schwarze Perle aus dem Diadem, Des Türkensultans – (Sie schlägt den Schleier zurück und läßt den Mantel von ihren nackten Schultern fallen.) Du, Lucrezia? Lucrezia Ich! Giuliano ritt davon, – ließ mich zurück –, Du siegtest über ihn, – des Siegers bin ich – Lorenzo Hier ist kein Ort für Liebesfreuden – komm! Lucrezia Zuerst – der Preis! Lorenzo Du schacherst mit der Liebe; Das ist dein Handwerk. Ich vergaß. Nur rasch Sag', was du forderst! Lucrezia Gib Angelo frei! Lorenzo Damit du dich in seinen Armen tröstest Für den erzwungnen Liebesdienst bei mir! Lucrezia Ich will ihn nicht für mich. Mit Folterstricken Kannst du mich fesseln an dein Bett. Lorenzo Die Kirche Warf ihn in Ketten, und die Kirche nur Kann ihn befrein. Lucrezia Ein einzig Wort von dir, Die Söldner sprengen seines Kerkers Pforte. Lorenzo Damit das Volk von seinem glatten Antlitz, Von seines Körpers ebenmäß'gem Wuchs Und von der tiefen Orgel seiner Stimme Zum zweiten Male sich gewinnen lasse? Ich will im Schatten keines andern leben; Ich will die Macht, ich will sie ungestört. Lucrezia Wohin du magst, kannst du ihn gehen heißen. Das Leben nur gib ihm! Mit meiner Liebe Belohn' ich dich. Entsinnst du dich, Lorenzo, Des Abends in Ferrara, als Giuliano Dich aus dem Saale wies? Ich tanzte nackt – Du rütteltest verzweifelt an der Pforte, – Noch heute nacht tanz' ich allein für dich. Lorenzo (Lucrezia heftig in das helle Licht des Mondstrahls zerrend) Du hast vergessen, scheint mir, dich zu schminken: Dein Mund ist blaß, durch deine Haare zieht sich Ein weißer Faden. Deine Brust ist welk. Seitdem dein Tanz mich fiebern machte, bist Du alt geworden. Darum ist der Preis Für dich zu hoch. Die Dirnen von Florenz Sind jung und nicht so teuer. (Er wendet sich zum Gehen, sie umklammert seine Knie.) Lucrezia Hab' Erbarmen! (Er stößt sie von sich und geht. Auf ihren Schrei kommen die Söldner und der Stadtknecht zusammengelaufen. Sie sind betrunken.) Stadtknecht Zuerst der Wein und nun ein Weib! Der Himmel Lohnt unsre Wache. Warum weinst du noch? Da, sauf und sei vergnügt! (Lucrezia richtet sich auf.) Zweiter Söldner Die kommt nicht von der Straße. (Er betastet ihr Kleid.) Reine Seide Ist ihr Gewand. Stadtknecht (ihren Arm streichelnd) Und weicher Samt die Haut. Erster Söldner Um ihren Nacken trägt sie Perlenschnüre. Dritter Söldner Und funkelnde Smaragde an der Hand. Lucrezia (indem sie Ketten und Ringe abnimmt) Wenn ihr nur wollt, so schenk' ich euch den Schmuck. Erster Söldner Dann sind wir reich. Dritter Söldner Und frei. Zweiter Söldner Gib her! Vierter Söldner Was gilt's? Lucrezia Nur einen kleinen Dienst. Die Pforte dort – Stadtknecht Oho, mein Täubchen, das ist meine Sache. Ich hafte mit dem Kopf für jenen Mann. Lucrezia Nur sprechen will ich ihn. Dritter Söldner (zum Stadtknecht) Was sträubst du dich? Erster Söldner Nehmt dem besoffnen Hund den Schlüssel fort! (Die Söldner ringen mit ihm. Er schüttelt sie ab.) Stadtknecht Schmeißfliegen, die ihr seid! – (zu Lucrezia). Ich, schöne Frau, Bin ein galanter Mann und fordre nichts Als einen Kuß von Euch für diesen Schlüssel. Erster Söldner Die Perlen her! Wir schlagen Lärm! (Lucrezia verteilt ihren Schmuck unter die Söldner.) Lucrezia Nehmt hin! Nehmt alles hin! (Sie wendet sich zu dem Stadtknecht und hebt den Kopf.) Und hier, was du begehrst. Stadtknecht Ich bin ein Florentiner und galant – Die da: Landstreicher sind's, von schlechten Sitten. (Er geht zur Kerkertür, die er aufschließt.) Ihr habt den Vortritt, meinen Lohn – nachher. (Die Söldner verschwinden lärmend in der Türe rechts, der Stadtknecht folgt.) Lucrezia Komm! Angelo! (Angelo tritt aus der Kerkertür.) Angelo So graut der Tag? Lucrezia Ich bin's – Still, frag' mich nicht. Zu kostbar ist die Zeit. Die Treppe – rasch! Rechts oben dann, am Fenster Der Strick – die Straße unten. – Menschenleer Ist jetzt die Stadt – Angelo Und dann? Lucrezia Und dann?! Das Leben! Angelo Was gilt es mir, wenn mein Gedanke stirbt? Und er muß sterben, will ich mich erhalten. Lucrezia Ihr seid sein Träger. Angelo Nein, sein Säemann nur. Lucrezia Um der Madonna willen – dorthin seht! (Der Stadtknecht erscheint unter der Tür.) Ihr seid verloren, wenn Ihr länger zögert! Angelo Verloren ist mein Werk, wenn ich entfliehe! Auch Jesus Christus lebt nur, weil er starb. (Der Stadtknecht tritt vor und will Angelo in den Kerker zurückführen.) Rührt mich nicht an, ich kenne meinen Weg. (Er verschwindet im Kerker, der Stadtknecht schließt das Schloß, Lucrezia rafft sich auf und will die Treppe empor entfliehen. Der Stadtknecht ergreift sie.) Stadtknecht Solch eine Frau, dacht' ich, die hält ihr Wort. Und du – du willst mich um den Lohn betrügen? So bist du nichts als eine Straßendirne – (Er ringt sie zu Boden. Die Szene verdunkelt sich, während Lucrezias erster Schrei der Verzweiflung in einem Wimmern verklingt). (Verwandlung. Die Piazza della Signoria. Rechts im Hintergrund der Palazzo Vecchio. Daneben rechts an der Seite die Loggia dei Lanzi. Links vom Palazzo ein Scheiterhaufen, an dessen Aufbau eine Anzahl Knechte beschäftigt sind. Morgendämmerung. Maria und Fra Sebastiano kommen von rechts. Beim Anblick des Scheiterhaufens schwankt Maria und legt die Hände vor das Gesicht.) Fra Sebastiano Ein Anblick des Entsetzens für die Mutter! Dort an den Marterpfahl wird er gebunden, Dann werfen Knechte Feuer in das Holz, Und langsam strecken rote Flammenzungen Sich hungrig nach willkomm'ner Speise aus. Sie fressen seine Füße, seinen Leib, Und schlagen schließlich aus den Augenhöhlen Den leergebrannten, triumphierend auf. So stirbt ein Ketzer. Doch die Kirche nimmt Den reuevollen an ihr liebend Herz, Vergibt wie Gott dem größten der Verbrecher. Und Ihr, die Christin und die Mutter, zögert, Den Sünder zu bekehren und den Sohn Dadurch von Tod und Hölle zu befreien? Maria (ekstatisch) Die heil'ge Mutter Gottes sprach mit mir In dieser Nacht. Sie schlug von ihrem Herzen Das Hemd zurück, und tausend Narben sah ich, Blutrote Narben. Fra Sebastiano Und sie mahnte Euch? Maria Daß das Gesetz der Furcht zerbrochen wurde, Als Gott der Sohn am Kreuz sein Leben ließ. (Der Abt kommt aus dem Palazzo, von Maria unbemerkt.) Fra Sebastiano (leise zum Abt) Das Schreckliche hat ihren Geist verwirrt. Der Abt Maria! Euer Priester spricht zu Euch. Maria Was wollt Ihr noch von mir? Ihr seid ein Mensch. Ich brauche zwischen mir und meinem Gott Nicht den Vermittler mehr. Der Abt Ist's, wie Ihr sagt, Erwählte Gott Euch wirklich als sein Werkzeug, Nun, so beweist es: rettet Euren Sohn! Maria Gelang es euch? Und dennoch drohet ihr Ihm mit der ganzen Hölle ew'gem Feuer! Glaubt ihr, er werde vor dem Holzstoß dort Aus feiger Angst ein »Ich bekenne« stammeln? Fra Sebastiano Doch, wenn die Mutter bittet – Maria Soll aus Liebe Er für die Mutter tun, was er aus Liebe Für seinen Herrgott nicht zu tun vermag? Und wenn er's täte und der Heil'ge Vater Vor der gesamten Christenheit der Erde Den also Reuigen von aller Schuld Freisprechen würde – Gott verwürfe ihn! Der Abt Entsetzlich! Seiner eignen Mutter Hand Stößt ihn auf ewig in der Hölle Rachen. Maria (ganz entrückt) Die heil'ge Mutter Gottes sprach mit mir In dieser Nacht. (Maria steht mit auf der Brust gekreuzten Händen und großem Blick ganz still, wie abwesend, während der nächsten Worte der Priester da.) Der Abt Den letzten Abschied werdet Ihr Eurem Sohn nicht weigern. Fra Sebastiano Kommt, Maria, Wir führen Euch zu ihm. Der Abt Was wir gewähren. Das könnt Ihr ohne Angst vor Sünde tun. (Zu Sebastiano.) Sie ist versteint! Fra Sebastiano Ein Zauber bindet sie. Der Abt Wer weiß, ob an des Sohnes Häresie Nicht diese Mutter schuldig ist. (Sie gehen. Meister Sandro kommt.) Sandro Maria! (Bei dem Anruf schrickt Maria zusammen. Sandro fängt die Schwankende in den Armen auf.) Das ist zu viel für Euch. Rasch fort von hier. (Als er sie fortführen will, richtet sie sich wieder empor.) Maria Die heil'ge Mutter Gottes sprach mit mir In dieser Nacht. Ich zeigte ihr die Striemen Von meinen Geißelhieben. »Das ist nichts,« Klang mild die Stimme unsrer lieben Frau. Und ich enthüllte schamvoll meinen Körper, An dem der Hunger frißt: Da tönt es ernst Und vorwurfsvoll ins Ohr mir: »Das ist nichts.« Mit diesen Händen riß ich aus dem Busen Mein zuckend Herz, von Wunden ganz durchwühlt: Sie aber wandte von mir ihren Blick Und rief mit jener Stimme hartem Laut, Die aus dem Paradies die ersten Sünder Grausam hinausgewiesen: »Das ist nichts.« So will ich sterben, schrie ich. »Das ist nichts!« Es war das Urteil ewiger Verdammnis, Das meine Seele in die Hölle stieß. Ich lag am Boden, Nacht um mich, – in mir. (Aus dem Palazzo kommen Züge von Mönchen. Der Platz belebt sich mit Neugierigen, die Holzscheite zutragen.) Sandro Kommt – kommt. Ihr fiebert. Maria Doch die Benedeite Neigte sich freundlich lächelnd über mich Und hob mich auf und zog mich an ihr Herz. »Zu leiden und zu sterben für ihr Kind,« So sprach sie sanft, »das ist für eine Mutter, Was für ein Mädchen Spiel und Tanzen ist. Ein Opfer fordert Gott der Herr von dir. Willst du für deines Sohnes Sünde büßen: Verachtung, die du nimmermehr verdientest, Der Menschen Fluch für nie getane Tat; Schuld, die dein Herz nicht kennt; Verdammnis Aus deiner Priester Mund.« Sie küßte mich auf meine beiden Augen, Daß alle Erdenblindheit von mir wich – Ich sah den Himmel offen, sah mein Kind In Gottes Schoß. (Der Zug, mit dem Verurteilten in der Mitte, kommt aus dem Palazzo und nähert sich Maria unter dem Läuten der Armensünderglocke.) Angelo Du, meine Mutter! Maria Du, mein lieber Sohn! Angelo Daß ich das Herz dir breche! (Auf einen Wink des Abtes lösen ihm die Mönche die Handfesseln.) Maria Ach, wie haben Sie grausam deine Hände eingeschnürt! (Sie küßt und streichelt die Striemen.) Als du ein Kind warst, weißt du noch, Angelo, Kamst du mit deinen Wunden stets zu mir Und weintest nicht mehr, wenn ich sie geküßt. Fra Sebastiano Um deiner Mutter willen, widerrufe! Maria Um deiner Mutter willen, tu es nicht! (Leise zu ihm allein.) Gott ist barmherzig. Jesus Christus starb Für dich. Aus Feuerflammen steigt die Seele Zum Allerbarmer. (Ganz laut, zu den Priestern gewendet, denen sie die Hände entgegenstreckt.) Hier, nun bindet mich! Ist er ein Sünder, bin ich's tausendmal, Denn ich betrog euch, da er ehrlich war, Ich heuchelte, da er die Schuld bekannte – Angelo Hört nicht auf sie! Der Wahnsinn spricht aus ihr. Der Abt (zu Sebastiano) Ich ahnte es! Die Mutter solchen Sohns! Sandro Sie ist von Sinnen – reißt sie fort von ihm! (Man versucht sie fortzureißen. Sie stößt mit übermenschlicher Kraft alle von sich.) Maria Ich bin dem Tod verfallen, so wie er. In meinem Hause hielt ich's mit dem Teufel – Kreischende Weiberstimmen Ins Feuer mit der Hexe! Mönche Bindet sie! Maria Und die geweihte Hostie aus dem Munde, Dem eignen Munde, gab ich ihm zum Fraß – Fra Sebastiano So fahr' zur Hölle! Der Abt Fort mit ihr, daß nicht Unschuld'ge Ohren mehr des Greuels hören. Maria Das Kind der Nachbarin, das gestern starb, Hab' ich behext – (Die Menge will sich mit Fäusten und Stöcken auf sie stürzen.) Sandro Sie lügt, bei Gott, sie lügt! Maria Ich – fluche – Gott, dem Vater – und dem Sohn! (Alle bekreuzigen sich. Fra Sebastiano will sie packen. Sie bricht zu Füßen Angelos zusammen.) Ich sterbe – deine Mittlerin – mein Kind – Vater – im – Himmel – nimm ihn auf – zu dir! (Sie stirbt.) Der Vorhang fällt. Ende.