Mirèio Provenzalische Dichtung von Frederi Mistral     Deutsch von August Bertuch     Vierte Auflage Stuttgart und Berlin 1905 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger     Inhalt       Einleitung Erster Gesang – Der Zürgelhof Zweiter Gesang – Die Blätterlese Dritter Gesang – Die Seidenernte Vierter Gesang – Die Freier Fünfter Gesang – Der Kampf Sechster Gesang – Die Zauberin Siebenter Gesang – Die Väter Achter Gesang – Die Crau Neunter Gesang – Die Versammlung Zehnter Gesang – Die Camargo Elfter Gesang – Die Heiligen Zwölfter Gesang – Der Tod Namensregister Einleitung Im Spätsommer des Jahres 1858 reiste der jugendliche Dichter von »Mirèio«, auf Veranlassung seiner in Paris studierenden Schulgenossen Adolf Dumas und Ludovic Legré, aus seinem weltentlegenen provenzalischen Dörfchen zum ersten Male in seinem Leben nach der französischen Hauptstadt. Er hatte den beiden Freunden gelegentlich ihrer Ferienaufenthalte in der Provence einzelne Gesänge seines im Entstehen begriffenen ländlichen Epos vorgelesen und durch Dumas waren Lamartine, der damals noch am französischen Dichterhimmel als Stern erster Größe glänzte, Bruchstücke daraus mitgeteilt worden. Der siebzigjährige Sänger der »Harmonies« entzückte den jungen Mistral durch die Wärme seiner Teilnahme und Aufmunterung. Im Februar 1859 erschien »Mirèio« gedruckt und Lamartine war der Empfänger des ersten Exemplars. Er las und las, und sein altes, noch immer junges Poetenherz füllte sich mit Freude und Rührung. Als Mistral, einige Monate später, zum zweiten Male nach Paris eingeladen, Lamartine wiedersah, schloß dieser den Jüngling in seine Arme und küßte ihn. Dann bereitete er sich die Genugtuung, seinen Schutzbefohlenen bei den damaligen Größen der Pariser schriftstellerischen Welt, Sainte-Beuve, Victor de Laprade, Villemain, Alfred de Vigny, Mignet u. a. einzuführen. Und schnell war in diesem erlesenen Kreise der Ruhm des jungen Dichters als der eines Gottbegnadeten begründet. In dem von Lamartine in jenen Tagen herausgegebenen, ganz »Mirèio« gewidmeten, 40. Entretien seines »Cours familier de littérature« redete er den Provenzalen wie folgt an: »Ja, deine epische Dichtung ist ein Meisterwerk; ich will mehr sagen, sie ist nicht aus dem Abendlande, sie ist aus dem Morgenlande; man möchte glauben, ein Eiland des Archipelagos, ein schwimmendes Delos habe von seiner Gruppe hellenischer oder ionischer Inseln nachts sich losgelöst und sei hergeschwommen, um sich sanft an das Festland der balsamischen Provence zu schmiegen, mit sich führend einen jener göttlichen Sänger aus dem Geschlechte der Melesigenen. Sei willkommen bei den Sängern dieses Klimas. Du gehörst einem anderen Himmel und einer anderen Sprache an, aber du hast mit dir gebracht dein Klima, deine Sprache und deinen Himmel! Wir fragen dich nicht woher du kommst, noch wer du bist: Tu Marcellus eris! « Lamartine verglich dann weiter des jungen Mistral Dichtung mit der plötzlich aufbrechenden Blüte der provenzalischen Aloe und fügte hinzu: »aber deines Werkes Duft wird in tausend Jahren nicht vergehen!« Seit dieser Prophezeiung ist fast ein halbes Jahrhundert dahingegangen, und in immer hellerem Glanze erstrahlt Mirèio: ein Kleinod der Weltliteratur Die Bibliographie Mistralienne von E. Lefèvre (Marseille 1903) zählt von Mirèio 21 Übersetzungen in 15 Sprachen und Mundarten auf. . Zum Dank für des greisen Dichters väterliche Leitung seiner ersten Schritte auf dem Pfade des Ruhmes hat Mistral den schnell folgenden neuen Auflagen seines Poems die eingangs dieser Übertragung abgedruckte Widmung vorangestellt. Unter den hervorragenden Schriftstellern, bei denen Lamartine seinen Schützling einführte, war auch der etwas absonderliche Barbey d'Aurévilly. »Comment!« rief er seinem Besucher entgegen, »vous êtes Mistral, vous?« »Moi-même.« »Mais alors, vous n'êtes pas un berger?« »Hélas! non.« »Vous avez reçu de l'éducation?« »Hélas! oui.« Die Annahme, daß der Bauernsohn Mistral selbst ein Bauer oder Hirte sei, ist, wie ich auf meinen Vortragsreisen mehrfach wahrnehmen mußte, in außerromanistischen Kreisen auch heute noch ziemlich verbreitet und erfreut sich, wie jede verkehrte Meinung, einer großen Zählebigkeit. Vielleicht hat der »païsan« der vorerwähnten Widmung ein Weniges hierzu beigetragen. Wahr ist daran nur, daß der am 8. September 1830 auf dem stattlichen väterlichen Bauerngute, »lou Mas dú Juge« (zu deutsch dem Richterhofe) bei Maiano geborene Frederi mit neun Jahren noch nicht lesen konnte. Dafür aber war er als beständiger Begleiter und Gehilfe von seines Vaters Feldarbeitern und Hirten schon in frühem Kindesalter in allen landwirtschaftlichen Verrichtungen wohl erfahren und nahm in dieser Gesellschaft die Eindrücke in sich auf, denen er später in so kunstvoller und ergreifender Weise dichterische Gestalt verleihen sollte. Wie von seinem trefflichen Vater die Liebe zur heimischen Sitte und Sprache, so war ihm von seiner schönen und sinnigen Mutter die »Lust am Fabulieren« angeboren und anerzogen worden. Beide hatten früh die außerordentliche Begabung des kraftvoll emporblühenden Knaben erkannt und übergaben ihn nach einigem Vorunterricht zu weiterer Ausbildung der vorzüglich geleiteten Dupuyschen Erziehungsanstalt zu Avignon. Hier fügte es des jungen Mistral glücklicher Stern, daß der nur um wenig ältere, humor- und gemütvolle Roumanille, den man später mit Recht den Vater der provenzalischen Renaissance genannt hat, sein Lehrer und bald sein liebster Freund wurde, und daß er von ihm die erste Anregung zur Pflege der provenzalischen Dichtkunst empfing. In Mistrals Persönlichkeit und Poesie verschmelzen sich die Elemente gelehrter Bildung und volkstümlicher Ursprünglichkeit zu schönstem Einklange. Ihm vor vielen ist es vergönnt gewesen und geblieben, »mit festen, markigen Knochen zu stehen auf der wohlgegründeten dauernden Erde«, und doch mit dem Scheitel zu ragen in die Sternenhimmel der Wissenschaft und der Dichtkunst. Höchst bezeichnend für diese ihm von einem freundlichen Schicksal gewährte Eigenart der Entwicklung ist, was Mistral selbst in launiger Weise über die sein Abiturientenexamen begleitenden Umstände erzählt. Er hatte im Frühjahr 1847, noch nicht siebzehnjährig, seine Klassen in Avignon beendigt und war an einem heißen Augusttage zur Ablegung der Baccalaureatsprüfung nach Nîmes gefahren. Gegen Abend angekommen, schlenderte er, sein Bündel in der Hand, durstig durch die glühende Stadt, um eine Nachtherberge zu suchen. Die in den Hauptstraßen gelegenen feinen Gasthöfe mit befrackten Kellnern und betreßten Türstehern kamen ihm nicht geheuer vor. Wie ganz anders mochte es da zugehen, als daheim, wo sich des Vaters zahlreiches Hofgesinde mit zu Tische setzte und jeder seinen Beitrag zur nie versiegenden Unterhaltung über den Feldbau und die Herden lieferte. Nach langem, unentschlossenem Wandern geriet unser Schüler in eine Vorstadt. Da hing an einem bescheidenen Hause ein Schild: »Zum kleinen Sankt Johannes«. Gleich fühlte er sich angeheimelt. War ihm doch Sankt Johannes wie ein lieber Landsmann, er, der ihm von Kind auf vertraute Beschützer der Ernte und Freund der Schnitter! Er hatte die rechte Einkehr gefunden. Im schattigen Hofe des Wirtshauses standen ländliche Gefährte, zwischen ihnen lustwandelten plaudernde Gruppen junger Mädchen in der kleidsamen arlesischen Tracht und in der großen Gaststube saßen mit ihren Frauen und Töchtern die Gärtner und Gemüsebauer aus den Nachbardörfern von Maiano, die wöchentlich einmal nach Nîmes zum Markte fuhren. Der junge Mistral setzte sich in eine Ecke, beschäftigte sich angelegentlich mit seinem Abendessen und hörte als Sachkenner den laut geführten landwirtschaftlichen Gesprächen zu. »Und Ihr, junger Mann,« fragte ihn plötzlich einer der Hauptredner, »ist's erlaubt zu fragen, ob Ihr auch Gärtner seid?« »Nicht ganz,« antwortete noch ein wenig schüchtern der Musensohn. »Ich bin hier, um Baccalaureus zu werden.« »Bacca? Bacca? Was für ein Bacca?« Und aller Augen richteten sich auf den jungen Menschen, der im Begriffe stand, etwas jedenfalls sehr Seltsames zu werden. Der aber faßte sich alsbald ein Herz und begann zu erläutern: »Wenn wir die Schule durchgemacht und dort Französisch, Latein, Griechisch, Geschichte, Rhetorik, Mathematik, Physik, Chemie, Astronomie, Philosophie und noch einiges andere gelernt haben, müssen wir hierher nach Nîmes kommen und uns von den großen Gelehrten prüfen lassen.« »Ach! ich weiß! wie wir vom Kaplan, wenn er uns bei der Firmelung fragt: Bist du ein Christ?« »Gerade so. Die großen Gelehrten fragen einen alles, was in den Büchern steht und wer gut antwortet, kann dann Notar, Advokat, Richter, Arzt, ja sogar Unterpräfekt oder was er sonst will, werden. Die schriftliche Prüfung, mit der das Gröbste abgemacht wird, habe ich schon hinter mir, aber morgen sollen wir, meine Kameraden und ich, noch einmal ganz sein durchgesiebt werden.« »Ich wüßte doch gern,« sagte einer, »was sie euch da wohl alles fragen werden?« »Je nun, zum Beispiel: Die Jahreszahlen und Tage aller Schlachten, die in der ganzen Welt geschlagen worden sind, seit die Menschen aufeinander loshauen. Die Schlachten der Juden, der Römer, der Sarazenen, der Deutschen, der Spanier, der Franzosen, Engländer, Ungarn, Polacken und aller übrigen. Und nicht nur die Schlachten, sondern auch die Namen der Feldherren, die sie befehligt haben. Die Namen der Könige, der Königinnen, ihrer Kinder und Minister, und ob sie gut oder böse gewesen sind.« »Potz tausend! Man sollte nicht denken, daß es Leute gibt, die so viel im Kopfe behalten können! Man sieht wohl, daß die nichts zu arbeiten brauchen! Wenn sie, wie wir, jeden Morgen vor drei Uhr aufstehen und graben müßten, würde ihnen das wohl vergehen! Aber weiter.« Und der angehende Student, der jetzt gut im Zuge war, fuhr fort: »Und nicht nur die Namen der Könige müssen wir wissen, sondern auch die Namen aller Völker, aller Länder, Flüsse, Berge und überhaupt von allem, was es unter der Sonne gibt. Und bei den Flüssen werden wir überdies gefragt, wo sie entspringen und wo sie ausmünden. Und ferner, wie der Tau entsteht, und der Regen und Hagel und Donner und Blitz, und woher die Winde blasen und welchen Weg sie in der Sekunde, in der Minute, in der Stunde zurücklegen.« »Wenn eure Gelehrten so viel wissen,« rief ein anderer dazwischen, »sollten sie doch wenigstens auch im stande sein, dem abscheulichen stürmenden Mistral das Handwerk zu legen, der unsere Felder und Gräben austrocknet und unsere Hütten abdeckt!« »Das will die Regierung nicht,« sagte bedächtig ein alter Gärtner. »Wir würden sonst zu reich und die Pariser wären nicht mehr die ersten.« »Man fragt uns,« fuhr der Erklärer unbeirrt fort, »nach den Gattungen und Arten der Tiere, der Vögel, der Fische, ja sogar der Schlangen. Dann nach den Namen, der Größe und den Entfernungen der Sterne, und wie weit es zur Sonne, und wie weit es zum Monde ist.« »Das ist alles müßiges Zeug,« sagte ein sechster, »wer will es denn nachmessen. Ja, wenn sie genau angeben könnten, bei welchem Mond man den Sellerie pflanzen muß, und bei welchem die Bohnen stecken, damit sie am schönsten aufgehen, und bei welchem man am besten etwas gegen die Schweinekrankheit ausrichtet, dann würde ich sagen: Ja, das ist Wissenschaft! aber was uns der junge Mensch da auftischt, das ist ja lauter Larifari!« »Durchaus nicht!« riefen die anderen. »Denn es muß doch schon einer einen staatsmäßigen Kopf haben, um allein alles das zu behalten, was der uns nur so aufgezählt hat.« »Ja! armes Bürschchen,« sagten die Frauen, »er sieht aber auch recht bleich aus. Das viele Sitzen taugt nichts! Und was nützt es, so viel zu wissen, wenn die Gesundheit dabei zu Grunde geht?« »So viel ist gewiß, mich könnte man eher totprügeln, als mir nur den hundertsten Teil von dem einbläuen, was man wissen muß, wenn man so ein Bacca . . . Bacca . . . wie heißt es doch? . . . werden will!« »Nun hört, ihr guten Leute,« sagte der älteste. »Wißt ihr, was wir tun müssen? Wenn wir wählen gehen, oder wenn es ein Stierrennen gibt oder schöne Wettspiele, kommt es doch öfter vor, daß wir einen Tag länger hier bleiben, um zu wissen, wer den Sieg davongetragen hat. Jetzt sind wir einmal in Nîmes, und hier ist ein Bauernsohn aus Maiano, der morgen Bac–ca–lau–re–us werden will. Anstatt heute Abend heimzufahren, übernachten wir alle in Nîmes, und morgen werden wir wenigstens wissen, ob es unserm Bauernblut geglückt ist.« »Recht so!« riefen alle. »Jetzt sind wir einmal dabei, jetzt wollen wir auch das Ende sehen!« Am nächsten Morgen nahmen fünf Professoren, fünf große Professoren der Universität Montpellier, den Prüfling ins Gebet. Und unter den fünf Gestrengen befand sich auch der ausgezeichnete, damals erst dreißigjährige Literarhistoriker Saint-René Taillandier, der nur wenige Jahre später der treue Freund Mistrals und zeitlebens ein eifrigster Förderer der Ziele des Feliberbundes werden sollte. Das Examen lief vortrefflich ab, und selig, mehr fliegend als laufend, kehrte der neugebackene Baccalaureus in den kleinen Sankt Johannes zurück. Die wackeren Gärtnersleute hatten ihn mit Ungeduld erwartet. Und als sie ihn glückstrahlend hereinstürmen sahen, riefen sie mit Donnerstimmen: »Er ist durch! Er ist durch!« Und die Männer, die Frauen, die Mädchen, der Wirt, die Wirtin, der Stallknecht, alle, alle umarmten den jungen Sieger und renkten ihm vor lauter Händeschütteln fast die Arme aus. Es war, wie wenn jedem und jeder ein eigenes großes Glück widerfahren wäre. Der älteste aber, derselbe, der den Vorschlag gemacht hatte, dazubleiben, verlangte das Wort. Er war sichtlich ergriffen. »Junge,« rief er, »wir freuen uns! Potz Kuckuck, ja, wir freuen uns sogar sehr! Du hast es ihnen gezeigt, den Stadtherren, daß aus unseren Erdschollen nicht bloß Ameisen hervorkommen, sondern auch Männer! Jawohl, ganze Kerle, sage ich! Und jetzt vorwärts, Kinder, hopp! es wird eine Farandole getanzt!« Die Hände faßten einander und zur Türe hinaus schlängelte sich um Gemüsewagen, Bäume, Tische und Bänke herum, durch den weiten Hof des »kleinen Sankt Johannes« eine lange jauchzende Farandole. Als man sich müde getanzt und gejubelt hatte, ging's in die Wirtsstube zurück. Man aß, trank und sang, und gegen Abend fuhren alle seelenvergnügt nach ihren Heimatdörfern zurück. Seit jenem Tage ist mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen. Mistral ist in dieser langen Zeit in Nîmes, wie überall, wo er in der Provence den Fuß hinsetzt, mehr als einmal mit fast königlichen Ehren empfangen worden. Aber so oft er von weitem das Schild des »kleinen Sankt Johannes« erblickt, steigt in seiner Seele jenes Jugenderlebnis in vollem Glanze empor, und mit Wehmut gedenkt er der schlichten Menschen, die ihn zum ersten Male die Liebe seiner Landsleute und das Glück der Volkstümlichkeit empfinden lehrten. Der siebzehnjährige Baccalaureus ließ sich an der Rechtsfakultät von Aix immatrikulieren und kehrte von da als wohlbestallter Lizentiat 1851 ins Vaterhaus zurück. Mit Roumanille und der provenzalischen Muse war er in stetem Verkehr geblieben; und als sein weitblickender und großherziger Vater ihm die Wahl eines Berufes völlig freistellte, war er sofort entschlossen, nur noch der Pflege seiner dichterischen Begabung und der Wiedererweckung der provenzalischen Poesie zu leben. Mit Roumanille, Aubanel und vier weiteren Gesinnungsgenossen gründete er den Bund der Feliber , mit dem bewußten Ziele, die seit den Albigenserkriegen unterdrückte und in Verfall geratene provenzalische Sprache von dem Schutte des in sie eingedrungenen Französischen zu reinigen und sie wieder zur Höhe einer Schriftsprache zu erheben. (Vgl. Anmerkung 1 zum sechsten Gesang ) Das Wort Feliber wird von zahlreichen Amateuretymologen von »faire des livres«, Bücher machen, abgeleitet, was gänzlich falsch und dem Geiste der provenzalischen Sprache entgegen ist. Die neuprovenzalischen Dichter gaben sich diesen Namen auf den Vorschlag Mistrals, der das Wort in einer alten provenzalischen Legende in der Bedeutung von »Schriftkundiger« gefunden hatte. Von den aufgestellten mannigfachen Hypothesen sind vielleicht die zutreffendsten die Herleitung vom spanischen feligrés, ursprünglich filii ecclesiae, doctores legis, oder die vom spätlateinischen felibris oder fellebris, der Pflegling, verwandt mit fellare, säugen, und mit filius. – Felibris soll, wie alumnus, aktive und passive Bedeutung gehabt haben und felibre würde demnach ebensowohl dem Begriffe von Pflegling, als demjenigen von Pfleger (der Musen) entsprechen. In Mistrals gesamtem Wirken und Streben ist die Verherrlichung seiner über alles geliebten provenzalischen Heimat der Pol, um den sich alles dreht und das Ziel, nach dem sich alles richtet. Aus diesem Gesichtspunkte muß es auch betrachtet und verstanden werden, wenn er gelegentlich die poetische Freiheit ein wenig weit treibt und z. B. in der Absicht, an den Glanz der altprovenzalischen Dichtkunst zu erinnern, im dritten Gesange von Mirèio den ländlichen Seidenwinderinnen Schilderungen mittelalterlicher Minnehöfe in den Mund legt, die das Wissen junger Mädchen aus dem Volke weit zu überschreiten scheinen. Immerhin darf demgegenüber geltend gemacht werden, daß das provenzalische Landvolk, wie man sich im persönlichen Verkehr mit ihm nicht selten überzeugen kann, mit Zähigkeit an den ruhmreichen Überlieferungen der provenzalischen Vergangenheit festhält und sich die Damen und Ritter der Liebeshöfe von der historischen Kritik so wenig in nichts auflösen läßt, wie etwa die Bewohner der Schweizer Berge ihren Wilhelm Tell. In dem uns etwas eigentümlich anmutenden zweiten Teile des sechsten Gesanges hat Mistral den zahlreichen, nach und nach absterbenden Volkssagen seiner Heimat ein poetisches Denkmal setzen wollen. Über die symbolische Bedeutung desselben haben die Kommentatoren, wie üblich, mehr gewußt, als der Dichter selbst. Auf bezügliche, an ihn gerichtete Fragen, hat Mistral stets ausweichend geantwortet. Eine der geistreichsten Auslegungen ist die des deutschen Dichters Ludwig Giesebrecht. Eduard Boehmer behandelt sie eingehend in der Studie, die er der ersten und zweiten Ausgabe meiner Mirèio-Übersetzung vorausgeschickt hat. Sie soll, auf des hochverehrten Verfassers Wunsch, den weiteren Auflagen nicht mehr vorgedruckt, sondern, erweitert, mit dessen längst vergriffener Schrift » Die provenzalische Poesie der Gegenwart « verschmolzen und dann neu herausgegeben werden. Daß Mistral das Schicksal seiner Heldin durch den scheinbar so äußerlichen und zufälligen Umstand eines Sonnenstiches sich entscheiden läßt, haben verschiedene Kritiker zu tadeln gefunden. Sie hätten recht, wenn der Schauplatz der Begebenheit Deutschland oder Nordfrankreich wäre. In der Provence aber, wo im Hochsommer die Landleute ihre früh um drei Uhr beginnende Feldarbeit schon vor neun Uhr Morgens abbrechen müssen, wenn sie nicht, trotz ihrer breitrandigen Strohhüte von den sengenden Strahlen niedergestreckt sein wollen, und wo Sonnenstiche und Hitzschläge zu den allergewöhnlichsten Vorkommnissen gehören, in der Provence ist die zweitägige Fußwanderung eines zarten Mädchens durch die buchstäblich glühenden Steppen der Crau und der Camargo, wie dort unten jedermann weiß, der fast sichere Tod. Daß aber die Arme in ihrer Verzweiflung dessen nicht achtet, legt dem, der die Sommersonne des unteren Rhonetales und ihre täglichen Wirkungen kennt, das vollgültigste Zeugnis ab für die Stärke von Mirèios Glauben und Liebe. Denn die Gefahr des Unterganges ist mindestens ebenso groß, wenn nicht größer, als beispielsweise die, der Leander trotz geboten hat, um zu seiner Hero zu gelangen. Der schlichte Liebesroman zweier Kinder aus dem Volke ist, bei aller eigenen Zartheit und Süße, doch nichts anderes, als der verbindende Faden, auf den der Dichter die Perlen seiner zahlreichen, farbenprächtigen und stets mit dem Tun und Empfinden der auftretenden Personen aufs engste verknüpften Naturbeschreibungen reiht. Die Forderung einer lückenlos fortschreitenden Handlung wird nicht streng erfüllt, aber das sonnige Land mit seinen Bergen und Tälern, Strömen und Ebenen, Gehöften und Städten, Denkmälern und Ruinen, mit seiner schlichten Bewohner Lust und Leid, ihren Sagen und Legenden, ihren Beschäftigungen und Gewerben, Sitten und Gebräuchen, Tänzen und Liedern tut sich ganz dem Leser auf, und mit Fug ist gesagt worden, die Schilderung sei so anschaulich, daß das Gedicht reichlichen Ersatz gewähren könne für einen längeren Aufenthalt in der Provence. Der tragische Ausgang endlich war geboten, wenn nicht darauf verzichtet werden sollte, dem in der provenzalischen Volksseele so tief wurzelnden religiösen Gefühl dichterischen Ausdruck zu verleihen. Sieben Jahre lang hat Mistral an seinem Epos »Mirèio« gearbeitet und gebessert. Im Zimmer oder im Freien auf und ab schreitend, hat er sich Strophe für Strophe unzählige Male laut vorgesprochen, an Rhythmus und Reim, an Klangwirkung, Wortwahl und Satzbau unablässige und unerbittliche Selbstkritik übend. Manch einer hat es eiliger. »Der schöne Tag Mariä Lichtmeß«, 1859, ist das Datum des letzten Feilenstriches. Dann, aber auch wieder erst nach sieben Jahre währender Durcharbeitung, folgte 1866 das, gleich Mirèio, von begeisterter Liebe zur Heimat getragene Epos »Calendau«; ferner 1874, die lyrische Gedichtsammlung »Lis Isclo d'or« (Die Goldinseln); 1884 seine die Papstzeit in Avignon wiederspiegelnde Nerto; 1890 die dramatische Verherrlichung der schönen Königin Johanna von Neapel und Provence »La Rèino Jano«; und endlich 1897 sein Sang vom Rhonestrom »Lou Rose«. – Zwischendurch liefen ungezählte Beiträge in Prosa und in Versen zu allen Jahrgängen des ältesten Organs des Feliberbundes, des »Armana Prouvençau« und zu den provenzalischen Zeitschriften »L'Aiòli« und ihrer Nachfolgerin »Prouvènço«. Neben seinem in jedem Sinne fruchtreichen, der Dichtkunst und dem Feliberbunde zugewandten Wirken hat Mistral mit dem Fleiße einer Biene und mit der Arbeitskraft eines Riesen sich als Lexikograph betätigt. In mehr als zwanzigjährigem, unablässigem Sammeleifer hat er sein großes, ungefähr 2400 dreispaltige Quartseiten umfassendes Wörterbuch der neuprovenzalischen Sprache »Lou Tresor dóu Felibrige« zu stande gebracht. Dieses unerschöpfliche Nachschlagebuch provenzalischer Geschichte und Landeskunde, heimischer Überlieferungen, Denkwürdigkeiten, Sprichwörter und Redensarten ist ein nicht nur der romanischen Philologie unschätzbares wissenschaftliches Hilfsmittel, sondern auch den in Mistrals Bahnen wandelnden neuprovenzalischen Dichtern ein unentbehrlicher Wegweiser. Denn wie Dante und Luther die italienische und deutsche, so hat Mistral die provenzalische Sprache von Schlacken gereinigt und neu geschmiedet. In jüngster Zeit hat der bald fünfundsiebzigjährige Dichter seine ungeschwächte Schaffenskraft in den Dienst eines neuen, von ihm ins Leben gerufenen Unternehmens gestellt, des »Museon Arlaten« zu Arles, einer reichhaltigen ethnographischen Sammlung, die die Schätze provenzalischer Kunst und Industrie in sich vereinigen soll und zugleich bestimmt ist, einen anschaulichen und belehrenden Kommentar zu den in des Dichters Werken genannten, durch den gesteigerten Verkehr und die gleichmachende Maschine immer mehr außer Gebrauch kommenden Geräten und Werkzeugen des provenzalischen Volkes zu liefern. So sehen wir durch dieses in seiner Art einzigen Mannes Lebenswerk immer und überall den gleichen Gedanken gehen. Als Dichter, als Sprach- und Geschichtsforscher, als Sammler ist er unablässig bestrebt gewesen, alles, was in der Provence schön und gut und eigenartig ist, alles, was ihr zur Ehre und zum Ruhme gereicht, vor Vergessenheit zu schützen und kommenden Geschlechtern zu überantworten. Was er, dahin zielend, in der Jugend sich gewünscht, des hat ihm ein herrliches Alter die Fülle gegeben, und für die Wahrheit des Wortes: » Genie ist Fleiß « (wenn nämlich das Genie da ist) bildet sein ganzes Leben einen der glänzendsten Belege. Mistrals eigener anmutiger Lebensroman ist bald erzählt. Auf einer seiner Reisen nach Paris, bald nach dem Erscheinen von Mirèio, besuchte er in Dijon einen Freund seiner Familie, den Justizbeamten Rivière . Dieser besaß ein achtjähriges Töchterchen, dessen wundervolle Augen einen tiefen Eindruck auf den damals zweiunddreißigjährigen Dichter machten. Vierzehn Jahre später, nachdem seine hochbetagte Mutter auf dem Sterbebette ihn gebeten hatte, eine eigene Familie zu gründen, machte er sich, ohne einen Augenblick zu schwanken, nach Dijon auf und hielt um die Hand der inzwischen herrlich herangeblühten Jungfrau an. Er führte sie nach Maiano, wo sie seitdem als der von allen hochverehrte gute Geist des ruhmreichen Dichterhauses waltet. Seinen Heimatsort hat Mistral seit Beendigung der Studienzeit nur noch zu gelegentlichen Reisen und Ausflügen verlassen. Dort, an der Seite seiner edlen Gattin, empfängt er mit unvergeßlicher Liebenswürdigkeit an seinem gastlichen Tische die Gelehrten, Künstler und Schriftsteller aller Länder. Kommt bei solchen Anlässen die Rede auf seine Erfolge und auf seinen Ruhm, so weiß er stets mit einem geistreichen Wort abzulenken. Ihm ist es allezeit nur um die Sache, »le causo«, und nie um die eigene Person zu tun. Im Mai 1904 ward Mistral die hohe Freude zu teil, inmitten vieler Tausende von Felibern und Feliberfreunden, in demselben Park von Font-Segugno bei Avignon, in dem der Feliberbund gestiftet worden war, das Jubiläum seines fünfzigjährigen Bestandes zu begehen. Die Ansprache, die das jetzige Bundeshaupt, der Dichter und Geschichtsforscher Pèire Devoluy , an die Versammlung hielt, gibt ein so zutreffendes Bild von der Gesinnung der Nachstrebenden das großen Führers, daß hier einige ihrer Hauptstellen Platz finden mögen: »Es sind nun bald siebenhundert Jahre her, daß die Lichtungen und Büsche dieses weiten, fröhlichen Waldes vom Getöse von Männern und Rossen, vom Schalle der Hörner und Waffen widerhallten. Denn das Kriegsgerät eines Lagers bedeckte diesen ganzen Hügel. Von allen aufgegeben, war der letzte eingeborene Fürst unseres Südens, Raimund VII. von Toulouse, genannt der ›Junge Graf‹, Herzog von Narbonne und Markgraf von Provence, in sein provenzalisches Erbgut gekommen, um hier sein letztes Heer aufzubieten, um hier seinen letzten Kampf zu kämpfen. Sein Todfeind Simon von Montfort, der Anführer des vom Papst Innozenz III. zum »Kreuzzug« gestempelten Raubzuges. , im Vergleich mit ihm vor kurzem noch ein gar kleines Herrlein, hatte, durch Raub und Morden emporgekommen, soeben mit ungeheurer Übermacht die Stadt Avignon eingeschlossen. O Zeit der Finsternis und der Trauer! Nach zwanzig Jahren des Krieges und der Plünderung war die Kraft unserer Männer gebrochen. Die Helden des großen vaterländischen Kampfes waren entweder auf den Schlachtfeldern von Toulouse, Muret, Carcassonne und Beaucaire gefallen, oder endeten, in schaurige Turmverließe lebendig eingemauert, als unbeugsame Märtyrer. Damals geschah es, daß inmitten der allgemeinen Erschöpfung und Abkehr, Avignon sich zu ewiger Ehre erhob, indem es das zerfetzte Banner des Vaterlandes aufpflanzte und vor seinen wohlbewehrten Wällen den Ansturm ungezählter wütender Söldner aufhielt. Und während Avignon tapfer standhielt, entflammten, unter Raimunds Führung, Barone und Bauern in den bergigen Buschlanden den heiligen Krieg der Geächteten: tollkühn, Gottesfeuer in den Seelen, brachen sie aus ihren Verstecken wie das Wetter in die Nachschübe und Zufuhren des Belagerungsheeres. So lange Avignon, das letzte Bollwerk der Verteidigung, sich hielt, sagte man sich, daß das Vaterland noch lebe und vielleicht gar wieder sich erheben könne. Von diesen Höhen von Camp-Cabèu Camp-Cabèu, wörtlich »gewölbtes Feld«, Name des ungefähr zwei Wegstunden östlich von Avignon ansteigenden Hügels, auf dem Schloß und Park von Font-Segugno liegen. spähte denn auch der ›Junge Graf‹ fleißig nach der belagerten Stadt hinüber; und wenn seine Boten ihm meldeten, daß das heilige Banner noch immer vom höchsten Turme wehe, riß Raimund VII. zu neuen Glanztaten das Schwert aus der Scheide. Eines Tages aber – o Tag des Unglücks und der Trauer! – sprengte mit blutigen Sporen ein verstörter Reiter heran und ließ sich vor den Feldherrn führen: ›Graf,‹ rief er, ›Avignon ist gefallen! Die Fremden sind Herren der Stadt! . . .‹ Alsbald widerhallte das Lager von Verwünschungen, von Schluchzen und Schreckensrufen. Gram im Antlitz versammelte der ›Junge Graf‹ seine Mannen um sich: ›Barone,‹ sprach er, ›unser Tagwerk ist beendet. Tapferkeit und Adel sind dahin. Mit Avignons Fall ist jede Hoffnung zerstört. Vom Schicksal gefällt, will ich wenigstens, daß ihr nicht alle mit mir zu Grunde geht. Ich entbinde euch eures Treueides. Zerbrecht eure Schwerter und zerstreut euch unter Gottes Hut auf den Wegen der Verbannung . . . O Provence! Alles ist verloren! Die Gesittung ist zu Tode verwundet. Die Zukunft wird uns verraten, wie die heutige Stunde uns verrät. Unser Andenken im Vaterlande wird der Feind mit Lug und Haß beladen; und ich sehe voraus, daß selbst die Sprache unseres Volkes, vom hohen Thron gestürzt, verachteter als eine Zigeunerin, dergestalt in den Bann getan werden wird, daß unsere eigenen Enkel sich scheuen werden, sie zu reden. Aber, beim lebendigen Gott, der Tag der Gerechtigkeit, früher oder später muß er erstrahlen! ›Barone, und ihr, Landleute, ehe wir unser Lager abbrechen, ehe wir zum letzten Male uns umarmen, o meine Waffenbrüder, o Geächtete des Buschlandes, die ihr nie verzweifeltet, will ich an diesem Orte ein ewiges Zeugnis unserer Kämpfe und unserer Hoffnungen zurücklassen. Grabt, grabt eine tiefe Grube in die Erde der Väter! Und damit sie dem Feinde nicht in die Hände fallen, begrabt hier das Schwert von Toulouse und das Feldzeichen meiner Vorfahren! Und wenn je, in den folgenden Jahrhunderten, Gott sich offenbaren wird, wenn je das Gewissen des Vaterlandes erwacht, dann mögen neue Helden, ganz insgeheim, kommen und in ihrer ehrfürchtigen Liebe, von der Hand des Schicksals geleitet, die heiligen Reliquien des Vaterlandes wiederfinden!‹ Da gruben die Ritter mit ihren Lanzen das große Grab für die Jahrhunderte und nachdem sie die Waffe andachtsvoll geküßt und in die Falten der Oriflamme gehüllt hatten, senkten sie weinend das Schwert unseres Volkstums in die Grube. Dann folgten die Jahrhunderte der Finsternis. Lüge und Haß taten ihr Kainswerk. Und von all der fröhlichen Gesittung, von all dem Glanze des Vaterlandes, von all der bräutlichen Herrlichkeit, die unvergleichlich über drei Jahrhunderten seiner Geschichte strahlt, wurde selbst die Erinnerung, gleich einem Verbrechen, verfolgt, aus allen Schulen und aus allen Hörsälen verbannt und den ersten trüben Teil der Vorhersagung des edlen Raimund sahen unsere Ahnen auf das schlimmste sich erfüllen. Aber der lebendige Gott hatte es in den Himmel der Provence eingeschrieben, daß die Weissagung Raimunds auch bis ans Ende erfüllt werden solle! Brüder des Südens! Das vaterländische Schwert, das seit so vielen Jahrhunderten in der Verborgenheit dieser verzauberten Wildnis schlief, die Sieben von Font-Segugno haben es vor fünfzig Jahren ausgegraben! Es sind nun fünfzig Jahre, daß sieben Dichter in der Schöpferkraft des Geistes hierherkamen, und daß sie, zitternd vor heiliger Erregung, die verborgene Waffe der edlen Raimunde wiederzufinden wußten. Und sie härteten den Stahl aufs neue und begannen über ihr Volk hin das blitzende Schwert des Wortes zu schwingen. Herr, der du die Sieben uns geschenkt hast, heiliger Stern Heiliger Stern, lat. Sancta Stella, kanonischer Name jener schönen provenzalischen Jungfrau, die im II. Jahrhundert zu Massilia, dem heutigen Marseille, den Märtyrertod erlitten haben soll. Die Feliber haben sie, der Doppelbedeutung des Namens wegen, zu ihrer Schutzpatronin erkoren. , der sie leitete, ihr habt nicht gewollt, in eurer schützenden Gerechtigkeit, daß das mittägliche Vaterland für immer in die Tiefe des Abgrundes gestürzt sei. Ihr wolltet, daß die entarteten Enkel ihren Stolz wiederfänden in den Großtaten der Ahnen . . . Jene vor Zeiten vom hohen Thron herabgestürzte Sprache, verachteter als eine Landstreicherin, verfolgt und schimpflich behandelt von allen Regierungen und von allen Vorgesetzten, jene Sprache, die trotz alledem unversehrt und so kraftvoll wie je im kindlichen Munde des Volks geblieben war, jene Sprache endlich, die elf Millionen Welsche beständig und mit Behagen plaudern, ihr habt gewollt, daß sie sich wiedererkenne in ihren mundartlichen Blüten, daß sie laut ihren edlen Ursprung und die Fruchtbarkeit ihres Geistes verkünde, indem sie sich in den herrlichen Dichtungen verkörperte, deren erste Keime Font-Segugno gesehen hat. Ihr gabt uns die sieben Dichter, die, das blitzende Schwert neu schärfend, auf Camp-Cabèu jenen Flammenstoß des Ruhmes und der Schönheit entzündeten, der unser Land erhellt, und der nie mehr verlöschen wird . . . O Mistral, Roumanille, Aubanel, Tavan, Giéra, Brunet, Mathieu, hier war es, wo ihr den Bundeseid geschworen, hier ist es gewesen, wo ihr die große Verschwörung der Wiedereroberung angezettelt habt. Und weil dieser herrliche Hain solch wunderbare Morgenröte anbrechen sah, weil er solche Ernte der Fröhlichkeit vorbereitet hat, solche Erneuerung des vaterländischen Lebenssaftes, wird er bis ans Ende der Jahrhunderte unserem Volke geheiligt bleiben. Kommt, Feliber, kommt von überall her, aus dem heiligen Becher Anspielung auf das von Mistral auf eine alte Sabolysche Melodie gedichtete »Becherlied«, »La Cansoun de la Coupo«, das bei allen festlichen Veranstaltungen der provenzalischen Feliber, während ein von den katalonischen Felibern gestifteter Pokal im Kreise geht, gesungen wird. zu trinken und die Weihe des Mysteriums von Font-Segugno zu empfangen. Hier, auf dem Altar des Vaterlandes, vor dem Großmeister, der es unsterblich verkörpert, lasset uns, gleich jenen, den Bund besiegeln: Schwören wir, einigen Herzens, zu bedenken, zu lernen und zu verstehen; schwören wir, ohne Nachlassen zu arbeiten für den Triumph unserer höchsten Rechte. Und aus dieser umschatteten Wiege der Neubelebung, aus diesem unentweihten Hort der Geächteten, ziehen wir alle aus, und furchtlos, wie jene gewesen, entfachen wir zum endlichen Siege, den heiligsten und redlichsten der Kämpfe, den friedlichen Krieg der Begeisterung und der Treue, den Krieg der Feder und des Wortes, um wiederzuerobern den ganzen Umfang unseres uns widerrechtlich entrissenen Erbes, alle guten Willens und einträchtig und, wie vor Zeiten die Väter, rufend: ›Que Diéu rènde la terro à si fidèus amant!‹ Gott gebe die Erde seinen Getreuen zurück. « * * * Der Poet von Maiano ist der Liebling der Götter und der Abgott seines Volkes. Wir Nordländer können uns ohne eigene Anschauung kaum eine Vorstellung von den Ausbrüchen der Begeisterung machen, die das Erscheinen ihres geliebten großen Dichters bei seinen südlichen Landsleuten entfesselt. Es ist mir im Vorjahre vergönnt gewesen, Zeuge eines echt provenzalischen Festes im antiken Theater von Arles zu sein. Als Mistral, seine Gattin am Arme, die Ehrentribüne betrat, erhoben sich die fünfzehntausend Zuschauer, die den Raum bis auf den letzten Platz füllten, wie ein Mann von ihren Stufensitzen und das jubelnde Zurufen, Händeklatschen, Hüte- und Tücherschwenken wollte kein Ende nehmen. Es bedurfte einer bittenden Handbewegung des Gefeierten, um so viel Stille zu schaffen, daß der Festakt beginnen konnte. Man muß Mistral inmitten seines Volkes, man muß seine väterliche Güte mit den Geringsten und seine edle Einfachheit mit den Vornehmsten gesehen haben, um zu verstehen, welche Schätze an Liebe und Verehrung ihn umgeben. Denn wie ein großer Dichter, so ist er ein goldlauterer Charakter und ein leuchtendes Vorbild begeisterter Heimatliebe. Glücklich das Land, das einen solchen Mann hervorbringen, glücklich das Volk, das sagen kann: Er ist unser! * * * Zu meiner Übersetzung habe ich nur zu sagen, daß mit Ausnahme derjenigen provenzalischen Namen, für die es eine deutsche Form gibt (Alpinen, Rhone u. a.) oder solcher, deren französische Form auch im Deutschen eingebürgert ist (Avignon, Tarascon u. a.), für sämtliche Personen- und Ortsnamen und für spezifisch provenzalische Sachbezeichnungen die Formen des Originals beibehalten worden sind. Zu ihrer – wenigstens annähernd – richtigen Aussprache ist zu merken: Im Provenzalischen decken sich Schriftbild und Lautwert in der Regel der französischen Aussprache gemäß. Für die Konsonanten gelten folgende Ausnahmen: g vor e und i , und j vor irgend einem Vokal, werden wie dz ausgesprochen. Somit felibrige, Juge, Jano, Jour, wie felibridze, Dzudze, Dzano, dzour. ch wie ts , also chato, chamas, wie tsato, tsamas. Vokale: a , Kennzeichen der weiblichen Endung im Altromanischen, ist im Neuprovenzalischen durch (dumpf und sehr kurz zu sprechendes) o ersetzt worden. Auslautendes o im Provenzalischen entspricht somit dem französischen dumpfen e und dem unbetonten Endvokal a der Italiener und Spanier. e mit dem Akut, und inlautendes e ohne Akzent, werden wie französisches geschlossenes e gesprochen; e mit dem Gravis wie französisches sehr offenes e . e und i vor unmittelbar darauffolgendem Nasalkonsonanten behalten ihren alphabetischen Klang; a , o , ou und u vor unmittelbar darauffolgendem Nasalkonsonanten, werden schwach nasaliert. ou lautet wie deutsches u . Die provenzalische, sehr klangreiche Sprache besitzt neben den reinen Vokalen zahlreiche Halbdiphthonge, Diphthonge und Triphthonge. In den Halbdiphthongen ist das erste Lautelement halbkonsonantisch, z. B. Mirèio wie Mi-rè- jo , Mario wie Ma-rì- jo , Ourrias wie Ourr- jas . In den Diphthongen ist das erste Lautelement das betonte. In den Triphthongen ist das erste Lautelement halbkonsonantisch, das zweite betont, das dritte unbetont. Die unbetonten Lautelemente werden überall in ihrem unveränderten alphabetischen Klange zu Gehör gebracht. u lautet, wenn in der Silbe alleinstehend, wie französisches u , im Diphthong und Triphthong aber wie deutsches u . Alle Vokale werden sehr rein und, mit alleiniger Ausnahme des oben besprochenen auslautenden o , sehr klangvoll ausgesprochen. Wortton: Die neuprovenzalische Rechtschreibung bezeichnet in der Regel den Vokal der tontragenden Silbe mit einem Akzent, und zwar dem Gravis für den offenen und dem Akut für den geschlossenen. In Ermanglung eines Akzentzeichens liegt der Ton: auf der vorletzten Silbe in den auf unbetontes e oder o auslautenden Wörtern, z. B. couns a cre, fel i bre, felibr a do, cam a rgo . auf der letzten Silbe in den auf a , i , u , auf einen Diphthong oder Triphthong oder auf einen Konsonanten auslautenden Wörtern, z. B. engip a , fantast i , mor i , vert u , marteg au , marc iau , arlat en . Diese tunlichst gedrängte Anleitung möge die Stelle der lautschriftlichen Tafeln vertreten, die in den beiden ersten Auflagen den romanistischen Fachkreisen bestimmt waren und von ihnen beifällig aufgenommen worden sind. Die Erläuterungen, auf die eine Anmerkungsnummer am Ende des betreffenden Verses verweist, habe ich in der Hauptsache dem Originalwerke und dem Tresor dóu Felibrige entnommen und in mündlichem Verkehr mit dem Dichter der Mirèio und seinen und meinen Freunden, den Felibern, ergänzt. Wie in den früheren Auflagen, so sind auch in der vorliegenden, zu möglichster Vermeidung störenden Beiwerkes, alle Namen in ein besonderes alphabetisches Verzeichnis ausgeschieden worden. A. B. Mirèio   A Lamartine         Te counsacre Mirèio: es moun cor e moun amo,         Es la flour de mis an, Es un rasin de Crau qu' emé touto sa ramo         Te porge un païsan. Mistral Maiano , 8 de Setèmbre 1859.           (Mirèio weih' ich dir. mein Herz ist sie, mein Leben                   Und weß die Seel' erklingt; Die Traube aus der Crau, samt Blättern, Ranken, Reben,                   Die dir ein Landmann bringt.)   Erster Gesang Der Zürgelhof Anhub. Anrufung des Heilandes. – Ein alter Korbflechter, Meister Ambròsi, und sein Sohn Vincèn kehren, Obdach suchend, im Zürgelhof ein. Mirèio, Meister Ramouns des Hofbauern Tochter, heißt sie willkommen. Nach dem Abendessen bitten die Feldarbeiter Meister Ambròsi um ein Lied. Der Alte, ehemals Matrose, singt von einer Seeschlacht des Ballivus Sufrèn. Mirèio befragt Vincèn. Dessen Bericht: Die Jagd auf Kanthariden, der Blutegelfang, das Wunder der heiligen Marien, der Männerwettlauf zu Nîmes. Mirèios Entzücken, Aufkeimen ihrer Liebe.                                   Ein Mädchen der Provence singe,                 Von ihrer jungen Lieb erklinge Mein Lied. Ein Schülerlein   des göttlichen Homer,                 Will über Feld und ebne Weiten                 Zum Seegestad ich sie geleiten.                 Sie war in Heideneinsamkeiten Erblüht; man kannte   sie nur in der Crau am Meer.                 Der Jugendanmut Leuchten krönte                 Allein die Stirn ihr; sie verschönte Kein Diadem aus Gold   noch Mantel aus Damast.                 Doch Königsehren ihr erweisen,                 Liebkosen will ich sie und preisen                 In unsrer Sprache schlichten Weisen, Die bei den Hirten nur   und Bauern noch zu Gast.                   Du, Heiland meines Vaterlandes,                 Einst selbst ein Kindlein niedern Standes, Entflamme, Herr, mein Wort   mit deinem heil'gen Hauch!                 Du weißt es: Wann im Laub der Zweige                 Vom Frühtau bis zur Sonnenneige                 Herangereift die schöne Feige, Dann reißt des Menschen Gier   die Frucht von Baum und Strauch;                 Doch auf dem Baum, den schlimme Gäste                 Versehrt, erhebst du neue Äste So hoch, daß frevle Hand   die Krone nicht erreicht.                 Dort bietest du an schwankem Stabe                 Des Magdalenentages Gabe Des Magdalenentages Gabe . – In der Provence findet die Feigenernte in der Regel um die Zeit des Maria-Magdalenenfestes (22. Juli) statt.                 Zur Atzung und zu süßer Labe Voll Huld dem Vogel an,   der durch die Lüfte streicht.                 Ich sehe mit der Sehnsucht Beben                 Den Zweig im blauen Äther schweben! Er wiegt im frischen Wind   die ewig schöne Frucht . . .                 Verleihe du mir das Vollbringen,                 O Herr, und lasse mir gelingen                 Auf teurer Muttersprache Schwingen Den Ausflug zu dem Zweig,   den meine Seele sucht!                 Im Weidenhag am Uferrande                 Bei Pappeln stand, am Rhonestrande, Vom Wasserlauf benagt,   ein Hüttlein, arm und schlecht.                 Man wußte, daß mit seinem Sohne                 Ein Körbebinder es bewohne.                 Von Hof zu Hof dem kargen Lohne Zogen die beiden nach   mit allerlei Geflecht.                   Als einst auch über Land sie gingen                 Mit ihren Bündeln Weidenschlingen: Seht, Vater, rief Vincèn,   die Wolken dort im West,                 Wie über Magalounos Türmen                 Sie rasch sich auf zur Sonne türmen!                 Mir scheint, das droht mit Wetterstürmen; Noch ehe wir am Hof,   sind wir vielleicht durchnäßt.                 Meerbrise nur bewegt die Blätter . . .                 Nein! . . . Die bringt niemals Regenwetter, Antwortete der Greis,   der Westwind netzt die Au'! –                 Sagt, Vater, wie viel Land zum Pflügen                 Mag um den Zürgelhof sich fügen? . . .                 Sechs Huben werden kaum genügen, Huben . – Im Original araire, vom lat. aratrum, mit dem Derivat aratio, bedeutet in der Provence das Stück Landes, das ein Mann mit einem Pflug und Gespann innerhalb eines Jahres umpflügen, d. i. heben kann. Begrifflich verwandt mit unserem oberdeutschen »Hube«. So große Güter, Sohn,   sind wenig in der Crau!                 Hier fängt ihr Ölland an, von Reben                 Und Mandelbäumen rings umgeben . . . Das Schönste aber ist,   und nirgend sonst zu sehn:                 Die Anzahl ihrer Ölbaumgänge                 Entspricht, genau gezählt, der Menge                 Der Tag' im ganzen Jahr, und strenge Hält so viel Bäum' ein Gang,   als Gänge Posten stehn!                 Potztausend! rief Vincèn, wie viele                 Olivensammler, um zum Ziele Zu kommen, braucht man da? – Deshalb sei dir nicht bang!                 Laß Allerheil'gen Ölfrucht bringen,                 Man wird sie schon in Säcke zwingen! . . .                 Ja, mehr selbst würde leicht gelingen Den Mädchen von Li-Baus,   bei Scherzen und Gesang!                   Dann plauderten, in stetem Wandern,                 Sie lange noch vom ein' und andern . . . Der Sonnenball verschwand   in goldnem Wolkentor.                 Mit ihren Tieren, unterdessen,                 Kamen gemach zum Abendessen                 Die Pflüger, die das Feld durchmessen . . . Und aus dem Moorland stieg   von fern die Nacht empor.                 Da blinkt schon, seht ihr, durch die Bäume                 Das Dach der weiten Tennenräume; Nur vorwärts, rief Vincèn,   wir sind am Zufluchtsort . . .                 Als Wintertrift die weite Heide                 Und Pinienwald zur Sommerweide,                 Da wird die Wolle schier zur Seide, Bewunderte der Greis,   o, alles hat man dort!                 Und rings der hohen Bäume Kronen;                 Wie herrlich ist darunter wohnen! Und sieh, wie schön der Quell   den Fischbehälter speist!                 Und Bienenkörbe, welche Menge!                 Im Mai entflieht des Stockes Enge                 Der Schwärme summendes Gedränge, Das froh im Schattendach   der Zürgelbäume kreist!                 Und doch, von all den Herrlichkeiten                 Ist's, rief Vincèn, in alle Weiten, Die Tochter dieses Hofs,   die mir zumeist gefällt! . . .                 Ihr wißt noch, mit wie holdem Wesen –                 Im letzten Sommer ist's gewesen –                 Zwei Körbe zum Olivenlesen Und ihrem Feigenkorb   ein Henklein sie bestellt?                   Und so, im Austausch trauter Worte,                 Erreichten sie des Hofes Pforte. Mirèio hatte just   den Maulbeerlaubbedarf                 Den Raupen ausgeteilt. Zur Schwelle,                 Ein Strähnchen drehend, kam sie schnelle.                 Grüß Gott euch allen! rief ihr helle Ambroi zu, der alsbald   sein Bund zu Boden warf.                 Gott grüß euch, Meister, sprach das Mädchen,                 Grad berg' ich meine Spindelfädchen, Seht her! . . . Kommt noch so spät   von Valabrego ihr?                 Gewiß! Und weil an unsern Wegen                 Ganz nah der Zürgelhof gelegen,                 Beschloß ich: späten Abends wegen Erbitten wir uns dort   im Schober Nachtquartier!                 Der Meister und sein Knabe nahmen                 Auf einer Ackerwalze Rahmen Nun ohne weitres Platz;   und wortlos, sonder Hast,                 Flochten sie mit geschickten Händen,                 Ihr Tagwerk redlich zu vollenden,                 Die langen, weichen Rutenenden, Und hurtig kreuzte sich   der schwanke Weidenbast.                 Vincèn, ein Bursch von sechzehn Jahren,                 War an Gestalt und an Gebaren Gar schmuck und stattlich schon.   Sein Auge blitzte klug;                 Braun freilich waren seine Wangen,                 Doch dunkler Erde Schollen prangen                 Mit bester Frucht ja . . . das Verlangen Nach Lust und Tanz weckt Wein,   den dunkle Traube trug.                   Wie man die Gerten beizt und windet                 Und wie man sie zu Körben bindet, Das wußt' er aus dem Grund.   Feinwerk verstand er auch;                 Doch flocht er meistens, nach Begehren,                 Was keinem Landwirt zu entbehren:                 Erdkörbe, Kiezen zum Beschweren Des Saumtiers, grobes Gut   zum täglichen Gebrauch,                 Wannen aus Rohr zum Früchtelesen,                 Und Deckelkörbe, Hirsebesen Und was sein Vater sonst   zu binden ihn gelehrt;                 All dies verstand, mit Meisterhänden,                 Er flink und zierlich zu vollenden . . .                 Ringsher aus Heid' und Brachgeländen Waren die Knechte nun   vom Tagwerk heimgekehrt.                 Schon hatte draußen in der Kühle                 Mirèio an den Tisch die Stühle Gerückt, und den Salat   aus Bohnen aufgesetzt;                 Indes die Bursche, voll Verlangen                 Der großen Schüssel zuzulangen,                 Die weißen Buchsholzlöffel schwangen . . . Der Alte und sein Sohn   flochten noch stät: – Und jetzt,                 Meister Ambroi, wollt ihr das Essen                 In eurem Eifer ganz vergessen? Fragte Meister Ramoun,   der Herr im Meiergut,                 In seiner etwas barschen Weise;                 Ihr seid doch müde von der Reise!                 Mirèio! Teller! . . . Rückt zum Kreise! . . . Die Sterne flimmern schon . . .   Nun kommt und eßt und ruht!                   Wie sollten wir so gutem Rate                 Nicht folgen, sprach der Greis, und nahte Dem Steintisch mit dem Sohn,   saß zu und schnitt sich Brot;                 Mirèio, Lächeln in den Mienen,                 Schöpfte, die beiden zu bedienen,                 Die weißen Bohnen, die sie ihnen, Von eigner Hand gewürzt,   behend und freundlich bot.                 Kaum fünfzehn Jahr' alt war Mirèio . . .                 Du, Rebenhalde von Font-Vièio, Ihr, Hügel von Li-Baus   und Ebenen der Crau,                 Habt gleichen Anblick nie genossen!                 Vom Sonnenschein war sie erschlossen;                 Zwei Grübchen zierten, lichtumgossen, Ihr frisches Wangenpaar.   Ihr Blick war wie ein Tau,                 Der Leidenden die Schmerzen lindert                 Und Traurigen den Kummer mindert . . . Der holden Sterne Glanz   ist nicht so klar und mild.                 Gewellt in ihrer ganzen Länge                 Umfloß sie, schwarz, der Locken Menge,                 Noch nie aus eines Mieders Enge Ragte, im Schönheitsland,   so holder Anmut Bild.                 Ein fröhlich Kind, voll Lust und Leben,                 Scheu zwar, doch auch ein Schalk daneben . . . Der tränke schnell ihn aus,   der solche Lieblichkeit                 In seinem Becher einmal fände! . . .                 Bericht vom Tagwerk seiner Hände                 Gab jeder nun beim Mahlesende, (Wie einst zu Hause, ach!   zu meines Vaters Zeit!)                   Meister Ambroi, kommt, singt uns heute                 Ein Lied, baten die jungen Leute, Das nach dem Abendmahl  das Müdesein verwehrt! –                 Still, Freunde! sprach der Alte leise,                 Der Herr bestraft den Spott am Greise                 Und dreht den Spötter rings im Kreise! . . . Singt ihr! denn eure Kraft   ist frisch und unversehrt!                 Wie kann euch, Meister, Spott erscheinen,                 Was wir in allen Treuen meinen! Doch seht, der Wein der Crau   treibt aus dem Glas den Schaum,                 Trinkt, Vater! riefen alle Jungen.                 Ja! sprach Ambroi, einst hatt' ich Lungen,                 Da wurde manch ein Lied gesungen; Doch sing ich jetzt, so tönt   die alte Kehle kaum!                 Ach, Meister, wehrt euch nicht so lange!                 Bat auch Mirèio. Dem Gesange Lauschen erfreut das Herz! – Kind, sprach der alte Mann,                 Zwar meine Stimme gleicht an Leere                 Dem tauben Spelz, doch dir zur Ehre                 Füg' ich mich willig dem Begehre! Dann griff er nach dem Glas,   trank herzhaft und begann:   Der Ballivus Sufrèn, zur See des Reiches Wehr,   Rief im Touloner Hafen mit Signalen:   An Bord! Zur Fahrt! Fünfhundert Provençalen!   Auf Englands Flagge ging die Jagd hinaus ins Meer:   Wir schwuren nicht ans Land zurückzugehen,   Bevor wir nicht des Briten Flucht gesehen!   Der erste Monat lief ereignislos dahin,   Und nichts gewahrten wir, als um die Raaen   Des Mövenvolks Entfliehn und wieder Nahen.   Der zweite brachte Sturm, schon gleich von Anbeginn,   Und an den Pumpen standen wir, uns mühend,   Bei Tag und Nacht, in hellem Eifer glühend.   Im dritten Monat dann entbrannten wir in Wut:   Zum Kuckuck auch, wo steckt ihr allerwegen?   Wir müssen euch das Deck mit Pulver fegen!   Doch plötzlich rief Sufrèn: Jetzt seid auf eurer Hut!   Da sah man flugs im Korb den Wächter stehen   Und nach Arabiens Küsten eifrig spähen.   Potz Blitz und Donnerschlag! ruft aus dem Mast der Mann,   Drei große Schiffe von verschiednen Seiten! . . .   Zum Kampfe klar! Geschoß und Kraut bereiten!   Befiehlt Sufrèn, der Held, und heiter ruft er dann:   Nun müssen unsre Kugeln nicht mehr rosten!   Gebt ihnen Feigen von Antibes zu kosten!   Noch war es nicht gesagt, da flammt ein einz'ger Brand,   Und vierzig Kugeln, schneller als Gedanken,   Durchbohrten Englands Schiffen Bug und Flanken . . .   Ein Rumpf nur noch ist eins, zerschossen Mast und Wand!   Man hört nur Schlachtruf aus metallnen Rachen,   Des Meeres Grollen und des Holzes Krachen!   Jetzt treibt ein Schiff heran, uns trennt vom Feindesbord   Nur noch ein Schritt: O Jubel und Frohlocken!   Der große Seemann, bleich und unerschrocken,   Steht mitten auf dem Deck und ruft mit Donnerwort:   Das Feuern eingestellt jetzt allenthalben,   Und laßt uns mit Provenceröl sie salben!   Noch war es nicht gesagt, als Mann für Mann schon fort   Zur Waffenkammer stürmt. Zum blanken Stahle,   Zum Enterhaken greift der Provençale.   Zum Entern! rufend springt die Mannschaft über Bord   Auf Englands Deck, eh' noch Befehl geworden:   Da hub es an, das fürchterliche Morden!   O welch ein Blutbad nun! Wie mancher wird da wund!   Wie brachten Dolch und Beil die Schar zum Wanken!   Wie krachten berstend Mast und Deck und Planken!   Gar mancher Brite taucht und fährt hinab zum Grund,   Gar mancher Provençale krallt im Sterben   Sich an den Feind, ihn mit sich zu verderben!                 Man sollt' es nicht für möglich halten!                 Fand hier der Sänger einzuschalten, Nicht wahr? Und doch geschah's,   so wie's im Liede heißt.                 Gewiß, ihr dürft mir Glauben schenken,                 Ich war dabei, am Steuerlenken!                 Nichts ist, das solchen Tags Gedenken, Und lebt' ich tausend Jahr',   aus meiner Seele reißt!                   Wie? Ihr wart mit in all dem Jammer?                 Wohl wie die Sense unterm Hammer? Auf einen ihrer drei!   Denn gelt, sie hatten dort                 Euch wie das Füchslein in der Spalte? –                 Wer? Die Engländer? rief der Alte                 Und jäh erschien des Zornes Falte Auf seiner Stirn. Doch bald,   stolz lächelnd, fuhr er fort:   So focht man Leib an Leib, und Blut in Strömen rann   Bis in die Nacht. Und als im Ost den Wogen   Der Mond entstieg, der Pulverdampf verzogen,   Da fehlten uns an Bord beim Aufruf hundert Mann;   Doch saßen drei Galeeren auf dem Grunde!   Das war für Englands König böse Kunde!   Und als wir heimgekehrt an unsern schönen Strand,   Von hundert Kugeln unser Deck zersplissen,   Die Raan zerstückt, die Segel ganz zerrissen,   Da sprach, so halb im Scherz, voll Huld der Kommandant:   Ihr schlugt euch, Kameraden, wie die Helden!   Dem König zu Paris will ich es melden!   O unser Admiral, dein Wort ist frei und kühn,   Dich hört der König wohl, so riefen alle.   Doch helfen wird uns das in keinem Falle!   Verlassen haben wir das Heim, der Fluren Blühn,   Für ihn ging's in den Kampf, für ihn zum Tode,   Und dennoch fehlt's uns, wie du siehst, am Brote!   Doch wenn du droben bist, im hohen Königssaal:   O gib dein Herz den Schmeichlern nicht zur Beute;   Denn niemand liebt dich so, wie deine Leute!   Und hätten wir die Macht, erhabner Admiral,   Eh' wir in unsre Dörfer heim uns wenden:   Als König trügen wir dich auf den Händen!   Ein Martegueser Mann hat dieses Lied erdacht, Ein Martegueser Mann . – Ein Mann aus dem Fischerstädtchen Martegue (spätlat. Martigium, franz. Martigues ) in der Camargo. Am Rande des Meeres und eines großen Binnenteiches auf Inseln erbaut und von Kanälen, die als Straßen dienen, durchschnitten, wird es das provenzalische Venedig genannt.   Als abends er die Netze ausgehangen . . .   Sufrèn, der Held, war nach Paris gegangen.   Die Großen dort am Hof, so ward uns hinterbracht,   Mißgönnten ihm den Ruhm. Sein Stern ging nieder;   Und seine Mannschaft sah ihn niemals wieder!                 Es war zu Meister Ambros' Frommen,                 Daß sein Gesang zum Schluß gekommen; Denn Tränen brachen ihm die Stimme.   Doch zu bald                 Hatte den Hörern er geendet.                 Vom bunten Bilde wie geblendet,                 Das Antlitz stumm ihm zugewendet, Lauschten sie lange noch,   nachdem das Lied verhallt.                 Das waren, Kinder, die Gesänge                 Als Martha spann. Als Martha spann . – Sprichwörtliche Redensart mit der Bedeutung: In der guten alten Zeit, als die Sitten noch einfach waren. In Nordfrankreich ist die auch bei uns bekannte Redeform: »Als Berta spann« gebräuchlich. Der Provenzale zeigt aber auch hierin seine Vorliebe für die unerschrockene Heilige von Tarascon (vergl. ihre Legende im elften Gesange S. 205 –207), die ihm zugleich das Muster aller häuslichen Tugenden ist. Sehr in die Länge Zogen sie sich. Was tat's?   Was tut es, daß der Ton                 So schlicht, die Melodie veraltet?                 Was jetzt an Sang im Lande waltet                 Ist fein und künstlich ausgestaltet: Französisch . . . aber wer   versteht ein Wort davon?                   So schloß der Greis. Und auf vom Tische                 Standen die Knechte nun. Zur Frische Des schönen Röhrenquells,   dort unterm Rebenhang,                 Trieben, wie täglich nach dem Mahle,                 Die Tiere sie zum klaren Strahle                 Der schattenreichen Brunnenschale; Und summten vor sich hin   des Alten Seemannssang.                 Mirèio nur war nicht gegangen                 Und lächelnd saß und unbefangen Sie plaudernd bei Vincèn,   dem Valabreger Kind;                 Und aus Verneinen und Bejahen                 Entstand ein Nicken und ein Nahen                 Und ihre jungen Häupter sahen Zwei blühnden Astern gleich   in munterm Abendwind.                 Mirèio sprach: Wie viel des Neuen                 Mag täglich doch dein Aug erfreuen, Ziehst du mit deinem Bund,   Vincèn, von Ort zu Ort:                 Kastelle, die auf Felsen thronen                 Und Dörfer, Städte, Prozessionen                 Und Feste! . . . Ach, die hier wir wohnen, Kommen das ganze Jahr   vom Taubenschlag nicht fort.                 Ja! rief Vincèn, mit sauren Beeren                 Kann man so gut dem Durste wehren, Als tränk' aus vollem Krug   man süßen Labewein!                 Und müssen wir auf unsern Zügen                 Uns oft der Wetterunbill fügen,                 So bringt das Reisen doch Vergnügen, Und Waldesschatten kühlt   des heißen Mittags Pein.                   Zum Beispiel: Jetzt, sobald die grauen                 Ölbäume, bräutlich anzuschauen, In voller Blüte stehn,   wie silbern überweißt,                 Gehn wir, wo Eschenbäume ragen,                 Die seltne Kantharide jagen,                 Die dort an schönen Sommertagen Im heißen Sonnenschein   grüngoldig glänzt und gleißt.                 Das bringt Verdienst. Dann ziehn wir beide                 Nach Scharlachbeeren in die Heide; In Teichen sammeln wir   Blutegel häufig ein.                 Hei, welch ein Fischfang eigner Weise!                 Man braucht nicht Netz noch Köderspeise:                 Ins klare Wasser tritt man leise, Dann schwimmt das Tier herbei   und saugt sich an das Bein.                 Doch wart ihr bei den heil'gen Frauen Die Heiligen Frauen . – Prov. Li-Santo. Name eines Städtchens von wenig über 500 Einwohnern auf der Insel Camargo, am Meeresstrande, zwischen den Rhonemündungen. Ein ehrwürdiger und poetischer Brauch versammelt dort alljährlich am 25. Mai eine Unzahl von Pilgern aus allen Teilen der Provence und des südlichen Languedoc. Die Legende berichtet, daß nach dem Tode Christi die Juden einige seiner eifrigsten Anhänger zwangen, ein Schiff ohne Segel noch Ruder zu besteigen und sie darin den Wellen preisgaben. In einem alten französischen Kirchenliede wird der Vorgang folgendermaßen beschrieben:         Entrez, Sara, dans la nacelle,         Lazare, Marthe et Maximin,         Cléon, Trophime, Saturnin,         Les trois Maries et Marcelle, Eutrope et Martial, Sidoine et Joseph (von Arimathia).         Vous périrez dans cette nef!         Allez sans voile et sans cordage,         Sans mât, sans ancre et sans timon         Sans aliments, sans aviron,         Allez faire un triste naufrage! Retirez-vous d'ici, laissez-nous en repos,         Allez crever parmi les flots! Unter göttlichem Schutze sei die Barke in der Provence, an der äußersten Spitze der Insel Camargo, gelandet. Die armen Verstoßenen, durch ein Wunder den Gefahren des Meeres entronnen, zerstreuten sich über das südliche Gallien und wurden dessen erste Apostel. Maria-Magdalena zog sich in die Einöde zurück, um dort ihre Sünden zu beweinen. Die beiden andern, Maria-Jacobäa , Mutter des jüngeren, und Maria-Salome , Mutter des älteren Jakobus und des Evangelisten Johannes, bekehrten einige benachbarte Stämme zum neuen Glauben und kehrten dann, immer begleitet von ihrer treuen Dienerin Sara, vom Heimweh getrieben, zum Orte der Landung zurück, woselbst sie starben (vergl. elfter Gesang ). Eine Beschreibung der Pilgerfahrten zum Grabe der heiligen Marien von B. Laurens fügt hinzu: »Man erzählt, daß ein Fürst, dessen Name nicht überliefert ist, eine Kirche in Gestalt einer Zwingburg erbauen ließ, um die Stelle, in welcher die Gebeine der heiligen Marien geruht haben sollen, vor den Überfällen der Seeräuber zu sichern. Er habe ferner, zum Schutze der Bewohner des Ortes, rings um die Kirche und die sie umgebenden Wohnungen, Mauern und Wälle aufführen lassen. Die Bauten, die man heute noch sieht, entsprechen dieser Darstellung.                 Noch nie? . . . Dort kann man Wunder schauen! Es pilgern Kranke hin,   zu Fuß, zu Roß, zu Boot!                 Wir waren dort, im Festgedränge . . .                 Das Kirchlein, freilich, ist nur enge,                 Doch wie viel Volks! Wie schrie die Menge: O große, heil'ge Frau'n   erbarmt euch unsrer Not!                 Zur Wallfahrtszeit, in diesen Tagen,                 Hat sich das Wunder zugetragen: Ein schönes Knäblein saß   in Tränen beim Altar,                 Ganz abgezehrt und fahl und erden                 Und rief mit kläglichen Geberden:                 O laßt mich wieder sehend werden, Ich bring' euch, Heil'ge, auch   mein Hörnerlämmchen dar!                   Rings um das Kind erscholl das Weinen;                 Und auf zu den Reliquienschreinen, Und auf zu den Reliquienschreinen . – Das eigentümlich gebaute Chor der Drei-Marien-Kirche gliedert sich in drei Stockwerke: Eine Krypte, die genau die Stelle einnehmen soll, auf welcher das einstige Betkämmerlein der Heiligen gestanden, darüber ein Sanktuarium mit außergewöhnlich hoch liegender Grundfläche und eine dieses überragende Kapelle, welche die Reliquienschreine enthält. Die langsam aus dem Chor   man niederließ am Seil,                 Schaute das Volk. Und gab von oben                 Das Tau nach, dann, o Gott! erhoben                 Die Schreie sich wie Sturmestoben: O große Heil'ge kommt   und bringt uns Hilf' und Heil!                 Auf ihren Arm nahm nun den Kleinen                 Die Patin . . . und nach den Gebeinen Streckt er die magre Hand . . .   und kaum den Schrein berührt,                 Umfaßt er ihn mit dem Verlangen                 Des Schiffers, dem im Todesbangen,                 Nachdem sein Boot zu Grund gegangen, Das Meer zur rechten Zeit   ein Brett noch zugeführt!                 Doch kaum umspannten seine Hände                 Des heiligen Gefäßes Wände, So schrie (ich hört' es selbst)   das Kind: Mein Aug' ist klar!                 Ein Wunder ist an mir geschehen,                 Ich kann die Himmelsschreine sehen!                 Die Ahne seh' ich weinend stehen! O bringt den Heil'gen schnell   mein Hörnerlämmchen dar!                 Denkt, Fräulein, dran! . . . Daß Gottes Güte                 In Glück und Schönheit euch behüte! Doch sollte je ein Tier:   ein Molch, ein Wolf, ein Hund                 Euch wehe tun mit spitzen Zähnen,                 Sollt' Unheil euch entgegengähnen,                 Entpreßte Schmerz euch bittre Tränen: Eilt zu den heil'gen Frau'n,   dort werdet ihr gesund!                   Ihr war's ein inniges Behagen,                 Zu lauschen. Rings die Arbeitswagen Beschatteten den Hof.   Von Zeit zu Zeit nur drang                 Ein Laut her, fern im Moor ergangen                 Von Herden, deren Glöckchen klangen . . .                 Und Eulen fügten, traumbefangen, Ihr klagendes Getön   zum Nachtigallensang.                 Doch weil heut nacht in Mondeshelle                 Die Bäume schimmern und die Quelle, Darf ich noch, sprach Vincèn,   vom Rennen in der Bahn                 Erzählen, wo dem Siegespreise                 Ich nahe war? – Gern, hauchte leise                 Mirèio; und nach Kinderweise Rückte sie froh herbei   und hielt den Atem an.                 Nach Nîmes war, auf die Esplanaden                 Das Volk zum Rennspiel eingeladen; Zu Nîmes, Mirèio, war's . . .   Wie strömte sie heran                 Die Menschenmenge, die zum Feste                 Sich rings in die Umzäunung preßte!                 Barhaupt, barfuß, der Ärmelweste Entledigt, standen schon   die Läufer in der Bahn.                 Da plötzlich wird der Ruf vernommen:                 Der Lagalanto ist gekommen! Ein Name, der auch euch   wohl schon zu Ohren drang;                 Der starke Marseillaner Renner,                 Der nach dem Urteil aller Kenner,                 Provencens und Italiens Männer, Ein König seiner Kunst,   mit Leichtigkeit bezwang.                   Er war an Kraft und Schenkelpralle                 Jan Cueisso gleich, dem Seneschalle! Sein Schenktisch blinkte hell:   Zinnschilde zierten ihn, Zinnschilde zierten ihn . – Auch in Deutschland war im 15. und 16. Jahrhundert und bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges bei Volksbelustigungen, Wettschießen, Werfen, Springen, Laufen, zinnernes Gerät eine beliebte Zugabe der Siegerpreise.                 Drauf Lagalantos Siege alle                 Man eingegraben dem Metalle;                 Ihm hingen Schärpen in der Halle, So viele, daß die Wand   ein Regenbogen schien!                 Die andern, mit gebeugten Nacken,                 Schlüpften behend in ihre Jacken; Denn ihrer keiner band   mit Lagalanto an . . .                 Der Cri allein trat aus dem Haufen;                 Ein zartes Bürschlein, doch im Laufen                 Kein Schwächling. Kühe zu verkaufen War just er in der Stadt.   Der wagte sich heran.                 Obgleich durch Zufall nur zugegen:                 Was tausend! rief ich Narr verwegen, Ein Läufer bin auch ich . . .   Doch kaum das Wort gesagt.                 War ich umdrängt: Jetzt kein Entweichen!                 Es gilt! Du mußt dich ihm vergleichen!                 Ich, der bisher nur vor den Eichen, Allein, im schnellen Lauf   das Heidehuhn erjagt.                 Nun vorwärts! klang's in allen Tönen.                 Doch Lagalanto rief mit Höhnen: Schnür, armer Kleiner, nur   recht fest die Schuhe dir! Schnür, armer Kleiner, nur recht fest die Schuhe dir! – ( Pos, moun paure pichot, liga ti courrejoun! ) Sprichwörtliche Redensart, um zu sagen: Du kannst dich auf eine schwere Ausgabe gefaßt machen.                 Und lächelnd sah man ihn indessen                 Die Schenkel in ein Beinkleid pressen                 Aus Seidenstoff mit goldnen Tressen; Es klingelte daran   zehn goldner Schellen Zier.                   Den Atem stet zu halten, steckten                 Wir Reislein in den Mund. Dann streckten Wir uns, wie Freunde tun,   die Hand zu raschem Druck:                 Wir glühten . . . Unsre Füße scharrten                 Den Strich . . . Wir alle drei erharrten                 Mit fieberzitterndem Erwarten Das Zeichen . . . Es erschallt!   Und jetzt, mit einem Ruck                 Stieben wir alle drei von hinnen!                 Jetzt du! Jetzt ich! Wer wird gewinnen? Staub hüllt uns wirbelnd ein.   Uns trägt des Windes Spiel!                 O welch ein Eifer, welch Entbrennen,                 Wie dampft die Haut! Welch tolles Rennen!                 Man sieht im Lauf uns nicht sich trennen Und denkt: sie kommen gar   zu gleicher Zeit ans Ziel!                 Jetzt glückt mir's, Vorsprung zu erwerben;                 Doch grade dies ist mein Verderben! Denn als, schon siegesfroh,   so recht wie toll und taub,                 Ich vorwärts, immer vorwärts jage:                 Packt mich's wie Ende meiner Tage                 Urplötzlich . . . und mit schwerem Schlage Stürz' ich, zu Tod erschöpft,   vornüber in den Staub.                 Die andern streiften kaum die Erde,                 Ganz wie zu Aix die Pappepferde, Ganz wie zu Aix die Pappepferde . – Nachbildungen von Pferdeköpfen mit Hals und hohlem Rumpf, aus bemalter Pappe, deren man sich in der Provence bei öffentlichen Lustbarkeiten, und insbesondere in Aix beim Fronleichnamsumzuge bedient. Die Reiter befestigen sie am Gürtel und karakolieren in den Straßen beim Schalle des Tamburins. In gleich geschwindem Lauf.   Der Lagalant' indes,                 Der ohne Milz geborne, freute                 Sich schon der nahen Siegesbeute:                 Doch kam es anders, Fräulein! Heute Fand jener seinen Mann   am Cri aus Mouriés!                   Umtost von jauchzendem Gedränge                 Nahn sie dem Ziel auf Hauseslänge . . . Hättet ihr ihn gesehn,   den Cri, das junge Blut!                 Nicht Hirsche könnten und nicht Hasen,                 Wenn hinterher die Jäger blasen,                 So schnell wie er das Feld durchrasen! Der Lagalanto springt   und heult vor Neid und Wut . . .                 Ein Beifallssturm empfängt den Knaben                 Am Pfosten bei den Ehrengaben! Er wird umringt, man fragt   nach seiner Vaterstadt;                 Der Zimbeln Schall betäubt die Sinne,                 Die Sonne glänzt auf dem Gewinne,                 Dem Ehrenschild aus blankem Zinne, Und diesmal ist's der Cri,   der ihn erobert hat.                 Und Lagalanto? fragte leise                 Mirèio. – Dort, wo sonst die Preise Er siegend sich geholt,   saß er im Staube jetzt                 Und sah voll Schmerz sein Glück sich wenden,                 Den Tag sein stolzes Ansehn schänden!                 Die Knie umschlang er mit den Händen: Von Schweiß und Tränen war   sein Angesicht benetzt.                 Der Cri begrüßt ihn: Komm und denke                 Nicht heut des Grames! Komm zur Schenke! Dort unterm Laubendach   laß uns bei vollem Krug                 Nach heißem Lauf die Lungen kühlen                 Und allen Groll hinunterspülen!                 Du darfst dich nicht verdunkelt fühlen, Es gibt noch Sonnenschein   für dich und mich genug!                   Doch er, den Blick zum Cri erhebend,                 Erloschnen Auges, streifte bebend Das Beinkleid mit dem Schmuck   sich ab und sprach voll Leid                 Nimm hin! Es ziere nie mich wieder!                 Mir lähmt das Alter nun die Glieder,                 Dich schmückt die Jugend: Trage bieder Und stolz, wie ich getan,   des Stärksten Ehrenkleid!                 Und ohne Gruß, ein Bild der Trauer,                 Ein Eschenbaum, dem Sturmesschauer Den Wipfel abgeknickt,   verschwand der Läuferheld.                 Nie mehr auf Märkten und auf Messen                 Hat er mit andern sich gemessen,                 Und bald verschollen und vergessen Wird auch sein Name sein   im alten Ruhmesfeld.                 So vor dem Zürgelhof, am Tische,                 Erzählte in der Abendfrische Vincèn, was er erlebt.   Von seines Eifers Glut                 War hell sein Antlitz übergossen                 Und vom beredten Munde flossen,                 Indes die Augen Blitze schossen, Die Worte, wie im Mai   Gewitterregenflut.                 Die Grillen, die im Boden sangen,                 Schwiegen und horchten voll Verlangen; Die Nachtigall, der Kauz,   von dunkelm Laub umrauscht,                 Verstummten weitum in der Runde.                 Und sie, in ihres Herzens Grunde                 Betroffen, hätte seinem Munde Bis früh zum Morgenstrahl   in süßer Lust gelauscht.                   Für eines Körbeflechters Knaben,                 Scheint mir, besitzt er seltne Gaben, Sprach sie zur Mutter dann . . .   Erquicklich ist die Ruh'                 Im Winter. Aber mondumglommen                 Will Sommernacht dem Schlaf nicht frommen:                 O Mutter! möcht' er wiederkommen . . . Ich hörte Tag für Tag,   ja lebenslang ihm zu! Zweiter Gesang Die Blätterlese Mirèio sammelt Maulbeerblätter für ihre Seidenwürmer. Vincèn, der Körbeflicker, geht auf dem benachbarten Feldwege vorüber. Das junge Mädchen ruft ihn an. Der Knabe kommt herbei und steigt, um beim Blätterpflücken zu helfen, zu Mirèio in den Baum. Geplauder der beiden Kinder. Vincèn vergleicht seine Schwester Vinceneto mit Mirèio. Das Blaumeisennest. Der gebrochene Zweig; Mirèio und Vincèn fallen vom Baume. Das junge Mädchen erklärt Vincèn seine Liebe. Leidenschaftliches Überwallen des Jünglings. Die goldene Ziege, der Feigenbaum von Vau-Clüso. Mirèio wird von ihrer Mutter gerufen. Erschrecken und Trennung der beiden Liebenden.                                 Zur Blätterlese singet wieder,                 Magnanarellen, eure Lieder! Die Maulbeerbäume stehn   so schön und voll belaubt                 Und fröhlich tummeln, sonnbeschienen,                 Die jungen Mädchen sich in ihnen,                 Gleich einem Schwarme goldner Bienen, Der wildem Rosmarin   den süßen Honig raubt.                 Beim Zweigentblättern sendet hellen                 Gesang empor, Magnanarellen! Mirèio pflückt allein.   Frühmorgens ist's, im Mai.                 Ringsum ein Blühen und ein Prangen.                 Ums Ohr geschlungen Kirschen hangen                 Der Schelmin zierlich an den Wangen . . . Früh kam an jenem Tag   Vincèn am Hof vorbei.                 Die scharlachrote Mütze deckte                 Nach Fischerart sein Haupt; stolz reckte Sich eine Feder dran.   Hin schritt der schmucke Knab';                 Vor seinem Tritt entfloh mit Bangen                 Am Grabenrand die Brut der Schlangen,                 Von Haufen Kies, die hell erklangen, Schnellte sein leichter Stock   die obern Steinchen ab.                 Jetzt rief Mirèio aus den Bäumen:                 Dir bangt wohl, etwas zu versäumen, Weil du so eilst, Vincèn!   Er wendete geschwind                 Die Augen nach dem Maulbeerpferche;                 Da saß auf eines Astes Zwerche                 Gleich einer frohen Haubenlerche Mirèio. Und voll Lust   flog er zum schönen Kind.                 Nun? Ist die Arbeit bald verrichtet,                 Mirèio? – Ei! allmählich lichtet Vom Blatt sich Zweig um Zweig. – Wollt ihr, so helf ich euch! –                 Du wolltest? – Freilich, und aufs beste! –                 Und flugs erklimmt zum Erntefeste,                 Vincèn, dem Eichhorn gleich, die Äste: Seid achtsam, denn Ramoun,   der Meister, hat nur euch,                 Mirèio! Nehmt die tiefern Zweige,                 Indes die Wipfel ich ersteige! Und sie, die Blätter stets   abstreifend, flink und sacht,                 Sprach: Ja, vereint der Arbeit pflegen                 Ist hübsch und hilft, den einsam Trägen                 Zu neuem Eifer anzuregen! Und er: Ach, einsam sein,   das ist's, was traurig macht!                 Wann abends wir daheim dem Rauschen                 Der ungestümen Rhone lauschen, Die an den Ufern nagt,   und rings sich sonst nichts regt:                 Wie langsam schleichen dann die Stunden!                 Im Sommer, ja! dann zieht in Runden                 Mein Vater mit mir zu den Kunden, Weitum von Hof zu Hof,   dann leben wir bewegt!                 Doch wann am Stechpalmstrauch die Beere                 Sich rötet und des Winters Schwere Uns drückt: Wie fühlt man da   der langen Wachen Pein                 Am kaltgewordnen Feuerorte!                 Der Sturmwind rüttelt an der Pforte,                 Und ohne Licht und ohne Worte Erwarten wir den Schlaf,   wir beide ganz allein . . .                 Ihn unterbrach Mirèios Frage:                 Wo ist denn deine Mutter, sage? – Sie starb! . . . Der Knabe schwieg . . .   Dann fuhr er lebhaft fort:                 Als Vinceneto noch zu Hause,                 Da gab's in unsrer engen Klause                 Im Lachen selten eine Pause; Das war euch eine Lust! – Wie? nahm nun sie das Wort:                 Hast eine Schwester du? – Die Kleine                 Ist nur zu sehr der bravsten eine, Sprach er. Nach Font-dóu-Rèi – bei Beaucaire liegt der Ort –                 War sie zur Erntezeit verdungen;                 Und weil ihr alles wohl gelungen,                 Hat sie der Herrschaft Gunst errungen: Man gab sie nicht mehr her.   Nun ist sie Dienrin dort.                 Gleicht deine Schwester dir? – Bewahre!                 Denn zart ist sie, mit hellem Haare, Und ich bin, wie ihr seht,   gleich einem Käfer braun . . .                 Mit euren aufgeweckten Köpfchen,                 So frisch und fein wie Myrtenknöpfchen,                 Wärt ihr zwei lieblichen Geschöpfchen Bei weitem eher noch   für Schwestern anzuschaun.                 Doch eines Häubchens helles Linnen                 Zu binden – das ist ein Beginnen, Das besser ihr versteht.   Nein, häßlich ist sie nicht,                 Die Schwester; aber nie erreichen                 Wird sie's, mit euch sich zu vergleichen! –                 Hier ließ den Zweig der Hand entweichen Mirèio: Ei, rief sie,   was der Vincèn da spricht! . . .                 Zur Blätterlese singet wieder,                 Magnanarellen, eure Lieder! Die Maulbeerbäume stehn   so schön und voll belaubt                 Und fröhlich tummeln, sonnbeschienen,                 Die jungen Mädchen sich in ihnen,                 Gleich einem Schwarme goldner Bienen, Der Minz und Rosmarin   den süßen Honig raubt.                 So? fuhr Mirèio fort, ich scheine                 Dir wirklich hübscher als die Kleine? – Ich bitt' euch! rief Vincèn,   wer wählte da noch lang. –                 Wieso denn? fragte sie den Knaben. –                 Nun ja! was wird voraus an Gaben                 Der Buchfink vor dem Sperling haben, Wenn nicht die Schönheit selbst,   die Anmut, den Gesang!                 Dem muß mein Schwesterlein entsagen:                 Den Schönheitspreis davonzutragen, Sind ihre Augen schon   wie Meerflut klar und blau . . .                 Dem schwarzen Bernstein zu vergleichen                 Sind eure: wirken Wunder, Zeichen!                 Wenn ihre Blitze mich erreichen, Ist mir's, ich tränk' ein Glas   vom Feuerwein der Crau.                 Mit ihrer Stimme, fein und helle,                 Sang manchmal mir die Peyronelle Mein Schwesterlein. Dem Lied   horcht' ich mit großer Lust.                 Doch was sind Klänge, was sind Lieder?                 Hör' ich das kleinste Wörtchen wieder                 Von euch, so taut es auf mich nieder, Entzückt mein Ohr und sät   Verwirrung in die Brust.                 Mein Schwesterchen, stets auf den Fluren,                 Trägt, wie ein Dattelzweig, die Spuren Der Sonnenglut, gleich all   den Mädchen auf dem Land.                 Ihr könnt den Sonnenschein vertragen                 Wie Goldwurzkraut. Man möchte sagen,                 Es dürfe nicht zu streicheln wagen Der Sommer eure Stirn   mit seiner braunen Hand.                 Die Schwester gleicht der Bachlibelle,                 So schmächtig ist sie; denn zu schnelle Wuchs sie im letzten Jahr.   Doch ihr – wie sag' ich's denn                 Mirèio? – Euch umschließt das Mieder                 So wunderzierlich schon die Glieder! . . .                 Der Maulbeerzweig entglitt schon wieder Mirèios Hand. Sie rief,   ganz rot: O der Vincèn!                 Beim Zweigentblättern sendet hellen                 Gesang empor, Magnanarellen! . . . So, in des Baumes Laub,   wo Spähblick sich verlor,                 Versuchten sich in holdem Minnen,                 Mit jungen, unschuldsvollen Sinnen,                 Die schönen minder . . . Fern die Zinnen Der Berge tauchen jetzt   aus Morgenduft hervor.                 Dort, von den starren Felsenspitzen,                 Wo nachts auf ihren alten Sitzen Die Fürsten von Li-Baus   umgehn, von Spuk umschwärmt,                 Erheben sich in weiten Kreisen                 Die Weihe zu den Wolkenreisen;                 Die Flügel, stark und blank wie Eisen, Blitzen im Sonnenschein,   der schon die Büsche wärmt.                 O! rief Mirèio, welche Schande!                 Was brachten wir bis jetzt zu stande? Da kommt nun dieser Schelm,   verspricht, er helfe mir                 Und neckt mich dann, nicht zum Ertragen!                 Nun müssen wir uns tüchtig plagen,                 Sonst möchte meine Mutter sagen, Ich wär als junge Frau   noch keines Hauses Zier.                 Geh, schalt sie, geh, der du dich brüstest!                 Wenn du vom Pflücken leben müßtest, Mein armer Freund, und gäb'   vom Zentner dir man Lohn                 Und würde selbst die Reiser schneiden,                 Du müßtest dennoch Hunger leiden! –                 Ihr scheint mein Können nicht zu neiden! Antwortete der Bursch,   beschämt von ihrem Hohn.                 Nun gut, mein Fräulein! wollen schauen,                 Ob euch, ob mir mehr zuzutrauen! Sie gehn im Sturm ans Werk   und ohne Rast und Ruh                 Wird Blatt um Blatt herabgerissen.                 Kein Wort gesagt! Ganz dienstbeflissen!                 (Dem Lamm, das blökt, entfällt der Bissen.) Dem Lamm, das blökt, entfällt der Bissen .– ( Perd lou moussèu fedo que bramo. ) Sprichwörtliche Redensart mit der Bedeutung: Man kann nicht zweierlei zugleich tun. Der Baum, der beide trägt,   ist kahlgepflückt im Nu.                 Jetzt ruhen sie vom Ungemache.                 Jung sein ist eine schöne Sache! Dann, wie derselbe Sack   von beiden Laub empfing,                 Fühlte der Knabe mit den seinen                 Von ungefähr die schlanken, feinen                 Finger des Mädchens sich vereinen. Zwei Hände trafen sich   dort in des Sackes Ring.                 Und sie und er, von Schreck befangen,                 Erzitterten und ihre Wangen Färbte der Liebe Rot.   Ein unbekannt Erglühn                 Schoß jählings auf in beider Seelen.                 Sie ließ es nicht an Eile fehlen,                 Ihr Händchen aus dem Sack zu stehlen; Und er, noch ganz verwirrt,   mit sorglichem Bemühn:                 Was gibt's? War was im Laub verkrochen?                 Ein Wesplein? Hat es euch gestochen? – Ich weiß nicht! hauchte sie,   die Stirne tief gesenkt.                 Und ohne weitre Worte machte                 Man wieder sich ans Werk, bewachte                 Verstohlen, schalkhaft sich und dachte: Laß sehen, wer von uns   zuerst ans Lachen denkt.                 O welch ein fröhlich Herzbewegen! . . .                 Die Blätter fielen, dicht wie Regen! Und füllte sich der Sack   mit Laub von neuem an:                 Ob's Absicht oder Zufall heiße,                 Stets wieder traf die kleine, weiße                 Hand jene andre, braune, heiße; Und Arbeit wurde nie   mit größrer Lust getan.                 Zur frohen Ernte singet wieder,                 Magnanarellen, eure Lieder! . . . Jäh schnellt Mirèio auf,   und rasch, im Flüsterton,                 Den Finger auf dem Mund, voll Leben,                 Froh wie ein Finklein in den Reben:                 O schau doch, schau! im Baum . . . hier neben . . . Das hübsche Vogelnest! . . .   O hätt' ich es nur schon!                 Ei! das ist keine große Sache!                 Und gleich dem Sperling auf dem Dache Behend, schwang sich Vincèn   von Ast zu Ast empor.                 In einer Höhlung, zwischen Rinden,                 War leicht das kleine Nest zu finden;                 Die junge Brut, schon mit den linden Flaumfederchen bedeckt,   sah munter draus hervor.                 Vincèn schlingt nun die starken Beine                 Um den gewundnen Stamm. Die eine Der Hände tastet sacht,   die andre hält ihn fest.                 Mirèio, mit entflammten Wangen,                 Verfolgt sein keckes Tun mit Bangen:                 Was ist's? Was gibt es da zu fangen? Fragt sie ganz leis Vincèn. – Blaumeisen sind im Nest!                 Und weißt du, scherzt sie, was die Leute                 Behaupten, daß es vorbedeute, Wenn hoch in einem Baum,   in dichten Laubes Hort                 Ein Paar ein Vogelnestchen findet?                 Man sagt, daß dann ein Jahr nicht schwindet,                 Eh' Priesterspruch die zwei verbindet . . . . Sprichwort, mein Vater sagt's,   ist stets ein wahres Wort,                 Erwidert er, doch heißt's im weitern,                 Es könne jene Hoffnung scheitern, Wenn man aus Unbedacht   die Brut entwischen läßt. –                 Barmherzigkeit! rief ganz beklommen                 Mirèio, ach, zu aller Frommen                 Gib acht, daß sie uns nicht entkommen! Ich bitte dich, Vincèn,   laß keines aus dem Nest!                 Wohin sie bergen? fragt nun wieder                 Der Knabe. Wär' nicht euer Mieder Vielleicht der beste Ort? – Ja freilich! nickt das Kind.                 Er taucht sogleich vom Rindensaume                 Die Hand hinab zum Innenraume                 Und langt vier Vöglein aus dem Baume – Nein! ruft Mirèio froh,   wie viel es ihrer sind.                 Das hübsche Nest! Ihr armen Kleinen!                 Nehmt einen Kuß . . . und wieder einen! Und außer sich vor Lust,   mit Küssen ohne Zahl,                 Liebkosungen und Zärtlichkeiten,                 Läßt sie die Tierlein zum bereiten,                 Gar holden Käfig niedergleiten . . . Jetzt reicht mir, ruft Vincèn,   die Hand zum andern Mal!                 Wie aus den Köpfchen, aus den blauen,                 Die nadelfeinen Äuglein schauen! – Drei neue Meisen hält   der schöne Kerker fest;                 Wie warm die Kleinen dorten liegen,                 Sich wohlig kauernd an das Wiegen                 Des sanft bewegten Busens schmiegen! Sie wähnen sich wohl gar   im kaum verlass'nen Nest.                 Jetzt gibt es nichts mehr zu gewinnen! –                 Ja doch! Es steckt noch mehr da drinnen! – Ist deine Hand verhext?   Du fängst sie wohl im Traum! –                 Die Meisen? Zur Georgifeier                 Legt oft ein Paar bis vierzehn Eier! . . .                 Hier sind die letzten kleinen Schreier, Die untersten im Nest.   Ade nun, schöner Baum!                 Kaum hat Vincèn den Ast verlassen,                 Kaum sind die Tierchen eingelassen, Recht zart und leis, in ihr   geblümtes Busentuch . . .                 Ach! Ach! entringt sich bang der Schönen,                 Mit erst verhaltenen Klagetönen                 Und laut und lauter dann, ein Stöhnen; Und sich zu helfen macht   sie zaghaft den Versuch.                 O! weinte sie, sie kratzen, zwicken!                 O weh, Vincèn! O, wie sie picken! Seit einem Augenblick – wer hätte das gedacht –                 War, abwärts von des Mieders Rande,                 Der helle Aufruhr im Gewande;                 Es hatten in die kleine Bande Die letzten aus dem Nest   die Unordnung gebracht.                 Und in des schönen Tales Enge                 Wehrt sich die aufgeregte Menge – Weil man sich nun zu sehr   den kleinen Raum versperrt –                 In scharfem Aufeinanderprallen                 Wie toll mit Flügeln und mit Krallen . . .                 Des Kerkers weiße Wände wallen, Indes das kecke Volk   da drinnen reißt und zerrt.                 Komm, hole sie! ertönt ihr Flehen,                 O eile, komm! Und wie, vom Wehen Des Sturmes, Rebenlaub   sich bebend neigt und schmiegt,                 Und wie vom Bremsenstich das Fohlen                 Erschauert, so erharrt das Holen                 Sie zitternd, bis auf Windes Sohlen Zum Aste, der sie trägt,   ihr junger Retter fliegt.                 Beim Zweigentblättern, sendet hellen                 Gesang empor, Magnanarellen! Nun sitzt er neben ihr.   Der Schmerz ist halb gestillt.                 Er tröstet sie: Nur nicht verzagen!                 Wie wollt ihr um so wenig klagen;                 Seht, ich darf auch danach nicht fragen, Wenn mir der nackte Fuß   vom Brand der Nesseln schwillt.                 Und lachend hält er ihr entgegen,                 Die kleine Brut hineinzulegen, Der Seemannsmütze Rund.   Mirèio senkt die Hand                 Verschämt ins Mieder; und in leisen,                 Mit Vorsicht wiederholten Reisen                 Bringt sie die armen jungen Meisen Ans Tageslicht und füllt   die Mütze bis zum Rand.                 Ihr schien, noch dürfe sie nicht wagen,                 Die Augen zu ihm aufzuschlagen; Doch vor dem Lächeln schwand   nun schon der Tränen Qual.                 Dem Taue gleich in Morgenfrühen,                 Der zarter Windenkelche Blühen                 Mit diamantnem Farbensprühen Verschönt . . . und schnell vergeht   im ersten Sonnenstrahl.                 Da, plötzlich, knackt der Ast entzweie,                 Der beide trug . . . Mit lautem Schreie Schlingt um Vincènsens Hals   das tief erschrockne Kind                 Die weißen Arme. Niederfliegen,                 Im Fall sich aneinander schmiegen                 Und unversehrt im Grase liegen Ist eins . . . Der Wiesengrund   empfängt sie weich und lind.                 Zephire, frische Meereswinde,                 Weht einen Augenblick gelinde! Die ihr den Baldachin   des Waldes sanft bewegt,                 Hemmt, Aeolssöhne, euer Rauschen!                 Vergönnt dem Paar, dem Traum zu lauschen!                 O, laßt ihm Zeit, sich zu berauschen Am Glückstraum, den es hold   in seinen Herzen hegt!                 Du, kleines Bächlein, laß dein Rieseln,                 Tu langsam und befiehl den Kieseln In deinem schmalen Bett,   zu dämpfen ihr Getön!                 Denn himmelwärts, in Ätherwogen,                 Vom selben Licht emporgezogen,                 Sind ihre Seelen fortgeflogen . . . Laßt sie verloren sein   in jenen Sternenhöhn!                 Sie aber, nach dem kurzen Traume –                 Nicht bleicher sind am Quittenbaume Die Blüten – wand sich los,   und auf des Baches Rand                 Ließen sich beide zögernd nieder,                 Und jedes schlug verwirrt die Lider                 Zum andern auf, bis endlich wieder Des Körbeflechters Sohn   die ersten Worte fand:                 Ihr tatet euch doch nichts zuleide,                 Mirèio? . . . Schande du, der Heide Heimtück'scher Unglücksbaum,   am Freitag eingesetzt!                 O daß der Holzwurm dich verzehrte,                 Daß deine Kraft dem Schwund nicht wehrte,                 Dein Herr für dich nur Abscheu nährte! Sie aber senkt beschämt   ihr Köpfchen und versetzt:                 Ach nein! Der Schreck ist überstanden!                 Doch wie in seinen Wickelbanden Ein Kindlein manchmal weint   und selbst nicht weiß warum,                 So ist mir wunderbar zu Sinnen:                 Ich fühl' es heiß zum Herzen rinnen,                 Es drängt und kocht und pocht da drinnen Und trübt mir Ohr und Blick   und macht mich scheu und stumm.                 Vielleicht mag nur die Furcht euch quälen,                 Meint er, vor eurer Mutter Schmälen, Daß ihr so lange Zeit   beim Pflücken zugebracht?                 Wie mich, wenn ich in Abendspäten,                 Beschmutzt, zerfetzt in allen Nähten,                 Nach Hause schlich vom Maulbeerjäten . . . Ach nein, das ist es nicht,   was mich so ängstlich macht.                 Hat euch ein Sonnenstich getroffen?                 Fragt' er, dann läßt sich Bess'rung hoffen Von jener Hexe Kunst;   sie wohnt dort bei Li-Baus                 Und heißt Taven: Die alte Dirne                 Setzt ein Glas Wassers auf die Stirne                 Des Kranken, und aus seinem Hirne Zieht blitzschnell der Kristall   die heißen Strahlen aus.                 Nein, nein! Der Maiensonne Glühen                 Läßt um so froher nur erblühen Die Töchter unsrer Crau,   rief sie . . . Allein warum                 Bin dich zu täuschen ich beflissen?                 Warum die süße Wahrheit missen?                 Vincèn, mein Freund, willst du es wissen? Ich bin dir gut, Vincèn! . . .   Der Bachesrand ringsum                 War plötzlich wie von Licht umflossen;                 Aus Busch und Gras und Weidenschossen Erglänzte helle Lust.   Vincèn nur fühlte Pein                 Und rief mit herben Vorwurfs Tönen:                 Ist's möglich denn? Kann einer schönen                 Prinzessin Mund so grausam höhnen? Da hat man wahrlich Grund,   erstaunt, bestürzt zu sein!                 Wie? Mich zu euch . . . zu euch erheben?                 Mit meinem armen jungen Leben O spielt, Mirèio, so   um Gottes willen nicht!                 Denn seht, ihr redet da von Dingen,                 Die, lass' ich sie zum Herzen dringen,                 Mir Jammer, Not und Tod nur bringen! Vergeßt, Mirèio, nie,   nie mehr des Mitleids Pflicht!                 Gott weigre mir des Himmels Pforten,                 Wenn Lug und Spott in meinen Worten! Es tötet nicht, Vincèn,   der Liebe zu vertrau'n!                 Doch willst du grausam mich verschmähen,                 Nach einem andern Liebchen spähen,                 So wird mich Krankheit niedermähen, Du wirst mich matt und bleich   zu deinen Füßen schau'n!                 O weckt kein unerfüllbar Hoffen!                 Denn vor mir liegt ein Abgrund offen Und scheidet mich von euch!   versetzt' Ambròsis Sohn.                 Ihr seid die Königin, es neigen                 Vor euch sich alle . . . Niedersteigen                 Wollt ihr zu dem, der nichts sein eigen Auf dieser Erde nennt?   Der Körbe flickt, um Lohn?                 Was liegt daran, ist's nur der Rechte!                 Ob er Baron, ob Körb' er flechte, Was frag' ich danach viel,   wenn er mir nur gefällt!                 Doch willst du nicht um dich, den einen                 Mein Sehnen dulden und mein Weinen:                 Warum dann mir so schön erscheinen, In deinem armen Kleid,   wie niemand in der Welt?                 Vor ihrer holden Jugendschöne                 Fand er, betreten, keine Töne, Dem Vogel gleich, dem, jäh   erschreckt, der Sang entfällt.                 Doch dann: Du kannst mit deinen Blicken                 Zugleich mich bannen und erquicken;                 Mit deiner Stimme mich bestricken, Daß sie wie süßer Wein   mein Hirn gefangen hält.                 Seit deine Arme mich umfangen,                 Hemmt nichts das glühende Verlangen, Das du in mir entflammt!   Hin ist der Zagheit Bann!                 Mirèio: Höhntest du mich Armen                 Gleichwohl, und fühltest kein Erbarmen:                 Nun müßt' ich dennoch dich umarmen; Denn sieh: ich liebe dich,   mehr als ich sagen kann!                 So lieb' ich dich, daß wenn du sagtest:                 Vincèn, falls du dein Leben wagtest Für mich, du nähmst es auf   mit jenem Höllentier, Mit jenem Höllentier . – Gemeint ist hier die im Gedicht mehrfach erwähnte sagenhafte »Goldene Ziege«, s. alphabetisches Namenverzeichnis .                 Das unter Baus-Manieros Klippen                 Die Schätze der Gespenstersippen                 Behütet! . . . Von den dürren Rippen Riß ich sein goldnes Fell   und brächt' es sterbend dir!                 So lieb' ich dich, du Süße, Holde,                 Daß, hättest nach dem Strahlengolde Des höchsten Sterns du Lust   und sprächest: Bring ihn mir!                 Nicht Flammen, noch des Eisens Streichen,                 Nicht Wäldern, Strömen würd' ich weichen:                 Auf Gipfeln, die zum Himmel reichen Holt' ich den Stern herab,   zu deiner Sonntagszier!                 Je mehr dein Blick sich zu mir wendet,                 Um so viel mehr bin ich geblendet! Einst sah auf meinem Weg   ich einen Feigenbaum                 Am Felsen der Vau-Clüso-Grotte,                 So dürr und arm, daß wie zum Spotte                 Er dasteht; der Lacertenrotte Gewährt der kleinste Strauch   wohl mindern Schatten kaum.                 Des Baumes Wurzel netzt im Jahre                 Einmal des Quellenbeckens klare, Kristallen grüne Flut.   Er saugt sie gierig ein.                 Der Quell ist seine ganze Habe,                 Denn für ein ganzes Jahr zur Labe                 Dient ihm die frische Liebesgabe: Dies Gleichnis paßt auf mich   wie auf den Ring der Stein!                 Der Baum in heißer Mittagshelle                 Bin ich; und du die frische Quelle! Ach dürft' ich Armer doch,   einmal im Jahre nur,                 Mich knieend, so wie jetzt, in Wonnen,                 An deiner Augen Strahlen sonnen!                 Erquickung hätt' ich schon gewonnen, Ließ ich auf deiner Hand   nur eines Kusses Spur!                 Mirèio hört, vor Liebe bebend,                 Entzückt ihm zu . . . Er, sich erhebend, Umfängt sie mit der Hast,   die Zagheit jäh bereut,                 Sie an sein heißes Herz zu pressen . . .                 Mirèio! . . . weckt aus Weltvergessen                 Der Mutter Stimme sie . . . was essen – Tönt es vom Hofe her, – die Seidenwürmer heut?                 In einer hohen Pinie Zweigen                 Sitzt manchmal, bei des Tages Neigen, Ein muntres Sperlingsvolk,   des Zwitschern laut erschallt.                 Da, plötzlich, kommt in weitem Bogen                 In all das Durcheinanderwogen                 Des Ährenlesers Stein geflogen, Und hurtig sucht der Schwarm   voll Schreck den nahen Wald.                 So wendet mit verstörten Sinnen                 Sich flugs zu eiligem Entrinnen Das Liebespaar. Den Sack   mit Laub hebt unverweilt                 Aufs Haupt Mirèio, und vom Orte                 Entflieht sie nach des Hofes Pforte.                 Er, tief ergriffen, ohne Worte, Sieht ihr wie träumend nach,   wie sie das Feld durcheilt. Dritter Gesang Die Seidenernte Die provenzalischen Ernten. Im Zürgelhof ist eine fröhliche Gesellschaft junger Mädchen damit beschäftigt, die Seidenpuppen von den Zweigen abzulösen. Jano-Marìo, Mirèios Mutter. Taven, die Hexe von Li-Baus. Der böse Blick. Zur Kurzweil bauen die Kokonsammlerinnen Luftschlösser. Die stolze Laura, Königin der Schlaraffenlande. Clémence, Königin von Li-Baus. Der Ventour, die Rhone, die Dürance. Azalaïs und Vióulano. Der Minnehof. – Mirèios und Vincèns Liebe wird durch Nourado ausgeplaudert. Redereien der jungen Mädchen. Taven gebietet ihnen Schweigen. Der Eremit vom Leberoun und der heilige Hirte. Noro singt »Magalì«                                   Wenn in der Ernte zur Genüge                 Die Sammler in die roten Krüge Den goldnen Saft gefüllt,   den mild der Ölbaum reift;                 Wenn auf den Feldern, auf den Wegen                 Die Garbenbinder froh sich regen,                 Wenn, hochbeladen mit dem Segen, Der schwere Wagen ächzt,   sein First die Bäume streift;                 Wenn, nackt und kraftvoll wie ein Streiter,                 Gott Bacchus, kranzgeschmückt und heiter, Sein Volk zum Tanze führt,   zum Winzerfest der Crau;                 Wenn unter mostbenetzten Füßen                 Die Wellen aus dem Tretfaß fließen                 Und schäumend durch die Spunde schießen Bis an der Kufen Rand,   ein freudenreicher Tau;                 Wenn munter in den Ginsterblättern                 Die Seidenwürmer aufwärts klettern Zu wandelvollem Schlaf   in enger, goldner Haft;                 Wenn, als vollkommne Künstlerinnen,                 Sich ihrer Wiegen Sterbelinnen                 Zu Tausenden die Raupen spinnen, So fein, als wöben sie   den Sonnenstrahl zu Taft:                 Dann sind in der Provence Gauen                 Nur Lust und Freude rings zu schauen! Von Baumo den Muskat,   den Ferigoulowein                 Kredenzt das Heimatland den Söhnen;                 Man singt in hellen Jubeltönen,                 Man sieht die Burschen mit den Schönen, Beim Klang des Tamburins,   zum frohen Tanz sich reihn. –                 Seht, Nachbarinnen, wie die Wiegen                 Der Puppen hier so reichlich liegen Im Laub und Rohrgeflecht!   So glänzend gute Zeit                 Ist nie mehr unserm Hof begegnet,                 So hat es Seide nicht geregnet,                 So war die Ernte nicht gesegnet Seit jenem Gottesjahr,   als jung wir uns gefreit!                 So rief, bei rüstig frohem Schalten,                 Jano-Marìo nun, des alten Ramoun geehrtes Weib,   Mirèios Mütterlein;                 Und Basen und Gevatterinnen                 Umstanden mit zufriednen Sinnen                 Und emsig helfendem Beginnen Die freundlich stolze Frau   am Seidenpuppenschrein.                 Man war am Sammeln. Flink und leise                 Reichte den Frauen rings im Kreise Mirèio Zweig um Zweig,   Ginster und Rosmarin,                 Daran, vom Duft der Alpenpflanze                 Gelockt, die Raupen sich im Kranze                 Befestigt, daß vom seidnen Glanze Jedwedes schwanke Reis   ein goldner Palmzweig schien. –                 Für Unsrer Lieben Frauen Segen                 Ein Reis auf den Altar zu legen Versäum' ich – sprach voll Dank   Jano-Marìo – nie.                 Mein Schönstes ihr als Zehntensteuer!                 Denn wer befiehlt, alljahr wie heuer,                 Den Raupen ihren Gang mit treuer, Freigeb'ger Sorglichkeit? Nur sie und immer sie! –                 Was mich betrifft, so steht es schlimmer                 Mit meinen Raupen; denn im Zimmer, Sprach Zèu vom Wirtshof nun,   ließ ich bei scharfem Ost                 Aus Unbedacht das Fenster offen:                 Da hat das Unheil mich getroffen,                 Ich darf auf keine Ernte hoffen . . . Wohl zwanzig fand ich schon   erstarrt vom weißen Rost.                 Taven, dem Sammeln obzuliegen,                 War von Li-Baus herabgestiegen. Zu Zèu sprach also sie:   Es bleibt doch ewig wahr!                 Die Klügern sind ja stets die Jungen;                 Und erst wenn man vom Leid bezwungen,                 Wenn man geweint und schwer gerungen, Dann, aber viel zu spät,   erkennt und sieht man klar!                 Wie töricht seid ihr! Kaum beginnen                 Die Puppen schön sich einzuspinnen, Lauft prahlend ihr ins Dorf, verlasset Dach und Fach:                 O kommt doch, liebe Nachbarfrauen,                 Den Reichtum einmal anzuschauen!                 Nein! Darf man seinen Augen trauen! Und brummend steigt der Neid   euch heimlich ins Gemach.                 Du bist als Glückskind ja geboren!                 Ruft, in Bewunderung verloren, Die liebe Nachbarin.   Du siehst sie nicht, geschwind,                 Voll Mißgunst, hinter deinem Rücken                 Die giftig bösen Blicke zücken:                 Vergipst, erstarrt von solchen Tücken Vergipst erstarrt \&c . – Prov. engipa, sagt man von den Seidenwürmern, wenn sie von der verheerenden, auch »weißer Rost« genannten Fäulniskrankheit befallen werden, die ihnen ein gipsartiges Aussehen verleiht. Sind deine Raupen jäh!   Wer tat's? Der rauhe Wind!                 Zèu sprach: ich leugn' es nicht gerade,                 Daß böser Blick den Raupen schade; Kann sein! Doch hätt' ich nur   mein Fenster zugemacht! –                 Du zweifelst, rief Taven, noch immer,                 Ich sage dir: Kein Gift ist schlimmer                 Als manches Auges Glutgeflimmer! Und Blitze schoß ihr Blick,   von wildem Zorn entfacht.                 O Toren, die mit Messern wühlen                 In Leichen, und den Spott nicht fühlen! Denn wer ergründet je,   wo das Geheimnis liegt                 Des Honigs und der Kunst der Biene!                 Nur eines Flammenblicks bediene                 Die Bosheit sich, und dem Ruine Verfällt des Weibes Frucht,   die Milch der Kuh versiegt!                 Die Lerche darf den Kauz nur sehen,                 So fühlt sie des Behextseins Wehen; Die wilde Gans erstarrt,   wenn Schlangenaug erglüht . . .                 Und Menschenblick soll Macht nicht haben                 Ein Wurmesdasein zu begraben? . . .                 Doch wenn im Aug' des schönen Knaben Begeistrungsfeuer loht, der Liebe Flamme sprüht:                 Wo ist die Maid, so weis' an Lehren,                 So stark, sich dessen zu erwehren? . . . Vier Mädchen glitten hier   die Puppen aus der Hand:                 Ob Frost, ob Hitze dich umfange,                 Dein Stachel ruht nicht, alte Schlange!                 Was? riefen sie, uns ist nicht bange, Die Knaben rauben uns   mit nichten den Verstand!                 Wir wollen keinen eitel machen,                 Nicht wahr, Mirèio? rief mit Lachen Die Mädchenschar. – Man liest   den seidnen Puppenstrauß                 Nicht jeden Tag, drum soll euch munden                 Ein Tropfen, den man echt befunden,                 Versetzte sie . . . und war verschwunden. Der Wangen jähes Rot   verbarg sie schnell im Haus.                 Die stolze Laura sprach. Ihr Lieben,                 Ich bin, ihr wißt es, arm geblieben; Doch wenn ich erst gesagt:   Ich höre keinen an!                 Und nachher hätte mir gestanden,                 Er läg' in meiner Liebe Banden,                 Der König von Schlaraffenlanden: Und litt' er sieben Jahr,   ich freute mich daran! –                 Ich, sprach Clémence, wär' zur Minne                 Wohl nicht von ganz so sprödem Sinne; Und käm' ein Prinz zu mir,   von Liebesweh erfaßt:                 Ich ließe mich vielleicht erweichen,                 Doch dürft' in allen seinen Reichen                 Kein andrer ihm an Schönheit gleichen Und Geist; dann folgt' ich ihm   als Gattin zum Palast.                 Und wär ich Herrin aller Dinge                 Und mein Gemahl, der König, hinge Mir selbst den Mantel um   mit goldgesticktem Bord,                 Und fühlt' ich auf dem Haupte sitzen                 Die Krone, dran Smaragden blitzen                 Und Perlen: Dich wollt' ich besitzen Als Königin, Li-Baus, mein armer Heimatsort!                 Du solltest mir als Hauptstadt dienen                 Und Herrschersitz. Aus den Ruinen Ließ' auf dem Felsen ich   errichten neu das Schloß,                 Das dort im Staube liegt, seit grauen                 Jahrhunderten; dran ließ ich bauen,                 Ein Türmchen, schimmernd anzuschauen, Bis an die Sterne hoch.   Und fern vom Höflingstroß,                 Zu meines Türmchens Firstbalkone,                 Des Mantels ledig und der Krone, Stieg' ich mit meinem Herrn,   allein und sonder Harm.                 Hoch über allen Erdenleiden                 Wär' es ein köstlich Ding uns beiden,                 Den wonnetrunknen Blick zu weiden Am weiten, schönen Land,   beseligt, Arm in Arm!                 Denn vor mir säh' ich, sprach Clémence,                 Mein heitres Königreich Provence Wie ein Orangenhain   sich dehnend. Strand und Riff                 Am blauen Meer, das, weich sich schmiegend,                 Das Land bespült; und froh sich wiegend,                 Beflaggt, mit vollen Segeln fliegend, Die Schiffe, groß und klein, am Fuß des Schlosses If.                 Und den Ventour, der blitzgespalten                 Zum Himmel ragt, den weißen Alten, Zu dessen Füßen sich   der Hügel Kette dehnt;                 Ein greiser Hirte, der alleine,                 Umringt von wildem Pinienhaine,                 In seiner Locken Silberscheine Sein Herdenvolk bewacht,   an seinen Stab gelehnt!                 Die Rhone auch, zu deren Wogen                 Die Städte jauchzend hergezogen, Daß ihre Lippen kühl'   der breite, grüne Strom,                 So stolz im blühenden Gehege,                 Und doch bedacht, daß auf dem Wege                 Er grüßend sich zu Füßen lege Der Mutter Unsres Herrn   beim Avignoner Dom.                 Und die Dürance, jene wilde                 Bergziege, die sich im Gefilde Den Pfad durch Holderstrauch   und Weidenbusch erzwingt;                 Ein Mädchen, das in raschen. Gange                 Mit hellem Auge, frischer Wange                 Und übermütigem Gesange Den Burschen einen Krug   voll klaren Wassers bringt.                 Dies sagend stieg Clémence wieder                 Von ihrem Königssitz hernieder Und goß in einen Korb   den Schürzeninhalt aus.                 Ein Schwesternpaar von gleichem Alter                 War mit am Werk, behend wie Falter.                 (Die Eltern wohnten als Verwalter Des Schlosses Estoubloun   im nahen Pächterhaus.).                 Vióulano nannte sich die eine,                 Azalaïs die andre Kleine. Die Mädchen kamen oft   herüber, Hand in Hand.                 Amor, bemüht, den zarten Seelen                 Durch Blendwerk Fried' und Ruh' zu stehlen,                 Ließ sie, zu ihrer Qual erwählen Denselben jungen Mann,   für den sie beid' entbrannt. –                 Azalaïs, das Haupt erhoben,                 Sprach: Laßt auch mich das Herrschen proben; Laßt mich, ich bitte drum,   die Königin heut' sein!                 Und La-Cióutat, die üppig weiche,                 Marseille, das volk- und segelreiche,                 Seloun, das mandelgartengleiche, Beaucaire mit seinem Prat, dies alles sei nun mein!                 Von Arles, Li-Baus und Barbentane                 Ihr jungen Mädchen! Euch ermahne Mein Ruf, daß Vögeln gleich,   ihr auf zum Schlosse fliegt.                 Die Schönsten will ich mir gesellen,                 Zu heiterm Siebenrat bestellen;                 Sie sollen wägen, Urteil fällen, Wo falsche Liebe trog   und wo die Treue siegt!                 Ist es nicht wahrhaft zum Verdrießen,                 Daß, wenn ein Paar den Bund will schließen, Es meistens kämpfen muß für seiner Herzen Hang?                 Ich, ihre Fürstin, würde beiden,                 Säh' ich in meinem Reich sie leiden,                 Den königlichen Rat bescheiden Und löste, meiner Treu!   den ungerechten Zwang.                 Es fände beim Gericht der Sieben                 Nur Huld und Gnade treues Lieben! Doch wer mit Schmach befleckt   der Ehre reines Kleid,                 Sei es ihm feil für Gold und Schätze,                 Sei es, daß er sein Lieb verletze                 Durch Treubruch: Meines Rats Gesetze Bestrafen furchtbar ihn   für zugefügtes Leid!                 Und wenn zwei Knaben sich bemühten                 Um eines Mädchens Herz; und glühten Für einen ihrer zwei,   dann sollt es also sein:                 Es läg in meines Rats Erachten,                 Wer besser wüßt' um Gunst zu schmachten                 Und wer als würd'ger zu betrachten . . . Zuletzt den Fräulein lüd'   ich zur Gesellschaft ein                 Der Dichter sieben. Und mit Klängen,                 Die weit in alle Lande drängen, Ließ preisen ich den Rat   so mild und hochgesinnt;                 Mit goldner Schrift auf Tafeln ließen                 Wir ihre Liebessatzung gießen                 Und ihre Strophen müßten fließen, Wie aus dem Bienenkorb   der süße Honig rinnt. –                 So hat wohl einst im Pinienschatten                 Des Minnehofes Scherzdebatten Faneto von Gantelm,   die Strahlende, geführt;                 So hat wohl auch im edlen Kreise                 Der Troubadours, der ihr zum Preise                 Die Lauten schlug, anmut'ger Weise Die schöne Gräfin Dìo   den heitern Streit geschürt.                 Jetzt trat Mirèio in das Zimmer                 Von neuem ein; im Jugendschimmer, Schön wie der Ostertag.   Sie trug den Kräuterwein.                 Seht, rief sie, welch ein freundlich Blinken,                 Nun ist es Zeit, ein Glas zu trinken,                 Euch darf der Arbeit Lust nicht sinken; Reicht mir die Becher her,   ihr Frau'n, ich schenk' euch ein!                 Der Reihe nach floß in die Schalen                 Der Labetrank, gleich goldnen Strahlen, Aus der mit Binsengras   umflochtnen Flasche Mund.                 Ich selbst bereitete, ihr Frauen,                 Dies Elixir; am Fenster brauen                 Ließ ich es vierzig Tag'. Den rauhen Geschmack nimmt ihm das Licht,   macht mild es und gesund.                 Drei Kräutlein aus den Bergen sind es                 Und frischer Most, der ein so lindes, Balsamisches Getränk   im Sonnenstrahl gebraut . . .                 Mirèio! fiel mit hellem Schalle                 Ein Mädchen ihr ins Wort, wir alle                 Beraten, was wir wohl im Falle Begönnen, wählt' aus uns   das Glück die Königsbraut!                 Sag an, Mirèio! Nun, geschwinde!                 Was tätest du? . . . Ach, ich befinde Mich wohl in unsrer Crau.   Hier ist mir alles hold.                 Beglückt durch meiner Eltern Liebe,                 Nicht wüßt' ich, was zu wünschen bliebe. –                 Ja, ja, weil deine Herzensdiebe, Rief eine Jungfrau hier,   nicht Silber sind noch Gold!                 Denn jüngst, an einem Dienstag Morgen,                 (Verzeih, Mirèio, doch verborgen Bleibt nichts in dieser Welt,   als ich mit kleinem Holz                 Vom Walde kam, beim Kreuz, dem alten,                 Sah durchs Gezweig ich zwei Gestalten                 Sich ziemlich lebhaft unterhalten; Dich und noch jemand sonst, der   keck mir schien und stolz! –                 Wer war's? . . . Wer ist's? . . . Woher? . . . Nicht säume,                 Sprich! . . . riefen alle. – Durch die Bäume, Versetzt' Nourado, hab'  ich kaum ihn recht erkannt;                 Ich will die Meinung nicht verfechten,                 Doch schließ' ich irgend auf den Rechten:                 Er war's, der Körbe weiß zu flechten, Aus Valabrego der,   den man Vincèn benannt.                 O seht die Schelmin, seht die Böse!                 So rief's durch Lachen und Getöse, Sucht sich zum Liebsten aus   den Bettler ohne Schuh;                 Ein Mädchen von so reichen Gaben!                 Sie will ein schönes Körbchen haben                 Und macht ihm weis, dem armen Knaben Vincèn, sie wolle ihn,   den Flechter, auch dazu!                 Und also neckten sie die Arme.                 Da warf auf jedes Haupt im Schwarme Taven im Kreis umher   den bösen Zornesblick:                 Verwünscht, ihr jungen, dummen Dinger,                 Der Vampir lähm euch Hand und Finger!                 Und wenn der höchste Gnadenbringer, Gott selbst, des Weges käm'  und Engelschormusik,                 Ihr ließet nicht von eurem Spotte!                 Weshalb verunglimpft nun die Rotte Vincèn? Wie wüßtet ihr,   was er im Herzen trägt,                 So arm er sei? Hört das Orakel:                 Vor Gott ist arm zu sein kein Makel!                 Er selbst, vor seinem Tabernakel, Hat glänzend es bezeugt.   Vernehmt denn und erwägt:                 War einst ein Hirte, der sein Leben,                 Von seiner Herde nur umgeben, Im rauhen Leberoun   in Einsamkeit verbracht.                 Als Alter ihm die Kraft genommen                 Und mählich seine Zeit gekommen,                 Wollt' er zur Beichte gehn, zum frommen Kaplan von Sankt-Euchar,   auf seine Pflicht bedacht.                 Seit seinem ersten Abendmahle                 Im wilden, öden Felsentale, Wo weder Kirche noch   Kapelle rings zu sehn,                 Hatte der Arme unterdessen                 Seine Gebete längst vergessen;                 Und als er nun den Weg gemessen Zum Klausner, sah ihn der   in Demut vor sich stehn.                 Entledigt euch der Sündenbürde                 Mein Bruder! bat voll milder Würde Der Eremit. Da sprach   der Greis: Durch meine Schuld                 Kam einst ein Bachstelzlein ums Leben –                 Ein Tier, den Hirten sehr ergeben –                 Ich sah's um meine Herde schweben Und traf's mit einem Stein   in meiner Ungeduld!                 Treibt er nicht Spott am heil'gen Orte,                 So sind dies eines Narren Worte, Dachte der Eremit,   mißtrauend dem Patron.                 An jene Stange dort zur Seite,                 Sprach er, daß nicht er euch entgleite,                 Hängt euren Mantel; ich bereite Indes das Sakrament   zur Absolution.                 Die Stange, die, ihn zu erproben,                 Der Priester zeigte, kam von oben: Ein Sonnenblick, der schräg   sich in das Kirchlein stahl.                 Kein Zweifel kam dem armen Alten;                 Den Mantel mit den schweren Falten                 Gab er der leeren Luft zu halten . . . Und sieh! Der Mantel hing   am lichten Sonnenstrahl!                 Mann Gottes! rief der Eremite,                 Und heiße Tränen weinend, kniete Er vor den Hirten hin   auf der Kapelle Flur:                 O laßt mein Bitten euch bewegen,                 Auf mein Haupt eure Hand zu legen!                 Wie gäb' ich euch den Priestersegen? Ein Heiliger seid ihr,   und ich ein Sünder nur!                 Taven hielt inne. Da war mitten                 Die Lust zu lachen durchgeschnitten. Laureto sprach: Dies zeigt,   und ich bestreit es nicht,                 Daß man mit Spotten leicht zu schnelle;                 Oft birgt im Schutt sich frische Quelle                 Und braves Tier in rauhem Felle . . . Allein ich wüßte gern,   was jene Schöne spricht,                 Der lichterloh die Wange brannte,                 Als man den süßen Namen nannte, Als ihr das Wort Vincèn   zu Ohr und Herzen drang . . .                 Sprich, Holde! Ging das Bätterpflücken                 Geschwind? Wie mag doch Fleiß beglücken                 Selbzweit, und wie die Staude rücken; Denn mit dem Liebsten, seht!   wird nie die Zeit zu lang!                 Mirèio rief: Ans Werk, behende!                 Und macht mit eurem Spott ein Ende; Denn die Geduld verlör'   ein Heiliger dabei!                 Nun hört: euch bring' ich noch zum Schweigen;                 Kein Gatte nennt mich je sein eigen,                 Und lieber als mich schwach zu zeigen Tret' ich ins Kloster ein   in meines Lebens Mai. –                 Tandaradai! trala! so fingen                 Die Mädchen alle an zu singen. Sie wird uns wohl noch gar   zur schönen Magalì,                 Die vorzog, hinter Klostermauern                 In Arles, zu aller Welt Bedauern,                 Ihr junges Leben zu vertrauern, Als daß dem Freiersmann   ihr Ohr die Spröde lieh.                 Auf, Noro! Meistrin in Gesängen,                 Die, wenn sie will, mit ihren Klängen Entzücket jedes Ohr,   sing ihr von Magalì,                 Von ihr, die reich an List und Ränken,                 Stets Neues wußte auszudenken,                 Den Freund von ihrer Spur zu lenken, Bis Lieb' und stete Treu'   zuletzt besiegt' auch sie.                 O Magalì! o wolle zeigen . . .                 Sang Noro. Andachtsvolles Schweigen Trat ein und jedes griff   zum Werk mit neuer Lust;                 Und wie auf sommerlichem Pfade                 Dem Sang der einzelnen Zikade                 Die Antwort schallt am Bachgestade, So fiel zum Schlußvers ein   der Chor aus voller Brust:                 O Magalì, o wolle zeigen                 Dein liebes Haupt am Fensterlein!                 Mit Tamburinen find', und Geigen                 Ich mich zum Morgenständchen ein.                 Der Himmel prangt im Sternenschein,                           Die Winde schweigen.                 Doch wird, wenn dich die Sterne sehn,                           Ihr Glanz vergehn!                 Kalt, wie beim Rauschen in den Bäumen,                 Bleib' ich bei deinen Melodei'n;                 Hin eil' ich, wo die Wellen schäumen                 Und schlüpf' als Aal durch das Gestein.                 O Magalì, willst Fisch du sein                           In Meeresräumen,                 Ich dann, ein Fischer werde ich                           Und fische dich.                 Gemach! Nahst du mit argen Sinnen                 Und senkest deine Netze ein,                 Als Vogel heb' ich mich von hinnen                 Und schwebe frei im Sonnenschein.                 Willst, Magalì, du Vogel sein,                           Mir zu entrinnen,                 Ein flinker Jäger werde ich                           Und jage dich.                 Fängst du in Fallen und in Döhnchen                 Die Vögel all' im weiten Hain,                 So berg' ich mich als Blumenkrönchen,                 Auf weiter Flur, an grünem Rain.                 O Magalì, und willst du sein                           Das Tausendschönchen,                 Zur klaren Quelle werde ich                           Und tränke dich.                 Bist du nun so die klare Quelle,                 Werd' ich die dunkle Wolke sein,                 Und übers Meer dann jag' ich schnelle                 Weit nach Amerika hinein.                 O Magalì, und müßt' es sein                           Bis Indiens Schwelle,                 Zum Meereswinde mach' ich mich                           Und trage dich.                 Und machst du dich zum Sturm der Fluten,                 Du findest da nur neue Pein,                 Denn ich ward gegen dein Vermuten                 Zum Eiszerschmelzer Sonnenschein.                 O Magalì, und magst du sein                           Der Sonne Gluten,                 Zur grünen Eidechs' wandl' ich mich                           Und trinke dich.                 Und läufst im Busche du auch immer                 Als Salamander aus und ein,                 Du machst dir deine Jagd nur schlimmer,                 Mond werd' ich, aller Zaubrer Schein.                 O Magalì, und magst du sein                           Der Vollmondschimmer,                 Zum zarten Nebel wandl' ich mich,                           Umhülle dich.                 Und hat der Nebel mich umfangen,                 Dennoch sollst du mich nimmer frei'n,                 Als Rose bin ich dir entgangen                 In Dornen, duftend und allein.                 O Magalì, und magst du sein                           Im Rosenprangen,                 Zum Schmetterlinge wandl' ich mich                           Und küsse dich.                 Eil, eile, daß ich nicht entweiche!                 Doch nimmer, nimmer, werd' ich dein,                 Denn schirmend schließt im Waldbereiche                 Mich einer Eiche Rinde ein.                 O Magalì, und willst du sein                           Die stolze Eiche,                 Zur Epheuranke wandl' ich mich,                           Umarme dich.                 Denkst du, nun sei ich dir beschieden,                 Ein alter Eichbaum nur ist dein,                 Ich habe wieder dich gemieden,                 Sankt Blasius' Zelle nahm mich ein.                 O Magalì, und magst du sein                           Im Klosterfrieden,                 Zum Beichtiger verwandt' ich mich                           Und höre dich.                 Hier bebten alle. Es entglitten                 Die goldnen Pappen allen. Mitten Im Liede riefen sie:   Sprich, Noro, wie geschah's                 Nun weiter, und was hat ersonnen                 Die Arme, die der Jagd entronnen                 Als Eiche, Rose, Strahl der Sonnen, Als Vogel und als Fisch,   als Wolke, Mond und Gras?                 Vom Lied, sprach Noro auf ihr Fragen,                 Will ich euch nun das Ende sagen: Ihr wißt, daß Magalì   zum Kloster sich gewandt;                 Da droht ihr der Verfolger schnelle,                 Er heischt als Beichtiger zur Stelle                 Keck Einlaß an Sankt Blasius' Schwelle . . . Nun höret, wie sie neu   den Ausweg sich erfand:                 Nein! Wenn du obsiegst dem Verbote                 Und dringst in unsre Mauern ein,                 Der Schwestern Sang ist Trauerbote:                 Man legt mich in den engen Schrein.                 O Magalì, und magst du sein                           Die arme Tote,                 Zur kühlen Erde wandl' ich mich,                           Dort hab' ich dich.                 Jetzt, Lieber, glaub' ich dir, und gerne!                 Du scherzest nicht, ich seh' es ein!                 Nimm zur Erinnrung in der Ferne                 Hier meinen Glasring, er sei dein!                 O Magalì! Zu Glück wird Pein!                           Nun schau die Sterne,                 Als dich sie sahn, o Magalì,                           Verblichen sie.                 Das Lied war aus. Im Frauenkreise                 Sprach niemand. Noros schöne Weise Hatte die Häupter auf   und ab im Takt gewiegt;                 Sie waren mit des Anteils Zeichen                 Dem Zypergrase zu vergleichen,                 Wenn Bacheswellen drüber streichen Und wenn es folgsam sich   der sanften Strömung schmiegt.                 O schöner Abend! Seht, wie milde,                 Sprach Noro, glänzt er im Gefilde . . . Die Schnitter waschen schon   die Sicheln vor dem Haus . . .                 Mirèio, geh uns Äpfel pflücken,                 Rahmkäschen gib, brich Brot zu Stücken,                 Dann wollen wir zusammenrücken Dort unterm Zürgelbaum   zum heitern Abendschmaus. Vierter Gesang Die Freier Die Veilchenzeit, die Fischer. Drei Freier bewerben sich um Mirèios Hand. Alàri, der Schafhirte, Veran, der Pferdehüter, Ourrias, der Ochsentreiber. Alàri, seine Reichtümer an Schafen. Die Schur. Die Gebirgsweide. Beschreibung einer großen Herde, die von den Alpen herabsteigt. Begegnung zwischen Alàri und Mirèio. Das Grabmal von Sant-Roumié. Die Gabe des Hirten, ein Becher aus geschnitztem Buchsholz. Alàri wird abgewiesen. – Veran, der Rossehüter. Die Schimmelstuten der Camargo. Veran hält bei Meister Ramoun um Mirèio an. Gute Aufnahme des Bewerbers, Freude des Vaters; Ablehnung Mirèios. – Ourrias, der Stierbändiger. Die schwarzen, wilden Stiere. Die Ferrado. Ourrias und Mirèio am Brunnen. Abweisung des dritten Freiers.                                   Zur Zeit, da frisch am Rand der Matten                 Die Veilchen blühn im Waldesschatten, Fehlt es an Paaren nicht,   die froh sie pflücken gehn!                 Und kommt die Zeit, da nach Gewittern,                 Die jäh des Schiffers Mast zersplittern,                 Das Meer mit nur noch leisem Zittern Die stolze Brust bewegt und sanft die Winde wehn;                 Dann fehlt's an Booten nicht noch Prahmen                 Mit Netzen und mit Fischerrahmen, Die aus des Hafens Hort   hinaus ins blaue Meer                 Auf Flügeln ihrer Ruder schweben                 Und flink sich an den Fang begeben.                 Zur Zeit sodann, wann hold ins Leben Aus großen Augen blickt   der Mägdlein schmuckes Heer,                 Wann Bauerndirnen oder Damen,                 Erblüht, zu Ruf der Schönheit kamen, Fehlt es an Freiern nicht   in Schloß und Meierei.                 Allein im Zürgelhofe werden                 Es ihrer drei sein. Rinderherden                 Stand einer vor, der andre Pferden; Und auch ein Schäfer kam;   gar stattlich alle drei.                 Alàri war es, der den Reigen                 Eröffnete. Ihm waren eigen An tausend Schafe wohl   am Entressèner Teich,                 Wann sich der Trieb im Weizen rührte                 Und man des Maimonds Nahen spürte,                 War er's, der seine Tiere führte Zu frischer, grüner Trift   in weitem Alpenreich.                 Man sagt, neun Scherer, auserkoren,                 Hätten für ihn drei Tag' geschoren, So oft Sankt Markus kam.   Man zählte überdies                 Den Mann nicht mit, der all die schweren                 Wollvließe forttrug nach dem Scheren,                 Noch auch den Buben, der die leeren Weinkannen ohne Rast   von neuem füllen ließ.                 Wann aber erst die Sommerhitzen                 Nachlassen, und der Berge Spitzen Schon früh umwirbelt sind   von Sturm und erstem Schnee;                 Dann muß man sehn, wie nach den Heiden,                 Das Wintergras der Crau zu weiden,                 Die Herden von den Alpen scheiden! Dann kommen sie zu Tal   vom hohen Dauphiné.                 Hei, welch ein Schauspiel! In den Engen                 Der rauhen Pfade, welche Mengen! Dem ganzen Troß voran   sieht man der Lämmer Schar                 Um ihre Hirten fröhlich springen.                 Dann folgen, an den Halfterringen,                 Die Eselein mit Schellenklingen: Die Fohlen nebenher,   im Trab, der Ordnung bar.                 Auf hohem Sattelkissen reitet                 Der Treiber, der die Esel leitet; Die tragen mit Geduld,   im Korbgeflecht aus Bast,                 Getränk und Speisen und der Leute                 Kleidwerk und auch die frischen Häute                 Der Tiere, die dem Stahl zur Beute; Und manch ein müdes Lamm.   Nicht leicht ist ihre Last.                 Fünf feiste, schwere Böcke zogen,                 Die Hörner weit zurückgebogen, In Front, mit Glöckchenklang,   voraus dem Ziegenheer.                 Seht, wie so stolz die Häupter nicken,                 Seht, wie sie schräg und drohend blicken!                 Die Muttergeißen mit den Zicken Und Böcklein folgten rasch,   in Sprüngen, hinterher,                 Ein Trupp, der gern vom Weg ab irrte;                 Ihn hütete der Ziegenhirte. Leithämmel kamen nun,   ausschreitend mit Bedacht,                 Schafböcke, die, das Maul erhoben,                 Sich eilig voreinander schoben                 Und lustig in den Morgen schnoben. Die großen Widder ziert   gewundner Hörner Pracht;                 Und ihrer Vornehmheit zum Zeichen                 Sind ihre Rücken, ihre Weichen Mit ungeschornem Busch   aus Wollenhaar geschmückt.                 Zu Häupten dieser Truppe schreitet                 Im Mantel, der sich bläht und weitet,                 Der Oberschäfer, der sie leitet. Allein die Hauptarmee   kommt jetzt erst angerückt.                 Umhüllt von dichten Staubes Wolke,                 Mit Blöken ihrem jungen Volke Antwortend, drängen sich   die Mutterschafe vor                 Und gönnen sich nicht Ruh' noch Rasten:                 Die Racken zieren rote Quasten.                 Die wohlbeleibten Hammel hasten Nicht gerne allzusehr;   sie blöken laut im Chor.                 Dann kommen Schäfer, ihren Hunden                 Zurufend. Weiter, mit den runden Teerzeichen wohl versehen,   das ungezählte Heer:                 Erwachsne, deren Zucht vollkommen,                 Die, denen man das Lamm genommen                 Und die, die zweimal Wurf bekommen; Die Zwillingsmütter dann,   an Leib und Gliedern schwer.                 Als mitgeschleppte Nachhut kamen                 Die Überfetten und die Lahmen; Der alten Bockschwadron   zerlumptes Heldentum                 In ungepflegtem Wollgewande,                 Zu Dienst und Kämpfen außer stande;                 Der Ausgeschoßnen Krüppelbande Die beides eingebüßt,   die Hörner und den Ruhm.                 Und alles war, die Jungen, Alten,                 Die Schönen und die Mißgestalten, Alàris Eigentum,   so viel im Weg es gab . . .                 Wenn Hunderte von Schafen, Ziegen                 Ihm von den Alpen niederstiegen                 Erfreuten ihn die stolzen Riegen . . . Gleich einem Zepter trug   er seinen Ahornstab.                 Schritt er mit seinen Hürdenhunden,                 Die Lederstrümpfe hochgebunden, Einher, die Stirne frei,   das Auge hell und klar,                 Inmitten seiner Karawanen,                 Konnt' er an König David mahnen,                 Der an den Brunnen seiner Ahnen Als Jüngling tränken ging   die fromme Herdenschar.                 Und zu Mirèios Hof gekommen                 Erschaut er sie . . . Was ich vernommen, Heil mir! ist mehr als wahr!   rief froh der junge Mann.                 Nicht im Gebirg, nicht im Gefilde,                 In Wahrheit nicht und nicht im Bilde                 Sah je ich eine, die an Milde, An Schönheit und an Reiz   mit ihr sich messen kann!                 Alàri war, daß er sie sähe,                 Von seinem Zug ab in die Nähe Des Zürgelhofs geschweift. – Nun stand er, leicht verwirrt,                 Vor ihr und sprach, fast stammelnd, leise:                 Mit meiner Herde, Mägdlein, reise                 Ich hügelwärts, kannst du, so weise Die Wege mir, weil sonst   man hier sich leicht verirrt. –                 Wohl, sprach Mirèio, kann ich's sagen:                 Ihr habt den Weg nur einzuschlagen Gradaus, dann kommt ihr bald   zur Pèiro-Malo-Kluft                 Und wandert im gewundnen Tale                 Bis ihr die prächtigen Portale                 Seht, wo aus Stein die Säulenmale Von zweien Feldherrn stehn,   hoch ragend in die Luft.                 Man nennt sie »Lis-Antico«. – Danke!                 Versetzt der Jüngling. Tausend blanke Wolltiere treiben wir   zu Berge hier vorbei.                 Sie tragen allesamt mein Zeichen;                 Ich will voraus das Land durchstreichen                 Und schauen, wo sie Trift erreichen Und wo das Nachtquartier   zu nehmen rätlich sei,                 Damit die Herde wohl gedeihe! . . .                 Und wenn ich einst ein Mädchen freie Hört es der Nachtigall   Gesang bei Tag und Nacht . . .                 Und nähmst du, Blume unsrer Heide,                 Mich an, dir gäb' ich nicht Geschmeide,                 Doch, daß dein Auge dran sich weide, Ein Trinkgefäß ans Buchs,   das ich für dich gemacht.                 Und sacht, als wär' es Martyrasche,                 Zog er aus seines Wamses Tasche, Dies sagend, einen Kelch   aus hartem Buchs geschnitzt;                 Denn seiner Hand war es verliehen,                 Die Linien schönheitsvoll zu ziehen                 Und manch ein Bild war ihm gediehen Mit einem Messer nur   in Holz und Bein geritzt.                 Er schnitzte Klappern für die Herden,                 Die Nachts durchs Feld geleitet werden; Dem Vieh, das Schellen trägt   schnitt er ins Nackenband                 Und in die harten Glöckchenschwengel                 Die schönsten Heiligen und Engel,                 Gevögel, Zierat, Blumenstengel; Ihm schuf, was er ersann   die kunstgeübte Hand.                 Doch vom Gefäß, das jetzt er brachte                 Versichr' ich euch, daß niemand dachte Ein Hirtenmesser hab'   ihm Form erteilt und Schliff:                 Ein Zweig mit offner Felsenrose                 Umschlang es anmutsvoll und lose;                 Zur Seite weideten im Moose Zwei schlanke Rehelein   und bildeten den Griff.                 Darunter, wunderbar gelungen,                 Ragt' eine Gruppe von drei jungen Mutwill'gen Mädchen auf . . .   In einem Holderstrauch                 Sah man den Hirtenknaben schlafen.                 Die Schönen, wie um ihn zu strafen,                 Schwangen ein Traubenreis und trafen Ihn mitten auf den Mund.   Man sah, er fühlt' es auch;                 Denn der drei losen Mädchen Gabe                 Belächelte der Hirtenknabe; Und eine von den drei'n   sah ganz ergriffen aus. . . .                 Man hätte, absehnd von der kalten                 Holzfarbe, alle die Gestalten                 Und Mienen für belebt gehalten. . . . Der Becher war noch neu,   noch niemand trank daraus.                 Mirèio sprach: Gewiß, ich finde                 Ihr bringt ein reizend Angebinde. . . . Und sie beschaut' es lang.   Dann aber, ganz beherzt:                 O Schäfer, laßt es euch nicht kränken,                 Mein Freund hat Schönres zu verschenken:                 Sieht er mich liebend an, dann senken Die Wimpern sich, es loht   ein Glück auf, das mich schmerzt. . . .                 Und einer Elfe gleich entschwirrte                 Das junge Mädchen. . . . Und der Hirte Schob seinen Kelch ins Wams;   und sacht, im Dämmerschein,                 Schlich er vom Hofe, sehr verdrossen,                 Daß jäh sein schöner Traum zerflossen,                 Und sie, so jung und reizumgossen, Schon einen andern hegt   in ihres Herzens Schrein. –                 Bald, auf des Zürgelbauern Güter,                 Kam auch Veran, der Stutenhüter. Veran kam vom Sambü,   wo auf dem Wiesenplan                 Seeastern blühn in Sonnengluten;                 Dort zwischen Meer und Rhonefluten,                 Besaß er hundert Schimmelstuten. Der Marschen hohes Schilf   war ihre Tummelbahn.                 Ja, hundert Stuten! Weiß, mit Mähnen                 Gleich langgewellten Silbersträhnen, Mit Mähnen, weich und dicht,   wie Kolbengras im Moor.                 Gleich seidnen Feenschärpen schwangen                 Sie sich, wenn über Stein und Stangen                 Die feurig-schönen Tiere sprangen, Von ihrer Hälse Bug   hoch in die Luft empor.                 Zur Freiheit sind auch sie geboren                 O Mensch! Nie unterwirft den Sporen Camargos Stute sich   und nie der Schmeichelhand.                 Verrat muß sie zuvor beschleichen                 Und knirschend nur beut sie die Weichen                 Dem Stahl und trägt der Knechtschaft Zeichen; Und trifft Verbannung sie   vom salz'gen Heidestrand,                 Dann, eines Tages, kann man sehen,                 Wie, ohne Macht zum Widerstehen, Der Reiter, wer er sei,   von ihrem Rücken fliegt;                 Und blitzgleich wird sie zwanzig Meilen                 Bis hin zur Heimattrift durcheilen,                 Die Schmach der Sklaverei zu heilen, Der Salzflut freien Hauch   zu atmen, unbesiegt.                 Denn eines Gottes Wellenrossen                 Scheint wahrlich dies Geschlecht entsprossen, Das von Neptuns Gespann   gewiß einmal entfloh,                 Schaumweiß auch heute noch zu schauen;                 Und rast der Sturm in Mast und Tauen                 Und füllt des Schiffers Herz mit Grauen, Dann wiehern weit am Strand   die Hengste hell und froh.                 Sie knallen wie mit Peitschenschleifen                 Mit ihren langen Seidenschweifen Und scharren mit dem Huf   und fühlen in ihr Blut                 Und in ihr Fleisch, auf Sturmesschwingen,                 Des furchtbarn Gottes Dreizack dringen,                 Der wildes Toben, Kämpfen, Ringen In seinem Zorn befiehlt   dem Abgrund und der Flut.                 Mit solchen Tieren auf der Weide                 Lebte Veran in freier Heide. Und eines Tages führt'   ihn durch die Crau sein Gang                 Bis zu Mirèio. Denn im Lande                 Camargo und am Uferrande                 Der Rhone bis zum Meeresstrande Sagte man, sie sei schön   und sagt es wohl noch lang.                 Er kam heran mit stolzem Schritte;                 Sein gelbes Wams, nach Landessitte, Hing, einem Mantel gleich,   vom starken Schulternpaar.                 Ein Gürtel zierte seine Lenden,                 Bunt wie der Rücken der behenden                 Lazerten; und die Augen blenden Konnte sein Wachstuchhut,   weil hell die Sonne war.                 Und als den Hausherrn er gesehen                 Sprach er: Gruß euch und Wohlergehen! Ich bin Camargomann,   dort aus der Flußregion,                 Und hoffe, daß man hier mich kenne                 Wenn ich den Hirten Pèire nenne,                 Der zwanzig Jahr' in eurer Tenne Mit seinen Schimmeln drosch.   Ich bin sein Enkelsohn!                 Auf unsrer fetten Marschenerde                 Besaß mein Ahn drei Rudel Pferde Und meines Vaters Mühn   erblühte reicher Lohn:                 Wir brachten es mit Fleiß und Sparen                 Im Laufe von so manchen Jahren                 Zu sieben Rudeln, sieben Paaren! Der Meister aber rief:   O, lange noch, mein Sohn,                 Ja, lange noch magst du sie nähren                 Und möge stets der Segen währen! Ich kannte deinen Ahn;   wir pflegten lange Zeit                 Verkehr in freundlichem Vereine!                 Doch jetzt, das Alter im Gebeine,                 Sitz' ich daheim beim Lampenscheine Und zu den Freunden, ach!   ist mir der Weg zu weit!                 Nun, sprach Veran, hört auch das Ende,                 Den Grund, warum ich her mich wende: Es kommen Bursche oft   zu uns aus eurem Gau                 Um Fuder Streu hinwegzuführen;                 Und während wir die Hände rühren,                 Die Ladung mit dem Seil zu schnüren, Dreht oft sich das Gespräch   um Mädchen aus der Crau;                 Doch meist um eurer Tochter Gaben.                 Und wollt ihr mich zum Eidam haben, So werb' ich heute noch   vor euch um ihre Hand . . .                 Veran! O möcht' es dir gelingen!                 Es kann ja mir nur Ehre bringen                 Ein neues, festes Band zu schlingen Mit jenes Pèire Haus,   dem Freundschaft mich verband!                 Rief froh Ramoun; und Gott zu loben,                 Hielt er die Hände hoch erhoben: Ich gebe dir, o Sohn,   und mein' es treu und wahr,                 Gefällst du meinem einz'gen Kinde,                 Als erstes Hochzeitsangebinde,                 Des Vaters Segen! Ewig finde Dein Herz sein Licht im Herrn   und in der Heil'gen Schar!                 Und läßt Mirèio zu sich kommen                 Und teilt ihr mit, was wir vernommen. Sie aber, plötzlich bleich   und mit verstörtem Blick                 Und zitternd ganz vor Schreck und Bangen:                 Um Gott! was ist euch angegangen?                 Wie? Jetzt schon nähme mich gefangen So jung, und fern von euch,   ein neu und fremd Geschick?                 Mit Vorsicht und Bedacht geschehe                 Stets beiderseits der Schritt zur Ehe. Habt manchmal ihr gesagt.   Sehr sei es von Gewicht,                 Sich kennen . . . und selbst dann . . . genauer                 Sich kennen ist noch nichts . . . Ein Schauer                 Süßen Gedenkens ließ die Trauer Wie Duft im Licht zergehn,   aus ihrem Angesicht.                 So sieht man oft nach Regengüssen                 Die Sonne neu die Blumen küssen. Mirèios Mutter sprach:   Nicht daß die Frage brennt . . .                 Doch lächelnd rief Veran: mit Fragen                 Will ich hier weiter niemand plagen!                 Ich gehe; denn ich muß euch sagen, Daß ein Camargohirt   den Stich der Mücke kennt. –                 Noch vor dem letzten Halmenschneiden,                 Von des Sòuvage Tieflandweiden, Kam zu Mirèios Hof   Ourrias der Ochsenhirt.                 Es hausen wilde schwarze Stiere,                 Weitum berüchtigt böse Tiere,                 In jenem öden Sumpfquartiere, Das bald in Glut verlechzt   und bald von Frost erklirrt.                 Dort trug des Hirtenlebens Mühen                 Ourrias, allein bei seinen Kühen. Geboren mit dem Trupp,   im Trupp herangereift,                 Erbt' er von ihm Gestalt und Fehle,                 Des schwarzen Auges Feuerschwele,                 Die Störrigkeit, die harte Seele. Den Knüppel in der Faust,   die Kleider abgestreift,                 Hat er die Kälblein oft vom Kissen                 Des vollen Euters weggerissen Und sie der Muttermilch   entwöhnt mit rauher Hand.                 Wie oft auch warf er sich verwegen                 Dem zorn'gen Muttertier entgegen                 Bis es, betäubt vom Prügelregen, Mit Brüllen ihm entfloh,   den Kopf zurückgewandt.                 Wie oft hat er an den Ferraden                 In der Camargo Sumpfgestaden Die jungen Farrn am Horn   gepackt und hingestreckt!                 Auch war davon an seinen Brauen                 Ein Merkmal, blitzspurgleich, zu schauen                 Und manchmal hatten auf den Auen Salzkraut und Knöterich   sein rinnend Blut geleckt.                 Einst war Ferradotag. Im Schatten                 Der Rennbahn, welch ein Fest! Es hatten Aigo-Mort', Aubaroun,   Li-Santo, Faraman                 An hundert Reiter auf die Weiden                 Gesandt, das Hornvieh aus den Heiden                 Herbeizutreiben. Sich zu weiden Am Schauspiel, füllte schon   viel Volks den Kreis der Bahn.                 Jäh aus dem Schlaf emporgefahren,                 Verfolgt von kühnen Reiterscharen, In sausendem Galopp,   von Speeren rings umstarrt,                 Das Röhricht, der Cyanen Blühen                 Zermalmend, wie ein Wettersprühen,                 So stürmen Hunderte von Kühen Zum Orte, wo man längst   im Fieber ihrer harrt.                 Bestürzt sieht die gehörnte Menge                 Und stumm, sich in des Platzes Enge. Doch dreimal läßt man noch,   mit Spornen und Geschrei,                 Sie ringsum auf dem runden Rasen                 Der Rennbahn innern Raum durchrasen.                 So jagt der Hund den scheuen Hasen, So jagt der stolze Aar   des Leberoun den Weih.                 O seht! Ourrias mit kühlem Mute                 Steigt, gegen Brauch, von seiner Stute. Die Herde steht gedrängt   an der Arena Tor.                 Da, plötzlich, sondern von den Kühen                 Fünf junge Stiere sich. Sie glühen                 Von wilder Kampflust, Flammen sprühen Die Augen, Haupt und Horn   recken sie stolz empor.                 Und mit des Wolkenjägers Schnelle,                 Des Windes, ist Ourrias zur Stelle; Bald läuft er ihnen nach,   bald vor, und bald umsaust                 Sie blank das Eisen seiner Lanze;                 Nun zeigt er sich im Fechterglanze,                 Nun neckt er sie im Wirbeltanze, Dann wieder reizt er sie   mit einem Schlag der Faust.                 Ah! . . . Alles Volk klatscht in die Hände:                 Ourrias, im staubigen Gelände, Packt einen Stier am Horn   und nun beginnt der Kampf,                 Ein Kampf, bei dem die Rippen krachen.                 Es windet sich gleich einem Drachen                 Das Tier, die Hörner frei zu machen Und brüllt vor Zorn und schnaubt   siedheißes Blut und Dampf.                 Umsonst die Wut! Umsonst das Toben!                 Mit einem Griff den Hals verschroben Und seine Kraft geraubt   hat schnell Ourrias dem Stier;                 Und an die Brust, gleich einem Schilde,                 Zieht er gewaltig erst das wilde                 Haupt . . . dann: ein Stoß . . . und ins Gefilde Rollen mit Wucht zugleich   der Treiber und das Tier.                 Triumphgeschrei durchbraust die Räume                 Und weckt die Tamariskenbäume: Ein tapfrer Bursch, Ourrias!   Hat's brav gemacht! . . . Fünf Mann                 Halten den Stier und andre reichen                 Das heiße Eisen. Auf die Weichen                 Drückt es Ourrias dem Tier zum Zeichen Des Sieges, den sein Mut   in diesem Streit gewann.                 Mädchen aus Arles, auf Schimmelstuten,                 Die Wangen wie von Purpurgluten Umstrahlt, vom raschen Ritt,   erscheinen in der Bahn,                 Wo sie Ourrias, mit zarten Händen,                 Ein weingefülltes Trinkhorn spenden                 Und dann zur Flucht die Zelter wenden. Ein Reitertrupp verfolgt   den Schwarm im Wiesenplan.                 Ourrias, indes, sieht nichts als Stiere                 Zum Niederwerfen. . . . Ihrer viere Sind übrig noch; und wie   der Schnitter Halme rafft,                 Je eifriger, je mehr noch stehen,                 Schien er nur dort sein Heil zu sehen,                 Wo Kampf und Mühsal zu bestehen. Vier wilden Bullen schwächt   er so die Lendenkraft.                 Weißscheckig, stolzgehörnt, ein Riese,                 Graste der letzte auf der Wiese. Die Hirten riefen rings:   Genug, Ourrias! Genug! . . .                 Umsonst! Ihm muß das Stück gelingen                 Auch noch den fünften zu bezwingen!                 Schon sieht man ihn den Dreizink schwingen Und auf den Schecken stürzt   er schäumend sich. Im Flug                 Hat er des Bullen Maul durchstochen:                 Doch weh! Der Dreizink ist zerbrochen! Jäh wütend wird das Tier,   des Wunde gräßlich klafft.                 Der Mann den Stier am Horn ergreifen,                 Der Stier den Mann feldeinwärts schleifen,                 Selband im Sturm die Büsche streifen War eins. . . . Zu Pferd, die Hand   an ihrer Lanzen Schaft,                 Bewunderten die Ochsentreiber                 Den Kampf der beiden Riesenleiber, Die beid' auf Sieg erpicht,   in gleicher, wilder Wut.                 Der Treiber mit dem Bullen ringend,                 Der Bulle mit dem Treiber springend                 Und mit Gebrüll die Schnauze schwingend, Aus der im Lauf es troff   von Schaum und schwarzem Blut.                 Barmherzigkeit! das Tier wird siegen! . . .                 Ourrias kommt vor den Stier zu liegen Gleich einem Bündel Heu!   Zu spät schon zum Entfliehn!                 Nur Zeit ist's noch, dich tot zu stellen!                 Man sieht den Stier die Hörner fällen,                 Den Gegner in die Luft zu schnellen, Und sieben Ellen hoch   schleudert er rücklings ihn!                 Ein Schrei der Angst durchgellt die Räume                 Und schreckt die Tamariskenbäume. . . . In Bogen in die Bahn   stürzt, bodenwärts gekehrt,                 Der Ärmste, jämmerlich zerschlagen.                 Seitdem mußt' er die Narbe tragen. . . .                 Jetzt, um Mirèios Hand zu fragen, Kam er zum Zürgelhof,   beritten und bespeert.                 An jenem Morgen war die Kleine                 Im Hof am Brunnen, ganz alleine, Die Ränder aufgeschürzt   an Ärmeln und Gewand,                 Und rieb mit Gras aus irdnen Töpfchen                 Gelabter Milch gestandne Tröpfchen.                 Ein wunderliebliches Geschöpfchen, Das da mit nacktem Fuß   im klaren Brunnquell stand!                 Ich grüß' euch, Schönste! Wie? Am Spülen?                 Begann Ourrias. Den Durst zu kühlen An diesem frischen Quell,   hier unterm Zürgelzelt,                 Erlaubt ihr meiner weißen Stute? –                 An Wasser fehlt's auf unserm Gute                 Ja nicht. Es komm auch ihr zu gute, Versetzt sie. Tränkt das Tier,   so viel es euch gefällt. –                 Mein schönes Mädchen, sprach der Wilde,                 Kämt ihr in Sèuvo-Riaus Gefilde, An unsern Meeresstrand,   von wackerm Mann gefreit,                 Ihr hättet nicht so viele Mühe:                 Wild schweifen unsre schwarzen Kühe,                 Denn niemand melkt sie, spät noch frühe, Und alle Frauen dort   genießen freier Zeit. –                 Jüngling, im Ochsenlande sterben                 Die jungen Mädchen und verderben Aus Langerweile! – Ei,   an zweie kommt sie nicht! –                 Jüngling, es soll in jenen Strecken                 Sogar das Wasser bitter schmecken                 Und Sonnglut das Gesicht verflecken. – Der Pinien Schatten schützt   euch, Schönste, das Gesicht! –                 Jüngling, man sagt, daß grüne Schlangen                 Geballt an euren Pinien hangen! – Schönste, Flamingos sind   und Reiher stets bereit,                 Von rotem Flügelpaar getragen,                 Am Rhoneufer sie zu jagen. –                 Von meinen Zürgeln, muß ich sagen, Zu euren Pinien deucht   der Weg mir doch zu weit. –                 Schönste! Priester und Mädchen kennen                 Das Land, das einst sie Heimat nennen, Fast nie, und wo ihr Brot   sein wird und ihr Quartier. –                 Ich mag mein Brot mit dem nur essen,                 Der schon zuvor mein Herz besessen                 Und nur für ihn mein Nest vergessen! – Gut, Schönste, wenn dem so,   schenkt eure Liebe mir! –                 Ihr sollt sie, sprach Mirèio, haben                 Wenn erst das Sumpfgras hier im Graben Mir Edeltrauben trägt.   Eh' wird ein Blumenflor                 Aus eurem Lanzenschafte sprießen,                 Die Felsen hier in Wachs zerfließen,                 Eh' wird uns Meeresflut umschließen, Eh' steuert man zu Schiff   zur Stadt Li-Baus empor! Fünfter Gesang Der Kampf Der Ochsentreiber reitet heimwärts, wütend über die Abweisung durch Mirèio. – Vincèns und Mirèios Liebe. Das Lockenkraut. Begegnung zwischen Ourrias und Vincèn. Roher Überfall durch den Ochsentreiber. Die Schmähungen. Der Bärenhans. Kampf der beiden Nebenbuhler in der einsamen Crau. Sieg und Großmut Vincèns. Verrat des Treibers. Ourrias durchbohrt Vincèn mit einem Treiberspieß und flieht im Galopp auf seiner Stute. Er erreicht die Rhone. Die gespenstischen Fährleute. Das Boot bäumt sich unter der Last des Mörders. Die Sankt Medardusnacht. Zug der Ertrunkenen am Ufer des Flusses. Ourrias wird von den Wellen verschlungen. Tanz der Gespenster auf der Brücke von Trenco-Taio.                           Die Schatten waren lang geworden                 Der Silberpappeln, und aus Norden Kam Kühle vom Ventour.   Die Sonne sank gemach;                 Die Männer, die das Feld bebauten,                 Maßen an ihr die Zeit und schauten                 Mit Sehnsucht auf nach ihren trauten Genossinnen daheim,   nach Dorf und Hüttendach.                 Ourrias ritt im Galopp von hinnen.                 In finsterm, wutverstörtem Sinnen Erwog er fort und fort   die Schmach, die er erlebt                 An jenem Brunnen. Heißes Grollen                 Verriet der Augen unstet Rollen,                 Der Stirne Zornesadern schwollen, Daß in verhaltner Wut   ihm Herz und Hirn erbebt!                 Und über Stock und Steine rennend                 Stieß er den Grimm hervor, der brennend, Wie siedend heißer Dampf,   die Lungen ihm geschwellt.                 Die Kiesel, zahllos in der Weite                 Der Ebne, reizten ihn zum Streite,                 Den Treiberstachel an der Seite Hätt' er am liebsten durch   den Sonnenball geschnellt. –                 Ein Eber, den aus Waldgesträuchen                 Die losgelassnen Rüden scheuchen Im Jagdgrund des Olymp,   an tief verborgnem Horst,                 Und den, bevor er, die ihn hetzen                 Erlangen kann, sie zu zerfetzen,                 Zorn treibt, sein Hauerpaar zu wetzen Am jungen Unterholz   im düstern Eichenforst. –                 Dem Hirten, den auf seinen Wegen                 Der Grimm zerfleischte, stracks entgegen Kam wohlgemut Vincèn,   und lächelnd, wie im Traum,                 Schien seine Seele süßen Klängen                 Und holden Bildern nachzuhängen;                 Des Morgens dacht' er, da Gesängen Der Engel er gelauscht dort unterm Maulbeerbaum.                 Wie Schilf an der Dürance Borden                 War schlank und hoch sein Wuchs geworden; Von junger Liebe Glück   und friedlich heiterm Sinn                 Strahlte sein Antlitz. Sanft im Winde                 Hob sich und flatterte gelinde                 Sein offnes Hemd; er schritt geschwinde, Barfuß und federleicht   den Kieselweg dahin.                 Zuweilen, wenn nach Tagesschwüle                 Herniedersinkt die Abendkühle Und fröstelnd sich der Klee   verschließt im Wiesenplan,                 Mochte die Dämmerzeit ihm frommen,                 Bis nahe zum Gehöft zu kommen                 Und um die Liebste, ganz beklommen, Zog er, dem Falter gleich,   geräuschlos seine Bahn.                 Und in der Büsche dichtem Rahmen                 Verborgen, wußt' er nachzuahmen Bald wie die Drossel pfeift,   bald wie die Wachtel schlägt:                 Sie aber hatte schnell verstanden                 Wer also rief, und beide fanden                 Dort, wo die Weißdornhecken standen, Sich ganz verstohlen ein,   die Herzen hold erregt.                 Das Mondenlicht, bei dessen Weben                 Im Nachttau die Narzissen beben; Der muntre Abendwind,   der sich im Felde regt,                 Daß, wie in sanftem Spiel der Wellen,                 Die Ähren bald die Häupter stellen,                 Bald leise auf und nieder schwellen, Dem jungen Busen gleich,   den Liebe süß bewegt;                 Der Gemse Lust, auf Alpenfluren,                 Wenn sie gefühlt, daß ihren Spuren Der Jäger von Queiras   gefolgt den ganzen Tag;                 Und wenn sie dann, dem Blei entronnen,                 Beim letzten Scheidegruß der Sonnen                 Rast hält am kühlen Felsenbronnen Hoch an der Gletscher Rand,   im grünen Lärchenhag:                 Dies alles durfte dem Empfinden                 Zu gleichen nicht sich unterwinden Mirèios und Vincèns,   wenn dort das Paar sich fand.                 Doch laßt den Sang nun leise rauschen,                 Ihr Lippen, denn die Büsche lauschen! . . .                 Der Liebe stummen Druck zu tauschen Im schattigen Versteck   sucht' eins des andern Hand.                 Dann konnten oft sie schweigend sitzen,                 Die Kiesel mit der Füße Spitzen Verrückend, und verwirrt   auf ein Gespräch bedacht;                 Und er, mit heldischem Gebaren,                 Erzählte lachend von Gefahren,                 Die manchmal ihm begegnet waren Und wie die Nacht er oft   im Freien zugebracht;                 Und wie die Hunde bei den Bauern                 Mit Bissen auf den Wandrer lauern. Sie aber sprach von dem,   was sie daheim gehört,                 Und was sich in den letzten Tagen                 Auf ihrem Hofe zugetragen:                 Des Vaters Spott, der Mutter Klagen, Weil eine Ziege ihr   den Rebengang zerstört.                 Und einst bezwang Vincèn sich nimmer:                 Im Heidegras, beim Sternenschimmer Zu Füßen lag er ihr;   er fühlte Herz und Haupt                 An ihrem Anblick sich berauschen . . .                 Doch laßt den Sang nun leise rauschen.                 Ihr Lippen, denn die Büsche lauschen . . . Mirèio! ach, ein Kuß,   ein Kuß sei mir erlaubt!                 Mirèio! Trank und Speise munden                 Mir nicht mehr, seit ich dich gefunden! Nur eines fühl' ich klar:   daß ich um dich verglüh'!                 Den Laut, den deine Lippen wecken,                 Ich möcht' ihn trinken, mich erkecken,                 Mit heißen Küssen zu bedecken Deines Gewandes Saum,   von früh bis wiedrum früh! –                 Vincèn! das wäre schwarze Sünde!                 Bedenke, was daraus entstünde; Denn Amsel, Meis' und Fink   verrieten es sogleich! –                 Nur keine Furcht, es bleibt verborgen!                 Ich will, daß in der Crau bis morgen                 Die Vögel alle tot sind, sorgen! Mirèio, sieh, mein Glück   bist du, mein Himmelreich!                 Vernimm, Mirèio: Auf dem Grunde                 Der Rhone wächst, so ward mir Kunde, Das Pflänzlein Lockenkraut   in grüner Wogennacht; Das Pflänzlein Lockenkraut , Prov. l'erbeto di frisoun ( Valisneria spiralis, Lin. )                 Es trägt auf zwei getrennten Stielen                 Zwei Blüten, die mit zarten Kielen                 Wie Schifflein in der Strömung spielen. Doch kommt die Jahreszeit,   da Lieb' in ihm erwacht,                 So steigt von beiden Blüten eine                 Zur Oberfläche, ganz alleine, Und schlägt im Sonnenlicht   die holden Augen auf;                 Da faßt nach ihrer Schönheit Prangen                 Die andre sehnendes Verlangen,                 Und um sie küssend zu umfangen Strebt sie so schnell sie kann   vom kühlen Grund herauf,                 Und reißt und zerrt und will mit Bangen                 Dem Schilf entfliehen, das gefangen Sie an den Locken hält.   Doch ach! ihr Stielchen bricht;                 Nun ist sie frei, doch zum Verderben                 Ward ihr das ungestüme Werben;                 Ein Kuß dem Lieb, dann muß sie sterben . . . Und stürb' im Kuß auch ich,   Mirèio, weig'r ihn nicht!                 Sie war erbleicht; und wonnetrunken,                 In ihren Anblick ganz versunken, Fährt plötzlich er empor,   dem Blitz an Schnelle gleich;                 Und von der Hand, die sie umschlungen,                 Hat' sie erschreckt sich losgerungen,                 Und beinah wär' es ihr gelungen, Behende zu entfliehn   aus seines Arms Bereich . . .                 Doch laßt den Sang nun leise rauschen,                 Ihr Lippen, denn die Büsche lauschen! – Hör auf und laß mich gehn!   ruft sie und löst sich sacht;                 Er strebt mit stürmischem Verlangen                 Das schöne Mädchen zu umfangen,                 Es sucht sein Kuß die holden Wangen . . . Sie aber ist entschlüpft . . .   und winkt ihm: Gute Nacht!                 Und dann verhöhnt sie ihn von ferne,                 Die Lose: Freilich! ei, wie gerne! Freilich! ei, wie gerne! – Im Original: Lingueto! Lingueto! Unübersetzbares Wort, das neckisch jemandem zugerufen wird, indem man ihm von weitem einen Gegenstand zeigt, der seine Begehrlichkeit reizen soll. Wie eine Kinderschar begehrlich schreit, Bittend, und der Gebetne steht in Schweigen Und hält, damit er ihr Verlangen mehrt, Das, was sie wünschen, hoch, es recht zu zeigen. . . . Und so, im Dämmerschein,   von keinem Aug' erblickt,                 Säten die beiden, hold verlegen,                 Des schönen Mondenweizens Segen, Des schönen Mondenweizens Segen . – Wörtlich bedeutet: faire de blad de luno: Mondweizen einheimsen, d. h. nächtlicherweile Getreide vom Felde stehlen; bildlich: verliebten Diebstahl.                 Ein Himmelsglück, ein Mannaregen, Die Gott für reich und arm   in gleicher Fülle schickt.                 Doch weiter: In der Crau Gestade                 Trafen sich auf dem Kieselpfade Am Abend noch Ourrias   und des Ambròsi Sohn.                 Man sieht den Blitz bei Ungewittern                 Den ersten besten Baum zersplittern;                 Und mit des wilden Zornes Zittern Im heisern Ruf begann   der Ochsenhirt voll Hohn:                 Bist du's am Ende, schöner Tauber,                 Der auf Mirèio seinen Zauber Geübt? Und lenkst zu ihr   du jetzt vielleicht den Schritt,                 So sage deinem Herzenskätzchen,                 Es kümmre mich sein glattes Frätzchen                 Nicht mehr, als jenes Leinwandfetzchen, Das deine Blöße deckt! . . .   Verstehst du mich, Bandit!                 Der Jüngling zuckte jäh zusammen;                 Denn seine Seele schoß in Flammen Empor, wie Feuerwerk,   das in die Lüfte geht:                 Hei! wessen darfst du dich erfrechen?                 Ich soll dir wohl das Kreuz zerbrechen!                 Er glich, im Drang den Schimpf zu rächen, Dem willen Pardeltier,   das vor dem Gegner steht,                 Und seines Zornes Feuersprühen                 Ließ ihn erzittern und erglühen. Doch jener rief zurück:   Du willst von einem Hieb                 Kopfüber in die Kiesel fliegen!                 Man braucht, um über mich zu siegen                 Mehr Kraft, als nur zum Gertenbiegen! Du schleichst im Schatten nur,   elender Hühnerdieb! –                 Jawohl, das Biegen und Verdrehen                 Wird gleich an deinem Hals geschehen! Schrie, außer sich, Vincèn.   Fort, Feigling, fort von hier,                 Flieh meinen Zorn! Ich schlag' dich nieder;                 Und, bei Sankt Jakob, deine Glieder                 Sehn nicht gesund die Heimat wieder; Denn diese Eisenfaust   zermalmt die Knochen dir!                 Wild froh, den Mann zur Hand zu haben,                 Der ihm gefehlt, den Grimm zu laben: Gemach! erwidert ihm   der tückische Kumpan,                 Mir ist die Pfeife ausgegangen,                 Laß mich nach Stahl und Zunder langen,                 Dann, wenn du willst, sei angefangen! Und als die Pfeife brennt,   lacht er ihn höhnisch an:                 Hat dir im Staudennest im Haine,                 Im Arm dich wiegend, deine feine Zigeunermutter nie   vom Bärenhans erzählt?                 Vom Bärenhans, dem Mann gleich vieren,                 Der, als sein Herr mit zwei Paar Stieren                 Ihn pflügen sandte, ohne Zieren, Wie man die Bremse faßt,   wenn sie die Herde quält,                 Die angeschirrten Tiere faßte                 Und auf, zum höchsten Pappelaste Sie durch die Lüfte warf,   und hinterdrein den Pflug!                 Es ist zu deinem Glück geschehen,                 Daß rings hier keine Pappeln stehen! . . .                 Ja, einen Esel umzudrehen Ist so ein Zungenheld   nur eben Manns genug!                 Vincèn stand da, gleich einem Bracken,                 Voll Gier, sein Wild im Sprung zu packen. Sprich, schrie er überlaut,   ob dies den Mut bezeugt,                 Daß du dich hoch im Sattel wiegest                 Und mich im Schelten nur besiegest?                 Wenn du doch erst herunter stiegest, Dann sehn wir, wer von uns   mit bessrer Milch gesäugt!                 Du prahlst mit deinem stolzen Barte?                 Als ob dich der vor Strafe wahrte! Die Blume dieser Flur   hast du herabgesetzt,                 Mirèio, jene Schöne, Gute!                 Ihr Freier bindet dir die Rute                 Und löscht den Schimpf in deinem Blute; Und ob du dessen hast,   das, Memme, zeigt sich jetzt! –                 Hü! brüllt der Hirte, blöder Schreier!                 Zigeunerbube! Küchenfreier! Geduld! ich komme schon!   Bist du auf deinen Streich                 So sehr erpicht? . . . Er springt vom Pferde,                 Die Jacken fliegen weit zur Erde;                 Und nun, mit grimmiger Gebärde, Stürzt blindlings Mann auf Mann,   zwei wilden Stieren gleich.                 Zwei Stieren gleich, die auf der Heiden                 Im heißen Sonnenbrande weiden: Von fern erschauen sie das glänzend braune Fell                 Der jungen Kuh, die in den Rohren                 Verlangend brüllt. . . . Von ihr erkoren                 Wähnt jeder sich, und wutverloren Rennt er den andern an,   gewaltig, blitzesschnell.                 Dann starren sie sich an, und wieder                 Prallen die ungeschlachten Glieder Zusammen, Stoß auf Stoß,   die Köpfe tief gesenkt;                 Das Erdreich bebt, die Kiesel klingen                 Und lang und furchtbar ist das Ringen,                 Denn Liebe leiht dem Zorne Schwingen, Es ist der Liebe Macht,   die beide spornt und lenkt.                 So trafen auch die zornesbleichen                 Gesellen sich mit schweren Streichen. Der Hirt Ourrias erhielt   den ersten Schlag der Faust;                 Doch wie der andre nun zum zweiten                 Ausholen will in grimmem Streiten,                 Läßt er die Hand herniedergleiten, Die wuchtig auf Vincèn,   gleich einer Keule, saust.                 Da! da! du Knirps, pariere diesen! –                 He? Hat man dir die Faust gewiesen? So rufen sie sich zu. – Ist jetzt dein Zorn gestillt,                 Du Bastard? Zähle doch die Schrammen,                 Die dir von meinen Nägeln stammen! –                 Du, Scheusal, rechne sie zusammen, Die Unzen roten Bluts,   das deinem Fleisch entquillt!                 Nun fassen sie einander, ringen                 Und suchen sich hinabzuzwingen; Die Muskeln treten vor   in höchster Kampfeswut.                 Dann packen sie sich wie mit Zangen                 Und halten kraftvoll sich umfangen,                 Umwinden, pressen sich wie Schlangen Und unter ihrer Haut   kocht siedend heiß das Blut.                 Stumm halten sie sich lang die Wage;                 Es keucht die Brust, dem Flügelschlage Der schweren Trappe gleich.   So stehn sie unbewegt,                 Um keinen Zoll vom Platze rückend,                 Einander stützend, tragend, drückend,                 Wie, den Gardounfluß überbrückend, Wie, den Gardounfluß überbrückend \&c. – Es ist hier der berühmte römische Aquädukt lou pont dóu Gardoun in der Nähe von Nîmes gemeint. Der Pfeiler aus Granit   den Riesenbogen trägt.                 Und plötzlich trennen sie sich wieder                 Und ihre Fäuste sausen nieder Wie wenn im Mörser laut   der schwere Stößer schallt;                 Sie brauchen Zähne, brauchen Krallen                 In wildem Aufeinanderprallen. . . .                 Hei! wie Vincènsens Streiche hallen! Hei! wie der Hirte ficht   in seines Zorns Gewalt!                 Zermalmend waren seine Stöße;                 Doch auch Vincèn ersah die Blöße Des Gegners wohl, und fuhr   mit raschen Hieben los.                 Und wie bei schweren Hagelwettern                 Die Schloßen in die Wipfel schmettern,                 So schlug in seines Zornes Wettern Der Jüngling drein und schrie:   Nun kommt dein Gnadenstoß!                 Doch wie er jetzt im Rückwärtsweichen                 Ausholt zu noch verstärkten Streichen: Packt an den Hüften ihn   der starke Ochsenhirt                 Und schnellt nach Provenzalenweise,                 Wie mit der Schaufel man im Kreise                 Den Weizen wirft, in lust'ger Reise Ihn weithin auf den Plan,   daß hell der Kies erklirrt.                 Ich schenk' es dir, und mit Vergnügen,                 Das Land, das deine Nüstern pflügen! Da liegst du, Regenwurm,   der sich vom Staube nährt! –                 Nein! Einzig die drei letzten Streiche                 Entscheiden, wer dem andern weiche;                 Und wie die Rechnung ich begleiche Zeig' ich dir, Tölpel! ruft   Vincèn, von Haß verzehrt.                 Und auf wie ein gereizter Drache                 Springt er, nun sicher seiner Rache, Und wäre sie sein Tod;   kaum seiner selbst bewußt,                 Mit Mut und Kraft, die seinen Jahren                 Erstaunlich überlegen waren,                 Fährt er wie's Wetter dem Barbaren Mit der geballten Faust   voll mitten vor die Brust.                 Das traf! Vor Ourrias Augen schwankt es                 Und unter seinen Füßen wankt es; Und er tastet umher,   und es scheint ihm die Welt                 In einem Nebel sich zu drehen                 Und eiseskalte Tropfen stehen                 Auf seiner Stirne, und geschehen Ist's um ihn, denn er stürzt   wie ein Turm auf das Feld.                 Das Craugelände ruhte schweigend;                 Die weite Heide, sanft sich neigend, Verlor sich fern im Meer,   das Meer in blauer Luft:                 Flamingos mit den Feuerschwingen,                 Enten und wilde Schwäne gingen,                 Dem Tag den Scheidegruß zu bringen, Den stillen Weihern zu,   im gold'nen Dämmerduft.                 Des Hirten Roß schien mit Behagen                 Die Kermeseichen zu benagen. Die Bügel hingen leer   herab vom Widerrist;                 Ihr Klirren traf der Kämpfer Ohren:                 Wenn du dich rührst, bist du verloren;                 Nun zeig ich dir verruchtem Toren, Ob man die Männer nur   nach Fuß und Zollen mißt!                 In stiller Heide Abendfrieden                 Ward jetzt der heiße Kampf entschieden; Denn auf den Gegner warf   Vincèn sich, blaß vor Wut,                 Und preßt' ihm mit dem Knie die Rippen.                 Der Hirte rang, ihn umzuwippen,                 Doch seinen Nüstern, seinen Lippen Entquollen Ströme schon   von Schaum und schwarzem Blut.                 Aus Leibeskräften strebt' er dreimal                 Sich aufzurichten, aber dreimal Mit schneidig scharfer Hand   schlug auf den Kieselgrund                 Meister Ambròsis Sohn ihn nieder;                 Und schäumend wand der Hirt die Glieder,                 Wutblitze schossen seine Lider, Es fauchte raubtiergleich   der aufgeriss'ne Mund.                 Gibt's Männer noch? In keinem Falle                 Gebar sie deine Mutter alle, Du Räuber! schrie Vincèn.   Tu deinen Ochsen kund,                 Es sei'n auch anderwärts noch Recken!                 Geh deine Schande zu verstecken                 Und laß die Beulen dir belecken Von deinem Herdenvieh   in der Camargo Grund!                 Dies sagend ließ er ihn entfliehen.                 So hält ein Scherer mit den Knieen Den großen Widder fest   zur Zeit der Sommerschur,                 Entkleidet rasch ihn seiner Wollen                 Und treibt das Tier, sich fortzutrollen,                 Mit leichtem Schlag. So, wutgeschwollen Enteilt, mit Staub bedeckt,   der Hirte durch die Flur.                 Ein höllischer Gedanke faßt ihn                 Und treibt und spornt zu wilder Hast ihn; Er schäumt und bebt und heult   vor Wut: Was sucht er denn                 Im Ginster, in den Kermeseichen?                 Was siehst du ihn vom Boden reichen?                 O Gott! Er schwingt zu Todesstreichen Den schweren Treiberspieß und stürzt sich auf Vincèn.                 Als er begriff, daß vor der Waffe                 Nichts Hoffnung, nichts Vergeltung schaffe, Schlug des Ambròsi Sohn   die Augen himmelwärts.                 Die Farbe wich aus seiner Wange;                 Nicht vor dem Sterben war ihm bange:                 Daß ehrlos der zum Sieg gelange, Den ehrlich er besiegt,   entrüstete sein Herz.                 Verräter, wagst du? . . . sprach er leise.                 Dann blieb entschlossen, nach der Weise Der Märtyrer, er stehn. . . .   Dort, unter Bäumen, fern,                 Sah man den Hof der Liebsten ragen:                 Nach ihr gewendet, ohne Klagen,                 Schien er der Holden noch zu sagen: Ich sterbe! Und für dich,   Mirèio, sterb' ich gern!                 Ihr, unter jenen Zürgelbäumen,                 Galt seiner Seele letztes Träumen. . . . Sprich schnell noch dein Gebet!   so donnert jetzt Ourrias                 Mit rauh erbarmungsloser Stimme.                 Dann, mit dem Eisen, rennt der Schlimme                 Ihn durch und durch in seinem Grimme; Und stöhnend stürzt Vincèn   und zuckend in das Gras.                 Sein Blut gerinnt auf Moos und Steinen;                 Und an den fahlgeword'nen Beinen Ziehn ihre Straßen schon   die Ämsen sacht empor . . .                 Der Ochsentreiber floh zu Pferde:                 Bald scheint das Mondlicht auf die Erde,                 Dann jubiliert des Crauwolfs Herde Und labt sich baß am Mahl! stieß höhnend er hervor.                 Das Craugelände ruhte schweigend;                 Die weite Heide, sanft sich neigend, Verlor sich fern im Meer,   das Meer in blauer Luft:                 Flamingos mit den Feuerschwingen,                 Enten und wilde Schwäne gingen,                 Dem Tag den Scheidegruß zu bringen, Den stillen Weihern zu,   im goldnen Dämmerduft.                 Galopp! Galopp! Je mehr, je besser!                 Hopp, Hopp! so schrie der Krabbenfresser Bestelzte, grüne Schar   der Schimmelstute zu,                 Die unruhvoll ins Weite spähte,                 Und aufgeregt die Nüstern blähte. . . .                 Schon spinnt das Mondlicht Silbernähte Dort, wo die Rhone schläft in kühlen Bettes Ruh',                 Dem Pilger gleich, der matt die Glieder                 Aus Santo-Baumo schleppend, nieder In einem Hohlweg sinkt,   zu lang entbehrter Rast. –                 Hallo! das Boot dort im Gezweige!                 Ist Raum noch, daß ich es besteige                 Mit meiner Stute! . . . ruft der Feige; Drei Fischern ruft er's zu,   in angsterfüllter Hast.                 Ja, komm nur, komm nur, schallt mit Lachen                 Sogleich die Antwort aus dem Rachen, Geschwind, der Fischfang eilt!   An Bord denn, vorwärts! frisch!                 Und wirklich schwimmt schon, in Erregung,                 Ums Boot des Stromes junge Hegung                 Mit ruhlos zappelnder Bewegung, Denn auf vom Grunde lockt   des Mondes Glanz den Fisch.                 Im Achterteil des Schiffes kauert                 Der Tückebold. . . . Die Stute schauert: Der Tückebold. – Dieser altertümelnde Ausdruck entspricht vielleicht am besten dem fenat des Originals. Das Wort ist als adjektivisches Substantiv gebildet aus fen = Heu und aus der Passivendung at . Sein Ursprung läßt sich deutlich bis in die Straßen der alten Roma zurückverfolgen. Die Römer sagten von einem gefährlichen Menschen sprichwörtlich: Fenum habet in cornu, weil es üblich war, tückischen Stieren als Warnungszeichen etwas Heu an ein Horn zu binden. Es ist kein Platz im Boot,   drum schwimmt sie hinterdrein                 Am Halfterstrick. Der Fische viele                 Tauchten empor am schwanken Kiele;                 Es flimmerte von ihrem Spiele Der Rhone dunkle Flut   mit geisterhaftem Schein.                 Auf, Lotse! sammle die Gedanken!                 Mir scheint, das Boot beginnt zu schwanken! Ruft von der Bank der Mann,   stemmt fest die Füße auf                 Und zieht, daß beide Ruder krachen. . . .                 Es will mir fast den Eindruck machen,                 Wir trügen böse Last im Rachen! Gibt jener ihm zurück.   Der sagt kein Wort darauf.                 Das alte Boot, im Weitergleiten,                 Neigte sich schwer nach beiden Seiten, Mit erschreckendem Schwung,   wie ein trunkener Mann.                 Das Boot war schlecht, von schwachen Flanken                 Und halb verfault die alten Planken. . . .                 Der Hirte schreit: Was soll das Schwanken? Und er klammert entsetzt   an das Steuer sich an.                 Wie unsichtbaren Druck empfindet                 Das kleine Fahrzeug, und es windet Wie eine Schlange sich,   der eines Hirten Streich                 Die Wirbelsäule brach. – Gesellen!                 Was soll das Stoßen, soll das Schnellen?                 Gebt acht! Ihr werft mich in die Wellen! Soll ich ertrinken? schreit   Ourrias, wie Gips so bleich. –                 Ich kann das Boot nicht mehr bezwingen!                 Es bäumt sich auf und scheint zu springen Gleich einem Karpfen! ruft   der alte Steuermann.                 Du hast ein Menschenkind erschlagen,                 Elender! – Ich? . . . Wer darf es wagen.                 Ein solches Wort von mir zu sagen? Der Teufel ziehe mich,   wenn's wahr, in seinen Bann!                 Ah, Torheit! rief der Lotse . . . Leute!                 Es ist ja Sankt Medardus heute! Es muß in dieser Nacht aus feuchtem Grab herauf,                 Wem Wogenschwall des Lebens Funken                 Erstickt, wer je zum Grund gesunken,                 In Strom und Teich und Meer ertrunken . . . Nicht lange währt's, so rollt der bleiche Zug sich auf.                 Da sind sie schon, die armen Seelen!                 Sieh doch! Auf spitzen Steinen quälen Sie barfuß sich hinauf   zum steilen Uferrand:                 Die schlammigen Gewänder triefen,                 Das Wasser rieselt in die Tiefen                 Vom filz'gen Haar. Die unten schliefen, Ziehn dort in langen Reih'n,   ein Licht in jeder Hand.                 Wie sie die Sterne nun betrachten!                 Wie den aus tiefem Schlaf Erwachten Der kalte, zähe Schlamm die   blauen Glieder netzt!                 Die Armen, die mit Händen, Füßen                 Empor sich ruderten, den süßen,                 Friedvollen Sternenschein zu grüßen, Sie sind es, die dem Boot   so heftig zugesetzt.                 Und immer einer mehr entwindet                 Der finstern Grube sich und findet Den Weg zum steilen Rand.   Im Angesicht der Crau                 Wie süß die Last, der Erntesegen!                 Wie süß am Land ein frei Bewegen! . . .                 Aus ihren Kleidern rinnt der Regen Und immer einer mehr   steigt auf zu Strand und Au'! . . .                 Frauen und junges Volk und Greise                 In Menge! sprach der Bootsmann leise . . . Wie sie dem Schlamm entfliehn,   des feuchten Kerkers Nacht!                 Weiber mit abgehärmten Wangen,                 Fischer, die froh ans Werk gegangen,                 Das Neunaug' und den Barsch zu fangen, Und die den Fischen sich   zur Beute selbst gebracht.                 Es geht in jenem dichten Schwarme                 Manch holdes Kind in seinem Harme, In wildem Liebesweh   manch herrlich Frauenbild,                 Das auf des teuern Mannes Werben                 Gehofft: Da brach ihr Glück in Scherben;                 Dann hat, erbarmend, ihren herben, Verzweiflungsvollen Schmerz   der Rhonestrom gestillt.                 Und sieh! . . . die schönen, jungen Frauen!                 O wie sie zittern! Wie im blauen Zwielicht die kalte Flut   von ihren Busen rinnt!                 Dort schweben sie mit stummen Klagen;                 Vom Haar, das Schleiern gleich sie tragen,                 Strömt Regen. . . . Wüßte nicht zu sagen, Ob es das Wasser ist,   ob's bittre Tränen sind!                 Der Lotse schwieg. Die Seelen glitten                 Am Ufer hin mit leisen Schritten, Ganz still; man hätte fast   der Mücken Flug gehört. –                 He, Bootsmann, würde man nicht meinen,                 Daß sie bei ihrer Lichtlein Scheinen                 Noch etwas suchen in den Steinen? Fragt der Camargohirt,   von Schreck und Graus verstört.                 Sie suchen, ja, die armen Seelen,                 Gehorsam göttlichen Befehlen, Was sie an gutem Werk,   an frommer Tat gesät                 Auf ihres Erdenlebens Reise,                 Ein jeglicher nach seiner Weise;                 Und finden sie die Himmelsspeise, Dann hurtig, gleich dem Lamm,   das frisches Gras erspäht,                 Ergreifen sie, was in die Krume                 Sie einst gesenkt: Da wird zur Blume Die gute Tat; und ist's   zu einem Strauß genug,                 Spricht Gott: Geh ein zum Gnadenhorte!                 Und auf von seinem Prüfungsorte,                 Zu Petri offner Himmelspforte, Trägt den, der ihn gepflückt,   sein Blumenstrauß im Flug.                 So läßt der Herr den Heilsweg offen                 Auch dem, den jäher Tod getroffen. Doch in die trübe Flut,   noch eh' der Morgen graut,                 Muß ohne Hoffnung auf ein Später,                 Hinab die Rotte der Verräter,                 Die Armenschinder, Missetäter, Ein wurmzerfress'nes Heer,   das nie Sein Antlitz schaut.                 Sie suchen, was die Seele rette                 Und stoßen in des Stromes Bette An ihrer Schuld Gestein   nur stets den nackten Fuß.                 Dem Saumtier löst der Tod die Qualen, Dem Saumtier löst der Tod die Qualen. – Prov.: Fin de miòu, fin de cop de rounco. Sprichwörtliche Redensart in der Bedeutung: Über den Tod hinaus kann keiner bedrängt werden.                 Sie aber müssen ewig zahlen                 Mit ihrer Pein. In ihren kahlen, Eiskalten Flutensarg   dringt nie der Gnade Gruß.                 Den Bootsmann packt mit derbem Griffe                 Ourrias: He, Wasser ist im Schiffe! – So brauch die Kelle, höhnt   der Alte, und mit Macht! –                 Hei, wie des Hirten Hände flogen!                 Wie kämpft' er schöpfend mit den Wogen! . . .                 Auf Trenco-Taios Brückenbogen Hat das Gespenstervolk   getanzt in jener Nacht.                 Schöpf aus, Ourrias, schöpf aus die Fluten!                 Nur zu! Du mußt noch mehr dich sputen. . . . Die Stute reißt und zerrt   wie toll am Halfterband. . . .                 Mein Schimmel, graut dir vor den Leichen?                 Fragt ihn sein Herr mit allen Zeichen                 Der Todesangst. Indes erreichen Die Wellen, plätschernd, leis,   der kleinen Barke Rand.                 Ich kann nicht schwimmen! schreit der Feige,                 Wer rettet mich? – Es geht zur Neige Im nächsten Augenblick,   schon gähnt der Rhone Schlund!                 Doch aus dem Zug der armen Toten,                 Der so dich schreckt, wird uns Bedrohten                 Vom Ufer her ein Tau geboten. Der Alte spricht's . . . da fährt   das Boot hinab zum Grand.                 Und aus dem fernen Dunkel senden                 Die Lichter in den Totenhänden Urplötzlich einen Strahl,   der ringsum das Gebiet                 Erhellt und quer des Stromes Rinne                 Bebrückt. Und wie von einer Zinne                 Im roten Frühlicht eine Spinne Sich niedergleiten läßt   am Faden, den sie zieht,                 So sind am Strahl entlang gefahren                 Die Fischer (die Gespenster waren!). Sie schwingen sich hinauf   zum Ufer, flink und sacht;                 Und nach dem Schein greift aus den Wogen                 Ourrias . . . er sinkt, hinabgezogen. . . .                 Auf Trenco-Taios Brückenbogen Hat das Gespenstervolk   getanzt in jener Nacht. Sechster Gesang Die Zauberin Bei Tagesanbruch finden drei Viehzüchter Vincèn in der einsamen Crau in seinem Blute liegend. Sie bringen ihn auf ihren Armen zum Zürgelhofe. – Abschweifung: Aufruf des Dichters an seine Freunde, die Poeten der Provence. – Mirèios Schmerz. Man trägt Vincèn in die Feenhöhle, Schlupfwinkel der Nachtgespenster und Wohnung der heilkundigen Zauberin Tavèn. Die Feen. Mirèio begleitet ihren Verlobten in die Höhlengänge des Berges. Die Alraunwurzel. Die Erscheinungen in der Höhle: Die Poltergeister, Esperit Fantasti, die Waschfrau vom Ventour. Bericht der Zauberin: Die Totenmesse, der Hexensabbat, der wilde Jäger. Das schwarze Lamm, die goldene Ziege. Tavèn bespricht Vincèns Wunde. Verzückung und Wahrsagung der Beschwörerin.                                   Dem ersten, fernen Frühlichtblinken                 Gesellt sich heller Sang der Finken. Die schöne Erde harrt   des Sonnenaufgangs Lust                 Im Blütenkleid, im frisch betauten,                 Gleich einer Jungfrau ihres trauten                 Geliebten, der mit Schmeichellauten Zur Holderglühten spricht:   O komm an meine Brust!                 Drei Männer, die vom Markte kamen,                 Viehzüchter, die den Heimweg nahmen, Durchschritten früh die Crau.   Sie kamen über Feld                 Aus Sant-Chamas, dem reichen Flecken,                 Und kürzten plaudernd sich die Strecken;                 Geschultert, in den Manteldecken, Trugen, nach Landesbrauch,   sie Mundvorrat und Geld,                 Als jäh der eine: Kameraden,                 Steht still: Hier kam ein Mensch zu Schaden! Hört ihr es nicht? Mir scheint,   es seufzt im Heidekraut!                 Und die: Nichts hat es zu bedeuten!                 Es ist verwehtes Glockenläuten;                 Der Nordwind auch, der die zerstreuten Zwergeichenbüsche fegt,   gibt manchmal solchen Laut.                 Doch jetzt verstummen sie: Ein Klagen                 Hat deutlich an ihr Ohr geschlagen! Jawohl, es ist ein Mensch,   der also schaurig stöhnt!                 Jesus! Maria! – Sie erbleichen                 Und schlagen bang des Kreuzes Zeichen.                 Dann, ab vom Wege gehnd, erreichen Behutsam sie den Ort,   woher das Wimmern tönt.                 O! welch ein Anblick! Auf den Kieseln,                 Die rot von seines Blutes Rieseln, Liegt, erdwärts hingestreckt,   Vincèn; und um ihn her                 Am Boden, den die Lachen netzen,                 Das Gras zerstampft in weiten Plätzen,                 Die Ruten rings zerstreut, in Fetzen Sein Hemd . . . und seine Brust   durchbohrt von breitem Speer.                 Verlassen, aller Hilfe ferne,                 Als Wächter nur des Himmels Sterne, Hatte die Nacht er hier   im Fieberschlaf verbracht;                 Und als der Morgendämmrung Feuchten                 Und dann des jungen Tages Leuchten                 Die Lider ihm berührt, verscheuchten Aus seinen Adern sie   den Tod: Er war erwacht.                 Und die drei Männer, voll Erbarmen,                 Umstanden hilfbereit den Armen; Die Mäntel legten sie,   als weiche Krankenbahr',                 Entrollt zu Boden und geglättet;                 Die Arme unter ihr verkettet                 Trugen Vincèn sie wohlgebettet, Zum Zürgelhof, der rings die nächste Wohnung war. . . .                 O Freunde! Jugendzeitgenossen! O Freunde! Jugendzeitgenossen! \&c. – Der mit diesen Worten anhebende »Aufruf des Dichters an seine Freunde, die Poeten der Provence«, gewissermaßen eine Anrufung der Musensöhne anstatt der Musen, zeigt, wie Eduard Boehmer treffend bemerkt hat, in höchst eigentümlicher Weise den Poeten als Agitator, umringt von mitstrebenden Genossen im Dienste der provenzalischen Idee. »Es ist«, fügt Siegfried Samosch hinzu, »von besonderem Interesse, von Mistral selbst zu erfahren, wie hoch er die Mitbegründer des provenzalischen Dichterbundes, Roumanille, Aubanel, Tavan und andere Feliber geschätzt, wie innig er sie geliebt hat. Wie sympathisch erscheint uns Frederi Mistral in diesen Versen! Mit einer nie versagenden Anhänglichkeit für die provenzalische Heimat verknüpft er die innigste, treueste Freundschaft für die Jugendgefährten. So erscheint er uns nicht bloß als der hochbegabte Dichter, sondern auch als der charakterfeste Mann, der nicht minder als in seinem Vaterland im Auslande wertgeschätzt zu werden verdient.« Zum besseren Verständnis des »Aufrufes« mögen hier die folgenden biographischen Notizen eine Stelle finden: Jóusè Roumanille , geboren am 8. August 1818 zu Saint-Remy-de-Provence, wird der Vater des Felibertums genannt. Als siebzehnjähriger Student verfaßte er einige mit Beifall aufgenommene französische Gedichte. Da seine Mutter, eine einfache, nur provenzalisch sprechende Gärtnersfrau, dieselben nicht zu verstehen vermochte, dichtete Jóusè (Joseph) sie in die Sprache seiner Kindheit um. Auf diesen Zug der Sohnesliebe läßt sich die Entstehung der ganzen zeitgenössischen provenzalischen Literatur zurückführen; denn ohne ihn wäre Roumanille, wie er selbst versichert hat, kaum je auf den Gedanken gekommen, in provenzalischer Sprache zu schreiben. Siebenundzwanzig Jahre alt, wurde Roumanille Lehrer am Dupuyschen Erziehungsinstitut in Avignon, unter dessen Schülern sich der damals fünfzehnjährige Frederi Mistral befand. Das innige Freundschaftsverhältnis, das sich bald zwischen dem jungen Lehrer und dem hochbegabten Knaben entspann, war von grundlegender Bedeutung für die provenzalische Renaissance. Roumanille gab später den Lehrerberuf auf und widmete sich als Buchhändler und Verleger in Avignon vornehmlich der Veröffentlichung neuprovenzalischer Schriften. Seine eigenen poetischen und Prosaerzeugnisse sind unter dem anspruchslosen Titel lis Oubreto erschienen. Den größten Ruhm brachten ihm seine Conte Prouvençau, eine Sammlung köstlicher humoristischer Erzählungen. Seit 1855 gab er den beliebten Volkskalender Armana Prouvençau heraus, der auch heute noch fast alle hervorragenden Feliber zu seinen Mitarbeitern zählt. Mistral und Roumanille sind zeitlebens in wahrhaft idealer, nie auch nur durch den leisesten Schatten getrübter Freundschaft verbunden geblieben. – Am 24. Mai 1891 ist Roumanille gestorben. Als der ehrwürdige Greis mit dem schönen, silberweißen Patriarchenhaupte, von seinen weinenden Familiengliedern und Freunden umgeben, auf dem Sterbebette lag, befanden sich Frederi Mistral und Frau seit einigen Monaten auf einer Erholungsreise in Italien. – »Anaïs,« flüsterte Roumanille mehrmals seiner Gattin zu, »du wirst Mistral, meinem lieben Mistral, sagen, daß ich in meiner letzten Stunde an ihn gedacht, nach ihm verlangt habe.« – Dann, als nach einer Weile seine Hand tastend auf der Bettdecke umherrirrte und Frau Anaïs den schon fast Bewußtlosen fragte: »Jóusè, was suchst du?« – antwortete er: »Ich suche die Hand des Freundes, um sie zu drücken.« – Und so verschied er. Nun ruht der liebe Sänger an der Seite seiner Eltern im Friedhofe seines Heimatstädtchens Sant-Roumié, nach dem Wunsche, den er vor vielen Jahren in dem Sonett mounte vole mori ausgesprochen hat. Es lautet in Nikolaus Welters, des Biographen Mistrals, trefflicher Übersetzung wie folgt: Wo ich sterben will.         Zu Sant-Roumié birgt sich im grünen Hage Ein Haus, von Apfelbäumen überdacht; Dort hat dem Gärtner einst mich zugebracht Die Gärtnerin am schönsten Erntetage. Bei sieben Kindern ist gar groß die Plage; Und mehr als einmal hat die ganze Nacht Mein Mütterlein an meinem Bett gewacht, Wenn krank ich lag mit hilflos banger Klage. O trautes Haus in Grün und Blütenschein! Das Vöglein, das dich ließ, gedenkt oft dein Und sehnt sich heim in deinen duft'gen Frieden! Und du, mein Gott, o schließ' mit sanfter Hand, Wenn ich beendet meinen Lauf hienieden, Mein Auge dort, wo meine Wiege stand. Neben Mistral und Roumanille hat den größten Anteil an der literarischen Auferstehung Südfrankreichs Theodor Aubanel , geboren zu Avignon am 26. März 1829, gestorben 1886. Sein Hauptwerk, La Mióugrano entreduberto, hat ihm den Beinamen des provenzalischen Petrarca eingetragen. Außerdem verfaßte er mehrere Dramen und größere erzählende Dichtungen. Mit diesen dreien waren Mitbegründer des am 21. Mai 1854 im Schlosse von Font-Segugno gestifteten Bundes der Feliber (s. d. im Namenverzeichnis ) die provenzalischen Dichter: Anselme Mathieu , geboren 1828 zu Châteauneuf-du-Pape (Vaucluse), Verfasser von La Farandoulo, gestorben 1895. Alphonse Tavan , geboren 1833 zu Châteauneuf-de-Gadagne (Vaucluse), Verfasser von Amour e plour. Paul Giéra , geboren 1816 zu Avignon, Verfasser von Li Graup. Schrieb unter dem Pseudonym Glaup (Anagramm von Paul G.), gestorben 1861. Jean Brunet , geboren 1822 zu Avignon, gestorben 1894. Die übrigen im »Aufruf« genannten Freunde Mistrals sind: Antoine Crousillat , der Dichter von La Bresco und Li Naudau, geboren 1814 zu Seloun am Flüßchen Touloubro in der Crau, gestorben daselbst 1899. – Sein Landsmann Michael Nostradamus starb zu Seloun im Jahr 1565. Adolphe Dumas aus Bompas (Vaucluse), der die persönliche Bekanntschaft Mistrals mit Lamartine vermittelt hat und                 Tapfre Feliber, edle Sprossen Der herrlichen Provence,   die ihr ein achtsam Ohr                 Geliehen meinen Heimatsängen:                 Du, Roumanille, in dessen Klängen                 Voll Harmonie sich hold vermengen Volkstränen, Jugendlust   und Frühlungsblumenflor;                 Du, der in Wäldern und an Flüssen                 Sein Herz in Liebesleidergüssen, O stolzer Aubanel,   in Einsamkeit verzehrt!                 Du, der an Ruhm den Astrologen                 Nostradamus noch überflogen,                 Indem du den Touloubrowogen Crousillat, durch dein Werk   den alten Glanz gemehrt;                 Anselm Mathieu, der du in Schauen                 Versunken weilest, wenn die Frauen Und Mädchen froh vereint   du unterm Rebzelt siehst!                 Du, Spötter Paul, voll feiner Witze,                 Und du, daß Lied bei Tagwerkshitze                 Dem Heimchensang der Bodenritze Sich eint, wenn, mein Taván,   du deine Furchen ziehst!                 Und du, der in Durancefluten                 Eintauchtest die Gedankengluten, Adolf Dumas, der du   an unsrer Sonne Brand                 Erwärmtest deines Nordens Laute:                 Als schüchtern die nicht weltvertraute                 Mirèio sich hinaus getraute, Führtest du zu Paris   das Mägdlein an der Hand!                 Du, Garcin, dessen Sehnen, Lieben                 Von einem Flammenwind getrieben Des Schmiedes von Allèn   heißblüt'ger Sohn! Du auch,                 Ihr alle, Jugendzeitgefährten!                 Je mehr der Frucht, der heißbegehrten,                 Ich nah' auf meinen Höhenfährten, Je frischer sei mein Pfad   umweht von eurem Hauch! . . .                 Meister Ramoun, grüß Gott: wir fanden                 Da draußen in den Heidelanden, Sprachen am Ziel die drei,   hier diesen jungen Mann! . . .                 Soll überhaupt er es verwinden,                 So muß man gleich mit eurer linden                 Hausleinwand ihm die Brust verbinden! Und auf den Schiefertisch   legten Vincèn sie dann.                 Als, was geschehn, Mirèio hörte,                 Lief sie wie eine Sinnverstörte Vom Gartenland herbei.   Ihr Korb entfiel der Hand;                 Zum Himmel hob sie hoch die Arme:                 O Mutter unsres Herrn, erbarme                 Dich unser! Schnell auch kam im Schwarme Vom Feld das junge Volk,   das bald den Tisch umstand                 Vincèn, was tat man dir? O wehe,                 Daß ich mit Blut bedeckt dich sehe! Sie hebt des Liebsten Haupt   mit sanfter Hand empor;                 Dann bleibt, in schmerzvoll stummem Schauen                 Sie reglos, wie aus Stein gehauen,                 Und aus den schönen Augen tauen Auf Wang' und Busentuch   die Tropfen schwer hervor.                 Vincèn erkennt der Teuren Hände.                 O helft mir, haucht er, Lindrung sende Mir Gott und bleibe mir   mit seiner Gnade nah! –                 Dem Kranken einen Trank zu holen                 Hatte Ramoun indes befohlen;                 Nun sprach er: Hier! dich zu erholen Hilft wohl am besten dir   ein Schluck Agrioutat. –                 Ja trinke, trinke! rief geschäftig                 Mirèio, der ist alt und kräftig! Und schenkte hurtig ein:   O komm, das tut dir gut! –                 Ihr Zuspruch stillte seine Klagen,                 Besänftet schien des Schmerzes Nagen                 Und leise hörte man ihn sagen: Solch Leid erspar euch Gott   und lohn euch, was ihr tut!                 Ein Weidenschoß wollt' ich zerspalten                 Und hatt' es gegen mich gehalten; Da glitt das Eisen aus   und traf mich in die Brust.                 Daß er für sie gekämpft, verschwiegen                 Die Lippen, doch wie stets die Fliegen                 Zum Honig kehren, also stiegen Der Liebe Worte nun   ans Licht, ihm unbewußt.                 Der Schmerzenszug an eurem Munde                 Ist bittrer mir, als meine Wunde, Sprach er. Es soll nicht sein!   Das schöne Körbchen soll,                 Das wir begannen, unsern Händen                 Entgleiten, eh' wir es vollenden!                 Mirèio! Unsrer Liebe fänden, So hofft' ich, wir dereinst   es bis zum Rande voll.                 Bleibt da . . . und laßt aus euren Augen                 Mein Herz ein letztes Leben saugen! Sonst hab' ich keinen Wunsch. . . .   Doch: Eins noch schafft mir Pein.                 Wer soll hinfort mit meinem greisen,                 Mühsalgebrochnen Vater reisen?                 O! wollt ihr Liebes mir erweisen, So laßt den alten Mann   euch recht empfohlen sein!                 Mirèio weint und schluchzt. . . . Indessen                 Hat sie der Wunde nicht vergessen Und spült nun selbst sie aus.  Scharpie aus Linnen ziehn                 Die andern; wieder andre eilen                 Zum Berg, des Kräuter Wunden heilen.                 Die Mutter ruft: Nur kein Verweilen! Zur Feenhöhle tragt,   zur Feenhöhle, ihn!                 Denn je gefährlicher die Wunde,                 Je mehr bewährt sich Zauberkunde! Auf denn, ins Höllental,   zur Feenhöhle! Eilt!                 Vier tragen ihn. . . . Die Felsenkette                 Dort bei Li-Baus umschließt die Stätte;                 Sie dient den Molchen nur zum Bette Und drüber kreist der Weih,   der kühn die Lüfte teilt.                 Von Rosmaringebüsch verborgen                 Erschließt die Höhle sich gen Morgen. Seit zu Marias Ehr'   den heil'gen Engelsgruß                 Durchs Tal die Glockentöne wehen,                 Haben der Vorzeit schöne Feen                 Den Sonnenschein nicht mehr gesehen: Aus Felsentiefen trat   nie mehr ein Feenfuß.                 Als lichte, wunderbare Geister                 Schuf, zwischen Form und Stoff, der Meister Die Feen und hüllte sie   in klares Zwielicht ein.                 Halbirdisch-weibliche Gebilde,                 Sichtbare Seelen der Gefilde,                 Sollten die frühsten Menschen Milde Sie lehren, ihnen Rat   und Führerinnen sein. –                 Doch bald schon für die Jugendschöne                 Entbrannten sie, der Menschen Söhne. Törinnen! Anstatt uns   zu sich ins lichte Reich                 Der reinen Lieb' emporzuheben,                 Fielen, der Leidenschaft ergeben,                 Ins drangvoll dunkle Erdenleben Sie jäh aus ihren Höhn,   behexten Vögeln gleich.                 Im engen, dunkeln Höhlenmunde                 Betteten auf dem schrägen Grunde Die Träger nun Vincèn,   der langsam abwärts glitt;                 Und mit ihm den gefahrbesäten,                 Nachtfinstern Felsgang zu betreten                 Wagte Mirèio nur. Mit Beten Befahl die Seele sie   dem Herrn bei jedem Schritt.                 An des geneigten Schachtes Ende                 Bildeten weite Grottenwände Ein eisiges Verließ.   Und mitten inne saß,                 Am Boden einsam hingekauert,                 Tavèn, die Weise. Traumdurchschauert                 Sprach sie im Tone des, der trauert, Zum Halme, den sie hielt,   von wildem Trespengras:                 Bescheidner Halm! Es schmähn die Leute                 Dich Teufelsweizen. Uns bedeute Dein unverdross'nes Blühn   der Schöpfung Werdelust! –                 Mirèio grüßt sie; dann, mit Beben,                 Berichtet sie was sich begeben.                 Doch ohne nur das Haupt zu heben Fällt ihr Tavèn ins Wort:   Ich hab' es längst gewußt!                 Dann wieder sprach mit Meckertönen                 Zur Trespe sie: Die Menschen höhnen Dich Arme, doch du keimst   und wucherst munter fort.                 Je mehr die Herden dich verzehren                 Und dich zerstampfen und versehren,                 Je voller sprossen deine Ähren, Je reicher schmückt dein Grün   den Mittag wie den Nord.                 Die Hexe schwieg. Rings in die Klause                 Erglomm, aus einem Schneckenhause, Der rote Wiederschein   von eines Lichtleins Brand.                 Auf einer Stange, in der Nähe                 Der Alten, spreizten mit Geblähe                 Sich eine große schwarze Krähe Nebst einem weißen Huhn.   Ein Sieb hing an der Wand.                 Jetzt sprach Tavèn: Die zu mir kamen,                 Befragt' ich niemals nach dem Namen. Der Glaube schreitet blind   und die Barmherzigkeit                 Trägt eine Binde. Ihre Wege                 Finden sie doch. . . . Du heischest Pflege?                 Korbmacherssohn aus Valabrege, Fühlst du dich gläubig? – Ja! – So komm in mein Geleit!                 An Hast der Wölfin zu vergleichen                 Begann die Alte zu entweichen; Ihr dürrer Leib verschwand   in einem Felsenspalt.                 Das junge Paar, erstaunt, betroffen,                 Folgt eilig, zwischen Furcht und Hoffen.                 Zuweilen wird ihr Ohr getroffen Von Krähenruf, der grell   die Finsternis durchhallt.                 Steigt rasch herab! Schon naht die Stunde                 Der Krönung mit dem Alraunbunde! – Die beiden folgen schnell,   der feuchten Wand entlang,                 Stets eines an des andern Seite,                 Der Stimme nach, die ihr Geleite.                 Zu einer Grotte, die an Weite Die erste übertraf,   erschloß sich jetzt der Gang.                 Steht stille! Winkte hier die Hexe. . . .                 O meines Meisters Heilsgewächse, Des Nostradamus Zweig,   Sankt Josephs Wanderstab                 Und Mosis Reis, im Zauberglanze!                 Rief sie, und mit dem Rosenkranze                 Berührte knieend sie die Pflanze, Die aus dem Felsen wuchs,   der rings den Raum umgab.                 Dann stand sie auf: Es ist die Stunde!                 Bekränzt euch mit dem Alraunbunde! Rief sie von neuem aus.   Und rasch vom Felsgestein                 Beginnt sie Zweiglein abzupflücken,                 Das Paar und sich damit zu schmücken. . . .                 Vorwärts! Und durch die Felsenlücken Dringt eifriger denn je   ins Bergverließ sie ein.                 Auf allen Rücken Lichtgefunkel                 Kriecht plötzlich durch das Höhlendunkel Ein Käfertrupp herbei,   und heller wird der Raum:                 Den Ruhm erkauft man nie zu teuer,                 Sein Weg führt stets durchs Fegefeuer. . . .                 Seid mutig und der Sieg ist euer! Mut! wir betreten jetzt   des Höllenkessels Saum!                 Noch war das Wort ihr nicht entflogen,                 Da kam's wie Sturmwind hergezogen: Werft schnell euch aufs Gesicht!   Es ist der wilde Zug                 Der Poltergeister dieser Grüfte!                 Wie Wettersturm durch Felsenklüfte                 So braust und wirbelt durch die Lüfte Der ungezählte Schwarm   und heult und kreischt im Flug.                 Und kalter Schweiß entrinnt den Schläfen                 Der dreie nun. Es ist als träfen Die Geister, Schlag auf Schlag,   mit eis'ger Flügel Graus                 Die Stirnen ihnen. – Fort, Gelichter!                 Boshafte Rotte! Saatvernichter!                 Zurück ins Dunkel, Nachtgesichter! Verzieht euch, rief Tavèn,   und weicht zur Seite aus!                 O der Verruchten, Bösen, Tollen!                 Daß bei dem Guten, das wir wollen, Uns manchmal solch Gezücht   allein noch Dienste tut!                 Denn wie der Arzt aus schlimmsten Dingen                 Oft Bestes weiß hervorzubringen,                 So wir: durch Zauberkunst erzwingen Wir von des Bösen Macht,   was heilsam ist und gut.                 Denn uns, den Herren, offenbaren                 Sich alle Dinge. Wir gewahren Wo ihr nur einen Stein,   ein Holz, ein Siechtum seht,                 Die tief verborgnen Wunderkräfte;                 Wir sehn der Pflanzen feinste Säfte                 Im Kerker ihrer Rindenschäfte Sich mühn, wie wenn im Faß   der Most in Gärung geht . . .                 Durchstich das Faß: in heißen Wellen                 Wird dir der Trank entgegenstellen; Entdecke, wenn du kannst,   den Schlüssel Salomos!                 Sprich in der Sprache, die ihm eigen                 Zum Berg: er wird sich talwärts neigen. . . .                 Und tiefer, immer tiefer steigen Die drei, Tavèn voran,   hinab im Felsenschoß.                 Ein neckisch Stimmchen, dünn und schrille                 Wie Finkenschlag, durchgellt die Stille: Gevatterin Tavèn,   ihr seid es, meiner Treu!                 Mein Mühmchen Jano spinne, spinne,                 Bei Tag und Nacht und sinne, sinne,                 Wie's Fädchen von der Spule rinne, Mein Mühmchen Jano spinne, spinne \&c. – Kinderlied. Die kursiv gedruckten Verse lauten provenzalisch: Viro lo tour ma tanto Jano, Viro lo tour, e piéi debano, La niue, lou jour, soun fiéu de lano. Sie meint, sie spinne Garn   und spinnt doch nichts als Heu!                 Laß, Mühmchen, dich nicht irre machen! –                 Und dann erschallt ein tolles Lachen. So wiehert auf der Au'   das junge Fohlen hell,                 Das kaum der Muttermilch entwöhnte. –                 Wes ist die Stimme, die uns höhnte,                 Bald lachend und bald singend tönte? Fragte Mirèio bang. . . .   Und wieder scholl es grell:                 Wie heißt dein schönes junges Nichtchen?                 Erlaube, niedliches Gesichtchen, Aus Neugier frag' ich nur,   sag an, was birgst du denn                 Im Halstuch, Kleine? Soll ich raten?                 Sind's Haselnüsse, sind's Granaten?                 Die Arme, außer sich geraten, Rief eben ach und weh. . . .   Sei still! befahl Tavèn,                 Ein Kobold nur! Kannst ruhig bleiben!                 Er will ein wenig Possen treiben. Das tolle Kerlchen heißt   Esperit-Fantasti:                 Ist es bei Laune, sich zu regen,                 So wird es deine Küche fegen,                 Die Hennen werden dreifach legen, In seiner Hut verlischt   dein Bratenfeuer nie!                 Doch spuken Grillen ihm im Kopfe,                 Dann gute Nacht! Im Suppentopfe Liegt dir ein Vierling Salz;   die Lampe löscht es aus                 Und wird im Dunkeln dich erschrecken,                 Vom Bette zerrt es deine Decken,                 Zerknittern oder auch verstecken Wird's deinen Sonntagsstaat   zum Gang ins Gotteshaus. –                 Hört, hört der dürren Spindel Surren!                 Schweig, alte Katze, laß dein Murren! Antwortet schnell der Schalk.   Dann eilt er lachend fort. . . .                 Und in den weiten Felsenhallen                 Verstummt der Spuk. Die Tropfen fallen                 Zum harten Boden, der kristallen Erklingt und fernhin tönt   im finstern Höhlenort,                 Die Tropfen, die dem Quell entrinnen                 Der Wölbung. Sonst ist's stille drinnen. Doch jetzt, von einer Bank   am Fels – o neue Pein! –                 Dort in dem nachtumhüllten Gange                 Erhebt sich eine weiße, lange                 Gestalt. Vincèn, zum Tode bange Für sein erschrecktes Lieb,   erstarrte schier zu Stein.                 Und wenn ein Abgrund an der Stelle                 Gegähnt, Mirèio hätte schnelle Den Sprung hinab getan,   nicht achtend der Gefahr. –                 Was soll es mit dem langen Tropfe?                 Was reißt dich, schrie Tavèn, am Schopfe?                 Was wackelst so du mit dem Kopfe? Ihr guten Kinder, sprach   sie zum entsetzten Paar,                 Es ist die Waschfrau. Auf der Kuppe                 Des Mount Ventour kocht sie die Suppe. Sie scheint, vom Tal gesehn, ein weißer Wolkenhauf.                 Doch naht sie, Hirten, euch, dann wehe!                 Treibt schnell das Vieh zur Stallesnähe,                 Damit kein Unheil ihm geschehe! Denn ringsher um den Berg   rafft sie die Wolken auf;                 Und findet sie, der Haufe tauge                 Zu einer schönen, großen Lauge So schlägt sie ihn mit Wut.   In Strömen draus hervor                 Sprühn tosend Regen, Wind und Flamme,                 Die Wogen schwellen hoch zu Damme,                 Der Schiffer, bleich, am Mastesstamme, Schickt unsrer Lieben Frau   ein Angstgebet empor                 Und eilig treibt der Hirt zum Stalle. . . .                 Da gellt's von neuem durch die Halle So furchtbar, daß Tavèn   das Reden jäh vergeht:                 Gemiaue wie von bösen Katzen,                 Gepfeife wie von tollen Ratzen,                 Gewinsel, abgeriss'nes Schwatzen, Geplapper, das allein   der Böse wohl versteht.                 Horch! Paukenschall und Zimbelklänge! . . .                 Wer lärmt so durch die Felsengänge? Und immer näher kommt's,   Gezänk und Jammerton,                 Geheul, Gezeter und Gewimmer                 Wie Schmerzgestöhn im Krankenzimmer;                 Und schlimmer tobt es, immer schlimmer Und keucht und knurrt voll Wut   und kreischt und lacht voll Hohn!                 Reicht mir die Hand, ich will euch leiten                 Und achtet wohl, daß den geweihten Stirnkranz ihr nicht verliert! – Und kaum der Ruf ergellt,                 Drängt es sich wirr um ihre Beine                 Gleich einem Trupp erboster Schweine:                 Es schnaubt und pustet laut das eine, Das andre quiekt und grunzt   und jenes schreit und bellt.                 Wenn Jäger an beschneiten Tannen                 Und Brombeerstauden Netze spannen In klarer Mitternacht;   und wenn, bei Fackelschein,                 Sie lärmend auf die Büsche schlagen,                 Dann sieht man so dem Nest entjagen                 Die Vögel, die im Schlafe lagen: Zum Netz hin braust der Schwarm   und drängt sich toll hinein.                 Jetzt aber schrie die Hexe mächtig:                 Heuschreckenplage, niederträchtig Gesindel, fort mit dir! . . .   und schwang dabei ihr Sieb                 In Zeichen, die bald Flammenstrichen,                 Bald purpurfarbnen Strahlen glichen.                 Die Schmutzgesellen all entwichen Vor jenem Zauberbann,   den sie ins Dunkel schrieb.                 Geht schnell in eure finstern Ecken,                 Ihr Übeltäter, euch verstecken! Wenn es wie Feuerpfeil   in eure Weichen sticht,                 Fühlt ihr dann nicht; daß die Alpinen                 Von goldner Sonne noch beschienen?                 Hängt euch an eure Felsenminen! Für Fledermäusepack   taugt Tageshelle nicht. . . .                 Und sie verzogen sich in Schwärmen;                 Und nach und nach verstummt das Lärmen. Wißt, daß den Ort hier, sprach   Tavèn, zum Paar gewandt,                 Zur Zuflucht die Gespenster machen,                 Wann über Strom und gelbe Brachen                 Des holden Tages Blicke wachen; Allein sobald die Nacht   ihr Bahrtuch aufgespannt,                 Zur Zeit, da Februar dem Hohne                 Der Altfrau wehrt, mit derbem Lohne, Zur Zeit, da Februar dem Hohne \&c. – Die provenzalischen Landleute haben die Wahrnehmung gemacht, daß die drei letzten Februar- und die drei ersten Märztage fast immer eine Zunahme der Kälte bringen, und ihre dichterische Einbildungskraft erklärt dies folgendermaßen: Eine alte Frau hütete ihre Schafe. Es war gegen Ende des in Südfrankreich meist sehr milden Monats Februar. Die Alte, welche wähnte, dem Winter schon entronnen zu sein, erlaubte sich, den abziehenden Februar zu verhöhnen, indem sie sang: Februar, geh heim! Denn deine Strenge Treibt wahrlich keinen in die Enge! Der Spott der Alten ärgert den Februar, der, sobald März in seine Nähe gekommen, diesen anruft: »Heda, März! Du könntest mir einen Gefallen tun.« – »Zwei, wenn's sein muß,« antwortet der höfliche Nachbar. – »Leihe mir drei von deinen Tagen; ich will mit ihnen Und mit den dreien, die mir bleiben, Das alte Weib in die Enge treiben!« Sollt Abends spät, o Fraun,   ihr nicht zum Beten gehn.                 Wagt's nicht! Geht Abends nicht alleine                 In der verlass'nen Kirchen eine! . . .                 Ihr könntet sonst im Dämmerscheine Die Bodenplatten rings sich jäh erheben sehn                 Und alle Kerzen sich erhellen                 Und einzeln, aus der Grüfte Schwellen, Ins Grabtuch eingenäht,   die Toten niederknien;                 Der Priester, ihnen gleich an Blässe,                 Stimmt an das Credo und die Messe,                 Indes die dumpfen Glockenbässe, Von selbst in Schwung gesetzt,   langhin ihr Seufzen ziehn.                 Fragt nur des Kirchturms Schleiereulen,                 (Im Winter, wenn die Stürme heulen, Kommen, der Lampen Öl   zu trinken, sie herbei)                 Ob wahr, daß, wie ich euch berichtet,                 Der Ministrant, der, amtsverpflichtet,                 Den Kelch zur heil'gen Handlung richtet, Der einzig Lebende bei solcher Feier sei.                 Zur Zeit, da Februar dem Hohne                 Der Altfrau wehrt, mit derbem Lohne, Wollt ihr nicht sieben Jahr,   o Hirten, regungslos                 Trotz allem Pflastern, Salben, Reiben,                 Verhext und steif am Platze bleiben;                 Eilt, euer Vieh zum Stall zu treiben: Die Feenhöhle läßt   ihr Heer sonst auf euch los!                 Denn alles was den Pakt beschworen,                 Und was der Seele Heil verloren, Und was des Bösen Pfad,   und was des Lasters Bahn                 Gewandelt ist im Erdenleben,                 Was sich der Zauberei ergeben,                 Der schwarzen Kunst, dem Schätzeheben, Durchstürmt als Satansspuk   bei Nacht den weiten Plan. Denn alles, was den Pakt beschworen \&c. – In die mit diesem Verse beginnende Strophe glaubte der Übersetzer die in wörtlicher Wiedergabe folgenden sechs Strophen des Originals zusammenfassen zu dürfen: »Und in die Crau begibt sich, auf allen vieren oder im Fluge, alles, was den Pakt geschlossen hat; und auf den gewundenen Fußpfaden kommen durch den Thymian der Magier von Varigoulo und der Hexenmeister von Fanfarigoulo, um aus der goldenen Tasse zu trinken. Seht, wie die Heide tanzt! Schon wartet mit zitternden Eingeweiden die Garamaudo auf den Gripet . . . Pfui die Satansvettel! Gripet, beiße das Aas und reiße ihm mit den Krallen die Gedärme aus dem Leibe . . . Sie verschwinden . . . Seht, dort sind sie wieder, Greuel und Höllenlärm! Jene dort unten, die sich durch die Wolfsmilchstauden kriechend davonmacht, wie ein nächtlicher Dieb, der gebückt entflieht: Es ist die mürrische Bambaroucho! In ihren langen Krallen und auf ihrem gehörnten Kopfe trägt sie die nackten und weinenden kleinen Kinder hinweg . . . Seht ihr dort den Alp? Durch die Schornsteine kommt er verstohlen herab auf die müde Brust des Schlummernden, der sich unruhig umherwirft. Stumm kauert er darauf, drückt sie wie ein Turm und verwirrt den Geist des Schlafenden mit entsetzlichen Träumen und schmerzlichen Truggebilden. Hört ihr, wie man die Türen aus ihren Angeln reißt? Die Escarinche, der Marmau, der Barban streifen in den Feldern umher . . . Sie bilden einen Nebel in der Heide; bis aus den Sevennen kommen die Kobolde mit ihren Salamanderleibern zu Dutzenden herbeigelaufen, und im Vorüberziehen, plumps! reißen sie das Dach vom Bauernhause. Welch ein Getöse! . . . O Mond, o Mond, was erzürnt dich, daß du so rot und groß über Li-Baus hinabsteigst? Gib acht auf den bellenden Hund, o toller Mond! Wenn er dich erschnappt, wird er dich verschlucken wie einen Kuchen, denn der Hund, der dir auflauert, ist der Hund von Cambau!«                 Es knickt die Sträucher in der Heide,                 Versengt die Kräuter auf der Weide Und Flammen leuchten ihm   zu seinem tollen Tun;                 Es stampft und klingelt durch die Pfade                 Mit Narrensprüngen, krumm und grade;                 Voran in wilder Galoppade Durchrast die dürre Crau der Freiherr Castihoun! –                 Tavèn sprach leis und immer leiser;                 Dann blieb sie stehn, erschöpft und heiser. . . . Doch jetzt: Die Schürze zieht   euch übers Haupt empor!                 Das schwarze Lamm! Fort, ohne Zagen! –                 Ist es das Lämmchen, dessen Klagen                 Ich höre? . . . will Vincèn noch fragen – Doch sie: Seid auf der Hut!   Verschließet Aug' und Ohr!                 Mehr noch als am Sambücopasse                 Bedroht Gefahr euch in der Gasse Des schwarzen Hörnertiers.   Weh dem, den es betört!                 Es läßt so lieblich durch die Hallen                 Sein Rufen und sein Blöken schallen;                 Doch wer ihm lauscht ist ihm verfallen! Den unbedachten Sinn,   der auf sein Locken hört,                 Blendet es mit Herodes' Schatze                 Und Judas' Gold; führt ihn zum Platze, Wo Sarazenenlist   die goldne Ziege barg.                 Und bis zum Tod, nach Lust und Willen                 Darf er den Durst nach Golde stillen;                 Doch schluckt er einst die letzten Pillen Und heischt das Sakrament   als Zehrung in den Sarg,                 Dann wird er, statt der Gnadengaben,                 Des Schwarzen dichte Schläge haben! Und doch, in unsrer Zeit,   in unsrer bösen Zeit,                 So reich an Lastern und an Fehlen,                 Wie viele gierig-dürren Seelen,                 Die sich dem Mammon nur befehlen Und wo dem goldnen Kalb   der Weihrauch stets bereit! –                 Und dreimal, durch die Nebelwellen,                 Ließ ihren Schrei die Henne gellen. – Im dreizehnten Gelaß,   im letzten Höhlenraum,                 Sind wir zu unsres Kranken Frommen                 Nun endlich, minder, angekommen!                 Sprach jetzt die Alte. – Kohlen glommen Im Herd. Ein Katzenkreis   umgab den Feuersaum.                 Ein Kessel hing an einer Kette;                 Zwei Drachen spieen um die Wette Dagegen Feuer aus,   mit Schnauben und Gezisch.                 Tavèn sprach: So will's Hexensitte;                 Kommt, Kinder, hierher lenkt die Schritte!                 Es ragte in der Höhle Mitte Aus glänzendem Porphyr   ein großer breiter Tisch.                 Durchsichtig weiße Säulenschäfte,                 Das Spiel verborgner Zauberkräfte, Wie Eiseszapfen blank,   zu tausenden gereiht,                 Beginnen hier. Die Gänge reichen,                 Tief unterm Wurzelgrund der Eichen,                 Weithin. Ein Wunder ohne gleichen Von Feenhand erbaut   in sagenhafter Zeit.                 Erhabne, stolze Tempelhallen,                 Durchglänzt von lichtem Nebelwallen. Ein wunderbar Gemisch   von ernster Majestät                 Und schlanker Anmut: Säulengänge,                 Korinths und Babylons Gepränge,                 Das hier sich türmt im Felsgedränge Und das ein Feenhauch,   sobald er will, verweht.                 Gleich Strahlen, die den Raum durchzittern,                 Schweifen die Feen mit den Rittern, Die einstens sie berückt,   im bergkristallnen Hain.                 Hier leben sie, von Pracht umgeben,                 Weitab vom wirren Weltenweben,                 Ein traumhaft süßes Liebesleben. . . . Doch stille! Stört kein Paar,   hüllt es in Nacht sich ein!                 Schon stand Tavèn, ihr Werk bedenkend,                 Die Arme hebend bald, bald senkend; Und auf dem großen Tisch   von rötlichem Porphyr                 Lag, harrend der Erlösungsstunde,                 Vincèn mit seiner breiten Wunde,                 Stumm und mit schmerzverzognem Munde Wie einst Laurentius,   der heilige Martyr.                 Hochaufgerichtet, ernst und prächtig,                 Vom Geist verklärt, der in ihr mächtig Und der Tavèn die Brust   mit Seherhauch geschwellt,                 Taucht tief mit einer Abschäumkelle                 Sie plötzlich ein in das Gequelle                 Des Kessels, in die heiße Welle. Rings hatten sich, zu siebt,   die Katzen aufgestellt.                 Und mit geheimnisvollem Winken,                 Benetzt die Hexe mit der Linken Vincèns entblößte Brust.   Dreimal in kurzer Frist                 Hat sie der Wunde Blut beschworen                 Mit dem Gebräu. In sich verloren                 Murmelt sie dumpf: Christ ist geboren! Christ ist gestorben! Christ   ist auferstanden! Christ                 Wird auferstehn! . . . Und wie der Tiger                 Nach heißer Jagd im Wald, als Sieger, Mit einem Tatzenschlag   das Ende grauser Pein                 Bereitet dem gehetzten Rehe,                 So jetzt Tavèn des Kranken Wehe:                 Dreimal mit ihres Fußes Zehe Dreimal mit ihres Fußes Zehe \&c. – In der Provence schlugen die Beschwörer und Krankheitenbesprecher das Zeichen des Kreuzes mit der Fußzehe über den kranken Teil. – Plutarch erzählt, Pyrrhus habe in entsprechender Weise Krankheiten geheilt und es sei seiner großen Fußzehe göttliche Kraft verliehen gewesen. Drückt seinen Gliedern sie des Kreuzes Zeichen ein.                 Und wie verworrne Geisterkunde,                 Beschwingt und leise, strömt vom Munde Das Wort ihr und berührt   der Zukunft Wolkentor:                 Er wird erstehn! Dies ist mein Glaube! . . .                 Von meines Hügels Rebenlaube                 Seh' ich ihn, fern im Straßenstaube. . . . Durch Kiesel und Gesträuch   klimmt blutend er empor!                 Und im Gebüsch und im Gesteine                 Steigt er, vom Kreuz erdrückt, alleine. . . . Wo bist mit deinem Tuch   du jetzt, Veronika?                 Wo der Kyrener, von den Knieen                 Dem Stürzenden die Last zu ziehen?                 Wo sind die weinenden Marien Mit aufgelöstem Haar?   Ach niemand, niemand da!                 Und reich und arm steht rings im Schatten                 Und sieht des Keuchenden Ermatten Und keiner, der ihm hilft,   und keiner, der ihn kühlt!                 Mit Gleichmut fragen rauhe Stimmen:                 Wohin? Was soll das Aufwärtsklimmen? . . .                 Weh! Kainssame! Blut des Schlimmen, Das für den Kreuzesmann   nicht mehr Erbarmen fühlt                 Als für den Hund, den, ihn zu strafen,                 Steinwürfe des Gebieters trafen. . . . Ha! Niedriges Geschlecht!   Die Hand, die dir die Kost                 Gereicht, die wagst du zu zerfleischen                 Und die dich schlägt, wirst du mit Kreischen                 Und Krümmen zu belecken heischen! Doch einst durchfährt dein Mark   des Schreckens Schüttelfrost!                 Dann wird, was Stein, zu Staub versinken. . . .                 Und in der Ähren goldnem Blinken Wühlt bittrer Weizenbrand   und läßt die Scheunen leer. . . .                 O! wie viel Schwerter! Wie viel Speere!                 Ich sehe dort am Wildbachwehre                 Berghoch gestaute Leichenheere! . . . Bezähme deine Wut,   du sturmgepeitschtes Meer! . . .                 Weh mir! Sankt Petri morscher Nachen                 Zerbarst am Felsenriff mit Krachen! . . . Doch nun, in neuem Boot,   von Schaum und Gischt umtanzt,                 Die er besiegt im heil'gen Zeichen,                 Seh' ich den Fischer ohnegleichen                 Der Rhone stille Flut erreichen! Er hat das Gotteskreuz   am Steuer aufgepflanzt!                 O unermess'ne Himmelsgnade!                 Ich seh' ein neues Land, Gestade Voll heitern Sonnenscheins!   Seh' junger Mädchen Reihn,                 Im Farandoletanz sich wiegen                 Und Früchtelast die Zweige biegen!                 Ich seh' auf Garben Schnitter liegen Rings um ein Faß geschart,   in fröhlichem Verein.                 Und seh', erkannt in seinen Lehren,                 In seinem Tempel Gott verehren. . . . Die Hexe von Li-Baus   schwieg still. Ihr Finger wies                 Den beiden Kindern einen schmalen                 Ausgang, an dessen Ende Strahlen                 Von Tageslicht sich niederstahlen. . . . Und eilig und bestürzt   entflohn sie dem Verließ.                 Zur Cordohöhle führt die Enge                 Der unterird'schen Felsengänge. Nun steigt das schöne Paar   zum Sonnenlicht empor                 Und küßt sich. Im durchglänzten Raume,                 Umringt von seinem Trümmersaume,                 Ragt Mount-Majour, gleich einem Traume Verschollner Herrlichkeit,   aus Schutt und Binsenmoor. Siebenter Gesang Die Väter Meister Ambròsi und sein Sohn, auf der Schwelle ihrer Hütte sitzend, mit Flechtwerk beschäftigt. Uferlandschaft an der Rhone. – Vincèn bestürmt seinen Vater, für ihn um Mirèio anzuhalten. Weigerung und Vorstellungen des Greises. Vincenèto, Vincèns Schwester, vereinigt ihre Bitten mit denen ihres Bruders und erzählt die Geschichte von Sivèstre und Alis. Meister Ambroi macht sich nach dem Zürgelhofe auf. Ankunft daselbst und Schnittermahl. Meister Ramoun. Die Feldarbeit. Bericht Ambròsis, Antwort Ramouns. Der Weihnachtsabend. Mirèio gesteht ihre Liebe für den Sohn des Korbflechters. Weigerung, Zorn und Verwünschungen der Eltern. Entrüstung Meister Ambròsis. Zornausbruch Meister Ramouns. Napoleon und die großen Kriege. Der Soldat als Feldarbeiter. Tanz der Schnitter um das Johannisfeuer.                         Nein, Vater, mir ist nicht zum Scherzen!                 Ich liebe sie mit heißen Schmerzen, Sprach bleich und ernst Vincèn   und sah zum Greis empor                 Mit leidverstörtem, bangem Flehen.                 Die Pappeln, die am Ufer stehen,                 Beugte des Mistral Sturmeswehen: Zu des Liebenden Wort   ein gewaltiger Chor.                 Am Rhonestrand, vor seinem Hause,                 Der engen, nußschalgroßen Klause, Auf einem Baumstumpf saß,   im Windschutz einer Wand,                 Meister Ambroi beim Weidenschälen                 Und an der schmalen Türe Pfählen,                 Vincèn, der, flink im Gertenwählen, Ein buntes Körbchen flocht   mit kunstgeübter Hand.                 Die Rhone, die der Sturm erregte,                 Schob ihre Flut, die wild bewegte, Dem Meer in Wellen zu,   gleich Stieren toll und wild.                 Doch hier, an baumgeschützter Stelle,                 Schlug klar des Stromes blaue Welle                 Mit leisem Plätschern an die Schwelle Des Hüttchens in der Bucht,   ein friedlich holdes Bild.                 Hier pflegten Biber mit Behagen                 Die Weidenstümpfe zu benagen; Und unten auf dem Grund   da tummelten sich frisch,                 Wohl sichtbar in den klaren Tiefen,                 Die braunen Ottern. Hurtig liefen                 Sie hin und wieder in den Riefen Und jagten flink den Fisch,   den schönen Silberfisch.                 Am Ufer wiegte sich gelinde                 Manch Hängemeisennest im Winde In Erl und Weidenbusch   an schwankem Zweige, fest                 Und weich, wie ein Gewand, gewoben.                 Beim Blühn der Silberpappeln stoben                 Die Fläumchen durch die Last; dann hoben Die Vöglein sie empor,   zum Polster für ihr Nest.                 Bräunlich wie eine Tortillade                 Stand dort ein Mädchen am Gestade Und hing ein nasses Netz,   das viele Ellen maß,                 An eines Feigenbaumes Äste.                 Des Ufers kleine Sängergäste                 Kannten die Schöne längst aufs beste Und scheuten sie nicht mehr   als Busch und Binsengras.                 Meister Ambròsi Kind, die feine                 Vincenèto. Ach, arme Kleine! Ihr hatte niemand noch   mit Schmuck das Ohr besetzt;                 Ihr schlehenblaues Auge glühte                 Und strahlte Munterkeit und Güte:                 Sie glich der herben Kapernblüte Am Ufer, die der Gischt   der Rhone liebend netzt.                 Meister Ambroi, der weiße Alte,                 Des Bart bis auf die Hüften wallte, Antwortete dem Sohn:   Du mußt von Sinnen sein!                 Du, auf den sonst so fest ich baue,                 Sprichst, daß ich kaum den Ohren traue! –                 Vater! Wenn gar zu schön die Aue Zerreißt sein Halsterband   das frömmste Eselein!                 Ihr kennt sie ja! Wozu die Worte?                 Käm' sie zur Arlatiner Pforte, So bärgen in der Stadt   die Mädchen weinend sich, So bärgen in der Stadt \&c. – Die Schönheit der Arleserinnen ist sprichwörtlich. – Ein Provenzale vermag die Anmut eines Mädchens nicht höher zu rühmen als durch die Versicherung, daß sie selbst in Arles ihresgleichen nicht finde.                 Denn nach ihr ward die Form zerschlagen. . . .                 Ich darf um sie zu freien wagen:                 Sie liebt mich! Was könnt jetzt ihr sagen? – Reichtum und Armsein, Tor,   die zwei belehren dich! –                 Vater, von Valabrego eilet                 Zum Zürgelhofe, unverweilet Und teilt den Eltern dort   nur alles treulich mit!                 Sagt, daß man erst den Mann besehe,                 Daß Tüchtigkeit vor Reichtum gehe,                 Sagt ihnen, daß ich wohl verstehe Im Weinberg und im Feld   Tagwerk und Rebenschnitt,                 Sagt, ihre sechs Paar Tiere sollen,                 Wenn ich sie führe, tief die Schollen Aufpflügen wie noch nie.   Ich wolle treu und gut                 Ihr Alter ehren. Sagt, uns trennen                 Sei zweier Herzen Zug verkennen,                 Die der Verzweiflung nicht entrännen. . . . Ach, rief der Greis, aus dir   spricht allzu junges Blut!                 Das ist das Ei der weißen Henne! Das Ei der weißen Henne ( l'iòu de la poulo blanco ). – Sprichwörtliche Redensart, um eine besonders seltene Sache zu bezeichnen, auf die man großen Wert legt. – Die Zauberer gingen mit einer weißen Henne bei Mondschein an einen Kreuzweg und beschworen den Teufel mit dem dreimal wiederholten Rufe: »Pèr la vertu de ma poulo blanco!« – Juvenal sagt von einem Glücklichen: Gallinæ filius albæ.                 Der Goldhänfling im Busche! Brenne Der Goldhänfling , lou lucre, heißt der gelbe provenzalische Hänfling ( fringilla spinus, Lin. ), der seiner Schönheit und seines angenehmen Gesanges wegen sprichwörtlich ebenfalls etwas besonders Begehrenswertes bedeutet. Auf seinen Fang, du Tor!   Du magst mit aller List,                 Mit allem Locken es versuchen,                 Versprich ihm täglich Zuckerkuchen,                 Du wirst ihn doch vergeblich suchen: Er kommt nicht, weil du nur   ein armer Schlucker bist! –                 Heißt Armsein denn den Aussatz haben?                 Verteilte so der Herr die Gaben? Sagt, Vater? schrie Vincèn   und schlug auf Haupt und Brust.                 Ist es gerecht, wenn mir hienieden                 Versagt sind Liebesglück und Frieden?                 Warum ward Armut uns beschieden, Warum für mich nur Qual   und andern alle Lust,                 Warum sind ihnen süße Reben                 Und uns die Treber nur gegeben? Doch mit erhobnem Arm   versetzt der Alte schnell:                 Du würdest klüger Reiser flechten!                 Seit wann darf mit dem Schnitter rechten                 Das Ährenbündel? . . . Solche schlechten Gedanken schlage gleich   dir aus dem Hirn, Gesell!                 Darf auch der Wurm den Herrn der Welten,                 Weil er ihn nicht als Stern schuf, schelten? Und fragt der Stier warum   er nicht zum Hirten ward?                 Warum ihm Streu und dem Getreide? . . .                 Gut oder schlimm, mein Sohn, bescheide                 Dich deiner Bahn und keinen neide. . . . Die Finger an der Hand   sind auch nicht gleicher Art.                 Schuf Gott als Eidechs dich,                 verhalte Dich still in deiner Felsenspalte, Trink einen Sonnenstrahl   und sage fröhlich Dank! –                 Nein! Mehr als meine Schwester liebe                 Ich sie und mehr als Gott! Und bliebe                 Mein Sehnen ungestillt, es triebe Mich in den Tod . . . und fort,   verzweifelt, seelenkrank,                 Stürzt' er, und in der Rhone Dröhnen                 Haucht' er sein Leid in Klagetönen. Auch Vincenèto kam,   in Tränen, nun daher                 Und sprach zum Vater: Mitleid habe                 Mit meinem Bruder, gib die Labe                 Der Hoffnung ihm: Es war ein Knabe Aus meiner Herrschaft Hof,   ganz so verliebt wie er;                 Für seines Brotherrn Tochter brannte                 Sein Herz. Sie hieß Alis. Man nannte Sivèstre ihn. Ein Bursch,   flink, fleißig und gewandt.                 Dem Wackern lieh die Liebe Schwingen                 Das schwerste Tagwerk zu bezwingen . . .                 Des jungen Mädchens Eltern gingen Getrost zur Ruh, wenn er   auf seinem Posten stand.                 Doch einst, am frühen Morgen, hörte                 Die Bäu'rin, was ihr Herz empörte: Der Knecht sprach mit Alis,   von Liebe sprach er ihr.                 Und Mittags sagten unsre Leute:                 Wie glühn des Bauern Augen heute!                 Bald merkten wir, was das bedeute: Verräter, rief er, hier   dein Lohn, und fort mit dir!                 Der arme Junge ging. Wir andern                 Sah'n voll Bedauern ihn entwandern Dem Hofe, ihn, der stets   so tüchtig und gesetzt.                 Drei Wochen sah man ihn, beim Reifen                 Der Ernte, durch die Felder streifen,                 Im Umkreis des Gehöftes schweifen, Verstört und abgezehrt,   die Kleider ganz zerfetzt;                 Und dumpf, wie eines Bären Stöhnen,                 Vom Wingert her, in Klagetönen, Hallt' uns in stiller Nacht   sein Ruf: Alis! . . . ins Ohr . . .                 Doch eines Abends, Vater, flogen                 Die Feuergarben hoch im Bogen                 Vom Schober auf . . . und Männer zogen Einen Ertrunkenen  am Brunnenseil empor.                 Da seufzt Ambroi aus tiefstem Herzen:                 Mit kleinen Kindern, kleine Schmerzen, Mit großen, sind sie groß. – Steht auf und geht ins Haus.                 Die rote Mütze aus der Truhe,                 Hohe Gamaschen, Nagelschuhe,                 Langt er, und nach der Kieselfluhe Der Crau zieht er betrübt,   doch festen Schrittes aus.                 Es war in jenen Sommertagen,                 Da hoch die reifen Halme ragen; Vorabend war es just   von Sankt Johannis Tag.                 Rings sah man schon auf allen Wegen                 Die Schnitterscharen sich bewegen,                 Die dann ins Tal zu kommen pflegen, Bestaubt und sonnverbrannt,   zum frohen Ernteschlag.                 Die Sicheln mit den scharfen Schneiden                 Tragen sie umgehängt in Scheiden Von weißem Feigenholz.   Sie pflegen Paar um Paar,                 Je mit der Binderin, zu schreiten;                 Auf Karren, die zu beiden Seiten                 Flöten und Tamburin begleiten, Ruhen, vom Marsch erschöpft,   die Ältesten der Schar.                 Und wie sie längs der Felder zogen,                 Wo hin und her in großen Wogen Der Wind die Ähren trieb:   O seht das Korn, wie schön!                 Wie voll und dicht, wie hübsch zur Schneide,                 So riefen sie, steht das Getreide;                 Wenn durch die Halmen eine Scheide Der Nordwind zieht, wie schnell   sie wied'rum sich erhöhn!                 Ambroi begrüßt sie. . . . Sind die Saaten                 Ringsum im Lande so geraten Wie hier, mein alter Freund?   fragt' ihn im Weitergehn                 Der Jungen einer. – Sehr zurücke                 Ist roter Weizen noch; die Tücke                 Des Winters spürt er, doch zum Glücke Bleibt gut der Wind. Man wird's   an Sicheln fehlen sehn.                 Habt ihr zur Weihnacht am Altare                 Der Kerzen Glanz bemerkt? Dem Jahre, Das solchem Zeichen folgt,   wird immer segenschwer                 Die Ernte wachsen. – Gott erhalte                 Die Saat, und reichster Segen walte                 Ob eurer Scheune, Freund! – Der Alte Schritt nun im Männertrupp   am Weidenhag einher.                 Und so, im steten Weiterwandern,                 Plauderten sie vom ein' und andern Und kamen nach und nach   dem Zürgelhofe nah.                 Dort sah man schon im Felde stehen                 Meister Ramoun; er wollte sehen,                 Was zu des scharfen Mistral Wehen Der schöne Weizen sprach   und was im Feld geschah.                 Er musterte nach allen Seiten                 Die weizenreichen, goldnen Weiten. – Nun, Meister, ist es Zeit!   klang es ihm leis ins Ohr,                 Wie Flüstern aus den reifen Ähren,                 Sieh! wie der Wind uns zaust; die schweren                 Fruchtkolben droht er zu entleeren. . . . Nun greife jede Hand   zum Fingerling aus Rohr! Der Fingerling aus Rohr , lou dedau, den der Schnitter an die Finger der linken Hand steckt, um sie vor Verletzung durch die Sichel zu schützen.                 Und andre mahnen ihn: Kaum neigen                 Wir, knapp gereift, das Haupt, so steigen Die Ämsen schon an uns   voll Beutegier herauf. . . .                 Was soll der Sicheln langes Säumen? –                 Der Meister wendet nach den Bäumen                 Sich um, die fern das Feld umsäumen, Da taucht vor seinem Blick   der Zug der Schnitter auf.                 Sie rückten an, und plötzlich flogen                 Die krummen Sicheln, blank gezogen, Im Sonnenlicht empor   und jeder Schnitter schwang                 Die seine überm Haupt; und alle                 Grüßten mit blitzendem Metalle                 Und hellgestimmtem Jubelschalle. Nun rief Ramoun sie an, daß weithin es erklang:                 Seid mir willkommen, hochwillkommen!                 Euch schickt der liebe Gott zum Frommen Der Ernte her! Und bald   umstanden ihn geschart                 Die Binderinnen, im Bestreben                 Treuherzig ihm die Hand zu geben:                 Euch blühe Glück und langes Leben! Seht wie es Garben bringt   dies Jahr von bester Art! –                 Man darf dem Aussehn nicht vertrauen,                 Ihr guten Leute! Manchmal schauen Die Ähren prächtig drein   und sind im Ausdrusch leicht.                 Man mußte Jahre schon erleben,                 Wo zwanzig Scheffel schien zu geben                 Der Morgen Landes, und dann eben Nur dreie gab. Was tut's!   Wenn's nur zum Leben reicht!                 Und gütig schüttelte die Rechte                 Ramoun dem letzten selbst der Knechte, Freundschaftlich grüßt er auch   Meister Ambroi; er sprach                 Mit ihm und rief im Vorwärtsschreiten,                 Als sie dem Hof genaht, in Zeiten:                 Mirèio! Geh Salat bereiten Und zapfe Wein vom Faß!   Es kommen viele nach!                 Wie weiß sie rasch die Hand zu regen,                 Den Imbiß auf den Tisch zu legen, An dem sich niederläßt   des Hauses Herr, Ramoun;                 Und alle tun wie er. Geschwinde                 Zermalmt das fröhliche Gesinde                 Mit scharfem Zahn des Brotes Rinde; Endivie nimmt dazu   sich reichlich jeder nun.                 Auf spiegelblank gewaschnem Tische                 Sah man, im Reiz der ersten Frische Geschichtet ohne Wahl:   Den duftend scharfen Lauch,                 Die rostgebratnen braunen Stollen,                 Rahmkäschen, Pilze, Zwiebelknollen                 Und Schoten durcheinanderrollen; So recht ein Abendschmaus   nach Provenzalenbrauch.                 Meister bei Tische wie beim Werke                 Erhob Ramoun mit Armesstärke Den vollen Krug und sprach:   Ein Trunk tut wohl fürwahr;                 Netzt man gehörig nur die Schneide,                 So tun die Kiesel auf der Heide                 Der braven Sichel nichts zuleide! Und alle reichten ihm   die leeren Gläser dar.                 Ja, netzen wir die Schneide! riefen                 Sie munter, und dem Krug entliefen Die Wellen rot und klar   und labten Herz und Sinn.                 Dann sprach Ramoun zur Tafelrunde:                 Gesellen, weil wir nun dem Munde                 Genug getan, so kommt die Stunde, Da wir nach altem Brauch,   zum fröhlichen Beginn,                 In den Gehölzen Reisig schlagen                 Und her in großen Bündeln tragen. Ihr findet Bürdenholz   und Zweige hier nicht fern;                 Die schichtet mir zum Meiler, Leute,                 Und gebt den Flammen sie zur Beute,                 Denn Sankt Johannis Nacht ist heute, Des großen Schutzpatrons,   des Freundes unsres Herrn!                 So wußt' im Großen, wie im Kleinen                 Der Meister Pflicht mit Lust zu einen Und keiner hatte so   die edle Kunst durchschaut,                 Ein Gut mit Worten und mit Taten                 Zu leiten, daß die goldnen Saaten                 Gedeihen, die des Landmanns Spaten Mit vielem sauren Schweiß   der Scholle anvertraut.                 Geduld und Maß in allen Dingen                 Verbürgten seines Tuns Gelingen. Zwar krümmte Alterslast   ihm leicht des Rückens Bug;                 Doch sah man in den Erntezeiten                 Ihn stolz noch vor den Knechten schreiten,                 Wenn rüstig er zu beiden Seiten Auf jeder flachen Hand   ein Sester Weizen trug.                 Er wußte, was vom Mond zu halten                 Und wann er, mit geheimem Walten, Bald neues Keimen stört   und bald dem Wachstum frommt;                 Und sah von einem Hof umgeben                 Den Mond er, oder Wolkenweben                 Verfärbt an ihm vorüberschweben, Stets war ihm wohlbekannt,   wie dann das Wetter kommt.                 Der Kuh verhexte, schwarze Tage Der Kuh verhexte schwarze Tage nennt das Landvolk die drei letzten März- und die vier ersten Apriltage, eine von den Bauern der Provence gefürchtete Woche. – Es ist in Anmerkung 27 gesagt worden, was die Provenzalen unter dem » Zorn der Altfrau « verstehen. Hier nun die Fortsetzung der Fabel: Als die Alte ihre Schafherde verloren hatte, kaufte sie eine Kuh. Mit dieser ungefährdet am Ende des Monats März angelangt, rief sie törichterweise: Dem schlimmen März und seinen Tücken Werd' ich so Kuh als Kalb entrücken! März, durch diese Worte beleidigt, geht sogleich zum April: Leih du mir vier von deinen Tagen, Dann will ich der Alten die Kuh erschlagen!                 Der Vogelflug, die Schimmelplage, Die Morgendämmerung   am Sankta-Clara-Tag,                 Die Sonnenspieglung in den Teichen,                 Die Nebel, die dem Grund entweichen,                 Sie waren ihm die sichern Zeichen Für Nässe, Dürre, Frost,   für Jahrgang und Ertrag.                 Aus der Provence fruchtbar'n Auen                 Im günst'gen Zeitpunkt zum Bebauen Ziehn oft an einem Pflug,   gekoppelt Paar um Paar,                 Sechs Tiere, feist und schöngehalten,                 Prachtvolle, derbe Kraftgestalten.                 Der Boden, langsam aufgespalten, Öffnet dem Sonnenschein   sich vor des Pfluges Schar.                 Und die sechs schönen, wohlgenährten                 Maultiere bleiben in den Fährten; Sie scheinen zu verstehn,   warum das braune Land                 Man pflügen muß und schnurgrad teilen:                 Ohne zu zögern noch zu eilen,                 Aufmerksam, ziehen sie die Zeilen, Die Köpfe tief gesenkt,   die Hälse straff gespannt.                 Das Auge auf die Furche haltend                 Und mit Gesang des Tagwerks waltend, Geht ruhig hinterher,   den Pflugsterz in der Hand,                 Der kluge Landmann. Also pflegte                 Meister Ramoun zu tun; er hegte                 Mit Liebe den Beruf und legte Des Freien Stolz hinein,   ein Fürst auf eignem Land.                 Doch nun, das weiße Haupt erhoben,                 Sprach: Lasset uns den Geber loben! Der Greise und schlug das Kreuz.   Alsbald brach fröhlich auf                 Das Schnittervolk, nach allen Seiten.                 Das Freudenfeuer zu bereiten                 Durchschwärmten draußen sie die Weiten Und trugen trocknes Holz   und dürres Laub zuhauf.                 Die Väter aber blieben beide                 Am Tisch zurück. In seinem Leide Nimmt also nun das Wort   Ambroi: Hört an, Ramoun!                 Ich komme, euch um Rat zu fragen,                 Denn seht, mich bringen Sorg und Plagen                 Noch vor der Zeit ins Land der Klagen, Wenn niemand mich belehrt,   was hilft und was zu tun!                 Ihr wißt, daß einen Sohn ich habe:                 Durchaus verständig war der Knabe Bis jetzt, es wär' nicht recht,   wenn ich es anders sagt'!                 Doch jeder Stein hat seinen Flecken                 Und das sind oft die tiefsten Becken,                 Die sich mit stillster Flut bedecken; Ja, selbst das Lamm wird wild,   wenn es der Drehkrampf plagt.                 Und wißt ihr, was dem Fant geschehen?                 Ein Mädchen, das er jüngst gesehen, Ein reiches Pächterkind,   glaubt er, sei ihm geneigt. . . .                 Von ihr ist nun sein Sinn gefangen                 Und so verzweifelt sein Verlangen,                 Daß es in Angst mich jagt und Bangen! Vergebens hab' ich ihm   die Torheit klar gezeigt,                 Vergebens war es, ihm zu sagen,                 Daß reich und arm sich nicht vertragen. . . . Geht, sprach er nur, und teilt   den Eltern alles mit!                 Sagt, daß man erst den Mann besehe,                 Daß Tüchtigkeit vor Reichtum gehe,                 Sagt ihnen, daß ich wohl verstehe Im Weinberg und im Feld,   Tagwerk und Rebenschnitt;                 Sagt, ihre sechs Paar Tiere sollen,                 Wenn ich sie führe, tief die Schollen Aufpflügen wie noch nie.   Ich wolle treu und gut                 Ihr Alter ehren. Sagt, uns trennen,                 Sei zweier Herzen Zug verkennen,                 Die der Verzweiflung nicht entrännen. . . . Nun ratet mir, Ramoun,   was da ein Vater tut!                 Soll ich, in meinen Lumpen, werben                 Für meinen Sohn? Soll er mir sterben An Herzeleid? – Pah, den   Wind kenn' ich! weht nicht lang!                 Versetzt Ramoun. Bei meinem Eide,                 Mein Freund, ich stehe euch für beide;                 Man stirbt nicht gleich an solchem Leide; Ich bin's, der es euch sagt,   Ambròsi, seid nicht bang                 Und laßt euch nicht von diesen Dingen                 Unnötig aus der Fassung bringen. Ich sagte, wär' ich ihr,   dem Bürschlein: Höre du,                 Von alle dem bist du mir stille!                 Kein Wort mehr! Also ist's mein Wille!                 Sonst bring' ich deine tolle Grille, Potz Bombenelement!   mit meinem Stock zur Ruh.                 So? rief Ambròsi: Wenn im Stalle                 Ein Tier schreit, weil sein Futter alle, Stopft mit dem Knüttel ihr   ihm dann vielleicht den Mund?                 Doch jener sprach: Es muß auf Erden                 Des Vaters Wort geachtet werden;                 Wenn statt der Hirten erst die Herden Anführen, laufen sie   den Wölfen in den Schlund.                 Daß je den treuesten Berater                 Ein Sohn verkannt in seinem Vater Kam meiner Zeit nicht vor.   Ja, damals war ein Haus                 Gesund vom Enkel bis zum Ahne;                 Stark, wie das Astwerk der Platane,                 Standen sie, einig, dem Orkane! Sie hatten unter sich   wohl manchmal einen Strauß,                 Doch wann des Weihnachtsabends Sterne Doch wann des Weihnachtsabends Sterne \&c. – Weihnachten ist das höchste Fest der Provenzalen. Wo immer Söhne oder Töchter eines provenzalischen Hauses beim Herannahen der Feier sich befinden mögen, stets wird ihr ganzes Trachten dahin gehen, den Weihnachtsabend mit den Eltern zu verbringen. Auf den Bauernhöfen werden die Knechte und Mägde von der Herrschaft am Morgen mit Speisen und Naschwerk beschenkt und beizeiten in ihre Heimatdörfer entlassen. Abends versammeln sich die Familien um den festlich geschmückten Tisch, auf dem eine Art kleinen Hausaltars errichtet wird: drei geweihte Kerzen, davor drei Schüsselchen mit jährigem Weizen, als Dankeszeichen für die Früchte des ablaufenden Jahres. Dann trägt man, als besonderes nationales Symbol der Feier, ein großes Holzscheit herbei, begießt es, nach Art der antiken Libation, unter Segenssprüchen mit Wein und wirft es in den brennenden Herd. Weihnachten im Kreise der Seinen begehen, nennt der Provenzale schlichthin: pausa lou cacho-fiò, d. h. »das Scheit einlegen«. Allerlei uralte Volksgebräuche umgeben die Feier. Die Dreizahl, wohl als Sinnbild der Dreifaltigkeit, spielt darin eine große Rolle. Den drei geweihten Kerzen schreibt man weissagende Kraft zu. Das Hinneigen der Lichtschnuppen nach der Richtung eines der im Kreise um den Tisch Sitzenden, wird als Vorbote von dessen baldigem Tode betrachtet. Die Katzen, die der Aberglaube von jeher für diabolische Tiere gehalten hat, werden durch ihr Stummbleiben oder Miauen an der Erforschung der Zukunft beteiligt, mit glühenden Kohlen stellt man Sengproben an u. s. w. Mistral hat uns aus seinen (noch ungedruckten) Memoiren in der provenzalischen Zeitschrift L'Aiòli (Nr. 35, 17. Dezember 1891) eine Seite veröffentlicht, in der er erzählt, wie in seinem Elternhause Weihnachten gefeiert wurde. Seine Schilderung stimmt im wesentlichen mit den nachstehenden Strophen überein, die ursprünglich an der bezeichneten Stelle des siebenten Gesanges ihren Platz finden sollten, jedoch vom Dichter, um den Gang der Handlung nicht allzusehr aufzuhalten, in die Anmerkungen verwiesen worden sind. Auch hier, wie beispielsweise im zweiten Langverse der 26. Strophe des ersten Gesanges , durchbricht die Erinnerung des Dichters an sein Vaterhaus in ergreifender Weise die Schranke der epischen Satzung. Man fühlt, daß ihm für die Gestalt des frohen Greises, der um keinen Preis auf die Gebräuche der Vorfahren verzichten würde, der eigene Vater vorgeschwebt hat und daß er Selbsterlebtes beschreibt. Die Strophen lauten, in einem durch die Eigenart des Gegenstandes ganz besonders erschwerten Übersetzungsversuche, wie folgt: Wohin, o Weihnachtstern, entschwand dein Friedensstrahl?                 Wohin sind ihres Daseins Zielen                 Gefolgt die fröhlichen Gespielen?                 Wo ist die Hand voll harter Schwielen, Des Greises, der das Kreuz geschlagen überm Mahl!                 Der Knecht, der draußen Schollen wendet,                 Hat frühe schon sein Werk beendet, Die Mägde brechen auf, es sputet sich der Hirt;                 Die Fron entläßt die müden Glieder,                 Zum Nachtmahl wandern, schlicht und bieder,                 Sie nach den Elternhütten wieder, Wo heut' das Weihnachtscheit im Herde flammen wird.                 Schon winkt, noch dampfend fast von Frische,                 Das Weihnachtbrot auf blankem Tische, Mit Zierat rings besteckt aus grünem Stechpalmschoß.                 Seht, wie die Kinder an drei neuen                 Geweihten Kerzen sich erfreuen                 Und wie sie jungen Weizen streuen, Drei weiße Näpfchen voll, des Feldes ersten Sproß.                 Ein wilder Birnbaum, dicht beim Garten,                 Scheint, altersschwach, der Axt zu warten . . . Der Sohn des Hauses kommt und fällt am Fuße ihn,                 Entkleidet rasch ihn seiner Äste,                 Auf starker Schulter dann, zum Feste,                 Trägt er ihn vor die Weihnachtsgäste Und legt voll Ehrfurcht ihn dem Ahn zu Füßen hin.                 Undenkbar wär's dem guten Alten,                 Der Väter Brauch nicht streng zu halten: Nach vorne aufgestülpt hat er des Hutes Rand                 Und holt in Eil' die besten Flaschen;                 Das Beinkleid mit gestickten Taschen                 Trägt er und lederne Gamaschen Und unterm weißen Wams das Hochzeitsgürtelband.                 Und jetzt umdrängen Groß' und Kleine                 Den Ahn in fröhlichem Vereine . . . Nun! Werfen wir das Scheit? – Ja! rufen lustbeseelt                 Die Kinder alle. – Wohl denn: Freude!                 Spricht laut der Alte, Freude! Freude!                 Gib, Herr, uns übers Jahr die Freude, Daß, sind wir nicht gemehrt, doch keines von uns fehlt!                 Der Wein entperlt dem Flaschenmunde                 Und dreimal, vor der Tafelrunde, Gießt auf den grünen Stamm der Ahn den Rotwein aus;                 Ein Kind ergreift das eine Ende,                 Der Greis das andre. Aller Hände                 Die Mitte dann: und längs der Wände Trägt dreimal man den Baum und dreimal um das Haus.                 Des frohen Greises Finger beben,                 Indem sie jetzt das Glas erheben: O Feuer, ruft er aus, o heil'ges Weihnachtscheit,                 Verleih der Flur, die wir bebauen,                 Verleih den Herden auf den Auen,                 Verleih des Hauses jungen Frauen Ein segenreiches Jahr, ein Jahr der Fruchtbarkeit!                 Entzünde, Weihnachtscheit, die Flammen! . . .                 Die Hände fügen sich zusammen Und in den weiten Herd fliegt nun der ganze Baum.                 Aiòli trägt man auf zum Mahle,                 Voll süßer Früchte manche Schale,                 Viel Kuchen auch und Weinpokale, Es faßt der große Tisch der Speisen Menge kaum.                 Und die geweihten Kerzen glänzen,                 Erhellend dunkler Zukunft Grenzen; Es flammt und sprüht der Herd in geisterhaftem Licht;                 Die Kerzenschnuppe wird sich neigen                 Nach dem, der in die Grube steigen                 Im nächsten Jahr muß. Furchtsam schweigen Die Katzen; Kohlenglut versengt das Tischtuch nicht . . .                 Die Kinderschar von nah und ferne Im Vaterhaus vereint;   wann, gläubig und gerecht,                 Beim Mahl, das festlich sie bereitet,                 Der Urahn, der die Feier leitet,                 Die welken Hände ausgebreitet, Umfing sein Segensspruch   ein einiges Geschlecht.                 Da tritt, den Schmerz nicht mehr bezwingend,                 Mirèio, bleich und händeringend, Vor ihren Vater hin:   So wollt ihr meinen Tod?                 Mich hat Vincèn, ich ihn erkoren!                 Gott und der Jungfrau ist's geschworen!                 Euch wär' ich, ohne ihn, verloren! . . . Und Totenstille folgt   dem Aufschrei ihrer Not.                 Jano-Marìo, sich erhebend,                 Begann zuerst, vor Jammer bebend: O Kind, dein schweres Wort,   dem Himmel sei's geklagt,                 Hat in die Seelen uns getroffen;                 Du sagst dich los von uns, und offen                 Zerstörst du unsres Alters Hoffen: Uns ist, als würd' ein Dorn   uns quer durchs Herz gejagt!                 Du hast Alàri ausgeschlagen,                 Dem tausend Tiere Wolle tragen, Der Rossehirt Veran   ward nicht von dir erhört,                 Ourrias, den rinderreichen Riesen,                 Hast du verächtlich abgewiesen                 Und nun verwirfst du dich an diesen Armsel'gen Taugenichts,   der deinen Sinn betört!                 Nun wohl! Laß dich vor fremde Türen                 Von deinem frechen Bettler führen! Gehör' ihm, wenn du willst,   und laß uns hier allein;                 Zerreiße der Familie Bande,                 Sei deiner armen Eltern Schande,                 Zieh' als Zigeun'rin durch die Lande Und koche dir dein Mahl   im Feld auf einem Stein!                 Meister Ramoun schien zuzuschauen;                 Doch unter seinen weißen Brauen Schoß Flammenblitze schon   der finstern Augen Glut;                 Und nun, in seinem Stolz betrogen,                 Fühlt er vor seines Zornes Wogen                 Die Schleusen plötzlich weggezogen Und wütend in den Fluß   stürmt die gestaute Flut:                 Ja! Recht hat deine Mutter! Gehe,                 Daß fernab sich der Sturm verwehe. . . . Doch nein! Du bleibst mir da!   Müßt' ich mit eigner Hand                 Dich in die gleiche Fessel schnüren,                 Die sonst nur böse Fohlen spüren,                 Er soll dich nicht von hier entführen! Und schlüge gleich der Blitz   in dieses Hauses Wand,                 Und müßt' ich dich vor Leid zergehen                 Und deine Wangen schmelzen sehen Wie in der Sonne Glut   ein Frühlingsschnee zergeht:                 So wahr die Rhone, wenn der Regen                 Sie bis zur Wut geschwellt, den Segen                 Zerstört, in Feldern und Gehegen, So wahr auf diesem Tisch   hier diese Lampe steht:                 Mirèio! höre was ich sage:                 Du siehst ihn deines Lebens Tage Nicht mehr! Und auf den Tisch   schlägt seine Faust mit Macht.                 Da, endlich, gehn dem armen Kinde                 Die Augen über, erst gelinde,                 Perle für Perle, dann geschwinde Gleich einem klaren Quell   aus dunklem Felsenschacht.                 Wer bürgt, begann der Alte wieder                 Und Zorn durchbebte seine Glieder, Daß ihr, Ambròsi, nicht   im stillen mitgeschafft;                 Wer bürgt, daß ihr nicht mitersonnen                 Und niederträchtig fortgesponnen,                 Was euer Schlingel frech begonnen. . . . Da weckt Entrüstung dem   die alte Manneskraft:                 Bei Gottes Zorn! Nun laßt euch sagen,                 Daß Kopf und Herz wir hoch noch tragen, Rief er, wenn auch das Glück   uns niedrig nur gestellt!                 Wenn ich des Reichtums auch entbehre,                 Mir schmälert Armsein nicht die Ehre                 Nach vierzig Jahren Dienst im Heere Bei der Kanonen Klang,   da draußen in der Welt!                 Kaum konnt' ich recht ein Ruder heben,                 Begann auch schon mein Seemannsleben; Als Schiffsmuz zog ich aus   mit unsrer Wasserwehr.                 Ich fuhr mit Sufrèns Schiffsgesinde,                 Bei gutem und bei bösem Winde,                 Nach Indien und zum Reich Melinde Und Tage sah ich oft,   weit bittrer als das Meer!                 Soldat sodann der großen Kriege                 Schritt ich im Sturm von Sieg zu Siege Mit jenem Eisenmann,   der auf im Mittag stand                 Und dessen Faust von Spaniens Fluren                 Bis zu Kosaken und Panduren                 Die Welt geschüttelt, daß die Spuren Man lang noch fühlen wird   in aller Völker Land.                 Und wo es galt, den Tod verachten,                 In Seesturm, Enterkampf und Schlachten, Hat sich ein Reicher nie   an meinen Platz gestellt!                 Doch wir, der armen Leute Knaben,                 Die nicht ein Fleckchen Erde haben,                 Um Pflug und Spaten einzugraben, Wir zogen vierzig Jahr   fürs Vaterland ins Feld                 Und schliefen auf gefrornem Boden,                 Von nichts genährt als Hundebroten, Verlangend immer nur   in Kampf und Tod zu ziehn,                 Um Frankreichs Namen hoch zu halten. . . .                 Wo sind sie, die es uns vergalten?                 So schloß er und warf ungehalten Den Mantel aus Kadis   vor sich zu Boden hin.                 Was sucht ihr auch am Mount-de-Vergue                 Den Weg zum Sant-Pielouner Berge? Was sucht ihr auch am Mount-de-Vergue \&c. – Mount-de-Vergue heißt ein Hügel bei Avignon, westlich vom Schauplatz unserer Handlung. – Sant-Pieloun ist der Name des steilen Felsens, in dem sich, nach der Sage, die Höhle der heiligen Magdalena befinden soll (vergl. elfter Gesang ), östlich von Arles. – Die Gegend von Li-Baus, in die der Dichter den Zürgelhof verlegt, liegt ungefähr in der Mitte zwischen den beiden genannten Anhöhen. – »Den Weg nach Sant-Pieloun am Mount-de-Vergue suchen« ist also eine ganz lokale Redensart und entspricht dem Sinne nach unserm: Die Kirche ums Dorf tragen. Gibt ihm Ramoun zurück,   noch immer bleich vor Wut.                 Wir hörten auch der Bomben Knallen                 An Toulons Mauern widerhallen,                 Wir sahn bei Arcole Tausend fallen Und sahn Ägyptens Sand   durchtränkt von rotem Blut!                 Doch heimgekehrt aus jenen Kriegen                 Ließ man nicht brach den Boden liegen: Als Männer gingen wir   daran mit Fuß und Hand,                 Die wüsten Felder zu bebauen                 Und rührten mächtig unsre Hauen                 Vom ersten, frühsten Tagesgrauen, Bis uns am Werk noch oft   der späte Nachtmond fand.                 Man sagt, die Erde spende Gaben!                 Doch läßt sie den nur Früchte haben, Dem Lambertsnußbaum gleich,   der kräftig auf sie schlägt;                 Und wollte man die Tropfen zählen,                 Die ich vergoß in Mühn und Quälen,                 Man müßte jede Scholle zählen Im stattlichen Gebiet,   das meinen Wohlstand trägt.                 Heilige Anna von At! Schweigen                 Und mich wohl gar zufrieden zeigen Soll ich, der ohne Rast   beim Feldgeschäft gekeucht                 Gleich einem Neger, um in Ehren                 Des Hauses Überfluß zu mehren!                 Ich gäbe, ohne mich zu wehren, Mein Kind dem Lumpen hin,   der in die Schober kreucht!                 Zu Gottes Donner fahret beide!                 Schrie er, es bleibt bei dem Bescheide: Behalte deinen Hund,   ich hüte meinen Schwan! –                 Ambroi, vom Tische aufgesprungen,                 Hat schnell den Hantel umgeschlungen,                 Und noch den Gruß sich abgerungen: Lebt wohl, gereu' euch nie,   was ihr an mir getan,                 Und mögen Gottes Engelscharen                 Boot und Orangen euch bewahren! . . . Boot und Orangen ( la barco e lis orange ) s. v. w. Schiff und Ladung, Haus und Hof, Kind und Kegel. Dann, als sich hinter ihm   verschloß des Hofes Tor,                 Trug ihm der Wind das jugendfrohe                 Gejauchz der Schnitter zu, und hohe                 Glutzungen schossen aus der Lohe, Im letzten Dämmerschein,   vom Reisigberg empor.                 Schon tanzt mit leichtbeschwingter Sohle                 Das junge Volk die Farandole. Die freien Häupter hoch,   in langen bunten Reihn,                 Im Takte rücken all die strammen                 Gestalten um die Glut zusammen;                 Es spiegeln die bewegten Flammen Aus ihren Stirnen sich   mit hellem Flackerschein.                 Und Tausende von Funken steigen                 Zum Himmel auf, im Wirbelreigen. Der Trommelflöte Klang   tönt weithin lustig mit                 Zum Krachen aus dem Flammenherde. –                 Du nahst mit segnender Gebärde                 Der schönen, fruchtgeschwellten Erde, O hoher Sankt Johann!   Sie bebt bei deinem Schritt! –                 Der Freudenfeuer Knistern, Prasseln,                 Der Tamburine Dröhnen, Rasseln, Ertönten fort und fort   in ernst gemeßnem Chor,                 Der Brandung gleich der Meereswogen                 Am Fels. Die braunen Tänzer zogen                 Die Sicheln blank, die Klingen flogen Über der muntern Schar   im Flammenschein empor.                 Dreimal, in weiten Sprüngen, grade                 Durchs Feuer, schwang sich die Bravade, Und dreimal streute man   mit hoch erhobner Hand                 Die Schoten einer Knoblauchtresse,                 Johanniskraut und Eisenkresse                 Laut jauchzend in die Glutenesse: Behüte Frucht und Feld   vor Frost und Sonnenbrand,                 O Sankt Johannes, Sankt Johannes! . . .                 Erscholl es fernhin. Rings begann es Zu funkeln auf den Höhn   gleich einem Sternentau.                 Und vor dem scharfen Winde flohen                 Rauchwolken aus den roten Lohen;                 Ein Weihrauch, schwebten sie zum hohen Schutzheiligen empor   ins dunkle Himmelsblau. Achter Gesang Die Crau Mirèios Verzweiflung. – Beschreibung der arlesischen Frauentracht. – Das junge Mädchen flieht nächtlicherweile aus dem Vaterhause. Sie will zum Grabe der heiligen Marien pilgern, um die Schutzpatroninnen der Provence anzuflehen, die Herzen ihrer Eltern zu erweichen. – Die Sternbilder. – Auf ihrem Gange durch die Crau kommt Mirèio an ihres Vaters Hirten vorüber. – Die Crau. – Die Riesen. – Die Eidechsen, die Libellen, die Schmetterlinge warnen Mirèio. – Die Liebespilgerin, von Durst gequält und von der Hitze erschöpft, ruft den heiligen Gentus an, der ihr beisteht. – Begegnung mit Andreloun, dem Schneckensammler. – Lob der Stadt Arles. – Erzählung Andrelouns: Die Sage vom Capoteiche; das Ausdreschen der Garben, die unbarmherzigen Walker werden vom Abgrund verschlungen. – Mirèio verbringt die Nacht im Zelte der Eltern Andrelouns.                             Wer wird die starke Löwin halten,                 Wenn sie, zum Hort in Felsenspalten Vom Raubzug heimkehrt,   ihr Junges nicht mehr sieht?                 Mit Brüllen und mit Flankenschlagen                 Wird sie den kecken Jäger jagen,                 Der dort, wo Algiers Berge ragen, Mit jenem im Galopp   durch Dorngestrüpp entflieht.                 Und wer wird euch, Verliebte, halten? . . .                 In ihres Bettes Linnenfalten, Im dämmernden Gemach,   bestrahlt von Sternenschein,                 Verbringt die lange Nacht mit Weinen                 Mirèio: Schützerin der reinen                 Und treuen Liebe, uns zu einen, Klagt sie, verweigert man!   Was tun in solcher Pein?                 Grausames Schicksal! Harter Vater!                 Sonst mein so gütiger Berater! Du riefst dein armes Kind,   das einst du so geliebt,                 Mit Kosenamen stets, mit süßen!                 Jetzt, plötzlich, trittst du mich mit Füßen,                 Jetzt soll ich unterm Joche büßen, Als wär' ein Fohlen ich,   dem man die Peitsche gibt.                 O daß das Meer kein Ufer hemmte                 Und Flut das Crauland überschwemmte! Frohlockend würd' ich sehn,   wie sie dies ganze Gut                 Verschlingt, das schuld an meinen Leiden!                 Das Bettlerkind muß ich beneiden,                 Das einsam, draußen auf der Heiden, Ein armes Weib gebar.   Ich käme frohgemut                 Und schnell, wär' ihr Kind ich, zum Ziele                 Wenn mir ein armer Bursch gefiele! Vincèn, es kann nicht sein,   daß ich dich lassen muß!                 Um dich wie Efeu zu umschlingen,                 Mit dir mein Leben zu verbringen,                 Will gern ich mit Entbehrung ringen! Nicht Hunger und nicht Durst   fühlt' ich bei deinem Kuß!                 Und während so, in stiller Kammer,                 Das arme Kind, bei Gram und Jammer, Das Herz in Fieberglut,   vor Liebe zitternd, weilt;                 Und während sie die süßen Stunden                 Durchdenkt, da sie den Freund gefunden,                 Mit dem ihr ganzes Sein verbunden, Entsinnt sie sich des Rats,   den ihr Vincèn erteilt:                 Ja! Als du einst zum Hof gekommen,                 Ruft sie, hab' ich dein Wort vernommen: Sollt' je ein böses Tier,   ein Molch, ein Wolf, ein Hund                 Euch wehe tun mit spitzen Zähnen,                 Sollt' Unheil euch entgegengähnen,                 Entpreßte Schmerz euch bittre Tränen, Eilt zu den heil' gen Fraun,   dort werdet ihr gesund!                 Jetzt gähnt das Unglück mir entgegen,                 Jetzt werde mir dein Rat zum Segen! Und auf springt sie vom Pfühl.   Der blanke Schlüssel steckt                 Am Nußbaumschrank, drin feingenähte                 Gewandung aller Art sich blähte;                 Es war ein prächtiges Geräte, Von eines Meisters Hand   mit Blumen ganz bedeckt.                 Sie öffnet und erkennt die Plätze                 All ihrer kleinen Mädchenschätze: Das Kränzlein, das sie trug   beim ersten Abendmahl,                 Ihr Spielzeug aus den Kinderzeiten,                 Lavendelzweige, die geweihten                 Kerzen, um Wolken abzuleiten, Die fern im Dunkel drohn   mit Sturm und Wetterstrahl.                 Mit einem weißen Nestelbande                 Befestigt nun sie am Gewande Den roten Faltenrock,   den jüngst mit eigner Hand                 Mit Würfeln sie bestickt, so feinen,                 Daß sie ein Nadelwunder scheinen;                 Wirft auf den ersten wieder einen Und schlingt um beide flugs   ein breites Gürtelband.                 Dann schmiegt sie um die zarten Glieder                 Mit Leichtigkeit ein schwarzes Mieder, Das, vorn hindurchgesteckt,   ein goldner Stift verschließt.                 Um ihre weißen Schultern hangen                 Gleich einem Mantel ihre langen,                 Tiefdunkeln, seidnen Lockenstrangen. Sie aber faßt das Haar,   das sie verteilt umfließt,                 Vereinigt es behende, bindet                 In einen Knoten es und windet Schneeweiße Spitze drum,   aus seinem Linnenzwirn,                 Die schönen Flechten einzuzwingen;                 Dann eilt sie, diese mit drei Ringen                 Von blauem Bande zu umschlingen: Das Diadem von Arles   auf jugendfrischer Stirn.                 Die Schürze legt sie an. In Falten,                 Die leicht und duftig niederwallten, Kreuzt sie das Busentuch   aus weißem Musselin;                 Allein den Hut mit breitem Rande,                 Den Schirmer im Provencerlande                 Vor tödlich heißem Sonnenbrande, Vergißt zum Unglück sie   aus ihrem Schrank zu ziehn.                 Dies all geschehn, verläßt sie hastend                 Ihr Kämmerlein und schleicht sich tastend, Die Schuhe in der Hand,   die Treppe leis und sacht                 Hinab, zum untern Hausflurgange,                 Schiebt von der Tür die Riegelstange,                 Empfiehlt den Heil'gen sich, und bange Eilt sie, und doch beherzt,   hinaus nun in die Nacht.                 Die Stunde war's, da nach den Sternen,                 Der Schiffer späht, in Meeresfernen. Hoch oben im Zenith   stand Sankt Johannis Aar;                 Vom Dreigestirn zu seines süßen,                 Heil'gen Evangelisten Füßen                 Sah man ihn zwinkernd niedergrüßen. Die Nacht war lau und lind   und still und sternenklar.                 Man sah durch die gestirnten Weiten                 Des Himmelswagens Räder gleiten; In unermessne Höhn   ging sein beschwingter Lauf.                 Erlöste Menschenseelen fuhren                 In ihm zu Paradiesesfluren.                 Zu seinen lichtumflossnen Spuren Sahen im Dämmerschein   die dunkeln Hügel auf;                 Und sahn im Tal Mirèio schreiten,                 Gleich Magelonen, die vor Zeiten Nach Peter von Provence   in Tränen ausgeschaut;                 Dem Freunde, den die wilden Wogen,                 Indessen sie der Ruh gepflogen,                 Ins weite Meer hinausgezogen. – Nun war im Heideland,   das nie der Pflug bebaut,                 Bei ihres Vaters Herdenscharen,                 Die dort im Pferch behütet waren, Mirèio angelangt.   Die Hirten molken schon;                 Und mancher hielt mit starken Händen,                 Der Lämmer Säugen zu beenden,                 Die Schafe fest, an Maul und Lenden. Und fort und fort erscholl   des Blökens heller Ton.                 Die Mütter der entwöhnten Kleinen                 Trieb man zum Melken. Rings auf Steinen Saßen die Melker schon   und ließen unverwandt                 Aus den geschwellten, weichen Zitzen                 In langen, schneeig weißen Blitzen                 Die warme Milch ins Melkfaß spritzen; Und dampfend stieg der Schaum   bis an der Eimer Rand.                 Am Boden lagen still die Hunde                 Und spähten achtsam in die Runde; Hürdrüden größter Art,   mit lilienweißem Haar.                 Noch schlief in ihrem Thymiankleide,                 Dem duftenden, die weite Heide                 Und regungslos lag rings die Weide; Die Nacht war lau und lind   und still und sternenklar.                 Da huscht Mirèio, kaum die Erde                 Berührend, rasch vorbei. Die Herde Drängt um den Hirten sich,   als sauste Wirbelwind.                 Doch jene, im Vorüberfliehen:                 Will zu den heiligen Marien,                 Ihr Hirten, niemand mit mir ziehen? Und eh zur Antwort Zeit   enteilt sie blitzgeschwind.                 Die Hunde ließen sich nicht stören,                 Gewohnt, der Herrin Schritt zu hören. Sie aber ist schon weit.   Sie streift die Kräuter kaum;                 Durch Kampferpflanzen, Männertreuen,                 Fliegt sie dahin, gleich einem scheuen                 Rebhühnchen, dem Verfolger dräuen, Und quer durch Busch und Gras   durchmißt sie schnell den Raum.                 Brachvögel, die im Kräuterschragen                 In tiefer Ruh gekauert lagen An der Zwergeichen Fuß,   wo ihr Nestgras gedieh                 Und deren Schlaf nun jäh zu Ende                 Durch das Geräusch, entflohn behende                 Ins düstre, kahle Craugelände Mit dem Schrei:   Kurrelì, Kurrelì, Kurrelì!                 Die schönen Locken taubefeuchtet,                 Stieg vom Gebirge, glanzumleuchtet, Die Morgengöttin jetzt   mit sachtem Schritt zu Tal;                 Der Haubenlerchen helles Schlagen                 Begrüßte froh das neue Tagen,                 Und der Alpinen Gipfellagen Erschienen wie bewegt im ersten Sonnenstrahl.                 Es zeigte sich im Morgenscheine                 Die Crau, das öde Land der Steine, Die unfruchtbare Crau,   die endlos hier sich reckt.                 Wenn Sagen sich als wahr erwiesen                 Bärge sie unter ihren Kiesen                 Die Leiber jener stolzen Riesen, Die eine Steinflut einst zerschmetternd zugedeckt.                 O wahnbetörte Riesenrotte!                 Sie hatten frech dem Donnergotte Krieg angesagt. Noch fehlt   zum Sturm die Leiter nur!                 Schon wankt vom Drucke ihrer Hüften                 Der Siegesberg in seinen Klüften                 Und die Alpinenkette liften Und türmen sie voll Trotz   aufs Haupt von Mount-Ventonr. Und türmen sie voll Trotz \&c. – Translozierte Sage von den Riesen Ephialtes und Otos, die auf den Olymp den Ossa und auf diesen den Pelion türmten, um den Himmel zu erstürmen. Vergl. Odyssee XI , 305–320.                 Da winkt der Gott vom Wolkensitze:                 Der Nordwind, der Orkan, die Blitze Enteilten kampfesfroh,   gleich Adlern, seiner Hand.                 Und aus den Gründen, aus den Schluchten                 Und aus den Meerestiefen suchten                 Sie eifrig ungeheure Wuchten Von Steinen; und empor,   wie eine Nebelwand,                 Hoben die drei dann im Vereine                 Die fürchterliche Last der Steine Und gossen sie mit Wut   aufs Haupt der Riesen aus . . .                 Die öde Crau, drin die Gewalten                 Der losgelassnen Stürme schalten,                 Hat ihren Steinbelag behalten . . . Mirèio war nun weit   von ihrem Vaterhaus.                 Des Sonnenballes Flammensprühen                 Ließ nach und nach die Lust erglühen. Ein blendend heller Glanz   durchflimmerte das All;                 Und in der Heide tiefer Stille,                 Aus heißem Grase, stieg der schrille                 Gesang der kleinen, frohen Grille Von allen Seiten auf,   mit langgezognem Schall.                 Kein Baum, kein Schatten, keine Seele!                 Denn vor des Sommers Feuerschwele Müssen die Herden all,   die Winters hier den Halm,                 Den würzigen, der Eb'ne weiden,                 Um von der Sonne nicht zu leiden,                 Das kahle Craugelände meiden Und ziehen früh zu Berg,   auf immergrüne Alm.                 Unter des Junius Glutenpfeilen                 Sahen die Maid vorübereilen, Vom Saum der Ritzen aus,   Eidechsen groß und grau                 Und sprachen: Ist sie bei Verstande?                 Was sucht sie hier im Kies und Sande                 Zur Stunde, da vom Sonnenbrande Der Ginster zitternd glüht   und jeder Stein der Crau? . . .                 Und die Libellen baten leise                 Die Eilende: Gib auf die Reise Und kehre, Pilgerin,   zurück. Die klare Flut                 Gab Gottes Güte ja der Quelle,                 Er gab der Bäume Schattenwälle                 Zum Schutze deiner Farbenhelle, Und du versengst die Stirn   in dieser Mittagsglut!                 Sie lauscht auch nicht den Schmetterlingen.                 Des Glaubens und der Liebe Schwingen Tragen Mirèio fort,   fast wie am Meeresstrand                 Man Möwen sieht, die sich im blassen                 Frühlichte vom Nordost erfassen                 Und in die Lüfte tragen lassen. Von Zeit zu Zeit erschien   am fernen Heiderand                 Ein Hirtenheim, von den Insassen                 Zu dieser Jahreszeit verlassen. Nun blieb sie plötzlich stehn,   von Durst verzehrt und Weh.                 Allein, ermattet von der Reise,                 Nicht Bach noch Bächlein rings im Kreise,                 Und betete mit Zittern, leise: O großer Eremit,   Sankt Gentus von Bausset!                 Du, einst ein junger Landmann, banntest                 Mit deinem Blick den Wolf und spanntest Vor deinen Pflug ihn an.   Des Gottesgeistes voll                 Berührtest du des Felsens Flanke,                 Daß draus für deine mühsalkranke                 Mutter, zum kühlen Labetranke Ein feiner Doppelstrahl   von Wein und Wasser quoll.                 Gleich mir bist du bei Nacht entwichen,                 Bist von den Deinen fortgeschlichen, Und im Gebete fand,   im Felstal von Bausset,                 Dich deine Mutter. . . . Nieder blicke,                 Sankt Gentus, nun auf mich und schicke                 Den Wasserstrahl, der mich erquicke, Weil meine Sohle brennt   und ich vor Durst vergeh'!                 Im Himmel hört's in seiner Güte                 Sankt Gentus, Mitleid im Gemüte: Und einen Brunnen schaut,   der in der Ferne liegt,                 Mirèio jetzt zu ihrem Heile;                 Und froh die Glut der Sonnenpfeile                 Durchschneidet sie mit Windeseile, Wie einen Regenguß   ein Schwälblein rasch durchfliegt.                 Ein alter Brunnen war's, gegraben                 Zu Nutz der Herden; ihn umgaben Viel Epheuranken rings. Ein kleiner Knabe saß                 Im winzig kleinen Schattenkreise                 Des Troges. Eines Liedchens Weise                 Summt' er, mit Schnecken spielend, leise. Ein Korb voll Schnecken stand   dabei, im Heidegras.                 Und sacht ließ, eine nach der andern,                 Die Schnecken durch die Hände wandern Der kleine braune Mann   und sang in sie hinein:                 O recke, Nönnlein, recke schnelle,                 O recke, Nönnlein, auf der Stelle                 Die feinen Hörnchen aus der Zelle, Wo nicht, so schlag' ich dir   dein kleines Kloster ein! O recke, Nönnlein, recke schnelle \&c. – Die kursiv gedruckten Verse sind einem Kinderliedchen entnommen und lauten provenzalisch:                 Cacalaus, cacalaus mourgueto,                 Sorte lèu de ta cabaneto,                 Sorte lèu tu bèlli baneto O senoun, te roumprai toun pichot mounastié.                 Mirèio, nach dem heißen Gange,                 Kühlte begierig Lipp' und Wange; Dann wandte lächelnd sie   ihr holdes Angesicht                 Vertraulich grüßend nach dem Kleinen:                 Was tust du hier? In Gras und Steinen                 Suchst du nach Schnecken, will mir scheinen? Das Büblein aber sprach:   So ist's, ihr irrt Euch nicht.                 Schaut! wie sie sich im Korbe recken!                 Plattlinge, Nönnchen, Ernteschnecken . . . Ihr eßt sie wohl? – Ach nein,   es nimmt die Mutter sie                 Um an bestimmten Wochentagen                 Den Fang nach Arles zu Markt zu tragen                 Und bringt, was der Verkauf ertragen, An Brot heim. War't in Arles   ihr auch schon? – Nein, noch nie! –                 Was? Ihr seid nie nach Arles gekommen?                 Mich hat man einmal mitgenommen! Euch nie? Ihr tut mir leid!   Hei, das ist eine Stadt!                 Man nennt sie unsrer Landschaft Krone;                 Denn sie beherrscht in weiter Zone                 Die sieben Mündungen der Rhone! Viel Herden weiden sich   auf ihren Inseln satt.                 Arles hat die schönsten wilden Pferde:                 So fruchtbar ist um Arles die Erde, Daß es, im Fall der Not,   wohl könnte sieben Jahr                 Von eines Sommers Ernte zehren;                 Hat Fischer, die ihm Fang bescheren                 Und Schiffer, die in fernen Meeren Kühn trotzen jedem Sturm   und jeglicher Gefahr.                 In seiner goldnen Sprache Tönen                 Rühmte der Knabe so der Schönen Sein sonnig Heimatland   und pries mit stolzem Mund                 Das Meer in zitternd blauem Scheine                 Und Mount-Majours Olivenhaine                 Mit ihres Öles Duft und Feine, Und Vogelruf und Sang   im weiten Marschengrund.                 Allein das Wunder, das vor allen,                 O Arles, dich schmückt mit Wohlgefallen, Vergaß der Kleine doch:   Der Himmel, der dich liebt                 Hat deinen Töchtern mit ins Leben                 Der reinen Schönheit Glanz gegeben,                 Wie seine Huld dem Herbste Reben, Den Bergen Kräuterduft,   den Vögeln Flügel gibt. Allein das Wunder \&c. – Vergl. Anmerkung 30 .                 Mirèio stand in stummem Träumen;                 Dann sprach sie: Komm, ich darf nicht säumen, Geleite mich zum Fluß,   du bist gewiß so gut!                 Eh' noch aus Moor und Weidenhagen                 Der Frösche Rufen tönt und Klagen,                 Muß mich ein Boot hinübertragen Zum andern Rhonebord,   ein Boot in Gottes Hut!                 Da kommt ihr an die rechten Leute,                 Denn wir sind Fischer. Doch für heute – Bot ihr der Kleine an – könnt ihr in unserm Zelt                 Am Fuß der Pappeln übernachten                 Und morgen, wenn beim kaum erwachten                 Frühlicht wir unsern Prahm befrachten, Ist es mein Vater selbst,   der euch hinüberstellt. –                 Ach nein! Ich wandre nachts. Ich fühle                 Nicht so die Mühsal in der Kühle . . . Nicht doch! Ihr werdet sehn,   wie mitten in der Nacht                 Die klagenden Gespensterscharen                 Dem tiefen Capoteich entfahren.                 Hilf Himmel! Wenn sie euch gewahren, So ziehn sie euch hinab   in ihren finstern Schacht! –                 Was ist das mit dem Capoteiche? –                 Noch eh' ich unser Heim erreiche Hab' ich es, Fräulein, euch   erzählt . . . Und er begann:                 Einst hat in diesen Uferlanden                 Ein großer Tennenplan bestanden,                 Drauf Garben sich in Fülle fanden. Den Schlund, der ihn verschlang,   erblickt ihr morgen dann.                 Es hatten zwölf Camargopferde                 Die Garben auf der harten Erde Seit Monatsfrist und mehr   von früh bis spät zerstampft.                 Beständig trieb die müden Hufe                 Der Lenker an mit lautem Rufe;                 Die Ähren trägt zu dem Behufe In Bergen man herbei.   Die Tenne staubt und dampft.                 Die Sonne glastet zum Verzehren,                 Und um die halb zerstampften Ähren Loht es wie Flammenschein. . . .   Stets neue Garben trug                 Die Gabel zu. Die Hülsenschlossen                 Und Weizenbärte, gleich Geschossen                 Der Armbrust, wirbelten den Rossen Ohn' Unterlaß und Rast   um Nüstern, Hals und Bug.                 Ob auf Sankt Karl, ob auf Sankt Peter                 Der Glockenklang in Arles die Beter Gerufen: Immer zu!   Nie brach ein Sonntag an                 Für jene müden, armen Pferde,                 Und immer trieb sie zur Beschwerde                 Mit wilder drohender Gebärde Und heiserm Schrei der Knecht   im glüh'nden Tennenplan.                 Vom kargen Bauern war den Rossen                 Zudem der Maulkorb angeschlossen . . . Da brachte der August   das Muttergottesfest;                 Und wieder riß man von den Raufen                 Die Tiere zu den Garbenhaufen,                 Und rings im Kreise ging das Laufen, Bis keuchend sie erschöpft   der Kräfte letzten Rest.                 Da wird ein Heulen jäh vernommen,                 Und wütend ist der Sturm gekommen Und auf die Tenne bläst   des Mistral eis'ger Mund;                 Dem, der den Tag des Herrn verachtet,                 Und gierig nur nach Gold getrachtet                 Ist plötzlich Aug' und Sinn umnachtet: Die Tenne wankt und bebt   und spaltet sich im Grund!                 Es drehten sich im Wirbelwinde                 Wie toll die schweren Fruchtgebinde, Und weder Mann noch Roß   entkam dem Tennenrund!                 Der Bauer und sein ganz Gedinge,                 Gespann und Joch, Geschirr und Ringe                 Samt Baum und Rad und Weizenschwinge Versanken allzumal   im bodenlosen Schlund!                 Mirèio sprach: Du machst mir bange! –                 Hört erst das Ende vom Gesange: Kommt morgen ihr vorbei,   so werdet ihr vielleicht,                 O Fräulein, mich der Narrheit zeihen,                 Seht ihr im blauen Teich in Reihen                 Die Karpfen spielen und die Schleien Und hört der Amsel Schlag,   die rings im Röhricht streicht.                 Doch laßt das Fest Maria kommen,                 Wenn dann die Sonne, glutumglommen Und flammenscheingekrönt,   zur Mittagshöhe steigt,                 Begebt euch an des Teiches Schründe:                 Ihr seht, im tiefsten ihrer Gründe                 Getrübt von Finsternis der Sünde Die Flut, die eben noch   sich rein und klar gezeigt.                 Ein Summen, wie von großen Fliegen,                 Kommt aus dem trüben Teich gestiegen, Und stärker nach und nach   braust es an euer Ohr;                 Erst hört ihr fernes Schellenklingen,                 Dann aus des Wassereppichs Schlingen                 Verworr'ne, laute Stimmen dringen, Und furchtbar wird der Lärm   und sträubt das Haar empor.                 Dann trappelt es wie hundert Pferde,                 Die man aus harter Tennenerde Mit Schreien überfiel   und grausam schlug und schalt;                 Es ist ein Stampfen und ein Jagen,                 Ein Donnern, wie von schweren Wagen,                                 Ein mitleidsloses Rosseplagen, Wie wenn ein Tennenplan   vom Dreschen widerhallt.                 Doch sinkt die heil'ge Sonne nieder,                 So kehrt die Ruhe mählich wieder, Und Lästerung und Lärm   ersterben mit dem Tag;                 Unter des Wassereppichs Schlingen                 Verhallen Ruf, Gestampf und Springen,                 Samt Peitschenknall und Schellenklingen, Und wieder aus dem Schilf   ertönt der Amsel Schlag.                 Am Arme seinen Korb voll Schnecken                 Erzählte von des Teiches Schrecken Der kluge Knabe so. – Schon sieht man, schräg besonnt                 Von milden, klaren Abendstrahlen,                 Die Höhenzüge mit den kahlen                 Felsgraten sich am Himmel malen, Und weich verschwimmt ihr Saum   im fernen Horizont.                 Und nieder geht, im Strahlenkreise,                 Die Sonne nach der Tagesreise. Den Frieden Gottes gießt   sie aus auf der Grand-Clar,                 Auf Heide, Fruchtland und Oliven;                 Und unten, in der Täler Tiefen,                 Wo schon der Rhone Ufer schliefen, Reckt sich und atmet auf   der Schnitter müde Schar.                 Seht, Fräulein, wie des Windes Wellen                 Das Tuchwerk unsres Zeltes schwellen! Rief nun der Knabe. Seht!   Dort ist mein Vaterhaus!                 Und auf den Pappelbaum daneben                 Klettert mein Bruder Not soeben,                 Um Grillennester auszuheben! Vielleicht auch späht er nur   nach meiner Rückkehr aus.                 Er sieht, daß wir den Heimweg fanden! . . .                 Und Zeto, die dabeigestanden, Mein Schwesterlein, kehrt um   und läuft geschwind ins Zelt,                 Um meiner Mutter zu berichten,                 Den Boui-abaisso herzurichten . . .                 Und um den Fischvorrat zu lichten Steigt Mutter jetzt ins Boot, das dort am Ufer hält.                 Doch als die zwei den Deich erklommen                 Und oben ganz in Sicht gekommen: Sieh! rief der Fischer, Frau!   Wie hübsch! Ja, sieh nur hin!                 Der Andreloun ist mir ein Feiner!                 Ich möchte wetten, unser Kleiner                 Wird noch der kühnsten Fischer einer! Da bringt er wahrlich schon   die Aalenkönigin! Neunter Gesang Die Versammlung Meister Ramouns und Jano-Marìos Jammer bei Entdeckung der Flucht Mirèios. Der Greis entbietet sogleich alle Arbeiter des Meiergutes in die Tenne. Die Mäher, die Harkerinnen, die Heuernte. Die Wagenführer, das Einfahren des Heues. Die Feldarbeiter. Die Schnitter, die Ernte, die Ährenleserinnen. Die Hirten. Bericht Laurènsens aus Goùt, des Oberschnitters: Der Streich mit der Sichel. Bericht des Mähers Jan Bouquet: Überfall eines Vogelnestes durch Ameisen. Bericht Marrans, des ersten Pflugführers: Die Todesahnung. Bericht Antèumes, des Oberschäfers. Antèume hat Mirèio auf dem Wege zu den heiligen Marien gesehen. Der Mutter Verzweiflung und Verwünschungen. Abfahrt der Eltern zum Aufsuchen Mirèios.                             Die hohen Zürgelbäume weinten.                 Die Bienen in den Stöcken seimten Vor Leid nicht mehr; der Trift   voll Thym und Pfefferkraut                 Vergaßen sie betrübt und klagten.                 Die weißen Lotusblumen fragten:                 Wo weilt Mirèio? – Wehe! sagten Die Amseln, die ihr Nest   am Weiherrand erbaut.                 Die armen Eltern, Todesjammer                 Im Herzen, weinten in der Kammer Des Zürgelhofs, allein.   Sie ließen ihren Gram                 Und Kummer in der Seele reifen; Sie ließen ihren Kummer in der Seele reifen ( Amaduron soun coudoun ). – Diese nicht seltene Redewendung beruht auf einem unübersetzbaren Wortspiele: Coudoun bedeutet bildlich: schwerer Kummer, wörtlich: Quitte. – In letzterem Sinne kommt es, nach Mistral, vom griechischen Kydonion Frucht von Kydon, Quitte; im ersten von Kotos, Groll.                 Ach! Wahnwitz mußte dich ergreifen,                 Fort in die weite Welt zu schweifen, Unsel'ges Kind, das jäh   so tief zu Falle kam.                 Mirèio, unsre Augenweide,                 Mit dem Zigeuner aus der Heide! O Tränen! Heimlich hat   sie sich von uns gewandt . . .                 So bar der Scham! So unbesonnen!                 Wie wird Gewißheit nun gewonnen,                 Wohin der Gauch mit ihr entronnen? Und stöhnend stützten sie   die Häupter in die Hand.                 Mit seinem Lasttier kam zur Stelle                 Der Schenk und grüßte von der Schwelle: Mein Meister, guten Tag!   Ich soll das Morgenbrot                 Für unsre Leute draußen holen. –                 Kehr um! so wird ihm barsch befohlen:                 Ich bin verraten und bestohlen, Ein wundgeschälter Baum,   ein steuerloses Boot!                 Du mußt mir, ohne zu verweilen,                 Hin, wo du hergekommen, eilen; Entbiete gleich zu mir   das ganze Feldgesind!                 Quer durch die Äcker mußt du fliegen:                 Verlasset Rinder, Schafe, Ziegen,                 Laßt Pflüge, Sensen, Sicheln liegen – So rufst du allen zu – und kommt zum Hof geschwind!                 Ich lasse alle zu mir bitten! –                 Und allsogleich, mit leichten Schritten, Enteilt der treue Knecht.   Durch Kies und Haldenbruch                 Springt er auf kurzen Nebenwegen                 Am Klee vorbei, an Baumgehegen;                 Schon weht vom Wiesland ihm entgegen Des frischgemähten Heus   erquickender Geruch.                 Und aus der blumigen Luzerne                 Hört er der Sensen Klang von ferne; Er sieht in langen Reih'n,   in gleichem Schritt und Takt,                 Die starken Mäher vorwärts rücken,                 Sich leicht nach beiden Seiten bücken                 Und Streich um Streich die Klingen zücken. Zu Schwaden sinkt das Gras,   vom scharfen Stahl gepackt.                 Er sieht in den gemähten Flächen                 Kinder und junge Mädchen rechen; Sie bau'n bei Scherz und Sang   das Heu mit flinker Hand                 Zu Schobern auf, die ringsum ragen.                 Vom Eisen in die Flucht geschlagen                 Lauschen die Grillen scheu. Den Wagen Sieht er, aus Eschenholz,   mit Stieren wohlbespannt,                 Am Saum des Feldes, hoch beladen,                 Mit beiden Armen hob die Mahden Der Wagenführer auf,   der emsig oben stand,                 Versunken bis zum Gürtelleder.                 Er türmte rüstig, was die Mähder                 Ihm reichten, hoch, bis Baum und Räder Und alles Wagenholz   im Kräuterberg verschwand.                 Doch als in ihrem Heubehange                 Des Wagens Last mit schwankem Gange Vorrückt, gleich einem Schiff   des Meeres anzusehn,                 Ruft von der aufgelegten Leiter                 Der Großknecht, aufrecht wie ein Streiter:                 Ihr Schnitter, haltet ein! Nicht weiter! Mir ist, als sei im Hof   ein Ärgernis geschehn!                 Die Knechte, die bis jetzt die Schwaden                 Mit vollen Gabeln aufgeladen, Wischten die Stirnen ab   und schauten spähend aus.                 Die Sensen auf den Boden setzend,                 Den Schleifstein in der Büchse netzend,                 Und an der blanken Schneide wetzend, Lugt auch das Schnittervolk   ins sonn'ge Feld hinaus.                 Ein Bote naht auf flinken Sohlen:                 Hört, was der Meister mir befohlen: Entbiete gleich zu mir   das ganze Feldgesind!                 Quer durch die Äcker mußt du fliegen:                 Verlasset Rinder, Schafe, Ziegen,                 Laßt Pflüge, Sensen, Sicheln liegen – So rufst du allen zu – und kommt zum Hof geschwind!                 Er läßt euch alle zu sich bitten! –                 Und allsogleich, mit leichten Schritten, Enteilt der treue Knecht.   Durch tiefgefurchtes Land,                 Wo Althens köstlich Erbe blühte,                 Der Krapp in reichster Fülle glühte,                 Wo hell der Reife Fackel sprühte, Durchleuchtend rings die Au   mit goldnem Feuerbrand.                 Im Feld voll gelber Centaureen                 Sieht er von fern die Pflüger gehen; Sie folgen dem Gespann,   auf ihren Pflug geneigt.                 Er sieht aus ihrem Winterweben                 Die Flur von neuem sich beleben,                 Sieht zwischen Schollen, die sich heben, Manch zierlich Bachstelzlein,   das in die Furche steigt.                 Er eilt hinzu auf flinken Sohlen:                 Hört, was der Meister mir befohlen: Entbiete gleich zu mir   das ganze Feldgesind!                 Quer durch die Äcker mußt du fliegen:                 Verlasset Rinder, Schafe, Ziegen,                 Laßt Pflüge, Sensen, Sicheln liegen – So rufst du allen zu – und kommt zum Hof geschwind!                 Er läßt euch alle zu sich bitten! –                 Und unverweilt, mit leichten Schritten, Enteilt der treue Knecht,   durch weißen Haferstand,                 Quer über Gräben, über Hecken,                 Die bunte Blumen ganz bedecken;                 Dann, wo sich hoch die Ähren recken, Verliert er sich weithin   im falben Weizenland.                 Verzehrend wie ein Ungewitter                 Entrissen vierzig wackre Schnitter Sein sommerlich Gewand,   aus Rot gewebt und Gold,                 Dem weiten Feld. Dem Flammenherde                 An Gier vergleichbar und der Herde                 Von Wölfen, raubten sie der Erde Den roten Blumenschmuck,   den gelben Erntesold.                 In lange Reihen fiel der Schwaden                 Hinter die Männer, gleich geraden Schoßreisern, die am Berg   der kluge Winzer hält.                 Die flinken Binderinnen hoben                 Die Garben emsig auf, umwoben                 Mit Bast die Bündel rasch und schoben Sie rücklings hinter sich,   aufrecht ins freie Feld.                 Wie eines Bienenschwarmes Schwingen                 Erglitzerten die Sichelklingen; Wie Meerflut blitzten sie,   wenn drauf im Sonnenschein                 Ein Schifflein zieht die goldne Fährte.                 Der spitzen Schober Zahl vermehrte                 Beständig sich, die rauhen Bärte Der Garben mengten sich   in schimmernd stolzen Reihn.                 Es glichen die ins Feld gestellten                 Schober des Krieges Lagerzelten: Dem Lager von Beaucaire,   von Simon angeführt,                 Der, als von seinen Franzenhorden                 Der Graf Ramoun geschlagen worden,                 Kam, die Provence hinzumorden, Weil ein Legat aus Rom   den Kreuzzug angeschürt.                 Die Ährenleserinnen wandern                 Indeß von einem Feld zum andern, Die Garben in der Hand,   mit Scherzen und Gesang.                 Und Amor, hinter unbewachten                 Kornschobern, neckt die unbedachten,                 Von Feuerblicken Glutentfachten: Das keckste Schnitterlein,   das je die Sichel schwang.                 Der Bote naht auf flinken Sohlen:                 Hört, was der Meister mir befohlen: Entbiete gleich zu mir   das ganze Feldgesind!                 Quer durch die Äcker mußt du fliegen:                 Verlasset Rinder, Schafe, Ziegen,                 Laßt Pflüge, Sensen, Sicheln liegen – So rufst du allen zu – und kommt zum Hof geschwind!                 Er läßt euch alle zu sich bitten! –                 Und wiederum, mit leichten Schritten, Enteilt der treue Knecht.   Im grauen Ölbaumland                 Braust er, wie Nordsturm, durch die Flächen;                 Er fährt, um mitten durch zu stechen,                 Durch Reben, deren Ranken brechen Und ist zuletzt allein,   da drauß am Heiderand.                 Fern sieht er, in der öden Heide                 Der Crau, die Herden auf der Weide Bei Eichenbüschen ruhn.   Und rings umher zerstreut,                 Auf wildem Minz, im Mittagsschlafe                 Die Hirten. Ohne Furcht vor Strafe                 Picken im Rückenvließ der Schafe Bachstelzchen, während still   die Herde wiederkäut.                 Durchsichtig weißes Lichtgedüfte                 Stieg aus dem Meer auf in die Lüfte Und wogte hin und her.   Wer kennt und wer begreift                 Der Ätherhöhen Wunderweben?                 Läßt eine Himmelsheil'ge eben                 Den Nonnenschleier niederschweben, Weil sie auf ihrem Flug   die Sonne nah gestreift?                 Der Bote naht auf flinken Sohlen:                 Hört, was der Meister mir befohlen: Entbiete gleich zu mir   das ganze Feldgesind!                 Quer durch die Äcker mußt du fliegen:                 Verlasset Rinder, Schafe, Ziegen,                 Laßt Pflüge, Sensen, Sicheln liegen – So rufst du allen zu – und kommt zum Hof geschwind!                 Da hielten alle Sensen inne                 Und alle Pflüge. Bang zu Sinne Ward es den Schnittern da.   Sie stoben stracks davon,                 Wie Bienen, die in Schwärmen steigen,                 Um plötzlich von den Pinienzweigen                 Sich raschen Flugs ins Tal zu neigen, Zum Stock zurückgeführt   durch ehr'ner Zymbel Ton.                 Zum Hofe kam der Harkerinnen                 Und kam der Garbenbinderinnen Behende Schar herbei.   Es kamen auch geschwind                 Die Ährenleser und die Hirten;                 Die Garbenhäufer alle schwirrten                 Heran, die Karrenführer schirrten Schnell aus und liefen zu,   so hurtig wie der Wind.                 Düster und stumm, des Kummers Beute,                 Warteten auf die Arbeitsleute Der Meister und sein Weib,   auf ihrem Tennenplan.                 Und von der Störung ganz beklommen,                 Die plötzlich in sein Werk gekommen:                 Wir haben euren Ruf vernommen, O Meister, sprach sein Volk,   was hat man euch getan?                 Ramoun erhob das Haupt: O Schnitter,                 Zur Ernte kommen stets Gewitter! Unsel'ge die wir sind!   Was hilft uns Vorsicht, Fleiß:                 Der Böse wetzt ja stets die Krallen!                 Ich künde, was geschehn euch allen,                 Doch erstlich tut mir den Gefallen, Sag jeder, was im Feld   er sah und was er weiß.                 Laurèns aus Goùt beginnt zu sprechen.                 Kein Jahr, wann gelb die Weizenflächen, Verstrich, seit er ein Kind,   daß er den Köcher nicht                 Ergriff, im Tal sich einzustellen                 Zum Schnitt. Ein Fels, an dem die Wellen                 Des Meeres ohne Spur zerschellen. Verwittert wie am Dom   ein Stein war sein Gesicht.                 Ein alter Held der Sichel. Frühe                 Der erste, ob die Sonne glühe, Ob rauh der Wind. Ihm war   der Söhne Siebenzahl                 Geboren, die mit ihm nun schritten;                 So stark wie er, so schlicht an Sitten,                 Gebrannt und bäurisch. Unbestritten Hatt' ihn zum Oberhaupt   gesetzt der Schnitter Wahl. –                 Wenn's wahr, daß Regengüsse drohen                 Nach blutig rotem Frühlichtlohen, Dann, Meister, sprach Laurèns,   erscheint es mir gewiß,                 Es werde heut noch Tränen geben.                 Behüte Gott uns Leib und Leben!                 Hört, was vor Aufgang sich begeben: Schon scheuchte Morgenlicht   gen West die Finsternis,                 Als wir, mit taubenetzten Klingen,                 Ins Feld die Gasse schlagen gingen. Gesellen, sprach ich, kommt,   laßt uns ans Schaffen gehn                 Mit Lust und Mut, wie alle Tage.                 Ich hole aus: Beim ersten Schlage                 Verwund' ich mich. Seht hier die Plage! Nun sind es dreißig Jahr,   daß dies mir nicht geschehn!                 Dies sagend wies er in der Runde                 Der Finger blutig tiefe Wunde. Ein junger Mäher, Jan   Bouquet, trat ernst und schnell                 Nun vor die Eltern, die schon bitter                 Getroffen, was dem alten Schnitter                 Geschehn. Jan war Tarasco-Ritter Aus Tarascon. So stark   als sanft war der Gesell.                 Kein Bursche konnt' in Condamine                 Mit mehr Geschick und bess'rer Miene, Bei »Lagadigadèu!«   bei Jauchzen und Gesang,                 Den Beilspeer und die Fahne schwingen,                 Wann Scharen Volks, mit Reigenschlingen,                 Alljährlich die Tarasco bringen Und sich die düstre Stadt   belebt im Jubelklang.                 Leicht hätt' er auf dem Arbeitspfade                 Es bis zum Sensenmeistergrade Gebracht. Doch kam ein Fest,   so war's um ihn geschehn!                 Ade dann Dengeln, Sensenwetzen!                 Bei Stierenrennen, Büffelhetzen,                 Beim Trinkgelag an kühlen Plätzen, Beim Farandoletanz   war allzeit er zu sehn! –                 Wir mähen, Herr, mit langen Streichen,                 Begann der Jüngling, und erreichen Ein Heidehühnernest,   im Unkraut ganz versteckt.                 Da regen sich im Grasbehänge                 Die Flüglein und die kleinen Fänge;                 Ich beuge mich auf das Gedränge, Erfreut, daß vor dem Streich   die Brut ich noch entdeckt.                 O arme Tierchen! Welch Verhängnis!                 Wie flehend reckten in Bedrängnis Die Köpfchen sie empor.   Im Neste war ein Schwarm                 Ameisen, von den großen, roten.                 Drei Vöglein lagen schon gleich Toten;                 Mir schien, die übrigen, Bedrohten, Bestürmten mich, daß schnell   ich mich der Not erbarm'!                 Allein erbittert, gierig, krochen                 Die Ämsen zahllos her; zerstochen, Erwürgt, war alles bald   von ihrer gift'gen Wut.                 Und ich, betrübt ob solchem Leide,                 Nachdenklich auf den Stiel der Schneide                 Gelehnt, vernahm aus naher Heide Der Mutter Klageruf,   ihr Jammern um die Brut.                 Ein Lanzenstoß in eine Wunde                 Ist diese neue Schicksalskunde, Die in der Eltern Herz   die Unglücksahnung mehrt.                 Und wie in heißen Sommerzeiten                 Gewitterwolken in den Weiten                 Aufsteigen, bis von allen Seiten Urplötzlich Blitz auf Blitz   vom Himmel niederfährt,                 Kommt nun auch noch Marran geschritten.                 Auf allen Höfen wohlgelitten War der. Und zog das Vieh   zur Winterabendzeit                 Aus seinen Krippen die Luzerne,                 So plauderten die Knechte gerne,                 Oft bis das Öl der Stalllaterne Verzehrt, von seinem Tun   beim Tagwerk und beim Streit.                 Einst hatt' er sich zur Saat verdungen.                 Da müht sich jeder, wohlgelungen Den Furchenpfad zu ziehn.   Marran, zuletzt im Zug,                 Statt mit der Schar den Grund zu teilen,                 Scheint unbeholfen zu verweilen                 Und geht mit Sterz und Deichselkeilen So um, als hätte sonst   er nie die Hand am Pflug. –                 Du gehst zum Pflügen dich verdingen,                 Und einen Pflug in Stand zu bringen Vermagst du, Tölpel, nicht!   schrie ihm der Großknecht zu.                 Ich wette, ungeschickter Bauer,                 Ein Eber pflügt mit seinem Hauer                 In wildem Zorne noch genauer! – Die Wette nehm' ich an   und wer, ich oder du,                 Verspielt, den kost' es an Moneten                 Drei Louisdor . . . Nun blast, Trompeten! Den Grund durchfährt zugleich   der beiden Pflüger Stahl.                 Zwei Pappeln wählen sie als Zeichen                 Am andern Rain sich und erreichen                 Sie beide ohne Seitwärtsweichen. Die Furchenkämme glühn   wie Gold im Sonnenstrahl.                 Potz tausend! riefen alle Knechte,                 Ihr seid uns wahrlich ein paar Rechte! Wer also pflügen kann,   dem lag die Hand nicht brach!                 Gut, Oberknecht! Doch jedem Teile                 Sein Recht. Es ist des andern Zeile                 So grad, daß man mit einem Pfeile Sie wohl bestreichen kann,   der ganzen Länge nach.                 So hat Marran den Preis gewonnen. –                 Und in den Rat, der wirr begonnen, Trug nun sein bittres Wort   auch er und sprach, ganz bleich:                 Ich pflügte just und pfiff. In Scheiben                 Hob sich der Boden. Zum Zerreiben                 Von Hartgrund länger auszubleiben Nahm ich mir eben vor   und schaffte, Streich auf Streich.                 Da, plötzlich, seh' ich meinen Tieren                 Das Haar sich sträuben; sie verlieren Den steten Gang zugleich,   ein Schauer fährt sie an.                 Ich sehe wie sie, ganz in Schrecken                 Erstarrt, die Ohren rückwärts recken;                 Ich selbst seh' doppelt. . . . Rings bedecken Die Gräser, jäh verfärbt,   den weiten Wiesenplan.                 Ich treibe mein Gespann zum Gehen.                 Umsonst! Es bleibt mit Zittern stehen. Baiardo sah betrübt   mich an, Falet beroch                 Die Furchen. Ich, mit Peitschenhieben                 Fahr ihnen um die Knie. . . . Da stieben                 Sie fort, als wie von Spuk getrieben; Der Pflug aus Ulmenholz   zerbricht samt Baum und Joch.                 Und ich stand da, bleich und beklommen;                 Mir war's wie Fallsucht angekommen, Die Zähne klappten mir,   mich packte Atemnot.                 Und über Haar und Augenlider                 Und über die bestürzten Glieder                 Fuhr es wie Eiseswehen nieder, Wie Grufthauch streift' es mich:   Ich weiß, es war der Tod! –                 O Mutter unsres Herrn! Umwallten                 Doch deines Himmelsmantels Falten, Rief auf den Knieen laut   des Meisters arme Frau,                 Mein schönes Kind, zu Schutz und Frommen! . . .                 Kaum den Verzweiflungsschrei vernommen,                 Sieht man in Eil des Weges kommen Antèume, Hirtenhaupt   und Melker in der Crau:                 Was hatte sie so früh am Tage                 Zu tun denn, im Wacholderschlage? Mit diesen Worten tritt   Antèume in den Rat.                 Wir melkten in der Hürdenscheide                 Die Schafe draußen auf der Weide,                 Und über unsrer Kieselheide Spannte sich hoch und weit   der Gottessterne Saat.                 Ein Luftgebild, ein leichter Schatten,                 Streift unsern Pferch – die Hunde hatten Aus Furcht nicht einen Laut – die Herde drängte sacht                 Zusammen . . . Alle guten Geister!                 Dacht' ich bei mir, nun selbst nicht dreister!                 Doch ließ er mir nicht Zeit, mein Meister, Daß Unsrer Lieben Frau   ein Ave ich gebracht.                 Will nicht ein Hirte mit mir ziehen                 Zu den drei heiligen Marien? Ertönt es wohlbekannt.   Dann, plötzlich, war der Schein                 Verschwunden, gleich der Spur des Windes.                 Es war die Stimme eures Kindes,                 O Herr! . . . Der Eltern, des Gesindes Erstaunter Ruf erschallt:   Ist's möglich, kann es sein? –                 Mirèio war es, sprach der Hirte,                 Ich sah's als sie vorüberschwirrte; Auf ihrem Antlitz lag   der Sterne Schein so klar!                 Doch ist sie nicht wie sonst gewesen,                 Nein: traurig, von verstörtem Wesen;                 In ihren Zügen war zu lesen, Daß schweres Herzeleid   des Ganges Antrieb war.                 Bei so verhängnisvoller Kunde                 Ging neues Seufzen durch die Runde Und leidenschaftlich rief   die arme Mutter nun:                 O folgen wir geschwind, geschwinde                 Zu den drei Heiligen dem Kinde!                 Gib, Gott! daß ich es wiederfinde Mein süßes Vögelein,   mein junges Heidehuhn!                 Wenn Ameisen es überfallen,                 Bis auf die letzte werd' ich allen Tod bringen, müßt' ich sie   zerbeißen insgesamt!                 Und wenn der Tod, das Schreckgerippe,                 Dir schließen wollte Lid und Lippe:                 Ich schlüg' ihm Scharten in die Hippe Und hülfe dir zur Flucht,   verzweifelt, mutentbrannt!                 So drohte, außer sich, und schmähte                 Jano-Marìo laut und säte Den Jammer auf den Weg,   von Sorge ganz verwirrt.                 Der Meister rief den Kärrnerknaben:                 Deck ein den Wagen, netze Naben                 Und Achsen tüchtig, denn wir haben Gar weiten Weg. Nur schnell   Moureto angeschirrt!                 Und als die Mutter auf den Wagen                 Gestiegen, hallten ihre Klagen, Ihr wildes Schmerzgeschrei,   nur lauter in den Wind! –                 Mein schönes Liebchen! . . . Kieselpfade                 Der Crau, ihr, weite Salzgestade,                 Seid mild und freundlich! Sieh voll Gnade Ach, große Sonne, du   auf mein verschmachtend Kind!                 Doch jene Satanswerkverstockte,                 Die es in ihre Höhle lockte Und Gift und Zaubersaft   gewiß zu trinken zwang:                 Tavèn, du altes Scheusal! Hetzten                 Doch all die Geister, bis zum letzten,                 Die Sankt Antonius einst entsetzten, Dich ewig bei Li-Baus   durch Kluft und Felsenhang!                 Der Armen Ruf und Wort verhallen                 Im Wagenrütteln, Peitschenknallen . . . Die Männer kehrten still   zum Tagewerk zurück,                 Ausspähend, ob mit neuem Leide                 Kein Bote nahe durch die Heide . . .                 In Schwärmen tanzten auf der Weide Die Mücken. Sie allein   empfanden Lust und Glück! Zehnter Gesang Die Camargo Mirèio fährt in Andrelouns Nachen über die Rhone und setzt ihre Wanderung quer durch die Camargo fort. Die Rhoneufer zwischen Arles und dem Meere. Beschreibung der Camargo. Die Hitze, die Luftspiegelung, die Dünen, die Salztümpel. Mirèio wird am Ufer des Teiches von Vacarés vom Sonnenstich getroffen. – Die Mücken rufen sie ins Leben zurück. Die Liebespilgerin schleppt sich mühsam bis zur Kirche der Heiligen. Gebet und Gesicht. Trostrede der heiligen Marien. Die Nichtigkeit des Glückes dieser Welt, Notwendigkeit und Verdienst des Leidens. Um Mirèios Mut zu stärken, berichten ihr die heiligen Marien von ihren irdischen Prüfungen.                             Höret mich, Leute der Provence,                 Höret mir zu von Arles bis Vence! Und schreckt der Sonne Glut   euch, Freunde, ab: Nun denn,                 Laßt uns an der Dürance Kanälen                 Ruhsame Schattenplätzchen wählen                 Um von Mirèio zu erzählen; Und laut, landauf, landab,   beklage man Vincèn!                 Gleich einem Fischlein, leis und schnelle,                 Durchschnitt ein flaches Boot die Welle. Der kleine Andreloun   war Fährmann auf dem Kahn;                 Und jene, die mein Lied besungen,                 Saß still, die Hand ums Knie geschlungen,                 Vor sich der Rhone Niederungen, Und maß umflorten Blicks   des Stromes glatte Bahn.                 Der Knabe sprach: Zur andern Seite                 Ist weit, denn mächtig ist die Breite Des Rhonelaufes hier.   Zwischen Camarg' und Crau                 Hei, welch ein Raum für Schifferstechen!                 Dort vorn, wo sich die Wogen brechen,                 Beginnen der Camargo Flächen Und siebenfach geteilt   durchfließt der Strom den Gau.                 Und tapfer ruderte der Kleine.                 Im rosenroten Morgenscheine Fuhren der Schiffe viel   am Boot vorbei stromauf.                 Mit weiß besegelten Besanen                 Zogen sie leuchtend ihre Bahnen;                 Es trieb der Seewind die Tartanen Gleich Lämmern, die ein Hirt   antreibt zu raschem Lauf.                 Eschen und Silberpappeln standen                 Weit schattend in den Uferlanden; Sie spiegelten im Fluß   der Stämme grauen Glanz                 Und ließen an den starken Zweigen                 Uralte Rebenranken steigen,                 Daran mit Nicken und mit Neigen Die Traube niederhing   in reichem Blätterkranz.                 Gelassen, langsam, schläfrig zogen                 Im Rhonebett die matten Wogen; Sie sehnten sich zurück   nach Avignons Palast                 Und froher Farandolen Weise.                 Der Strom gleicht hier dem müden Greise,                 Der sich zur langen, letzten Reise Anschickt und den am Ziel   des Endes Leid erfaßt.                 Doch jene, die mein Lied besungen,                 War aus dem Boot ans Land gesprungen: Geh, rief der Kleine, nur   den Weg entlang voran!                 Die Heil'gen führen dich zur Stelle                 Der wundertätigen Kapelle                 Ganz sicher dann. – Und in die Welle Taucht er die Ruder ein   und wendet seinen Kahn.                 Unter des Junius Glutenpfeilen                 Beginnt Mirèios Vorwärtseilen. So weit ihr Auge reicht,   ist alles öd und leer                 Und nichts vermag es zu entdecken,                 Als weite, grasbewachsne Strecken;                 Kein Baumwuchs, außer seltnen Hecken Von Tamariskenholz . . .   und fern das blaue Meer . . .                 Seefenchel, Melden, Salsoleen,                 Sumpfkraut und Tamarisken stehen Im salzigbittern Grund   der Wiesen, längs dem Strand,                 Wo schwarze, wilde Stiere brüllen                 Und schlanke, silberweiße Füllen                 Sich wohlig in den Salzgischt hüllen, Wenn frischer Meereswind   ihn fortträgt, über Land.                 Die Kuppel mit dem Sonnenthrone                 Umschloß, gleich einer Riesenkrone, Tief leuchtend, rein und blau   der Sümpfe weites Reich;                 Zuweilen blitzte das Gefieder,                 Fern, einer Möwe. Hin und wieder                 Fuhr rasch ein Vogelschatten nieder, Wenn ein bestelzter Gast   aufflog vom nahen Teich;                 Ein Rotfuß bald, vom Rand der Weiher                 Und bald ein scheuer Silberreiher, Des weißer Federbusch   sich stolz vom Haupte reckt . . .                 Erschlaffend steigt indes die Hitze                 Ringsum aus jeder Bodenritze.                 Das junge Mädchen löst die Spitze Des weißen Busentuchs,   die vorn im Gürtel steckt.                 Und heißer wird es stets. Die Fluten                 Der Wärme wandeln sich zu Gluten! Und nieder vom Zenith,   wo nun die Sonne blinkt,                 Ergießt sie wie aus vollen Schalen                 In Strömen sengend heiße Strahlen:                 Sie gleicht dem Leu'n in Hungerqualen, Wenn er die Wüstenei   mit gierem Blick verschlingt.                 Wie köstlich wär's, im Schatten liegen! . . .                 Gleich dem Geschwirre wilder Fliegen Durchzittert Glast die Luft,   gleich einer Racheschar                 Von Wespen, wenn auf Zornesschwingen,                 Mit Stacheln, scharf wie Messerklingen,                 Sie brausend einen Feind umringen. Die Liebespilgerin,   ermattet ganz und gar,                 Sinkt atemlos zu Boden nieder                 Und aus dem schöngeformten Mieder Zieht sie den goldnen Stift,   der das Gewand verschließt.                 Ihr Busen, eine Zwillingswelle                 In schnellbewegter Felsenquelle,                 Gleicht jenem Blümlein Silberhelle, Gleicht jenem Blümlein Silberhelle. – Der Dichter meint hier jene schöne, glänzend weiße Blume, die im Sommer an den Ufern der Camargo blüht und provenzalisch ile de mar genannt wird (pancratium maritinum, Lin.). Das sommerlich den Strand   mit weißem Glanz umgießt.                 Da, plötzlich, scheint vor ihren Blicken                 Von ferne Busch und Baum zu nicken. Und siehe, es erglänzt,   ganz an der Ebne Rand,                 Ein weitgedehntes Wasserbecken;                 Waldsträucher, Gartenblumen recken                 Sich riesengroß aus öden Strecken Und bilden um den See   ein weiches Schattenband.                 Ein Traum aus Palästinas Gauen                 Schien dort sich vor ihr aufzubauen! Schnell, schnell wuchs eine Stadt   am blauen See empor;                 Da gürteten des Walles Steine                 Paläste, Gärten, Tempel, Haine,                 Es schimmerten im Sonnenscheine Die Brunnen ohne Zahl   und Zinne, Turm und Tor.                 Und Schiffe jeder Größe trafen                 Von allen Seiten ein im Hafen, Die Segel sanft geschwellt.   Es ließ ein frischer Wind                 Im Mastenwald, auf stolzen Kielen,                 Wimpel und bunte Fähnlein spielen . . .                 Tropfen, die von der Stirn ihr fielen, Trocknete fort und fort   Mirèios Hand geschwind.                 Und jenes Wunderbildes Schauen                 Entflammt ihr gläubiges Vertrauen. Sie springt empor und läuft   und wähnt, sie sei am Ziel,                 Am Grab der heiligen Marien.                 Doch jetzt beginnt das Bild zu fliehen                 Und gleitend vor ihr her zu ziehen, Und mehr und mehr verblaßt   des Truges leichtes Spiel.                 Ein eitles Werk, im Nu zerstoben,                 Vom Kobold Fantasus gewoben, Mit einem Sonnenstrahl   aus Wolkenglanz erstellt;                 Doch wann er seinen Scherz getrieben,                 Läßt er die Fäden sich verschieben                 Bis vom Gebilde nichts geblieben . . . Mirèio steht erstaunt   allein im dürren Feld;                 Und fort, durch Hügel heißen Sandes                 Des schrecklichen, des Glutenlandes, Und durch den Salzmorast,   den gleißenden, nur fort!                 Wo sich mit Krusten weißer Blasen                 Die Sooletümpel überglasen,                 Und fort durch sumpfig zähen Rasen, Durch Rohr und Zypergras,   der Mücken Zufluchtsort.                 Vincèn nur immer im Gedanken                 Durchmißt sie mühsam und mit Wanken Den Uferstreif, der längs   des Vacarés sich hebt.                 Und sieh! schon schimmert durch die Helle                 Am Strand die heilige Kapelle;                 Sie taucht aus ferner Meereswelle Empor, gleich einem Schiff,   das nach dem Ufer strebt.                 Doch jählings: weh! wie wird der Armen!                 Sie fühlt, entsetzt, daß ohn' Erbarmen Ein Strahl auf ihre Stirn   die helle Flamme spie!                 O Gott! Sie liegt am Uferrande,                 Von glühend heißem Sonnenbrande                 Zum Tod getroffen, auf dem Sande . . . Crau, deine Blume stirbt!   Jünglinge, weint um sie! . . .                 Ein Schütz', die Büchse umgehangen,                 Kommt spähend über Feld gegangen; Da fliegt ein Taubenschwarm,   nichts ahnend, vor ihm her.                 Schnell zielt er, läßt die Waffe knallen                 Und die von seinem Blei gefallen                 Ist stets die lieblichste von allen: Fühllos und grausam tat   die Sonne so wie er. . . .                 Mirèio, rücklings hingesunken                 Lag reglos . . . und wie Feuerfunken Umwirbelten ihr Haupt   Stechmücken, dicht im Schwarm.                 Sie sahn das Mädchen röchelnd liegen,                 Sahn ihren weißen Busen fliegen;                 Kein Strauch, sich über sie zu biegen, Kein Zweiglein, das sie schützt   mit seinem Schattenarm.                 Mit Summen und mit Flügelschlagen                 Begann das Mückenvolk zu klagen: Komm, armes Kind, steh auf!   Verweile hier nicht mehr:                 Zu tückisch ist in diesen Flächen                 Der Sonne Glut. Den Bann zu brechen                 Geschieht es, daß wir nun dich stechen! – Und ihr gesenktes Haupt   traf manch ein spitzer Speer.                 Zwar ihre heiße Stirne kühlte                 Die See mit seinem Tau. Doch fühlte, Erwacht, sie nur die Pein:   Mir ist der Kopf so schwer!                 Ertönt ihr ungehörtes Klagen. –                 Auf, auf, ich muß es dennoch wagen! –                 Die Füße können kaum sie tragen Doch naht sie Schritt für Schritt   den Heiligen am Meer.                 Still weinend wankt sie bis zur Schwelle                 Und hin, zu Boden der Kapelle, Den kalte Feuchtigkeit   der Meeresflut durchdringt,                 Stürzt kraftlos sie, ohn' Widerstehen! . . .                 Dann, leise, trägt des Windes Wehen                 Zum Himmel auf Gebet und Flehen, Das also ihrer Brust   in Seufzern sich entringt: O heilige Marien, zu Blumen wandelt ihr Der Armen bittre Tränen, seid gnädig nun auch mir! O seht auf meine Sorge, auf meine Qual und Pein, Dann werdet für mein Bitten ihr voll Erbarmen sein. Ich bin ein armes Mädchen, das einem Jüngling gut: Vincèn! . . . Ihm gilt mein Sehnen und meiner Tränen Flut! Ich lieb' ihn wie die Quelle zu Tal zu fließen liebt, Ich lieb' ihn wie zu fliegen der flügge Vogel liebt. Und nun soll ich das Feuer verlöschen, das nicht stirbt! Soll wollen, daß im Blühen der Mandelbaum verdirbt! O heilige Marien, in Blumen wandelt ihr, Die Tränen, die wir weinen: seid gnädig denn auch mir! Den Frieden hier zu suchen kam ich in weitem Lauf; Nicht hielten mich die Wasser, nicht Land noch Marschen auf! Ich fühle noch die Spitzen der Sonne, die mich stach, Es schmerzen ihre Pfeile mich noch im Hirne nach. Doch gebt mir den Geliebten, und ist er nur erst mein, Werd ich mit ihm voll Freuden zu euren Füßen sein! Dann schweigt in meinen Schläfen das heiße Pochen schnell Und meine Blicke leuchten durch Tränen wieder hell. Mein Vater widersetzt sich dem Bund und zürnet sehr; Allein sein Herz zu rühren, ist, Heil'ge, euch nicht schwer! Wie oft sind die Oliven im Herbste noch nicht lind, Doch wer Advent erwartet, dem zeitigt sie der Wind. Die Mispel und der Spierling sind herb, wenn man sie pflückt: Ein wenig Streu und Harren, und ihre Reife glückt. O heilige Marien, in Blumen wandelt ihr Der Armen bitt're Tränen: seid gnädig nun auch mir! .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   . Was blendet mich? Was schau' ich? . . . Ist das des Himmels Tor? Es wächst der Kirche Wölbung zum Sternenzelt empor! O Seligkeit! Sie kommen! . . . Dem wolkenlosen Raum Entsteigen meine Heil'gen im goldnen Strahlensaum! O schöne Schützerinnen! O himmlisches Gesicht! Verbergt den Glanz der Kronen! Mein Aug' erträgt ihn nicht! Was ward aus der Kapelle? O sagt, wo bin ich hier? Ich hör' euch, Heil'ge, rufen? . . . Wie? Redet ihr zu mir? .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .                 Und knieend sah die Weltentrückte,                 In Andacht atemlos Verzückte, Ihr heißes Fleh'n erhört   mit innigem Erbau'n.                 Hinaus nach Petri Himmelstoren                 Den traumhaft starren Blick verloren                 Schien sie, den ird'schen Schleierfloren Zum Trotz, das Jenseits schon   in seinem Glanz zu schau'n.                 Verstummt der Schmerz, versiegt die Zähren!                 Es leuchtet himmlisches Verklären Im schönen Angesicht,   und frei und leicht beschwingt                 Sind Leib und Seele. – So erblindet,                 Wenn Frührot goldne Kränze windet,                 Nachtlampenschein, den Taglicht findet An eines Kranken Bett,   der mit dem Sterben ringt.                 Auf einem Pfad von kleinen Sternen                 Entstiegen jetzt den Ätherfernen Drei göttlich schöne Frau'n. – Wie sich im Feld verteilt                 Ein Herdenvolk bei Morgenhelle,                 So wichen lautlos von der Stelle                 Gewölb' und Pfeiler der Kapelle, Und öffneten den Weg   den Hohen unverweilt.                 Her schwebten nun, im Glorienscheine,                 Die drei Marien. Es hielt die eine Ein schimmerndes Gefäß   aus Alabasterstein                 Am Busen. Wenn die Nächte milde                 Leuchtet den Hirten im Gefilde                 Ein schöner Stern; und seinem Bilde Kann ihre klare Stirn   allein vergleichbar sein.                 Im Winde spielen ließ die zweite                 Ihr goldnes Lockenhaar; zur Seite Blieb sie bescheidentlich,   den Palmzweig in der Hand.                 Die dritte, jüngste, der Gestalten                 Barg in des lichten Mantels Falten                 Ihr Antlitz. Schwarze Locken wallten Vom Haupt. Es strahlt' ihr Blick   weit mehr als Diamant.                 Die Boten aus dem ew'gen Eden                 Begannen, angelangt, zu reden. So sanft und freundlich war,   Mirèio zugewandt,                 Ihr Wort, ihr Lächeln so voll Güte,                 Daß sich im trauernden Gemüte                 Mit milden Trostes reichster Blüte Der harte Dornenkranz   des Martyrtums umwand:                 Laß, armes Kind, dein Leid entfliehen!                 Wir, die judäischen Marien, Die Heil'gen von Li-Baus,   sind nahe: sei getrost!                 Wir sind die Helfer, die den Nachen                 In sturmbewegter Flut bewachen,                 Auf deren Wink die Wogen flachen, Wenn eben noch das Meer   in wilder Wut getost.                 Auf! Deinen Blick nach oben wende!                 Sieh dort, bis an des Himmels Ende, Den langen Sternenweg,   Milchstraße nennt ihr ihn;                 Dort ist es, wo wir eben waren.                 Von dort aus sahen wir die Scharen                 Der Pilger, singend und in Paaren An unsres Teuren Grab   nach Kompostella ziehn.                 Und hoch erfreut, daß fromme Weisen                 Hispaniens Apostel preisen, Erquickten wir mit Lust   im müden Pilgerchor                 Die Herzen, die sich aufgeschwungen                 Und Sankt Jakobi Ruhm gesungen.                 Da lohte, heiß wie Flammenzungen, Dein klagendes Gebet   in unsre Höh'n empor.                 Dich trieben Glaube, gute Lehren,                 Doch töricht, Kind, ist dein Begehren! Du willst zum Wunderborn   der reinen Liebe gehn,                 Und alle deine Wünsche streben                 Schon vor dem Tod nach lichtem Leben?                 Zu ihm kann Gott allein erheben! Wann hast auf Erden du   das wahre Glück gesehn?                 Sahst du es bei dem reichen Manne?                 Weich hingestreckt, im Trägheitsbanne, Verleugnet er den Herrn   und bläht sich, stolz und breit.                 Doch wenn auch Schmeichler ihm gelogen:                 Den Richter hat er nicht betrogen,                 Der nach Jerusalem gezogen Auf einer Eselin,   Hosianna im Geleit.                 Hast du's auf deren Stirn gelesen,                 Die, eines Söhnleins froh genesen, Ihm tiefbewegt die Brust   hinbeut zum erstenmal?                 Ein Zug nur böser Milch darf rinnen,                 Und auf der Wiege weißem Linnen                 Bedeckt sie, fassungslos, von Sinnen, Ihr armes, totes Kind   mit Küssen ohne Zahl!                 Hast du es bei der Braut gefunden,                 Wenn sie, die Schläfe kranzumwunden, Den Weg zur Kirche geht   mit jenem, den sie liebt?                 Mehr als am Schlehenbusch der Heiden                 Sind Dornen auf dem Pfad der beiden,                 Weil es dort unten nichts als Leiden, Mühsal und Ungemach   und herbe Prüfung gibt.                 Und wenn auch klar die Wellen fließen,                 Sie werden bitter im Genießen, Dort wo mit neuer Frucht   zugleich der Wurm gedeiht;                 Denn alles muß in Staub zerfallen . . .                 Wo golden sich Orangen ballen,                 Wähle die schönste dir von allen: Sie wird, wenn noch so süß,   zu Galle mit der Zeit!                 Und manche, die zu lächeln scheinen                 In eurer Welt, erstickt das Weinen . . . Doch wer nach Labung lechzt   und wessen Herz verlangt,                 Zum Quell des Lebens durchzudringen,                 Der muß mit Leiden ihn erringen!                 Der Stein muß auch in Stücke springen, Bevor sein Silberkern   ans Tageslicht gelangt.                 Beseligt drum, wes Leid sich mehret                 Und wer im Wohltun sich verzehret; Wer mit Betrübten weint,   von seinem Gut sich trennt                 Und seiner Mäntel gern den größten                 Dem Armen gibt und dem Entblößten;                 Auf wessen Herde, den zu trösten, Der hungert und der friert,   ein helles Feuer brennt!                 Denn jene, die am Tande kleben,                 Vergessen dies: Im Tod ist Leben! Ja! selig, wer da sanft   und arglos wie ein Kind!                 Er wird mit leichten Windes Wiegen                 In Frieden auf zum Himmel fliegen,                 Durch Reinheit eine Welt besiegen, In der die Heiligen stets   gesteinigt worden sind.                 Drum, wüßtest du, wie wir sie schauen                 Von Empyreums Höhn: mit Grauen Sähst du auf eure Welt,   wie ärmlich sie, wie klein,                 Wie torheitsvoll, wie bar der Labe,                 Wie toll auf ihr die Jagd nach Habe,                 Wie groß das Bangen vor dem Grabe, Und schreien würdest du   nach Tod und nach Verzeihn!                 Doch steigt kein Weizen gleich in Ähren:                 Er muß zuvor im Boden gären! So will es das Gesetz . . .   Auch wir, zu unsrer Zeit,                 Haben den bittern Trank getrunken;                 Und daß in neuen Hoffnungsfunken                 Der Mut erglüh', der dir entsunken, Erzählen wir dir nun   von unserm Erdenleid.                 Die Heiligen verstummten. Leise                 Zogen die Wellen ihre Kreise Und schmiegten lauschend sich   ans Ufer, kaum bewegt.                 Die Pinien an der flachen Halde                 Winkten dem nahen Erlenwalde:                 Die Möven staunten, wie so balde Im weiten Vacarés   die Wogen sich gelegt.                 Und Sonn' und Mond im Abendscheine                 Verneigten in des Himmels Reine Anbetend beide sich   und strahlten Purpurlicht;                 Der salzigen Camargo Weiten                 Erzitterten . . . Die Benedeiten,                 Mirèio Stärkung zu bereiten, Begannen also jetzt   der Leidenszeit Bericht: Elfter Gesang Die Heiligen Die heiligen Marien erzählen, wie sie nach dem Tode Christi, mit mehrern anderen Jüngern auf einem steuerlosen Schiffe den Fluten preisgegeben, in der Provence landeten und das Volk zum Christentume bekehrten. Die Meerfahrt. Der Sturm. Ankunft der verstoßenen Heiligen in Arles. Das römische Arelate. Das Fest der Venus. Zorn des heiligen Trophim. Bekehrung der Arelaten. Die Bewohner von Tarascum kommen, den Beistand der heiligen Martha zu erflehen. Die Tarasco. Sankt Martial in Limogia, Sankt Saturnin in Tolosa, Sankt Eutrop in Arausio. Die heilige Martha bändigt die Tarasco und bekehrt Avenio. Das Papsttum in Avignon. Sankt Lazarus in Massilia. Die heilige Magdalena in der Grotte. Sankt Maximin in Aquae Sextiae. Die heiligen Marien in Balcium. König René. Vereinigung der Provence mit Frankreich. Mirèio, die jungfräuliche Märtyrerin.                             Des Heilands Kreuz, Mirèio, ragte                 Noch auf Judäas Berg und klagte Des höchsten Undanks an   das Volk Jerusalems;                 Es rief, noch feucht vom Gottesblute,                 Der Stadt zu, die am Abhang ruhte:                 Was tatest du im Frevelmute, Was tatest ruchlos du   dem König Bethlehems?                 Und auf den Plätzen, auf den Gassen                 Drang nicht mehr irrgeführter Massen Geschrei und Lärm empor.   Der Kidron ganz allein                 Schlich, klagen murmelnd, längs der Mauern;                 Der Jordan trug sein tiefes Trauern                 Fern zu der Wüstenöde Schauern Durch Terebinthenwald   und dunklen Pinienhain.                 Das arme Volk, vom Wahn genesen,                 Sah wohl, daß der sein Christ gewesen, Der auferstanden war aus Todesnacht und Grab,                 Um himmlisch strahlend all den Seinen,                 Den Freunden, Jüngern zu erscheinen                 Und dann, dem Vater sich zu einen, Auffuhr und Petri Hut die Schlüssel übergab.                 Den Zimmermann aus Galiläa                 Beweinte man in ganz Judäa! Den blonden Zimmermann,   der Sünder aufgeschreckt                 Mit weisen, milden Gleichnisworten,                 Mit Passahbroten mancherorten                 Das Volk gespeist, an Tempelpforten Aussätzige geheilt   und Tote auferweckt.                 Die Priester aber und die Lehrer                 Und das Gezücht der Mammonsmehrer, Die einst sein Zorn verjagt   vom heiligen Palast.                 Sie flüsterten sich in die Ohren:                 Die Menge murrt, wir sind verloren,                 Wenn auf Samarias Mauertoren Und Zions nicht alsbald   des Kreuzes Licht erblaßt.                 Und nun ein Wüten, Morden, Schnauben.                 Blutzeugen starben für den Glauben: Stephanus' Treue ward   die Steinigung zum Lohn,                 Jakobus sank am Block zusammen,                 Allorts ein Richten und Verdammen! . . .                 Doch unter Eisen, unter Flammen Rief sterbend jeder Mund:   Ja! Er ist Gottes Sohn!                 Uns, ihm durch brüderliche Bande                 Vereinten, die in alle Lande Ihm treulich nachgefolgt,   hat man auf schlechtem Boot,                 Dem Ruder nicht noch Segel blieben,                 Den wilden Wogen zum Belieben                 Aufs hohe Meer hinausgetrieben. Wir Schwestern weinten laut.   Stumm war der Brüder Not.                 Schon sehn wir im Vorübergleiten                 Paläste, Türme, sehn die weiten Olivenhaine fliehn;   fern grüßt des Karmel Wand                 Das Boot beim Auf- und Niederwallen.                 Da scheint uns, schmetternd und kristallen,                 Vom Ufer her ein Schrei zu schallen: Ein junges Mädchen winkt   und ruft nach uns vom Strand.                 Die Hände hob in heißem Flehen                 Sie auf: O laßt mich mit euch gehen, Nehmt Sara, eure Magd,   zu euch ins Schiff. Ich will,                 O Herrinnen, mit euch den herben                 Märtyrertod um Jesum sterben! . . .                 Jetzt siehst du sie den Himmel färben Mit ihrem Glorienschein,   gleich Frührot im April.                 Weit war das Land zurückgeblieben;                 Doch Salome, von Gott getrieben, Riß ihren Schleier ab   und warf ihn auf die Flut . . .                 O Glaube! Höchste Stärkequelle!                 Auf der bewegten blauen Welle                 Schritt nun das junge Mädchen schnelle Auf unser Schifflein zu,   in seines Engels Hut.                 Durch Wind und Wogen, ohne Bangen,                 War auf dem Schleier sie gegangen. Doch als nun Berg um Berg   in fernem Duft verschwand                 Und endlich rings nur Meer zu sehen,                 Da fühlten wir des Abschieds Wehen,                 Da war's um unsre Kraft geschehen! Der ahnt nicht unsern Schmerz,   der Heimweh nie empfand!                 Ade, Judäa! Einst vor allen                 Gesegnet, jetzt dem Fluch verfallen, Weil du das Wort verfolgt,   den Herrn mit frevler Hand                 Gekreuzigt hast. Dem Wild zum Raube                 Reift nun die Dattel dir und Traube;                 Bald nisten Schlangen nur im Staube Der Städte, die dein Stolz!   Ade, du Heimatland!                 Mit Brüllen und mit Wogenschlagen                 Begann ein Sturm das Boot zu jagen. Am Buge hingekniet,   befahlen Saturnin                 Und Martial uns des Himmels Walten;                 Nachdenklich saß, beim edlen, alten                 Trophim, der in des Mantels Falten Sich fröstelnd eingehüllt,   der Bischof Maximin.                 Lazarus, fast noch eine Leiche,                 Der grabentriss'ne, todesbleiche, Stand aufrecht vorn auf Deck   und schaute vom Verhag                 Wie trotzend in des Abgrunds Gähnen.                 Martha saß stumm bei Magdalenen,                 Die, aufgelöst in Reuetränen, Auf dem verlornen Schiff   in einem Winkel lag.                 Im Bauch des Fahrzeugs, das Dämonen                 Fortstießen, knieten bei Sidonen Joseph von Arimathia,   der treue Mann,                 Eutrop, Marcella. Psalmen schwangen                 Sich auf zum Himmel. Es erklangen                 Die Stimmen im Verein und sangen Zu ihm, der aus Gefahr   und Not erretten kann.                 O, wie das schwache Fahrzeug eilte,                 Die schäumenden Gewässer teilte! Oft glauben jetzo noch   die Wogen wir zu sehn,                 Die vor der Wirbelwinde Toben                 Sich jäh aus finstern Tiefen hoben,                 Um dann, in seinen Dunst zerstoben, Am fernen Horizont   gleich Geistern zu verwehn.                 Die Sonne stieg aus fahlen Fluten,                 Die Sonne sank in düstern Gluten, Und immer irrten wir   auf weitem Meeresplan,                 Den Stürmen hilflos preisgegeben.                 Doch schützte Gott uns Leib und Leben;                 Sein Wille war's, uns Frist zu geben, Bis dem Provencervolk   Sein Wort wir kundgetan.                 Einst, bei der Morgendämm'rung Nahen                 War still das Wetter: vor uns sahen Die Nacht wir leise fliehn,   ihr Lämplein in der Hand                 Gleich einer Witwe, die beim roten                 Frühlicht vom Lager steigt, den Broten                 Im Ofen nachzusehn. Die toten Flutwellen schlugen kaum   an unsres Schiffes Wand.                 Doch jetzt erhebt sich fern ein Brausen,                 Das schwillt und wächst. Es füllt mit Grausen Der nie gehörte Laut   die Seele. Weitum brüllt                 Es dampft und dräut wie zorngeschwollen,                 Mit Ächzen, mit Geheul und Grollen,                 Mit markerschütternd schwerem Rollen . . . Wir spähten sprachlos aus,   erstaunt und angsterfüllt.                 Und übers Meer, das wie vor Bangen                 Sich duckte, kam die Bö gegangen, Und dröhnend war ihr Schritt.   Doch blieb zur selben Zeit,                 Wie wenn durch Wunder es geschähe,                 Ganz still die See in unsrer Nähe;                 Nur in der Ferne hob sich jähe Ein Wasserberg empor,   erschreckend hoch und breit.                 Von dunkeln Wolken überzogen                 Kam nun das Meer in wilden Wogen Mit Schnauben und Gebrüll   auf unser Schifflein zu;                 Und plötzlich schlug uns eine Welle                 Hinab ins Dunkel, aber schnelle                 Riß uns die nächste auf zur Helle, Und wieder ab und auf!   Hilf, Herr im Himmel du!                 O welche Furcht! O welches Zittern!                 O welch ein Blitzen und Gewittern! Der Donner rollt und kracht,   es häuft sich Schreck auf Schreck!                 Nun muß der Hölle das Verschlingen                 Des schwanken Kieles doch gelingen!                 Der Weststurm naht auf Adlerschwingen Und unsre Stirnen schlägt   er wütend auf das Deck.                 Und weiter, immer weiter flogen                 Wir, aufwärts bald in hohem Bogen Und bald ins tiefe Tal,   wo dumpf der Abgrund grollt.                 Wir glaubten, durch der Flut Empören,                 Bei Klippenfischen, Haien, Stören,                 Ertrunkner Klagelaut zu hören; Ertrunkner, die das Meer   in seinen Wellen rollt!                 Verloren sehn wir uns! Denn wieder                 Schlägt eine Sturzsee auf uns nieder. Da betet Lazar laut:   Herr Jesus steh uns bei!                 Der ohne dich dem Grab zum Raube,                 Ruft nun dich an! Dein harrt sein Glaube! –                 Dem Aufflug gleich der wilden Taube Durchschnitt den Sturm und schwang   sich himmelan der Schrei.                 Von seines Himmelsthrones Hehre                 Hat Jesus auf dem wilden Meere Des Freundes Not gesehn,   des Freundes Todesqual.                 Nun ruht mit himmlischem Erbarmen                 Sein Auge segnend auf uns Armen:                 Wir fühlen plötzlich ein Erwarmen; Denn durch das Dunkel bricht   ein langer Sonnenstrahl.                 Ein Halleluja! grüßt die Helle.                 Noch einmal rüttelt uns die Welle, Noch einmal kosten wir   das klägliche Geschick;                 Doch jetzt verschwinden alle Schrecken,                 Es glättet sich das Meeresbecken,                 Es reißen rings die Wolkendecken Und schimmernd grünes Land   erschließt sich unserm Blick.                 Noch fühlen wir auf langen Wellen                 Des Bootes Auf- und Niederschwellen. Dann, endlich, beugen sich   die Wogen unserm Kiel;                 Und hin zur heiß ersehnten Landung                 Durchschneidet unsres Schiffleins Wandung,                 Dem Silbertaucher gleich, die Brandung Und zieht durch Flocken Schaums   die Furche bis ans Ziel.                 Nun birgt ein klippenlos Gestade                 Das Fahrzeug. Dank dir, Gott der Gnade! Wir knien im feuchten Sand   und rufen: Sieh uns hier,                 Du Retter, der dem Sturme wehrte!                 Wir sind bereit, dem Beil und Schwerte                 Zu stehn, um was dein Mund uns lehrte Zu künden: dein Gesetz!   Dir, Jesus, schwören wir!                 Der Strand, das Land, der Wald, die Heide                 Erbebten bis ins Eingeweide Bei diesem neuen Ruf,   bei seines Namens Klang.                 Provence fühlte vor dem Segen                 Im ganzen Sein ein froh Erregen;                 So eilt der Hund dem Herrn entgegen Und springt an ihm empor   zu festlichem Empfang.                 Es lagen Muscheln rings gebreitet:                 Ein Mahl, den Hungernden bereitet . . . O Unser Vater, der   im Himmel ist! Und nun,                 Den Dürstenden ein froh Genießen,                 Sahn wir die Wunderquellen fließen,                 Die dort noch sich ins Meer ergießen Wo unsre Leiber jetzt   in heil'gem Schreine ruhn.                 Des Glaubens voll, der in uns brannte,                 Erklommen wir die steile Kante Des Rhonedeiches schnell.   In stetem Weitergehn                 Durch Moorland und durch grüne Fluren                 Begrüßten wir des Pfluges Spuren;                 Dann sahn wir fern auf den Konturen Der Turmbastei von Arles   die Kaiserbanner wehn.                 O Arles: Nur Schnitt'rin noch zur Stunde!                 Du liegst auf deinem Tennengrunde Und träumest liebevoll   von längst entschwundner Macht;                 Doch damals trug die Königsbinde                 Dein Haupt. Es war dein Schiffsgesinde                 So groß, daß keine Wucht der Winde Den Mastenwald durchdrang   in deines Hafens Pracht.                 Rom hatte dir den Wall geschichtet,                 Dir deine Kampfspielbahn errichtet Aus schimmerndem Granit,   als deiner Stirne Kranz;                 Um dich, o Fürstin, zu erfreuen,                 Um deine Launen zu zerstreuen,                 Umgab es dich mit stolzen, neuen Gebäuden jeder Art,   zu Kurzweil, Spiel und Tanz.                 Wir treten in die Stadt. Die Menge                 Wälzte sich durch der Straßen Enge Dem Schauspielhause zu,   auf Lustbarkeit erpicht.                 Wir folgen ihr. An Säulengängen                 Vorbei, mit Jauchzen und Gesängen                 Trieb sich das lärmumbrauste Drängen, Wie wenn ein Regenstrom   durch Felsenschluchten bricht.                 O Fluch! O Schande! Toll im Kreise                 Nach mollgestimmter Leier Weise, Entblößten Busens, schwang   sich eine Mädchenschar                 Im Festsaal, unter Blumenkränzen,                 Zu gellend lauten Chorkadenzen,                 In ausgelassen Reigentänzen Rings um ein Marmorbild,   des Name Venus war.                 Das Volk, in seiner Sinne Tiefen                 Erregt, schrie Beifall; jauchzend riefen Mädchen und Jünglinge   dazwischen: Singen wir!                 Dir, holde Venus, laß uns singen,                 Dir, Freudenspendrin, Kränze bringen!                 Sieh, wie wir feiernd dich umringen, Du Mutter unsres Volks! Heil, große Göttin, dir!                 Auf weißer Stirn die Myrtenkrone,                 Umtost von hellem Jubeltone, Erschien das Götzenbild   wie stolz emporgereckt.                 Trophim, empört durch solch Erkühnen,                 Verjagt die Tänzer von den Bühnen                 Und wendet sich, die Schmach zu sühnen, An das erstaunte Volk,   die Arme ausgestreckt:                 O Volk von Arles, du mußt mich hören!                 Bei Christo, lasse dich beschwören! . . . Rief er mit Macht. Doch sieh!   Vor dem, den er genannt                 Und vor des Greises Zorngedanken                 Begann das Götzenbild zu wanken                 Und sieh! . . . Es stürzt! . . . Und mit ihm sanken Die Tänzerinnen hin,   von Schrecken übermannt.                 Aus tausend Kehlen dringt ein Heulen!                 Aus den Portalen, zwischen Säulen, Drängt sich die Menge wild, durchstürmt die Stadt im Lauf.                 Wild schmähn des Patriziates Glieder,                 Sie rufen wütend: Schlagt sie nieder!                 Die Bürgerschaft ermannt sich wieder, Und plötzlich blitzt es rings   von tausend Dolchen auf.                 Doch seltsam! – unsrer Mäntel Wallen,                 Umglänzt von trocknen Salzkristallen, Trophimi Stirn, so hehr   und leuchtend anzusehn,                 Der Magdalena holde Züge,                 Dem Aug' ein süßeres Genüge                 Als jenes Marmors starre Lüge, Dies alles ließ den Feind   noch unentschlossen stehn.                 Da rief Trophim: Hört, Arelaten!                 Bei Christo, lasset euch beraten, Vernehmet erst mein Wort   und mordet dann mich hin!                 O Volk von Arles, du sahst soeben                 Dein Götzenbild vor mir erbeben;                 Nicht uns ist solche Macht gegeben: Es fiel vor unserm Gott!   Nichts sind wir ohne ihn!                 Der deinen Götzen dir entthronet,                 Kein Gott ist's, der in Tempeln wohnet, Auf Hügeln auferbaut.   Doch schauen Tag und Nacht                 Nur ihn dort oben. Streng dem Schlechten,                 Mild dem Gebete des Gerechten,                 Hat er in sieben Tag' und Nächten Das weite Firmament   und Erd' und Meer gemacht.                 Einst sah er von der Sternenfeste,                 Voll Raupenfraß des Weltbaums Äste; Er sah, wie Sklaverei   die eig'nen Tränen trank                 Und ohne Tröster sich verzehrte,                 Sah, daß man nicht den Tempel wehrte                 Dem Bösen, der als Priester lehrte, Er sah, wie keusche Scham   der Lust zum Opfer sank!                 Und jene Giftbrut zu verjagen,                 Der Menschheit ganzes Weh zu tragen, Die hilflos an den Pfahl   der Schmach gefesselt war,                 Hat er den eignen Sohn gesendet,                 Der nicht sich herrlich, glanzumblendet,                 Nein, nackt und arm an uns gewendet, Durch einer Jungfrau Schoß,   die ihn auf Stroh gebar.                 Tu Buße, Volk von Arles, tu Buße!                 Wir, noch erquickt von seinem Gruße, Bezeugen dir, daß Gott   in seinen Taten war.                 Wir durften seine Wunder schauen,                 Wenn in des Jordans fernen Gauen                 Er wandelte, und voll Vertrauen Die Armut zu ihm kam,   der Mühbeladnen Schar.                 Und allen hat er vorgeschrieben,                 Einander brüderlich zu lieben; Und seines Vaters Reich   versprach sein heil'ger Mund                 Nicht denen, die in Sünden schleichen,                 Den Stolzen nicht und nicht den Reichen,                 Wohl aber denen, die da weichen Und reinen Herzens sind   und klein und arm und wund.                 Und er bezeugte seine Lehre                 Im Sturme wandelnd auf dem Meere; Die Kranken heilt' er oft   mit einem Blick und Wort,                 Die Toten, die schon Grabesbanden –                 Wie hier den Lazarus – umwanden, Sind auf sein Rufen auferstanden! . . . Doch ward sein Wirken bald   den Mächtigen ein Tort;                 Sie nahmen meuchlings ihn gefangen,                 Sind mit ihm vor die Stadt gegangen Und dort, am Kreuzesstamm,   mit Bitternis betaut,                 Sein heilig Angesicht bespieen,                 Ließ betend er den Geist entfliehen,                 Zum Vater! . . . Gnade! Gnade! schrieen Die Arelaten rings   und alle schluchzten laut.                 Gnade für uns! Was nun beginnen,                 Des Vaters Nachsicht zu gewinnen? Sprich, greiser Gottesmann,   versöhnt man ihn durch Blut?                 Befiehl, daß man die Opfer rüste!                 Doch er: O, daß es jeder wüßte:                 Er will, daß jeglich bös Gelüste Ihr ihm zum Opfer bringt   und damit Buße tut!                 Denn das, woran der Herr Gefallen,                 Ist nicht der Prunk der Tempelhallen Und nicht des Opfers Blut.   Doch hat er Lust am Brot,                 Das ihr den Hungernden mit Güte                 Verteilt, ihn freut ein rein Gemüte,                 Das in der Jugend Maienblüte Sich ihm zu eigen gibt   und seines Sohns Gebote –                 So ging des Gotteswortes Kunde                 Gleich einem heil'gen Öl vom Munde Des großen Jüngers aus.   Und manche Träne rann;                 Und küssend nahten dem Gewande                 Des Heiligen, aus Stadt und Lande                 Die Kranken. Und die Götzenschande Der nackten Bilder stieß   man aus der Tempel Bann.                 Den Arelaten zum Beweise                 Wies seiner Augen helle Kreise Sidon, einst blind, und sprach:   Seht, was der Glaube tut!                 Und Maximin begann zu lehren,                 Durch Reue sei der Herr zu ehren;                 Und mächtig ward das Heilsbegehren: Durch unsre Hand empfing   ganz Arles der Taufe Gut.                 Wie Wind des Reisigfeuers Lohe,                 So trieb der Geist uns glaubensfrohe Apostel vor sich her   auf seiner heil'gen Bahn.                 Da kniet, als wir zum Gehn uns wandten,                 Vor uns ein Trupp von Abgesandten:                 Ihr Sendlinge des unbekannten Und großen Gottes, hört,   so flehn sie, hört uns an!                 Schon ist, was ihr mit Flammenzungen                 Gepredigt, bis zu uns gedrungen; Zu euren Füßen schickt   uns unsre arme Stadt . . .                 Wenn ihr nicht helft, sind wir verloren:                 Es hat den Wald vor unsern Toren                 Ein Drache sich zum Sitz erkoren. . . . Seht zu, ob euer Gott   mit uns Erbarmen hat!                 Das Tier hat Schuppenschweif und Klauen,                 Hat Augen, rot wie Blut zu schauen Und einen Panzerleib,   der ganz von Stacheln blinkt.                 Sechs Füße tragen schnell den Drachen,                 Er hat des größten Löwen Rachen;                 Nachts hören wir die Knochen krachen, Wenn er im Felsversteck   Erbeutete verschlingt.                 Und Rhoneschiffer alle Tage                 Raubt uns die fürchterliche Plage. Man hört in Tarascon   nur jammern noch und schrein. . . .                 Wohlan! ruft Martha, kein Verweilen!                 Mir brennt das Herz, dies Weh zu heilen!                 O komm, Marcella, laß uns eilen Mit Gott das arme Volk   vom Drachen zu befrein!                 Und nun, zum letztenmal auf Erden,                 Umarmt man sich. Dort oben werden, Ruft man sich scheidend zu,   wir einst uns wiedersehn!                 Limoges ward Martials Erwählte,                 Toulouse Saturnins Vermählte,                 Das prächtige Oranien wählte Eutrop und ließ alldort   das Gottesbanner wehn.                 Wohin willst aber du dich wenden,                 O sanfte Jungfrau? . . . In den Händen Den Weihbusch und das Kreuz   schritt Martha lächelnd fort                 Auf die Tarasco zu. Die Heiden                 Sahn immer kleinern Raum sie scheiden                 Und sich am seltnen Kampf zu weiden, Erkletterten sie flugs   die Pinien rings am Ort.                 Auf fährt vom Schlaf mit wildem Wüten                 Das Tier. . . . Nun mag dich Gott behüten! Doch seht! Mit einem Strahl   Weihwassers ist's getan!                 Vergebens ist des Scheusals Bäumen,                 Sein Schnauben, Zischen, Fauchen, Schäumen,                 Denn Martha führt an dünnen Zäumen Es fort . . . Anbetend drängt   die Menge sich heran.                 Sprich, bist du Artemis, die Schnelle?                 Bist Pallas du, die Weisheitshelle? Die junge Christin fragt   man also. Aber sie:                 Nein, nein, nicht mir gebühren Ehren,                 Als Gottes Magd, sein Reich zu mehren,                 Komm' ich. Und sie begann zu lehren Und alle beugten schnell   mit ihr vor Gott das Knie.                 Mit ihrem Worte traf die Reine                 Bei Avignon die Felsgesteine, Und also herrlich floß   daraus des Glaubens Strom,                 Daß spätre Männer, die mit Namen                 Clemens und Gregor hießen, kamen                 Und heil'gen Kelches ihn entnahmen. Da bangte siebzig Jahr   um seine Vormacht Rom.                 Provencerland, von Gott erkoren,                 Du wardst, lobsingend, neu geboren! Habt ihr es je gesehn,   im Feld und Walde dort,                 Wie bei den ersten Tropfen Regen                 Sich Bäum' und Büsche froh bewegen?                 So kamen, dürstend nach dem Segen, Die Herzen all herbei   und labten sich am Wort.                 Selbst du, Massilia, vom Denken                 An Irdisches nicht abzulenken, Gefahr und Sturm zum Trotz   auf Goldgewinn bedacht;                 Die Augen auf das Meer gerichtet,                 Nur sinnend, wie man Schätze schichtet:                 Du, Stolze, standest wie vernichtet Beim Wort des Lazarus   und schautest deine Nacht!                 Und im Uvèunobach, den Zähren                 Der heil'gen Magdalena nähren, Hast du der Sünde Schlamm   vor Gott hinweggespült.                 Nun baust du Gärten und Paläste . . .                 Erinnre dich, eh' Sturm die Äste                 Geknickt, inmitten deiner Feste Der Heiligkeit der Flut,   die deine Füße kühlt.                 Hügel von Aix, ihr Felsenkämme                 Sambucos, hohe Pinienstämme Des Esterel und du,   erhabne Wälderpracht                 Der Trevaresso, gebt uns Kunde,                 Wie alle Täler in der Runde                 Aufjubelten in jener Stunde, Als Bischof Maximin   das Kreuz dorthin gebracht.                 Doch wer ist dort in heißem Flehen                 In einer Höhle Grund zu sehen, Weißarmig, schmerzgebeugt?   O schau, wie am Gestein                 Die zarten Kniee sich verwunden!                 Vom blonden Haar, das losgebunden                 Ihr einzig Kleid, ist sie umwunden; Der Mond wacht über ihr   mit seinem bleichen Schein.                 Der Büßenden Gebet zu lauschen                 Neigt sich der Wald und hemmt sein Rauschen; Und, atemlos gespannt, siehst   Engel süß und hold                 Die Trostverlaßne du umstehen,                 Nach ihrer Tränen Perlen spähen                 Und, wenn sie eine fallen sehen, Sie sammeln unverweilt,   in einen Kelch aus Gold.                 Genug, schon längst genug der Tränen!                 Der Wald bringt dir, o Magdalenen, Auf Flügeln seines Hauchs   das göttliche Verzeihn;                 Die Reue ließ die Schuld verjähren                 Und ewig werden deine Zähren                 Der Frauenliebe Leid verklären Mit eines Schleiers Glanz,   wie Schnee so weiß und rein!                 Doch vom verzehrenden Bereuen                 Konnte die Ärmste nichts zerstreuen: Nicht dort am Sant-Pieloun   die Vöglein, reich an Zahl                 In Ehrerbietung sie umgebend,                 Auch nicht die Engel, die, sie hebend,                 Wohl siebenmal des Tages, schwebend Sie durch die Luft entführt,   weit über Berg und Tal.                 Dir, Herr des Himmels und der Erden,                 Sei Lob und Preis! Uns mög' es werden, Dir ewig nah zu sein   in deiner Strahlenwelt!                 Wir armen, heimatlosen Frauen,                 Doch deiner Liebe voll, wir schauen                 Mit Dank und innigem Vertrauen Den Abglanz deines Lichts,   der unsern Pfad erhellt!                 Ihr, Hügel von Li-Baus, ihr blauen                 Alpinen, tragt in euren Gauen Die Spur von unserm Wort,   das dort ins Felsgestein Die Spur von unserm Wort, das dort ins Felsgestein \&c. – Nach der Legende der drei Marien hat das steuerlose Schiff die verbannten Heiligen am äußersten Ende der Insel Camargo gelandet. Jene ersten Apostel Galliens wanderten rhoneaufwärts bis nach Arles und verteilten sich von da über das mittägliche Frankreich. Joseph von Arimathia soll sogar bis nach Britannien vorgedrungen sein. Dies die Überlieferung von Arles. Diejenige der Bewohner von Li-Baus knüpft hier an und setzt die Irrfahrt der heiligen Frauen fort. Dieselben sollen in den Alpinen das Evangelium verkündet und, um das Gedächtnis ihrer Predigt zu verewigen, in wunderbarer Weise ihre Bildnisse in den Felsen eingegraben haben. Auf der Ostseite des Hügels von Li-Baus sieht man heute noch dieses geheimnisvolle alte Denkmal. Eine hohe Felsnadel ragt über dem Abhang empor. Die talwärts gewendete Seite zeigt drei riesige Frauenbildnisse, für das umwohnende Landvolk ein Gegenstand hoher Verehrung.                 Geschrieben steht für alle Zeiten.                 In der Camargo Inselweiten,                 In ihrer Sümpfe Einsamkeiten, Befreite uns der Tod von unsrer Tage Pein.                 Bald, wie es Schicksal alles dessen,                 Was hinsinkt, barg auch das Vergessen Der drei Marieen Gruft.   Man sang von Lieb und Wein                 Der Rhonestrom, der flutenreiche,                 Saugt die Durance auf: Das gleiche                 Geschah dem heitern Königreiche: Denn endlich schlief Provence   an Frankreichs Busen ein.                 Sei du ihr Hort im Schwesternbunde                 Frankreich! rief in der Sterbestunde Ihr letzter König aus.   O schreitet Hand in Hand,                 Um euer Werk mit Ruhm zu krönen.                 Das Starke du mit ihr, der Schönen:                 Wenn einig eure Stimmen tönen, Entflieht die finstre Nacht   vor eurer Stirnen Band!                 Der König hieß René der Gute.                 An einem Sommerabend ruhte Sein Haupt vom Tagwerk aus.   Da zeigten wir den Strand                 Im Traumbild ihm, wo wir begraben.                 Zwölf fromme Bischöfe begaben                 Mit König, Hof und Edelknaben Sich her, wo unterm Moos   man unsre Gräber fand.                 Ade, Mirèio. Ach, wir sehen                 Des Lebens Licht in dir verwehen Gleich einer Lampe Schein,   der zu erlöschen droht . . .                 Auf, Schwestern, eilt, die Stunden rinnen!                 Laßt, ehe noch ihr Geist von hinnen,                 Die lichten Höhen uns gewinnen; Denn daß wir vor ihr dort   ist unsrer Pflicht Gebot.                 Ein schneeiges Gewand und Rosen                 Bereiten wir der Makellosen, Die Liebesmartyrtum   den Ihrigen entreißt . . .                 Auf Paradieseswegen sprießen                 Ihr Blumen. Heil'ge Strahlen gießen                 Sich aus, Mirèio einzuschließen! Gott in der Höh' sei Ehr',   dem Sohn und heil'gen Geist! Zwölfter Gesang Der Tod Das Land der Orangen. Die Heiligen kehren zum Himmel zurück. Ankunft des Vaters und der Mutter. Frauen aus Li-Santo tragen Mirèio zur oberen Kapelle, wo die Reliquien aufbewahrt werden. Die Kirche der heiligen Marien. Die Bitten. Der Strand der Camargo. Ankunft Vincèns, Ausbruch seines Schmerzes. Der Sanktiner Kirchenlied. Letztes Gesicht Mirèios. die heiligen Marien erscheinen auf der Höhe des Meeres. Letzte Worte und beseligter Tod des jungen Mädchens. Verzweiflung der Eltern und Vincèns. Schlußgesang.                             Wann dort, wo Goldorangen blinken,                 Des Gottestages Strahlen sinken, Die Fischer für die Nacht   die Reusen still versenkt                 In Buchten und an Felsgestaden,                 Die Mädchen in den Wingertpfaden                 Die Traubenkörbe hoch geladen, Und munter Schar um Schar   die Schritte heimwärts lenkt:                 Dann hallt von des Argèns Geländen,                 Auf Ebenen, an Hügelwänden, In langgezog'nem Chor   laut fröhlicher Gesang.                 Doch nun verstummen Lust und Lieder,                 Des Abends Stille senkt sich wieder                 Rings auf die dunkeln Berge nieder, Und aus den Tälern steigt   der Schatten, trüb und bang.                 Auf schwebten zu des Himmels Pforte                 Die Heiligen. Auch ihre Worte Verwehten, Wölklein gleich,   in goldnem Abendlicht,                 Wie Nachklang einer fernen Weise,                 Wie Chorgesang, der Gott zum Preise                 Auf Windesflügeln leise, leise Vom Kirchlein aufwärts tönt.   Mirèio hörte nicht.                 Sie kniete still und schien zu träumen.                 Ein seltsam Sonnenstrahlumsäumen Verklärte ihre Stirn   mit neuem Schönheitsglanz. . . .                 Es hatten in den Heidelanden                 Die Eltern sie gesucht und fanden                 Sie endlich, endlich hier. Nun standen Die beiden tief bestürzt   im äußern Hallenkranz.                 Die Hand eintauchend bei der Türe,                 Daß heiliges Naß die Stirn berühre, Betritt das greise Paar   der Kirche Binnenraum.                 Mirèio sieht sie. . . . Starr vor Schrecken                 Gleich einer Amsel, wenn in Hecken                 Verfolger jäh ihr Nest entdecken: Ihr, Vater, Mutter, hier!   ruft sie und faßt es kaum                 Und sinkt. Die Mutter aber, weinend                 Das Antlitz mit dem ihren einend, Drückt sie an ihre Brust   und flüstert leis und lind:                 Was fehlt dir? Deine Wangen brennen!                 Wirst du die Deinen wieder kennen?                 Nichts soll hinfort dich von uns trennen! Und weint und lacht verwirrt:   Sie ist's, es ist mein Kind! –                 Mirèio, meine süße Kleine,                 Es drückt des Vaters Hand die deine! Und ihre kalte Hand   umklammert schmerzerstickt                 Der Greis. Indes auf Windeswogen                 Ist Kunde bis ins Dorf geflogen,                 Und eilend kommt viel Volks gezogen, Das durch der Kirche Tor   gerührt ins Innre blickt.                 Ihr müßt sie, hört man draußen sagen,                 Zur obersten Kapelle tragen! Tragt sie sogleich hinauf,   es soll das arme Kind                 Der großen Heiligen Gebeine                 Im wunderreichen Gnadenschreine                 Berühren! . . . Frau'n aus der Gemeine Heben die Kranke auf   und tragen sie gelind.                 Das Kirchlein an des Meeres Wellen                 Besteht aus drei Altarkapellen, Turmartig aufgebaut   aus roh behau'nem Stein.                 Die unterste, Sara geweihte,                 Ruft zum Gebet aus Näh' und Weite                 Braunes Zigeunervolk. Die zweite Braunes Zigeunervolk \&c. – Die Zigeuner des ganzen westeuropäischen Südens hegen eine große Vorliebe für den Wallfahrtsort der heiligen Marien. Alljährlich zum Feste des 25. Mai (vergl. Anmerkung 11 ) ziehen sie in Scharen nach Li-Santo, wo ihnen von alters her das Recht eingeräumt ist, in der Krypta, welche die Überreste der heiligen Sara von Ägypten, der Dienerin der drei Marien, enthalten soll, ihren phantastischen Andachtsübungen obzuliegen. Schließt den Altar des Herrn   in ihre Rundung ein.                 Auf dieser ruht die höchste, dritte,                 Als Krönungsbau der Tempelmitte. Sie birgt der drei Marien   geheiligtes Gebein,                 Vermächtnis ihrer Erdenpfade                 Und nun ein Quell der Himmelsgnade. . . .                 Vier Schlüssel schließen jede Lade Und aus Zypressenholz   sind Deckel, Sims und Schrein.                 Nur einmal im Jahrhundert werden                 Sie aufgetan. Heil dem auf Erden, Der solchen Wunderborn   geschaut, berühret hat!                 Er darf getrost aufs Meer sich wagen,                 Ihm werden reich die Zweige ragen                 Und körbeweise Früchte tragen, Und seine Seele trinkt   am ew'gen Gut sich satt.                 Behütet wird von einem reichen                 Und schöngeschnitzten Tor aus Eichen, Geschenk der Stadt Beaucaire,   das heil'ge Kirchengut.                 Doch mehr als Wall und Eichenpforte                 Verbürgt dem hohen Segenshorte                 Die Gunst, mit der dem Gnadenorte Der Himmel zugetan,   getreue, sichre Hut.                 Treppauf zur obersten Kapelle                 Trug man die Kranke. Vor der Schwelle Empfing sie der Kaplan   und öffnete das Tor.                 Wie wenn, vom Sturm gebeugt, die schlanken,                 Fruchtschweren Gerstenhalme schwanken,                 So, auf der Kirche Fliesen, sanken Die Beter und es stieg   also ihr Ruf empor:                 O schöne, heil'ge Himmelsfrauen!                 O wollet gnädig niederschauen Laßt für dies arme Kind   uns um Erbarmen flehn                 Und gebt, daß Heilung noch gelinge!                 Die Mutter ruft: O helft, ich bringe                 Mein goldnes Kreuz euch, Kett' und Ringe Und will durch Stadt und Land   nur euch lobsingen gehn! –                 O Heil'ge! Lasset euch bewegen!                 Mein bestes Gut ist sie, mein Segen! Fleht zitternd auch Ramoun   in später Reue Pein.                 O wollet, Heil'ge, sie bewahren,                 Die schuldlos, schön und jung an Jahren;                 Mich aber laßt zur Grube fahren, Es kann auf Erden ja   mein alt und morsch Gebein                 Nur noch zum Malvendüngen taugen! . . .                 Wortlos, mit halb geschloss'nen Augen, Lag nun Mirèio da.   Nicht fern mehr war die Nacht.                 Weil frische Lüftchen von den Wiesen                 Und aus den Tamarisken bliesen,                 Hatte man auf des Daches Fliesen, Von wo das Meer zu sehn,   die Sterbende gebracht.                 Denn das Portal – die Augenhelle                 Der benedeiten Grabkapelle – Führt auf das ebne Dach.   Wer droben wandelt, steht,                 Wie jenseits von der Brandung Schaume,                 Weit draußen sich, im weißen Saume,                 Die Flut eint mit dem Himmelsraume, Und wie das große Meer   die ew'gen Furchen zieht;                 Sieht Wellen, die ans Ufer jagen,                 In Stürzen aufeinanderschlagen, Mit ihrem weißen Gischt   die Dünen überziehn                 Und brausend sich im Sande brechen;                 Landeinwärts ungeheure Flächen,                 Die keine Hügel unterbrechen Und endlos, klar und blau,   den Himmel drüber hin;                 Und Tamarisken, deren Ranken                 Im Winde hin und wieder schwanken; Dort, salzkrautüberdeckt,   den weiten Heideplan,                 In dessen Teichen Schwäne baden                 Und, an des Vacarés Gestaden,                 Auf wildverwachs'nen Sumpflandpfaden, Die Herden, die zum Trunk   dem Wasserspiegel nahn.                 Jetzt wird ein schwacher Laut vernommen,                 Der von Mirèios Mund gekommen, Und leise murmelt sie:   Vom Land her und vom Meer                 Sind es zwei Lüftlein, die ich fühle:                 Das eine frisch wie Morgenkühle,                 Das andre sengend und voll Schwüle; Mich dünkt, es sei sein Hauch   von Leid und Klagen schwer.                 Nun schwieg sie . . . Nach der grünen Heide                 Und nach der See im Schaumgeschmeide Blickten erwartungsvoll   gleich die Sanktiner hin;                 Und einen schmucken Jüngling sahen                 Sie mit beschwingten Schritten nahen;                 Er war von Wirbeln Staubs umfahen, Das Tamarisgehölz   schien hinter ihm zu fliehn.                 Es ist Vincèn! . . . Du armer Knabe,                 Dein Hoffen geht, dein Glück zu Grabe! Als kaum sein Vater ihm   voll Leid gesagt: Mein Sohn,                 Nicht gönnet dir des Schicksals Güte                 Des Zürgelbaumes holde Blüte! . . .                 War er, Verzweiflung im Gemüte, Noch einmal sie zu sehn,   vom Heimatdorf entflohn.                 Sie ist bei den drei Heil'gen! sagte                 Man in der Crau ihm. Eilends jagte Er nach dem fernen Strand.   Nicht Crau noch Rhonelauf,                 Noch Marschland hemmen seine Schritte;                 Kein Ort, wo es zur Rast ihn litte . . .                 Jetzt steht er in der Beter Mitte: Wo ist sie, ruft er, wo? und richtet hoch sich auf.                 Sie ist beim heil'gen Schrein . . . noch lebend,                 Doch schon im Todeskampf bebend! – Da flog er atemlos   den Wendelsteig hinan,                 Und nun, an ihrem Lager stehend,                 Die sterbende Geliebte sehend,                 Hob er die Hände hilfeflehend: Was hab' ich, schrie er auf,   was hab' ich Gott getan?                 Was büß' ich? . . . Nahm ich der das Leben,                 Die säugend mir die Brust gegeben? Bin ich im Kirchenbann?   Wie? Sah man, daß ich je                 Am heil'gen Licht die Pfeife zünde?                 Hab' ich durch Kot und Distelgründe                 Das Kreuz geschleift? O! welche Sünde, Sagt an, rächt Gottes Zorn   an mir durch solches Weh?                 Ha! Nicht genug, sie mir zu weigern:                 Man war bedacht, ihr Leid zu steigern! Und er umschlang sein Lieb.   Die rings, in dichter Schar                 Um ihn gedrängt, den Jammer schauten,                 Fühlten, wie bei den Klagelauten                 Von Wehmut ihre Herzen tauten Und teilten seinen Schmerz   und weinten um das Paar.                 Und wie von einem Wasserfalle                 Aus tiefem Tal, im Wiederhalle, Geräusch zur Alp hinauf   ins Ohr des Hirten dringt,                 So, aus des Tempels Tiefe, schwangen                 Die Töne sich empor und drangen                 Herauf zur Kranken. Sanft erklangen Die Worte des Chorals,   den der Sanktiner singt:                 O teure Heil'ge, milde Frauen,                 Die einst ihr unsre Marschlandauen Für euer Grab erwählt,   das leuchtend sich erhebt                 Mit seinen Türmen, seinen Zinnen:                 Was soll der Steuermann beginnen                 Und wie des Meeres Wut entrinnen, Wenn ihr nicht hilfbereit   ihm günst'ge Winde gebt!                 Und wer hilft einer armen Blinden?                 Kein Salbei und kein Günsel finden Den Ausweg ihr zum Licht und steuern ihrer Not.                 Stumm, nur mit rührenden Geberden,                 Bejammert sie ihr Los auf Erden . . .                 O! Laßt sie wieder sehend werden, Denn Nacht, beständig Nacht, ist schlimmer als der Tod                 Herrinnen, Paradiesesfrauen,                 Hort unsrer meerumrauschten Auen, Ihr schickt, für unser Netz,   die Fische küstenwärts;                 O weiße Blumen unsrer Heiden,                 Laßt ungetröstet und in Leiden                 Die sünd'ge Schar von euch nicht scheiden; Und gebt, wem Friede fehlt,   ein friederfülltes Herz!                 So, an des Heiligtumes Stufen,                 Ward Hilf' und Gnade angerufen. Und sieh! Der Heil'gen Huld   gab, daß die Todesbraut                 Ein Fünklein Lebenskraft durchsprühte                 Und daß ihr Antlitz sanft erglühte;                 Denn himmlisch süße Freude blühte In ihrer Seele auf,   als sie Vincèn erschaut:                 Geliebter, hast du mich gefunden?                 Gedenkst du noch der ersten Stunden Und jenes Abends noch – wie lauscht' ich deinem Mund –                 Als du auf unsern Hof gekommen,                 Als ich von dir den Rat vernommen:                 Geh, wenn du je vom Leid beklommen, Schnell zu den heil'gen Frau'n,   dort wird das Herz gesund.                 O könntest du, dich zu erbauen,                 Vincèn, in meine Seele schauen! Mich richtet reichster Trost   aus allem Leid empor:                 Mein Herz ist wie ein frischer Bronnen,                 Den Gnad' und Freude hell besonnen!                 Es überfließt von Glück und Wonnen, Ich seh' im Himmel schon   der Gottesengel Chor. . . .                 Mirèio schwieg. Die Lippen schliefen,                 Doch in des Äthers blaue Tiefen Heftete sich ihr Blick   und schaute unverwandt                 Nach fernen, wunderbaren Dingen . . .                 Dann hauchte sie wie leises Singen:                 O selig, sich dem Staub entringen, O selig, wenn der Leib   die Seele nicht mehr bannt!                 Sahst du, als sie zum Himmel fuhren,                 Vincèn, der Heil'gen Strahlenspuren? . . . O welch ein schönes Buch,   schriebe man alles auf,                 Was sie geredet, mir zum Frommen,                 Auch nicht ein Wörtchen ausgenommen! . . .                 Vincèn, in Tränen, schmerzbeklommen, Ließ dem gehemmten Weh   in Klagen freien Lauf:                 Gott gäb', ich hätte sie gesehen!                 Mit lautem Schreien, heißem Flehen Geklammert hätt' ich dann   mich ihnen ans Gewand . . .                 Laßt uns nicht jede Hoffnung schwinden,                 Hätt' ich gerufen. Zuflucht finden                 Wir nur bei euch! Laßt mich erblinden, Macht zahnlos mir den Mund   und fingerlos die Hand,                 Ihr aber, meiner kleinen Elfe,                 Gebt, gebt, daß Gottes Gnade helfe! – O seht, da sind sie schon!   O schaut, wie um sie her                 Die leuchtenden Gewänder schweben!                 Rief nun Mirèio. Und im Streben,                 Der Mutter Arm sich zu entheben, Winkte sie mit der Hand   hinaus ins off'ne Meer.                 Und alle blickten nach dem Meere,                 Und alle schauten nur ins Leere. Nichts, sprachen sie, kein Schiff,   kein Wölkchen sieht man ziehn!                 Wir sehn nur über'm Brandungsschaume,                 Wie fern, im weißen Wellensaume,                 Die Flut sich eint dem Himmelsraume, Sonst ringsum nichts. – Wohl, wohl!   O seht nur besser hin!                 Auf einem segellosen Nachen                 Stehn sie, rief zwischen Traum und Wachen Mirèio. Seht, das Meer   wird glatt auf ihr Gebot!                 Sie sind es wohl! Wie ziehn sie leise!                 Ein milder Lufthauch lenkt die Reise                 Auf blauer, stiller Flut Geleise . . . Es schwärmen, wie zum Gruß,   Seevögel um das Boot! –                 Sie redet irr, die arme Kleine . . .                 Nichts sehn wir, als im Purpurscheine Der See den Sonnenball,   der eben niedertaucht.                 Sie aber spricht: Ja, ja, sie kommen!                 Sie haben mein Gebet vernommen!                 Sanft wiegend kommt ihr Schiff geschwommen, Es ist ein Gotteswind,   der es ans Ufer haucht! –                 Doch schon entfärbte sie das Leiden.                 Weiß, wie Maßliebchen auf der Heiden, Wird sie, das Sonnenbrand   kaum aufgeblüht, geknickt;                 Und ihrer Farbe Flucht belauert                 Entsetzt, von allen tief bedauert,                 Vincèn, der bebend, schmerzdurchschauert, Sein brünstiges Gebet   hinauf zum Himmel schickt.                 Und jetzt, umblinkt von Kerzenhelle,                 Erschien, im Chorkleid, auf der Schwelle Der Priester mit dem Brot   und dem Chrismarium.                 Erst gab er ihr die Himmelsspeise,                 Dann, nach des Kirchenritus Weise,                 Die Ölung für die letzte Reise, Und siebenmal empfing   der Leib das Heiligtum.                 Ganz stille war's am Gnadenorte.                 Man hörte nur des Priesters Worte, Der das Oremus sprach.   Hoch an der innern Wand                 Der goldig schimmernden Kapelle                 Erstarb des Tages letzte Helle,                 Und langsam brach die Meereswelle Mit rauschendem Getön sich an des Ufers Sand.                 Die Eltern, der Geliebte lagen                 Verzweifelt auf den Knien. Ihr Klagen Erscholl von Zeit zu Zeit   wie dumpfes Schmerzgestöhn. –                 Kommt, sprach Mirèio, laßt das Weinen,                 Legt eure Hände in die meinen                 Zum Abschied, denn in Glorienscheinen Nahn die Marien mir,   und leuchten himmlisch schön.                 Es eilen ihnen allerwegen                 Die Vögel froh zum Gruß entgegen . . . Anbetend neigt sich schon   der Tamariskenhain.                 Sie winken mir, ich soll mich sputen                 Und ohne Furcht sein. O, die Guten!                 Ihr Schifflein führt durch lichte Fluten Auf gradem Wege mich   ins Paradies hinein.                 Ramoun sprach: Daß mit Karst und Reute                 Ich fleißig war, was hilft mir's heute, Wenn du von Hause gehst,   mein liebes, süßes Kind?                 Wohl war ich oft vom Pflugscharlenken                 Todmüd' in Rücken und Gelenken,                 Doch braucht' ich deiner nur zu denken Und Müdigkeit und Durst   vergingen mir geschwind. –                 Zieht Nachts um eure Lampe leise                 Ein Falter manchmal seine Kreise: Ich, Vater, werd' es sein . . .   Nun ist das Schiff am Ziel . . .                 Sie harren mein im Vorderteile . . .                 Ach, nur noch eine kleine Weile,                 Denn ich bin krank, mich schmerzt die Eile . . . Da weint die Mutter laut:   Nein, nein, das ist zu viel!                 Ich trag' es nicht, du darfst nicht sterben!                 Du mußt genesen, Kraft erwerben! Und bist du erst gesund,   so ziehn wir fröhlich aus                 Und bringen einen Korb Granaten,                 Die heuer ja so schön geraten,                 Zu Muhm' Aurano, deiner Paten, Die bei Maiano wohnt,   nicht ferne von Li-Baus. –                 Nein, Mütterchen, es ist nicht ferne!                 Ach, ich begleitete dich gerne, Doch gehst du wohl allein . . .   Mir gib mein weiß Gewand:                 Denn Mäntel, weiß und schön, umwallen                 Die Boten aus den Himmelshallen!                 Ist auf den Hügeln Schnee gefallen, So glänzt er minder rein   ins winterliche Land.                 Da ruft Vincèn mit Leidgeberden:                 Mein Glück, mein alles du auf Erden, Die mir den Glanzpalast   der Liebe aufgetan,                 Die deiner Liebe Blumengabe Deiner Liebe Blumengabe . – Im Original: Toun amour, óumorno flourido! Von der Schönheit dieser Redeblüte läßt sich, ihres Inhaltreichtumes halber, in der Übersetzung wohl kaum mehr als eine schwache Andeutung geben. »Óumorno flourido«, blumiges Almosen, heißt eigentlich eine Gabe, die ein Armer empfangen und aus Mitleid einem andern, noch ärmern, geschenkt hat. In erweitertem Sinne bedeutet es eine köstliche Wohltat. Die italienische Sprache besitzt den nämlichen poetischen Begriff und drückt ihn durch »carità fiorita« aus.                 Mir dargereicht zur Seelenlabe;                 Durch die der arme Flechterknabe Zum Auserwählten ward,   dem keine Tadler nahn.                 Du, Sonne meiner Lebenstage,                 Ist's möglich, hallt um dich die Klage? Ist's möglich, kann es sein,   umwehn dein liebes Haupt                 So frühe schon des Todes Schauer?                 War unser Glück so kurzer Dauer?                 O große Heil'ge, rühren Trauer Und Bitten denn euch nicht,   daß solches ihr erlaubt?                 Die Jungfrau aber hauchte leise:                 O mein Vincèn, du sprichst nicht weise, Denn was der Tod uns ist,   du hast es nie bedacht:                 Ein Wort, das wir mit Unrecht scheuen,                 Ein Wolkenvorhang, dessen Dräuen                 Die Sterbeglocken schnell zerstreuen, Ein Traum, der uns erweckt,   am Ende banger Nacht.                 Ich sterbe nicht! Nein, ohne Wanken                 Besteig' ich frei des Schiffleins Planken. . . . Lebt wohl, lebt alle wohl! . . .   Schon trägt das Meer uns fort!                 Das Meer, des schöne blaue Welle                 Uns wiegt, bespült die Demantschwelle                 Des Paradieses, denn die Helle Der Ewigkeit erglänzt   an seinem Saume dort!                 Wie sanft wir auf den Wellen gleiten! . . .                 Dort, in des Abendhimmels Weiten, Bietet ein Sternlein wohl   getreue, stille Hut                 Zwei Herzen, frei von Zwang und Höhnen! . . .                 Horch! fernes, schönes Orgeltönen! . . .                 Und plötzlich stumm, mit leisem Stöhnen, Bog sie das Haupt zurück,   wie man zum Schlafen tut.                 Dem Lächeln nach in ihren Zügen                 Schien sie noch Wort an Wort zu fügen . . . Doch schon umgehn im Ring   Sanktiner sie; und nun,                 Indem sie sich die Kerze reichen,                 Schlägt jeder ob der Todesbleichen,                 Nach Brauch, damit des Kreuzes Zeichen . . . Betäubt, vernichtet schaun   die Eltern auf ihr Tun;                 Und fassen's nicht: sie muß noch leben!                 Strahlt doch ihr Antlitz glanzumgeben! Daß trostlos nun das Leid   in ihre Seelen zieht,                 Sie können, wollen's nicht begreifen.                 Vincèn läßt irr die Blicke schweifen                 Und als sie nun die Teure streifen, Als er die bleiche Stirn,   die starren Augen sieht:                 Tot, ist sie, tot! . . . Ihr Aug' erblindet! . . .                 Und wie man Weidenruten windet, Ringt er verzweiflungsvoll   die braunen Hände wund.                 Die Arme hoch zum Himmel ragen                 Läßt er und ruft mit wildem Klagen:                 Nicht sie allein zu Grabe tragen Wird man! Ihr senkt mit ihr   zugleich mich in den Grund!                 Doch nein! Sie kann, sie darf nicht gehen!                 Ein Blendwerk läßt mich irre sehen . . . Im Namen Gottes sagt,   ihr Leute, sagt mir frei,                 Ihr saht der Toten mehr als einen:                 Gehn jene denn, die wir beweinen,                 Mit Lächeln fort? Will nicht euch scheinen, Daß sanfte Fröhlichkeit   in ihren Zügen sei?                 Hilf Gott! Sie wenden sich zur Seite                 Und starren seufzend in die Weite! Zuviel! . . . So hör' ich nie,   nie deine Stimme mehr?                 Bleibt ewig nun dein Mund verschlossen? . . .                 Und Tränenströme rings ergossen                 Sich jäh. Der Brandung Wellen flossen Mit dumpfem Klang heran,   als trauerte das Meer. –                 Manchmal, in einer großen Herde,                 Stürzt eine Färse tot zur Erde; Dann sammeln, sinkt die Nacht,   die Stier' und Schälben sich                 Um die Genossin: Und von allen                 Hört man den Jammerruf erschallen,                 Und Land und Wasser widerhallen Ringsum, neun Tage lang,   von Klagen, bitterlich. –                 Beweine, Vater, deinen Knaben,                 Bewein ihn, rief Vincèn. . . . Begraben Sollt ihr, Sanktiner, mich   mit ihr . . . Und in mein Ohr                 Sprichst du, mein Lieb, im Grab, im schmalen,                 Was die Marien aus goldnen Strahlen                 Zu dir geredet . . . Muschelschalen Türmest du, wildes Meer,   dann über uns empor!                 Sanktiner, euch will ich vertrauen!                 Grabt uns in diesen Uferauen Im weichen Sand ein Grab;   denn daß ihr um uns weint,                 Ist nicht genug bei solchem Leide!                 In eine Wiege legt uns beide,                 Und daß die Flut uns niemals scheide: Häuft Steine auf den Ort, der uns im Tod vereint!                 Und während mit der Reue Klagen                 Die Stirnen die zur Erde schlagen, Die grausam uns getrennt,   ruhn wir im stillen Schrein,                 Wo blaue Wellen uns umfließen                 Und wir in seligem Genießen                 Uns ewig in die Arme schließen In süßer Küsse Tausch,   entledigt jeder Pein! . . .                 Und sinnverstört warf sich der Arme                 In heißem, namenlosem Harme Über die Tote hin,   die Augen tränenleer.                 Still lag, in fieberndem Umfangen,                 Sein Haupt an ihren bleichen Wangen . . .                 Und unten aus der Kirche klangen Die Weisen des Chorals   von neuem, voll und hehr:                 O schöne Heil'ge, milde Frauen                 Der bitternisgetränkten Auen, Ihr sendet reichen Fang   dem armen Fischerhaus:                 O weiße Blumen unsrer Heiden,                 Laßt ungetröstet und in Leiden                 Die sünd'ge Schar von euch nicht scheiden; Und wenn ihr Friede fehlt,   gießt Frieden auf sie aus!