Gustav Falke Die Stadt mit den goldenen Türmen Die Geschichte meines Lebens Meiner lieben Frau zugeeignet Erstes Buch I In Lübeck bin ich geboren, im Schatten von Sankt Marien. Es war in meinem achten Jahre, als sich meiner kindlichen Seele die Vaterstadt in einem unauslöschlichen Bilde einprägte, und immer leuchtender wurden mit der Zeit seine Farben, so daß es über ein bloßes Abbild meiner irdischen Geburtsstätte weit hinauswuchs und zum Symbol einer himmlischen Heimat erblühte, der mein Sehnen und Suchen galt. Unser Hausdiener, ein kleiner, freundlicher Mann, der sich später als Gärtner selbständig machte, war ein großer Freund der Natur. Ob wir nicht einmal die Sonne aufgehen sehen möchten, fragte er eines Tages mich und meinen um ein Jahr jüngeren Bruder; das sei das Herrlichste, was man sehen könne. Und da die Mutter es erlaubte, weckte er uns am Pfingstsonntag vor Tagesanbruch und führte uns auf den Stadtwall hinauf. Uns fror, und wir zitterten an der Hand des guten Mannes, der uns mit allerlei Geschichten zu unterhalten und zu erwärmen suchte und uns von Zeit zu Zeit zum Laufen und Springen ermunterte, worauf wir denn wie zwei junge Böcklein ein paarmal auf und nieder hüpften. Auch auf den Gesang der Vögel ließ er uns lauschen, die nach und nach ihre Stimmen erhoben und den Tag einsangen. Aber alles das machte uns nicht warm, erst der Anruf: »Jetzt! Jetzt kommt sie!« ließ uns alles vergessen und richtete unsere großen Kinderaugen auf die Himmelstür, aus der die Königin in ihrem goldenen Kleide nun heraustreten sollte. Noch lagen die Dächer und Türme der Stadt, wie auch die wenigen Masten in ihrem stillen Hafen, in einem kalten Zwielicht. Hier und da stieg schon ein Rauch aus den Schornsteinen, der uns anzeigte, daß wir nicht die einzigen Frühaufsteher waren, und uns zugleich an den Morgenkaffee erinnerte, der uns mit seinem Festkuchen noch bevorstand. Da öffnete sich der Himmel, die hohe Fürstin war im Anzuge, und ein Saum ihres Gewandes wurde sichtbar. Wir sagten kein Wörtchen zu ihrer Begrüßung, sondern verstummten in großer Ergriffenheit. Franz aber zog uns in diesem Augenblick fester an sich, und mich will heute bedünken, als hätte er sich ebensosehr an unserer Freude als an dem himmlischen Schauspiel geweidet. Und nun trat langsam, in immer größerer Glorie, die Sonne hervor und schüttete ihre flammenden Rosen über die erwachende Stadt aus. Zuerst erglühten die schlanken Türme von St. Jakobi in einem märchenhaften Rot, aber blitzgleich folgten St. Marien und St. Ägidien und die ernsten Türme des Domes; und das schimmernde Licht lief an ihnen hernieder und über die hohen Dächer hin. Die spitzen Giebel der Häuser erglänzten, und wir suchten neben St. Marien unser väterliches Dach und waren erfreut, daß es gleichfalls wie eitel Gold funkelte; aus dem Hafen aber wiesen die Masten wie feurige Finger in den aufgetanen Himmel. Als hätten die Vögel bisher nur zaghaft ihre kleinen Kehlen gestimmt und wollten sich jetzt mit dem himmlischen Gloria messen, hub ein vermehrtes Trillern und Flöten an; und daß auch die Büsche und Bäume in der allgemeinen Morgenmusik nicht zurückstanden, erwachte ein Säuseln und Rauschen in allen Zweigen und Kronen. Wie nun alles so recht in heiligem Eifer war, nahm Franz uns sacht an der Hand und führte uns den grünen Wall hinab, durch lauter Morgenglanz und -klang, der harrenden Mutter wieder zu. Als dann aber nachher von allen Türmen die Pfingstglocken ihre frommen und frohen Stimmen erschallen ließen, so daß die ganze Luft über der nunmehr erwachten Stadt von ihrem Klingen erschüttert war, wie fühlte sich da mein Gemüt, in heiliger Frühe köstlich vorbereitet, auf das innigste ergriffen! In der Nacht aber baute sich das feurige Morgenbild noch einmal vor mir auf. Mir träumte, ich ginge in den Straßen der himmlischen Stadt spazieren, barfuß, in meinem weißen Hemdchen, alle Leute waren wie ich gekleidet, und wir wandelten fromm und friedlich miteinander in all dem Glanz umher; und von den goldenen Türmen sangen die Glocken. * Unser Vaterhaus lag so recht im Mittelpunkt der Stadt; St. Marien sandte ihm stündlich ihre nachbarlichen Grüße, und die schwarzen Giebel und Türmchen des alten, ehrwürdigen Rathauses sahen ihm in die Fenster. Es war ein altes Kaufmannshaus mit festen, breiten Mauern und schien für die Ewigkeit gebaut. Es war ein Eckhaus. Die Mutter betrieb darin mit Hilfe eines Geschäftsführers eine Manufakturwarenhandlung: Seiden-, Leinen- und Wollzeuge. Der Vater war früh gestorben, ich erinnere mich seiner kaum. Er hatte die Seinigen in einem behäbigen Wohlstande zurückgelassen, denn er war ein tüchtiger Kaufmann gewesen, der sein Detailgeschäft zu einer respektablen Höhe gebracht und in der Handelswelt meiner Vaterstadt eine geachtete Stellung eingenommen hatte. Von seinem guten Herzen und seiner Liebe zu uns Kindern erzählte die Mutter oft genug, so daß wir wohl glauben durften, den besten Vater gehabt zu haben. Er war in Ratzeburg geboren, wo unser Großvater die Posthalterei innehatte. Da hat er sich mit seinen sieben oder acht Brüdern in den schönen Wäldern um den See herum weidlich getummelt, im Sommer barfuß; denn es mag dem Großpapa Posthalter nicht immer leicht geworden sein, für die reichliche Nachkommenschaft Strümpfe und Stiefel in genügender Anzahl herbeizuschaffen. Es sind aber aus den Barfüßern hernach meist tüchtige, angesehene Leute geworden, von denen einige es zu leidlichem Wohlstand gebracht, wie mein Vater, andere sogar in gelehrten Berufen sich ausgezeichnet haben, so daß ich mich dieser nächsten barfüßigen Vorfahren nicht zu schämen brauche. Lübeck war in meinen Kinderjahren eine stille Stadt, und die Straßen mit den alten, meist schmalfrontigen Giebelhäusern boten uns Raum genug für unsere Spiele. Aber lieber noch als die Straße suchten wir unseren Hausboden auf. Unter dem schrägen Dach mit seinen roten Ziegeln, welch eine glückliche Kinderwelt baute sich hier auf! Durch die zwei oder drei kleinen, runden Fenster fiel das Tageslicht mit einem märchenhaften Glanz; von einem silbernen Staubmantel umgeben, stellte es goldene Teller auf den Fußboden, von denen die unsichtbaren Schutzgeister dieses wundersamen Reiches speisten. Waren wir im Spieleifer, so achteten wir des güldenen Gedeckes natürlich nicht, sondern sprangen mutwillig über so edles Geschirr hin und her, als wäre es nichts als ein paar Sonnenflecken; waren wir doch Buben, und stand doch unser Schlachtroß hier, ein lebensgroßes, ausgestopftes, fuchsfarbenes Füllen. Auf diesem Schaukelpferd galoppierten wir um die halbe Welt oder sprengten mit viel Geschrei in den Kampf. Ziemlich arg durften wir es schon treiben, bevor man unten im Hause etwas davon spürte. Manchmal aber erschien doch das Haupt eines Abgesandten in der Lukenöffnung, der je nach Temperament und Auftrag schalt oder bat; dann wurde die Lust ein wenig gedämpft. Auf der geräumigen Hausdiele durften wir wegen der Nähe des Ladens nicht lärmen. Wir trieben wohl manchmal auf den bunten Fliesen unseren Kreisel oder spielten Marmel oder »Picker«, wie wir es nannten; doch das Gefühl, nur geduldet zu sein, ließ uns hier nicht recht heimisch werden. Von dieser Diele führte eine verdeckte Treppe in den ersten Stock hinauf; zeisiggelb gestrichen, machte ihre sonst schmucklose, glatte Verschalung, in der sich ein viereckiges Ausguckfenster befand, einen lustigen Eindruck. Hier saßen wir nach Feierabend oft im Halbdunkel auf der obersten Stufe und ließen uns von Franz Geschichten erzählen. Das verstand er vortrefflich. Seine Vorliebe galt den alten Sagen und Geschichten unserer Vaterstadt, die er alle auswendig wußte. So hörten wir denn früh aus seinem Munde von »Papedöhne«, einem anderen Ritter Blaubart, und seiner Mordhöhle, von »Habundus und der weißen Sterberose«, von »Herrn Nikolaus Bardewiek, dem Trunkfesten« und derlei mehr. Die Mutter störte eine solche Sagenwelt nicht, sondern mahnte wohl nur einmal: »Quält den Franz nicht zu arg.« Wir aber waren uns nicht bewußt, ihn zu quälen, saßen vielmehr regungslos und sahen mit klopfendem Herzen den bösen »Papedöhne« die Frauen in sein Versteck schleppen und waren voller Grauen und Empörung. Franz genoß das vollste Vertrauen unserer Mutter. Er, war ein bewegliches Männchen mit einem großen Kopf und einem gutmütigen, bartlosen Gesicht, das älter aussah, als es eigentlich war, ein greisenhaftes Kindergesicht. Seine Stimme war hoch und hell, und er hatte in allem etwas Weibisches. Er liebte die Vögel und die Blumen und machte sich durch aufmerksame Pflege unseres Kanarienvogels und der Blumenfenster sehr verdient; ihm wurde darin völlig freie Hand gelassen, und wir sahen denn auch immer einen Flor blühender Töpfe hinter unseren Scheiben. Er hatte noch eine Mutter, eine hochbetagte Frau, die wir von Zeit zu Zeit mit ihm besuchen durften. Sie wohnte in der Nähe des Domes, »An der Mauer«, der alten Stadtmauer, die teilweise noch erhalten war. Hier lebte sie in einem jener kleinen Stifte, deren es in meiner Vaterstadt viele gab und deren Wohltat alten, hilfsbedürftigen Männern und Frauen zugute kam; meistens den Frauen, wie denn das schwache Geschlecht sich überall einer größeren Rücksichtnahme erfreut. Dieses Stift bestand aus sechs kleinen, einstöckigen Wohnungen, die sich, je drei und drei unter einem Dach, gegenüber lagen, da denn die einen in meiner Erinnerung beständig in heller Sonne leuchten, während die anderen in einem kühlen Schatten gebettet bleiben. Sie bildeten zusammen einen kleinen, hübschen Hof, zu dem man von der Straße aus durch einen schlanken, anmutigen Torbogen gelangte, den der Steinmetz mit Fruchtgirlanden und Rokokoschnörkeln auf das reichste geschmückt hatte. Hinten schloß ihn ein Gärtchen ab, das sich an eine weinumsponnene Mauer anlehnte; aber die wenigen Trauben waren sauer und schienen nie zu reifen, und nur das bunte Laub erfüllte als leuchtender Schmuck einen schönen Zweck. Schon die enge Straße, die sich mit ihren alten und schmalen Giebelhäusern hinter der Mauer hinzog, war eine andere Welt für uns. Vollends war es uns wie am Anfang eines Märchens zumute, wenn wir in den Schatten des Torbogens eintraten und dann nach einigen Schritten auf dem stillen Hof standen und von beiden Seiten die kleinen Fenster der Pfefferkuchenhäuschen wie ebensoviel Augen auf uns gerichtet sahen. Meist herrschte ein wunderliches Schweigen hier, so daß wir über unsere eigenen Schritte auf dem holperigen Steinpflaster schier erschraken; kamen wir aber einmal in einer Spätstunde, so saßen die guten Stiftlerinnen auf den weißen Bänken vor ihren Türen beisammen, jede mit einem Strickzeug in den alten Händen, und wir hatten rechts und links Grüße auszuteilen. Wir kannten sie alle bei Namen, wie sie uns, und wir galten etwas Rechtes bei ihnen; waren wir doch die einzigen Kinder aus besserer Familie, die hier einmal einsahen. Sie fühlten sich alle ein wenig geschmeichelt und beneideten Frau Heydenreich, Franzens Mutter. Diese war eine große, schwerfällige Frau mit einer tiefen, klagenden Stimme. Sie war auch wirklich leidend, denn das Reißen plagte sie, doch ließ sie sich nicht gehen, blieb tätig und beschränkte sich darauf, von Zeit zu Zeit zu jammern, wie wenig sie noch auf Gottes Welt zu brauchen wäre. Hatte sie uns umständlich ins Haus und in ihre Stube hineingeschoben, tätschelte sie zuerst meinen Bruder. Er war ihr Liebling, weil er ihrem Franz so ähnlich sähe; gerade so hätte der als kleiner Junge auch in die Welt geguckt. Nun war aber mein Bruder ein hübscher, derber Knabe, und es war keineswegs glaubhaft, daß der Franz auch einmal so gewesen war. Sie hatten zwar alle beide eine tüchtige Nase, alles andere aber stimmte doch herzlich schlecht. Doch mag etwas dagewesen sein, was Mutter Heydenreich an ihren Franz erinnerte und ihre merkliche Bevorzugung meines Bruders begründete. Während sie nun meist mit ihm beschäftigt war, konnte ich mich um so ungestörter mit einem prächtigen Spielzeug vergnügen, das ich in dem kleinen Zimmer entdeckt hatte. Es war ein Rokokoherrchen in rotem Seidenfrack, mit Dreispitz, Galanteriedegen und Zopf, das unter einer Glaskugel auf der Kommode stand. Es hatte unter sich vier oder fünf Zinnzünglein, vermittels deren man seine Glieder in Bewegung setzen konnte. Da verneigte es sich dann höflich, nahm den Hut ab, hob den Stock auf, drehte den Kopf nach rechts und links, kurz, zeigte sich als ein gehorsames Gliedermännchen. Hatte die gute Frau die Glaskuppel vorsichtig abgehoben und an einen sicheren Platz gestellt, konnte ich eine halbe Stunde lang vor ihm auf den Knien liegen und mir die zierlichsten Verbeugungen machen lassen. Ich erinnere mich, daß ich einmal ganz laut ein kindliches Zwiegespräch mit ihm hielt. »Guten Tag, mein Herr.« »Guten Tag.« »Mit wem habe ich die Ehre?« »Ich bin der Prinz Tausendschön.« »Und wie geht es Ihrer lieben Frau?« »Danke, es geht ihr recht gut.« Dann schreckte ein lautes Gelächter mich auf; ich sah die belustigten Gesichter der anderen, wurde rot, sprang von meinem Stuhl herunter und war durch nichts zu bewegen, wieder hinaufzuklettern. Wie dieses feine Spielzeug in den Besitz der einfachen Frau gekommen, weiß ich nicht; mir war es ein köstliches Kunstwerk, und mein größter Wunsch war, es zu besitzen. Wie freudig war ich daher erstaunt, als der gute Franz mich zu meinem Geburtstage mit dem geliebten Gliedermännchen überraschte. Die Mutter meinte freilich, ich dürfe solch ein Geschenk nicht annehmen, und erst die gewaltsamen Tränen, in die ich ausbrach, und die verlegene Scham des zurückgewiesenen Gebers erzwangen ihre Zustimmung. Seitdem grüßte denn das seine Herrchen mit eleganten Verbeugungen von unserem Sekretär herab und verharrte gleichsam wie fragend in dieser Stellung, bis ich ihm und mir den Willen tat und meiner Mutter die Erlaubnis abschmeichelte, ihn seine gute Erziehung in dem höflichsten Betragen zeigen lassen zu dürfen. Einmal aber konnte ich doch nicht widerstehen, den Mechanismus, der so Wunderbares ermöglichte, näher zu untersuchen. Ich zog und wackelte ein wenig heftiger an dem Zünglein, beklopfte den tastenartigen Untersatz und zog und wackelte wieder. Knacks sagte es, und der rechte Arm mit dem Dreispitz fiel schlaff herab; das Männchen konnte sich nur noch verbeugen und den Kopf bewegen. Erschreckt schlich ich aus dem Zimmer. Eine Zeitlang blieb der Schaden unentdeckt. Dann aber mußte ich gestehen, was ich mit möglichst unschuldiger Miene tat. Da das Männchen mein war, hatte ich mir inzwischen auch ein Recht zugesprochen, ihm Arme und Beine zu brechen, wenn es mir belieben würde. Ich erhielt auch weiter keine Strafe, aber meine Freude an dem Spielzeug war dahin. Es behauptete sich in seinem invaliden Zustande noch eine Weile auf seinem Platze; als ihm dann aber auch unter den Fingern meines Bruders der Kopf einmal nach links stehen blieb und in keiner Weise mehr zu bewegen war, sich zu rühren, kam es zuletzt auf den Boden, wo es verstaubte und ich weiß nicht welchem unglücklichen Ende entgegenging. Wie dieses Männchen, so kam mir auch ein kleines Mädchen, dessen Bekanntschaft ich in demselben Altweiberspittel machte, als etwas Besonderes und Feines vor, obgleich es nur ein Arbeiterkind war, und ich hätte es gleichfalls gern als ein liebes Spielzeug mit nach Hause genommen. Es landete eines Tages mit uns zusammen auf dem Stiftshof, wo es eine Großmutter wohnen hatte. Da es zu einer Zeit war, wo die alten Frauen sich alle vor den Türen in der Abendsonne gütlich taten, und daher alle auf einer Seite des Hofes beisammen saßen, je zwei und zwei auf einer Bank, und des Kindes Großmutter bei Frau Heydenreich Platz genommen hatte, so konnte es nicht ausbleiben, daß wir Bekanntschaft schlossen. »Sag' schön guten Tag, Lisbeth,« mahnte die Großmutter, und die Kleine, etwa ein Jahr jünger als ich und mit meinem Bruder in einem Alter, streckte uns ihre Hand entgegen, in die wir nur zögernd einschlugen; nicht aus Hochmut, sondern aus natürlicher, bubenhafter Befangenheit. Mir erschien sie wie ein kleiner Engel, und ich traumwandelte sogar einmal mit ihr in den Straßen meiner goldenen Stadt, Hand in Hand, und mit einem scheuen, kindlichen Glücksgefühl. Ich ging in der Folge immer mit der Hoffnung nach dem Agnesstift, meine kleine Freundin dort anzutreffen; doch sollte mir das nur noch zweimal glücken, ohne daß wir uns dadurch besonders näher kamen. Sie hielt sich von den feineren Knaben scheu zurück, und auch in meiner Natur lag viel Blödigkeit; meinem Bruder aber war sie völlig gleichgültig. So kam es zu keiner weiteren Anfreundung. Aber der erste Heiligenschein, den ein zärtliches Knabengemüt zu verschenken hatte, schwebt über dem blonden Lockenkopf dieses kleinen Mädchens, von dem ich später nie wieder etwas erfuhr, und das in der großen Welt der harten Arbeit irgendwo untergetaucht sein wird. Aber für immer halte ich ihr liebes Bild an meiner Knabenhand, ihr weißes Hemdchen leuchtet gleich dem meinen, und unsere bloßen Füße gehen durch goldene Straßen, von dem feierlichen Klange großer Glocken umsummt. * Ich war ein Kind, das sich früh mit den Büchern beschäftigte; ich kroch damit unter das alte Tafelklavier und konnte da lange mäuschenstill sitzen, das aufgeschlagene Buch mit den bunten Bildern auf dem Schoß. Früh regte sich die Phantasie des Kindes, das sich gerne Ecken und Winkel, auch die kleinsten, bevölkerte und zu einer eigenen Welt umgestaltete. Die Falten auf der Bettdecke wurden mir zu Berg und Tal, die ich mit Gemsen und Jägern belebte, oder ich tiefte mir in dem weichen Federbett eine große Seemulde aus und segelte mit meinem Schiff von einem Strand zum anderen, wobei ich mit den Knien auf höchst einfache Weise eine stürmische Wellenbewegung hervorrief. Um die Blumentöpfe auf dem Fensterbrett, wie in den dunklen Höhlen meiner kleinen Hausschuhe führte ich meine erdichtete Welt spazieren, und die wonnigen Schauer des Geheimnisvollen und des Rätselhaften, die noch heute jede Wegbiegung mir macht, suchte ich mir schon damals zu verschaffen, indem ich das Auge um irgendeinen beliebigen Gegenstand, einem Kästchen, einem Lampenfuß oder was es war, sich herumtasten ließ, bis es an eine Ecke, eine Biegung kam, hinter der nun ein Reich mit tausend Wundern begann. Meine Vorliebe für den Schlupfwinkel unter dem Klavier wurde scherzhaft als erste Ankündigung einer musikalischen Begabung gedeutet, die sich denn auch in der Folge bei mir und ebenso bei meinen Geschwistern zeigte; vorläufig aber äußerte sie sich nur in dem atemlosen Lauschen, womit wir dem Klavierspiel und dem Gesang unserer Mutter folgten. Diese war durchaus eine musikalische Seele und hatte es zu einer hübschen Fertigkeit gebracht, die sie unter anderem Chopinsche Walzer mit ebensoviel Anmut als Feuer vortragen ließ. Doch neigte ihre Natur mehr zu der schlichten Innigkeit des Volksliedes, und mit nichts machte sie uns mehr Freude, als wenn sie uns durch ihren schönen weichen Sopran allerlei Kinderlieder vorsang, die wir bald nachsingen lernten. Da saßen wir denn um sie herum mit heller Kehle, die Hälse wie zwitschernde Vögel aufreißend, und hielten tapfer Takt und Melodie. »Hänschen sitt in Schosteen und flicket sine Schoh«, »Ein Schäfermädchen weidete«, oder »Wer will unter die Soldaten«, das waren so unsere Lieblinge. Ab und zu sang die Mutter uns auch wohl ein Mendelsohnsches oder Schubertsches Lied. Sie wurde oft in Gesellschaft aufgefordert, etwas zu singen, und die Lieblichkeit ihrer Stimme und die Innigkeit und Schönheit ihres Vortrages entzückten immer. Erschrecklich wirkte dagegen auf uns das Konzert eines Klaviervirtuosen, der, ich weiß nicht woher, in unser Haus geschneit war. Mit gewaltigem Getöse hielt er Einzug in unsere Kinderseelen. Eine kohlschwarze Mähne hing ihm wild um Kopf und Schulter und umrahmte ein blasses, zigeunerhaftes Gesicht, aus dem zwei schwarze, stechende Augen uns anfunkelten. Er spielte das Erwachen des Löwen von Kontski, jenes jahrelang beliebte triviale Salon- und Virtuosenstück, schüttelte seine Mähne, und brüllte und donnerte, daß ich noch heute nicht begreife, wie unser altes Klavier das aushielt. Die Wirkung auf uns verdutzte Kinder war denn auch, daß wir immer verängstigter wurden und zuletzt weinend aus dem Zimmer liefen. Das hielt jedoch den brüllenden Löwen nicht ab, sich noch weiter mit majestätischem Lärm zu produzieren. An solchen Gesellschaftsabenden durften wir Kinder immer auf ein Viertelstündchen ins Zimmer kommen, jedem die Hand geben und uns hätscheln lassen. Ich wurde besonders von einer zarten, blassen Dame, einer Freundin der Mutter, gerne gesehen, die wir Tante Pollinka nannten. Sie hatte am Markt eine Konditorei inne und hatte es sich, da sie kinderlos war, in den Kopf gesetzt, ich sollte einmal ihr Nachfolger werden. So gerne ich nun Süßigkeiten aß, so war mir doch die Vorstellung, mich in der weißen Konditortracht, mit der großen Schürze, mein Leben lang bewegen zu sollen, eine lächerliche, für einen Jungen beschämende, und ich erinnere nicht, jemals Neigung dazu auch nur vorübergehend gespürt zu haben. Dennoch erhielt sich der Wunsch der guten Tante Pollinka hartnäckig, bis sie endlich wohl einsah, daß an mir ein Zuckerbäcker verloren war. Aber noch in späteren Jahren bin ich nie an dem schmalen Eckhause vorübergegangen ohne das Gefühl: ›Das hätte eigentlich alles dir gehören sollen, und du könntest nun dahinten in dem kleinen Raum stehen und Mandeln schälen, Zimmet stoßen, Teig rühren und mit buntfarbigem Fruchtgelee die Torten zierlich dekorieren.‹ * Viele Gesellschaften gab die Mutter nicht, dafür widmete sie sich, soviel der Hausstand ihr nur Zeit ließ, uns Kindern, und ging namentlich gern mit uns vors Tor hinaus, wo sie uns bald in diesem, bald in jenem Kaffeegarten mit Milch und Kuchen traktierte. Wir durften dann nach Herzenslust umhertollen, während sie, mit einer Handarbeit beschäftigt, ab und zu einen wachsamen Blick nach uns aussandte. Von diesen Kaffeegärten wurde einer von uns bevorzugt, weil er den besten Tummelplatz für unsere Spiele bot. Er hieß »Die Lachswehr« und lag oberhalb der Stadt am Ufer der Trave. Graf Johann V. von Holstein, der Milde und Freigebige, hatte einem Lübecker Bürger, »der es nicht sonderlich um ihn verdient hatte«, wie es in der Chronik heißt, einen Fischstand geschenkt, darin unzählig viele Lachse gefangen wurden. Es sind aber dazumal die Lachse in Lübeck so häufig gewesen, daß die Dienstboten sich ausbedungen, ehe sie ihren Dienst angetreten, allerhöchstens zweimal in der Woche mit Lachs gespeist zu werden. Dieser Reichtum hatte nun lange aufgehört, und wenn wir einmal unsere Knabenangel in den Fluß warfen, biß höchstens einmal ein Rotauge oder ein Barsch an. Doch das Angeln war nicht unsere Leidenschaft; das Wasser aber zog uns an, und aus dem verbotenen Boot, das, am Steg angekettet, wohlgeschützt im hohen Schilf lag, mußten wir oft genug verjagt werden. Die Angst unserer guten Mutter war nicht unbegründet, denn namentlich mein Bruder war weniger tollkühn als unvorsichtig, und mußte denn auch einmal seine Unbedachtsamkeit mit einem kalten Bade büßen. Wie erschrak ich, als ich ihn in der kreisenden, im Schatten des überhängenden, dunklen Sommerlaubes fast schwarzen Flut verschwinden sah. Er tauchte jedoch alsbald wieder auf, prustete und paddelte sich wie ein ins Wasser gefallener Pudel soweit wieder an das Boot heran, daß ich ihm meine Hand entgegenstrecken konnte. Da saß er nun triefend auf der Ruderbank und wollte aus Furcht vor Strafe nicht ans Land. Es blieb aber nachher bei einer Strafpredigt der zu Tode erschrockenen Mutter; der Triefende wurde notdürftig umgekleidet, in eine Droschke gepackt und heimgeschickt. Franz aber nahm am anderen Tag Veranlassung, uns zur Warnung von der Travennixe zu erzählen. »1630 ging Herr Gert Reuter, welcher mit Ziegelbrennen und Steinen sein Verkehren gehabt hat, zu Abend mit Torschluß nach Moisling, um die Nacht daselbst zu bleiben; wie er nun unterwegs auf dem Damm oder Hohenstegen ist, sieht er aus dem Wasser eine nackte Gestalt sich etliche Male erheben, welche sich allenthalben umgeschaut und gerufen: ›Wehe, wehe, die Stunde ist da, aber der Mensch ist nicht kommen!‹ Gert Reuter weiß zwar nicht, was es bedeutet, geht aber ruhig seines Weges fort: da kommt vom Berge herab ein Knabe in vollem Laufen gerannt und will nach dem Wasser zu. Diesen kriegt Gert Reuter zu fassen, hält ihn fest und fragt ihn: ›Wo willst du hin, mein Sohn?‹ Der Knabe spricht: ›O, laß mich gehen, ich will baden; ich muß baden.‹ Da sagt Gert Reuter: ›Du sollst um Gottes willen nicht!‹ Der Knabe wird nun traurig, läßt sich aber still nach Moisling führen, und hat ihm Herr Gert vermutlich damals sein Leben gerettet. Desgleichen Geschrei hat man öfter gehört, wie glaubwürdige Leute versichern, und ist jedesmal an dem Tage ein Knabe ertrunken.« So erzählte Franz, wenn auch nicht mit diesen Worten der Chronik, und ich war sogleich bereit, ein solches Geschrei gehört haben zu wollen. »Es ist doch wahr!« verteidigte ich mich gegen meinen Bruder, der es bestritt. »Du lügst!« fuhr er mich grob an. »Was hat sie denn gerufen?« »Wehe! Wehe!« Weder Franz noch mein Bruder schenkten mir Glauben, wie ich recht gut merkte, obwohl sie schwiegen. Ich aber spann mich in mein Märchen weiter ein. Nun hatte ich, während wir im Boot saßen, meine Mutter einmal laut nach meiner Schwester rufen hören: »Gretchen! Gretchen!« Jetzt redete ich mir ein, mich verhört zu haben, es hätte nicht anders als »Wehe! Wehe!« geklungen und wäre nicht aus dem Garten, sondern vom Wasser hergekommen. »Gibt es Wassernixen?« fragte ich die Mutter. Sie verneinte es lächelnd. Aber wenn ich von der dunklen Allee aus, die sich am Ende des Kaffeegartens am Wasser hinzog, einen Blick auf den stillen Fluß warf, in dem sich die breiten, dichten Kronen der Bäume tiefschwarz spiegelten, und der an seinem anderen Ufer umschilfte Wiesen bespülte, die in geheimnisvollem Schweigen dalagen, so glaubte ich doch manchmal einen suchenden Blick nach der Wassernixe senden zu sollen, und schrak wohl einmal zusammen, wenn ein plötzlicher Windstoß den grünen Binsenwald heftiger schüttelte und einen Schauer kleiner Wellen über die Wasserfläche trieb. II Früh schon fing ich an, auf dem Klavier herumzufingern. Eine alte Tante der Mutter, die einst zu den gesuchtesten Klavierlehrerinnen gehört hatte, erbot sich, uns den ersten Unterricht zu geben, und bald hockte ich stolz und glücklich vor den Tasten und lernte unter ihrer Anleitung Noten lesen, und erste Melodien hervorbringen. Ich hatte die alte Tante sehr lieb und war ein lernbegieriger Schüler. Alle Notenhefte, die mir in die Hände kamen, blätterte ich durch und tat wie ein gelehrter Kapellmeister. Ungeduldig harrte ich der Zeit, wo ich alle diese krausen Zeichen enträtseln können würde. Noch waren sie stumm für mich, aber ich wußte, ich würde sie einst zum Sprechen bringen, zum Singen und Klingen. O, wie wollte ich fleißig sein, um bald die schöne Kunst zu lernen! Wie glücklich war ich über jedes Lob der Tante und wie unglücklich über ihre Unzufriedenheit. Mein Fleiß spornte auch meinen Bruder an, und wir waren bald in regem Wetteifer. Die Tante wußte diesen Eifer auf kluge Weise zu nähren: wenn wir besonders fleißig gewesen waren, durften wir sie besuchen und konnten uns unsere Lieblingsspeise ausbitten. Ich wählte dann immer Milchreis mit recht viel Zucker und Zimmet, mein Bruder zog arme Ritter vor. In der Vorschule lernte ich lesen und schreiben. Sie befand sich in dem Hinterflügel eines alten Kaufmannshauses, dessen dämmrige, geräumige Fliesendiele uns anheimelte. Fässer und Ballen lagen hier aufgestapelt und füllten die Luft mit ihren wunderlichen Gerüchen, Gerüche, wie sie uns wohlvertraut waren, da sie überall aus den dunklen Dielen und Kellern auf die engen Straßen herausströmten, die wir täglich passierten. In unser Schulzimmer aber blickten die blauen Dolden blühenden Flieders und die weißen Kugeln des Schneeballs herein, und die liebe Sonne streichelte unsere Köpfe und vergoldete uns mitleidig Schiefertafel und Fibel. Es waren drei freundliche Schwestern, die den kleinen Abcschützen den ersten Unterricht erteilten, und wir lernten eifrig. Traten wir morgens in das Schulzimmer, begrüßte uns das Brodeln des Teekessels, der über einer Spritflamme hing, denn wir bekamen in der ersten Pause heiße Milch und Semmeln. Das Summen und Singen der bläulichen Flamme, das leise Klappern des Deckels auf dem Kessel, ein freundliches Frauengesicht und viel Sonnenschein – das ist mein erstes Schuljahr. »Wir werden nicht recht klug aus ihm, er geht still seine Wege.« Das war das Urteil des Schulvorstehers über mich, als ihn meine Mutter über meine Fortschritte befragte. In den höheren Klassen aber hatte ich immer einen ersten Platz und ließ die Lehrer nicht länger über meine Fähigkeiten in Zweifel. Und fast will mir scheinen, als ob ich alles, was ich von der Schule mit ins Leben genommen habe, dieser Vorschule verdanke. Es war ein frisches, fröhliches Lernen unter freundlichen, tüchtigen Lehrern. Dann aber hieß es sich entscheiden, ob ich in die Lateinklassen oder in die Realabteilung des Katharineums, der altehrwürdigen Gelehrtenschule meiner Vaterstadt übergehen wollte. Um diese Zeit heiratete die Mutter wieder. Wir durften bei der Hochzeit sein, Pasteten schlecken, Eis schmausen und waren des neuen Vaters von Herzen froh. Als ich nun aber die Vorschule verlassen sollte, machte er sogleich seine Autorität geltend und entschied gegen meinen Wunsch, daß ich nicht das Gymnasium, sondern das Realgymnasium zu besuchen habe. Er machte Gründe geltend, die ich selbst zu prüfen noch nicht imstande war, und bei denen ich mich daher beruhigen mußte. Das Katharineum war an die alte Kirche des Katharinenklosters angebaut. Ein Teil der Klassen hatte in ehemaligen Kapellen und Zellen Unterschlupf gefunden, deren hohe, gewölbte Decken einst von den Gebeten der Mönche widerhallten, jetzt aber die Übungen lateinischer Abcschützen anhören mußten. Aus dem Klassenzimmer traten wir in den alten Klostergang hinaus, wo denn unsere Füße laut genug über die verschlissenen Steinplatten und ihre unleserlich gewordenen Inschriften hintrabten, an alten, aufgerichteten Grabsteinen vorüber, die uns nicht kümmerten, denn wir strebten nur immer, in die Sonne des Spielhofes zu kommen, den der moderne Vorderbau einschloß, und blieben von ehrwürdigen Schauern der Vergangenheit unberührt. Der Unterricht verlief in einem hergebrachten Trott, wie es derzeit überall nicht anders war, wo nicht überragende Lehrerpersönlichkeiten die Zwangsjacke des Systems zerrissen. Lernen, lernen, lernen. Vokabeln, Namen, Jahreszahlen. Von den herrlichsten alten Baudenkmälern umgeben, auf dem Boden einer ruhmreichen Vergangenheit, lebten wir ohne Führung und Anregung dahin. Heimatkunde war ein unbekannter Begriff. Lübeck? Deutschland? Gab es damals ein Deutschland? Ja, es gab ein Deutschland; zweimal in der Woche in der Geographiestunde: Flüsse, Städte, Berge, Einwohnerzahl. Und in der Geschichte gab es ein Deutschland: die Namen der deutschen Kaiser und ihre Jahreszahlen; vor- und rückwärts. »Setz' dich einen rauf, setz' dich einen runter!« Zwei Kriege bewegten diese Zeit. 1864 füllten fremde Truppen die Stadt. Preußen und Österreicher waren auf dem Marsch gegen Dänemark. Wir saßen abends mit der Mutter um einen runden Tisch und zupften Scharpie. Die Siegesnachrichten trafen ein, und wir sangen und spielten den »Düppelstürmer«. Nachher kam Königgratz. Aber hinter den Schulmauern merkte man nicht viel von dem, was draußen vor sich ging; hier tobten noch immer die punischen Kriege. Was ging uns der König von Preußen an? Nur einmal ein Lichtblick: Ein neuer, junger Lehrer der Naturwissenschaft kam zu uns; Professor Küstermann. Das war einer von denen, die nicht auswendig lernen ließen, sondern lehrten, zeigten, lebendig machten. Mit offenem Munde drängten wir uns um ihn und tranken, was er bot: Leben, nicht totes Wissen. Und einmal eine flüchtige Sonnenstunde, die uns zeigte, wie trübe eigentlich der Himmel war, unter dem wir sonst dahinlebten: Unser Ordinarius, bei dem wir Deutsch haben sollten, fehlte, und der Direktor vertrat ihn. Deutsch? Was war das? Das war Aufsatz und Grammatik und wieder Aufsatz und Grammatik. Subjekt, Objekt und Prädikat. Nun sollten wir von dem »Alten« selbst Deutsch haben. Ich sehe den, würdigen, grauköpfigen Schulregenten, sonst eine seltene Erscheinung in den Realklassen, noch heute, wie er, ein Buch unterm Arm, ins Zimmer trat, uns mit einem wohlwollenden Blick überflog und dann schmunzelnd aufs Katheder stieg. Hier schlug er sein Buch auf, sah uns noch einmal freundlich an und fragte: »Kennt ihr den ›Siebzigsten Geburtstag‹ von Johann Heinrich Voß?« Verlegenes Schweigen. »Wer war Voß?« Zwei, drei Finger kamen zaghaft zum Vorschein. »Er hat ein langes Gedicht gemacht, das heißt ›Luise‹. »Gut. Was wißt ihr weiter?« Schweigen. »Nun hört aufmerksam zu. Er hat neben der ›Luise‹ auch noch anderes gedichtet und hat als Erster eine herrliche Übersetzung des Homer geliefert. Und nun lese ich euch den ›Siebzigsten Geburtstag‹.« So ungefähr redete er mit uns und las uns dann das Gedicht: »Auf die Postille gebückt...« Wie andächtig hörten wir zu, lebten die schlichte Idylle mit, fühlten uns gemütlich bereichert und zugleich an unserer bescheidenen Bildung gewachsen. Und nun, als das Gedicht beendet war, hieß es: »Jetzt wollen wir einmal Hexameter machen. Versuch' es ein jeder, so gut er es kann.« Er sagte ein paar Worte der Erklärung, und dann hub ein lautloses Verseschmieden an. Wir hatten nie so etwas getrieben, und der Alte mochte uns mit seinen Primanern verwechselt haben, und wenn man will, kann man es belächeln. Aber wieviel Unsinn auch zusammengeschrieben wurde, wir bekamen dabei ein lebendiges Gefühl des eben gehörten Verses. Zu den paar leidlich gelungenen Hexametern gehörten auch meine. Weniger wollte es mir bei unserem Ordinarius, dem Mathematikprofessor, mit einem dichterischen Versuch glücken, auf den ich mir etwas einbildete, weil er der Mutter und den Geschwistern viel Spaß gemacht hatte. Wie konnte ich aber ahnen, daß gerade diese Verse die Ursache meiner ersten öffentlichen Niederlage werden sollten? In unserem Schlafzimmer hing ein farbiges Bild: Ein alter Schäfer hält eine kranke Ente im Arm und erteilt der besorgten Bäuerin Ratschläge. »Der Dorfarzt« betitelt sich dieses Kunstwerk, das, wenn ich nicht irre, Düsseldorfer Herkunft war. Ich hatte es besungen, und die Mutter hatte dies rührsame Gedicht unserem Arbeitlehrer gezeigt. Der gute, wohlwollende Mann aber mochte es im Lehrerkollegium kolportiert haben, denn wie erschrak ich, als ich in einer Mathematikstunde vom Katheder herab angeherrscht wurde: »Enten kannst du besingen, aber rechnen kannst du nicht.« Ich glaubte vor Scham in die Erde sinken zu sollen. Alle Augen richteten sich auf mich, verwundert, fragend, spöttisch. Wie sollten sie das auch verstehen? Seit jener Stunde trug ich, der für seine Jahre schon recht lang aufgeschossen war, den Spitznamen »die lange Ente«. Glücklicherweise hatte ich Humor genug, mir den neuen Namen gefallen zu lassen, und da ich im ganzen bei meinen Mitschülern wohlgelitten war, so stellten sie allmählich auch die Neckerei ein. Dem alten Herrn aber trug ich es nicht nach; er war ein lieber, freundlicher Mann, der es gut mit seinen Schülern meinte. Auch war ich mir wohl bewußt, daß ich wenig Ansprüche auf sein Wohlwollen hatte, denn ich war in der Mathematikstunde unbestritten sein größter Esel. * Für das öde Einerlei des Unterrichts, das nur durch einzelne Lichtblicke erhellt wurde, suchten wir uns außerhalb der Schule nach Kräften zu entschädigen. Der Sommer rief uns natürlich vors Tor, im Winter aber warfen wir uns auf allerlei häusliche Beschäftigungen, wie sie Kinder gern betreiben. Auch die Musik nahm uns sehr in Anspruch. Wir hatten, schnelle Fortschritte gemacht, konnten uns schon an die Symphonien unserer Klassiker wagen, und selbst der Vater verschmähte es nicht, sich ein Stündchen in die Sofaecke zu setzen und unserem vierhändigen Spiel zuzuhören. Vor allem war es Haydn, den wir liebten; seine Anmut, seine Sonnigkeit, sein Humor waren so recht für unsere jungen Knabenherzen. Ich hatte auch Mozart besonders lieb. Aus einem alten, vergilbten Heft lernte ich zuerst die A-dur-Sonate mit dem lieblichen Andantethema und dem Finale a la Turca kennen. Mozart! Ich konnte förmlich mit dem Namen auf dem Titelblatt liebäugeln, und noch heute wenn ich die Sonate spiele und höre, sehe ich dieses alte, stockfleckige Mozartheft vor mir. * Das ist die Melodie meiner Kindheit, die Zauberformel, mit der ich sie in ihrer ganzen Unschuld und in ihrem sonnigen Glanze wieder wachrufen kann. Neben der Musik trieben wir noch andere Künste: Wir zeichneten und tuschten Bilderbögen, die sich jährlich mit neuen Farbkästen auf dem Weihnachtstisch einstellten, und auch das Ausschneiden fand seine Liebhaber. Namentlich ich zog eine Zeitlang das Arbeiten mit der Silhouettenschere dem Kolorieren der Neu-Ruppiner Kunsterzeugnisse vor; sauber in ein Schreibheft geklebt, machten diese zierlichen schwarzen Bilder mir und anderen viel Freude. Mehr als alle diese Handfertigkeiten nahm uns das Theaterspielen in Anspruch. Die Anregung dazu gab ein Puppentheater mit einem reichen Marionettenvorrat, wovon mir besonders die Figuren zum Freischütz im Gedächtnis geblieben sind; so der grasgrüne Max mit wallenden blonden Locken, und die lange Figur des schwarzen Kasper mit roter Feder auf dem Hut. Mächtig regte die Wolfsschlucht unsere kindliche Phantasie an. Ich als der Geschickteste zu solchen Künsten, mußte meistenteils mit diesen pappenen Helden agieren, und übte mich dabei im Erfinden der schönsten Ritter- und Räuberkomödien. Wir Brüder hatten damals im ersten Stock ein langes, schmales Zimmer, dessen eines Fenster nach dem Hof hinausging, als Schlaf- und Arbeitsraum inne. Hier war in dem schmalen Türrahmen der gegebene Platz für das Theater. Ein Vorhang war leicht hergestellt, eine alte Tischglocke zur Hand, und eine Reihe von Stühlen, auf dem Korridor aufgestellt, harrte eines kunstbegeisterten Publikums. Fielen nun bei dem Puppentheater alle Aufgaben mir zu, und ebenso bei dem Kasperletheater, womit uns einmal der Weihnachtsmann überraschte, so stellte sich bei so mannigfacher Anregung bald die Lust bei mir ein, statt mit Drahtpuppen und Kasperlefiguren, in eigener Person zu agieren, und mich so erst recht als König, Räuberhauptmann oder Teufel zu fühlen. Bisher Direktor, Dichter und Dramaturg in einer Person, hatte ich auch jetzt die Aufgabe, meinen lebendigen Schauspielern Stücke mit glänzenden und möglichst dankbaren Rollen zu verschaffen, und in solchen Lagen pflegt die Not den Meister zu machen. Nun hatte sich aber der Not eine ebenso kräftige als holde Verbündete zugesellt. Unter dem Stammpublikum meines Marionettentheaters befand sich ein Mädchen, das mir mit seinem schwarzen Haar und seinen großen tiefbraunen Augen der Inbegriff aller Lieblichkeit zu sein schien, obgleich sonst meine Vorliebe den Blondinen galt. Diese junge Schöne genoß als einziges Töchterchen eines der reichsten Weinhändler unserer Stadt das Ansehen einer kleinen Prinzessin. Sie hatte in der Ruhe etwas ungemein Ernstes, fast Melancholisches, welcher Eindruck von dem Kontrast zwischen ihren nachtdunklen Augen und Haaren und der Blässe ihres Teints, der einen leisen Hauch gelblicher Elfenbeinfarbe hatte, noch erhöht wurde. Anders, wenn sie sich bewegte; da konnte sie die Ausgelassenste beim Spiel sein, und ihre dunklen Augen leuchteten dann wie zwei Frühlingssonnen. Ich hätte schwerlich sagen können, wie sie mir lieber war, heiter oder ernst. Saß sie vor meinem Puppentheater, spielte ich eigentlich nur für sie, und manches feurige und gefühlvolle Wort aus pappenem Mund war nur an sie gerichtet. Jetzt sollte sie aus dem Parkett auf die Bühne steigen und durch keine noch so papierne Rampe gehemmt mit mir in lebendige Berührung treten; denn dafür zu sorgen, war die erste und heiligste Pflicht, die ich als Dichter empfand. Man verlangte durchaus etwas Lustiges von mir, und ich versprach alles, damit nur überhaupt etwas zustande käme. Tagelang lief ich umher und zerbrach mir den Kopf, und kam mir in dieser sorgenvollen Existenz höchst wichtig vor. »Weißt du schon etwas?« fragte mich Bruder und Schwester jeden neuen Tag, und in dem Ton ihrer Frage lag unbegrenzte Hochachtung vor meinem dichterischen Genie und das felsenfeste Vertrauen, daß mir schon etwas Gutes einfallen würde. Endlich glaubte ich denn auch eine herrliche Idee gefunden zu haben. »Ich hab's! Ich hab's!« rief ich, hüllte mich aber den Fragern gegenüber in geheimnisvolles Schweigen; erst müsse ich das Stück ganz fertig haben, früher könne ich nicht darüber sprechen. Mein Stück betitelte sich, und soviel verriet ich schon vorher: »Der lustige Postillon.« Mir standen nur vier Akteurs zur Verfügung, zwei männliche und zwei weibliche. Nun war die Titelrolle natürlich in den Augen der anderen die Hauptrolle, mir aber war es darum zu tun, sei es in welcher Rolle, der Heldin, der hübschen Alma, einen Kuß zu geben, den zu dulden sie nach den Gesetzen der Bühne meiner Meinung nach ohne Widerrede verpflichtet war. So überließ ich denn gerne meinem Bruder, schon um jedem Verdacht des Eigennutzes zu begegnen, die Rolle des lustigen Postillons, und begnügte mich mit der des Grafen, mich zugleich an dem vornehmen Titel schadlos haltend. Der Plan meines Stückchens aber war der: die Gräfin gedenkt ihres abwesenden Mannes, als die Kammerzofe den Postillon anmeldet, der durchaus einen Brief eigenhändig an die Frau Gräfin abzugeben den Auftrag haben will. Der Postillon wird vorgelassen, benimmt sich höchst albern, und will den Brief nur gegen einen Kuß abliefern. Die Aufschrift verrät die Hand des Grafen, und Gräfin Alma brennt darauf, den Inhalt zu erfahren. Aber kein Befehlen, Drohen, Bitten hilft, der Frechling will den geforderten Brief nur gegen den gewünschten Lohn ausliefern. Das Kammerkätzchen erbietet sich höflich, ihn einzulösen, aber der Flegel besteht auf einen »herrschaftlichen« Kuß. Was bleibt da zu tun übrig? Ohne männliche Hilfe, dem Aufdringlichen gegenüber wehrlos, voll Sehnsucht, den Brief des Gemahls zu lesen, gibt die schöne Gräfin nach, und die Zofe muß sich als Anstandschirm zwischen sie und das Publikum stellen. In diesem Augenblick aber erscheint der Gemahl selbst, den heiße Sehnsucht seinem Briefe auf dem Fuße hat folgen lassen. Den frechen Flegel ohrfeigen und zum Tempel hinauswerfen ist das erste, leidenschaftliche Vorwürfe sind das zweite. Aber das Kammerkätzchen entlastet die weinende Gräfin, und der Graf schließt seine Gemahlin mit einem Kuß in die Arme, worüber dann schnell der Vorhang zu fallen hat. Ich glaubte, meine Sache meisterlich gemacht zu haben, und war ebenso verwundert als siegesgewiß, als keiner der Beteiligten sich gegen meine Rolle auflehnte, und fand es, wenn auch ärgerlich, doch auch wieder natürlich, daß Alma sich in den Proben gegen den Kuß sträubte und ihn nur markierte. »Aber bei den Aufführungen muß alles nach Vorschrift gehen,« sagte ich und nahm ihr Schweigen für Zustimmung. Dennoch war ich den ganzen Tag fast krank vor Aufregung und Zweifel, ob ich nun wohl meinen Kuß bekommen würde; und so flott ich in der Probe gespielt hatte, als nun am Abend sich der Vorhang hob, das heißt die beiden Flügeltüren, die die Verbindung zwischen dem roten und dem grünen Zimmer herstellten, sich auftaten, überfiel mich vierfache Angst: die des Dichters, des Theaterdirektors, des Schauspielers und des Liebhabers. Unser Publikum bestand meist aus Erwachsenen, dem Elternpaar und einigen weiblichen Gästen. Es hieß also, sich zusammennehmen und das Beste geben. Jene vierfache Angst aber ließ mich eine ziemlich hölzerne Figur machen, wohingegen der Schlingel von Postillon all sein Pulver für den Abend aufbewahrt zu haben schien. Denn als nun der große Augenblick gekommen war, sprang er mit einem übermütigen Satz aus der vorgeschriebenen Rolle und küßte Alma unter dem schallenden Gelächter des Publikums herzhaft auf den Mund. Erbost langte ich aus, ihm die vorgeschriebene Ohrfeige nun auch recht kräftig zu geben; allein er verstand es, gewandt auszuweichen. Ich, aus der Rolle fallend, mache mich hinter ihm her und jage ihn einmal um die Bühne, ohne zu meinem Zweck zu gelangen. Der Zuschauer, die dieses alles als zum Stück gehörig nahmen, bemächtigte sich gesteigerte Heiterkeit, die sich zuletzt auch auf meine Mitspieler übertrug. Sollte das ganze Stück nicht in die Brüche gehen, mußte ich mich fassen, die verdrießliche Jagd aufgeben, und meine Rolle vorschriftsmäßig weiter spielen. Mit vor Erregung zitternder Stimme hielt ich meine vorwurfsvolle Strafpredigt, die ehrlich genug geklungen haben mag, und wartete auf den Augenblick, wo ich die gerechtfertigte Gattin versöhnt in die Arme schließen und nun auch meinerseits einen Kuß auf ihren Lippen anbringen konnte. Aber auch hier verlor ich das Spiel. Wohl warf sie sich an meine Brust, so daß ich einen Augenblick das hübsche Wesen warm und weich in meinen Armen fühlte, aber den Kopf wegwendend, machte sie es mir unmöglich, sie zu küssen; ein kurzes Ringen entstand, wobei sie mir entschlüpfte, und abermals war ich dem Gelächter ausgesetzt. Was blieb mir anders übrig, als mit einzustimmen, wollte ich mich nicht, den Gekränkten spielend, nun wirklich lächerlich machen; so aber kam ich noch billig davon, und das alberne Stück errang wenigstens ehrlich einen Heiterkeitserfolg, wenn auch auf ungewollte Weise. Ich erholte mich schnell von meiner Niederlage, und redete mir ein, daß meine Neigung zu der dunklen Alma gar nicht so groß sei, ja, gar nicht sein könne, da meine Vorliebe doch immer den Blonden gegolten habe, und nur eine solche könne es sein, die mein Herz wirklich auf die Dauer gewönne. Der Trost, den mir diese Sophisterei gewährte, hielt zwar nicht lange vor. Doch versuchte ich nicht ein zweites Mal, mich dem Mädchen vertraulich zu nähern; eine nochmalige Abweisung hätte ich nicht verwunden. Wir spielten noch oft Theater, aber nie hat Alma sich wieder herbeigelassen, mitzuspielen. Sie wuchs zu einer stadtbekannten jungen Schönheit heran, heiratete später einen Offizier und hat es, wenn ich nicht irre, bis zur Generalin gebracht. * Galt ich auch nicht mit Unrecht für einen Stillen, der keineswegs überall mit dabei zu sein brauchte, so war doch meine Phantasie rege genug, um auch an den Sioux- und Comanchesspielen Freude zu finden. Chingachkook, der große Delaware, stellte alle Helden der Weltgeschichte in den Schatten, und jeder einzelne von uns war überzeugt, daß er ihm gleich kam an Haltung, Gebärde, Tapferkeit und Edelmut. Ich zählte zu seinen Kriegern und diente ihm mit Eifer als Treuster der Getreuen, der am Lagerfeuer neben ihm lag, zuerst die Friedenspfeife aus seinem Munde empfing, und den Becher nach ihm an die Lippen führen durfte. Und nie wieder im Leben habe ich das beseligende Gefühl hingebender Freundschaft so kennen gelernt. Er war ein schöner, starker, blonder Junge mit lachenden Augen. Hatte ich ihn einmal einen Tag lang nicht gesehen, so war ich unglücklich; doch da er mit mir in derselben Klasse war, so kam das selten vor. Auch trafen wir uns beim Baden, wo er denn wieder in seiner jungen Knabenschönheit alle anderen überstrahlte. Es war mehr als Freundschaft, es war Liebe, die mich seine Nähe beglückend empfinden ließ. Natürlich verbarg ich diese Neigung auf das sorgfältigste. Um so überraschter war ich, als eines Tages mein Bruder mich mit der Frage überfiel: »Magst du Kurt S. auch so gerne leiden?« Wir stiegen zusammen um die Mittagsstunde die Treppenleiter in unser Bodenparadies hinauf, ich voran. Ich erschrak, als diese Frage hinter meinem Rücken laut wurde. Ich fühlte, wie ich errötete, und antwortete ohne mich umzusehen mit einem ebenso verlegenen als verwunderten Ja. »Ich auch, ich liebe ihn,« erwiderte mein Bruder. Seit jenem Augenblick war der Zauber gestört, wir unterhielten uns über unseren Freund, er trat damit in die Reihen der anderen zurück, und der Himmel einer ersten, scheuen, reinen Knabenliebe war entgöttert. Ich hatte aber in jener Zeit noch einen zweiten Freund. Er besuchte eine andere Schule, wohnte aber in unserer Straße, wo wir schon früh beim Pferdespiel Bekanntschaft schlossen. Auch er war ein hübscher Junge mit krausem Blondhaar, und sein sympathisches Äußere sprach gewiß mit, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte. Mehr aber waren es die gleichen Interessen, die uns verbanden. Er hieß Fritz und war der Sohn eines kleinen Beamten, der in einem mäßigen Wohlstande lebte. Er war klug, lebhaft und für alles Schöne begeistert. Er hatte einen Hang zum Philosophieren, und wir redeten über Gott und die Welt mit heißen Herzen und heißen Köpfen und dachten wunder was von unserer Tertianerweisheit. »Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?« fragte er mich eines Tages. »Gewiß, glaube ich daran,« antwortete ich. »Alle großen Geister haben daran geglaubt. Goethe und Schiller und alle. Natürlich denke ich es mir nicht so, wie die Pastoren es predigen.« »Ach die Pfaffen!« rief er verächtlich. »Ja, diese Pfaffen,« pflichtete ich emphatisch bei. Die Stirn runzelnd starrten wir beide ins Leere, als ob wir uns schwere Sorgen machten, was aus der Welt unter den Händen dieser hassenswerten Pfaffen noch werden sollte. In Wahrheit lag uns das sehr wenig am Herzen. Wir waren zufrieden, uns an großen Worten berauschen zu können. So war auch die Unsterblichkeit nur ein Klang, der meine Seele bewegte. Im übrigen war ich des Lebens froh, genoß den Tag und ließ das Jenseits Jenseits sein. Daß es einen Gott gäbe, galt mir für bewiesen und allen Zweifeln entrückt. Ja, ich war im Grunde eine ganz fromme Seele, die sich ohne ihn gar nicht hätte zurechtfinden können. Ich betete in allen Stunden, wo mich etwas bedrückte und beängstigte, zu ihm, und war voll kindlichen Vertrauens. Ein Bild machte ich mir nicht von ihm; irgendwie und irgendwo würde er schon sein, und seiner Macht wäre nicht zu entrinnen. Von diesen unreifen Schwärmereien, worin sich jedoch ein erstes Ahnen und Begehren, die Welt zu begreifen, regte, zog uns glücklicherweise ein anderes ab, das uns zu praktischer Betätigung zwang. Da Fritz sich trotz seiner schöngeistigen Neigungen für den Kaufmannsstand vorbereitete, weil der Vater nicht die Mittel hatte, ihn studieren zu lassen, so trieb er, durchaus dafür begabt, fleißig fremdsprachliche Studien, darunter auch in der für Lübecks Handel so wichtigen schwedischen Sprache. Zu Schweden hatten nun auch wir einige Beziehungen, als unser Stiefvater während einiger Jahre Kompagnon des schwedischen Konsuls war. So sahen wir manchen schwedischen Besuch in unserem Hause und hatten an dem Wohllaut der Sprache unsere Freude. Daß wir sie nicht beherrschten, bedauerten wir nie lebhafter, als da wir eines Tages am Hafen die Bekanntschaft eines kleinen schwedischen Schiffsjungen machten, woraus sich eine Art Freundschaft entspann. Wir wußten genau, wann die »Drothning Luise« wieder im Hafen war, und unser kleiner Freund sah schon nach uns aus und lachte uns über die Reeling erfreut an, wenn er uns am Bollwerk entdeckt hatte. Obgleich wir uns nur mit Zeichen und Mienen verständigen konnten, waren sich unsere jungen Herzen doch einig geworden. Ihm mußte es wohltun, im fremden Hafen Kinder zu wissen, die ihm, dem gar nicht so viel Älteren, zeigten, daß sie ihn gerne hatten. Und er lohnte es uns, indem er uns ein paarmal heimlich ein paar Schiffszwiebäcke zusteckte, woran wir denn unsere Zähne wetzten. Als er uns einmal zu verstehen gegeben hatte, daß er nicht wiederkommen würde, vergossen wir Tränen beim Abschied, und auch er stand länger als sonst und winkte uns zu, während das schöne Schiff langsam die Trave hinunterglitt. So waren wir denn gern bereit, schwedisch zu lernen, als Freund Fritz sich anbot, uns die Anfangsgründe beizubringen. Die Eltern ließen uns lächelnd gewähren; die nötigen Bücher wurden angeschafft, und wir zogen uns mit unserem Mentor zweimal wöchentlich auf unser Zimmer zurück. Dieses Zimmer war für uns, seitdem die Schwester so weit herangewachsen war, daß sie nicht mehr bei den Eltern schlief, sondern eines Raumes für sich bedurfte, auf dem ersten Bodengeschoß hergerichtet worden. Es war eigentlich nur ein Bretterverschlag, innen aber mit einer hellen, freundlichen Tapete versehen; ein höchst gemütlicher, wohnlicher Raum. Wir schliefen nicht nur hier, sondern machten auch unsere Schularbeiten an einem runden Tisch, der in der Nähe des einzigen Fensters stand. Dieses führte auf das Dach des Nachbarhauses hinaus, wo wir denn in der Dachrinne die Katzen spazieren gehen sahen und leichtiglich von ihnen Besuch erhalten konnten, was aber meines Erinnerns nie vorgekommen ist; aber die Sperlinge, denen wir Brosamen streuten, kamen zutraulich heran, und ab und zu huschte auch wohl mal ein Mäuschen längs der Rinne. Eigentlich war mir dieser Ausblick auf das hohe, schmale, schräge Ziegeldach des Nachbarhauses ebenso lieb, als ein schönerer auf Gärten und Felder. Denn meine Neigung, mich mit der Phantasie in Fugen und Ritzen und Löcher zu verkriechen, fand hier reichliche Nahrung. Wenn im Winter der Schnee die Rinne füllte, bei Regenwetter der Regen über die rotbraunen Pfannen herunterrauschte und sich in der Rinne zu einem reißenden Strom sammelte und weiterschoß, oder wenn die liebe Sonne die wunderlichsten Lichter auf den roten Steinen entzündete, immer war es eine andere Welt. Ganz abgeschieden und geborgen waren wir hier in unserem eigensten Reich, Licht und Luft kamen gerade genug herein, und immer war es im Sommer hübsch kühl und im Winter durch die Nähe des Schornsteins für uns nicht allzu empfindlichen Jungen warm genug. Hier saßen wir nun um den runden Tisch, deklinierten »flicka«, das Mädchen, und hüllten uns dabei in mächtige Rauchwolken, denn wir hatten Ort und Zeit für günstig gehalten, wenigstens diese eine unserer indianischen Gepflogenheiten wieder aufzunehmen. Das Fenster wurde vorsorglich geöffnet, damit die verräterischen Tabakwolken alsobald entweichen konnten, und es ging eine ganze Weile so gut, bis das Rauchopfer, das wir der schwedischen Nation und ihrem vokalreichen Idiom brachten, an den Tag kam, anders, als wir es mit dem Öffnen des Fensters beabsichtigten. Dazu gehörte freilich nur die Nase des Mädchens, das morgens unsere Betten machte, denn es fing allmählich alles an, nach unserem billigen, abscheulichen Kraut zu riechen. So tat sich denn eines Tages, als wir drei Schweden eifrig tobakten, die Tür auf, und unser Stiefvater erschien mit einem Lächeln, welches uns anzeigte, daß er als Wissender kam. »Ich glaube, ihr könnt jetzt genug schwedisch und gebt die Stunde auf.« Das war alles, was er sagte. Aber wie beschämt waren wir und war vor allem unser Mentor, mein guter Fritz. Er packte seine Bücher zusammen und ließ sich einige Zeit lang nicht in unserem Hause blicken. Das wunderliche Gesicht unseres Stiefvaters aber sehe ich noch vor mir; er mochte ähnlicher Dinge aus seiner Knabenzeit gedacht haben und innerlich mehr belustigt als erzürnt gewesen sein. So waren die schwedischen Studien vorzeitig beendet, und mir ist aus jenen Stunden nicht einmal die Fähigkeit verblieben, »flicka«, das Mädchen, noch richtig deklinieren zu können. Nur »jag elsker dig«, ich liebe dich, ist als einzige und unvergeßliche Vokabel in meinem Kopfe hängen geblieben. »Jag elsker dig!« Wie oft, wenn auch völlig gegenstandslos, haben wir es in jenen Tagen ausgerufen. »Jag elsker dig!« und jeder dachte sich ein liebes, himmlischschönes, aber schemenhaftes Wesen dabei. »Jag elsker dig!« Ich könnte die ganze Glut einer nach Zärtlichkeit dürstenden Seele hineinlegen, dabei die Arme ausbreiten und die leere Luft mit Ungestüm an meine Brust drücken. Ich ahnte nicht, daß mein junges Herz bald einen lebendigen Gegenstand für seine Schwärmerei finden sollte. III Unsere Familie hatte sich inzwischen vergrößert. Ein Schwesterchen war uns geschenkt worden, das, heranwachsend, die Arbeit der Mutter vermehrte. Das war der Grund, weshalb ein Kinderfräulein, eine Stütze ins Haus genommen wurde. Sie hieß Cäcilie und war die Tochter eines besseren Handwerkers, der, kindergesegnet, die Älteste gern ihr Brot bei fremden Leuten essen sah. Sie war achtzehn Jahre alt, fast rotblond, mit dem zarten Teint, den Mädchen dieser Haarfarbe zu haben pflegen. Sie hatte eine mittelgroße, zierliche Figur, der es doch nicht an Rundung und weicher Bildung fehlte, und ein bescheidenes, freundliches Wesen machte sie angenehm. Wir beiden Jungen empfingen sie zuerst etwas abweisend und spöttisch: ›Glaube nur nicht, daß wir uns von dir befehlen lassen; du bist nur für die Schwester da.‹ Dennoch waren wir auf Schritt und Tritt hinter ihr her, neckten sie und suchten auf jede Weise mit ihr anzubinden. Hierbei zeigte sie sich nun von soviel Munterkeit, Gutmütigkeit und Klugheit, daß unversehens aus den nicht immer harmlosen Neckereien eine Zuneigung erwuchs, die wir mehr empfanden als uns eingestanden. Damit vertrug sich sehr wohl, daß mein Bruder, der ein wenig tief in die Flegeljahre geraten war, sich gelegentlich mit ihr balgte und einmal als endliche Abwehr eine kräftige Ohrfeige empfing, ja ein anderes Mal eine solche zu beiderseitigem Schrecken austeilte. Die bestürzten Gesichter sehe ich noch vor mir, beide, in tiefer Scham erglüht, in Tränen ausbrechend. Es war in einer Abendstunde, während die Eltern außer dem Hause waren. Der Lärm des Balgens und der erschrockene Schrei der Geschlagenen mochten unten im Kontor gehört worden sein und mochten dort gestört haben. Einer der Kommis kam ärgerlich die Treppe hinauf und fragte, was denn hier los sei. Das arme Mädchen flüchtete weinend in ihr Zimmer, und ich antwortete, nichts sei hier los. Der Frager konnte angesichts der reichlich fließenden Tränen kaum mit dieser Antwort zufrieden sein, ging jedoch mit der Bitte, wir möchten uns doch ruhiger verhalten, wieder hinunter. Wir aber schlichen uns an die Tür des Zimmers, in dem die Gekränkte nun, wie wir annehmen mußten, saß und sich ausweinte. Wir hörten denn auch unterdrücktes Schluchzen, und ich, der ich doch eigentlich ganz unschuldig war, fühlte eine solche Zerknirschung und ein solches Mitleid, daß ich mich nicht enthalten konnte, ins Zimmer zu dringen und um Verzeihung zu bitten. Mein Bruder, der mir auf dem Fuße gefolgt war, stand als armer Sünder dabei. »Es war ja nur aus Versehen,« sagte ich. »Ich hab' Sie gar nicht treffen wollen,« stotterte er. Ein reizendes Lächeln lief über das verweinte Gesicht des Mädchens, dessen getroffene Backe noch brannte und unsere Scham aufs neue aufflammen ließ. »Du bist ein kleiner Grobian,« sagte sie vorwurfsvoll zu meinem Bruder. »Ja,« eiferte ich, »er ist immer gleich so grob.« »Ich hab' es doch nur aus Versehen getan,« verteidigte sich der Bruder wieder. »Gut, so will ich dir diesmal verzeihen,« sagte sie freundlich und gab ihm die Hand. »Sagen Sie es auch nicht nach?« fragten wir beiden wie aus einem Munde. Sie versprach es und schob uns zuletzt wieder ein wenig ärgerlich aus ihrem Zimmer. Wir waren froh, daß die Sache so glimpflich ablief und waren von Stund' an jedem Wunsch und Wink des Mädchens willig. Ich aber meinte zu bemerken, daß sie mir eine besondere Neigung zeigte. Es hatte sie offenbar gerührt, daß ich Unschuldiger die Schmach, die ihr widerfahren, so lebhaft mitempfunden und sie als erster um Verzeihung gebeten hatte. Mich traf manchmal ein freundlicherer, wärmerer Blick aus ihren hübschen Augen, der mir zu sagen schien: ›Du bist doch der beste von euch.‹ Und so erwarb sie sich immer mehr mein Herz zu eigen. Es kam hinzu, daß sie, die eine gute Schule besucht hatte, im Französischen ziemlich beschlagen war, und ich mir manchen Rat bei ihr holen konnte, wenn ich im Charles XII nicht weiter wußte. Ich hatte meinen Bruder um eine Klasse überflügelt und konnte also bei ihm keine Hilfe suchen. So saß ich manchmal eine Stunde und länger mit dem Mädchen allein und arbeitete mit seiner Hilfe meine französischen Aufgaben. Die Mutter, der Sprache nicht mächtig, war froh, daß ich auf diese Weise in der Schule mitkam, und der Vater sparte gewiß gern das Geld für die Nachhilfestunden, wenn er sich überhaupt um die Sache bekümmert hat. Cäcilie hatte immer ihr Nähzeug in der Hand, wenn ich mich mit meiner Arbeit neben sie setzte. Die Lampe stand zwischen uns auf dem kleinen Tisch, ich beugte mich über das Buch, sie über ihr Linnen, und ab und zu trafen sich unsere Augen mit einem wunderlichen Blick, der wie eine Frage nach etwas Unbekanntem war, worauf man die Antwort jedoch kaum zu wissen begehrt. Konnte ich nicht weiter in meiner Arbeit, so kam sie an meine Seite und neigte ihren Blondkopf mit über das Buch, wobei mich ihre seinen Schläfenhärchen streiften, und ich die warme Nähe ihrer weichen, blühenden Wange fühlte; und so dicht nebeneinander, den reinen Atem unserer Jugend mischend, übersetzten wir mit halblauter Stimme den schwierigen Satz. Und es geschah, daß ich sie öfter von ihrem Linnen aufrief, als es nötig gewesen wäre, und mich dümmer stellte, um mich als ein armes, schutzbedürftiges Vögelchen unter die Hand ihrer Klugheit schmiegen zu können. Solche Abende in ihrer Nähe auch ohne den Charles XII genießen zu können, brauchte ich kaum auf Mittel und Wege zu sinnen, denn sie boten sich von selbst. Welches junge Mädchen in ihren Jahren hat nicht einiges Verhältnis zur Poesie, sei es auch nur oberflächlich und sentimental, ohne tieferes Verständnis? Bei Cäcilien aber fand ich ein warmes, empfängliches Herz für die Gefühlswelt unserer Dichter. Lenau, Heine, Rückert und andere und vor allem der edle Sänger unserer Vaterstadt, Emanuel Geibel, waren ihr nicht unbekannt, und sie hatte ihre Lieblingsverse, die sie gern rezitierte. So vertauschten wir denn den Voltaire gelegentlich mit Heines Buch der Lieder oder Lenaus Lyrik, die ich mir von Freund Fritz zu verschaffen wußte, und waren uns kaum recht bewußt oder wollten es nicht sein, daß hier die Berechtigung unseres Zusammenhockens aufhörte, da sie uns nur für den Charles XII und eigentlich nur für seine schweren Stellen gegeben war. Auf welch gefährliches Gebiet wir uns mit Heine und Lenau begaben, sollten wir bald mit Schrecken gewahren. Mochte ich auch für sie gleichsam nur die Stimme ferner Traumgestalten sein, die der Geist des Buches der Lieder in ihrer Frühlingsseele gebar, so empfand ich selbst doch alle diese Gedichte als direkt an meine schöne Lehrerin gerichtet und nahm alles auf das persönlichste. Der Thron meines Herzens war frei, und ich machte das blonde Fräulein zur Königin. Wie sehnte ich mich in den langen Tagesstunden nach meinem abendlichen Pagendienst. Meine Lehrer hatten in dieser Zeit oft Veranlassung, den Kopf über mich zu schütteln, und mutmaßten alles andere, als die rechte Ursache meiner Zerstreuung. Ob man im Hause ein verändertes Wesen mir anmerkte, weiß ich nicht; jedenfalls blieb man ohne Argwohn, und ich genoß ein heimliches Glück, das sonst Knaben meines Alters nicht vergönnt zu sein pflegt. Hatte ich meine Vorlesungen mit Heine und Lenau angefangen, so war es gleich in der Absicht geschehen, mit meinen eigenen Versen zu schließen. Daß ich solche auf Cäcilie in großer Anzahl verfaßte, war selbstverständlich. Nun ließ sie sich Heine und Lenau mit schönem Ernst gefallen, als ich aber mein eigenes Liebesgereimsel vorlas und frech genug war, es ihr zuzustecken, nahm sie es zwar an, lachte aber doch belustigt über einen so jungen Liebhaber. Auch behandelte sie mich von dieser Stunde an anders und wies mich bei jeder Gelegenheit in meine Kindlichkeit zurück. Allein sie richtete nicht viel damit aus. Ja, ich erhitzte mich nach und nach bis zum kecken Unterfangen, sie zu küssen. Doch tat ich es nicht als ein Held im Liebesgarten, Aug' in Auge und geradezu auf den jungen, frischen Mund, sondern ich stand hinter ihr und beugte mich scheu und furchtsam, ein ungeübter Dieb, über ihre rechte Schulter und berührte mit meinen Lippen ihre Wangen. Einen Augenblick blieb sie regungslos, blutrot und keines Wortes mächtig, dann aber sprang sie zornig auf: »Dummer Bengel!« rief sie. »Was fällt dir ein? Sofort machst du, daß du hinauskommst!« Wie vernichtet stand ich vor ihr, wagte kaum den Blick zu erheben und fühlte mit einmal die Schwere meiner Tat. Wenn sie mich verklagte? Und wie nun so Scham und Angst mit vereinten Kräften über mich herfielen, wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich in Tränen ausbrach; schluchzend ließ ich mich auf meinen Stuhl fallen, warf mich über den Tisch und verbarg das Gesicht zwischen meinen ausgestreckten Armen. Eine Zeitlang sah sie dem schweigend zu, dann legte sie ihren Arm um meinen Nacken und versuchte mich aufzurichten und mich zu trösten. »Junge, mach' keine Geschichten, deshalb brauchst du doch nicht zu weinen. Ich bin dir nicht böse. Aber du mußt nun vernünftig sein und gehen.« Sie zog mich mit sanfter Gewalt vom Stuhl in die Höhe, sah mich halb belustigt und halb gerührt an und schob mich der Tür zu. Hier nahm sie meine Hand und sagte: »Ich will dir deinen Kuß wiedergeben.« Sie zwang den Sichsträubenden, ihr still zu halten, indem sie ihm den abgewandten Kopf mit festem Griff zurechtsetzte und, ein verschämtes, willenloses Kind, mußte er es leiden, daß sie ihn herzhaft auf den Mund küßte. »So, und nun geh!« Und damit schob sie mich vollends zur Tür hinaus. Da stand ich nun, ein Ausgetriebener, vor meinem Paradies. ›Hättest du nicht von der verbotenen Frucht genossen, hättest du dir noch lange darin Wohlsein lassen können,‹ dachte ich; jetzt war es mir auf immer verschlossen. Woher hätte ich den Mut nehmen sollen, wieder um Einlaß anzuklopfen? Ich suchte vielmehr in den folgenden Tagen mich möglichst vor den Augen des Mädchens zu verstecken und mit meinem Charles XII allein fertig zu werden, was denn auch leidlich ging. Meine Mutter freute sich dieser Fortschritte, und ich wußte ihr ein paar schlechte Zeugnisse zu verheimlichen. Erstaunt war ich, daß Cäcilie mich bald wieder mit völligster Gleichgültigkeit behandelte, als ob nichts geschehen sei. Konnte sie sich so gut verstellen, oder war ihr das Ganze wirklich nur eine Kinderei, die ihr kein Stündchen länger Gedanken machte? Was hatte ich ihrem Betragen zu entnehmen? Beruhigung? Oder mußte ich fortgesetzt fürchten, daß die Eltern sich eines Tages als Mitwisser meines ersten Sündenfalles zu erkennen geben würden? Doch nichts derartiges geschah. Und schon begann ich Ruhe und Vertrauen wiederzugewinnen, als mich die Mitteilung der Mutter, daß Cäcilie sich verlobt habe, und wohl bald unser Haus verlassen würde, wieder aus dem Gleichgewicht warf. War dem wirklich so, oder war es nur ein Vorwand? Doch es war, wie die Mutter sagte; das Mädchen hatte schon einen Bewerber gehabt, als es in unser Haus eintrat und war heimlich mit ihm versprochen. Wenn ich ihr aus dem Buch der Lieder vorlas, hatten ihre Gedanken jenem entfernten Freund gegolten, und ich knabenhafter Liebhaber diente ihr nur dazu, ihrem Herzensfeuer noch ein paar poetische Kohlen unterzuschaufeln. Daher auch ihre Heiterkeit, als sie merkte, daß ich selbst Feuer gefangen hatte, und die Sicherheit ihres Betragens hinterher. Natürlich stellte ich damals solche Betrachtungen nicht an, sondern bezichtete sie im stillen pathetisch der Falschheit und des Verrates, als ob sie mir irgend etwas schuldig geworden wäre. Als sie dann aber unser Haus verließ, uns allen noch einmal die Hand gab, und mich mit einem flüchtigen Evablick erröten machte, war es mir doch, als zöge ein Stück Sonne mit ihr davon, und als würde ich so schöne Stunden nie wieder erleben. Ich setzte mich mit heißen Wangen hinter meine Verse, die ich ihr gewidmet hatte, und war für den Rest des Tages ein tiefunglückliches, zerrissenes Wesen, verdammt ein großes, unseliges Geheimnis in meinem jungen Busen zu verschließen. * Lange war ich nicht mehr durch die Straßen meiner goldenen Stadt gewandert und hatte den beseligten Blick zu ihren Türmen erhoben; statt dessen hatte sich ein anderer Traum bei mir eingenistet. Mit Grauen ging ich des Abends zu Bett, wußte ich doch, was mir für die Nacht bevorstand: ich lief in Todesangst die Holstenstraße hinunter, die sich in ihrer unteren Hälfte ziemlich senkt, einen unsichtbaren Verfolger hinter mir; und gerade vor dem »Roten Hahn«, einem kleinen Wirtshaus rechter Hand, wurde mir ein langes Dolchmesser tief in den Rücken gestoßen. Dieses wiederholte sich lange Zeit Nacht für Nacht; und immer gerade vor dem »Roten Hahn« erhielt ich den Stich, der mich sogleich in Schweiß gebadet aufwachen ließ. Es wiederholte sich so oft, daß ich es zuletzt als etwas Unabänderliches hinnahm, und gleichgültig dagegen wurde, und damit blieb dieser böse Traum dann weg. Bald nach Cäciliens Weggang war er zuerst aufgetreten, und ich suchte vergebens, ihn zu deuten und nach seiner Ursache zu spüren. Wie sehnlich hatte ich gewünscht, einmal von Cäcilien zu träumen. Mit innigem Gedanken an das Mädchen war ich oft zu Bett gegangen, hatte wiederholt leise ihren Namen ausgesprochen und sie in mein Gebet eingeschlossen; aber so wie die Wimpern sich schlossen, war ihr Andenken erloschen. Hier aber tauchte etwas aus dem Schoße der Nacht auf, womit die Seele am Tage keine Gemeinschaft hatte. Alle diese Zustände plagten mich, ohne daß die Umgebung davon etwas gewahr wurde, denn ich konnte mich von früh auf gut beherrschen. Dazu kam andererseits die Gabe, Stimmungen und Zustände bewußt herbeizuführen. So konnte ich durch den bloßen Willen einen Zustand so unendlichen Grauens sogar am hellen Tage hervorrufen, daß es mir eiskalt über den Rücken lief, und ich an die Existenz von Geistern zu glauben geneigt war. Ich weiß nicht, was mich in den Ruf des Stolzes, ja des Hochmutes gebracht hatte. Diesem Schicksal verfallen recht oft stille, innerliche Naturen, die sich selbst genug sind und daher, mehr als den anderen lieb ist, deren Gemeinschaft entraten können. Meine äußere Haltung konnte jenem Urteil keineswegs Nahrung geben. Ich hatte einen leichten, schwebenden Gang, von dem die Schwester sagte: »Ganz wie Leutnant Karo.« Das war ein schmeichelhaftes Lob, denn dieser schlanke, blühende Sekondeleutnant war der Gott aller Backfische. Sonst aber hatte ich kaum mit diesem Marsjünger Ähnlichkeit. Ich trug den Kopf freilich auch hoch genug, aber auf einem langen Hals, den ich weit vorzustrecken pflegte, so daß ich wie ein Schiff, mit dem Schnabel voran, durch die Straßen segelte. Dabei hatte ich, ohne mich eigentlich schlecht zu halten, einen rundlichen Rücken, verursacht durch die kräftige Ausbildung der Schulterblätter; das war ein Erbteil meiner Mutter und ihrer bäuerlichen Vorfahren, die den Pflug durch die harte Scholle geführt und den Segen der Felder in lastenden Säcken auf ihren Rücken in die Mühle getragen hatten. So begreife ich, daß die kleinen Backfische mehr Augen für Leutnant Karo hatten als für mich. Dennoch war eine unter den Freundinnen meiner Schwester, die mich wenigstens aus der Ferne anschwärmte. Sie merkte wohl, daß sie auf Gegenliebe nicht zu rechnen hatte, und versuchte nicht erst eine vergebliche Annäherung herbeizuführen. Es war ein feines, sinnendes Mädchen, aber sie war häßlich. Diese hatte durch meine Schwester von meinen Gedichten erfahren, hatte einzelnes von dem sentimentalen Zeug gelesen und sich nach Backfischart in die Neigung zum Dichter hineingeschwärmt. Ihre Schwärmerei ließ ich mir natürlich als Futter meiner Eitelkeit gerne gefallen, und ich ließ ihr ab und an auch durch meine Schwester einen Gruß zukommen, wie man einem Bettler ein Almosen zuwirft. Immerhin sog ich auch aus dieser, wie jeder anderen spärlichen Anerkennung den mir nötigen Honig, fing an mich zu fühlen, und strebte immer lichteren Höhen des Parnasses zu. Einmal wurde mir denn auch ein Triumph, der mich aber mit seinem blendenden Glanz fast ebensosehr erschreckte, als er mich in einen kurzen Rausch wahnsinniger Zukunfthoffnungen versetzte. Ein Traum hatte mir die Idee zu einem langen Gedicht gegeben: Ich ging durch die Wüste, arbeitete mich langsam durch den Flugsand der heißen, flimmernden Dünen und sah um mich die Gerippe der gefallenen Kamele und deren Treiber. Aber ich erreichte einen festeren Sandhügel, der meinem Fuß Halt gewährte, und sah nun plötzlich die ganze Wüste in kreisender Bewegung um mich herum aufstehen. Soweit der Traum. Dann hatte meine Phantasie weiter gedichtet. Ich ließ die drehenden und wandelnden Staubsäulen Gestalt annehmen; die großen Männer der Menschheitsgeschichte, wie sie in einer Tertianerseele lebendig sind. Schiller und Goethe, Alexander und Napoleon, Kant und Humboldt, Beethoven und Mozart, Raffael und Michelangelo, jeder dieser aus dem Staub zu einem Scheindasein erstandenen Helden begrüßte mich mit einer Klage über die Vergänglichkeit alles Irdischen, und der Refrain jeder Strophe war immer ein dumpfes, geisterhaftes: »Staub! Staub!« Dieses Gedicht mußte meinem Stiefvater in die Hände fallen, oder vielmehr er überraschte mich, als ich die letzte Hand anlegte. Ich konnte ihm das Blatt nicht weigern, er nahm es und las es in meiner Gegenwart durch, sagte wohlwollend: »Sieh, sieh!« oder so ähnlich, und hieß es mich fertig machen und ihm dann noch einmal zeigen. Wer war beglückter als ich! Er nahm dann das fertige Gedicht an sich, um es seinem Freunde dem Polizeirat Dr. Ave-Lallemant, der sich auch einen schriftstellerischen Namen gemacht hat, zu zeigen; dieser sprach sich sehr anerkennend darüber aus, und mein Vater vorenthielt mir nicht seine lobenden Worte, als er mir mein Opus mit einem freundlichen Lächeln zurückgab. Nun mochte die Größe des Stoffes – Tertianer wagen sich immer an das Größte und Schwerste – mich über mich selbst hinausgehoben haben, genug es war noch ein paar Tage lang von meinem Gedicht die Rede, und zuletzt rückte meine Mutter mit der Absicht heraus, es Emanuel Geibel zu zeigen; sie wollte selbst damit zu ihm gehen. Emanuel Geibel! Vor seine Augen zu kommen, hielt man meine Verse für würdig? Statt in einen Freudentaumel zu geraten, überfiel mich eine herzbeklemmende Angst. »Nein! Nein!« rief ich und bat, es doch zu unterlassen. Aber meine Mutter wußte mich zu beruhigen und zu überreden, und da ich merkte, daß auch der Vater von der Sache wußte und sie befürwortete, gab ich nach; und so wartete ich denn klopfenden Herzens ihrer Rückkehr und meines Urteils. Geibel lebte nach seinem Weggang aus München als Pensionär des Königs von Preußen wieder in seiner Vaterstadt. Wir begegneten ihm oft auf unseren Schulwegen, oder sahen ihn draußen vor dem Burgtor im Schatten der alten Alleen lustwandeln. Schon von weitem erkannten wir ihn an dem großen grauen Schlapphut, dem Plaid, das er lässig über die Schulter geworfen trug, und dem charakteristischen Zwickelbart. Dieser Bart gab seinem Gesicht etwas Martialisches, wie er denn überhaupt ein ganzer Mann war, dieser später so arg als Backfischdichter Verschriene, männlicher als mancher seiner jugendlichen Gegner, die stürmisch auftraten, aber was positive Leistungen für ihre Nation anbetrifft, weit hinter Geibel zurückblieben. Damals stand er noch auf der Höhe seines wohlverdienten Ruhmes, und galt uns, der Jugend seiner Vaterstadt, als ein Dichter, Weiser und Prophet, dem wir uns mit scheuer Ehrfurcht zu nähern hätten. Eine Edelnatur, verbreitete er eine Atmosphäre von Reinheit und Adel um sich und bewegte sich auch äußerlich als ein Auserwählter unter uns. Dieser Mann sollte nun meine Gedichte lesen! War es nicht ein kühnes, ja durchaus ungehöriges Unterfangen, ihn mit solchen Schülerreimereien unter die Augen zu gehen und auch noch einiges Interesse für den dreisten Räuber seiner Zeit zu erbitten? Meiner guten Mutter kamen dieselben Bedenken, und sie kehrte unverrichteter Sache wieder heim, nachdem sie ein paarmal unschlüssig vor dem Hause des Dichters auf und ab gegangen war und nicht den Mut hatte finden können, auch nur die Türklinke zu berühren. Ich fühlte mich mehr erleichtert als betrübt, und begnügte mich gerne mit dem kleineren aber sicheren Triumph, daß erwachsene Leute von Bildung und Verständnis es überhaupt in Erwägung gezogen hatten, mein Opus einem Manne wie Geibel vorzulegen. Ich atmete wieder frei auf und war mit diesem Ausgang der Sache sehr zufrieden. * Unser Stiefvater hatte sich dem jungen Poeten als von gütiger und teilnehmender Gesinnung gezeigt. Solche kleine Züge hatten mich schon wiederholt erkennen lassen, daß er mich im stillen bevorzugte. Das hat mich natürlich auch milder in meinem Urteil über ihn gestimmt, der im ganzen unserem Hause nicht zum Segen gereicht hat. Während seiner langen Reisezeit in den nordischen Ländern hatte er sich an dortige Trinksitten und an ein wechselvolles Wirtshausleben gewöhnt und vermißte es in den späten Ehejahren. Er gehörte bald zu jener gar nicht kleinen Zahl von Hausherren, die ihre Abende gern außer dem Hause zubringen und ihrer Familie einreden, der Mann bedürfe des Stammtischgespräches mit Gleichgesinnten, und die sich stellen, als erfüllten sie damit gleichsam eine soziale Pflicht. Unser Stiefvater hatte seinen Stuhl nun gleich in den Ratskeller gestellt, wie er denn überhaupt ein Mann von Geschmack und verfeinerten Ansprüchen war, dem das Beste gerade gut genug schien. Austern, Rebhühner und Krammetsvögel, sagte man ihm nach, hätte er am liebsten gegessen und für sich nötig befunden, während er zu Hause für Einfachheit und Genügsamkeit kluge und väterliche Reden hielt. Er hatte auch überall die beste Einsicht und hätte manches Gute wirken können, allein er war schwach und ganz in Egoismus versunken. Er konnte einen Anlauf nehmen, sich unserer Erziehung mit Ernst und Eifer zu widmen, und sich unser Vertrauen, dessen Mangel er wohl fühlte, zu erwerben. Er fing an, uns an Winterabenden aus Zschokkes Stunden der Andacht vorzulesen; es waren Feierstunden für uns, denn er war ein ausgezeichneter Vorleser und wußte die vorgetragene aufklärerische Weisheit auch unserem Gemüt nahezubringen. Lieber noch hörten wir ihn Fritz Reuter lesen; hier war er unnachahmlich, sowohl in den ernsten, wie in den humorvollen Partien, und da er im Grunde selbst mehr Geschmack daran fand, als an dem etwas dünnen Weisheitstee Zschokkes, so blieben wir bald bei Onkel Bräsig und dem alten Havermann. Nach einigen Wochen war aber auch diese Herrlichkeit zu Ende, und es wurde nie wieder ein Buch in die Hand genommen. Dafür fing er an, mit uns spazieren zu gehen, wobei belehrende Unterhaltungen das Wandern würzen sollten. Das geschah auch anfangs, indem er an Zschokke anknüpfte; aber bald wurde es ihm und uns lästig, und wir plauderten lieber nach Bedarf und Laune und genossen jetzt erst die Freude des Spazierengehens. So war er in allem ein wunderlicher, starrer und doch oft inkonsequenter Mann, der aber seine Schwächen kannte und einem etwaigen Verlust an Ansehen dadurch vorzubeugen wußte, daß er mit tyrannischem Eigensinn überall seinen Willen durchsetzte. So war er gleich im Anfang mit unserem guten Franz hart aneinander geraten. Der gekränkte langjährige Diener des Hauses hatte gekündigt, und alle Versuche der Mutter, zu vermitteln, scheiterten an dem Eigensinn des Vaters. Mit Tränen in den Augen sahen wir den Freund unserer Kinderjahre das Haus verlassen. Er kaufte sich eine kleine Gärtnerei, und wir besuchten ihn in der Folge manchmal, worüber er eine rührende Freude zeigte. Zwei Leidenschaften beherrschten den Vater vor allem: das Trinken und das Angeln; damals überwog noch das Angeln. Die Trave, sowohl unterhalb, wie auch oberhalb der Stadt, war fischreich genug. Lieber aber angelte er in einem benachbarten See, der mit einer nur halbstündigen Eisenbahnfahrt zu erreichen war. Dahin nahm er uns oftmals mit. Das war denn jedesmal ein Festtag für uns, auch für mich, der ich am Fischfang selbst wenig Vergnügen fand. Nach einigen vergeblichen Versuchen, auch einen Barsch oder ein Rotauge an meinen Haken zu bekommen, gab ich gewöhnlich das Angeln auf, zog ein Buch aus der Tasche und las. Aber auf der schattenlosen Wasserfläche, wo die Sonne doppelt heiß brannte, und die weißen Blätter des Buches die Augen blendeten, wenn ich nicht eine künstliche Beschattung herstellte, überkam mich nur zu oft ein Gefühl der Müdigkeit, gegen das ich dann heroisch ankämpfte, indem ich an den gefüllten Futterkorb dachte, oder die Hände bis über die Gelenke in das kühle Wasser tauchte. Manchmal flog mir auch wohl ein zappelnder Fisch aufmunternd um die Ohren, der, gar zu stürmisch an das himmlische Licht gerissen, an der nassen Schnur über das ganze Boot hinschnellte. Kehrten wir dann sonnenverbrannt heim, stand ich im Berichten fischerlicher Heldentaten keineswegs zurück, und lobte – immer mit »wir« sprechend – die Fänge der anderen neidlos in den höchsten Tönen. Ganz ohne Ausbeute kam auch ich nie nach Hause, wenn ich meine Schätze auch nicht auf den Tisch schütten, noch irgendwie anderen zugänglich machen konnte. Dieses beschauliche Stilliegen auf dem Wasser war eigentlich ganz nach meinem Sinn und meiner Träumernatur gemäß. Schon das Schmoren an der Sonne behagte mir und konnte mir nicht leicht zuviel werden; ich freute mich über die zunehmende Bräune meiner Hände und beugte mich über den Rand des Bootes, um im feuchten Spiegel ein unvollkommenes Bild des farbigen Fortschrittes auf meinem Gesicht zu erhaschen. Dabei verlor sich der Blick gern in die geheimnisvolle Tiefe. Ein breiter Schilfgürtel umgab den See, Mummeln blühten aus dem stillen Grund märchenhaft herauf, und die weißen Flügel der Landmöwen blitzten, sich spiegelnd, neben den schneeigen Blumenkronen im Wasser. Zahlreiche Libellen tummelten sich in der schimmernden Luft über der flimmernden Flut, und die Fischlein kamen hier und da glitzernd an die Oberfläche und schossen im pfeilschnellen Zickzack wieder aus der gefährlichen Bootnähe in ihr sicheres Reich zurück. Eines Nachts lebte eines jener Wasserbilder in lieblicher Verschönerung in meinem Traum wieder auf. Ich sah Cäcilie, von der zu träumen ich so oft vergeblich gewünscht hatte, vor mir aus dem See auftauchen. Sie hatte wunderbarerweise ganz grüne Haare, die ein Kranz silberner Sterne fesselte. Doch als sie näher kam, geisterhaft das flüssige Element durchschneidend, ohne daß sich ein Wellchen regte, erkannte ich, daß das grüne Haar langes, feuchtes Schilfgras war, und die hellen Sterne zeigten sich als weiße Wasserrosen, auf denen hier und da ein diamantener Tropfen funkelte. Es war nur eine flüchtige Erscheinung, die sich mir sofort entzog, als ich Anstalten machte, sie zu umfangen. Aber aus den nachfolgenden wirren und wechselnden Traumbildern leuchtete sie mir doch weit in den Tag hinein; sie in einem Gedicht festzuhalten, mißlang nach vielen Bemühungen, und das schöne Bild zog sich wieder in sein verborgenes Nixenreich zurück. IV Das nachgeborene Schwesterchen, ein hübsches, zierliches Kind, war schwer erkrankt. Es springt noch eben munter mit seinen Gespielen umher, als es plötzlich aufschreit. Befragt, klagt es über Schmerzen in der rechten Hüfte. Die Schmerzen verlieren sich, treten aber bei jedem Laufen und Springen erneut und heftiger auf. Das Kind muß sich legen, ein Hüftleiden stellt sich heraus, Wunden brechen auf, und die Ärzte wollen zur Amputation des Beines schreiten; nur der energische Widerspruch des Hausarztes verhindert das. Aber nun begann ein langes Krankenlager, das der Mutter schwere Lasten aufbürdete. Um sich zu erholen und auch der Kranken zur Stärkung, ging die Mutter mit den beiden Schwestern während der Sommerferien nach Travemünde. Wir beiden Brüder wurden solange auf ein benachbartes Gut in Pension gegeben. Wir freuten uns gar sehr darauf und vergaßen darüber die betrübende Veranlassung. Es war ein heißer Sommer, die Ernte war vor der Tür und schon teilweise in Angriff genommen, so daß wir Ungeduldigen etwas zu verlieren fürchteten; denn was gibt es Schöneres für einen Knaben als das Einfahren des Kornes, hoch oben auf dem schwankenden Segen oder, noch besser, neben dem Knecht auf dem Handpferd. Bei uns regte sich das alte Bauernblut der Vorfahren. Das Landleben war uns nicht ganz neu; auf gelegentlichen Ausfahrten hatten wir es genugsam kennen gelernt, um uns sehnlichst einen längeren Landaufenthalt zu wünschen. Nun sollten wir so Herrliches wirklich auskosten! Die Gutskinder, zwei Brüder und eine Schwester, holten uns in einem niedrigen Wägelchen ab. Es waren bäuerlich-derbe Jungen von achtzehn und dreizehn Jahren, für ihr Alter groß und breit; die Schwester, neunzehn Jahre alt, war ebenso stattlich aufgewachsen, und wir respektierten sie als junge Dame. Sie war freundlich, fragte nach Eltern und Geschwistern, Haus und Schule und zeigte ein munteres, burschikoses Wesen, das uns eine gute Gemeinschaft erhoffen ließ. Die Eltern dieser Geschwister waren ein sehr ungleiches Paar. Der Vater kam gerade über den Hof, als wir anlangten, und begrüßte uns mit kräftigem Handschlag. Er war ein schlanker, sonnengebräunter Mann, aber von leidendem Aussehen, mit hübschen, stillen Augen. Die Mutter stand unter der Tür, breit, behäbig, wohlwollend. Sie hieß uns willkommen und führte uns ins Haus. »Ihr habt gewiß einen tüchtigen Hunger,« waren ihre ersten Worte. In der kühlen Stube standen ein mächtiger Teller Butterbrot und ein großer Topf herrlicher Milch bereit, uns zu laben, und wir waren ob solchen Empfanges sehr erfreut. Nur genierte es uns, daß wir allein zulangen sollten; die beiden Söhne behaupteten, keinen Appetit mehr zu haben, da sie schon gegessen hätten, bevor sie aus dem Hause gegangen wären. Doch sie setzten sich mit an den Tisch, uns gerade gegenüber, stützten den Kopf und sahen uns jeden Bissen in den Mund. Das Mädchen stand daneben und wehrte ihnen zuletzt; da gingen sie hinaus und hießen uns nachkommen, wenn wir satt wären. »Lauft nur,« sagte die Schwester. »Wir haben doch noch allerlei herzurichten.« Sie führte uns denn auch, nachdem wir die Hälfte des großen Butterbrotberges abgetragen hatten, in unsere Kammer, zeigte uns im Vorübergehen allerlei andere Räume und auch ihr eigenes freundliches Mädchenzimmer, worin ein grünliches Licht herrschte, da vor dem offenen Fenster eine breite Lindenkrone ihre Zweige ausstreckte. Unsere Kammer lag auf einem schmalen Korridor gerade der Kammer Helenens gegenüber. Auch hier stand das Fenster offen und ließ eine erquickliche Luft herein, und sperrte ein grünes Lindenlaub die heiße Sonne ab. Die schlichten Betten waren sauber, und das weiße Linnen duftete nach frischer Wäsche. »Ihr müßt euch erst ein wenig behelfen,« sagte das Mädchen. »Paul schläft ein paar Tage bei euch auf dem Fußboden. Er geht dann nachher mit Georg zum Schwager Oberförster in die Ferien, und dann habt ihr hier das ganze Reich für euch allein.« Nachdem wir uns oberflächlich eingerichtet hatten, führte unser erster Weg natürlich in die Ställe, die wir jedoch leer fanden; das Vieh war auf der Weide und die Pferde waren bei der Arbeit. Die Rapsernte war im Gange, und die vollen Wagen rollten geräuschvoll über den Hof und schwankten durchs weitgeöffnete Scheunentor auf die Tenne. Wir streichelten die dampfenden Tiere, kletterten in die geleerten Wagen und fuhren gleich mit aufs Feld hinaus, wo eine große Schar fleißiger Arbeiter in der glühenden Sonne beschäftigt war, die erste Feldfrucht mit ihrem harten, stachligen Stroh aufzuladen. So holten wir uns neuen Hunger für den Mittag, aber auch ein wenig Müdigkeit, so daß wir es nach dem Essen vorzogen, im Garten zu bleiben, wohin in eine schattige Laube der Nachmittagkaffee und die selbstgebackenen Kringelchen aus Mürbeteig gebracht wurden. Dieser Garten senkte sich an der einen Seite in ein buschiges Tal, in der eine Quelle ihr Wesen trieb; man hörte beständig ihr Geplätscher aus dem kühlen Dunkel herausklingen. War man auf schmalem, romantischem Pfade zu ihr hinabgestiegen, sah man sie mit einem glitzernden Bogen aus dem dunklen, bemoosten Abhang hervorspringen, hell, klar und kühl, und dann weiter durch Moos und Farn ihren schlängelnden Weg sich suchen. Hier war der Lieblingsplatz Helenens, und sie führte uns denn auch bald in dies Heiligtum hinab. Auf der entgegengesetzten Seite des Gartens erhob sich ein tannenumsäumtes Hügelchen mit einer Ruhebank, von wo aus man einen weiten Blick über die Felder hatte. Das goldene Korn wogte im Sonnenschein, und die heiße Luft zitterte unablässig darüber bis an den fernen, dunstigen Horizont, wo ein dunkler Wälderstrich das Bild begrenzte. Oft schwankte ich, welchem Platz ich den Vorzug geben sollte. Anfangs freilich war an ein friedliches Genießen so schöner Umgebung, wie es meinem Wesen wohl angemessen war, nicht zu denken. Die beiden Brüder erwiesen sich als ein derbes, unruhiges Paar, das immer etwas unternehmen mußte, und, wenn es nichts Gemeinsames auszurichten fand, miteinander raufte, um doch irgendwie die überschüssige Kraft auszulassen. So waren wir denn froh, als sie uns nach einigen Tagen verließen. Allein meinem Bruder schien es auch in dem größeren Frieden nicht zu behagen, denn eines Morgens war er verschwunden. Zum Schrecken der Eltern kam er zu Fuß in Travemünde an. Diese heroische Leistung kindlichen Heimwehs rührte sie, und sie behielten ihn bei sich. Da war ich denn allein und stand vor der Frage, ob ich auch nach Hause gehen oder aushalten wolle. Nun gab es so vieles, was mich hielt; vor allem war es die ungebundene Freiheit in der schönen Natur, dann das gute ländliche Essen, vor allem das selbstgebackene, schmackhafte Brot und nicht zuletzt die Hoffnung, nun die beiden Störenfriede aus dem Hause waren, eine Zeit ungestörten Glückes verleben zu können. Dazu kam, daß Helene mich bat, doch ja da zu bleiben. »Ich werde dir sehr böse,« sagte sie, »wenn du gehst. Oder bist du auch so ein Muttersöhnchen?« »Das nicht,« antwortete ich, »aber wenn sie alle weg sind –« »Wir wollen uns schon die Zeit vertreiben. Jetzt, da du gerade anfängst, frisch auszusehen, wolltest du davonlaufen? Das gibt es nicht.« Auch die Eltern schienen froh, daß ich dann blieb; sie mochten die üble Nachrede fürchten, wenn es etwa heißen würde, wir waren ihnen davongelaufen, weil wir es nicht bei ihnen hätten aushalten können. So wurde ich denn mit doppelter Freundlichkeit von ihnen umgeben, ja geradezu verzogen. Helene hatte manche Stunde für mich übrig; ja sie nahm die Sorge für mich und mein leibliches Wohl zuletzt ganz in ihre Hand. Ich fühlte von Tag zu Tag, daß ich ihr lieber wurde und, daß sie suchte, mir etwas Gutes zu erweisen. War ich dann einige Stunden mir selbst überlassen, so war sie am Nachmittage wieder für mich da. Wir gingen in den Garten, saßen an der Quelle oder auf dem Tannenhügel, machten auch wohl einen weiteren Spaziergang durch die Felder oder bis an den entlegenen Wald. Oft aber gingen wir zu den Arbeitern auf das Feld hinaus und fuhren mit den vollen Wagen heim, wobei sie sich auch wohl mal in den Sattel schwang und die Zügel ergriff, während ich mich an der Seite einer so kraftvollen Amazone mit großem Stolz und möglichst guter Haltung auf dem Nebenpferd breit machte. Sie war von früh an das Reiten gewohnt und ersetzte auch in anderer Hinsicht gut einen Knecht. So vertraute man ihr denn ein Gespann schon an und war sicher, daß sie es wohlbehalten in der Scheune abliefern würde. Als nun die Roggenernte begann, ließ sie es sich nicht nehmen, das erste Fuder auf den Hof zu fahren. Es war ein schwüler, gewitterschwangerer Tag, als wir aufs Feld hinausgingen, wo alles des Wetters wegen in fieberhafter Tätigkeit war. Hier rauschten die goldenen Ähren unter dem singenden Schlag der Sensen in schönem, gleichmäßigen Schwung zu Boden, dort rafften braune Arme die Gefallenen zusammen, und andere stellten sie in Hocken gegeneinander; weiterhin war alles schon zum Einfahren bereit, und der gebündelte Segen schwebte auf ragender Forke hoch über dem Rand des Wagens. Der erste war vollgeladen und Helene wollte ihn im Triumph in die Tenne bringen; ein Knecht half mir aufs Nebenpferd, und im Trabe ging es heim. Die schwarzen Wolken waren indes drohend heraufgekommen und schienen uns gleichsam zu verfolgen. Mein langbeiniger Fuchs stieß sehr, und ich hatte Mühe, mich auf seinem Rücken zu behaupten. »Halte dich nur gut fest,« mahnte Helene, »wir sind bald zu Hause.« Sie schnalzte mit der Zunge und ermunterte mit kurzem Schlag der Leine die Tiere zu schnellerem Trab, so daß ich nicht ohne Angst auf meinem sattellosen Gaul hockte. Doch umsonst, der plötzlich einsetzende Wind trieb das schnell aufkommende Gewölk rascher vor sich her als wir unsere Pferde; ein erster Blitz fuhr herab, ein knatternder Donner folgte, und die ersten schweren Regentropfen fielen. Und jetzt brach das Unwetter mit aller Heftigkeit auf uns herein; ein zweiter Blitz in unserer Nähe machte die Pferde scheuen, schwere Hagelkörner prasselten herab und ein Unglück drohte. Helene glitt aus dem Sattel und beruhigte die zitternden Tiere. Wie ich ihrem Beispiel gefolgt, weiß ich nicht: genug, ich stand neben ihr, triefend und bei jedem neuen Blitz zusammenfahrend. Mit jeder Hand eines der Pferde kurz am Zügel haltend, hoch aufgerichtet bot Helene das Bild jugendlicher Kraft. Die unruhige Deichsel tanzte vor ihrer Brust in gefährlicher Nähe auf und ab; aber sie sprach mit ihrer tiefen, vollen Stimme unablässig auf die Pferde ein: »So, so, Lisch. – Ruhig, Peter. – So, so, guter Peter.« Schnell wie das Unwetter gekommen war, zog es vorüber, und wir konnten uns wieder, freilich tüchtig durchnäßt, in den Sattel schwingen. Solche gemeinsame Erlebnisse führten uns immer näher zusammen, und als wir uns am Nachmittag dieses schwülen Tages an der Quelle im Gartental trafen, hatten wir ein ergiebiges Thema für unsere Unterhaltung. Der schwere Regen war nur strichweise gefallen, wir konnten uns auf die einladende Moosdecke niederlassen, in unmittelbarer Nähe des kühlenden Strahles, seiner feuchten Spritzer nicht achtend; klingend sprang er aus der kühlen Erde und schimmerte vielfarbig im Lichte, das durch die leise schwankenden Blätter fiel. Helene schöpfte mit beiden Händen, die sie kunstvoll ineinander verschlungen hatte, trank, und bot auch mir aus diesem köstlichen Becher von dem klaren, erquicklichen Labsal an. Ein wenig verschämt beugte ich mich auf ihre Hände, und schlürfte mit spitzen Lippen, nicht eben bequem, bis sie auf einmal das schöne Wasser entlaufen ließ, mir mit den nassen Händen ins Gesicht fuhr und mich gehörig wusch. War dieser Scherz an heißem Tage eine doppelte Erfrischung, so war es eine dreifache von ihren Händen. Wie dankbar war ich schon für jede derartige Vertraulichkeit, die mir ein Recht gab, mich ebenso gegen sie zu betragen. So zögerte ich denn auch nicht, sie mit einem raschen Handschlag durch den sprudelnden Strahl zu bespritzen. Sie erwiderte es, und es entspann sich ein feuchter Krieg, der mit meiner völligen Niederlage endigte; denn sie packte mich plötzlich an beiden Armen, zwang mich auf den Rücken ins weiche Moos nieder und schüttelte mich kräftig durch. »Ich könnte dich fressen!« rief sie, und machte eine drollige Gebärde des Beißens. Endlich ließ sie mich los, sprang auf und ging ein paar Schritte von mir weg. Ich erhob mich und folgte ihr, war aber nicht fähig ein Wort zu sprechen, in einer so wunderlichen Stimmung befand ich mich. Doch ihre Sache war Verlegenheit nicht, sie fand denn auch bald ein lustiges Wort, und wir jagten uns ausgelassen durch den Garten. Daß sie mich gern hatte, erkannte ich nun jeden neuen Tag an hundert kleinen Zeichen. Gingen wir des Abends nach dem Essen noch ein Stückchen im Garten spazieren, legte sie ihren Arm schwesterlich um meinen Nacken. Mit ihren Brüdern hatte ich sie nie so gesehen; Zärtlichkeit kommt im Verkehr mit Geschwistern selten vor. Ich aber war ihr gerade fremd und unschuldig genug dazu, und meine städtische Wohlerzogenheit, die ihr mit größerem Respekt begegnete, nahm sie für mich ein. Nun ließ ich es meinerseits auch nicht an kleinen Aufmerksamkeiten fehlen, und zeigte ihr, aller Verstellungskünste bar, durch mein ganzes Betragen, daß ich ihr von Herzen gut war. Für ihre gesunde Schönheit war ich nicht unempfänglich, ihre Kraft und ihr Mut hatten mir Respekt eingeflößt, und ihre tägliche Güte gegen mich tat mir wohl. Ich sann darüber nach, wie ich ihr etwas Besonderes zuliebe tun könne. Eine billige Ausgabe des Faust trug ich seit einiger Zeit immer mit mir herum; schonsam, wie ich mit meinen Büchern war, schien sie mir noch wohlerhalten genug, um sie mit Anstand verschenken zu können. Ich schrieb auf das erste Blatt: »Meiner lieben Helene,« und bat sie, das kleine Andenken von mir anzunehmen. Sie tat hocherfreut und dankte mir mit einem Händedruck. »Goethes Faust!« rief sie aus. »Liest du denn den schon?« »O,« antwortete ich stolz, »ich weiß ihn fast auswendig.« »Nun, nun, das wäre?« meinte sie zweifelnd. Sogleich begann ich: »Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin Und, leider! auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.« Soweit kam ich, als wir gestört wurden. Als wir aber am anderen Abend im Garten allein waren, nahm ich die unterbrochene Deklamation wieder auf, und während ich von Helene umhalst an ihrer Seite auf und ab wandelte, und der Mond sein poetisches Licht über die Gartensteige breitete, rezitierte ich mit knabenhaftem Pathos die unsterblichen Verse, wobei ich mich bald aus ihrer Umarmung schälte, bald wieder in diese schöne Gefangenschaft zurückdrängte. * Reichlich die Hälfte der Ferien war vergangen, da kam aus dem benachbarten Kirchdorf eine Einladung ins Pastorat. Der Besuch mußte aber, ich weiß nicht mehr uns welchen Gründen, verschoben werden, und fand erst am letzten Sonntag vor meiner Heimreise statt. Da die Pferde nach der angestrengten Wochenarbeit ihrer Sonntagruhe bedurften, wollte man zu Fuß gehen, nur Helenens Vater wollte reiten. Es wurde aber die Mutter von einem Unwohlsein befallen, und von den Fußgängern blieben nur Helene und ich übrig. Am liebsten wäre nun die Tochter auch zu Hause geblieben, aber der Vater drang darauf, daß man gehe; man wäre lange nicht dort gewesen, hätte auch seine kirchlichen Pflichten seit einigen Sonntagen versäumt und dürfe den Herrn Pastor nicht erzürnen. Doch schien es mir, als spräche man sich nicht ganz unumwunden aus, als wäre da etwas im Hinterhalt. Es fielen ein paar scharfe Worte zwischen Vater und Tochter, bis das Mädchen resigniert nachgab. Das kam mir wunderlich vor, beschäftigte mich aber nicht lange, und vergnügt schritt ich neben Helene in sonntäglicher Nachmittagsstunde dem Kirchdorf zu. Der Weg war höchst anmutig und führte auch eine Strecke durch jenen Wald, den man vom Tannenhügel des Gartens aus am Horizonte sich hinziehen sah. Wir gingen gemächlich nebeneinander, als hätten wir kein bestimmtes Ziel und könnten die Zeit nach Belieben verschlendern. Helene war anfangs schweigsamer als sonst, ich voller Erwartung, was sich mir in jenem ländlichen Pastorat bieten würde. Es war ein milder, nicht zu heißer Augusttag, ein sonntäglicher Friede ruhte auf den Feldern, die teilweise schon in den Stoppeln standen, teilweise noch den reifen Schmuck der fetten Weizenfrucht trugen, die sich auf ihren schlanken Halmen wie in satter Zufriedenheit wiegte. Im Walde war es angenehm kühl; die schönsten Buchen strebten mit ihren silbernen Stämmen in den Himmel und wölbten ein dichtes grünes Dach über den moosigen Waldboden. »Könnte man doch hier die paar Stunden verbringen, statt diesen langweiligen Besuch zu machen,« sagte Helene, und es klang fast wie ein Seufzer. »Ein wenig mögen sie gerne auf uns warten. Komm, setz' dich!« Sie ließ sich ins Moos niedergleiten und zog mich am Arm zu sich herunter. Nur zu gerne folgte ich der Aufforderung, denn es war hier ein stilles, abgeschiedenes Plätzchen, wie ich es liebte. In schmalen, goldenen Bächlein rann hier und da das Sonnenlicht an den breiten Stämmen herunter und lief über die schwarzgrüne Moosdecke, bis es in Schatten versickerte. Ein Specht klopfte irgendwo, und ein Eichhörnchen lugte neugierig herüber und entfloh dann mit blitzschnellen Sprüngen. Und ein leises, schwebendes Summen war in der Luft, lieblich einlullend. Wir saßen denn auch anfangs ganz still beieinander, und unsere Hände spielten mit den abgefallenen Bucheckern, die reichlich im Moose verstreut lagen. Da wir gar so stumm waren, konnte ich es nicht unterlassen, sie mit einem Nußkernlein zu werfen, und traf sie mitten auf ihre gebräunte Wange, auf der ein lustiges Sonnenfleckchen hin und her tanzte. Sie wurde sofort lebendig, warf gleich zurück, eine ganze Hand voll, und die wunderliche Stille verwandelte sich alsbald in ein lustiges Kampfgetümmel. Mitten in einem reichen Vorrat so billiger Munition sitzend, hatte ich sie mit einem wahren Regen von Geschossen in die Flucht geschlagen, als sie sich mit einem: »Warte, du Kerlchen!« auf mich stürzte, mir beide Arme am Handgelenk umklammerte und mich so kampfunfähig machte. Vergeblich suchte ich mich zu befreien. »Willst du ganz artig sein?« fragte sie. »Ja,« sagte ich und spürte ihre festen Finger schmerzhaft um meine Gelenke. »So gibst du mir jetzt einen Kuß,« befahl sie. Mit einem Ruck riß ich mich los. Aber es gelang mir nur, die eine Hand frei zu bekommen; sie hatte mich alsbald wieder eingefangen, und von meinem Widerstand gereizt, suchte sie jetzt mit Gewalt ihren Willen durchzusetzen. Sie riß mich plötzlich an sich, zwang mein Gesicht mit ihrer rechten Hand in die Höhe, so daß es wie in einem Schraubstock saß und küßte mich gerade auf den Mund. »Siehst du, was ich will, muß geschehen!« rief sie. Bisher schien es nur Spiel zu sein; aber Herr der Situation besann sie sich, gab mich nicht frei, sondern sah mir mit einem eigentümlichen, herrischen Blick in die Augen und küßte mich ungezählte Male jetzt auf Mund, Stirn und Wangen. Wehrlos ließ ich es geschehen, daß sie ihre Lippen solange auf die meinen preßte, bis es mich schmerzte. Endlich gab sie mich frei. »Bist du verrückt?« Das war alles, was ich hervorbrachte, indem ich meine Kleider ordnete und ihr zornige Blicke zuwarf; eine solche Vergewaltigung verletzte doch meinen Knabenstolz, und ich war ihr ernstlich böse. »Bist du nicht angefangen?« fragte sie lachend. Doch merkte ich wohl, daß einige Verlegenheit sie unsicher machte. »Womit angefangen?« fragte ich heftig zurück. »Meinst du Knirps, du dürftest ältere Damen ungestraft mit Bucheckern bewerfen?« »Mein ganzes Handgelenk hast du mir zerquetscht,« schmollte ich. »Komm her, ich will's dir pusten.« »Danke schön!« »Aber so zeig' nur, wehe tun wollte ich dir nicht.« »Sieh nur,« rief ich, und hielt ihr die roten Ringe, die ihre festen Finger um meine Handgelenke gelegt hatten, unter die Augen. »Armes Kerlchen, hier, tu mir wieder weh,« sagte sie halb mitleidig, halb spöttisch. Sie hielt mir ihre Hand hin, aber mein Zorn war schon verflogen, und ich gab ihr nur einen leichten Klaps. So lief in Scherz aus, was in Scherz begann. Sie drängte zum Weitergehen, und war wie umgewandelt, fast übermütig. So kamen wir auf dem Pastorat an, als der Vater schon da war, und entschuldigten uns mit der Hitze des Tages und dem Zauber des Waldes, der uns solange gegen unseren Willen festgehalten hätte. Es war eine muntere Gesellschaft, in die wir gerieten. Nur Helene wurde gleich wieder schweigsam und schien in ihre Zerstreutheit von vorhin zurückfallen zu wollen. Und dieses Wesen steigerte sich von Stunde zu Stunde, bis sich zum Abendessen noch eine benachbarte Familie einstellte, und es mir klar wurde, daß hier die Ursache zu Helenens Verhalten zu suchen sei, denn sie verstummte jetzt fast vollends. Diese neuen Besucher waren ein älteres, großbäuerisches Ehepaar, aus dessen feisten Gesichtern seine ganze Wohlhabenheit sprach, und ein ungefähr fünfundzwanzigjähriger Sohn. Machte die zur Schau getragene, nur auf Besitz gegründete Würde der Alten, einen fast komischen Eindruck auf mich, so gefiel mir der stattliche Sohn wohl. Er hatte ein sicheres, selbstbewußtes Auftreten, das sich auch im lauten, unbekümmerten Sprechen äußerte. Ein hübsches, frisches Gesicht nahm für ihn ein. Ein kleiner blonder Schnurrbart war kokett aufgewichst und nötigte mir besonderen Respekt ab, und es regte sich der heimliche Wunsch, auch bald eine solche Zierde mein eigen nennen zu dürfen. Der junge Mann hatte bei den roten Husaren gestanden, hatte eben seine Dienstzeit hinter sich und war noch nicht wieder hinter dem Pflug verbauert. Die Unterhaltung drehte sich meist um landwirtschaftliche Fragen, die mir fremd waren, weswegen mir denn alles klug und bedeutend vorkam, was so breit und sicher über den Tisch hin- und herüber geredet wurde. Nach Helenens Miene zu urteilen, mochte es das freilich nicht sein; sie saß gelangweilt da, und ließ sich von dem gewesenen Husaren gezwungen den Hof machen. Ich wandte indessen meine größere Aufmerksamkeit den erlesenen Gerichten dieser ländlichen Tafel zu. Mit Erstaunen und Bewunderung sah ich, wie der wohlgenährte geistliche Gastgeber sich einen dicken Keil vom fetten Käse abschnitt, ihn fingerdick mit Butter belegte und den üppigen Bissen ohne Brot in den Mund schob, wo er alsbald verschwand und einem neuen Platz machte. ›Könnte es einem doch auch einmal so gut werden,‹ dachte ich; doch wagte ich nicht, dem Beispiel kühnlich zu folgen und belegte mir mein Brot bescheidentlich, wie ich es gewohnt war. Die Pastorsleute waren noch verhältnismäßig jung. Eine ganze Schar Kinder im Alter von sieben bis sechzehn Jahren saß mit am Tisch, fünf Söhne und zwei Töchter, darunter ein Zwillingspaar. Hier fiel mir nun eine merkwürdige Art des Tischgebetes unangenehm auf. Es teilten sich nämlich die fünf Söhne darin, so daß der älteste aufstand und begann: »Komm, Herr Jesu,« worauf der zweite sich erhob und fortfuhr: »sei unser Gast,« und so weiter, alle Orgelpfeifen hindurch, bis der letzte und kleinste mit einem hastigen »Amen!« schloß, worauf sogleich jeder nach seinem Löffel langte. Diese Arbeitsteilung beim Beten hatte aber so etwas unwiderstehlich Komisches, daß ich mich krampfhaft bemühen mußte, nicht loszulachen. Schon der Anblick der keineswegs wohlgestalteten, rothaarigen Jungen, wie sie nacheinander von ihren Stühlen in die Höhe schnellten, als ob sie einem Druck auf einem elektrischen Knopf gehorchten, war ein Hohn auf jede Gebetsstimmung. Ich faltete jedoch mit den anderen die Hände und sah dabei verstohlen auf Helene; sie verriet aber mit keiner Miene, daß sie Anstoß an dem weihelosen Geplapper nähme. Nach dem Essen mußte ich auf einem alten, verstimmten Tafelklavier etwas zum besten geben. Ich fand auf dem Instrument ein abgegriffenes Choralbuch, Spindlers »Husarenritt« und das »Gebet der Jungfrau« liegen; auch ein Tanzalbum fehlte nicht. Den »Husarenritt« wollte ich nicht spielen, damit nicht Helenens Courmacher sich einbilden möge, es geschähe ihm zur Ehre; vielmehr griff ich zum »Gebet der Jungfrau«, in der bestimmten Absicht, damit eine Verbeugung vor Helenen zu machen. Ich spielte das sentimentale Stück mit allem Gefühl, das mir aufzuwenden möglich war und war beglückt, als ich einen freundlichen, warmen Blick aus ihren Augen auffangen konnte. Die Unterhaltung ging jedoch während meines Musizierens ungehindert weiter, und ich hatte die Freude, das alte Tafelklavier in einem siegreichen Fortissimokampfe mit der lauten, prahlerischen Husarenstimme führen zu können. Zu einem zweiten Stück aber ließ ich mich nicht bewegen, sondern zog mich still in eine Ecke zurück, wo ich ungestört beobachten konnte. Je eifriger sich der junge Bauer mit Helene beschäftigte, um so lebhafter gedachte ich jener Szene im Walde und spürte die Wonne, die ein solches Geheimnis schenkt. ›Rede du nur,‹ dachte ich, ›mich hat sie geküßt, wenn du es nur wüßtest!‹ Ich kam mir wichtig und auserwählt vor, empfand plötzlich Eifersucht und redete mir ein, das Mädchen zu lieben. Als nun für den Heimweg sich jener Nebenbuhler als Begleiter anbot, war mein Ärger groß. Ich war albern genug, zu widersprechen; wir wären ja zu zweien und der Weg wäre ja auch durchaus nicht gefährlich. Er sah mich groß an, lachte und beachtete mich weiter gar nicht. Doch Helene sprang mir bei: »Recht hat er eigentlich. Sie sollten sich wirklich nicht bemühen.« Doch jener konnte und wollte nicht mehr zurücktreten, und es blieb nichts übrig, als seine Begleitung mit Dank anzunehmen. Als wir an jener Stelle vorbeikamen, wo wir die Bucheckernschlacht bis zum absonderlichen Friedensschluß ausgefochten hatten, konnte ich nicht unterlassen, Helene mit den Blicken zu belauern; aber es war zu dunkel, um eine Bewegung auf ihrem Gesicht bemerken zu können. Jenseits des Waldes verabschiedete sie unseren Begleiter ganz energisch; wir bedürften nun seines Schutzes nicht weiter. Er machte einige Redensarten, fügte sich aber ihrem Willen und verließ uns mit einem schnarrenden: »Wünsch' wohl zu ruhen, gnädiges Fräulein.« So waren wir denn allein, und ich erwartete einige harte Worte über den Aufdringlichen. Aber ich spitzte mich umsonst darauf; sie verstummte völlig und ließ mich müde und gelangweilt den Rest des Weges neben sich herlaufen. Nur beim Gutenachtgruß nachher war sie wieder lieb und freundlich, drückte mir die Hand und hieß mich recht schön schlafen und träumen, wie sie mit einem hübschen Lachen nach einer kurzen Pause hinzufügte. »Gleichfalls,« sagte ich mehr gedankenlos als absichtlich. Ich hörte sie noch in ihre Kammer gehen, sank müde aufs Bett und fühlte unter vergeblichen Versuchen, die Erlebnisse des Tages noch einmal zu durchdenken, wie die Lider schwerer und schwerer wurden und sich langsam schlössen. Das Fenster stand, wie immer, offen, ich hörte noch ein leises, traumhaftes Rauschen der Linde, fühlte den kühlen Nachthauch gleichmäßig über mein Gesicht streichen und ging so unmerklich in einen Traumzustand über, der mir die wunderliche Waldszene noch einmal zurückführte. Ich spürte noch einmal die heftigen Küsse auf meinen schmerzenden Lippen, erwachte davon, schlug die Augen auf und starrte gerade in Helenens Gesicht. Sie hatte ihr reiches Haar gelöst, die vollen Flechten hingen ihr vorn über die Schulter und lagen wie zwei braune Schlangen auf meiner Brust. Ihre grauen Augen standen dicht über den meinen, wie zwei stählerne Sterne, ihr Mund hatte sich soeben von meinem gelöst, und ihre unbedeckte Brust hob und senkte sich unter tiefen Atemzügen. So sahen wir uns wohl ein paar Sekunden regungslos an; ich starr, wie ein Vogel unter dem Blick der Klapperschlange, sie in der Ruhe eines selbstverständlichen, wohldurchdachten Tuns. »Ich mußte dich noch einmal küssen,« sagte sie. Dabei drückte sie ihre Lippen wieder auf meinen Mund, und es war mehr eine leise Berührung als ein Kuß. Dann nickte sie mir noch einmal zu, doch nur mit den Augen allein, und ging geräuschlos, wie sie gekommen. Ich hatte weder ein Wort zu ihr gesprochen, noch hatte ich mich gerührt; jetzt fiel es wie ein Alp von mir, ich erhob mich halb, starrte mit aufgerissenen Augen auf die Tür, durch die sie verschwunden war und sank in die Kissen zurück, um in ein haltloses, mich selbst befremdendes Weinen auszubrechen. Warum ich weinte, ob ihretwegen, ob meinetwegen, ich wußte es nicht; meine Tränen flossen reichlich und hörten nicht eher auf, als bis ich erschöpft wieder dem Schlaf in die Arme fiel. Am anderen Tage packte ich mein Köfferchen. Helenens Betragen verriet nichts von dem nächtlichen Abenteuer, und meine Verstörtheit konnte man auf die Stimmung des Abschieds zurückführen. Als ich im Wagen saß, der mich nach der Stadt zurückbringen sollte, schüttelte sie mir noch einmal kräftig die Hand und nickte mir schwesterlich zu; dann rollte das Gefährt vom Hof. Ich wandte mich zurück: sie stand und winkte mit der Hand; eine Wegebiegung, und ich hatte sie zum letztenmal gesehen. V Nun nahm die Schule mich gleich wieder tüchtig heran. Es war das letzte halbe Jahr vor der Konfirmation, und wenn ich auch sicher war, daß ich diesmal die Obertertia mit Erfolg absolviert hatte, so hieß es nicht nur ehrenhalber aufs schärfste sich anstrengen; hing doch auch die Berechtigung zum Einjährigendienst von der Reife für die Selekta ab. Dazu kam, daß ich so dicht vor dem Abschluß meiner Schulzeit mich zu entscheiden hatte, welchen Beruf ich ergreifen wollte. Am liebsten hätte ich Musik studiert, doch erklärte mein Stiefvater kurzweg, zu irgendwelchem Studium sei das Geld nicht da; aber ob ich nicht Lust hätte, Buchhändler zu werden, da bliebe ich ja bei den Büchern. Lieber hätte ich nun freilich die Literatur zu einem Studium als zu einem Handelsartikel gemacht, aber eine Entscheidung des Vaters umzustoßen, hätte ich kaum den Versuch gewagt. Auf den Rat eines alten Buchhändlers mußte ich griechische Privatstunden nehmen, denn Griechisch und Lateinisch sei für einen Buchhändler unumgänglich nötig. Alpha, Betha, Gamma, Delta – es ging mir wie beim Schwedischen, das Abc und ein paar Vokabeln waren alles, was ich profitierte. In dieser Zeit wurde unser Haus in Trauer versetzt. Unsere alte Tante war nach kurzer Krankheit gestorben. Sie hatte schon seit einigen Wochen mit unserem Klavierunterricht aufgehört, und wir hatten vergeblich auf ihre Besserung gehofft. Nun lag sie still und weiß in ihrem Sarg, das alte, hagere Gesicht von weißen Locken umrahmt, die langen, schlanken Hände zwischen Rosen gebettet, die ihr unsere Mutter reichlich auf die Decke ihres letzten Bettes gestreut hatte. An einem sonnigen Tage wurde sie beerdigt und fand ihre Ruhestätte neben dem Hügel unseres Vaters. Wir Kinder durften dem Begräbnis nicht beiwohnen, aber einige Tage später ging unsere Mutter mit uns hinaus und wir durften je einen Kranz auf das Grab der Tante und auf das unseres Vaters legen. Die Sonne schien hell über die vielen Blumenhügel, und ich hatte kein Grauen vor dem Tode; er schien mir gütig und freundlich wie unsere liebe Mutter, wenn sie abends die Kammertür schloß: »Nun schlaft auch schön!« Das war im März gewesen. Eine erste Frühlingssonne hatte das frische Grab umleuchtet, und an den Hecken schwollen die Knospen. Nun kam Ostern heran und damit mein Austritt aus der Schule. Alt genug war ich geworden, denn ich hatte in der Tertia ein ganzes Jahr verloren; die Mathematik war mir im Wege gewesen. Doch hatte ich mir mit dem Zeugnis der Reife für die Selekta die Berechtigung zum »Einjährigen« ersessen und somit ein erstes Lebensziel erreicht. Eine Lehrstelle war schon für mich gefunden, und zwar in Hamburg, der großen Nachbarstadt, an die ich mit einem wunderlichen Gemisch von kleinstädtischem Bangen und freudiger Erwartung von Welt und Herrlichkeit dachte. Schon am Dienstag nach Ostern sollte ich dort eintreten. * Am Palmsonntag wurde ich konfirmiert. Im schwarzen Schoßrock, den Zylinderhut auf dem Kopfe, ging ich an der Seite meiner Eltern in die Kirche. Mir war sehr feierlich zu Sinn, ohne daß sich bestimmte Gedanken und Gefühle gestalten wollten. Die Predigt, der Gesang, das Brausen der Orgel, die Tränen der Mutter, alles vereinte sich zu einem gewaltigen Ansturm auf mein weiches Herz. Ich atmete auf, als wir wieder auf die besonnte Straße hinaustraten und das helle Haus, von Küchen- und Schokoladenduft durchzogen, uns wieder aufnahm. Gratulanten stellten sich ein, und der Tag verlief recht festlich und fröhlich. Dann aber kam die Zeit, wo ich an den bevorstehenden Abschied zu denken genötigt war. Das Herz zog sich mir zusammen, und ich schlich still im Hause umher. Am Abschiedsmorgen saß ich noch ein letztes Mal vor dem lieben, alten Klavier, das ich seit der Tante Tod ein wenig vernachlässigt hatte. Ich spielte allerlei durcheinander. Alles nur halb und ohne rechte Befriedigung. Selbst mein Mozartandante aus der A-dur-Sonate wollte mir nicht klingen, bis ich zum alla Turca vordrang; mit diesen feurigen Rhythmen rang ich mir die halb bange, halb wehmütige Stimmung aus der Seele, eine Art Trotz überkam mich, und das alte Klavier klirrte unter meinen wilden Händen. Darüber war meine Mutter unbemerkt ins Zimmer getreten. Sie hatte sich still an das Fenster gesetzt und hatte mich ausspielen lassen. Als ich sie nun gewahrte, erschrak ich; eine stille Traurigkeit lag auf ihrem lieben Gesicht, und mich befiel das unklare, beklemmende Gefühl, daß sie etwas Schmerzliches, Leidvolles mit sich herumtrüge. Ich setzte mich zu ihr, und sie griff sogleich nach meiner Hand. »Freust du dich?« fragte sie. »Auf Hamburg?« fragte ich zurück. Sie legte ihre linke Hand auf meine Schulter und fuhr mir mit der rechten ein paarmal liebkosend über den Scheitel. Sie sah mir dabei mit einem innigen Blick so tief in die Augen, daß mir plötzlich die Tränen hervorschossen. Sie schloß mich in ihre Arme und wir küßten uns. »Bleibe ein guter Mensch!« sagte sie mit einem Ausdruck, der mich erschreckte und nachdenklich stimmte. ›Wer ist denn kein guter Mensch?‹ dachte ich. ›Ist es so schwer, ein guter Mensch zu sein?‹ Nachher gab die Mutter mir noch ein Paar Strümpfe, die sie vergessen hatte in mein Köfferchen zu legen, und ich ging in unser Knabenzimmer hinauf, sie zu den übrigen zu packen. Mir war sehr wehmütig zu Sinn, und der trauliche Raum, den ich nun bald für immer verlassen sollte, stimmte mich nicht heiterer. Ich setzte mich ans Fenster und sah auf das schräge Dach des Nachbarhauses; es lag noch ein Streifen sinkender Sonne auf den Pfannen, und im Schatten der Rinne hatte sich noch ein Restchen Schnee erhalten, das der Ruß geschwärzt hatte. Trostlos erschien mir dieser Ausblick, der mir zu anderen Zeiten soviel Vergnügen gewährt hatte, der ich gern mit den Augen in Löcher und Winkel und Ritzen hineinkroch und eine heimliche, versteckte Welt mit meiner Phantasie belebte. Doch als ich den Blick ins Zimmer zurückwandte, fand sich ein Schwarm lieber Gestalten ein, die jedoch alle eine wehmütige Gebärde zur Schau trugen und meinen Abschiedsschmerz zu teilen schienen. Da sah ich uns wieder um den runden Tisch sitzen, das wackere schwedische Tabakkollegium, und uns wieder mit der Deklination von »flicka«, das Mädchen, ein ehrbares Mäntelchen umhängen. Da standen unsere beiden Betten, in deren einem ich nun diese Nacht zum letzten Male schlafen sollte. Und nie wieder würde mein Bruder in dem anderen bis gegen Mitternacht wach liegen und meinen abenteuerlichen Indianergeschichten lauschen. Der kleine Waschtisch, an dem wir uns manchesmal um die Seife gestritten haben, der gemeinsame Kleiderschrank, der jetzt von mir nur noch altes, abgelegtes Knabenzeug barg, ja selbst der eiserne Stiefelknecht, der wie ein großer, schwarzer Trauerkäfer unter meinem Bett hervorzukriechen schien, alles stimmte mich trübselig. Über meinem Kopfe lief plötzlich ein leises Rollen hin, ein Schurren; vielleicht eine Maus, die ihren Abendspaziergang über unseren Spielboden machte, der uns immer seltener gesehen hatte, und der nun bald das alleinige Reich der Ratten, Mäuse und Spinnen sein würde. Auf dem Stuhl vor meinem Bett stand mein Koffer, der laut vom Scheiden sprach. Draußen auf dem Dach erlosch die letzte Sonne, und ich fühlte plötzlich, wie kalt es in dem ungeheizten Räume war. Ein leises Frösteln schüttelte mich, und ich erhob mich und verließ das Zimmer; als sich die Tür hinter mir schloß, überkam mich ein beklemmendes Gefühl, wie einem, der zum erstenmal ins Wasser springen soll. Am Fuß der Treppenleiter, die zu unserem Kinderparadies hinaufführte, packte mich ein sehnliches Verlangen, nur noch einmal einen Blick hineinzuwerfen. Ich stieg die paar Stufen hinan und hob die schwere Luke; sie kreischte in den Angeln, und eine leichte Staubwolke wehte auf. Ich steckte den Kopf durch die Luke; es war ganz dämmerig, fast dunkel dort oben. Eine schwarze, fast unkenntliche Gestalt, stand das alte Schaukelpferd ganz hinten in einer Ecke. Eine kalte, tote Luft schlug mir entgegen. Was suchte ich hier oben? Leise schloß ich die alte Luke wieder. Zweites Buch I Der Vater hatte mich nach Hamburg gebracht. Am Bahnhof empfing uns eine alte, verstaubte Chaise, auf deren Bock ein bäurischer Kutscher saß; er hatte einen dicken Wollschal um den Hals und große, wollene Fausthandschuhe an den Händen. Aus dem tiefen, dunklen Raum des Wagens schälte sich ein alter Mann mit hohem, grauen Zylinder, schälte sich aus einem Wust von Wolldecken heraus und stieg steifbeinig auf das Straßenpflaster, wobei der Vater ihm behilflich war. Das war mein Onkel Theodor. Wir Kinder hatten selten von ihm gehört, und ein Verkehr zwischen den Eltern und ihm hatte auch kaum stattgefunden. Der Vater hatte mir nichts von ihm gesagt, und ich war erstaunt, ihn zu sehen. Er sah mich mit guten Augen an, reichte mir freundlich die Hand, und ich setzte mich gern zu ihm in seinen Wagen. Da es regnete, blieben die Fenster der alten, klapprigen Chaise geschlossen; sie beschlugen schnell, und ich konnte den Weg, den wir nahmen, nur undeutlich erkennen. Der Vater und der Onkel schrien gegeneinander an, denn das alte Gefährt machte auf dem Straßenpfiaster einen großen Lärm. Wir fuhren nun durch viele breite und helle Straßen, bogen in eine Seitengasse ein, ratterten zwischen hohen Häusern hin und hielten endlich vor der Buchhandlung. Ein paar Straßenjungen standen still und spotteten über die alte Kutsche und den Johann im dicken Wollschal, der gewiß keinen sehr herrschaftlichen Eindruck machte. Ich ließ meinen Blick schnell über die bunte Bücherauslage des Schaufensters schweifen, wunderte mich über die schmale Ladentür und fühlte plötzlich mein letztes bißchen Mut entschwinden. Die beiden Alten schoben mich vor sich her in den Laden, die Tür schloß sich mit einem schrillen Klingeln hinter uns, und da stand ich nun auf dem Boden meiner nächsten Zukunft. Ganz hinten in dem langen, schmalen Raum löste sich eine Gestalt von einem hochbeinigen Sessel und kam mit vielen Verbeugungen eines kundenfrohen Geschäftsmannes auf uns zu. Als der Vater uns vorstellte, schien der Überhöfliche ein wenig enttäuscht, gab sich als der Chef zu erkennen und reichte mir mit einer gemachten Freundlichkeit die Hand. »Gehen Sie nur gleich nach hinten,« sagte er und rief den Hausknecht, mich zu geleiten. Dieses schnelle Verfügen über mich, bevor ich mich noch von meinen Begleitern verabschiedet hatte, war nicht geeignet, meinen Mut zu heben. Ich sah mich unsicher nach dem Vater um und wollte ihm schon die Hand zum Abschied reichen, als er bat, der Prinzipal möchte mich noch für zwei Stunden freigeben. Das kam dem so unerwartet wie mir. Ich erschrak freudig und fürchtete, er würde nein sagen. Er schien auch einiges Bedenken zu haben, denn er zog die Uhr und wiederholte langsam: »Zwei Stunden?« »In zwei Stunden bring' ich ihn wieder,« sagte der Vater mit dem Ton eines Mannes, der nicht gewohnt ist, Widerspruch zu finden. »Gewiß, gewiß, selbstverständlich,« stieß der Chef hastig heraus, schien aber doch ein solches Verlangen unerhört zu finden. Der Wagen wurde nun weggeschickt, und wir gingen eine kurze Strecke zu Fuß. Ich war voller Erwartung, wohin? Man gab mir keine Erklärungen, und ich bewegte mich wie in einem Märchen. Der Onkel in seinem altmodischen, langen, blauen Rock, den grauen Zylinderhut auf dem weißen Kopf, machte den Führer. Er blieb bald vor einem Eckhause stehen, sah den Vater lächelnd an und lud uns mit einer Handbewegung ein, die wenigen Stufen, die in einen Austernkeller führten, hinabzusteigen. Es war Cöllns Keller, der sich schon damals eines vorzüglichen Rufes erfreute. So saß ich denn schon eine Stunde nach meinem Einzug in Hamburg vor einem Schlemmerfrühstück. »Willst du auch Austern?« fragte der Vater. Bescheiden, wie ich es zu Hause gewohnt war, sagte ich: »Wenn ich bitten darf?« »Natürlich darfst du.« War das der Vater? War das ich? Beseligend kam es über mich: ›Du giltst jetzt auch etwas, bist gleichberechtigt, kein Kind mehr.‹ Tapfer sah ich mich um, setzte mich auf dem Stuhl in Positur und genoß das erhebende Bewußtsein, in Hamburg eine andere Rolle zu spielen als in Lübeck. Und dann kam die köstliche Platte. Wie geschickt der Kellner sie auf den Tisch schob. Drei Dutzend Austern auf Eis, die gelben Zitronenscheiben daneben. Der Vater legte mir zwei Schalen auf den Teller. Ich nahm erst verlegen einen Schluck Wein, denn ich wußte mit dem wunderlichen Gericht nichts anzufangen, und sah zu, wie die beiden Alten die schleimigen Seetiere mit wollüstigem Geräusch und geschlossenen Augen aus der Schale schlürften; dann führte auch ich zitternd die erste Auster zum Munde. Brrrr! Schmeckte das! Nach Seewasser! Tapfer kaute ich den ungewohnten Bissen, war aber nicht imstande, ihn herunter zu schlucken. Der Onkel lachte. »Nun, will's nicht?« fragte der Vater. Ich schämte mich, nein zu sagen, zwang's hinab und machte mich schaudernd an die zweite Auster. »Quäl' dich nicht, Junge,« sagte der Onkel. Ich lächelte süßsauer. Da bestellte der Vater ein Beefsteak für mich, das schmeckte mir besser. Es stiegen aber Bedenken in mir auf, ob es mit den anderen Hamburger Herrlichkeiten etwa auch so beschaffen sein könnte, wie mit den Austern. Und ich schluckte den letzten Bissen Fleisch schon mit dem beklemmenden Bewußtsein, daß die Stunde meines Eintritts ins arbeitende Leben nun nahe sei. Erstaunt war ich, als nicht der Onkel, sondern der Vater bezahlte. Meine Augen weiteten sich, als er das Goldstück auf den Tisch legte, und weiteten sich noch mehr, als er dem Kellner einen ganzen Taler als Trinkgeld zuschob. ›Donnerwetter!‹ dachte ich und fand es ganz in der Ordnung, daß der Kellner ihm seinen Pelz mit größter Dienstbeflissenheit umhing. Der alte Onkel wurde um einen Grad weniger höflich behandelt. Ich darf nicht sagen, daß er auch in meiner Achtung sank, aber ich war doch enttäuscht: ich hatte ihn für sehr reich gehalten. Eigenes Fuhrwerk, Hof und Garten – ich war der festen Meinung gewesen, er würde hier den Wirt machen. Doch es schmeichelte mir wieder, daß es der Vater war, der so nobel auftrat. Der Kellner begleitete uns mit vielen Kratzfüßen bis an die Tür; ich erwiderte sie höflich, und der Pikkolo lachte über mich. Draußen war es kalt, und obgleich der Rheinwein mir einen heißen Kopf gemacht hatte, fror mich. Trotzdem wünschte ich, die Buchhandlung läge am Ende der Stadt, aber nach zehn Schritten um die nächste Ecke ertönte wieder das schrille Läuten der Ladenglocke, und löste sich wieder in dem dämmrigen Hintergrund die Gestalt des Chefs von seinem Pult. Er rieb sich die Hände, ließ einen verständnisvollen Blick über unsere weingeröteten Gesichter gleiten und zeigte deutlich, daß er bei einer offenbar dringenden Arbeit gestört worden war. »Na, denn adjö, mein Junge,« sagte der Vater, gab mir einen Kuß, was er sonst nie zu tun pflegte, und lächelte ganz glücklich, während mir keineswegs fröhlich zumute war. Der Onkel ermahnte mich noch mal, ihn und die Tante ja recht fleißig zu besuchen, und nach einem letzten Austausch von Komplimenten stand ich allein vor dem künftigen Herrn und Gebieter. Er sah mich mit schwarzen, stechenden Augen an, wie man eine Ware mustert. Seine Gesichtsfarbe war blaß und kränklich, in dem dichten Rahmen eines schwarzen Bartes fast weiß, und ich empfand etwas wie Furcht vor ihm. Er rief wieder nach dem Hausknecht, und ein großer, junger Mensch von elefantenhaftem Bau nahm mich in Empfang. »Wollen Sie bitte mit nach hinten kommen,« sagte er und grinste mich gutmütig an. Schwerfällig latschte er voraus. Wir gelangten durch zwei, drei kleinere Räume in ein größeres Zimmer; in das Wohnzimmer, wie mich mein Führer belehrte. Es war geräumig genug, war aber Halbdunkel, da es nur ein Fenster hatte, das in den Hof hinaussah, und eine dumpfe, feuchte Luft herrschte darin. Dahinter lag das Schlafzimmer, das war fast dunkel, und die Luft in ihm war noch schlechter, war muffig und modrig. Undeutlich unterschied ich zwei Betten, einen Schrank, einen Waschtisch und Bücherregale, die zwei der Wände bis unter die Decke ausfüllten und mit Paketen und Büchern vollgestopft zu sein schienen. Ein einziges Fenster ging auf einen engen Hinterhof hinaus, der von hohen, verräucherten Mauern eingefaßt war. Schwer legte sich die dicke Luft mir auf die Brust. Der Elefant erklärte mir, was zu erklären war und führte mich wieder in das Wohnzimmer, das ein Sofa, ein runder Tisch und zwei Stühle möblierten. Die Hauptwand war auch hier wieder von einem großen Bücherregal eingenommen, das aber einen schrankartigen Untersatz hatte; Hermann, so hieß der Hausknecht, öffnete ihn, und ich sah eine Butterdose und eine Zuckertüte, Kannen und Tassen und atmete eine sonderbare Luft von Fett und Kolonialwaren. Nachdem ich mich in diesen unfreundlichen Räumen hastig eingerichtet hatte, begaben wir uns wieder zum Chef. Von ihm empfing ich denn weitere Instruktionen, wobei er indes freundlicher war als beim Empfang. Der Raum zwischen dem Laden und dem Wohnzimmer war mir zum Arbeiten angewiesen. Er war der hellste und behaglichste von allen, er hatte zwei Fenster, die nach dem Zwischenhofe hinausführten und zwischen denen mein Pult stand. Um mich herum aber waren lauter hohe Regale mit Büchern verschiedenster Größe angefüllt, die alle denselben abgenutzten, braunen Lederrücken mit einem kleinen grünen Schild darauf zeigten: die Leihbibliothek. Der Geruch der alten, zermürbten Lederrücken gab diesem Raum seine besondere Atmosphäre. Alle diese Bücher waren abgegriffen, beschmutzt, in unzähligen Häusern mit dem widerlichen Duft von Tabak, Eau de Cologne und Schlafzimmerdünsten und Gott weiß welchen Odeurs seit Jahren getränkt. »Die Bedienung der Leihbibliothek ist hauptsächlich Ihre Pflicht!« sagte der Chef, zeigte mir den Platz, wo der Katalog stand und meinte: »Sie werden sich schon zurecht finden.« Währenddessen kam ein schmächtiger, netter, junger Mann herein, den er mir als den Gehilfen, Herrn Schünemann, vorstellte. Dieser gab mir freundlich die Hand, und ich sah auf den ersten Blick, daß wir gut miteinander auskommen würden. Herr Schünemann übernahm es dann weiter, mich in die Geschäfte einzuführen, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, saß ich an meinem Pult und ordnete Fakturen nach dem Abc. Das war nun keine schwere Aufgabe, sie war aber keineswegs sehr unterhaltend; doch war sie mir für den Anfang sehr lieb, denn sie ließ mir Zeit, mich mit meinen Gedanken abzufinden. Mechanisch ordnete ich: Abel, Ackermann, Bartolomäus, Benzheimer und so weiter. »Wenn Sie fertig sind, wollen Sie bitte diese Zettel auch ordnen,« sagte der Chef und legte mir ein Päckchen kleiner und kleinster Zettelchen aufs Pult. Und wieder saß ich und fingerte zwischen den winzigen Papierchen herum: A B C D E F ... Von meinem Pult aus konnte ich über den Hof hinüber einem Schuster in die Werkstatt sehen. Der Alte saß da mit einem Gesellen und einem Lehrling von morgens bis abends fleißig über dem Leder. Das wollte mir unterhaltsamer erscheinen als mein Abc. Aber der Tag ging hin, und ich konnte mich nicht über zu große Anstrengung beklagen. Ein paarmal war ein Leihbibliotheksbuch gefordert worden, und ich hatte von meinem Bock herunter auf die Leiter müssen. ›Was wird der nächste Tag bringen?‹ Mit diesem Gedanken legte ich mich des Abends müde ins Bett. * Der zweite Tag verlief wie der erste, der der Anfang von einer langen Flucht von grauen Tagen war, von denen einer dem anderen glich. Alpha, Betha, Gamma, Delta. Hatte ich darum griechisch gelernt? Bücher abstauben, Pakete packen, Ballen mit der Packnadel nähen, Fakturen ordnen, Leihbibliotheksbücher nach der Nummer heraussuchen und wieder einordnen, Davidis' Kochbuch verkaufen oder Elise Polkos Dichtergrüße oder, wenn das nicht vorhanden war, sonst ein Buch »zu drei Mark, aber mit Goldschnitt« – jeder Hausknecht konnte diese Arbeit ebensogut verrichten wie ich, der nebenbei auch den Ofen heizen und mit der Scheuerbürste die Regale reinigen mußte. Nach einem Vierteljahr war ich ganz verzagt. Würde das denn gar nicht anders werden? Der Vater hatte mich dem Prinzipal auf fünf Jahre verpflichtet. Fünf lange Jahre, während welcher ich lernen sollte, wo nichts zu lernen war, und zum Entgelt nur Kost und Logis bekam, während ich den Hausknecht jeden Sonnabend um seinen baren Wochenlohn beneidete. Ein Brief von Freund Fritz aus Lübeck war nicht geeignet, mich meiner Niedergeschlagenheit zu entreißen. »Wie beneide ich Dich,« schrieb er, »um Deine jetzige Existenz. Ich bin zwar auch nicht zu bedauern und bin mit meiner Lage wohl zufrieden. Freilich nimmt mich das Geschäft tagsüber stramm her, aber ich gewinne dabei Einblicke in ein großes Getriebe; der Chef läßt mich überall dabei und läßt mich lernen, was zu lernen ist. Ich habe dem Kaufmannsstand doch unrecht getan und bin meinem Vater nicht mehr gram, daß er mich, etwas gewaltsam freilich, dazu bestimmte. Mein Horizont erweitert sich, ich sehe das Tor zur großen Welt aufgetan und hoffe, in zwei Jahren, wenn ich ausgelernt habe, es zu durchschreiten; wohin dann, weiß ich noch nicht, wahrscheinlich aber wohl nach Schweden. »Du mußt nun aber nicht glauben, daß ich unseren Idealen untreu geworden bin. Im Gegenteil, habe ich den Tag über auf dem Kontorbocke zugebracht, freue ich mich um so mehr auf die stille Abendlampe und die geliebten Bücher. Ich lese jetzt Schopenhauer, und ein Schleier nach dem anderen fällt von meinen geistigen Augen. Wie beneide ich Dich um die vielen Bücher, unter denen Du lebst und webst, und woran Du Dich nach Herzenslust bilden kannst. Hast Du Schopenhauer gelesen? Womit beschäftigst Du Dich jetzt? Laß mich doch teilnehmen an Deiner Lektüre. Wie schön war es, als wir in gemeinsamem Gedankenaustausch unsere freien Stunden verlebten. Noch habe ich keinen Ersatz für Dich gefunden, werde ihn auch wohl nie finden; doch ist ein junger Mann an unserem Kontor, der gleichfalls für alles Schöne und Edele glüht und sich mir langsam zu nähern scheint.« Mit welchen Gefühlen legte ich diesen Brief beiseite! Bitterkeit und Scham erfüllten mich. Fritz las Schopenhauer und glaubte mich gleichfalls in so hohen Welten heimisch, ja beneidete mich um die herrliche Bildungsmöglichkeit, die ich vor ihm voraushatte. Ach, wenn er wüßte, welches Hausknechtsdasein ich hier lebte! Er würde mich schon jetzt dem neuen Freunde opfern. Ja, an Büchern fehlte es mir nicht! Bücher! Bücher! Bücher! Um mich, über mir, unter mir! Nichts als Bücher! Aber nur als Ware! Wann sollte ich vom Inhalt Kenntnis nehmen? Ich lernte nur Titel und Preise kennen! War ich von morgens sieben bis abends zehn Uhr auf den Beinen gewesen, fielen mir die Augen fast von selbst zu. Nach und nach gewöhnte ich mich freilich und griff auch nach einem Buch. Aber ach, beschämt merkte ich, daß mein Geist für schwere Lektüre nicht mehr wach genug war und begnügte mich mit einem Roman von Spielhagen oder Auerbach und verzehrte dabei mein Abendbrot. Ich bekam Schwarzbrot und Butter von der Prinzipalin geliefert und konnte mir dazu Kaffee oder Tee kochen. Ich zog den Kaffee vor, der mich anregte und mich wach hielt, und trank viel schwarzen Kaffee und aß, da die Butter oft ranzig war, mein trockenes Schwarzbrot dazu. Doch ich war nicht verwöhnt und war am Ende des Tages jedesmal ehrlich hungrig. Der Sonntag brachte mir ein bißchen Freiheit. In den Vormittagsstunden hatte ich, gleich dem Hausknecht, Journale auszutragen; nachmittags ging ich gewöhnlich zum Onkel nach der Uhlenhorst. Ich fand immer freundliche Aufnahme hier. Doch es waren alte Leute, sie saßen nach dem Kaffee am großen Tisch und legten Grabuge; die Tante hustend und krächzend, der Onkel beständig mit seinem roten Taschentuch beschäftigt. Ich saß artig daneben und mischte ihnen die Karten. Geduldig harrte ich, bis die Stunde des Abendessens kam, das gegen meinen Schwarzbrotimbiß fürstlich zu nennen war und mich jedesmal mit der Langeweile der vorhergehenden Stunden wieder aussöhnte. In der Woche kam ich kaum anders auf die Straße als auf dem kurzen Weg zum Mittagstisch, oder mit dem »Suchbuch«, wenn es galt, eiligst bei einer benachbarten Buchhandlung ein Buch zu suchen, das in unserem Laden gefordert wurde, aber nicht vorrätig war. Da wäre ich denn freilich oft gerne länger unterwegs geblieben, und es machte mir Vergnügen, im Strudel des Menschenstromes dahin zu treiben. Herrgott, wo kamen alle die Menschen her? Und jeder hatte ein anderes Gesicht und war wert, einen Augenblick angestaunt zu werden, ein Geschöpf für sich! Aber dazu war keine Zeit. Ein andermal wieder beängstigten, bedrückten mich die Menge Menschen. Ich versank rettungslos in dem gewaltigen Strom, der mich umbrandete, bekam mitten im dichten Hasten und Hetzen Heimweh nach den stillen Straßen meiner Vaterstadt und fühlte mich unglücklich an einem Platze, wo mir alles so fremd und kalt und fast drohend gegenüberstand. * Ein Jahr war vergangen. Ich verhockte und vermuffte in meinem Bücherkäfig. Immer das gleiche Einerlei von morgens bis abends. Ich hielt das nicht länger aus. Was sollte ich hier noch lernen? Was war das große Geheimnis dieses Geschäftsbetriebes, um dessentwillen ich fünf Jahre meines jungen Lebens daran geben mußte? Diese öde Kramerei, wie haßte ich sie! Ein wütender Drang nach Freiheit erfaßte mich. Ich war nahe daran wegzulaufen. Da kam mir Hilfe von einer Seite, von der ich sie am wenigsten erwartet hätte. Ich machte in einer Singhalle die Bekanntschaft einer kleinen blonden Sängerin. Eines Abends war ich, ich weiß nicht wie, in diese dicke, dumpfe Atmosphäre von Bier, Tabaksqualm, Stumpfsinn und Gemeinheit hineingeraten. Die kleine Sängerin saß ganz vorn auf dem Podium. Sie mochte achtzehn, neunzehn Jahre alt sein, ein Gemisch von Unschuld und Verdorbenheit. Mit quäkender Stimme sang sie Abend für Abend dasselbe Lied. Sie hatte es nicht schwer, in dieser Gesellschaft verlebter und verblühter Schönheiten die Hübscheste zu sein; in meinen Augen wenigstens war sie es. Und ich mochte sie mehr als nötig angestaunt haben, denn sie nickte mir freundlich zu. Ich wurde rot, und sie lachte, amüsierte sich über mich. Aber in der Pause kam sie zu mir, setzte sich an meinen Tisch und fragte, ob es mir recht sei. Mir dummen Jungen schmeichelte das; vor allem Publikum setzte sich die jüngste und hübscheste der Damen zu mir. So fing unsere Bekanntschaft an. Bald saßen Nelly und ich Abend für Abend zusammen; sie trank mein Bier, aß mein Butterbrot, rauchte meine Zigaretten. Sie war lustig, kindlich, harmlos, so schien es mir; ich war kein Menschenkenner. Ich gewann sie lieb und begann, mich für sie zu ruinieren; dazu gehörte nicht viel, denn ich bekam nur monatliche einen Taler Taschengeld von zu Hause. Aber man kam mir auf die Spur. Der Chef erfuhr von meinen häufigen Variétébesuchen und hielt mir eine Moralpredigt. Er sprach in verächtlichen Worten von »dieser Sorte Mädchen«. »Ich hätte Ihnen einen besseren Geschmack zugetraut,« sagte er. »Sie hat ja einen unreinen Teint.« Das traf meine Eitelkeit. Ich schämte mich und war unglücklich. »Diese Sorte Mädchen!« wie er das sagte; so wie man etwas Übelschmeckendes ausspuckt. Das empörte mich doch wieder. Kannte er sie denn? Sie war rein, unschuldig, nur die Not zwang sie zu diesem Gewerbe; ich wußte es aus ihrem eigenen Munde. Ihr Teint war nicht ganz rein, das war wahr; aber woher wußte er es? Er kannte sie also auch? Vielleicht war es gar Eifersucht, was ihn aufbrachte. Ich hatte wirklich diesen albernen Gedanken und vertrotzte mich, der Nelly nun erst recht treu zu bleiben. Aber der Prinzipal mochte eingesehen haben, daß es mich weiter den Gefahren der nächtigen Großstadt aussetzen hieß, wenn er mich länger allein wohnen ließ, und ich mußte in sein Haus übersiedeln. Als empfänden sie, daß sie sich bisher gar zu wenig um mich bekümmert hatten, suchten er und seine Frau mir eine gewisse Häuslichkeit zu schaffen, indem ich abends nach dem Tee, den ich mit ihnen zusammen einnahm, noch ein halbes Stündchen im Zimmer verweilen durfte. Ich las dann ein Buch, während der Prinzipal sich in die Zeitung vertiefte und die Frau sich mit einer Handarbeit beschäftigte. War die halbe Stunde aber abgelaufen, wurde ich ins Bett geschickt. Ich sah ein, daß die Eheleute ein Recht darauf hatten, ihren Abend unter sich zu verbringen. Sie war noch eine junge, hübsche, blutfrische Frau von stattlichem Wuchs, deren ruhiges, gelassenes Wesen mir sehr gefiel. Sie war immer gleich freundlich zu mir, und ich durfte annehmen, daß der behagliche Friede, der die kurze Abendstunde so angenehm machte, in der Hauptsache von ihr ausging. II Es waren fast zwei Jahre vergangen, daß ich keinen der Meinigen wiedergesehen hatte. Die Mutter hatte freilich regelmäßig geschrieben, so daß ich auch in der Fremde mit den Meinen fortlebte. Die Briefe der Freunde waren dagegen sehr bald spärlicher geworden, und es war zuletzt bei gelegentlichen Grüßen geblieben; selbst Freund Fritz hatte sich als ein lässiger Briefschreiber erwiesen. Da gewährte mir der Prinzipal einen zweitägigen Urlaub in die Heimat. Wie freute ich mich nun, aufs neue mit ihnen allen anknüpfen zu können, und freute mich vor allem auf ein Wiedersehen mit den Eltern und Geschwistern. Mit offenen Armen wurde ich zu Hause empfangen. Die Mutter sah angegriffen aus, war aber heiter und ging ganz in der Freude auf, mich wieder umhalsen zu können. Der Vater begrüßte mich freundlich in seiner überlegenen, ruhigen Weise und so, als wäre ich keine acht Tage fortgewesen. Doch störte mich das nicht; ich durfte annehmen, daß er es trotzdem gut mit mir meinte. Mein Erstes war, nach der Begrüßung die Treppe hinaufzuspringen in unser altes Zimmer, das jetzt der Bruder allein bewohnte. Ach, es war noch das alte, und war es doch nicht! Der Raum war größer und leerer, da jetzt nur ein Bett darin stand, und es fehlte – ja was fehlte? Mein Bruder hatte nun auch schon die Schule verlassen, hatte gleichfalls auf seinen Studienwunsch verzichten müssen und war von dem Vater in eine Schlosserwerkstatt gesteckt worden. Da war er denn nur noch zum Schlafen in seinem Zimmer. Wie wohnlich, wie behaglich war es einst hier oben. Jetzt war es ein Zimmer wie andere. Nur als ich vor dem Fenster stand, und auf das Dach hinaussah wurde es mir warm ums Herz. Der alte Schornstein, die schmutzigen roten Ziegel, die Rinne, alles bekam Leben. Eine Krähe saß auf dem First. Saß sie noch von damals dort? Es war mir, als müßte sie mich wiedererkennen. Auch auf den Boden stieg ich hinauf, und sah die hellen Sonnenflecken auf dem Fußboden wieder, sah den Staub in den Lichtsäulen tanzen, die durch die Fenster fielen, und suchte nach dem alten Schaukelpferd. Es war nicht mehr da, es war an den Sohn der Waschfrau verschenkt worden. Wir waren alle darüber hinausgewachsen, und das jüngste Schwesterchen hatte es nicht einmal mit den Augen gesehen; es lag auf seinem Streckbett. Blaß, mit einem lieblichen, heiteren Frieden auf seinem hübschen Gesichtchen, lag es da. Ach, es war kein Wunder, wenn die Mutter müde und angegriffen aussah. Abends ging der Vater weg. Er hätte seinen »Abend« heute, sagte die Mutter. Wir andern aber saßen dann alle beisammen, sie, die älteste Schwester, der Bruder und ich, und im Nebenzimmer lag die Kranke und sprach dann und wann durch die offene Tür ein stilles Wort mit. Da mußte ich denn erzählen, manches zum zweitenmal, und hatte viele Fragen zu beantworten. Die alte Lampe brannte auf dem alten Tisch, und mir war, als wäre ich hier nimmer weg gewesen, und war mir doch sekundenlang wieder, als wäre es ein Traum und wollte mich ängstigen, und ich wußte nicht, was es war. Nachts kam die Mutter noch einmal in meine Kammer, setzte sich auf den Bettrand und nahm meine Hand in die ihre. Und ich sah, daß sie etwas auf dem Herzen hatte. Sie sorgte sich um mein sittliches Wohl, bangte, ich könnte auf schlechten Wegen wandeln und redete mir eindringlich zu Gemüt. Ich sagte, was mir zu ihrer Beruhigung einfiel, konnte es aber nicht übers Herz bringen, sie zu hintergehen, und erzählte von Nelly. Sie war erschrocken, doch konnte ich sie beruhigen, daß das alles hinter mir läge und mir jetzt selbst Ekel einflöße. Auch stellte ich alles harmloser hin, als es war und versprach ihr, in Zukunft solche Lokale zu meiden. »Geh lieber einmal ins Konzert oder ins Theater,« sagte sie. »Es ist ja wohl teuer, aber du hast dann etwas Schönes und Edles.« Ich lachte. »Herzlich gern, aber das kostet Geld, mehr als ein Glas Bier.« Sie war erstaunt, als sie die hohen Preise hörte, und sah ein, daß ich das von meinem geringen Taschengeld nicht bestreiten konnte. »Ich will mit dem Vater sprechen,« sagte sie, »daß du wenigstens dann und wann dir ein Theaterbillett erlauben darfst.« Ich war froh und dankte ihr. Lange lag ich wach und träumte von den herrlichsten Kunstgenüssen. Als ich am anderen Tage ein paar Freunde aufsuchte, waren sie erstaunt, daß ich noch nicht ein einziges Mal im Theater oder im Konzert gewesen war. Ich bemühte mich, das zu erklären, ohne den wahren Grund angeben zu mögen. »Mensch, wie hältst du das aus?« riefen sie wie aus einem Munde, und ich meinte zu bemerken, daß ich ein wenig in ihrer Achtung sank. Ich suchte ihre Meinung wieder etwas zu verbessern, indem ich ihnen berichtete, was ich alles gelesen hatte, aber es imponierte ihnen nicht sehr; sie hatten ganz andere Sachen gelesen: Shakespeare, Kant, Goethe, Hebbel. Sie sprachen gelehrt und von oben herab, und ich wurde ganz klein und kam mir armselig und dumm vor. »Mensch, was treibst du denn eigentlich?« fragten sie. »Pakete packen, Bindfaden knütteln, Fakturen schreiben. Staub wischen, Schaufenster dekorieren, und allerlei anderes,« sagte ich ingrimmig. Sie sahen mich an, wie einen Verlorenen, der nicht mehr zu ihnen gehörte, sprachen hohe Dinge, ohne mich teilnehmen zu lassen und besannen sich erst beim Abschied wieder, daß wir eigentlich Freunde seien. Sie schüttelten mir freundlich die Hand und wünschten mir alles Gute. Bei Fritz erhoffte ich eine bessere Aufnahme, aber unglücklicherweise traf ich ihn nicht an; er sei verreist, hieß es. Enttäuscht ging ich nach Hause. Auf der Diele hörte ich laute Worte im Wohnzimmer fallen. Es war der Vater. Er sprach heftig. Ich wollte anklopfen, wagte es aber nicht, sondern ging still nach oben. Gleich darauf hörte ich, wie die Haustür hart ins Schloß fiel. Ich sah zum Fenster hinaus, da ging der Vater mit blankem Zylinder, wie immer würdevoll wie ein Senator, die Straße hinunter. Sollte ich zur Mutter hinabgehen? Ich konnte es nicht. Mein Herz schlug in banger Ahnung und mir war elend zumute. Am Nachmittag sollte ich wieder abreisen. In dieser Stimmung? Und wir hatten uns so herzlich und fröhlich umarmt, als ich angekommen war. Die Mutter kam die Treppe herauf und erschrak, als sie mich am Fenster sitzen sah; sie hatte mein Kommen überhört. Ich bemerkte, daß sie geweint hatte. Sie sah meine fragenden Augen, sah meine Verwirrung, aber schwieg. Und ich durfte nicht fragen. »Nun, hast du sie getroffen?« fragte sie dann. »Ja,« sagte ich etwas gepreßt. »Haben sie sich nicht gefreut?« »Das haben sie schon.« »Aber?« »Ach Gott, das Alte ist es doch nicht mehr,« bemühte ich mich möglichst wegwerfend zu sagen, aber Ärger, Zorn, gekränkte Eitelkeit übermannten mich, und ich schüttete mein Herz aus. Hochfahrend, eingebildet wären sie gewesen, aufgeblasene Burschen, mit denen ich nichts mehr zu tun haben wolle. »Du mußt nicht so scharf sein,« sagte sie. »Ihr seid alle älter geworden und jeder hat andere und seine besonderen Interessen. Und dann ändert man sich, und es scheint, als wüchse man auseinander. Deswegen kann doch die alte Freundschaft im Grunde noch bleiben, man muß sie nur immer pflegen.« »Wie soll man das machen?« Sie antwortete nicht darauf, sondern sagte: »Wir müssen uns alle gegenseitig nehmen, so wie wir nun einmal sind, und muß keiner vom anderen zuviel verlangen. Nur mit Liebe und Geduld läßt sich das Leben ertragen.« Ich fühlte, daß hinter diesen Worten etwas anderes stand als mein Verhältnis zu den Freunden, und als ob sie das merke und ablenken wolle, fuhr sie unvermittelt fort: »Ich habe mit dem Vater gesprochen. Er hat erlaubt, daß du jetzt monatlich fünf Mark statt drei bekommst, da kannst du wenigstens einmal im Monat dir ein Theater- oder Konzertvergnügen erlauben.« Ich dachte sogleich, daß dieses die Ursache des elterlichen Zankes gewesen war, und daß der Vater nur widerwillig seine Zustimmung gegeben haben mochte. »Ich kann mich auch so einrichten,« sagte ich. »Nein, es bleibt nun dabei. Sparsam mußt du freilich sein. Es wird dem Vater nicht leicht, immer das Geld zu schaffen. Der Bruder verdient ja auch vorläufig noch nichts, und dann die Krankheit der Schwester –« Sie brach leise ab, und ich merkte wieder deutlich, daß hinter ihrer angenommenen Gelassenheit ein tiefer Kummer sie bewegte. Was mochte das sein? Nur Sorgen? Sie hatte mich nun schon zweimal an diesem Tage zum Sparen ermahnt, und ich gedachte der Austern im Hamburger Keller, und wie der Vater das Geld so vornehm lässig auf den Tisch gelegt und wie er dem Kellner das reichliche Trinkgeld zugeschoben. Ob die Mutter wohl jemals Austern zu essen bekäme? Der Vater kam nicht zu Tisch, und ich mußte am Nachmittag abreisen, ohne ihm Adjö gesagt zu haben. Die Mutter und die Schwester brachten mich an den Bahnhof, und ich fuhr schweren Herzens wieder nach Hamburg zurück. Keine Hoffnung, keine Erwartung auf Neues, Schönes, Wunderbares vergoldete mir diesen Abschied; grauer als sonst lagen die Werkeltage vor mir, und grau lag der Himmel über dem Vaterhause hinter mir. Die Türme Lübecks versanken; noch ein letzter Blick auf sie, und ich legte mich traurig in meine Ecke zurück. Zwei junge Leute meines Alters waren mit mir im Coupé, rauchten, und suchten sich auf jede Weise als erwachsene Männer zu benehmen. Ich gedachte der Freunde, die auch über mich hinausgewachsen waren, und kam mir klein und unbedeutend vor, ein armes kleines Nichts, das hilflos in die weite Welt hinausrollte. * Ich wurde nun wieder umquartiert. Aus welchen Gründen, weiß ich nicht mehr. Genug, ich mußte in das alte muffige Schlafzimmer zurück. Der Gehilfe, immer derselbe stille Mann, der tagsüber fast unhörbar seine Pflicht tat und abends zu seiner Braut ging, schien kaum teil daran zu nehmen. Ich störte ihn ja auch eigentlich nicht, denn wenn er nachts heimkam, lag ich schon lange im gesunden Schlaf. Der vermehrten Freiheit, die ich nun wieder abends hatte, war ich sehr froh. Vielleicht wäre ich wieder auf Wege geraten, die mich in die faule Atmosphäre der Variétés geführt hätten, wäre mir nicht die Möglichkeit geworden, monatlich einmal ins Theater gehen zu können. Gleich der erste Theaterabend riß mich aus den Niederungen meines bisherigen Dahinlebens in strahlende Höhen. Man gab den »Lohengrin«, Albert Niemann sang ihn. »Atmest du nicht mit mir die süßen Düfte? O wie so hold berauschen sie den Sinn.« Elsas blondes Haupt ruhte an der breiten Brust des Schwanenritters. Mondlicht überfloß den Altan, zerfloß mit der weichen, sehnsüchtigen Musik der Geigen, hüllte die Liebenden ein; ein sinnbetörender Zauber einer für mich neuen, wunderbaren Welt. Ein ekstatischer Rausch überkam mich, ein Schweben zwischen Keuschheit und Wollust. Ich fühlte diese Musik körperlich. Ich war so ergriffen, daß ich hätte weinen mögen. Tagelang, wochenlang wühlte das in mir nach. Ich ging, wie in einem blauen Nebel, war verliebt, ohne zu wissen in wen; in ein traumhaftes, überirdisches Wesen, in einen holden Schatten. Wie gemein erschien mir jetzt Nelly, »diese Sorte Mädchen«. »Atmest du nicht mit mir die süßen Düfte?« Ich breitete die Arme aus. Komm, komm! Ein schmerzlich wonnevoller Zustand, krankhaft bis zu Tränen, die nachts meine Kissen netzten. Ach, hätte ich jetzt mein altes Klavier gehabt! Ich schrieb darum nach Hause. Die Mutter sah die Berechtigung meines Wunsches ein; sie wolle sehen, was sich machen ließe, es wäre doch auch in jeder Weise zu meinem Besten, wenn ich mich auf diese Weise beschäftigte. Und wirklich machte sie es möglich, mir für diesen Zweck monatlich sechs Mark zu schicken. Aber ich solle es den Vater nicht wissen lassen; sie schrieb, es wäre von ihrem Hausstandsgeld, und sie hoffe sich einrichten zu können. Mit widerstrebenden Gefühlen nahm ich das Opfer an, voll heißen Dankes und tiefer Rührung und doch auch wieder mit Gewissensbissen, daß ich der Mutter dadurch Einschränkungen auferlegte. Gedanken darüber, daß so ein geringfügiger Betrag in der Rechnung meiner Mutter eine Rolle spielte, machte ich mir nicht. Ich verdiente ja selbst noch nichts, die sechs Mark waren für mich tatsächlich eine große Summe, und so durfte ich wohl denken, daß es meiner Mutter schwer wurde, sie zu missen. Um so dankbarer war ich. Ich litt nur darunter, daß ich in meinen Briefen nie von meinem Klavier sprechen durfte, damit der Vater nichts davon erführe. Warum wohl wollte er es nicht erlauben? Er war doch gar zu hart und streng. Und immer wieder mußte ich an das Austernfrühstück denken. Drei Monate lang hätte ich von dem Gelde die Klaviermiete bezahlen können. Das Instrument, das jetzt in meinem Zimmer stand, war schlecht genug, doch es ließ sich wenigstens Musik darauf machen. Wußte man es recht zu behandeln, sang es sogar ganz weich und schön; nur großen Kraftproben war es nicht gewachsen, dann klirrte und ächzte und schrillte es zum Erbarmen. Ich schleppte nun alles, was ich von der Cottaschen Klassikerausgabe in einem verborgenen Fach des Ladens fand, aufs Pult, und gewann in jenen Tagen eine Vorliebe für die großen Klaviersonaten von Clementi; vielleicht, weil sie sich in ihrer Klaviermäßigkeit am besten für mein armseliges Instrument eigneten, das für die Poesie Beethovens nicht genug Seele besaß. Wie glücklich war ich jetzt, wenn ich abends bei kümmerlicher Beleuchtung mein Klavier traktieren konnte. Die Öde der täglichen Beschäftigung ertrug ich leichter, ja gewöhnte mich, sie als etwas Nebensächliches, Gleichgültiges anzusehen. Ich freute mich den ganzen Tag auf die Sonate, die ich am Abend vornehmen wollte, warf in einem abgestohlenen Augenblick mal einen zärtlichen Blick hinein oder trommelte zur anderen Zeit eine schwere Stelle, an der ich gerade übte, gedankenlos mit den Fingern auf dem Pult. Warum durfte ich nicht Musik studieren? Warum hatte man mich hier in diesen staubigen Bücherstall eingesperrt? Was sollte aus mir werden? Wie wollte ich es aushalten? Jahrein, jahraus, diese elende Beschäftigung, zu der ich verdammt war! Um diese Zeit schickte mich der Chef einmal mit einem Privatauftrag zu einem seiner Freunde, der am Hafen wohnte. Da es Mittag war, kamen von der anderen Seite des Stromes, wo sich die Werften und Fabriken befanden, Scharen von Arbeitern auf kleinen Dampfern und Booten und Jollen übers Wassers, rußgeschwärzte Gestalten, denen man ihre Arbeit in jenem rauchenden, brodelnden Hexenkessel drüben ansah, dessen Lärm auch in dieser Stunde ununterbrochen herüberschallte. In diesen Lärm mischten sich das vielstimmige Pfeifen der kleinen Fährdampfer und das tiefere Heulen eines großen Dampfers, der irgendwo, mir unsichtbar, ein- oder auslief. Der Lärm verwirrte mich ebenso wie das Gewirr der Masten und Schornsteine, die hier in die schmutzige Luft hinausragten, unter einem Himmel, der von einem langen, treibenden Schleier sich immer verändernder, immer erneuernder Wolken von Rauch verhüllt war. Trübe wälzte sich die Flut zwischen den Schiffsleibern hin, klatschte am Bollwerk und ließ allerlei Unrat auf ihren Wellen tanzen; Strohgeflecht, faulige Apfelsinen, Kork, Flaschen, eine leere Kiste, oder was sonst über Bord geworfen, oder vom Winde ins Wasser geweht war. Ich geriet unversehens in den Strom der landenden Arbeiter; eine Dunstwolke von Schweiß, Schnaps und Werkstattgeruch hüllte mich ein und erfüllte mich mit Abscheu. Bedrückt, beklommen, ja geängstigt zog ich mich zurück; eine unbestimmte Traurigkeit erfüllte mich und das trostlose Gefühl, daß die gepriesene Welt der Arbeit, der nun ja auch mein Leben für immer angehören sollte, überall mit Lärm, Ruß und Gestank unzertrennlich verbunden war. Ach, und es gab doch eine andere Welt da draußen, voll Sonnenschein und Vogellied, voll Wipfelrauschen, voll Quellensang, voll Freiheit und Freude! War die nur für ein paar abgestohlene Stunden da, für ein paar schnell verflogene Sonntagnachmittage? Tagelang lag der Eindruck des Hafenbildes wie ein Alp auf mir, und ich fühlte mich unglücklich und freudlos. Ich setzte mich hin und schrieb einen leidenschaftlichen Brief an den Vater, er möge mich doch hier wegnehmen und Musik studieren lassen. Umgehend kam seine Antwort, ich möchte es mir ein für allemal aus dem Kopf schlagen. Ob ich Geld dazu hätte? Er hätte es nicht. Und ob ich nicht wisse, daß ich auf fünf Jahre kontraktlich verpflichtet worden wäre. Ich hätte meine Pflicht zu tun und auszuharren. Man könne in jedem Beruf ein tüchtiger Mensch werden, und der Buchhandel gehöre gewiß zu den idealeren Berufen. Jede Lehrzeit sei schwer und böte Bitteres, das hinuntergeschluckt werden müsse. Das Leben sei ernst, und nur wer sich selbst überwinden lerne, hätte Aussicht, im Lebenskampf zu siegen. Ernste, gewichtige Worte, erst zürnend, dann väterlich ermahnend, füllten in seiner schönen Kaufmannshandschrift die vier Seiten seines Briefes. Zum Schluß warf er sich vor, daß er der Bitte der Mutter, mir einen so häufigen Besuch der Oper zu gestatten, nicht fester entgegengetreten wäre. Dies sei nun die Folge, die er wohl vorausgesehen habe. Aber er hoffe von meiner besseren Einsicht, daß ich zu meiner Pflicht zurückkehre, und wünsche vor allem, daß ich jeden Theaterbesuch so lange unterließe, bis ich selbst in der Lage wäre, mir diesen Luxus, dessen idealen Wert er durchaus nicht verkenne, zu gestatten. Ich hätte mir diese Antwort vorhersagen können. Ich zerriß den Brief in kleine Stücke. Alle diese schönen und großen Worte hatten gar keinen Eindruck auf mich gemacht, denn ich sah nur seinen Egoismus dahinter und keineswegs väterliche Sorge und Weisheit. Pflicht! Pflicht! Ich sah das kummervolle Gesicht meiner Mutter vor mir, ich gedachte ihrer beständigen Ermahnung zur Sparsamkeit, ihrer oft sorgenvollen Briefe. Wie heiter und zufrieden war früher alles bei uns gewesen. Hatte es denn damals keine Sorgen gegeben? Woher kam auf einmal dieses Sorgenvolle und Kummervolle, das aus den Mienen und den Briefen meiner Mutter sprach? Tat der Vater seine Pflicht? Diese unkindliche Frage stieg in mir auf. Nein! Nein! schrie es immer wieder in mir. Und er wollte mich mit großen Worten an meine Pflicht mahnen! Immer war er mit großen Worten, mit Maximen und Sentenzen bei der Hand gewesen. Auf Spaziergängen, an den wenigen Abenden, wo er sich aufgeschwungen hatte uns vorzulesen, und in mancher Strafpredigt, die er uns gehalten hat. Wie würde er jetzt vor meine arme Mutter treten und ihr mit triefender Weisheit ihren Irrtum vorhalten, sie mit Vorwürfen quälen. Ich hörte wieder sein lautes Schelten an jenem Morgen meines Lübecker Besuches, hörte das zornige Türschlagen. Gut, knirschte ich, ich muß mich fügen. Aber wenn ich erst mein eigener Herr bin, soll mich nichts hindern, ein Leben zu leben, wie ich es für mich am besten und meinem Glücke dienlich halte. Drei Jahre noch, dann hatte ich ausgelitten. Die hieß es nun noch ertragen. Dann, ja dann! – Irgendwie würde Rat werden. * Inzwischen war der Sommer des Jahres 1870 herangekommen. Hatte ich bisher nur in meinem engen Kreise gelebt und die Außenwelt so an mir vorüberrauschen lassen, so schlug jetzt von dort ein Ton an mein Ohr, der nicht nur mich, sondern alle Träumer und Philister im ganzen Lande gewaltsam aufrüttelte. Die Emser Depesche, die französische Kriegserklärung, das gewaltsame Aufflammen des Nationalgefühls, der Sturm der Begeisterung, der bis in die verstaubtesten und verstecktesten Winkel zog und allen Unrat auskehrte, er fand auch in unsere muffige Bücherei Eingang. Und als dann die erste Siegesnachricht kam, eine Depesche der anderen folgte, welcher Jubel, welcher Stolz, welche Begeisterung auf allen Gesichtern; auf den Straßen, in den Wirtschaften, in den Läden und Werkstätten, ja auf den Kanzeln lohte die helle, heiße Vaterlandsflamme mit Jubel und Dank. In dieser patriotischen Begeisterung ging auch für mich alles andere unter. Deutschland, Vaterland, ach, es waren leere Begriffe gewesen: jetzt füllten sie sich mit blühendem, brausendem Leben. Mein junges Herz jauchzte bei jeder Siegesnachricht, und ich war glücklich, wenn ich mit dem Suchbuch auf die Straße geschickt wurde, in der Hoffnung, wieder Neues zu hören oder zu sehen. Unser Riese war mit vor dem Feind. Vor Orleans lag er, und es kam ein Brief von ihm, ein einziger an den Chef; der zeigte ihn dem Gehilfen. Ich bekam ihn nicht zu lesen, aber sein Gruß wurde mir ausgerichtet. Und der Gehilfe erzählte mir kurz, was in dem Briefe gestanden. Nicht viel. Unbeholfene, schlichte Worte. Ich aber träumte mich an die Stelle des im Felde Stehenden, schlug heldenhaft siegreiche Schlachten und beneidete ihn. Er sollte mir erzählen von seinen Erlebnissen! Er war mit dem Munde gewandter als mit der Feder. Aber der Krieg zog sich in die Länge, der Riese kam nicht wieder und ließ auch nichts von sich hören. Wir sollten ihn nie wiedersehen. Nach Sedan waren von den gefangenen Franzosen eine Menge nach Hamburg gekommen. Überall auf den Straßen sah man die Rothosen, Zigaretten rauchend; Gemeine und Offiziere jeden Grades. Sie hatten es besser als ich, die Herren Gefangenen; sie konnten frei umhergehen und im Alstercafé sitzen, und der eigentliche Gefangene war ich. Aber wider Erwarten sollte diese Zeit mir das Ende meiner Gefangenschaft bringen. Bald nach Schluß des Krieges eröffnete mir der Prinzipal, daß er die Absicht habe, sein Geschäft zu verkaufen, womit dann natürlich unser Kontrakt hinfällig würde. Er könne mir aber die Wahl lassen, ob ich noch den Rest der ausbedungenen Zeit bei seinem Nachfolger verbleiben oder mich nach einer anderen Stelle umsehen wolle; in diesem Falle würde er mir behilflich sein und mit einer Anzeige im Buchhändler-Börsenblatt für mich eine passende Anstellung ausfindig zu machen suchen. Jubelnd teilte ich es meiner Mutter mit, daß ich nun ausgelernt haben sollte, endlich, endlich! Noch einmal versuchte ich es, den Vater umzustimmen und einem Berufswechsel geneigter zu machen, aber umsonst. Seine abschlägige Antwort machte mich nicht so unglücklich wie das erstemal. Hatte ich doch jetzt die Freiheit vor mir, ein weites Feld mit tausend Möglichkeiten. Die Anzeige im Börsenblatt hatte bald Erfolg. Ich hatte die Wahl zwischen einer Fabriksstadt im Wuppertal und einem thüringischen Städtchen. Der Prinzipal riet, in die größere Stadt zu gehen, mich aber lockte Thüringen. Schon die Aussicht auf die Fabriken schreckte mich. Qualm und Ruß, Staub und Dunst, nein, davon hatte ich genug! Aber Wälder, Berge, die Wartburg, Tannhäuser, der Hörselberg – vage, romantische Träume spannen mich ein; Thüringen sollte es sein! Zutiefst die leise Stimme, daß es doch wieder der alte Beruf sein würde, das alte Einerlei, was ich dort vorfinden würde, erstarb in den Trompetenstößen der Freiheit. Ostern 1872 sollte ich meine neue Stellung antreten. Vorher fuhr ich noch mal zu den Eltern. Fröhlichen Herzens nahm ich Abschied von Hamburg. Das Weh des Scheidens würde mir erst in Lübeck werden, das wußte ich wohl, und mir bangte ein wenig davor. Doch es waren herzliche, sonnige Tage, die ich dort verlebte. Selbst der Vater war freundlich und teilnehmend. Er mochte froh sein, daß ich nun entschlossen war, beim Buchhandel zu bleiben und daß ich ihm nicht mehr auf der Tasche liegen würde. Er lobte mich, daß ich mich aller Grillen entschlagen hätte, die ja jedem einmal in den Sinn kämen, der die Welt noch nicht kenne und in Phantasien und Hoffnungen lebe! Aber ein tüchtiger Mensch, und für den habe er mich immer gehalten, würde damit fertig. Er ging sogar zu unserer aller Verwunderung mit mir aus, führte mich in den Ratskeller und traktierte mich mit einem kleinen Frühstück. Selbst eine Zigarre bot er mir an, lobte mich dann aber, daß ich noch nicht diesem Laster verfallen war. Eine ganze Flasche Burgunder hatten wir zusammen geleert, und ich kam mit schweren Gliedern heim. Die Mutter schüttelte den Kopf, und der Vater sah etwas verlegen lächelnd drein. Die Mutter schwieg aber, und man sah es ihr an, daß sie froh war, uns in einem so guten Einvernehmen zu sehen. Als der Vater nun auch abends zu Hause blieb, und wir Brüder ihm noch einmal vorspielen mußten, wobei sich der Bruder mit seinen verarbeiteten Schlosserhänden noch recht brav bewährte, und ich auch mit der Schwester, die inzwischen hübsche Fortschritte gemacht hatte, vierhändig spielte, da wurde die Mutter sogar heiter, und es lag ein schönes Licht alten Glückes und Friedens auf ihrem lieben Gesicht. Wir saßen dann wieder einmal alle vereint um den runden Familientisch und aßen Ostereier. Die Schwester hatte sie hübsch bunt gefärbt und für mich eins extra mit einem lustigen Mondgesicht bemalt. Wie fröhlich waren wir! Die Kranke konnte vom Nebenzimmer aus in ihrer stillen, zufriedenen Art an allem teilnehmen und war froh mit den Gesunden; ich saß nachher vor ihrem Bett, wunderte mich, wie schön sie auf ihrem Schmerzenslager geworden war und prägte mir dieses blasse, schöne Kindergesicht tief ins Herz ein. »Wenn du nun wiederkommst, kann ich hoffentlich bald gehen,« sagte sie, »der Doktor meint es auch.« »Er hat uns Hoffnung gemacht,« sagte die Mutter. Mir aber riefen der Schwester Worte das Rückertsche Lied wach: »Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, War die Welt mir voll so sehr. Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War alles leer.« Ihre Augen waren groß und feucht, und ihre Lippen kühl und blaß, als sie mir am nächsten Morgen den Abschiedskuß gab. Wieder brachten mich die Mutter und die ältere Schwester nach dem Bahnhof. Ein paar Bekannte unterwegs machten große Augen und grüßten. Einer ging mit uns desselben Weges, einen Koffer in der Hand; ich fürchtete schon, ihn als Reisebegleiter zu haben, aber er stieg hernach in ein anderes Coupé. Die Freunde aufzusuchen hatte ich diesmal kein Bedürfnis verspürt; die Stunde sollte ganz denen gehören, die einzig ein Anrecht daran hatten. Fritz, den ich freilich gern gesehen hätte, wohnte draußen vor dem Burgtor; das war mir zu weit gewesen. Still, in verhaltener Bewegung, stand ich mit der Mutter und der Schwester im Gewühl der Reisenden auf dem Perron. Noch ein Umarmen, ein letzter Kuß, winkende Tücher, und eine dicke Wolke weißen Dampfes aus dem Schlot der Maschine verdeckte mir die lieben Gesichter, noch ehe mein Wagen die lange, dunkle Halle verlassen hatte. Zum drittenmal sah ich die Türme der Vaterstadt hinter mir versinken. III Eine lange Eisenbahnfahrt bis in das Herz von Thüringen hatte mich ermüdet. Gern hatte ich das dumpfe, überheizte Abteil mit seinen harten Bänken verlassen, hatte meinen kleinen Koffer in die Hand genommen und mich auf den Weg ins Städtchen gemacht; das lag ein paar Minuten vom Bahnhof entfernt. Doch bevor ich in die erste Gasse einbog, hatte mich ein mäßig hoher, schön geformter Hügel angelockt; er erhob sich unmittelbar vor den Häusern und ermöglichte einen prächtigen Überblick. Hier saß ich nun auf einem großen Feldstein, den Koffer neben mir im Grase, und sah meinen künftigen Aufenthaltsort inmitten einer sonnigen Frühlingslandschaft zu meinen Füßen liegen. Eine liebliche Hügellandschaft, die letzten Ausläufer des Thüringer Waldes, betteten das Städtchen in einen sanften Talkessel. In der Nähe zeigte sich zwischen ausgebreiteter Heidedecke ein sandiger Boden, hier und da mit kurzem Gestrüpp bestanden. Weiterhin bewaldeten sich die Hügel mehr und mehr und reckten sich höher; die beiden höchsten standen in der Ferne wie zwei dunkle Zwillingsbrüder unmittelbar nebeneinander und grüßten ernsthaft herüber. Es war mir wohlig zumute in der schönen Frühlingswelt um mich herum, und ich vergaß wirklich emen Augenblick, daß ich nicht lange auf meinem Stein verweilen durfte, sondern mich meinem Prinzipal pflicht- und höflichkeitsgemäß alsbald vorzustellen hätte. Das Rund der stillen Hügel und Wälder umgab mich wie mit weichen Friedensarmen, die ersten Insekten summten im Kraut zu meinen Füßen, und das gleichmäßige Getön spann mich ein, so daß ich in ein selbstvergessenes Träumen verfiel, aus dem mich erst die schwatzenden Stimmen nahender Weiber jäh auffahren ließen. Schwer bepackt, die vollen Körbe auf den gebeugten Rücken, gingen sie unten vorbei, und jedes warf einen verwunderten Blick zu mir herauf, den der Reisekoffer ihnen als einen zugereisten Fremdling offenbaren mochte. Ich sah nach der Uhr und sprang schnell auf. Zu lange hatte ich mich hier verträumt. Eiligst griff ich nach meinem Koffer und schritt in die abenddämmerigen Straßen hinunter. Hier fand ich alsbald am Markt die einzige Buchhandlung am Platz. Es war eins der ansehnlichsten Häuser; zweistöckig, von solidem Äußeren, lag es breit und wohlgenährt zwischen zwei Gasthöfen. Der eine war offenbar der vornehmste des Ortes und nannte sich denn auch »Hotel zum goldenen Engel«, während der andere, von geringerem Aussehen, sich schlicht und recht mit der Bezeichnung »Lindes Gasthof« begnügte. Da vor der Tür aus einem geräumigen Marktbrunnen ein klares Wasser mit Geräusch hervorsprudelte, konnte es mir an diesem Ort meiner zukünftigen Tätigkeit an leiblicher Erquickung und Stärkung wahrlich nicht fehlen, zumal sich der Buchhandlung gegenüber, wie ein schneller Rundblick mir zeigte, auch noch tröstlicherweise die Apotheke befand. Der Marktplatz war noch stiller als die Gassen, die ich vorher hallenden Schrittes durchwandert hatte; nur in der offenen Tür der Apotheke rekelte ein blonder Jüngling, der mich angelegentlich durch sein Augenglas musterte. Gewiß wußte er, wer ich war, da ich so geradeswegs auf mein Ziel zusteuerte. Nun hatte mir das Herz ein wenig geklopft, je mehr ich mich dem Hause näherte, und ich tat zuvor einen tiefen Atemzug, ehe ich in den Laden eintrat. Hier kam mir sogleich ein wunderliches Männchen entgegen. Es trug eine schwarze, recht abgetragene Pudelmütze auf dem dichten, blonden Krauskopf, den indessen schon einige Silberstreifen durchzogen, und hatte um den Hals einen dicken, bunten Wollschal, der, zweimal herumgewickelt, doch noch mit ansehnlichen Enden nach hinten über die Schulter hing. Mit vorgestrecktem Gesicht schoß es auf mich zu und gab ein paar Schnaubtöne von sich, indem die lange Nase die Luft heftig einsog, als wollte sie sogleich eine Witterung von mir gewinnen. Das Männchen, das mich an meinem Reisekoffer gleich erkannt haben mochte, musterte mich von oben bis unten, wobei es ein Paar kurzsichtige Äuglein fast ganz zusammenkniff. »Sind Sie es?« fragte es mit singendem Tonfall. »Wo kommen Sie denn nun jetzt her? Der Zug ist doch schon seit fünf Uhr eingelaufen?« Dabei warf es seine Pudelmütze auf den Ladentisch und riß sich mit ein paar kühnen Windungen den Wollschal vom mageren Hals. Es hatte sich mir nicht vorgestellt, aber ich vermutete gleich den Geschäftsführer in ihm, mit dem ich über den Antritt dieser Stellung korrespondiert hatte; sein Name, Nutzsche, schien mir zu seinem Äußeren zu passen. Mein Herzklopfen war längst verschwunden, denn dieses Männchen hatte nicht das Aussehen eines gestrengen Gebieters, vor dem man Furcht zu haben braucht. Doch entschuldigte ich mich, im Bewußtsein, eine Ungehörigkeit begangen zu haben, noch demütig genug: ›Es hätte mich gelockt, von dem bequemen Hügel gleich einmal einen Rundblick über meinen künftigen Wohnsitz zu genießen, und da hätte ich mich im Anblick der lieblichen Landschaft ein wenig verträumt.‹ Dieses schien ihm zu gefallen. »So, so,« sagte Herr Nutzsche gutmütig. »Nun, es ist recht.« Er murmelte aber noch ein paar unverständliche Worte vor sich hin, deren Ton auch wieder auf Mißbilligung schließen lassen konnte. »Wir hatten Sie schon viel früher erwartet,« sagte er dann wieder laut. »Wir glaubten schon, Sie kämen überhaupt nicht mehr.« Er zog hastig die Uhr, die er mehr beschnüffelte als besah und meinte: »Wir schließen ja gleich. Es geht ja schon auf sieben. Da will ich Sie noch schnell dem Herrn Chef vorstellen, damit er doch weiß, daß Sie hier sind.« Ich war ihm inzwischen in einen kleinen Nebenraum gefolgt, in dem sich das Kontor befand. Hier stand an einem Pult ein langer, flachsblonder, junger Mann mit einem goldenen Kneifer auf einer kleinen, kecken, fast kindlichen Stupsnase. »Herr Bandler, Ihr Kollege,« stellte das Männchen vor. Wir machten uns eine steife Verbeugung, beäugelten uns neugierig und gaben beide zu gleicher Zeit einen kurzen Räusperlaut von uns. »Bitte,« sagte das Männchen, »kommen Sie mit nach oben.« Ein alter, freundlicher Herr mit dem Aussehen eines Theologen empfing uns. Er führte jedoch den Titel Justizrat, hatte seine Rechtsgeschäfte aber längst aufgegeben, wie ich nachher erfuhr. Wieweit er sich um die Führung der Büchergeschäfte kümmerte, ist mir nie ganz klar geworden; im Laden ließ er sich selten oder nie sehen, und die Seele des Geschäftes war jedenfalls das Männchen mit dem kurzsichtigen, ewig schnüffelnden und schnaubenden Gesicht. Doch war auch ein kleiner Verlag mit dem Sortiment verbunden, und diesem mochte wohl vorzugsweise die Tätigkeit des Herrn Justizrat zugute kommen. Nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung und nach ein paar Fragen nach Herkunft, Alter, Familie und Reise war ich entlassen und stieg mit dem schnaubenden Männchen wieder in die Geschäftsräume hinab, wo der Lehrling schon beschäftigt war, den Laden zu schließen, und wo der flachsblonde Kollege auf unsere Rückkehr gewartet hatte. »Herr Bandler wird so freundlich sein, Sie in Ihre Wohnung zu führen,« sagte das Männchen. »Wenn sie Ihnen nicht gefällt, findet sich wohl eine andere. Einstweilen dürfte sie ausreichen. Guten Abend, meine Herren; morgen um neun Uhr sind Sie wohl zur Stelle.« Er hatte sich seinen Wollschal mit zwei raschen Schwenkungen um den Hals gewickelt, setzte seine Pudelmütze auf und verließ uns mit einem freundlichen Kopfnicken. * An der Ecke des Marktplatzes und der zum Bahnhof hinunterführenden Hauptstraße lag ein wunderliches, altes Fachbauwerk. Es bestand aus Vorderhaus und Hinterhaus, die einen länglichen Hof einschlossen. Das Gewese hatte früher einmal landwirtschaftlichen Zwecken gedient, gehörte aber schon seit Generationen keinen Ackerbürgern, sondern biederen Handwerksmeistern. Hier hatte man mir zwei Zimmer gemietet; sie lagen aber im Hinterhaus, und ich konnte zu ihnen nur über eine gedeckte Galerie kommen, die, nach der Hofseite hin offen, Vorder- und Hinterhaus miteinander verband. Unten lag der mistbedeckte Hofplatz, auf dem die Hühner ihr Wesen trieben, und in dessen schmutzigster, verjauchter Ecke sich ein paar Schweine wohlfühlten. Ein kräftiger, ländlicher Duft stieg von da empor. Mein gefälliger Begleiter hatte mich meiner Wirtin überliefert, einer alten, freundlichen Frau, die mich herzlich willkommen hieß. Sie führte mich in meine Wohnung, zündete die kleine Petroleumlampe an, die auf dem Tische stand, und fragte, ob ich Tee wünsche oder zum Abendessen ins Wirtshaus ginge, und ob sie mir etwa beim Auspacken meines Koffers behilflich sein könnte. Ich sagte ihr, daß ich an diesem ersten Abend zu Hause bleiben würde, und bat um Tee. Sie brachte ihn mir, wünschte guten Appetit und eine gute Nacht und verließ mich zögernd, als ob sie sich gern noch ein wenig unterhalten hätte. Sie hatte die Tür geräuschlos hinter sich geschlossen. Die Lampe verbreitete ein trauliches Licht in dem behaglichen Raum, aus der braunen Teekanne stieg der Brodem als ein seines Dampfsäulchen vergnüglich hervor, und das kleine Sofa hinter dem Tisch lud mich in seine Ecke ein. Da wurde mir's mit einmal so gemütlich und heimisch in dem stillen Gemach, daß ich vor lauter Behaglichkeit fröhlich mit den Fingern knipste, mich sorglich in das weiche Polster schmiegte und es mir gut sein ließ. Nach dem Essen erst machte ich mich daran, meinen Koffer auszupacken, die Kleider und Wäschestücke in den Schrank und den Schubladen der kleinen Kommode zu verteilen. Das ging mir schnell von der Hand, nur bei einigen Kleinigkeiten hielt ich mich länger auf, und als ein Letztes fiel mir ein Bündelchen Briefe in die Hand; es waren Briefe der Mutter. Ich konnte mich nicht enthalten, die Schnur zu lösen und auf diesem und jenem der teuren Blätter einen flüchtigen Blick ruhen zu lassen, um mich in dieser ersten Stunde meines Einwohnens in der Fremde auch eines Grußes aus der Heimat zu versichern. Der reine Hauch mütterlicher Liebe, der diesen zarten, feinen Schriftzügen entströmte, legte sich mir warm ums Herz und stimmte mich weich; ich gedachte eines allerletzten Päckchens, das noch auf dem Grunde des Koffers zurückgeblieben war, und holte nun auch dieses hervor. Es war ein Stück selbstgebackenen Osterkuchens, das mir die Mutter bei meinem Abschiedsbesuch im Elternhause in einen sauberen Bogen weißen Schreibpapieres eingewickelt hatte; es war nun schon ein paar Tage alt und ganz zusammengetrocknet, aber ich brach einen Brocken ab, schob ihn halb widerstrebend in den Mund und würgte daran. Dabei quoll es warm und weh in mir auf; dicke Tränen stahlen sich hervor und rannen mir langsam über die Backen. Ich trat ans Fenster, wie wenn ich mich dieser Tränen schämte und sie verbergen wollte, wo doch keiner im Zimmer war, der sie hätte bemerken können. Draußen war indessen der Mond in die Höhe gekommen und warf ein weißes Licht auf die stille Seitenstraße, die sich unter meinem Fenster zu einer etwas tiefer liegenden Quergasse hinabsenkte, hinter der eine Wildnis hoher Baumkronen sichtbar war. Ganz still und friedsam lagen die Gäßchen da; die schwarzen Schatten der vielgestaltigen Häuser und Dächer zeichneten sich wunderlich genug ab. Nur die hohen Bäume standen mit ihren zierlichen Frühlingszweigen wie silberne Filigrangewebe dunkel gegen die blaue Luft. * Traumlos schlief ich bis in den hellen Morgen. Ich kleidete mich schnell an, trank hastig meinen Kaffee und begab mich ins Geschäft, wo ich alle schon zur Stelle fand; doch kam ich noch eben rechtzeitig genug, um mir eine Entschuldigung sparen zu können. Herr Nutzsche zog aber doch die Uhr, beäugelte und beschnüffelte sie und steckte sie mit einem gelinden Schnauben wieder ein; dann wies er mir meine Arbeit an. Ich hatte mit Bandler meinen Platz an einem gemeinsamen, geräumigen Pult. Hinter uns an einem zweiten Doppelpult arbeitete ein großer, breitschultriger, etwa vierzigjähriger Mann mit einem roten Gesicht, aus dem zwei etwas verschleierte Augen blickten. Man sah es sogleich, der Mann war Trinker, oder war es doch gewesen. Er hieß Prätorius und hatte die Expedition und das Annoncenwesen an einer kleinen Zeitung zu leiten, die unter dem Namen »Der Waldbote« in unserem Verlag erschien und in der gesamten Umgebung fleißig gelesen wurde. Ihm zur Seite war ein blutjunges Schreiberlein gegeben, das hieß Jakob, war eine ehrliche Haut und trug gleich unserem Herrn und Meister bis in die warme Jahreszeit hinein einen wollenen Schal um seinen Hals gewickelt. Anders sein Pultkollege und Vorgesetzter, der Herr Prätorius; der trug auch bei der stärksten Kälte keinen Überrock. Er rieb sich dann wohl einmal die großen Hände und schlug die Arme kreuzweise um den breiten Brustkasten, während ein verräterischer Duft aus seinem Munde anzeigte, was er an kalten Tagen für zweckdienlicher hielt, als einen gefütterten Überzieher. Ich hatte außer einem Teil der Buchführung den Ladenverkauf unter mir. Es wurden fast nur Gesang- und Gebetbücher gefordert, und zwar meistens von den Bauerfrauen, die an bestimmten Tagen mit den Erzeugnissen ihrer Felder und Gärten in die Stadt kamen. Er waren evangelische und katholische Leute in der Gegend, und wir dienten beiden Konfessionen mit dem gleichen Fleiße. Das Hauptgeschäft aber wurde in Papier- und Schreibutensilien gemacht. Dieses Papiergeschäft war meine persönliche Angelegenheit, und da ich an diesem Zweig des Ladengeschäftes mit einem kleinen Gewinn beteiligt war, so widmete ich mich ihm mit besonderem Eifer und wurde so unversehens aus einem Buchhändler zu einem Papierhändler. Anfangs machte es mir Schwierigkeit, mich mit den Leuten zu verständigen, denn die guten Dörfler sprachen unverfälschten Dialekt, und namentlich das schnelle, schnatternde Mundwerk der Weiber machte mir manches Mißverständnis. Dazu kam die geradezu babylonische Verwirrung, die in den Münzverhältnissen herrschte, denn das neue Geld war inzwischen aufgekommen, die Reichsmark und die Nickelpfennige. Damals aber waren die Münzen und Zettel sämtlicher kleiner thüringischer Staaten noch in Verkehr; Preußen und Bayern, beide in nächster Nachbarschaft, brachten ihr Geld über die Grenze, österreichische Gulden und Kreuzer schoben sich dazwischen, kurz es war ein Wirrwarr, der durch das viele Papiergeld, das hier wild durcheinander lief, noch vermehrt wurde. Die Bauern fanden sich schlecht in die neue Markwährung, und ich hatte mit dem Umrechnen der vielen Kreuzer und Gulden und Taler und Groschen meine liebe Not. Allmählich fand ich mich aber auch hiermit so gut ab, wie mit der singenden und zwitschernden Mundart, wozu nicht wenig beitrug, daß hier alles ohne Hast erledigt wurde, während in Hamburg immer die Peitsche dahinter war. Jeder Tag ging in einer lässigen und fast gemütlichen Pflichterfüllung vorüber. Manche müßige Viertelstunde blieb, wo wir nichts Besseres taten, als auf den Markt hinaus maulafften, uns über Wetter und Bier unterhielten, das Leben gut und an der Welt nichts auszusetzen fanden. Viel Augenweide bot der Markt für gewöhnlich nicht, wenn nicht gerade drüben vor der Apotheke einer der beiden Giftmischer erschien und unter Arm- und Kopfverrenkungen ein telegraphisches Gespräch mit uns anzufangen suchte. Nur an den Markttagen zeigte sich ein belebtes, heiteres Bild; da war der geräumige Platz von Buden und Tischen dicht besetzt, und dazwischen schoben sich die Planwagen mit ihrem mehr oder weniger weißen Linnendach. Eine Menge buntgekleideter Bauern und Bäuerinnen feilschten vor ihren Körben mit den Käufern, müßiges Volk, besonders die Jugend, lungerte umher und trieb Schabernack, und ein beständiges Gewirr von schnatternden Geräuschen, woran sich auch das verhandelte Gänse- und Entenvolk lebhaft beteiligte, drang durch die offene Ladentür zu uns herein. Was diesem Marktplatz einen besonderen Reiz auch für uns verlieh, waren die Wurstbuden, deren Duft gleichfalls den Weg zu uns fand. Eine hatte ihren Stand gerade vor unserer Buchhandlung, und wir versäumten denn auch nicht, unser Paar heißer Bratwürstchen, das appetitlich zwischen zwei Weißbrothälften lag, aus der Hand zu verzehren, worin uns Herr Nutzsche mit gutem Beispiel voranging. Pünktlich um die elfte Morgenstunde kugelte sich an solchen Markttagen ein kleines, dickes Männchen in den Laden hinein, das von Fett und Behagen triefte; einen grauen, schmierigen Schlapphut auf einem großen Graukopf, in der Hand eine angebissene Wurstsemmel, deren Fett um seinen breiten Mund glänzte, in der anderen noch eine unversehrte Reservesemmel, benutzte er, mit oder ohne Gruß, je nachdem er den Mund gerade voll oder leer hatte, unseren Laden als Frühstückslokal. Aus welchem Grunde ihm dieses Vorrecht zugestanden wurde, habe ich nie erfahren. Vielleicht war er einmal ein guter Kunde des Geschäftes gewesen; zu meiner Zeit erinnere ich mich nicht, daß er je etwas kaufte, als einmal für einen Kreuzer Stahlfedern. Er hieß Kreußler und war Musiklehrer. Wir nannten ihn aber unter uns immer nur Wurstler, weil wir ihn nie anders, als mit einer Bratwurst sahen. Unterricht gab er damals nicht mehr; er privatisierte und verbrachte seine Abende am Stammtisch eines kleinen Lokals, das wir nicht besuchten. Prätorius kannte ihn ein wenig näher und behauptete, er sei früher ein tüchtiger Klavier- und Orgelspieler gewesen und verberge unter so absonderlichem Äußeren eine weiche Künstlerseele. Mir wollte das nicht in den Sinn, wenn ich das breite und schrille Lachen des kugeligen Männchens durch den Laden wiehern hörte. Wie kann dieser Mensch eine musikalische Seele haben? fragte ich mich. Erkundigte ich mich hier und da nach ihm, hieß es wohl: »O ja, der Kreußler. Man sieht es ihm nur nicht an.« Aber es waren auch immer welche da, die dazwischenriefen: »War mal, war mal!« Das hielt mein Interesse für den alten Musikanten wach, trotzdem er mir eigentlich unsympathisch war, und als er einstmals eine mitgebrachte Papierrolle auf dem Ladentisch hatte liegen lassen, konnte ich mich nicht enthalten, sie zu öffnen. Ich glaubte, es wären Notenblätter darin, die mir vielleicht einen Schluß auf sein Können gestatteten; es waren aber nur einige Reste einer alten fleckigen, blauen Tapete, die ich schleunigst wieder zusammenrollte. IV Mit jedem Tag fühlte ich mich wohler in meiner neuen Umgebung. Was war ich für ein armes Tröpflein in dem Menschenmeer der Großstadt gewesen. Hier zählte ich mit. Hier genossen die Buchhandlungsgehilfen von jeher eines besonderen Ansehens, galten mehr, als die jungen Krämer und Handwerker, und nur die beiden Apothekergehilfen konnten sich einigermaßen mit ihnen messen. Natürlich hatten wir ein Stammlokal, das wir bevorzugten. Hier durfte ich mit würdigen Männern, wie dem Bürgermeister, dem Stadtschreiber, dem Seminardirektor und anderen an einem langen Tische sitzen und mich fühlen. Harmlose Philistergespräche freilich waren es nur, die unsere Tafelrunde bewegten. Ab und an erhitzte eine kommunale Angelegenheit die Gemüter, oder ein Fest im Kasino gab Veranlassung zu reichlichen Debatten. Aber im Rat der Alten und Erfahrenen ein Wort mitsprechen zu dürfen, war an sich schon wertvoll und hob das Selbstgefühl. Mir gefiel dieses behagliche Philisterleben nur zu sehr, und ich hätte nicht jung sein und aus einem so dunklen Käfig kommen müssen, wenn es mir nicht hätte gefallen sollen; die Sonne der Freiheit vergoldete es mir, und ich trank dies junge Licht mit durstigen Zügen. Ich war nun fest angestellter Buchhandlungsgehilfe und verdiente, was ich für meine Person zum Leben brauchte. Gleich mir sah ich Bandler und andere sich mit ihrem Beruf abfinden, ihre tägliche Pflicht erfüllen und abends zufrieden ihr Bier trinken. Dereinst eine Stellung wie das schnaubende Männchen einzunehmen, lag als erreichbares Lebensziel vor mir. So sehr ich in Hamburg unter den Ketten des aufgezwungenen Berufes geseufzt hatte, hier erschien mir alles in einem milderen Lichte, und ich war schnell versöhnt. Der flachsblonde Bandler war ein guter Kerl, mit dem ich bald auf dem besten Fuße stand. Seine Züge waren fast mädchenhaft weich, und seine kurzsichtigen blauen Augen sahen freundlich und harmlos durch den goldenen Zwicker. Wir verbrachten auch außerhalb des Geschäftes fast alle unsere freie Zeit zusammen. Wir aßen zu Mittag im »Goldenen Engel«, der uns bequem gelegen und als erster Gasthof am Ort gerade recht war, denn wir glaubten unserer Stellung etwas schuldig zu sein. Wir waren eine kleine Gesellschaft von vier Herren, die gut miteinander auskamen. Einer, den wir seiner vornehmen Allüren wegen den »Legationsrat« nannten, hatte sich eine Art Präsidium angemaßt, und da er sonst ein guter Kerl war, ließen wir es uns gern gefallen. Die Kost war gut und mundete namentlich mir nach dem kärglichen Tisch meiner Hamburger Lehrzeit vortrefflich. Ich hatte schon ein halbes Jahr hier gespeist, als mir das Mahl noch auf eine besondere Art gewürzt werden sollte. Ein neuer Kochlehrling kam in die Küche des Hotels, eine zierliche Blondine mittlerer Größe mit großen grauen Augen und einem weichen, unschuldigen Gesichtchen. Sie war die Tochter des Stadtschreibers und hieß Anna Lenz. Lenzlich genug erschien sie mir in ihrer ersten knospenden Jugend; ich schätzte sie auf kaum achtzehn Jahre, und wollte kein reizenderes Alter für junge Mädchen kennen, als gerade dieses. Ich verliebte mich flugs, aber umsonst bemühte ich mich, einen Blick von ihr zu erhaschen; ja, ich bekam sie oft wochenlang nicht zu Gesicht. Es mochte Zufall sein, aber ich redete mir ein, sie wiche mir aus, und war heute geneigt es mir zum Vorteil zu deuten, da Mädchen immer scheu und zaghaft zu sein pflegen, und war morgen trostlos, da ich mir einredete, nur heftige Abneigung könne sie mich so lange und so beständig meiden lassen. Ich sah von meinem Pult aus den Turm des Rathauses, in dem ihr Vater sein Amt versah, und ich wußte, hinter diesem Rathaus hervor führte ihr Weg sie um die bestimmte Stunde über den Markt und ins Nachbarhaus; aber ich konnte von meinem Platz aus den Weg nicht übersehen, sah nichts, als den dicken, runden Turm, dessen Uhr mir jetzt ihre Zeiger zu träge über das Zifferblatt schob, zu träge für meine Ungeduld, die die Essenszeit herbeisehnte, in der immer wieder getäuschten Hoffnung, heute wirst du sie doch endlich einmal wiedersehen. An der Mittagstafel dann löffelte ich mit widerstreitenden Empfindungen die Suppe, die sie hatte bereiten helfen, gabelte den Braten, stocherte in dem Gemüse, oder rührte elegisch in der süßen Speise, was alles ihrer Hände Werk und mir daher je nach Stimmung mehr oder weniger köstlich war. So verging der Winter. Ein paarmal war es mir doch geglückt Anna zu sehen, und immer hatte es mir nur zu neuer Qual gedient; und mein Verlangen nach einer Annäherung größer gemacht. Mit dem April setzte ein zeitiger Frühling ein, mit einem fast stürmischen Knospenschwellen; ein brausender Gesang erwachenden Lebens. Wir ließen durch die offene Tür die warme, milde Luft von dem übersonnten Marktplatz in das staubige Büchergewölbe hinein. Nur unser Herr Nutzsche legte seinen Schal nicht ab; wie zwei flatternde Tauben begleiteten ihn die grauen Enden seines dicken Halswärmers, wenn das nervöse Männchen, die geliebte Pudelmütze auf dem Kopf, über den frühlingshellen Marktplatz hastete. Mochte aber Herr Nutzsche dem Frühling noch mißtrauen, ich hatte die Gewißheit, daß er da war, fühlte ihn in meinem Herzen, darinnen ein Flöten und Trillern war: Anna und immer nur Anna. Und endlich hielt ich es nicht länger aus, und vertraute mich Bandler an. Er war durchaus nicht überrascht, meinte, das hätte er längst gemerkt und tröstete mich mit dem Geständnis, daß auch er verliebt sei; freilich war er mit seiner Schönen schon etwas weiter, als ich mit Anna. Gerne hörte ich, daß die beiden Mädchen miteinander befreundet seien, und beschwor Bandler, diesen Umstand für mich auszunutzen und eine Vermittlerrolle zu übernehmen. Er kam denn auch schon am anderen Tage mit der Nachricht, daß seine Meta sich nicht gesträubt, sondern mit der Lust des Weibes an solchen Kupplergeschäften mit beiden Händen zugegriffen und auch schon einen artigen Plan ausgedacht habe. Mit dem warmen Frühlingswetter hatte sich eine erste reisende Künstlertruppe in der Stadt eingefunden, ein Zirkus, der, wie es hieß, auf dem Wege nach der bayerischen Grenze sei, wo in einem großen Kirchdorf, dessen Name mir entfallen ist, ein Jahrmarkt abgehalten werde. Unser abgelegenes Städtchen sah selten solche Gäste, und gern strömte alles hinaus, das Schauspiel zu genießen. Hier wollten auch wir uns mit den Mädchen treffen. Am Sonntag morgen machten wir uns auf den Weg, und fanden draußen bereits ein munteres Treiben in bestem Gange. Das Karussell drehte sich, lachende und kreischende Burschen und Mädchen fuhren im Kreise herum, die Drehorgel quiekte einen frechen Galopp dazu, und vom Zirkus herüber versuchte der Ausrufer mit Geschrei und Lärm diese Musik zu übertönen. Ihm strebten wir zu, denn vor dem Zirkus wollte man sich treffen. Die Mädchen waren auch schon zur Stelle; es waren ihrer drei. Zu unserer Überraschung hatte sich aber auch Herr Kluge, der vierte von uns Tischgenossen, eingefunden. Der Zufall hatte ihn mit den Damen zusammengeführt, die er bereits zu kennen schien. Wir söhnten uns wohl oder übel mit seiner Gegenwart aus. Bandler hatte begonnen mich förmlich vorzustellen, mit einer Art Tanzstundensteifheit, die ihm in solchen Fällen eigen war, und hatte dadurch meine Verlegenheit erst recht wachgerufen. Sie alle wissen, sagte ich mir, daß du als Liebhaber der Anna hier stehst; sie selbst, ihr befangenes Erröten, sagt es dir. Auch mir stieg das Blut verräterisch in die Wangen. Doch kam mir das resolute Wesen der ältesten der drei Schönen zu Hilfe. Sie reichte frischweg jedem von uns die Hand, worauf auch die anderen ihrem Beispiel folgten, und ich denn auch zuletzt Annas Fingerspitzen lose zwischen den meinen fühlte. »Kinder, nur nicht förmlich!« rief jene frische Schöne mit einem offenen, heiteren Lachen. »Wir sind doch keine Pensionatsgänse.« Ihr Reden gefiel mir und ihr Äußeres noch mehr. Sie war groß und stattlich, eine blonde Germania, und überragte auch Bandlers schlanke Meta noch um einen halben Kopf. Anna stand klein und zierlich, fast wie ein Kind, daneben, und ich verhehlte mir nicht, daß sie entschieden die am wenigsten hübscheste von den Dreien war. Eine leichte Enttäuschung beschlich mich. War sie es denn? Aber ich kämpfte sofort dagegen an; sie war es, sollte es sein, und sollte es bleiben. Wir drängten nun in das Zelt, und alsbald saß ich neben ihr auf einer harten Bank und teilte meine Aufmerksamkeit zwischen ihr und den armseligen Zirkuskünsten, die sich in der kleinen Manege wichtigtuerisch produzierten. Es war das Ärmlichste und das Billigste, was man von solchen Kunststücken sehen konnte. Eine magere Amazone jagte auf einem ebenso mageren, langbeinigen Gaul durch den Zirkus, wobei sie von Zeit zu Zeit aus dem Sattel sprang und sich in vollem Lauf wieder hinauffschwang. Pudel und Affe machten ihre Scherze, und ein schwarzlockiger Knabe zeigte sich mit dem muskulösen Besitzer des Zirkusses zusammen in akrobatischen Vorstellungen. Das alles war ziemlich langweilig, und meine Augen irrten mehr zur Seite ab, wo Anna mit offenem Mündchen solchen armseligen Künsten mit größerem Interesse zu folgen schien. Ihr Gesicht war von Eifer sanft gerötet, was ihr sehr hübsch stand. Ihre großen Augen leuchteten unter langen, weichen Wimpern hervor, und der kleine jetzt offene Mund zeigte soviel Kindlichkeit und Unschuld des Herzens an, daß ich mit ihrem Anblick völlig ausgesöhnt war, die alte Neigung warm und wärmer zurückkehren fühlte, und nun ganz das Glück an ihrer Seite genoß. Ab und an trafen sich unsere Blicke, ohne sich länger als flüchtig zu begrüßen; nur einmal schien der ihre wie suchend in meinem lesen zu wollen, war wie eine Frage, deren Art mir ein leichtes Erröten, ein schnelles Abwenden zu verraten schien. Ja, ja, ich liebe dich! Fürchte nichts! Ich bleibe dir gut und treu! Das war die Antwort, die still aus meinem Herzen emporstieg, und während meine Hand auf der Bank einen schüchternen Versuch machte, sich der ihrigen zu nähern, erhaschte ich nur ihre Handschuhe, die sie zwischen uns gelegt hatte. Scheu wagte ich, das weiche Leder zu berühren, nahm es leise, wie ein Dieb in die Hand, und preßte es mit einer Inbrunst, als säßen Annas liebe Finger darin. Wie gern hätte ich die Handschuhe an die Lippen geführt! Aus solchem Begehren und Träumen riß mich das Erscheinen des Zirkusdirektors, der laut aufforderte, es möchte einer aus dem Publikum mit ihm ringen; ein fettes Schwein, das sogleich hereingeführt wurde und den Zirkus mit seinem jämmerlichen Gequieke erfüllte, sollte dem Sieger zufallen. Nach einigem Gelächter und Gerede erhob sich denn auch aus der hintersten Bank eine lange Gestalt und erschien nach einer Weile unten in der Manege. Alles johlte, denn der Mann war ein bekannter Einwohner unseres Städtchens, ein verkommenes, dem Trunke ergebenes Subjekt. Auch jetzt schien er nicht ganz nüchtern zu sein, benahm sich in jeder Weise albern, grölte und prahlte, so daß der bessere Teil des Publikums bald Ärgernis an ihm nahm. »Gehen wir doch,« sagte ich, entsetzt, daß Annas Augen ein so widerliches Schauspiel geboten werden sollte. Doch Bandler und Kluge wollten abwarten, wie die Komödie enden würde, und so blieben wir denn. Nach einigem Hin- und Herzerren warf der Trunkenbold unter unbeschreiblichem Hallo des Publikums den Zirkusmann. Aber sogleich erhob sich dieser und verkündete, der Besieger habe gegen die Regel verstoßen, dieser Gang gelte nicht. Nach wüstem Geschimpf begann ein abermaliges Ringen, wobei denn der Athlet den armen Schnapsbruder wie ein Bündel Flicken hin- und herwarf, und es alsbald klar wurde, daß das Ganze nur ein abgekartet Spiel war. Als nun der Trunkene noch anfing mit dem Teller herumzugehen, hatten wir genug von solchen Künsten. Die Münzen klapperten nur spärlich auf das irdene Geschirr, und der Sammler zeigte sich höchst mißvergnügt. Ja, als er an uns kam, und wir, indigniert von einem so unwürdigen Schauspiel, nichts geben wollten, öffnete er die Schleusen seiner trunkenen Beredsamkeit gegen uns, indem er uns in einer greulichen Weise heruntermachte. Und da ich mich gerade erhoben hatte, so richteten sich alle Blicke auf mich, und es sah aus, als sei ich allein der Abgekanzelte. Der Unverschämte zeigte dann auch wirklich mit einer frechen Handbewegung auf mich: »Da steht er,« rief er, »das ist er, der feine Herr. Nobel muß die Welt zugrunde gehen! Aber Groschens im Portemonnaie – ist nicht!« Und er machte eine verächtliche Gebärde, die so drastisch ausfiel, daß sie mich dem allgemeinen Gelächter des rohen Publikums preisgab. Wir waren die ersten, die draußen waren. Einige lachten, andere schalten. Ich war wütend. Einmal empörte es mich, solche Frechheit vor Annas Augen erduldet haben zu müssen, und dann war ich von so reizbarer Empfindlichkeit, daß auch die ungerechtesten Vorwürfe, wenn sie nur ein Quentchen Wahrheit enthielten, mich leicht beschämten. Nun hatte ich mich nicht nur für Anna besonders nobel gemacht, sondern war mir auch bewußt, daß der Inhalt meines Portemonnaies keineswegs mit dieser äußeren Vornehmheit Schritt hielt. Der Unverschämte hatte mich öffentlich als Baron von Habenichts angerufen, und wenn ich ehrlich sein wollte, mußte ich mir gestehen, daß ich eigentlich nichts Besseres sei. Zu solcher Erkenntnis aber an der Seite eines Mädchens zu kommen, das man liebt, dem man sich nähert in der Absicht, ihr zu gefallen, das zu beschenken man alle Schätze Indiens sein eigen nennen möchte, ist kränkend. In dieser Verfassung stieg ich zu Pferde, das heißt, setzte mich breitbeinig auf ein schokoladenfarbenes Holzroß des Karussells, nachdem Anna hinter mir in dem eiergelben Schlitten Platz genommen hatte. Ich wußte, daß ich das Karussellfahren eigentlich nicht vertragen konnte, aber nach dieser Niederlage im Zirkus wollte ich mich auf jede Weise als Mann und Liebhaber wieder herstellen und wäre um nichts in der Welt zurückgeblieben. Aber schon nach einigen Umdrehungen fühlte ich mich unwohl. Der Ärger, den ich still in mich hineingefressen hatte, mochte ohnehin meine Nerven erregt und meine Willenskraft geschwächt haben; genug, der kalte Schweiß brach mir aus, ich mußte die Augen schließen, und wäre nicht in diesem Augenblick die Fahrt beendet gewesen, so wäre ich unfehlbar vom Pferde gefallen. Eine solche Niederlage, eine solche Beschämung glaubte ich nicht ertragen zu können, und bestand darauf mich zu verabschieden. Ich eilte heim, packte mich ins Bett, legte mir ein nasses Handtuch auf den Kopf, und starrte tiefunglücklich auf das herabgelassene Rouleau, auf dessen grünem Grund eine etwas verblichene Schäferszene des blamierten Liebhabers zu spotten schien. Dahinter glänzte der goldene Tag, in dessen Licht sich die anderen nun weiter vergnügen würden, von dem ich mir soviel versprochen hatte, und von dessen Mittaghöhe ich nun in diese Nacht des Jammers und der Scham hinabgestürzt war. Am anderen Tag erzählte mir Bandler von heiteren Stunden, die die kleine Gesellschaft noch am Nachmittag verlebt hatte. Das konnte mich nicht zufriedener stimmen. Zu Hause aber fand ich mittags eine Scherzkarte vor, ein lustiges Verschen, der Handschrift nach von Meta verfaßt. Es wünschte mir baldige Genesung, und alle hatten sich unterzeichnet. Auch Annas Name stand da, zierlich, mädchenhaft. Er war sogar besonders unterstrichen. War das Absicht, oder war es ihr Gewohnheit, diesen dünnen, etwas ausdrucklosen Strich unter ihren Namen zu ziehen, wie andere dem ihrigen einen Schnörkel anhängen? Ich deutete es mir zum Vorteil, las dreimal die ziemlich unbedeutenden, wenn auch lustigen Verse, um nur immer wieder ihren Namenszug betrachten zu können, und war wieder guter Dinge. * Ich sann nun, wie ich Anna irgendeine Aufmerksamkeit erweisen könne. Ich gedachte, ihr ein Buch zu schenken mit einer Inschrift. Ich wählte zwischen den wenigen Sachen, die wir im Laden hatten und die in Betracht kommen konnten. Fein und zierlich gebunden sollte das Büchlein sein und so recht für ein junges Mädchen geeignet. Rückerts »Liebesfrühling« schon jetzt zu wählen, war doch zu anzüglich und zu plump; vielleicht später einmal. »Faust« war zu ernst. »Hermann und Dorothea« wohl paßlich, aber der Einband so trist und obendrein nicht mehr ganz tadellos. Aber Goethes Gedichte waren in einer niedlichen Miniaturausgabe vorhanden und sogar in einem roten Einband. Ich zögerte nicht länger, legte den Preis dafür in die Ladenkasse und nahm das Büchlein mit nach Hause, um irgend etwas Schönes und Sinniges hineinzuschreiben. Ich steckte meine Lampe an und machte es mir an meinem Tisch gemütlich. Sauber, in meiner schönsten Handschrift, schrieb ich Annas Namen auf das erste Blatt und darunter: »Kleine Blumen, kleine Blätter Streuen wir mit leichter Hand.« Weiter nichts. Darunter setzte ich ein G und das Datum dieses Tages. Dieses G mochte sie deuten. Es konnte sowohl Goethe als Gustav heißen. Und ich meinte meine Sache sinnig und schön gemacht zu haben. Nach dieser kalligraphischen Leistung aber begann ich zu blättern, um mir das, was ich dem geliebten Mädchen soeben zugeeignet hatte, vorher selbst noch einmal zu eigen zu machen. Ich muß gestehen, daß ich damals außer dem »Faust« noch nicht viel von Goethe kannte. Was uns in der Schule von den Gedichten nahe gebracht worden war, war mir freilich sicherer Besitz geblieben, aber das war wenig genug. Nun begab ich, ein Liebender, mich in dieses Wunderreich, und überall blühten mir die herrlichsten Blumen taufrisch wie am ersten Schöpfungsmorgen entgegen. Ich sprang auf, das Buch in der Hand, und lief im Zimmer hin und her. Diese Rhythmen nahmen mich auf ihre Schwingen, ich schwebte, tanzte wie auf Flügeln eines trunkenen Schmetterlinges: » Wie herrlich leuchtet Mir die Natur', Wie gleißt die Sonn'! Wie lacht die Flur – * O Mädchen, Mädchen, Wie lieb' ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebst du mich!« Ich geriet in ein lautes Deklamieren. War es die Liebe? War es der Genius? Wie mit himmlischen Händen faßte es mich, hob mich herauf aus der Enge meines Zimmers, zog mich hinauf in ein rosiges Gewölk, mit dem ich leicht und selig hinschwebte. Von Vers zu Vers, von Gedicht zu Gedicht drang ich vor. Immer war es mir, als tönte mir aus dem Buch die Stimme meines eigenen Herzens entgegen, als gehörte das alles mir, wäre mein, wäre ein Stück von mir. Ich fühlte mich völlig eins mit dem Dichter, der nur aussprach, was mich tiefinnerst beseelte: »Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen. Im Dampf der Klüfte Glück ohne Ruh', Liebe, bist du!« Ich stürzte ans Fenster, lehnte beide Arme ans Fensterkreuz und sah, dieser Welt entrückt, in den Mond, der mittlerweile groß und glänzend am Himmel heraufgekommen war. Über die stillen Dächer floß sein weißes Licht. Die nahen Parkbäume standen mit verklärten Wipfeln gegen den dunklen Abendhimmel, und nur eine Fledermaus huschte wie ein schwarzer, grilliger Gedanke durch diesen reinen, silbernen Traum. »Mir ist es, denk' ich nur an dich, Als in den Mond zu sehen.« Aber nicht Annas Name löste sich von meinen Lippen, sondern »Goethe!« stammelte ich in tiefer Ergriffenheit. »Goethe!« Und allmählich, während ich mein heißes Gesicht immer der kühlen, unberührten Scheibe des Mondes zugewandt hielt, kam eine wunderbare Ruhe über mich und eine Beseligung wie an dem ersten Abend meines Einzugs. Es war wie ein von allem Irdischen losgelöstes Hinschweben mit seinem Licht, ein geisterhaftes Gleiten durch jene stillen, kühlen Höhen. Es war, als durchriesele das silberne Licht meinen Körper wie ein leiser, kühler Strom. Die ewigen Steine in der Nähe des Mondes blitzten und funkelten von Zeit zu Zeit Heller auf; es war mir wie ein Grüßen von dort. »Ihr! Ihr!« stammelte ich, grüßte zurück, wie zu brüderlichen Wesen. Erst leise, wohltuend, lösten sich die Tränen, dann, heftiger, überstürzten sie sich, und zuletzt brach ich in ein fassungsloses, gegenstandsloses Weinen aus, das meinen ganzen Körper gewaltsam erschütterte. * Anna hatte mir mein Buch, das ich ihr durch Bandlers Meta hatte überreichen lassen, wieder zurückgegeben; sie hatte ein kurzes Billett beigelegt, worin sie mir herzlich dankte, aber mir mitteilte, daß sie das hübsche Buch leider nicht annehmen dürfe. »Mit freundlichen Grüßen Ihre Anna Lenz.« Ich war sehr niedergeschlagen, ja gekränkt. ›Sie durfte das Buch nicht annehmen? Wer hatte es ihr untersagt? Die Eltern? Wäre dem doch so?‹ dachte ich. ›Aber sie braucht es nur als Vorwand; sie selbst weist deine Gabe zurück. Gib dich keiner falschen Hoffnung hin, für dich gibt es keinen Weg zu ihrem Herzen!‹ Doch krampfhaft hielt ich mich an die Unterschrift, an die freundlichen Grüße. Würde sie mir freundliche Grüße senden, wenn sie mich ein für allemal abweisen wollte? Bandler hob meine gesunkene Hoffnung, indem er mir mitteilte, daß seine Meta und die blonde Germania angeregt hatten, einen Freundschaftsklub junger Leute zu gründen: Ausflüge im Sommer und Tanz und Aufführungen im Winter sollten das Programm sein. Es handle sich nur darum, noch ein paar gleichalterige und gleichgesinnte junge Leute anzuwerben; vorläufig seien Bandler und ich, Fräulein Meta und die Germania und Kluge und Anna als Stamm in Aussicht genommen. Ehe jedoch dieser Klub zustande kam, wurde ich in einen anderen Kreis eingeführt, der ganz abseits von unserem lauten Treiben eine stille, friedliche Welt umzirkte. Es war ein Zufall, der mich ihres Segens teilhaftig machte. Eine österreichische Militärkapelle, auf einer Kunstreise durch Deutschland begriffen, tauchte auch in unserem Städtchen auf, wohin sie aus der benachharten herzoglichen Residenz von einem jüngeren unserer Wirte, einem lustigen Pfälzer, eingeladen worden war, um vor seinem Lokal zu konzertieren. Diese kleine Weinstube lag ein wenig abseits in einem Winkel des Marktplatzes, hinter dem vorgeschobenen, runden, untersetzten Turme des alten Rathauses. Es war so recht ein Winkel für eine Weinstube. Der Platz vor dem Hause war groß genug und gewöhnlich leer, da nur die wenigen Liebhaber des spritzigen Pfälzers dort etwas zu suchen hatten. Wir konnten vom Geschäft aus einen Blick auf diesen stillen Marktwinkel werfen, der nun plötzlich, von weißen Uniformen belebt, von den schmetternden Klängen einer lustigen Militärmusik erfüllt, zum Mittelpunkt der Stadt wurde. Groß war der Gewinn der wackeren Csardasspieler nicht. Nach drei Tagen lag der Marktplatz wieder so still wie immer da, und nur Bandler hörte man noch eine Zeitlang den Radetzkymarsch durch die Zähne pfeifen. Diese Österreicher aber hatten eine Bekanntschaft mit der Pfälzer Weinstube und dem munteren Wirt vermittelt, und wir verkehrten von jetzt ab häufiger dort. Hier hatte auch Prätorius seinen Stammtisch. Behaglich in die Ecke des einzigen, kleinen Sofas gedrückt, ließ er sich seinen Spritzigen schmecken. Er war einer der dankbarsten Zuhörer der Österreicher gewesen, und am Tage nach ihrem Abzug trafen wir ihn in der Weinstube am Klavier sitzen, das sich dort bescheiden in eine Ecke klemmte; mit seinen großen, roten Händen suchte er sich den Radetzkymarsch auf den vergilbten Tasten zusammen. Es wollte nicht so recht gelingen, und Bandler stellte sich zu ihm und pfiff ihm die Melodie vor. Aber das gab nun erst recht eine klägliche Musik, so daß sie beide lachend davon abließen. Da setzte ich mich still an das Instrument und spielte ihnen den Radetzky, so daß sie erstaunt aufhorchten. Natürlich spielte ich ihn nicht zum erstenmal, sondern hatte ihn schon früher in den Fingern gehabt; aber er saß doch noch, und ich freute mich, wie Finger und Gedächtnis mir so gut gehorchten. Von jetzt ab mußte ich öfters spielen, namentlich Prätorius ließ mir keine Ruhe. Am liebsten hörte er, wenn ich phantasierte, wie er es nannte. Aber es war mehr ein stümperhaftes Aneinanderreihen von Melodien und Melodienbrocken, die mir im Kopfe hängen geblieben waren, als gerade ein Phantasieren; ihm aber genügte es, und auch andere hatten ihren kurzen Spaß daran. Da trat Prätorius eines Tages ganz verschämt mit einer Bitte an mich heran: er habe gar nicht gewußt, daß ich so fertig Klavier spiele; er selbst wäre auch musikalisch, freilich nur auf der Violine, wie er fast entschuldigend hinzusetzte. Diese aber bedürfe der Begleitung, und schon lange habe er sich nach jemand gesehnt, mit dem er dann und wann ein bißchen musizieren könne. Keiner wolle recht heran, und wenn sie es anfingen, ließen sie es gleich immer wieder liegen. Ihm aber sei darum zu tun, durch regelmäßiges Zusammenspielen seine Fertigkeit zu steigern und auch von Zeit zu Zeit Neues kennen zu lernen. Ich war gern bereit, Prätorius' Wunsch zu erfüllen. Er war sehr glücklich, und wir verabredeten gleich einen Abend, wann ich zu ihm kommen sollte. »Sie müssen freilich mit bescheidenen Verhältnissen vorlieb nehmen,« sagte er. »Sie wissen, ich bin Junggeselle, und ich habe obendrein eine kranke Schwester zu Hause, die schon seit Jahren ans Bett gefesselt ist. Aber gerade ihr machen Sie durch Ihr Kommen eine große Freude. Sie liebt die Musik so sehr und ist nie glücklicher, als wenn ich spiele.« »Ein Grund mehr, daß ich gern komme,« antwortete ich. Daß Prätorius eine kranke Schwester bei sich habe und in brüderlicher Liebe für sie sorge; hatte ich schon früher gehört. Aber wie von guten Taten weniger Aufhebens gemacht wird als von bösen, so beschäftigen uns auch nicht einmal die wenigen, von denen wir erfahren, länger als einen Augenblick, während wir eine schlimme Tat, ja auch nur ein schlimmes Wort, oft jahrelang in unserem Gedächtnis fortleben und uns von der Verderbnis der menschlichen Natur erzählen lassen. Das bedauerliche junge Wesen, das ganz von der brüderlichen Liebe abhing, völlig gelähmt an das Bett gefesselt war, ertrug ihr schweres Siechtum schon seit ihrem zwölften Jahr. Alle ärztlichen Künste waren vergeblich gewesen. Teure elektrische Kuren hatten ein kleines Vermögen verschlungen, ohne mehr als zeitweilig gesteigerte Hoffnung zu bringen. Schließlich hatte die Ärmste völlig auf Besserung verzichtet und sich mit rührender Ergebung in ihr Schicksal gefunden. Sie war jetzt in ihrem fünfundzwanzigsten Jahr, also nur ein paar Jahre älter als ich. Von Natur nicht häßlich, war sie durch ihr Leiden verschönt und geadelt worden. Sie lag weiß und zart auf ihrem sauberen Bett, das in einer freundlichen Kammer stand. Von dort führte die Tür, die immer offen war, ins Wohnzimmer, so daß die Kranke von ihrem Lager aus auch diesen Nebenraum so ziemlich übersehen konnte. Eine Handarbeit, woran sie mit Schonung ihrer schwachen Nerven von Zeit zu Zeit arbeitete, lag beständig auf ihrer Bettdecke. Auf dem Nachttischchen sah man stets ein kleines Neues Testament, das die Spuren eifrigen Gebrauches zeigte, und ein bequemer, altmodischer Lehnstuhl vor ihrem Bett ließ mich vermuten, daß hier der Bruder oft Platz nahm, der Schwester zu erzählen oder vorzulesen. Das war auch der Fall, wie ich hernach erfuhr, nur waren es nicht die christlichen Evangelien, die sie aus seinem Munde vernahm, sondern die tägliche Nummer des Waldboten. Prätorius war nicht fromm, er hatte irgendwo einen Haß auf die Pfaffen eingesogen und betrachtete das Bibellesen seiner Schwester als eine Schwäche, die man einer Kranken nachsehen müsse. Die arme Gelähmte empfing mich mit unbefangener, sanfter Freundlichkeit an ihrem Bett, sie scherzte sogar, daß sie so gar keine Umstände machen könne; nicht mal einen Knicks bringe sie zuwege. Ich benahm mich ziemlich ungewandt; sie mochte keinen vorzüglichen Eindruck von meiner Intelligenz empfangen haben und entließ mich bald mit einer freundlichen Handbewegung ins Nebenzimmer: »Sie wollen spielen, bitte, lassen Sie sich nicht stören.« Im Wohnzimmer stand ein altes Tafelklavier, das mir wenig Vertrauen einflößte; aber es erwies sich als nicht so übel: es war gut erhalten und war für diese kleinen, niedrigen Räume vielleicht gerade das rechte Instrument. Prätorius holte seine Geige hervor, stimmte umständlich, und schleppte dann einen ganzen Haufen Musikalien herbei. Wir wählten ein einfaches Stück von Mozart, und es ging leidlich. Er glühte schnell vor Eifer, lobte meine Begleitung, so gut hätte er mit noch keinem zusammenspielen können, und wiederholte diese Versicherung laut ins Nebenzimmer hinein. »Es war sehr schön,« erwiderte die sanfte Stimme der Kranken. Wir spielten dann nacheinander Gounods Meditation zu Bachs Air und Händels berühmtes Largo, und ernteten auch dafür warme Anerkennung aus dem Krankenzimmer. Prätorius war selig. »Jeden Abend möcht' ich mit Ihnen spielen,« rief er. »Das ist ja als hätten wir schon immer zusammen musiziert.« »Ich bin auch überrascht,« sagte die sanfte Stimme von nebenan. »Sie würden meinem Bruder wirklich eine große Freude machen, wenn Sie recht oft mit ihm spielen. Er liebt die Musik so sehr. Ich auch. Machen Sie uns die Freude.« Ich versprach recht bald wieder zu kommen, und es war mir ernst, denn ich hatte selbst Vergnügen an dem langentbehrten Musizieren gefunden. Aber schon das nächste Mal war das Vergnügen weniger groß. Prätorius hatte offenbar zuerst seine Paradestücke vorgeführt, und entpuppte sich immer mehr als recht kläglicher Musikant. Immer häufiger bat mich die Schwester, doch einmal ein Solo auf dem Klavier zum Besten zu geben, das höre sie so sehr selten, und ich kam zuletzt eigentlich nur noch der Kranken wegen. Eines Abends war ich etwas zu früh gekommen, oder Prätorius hatte sich verspätet; genug, die Kranke lud mich an ihr Bett und bat mich, dieweil ein wenig mit ihr zu plaudern. Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen kamen wir natürlich bald auf die Musik zu sprechen, und da gestand sie mir denn, daß sie das Opfer, das ich dem Bruder bringe, wohl zu schätzen wisse. »Es hat ja noch keiner bei uns ausgehalten, und ich kann es den Herren nicht verdenken, er ist nun einmal so sehr viel mehr Liebhaber als Könner. Aber es ist sein einziges Glück und seine einzige Freude, und nebenbei, was noch die Hauptsache ist, bildet er sich ein, auch mir eine Freude damit zu machen. Nun ja, ich freue mich, wenn er dabei ist.« Sie schwieg einen Augenblick, als besänne sie sich, ob sie noch Weiteres verlauten lassen solle, und fuhr dann lebhaft und heiter fort: »Wie anders ist es, wenn Sie spielen. Das ist Musik! O, Sie ahnen nicht, wie wunderschön das ist, wenn ich hier so still liege und lauschen kann.« Sie streckte mir ihre schmale weiße Hand entgegen, und ich drückte sie zum erstenmal wärmer. »Aber sagen Sie ihm nicht, wie ich über sein Spiel denke. Darum bitte ich Sie. Es würde ihn ganz unglücklich machen. Er weiß nicht anders, als daß ich ihm gern zuhöre, und so muß es bleiben.« Ich versprach es, und als Prätorius erschien, und wir dann vor unseren Instrumenten saßen, gab ich mir besondere Mühe, mich seiner Eigenart anzupassen, und ein leidliches Zusammenspiel herzustellen. »Meine Schwester hat einen Narren an Ihnen gefressen,« sagte er mir anderen Tages. »Sie können ihr keinen größeren Gefallen tun, als wenn Sie recht oft zu uns kommen.« »Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit,« sagte ich. »Es ist rührend, soviel Friede und Sanftmut und Heiterkeit –« »Ja, ja, das arme Ding –« unterbrach er mich. Eines Sonntagvormittags brachte ich ihr ein paar Blumen ans Bett. Es war zufällig ihr Geburtstag. Ein großer Kuchen stand auf dem Tisch des Wohnzimmers, und aus der Kammer der Kranken schlug mir die helle Stimme eines Kanarienvogels entgegen. »Ein Geschenk Alwins. Hören Sie nur, wie lieb er singt,« sagte sie. Der Bruder, der hinter mir die Treppe heraufgestiegen war, trat ein, zwei große Tüten mit Obst auf dem Arm, und war überrascht, mich hier zu sehen. »Ein erster Gratulant,« sagt« die Kranke. »Woher wußten Sie denn das?« fragte Prätorius verwundert. »Nun, man hört auch wohl einmal die Glocken läuten,« antwortete ich. Aber es kam doch heraus, daß ich nicht als Glückwünschender angetreten war, sondern aus freiem Antrieb meine Blumen an das Krankenbett hatte tragen wollen. Seit diesem Tage ging ich als guter Freund in diesem Geschwisterheim ein und aus. * Meine Liebe zu Anna nahm daneben einen wunderlichen Fortgang. Der Klub war gegründet worden, wir sahen uns infolgedessen häufiger, vorläufig auf Spaziergängen in die reizende Umgebung, wo wir in idyllisch gelegenen Dörfern oder auf romantischen Waldplätzen fröhlichste Rast machten. Dabei lernte ich Anna immer mehr als ein gutherziges Gänschen kennen, das zu lieben mir keineswegs Unehre mache, mir aber auch nicht zu besonderem Ruhm gereiche; so liebe gute Dinger liefen zu Hunderten herum. Ich ließ mir aber um so leichter an Anna genügen, als meine höheren Bedürfnisse im Umgang mit der kranken und um sechs Jahre älteren Martha ihre volle Befriedigung fanden. Dazu kam, daß ich fortfuhr, mich auch durch ein immer weiteres Einlesen in Goethe in einen goldenen Schleier zu hüllen, durch den ich alles in einem schöneren Glanze sah. »Kleine Blumen, kleine Blätter« könnte als Motto über diesem Lebensabschnitt stehen; Geist, Gefühl, Ton, Rhythmus dieser entzückenden Verse beherrschten diese Tage, »Werther« gab einen schwärmerischen Einschlag und »Hermann und Dorothea« wurde Anlaß, Anna und mich an die Stelle dieses unsterblichen Liebespaares zu denken, und darauf zu sinnen, wie ähnliche Situationen zwischen uns herbeizuführen wären. Schon länger glaubte ich Anzeichen zu haben, daß Kluge gleichfalls ein Auge auf Anna geworfen hatte, und daß sie ihm nicht abweisender als mir entgegenkam. Er war durchaus ein Rivale, den man bei einer solchen Einfalt und Unschuld zu fürchten hatte; hübsch, frisch, munter, mit blanken Augen, vor Gesundheit strotzend, konnte er meinem Gänschen wohl gefährlich werden. Mit den Augen des Eifersüchtigen begann ich ihn zu beobachten. Ich glaubte in seinen Blicken bald einen versteckten Spott zu lesen, bald ein gutmütiges Mitleid, das mich noch mehr kränkte. Ich fand, daß er auffallend viel von Anna sprach, und haßte ihn, als er mir eines Tages lächelnd erzählte, daß er schon seit geraumer Zeit mit Annas Vater einen Abend in der Woche Skat spiele. ›Also so weit bist du schon, daß du dich hinter den Vater steckst,‹ erboste ich mich gegen ihn. ›Versuche nur dein Glück! Am Spieltisch wirst du die Braut nicht gewinnen.‹ Auf welche Weise ich sie aber gewinnen wollte, war mir nicht klar. Daß ich keineswegs in der Lage war, schon ein Wesen für das Leben an mich zu fesseln, daß ein Brautstand auch einen Hausstand nach sich ziehen wolle, das blieb ganz außerhalb meiner Betrachtungen und Gedanken. Ich betrug mich wie ein Primaner, ja noch weit törichter; denn jener pflegt doch romantische Luftschlösser zu bauen, in die er sich mit seiner Schönen wohnlich einzurichten gedenkt, ich aber lebte nur dem Tag, der Stunde, in einem dumpfen, eigensinnigen Kreisen um das Mägdlein Anna. V Im Klub spielten zwei Schwestern Ammann eine bescheidene Rolle, wenn auch jeder die hübschen und aufgeweckten Mädchen gern hatte; aber sie waren als Letzte eingetreten, hatten die besten Plätze besetzt gefunden, und mußten sich nun lange Zeit mit einer Art Aschenbrödelstellung begnügen. Diese beiden Schwestern mochten darüber nachgesonnen haben, wie sie sich verdient machen konnten; denn sie wollten doch auch etwas sein und vorstellen. So kamen sie auf den hübschen Einfall, uns ein kleines Fest zu geben. Die Eltern lebten in guten Verhältnissen, so daß die Töchter sich diesen Aufwand schon erlauben durften. Aus dem Heiratsgut der Mutter war noch ein ansehnlicher Weinberg unveräußert geblieben. Er überragte, von einem zierlichen Häuschen gekrönt, im Südosten das Städtchen mit seiner nicht unbeträchtlichen Kuppe, von der aus man einen reizenden Blick in das Tal genoß. Der Wein, der an diesem Hügel wuchs, war freilich nicht berühmt, doch lieferte er annehmbare Trauben, die von bescheidenen Leuten nicht verschmäht wurden. Auf die Höhe dieses Weinberges hatten die Schwestern uns geladen, wo sie uns in dem hübschen Häuschen mit Kaffee und Kuchen und nachher mit einer Pfirsichbowle bewirten wollten. Die Liederbücher sollten mit hinaufgenommen werden, und von dort oben die schönsten und beliebtesten Lieder ins Tal hinunterschallen. Es war ein wunderschöner Sonntagnachmittag, als wir einzeln die übersonnten Stufen des Weinberges hinaufstiegen, um oben von dem schon wartenden Schwesternpaar aufs freundlichste empfangen und in die Veranda des schmucken Häuschens geführt zu werden. In dieser Veranda, die sich gegen das Städtchen hin auftat, war der Kaffeetisch gedeckt, Berge von Kuchen türmten sich auf, Blumen fehlten nicht, und ihr Duft erfüllte mit dem Duft von Kaffee und Schokolade den kleinen Raum. Bald war die Gesellschaft versammelt, die Paare ungezwungen geordnet, wobei sowohl Eduard von seiner Meta, als ich von Anna getrennt wurden. Vielleicht aber wollten sich die beiden Gastgeberinnen einmal an den bevorzugten Freundinnen rächen und sich deren Liebhaber auf ein paar Stunden selbst aneignen. Ich war keineswegs mit meinem Platz zufrieden, da ich meinen Rücken der schönen Aussicht zuwenden mußte. Annas Gesicht, das ich vor mir hatte, hätte mich freilich entschädigen sollen, aber ich mußte auch Kluges rosigen Vollmond daneben sehen, und so kam es, daß ich auf meinem Sitz in beständiger Bewegung war, bald mich der Landschaft und bald mich der Gesellschaft zuwandte. »Ich glaube, wir geben diesem Herrn einen anderen Stuhl,« sagte meine Nachbarin zur Rechten, die blonde Germania. »Er sitzt in keiner Weise bequem darauf, wie es scheint.« Man lachte, und ich entschuldigte mich. »Ist es denn nicht schwer, einem solchen Bilde beständig den Rücken zukehren zu sollen?« sagte ich, indem ich mich noch einmal dem übersonnten Tal zuwandte. »Ich liebe nichts mehr, als so von freier Höhe hinunter ungehindert in die Welt hinauszusehen. Mir ist es dann immer, als wäre das Fliegen nur eine verkümmerte Fähigkeit, die den Menschen angeboren ist.« Aber die Germania wandte mich wieder mit einem festen Schultergriff der Gesellschaft zu: »Auch vor Ihnen gibt es hübsche Aussicht, andernfalls würde eine Viertelwendung nach rechts genügen.« »Mir liegt nichts daran, daß der Herr aus seiner Höhe auf mich herabsieht,« sagte Anna. »Mag er nur ins Blaue schwärmen.« Abermals gab es ein Gelächter auf meine Kosten, und diesmal glaubte ich, Kluges etwas laute und harte Stimme über alle sich hervortun zu hören. War das Anna, die das gesagt hatte? Ich hatte ihr soviel Schlagfertigkeit gar nicht zugetraut. Sie selbst schien erschrocken über ihre Dreistigkeit; sie war rot und suchte ihre Verlegenheit unter einem kindischen Gekicher zu verbergen. »Wer, der jung ist,« rief ich, »schwärmt nicht ins Blaue? Kommt es doch nur darauf an, daß wir schwärmen. Ob der Gegenstand es verdient, ist so wichtig nicht. Aber einmal die Flügel heben, einmal heraus aus dem Alltag, hinauf in freiere, sonnigere, glücklichere Höhen will jedes Herz, jede Seele! Und da erprobt sie erst auf kleinen, dann auf immer größeren Flügen, recht wie ein flügges Vöglein, ihre Schwingen, um plötzlich, wenn die rechte Zeit da ist, wie eine singende Lerche in den goldenen Himmel aufzusteigen, so hoch, daß das kleine Gänseblümchen, um das ihre ersten furchtsamen Versuche hinkreisten, den singenden Punkt über sich gar nicht mehr gewahr wird.« »Wie poetisch!« rief Kluge spöttisch, während Anna blutrot in ihrer Kaffeetasse löffelte. Ich hatte das wirklich alles ohne Bezug auf sie gesagt. Auch das Gänseblümchen war mir nur so entfahren. Jetzt wurde mir jedoch schnell klar, wie ungezogen mein Ausfall erscheinen mußte. Aber Meta riß mich aus der Verlegenheit, indem sie Kluges Ausruf aufgriff und meinte: »Freilich war das poetisch gesagt, und ich wette, unser himmelblauer Schwärmer ist ein heimlicher Versemacher.« »Leugnen Sie nicht, ich sehe es Ihnen an, Sie können dichten,« fuhr sie fort und ließ sich von meiner Widerrede nicht beirren. »Unbedingt muß er etwas zum besten geben,« rief man. »Nicht zieren, mein Herr!« »Wer sagt Ihnen denn, daß ich dichte!« entgegnete ich noch einmal; »und wenn es so sein sollte, so habe ich doch nichts bei mir.« »Wissen Sie nicht etwas aus dem Kopf?« fragte man hartnäckig. »Gewiß! Aber es ist nicht von mir.« »Hören lassen! Hören lassen!« hieß es. Mit einem Achselzucken, das sagen sollte: ›Ich bin unschuldig, ihr habt es wollen,‹ erhob ich mich und begann Goethes »Der Goldschmiedgeselle« herzusagen. Es ist doch meine Nachbarin Ein allerliebstes Mädchen! Wie früh ich in der Werkstatt bin, Blick' ich nach ihrem Lädchen. Zu Ring und Kette poch' ich dann Die seinen goldnen Drähtchen. Ach, denk' ich, wann und wieder, wann Ist solch ein Ding für Käthchen? Und tun sie erst die Schalter auf, Da kommt das ganze Städtchen Und feilscht und wirbt mit hellem Haut Ums Allerlei im Lädchen. Ich feile; wohl zerfeil' ich dann Auch manches goldne Drähtchen. Der Meister brummt, der harte Mann! Er merkt, es war das Lädchen. Und flugs, wie nur der Handel still, Gleich greift sie nach dem Rädchen. Ich weiß wohl, was sie spinnen will: Es hofft das liebe Mädchen. Das kleine Füßchen tritt und tritt, Da denk' ich mir das Wädchen; Das Strumpfband denk' ick auch wohl mit, Ich schenkt's dem lieben Mädchen. Und nach den Lippen führt der Schatz Das allerfeinste Fädchen. O wär' ich doch an seinem Platz, Wie küßt' ich mir das Mädchen! Vers für Vers stand mir sicher zu Gebote, mit jedem überkam mich eine größere Leichtigkeit, eine Freiheit, die mir erlaubte, das Ganze mit einer anmutigen Schelmerei vorzutragen, die ihre Wirkung nicht verfehlte, und man mochte das Ganze für einen gewollten und gelungenen Versuch halten, das Wort vom Gänseblümchen wieder vergessen zu machen. »Das haben Sie selbst gemacht?« rief Kluge, ohne seine Verwunderung unterdrücken zu können. »Ja,« antwortete ich ironisch. Doch die anderen fielen über ihn her: »Aber Herr Kluge! Das ist ja von Goethe, das wissen Sie nicht?« Und jeder tat wie ein Goethekenner. »Zur Strafe für seine Unwissenheit soll er nun selbst ein Gedicht hersagen,« befahl die Germania, die gern das Wort führte. Alle stimmten jubelnd bei, und der arme Mensch wurde mit Gewalt vom Stuhl in die Höhe gezerrt. Als er nun einmal stand, schien auch er zu denken: sie haben es gewollt, also müssen sie es nehmen, wie ich es gebe; sogar ein selbstgefälliges, siegessicheres Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Eine Parodie des Schillerschen Handschuhs, nicht übel vorgetragen, verfehlte denn auch ihre Wirkung nicht. Ich selber lachte herzlich mit. Was er aber hernach, durch den Beifall eitel gemacht, folgen ließ, sank immer mehr auf ein so flaches Niveau herab, daß er nur schwachen Beifall erntete. Wenn sie nicht blind ist, so hat sie jetzt gesehen, wes Geistes Kind er ist, dachte ich. Aber Anna, in allem lau und farblos, ließ nicht erkennen, ob sie für oder gegen den Rezitator und seinen banalen Wirtshaushumor war. Indessen waren die Kuchenberge bis auf die Sohle abgetragen, nur noch einige Rosinen und Bröckelchen lagen auf den Tellern, und sie wurden jetzt den Vögeln hingeschüttet. Die Sonne war gesunken; ein letzter Schimmer lag noch auf dem weißen Tischzeug und spiegelte sich in dem seinen Porzellan der Kannen und Tassen, während unten schon alles in einem stillen, blauen Dämmer lag, aus dem der Abend langsam zu uns heraufstieg. Die Lampe wurde angezündet, die Bowle aufgesetzt, und die Liederbücher hervorgeholt. Das liebliche Getränk, an dem in keiner Weise gespart war, brachte erhöhte Stimmung. Die Gläser klangen in die stille Luft hinaus, und ein Lied nach dem anderen verhallte, bald laut und feurig, bald sanft und innig hinausgesungen, zwischen den Hügeln. Unten aber waren in den Häusern die Lichter schon aufgeblitzt, bevor wir hier oben unsere Lampe mit der farbigen Kuppel als einen grünen Stern in die beginnende Nacht hinausgestellt hatten; wie ein Märchenlicht, das einem geisterhaften Treiben leuchtet, mochte es den Leuten da unten vorkommen, wenn nicht unsere kräftigen Kehlen, die man jedenfalls weithin vernahm, sie über unsere irdische Beschaffenheit aufklärten. Je lauter die anderen wurden, je stiller wurde ich und saß zuletzt wie ein Zuschauer da, der statt vor der Bühne mitten zwischen den Schauspielern Platz genommen hat. Die singenden Freunde erhielten zugleich etwas Puppenhaftes, ja Gespensterhaftes, wobei ihr Gesang ähnlich dem monotonen Geräusch der Meeresbrandung oder des Wipfelrauschens an mein Ohr schlug, ohne mich zu stören. Das grüne Licht der Lampe erhöhte den geisterhaften Eindruck, und die Schatten an der Wand bewegten sich wie eine zweite gespensterhafte Gesellschaft, die sich damit vergnügte, jene andere nachzuäffen und ins Groteske zu karikieren. Dazu schwirrte unablässig dunkles Getier aus der Nacht herein und um die gedämpfte Flamme, ja einmal verirrte sich eine Fledermaus unter das niedere Gebälk der Veranda, wo sie wie wahnsinnig hin- und herschoß, so daß ein paar Mädchen ängstlich aufkreischten. Schreckte dieses Kreischen mich auch für einen Augenblick auf, so blieb es doch hernach wieder nur ein leeres oder doch traumhaftes Schauspiel für mich, daß ich Kluge einer Tischvase Blumen entnehmen und sie Anna ins Haar stecken sah. Da weckte mich ein lautes Klirren aus diesem wunderlichen Zustand. Der Apotheker hatte mit Kluge anstoßen wollen, hatte sich von seinem Platz erhoben und dabei eine Blendlaterne, die hinter ihm auf dem kleinen Ecktischchen stand, umgeworfen. Ein allgemeiner Aufschrei des Schreckens, des Bedauerns, des Vorwurfs ließ sich hören. »Was fangen wir jetzt an?« »Wie finden wir im Dunkeln den Weg hinab?« »Wenn wir nur Mondschein hätten!« so rief man durcheinander. Man wurde erst jetzt auf die Dunkelheit aufmerksam, die sich draußen inzwischen schwarz und undurchdringlich ausgebreitet hatte; kaum daß ein paar Sterne klein und wie in unendlicher Ferne mit schwachem Flimmern aufleuchteten. Die Schwestern wußten die Besorgten zu beruhigen. Ohne Licht wäre freilich der Abstieg für Fremde nicht ganz ungefährlich, da der Weg aus lauter nicht immer ganz regelmäßigen Stufen bestände und auch zeitweilig Geröll mit sich führe, worauf der Fuß leicht ausgleiten könne; aber es sei ja gänzlich windstill, und so könne man die Tischlampe mit hinunternehmen, man habe sich schon manchmal damit geholfen. Ich nahm sofort die Lampe, was man ohne Einrede geschehen ließ, und wir machten uns auf den Weg. Man war übereingekommen, nichts oben zu lassen, und so war jeder mit irgend etwas beladen; Glas und Porzellan waren in kleine Körbe verpackt, Bandler und der Apotheker trugen je einen Teil der Liederbücher unterm Arm, nur Kluge und Anna waren unbehelligt geblieben. Sie gingen dicht vor mir auf, und die Blume in Annas Haar leuchtete mir im Schein der Lampe entgegen. Doch hatte ich zu sehr auf den Weg und auf das Licht in meiner Hand zu achten, als daß ich mich hätte eifersüchtigen Wallungen lange hingeben können. Ich fühlte aber auch nichts dergleichen sich regen. Ich sah, wie er ihr ab und an die Hand reichte, sie über größere und unbequemere Stufen behutsam hinwegzuleiten. Hier war nun ein Bild aus Hermann und Dorothea; aber nicht ich war es, sondern Kluge, der mit Anna die köstliche Dichtung meines geliebten Dichters in die Wirklichkeit übersetzte. Wie kam es nur, daß es mich so ruhig ließ? War es allein die Aufmerksamkeit auf die Lampe, was mich so völlig ablenkte? Bei jedem Schritt zuckte die Flamme im Zylinder, nur einen kleinen Umkreis erhellte ihr Licht. Wie ein blasser Mond glitt diese gelbe Lichtscheibe vor mir den Weg hinab und zeigte mir Stufe für Stufe. »Vorsicht!« mahnte ich von Zeit zu Zeit, mahnten andere Stimmen ebenso. Aber Kluge und Anna schienen den Weg zu kennen, gingen ihn mit nachtwandlerischer Sicherheit, lachten und scherzten. Ein großer schwarzer Nachtfalter flatterte unaufhörlich um meine Lampe, schoß in das Dunkel zurück, kam wieder, schlug mit den schönen samtenen Flügeln gegen die grüne Kuppel, schwirrte und surrte um das heiße Glas. Kein Lüftchen regte sich. Aus dem Städtchen schimmerten die Lichtchen unbewegt zu uns hinauf. Aber um uns, soweit nicht der kleine Lichtkreis der Lampe fiel, war schwarze Nacht. »Löscht doch die Lampe aus!« rief man. »Man sieht ja ohne Licht viel besser!« Sofort wandte sich Kluge und blies mir die Lampe in der Hand aus. »Bravo!« rief einer. »Mir ist es recht,« sagte ich. »Da bin ich einer Sorge ledig.« In der Tat ging es sich jetzt für alle besser; man gewöhnte sich, von keinem Licht geblendet, schnell an die Dunkelheit. Die Umrisse der schwarzen Hügel in der Ferne traten scharf hervor, in der Nähe die schlanken Pyramiden der Weinstöcke, ja zuletzt lag alles wie unter einem zwar dunklen aber durchsichtigen Schleier da. In der Höhe traten die Sterne heller hervor, und ich bedauerte im stillen, welch schönes Nachtbild wir uns durch das mühsam zu Tal getragene Licht verdunkelt hatten. Nur meinen Nachtfalter sah ich jetzt nicht wieder. Nur einmal war er angesaust gekommen, gerade gegen meine Stirn, war ein paarmal dicht vor meinen Augen, die ihn mit einem schwachen Leuchten angezogen haben mochten, auf und ab getaumelt, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Glücklich kamen wir unten an und verabschiedeten uns mit herzlichem Dank von den beiden liebenswürdigen Schwestern. In der Nacht kam ein Gewitter herauf. Ich stand auf und sah die blauen Blitze über den Himmel hinlaufen. Obgleich er von meinem Fenster aus nicht sichtbar war, bildete ich mir doch ein, den Gipfel des Weinberges in diesem himmlischen Feuer aufleuchten zu sehen, sah das kleine Tempelchen, die grüne Lampe darin, wie ein zu heimlichen Märchenwundern lockendes Licht, sah den Weg sich zwischen den stillen Stöcken hinabschlängeln und Kluge und Anna Stufe für Stufe ihm folgen; ihn, wie er halb zurückgewandt dem nachfolgenden Mädchen die stützende Hand bot, sie, wie sie in schnellem Vertrauen sich seiner Führung überließ. Und während Blitz auf Blitz lautlos aufleuchtete, kam mir die lächelnde Erkenntnis: Deine vermeintliche Liebe zu Anna ist nichts, als ein poetisches Spiel. * Bei Martha fand ich Ersatz für das Verlorene oder vielmehr freiwillig Aufgegebene. Ich hatte ihr in der letzten Zeit auch wohl einmal vorlesen müssen; ich hatte meinen Goethe an ihr Bett getragen, und wir lebten bald in einer geistigen Gemeinschaft zusammen, die zwischen Anna und mir unmöglich gewesen wäre. Wie schmerzlich hatte die Kranke jahrelang eines solchen anregenden Umganges entbehrt. Der Bruder hatte außer für seine Musik keine höheren Interessen. Ihm war sie ja auch schon dankbar genug für die Liebe, mit der er sie umgab, und sie mochte weitere Opfer von ihm nicht verlangen. Jetzt erfuhr ich ganz, wie weit er darin schon gegangen war. Eine Neigung zu einem hübschen und reichen jungen Mädchen, einer älteren Schwester unserer freundlichen Weinbergwirtinnen, hatte ihn ergriffen, aber er hatte ihr der Schwester wegen entsagt. Er hatte sich eingeredet, eine so wohlhabende und verwöhnte Tochter würde sich für einen Bräutigam mit einer solchen lebenslänglichen Zugabe bedanken; denn seine Schwester zu verlassen wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Aber zu spät erfuhr er, daß jenes Fräulein seine Neigung im stillen erwidert hatte und sich wohl die Hausgenossenschaft einer kranken Schwägerin würde gefallen lassen haben; ertrug sie doch jetzt in einer bald darauf geschlossenen Ehe ein ähnliches Schicksal mit Liebe und Gelassenheit, indem sie die kranke Schwiegermutter mit töchterlicher Liebe umgab. Dieses Glück also war versäumt, das Band aber, das die Geschwister miteinander vereinte, seitdem nur um so fester geknüpft. Ganz ohne Folgen war diese Enttäuschung für den guten Prätorius leider nicht geblieben. Er hatte zu trinken angefangen, hatte sich eine Zeitlang fast ganz verloren und war nur allmählich durch die Klugheit und Liebe der Schwester sich und einem ehrsamen Leben wiedergewonnen worden. Hierbei hatte ihr hauptsächlich seine Musikliebhaberei hilfreiche Dienste leisten müssen. Ganz und gar freilich hatte er das Trinken nicht lassen können, doch blieb es in mäßigen Grenzen und Martha duldete es gern, wenn er sich im Nebenzimmer ein Glas Grog braute; wußte sie doch, daß es zu Hause in ihrer Nähe bei einem Glas bleiben würde, während er im Wirtshaus den Versuchungen zum Weitertrinken leicht erlag. Um so dankbarer war sie, daß jetzt eine Kraft mehr da war, die ihn zu Hause hielt, denn wir musizierten fleißig weiter, ein Opfer, das ich Martha gerne brachte. Auch ging es allmählich doch etwas leidlicher mit unseren Hauskonzerten; Prätorius gewann an Fertigkeit und Sicherheit und, da ich darauf hielt, daß wir uns nicht an zu schwere Sachen wagten, erhielt ein immer besseres Gelingen ihn bei Lust und Laune. Das machte auch mich immer eifriger. Ich mietete mir ein Klavier und blieb nun oft des Abends zu Hause und übte. Anfangs kam Bandler ein paarmal, zog aber bald die Kneipe vor. Gern sah ich, daß er wegblieb. Ich mußte allein sein, wenn ich Musik machte. Oder mußte wissen, daß ich wirklich jemandem eine Freude damit bereitete, wie Martha. Bei jedem Stück dachte ich sie als meine Hörerin; sie sollte alles so vollendet wie möglich hören. Das förderte mich sehr. Leider wurde dieser Fortschritt durch ein unglückliches Ereignis, das mich auf lange Zeit von meinem lieben Dilettanten trennen sollte, unterbrochen. Jeder junge Mann, der sich für längere Zeit im Städtchen niederließ, war gehalten, der Feuerwehr seine Dienste zu leisten und auch auf diese Weise das Seine zur Erhaltung eines Gemeinwesens beizutragen, das ihm Obdach und Lebensmöglichkeit verlieh. Jetzt sollte auch für mich die Stunde kommen. Eine kleine Kate war niedergebrannt und lag nun, ein kohlender und rauchender Trümmerhaufen, da. Als wir abends gemütlich am Stammtisch saßen, mit uns der Turnlehrer Körner, der Kommandant der Feuerwehr, meldete ein Bote, daß aus dem Brandschutt wieder helle Flammen schlügen. Sofort sprang der Kommandant auf: »Wer ist anwesend? Bitte, meine Herren, alle mitkommen!« Es war eiskalt draußen, der Ostwind pfiff, es glatteiste, und die Straßen funkelten nur so im Mondschein. An der Brandstelle empfingen uns Rauch und Flammen, und wir mußten sofort an die Pumpe, die in einem halbvereisten Wasserloch aufgestellt war. Es war ein hartes Stück Arbeit. An den kalten Eisenstücken erstarben die Hände, und auf dem von einer dicken Eiskruste überzogenen Erdreich war schlecht Fuß zu fassen. Aber wir griffen fest zu, und der Wasserstrahl sauste in die Flammen, daß der dicke Qualm hoch aufstieg und sofort, von dem pfeifenden Wind ergriffen, davonjagte. Bandler, dem schlanken Kommandanten an Größe gleich, hatte mit diesem zusammen zuerst die Pumpe bedient. Kluge und ich, ebenfalls von gleichem Wuchs, lösten sie ab. Kluge, in allem derb und zufahrend, pumpte wie der Teufel, und ich, in ihm überall einen Rivalen sehend, mühte mich, es ihm gleich zu tun. Dabei glitt ich auf dem vereisten Boden aus, suchte vergebens Halt und rutschte bis unter die Arme in das eiskalte Wasserloch hinein. Noch im Fallen fühlte ich mich gepackt und von vier kräftigen Armen herausgezogen; aber ich war bis auf die Haut durchnäßt und klapperte vor Frost mit den Zähnen. Was jetzt? Die einen wollten mich in die Wirtschaft zurückschleppen und mich mit einem heißen Grog behandeln, Bandler und Körner waren für einen Dauerlauf nach meiner nur fünf Minuten entfernt liegenden Wohnung, wo ich mich sofort ins Bett packen solle. Bandler nahm mich auch sogleich am Arm und trabte mit mir so schnell es auf dem Glatteis möglich war, meinem Hause zu. Da lag ich denn nach zehn Minuten in den warmen Federn, goß eine Unmenge heißen Zitronentees in mich hinein und brachte es zu einem gehörigen Schweiß. Mein die plötzliche Abkühlung des überhitzten Körpers, der mit keuchender Brust in das schmerzendkalte Eiswasser geraten war, blieb nicht ohne ernste Folge. Eine heftige Lungenentzündung stellte sich ein, und ich war in großer Gefahr. Prätorius kam täglich, um zu sehen, daß es mir an nichts fehle, auch Bandler bemühte sich um mich, und so überstand ich unter der sorgsamen Pflege meiner alten Wirtin die Krisis. Ich genoß das wohltuende Gefühl langsamer und steter Gesundung in Dankbarkeit und Zufriedenheit und war, wie so oft, in einem Zustand, in dem ich nichts wollte und begehrte, sondern mich vom Tag schaukeln ließ. Darüber war es Weihnacht geworden; sie hatten mir ein Bäumchen geschmückt, und ich durfte ein paar Stunden aufstehen, mich seiner zu freuen. Draußen lag der Schnee fußhoch. Die niedrigen Dächer grüßten unter der hohen Schneehaube gar traulich und festlich zum Fenster herein, nur hin und wieder fegte ein Windstoß durchs Tal, zauste ihre Kappe und verursachte ein kleines Schneetreiben um Schornsteine und Dachfirste. Es war ein rechtes Weihnachtwetter. Wie mochte es jetzt draußen im Walde aussehen, wo mein Tännchen noch vor ein paar Tagen unter all den großen und kleinen Schwestern gestanden und den hungrigen Fuchs hatte hinstreichen sehen, wie er die Rute durch den Schnee zog; wo es dem Gezänk der Krähen zugehört und nachts über seinem Scheitel die Sterne hatte aufblinken sehen. Jetzt waren sie zu ihm herabgekommen, die goldenen Lichter, auf jedes Zweiglein eines; ganz still und glücklich trug er die Sternlein und atmete dabei einen würzigen Harzduft aus, der das ganze Zimmer erfüllte. Von Martha Prätorius war ein blühendes Topfgewächs gekommen, mit einem Brief, worin sie mir mitteilte, sie habe eine Handarbeit für mich begonnen, habe sie aber wieder beiseite legen müssen, denn ihre schwachen Kräfte hätten nicht ausreichen wollen. Ich betrachtete gerührt das hübsche Bäumchen, atmete den schwachen Duft der blassen Blüten und fühlte mich reich beschenkt. Auch aus der Heimat stellte sich ein Weihnachtsgruß ein. Ich erkannte die Aufschrift meiner lieben Mutter und im reichlich verschwendeten Siegellack die Abdrücke ihres kleinen Petschaftes, das, ein letztes Geburtstagsgeschenk meines verstorbenen Vaters, mir mit seinem roten fast durchsichtigen Achatgriff noch lebhaft in der Erinnerung war. Ich sah die gute Mutter vor mir, wie sie sich abmühte den vielen Bindfaden kreuz und quer um das Paket zu schlingen, sah sie den roten Wachs über die Flamme des Leuchters erwärmen und die schmelzende Masse sorglich auf die zu versiegelnden Stellen träufeln. Gerührt sah ich das Ergebnis so umständlicher Mühen vor mir stehen und mochte kaum den Bindfaden mit meinem Federmesser zerstören. Natürlich lag ein Brief oben auf, den ich sogleich öffnete, um ihn dann wieder so lange beiseite zu legen, bis ich die Festgaben aus der Heimat näher erforscht hätte. Ein paar wollene Socken waren das erste was zum Vorschein kam; sie waren mir lieb und kamen mir sehr zustatten. Darunter stand ein Schächtelchen mit Lübecker Marzipan. Das war alles und wollte mir nicht viel erscheinen, bis ich mit tastender Hand noch etwas Hartes im Strumpf verborgen fühlte; es war ein in ein Eckchen Schreibpapier gewickelter Taler. Meine Enttäuschung machte jedoch sogleich einer tiefen Rührung Platz. Auch diese wenigen Gaben waren ein Zeichen mütterlicher Liebe. Und ich zerfloß vollends in Tränen, als ich nun aus dem Briefe erfuhr, daß noch dieses Wenige ein Möglichstes vorstelle, und daß Kummer und Sorge das Herz meiner armen Mutter bedrückten. Sie hatte wohl immer wieder in ihren Briefen angedeutet, daß sie jetzt sparsam leben müßten, und daß die Krankheit der Schwester viel Geld koste. Ihre Klagen waren diesmal nicht größer als sonst, nur daß das Leiden des Kindes ihr einen tiefen Herzensseufzer auspreßte. Aber ich las wohl zwischen den Zeilen, sah an dem geringen Inhalt des Weihnachtskistchens, daß es nicht zum Besten gehen könne und schalt mich, daß ich auch nur einen Augenblick lang hatte unzufrieden oder auch nur enttäuscht sein können. Von meiner Krankheit hatte ich nichts geschrieben. Die Mutter hielt mich für wohl und beschwerte sich, daß ich solange nichts hatte von mir hören lassen. Ich freute mich nun doppelt, daß ich ihr diese Sorge um mich erspart hatte. Ich besah meinen Taler, ein schönes, blankes, preußisches Geldstück neuester Prägung, fühlte die Weiche der wollenen Socken, indem ich sie zärtlich an die Wange drückte und war gerade dabei die Marzipantorte zu betrachten, als meine Wirtin mit einem gleichen runden Schächtelchen erschien. Es sei Lübecker Marzipan, den ihr Sohn geschickt habe, sagte sie, und da sie wisse, daß ich aus Lübeck sei, habe sie gedacht, ich würde ein Stückchen des heimatlichen Gebäcks nicht verschmähen. Ich zeigte ihr trumphierend mein mütterliches Geschenk, und wir standen uns lachend mit den Marziantorten gegenüber. Sie hatte aber von der ihren, auf der ein draller Engelsbube aus einem Füllhorn Rosen streute, schon ein paar kleine Stücke abgeteilt und drang nun in mich, davon zu nehmen. »Gut,« sagte ich, »dann müssen Sie auch von meinem Gebäck kosten.« Auf diesem aber waren die alten festen Türme des Holstentores abgebildet; wie Heimweh befiel es mich bei ihrem Anblick und es kostete mich einige Überwindung, das vaterstädtische Wahrzeichen zu zerstören. Sie erwischte ein Stück des Getürms und schlug nun ihre Zähne in das alte, freilich leicht genug zerbröckelnde Gemäuer, während ich mir mit einem Stück des himmlischen Gefieders den Gaumen kitzelte. Bandler kam auf ein halbes Stündchen und wäre, da er es so behaglich und weihnachtlich bei mir fand, gern geblieben; aber er habe versprechen müssen mit seinen Wirtsleuten, jungen, munteren und mit Kindern gesegneten Leuten, zu feiern. Er ermahnte mich, mich zu schonen, und ließ durchblicken, daß man im Geschäft schon sehr nach mir aussähe. Man hatte von dort aus meinen Zustand mit Teilnahme verfolgt, mußte aber in der Weihnachtszeit den Abgang einer Arbeitskraft doppelt empfinden. Bandler hatte das Seine getan, mich zu vertreten; den Rest der vermehrten Arbeit hatte Herr Nutzsche selbst auf seine Schultern nehmen müssen. Obwohl ich hier für das Allgemeinwohl litt, in dessen Dienst ich verunglückt war, drückte mich dieser Umstand schon genug, und ich sehnte mich selbst, den Platz an meinem Pult wieder einnehmen zu können. So beschloß ich denn die einsame Weihnachtsfeier mit einem frühen Zubettgehen, lag aber, von mancherlei bewegt, noch lange wach. Der Brief der Mutter ging mir im Kopf herum. Obgleich sie nicht klagte, war doch ein kummervoller Ton in ihrem Schreiben. War es allein die Krankheit der jüngsten Schwester, die noch immer auf ihrem Schmerzenslager lag, was sie betrübte? Die ungewohnte Kärglichkeit der Weihnachtsgabe und die Ermahnung zum Sparen ließen mich fürchten, daß auch sonst die Verhältnisse zu Hause sich ungünstig gestaltet hätten. Heimweh überkam mich, meine Gedanken weilten bei den Meinen im Elternhause und meine Erinnerungen durchirrten die Gärten meiner Kindheit. In dieser Nacht aber suchte mich zum erstenmal in der Fremde mein Kindertraum wieder auf; meine Gedanken mochten wohl zu lange auf jenen längstversunkenen Jugendwiesen gegangen sein. Die Stadt mit den goldenen Türmen öffnete mir wieder ihre strahlenden Tore und wehmütig-feierlich schritt ich durch die alten lieben Gassen. Nur war manches anders geworden. Aus einem Brunnen, der sich mir jedoch altvertraut und gar nicht überraschend darbot, fiel ein klares Wasser mit melodischem Geplätscher; daran stand meine Mutter und schöpfte mit ihrem grünen Gießkännlein, woraus sie dann wieder ein welkes Röslein, das neben ihr in einem irdenen Topf auf dem Pflaster stand, sorglich tränkte. »Es will gar nicht gedeihen, so sehr ich's auch pflege,« sagte sie so traurig, daß es mir ins Herz schnitt. VI Das neue Jahr fand mich wieder an meinem Platz am Pult. Ich fühlte mich wie ein Neuerstandener, der aufrichtig dankbar zu sein hatte, daß ihm der Anblick des Marktplatzes, des Brunnens und des alten Rathausturmes noch wieder vergönnt worden war. Ein reiner Schnee lag auf Dächern und Straßen, doch war es ein stilles und klares Frostwetter ohne Wind, der meiner kaum genesenen Lunge hätte schaden können. Aber nicht nur die Natur empfing mich schonend und freundlich, auch die Menschen zeigten sich wohlwollend, teilnehmend und erfreut, mich in ihren Kreis wieder aufnehmen zu können. Der Alte in den Wolken empfing mich gütig, führte mich des Pfeifenqualmes wegen in ein Nebenzimmer und ermahnte mich, nun auch vorläufig noch auf meine Gesundheit recht bedacht zu sein; so eine längere Krankheit sei ja überall recht störend, und Herr Nutzsche und Bandler würden sich freuen, daß ich wieder da sei. Prätorius und Martha hatten mich gleich am ersten Abend zum Tee gebeten. Allerlei Festgebäck fand sich noch vor, und es war wie eine stille Nachfeier weihnachtlicher Tage. Marthas Blicke ruhten wiederholt auf mir, und eine leichte Röte der Freude verklärte ihr seines, schmales Gesicht. Prätorius wollte musizieren, aber sie wehrte ab, um mich zu schonen. Dennoch spielte ich ein Adagio von Beethoven. Sie sah mich dankbar an. »Es hat mir unsäglich wohlgetan,« sagte sie leise, »ich habe solange nichts gehört.« »Aber!« rief Prätorius betroffen, und sie errötete. »Ich will dir nicht weh tun, lieber Alwin. Dein Geigenspiel ist wie das tägliche Brot, das man nicht achtet und das doch eigentlich das liebe Brot ist. Aber so ein Adagio, von unserem Freund gespielt, ist wie eine Art Festkuchen, den man festlich begrüßt.« Er war es zufrieden und meinte nur: »Man soll aber auch für das tägliche Brot dankbar sein.« »Das soll man, und ich bin es auch.« Sie reichte ihm die Hand, und ich freute mich ihrer seinen Art, ihn zu schonen. * Die Faschingszeit brachte als glanzvollstes Ereignis einen Maskenball in der Kasinogesellschaft. Uns Buchhandlungsgehilfen wurde eine Einladung zuteil; wir wurden dadurch sehr geehrt, denn nur die Honoratioren und die wenigen Offiziere der kleinen Garnison gehörten diesem Zirkel an. So waren wir nicht wenig stolz und ließen uns durch das Gefühl, eigentlich doch wohl nur als Lückenbüßer gebeten zu sein, nicht beunruhigen. Das Wichtigste für uns war nun, uns um eine passende Maske zu bemühen. Das war nicht schwer, denn im ersten Stock eines Hauses am Markte hatte eine Garderobiere aus der Residenz eine Niederlage von Theaterkostümen für die Faschingzeit etabliert. Die Auswahl war allerdings nicht leicht, da jeder so schön wie möglich erscheinen wollte. Endlich entschied ich mich für einen Malteserritter, dessen langer, weißer Mantel mir gut stand. Barett und Degen gaben mir ein Ansehen, des Kreuzes auf dem Mantel würdig. Bandler fand nichts Passenderes für seine langen Glieder als einen roten Husaren, der ihm dafür aber wie angeschneidert saß. Seine straffe Haltung paßte gut zu diesem militärischen Mummenschanz, und es fehlte ihm nichts, als ein keckes Bärtchen, das er hätte aufzwirbeln können. So waren wir denn beide befriedigt, dünkten uns höchst ansehnlich und der Kasinogesellschaft würdig, und hatten – ein paar große Kinder – nichts weiter mehr im Kopf als unseren Maskenball. Aber ein Brief der Mutter dämpfte mir diese Vorfreude. Ich hatte nachträglich von meiner Krankheit berichtet, und da ich vielleicht, wie man es bei solchen Gelegenheiten wohl zu tun pflegt, die überstandene Gefahr mit etwas breitem Pinsel ausgemalt hatte, so hatte ich sie damit aufs höchste erschreckt. Besorgt schrieb sie zurück, ich möchte mich doch um des Himmels willen schonen und ihr erhalten, denn alles bräche jetzt über sie zusammen. Sie könne es mir nicht länger verschweigen, die arme Schwester sei sehr krank, so daß wenig Hoffnung wäre sie am Leben zu erhalten. Das Geschäft wäre so gut wie ruiniert, da der Vater seine Zeit im Wirtshaus oder beim Angeln verbringe; die Auflösung aller Verhältnisse sei in drohende Nähe gerückt, wenn nicht von irgendeiner Seite Hilfe käme. Ich war ganz zerschmettert. Erst allmählich richtete ich mich an der Hoffnung auf, daß meine Mutter in dem Schmerz um die Kranke zu schwarz sähe. Ob denn ein Konkurs bevorstehe, fragte ich zurück, und erhielt umgehend einen etwas tröstlicheren Brief; ich solle mich nicht ängstigen, nicht aufregen, noch sei alles unentschieden, und man hoffe auf ein glückliches Arrangement. Die Gewißheit, daß ich vernünftig lebe und auf meine Gesundheit Bedacht nähme, würde ihr ein Trost in dieser schweren Zeit sein. Also war es doch nicht ganz so schlimm, wie ich befürchtete, und ich glaubte mich den Faschingsfreuden ohne Bedenken hingeben zu können. Es lag Schnee, und wir zitterten vor Frost in der ungewohnten Tracht, als wir dem Schloß zustapften. Alle Fenster waren festlich erleuchtet, geputzte Lohndiener empfingen uns, und mir schlug mein Malteserherz unter dem Ritterkreuz wie vor der Schlacht. Auch Bandler verlor einen Augenblick die militärische Haltung und stolperte auf der Treppe über seinen Säbel. Wir fanden jedoch schnell unsere Sicherheit wieder, zumal wir glauben durften uns unbekannt unter die Menge mischen zu können, die in den beiden großen Sälen durcheinanderschwirrte. Der verführerische Anblick so vieler reizender Masken berauschte uns. Wo kamen alle diese jungen und hübschen Mädchengestalten her? Lebten sie hinter Klostermauern und tauchten nur einmal im Jahr bei festlichen Gelegenheiten feengleich auf? Eine schlanke Zirkassierin zog meine Blicke auf sich, als ich von einem untersetzten holländischen Schiffer angerempelt wurde. Ich wandte mich, tat ernstlich beleidigt und legte die Hand an den Degen, worauf er mit allen Zeichen eines komischen Entsetzens floh; die schöne Zirkassierin aber war inzwischen verschwunden. Alle Augenblicke zerrte man an meinem langen Mantel, drehte mich um und betrachtete mich neugierig. Ich sah, daß ich auffiel und hörte, wie man sich fragte: wer ist dieser Malteser? Ich war selig, stolzierte mit meinem Degen durch die Säle, ließ den Mantel möglichst malerisch wallen und brachte die lange Feder meines Baretts durch ein häufiges vornehmes Neigen meines Kopfes in ein leises Auf- und Niederschwanken, wodurch ich mir ein erhöhtes Ansehen zu geben glaubte. Die Musik hatte das Regiment gestellt, eine etwas lange Polonäse eröffnete den Tanz, und bald wiegten sich die Paare im Walzer durcheinander. Ich war ein schlechter Tänzer, und Mantel und Säbel hinderten mich noch mehr. Dennoch drehte ich mich ein paarmal durch beide Säle, das erstemal mit der dunklen Zirkassierin, die nach kurzem Zaudern meinen Arm genommen und mich geschickt führte; sie bekam es aber bald satt, ließ es mich merken, und ich führte sie zu Platz. Um so besser glückte es mir mit einer kleinen Tirolerin, die sich lustig plaudernd in meinen Arm hing, sich aus meinem Holpern nichts zu machen schien und über meine Ungeschicklichkeit herzlich lachte. »Unterm Johanniterkreuz sucht man keine Tänzer,« sagte sie. »Tapferkeit und Frömmigkeit sind die Zierden eines Ritters, und an beiden lassen Sie es hoffentlich nicht fehlen.« »Gott meine Seele und den Degen den Frauen,« antwortete ich. »Das ist hübsch von Ihnen; obgleich Gott auch eigentlich auf Ihren Degen Anspruch hätte. Aber ziehen Sie ihn nur für uns; wir armen Würmer haben soviel auszustehen, daß wir den Schutz eines tapferen Ritters wohl brauchen können.« »Na, na,« sagte ich, »ist es so arg?« »Gewiß ist es das. Ich bin auch so ein armes Wurm. Herr Leutnant, gelt, Sie gehen in den Tod für mich?« Sie lachte schelmisch auf: »Herr Leutnant, hab' ich gesagt. Mein Gott, so ein Malteserleutnant!« Wieder rempelte mich der Seemann an. »Na, Dicker,« fuhr sie ihn an. »Er ist hier nicht an Bord, immer hübsch manierlich.« »All right!« sagte der Holländer und verschwand in der Menge. »Kennen Sie den?« fragte sie. »Nein, Gnädigste.« Ein Türke, der uns schon eine Weile beobachtet hatte, näherte sich und bat um einen Tanz. »Wenn der Komtur mich freigibt,« meinte sie lachend. Mit einer ritterlichen Verbeugung trat ich zurück. Ich drängte mich durch die Menge und sah mich nach einer anderen gefälligen Maske um, als ein Clown auf mich zukam, der sich bisher in beiden Sälen umhergetrieben hatte, ohne viel mehr Humor zu entwickeln, als hier und da einen Pritschenschlag auszuteilen. »Kommen Sie, Kollex,« sagte er, nahm mich ohne weiteres unter den Arm und zog mich mit sich fort. An dem »Kollex« erkannte ich ihn. So pflegte der Sohn unseres Chefs uns vertraulich zu nennen. »Sie?« fragte ich überrascht. »Ich!« »Und wie haben Sie mich erkannt?« »Gar nicht; Bandler hat Sie mir verraten. Man hält Sie hier allgemein für einen Leutnant des Regiments, das früher hier in Garnison lag, und der als ein großer Schwerenöter in lebhafter Erinnerung bel allen Frauenzimmern geblieben ist.« Etwas Angenehmeres hätte er mir kaum sagen können, und ich folgte ihm nur ungern, als er mich mit Gewalt fortzog. »Es ist ja schauderhaft heiß unter der Maske,« sagte er. »Das hält ja kein Pferd aus. Wir sitzen schon lange im Turmzimmer beim Sekt.« Gern hätte ich die kleine Tirolerin noch einmal aufgesucht, die mich also auch für den Schwerenöter von Leutnant gehalten hatte. Welche Abenteuer könnten mir noch blühen, wenn ich jetzt die Rolle weiterspielen würde. Die Zirkassierin hatte mich natürlich auch für diesen Leutnant gehalten. Vielleicht war sie eine vornehme Seele und der Ruf des jungen Offiziers nicht zum besten. Oder vielleicht eine alte Geschichte, ein verwundetes Herz. Ein Roman. Ich segnete den Leutnant und verfluchte den Clown. Im Turmzimmer, einem gemütlichen, runden Gemach, saßen Bandler, der »Legationsrat«, Kluge und ein mir unbekannter junger Mann hinter der Sektflasche. Kluge warf mir einen spöttischen Blick zu. Er war also der Holländer, der mich wiederholt angerempelt hatte? »Vorzüglich!« rief Bandler mir zu. »Kein Mensch erkennt Sie. Und wenn Sie wüßten, wie die Damen hinter Ihnen her sind.« »Weiß ich!« sagte ich. »Na! Aber alles andere!« »Das werden nette Geschichten sein!« »Dummes Zeug! Ein leichtsinniges Huhn war er, aber ein famoser Kerl!« »Und gar nicht einmal hübsch! Aber die Weiber liefen ihm nach.« »Im Umkreis von drei Meilen ist wohl kein Dorf, wo er nicht ein Mädel sitzen ließ!« »Na, danke!« »Wollen Sie mich gefälligst dem Herrn vorstellen?« fragte der Unbekannte. Wir wurden bekannt gemacht, und Herr Studiosus Lammert setzte sich würdevoll wieder hin. Er war der Sohn von Kluges Chef und fühlte sich als die Blüte der Haute volée; ein blasses, blasiertes, übrigens ganz hübsches Herrchen. Er war anfangs Kadett gewesen, doch der Drill hatte ihm nicht zugesagt; jetzt studierte er Medizin. Nun hub eine große Trinkerei an, der Sohn unseres Chefs fühlte sich berufen den Wirt zu machen. Der »Legationsrat« glaubte als Geschäftsführer der Firma, in deren Wohnräumen dieses Fest abgehalten wurde, sich gleichfalls hervortun zu müssen, und so kam eine Flasche nach der anderen auf den Tisch und leer wieder herunter. Zigarren und Zigaretten glimmten. Ein dichter Rauch hüllte uns ein, und bald war es in dem kleinen Turmgemach heißer und schwüler als im Tanzsaal. Doch schon waren die Köpfe soweit erhitzt, daß an eine Rückkehr in die Gesellschaft nicht zu denken war. Rauschend klang die Musik zu uns herein und wir schrien und lärmten dagegen an. Gläser zerklirrten, und ab und an erschien jemand an der Tür und warf einen verwunderten Blick hinein. Ein Diener, der in der Absicht gekommen zu sein schien, etwaigen Unfug zu steuern, verschwand, als er den »Legationsrat« in unserer Mitte sah. Ich war, durch meinen Erfolg als Malteserritter gehoben, bald in eine übermütige Stimmung geraten; der Sekt löste alle meine Geister, und ich war zu meiner eigenen Verwunderung laut, wortführend und witzig. Kluge hingegen, auf den der Pommery einschläfernd zu wirken schien, saß mit geröteten Augen und schwerer Zunge mir gegenüber. Ihn zu sticheln und zu necken vergnügte ich mich besonders, da ich nur auf diese Weise Genugtuung für die jedenfalls absichtliche Anrempelei im Saal nehmen konnte. Der Schwerfällige vermochte in keiner Weise gegen mich aufzukommen. Endlich aber schien doch mein Witz mich zu verlassen. Ich sollte, wie ich nachher hörte, Anspielungen auf seinen Namen gemacht haben, entsann mich aber nicht eines der Worte, die ich übermütig herausgesprudelt hatte. Kluge jedoch war plötzlich aufgefahren und hatte mich angeschrien: »Das verbitte ich mir!« »Unerhört!« krähte auch der Studiosus mich an, dem ich überdies ein Dorn im Auge zu sein schien. »Das verlangt Genugtuung,« ereiferte er sich. Als Kadett und Student mußte er natürlich ein besonders kitzliges Ehrgefühl zur Schau tragen. »Er ist ja betrunken!« sagte Kluge verächtlich. »Wer ist betrunken?« schrie ich. Wir fuhren aufeinander los, und man mußte uns trennen. Als ich mich wieder setzte, merkte ich, daß der Wein seine Wirkung getan hatte; alles kreiste, und ich mußte mich gewaltsam zusammenreißen. Es gelang mir, aber ich sah alles nur wie durch einen Schleier. Ob wir gleich die Sitzung aufhoben oder noch eine Weile weiter tranken, ist meinem Gedächtnis entschwunden. Genug, ich fühlte mich am Arm gefaßt und hinausgeführt. Undeutlich sah ich im Saal das Gewoge der bunten Masken, die Tirolerin huschte an mir vorbei und gab mir einen derben Schlag auf die Schulter, Trompeten schmetterten aus dem Saal – Gelächter – ein paar Walzertakte ... Mir schwand die Besinnung. Als ich zu mir kam, hing ich im Boudoir der gnädigen Frau über einen Stuhl. Bandler stand neben mir, halb entsetzt und halb belustigt. Eine Magd war um uns beschäftigt, Scherben aufzusammeln, und aus einer roten Ampel fiel ein gedämpftes Licht auf die kleine Szene. »Komm, komm!« mahnte Bandler, zog mich in die Höhe, stülpte mir meinen Federhut auf und schleppte mich hinaus. »Wie kommst du denn da hinein?« fragte er. Ich wußte es nicht. Er hielt einen Diener an, flößte mir Selterwasser ein, und ich kam langsam zu mir. Wie wir die Treppe hinunter und aus dem Hause gekommen sind, weiß ich nicht. Draußen war es mondhell, frischer Schnee war gefallen und lag fußhoch. Ich fing an zu singen. Bandler gebot mit zu schweigen, fing aber bald selbst an. Doch war er nüchtern genug, um mich schwankenden Ritter mit festem Arm durch den Schnee schleppen zu können. Fürsorglich brachte er mich ins Haus und führte mich bis vor mein Bett. Hier sank ich sogleich mit Mantel und Degen auf die Kissen nieder und in einen wüsten Schlaf, aus dem ich spät erwachte. Ich fand mich quer über das Bett liegen, griff nach meinem schmerzenden Kopf und erhob mich mühsam. Alle Glieder waren mir wie zerschlagen. Ich entledigte mich meines Ritterkleides, das mir, mit den Augen des Jammers angesehen, recht schmierig und lumpig vorkam. Ich suchte das Barett und fand es unter dem Bett wieder. Ich war eben mit dem Ankleiden fertig, als auch Bandler schon erschien. Er war ganz auf den Beinen, aber höchst ärgerlich, ja verstört. »Was sind das für Sachen?« redete er gleich auf mich ein. »Da hast du dir eine schöne Suppe eingebrockt!« »Ich?« »Ja, du!« »Was ist denn? Wovon redest du?« Da bekam ich denn zu hören, in welche Händel ich mich gestern verstrickt hatte, ohne daß mir irgend etwas bewußt geblieben war. Daß ich das Boudoir der gnädigen Frau in Unordnung gebracht und eine recht wertvolle Vase zerbrochen hätte, wäre noch das wenigste; aber ich hätte mit Kluge kontrahiert, wir hätten unsere Karten gewechselt, der Studiosus und der Einjährige hätten Öl ins Feuer gegossen, und der Zweikampf sei unvermeidlich, wenn ich mich nicht durchaus lächerlich und unmöglich machen wolle. »Das ist ja alles Unsinn,« entgegnete ich. »Ich weiß tatsächlich von gar nichts, erinnere mich an nichts mehr.« »Aber es ist so, und die Zeugen werden noch heute mittag erscheinen.« »Und da soll ich mich duellieren?« »Oder revozieren!« »Blödsinn! Ist ja Kinderei!« rief ich. »Ich werde hierbleiben,« sagte Bandler, »und ich will vermitteln, wenn dieser ekelhafte Patron, der Lammert, sich einstellt.« »Lammert?« »Er wird im Auftrag Kluges die Forderung überbringen.« Also in allem Ernst ein Duell. Ich hatte nie eine Waffe in der Hand gehabt. »So ein Blödsinn!« rief ich ein über das andere Mal, während ich im Zimmer auf und ab ging. Das Ganze wollte mir noch so wenig glaubhaft vorkommen, daß von irgendeiner Furchtempfindung oder Besorgnis nicht die Rede war. Vielmehr schimpfte und schalt ich mich in einen Heroismus hinein, der bei mir, der ich kaum noch mit Flitzbogen und Pusterohr umzugehen wußte, etwas Groteskes hatte. Als nun aber der Student erschien und mir mit ungeheuer wichtiger Miene Kluges Forderung überbrachte, kam ich aus meinem Heldenrausch wieder zu mir und stand mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit. Der schien mir indessen doch bedenklich zu schwanken. Es war also ernst. Ich sollte mit der Pistole in der Hand Genugtuung für eine getane Beleidigung geben, und der Überbringer der Forderung wartete mit einer verletzenden Miene, die Zweifel an meinem Mut aussprach, auf meine Antwort. Bandler bemühte sich vergebens, zu vermitteln. Der blasierte Jüngling vor mir verlangte, ich solle erklären, daß ich in der »Besoffenheit« gehandelt habe, alles zurücknähme und um Entschuldigung bäte. Das Wort »Besoffenheit«, von diesem Munde verächtlich ausgesprochen, reizte mich. Ich wurde sehr heftig. Alles, was dieser Kluge mir im Laufe der Zeit zugefügt hatte, schoß mir durch den Kopf. Anna! Der ganze Klub! Wie lächerlich, wie gedemütigt würde ich sein, wenn ich feige zurücktreten würde. Ich dachte an die zweimalige Anrempelung im Ballsaal. »Er! Er! Er ist derjenige, der mit mir anzubandeln sucht!« rief ich außer mir. »Auf Schritt und Tritt stellt er sich mir in den Weg, reizt mich, verspottet mich! Ei zum Teufel, da fährt man auch einmal los. Man ist ja kein Schaf.« »Sie haben Herrn Kluge in offener Gesellschaft ein lächerliches Schaf genannt!« »Ist er auch! Ist er auch!« schrie ich außer mir. »Aber Kollex,« rief Bandler mahnend. »Schriftlich gebe ich es ihm!« schrie ich noch wütiger. »Sie halten also Ihre Beleidigung aufrecht?« fragte der Student. »Sie werden also Genugtuung geben, oder als feige und ehrlos –« Er trat einen Schritt zurück, so dicht war ich ihm mit einem Satz auf den Leib gerückt. »Ja, ja! Ich schieße mich! Mit Vergnügen schieße ich mich! Sagen Sie das dem Herrn Kluge! Fatzke! Fatzke!« Ich zischte ihm das Wort dreimal entgegen, zitterte am ganzen Körper und mochte ihn zornig genug angeblitzt haben, denn er sagte kein Wort mehr, verbeugte sich stumm, nahm seinen Hut und war draußen. * Da hatte ich mir nun etwas Schlimmes eingebrockt. Mein Mut hielt solange vor, wie mein Zorn. Als der verraucht war, dachte ich mit Herzklopfen an einen bösen Ausgang. Bandler übernahm es, alles Weitere mit dem Studenten zu vereinbaren. Der Sohn unseres Chefs bot sich mir als zweiter Zeuge an, doch nahm er die Sache, halb zu meinem Ärger, halb zu meinem Trotz, gar nicht so sehr tragisch. »Das ist recht, nur nicht zurückziehen,« sagte er seelenruhig, »brennen Sie ihm eins aufs Fell.« Der Ausdruck schien mir roh. So gerne ich dem Kluge einen gehörigen Denkzettel gönnte, aber ihm eins aufs Fell brennen, ein Loch in den Leib zu schießen, darauf brannte ich nicht. Die Bedingungen waren dreimaliger Kugelwechsel. Wir wollten uns frühmorgens um vier Uhr in einem kleinen Birkenwäldchen schießen, das ich bei meinem Einzug ins Städtchen vom Hügel herab mit liebevollen Augen angelacht hatte. Eduard fragte mich, ob ich noch irgendwelche Wünsche und Bestimmungen hätte. Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, und es fiel mir jetzt alles schwer aufs Herz. Ich setzte mich zu einem letzten Brief an die Mutter hin, zerriß ihn, da er mir nicht schonend genug schien, und schob zuletzt das Schreiben bis zum Abend auf. Inzwischen verlebte ich schlimme Stunden im Geschäft, wo ich kopflos vor meiner Arbeit stand, die Wände anstarrte, die ich nun vielleicht zum letzenmal sah und zwischen tiefer Niedergeschlagenheit und prahlerischem Mut hin- und herfieberte. Gegen Mittag eröffnete mir Herr Nutzsche, der Chef wünsche mich zu sprechen, ich möchte einen Augenblick zu ihm hinaufkommen. Ich war überrascht und halb ahnungsvoll. Der Alte empfing mich am Schreibtisch, die Pfeife wie immer in der Hand, und in Tabakwolken gehüllt. Ich mußte mich setzen, und er eröffnete die Unterhaltung mit einem peinlichen Schweigen. ›Der weiß etwas,‹ dachte ich; ›das Duell ist verraten.‹ In der Tat war seine erste Frage: »Sie wollen sich duellieren?« Ich wurde noch röter als ich ohnehin schon war und ließ ihn nur aus meinem beklommenen Schweigen ein Ja heraushören. »Können Sie schießen?« fragte er. »Das ist doch nicht schwer,« meinte ich. Er lachte belustigt. »Wissen Sie wohl, daß es eine große Albernheit ist, was Sie da vorhaben, und daß daraus natürlich nichts werden kann?« Ich schwieg, denn was sollte ich sagen? Das eine gab ich ihm stillschweigend zu, und das andere hoffte ich ja auch, seit der ersten Stunde, nachdem der widerliche Kerl, der Lammert, mich verlassen hatte. »Mein Sohn hat mir von Ihrer Dummheit erzählt,« sagte der Alte dann ernster. »Sie haben selbstverständlich zu revozieren. Sie haben noch heute die Sache ins reine zu bringen, indem Sie sich mit dem Herrn Ruge –« »Kluge,« verbesserte ich. »Kluge, so. Nun, der sollte auch klüger sein. Also Sie haben sich noch heute mit ihm auseinanderzusetzen, oder Sie können sich als entlassen betrachten und noch heute abend Ihren Koffer packen.« Ich merkte, daß es sein unerschütterlicher Ernst sei und daß mir kein Ausweg bliebe. »Ich will es versuchen,« sagte ich und erhob mich. Er nötigte mich wieder zum Sitzen. »Ich bin noch nicht fertig,« sagte er strenge. »Als Ihr Chef habe ich das Recht und vor allem auch die Pflicht, an diesen Vorfall ein paar ernste Worte zu knüpfen, die Sie sich ruhig gesagt sein lassen können, da sie wohlgemeint und im guten ausgesprochen sind. Wir sind hier in einer kleinen Stadt. Sie dürfen sich nicht vergessen, sich nicht gehen lassen; alle Augen richten sich auf Sie. Und Sie haben nicht zu vergessen, daß Sie ein Angestellter unserer Firma sind, deren junge Leute sich bisher immer eines guten Rufes und daher auch einer besonderen Achtung erfreut haben.« Ich errötete bestürzt, und er fuhr begütigend fort: »Ich will nicht sagen, daß Sie sich bisher haben etwas zuschulden kommen lassen; das kleine Gelage, über das ich meinem Sohn auch schon ein Privatissimum gehalten habe, ist durch den Freibrief der Faschingszeit entschuldigt. Aber diese Duellsache! Auf welche abenteuerliche Don Quijotterien werden Sie sich am Ende noch einlassen!« Er paffte ein paarmal heftig und blies mir im Eifer die Rauchwolken ins Gesicht. »Seien Sie vergnügt! Junge Leute wollen sich amüsieren. Ich hab's auch nicht daran fehlen lassen. Aber es will mir scheinen, als ob Ihre Arbeit in letzter Zeit darunter litte.« Er sagte es leichthin, doch nicht ohne Vorwurf und sah mich antwortheischend an. »Nehmen Sie sich ein Beispiel an Bandler. Der ist ein treuer, gewissenhafter Arbeiter, und Ihr Herr Vorgänger war es ebenso. Herr Nutzsche wundert sich, daß Sie so wenig aus dem Papierverkauf herausschlagen. Ihr Vorgänger hat in manchem Monat sein Salär dadurch verdoppelt, während Sie es kaum auf ein nennenswertes Plus bringen. Gewiß, die Zeiten sind wechselnd. Aber es ist nicht nur in Ihrem eigenen Interesse, daß Sie mit Ihren Einnahmen zufrieden sind, sondern auch in meinem. Sind Sie eigentlich gern im Geschäft?« »Gewiß,« versetzte ich. »Das freut mich! Sind Sie überhaupt gern Buchhändler?« »Ja, ganz gern.« Das kam etwas unsicher heraus, und ich sah an seinem Gesicht, daß er mir nicht recht glaubte. »Haben Sie sich schon irgendeinen Zukunftsplan gemacht?« Ich verneinte. »Ich halte es für gut, daß die jungen Leute sich möglichst in der Welt umsehen. Natürlich sollen Sie nicht alle Jahre Ihre Stellung wechseln, aber es gibt an jedem Platz etwas Neues zu lernen. Doch das brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Und im übrigen wissen Sie ja nun, was ich von Ihnen erwarte.« Er stand auf und gab mir die Hand zum Abschied. »Sie haben noch eine Mutter, nicht wahr?« fragte er und legte mir die Hand auf die Schulter. »Ja,« stotterte ich. Er ließ meine Hand los und ich war entlassen. – »Gehen Sie nur gleich zu Tisch,« sagte Herr Nutzsche unten zu mir. »Herr Bandler ist schon vorausgegangen.« Ich war dessen froh und lief mehr als ich ging zum Haus hinaus. VII Bandler hatte es übernommen, meinen Brief Kluge zu überbringen, und die Sache war beigelegt. Aber im ganzen Städtchen sprach man von dem vereitelten Duell. Ich war lächerlich geworden. Ich mied den Klub, erschien nicht am Stammtisch und wäre auch nicht mehr in den »Goldenen Engel« zum Mittagessen gegangen, wenn nicht Kluge mir zuvorgekommen und in Lindes Gasthof übergesiedelt wäre. Auch ihm hatte die dumme Geschichte nur geschadet. Ich empfand immer mehr Scham, je länger ich über alles nachdachte und verlebte böse Tage. Die Rede des Alten in den Wolken hatte mich auch getroffen; vielleicht war sie schon das Vorspiel zu einer Kündigung. Der Alte hatte recht: ich mußte einmal weiter, mich anderswo umsehen, möglichst viel neues kennen lernen. Von Martha würde mir der Abschied schwer werden. Jetzt, da ich an die Möglichkeit des Scheidens dachte, kam es mir zum Bewußtsein, daß sich zwischen uns ein feines und starkes Band angeknüpft hatte, von Herz zu Herz. Ja, sie war die einzige gewesen, die wirklich um mich gebangt hatte, als sie von der albernen Schießerei hörte. Wie herzlich erfreut hatte sie mich empfangen, als ich mich etwas beschämt und kleinlaut wieder bei ihr einfand. Kein Wort des Vorwurfs, kein Spott, kein Scherz, nur eine stille Freude, daß ich da sei. Ihr sollte jetzt meine Zeit gehören, solange ich noch hier verweilen durfte. Im Geschäft bemühte ich mich, meinen Platz nach besten Kräften auszufüllen; man schien das auch anzuerkennen, denn ein Tadel wurde nicht laut, und Herr Nutzsche und gelegentlich auch der Chef kamen mir mit größerer Freundlichkeit entgegen. Nach einigen Wochen hatte ich mich schon wieder in die Gewißheit eingewiegt, daß eine beabsichtigte Kündigung nur in meiner Einbildung lebte, und daß es nur von mir abhängen würde, wann ich mein Bündel schnüren wolle, vorausgesetzt, daß ich in der Erfüllung meiner Pflichten nicht nachließe. Ich mied möglichst alle überflüssigen Zerstreuungen und suchte mit der wachsenden Jahreszeit meine Erholung immer mehr in der Natur, wobei mir die einsamsten Spaziergänge die liebsten waren. Auf dem Wege innerer Einkehr hatten meine Gedanken auch häufiger die Richtung in die Heimat und in das Elternhaus genommen. Die Nachrichten von dort waren keineswegs geeignet, mich fröhlich zu stimmen, vielmehr erfuhr ich viel Trübes, Niederschlagendes. Daß der Maskenball und seine albernen Folgen mich ganz die Not der Mutter hatten vergessen lassen können, machte ich mir allmählich zum Vorwurf. War ich denn ganz verflacht und verroht, war jedes tiefere, edlere Gefühl in dem Meer von Nichtigkeiten, in dem ich hier plätscherte, untergegangen? Was ich nie gespürt hatte, überfiel mich jetzt mit Gewalt, das Heimweh. Es war mir, als könnte ich hier zwischen den Hügeln und Wäldern nicht mehr frei atmen. Wie eng war hier alles. Nur bis zur nächsten Wegbiegung konnte der Blick reichen. Ich hungerte nach Weite, nach der Heide meiner nordischen Heimat, nach ihrem unendlichen Himmel, nach Feld und Knick. Als ich nach einer längeren Wanderung auf eine lichte Waldhöhe hinaustrat, zu deren Füßen sich ein langgestrecktes Tal eröffnete, ergriff mich dieser Anblick mit Gewalt. Ich breitete die Arme aus und mir war, als müßte ich fliegen können, als wüchsen mir Flügel. Wie ich mich an jenem Abend körperlich eins mit dem silbernen Licht des Mondes gefühlt hatte, so war mir jetzt, als müsse ich mit dem leisen Wind, der durch das Tal wehte, dahinschweben können, losgelöst von aller irdischen Schwere. Ein Birkenbäumchen, das neben mir sein weißes Stämmchen erhob, schwankte mit seiner zierlichen Krone leis im Winde; es neigte sich zu mir, ein Flüstern schien durch sein helles Laub zu gehen, und es war mir, als spräche es zu mir. Ich schlang meinen Arm um das Bäumchen und legte meine Wange an seine kühle Rinde. »Die große Sehnsucht, die in allem lebt,« sagte ich halblaut, »sie lebt auch in dir. Hier stehst du, über dir den Himmel und die Winde, unter dir das Tal und vor dir die silbrige Ferne. Da wächst du, wächst immer hoher vor lauter Sehnsucht. Aber die Sterne stehen so hoch, daß niemand sie erreicht, und der größte Baum hat immer noch seine Sehnsucht hinauf, hinauf, über sich hinaus.« Es war mir so natürlich, daß ich mich mit dem Bäumchen unterhielt. Was war denn dieses Gefühl anders, das mich jetzt in das Gras niederzwang, das mich die zarten Halme durch meine Finger gleiten und das Ohr fest an die grüne Erde drücken ließ, als könnte ich auch von dort Stimmen vernehmen, zarte, geheimnisvolle und doch so vertraute Stimmen – was war es anders als das lebendige Gefühl des Einsseins mit aller Kreatur. * Eines Tages führte mich mein Weg wieder ins Freie. Ich war ein halbes Stündchen gewandert, als ich aus dem weichen Moos des steigenden Wegrandes ein weißes Hügelchen emporsteigen sah, das ich aber alsbald als ein mit einer Sommerweste bekleidetes Bäuchlein erkannte, zu dem auch ohne Zweifel die zwei kurzen Stümpfe gehörten, die halb in den Weg hineinragten und sich als grobbeschuhte Menschenfüße erwiesen. »Ah, Herr Musikdirektor, ein Mittagschläfchen?« fragte ich. Das Wurstmännchen, aus seiner Beschaulichkeit aufgestört, erhob sich zu sitzender Stellung, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fragte: »Wo kommen Sie denn her?« »Ich gehe spazieren,« erklärte ich. »Leben's denn noch?« »Wie Sie sehen.« »Nun, ich meint, Sie hätten sich wollen totschießen lassen,« lachte er. »Diese dumme Geschichte,« sagte ich ärgerlich. »Bitte, lassen Sie das ruhen.« »Na, na, nur nichts krumm genommen. Hab' auch solche Dummheiten früher gemacht.« »Sie?« rief ich verwundert. »Wohin gehen's,« fragte er zurück. »Ich geh' ein Stückchen mit, oder wollen Sie allein sein?« Ich lud ihn ein, mich zu begleiten, und er wölterte sich aus der sitzenden Stellung auf seine kurzen Beine, wobei ich ihm behilflich war. Er schlug sich die Grashälmchen vom Rock, trocknete sich noch einmal mit dem roten Taschentuch das Gesicht und stülpte einen breitrandigen, nicht mehr ganz sauberen Strohhut nachlässig auf den dicken Schädel. Er ging ganz lustig mit seinen dicken Beinen neben mir her und hielt Schritt. »Ja, ja,« setzte er gleich die Unterhaltung fort. »In der Jugend ist man eben oft ein Esel, hat auch ein Recht dazu. Hahaha! Hahaha! Haben Sie sich also ausgesöhnt? Hahaha!« Ich ärgerte mich, daß er wieder auf die Geschichte zurückkam. »Warum haben denn Sie sich schießen wollen?« fragte ich. »Wollen? Geschossen ist worden.« »Im Ernst?« »Sie traun's mir wohl nicht zu?« fragte er belustigt. »Damals war ich noch nicht so dick und war eine schlechte Zielscheibe, nicht einmal so dick wie Sie heute.« »Und wie lief's denn ab?« fragte ich, neugierig geworden. »Für mich gut, wie Sie sehen, der andere aber hatte den kleinen Finger seiner Schießhand dabei geopfert. Aus der Hand hab' ich ihm die Pistole geschossen. Wie ich's gemacht hab', weiß ich heut noch nicht.« »Und warum haben Sie sich geschossen?« »Ich hatte ihn geohrfeigt.« »Oho!« »Ja, regelrecht geohrfeigt. Ich war ein rabiates Kerlchen damals auf der Akademie. Er wollte mir den Wagner nicht gelten lassen. So ein windiges Flötenpusterchen, wie er war. Wir gerieten uns arg in die Haare. Und als er mir die Meistersinger eine Schmiererei nannte und den Meister einen Faxenmacher und Dilettanten schalt, haute ich ihm schlankweg eine runter, daß er fast umgekugelt wäre. Und da es in einem öffentlichen Lokal war, in einem Café – kennen Sie Berlin?« »Nein.« »Na, ist ja auch gleichgültig.« »Glaubt er denn jetzt an Wagner?« fragte ich lachend. »Gott, der arme Kerl ist längst tot, war sowieso schwindsüchtig. Ein paar Jahre hat er noch die Becken und die Trommel geschlagen, da er ja mit seiner verstümmelten Hand die Flöte nicht mehr traktieren konnte. Es war eine Eselei von uns beiden und keinen kleinen Finger wert.« So erzählte er, indem er seine Rede durch ein gewohnheitsmäßiges, halb gutmütiges, halb ironisches Lachen von Zeit zu Zeit unterbrach. Im nächsten Dorf machten wir in einer kleinen Wirtslaube Rast, und ich erfuhr bei einem Glas Apfelweins noch einiges aus seinem Leben. Ein Künstlerleben, wie es unzählige leben. Mit vollen Segeln hinaus und auf halber Fahrt Kehrt und still mit gerefften Segeln in irgendeinen kleinen Hafen sich zurückschleppen lassen. Er hatte auch komponiert: Kammermusik, eine Sinfonie, Lieder, meistens aber Klaviersachen, die unter klingendem Titel das Entzücken der klavierspielenden höheren Töchter geworden waren, wie er, sich selbst verspottend, hinzufügte. Dann war er hier als Musikdirektor und Chordirigent gelandet und hatte, da er unvermählt geblieben war, ein gutes Auskommen gehabt. »Die Künstlerlaufbahn ist gewiß recht schwer,« sagte ich, als er einen Augenblick schwieg. Er schien nachzudenken, was er mir darüber sagen sollte. Dann fuhr es ihm fast polternd heraus: »Ich hatte auch Talent, am Klavier. Und wenn's auch mit dem Lorbeer nichts geworden ist, ich war ein guter und ehrlicher Musikant. Aber die Narren, die sich ohne Talent in die Tempel drängen. Natürlich, sie sind alle fest davon überzeugt, daß sie sehr begabt sind. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß die achtzehn, neunzehn Jahre ein kritisches Alter für Menschen von latenter künstlerischer Veranlagung sind; da gärt alles, meistens nebulös, oft absurd, da herrscht ein Gefühlsüberschwang, der sich mit Vorliebe in die wehmütigen Seiten des Lebens vertieft; die Wertherstimmung, die Goethe von jedem deutschen Jüngling verlangt. Kommt dazu noch eine mehr oder weniger tiefe Leidenschaft, so fließt der Kelch über, das heißt, bei derartig veranlagten Personen offenbart sich eine Empfänglichkeit für alles was mit Kunst zusammenhängt, und diese Empfänglichkeit wird in neunzig von hundert Fällen leider mit Schöpferkraft verwechselt. Da heißt es denn, sich immer wieder auf Herz und Nieren prüfen. Der Zweifel in der Brust muß sein. Aber es muß immer wieder überwunden werden, dann ist es gut. Äußere Hemmnisse schaden dann nicht, bei passiven Naturen bewirken sie manchmal geradezu, daß der Betreffende alles aus sich herausholt, und sich auf sich selbst besinnt. Jedenfalls ist eine grenzenlose Hingabe nötig, um etwas zu erreichen, und man muß manche bittere Pille hinunterschlucken, bis man so weit ist. Aber das sagen Sie so einem armen Tropf; er glüht in rührendem Eifer und hält sich für einen der Auserwählten.« Er hatte sich ganz erregt und sogar eine Zeitlang ohne sein kurzes Dazwischenlachen gesprochen. Jetzt stieß er ein helles Gelächter aus. »Da haben Sie den alten Kerl mal in Eifer gesehen! Was predige ich Ihnen das alles? Sie wollen ja keine Sinfonien komponieren. Daß Sie so ein bißchen Klavier spielen, weiß ich ja. Hab's neulich mal beim Pfälzer gehört. Haben's denn zu Hause auch ein Instrument?« Ich erzählte ihm, daß ich mit Prätorius häufig zusammen musiziere. »Der?« fragte er gutmütig, »ja, der ist nun ein Dilettant. Aber was schadet das? Er hat sein Vergnügen, und will nichts sein damit, und spart manchen Grog dadurch.« »Der arme Kerl dauert mich immer,« sagte ich. »Armer Kerl, wieso? Der steht doch nichts aus.« »Nun, die kranke Schwester!« »Ja, so. Sagen Sie mal, die ist wohl 'n bißchen verschroben? Betschwester, was?« Da fuhr ich aber auf, und er sah mich ganz erschrocken an und wurde fast bescheiden. »So, so,« sagte er, »da will ich nichts gesagt haben. Vor wahrer Frömmigkeit hab' ich den größten Respekt. Nur vor diesem Pastorenchristentum, wissen Sie, hab' ich eine höllische Abneigung. Indem sie uns Gottes Wort bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit morgens, mittags und abends mit ihrem salbungsvollen Mundwerk vorgekaut, haben sie uns die kernige Speise zu einem widerlichen Brei gemacht, der uns endlich widersteht. Sie müssen mich aber für keinen Heiden halten. Ich alter Kerl spreche noch heute mein Abendgebet, wie's mich die Mutter lehrte und – das Leben.« War dieser alte, prächtige Mensch unser Wurstmännchen, über das ich mich immer im stillen belustigt hatte? Warum mußte ich so spät seine Bekanntschaft machen? Wie viele Leute seines Schlages mochten noch in unserem Städtchen wohnen, und ich wußte nichts von ihnen. Statt dessen hatte ich mich unter jungem unbedeutendem Volk herumgetrieben und hatte meine Zeit vergeudet. Doch das hatte ja nun aufgehört. Der Alte lud mich ein, ihn doch einmal zu besuchen, und ich versprach es. Ganz fröhlich kehrte ich von diesem Spaziergang heim. Am meisten freute mich, daß ich Gelegenheit gehabt hatte, für Martha ins Feuer zu gehen. Recht wie ein Ritter für seine Dame, so hatte ich für sie gestritten. Und hatte den Alten aus dem Sattel gehoben, daß er ihr im Staube Abbitte tun mußte. Das machte mich ganz glücklich. Ein neues Lebensgefühl begann mich zu beseelen; ich fühlte mich wie ein Schwimmer, der aus einem trüben und verkrauteten Wasser in einen tiefen, klaren Strom sich durchgearbeitet hat und wohlig die Muskeln spannt zum spielenden Kampf mit dem reinen Element. Aber die immer häufiger werdenden Briefe aus der Heimat ließen es zu einem reinen Glücksgefühl nicht kommen. Die Eltern waren in Konkurs geraten, das Haus meiner Kindheit war in fremde Hände übergegangen, der Vater siech im Krankenhaus und meine Mutter mit den Geschwistern nach Hamburg übergesiedelt, um sich da von ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Und zuletzt kam von dort eine Hiobspost, die sollte mich mit allen Würzelchen und Fäserchen wie eine schwanke Efeuranke aus diesem liebgewordenen Boden reißen. Das arme, vom Leben nur gepeinigte Schwesterchen war gestorben. Und nicht genug, daß dieses Lieblings- und Schmerzenskind die Mutter verließ, auch mein Bruder, dem durch Vermittelung eines guten Freundes eine aussichtsreiche, verlockende Anstellung in der Südsee angeboten worden war, wollte auf und davon gehen. Ihm war kein Vorwurf zu machen. Er kam auf diese Weise aus der einfachen Schlosserwerkstatt in das weite Getriebe einer großen Plantagengesellschaft, wo sich ihm die Möglichkeit bot, sich über das Niveau, auf das ihn der Wille des Stiefvaters niedergedrückt hatte, zu erheben, wozu ihn alle Fähigkeiten und die genossene Erziehung berechtigten. Die arme Mutter aber sollte, dann fast aller ihrer Kinder beraubt, mit der einen ältesten Tochter allein zurückbleiben. Da hatte sie das sehnliche Verlangen, mich, den sie seit Jahren nicht gesehen hatte, einmal wieder zu umarmen, um sich meines Besitzes versichern zu können. Ja, sie schlug mir vor, ganz nach Hamburg zu kommen; dort gäbe es doch auch Buchhandlungen, wo ich mein Brot finden könne. Auch müßte ich doch dem Bruder, bevor er, vielleicht auf Nimmerwiederkehr, die lange Reise über den Ozean anträte, noch einmal sehen. Ihr Brief wurde zum Schluß zu einem heißen Flehen, sie nicht allein zu lassen, und Tränen hatten die Unterschrift unleserlich gemacht. Ich sah mein Schwesterchen ausgestreckt, wie sie die längsten Jahre ihres jungen Lebens gelegen hatte, auf dem Totenbett, gedachte der Zeit, wo sie als Vierjährige mit ihren kurzen Beinchen fröhlich über den Rasen sprang, hörte ihr süßes Stimmchen die ersten Liederchen singen: Ein Schäfermädchen weidete Ein Lämmchen weiß wie Schnee – Das ganze Glück unserer Kindheit stand wieder auf, die lieben alten Räume des Vaterhauses, darin nun fremde Menschen hausten, und es war mir, als sei das alles jetzt erst mit dem Schwesterchen tot. Der schwarze Sargdeckel legte sich darüber und ich konnte nicht einmal einen Kranz darauf legen. Und doch, ich konnte es. Jetzt hieß es Mann sein, Sohnespflicht erfüllen und arbeiten und streben, der Mutter ihren Lebensabend zu vergolden, wie sie es an unserem Morgen getan hatte. Das sollte der Kranz sein, den ich auf den Sarg meines Schwesterchens, auf das Grab meiner Jugend legte. * Der Chef und Herr Nutzsche billigten meine Entscheidung und stellten mir frei, früher zu reisen, wenn sie so zeitig Ersatz für mich finden könnten. Dieser Plan hätte nun noch gestört werden können, wenn ich nicht in dieser Zeit der Sorge um meine Militärpflicht enthoben worden wäre, indem man mich vorläufig auf ein Jahr zurückstellte. Das war für mich, der ich mir immer nur um den nächsten Tag Gedanken zu machen pflegte, eine lange Zeit. So richtete ich mich ein, jederzeit bereit zu sein. Zum alten Musikdirektor, den zu besuchen ich immer noch aufgeschoben hatte, kam ich nun nicht mehr. Was sollte mir noch die Anknüpfung neuer Beziehungen? Martha, die von meinem Schwesterchen wußte, daß sie in gleicher Weise ans Bett gefesselt war wie sie, war schmerzlich bewegt. Ich hatte gemeint, ihr den Tod verheimlichen zu sollen, aber Prätorius war mir in einer seltsamen Rücksichtslosigkeit, der er sich manchmal schuldig machte, zuvorgekommen. Ich mußte Martha von der Verstorbenen erzählen, tat es unter möglichster Schonung ihres eigenen Zustandes und erlebte einen traurig-schönen Abend an ihrem Krankenbette. Die Fenster standen offen, die laue Sommerluft strömte ungehindert hinein, und die sinkende Sonne gab ihren roten Schimmer über das weiße Linnen der Decke und über Marthas weiße Hände. Prätorius machte mir ein stummes Zeichen, ich würde ihr mit etwas Musik jetzt wohltun. Sie hatte es bemerkt und rief vorwurfsvoll: »Aber Alwin! In solcher Stimmung!« »Doch, doch,« rief ich, »ich spiele.« Und schon saß ich am Klavier, und nur eine Sekunde lang ließ ich die Finger auf den Tasten ruhen, als sie von selbst Chopins Trauermarsch zu spielen anfingen. Die Monotonie der immer wiederkehrenden tiefen B-Akkorde wirkte wunderbar beruhigend auf mich, ja, ich rang mich aus meinem Schmerz immer mehr zu einer trotzigen Gefaßtheit durch, die mir wohltat, die mich befreite. So konnte ich das himmlische, wie von Engelstimmen gesungene Trio mit einem freien Ausdruck spielen, beseligt und getröstet. Als ich wieder in die Monotonie des Trauermarsches einleiten wollte, gab mir Prätorius ein Zeichen aufzuhören. Über sein großes, rotes Gesicht ging ein wunderliches Zucken. »Es hat sie doch angegriffen,« sagte er, kaum verständlich, mit gepreßter Stimme. Leise erhob ich mich; da lag die Kranke mit geschlossenen Augen, bleicher als sonst, und über ihre schmalen Wangen liefen unaufhaltsam die großen Tränen. Jetzt erst wurde sie gewahr, daß ich nicht mehr spielte. Sie öffnete die Augen, sah mich mit einem wehen Lächeln an und schlug dann schnell die Hände vors Gesicht, als schäme sie sich ihrer Tränen. »Wie schön, wie himmlisch schön war das,« sagte sie leise. »Ich komme morgen wieder,« flüsterte ich Prätorius zu. »Einen schönen Gruß.« Und auf den Zehen eilte ich zur Tür hinaus und die Treppe hinunter. War ich wahnsinnig? Was ließ mich denn diesen Trauermarsch spielen! Aber ich hatte es ja nicht gewollt, es war wie unter einem Zwang gekommen, ohne mein Zutun, strömte aus dem Innersten meiner Seele, als ihr natürlicher melodischer Atem. Ich sollte Martha nicht wiedersehen. Sie war ein paar Tage darauf in eine schwere Krankheit verfallen. Eine zu tiefe seelische Erschütterung hätte wahrscheinlich ihr schwaches Nervensystem in Unordnung gebracht, meinte der Arzt. Als ich im September meinen Koffer packte, war sie in der Genesung, durfte aber noch keinen Besuch empfangen. Tief erschüttert nahm ich von Prätorius Abschied, trug ihm Grüße an die Schwester auf und versprach aus Hamburg zu schreiben. »Sie hat Sie sehr geliebt,« sagte er. »Vergessen Sie sie nicht.« Bandler brachte mich an den Bahnhof. Es war ein erster, vorzeitiger Herbsttag, der sich vorauseilend in unser Tal verirrt haben mochte, wo sonst bis in den Oktober hinein noch eine milde Spätsommerwitterung zu herrschen pflegte. Das Laub prangte auch noch in den herrlichsten Farben an den Ästen und Zweigen, aber ein fast kalter Wind warf diese hin und her und trieb uns den Staub entgegen, als wir die stille, menschenleere Straße zum Städtchen hinausschritten. Über dem Hügel, von dem ich damals zuerst in dieses schöne Land hineingesehen hatte, das Herz voller Frühlingshoffnung, zogen die schnellen, schwarzen Schatten der Wolken, die vor dem Winde hineilten. Mich fröstelte. Auch vor mir stiegen Schatten auf, schwärzer, drohender als die, die jetzt das Städtchen hinter meinem Rücken übeldunkelten. Aber von Zeit zu Zeit drang eine liebe, schöne Sonne durch das Gewölk: das Bild der Mutter. Es waren nur wenige Reisende auf dem Bahnhof; der Zug, ein Schnellzug, hielt nicht lange. Um so besser. Ein kurzer Abschied und dann der Zukunft entgegen. Ein letzter Händedruck, ein letztes Winken, und ich sah auch den Freund nicht mehr. In die Ecke geschmiegt, war ich allein mit meinen Gedanken in dem traurigen, harten Coupé. Mir war bang und beklommen zumute. Auch die Gedanken an die Heimat hellten mein Gemüt nicht auf. Ach, es war ja nicht mehr die alte Heimat, die ich einst als halbes Kind verließ. Sieben Jahre waren seitdem vergangen. Was hatten sie mir gebracht? Ich kam mir vor wie einer, der nach Schätzen ausgezogen war und mit leeren Händen nach Hause kommt. Je weiter der Zug mich entführte, je mehr wollte mir alles, was ich nun hinter mir gelassen hatte, wie ein Traum erscheinen. Nur eines blieb Wirklichkeit: das blasse, tränenüberströmte Gesicht auf dem Leidensbett. Annas Lärvchen wollte sich dazwischendrängen, aber ich schob es beiseite. Martha, du stille Dulderin. ›Sie hat Sie sehr geliebt, vergessen Sie sie nicht,‹ klang es in mir nach. Nie, nie werde ich dich vergessen! Draußen flogen Hügel und Wälder vorbei, jetzt in dunkle Schatten gehüllt, jetzt von einem Streifen Sonnenlicht blitzartig überhellt. Unaufhaltsam ging es der Heimat zu, einer ungewissen Zukunft entgegen. Nur eines wußte ich: sie würde Arbeit sein, ernste, männliche Arbeit. Drittes Buch l Die Schwester empfing mich am Bahnhof. Wie hübsch war sie geworden! Sie führte mich zur Mutter und führte mich dabei durch halb Hamburg. Wie anders gefiel mir die Stadt jetzt, da ich etwas Liebes darin hatte; ich hatte das Gefühl der Heimat, und kamen wir durch eine bekannte Straße, ging mir das Herz auf. Das Gesicht der Schwester strahlte vom Glück des Wiedersehens; ihre Erzählung stoß leicht und munter und malte ein beschränktes aber nicht trostloses Bild des neuen Zustandes: Die Wohnung sei zwar weit draußen in der Vorstadt, aber sie sei frei und freundlich gelegen; die Mutter habe jetzt einigen Erwerb, indem sie am Klavier unterrichte, und sie selbst, die Schwester, habe in einer freundlichen Familie eine Stellung als Hausfräulein gefunden. »Ich meine, ihr hättet einen kleinen Laden aufgemacht?« rief ich verwundert. »Schokolade und Konfitüren. Ja, wir hatten es,« erklärte sie. »Aber es wollte nicht gehen. Es war am Hafen. Das Publikum ist dort ein eigenes, und die Mutter konnte sich nicht zurechtfinden; es kamen zuletzt nur noch die Kinder, die ihre Sonntagsschillinge vernaschen wollten.« »Rechnet ihr hier noch nach Schillingen?« fragte ich neckend. Sie lachte. »Alte Gewohnheit; man hat solange Schilling gesagt. Also ihre Sonntagspfennige.« Wie lieb sie aussah, wenn sie lachte. »Geht es der Mutter auch so gut wie dir?« fragte ich. »Dann will ich mich freuen.« »Es geht ihr nicht schlecht,« erwiderte die Schwester. »Sie ist jetzt viel zufriedener, da sie der Geschäftssorgen ledig ist und auch mich geborgen weiß. Und jetzt trägt sie die Freude, dich wiederzusehen, und die stille Hoffnung, dich zu behalten.« »Wir wollen sehen, wie es wird,« sagte ich. »Vorläufig bin ich nun mal hier, und wir wollen froh sein, daß wir uns wiederhaben.« »Nein!« rief sie, »du darfst nun nicht wieder fort.« So gingen wir noch eine Weile plaudernd nebeneinander, bis die Schwester rief: »Da sind wir!« Wir waren in eine Straße eingebogen, die nur einseitig bebaut war; sie hatte ein freies Feld mit Laubenkolonien vor sich und bot einen nüchternen, trostlosen Anblick, der nur durch den hellen Sonnenschein, der alle Fenster der grauen Häuser stammen und blitzen machte, ein wenig gemildert wurde. »Also hier!« rief ich etwas gepreßt. Das Bild unseres Vaterhauses stieg vor mir auf, und ich wurde des Gegensatzes schmerzlich inne. Eine lange Häuserreihe stand vor uns, alle gleich hoch, gleich breit, gleich grau, mit der gleichen Anzahl Fenster. Eine rechte Vorstadtstraße nach der Schablone gebaut, die ganze Reihe dieser Wohnkästen unter einem Dach. Wir traten in eine der vielen Türen ein, stiegen bis in den zweiten Stock hinauf, und die Mutter hing an meinem Hals. ›Wie klein sie geworden ist,‹ dachte ich. Unsere Tränen flossen ineinander, wir küßten uns wieder und wieder und ihre lieben Hände streichelten mir die Backen, als wäre ich ihr kleines Kind. Sie war noch kurzsichtiger geworden, und ihre grauen, getrübten Augen suchten in nächster Nähe mein Gesicht nach den bekannten Zügen ab. »Ich bin's noch,« sagte ich lachend. »Ja, du bist's noch, und wie gut du aussiehst. Ich fürchtete schon, es ginge dir schlecht.« Sie zog mich zu sich auf das kleine Sofa nieder und stellte Fragen über Fragen. Mir war aber mehr darum zu tun, erst einmal von ihr selbst etwas zu hören, und während die beiden lieben Frauen durcheinander auskramten, was zu berichten war, hatte ich Zeit, mich umzusehen. Die wenigen Möbel des kleinen Zimmers waren mir alle bekannt und vertraut; sie waren das wenige, was die Mutter aus dem Zusammenbruch gerettet hatte. Auch das alte Klavier stand da und sah mich wie mit den Augen eines alten Jugendfreundes an, der bescheiden wartet, daß auch an ihn die Reihe der Begrüßung kommt. Ich gedachte des Wandels der Zeit, gedachte der Kindertage, wo wir, um das alte Instrument geschart, dem Spiel der Mutter lauschten und mit ihr sangen, und die enge Gegenwart, welche die damals jugendliche, schöne und im reichen Glück sitzende Spielerin verurteilte, an eben diesen Tasten ihren Erwerb zu suchen, um ein kleines und gedemütigtes Leben kümmerlich fristen zu können, fiel mir schwer aufs Herz. Ein alter Kapitän, dessen Frau eine Lübeckerin und mit den früheren Verhältnissen unserer Familie wohl vertraut war, und die sich meiner Mutter schon früher nützlich gemacht hatte, indem sie ihren kleinen Bedarf an Tee und Schokolade bei ihr deckte, hatte ihr als erste Klavierschülerinnen geradezu seine Töchter aufgedrungen, den Stundenpreis selbst bestimmt und so diktatorisch Vorsehung gespielt. Es hatten sich noch einige Töchter in der Nachbarschaft hinzugefunden, meist Kinder von kleinen Seeleuten, die ihren Stolz darin suchten und deren Einkommen es ihnen gestattete, ihren Mädchen das Klavierspielen lernen zu lassen. Was sie zahlten, war lächerlich gering, fünfzig und sechzig Pfennige für die Stunde, aber da sie alle auf einem Haufen wohnten, verlor meine Mutter nicht viel Zeit mit dem Zwischenlaufen und konnte immerhin mit einem Taler Tagesverdienst rechnen. Das alles erfuhr ich ziemlich breit und umständlich. Hiernach aber sollte ich von meinen Zukunftsplänen erzählen. Da konnte ich denn nur sagen, daß sie vorerst ganz ins Ungewisse gingen. Auf jeden Fall müsse ich mich ja wieder um eine Anstellung bemühen, und wenn ich sie in Hamburg nicht fände, was ich sehr befürchte, müsse ich mich wieder nach auswärts wenden. Diese Aussicht machte sie beide sehr niedergeschlagen. Sie hatten sich Hoffnung gemacht, ich könnte nun bei ihnen bleiben, und die Mutter sprach es sogar mit einiger Zuversicht aus. »Gewiß wirst du etwas Passendes finden, wenn du dich nur ordentlich darum bemühst. Es sind ja so viele Buchhandlungen in Hamburg, und du bist doch auch noch von früher her bekannt, und sie werden dich gern wieder nehmen.« Ich mußte lächeln über die Naivität der Mutter, beruhigte sie aber vorerst, indem ich ihr versprach, mein möglichstes zu tun, und versicherte, daß es mein eigener Wunsch wäre, bei ihr zu bleiben und ihr nach Kräften zur Seite zu stehen. Sie war sogleich ganz glücklich und rief: »Wenn wir den lieben Gott nur recht bitten, wird er dich schon etwas finden lassen.« »Du hast dir dein Gottvertrauen noch immer erhalten, Mütterchen,« sagte ich. »Und er hat mir noch immer beigestanden,« sagte sie zurück. Dies Wort aus ihrem Munde nach so schweren Heimsuchungen rührte mich, und ich drückte ihr zustimmend die Hand. Wir ließen nun die Zukunft vorläufig in ihrem Dunkel und wandten uns der Gegenwart zu. Ich mußte die ganze kleine Wohnung in Augenschein nehmen, die aus drei Zimmern und einer Küche bestand und einen traulichen Eindruck machte; Licht und Luft hatten reichlich Zutritt, und alles war im saubersten Zustand. In dem Zimmer, das mir als Schlafraum zugewiesen wurde, stand noch ein zweites Bett. Dieses war für meinen Bruder bestimmt, der in einigen Tagen aus Kiel erwartet wurde. Er hatte seiner Militärpflicht bei der Marine genügt und hatte seit einem halben Jahre einen bescheidenen Posten als Schlosser auf einer Werft inne. Jetzt rückte die Zeit näher, wo er von seinem Vaterlande Abschied nehmen wollte, und die Mutter brach in Tränen aus, als nun unsere Gedanken sich diesem Sohn zuwendeten, den sie gegen den soeben wiedergewonnenen verlieren sollte. Sie lobte ihn in den zärtlichsten Ausdrücken, immer habe er sie treu unterstützt, seine letzten Groschen mit ihr geteilt und sich während seiner Dienstzeit auf das knappste beholfen und sei doch immer wohlauf und guter Dinge gewesen. Dieses beschämte mich nicht wenig, denn ich hatte mein ganzes Gehalt immer für mich aufgebraucht, und wenn ich bedachte, daß ich der Mutter während meiner Lehrzeit noch manchen Extrataler gekostet hatte, während er schon im ersten Jahre in Verdienst gewesen war, so schien ich mir völlig im Nachteil gegen ihn. Aber von nun an wollte ich es nicht länger an mir fehlen lassen und mich als männliche Stütze der Mutter und Schwester erweisen. Ich fühlte lebhaft, daß meine Rückkehr nach Hamburg eine Epoche in meinem Leben bedeute, daß ich mit dem Abschied von meinem lieben thüringischen Städtchen zugleich auch Abschied von meiner Jugend genommen hatte. * Ich lief bald durch die ganze Stadt von einem Buchhändler zum anderen. Ich konnte aber keine Beschäftigung finden, nirgends war ein Platz vakant. Ich hörte, daß mein früherer Prinzipal gestorben und sein Geschäft in andere Hände übergegangen sei. Ich klopfte auch bei seinem Nachfolger vergebens an. Hier und da erlebte ich die Freude, daß man mich noch im Gedächtnis behalten hatte und als einen Bekannten begrüßte, dem man gern geholfen hätte. Man schrieb sich meine Adresse auf, aber überall waren die Aussichten schlecht. Die Mutter, gewohnt von der Hoffnung zu leben, wollte indes immer noch nicht verzagen und tröstete mich in Erwartung zufälliger Umstände, die vielleicht einen Platz für mich freimachen könnten. In der ersten Woche des Oktobers traf der Bruder ein. Wie sehr war er gewachsen, gereift und mir an äußerer Männlichkeit überlegen. Braun gebrannt bis auf die Spitze seiner großen Nase, mit hellen, freien Augen, den eigenartigen wiegenden Gang des Schiffsvolkes noch in den Beinen, so schien er mir wohl geeignet, sich gleich aufs neue wieder auf das Weltmeer hinaus zu begeben. Mit der paradiesisch schönen Insel der Südsee sollte er seine rauhe, nordische Heimat vertauschen, ewigem Sommer ging er entgegen, Palmenwäldern, blauen Küsten und einem immer lachenden Himmel. Sollte ich ihn nicht beneiden? Schon die nächsten Tage würden ihn hinausführen in die goldene Weite, während ich in Enge und Dürftigkeit zurückblieb. Die Mutter war tiefbewegt und überschüttete den Bruder mit tausend kleinen Zärtlichkeiten, und ich mußte mich darein finden, daß ich für die Zeit seiner Anwesenheit ein wenig beiseitestehen mußte. Am Abend vor seiner Abreise saßen wir noch ein letztes Mal an unserem alten Klavier und spielten Haydnsche Symphonien. Er saß wie früher vor den Baßnoten. Es war, als hätten wir uns nie getrennt, so einig und innig ging es zusammen, und ich bewunderte seine großen Arbeitshände, die ihm noch so gut gehorchten. Bei einem heiteren Finale aber bemerkte ich, wie ihm plötzlich ein paar Tränen über die braunen Wangen liefen. Er sah mich mit einer komischen Grimasse an, und wir lachten und sprangen auf. »Zum Weinen lustig!« rief er. Aber es zuckte doch in seinem Gesicht. Am anderen Tag brachten die Schwester und ich ihn ans Schiff. Die Mutter war in ihrem Gottvertrauen wunderbar gefaßt gewesen, wenn sie den Scheidenden auch immer und immer wieder mit tränenden Augen umarmt hatte, bis es ein letztes Mal sein mußte. Sie blieb in der offenen Tür stehen und sah uns die Treppe hinunter nach. Mich umwendend, sah ich, daß sie mit unendlicher Zärtlichkeit eine Bewegung machte, als wolle sie ihn zurückhalten; ahnte sie, daß sie ihn nicht wiedersehen würde? Da wir ihn nicht an Bord des Schiffes begleiten durften, so eilten wir auf die Höhe des Stintfangs, um von dort noch einmal dem Scheidenden, Vorüberfahrenden einen letzten Gruß zuwehen zu können. Langsam glitt der große Dampfer aus dem Hafen. Am Heck stand eine schlanke, dunkle Gestalt, die zu uns heraufwinkte. Helle Sonne lag über dem breiten Strom, und weiße Möwen begleiteten das Schiff mit spielendem Fluge. Als wir zurückkehrten, fanden wir die Mutter am Fenster sitzen und in ihrem Gesangbuch lesen. »Befiehl du deine Wege Und was dein Herze kränkt Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt; Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.« Sie hatte in ihrer Frömmigkeit den rechten Trostspruch gefunden, der nicht nur für sie, sondern auch für ihren nun dem Wind und den Wellen preisgegebenen Seefahrer Geltung hatte. Sie war bewegt, aber gefaßt, nahm die letzten Grüße des Bruders mit einem dankbaren, wehmütigen Lächeln entgegen und schloß uns beide in ihre Arme. Dann zog sie mich zu sich aufs Sofa, hielt meine Hand und sagte: »Weißt du, was ich mir so im stillen ausgedacht habe, als ihr weg wart? Fahre nur nicht gleich auf und rede dagegen. Ich bin gewiß, der liebe Gott hat mir den Gedanken eingegeben, da er deinen Bruder nun von mir genommen hat.« »Auf Zeit,« unterbrach ich sie, über diesen Ausdruck erschrocken. »Ach, wer weiß, ob ich ihn wiedersehe,« sagte sie ruhig. »Da ich dich nun aber wieder habe, möchte ich dich nicht wieder fahren lassen.« »Nun, was ist's denn, Mutter?« fragte ich. Sie setzte mir etwas verlegen und stotternd ihren Plan auseinander, der darauf hinausging, ich solle ihre Musikstunden übernehmen und mir auf diese Weise eine Existenz an ihrer Seite gründen. Ja, sie hatte schon alles im kleinsten überlegt: die Eltern ihrer Schülerinnen würden gewiß mit Freuden einwilligen, ein männlicher Lehrer wäre doch etwas ganz anderes als wie eine alte Frau wie sie; ich könnte den Kindern doch ihre Stücke vorspielen, während ihre Finger steif und stumpf geworden wären. »Unmöglich!« fuhr ich sogleich auf. »Wie könnte ich das!« »Warum nicht, ich hab' es doch auch gekonnt!« meinte sie. »Das ist etwas anderes,« sagte ich. »Sieh, von mir verlangt man mehr, muß man mehr verlangen, ich selbst muß das. Wie sollte ich das leisten können? Mein bißchen Spiel – nein, das schlagt euch nur aus dem Kopf, daraus kann nichts werden.« »Ich wußte es ja, daß du aufbegehren würdest,« sagte die Mutter sanft und traurig. »Aber überlege es dir nur noch einmal. Ich will inzwischen bei den Eltern anfragen, ob sie damit einverstanden wären.« Ich wollte aber auch davon nichts wissen. Ein Sonntagsmorgen jedoch brachte die Entscheidung. Die Mutter war mit der Schwester in die Kirche gegangen, und als ich nun allein in der sonnenhellen Wohnung war und ihren stillen Frieden recht mit Behagen genoß, überkam mich so eine heimatliche, zärtliche Empfindung, die mich durch alle Zimmer trieb, an jedem alten Möbel wieder Erinnerungen wachwerden und mich in verzeihlicher kindlicher Neugierde auch wohl in diese und jene Schublade hineingucken ließ. Zuletzt setzte ich mich auf den Fensterplatz der Mutter, wo auf ihrem Nähtisch das alte Predigtbuch lag, und fing an zu blättern. Da sah ich denn, daß sie nicht in gedankenloser Frömmigkeit las, sondern, ganz mit ihrem Buche vertraut, überall mit Zeichen und Randbemerkungen nicht gespart hatte. Hier stand ein »Wie wahr!«, dort las ich ein rührendes »Trost in einer schwachen Stunde«, auf einem anderen Blatte hatte sie vermerkt: »Am Geburtstag meines lieben verstorbenen Kindes«, und endlich fand ich gar am Rande einer Predigt die Worte: »Als mein Sohn in Hamburg in schlechte Hände gefallen war.« Ich war verwundert, eine Blutwelle stieg mir in die Wangen. Aber ich mußte doch lächeln. Die kleine finnige Nelly. Ich las die Predigt, ohne eine Verbindung zwischen dem Text und dieser Randbemerkung finden zu können, es sei denn der eine Satz: »Durch alle Sünden können wir hindurchgehen und doch des Himmelreiches teilhaftig werden, so wir wahrhaft Buße tun.« So hatte das Mutterherz um mich gebangt! Ich gedachte der Stunde, da ich vor meinem ersten Auszug in die Welt ihre Hand auf meinem Scheitel fühlte und ihre traurige, zärtliche Stimme hörte: »Bleibe ein guter Mensch!« Und ich führte das Buch, durch das eine fromme Frau und Mutter mit ihrem Gott verkehrte, leise an die Lippen. Dann ging ich an Klavier. Zwei Stunden lang spielte ich, alles um mich her vergessend. Als die Mutter vom Kirchgang heimkehrte, fiel ich ihr um den Hals: »Mutter, ich bleibe! Du bist nun abgesetzt.« Das war ein Freudensonntag für die Mutter. II Es war eine wunderliche kleine Gesellschaft, die nach der Pfeife meiner Mutter hatte tanzen lernen sollen; ein Elefant, ein paar Bären, ein widerspenstiges Böcklein und, als besonderes Schaustück, zwei gelehrige Pudel. Wie mochte die Ärmste sich mit diesen Schülerinnen abgequält und was mochte es sie gekostet haben, ihnen wenigstens die Kunststücke beizubringen, die sie zuletzt machen konnten. Ganz unerfahren im Unterrichten, suchte ich nun meist durch größere Energie die Faulen aufzurütteln, und sie fühlten denn auch bald die festere Hand. Die Eltern merkten den neuen Wind, der wehte, auch, und ich sah zufriedene Gesichter. Am meisten war meine Mutter erfreut, daß alles so gut ging, und daß die Kinder nun doch noch einen tüchtigen Lehrer hatten. »Mutter,« rief ich lachend. »Ich verstehe nicht mehr davon als du. Ich muß das Unterrichten erst lernen. Die armen Bälger sind meine Versuchskaninchen. So meine ich denn, wenn ich es fortsetzen soll, ich muß erst selbst wieder Unterricht nehmen: denn wie soll ich lehren, wenn ich nichts gelernt habe?« Sie sah das ein, und, wie sie war, dachte sie sogleich an Rat. Sie hatte denn auch schon nach einigen Tagen von der Frau unseres Hauswirtes eine Empfehlung an einen vielbeschäftigten Musikpädagogen in der Tasche, der bestimmt werden sollte, mich für ein billiges zu unterrichten. Nicht ohne Herzklopfen ging ich zu ihm; er empfing mich jedoch sehr freundlich: er wolle sehen, was er für mich tun könne. Er nötigte mich sogleich an den Flügel, fragte, wie weit ich es denn schon gebracht hätte, und legte mir Mozarts Sonate facile aufs Pult. Ich hatte die Sonate zwar seit meiner Kindheit nicht mehr gespielt, glaubte aber, gut damit bestehen zu können. Die Angst fuhr mir aber doch nach den ersten Takten in die Finger, und das Passagenwerk, das gerade bei Mozart die größte Fazilität erfordert, geriet recht holprig, so daß ich am Ende mit einem roten Kopf dasaß. Der Professor schien aber nicht unzufrieden zu sein. »Gut,« sagte er, »es wird gehen; zuerst dürfen Sie natürlich nur technische Übungen spielen. Wie ist es mit den Tonleitern?« Ich war nur froh, daß er mich nicht gleich abgewiesen hatte, und spielte meine Leitern so gut, wie ich es eben vermochte. »Nun, es wird sich schon machen,« meinte er. »Kommen Sie morgen wieder. Paßt es Ihnen von sieben bis acht Uhr?« »Von sieben bis acht Uhr habe ich zu unterrichten,« sagte ich kleinlaut, denn ich schämte mich, daß ich Stümperlein schon andere etwas lehren wollte. »So früh schon?« fragte er verwundert, was ich abermals auf meine Überhebung bezog. Er hatte es aber anders gemeint: ich sollte schon des Morgens um sieben Uhr bei ihm antreten. »Ist es Ihnen zu früh?« fragte er. »Nein, gewiß nicht,« versicherte ich und fragte schüchtern: »Und wie hoch ist das Honorar?« »Mein niedrigster Preis ist sechs Mark für die Stunde,« war die niederschlagende Antwort. »Aber wie ich höre, können Sie soviel nicht zahlen. So will ich es Ihnen auf die Hälfte ermäßigen. Drei Mark sechzig, ist Ihnen das recht?« Ich wunderte mich, daß die Hälfte von sechs Mark drei Mark sechzig sein sollte, wagte aber nichts einzuwenden, überschlug schnell, daß ich es eben würde aufbringen können und sagte: »Ja, ich danke Ihnen sehr.« Die Mutter war entsetzt über das viele Geld, das ich zahlen sollte. Ich beruhigte sie aber. Je mehr ich gelernt hätte, je höhere Preise könnte ich dann selbst fordern. Ich ging nun wöchentlich zweimal in frühester Morgenstunde zu meinem Professor, und die Mutter mußte an diesen Tagen etwas von ihrer Nachtruhe opfern, denn sie wollte es sich nicht nehmen lassen, mir meinen Kaffee zu bereiten und zu sorgen, daß ich warm und gesättigt auf die noch dunkle und kalte Straße hinauskäme. Mein Lehrer war ein Frühaufsteher und ein fleißiger Arbeiter. Ich fand ihn schon regelmäßig an seinem Pult und beim Schein einer Lampe schreiben, die mit einem großen, grünen Schirm abgeblendet war. Er war auf dem einen Auge fast erblindet, und es sah komisch aus, wenn er beim Spielen das bebrillte Gesicht so dicht über die Notenreihen hinführte, als sollte die Nase ihm beim Entziffern der schwarzen Zeichen helfen. Er trank in dieser frühen Morgenstunde seinen Tee und bot auch mir immer freundlich eine Tasse des wärmenden Trankes an; den schlürfte ich dann mit Behagen und wärmte mir dabei an der heißen Tasse die Finger. Er hatte die Musikkritik für eine größere Tageszeitung zu schreiben, und da er auch komponierte und edierte, hatte seine fleißige Feder immer Arbeit genug. Ging es nach dem genossenen Morgentee ins Musikzimmer an den Flügel, so war er sofort ganz bei der Sache. Er war ein erfahrener, tüchtiger Pädagoge, und ich merkte bald, daß ich für mich kaum einen besseren Lehrer hätte finden können. Er ließ mich ganz wieder von vorne beginnen, mit den einfachsten mechanischen Übungen, und führte mich ganz langsam auf sicheren Wegen zu einer anständigen Technik, bevor er mir erlaubte, »Stücke« zu spielen. Ich übte täglich vier Stunden unverdrossen und bedauerte die arme Mutter, die es jedoch geduldig anhörte. So sollte ich also doch noch ein Künstler werden? Ich sah jetzt wie in ein schönes Morgenrot, das einen strahlenden Tag verkündet; freilich war es noch gar früh an der Zeit, und dem Sonnenwanderer fröstelte in seinem dünnen Röckchen, das kaum seine Blößen verbarg. Aber die lichtfrohen Augen tranken den ersten Glanz des Tages und meine Seele war voll Hoffnung. Doch es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Man hatte mich an eine neue »Kundschaft« empfohlen, und ich machte mich auf den Weg, sie aufzusuchen. Die Adresse, die ich mir notiert hatte, führte mich in ein altes Gebäude, das abseits der Straße in einem Hof lag. Eine Wendeltreppe, der ein Strick als Geländer diente, führte, immer dämmriger werdend, ins Dunkel hinauf; nur ab und zu zeigten sich die Umrisse einer Tür. Es war ein sogenannter Saal, und je höher ich stieg, je dunkler wurde es, und je schwerer fiel es mir aufs Gemüt, daß ich mir auf solchen Wegen mein Brot suchen mußte. Im dritten Stock, wo die Witwe wohnen sollte, der ich empfohlen war, tastete ich nach der Tür, hinter der ich ein fröhliches Singen vernahm. Ich klopfte an, worauf denn das Singen verstummte, schnelle Schritte sich näherten und die Tür mit einem kurzen Ruck geöffnet wurde. Ich trat in einen lichten, freundlichen Raum, wo drei junge Frauenspersonen an einem Bügelbrett beschäftigt waren. Ein Haufen weißer Wäsche lag herum und erfüllte das ganze Zimmer, das halb Vorplatz, halb Wohnraum war, mit seinem frischen Geruch. Die mich hereingelassen hatte, eröffnete mir alsbald, daß die gesuchte Witwe hier nicht wohne, warf einen dreisten Blick in mein Notizbuch und lachte. »Achtundachtzig, da sind Sie freilich ganz recht. Aber es ist doch verkehrt, denn wohin Sie wollen ist hundertachtundachtzig.« »Das ist wohl noch weit?« fragte ich. »Nicht so weit, aber schwer zu finden. Wissen Sie Meyers Gang?« »Ja, den weiß ich.« »Nun, darüber hinaus –« »Und dann links und dann rechts und dann drei Treppen hoch und vier herunter,« fiel ihr eins der anderen Mädchen ins Wort. »So findet der Herr sich auch nicht hin. Haben Sie aber Zeit, kann ich es Ihnen zeigen. Ich bringe gleich die Wäsche hin, fünf Minuten noch.« Ich nahm es dankbar an, setzte mich dieweil auf einen Stuhl, den sie mir freundlich zuschob, und sah sie das Bügeleisen wieder über die Wäsche führen. Sie fing unbefangen an, zu ihrer fleißigen Arbeit ein Lied zu singen. Ihre Stimme war von reinstem Klang, und ich bedauerte, als sie ihr Eisen beiseite stellte und erklärte, es sei nun Zeit zu gehen. Sie verschwand im Nebenraum und hatte ein kleines, buntes Tuch über ihre Schultern geschlagen, als sie wieder zurückkehrte. Mit ein paar schnellen Griffen packte sie die Wäsche in den Korb und winkte mir, ihr zu folgen. »Sie sind wohl Musikant?« fragte sie unterwegs. »Ich sehe es an den Noten, die Sie unterm Arm tragen. Die Lene soll wohl nun Klavierstunde haben?« »Ja,« sagte ich verwundert und belustigt, »kennen Sie Lene?« »Ich hab' einen Bruder, der ist auch Musikant,« sagte sie, ohne auf meine Frage einzugehen. »So,« sagte ich. »Ja, er arbeitet bei Ludofsky in der Kakesfabrik. Aber Sonntags spielt er zu Tanz.« »Klavier?« »O nein, Trompete,« sagte sie überlegen. »Das ist aber erst schwer. Aber er verdient sich 'nen netten Schilling damit. Spielen Sie auch zu Tanz?« Als ich es lachend verneinte, sah sie mich unsicher an. Aber nicht sie, sondern ich wurde verlegen, denn ich sah, wie ihre Augen schnell an mir herunterliefen, und ich dachte: ›Du siehst gewiß so ärmlich aus, daß sie dich nicht anders, als für einen Tanzbodenmusikanten einschätzen kann.‹ Und mir fiel ein, daß ich ein Loch im Unterfutter hatte; sie konnte es freilich nicht sehen, aber ich empfand es doch peinlich, und ich schämte mich meiner Ärmlichkeit, die mich gleichsam auf du und du mit ihr stellte. Wir waren inzwischen durch einen Torweg in einen Gang eingebogen. »Da wären wir,« sagte sie. »Gehen Sie nur den Gang hinunter, das letzte Haus links; ich muß hier vorn hinein.« Ich war töricht genug, mich durch dieses kleine Abenteuer gedemütigt zu fühlen. Ich gab noch am selben Abend der Mutter meinen Rock zum Flicken. Doch was half's, ich mochte trotz der sauberen Reparatur immer noch wie ein Tanzbodenspieler aussehen, und ich dachte: ›Wenn der schäbige Rock und die verwaschene Wäsche den Künstler machen, wirst du bald einer der ersten.‹ Aber ich sah keine Möglichkeit, mich eleganter zu kleiden. Ein abgegriffener, brauner Filz, dessen Ränder ins Gelbliche spielten, deckte nach wie vor mein Künstlerhaupt und mahnte mich mehrmals am Tage an die Niedrigkeit und Armseligkeit meiner Lebensstellung; drückte ich mich hastig von der Straße in einen jener Gänge am Hafen hinein, um einem polkalustigen Seemannskinde den Takt einzuklopfen, so glaubte ich oft die helle Stimme der munteren Wäscherin zu hören: ›Spielen Sie auch zu Tanz?‹ * Inzwischen war es Sommer geworden. Mich lockte es, in der ersten Frühe aufzustehen, um in der erquicklichen Morgenluft zu meinem Professor zu pilgern, meist auf einem kleinen Umwege, der mich an die Alster führte. Dankbar genoß ich das liebliche Morgenbild des besonnten jenseitigen Ufers. Mein Weg lag noch im Schatten, aber das steigende Licht warf seinen frühen Glanz schon über die breite Wasserfläche, auf der einzelne Dampfer der Stadt zueilten und verschlafene Schwäne sich wiegten. Eines Tages redete mich auf meinem Morgengange ein junger Mann an. »Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr?« fragte er. Ich betrachtete ihn genauer und sann nach, wo ich ihm schon begegnet sein mochte, konnte mich dessen aber nicht entsinnen. Er nannte den Namen einer mir völlig fremden Familie, in der er mich schon einmal getroffen haben wollte: ich habe dort Klavier gespielt, von einem Geiger begleitet, dessen mir ebenfalls fremden Namen er nannte. »Nun,« meinte er, »es muß schon so sein, mein Gedächtnis kann mich nicht so täuschen. Aber sei dem, wie ihm wolle; jedenfalls bin ich Ihnen schon um' diese Morgenstunde mehrfach begegnet, ohne daß Sie mich beachtet haben. Immer aber sind Sie mir aufgefallen, und ich habe schon manchmal den Wunsch gehegt, Ihnen näher zu treten.« »Seltsam,« sagte ich, »und was erweckt diesen Wunsch in Ihnen?« »Sie müssen sehr viel Energie besitzen,« antwortete er. Ich lächelte, seine Antwort überraschte und amüsierte mich. »Warum meinen Sie das?« »Ich sehe es an Ihrem Gesicht. Ich habe selten ein so energisches Gesicht gesehen. Stehen Sie immer so früh auf?« »Regelmäßig,« sagte ich lachend. »Das kostet mich keine besondere Überwindung.« »Und Sie arbeiten viel? Studieren Sie Musik?« Er schien mir aufdringlich, und ich sagte etwas kurz: »Ja, aber warum fragen Sie nach allem?« Er wurde plötzlich rot und entschuldigte sich. »Ich muß Ihnen sehr taktlos und aufdringlich erscheinen. Das Interesse, das mir Ihre Persönlichkeit eingeflößt hat, muß mich entschuldigen. Würden Sie mir die Ehre einer näheren Bekanntschaft gönnen?« ›Wunderlicher Mensch,‹ dachte ich. ›Wer bist du? Was willst du von mir?‹ Er zog seine Karte, überreichte sie mir förmlich und sagte: »Ich will Sie nicht länger aufhalten. Ich muß Ihnen schon sonderbar genug vorkommen. Aber hier haben Sie meine Adresse. Vielleicht habe ich das Glück, von Ihnen zu hören. Sonst entschuldigen Sie, bitte, wenn ich Sie belästigt habe.« Er lüftete den Hut, verneigte sich kurz und entfernte sich mit langen, hastigen Schritten. Welch ein seltsames Abenteuer! Ich hielt die Karte in der Hand, sah ihm nach und schüttelte den Kopf. Ich hielt ihn für einen Narren, obgleich sein Äußeres mir wohl gefallen hatte und durchaus nichts Gestörtes zeigte; ein langes, feingeschnittenes Gesicht mit schöner Nase und ein Paar blauen, klugen Augen, das ein paar Blatternarben nur wenig entstellten. Natürlich beschäftigte mich die sonderbare Begegnung noch lange, und ich ging mit mir zu Rate, wie ich mich dem Fremden gegenüber wohl am besten verhielte. Ich schalt mich, daß ich nicht einmal gefragt hatte, was er denn sei und was er triebe. Vielleicht war er auch Musiker, und seine Bekanntschaft konnte mir von Vorteil sein. Meine Mutter war durchaus nicht so überrascht von meiner Erzählung wie ich erwartete: es schien ihr Freude zu machen, daß mein Charakter eine so gute Note, wenn auch von ganz unbekannter Seite, bekommen hatte, und sie schloß sogleich, es müsse gewiß ein guter und kluger Mensch sein, der sich so geäußert habe. Auch überredete sie mich, ihn aufzusuchen und eine Bekanntschaft anzubahnen. So setzte ich mich denn einige Tage später hin und schrieb dem Fremden ein Billett; ich hätte die Absicht, auf seine Einladung einzugehen, ob ihm mein Besuch noch erwünscht sei. Eine ganze Weile ließ er mich auf Antwort warten; endlich kam ein Brief, worin er mich mit Ausdrücken des Dankes und der Freude bat, zu kommen und mir eine Abendstunde angab, wann ich ihn treffen würde. Er habe mit der Antwort solange gezögert, weil er sich seines Überfalles von damals nachträglich geschämt hätte. Er wisse selbst nicht, wie er den Mut dazu gefunden habe, und bäte mich auch jetzt noch, ihn zu vergessen, wenn ich nur das geringste Mißtrauen in seine Person setze. Wenn ich aber käme, würde ich ihn glücklich machen, und er würde seine Dreistigkeit als eine Eingebung seines guten Genius segnen, denn er glaube ein guter Menschenkenner zu sein und fürchte nicht, sich in meiner Person getäuscht zu haben. Das alles war so bescheiden und liebenswürdig gesagt und in einer so gebildeten und charaktervollen Handschrift zu Papier gebracht, daß alles Mißtrauen schwand und ich mich zu ihm auf den Weg machte. Er wohnte in einer guten Gegend, im dritten Stock eines modernen Mietshauses. Er öffnete mir selbst die Tür, empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit und führte mich sogleich in ein behagliches Wohnzimmer, wo eine große, starke Dame im Sofa saß und strickte. Er stellte sie mir als seine Mutter vor, und ich reichte der alten Frau, die mich durch zwei große Brillengläser forschend ansah, die Hand. »Mein Sohn freut sich sehr, daß Sie gekommen sind. Er hat mir schon viel von Ihnen erzählt.« Wie konnte er viel erzählt haben, er kannte mich ja noch gar nicht. Er fügte aber den Worten seiner Mutter sogleich hinzu: »Viel zu wenig, denn so recht weiß ich ja eigentlich nichts von Ihnen, als nur, daß Sie mir gefallen haben.« Er errötete dabei wie ein junges Mädchen. »Mein Sohn hat einen sehr scharfen Blick für Menschen,« bedeutete die alte Frau. Er lächelte. »Ich bilde mir das wenigstens ein; ich habe mich auch selten getäuscht. Und warum soll man nicht, wie man sich bemüht, eine schöne Pflanze, einen seltenen Stein oder ein hübsches Bild in seinen Besitz zu bekommen, warum soll man nicht auch trachten, die Bekanntschaft eines Menschen zu machen, der einem gefällt?« Er sah mich fragend an, und ich gab ihm recht. »Mein Sohn ist immer so allein,« sagte die alte Frau, »und jeden mag er nicht. Und wenn der Mensch immer so für sich allein ist, das tut nicht gut.« Ich war ein wenig verlegen. Was wollte man von mir? Was waren es für Leute, die mich gleichsam mit Gewalt von der Straße weg in ihren Kreis zogen? »Ich bin Ihnen erst mal eine kurze Erklärung schuldig,« nahm der Sohn wieder das Wort. »Vor allem das Geständnis, daß ich mich von meinem Irrtum überzeugt habe und daß nicht Sie es waren, den ich in jener Gesellschaft getroffen habe; aber das tut nichts mehr zur Sache. Sie sind es doch, dessen Bekanntschaft ich suchte; so ist schon alles recht. Doch ich muß Ihnen nun über meine Person Aufschluß geben, damit Sie wissen, mit wem Sie es eigentlich zu tun haben. Ich bin Kaufmann sehr wider meinen Willen, aber ich bin es nun einmal und finde mich damit ab. In meinen Mußestunden aber suche ich nach einem Ausgleich. Für die Musik, so sehr ich sie liebe, fehlt mir jede Begabung. Aber meine Bibliothek enthält eine Menge guter Bücher, die ich mir zur Belehrung und Unterhaltung nach und nach angeschafft habe. Ein wenig beschäftige ich mich auch mit Naturwissenschaft, und ich habe allerlei Sammlungen, die Ihnen vielleicht Teilnahme abnötigen. Aber das alles sind tote Schätze, wenn man nicht jemanden hat, mit dem man sie genießen, dem man sie mitteilen kann. Unter den jungen Leuten meines Berufes, mit denen mich die Verhältnisse zusammengeführt haben, ist keiner, der meine Liebhaberei teilt, und ich bin nun einmal für Bier, Skat und Sport nicht geboren, das heißt Sport, wie er vereinsmäßig betrieben wird. Ich bin kein Vereinsmensch und hasse alles Statuten- und Paragraphenwesen, ohne das es vielleicht nicht abgehen kann. Für mich allein aber betreibe ich allerlei; ich bade und schwimme, ich segle und rudere, habe auch ein kleines Boot auf der Alster – bin also durchaus kein Stubenhocker und Philister.« Er hatte das alles halblaut, sich oft unterbrechend und besinnend, auf mich eingesprochen, und sah mich nun an, als wollte er sagen: ›Jetzt ist an dir die Reihe.‹ Ich dankte ihm für sein Vertrauen und sagte ihm, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn wir zusammen harmonierten; denn es ginge mir wie ihm: ich fühlte mich gleichfalls allein, lebte nur mit meiner alten Mutter zusammen und entbehre, wie er, den Umgang mit einem gleichgestimmten Freund. »So lassen Sie es uns miteinander versuchen,« sagte er und hielt mir die Hand hin, in die ich ohne Besinnen einschlug. Er führte mich nun in ein anderes Zimmer und zeigte mir seine Sammlungen. An den Wänden hingen zwei kleinere Kästen mit aufgespießten Schmetterlingen; ein größerer, unter dessen Glas eine wahre Orgie von Farben leuchtete, stand auf einem Pult vor dem einen Fenster, ein Aquarium vor dem anderen, etwas abseits davon ein Terrarium. Alles aufs beste ausgestattet und aufs reichste bevölkert. Als ich näher treten wollte, hielt er mich zurück. Eine Schildkröte kroch langsam durchs Zimmer, und ich hätte sie beinahe getreten. »Sie hätte es zwar nicht gefühlt, aber sich doch erschrocken,« bemerkte er mit ernster Miene; »sie ist übrigens ganz zahm.« Er rief sie »Peter!«, worauf sie indes nicht zu hören schien, so daß er sie aufnahm und auf sie einredete. Sie streckte ihren langen Hals aus dem Panzer heraus und sah ihn an, als ob sie ihn verstünde, wobei sie langsam den feinen Kopf hin und her bewegte. Plötzlich setzte er sie schnell hin und rief: »Ah, da ist sie!« Er stürzte in eine Ecke des Zimmers und kam mit einer Schlange zurück, die sich ihm um den Arm ringelte und sich vergeblich bemühte, sich zu befreien. Ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Keine Angst,« beruhigte er mich. »Ich hab' ihr die Giftzähne ausgebrochen. Sie ist mir gestern entwischt, und ich suchte sie vergeblich.« Er setzte sie ins Terrarium zurück, schalt sie »Schlingel« und »Ausreißer« und lachte, als sie sich eiligst in eine Höhlung des Tropfsteines verbarg. »Verkriech dich nur! Schäm' dich!« Er schien zu allem diesem Wurmzeug ein persönliches Verhältnis zu haben. Molche und Salamander lagen auf dem Stein und zwischen den Schlinggewächsen, bewegten leise das zierliche Schwänzchen und schoben sich träge weiter. Er nannte mir die Namen aller dieser Geschöpfe, erzählte, wann und wo er sie gefangen und belehrte mich dann gleicherweise vor dem Aquarium, wo allerlei Wassergetier sich durcheinander bewegte und in beständiger Jagd aufeinander zu sein schien. An einem Haken in der Nähe der Tür hing eine große, grüne Botanisiertrommel, Ketscher verschiedener Größe standen in einer Ecke, und ich wunderte mich nicht, nun auch noch einen Glaskasten an der Wand zu gewahren, in dem ein ausgestopfter Pinguin in philosophischer Beschaulichkeit saß und aussah wie ein brütender Mönch. »Man muß sich beschränken,« sagte mein Freund, als er bemerkte, daß ich nach weiterem Gevögel Umschau hielt. »Ich interessiere mich eigentlich nur noch für das Terrarium. Den Vogel habe ich übrigens geschenkt bekommen, ich habe nie Vögel gesammelt. Ich mag das Tote, Ausgestopfte nicht. Eine lebendige Hecke hätte ich freilich gern, aber da heißt es pflegen und aufpassen, und die Zeit reicht dazu nicht aus. Aber darf ich Ihnen jetzt meine Bibliothek zeigen?« Ich folgte ihm in ein drittes Zimmer, in dem ein großer Schreibtisch stand. Drei Regale an den Wänden waren mit Büchern besetzt, die alle einfach aber gediegen gebunden waren und wie nach der Schnur in Reih und Glied standen; fachweise schienen sie sogar pedantisch nach der Größe geordnet zu sein. Schon in dem Zimmer, das seine Sammlung beherbergte, hatte ich eine peinliche Ordnung und Sauberkeit bemerkt, die mir hier noch mehr auffiel. Auch ein Blick auf den Schreibtisch bestärkte mich in der Vermutung, daß er von einer gewissen Pedanterie nicht frei war, wie sie Sammlern wohl eignet und nötig und nützlich ist. Er führte mich die Reihe seiner Bücher entlang, nahm hie und da ein Buch heraus und zeigte es mir mit einer gewissen Zärtlichkeit. Zu diesen seinen Lieblingen gehörten sowohl Dantes Göttliche Komödie, als Kellers Grüner Heinrich. Sein Geschmack nötigte mir Respekt ab; neben Goethe und Schiller standen Scott und Dickens und ein paar französische Romane, neben Schlossers Weltgeschichte und Vilmars Literaturgeschichte eine ganze Reihe naturwissenschaftlicher und geographischer Werke. »Sie sind Kaufmann?« rief ich aus. Er schien meine Verwunderung nicht gleich zu verstehen. »Muß man denn als Kaufmann gerade ein Banause sein?« fragte er dann zurück. Ich schämte mich und schwieg, und er führte mich wieder ins Wohnzimmer zurück, wo die alte Frau noch immer in der Sofaecke saß und strickte. »Nun,« sagte sie, »hat er Ihnen seine alten ekligen Würmer und Schlangen gezeigt? Haben Sie auch soviel übrig für die alten Dinger?« »Mutter möchte sie am liebsten alle vergiften,« sagte er. »Sie traut sich nur nicht heran.« Sie schüttelte sich. »So ein kaltes, schleimiges Wurmzeug! Aber mein Sohn geht ja ganz darin auf, und wo hat er das nur her? Sein Vater hatte einen rechten Abscheu vor allen Würmern und Fröschen. Nur Metten, da wußte er nichts davon, die konnte er ruhig anfassen; er war nämlich ein leidenschaftlicher Angler, müssen Sie wissen.« »War Ihr Herr Vater auch Kaufmann?« fragte ich ihn. »Beamter,« antwortete er, und ich erklärte mir aus der Erbschaft dieses angelnden Beamten seine Vorliebe für Aquarien und Terrarien und seine pedantische Ordnungsliebe. Meine Zeit war abgelaufen, und ich bat, mich verabschieden zu dürfen. »Nicht wahr, Sie lassen sich wieder sehen?« Ich versprach es, und die Mutter schien gleicherweise erfreut. »Wollen Sie am Sonntag mit mir rudern?« fragte er. »Gern, aber ich bin jedes Wassersportes unkundig.« »Ohne Sorge,« sagte er, »Sie können sich mir ruhig anvertrauen.« Das war mein erster Besuch bei ihm und der Anfang unserer Freundschaft. * Georg Seeberg war vier Jahre jünger als ich, aber mir trotz seiner Jugend in allem überlegen. Er war schon ein Jahr in London gewesen und ein halbes drüben in Valparaiso. Er sprach französisch, englisch und ein wenig spanisch. Außerdem besaß er eine gründliche Kenntnis der verschiedenartigsten Handelsartikel, wußte von fremden Völkern und Sitten hübsch zu plaudern während ich dem nichts entgegenzusetzen hatte als meine trivialen Kleinstadterlebnisse. So war er der Gebende und ich der Empfangende. Ja, selbst auf literarischem Gebiete zeigte er sich belesener als ich, der ihm noch das beschämende Geständnis machen mußte, daß ihm die fremden Literaturen wegen der mangelnden Sprachkenntnisse verschlossen waren. Da er mich nun auch noch im Rudern und Schwimmen meisterte, so hätte ich durchaus nicht gewußt, wie ich ihm imponieren sollte, wenn ich nicht meine Musik gehabt hätte. Das genügte ihm aber vollkommen, mich zu bewundern; er konnte ganz still in seinem Stuhle sitzen und mir stundenlang zuhören. Spielte ich ihm nicht vor, so lasen wir zusammen. Er liebte Mörike und Geibel und hatte oft ein Buch in der Tasche, wenn wir eine sonntägliche Bootsfahrt ins Alstertal hinein machten. Lagen wir zwischen unseren stillen Wiesen, wo sich das klare Flüßchen in vielerlei Windungen durch das idyllische Tal schlängelte, zog er wohl Strümpfe und Stiefel aus, watete, den Ketscher in der Hand, die Botanisiertrommel an der Seite, bis an die Knie ins Wasser und konnte sich in jeder Weise einer knabenhaften Ungebundenheit überlassen. Ohne irgendeinen Gefangenen blieb das grüne Verlies selten. Er hatte scharfe Augen und erspähte jedes Spinnlein und Käferlein, das sich für seine Glaskästen eignete. Immer wußte er es mit Namen zu benennen und mit ein paar Worten einen kurzen Abriß seiner Geschichte zu geben, welche Belehrungen freilich meistens an mir verschwendet waren; denn ich hatte wohl ein offenes Auge für alle Erscheinungen der Natur, ließ mir aber genügen, mich an Formen und Farben zu erfreuen, ohne nach Art und Namen zu fragen. Er verstand meine Art sehr wohl und war selbst der reinen ästhetischen Lust an der Buntheit der Welt zugänglich. Ihn entzückte des Himmels Bläue, des Flusses Silberglanz, der Wiesen Grün ebenso wie mich. Er genoß mit inniger Freude das Lied der Vögel und das Rauschen des Windes in Schilf und Laub. Und immer war er es, der zuerst Worte fand, während ich gern still blieb und meiner inneren Bewegung selten den Riegel öffnete. Wir schwärmten in stillen Mondnächten wie zwei Liebende, badeten zugleich in dem romantischen Licht des Nachtgestirns und der kühlen, alle Sterne und unsere weißen Körper widerspiegelnden Flut. Wir verträumten halbe Nächte draußen und beschwichtigten die besorgten Mütter mit einem feurigen: »Es war zu schön heute!« Ich pries mich glücklich, einen solchen Freund gefunden zu haben und dankte ihm. Er wies den Dank zurück. Es sei Selbsthilfe gewesen, daß er mich damals angeredet, er wäre sonst in einem unglücklichen, quälerischen Zustand verkommen. Er habe meiner bedurft, wie hätte er sonst wohl den Mut finden können, mich anzusprechen. Getäuschte Liebe, die Treulosigkeit eines Mädchens und der gleichzeitige Tod eines Freundes hätten ihn in eine tiefe Melancholie gestürzt. Er wäre menschenscheu geworden, ja krank, wenn er sich nicht gewaltsam aufgerafft hätte. Und was hätte ihn anders entschädigen können, als eine neue und echte Freundschaft? »Ich ging suchen, nicht wie Saul, der einen Esel suchte und ein Königreich fand, sondern wie ein bewußter Kronensucher.« »Und da dein Blick sich genügend an Spinnen und Käfern und dergleichen niederem Getier geschärft hatte, glückte es dir auch bei der zweibeinigen Gesellschaft,« versetzte ich scherzend. Er lachte und gab mir einen Klaps. III Wie schal und nichtig mußte mir das Leben erscheinen, das ich in der philiströsen Enge der Kleinstadt geführt hatte, wenn ich es mit der reichen, lebendigen Gegenwart verglich. Nur Marthas konnte ich rein und ohne Beschämung gedenken. Um des einen Gerechten willen wollte Gott Sodom verschonen. Ihre Briefe, die freilich in immer längeren Pausen eintrafen, verbanden mich noch mit dem kleinen Städtchen da unten zwischen Hügeln und Tannen. Aber ach, es war Krankenstubenluft in diesen Briefen; sie klagte nicht, eine wehmütige Resignation klang jedoch aus jeder Zeile, und was ich damals schon wußte, wurde mir doch jetzt in der Ferne erschreckend deutlich: daß sie mich geliebt hatte und noch liebte mit der ganzen Kraft ihres einsamen Herzens. Meine Mutter las ihre Briefe mit einem gleich frommgestimmten Gemüt. Das Schicksal der armen Gelähmten mahnte sie an ihr totes Kind und vermehrte ihre Teilnahme. Martha versäumte in keinem Briefe, die Mutter grüßen zu lassen, Gegengrüße antworteten ebenso regelmäßig, und zuletzt hatte meine Mutter sich hingesetzt und ihr einen herzlichen Brief geschrieben, worin sie nach ihrer bescheidenen Art noch einen Dank mochte einfließen lassen haben für alles, was Martha mir damals gewesen war; denn es kam alsbald ein Schreiben Marthas, worin sie jeden Dank zurückwies und im Gegenteil sich als die Dankschuldige hinstellte. »Sie schreiben mir Verdienste zu, liebe, verehrte Frau, die ich gewiß nicht habe. Was hätte ich arme, kranke Person Ihrem Sohn sein können? Mich dagegen hat er unendlich durch seine Güte beglückt und aufgerichtet. Ach, seitdem er fortging, habe ich keine Musik wieder gehört und muß nun von der Erinnerung zehren. Mein armer Bruder rührt seine Geige nicht mehr an. Ihr Sohn fehlt auch ihm. Da läuft denn unser Leben sehr still und einförmig hin, und alles, was uns von draußen Freundliches ins Haus kommt, macht uns einen Festtag. Dazu gehört, ja, es ist fast das einzige, ein Brief aus Hamburg. Gott hat mich zur Genügsamkeit erzogen, aber der Wunsch, solche lieben Briefe wie den Ihren öfter zu empfangen, erfüllt mein Herz. Grüßen Sie Ihren Sohn von einer alten Freundin, die noch von jedem Ton zehrt, den er ihrer einsamen Seele geschenkt hat, und seien Sie, liebe, verehrte, gnädige Frau, tausendmal bedankt von Ihrer Martha Prätorius.« Acht Tage nach diesem Brief kam von des Bruders Hand die Anzeige von ihrem Tode; ein Herzschlag habe ihrem Dulderleben ein schnelles und sanftes Ende bereitet. Wir waren tief erschüttert. Prätorius erzählte von den letzten Tagen der Schwester, wie sie schwächer und schwächer geworden und zuletzt wie ein ausgebranntes Licht jäh verloschen sei. Er glaube im Sinne der Verstorbenen zu handeln, wenn er mir das kleine Neue Testament übergäbe, das immer in ihrer Hand gewesen wäre und dessen ich mich wohl noch entsinnen würde. Das liebe Andenken kam, ich hielt es gerührt in der Hand, und die kleine, freundliche Kammer stand wieder vor meinen Augen. Ich sah die blaße, feine Dulderin auf ihrem weißen Bette vor mir; ich hörte ihre sanfte Stimme und hörte die bewegten Worte des Bruders: ›Sie hat Sie sehr geliebt, vergessen Sie sie nicht.‹ Ich schlug das heilige Büchlein auf, und es fielen mir getrocknete Blumen entgegen. Ein Gefühl sagte mir, sie seien aus dem Geburtstagsstrauß, und ich legte sie wundersam bewegt wieder an ihre Stelle. * Georgs Besitz mußte mich über den Verlust des lieben Mädchens trösten. Hatte ich viel verloren, so hatte ich dagegen auch viel gewonnen. Ich hatte die Freude, daß der Freund auch meiner Mutter sympathisch war, ja, sie sprach sogar einmal den Gedanken aus, er wäre ein Mann für die Schwester. Doch wollte sich zwischen diesen beiden ein herzliches Verhältnis nicht herstellen, wie denn Georg jeder Heirat abgeneigt zu sein schien. Es hatte sich aber für meine Schwester ein anderer Freier gefunden. Er war ein Freund meines Bruders, seines Zeichens Seemann und ein ansehnlicher, frischer Mensch mit dem Kapitänspatent in der Tasche. Die Schwester war über die erste Jugend hinaus, in einer abhängigen Stellung, hübsch und liebenswürdig, aber zu bescheiden, um sich auffällig zu machen. Von dem tadellosen Charakter und der besten Gesinnung des Freiers hatte sie sichere Beweise schon früher erhalten und seine vertrauenswürdige Art auch aus dem Munde des Bruders nur loben hören. Er hatte in seinem schönen und männlichen Berufe die höchste Staffel bereits in jungen Jahren erstiegen und bot ihr eine geachtete Stellung und ein gutes Auskommen. So hatten wir denn gegen Ende des Sommers eine Braut im Hause, und Mutter und Tochter saßen fleißig über der Aussteuer, die freilich nur eine bescheidene sein konnte. Im Herbst war die Hochzeit, und das junge Paar verzog nach Rotterdam, wo der Schwager in Kruppsche Dienste trat. So war ich denn der einzige, der der Mutter blieb, und sie sprach die Befürchtung aus, daß auch ich sie bald verlassen könnte. Ich tröstete sie, aber sie meinte: »Ach, einmal wirst du doch auch heiraten.« Nun warf denn freilich meine Schwester bald mit glückatmenden Briefen ein gutes Gewicht für die Ehe in die Wagschale, bis endlich auch ein jubelnder Brief des Schwagers die Geburt eines Sohnes meldete. Als aber das Frühjahr wiederum nahte, kamen statt der glücklichen Briefe der Schwester sorgenvolle Nachrichten ihres Mannes. Die junge Mutter hatte sich eine heftige Erkältung zugezogen, lag krank und wollte sich nicht erholen. Kummervolle Briefe gingen hin und her und zuletzt kam ein Telegramm an mich: »Sofort kommen, es geht zu Ende.« Eine Stunde später saß ich im Schnellzug, die Mutter mit ihrem Schmerz allein zurücklassend. In einem dunklen, fensterlosen Zimmer fand ich die Sterbende, sie lag in ihrem tiefen Wandbett; die lieben Augen waren geschlossen, die abgemagerten Hände ruhten regungslos auf der Bettdecke, nur ihre Brust hob und senkte sich krampfhaft. Erschüttert, mit gefalteten Händen stand ich am Bettrand, da rang sich von den blassen Lippen ein Ruf so qualvoller Sehnsucht, daß ich ihn nie vergessen kann: »So komm doch! So komm doch!« Galt er der Mutter? Galt er mir? Galt er dem Tode selbst? Ich hatte die Hände vors Gesicht geschlagen; als ich sie wieder fallen ließ, war alles vorbei. In fremder Erde betteten wir sie unter Rosen. Ein kurzes, lachendes Glück war für immer erloschen. Am anderen Tage mußte der Schwager in See gehen, und von einem zerstörten Herd kehrte ich zur Mutter zurück. Es war ein heiterer Frühlingstag, als der Zug durch die endlose Fläche der Lüneburger Heide eilte. Doch nie war sie mir so trostlos, so erdrückend in ihrer Einsamkeit vorgekommen. Die weißen Birkenstämme leuchteten in der Sonne, die Gräben und Bäche blitzten zwischen dem dunklen Moorgrund auf, Vögel stiegen aus dem Kraut in die flimmernde Luft, eine friedliche Schafherde mit hüpfenden Lämmern graste am Bahndamm entlang: ein lichtes Frühlingsbild unter blauem Himmel. Aber fern vom fließenden Horizonte her kam jemand durch das helle Bild geschritten, wachsend, einen dunklen Schatten werfend: der Tod. Wie eilig er es hatte. Er hielt Schritt mit dem hastenden Zuge. Ich sah in ein leeres, beinernes Gesicht. Konnten diese fleischlosen Kiefern lachen, diese leeren Augenhöhlen spöttisch blicken? Gewaltsam riß ich mich los. Und dann quälte mich das gleichmäßige, stoßende Geräusch der rollenden Wagen: ›So komm doch, so komm doch, so komm doch, so komm doch!‹ Und immer wieder: ›So komm doch, so komm doch, so komm doch, so komm doch!‹ * In den Sommerferien ging ich mit der armen, stillen Mutter in ein kleines billiges Seebad an der Ostküste Holsteins. Es war ein noch wenig bekanntes Fischerdorf, mit einem breiten, langgedehnten Strand schönen, weißen Sandes, wie geschaffen, bescheidene Badegäste, die in ländlicher Stille und Abgeschiedenheit nur der Gesundheit leben wollen, anzuziehen und festzuhalten. Wir hatten das Glück, ganz am Ende des Dorfes ein Häuschen zu finden, das mitten in einem großen Blumengarten lag. Der Besitzer war seines Zeichens Gärtner, ein Beruf, für den es kaum ein ungeeigneteres Feld gab als dieses entlegene Dorf. Die Leute wußten denn auch nicht recht, wie er sich mit seiner kleinen, verwachsenen Frau durchbrachte, da er sich weder mit der Fischerei beschäftigte, noch den drei Bauern des Dorfes bei ihrer Arbeit half. Er baute einiges Gemüse, pflegte seine Blumenbeete und kultivierte eine kleine Baumschule, für deren Zöglinge er immerhin einigen Absatz hatte. Doch mochte das Ehepaar etwas Vermögen haben oder die Kunst verstehen, sich bei geringem Einkommen mit ziemlichem Anstand nach außen hin zu behaupten. Er sah mit einem vollen weißen Bart sehr würdig aus, hatte ein kluges, nicht unschönes Gesicht und sprach ein gutes Hochdeutsch; sie, ein unansehnliches, kleines Geschöpf mit eingefallener Brust und spitzem Rücken, schien ihm an Bildung jedoch noch überlegen. Trotz ihres Gebrestes arbeitete sie mit pfeifendem Atem den ganzen Tag in Haus und Garten und hielt alles in sauberster Ordnung. Obwohl sie uns in leidlicher Harmonie zu leben schienen, hörten wir doch bald, daß sie keine besonders glückliche Ehe miteinander führen sollten. Aber wir waren nicht gekommen, um uns um die Familienangelegenheiten fremder Leute zu bekümmern, sondern wir wollten möglichst ungestört nur uns selbst leben. Der herrliche Strand, auf neugezimmerter Treppe über einen mäßig hohen Deich bequem in ein paar Minuten zu erreichen, bot den schönsten Aufenthalt für den ganzen Tag. Ich genoß zum erstenmal dieses köstliche Ruhen im weichen Sande, während der Blick träumend über die endlose Fläche des Meeres schweift und das Ohr nicht müde wird, dem beständigen Rauschen der Wellen zu lauschen, die an den Strand eilen, ihm ihre weißen Schaumkronen als ein schimmerndes Gürtelgeschmeide zum Geschenk zu bringen. Auch etwas Wald war in der Nähe, den wir gern aufsuchten, wobei die Mutter denn wohl vorzog, am trockenen und sonnigen Rande zu verweilen, während ich allein in das feuchte und kühle Dunkel vordrang und der Harrenden ein Sträußchen Waldhimbeeren mit zurückbrachte. So lebten wir schöne, stille Tage. Das Trauerkleid der Mutter hielt die Neugierigen unter den wenigen Badegästen in wohltuender Ferne, und wir erfreuten uns meistens eines ungestörten Alleinseins. Hier Hab' ich Wald, hier hab' ich See, Hier schreit die Möwe, äugt das Reh, Und um mich schlägt zu jeder Zeit Den weichen Arm die Einsamkeit. Wenn sie ihr sanftes Lied mir singt, Der Gram die schwarzen Flügel schwingt, Den Möwen nach den Flug er lenkt Und sich ins tiefe Meer versenkt. So reimte ich, an der Seite der Mutter am Strande liegend; ich hätte ihr die Verse gern gezeigt und schämte mich dann doch, es zu tun. Eines Tages kam ich von einem Morgenspaziergang zurück, den ich manchmal allein zu unternehmen pflegte. Das rote Gärtnerhäuschen erschien mir nie so idyllisch und reizvoll als an diesem Morgen, da ich durch das kleine grüne Gitter in das farbige Reich der Blumen eintrat; sie funkelten im Tau und die Bienen des Nachbars waren mit leisem Summen um ihre frühen Kelche beschäftigt. Aus dem Schornstein stieg der erste Herdrauch, und die Schwalben zwitscherten um den First. Dankbar empfand ich wieder das Glück, daß wir ein so freundliches Unterkommen gefunden hatten, sah schon wie gewöhnlich die Blumen neben unserem Kaffee auf dem Tisch stehen und hörte im voraus das mütterliche Loblied auf unsere kleine, gefällige Wirtin. Wie erschrak ich, als die Mutter mir blaß entgegenkam und auf das bestimmteste versicherte, sie bliebe keinen Tag länger in diesem Hause. Ihre Stimme zitterte, und in ihren Augen sprach sich soviel Abscheu, ja Angst aus, daß ich annehmen mußte, etwas Schreckliches habe sich ereignet. »Was ist geschehen?« rief ich. »Daß ich das sehen mußte! O, es war schrecklich! So roh! So ganz abscheulich!« Und unter beständigen Ausrufen des Abscheus und des Ekels erzählte sie, daß der würdige Patriarch im weißen Bart die kleine, bucklige Frau auf das roheste mißhandelt habe. An den Schultern habe er sie gefaßt und sie geschüttelt, daß sie wie leblos hin und her geschlottert sei, und mit beiden Fäusten habe er auf ihrem armen Rücken herumgetrommelt. Alles habe die Ärmste stumm über sich ergehen lassen, bis er mit einem häßlichen Wort von ihr abgelassen. Sie, die Mutter, habe um etwas Wasser bitten wollen, sei in die Küche gegangen und sei so Zeuge dieser ruchlosen Szene geworden. »Also doch!« rief ich aus. »Wer hätte das gedacht, so ein weißbärtiger Heiliger! So haben die Leute doch recht gehabt! Aber wie konnte sie sich das gefallen lassen?« »Ach du!« Das klang wie aus bitterster Erfahrung heraus: ›Was weißt du von dem Martyrium einer Frau? Wie wenig hast du noch vom Leben kennen gelernt!‹ Das alles lag in diesem Ausruf und weckte einen bösen Verdacht in mir. Ich bat die Mutter, doch kein Aufsehen zu machen und alles noch einmal in Ruhe zu überlegen. Aber sie bestand darauf, das Haus sogleich zu verlassen und überließ es mir, die Angelegenheit zu ordnen. Zum Glück fand ich bei dem Lehrer ein geeignetes Unterkommen für uns; die Mutter kehrte nicht wieder zu den Gärtnersleuten zurück, und ich holte unsere Sachen und bezahlte unsere schuldige Miete. Drei Tage nach der rohen Szene war die Frau tot. Die Leute meinten, die Prügel allein wären wohl keine Schuld daran, denn sie hätte solche oft genug ohne Klage ertragen. Aber einmal hätte es ja so kommen müssen; so eine Handvoll Knochen, wie sie gewesen wäre. Als die Mutter unter ihren Sachen ein kleines Tuch vermißte, ging ich am Tage nach dem Begräbnis noch einmal in das kleine, freundliche, blumenumrahmte Häuschen zurück, um danach zu fragen. Ich traf den Graukopf bei einer sonderbaren Beschäftigung. Er schien in den Schränken und Kommoden gekramt zu haben. Die Schiebladen waren alle offen und allerlei Zeug war überall herausgerissen oder lag auf den Fensterbänken und Stühlen umher. Er selbst aber stand mitten im Zimmer und spielte mit einem leeren Portemonnaie Fangball; beständig ein häßliches Schimpfwort wiederholend, warf er es mit einem höhnischen Lachen gegen die Decke des Zimmers, fing es geschickt wieder auf und war ganz verbissen in dies törichte, rohe Treiben. Es schien ihn indes wenig zu stören, daß ich ihn dabei überraschte. »Universalerbe!« sagte er mit einem häßlichen Lachen und zeigte mir das leere Portemonnaie. Ich würdigte ihn keines Wortes, nahm das Tuch, das schon bereitgelegen hatte, und verließ mit grenzenlosem Abscheu und fast körperlichem Ekel den rohen Patron. Die Mutter lebte dank einer heiteren alten Dame, die erst seit kurzem zugereist war, sichtlich auf, und ich konnte sie leicht überreden, einen Aufenthalt, der ihr so gut zu bekommen schien, noch um vierzehn Tage zu verlängern. Mich aber rief die Pflicht wieder zu meinen Schülerinnen. * Es war ein heißer Sommer, und wieder zwischen den glühenden Mauern der Stadt, sehnte ich mich nach dem freien Lande und dem kühlen Seestrande zurück. Die einsamen Abende aber, die ich bei offenem Fenster zubrachte, waren mir jetzt sehr willkommen, weil ich ungestört bis in die Nacht arbeiten konnte. An einem solchen Abend wurde ich noch spät nach zehn Uhr durch die Türglocke aufgestört. Verwundert über so späten Besuch öffnete ich und sah im Halbdunkel des Treppenflurs einen jungen Mann in Kellnerjacke stehen und sah hinter ihm ein bekanntes, aber lange nicht gesehenes, weinerhitztes Gesicht auftauchen. »Dieser Herr beruft sich auf Sie,« nahm der Kellner das Wort. »Er hat bei uns gegessen und getrunken und ist acht Mark schuldig geworden.« Er nannte ein Hotel in der Nähe des Lübecker Bahnhofes und sah sich nach seinem Gast um, als wollte er von ihm die Bestätigung seiner Worte haben. »Du bist wohl so gut und bezahlst die Kleinigkeit,« sagte der Vater. »Ich bin augenblicklich nicht bei Kasse.« Natürlich befriedigte ich den Kellner und gab ihm noch ein Trinkgeld obendrein. »Ist die Mutter zu Hause?« fragte mein unerwarteter Besuch, schien sich aber aus der Verneinung dieser Frage nicht viel zu machen. »Dann kann ich wohl um so leichter ein Nachtquartier hier finden?« meinte er. »Woher kommst du?« rief ich, »und was heißt das alles?« Er antwortete etwas, was ich nicht verstand und ich bemerkte, daß er ein wenig betrunken war. Er begehrte zu essen, und ich konnte ihm Tee und Butterbrot vorsetzen, dem er trotz seines Hotelmahles mit wahrem Heißhunger zusprach. Der Tee schien ihn etwas zu ernüchtern, und ich erfuhr endlich nach und nach, was zu erfahren ich brannte. Er hatte eine Urlaubsstunde, die ihm zu einem Ausgang gewährt worden war, zu einem Spaziergang nach Hamburg benutzt. Er hatte zu Fuß eine ganze Nacht hindurch den weiten Weg auf der Landstraße zurückgelegt und war, wie er sagte, den folgenden Tag herumgeirrt, ohne uns in Hamburg finden zu können. Im Chausseegraben habe er in der Nacht mit einigen Strolchen gelegen; sie seien aber nicht bösartig gewesen, und hätten ihm aus ihren Flaschen zu trinken gegeben. Er führte zwischen zusammenhängenden Erzählungen so viele krause, wirre Reden, daß ich zweifelte, ob ich es mit einem Trunkenen oder mit einem Kranken zu tun hätte. Seine Kleidung sah durchaus anständig aus; er trug seinen alten Pelz, der freilich arg verschossen, aber heil war, hatte seine alte Pelzmütze auf, und erinnerte mich völlig an früher, als er in eben diesem Kleide mit uns vor den Toren unserer Vaterstadt spazieren ging und uns nach Zschokkes »Stunden der Andacht« die Wunder der Welt und die Größe des Schöpfers zu erklären sich bemühte. Ich war in einer schrecklichen Gemütsverfassung. Mitleid und Abscheu stritten sich in mir; seine weißen Haare nötigten mir Ehrfurcht ab, und ich zwang mich, möglichst ruhig und harmlos zu erscheinen. Er tat, als ob nicht Tage des Kummers und der Schande zwischen uns lagen, seitdem wir uns zuletzt gesehen hatten. Er fragte nach mancherlei, was ich triebe, wie es der Mutter und den Geschwistern ginge und meinte: »So hört man doch mal wieder etwas voneinander.« Mir aber tat das Herz weh. Jeder Abscheu verging, und das reinste Mitleid bewog mich, ihn gütig und mit kindlichem Respekt zu behandeln. Er schien das zu empfinden, obwohl seine Worte das Gegenteil auszudrücken schienen. »Du hältst mich wohl für einen ganz schlechten Kerl?« sagte er. Doch bevor ich antworten konnte, schlug er schon eine zynische Lache an und erschreckte mich mit dem Ausdruck grenzenlosester Menschenverachtung. Dabei wanderten seine Augen im ganzen Zimmer hin und her, von Stück zu Stück, von Bild zu Bild. Suchte er ein Andenken an sich, irgend etwas, was ihm sagte, daß er hier nicht ganz vergessen sei? Plötzlich stand er auf und wollte schlafen gehen. Ich wies ihn, nachdem ich ihn mit unserer kleinen Wohnung bekannt gemacht hatte, meine Kammer an und legte mich selbst in das Bett der Mutter. Zwei Stunden vielleicht hatte ich schlaflos gelegen, als ich ihn auf dem Korridor hörte. Er ging auf Socken, schleichend. Ich hörte, wie er sich von Tür zu Tür tastete, wie die Drücker knarrten. Jetzt war er an meiner Tür. Ich sah, wie der Drücker sich leise, ganz leise ein paarmal bewegte. Mit angehaltenem Atem saß ich aufrecht im Bett. Täuschte mich meine erregte Phantasie? Sollte ich ihn anrufen? Warum sprach er nicht, wenn er etwas wollte? Was trieb ihn durch alle Stuben? Ein leises Knarren und Murren draußen, schleichende Schritte und alles war wieder still. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Ich stand früh auf, hörte, wie er in meinem Zimmer noch kräftig schnarchte, und fing an das Frühstück zu bereiten. Während ich trank, hörte ich ihn rumoren. Er kam denn auch bald zum Vorschein, gab mir die Hand und bot mir ganz vergnügt guten Morgen. Kaum aber hatte er sich vor seiner Kaffeetasse niedergelassen, so sagte er: »Es tut mir leid, mein Junge. Aber um das Reisegeld muß ich dich doch noch bitten.« »Natürlich, gern!« rief ich aufatmend. »Wann willst du denn reisen?« Er nannte einen Zug, der in kurzer Zeit abging und bat mich, ihn an die Bahn zu bringen und die Fahrkarte für ihn zu lösen; das wäre ihm lieber, als wenn ich ihm das Geld gäbe. »Dein alter Vater weiß nicht recht mehr mit Geld umzugehen,« sagte er, »und damit du siehst, daß ich auch wirklich abfahre.« Auf dem Weg nach dem Bahnhof sprach er ganz vernünftig; bestellte mir Grüße für die Mutter und lud mich ein, ihn doch einmal in Lübeck zu besuchen. Mit der Munterkeit eines Mannes, der eine kleine Vergnügungsreise antritt, stieg er in den Wagen, lehnte sich zum offenen Fenster hinaus und reichte mir zum Abschied noch einmal die Hand. »Adiö, mein Junge, ich danke dir auch für deine Freundlichkeit.« Das waren seine letzten Worte. Ein halbes Jahr später war er tot. Als ich der Mutter von diesem Besuch so schonend wie möglich Mitteilung machte, erschrak sie heftig. »Welch ein Glück, daß ich nicht zu Hause war!« rief sie und fing heftig an zu weinen. Und dann erfuhr ich die Geschichte ihrer unglücklichen Ehe. Es war so wie ich geargwohnt hatte. Von Kränkungen und Beleidigungen war er zu Tätlichkeiten übergegangen, hatte sie, die Wehrlose, Schwache mißhandelt und der Verzweiflung nahe gebracht. Sie hatte ihn früher geliebt als meinen leiblichen Vater und hatte ihrem Herzen Schweigen gebieten müssen, weil er nicht in der Lage gewesen war, eine Familie zu ernähren. Als er dann einige Jahre nach dem Tode des ersten Mannes wieder um sie warb, hatte sie gehofft, an der Seite des Jugendgeliebten ein spätes Glück zu finden. Wie grausam war sie enttäuscht worden! Konnte sie ohne Zorn und Scham seiner gedenken? Wohl weinte sie bei der Nachricht von seinem Tode, aber gesprochen hat sie nie wieder von ihm. Nun steht auch über seinem Grabe ein freundlicher Stern. Alle Schuld menschlicher Schwachheit löscht der Tod, der große Versöhner. IV Es war, als ob das Schicksal nun sein Mütchen an uns gekühlt hätte, denn es folgte eine lange Zeit ungestörten Schaffens und langsamen Aufstieges auf der Staffel des Erfolges für mich und damit auch ein wenig Sonnenschein für die Mutter. Der Professor schenkte meinen Fähigkeiten Vertrauen und erlaubte mir, ihn für kleine populäre Aufführungen als Musikreferent zu vertreten. Er zahlte mir jedesmal fünf Mark, und da es häufig genug vorkam, konnte ich mit dieser Bereicherung meiner Börse wohl zufrieden sein. Es handelte sich freilich meistens um ganz untergeordnete Veranstaltungen, die einer Kritik nicht wert waren, aber doch auf Grund ihrer Annoncen einen kurzen Bericht beanspruchten und auch aus geschäftlichen Rücksichten ein solches Mindestmaß von Beachtung zugestanden erhielten. Da saß ich denn nach getaner, anstrengender Arbeit oft noch in später Abendstunde in irgendeinem Saal und ließ irgendeine Musik über mich ergehen. Beliebt waren damals Zitherkonzerte, und es spielten oft acht, zehn oder mehr Zithern ein anspruchsvolles Programm herunter. Man denke sich ein Adagio von Beethoven, Webers »Aufforderung zum Tanz« oder Wagners Tannhäusermarsch von zehn Zithern vorgetragen! Schlimmer war es, wenn ein kleines Orchester ein Konzert mit nachfolgendem Ball gab. Da saß ich denn manchmal in einem schlecht erleuchteten und schlecht geheizten Saal, dessen Bänke von kaum einem Dutzend Personen besetzt waren, und hörte unter innigstem Mitleid mit den armen Musikanten ihrem Streichen und Blasen ergeben zu, während sich das Publikum langsam um einige tanzlustige Paare vermehrte; junge Leute der niederen Stände und Mädchen mit dünnen weißen Tanzfahnen, deren Anblick mich in dem kalten Saal noch mehr frösteln machte. Hin und wieder hatte ich aber auch den Professor bei künstlerischen Veranstaltungen zu vertreten, wenn einmal in der Hochsaison sich zuviel auf einen Tag häufte oder Unpäßlichkeit ihn verhinderte. Da saß ich dann mit gespitzten Ohren und dem Hochgefühl eines kritischen Merkers und freute mich auf die schönen Perioden, die ich zu Hause bauen wollte. Oft mußten die schönen Perioden für den Mangel an Inhalt entschädigen, denn kam es wirklich darauf an, etwas zu sagen, so fühlte ich mit großer Beschämung meine Unzulänglichkeit und wagte mich weder mit Lob noch Tadel ordentlich heraus. Das war vielleicht mein größtes Verdienst und meine Rechtfertigung; denn eigentlich war es ein Unfug, daß ich Lernender zu Gericht sitzen sollte über ausgereifte oder mir doch wenigstens überlegene Künstler. Würden doch alle Kunstreporter des Tages sich mit einfachen Berichten begnügen, aber da sticht sie der Hafer, und sie fangen an zu kritisieren, und da man es ihnen nicht verweist und ihren größten Unsinn durchgehen läßt, fassen sie Mut, und die Sache wird oft gar arg und gefährlich. Lernte ich auch bei dieser untergeordneten Tätigkeit mancherlei, so übte ich sie doch nur der Not gehorchend aus und hätte lieber meine ganze Zeit meinem eigentlichen Studium gewidmet, das mich jetzt scharf herannahm. Da ich mit einiger Leichtigkeit in die Theorie meiner Kunst eindrang, wuchs die Freude daran mit dem Erreichten, und ich sah mich, woran ich vorher kaum zu denken gewagt hatte, mit einmal als Komponisten. Als Frucht meiner Bachstudien am Klavier war eine Reihe von Präludien, zwei- und dreistimmige Inventionen im strengen Stil, entstanden, die das Lob meines Professors erhielten und mit seiner Genehmigung und durch seine Vermittlung bei einem ihm befreundeten Musikverleger als Opus 1 erschienen. Was sich darin aussprach, war freilich nichts als der Fleiß eines strebsamen Schülers, der in einer korrekten, fehlerlosen Arbeit nachweisen konnte, daß er seine Zeit gut angewandt hatte. Dennoch war ich nicht wenig stolz, als die ersten gestochenen Exemplare meines Opusculums vor mir lagen, schön verziert mit der Widmung: »An meinen Lehrer.« Auf dessen Rat brachte ich zweien der angesehensten Kritiker persönlich ein Exemplar und fand namentlich bei dem einen, es war Ludwig Meinardus, eine liebenswürdige Aufnahme; er brachte auch nachher in seinem Blatte eine freundliche, aufmunternde Kritik, die freilich betonte, daß die kleinen Sachen so sehr »Bachisch« seien, daß man daraus auf eine schöpferische Begabung des jungen Komponisten noch nicht schließen könne. Das spornte mich an, mich in freiem Stil auf eine eigene Weise zu versuchen, und ich schrieb kleine, kurze Klavierstücke, zu welchen ich mir die Themen auf dem Klavier zusammenphantasierte. Einige Korrekturen des Professors brachten auch sie zur Druckreife, und bald folgte dem Opus 1 ein Opus 2 unter dem Titel »Bagatellen für Klavier«. Weniger wollte es mir mit Liedern gelingen; am leidlichsten glückten mir die vierstimmigen, bei denen die schwerere Satzweise mich zu strengerem Arbeiten zwang und dem Verstande manches gelang. Was mir fehlte, war eben die Hauptsache: melodische Einfälle. Es wollte in mir nicht singen, und was ich hervorbrachte, war gemacht, erklügelt. Bei solchen Arbeiten war die Zeit schnell genug vergangen, und ich sah mich wieder um zwei Jahre älter. Ich war in mein drittes Jahrzehnt eingetreten und durfte wohl fragen, was ich denn nun erreicht hätte und wo ich im Leben stände. Verglich ich mich mit anderen gleichalterigen jungen Leuten, so meinte ich mich schämen zu müssen. Denn immer noch lebte ich von der Hand in den Mund, ohne Aussicht auf wesentliche Besserung meiner Verhältnisse. Ich mußte mir sagen, daß ich einmal mit der Jugend und der Lehrzeit abzuschließen habe, und da die Mutter aus ökonomischen Gründen eifrig zuredete, so nahm ich mir vor, mit Ende des Jahres die Stunden bei meinem Lehrer aufzugeben. So vor dem Abschluß meiner Studien stehend, raffte ich mich noch einmal gehörig zusammen und gönnte mir kaum eine andere Erholung als den Umgang mit Georg. Soviel angewandte Energie mußte aber einmal zur Erschöpfung führen. Es stellten sich nervöse Erscheinungen ein, die ich anfangs mit eisernem Willen zu unterdrücken versuchte, die aber nicht weichen wollten. Es war eine Art Platzangst, die mich in engen Straßen überfiel, so daß ich sie nur passieren konnte, indem ich mich dicht an den Häusern wie ein Trunkener hintastete; ich mußte sie schließlich ganz meiden und mich zu Umwegen bequemen. Als der Sommer kam, drangen daher die Mutter wie auch Georg darauf, daß ich die großen Ferien zu einem Erholungsaufenthalt an der See benutze, und zwar ohne die Mutter, um ganz mir und meinem Ruhebedürfnis leben zu können. Georg empfahl mir, es einmal mit Borby zu versuchen, wo Gelegenheit sei, mich an einen ihm bekannten Hotelwirt auf das beste zu empfehlen. Ich ließ mich bestimmen und packte, als die Zeit da war, meinen Koffer. Überall an der Küste entwickelten sich neue Bäder jedes Fischerdorf nahm Gäste auf und rückte nach kurzer Zeit zum Range eines Bades auf; da mußten denn ältere Bäder, die nichts Bedeutendes in die Wagschale zu werfen hatten, einigen Nachteil verspüren. Ich fand in Borby das Hotel, das man mir vorgeschlagen hatte, völlig leer, und in dem anderen, unmittelbar daneben gelegenen höchstens sieben oder acht Gäste, und es schien keine Aussicht, daß in diesem Jahr für die Wirte an ein Geschäft zu denken sei. So bedauerlich das war, so war ich's doch keineswegs unzufrieden; ich wurde als einziger Gast mit größter Aufmerksamkeit bedient und hatte die Annehmlichkeit eines ruhigen Wohnens. Auch die freundliche Promenade, die sich längs der Bucht hinzog, war eigentlich nur Sonntags, wenn die Eckernförder hinauskamen, belebt, an anderen Tagen konnten die wenigen Badegäste sich zu jeder Tagesstunde dort ungestört ergehen oder auf den schattigen Bänken der Ruhe genießen. Man hatte einen schönen Überblick über die große Bucht, die den Eindruck eines völlig geschlossenen Landsees machte. Rechts lagerte sich Eckernförde mit seinen kleinen, roten Ziegeldächern hart ans Ufer, drüben zogen sich die schönsten dunklen Waldungen hin, die ernst herübergrüßten und zum Besuch ihrer stillen Heimlichkeit einluden. Für Ruder- und Segelboote war reichlich gesorgt, kleinere Seeschiffe kamen bis an die Stadt heran. Stets hatte ich von der Terrasse meines Hotels aus ein hübsches Wasserbild vor mir, das trotz seines idyllischen Rahmens doch die Nähe der großen See ahnen ließ, auch wenn nicht der eigentümliche Geruch der am Ufer faulenden Algen sich oft recht kräftig bemerkbar gemacht hätte. Meine Tage verliefen ziemlich gleichmäßig; nach dem Morgenkaffee, den ich auf der von großen Linden überschatteten Hotelterrasse einnahm, schlenderte ich am Ufer hin bis zu einem Punkt, wo es sich zur ansehnlichen Höhe über den Wasserspiegel erhob. Durch ein Wäldchen von Buchen- und Birkengestrüpp schlängelte sich ein schmaler Steig nach oben, wo im Schatten dichteren Buschwerks eine Bank stand, von der aus man durch ein grünes Guckloch die ganze Bucht übersehen konnte und doch heimlich und geborgen saß. Unmittelbar hinter der Bank erhob sich eine Hürde, die eine hochgelegene Kuhkoppel einschloß, von der her das rupfende Geräusch grasender Rinder kam und den Frieden dieser Abgeschlossenheit mehr erhöhte als störte. Georg hatte mir aus seiner Bibliothek einige Bücher mitgegeben, wovon mir vor allem zwei Bände Gottfried Kellers willkommen waren; ich kannte noch wenig von ihm und war höchst begierig, mir diesen hochgeschätzten Dichtersmann nach und nach ganz zu eigen zu machen. Ich hatte zuerst nach dem Sinngedicht gegriffen und freute mich an Herrn Reinhardts Bemühungen, Logaus reizendes Rezept zu erproben: »Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? Küß eine weiße Galathee; sie wird errötend lachen.« So saß ich nun an jedem Morgen in meiner grünen und kühlen Geborgenheit und las mit heiterer Andacht. Weisheit und Humor des Dichters, seine reiche und reine Phantasie, die männliche Anmut seines Stils entzückten mich aufs höchste, und ich war Georg dankbar, daß er mir gerade dieses Buch aufgenötigt hatte. Einmal, als ich so saß und las, brach eins der vierbeinigen Weidegeschöpfe durch die Hürde und wollte sich auf keine Weise wieder verjagen lassen. Es war eine schöne, hellfarbige Kuh und mochte unter ihresgleichen wohl für eine Galathee gelten. Ich aber wußte mit einer solchen Schönen nichts anzufangen, und da sie durchaus sich nicht abweisen lassen wollte, schlug ich ihr mit dem Buch kräftig auf die rosige Schnauze, worauf sie dann entsetzt seitwärts durch die Büsche brach und sich abwärts nach dem Strande zu verlor. Ich aber vertiefte mich weiter in die reizendste Lektüre und folgte Don Correa nach der Westküste von Afrika, zur Fürstin von Angola; ich wunderte mich mit ihm über den lebenden Feldstuhl der braunen Königin und betrachtete das schöne Bildwerk, die als Geschenk zurückgelassene kniende Sklavin, nicht ohne Neid auf den glücklichen Admiral, der eine so holde, wenn auch braune Menschenblüte schließlich nach vielen Prüfungen in seine Arme schließen durfte. Was Wunder, daß ich mich manchmal an die Stelle des Herrn Reinhardt zu versetzen den Wunsch verspürte und nun auch meine Augen auf die Suche nach weißen Lilien ausschickte. Im Nachbarhotel logierten einige junge Damen; ich hatte sie an verschiedenen Abenden sich im Saal beim Tanzen vergnügen sehen, war auch einmal in der offenen Tür stehen geblieben und hatte ihnen länger zugeschaut. Sie konnten nun bis auf eine kaum Anspruch machen, für weiße Lilien zu gelten, und auch jene eine war eine so ausgesprochene Brünette, daß sie eher für eine Rose anzusprechen war; nur ihr Wuchs war lilienschlank und von biegsamer Anmut. Zu ihr nun schweiften meine Gedanken manchmal über das aufgeschlagene Buch hinweg. Ich hatte sie freilich nur zweimal im Saal gesehen und vergeblich auf der Promenade nach ihr ausgeschaut. Vielleicht war sie eine Eckernförderin, die nur einmal auf einige Abendstunden nach Borby hinausspazierte, oder sie mußte sich auf einsamen, mir unbekannten Wegen verborgen zu halten. In den Ballsaal vorzudringen war ich zu ungewandt und schüchtern; da ich des Tanzens nicht oder doch nur sehr wenig kundig war, hätte ich mich nicht ohne Beschämung unter die fröhlichen Paare der Walzenden mischen können, und so wußte ich keinen Weg, mich ihr zu nähern. Einmal traf ich sie in einer späten Dämmerstunde mit zwei Freundinnen auf der Promenade, aber sie schickte ihre Augen auf das dunkle Wasser hinaus, und ich sah nur ein schönes Profil, das sich ernst und abweisend von mir wegwandte. Und dann sah ich sie fast zwei Wochen lang nicht wieder, erfuhr aber inzwischen von der Existenz einer anderen Galathee, deren Weiße auch Herrn Reinhardt zu seinem Experiment verlockt haben würde. Ich hatte am Strande die Bekanntschaft eines jungen Fabrikarbeiters gemacht. Er besaß ein eignes Segelboot, das er an Badegäste vermietete, aber sehr oft auch ohne solche auf die Bucht hinausführte. Bei einer Reparatur seines Segels beschäftigt, wobei ich ihm zusah, redete er mich an, indem er eine Bemerkung über das Wetter machte. So wurden wir miteinander bekannt, und er lud mich ein, eine Fahrt mit seinem Boot zu machen. Ich sagte ihm, daß ich mich weder auf das Rudern noch auf das Segeln verstände, und er meinte, er wolle mir das Alleinsegeln auf dem unbekannten Wasser auch gar nicht raten, wenn ich aber mit ihm kommen wolle, wäre ich freundlichst eingeladen. Nicht ohne Bedenken stieg ich zu ihm ins Boot, aber er erwies sich als ein so vorzüglicher Segler, daß ich ihm bald jedes Vertrauen schenkte und mir für jeden Tag eine Segelfahrt sicherte, wofür eine billige Entschädigung unter uns vereinbart wurde. Bald lernte ich, von Georg schon ein wenig vorgebildet, das Steuer handhaben; das weiße Segel blähte sich vor uns im frischen Wind, die blauen Wogen glitten unter uns weg, und Tag für Tag genoß ich das glückliche Gefühl freien und sicheren Schwebens über Tod und Tiefe, während das Leben in allen Pulsen sang und jubilierte. Mein Bootsmann bewohnte ein kleines Haus an der Landstraße, die oberhalb Borbys hinlief und zu der ein paar steile Straßen und Treppenwege am Strande hinführten. Das Häuschen lag etwas versteckt hinter krummen Obstbäumen in einem kleinen Garten. Ein Steg führte über den Chausseegraben nach der kleinen weißen Pforte, die, als ich das erstemal vorüberging, offen stand und mir einen ungehinderten Einblick gewährte. Das Gärtchen, meistens Gemüsekultur, war sauber gehalten; ein paar Blumen leuchteten auf schmalen Rabatten, und in der Nähe des Hauses spielten ein paar Kinder, ein Knabe und ein Mädchen von drei und vier Jahren, blonde Krausköpfe mit frischen Gesichtern. Gerade als ich hinblickte, kam eine Frau aus dem Hause und beugte sich zu den Kindern hinab und gab jedem einen Apfel, in den sie sogleich herzhaft hineinbissen. Dabei leuchtete mir das Haar der Mutter wie eine Sonne entgegen. Es war ein so seltenes Rot, daß ich unwillkürlich stehen blieb. Ich konnte auch nachher nicht wieder davon loskommen, immer flammte dieses Rot vor mir auf. Wenn ich aufs Wasser hinaussah, lag es plötzlich wie eine schaukelnde Rose auf den Wellen, wenn ich las, schob es sich zwischen Auge und Buch und blendete mich, und unter den roten Flammen leuchtete eine blütenweiße Stirn auf. Noch unter dem Bann von Kellers Sinngedicht, fühlte ich mehr als einmal die Versuchung, an dem Hause vorüber zu gehen, um nach der Bewohnerin auszuspähen. Dennoch wäre es wohl zu einem allmählichen Erlöschen des roten Feuers gekommen, wenn nicht der rechtmäßige Besitzer dieser weißen Galathee selbst die Glut neu heraufbeschworen hätte. Er rief mir eines Tages im Vorübergehen zur Terrasse hinauf, wo ich gerade meinen Nachmittagskaffee trank, er habe nach Feierabend noch schnell einen Auftrag in der Stadt auszurichten, vielleicht ginge ich selbst zu seiner Frau und bäte mir den Bootsschlüssel aus, so würden wir keine Zeit verlieren. Da war also eine unauffällige Gelegenheit, das rote Haar wieder zu sehen. Es war ganz still um das Haus herum, als ich eine Stunde später über den Gartensteg in die offene Pforte trat, und ich hätte gewünscht, wieder die Kinder vor der Tür spielend anzutreffen. Aber ich wußte schon von ihm, daß sie auf acht Tage bei der Großmutter in Möltenort bei Kiel seien. Die Levkojen auf den Rabatten dufteten stark und süß, und eine große Hummel flog immer vor mir auf, von Blume zu Blume, bis sie auf der letzten zurückblieb und mich allein in das Haus eintreten ließ. Hier kam mir die Frau, die mich durch das Fenster von dem Steg hatte heraufkommen sehen, entgegen und fragte nur mit ein paar überraschten Augen nach dem Anlaß meines Besuches. Als ich gesagt hatte, um was es sich handelte, nötigte sie mich ins Zimmer und bat mich, Platz zu nehmen, obgleich der Schlüssel unmittelbar neben der Tür am Pfosten hing. Aber sie war verlegen und glaubte wohl, mich nicht so kurz abfertigen zu dürfen. Dabei sah es allerliebst aus, wie der rote Schimmer der Haare sich über ihr weißes Gesicht fortzupflanzen schien. Ich sah jetzt erst, wie hübsch sie war. Sie war von Mittelgröße, schlank, mit runden, weichen Gliedern; die bloßen Arme waren ein wenig gebräunter als das Gesicht, das sie vielleicht gegen die Sonne zu schützen gewohnt war. Immer wieder aber mußte ich auf ihr Haar sehen. Es war ein feuriges Gold, und man erwartete fast ein Knistern zu hören; voll und leicht gekräuselt, war es hinten zu einem goldenen Knoten verschlungen, der von einem Netz gehalten wurde. Sie bemerkte, daß ich ihr Haar betrachtete und errötete noch tiefer, lächelte dabei aber halb geschmeichelt, halb wie ein verlegenes Kind. »Was haben Sie für famoses Haar!« platzte ich plump heraus. »Gefällt es Ihnen?« fragte sie. Sie hatte mir inzwischen den Schlüssel eingehändigt, den sie schon eine Weile in der Hand gehalten hatte; er war warm von der Wärme ihres Blutes. Sie stand dicht vor mir, und unsere Augen fanden sich in gleicher Höhe. Welch ein feuchtes, tiefes Blau schillerte unter ihren weißen, am Rande ganz zart geröteten Lidern. Ihre Nase war schmalrückig, mit feinen, nervösen Flügeln, der Mund rot und frisch, und das runde, feste Kinn ein wenig vorgeschoben, wie man es oft bei energischen Leuten findet. Das alles erhaschte ich gleichsam im Fluge mit den Augen, während sich das Ohr an ihrer vollen, aber etwas verschleierten Stimme vergnügte. Mein Bootsmann erwartete mich schon am Steg, als ich mit dem Schlüssel ankam, die Gedanken noch vollauf mit seiner hübschen Frau beschäftigt. Ich stieg zu ihm ins Boot, und während wir uns laut und lachend unterhielten, dachte ich immer wieder: ›Wie kommt dieser Mann zu dieser Frau?‹ Wie häßlich war er doch. Ein grauer, unreiner Teint, die kleinen Augen von unbestimmter Farbe, die schwarzen Haare dünn und spießend, ebenso der Bart unter der etwas schiefen, knorpeligen Nase. Lachte er, sah man, daß ihm oben zwei Zähne fehlten, und er lachte sehr viel. Auf einmal tat er mir leid. Er war ein anständiger Kerl, und ich schämte mich vor ihm. Er war auch in seiner Art ganz gebildet, wußte in kommunalen Angelegenheiten gut Bescheid und urteilte verständig und maßvoll. Warum sollte diese Frau zu gut für ihn sein? Weil sie hübsch war? Vielleicht fanden andere sie gar nicht einmal hübsch, fanden ihre roten Haare häßlich; vielleicht wußte er selbst gar nicht, daß sie hübsch war. Ich steuerte diesmal wiederholt falsch und er meinte verwundert: »Nun, was haben Sie denn heute?« »Weiß der Kuckuck,« sagte ich, »bin ich denn närrisch?« »Nur immer aufpassen, es kann auch mal ein Unglück geben.« Ich nahm mich zusammen, aber er behielt doch immer ein wachsames Auge auf mich und beendete die Fahrt früher als sonst. ›Möchte er mich doch wieder nach dem Schlüssel schicken,‹ dachte ich am anderen Abend, wiegte mich aber vergebens in solcher Hoffnung. Dafür ging ich jetzt täglich die Landstraße hinauf hart an ihrem Häuschen vorbei, immer lugend, ob ich nicht etwas von ihr erwischen könnte. Einmal hörte ich ihre Stimme, einmal sah ich ihren blauen Rock um das Haus verschwinden. Ich hatte seit Anna nach keinem Mädchen gesehen; die Arbeit hatte mich ganz in Beschlag genommen, und Georgs Weiberfeindschaft hatte das ihrige getan. Jetzt meldete sich, was so lange geschwiegen hatte. »Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? Küß eine weiße Galathee; sie wird errötend lachen.« Sollte ich nicht dasselbe Recht haben, dieses Rezept auf seine Richtigkeit zu erproben, wie Herr Reinhardt? * Als ich eines Morgens wieder vor ihrem Hause spazieren ging, kam mir ein guter Gedanke. Ich wollte hineingehen und ihr sagen, sie möchte ihrem Mann bestellen, daß ich am Abend nicht segeln würde. Das war gewiß unauffällig. Ich machte sofort entschlossen kehrt, ging über den Steg in den Garten und suchte schon mit den Blicken, ob ich sie wo entdecken könnte. Auf dem Hausflur war alles still. Ich klopfte an eine Stubentür, aber niemand rief herein. Ich öffnete und sah, daß niemand da war. So ging ich weiter durchs Haus, entschlossen, ans Ziel zu kommen. Endlich fand ich sie in der Küche. Sie stand mit dem Rücken gegen den Herd und sah träumend vor sich hin. Als sie mich gewahrte, schrak sie heftig zusammen und eine Blutwelle überfloß sie; dabei öffnete sie den Mund wie zum Sprechen, blieb aber stumm, während ihre großen, blauen Augen mich wie aus einer anderen Welt anstarrten. »Hab' ich Sie erschreckt?« fragte ich, und meine Stimme zitterte. Sie legte die linke Hand aufs Herz und atmete einmal tief. »Ja, ja,« sagte sie, »wie hab' ich mich erschrocken.« »Ich habe doch ›Guten Tag!‹ gerufen und angeklopft und habe in die Stube hineingeguckt –« »Ich habe Sie nicht gehört,« unterbrach sie mich. »Mein Mann ist nicht zu Hause.« »Das weiß ich ja. Ich wollte auch nur bitten, daß Sie ihm sagen, daß ich heute abend nicht segeln würde.« »Nicht?« sagte sie. »Es ist wohl zu windig heute?« »Windig?« rief ich. »Es ist fast windstill draußen.« »Ja, es ist auch wohl kein Wind,« meinte sie dann. »Er kann ja aber noch kommen.« Sie war ein paar Schritte näher getreten und wickelte mechanisch die Schürze um ihre bloßen Arme. Es sah aus, als fröre sie. »Es ist sehr heiß heute,« sagte ich und fühlte, wie mir der Gaumen trocken war und die Zunge klebte. »Ich bringe Ihnen ein Glas Milch,« sagte sie rasch, wie erlöst. »Wasser genügt,« antwortete ich. »Nein, ich habe frische Milch, und ganz kühl –« Sie ging in die Kammer und kam mit einem Topf Milch zurück. »Wollen Sie nicht in die Stube gehen?« lud sie ein. »Danke, danke, ich trinke gleich hier,« wehrte ich ab. Ihre Hand zitterte, als sie mir die Milch reichte, und die meine war beim Nehmen nicht ruhiger. Ich leerte hastig das Glas und dachte: ›Wie dumm, hättest du es doch langsamer getrunken.‹ Sie wollte mir noch einmal einschenken, und ich ließ es geschehen. Während ich wieder trank, diesmal schluckweise, sagte sie: »Sie gehen jetzt wohl öfter spazieren? Ich sehe sie immer hier vorbeigehen.« Ich sah auf und sah, wie ihr Blick zur Seite irrte. Sie hatte mich also gesehen, hatte mich beobachtet? Vielleicht hatte sie gar auf mich gewartet. »Ja,« erwiderte ich, »haben Sie mich gesehen?« Ich gab ihr das leere Glas zurück und unsere Hände berührten sich. »Ich muß immer Ihre Haare bewundern,« sagte ich. »Ich habe immer an Ihre Haare gedacht, alle Tage. Wie kann man nur solche Haare haben?« »Nicht wahr, sie sind gar zu rot?« »Herrlich sind sie! Ganz herrlich!« rief ich, griff nach ihrer Hand und zog sie ins hellere Licht. »Wie das flammt und leuchtet, der reine Feuerwald! Ist Ihr Mann nicht auch ganz entzückt von Ihren Haaren?« »Ach der!« sagte sie leichthin, »der nimmt mich schon, wie ich bin!« Wir standen in der offenen Tür, die seitwärts nach dem Garten hinausführte; ein paar Hühner scharrten auf dem Weg, und eine fremde Katze saß auf dem Zaun und sah ihnen mit grünschillernden Augen zu. »Kusch!« rief sie und hob den Arm. Die Hühner flatterten auseinander, und die Katze verschwand mit einem Satz. »Eben knisterte Ihr Haar ordentlich,« sagte ich und fuhr keck, wenn auch leicht, mit der flachen Hand über die Spitzen ihrer roten Haare. Sie hielt ganz still und fühlte mit der eigenen Hand noch einmal nach. Plötzlich aber wandte sie sich um. »Der Kessel kocht über!« rief sie und eilte in die Küche zurück. Ich folgte ihr jedoch und sah sie ratlos am Herd stehen. »Es ist nichts, ich verhörte mich,« sagte sie. Ich drohte ihr mit dem Finger, und sie lächelte. Da sah ich auf einmal, daß ich gewonnenes Spiel hatte. »Warte du!« rief ich und trat einen Schritt auf sie zu. Sie hob die Arme wie zur Abwehr, duldete aber, daß ich sie bei beiden Handgelenken faßte und ihr heiß in die Augen sah. »Lassen Sie mich,« sagte sie leise, wandte aber dann den Kopf wie mutlos beiseite. Da riß ich sie an mich. »So lass' ich dich, so, und so!« rief ich und küßte sie, wohin es traf, ihre Stirn, ihre Haare, ihre feine weiche Wange und zuletzt ihren Mund, den sie mir ließ, mit dem sie sich festsog an meinen Lippen, gierig, durstig, wie der halbverschmachtete Wüstenwanderer nach langem, qualvollem Marsch am Quell brennenden Mundes das belebende Naß direkt aus der Hand der Natur schlürft, mit geschlossenen Augen und keuchender Brust. Endlich lösten wir uns aus solcher Umarmung, sie sank auf den Herd zurück, schlug die Hände vors Gesicht und saß ganz stumm da. »Du! Du!« rief ich und zog ihr die Hände weg. Ich erwartete Tränen zu sehen, aber ihre Augen waren nur feuchtschimmernd, und ein ganz sonderbarer Ausdruck von Befriedigung, von Freude war auf ihrem weißen Gesicht. »Gehen Sie, gehen Sie jetzt!« sagte sie und schob mich hart von sich. »Aber kommen Sie nie wieder!« Ich wollte sie noch einmal küssen, aber sie sah mich so an, daß ich davon abließ. »Gehen Sie!« wiederholte sie noch einmal, fast heftig. Da ging ich, lief fast den schmalen Steig herunter, schrak zusammen, als meine Schritte dumpf über den hohlen Steg schallten und war wieder auf der Landstraße in greller Sonne, die mich blendete. Ich lief eine Stunde auf der Landstraße hin, in brütender Hitze. Landein über den flimmernden Feldern türmte sich Gewölk. Auf einer hohen Koppel wölbten sich mächtige Eichenkronen. Ich kletterte dahin über harte Erdschollen. Die Eichen standen ganz reglos, kein Blatt rührte sich, aber ihr Schatten war breit und kühl und gut. Ich legte mich auf den Boden, der stellenweise mit trockenem Moos überzogen war, und sah in den hohen Wipfelbogen hinauf. Hier und da saß in einem Laublöchlein ein Stück leuchtenden Himmels, wie ein blaues Kirchenfenster. Ich schloß die Augen, und das rote Feuer ihrer Haare leuchtete vor meinen Blicken auf. Ich rief mir ihre Küsse zurück und vermeinte, sie wieder auf meinen Lippen brennen zu fühlen. Ihr weißes Gesicht, ihre festen, kleinen Hände, die gebräunten Arme, alles stand vor mir und wollte mich nicht verlassen. Die blauen Himmelsaugen, die durch das grüne Dach heruntersahen, waren so schön nicht, wie ihre Augen, als sie mich anflehten: »Gehen Sie jetzt, gehen Sie!« Ein Peitschenknall von der Landstraße her schreckte mich auf, und zugleich rollte ein leiser Donner übers Feld. Im Hotel hatte man schon auf mich gewartet, als ich erhitzt und ohne Appetit ankam. Ich saß ganz allein auf der Terrasse und löffelte unlustig meine Suppe. »Heiß heute,« sagte der Kellner, als er den Braten brachte. »Es wird ein Gewitter geben,« sagte ich. »Glaub's kaum,« meinte er, »es wird sich verziehen.« Er behielt recht; es kam ein bißchen Wind auf, verstärkte sich allmählich und abends hatten wir die schönste Brise. Als ich längs der Promenade ging, war mein Bootsmann bei seinem Fahrzeug, grüßte mich erfreut und rief lachend: »Wo bleiben Sie denn?« Sollte sie ihm nichts gesagt haben? Hatte sie es vergessen? Oder hatte sie ihm absichtlich meinen Besuch verschwiegen, um ihn nicht argwöhnisch zu machen? Sollte ich nun doch noch segeln? Aber ich konnte heute nicht zusammen mit ihm im Boot sitzen. Ich sagte, daß ich Kopfschmerzen hätte und nicht fahren möchte. »Es war aber auch sehr heiß heute,« erwiderte er. »Meine Frau klagt auch über Kopfschmerzen. Sie hat sich ins Bett gelegt. Gut, daß die Kinder nicht da sind, da kann sie es sich bequem machen.« »Das ist recht,« sagte ich automatisch, sah ihm noch einen Augenblick zu, wie er das Boot wieder festmachte, und dachte: Er sollte lieber segeln. Warum will er nicht alleine segeln? Nun geht er zur Frau und kommt doch noch dahinter, woher sie ihre Kopfschmerzen hat. Er schien aber nicht dahintergekommen zu sein, denn er stellte sich am anderen Tag wieder ein. Diesmal konnte ich mich mit Briefen entschuldigen. Georg hatte angefragt, warum ich denn gegen alle Abmachungen gar nichts von mir hören ließe, und ich wollte ihm gleich antworten. »Fahren Sie morgen auch nicht? Wenn ich es vorher weiß, kann ich mir den Weg sparen,« sagte er etwas übellaunig. »Nun ja, also morgen,« vertröstete ich ihn. »Übermorgen muß ich sowieso abreisen.« »Wie schade,« meinte er bedauernd. Als ich am nächsten Tag wieder neben ihm im Boot saß, prickelte es mich, und ich kostete das Gefühl der Überlegenheit, das mein Geheimnis mir über ihn gab, mit einem seltsamen Wohlbehagen aus. Ja ich fragte nach seiner Frau, nach den Kindern, immer bis an die Grenze gehend, über die hinaus ich mich ihm verdächtig gemacht hätte. ›Was er wohl tun würde, wenn er es wüßte?‹ überlegte ich mir ernsthaft. ›Vielleicht wirft er dich über Bord, ersäuft dich wie eine Katze.‹ Oho! So leicht sollte ihm das nicht werden. Ich malte mir einen ganzen Roman aus, während ich ihn unausgesetzt beobachtete und das gleichgültigste Zeug durcheinanderschwatzte. Wie er mit den Segeln umzugehen wußte! Was für Kraft er hatte, trotz seiner Schmächtigkeit! Das Wetter war nicht schön, der Wind sprang um, und ein paar Regenböen gingen über der Bucht nieder. Wir mußten gegen den Wind kreuzen und waren lange unterwegs. Ich hatte mir vorgenommen, in der Waldschenke noch einmal den Nobeln zu spielen, und so legten wir, obschon es spät war, das Boot doch noch drüben fest. Er war schweigsamer als sonst, sagte, wie leid es ihm täte, daß ich nun wieder abreisen müßte und wie schön doch unsere Segelfahrten gewesen seien. Seine Frau hätte meinen Weggang auch bedauert, es sei doch immer ein Schilling in die Wirtschaft gewesen. Hatte sie das gesagt? »Grüßen Sie Ihre Frau von mir!« »Ich soll Sie auch noch grüßen,« erwiderte er nicht ohne Verlegenheit, als empfände er diesen Gruß seiner Frau als unziemlich. »Danke! Danke!« sagte ich. »Eine kleine hübsche Frau haben Sie.« Er lachte geschmeichelt. »Geht ja wohl immer noch an. Wenn sie nur tüchtig in der Wirtschaft ist und für die Kinder sorgt. Schönheit vergeht.« »Auf Ihre Frau!« sagte ich und stieß mit ihm an. Ich hatte das Glas bis zur Neige geleert und wollte ein frisches bestellen, als große Regentropfen auf unsern Tisch fielen. Er sah sich den Himmel an und meinte bedenklich: »Da müssen wir wohl machen, daß wir nach Hause fahren.« So brachen wir eilends auf und kamen im schönsten Regen wieder bei unserem Boote an. Gerade waren wir fertig zum Abstoßen, als ein junges Mädchen in hellem Kleid und weißem Strohhut hastig aus dem Wald gelaufen kam. Sie wollte offenbar mit dem kleinen Motorboot, das zwischen der Stadt und hier verkehrte, das aber eben seine letzte Heimfahrt angetreten hatte; ratlos stand sie in ihrem leichten Kleide im strömenden Regen da. Ich hatte sogleich meine dunkle Galathee aus dem Tanzsaal erkannt. »Wollen Sie mit uns fahren?« rief ich ihr zu, indem ich eine einladende Handbewegung machte. »Danke,« sagte sie kurz entschlossen. »Wenn Sie Platz haben? Dieser schreckliche Regen!« Sie kam schnell heran, und ich reichte ihr die Hand und half ihr beim Hinübersteigen. Schlank und biegsam balancierte sie einen Augenblick auf dem schwankenden Bootsrand, indem sie meine Hand mit langen, schlanken Fingern fest umklammerte. Dann sprang sie gewandt ins Boot und ließ sich einen Platz anweisen. Wir hatten keine so schnelle Rückfahrt, wie wir erwartet hatten, denn der Wind war abermals umgesprungen. Stumm saßen wir beieinander, und während wir auf unseren Kurs achteten, sah sie, in sich zusammengekauert, auf das regengepeitschte, graue Wasser hinaus. Sie mußte sich bei dieser Nässe in ihrem leichten Sommerkleid eine Erkältung zuziehen, und ich warf ihr meinen Mantel um die Schulter, obwohl sie abwehrte. Inzwischen hatte ich Zeit, sie zu betrachten. Ein schmales, ausdrucksvolles Gesicht von Elfenbeinfarbe. Hochgewölbte, scharfgezeichnete schwarze Brauen, lange, dunkle Wimpern und graue, stille Augen darunter. Den Mund, der mir ein wenig zu groß schien, hielt sie fest geschlossen, was ihr einen herben Zug gab. ›Ganz anziehend!‹ dachte ich. ›Wie alt mag sie wohl sein?‹ Eine heftige Bö, die über das aufgeregte Wasser fegte und uns die Wellen über Bord warf, legte das Boot beinahe auf die Seite. »Steuer!« rief mein Bootsmann warnend. Ich packte zu und hielt meine Gedanken beisammen. Als wir anlangten, waren wir alle gründlich durchnäßt. Das Mädchen wollte mir den Mantel zurückgeben, aber ich wehrte ab: »Eilen Sie nur ins Hotel, ich lasse ihn holen.« Sie sprang leicht ans Ufer und lief, so schnell ihre Füße sie trugen, durch die nassen Anlagen dem Hause zu. Ich half meinem Gesellen beim Vertäuen des Bootes, gab ihm das doppelte Fahrgeld, das er dankbar annahm, und verabschiedete mich schnell von ihm. Ich war kaum im Hotel, als ein Zimmermädchen von nebenan mir auch schon meinen Mantel zurückbrachte; er war ganz durchnäßt, und ich gab ihn in die Küche zum Trocknen. Am anderen Morgen in der Frühe reiste ich ab. Der Wagen, der mich an den Bahnhof brachte, fuhr mich an der Fabrik vorbei, in der mein Bootsmann arbeitete. Dichter Rauch stieg aus den hohen Schloten, und aus den Werkstätten klang ein Hämmern und Feilen; ich sah Feuer glühen und schwarze Gestalten sich hin und her bewegen. Ob oben in dem kleinen Häuschen an der Landstraße jetzt vielleicht ein Rotkopf am Herde stand und in die Flammen sah? Elske Carsten, du wirst meine Küsse nicht vergessen, und ich nicht deine. V Jedermann war erstaunt, wie wohl ich aussah, gebräunt wie ein Seemann. »Ich lag auch den ganzen Tag auf dem Wasser,« erklärte ich. Die Mutter ängstigte sich nachträglich und meinte, ob das nicht auch gefährlich gewesen sei, und dann schalt sie mich, daß ich so wenig geschrieben hatte. »Was sollte ich schreiben?« entschuldigte ich mich. »Ein Tag war wie der andere, und daß es mir gut ging, haben ja meine Postkarten gemeldet; vier Stück, bedenke, jede Woche.« »Nun, so erzähle wenigstens,« rief sie. »Irgend etwas wirst du doch erlebt haben?« Und sie begann mich auszufragen. Da erzählte ich denn, was zu erzählen war, nur über Elske Carsten schwieg ich mich aus. Wie hätte ich das auch der Mutter beichten können? Sie hätte mich nicht verstanden, und vor ihrer reinen Seele wäre ich wie ein Sünder gewesen. Georg wiederholte seine Vorwürfe, ich hätte ihn nur mit Karten abgespeist, und fragte nach meinem Tagebuche, das er mir zu führen anempfohlen hatte. »Du mit deinem Tagebuch!« rief ich ärgerlich. »Das ist etwas für Backfische! Ich hab' es ehrlich versucht und ein paar Eintragungen gemacht, aber dann war's mir zuwider. Immer mich selbst beobachten und ausfragen, das halte ich nicht aus.« Übrigens hatte ich das Tagebuch vergeblich in meinem Koffer gesucht. Ich mußte es verloren haben. Einer Eintragung wegen, die Elske betraf, war mir das freilich ärgerlich, höchst ärgerlich, im übrigen lag mir wenig an dem Verlust. Hätte man es im Hotel gefunden, so hätte man mir es nachgeschickt, wenn nicht das Zimmermädchen es sich angeeignet. Mochte es sich daran erfreuen und es mit weiteren Eintragungen füllen. Das Tagebuch eines Zimmermädchens, das wäre gewiß lustig zu lesen. »Hast du gar nicht ein bißchen erlebt?« fragte Georg. »Warst du in Missunde? Hast du die Schanzen besucht?« Er konnte nicht begreifen, daß mich das nicht gereizt hatte, und um ihm zu zeigen, daß ich Besseres, Wichtigeres zu tun gehabt hatte, erzählte ich ihm mein Abenteuer mit Elske Carsten. »Das finde ich gemein!« rief er entrüstet. »Bitte, mäßige dich,« sagte ich mit einer großen Gebärde. »Wie würdest du es denn nennen, wenn ich dir erzählte, daß ich Tag für Tag mit einem freundlichen, dienstwilligen Mann, der noch obendrein sozial unter mir steht, in seinem Segelboot mich amüsiere und hinter seinem Rücken hingehe –« »Erlaube,« unterbrach ich ihn. »So gehen nun solche Sachen doch nicht vor sich. Ich habe es nicht gesucht, es kam von selbst, überfiel mich, überfiel uns, denn sie war ebenso ohnmächtig dagegen wie ich. Du vergißt, daß Leidenschaft nicht rechnet noch wägt.« »Nun, das sind deine Sachen,« sagte er. »Hast du deiner Mutter davon erzählt?« »Natürlich nicht, welche Frage!« »Siehst du,« triumphierte er. Er wollte mich nicht verstehen. Ich ärgerte mich und ging verstimmt nach Hause. ›Er ist doch ein rechter Philister,‹ dachte ich. ›Ein guter Kerl, aber ein Pedant. Schon die Tagebuchmarotte und das Abklappern der sogenannten historischen Stätten. Aber das hat er von seinem Botanisieren her. Immer Staubfäden zählen, bestimmen und pressen, bis alles Lebendige heraus ist und man etwas für die Mappe hat. So ein Herbariummensch!‹ Aber recht hatte er doch, wenn ich auch tausend schöne Worte fand, mein Gewissen zu beschwichtigen. – – »Darf ich eintreten, oder verkehrst du nicht mehr mit moralisch so tief gesunkenen Leuten?« fragte ich, als ich eine Woche darauf wieder bei Georg anklopfte. Er lachte und sagte: »Komm nur; wenn du zu bessern bist, so ist in meiner Gesellschaft noch die meiste Aussicht dafür.« »Du fühlst dich als Schlangenbändiger?« »Und Teufelaustreiber!« setzte er hinzu. »Du meinst den Rotkopf?« »Den Rotkopf? Denkst du immer noch an den?« »Die Haare allein! Solche Haare vergißt man im Leben nicht wieder.« »Verrückt, sich in Haare zu verlieben!« meinte er. »Verlieben!« rief ich. »Verlieben! Das ist es nicht. Man sieht sie eben vor sich, immer vor sich, wird sie nicht los. Wie eine Melodie, die uns im Ohre liegt und uns bis zum Wahnsinn quälen kann. So ein flammendes, geradezu sprühendes Rot! Und dann die weiße Stirn darunter. Als ob die Sonne über einem Schneefeld verblutet.« »Saul, du rasest!« unterbrach er mich lachend. »Komm, setz' dich lieber ans Klavier und spiele etwas.« Aber ich saß schon und raste ein paar Läufe auf und ab, während er mir Chopin aufs Pult legte. Ich spielte die A-Moll-Mazurka und dann die Cis-Moll-Polonaise. Er hörte ganz still zu und rief zum Schlusse: »So hast du noch nie gespielt!« »Das kommt von den roten Haaren, du Philister,« knurrte ich. »Meint ihr denn, wir trügen immer eine gesalzene Begeisterung mit uns herum? Wir müssen auch einmal für frische Feuerung sorgen.« »Neulich nach dem Hummersalat hast du ebenso schön gespielt,« sagte er trocken. »Der war auch delikat, Mensch, danach mußte man auch schön spielen!« Er stieß mir die Faust in den Rücken; er verstand mich aber ganz gut. * Zwei Tage nachher, es war an einem Sonntagmorgen, saß ich am Schreibtisch über einer Stormschen Novelle, als die Mutter mir Besuch anmeldete; es sei eine junge Dame, die sie nicht kenne. Ich bat, sie herein zu führen, und war überrascht, meine schlanke Galathee aus Borby vor mir zu sehen. Sie war ein wenig verlegen, bat um Entschuldigung, daß sie mich störe, aber sie habe einen Fund, den sie eigentlich unterschlagen habe, persönlich in meine Hände legen und sich Verzeihung erbitten wollen, daß das erst jetzt geschehe. Sie überreichte mir ein in Papier geschlagenes Buch, das ich am Format sofort als mein vermißtes Tagebuch erkannte. Meine fragenden Blicke veranlaßten sie, sogleich mit der Aufklärung herauszukommen. Nachdem sie damals meinen Mantel ins Hotel zurückgeschickt, habe sie am anderen Morgen das Buch auf dem Teppich ihres Zimmers gefunden, sich sogleich gesagt, daß es aus der Tasche meines Kleidungsstückes herausgefallen sei und habe neugierig, »wie wir Frauen nun einmal sind«, sich nicht enthalten können, einen Blick hineinzuwerfen. Sie habe sofort gesehen, daß es ein Tagebuch sei, und obwohl sie Verlangen gespürt, es zu lesen, habe sie sich doch sofort aufgemacht und in meinem Hotel nach mir gefragt. Da habe sie dann gehört, daß ich soeben abgereist sei. Man habe ihr meine Adresse gesagt, und sie habe es auf sich genommen, da wir in derselben Stadt wohnten, mir das Buch wieder zuzustellen. Auch sei es ihr schwer aufs Herz gefallen, daß sie damals so schnell und fast ohne Dank sich entfernt habe, und so wäre ihr die Gelegenheit nicht unwillkommen gewesen, das Versäumte bei Rückgabe des Buches nachzuholen. So ungefähr sagte sie, mit jedem Wort freier sprechend und mit ihren großen, grauen Augen mich ohne Befangenheit, aber bescheiden und freundlich ansehend. »Ich hätte das Buch freilich schon früher bringen sollen,« sagte sie. »Aber wir wohnten bisher weit draußen in Eimsbüttel, und ich wartete immer eine gelegene Stunde für den weiten Weg ab. Jetzt sind wir seit zwei Tagen ganz in Ihre Nachbarschaft gezogen, und da habe ich die erste freie Stunde benutzt, mein Gewissen zu erleichtern.« Sie nannte eine Straße, die in unsere einmündete und die ich täglich zu passieren hatte. Ihr bescheidenes, aber sicheres Wesen gefiel mir. Sie trug ein schlichtes, anschmiegendes, graues Straßenkostüm, das ihre schlanke Gestalt auf das vorteilhafteste zeigte, und ein kleines Barett aus schwarzem Krimmerstoff, das freilich der Jahreszeit nicht angemessen war, ihr aber allerliebst stand. Die Elfenbeinfarbe ihres Teints erschien mir hier gebräunter, als unter den vielen gebräunten Gesichtern an der See, und ein rosiger Hauch der Wangen, vielleicht ein Zeichen innerer Erregung, machte sie sehr reizend. Ich dankte ihr, ich hätte das Buch kaum einmal vermißt. Es täte mir leid, daß sie deswegen Mühe und nun gar Gewissensbisse gehabt hätte, und ich bedauerte nur, daß ihr keine interessantere Lektüre in die Hände gefallen war. Sie lächelte und meinte, das, was sie sich erlaubt habe zu lesen, habe ihr schon zugesagt, sie habe nur bedauert, daß es nicht mehr gewesen sei. Wir sprachen noch einiges über die nasse Segelfahrt und über das Leben im Bade, wobei ich nebenher erfuhr, daß sie mich bemitleidet hatte, so ganz allein in dem großen Hotel zu wohnen, und daß man mich allgemein den »Einzigen« genannt, sich aber nicht an mich herangetraut habe, weil ich stets gar so »philosophisch« einhergegangen sei. »Bin ich das?« rief ich lachend. »Wie soll man freilich anders aussehen, als philosophisch, wenn man so ganz allein umherläuft. Man will doch gern etwas vorstellen und macht ein bedeutendes Gesicht.« Sie erwiderte nichts darauf, sondern verabschiedete sich; sie reichte mir die Hand, eine schlanke, sehr schmale Hand, und ich begleitete sie an die Treppe. Als ich zu meiner Stormschen Novelle zurückkehrte, ließ mich jedoch ihr hübsches Gesicht nicht ungestört, sondern tauchte immer wieder zwischen den Zeilen auf, und zuletzt schob sich ihre schlanke Anmut unvermerkt in die Geschichte hinein und lieh der Heldin ihre Gestalt und Farbe, und ich taufte sie mit deren Namen. Dieser Stormsche Mädchenname wollte mir gerade passend für sie erscheinen, obwohl sie eigentlich nichts Nordisches an sich hatte, vielmehr ein leises Fremdartiges sie umgab. Was mochte sie zu meiner Tagebuchnotiz über Elske Carsten gesagt haben? Ob sie Elske Carsten kannte? Ob sie erraten hatte, daß diese gemeint war? »Nun habe ich sie geküßt, meine weiße Galathee mit dem Flammenhaupt. Waren das Küsse? Ein Schauer heißester Leidenschaft war es, der über sie niederbrach. O, wie muß ich jubeln, daß ich solchen Feuers fähig bin! Wie armselig war das Lichtstümpfchen, das ich meine Liebe zu Anna nannte. Nur als Knabe, als Helenens nächtlicher Kuß mich aufschreckte, empfand ich Ähnliches. Aber da war ich duldend und so, so war es nicht, wie heute. Wie sie meine Küsse erwiderte, wie sie zitterte, wie sie in gleicher Leidenschaft brannte. Schöner, grüner Dom, wo die blauen Gottesaugen durch deine leuchtenden Fenster auf mich niedersahen, als das Gewitter fern herübergrollte. Wie freute ich mich auf die Blitze, die herniederzucken sollten, lodernd wie das rote Feuer über ihrem weißen Gesicht.« Wie ein einzelner, flammender Mohn zwischen kümmerlichem, bestaubtem Unkraut stand diese eine Tagebuchbemerkung zwischen den paar gleichgültigen Daten der Ankunft, des Wetters, der Mittagstafel. Was mochte sie gedacht haben, als sie so vor mir saß und ihre grauen Augen auf mir ruhten? ›Schon so alt und noch dieser Primanerüberschwang?‹ Gewiß machte sie sich innerlich über mich lustig. Ich riß die paar beschriebenen Seiten aus dem Buch, verschloß es in meinen Schreibtisch und verschwor, je wieder ein Tagebuch anzufangen. * Ungefähr neunzehn Jahre früher fuhr ein großer, breitschultriger Mann in den besten Jahren mit seiner kleinen Frau den Mississippi hinunter, um sich nach St. Antonio in Texas zu begeben. Es war allerlei Volk an Bord des großen Steamers, der majestätisch den breiten River von Station zu Station hinunterglitt. Größtenteils war es Landvolk, Farmer und Arbeiter, darunter manche, die ihre ganze Habe in Kisten und Bündeln mit sich führten. Zu ihnen schien eine blasse, ärmlich aussehende, junge Frauensperson zu gehören, die sich jedoch meist von der Menge absonderte und sich um ein vielleicht einjähriges Kind bemühte, das wie ein Häuflein Unglück in ihren Armen ruhte. Jenes Ehepaar, Deutsche, hatte schon längere Zeit das kleine hilflose Wesen beobachtet, das inmitten dieser lärmenden und rücksichtslosen Schiffsgesellschaft so früh schon eine so weite Reise antreten mußte. Der Mann hatte als Militärarzt den Krieg mitgemacht, war seines Zeichens aber eigentlich Pharmazeut, und hatte somit von Berufs wegen einen schärferen Blick für allerlei Krankheiten und Schwächen, daneben aber auch ein mitleidig Herz, wie seine kleine Frau. Sie machten sich nun mit dem Kindchen zu schaffen und erfuhren, daß es von seiner großen Schwester in das Findelhaus von St. Louis gebracht werden sollte. Die Mutter sei bei der Geburt der Kleinen gestorben, der Vater sei ein armer Holzarbeiter, und Armut und Elend sei im Hause und keine Möglichkeit, dieses nachgeborene Wesen auf eine angemessene Weise zu ernähren und zu pflegen. Voller Mitleid beugte sich der große Mann über das ängstliche Menschenkindlein und fing an, mit ihm nach Männerart zu schäkern, während die kleine Frau sich auf die Fußspitzen erhob, um doch auch etwas von dem Lächeln des kleinen verkümmerten Wesens zu erhaschen. Dieses aber, als ob es in seiner Verlassenheit das drohende Schicksal ahne, griff mit seinen Fäustchen in den blonden Bart des Mannes und krampfte sich so fest da hinein, daß sich sein Gesicht unter Schmerzen verzog und er mit den Händen zufuhr, um sich aus dieser Gefangenschaft zu befreien. Er nahm die Kleine aus dem Arm des Mädchens in die seinen und streichelte und schmeichelte, da ließ sie los und legte zutraulich ihren blonden Kopf an seine breite Brust. »Was meinst du, Alte, wenn es sein Asyl gefunden hätte?« fragte er. So wurde das Kindchen vor dem Findelhaus bewahrt; in St. Louis aber wurde vor dem Friedensrichter ein Adoptivvertrag unterschrieben. Dieser Findling des Mississippi, zu einem schlanken, jungen Menschenkinde aufgewachsen, war meine grauäugige Galathee aus Borby, vor derem dunklen, ausdrucksvollen Mädchenkopf das flammende Rot von Elske Carstens Haaren allmählich erlosch. Ziehst mit deiner stillen Kraft Mich in deine Kreise, Führest heft'ge Leidenschaft Sanft in rechte Gleise. Dämmst die trüben Fluten ein, Daß sie klarer fließen, Und der Sonne hellem Schein Ihren Grund erschließen. Alles Schöne bahnst du an, Stärkest alles Gute, Daß sich frei entfalten kann, Was im Innern ruhte. So verselte ich, und in Stunden des Zweifelns und Zagens, wenn ich sie einmal nicht gesehen hatte und mir meine Liebe als aussichtslos erschien, klagte ich: Dunkle Weiten, nicht ein Stern, Morgenstunde noch so fern, Und im Herzen legt ein Flor Deinem lieben Bild sich vor. Schmerzlich harr' ich auf den Tag, Da sich alles lichten mag. Ohne Sonne, welch ein Sein! Ohne Liebe, wie allein! Dann aber faßte ich Mut und warb um sie. Ich sollte aber erst wie Jakob um Rahel dienen. Die kleine Pflegemama hatte den nicht üblen Einfall, ich solle ihrer Tochter eine Zeitlang Klavierstunden geben, dabei könnten wir uns näher kennen lernen und uns vor Übereilung schützen. Meine Schülerin war mit ganzem Eifer dabei; aber einen schlechteren Lehrer als mich hätte sie nicht finden können, denn mir war weniger um ihre Fortschritte zu tun, als um meine, die ich denn auch von Stunde zu Stunde zu machen vermeinte. Sie hatte bereits ein wenig gespielt, und wir konnten uns mit den leichteren Liedern ohne Worte von Mendelssohn beschäftigen, die ich ihr öfter als nötig mit allem Gefühlsausdruck vorspielte. Die kleine Mama saß dabei und strickte ihre Strümpfe, während wir, lehrend und lernend, an den Maschen unseres Liebewesens weiterhäkelten. Der Eifer meiner hübschen Schülerin, nun aus dem Nutzen für unsere Liebe auch einen für ihre musikalische Ausbildung zu ziehen, war groß. Durfte ich daraus schließen, daß ihre Liebe der meinen nicht gleichkam, die nur mit Seufzen eine Teilung zwischen Pflicht und Neigung ertrug? Aber es war ihre Art, wie ich immer mehr erkennen sollte, alles einmal Angefangene mit Zähigkeit und Ausdauer durchzuführen. So hatte sie schon als kleines Kind, da ihre Wünsche nach Musikstunde abgewiesen worden waren, sich mit Kreide die Klaviatur auf den Tisch gezeichnet und hatte mit ihren zarten Fingern auf diesem stummen Instrument die ersten Übungen gemacht. Bei solcher Energie und Lust wäre es ihr zu wünschen gewesen, einen weniger verliebten Lehrer gehabt zu haben. Bei mir aber taten ihre grauen Augen denselben Dienst, wie Elske Carstens rote Haare oder wie einst der Hummersalat, und Georg hatte einige Male Ursache, über die »Seele« in meinem Spiel entzückt zu sein. Ja, ich fing wieder an, zu komponieren: als Frucht dieser Liebesmonde entstand ein »Deutscher Walzer« für Klavier, den ich der Geliebten widmete und als Opus 3 veröffentlichte. Doch da war sie schon meine Braut. Wir hatten die Weihnachtskerzen nicht verlöschen lassen wollen, ohne daß wir unseren Bund mit Kuß und Ring besiegelten. Daß ich schon vorher Logaus liebliches Rezept an meiner Galathee zu erproben versuchte, dürfte anzunehmen sein, und auch, daß solcher Versuch glückte und die Wahrheit des Sinngedichtes zu mehreren Malen glänzend dartat. Es sollten aber Jahre vergehen, bevor wir heiraten konnten. Geschäftliche Verluste warfen den Vater meiner Braut auf die Straße und in ein langes Siechtum; Mutter und Tochter mußten sich und ihn mit ihrer Hände Arbeit ernähren; es waren nicht die geringsten Mittel zu einer Aussteuer da, und wir mußten den Wunsch auf eine eheliche Verbindung aufs ungewisse verschieben. Meine Braut wollte mir das Jawort zurückgeben, ich aber schalt: »Meinst du, ich ließe mein Honorar für die Musikstunden fahren? Wie kannst du mich für so einfältig halten!« Sie lachte und küßte mich. »Das sind nur kleine Abzahlungen,« sagte ich. »Die summen nicht. Warte nur, bald komme ich, den ganzen Rest einzukassieren.« Nach vier Jahren wurde meine Rechnung honoriert. Der Geistliche, der uns traute, sprach viel von meiner Kunst, die freilich auf Harmonie beruhe, aber doch der Disharmonie nicht entbehren könne. So möchten auch bei uns gelegentliche Disharmonien nur zur höheren Ehre der Herrscherin Harmonie dienen. Wir hielten uns umfangen und waren uns bewußt, daß unsere Neigung auf festem Grunde ruhe. Es war eine kleine Hochzeit in engstem Kreise. Georg hielt die Tischrede. »Da haben wir nun wieder ein Beispiel,« begann er, »ein schönes Beispiel, daß wird, was werden soll. Der liebe Bräutigam wird denken, wenn ich nicht mein Ziel so energisch verfolgt hätte, und die liebe Braut wird sagen, wenn ich nicht gewollt hätte, was dann? Ja, sie mußte eben wollen, es half nichts, und ebenso mußte er wollen und braucht sich nichts auf seine Energie zugute zu tun; die Liebe hatte sie nun einmal unter ihrem Stecken und trieb sie wie zwei Lämmlein auf ihre Weide; da sollen sie nun zusammen grasen: Viel gutes Gras, manches bittere Kräutlein, und ihre Nasen, nicht so sein, wie die der Tierlein, mit denen ich sie soeben verglich, werden nicht immer rechtzeitig unterscheiden, was gut, was schlecht schmeckt, was ihnen nährsam und dienlich und was ihnen bitter und gar schädlich ist. Aber verlassen wir dieses Bild, sie werden solche sanfte Liebeslämmlein ja auch nicht lange bleiben, sondern sich menschlich darstellen und betragen. Da wird es denn nicht lange dauern, daß sie beide mit dem Dichter erkennen und gestehen: Ich bin kein ausgeklügelt Buch, Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch. Die liebe Braut, pardon Ehefrau, kenne ich nicht so genau, um mir ein Urteil in dieser wenn auch beschränkten Öffentlichkeit über sie erlauben zu sollen; ihn aber, den jetzt so stolz dreinschauenden Jünger der Harmonie und Ehemann, kenne ich und ich weiß aus Erfahrung, daß jenes Dichterwort auf ihn zutrifft. Er, der immer für rote Haare schwärmte –« »Blonde,« unterbrach ich ihn. »Nun, die roten Haare gehören auch zu den blonden,« fuhr Georg gelassen fort. »Also der Schwärmer für allerlei Blond verliebt sich plötzlich in Schwarz.« »Bitte, dunkelblond!« unterbrach ihn meine Frau. »Also in Pechrabendunkelblond. Ist das konsequent? Gibt das Bürgschaft für einen in sich gefestigten Charakter, dem sich ein zartes Weib in allen Stürmen des Lebens vertrauensvoll hingeben kann: Du, mein Hort, du, mein Anker!? Muß man nicht fürchten, es könne der Tag kommen, wo er zu Rot –« »Blond!« rief ich. »Zu Rotblond zurückkehrt und sich von dem dunklen Ehegemahl abwendet? Dem nun vorzubeugen, der jungen Frau ein Mittel an die Hand zu geben, wie sie ihn dann aufs neue an sich fesselt, habe ich hier ein Elixier mitgebracht, das ihr die besten Dienste leisten wird.« Er zog ein Fläschchen roter Tinte hervor und stellte es mit einer Verbeugung vor meiner lachenden Eheliebsten auf den Tisch. »Gebraucht sie dieses Elixier nicht als Färbemittel, so kann es immerhin noch Verwendung finden für seine Liebesbriefe, die er ihr sicher in Zukunft auch nicht vorenthalten wird, denn ist er auch arg schreibfaul, nicht einmal ein Tagebuch mag er ordentlich führen, so sagt uns doch eine innere Stimme, daß er sich nach und nach bessern und Tinte und Feder nicht schonen wird. Damit es auch an dieser nicht fehle, habe ich auch dafür gesorgt, und überreiche unserem jungen Ehemann diese goldene Feder zur angedeuteten Benutzung.« Er zog eine goldene Füllfeder hervor und legte sie mit drolligem Ernst neben das Fläschchen roter Tinte. »Und nun,« fuhr er fort, »da wir so vorgesorgt haben, wollen wir sie vertrauensvoll in die Zukunft entlassen. Der Verbleib dieser Tinte wird ein Barometer für ihre Liebe abgeben; wird sie ein Haarfärbemittel werden, wissen wir, wie es mit dem sauberen Herrn Gemahl bestellt ist. Wird sie aber in seine Liebesbriefe fließen, nun gut, er schone sie nicht, für Ersatz soll gesorgt sein. Erheben wir nun das Glas und trinken in rotem Wein das Wohl des lieben Paares. In Treue erworben, in Treue festgehalten und vom Himmel in Leid und Lust gesegnet, das walte Gott!« Die Gläser klangen zusammen, und Georg empfing fast mehr Händedrücke für seine herzliche und schelmische Rede, als wir gerührtes Paar. Meine Mutter ging von einem zum anderen und fiel jedem bis zu Tränen bewegt um den Hals. Und dann kam die Stunde, wo wir unser Glück ins Nest trugen. Die Mütter hatten eine bescheidene Wohnung von drei Zimmern, zwei Treppen hoch in einer stillen Seitenstraße, aufs behaglichste ausgeschmückt. Als wir nun eintraten, empfing uns die alte Aufwartefrau, die alles zum Empfang vorbereitet hatte, mit ihren Glückwünschen. Auf dem Tisch brannte die neue Lampe und beleuchtete eine Fülle unerwarteter Geschenke, die mir Schüler und Schülerinnen ins junge Ehenest gestiftet hatten. »Wie reich wir sind!« rief mein Frauchen. Die alte Dienerin hatte uns verlassen, wir waren ganz allein. Ganz still war es in dem kleinen Raum, unsere Herzen schlugen aneinander, und unsere Augen sahen groß und lange in das rote Licht. Nun bist du mein! All Leid hat nun ein Ende! Sieh! Frühling ward's und tausend Blüten sprossen. In buntem Schmuck prangt lachendes Gelände. Auch du, an deines Lebens erster Wende, Wie hast so frühlingsschön du dich erschlossen. Und mein bist du! – O, sei es ohne Zagen! Was auch mag kommen, über alle Klüfte Wird meine Liebe hohe Brücken schlagen, Wird sorgsam dich auf sanftem Fittich tragen, Wie Morgenwind der Rose süße Düfte. Viertes Buch I Die Trennung von der Mutter war der einzige Schatten, der auf mein junges Glück fiel. Alle die langen Jahre hatten wir Tag für Tag miteinander gelebt, nun wurde es ihr schwer, sich zu bescheiden, und wenn ich bei aller Liebe zu ihr aus meinem Glück keinen Hehl machte, konnte sie manchmal eine leise Eifersucht nicht unterdrücken. Ich aber fühlte mich nun endlich im Hafen. Mein Leben hatte Halt und Ziel bekommen, die Last des Berufes trug sich leichter, da ich für etwas Liebes sorgte, und meine Bestimmung schien mir erreicht. Nun hieß es, in treuer Arbeit das Erreichte zu befestigen. Wir waren auf das allergenügsamste eingerichtet. Jede der Mütter hatte hergegeben, was sie entbehren konnte, und für das Fehlende hatte ich selbst sorgen müssen. Da zeigte sich mit der Zeit, daß dieses und jenes noch nötig sei und daß gerechnet und gespart werden mußte, um es herbeischaffen zu können. Doch wir hatten beide gelernt, mit wenigem glücklich zu sein. Ein Abend in der Woche gehörte Georg, und da seine Mutter in der letzten Zeit angefangen zu kränkeln, und er sie ungern verließ, so ging ich zu ihm und ließ meine Frau bei einer Handarbeit und einem Roman zurück. Als nun aber die alte Frau kränker wurde, sahen wir uns immer seltener und hatten uns einmal fast während eines Vierteljahres nicht mehr als flüchtig gesehen und nur durch kurze Kartengrüße voneinander gehört. Dann rief er mich zu sich, seine Mutter sei gestorben. Ich fand ihn sehr blaß, sehr einsilbig, aber äußerlich gefaßt. Als wir nach dem Begräbnis davon sprachen, wie er sich jetzt einrichten wolle, konnte er zu keinem Entschluß kommen. »Heirate,« riet ich. Er sah mich einen Augenblick mit seinen schwarzen Augen groß an und sagte dann leichthin: »Das ist jetzt zu spät.« Ich meinte, er dächte an die verlorene Braut und rief: »Keineswegs! Es gibt der Mädchen mehr, und du bist noch nicht zu alt.« Da machte er mir ein erschütterndes Geständnis. Sein Vater, den er übrigens kaum gekannt habe, sei im Irrenhaus gestorben. Er habe das erst spät erfahren, und zwar damals, als die Untreue seiner Braut ihn niedergeworfen; die Familie des Mädchens habe irgendwoher die Krankheit des Vaters in Erfahrung gebracht, und dann sei es zu einer Aussprache zwischen ihm und der Mutter gekommen. »Und ich sollte heiraten, ich dürfte heiraten!« rief er erregter werdend. Ich versuchte, ihm den Vererbungsgedanken auszureden, natürlich ohne Erfolg, da ich ihm heimlich zustimmen mußte. »Nein, nein,« rief er. »Reden wir nie wieder davon, ich bitte dich darum.« Erschüttert verließ ich ihn. Doppelt grausam erschien mir sein Geschick, da ich in meinem jungen Eheglück saß. Vom Irrsinn bedroht, an der Grenze der Vernunft hin nachtwandelnd, ein geringster Anstoß, und die Nacht verschlang ihn. Und er wußte das seit Jahren. Und dabei dieser Gleichmut, diese gelassene Heiterkeit. Der Tod seiner Mutter aber hatte auch für mich eine wunderliche Folge, die uns zuerst noch näher zusammenbrachte, um dann später die Ursache unserer Entfremdung zu werden. Ich hatte am Abend der Beerdigung, von der stillen Innigkeit seines Schmerzes gerührt, ein paar Verse aufs Papier geworfen, von denen ich glaubte, daß sie ihm Freude machen könnten. Nach dem Begräbnis. Eine alte kranke Frau Haben heute wir begraben, Ob sie nun wird Frieden haben? Ach wir wissens nicht genau. Eins nur wissen wir, ein Stück Nahm sie von des Sohnes Herzen Mit ins Grab und ließ in Schmerzen Nun ihr Liebstes hier zurück. Wenn die Klage auch verstummt Und die Tränen auch versiegen, Schmerz schleicht doch auf allen Stiegen, Hockt in jeder Eck' vermummt. Wenn du gar nicht sein gedacht, Kommt er, dir die Hand zu reichen, Sanft den Scheitel dir zu streichen, Wie's die Mutter hat gemacht. Er war gerührt. Vielleicht wäre er zu anderer Zeit kritischer gewesen, aber sein Herz weinte noch, und er fand das Gedicht schön. Er wunderte sich, daß ich ihm nie von meinen Versen gezeigt hatte, denn daß diese die ersten seien, würde ich ihm nicht einreden können. So kam ich denn mit den wenigen Versuchen, die ich aus der letzten Zeit besaß und die größtenteils an meine Braut gerichtet waren, heraus, und fand auch mit den meisten vor ihm Gnade. »Du bist ja ein Dichter,« sagte er verwundert. Ich aber wollte einen so hohen Titel nicht ohne Widerrede annehmen und meinte, sein Urteil allein wäre mir doch nicht maßgebend, worauf er mir riet einige Gedichte zur Prüfung an irgendeine Redaktion einzuschicken. Ich erinnerte mich aus meiner Buchhändlerzeit der »Deutschen Dichtung« von Karl Emil Franzos und der »Romanzeitung«, die Otto von Leixner leitete. Nach einigem Zögern entschloß ich mich denn, das Gedicht auf den Tod der Mutter meines Freundes an Franzos zu schicken. Natürlich abonnierte ich auf sein Blatt und verfolgte nun mit Spannung Nummer für Nummer. Und siehe, mehr als ich erwartet hatte: das Gedicht war im Hauptteil des Blattes abgedruckt und hinten im Briefkasten standen einige ermunternde Worte. »Siehst du!« rief Georg triumphierend. »Sage nun noch, ich verstünde nichts von diesen Sachen.« Freilich mußte er selbst ein paar Tage später meinen Stolz dämpfen, indem er mir die neueste Nummer des »Kladderadatsch« brachte, in dessen Briefkasten mein schönes Gedicht dem Spott verfallen war. Alte kranke Frauen so ohne weiteres zu begraben, hieß es da, wäre eigentlich bisher nicht gestattet worden, und wäre auch reichlich grausam. Aber vielleicht hätten wir so lange gewartet, bis die alte kranke Frau auch tot gewesen wäre. Wir lachten und schalten auf den Philister, der etwas Selbstverständliches noch wollte erwähnt haben, und deckten uns mit dem blanken Schild der »Deutschen Dichtung«, die gewiß keinem schlechten Gedicht ihre Spalten geöffnet haben würde. Als nun Franzos von einer zweiten Sendung wieder ein Gedicht annahm, war das ein wenig wankend gewordene Selbstvertrauen wieder völlig hergestellt, und ich sah mich schon in die Reihe der deutschen Dichter glorreich aufgenommen. Doch hätte eine so ruhmvoll begonnene Laufbahn leicht ein frühzeitig Ende nehmen können. Georg, einer kleinen Ausspannung bedürftig, hatte mich überredet, ihn nach Büsum zu begleiten. Es war Pfingsten, das Wetter günstig, und wir gingen im schönsten Sonnenschein auf dem langen grünen Deich spazieren, an den das leichtbewegte Meer seine Wellen warf. Georg, der leidenschaftliche Wassermensch, konnte alsbald der Lust nicht widerstehen, ein erfrischendes Bad zu nehmen, und ich ließ mich verlocken, auch die Kleider abzuwerfen. Wie wohlig umfing mich die Flut! Der Freund war mit ein paar Schlägen schon weit draußen, während ich mich vorsichtiger in der Nähe des Ufers zu halten gedachte. Als ich nun aber den Rückweg antreten wollte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß ich gegen einen heftigen Strom anzukämpfen hatte, und zugleich schoß es mir durch den Kopf: Du kämpfst gegen die Ebbe. Ich verdoppelte meine Anstrengungen, aber meine Kräfte verließen mich, als ich mich gerade über einem tiefen Priel befand. Ich war indes dem Ufer nah genug, so daß ein Mann, der auf dem Deich an einem Netz flickte, mich sehen konnte. Ich rief und winkte, aber er nahm für Lust und Übermut, was Not und Angst war, und winkte mir fröhlich zurück. Endlich begriff er die Sache und sprang, als ich schon der Erschöpfung nahe war, mit Stiefeln und Kleidern ins Wasser; aber auch er konnte gegen die Gewalt des ebbenden Stromes nicht an, und begann zu rufen und zu winken, worauf denn ein Boot, ich weiß nicht woher, eilig herangerudert kam und uns aufnahm. * Eines Tages fand ich bei meinen Buchhändlern ein Heft der von Bleibtreu und Conrad herausgegebenen »Gesellschaft«. Es enthielt einen Aufsatz über den mir bisher unbekannten Dichter Detlev von Liliencron, sein Bild und einige Gedichte von ihm. Der Aufsatz, von Iven Kruse geschrieben, führte in das Heim des Dichters ein, das unweit Hamburgs im holsteinischen Städtchen Kellinghusen sich befand, machte mit seiner Persönlichkeit bekannt und äußerte sich begeistert über seine neue und eigenartige Poesie, die aus der Heimatscholle aufblühe, wie die Blume des Feldes. Die Gedichtproben schienen mir dem Schreiber recht zu geben, mehr noch fesselte mich eine längere Prosaskizze des Dichters »In der Mergelgrube«, die mir die Natur direkt in meine vier Wände zauberte und zugleich eine so originelle Art zu sehen, zu empfinden, sich auszudrücken offenbarte, daß ich freudig erregt und eines Erlebnisses mir bewußt war. Dieses Heft der »Gesellschaft« brachte auch eine Anzeige der Gedichtsammlung des Dichters, »Die Adjutantenritte«. Ein paar Tage später hielt ich das schmale Bändchen in Händen, und las und las, während mir die Backen brannten. Immer wieder sprang ich auf und lief durchs Zimmer, ging wieder zum Buch und war in einem Rausch, wie damals in meinem Thüringer Stübchen, als mir Goethes Lyrik zum erstenmal die Seele mit ihrem goldenen Licht durchsonnte. Wie das sprudelte, wie das stürmte, unbekümmert im Ausdruck, wie es schien, und immer treffend. Und wie plastisch alles hingestellt war! Ich sah, ich konnte mit Händen greifen; der Dichter riß mich hinein in seine Welt; ein Bild, eine Stimmung, und immer war ich bezwungen. Ich lief zwischen Schreibtisch und Küche hin und her, um meine Frau an meiner Begeisterung teilnehmen zu lassen, und ich war gekränkt, wenn sie sich nicht sogleich von ihren Kochtöpfen hinweg in die Einsamkeit der erikageschmückten Heide wollte versetzen lassen. »Ich finde es ja auch sehr hübsch,« sagte sie. »Aber begreife doch, daß Kochlöffel und Lyrik sich nicht in jeden Augenblick miteinander verbinden lassen.« »Aber das muß dich doch packen! Höre nun mal! Tiefeinsamkeit spannt weit die schönen Flügel, Weit über stille Felder aus. Wie ferne Küsten grenzen graue Hügel, Sie schützen vor dem Menschengraus. Im Frühling stiegt in mitternächt'ger Stunde Die Wildgans hoch im raschen Flug. Das alte Gaukelspiel: in weiter Runde Hör' ich Gesang im Wolkenzug. Verschlafen sinkt der Mond in schwarze Gründe, Beglänzt noch einmal Schilf und Rohr. Gelangweilt ob so mancher holden Sünde, Verläßt er Garten, Wald und Moor.« Sie hatte geduldig zugehört, aber dann schob sie mich rasch aus der Küche. * Tiefeinsamkeit, es schlingt um deine Pforte Die Erika das rote Band. Von Menschen fern, was braucht er noch der Worte, Sei mir gegrüßt du stilles Land. Ich forderte vom Buchhändler, was sonst noch von Gedichten Liliencrons erschienen sei, und er sandte mir einen neuen Band: »Gedichte«. Du, den ich nicht kenne, Wenn ich dich wüßte! Der du am Boden liegst verzweifelnd, verzweifelt, Dem kleinliche Menschen und Pharisäer Hochmütig den Rücken drehn, Weil du den Scheitel nicht trägst wie sie, Weil du das Schuhband anders bindest wie sie, Weil du nicht denkst wie sie. Den sie hungern lassen aus Ärger, Weil du heißeren Drang hast als sie, Vom Alltagsgeleise abbiegst In unbekannten Pfad. Den sie für einen Narren wähnen. Weil du den Pfennig nicht umwendest wie sie, Nicht rechnen kannst wie sie. Den sie für wahnsinnig halten, Weil du mit ausgebreiteten Armen Dem sinkenden Tagesgestirn nachschaust. Und nachschauend ausrufst: Auch mir, auch mir die Sonne! Du, den ich nicht kenne, Von dem ich weiß, daß du ein Dichter bist! Daß deine Schmerzen schlimmer, Deine Freuden größer sind Als dein Nachbar sie fühlt, sie ahnt. Wenn ich dich wüßte! Du, den ich nicht kenne, wenn ich dich wüßte! Komm an mein Herz, sorge nicht mehr! Wie ein Ruf an mich war es mir. Und dann las ich: Mit Trommeln und Pfeifen bin ich oft marschiert, Neben Trommeln und Pfeifen hab' ich oft präsentiert, Vor Trommeln und Pfeifen bin ich oft avanciert In den Feind, Hurra! Die Trommeln und Pfeifen wohl hör' ich nicht mehr, Und Trommeln und Pfeifen, rückten sie her, Hinter Trommeln und Pfeifen stelzte zu schwer Mein Holzbein, o weh. Wenn Trommeln und Pfeifen mir kämen in Sicht, Gegen Trommeln und Pfeifen mein Ohr hielt ich dicht, Die Trommeln und Pfeifen ertrüg' ich nicht, Mir bräche das Herz. Und Trommeln und Pfeifen, das war mein Klang, Und Trommeln und Pfeifen, Soldatengesang, Ihr Trommeln und Pfeifen, mein Leben lang Hoch Kaiser und Heer! Ging das nicht bis in die Zehenspitzen, warf die Beine, daß ich hätte auf- und abmarschieren mögen in meinem kleinen Zimmer? Und ich tat es auch, und trommelte die Verse noch einmal laut durch den Raum. »Höre, höre, wie das wirbelt!« rief ich, als meine Frau hinzukam. Aber sie nahm mir das Buch aus der Hand und meinte: »Das muß ich selber lesen. So kann ich's nicht verstehen, wie du es herunterbellst.« Das ärgerte mich. Ich glaubte es, trotz einem Tambour gut gemacht zu haben. Aber natürlich gab ich ihr Recht, um das Gedicht zu retten. Doch das war nicht nötig, es hatte sich schon selbst in Respekt gesetzt, und sein Rhythmus schien meiner Frau in den Kochlöffel gefahren zu sein, so rumorte sie hernach in ihren Töpfen herum. Ich freute mich auf den ersten Abend, wo ich Georg mit meinem Dichter bekannt machen würde; was sollte der für Augen machen. Aber wie war ich enttäuscht, als er nicht in meine Begeisterung einstimmte, sich mit lauer Zustimmung zu einigen Gedichten begnügte, zuletzt aber von meinem Dichter nichts wissen wollte. Er holte einen Band Geibel hervor und las mir mit Pathos eins der vollklingenden Gedichte vor. »Schön, gewiß!« rief ich. »Aber wirbelt's dich empor? Daß du vom Stuhl springst? Das liest man, bewundert man, aber hier, hier ist doch – Kraft, Natur –« »Meinetwegen, aber keine Kunst!« unterbrach er mich. »Keine durch Kunst gebändigte Natur!« »Unsinn!« rief ich. Er langte nach dem Band Liliencron, aber ich rief: »Laß! Du sollst ihn mir nicht gleich verekeln!« »Wer will das?« lachte er. »Deine Ekstase wird schon von selbst abnehmen und vielleicht – ich kann ja nur nach dem ersten Eindruck urteilen – ich will mich gern mit ihm beschäftigen –« »Du wirst sehen! Du wirst sehen!« triumphierte ich. Ich lieh ihm die »Adjutantenritte«, und wir schieden in Frieden. Dafür zankte mich meine Frau aus, daß ich das Buch weggegeben hatte, denn es war ihr ebenso lieb geworden wie mir. Eines Abends hatte ich mich mit dem neusten Heft der »Gesellschaft« zu ihr aufs Sofa gesetzt, während sie in den Adjudantenritten las, die ich von Georg zurückerbeten und die sie abends fast immer mit Beschlag belegte, als die letzte Post noch einen Brief brachte. Aus München? Und ich lachte. Mit Riesenbuchstaben stand auf dem Kuvert mein Name und darunter »Dichter in Hamburg«. Meine Frau machte auch Augen. »Aber so öffne doch,« rief sie ungeduldig, denn ich hielt den Brief eine Weile in der Hand und betrachtete ihn von allen Seiten, wie etwas Wunderbares. »Von irgendeiner Zeitschrift,« sagte ich, riß das Kuvert herunter und sah meiner Gewohnheit nach zuerst auf die Unterschrift: Detlev Freiherr Liliencron. »Von ihm!« rief ich. »Von Ihm? Wer ist Ihm?« fragte meine Frau. »Nun von ihm,« wiederholte ich und hielt ihr den Brief hin. Da hätte sie mir den Brief beinah aus der Hand gerissen. Ich aber wahrte meine Rechte, ließ sie einen Augenblick zappeln, was mir schwer genug wurde, und stillte dann unserer beider Neugier: »Soeben las der alte herrliche Hauptmann von Reeder uns (uns – d. h. einem kleinen Kreise von Künstlern, Dichtern, Literaten) Ihren ›Gang durchs Fischerdörfchen‹. Und wie las er! Sie hätten es hören sollen! Poet Sie! Das ist ein wundervolles Gedicht! ›Eine dunkelrote Rose.‹ Das hätten Sie hören sollen. Unglaublich schön! Ich glaube Ihnen eine Freude zu machen, wenn ich Ihnen das sage. Michael Georg Conrad war auch dabei, der Tapfere. Detlev Freiherr Liliencron.« Ich sprang auf, den Brief in der Hand. Ich las ihn wieder und wieder und war wie ein Kind. Das Gedicht, das Liliencron lobte, war eine Erinnerung an meinen Aufenthalt in jenem kleinen ostholsteinischen Bade, war, in unregelmäßigen gereimten Rhythmen, die realistische Schilderung eines solchen Fischerdorfes: »Fischergerät, Netze und Schnüre, Vor jeder Türe; Hin und wieder ein frommer Spruch Und überall Fischgeruch.« Am Ausgang des Dorfes aber: Über die Friedhofmauer hängt, Die Wurzel zwischen die Quader gezwängt, Schwarzgrüner Efeu und höher im Hauch Des Windes, wiegt sich am Strauch Ganz leise, leise Eine dunkelrote Rose. Am liebsten hätte ich mich gleich hingesetzt und einen stürmischen Dankbrief zurückgeschrieben; aber ich schob es bis zum nächsten Morgen auf und entwarf inzwischen im Geiste die überströmendsten Episteln. Ach, wie steif, wie förmlich, wie schüchtern und ungeschickt fiel dann nachher der Brief aus: »Hochzuverehrender Herr Baron!« ›Nun, er wird es schon herausgefühlt haben, wie du dich gefreut hast,‹ dachte ich. Und er hatte es herausgefühlt, denn ein paar Tage später kam ein zweiter Brief; kurze lapidare Sätze, viele Klammern, Einschaltungen, Ausrufungszeichen und Unterstreichungen. Wer ich denn sei? Was ich denn triebe? Ob ich verheiratet sei? »Ein Dichter, ein Künstler darf nie heiraten, n–i–e!!« Ich solle die »Gesellschaft« lesen. Michael Georg Conrad, der Ritter Georg, sei der, der uns aus dem Sumpf herausziehen würde. Und zum Schluß einige kräftige Worte gegen die guten »Teutschen«, die Philister und Skatbrüder. »Aber passen Sie auf, Lieber! Es kommt! Es k–o–m–m–t!!!« Als ich ihm schrieb, daß ich Musiklehrer sei, fragte er mich, ob ich Hugo Wolff kenne, diesen »unglaublich genialer Liederdichter«, er wolle mir vom Verleger einige Hefte seiner Goethe- und Mörikelieder auswirken. So kamen wir in einen Briefwechsel. Zwanglos schüttete er sein Herz aus, als ob wir uns schon lange kennten. Wie mußte mich das stolz machen. Wer war ich denn, daß er mir so sein Vertrauen, seine Freundschaft bot? Du, den ich nicht kenne, wenn ich dich wüßte! Komm an mein Herz, sorge nicht mehr! Ein paar Tage vor Weihnachten, es war ein Sonntag und ich lag noch im Bett, brachte mir die Morgenpost sein neustes Buch: den »Heidegänger«, vom Verlag übersandt, und einen Brief aus München, worin er mir mitteilte, daß er bald nach Neujahr nach Hamburg kommen würde; auch eine umfangreiche Notenrolle, die Lieder Hugo Wolffs, kam gleichzeitig aus Frankfurt vom Musikverlag Schott Söhne. Das war eine Sonntagspost! Ei, sprang ich aus dem Bett! Und bald saß ich am Flügel vor den Liedern, die allerdings nicht so im Fluge zu erhaschen waren. Und dann ging's an den Schreibtisch. Und es wurden Verse, freilich unter vielem Fingern und Silbenzählen. An Detlev von Liliencron. Heute hatt' ich einen Festtag, einen Frohtag. In den Federn lag ich noch, ich Siebenschläfer. Als erschreckend mich, an meinem Klingelzug schon Stürmisch riß der brave, schnauz'ge Stephansjünger, Er, so mancher meistens unverhoffter Freuden Unbewußter, mürrisch kalter Botenträger. An die Türe stürz' ich eins, zwei, drei auf Socken, Stürze, stolpre, rutsche. Durch die schmale Spalte Eine Handvoll »Post« reicht mir herein der Brave: Briefe, Bücher, eine lange Notenrolle. Ei, verflog der Schlaf, der halbwegs mich umfing noch. Dennoch zog ich schnell zurück ins warme Bett mich. In des Wintermorgens mattem, trübem Frühlicht Überflog ich schnell die reiche Stephansspende, Brach das Brieflein: »Viel zu kalt ist's heute,« schrieb mein Mütterchen, »für unsre Domfahrt, und ich schone Lieber mich zum Feste.« – Aus der schlanken Rolle Zog die ersten fünf ich von den dreiundfünfzig Mörikegesängen Hugo Wolffs, den unlängst Du begeistert mir gepriesen und in deinem Neuesten, prächtigen Versebuch: »Der Heidegänger« Kräftiglich in deiner kernigen Art besungen. Und da war er selbst in seinem gelben Kleide, Kam mit einem gelben Zettelchen, auf welchem Zier geschrieben: »Mit ergebenster Empfehlung Vom Verleger überreicht.« Schon hatt' am Abend Fröhlich ich für ihn das Portemonnaie gezogen Und mit meinem Federmesser alsogleich ihn Untersucht nach wahren, echten Dichtergaben. Zwei der edlen »Gänger« stehen nun im Stall mir, Bücherstall: so nenn' ich meinen kleinen gelben Schrank. Einst war es Mutters Wäscheschrank. Jetzt stehen Drin in Reih und Glied geordnet (Schöne Ordnung!) Groß und kleine und berühmt und unberühmte Teutsche Dichter, die ja, wie bekannt, nur schreiben Tapfer fleißig für ihr Volk, auf daß es schmunzelnd Sie und stolz als höchste nationale Güter In den Schrank stellt! Aber Freund, sei ohne Sorge, Eins von deinen Heidegängerbüchern mag drin Neben Goethe, Schiller, Platen, Lenau, Reuter, Neben Bibel und Fürst Bismarck Ruhe pflegen, Von dem Schreibtisch kommt mir nicht das andre eher, Bis ich Vers für Vers zu eigen mir gemacht hab'. Kommst du, wie du ja versprochen, gleich nach Neujahr Auf die Bude mir, so will für alles Schöne, Das seit letztem Sommer ich dir danke, herzlich Beide Hände ich dir drücken. Und dann singst du – Denn mir ahnt: Du singst, verstehst zu singen – jene Schönen Lieder mir vom neuen Liederkönig Hugo Wolff. Vor allem das entzückend lust'ge Lied vom Knaben mit dem Immlein. Ach, ich selber Singe nur in Tönen wie ein Nebelhorn, das Mitternächtig ruft bei trübem, dickem Wetter Angst und Gram im Herzen wach der Passagiere, Die mit Zagen denken der Gefahr, davon sie Einzig nur des Schiffes dünne Planken trennen. Heute noch dazu quält mich ein Riesenschnupfen: Schnaufend, niesend, kröchelnd, ächzend schreib' ich diese Seltsame Epistel an dich nieder, während Draußen, Omeletten gleich dick überzuckert. Alle Dächer tragen frischen Winterschmuck, dem Schon seit frühem Morgen schneit es unaufhörlich Auf die Dächer, Straßen, Plätze und die grünen Waldentführten Weihnachtsbäume. Wenige Tage Noch, und auch in meiner kleinen Klause leuchtet Solch ein lichtgeschmücktes Bäumchen mir zum ersten Frohen Christfest an dem eignen Herd. Wie köstlich! Und du Böser wolltest einst mich sorglich warnen, Keinem Weib zu fest ins schlaue Garn zu gehen, Denn die leidigen Ehefesseln brächten wenig Freude einem teutschen Dichter. Nun, am Ende Bin ich gar kein Dichter, denn fürs erste schmeckt mir Noch die Ehe wie ein Honigkuchen, drauf mit Weißen Mandeln eingelegt ein schönes Herz ist. Doch, gewiß, ich weiß ja, Ehe ach und Ehe! Aber daß nun meine Frau so übel gar nicht Und ein dichterfreundlich Herz hat, zeigt allein schon, Daß trotz jener Warnung sie nicht schmollt mit dir und Ihren »Ersten« – wenn das Störchlein nicht vergißt drauf – Detlev nennen will: Hans Detlev. Heute schickt sie Dir besondern Gruß und Dank durch mich für deinen Allerliebsten »Puppenhimmel«. Damit, Bester, Gott befohlen. Und ein frohes, schönes Christfest. Gleich nach Neujahr hoff' ich dir die Hand zu drücken. Das war am 20. Dezember 1890. Vier Tage später brannte das erste Christbäumchen an unserem eigenen Herd, und das Jahr, das mir soviel Glück geschenkt hatte, schickte sich an, mit einem letzten schönen Lächeln zu scheiden. II Liliencron wollte kommen. Wir hatten uns nach seinen Gedichten und vor allem nach seinem »Mäzen« ein Bild von ihm gemacht: Besitzer von neunundneunzig Gütern, unermeßlich reich, Aristokrat, Offizier, groß und breitschultrig, und wir sahen nach dem Wagen aus, in dem er vorfahren würde, vielleicht vierspännig. »Wenn er sich nur vorher anmelden würde,« meinte meine Frau, der ein so hoher Besuch doch einige Beklemmungen machte. Auch ich war nicht ohne Bedenken. Wie würde er sich geben? Würde er sein wie seine Briefe, seine Bücher? Wir hatten schriftlich manches vertrauliche Wort gewechselt; würde ich nun dem reichen Freiherrn gegenüber mündlich denselben Ton finden? Eines Tages, als wir von einem Spaziergang zurückkehrten, fanden wir auf dem Fußboden seine Visitenkarte; er hatte sie unter die Tür geschoben. Detlev Freiherr von Liliencron; darüber die Freiherrnkrone. Auf der Rückseite aber stand mit Blei in seiner großen energischen Handschrift: »Komme morgen wieder.« »Weißt du – eigentlich bin ich ganz froh,« sagte meine Frau. »Nun können wir uns doch wenigstens etwas vorbereiten. Aber hoffentlich kommt er nicht nachmittags, wenn du nicht zu Hause bist. Das wäre schrecklich! Auf keinen Fall empfange ich ihn allein. Dann mußt du zu Hause bleiben.« »Das geht doch nicht, Schatz.« »Dann gehe ich auch aus oder schließe einfach ab.« Es half mir nichts, ich mußte ihr versprechen, daheim zu bleiben. Am anderen Tag warteten wir von Stunde zu Stunde, aber er kam nicht. Als wir uns jedoch gerade vor unsere Mittagsuppe setzten, klingelte es. »Das ist er!« rief meine Frau, und ein komisches Entsetzen malte sich in ihrem Gesicht. Es klingelte zum zweitenmal. »Soll ich die Suppe wieder hinausbringen?« Aber da hatte das kleine Morgenmädchen schon geöffnet; eine schnarrende Stimme wurde auf dem Korridor laut, kurz, offiziersmäßig, ein Scharren und Schnüffeln – die Tür wurde geöffnet, und herein schoß ein kleiner, gelber Teckel, an einer Leine festgehalten. Ich ging dem Besuch ein paar Schritte entgegen. Er streckte uns beide Hände entgegen. »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wenn ich Ihnen in die Suppe falle. – Männe, willst du! Aber lassen Sie sich nicht stören. Bitte, ruhig Ihre Suppe zu essen. – Männe!« Der Teckel schoß unter alle Stühle und rumorte entsetzlich umher, während sein Herr vergeblich an der Leine zerrte. Das war also der Freiherr von Liliencron! Ein kleiner, hagerer Mann in langem Lodenrock, der ihm bis auf die Füße fiel, mit einem kleinen, grünen Hute, den er unter den linken Arm geklemmt hatte, und mit einer hellen, krähenden Stimme. Ich lud ihn ein, abzulegen, aber er wehrte ab. »Nein, nein, ich will gleich wieder gehen. Sie sollen Ihre Suppe essen. Kartoffelsuppe? Herrlich! Herrlich! Kantüffelsupp', Kantüffelsupp', Den ganzen Tag Kantüffelsupp'!« Er legte nicht ab, nahm keinen Stuhl an, drückte uns nur wiederholt die Hände und nannte mich: »Mein Poet.« »Wann treffe ich Sie morgen zu Hause?« fragte er. »Zu jeder Stunde bin ich für Sie da,« antwortete ich. »Vortrefflich! Dann hole ich Sie ab zu einem Spaziergang. Gnädige Frau erlauben, daß ich Ihren Herrn Gemahl entführe. Um vier Uhr? Ist Ihnen das recht?« Ich bejahte. »Aber nun die Suppe, die Suppe! Männe! Willst du her!« Ein Handkuß, ein Händedruck, und draußen war er. Und die Kartoffelsuppe war noch heiß. Wir sahen uns an und lachten. Ich hatte mit einer gewissen Enttäuschung zu kämpfen. Ich hatte mir ein Bild von ihm gemacht, so stolz, so edel, wie nur ein begeisterter Backfisch sich seinen Ritter träumt. Und dieser kleine, hagere, quecksilberne Mann mit der krähenden Stimme entsprach so gar nicht diesem Bilde. Am anderen Tag trat er in derselben turbulenten Weise bei uns ein; nur seinen Teckel hatte er zu Hause gelassen. Ein Handkuß, ein »gnädige Frau«, und eins zwei drei hatte er mich meinen vier Wänden entführt. Er äußerte den Wunsch, nach der »blauen Brücke« zu gehen, die hinter Horn über die Bille führt. Hier liegt jenseits eine Reihe alter Patrizierhäuser, Sommerwohnungen, in dunklen, verträumten Gärten, die wollte er wiedersehen; er sei früher viel dort spazieren gegangen und liebe diese Gegend. Ich vernahm zum erstenmal, daß er schon früher in Hamburg gewohnt habe und hier durchaus nicht fremd sei; ja es zeigte sich bald, daß er besser Bescheid wußte als ich selbst. Die Natur lag noch im Winterkleid. Die Bille war zwar frei von Eis, aber der Erdboden war hart gefroren, und auf den kahlen Feldern und auf den Wegen und an den Gräben lagen Reste schmutzigen Schnees. Es war aber eine stille, klare Luft, in der sich gut spazierte, und wir wurden bald warm vom Gehen und Sprechen. Was war er für ein prächtiger Erzähler! Er erzählte von Conrad und Bierbaum, den er seinen Otto Julius nannte, von Max Halbe, vom Liederkönig Hugo Wolff, von Karl Henkell und Conradi, »diesem ganz Genialen«, die ich alle aus »Der Gesellschaft« schon kannte, und führte mich in einer halben Stunde durch die ganze moderne Literatur. Ich hatte Muße, sein Gesicht zu studieren, das mir, je länger ich es ansah, immer schöner erscheinen wollte: das feste, energische Kinn, die hübsche Nase, die wunderbarsten Augen, die einmal aufblitzten und ein andermal wie hinter trüben Schleiern versanken. Als wir an den winterlichen Gärten hingingen, wußte er mir von den dunkel und einsam daliegenden Häusern allerlei zu erzählen; von einem kannte er den Namen des einstigen Besitzers, an ein andres wußte er eine Anekdote anzuknüpfen, ein drittes begeisterte ihn zu einem Loblied auf das Empire, und ein viertes schien er bei einem persönlichen Besuch bis in alle Räume kennen gelernt zu haben. »Sehen Sie!« rief er und faßte mich am Arm. »Dort das Zimmer rechts im Erdgeschoß! Sehen Sie's? Neben den schwarzen Zypressen? Da starb sie.« »Wer?« »So ein süßes Mädel, wie sie war,« fuhr er fort, ohne auf meine Frage zu achten. »Augen, wie der Abendstern, und so ganz kleine weiße Hände. Und küssen konnte sie!« Es schien mir indiskret, weiter nach diesem süßen Mädel zu fragen; ich starrte auf das stumme Fenster neben den schwarzen Zypressen, und Haus und Erzähler kamen mir rätselhaft, wunderlich vor. Was mochte er alles erlebt haben? Bei einem anderen Landhaus, dessen Winterschlaf zwei Bronzelöwen zu bewachen schienen, rief er: »So müssen wir Dichter wohnen! Statt dessen lassen sie uns hungern! Zweimalhunderttausend Mark jährlich. Der Teutsche rauft sich ja wohl die Haare aus. Was? Tweemalhunertdusend Mark? Kartoffeln sollt Ihr fressen und uns unsere Geburtstagskarmen dichten!« Ich lachte. Er aber fing ernsthaft an zu prophezeien: »Passen Sie auf, passen Sie auf! Es kommt! Konrad zeigt es ihnen, dieser Riese, dieses Genie!« So ließ er seinem Temperament die Zügel; ich konnte ihm nur staunend zuhören, und mir war wunderlich zu Sinn. War das der Dichter, dessen Verse mich so im Innersten gepackt hatten, wie nach Goethe noch keiner? War das Timme Boje Tetje aus dem »Mäzen«, der glückliche Erbe Wulff Gadendorps? »Sehen Sie, dort, das einsame Bäumchen auf dem Deich? Ist es nicht rührend?« Ich hatte kaum Zeit hinzusehen, als er schon wieder rief: »Falke, Falke!« Er stieß mich mit den Ellbogen in die Seite. »Haben Sie gesehen, was die lütje Deern für Augen machte? Die liebt Sie jetzt.« ›Verrückter Kerl!‹ dachte ich denn doch respektlos und lachte. Die Kleine, ein flachsblondes Arbeiterkind, die uns im Vorübergehen angeschielt hatte, kicherte hinter unserem Rücken. Er drehte mich um: »Ist sie nicht entzückend?« Ich fand es keineswegs, widersprach aber nicht. »Ihre herrliche Frau! Was hat sie für gütige Augen!« sagte er unvermittelt. So sprang er von einem aufs andere, und als wir uns nach drei Stunden in der Nähe meiner Wohnung trennten, hatte ich einen wirren Haufen von Eindrücken und Stimmungen empfangen, ohne daß ich eigentlich etwas Rechtes in der Hand hielt; nur die Empfindung hatte ich, daß wir uns näher gekommen waren, und daß ich ihm gefallen hatte. Eine Einladung, den Tee bei uns zu trinken, hatte er abgeschlagen; er wolle diesen Abend eine Wohnung in Altona mieten und erst noch ein paar Minuten bei seinem alten Vater vorsprechen, der hier ganz in der Nähe in einem alten Patrizierhause wohne. »Nun?« fragte meine Frau, als ich etwas ermüdet wieder bei ihr eintrat. »Ein wunderlicher Mensch,« sagte ich. »Aber höchst interessant. Und wir sind schon gute Freunde.« Sie wollte mehr wissen, und ob er denn nichts von sich selbst erzählt habe. Aber ich konnte ihr nichts mitteilen, als daß er ganz in unserer Nähe in einem alten Patrizierhause einen Vater wohnen habe und daß er sich in Altona eine Wohnung mieten wolle. »Dann ist es doch wohl nichts mit seinen Gütern?« meinte sie. »Die liegen wohl im Monde,« sagte ich. * Es entspann sich jetzt ein lebhafter Verkehr zwischen Liliencron und mir. Er lebte in einer Einsamkeit und Verlassenheit, die im schneidendsten Gegensatz zu dem Bilde stand, das ich mir von dem Millionenerben Wulff Gadendorps gemacht hatte, und der mich tief erschütterte und es mir erklärlich machte, daß er sich an mich als eine verstehende Seele anklammerte. Er hatte sich in Ottensen bei Altona, in der Nähe der Kirche und der Nachbarschaft von Klopstocks Grab bei einfachen Leuten ein kleines Parterrezimmer gemietet; er wollte möglichst draußen in der Nähe der Elbe und seiner geliebten holsteinischen Wiesen und Felder sein. »Wohn' ich nicht entzückend?« empfing er mich das erstemal, zog die Gardine zurück, und zeigte auf eine kleine Laube, die vor seinem Fenster stand. »Hier sitze ich nun jeden Abend mit meiner guten prächtigen Frau Möllern und klön en beeten.« Und dann zeigte er mir mit ironischer Handbewegung sein bescheidenes Zimmer: » L'appartement de Monsieur le Baron! Herr B'ron, wie meine alte gute Möllern sagt.« Ich lachte und sah mich um. Der kleine Raum war nur mit dem Notdürftigsten möbliert; ein Sofa, ein Tisch, eine Kommode und zwei Stühle. Das Bett war hinter einer geblümten Kattungardine verborgen, die er ein wenig lüftete, damit ich sehe, daß er auch ein »anständiges Lager« habe. Ich sah Hut, Stock und gelbe Handschuhe auf dem Bett liegen. Ich sah, daß er nicht verwöhnt war und vielleicht mit noch bescheideneren Verhältnissen hatte manchmal vorliebnehmen müssen. Leuchtend in all der Ärmlichkeit stand eine blaßrote La France in einem Wasserglas auf dem runden Tisch. »Ist die nicht herrlich?« rief er, und stand mit ausgebreiteten Armen davor, als gälte es ein junges Mädchen zu umarmen. »Aber nun kommen Sie, wir wollen einen Gang durch die Felder machen. Nachher essen Sie Erbsensuppe mit mir; Frau Möller kocht eine köstliche Erbsensuppe.« * Wöchentlich einmal mußte ich zu ihm kommen. Gewöhnlich aß ich dann bei ihm, ein bescheidenes Mahl, ganz kleinbürgerlich: eine Suppe, eine Karbonade, ein paar Frikandeaus, alles reichlich in Fett schwimmend, wodurch er sich auch bald ein vorübergehendes Magenleiden zuzog. Zwei Flaschen Lagerbier bildeten den Trunk, eine Rose oder ein Syringenzweig den Tischschmuck. Und während wir aßen, lagen auf dem Bett oder auf der Kommode schon Hut und Handschuhe zum Spaziergang bereit. Nie ging er ohne Handschuhe. Manchmal vergingen keine acht Tage, daß er mich rief: »Kommen Sie, kommen Sie, ich habe so eine Sehnsucht nach Ihnen.« Oder: »Es kümmert sich kein Mensch um mich!« Oder: »Heute Nacht ein wundervolles Gedicht! Sie müssen sofort kommen!« Und immer mußte ich auch von meinen eigenen Versen mitbringen. Da gab er sich denn die liebevollste Mühe mit ihnen, lobte überschwenglich, tadelte drastisch und wußte mir mit ein paar Worten die Augen zu öffnen. Las er dann seine eigenen Verse, so konnte man sich nichts lebendigeres denken. Er unterstrich mit Ton und Gebärde, malte mit Tempo und Mimik und gab immer ein plastisch anschaulich Bild, so daß man sich stets mitten in seinem Gedicht befand, war es nur eine Ballade mit Schlacht und Mord, oder ein Landschaftsidyll, oder eine seiner entzückenden Liebesszenen. Einzelne Verse, die ihm besonders gefielen, wiederholte er wohl, ebenso einzelne Ausdrücke und gelungene Bilder. »Falke! Hören Sie! Ein Wasser schwatzt sich selig durchs Gelände! Ist das nicht reizend?« Seine Manuskripte sahen bunt aus. Er änderte und feilte unermüdlich, und schalt mich, wenn ich nicht trachtete, einen guten Ausdruck durch einen besseren zu ersten. »Immer Leben, immer Anschauung! Was ist ein Vogel? Ein Vogel ist nichts. Ein Sperling ist schon etwas.« Er hatte die feinsten Ohren für Anklänge und Reminiszenzen. »Das ist Goethe, das ist Lenau, das ist Geibel! Sehr schön, aber Schillehr, Schille–h–r!« So arbeiteten wir zusammen, und es kam auch wohl vor, daß er mich um einen Rat fragte und meinen Vorschlag guthieß und annahm. Lange ästhetische und kritische Gespräche, öde Fachsimpelei waren ihm zuwider, und auf unsern Spaziergängen hatten wir es ein für allemal verpönt, »literarisch« zu werden. Es fehlte uns auch nicht an anderer Unterhaltung. Ein Baum, eine Wolke, ein einsames Haus, ein Knick, eine Krähe, ein Mädchen, ein Teckel, ein Viergespann, alles wurde sprunghaft, mit ein paar kurzen Worten wie mit dem Blitzlicht aufgefangen, wobei denn oft die drolligsten Bilder und Wortverbindungen zum Vorschein kamen. Dabei sammelte er unermüdlich für seine Arbeiten. Wie er jenes Landhaus an der Bille mit den Gestalten seiner Novelle »Das Richtschwert von Damaskus« belebt hatte, wie ich jetzt erfuhr, so mußte ihm beständig alles dienen, und manches, was uns auf unseren Spaziergängen aufgefallen war, ein merkwürdiger Baum, eine alte Katenfrau, ein blühendes Topfgewächs vor einem Villenfenster und was immer es sein mochte, fand ich hernach in irgendeinem Kapitel seines Romans »Mit dem linken Ellbogen«, an dem er gerade arbeitete, wieder. Gern führte er mich in kleine und versteckte ländliche Wirtshäuser, je kleiner und versteckter je lieber ihm, wo er mich zu einem Glas Grog oder Bier einlud. Hier hieß es denn meistens: »Falke, hebbt Se 'n beeten Geld?« Und der Gast mußte dem Wirt borgen, was nicht so genau genommen wurde. Da hockten wir denn in irgendeiner kleinen Laube zusammen, schütteten unsere Herzen aus und machten uns heiße Köpfe. Nur hin und wieder wurde ein neues Buch, ein neuer Autor, mit ein paar Worten abgetan. Dagegen liebte er es, immer wieder mit kräftigen Ausdrücken auf die »guten Teutschen« zu schelten, die ihre »Tichter« hungern ließen, und auf die neidischen und hämischen Philister, die ihm nicht das kleinste Glück gönnten und in Liebessachen von einer ekelhaften, altjüngferlichen Prüderie und Heuchelei wären. Und allemal hatte er ein neues Liebesabenteuer zum besten zu geben, manchmal brutal, manchmal mit der naiven, entzückenden Anmut seiner Gedichte. Auch in seinen Briefen vertraute er mir seine kleinen Erlebnisse meist mit großer Offenherzigkeit an; oft in ein paar hingeworfenen Zeilen. Nicht immer war es ein Brief oder eine Karte, sondern zuweilen nur ein abgerissener Fetzen, die Klappe eines alten Kuverts, was seinem Mitteilsdrang genügen mußte. Oft fehlte es ihm an Porto. Seine Armut war in dieser Zeit grenzenlos, und sein Zustand war geeignet, mich in seine Anklagen gegen eine Gesellschaft einstimmen zu lassen, die solche Dichter wie ihn darben ließ. Hatte ich es nun zehnmal besser als er, weil ich mit Stundengeben das, was ich brauchte, leidlich verdiente, so hatte ich doch auch meine Sorgen und seufzte wohl auch einmal unter ihrem Druck. Er aber schloß mich zugleich in den Kreis der notleidenden Poeten mit ein, zu denen ich ja, wenn ich von meiner Poesie hätte leben sollen, freilich als ein allerärmster Schächer gehört haben würde, und er nannte es eine Schmach, daß ich genötigt sei, mein Brot als Klavierlehrer zu verdienen. So konnte es nicht ausbleiben, daß auch in meiner Seele manchmal Bitterkeit aufstieg und sich hin und wieder in einem Vers Luft machte. Ihm aber war ich dann immer nicht scharf genug. Er warf mir vor, daß ich noch viel zu viel Rücksicht auf diese »Philister«, diese »Bourgeois« nähme, während ich mir doch bewußt war, keine Rücksicht, nach keiner Seite hin, zu nehmen. Wie hätte ich aber eine Gesellschaft hassen sollen, aus deren Schoß ich hervorgegangen war, deren Wege ich jahrelang gewandert und der ich nichts vorzuwerfen hatte, als daß sie mich, wie Millionen andere, um mein Brot arbeiten ließ. Daß sie mich als Dichter ehre und pflege, konnte ich nicht verlangen, da sie mich als solchen unmöglich schon kennen konnte, und ich auch eine Verpflichtung der Nation, für ihre Dichter zu sorgen, nur den wirklich auserwählten und Werte schaffenden Geistern gegenüber anerkennen konnte. So war ich mehr aus seiner Seele heraus rebellisch, als aus eigenem unzufriedenen Gemüt. Ich war ja auch nicht jung genug mehr, um nicht einigen Einblick in die Welt zu haben und nicht zu wissen, daß mit Schelten und Schreien nichts getan sei, und daß nichts übrig blieb, als in stiller und treuer Arbeit auszuharren, um mit der Zeit zu einiger Bedeutung heranzuwachsen. Er aber hatte das Recht, sich schon zu fühlen, und er litt zehnfach unter der Last seiner Armut, da er ein besseres Leben als Offizier und Edelmann einst gewohnt gewesen war, und von einem armen Klavierlehrer und einem armen Baron immer der arme Baron der Bedauernswertere ist. Da es ihm nun nicht an Tapferkeit fehlte, seine Nöte mit äußerer Würde zu tragen, und er aus allem seinem Elend heraus ein herrliches Gedicht nach dem anderen in die Welt hinausschleuderte, so mochte er zur Erleichterung gerne kräftiglich schelten und gelegentlich schimpfen. Aber was ihm wohl anstand, wäre mir nicht zugekommen. Eine so kraftvolle Persönlichkeit, ein so feuriges Temperament mußte eine ruhigere, gelassenere Natur, oft unwillig als Gegensatz empfinden. Und wenn ich mir nun mein Eigenstes in diesem Feuerbad täglicher Einwirkungen bewahrte, so gehörte oft nicht wenig zähe Widerstandskraft dazu, und in jüngeren Jahren wäre ich ihm gewiß rettungslos erlegen. Immerhin war ich wenigstens als Dichter jung genug, um zu ihm aufzuschauen, ihm nachzueifern und ihm bewußt abzugucken, was ich für mich für förderlich hielt. Seinen vielen Liebesabenteuern stand ich als junger Ehemann gebunden gegenüber, oft ihm seine Freiheit beneidend, oft sein Flattern von Blume zu Blume mit seinem künstlerischen Temperament vor meiner anerzogenen bürgerlichen Moral unwillig rechtfertigend. Las er mir, noch ganz beseelt von dem Erlebten, die Frucht einer solchen Liebesnacht oder eines Ausfluges in die Verschwiegenheit bäuerlicher Gasthauslauben vor, glaubte ich, ihm für solche Köstlichkeiten alle »Sünde« verzeihen zu sollen. Solcher lyrischer Perlen auch teilhaftig zu werden, bildete ich mir wohl ein, auch ähnliche Abenteuer nötig zu haben, und es bedurfte der ganzen Liebe zu meiner Frau, um bei meiner bürgerlichen Tugendhaftigkeit zu verharren. Doch waren die kleinen Mädchen nicht allein seine einzige Schatzgrube. Wenn er aus dem rauchenden Schlot des Hornhardtschen Konzert-Etablissements auf St. Pauli ein so groß gesehenes phantastisches Gebilde holte, wie das wunderbare Gedicht »Der schwermütige König«, wo das Gebäude zur Burg, der Schornsteinqualm zum Opferrauch und das dumpfe Geräusch der Dynamos verbunden mit den abgerissenen Klängen der im Saal konzertierenden Kapelle zu einem wilden Getöse, zu einer dem Götzen dargebrachten Musik wurde, so glaubte auch ich die rechten Wege zu wandeln, wenn ich die einfachen Erlebnisse und Vorgänge der Straße umzubilden suchte, Realismus und Phantastik verbände, was mir jedoch meistens mißlang. So etwas mußte bei mir aus einem gewissen Traumzustand geboren werden, der mich selten vor den Dingen selbst überfiel, wie es ihm wohl blitzartig geschehen konnte, wie denn alles an ihm genial war und er zu jeder Zeit ein rechtes Kind des Augenblickes erschien. Mehr als auf diesem Wege lernte ich technisch von ihm, wenn er mich immer wieder darauf hinwies, Wortwiederholungen zu vermeiden, mich auf Inversionen aufmerksam machte und das Dichter-»e«, das er grimmig haßte, mit Spott und Zorn verfolgte. Mit der Wortwiederholung nahm er es so genau, daß er selbst in einem langen vielstrophigen Gedicht noch im letzten Vers ein Wort rügen konnte, das schon im ersten Vers vorgekommen war, und er konnte alsdann unermüdlich auf der Suche nach einem anderen Wort sein, wobei er Grimms Wörterbuch und andere Hilfsmittel nicht verschmähte. Artete das auch manchmal zur Pedanterie aus, so hat er doch dadurch seiner Sprache unendlichen Dienst geleistet und sie reich gemacht. Nachdem er jedes Gedicht gutgeheißen hatte, war er mir beim Zusammenstellen meines ersten Buches behilflich. Weil eine Reihe von Gedichten sich mit dem Knochenmann beschäftigte, und diese, zu einer Art Totentanz zusammengestellt, den Anfang der Sammlung bildeten, fand er für sie den Titel »Mynheer der Tod«. Es war natürlich, daß ich ihm, dem ich soviel verdankte, diesen Erstling widmete. Er ließ es sich gefallen und lachte vielleicht im stillen, daß ich dieser Widmung das Motto hinzufügte: »Laßt uns singen wie wir wollen, Schelten, scherzen, tanzen, tollen, Sind wir uns nicht selbst genug? Frei von allen engen Banden, Unbekümmert, wo wir landen, Wagen wir den kecksten Flug.« Mit diesem »wir« stellte ich mich ihm doch eigentlich keck genug an die Seite; aber er wußte, daß Freundschaft und nicht Selbstüberhebung diese Verse diktiert hatte. III In diesem Sommer schenkte meine Frau mir das erste Töchterchen. Wäre es ein Sohn gewesen, hätte er Hans Detlev heißen sollen, nun nannten wir das Kindchen Gertrud Heilwig. Wir waren für beides gerüstet gewesen, Knabe oder Mädchen. Liliencron hatte eine lange Liste von Mädchennamen aufgestellt, meistens alte schleswig-holsteinische Namen, wie er sie in seinen Balladen und Erzählungen bringt; Wibke hatte er unterstrichen, aber meine Frau konnte sich mit dem fremden Namen nicht befreunden. Da stand ich nun und hielt so ein erstes Kindchen in meinem Arm, wie man es so hält, halb ängstlich, man könnte es fallen lassen, und halb verlegen in der ungewohnten Vaterrolle. Und gerade in diesem Augenblick mußte der Hausarzt sich melden, und ich konnte das Würmchen nicht schnell genug wieder in die Hände der Wärterin zurücklegen. Die Mama aber lachte mich von ihren Kissen her mit gutmütigem Spott tüchtig aus. Sie hatte gut lachen. Nicht ein Vögelchen konnte ich in der Hand halten, ohne daß mein Herz nicht ebenso ängstlich klopfte wie das des zitternden Tierchens, aus Furcht, ich könnte es verletzen. Und nun so ein Kindchen, so ein eingewickeltes Menschlein! Ist es nicht das hilfloseste Geschöpf auf Gottes Welt? Ist es nicht besser, es liegt warm und sicher in seinem Wiegenbettchen, und du stehst nur darüber hingebeugt und staunst es an, wie der Knabe ins Vogelnestchen guckt, wo eben die Kleinen aus dem Ei geschlüpft sind? »Du schläfst, und sachte neig' ich mich Über dein Bettchen und segne dich. Jeder behutsame Atemzug Ist wie ein schweifender Himmelsflug, Ist ein Suchen weit umher, Ob nicht doch ein Sternlein wär', Wo aus eitel Glanz und Licht Liebe sich ein Glückskraut bricht, Das sie geflügelt herniederträgt Und dir aufs weiße Deckchen legt.« Nun erst war aus dem innigen Bund zweier, die sich lieb hatten, eine Familie geworden. Mit den Ansprüchen wuchsen freilich die Einnahmen nicht, wenn nicht vermehrter Fleiß das Nötige herbeischaffte. Da war es denn mit Freuden zu begrüßen, daß hin und wieder für ein Gedicht ein paar Mark Honorar eingingen. Durch Liliencron war ich mit der Redaktion der Zeitschrift »Zur guten Stunde«, die damals von Paul Dobert geleitet wurde, in Verbindung getreten. Diese Zeitschrift war wohl die erste und lange Zeit die einzige, die ständig Gedichte brachte und sie auch bezahlte. War es auch nicht viel, so war es doch für meine schmale Kasse eine erwünschte Beihilfe. Glücklicher Sommer dieses Jahres 1891! Ich am Schreibtisch gedankenschwer, Du vor dem Herd im Hin und Her, Sorgen wir beide, den Boden zu nähren, Heimlich reifen unsere Ähren. Ruhen die Hände, und halt' ich dich fest Abends, du Gute, ans Herz gepreßt, Ist mir's, als hör' ich ein Rauschen und Regen Feld an Feld in blühendstem Segen. * Förderlich in anderem Sinne als die Verbindung mit honorarzahlenden Redaktionen war mir eine neue Bekanntschaft, die Liliencron vermittelte, und die hernach zu einer dauernden Freundschaft führen sollte. Otto Ernst, in der Absicht, eine literarische Gesellschaft zu gründen, sammelte alles um sich, was literarisch einen Namen in Hamburg hatte und was sich für Literatur interessierte. Es galt, dem Neuen einen Weg zu bahnen, und bald trat denn auch die Gesellschaft ins Leben, die unter seiner energischen und klugen Leitung nach und nach einen großen Umfang annehmen und für das literarische Leben der Stadt wertvoll werden sollte. Die große Masse war noch im Alten befangen, Zola war noch als unsittlich verschrien, und es waren nur kleine Kreise oder vereinzelte Gruppen, die sich für das Neue begeisterten und dann auch, wie das immer ist, so radikal als möglich waren. Ein solches Konventikelchen der Modernen nannte sich »Atta Troll« und tagte bei Bier, Likör und Zigaretten in einem Vorstadtcafé. Ein bekannter Geiger, Liliencron und mir befreundet, lud uns dahin ein, und eines Abends entschloß ich mich, mit Otto Ernst diesen Kreis zu besuchen. In einem vollgequalmten kleinen Klubzimmer trafen wir eine aufgeregte Versammlung, die leidenschaftlich durcheinanderdisputierte. Es war nicht zu verstehen, um was es sich handelte, und wir setzten uns bescheiden unten an den Tisch und verhielten uns zuhörend, bis es uns endlich gelang, in die Debatte einzudringen. Ein Musiker modernster Richtung schien als Dalai-Lama hier zu thronen, wenigstens saß er mit der Würde eines solchen oben am Tisch, dampfte und trank unheimlich, und jedes seiner Worte schien den anderen ein Evangelium. Er sprach nicht in zusammenhängender Rede, sondern polterte dann und wann mit dröhnendem Baß irgendeine Ungeheuerlichkeit heraus. Da wurde dann Schiller einfach ein Blechschädel gescholten und in gleichem Ton von Beethovens Trampelrhythmus gesprochen, so daß sich mir bei solchen Blasphemien die Haare sträuben wollten. Doch schien es mir angesichts der vielen geleerten Bierseidel und Schnapsgläser töricht, ein ernstes Wort zu sagen, und ich stand lachend auf, ging mit meinem vollen Glas zum Dalai-Lama und trank ihm zu: »Prosit! Auf Schillers Blechschädel!« Er sah mich verdutzt an, zog die Stirn in finstre Falten und löste langsam diese Jupiter tonans -Grimasse in ein unsagbar überlegenes Lächeln auf. Die andern aber lachten und schienen mir nicht böse zu sein, wie sie denn alle zusammen, so absurd sie sich gebärdeten, ganz harmlose Leutchen waren, die wohl ihren Nietzsche gelesen hatten, aber ihre Rolle als Übermenschen noch ziemlich kindlich spielten. Mit einem Lächeln schied ich von diesen Geistern, die ich nicht ernst nehmen konnte, sonst hätten sie mich wohl für immer aus dem neuen Lager verjagt. Zog ich aber Bier- und Tabaksdunst ab, in dem sie sich bewegten, so waren sie eigentlich nicht viel schlimmer als ich selbst, was unreifes Suchen und Tasten anbelangte. Der Naturalismus eines Zola, von Michael Georg Conrad den Deutschen begeistert gepriesen und gepredigt, galt auch mir als alleinseligmachend, und ich ereiferte mich für ihn in Wort und Schrift. »Aber kommt einer des Wegs mit der reinen Freude am Objekt, mit der naiven Künstlerfreude an der Welt der Erscheinungen, und er heißt nicht gerade Goethe und ist nicht gerade seit 1832 mausetot, so rufen sie: ›Hebe dich weg, was willst du in unserem Tempel? Du hast keine höheren Absichten! Was willst du mit deinen Alltagsgeschichten und Alltagsmenschen?‹ ›Alltagsmenschen?‹ rufst du erstaunt zurück. ›Gibt es denn Alltagsmenschen? Ich kenne keine.‹ ›Dann sind Sie wohl Künstler?‹ ›Ja!‹ ›Dann raus, aber schleunigst!‹ Diese groben Tempelwächter, die ihrem Gott mit höheren Absichten und tieferem Sinn dienen, sind sehr ungerecht gegen dich. Auch reden sie sich nur ein, daß sie deiner Alltagsbilder und -geschichten nicht bedürfen. Ich wette, wenn sich einer dieser Herren hinsetzen soll und einen Milchkarren beschreiben, wie er ihn sicher tausendmal in der Woche auf den Straßen der Großstadt sieht, er kommt zu der Überzeugung, daß er noch gar keinen Milchkarren kennt. Er hat ihn das tausendstemal so flüchtig gesehen wie das erstemal. Aber den Jungen hinter dem Karren, den kennt er, das Mädel, das die Milch kauft, den Herrn Wachtmeister, der sie kontrolliert (die Milch natürlich), die kennt er, dieser vorzügliche Menschenkenner. Setzt er sich aber hin, um sie zu schildern, sie zu reproduzieren, heiliger Photographiekasten! Was für Ungeheuer kommen da zum Vorschein!« Und mit derselben Feder, die so törichtes Zeug niederschrieb, warf ich in weicher Traumstunde in kaum leserlicher Schrift ein Gedicht wie dieses aufs Papier: Phantasie. Das Wolkentor sprang auf, und der entzückte Blick Nahm teil an einem seligen Geschick. Ich sah die Himmelsgeister Mit goldnen Weltenkugeln Fangball spielen, Und einer unter den verwegnen vielen War aller Meister. Nicht Weib, nicht Mann, in flatterndem Gewand Ein blonder Genius, hüpft' er auf den Sohlen, Mit rascher Hand Sich seine Bälle aus dem Raum zu holen, Die warf er jauchzend und voll Lust am Glanz In der Genossen heitren Kugeltanz. Und wenn die goldnen aneinanderklangen, Gleich Glas zersprangen Und Flimmerstaub in alle Weite streuten – Wie sich die kindlichen der Spieler freuten Und eifriger die blanken Bälle warfen, Daß ein Geräusch entstand, ein tönend Schwirren, Als wenn durch Silberharfen Erschrockne Winde auf- und niederirren. * Mein »Mynheer der Tod« hatte nach einigen vergeblichen Versuchen, denn Liliencrons Empfehlung hatte damals noch nicht viel Einfluß, einen Verleger gefunden, dem ich freilich die halben Druckkosten zahlen mußte. Nun las ich die Korrektur und wiegte mich in goldenen Träumen und Hoffnungen. Als dann das Buch zu Weihnachten erschien, fand es hier und da freundliche Aufnahme bei der Kritik, doch im Lager der Alten auch Tadel und Spott. Ein Weiser in Wien wollte diese Verse überhaupt nicht als Gedichte anerkennen, es seien nur versifizierte und nicht einmal glücklich versifizierte Feuilletons; es sei verwunderlich, was die »Modernen« jetzt für Poesie ausgäben, und wer alles sich zum Dichter berufen fühle. Hierbei tröstete mich nur und erfüllte mich mit einem gewissen Stolz, daß man mich zu den »Modernen« zählte, und so schlankweg ins neue Lager hinübergeschoben, wollte ich denn auch treulich bei der Opposition gegen das Alte und Überlebte verharren. Aber auch der angesehenste Kritiker im eigenen Lager stieß keineswegs in die Posaune, sondern behandelte mich als einen Anfänger, von dem man vielleicht einmal etwas Reifes erwarten könne. Eigentlich ließ er nur ein Gedicht gelten: Regentag. Der Regen fällt; in den Tropfentanz Starr' ich hinaus, versunken ganz In allerlei trüben Gedanken. Mir ist, Als hätt' es geregnet zu jeder Frist Und alles, solange ich denken kann, Trüb, grau und naß ineinanderrann, Als hätte es nie eine Sonne gegeben, Als wäre nur immer das ganze Leben, Die Jahre, die Tage, die Stunden all Ein trüber, hastiger Tropfenfall. Es war Heinrich Hart, der mich immerhin so ernst genommen hatte, daß er mich einer langen und aufrichtigen Kritik würdigte. Er stellte eine bedenkliche Abhängigkeit von Liliencron fest, wenn auch hin und wieder Ansätze zu Eigenem, wie das Regenlied, vorhanden seien. Eine große Freude machte mir ein Brief Richard Dehmels, dem ich mein Buch auf Liliencrons Veranlassung geschickt hatte. Auch er fand Anlehnung an Liliencron, in »Form« und »Kolorit«, meinte aber, mein Wesentliches fände doch überall eigene Töne. Er schrieb: »Der junge Künstler darf sich getrost, nein: muß sich unbedingt eingestehen, was, wo, wie und inwieweit er von den ausgereiften Meistern technisch gelernt hat. Tut er das, so lernt er eben an denen, die sich zu einer eigenen Form durchgebildet haben, sogleich sich selber vereignen. Übt er diese Kontrolle nicht, so ist es selbstverständlich, daß mit der angenommenen Form allmählich auch das eigene Wesen in Anempfindung untergeht; gerade der technische Fortschritt wird dann ein psychischer Rückschritt. Es ist ja gar nicht anders möglich, zu einer Herrschaft über die Ausdrucksmittel und dadurch zu neuen, eigenen Darstellungsformen zu gelangen, als daß wir untersuchen, was bei anderen neu und eigentümlich ist, oder gewesen ist. Sehen Sie doch: Wie hat Goethe sein ganzes Leben lang fremde Anregungen in sich aufgenommen und verarbeitet, fremde Eigenart in sich vereignet! Vielleicht war diese immer frische Empfänglichkeit gerade eine natürliche Bedingung seiner Größe. Aber eben: der selbstsichere Blick, die Bewußtheit der Anlehnung und Aneignung muß da sein, soll nicht der Dichter durch den Künstler in Gefahr geraten. Und nun – offen gesagt – lieber Falke, bei Ihnen kann ich mir gar nicht denken, daß Sie nur blindlings »nachgeahmt« hätten; ich glaube, Sie wollen sich das nur einreden, befangen in der unwillkürlichen Abneigung selbständiger Naturen gegen das Zugeständnis solcher fremden Einflüsse. Sie sind ein so feiner Künstler, der so sorgfältig die Worte nach ihrem Klang wertet, ihre rhythmische und melodische Gegenseitigkeit wählt und wägt, der so genau seine Farbenkontraste, seine Stimmungseffekte und die Plastik seines Satzgefüges berechnet, daß ich mir nicht vorstellen kann, Sie hätten sich nicht an dieser und jener Stelle gesagt: aha, das wirkt bei Liliencron farbig, plastisch, stimmungsvoll. Meines Erachtens brauchen Sie aber gar keine Furcht zu haben, sich das ruhig einzugestehen, denn ich sehe, daß überall, wo Sie von innen heraus geben, auch die Form eine andere, eigene wird. Liliencronsche Darstellungsmittel tauchen nur auf, wo sich's um die äußere Einkleidung, das Lokalbild handelt; daher die Ähnlichkeit mit ihm in Farbenkontrasten und plastischen Stilwendungen – in dem, was man unter »äußerer Form« versteht. Das Melodische und Rhythmische dagegen, sowie das Gleichnis, das Empfindungsbild, also alles, was »innere« Form gibt, was in mitschwingende Bewegtheit versetzt, ist Ihr Eigentum. Es käme also nur noch darauf an, daß Sie auch das Lokale nicht mehr bloß als sinnliche Impression hinstellten (was Liliencron darf, weil das seine hedonische Phantasie symbolisiert), sondern daß Sie es mit geistigen Assoziationen erfüllten (was Sie müssen , weil Sie ein elegischer Realist sind, weil also in Ihrer Empfindungssprache das rein Sinnliche keinen symbolischen Phantasiewert hat). Sie müssen das Idyllische durch eigene Ideen wertvoll machen, die dann auch für das Lokale die eigene Form erzeugen werden. Ich spreche nicht etwa vom grünen Tisch weg; ich sehe, daß Sie in einigen Gedichten tatsächlich bereits zu dieser eigenen idyllischen Form durchgedrungen sind. Den »Gang ins Fischerdörfchen« z.B. halte ich geradezu für die lyrische Vollendung dessen, was Johannes Schlaf in »Dingsda« mit seinen breiteren epischen Mitteln lange nicht in dem Maße wirksam gemacht hat. Und daß Ihnen dieses so geglückt ist, liegt eben meiner Meinung nach einzig und allein daran, daß Sie erstens die objektiv sinnlichen Eindrücke durch eine ganz eigentümliche Rhythmik beseelt haben und zweitens auch noch immerfort Ihre subjektive Ideenkette sichtbar durch das Ganze schlingen: »Wie 's Kind in den Windeln«, »Bestimmt, zu welken«, »Nimm dich in acht«, »Haben immer Eile, sind immer reg'«, »Der alte Lehrer singt für zehn«, »Es ist unerträglich«, »Wie versauert« usw. Und die versteckten Wertbestimmungen in solchen Kontrastimpressionen wie: »Hin und wieder ein frommer Spruch Und überall Fischgeruch.« Oder: »Halb scheu und stutzig. Halb dreist Und barfuß zumeist.« * Dieser Brief Dehmels mußte mir Mut machen. Eigentlich stand ich selbst meiner plötzlich lebendig gewordenen Produktionskraft wie einem Wunder gegenüber. Auf der Straße, am Klavier, während des Stundengebens, beim Essen, ja während des Schlafens im Traum war ich in beständigem poetischem Hervorbringen, und die Welt erschien mir in einem neuen, höheren Glanz. Alles trug aber auch dazu bei, mich in diesem glücklichen Zustand zu erhalten: die Freundschaft Liliencrons, die Annäherung Richard Dehmels und vor allem das häusliche Glück, das mich mit weichen Liebesarmen umfing. Doch drohende Schatten stiegen langsam auf. Noch aber war der Himmel über mir hell, und ich begrüßte jeden neuen Tag als ein schönes Geschenk mit dankbarem und zufriedenem Gemüt: »Dem mein Herz willkommen singt, Fließe aus der reinen Ferne, Wo im Zirkel heitrer Sterne Deine goldne Quelle springt. Treib mit feingestimmtem Klang Deine klaren Wellen weiter, Und mein Lied sei dein Begleiter Uferhin im Zwiegesang.« * Nun das Kind da war, erwiesen sich unsere drei kleinen Zimmer als zu beschränkt, und wir mieteten eine neue Wohnung. Sie lag nur eine Treppe hoch, hatte ein Zimmer mehr, und wir konnten uns ein wenig ausbreiten. Mein Arbeitszimmer sah freilich nach hinten hinaus in eine sogenannte Terrasse, einer schmalen Reihe niedriger Häuser, die von kleinen Leuten bewohnt waren, und zu welcher der Eingang von der Straße her neben unserem Hause war. Es war aber vor jedem Häuschen ein winziges Gärtchen, vielleicht ein Meter im Quadrat, wo ein bißchen Grün wuchs und das ganze Bild freundlich machte. Schien dann die Sonne drauf, die über die niedrigen Dächer leicht in diesen kleinen Winkel hineinkommen konnte, so war es oft gar hübsch, zumal dann die kleinen Kinder hinter den hölzernen Einfriedigungen im Sande spielten und, jedes für sich eingeschlossen, nur wenig Lärm machten und mich nicht stören konnten. Die Größeren lagen meist auf der Straße und umlagerten in den warmen Sommerabendstunden die Steinstufen unseres Hauses; manches Mal eine rechte Plage. Doch wer gezwungen ist, billig zu wohnen, muß schon vorliebnehmen. Wir waren im Frühjahr eingezogen und hatten uns kaum eingelebt, als ein heißer Sommer uns in der nicht allzu vornehmen, staubigen und kindergesegneten Straße anfing, recht lästig zu werden. Da schlossen wir in den großen Ferien unsere Wohnung ab und zogen auf fünf Wochen nach Blankenese, wo wir hinter der Hauptstraße in einem stillen Hinterhause, das in einem etwas verwilderten Garten lag, ein billiges Unterkommen fanden. Wie sollte das uns allen wohltun, vor allem auch meiner Frau, die nach der Geburt des Kindes, den Mühen des Umzuges und allerlei häuslichen Plackereien recht erholungsbedürftig war. Wir hatten zwei freundliche Zimmer im Erdgeschoß und eine Küche, so daß wir selbst aufs billigste wirtschaften konnten, und hatten in einer alten Schifferswitwe mit ihrer erwachsenen Tochter gutmütige, gefällige Wirtsleute. Der Garten war eigentlich nur ein mit ein paar alten Obstbäumen besetztes Stück Rasen, das hier am terrassenförmig aufsteigenden Elbufer mählich heraufkroch. Die Grenze nach oben bildete eine Mauer, an derem Fuße eine weiße Bank stand. Hier saß ich am Vormittag lesend und schreibend, den Kinderwagen neben mir, während meine Frau drinnen wirtschaftete. Ganz geborgen war man hier, kaum ein Laut drang von der Straße herüber, nur vom Strom her ab und zu das Pfeifen und Tuten der Dampfer, die ein- und ausliefen. Nur nachmittags, wenn die Ausflügler scharenweise das freundliche Bergstädtchen an der Elbhöhe überfluteten, hallte auch dieser stille Winkel von Gesang und Musik wider, denn oberhalb der Mauer schlängelte sich der Weg nach Sagebiels Fährhaus, einem beliebten Vergnügungsetablissement, hinauf. Kamen Vereine und größere Gesellschaften zu irgendeinem Feste dort oben zusammen, so wurden sie sogar mit Böllerschüssen begrüßt. Da geschah es mir denn gleich am ersten Tag, als ich nichtsahnend auf meiner Bank saß, daß ich bei dem unerwarteten Krach von der Bank fiel, auf der ich nicht allzufest gesessen haben mochte, und daß das Kind im Wagen vor Schreck gar jämmerlich an zu schreien fing, so daß die Mutter entsetzt aus dem Hause stürzte, vermeinend, es sei ein Unglück geschehen. Unter solchem Festjubel und Geböller war natürlich an ein Arbeiten nicht zu denken. Das war ja auch nicht der Zweck unseres Aufenthaltes, und da ich die stillen Morgenstunden völlig ausnutzen konnte, überließ ich mich an den Nachmittagen um so ruhiger dem wohlbekömmlichsten Nichtstun. Wie erquicklich war es am schönen, breiten Elbstrom, wo die Augen immer ein neues Bild regen Schiffslebens hatten, wo das weite Himmelsgewölbe den beständigen Anblick der herrlichsten Licht- und Wolkenspiele gab, und Ebbe und Flut ein wechselndes Schauspiel boten. Leise ebbt der Strom. Im Schlick Ragen plumpe Fischerkähne, Draußen gleiten, stille Schwäne, Mit den weißen Segeln andre. Und die Strecke überwandre Breiter Bahn ich mit dem Blick Bis ans niedere Gelände Drüben, wo sich Wiesen breiten, Wo die bunten Kühe schreiten Zwischen üppigem Krautgestände, Und die groben Weidenköpfe, Knorrig, bissig, Sauertöpfe, Wie im Zorn die Haare spießen. Weiter oben sammeln, schließen Wie ein Wall, sich grüne Wipfel Um das Dörfchen. Höchste Gipfel Zeigen Pappeln. Nur der Hahn Auf des Kirchleins goldner Spitze Sieht von einem stolzren Sitze Rings die Welt sich aufgetan: Weite, unbegrenzte Fläche, Segenstrotzend Feld an Felder, Landmanns ungemünzte Gelder, Wiesen, Moore, Waldesränder, Und dazwischen, blaue Bänder, Die Kanäle, Weiher, Bäche. Aber unten, ihm zu Füßen, Sieht er weiße Segel grüßen, Schwarze Schlote niedergleiten. Kommen, Gehen. Aller Weiten Unsichtbare Fäden weben Nach verborgenem Gesetze, Dort an einem Riesennetze. Und es trägt der Strom das Leben Ruhig zwischen Uferbreiten, Die zum Meer sich mählich weiten. Leis' zum Strande rinnt die Welle, Und die schwanke Binse schmiegt sich, Windet sich und bebt und wiegt sich. Zwielicht wechselt ab mit Helle, Wie sich vor der Abendsonne, Eine schweifende Kolonne, Leichte Wölken hastig drängen. Die auf ihren hohen Gängen, Unter sich den Tanz der Wogen, Über sich den Glanz der Sterne, Kommen lautlos hergezogen, Abgesandte welcher Ferne? Aber tiefer, Wellenteiler, Kraftbeschwingte Luftdurcheiler, Tummeln sich im Auf und Nieder Möwen mit dem Schneegefieder. Wie um blaue Blumenkronen Weiße Schmetterlinge flügeln, Schaukeln ohne Schwingenschonen Leicht sie über Wellenhügeln. Zwischen Wasser, zwischen Himmel: Segel, Vögel, ein Gewimmel Regen Lebens, lautlos hastend. Und ich träume in dem Schweigen Unter breiten Buchenzweigen Hier am Ufer wohlig rastend. Stilles Glück der Ebbe. – Ragen Seh' ich aus vergangnen Tagen, Bloßgelegt, was überbrausen Sonst die Wellen. Und die Hausen Heimlich in verschwiegnen Reichen, Kommen nun, die nixengleichen, Mit den großen Schelmenblicken, Mit der Lust am Necken, Zwicken, Allerliebstes Ungeziefer, Soviel klüger, soviel tiefer Als die lärmenden Gedanken, Die zur Flutzeit mich umzanken Und mit ihrem kecken Meinen Herrn sich meiner Seele scheinen. * Am liebsten waren mir freilich jene stillen Morgenstunden auf meiner Gartenbank, wenn die Sonnenflecken unbewegt auf dem grünen Boden ruhten und in den Kronen der alten Obstbäume die Hummeln summten. Die Mütter waren auch hier Sonntags gewöhnlich unsere Gäste, einmal besuchte uns Liliencron auf ein Reisgericht mit Curry, das er leidenschaftlich gern aß, und einmal kam auch Georg, der sich in der letzten Zeit mit Recht von mir vernachlässigt fühlte. Ich war mir jedoch bewußt, ihm innerlich nicht untreu geworden zu sein und glaubte mich genügend entschuldigt, wenn ich ihm klarmachte, daß eine Persönlichkeit wie Liliencron mich natürlich sehr in Anspruch nehmen müsse, und daß gerade jetzt, da ich am Anfang meiner literarischen Laufbahn stünde, sein Umgang mir durchaus ebenso nötig als förderlich wäre. »Laß dich durch mich nicht stören,« erwiderte er etwas gereizt. »Er wird dir gewiß vieles bieten, was du anderswo nicht findest. Daß ich der Meinung bin, daß du bei Goethe, Schiller, Storm und anderen unserer reinsten und edelsten Dichter eine bessere Schule fändest als bei ihm, der nun doch nachgerade in seinen neuesten Gedichten an Saloppheit und Geschmacklosigkeit den Gipfel erreicht hat, weißt du ja. Aber die Sache hat doch noch eine Kehrseite. Oder glaubst du, aus einem so intimen Umgang mit einem stadtbekannten Schuldenmacher und Schürzenjäger auch Nutzen zu ziehen?« »Ich verbiete dir, in diesem Ton von ihm zu sprechen,« fuhr ich auf. »Wenn du es wünschst, will ich nicht weiter über ihn reden,« sagte er ruhig. »Ich glaubte nur, als dein Freund das Recht zu haben –« »Du bist eifersüchtig,« unterbrach ich ihn. Er wies das mit einem kurzen Lachen zurück. »Daß er jetzt bei dir im Vordergrund steht und mich bei dir zurückgedrängt hat, empfinde ich freilich, und daß es mir Freude macht, kannst du nicht verlangen. Doch das ist es nicht, wenigstens nicht in erster Linie.‹ »Aber du sagst mit Gretchen: Es tut mir lang' schon weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh'.« »Ja und nein. Und nicht einmal deinetwegen, sondern meinetwegen; daß ich mich so täuschen konnte. Dich, gerade dich muß doch gar so vieles bei ihm abstoßen, beim Menschen wie beim Dichter.« »Was weißt du von dem Menschen?« »Persönlich kenne ich ihn allerdings nicht –« »Und da plapperst du nach, was alte Tanten dir vorplärren!« rief ich und schlug zornig mit der Faust auf den Tisch, daß er zusammenfuhr. Er wurde blaß und biß sich auf die Lippen. »Bitte, lassen wir das,« sagte er kalt. »Du verlierst die Herrschaft über dich.« Obgleich es mir leid tat, ihn so angefahren zu haben, konnte ich mich doch nicht bezwingen und sprudelte alles heraus, was ich gegen die Philister und die Pharisäer auf dem Herzen hatte, bis er seinerseits heftig wurde und nun auch aufsprang und zornig rief: »Wem sagst du das? Ist Saufen und Huren weniger philiströs als nach den Gesetzen bürgerlicher Moral leben?« »Das Genie –« rief ich. Aber er unterbrach mich und wollte von dem Vorrecht des Genies nichts wissen. »Übrigens weißt du,« sagte er, »daß ich deinen Dichter nicht so hoch einschätze wie du, und nun laß uns dieses unfruchtbare Gespräch abbrechen. Es war nicht meine Absicht, dich irgendwie zu beeinflussen. Ich wollte dich nur nicht im Zweifel darüber lassen, wie ich denke. Wenn du mir jetzt noch einen Platz neben ihm gönnen willst, will ich zufrieden sein,« sagte er mit einem hübschen Lächeln und hielt mir die Hand hin. »Philister,« sagte ich gleichfalls lächelnd, indem ich einschlug. »Rechts das Genie, links den Philister, da habe ich wohl Sicherheit, immer auf der goldenen Mittelstraße zu bleiben.« »Wenn mein Philistertum so schwer wiegt wie sein Genie.« »Das tut es, unbedingt, das tut es!« rief ich. Und der kleine Krieg endete mit einem versöhnenden Lachen. Da der Aufenthalt in Blankenese dem Kindchen und seiner Mutter sehr wohltat, verlängerten wir ihn noch um eine Woche. Und diese letzte Woche schien uns die schönste, da der größte Lärm der Feriengäste sich verzogen hatte und wir des Friedens nun recht ungestört genießen konnten. Nur unerträglich heiß war es geworden, so daß ich kaum aus meiner grünen Gartenecke herauskam. Endlich aber mußte doch an die Heimkehr gedacht werden, und wir nahmen Abschied von unseren guten Wirtinnen. Zu Hause fanden wir eine heiße, stickige Wohnung vor. Wir rissen sogleich die Fenster auf, und unser erster Schritt war auf den kleinen Balkon hinaus, um den verwöhnten Lungen ein paar Atemzüge reiner Luft zu gönnen. Aber kaum hatten wir das kleine, umgitterte Plätzchen betreten, auf dem ein paar vergessene Blumen traurig ihre toten Köpfe hängen ließen, so erscholl von irgendwoher aus der Nachbarschaft ein so markerschütternder, furchtbarer Schrei, daß wir fast erstarrten. »Was war das?« rief meine Frau und sah mich schreckensbleich an. Sogleich öffnete sich die Tür zum Nachbarbalkon und die Nachbarin trat heraus. »Haben Sie gehört?« fragte sie. »Ja, was war es?« »Wohl wieder ein Kranker.« »Ein Kranker?« »Ja, wissen Sie denn nicht, daß wir die Cholera in der Stadt haben?« »Die Cholera?« riefen wir wie aus einem Munde. »Haben Sie denn keine Zeitungen gelesen?« Das hatten wir freilich nicht. Aber war denn diese Schreckensnachricht nicht nach Blankenese gedrungen? Wußten denn unsere Mütter nichts davon, daß die uns nichts mitgeteilt hatten? Das Furchtbare bestätigte sich. Ich eilte zu den Müttern und fand sie in Sorge und Angst; sie wollten erst seit zwei Tagen davon wissen, hätten uns aber nicht erschrecken wollen. »Du kannst doch keine Stunden geben,« meinte meine Mutter. »kein Mensch wird dich annehmen. Du darfst es auch der Frau und des Kindes wegen nicht.« Nun begann eine Zeit des Grausens und Bangens. Der Würgengel schritt durch Hamburg, und täglich erlagen ihm Hunderte. Wenn ich keine Stunden gab, so hatten wir kein Brot. Ich mußte hinaus. Aber nahmen mich anfangs die meisten Schüler noch an, so zogen sie sich doch nach und nach bedenklich zurück, und zuletzt hatte ich nur noch an zwei Tagen der Woche einen mageren Verdienst. Zitternd ließ meine Frau mich auf die Straße, zitternd kehrte ich zurück, das Herz von der Angst gepreßt: ›Findest du deine Lieben gesund wieder?‹ Das war eine qualvolle Zeit. Liliencron schickte mir ein Gedicht, »Die Pest«, worin er die grausigen Erlebnisse dieser Tage dichterisch zu gestalten suchte, und erzählte mir in dem Brief von einem Mädchen, das in einem pestverseuchten Hause wohne, das er aber in dieser Schreckenszeit nicht verließe, obgleich sie ihn warnend darum bäte. Er aber wolle keine Furcht kennen und, sein Mädel im Arm, dem grinsenden Tod die Zähne zeigen. Sollte ich's bewundern? Sollte ich's ruchlos nennen? Mir grauste. Georg, den ich nicht zu Hause angetroffen hatte, schrieb mir, ich möge ihn, solange die Seuche noch in aller Heftigkeit wüte, nicht besuchen. Ich würde ihn auch kaum zu Hause treffen. Da die Geschäfte ohnehin stockten, hätte er für ein paar Tage der Woche sein Kontor geschlossen und sich als freiwilliger Krankenpfleger zur Verfügung gestellt. Das sah ihm ähnlich. ›Hättest du das auch getan?‹ fragte ich mich beschämt. Aber ich hatte Frau und Kind, ich hatte zuerst gegen sie meine Pflicht zu erfüllen. Georg stand ganz allein auf der Welt. Und doch, ich bewunderte ihn. Wie aber hätte man die Aufgaben dieser fürchterlichen Tage bewältigen wollen, wenn es nicht solche edlen Helfer gegeben hätte! Die schreckliche Krankheit wütete mit unerhörter Heftigkeit. Aus der Terrasse hinter unserem Hause wurden fast jeden Tag Kranke und Tote abgeholt. Wir mochten kaum mehr aus dem Fenster sehen. Eines Abends kehrte ich heim und sah den Wagen nicht vor der Terrasse, sondern vor unserem Hause halten. Das Herz wollte mir stillstehen. Ich stürze vor, da trägt man aus der Tür eine totenblasse Frau – meine Frau! Ich fühle, wie mein Herz aussetzt. Eiskalt läuft mir's die Knie herab. Da erscheint meine Frau oben auf dem Balkon und winkt mir. Ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinaufkam. »Ich glaubte, du seiest es!« sagte ich und umarmte sie lange. Ich ging in mein Zimmer, trat ans Fenster und sah in die unselige, heimgesuchte Terrasse hinunter, wo die kleinen ausgetrockneten Gärten verlassen und verwaist dalagen. Sechs Kinderchen und zwei Erwachsene hatte man hinausgetragen, und wie ich so stand, rannen mir langsam die Tränen über die Backen. Bis in den November hinein dauerte die Schreckenszeit. Und ich mußte fremde Hilfe in Anspruch nehmen, um über sie hinwegzukommen. Als ich zuerst wieder an Georgs Tür klopfte, wurde mir nicht aufgemacht. Die Seuche hatte ihn weggerafft. Umsonst mühte ich mich um eine Spur von ihm. Weggewischt war er von der Tafel des Lebens. Das große Massengrab hatte auch ihn aufgenommen. Trauer war überall. Wohl hielt ich Weib und Kind lebend im Arm, aber erschüttert fühlte ich, auf wie schwachen Füßen mein Glück stand. »Kann mit Ängsten und mit Händebreiten Treue Liebe dunkle Mächte leiten? Muß am Ufer stehn, Wind und Wellen sehn, Und ihr Liebstes taumelt über Tod und Tiefe.« * Handel und Wandel blühten wieder auf. Die herrliche Stadt, gedemütigt, belehrt, geläutert, richtete sich wie schon so manchesmal auch aus diesem Unglück wieder zu neuem, fröhlichem Leben auf. Der Einzelne, je nachdem er getroffen war, erholte sich langsamer oder schneller von dem Schlag. Und wer nicht einen Freund, einen lieben Toten zu betrauern, sondern nur einen geschäftlichen Verlust zu beklagen hatte, lebte wohl bald in alter Heiterkeit und in der Zuversicht dahin, daß eine solche Heimsuchung nur alle hundert Jahre einmal das Menschengeschlecht träfe, und somit für ihn nun ein für allemal überstanden wäre. Traf mich Georgs Verlust auch schwer, und wollte das Bewußtsein, daß er eines Heldentodes gestorben war, auch nur ein schwacher Trost sein, so konnte ich doch im Besitz meiner Lieben wohl dankbar und befreit aufatmen. Dazu kam, daß die Zahl meiner Schüler mit einem Male einen unerwarteten Aufschwung nahm, teils, weil alles Leben nach überstandener Gefahr sich mit verdoppelter Kraft zu regen pflegt, teils, weil wohlwollende Freunde und Gönner trachteten, mich durch Empfehlungen für die erlittenen Verluste zu entschädigen. Dennoch schien es, als wäre das Unglück, da es einmal den Eingang gefunden hatte, gewillt, sich nicht gänzlich wieder wegzuwenden. Der Winter brachte meiner Frau, die ohnehin durch die ausgestandene Angst geschwächt war, eine so heftige Influenza, daß ich um ihr Leben bangte. Doch nicht genug, fing auch die Kleine an zu kränkeln, indem sich eine entzündliche Anschwellung des rechten Fußgelenkes einstellte, die eine längere Behandlung mit Eis und nachfolgendem Gipsverband nötig machte und dem Arzt, wie er nachher gestand, einen Augenblick den Gedanken nahegelegt hatte, den kleinen Fuß zu amputieren. Ich selbst, von einer entzündeten Lippe geplagt, lief mit einem Maulkorb herum. Da nun die Magd ein trotziges und unbrauchbares Geschöpf war, so wären wir hilf- und ratlos gewesen, wenn nicht eine treue Freundin meiner Frau sich in dieser Leidenszeit unseres kleinen Hausstandes angenommen hätte. Als nun mit dem Frühjahr beide Patienten sich wieder als genesen auf die Straße hinauswagen durften, wollte uns diese Unglücksstraße mit ihren vielen und traurigen Erinnerungen nicht länger gefallen, zumal auch der Arzt für meine Frau eine freier liegende Wohnung für wünschenswert erklärt hatte. Wir fanden eine solche nicht allzuweit davon in einem Eckhaus, das von grünen Anlagen umgeben war, und wo wir einen großen, geräumigen Balkon mit einer kleinen, gedeckten Extralaube darauf zur Verfügung hatten. Die Wohnung bot Raum genug, daß ich meine Mutter bei uns aufnehmen konnte, und wir waren bald froh und zufrieden in diesem neuen Nest. Jetzt trat auch die Notwendigkeit, unser Töchterchen taufen zu lassen, ernstlich an mich heran, wenn ich das meiner Mutter gegebene Wort einlösen wollte. Wir baten Liliencron, Gevatter zu stehen, und er erschien zur heiligen Handlung zu Ehren des Täuflings und seiner Eltern in Hauptmannsuniform. Als vollendeter Kavalier wußte er schnell die Herzen unserer beiden Mütter zu erobern. Namentlich die meine, nicht ohne die gleichen Sorgen und Bedenken, die damals Georg nicht verschweigen zu sollen meinte, war ihm im Innersten schon lange dankbar zugetan wegen der Freundschaft, die er mir erwies und die sie in ihrem bescheidenen Gemüt noch weit mehr als eine Ehre empfand, als ich; denn sie hatte wohl eine richtige Schätzung von Geist und Genie, wenn sie auch die reine und edle Menschlichkeit über alle Talente stellte. Daß es Liliencron auch an dieser nicht fehle, hatte ich ihr oft genug bewiesen und einmal sogar auch, wie meinem armen Georg, mit einem Faustschlag auf den Tisch bekräftigt; worauf sie mich denn nicht blaß wie jener, sondern vor Scham und Schreck errötend mit entsetzten Augen ansah, also daß die heißen Flammen von ihrem Gesicht sofort auf meines übersprangen, und ich meines unziemlichen Eifers wegen um Verzeihung bat. Es hat ihr aber hernach doch gefallen, daß ich mit einem Faustschlag für den Freund eingetreten war. Wie sehr die ihn verkannten, die in ihm nur den Don Juan sahen, zeigte der Brief, den er mir am Tage nach der Taufe schrieb: »Wir hatten gestern einen so lieben, lieben Tag. Ihr süßes Trudchen hat sich mir tief ins Herz geprägt, und es war mir eine stille, innige Freude, sie und ihr einsames Herz dabei zu beobachten. Und ewig wird mir auch das Bild Ihrer Frau Gemahlin vor Augen sein, wie sie den Täufling auf dem Arm hielt vor Pastor und Becken. Es war das Köstlichste, was uns das Leben schenken kann: Mutterglück – Madonnenglück.« Doch auch dieses Köstlichste sollte mir bald wieder in Frage gestellt werden. Meine Frau hatte sich nur scheinbar von dem tückischen Influenzaanfall erholt. Sie hatte aufs neue zu kränkeln angefangen, sie wollte sich trotz aller Pflege nicht wieder kräftigen. Einige Wochen Seeaufenthalt auf Amrum, die ich mit schweren Opfern ermöglicht hatte, wollten nichts verschlagen. Langsam schien sie an einem schlimmen Lungenübel dahin zu siechen. »Wollen Sie sich Ihre Frau erhalten, so muß sie unbedingt in eine Heilanstalt und lieber heute als morgen,« sagte der Arzt. Aber woher sollte ich die Mittel nehmen? Da kam Hilfe in schwerer Not. Ein Berliner Verleger gründete ein neues Romanunternehmen und fragte auch bei mir an, ob ich nicht ein geeignetes Manuskript für seine Sammlung hätte. Nun arbeitete ich schon seit langem an einem Hamburger Roman, den ich ungefähr zur Hälfte fertig hatte. Dieses unfertige Manuskript erbat er sich. Und kaum wagte ich zu hoffen, daß es ihm schon genug sagen würde. Aber es gefiel ihm, er zahlte mir die Hälfte des für mich sehr ansehnlichen Honorars bar aus, und mir war mit einem Schlage geholfen. Wie jubelte ich und dankte ich. Und was das Schönste war, meiner Feder sollte es beschieden sein, das Leben meiner Frau zu retten. Mit welcher Freude arbeitete ich nun weiter an meinem Roman, der nachher unter dem Titel »Landen und Stranden« manchen freundlichen Leser gefunden hat. Meine Frau aber ging auf eine Winterkur nach Bad Rehburg, während meine Mutter mir die kleine Wirtschaft führte. Das war eine schwere Zeit der Trennung, der Angst und Sorge, aber auch der Hoffnung und des immer wieder durchbrechenden Vertrauens auf eine bessere Zukunft, dieses wunderbare Gefühl einer nachtwandlerischen Sicherheit, das mich von Jugend auf begleitet hatte – Voller heimlichen Erwartens, Als blühte wo ein spätes Glück mir noch Im Schatten eines unbekannten Gartens. Und auch diesmal trog es mich nicht. Im Mai konnte ich meine Frau als genesen wieder in die Arme schließen. Wie man den Totgesagten ein besonders langes Leben zuschreibt, so glaubte auch ich mich nun der Hoffnung hingeben zu können, der Wiedergeschenkten mich hinfort ungestört erfreuen zu können. Und in der Tat stieg die Sonne unseres Glückes aus dem Dunstkreis der Trübsal wieder langsam aber stetig höher. Ja, meine Frau gewann die Kraft, mir ein zweites Töchterchen ohne Nachteil für ihre Gesundheit zu schenken. Und als ein abermaliger Wohnungswechsel uns in ein Unterhaus führte, das sowohl einen kleinen Vor- als einen größeren Hintergarten hatte, wo Rosen blühten und ein paar alte Birnbäume saftige Birnen schenkten, lebten wir alle miteinander auf. Die Rosen, an hundert edle Stämmchen, blühten mit einer Üppigkeit und Fülle, daß wir mit vollen Händen verschenken mußten, sollte der Reichtum nicht elend verkommen. Es befand sich sogar ein geräumiges, bedachtes Glashaus längs der ganzen Hinterfront des Hauses, in dem der Hauswirt, der als ein leidenschaftlicher Gartenfreund vor uns diese Wohnung selbst innegehabt hatte, drei Sorten des schönsten Weines gepflanzt hatte, von denen wir die reifsten und schmackhaftesten Trauben ernteten. Auch eine kleine Tuffsteingrotte mit einem Springbrünnlein befand sich mit unter diesem Glas, so daß wir in den Besitz eines idealen Wintergartens kamen, der mit seiner feuchten Luft, der langen Durchsonnung und dem belebenden Anblick der grünen Ranken meiner Frau ein wahres Sanatorium wurde. Wie freuten wir uns des ersten Weines. Grüngolden und purpurblau hingen die schönen Trauben dicht über unseren Köpfen, und wir brauchten nur die Hand zu heben, um uns zu laben. Ja bis in meine Träume rankten die gesegneten Reben. Ich sah die schlanke, biegsame Gestalt meiner Frau sich zu den hängenden Trauben hinaufrecken, die schönste brechen und die vollen roten Beeren über einen Becher zerdrücken, den ich in beiden Händen hielt. Dabei sah sie mich mit einem stillen, gütigen Lächeln gar eigen an und sagte leise: »Trinke, es ist mein Blut.« IV »Der Dichter selbst Bedarf zu seinem Wert der Freudigkeit, Und wenn sie fehlt, so ist's zuviel verlangt. Daß trüber Sinn Begeisterung erweckt,« so sagt Euripides in »Der Mütter Bittgang«. So war auch in den Jahren der Krankheit und Sorge meine Seele dichterischen Stimmungen weniger zugänglich; meine Arbeit hatte auch wohl einmal ganz gestockt; aber immer brach doch die Lust am Gestalten mit Gewalt wieder hervor. Die Kritik fuhr fort, meinen Büchern eine freundliche Aufmerksamkeit zu schenken, und überschlug ich die Summe des Erreichten, so hatte ich mit Dank einzugestehen, daß alles Leid und alle Sorgen nur die Begleiterinnen eines aufsteigenden Weges waren, der mich aus engen Niederungen zu immer freieren und lichteren Höhen hinaufgeführt hatte. Aus dem stundenlaufenden Klavierlehrer war ein Poet geworden, den die besten der Mitlebenden gern in ihren Kreis aufgenommen hatten. Das galt mir natürlich mehr, als alles Lob der zünftigen Kritik. Liliencron hatte mich in den Sattel gesetzt und folgte nun lobend und tadelnd, ja auch wohl scheltend meinen Reitkünsten. Mit der Einseitigkeit des Genies und mit einem Temperament, das ihn leicht über das Ziel hinausgreifen ließ, war er auch wohl manchmal ungerecht, und manche Vorwürfe hätten mich heftiger geschmerzt, da ich sie als ungerecht empfand, wenn nicht Richard Dehmels kluge und tiefer gründende Kritik manches wieder ins Gleichgewicht gebracht hätte. Als mein zweites Gedichtbuch »Tanz und Andacht« erschien, war die Kritik der Meinung, daß ich, der in seinem ersten Buch noch ganz abhängig von Liliencron sich gezeigt, sehr schnell meinen eigenen Weg gefunden hätte. Auch Liliencron selbst erkannte das an, und schrieb mir einen herrlichen Brief, der mit allen Widersprüchen und Überschwenglichkeiten ein schönes Dokument seines Künstlerernstes war. »– Daß Sie über Dehmels Worte erfreut waren, konnte ich mir denken. Und hier gleich einiges noch: Die »heiße, tod- und lebentriefende Sonne« sind Sie doch ! Nur lag und liegt alles noch wie ein Bann auf Ihnen. Ihr bisheriges Leben – durch Ihr Stundengebenmüssen in der ekelhaften Bourgeoisie – drückte Sie! Nein, mein Falke, ein Feuergeist sind Sie, der noch oft schüchtern, zu schüchtern ist: durch Ihr Milieu. Sie leben nur ein Innenleben, wie jeder große Künstler (wie Sie einer sind) ein Innenleben leben muß, wenn er in solchen Verhältnissen sich herumhauen muß. Ich habe Ihnen mit Willen nichts vordeklamiert, ehe Sie jetzt Ihr wundervolles Buch Aus Tanz und Andacht vollendet haben. Darin freilich sind Sie der milde, große, schöne Morgen- und Abendstern; aber schon Ihre »Welle« zeigt die »leben- und todtriefende Sonne.« Bleiben Sie so keusch , wie Sie sind und denken, Falke. Das aber sagt nichts dazu: daß man eine »Sonne« werden kann. Und diese »Sonne« werden Sie! Sie wissen, wie ich »Keuschheit« verstehe, auch bei Ihnen verstehe: Unschuldige Weibergeschichten – ob mit oder ohne den Geschlechtsgenuß«; ich muß dieses widerlichste Wort hier brauchen – sagt natürlich nichts zu dem Begriffe »Keuschheit«. Sondern in »Keuschheit« liegt jener Begriff der vornehmen Denkungsart !!! Und diese vornehme Denkungsart die haben Sie. Bewahr's Ihnen für alle Zeiten der heilige Christ! Nun lassen Sie, wo jetzt ein Abschluß hinter Ihnen liegt, in Ihrem Buche Tanz und Andacht, nun lassen Sie alles mehr ausreifen, und nun fangen Sie an aus Ihren Sachen, bei entstehenden und entstandenen: zu arbeiten . Der Begriff der Arbeit, des Durch- (Nach-) Denkens, der Feile lag Ihnen bisher ganz fern. Erlauben Sie mir das krasse Wort ( Ihnen darf ich's sagen): Sie schludern und schleudern alles hin, und damit basta. Und wenn Ihre Freunde Ihnen nicht immer ihr: das ist noch nicht fertig , Falke! zugerufen hätten, so hätten wir fast nur flüchtig hingeworfene Skizzen bekommen. Genie aber – das alte richtige Wort:– ist Arbeit, harte, mitleidslose Arbeit; und die kannten Sie bisher noch nicht. Nun aber auch ein Entschuldigungswort für Sie: Keiner der lebenden Dichter, und wohl keiner auch der je gelebt habenden, hat solchen sich wie von selbst gebenden Reichtum des Reimes, das Sichgeben- müssen der Phantasie! Da stehn wir alle weit hinter Ihnen zurück. Und ich versteh's nur zu gut wie dieser ewig sprudelnde Quell bei Ihnen – welch ein sieches kriechendes Wässerchen bin ich dagegen –, wie er so unaufhörlich quillt und quillt, sich nicht mit Eindämmung, Selbstkritik, Sorgfalt, Arbeit abgeben will und mag. Aber davon hängt Ihre Zukunft ab. Ihr jetziges Buch ist einfach wundervoll! Ich rechne Sie zu den ersten Künstlern Deutschlands. Am meisten Ähnlichkeit haben Sie mit dem keuschen Thoma; aber auch Böcklin sind Sie; bei Stuck fehlt diese Keuschheit der Seele, und deshalb haben Sie auch nichts mit ihm gemein. Von Klinger haben Sie manches, nachdem Sie ihn kennen gelernt haben ; aber dennoch freue ich mich für Sie: er war Ihnen eine mächtige Anregung. Und nun: Sind Sie's schon in Ihrem Buch Tanz und Andacht: Falke! so werden Sie's von nun an noch mehr. Lassen Sie Ihrem unglaublichen Talent den kauf, kehren Sie sich an keine Vorbilder – ich hätte bald gesagt: auch unbewußt nicht – dann sind Sie in Ihrem nächsten Buch, mein feiner, feiner Künstler Falke. ... ... ... ... ... ... ... A men .« Hatte meine Bescheidenheit mit beiden Händen und einem verstehenden Lächeln »die blut- und lebentriefende Sonne« und andere Worte liliencronschen Überschwanges abgewehrt, so durfte ich doch auch andererseits wohl zurückweisen, was mir ungerecht schien. Eine gewisse Leichtigkeit des Technischen war mir zwar eigen, doch nicht in dem Maße, daß mir ohne ernste Arbeit Produktionen gelungen wären, die so sehr seinen Beifall gefunden hatten. Mit Nachdruck konnte ich den Vorwurf des Schluderns und Schleuderns zurückweisen, und den Vorwurf, es an Selbstkritik fehlen zu lassen. Der Wille, mein Bestes zu geben, war immer rege gewesen, und ließ ich Unzulängliches passieren, so war es nicht Sorglosigkeit, sondern Mangel an Einsicht; denn ich war keineswegs fertig und gefestet und reifte viel langsamer als es ihm schien. Konnten mich solche Widersprüche, die mir in einem Atem sagten, daß mein Buch einfach wundervoll sei und daß ich zu sehr schleuderte und schluderte, auch auf die Dauer kein Unbehagen machen, da alles, Lob und Tadel, nur ein vulkanischer Ausbruch seiner großen Liebe und Freundschaft war, so waren mir Richard Dehmels Bemerkungen zu demselben Buch von um so höherem Wert, als sie auf den Kern meiner künstlerischen Persönlichkeit gingen und mir greifbare Urteile gaben und förderliche Ausblicke eröffneten. So schrieb er mir über eine Reihe »Traumbilder«, die den Band eröffneten: »Das Traumbild« hingegen erinnert mich in keiner Weise (wie Sie befürchteten) an Liliencron. Nicht verschweigen aber will ich, daß es mich in den Mitteln der Stimmungserzeugung lebhaft an einen anderen Dichter erinnert hat: das Gedicht »An Helene« von Edgar Allan Poe. Es ist freilich möglich, daß Sie auf einem Umweg über Liliencron zu dieser sonderbaren Ähnlichkeit gelangt sind. (Oder kennen Sie das Poesche Gedicht?) Offenbar hat nämlich Liliencron selbst entweder direkt oder gleichfalls auf Umwegen (über den Dänen Jacobsen und die jüngeren Franzosen, die alle unter Poes Einfluß dichten gelernt haben) dem Amerikaner manches zu verdanken; freilich hat er es in eine absolut neue Sphäre und eigene Form zu rücken verstanden, die Sphäre der sinnlichen Gesundheit und die Form der farbig klaren Heiterkeit (im Gegensatz zu Poes krankhafter Nebelschwelgerei oder Laterna magica-Grellheit). Und so könnte es sein, daß Sie – schon im Begriffe, sich technisch von Liliencron zu befreien – also immerhin noch teilweise mit seinen Mitteln arbeitend – nun auf dem Wege der andersartigen Empfindung, der nichtliliencronschen elegischen Versunkenheit, unbewußt zu dem ersten Urheber dieser ganzen naturalistisch-phantastischen Poesie, eben zu Poe, zurückgelangt wären. Wie dem auch sei. Sie brauchen diese Ähnlichkeit nicht zu scheuen; sie ist, glaube ich, nur dem durch eigene technische Erfahrung verfeinerten Leser fühlbar. Nach meinem subjektiven Geschmack ist dies Gedicht sogar das poetisch tiefste, an Stimmung gehaltvollste, unter den fünf Bildern. »Die drei anderen Visionen sind in der Tat ganz und gar eigentümlich in der sprachlichen Behandlung. Ich glaube, hauptsächlich deshalb, weil Sie die technischen Reize ganz überwiegend mehr aus plastischen als aus koloristischen Vorstellungen geschöpft haben. Das würde sich damit decken, daß Sie mir schon aus Ihren gedruckten Gedichten weit mehr als realistischer Gemütsmensch, denn als phantastischer Lustmensch (wie Liliencron einer ist) entgegengetreten sind. Das spezifisch wahrnehmende Gefühl (das empfindsame Gemüt) geht seiner Natur nach, der realen Welt gegenüber, immer zunächst auf das dauerhaft Plastische; das genießende Gefühl (die sinnliche Lust) entschieden mehr auf die flüchtigeren koloristischen Eindrücke. Daher wirken alle diejenigen Vorstellungsbilder, bei denen Sie Ihre Phantasie mehr auf die räumliche Anschauung einstellen, entschieden eigentümlicher, Falkescher als die, bei denen Sie auf Farbeneindrücke ausgehen. Am deutlichsten kommt die bei dem poetischen Gleichnis zum Vorschein, das ja immer die sichersten Aufschlüsse über das individuelle Darstellungsvermögen des Lyrikers gibt. Wissen Sie, welches Gleichnis in Ihren Gedichten auf mich den nachhaltigsten, für Sie bezeichnendsten Eindruck gemacht hat? In dem Stimmungsbild »Unterwegs« (als Ganzes betrachtet, gefällt es mir weniger) der Vergleich zwischen dem aus der Brunnenfratze stürzenden Sprudel und dein Mädchenschwarm, der aus dem Schulgebäude stürmt. Also ein rein plastisches Gleichnis; denn die Beziehung zwischen den Regenbogenfarben der Wasserblasen und dem bunten Durcheinander der Kinder ist durchaus sekundäre Begleiterscheinung. »Was ich im großen und ganzen bemängeln möchte, ist die wenig eigentümliche Art der poetischen Phantasie im »Berg« und in der »Regeninsel«. Sie trägt zu sehr Klinger-Böcklinsches Gepräge. Ich verehre diese beiden, den Zeichner wie den Maler sehr, verehre und liebe sie. Aber der Poet hat, scheint mir, andere Aufgaben, als nur Bilder zu geben. Es ist gut und wünschenswert, daß wir unsere technischen Hilfsmittel wie auch unser Vorstellungsvermögen aus den Schwesterkünsten bereichern, aber durch zweckentsprechende Umbildung, nicht durch einfache Übertragung; eben wiederum nur als Mittel zu den höchsten spezifisch poetischen Zwecken, nicht als zeichnerischen oder malerischen Selbst zweck. Wir werden das Neben einander der malerischen Wirkungen durch unser sprachliches Nach einander der Darstellung doch nie im selben Deutlichkeitsgrad erreichen. Daher muß m. E. der Poet seine Phantasiebilder nach einer andern , ihm ausschließlich gangbaren Richtung hin vertiefen, als bloß nach Anschaulichkeit und Stimmung hin. Das ist entweder Handlung oder Deutung; ganz besonders die fortschreitende, im Lauf des Phantasievorganges sich entwickelnde Deutung. Also auch eine Handlung, nur von idealerer Substanz als die Handlungen der Affekte. Er muß eben in viel höherem Grade sinn bildlich wirken als alle anderen Künstler, muß einerseits aus persönlicher Erfahrung Aufschlüsse geben über reale Zusammenhänge der lebendigen Natur, andererseits eine überpersönliche, ideale, in sich selbst sinnvoll zusammenhängende Gefühlswelt gestalten. Dies Postulat ist durchaus kein schulmeisterhaftes, sondern folgt einfach aus der Beschaffenheit seines Arbeitsmaterials, der Sprache; denn diese ist in ihren Begriffen und Beziehungen nicht bloß konkret individualisierend, sondern mehr noch typisch abstrahierend. Beides muß also der Poet gleicherweise berücksichtigen, will er zu höchsten, spezifisch poetischen Leistungen gelangen. Entwickelt er seine Phantasie in dieser Beziehung nicht , so bleibt er – bei aller künstlerischen Meisterschaft – entweder in der bedeutungslosen Naturbeschreibung oder in phantastischen Spielereien stecken; er wird zum feineren Unterhaltungs dichter, bleibt ein Modetechniker, anstatt ein Zukunftsförderer, ein Seelenschöpfer, ein Menschheitsbildner, ein Dichter der Vertiefung und Erhebung zu werden. Sehen Sie sich doch die naturalistischen Idylliker des vorigen Jahrhunderts, die romantischen Phantastiker im ersten Drittel dieses Jahrhunderts an! Wir zucken heute die Achsel über sie; zu ihrer Zeit waren sie bewunderte Künstler. Heute steuern dem Wesen nach die meisten jungen Künstlerdichter zu derselben Scylla oder Charybdis hin; nur ihre technische Mode ist seiner geworden, sie haben ein paar dekorative und sensitive Finessen der Sprache hinzugelernt, sonst toute la même chose . Sehen Sie, darum ist Liliencron anders: trotz seiner Lust am flüchtigen, prickelnden Augenblick tiefer, ewiger: weil er überall, wo er sein Bestes gibt, in seine sinnliche Augenblickserregung, in seinen phantastischen Impressionismus zugleich eine herzliche Erfahrungsweisheit oder eine ironische Humanitätsidee hineinzuweben versteht. Denn dies Ideelle – so hängen eben dichterische Wesenskraft und künstlerische Wirkungsmacht eng zusammen – dies Ideelle übt zugleich wieder seine Rückwirkung auf die sensuelle Form. Alles wird konzentrierter, gesammelter, von innen heraus bewegter, individuell organischer, unnachahmlicher: die eigentümlich einheitliche Welt erzeugt eben auch ihre eigentümlichen Gestalten , das ewig Reizvolle. Das bloß stimmungsvoll Oberflächliche vertieft sich ins geistvoll Gründliche; das prosaische Nach einander wird zum poetischen Mit einander und In einander, die metrische Gliederung zum rhythmischen Wachstum, das bloß bezeichnende Eigenschaftswort zum bedeutsamen Beziehungswort. Kurz: das Zwingende, Schlagende, Notwendige, das »unmöglich anders« Seiende fließt, glaube ich, nur aus dieser Quelle. »Der gehetzte Friede« endlich ist sehr, sehr schön; Ihnen ganz eigentümlich, sowohl dem Ausdruck nach, wie auch in Stimmung und humoristischer Idee. Alles entwickelt sich auf den Schluß hin! Sehen Sie, hier ist ein Kunstwerk, das nur der spezifisch poetische Künstler schaffen konnte. Ich für meine Person hätte allerdings noch etwas weltweise Ironie hineingemischt; aber chacun a son goût ! Zumal die Einführungsakkorde mit den ein wenig à la Shakespeare stilisierten Bildern sind prachtvoll. Dann plötzlich der wundersame Kontrast in die Gartenstimmung hinein; entzückend! Um so störender wirkt in dieser Schönheit die ungeschickte Inversion von »seinem Flimmergischt dem hellen«. Das müssen Sie entschieden ändern. Überhaupt scheinen mir die Ausdrücke »Gischt« und »Spritzer« für die weichen Tupfen, die das zitternde, durch die Gebüsche sickernde Licht auf den Marmor streut, viel zu hart und greifbar. – »Die Nachtigall, die abseits seufzt «; sprechen Sie das mal laut aus, und dann fragen Sie sich, ob man das süße Schluchzen und Kichern und Schelten der Nachtigall durch eine so schauderhafte konsonantische Zungenbrecherei wiedergeben darf! – In den beiden unterstrichenen Zeilen »Der letzte Wagen usw.« wirkt die Auseinanderreißung und Inversion des Verbums furchtbar schwerfällig (offenbar durch metrische Schwierigkeiten verursacht); das muß ebenfalls auf jeden Fall in natürlichere Form gebracht werden, da ja gerade das Wegrollen der eleganten Equipagen einen durchaus leichten, geradezu »geschmierten« Eindruck machen muß. – (Der Lampenschein) »ruft leise Lichter usw.« das ist wieder nur prosaische Andeutung, nicht poetischer Ausdruck, d.h. Erschöpfung des Eindrucks. Dieser stumme Lampenschein im stillen Schlafgemach kann doch unmöglich etwas hervor rufe n.« – Über ein längeres Gedicht in einem späteren Buche, das ich ihm dann dankbarst zueignete, schrieb er mir in gleicher Offenheit: »Vor der »Insel« stehe ich mit zwiespältigem Gefühl. Dem ganzen Wurf nach ist es vielleicht Ihr bedeutendstes Gedicht. Aber in der Ausführung sind wieder lange Stellen voll der verdammten Wielandschen Geiltuerei (echte Geilheit ist es nämlich nicht), die ich durchaus nicht verknusen kann. Bemühen Sie sich nicht, das herauszubringen! Das würde Ihnen nicht gelingen. Es liegt nicht in Ihrer Natur, diese brutale hellenische Sinnlichkeit, nach der zuweilen Ihr Sehnen steht, wirklich darzustellen. Man muß sich eben an der Sehnsucht schadlos halten, und die haben Sie in ganz einziger Weise zum Ausdruck gebracht. Je mehr nach dem Schluß zu, um so reiner und seelenvoller wird alles. Wundervoll ist die »Knaben«-Episode, der große Pan, der Abschied; psychologisch sehr gut, wenn auch etwas zu zahm in der Ausführung, »Die Flöte«. Alles in allem: Hut ab!« Sehr hart empfand ich den Vorwurf der Geiltuerei und ich nahm das Gedicht noch einmal vor und suchte auszumerzen, was mir meiner Meinung nach diesen Vorwurf zugezogen haben könnte. Aber Dehmel war damit nicht zufrieden. »Zu Ihren Ausmerzungen aus der »Insel« kann ich Ihnen schwer was Ordentliches sagen, schrieb er. Das »Wielandsche« liegt nicht im einzelnen, sondern in dem ganzen sinnlichen Ton. Der Anlage nach ist es ja fast nötig , auch etwas Vielweiberei zu treiben. Nur eben Sie bringen es nicht heraus, dies mit natürlicher Selbstverständlichkeit von sich zu geben; es ist Ihnen nicht natürlich. Es ist Ihnen überhaupt nicht natürlich (wie es fast stets unserm Detlev und zuweilen auch mir ist), im bloß sinnlichen Rausch aufzugehen; dazu sind Sie eine viel zu christlich edle Natur. Und das ist eben das wundervolle in dieser Dichtung, wie sich schließlich die Liebe aus Mit gefühl, nicht aus bloßer Mit erregung in dem Heidentums-Sehnsüchtling einstellt, trotz aller Verstandeseinsicht, wie großartig es ist, die Welt mit Pan-Augen anzulachen. Seien wir doch ehrlich! Pan ist und bleibt das vergöttlichte Tier; wir aber wollen den Menschen göttlicher machen! Deshalb braucht uns unsere Tierheit noch kein Schmerz zu sein; aber wir wollen uns hüten, es als großgeistig, als übermenschlich usw. auszuschreien, wenn wir andern mit unserer Tierheit Schmerz bereiten. Finden sich zwei Menschen in tierischem Glück zusammen: á la bonne heure! Aber schändlich ist es, da als Tier zu genießen, wo ein anderes Wesen den Gott in uns genießen möchte. Und Sie, lieber Falke, haben überhaupt nicht die Fähigkeit, dieses höchste Sittengesetz jemals ganz zu vergessen, selbst dann nicht, wenn Ihnen mal durch Zufall ein Geschöpf in den Weg läuft, das nur das Tier in Ihnen sucht; dann werden Sie viel eher die Neigung haben, es zum Gott zu bekehren. Und unterdrücken Sie diese Neigung in sich und suchen »naiv« (o dies verdammte Fremdwort, es ist doppelzüngiger als alle Schlangen der Welt) den aufgeregten Sinnen nachzugeben, dann eben werden Sie un naiv, d.h. naturwidrig, Ihrer Natur zuwider, und Ihre aufgereizte Sinnlichkeit wirkt »lüstern«, halb geil, halb impotent. Aber wie gesagt: wenn man die »Insel« als Ganzes anschaut, schadet das nichts. Man wird eben versöhnt mit dem unselbsteigenen Anfang, der übrigens stückweise bis über die Mitte hinausreicht, durch den echt selbstvollen Schluß und die echt selbstlose Verherrlichung Pans. In diesem Pan ist es Ihnen gelungen, die hellenische Sehnsucht rein darzustellen, während sie in den nicht geistigen, sondern fleischlichen Vorstellungen unrein wirkt. Erst der tragische Abschied (Goethe sagt einmal: »das Grundmotiv jeder Tragödie ist ein Abschiednehmen« oder so ähnlich) löst diese unbeabsichtigte Dissonanz ebenso unbeabsichtigt auf; das ist das künstlerisch Schwache, aber menschlich Schöne an der Dichtung. Und ich rate Ihnen, sich in dieser Hinsicht nicht den Kopf mit Besserungsversuchen zu zerbrechen; da ist einfach eine Grenze Ihrer Natur! Wir sind allzumal Sünder usw.« Daß ich den Besitz zweier solcher Freunde wie Liliencron und Dehmel und die Gelegenheit zu solchen Aussprachen als ein höchstes Glück zu schätzen hatte, war mir wohl bewußt. Gar mancher, der einsam schafft und bildet, sehnt sich nach einer gleichgestimmten, verstehenden Seele und verzehrt sich in dieser Sehnsucht, und Scheu und Keuschheit hindern ihn sich zu offenbaren, während selbstbewußte Jugend von siebzehn und achtzehn Jahren sich nicht scheut, mit ihren unfertigen Versuchen anerkannte Meister wieder und wieder zu belästigen, oft mit so rührender Einfalt, daß es schwer wird ihnen zu zürnen. Ich hatte nun lange genug meine dilettantischen Versuche nur im Verborgenen blühen lassen, bis ich mich entschloß, den einzigen Weg zu beschreiten, der mir erlaubt war, nämlich den, sich an eine Redaktion mit der bescheidenen Bitte um Prüfung zu wenden. Dieses war mir geglückt. Und mir war alsbald der Lohn für mein Wohlverhalten geworden, indem nun der Meister an meine Tür klopfte und mir freiwillig bot, um was zu bitten ich mich nie erkühnt hätte. Wenn ich bedachte, wie alles mir so ohne mein Zutun in den Schoß gefallen, fühlte ich mich immer wieder und wieder in meiner besonderen Art Frömmigkeit bestärkt, die in einem lebhaften, innigen Dankgefühl gegen die unsichtbare, schenkende und führende Macht bestand und in einem kindlich gläubigen Vertrauen auf ihre weitere Führung. Stolz und selbstrühmend zu sein, lag nicht in meiner Natur, und wie hätte ich es auch ohne gleichzeitige tiefe Beschämung sein können, wo der herrliche Freund mit allen seinen Vorzügen auch die adelige Eigenschaft vornehmster Bescheidenheit verband. Karl Busse hatte seine Anthologie moderner Lyrik herausgegeben, die alles vereinte, was ein Recht hatte, sich in dem deutschen Dichterwalde mit seiner Stimme hervorzutun. »Ich las viel in Busses Buch,« schrieb Liliencron mir. »Und wieviel unendlich Schönes fand ich darin. Eine tiefe Schamröte bedeckt mich, wenn ich an die bodenlose Arroganz denke, etwas Besonderes bei all diesen Dichtern zu sein. Welcher Unsinn. Wie fallen meine Lieder ab, bei dem nächsten Besten, den ich in Busse aufschlage. – Daß Deutschland nicht ahnt, was es an seiner Lyrik hat, wieviel herrliche Lyrik es hat –« Daß er von allen lebenden Mitdichtern neidlos als Erster anerkannt wurde, war ihm sicher bewußt, und stärkte ihn in seinem jahrelangen Kampf gegen Unverständnis, Übelwollen und Stumpfsinn. Ich aber, an seiner Hand heraufgekommen, genoß früher des süßen Ruhmes, als er mir ohne ihn zuteil geworden wäre, und war sein Weg steinig gewesen, so war meiner durch die Gunst der Umstände fast ein müheloser Aufstieg zu nennen. Oder, um in einem anderen Bilde zu sprechen: Er stritt gegen Wind und Wellen, ich schwamm in einem beruhigten, sich immer mehr ausbreitenden Strome ohne Widerstand dahin; freilich: schwimmen mußte auch ich können. * Manchmal überkam es mich, als hätte ich eine verlorene Jugend nachzuholen, ein Sehnen nach Flügelbreiten, Kampf und Leidenschaft, nach allen Festen des Jünglings. War ich denn nicht jung gewesen, hatte gespielt, geschwärmt, geküßt? Ach, es wollte mir dann scheinen, als wäre das alles nur ein dumpfes Träumen gewesen, ohne Licht, ohne Klang, nur ein zaghaftes prüfendes Fingern auf den Saiten des Lebens. Und ich war töricht genug zu glauben, ich könnte das Lied der Jugend noch einmal singen. Da klang's denn wohl gekünstelt, der Dompfaff im Bauer. Und Liliencron lachte mich aus. Das verstand er prächtig, ohne weh zu tun. Und Dehmel verwies es mir in seiner Weise. Und hatte mein Herz nicht seinen Heimgarten, wo es sich jung fühlen durfte, wie am ersten Tag in immer gleicher Liebe? Und mit Recht durfte ich zu anderen Zeiten singen: Herz, mein altes Herz, ich muß dich lieben, Immer findest du dein Lachen wieder, Singst die lieben Kindheitsmorgenlieder Mit dem alten hellen tapfern Ton, Wie vor Jahren schon, Und so preis' ich dich und deine Tugend: Deine immer unverdrossene Jugend. * Vom hohen Felsen stürzt der Gießbach mit Donnern und Schäumen. In allen Regenbogenfarben schimmern die Wasser. Bewundernd, halb betäubt stehst du, die Gewalt des tosenden Falles bezwingt dich, und dir kommen Gedanken und Wünsche des brausenden, ungebändigten Lebens. Aber an jenem Halm hängt ein Tropfen Tau, nur ein Tropfen Tau, in heiliger Morgenfrühe, blitzend im ersten Licht. Sieh ihn ruhen, glänzen, selig in sich. Was ist es, das deine Seele bewegt, so viel reiner, himmlischer bewegt, als der Tumult des stürzenden Baches? So fragte ich mich und lernte mich finden und mein Reich. Und so wurden neben Liliencron andere meine Lehrmeister. Conrad Ferdinand Meyers strenge, edle Kunst kam dem Zug zum Bildnerischen, Plastischen in mir entgegen, und bot gewiß ein heilsames Gegengewicht gegen die Unarten, die Liliencrons Stil anhafteten, oder wenigstens bei anderen zu Unarten geworden wären, indessen sie ihm als zu seiner Persönlichkeit gehörig erlaubt waren. Auch bleibt vieles bei ihm nur impressionistisch, rundet sich nicht zu einem fertigen Kunstwerk, zu einem vollen Gedicht; dieses aber war mir ein Bedürfnis, das auch durch meine musikalischen Studien und mein musikalisches Empfinden genährt und ausgebildet worden war. Hierin aber war Conrad Ferdinand Meyer, der Künstler, vorbildlich. Ein reiner silberheller Quell floß mir aus Mörikes Lyrik, den ich um seinen einzigen Platz unter den deutschen Dichtern beneidete. Wollte mir Liliencrons Poesie, wie die Vegetation der Heide und des Waldes erscheinen, lieblich und herbe, aber urwüchsig, wie Erika, Ginster und Wacholder, so lachten mir Mörikes Lieder gleich goldenen Kätzchen aus einer heiteren, sonnigen Wipfelregion entgegen, von einer lichteren und leichteren Luft umflossen, und dieses lichte und leichte Schweben wollte mir wohl manchmal seliger dünken als das Liliencronsche Daherbrausen. Doch die Eiche ist schön und die Rose ist schön, und ich getraue mich nicht zu sagen, wer größer ist. Auch Kellers männliche Lyrik liebte ich, und das Waldhorn Eichendorffscher Poesie hallte bis in meine Träume. Mit allen diesen Einflüssen hatte ich mich auseinanderzusetzen, und tat es nicht kämpfend, sondern in liebevollster Hingabe, wie es meiner Natur gemäß war. Mein Eigenstes blieb mir dabei doch unverloren, wenn auch manchmal ein Tröpfchen von dem Bade, dem ich gerade entstiegen war, an mir hängen blieb. Das schließt Lob und Tadel in sich. Ich meine aber, jedes Bad erquickte und stärkte mich. Die ungebadeten Originale aber sollen in ihrer größeren Pracht des höheren Ruhmes gerne genießen. V Je mehr mir in der Poesie eine neue Welt aufgegangen war, je weniger konnte mir der untergeordnete Dienst im Hofstaat der Frau Musika noch zusagen. Oft seufzte ich unter der Last des Stundengebens, konnte sie aber nicht abwerfen, da meine literarischen Einnahmen nicht ausgereicht haben würden, eine Familie auch nur notdürftig zu ernähren. Gehen junge, alleinstehende Leute mutig ins Ungewisse, so ist das zu loben, vorausgesetzt, daß sie mit den nötigen Fähigkeiten ausgerüstet sind, worüber sie sich allerdings oft einem gefährlichen Selbstbetrug hingeben. Ich aber als Familienvater mußte den Kampf zwischen Sehnsucht und Pflicht vorläufig weiterkämpfen. So gab ich mit manchem heimlichen Seufzer meine Stunden weiter. Als nun eines Tages ein junges Mädchen mit dem Wunsch zu mir kam. Literaturstunden zu nehmen, worunter sie freilich nichts anderes verstand, als eine Korrektur ihrer eigenen Verse, und eine weitere Unterweisung im Dichten, tauchte in mir der Gedanke auf, den reiferen unter meinen Musikschülerinnen literarische Vorträge zu halten. Eine Umfrage fand regeres Interesse, als ich vermutete, und bald hatte ich einen Zirkel junger Hörerinnen, die ich wöchentlich einmal in meiner Wohnung versammelte, um sie mit den Schätzen unserer deutschen Lyrik bekannt zu machen. Unter ihnen war ein Mädchen, das ich seit seinem sechsten Jahr im Klavierspiel unterrichtet hatte, und das mir, obgleich ihre musikalischen Fähigkeiten nur gering waren, durch die Anmut ihres Wesens und die Lieblichkeit ihres Betragens im Laufe der Zeit so an das Herz gewachsen war, daß ich mich unversehens mitten in einer zärtlichen Leidenschaft für sie befand. Sie war nun achtzehn Jahre alt, schlank, mit einem lieben, hübschen Gesicht, das eine sich immer gleich bleibende gewinnende Freundlichkeit verschönte. Große graue Augen sahen rein und treu in die Welt, konnten aber auch schelmisch lachen. Dieses liebe Wesen warf einen hellen Sonnenschein über die grauen Tage meines Frondienstes am Klavier. Ich freute mich auf die Stunden, wo sie am Klavier erschien, und sie wurde zu meiner jungen Königin und beherrschte mein Denken, das zuletzt wie ein willenloses Rad um diese Achse kreiste. Sie hatte einiges Talent zum Malen, und was sie hervorbrachte, gefiel meinen voreingenommenen Augen. Ich suchte meine eigenen Malkünste hervor, und war glücklich, mich mit ihr in der gleichen Tätigkeit zu bewegen. Da sie mir voraus war, und weil es meiner Natur widerstrebte, ins Blaue hinein zu dilettieren, nahm ich Unterricht, und bewog einen jungen tüchtigen Künstler, der einst als Knabe mein Klavierschüler gewesen war, mich zu unterweisen. Er nahm aus Freundschaft und Gefälligkeit einen so alten Schüler in die kehre, und führte mich hinaus und zeigte mir, wie man die Natur mit Wasserfarben aufs Papier brachte. Da saß ich vor einem einsamen Baum auf weiter Koppel und verbrauchte viel Wasser und Grün und war zwischendurch eifrig bemüht, die Kühe abzuwehren, die neugierig herbeikamen und mein Kunstwert bestaunten. Als mein Meister mich hernach vor ein Teichmotiv führte, vor dem auch meine kleine Freundin ihre Kunst erprobt hatte, genoß ich bei jedem Pinselstrich ein besonderes Glück. Was ich so zustande brachte, war wirklich mit Liebe gemalt, und daß es nicht besser ausfiel, hatte andere Ursache, als Mangel an Fleiß und Vertiefung. Mit lächelndem Verstehen und Gewährenlassen sah meine Frau dieser wunderlichen Liebe zu. Güte und Klugheit, diese beiden Haupttugenden des Weibes, waren die Schutzwehr, woran sie den Aufruhr sich brechen ließ. Allmählich legte sich die wilde Flut, ein letztes Gewölk verflatterte, und die Sonne trat wieder am klaren Himmel hervor. Ich aber befreite mich von dem letzten Rest dieser späten Liebe, indem ich den Poeten zu Hilfe rief. Er war nicht ganz unschuldig an der Anzettelung dieser Geschichte und mochte nun auch das Seine zum Guten beitragen. Und eines Abends sagte ich zu meiner Frau: »Du, ich möchte dir etwas vorlesen.« »Was ist's denn?« fragte sie. »Ein Märchen.« »Ein Märchen? Nun laß hören.« Und ich setzte mich, so daß der grüne Schirm der Lampe zwischen uns war, und begann: Der verhexte König. Es war einmal ein König, der hieß Klaus, der hatte eine Frau, die hieß Hanne. Die lebten glücklich und zufrieden. Ihr Königreich war nur sehr klein, nicht ganz so klein wie ein Hühnerei, aber auch lange nicht so groß wie Rußland. Darum mußten sie sich sehr einzurichten, sparsam wirtschaften und jeden Pfennig dreimal umkehren, ehe sie ihn ausgaben. Das taten sie denn auch. Und da sie sich sehr lieb hatten, keinen Hunger litten und sich nicht mehr Gedanken machten, als nötig und zuträglich, lebten sie tatsächlich wie die Könige, und ihr Vetter, der Zar von Rußland, mag mehr schlaflose Nächte gehabt haben als sie. So klein nun auch ihr Königreich war, und so versteckt es lag, der Storch fand es doch. Er brachte ihnen ein niedliches Töchterchen, biß die Frau ins Bein und sagte: »Wohl bekomm's« und »Vergiß mich nicht.« Dann erhob er sich in Kirchturmshöhe und flog weiter. Der König aber stand am Fenster und sah ihm lange nach. »Du gutes Tier,« sagte er leise, »nun mußt du uns auch noch einen Jungen bringen.« Hätte er es nur etwas lauter gesagt, denn es dauerte drei Jahre, bis der Storch es hörte. Aber das gehört eigentlich noch nicht hierher. Man soll nicht vorgreifen, auch dem Storch nicht. Nun begab es sich leider, daß die Königin kränklich wurde; sie hustete, ward täglich magerer, und der Arzt sagte, sie müsse ins Bad. »Ja,« sagte der König, »das soll sie. Ich hab' sie so lieb, daß sie das soll.« Und dann dachte er lange nach, und dazu hatte er alle Ursache. Denn erstens gab es im ganzen Königreich kein anderes Bad als die Badewanne der Prinzessin, die meinte aber der Arzt nicht, und zweitens kostete eine Badereise Geld, und nun gar eine über die Grenze. Woher sollte er das Geld nehmen? »Hm,« sagte der Arzt und zuckte die Achsel. »Ja,« sagte der König und zuckte die andere Achsel. »Dann lassen Sie Ihre Frau Lebertran nehmen,« sagte der Arzt. »Nein,« rief die Königin, »Lebertran mag ich nicht. Lieber gehe ich ins Bad.« Da suchten sie alle ihre Pfennige zusammen, sparten sich das übrige vom Munde ab, und die Königin kam ins Bad. Da hatte der König nun lange Tage. Er hätte mit der Köchin sechsundsechzig spielen können. Aber die Köchin schielte, und mit Leuten, welche einen nicht gerade ansehen können, spielt man nicht gerne Karten. Mit einem Pustrohr Erbsen zu verschießen, hätte ihm wohl Spaß gemacht, aber er fürchtete Grenzstreitigkeiten. Krieg um eine verschossene Erbse? Da machte der König Verse. Das ist eine angenehme Beschäftigung. Die Zeit geht damit hin und man ist glücklich und zufrieden. Der König war es auch. Hatte er einen Bogen voll, fing er einen neuen an, und alles reimte sich, daß es eine Freude war. Nun wohnte in der Nachbarschaft schon seit langem ein kleines Mädchen, das hieß Mitimiti und war sehr niedlich und war munter und aufgeweckt, und der König hatte es immer gerne gehabt. Er hatte ihr Blumen geschenkt, hübsche Bücher und Bilderchen, was er gerade hatte, und Mitimiti hatte alles mit »herzlichem Dank« angenommen. Aus dem kleinen Mädchen war aber mit der Zeit ein großes Mädchen geworden, und als der König nun so viele lange Tage hatte und sich die Welt recht ansehen konnte, sah er, wie groß Mitimiti schon geworden war und wie hübsch. Wenn doch Zudelmaus auch erst so groß wäre, dachte der König. Aber das hatte noch lange Weile, denn Prinzeßchen Zudelmaus lag noch in der Wiege, und Mitimiti war schon achtzehn Jahre alt und war schön und war schlank und war weiß und hatte wunderhübsch große graue Augen. Wenn man da hineinsah, glaubte man ein Märchen aus Tausendundeine Nacht zu lesen. Und der König hatte von jeher gerne Märchen gelesen. Mitimiti war aber eine Hexe. Niemand wußte das, auch der König nicht. Und so konnte sie ihn behexen, ohne daß er etwas dagegen tun konnte. Und der König, der sonst ganz harmlos und munter war, wurde auf einmal ganz grillig und wunderlich. Er bildete sich nämlich ein, die Sonne hätte nicht geschienen, wenn er nicht wenigstens einmal in Mitimitis schöne Augen gesehen hätte. Die Sonne mochte noch so hoch am Himmel stehen, daß alle Leute »Puh« sagten und in Hemdärmeln gingen, für ihn war sie nicht vorhanden. Wenn sich ihm Mitimitis Augen verschlossen, dann war er sehr traurig, machte nur Verse, worin sich weinen auf scheinen reimte und Tränen auf Sehnen und Schmerzen auf Herzen, und aß nicht und trank nicht. »Der gute König,« sagte die Köchin, »so nahe geht ihm die Trennung von seiner Frau. Möchte der liebe Gott sie doch bald wieder gesund machen!« Der gute König aber wurde noch viel trauriger, wenn er an die Königin dachte. Er fühlte selbst, wie krank er war, und hoffte, wenn die Königin erst wieder da wäre, würde es besser mit ihm werden. Hatte sie auch keine Märchenaugen, so hatte sie doch sehr schöne, liebe Augen, in die er immer gerne hineingesehen hatte, so recht tief, bis in ihr liebes, gutes, königliches Herz. Inzwischen suchte er auch wohl Heilung bei Prinzessin Zudelmaus, setzte sich an ihr Bettchen und wiegte sie oder machte dideldideldi und kitzelte sie mit dem Zeigefinger. Aber so recht wollte das nicht helfen. Er dachte zuletzt doch immer wieder, ob Zudelmaus auch wohl so groß und so schön und so klug wird wie Mitimiti. Und dann küßte er Zudelmaus so heftig, daß das Kind laut an zu schreien fing und die Köchin herbeilief und es ihm wegnahm und auf die ungeschickten Mannsleute schalt, die nicht mit kleinen Kindern umzugehen wüßten. Nun war aber die Königin inzwischen wieder gesund geworden und kam wieder nach Hause. Der König und die Königin umarmten sich. »Lieber Klaus!« »Liebe Hanne!« Als sie sich aber näher ansahen, erschraken sie beide, so blaß und mager waren sie geworden. Die Königin aber dachte nicht anders, als die Trennung von ihr hätte den König so mitgenommen, und sie wurde ganz gerührt. »Du armer Kerl,« sagte sie, »was hast du allezeit ohne mich gemacht?« Da wurde der König sehr rot, und da er doch etwas sagen mußte, sagte er: »Verse.« »Verse?« fragte die Königin. »Ei, wie hübsch. Die mußt du mir alle vorlesen. Heute abend nach dem Tee, wenn die Lampe brennt und Zudelmaus schläft.« Als sie nun die Verse hörte, sagte sie: »Das sind ja lauter verliebte Sachen. Wie hast du dir das alles so ausdenken können? Man sollte meinen, du hättest das alles erlebt. Ich glaube, lieber Klaus, du bist ein wirklicher Dichter.« »Hm,« machte der König. Es wurmte ihn, daß das ausgedachte Sachen sein sollten. Aber verraten durfte er doch nichts. Es plagte ihn aber doch, und wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über. Da merkte die Königin, wie es mit ihm bestellt war. Sein drittes Wort war Mitimiti. Wenn die Königin von einem neuen Mantel sprach, so fand der König Mitimitis Jäckchen sehr kleidsam. Bemerkte die Königin, daß es regnete, so meinte er, es wäre doch gut, daß es gestern nicht geregnet hätte, als Mitimiti zu ihrer Tante ging. Man konnte vom Nordpol sprechen oder von Schlei mit Butter und Petersilie, Mitimiti war das Ende vom Lied. Da wurde die Königin sehr traurig. »Ich will nichts mehr von Mitimtti hören,« sagte sie. »Aber Frau,« sagte der König, »es ist ja doch alles ganz unschuldig. Ich könnte ja ihr Vater sein. Warum soll ich sie nicht gern haben? Du verlierst doch nichts dabei. Ein Herz ist doch keine Hutschachtel, die ausgefüllt werben kann und dann »Deckel zu«. Ein Herz ist doch – wie soll ich sagen – na ja, ein Herz ist doch keine Hutschachtel.« Da weinte die Königin ganz laut. Ob sein Herz eine Hutschachtel wäre oder nicht, das wäre ihr ganz gleich; sie wolle ein für allemal nichts mehr von Mitimiti hören. Und dann weinte sie noch lauter. Da wurde der König ganz gerührt und küßte sie. »Es ist ja alles Unsinn,« sagte er. Und dann gab er ihr noch einen Kuß. Es war aber kein Unsinn, sondern es war eine Krankheit. Der König war behext, da halfen alle schönen Reden nichts. Er wurde immer kränker, und die Königin fürchtete für seinen Verstand. Wenn er sich in ihrer Gegenwart nicht so sehr zusammengenommen hätte, so wäre ihre Befürchtung bald zur Gewißheit geworden, denn war der König allein und konnte sich gehen lassen, dann trieb er allerlei wunderliches Zeug. Er seufzte ganz laut, rief plötzlich in die leere Luft hinein: »Mitimiti!«, zählte die Leute, die vorübergingen, die Wagen auf der Straße, die Hausnummern, und war es eine gerade Zahl, war er glücklich, denn Mitimitis Name bestand aus acht Buchstaben, und acht ist eine gerade Zahl. Die Acht wurde für ihn zur heiligen Zahl. Er tat alles achtmal. Abends beim Zubettgehen und morgens beim Aufstehen sagte er achtmal Mitimitt. Trank er auf ihr Wohl, so tat er es in acht Schlucken, und er trank nichts, ohne auf ihr Wohl zu trinken, auch seinen Kaffee. Verschluckte er sich dabei, so war er sehr traurig, denn es galt ihm als ein böses Omen. Manchmal verbrannte er sich auch wohl den Mund dabei. Zuletzt trieb er diese Tollheiten so weit, daß er sogar acht Hemden übereinander trug. Da wurde die Königin untröstlich und betete Tag und Nacht, der liebe Gott möge doch den König wieder gesund werden lassen. Aber es half ihr alles nichts, und Lebertran oder eine Badereise hätte auch nicht geholfen. Nun wohnte in einem großen Walde ein Zauberer. Von dem hörte die Königin zufällig durch ihre Köchin, die eine alte Tante hatte, deren Großmutter einmal durch bloßes Anhauchen von diesem Zauberer von sieben Krankheiten zugleich geheilt worden war. Und diese sieben Krankheiten waren das Zipperlein gewesen, ein offenes Bein, ein verfettetes Herz, eine rote Nase, ein verstopfter Katarrh, wie die Köchin sagte, und noch zwei Krankheiten, die sie wieder vergessen hatte. Die Königin meinte, ob es vielleicht die Liebe gewesen wäre. »Nein,« sagte die Köchin, »die Liebe war es nicht, es war was mit dem Magen.« »Ach,« seufzte die Königin, »vielleicht war es doch die Liebe.« Jedenfalls war ein verfettetes Herz darunter, und es war Hoffnung vorhanden, daß der alte Zauberer auch andere Herzkrankheiten heilen konnte. Die Königin ging also zu ihm und klagte ihm ihr Leid, fiel vor ihm auf die Knie und bat, er möge ihr doch helfen. »Ja,« sagte der Zauberer, der schon über tausend Jahre alt war und immer mit dem Kopfe wackelte, »wenn er schon acht Hemden übereinander anzieht, ist die Krankheit schon recht eingewurzelt. Aber ich kann Euch dennoch helfen, wenn Ihr mir acht Küsse geben wollt.« Nun schauderte die Königin. Aber um die Liebe des Königs wieder zu gewinnen, hätte sie das Schwerste getan, und sie überwand sich und gab dem greulichen Alten acht Küsse. Dazu brauchte sie eine lange Zeit, denn da er beständig mit dem Kopfe wackelte, ging mancher Kuß vorbei, und der wurde nicht mitgezählt. Endlich hatte der Zauberer seine acht Küsse und sagte: »So hört nun aufmerksam zu: Hier habt Ihr acht Stricke. Der erste Strick heißt ›Schlau‹, der zweite ›Festhand‹, der dritte ›Sanfthand‹, der vierte ›Schmeckst du gut‹, der fünfte ›Geduld‹, der sechste ›Wie du mir, so ich dir‹. Die beiden letzten sind Reservestricke, falls Ihr in Not kommt. Mit diesen Stricken müßt Ihr den König binden, so daß er sich nicht rühren kann. Den ersten Strick legt Ihr ihm um den Hals, den zweiten um den rechten Arm, den dritten um den linken Arm, den vierten aber um den Leib, und mit dem fünften bindet Ihr ihm die Füße. Mit dem sechsten aber schlagt Ihr ihm aufs Herz. Und das müßt Ihr acht Tage und acht Nächte lang tun und dabei unaufhörlich Mitimiti sagen. Ihn selbst aber dürft Ihr nicht zu Worte kommen lassen.« Die Königin war hocherfreut und tat alles, wie ihr geheißen. Der König wußte anfangs nicht, wie ihm geschah. Aber die Königin ließ ihn gar nicht erst zu Worte kommen und sagte in einem fort: »Mitimiti, Mitimiti« und schlug ihm dabei aufs Herz. Der König machte erst ein sehr dummes Gesicht, allmählich aber lächelte er, sah sie zärtlich und dankbar an, und je länger sie Mitimiti sagte, je heiterer und milder und glücklicher sah er aus, schlürfte mit den Lippen und schnalzte mit der Zunge, wie einer, der mit dem köstlichsten Wein getränkt und mit den schönsten Leckerbissen gefüttert wird. Am dritten Tage schon verlor die Königin die Geduld. »Du bist und bleibst verrückt!« rief sie und sprang wütend auf. Was wollte sie machen? Sie war untröstlich. Der Zauberer wackelte ganz fürchterlich mit dem Kopf und sagte, da sie nicht acht Tage und acht Nächte ausgehalten hätte, wäre er entschuldigt. Jetzt könne er nichts mehr dabei machen. Jetzt bliebe ihr nur noch übrig, sich an das Hexchen selbst zu wenden. Und da mit Hexen im Bösen nichts anzufangen wäre, denn das mache sie nur widerspenstiger, so müsse sie es im Guten versuchen. Vielleicht glücke es ihr. Denn manche Hexe hätte ein gutes Herz und verdiene statt des Scheiterhaufens eine Kutsche mit sechs Schimmeln und einen Prinzen zum Gemahl. Mitimiti aber verdiene noch einen Schimmel extra mit einem Vorreiter darauf, denn sie wäre eine von den ganz guten Hexen, die selbst nicht wüßten, daß sie eine wären, und ihre Zauberkünste in aller Unschuld betrieben. Warum er ihr das nicht gleich gesagt habe, schalt die Königin. Da lachte der Zauberer und wackelte so fürchterlich mit dem Kopf, daß die Königin glaubte, er würde ihm abfallen. »Weil ich weiß, daß ein Frauenzimmer lieber zehnmal zum Teufel geht, als einmal zur Nebenbuhlerin,« sagte der Zauberer. Da zog die Königin die Unterlippe, zahlte ihren Taler und ging weg. Zu Hause zog sie ihre schönsten Kleider an und ging geradenwegs zu Mitimiti. Als sie das junge Ding sah, wollte sie erst zornig werden. Aber sie besann sich und bat leise und freundlich, das Hexchen möchte ihr doch das Herz ihres Mannes wiedergeben, sie wolle ihr auch alles dafür geben, was sie haben wolle. »Der alte Esel,« lachte das Hexchen. »Was?« rief die Königin. »O, bitte sag' ihm das doch selbst. Bitte, bitte, das wird gewiß helfen.« »Aber das kann ich doch nicht,« sagte das Hexchen und wurde rot. »Warum denn nicht?« »Weil er es vielleicht für eine Schmeichelei nehmen könnte. Verliebte sind blind und taub oder sehen und hören doch ganz anders als andre Leute. Und dann sagt der König am Ende, ich wäre ihm entgegengekommen. Und das ist nicht war!« rief sie heftig und stampfte ganz zornig mit dem Fuß. »Aber mir fällt etwas Besseres ein,« tröstete sie. »O bitte, sag' es mir,« bat die Königin, »ich will dir all mein Lebenlang dankbar sein.« »Laßt mich nur machen,« sagte das Hexchen. »Sorgt nur, daß der König heute abend im Garten ist.« »Ein Rendezvous?« fragte die Königin bestürzt und mißtrauisch. »Wie man es nehmen will,« lachte das Hexchen. »Gut,« sagte die Königin. »Aber mach es nicht so schlimm. Denn er ist nicht schlecht, er ist nur krank und tut mir so leid.« »Mir auch,« sagte das Hexchen ganz treuherzig. »Aber seid unbesorgt, es tut nicht weh.« Als der König nun in den Garten kam, stand Mitimiti an einer Rosenhecke und suchte Käfer ab. Sie war schön und war weiß und war lang, und dem König schlug das Herz. »Guten Abend, Fräulein Mitimiti,« sagte er. »Guten Abend, Herr König.« »Prachtvolles Wetter, heute abend.« »Ja, gar nicht mehr so heiß.« »Nicht wahr?« »Ja.« »Wie geht es, Fräulein Mitimiti?« »Danke schön, Herr König, mir geht es sehr gut. Und wie geht es Euch in Euren acht Hemden?« »Acht Hemden?« stotterte der König und wurde ganz rot. »Wie könnt Ihr es nur in Euren acht Hemden aushalten?« sagte Mitimiti. »Ihr verweichlicht Euch.« »O, gar nicht.« »Ihr solltet sie doch ablegen.« »Nicht um alles in der Welt.« Das Hexchen sah ihn schelmisch an. »Was gilt die Wette?« »Das wäre,« sagte der König. »Die Wette werdet Ihr verlieren.« »Wenn ich Euch nun etwas gebe –« Das Hexchen stockte verlegen, und der König horchte hoch auf. »Aber nein, das geht doch nicht,« sagte das Hexchen noch verschämter. Da drang der König in Mitimiti, sie solle doch sagen, was sie meine. Es ließe sich ja vielleicht darüber reden. »Wenn ich es denn sagen darf,« sagte Mitimiti. »Ich meine, wenn ich Euch nun etwas gebe, was ich Euch noch nie gegeben habe?« Da wurde der König purpurrot. »Mitimiti!« rief er und breitete beide Arme aus. »Halt!« rief sie. »Erst die acht Hemden.« »Aber das geht doch nicht!« »Warum denn nicht?« »Hier auf der Stelle?« »Auf der Stelle.« »Aber nein.« »Gut, denn nicht,« sagte Mitimiti, machte ein gekränktes Gesicht und wollte gehen. »Es sei!« rief der König. »Aber ich darf mich doch hinter diesen Baum stellen?« »Gewiß, das dürft Ihr.« Da trat der König hinter den Baum und begann hastig die acht Hemden abzuwerfen, eins nach dem andern. Als aber sieben im Gras lagen, dachte er: ›Das muß genug sein.‹ Aber Mitimiti bestand auf ihren Willen. »Gut,« sagte der König, »aber nun bekomme ich auch einen Kuß. Und mit ausgebreiten Armen ging er auf das Hexchen zu und spitzte die Lippen. Mitimiti aber richtete sich in ihrer ganzen Größe auf und war so schön und so weiß und so lang und sagte: »Da habt Ihr, was Euch zukommt und was ich Euch noch nie gegeben habe.« Und damit gab sie ihm einen herzhaften Nasenstüber, machte einen Knicks, und weg war sie. Da stand nun der König ohne Hemd und war sehr klein und war sehr rot und sah sehr, sehr dumm aus. Und hätte die Königin nicht aus dem Fenster gerufen: »Klaus, was machst du da im Garten? Wo hast du deine Hemden gelassen?« so stände er heute noch da. Aber er hat seine acht Hemden zusammengesammelt und ist still und bescheiden ins Haus geschlichen und hat zwischen sich und dem Hexchen eine hohe, hohe Mauer aufgerichtet, die war aber doch nicht so hoch, daß sie sich nicht dann und wann »Guten Morgen!« zurufen konnten. »Guten Morgen, König Klaus!« »Guten Morgen, Fräulein Mitimiti!« Und das war sehr nett und zeigte, daß sie beide das Herz auf dem rechten Fleck hatten und sich nichts übel nahmen. Einen Nasenstüber zur rechten Zeit soll kein Mensch übel nehmen. Mit denen zur unrechten Zeit kann es jeder halten, wie er will. Jedes Jahr aber, wenn sich der Nasenstüber jährte, warf der König ein paar Rosen über die Mauer und rief: »Danke schön, Fräulein Mitimiti!« Und Mitimiti rief: »Bitte sehr, gern geschehen!« Der König aber und die Königin lebten noch lange und glücklich zusammen. Der Storch kam noch achtmal und brachte abwechselnd ein Mädchen und ein Knäbchen. Jedes bekam sofort ein Hemd an, und der König gab jedem bei der Ankunft einen Nasenstüber. »Auf daß ihr später keinen bekommt,« sagte er. Alle aber hatten sie von diesem Nasenstüber Stubbsnasen, und das sah sehr drollig aus.« »Verworrene Wege, wo lief es hinaus? Du lächelst und hast mich wieder zu Haus.« Und es war ein Haus, in dem sich auch ein unruhiges Dichtergemüt wohl geborgen fühlen konnte. Die Kinder wuchsen gar hold heran, und ein drittes gesellte sich dazu; diesmal war's ein Junge, zur großen Freude der Eltern. So verging Jahr um Jahr, und der Kranz meines bescheidenen Glückes vergrößerte, sich und seine Farben wurden tiefer und satter. Um was hätte ich noch bitten sollen, als einzig um Bestand eines so freundlichen Loses. Wer, auch der Glücklichste und Reichste, ist des Tages, der Stunde sicher? Bei mir aber stand doch alles allein auf meinen zwei Augen. Was der Tag geerntet, verschlang der Tag, und das einzige Kapital, womit ich rechnen konnte, war meine Gesundheit. Daß die mir immer treu blieb, hatte ich als schönstes Geschenk des Himmels dankbar anzuerkennen, aber trotzdem es mir immer vergönnt war, nach Kräften das Meine zu tun, war ich doch oft genug genötigt, Schulden zu machen und den Kredit guter Freunde in Anspruch zu nehmen, die gefunden zu haben ich als ein weiteres großes Himmelsgeschenk anzusehen hatte. Freunde in der Not Gehen zehn auf ein Lot. Die Wahrheit dieses Sprichwortes zu erproben, war mir immer erspart geblieben. Und als nun mein fünfzigstes Lebensjahr zu Ende ging, hatte ich abermals Gelegenheit, mich als einen Auserwählten und Begünstigten des Schicksals mit ebensoviel Staunen als Beschämung zu erkennen. Eine ungeahnte Geburtstagsgabe überraschte mich: Hamburgs Senat und Bürgerschaft zeichneten mich durch einen lebenslänglichen Ehrensold »wegen meiner Verdienste um die deutsche Literatur« aus. Ich, der scheuste Vogel, saß nun mit goldener Kette am Fuß auf offenem Markte und sollte singen. Die Nachtigall will ihr heimlich Dunkel. Sie flieht die lauten Straßen. Tausendfach verletzten mich der freche Tag, die neugierigen Augen, die taktlosen Lober. Ich sah, daß mir jede Anlage, stolz zu sein, mich zu fühlen, mich wichtig zu nehmen fehlte. Der Kranz, der über Nacht auf meinen Scheitel gefallen war, genierte mich, eine peinliche Kopfbedeckung. Und ich mußte sie gar so öffentlich und weithin sichtbar tragen. Und ich gedachte der Würdigeren, gedachte vor allem Liliencrons. Und es kamen Stunden, wo ich nicht glücklich war, und wo ich bange war. Ich hatte meine Unbefangenheit verloren. Ich sah bei jedem Vers tausend Augen auf mich gerichtet. Und der Singvogel flog in sein dichtestes Buschwerk zurück, und die Leute standen davor und fragten: Wo blieb er? Warum singt er nicht? Er soll doch singen! Er bekommt doch dafür bezahlt! * Eines Tages kam eine anonyme Postkarte ins Haus: »Sie nähren sich von dem Schweiß der Steuerzahler!« Und sie blieb nicht die einzige. Die niedrigste Gemeinheit kroch aus ihrer Höhle und beschleimte meinen Weg. Neid, Mißgunst, Klatschsucht richteten ihre grünen Augen auf mich und erhoben ihre widerlichen Stimmen. Ich lernte verachten. Und ich lernte stolz sein. * Doch den Stunden des Stolzes folgten Stunden des Zweifelns. Ich schlug nach meinem Kranz und fragte mich: ›Wer bist du, daß man dich krönt? Auf welchem Hügelchen stehst du, und oben fliegen mit stürmischem Rauschen die wahren königlichen Vögel hoch über deinem Haupte?‹ Und ich sah um mich, und ich sah tausend ruhmhungrig gereckte Hälse, und ich hörte ein Lärmen und Lobposaunen, und es mußte die Welt voller großer Talente und Genies sein. Der »Berühmte«, der »Geistvolle«, der »Originelle«, der »Bahnbrecher«, der »Ganzgroße«! So schwirrte es durcheinander. Und wenn ich selbst diese Ganzgroßen an den wahrhaft Großen maß, an einem Goethe, Shakespeare, ja an Geistern wie Hebbel und Keller, wie klein erschienen sie mir. Und war ich mehr als sie? Es gibt keine größere Qual als diese, wenn du gedemütigt im Staube liegst und dein Leben wie eine taube Nuß in den Händen hältst. Wenn deine Nächte schlaflos sind und du dich wundringst um das Rätsel deines kleinen persönlichen Daseins und des Lebens überhaupt. Der Schritt der Stunde, wenn du schlaflos liegst, Und die Gedanken sich wie Schwalben jagen, Wenn sehnend du bis an die Sterne fliegst Und leer zurückkehrst, flügellahm, zerschlagen. Der Schritt der Stunde, wenn du schlaflos liegst, Und aus dem Dunkel starren stumme Klagen, Daß du dich schluchzend in die Kissen schmiegst Und weißt nicht ein und aus. Schon wird es tagen, Das Leben jauchzt auf tausend hellen Geigen, Du aber hörst nur durch den muntern Reigen, Nachzitternd, dumpf, wohin du fliehen magst, Den Schritt der Stunde, da du schlaflos lagst Und rangst und fühltest in fruchtlosem Klopfen An Gottes Pforten deine Kraft vertropfen. * Manchmal kam ein Brief, von irgendwo her, von unbekannter Hand: »Schenken Sie uns wieder ein paar Verse, die wir als Schatz im tiefsten Herzen hüten und, wenn wir allein sind, ganz leise vor uns hinsprechen – wie ein Gebet. Das sind Ihre Verse für mich und das sind sie auch für viele, viele andere.« Nur ein mitfühlendes Herz finden, nur einen Tropfen himmlischen Öles spenden, irgendeiner fernen, fremden, leidenden Seele – wer kann das von sich sagen? Ist es so wenig? Ist es umsonst gelebt? Bist du auch kein stolzer Baumeister deiner Kunst und führst den Tempel höher, an dem die Genien deines Volkes bauen, ein farbiges Fenster lieferst du doch zum Bau, durch das die Welt sich schön und lieblich ausnimmt. Und manchmal dachte ich: »Wie, wenn du damals hättest studieren dürfen? Wie anders wäre es dir geworden! Wieviel Jahre hast du nun verloren, so dumpf in dumpfen Niederungen dahinlebend. Und bist nun aufgewacht, hast Flügel über Nacht bekommen – – und sitzt auf dem Stock und an der Kette.‹ Mein Weib und all mein holder Kreis, Mein Kind und all mein lachend Glück. Ich rühre an die Saite leis, Wie hell klingt es zurück. Nur manchmal, wenn von ferne ich Die großen Ströme rauschen höre. Wenn sich der vollen Lebenschöre Ein Ton in meine Stille schlich, Schrei laut ich auf und hebe Klag': Mehr Licht, mehr Licht, nur einen Tag! Und blutend leg' ich, abgewandt, Mein Herz in eure Liebeshand, Bis es von aller Angst entbunden Und wieder seinen Takt gefunden, Den Gleichtakt zwischen Wunsch und Pflicht. Herddämmerglück, Herddämmerlicht. * Von Lübeck war eine Einladung gekommen, ich solle mich meinen alten Landsleuten zeigen und ihnen aus meinen Dichtungen vorlesen. Da saßen sie und klatschten Beifall. Geibels Schwiegersohn und sein Enkel waren unter ihnen, und ich gedachte der zaghaften Mutter, die sich nicht getraut hatte, die Türklinke des berühmten Mannes zu berühren. Und es waren von meinen ehemaligen Freunden unter ihnen, und sie erinnerten sich meiner und erwiesen mir Liebes. Fritz aber war nicht mehr in unserer Vaterstadt, und meine Vaterstadt war nicht mehr die Alte. Auch mein Vaterhaus fand ich nicht mehr; statt seiner sah mich ein modernes Geschäftshaus kalt und fremd an. Und in einen der Türme von St. Jakobi, zu deren Füßen sie Geibel ein Denkmal gesetzt hatten, fuhr an diesem Tage der Blitz, doch fraß er nur die Spitze des Turmes. Und keiner der schlanken Türme der Vaterstadt flammte an diesem Tage in goldenem Feuer. Ernst und strenge wiesen sie in einen grauen Himmel. Nur einen Augenblick, als ich sinnend zu ihnen hinaufschaute, war ein wunderliches Flimmern um die königlichen Türme von St. Marien, als wäre die Luft bewegt von unhörbaren Glocken. Und manchmal, wenn ich an dich zurückdenke, alte liebe Stadt an der Trave, wenn ich nur deinen Namen höre, ist es mir, als sei ein solches wunderliches Flimmern um alle deine alten Häuser und Kirchen. Ach, vierzig verflossene Jahre dämpfen Licht und Schein. Wie hinter einem Schleier sehe ich dich, aber mein Herz wird unruhig und traurig vor diesem Schleier, und Heimweh befällt mich nach der Stadt meiner Kindheit. * In Groß-Borstel, auf hamburgischem Landgebiet, baute ich mir ein Haus. Ein schmaler Streifen Wiesenland war urbar zu machen; nur ein alter Weißdorn stand darauf, der aus vielfachen Wurzeln drei phantastisch gewundene Stämme nach verschiedenen Seiten ausstreckte und so ein breites, in der Blütezeit von Bienen durchsummtes Dach herstellte. Sonst mußte jedes Sträuchlein gepflanzt werden, sollte sich die grüne Wiesenwildnis in einen Garten verwandeln. Wege wurden gezogen, Beete angelegt, ein Teich ausgehoben, und es entstand ein freundliches Besitztum, das die darauf verwendete Mühe vielfältig lohnte. Wie lieblich ist es, eine eigene Schöpfung so nach und nach werden, das Gewordene sich ausbreiten und sich mit jedem Jahr treulich erneuern zu sehen. Ich genoß eine bisher noch nicht gekannte reine Freude; die Natur, der ich bisher nur als ein Liebhaber gegenüber gestanden, machte mich zu ihrem Vertrauten und verlor dabei nichts von ihren Reizen, wie es sonst wohl bei Annäherung an einen geliebten Gegenstand zu sein pflegt. Ich verlor mich so ganz an sie, daß für die ersten langen Wochen alles andere hinter meiner neuen Liebe zurücktrat. Meine Musikschüler hatte ich nach und nach entlassen, bis auf die Kinder von Otto Ernst, mit dem ich immerfort in herzlicher Freundschaft verkehrte. Doch erwies sich bald die Fortsetzung des Unterrichts von meinem neuen Wohnsitz aus als zu zeitraubend, und ich löste auch dieses letzte Band, was mich noch mit meinem Musikerberuf verknüpfte, der mir über zwanzig Jahre lang mein Brot gegeben hatte. Viele Freude, sehr viel Leid. Froh war ich, jetzt ein freier Mann zu sein und mit dem schweren Beruf auch der Enge der Stadt entsagt zu haben. Wie hatte ich es nur solange in der Stadt aushalten können? Wo der Blick immer gegen Mauern prallt, und wo das vielfache Getöse des Tages, zu einem wirren, kaum mehr beachteten Lärm verschlungen, sich bis in die Nacht fortsetzt und uns wahnsinnig machen würde, wenn wir nicht dagegen abstumpften. Hier draußen war Friede und Stille, ein weiter Himmel, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, alle Jahreszeiten im sanften Wandel, hier war helles Grün des Sommers und leuchtender Schnee des Winters, war der violette Hauch des erwachenden Frühlings und waren die tausend Farben des noch einmal beim lauschenden Abschiedsfest aufjubelnden Herbstes; hier war der ganze Kreis des holden Lebens geschlossen, und der Mensch, teilnehmend, leidend und wirkend, mitten darin. – – Ich liege im Gras in meinem Garten und lasse den Wind über mich hinstreichen. Um mich ist ein Summen von vielen Insekten, an den Blumen, den honigreichen, hängen Bienen und Hummeln; ich kann sie nicht sehen, denn meine Augen blinzeln nach oben, wo weiße Schäfchen auf der blauen Himmelswiese gehen. Ach, so zu liegen und so zu träumen, nur zu sein! Nur den Atem heben und wieder senken: nichts als das. Wie die Blumen leben! Sich leise mit den Wurzeln in die Erde tasten und saugen; ein angewurzelt Menschenreis! So still und demütig, von der heiligen Kraft der Erde einschlürfen, Zweig für Zweig in das Licht hinaustreiben, und dann blühen dürfen, blühen! All den überquellenden Drang in einem Blütenfeuer befreien, einen ganzen langen flammenden Frühling hindurch! – Junges Bäumchen, das ich selbst gepflanzt, Sag, wann schenkst du mir die ersten Früchte? Edel bist du. Deine Art will Zeit. Langsam reifst du, und ich muß wohl warten. Warten! Jugend ist dem Wort nicht hold, Jugend pflückt gern Früchte aus dem Blauen, Aus dem Leeren. Aber mählich dann Lernt sie sich gedulden, sich bescheiden. Doch das Alter, mannigfach geprüft, Oft enttäuscht und nicht mehr reich an Hoffnung. Schätzt nur noch den Apfel in der Hand, Denkt des Guten, das er schon genossen. Manche Ernte hab' ich eingeheimst. Manche Ernte mag mir noch gedeihen. Doch ich wart' und laß den Sommer brauen. Weiß, der Segen läßt sich nicht erzwingen. Du nur, Bäumchen, das ich selbst gepflanzt, Edelbäumchen, Schoßkind meiner Sorge, Bringst des Alters Gleichmut in Gefahr, Und ich frag', wie lange soll ich warten? Wär's auch nur, daß ich aus deinem Saft Eines Apfels süßen Schaum genösse, Wär's auch nur, daß man den ersten mir Rötlich schimmernd in den Sarg mitgäbe. Lieg ich dann auf meinem stillen Bett, Sacht zerfallend mit der Frucht, der mürben, Labst du meine Kinder, die mit Lust Schmausen und den toten Gärtner segnen. – Am Bach, der hinter meinem Garten fließt, sitze ich gern in aller Frühe im strohgedeckten Tempelchen auf der Bank. Das Wässerlein hat es immer eilig, als könnte es die Zeit nicht erwarten, wo es in den Mühlenteich fließt und von da in die Alster; immer tut es, als müsse es noch heute nach Hamburg, in die Stadt. Lauf zu und grüß'! Sag', ich säße gern hier und käme so bald nicht. Drüben die stille Wiese, noch naß vom Morgentau, ist meine Augenweide. Von hohen Bäumen umrahmt liegt sie wie ein funkelnder Edelstein da. Je nach Jahreszeit und Tag und Stunde leuchtet sie in allen Farben. Am schönsten ist sie, wenn der Frühling seine goldenen Butterblumen und den gelben Hahnenfuß darüber streut, und das feine Birkenbäumchen hinten am Saum in seinem weißen Kleid märchenhaft dasteht; seine zarten Zweige schwanken leicht im Winde und leuchten im ersten hellen Grün, wie das Blondhaar eines Backfischchens. Aber auch das dunkle Sommerlaub ist schön; und die Wiese bekommt dann so etwas Ernstes, Feierliches, wenn die hohen Bäume schweigend dastehen und ein dichtes Gewölk dahinter aufsteigt. Und im Herbst und im Winter, wenn noch kein Schnee fiel und der graue Himmel durch die kahlen Bäume hindurchschaut und die Krähen in den leeren Kronen hausen, ganze Krähenschwärme, die sich hier mit Geschrei versammeln – immer sitze ich gern auf meiner Bank und sehe das Bächlein nach Hamburg laufen. – Aber in das sonnige Idyll genügsamen Landlebens sollten gar bald tiefe Schatten fallen. Die Mutter, nach der Geburt unseres dritten Kindes zum zweitenmal dem Kinderlärm weichend, hatte in einem in christlichem Geiste gelenkten Stift eine bescheidene, aber freundliche Pension gefunden. Hier aber fing sie bald an zu kränkeln, eine Reihe von Schlaganfällen machten sie nach und nach hilflos, und eines Tages entschlief sie nach mancherlei Leiden, und ich konnte, an ihr Sterbelager gerufen, nur noch einen Kuß auf die eben geschlossenen Augen drücken. Ich streichelte die kalten Hände und den weißen spärlichen Scheitel und betrachtete mit Wehmut die Züge des lieben Gesichtes, in dem die guten Augen, in den letzten Jahren fast von Blindheit geschlagen, nun erloschen waren. Sie hatte an dem letzten Umschwung meines Lebens liebevollen Anteil genommen und war untröstlich gewesen, daß sie meinen fünfzigsten Geburtstag nur von ferne mit segnendem Gedenken begleiten konnte. An meinem literarischen Erfolge hatte sie die größte Freude. Doch ließ sie andere kaum merken, daß sie auch stolz darauf war. Auch mich selbst glaubte sie vor Überhebung bewahren zu müssen und hatte schon viel gesagt, wenn sie einmal äußerte: »Wie schön, daß du das alles so kannst, und daß die Leute es so anerkennen. Da können wir doch nicht dankbar genug sein.« Die Frömmigkeit ihres Wesens, die sich abhängig und verpflichtet fühlte, tritt auch in dieser Äußerung zutage. Und diese stille und gute und fromme Frau, als sie nun in der Kirche der Anstalt aufgebahrt war, und ihr weißes Gesicht, von dem flackernden Licht zweier Kerzen wunderlich belebt, einen tiefen Frieden atmete, sie mußte es über sich ergehen lassen, daß ein eifernder Mund über sie Worte von Hölle und Gericht sprach und nicht ein Wort des Trostes für die Hinterbliebenen fand, als das kalte seines eingelernten Bibeltextes. Die Tote lag freilich still da und protestierte nur durch den seligen Frieden ihres schlafenden Antlitzes gegen so törichte Menschenrede. Dann trugen wir sie hinaus, einen letzten weiten Weg nach dem winterlichen Gottesacker, und die harte Erde schloß sich über sie. Ein letzter Wunsch war ihr nicht erfüllt worden: meinen Bruder noch einmal zu sehen; als er mit Weib und Kind herübereilte, kam er zu spät und konnte nur noch einen Kranz auf ihren frischen Hügel legen. * Meine Mutter hatte mit ihren siebenundsiebzig Jahren das Alter erreicht, wo man gerüstet sein muß, der Natur ihren Tribut zu zahlen. Aber nun begann ein Sterben von jüngeren oder gleichaltrigen Genossen und Freunden um mich herum, das wohl geeignet war, mich zu mahnen, daß auch ich den absteigenden Weg bereits betreten hatte. Prinz Emil zu Schönaich-Carolath, der edle, liebenswürdige und liebenswerte Schloßherr von Haseldorf, den ich als Dichter hochschätzte, war mir seit ein paar Jahren auch persönlich näher getreten. Ich war wiederholt sein Gast und durfte einmal sogar mit Frau und Kind drei herrliche Tage auf seinem schönen, stillen Marschensitz verleben. Da war es mir denn eine Freude und ein Gewinn, diesen Aristokraten von feinster und echtester Herzensvornehmheit in näherem Verkehr beobachten zu können und auch als Mensch immer mehr verehren zu lernen. Seit langem leidend, wußte er doch mit größter Selbstbeherrschung seinen vielen Gästen der immer liebenswürdige, selbstlose Wirt zu sein. Nur seine Augen, die oft verloren wie in eine andere, ferne Welt zu sehen schienen, verrieten von einem abgewandten und oft leidvollen Innenleben. In jenen Tagen ereignete sich dort das Zusammentreffen zweier grundverschiedener Naturen, die nach kurzem Versuch, sich zu verständigen, schnell davon abließen. Schon bei unserer Ankunft hieß es, es würde noch ein Herr aus Norden erscheinen. Doch ließ der Herr auf sich warten. Er kam erst am Nachmittag bei strömendem Regen auf den Hof gefahren und entschuldigte sich, er wäre in Gedanken über die nächste Bahnstation hinausgefahren. Es war Gustav Frenssen, den sein junger Ruhm als Verfasser des Jörn Uhl auch persönlich aus seinem stillen Wohnsitz heraus unter die Leute brachte. Ich war ebenso überrascht als erfreut, ihn zu sehen. Wir kannten uns schon. Er hatte mich bei Gelegenheit eines Vortrages, den er in Hamburg hielt, zu sich eingeladen, und ich war dann acht Tage in seinem Pastorat zu Hemme sein Gast gewesen. Er arbeitete damals an den letzten Kapiteln seines großen Bauernromans Jörn Uhl und teilte seine Zeit zwischen seinem Stehpult und mir. Draußen, auf unsern längeren Spaziergängen, war er oft von einem jungshaftem Übermut; am liebsten wäre er noch mit dem Springstock über die breiten Marschgruben gesprungen. Die gährende Fülle, aus der heraus er seinen Jörn Uhl geschrieben, schäumte noch in ihm über. Hier, im Prinzenhause, fühlt er sich nicht wohl. Es schien ihm an Raum zu fehlen, freiweg springen zu können. Kurz, es bewegten sich zwei fremde Welten nebeneinander. Es war Frenssens erster und letzter Besuch in Haseldorf. Leider sollte es auch mein letzter gewesen sein, trotz wiederholter Einladungen, die fast immer in Begleitung einer Jagdbeute – ein paar Hühner, Enten oder Hasen – eintrafen. Die Leiden, die zuletzt unsäglich gewesen sein müssen, rieben die zarte Konstitution des tapferen Dulders auf, und ein edler Dichter und wahrhaft vornehmer Mensch ging in jenes unbekannte Land hinüber, das eine echte, tiefe Religiösität ihm immer hatte verheißungsvoll erscheinen lassen. Einem ähnlichen Schicksal, wenn auch nicht auf des Lebens Höhen, sondern auf dem engen, mühsamen, sandigen Talweg eines ärmlichen Daseins, erlag bald darauf ein anderer Dichtergenosse. Schon oft war mir auf meinen Spaziergängen in Groß-Borstel ein mittelgroßer Mann aufgefallen, der halb den Eindruck eines Schulmeisters, halb den eines katholischen Priesters machte; was um so drolliger wirkte, als er meist einen Kinderwagen vor sich herschob. Das große, etwas leidende Gesicht wandte sich mir jedesmal zu und sah mich durch blanke Brillengläser forschend an. Es war Fritz Stavenhagen, der sein Töchterchen spazieren fuhr, und der, wie ich bald erfuhr, nicht weit von mir ein grünumranktes Häuschen bewohnte. Wir lernten uns dann kennen, und zwar machte er mir den ersten Besuch. Er war seit kurzem am Schillertheater in Altona Dramaturg geworden und hatte den Ehrgeiz, diese Volksbühne zu heben und zu veredeln. Ich hatte ein Märchenstück geschrieben, »Putzi«, das im herzoglichen Hoftheater in Meiningen in der Weihnachtszeit aufgeführt worden war, wie es hieß, auf allerhöchsten Wunsch. Den Hamburger Bühnen hatte ich es ohne Erfolg angeboten, selbst die Meininger Aufführung war keine genügende Fürsprache gewesen. Da erbat Stavenhagen sich das Stück; es sei so voller Poesie, daß es ihn zu einem Versuch reize. So kamen wir zusammen, und ich freute mich der gemeinsamen Arbeit. Als ich dann zu ihm ging, fand ich ihn sehr elend. Er klagte, er litte an einem hartnäckigen Magenübel; eben gerade hätte er einen heftigen Anfall überstanden und sich in Krämpfen auf dem Boden gewunden. Der Schweiß perlte ihm noch auf der blassen Stirn. »Morgen gehe ich ins Krankenhaus zur Operation«, sagte er. »So oder so, ich halte es nicht länger aus.« Doppelt rührend war mir in diesem Augenblick die Ärmlichkeit seiner Umgebung. Er führte mich mit Stolz an seinen selbstgezimmerten Schreibtisch, der roh aus ein paar Kisten aufgebaut war. Er sollte nicht wieder an ihm arbeiten, und mein Stück, dem er so viele Liebe entgegengebracht, wurde erst ein Jahr nach seinem Tode aufgeführt. Der von vielen Entbehrungen geschwächte Körper Stavenhagens hatte zwar die Operation überstanden, hatte aber dann nicht mehr die Kraft gehabt, den Weg bis zur Genesung zurückzulegen. Mit ihm starb eine große Hoffnung. Es fiel gerade etwas Sonne auf seinen Weg, die Bühnen begannen sich seiner Stücke anzunehmen, da riß der Tod ihn weg. Noch nie sah ich ein so vom Tode veredeltes, geadeltes Gesicht. An seinem Grabe standen nur wenig Leidtragende. Ein paar Freunde. Ein paar Journalisten. Vom Theater war niemand erschienen. Siegfried Heckscher hatte in der Friedhofskapelle nach der Rede des Geistlichen noch ein paar warme, überquellende Worte gesprochen. Erschüttert kehrte ich mit ihm heim, tiefbewegt von dem tragischem Geschick des unglücklichen jungen Dichters, des Shakespeares des plattdeutschen Theaters, wie ihn überschäumende Begeisterung genannt hatte. Es sprach die Not: Ich quäle dich. Es sprach der Mut: Ich stähle dich. Es sprach der Sieg: Ruhm winkt und Licht Es sprach der Tod: Ich will es nicht. O Tod, das hast du schlecht gemacht, So schöne Kraft für nichts geacht, Viel Kräuter stehen hundertweis, Was rauftest du dies Edelreis? Spricht der Tod: Fühl' nicht wie ihr, bin hart und schneid' All' Kraut und Gras ohn' Lust, ohn' Leid, Und schon' auch nicht der Blumen. Hüt' Dein Röslein du, so lang' es blüht. Auch Wilhelm Holzamer, der junge hessische Dichter, dem ich in herzlicher Freundschaft verbunden war, wurde mir bald darauf durch den Tod genommen. Er hatte sich an mir herangebildet und hatte mir sein erstes Versbuch in Dankbarkeit gewidmet. Auch ihm schien nach mancherlei Leiden einer zerstörten Ehe seit kurzem die Sonne eines neuen Glückes und eines endlichen wohlverdienten Erfolges, als ein heimtückisches Halsleiden ihn in das Dunkel stieß, vor dem ihm vorahnend manchmal gebangt hatte. »Ich bin ein Wanderer« hatte er einst gesungen. »So muß ich wandern – tiefe Schluchten hin, – Und schreit mein Herz auch auf in müder Nacht, Am Morgen muß ich ziellos weiterziehn. Und ruht mein Haupt auf weichem Moose aus, Und träumt mein Herz von einem tiefen Glück, Zu stetem Frieden baut ich mir kein Haus. Und steckt ihr Rosen mir auf meinen Hut, Und kränzt der Lorbeer selbst mein armes Haupt – Ich stehe frierend bei der lichten Glut. Ich bin ein Wandrer. – Und es ist kein Ort, Wo mir ein häuslich-liebes Heim beschert – – Ich habe nach den Sternen einst begehrt, Nun treibt's mich ruhlos zu den Sternen fort. Er war ein Mensch, der schwer am Leben trug, der jedes Unrecht, das er andern getan, zehnmal stärker empfand, als das ihm geschehene. Oft war ich das Gefäß, in das er seine bitteren, selbstquälerischen Klagen ausströmte, öfter noch wandte er sich an meine Frau, die ihm Verständnis entgegenbrachte, und deren Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit ihm wohlzutun schien. * Gewiß hatte ich die Mutter mit aller Innigkeit und Zärtlichkeit des Sohnes geliebt und durfte gewiß sein, daß sie sich darüber nicht im Zweifel befand, dennoch wollte mir scheinen, als ob ich manches an ihr versäumt hätte, manches zärtliche Wort, das sich schon auf die Zunge gedrängt hatte, manche kindliche Liebkosung aus falscher Scham unterdrückt hätte, denn immer war es mir von Kindheit an schwer geworden, meinen Gefühlen freien und unbefangenen Ausdruck zu verleihen, und ich hatte manche schmerzliche Stunde dadurch und manchen Nachteil. Diese Schwäche, die aber wieder mit meinem Besten innig verwurzelt war, sollte auch ein anderes Band, was mich mit einem lieben Menschen verknüpfte, wenn auch nicht innerlich, so doch äußerlich durch die Verhältnisse begünstigt, lockern, bis endlich der Tod es ganz löste. Liliencron hatte inzwischen auch geheiratet und sich in Alt-Rahlstedt niedergelassen. Die räumlich weite Trennung, die wachsenden Ansprüche der Familien, ließen uns so oft nicht mehr zusammenkommen. Auch er hatte inzwischen an seinem sechzigsten Geburtstag reiche Ehren eingeheimst; eine immer wachsende Schar von Verehrern, Anhängern, Freunden und Bekannten umlagerte ihn, und ich sah ihn sich mit Leuten duzen und brüderlich tun, von denen verdrängt zu werden mir wehetun mußte. Nun war es nicht das »Du«; auf das hatten wir uns von Anfang zu verzichten das Versprechen gegeben. »Ich merke, daß ich eine starke innerliche Keuschheit besitze,« schrieb er mir damals, »nicht natürlich die Gouvernantenkeuschheit, na, das wissen Sie ja, aber die seelische. Bei jedem Verlassen des ›Sie‹ hört jede Keuschheit auf. Das ›Du‹ ist stets der Anfang der Brutalität.« Aber es war das Gefühl, daß ich äußerlich immer mehr und mehr zu einem Draußenstehenden wurde. Da hätte es mich gewiß nur ein Wort gekostet, aber dazu war ich zu stolz; er sollte und mußte auch ohne das wissen, daß ich ihm nicht verloren gehen konnte. Fuhr ich doch auch fort, mich öffentlich und bei jeder sich bietenden Gelegenheit laut und freudig zu ihm, als meinen Lehrer, Förderer und Freund zu bekennen. Dennoch mußte ich nachher erfahren, daß er sich beklagt hatte, ich wäre »kühl« geworden. Er hatte mir einst die Hände geküßt, mich seinen Herzens-Falke genannt und geschrieben: »Sie wissen gar nicht, wie ich Sie liebe.« Womit hatte ich es ihm vergolten? Nur mit einem Herzen voll treuster Anhänglichkeit, wie er es treuer nirgend hätte finden können, und doch konnte er sich im Recht glauben, wenn er mich jetzt »kühl« nannte. Es war die wortkarge Scheu meines Empfindens, die mir hier den tiefsten und wehesten Stoß gab. Alle lauten Worte und Gebärden waren mir peinlich. Ich erinnere mich jener Anekdote von Mörike, der dem schwärmenden Geibel antwortete: »Das nennt man bei uns Schäfle«. So sprach auch ich lieber von Schäflen als von himmlischen Wolkenschauspielen. Ich habe in meinem Zimmer ein Pastell hängen, ein einsamer Knickweg im Schnee, von dem Hamburger Friedrich Schaper gemalt. Kaum ein Tag vergeht, wo ich nicht einen Blick auf das Bild werfe, und oft stehe ich davor und sehe es mit Augen der Liebe an, weil es meinem Empfinden so viel sagt, mag es anderen vielleicht auch stumm sein. Dieses Bild lobte ich einst einem anderen trefflichen Künstler mit den Worten: »Nett, nicht wahr?« Der aber fuhr heftig herum und rief ganz empört: »Nett? Nett? Das ist ein Kunstwerk!« Ach, ein herzliches Wort der Liebe noch! Zu spät! Ich stand an Liliencrons Totenbett und sah sein stilles schönes Gesicht vor mir in den Kissen, und es war mir, als müßten sich die gütigen blauen Augen noch einmal aufschlagen und mich vorwurfsvoll anschauen. Rote Rosen leuchteten auf seinem Bett; zu ihnen legte ich mein ehrfürchtiges und liebendes Schweigen. * Jahre sind seitdem vergangen, und ich begann unterdessen auf diesen Blättern die schlichte und doch wunderliche Geschichte meines Lebens zu erzählen. Ich kramte viel in alten Papieren. Die Briefe des toten Freundes führten mich in die vergangenen Tage zurück. Da war ein Brief: »Heute kam ich zu ganzen Bergen von Ihren alten Briefen aus den neunziger Jahren. Was waren das doch damals für frische Zeiten. Wir sahen uns wöchentlich und, wie ich aus den Briefen ersehe, hatte der Tag tausend ›literarische Ereignisse‹. Da finde ich denn auch eine ganze Menge Namen, an die kein Mensch heute mehr denkt. Ja an deren Persönlichkeiten ich mich nicht mal erinnern kann. Sie transit gloria mundi .« Frische Zeiten! Und dann? »Wo Engel sich die kühlen Hände reichen,« glaubte der Freund auch mich stehen. Vielleicht konnte es nicht anders sein. Vielleicht war es die Zeit, als er mich »kühl« wähnte, wo ich dem Strom entstieg, in dem ich zu lange gebadet, auf dessen Grund ich zu tief hinabgetaucht war. Und der Strom, gewohnt, ihn so lange in seinen Armen zu halten, grollte dem Entwichenen, und übersah, daß jener am Ufer stand, ihm zugewandt, und die herrliche, erquickende, kräftigende Flut in überfließendem Dankgefühl segnete. Und in Briefe der Lebenden versenkte ich mich und ließ mich zurücktragen zu jenen Anfängen, über denen das ganze Glück des Frühlingshimmels war. »Ach, lieber Falke: – schrieb mir Dehmel – meinen Sie denn, mir sei es nicht ›schmerzlich‹ gewesen, meine alten Briefe an Sie zu lesen? Vielleicht noch schmerzlicher als Ihnen! Sie waren schon damals im Begriff, sich das vielbespöttelte Schneckenhaus anzulegen, in das wir uns schließlich doch alle vor der Welt verkriechen müssen; ich kroch noch mit vollkommen nackter Haut in dem Weinberg des Herrn herum, und wie fühlbar ist sie mir seitdem geschunden worden! Man hat dann schließlich keine Zeit mehr für Hautbalgereien, sonst wird man mit dem Hausbau nie fertig. Aber ein Trost ist doch bei all dieser Schinderei: sie treibt uns nur scheinbar in uns selbst zurück: eben das Schneckenhaus, das wir uns bauen, wird ja einst der schönste Unterschlupf für die Armen, die nicht bauen können.« * Es ist heute der 1. März des Jahres 1912, einem kurzen, strengen Winter sind frühzeitig milde Tage gefolgt. Sommerwarm liegt die Sonne auf den werdenden Beeten und den braunen Büschen. An den Stachelbeersträuchern kommen die ersten kleinen grünen Spitzen keck hervor, Schneeglöckchen entfalten zaghaft ihre weißen Röckchen, wie junge Mädchen in Pfingstkleidern; nur mutig, es wird euch nicht frieren, heute nicht. Aus dem Nachbargarten leuchtet ein blankes Gelb herüber, eine winzige Krokusfamilie im Feststaat. Sonst ist alles noch kahl und winterlich. Doch nein, siehe da, erste Kätzchen an den Weiden und dort hinten am Teich, lang und schlank, wie goldene Fäden, Erlenkätzchen. Ja, nun ist der Frühling nicht weit. In all dem Buschwerk rumort es schon und in den schlanken Birken und in den Eichen und Ahornbäumen und in der jungen Rotbuche auf dem Rasenfleck; man müßte es hören können, hätte man nur feinere Ohren. Wie ich euch liebe! Von klein auf wuchst ihr mir ans Herz. O, die Freude des Gärtners an seinem jungen Bäumchen! Ich war als Gärtner ihm bestellt Und zog es auf, so Jahr für Jahr, Und war kein Bäumchen auf der Welt, Das so ein liebes Bäumchen war. Und hatten andere Freude dran, War meine Freude größer noch, Und kam einmal ein Nörgler an. Ich lächelte – und liebt es doch. Und jetzt, da es in Blüte prangt. So zart und weiß und wunderfein, Erschrickt mein Herz und zagt und bangt: Das Bäumchen, Narr, ist ja nicht dein. Die Früchte, die sich leise jetzt Aus diesen Blüten ringen los, O Gott, ein Fremder kommt zuletzt Und schüttelt sie sich in den Schoß. Doch das war ein junges Menschenbäumchen. Ihr aber blüht mir, und eure Früchte lohnen meine Liebe Jahr um Jahr. Wie lange noch? Zu beiden Seiten, in den Nachbargärten, ging vor kurzem der Tod und bettete hier ein junges Leben unter dem Weihnachtsbaum zur frühen Ruhe und nahm dort einem Mann aus der Mittaghöhe des Lebens die Gartenschere aus der fleißigen Hand. Die Bäumchen, die dieser beschnitt, schwellen in Saft und wollen grünen, und auf den Steigen, wo die jungen müden Füße schwankten, liegt die volle Sonne und küßt auf den schwarzen Rabatten die ersten Veilchen wach. Auf der Abendseite des Lebens stehend, sehe ich über alle Gärten hinweg in die verschleierte Ferne, und sehe am violetten Saum der Welt zwei dunkle Flügel schweben. * Und nun, kleine bescheidene Feder, die sich nie groß gedünkt, die aber immer in Liebe und Zärtlichkeit und Dank getaucht war, schreibe du jetzt die letzten Seiten dieses wunderlichen und bunten Buches. Nicht den Toten soll unser letztes Wort gelten, sondern den Lebenden. Dir, liebes Weib, die ich dich meine »Tempelhüterin« genannt habe. Das hab' ich dir zu danken, Daß du die grünen Ranken Des Glücks zu einem stillen Zelt mir biegst, Davor du ohne Klagen Getreu an allen Tagen Als meines Friedens wache Hüterin liegst. Du hörst die leisen Klänge, Die heimlichen Gesänge, Und horchst mit einem halben Ohr hinein, Und durch des Vorhangs Falten, Den deine Hände halten, Dringt nicht des Tages frecher Lärm und Schein. So läßt du mich gewähren, Und weißt den Gott zu ehren, Der herrisch dich von meiner Seite scheucht, Und träumst von Ruhmessternen, Und siehst in goldne Fernen Mit einem stillen, seligen Geleucht. Und euch, ihr beiden Mädchen, deren Wege schwer sein werden, denn Ihr habt von dem Träumerblut Eures Vaters in den Adern. Ihr seht goldene Füße tanzen, wie er, und hört gleich ihm das Klingen silberner Harfen. Sei es in Freude, sei es in Leid, mögen immer Eure Tage im Rhythmus eines höheren Lebens kreisen über allem Gemeinen und Niederen. Und du, mein Junge, in dem noch die Böcklein einer spielerischen Jugend gar närrische Sprünge machen, gib mir deine kleine Hand. Bist du auch der Unverständigste, so will ich dir doch das Beste und Ernsteste, was ich noch zu sagen habe, ans Herz legen. Ich war ein Junge wie du, nur um weniges jünger, als ich von den Wällen meiner Vaterstadt die feurigen Türme, von denen ich auf den ersten dieser Blätter erzählte, in den aufgehenden Morgen hineinragen sah. Dieser herrliche Anblick prägte sich meiner kleinen Seele tief ein, und ich träumte Tag und Nacht von dem goldenen Bilde, und als ich größer wurde, war es mir ein Symbol alles Goldenen, was des Menschen Sehnsucht, himmlischer Abstammung sich bewußt, wie ein Winken aus der höheren Heimat über dem Dunst dieser Erde leuchten sieht. Aber das Leben ist ein Wandern auf breiten staubigen Straßen, und die goldenen Bilder erlöschen und versinken wohl auf lange Strecken, manchmal aber für immer. Vielleicht hast du auch schon ein solches Bild in dir aufgenommen und trägst es verschlossen in deinem kleinen Herzen und hütest es wie ein schamhaftes Geheimnis; denn von solchen Erlebnissen pflegt man nicht zu sprechen, weil man ahnt, daß ein Hauch genügt, Heiligstes zu beflecken. Bewahre dir fürs Leben so ein Heiligstes in der Seele. So lange noch ein Fünkchen glüht von diesem Golde, solange kannst du nicht ganz verloren gehen. Du bist anders als dein Vater. Es ist fremdes Blut in deinen Adern, und ich muß manchmal daran denken, daß deine Mutter von den Wellen des Mississippi geschaukelt wurde, und daß deren Mutter als Kind die freie Luft der Schweizer Berge atmete. Möge dir von daher all das Gute gekommen sein, das dein Vater dir nicht mit ins Leben hat geben können. Ich denke, du wirst nicht beiseite stehen, du wirst zugreifen und dir das Deine nehmen. Ich ließ jeden Tag an mich herankommen. Ich war wie ein verwehtes Saatkorn, das auf einem breiten Strom dahintreibt. Wird es sinken, oder wird es irgendwo an das Ufer gespült werden und Wurzel treiben und keimen? Es war ein Glück, daß ich meinen Boden fand, und die Leute sagen, es sei kein wertloses Korn, das da angeschwemmt worden. Aber ein Glück bleibt es doch, und ich muß in Demut sagen, mein ganzes Leben stand unter einem guten Stern. Ob das Samenkorn von der Rose weiß, die in ihm schlummert? Der Wurm von dem Schmetterling? Ein ewiges Ahnen geht durch alle Kreatur von ihrer göttlichen Bestimmung. Und das war es, was mich trug, bis in diese Tage hinein, und was mich weiter tragen wird, solange ich die Sonne noch grüßen darf: ein kindliches Vertrauen, du ruhst in sicherer Hand. Andere nennen es Gottvertrauen. Und warum soll ich es nicht auch so nennen? Und das ist es, was ich wünschte, dir und deinen Schwestern ins Blut gegeben zu haben, diese meine Art Frömmigkeit, die mich jeden neuen Morgen mit fröhlichem Herzen hat begrüßen lassen, und die auch heute noch klingende Türme vor sich sieht, die mit goldenen Fingern in den aufgetanen Himmel zeigen.   Ende