Franz Xaver Bronner Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit Von ihm selbst erzählt Erster Band Einleitung. In dem doppeldeutigen Titel »Dichtung und Wahrheit«, den Goethe seiner herrlichen Selbstbiographie gegeben hat, hat er zugleich die zwei Pole festgelegt, nach denen hin Memoirenwerken und Biographien überhaupt wirkliche Bedeutung zuzukommen vermag. Die einen von ihnen sind vornehmlich interessant nach der Seite der Wahrheit hin, durch das Inhaltliche und Gegenständliche, das sie vorbringen, seien es nun weltgeschichtliche Ereignisse, seltsame Abenteuer oder kulturelle Merkwürdigkeiten, die anderen dagegen sind bedeutsam nach der Seite der Dichtung hin, durch Stil und künstlerische Darstellung, durch die Art dichterischer Durchdringung des Stoffes, durch die Fülle des poetischen Gehalts, der in dem Werk Gestalt gewonnen hat, und durch den auch anscheinend unwichtige und alltägliche Begebenheiten verklärt werden. Die vorliegende Autobiographie von Franz Xaver Bronner , die aus dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts stammt, gehört ihrer wesentlichen Bedeutung nach durchaus zur Gattung der letzteren, wenn dies auch in diesem Falle keineswegs dahin verstanden werden darf, als ob sich hier der Verfasser dichterische Ausschmückungen und phantasievolle Willkürlichkeiten auf Kosten der Wahrheit erlaubt hätte. Im Gegenteil! Die ungeschminkte Wahrhaftigkeit alles dessen, was erzählt ist, ist ein bedeutsames Charakteristikum dieser Biographie. Trotzdem aber nicht ihr wesentlichstes; denn es sind keine großen Ereignisse, von denen uns darin berichtet wird – der Dichter selbst wollte sie im Untertitel allzu bescheiden »alltägliche Abenteuer eines unbedeutenden Menschen« nennen – was uns hingegen hier allein durch die poetische Verarbeitung der Geschehnisse vermittelt wird, das ist die Gefühlswelt einer ganzen Epoche, nämlich die der empfindsamen Zeit. So wenig die Gefühlswerte dieser Periode schon gänzlich der Vergangenheit angehören, wie verschiedentliche Erneuerungs- und Anknüpfungsversuche moderner Dichter beweisen, so unzugänglich oder wenigstens schwer genießbar sind für uns die Produkte dieser Zeit selbst; denn die ganze Idyllen- und Schäferpoesie, die uns in ein schönes Arkadien führen will, um uns den schwärmerischen Herzensergüssen von Daphnis und Chloe, von Damon und Phyllis lauschen zu lassen, sie vermag heute wohl schwerlich mehr jemand in lebendigem Sinne zu fesseln. Den Dichtern dieser Periode, auch ihrem besten Vertreter, dem Schweizer Salomon Geßner , mangelte es eben durchaus an der Fähigkeit, Menschen zu gestalten; ihre Personen haben kein Mark und Bein, es sind verzuckerte Schäfer und Schäferinnen ohne alle Individualität, Schattenwesen ohne jede Wirklichkeit, dazu vollbepackt mit süßen Empfindungen, überladen mit schönen Gefühlen. Auch Fr. X. Bronner, ein direkter Schüler und persönlicher Bekannter Geßners, zu welchem, als dem für ihn geeignetsten Lehrer, ihn eine seltsame Fügung des Schicksals aus Bayrisch-Schwaben verschlagen hatte, auch er würde wohl als Verfasser von empfindsamen Idyllen und Fischergedichten und als ein später Ausläufer dieser Dichtungsart (bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein) lediglich eine historische Rolle in den Literaturgeschichten spielen, hätte er nicht diese Autobiographie verfaßt, die nicht nur von seinen Werken bei weitem das Beste ist, sondern auch nahezu das Einzige, das uns heutigen noch einen mühelosen, ja sogar in jeder Hinsicht lohnenden und ergötzlichen Zugang zu der Empfindungsweise dieser eigenartigen Welt zu verschaffen vermag. Denn hier hoben die besonderen Bedürfnisse der Dichtungsgattung, wenn man Biographien so nennen darf, von vornherein die Nachteile einer unwirklichen Schilderung auf, der die Dichter sonst verfielen, und forderten geradezu strengen Wirklichkeitssinn und bestimmte Charakterisierung, während andererseits die guten Seiten der Zeit, innige Gefühlswärme und anmutigste idyllische Kleinmalerei nun auf diesem tragfähigeren Untergrund viel stärker und intensiver zur Geltung kommen konnten. So entstand ein Werk, das auf uns keineswegs mehr einen gesuchten und befremdlichen Eindruck macht, sondern im Gegenteil ganz natürlich und ungezwungen wirkt, wenn auch natürlich der Zeitcharakter und die starke Betonung der empfindsamen Note dem Ganzen ein etwas altertümliches Gepräge verleihen. Allerdings so gering, wie sie nach dem Bisherigen vielleicht erscheinen könnte, darf die Bedeutung des rein Inhaltlichen in diesen Memoiren doch nicht gewertet werden. Sind es im allgemeinen auch keine großen, spannenden Ereignisse, durch die wir gefesselt werden, so sind es doch menschlich so interessante Einblicke, die wir in das private, öffentliche und vor allem religiöse Leben des achtzehnten Jahrhunderts tun, sind es kulturgeschichtlich so bedeutsame Zustände, die geschildert werden, daß sich eine Neuausgabe schon von diesem Gesichtspunkt aus lohnen würde. Da ist es einmal das ganze, zum Teil noch recht mittelalterliche Leben in einem kleinen Städtchen, das uns mit reizenden Details lebendig gemacht wird und das in manchem noch dem heutigen gleichen mag; besonders interessant sind die für unsere Begriffe ganz haarsträubenden Schulverhältnisse unter des Herrn Kantors Leitung, wo kaum ein Tag verging, an dem nicht die berüchtigten »Schillinge« mit der oft noch durch Bleikugeln verstärkten Ochsensehne verabreicht wurden usw. Dann lernen wir das Zwangssystem in den geistlichen Seminarien und Konvikten kennen, die die Stätten der höheren Bildung vorstellen sollten, des ferneren die Wirkungen der geheimen Ordenschaften, die damals eine große Rolle spielten, vor allem der Freimaurer und der Illuminatisten. Die weitaus wichtigsten und wertvollsten Aufschlüsse gewährt jedoch die Darstellung des gesamten Klosterlebens, das Bronner vom Novizen bis zum Pater mit all seinen Mühsalen und geheimen Leiden durchgekostet hat, bis er sich endlich entschloß, sein Heil in der Flucht zu suchen. Da sehen wir ewige Parteisucht, Hader und Zank unter den Mönchen, verborgene Unzucht und Völlerei, das zur stumpfen Gewohnheit herabgesunkene Begehen der religiösen Riten, wozu vor allem das gedankenlose Ableiern der Chöre gehört, die den ewigen Kampfplatz für den Streit zwischen den Alten und den Jungen bilden, die Unterdrückung jeder Bildung in einem etwas freiheitlichen Sinne, all das wird mit anschaulichen Einzelheiten uns vor Augen geführt und einer strengen, wenn auch keineswegs gehässigen Kritik unterzogen. Von da aus werden dann die Schäden der gesamten Kirche aufgedeckt, wir tun tiefe Einblicke in die geistlichen Streitigkeiten der damaligen Zeit, insbesondere in die Schwindeleien und Betrügereien der Jesuiten, die immer das Mäntelchen nach dem Winde zu hängen verstehen. Die vielen dazwischen eingestreuten, genauen Reisebeschreibungen vermögen nebenher manche Kenntnisse über die damalige Art zu reisen zu vermitteln, und eine abenteuerreiche Tour nach Frankreich, die Bronner unternahm und die ihn fast unter die Guillotine gebracht hätte, führt uns schließlich mitten in die große Umsturzzeit und den Kriegstumult der französischen Revolution. Also an sich genug des stofflich Anregenden! Aber trotz dieser interessanten und abwechslungsreichen Fülle würde derjenige doch das Buch schlecht gelesen haben, der nur nach jenem suchend und haschend es durchblättert hätte, ohne von den feinen und zarten Reizen der Darstellung, die hier durchweg zu finden sind, etwas zu empfinden, ja ohne geradezu von ihnen gefangen genommen zu werden; denn auf diesen liegt durchaus der Hauptwert und der Hauptnachdruck. Wieviel geringfügige, unbedeutende, ja anscheinend nichtssagende Begebenheiten sind hier eingestreut! Alle heimlichen Kinderspiele, alle Knabenunarten, alle kleinsten Vorkommnisse werden hier berichtet; aber wie werden sie erzählt! Entkleidet aller banalen Wirklichkeit, ganz erfüllt von dichterischer Anschauung und durchtränkt vom Zauber echtester Poesie! Es ist ein einheitlicher Geist, von dem aus alles gesehen wird und durch den alle Einzelheiten in den höheren Zusammenhang eines wenn auch nicht sehr umfassenden, so doch geschlossenen Weltbildes eingefügt werden. Gewiß war Bronner kein Feuergeist, der sich zu den Himmelshöhen höchster Begeisterung aufschwang oder in die Tiefen menschlicher Erkenntnis hinabstieg, sondern eine durchaus einfache, unkomplizierte Natur, harmonisch, ausgeglichen, schon als Knabe festgelegt in seinem Verhältnis zur Welt, nur durch einen klugen Verstand und die Stärke dichterischer Empfindung über das gute Mittelmaß hinausragend; dafür besaß er ein überreiches, außerordentlich sensitives Gemüt und eine feine Knabenseele, auf deren Goldgrund sich die Dinge der Welt mit unvergleichlicher Anmut und in zartester Lieblichkeit abmalten. So gilt seine ganze Liebe und Hingabe dem Kleinen und Kleinsten, in das er sich voller Innigkeit vertieft wie ein Kind, und das er bei aller Sachlichkeit und Schlichtheit der Darstellung mit all der süßen Inbrunst wiederzugeben weiß, mit der er es erfaßt hat. Und welche Naivität und echteste Kindlichkeit ist ihm dabei zu eigen! Welch' goldenes Kindergemüt leuchtet aus all seinen idyllischen Schilderungen hervor! Unwillkürlich denkt man an die einzig süße und wonnigliche Art, mit der die alten deutschen Meister auf ihren Gemälden die ganze Kleinwelt, Blumen, Gräser, Vögel, Quellen dargestellt haben, man denkt an Cranachsche spielende Putten, an Lochnersche Engelfiguren, aber auch mancher Holzbeinsche Kopf läßt sich in ernster Strenge dazwischen blicken. Diese wunderbare Vertiefung und Versenkung in den Mikrokosmos, eine spezifische Eigenart deutschen Geistes, hat in Bronner eine neue, bedeutsame Verkörperung gewonnen und hebt ihn allerdings gewaltig über die bloß empfindsamen Dichter hinaus, denen selten ganz natürliche Herzenstöne gelangen. Nebenbei mag bemerkt werden, daß Bronner ja auch dem Volk entsprossen ist, in dem die idyllische Betrachtungsweise sozusagen Erbgut des Stammes ist, nämlich dem schwäbischen, und seine späteren Landsleute, ein Mörike, ein Kerner, ein Carl Mayer, sie würden wohl, hätten sie ihn gekannt, großen Gefallen an seiner Art gefunden haben, die so manche verwandte Züge mit ihnen aufweist. Gewiß ist, daß mit all diesen Eigenschaften Bronners Biographie insofern eine Ausnahmestellung einnimmt, als nur schwerlich eine andere gefunden werden könnte, die sich mit ihr eben an echter Kindlichkeit und Naivität der Auffassung messen kann. Ebenso ist es kein Zufall, daß innerhalb derselben, wenigstens was die Darstellung anlangt, die Erzählungen aus der frühen und frühesten Jugend am meisten gelungen sind und das eigentliche Glanzstück bilden, so sehr, daß man diese Kindheitsgeschichte als eine der schönsten und lieblichsten ansprechen muß, die wir überhaupt in der deutschen Sprache besitzen. Hier fand Bronner sein eigentliches Feld; denn hier war natürlich die kindlichste Anschauung gerade die beste, weil sie allein in die rätselvollen Geheimnisse und die ahnungsvollen Gründe, die das Paradies der Kindheit birgt, einzudringen vermag und sich ganz deckte mit den Empfindungen, die dargestellt werden sollten; späterhin ist hingegen öfters leichte Diskrepanz zu spüren zwischen der kindlichen Schilderung und dem Bewußtsein des Lesers, daß es sich hier um die Erlebnisse und Gefühle eines erwachsenen Mannes handelt. Außerdem treten im weiteren die empfindsamen Elemente stärker in den Vordergrund und verleihen dem Ganzen einen etwas veränderten Charakter, der sich für unser Gefühl manchmal ins Barock-Seltsame, ja oft ins Komische steigert, wie etwa in den Liebesszenen, wo bei aller Lieblichkeit der Erzählung denn doch des Schmachtens und Schwärmens oft ein wenig zu viel wird. Merkwürdig ist, daß bei einer so klar umrissenen Gesamteinstellung zur Welt und zum Leben, bei einer im allgemeinen so selten ausgeglichenen Denk- und Empfindungsweise, wie sie Bronner besaß, doch gewisse Kräfte in seinem Charakter tätig waren, die einander mehr oder weniger entgegenarbeiteten. Auf zwei Angelpunkten ruhte neben seiner dichterischen Einstellung eigentlich sein Wesen: der eine war ein heller Verstand, der die Welt vernünftig zu erklären suchte und innerhalb der gänzlich anderen Umgebung, in die er gestellt war, notwendig aufklärerisch und revolutionär sich entwickeln mußte. Dem stand entgegen seine seltene Weichheit des Gemüts, eine fast feminine Sanftmut, äußerste Bescheidenheit, Herzensgüte und Menschenliebe. Hätte er die letzteren Eigenschaften nicht oder nur beschränkt besessen, er würde vielleicht als ein Mann der Aufklärung eine ziemliche Rolle gespielt haben; so aber mußten, da ihm alle inneren Möglichkeiten zu einer brutalen Durchsetzung der Ideen sowohl, wie auch seiner selbst abgingen, alle revolutionären Gedanken in sich selbst zerfallen, und es blieb ihm nur übrig, sie in passiver Weise auf die eigene Person anzuwenden, indem er den Menschen und Verhältnissen, die er haßte, auszuweichen und zu entfliehen suchte. Das Gegenspiel dieser beiden Kräfte können wir durch seine ganze Biographie verfolgen. Schon mit achtzehn Jahren, als er ins Kloster sollte, bezeigte er den heftigsten Widerwillen dagegen, aber seine Sanftmut ließ ihn den drängenden Wünschen der Eltern, wenn auch unter Tränen, nachgeben. Einmal dort, prüfte er gleich als Novize das katholische Religionssystem nach allen Seiten, verwarf mit kühnem Freimut, wenn auch auf ziemlich rationalistische Art, eine Lehre um die andre, und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem richtigen Lutheraner, der alle äußeren Formen, wie Wallfahrten, Messelesen, Beichtsitzen, Reliquienverehrung als Irrlehren betrachtete und allein die gute und reine Gesinnung vor Gott gelten ließ. Kein Wunder, daß er sich später offen zum Protestantismus bekannte. Daß bei solcher Denkart das Kloster nicht der richtige Aufenthalt für ihn war, ist klar, aber erst ein äußerer Anlaß, die Eifersucht wegen eines Mädchens, ließ ihn nach langem Zögern die Flucht wirklich zur Ausführung bringen. Allein kaum war ein Jahr vergangen, so stand er freiwillig schon wieder unter der Botmäßigkeit der Kirche, die er innerlich doch verurteilte, und wurde von ihren Vertretern in der schmählichsten Weise betrogen und hintergangen, ohne daß er die Kraft gehabt hätte, sich dagegen zu wehren; es dauerte endlos lange, bis er sich diesem unwürdigen Zustand durch eine zweite Flucht entzog, da ihn immer wieder gewisse Rücksichten auf Personen, denen er nicht weh tun wollte, und denen er Dankbarkeit schulden zu müssen glaubte, zum Bleiben bestimmten (am rührendsten ist in dieser Hinsicht sein Verhältnis zu dem geistlichen Statthalter v. Ungelter). Die neugewonnene Freiheit dachte er zuerst am schönsten als Einsiedler zu genießen, sein aufklärerischer Drang ließ ihm aber keine Ruhe und bewog ihn zu einer Reise nach dem revolutionären Frankreich, das er sich, etwas vorschnell urteilend, als das gelobte Land der persönlichen Freiheit und der idealen Staatsverfassung vorstellte, und in dem er alle seine Ideen aufs schönste verwirklicht glaubte. Der kurze Einblick, den er tat, brachte ihm denn auch gleich so herbe Enttäuschungen, daß er völlig an der Durchführung seiner Pläne verzweifelte und sich beeilte, zu einer Privatbeschäftigung in seine geliebte Schweiz zurückzukehren. Neben den Wirkungen seiner mönchischen Lebensart mag es dieser Zwiespalt in seinen Wesenskräften gewesen sein, aus dem sich das leicht schrullige und etwas sonderliche Wesen entwickelte, das mitunter, wenn auch nicht gerade häufig, bei ihm zutage tritt; denn er war ein bißchen, was man so nennt, ein Eigenbrödler und Umstandskrämer, sehr menschenscheu, bei starkem Bedürfnis nach Gesellschaft, schüchtern und bescheiden in seinem Auftreten, aber doch auf seine Art seinen Vorteil erspähend, äußerst vorsichtig, ja furchtsam bis zur Feigheit in seinen Unternehmungen, langsam in seinen Entschlüssen, dann aber wieder eigensinnig und zäh in der Durchführung derselben. Aber wie gesagt, es ist nur wie ein leichtes Hinneigen nach dieser Seite, und gewiß ist ein gut Teil davon der damaligen Empfindungsweise überhaupt zuzuschreiben. Denn sonst war er sehr heiteren und beweglichen Geistes, interessierte sich für alles mögliche, studierte beinah alles, was es damals zu studieren gab, Mathematik, Philosophie, Theologie, Literatur, Naturwissenschaften, Musik usw. und war in allen diesen Fächern auch irgendwie tätig. Ja selbst ganz moderne Anwandlungen hatte er: er konstruierte für sich elektrische Maschinen, stellte Versuche zu einem Perpetuum mobile an und ging sogar – was für uns Heutige von besonders akutem Interesse ist – allen Ernstes an den Bau eines Aeroplans, der allerdings recht kläglich mißglückte und ihn nie höher als einen Schuh über den Erdboden emporbrachte. Schließlich verschlug ihn sein Geschick in der Schweiz noch unter die Journalisten, indem er bald nach seiner Rückkehr aus Frankreich die Redaktion der Züricher Zeitung übernahm. Mit dieser Mitteilung schließt die Biographie ab. Aber die Reihe der Ämter und Tätigkeiten war für Bronner damit noch nicht erschöpft. Nach Gründung der helvetischen Republik wurde er Sekretär beim Ministerium der Künste und Wissenschaften, dann Professor in Aarau; durch einen seltsamen Entschluß siedelte er 1810 als Professor der Physik nach Kasan in Rußland über, kehrte jedoch 1817 nach Aarau zurück, wo er zum Protestantismus übertrat; hernach ward er Rektor der Kantonschule, Kantonsbibliothekar und Staatsarchivar. Im hohen Alter von 92 Jahren starb er am 11. August 1850. Die vorliegende neue Ausgabe (die erste seit 1810) fußt auf der ersten Auflage von 1795-97. Allerdings mußte mannigfach gekürzt und zusammengestrichen werden, um das Werk für uns Heutige genießbar zu machen; denn es enthält viele ermüdende Längen, unter denen die künstlerische Einheitlichkeit sichtlich zu leiden hat. Schon Geßner, der im Grunde die Ausführlichkeit liebte und der Bronner sonst sehr schätzte, tadelte an ihm die allzu große Breite der Behandlung, und was für ihn störend war, wird für uns unerträglich. Es sind dies vor allem die seitenlangen Gebete, die in aller Vollständigkeit mitgeteilt werden, ebenso die endlosen Korrespondenzen, vielfache Wiederholungen und nicht zuletzt die vielen moralisierenden Betrachtungen, die überall eingestreut sind. Trotzdem ziemlich viel davon fallen mußte, ist eigentlich nichts dichterisch oder biographisch Wesentliches unterdrückt worden, vielmehr glaube ich, daß sich die Wirkung des Ganzen durch die knappere Zusammenfassung nur um ein gutes erhöht hat. München , August 1912. Oskar Lang . Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit Erstes Kapitel: Früheste Kindheit. Mein Geburtsort – Eltern und Voreltern – Des Vaters Kampf mit der Armut – Erste Kindheit – Die fernsten Erinnerungen – Meine Brüder – Das Echo – Die Nachbarn – Meine erste Lüge – Fernere Erziehung – Erste ländliche Freuden – Ein Dieb und Betrüger, schon so jung – Sparbüchse – Zank und Trennung in der Familie – Taubheit. Mein Geburtsort ist das Städtchen Höchstädt , im Fürstentume Pfalz-Neuburg, an der nordöstlichen Grenze von Schwaben, etwa eine Achtelmeile vom Ufer der Donau. Auf den nahen Ebenen erfocht der Marschall von Villars mit dem Kurfürsten von Bayern, den 20. September 1703, einen Sieg über die Kaiserlichen; im folgenden Jahre aber, den 13. August, gewann daselbst Marlborough mit dem Prinzen Eugen die berühmte blutige Schlacht, in welcher der unglückliche Marschall von Tallard , nebst zwölftausend seiner Veteranen, zu Blintheim , einem Dorfe, das eine halbe Meile weiter hinabwärts an der Donau liegt, gefangen genommen ward. In einem Hohlwege, zunächst an der Vorstadt von Höchstädt (die alte Stadt genannt) ist ein Begräbnisplatz, wo eine Menge im Treffen Gefallener beisammen verweset. Als Knabe stand ich oft am steilen Abhange des Hohlweges, staunte die unzähligen Gebeine an, die da, bunt durcheinander geworfen, aus lockerem Lehm hervorstarrten, und versuchte zu erraten, ob mehr Deutsche oder mehr Franzosen hier begraben lägen; denn wir hielten die weißen Gebeine für die schwächern, also für französische, die gelblichen aber für die stärkeren oder für deutsche. Seitdem baute man dort eine bequemere Landstraße und grub den Totenhügel ab; aber sein Bild bleibt tief in meine Seele geprägt. Im untern Teile des Städtchens, nicht fern vom Schlosse, dem ehemaligen Witwensitze der Herzoginnen von Neuburg , führte eine kleine Gasse den Hügel hinan, auf dem ein Nonnenkloster mit seinen geräumigen Gärten steht, das jetzt, nachdem die Nonnen vom Carmelitenorden teils ausgestorben, teils vertrieben sind, ein gewisser Herr Sack zum Eigentum erhalten hat. Am Abhang dieses Hügels birgt sich hinter einem umarmenden Rebstock, der schon mehrere Menschenalter hindurch seine Eigentümer mit Trauben gelabt hat, der Giebel eines halben Häuschens, in dem ich geboren ward, und das noch jetzt mein lieber Vater einsam bewohnt. Ein niedriges Ziegeldach, das sich bis zu den kleinen Fenstern beschattend herabsenkt, ein Gärtchen, etwa so groß als ein kleines Zimmer, eine baufällige Hütte daran, die einst die Dienste einer Scheune und Stallung tat, und ein enger Hofraum vor dem Eingange – machen das Bild der prächtigen Residenz vollständig. Auf Reichtum, Ruhm und großes Ansehen meiner Vorfahren kann ich gewiß niemals stolz werden; denn alle waren arm, unbekannt und von der niedrigsten Herkunft. Meines Vaters Eltern, Georg und Lenore Bronner , kamen von dem Dorfe und Frauenkloster Maria-Mädingen , unweit Dillingen (wo sie, wie ihre Voreltern, Ziegler waren), nach Höchstädt , um auch da auf dem Ziegelstadel, dessen wahrer Eigentümer die Stadt ist, für einen bestimmten Jahrlohn die Ziegel- und Kalkbrennerei zu besorgen. Beide kannte ich noch; aber wenn wir Kinder sie zu besuchen kamen, achteten sie kaum unsrer Gegenwart, waren etwas rauh und unfreundlich, und so schieden wir immer kalt und unbekannt voneinander. Sie hatten vier Söhne, Georg, Hans, Jakob und Anton nebst einer Tochter Lenore . Hans , mein Vater, war der zweitgeborene. Georg , sein ältester Bruder, der auch Ziegler in Höchstädt ward, starb schon vor einigen Jahren und machte dem jüngsten ( Anton ) Platz, der hierauf an seine Stelle kam. Jakob , der dritte, ist ein Rotgerber. Lenore heiratete einen Ziegler zu Wallerstein und liegt bereits begraben. Die geringen Einkünfte der Großeltern erschwerten es ihnen sehr, diese fünf Kinder groß zu ziehen, und zwangen sie, so eingeschränkt und geringe wie möglich zu leben, und ihre Kleinen schon in der frühestesten Jugend zur strengsten Arbeit anzuhalten. Als Knabe fuhr mein Vater mit seinen Brüdern, wenn morgens im Winter die Eltern noch schliefen, und die Kleider nicht ohne sie zu wecken aus der Wohnstube geholt werden konnten, öfters mit bloßen Füßen und im Hemde auf Handschlitten den beschneiten Hügel hinab, auf dem der Ziegelstadel vor dem oberen Tore steht; und öfters mußte er im Frühling und im Herbste barfuß den Lehm treten und durcheinander kneten, über den eine Eishaut gefroren war: so wenig durfte er die Kälte achten. Georg, Anton und mein Vater lernten bald die Geige, die Querflöte und den Baß spielen und verdienten sich in den Wirtshäusern der Gegend als Spielleute manchen Gulden. Bei lustigen Gesellschaften hieß es oft: »Laßt die Ziegler-Kompagnie holen!« Mein Vater hatte das Unglück, von seinen Eltern verachtet zu werden; denn er schien ihnen nicht gewandt genug und allzu ängstlich. Einst ging er abends spät nach Hause; da fand er ein junges Schwein, das sich von der Herde verlaufen hatte, und trieb es, weil die Stadttore bereits gesperrt waren vor sich hin, um es die Nacht über im Ziegelstadel aufzubewahren, und morgens dem Eigentümer zurückzustellen. Seine Eltern kannten das Schwein und wußten, daß es dem reichsten Gastwirte in Höchstädt zugehörte. Dieser Umstand, ihre Armut, die höchste Wahrscheinlichkeit, unentdeckt zu bleiben, und die Meinung: Armen eine Nadel stehlen sei Todsünde, aber Reichen einige Gulden nehmen sei kaum eine bösliche Vergehung, – alles dieses zusammen machte die Versuchung so stark, daß ihr die armen Großeltern unterlagen, das Tier in ihren Stall sperrten und allen ihren Kindern strenge verboten, keinem Menschen etwas von dem gemachten Funde zu sagen, Hans mochte einwenden, was er immer wollte; bei dem einmal gefaßten Entschlusse blieb es, und er mußte das Schwein, nachdem es ein paar Wochen gemästet war, abschlachten und mit Appetit verzehren sehen. Aber mein guter Vater hütete sich wohl, einen Bissen davon zu genießen, und verkroch sich, so oft ein Stück davon auf den Tisch kam, hinter den Ofen oder in die Kammer, wo er dann das Gespötte seiner Brüder ward. Sein ängstliches Gewissen regte sich täglich mehr und mehr und ließ ihm keine Ruhe, bis er endlich im Beichtstuhl einem Kapuziner den ganzen Hergang erzählte. Aber wie erschrak er, als er statt des gehofften Trostes die Worte vernahm: »Du gottloser Sünder, du mußt das Schwein bezahlen; es ist unmöglich, dir die Lossprechung zu erteilen, ehe du mir das Geld dafür eingehändigt hast!« Ein ungerechtes, überaus strenges Urteil! Denn mein Vater, der etwa das fünfzehnte Jahr erreicht haben mochte, hatte weder Geld noch Verdienst. Aber alle seine Einwendungen fruchteten nichts; er mußte versprechen, so lange alle Kreuzer zusammenzuhalten, bis die Summe voll sein würde, auf welche der Kapuziner das Tier, der Beschreibung gemäß, taxiert hatte. Und mein Vater versprach es und sparte jede Kleinigkeit zusammen, die er etwa geschenkt bekam, oder mit Aufsetzen auf Kegelbahnen und durch andre kleine Arbeiten verdiente. Oft saß er damals in einem Busche und weinte bittere Tränen, wenn er rund um sich her alles so vergnügt sah, jeder andere Knabe Obst oder geräucherte Würstchen oder Bier genoß, und er allein trauern und darben mußte. Über anderthalb Jahre quälte er sich mit der Vergütung des nie begangenen Diebstahls, um dem Befehle seines Beichtvaters pünktlich Genüge zu leisten: und als er endlich die schwererworbene Summe beisammen hatte und sie dem Kapuziner darreichte, so sprach dieser: »Der reiche Eigentümer hat jetzt seinen Verlust schon längst verschmerzt; es wird besser sein, wenn ihm eine Vergütung dafür durch geistliche Mittel zukommt; ich will also das Geld zu Messen für ihn verwenden.« Dieser Vorfall, und besonders die lang anhaltende Bekümmernis – der Vergütung wegen, brachte in den ohnehin etwas melancholischen Charakter meines Vaters eine gewisse Düsterheit, die sich nie wieder ganz verlor. Wenn er betete, so war es mit vieler Ängstlichkeit und Anstrengung: Wie hätte auch ein schuldloser Knabe Gott nicht als einen strengen Richter mit Schüchternheit anrufen sollen, dessen vorgebliche Statthalter, die Beichtväter, ihn so überaus strenge und unerbittlich behandelten? Leute, die nahe bei ihm knieten, hörten ihn manchmal das Vaterunser wiederholt von neuem anfangen und abbrechen mit dem Beisatze: »Es ist noch nicht recht!« Und er hatte keine geringe Arbeit, bis er mit seinem Rosenkranze zu Ende war. Beim Morgen- und Abendgebete, wenn er es allein verrichtete, betrug er sich ebenso. Aber wenn er mit uns Kindern betete, so merkte man nichts von skrupulöser Ängstlichkeit an ihm. Auch hat er sich dieselbe nach und nach immer mehr abgewöhnt. Allein das Mißtrauen gegen die Geistlichkeit verlor sich nie ganz aus seiner Seele, besonders da es von Zeit zu Zeit neue Nahrung erhielt, indem ihn die Mutter einigemal wegen Unfriedlichkeit in der Ehe bei Geistlichen verklagte, die dann ihre Partei nahmen und dem Vater mit manchem Verweise beschwerlich fielen, öfters äußerte er sich: »Ach, wir sind gewiß in vielen Stücken betrogen!« Der Vater meiner Mutter hieß Anton Brucker , war ein Zimmermann und hatte in seiner Jugend sehr gern Mesnersdienste auf den umliegenden Dörfern, vorzüglich in Lutzingen und Unterglauheim , getan. Oft erzählte er mir mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, daß er dort die Vesper mit den Geistlichen gesungen hätte, und setzte dann allemal bei: »Gottes Lob singen, ist ein Geschäft der Engel.« Er war ein kleiner, friedliebender, zufriedener, frommer und fleißiger Mann, der ruhig und wegen der Zukunft unbekümmert dahinlebte, seine Arbeit genau verrichtete und gar gern mit uns Kindern spielte. Wir hatten ihn auch herzlich lieb. Meine liebe Großmutter, Anna Maria Brucker , war ein lebhaftes, gesprächiges, leicht aufbrausendes, im Grunde aber herzlich gutes Weib. Sie besorgte das Hauswesen emsig und getreu, aber nicht ängstlich. Wenn der Großvater, der zum 3. Orden des heiligen Franz v. Assisi gehörte, seine Ordensbrüder bei sich hatte, machte sie meistenteils ein etwas scheeles Gesicht. Doch war sie sehr eifrig im Gottesdienste und betrug sich mit jedermann friedlich. Diese Großeltern hatten eine einzige Tochter, Barbara , ein hübsches braunes Mädchen, mittlern Wuchses, voll leichten Bluts, unbekümmert und rasch, lebhaft ohne Frechheit und fromm ohne Ängstlichkeit. So schilderten sie mir diejenigen, welche sie als Jungfrau gekannt hatten. In ihrer Jugend war sie sehr von Eingeweidewürmern geplagt. Sie stand beim Sternwirte in Höchstädt eine Zeitlang als Hausmagd in Diensten und half einst den Schnittern auf dem Acker die Garben binden. Auf einmal fiel sie ohnmächtig hin und schien tot zu sein. Erschrocken lief ein Schnitter fort, um ihr die Schiedung (Sterbeglocke) läuten zu lassen. Aber bald erholte sie sich wieder, brach einen häßlichen Wurm weg und lachte mit, als nun die Sterbeglocke erklang und ihr gesagt ward, daß man dieselbe für sie läute. Ein andermal war sie in Lebensgefahr, indem sie, während des Krieges 1742, von einem französischen Soldaten, dessen geilen Armen sie sich entrissen hatte, verfolgt ward. Als er sie nicht mehr einholen konnte, drückte er seine Pistole auf sie ab. Die Kugel flog ihr aber hart am Ohre vorüber und schlug sich durch den Bretterzaun, der den Hofraum der Klosterfrauen umschloß. Oft zeigte sie mir das durchbohrte, bereits morsche Brett. Mein Vater mochte etwa 33 Jahre alt sein, meine Mutter 24; da führte sie der Zufall bei einem guten Bekannten zusammen. Der Zieglerhans war wohl gewachsen, flötete hübsch, scherzte gern, kramte allerlei schnackische Späße aus und gefiel meiner Mutter. Beide suchten Gelegenheit, öfters einander zu sehen, und verstanden sich bald so gut, daß ihnen der Wunsch, immer miteinander zu leben, oft zuvörderst auf den Lippen saß. Aber mein Vater ließ diesen Wunsch lange nicht laut werden; denn er hatte kein Heiratgut zu hoffen, wußte nicht, wie er eine Gattin ernähren sollte, und war auch zu blöde, um seiner Babet einen förmlichen Antrag zu tun. Meine Mutter beriet sich indes mit ihren Eltern, forschte die Gesinnungen derselben aus und stimmte sie so gut zugunsten ihres Lieblings, daß er ohne Scheu in ihr Haus kommen, sie besuchen und an Feiertagen zum Spaziergange abholen durfte. Da erklärten sie sich immer herzlicher gegeneinander, und mein Vater, von seiner Geliebten ermuntert, faßte endlich Mut, um ihre Hand zu bitten. Schüchtern stotterte er sein Verlangen heraus. Aber mein guter Großvater riß ihn geschwind aus seiner Verlegenheit und sprach: »Hans, du hast zwar kein Heiratgut, aber du bist ein arbeitsamer Mensch, bist kein Spieler, kein Trinker, kein Raufer, kein Mädchenjäger; wir wollen dir helfen; wenn dich meine Tochter will, so sollst du sie haben.« Meine Mutter, die indes mit schüchtern forschenden Blicken hinterm Ofen gestanden hatte, hüpfte nun auf ihn zu und umschlang ihn mit ihren Armen. Die Großeltern weinten und gaben den frohen Kindern ihren Segen. Dann ward beschlossen, das junge Paar sollte mit ihnen erst eine gemeinschaftliche Haushaltung führen; Babet sollte zum Heiratgut das Häuschen, das ich oben beschrieb, ein paar kleine Wiesen, samt einer halben Jauchert Ackers, und zwei Teile im Krautgarten empfangen, doch so, daß der Ertrag von allem auch von den Großeltern mitgenossen würde. Der Hochzeittag ward bestimmt, und der Zug ging morgens um 7 Uhr stille und ohne Gepränge zur Kirche; da rollte meiner Mutter ein Stein vor die Füße; man wußte weder woher er kam, noch welche Kraft ihn bewegt hatte. Das ward sogleich für eine üble Vorbedeutung genommen, und meine Mutter ging mit erschrockenem Herzen zum Altar. Mein Vater glaubt heute noch, das haben die bösen Leute (Zauberer und Hexen) getan. Wieviel Einfluß ein solcher Aberglaube auf ihr ganzes künftiges Leben hatte, läßt sich zum Teil daraus abnehmen, daß beide, wenn sie sich nach einem heftigen Zwiste, der eben nichts Seltenes war, wieder versöhnten, immer die Schuld davon der Zauberei beimaßen und sich's kaum beifallen ließen, daß die Quelle aller Zwietracht ihre Unnachgiebigkeit sei. Zwei Jahre verstrichen, ohne daß die junge Frau Mutter ward. Im ersten Sommer seines Ehestandes lief mein Vater täglich morgens fünf Viertelstunden weit, von Höchstädt nach Dillingen , um dort als Ziegelknecht bei einem harten Herrn täglich um den Lohn von 15 Kreuzern fünfzehnhundert Ziegelsteine zu verfertigen. Fast jeden Abend eilte er wieder nach Hause zu seinem Weibchen. Dabei aß er nichts zu Mittag als trockenes Brot, und trank Wasser dazu. Bald nahm aber auch die Arbeit in Dillingen gänzlich ein Ende und er mußte sieben Stunden weit, bis nach Welden , einem Dorfe zwischen Augsburg und Wertingen , gehen, um im Ziegelstadel daselbst Arbeit und Verdienst zu erhalten. Weil es nun die Entfernung unmöglich machte, täglich nach Hause zu wandern, so ward verabredet, er wolle jeden Sonn- und Feiertag heim kommen. An den übrigen Tagen der Woche blieb er im Walde bei Welden in einer aus Baumreisern geflochtenen Hütte über Nacht. Abgefallenes Laub war sein Bett, ein Stein sein Kopfkissen. Ein Knabe, der als Handlanger ihm die verfertigten Ziegel an die gehörige Stelle tragen mußte, war sein Schlafgeselle. Sie tranken Wasser, das sie im irdenen Kruge aus der nahen Quelle schöpften, und aßen Brot dazu. Aber sie durften nicht mehr essen, als bereits für jede Mahlzeit ausgezirkelt war; denn sie konnten sich nur dann verproviantieren, wenn ein Feiertag sie nach Hause rief. Fiel nun eine ganze Woche ein (ohne Feiertag), so mußte der Laib zum Teil verschimmeln, und der Staub ging den Essenden wie ein Rauch zum Munde heraus. O wie sehnte sich damals mein lieber Vater immer nach der Heimat zurück! Wie bange erwartete ihn spät in der Nacht meine Mutter, um ihn sogleich mit Speise und Trank zu laben! In einer solchen Märzennacht fing sich, wie mich mein Vater einst lächelnd versicherte, mein frühestes Dasein an. Möchte ich doch ausharrenden Mut, Geduld, Kraft und Fähigkeit, jedes Angemach zu besiegen, von ihm geerbt haben! Wer weiß, ob ich ihrer nicht noch sehr nötig bedarf? Um das Einlaßgeld zu ersparen, stieg mein Vater, immer mit Lebensgefahr, über die Stadtmauer herein. Er wußte eine Stelle, wo die Mauer an einen Schloßturm stößt, und wo der Mörtel ausgespült war, und ein hoher Baum im Winkel stand, ganz geschickt zu seinem Vorhaben zu benutzen. Innen an der Stadtmauer führte eine steinerne Treppe zur Erde herab. Nur das Hinaufsteigen von außen hatte also seine Schwierigkeiten. Neben der Zieglerarbeit verdiente mein Vater noch ein gutes Stück Geld als Spielmann, mit seiner Geige und Querflöte. Ohne dies hätte sein elender, obschon hart erworbener Zieglerverdienst zum Unterhalte nicht hingereicht. Aber wenn er an Sonn- und Festtagen bis morgens um drei, vier oder fünf Uhr den jungen Burschen zum Tanze aufgespielt hatte, so mußte er, ohne zu schlafen, nach Welden laufen, um an seine strenge Arbeit zu kommen. Dennoch war's unmöglich, zur bestimmten Morgenstunde dort einzutreffen. Um also seinen Herrn zu befriedigen, arbeitete er unausgesetzt auch in den beiden Feierstunden des Tages bis spät in die Nacht. Diese zu heftige Anstrengung von Kräften machte ihn in die Länge mißmutig und mürrisch. Wenn er heim kam und sah, daß sein Weib und die Großeltern nicht eben so überaus sparsam, wie er selbst tat, gewirtschaftet hatten, so verdroß es ihn, daß er sich so übermäßig plagen sollte, indes zu Hause dennoch nichts zurückgelegt wurde. Er hatte sich fest vorgesetzt, wohlhabend zu werden, oder auf einen grünen Zweig zu kommen, wie er sich ausdrückte, und dem Spitale in Höchstädt einige auf dem Hause haftende Schulden abzubezahlen, um von Zinsen befreit zu werden. Aber bei so geringen Einkünften wollte sich nichts in der Geldkasse sammeln. Er maß die Schuld dem Leichtsinn meiner Mutter und der Großeltern bei. So fing der Hader in unserer Familie an. Dazu kam dann noch die Schwangerschaft meiner Mutter. Wie diese zunahm, so nahm auch seine Furcht zu, sie alle würden bei Vermehrung der Mitesser notwendig an den Bettelstab geraten müssen. Mein Dasein verscheuchte also, unschuldigerweise, den Frieden vollends aus unserm Hause. Im Winter, da in den Ziegelscheunen nichts zu verdienen war, kaufte der Vater zuvörderst auf den Dörfern sogenannte Ehschwing (das gröbste Werg) zusammen, half dann den Frauen grobes Garn zu Talglichtern oder Packsäcken spinnen und machte Strohtüren vor die Ställe, Strohdecken für die Gärtner, Darmsaiten für Geigen und Spinnräder, Vogelhäuschen, Bienenkörbe, geflochtene Nester für Tauben und Kanarienvögel usw. Diese beiden Arten Vögel zog er in Menge groß und trieb einen kleinen Handel damit, der für uns nicht unbeträchtlich war. Laub zur Streu für unsere Kuh, Eicheln für ein Schwein und Brennholz sammelte er im Walde. Meine Mutter ergriffen die Wehen auf dem Wege, als sie eben einen Krug Wasser zu holen ausgegangen war. Beinahe hätte sie, um mich ins Leben zu fördern, das ihrige verloren. Man fürchtete, sie würde den Schmerzen erliegen. In ihrer Herzensangst verlobte sie sich dem heil. Franziskus Xaverius , dem man damals, auf Antrieb der Jesuiten von Dillingen , in der Pfarrkirche zu Höchstädt eben einen schönen neuen Altar errichtet hatte. Glücklich ward der Schmerzenssohn endlich den 23. Dezember 1758 geboren. Sie erzählte mir oft, ich sei ein schwaches gebrechliches Kind gewesen, das immer und besonders in der Kirche, als man mich zur Taufe trug, ein mörderliches Geschrei erhob. Ich erhielt wegen des Gelübdes meiner Mutter den Namen Franz Xaver , und weil mein Taufpate Michael hieß, einen zweiten Namen, Michael , in der Taufe. Als ich einst, aus den Windeln losgewickelt, in der Wiege lag und von meiner Großmutter zu essen erhielt, ward sie schnell abgerufen und setzte das siedheiße Mus (Kinderbrei) zu mir ans Bettchen. Durch meine Bewegung neigte sich das Schüsselchen, und das herausrinnende Mus verbrannte mir den rechten Schenkel so sehr, daß man fürchtete, ich würde lahm und hinkend werden. Aber, Dank der Vorsehung! Mir blieb davon keine üble Wirkung zurück, als eine große, handbreite Narbe, die jetzt kaum mehr zu fühlen ist. Den häßlichen Saugzapfen (feuchtes Brot in ein Tüchlein gewickelt, das man in unsrer Gegend den Kindern darreicht, um sie zu stillen) wollte ich im dritten Jahre kaum ablegen. Meine Mutter füllte ihn mir öfters mit Wermut, und einmal sogar mit Fischgalle an. Dann warf ich ihn freilich weg, aber ich suchte entweder die ältern wieder hervor, oder machte mir aus dem nächsten besten Lümpchen einen neuen. So viele Macht übten Gewohnheit und Sinnlichkeit über mich aus. Mein Vater sagte damals: »Bube, wenn du in deinem Leben so lange Kind bleibst, als du in deiner Kindheit den Zapfen trägst, so wirst du früher alt als klug.« Wahrlich, wenn nur der klug ist, der sich auf seinen Vorteil versteht und nichts versäumt, was ihn befördern kann, so hat mein lieber Vater als ein Prophet gesprochen; denn noch bis diese Stunde frage ich mich vor keiner Handlung: Was nützt sie dir? sondern folge blindlings meinem Herzen oder Kopfe, nicht viel besser als ein Kind. – Am Ende fiel es meinem Vater ein, alle Saugzapfen, soviel er deren habhaft werden konnte, an der Pfanne rußig zu machen; da mochte ich endlich keinen berühren; denn ich fürchtete, wenn ich schwarze Lippen bekäme, ausgelacht zu werden. Noch erinnere ich mich lebhaft, wie meine Eltern sich freuten, als ich's zum erstenmal wagte, von der Stubentür, an die ich stehendes Kind mich lehnte, unsicher wankend, aber ohne mich anzuhalten, einem Apfel entgegen zu trippeln, mit dem sie lächelnd mich lockten. Noch weiß ich auch, als wär' es heute, wie ich, eine liebe Bürde, meiner Mutter auf dem Rücken hing, ihren Hals mit schwachen Armen, ihre Hüften mit den Beinchen umschlingend, und so, von ihr sorgfältig gehalten, an den Bach ritt, wo sie Leinwand und Netze wusch; wie sie dort lachte, und klatschend Mut mir einsprach, als ich für eine Nußschale, damals mein Schiffchen, mich gegen einen bösen Gänserich wehrte, den Zischenden herzhaft am Hals ergriff und lange mit seinen schlagenden Flügeln rang; wie sie frohlockte, wenn sich in mir eine neue Kraft, eine neue Fertigkeit entwickelte; wenn etwa mein Stimmchen, zum erstenmal, in wankenden Mißtönen ein Liedchen versuchte, zwitschernd und ungeübt, wie junge Schwalben unterm Dach; oder wenn es meinen tändelnden Händen gelang, zum erstenmal einen Gründling im Bache zu haschen oder gar einen Bürschling an der Angel zu fangen. Mein jüngster Bruder Franz Joseph , der jetzt als Schuhmacher auf der Wanderung ist, erblickte beinahe fünf Jahre später, mein Bruder Hans Michel aber nicht völlig zwei Jahre später als ich das Tageslicht. Den Hans Michel verlangte eine angesehene Beamtenfrau zum Säugen; denn ihr Kind war gestorben, und sie hatte Schmerzen wegen Anhäufung der Milch. Nicht lange, so bekam dies mein Brüderchen offene Beulen in den Kniescheiben und an den Schenkeln, so daß man hindurchsehen konnte. So erzählte mir meine Mutter, und setzte allzeit bei: »Die Frau T. hat mich zwar wegen des Hans Michels wohl belohnt; aber ich glaube, sein ungesundes Wesen kommt größtenteils vom Saugen an fremder Brust her.« Er wurde doch wieder hergestellt, und zeigte bald eine besondere Geschicklichkeit in kleinen häuslichen Geschäften, so daß er beim Vater bald mehr galt als ich; allein ich blieb der Liebling der Mutter. Nach dem Franz Joseph ward uns noch ein Brüderchen Joseph Anton geboren, der aber nur einige Wochen erlebte. Da fragte ich meinen Vater einst bei Tische: »Wo ist denn unser Brüderlein hergekommen?« Die Hebamme saß auch dabei. »Diese Frau da,« sagte er, »hat es aus dem Krautgarten hereingebracht; du kannst noch heute den hohlen Baum sehen, aus dem die kleinen Kinder immer herausschauen; die man dann abholen läßt, sobald man ihrer verlangt.« Wirklich führte er mich abends in den Krautgarten vors Tor hinaus, wo er die Erdäpfel besah, und die äußersten Blätter an den Kappisstöcken abbrach zum Futter für unsere Kuh. Auf dem Wege kamen wir an einen kleinen Teich, wo ein hohler Weidenstamm am Gestade stand. »Da sieh hinein,« sagte mein Vater. Und ich sah durch den hohlen Stamm im spiegelnden Wasser drunten mein Bild. »Siehst du einen Knaben herausschauen?« fragte mein Vater. »Ja, Vater, aber er sieht mir gleich,« antwortete ich. »Mag sein,« fuhr er fort, »viele Leute sehen einander gleich. Es sind noch eine Menge Buben in dieser Gegend herum zerstreuet. Rufe nur laut, was du rufen willst, sie werden dich gewiß sogleich verspotten.« Ich rief laut: »Buben, wo seid ihr?« – Und das Echo vom gegenüberstehenden Berge, auf dem die Ziegelscheune stand, antwortete unverweilt zu meiner größten Verwunderung: »Buben, wo seid ihr?« – Nun glaubte ich alles und wollte immer hinüberlaufen, um die spottenden Rufer auch zu sehen. Unser Gäßchen (cul de sac) endigte sich zu oberst auf dem Hügel in einen länglichen Grasplatz, den der Garten der Klosterfrauen umgab. Dort lagen wir Kinder am liebsten auf dem Rasen und spielten und tändelten in den Blumen. Zunächst an diesen Grasplatz grenzte das Häuschen unsers Nachbars Blöckle . Anne, sein Weib, war die gutherzigste froheste Seele von der Welt, öfters erzählte mir meine Mutter, einst sei ich zur Anne in die Tenne geschlichen, wo ein Butterfäßchen voll Milchrahm zum Ausrühren bereit stand, habe da eine Handvoll Rahm nach der andern herausgenommen; soviel ich eben davon essen konnte, gegessen; was aber nicht gutwillig zum Munde hineinwollte, an die Wand, oder an den Boden, oder an mein Röckchen gestrichen; lange habe mich die gutherzige Nachbarin lächelnd belauscht und endlich sie heimlich herbeigerufen, um die lustige Malerei mit anzusehen. Meine Mutter setzte immer bei: »So gut wie des Blöckles Anne sind Tausende nicht; andere Nachbarn hätten dich braun und blau geschlagen, wenn sie dich bei einer solchen Arbeit ertappt hatten.« Ihr Mann war ein guter, friedlicher, alter Brummer. Was er redete, tönte wie gezankt; aber er tat niemandem etwas zuleide. Nur zuweilen machte er sich den Spaß, mich mit rauher Stimme zu schrecken. Der nächste Nachbar, dem die andere, durch eine Zwischenwand abgesonderte Hälfte unsres Häuschens gehörte, hieß Bästle (Sebastian) und war ein seelenguter, gesprächiger Mann, der gern mit uns Kindern tändeln und plaudern mochte. Aber seine Frau Lisel (Elisabeth), die so unglücklich war, ihm zwei tote, aber nie ein lebendes Kind zu gebären, übrigens ein gutes Weib, sah uns immer mit scheelen Augen an, vielleicht eben darum, weil sie nicht auch Kinder hatte, und ihr das öftere Spielen ihres Mannes mit uns Kleinen ein stiller Vorwurf dünkte. Im nächsten Hause daran, weiter hinabwärts, wohnte der Lumpenmichel (ein Mann namens Michael, der sich mit Lumpensammeln für Papierer ein gutes Stück Geld erworben hatte; andere wollten gar behaupten, er habe in alten Kleidern eine hübsche Summe eingenäht gefunden). Auch dieser Nachbar und sein Weib hatten keine Kinder und scherzten gern mit uns; doch waren sie etwas rauh und launisch, und so freundlich sie uns das einemal begegneten, so bitterböse konnten sie das anderemal uns verfolgen. Im oberen Gemache ihres Hauses wohnte ein Taglöhner Tobis , der mit Kindern zum Überflusse versehen war. Wir Kleinen besuchten einander oft und tändelten gar gern auf der Stiege, die aus des Lumpenmichels Wohnung zum Tobis hinaufführte. Die Treppe war unten nicht mit Brettern belegt, so daß man frei zwischen den Stufen hindurchsehen und -greifen konnte. Gerade darunter war Michels Küchentür, mit einem großen Vorlegeschloß gesperrt. Nun fand sich einst, bei dessen Rückkehr vom Sammeln, das Schloß mit Sand gefüllt, daß man nicht einmal den Schlüssel anstecken konnte. Darüber ward Michel sehr aufgebracht: »Das hat des Zieglerhansen verwünschter Bube getan!« schrie er und zerschlug das Schloß mit einem Beile, lief damit zu meinem Vater und forderte Vergütung. Mein Vater fragte ihn, »woher er denn wisse, daß ich das Schloß verdorben habe?« »Dein Bube,« sagte Michel, »spielt immer auf meiner Stiege; niemand als er hat's getan!« Sogleich ward ich vorgerufen und strenge gefragt; allein ich wußte von der ganzen Sache nichts; denn, wahrlich: ich konnte mit meinen kurzen Ärmchen das Schloß weder auf der Erde stehend, noch von der Treppe aus erreichen, und hätte das böse Stückchen, aus Mangel des physischen Vermögens, nicht einmal tun können, wenn ich auch gewollt hätte. Aber es war mir gar niemals etwas dergleichen zu Sinne gekommen. Michel ließ sich jedoch nicht abweisen, schimpfte meinen Vater und drohte ihm zuletzt gar mit Schlägen. Darüber entbrannte meines Vaters Zorn, der sich in ein paar tüchtigen Faustschlägen auf Michels Kopf ergoß. Michel klagte bei der Polizei, und das Ende vom Liebe war: Jede der beiden Parteien mußte 45 Kreuzer Strafgeld erlegen. Indessen war meine Mutter begierig, mit Gewißheit zu wissen, ob ich denn wirklich das Schloß verdorben hätte oder nicht. Sie nahm mich allein auf die Seite, schmeichelte mir und wandte alle ihre Beredsamkeit an, um ein aufrichtiges Geständnis mir abzulocken. Allein immer sagte ich standhaft: »Mutter, ich hab's nicht getan!« Sie liebkoste mich und drohte mir, dennoch blieb ich fest auf meinem Nein. Endlich nahm sie einen Kreuzer in die Hand, hielt mir ihn vor die Augen und sagte: »Kind! sieh, wenn du mir's aufrichtig gestehst und nicht wieder leugnest, daß du Sand in das Schloß geworfen hast, so geschieht dir nicht nur kein Leid, sondern ich gebe dir auch dies Geld; du kannst dir etwas Gutes darum kaufen. Aber wenn du beim Leugnen bleibst, so wird dich der Vater tüchtig peitschen!« Was sollte ich nun tun? Sie wollte ja durchaus eine Lüge von mir. Dabei gewann ich Geld und blieb ohne Strafe; sagte ich aber die Wahrheit, wie bisher, so hatte ich Schläge zu erwarten, und zwar vom Vater, der sie schrecklich derb aufzählte. Also log ich aus Interesse zum erstenmale und sagte: »Ja Mutter, ich hab's getan!« – Statt des Kreuzers gab sie mir nun einen tüchtigen Schilling (die Rute) und hieb so lange drein, bis die Rute zerfuhr. Ich mochte beteuern, so hoch ich konnte, daß ich unschuldig sei und mich nur zu einer Lüge hätte überreden lassen; alles war umsonst, man maß mir keinen Glauben mehr bei. O, was litt da mein junges Herz! Wie ganz empörte dies Verfahren jedes meiner Gefühle! Ingrimm durchglühte mich, und ich haßte die Mutter und den Vater, und alles was mich umgab. Zum Glücke hielt dieser Zustand nicht lange an. Aber ich traute fast niemals mehr einem Versprechen und hatte nun sehr frühe die Wortbrüchigkeit, die Abel der Lüge und die Falschheit der Menschen kennen gelernt. Wahrscheinlich hatte dieser Vorfall beträchtlichen Einfluß auf die Bildung meines Charakters. Bald darauf ging der Kapuziner, Pater Homobonus Hantner , ein Verwandter meiner Mutter, durch Höchstädt und besuchte sie. Ich spielte eben mit einem kleinen Wägelchen. Da rief er mich Zu sich und fragte: »Wie heißest du?« »Xaverle,« sagte ich. »Ei,« fuhr er fort, »ich glaubte, du heißest Dorothee.« »Xaverle heiß' ich, nicht Dorothee,« erwiderte ich trotzig. Er hatte ein Bildchen in der Hand, auf dem, wie ich bei reifern Jahren sah, wirklich die heil. Dorothea, unter einem Baumblatte, das man wie ein Deckelchen aufheben konnte, abgemalt war. »Da nimm,« sagte er komisch ernsthaft, »dies ist dein Namenspatron; du heißest ja Dorothee!« Zornig rief ich: »Du lügst, du lügst!« schmiß das Bild auf den Boden und fuhr mit meinem Wägelchen weiter. Er aber hob sein Bild lächelnd wieder auf und legte es mir unvermerkt auf mein Fuhrwerk. Kaum sah ich es, so warf ich's weg und spie es an. Das brachte meine Mutter auf, der Kapuziner konnte sie nimmer abhalten, wie er bisher getan hatte; sie trug mich geschwind in die Küche und gab mir tüchtig die Rute. Dann mußte ich noch obendrein das verhaßte Bild auf dem Wägelchen herumführen. Als der Kapuziner fortging, sagte er mir: »Lebe wohl, Dorothee!« Grimmig antwortete ich: »Du lügst!« – und bekam von neuem die Rute. Ob mich dergleichen Behandlungen nicht immer wilder und hartnäckiger machen mußten? Doch ich vermute, meine Mutter wollte hier nur ein Beispiel ihrer strengen Kinderzucht geben; denn sie behandelte mich sonst sehr liebreich und nachsichtig. Wenn sie im Sommer zur Bleiche fuhr, um das im Winter gesponnene grobe Werggarn zu laugen, nahm sie mich gewöhnlich auf dem Schubkarren mit sich. Dann setzte sie mich unter Bäumen ins hohe Gras, sah von Zeit zu Zeit sorgfältig nach mir um und lehrte mich aus Löwenzahnröhrchen Ketten machen, Äpfel und eßbare Schnecken in der Glut braten und an den seichten Wassergräbchen buntgestreifte Schnecklein suchen. Ich bewunderte die Walk, die Kessel und andere Anstalten der Bleiche. Manchmal trafen dort noch mehrere Kinder zusammen; da wurden denn allerlei Spiele auf die Bahn gebracht, aus Binsen kleine Flößchen gebaut, und wohl gar den Fischen in des Bleichers Teiche nachgestellt. Bei dieser Gelegenheit lernte ich das sogenannte Felbergärtlein kennen, einen Platz an drei kleinen Teichen, dicht mit Weiden bepflanzt, am Wege von der Bleiche zum untern Stadttor. Dort im Schatten war mein liebster Aufenthalt. So oft ich vor die Stadt hinausschleichen konnte, lief ich dorthin. Geringelte Steckenpferdchen zu schneiden, aus jungen Weidenrinden Pfeifen zu machen, Blumensträuße zu binden, schönfarbige Steinchen am Ufer zu suchen und Frösche zu fangen, waren mir die angenehmsten Beschäftigungen. Ich erinnere mich noch, daß ich einst, da ich noch kaum die ersten Beinkleider trug, ganz allein vor's Tor hinausschlenderte, auf der Wiese und am Bache Blumen pflückte und bis an des Mussen , eines Fischers, großen Ackergarten kam. Da erblickte ich durch die Stauden der Hecke schönen roten Kornmohn im Getreide des Gartens und fand eine kleine Tür, die nur angelehnt war. Fröhlich hüpfte ich hinein, pflückte nach Herzenslust Kornmohn, Cyanen und Rittersporn und watete unbekümmert kreuz und quer durch die Ähren. Plötzlich ergriff mich eine starke Hand hinten beim Hosenbande und trug mich schreienden Knaben, wie einen Frosch, freihängend und zappelnd, unter Androhung des Ohrenabschneidens und Henkens, zum Hause des Fischers, wo mehrere Leute auf der Bank vor der Tür saßen und mich lachend empfingen. Wie weggewischt war die Angst von meinem Herzen, als ich so freundliche Mienen sah. »Wo solche Gesichter sind,« das empfand ich, »da geht es nicht aufs Henken los.« Wirklich gab mir die Fischerin statt der Schläge Kuchen, nahm mich kosend auf den Arm und suchte mich für den ausgestandenen Schrecken schadlos zu halten. O, das tat mir über alle Maßen wohl! Der Sohn des Hauses mußte mich noch obendrein, samt meinen Blumen, nach Hause bringen. Bei einem Jahrmarkte begaffte ich einst, in Gesellschaft ebenso kleiner Kinder, als ich selbst war, die Waren in den Krambuden. Vorzüglich gefiel es mir bei einem Tische mit vielen aus Töpferton gebrannten und buntglasierten Figürchen. Die Begierde, eines davon zu haben, wuchs in mir so heftig an, daß ich, nach langem Bewachen der Blicke des Krämers und der Umstehenden, wirklich mit nicht geringer Schlauheit ein Figürchen wegmauste und es unter mein Röckchen verbarg. Unbemerkt schlich ich damit fort, band dem Männchen zu Hause einen Faden um den Hals und ließ es, zum Fenster hinaus, an der Wand auf- und abtanzen. Da kam meine Mutter und fragte ganz freundlich: »Kind, wo hast du dies Männchen her?« Flugs war ich mit der Lüge da: »Ich hab' es gekauft!« – »Woher hast du aber das Geld genommen?« erwiderte die Mutter. – »Ich hab' es gefunden.« – »Wo?« – »Bei den Kupferschmieden unter den Ständen (Buden).« »Nun Hab' ich dich, du Lügner!« sagte sie nun sehr ernst, »die Kupferschmiede handeln nicht um Pfennige; gesteh nun augenblicklich, wie hast du's gemacht, das Spielzeug zu bekommen?« – Nun gestand ich aufrichtig alles. «Weil du denn die Wahrheit gesagt hast,« fuhr die Mutter fort, »so will ich selbst diesmal dich abstrafen; hättest du noch ferner geleugnet, so würde ich dich beim Vater verklagt haben.« Dann gab sie mir die Rute nach aller Strenge und machte mir treffende Vorstellungen über die Schwere meines Verbrechens, und daß dies der Anfang eines gottlosen, unglücklichen Lebens sei, welches gewöhnlich am Galgen oder durch Schwert und Rad geendigt werde. Zu guter Letzt mußte ich das entwendete Figürchen wieder heimtragen, und sollte den Krämer noch überdies um Verzeihung bitten. Ich schrie immer: »Ach Mutter, lieber noch einmal einen Schilling (die Rute)!« Aber es half nichts. Ohne Erbarmen mußte ich das Figürchen wieder die Stadt hinauftragen. Meine Mutter folgte mir in einiger Entfernung nach. Eine gute Weile verbarg ich mich im Gedränge und besann mich, wie ich meinen Raub am geschicktesten hinstellen könnte. Kaum war ich zu der Bude des Krämers gekommen, so bückte ich mich zwischen den Umstehenden hinab, setzte das Männchen geschwind auf die Erde unter dem Tische, sagte ganz ruhig: »Ich glaube, da ist etwas hinuntergefallen«, holte es herauf, um es ganz unbefangen auf den Tisch zu stellen, und lief, sobald es geschehen war, ohne weiteres davon. An eine Abbitte ward gar nicht gedacht, und meine Mutter, die mich am Tische des Krämers gesehen hatte, drang abends, als ich heimkam, auch nicht weiter darauf. Hätte sie vermuten können, daß ich, um nicht ein Dieb zu scheinen, so listig täuschen lernen würde, so wäre sie mir gewiß nicht von der Seite gegangen, bis ich mein Männchen zurückgegeben und wirklich abgebeten hätte; dann erst wäre die Korrektion ganz heilsam und vollständig gewesen. Aber bei der Art, wie ich es angehen durfte, mußte mir die schädliche Meinung im Herzen zurückbleiben, eine schlimme Sache sei durch Schlauheit immer, wenigstens in etwas, wieder gut zu machen. Der Vater hatte mir eine irdene Sparbüchse gekauft. Darein steckte ich alle Heller und Pfennige, die ich geschenkt bekam; denn ich sollte mir, wenn die Summe erst hinreichend wäre, etwas Schönes darum kaufen dürfen. Aber als ich einst das ersparte Geld wirklich verlangte, hatte man die Sparbüchse geleert, und ich erhielt noch dazu einen Verweis, daß ich allzu hitzig mein Eigentum forderte. »Dahinein stecke ich gewiß nichts mehr,« dachte ich und empfand mit lebhaftem Verdruß das Unrecht, das mir geschehen war. So oft ich nun etwas geschenkt bekam, verbarg ich es in seltsamen Winkelchen. Hinter unserm Stubenofen war ein enger Raum, den wir Kinder uns zugeeignet hatten und wohin wir flohen, wenn Vater und Mutter miteinander in heftigen Wortwechsel gerieten. Dort hielten wir uns stille, enge zusammengedrängt und ruhig, bis der Sturm vorüber war. Kaum wagten wir es, leise einander in die Ohren zu flüstern; denn wenn der Vater übler Laune war, so besorgten wir, es möchte, auch beim geringsten Anlasse, tüchtige Schläge setzen. Nun hatte ich einst einen Kreuzer in eine Ofenritze zwischen die irdenen Kacheln hineingesteckt; das merkte mein Bruder Hans Michel und wollte mit einer Messerspitze den Kreuzer herausholen. Ich wehrte es ihm und schob den Kreuzer noch tiefer hinein, zuletzt so tief, daß ich ihn selbst nicht mehr herausbringen konnte. Weil ich die Schuld auf ihn warf, entspann sich ein Wortwechsel zwischen uns, dessen Geflüster immer lauter ward. »Was gibt's da hinten?« rief endlich der Vater mit zorniger Stimme, denn er war eben mit der Mutter uneins geworden. Mein Bruder wagte es, den Hergang zu erzählen. »Spitzbube,« sagte mein Vater darauf und riß mich hinter dem Ofen hervor; »gehört das Geld in die Ofenritzen? weißt du nicht, daß du es in den Sparhafen legen sollst?« Dann gab er mir ein paar tüchtige Ohrfeigen, unter denen die eine so übel geriet, daß ich bald darauf gar nichts mehr hörte. Meine Mutter und die Ahnfrau kamen mir zu Hilfe und verwiesen dem Vater mit Bitterkeit seine Behandlungsart. Darüber ward er noch mehr aufgebracht und drohte, meine Mutter zu schlagen. Die Großmutter stellte sich zwischen beide und nannte ihn einen Tiger; da gab er ihr im Zorne eine Ohrfeige; sie lief zur Tür hinaus, gerade dem Großvater entgegen, der eben von der Arbeit heimkam, und klagte ihm, was ihr widerfahren war, auf die eindringlichste Weise. Mein Großvater, in seinem ganzen Leben der friedlichste Mann, ward darüber so aufgebracht, daß er mit seiner Axt in der Hand und mit dem Zimmermannswerkzeuge, das er in einem Korbe auf dem Rücken trug, in die Stube trat, und mit zürnendem Ernste sprach: »Hans, woher hast du das Recht, mein Weib zu schlagen? Ist das der Dank, daß wir dir geholfen haben? Du wärest wert, daß ich dir auch eins versetzte!« »Was?« rief mein Vater mit wachsendem Ungestüm, »du Zimmermännlein! du wolltest mich schlagen?« und griff nach dem Großvater; aber dieser floh und ging mit seinem Handwerkszeuge zu seinem Bruder. Denselben Abend noch mietete er eine andere Wohnung, und den andern Morgen kamen er und die Ahnfrau still und traurig herbei und trugen ein Stück ihres Hausgerätes nach dem andern hinweg. O, das war so ein schmerzlicher Anblick! Ich weiß es deutlich noch; ich stand auf der Gasse, unserm Hause gegenüber, am Gartenzaune der Klosterfrauen, und konnte nichts als schluchzen und weinen. Weil ich nun so taub war, daß ich gar nichts hörte, tat meine Mutter ein Gelübde, sie wolle in der Kapelle des sogenannten Zwinger-Herrgottleins , eines Kruzifixes im Zwinger, zunächst am obern Tore, eine Votivtafel aufhängen, wenn ich wieder hörend würde. Drei bis vier Wochen lang ging sie täglich dahin, um für mich zu beten, und ich hatte meine größte Freude, wenn ich so vor ihr her spazieren durfte; denn in der Nähe war eine erhabene Schanze, mit Sträuchern bewachsen, die ich überaus liebte, und wohin ich allzeit lief, wenn sie mir zu lange vor der Kapelle kniete. Die Taubheit war mir so wenig zur Last, daß ich meinen Verlust kaum bemerkte und beinahe froh war, nun nicht mehr zanken zu hören. Meine Mutter erzählte mir nachher, ihre tägliche Frage sei gewesen: »Xaverl! hörst du noch nichts?« aber nie hätte ich geantwortet. Ihr Herzeleid war unaussprechlich. Endlich, als man einst auf dem nahen Pfarrkirchenturm mit allen Glocken läutete, fragte ich sie, was so wunderlich summe? Sie faßte Hoffnung darob, und wirklich fand sie am folgenden Morgen mein ganzes Kopfkissen beschmutzt; denn ein Geschwür hatte sich geöffnet. Darauf hörte ich wieder sehr gut. Gott sei gedankt, daß er mir diesen so nötigen Sinn von neuem schenkte. Zweites Kapitel: In der Klosterschule und beim Kantor. Die Klosterfrauenschule – Allerlei Unarten – Die »Stiefelnonnen« – Erstes Schulgehen beim Herrn Kantor – Strafsitten – Der »Schilling« – Mechanische Tändeleien – Ueberladung des Magens und ein wichtiger Todesfall – Obstdiebereien – Unterhalt beim Großvater – Vergnügen im Grünen – Gefahren – Das Fischen – Das Erzählen – Hexen und Gespenster – Unterricht im Singen – Schöne Aussichten – Ich soll Geistlicher werden – Tagesordnung und erste Freundschaft – Jugendliche Religionsbegriffe – Die Blattern – Erster Verdienst – Die Bestechung und Strafe – Erdbeben und Ungewitter. Der Bube ist alt genug, er muß in die Schule,« sagte mein Vater, »so ist er unter Tages beschäftigt und kommt uns vom Halse.« Ich ward also zu unsern Nachbarinnen, den Klosterfrauen, in die Unterweisung geschickt. Die Buchstaben konnte ich bald nennen; denn Vater und Mutter unterrichteten mich auch zu Hause. Aber es litt einigen Anstand, bis ich begriff, daß man im Lesen die Namen der Mitlauter nicht ganz, sondern nur den Anfangs- oder Endlaut davon aussprechen, und also, wenn Baum stand, nicht Be-a-u-em sondern Baum lesen müßte. Als ich dies gefaßt hatte, ging mir das übrige leicht vonstatten. Meine Schulgespielen waren meistens kleine Mädchen oder sehr junge Knaben. Die Mädchen lernten Lesen, Schreiben, Nähen, Stricken oder Spitzen klöppeln usw. Aber die Knaben buchstabierten beinahe alle im Namenbüchlein. Wenn sie größer wurden, schickte man sie zu den Schulmeistern. Wollten die Nonnen uns belohnen, so gaben sie uns die Erlaubnis, in ihren schönen, großen Garten zu springen, oder das Kripplein zu sehen, oder den heiligen Joseph heimzusuchen. Die groteske Vorstellung der Krippe des Herrn mit beweglichen Figuren, mit holzhackenden oder den Pumpbrunnen ziehenden Männchen, oder einem umlaufenden Mühlrade und Springbrünnchen usw. war das ganze Jahr in einem besonderen Zimmerchen aufgestellt; ebenso der heilige Joseph, sitzend, mit einem veilchenblauen Schlafrock, einer weißen Halsbinde und roter Schärpe bekleidet, in Lebensgröße, mit Gliedern, die durch einen Zug beweglich waren, samt allen erdenklichen Zimmermanns- und Tischlerswerkzeugen, aus Holz geschnitzt und nach der Natur bemalt. O, wie freuten mich alle die schönen Siebensachen! Nie konnte ich mich satt daran sehen. Die Klosterfrauen hüteten sich auch wohl, uns den Anblick ihres Heiligtums so lange wir wollten zu erlauben; und es schien, als wenn sie es absichtlich darauf anlegten, daß uns dasselbe immer neu bleiben sollte. Wollte man uns aber bestrafen, so mußten wir entweder eine abscheuliche Brille mit Gläsern, wie große, runde Fensterscheiben auf die Nase setzen, und mitten in die Stube herausknien, oder wir wurden in die Waschküche gesperrt, oder mußten gar den Kopf in ein Ofenloch stecken, das sich in einem finstern Holzkämmerchen befand, um die Rute zu empfangen, ohne den Nonnen ein Ärgernis zu geben. Nun mochte mein Vater die Klosterfrauen nicht wohl leiden, erzählte von ihnen allerhand schnackisches Zeug und nannte sie nur spottweise die Stiefelnonnen . Deswegen achtete ich ihre Strafen und Verweise sehr wenig. Mußte ich mit der Brille in die Mitte hinausknien, so schnitt ich Gesichter und machte Grimassen, daß die ganze Schule laut auflachte. Denn ich konnte nichts weniger dulden als Schande und glaubte sie sehr zu vermindern, wenn ich mich mit einer Art von Verachtung darüber belustigte und mir durch eine gewisse auszeichnende Lebhaftigkeit wenigstens ebensoviel Ehre bei den Schulkindern erwürbe, als mir die Strafe Erniedrigung zuzog. Einst wollte die Lehrerin mir die Rute geben; allein ich riß mich los, sprang zum Fenster in den Garten hinaus und schrie immer »Stiefelnonne, Stiefelnonne,« rettete mich durch die Gartentür und schlüpfte durch eine Regenrinne unter dem großen Tore in unsre Gasse hinaus. Eine leere, mit Gras bewachsene Kalkgrube war auf dem Hofraume des Klosters, hart an der bretternen Verzäunung, die ihn von unserm Gäßchen schied. Ich fand ein Astloch in einem Brette, der Grube gerade gegenüber. Ehe man in die Schule ging, saßen die Mädchen, welche zu frühe gekommen waren, gewöhnlich ringsherum am Rande der Grube und plauderten miteinander. Lange belauschte ich sie; endlich fiel es mir ein, sie zu erschrecken. Ich nahm also den Mund voll Wasser und spritzte es durch die Öffnung hinüber. Hu! das gab ein Lärmen! Als ich in die Schule kam, hatten mich die benetzten Kinder schon angeklagt, als hätte ich zu ihnen hinübergep.... »Du gottloser Bösewicht!« sagte die Lehrerin, »du bist nicht wert, daß wir unsere Hände mit dir besudeln; wir wollen dich aber gewiß deinem Vater zur Strafe empfehlen. Fort indessen! ins Gefängnis mit dir! Ein so garstiger Bube möchte sonst unsre ganze Schule verpesten!« Ich mochte sagen, was ich wollte; ohne angehört zu werden, mußte ich in die Waschküche wandern, und man schloß die Tür fest hinter mir zu. Das Waschhaus war am Abhange des Hügels erbaut, auf dem das Kloster stand. Die eine Seite des Daches reichte bis auf den Grund des höherliegenden Küchengartens herab; die engen Fensterchen an der andern Seite waren dicht mit Brettern verschlossen. Also alles finster. Die Weile ward mir in meinem Gefängnis erbärmlich lange, obschon es lieblich nach Obst roch. Umsonst versuchte ich alle Ausgänge. Nur oben in der Decke erblickte ich eine Öffnung, durch die etwas Licht hereinfiel. Ein großer Waschzuber stand gerade darunter umgestürzt auf dem Boden; Wäschestangen lagen an der Wand. Ich bemühte mich, ein paar davon aufzurichten und in die Öffnung zu stellen, stieg auf den Zuber, kletterte an den Stangen empor und schwang mich mühsam durch die Öffnung. Sieh, da lagen oben schöne Äpfel in der niedlichsten Ordnung auf Stroh und Brettern umher. Unbekümmert aß ich, so viel mein Magen fassen mochte, füllte in Ermangelung eines Sackes die Beinkleider und das Hemde damit, öffnete den kleinen Laden eines Dachlichtes, und glitt über das Dächlein in den Küchengarten hinab. Um aus dem Garten zu kommen, mußte ich aber bis zur Tür schleichen, die hart unter den Fenstern der Schule angebracht war. Die Lehrerin erblickte mich und rief mich an. Wie im Fluge lief ich den Hügel hinab zum Hoftore und versuchte, wie ehemals durch die Regenrinne zu entschlüpfen. Allein mir erging es diesmal, wie dem dickgewordenen Fuchse im Hühnerstalle: kaum war ich bis an die Beinkleider durchgekrochen, so blieb ich stecken; denn die Äpfel darin hatten mich zu dick gemacht. Ich sah mich gezwungen, zurückzukriechen, erblickte sogleich die Klosterfrau, die mich verfolgte, und wußte in der Eile keinen bessern Rat, als mich an die nahe Mistpfütze zu flüchten. Dort wartete ich, bis sie mich haschen wollte, sprang rechts, wenn sie zur Linken der Pfütze lief, und links, wenn sie sich rechts wandte, und das so lange, bis sie des Laufens müde war und mich drohend verließ. Sie verklagte mich bei meinem Vater. Allein ich mußte ihm, ehe er mich strafte, den Streich erzählen, und er lachte öfters hell dabei auf. Zuletzt gab er mir zwar einen derben Verweis; aber das schlechtverborgene Lächeln hinten im Winkel seines Mundes sagte mir deutlich, daß ihm mein Abenteuer eben nicht sehr mißfiel. »Für die Stiefelnonnen ist der Bube zu meisterlos,« sagte mein Vater, »ich will ihn zum Kantor schicken.« Meine Mutter führte mich den andern Tag hin. O wehe, da war eine ganz andere Zucht! Ich sah schon in der ersten Stunde allerlei greuliche Exekutionen. Da bekam einer mit der Ochsensehne einen mörderlichen Spanniol auf die gespannten Beinkleider; dort wickelte der Lehrer einem andern einen Mantel um den Kopf, damit er nicht schreien könnte, und führte ihn in das sogenannte Speckkämmerlein, wo ihm entweder mit der Rute oder gar mit der Ochsensehne das nackte Sitzfleisch fürchterlich durchgegerbt ward. Wenn so ein Bube wieder herauskam, wälzte er sich gewöhnlich vor Schmerzen auf dem Boden, und der Kantor stieß ihn wild lachend mit Füßen. Die geringste Strafe war, wenn man mit der Lederfeile auf die zusammengepreßten fünf Fingerspitzen, oder mit einer kurzen Ochsensehne, in der vorne eine bleierne Kugel angebracht war, auf die offene Hand sogenannte Tatzen (Hiebe) bekam. 0, wie machte mich da die Furcht so ruhig! wie lernte ich mein Evangelium so fleißig lesen! Dennoch konnte es nicht fehlen, ich mußte manchmal eine der obigen Exekutionen an mir vollziehen lassen. Wenn die Schule zu Ende ging, war ich wenigstens so froh, wie eine Meise, die dem Käfig entkommt. Nun fing ich auch an, das Schreiben zu lernen. Mein Vater konnte selbst ganz artige Buchstaben zeichnen, aber, was er geschrieben hatte, nimmer lesen. Da saß er nun an Sonn- und Feiertagen immer neben mir, einen Stecken oder eine Ochsensehne in der Hand, und schlug mich derb auf die Finger, wenn ich einen falschen Zug machte. Bei dieser Arbeit schwitzte ich allzeit große Tropfen. Kaum konnte ich die Buchstaben von freier Hand malen, so wagte ich es, einen Danksagungsbrief an meine Ahnfrau zu schreiben. So wie die Laute der Wörter nach der schwäbischen Mundart aufeinander folgten, so wählte ich auch die gehörigen Buchstaben dafür, wodurch eine ganz besondere Orthographie in meinen Brief gebracht ward. Niemand half mir dazu, und als ich ihn durch meinen Bruder der Ahnfrau schickte, weinte sie vor Freuden, zeigte den Brief herum und lobte mich über die Maßen. Dies war mir mehr Aufmunterung als alle Schläge. Bald mußte ich auch im Lesen geschriebener Briefe mich üben. Da lag ich oft selbst mit mir im Streite, wie dieses oder jenes Wort abgeleitet wäre, wie die Zusammenfügung der Silben geschehen, oder wie es nach meinem Sinne geschrieben werden müßte. Freilich irrte ich meistens; aber dennoch glaub' ich, dies Räsonnieren über Wörter war nicht ganz unnütz. Der Marder würgte in einer Nacht mehr als 60 Tauben in unserm Schlage ab, und der Vater kaufte weiter keine andern. Da kehrte ich mir das Taubenhaus rein aus, säuberte es, so gut ich konnte, und machte es zu meinem Studierstübchen. Sobald ich nach Hause kam, setzte ich mich hinein und lernte das aufgegebene Pensum, fertigte meine Schrift, schnitzte dann, wenn Regenwetter einfiel, allerlei kindisches Zeug, oder lief, wenn der Himmel heiter war, zu den Buben auf die Gasse. Schläge, noch mehr aber Lob hatten mich an diese Ordnung gewöhnt. Einst redete mir Herr Kantor sehr eindringend und in vertraulichem Tone zu, ich sollte fleißig lernen, und malte mir alle guten Folgen davon lebhaft vor Augen. Da brach ich in die Worte aus: »Ja, Herr Kantor, das Lernen wäre schon recht, wenn es nur nicht so viele Mühe kostete!« – »Du Tagdieb,« sprach er dann und griff lächelnd nach der Ochsensehne, »meinst du, es sollen dir die gebratenen Vögel in den Mund fliegen? Es ist kein Mensch in der Welt, der nicht arbeiten muß, und du wolltest allein jede ernsthaftere Bemühung scheuen? Dies Werkzeug wird dir den guten Willen schon eingießen, wenn du nicht freiwillig fleißig sein willst!« Diesmal ging es zwar noch ohne Schläge ab: allein meine obige Äußerung wurde mir so oft vorgerückt, als ich in einem Pensum stockte, und dann allzeit sehr derb und auf die handgreiflichste Weise widerlegt. Fleißig lernte ich, was mir der strenge Mann zu lernen befahl, und erschien, von der Furcht gejagt, gewöhnlich einer der ersten vor dem Schulhaus. Manchmal fügte es sich, daß ich zu frühe kam. Um mir dann die Zeit zu kürzen, setzte ich mich auf dem Kirchhofe in eine trockene Regenrinne, legte mein Büchlein offen neben mich hin und tändelte während des Auswendiglernens im Sande. Dies bemerkte Herr Kantor, wie ich nachher erfuhr, mit nicht geringem Wohlgefallen und ward dadurch bewogen, mich vor andern zum künftigen Studenten auszuwählen. Wenn mein Vater nicht eben bei schlimmer Laune war, betrug er sich herzlich gut und freundlich gegen uns. Er saß oft bis nachts 12 Uhr am Tische und schnitzte für uns Kinder allerlei Maschinen zum Spielen. So verfertigte er z. B. kleine Handmühlen, auf denen wir Sand abmahlen konnten, oder bohrte Löchlein in einen hölzernen Teller und steckte kleine Tannenzweige darein, daß es aussah wie ein Wäldchen, mit Jägern, Hirschen und wilden Schweinen bevölkert. Die Figuren wußte er selbst mit Mennig und Grünspan zu malen. Aber ich erinnere mich Wohl, seine Jäger gefielen mir nicht; alle waren garstig gebückte Karikaturen, die zum Schießen bereit lagen und entsetzlich große Nasen hatten. Darin setzte er seine Hauptstärke, wenn er zeichnete. Dennoch begafften wir die bunte Arbeit mit Herzenslust und beobachteten alle Handgriffe mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit, um selbst Maschinen von unserer eigenen Erfindung zu bauen oder allerlei Figuren nachzuklecksen; Versuche, die uns gewiß nicht ganz unnütz waren, und immer geringe Übungen unsrer jugendlichen Kräfte. Einst hatte ich eine Art Schöpfbrunnen gekünstelt, den ich einen Schnadrigengges nannte, ohne wirklich einen deutlichen Begriff mit diesem sinnlosen Worte zu verbinden. Ich brachte ihn in die Stube, als eben der Metzger da war, der uns ein Schweinchen abgestochen hatte. Er bewunderte zum Spaße mein kindisches Machwerk und sagte, ich sollte bei ihm einsprechen, er wollte mir gewiß mit gutem Essen aufwarten. Das Lob tat mir so wohl, daß ich nun immer an neuen Maschinen arbeitete. – Der Metzger war meiner Ahnfrau Bruder. Sie nahm mich bald darauf mit sich, als sie ihn besuchte, und mein Vetter hielt Wort und setzte mir eine ganze Schüssel voll Grüben (Greuben) vor. So nennt man in unsrer Gegend die kleinen dürren Schwartenbröcklein, welche übrig bleiben, wenn man Schweineschmalz aussiedet. Ich aß mit dem größten Appetit, bis ich einen Ekel empfand. Bald darauf ward mir überaus wehe, und meine Großmutter hatte viel auszustehen, bis sie mich heimbrachte. Wie tot lag ich eine Weile zu Hause, schlief endlich ein und erwachte den andern Tag frisch und gesund; aber noch heute ekelt mir vor Schweinefett. Der Metzger kam ein andermal wieder zum Schlachten in unser Haus. Er brachte zum Spaße Greuben mit, aber ich lief davon, sobald ich sie roch. Wir hatten eine einzige Kuh, die so fromm war wie ein Lamm. Wenn die Mutter abends noch nicht vom Felde gekommen war, ließ sie sich willig von mir an die Kette legen und hütete sich wohl, mich zu treten, auch sogar als ich einmal aus übergroßer Geschicklichkeit unter sie hineinfiel. Solange sie lebte, konnte jeder von uns Knaben zur Sommerszeit alle Morgen ein Geschirrchen voll saurer, gestockter Milch essen, damals eine meiner liebsten Speisen. Dieser Kuh schien einst etwas zu fehlen. Meine Mutter ließ einen Hirten (den sogenannten Schweizer) kommen und fragte ihn um Rat. Ich weiß es noch, wie er sagte: »Die Kuh hat die Erbsen (eine Krankheit), wenn ihr mir folgen wollt, so schlachtet sie ab, ehe sie zugrunde geht.« Das war uns allen ein Donnerschlag. Der Vater konnte keine andere kaufen; denn er hatte nicht soviel Geld, weil er das meiste einem Manne von Donauwörth gegeben hatte, damit er im Darmsaitenmachen bessern Unterricht erhalten und der schweren Zieglerarbeit los werden möchte, die er nun schon mehrere Jahre bei seinem Bruder, dem Ziegler zu Höchstädt, verrichtete. Allein was konnte man tun? Wenn man nicht den Wert des Fleisches verlieren wollte, so mußte die Kuh geschlachtet werden. Der Metzger ward also gerufen. Man brachte das Schlachtopfer aus dem Stalle, band es an einen Balken des Hauses und führte den tödlichen Streich. Ach, ich schrie und schluchzte vor innigster Wehmut und konnte den mörderlichen Anblick nicht ertragen, als das gute Tier erschlagen da lag, und noch die letzten Zuckungen seine Füße bewegten. Laut weinend lief ich weg. Nun hatte es mit dem Milchessen für immer ein Ende! Desto hungriger strebten wir nach Obst. Aber in unserm Gärtchen wuchs keines, und Geld hatten wir nicht, um eines zu kaufen. Selten bekamen wir ein paar Birnen geschenkt. Mein Bruder Hans Michel und ich machten also gemeine Sache miteinander und schlüpften durch die Hecke, die unser Gärtchen von dem großen Garten der Klosterfrauen trennte. Immer lag da herabgefallenes Obst unter den Bäumen. Wir füllten geschwind unser Beinkleidermagazin und krochen wieder durch die Hecke. Das trieben wir ziemlich lange, ehe man es bemerkte. Wir wurden immer verwegener. Schon warfen wir mit kleinen Prügeln das Obst herunter. Zuletzt stiegen wir gar hinauf und rissen ab, was uns gefiel; denn im Umgang mit andern Knaben hatten wir bereits auf Bäume klettern und kühner rauben gelernt. Wir gruben in unsern Heustock ein Loch, so tief wir es graben konnten; in diesem Loche, das wir, nach anderer Buben Weise, ein Mautenhohl nannten, verbargen wir alle gesammelten Früchte und besuchten es, so oft wir Hunger hatten. Nach und nach bemerkten die Klosterfrauen unsern Unfug und lauerten auf die Diebe. Einst war ich auf einen Baum gestiegen und warf Birnen herab, mein Bruder las sie unten auf. Da sprang eine Klosterfrau auf uns zu. Mein Bruder rief: »Xaverl, lauf!« und schlüpfte geschwind durch die Hecke. Bis ich vom Baume herabkam, war die Klosterfrau sehr nahe. Dennoch entlief ich ihr. Aber im Durchkriechen durch die Hecke stießen mir die Dornen den Strohhut vom Kopfe, und bis ich mich umwenden konnte, um ihn herauszulangen, hatte ihn die Klosterfrau weg und drohte, ihn meinem Vater zu geben, der mich gewiß wegen der Gartendieberei tüchtig abprügeln sollte. Es würde auch richtig geschehen sein, wenn sie geklagt hätte. Denn so wenig er sich erkundigte, woher wir unser Obst nähmen, so strenge verbot er uns das Steigen in fremde Gärten, weil er fürchtete, man möchte uns ertappen und in das Narrenhäuschen führen lassen, welches mit Hineinsperren und Herauslassen 21 Kreuzer gekostet hätte; und das war für ihn keine geringe Summe. Jämmerlich schrie ich also und bat um meinen Strohhut. Die Klosterfrau ließ sich endlich, vielleicht weil sie die Strenge meines Vaters kannte, bewegen und reichte mir den Hut wieder; aber ich mußte versprechen, nicht mehr durch die Hecke zu schlüpfen. Meiner Mutter jedoch erzählte sie den Vorfall. Diese hielt mir eine lange Strafpredigt darüber, stellte mir die Schuldigkeit, das gegebene Wort zu halten, recht lebhaft vor Augen, und wußte die Unredlichkeit derer, die ihr Versprechen nicht halten, mit den lebendigsten Farben zu malen. Da entfuhr mir zuletzt die Rede: »Ei Mutter, denkst du noch an den versprochenen Kreuzer wegen des Schlosses des Lumpenmichels?« Sie war betroffen darüber, und das Predigen nahm ein Ende. Weil wir nun fürchteten, man würde uns wieder ertappen, und doch die schönen Früchte nicht gern ganz entbehren mochten, so holten wir ein paar andere Knaben in unser Gärtchen und ließen sie durch die Hecke kriechen: »Euch kennt man nicht, aber uns,« sagten wir. Die Knaben brachten uns Äpfel und Birnen, soviel wir wollten. Endlich wurden die Klosterfrauen gewahr, daß wieder Diebe durch unsere Gartenhecke passierten. Um jedermann die Luft zu vertreiben, hindurchzuschlüpfen, beschmierten sie den Grasboden, zunächst an der Hecke, eine ziemliche Strecke weit, mit dem abscheulichsten Unflat. Unsere Buben ließen sich aber dadurch nicht irre machen: »Man kann's wieder abwaschen«, sagten sie und krochen wie vorher hindurch. Selbst mein Bruder Hans Michel wagte es, ihnen Gesellschaft zu leisten. Leise schlichen sie sich an einen Baum; mein Bruder stieg hinauf und schüttelte, seine beiden Gefährten klaubten unten und ich lauschte durch die Hecke, um ihnen sogleich ein Zeichen zu geben, wenn die Klosterpforte sich öffnen würde. Aber an's Gartenhäuschen hatten wir gar nicht gedacht, aus dem plötzlich eine Klosterfrau hervorsprang und meine Gespielen verfolgte. Die Klauber liefen fort, sie ihnen nach bis an die bestrichene Stelle. Beide Knaben konnten nicht auf einmal durch die Lücke schlüpfen; da blieb der eine mitten auf dem unreinen Platze stehen, schnitt Grimassen, tauchte die Hände in Unrat und hielt sie ihr lachend entgegen. Was Rats? Wollte sie nicht beschmutzt werden, so mußte sie gehen. Also lief sie zum Baum, auf dem sich mein Bruder im dichtesten Laube versteckt hielt. »Ich sehe dich schon,« rief sie hinauf, »du mußt mir in's Narrenhäuschen. Steige nur herunter, oder ich stoße dich mit dieser Stange herab.« Wirklich ergriff sie auch die im Grase liegende Stange; aber der Bube stieg bis zum höchsten Wipfel hinauf, wohin die Stange nicht reichte. »Ich will dich da droben schon zeitig werden lassen,« sagte sie, warf ihre lange Stange weg und ging unter dem Baume umher. Uns wurde um den Belagerten bange. Wir warfen also ungesehen mit Steinen und morschen Birnen nach der Klosterfrau. Allein sie stellte sich so, daß sie der Stamm des Baumes vor unsern Würfen beschützte. Endlich ergriff der Gefangene auf dem Baume ein sehr einfaches Rettungsmittel, an das wir alle nicht gedacht hatten; denn die Angst ist erfinderisch. Er machte es beinahe wie der Fuchs, wenn ihn ein Hund zu lange verfolgt, und p...te auf die Nonne herab. Da lief sie, wie gejagt, von ihrem Wachtposten ins Freie, zankend und sich abtrocknend; und ehe sie es vermutete, war der Knabe den Baum herabgeklettert und entlaufen. Vergebens drohte sie uns. Der Vater vernahm nachher die Posse, aber sie dünkte ihn zu lächerlich, als daß er uns hätte bestrafen sollen. Vielmehr liebte er den Hans Michel seines schnellen Witzes wegen, der sich auch in andern Fällen äußerte, nur desto mehr. So gut, wie bei den Klosterfrauen, gerieten dergleichen Streiche im Schloßgarten nicht. Der Schloßjäger war zugleich Gartenhüter. Wir fürchteten nichts so sehr als sein Geschoß. Dennoch wurde manchmal ein Haufen Knaben einig, die schönen Kirschen zu besuchen, die ihnen über den Bretterzaun herüber so einladend zulachten. Einst hatten wir Rat gehalten, wie wir mit der geringsten Gefahr das Wagestück unternehmen könnten. Die meisten Stimmen fielen dahin aus, wir wollten unten am Zaune ein Brett losmachen, damit einer nach dem andern hineinkriechen könnte, zwei sollten Wache halten und die Beute am Ende mit uns teilen, aber sobald sie etwas Verdächtiges bemerkten, uns sogleich ein lautes Zeichen geben. Der Entschluß ward ausgeführt. Dort, wo zunächst am Boden ein Brett des Zaunes an einen eingerammten Pfahl befestigt war, rissen wir es mit vieler Mühe von den Nägeln los, spreizten es mit einem kurzen Stecken so weit auf, daß wir einzeln unter der Spreize hindurchkriechen konnten, und bestiegen die Bäumchen umher, die voll schöner Kirschen hingen. Weil wir kein anderes Kleid als Beinkleider und Hemden am Leibe hatten, mußten uns dieselben für Taschen gelten. Plötzlich erschallte das Pfeifchen unsrer Wächter. Alle sprangen von den Bäumen. Es ward ein großes Gedränge am engen Ausgange, den wir uns bereitet hatten. Einige der Größern schwangen sich in der Angst über den Zaun; ich versuchte es auch, aber ich war zu klein, als daß es mir gelingen konnte, und mußte also durch die schon besetzte Öffnung zu entkommen eilen. Allein ich ward der letzte, und meine Vorgänger hatten im Durchkriechen die Spreize losgerissen, so daß mich das Brett durch seine Federkraft klemmte, meine Kirschen größtenteils zerdrückte und die Flucht verzögerte. Der Jäger kam indessen gelaufen und wollte mich bei den Beinen zurückziehen. Allein ich stemmte mich, weil ich einmal die Arme los hatte, so fest dagegen, daß er sein Vorhaben aufgab, mir die Beinkleider abstreifte, die nahestehenden Brennesseln abriß und derb damit auf mich loshieb, bis ich seiner müden Hand entschlüpfte. O, das brannte! Froh, entkommen zu sein, und doch heulend lief ich ins Felbergärtchen, stach mit meinem Messerchen geschwinde ein Stück Rasen los und setzte mich in die frische Erde, so wie wir Knaben ein Glied mit Erde zuzudecken pflegten, welches der Stich einer Biene verletzt hatte. Der ganze Trupp unsrer kleinen Korsaren sammelte sich um mich her, um seinen Spott mit mir zu treiben; das schmerzte beinahe so sehr, als das Peitschen mit Nesseln. Und als ich abends nach Hause kam, meine Beinkleider ausziehen sollte und nicht wollte, und der Vater die Makeln von den zerdrückten Kirschen im Hemde sah, da bekam ich erst noch obendrein einen neuen Lohn. »Wo bist du wieder in den Garten gestiegen?« fragte er zornig; ich mußte gestehen und erhielt, als er vom Schloßgarten hörte, eine doppelte Tracht Schläge und damit gute Nacht. Nachdem unsere Kuh geschlachtet war, hatten wir einen guten Teil weniger Nahrung; man mußte Schmalz, Butter und Milch kaufen. Der Großvater hatte mich immer noch sehr lieb; er erbot sich, mich zu nähren. Ich war herzlich froh, von der geringen Kost der Eltern in eine etwas bessere zu kommen. Es hatte immer geheißen: Sauerkraut und Brot, Erdäpfel und Brot, und wieder Sauerkraut und Brot usw. Jetzt hieß es doch: Suppe und Nudeln (Gebackenes), allerlei Gemüse, und an großen Festtagen wohl gar Fleisch. Noch mehr aber freute es mich, die Verweise meines Vaters nun nicht mehr so oft wie vormals anhören zu müssen. Zwar durfte ich nicht beim Großvater schlafen, sondern mußte jeden Abend in des Vaters Wohnung zurückkommen, um da zu übernachten; aber ich war doch unter Tags glücklicher, als ich bisher gewesen war. Wenn ich morgens zur Schule ging, führte mich der Weg am Hause, wo die Großeltern wohnten, vorüber; dort blieb ich allzeit, unten an der Fensterwand, stehen, rief so lange hinauf, bis mich die Ahnfrau hörte, und bat um ein Stück Schulbrot, das sie mir niemals verweigerte. Einst trieb man eben die Viehherde aus, als ich unten auf der Gasse stand und mit aufmerksamen Blicken das Fenster hütete, woher ich mit Proviant versehen werden sollte. Plötzlich packte mich etwas rückwärts bei dem kleinen Wams und warf mich ziemlich hoch in die Luft, daß ich sehr unsanft auf das Steinpflaster zu sitzen kam. Als ich mich umsah, war's der Herdenstier gewesen, der sich das Vergnügen gemacht hatte, mich kleinen Schreier auf die Hörner zu laden und spielend ein wenig empor zu schleudern. Doch tat mir der Fall nicht den geringsten Schaden. Aber mehr als zwanzigmal kam mir nachher diese Geschichte, wunderlich verstaltet, im Traume vor, und gar oft mußte ich mit Stieren kämpfen. Der Großvater und ich machten ordentlich Partei gegen die Ahnfrau, wenn sie uns nicht kochen wollte, was wir gern aßen. Noch erinnere ich mich z. B. wie wir einst bei Tische saßen und Sauerkraut aufgetragen wurde. Das war nun eben unsre liebste Speise nicht. »Schon wieder Kraut!« sagte der Großvater mit verzogenem Munde und stieß mich lächelnd an den Ellbogen. Ich hatte eine Dohle neben mir auf der Bank sitzen, mit der ich zu spielen pflegte. Diese nahm ich auf die Hand und hielt sie so an die Schüssel, daß ihr Schweif in das Essen sah, und sagte einen boshaft kindischen Schwabenreim. Mein Großvater wollte sich darüber beinahe außer Atem lachen; aber die Ahnfrau nahm zornig den Kochlöffel und hieb tapfer auf mich zu: »Was? du Kröte, willst mir das Essen verachten? Wirst noch einmal froh sein, wenn du genug Kraut hast!« – Auch wollte sie der Dohle den Hals umdrehen; aber lieber hätte ich mich selbst erdrosseln lassen, als meinen Vogel. Indessen eilte mir der Großvater zu Hilfe, zog sein ledernes Käppchen und schlug zum Spaße damit auf die Ahnfrau los, bis sich der Krieg mit Lachen endigte. Dergleichen Szenen waren nicht selten. Vor dem untern Stadttor erhebt sich das Zimmerhaus am Ufer des Altwassers , eines langgestreckten Teiches, wo ehemals die Donau floß. Mein liebes Felbergärtchen, Wiesen, allerlei Obstgärten und eine Brücke waren nicht fern. Dorthin nahm mich oft mein Großvater mit. 0, wie freute ich mich da, über die hoch aufgehäuften Baumstämme klettern, oder mich hinter den ordentlich übereinandergelegten Brettern verbergen und in der Gegend umherhüpfen zu können. Zuweilen nahm mich auch die Ahnfrau zum Kümmellesen mit. Ich sammelte fleißig meine kleine Bürde und ward nicht müde, nach Schmetterlingen zu laufen. O, wie wohl tat es mir, im hohen, lieblich duftenden Grase zu waten, wenn ich eben vorher den halben Tag in der dumpfigen Schule gesessen und schüchtern geseufzt hatte! Nur der Durst quälte mich zuweilen. Da gab mir die Ahnfrau Sauerampferblättchen zu kauen, oder die süßen Honigbehälter des Wiesenklees, ein angenehmes Linderungsmittel des brennenden Durstes! Manchmal, wenn der Großvater im Walde Holz fällen half, durfte ich sie begleiten, um ihm Speise und Trank zu bringen; da lehrte sie mich jedes Kraut, das uns aufstieß, jeden Baum, dessen Gestalt mich sonderbar dünkte, jeden Vogel, dessen Laut wir vernahmen, kurz, alle neuen Gegenstände, die uns begegneten, kennen. Dies hatte unendliche Reize für mich. Auch mein Vater nahm mich zuweilen, wenn ich eine hübsche Schrift geschrieben hatte, in das sogen. Fischerhölzlein mit, wo es Hasen und Vogelnestchen gab. Er machte mich auf alles aufmerksam, zeigte mir verschiedene Gewächse und Tierchen und erzählte mir von manchen Dingen, wozu sie brauchbar wären. Am Dreifaltigkeitssonntage gingen meine Eltern, einer alten Gewohnheit zufolge, in das Feld hinaus zu einer Bildsäule, auf der die drei Personen der Gottheit in Wolken abgemalt waren, und pflegten da ihre Wallfahrtsandacht. Wir Kinder durften sie begleiten. O, wie schön dünkte uns da immer das weite unabsehbare Kornmeer voll bunter Blumen und Kräuter, voll Lerchengesang und Wachtelschlag! Dann besahen wir unser kleines Ackerfeld und empfanden große Freude darob, sagen zu können: das blüht und wächst für uns. An andern Feiertagen führte mich der Vater in den Wald an der Donau, wo wir im Sommer Erdbeeren pflückten, oder im Herbste Haselnüsse lasen, oder die besten Plätze suchten, um Eicheln, dürres Holz und Laub zu sammeln. Da zeigte er mir wilde Tauben, Hasen und allerlei Raubvögel und einen Biberbau; und erzählte mir, wie er einst mit bloßer Hand einen Biber, den er für eine Fischotter hielt, fangen wollte, und wie ihm der Biber mit seinen Hauzähnen beinahe die Hand abgeschlagen hätte. Nachdem ich einmal in der Gegend vor dem Tore bekannt war, lief ich ins Freie hinaus, so oft es anging, und traf da meistenteils Gesellschaft von andern Knaben an. Im Sommer, nachmittags an Feiertagen, nahmen sie mich oft zum Baden mit. Es war zwar scharf verboten, allein wir hatten des wenig acht; trockneten, ehe wir zur Vesper gingen, unsere Haare fleißig, damit man uns nicht ansehen möchte, was wir getan hatten; oder blieben gar vom Gottesdienste weg, wenn es uns nicht gelingen wollte, trocken zu werden. Einst badeten wir uns in einem seichten Arme der alten Donau, über welchen ein Brückchen geschlagen war. Wir liefen nach der Reihe mitten auf das Brückchen und stürzten uns in die Kühlung hinab. So trieben wir's, bis zwei Ratsherren mit einem kleinen Hunde des Weges kamen, der über das Brückchen führte. »Flieht, Buben, flieht,« rief unser Anführer, ein größerer Knabe, »sonst bekommen wir alle einen Stadtschilling« (öffentlich auf dem Markte die Rute). Jeder nahm also seine Kleider an den Arm, und lief, was er konnte, nackt eine lange Wiese hinab, bis wo unser kleines Badwasser in die Donau floh. Dort stand eine große Salzzille (ein Schiff). Wir sprangen, vom Hunde der Herren verfolgt, in das Schiff und warfen uns in die Kleider; die Herren kamen immer näher. Ein panischer Schrecken ergriff uns. Ein Knabe schrie: »Wir müssen das Schiff losmachen; Messer her, Messer her!« Da schnitten einige die Bänder entzwei, an denen das Schiff befestigt war, und es schwamm die Donau hinab. Eine gefährliche Unvorsichtigkeit! Wir hätten alle ertrinken können, denn es war kein Ruder im ganzen Fahrzeug, und unten, beim Dorfe Sondernheim, ragten Felsen aus dem Wasser. Wir fingen auch die Gefahr zu fühlen an. Zu gutem Glücke aber legte das Schiff sich selbst an's Gestade, und wir konnten aussteigen. Ich zweifle sehr, ob es gut getan ist, das Baden den Kindern ganz zu verbieten. Denn die Erfahrung lehrt allenthalben, daß ungeachtet der strengsten Verbote die Knaben im Sommer doch zum Baden an versteckte Uferplätze gehen. Wäre es nicht am besten, wenn die Obrigkeit gewisse gefahrlose Stellen in Flüssen und Bächen zu diesem Gebrauche bestimmte, und nur das Baden an andern Stellen bei Strafe untersagte? Manchmal saßen wir, ohne die Kleider abzulegen, mitten in das Bächlein hinein, das durch die Stadt fließt, und machten Teiche mit einem starken Ausfluß, bei dem wir ein Mühlrädchen mit einer Welle und Klöppeln anbrachten, die wir selbst geschnitzt hatten; oder wir machten aus hohlem Schilfrohr Wasserleitungen und Rohrbrunnen; zwei meiner liebsten Beschäftigungen. Wenn uns die Leute sagten: »Ei, Buben, eure Kleider werden ja tropfnaß,« antworteten wir unbekümmert: »O, sie trocknen schon wieder!« Ich war immer sehr gierig nach Fischen und kaufte mir deshalb eine Angel; der Vater drehte mir aus Roßhaaren eine Schnur daran; ich ging auf die Brücke über das Altwasser, das von Barschen wimmelte, und versuchte einige zu fangen. Manchen zog ich auf die Brücke und verletzte mich an seiner stachligen Rückenfeder, wenn ich verhindern wollte, daß er mir nicht mehr ins Wasser tanzte. Aber die Fischer verjagten mich bald von der vorteilhaften Stelle und nahmen mir Angel und Rute. Deswegen tat ich jedoch nicht auf allen Fischfang Verzicht. Wir haschten Steinkrebse und Gründlinge in kleinen Bächen und stellten den zurückgebliebenen Fischen in jeder Kiesgrube am Ufer nach. So gingen wir Kinder einst, nach einem großen Gewässer, mit der Mutter auf die Viehweide zum Heuen. In einer Grube sahen wir etwas wurmen und haschten lange darnach im Schlamme herum, ohne es fangen zu können. Die Mutter war indessen an ihre Arbeit gegangen. Da spazierte ein Soldat vorüber und bemerkte uns in der Grube, sah auch, wie das Ding, dem wir nachjagten, bald da bald dort im Schlamme wühlte. Er nahm unsern Rechen, der im Grase lag, ersah seinen Vorteil und riß – den schönsten Hecht ans Land heraus. Wir glaubten, er würde ihn uns geben. Aber er lachte unser und lief davon. O, wie verdroß uns das! Weithin verfolgten wir ihn mit Bitten, Vorwürfen, Schimpf und Tätlichkeiten. Hätten wir damals etwas von Prozessen gewußt, wir hätten ihm gewiß einen an den Hals geworfen. Traurig liefen wir zu der Mutter und erzählten ihr unser Schicksal. Allein da war keine Hilfe zu finden. Bald vergaßen wir den Hecht. Möchte doch dies bei jedem Unrechte, das einem widerfährt, die Geschichte der Rache, und bei jedem Anlasse zu einem Rechtsstreite, noch ehe er beginnt, der Ausgang sein. Abends setzte man uns auf ein Fuder Heu und fuhr nach der Heimat. Man mußte über einen Graben. Dort schlug der Wagen um, und ich fiel in den dicken Schlamm bis über die Ohren und das Heu über mich her. Man zog mich aber bald hervor und wusch mich ab. Es hätte nicht länger dauern dürfen, so wäre ich erstickt. Oft erzählte uns der Vater vor dem Schlafengehen allerlei Geschichten von wilden Tieren, Gaunern im Walde, der wilden Jagd und dergl. Da waren wir ganz Ohr. Wir Kinder lagen in einer Kammer beisammen. Jeder hatte sein besonderes Bettstättchen. Ich lag an einer dünnen Wand, die nur aus Reifen geflochten und mit Lehm bekleidet war. Wenn es regnete, hörte ich alle Tropfen vom Dache plätschern; das war mir eine überaus angenehme Musik, und ich schlief dann noch einmal so süß. Wir hatten unter uns das Gesetz gemacht, daß jede Nacht ein andrer, wenn wir zu Bette gegangen wären, so lange erzählen sollte, bis er merken würde, daß die übrigen beiden schliefen. Eifrig studierte also jeder auf eine lange Geschichte, und wenn sie nicht lang genug war, so suchte er sie mit allen Umständen auszumalen, daß sie lang würde. Wenn einer wenig oder nichts Gefallendes zu erzählen wußte, so hatte es nichts zu bedeuten; er machte uns bald lange Weile, und wir schliefen auch bald ein. Aber die Kunst bestand darin, so zu erzählen, daß die andern keine Lust bekamen, einzuschlafen und die Phantasie recht lange in lebhaftem Spiel zu erhalten. Wir setzten ordentlich eine Ehre darein, dieses Ziel am besten zu erreichen. Unsre Wißbegierde ward dadurch unvermerkt zu einem hohen Grade aufgeregt, und wir baten jedermann, er möchte uns doch etwas erzählen. Mein jüngster Bruder, Franz Joseph, hatte gewöhnlich die lustigsten Einfälle. Lange wußten wir nicht, wie das zuging. Endlich erfuhren wir's. Er hatte sich an einen Soldaten gemacht, der bei einem unsrer Nachbarn im Quartier lag und ihm eine Menge drolliges Zeug erzählte. Ich malte meine Geschichten zu sehr aus und wollte sie zu genau darstellen. Darüber verloren sie ihren Reiz und wurden langweilig. – Gar oft phantasierten wir von nichts als von Kriegen unter den Tieren, oder unter den Vögeln, oder von Räuberbanden und einöden Wirtshäusern im Walde. Überhaupt glaube ich, ward damals unsre Phantasie auf eine gewisse Art sehr geübt, und vielleicht schreibt sich mein Hang zu Dichtungen daher: Denn wir blieben unserm Gesetze ein paar Jahre lang getreu, weil wir unser eigenes Vergnügen dabei fanden. Oft äußerten wir auch unsere kindischen Wünsche und malten die Lage mit allen Farben aus, in der wir uns gerne befunden hätten. Noch weiß ich's, daß ich wünschte, tief in einem Walde, wo viel wildes Obst wüchse, auf einem hohen Baum ein geflochtenes Zimmerchen zu haben, in welchem ein Bett stünde und ein Kasten mit Schneidewerkzeugen, um allerlei schnitzen zu können. Ich wollte mir eine Art Leiter an dem Baume befestigen, die zum Hinaufziehen zubereitet wäre, so daß niemand mich überraschen oder in meiner Klause beunruhigen könnte. Immer glaube ich, dieser Wunsch hat etwas Charakteristisches an sich. Eine Zurückgezogenheit und gänzliche Anhänglichkeit an das, was ich eben liebe, die noch nicht aus meiner Seele verschwunden sind, leuchten daraus hervor. Unser Hang zu abenteuerlichen Erzählungen erhielt eine vorzügliche Nahrung im Winter. Da versammelten sich nachts die Nachbarsleute mit den Spinnrocken in unserer Stube und plauderten gar zu gern von Gespenstern, Hexen, Zauberern, Truten, Poltergeistern, weißen Frauen, versunkenen Schlössern, gefundenen Schätzen, Alraunen, vom Unsichtbar- und Festmachen und dergl. Aufmerksam saß ich hinter dem Ofen in meinem Winkelchen und wollte durchaus nicht zu Bette, obschon ich gar oft auf der Bank einschlief, wenn das Gespräch für mich nicht interessant genug war; oft getraute ich mir auch nicht mehr allein hinauszugehen, weil mich die Erzählungen von Gespenstern usw. sehr furchtsam gemacht hatten. Meine Mutter geriet öfters, wenn sie nachts, an einem Fenster ohne Läden, in unsrer Stube sah, in einen panischen Schrecken und glaubte, der Böse schaue herein. Einst hatte sich wirklich eine Katze auf das Fenstergesimse gesetzt; da fiel sie ohnmächtig von der Bank herab. Im Winter wurde uns einmal eine Henne krank und legte ein Ei ohne die gewöhnliche harte Schale. Sorgfältig machte meine Mutter derselben ein Bette unter dem Kruzifix zurecht, besprengte sie mit Weihwasser und holte einen Kapuziner, um die Kranke zu benedizieren. Der Kapuziner saß eben beim Abendessen und wollte – vielleicht auch der Unwichtigkeit des Vorfalls wegen – nicht sogleich gehen; allein meine Mutter machte die Sache so dringend, daß der Pater endlich, obschon etwas verdrossen, mit ihr ging. Noch glaube ich ihn zu sehen, wie er die Henne samt der ganzen Stube segnete, kreuzte, besprengte und beräucherte. Zuletzt stellte er das kleine Becken, worin der Hexenrauch auf der Glut lag, zur Erde, hieß jedes von uns nach der Reihe, mit auseinandergespreizten Beinen, eine Weile darüberstehen und murmelte aus einem schmutzigen Büchlein einige uns unverständliche Formeln her. Dann befahl er die Hühnersteige, die unter der Eltern Bettstelle war, fleißig zu säubern und reinen Sand hineinzustreuen und verließ uns mit der Anweisung, wir sollten mit geweihten Kräutern die Räucherung öfters wiederholen. Wirklich ward die Henne des anderen Tages wieder gesund. Damals dünkte mich, was Sand und Reinlichkeit bewirkte, ein großes, unwidersprechliches Wunder. Bald darauf lag die Mutter meines Vaters auf dem Totenbette. Er ging, um Ehschwing (Abfall vom Flachse, noch geringer als Werg) für den Winter zum Spinnen zu sammeln auf die Dörfer hinaus und blieb bis spät in die Nacht weg. Schon manchmal hatte er gedroht, seine Geige zu nehmen und auf und davon zu laufen, weil er öfters mißvergnügt war. Nun glaubten wir wirklich, er habe endlich seine Drohung wahrgemacht; denn die Geige war auch nicht zu finden. O, wie trauerte und jammerte da meine gute Mutter! Es schlug zwölf Uhr, eins, zwei. Noch war er nicht da. Alles lag draußen mit Schnee bedeckt. Entweder war er entflohen, oder er irrte ängstlich in der Finsternis umher. – Wir Kinder meinten, es hätte nichts zu bedeuten, wenn der Vater fortginge; dann würde doch niemand mehr mit uns und der Mutter zanken und dergl. Aber die Mutter war nicht so gesinnt. Denn sie dachte: woher das Essen nehmen, wenn kein Verdienst da ist? Morgens endlich, als der Tag anbrach, langte der Vater, zur großen Freude der Mutter mit einer schweren Bürde Ehschwing an und erzählte sein Abenteuer. Er hatte sich abends erst spät auf den Weg gemacht, der über ein weites Ried (das Donautal) führte. Der Schnee und aufsteigende Nebel machten, daß er sich verirrte und die halbe Nacht zwischen breiten Gräben und Teichen umherlief. Er glaubte, ein Gespenst habe ihn verführt, und sah immer ein kleines, bläuliches Lichtchen vor sich herwandeln, um welches eine durchsichtige Nebelfigur, das Bild seiner Mutter, schwebend, erschien. Lange folgte er, große Tropfen schwitzend, dieser Erscheinung. Endlich ermüdete er sich zu sehr, suchte ein trockenes Plätzchen, warf seine Bürde nieder, breitete die Ehschwing aus und legte sich mitten darein, um unbekümmert bis an den Morgen zu schlafen. Wirklich war in dieser Nacht seine Mutter gestorben. Aber ich glaube, auch ohne dies würde er ebendieselbe Erscheinung gesehen haben; denn er hatte sie, ehe er ausging, auf ihrem Sterbelager besucht und mußte sich ihrer auf einsamen Wegen notwendig erinnern. Nun war es wohl kein Wunder, wenn die starke Anstrengung, um den rechten Weg aufzufinden, ihm eine Erscheinung vor die Augen zauberte, und wenn seine Furcht diesem Lichtspektrum Gestalt und Bildung seiner todkranken Mutter lieh. Aber meine Mutter und wir zweifelten damals gar nicht an der Richtigkeit dieser Geistererscheinung. Daß durch dergleichen Erzählungen und Ereignisse mein Kopf mit allen gewöhnlichen Vorurteilen des Pöbels reichlich gefüllt werden mußte, wird jedem begreiflich sein. Einst kam mein Vater, sichtbar vergnügter als sonst, von der Arbeit nach Hause. Ich stand im Winkel hinterm Ofen. Da erzählte er meiner Mutter voll Freude: »Denke doch, Babet! Heute ging der Herr Kantor am Ziegelstadel vorüber spazieren und grüßte mich bei meiner Arbeit sehr freundlich. ›Hans,‹ sagte er, ›überlaß mir deinen ältesten Buben, ich will ihn unentgeltlich im Singen unterrichten; ich hab' ihn beobachtet, er gefällt mir!‹ Mein Bruder, der Ziegler, stand dabei und meinte, seine Knaben seien größer, der Herr Kantor sollte einen von ihnen wählen. Aber er wollte nicht und sagte: ›Georg! von seinen Buben taugt keiner so, wie das kleine Zimmermännchen (so nannte er mich oft wegen meines Großvaters); der ist still und lustig und lernt leicht.‹ Dann mußte ich mein Wort geben, daß ich meinen Xaver, des Unterrichts halber, seinem Gutdünken ganz überlassen wollte, und ich hab' es auch sogleich getan; denn es ist wohl ein großes Glück und eine besondere Schickung Gottes, daß der Herr Kantor eben unser Kind gewählt hat.« Meine Mutter weinte vor Freuden. Denn es ward wirklich für ein großes Glück gehalten, wenn der Herr Kantor, Joseph Wild , einem Knaben Unterricht in der Musik erteilte. Er war hierin sehr geschickt und hatte schon mehr als 40 Lehrlinge erzogen, und alle entweder in Klöster oder in Studentenseminarien kostfrei gebracht. Aber er behandelte seine Schüler überaus strenge. Meine Mutter wurde von der Hoffnung, einen geistlichen Sohn zu bekommen, so entzückt, daß sie gar nicht an diese Strenge dachte, sondern sich schon mit Plänen abgab, wie sie mir die Reisekosten zur Weihe herbeischaffen wollte. Wenn ihr dann in ihren Gedanken etwas Bedenkliches aufstieß, so wußte sie sich immer mit dem Spruche zu helfen: »Unser Herrgott wird weiter für ihn sorgen: schon viele Kinder armer Leute sind Geistliche geworden, ohne von Haus die geringste Hilfe zu haben.« Was indessen ihr so viele Freude machte, war mir eine schreckliche, niederschlagende Nachricht. Mir schwebten des Kantors Exekutionen mit der Ochsensehne und mit dem Baßfuße, den er seinen Singknaben gar zu gern in die Rippen stieß, lebhaft vor Augen. Ich fing herzinniglich darüber zu weinen an. Allein Vater und Mutter erschöpften alle ihre Überredungskünste und malten mir so viele Herrlichkeiten, die meiner warten würden, vor Augen, daß ich endlich, des Weinens müde, einige Beruhigung zeigte. Der ganze Abend und die halbe Nacht, ward mit Herzählung schöner Aussichten und großer Hoffnungen hingebracht; sogar die Nachbarinnen wurden herbeigerufen, um Anteil an dem neuen Glücke zu nehmen. Es wurden Geschichten auf die Bahn gebracht, von großen Herren, die von sehr armen Eltern herstammten, und unter andern von einem Papste, Sixt V., der eine sehr arme Mutter hatte. Sie wollte ihn besuchen und zog prächtige Kleider an, damit er sich ihrer nicht schämen dürfte; aber der Papst tat, wie wenn er sie nicht kannte. Nun zog sie ihre ärmlichen Kleider wieder an und ging zu ihm; da hieß er sie zu seiner Rechten an die Tafel sitzen und ehrte sie auf alle Weise. »Xaver!« sagte meine Mutter zu mir, »wenn du ein großer Herr werden solltest und ich käme zu dir, würdest du mich wohl auch noch kennen?« – Ich besann mich und wollte sagen: »Nicht nur kennen, sondern noch mehr verehren wollte ich dich, als jener Papst seine Mutter.« Allein meine Pause kam ihr ganz ungelegen; sie hatte das schleunigste Ja vermutet. Ohne meine Antwort abzuwarten, rief sie mit Bitterkeit aus: »Da seht mir nur den elenden Buben an. Er besinnt sich noch, ob er mich einst kennen will. Du hoffärtige Kröte!« Ich mochte beteuern und sagen, was ich konnte, es half nichts, sie ließ sich nicht mehr beruhigen. Verdrießlich jagte sie mich zu Bette. Am folgenden Morgen führte mich die Mutter in die Schule, nahm ein Stück geräuchertes Fleisch mit sich und machte dem Herrn Kantor, unter einem Strome von Ausdrücken der Dankbarkeit, ein Geschenk damit. Ich ward also, als angehender Singknabe, zum erstenmal an eine Schultafel gezogen, an welcher der Herr Kantor und einige junge Herrchen, Beamtensöhne, saßen. Mit schwerem Herzen nahm ich mein Plätzchen ein. Es war so nahe an dem fürchterlichen Manne, und ich konnte keine einzige meiner kleinen Tändeleien mehr treiben, die mir sonst die Schulzeit so angenehm kürzten. Kaum getraute ich mir zu atmen. Wenn ich mich aber von ungefähr vergaß und in Gedanken vertieft wie staunend dasaß, so schreckte mich plötzlich sein rauher Zuruf: »Wurmmännchen, wo sind deine Gedanken? Was grübelst du wieder?« Sogleich ward mir ein kleines Notenbuch, Anfangsgründe der Singkunst, vorgelegt, und ich mußte mit meiner Diskantstimme die ersten Töne versuchen. Die Taktausteilung begriff ich leicht; denn mein Vater hatte mich zu Haus schon lange einige Tänze auf der Geige spielen gelehrt; ich konnte zwar die Griffe kaum erspannen, aber das machte ihn nicht irre; noch glaube ich es zu fühlen, wie er mir ungeduldig die Fingerchen auseinanderzerrte und den ermüdeten Arm streckte, oder mit dem Fidelbogen darauf zupeitschte. Nebenbei unterrichtete mich Herr Kantor im Notenschreiben. Er hatte sich mit mir den Plan gemacht, ich sollte ihm als Notenschreiber dienen; denn es wurden ihm aus allen umliegenden Klöstern Musikalien zugeschickt. Nun fing für mich ein wahres Sklavenleben an. Ich bekam Befehl, den ganzen Sommer morgens um 6 Uhr in der Schule zu erscheinen. O wie ungern verließ ich da mein liebes Bettchen! Die Zeit bis acht Uhr brachte ich mit Notenschreiben hin, dann ging's in die Messe, dann zur Schule zurück. Da mußte ich teils wieder Noten schreiben, teils still summend mein Singpensum lernen, um es in der Singstunde dem Lehrer vorsingen zu können, wo es denn sehr oft derbe Püffe setzte. Am meisten schmerzte es mich, wenn der Herr Kantor, der hinter mir auf einer Tafel saß, mit der Spitze seiner Schuhe mich an den Schenkel stieß. Das ganze Jahr hatte ich daran blaue und schwarze Flecken. Meine Mutter sah sie einst und empfand ein so großes Mitleid, daß sie mich durchaus nicht mehr in die Schule lassen wollte. Ha, wie jubelte und frohlockte ich da! – Allein, da die Flecken aus dem Schwarzen ins Gelbe zu schielen anfingen und also schleunige Heilung versprachen, und der Kantor sich wegen meiner erkundigen ließ, führte sie mich doch wieder hin und sprach mit dem Kantor im geheimen. Oft gab es auch kräftige Spanniole (Schläge mit der Ochsensehne auf die gespannten Beinkleider) oder gar Nasse . So nannten wir die Schläge mit der Sehne auf das bloße Sitzfleisch; die schmerzlichste Strafe von allen. Wer einen Nassen bekam, konnte in einigen Tagen noch die Streiche an den zurückgelassenen Malzeichen zählen. Um zehn Uhr war die Schule zu Ende und die Singstunde fing an. Jeder von den Singschülern durfte da einen kurzen Abtritt nehmen. Das Schulhaus stand zunächst an dem obern Tore, vor welchem sich allerlei Gärten mit dazwischenlaufenden Heckengäßchen und Gräben hinziehen. In diesen Gäßchen holten wir gewöhnlich frische Luft, zählten manchmal zum Spaße einander die Striemen auf dem Gesäße und stritten uns, als wär' es eine große Ehre, die meisten zu haben. Um 11 Uhr durfte ich zum Essen nach Hause laufen. Mit dem Schlage ein Uhr mußte ich wieder in der Schule sein und Noten schreiben. Um zwei Uhr kamen die Schulkinder und gingen um vier Uhr wieder weg: dann begann die zweite Singstunde. Um fünf Uhr ward ich gewöhnlich entlassen, außer, wenn recht viele Noten abzuschreiben waren, dann dauerte es bis sechs Uhr, und das geschah sehr oft. Die Frau Kantorin erbarmte sich zuweilen meiner und reichte mir etwas Gebackenes. Dafür mußte ich ihr auch Branntwein holen, wenn ich vom Herrn Kantor entlassen war. Getreu brachte ich ihn lange Zeit vom Wirte gerade zu ihr. Aber einst trafen mich andre Knaben an und sagten: »Narr, saufe der Alten das Glas halb aus und schütte Wasser darein!« Sie redeten mir so lange zu, bis ich einen Zug tat. Aber o wehe! Das brannte am Gaumen und im Halse hinab! Ich mochte nimmer trinken. Wein Geschmack, der an kein andres Getränke als an Wasser gewöhnt war, fand sich abgestumpft, wie von flüssigem Feuer. Ein Bube riß mir das Glas aus den Händen und soff es größtenteils aus. Dann lief er zum Bache und füllte es mit Wasser auf. Voll Furcht brachte ich das Glas der Lehrerin. »Wie kommt's, daß er so mattweiß ist,« sagte sie. Ich bebte am ganzen Leibe, stotterte furchtsam: »Ich weiß nicht,« und lief davon. Den andern Tag nahm sie mich auf die Seite: »Du böser Bube,« sprach sie, »ist das der Dank für die guten Bissen, die ich dir gab? – Mir meinen Branntwein zu verderben! – Von nun an sollst du nichts mehr haben.« Sie hielt auch treulich Wort. Rieninger , ein fremder Knabe aus dem Öttingischen, war in meiner Nachbarschaft beim Bader Schmitzer in der Kost. Man hatte ihn nach Höchstädt geschickt, um da singen zu lernen. Der gute freundliche Junge und ich gewannen uns herzlich lieb und suchten einander überall auf. Wenn die Schule geendigt war, nahmen wir ein Körbchen; jeder hielt einen Henkel davon in der Hand, und so schlenderten wir, zwischen uns das Körbchen schwingend, zum Tor hinaus auf die Wiesen und sammelten für den Bader, seinen Kostherrn, Kamillen und andere Kräuter, die er uns kennen gelernt hatte; oder wir suchten einen schönen Busch und spielten die Einsiedler, oder setzten uns in den Schatten und schnitzten geringelte Stäbe, an denen sich die grüne Haut zwischen den weißen, entblößten Teilen wie eine Schlange emporwand. So oft wir ins Grüne kamen, war es uns, wie wenn wir aus einem Kerker in ein Paradies traten; so lieblich und heiter schien uns Erde und Himmel anzulächeln. Am Abend liefen wir mit andern Buben und nahmen teil an ihren Spielen. Bei aller meiner Anstrengung konnte ich es aber nie so weit bringen, daß ich mich in Gewandtheit und körperlicher Geschicklichkeit ausgezeichnet hätte. Meinem Bruder Hans Michel gelang dies besser. Ich blieb immer ein schmächtiger, kleiner Knabe, den die Buben deswegen nur des Zieglers Hering nannten. Wenn wir heimkamen und ein zerrissenes Kleidungsstück von unsern Kämpfen zeugte, fragte der Vater sogleich: »habt ihr wieder gerauft, ihr bösen Buben?« »Ja,« hieß es dann, »der und der hat mich angegriffen und geschlagen, und ich habe mich doch wehren müssen.« Dann sagte mein Vater: »Wenn ihr euch nicht wehrt, Buben, und euch als Feige von andern schlagen lasset, und ich werde es inne, so will ich euch noch einmal schlagen, damit ihr euch wehren lernt.« Wir waren also beim Raufen wie die Dachse. Dennoch mußte ich oft unterliegen; denn ich war zu schwach. Weine Eltern waren beide andächtig, lehrten mich bald allerlei Formeln und taten sich manchmal etwas darauf zugute, daß ich sie so ganz, ohne anzustoßen, hersagen könnte. Freilich verstand ich nichts davon. Allein wie vielen Eltern liegt wohl daran, daß ihre Kinder verstehen, was sie plappern? Genug! wer die Formeln herspricht, von dem sagt man beinahe noch allgemein: »Er betet«. So mußte ich die Morgen-, Abend- und Tischgebete laut sprechen. Doch erinnere ich mich, daß ich schon in der frühesten Jugend ein kleines Liedchen mit einiger Andacht und mit wirklich empfundenem Zutrauen, so oft ich zu Bette ging, wiederholte. Es hieß: Heiliger Schutzengel mein, Laß mich dir befohlen sein usw. Da stellte ich mir den heiligen Schutzengel als einen schönen freundlichen Jüngling vor, der mich beim rechten Arme führte. Den Teufel aber hatte man mir als ein abscheulich häßliches Ungeheuer beschrieben, das sich immer von der linken Seite mir zu nähern suche und Krallen und Zähne gegen mich hervorstrecke. Oft, wenn meine Phantasie ihn recht lebhaft mir darstellte, spie ich eifrig zur Linken aus, wie wenn ich sein häßliches Gesicht treffen wollte. Das Kruzifix in unsrer Stube achteten wir sehr hoch. Wenn der Vater von einer Hochzeit kam, wo seine Geige mit einem bunten Krönchen von Flittern geziert worden war, gab er uns das Krönchen, und wir setzten es dem Herrn Jesus über den Dornenkranz. Manchmal bespickten wir das Kreuz um und um mit Ringelblumen, die uns die Klosterfrauen geschenkt hatten. Meine Mutter schickte mich, wenn wir Vakanz (Schulferien) hatten, täglich zu den Kapuzinern in die Messe. Gewöhnlich stellte ich mich mit andern Kindern an die leere Kommunikantenbank und bemühte mich an das mittelste Plätzchen zu kommen. Denn dort ragte die Spitze eines Schloßriegels hervor, mit dem ich mich gar gern unterhielt. Man konnte ihn niederdrücken und, wenn man ihn losschnappen ließ, machte er ein ziemliches Geräusche. Diese Tändelei und das Besehen der mannigfaltigen Blumenbüsche auf dem Altare nebst dem Schwatzen mit den Kindern, die neben mir standen, war meine gewöhnliche Beschäftigung unter der Messe. Oft zerbrach ich mir den Kopf über die innere Einrichtung des Schlosses und konnte lange nicht begreifen, wie es komme, daß der niedergedrückte Riegel immer mit erneuter Kraft wieder hervorspringe. Wir besaßen ein Büchlein voll Kupferstichen, welche das Leiden Christi vorstellten. Die Mutter erklärte uns, was wir nicht verstanden. Da kratzten wir aus christlicher Rache den Juden die Augen aus und schlugen sie mit Fäusten, daß der Tisch erzitterte. In einem andern Büchlein waren für allerlei Sünden besondere Peinen des Fegefeuers in Holzschnitten abgebildet. Z. B. die Strafe für Fraß und Völlerei war, daß die Teufel den nackten armen Seelen Kröten und Schlangen vorsetzten und feurige Flüssigkeiten in den Hals gossen; für Wollüstlinge, daß sie auf Räder mit hervorstehenden Spitzen gebunden, von Teufeln mit Hacken zerfleischt und über ein Ährenfeld von Hellebarden dahingewälzt wurden; für Lustigmacher und Tänzer, daß sie über einen gekrümmten, langen und fürchterlich schmalen Steg ohne Geländer, unter welchem feuerspeiende Satane mit ausgestreckten Krallen und Hacken standen, und Spieße statt des Schilfs angebracht waren, zur Himmelspforte hinüberwandern mußten. Einst hörte ich überdies den Prediger sagen, in die Hölle schneie es die Seelen hinab, indes etwa eine einzige zum Himmel auffliege, »Hm,« dachte ich, »mir wird es schwerlich gelingen, der Auserwählte zu sein; ich komme gewiß in die Hölle. Wenn ich nur wüßte, wie man ein Teufel werden kann! Die haben es doch besser als die armen Seelen.« – Denn das begriff ich wohl, daß die Henker besser daran sind, als die armen Sünder, die von ihnen gerädert werden. Ich trug mein Bedenken den Knaben vor, mit denen ich gewöhnlich herumlief; allein sie wußten mir nicht zu raten, obschon sie bald meines Sinnes waren. Ich wandte mich also mit Vorsicht an meinen Vater und holte weit aus, bis ich auf den Hauptpunkt kam. Aber wehe, ich hatte kaum die Frage vorgelegt, wie man denn ein Teufel werden könne, so peitschte er schon unbarmherzig auf mich los, indem er schrie: »Du gottloser Bube, ein Teufel willst du werden, ein Teufel? Ich will dir die Lust dazu und den Teufel schon austreiben!« Nachdem endlich der Tanz vorüber war, erklärte er mir erst, daß die bösen Geister weit schlimmer daran wären, als die armen Seelen, denn sie müßten von der Gerechtigkeit Gottes die herbesten Peinen ausstehen. Ich schwieg zwar, aber ich konnte mir doch von diesen unausstehlich sein sollenden Peinen gar keine Vorstellung machen. Wir mußten freilich an Sonn- und Feiertagen, wenn wir aus der Predigt kamen, etwas vom Inhalte derselben wissen oder man tischte uns hinter der Tür auf, das heißt, man setzte einen Fußschemel vor uns hin, ein Schüsselchen voll Wasser mit einem darinliegenden Stein darauf, und reichte uns nur zur Gnade ein wenig Brot. Unsre Bank war der Boden. Öfters widerfuhr mir dies. Denn meine Hauptbeschäftigung unter der Predigt war, auf eine besonders künstliche Art den Rosenkranz um die Hand zu schlingen und ihn davon herabzuziehen, obschon mir ein andrer den Daumen hielt; oder den Spinnen in den Winkeln der Kirchenstühle zuzusehen, oder andre kleine Insekten, die auf dem steinernen Pflaster krochen, zu beobachten. So verstand ich nur das Auffallendste, was etwa der Prediger sagte, und vergaß es meistens wieder, bis ich nach Hause kam. Im achten Jahre erhielt ich in der Schule, besonders aber zu Hause von meiner Mutter, Anleitung zur Beicht zu gehen. Am Tage, an dem ich zum erstenmal beichten sollte, weckte mich meine Mutter etwas früher auf, kleidete mich in's Festgewand und setzte sich an die offene Küchenkastentür, in der, wie in den Beichtstühlen, eine mit durchlöchertem Bleche bedeckte Öffnung angebracht war; ich mußte auf der andern Seite der Tür alles genau so machen, wie ich es im Beichtstuhle zu machen vorhatte. Wirklich beichtete ich ihr alle meine Sünden, so wie dem Priester in der Kirche. Nachdem ich diesem mein Bekenntnis abgelegt hatte, gab er mir zur Buße auf, einige Vaterunser zu beten, und entließ mich mit einem geistlichen Zuspruche. Das Nachdenken über seinen Zuspruch machte, daß ich vergaß, was für ein Gebet er mir zur Buße aufgegeben hatte, und daß ich nach langem ängstlichen Besinnen noch einmal in den Beichtstuhl treten mußte, um mir das Vergessene zum zweitenmale sagen zu lassen. Das verdroß meine Mutter, die es gewahr wurde, recht sehr; denn sie hatte gehofft, ich würde, durch ihren deutlichen Unterricht belehrt, ganz gewiß der geschickteste Knabe sein. Im neunten Jahre sollte ich auch zum Abendmahl gehen. Mein Vater prüfte mich immer selbst, ehe ich zur Unterweisung ging, und wenn er fand, daß ich nichts gelernt hatte, so nahm er den hölzernen Präzeptor, wie er ihn nannte, einen Besenstiel, zu Hilfe. Dies zwang mir natürlicherweise die unbegreiflichsten Dogmen ohne weiteres in den Kopf. Meine Mutter nahm sich zugleich die Mühe, mich praktisch zu unterrichten, wie ich mich der Kommunionbank nähern, das geweihte Brot in den Mund fassen und mich nach dem Weggehen vom heiligen Tische verhalten sollte. Es gelang mir diesmal auch wirklich besser, ihrem Unterrichte nachzukommen, als bei der ersten Beicht. Nur eins wollte ihr nicht gefallen, nämlich als der Mesner mir den Weinbecher darbot, der sogleich nach der Kommunion herumgegeben wird, um die Hostie hinabzuspülen, schüttelte ich den Kopf vor dem Weine, wie einer, der etwas Ekelhaftes in den Mund gebracht hat. Wirklich hatte ich geglaubt, der Wein sei ein süßes, angenehmes Getränk; aber nun entdeckte ich mit Ekel, daß er nicht viel besser als Essig schmeckte. Einst empfand ich auf einmal Übelkeiten in der Kirche. Man trug mich hinaus und setzte mich auf einen Stein vor der Pforte des Kapuzinerklosters. Ich erholte mich und wankte nach Haus. Da brachte mich die Mutter zu Bette, und ich bekam starken Fieberfrost. Nicht lange, so zeigten sich die Blattern. Um mich immer in den Augen zu haben, ward mir das Bett in die Stube gemacht. Ich bekam so viele Blattern, daß man glaubte, ich würde sterben, oder wenigstens blind werden. Schon sprach man mir vom Beichten und von einem glückseligen Sterbestündlein. Wirklich phantasierte ich sehr heftig, und jede Fensterscheibe schien sich in meinen Augen wie ein großes Feuerrad umzuwälzen; eine höchst widerliche Empfindung! Meine Mutter bedeckte also alle Fenster mit dicken Tüchern; und da ward ich ruhig. Als die Blattern abzudorren anfingen, verursachten sie mir ein heftiges Jucken und Beißen. Ich konnte mich nicht mehr enthalten, sie loszukratzen. Mein Vater besorgte, ich möchte allzusehr blatternarbig werden, und setzte sich, so oft er zu Hause war, mit einer Rute vor mich hin, um mich davon abzuschrecken. Allein ich steckte den Kopf unbemerkt unter das Bett und riß ab, was ich konnte. Er ward böse und gab mir etliche tüchtige Streiche auf die Hände, so sehr er mich auch seither geschont hatte. Aber mir tat nun die Kühlung der mich anwehenden Luft so wohl, daß ich es für eine herrliche Erfrischung hielt und des Vaters Rute wenig achtete. Freilich ward ich darauf ziemlich blatternarbig. Sobald es mit mir keine Gefahr mehr hatte, gingen meine Eltern ihrer Arbeit nach. Da war ich einst an einem schönen Nachmittage allein zu Hause. Ein Fenster stand offen. Der lieblichste Rosengeruch duftete herein. Denn am Zaune unseres Gärtchens blühte ein alter Rosenstrauch, groß wie ein Baum, und über und über mit weißen Rosen behangen. Die Begierde, Rosen zu haben, trieb mich aus dem Bett. Ich konnte zwar vor Schwachheit noch nicht gehen, aber ich kroch auf allen vieren und mühte mich sehr ab, bis ich etliche Rosen hatte. Ich nahm sie in den Mund und kroch wieder ins Haus. Der Sonnenschein hatte mir sehr geschmeichelt. Nicht ohne Schwierigkeit stieg ich wieder ins Bett und tändelte mit meinen Blumen, bis die Mutter kam. O, wie begierig schlürfte ich ihren süßen Wohlgeruch in mich! Sie erschrak herzlich, als ich ihr mein Wagestück erzählte, und fürchtete, ich möchte mich zu frühe verkältet haben und Schaden nehmen. Allein ich ward bald ganz gesund und konnte wieder die Schule besuchen. Aber anstatt des Diskants, den ich vorher gesungen hatte, mußte ich nun den Alt singen; denn der Herr Kantor behauptete, meine Stimme habe sich in eine tiefere verändert. Der Herr Kantor hatte mir ein großes Singbuch gegeben. Wenn mich nun lustige Leute damit laufen sahen, so blieben sie gar oft stehen, und sprachen: Buch, wo willst du mit dem Büblein hin? oder andere dergleichen Späße. Da bildete ich mir schon große Dinge darauf ein und lernte noch einmal so gern. Durch mein Singen bei Leichen, Kreuzgängen, Hochzeitämtern usw. verdiente ich manche kleine Summe, die mir der Herr Kantor zuweilen überließ. Dies machte meinem Vater großes Vergnügen. Mein Großvater aber freute sich am meisten, daß er mich nun mit den Geistlichen die Vesper psallieren und auf dem Musikchor singen hörte. Mich freute am meisten, daß ich nun von Eltern, mit deren Kindern ich abends das Singpensum repetierte, manches brauchbare, obschon abgetragene Kleidungsstück geschenkt bekam. Denn an Kleidern litten wir großen Mangel, und fast alles, was wir anzuziehen hatten, wußte die Mutter von gutherzigen Leuten zu erbitten. Nur im Winter trugen wir zur Not Schuhe und Strümpfe, und zwar sehr elende; im Sommer liefen wir barfuß. Als ich nun im Singen fertig und geübt genug war, mußte ich dem Herrn Kantor beim Abhören der Singschüler helfen. Er saß oben an der Tafel, ich unten. Jeder von uns beiden hatte ein Pult vor sich stehen, worauf die Kinder ihre Bücher und Noten legten. Mein Pult war aus drei Brettchen zusammengenagelt, zwischen denen ein hohler Raum blieb. Ein Singschüler, namens Weiher , hatte gemeiniglich sein Pensum gar schlecht gelernt und bekam deswegen viele Schläge. Einst traf mich die Reihe, ihn abzuhören. Er trat ans Pult und fing an zu singen, stockte aber bald. Ich half ihm in den Ton. Da sprach er leise zu mir: »Sage doch dem Herrn Kantor, ich habe mein Pensum gut gesungen und nimm den Apfel, den ich jetzt unter das Pult lege, samt den zwei Kreuzern, die darin stecken.« Nun ließ ich ihn ziehen; denn zwei Kreuzer waren ein großer Reichtum und also eine starke Lockung für mich. Nach der Schule fing die eigentliche Singstunde an. Da mußte ich dem Herrn Kantor über die von mir abgehörten Schüler referieren. Immer hatte ich es treu und redlich getan. Aber diesmal sagte ich, vom Geschenk verführt: »Der Weiher hat gut gesungen.« Allein der Herr Kantor hatte das Flüstern bemerkt und unser Betragen wohl belauscht; er rief den Weiher zum Singen herbei und hörte sogleich, daß ich ihm die Unwahrheit hinterbracht hatte. Nun brach ein schreckliches Gewitter über uns beide los. Ich mußte gestehen, daß ich bestochen ward, und Herr Kantor ergriff im Zorn den Weiher zuerst und schüttelte ihn so heftig bei den Ohren, daß ihm die Haut hinter denselben zerriß und das Blut herabströmte; überdies bekam er noch obendrein einen Nassen . Mir war unaussprechlich angst bei der Sache. Das Herz, davon zu laufen, hatte ich nicht, und da zu bleiben war gefährlich. Geduldig wartete ich ab, was über mich verfügt werden würde. Als die Exekution an Weihern vorüber war, kam die Reihe an mich; man nahm mir den Apfel und die zwei Kreuzer, ich ward mit Füßen gestoßen und bekam einen entsetzlich heftigen Nassen mit des Lehrers Mantel um den Kopf. Dennoch hörte die Frau Kantorin mein mörderliches Geschrei und kam mit dem Spinnrocken mir zu Hilfe. Sie stieß damit den Kantor solange auf seinen dicken Bauch, bis er mich endlich losließ. Aber wehe, ich konnte kaum gehen, viel weniger sitzen. Wie unsinnig lief ich nach Haus. Meine Mutter und sogar mein Vater zürnten über die unmenschliche Behandlung, und beide wollten mich nicht mehr in die Schule gehen lassen. »Er kann ein Bader (Chirurg) werden,« sagte mein Vetter, ein Bader seiner Kunst, »ich nehme ihn umsonst in die Lehre.« O, wie freute mich dies Anerbieten! Es ward auch wirklich beschlossen, ich sollte ein Bader werden. Aber der Herr Kantor schickte wieder zu uns, als die Hitze bereits auf seiner und meiner Eltern Seite verraucht war, und ich mußte zu meinem großen Leidwesen wie vorher zur Schule wandern. Bald darauf gab mir der Herr Kantor einen Zettel, um ihn auf das Rathaus, und einen andern, um ihn in das Spital zu tragen. Ich las sie und fand, daß es Konti oder Verzeichnisse der armen Kinder waren, für die ihm der Rat und das Spital das Schulgeld bezahlten. Immer hatten meine Eltern und ich geglaubt, der Herr Kantor tue allein aus Großmut, was er an mir als Lehrer tat; aber nun las ich auch meinen Namen im Verzeichnisse und hinterbrachte es meinen Eltern, die es zwar noch immer für eine dankenswerte Güte hielten, daß er mich zum Singknaben erwählet hatte, aber dennoch viel von ihrer Hochschätzung und Erkenntlichkeit herabstimmten, sobald sie mein beständiges Notenschreiben und nun auch das Schulgeld aus der Stadtkasse in Anschlag brachten. – Wir durften zur Erntezeit etwa vierzehn Tage lang nicht in die Schule gehen, weil man die Kinder zum Aushelfen im Felde brauchte. Meine Eltern hatten sich genötigt gesehen, ihr schönes Äckerlein zu verkaufen und konnten nun auf keinem eigenen Felde ernten. Die Mutter weckte also uns Kinder morgens beim Aufgang der Sonne, nahm einen Schubkarren mit, kaufte uns um einen Kreuzer Birnen beim Torwächter und führte uns über tauichte Wiesen ins Feld. Lieblich war es im Tau zu laufen; aber wenn wir im Stoppelfelde gingen, stachen uns die scharfen Spitzen die Füße wund. Bald konnten wir nimmer auftreten. Aber die Mutter schaffte bald Rat, denn Mutterliebe ist erfinderisch; sie schnitt einen Sack aus ihrem Rocke und machte uns auf dem Felde kleine Socken daraus. Hier gingen wir hinter den Garbenbindern her und lasen die sparsam umherliegenden Ähren auf. Manchmal aber trafen wir einen guten Mann an, der ließ uns absichtlich mehrere liegen, oder reichte uns gar eine volle Garbe zum Geschenk. Wenn ich den Schnittern bei der Quelle Wasser holte, gaben sie mir etwas zu essen, und wenn wir mit lüsternen Blicken an einer Gesellschaft, die eben speiste, vorbeigingen, reichten sie uns immer ein gutes Stück dar. Einst saßen wir nachmittags, etwa zwischen drei und vier Uhr, am Straßengraben und verzehrten ein Geschenk von Gebackenem. Da vernahmen wir ein Rasseln tief im Bauche der Erde, wie Sturmwind. Wir wußten eigentlich nicht, was es war; endlich hörten wir das Geschrei: ein Erdbeben, ein Erdbeben! Dann erzählte man die Geschichte von Lissabon, bei der ich sehr aufmerksam zuhörte, und ging mit stiller Furcht zur Arbeit. Abends zog ein gewaltiges Donnerwetter heran und hielt sich lange über der Stadt. Der Wirbelwind hob an manchen Orten einen Teil des geschnittenen Getreides auf und führte es durch die Lüfte davon. In der Pfarrkirche ward eben eine feierliche Oktave mit einer Abendlitanei gehalten. Alles war in der Kirche versammelt, die Musik hatte bereits eine kleine Weile gewährt. Fürchterlich krachte der Donner. Plötzlich fuhr der Strahl über der Sakristei in die Kirche und stürzte an den Wänden herunter. Ein schreckliches Schreien und Jammern folgte darauf. Alles wollte in einem Augenblicke zur Tür hinaus. Die Musik auf dem Chore verstummte. Ich stand zunächst an der einzigen, sehr engen Stiege, die hinabführte und wollte unter den ersten flüchtig werden. Allein man warf mich zu Boden, sprang über mich hinüber und trat mir die Knöpfe aus den Beinkleidern heraus. Unmöglich konnte ich aufstehen, ehe die erschrockenen Leute insgesamt über mich weggelaufen waren. Als aber der Chor leer war, eilte ich mit halbgeräderten Gliedmaßen, doch ohne sehr beschädigt zu sein, aus der Kirche. Der Rauch wirbelte schon vom Sakristeidache empor. Aber glücklich ward der Brand, und zwar mit neugemolkener Milch gelöscht. – Der Herr Pfarrer und Dechant Egender von Wörnitzstein hatte einen armen Knaben, namens Stengel , zum Herrn Kantor in die Kost gegeben, damit er im Singen unterrichtet würde. Der Knabe hatte eine schöne Altstimme und konnte, nach einem etwa anderthalbjährigen Unterricht, die meisten ihm vorgelegten Arien ohne Anstand singen. Ich aber war schon im dritten Jahre Singschüler. Nun hoffte der Herr Pfarrer Egender, der junge Stengel sollte in das Kosthaus oder Studentenseminar zu Dillingen als Singknabe kostfrei aufgenommen werden, und also seine Studien ohne großen Aufwand anfangen können. Deswegen führte der Herr Kantor an einem schönen Sommertage 1769 Stengeln Zur Probe nach Dillingen und nahm mich mit, damit ich, wie er sagte, ein wenig verkecken möchte. Als wir in das Seminar kamen, bewillkommte uns der Präfekt, Herr Kuhn , und gab uns tapfer zu trinken. Die Studenten trugen Pulte auf den Gang vor dem Museum und stimmten ihre musikalischen Instrumente. Alles schien mir zwar fremd, aber ich fühlte dennoch keine Furcht, hielt mich stille, und erwartete, was man mir befehlen würde. Stengel sang seine mitgebrachte Arie trefflich und erhielt viel Lob. Der Inspektor, Pater Vitus Keller , ein Jesuite, befahl dann, der Herr Präfekt sollte Stengeln nun auch ein Probesolo vorlegen, damit man sähe, ob er auch fremde, nie gesehene Stücke, vom Blatte weg singen könne. Hier wandelte Stengeln eine kleine Furcht an und machte, daß er mitten im Stücke fehlte. Man wiederholte das Stück; nun traf er zwar alles genau, aber seine Stimme war dumpf und von der Furcht gehemmt. Dennoch bezeigte ihm der Pater Inspektor seine Zufriedenheit. Der Herr Präfekt Kuhn sagte darauf: »Nun wollen wir doch sehen, ob der Kleine dort auch etwas kann!« »Nicht viel,« sagte der Herr Kantor. Man legte mir ein Solo aus einer Litanei von Brixi vor. Glücklicherweise geriet es mir ohne Fehler. Man prüfte mich noch durch ein anderes Stück, und es gelang wieder. Die Studenten rückten mir nachher oft vor, ich hätte mein Stöckchen so fest gehalten und so kühn den Takt geschlagen. Ein wenig stolz, den Herrn Kantor widerlegt zu haben, ging ich in das Refektorium zurück; mein Lehrer aber und der P. Inspektor traten miteinander in ein Nebenzimmer. Nach einiger Zeit kamen beide zu uns, und ich hörte den P. Inspektor sagen: »Den Kleinen da (denn ich war kleiner als Stengel ) will ich behalten, er soll kostfrei sein. Aber den größern kann ich nicht nehmen.« Der Herr Kantor antwortete ganz eifrig: »Mit der Kost allein ist dem Kleinen nicht, aber wohl dem Größern gedient. Der Kleine hat nichts von Hause; wer ihn haben will, muß ihn auch kleiden. Aber der Größere hat einen Herrn Vetter, der ihm die Kleider gern schafft.« »Nun,« sagte der Pater Inspektor, »so soll der Kleine auch die Kleidung unentgeltlich haben. Ich denke, es ist ein Almosen, und seine Stimme wird, weil er so klein ist, länger dauern, als des Größern, der mir stark zu wachsen scheint.« Dann wandte er sich zu mir: »Büblein! willst du ein Student werden?« Ein flinkes, nachdrückliches Ja war meine Antwort. »Und möchtest du sogleich dableiben?« fuhr er fort. »Recht gern,« antwortete ich. »Aber was kannst du schon im Lateinischen?« »Die Prinzipia«, sagte ich kühn. Ich wußte aber wenig mehr als das Musa und Dominus usw. und etwa das Amo auswendig; aber sie standen in den sogenannten Prinzipiis, also konnte ich die Prinzipia; so schloß ich damals. »Hast du schon Argumente gemacht?« – »Nein, aber Nomina genug.« Der Herr Kantor versprach, mich noch besser im Latein zu unterrichten. Der Pater Inspektor ließ also den Schneider kommen und mir das Maß zu Mantel und Kleid nehmen. Abends spät führte uns Herr Kantor nach Hause. Auf dem Wege zankte er bald mit Stengeln , bald sprach er ihm Trost ein. Mit mir schien er nicht so recht zufrieden zu sein. Als ich mit meiner gewöhnlichen Treuherzigkeit vor seinem Hause von ihm Abschied nahm, sagte er zu mir: »Zimmermännlein! es reut mich, daß ich dich mitgenommen habe! Ohne dich hätte ich meinen Stengel angebracht! Aber nun ist's vorüber; du hast mehr Glück als Verstand; lebe wohl und laß mir morgen deine Mutter kommen.« Ich brachte eine große Freude nach Hause. Aber man wollte mir doch nicht sogleich vollen Glauben beimessen. Den andern Tag endlich erfuhr die Mutter alles aus des Herrn Kantors Munde. Ich mußte nun mit allem Eifer lateinische Worte deklinieren und konjugieren, und dann kleine sogenannte Exempel machen lernen. Mit den letztern wollte es gar nicht fort. Denn der Herr Kantor wußte selbst sehr wenig vom Lateinischen, diktierte mir nur aus einer alten Studententhek etwas an und unterstrich die Fehler nur insofern, als sie mit dem lateinischen Text in seiner Thek nicht übereinstimmten. Warum dies und jenes ein Fehler wäre, konnte er selbst nicht angeben. Am Ende des Schuljahres 1769 führten die Jesuiten auf dem sogenannten kleinen Saale im Gymnasium zu Dillingen eine lateinische Oper, St. Ulrich und die Hunnen, zu Ehren des neuen Fürstbischofs von Augsburg, Kurfürsten von Trier auf. Herr Kantor schickte mich bei dieser Gelegenheit nach Dillingen, um mein neues Kleidchen abzuholen. Die Oper sah ich zwar und staunte den prächtigen Baldachin, unter dem der Kurfürst saß, und die Schlacht der Hunnen und Christen, die einander wirklich aus Ungeschicklichkeit die Finger weghieben, bewundernd an, ohne eben das Ganze zu verstehen. Noch glaube ich es zu sehen, wie vier Männer den Kaiser Otto, auf Tragbändern sitzend, auf ihren Schultern hervortrugen, und wie der Feldherr der Hunnen verwundet auf der Erde lag und Flüche sang. Aber den Pater Inspektor konnte ich im Gewimmel dieses beschäftigten Tages nicht antreffen, fand auch keinen Bekannten, der mich zu ihm geführt hätte, und mußte unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Ein Student von Höchstädt bekam Befehl (den 10. Okt.), am Feste des heil. Franziskus Borgias, das allzeit in der Vakanz (während der Schulferien) gefeiert ward, mich nach Dillingen mitzubringen. Denn weil da keine Studenten in Dillingen anwesend waren, berief man die an den nächsten Orten sich aufhaltenden zusammen. Ich sang zum erstenmale auf dem Jesuitenchore und ward nach dem Gottesdienste in das Seminarium geführt. Da rief mich der Pater Inspektor beiseite, gab mir die neuen Kleider in ein Päckchen gebunden und sagte: »Büblein! am Festtag St. Ursula mußt du hier erscheinen, und deine Sachen mitbringen. Halte dich wohl, bete und lerne fleißig, sonst ziehe ich dir die Kleider wieder aus und jage dich fort.« Ich meinte, er würde es nicht nötig finden, mich fortzujagen, dankte ihm und ging, mit meinem Päckchen auf dem Rücken, getrost nach Hause. Drittes Kapitel: Seminarist in Dillingen. Aufnahme in das Kosthaus und Vorbereitungen zum Studentenleben – Der Segen des Vaters – Eintritt in das Seminar – Anfang des Studentenlebens, die Prinzipia – Fluchtversuch wegen Lehrertyrannei – Allerlei andere Schicksale und Unternehmungen – Die 1. Vakanz – Bestrafter Diebstahl – Das 2. Studienjahr, die Rudiment – Schwärmereien, Askese – Die Prämien – Studentenpossen – Das Lotto und der Schatz – Das 3. Schuljahr – Das kalte Fieber – Luftreisen – Lebensgefahr – Die Hexe – 4. Studienjahr – Das erste deutsche Buch – Pubertät. Im Jahre 1769, den 20. Okt., nachmittags am St. Ursula Vorabend, nahm ich Abschied von meinen Eltern und Brüdern. Meine Mutter meinte, es würde mich viele Tränen kosten. Allein ich ging mit stillem Gleichsinn hinweg. »Du kommst nun aus dem Unfrieden hinweg,« dieser Gedanke milderte die Wehmut des Abschieds. Meinen Taubenschlag besuchte ich zuletzt noch einmal, dann betrachtete ich um und um das väterliche Haus, das kleine Gärtchen und besonders die schöne Rebe daran, die voller Trauben hing, mit einer Art von Zärtlichkeit und rief mir die angenehmsten Augenblicke, die ich da genossen hatte, ins Gedächtnis Zurück. Endlich sagte ich: »Lebe Wohl, Vater, und du Hans Michel, und du Franz Joseph, und betet für mich, wie ich für euch.« Der Vater gab mir nochmals gerührt seinen Segen und entließ mich mit den Worten: »Xaverl, sei fromm und fleißig! Sieh! wenn du als ein braves Studentlein zurückkommst, machst du mir viel Freude; wenn du dich aber übel aufführst und davongejagt wirst, so komm nur nimmer zu mir, ich schlage dich tot.« – »Behüte dich Gott, Vater,« sagte ich, »du darfst nicht fürchten, daß ich dir heimgejagt werde.« So schied ich von meiner Heimat. Die Mutter war meine Begleiterin und führte auf einem Schubkarren einen kleinen Koffer, in dem einiges weißes Zeug und wenige elende Kleidungsstücke samt einigen Notenpapieren lagen. Alle Nachbarn grüßten mich zu guter Letzt sehr freundlich und wünschten mir Glück. Nun ging's zum Großvater. Da wäre mir beinahe das Herz gebrochen. Er hatte mich so lieb, und ich ihn und die Ahnfrau desgleichen. Sie gaben mir noch viele schöne Lehren auf den Weg und schenkten mir ein kleines Reisegeld. Aber der Großvater sagte mir so viel Tröstendes und wußte mir so angenehme Aussichten vorzumalen, daß ich am Ende, ohne Tränen zu vergießen, Abschied nahm. »Sieh, Xaverl!« sagte er, »wenn nichts wäre, als daß du nimmer so viele Schläge bekommst, so solltest du dich schon deswegen freuen, in die Fremde zu gehen.« Das machte einen starken Eindruck auf mich und gab mir gute Hoffnung. Denn es war kaum ein Tag verstrichen, an dem ich nicht irgendeine Exekution an mir vollziehen lassen mußte. Da wir zum oberen Tore hinausgingen, führte mich die Mutter zum sogenannten Zwinger-Herrgottlein, dem früher erwähnten Wunderbilde und sagte: »Xaverl, komm, wir wollen hier unserm Herrn danken, daß er dir das Gehör wiedergegeben hat und ihn bitten, daß er dich vor Verführung bewahren und zu einem recht braven Studenten machen wolle.« Ich betete wirklich mit Inbrunst um diese Gnade und fühlte, vielleicht zum erstenmal, das Erheiternde, Tröstliche und Herzerhebende des wahren Gebetes. Auf der Straße blieb ich oft stehen und sah nach meiner geliebten Vaterstadt zurück. Wenn ich traurig werden wollte, sagte meine Mutter: »Sieh, es ist ja nicht weit von Höchstädt bis Dillingen; schreibe mir, wenn dir etwas fehlt, ich will kommen, sobald ich kann.« Dies war mir eine große Ermunterung. Unser Gespräch auf dem Wege handelte größtenteils von der Art, wie ich mich mit andern Studenten betragen müßte. Sie prägte mir vorzüglich die Lehre ein: ich sollte mich nie zum Bösen verleiten lassen, aber auch nie einen andern wegen Kleinigkeiten bei den Obern verschwatzen (anschwärzen). Denn dies würde mir den Haß aller meiner Kameraden zuziehen usw. Dann erzählte sie mir eine Geschichte von P. Homobonus Hantner , der als Student erstlich durch allerlei Schwätzereien sich verhaßt gemacht, dann aber wegen einiger kindischen Ausschweifungen, die man sogleich den Oberen hinterbrachte, derb abgestraft, und als er zu eigensinnig war, sich in die Strafe zu fügen, gar davongejagt, Soldat und Deserteur ward und dem Tode so nahe kam, daß er kaum mehr gerettet werden und in den Kapuzinerorden treten konnte. Dies Beispiel machte einen starken Eindruck auf mich und gab den guten Lehren der Mutter Haltung und Dauer. Wir langten bei der Pforte des Seminars an. Der Hausknecht, der meinen Koffer in den Schlafsaal trug, wies mir in der Reihe kleiner Verschläge, die an den beiden Seiten des Saales hinabliefen, und Ständchen genannt wurden, das hinterste Ständchen an und führte mich in das Küchenstübchen zum P. Inspektor, der uns sehr gütig empfing und mir guten Mut einsprach. Meine Mutter bat ihn unter anderm, er möchte Vatersstelle bei mir vertreten und mich, wenn ich ein böser Bube wäre, wacker peitschen lassen. Allein der Inspektor sagte, er hoffe, solche strenge Mittel werden bei mir nicht nötig sein. Dann hieß er mich in die Vesper gehen, ließ meiner Mutter etwas zu essen reichen und hielt eine lange Unterredung mit ihr; denn sie war sehr offenherzig und gesprächig, und gar nicht schüchtern; dies gewann ihr die Herzen Hoher und Niederer, mit denen sie umgehen mußte. Beim Abschied fielen beiderseits einige zärtliche Tränen, und sie versprach, bald wieder zu kommen und nach mir zu sehen. Man führte mich darauf in das Museum und zeigte mir mein Schreibpult, wo ich sitzen sollte. Einige kleine Studenten machten sich sogleich an mich und vertrieben mir die Zeit bis zu Tische. Am folgenden Tage ward ich meinem künftigen Instruktor vorgeführt. Er war der Erste in seiner Schule, ein eifriger, fleißiger, andächtiger, aber meiner Meinung nach zuweilen sehr ungeduldiger Student, namens Christoph Wanner von Lauingen gebürtig. Wenn man mich fragte: »In welche Schule willst du morgen gehen?« so sagte ich: »In die erste Schule.« Ich glaubte gewiß, meine Antwort könne niemanden im Zweifel lassen, wohin ich eigentlich zu gehen vorhabe. Denn die Schule, bei der man anfängt, dachte ich, bleibt immer die erste Schule, heißt sie sonst auch, wie sie will. Allein die Studenten hätten gern gewußt, ob ich Prinzipist oder Rudimentist werden wollte. Die Bedeutung dieser Wörter kannte ich aber selbst noch nicht und blieb bei meiner ersten Rede: »ich gehe in die erste Schule.« Man führte mich also am ersten Schultag in das Gymnasium, zu den Rudimentisten; ich war bereit, alles mitzumachen, was die andern taten. Allein nachmittags diktierte der Magister ein sogenanntes Argument, und ich wußte nichts damit anzufangen, als die lateinischen Worte, welche er über einen deutschen Text gesetzt hatte, rein abzuschreiben und sie ihm unverändert darzureichen. Zu meiner nicht geringen Verwunderung fing er laut zu lachen an und sagte: »Büblein, das heißt nicht, ein Argument machen; du mußt mit den Worten die nötigen Abänderungen vornehmen.« »Herr Magister,« erwiderte ich, »ein solches Ding habe ich in meinem Leben nicht gemacht; ich weiß gar nicht, wie ich's angehen muß, um etwas herauszubringen.« »Mein Kind,« sagte er, »wo hast du die Prinzipia gehört?« »Beim Herrn Kantor in Höchstädt,« antwortete ich, »aber ich bin noch nicht weiter als bis zum volo vis velle gekommen.« – »Mein Kind,« sagte er, »noch taugst du nicht in die Rudiment, du mußt in die Prinzipia gehen.« Dann rief er einen Studenten aus der Bank hervor und befahl ihm, mich zum Herrn Fendt in die Prinzipia zu führen. Mit Schmerzen verließ ich das Gymnasium und bedauerte in der Stille, daß ich nun von einer höheren Schule in eine niedrigere verstoßen würde. Herr Fendt empfing mich ganz freundlich und wies mir mein Plätzchen zuhinterst in den Stühlen bei den Exemplisten an. Aber o wehe! schon den ersten Tag sah ich ebendieselben Exekutionen wie beim Herrn Kantor in Höchstädt an meinesgleichen vornehmen, und unser Lehrer behauptete den Ruhm, daß kein einziger, auch der beste Schüler nicht, ohne Schilling von ihm weggekommen sei. Die nötigen Schulbüchlein wurden mir vom Pater Inspektor beigeschafft, der sich , ohne daß ich es wußte, sehr sorgfältig um alles, was mich anging, erkundigte. Wir waren drei Seminaristen, welche die Prinzipia besuchten, Joseph Widmann , Johann Schropp , beide Ratsherren-Söhne von Lauingen, und ich. Die Schule im Gymnasium fing allzeit um halb zwei Uhr an, die unsre um ein Uhr nachmittags. Nach dem Mittagessen um 12 Uhr folgte die Musikstunde, unter der wir uns gewöhnlich fortschlichen und bis 1 Uhr vor dem obern Tore herumliefen. Im Winter hatten wir die größte Freude daran, Schneemännchen zu machen, das heißt, nach der Länge in den Schnee hineinzuliegen und darin unsre ganze Form abzudrücken. Einst kamen wir so spät und erfroren in die Schule, daß der Herr Fendt jedem von uns einen Spanischen zumessen wollte und meinen beiden Kameraden wirklich zumaß. Wir mußten zu diesem Ende auf eine lange Bank liegen, die immer vorne in der Schule zu diesem Gebrauche bereitstand. Als die Reihe an mich kam, wollte ich gar nicht daran, mich auf die Bank zu legen, und weigerte mich, so sehr ich konnte, mein Mäntelchen mit Ärmeln (Polisson) wegzulegen. Denn der hintere Teil meiner Beinkleider war so zerrissen, daß ich immer den Mantel am Leibe behalten mußte, um nur meine Blöße zu bedecken. Von dem wußte aber Herr Fendt nichts, und ich getraute mir nicht, es zu sagen. Durch meine Weigerung erzürnt, nahm er mich endlich in der Mitte, warf mich auf den Stuhl und räumte die Kleider weg. Da sah er nun, was mich so ungestüm widerspenstig gemacht hatte und empfand einiges Mitleid. »Geh an deinen Platz, armer Teufel!« sagte er, »einen Spanniol kann ich dir nicht geben und einen Schilling will ich dir nicht geben. Aber hüte dich, wiederum Schläge zu verdienen!« Er sagte darauf dem P. Inspektor, wo es mir fehlte, und ich erhielt unversehens neue Beinkleider, samt der Ermahnung: »Wenn ich etwas nötig hätte, sollte ich keck darum bitten.« Weil Herr Fendt sah, daß ich einige kleine grammatische Exempelchen wohl getroffen hatte, mochte er glauben, ich sei bereits fähig, zur Klasse der größeren Prinzipisten überzutreten. Allein ein gewisser Start und ich wechselten lange mit der Stelle des Esels und Ochsen, oder des Heugebers, wie wir den Drittletzten nannten. Endlich merkte mein Herr Instruktor, was mir abging. Ich mußte den ganzen Tag neben ihn hinsitzen und lateinische Exempelchen machen, in die er alle Regeln der Grammatik geschickt einzuflechten wußte, so daß ich bald eine Fertigkeit in Anwendung derselben erlangte. Er besaß ein kleines deutsches Gebetbüchlein mit lateinischen Lettern, in roten Saffian gebunden, mit einem goldenen Schnitte. Gar zu gern hätte ich dies Büchlein gehabt. Denn ich meinte, die Leute zu Höchstädt würden glauben, ich verstehe schon Latein, wenn sie mich zur Vakanzzeit darin beten sähen. Welche Eitelkeit! Aber sie brachte diesmal eine gute Wirkung hervor. Herr Wanner versprach, wenn ich einmal der Erste würde, sollte das Büchlein mein sein. Er stellte mir aber vor, ich könnte gewiß nie der Erste werden, wenn ich nicht fleißig studierte. Von nun an war ich übermüdet. Er konnte mir kaum genug Argumente diktieren, so eifrig bestrebte ich mich, den ersten Platz zu erobern. Sogar das sogenannte Spicken (ein heimliches Lauern auf die Kompositionen andrer, um die eigenen darnach zu verfertigen) nahm ich zu Hilfe. Allein ich merkte bald, daß mir dies wenig helfen könnte, weil ich sehr oft Fehler mit abschrieb, die ich vielleicht, mir selbst überlassen, nicht gemacht hätte. Ich hörte also nicht auf, meinen Fleiß zu verdoppeln, bis es mir endlich, etwa mitten im Sommer 1770, gelang, der Erste zu werden und das Büchlein, nach dem ich so lange begierig war, zu erhalten. Leicht hätte ich mir anfangs angewöhnt, der Letzte zu sein, weil ich noch nichts von der Möglichkeit träumen konnte, je die Ehre des ersten Platzes zu erringen. Desto unermüdeter und eifersüchtiger bestrebte ich mich nun, diesen Platz nicht mehr zu verlieren. So sehr mich auch die lange behauptete Eselbank zu Anfang dieses Schuljahres zurückgesetzt hatte, so erlebte ich dennoch zu Ende desselben die große Freude, der Viertbeste geworden zu sein. Mein fleißiger Herr Instruktor war freilich auch sehr strenge. Einst wollte er mir wegen ein paar grober Fehler im Argumente 24 Tatzen (Schläge mit der Lederfeile oder dem Lineal, oder einer Ochsensehne usw. auf die offene Hand) auf einmal geben. Ich hielt bis nahe an diese Zahl aus. Aber am Ende konnte ich nimmer. Voll Grimm ergriff ich meine Bücher, die, mit einem Riemen zusammengeschnallt, neben mir auf dem Boden standen, schmiß sie ihm mit aller Heftigkeit an den Kopf und lief davon. Ich hätte das weite Feld gesucht und wäre in der Verzweiflung weiß, nicht, wohin gelaufen. Aber ich fand die Pforte gesperrt und versteckte mich im Hofe hinter einem Holzstoße. Mein Herr Instruktor und einige Studenten suchten mich. Ich hörte sie sagen: »Wanner, du hast den Buben doch zu stark geschlagen; er ist keck, ob er schon klein ist. Entläuft er ganz, so hast du mit dem Inspektor böse Händel zu befahren usw.« – »Ich weiß keinen bessern Rat,« sagte Herr Wanner, »als daß ich sogleich Zum P. Inspektor gehe, ihm sage, was vorgefallen ist, und ihn bitte, daß er Anstalt mache, den entlaufenen Buben zurückzubringen.« Als ich merkte, daß die Studenten alle in die Schule fort waren, kroch ich aus meinem Winkel hervor und wollte nach Lauingen und von da noch weiter gehen, bis ich jemand finden würde, der mir Unterhalt gäbe. Zum Glücke sah mich der P. Inspektor von seinem Fenster aus, rief mich in sein Zimmer hinauf, gab mir gute Worte und versprach, ich sollte nimmer so scharf gezüchtigt werden, er habe schon ein Verbot deswegen ergehen lassen. Ich beruhigte mich also und blieb. – Die Fleischspeisen aß ich anfangs so gern, daß ich kaum satt daran werden konnte. Aber bald ekelten sie mich so sehr an, daß ich sie nimmer riechen mochte. Ich ging also täglich, nur die Fasttage ausgenommen, mit Widerwillen zu Tische und weinte oft, wenn gar nichts aufgesetzt worden war, das ich genießen konnte. Einst traf mich der Inspektor weinend an. Er fragte mich um die Ursache. Da nahm er mich in die Küche und sagte: »Köchin! dem Kleinen da muß sie eine Weile etwas von Mehl kochen, er kann das Fleischessen nicht ertragen, weil er stets bei Pflanzenspeisen auferzogen ward.« Das tröstete mich. Man gab mir solange Pflanzen- und Mehlspeisen, bis ich nach und nach die Fleischnahrung gewohnt ward. Das Kegelspiel war in den Erholungsstunden unser Zeitvertreib. Gewöhnlich spielten wir um das Aufsetzen, welches denjenigen traf, der die wenigsten Kegel geschoben hatte. Jeder stellte sich der Reihe nach an seinen Platz, den er der Anzahl der von ihm getroffenen Kegel gemäß einzunehmen berechtigt war. Einst lief ich über den Kegelplatz, um an meine Stelle zu kommen. Ein großer Student warf eben die Kugel so, daß sie mich an den Kopf traf und ich wie tot hinstürzte. Als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich auf einer Bank im Refektorium, der Student saß neben mir, weinte und wandte alles mögliche an, um mich ins Leben Zurückzurufen. Ich weiß es noch wohl, daß er mir seine samtene Kappe aufsetzte, um mir den verletzten Kopf warm zu halten. Endlich ward ich wieder ganz munter und glaubte, der ganze Vorfall habe nichts zu bedeuten. Allein es zeigte sich bald, daß ich mich geirrt hatte; denn ich bekam ein überaus schmerzhaftes Ohrengeschwür. Ich kam beinahe von Sinnen, lief im ganzen Hause herum und suchte Linderung meiner Pein. Endlich kroch ich in der Hauskapelle unter den Altar, wo es sehr kühl war; da brach das Geschwür auf und ich hatte Ruhe; aber noch einige Wochen lang hörte ich nicht wohl auf diesem Ohre. Unter dem Gottesdienste betrug ich mich ziemlich eingezogen, weil man mich schon lange durch die Furcht vor Schlägen daran gewöhnt hatte. Nur unter den Predigten war ich unruhig und vertrieb mir die Langeweile mit allerlei Tändeleien. Am meisten setzte ich mich in den abgesonderten Raum des Blasbalgtreters bei der Orgel und plauderte mit meinen kleinen Gespielen. Einst aber hatte ich eine Pauke lange betrachtet, sie oben und unten beguckt und endlich ausfindig gemacht, daß das kleine Luftloch zu unterst am Kessel das laute Getön verursache. »Ei,« dachte ich, »wenn eine einzige Öffnung ein so volles Getön zuwege bringt, wie entsetzlich stark muß erst der Schall werden, wenn mehrere Löcher darin sind!« Ohne Umstände zog ich also ein Schreibzeug mit einer Spitze (das wir gewöhnlich auf die Schulbänke steckten) aus der Tasche, lauschte umher, ob mich niemand sehe, und stieß rings herum am Rande des Paukenfelles einen Kranz von kleinen Löchern in das gespannte Fell. Daß dies schädlich sei, fiel mir gar nicht ein. Erst nachdem der Lärm entstanden war, die Pauke sei unbrauchbar und müsse bezahlt werden, merkte ich, wie schwer ich mich verfehlt hatte. Man hielt die strengste Nachfrage. Einige Studenten sahen mich zwar bei der Pauke stehen, aber nicht die Löchlein bohren. Sie stellten mich darüber zur Rede; allein ich leugnete geradezu, daß ich der Täter sei. Freilich stand ich auf ihr heftiges Drohen und Fragen schon im Begriff, meine Schuld offenherzig zu bekennen. Aber sie hörten zum Glücke noch zu rechter Zeit auf, ferner in mich zu dringen; und dann hielt mir die Furcht den Mund verschlossen. Wir drei Prinzipisten, Widmann, Schropp und ich hatten im Sommer unser größtes Vergnügen, vor dem Tore im Grünen zu springen, aus Stauden kleine Hütten zu flechten, auf breiten Weidenbäumen, die ins Wasser hingen, Lauben zu bauen, oder in einem kleinen Bächlein Kaulhäuptchen (Groppen) zu fangen. Der Stadtgraben war uns eine halbe Welt. Dort spielten wir bald die Einsiedler, unter einem Schlehdorn sitzend, oder wir führten Kriege, mit Haselruten bewaffnet, oder machten aus Moos, das an der Stadtmauer wuchs, allerlei Hügel und Grotten und stellten aus Papier geschnitzte Figuren darein, oder spielten Ball und dergl. Am Bartholomäustag brachen die Studenten der höheren Schulen in die Vakanz auf. Die Vesper ward also schon um ein Uhr, sehr kurz und eilig abgesungen. Wir drei Prinzipisten schlenderten sogleich darnach zum Tore hinaus auf den Studentenplatz, eine Wiesenebene wenigstens eine halbe Stunde lang, die damals zur Viehweide und zum Rekreationsplatze ganz geeignet war; gegen Süden und Westen stoßen Felder und kleine Wäldchen daran. Wir schlichen oft in ein solches Wäldchen und pflückten darin Brombeeren, die beinahe den ganzen Grund überflochten hatten. In dem Wassergraben an den Grenzen haschten wir manchmal Frösche, oder holten Wasserrosen und Binsen. Am Bartholomäustage schnitten wir ein tiefes, viereckiges Loch in die Erde, das wir mit dem ausgestochenen Rasen genau bedecken konnten, fingen soviel Frösche zusammen, als wir zu haschen vermochten und warfen sie in das Loch, als in einen Kerker. Dann richteten wir rings um den Kerker aus Weidenruten Galgen auf, sprachen mit großer Feierlichkeit den Gefangenen das Urteil, brachen den Stab, so wie wir es bei Hinrichtung armer Sünder bemerkt hatten, und knüpften sie alle, der Ordnung nach, an den Galgen. Wir beschäftigten uns so eifrig mit unserm Hochgericht, daß wir nicht bemerkten, wie weit der Abend bereits vorgerückt war, bis uns die einbrechende Dunkelheit und die aufsteigenden Nebel nach Hause zu eilen ermahnten. Die Angst jagte mich am schnellsten, und ich langte als der erste bei der Pforte des Seminars an. Der Hausknecht ließ mich hinein mit dem Gruße: »Kommst du endlich, sauberes Früchtchen?« nahm mich beim Ärmel und führte mich in die Küche zum P. Inspektor. Dieser grüßte mich mit derben Ohrfeigen und sprach höchst aufgebracht: »Du Bösewicht, wo bist du gewesen? Deine Mutter hat dich den ganzen Tag bis um sechs Uhr erwartet, und du kamst nicht.« Ich erklärte weinend alles, was ich getan hatte. Aber er ließ sich nicht besänftigen, gab mir einen sehr eindringlichen Verweis, daß ich Tränen weinte, so bitter, wie ich sie in meinem Leben noch niemals geweint hatte, und sagte zuletzt: »Morgen um 4 Uhr wird dich der Joseph (der Hausknecht) wecken und dir einen tüchtigen Schilling abmessen. Jetzt geh ins Refektorium und setze dich auf den Boden. Läufst du mir wieder einmal ohne Erlaubnis solange herum, so jage ich dich fort zu deinem Vater; der wird dich schon ziehen« usw. Ich mußte also in den Speisesaal gehen und mich vor allen Studenten auf den Boden setzen; eine große Schande! Ich wünschte, mich verkriechen zu können. Man brachte mir eine Suppe und Wasser und Brot, von dem ich vor innerm Schmerz und vor Scham gar nichts genießen mochte. Das Essen der Studenten war zu meinem Glücke schon vorüber, und man stand sogleich vom Tische auf. Wie froh war ich, daß ich nun von meiner Buße befreiet ward! Aber ein Schilling zum Frühstücke – das war ein schrecklicher Gedanke; die Schläge fürchtete ich nicht, aber die Schande. Ich stand, bis man zu Bette ging, hinter Fässern in einem Winkelchen und weinte. Die ganze Nacht schlief ich beinahe gar nicht. Morgens zwischen drei und vier Uhr horchte ich auf alle Bewegungen. Sobald sich etwas regte, kroch ich unter die Bettstatt und verbarg mich in den Schlafständchen anderer Studenten hinter Koffern und schmutziger Wäsche. Allein es kam niemand. Dennoch zitterte ich alle Augenblicke, der Joseph möchte etwa erst später kommen. Um sechs Uhr läutete man zum Aufstehen; ich lief geschwinde die Stiege hinab und verbarg mich in einem Winkel. Sobald ich die Pforte offen sah, schlüpfte ich hinaus und schlich mittags sehr vorsichtig und immer zum Entlaufen bereit, ins Seminar zurück. Wenn sich der Joseph zeigte, lief ich geschwind weg, daß er mich nicht sehen möchte; denn ich dachte: »Er hat es vielleicht nur vergessen; sieht er dich, so gibt er dir den Schilling.« Allein er machte keine Miene, mir etwas zuleide zu tun, und lächelte bald wieder, als er meinen forschenden furchtsamen Blick bemerkte. »Büblein,« sagte er, »du darfst dich nicht fürchten, der Pater Inspektor ist nach Echenbrunn (einem Lustort der Jesuiten) verreiset; bis er kommt, vergißt er schon, was du verbrochen hast!« Da war ich wieder getröstet. Nun ging's aber auf die sogenannte Endskomödie (die beim Schlusse des Schuljahres aufgeführt ward) mit allem Eifer los. Ich mußte einen kleinen Bauernknaben vorstellen und hatte weiter nichts zu tun, als die Chöre mitzuschreien und ein kleines Solo zu singen; noch entsinne ich mich, daß ich eine Sichel in der Hand hielt und damit Bewegungen machte, wie wenn ich das Korn schnitte. Ein großer Student, meinen Vater vorstellend, stand hinter mir und machte allerlei lächerliche Grimassen. Man hielt mich nun für fähig, bei der nächstaufzuführenden Komödie eine wichtigere Rolle zu spielen. Mein lieber Großvater war, von der Botschaft gelockt, daß auch ich auf dem Theater erscheinen würde, von Höchstädt bis Dillingen an seinem Stabe heraufgewankt. Als er aber in den Saal treten wollte, verwehrte ihm die Wache den Eingang; dies schmerzte den alten Mann bis zu Tränen. Endlich nahm sich ein Student seiner an und führte ihn die Stiege herauf und an eine vorteilhafte Stelle, wo er alles sehen konnte. Man teilte die Prämien aus; aber ich erhielt keine. Darüber vergoß ich manche Zähre. Es war so schön, wenn die bessern Studenten vor allem Volke auftraten und sich Prämien (vergoldete Bücher) und Ehre holten. Mein Großvater suchte mich nach der Komödie im Seminar auf. Allein ich mußte mir die Theaterkleider im Jesuitenkolleg ausziehen lassen und traf ihn nicht mehr an, als ich nach Hause kam. Ach, wie schmerzte mich das! Bald darauf, an Mariä Geburtstage, holte mich meine Mutter ab, dankte allen meinen Lehrern, erkundigte sich bei ihnen um meine Aufführung und nahm mich abends samt dem Koffer nach Höchstädt in die Vakanz mit sich. »O, wie geschwind,« sagte ich auf dem Wege, »ist dieses Jahr vorübergeflogen! Es ist mir wie eine vergangene Woche.« Herr Bürgermeister Paulus Mayr zu Höchstädt war ein besonderer Studentenfreund. Er nahm sich sogleich sehr gütig meiner an und benützte die Zeit, wo die Herren von Höchstädt beim Weine zusammenkamen, um mir für die ganze Vakanz Kosttage bei ihnen auszubitten. »Es ist schade,« sagte er, »wenn der Bube mit der rauhen Kost seines Vaters sich die Stimme verdirbt.« Wirklich gab er mir bald folgende Liste der Häuser, wo ich zu Gaste sein durfte. Sonntags bei ihm, Montags bei Herrn Benefiziat Ostertag, Dienstags bei Herrn Stadtsyndikus v. Kuhn, Mittwochs bei Herrn Stadtpfarrer Gerstmayr, Donnerstags bei Herrn Spitalverwalter, Freitags wieder bei ihm, Samstags bei den Kapuzinern. Da hatte ich nun immer des Guten vollauf. Um mir die Zeit zu vertreiben, besuchte ich alle die schönen Gegenden, die mir je gefallen hatten, und labte mich an der Erinnerung daselbst genossener Freuden. Wenn mich die Buben sahen, schrien sie gewöhnlich: »Student, Student! hast's Hemd verbrennt!« Das verdroß mich eitlen Schwächling gar sehr; aber ich ließ es nicht merken. Sehr viele Zeit brachte ich in einem gewissen Hause hin, wo ich schon, ehe ich zum Studieren gekommen war, Knaben und Mädchen im Singen unterrichtet hatte. Da spielten wir in der Scheune allerlei Spiele, die blinde Maus, das Fangen, das Verstecken usw. Der größere Knabe im Hause war sehr kühn und mutwillig, und ich konnte ihn von nichts abhalten, wenn er einmal etwas beschlossen hatte; auch war ich zu klein und kindisch und manchmal auch zu lenksam, um mir ein Ansehen über ihn zu erwerben. Manchmal melkte er die Kühe im Stalle und trank mit mir die Milch; die Magd fand also am Abend wenig mehr und klagte darüber, ohne den Täter zu kennen. Man beobachtete und ertappte uns auf der Tat. Da gab es denn tüchtige Ohrfeigen; besonders kühlte die Frau an mir ihren Mut. »Du bist der Ältere und noch so kindisch. Warum hast du den Jüngern nicht abgehalten?« So hieß es dann. Allein das Wetter war bald vorüber. Ein andermal sahen wir schöne große Fische im Behälter und ergötzten uns lange an ihrem Schwimmen; endlich fiel es uns ein, wir wollten doch sehen, ob sie auch noch schwimmen könnten, wenn wir ihnen Schweif und Flossen abschneiden würden. Gesagt, getan! Da standen die schönen Fische alle ab. Aber man hatte uns nicht auf der Tat ertappt; also leugneten wir's! Bald darauf hatte man Heu in der Scheune abgeladen. Wir Kinder stiegen auf den obern Boden hinauf, und einige sprangen ins Heu hinunter. Ich fürchtete mich, den hohen Sprung zu tun. Öfters stand ich gebückt am Rande der Bretter, bereit, hinabzuhüpfen; aber immer hielt mich die Furcht zurück. Endlich, als ich wieder bereit stand, gab mir der größere Knabe einen Stoß, daß ich unvermutet herabstürzte und das Kinn so heftig auf mein eigenes Knie aufstieß, daß mir alle untern Zähne wackelten, die Haut am Kinne weggeschlagen war und das Blut heftig zu Mund und Nase herausschoß. Die Frau vom Hause lief herbei und sah den Spektakel. Anstatt sich aber an den bösen Buben zu wenden, der mich herabgestoßen hatte, zankte sie mit mir, daß ich so furchtsam war und ihren Knaben dadurch verleitete, mir durch einen Stoß Mut zu machen. Dies verdroß mich so sehr, daß ich von dieser Stunde an dasselbe Haus nicht mehr besuchte, außer wenn mich Geschäfte dahin riefen. Mein Vetter, der Bader Waginger , bestrich mir das Kinn darauf mit Kampfergeist, und es war bald alles wieder geheilt. Mein Bruder Hans Michel ging nicht lange nachher an einem Nachmittage in den Wald an der Donau, um dürres Brennholz zu sammeln. Auf dem Heimwege trug mein Bruder seine Bürde neben mir her und sprach, als wir an einem Rübenacker vorübergingen: »Mich dürstet so sehr, hole mir ein paar Rüben!« Ich schwang mich über den Zaun und suchte unter den Rübenkräutern umher, die größern ausfindig zu machen. O wehe! da hielt mich plötzlich ein großer Hund bei den Beinkleidern, und der Ackerhirt sprang auf mich zu; ich mochte bitten und weinen, so viel ich wollte, der Hirt nahm mich beim Arme und sagte: »Komm mit, du mußt zum Floßer (dem Eigentümer des Ackers), der läßt dich ins Narrenhäuschen sperren.« Das war ein Donnerschlag für mich. Der Floßer war mein Taufpate, an den ich nur mit Ehrfurcht dachte, und der mich immer geschätzt hatte und – ich war ein Student und sollte ins Narrenhäuschen! Mit dem Weinen hatte es nun ein Ende. Ich hätte rasend werden mögen. Öfters versuchte ich auszureißen, schlug und biß um mich; aber immer packte mich der Hund wieder. Mein Bruder schrie wie ein Weib, dem ein Mörder das Kind raubt, hinter uns her. Umsonst! Der unbarmherzige Hirt ließ sich nicht erweichen; ich mußte zum Floßer hin. Sein Haus steht zum Glücke ganz außer der Stadt, und er sah wirklich zum Fenster herab, als wir anlangten. Ich hätte mich vor Scham in die Erde verkriechen mögen. Da erkannte er mich und rief: »So, Todtle (Patchen), bist du's?« und befahl dem Hirten, mich loszulassen und mir meinen Hut zu geben. O, wie schlich ich da so beschämt davon und getraute mir kein Auge aufzuheben! Die Studenten, die zu Höchstädt in der Vakanz waren, führten ein Schauspiel auf. Des Inhaltes erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich weiß, daß ich etliche Arien und Rezitative zu singen hatte, und daß alle Personen türkisch gekleidet waren. Meine Mutter hätte mich freilich gern recht schön herausgeputzt. Allein ihr mangelte alles, was man Schmuck hieß. Also kaufte sie bei dem Spengler (Klempner) allerlei Flitter, Sternchen, Halbmonde, Sonnen; – die Studenten gaben mir einige Spiegelröschen, und so ward ich herrlich ausstaffiert. Neben den reichern Knaben aber machte ich freilich eine sehr ärmliche Figur. Das verdroß mich, und ich äußerte es gegen meine Mutter. Sie sagte aber: »Xaverl, singe du nur desto schöner; ein schöner Gesang erhält weit mehr Lob, als ein stummer Schmuck.« – Am St. Ursuläabend 1770 führte mich meine Mutter wieder in das Kosthaus nach Dillingen und empfahl mich meinen Obern mit ihrer gewöhnlichen Anmerkung, man sollte mir nur wacker Schläge geben, wenn ich nicht fleißig und gehorsam wäre. Das schien mir jetzt eine gar nicht mütterliche Empfehlung. In diesem Jahre ging ich viel freudiger zur Schule als im vorigen; denn ich wußte nun schon, was das Lateinlernen auf sich hatte. Das Gefühl, nun der Rute des Herrn Fendt entronnen und ein Gymnasiast zu sein, machte mich so munter und beinahe unbändig, daß ich fast täglich mit der Rute Tatzen bekam. Der Grund meiner Ausgelassenheit lag zum Teil darin, daß ich während der Vakanz immer mit lustigen jungen Leuten Umgang gepflogen hatte, die es für die größte Ehre eines Studenten hielten, allerlei witzigen und unwitzigen Mutwillen zu treiben. Diese Meinung hatte sich mir so tief eingeprägt, daß ich durchaus keine Gelegenheit versäumte, einen lächerlichen Streich zu machen oder mich durch irgendeine Posse auszuzeichnen. Z. B. ich wickelte einen Riemen, mit dem ich sonst meine Schulbücher zusammenschnallte, in eine Schneckenlinie, behielt das eine Ende des Riemens in der Hand und warf das andre mit der Schnalle einem meiner Mitschüler an den Kopf. Sobald der Herr Magister dergleichen Unfug bemerkte, befahl er mir, in die Mitte hinauszuknien und eine Rute in der Hand zu halten. Sein Lehrstuhl war hoch und hatte vorne ein hervorragendes Brett, um Bücher und Schriften darauf zu legen. Nach und nach rückte ich auf den Knien der Kanzel so nahe, daß er mich vor dem Brette nicht mehr sehen konnte; dann drehte ich mich zu meinen Mitschülern und exerzierte mit der Rute wie mit einer Flinte, schnitt Fratzengesichter und machte mit der Kreide allerlei läppisches Zeug an die Kanzel. Ein wiederholtes lautes Gelächter der ganzen Schule verkündigte endlich dem Herrn Magister, was zu seinen Füßen vorging. Er rief mich auf die Treppe an der Kanzel und maß mir mit der Rute etliche zwanzig Tatzen ab. Ich lachte, so lang er schlug. Da ward er böse und hieb nach allem seinem Vermögen darauf los. Ich wechselte lachend mit beiden Händen im Aushalten ab, und als es in die Länge gar zu arg ward, liefen mir zwar die Tränen über beide Wangen herab; allein ich lachte, um recht heroisch zu scheinen, noch immer dazu. Endlich zerfiel die Rute, und ich ward mit einem tüchtigen Verweise in die Stühle an meinen Platz gewiesen. Solche Auftritte gab es sehr oft, bis der Herr Magister endlich entdeckte, daß verkehrte Ehrbegierde die versteckte Triebfeder davon wäre. Da drohte er mir, er wollte mich beim nächsten Anlasse, den ich geben würde, nach einer neuen Rute schicken (womit eine große Schande verknüpft war), und mich mit dieser Rute in der Hand und einem Zettel auf der Brust, worauf mein Vergehen geschrieben stehen sollte, vor die Tür des Gymnasiums, allen Vorübergehenden zum Spektakel, hinausknien lassen. Dies vertrieb mir ohne weiteres alle Lust, durch Mutwillen mich auszuzeichnen. Dennoch konnte ich meine Unart nicht auf einmal gänzlich ablegen. Es gab bald Gelegenheit, mich in die angedrohte Strafe zu verfällen. Wirklich ward ich aus der Schule geschickt, um eine Rute Zu holen. Allein ich lief dafür nach Haus und versteckte mich, so gut ich konnte. Als meine Mitschüler nach geendigter Schule gleichfalls heimkamen, forschte ich nach, was der Magister wegen meines Ausbleibens über mich verfügt hätte; und sie sagten, er habe gedroht, mich beim P. Inspektor zu verklagen. Bald darauf ließ mich der P. Inspektor rufen, gab mir zwar einen tüchtigen Verweis, sagte aber, weil mein begangener Fehler eben nicht sehr groß sei, so wolle er meinen Herrn Magister bitten, er möchte sich für diesmal noch befriedigen lassen, wenn ich, statt des Rutenholens, mittags nichts zu essen bekäme und hungrig dafür auf dem Boden säße. Wirklich mußte ich mich zu dieser Buße bequemen, ohne das mindeste über die Lippen zu bringen. Nachmittags um drei Uhr fing ich sehr zu hungern an, und ich bat alle meine Mitschüler, die mir nahe saßen, um einen Brocken Brot. Einer reichte mir ein ziemlich großes Stück. Allein der Herr Magister sah es und ließ es einem Bettler geben, der eben am Schulhause vorüberging. Darüber traten mir die Zähren in die Augen. Am vier Uhr, nach geendigter Schule, mußten wir den Lehrer ins Kollegium der Jesuiten begleiten. Ich schlich so hinterher. Der Magister wandte sich zuletzt an mich und sagte: »Nun, Bronner! ich meine, der Hunger hat ihm heute das Spaßmachen verdorben?« Da brachen bei mir die Tränen aus. Und der Magister ließ mir beim nächsten Bäcker ein Batzenlaibchen holen, um mich wieder zu trösten. Ich verzehrte es mit dem größten Appetit, indes er mir, kurz und gut und zu rechter Zeit, einige sehr eindringliche Wahrheiten von wahrer Ehre und den Mitteln, sie zu erwerben, einprägte. So ward ich von der Neigung zum Possenreißen nach und nach geheilt. Beim Eintritte dieses Schuljahres hatte man uns in den coetus angelicus , eine Schutzengel-Bruderschaft für die kleinen Studenten der untersten drei Klassen, aufgenommen. Da stellte uns der Magister, welcher Präses des Cötus war und alle Sonn- und Feiertage predigen mußte, als ein Muster der höchsten Tugend das Leben des heil. Aloysius vor, prägte uns seine überaus hochgetriebene Keuschheit und seinen großen Bußgeist tief ein und ermahnte uns unablässig zu seiner Nachfolge. Um zu erfahren, was für Wirkungen dergleichen Zusprüche auf unsre jungen Herzen hätten, war von jeher sowohl im Cötus, als in der Kongregation der größern Studenten, die Einrichtung getroffen worden, daß jeder wöchentlich einen Zettel, mit der Aufschrift bona opera , auf den Bruderschaftaltar legen mußte, in welchem die Bußwerke, Abstinenzen, Kasteiungen, Almosen usw. des Offerenten, mit Beisetzung seines Namens, geschrieben standen. Der Prediger munterte dann diejenigen öffentlich durch seinen Zuspruch auf, welche sich in sogenannten guten Werken vor andern ausgezeichnet hatten. So ward z. B. ein Studentchen sehr gelobt, weil er in seine bona opera einfließen ließ, er habe kleine Steinchen in seine Schuhe geworfen und sei zur Ehre Gottes und aus Begierde, seinen Leib zu kasteien, während des Spazierens darauf gegangen. Dies tat die Wirkung bei mir, daß ich mir eiserne Nägelchen in die Absätze meiner Schuhe schlug, und die Spitzen einwärts hervorragen ließ, um gleichfalls etwas Besonderes zu haben, das ich in die bona opera schreiben könnte. Ich erwarb mir aber dadurch das erwartete Lob nicht, sondern bekam erst sehr offene Fersen und zuletzt eine Haut darüber, wie dickes Sohlenleder, so daß ich zwar die kleinen Stacheln nicht mehr fühlte, aber wegen des Drückens dieser starken Haut wirklich eine ganz mißliebige Unbequemlichkeit beim Gehen empfand. Die Erzählung von den Wundern des heil. Aloysius und Stanislaus, die beim Genusse des heil. Abendmahles drei Schuh hoch von der Erde wunderbarer Weise erhoben wurden, reizte mich an, allen möglichen Fleiß und Eifer anzuwenden, die heil. Kommunion recht andächtig zu empfangen. Wenn ich dann nach dem Genusse derselben in meinem niederen Stuhle kniete und mich der hergebrachten Gewohnheit gemäß über den Stuhl hinüberbückte, um meine tiefe Demut und Versenktheit in heiligen Anmutungen auszudrücken, so stützte ich mich öfters auf die Ellbogen und hob mich bei den Knien in die Höhe, um zu versuchen, ob mich denn die Luft noch nicht, wie die beiden heiligen Jünglinge, tragen wollte. Da schnaubte und seufzte ich denn in vollem Ernste, wie wenn ich vor heiliger Inbrunst zerschmelzen möchte, und meinte, ich würde dadurch Gottes höchste Gunst gewiß erwerben und ihn nach und nach bewegen, seine Wunderkraft an mir zu äußern. Vor dem Teufel hatte ich eine entsetzliche Furcht, seitdem ich ihn so oft höchst fürchterlich als den Erbfeind des menschlichen Geschlechts abmalen hörte. Um aber doch den verhaßten Geist recht zu necken, machte ich gleichsam ein Gelübde: »Wenn ich je, ohne Weihwasser zu nehmen, aus der Kirche ginge, so sollte er mich ohne weiteres holen dürfen.« Ich glaubte, es müßte ihn sehr schmerzen, wenn er täglich auf mich lauern müßte, und mich dennoch nie erhaschen könnte. Denn an die Möglichkeit, einst aus der Kirche zu laufen, ohne mit Weihwasser besprengt zu sein, dachte ich gar nicht. – Weil man uns von der guten Meinung so oft und eindringlich predigte, so machte ich zu allen meinen Handlungen eine gute Meinung, das heißt, ich sagte in Gedanken: »Herr! dir zu Liebe tue ich das und das« usw. Hiermit glaubte ich, dem gehörten Unterrichte gemäß, jedes Werk zu heiligen. Wenn ich nun etwas vorhatte, das ich für Sünde hielt, wußte ich mir durch den Satz, daß die gute Meinung alle Werke heilige, gar bald aus dem Gedränge zu helfen; ich log, zankte, überhaupt – sündigte zur größeren Ehre Gottes. In dieser Überzeugung lebte ich noch einige Zeit ganz bequem fort, bis sich endlich ein Zweifel darüber in mein Herz schlich und der Beichtvater, dem ich ihn offenbarte, mir beteuerte, man könnte zur größern Ehre Gottes nicht sündigen. Im Cötus wurden allerlei fromme Bücher ausgeteilt, die jeder, nachdem er sie gelesen hatte, wieder zurückstellen mußte. Diese Bücher enthielten meistens Geschichten heiliger Einsiedler, Klosterfrauen, verführter und vom Teufel geholter Jünglinge, geschehene Wunderwerke, Legenden usw. und trugen viel dazu bei, mir den Kopf noch mehr zu verrücken. Überdies kam ein Missionar an und hielt drei Tage lang auf dem marianischen Saale, bei verschlossenen Türen und Fensterläden und bei schwachem Lichte auf einer Bühne jämmerliche Buß- und Strafpredigten, ergriff sehr oft das Kruzifix, das neben ihm stand und forderte es bald zur Rache, bald zur Barmherzigkeit auf, und wußte seine Sache so gut zu machen, daß wir Kinder alle laut zu heulen und zu weinen anfingen. Während dieser Zeit sah man in unserm Seminar kein Bild an der Wand, vor dem nicht ein Studentchen kniete, entweder auf einem schneidenden Scheit, oder mit einem Stachelgürtel (Zilizium) um den Leib, oder mit einer Geißel in der Hand. Ich lag nachts auf kleinen Scheitern und trug am Tage das Zilizium, geißelte mich auch, ehe ich zu Bette ging, mit Stricklein und wollte ein großer Büßer werden, wie der heil. Aloysius. Nachmittags mußten wir einst alle das Venerabile (geweihte Hostien) zu einem kranken Studenten, dem man die letzte Wegzehrung reichen wollte, begleiten. Im Herausgehen aus der Kirche kam ich so sehr ins Gedränge, daß mir das Zilizium tief in den Leib gedrückt ward, und ich vor Heftigkeit des Schmerzes laut aufschreien mußte; weswegen mich die Studenten weidlich auslachten. Der Bußgeist war mit solcher Heftigkeit in mich und andre kleine Knaben meines Alters gefahren, daß wir bald in eines gewissen Lang , unsers Mitschülers Gartenhäuschen, bald zuhöchst auf dem Scheiterhaufen in der Holzhütte des Kosthauses, wo wir nicht gesehen werden konnten, fromme Zusammenkünfte hielten, von heiligen Büßern und Einsiedlern schwatzten und einander auf den entblößten Rücken geißelten. In der Länge ward uns dies Bußetun zu sauer; denn einige hieben ganz unbarmherzig darein. Um also die Strenge der Geißler zu mildern, bestachen wir sie mit Darreichung eines Kreuzers oder eines erübrigten Teiles vom Mittagessen. Der kürzeste Weg wäre freilich gewesen, gar nicht mehr auszuhalten. Aber das wollten wir nicht. Ich vermute, es mochte sich keiner ansehen lassen, daß er des Büßens müde sei; bis sich endlich unsre Instruktoren in die Sache legten und unter hohen Strafen das Zusammenkommen in was immer für Winkeln verboten. Sie mochten eine ganz andre, der Keuschheit nicht gemäße Ursache unserer Zusammenkünfte argwöhnen. Allein sie betrogen sich hierin sehr; denn wir hatten gar keinen andern Gedanken dabei als Bußetun und Heiligwerden. Dergleichen Schwärmereien brachten bald eine gewisse Schüchternheit und stille Freudenlosigkeit, die mir sonst nicht natürlich waren, in meinen Charakter. Ich spielte ungern Ball und andere Spiele mit meinen Kameraden, teils weil ich wenig an gemeinschaftlichen Ergötzungen teilnehmen mochte, teils, weil ich die geringen Schmerzen eines Ballwurfes zu scheuen anfing. Ich saß gewöhnlich nebendraußen und baute aus Binsen Flöße mit Häuschen darauf, oder fing Grillen und Heuschrecken und sperrte sie in kleine von mir geschnitzte Gefängnisse. In einem Wäldchen bauten andere Knaben und ich geräumige Lauben auf mehrere Weidenbäume und hieben mit unsern Handbeilchen ordentliche Treppen in ihren Stamm. Dort lernten wir unsern Katechismus und die Historie auswendig und plauderten von tausend uns wichtigen kindischen Dingen. Mit Brombeeren löschten wir lange Zeit den Durst, bis einer unsrer Mitschüler einst Bier und Rettiche mitbrachte. Dies schmeckte den meisten so gut, daß sie beinahe alle Vakanztage (Dienstags und Donnerstags) auf den Bäumen im kühlenden Schatten zechten. Braunes Bier konnte ich damals nicht trinken, ich begnügte mich also, Wasser im leeren Krug aus der Donau zu holen und mich mit nassem Brot zu laben. Der Magister unserer Schule war in Dillingen der erste, welcher anfing, das Deutsche seinen Schülern orthographisch schreiben zu lehren; er gab uns ordentlichen Unterricht in der Rechtschreibung, und jeder mußte sich P. Weitenauers Zweifel über die deutsche Sprache kaufen, um sich in dem kleinen, angehängten orthographischen Wörterbuche Rats erholen zu können. Wenn wir aus der Orthographie schrieben, erhielt ich gewöhnlich den ersten Platz. Er munterte uns auch auf, wir sollten ihm allerlei Aufsätze von unserer Phantasie und Arbeit bringen. Ich ließ mir dies ganz Wohl gefallen, kritzelte etlichemal mit der Feder oben auf einen Bogen eine Art Vignette, welche die Hauptszene meiner Erzählung darstellen sollte, und schrieb auf den übrigen Teil des Bogens die Erzählung, kurz oder lang, je nachdem ich ein mir gefälliges Sujet ergriffen hatte. Es waren meistenteils Erzählungen von Räubern, mit feenartigen Entwicklungen durchwebt, gewiß höchst groteske Machwerke, so viel ich mich derselben noch erinnern kann. Der Magister war anfangs gütig und fein genug, mich aufzumuntern. Aber bald bemerkte er, daß ich dadurch die Lust zu nötigeren Arbeiten verlöre, und machte eine meiner Kompositionen lächerlich; dies benahm mir ohne weiteres den unzeitigen Kitzel, Gaunerromane zu phantasieren. Übrigens errang ich in diesem Jahre den Platz des Drittbesten in meiner Schule. Der Magister sagte, ich wäre weiter hinaufgekommen, wenn ich die Lektionen fleißiger gelernt hätte; aber zu Hause lernte ich gar nichts auswendig, und wenn ich in die Schule kam, versuchte ich das aufgegebene Pensum flüchtig zu memorieren, ward aber selten damit fertig, bis mich die Reihe zu antworten traf. Beinahe die ganze Zeit, welche zum Studieren bestimmt war, vertändelten wir mit jungen Vögeln, oder Maikäfern, oder Weihnachtskrippen und allerlei kindischen Maschinen, die wir in unsern Pulten aufbewahrten. Das vorzüglichste und fast das einzige, was ich noch freiwillig lernte, waren die Anfangsgründe der griechischen Sprache. Jemand hatte mir des P. Giraudeau Institutiones linguae graecae geschenkt. In diesen fand ich allerlei Fabeln aus Äsop, welche meinen Vorwitz reizten. Ich wollte gern wissen, was sie enthielten, und nahm mir die Mühe, unter Anleitung eines größern Studenten, der ein Liebhaber des Griechischen war, die meisten zu übersetzen. Durch diese Studien brachte ich es schließlich so weit, daß ich im Griechischen immer der Erste war und am Schlusse des Schuljahres mir eine Prämie errang. In der Endskomödie hatte ich im Singspiele eine Hauptrolle und erhielt ziemlichen Beifall. Noch weiß ich's, daß man mich als Merkur an vier feinen Seilen aus den Wolken herabließ, und daß ich lange in den Lüften singen mußte, ehe ich aus meiner Wolke steigen durfte. Zuletzt ward ich wirklich vorgerufen, das Praemium ex greaco abzuholen, und konnte mich vor inniger Entzückung kaum fassen. Meine Mutter war in dem Parterre und weinte vor Freuden. Ich kam nach Hause und ward überall als ein kleines Wundertier betrachtet, denn schon lange hatte kein Hochstädter Student ein Prämium bekommen. Mein Gönner, Herr Bürgermeister Mayr sammelte mir sogleich wieder die vorigen Kosttage und trug im Rate vor, man sollte mir zur Belohnung 24 fl. aus der Armenkasse schenken; und es geschah. Weine Mutter ließ mir dafür ein Dutzend neue Hemden und andere kleine Notwendigkeiten machen und kaufte mir, was mir die größte Freude machte, einen kleinen Degen. Ich war nicht wenig stolz, so bewaffnet einherzuziehen. Die Disteln am Wege und die Weidenstauden am Altwasser mußten wohl oft meine Herrlichkeit fühlen. Wir Studenten spielten wieder eine Komödie, und ich bekam auch meine wichtige Rolle, weiß aber nicht mehr, was ich eigentlich vorstellte. Bei dieser Gelegenheit ward ich mit den übrigen Studenten immer bekannter, lief mit ihnen in den Wirtshäusern und nachts in den Gassen umher, um allerlei törichte Farcen zu spielen. Bald führten wir mit Hafendeckeln, Querpfeifen, leeren Fässern, Kuhhörnern usw. eine komische türkische Musik auf und zogen lärmend durch die Stadt; bald besuchten wir die Herbergen der Handwerkszünfte und sangen allerlei schimpfliche Lieder auf sie. Die Weber hätten uns einst deswegen beinahe recht derb abgeprügelt; aber wir entkamen noch glücklich durch die Vermittlung des Wirts. Bei solchen Anlässen war ich kleine Kröte immer einer der vordersten und mutwilligsten; denn die Eitelkeit und die Begierde, mich auszuzeichnen, hatten allzuviel Macht über mich. Wenn wir aber nichts Törichtes trieben, so zankten die Leute und sprachen: »Ach, das sind tote Studenten, es ist kein Leben hinter ihnen.« Wir trieben allerlei lustige Possen, stahlen z. B. soviele Fensterläden zusammen, als wir konnten, trugen sie mitten auf den Markt auf einen Haufen und sahen morgens dem Spaße zu, wie sich jeder Eigentümer mit den andern um die seinigen schlug und mehr dergl. Ich hatte auch vernommen, daß jeder Student im Gasthause zu Kloster Kaisersheim drei Tage bleiben dürfte. Dort lebte ein Sohn des Herrn Bürgermeisters Mayr , namens Pater Paul . Mit einem Empfehlungsschreiben an diesen Herrn wanderte ich, in Begleitung meines Bruders Hans Michel, der unterdessen wacker singen gelernt hatte, nach Kaisersheim und sprach unterwegs im Kloster zum heil. Kreuze in Donauwörth ein, wo ein Bruder unsres Gönners, namens P. Anselm Mayr , Kellermeister war. Er gab uns eine Maß Wein und Brot und führte uns in das Küchenstüblein. Alles war hier voll Schmutz und Unreinlichkeiten, und das ganze Kloster hatte das Ansehen von einem alten zerfallenden Gebäude. Wir sagten oft zueinander: »Hier möchte ich wahrlich nicht einmal als Toter sein.« In Kaisersheim gefiel es uns viel besser. Es war alles viel heitrer, reinlicher und von einem frischern Aussehen. Da waren wir unter einem Haufen lustiger Studenten von verschiedenen Orten her, hatten Essen und Trinken mehr als genug und – wohl zu merken – Wein, so viel wir wollten. Freilich war es nur ein saurer, geringer Wein; allein wir tranken ihn für den besten. Das gute Beispiel wirkte bei mir so viel, daß ich, obgleich mit einigem Widerwillen, auch Wein zu trinken anfing und bald so viel trank, daß ich mich nach Tische kaum in eine Wiese hinausschleppen konnte und eine sehr große Übelkeit empfand. Allein es geht nichts über die Beharrlichkeit; ich ließ mich dadurch nicht abschrecken, trank, Gesellschaft halber, wieder Wein, doch in geringerer Menge, und hatte davon keine Übelkeit mehr zu befahren. Nun letzte ich mich erst recht nach Herzenslust an diesem Getränke und bedauerte sehr, daß ich nicht immer dableiben dürfte, um noch ferner so gute Tage zu haben. Der Herr Reichsprälat, die Hofpatres und vorzüglich der P. Mittelbursier Paul gaben mir reichliche Geschenke in mein Prämium, und entließen mich mit guten Lehren und schönen Ermunterungen. Ich mochte beim Weggehen etwa elf Gulden haben, darunter ein paar bayrische Taler waren. Voll Freude über eine so große Summe klapperte ich auf dem Wege nach Donauwörth immer mit meinem Gelde, zog einen Taler nach dem andern aus der Tasche und warf ihn scherzend vor mir hin auf die Straße: »Wir haben ja Geld zum Wegwerfen«, sagte ich in stolzem Scherze. Mein Bruder ließ sich die Mühe nicht gereuen, die Taler immer wieder aufzuheben. In Donauwörth war eben die Kirchweihwoche und Jahrmarkt. Eine Würfellotterie lockte mich an, hineinzusetzen. Ich verlor und gewann; aber der Gewinn war höchstens ein kleines nichtswürdiges Anhängsel für Kinder. Bald hatte ich eine ziemliche Summe verspielt. Die wollte ich nicht dahintenlassen, denn die Leute sagten, vor wenig Augenblicken hätte ein Knabe einen goldenen Becher herausgehoben. Dadurch ward ich immer mehr angefeuert, setzte und verlor stets wieder, bis ich zuletzt nichts weiter in der Tasche fühlte als ein paar Vierundzwanzig-Kreuzerstücke. Auch diese würde ich daran gewagt haben, wenn mich nicht mein Hans Michel beim Ellbogen gezupft und mich zu gehen ermahnt hätte. Höchst betrübt schlichen wir zum Tore hinaus, weinten draußen laut auf und verfluchten das höllische Lotto. »Ach, so viel Geld, so viel Geld verspielt!« klagten wir: »Was wird die Mutter und der Vater sagen, wenn wir fast gar nichts heimbringen? O, jetzt hätten wir's nötig, daß wir einen Schatz fänden!« »Laß uns beten,« sagte ich, »vielleicht macht unser Herrgott, daß wir einen finden. Wir wollen nun alle Bauernhöfe abstappeln (abbetteln), und über jene Äcker dort gehen, vielleicht finden wir einen Schatz, oder wir bekommen doch von den Bauern etwas geschenkt.« Wir zogen unsre Rosenkränze aus der Tasche und beteten sie mit nassen Augen höchst andächtig ab. Nun waren wir an den Brachäckern und sahen von fern etwas glänzen; weil wir nun gehört hatten, daß man bei Entdeckung eines Schatzes kein Wort reden dürfe, wenn er nicht wieder verloren gehen soll, so gaben wir einander nur durch Winke ein Zeichen und liefen schnell darauf zu, sahen, daß es etliche glasierte Scherben waren, ließen uns aber nicht irre machen, denn ein Schatz sieht gewöhnlich nur wie elendes Zeug, man sagte uns gar, wie Kiesel, Scherben und dergl. aus; sondern wir legten ohne Verzug unsre geweihten Rosenkränze darauf, um ihm das Verschwinden zu verwehren, und steckten die Scherben sorgfältig in die Tasche, in der zuversichtlichen Hoffnung, sie würden bald zu gediegenem Golde werden. Bis dies geschehe, bettelten wir in jedem Dorfe von Haus zu Haus. In Münster schnauzte mich der Hofhund eines Bauern sehr unhöflich an und lief mir bellend nach; flugs war ich mit meinem kleinen Degen aus der Scheide und focht gegen den Hund. Allein auf einmal ergriff mich eine törichte Furcht, und ich lief samt dem Gewehre davon, den Bauern zum Hohngelächter. Dies schreckte mich ab, im Dorfe ferner zu betteln. Abends spät gingen wir von Schweningen weg und hatten noch eine gute Meile nach Hause. Die Hasen und Eulen riefen einander zu; aber wir hielten sie für Gespenster und fuhren bei jedem Schrei ineinander. Müde und hungrig kamen wir nach Hause. In Hellern, Pfennigen, Kreuzern, Groschen und ein paar Vierundzwanzigern zählten wir der Mutter beinahe fünf Gulden vor; denn soviel hatten wir durch anhaltenden Fleiß erbettelt. Wir meinten, je später wir nach Hause kämen, desto leichter würden wir einer näheren Untersuchung ausweichen und hatten nicht ganz unrecht, denn der Vater war schon zu Bette gegangen. Die Mutter schüttelte unzufrieden den Kopf, als sie die vielen Heller und Pfennige sah. »Wo habt ihr das Geld bekommen?« fragte sie kalt. »In Kaisersheim und auf dem Wege in den Dörfern. Diesen Vierundzwanziger hat uns der Prälat geschenkt, diesen der P. Paul , diesen Zwölfer der P. Anselm in Donauwörth.« Und so nannten wir fälschlich einen Geber nach dem andern. Wir konnten aber unsre Schelmerei doch nicht so ganz übertünchen, daß die Mutter nicht Unrat gemerkt hätte. Allein sie schwieg jetzt und nahm sich vor, jeden von uns insbesondere zu verhören. Ohne mein Wissen setzte sie den Hans Michel morgens frühe zur Rede; und dieser gestand den ganzen Hergang, die Summe des verspielten Geldes ausgenommen, die er klug genug verschwieg. Ich leugnete, solange es gehen wollte, bis ich mich in meinen eigenen Widersprüchen verwickelte und wider Willen endlich alles eingestehen mußte. Aufrichtig erzählte ich endlich mein Vergehen, nur die Summe des verspielten Geldes verminderte ich weit über die Hälfte; denn es wäre gar zu gefährlich für meinen Rücken gewesen, wenn ich auch dies bekannt hätte. So lief es aber ganz leidlich mit einer langen Strafpredigt über die Schädlichkeit meiner Neigung zum Spiele ab. Nun kam der Höchstädter Herbstmarkt, und mein Vater führte mich hin, um mir etwas zu kaufen. Absichtlich stellte er sich an eine Bude, wo ein Würfellotto war, und sagte mit einem neckenden Seitenblicke: »Xaverl, magst du nicht hineinsetzen?« Ich fühlte das Beißende dieser Frage und lief ohne weiteres von der Bude weg. Darüber konnte mein Vater sich des Lachens nicht enthalten. Die Mutter hatte mir versprochen, dem Vater nichts von meinem Spiele zu sagen, und nun erfuhr ich, daß sie mich wirklich verraten hatte. Dennoch war ich froh, daß sich das befürchtete Ungewitter durch ein unschädliches Lachen und nicht durch derbe Schläge entladen hatte. Er rief mich wieder zu sich und sagte: »Sieh, Xaverl, das war eine Prüfung; hättest du Lust gezeigt, noch einmal ins Lotto zu setzen, so würde ich dich geprügelt haben, bis du zu Hause angelangt wärst. Dein Glück, daß du wegliefst. Laß dir dein letztes Mißgeschick ewig zur Warnung sein!« Der ganze Vorfall fruchtete wirklich soviel, daß ich bisher niemals wieder um Geld spielte, als wenn ich mußte; obschon ich während meines ersten Studienjahres keinen geringen Hang zum Kartenspiele hatte. – Am St. Ursulaabend 1771 zog ich wieder nach Dillingen in das Kosthaus und bekam einen vortrefflichen Studenten und Organisten, Herrn Schulzmorlin , zum Instruktor. Er hielt mich zum Lesen lateinischer Klassiker an und machte mich auf die Eigenarten dieser Sprache aufmerksam. Im Seminar teilte man ärmeren Studenten zu Anfang des Schuljahres die nötigen Bücher aus, wovon eine ziemliche Menge vorrätig war. Ich bekam einen Julius Cäsar; der schöne Druck und Einband entzückte mich; und das Buch ward mir so lieb, daß ich den ganzen Tag darin las und viele Stellen übersetzte. So ward mir in der Grammatik unvermerkt der lateinische Ausdruck bekannter und geläufiger und ich lernte spielend, was andern mit Mühe eingeprägt werden mußte. In der Schule ging es besser als im vorigen Jahre; ich betrug mich ruhiger und lernte meine Lektionen fleißiger. Man glaubte, ich würde wenigstens der Zweitbeste werden. Allein bald nach Ostern bekam ich das dreitägige kalte Fieber. Ich hatte an einem Nachmittag auf einmal für sieben Kreuzer Monatrettiche gegessen und viel Wasser dazu getrunken. Jedermann gab dieser Unmäßigkeit schuld, daß ich krank ward. Ich besuchte zwar, ungeachtet meiner Krankheit, die Schule an den guten Tagen, wo mich der Fieberfrost nicht eben schüttelte. Allein gar oft mußte ich wider Willen von der Schule wegbleiben und das Bett hüten. Das Fieber verließ mich auch nicht früher, als bis ich in der Herbstvakanz nach Hause kam und eine gewisse Arznei nahm, von der ich nachher reden werde. Es blieb zwar in der Zwischenzeit einigemal auf wenige Tage aus; allein es kehrte immer wieder zurück. Einmal vertrieb ich es acht Tage lang durch Laufen. Ein Student hatte mir geraten, so lange einen Hügel auf und ab zu springen, bis ich unmöglich mehr gehen könnte, sondern liegen bleiben müßte, das würde mir helfen. Ich tat es, und es gelang. Aber bald kam das Übel wieder. Dessenungeachtet gab man mir eine Sängerrolle in der Endskomödie und hoffte immer, das Fieber sollte mich bis dahin verlassen. Ich schrieb mit andern pro praemiis und wohnte den Examinibus aus dem Katechismus und der Geschichte bei, wie jeder andre; denn der Fieberfrost ergriff mich erst nachmittags. Bevor man pro praemiis schrieb, ging man auf einen der umliegenden Orte peregrinieren oder wallfahrten, um den Segen Gottes zu erbitten. O, wie wehe tat es mir, als ich am Peregrinationstage im Schlafsaale allein liegen und mich kaum emporheben konnte, um das Fenster zu erreichen und meine Gespielen jubilierend auf das Dorf Altheim klassenweise hinauswandern zu sehen. Ich weinte bittere Tränen. Dennoch waren einige Übelgesinnte unbillig genug, gegen mich den Verdacht zu erwecken, als stelle ich mich krank, um in der Komödie keine Person übernehmen zu dürfen. Ich haßte zwar die Rollen, weil ich zu viel annehmen mußte, und weil sie mich im Studieren merklich hinderten. Aber ich stellte mich deswegen doch nicht krank. Wenn ich zu Bette liegen mußte, ward mir oft die Zeit überaus lange. Um sie mir zu kürzen, ließ ich Schreibmaterialien in mein Schlafständchen bringen und verfertigte Lustspiele, Zwischenspiele und Hanswurstiaden, die letztern am liebsten, in der Absicht, sie während der Herbstvakanz mit meinen Brüdern aufzuführen. Was mir immer Lustiges und Burleskes einfiel, wurde in ein solches Quodlibet zusammengedrängt. Die Zeit der Endskomödie rückte heran, und ich mußte als ein Fieberkranker meine Rolle spielen. Die Wangen wurden mir sehr stark geschminkt; aber meine Blässe war an den übrigen Teilen des Angesichts nur desto sichtbarer. Bei der ersten Aufführung des Singspiels ward mir nicht übel; aber bei der zweiten oder letzten. Ich sollte am Ende der Hauptperson zu Füßen fallen, hatte aber die Kräfte nicht mehr, mich auf die Knie gehörig niederzulassen und fiel der Länge nach hin, so daß man mich ohnmächtig hinter die Kulissen ziehen mußte. Die Prämien wurden ausgeteilt, und ich bekam drei, eine ex soluto , die andre ex graeco , und die dritte ex Catechisimo , ohne sie auf dem Theater selbst abholen zu können. Man trug die Prämien zu meinem Bette, um mir Freude zu machen, die gewiß nicht gering war, und die Köchin brachte zugleich eine sehr gute, für mich besonders gekochte Speise: allein ich konnte vor Ekel nichts davon genießen. Ich hatte lange sehr andächtig, um Prämien zu bekommen, auf meinen einsamen Spaziergängen gebetet und ging einst an einem armen Bettler vorüber, der beständig am ganzen Leibe von einer Art Gichter erschüttert ward. Mir fiel ein, all mein Geld (es waren drei Groschen, für mich eine große Summe) dem Bettler zu schenken in der Absicht, Gott sollte mir mein Almosen durch Prämien vergüten. Als ich es hingab, dachte ich in der Stille: »Herr! für jeden Groschen ein Prämium!« Nachdem ich nun wirklich drei Prämien erhalten hatte, glaubte ich gewiß, Gott habe mich damals erhört und den Handel gleichfalls mit mir geschlossen. Ich machte es in den folgenden Jahren wieder so: aber ich war gar zu ungenügsam und wollte allzuviele haben; deswegen konnte mein vorhablicher Groschenaustausch unmöglich akzeptiert werden. Ich trug mein Fieber in die Herbstferien nach Höchstädt. Auch hier sollte ich eine Person in der Komödie annehmen. Ich stellte die Unmöglichkeit wegen des Fiebers vor. Aber da hieß es: »Laß das gut sein; der Apotheker hilft dir im Augenblick davon. Jetzt mag es noch eine Weile austoben. Aber wenn es auf die Komödie losgeht, nimmst du eine einzige Pille und das Fieber ist weg.« Wirklich ging es so. Der Apotheker schickte mir eine erbsengroße rote Pille; ich nahm sie, und das Fieber blieb aus. Ohne Anstand konnte ich auf dem Theater erscheinen. Aber bald darauf aß ich einige Erdbirnen und Kukumern in Essig und Öl und bekam das Fieber wieder. Ungeduldig darüber, kostete ich endlich eine Zeitlang nichts mehr als warme Brotsuppen und ward es dadurch bald gänzlich los. Bald nachher machte ich einen Ausflug nach Kloster Deggingen im Rieß, etwa vier Stunden weit; mein jüngster Bruder Franz Joseph, der fünf Jahre jünger ist als ich, begleitete mich; er war im neunten, ich im vierzehnten Jahre. Wir gingen über das Dorf Lutzingen und die Benediktinerpropstei Unterließheim , wo ich bei allen Häusern meine Prämien für ein Geschenk sehen ließ. In Deggingen nahm sich ein lustiger Pater unser an. Er veranstaltete, daß wir einen großen, wie eine Blutwurst gefüllten Schweinsmagen (Sausack) samt Sauerkraut, Obst und Lebkuchen (Lebzelten) zu essen und Bier und Wein zu trinken bekamen. »Greifet zu, greifet zu,« sagte er, immer höchst geschwind und etwas stotternd, »dies Gefräße da bekommt euch gewiß besser, als eine Arznei.« Mein Bruder mußte den Sausack zerschneiden und warf zu nicht geringer Freude unsers P. Gastmeisters Kraut und Sausack mit großer Geschicklichkeit auf den Boden, holte aber beides ohne Bedenken wieder herauf und aß mit mir darauf los, wie wenn gar nichts Ungeschicktes vorgegangen wäre. Als wir um halb vier Uhr abends das Kloster verließen, um wieder nach Hause zu kehren, und eine Weile gegangen waren, fing das belobte Gefräße in uns zu operieren an. Wir liefen gebückt umher, winselten und konnten vor schneidendem Bauchgrimmen uns kaum mehr fassen, bis sich die Natur des innern Aufruhrs entledigte. Aber da befanden wir uns in einem Zustande von Mattigkeit, der kaum erlaubte, uns weiter zu schleppen. Lange lagen wir auf einer kleinen, sonnigen Wiese im Walde. Endlich mahnte uns die sinkende Sonne, alle Kräfte anzuwenden, um aus dem eine starke Meile breiten Walde zu kommen. Als wir von Lietzheim nach Deggingen gingen, hatte uns ein Metzger den Fußsteig gezeigt. Wir hofften denselben ganz gewiß wieder zu treffen und gingen auf dem uns noch wohlbekannten Steige fort. Da begegnete uns ein junger Jude von etwa 20 Jahren mit einem Tragkorbe auf dem Rücken. Wir fürchteten uns vor dem Juden und schlichen ängstlich an ihm vorüber; denn er betrachtete uns mit sehr scharfen Blicken und blieb stehen, als wir ihm näher kamen, und man hatte uns immer gesagt: die Judenweiber brauchten Christenblut, sonst könnten sie nicht gebären. Kaum waren wir dem Juden aus dem Gesichte, so fingen wir an zu laufen, damit er uns nicht mehr einholen möchte, und verfehlten darüber den rechten Weg, der sich bei einer schönen, großen Eiche von einem Seitenpfad schied. Wir kamen immer tiefer und tiefer in den Wald. Endlich verlor sich der Fußsteig ganz. Es ward schon dunkel. Wir schwebten in einer entsetzlichen Furcht und glaubten alle Augenblicke, die wilde Jagd oder ein Waldgespenst werde uns mitnehmen. Nach langem Laufen hörten wir nicht gar ferne läuten. Wir drängten uns durchs Gebüsche nach der Gegend hin, woher der Schall kam, hatten aber lange zu ringen, bis wir ins Freie gelangten, öfters täuschten uns eine Wiese oder ein Acker mitten im Walde. Mein Brüderchen konnte vor Müdigkeit kaum mehr gehen und weinte immerfort. Endlich sahen wir Licht von ferne. Es war ganz finster. Mit neuen Kräften eilten wir darauf zu. Aber wir merkten, daß wir in ein Tal gerieten. Zuweilen glitten wir eine ziemliche Strecke über Steine hinab, bis wir wieder festen Fuß fassen konnten. Mein Bruder hielt sich immer an meinem Rocke fest. Ich merkte nun, daß wir auf Felsen standen und fürchtete, über eine Anhöhe hinabzustürzen. Ich legte mich also am Rande des Felsen auf den Bauch und griff mit der Hand hinab, soweit ich konnte; mein Bruder hielt mich bei den Füßen, damit ich nicht überschwankend würde. Aber nirgends war ein Ausweg, überall abschüssige Felsenwand. Wir wollten wieder zurück; konnten aber nicht mehr hinaufsteigen. Nun ergriff uns erst die schrecklichste Angst. Sollten wir auf diesem Felsenstück die ganze lange Nacht zubringen? Wir fingen mörderlich zu schreien und zu heulen an. Endlich kamen Leute mit Laternen heran und riefen, wo wir wären und was uns fehlte? Kaum kamen sie näher und erblickten uns auf dem Felsen, so stiegen sie soweit herab, als sie vermochten, und streckten uns, auf der Erde liegend, die Hände zu. Allein wir konnten sie nicht erreichen. Einer lief also fort und holte eine Leiter aus dem nahen Dorfe, an welcher sie uns glücklich emporzogen. Wir waren in den sogenannten Kessel geraten, wo der Bach Kessel entspringt, der das Kesseltal bewässert; unter uns glänzte ein großer Wasserteich, als die Leute mit den Laternen hinableuchteten; und ringsumher waren hohe Felsen aufgetürmt. Wir standen auf einer dieser hervorragenden Felsenmassen und hätten durch ein nochmaliges unvorsichtiges Hinabglitschen ganz gewiß unser Verderben in der Tiefe gefunden. Die Bauern führten uns ins Dorf, gaben uns zu essen und weiches Lager in der Heuscheune, und wir schliefen gesund und wohl, bis uns das Dreschen weckte. Kaum graute der Tag, so krochen wir aus unserm Neste, dankten dem braven Wirt, der unser Retter gewesen war, und ließen uns den Weg zeigen, den wir zu nehmen hätten. Und so langten wir bis zur Mittagszeit glücklich zu Hause an und erzählten unser Abenteuer mit Vergrößerungen und Beisätzen von Gespenstern, die uns im Walde verführt hätten und dergl. Mit meinem ehemaligen Schulkameraden Ignaz Strobl , der nun auch Student geworden war, ging ich öfters bald an die kleinen Teiche und Altwasser um Höchstädt hinaus, um Wildenten oder Bekassinen zu schießen, bald auf das Feld, um Hasen und Rebhühner zu jagen. Ich hatte kein Gewehr und freute mich nur, wenn ich zusehen durfte. Aber einst reichte mir Strobl die Vogelflinte, um unter einen Flug Staren hineinzuschießen, die sich eben auf einer Reihe Weidenstauden niedergelassen hatten. Er jagte sie auf, und ich drückte los, warf aber im nämlichen Augenblicke die Flinte ins Gras aus Furcht, sie möchte zerspringen, und traf natürlich kein Federchen. Das Herumlaufen mit Strobln hatte mir doch so große Begierde zum Schießen eingeflößt, daß ich meines Vaters alte Flinte aus dem Winkel hervorzog und heimlich damit auf das Feld schlich. Mein Bruder Hans Michel begleitete mich. Als wir zum mittleren Tore hinaus wollten, saß eine junge schwarze Katze auf einem Bänkchen. Mein Bruder hatte sie flugs unterm Rocke und trug sie mit sich auf eine Wiese am Wasser, wo wir ihr einen Tod antun wollten. »Die ist ganz recht, unsre Flinte zu probieren,« sagten wir und banden sie mit unsern Strumpfbändern an einen Markpfahl. Ich wollte auf sie schießen und lag schon im Feuer. Da erinnerte mich mein Bruder: »Halt, Xaverl, wenn sie eine Hexe ist, kann dir ein Unglück begegnen und die Flinte zerspringen.« Ich hielt also ein und bedachte mich, wie der Gefahr vorzubeugen sei. Es ward beliebt, die Flinte an einem gegenüberstehenden Markpfahle festzubinden, Steine darunter zu legen, damit das Rohr auf die Katze zielen möchte, einen langen Bindfaden von dem Drücker aus in die Ferne zu ziehen und so das Gewehr ohne Gefahr loszuschießen. Ich zog am Faden, und das Zündkraut brannte auf. »Siehst du!« sagte mein Bruder, »sie ist gewiß eine Hexe und verhindert ihren Tod.« »Wir wollen es noch einmal probieren«, sprach ich, streute wieder Pulver auf die Pfanne und zog. Die vorige Geschichte! – Nun fürchteten wir in barem Ernste, wir hätten es mit dem Bösen zu tun und hielten Rat, ob wir es auch zum drittenmal versuchen sollten. Das Resultat war Nein. »Wir wollen uns,« sagten wir, »durch das zweimalige Versagen des Gewehres warnen lassen und uns nicht zum drittenmal in Gefahr begeben; sonst möchte uns der Schutz Gottes verlassen.« Wir banden also die Katze und unser Gewehr los und resolvierten: »Wenn wir sie ersäufen, kann uns kein Unglück begegnen; sterben muß die Hexe!« Dann warfen wir sie ins Wasser; aber die Katze rettete sich glücklich an das jenseitige Gestade, und wir sahen sie noch etliche Tage nachher im Bruckwerthe (einem Anger) laufen und glaubten gewiß, sie habe sich durch Hexenkünste aus unsern Händen gerettet. – Den 20. Oktober 1772 ging ich wieder in das Kosthaus nach Dillingen und trat in die Klasse Grammatica media oder Syntaxis minor genannt. Da war ein ganz anderer P. Inspektor des Seminars, namens Johann Evangelist Kerschbaumer , aufgestellt; denn der P. Vitus Keller war als Prokurator nach Neuburg abgegangen. Wir fanden auch einen andern Herrn Magister, namens Leonhard Bahrer . Und zum Herrn Instruktor bekam ich einen Studenten der Theologie, mit seinem Geschlechtsnamen Adam , von Eichstädt gebürtig. Sowohl der Pater Inspektor, als der Herr Magister waren außerordentliche Liebhaber der griechischen Sprache und drangen, was eine Seltenheit war, so sehr auf die Erlernung derselben als des Lateins. In diesem Jahre geriet mir auch das erste deutsche Buch, in welchem Gedichte standen, in die Hände. Es war P. Weitenauers Sammlung kleinerer Gedichte. Daran konnte ich mich gar nicht satt lesen; und ich versuchte, allerlei nachzupfuschen. Es wollte aber gar nicht gelingen. Denn ich ließ mich ganz vom Reime führen, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich wollte. Endlich gab mir der Herr Magister P. Bidermanns Utopia , desselben Acroamata und P. Des Billons lateinische Fabeln. Diese Bücher, weil sie im erzählenden Tone geschrieben sind, vorzüglich das erste, welches lustige Anekdoten enthält, gefielen mir so wohl, daß ich sogleich den Versuch wagte, in deutscher Sprache ähnliche Erzählungen zu fabrizieren. Ich zeigte sie dem Herrn Magister und erhielt neue Aufmunterung, aber auch eine scharfe Ermahnung, mich nicht meiner wilden Phantasie zu überlassen, sondern zuerst mit Übersetzungen anzufangen, um mich nach und nach mit mehr geläuterten Kenntnissen usw. weiter zu wagen. Er versprach mir auch, er wolle uns am Ende des Jahrs, in der ruhigen Zeit, wenn man pro praemiis geschrieben haben würde (da man ohnehin die Schulstunden gewöhnlich mit gesellschaftlichen Spielen oder unter Gesprächen hinzubringen pflegte), eine kurze Anleitung, deutsche Verse zu machen, geben; und hielt getreulich Wort. Ich übersetzte sogleich zur Probe einige kurze Fabeln von Des Billons in reimfreie vierfüßige Jamben und studierte Weitenauers Sammlung deutscher Gedichte mit allem Feuer. Zu Ende des Jahrs bekam ich drei Prämien, ich weiß aber nicht mehr aus welchen Gegenständen. Darunter fand ich zwei Bände von Denis Sammlung kürzerer Gedichte, in denen viel schöne mit Geschmack gesammelte Stücke der besten deutschen Dichter und Geßners Tod Abels abgedruckt waren. Der letztere und einige Idyllen ebendesselben vortrefflichen Dichters zogen mich so sehr an, daß ich nicht aufhören konnte, sie zu lesen und wieder zu lesen. Soviel ich mich erinnere, fielen mir in den zwei vorigen und in diesem Schuljahre die Kinderzähne aus. Die obere Reihe der Vorderzähne wuchs aber so, daß sie die Oberlippe etwas hervordrängten. Dies gestaltete mich so übel, daß mich mein Vater, als ich wieder nach Hause kam, kaum mehr ansehen konnte und sein Mißfallen so oft und so beißend äußerte, daß ich endlich in Tränen ausbrach und sagte: »Was kann ich dafür, daß ich so gewachsen bin?« Er schlug mich aber mit der Hand ins Gesicht; denn er glaubte, es sei nur eine ungeschickte; unbesorgte Art mich so zu tragen. In diesem Jahre hatte ich in der Promulgationskomödie eine weibliche Person, die Providenz, vorzustellen. Eine fromme Hofratstochter bot sich an, mich anzukleiden. Als ich in ihr Haus trat, schien es, als wenn ihr mein Aussehen nicht ganz gefiele: »Er muß ein Frauenzimmerhemd anziehen,« sagte sie und suchte eines hervor: »Da – nehme Er und komm Er mit mir.« Sie führte mich in ein schönes Zimmer im oberen Stockwerk, legte das Hemd auf einen Tisch und ging aus dem Zimmer. Schüchtern zog ich meine Kleider ab (denn es dünkte mich immer, man könnte mich etwa belauschen) und warf das Frauenzimmerhemd über mich. Dann stieg ich in meine Beinkleider und das Fräulein rief: »Ist Er fertig?« und kam auf mein Jawort herein, um mich in das untere Zimmer hinabzuführen. Sie hieß mich dort in eine Schnürbrust schliefen und zwängte mich so enge hinein, daß mich die Hüften schmerzten. Den leeren Raum oben an der Brust füllte sie mit Leinwand aus. Dies Ankleiden, so sittsam und vorsichtig sich auch das Fräulein dabei benahm, meine Blicke auf die Beschäftigte und das Vergleichen ihrer Bildung mit der meinigen weckten in meinem Herzen allerlei Gedanken und ließen mich zum erstenmal merken, daß ich ins Jünglingsalter trat. Viertes Kapitel: Student in Neuhaus. Aufhebung des Jesuitenordens – Entzweiung mit dem Vater – Fünftes Schuljahr im Seminar zu Neuburg – Lesereien, ein »Roman« – Lebensart – Sittliche und physische Gefahren – Die Oper und fernere Gefahren – Die Generalbeicht – Vakanz 1774 – Das »Stappeln« – Sechstes Schuljahr, die Humanität – Die Festmeß – Freundschaft und Funken von Liebe – Cynismus und Dichterenthusiasmus – Siebentes Schuljahr, Instruktionen – Spazieren und »Deliberieren« – Jesuiten-Krieg gegen die deutschen Bücher. Nachdem die Endskomödie 1773 vorüber und die Prämien ausgeteilt waren, nahm der P. Rektor öffentlich auf dem Theater Abschied von dem Volke und von uns Studenten und kündigte mit Tränen die Aufhebung des Jesuitenordens an. Es entstand ein lautes Weinen in dem Parterre und alles ging traurig nach Hause. Ehe ich in die Vakanz reiste, ließ mich der P. Inspektor Kerschbaumer kommen, gab mir 15 fl. und sagte mit nassen Augen etwa folgendes: »Kind! hier hast du Geld zu einem Kleide; ich hätte dir gern eines machen lassen, das mehr gekostet hätte; aber du siehst, wir sind selbst vertrieben und können nicht mehr Gutes tun wie wir wollen. Jedoch sei getrost! Gott wird es schon anders machen. Der heil. Ignatius hat uns prophezeit, der Orden werde zwar verdunkelt werden, aber auch mit desto größerm Ganze wieder aufstehen. Lebe Wohl, Kleiner, und vergiß deiner Guttäter nicht!« Als ich fragte, ob ich künftiges Schuljahr wieder im Seminar eintreffen dürfte, antwortete er: »Ich weiß nicht, wie es mit dieser Stiftung gehen wird; wir haben nichts mehr darüber zu sagen; vielleicht wird sie ganz aufgehoben.« Ich weinte große Tropfen, verließ ihn schluchzend in der höchsten Rührung und begriff gar nicht, wie man so gute, nützliche und gelehrte Männer verfolgen könnte. Traurig ging ich in die Vakanz und fürchtete, ich würde künftiges Jahr keinen Ort bekommen, um meine Studien fortzusetzen. Dieser ängstliche Gedanke verdarb mir allen Freudengenuß. Ich hatte in dieser Vakanz wie in der vorigen meine gewöhnlichen Kosttage, die ich oben angezeigt habe. Mein Bruder Hans Michel war während meiner Abwesenheit als Singknabe nach Kaisersheim gekommen. Meine Mutter entschloß sich also, mit mir dahin zu wandern. Einesteils wollten wir den Hans Michel besuchen und einige gute Tage genießen, andernteils von da über Neuburg nach Eichstädt zur heil. Walburg wallfahrten, um nachzuforschen, ob ich nicht an diesen Orten mein Unterkommen finden könnte. In Kaisersheim trafen wir meinen Bruder ganz vernachlässigt, zerlumpt und voll Ungeziefer an; und im Augenblicke, da wir ankamen, hatte er einen Rausch. Die Herren und Diener machten sich einen Spaß mit ihm. Er war wie ein Ball, den jeder nach Belieben da- und dorthin wirft. Täglich wurden ihm drei bis vier Maß Wein zugemessen; aber niemand hatte die Güte, ihm Anleitung zu geben, wie und wo er sie verkaufen sollte, um dafür einiges Geld zu erhalten. Man munterte ihn vielmehr auf, sie täglich selbst zu trinken und belustigte sich dann an dem bezechten Knaben. Meiner Mutter und mir schossen beim ersten Anblicke Tränen in die Augen und uns ekelte beinahe, ihn zu berühren, so schmutzig und unreinlich war er angezogen. Er hatte nichts gelernt, vielmehr manches vergessen und wußte nichts als einen Schalksnarren zu spielen und niedrige Possen vorzubringen. Meine Mutter beklagte sich bitterlich darüber beim Herrn Reichsprälaten und bei jedem Klosterherrn, den sie antraf. Man versprach alles Gute und bestellte dem Hans Michel sogleich eine Wäscherin, die ihm seine Kleider und Haare von Zeit zu Zeit reinigen und säubern sollte; man ließ ihm auch bessere Kleider machen, empfahl ihn einem Klosterherrn als Lehrer und gab uns wacker zu essen und hübsche Geschenke, bis wir mit einigem Troste wieder abzogen. Wir kamen nach Neuburg an der Donau und besuchten den P. Vitus Keller , der noch mit andern Jesuiten im dortigen Kollegium wohnte und mich sehr gütig empfing. Als ich ihm mein Anliegen klagte, daß ich keinen Ort wüßte, wo ich künftiges Jahr mein Unterkommen finden könnte, sagte er: »Kleiner, bleib du da stehen, bis ich wieder komme!« verließ mich auf dem offenen Gange und kehrte bald wieder mit einem anderen Geistlichen zurück. Dieser Geistliche war der Freiherr v. Tänzl , ein Exjesuit und Inspektor des Seminars zu Neuburg. Er fragte mich allerlei, nahm meine Mutter und mich mit sich in das Seminar und ließ uns etwas zu essen reichen. Dann ward zur Probe geläutet; ich sang und ward aufgenommen. Am Theresienabend (den 14. Oktober 1773) sollte ich im Kosthaus erscheinen. Voll Freude und Dankbarkeit gegen den P. Vitus Keller wanderten wir also wieder nach Höchstädt zurück und dachten nicht mehr an die Wallfahrt nach Eichstädt. Wir kamen, als die Nacht anbrach, nach Genderkingen, zwei starke Stunden unterhalb Donauwörth und wollten dort Nachtherberge machen. Auf dem Wege nach Neuburg hatten wir daselbst gleichfalls geschlafen, und ich war, wie immer auf der Reise, bei meiner Mutter in einem Bette gelegen. Der Wirt meinte, ich sei schon zu groß dazu. Allein ich verstand nicht, was er wollte, und meine Mutter sagte: »Bei dem hat es keine Gefahr, er ist noch ganz hölzern.« Sie hatte auch recht; denn ich schlief die ganze Nacht, wie ein müdes Murmeltierchen. Mit meinem Vater hatte ich mich während dieser Vakanz ganz entzweit. Der Hergang war folgender: Als ich ihm sagte, daß ich in Dillingen vielleicht nicht mehr zu bleiben hätte, vermutete er, ich wollte ihn betrügen, sei davongejagt worden und hätte mit der Mutter Abrede genommen, ihn durch künstlich erdichtete Lügen hinter das Licht zu führen. Ich glaubte, ihm diesen ungerechten Argwohn am leichtesten benehmen zu können, wenn ich ihm meine drei Prämien vor Augen legte. Allein er sprach erzürnt: »Was kümmere ich mich um eure vergoldeten Bücher da? Deine Mutter und du haben sie wohl gar machen lassen, um mich zu betrügen.« Ich rückte geschwind mit dem gedruckten Katalog hervor, in welchem alle beschenkten und nachgelesenen Studenten verzeichnet waren. Allein er sagte ungeduldig: »Ihr meint gewiß, weil ich den lateinischen Freßzettel nicht lesen kann, so dürft ihr mir nach eurem Belieben einen blauen Dunst vor die Augen machen? Du und dein Bube sind nichts nütze.« Im Eifer sprach ich dann: »Vater, du bist gar der ungläubige Thomas; geh nach Dillingen und frage selber nach! Ein anderer braver Vater würde mir eine Freude machen, wenn ich so viel Prämien nach Haus brächte; du aber zankst immer und verdirbst mir meine Vakanz.« Da ergrimmte er, stand schnell auf und erhob seine Rechte, um mich zu schlagen. Ich bückte mich geschwind, und der Streich ging über mich hin und riß den Vater im Kreise herum. Flugs lief ich zur Tür und fort; er eilte mir nach. Allein ich war flüchtig auf den Beinen, sprang in kleine Gäßchen und führte ihn zuletzt soweit irre, daß er nicht mehr wußte, wo ich hingeraten war. Ich hatte mich zu meinem Vetter, dem Bader Waginger , geflüchtet und tat meiner Mutter Botschaft, sie sollte mir meine Prämien schicken. Der Vater vermutete, ohne daß es die Mutter gestand, wo ich war, und kam mit einer Ochsensehne unterm Rock, mich heimzutreiben. Allein wir sahen ihn kommen, und ich sprang behende in den Kuhstall und verkroch mich unter den Barn ins Heu. Ungestüm trat er ins Haus, grüßte niemanden, durchsuchte alles und ging drohend davon. Indessen war im ganzen Städtchen der Lärm entstanden, der Ziegler-Hans habe seinen Studenten unschuldig prügeln wollen, und jedermann nahm meine Partei. Man hatte ihn gesehen, wie er mir zürnend nachgeeilt war. Mein Vetter gab mir willig Nachtlager und Herberge; denn er sah, daß es für mich nicht ratsam wäre, wieder nach Hause zu gehen. Weil die Studenten eben eine Komödie aufführten, davon das Singspiel der bayrische Hiesel war, in welchem ich den Buben des Hiesels vorstellen mußte, kam ich öfters ziemlich spät von den Proben. Mein Vater paßte mir also am Wege auf, um mich mit Gewalt nach Hause zu schleppen. Allein ich war zu vorsichtig und zu flink, als daß er mich erhascht hätte. Ich erzählte dem Herrn Bürgermeister Mayr bald darauf mein Schicksal bei Tische und bat ihn, Vermittler zu sein. Sogleich schickte er seinen eigenen Sohn zu meinem Vater und ließ ihm sagen: »Ich hätte mich wirklich in Dillingen recht wohl gehalten; er dürfte hieran nicht zweifeln, sollte mich also in Ruhe meine Vakanz genießen lassen, die 15 fl. zu einem Kleide, die ich ihm zugestellt hätte, herausgeben und mich nicht weiter verfolgen, wenn er nicht ins Bürgerstübchen gesperrt werden wollte.« Mein Vater gab dem Herrn Mahr sogleich die 15 fl. und sagte weiter nichts, als die Worte: »Nun – das ist die umgekehrte Welt! Das Kind verklagt den Vater.« Er erzählte hierauf andern Leuten die Geschichte nach seiner Manier und erregte überall das Gerede, ich hätte ihn beim Bürgermeister verklagt; und nun war auf einmal die ganze Stadt so sehr wider mich eingenommen, als sie es kurz zuvor für mich gewesen war. Der Herr Bürgermeister Mayr ließ mir einen grünen Rock und ein rotes Westchen um die 15 fl. machen und bewirkte, daß ich vom Magistrat, wie in den vorigen Jahren, wieder 24 fl. geschenkt bekam. Meine Mutter kaufte mir dafür neue Hemden, gab die alten meinem Bruder Hans Michel und die des Hans Michel dem Franz Joseph. So ward es alle Jahre gehalten. Ich stutzte einst, als sie sagte: »Ich will dir für dein Geld neue Hemden machen lassen«, und antwortete: »Die alten sind ja noch ganz gut.« Aber sie erwiderte eifrig: »Der Michel kann auch etwas Gutes brauchen; du darfst mir kein Neidhals werden, bekommst doch immer die neuen.« Da begriff ich erst, warum sie mir alle Jahre neue Hemden anschaffte und gab mich zufrieden. Meine Mutter führte mich zur bestimmten Zeit nach Neuburg, so daß wir am Theresienabend, den 14. Oktober 1773, richtig daselbst eintrafen. Wir wurden bei weitem nicht so freundlich empfangen wie gewöhnlich in Dillingen; denn niemand kannte uns, und der Ton, der im Neuburgischen Seminar herrschte, war viel rauher und despotischer. Zum erstenmal nahm ich mit schwerem und beklemmtem Herzen Abschied von meiner lieben Mutter und ward zu den andern Studenten hineingesperrt. Nur wenige, etwa zwanzig, deren man zur Besetzung des Musikchors in den Kirchen bedurfte, waren gegenwärtig; die übrigen genossen noch in ihrem Vaterlande der Freiheit und jedes herbstlichen Vergnügens. 0, wie sauer kam es uns an, zwischen vier Mauern zu schmachten, indes wir unsre Gespielen so glücklich wußten! Doch ward das Herbe unsres Zustandes dadurch in etwas versüßet, daß wir nachmittags, so oft das Wetter günstig war, in den Seminargarten vor dem Tore laufen und dort Kegel schieben oder im Grase hüpfen durften. Meine liebste Beschäftigung war da auf Bäume zu klettern, Moos, Mistel und Schwämme herabzuschneiden, Schnecken zu suchen, des Gärtners Gesäme zu beschauen und an Kürbisbeeten die großen Früchte anzustaunen. Damit ich in den übrigen Stunden des Tages beschäftigt sein möchte, mußte mich ein größerer Student, namens Freundorfer , zur Vorübung in der lateinischen Versekunst unterrichten. Er diktierte mir zuerst aus Ovids Heroiden Distichen mit prosaisch versetzten Worten, und ich mußte die Worte wieder in ordentliche Verse reihen. So begriff ich leicht das Mechanische des Hexameters und Pentameters, der einzigen Versarten, in denen unsre metrischen Schularbeiten wahrend dieses Jahres abgefaßt werden mußten. Einst, als ich eben zu dergleichen Übungen wenig Lust bezeigte, sagte er drohend: »Laß nur erst den Schermer kommen, du fauler Junge! Der wird dich bald herabstechen (vom ersten Platze in der Schule verdrängen), wenn du nicht fleißiger bist. Auch er hat drei Prämien bekommen und war immer auszeichnend der Erste. Du wirst Not haben, den Platz des Besten wie in Dillingen zu behaupten.« Da war ich übermütig genug zu antworten: »Meinetwegen mögen so viele und so gute Studenten kommen, als da wollen, sie sollen mich doch nicht herabstechen; denn vom ersten Platze laß ich mich nimmer hinweg!« »Du stolzer Bube,« erwiderte er, »meinst du, das sei so gewiß? Es ist leichter gesagt als ausgeführt, und ich fürchte, du wirst gedemütigt werden!« So mutig ich auch aussehen wollte, so wurmten mir doch von dieser Stunde an geheime Besorgnisse im Herzen, und ich ward viel fleißiger, als ich ohne dies gewesen sein würde. Die Lehrer am Lyzeum waren insgesamt Exjesuiten, aus der obern Pfalz gebürtig; ihr Äußerliches unterschied sich von ihrem vorigen Anzuge in nichts, als daß sie statt der hohen stehenden Kragen an ihrem langen Habit nun kleinere oder schwarze Halstücher, mit gewöhnlichen Petrinerkräglein behängt, trugen. Der Pater Tänzl , von Geburt ein Freiherr aus der Schwäbischen Pfalz, hatte die Aufsicht über das Seminar, das im Rufe großen Reichtums stand und wirklich weitläufige Güter besaß; er war ein ernster, langer Mann, der wenig gute Worte ausgab und den wir alle fürchteten, so oft wir ihn sahen. Strengere Ordnung herrschte hier als zu Dillingen. Besonders war verboten, irgendein Haus in der Stadt zu betreten, und es schien die Hauptsorge unserer Vorgesetzten dahin zu gehen, daß wir ja niemals mit andern Menschen als mit unsersgleichen Umgang pflegen sollten. Diese Einrichtung, die noch in den meisten Erziehungshäusern besteht, ist gewiß sehr schädlich; einmal – weil der Jüngling durch den steten Umgang mit ungebildeten, rohen, nicht selten schon verdorbenen jungen Leuten und zugleich aus Mangel an besserer Gesellschaft verwildert; dann – weil sein Drang nach Freiheit durch so enge Beschränkung allzusehr aufgeregt wird, und er, sobald er die Freiheit erhält, kaum mehr fähig bleibt, sie ohne Ausschweifungen zu genießen; endlich weil er wegen Einförmigkeit des Zeitvertreibes und aus Abgang abwechselnder Unterhaltung gar leicht Verführern in die Hände geraten kann, deren es immer einige unter einer größern Anzahl zusammengepferchter Studenten gibt. Wenn in dergleichen Häusern nicht eine solche Einrichtung getroffen wird, daß die Zöglinge durch bessern Umgang Sitten und Lebensart lernen, so werden sie immer leutescheu, wenn nicht gar an Kopf und Herz verdorben, dieselben verlassen; wenigstens werden sie, so wie ich selbst, kaum wissen, wie sie sich benehmen sollen, wenn sie das Ungefähr einmal unter gebildete Menschen verschlägt, ein Übelstand, gegen den man in der Folge viele Jahre lang zu kämpfen hat. Man denke sich etliche siebenzig Knaben und Jünglinge in einem rings mit Gebäuden umschlossenen Hofraume beisammen, der etwa 130 Schuh im Quadrat hält; einige kegeln, andre spazieren, wieder andre jagen sich und die stillsten sitzen oder stehen beisammen und erzählen; so hat man ein echtes Bild unsers Zeitvertreibes in den sogenannten Rekreationsstunden. Meistens gehörte ich in die Klasse derjenigen, die sich jagten. Nur wenn der Dienstag und Donnerstag heiter und weder Feiertag noch Feierabend war, trieben uns der Vizepräfekt und die beiden Admonitoren in Prozession zum Tor hinaus, um auf einer Schanze oder anderswo Ball zu spielen oder den Ballon zu schlagen. Das erste scheute ich, weil mich einmal ein so derber Wurf an die Schläfe getroffen hatte, daß ich ohnmächtig hinfiel; das andre freute mich zwar lange; aber einst verrenkte ich mir die Hand durch einen falschen Schlag und mied nun aus Furcht eines ähnlichen Zufalls das Spiel. Meine Unterhaltung fand ich dann darin, daß ich über Gräben hüpfte, erst wo sie enge waren, dann fortschreitend, bis wo sie weiter wurden, oder ich baute mir Lauben in einen Busch, oder auf einen Baum, und labte mich an Dents Sammlung kürzerer Gedichte, vorzüglich aber an Herrn Geßners Gegend im Grase . Im Museum (gemeinschaftlichen Studierzimmer) hatte man mich, vielleicht wegen meiner unruhigen Lebhaftigkeit, zunächst an meinen Instruktor gesetzt. Da mußte ich denn studieren oder wenigstens ruhig sein. Wirklich bequemte ich mich aus Langeweile, nach Pater Spenglers Rechenkunst die fünf Spezies und die Proportionen zu lernen, einige Oden von Anakreon , ein paar Idyllen von Theokrit und einige andere von Moschus und Vion , so wie ich sie in meinem Giraudeau fand mit Beibehaltung der Versarten, in denen sie gedichtet waren, zu übersetzen. Ich wagte es sie meinem Professor zu weisen, der so gütig und klug war, mich aufzumuntern. Überhaupt naschte ich gern in allerlei Büchern; nur meine Schulbücher ekelten mich an, und ich gab mich mit ihnen nur ab, wenn ich mußte. Ein Student zeigte mir einst Vatteur ' Einleitung in die schönen Wissenschaften, von Ramler er übersetzt. Da ließ ich ihm keine Ruhe mehr, bis er mir die vier Bände auf einige Tage lieh. Mit allem Eifer fiel ich darüber her und las und machte Auszüge, so viel ich immer konnte; denn ein so nützliches, ganz zu meiner Absicht dienliches und mir in meinen Lieblingsstudien Anleitung erteilendes Werk war mir noch nie zu Gesichte gekommen. Lieber hätte ich es gar nicht mehr zurückgegeben. Ich musterte meine geringe Barschaft und wollte es kaufen; jedoch der Besitzer schätzte es so hoch im Preise, daß ich gar nicht daran denken durfte, mit ihm des Handels einig zu werden. Aber er versprach, es mir, so oft ich wollte, zu leihen und hielt auch treulich Wort. Ein anderer Student, namens Schwerla , der Sohn eines Bürgers aus der Stadt, teilte mir manchmal auch ein schönes Buch zum Lesen mit. In seines Vaters Haus hatte sich ein pfälzischer Offizier eine Wohnung gemietet und wollte dem jungen Schwerla Lust zu den schönen Wissenschaften einflößen; deshalb gab er ihm die auserlesensten Bücher, die er zu diesem Endzwecke für tauglich hielt, als Gellerts und Lichtwers Fabeln, Kleists, Geßners, Klopstocks und anderer Gedichte, und freute sich sehr, wenn der Jüngling daran Vergnügen fand. Dieser steckte mir jedes Buch, sobald er es empfangen hatte, heimlich zu, und ich las es ebenso heimlich entweder zuhöchst auf einem Holzstoße sitzend oder auf dem Abtritte oder gar nachts beim Mondscheine, wie ich's mit Gellerts Schwedischer Gräfin tat. Denn ein deutscher Schriftsteller verirrte sich damals noch unter die Jesuiten-Studenten nur als eine große Seltenheit, und dergleichen zu lesen war strenge verboten; vorzüglich eiferte man gegen alles, was Roman hieß. Nun war die Schwedische Gräfin ein Roman; also mußte ich mit der höchsten Vorsicht zu Werke gehen, um nicht in die Strafe zu verfallen. Meine Wißbegierde war aufs höchste gespannt; denn ich hatte in meinem Leben noch keinen Roman gesehen; nun glaubte ich aber, die Jesuiten würden dergleichen Schriften gewiß nicht verbieten, wenn sie nicht sämtlich allerlei lockere unkeusche Dinge enthielten. Mit lüsterner Gierigkeit verschlang ich also, beim Mondschein im Fenster liegend, eine Seite nach der andern, dachte immer: »Wann kommen denn die Stellen, wo du neue Entdeckungen machen wirst?« und wunderte mich am Ende nicht wenig, daß ich im ganzen Buche das Unzüchtige nicht fände, wegen dessen man es so strenge verboten hatte. »Unsre Obrigkeiten sind doch gar zu ängstlich,« schloß ich, »wer soll sich ferner um ihre wunderlichen Verbote kümmern, wenn sie so ganz ohne Grund gegeben sind, und wenn man sie in der Stille umgehen kann?« Meine natürliche Lebhaftigkeit ward durch das Bewußtsein, daß es mir in der Schule ganz nach Wunsch gehen werde, zugleich auch durch die Fülle der Gesundheit, so sehr überspannt, daß ich täglich verschiedener mutwilliger Streiche wegen, die ich mir in den Erholungsstunden zuschulden kommen ließ, Verweise erhielt. Abends nach dem Gebete ging der Präfekt des Seminars gewöhnlich ganz gravitätisch im Museum auf und ab, hieß alle Studenten, von den höheren Schulen angefangen, klassenweise zu Bette gehen und rügte bei jeder Klasse besonders was er zu rügen wußte. Da verstrich nun selten ein Abend, ohne daß ich, entweder unartigen Jauchzens oder kleiner Raufereien oder anderer törichter Possen wegen, im Kreise meiner Mitschüler stehend, einem Verweise bloßgestellt ward. Aber die Art, mit der Herr Präfekt mich zurechtwies, war für mich mehr aufmunternd als zurückschreckend. Teils merkte ich, daß er sich insgeheim an meiner Munterkeit belustigte, teils wußte ich mich gewöhnlich so läppisch oder schalkhaft zu verantworten, daß der Verweis mit einem lauten Lachen endigte. Und so ging ich fast immer mit dem Vorsatze zu Bett, den kommenden Tag mich durch ebensoviel kindischen oder bübischen Mutwillen auszuzeichnen. Endlich ließ mich der Inspektor zu sich rufen, packte mich bei meinem Ehrgeize und brauchte Ernst. »Ist das nicht Schad' und Schande,« sagte er, »daß der Erste seiner Klasse zugleich das größte Kind derselben ist? Pfui, schäm' Er sich, Bronner! Wahrlich, ich beteure es Ihm; wenn Er sich nicht ordentlicher, artiger und ruhiger beträgt, so werde ich Ihm kein Kleid machen lassen; da kann Er denn auch der lumpigste Syntaxist heißen, weil Er sich doch durch niedriges Betragen vor andern auszeichnen will.« Diese Sprache, ernstlich und öfters wiederholt, stimmte meinen Hang zu törichten Streichen allmählich herab. Allein er ließ sich während des Studentenlebens niemals gänzlich unterdrücken. Solange der Herzog von Zweibrücken, Karl August , in Neuburg residierte, zogen die Seminaristen gewöhnlich alle vierzehn Tage einmal nach Hofe, um dort eine türkische oder eine andre Musik aufzuführen. Ein gewisser Jäger war Diskantist, ich Altist; wenn wir nicht sangen, mußten wir die Piatti schlagen. Öfters würdigte sich die Herzogin herab, eine Arie oder ein Duett mit uns zu singen. Wir hatten sie alle wegen ihrer auszeichnenden Leutseligkeit, Sanftheit und edlen Gestalt sehr lieb und waren zum Teile mit dem Prinzen unzufrieden, der sich nicht viel aus ihr zu machen schien. Sobald wir beiden Sänger Muße fanden, vom Haufen wegzuschleichen, tändelten wir entweder mit des Prinzen Hunden, zahmen Damhirschen, Rehen, Füchsen, Uhus usw., oder liefen in den Zimmern umher; selbst in die Zimmer der Herzogin drangen wir und durchblätterten ihre Bücher. Noch weiß ich, daß mir ein Journal, der Einsiedler, sehr wohl gefiel. Einst fand ich ganz allein einen großen Saal geöffnet, in dem alte, merkwürdige Waffen, Schilde, Panzer und andere Sonderbarkeiten aufbewahrt wurden. Niemand war zugegen. Mitten darin stand ein Tisch mit allerlei kleinern kostbaren Dingen; unter andern ein längliches Schächtelchen mit niedlich gearbeiteten silbernen Gewehren, die ganz die Form großer Flinten hatten, aber nicht länger waren, als etwa fünf Zoll. Eins dieser Gewehrchen stach mir sehr in die Augen; ich nahm es heraus, spannte und drückte es ab. Die Begierde, es zu haben, stieg zu einem so hohen Grade, daß ich wirklich versuchte, ob es auch leicht in die Tasche gesteckt werden könnte. Geschwind zog ich es aber wieder hervor, bebte vor dem Gedanken, ein Dieb zu werden und: »es ist Silber!« zurück, legte es in das Schächtelchen und ging davon. Aber plötzlich öffnete sich eine Wandtapete, ein Hofherr trat hervor und rief: »Es ist dein Glück, Junge, daß du nichts entwendet hast; sonst hätte ich dich mit der Hundspeitsche geißeln lassen – bis auf's Blut, und dann erst noch ins Zuchthaus gesteckt!« Hu, wie war ich da erschrocken! Wie lief ich so ängstlich zur Gesellschaft zurück! Ein andermal besuchte ich den zahmen Damhirsch, der frei im hintern Schloßhof umhertrabte. Oft hatte ich mit ihm gescherzt, ihn gestreichelt, mit Brot und Kräutern gefüttert oder bei den Geweihen ergriffen. Allein auf einmal nahm er das übel, warf mich zu Boden, trampte neben mir und über mich hin und zerstieß mir, so oft ich aufstehen wollte, Kopf, Schultern und Rippen so sehr, daß ich am Ende teils aus Schwachheit, teils aus Furcht, ruhig in der Lage ausgestreckt blieb, in der er mich Liegenden nur anglotzte und schnaubend mit den Waffen seiner Stirne bedrohte. Keine Seele war in der Gegend, die ich hätte zu Hilfe rufen können; endlich ging er siegreich hinweg und überließ mich der Freude, mit geraden Gliedern seinem Zorn entkommen zu sein. Aber weder den hintern Schloßhof, noch den Waffensaal mochte ich ferner besuchen. – Einst führten die Exjesuiten zu Ehren des Herzogs, der eben die Regierung von Zweibrücken antrat, im großen Saale des Schulhauses eine Art Oper auf, in welcher die pfälzischen Fürstentümer personifiziert erschienen. Ich stellte Sulzbach vor und erschien als Amazonin gekleidet auf dem Theater. Hinter den Kulissen führte eine geheime Treppe in eine Schulstube hinab; die Treppe war nur allein zum Gebrauche der Schauspieler bestimmt, aus leichten Brettchen zusammengefügt und ziemlich steil aufgestellt. Eben da der Vorhang aufgezogen werden sollte und wir alle in der Schulstube versammelt waren, öffnete sich die Tür, mehrere Frauenzimmer, denen das Gedränge im Saale den Zugang zu ihren bestimmten Plätzen versperrt hatte, traten herein, von einigen Offizieren begleitet. Sogleich liefen ein paar dieser Herren unter die Treppe; die Frauenzimmer weigerten sich, hinaufzusteigen; die übrigen Begleiter trieben sie an, bis endlich die Kühnste, mit besonderer Vorsicht in Haltung ihrer Kleider, es wagte, die Stufen zu betreten. Die übrigen ahmten ihr nach und eilten schnell die Treppe hinauf. Aber die Offiziere unten lachten, spotteten, schrien häßliche, unflätige Zoten und machten so schändliche Gebärden, daß wir Kinder durch ihr Gerede und Betragen in hohem Grade geärgert werden mußten. Meine ganze Phantasie war bis spät am Abend mit diesem Vorfalle beschäftigt. Bald strebte ich mich der unreinen Bilder, die mir unablässig vorgaukelten, zu entledigen, und vertiefte mich eben durch dieses Streben noch mehr darein; teils ließ ich mich auf Augenblicke hinreißen, mit einer Art Wohlgefallen und beinahe mit aufkeimenden Wünschen bei verschiedenen dieser Bilder zu verweilen. Dann regte sich das Gewissen desto ängstlicher; ich kämpfte, bereute, stritt und wußte mir am Ende nimmer zu helfen, so daß ich mich entschloß, noch ehe ich zu Bett ging, meine großen Gedankensünden zu beichten, um wieder ruhig und mit Gott versöhnt schlafen zu können. Lange stand ich an der Tür des Präfekts, klopfte und harrte, bis es ihm gefallen würde, mein Bekenntnis zu hören; aber er war nicht zu Hause. Endlich jagte mich der Vizepräfekt zu Bette. Aber einer meiner Gespielen, dem ich's nicht verbergen konnte, was mich ängstigte, lachte meiner und sagte einen der schlüpfrigsten Verse aus Ovids Gedichten von der Kunst zu lieben her, der meine Phantasie noch mehr zerrüttete, bis endlich ein wohltätiger Schlaf meine müden Lebensgeister dem unseligen Kampfe entriß. Morgens, als ich erwachte, war ich neugestärkt und viel ruhiger und dachte mit Verwunderung zurück, wie ich gestern so töricht ängstlich mich betragen konnte. Als man die Oper zum zweitenmal aufführte, stieg ich von ungefähr aus der Schulstube aufs Theater hinauf und traf da einen großen Studenten hinter den Kulissen sitzend, der einen kleinen Sänger, meinen Gespielen, auf dem Schoße hielt und ihn zärtlich liebkosete; denn der Knabe war, wie ich, weiblich gekleidet, aber viel schöner gestaltet. »Geh fort, du häßliches Mensch,« sagte der große Student, »was hast du hier zu machen? Meinst gewiß, man soll dich auch liebkosen? O geh du, geh! dich mag der Kaminfeger küssen!« Und als ich nicht sogleich gehen wollte, ergriff er eine Latte und jagte mich die Treppe hinab. Öfters geriet ich bei andern Gelegenheiten an so vertraute Paare, die mich fortzankten, sobald ich mich ihnen nahte. Lange wußte ich nicht, woher dies rührte, und bedauerte manchmal, daß ich etwas an mir haben müßte, welches mich der Zuneigung anderer beraubte. Aber einst, da ein heftiges Donnerwetter heranzog, erschien der Pater Inspektor im Museum, teilte ruhig und ernsthaft die Pro-mense -Zwölfer aus und, als indes das Gewitter so recht über unsern Häuptern rollte, rief er sieben größere und kleinere Studenten in die Mitte hervor; sein Angesicht ward immer ernster und all sein Äußerliches feierlicher; dann hielt er eine heftige Strafrede, die uns Mark und Bein durchdrang, und sagte: »Es wundere ihn, daß der Blitz nicht augenblicklich herabstürze, um so schändliche Verbrecher, als da vor ihm stünden, aus dem Leben wegzutilgen«; und beschloß damit, daß er den größern die Exklusion (Relegation), den kleinern aber die Rute ankündigte. Diese Szene ließ einen tiefen Eindruck in meiner Seele zurück, und ich dankte Gott, daß mich dergleichen Verführer nicht auch liebenswürdig gefunden hatten. Den ich auf dem Theater hinter den Kulissen angetroffen hatte, war einer derselben. Dennoch fehlte es nicht an dienstfertigen Gespielen, die mir ihren Unterricht über Dinge aufdrangen, die ich besser ignoriert hätte. Einer, der während des Morgen- und Abendgebetes, gleicher Größe wegen, immer neben mir kniete und ein hübscher Knabe war, erzählte mir öfters flüsternd beim Abendgebete (während der Gewissensforschung, da alles stilleschwieg), was er den Tag über für Entdeckungen oder Erfahrungen gemacht hatte. Er malte alles so genau aus, daß ich ganz mit jeder Sache bekannt ward, von der er mir Nachricht zu geben für gut fand. Ein Student der Medizin und ein Halbgeistlicher mißbrauchten den armen Knaben. Anfangs weigerte ich mich, sein Geschwätz anzuhören; aber die Neugier und sein Spott über meine Skrupulosität, wie er es nannte, verleiteten mich doch am Ende, ihm manchmal mein Ohr zu leihen. Obschon ich übrigens seine Handlungen verabscheute, so ward doch meine Phantasie mit unreinen Vorstellungen erfüllt, und ich empfand es nur zu lebhaft, wie schädlich es ist, wenn die Einbildungskraft mit häßlichen Bildern verunreinigt wird, und wie lange man zu kämpfen hat, bis ihre Wirkung geschwächt oder gänzlich gehemmt wird. Eben derselbe verleitete mich auch, ihn meine Generalbeicht sehen zu lassen, wofür er mir die seinige zu lesen gab. Diese Beicht war eine eigene Einrichtung der Jesuiten; sie diente teils dazu, ängstliche Gemüter, die in den vorigen Beichten etwas verschwiegen zu haben befürchteten und also an der Gültigkeit der Lossprechung zweifelten, durch ein neues allgemeines Bekenntnis aller begangenen Sünden zu beruhigen, teils die jungen Leute von Grund aus kennen zu lernen. Wer eine Generalbeicht ablegen wollte, schrieb seine Vergehungen, groß und klein, mit allen wichtigeren Umständen auf einige Blätter, las sie, im Zimmer des Beichtvaters kniend, verständlich ab und bat um die Lossprechung. Die Blätter wurden dann vernichtet. Man kann denken, daß eine solche Beicht, von einem Verführten geschrieben, für einen mit so schändlichen Dingen unbekannten Knaben nur zu viel Belehrendes haben mußte. Kaum waren wir aus dem Jesuitenkolleg zurückgekommen, wo wir der Reihe nach unsere Bekenntnisse abgelegt hatten, so kam der Reuige mit weinenden Augen zu mir, bat dringend um Verzeihung, daß er mich mit so schlimmen Dingen bekannt gemacht hätte, und gestand, daß ihm dies vom Beichtvater als Bedingung der Absolution auferlegt worden sei. Gerührt und weinend verzieh ich ihm; aber er mußte mir versprechen, künftig nie wieder etwas Ähnliches zu reden, welches er auch von derselben Stunde an getreulich hielt. Jedoch, ich kann's nicht bergen, selbst die Beicht oder vielmehr ein ungeschickter Beichtvater half mir auf Begriffe, deren ich besser entbehrt hätte. Der allzu eifrige Alte, dem fast alle kleinen Studenten beichteten, fragte uns manchmal scharf aus, verlangte über so viel Umstände, die bei den wenigsten von uns statthaben konnten, befriedigende Auskunft, forschte so lange, ob wir nicht auch so oder so gesündigt hätten, bis wir mit Vergehungen und Kenntnissen vertraut wurden, von denen wir vorher gar nichts ahnten. Wenn ich nun auf dem Pulte irgendeines größern Studenten ein kasuistisches Buch liegen sah und es unbemerkt wegnehmen konnte, suchte ich eifrig die für meine sträfliche Neugierde anzüglichsten Stellen auf, nahm, sobald ich etwas nicht verstand, das Lexikon zur Hand, prüfte Wort für Wort und strebte, so gut ich konnte, Begriffe zu berichtigen, über die ich damals weit glücklicher in Unwissenheit geschwebt hätte. Aber nachdem einmal die Wißbegierde aufgeregt war, konnte ich so wenig in den ruhigen Stand dieser unschuldigen Unwissenheit zurücktreten, als der Mensch nach dem Falle ins Paradies; und schon oft bin ich auf den Einfall geraten, ob es bei diesen Umständen nicht besser gewesen wäre, wenn mich ein ernster und kluger Mann über dergleichen Dinge offenherzig und mit Anstand belehrt hätte. Mit Geld und Prämien beladen, trat ich an Maria Geburtsfeste 1774, abends nach der Vesper, meine Vakanzreise freudig an und nahm den Weg nach Haus über Kännertshofen und Kaisersheim , um am letzten Orte meinen Bruder zu besuchen. So ganz zerlumpt und vernachlässigt sah er nun freilich nicht mehr aus, als damals, als ich ihn zum erstenmal besucht hatte; aber er litt doch noch großen Mangel an Kleidern und besonders an dem nötigen Unterrichte. Denn als ich ihn fragte, wie weit er schon in seinen Studien gekommen sei, hatte er kaum die ersten Anfangsgründe der lateinischen Sprache begriffen und wußte schwerlich so viel, als ein mittelmäßiger Prinzipist in Dillingen wissen mußte. Weinend klagte er mir, daß er hier durch das Aufwarten bei Tafeln und andere häusliche Geschäfte zu sehr zerstreuet würde, als daß er ein guter Student werden könnte. Selbst sein Lehrer riet mir, ihn nach Neuburg mitzunehmen, wenn ich hoffen dürfte, daß er dort sein Unterkommen fände. Ich bat also, man möchte ihn auf vierzehn Tage mit mir in die Vakanz ziehen lassen, und erhielt die Erlaubnis dazu sehr leicht. In Höchstädt, wo mein Vater uns freundlich empfing, konnten wir nur wenige Tage anwenden, um miteinander alle unsre liebsten Plätzchen rings um das Städtchen wieder zu besuchen und uns dort mit den angenehmsten Erinnerungen genossener Freuden zu laben; da führte ihn die Mutter nach Neuburg, um ihn im Singen prüfen zu lassen und um die Aufnahme zu bitten. Fröhlich kamen beide zurück und hatten wirklich die Zusage erhalten. Nun eilten wir von neuem nach Kaisersheim, um dort Abschied zu nehmen und einige Zeit dem Vergnügen zu weihen; denn im Gasthause daselbst durfte der Student, der im Kloster einen Bekannten hatte, wenigstens drei Tage verweilen und fand immer Speis und Trank im Überfluß. Dann zogen wir von einem Dorfe zum andern, um mit unsern Prämien und Attestaten zu stappeln , wie das Kunstwort heißt, oder freiwillige Geschenke zu sammeln. Andere Studenten wollten uns Gesellschaft leisten; aber dazu verstanden wir uns nie; denn die Gaben zerfielen dann in zu kleine Teile, und die Herren Konsorten wollten verschwenderischer zehren, als wir gewohnt waren. Zu Hause trafen wir, mit einer ziemlichen Summe beladen, wieder ein, und die Mutter versah uns dafür mit allerlei Kleidungsstücken. Beide fanden wir auch unsre gute Kost bei meinen gewöhnlichen Wohltätern, wohin mich jetzt, wie die Reihe es heischte, mein Bruder begleiten durfte. So ging die Vakanzzeit vorüber, und der Theresienabend 1774, an dem wir in Neuburg eintreffen sollten, kam herbei. Sogleich bei meiner Ankunft ließ mir der Pater Inspektor ein neues Kleid anmessen. O, wie freute ich mich, als ich es erhielt. Es war genau die Livree des Herzogs von Zweibrücken, ein blauer Rock mit roten Aufschlägen und Kragen, alles samt dem Hut mit silbernen Tressen besetzt. So ward auch Jäger, mein Gespiele im Singen, gekleidet, und wir mußten in diesem Anzuge immer bei der Hofmusik erscheinen. Darauf taten wir junge Toren uns nicht wenig zugut. Um Allerheiligen, als die Schulen wieder anfingen, ward ich zum Instruktor zweier kleiner Studenten ernannt. Ein langer Zuspruch des Inspektors schärfte mir vorher ein, ich sollte nun doch ernsthafter und mit mehr Würde mich betragen. Allein das war gut zu sagen, aber schwer auszuüben. Noch bis diese Stunde verstehe ich die Kunst nicht mir ein Ansehen zu geben und werde sie wahrscheinlich in meinem Leben nicht mehr lernen. Herzlich und ernsthaft kann ich mich wohl gegen andre betragen, aber antoritätisch, das ist mir unmöglich. Damals hatte es sogar mit meinem Ernst keine Dauer. Dennoch mußte ich auch im Singen Unterricht geben, lernte aber in den Nebenstunden selbst noch die Klarinette blasen. Am liebsten hätte ich das Klavier spielen gelernt; aber dazu konnte ich meine Obern nicht bereden. Schon im vorigen Jahre hatte ich vergebens darum gebeten; sie erlaubten mir nur, die Hoboe und Querflöte spielen zu erlernen; ich versuchte es, allein mit geringem Erfolge; doch in diesem Jahre führte mich das Glück einem geduldigeren Lehrer zu, und es gelang mir besser. Wenn wir spazieren gehen mußten, steckten wir unsre Klarinetten in die Tasche, suchten draußen ein Echo und bliesen ihm unsre Lieder vor. Waren wir dessen satt, so sangen wir allerlei luftige Studentengesänge oder kletterten über die Schanzen und suchten Zeisignester im Steinbruche, oder übten uns, bergauf, bergab zu laufen. Wir hatten immer einige Zuhörer, die uns dann treulich Gesellschaft leisteten. Mein Bruder klagte mir einst am Morgen beim Aufstehen: »Xaver, mir tut mein linkes Bein so wehe! Kaum vermag ich darauf zu stehen und werde schwerlich die Schule besuchen können.« Ich vermutete, er stelle sich krank, um des Lernens los zu werden, und war rauh genug, ihm harte Reden zu geben. Da stiegen ihm die hellen Tränen in die Augen, und er wankte neben mir die Treppe hinab, ohne ferner ein Wort zu verlieren. Wirklich konnte er, als es Mittag war, keinen Schritt mehr gehen, ward in das Krankenzimmer gebracht und mußte eine schwere, sehr schmerzliche Krankheit ausstehen. Die Leute nannten es, nach des Hausarztes Beispiel, eine Gliederkrankheit, Gicht. Er hatte keinen Krankenwärter als mich, und ich konnte ihm nur nach der Schule zu Hilfe kommen. Wo ich ihn immer berührte, fühlte er grausame Schmerzen, und bis ich mit ihm gehörig umgehen lernte, mußte er vieles leiden. Doch hielt er alles geduldig aus. »Das sind die Folgen meines unordentlichen Lebens in Kaisersheim,« sagte er oft tief seufzend; »aber schreibe doch den Eltern nichts davon, damit sie sich nicht betrüben! Wenn ich wieder gesund bin, wollen wir ihnen von allem Nachricht geben.« Das war sehr edel und klug; denn ohne diese Vorsicht wäre meine gute, um uns so innig besorgte Mutter gewiß, von ihren Geschäften weg nach Neuburg gelaufen. Wir feierten eben die Fastnacht, da der Leidende das Bett hüten mußte; eine Zeit, während der im Seminar jedes Spiel, ja sogar Tanz und Maske erlaubt war und der Lärm der Fröhlichkeit bis ins Krankenzimmer herüberschallte. »Bruder, geh' doch auch ins Refektorium (den gemeinschaftlichen Speisesaal, wo sich alles jubilierend versammelt hatte), geh' und sei fröhlich; ich kann's nicht sehen, daß du immer da bist!« So sagte er einst spät am Abend und ruhte nicht, bis ich endlich ging. Bald kam ich wieder, bald verließ ich ihn wieder, um von Zeit zu Zeit Anteil am Vergnügen zu nehmen und doch auch dem Kranken die nötige Hilfe zu leisten. Man schenkte roten, süßen Tirolerwein aus. Meine Pro-mense-Zwölfer schienen sich ungeduldig in der Tasche zu regen. Ich trank ein Quärtchen nach dem andern. Endlich ward ich so erleuchtet, daß ich des Trinkens nimmer satt werden konnte. Ein größerer Student, der mich beobachtet hatte, nahte sich und sagte: »Bronner, du bekommst einen Rausch; laß dir eine Mandelmilch machen und tritt mir deinen Wein ab; sonst hast du morgen Magenweh zum Sterben.« »Mache du mir eine Mandelmilch,« erwiderte ich, »so magst du den Wein nehmen.« Er tat es; aber ein ganzes Heer Studenten sammelte sich um mich her, die alle ihm zu helfen bereit waren und sich an meinen törichten Possen belustigten; jeder wollte nun auch Wein haben, und ich zahlte verschwenderisch und prahlend aus, solange ich Geld im Schubsacke fand. Jedermann mußte vollauf haben. Am Ende entschlief ich und ward von meinen Mitzechern zum Dank ins Bett geführt. Nachts erwachte ich; o, wie brannte es da in meinen Eingeweiden, wie lechzte meine Zunge nach Wasser, wie liefen die heißen Tropfen mir über die Stirne und den ganzen glühenden Leib! Ich taumelte vom Bette, lief jammernd im Hemde durch den Schlafsaal, auf die Gänge, an die Fenster, aß Schnee und legte mich endlich auf eine Stelle des Bodens, wo es durch ein offenes Fenster hereingeschneit hatte. Überaus wohl tat mir das Wälzen in diesem kalten Bade. Endlich kroch ich wohl abgekühlt wieder unter die Federn, schlief wie eine Ratte fast bis zum Mittage und empfand von der ganzen Ausschweifung keine üble Folge, als ein kurzes Magenweh. Aber ich verwünschte den Wein (nur meine Unmäßigkeit hätte ich verwünschen sollen) und nahm mir heilig vor, dies sollte mein erster und letzter Rausch bleiben! Möchte er's doch geblieben sein! Übrigens zwang mich meine Lage als Lehrer, meine gewöhnten kindischen Possen größtenteils zu unterlassen; denn ich fürchtete, ich möchte in Gefahr geraten, mit meinen Zöglingen zugleich in die Mitte des Museums, zu meiner großen Schande, hinausknien zu müssen, wie mir's der Präfekt bei einer kleinen Ausschweifung wirklich angedroht hatte. Der Seminarist, welcher im vorigen Jahre, allzu dienstfertig, mir seine lockeren Entdeckungen vertraute, studierte nimmer in Neuburg; ich empfand aber eine innigere Neigung für zwei stille junge Freunde, die mir täglich teurer wurden; der eine hieß Xaver Metzger, war ein sanfter, herzlicher Jüngling ohne Falsch und gab mir Unterricht im Klarinett-Spielen; der andere nannte sich Holland; ihm war ein überaus gefälliger Charakter, gerader Sinn, Ruhe und Heiterkeit der Seele, die aus seinem Betragen hervorleuchteten, vor andern eigen. Bei jeder Gelegenheit suchten wir einander auf, teilten unsre Geheimnisse, Leiden und Freuden und waren nie vergnügter, als wenn wir, indes die andern spielten, an einem schönen Plätzchen sitzen, erzählen, musizieren, singen, scherzen, hüpfen oder schöne Stellen aus deutschen Dichtern vorlesen konnten. Auch hatte ich heimlich schon ein Auge auf ein schönes Mädchen, die Schwester eines meiner reichsten Schulkameraden, die aber bald darauf an einen Regierungsrat vermählt ward. In der Kirche kniete sie gewöhnlich in den Stühlen uns gegenüber, war so schlank, so fein und rosenwangig, schwebte immer in einem so sanften Gange dahin und betrug sich so sittsam, fromm und liebenswürdig, daß ich, wenn sie zugegen war, nur selten etwas von der Messe gewahr ward und mit meinen Blicken meistens über das Gebetbuch hinweg zu ihr hinüberstreifte. Zuweilen wagte ich es wohl gar (so schwer es auch jedem Seminaristen verboten war, ein Haus in der Stadt zu betreten), ihren Bruder in seine Wohnung zu begleiten; aber entweder bekam ich sie dann gar nicht zu sehen, oder wenn ich sie sah, so war's ein kurzer Augenblick, ein gleichgültiges Begrüßen. Gewöhnlich kam ich von einer solchen Expedition abgekühlter zurück, als ich hingegangen war, weil sich dann immer eine gewisse Hoffnungslosigkeit, jemals mit ihr näher bekannt zu werden, meiner bemächtigte. Alles, was ich wünschte, war, sie sollte mich gern um sich leiden mögen. Zu dem ausdrücklichen Wunsche, ein so schönes Geschöpf mein nennen zu dürfen, schwang sich damals mein Herz noch nicht empor, vielleicht, weil ich sogleich die Unmöglichkeit fühlte, bei dem Abstand meiner Armut und ihres Reichtums, einst zu ihrem Besitze zu gelangen. Kurz vor ihrer Verheiratung ward ein Verurteilter zum Richtplatze geführt. Bei solchen Anlässen war das Schulhaus geschlossen, und die Studenten, sogar die Seminaristen, durften hinwandern, wohin sie wollten; denn man dachte, wir würden ohnehin alle dem Richtplatz zulaufen. Allein solcher Gelegenheiten bediente ich mich gewöhnlich, um in den Wald bei Grünau zu spazieren oder nach Foßhofen zu gehen, wo ich eine kleine romantische Wildnis an der Donau gefunden hatte, oder Besuche in der Stadt zu machen. An einem dieser Tage bemerkte ich einst meine Schöne in der Kirche, wartete bei dem Residenzbogen, bis sie käme, unter dem Schein, als wollte ich da den Zug mit dem armen Sünder erwarten, und sah bald eine zahlreiche Kameradschaft um mich versammelt. Das Mädchen kam, von einer Gespielin begleitet, ging schüchtern an uns vorüber, ihrem Hause zu, und ich folgte ihr in einiger Entfernung nach. Etwa fünf meiner Kameraden begleiteten mich ganz ungebeten, vielleicht weil das Mädchen ihnen wie mir gefiel. Aber sie kramten häßliche Zoten aus und sprachen ihren Unsinn so laut, daß endlich das schöne Kind mit Verachtung zurückblickte; ich glaubte, mich habe ihr Blick vor andern treffen und bestrafen wollen, und nun sei es unmöglich, daß sie mich wieder schätzen könne, nachdem sie mich einmal in so übler Gesellschaft gefunden habe. Von diesem Augenblick an tat ich ganz Verzicht darauf, jemals ihre Gunst zu erwerben. Dies hatte keinen geringen Einfluß auf meinen Anzug; denn ich vernachlässigte nun mein Äußerliches ganz und gar. Solange ich gefallen wollte, hielt ich meine Haare und Kleider in Ordnung; Holland kämmte täglich mein von Natur krauses Haar in mehrere Reihen Locken. Aber dies unterblieb nun, und ich lief, ohne mich zu waschen, ohne die Federn aus dem Haar zu kämmen, oft ohne Hut, mit bestäubtem Mantel und zerrissenen Kleidern ganze Wochen lang in die Schule, über die Gasse und im Hause herum, so daß es jedermann auffiel, und mich deshalb mancher Spott traf. Allein mich kümmerte das wenig, besonders nachdem es sich einmal gefügt hatte, daß ein angesehener Herr, der bei einem Kirchgange an unsern Reihen vorüberging und mich mit Verwunderung betrachtete, einen meiner Mitschüler zu sich rief und ihn so laut, daß ich's vernehmen konnte, fragte: »Wer ist denn der nachlässige, strobelköpfige Junge dort im zerrissenen Mantel?« Als nun dieser antwortete: »Herr, das ist der Erste in unsrer Schule« usw., da gefiel ich mir selbst in meiner Unreinlichkeit wohl und meinte, es sei weit auffallender, wenn ein Mensch von so armseligem Aussehen dergleichen Lobsprüche verdiente. War das nicht die schönste Anlage zu einem wahren Zyniker? Dennoch trug auch mein Eifer im Studieren wirklich nicht wenig zur Vernachlässigung meines Äußerlichen bei. Die Klasse, zu der ich gehörte, war eigentlich dazu bestimmt, uns mit der Dichtkunst überhaupt, vorzüglich aber mit der lateinischen Poesie und den ersten Anfangsgründen der Redekunst bekannt zu machen. Längst hatte ich mich auf diesen Unterricht und die zu diesem Ende vorzunehmenden Übungen gefreut. Ich dachte, in meinem Element zu sein, da ich einmal ohne Scheu jeden Dichter nach Gefallen lesen und selbst dichten durfte. Den ganzen Tag trug ich mich mit allerlei Fabeln, Liedern, Reimen usw. Wenn uns die Glocke aus dem Morgenschlummer weckte, sprang ich aus dem Bette, eilte ins Museum an mein Pult und schrieb geschwinde nieder, was ich abends zuvor, bis ich entschlafen war, ausgedacht hatte. Darüber vergaß ich Waschen, Kämmen und Beten. Wenn es nach beendigter Studierzeit im Museum laut zu werden anfing, stieg ich zum Fenster hinaus auf die Höhe eines Holzstoßes, wo ich vor dem Anlaufe anderer Ruhe hatte und nach Herzenslust poetische Einfälle und Reime haschen, lesen und schreiben konnte. Selbst in der Kirche, wenn wir auf dem Musikchore die Predigt anhören sollten, schlich ich hinter die Orgel, öffnete einen Kasten, in welchem man gewöhnlich den großen Violon aufbewahrte und schloß mich hinein, um im Finstern zu dichten, und meine Gedanken mit der Bleifeder aufzuzeichnen; denn ich hatte bald den Vorteil gelernt, ohne Licht, freilich nicht zierlich, aber doch leserlich zu schreiben und die Entfernung der Zeilen beiläufig mit angelegtem Finger zu messen. Meine ersten Arbeiten, die leidlich gerieten, waren in kleinen Verschen abgefaßt und behandelten geringfügige Gegenstände, z. B. ein Kaninchen, einen Sperling, die Hühner, die Tauben, das Ballonspiel usw. Auch gereimte Lieder versuchte ich, die nicht ganz übel ausfielen. Aber wenn ich mich einmal in einer Ode zu den Sternen erheben wollte, so war's Bombast und unerträgliches, überspanntes Geschmier. Ich blieb also gar gern auf der Erde, obschon mir auch da mancher Versuch, besonders im Idyllensache, ganz mißlang. Indessen ward ich mit einem Buchbinder bekannt, der die für mich so wichtige Wissenschaft besaß, Bücher aus der Fremde kommen zu lassen. All mein Geld wanderte von dieser Stunde an zu ihm. Gropper , Schermer und noch andre der bessern von meinen Mitschülern berieten sich mit mir, welche Schriftsteller jeder kaufen wollte, damit wir gemeinschaftlich eine etwas vollständige Sammlung zusammenbrächten. Gropper als der Reichste von uns kaufte die teuersten, Sineds , Ramiers , Thomsons , Zachariäs , Nabeners Werke usw. Schermer kaufte Hallers Gedichte, Klopstocks Messiade, Oden und Lieder usw.; ich Gleim , Gellerts Fabeln, Kretschmann , U , Hagedorn usw. Treulich teilten wir einander unsre Schätze mit. Dennoch vernachlässigte ich die klassischen lateinischen Dichter nicht, Hora ward in der Schule erklärt; Ramlers Übersetzungen munterten mich auf, ihn mit mehr Anstrengung, als sonst geschehen wäre, zu studieren. Freilich empfand ich, wenn es hoch kam, nur die Schönheiten des Ausdrucks und wußte nichts von den Vorzügen der Anlage, der gesunden Philosophie, die daraus hervorglänzt, und andern Trefflichkeiten dieses Dichters. Allein ich machte mir doch einigen Begriff von Korrektheit und klassischer Eleganz daraus eigen, den ich ohne dieses Studium wahrscheinlich ganz vermißt hätte. Bei allem dem blieb mir noch Zeit genug übrig, zur Abwechslung die Anfangsgründe der Algebra zu lernen und aus freiem Antriebe verschiedene Probleme aufzulösen. Meine Wißbegierde und das Verlangen, etwas mehr als meine Mitschüler zu verstehen, waren die vorzüglichsten Triebfedern meines Fleißes. »Bronner!« sagte einst der Professor, als ich eben ein nicht ganz mißratenes Gedicht in die Schule gebracht hatte; »es ist schade, daß Er in Seinem Anzuge so ganz abscheulich nachlässig ist; es könnte etwas aus Ihm werden« usw. Dann übergoß er mich so sehr mit Lobeserhebungen, daß ich über und über rot ward, kein Auge mehr aufzuheben wagte und wie auf Kohlen stand. 0, ein Lobspruch ins Angesicht ist ein schmerzliches Ding! Lieber tadle man an mir, was man will; so darf ich mich doch verantworten und fühle mich nicht in so peinlicher Verlegenheit. Am Ende des Schuljahrs 1775 endlich verwandte ich das Geld, das mir wegen vier empfangener Prämien vom Seminar ausgezahlt ward, auf ein paar Röcke für meinen Bruder und mich, die wir einem Trödler abkauften, um mit Ehren in die Vakanz nach Höchstädt wandern zu können. Die Ferien waren, wie immer, vergangen, als wir den 14. Oktober 1773 in Neuburg wieder eintrafen und dieselbe Lebensart, wie im vorigen Jahre, wieder begann. Dichten war mein Vergnügen und mein tägliches Geschäft, über dem ich meiner selbst und alles dessen, was rings um mich vorging, beinahe ganz vergaß. Kühnlich unternahm ich ein größeres Schäfergedicht in Hexametern zu bearbeiten und mochte etwa ein paar Gesänge vollendet haben, da fühlte ich erst die Schwierigkeiten, ward mutlos und müde und ließ es wieder liegen. Vorzüglich hielt mich eine dunkle Empfindung, daß mein Plan nichts tauge, von der Fortsetzung dieser Arbeit ab. Nachdem ich die Übersetzung Ossians von Denis mit der höchsten Begierde, Aufmerksamkeit und Entzückung gelesen und wieder gelesen hatte, wollte ich nichts mehr, außer im ossianischen Geschmacke dichten: natürlich, daß ich nur erbärmliche Mißgeburten zur Welt brachte oder sklavische Nachahmungen voll gestohlner Gedanken lieferte. Dessenungeachtet hatten die Herren Exjesuiten doch so viel Zutrauen zu mir, daß sie mir die Übersetzung eines lateinischen Oratoriums in deutsche Verse übertrugen, um sie bei der Aufführung desselben in der Hofkirche der Herzogin und ihren Damen zu überreichen. Ich war nicht wenig stolz, als ich meine Arbeit in solchen Händen sah! Der Pater Inspektor ernannte mich anfangs zum Instruktor zweier junger Barone, und ich wandte allen Fleiß an, um ihnen das Nötigste beizubringen. Allein keiner von beiden wollte sich auch nur die geringste Anstrengung gefallen lassen; sie lachten nur, wenn ich ihnen zur Übung diese oder jene Arbeit aufgab, schrieben nieder, was ihnen einfiel, und reichten mir's mit spöttischen Mienen dar. Oft entschloß ich mich, das Pensum von Wort zu Wort mit ihnen durchzustudieren, und trug ihnen am Ende auf, es wenigstens dann etwas fleißiger zu bearbeiten; aber alles umsonst. Meine kleine Statur, mein vertraulicher Ton sogleich beim Beginnen des mir aufgetragenen Geschäftes und vor allem das Bewußtsein der jungen Herrchen, daß sie des Fleißes zu ihrem Fortkommen wenig Not hätten, und daß ich ihnen doch nie etwas zuleide tun dürfte, machten alle meine Anstrengungen fruchtlos. Dies erfüllte mich manchmal mit einer Art Verzweiflung, und die Galle stieg mir, so oft die Stunde der Instruktion erschien. Endlich, als es einst meine zwei allerliebsten Zöglinge gar zu bunt trieben und mich offenbar nur neckten, verließ mich plötzlich die Geduld, und ich maulschellierte rechts und links, bis beide unter dem Tische lagen. »Jetzt klagt!« sagte ich und ging. Sie klagten auch wirklich; der Inspektor ließ mich rufen, verwies mir meine Unart in sehr harten Ausdrücken und kündigte mir an, daß ich von nun an nicht mehr Instruktor der Herren Barone sein könnte. Mit Freuden vernahm ich diese Verfügung, durch die er mich empfindlich zu strafen meinte, und entschloß mich gern, auf seinen Befehl vier Syntaxisten, die alle größer waren als ich, unentgeltlich zu instruieren. Freilich hatte ich da keine guten Stunden; denn die aufgeschossenen kühnen Lehrlinge befahlen ihrem kleinen Instruktor gleichsam nach Gefallen. Alle wollten bei ihrem Professor das Ansehen fleißiger Studenten haben und quälten mich deshalb fast an allen Vakanztagen der Woche, ich sollte jedem seine Kompositionen einzeln korrigieren, um mit ihr in der Schule paradieren zu können; da hatte ich dann nicht wenig Mühe und Arbeit! Während der Schulzeit bekamen wir nur ganz selten die Erlaubnis, außerhalb der Tore zu gehen. Aber ich hatte bald einen Vorwand ersonnen, um in Gottes schöner Natur freier atmen zu dürfen. Es war eine längst hergebrachte Gewohnheit, daß die Studenten der Rhetorik deliberierten , das heißt, sich mit einem Geistlichen, zu dem sie Vertrauen hegten, berieten, zu welchem Stande sie sich entschließen wollten. Ich hatte es mit mir selbst beinahe ins reine gebracht, daß ich nach Kaisersheim ins Kloster gehen wollte. Denn meine Eltern besaßen nicht Geld genug, um mich als Weltpriester auf die Weihen zu schicken, und dann kannte ich dies Kloster von einer Seite, die mich hoffen ließ, daß ich dort Gelegenheit zum Dichten ebensowohl als zum Spazieren und Fröhlichsein finden würde. Aber als ich zum Pater Spiritualis kam, wie man den Beichtvater des Kollegiums nannte, einem silberhaarigen, redlichen, frommen Greise, der mich aus der Beicht durch und durch kennen mußte, und ihm meine Meinung wegen der Standeswahl unverhohlen vortrug, schüttelte er den Kopf und sagte: »Lieber Jüngling! entschließ Er sich nicht so schnell und lerne Er sich selbst erst besser kennen, ehe Er einen so wichtigen Schluß faßt. Er hat ein Temperament, das gar nicht für das Kloster ist. Wenn Er weltlich bleiben könnte, wär' es für Ihn am besten.« Ich stellte ihm dagegen die Armut meiner Eltern und den Mangel aller Aussicht auf ein ordentliches Unterkommen vor, und bezog mich besonders auf das Beispiel eines Arztes, meines Landsmannes, der auch von armen Leuten geboren, nun im Vaterlande darben müßte und überall verachtet würde. »Komm' Er von Zeit zu Zeit wieder zu mir,« versetzte der Greis, »und bete Er fleißig; dann wird Ihn Gott schon erleuchten, welchen Weg Er einschlagen soll.« Sehr oft kam ich wieder; aber die Einwendung, daß ich nicht wüßte, weder als Jurist noch als Arzt emporzukommen, wollte mir nicht aus dem Sinne. »Überlaß Er sich also der Leitung Gottes,« sagte dann der Beichtvater, »der wird Ihn schon führen.« So endigte unsre Deliberation. Die Zeit, die ich bei ihm zubrachte, war nur kurz; aber ich blieb gemeiniglich den halben Tag aus und bediente mich des Vorwandes, ihn zu besuchen, noch lange, da ich ihn mit keinem Auge mehr sah. Fleißig ging ich immer zur obern Pforte des Kollegiums hinein, damit die heimlichen Aufseher in der Meinung stehen möchten, ich wende mich nur dahin, wohin ich zu gehen Erlaubnis hatte; ich schlich aber durch ein Gärtchen zur untern Tür hinaus, die zu dem Residenzbogen führte, durch den mir der Weg in die sogenannte Hölle und von da an der Donau hinauf offen stand. Am liebsten lief ich zur alten Burg , einem verfallenen Raubschlosse oberhalb der Stadt hart an der Donau oder zum Einsiedler, der etwas näher einen sonnigen Hügel bewohnte. In den bemoosten Ruinen zu sitzen, im Walde oder im Gärtchen bei der Einsiedelei zu spazieren, hatte unaussprechliche Reize für mein Herz. Dort dichtete ich am liebsten und ließ einst meine Wünsche, in einer solchen romantischen Einsamkeit zu leben, in einer sapphischen Ode ausströmen. – Mitten im Laufe des Schuljahres mußte ich wegen meiner Liebe zu den deutschen Schriftstellern eine herbe Prüfung aushalten. Die Herren Exjesuiten hatten beschlossen, und man sagt, dies sei nicht nur in Neuburg, sondern im ganzen pfälzischen und bayrischen Gebiete geschehen, auf einen Tag alle deutschen Bücher ihren Zöglingen wegzunehmen, um das hier und da aufglimmende Licht besserer Kenntnisse auf einmal wieder zu ersticken oder, wenn es nicht gelänge, die Unmöglichkeit wenigstens durch den Versuch erprobt zu haben. Der Inspektor ließ mich einst rufen, empfing mich mit einer schrecklichen Amtsmiene und sagte: er habe mit Gewißheit erfahren, daß ich der Verführer sei, der sich nicht nur selbst mit den abscheulichsten deutschen Scharteken und schlüpfrigen Gedichten abgebe, sondern auch die Frechheit habe, andere zu dergleichen Lesereien zu verleiten und ihnen sogar die Bücher zu verschreiben; längst hätte ich deshalb einen derben Schilling (öffentlich die Rute) verdient; aber in Rücksicht, daß ich schon Rhetor und Instruktor sei, wolle er mich damit verschonen, doch nur unter der Bedingung, daß ich alle meine Bücher aufrichtig bekenne und dann auch anzeige, was ich den andern für Bücher verschrieben habe, und welche deutschen Schriftsteller überhaupt jeder Student meines Wissens besitze. Zugleich legte er mir weißes Papier vor, wies mir die übrigen Schreibmaterialien und fuhr fort: »Hier will ich Ihn allein lassen. Besinne Er sich wohl, Bronner, und schreib' Er mir alles aufrichtig nieder, oder Er hat im Weigerungsfalle einen Schilling.« Dann verließ er mich. Was war da zu tun? Ich entschloß mich, alle deutschen Bücher, sowohl die meinigen als diejenigen, die ich selbst für andere gekauft hatte, aufrichtig und vollständig aufzuzeichnen; denn ich fürchtete, eine nähere Untersuchung würde doch die richtige Zahl derselben an den Tag bringen, wie es auch wirklich geschah; aber von den übrigen Büchern, die meines Wissens andere besaßen, meldete ich keine Silbe, denn ich dachte, man könne mich doch nie des Mitwissens überweisen. Kaum hatte ich die Liste vollendet, so kam der Inspektor wieder, und der Hausknecht trug meine Bücher alle in einem Korbe hinter ihm her; denn er hatte indessen mein Pult erbrechen lassen. »Nun wollen wir sehen,« sagte er, »ob Er aufrichtig bekannt hat!« nahm meine Liste zur Hand, ließ sich ein Buch nach dem andern reichen und bezeichnete jedes in der Liste mit einem roten Kreuze. Als es sich nun zeigte, daß ich genau alle angegeben hatte, sprach er mit feierlichem Ernste und drohendem Finger: »Es ist dein Glück, Bursch, daß du aufrichtig gewesen bist; hättest du ein einziges verleugnet, so solltest du den versprochenen Schilling unfehlbar erhalten haben.« Dann entließ er mich, und die Exekution traf andere, die ebenso bekannten wie ich. In einem halben Tage war kein deutsches Buch mehr unter uns. Sogar meine Prämien von 1773, Denis' Sammlung kürzerer Gedichte, den Tod Abels usw. enthaltend, waren dahin. Aber nach kurzer Zeit hatten wir neue und hielten sie nur desto geheimer versteckt. Am Schlusse des Schuljahres gelangen mir meine Aufsätze um die Preise ganz nach Wunsch, und ich lernte die vorgeschriebenen Hauptstücke mit dem glücklichsten Erfolge auswendig. Meine Weise, auswendig zu lernen, war diese: etwa ein paar Tage vor jedem Examen verkroch ich mich in ein finsteres Loch, z. B. in die Höhlung unter der Treppe, wo die Kegel aufbewahrt wurden, und wo das Licht nur etwa durch ein Astloch hineinfiel. Dort saß ich den ganzen ersten Tag und lernte das aufgegebene Pensum wörtlich durch; am zweiten Tage wiederholte ich das Gelernte; am dritten, morgens vor dem Examen noch einmal: und so durfte ich meinem Gedächtnisse sicher trauen, daß mir kein Wort von Bedeutung ausbleiben würde. Nachdem die Examen vorüber waren, bereitete ich mich zu den höhern Klassen vor und disputierte mit jedem, wo ich immer Anlaß fand, in Syllogismen und Dilemmen über nichts und wieder nichts, so daß ich bald in den Ruf eines hartnäckigen Dialektikers, wie wir es nannten, kam. Ehe ich und mein Bruder, der wieder einen heftigen Anfall der Gicht überstanden hatte, von Neuburg abreisten, ließ mir der Inspektor einen silberfarbigen Rock mit rosenrotem Futter machen, der mir überaus wohl gefiel, und versprach mir, wenn ich ferner fleißig studieren würde, so wollte er mich nach Heidelberg in ein Erziehungshaus empfehlen, wo ich zum Weltgeistlichen unentgeltlich ausgebildet und am Ende als Professor angestellt werden würde. Im künftigen Jahre sollte ich indes Admonitor oder gar Vizepräfekt des Seminars werden. Diese schöne Aussicht, fünf Prämien und mein neues Kleid machten, daß ich mit doppeltem Vergnügen nach Hause reiste, in der schmeichelhaften und sichern Hoffnung, bald als Obrigkeit unter meinen Mitstudenten aufzutreten. Aber die Vorsehung hatte es anders gefügt. Fünftes Kapitel: Novize in Donauwörth. Ich soll Mönch werden – Widerwillen gegen den Mönchsstand – Aufnahme und Eintritt ins Kloster – Die ersten geistlichen Exerzitien und die Zelle – Der erste Chor und die Einkleidung – Das Noviziat –Mönchische Lustpartien – Cilicium und Geißel – Die türkische Musik – Maschinen und Beschäftigungen – Bibliothek und Gespenster – Wachsender Geschmack am Klosterleben. Mein Bruder und ich mochten etwa acht Tage die Freuden des Herbstes genossen, Feld und Wald durchstrichen und mit den übrigen Studenten unsers Vaterlandes an den Zubereitungen zur Aufführung eines Schauspieles teilgenommen haben, als der Herr Stadtpfarrer von Höchstädt, bei dem wir unserm Kostzettel gemäß alle Donnerstage speisen durften, von Donauwörth nach Hause kam, wo er am Festtage, heil. Kreuzerhöhung, im Benediktinerkloster zum heil. Kreuze eine Ehrenpredigt gehalten hatte. Kaum hatten wir ihn begrüßt, so befahl er uns, wir sollten sogleich nach Tische unsre Mutter zu ihm schicken. Mir aber sagte er: »Hörst du, Bronner? Magst du nicht ins Kloster gehen?« Ich. Nein, Herr Stadtpfarrer! Ich werde ein Weltgeistlicher; der Pater Inspektor versprach mir, er wolle mich nach Heidelberg empfehlen, um dort meine Studien vollenden zu können und dann als Professor anzustehen. Er. Auch im Kloster sollst du Professor werden. Sieh, ich war zum heil. Kreuz in Donauwörth: da ist nun ein neuer braver Prälat; der macht seinen Geistlichen viel Vergnügen und läßt sie allerlei Lustbarkeiten genießen. Man zelebrierte eben die Aderlässe, als ich da war; o, wie ging es da so fröhlich zu! Täglich fuhr das ganze Konvent auf ein anderes Landgut, um sich dort lustig zu machen. Bei einer solchen Fahrt, da ich neben dem Prälaten im Wagen saß, ging ein Student auf der Straße spazieren, auf den er mich aufmerksam machte und sagte: dieser junge Mann hat 15 Prämien während seiner Studienjahre erhalten; es ist ein vortrefflicher Kopf! O, erwiderte ich stolz, mein Pfarrkind, der größere Bronner, hat wohl etliche zwanzig beisammen. Da sagte mir der Prälat: ich nehme Kandidaten auf; hat er nicht Lust, ins Kloster zu treten? Er dürfte sich nur zeigen, so sollte er aufgenommen sein. Ich antwortete: Ich zweifle, ob er Lust hat; die Jesuiten wollen einen Weltpriester und Professor aus ihm machen, und das steckt ihm schon ziemlich tief im Kopfe; auch besitzen seine Eltern gar kein Vermögen! Was Vermögen! fiel mir der Prälat in die Rede: darauf sehe ich nicht; mein Kloster hat es, Gott Lob, nicht nötig; und fühlt er so große Lust, Professor zu werden, so kann ich wohl Rat schaffen; sobald er das Noviziat überstanden hat, schicke ich ihn auf die Universität nach Salzburg, da kann er seine Studien nach Herzenslust vollenden, und wenn er in mein Kloster zurückkommt, Professor werden. Solche Leute suche ich eben. Schicken Sie mir ihn: sobald er sich zeigt, soll er die Obedienz (einen schriftlichen Schein der Aufnahme) erhalten. Nun sieh, Bronner! das wäre doch kein verwerflicher Antrag. Die Prälatensöhne, wenn sie auf Universitäten geschickt werden, haben Geld wie Steine und dürfen nur verlangen, was sie wollen. Der Mangel ist ihnen nicht nur unbekannt, sondern sie können so groß tun als Freiherren; denn das Kloster schätzt es sich zur Ehre, wenn seine Mitglieder zu glänzen verstehen, und bezahlt gern alles. Und kommen sie nach Haus, so sind sie ausgemachte Herren, dürfen in keinen Chor gehen, genießen besondere Einkünfte und stehen vor allen übrigen im Ansehen. Ich. O, Herr Stadtpfarrer! Ich empfand immer einen gewissen Abscheu vor diesem Kloster; es ist da alles so unreinlich und finster, und ich weiß, die Mönche sind in Faktionen getrennt, die einander auf den Tod verfolgen; wahrlich, ich habe keine Lust, dahin zu gehen. Wenn es Kaisersheim wäre, dann wollte ich mich schließlich etwas ernstlicher darüber besinnen. Er. Also wäre dir doch das Klosterleben nicht an sich selbst zuwider? Gut! – Nun wisse! der neue Prälat von Donauwörth läßt das häßliche Gebäude niederreißen und baut es von Grund auf schöner und heller; und die Faktionen haben durch seine Wahl aufgehört. Besinne dich aber vorerst! Ich will dich nicht übereilen. Wir aßen zu Mittag, und ich verließ ihn mit dem heimlich schon gefaßten Entschlüsse, seinen Antrag standhaft zurückzuweisen. Wider meinen Willen hieß mein Bruder die Mutter zum Herrn Stadtpfarrer kommen. Sie meldete, als sie wieder zu Hause war, kein Wort vom Kloster, und ich glaubte, die Sache sei so gut als abgetan, und es werde ferner keine Rede vom Mönchwerden fallen. Allein am andern Morgen, da sie uns eben ein Frühstück bereitete, rief sie mich ganz vertraulich in die Küche und sagte: «Sieh, Xaver! Du könntest mir jetzt eine rechte Freude machen. Ich weiß, was dir der Herr Stadtpfarrer gesagt hat. Ein großer Stein würde mir vom Herzen fallen, wenn du ihm folgen wolltest. Denn du weißt, wir haben kein Geld, und wirst du ein Weltgeistlicher, so sehe ich nicht ab, wie wir die Kosten auftreiben, um dich viermal zur Weihe zu schicken. Wenn du aber ins Kloster gingest, so wärest du in allem versorgt, ich dürfte mich deinetwegen um nichts mehr kümmern und hätte doch einen geistlichen Sohn, der für mich beten und Messen lesen könnte. Und denke doch, was die Leute sagen würden, wenn sie dich, obschon noch so jung, mit einem Favor (Favohr, so wird es gesprochen, eine Art Hochzeitstrauß) am Arme, aus den schönsten goldenen und silbernen Blumen künstlich bereitet, einherziehen sähen. O, Xaver! Mein Herz würde mir im Leibe hüpfen, wenn du mir so geziert entgegenkämst, wenn du mich so bald die Freude erleben ließest, einen geistlichen Herrn Sohn zu haben. Tue mir doch den Gefallen und gehe nach Donauwörth, du kannst ja noch allemal zurücktreten, wenn es dir gar nicht gefällt; und vielleicht findest du es dort ganz anders, als du jetzt glaubst. Geh doch hin! Wenn's auch sonst keinen Vorteil bringt, so genießest du doch wenigstens drei frohe Tage; denn so lange darf jeder Kandidat auf Kosten seines Klosters zehren.« In diesem Tone fuhr sie noch lange fort, ich mochte auch einwenden, was ich wollte. Sie hatte den Vortrag des Herrn Pfarrers nur zu gut begriffen. Am Ende gab ich ihren Bitten nach mit dem festen Vorsatze, meine Sachen vor dem Prälaten so ungeschickt zu machen, daß er mich gewiß nicht aufnehmen sollte. Der Herr Stadtpfarrer berichtete sogleich an das Kloster, daß ich kommen würde und erhielt dagegen die ausdrückliche Weisung, mich an den Pater Benno zu senden, der sich meiner in Abwesenheit des Prälaten schon annehmen würde. Bald ganz verstimmt, bald scherzend ging ich am Vorabend Matthäi mit meinem Bruder nach Donauwörth. Es war ein schöner, heitrer Tag. Als wir um einen Hügel herumwanderten und auf einmal das Kloster im Gesichte hatten, ward mir bange und immer bänger, und als ich nicht ferne von dem Stadttore war, fiel mir der Mut so sehr, daß ich mich an eine Hecke setzte und zweifelsvoll überlegte, ob ich auch hingehen sollte oder nicht. Wahrscheinlich wäre ich, wenn mein Bruder mich nicht begleitet hätte, unverrichteter Dinge zurückgegangen und hätte der Mutter die Lüge gesagt: man habe mich nicht aufnehmen wollen. Aber dieser trieb mich immer an: »Komm, Xaver! Du hast es ja der Mutter versprochen und mußt nun doch hingehen.« Jedoch ich zögerte, solange ich konnte. Mehr als anderthalb Stunden weilten wir im Busche. Uns gegenüber spiegelte sich die Abendsonne in einer großen Regenlache, Frösche hüpften zahlreich darin umher, mein Bruder ward dadurch hingelockt, ich folgte ihm, und in der Unschlüssigkeit, ob ich mich dem Kloster nähern sollte oder nicht, war ich ordentlich froh, einige Zeit zu gewinnen. Er wollte Frösche fangen. Wir zogen also Schuhe und Strümpfe aus, wateten in den Sumpf und jagten eine Weile den Flüchtigen nach. Auf einmal kam in einiger Entfernung von uns eine ganze Reihe Benediktiner hinter der Hecke hervor; beschämt griff ich nach meinen abgelegten Kleidungsstücken und entlief ins Gebüsch. Mein Bruder folgte mir. Wir kleideten uns an und schlichen durch manchen Umweg dem Tore zu. Allein da waren schon einige der geistlichen Herren vor uns angelangt, und einer derselben, Maurus Heinleth , der mit mir im Seminar zu Dillingen gelebt hatte, erkannte und grüßte mich sogleich, ein andrer aber sagte: »Ha, ist das der Kandidat? Sahen wir ihn nicht eben im Froschteiche waten?« O, wie beschämt stand ich nun da! Ich mußte mit meinem Bruder die Herren begleiten und ward im Kloster, das ich noch ebenso finster und unreinlich fand, als ich's je gesehen hatte, vom Pater Benno sehr freundlich empfangen, in ein Gastzimmer geführt und sogleich mit Speise und Trank im Überfluß bewirtet. Mehrere Mönche, die ich nachmals als Vertraute des Prälaten kennen lernte, besuchten uns, machten sich lustig und schienen meinen Charakter ausforschen zu wollen. Alle rühmten einstimmig den glücklichen Zustand des Klosters unter dem neugewählten Oberhaupt und malten die Verwirrung unter der vorigen Regierung mit häßlichen Farben. Den andern Tag morgens brachte mir P. Benno die Nachricht, daß der Herr Prälat nach Hause gekommen sei und gab mir Unterricht, wie ich mich zu benehmen hätte, wenn er mich demselben vorführen würde. Ich sollte mich auf ein Knie niederlassen und meine Bitte um die Aufnahme in lateinischer Sprache vortragen. Die Formel zu wählen, in der ich es tun wollte, ward mir freigestellt. Ich dachte, die kürzeste sei zu meinen Absichten die beste, und hielt es kaum der Mühe wert, mich etwas länger darüber zu besinnen. Gehorsam folgte ich ihm, als er den Weg zur Abtei antrat; aber beim Anblick des zierlichen eisernen Gitterwerks davor und beim Durchwandeln des Vorsaales fing mir doch das Herz immer bänger zu pochen an. Die Tür öffnete sich, der Prälat mit seinem funkelnden Kreuz auf der Brust stand lächelnd mitten in seiner Abtei, Mönche umgaben ihn, und mein Führer hieß mich meine Bitte vortragen. Mit eben dem Gefühle, wie wenn ich auf dem Theater eine Rolle zu spielen hätte, wo mich anfangs zwar immer eine Art ängstlicher Hitze überlief, aber auch schnell wieder verschwand, warf ich mich dem Prälaten zu Füßen und sagte, als er mich freundlich gefragt hatte: Quae est petitio tua? meinen Spruch etwa mit folgenden Worten her: »Reverendissime ac amplissime Domine, Domine Praesul! (Diesen Titel hatte ich aus P. Bennos Unterricht gemerkt.) Supplex pedibus tuis advolutus obsecro, ut me in sacrum ordinem Benedictinum suscipere digneris.« Hochwürdiger, gnädiger Herr Prälat! Fußfällig flehe ich, daß Sie mich in den heiligen Benediktiner-Orden aufzunehmen geruhen. Weniger, glaubte ich, könne man nicht sagen, ohne sich als einen höchst ungeschickten und unwissenden Menschen bloßzugeben. Gar nichts vorzubringen, schien mir auch aus dem Grunde nicht anzugehen, weil ich dann offenbar besser getan hätte, die Abtei nicht zu betreten. Der Prälat stand noch ein Weilchen, wie horchend, als ich bereits geendigt hatte. Aber bald reichte er mir seine Hand zum Küssen dar und hob mich sanft daran empor. »Ich habe das Recht, Kandidaten aufzunehmen,« sagte er freundlich, »meinem Konvent überlassen und wünsche, daß nun der Herr Kandidat seine Petition schriftlich abfasse, damit ich sie meinem Konvente zugleich als Probearbeit überreichen kann. Alle, die um das heilige Ordenskleid anhielten, haben ihre Petition nach den auf diesem Blatte aufgezeichneten Punkten weitläufiger abgefaßt; auch der Herr Kandidat wird sich die Mühe nehmen, ein gleiches zu tun. Dort am Tischchen ist Tinte, Feder und Papier; setz' Er sich hin und schreib Er, was Ihm am besten dünkt.« Zugleich nahm er vom nahen Schreibpult ein beschriebenes Blatt und überreichte es mir. Ich setzte mich an das mir angewiesene Tischchen, las die Punkte durch und schrieb, zwar etwas flüchtig, aber doch mit einigem Fleiße meine kleine Ausarbeitung hin. Denn die liebe Eitelkeit gestattete mir nicht, meinem Plane gemäß, mich ganz unwissend zu stellen. Als ich ihm nach einer halben Stunde mein Blatt überreichte, durchlas er's und nahm es mit mehr Beifall auf, als ich wünschte. Zwar wollte ich nicht als Dummkopf erscheinen, aber seinen Beifall scheute ich doch ebensosehr. Mit einnehmender Freundlichkeit fragte er mich dann über mein Alter, meine Eltern und Studien aus und befahl mir am Ende, ich sollte nun von Zelle zu Zelle, bei allen Herren im Konvent, keinen ausgenommen, mich zeigen und jeden um ein mir günstiges Votum bitten. Morgen würde er Kapitel halten, da würde es entschieden werden, ob ich aufzunehmen sei oder nicht. Aber ich ging bei weitem nicht zu allen Herren und dachte, es sei desto besser, wenn ich wenige Vota erhielte. Den folgenden Tag nach dem Kapitel ließ mich der Prälat rufen, empfing mich heiter lächelnd und sagte: »Herr Kandidat! die Vota sind zu seinem Vorteil ausgefallen, er ist aufgenommen und kann den 14. Oktober zur Einkleidung hier im Kloster erscheinen.« Heftig erschreckte mich diese Rede. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte; blaß und stumm stand ich da. Endlich machte ich die Einwendung: »Aber, gnädiger Herr, ich habe bereits eine Rolle in unsrer Vakanzkomödie übernommen, und diese wird erst nach dem 15. Oktober aufgeführt, so frühe kann ich also nicht erscheinen; denn ich darf doch mein Wort nicht brechen und meine Freunde, die Studenten, in so große Verlegenheit setzen.« Ein wenig verdrießlich erwiderte er: »Mache Er nur, daß das Spiel früher gegeben wird.« Ich zuckte die Achseln und sagte: »Überdas liegt mir auch das Schicksal meines Bruders am Herzen. Der P. Inspektor in Neuburg wird ihn nimmer annehmen wollen, wenn ich weggehe. Dann ist der Knabe ohne alle Aussicht und Unterstützung. Und ich denke fast, es sei meine Pflicht, auch für sein Fortkommen zu sorgen. Wenn ich also, ohne mir Vorwürfe machen zu müssen, in den Orden treten soll, so muß ich auch meinen Bruder versorgt wissen. Er kann den Alt singen und ist ein wackerer Student; wollen Sie nicht die Gnade haben, ihn als Singknaben aufzunehmen und ihn mit Wohnung, Kost und Kleidern zu versorgen? Ich höre, es gebe hier auch Gelegenheit, seine Studien fortzusetzen.« Auf diese Forderung hatte ich längst meine beste Hoffnung gesetzt und mich immer damit getröstet, sie würde mir gewiß nicht zugestanden, und ich also des Klosterlebens mit guter Art los werden. Allein er sagte: »Wenn's nur das ist, so wollen wir den Knaben probieren (im Singen prüfen) lassen. Wir haben mehrere Singknaben und eben einen Altisten nötig; hält er sich wohl, so will ich ihn gut versorgen.« O, da entfiel mir aller Mut. »So bin ich denn verdammt, ein Mönch zu werden!« dachte ich und wünschte mich aus den Schlingen loswickeln zu können, in die ich Schwächling mich, leichtsinnig und wankelmütig genug, verstrickt hatte. Mein Bruder ward geprüft, tüchtig gefunden und förmlich als Singknabe angenommen. Ach, da war mir nicht mehr zu helfen, als durch kühne, gerade Weigerung und die deutlichste Erklärung, daß ich keine Lust habe, ins Kloster zu treten. Und dazu hatte ich teils nicht Mut genug, teils fühlte ich das Unanständige zu lebhaft, erst um die Aufnahme zu bitten und dann gleich einem mutwilligen Jungen, der die Leute nur zum besten haben will, mit einem beleidigenden Wankelmut plötzlich zurückzutreten, teils scheute ich auch das Mißfallen meines Herrn Pfarrers und der beiden Eltern. Trostlos überließ ich mich also der Fügung des Geschickes. Der Prälat reichte mir den sogenannten Substanzzettel , eine lange Liste von allem dem, was ein Mönch an Aussteuer und Möbeln ins Kloster bringen soll, und forschte in meinen Mienen, was ich dazu dächte: »Gnädiger Herr!« sagte ich, »was ich davon aufbringen kann, ist nicht der Meldung wert; denn meine Eltern sind arm. Wenn Sie darauf bestehen, daß ich das alles oder auch nur den vierten Teil davon mitbringen soll, so ist's unmöglich, daß ich komme.« »Es ist auch nicht so schlimm gemeint,« antwortete er lächelnd, »bringe Er, was Er ohne Beschwerden der Eltern sich anschaffen kann; für das übrige laß Er mich sorgen! Aber versehe Er sich, so gut es gehen will, mit Leinenzeug, denn sonst wird Er immer einigen Mangel daran leiden; weil jeder meiner Religiösen jährlich nicht mehr als zwei neue Hemden erhält. Am 14. Oktober erscheine Er hier mit Seinen Eltern und Seinem Bruder, aber richte Er's so ein, daß Er weder der Erste noch der Letzte in der Reihe der Novizen werde, denn der Erste muß um alles bitten, überall den Abgesandten machen und überall den ersten Verdruß ernten; der Letzte aber muß allerlei kleine Dienste übernehmen, deren die übrigen entledigt sind. Laß Er sich also warnen und wisse Er, so, wie die Kandidaten sich, einer nach dem andern, vor mich stellen, so werden sie auch in der Reihe als Novizen zu stehen kommen. Nun mache Er sich hier noch einige Tage lustig, wenn Er will und lebe Er Wohl.« Da bot er mir die Hand dar, ich küßte sie, dankte ihm und ging sogleich mit meinem Bruder mißmutig nach Höchstädt. Meine Mutter weinte vor Freuden, sobald ich ihr sagte, daß ich aufgenommen sei, aber als ich mit dem Substanzzettel ganz ernsthaft hervorrückte, da stutzte sie nicht wenig, und alle ihre Freude hatte ein Ende. »Ach, wo soll ich alle die Sachen auftreiben!« rief sie einmal über das anderemal aus. Ich mochte nun zehnmal sagen, der Prälat fordere gar nicht, daß ich auch nur den vierten Teil des Verzeichneten mitbringe, sie war doch in großer Verlegenheit, wie sie es mit meiner Aussteuer halten sollte. »Du weißt viel,« wiederholte sie öfters, »wie man in Klöstern angesehen ist, wenn man mit leeren Händen kommt. Laß du mich nur machen, ich will alles mögliche tun!« Wirklich wußte sie es so einzurichten, daß für mich ein Dutzend Hemden und ebensoviele Schnupftücher und Handtücher zusammengebracht wurden, in Rücksicht unsrer Armut kein geringer Vorrat. Nun gab man mir, dem glücklichen Herrn Hochzeiter, wie man mich nannte, beim Herrn Stadtpfarrer und fast bei jedem meiner etwas wohlhabenden Verwandten ein Freudenmahl und brachte mir wohlklingende Glückwünsche und Gesundheiten aus, so daß ich am Ende, vom Jubel mit hingerissen, einen Teil meines Mißmuts ablegte und leichtsinnig genug dem eitlen Gedanken Raum gab: »Der Mönchsstand sei doch immer ein Ehrenstand; könnten so viele darin leben und glücklich sein, so würde ich's wohl auch können, wenigstens würden mich die Brotsorgen nie plagen« usw. Die Frau Spitalverwalterin und ihr Eheherr, da ich sie am nächsten Donnerstag nach meiner Zurückkunft von Donauwörth, als an meinem gewöhnlichen Kosttage bei ihnen, mit meinem Bruder besuchte, neckten mich lange wegen meiner Jugend, kleinen Statur und meines wenigen Geschickes zum Mönchsstande. Sie war eine hübsche Frau und mochte bereits einigemale bemerkt haben, daß ich nicht ungern nach schönen Angesichtern schielte. Beinahe hätte sie mir das Herz von neuem gebrochen und das Geständnis abgelockt, daß ich nicht aus freier Wahl, sondern meiner Mutter zuliebe und ganz wider meine Neigung ins Kloster gehe. Allein ihr Ton war zu scherzhaft, als daß ich ihn mit einer feierlich ernsten Erklärung füglich hätte unterbrechen können. Am Ende verteidigte ich mich und meinen neuen Stand im Scherze, so gut es gehen wollte, und die artige Frau band mir, mit tiefforschenden Blicken in meine Augen, einen prächtig glänzenden Strauß (Favor) um meinen rechten Rockärmel. Ich weiß nicht, wie mir war, aber ich konnte mich bei diesem Spiele kaum der Tränen enthalten. Sie deutete die Nässe meiner Blicke als das letzte Aufstreben weltlicher Gesinnungen aus und sagte: Ich würde gewiß fröhlicher aufblicken, wenn ich ein weltlicher Hochzeiter wäre. Ein tiefer Seufzer verriet, wie innig mein Herz dieser Bemerkung Beifall gebe. Aber ich hatte nicht Kraft und Selbständigkeit genug, um mich über die äußeren Antriebe, die mich zum Kloster bestimmten, kühn empor zu schwingen. Allzu lenksam gab ich dem Verlangen meiner Mutter und des Herrn Stadtpfarrers nach und opferte in der wichtigsten Angelegenheit meines Lebens meine eigenen Gesinnungen den Wünschen und der Autorität andrer auf, ohne auch nur ein einzigesmal mit Festigkeit und ausdauernder Entschlossenheit meine Abneigung gegen den Mönchsstand an den Tag zu legen. Nachdem ich im Schauspiel, das wirklich früher gegeben ward, meine Rolle gespielt und einer Reihe sogenannter Letzen (Abschiedsmahle) beigewohnt hatte, brach endlich der 14. Oktober 1776, der fatale Tag meiner Abreise, an. Mein Vater, der sich bisher gar nicht in diese Angelegenheit gemengt hatte, erteilte mir seinen Segen und einen Zuspruch nach seiner Art. »Xaver,« sagte er, »ich hatte immer gehofft, du solltest einst die Stütze unsres Alters werden, aber ich sehe, deine Mutter hat sich etwas andres in den Kopf gesetzt; es sei! Du hast frei gewählt, ich drang dich zu nichts, die Geistlichen haben es gut, sie dürfen für nichts sorgen; ich sage dir's, wenn du es bei einem solchen Wohlleben nicht erleiden kannst, aus dem Noviziat springst und mir wieder zurückkommst, so schlag ich dich, bis du liegen bleibst, du verdienst es dann nicht besser« usw. Am Ende besprengte er mich mit Weihwasser, bezeichnete mir die Stirne mit der Aufschrift des Kreuzes I. N. R. I. , segnete mich dreimal und entließ mich mit heiterm Lächeln und stillem Wohlgefallen. Mein Bruder und die Mutter begleiteten mich. Unser Zug ging zu der Schwester meines Taufpaten, wo wir frühstücken sollten. Dieser gute, redliche Mann, Michael Hänle , Floßmeister, ein Verehrer und Guttäter aller Geistlichen, besonders der Bettelmönche, hatte eine viersitzige Kutsche mit seinen Pferden bespannt und erwartete uns, um sein Taufkind ins Kloster zu begleiten; denn es war ihm von jeher eine Herzensfreude, dem Himmel eine Braut oder einen Bräutigam zuzuführen, obschon er den Verdruß bereits erlebt hatte, daß der Sohn seiner Schwester den Augustinerorden verließ und weiß Gott in welchen Teil der Welt entfloh. Nach dem Frühstücke beschenkte mich die gütige Wirtin mit einem schönen Schnupftuche zum Andenken, und wir stiegen in die Kutsche. Als Hochzeiter ließ man mir den Ehrensitz, neben mir nahm meine Mutter Platz, weil der Floßer wußte, daß sie nicht rückwärts fahren könne, und uns gegenüber saßen der Floßer und mein Bruder. Ach, da ward mir angst und bange, bald sah ich aus wie eine Leiche. »Was fehlt dir, Xaver?« fragte meine Mutter. »Es wird mir übel,« stammelte ich. »Wenn der Herr Hochzeiter krank wird,« sagte mein Pate etwas ängstlich, »so dürfen wir nur wieder umkehren, denn einen Kranken wird man nicht einkleiden.« Wir waren nicht weit gereist, so wirkte der genossene Kaffee, das ungewohnte Fahren und mein Widerwillen gegen das Klosterleben, zu dem man mich doch eben hinschleppte, so, daß meine Führer sich untereinander ernstlich berieten, ob sie nicht nach Höchstädt zurückkehren sollten. Dabei verhielt ich mich ganz leidend. Allein meine Mutter entschied, es würde schon wieder besser werden, man sollte nur zufahren. Totenblaß und so schwach, daß ich kaum eine Treppe steigen konnte, brachten sie mich also ins Kloster und führten mich zum Prälaten, der sich über mein kränkliches Aussehen bald beruhigte, nachdem ihm meine Mutter gesagt hatte, daß ich des Fahrens ungewohnt sei und den Kaffee nicht wohl vertragen könnte. »Nun, Herr Kandidat,« sagte dann der Prälat, »Er hat es am besten getroffen und ist der Zweite in der Reihe der Novizen, nur ein einziger ist vor Ihm angelangt.« Dann führte man uns in ein Gastzimmer, und ich schlich mich hinter den Ofen, um recht frei und ungehindert weinen zu können. Dies dauerte, bis ein anderer Kandidat, Herr Königsdorfer , eintraf, vor dem ich mich zu schämen anfing, doch konnte ich nur mit Mühe hinter dem Ofen hervorgelockt werden, und kaum bewog mich der Spott des P. Bernards , der sich über meinen Kleinmut lustig zu machen begann, die schmerzlichen Gefühle meines Herzens mühsam zu verhehlen und allmählich gezwungenen Anteil an der Gesellschaft zu nehmen. Man forderte mir bald darauf meinen Taufschein ab und fragte zugleich, ob ich auch schon gefirmt sei. Vom letztern wußte ich nichts. Meine Mutter ward darüber zur Rede gestellt, und es fand sich, daß ich das Sakrament der Firmung noch nicht erhalten hatte. Da entspann sich ein ziemlich hitziger Streit zwischen den ältern Religiösen, die mich nicht gern aufgenommen sahen, und zwischen den jüngern, die mich beibehalten wollten. Die ersten behaupteten zu meinem nicht geringen Troste, daß ich das Ordenskleid nicht empfangen könnte, ohne erst gefirmt zu sein; denn es würde schändlich sein, wenn ein Religiose erst noch mit den Kindern gefirmt werden müßte. Die andern sagten, das möge füglich im geheimen geschehen und man könne vielerlei Gelegenheiten dazu finden. Den letztern trat der Prälat bei, und es blieb entschieden, daß ich ungeachtet des Abgangs eines gewöhnlichen Erfordernisses zur Aufnahme, dergleichen die empfangene Firmung ausdrücklich war, dennoch eingekleidet werden sollte. Aber bis es so entschieden ward, fühlte sich meine Mutter in keiner geringen Verlegenheit; denn sie befürchtete, ich würde entweder gänzlich zurückgeschickt werden oder doch, vor meiner Einkleidung noch, dem Weihbischofe von Augsburg nachreisen müssen, von dem man nicht einmal wußte, wo er sich auf seinen Reisen im Bistum Augsburg umher eben aufhielte. Den zweiten Tag brachten wir als Gäste hin. Am dritten Tage feierte man das Namensfest des Herrn Prälaten Gallus mit großer Tafel und allerlei Lustbarkeiten, die mich meine schmerzliche Lage auf Augenblicke vergessen machten. Nach geendigter Tafel, etwa abends um halb fünf Uhr, übernahm uns der P. Novizenmeister, dem wir in das Konventgebäude folgen mußten, um die ersten geistlichen Exerzitien zu beginnen. Er wies jedem seine Zelle an und gab uns im Noviziatzimmer den ersten Unterricht im Brevierbeten. Ehe wir von unsern Eltern Abschied nahmen, rief mich meine Mutter noch einmal beiseite, führte mir mein vermeintliches Glück und des Vaters Drohungen, falls ich das Kloster wieder verlassen sollte, eindringlich zu Gemüte und bat, ich möchte ihr einen Teil meines Geldes überlassen, das ich nun doch nicht behalten dürfte. Sie wußte, ich hatte von meinen Bekannten und Gönnern noch manches Geldstück zum Andenken erhalten und sollte nun alles dem Novizenmeister einhändigen. Ein alter, gutherziger Religiöse aber, P. Anselm , der Bruder meines Wohltäters, des Bürgermeisters Mayr in Höchstädt, riet mir im Vertrauen, ich möchte ihm mein Geld in Verwahrung geben, denn man bedürfte anfangs doch allerlei Kleinigkeiten, nur eine geringe Summe sollte ich dem Novizenmeister überreichen. Ich teilte also meine kleine Barschaft in drei Teile, etwa fünf Gulden gab ich meiner Mutter, die wirklich meinetwegen ihren geheimen Vorrat fast ganz aufgeopfert hatte; ebensoviel vertraute ich dem P. Anselm an, in der Absicht, wenn es mir im Kloster etwa nicht gefallen würde, ihm das Geld vorläufig unter was immer für einem gültigen Vorwande abzufordern und es dann als ein Reisegeld zu gebrauchen: das übrige, etwa drei Gulden, gab ich dem P. Novizenmeister, der jedem von uns sogleich beim Eintritt in die Zelle die noch übrige Barschaft abnahm. Mit nassen Augen hatte ich meine Mutter verlassen und war meinen neuen Obern so geduldig und beinahe ebenso trübsinnig nachgefolgt als ein junger Verbrecher, den die Aufseher eines Arbeitshauses zum erstenmal in die Zuchtstube führen. In meiner Zelle, zunächst an der Konventglocke, fand ich ein Bett mit wollenem Bettuch und einer Matratze, einen Tisch mit Schreibzeug, einen alten Kasten mit Schubladen, einen Betschemel nebst einem hölzernen Stuhle und ein paar alten elenden Gemälden, die den Ordensvater Benedikt und seine Schwester Scholastika vorstellten. Die Wände waren vom Rauch bräunlich und der Unrat in den Spalten des Bodens von Mäusen aufgewühlt, die wohl der Hunger sehr quälen mußte. Aber die Aussicht ins Freie war reizend. Über die nahe Stadtmauer hin sank mein Blick am Abhang eines Hügels hinab, auf dessen Stirne das Kloster ruhte. Am Fuße des Hügels schlang sich zwischen sattgrünen Wiesengründen die seichte Wernit hin, die rechts aus einem engen Tale hervorkam, an dessen Eingang ein schönes Landgut, Neideck genannt, jedermann ins Auge glänzte; hinter demselben erhob sich ein Amphitheater schöner Anhöhen, mit Dörfchen oder Äckern oder Wäldern gekrönt; eine Schleuse rauschte von ferne her. Meinem Fenster gerade gegenüber ergoß sich ein Feldbach in die Wernitz und hatte an seinem Ausflusse eine kleine Insel angelegt, die ich mit Vergnügen betrachtete und in Gedanken zu einem größern Aufenthalt umschuf, mit Wesen aus einer Unschuldswelt bevölkert; dann war mir der Fluß das Meer. Dank der Vorsehung für diese rege, wohltätige Phantasie, die mir auch in der traurigsten Situation ein Elysium bauen half, das zwar nur in meinem Kopfe entstand, aber doch die schwarzen Schatten erheiterte, die meine Seele umgaben! Wirklich empfand ich sogleich beim ersten Anblicke dieses Inselchens zu meinem nicht geringen Troste, daß ich wenigstens der süßen Freuden, die mir von jeher die Dichtkunst gewährte, auch hier nicht entbehren würde. Der Feldbach schlängelte sich durch Wiesen her, an deren Grenze gegen die Hügel hin sich ein angenehmes Fischergütchen mit einem kleinen Teiche und schattigen Gärtchen einsam erhob. Etwas weiter zur Linken lag das Dorf Riedlingen , noch mehr links, in der Ebene, der Spindelhof , von dem die Donau bis an die Tore der Stadt herabfloß. Ferne Hügel begrenzten die mannigfaltige Aussicht. Heute schlief ich zum erstenmal in dieser neuen Wohnung, hatte aber von den Mäusen so lauten Besuch, daß meine Ruhe sehr oft unterbrochen ward. Morgens fand ich auch meine Rocktaschen nebst den schönen Schnupftüchern darin mehrmals durchnagt. Schade, daß wir unsere Zellen nur als Schlafkammern gebrauchen durften und den ganzen Tag im gemeinschaftlichen Noviziatzimmer zubringen mußten. Von dort genossen wir zwar auch eine liebliche Aussicht über die inselförmige Fischervorstadt, das sogenannte Ried , weg, die Donau hinauf und nach Rain ins bayrische Gebiet hin. Allein selten hatten wir da volle Freiheit am Fenster zu stehen und uns am Anblicke der schönen Natur zu erquicken. Denn der Novizenmeister bewachte uns immer, und wir durften unsre Pulte nur in seiner Abwesenheit verlassen. Unsre geistlichen Exerzitien bestanden darin, daß uns der P. Novizenmeister die Vorzüge unsers neuen Standes zeigte, ihn als den gewissesten und richtigsten Weg zum Himmel, den Benediktinerorden vor andern als den ältesten und vortrefflichsten aller Orden und die Klostergelübde als die unfehlbarsten Mittel, Gott gefällig zu werden, mit mancherlei Rednerkünsten anpries. Treuherzig nahm ich alles, was er uns so ernstlich vorhielt, für wahr an und faßte in meinem Innern den Entschluß, weil ich doch einmal auf eine mir so unerwartete Weise zu dieser Lebensart geführt worden sei, mein möglichstes zu versuchen, um wirklich dem Geiste des heil. Benedikts gemäß zu leben und allmählich die höhern Stufen der Vollkommenheit zu erklimmen. Diesen Entschluß mit meiner Neigung zum Studieren und den schönen Wissenschaften zu vereinigen, schien mir sehr leicht, allein es zeigte sich bald, daß der Mönch mit dem Worte Vollkommenheit einen ganz andern Begriff verbinden müsse, als ich verband, und daß klösterliche Perfektion mit weltlichem Wissen, besonders aber mit der Dichtkunst sich durchaus nicht vertrage. Am Feste Hedwig, den 17. Oktober, mußten wir, in unsre Studentenmäntel gewickelt, morgens um halb vier Uhr zum erstenmal die Mette oder den Frühchor besuchen. Als wir unsre Chorstühle um fünf Uhr wieder verließen, fragte ich mich selbst: »Wie meinst du? Kannst du dich wohl dazu entschließen, dein ganzes Leben hindurch täglich so im Chor zu schreien?« Deutlich tönte die Antwort: »Nein!« im Innersten meines Herzens. Aber ich tröstete mich damit, daß ich bald ins Ausland zum Studieren verschickt, nach meiner Rückkunft aber als Professor angestellt werden würde und also den Chor nicht immer besuchen dürfte, denn die Professoren sind chorfrei. Abends nach der Vesper schor der Klosterbarbier uns Kandidaten die Haare des Hauptes an der Haut weg. Jeder schien sich noch einmal zu besinnen, ehe er sich auf den Stuhl setzte, ob er auch fest entschlossen sei, sein Haupt zum Mönchskopfe umformen zu lassen. Im Gefühle der Ohnmacht, mir anders zu helfen, nahm auch ich meinen Sitz auf dem fatalen Stuhle und überließ mich kleinmütig dem Zuge des Schicksals, indes mir das Kratzen des Rasiermessers Tränen aus den Augen trieb. Als nun unsre Scheitel der klösterlichen Zierde der Nacktheit teilhaftig waren, brachten die Diener des Barbiers in großen Schachteln alte Perücken herbei, unter denen wir den neuen Schmuck verhüllen sollten, bis uns der kommende Tag das Recht geben würde, in demselben öffentlich zu erscheinen. Jeder meiner neuen Konsorten griff eilig nach einem der bessern Stücke, um eine weniger lächerliche Figur zu machen. Mir, der Besinnung und alle Aufmerksamkeit verloren zu haben schien, blieb also ein abscheuliches Stück von Perücke übrig, das nicht einmal mehr Locken hatte. Geduldig bedeckte ich mein nacktes Haupt damit und ließ mich nach Belieben auslachen, als wir beim Abendessen und in der Komplet uns in diesem Aufzuge darstellen mußten. Ähnliche Szenen waren den Lachern unter den Mönchen immer ein willkommenes Fest, das ihren Zwerchfellen manche wohltätige Erschütterung verschaffte. Mit Mantel, Degen und allen unsern Studenteninsignien geschmückt, wurden wir vom Novizenmeister morgens am St. Lukastage den 18. Oktober zum Altare geführt, wo uns der ganze Konvent erwartete. Deutlich vernahm ich im langsamen Vorübergehen an den Haufen herumstehender Zuschauer, wie sie über mich zusammenflüsterten: »O sieh doch, das ist ja noch ein wahrer Bube; wie mag man doch den einkleiden?« Nicht wenig fand ich mich durch diese Äußerung beleidigt, obschon ich von Jugend auf immer der Kleinste in meiner Schule gewesen war, erst vor einem halben Jahre aufgehört hatte, den Alt zu singen und mir das Ordenshabit kaum kurz genug gemacht werden konnte. Nach einigen Choralgesängen entledigte man uns an den Stufen des Altares der »Schande des weltlichen Kleides«, steckte uns in das geweihte Ehrengewand des heiligen Ordens und reichte uns am Ende der Messe das heil. Abendmahl. So waren wir denn wirkliche Novizen. – Nächst der christlich eifrigen, frühen Eintrichterung des Katechismus weiß ich nichts, das den Geist mehr abzustumpfen und den geraden Menschensinn besser zu verkrüppeln taugt als die gewöhnliche Behandlung der Novizen. Das ewige Chorgeschrei füllt entweder die Köpfe derselben mit Brevierunsinn oder wiegt ihre Seelen, wenn sie daran keinen Geschmack finden, in ein gedankenloses hinbrütendes Staunen ein, das bald zur Gewohnheit und zur Grundlage einer freudenlosen Trägheit und schläfrigen Untätigkeit wird, oder es setzt denjenigen, der es wagt, mit seinen Gedanken anderswohin zu wandern, der steten Gefahr aus, fehlzuschreien und gebüßt zu werden. Das letzte war mein Schicksal. Ich dichtete gewöhnlich, wenn ich im Chore stand, deswegen ward ich sehr oft überrascht, versäumte den rechten Zeitpunkt, Verse oder Psalmen zu intonieren und bewog dadurch meine Mitbrüder, mich für einen Phantasten zu halten, der nie bei sich selbst sei und immer, wer weiß wo? mit seinen Gedanken umherschwärme. Und da hatten die Herren ganz recht! Die Zeit, welche der Chor uns Novizen übrig ließ, war entweder dem Lesen saft- und kraftloser Mönchsasketen geweiht oder ward mit täglicher gemeinschaftlicher Abbetung des Cursus Marianus , einer Art Brevier zu Ehren der Jungfrau Maria, dann des Rosenkranzes und anderer Formeln oder mit Abfassung der geistlichen, täglich dem Novizenmeister darzureichenden Betrachtung (Meditation) in lateinischer Sprache hingebracht oder mit Auskehren und Verzehrung des Trunkes (eines großen Krugs weißen Biers), den wir jederzeit durch Auskehren, sowie durch Wetterläuten im Sommer, verdienen konnten. Mit des P. Neideggers großem asketischen Werke, in dem wir täglich lesen mußten, wußte ich eigentlich nichts anzufangen, als aus langer Weile in alle O und Q gräßliche Larven hineinzukritzeln; deshalb bekam ich, so oft uns der Novizenmeister über das Gelesene prüfen wollte, fast immer meiner Unwissenheit wegen einen derben Verweis. Jedes andre Buch war uns zu lesen verboten. Jeden Samstag las er einen Kommentar über die Ordensregel des heil. Benedikts vor und hielt mit uns Abrechnung über alle begangenen Fehler in der Woche. Bei einer solchen Liquidation mußten wir uns immer zuerst prosternieren , das heißt, das Haupt mit der Kaputze bedecken, vor dem Pater Magister nach aller Länge aufs Angesicht niederfallen und so lange im Staube liegen, bis er rief: Surgite . Dann rissen wir uns schnell empor, zogen die Kaputze vom Haupte, stellten uns, so tief als möglich gebückt, mit kreuzweis über die Brust geschlagenen Händen vor ihn in eine Reihe und sagten die sogenannte Culpa, eine Formel, die dem Confiteor oder der bei Katholiken bekannten offenen Schuld nachgebildet ist, laut und choralmäßig her und erwarteten unsre Bußen (Strafen), die jedem, seinen Verbrechen gemäß, angekündigt wurden. Wir mußten bei Tische entweder den Salat oder den Wein karieren (nicht genießen) oder auf dem Boden sitzend oder am Tische stehend essen, je nachdem unser Fehler gering oder groß war. Wer z. B. auf den Gängen (Korridors), ohne den Kopf in die Kaputze gesteckt zu haben, erschien, wie mir's oft in Gedanken geschah, ward als ein Ungehorsamer und, als wenn er etwas Wichtiges verbrochen hätte, ohne Barmherzigkeit zum Karieren verfällt. Damit uns aber dergleichen Strafen nicht verstimmen oder zu sehr beschämen möchten, sagten uns einige Patres im Vertrauen: das alles habe bei Novizen gar nichts zu bedeuten, man sei dergleichen Auftritte an ihnen längst als notwendiger Übungen gewohnt usw. Übrigens war es uns hoch verboten, einigen Umgang mit den Patribus zu haben, wahrscheinlich, damit wir nicht zu frühe über die geheimen Verhältnisse der Kapitularen gegen den Prälaten und gegeneinander, über die inneren Mißhelligkeiten und die Machinationen des Parteigeistes unterrichtet würden. Allein es fanden sich doch Anlässe genug, sich mit ihnen in vertrauliche Gespräche einzulassen. Die Patres von der jüngern Partei , die es mit dem Prälaten hielten (eine andre hieß die alte , aus Gegnern des Prälaten bestehend), suchten wohl selbst Gelegenheit, uns für ihre Partei zu stimmen und zu bilden. Nach der Komplet z. B., wenn alle zu Bette gehen sollten, hörte ich leise an meine Tür klopfen. Ich lief hin, und ein leises Flüstern sagte mir: »Frater Xaver! wenn du lustig sein willst, so schleiche dich ins Kaiserzimmer vor die Klausur hinaus.« Dies war ein kleiner Speisesaal für Gäste außer dem gesperrten Teile der Klostergebäude. Ich schlich also durch einen finstern Gang bei der Sakristei vorüber, in den Kreuzgang hinab und dann zur immer offenen Klausur hinaus. Da fand ich lustige Zecher beisammen, die sich Helden dünkten, wenn sie weit über Vermögen saufen konnten. Einer von ihnen überfüllte sich einst so sehr mit Wein, daß man eine Bettstatt mitten in das Zimmer stellen und ihn hineinlegen mußte. Denn er wollte durchaus nicht von dem Gelage hinweg; da rief denn jeder nach der Reihe: Bruder, sauf! und goß ihm das volle Glas ein. Natürlich protestierte sein Magen sehr werktätig gegen dergleichen Überschwemmungen, und der Betrunkene fragte von Zeit zu Zeit lallend: Brüder, wo soll ich hinsp....? Je nachdem nun kommandiert ward, rechts oder links, darnach wandte er sich, um sich seines Überflusses zu entledigen. Ich würde es nicht wagen, so ekelhafte Szenen zu malen, wenn sie nicht nötig wären, um ein wahres Bild mönchischer Wildheit zu entwerfen. Zwar stieg die Ausschweifung nicht immer bis auf diesen abscheulichen Grad, aber doch lief es selten ohne Zoten und Völlerei ab. Als ich zum erstenmal zu dieser trefflichen Gesellschaft den Zutritt erhielt und in meiner novizischen Schüchternheit und Eingezogenheit unter ihnen saß, da hieß es mit rauhem leichtfertigem Tone: »Was seid denn ihr für Memmen, ihr einfältigen Novizen? Wollt ihr den Heiligen die Zehen abbeißen? Wollt ihr so andächtige Mütterchen werden, die sich aus lauter Frömmigkeit des Jahrs kaum einmal zu lachen getrauen? O, man kann ein guter Religiose und doch eine lustige Haut sein! Ihr müßt die Duckmäuserei lassen, müßt ganz anders werden, wenn ihr nicht unausstehlich sein sollt! Wir – ja wir waren andre Leute, als wir in euren Schuhen standen! Wir soffen und machten uns lustig und forderten, wenn wir so, wohlbenebelt, heimzogen, die Gespenster im Kreuzgang auf den Kampfplatz heraus, daß es ganz greulich tönte.« Dann wurden die Heldentaten der Herren, die sich im Volltrinken und Tolltun ausgezeichnet hatten, weitläufig mit vielem Ruhme erzählt. Dieser herrliche Unterricht fruchtete bei mir wenigstens so viel, daß ich etlichemal betrunken zu meiner Zelle taumelte und morgens einen schweren Kopf in die Mette brachte. Allein die Übelkeit und die Magenschmerzen, die ein solcher Exzeß immer zur unvermeidlichen Folge hatte, bestimmten mich bald, dergleichen Gelage ganz zu vermeiden. Wenn ich also nach der Komplet wieder klopfen hörte, steckte ich mich tief unter die Bettdecke und schnarchte, wie wenn ich im tiefsten Schlafe läge, so daß der Einladende getäuscht von dannen ging und der Hoffnung entsagte, mich aus dem ersten Schlafe erwecken zu können. Doch hatte ich den Wein bereits lieb gewonnen und trachtete um so mehr mich daran, so oft es gehen wollte, satt zu trinken, als wir Novizen nur selten und nur wenig Wein erhielten. Diese meine Neigung merkten einige Mönche nur zu bald und beredeten manchmal den Konventdiener, mir bei Tische die große zinnerne Kanne, welche sonst mit weißem Biere vollgegossen ward, mit Wein zu füllen, besonders wenn der Novizenmeister mir zur Buße statt des Weins in der kleinen Kanne Wasser zu reichen befahl. Nie verließ ich in dergleichen Fällen das Refektorium ohne einen tüchtigen Rausch; denn ich hatte von meinen dienstfertigen Gönnern scharfen Befehl, die Kanne auch richtig zu leeren, damit der Novizenmeister, wenn er nach Tische etwa nachsehen sollte, nichts davon merken möchte. Einmal ward ich so betrunken (ich muß es zu meiner Beschämung gestehen), daß ich nach einer Tafelmusik, die wir in der Fastnacht aufzuführen hatten, taumelnd den Speisesaal verließ und auf der Treppe zu meiner Zelle Geige und Klarinette, die ich unterm Arme trug, entzweibrach. Doch erhielt ich deswegen nicht den geringsten Verweis; die lustige und zugleich herrschende Partei billigte vielmehr mein drolliges Studentenbetragen und pries mich als einen braven Konfrater, der doch auch einen Spaß verstünde und gern mitmachte. Der Mangel an Festigkeit in guten Grundsätzen, die billigende Stimme liederlicher Mitbrüder und meine allzu bereitwillige Lenksamkeit brachten mich bald soweit, daß ich, ehemals ein stiller, eingezogener Junge, mich nun im Trinken und bei andern mutwilligen Streichen als ein ziemlich lockerer Geselle unter meinen Connovizen hervortat und deswegen manche Ermahnung von unserm Aufseher verdiente. Allein die Patres hatten mir bereits ins Ohr gesagt: »Der Novizenmeister gilt nichts beim Prälaten, kümmere dich um seine Verweise nicht!« Zu spät merkte ich, daß mich mein Benehmen um die Achtung aller Bessern bringe. – Anfangs der Fasten erhielten wir Zilizium und Geißel, um unsern Leib damit wöchentlich wenigstens zweimal zu kasteien. Das Zilizium ist ein Drahtnetz in Form einer handbreiten Binde mit spitzigen Stacheln, das man, sein Fleisch zu peinigen, mit einwärts gekehrten Spitzen sich um die nackten Hüften schlingt. Die Geißel aber war ganz aus weißem Bindfaden geknüpft mit einem Handgriffe, aus dem etwa acht starke Schnüre herausliefen, deren jede sich in ein fest gestricktes, einen halben Finger langes Kölbchen endigte, aber ohne schneidende Metallsternchen, wie man sie an andern Geißeln, mit denen man sich blutig schlägt, insgemein findet. Bereits hatte ich, durch den Spott einiger Religiosen, über dergleichen Übungen und Werkzeuge lachen gelernt und erhielt jetzt auch Unterricht, wie ich es anzugehen hätte, daß der Novizenmeister (der abends nach der Komplet an den Zellen horchte, ob wir auch das anbefohlene Bußwerk gehorsam verrichteten) in der Meinung stehen möchte, ich käme seinen Befehlen treulich nach. Sie rieten mir, entweder auf einen Sessel zu knien und auf dessen lederne Rückenlehne tapfer loszugeißeln, oder meine Beinkleider auf das Bett zu legen und ebendieselbe Operation damit vorzunehmen. Aus Neugier versuchte ich zwar einmal, welche Wirkung die Geißel auf meinem Rücken hervorbringe; aber in den meisten Fällen behalf ich mich mit meiner Freunde gutem Rate. Wirklich drang auch der Novizenmeister selbst nicht strenge darauf. Man hielt uns überhaupt nicht strenge und gestattete uns mehr Freiheiten, als wir in unsrer Lage erwarten durften. Beinahe täglich spazierten wir nach Tische entweder in ein kleines Gärtchen, das jetzt ein Friedhof ist, oder auf den Kirchturm über das Kirchendach, wo wir manchmal mit Lebensgefahr den Fledermäusen nachjagten, und ebensooft wußten wir unter manchem Vorwande einen Abendtrunk von weißem Biere zu erbetteln oder herauszubetrügen. Noch dazu sagte man uns: »Laßt nur das Noviziat zu Ende gehen, dann seid ihr erst freie Leute, dann könnt ihr erst treiben, was ihr wollt!« Wie hätten wir da die Zeit der Profession, im Grunde die Zeit des eigentlichen Gefängnisses, nicht herbeiwünschen und mit Sehnsucht erwarten sollen? Man wollte sogar weder hören noch sehen, als wir in der Fastnacht eine gräßliche türkische Musik machten; das heißt, wir fingen einen abscheulichen Lärm mit allerlei Werkzeugen an, einer hatte ein großes Pult auf den Boden gesetzt, donnerte nach dem Takte mit gleichen Füßen darauf und ahmte so die große Trommel nach, ein andrer schwenkte allerlei Schlüsselgeschelle in einer hohlen Blechbüchse, ein dritter trommelte auf einem kleineren Pulte und versuchte mit zwei Scheitern den Wirbel zu schlagen, der vierte klappte mit Kannen, um die Piatti nachzubilden, und der fünfte schlug mit einem Prügel den Takt auf dem Trinktische, daß die Gläser erklangen: alle schrien entweder mit fistulierender Stimme einen Marsch oder brummten einen schnarrenden Baß dazu. Das Getöse ward so laut, daß es einen großen Teil der Kapitularen herbeilockte, ohne daß uns diesmal jemand den Mutwillen untersagt hätte. Aber da wir im folgenden Jahre, als Professen, eben dasselbe Spiel wiederholen wollten, konnte man uns den Unfug nicht schnell und scharf genug verweisen. Offenbar drückte man also, während des Probierjahres, absichtlich ein Auge über unsre Unarten zu und suchte uns den neuen Stand durch Nachsicht annehmlich zu machen. – Allmählich hatte ich mich auch in mein Schicksal fügen gelernt und fand die neue Lebensart noch immer frei und lustig genug, um darin ausharren zu können. Mein Zustand verbesserte sich noch mehr, als auch meine Lieblingsneigung zum Dichten neue Nahrung erhielt. Manche Stunde mußten wir ruhig an unsern Pulten sitzen und aussehen, wie wenn wir in unserm Neidegger läsen. Ohne Beschäftigung würde mich da die Langeweile zum Sterben geplagt haben. Allein ich fand bald Mittel, mir die Zeit zu kürzen. Entweder schnitzte ich allerlei kleine Maschinen, einmal gar ein vermeintliches Perpetuum mobile, von dem ich am Ende gar nicht begreifen wollte, daß es sich nicht bewegen wollte, bis ich fand, daß ich nichts als das vollkommenste Gleichgewicht hervorgebracht hatte, oder ich überließ mich meinen Phantasien, die ich dann verstohlen zu Papier brachte. So entstanden einige Idyllen, die ich freilich in spätern Jahren umgearbeitet habe. Ich zeigte sie damals insgeheim dem Frater Candidus , der sie dem Pater Beda zu lesen gab, dem gelehrtesten, aufgeklärtesten Kopfe in der ganzen Gegend umher, der meine unbeschränkte Hochachtung besaß und eben unser Prior war. Die Gewißheit, daß er im künftigen Jahre unser Professor werden würde, eröffnete mir die heiterste Aussicht und bestimmte mich vollends, ein Mönch zu bleiben. Einige Winke, die mir seinen Beifall zu verstehen gaben, spornten mich an, noch ferner zu dichten. Als der Frühling heranrückte, tat ich das am liebsten in meiner Zelle, aber sehr oft schlich mir der Novizenmeister nach, belauschte mich durch die Visur (ein rundes Loch in der Zellentür, das außen mit einem beweglichen Täfelchen bedeckt ist) und forderte mir mein Geschriebenes ab. Zum Glücke hatte ich gewöhnlich so unleserlich und verwirrt durcheinander gesudelt, wie es wirklich noch jetzt mein löblicher Brauch ist, daß er keinen rechten Sinn zusammenfinden konnte. Dennoch führte dies immer die Unannehmlichkeit mit sich, daß ich die einmal schon aufs Papier gegossenen Gedanken von neuem aufsuchen und schreiben mußte und manches nicht mehr so warm ausdrücken konnte, wie das erstemal. Um mir nun die doppelte Mühe zu ersparen, spannte ich im Zimmer ein paar Saiten quer über die Tür, heftete das Täfelchen außen mit einem langen Nagel an, der innen hervorragte und befestigte an seiner umgenieteten Spitze einen kleinen Span, dessen Enden ich rechts und links mit Federchen besteckt hatte, so daß die Federchen bei der geringsten Bewegung des Täfelchens von außen sogleich die Saiten von innen berührten und einen lauten Klang erregten, der hinlänglich war, den Lauscher in etwas zu bestürzen, mich aber zu warnen, daß ich flugs meine Blätter verstecken sollte. Nicht lange genoß ich dieses mechanischen Vorteils, so rief mich der Novizenmeister hervor, befahl mir, die Culpa zu sagen und wollte mir der Maschine wegen einen derben Verweis geben, allein mitten darin konnte er sich des Lachens nicht mehr so recht erwehren und erließ mir die Strafe mit der Bedingung, daß ich die Saiten hinwegnehmen sollte. Gelegenheit, meine Lesebegierde einigermaßen zu stillen, fand ich auch auf folgende Weise: Candidus , der brave junge Religiose, dessen ich schon erwähnte, hatte mir manche kleine Schrift zugesteckt, die ich ihm jederzeit unversehrt und unverraten wieder zurückstellte. Dieser gewann für mich seinen Freund, den mir so teuren P. Beda , dem ein Schlüssel zur Bibliothek anvertraut war. Oft ermunterte mich eine freundliche Rede von ihm zu mehrerem Fleiß, und seine Miene schien mir Billigung zuzulächeln, wenn ich dem Frater Candidus wieder etwas Neues von meinen Arbeiten gezeigt hatte. Einst kam ich zu einer Musikprobe in das Meditationszimmer der Kapitularen und sah da auf einem Betschemel einen Band von Rabeners Satiren liegen. Der Eigentümer, P. Beda, stand nicht ferne. Mein Blick fragte ihn: darf ich? Der seinige antwortete ja, und so steckte ich das Buch behende in meine Tasche, voll Freude, endlich einmal wieder etwas Schönes lesen zu dürfen. Bald legte ich das Buch wieder an die Stelle, wo ich es genommen hatte, fand am folgenden Tage statt dessen einen andern Band von Rabener und hielt es genau wie mit dem ersten. So gerieten mir verschiedene vortreffliche Schriftsteller in die Hand. Aber längst hatte ich gewünscht, einmal die Bibliothek sehen zu dürfen, und oft hatte ich diesen meinen Wunsch gegen meinen Freund Candidus geäußert, aber nie wollte er in Erfüllung gehen. Ich versuchte sogar nachts bei einem Fensterchen aus der alten Kapitelstube auf einer Leiter hineinzusteigen, um mein Verlangen endlich einmal zu befriedigen; aber das Fensterchen konnte nicht geöffnet werden, und die Kreuzstäbe liefen zu enge übereinander, um, auch wenn ich die Scheiben zerschlagen hätte, durchkriechen zu können. Endlich fand ich einmal den Bibliothekschlüssel neben einem Buche liegend, steckte ihn vor Freude hüpfend zu mir und folgte genau dem Winke dessen, der ihn hingelegt hatte und mir im Vorübergehen zuflüsterte: »Vorsichtig aber und keinen Mißbrauch!« Nun konnte ich kaum die Nacht erwarten, denn am Tage wäre es wegen der Gefahr, angetroffen zu werden, ganz wider die Absicht meines Freundes gewesen. Sobald die Komplet vorüber und auf den Korridoren alles ruhig war, schlich ich mit Feuerzeug in der Tasche und mit einer Chorlaterne am Arme (aber ohne Licht, um mich nicht selbst zu verraten) durch den dunklen Gang bei der Sakristei in das alte Kapitel hinab, über lauter Gräber hin. Es fing mir an zu grauen, die völlige Dunkelheit vermehrte meine Furcht, die Chorstühle krachten, und ich konnte mich nicht enthalten, ängstlich atmend und mit lautem Herzklopfen die Treppe wieder hinauszulaufen, gerade wie wenn mich ein Ungeheuer verfolgte und mich alle Augenblicke in die Fersen beißen wollte. Oben, als ich Licht sah, faßte ich wieder Mut, verwies mir selbst meine Zaghaftigkeit und ging langsam hinab. Tappend schlich ich der Bibliothektür zu; da vernahm ich ein Schnauben um mich her und ein Knistern auf den Pflastersteinen, wie Tritte eines Tieres. Neuerdings übermannte mich die Furcht und ich lief zum zweitenmal davon. Aber als ich außer Atem bis zur Laterne kam, da sah ich, welches Gespenst mich erschreckt hatte. Es begleitete mich wedelnd und kroch jetzt schmeichelnd vor mir auf dem Boden umher: ein junger, übelgestalteter Pudel, dem niemand gut war als Fr. Caspar, einer meiner Connovizen, der manchmal mit ihm spielte und ihn zur Not fütterte. Nachts hatte das Tier nirgends eine bestimmte Ruhestätte, begegnete mir vielleicht auf dem Wege ins alte Kapitel und umschmeichelte mich dort ungesehen, bis ich vor ihm als vor einem Gespenste floh. Um mich nun nicht auch zum drittenmale einem panischen Schrecken auszusetzen, zündete ich die Kerze in meiner Laterne an, schwang das lange Skapulier darüber her, jagte den Hund fort und schlich ohne neuen Anstoß in die Bibliothek, wo ich die halbe Nacht verweilte und in den Schätzen von Büchern schwelgte. Als ich wegging, steckte ich einen ganzen Haufen der interessantesten Schriften zu mir und verbarg sie in meiner Zelle unter der Matratze. So trieb ich's etwa fünf Tage. Indessen fügte es sich, daß ich abends über Tisch vorlesen mußte, eben als ein protestantischer Beamter von Harburg mit uns speiste. Es ward dispensiert, das heißt, der Prior gab mir sogleich nach geendigtem Kapitel aus der Bibel ein Zeichen, daß ich nur noch die gewöhnliche Schlußlektion ablesen sollte. Diese ward aus dem sogenannten Annus Marianus genommen, einem Buche, das die Verehrung Mariens durch mehrere Wundererzählungen auf jeden Tag des Jahres anpreist. Sie sind aber so dumm und zum Teil gotteslästerlich abgefaßt, daß ich schon damals meinen Spott damit trieb. Wirklich wählte ich diesmal zum Spaße aus dem ganzen Buche die dümmsten Mirakel, z.B. daß Maria für eine Nonne, die mit einem Mönche entlaufen war und 15 Jahre lang ihre Fleischbank in der schnöden Welt aufgeschlagen hatte, wie die Worte lauteten, indessen unter der Gestalt der entlaufenen Nonne den Dienst einer Pförtnerin versehen habe, um dieselbe vor Strafe und Schande zu bewahren, bloß darum, weil die Sünderin täglich noch ein Ave Maria betete. Mehrere dergleichen abscheuliche, höchst unmoralische Märchen las ich nun (teils darum, weil ich es nicht übers Herz bringen konnte, daß wir uns vor einem Protestanten so schändlich bloßgeben sollten, teils weil mir nach der Lektüre klassischer Schriften, die jeden Kopf vor gänzlicher Geistestötung sicher bewahren, die einfältigen Histörchen keines ernsten Tones wert schienen) mit einem lächerlichen, mutwilligen Tone ab, so daß sich die Lektion am Ende in allgemeines Lachen auflöste. Allein mein Novizenmeister, von dem P. Subprior, der ein Freund dieses Buches war, noch mehr angetrieben, strafte mich meines Mutwillens wegen mit Bodensitzen, einer der schwersten Bußen. Darüber ward ich dem Buche so gram, daß ich es, als mich eben niemand bemerkte, von der Kanzel stahl und in den Ofen warf. Nun wollte der P. Subprior Corbinian wieder ein Marianisches Gnadenjahr auffinden, um seiner salbungsvollen Erzählungen nicht ganz entbehren zu müssen. Als ich nun einst nach der Komplet ganz getrost in der Bibliothek, die ich wie immer sorgfältig hinter mir verschlossen hatte, an den Schränken der oberen Galerie stand und eifrig die Bücher durchforschte, hörte ich plötzlich ein Traben und zugleich des Subpriors Stimme im alten Kapitel. Ich erschrak und fürchtete, entdeckt zu werden. Geschwind blies ich mein Licht aus, stieg die eine Treppe, welche von der Erde auf die Galerie führte, hinter den Bücherschränken hinab, zog die Treppentür so fest an mich, als ich konnte, und erwartete, wohin sich der Kommende wenden würde. Entweder, dachte ich, steigt er gar nicht herauf oder er gerät an diese Tür oder er wählt die andere Treppe. Im ersten Falle bleibe ich ruhig, im zweiten halte ich so fest an mich, daß er nicht öffnen kann, im dritten aber reiße ich, sobald er die andere Treppe zur Hälfte erstiegen hat, die Türen mit Ungestüm auf und laufe davon. Zankend über die Verwegenen, die das Marianische Gnadenjahr so boshaft hinweggeräumt hätten, öffnete er die Bibliothektür und suchte unten in den theologischen Fächern umher. Als er aber nicht fand, was er suchte, stieg er die Treppe, deren Tür er offen sah, brummend hinauf, und ich schlüpfte schnell aus meinem Hinterhalte hervor, hüpfte, so leise ich konnte, durch das alte Kapitel, hörte ihn sogleich keuchend nachstolpern und konnte ihm kaum entrinnen, so erschrocken und eilig lief er hinter mir her. Ein Winkel unter einer Stiege verbarg mich vor ihm, als er, sich kreuzend, vorüberjagte und Jesus, Jesus! rief. Sogleich den folgenden Tag ward mir der Bibliothekschlüssel abgefordert; denn dieser Vorfall, den zwar der Subprior selbst als eine Gespenstergeschichte erzählte, aber mein klügerer Freund bald für das, was es war, erkannte, machte ihn schüchtern und ließ ihn die Gefahr, daß ich entdeckt werden möchte, zu lebhaft empfinden. Doch hatte ich noch einen ziemlichen Vorrat interessanter Schriften unter meinem Bette versteckt, die mir den Genuß mancher frohen Stunde verschafften. Natürlich erwachte unter diesen Umständen und bei dem Gefühle, daß mein neuer Stand bei weitem nicht so viel Unerträgliches habe, als ich mir vorgestellt hatte, mein angeborner Frohsinn (meinetwegen Leichtsinn) von neuem in hohem Grade. Auch meine Zelle gewann allmählich ein besseres Aussehen. Dieser und jener schenkte mir einen Zierat, und der P. Anselm zeichnete sich vor andern aus, mir allerlei Kleinigkeiten zu verschaffen. Anfangs nahm mich das sehr Wunder, denn er war eben keiner der Freigebigsten. Aber bald löste sich das Rätsel: er hatte das meiste mit meinen fünf Gulden erkauft. Da wäre ja mein Rückhalt an Reisegeld vortrefflichen Händen anvertraut gewesen! Selbst mein Prälat gab mir verschiedene Merkmale von Zuneigung und besonderem Wohlwollen. Z. B. an einem Sonntage in der Fronleichnamsoktav, da man eben, ich weiß nicht, das Wahlfest des Prälaten oder welches Fest mit einer großen Tafel feierte, nahmen mich zwei jüngere Patres beim Abendessen in die Mitte und reizten mich, der ich eben in der besten Laune war, so sehr zum Trinken, daß mich der Prälat, dem wir beinahe gegenübersaßen, öffentlich ermahnte, mich in meiner Fröhlichkeit vor übermäßigem Trinken zu hüten; denn er bemerkte, daß immer einer von den beiden Herren, die sich vorgenommen hatten, mich vollzutrinken, bald rechts, bald links mein halbleeres Glas mit einem vollen vertauschte, indes ich treuherzig mit dem andern scherzte, und daß sie mich also ganz unvermerkt bezechten. Jubilierend antwortete ich, daß ich gewiß nie mehr als das mir vorgesetzte Glasfläschchen (Karaffe) austrinken würde. Allein er winkte mir nochmal lächelnd und mit drohendem Finger, ohne mich jedoch deutlicher vor meinen listigen Mundschenken zu warnen. Guten Mutes netzte ich fort und fort meine Zunge mit Wein, so oft sie von lustigem Geschwätze trocken ward. Sogleich nach Tische mußten wir in den Chor, um die Komplet feierlich abzusingen, während der sich die Kirche mit Leuten überfüllte, um den letzten Segen mit dem Sanctissimum zu erwarten. Mein Chorstuhl war auf des Priors Seite. Eine hartnäckige Übelkeit befiel mich, blaß wie ein Sterbender sah ich aus, sorgfältig lehnte ich mich auf das Geländer meines Stuhles, um nicht allzusehr zu wanken und vermochte mich in der Tat kaum aufrecht zu erhalten. Wehe, da zerbrach die morsche Armlehne, und ich war kaum imstande mich, ohne hinzufallen, niederzubücken und sie aufzuheben. Einer von meinen Mitnovizen, der zunächst an der Kanzel des Prälaten stand, lachte beinahe laut, deutete mit Fingern auf mich und ruhte nicht, bis der Prälat, der absichtlich nichts merken wollte, endlich doch etwas von meinem Übelbefinden merken mußte. Mißmutig befahl er dem Frater Sebastian , so hieß der Noviz, mich an seine Kanzel zu rufen. Ich taumelte, so gut es gehen wollte, hin zu ihm und lallte die einfältige Frage: »Was soll ich, Euer Hochwürden und Gnaden?« »Hinausgehen sollst du, Schwein!« sagte er etwas zürnend, jedoch ziemlich leise, »und dich zu Bette legen!« Ich glotzte ihn an und stolperte zum Tempel hinaus. Eine solche Unart konnte nicht ungestraft hingehen. Mir war angst und bange. Den andern Tag vor Tische ließ mich der Prälat zu sich rufen: »Frater Xaver,« sagte er ernsthaft, aber gütig, »gestern hat Er sich übel aufgeführt. Sein Glück ist, daß ich es selbst sah, wie Ihn die beiden Patres, ohne daß Er es merkte, vollzechten! In Seiner Torheit merkte Er es nicht, was meine Ermahnung sagen wollte. Zur Strafe wird Er heute bei Tische stehen und Wasser trinken, damit Er wieder nüchtern wird. Nun laß Er mir den Frater Sebastian kommen!« Froh, daß ich so leichten Kaufs des Handels los würde, hieß ich den Frater Sebastian in die Abtei gehen. Er kam mit dem höchsten Verdruß zurück; denn er sollte dafür, daß er im Chore mit sichtbarer Schadenfreude auf mich gedeutet hatte, bei Tische ins Refektorium solange hinausknien und mit ausgespannten Armen beten, bis ihm der Obere satis klopfen (das Zeichen, daß er genug gebüßet habe, mit dem Schlage eines Schlüssels geben) würde. Ungewiß im ersten Sturme, zu was er sich entschließen sollte, stand er seine Strafe aus, verlangte aber nachmittags in vollem Ernste seine Kleider und trat triumphierend aus dem Kloster. Dieser Vorfall und die gar zu auffallende Gelindigkeit des Prälaten gegen mich machte, daß sich wegen der Art, wie ich behandelt wurde, ein öffentliches Murren hören ließ, welches bis zu den Ohren des Prälaten drang. Als ich nun vor ihm erschien, um für die gnädige Strafe gewöhnlichermaßen zu danken, sagte er in sanftem, vertraulichem Tone: »Frater Xaver! man murrt, daß ich Ihn zu gelinde gebüßt habe; mache Er sich nichts daraus, daß ich erst jetzt die Strafe schärfe, um die Schwachen zu befriedigen, und prosterniere Er sich heute anfangs der Komplet so lange, bis ich satis klopfe, damit Er auch im Chore öffentlich büße, weil Er doch im Chore ein öffentliches Ärgernis gegeben hat.« Ich gehorsamte gern und hielt die Schonung, mit der er mir begegnete, billig für einen nicht geringen Beweis von besonderer Zuneigung. Auch die übrigen Religiosen sahen es aus eben diesem Gesichtspunkte an und ließen mich deshalb noch lange nachher die Wirkungen ihres Neides empfinden. Während des Noviziates wuchs ich so stark und schnell empor, daß mir das Ordenshabit zu klein ward und der Klosterschneider Befehl erhielt, mir wider die Gewohnheit mitten im Jahre ein anderes zu verfertigen. Sechstes Kapitel: Der Pater Bonifacius. Die Profession – Erste Verstimmung – Mönchische Sittlichkeit – Mathematische und philosophische Studien – Liebe zu den Wissenschaften ist verfemt – Die Visitation – Gedichte, Landlust – Das Perpetuum mobile – Versuch zu fliegen – Musikalische Uebungen – Die Theologie – Pater Beda – Die Grasmücke – Der Mönch liebt – Andacht eines Liebenden – Der erste Kuß – Die Aderlässe – Das Studium der Moral – Die Einladung – Eine Heirat – Vorboten des neuen Heidentums – Subdiakonat und Vorbereitung zur Reise nach Eichstädt. Als das Ende des Noviziats und die Zeit der Ordensprofession, da wir die drei klösterlichen Gelübde feierlich in der Kirche ablegen sollten, allmählich heranrückte, erklärte uns der Novizenmeister weitläufig, was wir unter Armut, Keuschheit und Gehorsam zu verstehen hätten, pries die heilige Profession als eine zweite Taufe an, die uns aller Sünde entledigen würde, und trug jedem von uns auf, die Gäste schriftlich anzuzeigen, die er aus der Zahl seiner Verwandten zu diesem Feste einzuladen wünschte, damit man deshalb die nötigen Verfügungen treffen könnte. Ich wollte niemanden zu Gast bitten als meine Eltern, meine Großmutter, die aber nicht erschien, meinen Taufpaten und den Herrn Stadtpfarrer von Höchstädt. Aber der Prälat befahl mir, auch noch den Herrn Stadtsyndikus mit seiner Familie, den er längst schon kannte und lieb hatte, einzuladen. Bald darauf traten wir in die dreitägigen geistlichen Exerzitien und schrieben, als sie zu Ende gingen, die uns erst jetzt vorgelegte Professionsformel, jeder mit eigener Hand ab, die uns wörtlich und ausdrücklich zu nichts anderm verpflichtete, als zum Gehorsam gegen den Prälaten, der Regel des heil. Benedikts gemäß. Von der Keuschheit geschah in der ganzen Formel nicht die geringste Meldung, aber der Novizenmeister erklärte uns, daß das Gelübde der Keuschheit, sowie jenes der Armut, schon darin verborgen liege. Diese Auslegung wollte mir nicht recht zu Kopfe, und ich äußerte mein Bedenken; ich glaubte nämlich, in einer so wichtigen Angelegenheit dürfte unter den Worten, die man vorbrächte, nicht mehr und nicht minder verstanden werden, als was sie ausdrücklich anzeigten. Er nahm mich aber beiseite und riet mir, nicht länger zu grübeln, sondern die Formel geradezu in dem Sinne abzulesen, den die Worte enthielten. Dies beruhigte mich, und ich dachte, es würde mir nicht schwer sein, die Klostergelübde zu halten, da sie eigentlich nur forderten, den Ordensobern zu gehorsamen, nichts anders zu besitzen, als was dieselben mir gestatten würden, und mit dem schönen Geschlechte keinen andern Umgang zu haben, als den sie und die allgemeine Moralität mir nicht verbieten dürften. Freilich kostete mich der letzte Umstand, demzufolge ich auf das Glück der Ehe für immer Verzicht tun sollte, manchen Seufzer; allein teils wußte ich eigentlich noch nicht recht, wie vielen süßen Menschenfreuden ich dadurch entsagte, teils entdeckte ich nirgends eine Aussicht auf eine bessere Versorgung, die mir irgendein liebes Geschöpf zu ehelichen vergönnt hätte; ich entschloß mich also, nicht ohne Kampf, die Gelübde abzulegen. Den 19. Oktober 1777 brachte der Novizenmeister vier zusammengerollte Zettelchen in unser gemeinschaftliches Zimmer und sagte, daß jedes einen Ordensnamen enthielte: der Prälat befehle, jeder sollte nach Belieben ein Zettelchen wählen und dann den Namen tragen, den er darin finden würde. Sie seien folgende: Amand , Cölestin , Placidus und Bonifacius . Man hatte mit Fleiß alle Namen vermieden, die ein R enthalten, weil man aus langer Erfahrung wissen wollte, daß Religiosen, in deren Namen ein R sei, gewöhnlich mißraten. Nun wünschte jeder von uns, den schönsten Namen zu erhalten; ich selbst, wenn ich frei hätte wählen dürfen, würde aus einer sonderbaren Vorliebe Amand gewählt haben. Aber Bonifacius wollte durchaus keiner heißen, weil ein vor kurzem gestorbener roher Laienbruder so geheißen hatte und dieser Name so leicht in Fazi , Malefazi usw. verdorben werden konnte. Nur ich war Großsprecher genug, zu sagen: »Meinetwegen nennet mich Mummolus (ein wirklicher Benediktiner-Heiliger) oder wie ihr wollt.« Ein andrer nahm mich sogleich beim Worte: »Willst du den Namen, den du ziehen wirst, mit dem meinigen vertauschen, wenn ich den Zettel Bonifacius bekomme?« »Ganz gern!« antwortete ich. Man zog, und ich ergriff wirklich selbst den Namen Bonifacius . »Es ist gut,« sagte der, welcher mir den Tausch angetragen hatte, »daß gerade Bronner diesen Namen erhielt; ihn bringt er nicht in die Verlegenheit, geneckt und als würdiger Nachfolger des Laienbruders verspottet zu werden, er kann ihn mit Ehren tragen« usw. Diese Rede, die meinem geheimen Stolze so sehr schmeichelte, goß wieder Ruhe in mein Herz, das mit dem mir zugefallenen Namen wirklich nicht recht zufrieden sein wollte. Bald darauf führte man uns zum Altar, vor dem der Prälat im Kirchenornate nebst seinen Diakonen und Meßdienern, dann der ganze Konvent, welcher zu beiden Seiten des Altars ein paar finstere Linien formierte, und etwas weiter zurück in rotbekleideten Kirchenstühlen unsere zu dieser Feierlichkeit gebetenen Gäste, Eltern und Verwandten uns erwarteten. Das Hochamt begann mit feierlicher Musik; sobald es aber bis zur Aufopferung des Brots und Weines gekommen war, unterbrach es der Prälat, setzte sich, mit Inful und Stab geschmückt, mitten auf die oberste Stufe des Altares, wohin man ihm zu diesem Ende einen prächtigen Kirchensessel gestellt hatte; jeder von uns vier Novizen mußte dann, der Reihe nach, vor ihm hinknien, seine geschriebene Professionsformel vernehmlich ablesen und eigenhändig als Opfer auf den Altar legen. Man zog uns nun das faltenreiche Chorkleid, Flocke genannt, über die übrigen Mönchskleider an, bedeckte uns das Haupt mit der Kaputze und nähte dieselbe jedem vor dem Angesicht und zwar so enge zu, daß wir kaum hervorschauen und nur schwer den Weg zum Munde finden konnten. Dies sollte die Einnähung der Toten vorstellen und anzeigen, daß wir nun der Welt völlig abgestorben seien. Aus eben diesem Grunde mußten wir uns sogleich nach dieser neuen Einkleidung an den Stufen des Altares auf's Angesicht zur Erde werfen, man bedeckte uns insgesamt mit einem Totentuche, stellte 6 Totenkerzen umher, wie man bei einer Bahre zu tun pflegt, und sang in traurigem Choralton Totengesänge über uns, so daß sich von unsern Eltern kaum jemand der Tränen enthalten konnte. Sobald uns wieder aufzustehen erlaubt ward, führte man jeden von einem Religiosen zum andern, um den brüderlichen Friedenskuß zu empfangen. Aber schon hier erschreckte mich mancher kalte, finstre oder gar unfreundliche Blick und verriet mir, daß ich fehlgerechnet hatte, indem ich von allen meinen Mitbrüdern die Meinung hegte, sie seien gut für mich gesinnt. Nachdem wir aus den Händen des Prälaten das Abendmahl empfangen hatten und der Gottesdienst geendigt war, führte man jeden von uns mit der vernähten Kaputze in seine Zelle, wo wir in heiliger Einsamkeit frommen Betrachtungen obliegen und den ganzen Tag allein mit Gott zubringen sollten. Nur ein Klosterdiener brachte jedem, stillschweigend, ein sparsames Essen. Aber gegen Abend schlichen heimlich andre Diener mit vollen Schüsseln in unsere Zellen und brachten uns von den Leckereien der Tafel mehr, als wir genießen konnten. Unsre Eltern und Verwandten zu sehen oder zu sprechen, war weder vor Ablegung der Gelübde, noch an diesem Tage erlaubt. Das erste dieser Verbote schien deswegen gegeben zu sein, weil man besorgen mochte, der Umgang mit Eltern und andern Weltlichen könnte jungen, veränderlichen Herzen etwa Veranlassung werden, zu wanken oder den gefaßten Entschluß wieder umzustimmen; das zweite gehörte von jeher zur Zeremonie der Profession, von der man aus guten Gründen nicht abgehen wollte. Wir mußten in unserm neuen Chorkleide, auf Stühlen ruhend, sogar die Nacht hinbringen. Erst den andern Tag, um 7 Uhr, als der Prälat Messe las, trennte er vor dem Altare unsre zusammengenähten Kaputzen mit einiger Feierlichkeit auf und gestattete uns Neuerstandenen, am Umgange mit Menschen wieder teilzunehmen. Sogleich nach dieser Zeremonie gehen die Eltern jedes jungen Professus , wie er nun heißt, mit ihrem Sohne einzeln zum Herrn Prälaten in die Abtei, danken ihm und erwarten seine Befehle und Ermahnungen. Als die Reihe an mich und die Meinigen kam, empfing uns der Prälat auffallend spröde und sagte unter andern Dingen: »Der Frater Xaver hat sich allzufrei und mutwillig aufgeführt; dies steht einem Religiosen gar nicht an; ich hoffe, der Frater Bonifacius wird diese Fehler verbessern.« Stille und geduldig hätte ich diese Korrektion angenommen, wenn sie mir unter vier Augen gegeben worden wäre; aber öffentliche Beschämung konnte ich nie ertragen, und so oft mich ein Oberer sein Ansehen auf eine solche Art fühlen lassen wollte, hatte er an mir gewiß einen kühnen Widersprecher. Auch diesmal wurmte mir der gegebene Verweis allzusehr im Innern, als daß ich gänzlich zu schweigen vermochte. »Gnädiger Herr!« sagte ich mit bescheidenem aber doch etwas bitterm Tone: »Wenn Sie schon länger soviel an meiner Aufführung zu rügen fanden, so wäre es, meinem Bedünken nach, besser gewesen, mir es früher zu sagen, damit ich mich früher hätte bessern oder einen andern Entschluß fassen können.« »Frater!« erwiderte er, mit zorniger Majestät, »das ist keine Art, mit seinem Obern zu sprechen! Ich sehe, er bedarf der Zucht noch mehr, als ich geglaubt habe.« Dann ermahnte er meine Eltern, daß sie mich auf bessere Wege zu leiten versuchen sollten. Meine Mutter nahm sich die Freiheit zu fragen, worin denn eigentlich meine Hauptfehler bestünden, mußte sich aber mit der kurzen Anzeige, daß ich im Noviziate zu locker gelebt hätte, und mit einer schnellen Verabschiedung abspeisen lassen. Diese Szene griff meiner Mutter so sehr ans Herz, daß sie, sobald wir allein in ihrem Gastzimmer waren, in lautes Wehklagen und bittere Tränen ausbrach und nun selbst bereute, mich zum Klosterstande überredet zu haben. Ich leistete ihr treulich Gesellschaft und wiederholte immer: »Ach, nun bin ich gefangen, und schon der erste Tag beginnt mit neuen Leiden! Warum rügte man meine Lustigkeit, wenn sie doch über die Schranken ging, nicht im Noviziat, nicht im Augenblicke, da ich fehlte? warum erst jetzt, da ich gefangen bin? und so beschämend, so öffentlich?« Dieser Vorfall verstimmte mich für lange Zeit. Unlustig saß ich an der Tafel, mißmutig und ohne Teilnahme sah ich den Pfänderspielen und andern kleinen Lustbarkeiten zu. Meine Eltern und andre ernsthafte Leute hatten sich abends, da es ihnen im großen Saale zu bunt herging, in ein Gastzimmer zurückgezogen, um sich ungestört freundschaftlichen Gesprächen zu überlassen. Aber allmählich sammelten sich mehrere Gäste um uns, die jüngern Religiosen, die nicht wissen mochten, daß dies Zimmer schon besetzt sei, führten Mädchen und Weiber herein, stutzten zwar anfangs, nahmen aber doch bald Platz um eine große Tafel her und fingen zum Spaße an, Waden zu messen. Die Mädchen mußten, auf einem Stuhle sitzend, den Fuß auf den Tisch legen und so die Peripherie ihrer Waden nehmen lassen. Wollten sie nicht, so ergriff sie ein Mönch ohne weiteres beim Beine und zerrte es empor. Sie unterhielten sich auch lange mit dem sogenannten Schuhsuchen , einem Spiele, wo Mädchen und Mönche in einem bunten Kreise auf dem Boden saßen, einen Schuh unter ihren aufgestellten Beinen unsichtbar herumboten und den Suchenden raten ließen, wo sich der Schuh jederzeit befinde. Natürlich gab es da nicht immer die züchtigsten Situationen und eine Aufführung, die nicht nur die Grazien, sondern selbst alle Anständigkeit beleidigte, so daß sich die ernstern Gäste höchlich daran ärgerten und laut über das unsittliche und freche Betragen der jungen Religiosen murrten. »Mutter!« sagte ich bitter, »das sind die Lieblinge des Prälaten! Wäre ich je so lustig gewesen, wie die, so würde mich der heutige Verweis nicht schmerzen, aber auf diese Art werde ich mich nie lustig machen, davor kannst du sicher sein!« »O Sohn!« antwortete sie mit Wehmut, »ich bedaure dich, daß du unter so ungezogene schlimme Menschen geraten bist! Sind das Geistliche, die sich zum Gelübde der Keuschheit bekennen? O pfui!« Da gingen wir in ein andres, anstoßendes Zimmer; aber nicht lange unterhielten wir uns dort in traulichen Gesprächen, so riß ein Mönch ein junges Mädchen zur Tür herein, stutzte, als er uns erblickte, und zog schnell wieder davon. Weinend schieden am folgenden Tage meine Mutter und ich voneinander. Einer meiner sehnlichsten Wünsche ging bald in Erfüllung: P. Beda gab das Priorat auf und ward zu unserm Lehrer ernannt. Dieser Mann, der sich durch eigene Geisteskraft über Tausende seines Standes emporgeschwungen und sich selbst zu einem aufgeklärten und achtungswürdigen Gelehrten gebildet hatte, war schon allgemein durch mehrere seiner Schriften bekannt geworden. Der Frater Candidus hatte mir bereits mehrere kleine Aufsätze von ihm, teils gedruckt, teils im Manuskripte, zu lesen gegeben und mir dadurch eine so große Hochachtung seiner Talente eingeflößt, daß ich den glücklichen Tag kaum erwarten konnte, an dem ich mich unter seine Schüler zum erstenmal zählen dürfte. Er begann seinen Unterricht mit der Mathematik, ausdrücklich in der Absicht, unsere Köpfe dadurch zur Gründlichkeit zu gewöhnen und uns allmählich richtig denken zu lehren. Dabei kam es mir sehr gut zustatten, daß ich bereits die Arithmetik und Algebra, bis zur Auflösung der Probleme des zweiten Grades, aus Liebhaberei studiert und begriffen hatte, ohne diese Vorübung hätte ich viel einholen müssen, um mit meinen übrigen Mitschülern, die alle bereits in den Jesuitenschulen Logik, Metaphysik und Mathematik studiert hatten, gleichen Schritt zu halten. Wir wurden alle zu Fleiß und Tätigkeit hingerissen und munterten durch Nacheiferung täglich einander noch mehr auf. Aber das viele Chorgehen wollte uns kaum hinlängliche Zeit übrig lassen, um unsern Durst nach geometrischen Kenntnissen einigermaßen zu stillen. Wir vernahmen aber, daß in vorigen Zeiten die studierenden Fratres manchmal die Vergünstigung erhalten hatten, aus der Prim (einem Chorgesang, der morgens von sechs bis sieben Uhr währt) wegbleiben und die dadurch gewonnene Zeit zum Studieren verwenden zu dürfen. Deshalb baten wir unsern Pater Professor, er möchte uns durch seine Fürsprache bei dem Prälaten ebendieselbe Erlaubnis auswirken. Er gewährte uns, was wir baten, und es ward gestattet, daß an Werktagen immer einer aus der Prim ausbleiben dürfte. Es ist aber in Klöstern Herkommens und wie eine Art Erbsünde, daß alle diejenigen, welche vom Chore wegbleiben dürfen, beneidet werden, weil jeder, so hoch er auch vor andern das Gegenteil beteuert, im Grunde den Chor doch nur mit Widerwillen besucht und es allzeit für eine Wohltat hält, von diesem beschwerlichen, unsinnigen und langweiligen Lob Gottes los zu kommen. Überdas war dem P. Beda im Priorate ein Mann von der jüngern Partei nachgefolgt, welcher längst schon, wie ein echter Separatist, heimliche pietistische Winkelversammlungen mit andächtigen Mädchen und andern Religiosen seines Gelichters in einem Turme der Stadtmauer am Klostergarten gehalten und sich durchaus in den Geruch der Heiligkeit bei den guten Bewohnern von Donauwörth und der umliegenden Gegend bringen wollte. Er geißelte und kasteite anfangs so strenge, daß es ihm jedermann so gut als den frommen Leuten ansehen mußte, vor deren affektierter Blässe ein Weiser seine Jünger warnt, redete nur von geistlichen Dingen, unterhielt einen andächtigen Briefwechsel und schrieb asketische Werkchen. Allein, als doch der Ruhm seiner Heiligkeit sich nicht so recht nach Wunsch verbreiten wollte und wegen des vielen Burgundertrinkens im Turme und der schnellen Verheiratung seiner angeworbenen Bräute des Lamms ein Widerschein von Lächerlichkeit auf ihn fiel, zog er sich in seine anachoretische Dunkelheit zurück, versäumte aber, als er zum Prior ernannt ward, keine Gelegenheit, allem eitlen weltlichen Wissen recht gewissenhaft entgegenzuarbeiten. Kaum hatte dieser Eiferer vernommen, daß täglich einer von uns aus der Prim wegbleiben dürfte, so eilte er zum Prälaten, stellte demselben vor, daß er ohnehin Mangel an genugsamen Stimmen im Chore hätte und unmöglich gestatten könnte, daß die Fratres unter dem Vorwande des Studierens das Lob Gottes durch ihre Abwesenheit schwächten, und ruhte nicht, bis der Prälat seine Erlaubnis wieder zurücknahm. Aufgebracht über dieses Betragen gingen wir Fratres miteinander zu Rate und wurden einig, unsre Bitte noch einmal und zwar schriftlich an den Prälaten zu bringen und darin alles zu sagen, was wir zu unserm Zwecke dienlich erachten würden. Ich mußte mich also hinsetzen und, weil ich einen hübschen Buchstaben schrieb, alles dasjenige lateinisch zu Papier bringen, was wir unsrer Meinung nach gegen das Verfahren des Priors einzuwenden hatten. Da niemand ohne Erlaubnis des Priors aus der Klausur treten durfte, schlich ich mich des Morgens heimlich in die Abtei, überreichte unsere Schrift und begleitete sie mit mündlichen Bitten und Vorstellungen nach meinem besten Vermögen. Freundlich entließ mich der Prälat. Aber sogleich nach der Prim ward ich wieder zu ihm gerufen, strenge examiniert, ob nicht unser Lehrer selbst die Schrift verfaßt habe, mit Drohungen und Versprechen bestürmt, die Wahrheit zu sagen, und als ich immer standhaft behauptete, daß wir selbst die Verfasser wären, mit Unwillen als ein hartnäckiger Lügner entlassen. Einige satirische Züge und die gefeilte Sprache mochten unsre Obern auf die Gedanken gebracht haben, daß unser Professor mit uns unter einer Decke liege. Sobald dem Prior von meinem Unternehmen etwas zu Ohren kam, befahl er mir zur Buße, den Wein ein paar Tage lang zu karieren. Von der Erlaubnis, aus der Prim wegbleiben zu dürfen, war bald gar keine Rede mehr. Eine solche Behandlung und die selbstsüchtigen Klagen des Priors und seiner Konsorten, daß wir jungen Fratres es darauf anlegten, ihnen über den Kopf zu wachsen, anstatt uns abzuschrecken, fachten unsern Eifer vielmehr auf einen hohen Grad an. Wir wollten ihnen beweisen, daß sie nicht imstande wären, jemanden im Fortschreiten zu bessern Kenntnissen aufzuhalten, und ließen uns weder Schlaf noch Mühe reuen, diesen Zweck zu erreichen. Ein großes Hindernis war uns im Winter der Mangel an geheizten Zellen; denn im gemeinschaftlichen Wohnzimmer störte uns doch immer mancherlei Unruhe. Die Wirkung dieser Unbequemlichkeit auf unsre Studien soviel als möglich zu vereiteln, schlichen Frater Cölestin und ich abends nach der Komplet (dem letzten Chore), wenn die übrigen alle zu Bette gingen, in das noch warme Museum, saßen, eifrig mit mathematischen Studien beschäftigt, an unsern Pulten, rechneten und zeichneten unsre Figuren, jeder für sich, ohne ein Wort zu reden, und suchten uns täglich mehr Fertigkeit in der Geometrie zu erwerben. Lange entgingen wir der Bemerkung des Priors; allmählich aber fiel es ihm doch auf, daß er niemals die Schlüssel an unsern Zellen stecken sehe. Er suchte uns von dieser Stunde an in allen Winkeln, wo er vermutete, daß sich Religiosen zu Trinkgelagen versammeln könnten, wir hörten und sahen ihn manchmal umherschleichen und spähen. Nur dort, wo wir waren, mochte er uns nicht suchen. Zwar hörten wir ihn öfters an die wohlverschlossene Türe schleichen, horchen und an der Schnalle klappen, aber die hohe Stille im Zimmer bewies ihm stets, es müsse leer sein. Endlich überraschte er uns doch, öffnete mit dem Hauptschlüssel die Tür, fand uns an unsern Pulten stille beschäftigt, gab uns aber dessenungeachtet einen Verweis, als wäre das Silentium von uns gebrochen worden, maß unsern Versicherungen, daß wir stillschweigend gearbeitet hätten, nicht den geringsten Glauben bei und jagte uns drohend zu Bette. Den andern Tag verbot er uns scharf, nach der Komplet jemals wieder ins Museum zu gehen. Wenn wir nun abends dasselbe verließen, setzten wir gewöhnlich eine gefundene Maske, die einen Eselskopf vorstellte, von innen zunächst an die Tür auf die Mündung eines blechernen Sprachrohres, so daß der Langohr dem Prior freundlich zunicken mußte, sobald er die Tür, um wieder nachzusehen, öffnen würde. Wir blieben aber in unsern kalten Zellen, wickelten alte Kleider um unsre Füße, um sie vor der Kälte zu schützen, und studierten unbekümmert fort. Aber man bemerkte das Licht an unsern Fenstern und gebot, mit dem Schlage halb neun Uhr sollten jederzeit alle Lichter in den Zellen der Fratrum ausgelöscht sein; man sprach so etwas von Feuersgefahr, von Beraubung des Schlafes, vom Krankwerden und von Schläfrigkeit in der Frühmette. Wir kehrten uns aber wenig an dieses Verbot, das nur vom Prior und seinen Obskuranten kam, verließen uns auf die Appellation an den Prälaten und studierten in unsern Zellen nach halb neun Uhr wie zuvor. Da rief uns der Prior, als er bald darauf Kapitel hielt, beide in die Mitte hervor, gebot uns, daß wir unsre Culpam sagen (Schuld bekennen) sollten und hielt eine lange Strafrede über den Text: »Sie sind ihrer Beschäftigungen (Studien) wegen des Fluches wert geworden« (Psalm 13, 1). Demütig und so tief als möglich gebückt, mußten wir, ein halbes Stündchen lang, vor dem ganzen Konvent in der Mitte draußen stehen, uns mit Schimpf übergießen lassen und zuletzt dem Prior noch obendrein nach Mönchsgebrauch für die liebreiche Ermahnung danken. Im Weggehen aus dem Kapitel bezeigten uns freilich einige der Bessern ihr Mitleid; aber auf andern Gesichtern lächelte höhnische Schadenfreude. Überzeugt, daß man uns nur vom Studieren abhalten wollte, und daß sich einige verdorbene Seelen fürchteten, wir möchten zuviel lernen, erfand ich ein ganz einfaches Mittel, ohne ihr Wissen nachts studieren zu können. Ich nagelte ein altes Waschbecken von Eisenblech mit breitem Rande an die Wand bei meinem Bette, schwatzte dem Koch einen Hafen ab, schlug in den Boden desselben ein kleines Loch zum Ausgang des Rauches, in die Seite aber ein größeres und stürzte ihn über die Lampe, so daß nur ein runder Kreis von Helle durch das größere Seitenloch auf mein Bett herabfiel und übrigens meine ganze Zelle unbeleuchtet blieb. Ohne bemerkt zu werden, ohne zu frieren und ohne Feuersgefahr konnte ich also in meinem Bette sitzend nach Herzenslust auf einer schwarzen Schiefertafel mit dem Griffel Figuren zeichnen und rechnen. Als ich mich einst bei einem günstigen Anlasse, unter Beistimmung meiner Mitbrüder, vor dem Prälaten über die Verfolgung von seiten des Priors zwar in ehrfurchtsvollen, schonenden Ausdrücken, aber doch mit Herzählung aller über uns verfügten Strafen, eindringlich beschwerte, schüttelte der Prälat bedenklich den Kopf und befahl sogleich, daß man von nun an auch unsre Zellen heizen sollte, eine Gemächlichkeit, nach der wir schon längst vergebens gestrebt hatten. Als uns die Hitze des Sommers und der Staub vom Neubau, der in Angriff genommen worden war, aus dem Museum vertrieb, hielt unser Lehrer seine Vorlesungen in der Bibliothek, wo es kühl und stille war. In unserm neuen Hörsaale durften wir zwar die Bücher nicht durchsuchen oder mit uns wegschleppen; allein es ergab sich doch manche Gelegenheit, meine Wißbegierde zu sättigen und manche interessante Schrift unter dem vorhängenden Skapulier in die Zelle zu bringen. Denn was ich einmal unter dem Skapulier verborgen hatte, das brachte keine Gewalt mehr heraus. Sowie ich ein Buch aus dem Gestelle zog und seinen Inhalt anziehend fand, las ich nun alles durcheinander, bald Kirchengeschichte, historische Schriften, alte und neue Geschichte, Goldonis Schauspiele, Cooks Reisen, Voltaires allgemeine Weltgeschichte; bald Homer, Wielands Diogenes, Musarion, den goldenen Spiegel usw. In eben diesem Jahre lernte ich auch zuerst, was es mit einer bischöflichen Visitation für eine Beschaffenheit habe. Die Partei der Alten oder derjenigen, welche bei der sehr stürmischen Wahl sich gegen den neuerwählten Prälaten erklärt hatten und mit der Regierung desselben noch immer nicht zufrieden waren, hatte unter der Hand allerlei Klagepunkte an das bischöfliche Generalvikariat in Augsburg gebracht und es durchgesetzt, daß ein bischöflicher Visitator nach Donauwörth geschickt ward, der die Beschwerden der Religiosen und den Zustand des Klosters untersuchen sollte. Es traf sich aber durch kluge Verwendung des Prälaten und seiner Freunde im geistlichen Rate, daß – zum großen Verdrusse der Kläger – ein Freund des Prälaten mit Namen de Haiden zum Kommissar ernannt ward, der ihnen schon bei der Wahl so sehr zuwider gehandelt hatte. Einst am Abend traten ein paar Mönche in meine Zelle: »Denke doch, Bruder, die Schande!« sagten sie, »kaum sind ein paar Jahre verstrichen, so ist schon wieder eine Visitation da; wir haben den Kommissar de Haiden gesehen. Was wird man in unsrer Nachbarschaft sagen? Die Leute müssen ja glauben, unser Kloster sei ein Sammelplatz von verdorbenen Menschen! Das haben gewiß unsre Alten angeschürt. Aber, Bruder, sei kein Narr, hilf den Kerlen nicht siegen und verrate nichts. Wenn du über etwas klagen oder auch nur anzeigen würdest, dies und jenes sei nicht ganz in der Ordnung, so würden wir nur noch enger eingeschränkt werden.« »Sorget nicht, Brüder!« antwortete ich, »daß ich etwas verraten möchte! Wir wollen vielmehr einmütig bedacht sein, unsern Alten, die nur aus Haß und Schadenfreude diese Schande über uns gebracht haben, die Lust zu vertreiben, sobald wieder eine Visitation zu erzwingen. Von ihren Unarten wollen wir reden.« Als sie fort waren, dachte ich: »Vielleicht gelingt mir bei dieser Gelegenheit der Versuch, für meine Mitprofessen und mich mehr Zeit zum Studieren zu erbitten.« Ich sann hin und her, wie ich am besten zu meinem Zwecke gelangen könnte und war entschlossen, den Visitator durch aufrichtige Erzählung unsrer Umstände für die Sache zu gewinnen. Allein mein Vorhaben blieb unausgeführt. Warum, wird sogleich deutlich werden. Am folgenden Tage ward der Konvent in einen Saal bei der Abtei gerufen, der Herr Kommissar kündigte feierlich seine Sendung und den Zweck derselben durch Ablesung des bischöflichen Kommissions-Dekrets und eine kurze Rede an, ließ die Mönche auseinandergehen und vernahm, indem er bei den jüngsten anfing, einen nach dem andern zum Protokoll. Bald traf die Reihe auch mich. Offenherzig beantwortete ich alle Fragen, die er an mich tat; denn sie waren so unverfänglich, daß ich gar nichts Arges vermuten konnte. Unter anderm sagte er: »Ich hoffe, ihr werdet euren Studien fleißig obliegen und niemals vergessen, daß ein braver Religiose noch etwas mehr zu leisten hat, als im Chore zu singen und die Tagordnung zu halten. Ihr sollet Männer von Kenntnissen und Volkslehrer werden. Sagen Sie mir aufrichtig, Frater Bonifacius, wie sieht es unter euch in dieser Absicht aus? Sind Sie Liebhaber einer bessern Lektüre? Was lesen Sie? Wie beschäftigen Sie sich?« »Ha! nun ist der rechte Punkt berührt,« dachte ich und war flugs mit der Antwort da: »Wir studierenden Fratres möchten uns gern mit allem Eifer den Wissenschaften widmen, es ist nur schade, daß es der Pater Prior mit seiner Partei offenbar darauf anlegt, uns alle Lust zum Studieren zu benehmen. Der Herr Prälat z. B. hatte bereits erlaubt, daß täglich ein andrer von uns aus der Prim wegbleiben dürfte, aber der Pater Prior machte alles rückgängig und gab dem Frater Cölestin und mir sogar öffentlich im Kapitel einen Verweis, weil wir abends nach der Komplet in unsern Zellen studierten. Aber da wir sahen, daß es einigen Herren, deren Wünsche eben nicht die redlichsten und besten sein mögen, gar lieb wäre, wenn wir uns durch Faulheit und Untätigkeit, die man von jeher den Mönchen schuld gab, auszeichnen würden, so bestreben wir uns nur desto eifriger, etwas zu lernen, und werden nicht müde, bei aller Einschränkung uns mit der Lektüre besserer Schriften abzugeben.« Hier setzte mir der Herr Visitator durch nähere Fragen sehr freundlich und schmeichelhaft zu, meine Eitelkeit verleitete mich immer weiter zum Plaudern, und ich rezitierte ihm eine ganze Litanei von Autoren und Büchertiteln her, die ich alle gelesen hatte. Ein leises Lächeln saß in den Winkeln seines Mundes. Ich hielt es für das Lächeln des Wohlgefallens. Er ließ das meiste, was ich schwatzte, zu Protokoll nehmen und überraschte mich erst, als ich ganz ausgeredet hatte, mit einer strengen Amtsmiene und einem noch strengeren Verweise. »Was?« sagte er, »ihr jungen Religiosen könnet die Zeit mit der Lektüre einer solchen Menge deutscher Schriften verderben und habt doch das Herz, zu klagen, daß euch die Zeit zum Studieren mangle? Würdet ihr die vielen Stunden, die ihr mit dem Lesen bloß unterhaltender Bücher verliert, auf Erlernung eurer Hauptwissenschaft verwenden, so hättet ihr nicht nötig, dergleichen unstatthafte Klagen zu führen. Sie, Frater Bonifacius, lesen offenbar zuviel und zu verschiedenes Zeug durcheinander« usw. Einige Wochen nach der geendigten Visitation kam der Visitator wieder von Augsburg an, ließ eine lange bischöfliche Verordnung (Visitationskarte) feierlich ablesen, teilte denjenigen, die etwas Wichtiges verbrochen hatten, eigene schriftliche Verweise aus und bedachte uns Fratres unsrer Lektüre halber mit einer ganz besondern, der Visitationskarte einverleibten strengen Rüge. Übrigens bewahrheitete sich auch hier der Spruch unsrer alten Landpfarrer: Was heißt Visitare? Es bleibt, wie es ware. Zu dieser Zeit dichtete ich Schäferspiele und Fischeridyllen, wozu mich die Gegenstände hinrissen, die ich immer von meinem Zellenfenster aus vor Augen hatte. Nachdem ich mich bei Leerung des Armariums mit einem großen Perspektiv versehen hatte, hielt ich gewöhnlich an Vakanztagen, nachmittags von eins bis zwei Uhr, eine ordentliche Beobachtungsstunde, bestrich mit meinem Sehrohr die ganze schöne Gegend umher und verweilte bei den interessanten Gegenständen, die oft ein liebendes Pärchen im Busche, zuweilen gar ein badendes Mädchen, sehr oft aber Fischer an ihrer Arbeit waren. Meinen Hang zur Fischeridylle vermehrte noch der Umstand, daß der Prälat die wohltätige Einrichtung getroffen hatte, jährlich den ganzen Konvent, einen Teil im Frühling, den andern im Herbste, acht Tage lang auf dem sogenannten Muttenhofe , einem adeligen Gute, welches das Kloster an sich gekauft hatte, bei Wemdingen die Freuden des Landlebens genießen zu lassen. Der Hof liegt in einer reizenden Ebene, ist ringsherum mit einem breiten, wasserreichen Graben eingefaßt, der sich gegen Westen in einen großen, fischreichen Teich erweitert, auf dessen Uferwällen große Eichen und schöne Vogelbeerbäume prangten. Den ganzen Tag schiffte ich dort entweder auf dem Teiche umher oder lag im Kahne und machte meine poetischen Bemerkungen oder lief mit dem Prälaten in den bayrischen Wäldern und Feldern auf der Jagd umher, nicht, als wenn ich je ein Gewehr abgebrannt hätte, sondern nur weil wir jüngern Mönche die Stelle der Hunde und Treiber ersetzen mußten. Wir und der lustige Kammerdiener machten uns diese an sich ermüdenden, aber uns doch ergötzenden Wanderungen zu nutzen, genossen und beobachteten alles, was die Wälder und Wiesen Anziehendes haben, setzten uns oft an ein liebliches Plätzchen im Busche, um allerlei Geschichten zu erzählen, und ließen die Jäger, den Prälaten und Konsorten lange auf ihre respektive Hunde und Treiber warten. Soweit ich Zurückdenken kann, liebte ich in meinem Studieren immer einige Abwechslung; jetzt gab ich mich mit Dichten, ein andermal mit mathematischen und mechanischen Beschäftigungen ab. So verzweifelte ich, ungeachtet aller mir schon mißlungenen Versuche auch in diesem Jahre nicht, endlich doch ein Perpetuum mobile zustande zu bringen. Als mir einst in der Bibliothek von ungefähr Schotts Technica curiosa in die Hände geriet, in der beim Durchblättern mir sogleich eine ähnliche Maschine auffiel, glaubte ich endlich, was ich schon so lange suchte, glücklich gefunden zu haben und eilte, die angebliche Bewegung ohne Ende, so gut es gehen wollte, sogleich in Holz zu schnitzen. Natürlich, daß es mir nicht gelang! Allein anstatt den Grund des Fehlschlagens meiner Versuche in der Unmöglichkeit der Sache selbst aufzusuchen, maß ich es immer nur meiner Ungeschicklichkeit und dem Mangel an hinreichenden Werkzeugen bei. Die Anstrengung indes, mit der ich über die Erfindung einer ähnlichen Maschine unermüdet nachsann, machte mich mit überaus vielen mechanischen Einrichtungen und Vorteilen bekannt, die mir sonst wahrscheinlich für immer unbekannt geblieben wären. So erhellt auch aus diesem Zuge, daß Übung der Seelenkräfte niemals ganz unfruchtbar bleibt. Ich vertiefte mich nun in die Mechanik so sehr, daß ich, anstatt das Perpetuum mobile zu machen, nun auf ein andres, beinahe ebenso unmögliches Unternehmen verfiel und in der Stille gar den Versuch wagte, eine Fliegmaschine zu verfertigen. Zum voraus dachte ich schon, wie schön es sein würde, wenn ich zum Kloster hinausfliegen und über Tal und Hügel gleich einem Vogel hinschweben könnte. Überhaupt stellte mir die Phantasie, so oft ich etwas Mechanisches unternahm, gewöhnlich den Gebrauch der Maschine und ihren weitausgebreiteten Nutzen vorläufig so schmeichelhaft vor Augen, daß ich kaum erwarten konnte, bis der Versuch gemacht war. Ich fand in einem Winkel auf dem Kirchendache ein leichtes, viereckiges Gestell, das man wahrscheinlich einmal gebraucht hatte, um darin einen Maurer am Seile bis zum Kirchengewölbe emporzuziehen, damit er die Wände reinigen und das Nötige ausbessern könnte. Vier dünne, mannshohe Säulen waren mit Querleisten wohl zusammengefügt, so daß zwischen ihnen gerade ein Mensch auf einem Brettchen zum Stehen Raum genug hatte. An den beiden Säulen rechts, und ebenso an denjenigen zur linken Hand, befestigte ich beinahe wagerecht eine Walze, an jeder Walze eine Stange etwa acht Fuß lang, und an jeder Stange ein paar viereckige, sehr leichte Rahmen, alle etwa sechs Fuß lang und anderthalb Fuß breit, über die ich Stücke von alten grünen Bettvorhängen genagelt hatte. Jeder Rahmen hing in zwei Gewinden an seiner Stange, einer dem andern gegenüber, so daß ein Paar sich abwärts zusammenneigen und wieder öffnen konnte, wie etwa die beiden Deckel eines Buches. Parallel mit den Walzen hatte ich an jede Stange ein paar Querleisten genagelt, damit sich die Rahmen, wenn sie sich am weitesten öffnen würden, nicht über die Horizontallinie erheben möchten. Zwei Rahmen an einer Stange gestalteten also einen drei Fuß breiten Flügel, der sich, wenn er in die Höhe bewegt wurde, schloß, in der Absicht, damit sein Schwung nicht durch den Widerstand der Luft gehemmt würde, der aber, wenn ich ihn schnell und kraftvoll niederdrückte, durch angebrachte Hebel sich öffnete, viel Luft fassen konnte und mich samt der Maschine emporreißen sollte. Aus der Bewegung der Fische im Fischbehälter und der Vögel in der Luft hatte ich abgenommen, daß sie die Flossen und Flügel nach ihrer ganzen Breite schwangen, um sich fortzustoßen, aber mit dem dünnern Teile ihrer Flügel und Flossen Luft und Wasser durchschnitten, um dann einen neuen Schlag zu wagen. Die Bewegung dieser Flügel veranstaltete ich durch eine ganz einfache Maschine, die etwas vom bekannten Storchschnabel hatte, so, daß ich mit Armen und Beinen zugleich alle mögliche Kraft anwenden konnte, um die Flügel niederzuschlagen und wieder zu heben. Denn ich begriff wohl, daß es unmöglich sein würde, mit den Armen allein die gehörige Stärke des Schlages hervorzubringen. Den beiden Walzen, an denen die Flügel befestigt waren, hatte ich deswegen eine etwas schiefe Richtung gegeben, damit die Maschine durch den Flügelschwung nicht nur gehoben, sondern auch fortgestoßen werden möchte. Alle angewandte Kraft konzentrierte sich rechts und links auf zwei Stäbe, die mitten an den langen Stangen befestigt waren. Teilweise schleppte ich diese Maschine abends, wenn es finster ward, heimlich in den Klostergarten und verbarg sie in einem Turme der Stadtmauer hinter Bohnenstecken und allerlei Gartengerät. Nach der Komplet, wenn niemand mehr in den Garten kam, schlich ich hinaus, setzte die Teile zusammen und wagte auf einer freien Stelle beim Kegelplatze, wo keine Bäume standen, meinen ersten Versuch. Erst ruderte ich nur schwach, merkte aber bald, daß die Maschine so nicht von der Stelle wollte. Dann schlug ich stärker und warf mich samt der Maschine ziemlich unsanft um, denn ich hatte die Beine mit Riemen an die Maschine geschnallt, damit mir die Füße, durch deren Stampfen die Bewegung verstärkt werden mußte, nicht abgleiten möchten. Es war eine lästige Arbeit, mich loszuschnallen und alles wieder aufzurichten. »Aber sogar die Vögel,« sagte ich mir, »denen doch die Natur selbst Flügel gab, müssen das Fliegen erst durch längere Übung lernen, du darfst also nicht verzagen, sollte es auch lange nicht gelingen.« Geduldig wagte ich einen neuen Versuch, fühlte mich ein wenig emporgehoben, fiel aber von neuem nur desto unsanfter um, und wiederholte das so lange, bis endlich ein Flügel brach und ich mit halbgequetschten Gliedern die Lust zu fernern Versuchen für diesmal verlor. Verdrießlich schleppte ich den beschädigten Flügel wieder auf meine Zelle, besserte was zerbrochen war aus, und machte nach ein paar Tagen nachts wieder eine Probe. Damit ich nicht immer umschlagen möchte, setzte ich die Maschine an einen Pfahl und fing an zu rudern. Aber alles, was ich auch mit der höchsten Anstrengung zuwege bringen konnte, war, daß ich mich bei jedem Schlage etwa einen Fuß hoch von der Erde emporschwang und indes ich die Flügel zu neuem Schlage erhob, immer wieder niederfiel. Dies brachte mich auf den Gedanken, durch mechanische Kräfte allein möchte es unmöglich sein, zu fliegen, weil ich keinen Mechanismus erfinden konnte, der die Schläge vervielfältigt hätte, ohne der Kraft zu schaden. Als nachher die Aeronautik und die Luftballons so viel Aufsehen machten, geriet ich oft auf den Einfall, meine Maschine mit einem Aerostaten zu kombinieren. Ich glaube, wenn dabei noch ein Steuer angebracht würde, die Flügel nicht nur nach einer Richtung, sondern wenigstens nach allen Strahlen eines Sextanten beweglich wären, und übrigens auch Rücksicht auf Windströme genommen würde, so möchte damit ein Flug nach Willkür, ohne eben dem Winde ganz gehorchen zu müssen, wohl möglich sein. Hätte ich Muße und Geld genug gehabt, so wäre der Versuch wahrscheinlich schon lange gewagt. – In der Musik, besonders im Violinspielen, übte ich mich dieses Jahr vorzüglich, denn der Prälat hatte mir eine vortreffliche Geige von Maussiell geschenkt, die sein Kammerdiener, ein guter Musikus aber übler Wirtschafter für sich gekauft und bei seiner Verabschiedung zurückgelassen hatte. Meinen Bruder und ein paar andre Singknaben unterrichtete ich täglich nach Tische im Geigen und blies zuweilen abends bei einer kleinen Tafelmusik die Klarinette. Um mich selbst, wenn ich Lieder sang, akkompagnieren zu können, lernte ich auch die Mandoline spielen und erreichte bald meinen Zweck. So floß mir unter verschiedenen Beschäftigungen, Zerstreuungen und Lesereien, wie im vorigen Jahre, die Zeit unvermerkt hin, und die heilige Theologie begrüßte mich mit ihrem steifen Ernste. Pater Beda lehrte uns in diesem Schuljahre die Theologie. Vorläufig diktierte er uns eine von ihm verfaßte sogenannte Demonstratio Evangelica in lateinischer Sprache. Sie enthielt die bündigsten Beweise für die Wahrheit des Christentums. Dieser Einleitung folgte eine ebenfalls diktierte Demonstratio Catholica, oder Beweisgründe für die Wahrheit der katholischen Religion, die der Lehrer nach seinen eigenen Grundsätzen abgefaßt, aber, selbst schon meinem damaligem Gefühle nach, nicht auf so feste Gründe gebaut hatte, als seine Demonstratio Evangelica. Ich vermißte in dieser das Lichtvolle, Ungezwungene und Einleuchtende, das ich in jener zu finden glaubte. Alles drehte sich um die Behauptungen: »Die Bibel enthält eine göttliche Offenbarung; aber sie enthält nicht alle geoffenbarten Wahrheiten: mehrere derselben sind durch mündliche Überlieferung auf uns gekommen, dieser müssen wir ebensoviel Glauben beimessen, als dem geschriebenen Worte Gottes; denn selbst einige Schriften des Neuen Bundes sind aus Überlieferungen (Erzählungen der Apostel) entstanden. Manches, sowohl in der Bibel als der Tradition, blieb dennoch dunkel und unbestimmt; natürlich entstanden also Zweifel. In dergleichen Fällen versammelten sich bei den ersten sowie bei den spätern Christen die Ältesten und Bischöfe, erklärten, verglichen und entschieden mit Wahrheitsliebe, was streitig war, so, wie sie es entweder von Jesus unmittelbar oder mittelbar aus dem Munde seiner Jünger oder der Nachfolger dieser Jünger bis auf uns wußten. Weil Jesus versprochen hat, da, wo sich mehrere in seinem Namen versammeln würden, mitten unter ihnen zu sein, und da es, auch bloß menschlich zu reden, nicht denkbar ist, daß sich eine Menge der angesehensten und redlichsten Männer, nur um Lügen zu sagen, vereinigen sollten, so sind die Konzilien als unfehlbare Glaubensrichter zu betrachten« usw. Des Zweifels, es könnte sich doch wohl bei aller Ehrlichkeit der versammelten Kirchenväter ein Irrtum hier und da in ihre Entscheidungen eingeschlichen haben, sie könnten übel berichtet oder von ihren vorgefaßten Meinungen und Systemen hingerissen worden sein usw., dieses Zweifels konnte ich bei diesem Beweise durchaus nie los werden. Als nun vollends die eigentliche Theologie vorgetragen ward, staunte ich nicht wenig, für die wichtigsten Sätze manchmal so schwache, zweideutige, schwankende Beweise zu finden. Nach den strengen Forderungen zu urteilen, die in der Einleitung (den prolegomenis Theologiae) an einen tüchtigen Beweisgrund gemacht wurden, dünkte es mich wahrlich, die Theologen behandelten die Menschen wie schlimme Baumeister diejenigen, mit denen sie einen Vertrag geschlossen haben, für einen bestimmten Preis ihnen ein Haus neu, bequem und dauerhaft aufzubauen, wofür sie aber am Ende ein von außen zwar hübsch ins Auge fallendes, jedoch im Grunde geflicktes, unhaltbares, schlecht zusammengeklebtes Gebäude liefern. Anfangs dachte ich: es wird nicht in allen theologischen Schriften so bodenlos aussehen; unser Lehrbuch mag eben nicht das beste sein! Begierig durchstöberte und verglich ich nun allerlei Schriftsteller über die gleichen Sätze und fand bei jedem fast dieselben Behauptungen, eben dieselben seichten Gründe und wenig Trost, so daß ich höchst unruhig ward und mir nimmer zu helfen wußte. Jeder Traktat, so wie er erläutert wurde, gebar in mir neue Zweifel über die Trinität, Gottheit Christi, Engel, Teufel, Erbsünde usw., in denen ich mich, wie der Fisch in den Netzen, immer tiefer verwickelte, ohne einen Ausweg zu sehen. Einst hatte ich, um Trost zu finden, Basedows praktische Philosophie zur Hand genommen, aber statt meine Bedenken über die Ewigkeit der Höllenstrafen gehoben zu sehen, vermehrte sich noch die Ungewißheit, in der ich über diesen Punkt schwebte. Denn seine Gründe wußte ich nicht zu widerlegen; und ihm, der an diesen Hauptsatz der katholischen Lehre nicht zu glauben schien, Beifall zu geben, mochte ich aus Furcht, vor Gott ein Ketzer zu werden, nicht wagen. Meine Zweifel dem Lehrer vorzutragen, hielt ich für das beste. Kaum aber hatte ich meine Einwürfe ausgekramt, sie in das gehörige Licht gesetzt und mich nicht sogleich mit seinen ersten Antworten zufrieden gegeben, so fuhr er mit Erbitterung auf, bestand auf der Hinlänglichkeit seiner Antworten und hieß mich reifer darüber nachdenken und künftig nicht so kühne Zweifel hegen. Allein ich konnte den Grund, auf den er baute, unmöglich gelten lassen. Die Behauptung, daß der Mensch, wenn er Gott beleidigt, ein unendliches Wesen zum Strafen reizt, und daß die Strafe sowohl nach der Schwere der Beleidigung als nach der Unendlichkeit des Beleidigten abgewogen werden, hiermit für eine schwere Sünde unendlich sein müsse, schien mir gar nicht Stich zu halten, denn ich dachte, es müßte von einem unendlichen Wesen, das zugleich allgütig gedacht wird, vielmehr auf die Beschränktheit und Endlichkeit des Sünders Rücksicht genommen werden, und nicht einmal ein gütiger König würde seinen Beleidiger, wenn er sich auch noch so gröblich gegen ihn vergangen hätte, sein ganzes Leben hindurch mit glühenden Zangen zwicken lassen. Jedoch, da ich von Jugend auf gelehrt worden war, daß jeder Zweifel, den man wissentlich gegen irgendeinen, obschon den geringsten Satz der katholischen Lehre hegen würde, eine der schwersten Todsünden sei, für die man vielleicht ewig büßen müßte, so wehrte ich mich gegen dergleichen Einfälle, wie gegen unkeusche Gedanken, und bestrebte mich, ihrer sobald als möglich zu vergessen. Sorgfältig nahm ich dabei das Gebet zu Hilfe und flehte Gott inständig an, er möchte mich doch bewahren, daß ich kein Ketzer würde. Um so kühner verwarf ich aber alles, was ich, einigen Winken des Professors zufolge, nicht zum katholischen System zählen mußte: Wallfahrten, Bruderschaften, Hexereien, Rosenkranz, Heiligsprechungen, neuere Wunderwerke, Teufelsbesitzungen, Selbstpeinigung usw. und wußte mir heimlich nicht wenig mit meiner Aufklärung. Auf Veranstaltung des bekannten und um die bayrischen Schulen sehr verdienten Kanonikus Braun in München, dem unser Professor Beda , als seinem Freunde, die von ihm verfaßte Schrift: Der erste Schritt zur Wiedervereinigung der Katholiken und Protestanten , zugesandt hatte, erschien dieselbe im Frühling 1780 im öffentlichen Drucke und ward, obschon der Name des Autors mit falschen Anfangsbuchstaben zum Irreführen darauf angezeigt war, doch bald als ein Werk von Pater Beda durch dessen eigenhändiges Herumbieten und unvorsichtiges Geständnis bekannt. Einige Religiösen, die unserm wackren Lehrer längst gram waren, weil ihre scholastisch-gelehrte Obskurität an seine wahren Verdienste nicht hinanreichen konnte, machten sogleich eine sehr gehässige Anzeige davon bei den eifrigen Zionswächtern in Augsburg und denunzierten die erwähnte Schrift als fromme Ohren beleidigend und nach Ketzerei riechend. Es ward eine Untersuchung veranstaltet, deren Resultat so ausfiel, daß der Pater Beda , auf inständiges Ansuchen des Prälaten, zwar bis zum Ende des laufenden Schuljahres lehren, sich aber sorgfältig jeder verdächtigen Äußerung enthalten und für die Zukunft nicht mehr als Lehrer der Theologie angestellt werden sollte. So stille auch der Prälat diese Entscheidung hielt, so konnte sie doch nicht so verborgen bleiben, daß nicht etwas davon unter den Mönchen ruchbar geworden wäre. Man sagte uns, bis diese ganze Angelegenheit ins reine gebracht sein würde, hätte der P. Beda mit Erlaubnis, vielleicht auch wohl auf Anraten des Prälaten, eine Reise unternommen. Allein, wie ich nachher erfuhr, war er von Augsburg aus verurteilt worden, mehrere Tage lang geistliche Exerzitien zu machen und während derselben auf seiner Zelle eingesperrt zu sein. Um dies vor uns zu verbergen, ward das obige Vorgeben ersonnen. Wir, seine Lehrlinge, trauerten indes, wie verlassene Waisen, über die ein böser Vormund schaltet. Gar viele unsrer ältern Mitbrüder betrachteten uns als eine Brut junger Ketzer, die Gelindesten als verführte Irrgläubige. Der Prior drohte laut, daß uns durch ein zweites, viel strengeres Noviziat, als das erste war, der allzu freie Ketzergeist wohl ausgetrieben werden sollte. Jedes Wort, das wir zugunsten unseres Lehrers verloren, ward als ein Zeichen der Verstockung angesehen, und als ich einst wegen einer lieblosen Beschuldigung desselben mit dem Verleumder in einen hitzigen Wortwechsel geriet, mußte ich meinen Eifer zur Strafe mit Wassertrinken bei Tische abkühlen. Damals hatten wir trübe Tage zu durchleben; jeder glaubte das Recht zu haben, uns zu necken und es uns fühlen zu lassen, daß wir nicht viel besser als zur Verdammnis prädestinierte Irrgläubige seien. Als unser Lehrer wieder erschien, empfingen wir ihn mit lautem, unverstelltem Jubel, wie einen Vater, den seine Kinder nach einer langen Abwesenheit begrüßen und sich freuen, ihm endlich klagen zu können, was sie indessen erdulden mußten. Zu dieser Zeit machte mir eine Grasmücke viel Vergnügen. Ich hatte sie vom Neste weg aufgeatzt, groß gefüttert und so zahm gewöhnt, daß sie mir, so oft ich in meine Zelle trat, mit freundlichem Zwitschern entgegenflatterte, mir auf dem kahlgeschorenen Kopf oder auf der Schulter wie plaudernd saß, und wenn ich schrieb, auf meiner Hand ruhend, leise sang. Lange lebte ich mit dem kleinen, vertraulichen Vögelchen wie mit einem wohlbekannten Hausfreunde, liebkoste es stündlich und speiste es täglich aus meiner Hand mit Ameiseneiern und Mehlwürmchen. Einst, als ich aus der Prim zurückkam, flog es mir nicht wie sonst entgegen, ich suchte es überall vergebens und dachte endlich: vielleicht hat es der Prior zum Fenster hinausgejagt. Denn eine Hauptlehre der mönchischen Asketik ist: »Du sollst dein Herz an nichts hängen!« Mißvergnügter brachte ich den Tag hin, es schien mir wahrlich etwas Wichtiges zu fehlen. Den andern Tag, morgens, als ich meinen Wasserkrug ergriff, fand ich endlich das gute Geschöpfchen tot und mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Wasser schwimmend. Öfters hatte ich es mit seinem Ebenbilde im Spiegel spielen lassen. Nun traf es den Krug offen an, erblickte sich im Wasserspiegel, flog wahrscheinlich hinein, mit dem Gespielen zu schnäbeln, und fand seinen Tod. Ich gestehe es gern, es war viel Schwachheit, daß ich um mein treues Grasmückchen Tränen vergoß, aber sie flossen reichlich, vielleicht auch darum desto williger, weil wir eben, unsers Lehrers wegen, hilflos unter dem Drucke seufzten. Bei seiner Zurückkunft sprach P. Beda: »Brüder, ich darf zwar nur noch bis zum Ende dieses Jahres euer Lehrer sein, aber wenn ihr mir versprecht, fleißig zu studieren, so verspreche ich hingegen, euch die ganze Theologie vollends zu dozieren.« Einstimmig und mit Freuden versprachen wir es, und er hielt Wort, so genau als es ihm möglich war. Nur den Tractat de Sacramentis konnte er wegen Mangel der Zeit nicht mehr ganz vollenden. Ich war noch nicht lange aus dem Noviziate getreten, da ging ich einst nach Tische in den Klostergarten. Unter der Pforte hatte ein Mann, der mit Büchern auf dem Lande umherzog und einen kleinen Handel trieb, seinen Kram auf Brettern ausgelegt. Viele Mönche standen um ihn, blätterten in den Schriften und wählten sich anziehende Broschüren. Unter andern ergriff auch der P. Bibliothekar Siegwarts Klostergeschichte und fragte mich, ob ich glaube, daß das Buch etwas Schönes enthalte? Mir war, als hätte ich dies Werk schon einmal loben gehört, ich riet ihm also dreist, es zu kaufen, denn es enthalte schöne Dinge. Er kaufte es wirklich, aber lange konnte ich es nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn er dachte nicht ohne allen Grund, es sei für junge Herzen allzu zärtlich und zu erweichend geschrieben. Sorgfältig hielt er es deshalb in seinem Pulte verborgen; nur einmal gab er es einem seiner Vertrauten aus besonderer Freundschaft zu lesen, aber sein Vertrauter war auch der meinige und konnte mir nicht genug rühmen, wie reizend und rührend dieses Buch geschrieben sei. Auf mein dringendes Bitten lieh er mir's dann, aber nicht länger als auf einen Tag und eine Nacht; sogleich machte ich mich mit einer Art Heißhunger darüber her und ruhte nicht, bis ich es ganz durchlaufen hatte. Nie glaubte ich etwas so Hinreißendes gelesen zu haben, und die lieblichen Szenen, die darin gezeichnet waren, schwebten mir von nun an, ich mochte wachen oder träumen, beständig vor Augen. Ich dachte, es müßte ein Vorschmack des Himmels sein, von einem so liebenswürdigen Geschöpfe wie Therese oder Marianne so rein und herzlich geliebt zu sein. Ein gewisses stilles Sehnen beunruhigte mein Herz, und meine Blicke suchten überall das edle Wesen auf, das fähig wäre, meine zärtlichen Gefühle zu erwidern. Immer, wenn wir in den Garten gingen, war ich gern im Grünen umhergehüpft und unter Bäumen gewandelt, aber jetzt suchte ich am liebsten stille Plätzchen im Grase oder heimliche Rasen im dichtesten Busche der verwilderten Baumschule; dort saß ich, belauschte die Käferchen, die sich im Haine der Gräser liebend verfolgten, horchte dem Liede der Nachtigall oder der Grasmücke so aufmerksam zu, wie vorher nie, schrieb Fragmente meiner Empfindungen und überließ mich meinen Phantasien, die immer umherschwärmten und zu fragen schienen: »O, die du künftig mich liebst, o, du aus allen erkoren! Sag, wo dein fliehender Fuß ohne mich einsam jetzt irrt!« Manchmal erschreckte mich wohl der ängstliche Gedanke: »Ach, wenn du sie auch findest, so darfst du sie doch nicht lieben, du bist ja ein Mönch!« Aber sogleich war ich mit der Antwort da: »O, meine Liebe soll rein sein, wie die der Engel, und diese kann Gott nicht mißfallen, sie wird mich vielmehr im Guten stärken und mich über alle niedrigen Gefühle erheben.« Oft wagte ich's bei Prozessionen, wenn unser Zug sich langsam durch ganze Reihen blühender Jungfrauen dahinwälzte, unter den Augenwimpern forschend hervorzublinzeln und mit schüchternem, flüchtigem Blicke das Antlitz zu suchen, auf dem jene Herzensgüte und frohe Sittsamkeit ausgedrückt sein würde, die das Ideal in meiner Seele so liebenswürdig machte. War von schönen Mädchen irgendwo die Rede, so horchte ich mit gespanntem Ohre und merkte mir genau die Namen der schönsten. Wenn uns der Prior dann, Paar und Paar, vor die Stadt hinaustrieb, forschte ich im Vorübergehen an den Häusern mit verstohlenem, aber gierigem Blicke, ob ich nicht die gepriesenen Schönheiten sehen und prüfen könnte, ob sie auch so gebildet und gesittet wären, als ich es wünschte. Umsonst war lange mein Forschen. Erst im Jahre 1780 fügte es sich, daß zwei meiner Mitbrüder, als neugeweihte Priester, mit gewöhnlicher Feierlichkeit ihre erste Messe lasen oder primizierten. Bei dergleichen Anlässen werden von jedem Primizianten seine Verwandten zu Gaste gebeten, und diesmal, hieß es, würde eines der schönsten und eingezogensten Mädchen der Stadt dabei erscheinen. Mit sehnlichem Verlangen erwartete ich also den anberaumten Festtag. Nach geendigtem Gottesdienste läutete man zur Tafel; mein Herz pochte mir, beinahe bebend ging ich in den Speisesaal und suchte mit meinen Blicken das schöne Mädchen auf. O, wie ward ich da entzückt! Ihre schöne Bildung, ihr heiteres Wesen, ihre Munterkeit und holde Sittsamkeit übertrafen bei weitem meine Erwartung. Sie grüßte mich überaus freundlich, als sie an mir vorüberging, um weit oben an der Tafel Platz zu nehmen, weil sie wußte, daß ich ein inniger Freund ihres Verwandten war. Ich vermochte in froher Betroffenheit ihren Gruß kaum mit einigen Worten zu erwidern und beobachtete sie, die ganze Tischzeit über, so oft es unbelauscht geschehen konnte, mit unermüdeter Aufmerksamkeit und immer wachsendem Wohlgefallen. Das sanfte Feuer ihrer schönen Augen, die Rosen ihrer vollblühenden Wangen, der küßliche Mund, das beinahe blonde Haar, ihr ganzer, zwar nicht hoher, aber schön proportionierter Wuchs, noch mehr aber ihr einnehmendes Betragen, ihre Äußerungen voll leichten Witzes und sanften Frohsinns, mit einer zarten, jungfräulichen Stimme und einem Alter von achtzehn Jahren vereint, bezauberten mich ganz. Nach aufgehobener Tafel wünschte ich lange, mit ihr in ein Gespräch verwickelt zu werden, und schlich mich zu diesem Zwecke unablässig, aber wie ohne Absicht, um den zahlreichen Zirkel von Gesellschaftern her, die sie beständig umgaben. Allein das Gedränge um sie und größtenteils meine eigene Schüchternheit vereitelten immer das Gelingen meines Vorhabens. Die Glocke rief mich endlich gar in den Chor, den ich niemals so ungern besuchte als diesmal. Erst nach der Abendtafel fand ich Gelegenheit, mit meiner Angebeteten zu sprechen. Ich hatte sie immer mit forschenden Augen bewacht. Endlich ließ Frater Gregor, ein guter Klavierspieler und hübscher junger Mann, sein Klavier in das an den Saal grenzende Nebenzimmer bringen, spielte den Frauenzimmern, die ihn aufgefordert hatten, mehrere Sonaten vor und sang abwechselnd mit mir frohe Lieder. Auch mein schönes Mädchen stand mit holder Freundlichkeit dem Frater Gregor zur Seite, den sie wirklich in Affektion genommen zu haben schien. Allmählich zog sich alles in den Saal zu Tanz und Pfänderspielen zurück. Nur Minchen , so will ich künftig meine Liebe nennen – nur sie, Gregor und ich blieben im offenen Nebenzimmer. Daß ich vielleicht eine überzählige, beschwerliche Person spielte, fiel mir damals gar nicht ein. Ihre Rechte nachlässig über Gregors Sessel gelehnt, stand sie da und horchte den muntern Akkorden. Zitternd ergriff ich, nach langem Besinnen, am Ende des Stückes ihr nachlässig hängendes Händchen, küßte es sanft und forschte in ihren Augen, ob sie es auch übelgenommen hätte. »Machen Sie mir nur keine saure Miene,« sagte ich, »der Freund des Vetters darf wohl auch der Freund seiner hübschen Base sein! Und wer kann Sie sehen, ohne Ihr Freund zu werden?« Freundlich lächelte sie und entzog mir ihre Hand nicht. So wurden wir nach und nach in ein weitläufiges Gespräch verwickelt, bei dem uns Gregor treulich Gesellschaft leistete. Aber das Mädchen, so oft sie auch von einem Schwarme Herbeieilender zum Spiele gerufen ward, verließ doch ihren Sitz in unsrer Mitte nicht, schien Anteil an meinem, noch mehr aber an Gregors freundlichem Geplauder zu nehmen, erzählte von mancherlei wichtigen Kleinigkeiten und verließ uns nicht eher, als bis sie von ihren Eltern nachts um zwei Uhr aufgefordert ward, mit ihnen nach Hause zu kehren. Kurz vor dem Abschiede sagte ich ihr: »Ich wüßte wohl aus dem Munde ihres Herrn Vetters, daß sie eine geschickte Briefstellerin wäre; was sie wohl tun würde, wenn ich es einmal wagen sollte, sie wirklich selbst auf die Probe zu stellen?« – Scherzend antwortete sie: »Die Probe sollte mich teuer zu stehen kommen, sie würde alle Kräfte aufbieten, nicht um sich als geschickte Briefstellerin zu zeigen, denn das wäre ihr gewiß unmöglich, sondern um mich für meinen Vorwitz durch recht viel elendes Geschreibe zu bestrafen.« In diesem Zustande empfand ich es doppelt lebhaft, daß ein Freund eine große Wohltat sei! Der Verwandte des Mädchens und ich waren einander schon lange gut; wir saßen fast jeden Abend beisammen, kürzten die Zeit mit traulichem Geschwätze und gossen unsere Klagen jeder in des andern teilnehmendes Herz aus. Schon von Anbeginn unsers Klosterlebens hatten uns gleiche Neigungen und eine gleiche Stimmung der Seelen näher als unsre Mitnovizen vereinigt, und nun machte die Liebe vollends unsre Freundschaft zum engsten unzerreißlichen Bande. So hoch ich seine schöne, ältere Base schätzte, so innig hing sein Herz an ihrer um ein Jahr jüngern Schwester. Nun kaufte ich, sobald ein Savoyard in unserm Kloster erschien, ein kleines Etui, so artig es eben zu haben war, und schrieb etwas Schmeichelhaftes in das Schreibtäfelchen, wog aber die Worte mit vieler Vorsicht so ab, daß ihr Inhalt zwar viel sagte, doch nicht geradezu als eine Liebeserklärung angesehen werden konnte, denn ich wollte mir einen sichern Rückweg offen lassen, wenn das Mädchen meine Gesinnungen nicht so gütig aufnehmen würde, als ich wünschte. Als nun mein Freund eben ein kleines Geschenk für seine Geliebte, die ich Malchen nennen will, in ein Papier packte, bewog ich ihn, demselben auch das meinige an Minchen beizulegen. Von dem Geschriebenen im Schreibtäfelchen wußte er nichts und las nur den gleichgültigen, scherzhaften Zettel, den ich um das Etui gewickelt hatte. Bald erhielt ich zur Antwort ein Billet, das wirklich von der liebsten Hand geschrieben war. Aber als ich es durchlas, was war's? – Ein recht förmliches, aus einem Briefsteller kopiertes Danksagungsschreiben. Geschwinde verfaßte ich wieder einen kleinen Zettel, in dem ich, mutwillig genug, sagte: »Ich besäße eben denselben Briefsteller, den Minchen bei Händen habe; in Zukunft dürfte sie sich nimmer die Mühe nehmen, die Antworten weitläufig nachzuschreiben, sie sollte nur Seitenzahl und Nummer des Briefes auf ein Blättchen setzen, so wüßte ich ja hinlänglich, woran ich wäre. Freilich würde ich ein paar Worte, die aus ihrem Kopfe oder Herzen kämen, höher schätzen, als hundert Briefsteller, allein ich müßte es ihrem Belieben überlassen, welche Einrichtung sie treffen wollte.« Diese Schnurre vergnügte meinen Freund, und er legte seinem nächsten Schreiben an seine Verwandten auch das meinige bei. Minchen antwortete bald wieder und zwar, ohne sich an ihren Briefsteller zu halten: »Mit den Herrn Bücherkennern sei doch gar nicht auszukommen; sie habe sich gescheut, mit ihrem eigenen Konzept vor mir zu erscheinen und sich deshalb heimlich um einen Wortführer umgesehen, nun merke sie aber, daß sie, statt damit etwas zu gewinnen, vielmehr sich selbst ganz um mein schmeichelhaftes Vorurteil gebracht habe, daß sie artige Briefe schreiben könne. Jedoch, da sie nun einmal verraten sei und sich gedrungen sehe, mir mit diesem Billet wirklich eine Probe ihrer Unerfahrenheit zu liefern, so hoffe sie, ich werde ihren Fehler gütig rügen und sie mit eben der freundschaftlichen Gesinnung, mit der ich ihrem Vetter zugetan sei, ihre Schreibart aufrichtig verbessern lehren.« Der Brief enthielt freilich manchen orthographischen und grammatikalischen Schnitzer, allein ich bemerkte sie kaum, und sein Inhalt war doch in der Tat so artig und die Schreiberin so schön, daß ich nicht satt werden konnte, ihn zu lesen und wieder zu lesen, zu küssen und an mein Herz zu drücken. Weit entfernt, Minchen mit Anzeige irgendeines Schreibfehlers zu schrecken, lobte ich vielmehr die Artigkeit ihres Konzepts, munterte sie auf, zur Übung mich öfters mit einem Briefchen zu beglücken und fügte scherzhaft hinzu: »Wenn ich jemals Fehler entdecken würde, so sollte sie nur versichert sein, daß ich sie strenge zu rügen wüßte.« So entstand ein Briefwechsel unter uns, der von Woche zu Woche immer zärtlicher ward. Der Vater des Mädchens las anfangs jedes Billet fleißig durch, lächelte über den unschuldigen Inhalt und machte gern den Träger, weil er davon viel mehr Nutzen als Schaden für seine Töchter erwarten konnte. »Es ist mir gar lieb,« sagte er öfters, wenn er an Feiertagen uns besuchte und beim Glas Wein auf unsre dringenden Fragen von seinen beiden Töchtern erzählte: »gar lieb ist's mir, daß die Mädchen seit einiger Zeit so gern Briefe schreiben, so bleiben sie mir hübsch zu Hause und lernen dabei etwas Nützliches.« Von nun an kamen Minchen und ihre Schwester täglich in die Klosterkirche zur Messe meines Freundes, der bereits Priester war. Genau wußte ich, wann sie erscheinen würden, und eilte dann entweder oben auf die Galerie der Kirche oder in ein unbewohntes Zimmer, in welchem durch die dicke Kirchenmauer ein Fensterchen ausgehauen war, durch das man die Betenden ungesehen und ganz nahe beobachten konnte. Wenn es sich fügte, daß eben auch andre Mönche auf den Galerien die Messe anhörten, so rasselten sie manchmal mit ihren gekettelten Rosenkränzen an dem Vordergeländer so laut, daß die Mädchen unten in der Kirche sich umwandten und emporschauten. Bei jedem solchen Gerassel bog ich mich scheu zurück und glaubte, Minchen würde mich hassen, wenn ich während des Gottesdienstes mich so ungezogen betrüge. Sie schaute auch nur selten empor, verrichtete ruhig und mit niedergeschlagenen Augen ihr Gebet und grüßte mich nur im Weggehen, wenn sie zur Kirchentür zurückwandelte, schnell und sittsam mit sanft erhobenem Blick. O, wie ward ich gerührt, wenn ich das schöne Kind so andächtig sah! Nie in meinem Leben hab' ich so oft und so feurig gebetet, als in diesem Zeitraum süßer, reiner Liebe. Nachts schlich ich oft durch die sogenannte Gruft (eine tieferliegende Nebenkapelle) in die Kirche und kniete vor den Altar hin, gerade an das Plätzchen in den Stühlen, wo ich Minchen kniend gesehen hatte, fühlte mich glücklich, dort knien zu können, und überließ mich meinen süßen Gefühlen. »O Vater aller Wesen!« dies war mein Gebet, »du Geber alles Glückes! Hier knie ich an der heiligen Stelle, wo meines Minchens Andacht geflammt hat! Du hast sie so schön geformt, so liebenswürdig gebildet und siehest mein Herz, daß es rein ist, und sich seiner Triebe nicht vor dir zu schämen hat! O, laß uns durch Liebe glücklich sein! Nie kann ich zwar zu ihrem Besitze gelangen, aber es ist schon Wonne, einem so lieben Geschöpfe auch nur wert zu sein. O, bewahre mein Herz, ihr Herz immer vor jedem sträflichen Verlangen und laß die Reinigkeit unsrer Gefühle nie durch etwas Unedles entweiht, nie durch den törichten Spott andrer, die uns mißverstehen könnten, getrübt werden; mache uns glücklich, himmlischer Vater! mache mein Minchen glücklich, führe sie einem Manne in die Arme, der sie so liebt wie ich. (Oft begannen hier meine Tränen unaufhaltsam zu strömen.) Ach, ohne Mann wird sie doch nicht glücklich! O, lenke du ihr Schicksal, gütigster Vater aller! Lenke auch mein Schicksal nach deiner unendlichen Güte, laß unsre reine, süße Liebe nie, o Vater, laß sie nie ersterben und segne uns, segne uns!« Da überströmte gewöhnlich das Übermaß sich kreuzender süßer und schmerzlicher Empfindungen so sehr mein Herz, daß ich nichts mehr deutlich denken, sondern nur weinen konnte. Niemals betete ich nun, ohne meines Minchens, zugleich mit meinen Eltern und Wohltätern, und zwar mit der höchsten Innigkeit zu gedenken. Nach langem Sehnen und vielen mißlungenen Versuchen gelang es meinem Freunde, die Erlaubnis auszuwirken, daß ich ihn auf einen Nachmittagsbesuch zu seinen Verwandten begleiten durfte. Mit dem neuesten Habit bekleidet, voll Erwartung und mit klopfendem Herzen, nahten wir uns der glücklichen Wohnung unsrer Lieben. Ein Freudengeschrei der überraschten Mädchen bewillkommte uns. Beide schienen entzückt zu sein, uns zu sehen. O! wie weit zärtlicher sprachen nun Minchens Augen, als am Primizabend, da ich sie zum erstenmal sah! Mehr als freundlich drückte sie mir die Hand. Wir schlossen einen bunten Kreis um den Tisch her, der Vater setzte sich scherzend zu seiner Gattin, Malchen neben meinen Freund und Minchen an meine Seite. Da wurden Gesundheiten getrunken, von so heißen Wünschen begleitet, als ich noch nie empfunden, viel weniger ausgebracht hatte. Kosend hielt ich Minchens weiche warme Hand und sagte ihr, so gut es vor den übrigen angehen wollte, wie sehr glücklich ich sei. Ihre sanften Blicke voll Güte antworteten auch mir weit zärtlicher, als ich zu hoffen gewagt hatte. Dann erhoben wir uns, und die Mädchen zeigten uns ihre netten Zimmerchen mit den vollen, ausgeschmückten Kästen; mein Freund nahm seinem Malchen spaßend ein glänzendes Spielzeug weg, das sie der hübschen Arbeit wegen noch immer aufbewahrt hatte, sie verfolgte ihn schäkernd und wollte das Spielzeug wieder haben. So blieben Minchen und ich allein im kleinen Zimmer. Mit fragenden, bittenden, feuchten Blicken sah ich sie an, schlang bebend meinen Arm um sie und drückte den ersten Kuß der Liebe auf ihre glühenden Wangen. Sanft bog sie ihr schönes Angesicht ein wenig weg, blickte mich einen Augenblick mit entzückendem Lächeln an und bot mir den duftenden Mund so wunderfreundlich dar, daß ich wonnetrunken meine Lippen auf die ihrigen drückte, von ihrem süßen, warmen Gegendrucke bezaubert, Atem und Leben vergaß und mit heißer, zuckender Inbrunst die schöne Brust des Mädchens an mein lautschlagendes Herz preßte. Jetzt jagten sich die beiden Schäkernden zurück, und wir begleiteten sie mit näher vertrauten, inniger als vorher verketteten Seelen zur Gesellschaft. Im Gefühle meines Glückes brachte ich den Rest des Besuches heiterer, fröhlicher und aufgelegter zu Scherz und Mutwillen hin, und als ich nach Hause kehrte, hätte ich jeden, der mir begegnete, stolz und mutig fragen mögen: bin ich nicht glücklicher als du? Aber als nach der Zurückkunft in die Klostermauern der erste Rausch der Freude verflogen war, da fühlte ich nur desto inniger das Drückende meiner Fesseln und die Beschwerlichkeiten eines Standes, der mich verpflichtete, so unaussprechlich süßem Genusse, als der Besitz eines so liebenswürdigen Geschöpfes nach meinem Sinne täglich gewähren mußte, in der Hauptsache zu entsagen. Desto eifriger betete ich. – Bald darauf schickte mir Minchen eine Aderlaßbinde zum Geschenk, denn sie hatte vernommen, daß wir nächstens die Aderlässe haben würden. Ich hatte noch niemals Blut gelassen und würde auch jetzt nicht daran gedacht haben, es zu tun, wäre die hübsche Binde nicht gewesen. Aber es dünkte mich, es müßte so angenehm sein, sie um den Arm gebunden zu fühlen, daß ich mich nicht enthalten konnte, in das Meditationszimmer, wo der Arzt und die Chirurgen samt den Aderlassern versammelt waren, zu treten und nachzusehen, ob es denn auch zu wagen wäre. Es kam mir so unbedeutend und leicht vor, daß ich die Worte fallen ließ: »Herr Doktor, meinen Sie, es könne mir schaden, wenn ich auch etliche Unzen herauslasse?« »Nichts minder!« erwiderte er, »du bist ohnehin ein vollblütiger Geselle! Nur her da! Wir müssen einmal sehen, was du für Blut hast!« Schnell hüpfte ich zur Tür hinaus, denn mich wandelte nun, da es Ernst werden wollte, einige Furcht an. Der Doktor eilte mir nach zu meiner Zelle und klopfte, bis ich die Tür halb öffnete und gegen seine Zumutung, mir eine Ader schlagen zu lassen, halb furchtsam, halb scherzend protestierte. Da kam eben der Prälat aus der Sakristei von der Messe herauf, näherte sich unvermerkt uns Streitenden und fragte lächelnd, was es da gäbe? »Der Frater Bonifacius,« antwortete der Doktor, »wollte eben zur Ader lassen, aber da wandelte den Hasenfuß plötzlich die Furcht an, er entläuft und will uns nimmer sitzen.« »Marsch da, du Kleiner!« sagte der Prälat; »geh mit dem Doktor, man reißt dir den Kopf nicht ab!« Ich mochte nun protestieren, soviel ich wollte, es sei mein Ernst nicht gewesen, Blut zu lassen, ich bedürft' es auch nicht und habe noch niemals gelassen: kurz, ich mußte dem Doktor folgen und froh sein, daß sie mich meine hübsche Binde geschwind noch in die Tasche stecken ließen. »Da sehen Sie ja, daß es ihm Ernst war,« sagte der Doktor zum Prälaten, »er hat sich wirklich schon mit einer Binde versehen!« »Ei,« dachte ich, »wenn ihr wüßtet, wie wert mir diese Binde ist! Ihr zuliebe folg' ich euch, sonst wollte ich mich so gut verbergen, daß ihr mich gewiß nimmer finden solltet.« Die Ader wurde glücklich geöffnet, man ließ mir etliche Unzen Blut heraus und verband den Arm, sobald man merkte, daß mich eine Übelkeit anwandeln wollte. Mit einem ganz besonderen Wohlgefallen blickte ich meine Binde an und war insgeheim nicht wenig stolz, mit Fug einen Zierat tragen zu dürfen, an den meines Minchens schöne Hände mir zuliebe so viele Mühe verwandt hatten. Am folgenden Tage führte der Herr Prälat seine Konventualen in das Schlößchen nach Münster, um dort in freier Luft einen fröhlichen Abend zu genießen. Das Flüßchen, die Kessel, strömt daran vorüber und ergießt sich, nicht gar fern davon, in die Donau. Ein Kahn am Ufer lud mich zum Schiffen ein, ich fuhr zwischen Gesträuchen, in denen die Vögel sangen, bis an die Mündung der Kessel, der raschere Donaustrom ergriff mich und riß mich Unvorsichtigen, der ich nicht genug Widerstand leisten konnte, eine Strecke mit sich fort, bis ich an eine Stelle kam, wo sich das Ufer krümmte und eine kleine Bucht gestaltete. Hier glückte es mir Zitterndem, den Kahn aufzuhalten und ihn allmählich wieder mit vieler Mühe ganz nahe am Ufer stromaufwärts zu leiten. Die Anstrengung und starke Bewegung hatte indes meine Aderlaßbinde losgemacht, und das Blut rann mir ganz warm zum Ärmel heraus. Ach, wie herzlich erschrak ich darüber! Schon schwamm mein Kahn wieder eine Strecke abwärts, da erhaschte ich in der Angst eine Staude, die vom Ufer in das Rinnsaal ragte, und zog sie eilig durch den Ring am Hinterteile des Kahnes. So hielt er fest, und ich konnte mein Habit ausziehen und die Binde wieder befestigen. Vorsichtiger meinen Arm schonend, drängte ich nun den Kahn vollends am Ufer hinauf und versuchte lange vergebens, in die Kessel zu schiffen. Als es mir aber endlich gelungen war, band ich mein Fahrzeug an Stauden fest, legte mich müde und matt nach der Länge hin ins hohe Gras am Ufer und ruhte dankend, daß ich dem Unglück entgangen war, eine gute Stunde aus. Sorgfältig wusch ich dann das Blut von meinen Händen, aus meinen Kleidern und vom Kahne, damit nichts die Gefahr verraten möchte, in der ich geschwebt hatte; denn ich mußte fürchten, im Falle mein Wagestück kund würde, strenge dafür gebüßt zu werden. Nur einigen guten Freunden, mit denen ich etwa eine Stunde nach dieser Fahrt auf der Kessel wieder hinabschiffte, sagte ich, daß mir kurz vorher die Ader gesprungen sei, aber ohne ihnen die Veranlassung zu melden, zeigte ihnen meine blutige Binde und ersuchte sie, mir dieselbe von neuem ordentlich umzubinden. In die Nähe des großen Stroms wollte ich mich aber durchaus nimmer wagen. – Weil Pater Beda nicht mehr unser Lehrer sein durfte, ernannte der Prälat einen andern Pater zum Professor der Moral. Der gute Mann mochte ein wackerer Religiose und etwas mehr sein, als was man einen mittelmäßig gelehrten Kasuisten nennt, aber zum geschickten Lehrer der christlichen Sittenlehre hatte er wenig Anlage. Er las uns vor- und nachmittags eine Stunde lang aus seinen Heften vor und ließ es dabei bewenden. So trieben wir's bis in den Sommer. Da war es nie bequemer zu schlummern, als wenn der Professor seine Lektion im dumpfen schläfrigen Baßtone einförmig herabmurmelte. Solange in seinem Auditorium noch ein offenes Auge war, las er geduldig fort, aber manchmal fügte es sich, daß alle zusammen nickten und schnarchten, wenigstens war das seine oftmalige laute Klage. In die Länge verdroß es ihn so sehr, daß er uns fast in jeder Lektion durch einen heftigen Verweis aus den Träumen aufstörte. Dabei verlor er, wie natürlich, unsanfte Worte, die uns allmählich gegen ihn aufbrachten. Als er einmal gar zu strenge auf uns herabdonnerte, unterredeten wir uns und beschlossen, ihn durch Einwürfe so in die Enge zu treiben, daß es ihm lieb sein sollte, wenn wir wieder schlafen würden, denn wir wußten gar wohl, daß ihm Pater Beda täglich alle Vorlesungen, völlig ausgearbeitet und ins reine geschrieben, übergab, und daß er bei der Sache weiter nichts zu tun hatte, als den Vorleser zu machen. Wir trieben es schließlich so weit, daß ihm die Vorlesungen über Moral entzogen wurden, wir aber den Befehl erhielten, jeder von uns sollte sie für sich allein studieren, um im Herbste 1781 zur Weihe nach Augsburg ziehen zu können. Mit dem Jahre 1781 ward ein neuer Prior ernannt. Der vorige war ein andächtiger Trinkbruder, dieser von jeher der Hauptspaßmacher des ganzen Konvents gewesen, ebenderselbe, der mit den Mädchen Waden gemessen hatte und übrigens bei jedem lustigen Anlasse den Hanswurst machte. Aber er war ein vertrauter Anhänger des Prälaten und mußte nun, in Ermangelung eines andern Sujets, seine komischen Gesichtszüge zur gravitätischen Amtsmiene eines Priors, willig oder unwillig, zwingen. Kein Wunder, wenn er seine Würde alle Augenblicke vergaß und oft zum Zwischenspiele sich als den alten lustigen Bruder zeigte. Manchmal rief er sowohl mich als andre sogar ins Priorat, zechte mit uns halbe Nächte durch und glaubte, durch dieses Betragen unsre Zuneigung zu gewinnen und sich Anhänger zu machen. Allein statt dessen machte er sich verächtlich und gab uns Gelegenheit, ihn bei unsern kleinen oder größern Übertretungen der Regel, wo er mit seinem Ansehen Ordnung hätte gebieten sollen, ziemlich vertraut und schnöde heimzuweisen. Da mußte er einst den Prälaten auf einer Reise nach München begleiten, dort ward, wie gewöhnlich, alle Tage und Nächte so lange gespielt, bis der Prälat am Spieltische gegen den Morgen zu einschlief; in diesen Umständen aber durfte ihn niemand wecken, wenn er nicht einen derben Zank gewinnen wollte. Da war der lustige Prior einmal mutwillig genug, den Tisch aus der Mitte des Saals wegzunehmen, dem schlafenden Prälaten die Strümpfe auszuziehen und ihn so im Lehnsessel, ungeachtet der kalten Nacht und seines podagrischen Zustandes, verspottet und einsam sitzen zu lassen, bis der Frost ihn wecken würde. Diese Begegnung zog dem Täter die Ungnade des Prälaten zu; er ward zu meiner nicht geringen Zufriedenheit vom Priorate entlassen und spielte bald wieder mit neuer Munterkeit und ohne Zwang den Harlekin im Mönchshabit. Während seines Priorats aber hatte mein Freund einst sein Malchen samt meinem Minchen und ihren beiden Eltern zu Gaste gebeten. Gern erteilte ihm der Prior die Erlaubnis dazu, denn er kam des Jahrs höchstens dreimal, um zu bitten, daß er seine weiblichen Verwandten zu einem Abendtrunke einladen dürfte. Wenigstens ein Vierteljahr lang hatten wir uns auf diesen glücklichen Tag gefreut. Was wir in unsrer Lage Gutes aufzutreiben wußten, ward in Bereitschaft gehalten. Sie kamen. Ich durfte zwar nicht beim Empfange unter der Pforte sein, weil ich in keiner allgemein gültigen Verbindung mit ihnen stand. Allein ich harrte mit klopfendem Herzen ihrer im Gastzimmer außer der Klausur, wohin man dergleichen Gäste zu führen pflegte. Mit der einnehmendsten Freundlichkeit lief Minchen auf mich zu, drückte mir zärtlich die Hand und ließ mich nicht von ihrer Seite, als wir um den runden Tisch her unsre Plätze wählten. In süßen Gesprächen saßen wir da, die Herzen jedem Eindruck der Freude weit offen und so glücklich, als wir in einem halben Jahre nicht gewesen waren. Plötzlich trat der Konventdiener herein, sagte mir etwas leise ins Ohr: »Frater Bonifacius, Sie sollen sogleich zum Prior kommen, er hat auskundschaftet, daß Sie hier sind, und läßt Sie rufen.« Minchen vernahm die Worte so gut wie ich. Wir wurden blaß. »Ach Minchen, liebes Minchen!« sagte ich, und Tränen stiegen mir in die Augen, »so werd' ich weggerissen von deiner Seite? Und dieser elende Mensch darf unsre besten Freuden stören?« Sie ergriff meine Hand, drückte sie feurig an ihre Brust und zog mich inniger an sich. »Ach, es ist Rache,« sagte sie, »der Prior wollte erst vor kurzem, ich sollte zu ihm auf ein Frühstück kommen und ich kam nicht! O, Sie wissen es, Lieber, ich konnte nicht kommen, ich müßte mich vor mir selbst schämen, wenn ich es könnte!« Tränen schossen ihr in die Augen, ich zürnte, unsre Freunde drängten sich um mich her, fragten allerlei, bedauerten mich, und Minchen folgte mir bis an die Türe, hielt mich fest und wollte mich nicht lassen. Weinend riß ich mich los, eilte in meine Zelle, um erst die Tränen abzutrocknen, aber eine Art Wut ergriff mich, wie rasend vor Schmerz und Wehmut warf ich mich auf mein Bett, biß mit den Zähnen in die Decke, weinte laut und fühlte nichts als meinen Schmerz, nichts als das Unglück, ein Mönch zu sein. Zum Prior ging ich nicht, kaum vermochte ich mit roten Augen in der Vesper zu erscheinen, aber während derselben faßte ich mich zum Teil wieder, machte mein Plänchen und entschloß mich, nach geendigtem Chorgesange sogleich wieder zu Minchen zu gehen, unbemerkt, wenn es sein könnte, oder wenn mich der Prior wieder bemerken würde, ihm alles mögliche Schmerzende und Beschämende zu sagen. Wirklich fügte es sich, daß er mich auf meinem Gange antraf. Aber er sagte kein Wort, ließ mich ziehen und rief mich erst den folgenden Tag ins Priorat, um meine Culpam zu bekennen, daß ich ohne Erlaubnis aus der Klausur getreten sei. Ich antwortete aufgebracht: »Ob er sich noch erinnere, wie oft er mich zu tollen Trinkgelagen außer die Klausur geführt habe? Es wundere mich, wie sich ein solcher Mann herausnehmen könne, mir über etwas Verweise zu geben, das doch viel besser und untadelhafter sei, als dasjenige Betragen, zu dem er mich oft selbst zu ermuntern pflegte, aber ich wisse wohl, daß Eifersucht keinen geringen Anteil an seinem religiösen Eifer habe.« Mit der Anzeige, daß ich mittags zur Buße den Wein karieren sollte, entließ er mich. O, es war doch schade, daß es eben in der Macht eines solchen Mannes stehen mußte, unsre schöne Unterhaltung so schmerzlich unterbrechen zu dürfen. Nach der Vesper traf ich bereits alles verstimmt an, und die Lebhaftigkeit unsrer Gespräche fand sich nicht wieder ein. Wir sagten zwar einander so viel Zärtliches, als wir eben zu sagen wußten, aber bald drückten wir, Minchen und ich einander mit nassen Augen die Hände, bald suchten wir eine Art Ermunterung darin, daß wir bitter genug über den Störer unsrer Freuden spotteten. Manchmal saßen wir tiefsinnig in Gedanken und genossen schweigend unser Gläschen und die Konfitüren. Als ich nach überstandener Buße dem Prior gewöhnlichermaßen dankte, sagte er: »Frater Bonifacius, Sie hätten sehen sollen, daß ich es nicht so böse meinte, es ward mir angezeigt, daß Sie ins Gastzimmer geschlichen seien, wohin doch niemand ohne Erlaubnis gehen soll, ich mußte Sie holen lassen und strafen. Aber als ich Ihnen nach der Vesper allein begegnete, da ließ ich Sie gehen, denn ich sah wohl, daß mit einem Menschen, der in der Wut war, nicht viel anzufangen sein würde.« Der Briefwechsel zwischen Minchen und mir dauerte ununterbrochen fort. Wenigstens jeden Sonn- und Feiertag brachte ihr Vater einen Brief von ihr und nahm dagegen die meinigen mit sich fort, denn täglich schrieb ich gewiß einen. Oft las sie der Vater, oft las er sie nicht, äußerte aber niemals einige Unzufriedenheit mit ihrem Inhalte. Dichten mochte ich in dieser Zeit nicht, teils weil ich zu sehr mit meinen wirklichen Empfindungen beschäftigt war, teils weil ich nicht hoffte, daß Minchen an meinen Aufsätzen Freude haben würde. Selten reimte ich für sie ein kleines Liedchen und legte es, in Noten gesetzt, meinen Briefen bei. Stoff zum Schreiben hatten wir mehr als zuviel. Jedes kleine Ereignis unsres Lebens interessierte uns gleich einer wichtigen Angelegenheit; jeder erhaltene Brief gebar einen neuen. Der Vater verriet uns manchen kleinen Umstand, aus dem die schlauen Mädchen ein Geheimnis gemacht hatten. Abends, nach der Komplet, schlich ich gewöhnlich in die Zelle meines Freundes. Da unterhielten wir uns mit Erzählungen von unsern Geliebten, lasen einander Stellen aus ihren Briefen vor, taten aber so kostbar damit, daß der eine nur selten den ganzen Inhalt eines Schreibens, welches an den andern gerichtet war, zu hören bekam. Wenn ich dann, etwa um halb zehn Uhr, zu meiner Zelle schlich, führte mich der Weg an dem obern Chor der Kirche vorüber. Da trat ich immer hinein, kniete dem Altare gegenüber, auf dem das Allerheiligste aufbewahrt ward und betete mit Inbrunst für mein Minchen. Um uns auch in Gesellschaft andrer von unsern Geliebten notdürftig unterhalten zu können, legte mein Freund seinem Malchen den Mannsnamen Anton bei, und ich nannte Minchen Michael. Sie schien mir ja doch ein Engel. Es war uns in diesem Falle gar nicht um den schönsten Laut der Namen zu tun, sondern wir glaubten, je rauher sie klängen, desto besser würden sie unsrer Absicht taugen. Wirklich sprachen wir oft mitten unter den Mönchen sitzend von Michael und Anton, ohne daß jemand auf die Vermutung kam, das Gespräch betreffe unsre lieben Mädchen. Dieser Rausch der Liebe mochte etwa ein Jahr gedauert haben, da sagte mir einst mein Freund: »Wie würde es dir zu Mut werden, Bruder, wenn du auf einmal vernähmest, dein Minchen sei Braut?« – »Ich würde mich darüber freuen,« antwortete ich behende, »wenn sie nur einem guten Manne zuteil wird! Denn ich habe keinen andern Wunsch, als sie glücklich zu sehen. Ach, mit diesem Gedanken bin ich schon lange vertraut!« – »Du kannst mir glauben,« fuhr er fort, »es ist wirklich so etwas im Werke, nur Minchen wollte das Jawort noch nicht geben. Der um sie wirbt, ist ein junger Witwer, welcher, um den Dienst zu erhalten, vor ein paar Jahren eine etwas ältliche Frau ehelichen mußte und mit ihr immer in einigem Unfrieden lebte. (Da ging mir ein Stich durch's Herz.) Im Wochenbette starb die Frau samt dem letzten Kinde und hinterließ nur einen einzigen bereits dreijährigen Knaben. Der Witwer ist ein hübscher, großer Mann, besitzt schöne Mittel und bekleidet ein ergiebiges Amt. Vor einigen Tagen kam er in Z...'s Haus und warb förmlich um sie. Dem Vater scheinen die gemachten Vorschläge, des Heiratsgutes wegen, und überhaupt der ganze Antrag sehr annehmbar.« Diese Nachrichten erfüllten mich mit Unruhe, ich fühlte meine Brust beklemmt und äußerte alle Augenblicke von neuem meine Besorgnisse, Minchen könnte vielleicht mit dem Manne, der schon einmal in unfriedlicher Ehe gelebt hatte, nicht glücklich sein. Selbst die Stärke seines Körperbaues schien mir eine gültige Ursache zu sein, ihn für einen allzu massiven, dem feingebauten Mädchen nicht anstehenden Bräutigam zu erklären. Kurz, weil ich Minchen dem Freier mißgönnte, fand ich in meinem Sinne allerlei an seiner Person auszusetzen. Die ganze Nacht schlief ich nicht und trieb mich immer mit meinen ohne Zweifel etwas eifersüchtigen Besorgnissen umher. Am folgenden Tage, der ein Sonntag war, trat Minchens Vater wie gewöhnlich in meine Zelle und überreichte mir einen Brief von seiner Tochter. Seine Blicke schienen diesmal forschender zu sein als sonst, er beobachtete meine Mienen sehr genau, als ich den Brief erbrach und durchlas. Sie schrieb mir: »Sie finde sich jetzt in einem sehr großen Gedränge, und es falle ihr sehr schmerzlich, mir von so unangenehmen Dingen schreiben zu müssen, aber sie habe doch keinen aufrichtigern Freund als mich und wisse in ihrer Verlegenheit nirgends bessern Rat einzuholen, als bei mir. Wäre ihr nicht aus meinen Briefen bekannt, daß ich auf den Augenblick, da ihr zugemutet werden würde, sich zu verehelichen, schon lange vorbereitet sei, so würde sie es nicht gewagt haben, jetzt ihr Anliegen mir vorzutragen.« Dann erzählte sie mir, wie N. schon einige Zeit her ihr nachgegangen und vor einigen Tagen in ihrem Hause erschienen sei, um bei ihren Eltern förmlich um sie zu werben. Nun wünsche der Vater, daß die Heirat geschlossen werde, auch die Mutter sei nicht ungeneigt, und man dringe täglich in sie, endlich ihr Jawort von sich zu geben, allein der Mangel an näherer Bekanntschaft mit dem Werbenden und die Besorgnis, er könnte vielleicht auch mit ihr ebenso unfreundlich leben als mit seiner vorigen Frau, usw., halte ihre Zunge noch immer gebunden. Ich sollte ihr doch aufrichtig raten, wie sie sich bei diesen Umständen zu benehmen hätte. »Ich sehe wohl,« sagte der Vater, als ich mit dem Lesen fertig war, »daß dieser Brief für Sie schmerzliche Neuigkeiten enthält, Sie sind blaß, wie eine Leiche; aber ich hoffe, Sie werden sich fassen und bedenken, daß meine Tochter, wenn sie ihre Versorgung finden soll, doch einmal in den Fall kommen mußte, von dem sie Ihnen schreibt. Ich weiß, Sie wünschen so sehr als ich, daß das gute Mädchen glücklich werde. Sprechen Sie ihr Mut ein! Der Brautwerber ist ein braver Mann, er arbeitet neben mir, ich hatte Gelegenheit genug, ihn genau kennen zu lernen. Seine Unzufriedenheit mit der vorigen Frau stammte größtenteils von dieser her und kam nicht aus seinem eigenen Herzen. Sie war viel älter als er und eifersüchtig und warf ihm täglich vor, er betrage sich nicht so zärtlich, habe eine ganz andre Lebensart an sich und schätze sie weit weniger – als ihr erster Mann. Daher kam das Mißvergnügen. Weil nun bei meiner Tochter dergleichen Anlässe nicht vorhanden sind, so hoffe ich, auch die schlimmen Folgen davon werden nicht statthaben. Der Heiratskontrakt, den er vorschlug, ist für Minchen sehr vorteilhaft, und solche Partien kommen nicht alle Tage. Reden Sie dem Mädchen zu, daß sie den Mann nimmt, Ihnen folgt sie gewiß.« So schwer es mir auch fiel, so versprach ich doch, zu schreiben. Aber es dünkte mich, dem lieben Mädchen geradezu anzuraten: nimm ihn! hieße ihr wahres Interesse verraten. Ich schrieb unter anderm also: »Prüfen Sie sich selbst, liebstes Minchen, ob Sie die Freundin des Mannes werden können, der nun das Glück seines Lebens mit Ihnen zu teilen wünscht. Fragen Sie sich, ob er würdig ist, Ihr innigster Vertrauter zu werden und Sie selbst nebst Ihrer ganzen Zuneigung zu besitzen. Diese wichtigste Angelegenheit Ihres Lebens ist es wohl wert, daß Sie mit aller Sorgfalt zu Werke gehen. O, Minchen! der Gram würde mich verzehren, wenn ich jemals erfahren sollte, daß Sie unglücklich sind! Aber Sie waren immer ein tugendhaftes, liebenswürdiges Mädchen! Die Vorsehung wird es fügen, daß Sie glücklich werden. Längst wissen Sie, daß ich glaube, im jungfräulichen Stande könne Ihr Glück nie vollständig sein. Ein so gesundes, wohlgebildetes Mädchen, wenn es annehmliche Anträge zum Heiraten erhält, hat auch die süße Pflicht auf sich, Mutter zu werden und schönen Kindern das Leben zu geben. Ach! Es muß unaussprechlich süß sein, so liebe, kleine Geschöpfe ans Herz drücken und sich sagen zu können: sie haben durch mich das Leben erhalten. O, Minchen, welches Entzücken würde mich ergreifen, wenn ich einst so glücklich wäre, Sie als liebende Mutter im Kreise Ihrer Kinder zu überraschen! Wie wollte ich die kleinen Engel, einen nach dem andern, an mein Herz drücken, küssen und mit Freudentränen benetzen und gleich einem liebenden Vater glücklich sein in dem Gedanken: du küssest Minchens Kinder, die schönen Kinder deiner Geliebten!« Noch viel andres schrieb ich unter reichlich strömenden Zähren und übergab es Minchens Vater, der am Montage, morgens, meinen Brief zu holen wieder auf meine Zelle kam. Unausstehlich lang ward mir die Zeit, bis ich Nachricht erhielt, zu was sich Minchen entschlossen hätte. Tausendmal drängte sich der geheime Wunsch in mein Herz: o, möchte sie den unbekannten Mann abweisen, aber ebenso oft ward er von dem lauter tönenden Wunsche verdrängt: o, möchte sie, da sie doch einmal heiraten muß, durch die Verbindung mit diesem Manne glücklich werden. Jetzt beneidete ich ihn um den Besitz eines so liebenswürdigen Mädchens, empfand meine Verlassenheit doppelt lebhaft, wenn ich sie in seinen Armen dachte und glaubte, ein süßer Traum habe mich eine Weile getäuscht, nur, um mir meinen Zustand beim Erwachen durch das Abstechende noch unerträglicher zu machen. Nie wagte ich's, mit meiner Phantasie einen Blick in die Geheimnisse des Ehebettes zu tun, ohne heftig erschüttert zurückzuschauern und aufkeimenden Neid zu empfinden. Jetzt gab ich mir selbst Verweise, daß ich mich über ein Ereignis grämte, welches doch allein meine Geliebte zu ihrem wahren Wohl leiten könnte. Dann stiegen wieder allerlei Besorgnisse und Zweifel, ob es auch zu ihrem Besten ausschlagen würde, in meiner Phantasie empor; ich erblickte sie weinend und verlassen im einsamen Zimmer oder sah sie wegen Kleinigkeiten unartig behandelt und empfand jedes Leiden, das sie in meiner Vorstellung traf, mit der innigsten Teilnahme. Daß ich diese Zeit über wenig schlief und nachts oft in die Kirche schlich, um dort meine Klagen und Gebete vor Gott auszuschütten, wird jeder, demjenigen zufolge, was ich oben gestand, leicht erraten. So wechselten in meiner Seele Stürme, Sonnenschein und trübe Stunden ab, bis mir am Sonntage Minchens Vater in einem düstern Gange bei der Sakristei entgegenkam, schnell ein Briefchen in meine Hand drückte und stillschweigend wieder davon eilte. Er schien den Anblick meiner Trauer nicht ertragen zu können. Im Briefchen stand etwa folgendes: »Lebe wohl, treuer, geliebter Freund! Mein Jawort ist gegeben! Ach – nie kann ich dich vergessen! Ewig wird dein Andenken meinem Herzen teuer sein! Habe Dank für so viel süße Empfindungen, die du in mir wecktest! Habe Dank für alle deine Liebe! Zürne mir nicht! Vergiß mich nicht und versage mir einst deinen treuen Rat nicht, wenn ich dessen bedarf. Du allein kannst mein Trost sein, wenn ich unglücklich werden sollte.« Kaum hatte ich zu Ende gelesen, so sank ich, übermannt von Wehmut, Liebe und schmerzlichen Gefühlen, wie ohnmächtig an die Wand hin. Erst nach einer guten Weile erholte ich mich wieder und wankte in meine Zelle, um dort ungestört zu weinen. Lange hatte ich nicht Kraft genug, mich zu fassen. Endlich sagte ich einmal zu mir selbst: »Warum trauerst du? Hast du denn so viel verloren? Sie liebt dich ja noch! Und du darfst sie ja noch ebenso rein, noch ebenso innig lieben, wie vormals; keine unedle Begierde in dir hat je den süßen Gedanken an sie entheiligt, was hindert dich, auch in Zukunft so rein, so uneigennützig zu lieben? Fasse Mut! Nur der Briefwechsel ist dir untersagt! Deine süßen Empfindungen werden zwar nicht mehr durch Minchens schöne Briefe geweckt werden, aber auch der Gedanke an sie und ihre Vorzüge ist herzerhebend und süß. Ermanne dich und lerne dein Schicksal ertragen, lerne dulden und missen .« So ermunterte ich mich allmählich wieder, aber sehr oft bekam ich neue Rückfälle in meine vorige Trauer. Die Hochzeitfeier nahte sich. Die Brautleute sowohl, als die übrigen Hochzeitgäste, tragen in der Gegend um Donauwörth, wenn sie zur Trauung in die Kirche ziehen, eine Zitrone mit darinstehendem Rosmarinstrauße in der Hand. Sogleich nach der Trauung rief mich, ich weiß nicht mehr, welche vertraute Person aus Minchens Hause unter die Pforte und überreichte mir eine solche Zitrone mit dem Beisatze: »Die Jungfer Braut läßt Sie freundlichst grüßen und überschickt Ihnen den Strauß und die Zitrone, die sie bei der Trauung trug, zum Andenken.« Ich vermochte kaum den Ausbruch meiner von neuem erwachenden schmerzlichen Gefühle zurückzuhalten, dankte geschwinde für das richtige Überbringen des Geschenks und eilte in meine Zelle, um dort, ohne mich vor jemandem schämen zu dürfen, meiner Wehmut Luft zu machen. Den Rosmarin setzte ich dann in einen Blumentopf am Fenster, um ihn einwurzeln zu lassen, pflegte ihn so sorgfältig als möglich und begoß ihn so oft, daß er vielleicht eben deswegen nach vierzehn Tagen zu meinem nicht geringen Leidwesen verdarb. Viele Tage lang hielt ich mich, mit meinem Kummer allein, in der Zelle verschlossen, vermied alle Gesellschaft und kam auch nur selten zu meinem Freunde. Der lange Kampf widerstrebender Empfindungen in mir wirkte auf meine Gesundheit so merklich, daß es meine Mitbrüder mir endlich ansehen mußten und die Köpfe darüber zusammensteckten. Die Besten entschlossen sich, mich mit List aus meiner Einsamkeit zu locken: Frater Amand klopfte an meine Zelle. Ich öffnete die Tür nur halb, aber er drängte sich schnell zu mir hinein und sagte: »Bonifacius! nimm deine Klarinette und komm ein wenig zum Frater Cölestin herüber, wir möchten gern Musik machen.« Ich sträubte mich eine Weile, aber er ließ mir keine Ruhe, bis ich ging. Wirklich hatten sich in Cölestins Zelle vier Mönche, Liebhaber der Musik, versammelt, um allerlei Stücke zu spielen und wahrscheinlich in der Absicht, mich dadurch aufzuheitern. »Warum gehst du denn gar nicht mehr zu den Leuten?« sagten sie, »höre auf, über dich selbst zu brüten! Komm her da, hilf uns Musik machen und zerstreue dich!« Ich ließ mich bereden, die zweite Klarinette zu blasen. Wir spielten ein sehr rührendes Adagio. Aber kaum war es zu Ende, so sprach Frater Amand: »Wählet lustigere Stücke, sonst wird uns der Frater Bonifacius nicht heiter, er sitzt ja da, als wären ihm Spreuer gesät worden.« Was er damit sagen wollte, wird verständlich werden, wenn man weiß, daß in unsrer Gegend mutwillige Burschen sich manchmal den Spaß machen, vom Hause einer Verlobten bis zur Tür ihres verschmähten Liebhabers Spreuer zu streuen. Diese schmerzhafte Berührung der noch frischen Wunden meines Herzens machte so widrigen Eindruck auf mich, daß mir nun während des Blasens die Zähren unaufhaltsam über die Wangen strömten. Vor Scham und Beklemmung wagte ich's kaum, emporzublicken, aber als ich es einmal wagte, sah ich doch auf den meisten Angesichtern einen Zug von Mitleid schimmern. Dies gewährte mir einigen Trost. Aber es dauerte noch eine geraume Zeit, bis ich mich wieder an den Umgang mit Menschen gewöhnte. Es mochte etwa ein Monat verstrichen sein, da traf ich einst, als ich zu meinem Freunde in die Zelle trat, Minchens Mann beim Besuche an. Er war ein schöner, stattlicher Mann, mit einem heitern Auge und von offenem Wesen. Es ward mir bei seinem Anblicke gar seltsam zu Mute. Aber je näher ich ihn beobachtete, desto zufriedener schlug mein Herz. »Es ist mir sehr lieb, Frater Bonifacius,« so sagte er, »daß ich Sie kennen lerne, mein Weibchen hat mir schon viel von Ihnen erzählt, ich las sogar einige Ihrer Briefe.« Man denke, wie sehr ich betroffen war! »Sorgen Sie nur nicht,« fuhr er fort, »daß ich deswegen etwa böse auf Sie oder eifersüchtig sein werde: ich weiß gewiß, daß ich eine Jungfrau geheiratet habe, und daß Sie eine gute Zeitlang ihr Schutzengel gewesen sind. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie meinem Minchen auch forthin gut bleiben und zugleich mein Freund werden wollen.« Eine so einnehmende Anrede und die Nachrichten, die ich bereits von seinem liebreichen Betragen gegen Minchen erhalten hatte, gewannen ihm vollends mein ganzes Herz. Vergnügter, als ich lange gewesen war, brachte ich an seiner Seite den Abend hin. Und er war gütig genug, mir auf alle meine Fragen von Minchen ausführlichen Bescheid zu geben und uns mit der ganzen Einrichtung seines Hauswesens bekannt zu machen. Bald wurden wir so vertraut, daß er mir sogleich meine Bitte gewährte, am nächsten Sonntag den Abend auf meiner Zelle hinzubringen. Mit vielen Grüßen beladen, kam er am bestimmten Abend, von Minchens Vater begleitet, und mußte versprechen, am nächsten Feiertag wieder zu kommen. Von nun an wechselten mein Freund und ich miteinander ab, den einen Feiertag hatte er die Gäste, den andern ich zu bewirten. Gern und freigebig befriedigten sie jedesmal uns ungestüme Frager mit Erzählungen von unsern Lieben und brachten denselben unsre kleinen Geschenke und freundschaftlichen Briefchen. Der Vater bestellte die Sachen meines Freundes an Malchen, Minchens Mann die meinigen an seine Frau. Beide überlieferten uns treulich wieder die Antworten. Oft luden sie uns ein, daß wir auch sie in ihren Wohnungen besuchen sollten. Etwa des Jahres dreimal gelang es uns, die Erlaubnis dazu zu erhalten. Ein solcher Tag war uns dann immer ein großes Freudenfest. Bei einem dieser Besuche in Minchens Hause saßen wir einst im bunten Kreise beisammen und waren so herzlich vergnügt, wie man es nur dann sein kann, wenn man seine liebsten Wünsche erfüllt sieht. Minchen saß neben mir, ich hielt ihre Hand in der meinigen, und wir blickten uns zärtlich an. Das bemerkte ihr Mann. Scherzend rief er uns zu: »Ich weiß wohl, daß ihr euch ehemals geküßt habt. Nicht wahr? Auch jetzt hättet ihr Lust dazu? Tut es nur; ich will wegschauen.« Wirklich wandte er sein Angesicht weg. Aber wie konnten wir's wagen? Ich fürchtete beinahe, es möchte etwas Eifersucht in ihm erwacht sein. »Ich sehe schon,« fuhr er fort, »ihr habt den Mut nicht dazu!« Flink hüpfte er auf, umschlang sein Weibchen und setzte sie auf meinen Schoß, indem er sprach: »Heuchelt nicht länger und küßt euch geschwind!« Minchen bot mir lächelnd die rosigen Lippen dar, und ich wagte es, sie schnell zu küssen, nicht ohne Scheu. Er schien sich herzlich zu freuen, sich selbst einen solchen Sieg abgewonnen zu haben. Denn es mochte ihn keine geringe Überwindung kosten, uns dieses Spiel zu erlauben. Unmittelbar nach Ablegung der Klostergelübde hatte mich der schmerzende Zuspruch des Prälaten, den er mir im Angesichte meiner Eltern gab, von der Lust, mich seiner als einen lustigen Bruder und Zecher zu zeigen, abgeschreckt. Die Übelkeit, die mich morgens in der Mette jedesmal quälte, wenn ich den Abend zuvor mehr als meine gewöhnliche Portion Wein genossen hatte, und das Gefühl, daß es schändlich sei, ein Sklave der Unmäßigkeit zu werden, heilten mich vollends von der gefährlichen Neigung, mich durch den Genuß zu vielen Getränkes in eine behagliche Betäubung zu versetzen. Die Liebe aber machte mich zum abgesagten Feinde von dergleichen Ausschweifungen. Ich fand keinen Geschmack mehr an lärmenden Freuden, an Trinkgelagen oder tollen Spielen, sondern suchte meine Unterhaltung am liebsten im Kreise redlicher Bekannten, bei frohen Gesprächen, im Klostergarten, bei der schönen Natur oder im Anblick der reizenden Gegend von meinem Zellenfenster aus. Um mir im Winter Bewegung zu machen, lief ich nach Tische entweder auf den Kirchenturm oder sägte Holz im Holzgewölbe. Auf einem dichtbelaubten Walnußbaume im Garten, der zwischen Haselgesträuchen stand und leicht zu ersteigen war, hatte ich mir eine Laube geflochten, wo ich manchmal in süßen Phantasien verloren mehrere Stunden lang saß, die Nachtigallen behorchte oder mit Bleistift Fragmente idyllenartiger Aufsätze schrieb, die ich dann wieder vernichtete oder in Minchens Briefe verflocht. Einst saß ich in meiner Laube und hörte, daß der Pater Prior mit einem andern Mönche die Terrassen, welche an meinem Baume vorüber zum Kegelplatze führten, herabstieg. Ich vernahm, daß sie vom Pater Beda sprachen und horchte etwas aufmerksamer auf ihre Worte. »Die Vorboten des neuen Heidentums müssen mir über Tisch vorgelesen werden,« sagte der Prior, »mag dann der stolze Beda die Nase rümpfen, so viel er will, er soll sein Lob doch mit anhören müssen.« Was ich aus dieser Rede machen sollte, wußte ich nicht, bis ich nach einigen Wochen die Vorboten des neuen Heidentums vom Exjesuiten Weißenbach im Refektorium auf der Kanzel fand und beim flüchtigen Durchblättern des Buches auf eine Stelle stieß, die bittere Ausfälle gegen den Pater Beda und seine Schriften enthielt. Es fügte sich, daß ich, als Frater, eben die Dienste eines abwesenden Paters, welcher der Ordnung gemäß über Tisch hätte lesen sollen, übernehmen mußte, als die anzügliche Stelle gegen den mir so werten Mann abgelesen werden sollte. Der Pater Beda war gegenwärtig. Ruhig las ich bis an die Stelle, deren Inhalt für ihn so beleidigend war. Dann schlug ich das Buch zu, legte es weg, nahm Fleurys Kirchengeschichte von Parode ins Lateinische übersetzt, die sonst vorgelesen wurde, vor mich hin und fing nach einer kleinen Pause lateinisch zu lesen an. Der Prior rief mir zu, ich sollte im deutschen Buche fortfahren. Ich stieg von der Kanzel, trat zu ihm und sagte ihm ehrerbietig: »Das Buch enthalte Anzüglichkeiten gegen meinen ehemaligen Pater Professor, ich könne nicht fortfahren.« »Und ich befehle Ihnen,« erwiderte er aufgebracht, »Sie sollen sogleich fortfahren.« »Herr Pater Prior!« sagte ich gelassen, aber fest, »diesmal gehorsame ich Ihnen nicht! Darüber muß der Herr Prälat entscheiden.« Ich ging auf die Kanzel und las den Fleury vor. Kaum hatte ich nach Tische meine Mahlzeit eingenommen und war, weil mir der Regen das Spazieren im Garten verwehrte, ins Rekreationszimmer zu meinen Mitbrüdern gekommen, so trat der Prior mit stolzen und zornigen Mienen zu mir. »Frater Bonifacius!« sagte er, »hab' ich Ihm nicht befohlen, weiter zu lesen?« Ich . Ja, Herr Pater Prior! Aber – Der Prior . Schweig Er, und sag' Er mir, muß der Religiose seinem Obern nicht gehorsamen? Ich . Allerdings, solange er nichts befiehlt, was offenbar wider die christliche Liebe läuft. Der Prior . Was, Frater? Er will meine Befehle examinieren? Weiß Er nicht, daß Er am Altare blinden Gehorsam angelobet hat? Ich . Nie konnte und durfte ich etwas andres angeloben, als was sich mit dem Gesetze der Liebe verträgt. Es heißt in der Schrift: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Der Prior . Hab' ich Ihm etwas befohlen, das Gottes Geboten zuwiderläuft? Ich . Wenn Sie wußten, daß eben eine Stelle vorgelesen werden sollte, welche für den Pater Beda, der bei Tische saß, beleidigende Sachen enthält, ja. Der Prior . Hat Er zu entscheiden, ob etwas billig und recht ist, was die Obern für heilsam erachten? Ich . Das wohl nicht, aber darüber kann und muß ich entscheiden, ob ich etwas Liebloses tun darf. Offenbar aber wär' es lieblos gewesen, eine so beleidigende Stelle, die einen unsrer verdientesten Mitbrüder schmerzen müßte, über Tisch vorzulesen und noch dazu in seiner Gegenwart. Der Prior . Wenn sich's jeder Untergebene herausnehmen wollte, die Befehle der Obern zu bekritteln, wie Er sich's untersteht, Er kecker Frater, wohin würde es mit dem klösterlichen Gehorsam kommen? Ich . Dahin, daß keine andern als vernünftige Befehle befolgt würden. Der Prior . Wie, Er unverschämter Frater! Er will mir noch das Maul anhängen? Er will seinen Obern meistern? und macht mir Vorwürfe, daß ich lieblose Befehle gebe? Ich will Seinen Spruch gegen Ihn wenden: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen«, d. h. man muß mehr Rücksicht auf die Liebe Gottes als die Liebe der Menschen nehmen. Pater Beda hat wider die Religion geschrieben, Weißenbach weiset ihn zurecht, so wie er's verdient, und Ihr meint, eine Stelle, die wieder gut machen kann, was Beda in manchen eurer Köpfe verdarb, solle nicht vorgelesen werden, und es laufe wider die christliche Liebe, einen Irrenden zurechtzuweisen? Nein, nein! Die Liebe der Religion, die Liebe Gottes muß siegen über diese verkehrte Liebe der Menschen. Ich befehle Ihm Frater, daß Er morgen diese Stelle deutlich und verständlich vorlese und heute abend bei Tische für seine Unverschämtheit und seinen ausgezeichneten Ungehorsam bei Wasser und Brot auf dem Boden sitze. Ich . Auf dem Boden sitzen werde ich, das wird mich nicht beschimpfen, weil ich es nicht verdiene. Aber die Stelle lese ich nicht vor. Der Prior sprach: »Das wollen wir sehen!« trabte in vollem Sturme zur Tür hinaus und eilte in die Abtei, um mich zu verklagen. Sogleich ward ich vorgerufen. Der Prälat stand, von seinen Hofpatribus umringt, im Saale, hielt mir eine derbe Strafpredigt, daß ich mich unterstanden hätte, gegen den Pater Prior einen formalen Ungehorsam zu bezeigen und ihm nachher noch vor allen Anwesenden grob zu begegnen. Kühn und unbefangen erzählte ich den ganzen Hergang der Sache, und der Prälat machte große Augen und fixierte den Prior mit scharfen Blicken. Dieser berief sich auf Zeugen, daß ich behauptet habe, der blinde Gehorsam streite gegen Gottes Gebot, und daß ich ihm Grobheiten gesagt habe. Man rief die Zeugen herbei. Vier redeten sich aus, sie könnten sich der von mir gebrauchten Ausdrücke nicht mehr so genau erinnern. Ein fünfter aber schlug auf seine Brust und beteuerte bei seiner priesterlichen Würde, daß er mich alles dasjenige, dessen mich der Prior bezichtigte, sagen gehört habe. Dies brachte mich vollends auf. »Ich begreife nicht,« sagte ich trotzig, »wie es Ihre priesterliche Würde unmöglich machen sollte, daß Sie ein Lügner sind. Schon öfters haben Sie gelogen, und diesmal logen Sie bei Ihrer priesterlichen Würde.« Der Prälat stutzte. »Frater Bonifacius!« sagte er ernsthaft, »Er zeigt es nun vor meinen eigenen Augen, daß Er ein hitziger, unbesonnener Mensch ist. Weil Er sich unterstanden hat, formaliter Seinem Obern den Gehorsam aufzukünden und ihm unehrerbietig zu begegnen, so soll Er bei Tische nicht nur einmal, sondern drei Tage lang bei Wasser und Brot auf dem Boden sitzen.« »Ich bin stolz auf diese Buße,« erwiderte ich, »denn ich leide, weil ich recht tat.« »Wie, Frater!« rief der Prälat, »Er unterfängt sich, Seiner Obern zu spotten? Nun soll Er nicht nur drei, sondern acht Tage bei Wasser und Brot auf dem Boden sitzen! Ich will Ihn schon mürbe machen! Was gilt's, der Stolz soll Ihm vergehen!« Ich ging und saß drei Tage lang. Am dritten Abend kam des Prälaten Kammerdiener, der sonst mein guter Freund war, auf meine Zelle. »Bonifacius!« sagte er nach manchem Umschweife, »du bist doch gar zu eigensinnig! Warum bittest du den gnädigen Herrn nicht, daß er dir die Buße erläßt? Es verdrießt ihn, glaube mir's!« »Mag's doch,« sagte ich, »es könnte mich wohl mehr verdrießen, daß er mich so behandelte, und kann er mir mit Billigkeit zürnen, wenn ich tue, wie er befohlen hat?« »Sei nicht störrisch und wunderlich,« erwiderte er, »und komm! Er ist jetzt ganz anders berichtet.« »Desto besser!« sprach ich, »so weiß er, was er zu tun hat, ohne daß ich erst bitten darf.« Ich ging nicht mit ihm. Nach ein paar Stunden kam er wieder: »Bonifacius! geh mit!« sagte er, »der gnädige Herr will, du sollst kommen!« »Wenn er's befiehlt,« sagte ich, »so gehe ich.« »Er ist doch ein eigensinniger Mensch,« fing der Prälat mit lächelnder Miene an, als ich in die Abtei trat, »ich glaube, Er äße ganze Monate lang auf dem Boden, ohne daß ihm sein Starrkopf bräche. Aber diesmal mag's hingehen! Ich erfahre, nachdem ich das Buch gelesen und nähere Erkundigung eingezogen habe, daß Er nicht so unrecht hatte. Aber Seine rasche Art mußte doch gestraft werden; was Ihm zuviel geschah, will ich Ihm auf andern Wegen vergüten. Er soll mit mir zufrieden sein. Zum Anfang nehm' Er für die Unbill, die Er erduldet hat, dies Geschenk und vergeb Er denen, die Ihn beleidigt haben!« Zähren liefen mir jetzt über die Wangen. »Ich danke Ihnen, gnädiger Herr!« stammelte ich, »für die Güte, mit der Sie mich behandeln! Aber ich bitte, nehmen Sie das Geschenk zurück. Unbilden lassen sich nicht abkaufen, und Sie haben mir keine angetan, nur mein Kläger und sein falscher Zeuge sind daran schuld.« »Kleiner!« erwiderte er, »wenn du den Dukaten nicht nimmst, so glaube ich, du hegest noch Groll gegen mich im Herzen! Nimm ihn und glaube, es ist nur der Anfang von dem, was ich für dich tun werde.« Da nahm ich das Geschenk und erfuhr nun zum erstenmal aus seinem Munde, daß er mich nach Eichstädt schicken wolle, um dort unter der Anleitung des Exjesuiten Pickel , der sich in Ingolstadt als Lehrer der Astronomie usw. großen Ruhm erworben hatte, in der Mathematik vollständigen Unterricht zu erhalten und dann zu Hause als Professor angestellt zu werden. Diese Ankündigung erfüllte mich mit der innigsten Freude, denn ich hatte nun die frohesten Aussichten, meine angelegensten Wünsche erfüllt zu sehen. Mir winkte das glückliche Los, in den Wissenschaften beträchtliche Fortschritte machen zu können, ein paar Jahre der Freiheit und des Umgangs mit bessern Menschen genießen und bei meiner Zurückkunft eine ehrenhafte Stelle, mit welcher die Befreiung von dem lästigen Chorschreien verbunden war, bekleiden zu dürfen. Dies brachte neue Heiterkeit in meine Seele und machte, daß mir alle Geschäfte besser von statten gingen. Was mir die Zuneigung des Prälaten in einem so ansehnlichen Grade gewonnen hatte, war unter anderm auch ein kleines Singspiel gewesen, das ich verfertigt hatte, als sein fünfzigster Geburtstag gefeiert ward. Der Porträtmaler Degle von Augsburg hatte, wie man mir sagte, ohne Wissen des Prälaten, bloß nach einer genauen Beobachtung desselben in der Kirche, ein Porträt verfertigt, das ihm sehr ähnlich war, und brachte es dem P. Prior des Klosters, der es ihm mit Vergnügen abnahm und den Entschluß faßte, da des Prälaten Geburtstag bald anbrechen sollte, es dann mit einiger Feierlichkeit im Konvente vorzuzeigen. Er berief mich zu sich und trug mir auf, ein kleines Singspiel zu schreiben, das zu seinem Zwecke anwendbar wäre. Gern verstand ich mich dazu und dichtete eine Art Operette, die mit Gesprächen und Gesängen abwechselte. Noch weiß ich, daß ich unter andern auch Genien auftreten ließ, welche sich die guten Taten und die rühmlichern Züge aus dem Leben des Prälaten im Schäfertone erzählten und endlich sein Bild, das ihnen die Liebe, als Mutter erscheinend, auf einem Altare zeigte, mit Blumen krönten. Die allegorischen Personen beweisen schon zur Genüge, welch ein echtes Klosterdrama mein Machwerk war. Kein Wunder, wenn es unter meinen Mitbrüdern Leute gab, die mir mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken ihren Beifall bezeigten. Der Frater Gregor, ein sehr geschickter junger Organist, der bereits viel Anlage zu einem guten Komponisten zeigte, setzte meine Verse in Musik; im Rekreationszimmer ward ein kleines Theater errichtet, jeder Singknabe in seiner Rolle geübt und das Stück am bestimmten Tage gegeben. Der Prälat, dem man weiter nichts gesagt hatte, als daß ihm zu Ehren ein kleines Singspiel aufgeführt werden würde, erschien dabei und mußte seine eigene Apotheose mit ansehen. Aus seinem Charakter leuchtete wirklich viele Herzensgüte hervor. Wenn er durch seine Empfehlungen jemandem helfen konnte, so versäumte er es niemals. Den Mönchen teilte er, freigebiger als seine Vorfahren, am neuen Jahre, in der Fastnacht, bei den Frühlings- und Herbstaderlässen und am Namensfeste eines jeden Geschenke an Geld aus, welche das Jahr hindurch auf den Kopf etwa 15 bis 20 fl. rheinisch betragen mochten. Das empfangene Geld durfte jeder nach Willkür zu wichtigern oder geringern Ausgaben verwenden, aber mehr als einen Gulden sollte keiner bei sich tragen. Was darüber war, mußte den Klostergesetzen gemäß ins Priorat gebracht und dort in das für jeden bestimmte Schublädchen als Depositum hinterlegt werden. Aber der Umstand, daß der Prior, so oft jemand einen Teil seines Depositums wieder abholen wollte, immer zu wissen verlangte, wozu man es zu brauchen gedächte; und die Freiheit, die er sich dann herausnahm, die verlangte Summe, sobald er mit dem angegebenen Zwecke nicht ganz zufrieden war, dem Fordernden zu versagen, waren Ursache, daß die meisten Mönche ihre Gelder, die sie, ohne entdeckt zu werden, verleugnen konnten, größtenteils bei sich behielten und immer nur einen geringen Teil davon als Depositum hinterlegten. Nie besaß ich eine beträchtliche Summe, höchstens hatte ich 20 bis 25 fl. Das meiste verwandte ich auf Möbel zur Zierde meiner Zelle und auf neue Bücher, die ich von Augsburg kommen ließ. Immer hatte P. Beda mich lieb gehabt, aber seit dem Vorfalle mit den Vorboten des neuen Heidentums behandelte er mich wie seinen vertrauten Freund. Öfters saßen wir abends nach der Komplet beisammen und unterhielten uns mit interessanten Gesprächen. Einmal versprach er mir sogar, sein geheimstes Religionssystem schriftlich aufzusetzen und es mir zum Lesen mitzuteilen. Treulich hielt er Wort, als ich ihn nach etlichen Tagen wieder besuchte. Aber entweder hatte der Mann wirklich keine höhere Stufe der Aufklärung erstiegen, oder er fürchtete, eine ganz aufrichtige Mitteilung seiner Meinungen könnte ihm einst, wenn wir etwa uneins werden sollten, Verdruß zuziehen, sein System war zwar frei von der gewöhnlichen Albernheit der Lehren von Wallfahrten, Reliquien, Heiligsprechungen, Ablässen usw., aber im ganzen echt katholisch; nur bei der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche machte er einen Unterschied zwischen den Dogmen, die Christus unmittelbar gelehrt haben soll, und zwischen den Dogmen, die nachher von der Kirche zur Beilegung gefährlicher Religionszwiste als Glaubensartikel aufgenommen wurden. In Absicht der ersten behauptete er die Unfehlbarkeit der Kirche, welche dieselben zu glauben befiehlt, weil sie dadurch nichts andres lehrt, als was Christus selbst ausdrücklich gelehrt hat; in Absicht der andern aber meinte er, die Kirche könnte, sowie das Licht der Vernunft heller leuchten würde, bessre Einsichten erhalten und also auch Abänderungen im Vortrage ihrer nun besser gefaßten Dogmen vornehmen. Die Aufrichtigkeit dieses gelehrten Mannes kettete mich so sehr an ihn, daß er nach meinem Minchen und Freunde lange den nächsten Platz in meinem Herzen einnahm, und ich achtete ihn so hoch, daß ich, um seine Ehre zu verteidigen, alles, was mir teuer war, gewagt haben würde. Dennoch konnte ich ihn niemals so innig und so von ganzem Herzen lieb haben, wie meinen Busenfreund Placidus, denn er hatte neben vielen trefflichen Eigenschaften doch auch manches Zurückstoßende in seinem Charakter. Die Ordines Minores oder vier kleinern Weihen hatte uns der Prälat, kraft der ihm mitgeteilten Gewalt, bald nach dem Noviziate mit großem Gepränge in der Klosterkirche erteilt. »Der Frater Bonifacius,« sagte der Prälat einst halb im Scherze, halb im Ernste, als ich in die Abtei trat, zum P. Benno, der eben bei ihm stand, »muß doch vorher das Subdiakonat empfangen, ehe ich ihn nach Eichstädt schicke. Denn hätte er keine der größern Weihen, so möchte ihn etwa die Lust anwandeln, sich vom Orden loszumachen und sein Glück als Weltmann zu versuchen. Aber wir wollen ihn erst zum Subdiakonus machen, dann hat er keine Hoffnung mehr, vom geistlichen Stande loszukommen und muß uns wohl getreu bleiben.« Meine Mutter und bald nachher mein Bruder Hans Michel besuchten mich noch, ehe ich nach Eichstädt abreiste. Wenn die Mutter kam, ward sie gewöhnlich in das sogenannte Engelzimmer einquartiert, das einst dem Frater Joachim zum Kerker gedient hatte und finster, eng, stark vergittert und ohne Aussicht war. Selten verirrte sich ein Hofpater dahin, um sie flüchtig zu grüßen, und das Essen wurde vom Konventdiener, den ich gewöhnlich dazu erbat, mit ziemlich ökonomischer Sparsamkeit herbeigebracht. Diese Begegnung stach freilich gegen die prächtigen Tafeln, die täglich reichen Spielkameraden des Prälaten und den besuchenden Freunden und Freundinnen der begünstigten sogenannten Hofherren gegeben wurden, gar seltsam ab, besonders wenn ich mich des großen Rühmens erinnerte, welches die Obern von der christlichen Gastfreiheit machten, die der Regel des heil. Benedikts gemäß im Kloster ausgeübt werden sollte, im Grunde aber unnützer Aufwand war, wodurch wahrhaft Dürftige nur selten gesättigt, müßige Prasser aber täglich übersättigt wurden. Wenn mein Vater kam, konnte ich ihn nie überreden, daß er zu Gaste blieb. Er scheute den Umgang mit den schwarzen Herren. Und mein Bruder, der Kantor, war mit der Klostereinrichtung zu gut bekannt, als daß er jemals Lust bekommen hätte, bei Tische zu bleiben. Öfters ritt er von Höchstädt nach Donauwörth, zog sein Pferd in den Stall eines Gasthofs, aß dort zu Mittag und besuchte mich erst nach dem Essen, um in meiner Zelle einen frohen Nachmittag hinzuplaudern. Um 4 Uhr ritt er gewöhnlich wieder nach Höchstädt zurück. Mit der Abreise nach Eichstädt verzog es sich lange, so daß ich zu fürchten anfing, der Prälat möchte seine Gesinnung geändert haben. Endlich ließ er mich rufen, bestimmte den 2. Januar zur Abreise, gebot, daß mir Reisekleider verfertigt werden sollten, und befahl dem Kammerdiener, einen Koffer auf meine Zelle zu tragen. Ich packte meine nötigsten Sachen ein und nahm sowohl bei Minchen, ihrem Manne und ihren Eltern, die mich in den Weihnachtsfeiertagen auf einen Besuch in ihren Wohnungen eingeladen hatten, als von meinem Freunde und dem Pater Beda zärtlichen Abschied. Alle versprachen wir einander fleißig zu schreiben. »Lieber Freund!« sagte Beda, als wir noch in der letzten Nacht Hand in Hand auf seinem Bette saßen und mit gerührten Herzen das Versprechen unsrer Freundschaft erneuert hatten, »eins liegt mir noch am Herzen! Laß dich in keine geheime Gesellschaft anwerben; ich sage dir, man wird dir nachstellen, denn in Eichstädt sind allerlei Logen. Es gibt dort Frères penseurs oder denkende Brüder, diese sollten vielmehr tändelnde Brüder heißen, denn sie geben sich bei ihren Zusammenkünften mit dem kindischen Spiele ab, durch annähernde Fragen Gedanken zu erraten. Eine andre Versammlung ist jene der Freimaurer, sie sind aber nur unechte, die ihre Angeworbenen gern um Geld prellen. Eine dritte Gesellschaft kann ich dir nicht nennen, denn soviel ich weiß, gibt sie sich selbst keinen Namen, um weniger verraten zu werden. Diese ist von allen die schlimmste. Ihre Mitglieder sind Gottesleugner, Feinde der bürgerlichen Verfassung und überhaupt die verdorbensten Freidenker, die sich nur mit Religionsgespötte, Zoten und dem Tadel andrer Menschen abgeben. Aber sie verbergen ihre Unart hinter der Larve der Aufklärung, der Vaterlandsliebe und andrer affektierter Tugenden. Ich selbst ward von ihnen betrogen. Du erinnerst dich noch, daß ich einst von München zurückkam und dir mit Entzücken erzählte, daß ich in eine Gesellschaft aufgenommen wäre, bei der nur die besten Köpfe Bayerns Zutritt erhielten. Damals glaubte ich dies, aber ich entdeckte bald, wie sehr ich mich betrogen hatte. Es war eben die Gesellschaft, von der ich dir spreche. Nun hab' ich mich von ihnen förmlich wieder losgesagt. Gedenke dieser meiner Ermahnung! Laß dich nicht anwerben, wenn du mein Freund bleiben willst. Sobald du in diese Gesellschaft trittst, werde ich die Spuren davon wahrnehmen, dann schreib' ich dir nicht mehr, dann werd' ich ebensosehr dein Feind sein, als ich jetzt dein Freund bin.« »Lieber P. Beda,« sagte ich, »nach einer solchen Warnung hat es keine Gefahr, daß ich mich anwerben lasse, und wenn unsre Freundschaft durch keinen andern Vorfall unterbrochen wird, so währt sie ewig.« Unter Tränen nahm ich Abschied von meinem Busenfreunde, dem Verwandten Minchens. »Ach, nun hab' ich keine treue Seele mehr,« so klagte er, »der ich meine Gefühle mitteilen könnte, von der ich verstanden würde, wie von dir! Ich bin verlassen und einsam!« Er weinte beinahe den ganzen Neujahrstag und konnte selbst bei Tische die Zähren nicht zurückhalten, so daß er manchem zum Gespötte wurde. Siebentes Kapitel: Illuminatist in Eichstädt. Mathematische Studien in Eichstädt – Illuminatismus – Revolution in der religiösen Denkungsart – Der »Minerval« – Erholungen und Nebenarbeiten – Besuch in München – Progression im Illuminatimus – Eine Freimaurerszene – Verdruß mit Pater Beda – Das Diakonat und Presbyteriat – Aufklärertum – Die Primize – Brautwahl. Als am 2. Januar 1782, morgens um sechs Uhr, die Kutsche, in der ich mit dem Prälaten saß, durch die Hauptgasse rollte, suchten meine Blicke, unter tausend süßen Wünschen, Minchens Wohnung auf, um von ihr noch einmal in Gedanken zärtlichen Abschied zu nehmen. Sie wußte beiläufig die Stunde, in der ich abreisen würde. Das Rasseln des wohlbespannten Wagens nebst dem Kammerdiener, der nebenher ritt, mochten sie nun aufmerksam gemacht haben. Sie schaute aus dem Fenster, als wir vorüberfuhren, mein Herz schlug heftiger, ich hätte ganz Auge sein und Flügel haben mögen. Aber die Nacht verwehrte mir, sie anders als im Schattenriß auf der beleuchteten Zimmerdecke zu sehen. Weiterhin kam auch Malchen ans Fenster und begleitete den Freund ihres Geliebten mit Segnungen. Wenn mich der Prälat nicht durch Gespräche aus meinen stillen Träumen weckte, so schwebte meine Phantasie zu allen den Lieben hin, die ich in Donauwörth zurückließ, und manchmal flog ein warmer Dank zum Himmel empor für die vielen glücklichen Stunden, vorzüglich für die Freuden der Liebe, die ich während meines Aufenthaltes im Kloster genießen durfte. Die Reise ging über Neuburg. Abends um fünf Uhr saßen wir schon in der Abtei zu Rebdorf, eine starke Viertelstunde von Eichstädt und spielten Lotterie. Der Propst, unser Wirt, ein guter freundlicher alter Wann, vernahm kaum, daß ich ein Mathematiker werden sollte, so hatte er seine Freude daran, mich als einen jungen Kalendermacher, Sterndeuter und Wetterpropheten zum besten zu haben und mich alle Augenblicke zu fragen, ob morgen und übermorgen eine günstige Witterung für die Schweinsjagd einfallen würde. Denn er war ein großer Liebhaber von dieser Art Zeitvertreib und hatte meinen Prälaten, der sich gleichfalls als ein hitziger Jäger auszeichnete, eigens dazu eingeladen. Sogleich mit dem kommenden Tage führte mich mein Prälat ins Kollegium der Exjesuiten zu Eichstädt, bat den Pater Pickel, mir vollständige Anleitung in der Mathematik zu geben, und erkundigte sich bei ihm um einen guten Tischort, wo ich wohl verpflegt und vor böser Gesellschaft bewahrt bleiben möchte. Man schlug das Haus der Frau Waldvögtin vor, einer guten frommen Witwe von etwa 36 Jahren, die auch andern Geistlichen die Kost reichte. Mein Prälat suchte mit mir ihre Wohnung auf, ward wegen der Preise für Aufenthalt und Verpflegung des Handels bald einig und nahm mein künftiges Wohnzimmerchen in Augenschein, aus dessen Fenster man eine hübsche Aussicht gegen Süden in einen Garten und die Höhen hinan bis zur Klause auf ihrem Gipfel hatte. Dann gingen wir zu einigen Freunden des Prälaten, einem Kanonikus, mit dem er gut bekannt war, und dem Hofmusikus Rehm, dessen Sohn eben damals in Donauwörth studierte. Der Prälat empfahl mich ihnen, erlaubte mir, wenn ich etwas bedürfen sollte, mich an diesen Herrn wenden zu dürfen und bat ihn, mir das Nötige auf des Klosters Rechnung vorzustrecken. Ehe mein Ordensoberer abreiste, traf er Anstalt, daß mir von Zeit zu Zeit aus dem Kloster Rebdorf ein Fäßchen Wein abgeliefert würde, gab mir drei Louisd'ors Taschengeld, befahl mir, ihm offenherzig und öfters alles, was mir am Herzen läge, zu schreiben, nahm mit väterlichen Ermahnungen Abschied und erteilte mir seinen Segen. Mit nassen Augen begleitete ich den Gütigen, der mir wie ein Vater war, an seinen Wagen. Noch an ebendemselben Tage ließ ich meinen Koffer zur Frau Waldvögtin bringen, packte meine Sachen aus und begann, nicht ohne Aufblick zum Himmel, meine neue Lebensart. Gar leicht lernte ich mich in meine Lage fügen, denn jedermann im Hause tat mir alles, was man mir ansah, zu Gefallen. Meine Sehnsucht nach Minchen und nach meinem lieben Freunde suchte ich sogleich den andern Tag und ebenso auch in der Folge durch Briefe zu stillen. Pater Pickel fing seinen Unterricht bei den ersten Gründen der Arithmetik an, merkte aber bald, daß er es nicht mit einem noch ganz uneingeweihten Anfänger zu tun habe und ward mit mir einig, ich sollte, damit wir die Zeit nicht unnütz verlieren möchten, zuerst die Arithmetik und Algebra, dann die Geometrie und Trigonometrie samt den Kegelschnitten, nach Anleitung seines Lehrbuches und andrer Autoren, auf meinem Studierzimmer noch einmal durchlaufen und ihn nur dann besuchen, wenn ich einen Anstand finden würde, den ich mir nach aller Anstrengung doch nicht selbst zu heben wüßte. Diese Methode behielten wir auch bei, als ich die optischen Wissenschaften, die Anfangsgründe des Infinitesimal- und Integralkalkuls, die Mechanik und die astronomischen Wissenschaften studierte. Auf mein Bitten, das durch P. Pickels Vorsprache wirksamer ward, kaufte mir der Prälat die nötigen Werkzeuge zum Zeichnen und einige kostbare Bücher, deren ich bedurfte. Ich begleitete meinen Lehrer zum Feldmessen, legte selbst Hand an und sparte überhaupt keinen Fleiß, um in der Mathematik jene Fortschritte zu machen, die das Kloster, den auf mich verwandten Kosten gemäß, erwarten konnte. Bald hatte ich nach einer neuen, von Pickel ersonnenen Methode einen Visierstab verfertigt und übersandte ihn nebst den nötigen Tabellen, die ich eigens dazu berechnen mußte, als die erste kleine Probe meiner Arbeiten dem Prälaten, der mich durch ein Geschenk an Geld noch mehr aufzumuntern nicht versäumte. Wenn ich große Rechnungen zu stellen hatte, saß ich gewöhnlich ganze Tage und Nächte unausgesetzt auf meinem Zimmer, aß kaum, schlief nur wenig oder gar nicht und hörte nicht auf zu arbeiten, bis ich damit am Ende war, so daß sich mein Lehrer manchmal wunderte, wie ich mit dem langwierigsten Kalkül ohne Verstoß so bald fertig werden konnte. Freilich hatte ich die Unart an mir, nach einer solchen Überspannung immer ein paar Lumpentage, wie ich sie nannte, zu machen, das heißt, ich ging entweder mit Rehm oder einem andern Bekannten auf ein Dorf spazieren, zechte dort und hüpfte in Wäldern und Gärten umher, oder ich jagte mich allein mit einem Hündchen, das ich mir gekauft hatte, bergauf, bergab, kletterte an Felsenwänden oder lag dichtend im Grünen. Man hatte mir im Kloster die Gegend um Eichstädt immer als einen traurigen Kessel beschrieben, in dessen Tiefe die Stadt läge. Allein mir gefiel die Gegend sehr wohl. Das Tal ist gut bebaut, nicht sehr breit, aber lang genug, um gegen Osten und Westen dem Auge eine hübsche Aussicht zu gestatten. Einige Berge umher sind zwar steil, aber nicht wild. Ich hatte große Freude, bald rechts, bald links einen davon zu ersteigen und mich von seiner Höhe herab am Anblick der schönen Natur zu erquicken. Am liebsten hielt ich mich in einem sehr hochgelegenen Baumgarten zu Wintershof auf, wo ich die reizendste Aussicht über die höheren Gegenden hin, auf die alte Reichsfestung Willibaldsburg hinüber und in das fruchtbare Tal hinab, durch das der Fluß Altmühl sich in manchen Krümmungen windet, am besten genießen konnte. Die Altmühl ist wegen ihrer schmackhaften Krebse berühmt; oft ging ich in Gesellschaft guter Freunde zu einem Fischer unweit Rebdorf und ließ auf einem Schiebkarren ein Fäßchen gutes Bier dorthin bringen, dann setzten wir uns ins Gras, scherzten, lachten, hüpften, zechten und genossen die Krebse, die uns der Fischer im Überfluß bereitete. Das hießen wir denn einen Krebsabend feiern. Einer der Freunde, mit denen ich am liebsten Umgang pflegte, war der Kanonikus, dem mein Prälat mich so väterlich empfohlen hatte. Oft kam er zu mir, ich oft zu ihm. Bei meiner Offenheit mußte es ihm ein leichtes werden, meinen Charakter ausfindig zu machen. Er mochte schon lange einen schicklichen Anlaß gesucht haben, meine Meinung von geheimen Gesellschaften zu erforschen, aber nie wollte es ihm recht damit gelingen. Alles, was er anfangs herausbringen konnte, war, daß ich gern die Mitglieder solcher Gesellschaften gekannt hätte und sie zu erraten strebte. Einst aber bot sich ihm eine günstige Gelegenheit dar, mich über diesen Punkt auszuholen. Ein Hofherr des Bischofes hatte seit mehreren Jahren den Garten der Frau Waldvögtin gemietet, ein niedliches Gartenhäuschen darin nach seinem Geschmacke errichtet und dasselbe mit Gemälden und Aufschriften verziert. Unter den letztern zeichnete sich eine Chiffreschrift aus, über die ich mir oft den Kopf zerbrach, ohne daß es mir gelang, sie zu entziffern. Die Leute sagten mir immer, es sei eine Freimaurerschrift. Doppelt neugierig war ich, seit ich dies glaubte. Da ich Erlaubnis hatte, mich zu jeder Zeit, sowohl im Garten als im Gartenhäuschen aufzuhalten, entschloß ich mich, der Entzifferung des Rätsels einige Stunden zu widmen, zeichnete die Charaktere Zug für Zug nach, zählte dann, wie oft jeder Buchstabe darin enthalten sei, versuchte diejenigen, welche am öftesten wiederkamen, als Vokale zu gebrauchen und Worte zusammenzusetzen, so lange, bis es mir endlich gelang, das Alphabet zu erraten und – mich selbst verlachend – gewahr zu werden, daß das große Geheimnis weiter nichts sei als eine Strophe aus einem Gedichte Friedrichs II.: C'est ici, que je passerai ma vie Sans préjuge et sans ambition, Cherchant le vrai dans la philosophie, Et me bornant à ma condition. Frédéric II. R.d.P. au Chanson de Sanssouci. Der Sinn dieser Verse gefiel mir doch sehr wohl. Eben jetzt besuchte mich der Kanonikus, dem ich sogleich meinen Fund mitteilte. »Interessiert Sie denn,« fragte er, »die Freimaurerei so sehr?« »Wie Sie das nehmen wollen,« erwiderte ich, »im ganzen kann ich keinen andern als einen üblen Begriff von einer Gesellschaft haben, von der man allgemein wenig Gutes spricht. Mein Pater Professor – Sie wissen, daß er ein geschickter Mann ist! – hat mir noch dazu ein sehr schlimmes Bild von ihren Mitgliedern gezeichnet, und er kennt sie aus Erfahrung, wie er mir selbst gestand. Insofern interessieren sie mich aber doch, daß ich gern wissen möchte, wer die Leute sind und was sie treiben.« »Was hat denn Beda von den Freimaurern erzählt?« fragte er weiter. Mit meiner gewöhnlichen Treuherzigkeit erzählte ich nun alles, was er mir gesagt hatte. Da war der Kanonikus im klaren und wußte genau, welche Bedenklichkeiten mir im Kopfe säßen. »Glauben Sie denn,« fuhr er fort, »daß gerade die angesehensten und aufgeklärtesten Männer so ungesittete und verdorbene Menschen sind?« »Nein,« antwortete ich, »aber ob die Freimaurer so angesehene und aufgeklärte Männer sind, als Sie sagen, das ist eben die Frage.« »Sie kennen mich doch?« sprach er mit einem Tone von Selbstgefühl, der seine Wirkung bei mir nicht verfehlen konnte, »bin ich denn ein so schlimmer Mann? Und ich gestehe Ihnen unverhohlen, ich bin ein Freimaurer.« »Aber wahrscheinlich einer von jenen unechten, die besser als die echten sind,« versetzte ich ihm scherzend. »Beda hat Ursache,« erwiderte er ziemlich ernsthaft, »Ihnen von unechten Maurern vorzuschwatzen. Es wundert mich, da er Ihnen doch vertraute, er selbst habe sich in München anwerben lassen, daß er nicht auch gestand, er sei, weil er sich als ein eitler Schwätzer auszeichnete, förmlich wieder ausgestoßen worden. Erinnern Sie sich nur an die große Tafel, die am Namensfeste des Prälaten gegeben wurde, als ich eben auch in Donauwörth war! Damals war Beda von der hohen Ehre, in eine Gesellschaft vortrefflicher Männer aufgenommen zu sein, so sehr entzückt, daß er, uneingedenk seines Schwurs der Verschwiegenheit und ruhmredig genug, an offener Tafel von seiner Aufnahme und dem Glücke, das ihm dadurch zuteil geworden war, laut zu sprechen anfing und sogar sein empfangenes geheimes Ordenszeichen auf einem Teller den Gästen zur Schau herumbot. Mehrere Mitglieder eben derselben geheimen Gesellschaft waren zugegen, sahen mit Verdruß den ausgezeichneten Unfug und zeigten es bei höherer Behörde an. Da ward nun freilich der eitle Prahler mit einer wohlverdienten Strafpredigt ausgestoßen, allenthalben den Brüdern als ein Suspendierter angekündigt und die Ordensinsignien herauszugeben angehalten. Ob er sich nun aus Scham und Furcht, vor Ihnen in einem so ungünstigen Lichte zu erscheinen, oder aus bessern Ursachen so feierlich gegen den geheimen Orden erklärte, dem er anzugehören sich erst so öffentlich rühmte, das mögen Sie selbst entscheiden.« Daß Beda dies getan hatte, wußte ich wohl, denn das goldene Ordenszeichen war bei der Tafel auch in meine Hände gekommen. Deutlich sah ich nun ein, die Leidenschaft müsse dem guten Beda die Zunge gelöst haben, als er mir von den Eichstädtischen geheimen Gesellschaften ein so häßliches Gemälde entwarf. Unmöglich konnte ich dem Kanonikus etwas Gründliches gegen seine Erzählung einwenden. Alles, was ich zu sagen wußte, war: »Es mag sein, daß den P. Beda im gegenwärtigen Falle eine Schwachheit angewandelt hat, aber schon das Geheimtun dieser Art Leute ist mir anstößig. Warum nicht offen gehandelt, wenn man Gutes vorhat?« Allein da wußte er mir soviel vom Reize des Geheimnisses, vom schädlichen Eindringen der untauglichen Großen in öffentliche Anstalten, von der Wirksamkeit der Bösen gegen bekannte gute Einrichtungen und von der Unmöglichkeit, etwas unbekanntes Gutes zu zerstören usw., zu sagen, daß ich endlich in die Worte ausbrach: »Ich begreife, es könne geheime Gesellschaften geben, deren Zweck edel sein mag, deren Arbeiten aber doch weislich verborgen bleiben müssen.« »Würden Sie den geheimen Orden kennen,« erwiderte er, »den Ihnen Beda so schwarz abgemalt hat, so müßten Sie mit Freuden gestehen, daß es eben eine solche Gesellschaft ist. Wenn Sie sich bequemen wollen, mir einen schriftlichen Revers auszustellen, den ich Ihnen vorlegen werde, so will ich Sie mit der Einrichtung dieses vortrefflichen Ordens bekannt machen. Weigern Sie sich, so ist mir die Zunge gebunden, und Sie bleiben in der alten Finsternis.« Was sollte ich nun tun? Der Vorwitz sprach mächtig in mir. »Wenn ich nur wüßte,« sagte ich, »daß der Orden nichts gegen Staat, Religion und gute Sitten lehrte oder täte, so wünschte ich zu hören, wie der Revers laute, den ich ausstellen soll.« »Daß gegen Staat, Religion und gute Sitten,« sprach er, »in der Gesellschaft, zu der ich gehöre, durchaus nichts unternommen werde, dafür stehe ich Ihnen mit meiner Ehre. – Ist Ihnen das genug? Wollen Sie schreiben?« Ohne erst meine Antwort abzuwarten, die freilich nicht wohl verneinend ausfallen konnte, zog er einige Papiere aus seiner Tasche und las mir den Revers langsam und deutlich vor. Es war ebenderselbe, der in dem echten Illuminaten (oder den wahren, unverbesserten Ritualen der Illuminaten , Frankfurt, 1788. 8 abgedruckt ist, in welchem jeder Aufzunehmende »bei seiner Ehre und gutem Namen, ohne geheimen Vorbehalt,« versprechen mußte, »von den ihm anvertrauten Sachen auf keine mögliche Weise an irgend jemand das geringste zu verraten und alle ihm mitgeteilten Schriften und Briefe zurückzugeben, um so mehr, da man ihm vorläufig versichert hätte, daß in dieser Gesellschaft nichts gegen Staat, Religion und gute Sitten unternommen würde.« Der Inhalt dieser Schrift dünkte mich so unverfänglich und die Forderungen so gerecht, daß ich keinen fernern Anstand nahm, den Revers zu schreiben und zu siegeln. Der Kanonikus steckte ihn in die Tasche und sprach: »Nun, Freund, darf ich freier von der Brust reden: ich weiß, Sie haben ein redliches Herz und werden Ihrem Versprechen getreu bleiben. Sehen Sie, hier ist ein Auszug aus den Statuten des Ordens, wir wollen sie durchgehen.« Dann las er mit mir die Instruktion für die Insinuaten oder Rezepten und lehrte mich, wie ich mein Tagebuch (Ordensdiarium, in welchem alles, was ich vom Orden empfangen oder an denselben abgeben würde, genau aufgezeichnet und von meinen täglichen Geschäften Rechenschaft gegeben werden sollte) einzurichten habe; er zeigte mir ferner die Handgriffe beim Notieren nach der Methode des Ordens, und wie mein Quibus licet, ein Brief an die höhern Obern, nach den Regeln verfaßt werden müßte, in welchem ich monatlich anzeigen sollte, ob und welche Beschwerden ich gegen den Orden habe, was mir für Befehle zugekommen seien, und was ich an Gelde erlegt habe, nebst andern Anmerkungen, die ich etwa nötig finden möchte. Auch gab er mir die Chiffreschrift, las mir die allgemeinen Ordensstatuten, die mir sehr wohl gefielen, vor, trug mir auf, zwei Tabellen, die erste über mich selbst und die zweite über meine Verhältnisse nach Anweisung der mir vorgelegten Formulare zu verfassen und als erstes Pensum eine kleine Abhandlung aufzusetzen über die Frage: »Welche Ursachen kann ein vernünftiger Mann haben, in eine geheime Gesellschaft einzutreten?« Sogleich den andern Tag kam mein Rezipient wieder, erkundigte sich sorgfältig, ob ich meine Gesinnungen noch nicht geändert hätte, sagte mir unter anderm auch, daß er den Ordensnamen Moses führte, und daß ich Aristoteles heißen sollte und nahm meine Tabellen in Empfang. Das aufgegebene Pensum arbeitete ich sehr bald aus und erhielt den Beifall meines Rezipienten, der mir sogleich nach Ablieferung desselben eine zweite Abhandlung zu schreiben auftrug. Der Stoff war: »Über die Mittel, durch welche man einem jungen Menschen das Studium der Moral vorzüglich achtungswürdig machen kann.« In einem dritten Pensum mußte ich die Frage abhandeln: »Wie kann man bei Jünglingen Lust zum Selbstdenken erwecken?« Da es nach den Statuten erlaubt war, die Aufsätze in jeder beliebigen Form zu verfassen, so wählte ich die Briefform. Allein mein Rezipient war darüber mit seinem Lobe sehr sparsam und erinnerte, es würde mir besser und nützlicher sein, künftig Formen zu wählen, die eine strengere systematische Ordnung heischten. Infolge dieser freien und intensiven Beschäftigung mit religiösen und philosophischen Fragen hatte wirklich das Vorurteil, jeder Zweifel in Religionssachen sei eine Todsünde, durch die Erkenntnis, edle Liebe könne keine Sünde sein, in mir den ersten Stoß bekommen. Dann wagte ich mich in Eichstädt, als mich täglich wichtigere Geschäfte drängten, als das Brevierbeten war, an die Meinung, jeder Geistliche, der bereits eine der größeren Weihen empfangen habe, sei unter einer Todsünde verbunden, täglich das ganze Brevier zu beten, ohne eine einzige Hora auszulassen. Dann ging es an die Lehre von der Transsubstantiation und der Ohrenbeicht. So oft ich aber dergleichen Sätze prüfen wollte, lief ich erst in die Kirche und betete inständig zu Gott, er möchte mich doch erleuchten, damit ich nicht auf Irrtümer geriete. Obschon ich gefunden hatte, daß die Ohrenbeicht dem Sünder zur Versöhnung mit Gott nicht notwendig sei, so ging ich doch meiner Gewohnheit zufolge alle Sonn- und Festtage zum Beichten in die Domsakristei, weil ich glaubte, bei meiner geringen Übung im Denken könnte es etwa doch noch möglich sein, daß die Beicht zum Heil erfordert würde, ich wollte also das Sicherste wählen und beichten, nicht eben, weil ich müßte, sondern weil ich dabei ruhiger sein dürfte. Die Gespräche in den Gesellschaften der unbekannten Herren, in die mich Moses manchmal mitnahm, betrafen oft Religionssachen; meine Zweifel häuften sich, ich fühlte mich gezwungen, über Erbsünde, und da ich auch diese als eine unstatthafte Dichtung befand, über das Werk der Erlösung, das mit ihr so enge zusammenhängt, und dann über Trinität, Unsterblichkeit und sogar über das Dasein Gottes usw. meine Untersuchungen anzustellen. Dies verwickelte mich in kurzer Zeit in ein solches Labyrinth von Ängstlichkeiten, Zweifeln und Ungewißheit, daß ich nicht mehr wußte, an was ich mich halten sollte. Es war ein höchst schmerzhafter Zustand für Herz und Kopf. Mit aller Anstrengung vermochte ich kaum Licht zu finden. Ich seufzte und rief Gott mit einer Innigkeit, die ich nur selten empfunden hatte, um Erleuchtung und Hilfe an. Nach und nach legten sich die Stürme, das Chaos der Gedanken entwickelte sich, und ein System von moralisch-religiösen Grundsätzen ging hervor, bei dem ich mich beruhigen konnte, und an dem ich bis diese Stunde bessre. Ich müßte ein besondres philosophisch-theologisches Buch schreiben, wenn ich hier die Gründe und Gegengründe anführen wollte, die ich gegeneinander abzuwägen hatte. Mein Prälat schrieb mir zu dieser Zeit, ich sollte zur Fastnachtfeier nach Donauwörth kommen. Ich reiste also an einem schönen Wintermorgen von Eichstädt ab. Je näher ich Donauwörth kam, desto wärmer ward mir ums Herz; ich sollte ja Minchen bald wieder sehen! Begierig blickte ich aus dem Wagen, als ich die Hauptgasse hinauffuhr, und wünschte, sie möchte am Fenster stehen. Aber umsonst! Erst nach ein paar Tagen gelang es mir, mit meinem Freunde einen Besuch bei ihrem Vater ablegen zu dürfen. Die Mutter schickte sogleich nach Minchen und ihrem Manne. O, wie flink kam sie daher, wie zärtlich blickte sie mich an und drückte mir innig die Hand! Es war ein glücklicher Abend, den wir beieinander verlebten. Als ich wieder in Eichstädt war, kam einst abends um sechs Uhr der Bruder Moses auf mein Zimmer, hieß mich einen schwarzen Überrock anziehen und ging mit mir in einen Domherrnhof. Dort führte er mich in eine finstre Kapelle, sagte mir, hier sollte ich noch einmal reichlich überdenken, ob ich in die geheime Gesellschaft, deren Mitglied er sei, wirklich aufgenommen werden wollte, und sperrte die Kapellentür hinter sich zu. Nach einer starken Viertelstunde öffnete er die Tür wieder und ließ mich in ein großes unmöbliertes Zimmer mit wohlverriegelten Fensterläden treten, das nur von einem ersterbenden Lämpchen notdürftig erleuchtet ward. »Welchen Entschluß haben Sie gefaßt?« fragte er mich. »Wenn das wahr ist,« erwiderte ich, »was Sie mir von der Gesellschaft Gutes gesagt haben, so ist's mir unmöglich, die Aufnahme nicht zu wünschen.« »Besinnen Sie sich noch einmal,« sprach er dann, »und warten Sie hier, bis man Sie abholt, Ihre Wünsche sollen erfüllt werden.« Da verließ er mich wieder und verschloß die Tür. Es kam mir ziemlich ekelhaft und dabei etwas lächerlich vor, mit so vielen Zeremonien unnützerweise geplagt zu werden. Eigentlich hätte ich sogleich in dieses Zimmer geführt werden sollen. Allein man initiierte, wie ich nachher erfuhr, unmittelbar vor mir ein paar andre junge Männer, mit denen ich in der Folge näher bekannt wurde. Da nun nicht genug finstre Zimmer im Hause waren, so mußte ich indes in die Kapelle wandern, bis die Initiation des einen vorüber sein würde. Endlich rief mich Moses hinaus und trat mit mir in ein schön möbliertes Zimmer. Der Tür gegenüber stand ein Tisch mit Lichtern, an dem ein mir unbekannter Ordensbruder von Adel thronte; an der Wand zu meiner Linken saß ein andrer unbekannter Bruder, den die Schreibmaterialien auf seinem Tischchen als den Sekretär kenntlich machten. Zur Rechten nahm mein Führer seine Stelle ein. Alle waren mit ihren Ordensinsignien geschmückt. Genau dieselben Fragen, die im echten Illuminaten angeführt sind, wurden von dem Obern an mich getan. Dreist antwortete ich; der Sekretär schrieb meine Worte nieder, und mein Pate Moses las diejenigen Antworten her, welche der Rezipiens zu sprechen hat, um den Aufzunehmenden gleichsam dadurch zu belehren, ob er recht oder nicht recht geantwortet habe. Als mir der Initians in einer theatralischen Stellung den Degen auf die Brust setzte und die Worte sprach: »Aber, Aristoteles, solltest du zum Verräter oder Meineidigen werden, so würden alle Mitglieder zur Ergreifung der Waffen gegen dich aufgerufen werden. Glaube nicht sicher zu sein, wo du auch immer hinfliehen würdest, da würden Schande, Vorwürfe deines Herzens, die Rache deiner dir unbekannten Mitbrüder dich verfolgen und dich bis in dein Innerstes peinigen!« – Da konnte ich mich des Lächelns nicht mehr erwehren. – Der Initians fragte, warum, ich lache? »Weil ich's nicht zusammenreimen kann,« antwortete ich, »wie die Mitbrüder, wenn ich auch untreu würde, die Waffen gegen mich ergreifen dürften, ohne einen Eingriff in die Rechte des Staates zu tun, gegen den doch der Orden nichts zu unternehmen verspricht.« Man stutzte, protokollierte meine Antwort und ließ mich die Eidesformel mit einigen Veränderungen stehend ablesen. Die Worte: Ich bekenne vor Gott dem Allmächtigen, und so wahr mir Gott helfe! durfte ich auslassen und an deren Statt sagen: Ich verspreche, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin und solcher immer bleiben will usw. Denn ich hatte schon zum voraus meinem Rezipienten erklärt, daß ich glaubte, einem ehrlichen Manne müsse sein Versprechen ebenso heilig sein, als ein Eid. Bei der nächsten Versammlung ward ich nach ebendemselben Ritual zum erstenmal in den Kreis der Minervalen eingeführt und hielt, nicht ohne geheimen kindischen Stolz auf mein funkelndes Ordenszeichen am Halse, eine kleine Vorlesung über Unsterblichkeit. – Die Uslersche Schauspielergesellschaft hielt sich damals in Eichstädt auf, und ich versäumte niemals, das Theater zu besuchen, wenn ein Stück aufgeführt wurde, das ich noch nicht gesehen hatte. Anfangs wollten sich einige andächtige Eiferer darüber ärgern, daß ich als Mönch in das Schauspielhaus ginge, allein der Befehl des Bischofs, daß kein junger Zögling des Priestertums, welcher im Bischöflichen Seminar wohnte, vom Besuch der Bühne abgehalten werden sollte, rechtfertigte auch mich und verschaffte mir das Vergnügen, ohne Scheu vor Tadel manchen fröhlichen Abend genießen zu dürfen. Andre Abende brachte ich in der Gesellschaft mir bekannter Illuminaten hin; wir lasen meistens anziehende Stellen aus alten oder neuen Philosophen, aus Tobias Knaut, dem Roman meines Lebens von Knigge, aus Weishaupts Alexander von Joch, Abts Abhandlung vom Verdienste usw., machten unsre Anmerkungen darüber, sprachen von Herzens- und Ordensangelegenheiten und vertrieben uns die Zeit auf eine mir sehr angenehme Weise. Zuweilen fügte es sich, daß auch Frauenzimmer mit von der Gesellschaft waren; dann wurden freilich andre Gespräche auf die Bahn gebracht; aber es war doch immer ein Zirkel von artigen, wohlgesitteten Menschen, in dem ich mich sehr wohl befand. Lebhafter dünkte mich unsre Unterhaltung in Gegenwart schöner Frauenzimmer, jeder Scherz tönte feiner, und jeder Anwesende schien sich von der besten Seite zeigen zu wollen. Je fremder mir ein so froher und doch edler Umgang war, um so mehr Anziehendes hatte er für mich. Ein wohlgewachsenes, sanftes Fräulein, die Tochter eines Geheimen Rates, die ich öfters bei einem Ordensbruder, dessen nahe Verwandte sie war, zu sehen Gelegenheit fand, besaß so viele Vorzüge, daß sie meiner Liebe zu Minchen gefährlich zu werden anfing. Freilich gab ich mir selbst Verweise, wenn ich von ihr nach Hause kam und Minchens Bild wieder lebhaft vor mir stand. Aber das Fräulein war doch so sanft und schön, hatte eine so gebildete, feine Lebensart, begegnete mir so gütig, daß ich einmal auf den Einfall geriet, es könnte vielleicht wohl angehen, beide zu lieben. Allein es regte sich doch etwas in meinem Herzen, das mir hierüber Vorwürfe machte, und als ich bald darauf erfuhr, daß das Fräulein bereits einem meiner Ordensbrüder so gut als versprochen sei, zog ich mich allmählich zurück, besuchte ihr Haus nur, wenn ich mußte und fühlte meine Neigung fast ebenso schnell wieder erkalten, als sie entstanden war. Bei andern Anlässen, wo mich das Ungefähr in die Gesellschaft weiblicher Geschöpfe führte, die eben meiner Hochachtung nicht wert waren, aber meiner Lüsternheit nur desto gefälliger und bereitwilliger entgegenzukommen schienen, beschützte Minchens Liebe immer als eine Ägide mein Herz, und oft hatte ich Anlaß, zu Hause Gott zu danken, daß er mich, noch ehe ich nach Eichstädt zu einer freiern Lebensart verschickt ward, die bessere Liebe empfinden lehrte und mich dadurch vor den Ausschweifungen einer erniedrigenden Wollust bewahrte. Der Zutritt in bessere Gesellschaften war nicht der einzige Vorteil, den mir der Illuminatismus gewährte; auch jene behagliche Untätigkeit, die den Bequemen so gern nach Vollendung der nötigsten Geschäfte beschleicht, besiegte mein Ehrgeiz, in jeder Minervalversammlung, deren alle Monat eine, höchstens zwei gehalten wurden, mit einer neuen Vorlesung aufzutreten. Mittags und abends, nach Tische, spielte ich meistens eine Stunde auf der Violine. Der Umgang mit dem Hofmusikus Rehm und seine Anleitung munterten mich immer mehr auf, mich auf diesem Instrumente zu üben, und brachten mich endlich dahin, daß ich in den Vakanzferien zu Donauwörth, wohin mich Rehm begleitet hatte, bei Klostertafeln, öfters nicht ganz ohne Beifall, leichte Konzerte zu spielen wagte. Mein Herr Prälat hatte auch den Exjesuiten Pickel , meinen Lehrer, eingeladen, im Kloster ein paar fröhliche Vakanzwochen hinzubringen. Sein Zeugnis mußte gut für mich ausgefallen sein, denn der Herr Prälat begegnete mir besonders gnädig, rief mich fast immer zum Billard, wenn er spielte, und nahm mich bald hernach auf eine Reise nach München mit sich, welches keine geringe Gunstbezeigung war, indem jeder Religiose diese lebhafte Hauptstadt Bayerns gern gesehen hätte. In München hatte ich mein größtes Vergnügen daran, den Abend im Schauspielhause, so oft es eröffnet ward, hinzubringen, die schöne Bildergalerie zu besehen und täglich neue Bekanntschaften mit Illuminaten zu machen. Ich ging in das Logenhaus und in die Häuser mehrerer Brüder und weidete mich im Genusse aller Vorteile, die ich als Mitglied eines so weit ausgebreiteten Instituts durch die Dienstfertigkeit der Brüder genießen konnte. Einst kam ich abends spät nach Hause. »Wie geht doch das zu,« sagte der Prälat und schüttelte den Kopf, »daß Er in München so viele Bekannte hat? Er studierte nicht hier, hat keine Verwandten hier und läuft doch immer mit allerlei Leuten durch die Gassen, als wäre Er da zu Hause gewesen.« »Gnädiger Herr,« erwiderte ich, »Herrn Brauns Bekanntschaft ist weitläufig, das wissen Sie selbst, und mir ist es lieb, viele brave Leute kennen zu lernen, und Ihnen, glaub' ich, ist es auch lieb.« »Aber,« sagte er und blickte mir scharf in die Augen, »ich sah Ihn heute mit Herren gehen, die in der ganzen Stadt als Freimaurer verschrien sind; wie geriet Er an die?« »Einen derselben lernte ich in Eichstädt kennen, Kanonikus N. ist sein guter Freund. Wenn er und seine Gespannen Freimaurer sind, so kümmert mich das wenig, und ich meine, sie sind deswegen um nichts schlimmer.« Er schüttelte nochmals den Kopf und schwieg. Dies war das einzige Mal, daß er mir seine Vermutung, ich möchte zu einem geheimen Orden gehören, ausdrücklich kundgab. In der Tat besuchte ich auch Herrn Kanonikus Braun, dem Beda mich empfohlen hatte. Derselbe bat einst diejenigen Frauenzimmer, die mir auf dem Theater am besten gefallen hatten, zu Gaste, um mich mit ihnen, als seinen Freundinnen, näher bekannt zu machen und sich selbst einen frohen Abend zu verschaffen. Allein ich war unter den unbekannten Schönheiten so schüchtern und stille und konnte mich so wenig in den Zirkel der allzu geschmeidigen Geschöpfe finden, daß ich mit Sehnsucht die Stunde erwartete, wo die Gesellschaft sich trennen und mir die Freiheit lassen würde, meinen Gedanken – an Minchen ungestört nachzuhängen. Die Schuld der Frauenzimmer war es nicht, wenn ich mich am unrechten Platze fand; einige derselben waren wirklich artig und schön, sangen hübsche Lieder und sprachen scharfsinnig genug über den Wert und Unwert manches Schauspieles ab. Solange sie das taten, hörte ich mit ziemlicher Behaglichkeit zu. Allein wenn das Gespräch hin und wieder durch Stillschweigen unterbrochen ward und dann eine Fragende in mich drang, auch meine Gesänge und Urteile mitzuteilen, so kam ich in Verlegenheit, denn ich dachte immer, für so geübte Kennerinnen möchten meine Lieder nicht gut genug sein und meinen Äußerungen möchte das Treffende mangeln, das sie allein wert machen könnte, in einer artigen Gesellschaft vorgetragen zu werden. Manchmal hatte ich Anlaß, meinen Nachbarinnen etwas Verbindliches zu sagen; ich tat es auch, so gut es angehen wollte, und es schien mir nicht ganz zu mißlingen; aber jedesmal fiel mir dabei ein, ich sei ein Mönch, und Schmeicheleien aus einem solchen Munde könnten nur albern tönen. Kurz, die Furcht zu mißfallen machte, daß ich wegen meiner geringen Teilnahme an der Unterhaltung wahrscheinlich im Ernste mißfiel, und die Eitelkeit ließ mich in den Augen der Gesellschaft das wirklich verlieren, was ich so ängstlich beizubehalten strebte: die gute Meinung von meiner Gabe, unterhaltend zu sein. Es war nicht das einzigemal, daß ich mich in einer solchen Situation befand; ebendasselbe begegnete mir noch öfters, wenn mich das Ungefähr in einen Kreis von Unbekannten führte, deren Achtung ich gern beibehalten hätte, und es währte lange, bis ich mein Betragen nach dem Grundsätze einrichten lernte, ein offenes und ungezwungenes Benehmen ohne Anmaßung und Ängstlichkeit sei das willkommenste in jeder Gesellschaft. Mein lieber Freund im Kloster war indes zum Professor der Grammatik nach Freysingen ernannt worden, genoß nun, so wie ich, der Freiheit vom Chor, durfte mit mir spazieren gehen und konnte, ohne erst so große Schwierigkeiten wie ehedem auf die Seite räumen zu müssen, einige Besuche im väterlichen Hause unsrer Geliebten abstatten. Zu oft durfte das freilich nicht geschehen, denn wir mußten besorgen, der Prior, der nicht fern vom Hause seine Spione hatte, möchte mit Beisätzen und Vergrößerungen davon unterrichtet werden und dann unsre Freude auf eine verdrießliche Art ganz zu stören suchen. Wenn wir nach Tische aus dem Kloster traten, bestiegen wir meistens den Schellenberg, labten uns an der Schönheit der Gegend und den herrlichen Aussichten, wandten uns dann, von unsern Mädchen plaudernd, gegen die Donau herab, wo gewöhnlich die Salzschiffe standen, und besuchten Minchens Vater und Gatten bei der Arbeit, um ihnen zu sagen, daß wir in ihrer Wohnung einsprechen wollten. Dann begleiteten sie uns zu ihren und unsern Lieben, scherzten und tranken mit uns im traulichen Zirkel umhersitzend und freuten sich beinahe so sehr als wir selbst, daß wir an der Seite unsrer Geliebten so glückliche Augenblicke genossen. An Sonn- und Feiertagen kamen die beiden Männer auf meines Freundes oder meine Zelle, unterhielten uns mit Erzählungen von den lieben Geschöpfen und tranken auf ihre und unsre Gesundheit, bis uns die Nacht schied. Minchen hatte, indes ich zu Eichstädt war, einen schönen Knaben geboren. Mit inniger Mutterfreude trug sie mir ihn beim ersten Besuche lächelnd entgegen und erinnerte mich an die Stelle in einem meiner Briefe, wo ich geschrieben hatte: »Mit Entzücken würde ich einst ihre Kinder küssen, weil sie die ihrigen wären.« Tränen stiegen mir in die Augen, als ich voll Rührung den Knaben küßte, und auch Minchens Blicke wurden feucht. So flossen uns die acht Wochen der Vakanz fröhlich dahin, und mein Freund und ich schieden diesmal ohne Tränen voneinander, denn beiden schwebte eine schöne Aussicht auf ein glückliches Jahr voll Freiheitsgenuß vor Augen. Unsre Geliebten hatten uns beim letzten Besuche mit guten Wünschen und süßer Freundlichkeit überhäuft und waren so versichert als wir, daß keins das andre vergessen könnte. Nicht ohne stilles Zurücksehnen nach Donauwörth langte ich mit Anfang November in Eichstädt wieder an, besuchte meine Brüder und Freunde und begann meine mathematischen Studien wieder, sowie die Arbeiten für den geheimen Orden. Moses gab mir die Cahiers, welche die vollständigen Rituale der beiden ersten Grade enthielten, öfters zum Abschreiben, damit ich, wie er sagte, doch auch etwas zum Besten des Ordens beitragen möchte, da ich mir ausbedungen hätte, mit Geldabgaben verschont zu bleiben. Wirklich forderte man einige Monate lang kein Geld von mir, aber in der Folge sollte ich doch monatlich 50 Kreuzer bezahlen, welches ich auch zuweilen tat, größtenteils aber unterließ. Von jedem Cahier nahm ich sogleich auch eine Abschrift für mich und, weil ich vermutete, die Obern würden wohl auf den Gedanken geraten, ich hätte wahrscheinlich für mich gleichfalls eine Abschrift in Händen behalten, sie möchten mir also dieselbe abfordern lassen, so schrieb ich jedes Heft heimlich zweimal für meinen Gebrauch ab, damit ich im Falle, wenn mir das eine mit strengem Ernste abgefordert würde, doch noch das andre ohne Verdacht behalten dürfte. Einesteils dachte ich, nach und nach ein ganzes Ordenssystem aus diesen Heften zusammensetzen zu können, welches den Statuten und meinem Versprechen gar nicht entgegen war; andernteils meinte ich, wenn ich im Orden wider Vermuten etwas finden würde, das gegen Moralität anstieße und ich also aus dieser oder aus einer andern Urfache zurücktreten müßte und dann von den Mitbrüdern verfolgt werden sollte, diese Schriften würden mir dann als Waffen dienen, um mich gegen ihre Zudringlichkeit sicher zu stellen und sie durch die Drohung, daß ich im Falle einer weitern Verfolgung alles drucken lassen wollte, in Schranken zu halten. Wirklich hatte ich nicht ganz irre gerechnet: Moses forderte mir bald mit dem Vorgeben, daß es auf Befehl der höhern Obern geschehe, ein paar dieser Hefte ab, sagte geradezu, der Orden wisse aus langer Erfahrung, daß gewöhnlich jeder Abschreiber für sich eine Kopie zurückbehalte, ich sollte also die meinige ohne Umstände herausgeben. Ich sträubte mich, dem Scheine nach, eine Weile, ihm zu willfahren, öffnete aber endlich meinen Schreibtisch, wo ich die Ordenssachen aufzubewahren pflegte und legte sie mit einigem Bedauern in seine Hand. Flink fiel er über meine Schublädchen her, durchsuchte sie, ob er nicht noch eine andre Abschrift finden möchte, und gab sich erst dann zur Ruhe, als er, was er suchte, nicht fand. Denn ich hatte sie auf den Fall, wenn er mein kleines Illuminatenarchiv zu durchstöbern käme, wie jeder Manuduktor tun durfte, längst in meinem Koffer in Sicherheit gebracht. Es lief hier freilich etwas Falschheit und Verstellung mit unter, aber ich weiß nicht, ob jemand in meiner Lage viel anders gehandelt haben würde. Die Art, wie man in geheime Gesellschaften geführt wird, das Mißtrauen und die Zurückhaltung, welche zwischen den Obern und Untergebenen herrschen, und die Ungewißheit, in der jeder Angeworbene in Absicht auf den geheimen Zweck der Gesellschaft unablässig schwebt, sind nicht sehr fähig, offenherzige, gerade Menschen zu bilden. Indessen gewann ich durch den Fleiß, mit dem ich jeden Monat einen Aufsatz lieferte, durch Äußerungen meines Wohlgefallens an den Einrichtungen der mir bekannten Grade und durch aufrichtige Anhänglichkeit an den Orden bald den Beifall der Obern so sehr, daß ich sowohl in den sogenannten Reprochezetteln manches aufmunternde Lob erhielt, als auch durch schnellere Beförderung belohnt wurde. Moses erhielt die Weisung, mir die drei Freimaurergrade tête-à-tête zu erteilen, das heißt, er forderte mir ein Handgelübde ab, daß ich dasjenige, was er mir anvertrauen würde, verschweigen wollte. Dann las er mir die Hefte des Lehrlings, Gesellen und Meisters vor, erklärte, was mir unverständlich war, zeigte mir die Handgriffe und einige Zeremonien und lachte herzlich mit mir über die Abgeschmacktheit aller dieser Torheiten. »Es ist einfältiges Zeug,« sagte er, »was ich Ihnen da lese, aber diesen Weg müssen Sie betreten, wenn Sie kleiner Illuminat werden wollen. Die Gesetze der Gesellschaft verlangen, daß jeder Minerval, ehe er zu einer höheren Stufe emporsteigt, erst alle drei Freimaurergrade durchlaufe, und Sie haben es als eine vorzügliche Gunstbezeigung anzusehen, daß die Obern Sie tête-à-tête einweihen wollen, ohne erst die kostspieligen Initiationsgebühren bezahlen, sich feierlich in die Versammlung einführen lassen und langweilige Interstitien zwischen jedem Grade halten zu müssen.« Zur Dankbarkeit mußte ich die drei Hefte einigemal abschreiben und behielt auch für mich, wie gewöhnlich, eine Abschrift zurück. Den 19. Juni 1783 ward ich wirklich als Illuminatus minor initiiert, wohnte hierauf zum erstenmal einer Versammlung dieses Grades bei und erhielt die Aufsicht über den Sekretär eines Domherrn, Bruder Dryden, der mit mir, weil er auch ein Mathematiker war, ohnehin Umgang pflegte und seit langem die Minervalversammlungen besuchte. Indessen mußte auch ich in diesen Versammlungen noch, wie vorher, erscheinen, in den Illuminaten-Zusammenkünften aber meine Bemerkungen über die Sitten, Gaben und Äußerungen sowohl der Minervalen überhaupt, als besonders des Bruders Dryden vortragen und mich über die Maßregeln, welche zur bessern Leitung jedes Untergebenen zu ergreifen sein möchten, mit den Brüdern beraten. Bei dieser Gelegenheit sah ich, daß es den meisten Illuminaten mit der Besserung ihrer Zöglinge ernst sei. Man wandte alle Mittel an, um Wollüstlinge von Ausschweifungen abzuhalten, Träge zur Tätigkeit anzufeuern, Schüchterne aufzumuntern und jeden zum Selbstdenken zu reizen usw. Einst, als eben eine dergleichen Zusammenkunft geendigt war, schickten sich einige Mitglieder an, die Freimaurerloge zu besuchen, und neckten mich so lange, daß ich mitgehen sollte, bis ich endlich einwilligte. Genau hatten sie mich unterrichtet, wie ich mich benehmen müßte, und ich wußte die nötigen Sprüche ziemlich gut auswendig. Ich ward als ein fremder Lehrling dem Meister vom Stuhle gemeldet. Der erste Vorsteher, Bruder Moses, kam sogleich ins Präparationszimmer gelaufen, gab mir in der Stille einen derben Verweis meiner unvorsichtigen Kühnheit wegen, fürchtete, ich würde die Prüfungsfragen nicht beantworten können, beruhigte sich aber, als er merkte, daß ich wohl unterrichtet und mein kleines Wagestück ein abgeredeter Handel sei und gab mir einen Degen und Handschuhe nebst der nötigen Schürze. So erschien ich im Logensaal, ward sogleich von einigen Maurern, die nicht Illuminaten waren, schärfer auf's Korn genommen, strenge befragt, und nach Maurerart sorgfältig geprüft. Ich rezitierte ohne Anstand meine Sprüche her, gab mich für ein Mitglied der Loge Theodor vom Guten Rate im Morgen von Athen aus, versprach, ihnen bei Gelegenheit mein Patent vorzuweisen und sagte: »Jetzt, da mich unversehens einige Brüder, die mich als Maurer kennten, auf dem Wege angetroffen und überredet hätten, ohne weiteres mit ihnen zu kommen, sei ich nicht imstande, ihren Wünschen, wie ich sollte, sogleich zu entsprechen.« Meine Bekannten beteuerten dasselbe, und so ließ man mich unangefochten der Loge beiwohnen. Es fügte sich, daß eben ein geistlicher Rat und Kanonikus von Eichstädt aufgenommen werden sollte. Der Zeremonienmeister führte den Aufzunehmenden auf die gewöhnliche, geheimnisvolle Weise herein, indem er ihm die Degenklinge vorhielt. Die verbundenen Augen, die entblößte linke Brust, das nackte rechte Knie, der übergetretene linke Schuh, kurz das ganze zerrüttete Aussehen des Geführten mahnten mich lebhaft an die Vorstellung eines Malefikanten, den man zur Richtstätte führt. Es war mir in der Tat ein häßlicher Anblick, einen sonst angesehenen Mann so schimpflich degradiert zu sehen. Das Degengeklirre und Rauschen der Schurzfelle, als er den fürchterlichen Eid samt allen Verwünschungen, die ihn im Falle des Verrates treffen sollten, mit gebrochener Stimme nachsprach, dünkte mich kindisch-fürchterlich, als aber die Lichter ausgelöscht wurden und nur mehr eine Lampe, mit Weingeist gefüllt, in Form einer Urne auf dem Tische des Meisters düster flammte, jeder Bruder die Spitze seines Degens gegen das Angesicht des Eingeweihten ausstreckte, der Meister ernsthaft rief: »Man gebe ihm das erste Licht!« und: »Sehen Sie hier eine Menge Arme zur Bestrafung des Meineids bewaffnet!« und nun die Binde fiel, und der Aufblickende mit Entsetzen zurückfuhr, indem alle Brüder riefen: »Rache dem Verbrecher!« da konnte ich mich des Unmuts nicht mehr erwehren, der in mir aufglühte; ich verwünschte alle diese schreckenvollen Gaukeleien, mit denen man arglose ehrliche Männer schändlich betört. Kaum war die Lehrlingsloge geschlossen, so ging ich voll Unwillens davon. Der neueingeweihte Kanonikus schritt, ohne zu merken, daß ich ihm folgte, murrend vor mir her. »Bübisch ist diese Behandlung,« wiederholte er so laut, daß ich alle Worte deutlich verstehen konnte, »unverschämt haben sie mich um 15 fl. geprellt! Mußte ich nur darum alles Metall ablegen, damit sie sich meiner Börse bemächtigten und sich daraus für ihre törichten Possen sogleich bezahlt machen könnten? Die Betrüger! Sie sollten keinen Heller erhalten haben!« Ich meinte, ich müßte meine Empfindungen, die so sehr mit den seinigen harmonierten, laut werden lassen und war schon im Begriff, seiner Unzufriedenheit Beifall zu geben, als er merkte, daß jemand hinter ihm herging, sich plötzlich umwandte, mich grüßte und sprach: »Ha! Sie sind es, Herr Bruder? Es ist doch etwas Frappantes um eine solche Initiation; noch kann ich mich kaum erholen! Wie war es Ihnen zumute, als Sie initiiert wurden?« Seine behende Verstellung, und die letzte Frage setzten mich in einige Verlegenheit, und ich wußte in der Eile weiter nichts vorzubringen, als: »Die Aufnahme ist nach meinem Sinne immer eine fatale Operation.« »Nach meinem Sinne auch,« erwiderte er schnell, schwieg wieder, nahm Abschied von mir und trat in sein Haus. Je verächtlicher mir, von diesem Tage an, die Freimaurerei vorkam, weil sie mir nichts als kahle Tändeleien darbot, desto mehr gewann der Illuminatenorden in meiner Hochachtung, indem ich so viel Reelles und Nützliches in seiner Einrichtung fand. Der Orden hatte mich sogleich beim Eintritt in denselben bewogen, eine Reform mit meinen Meinungen vorzunehmen, und noch hörte ich nicht auf, täglich an meinem Gedankensysteme zu ändern. Praktische Philosophie war eine meiner Lieblingsstudien, und ich mußte mich sehr verwundern, warum man ehemals in den katholischen Schulen diejenige Wissenschaft, die mir zur Gründung des Menschenglücks am meisten beizutragen schien, beinahe ganz vernachlässigen konnte, so daß kaum etwas davon unter dem Namen Ethik vorgetragen wurde, und es jedem Studenten freistand, diese Ethik nach Belieben zu hören oder nicht zu hören. Dergleichen Bemerkungen gaben meiner vorteilhaften Meinung von dem guten Willen der Jesuiten, durch ihre Lehren der Welt zu nützen, welche bisher nur gewankt hatte, den letzten Stoß und ich fing an zu begreifen, daß herrschsüchtigen Leuten daran liegen könnte, das Volk über gewisse Punkte vorsätzlich in Unwissenheit zu erhalten und sorgfältig jeden Anlaß beiseite zu räumen, damit dasselbe ja nicht über seine Rechte und Pflichten aufgeklärt würde. Um so strenger und eifriger musterte ich die Grundsätze, die ich in den Schuljahren eingesogen hatte, und fand mit Vergnügen, daß alle Veränderungen, die ich mit meiner Denkensart vornehmen müßte, nur die Dogmatik, nicht die Sittenlehre beträfen. Alle Antriebe zur Tugend blieben mir, und ich genoß des Vorteils, die vornehmsten praktischen Wahrheiten gleichsam selbst erfunden und aus meinem eigenen Innern entwickelt zu haben, weswegen sie nun doppelt starken Eindruck auf meine Seele machten. Nie empfand ich so innig die Größe des Schöpfers, als da ich Astronomie studierte und die Sternbilder kennen lernte. Einsam, in warme Kleider gehüllt, hielt ich mich nachts im Gartenhause meiner Kostwirtin auf, hatte eine Himmelskugel, ein Dollondisches Fernrohr und Baiers Sternkarten auf dem Tische ausgebreitet vor mir und verglich die Abbildungen mit den Gestirnen am Firmament. Manchmal, wenn ich mich satt gesehen hatte, überließ ich mich meinen Betrachtungen. Am liebsten zog ich von meinem Standpunkte aus, als aus einem Mittelpunkte, in Gedanken Linien nach allen Richtungen hin, verfolgte eine und die andre mit den Augen und mit meiner Phantasie und bemerkte die vielen Sterne, an denen sie hinlief. Dann nahm ich das Fernrohr zu Hilfe und erblickte neben den sichtbaren Lichtern in eben dem Raume, der dem unbewaffneten Auge leer schien, noch viele entfernte Sterne und dachte sie als ebensoviel Sonnen, um die sich, der Analogie gemäß, so wie um unsere Sonne mehrere Planeten bewegen würden. Endlich verlängerte ich die Linien, soweit ich in Gedanken vermochte, und fragte mich: »Warum sollen sie eben da aufhören, wo meine Vorstellungskraft ermüdet? Und wo ist das Ende des Raums?« Mein Verstand faßte dann alle Linien zusammen und konnte mit aller Anstrengung nichts weiter denken, als eine unermeßliche Kugel, die sich bei jedem Versuche, sie größer zu denken, in den unendlichen Raum weiter ausdehnte und wieder weiter ausdehnte und doch nie an Grenzen gelangte. Ich dachte dann alle diese Gestirne bevölkert, dachte an die unendliche Menge von Geschöpfen, denen täglich ein gewisses Maß von Glückseligkeit zuflösse, an die Gnade und Größe Gottes, sank in Anbetung hin, empfand meine Nichtigkeit tief und dankte unter Tränen seiner allumfassenden Huld, die auch das geringste Geschöpf zum Freudengenusse bestimmte und mich verschwindenden Punkt im Unermeßlichen nicht nur nicht vergäße, sondern täglich mit Segen freigebig erquickte und mich fähig machte, so große, entzückende Gedanken zu denken. Dann fühlte ich's recht, wie klein und wie groß der Mensch ist, und ward überzeugt, ein Wesen, das soviel von der Unendlichkeit des Schöpfers begreifen könne, müsse demselben für sein Dasein, auch wenn es im höchsten Grade unglücklich würde, dennoch danken. Bis jetzt hatte Beda mit mir ununterbrochen Briefe gewechselt, aber in der Fastnacht 1783 befahl mir der Prälat, diese lustige Zeit im Kloster bei Schmaus und Spiel zu verleben und meine Kostfrau mitzubringen. Da machte sich Beda an diese gute Frau, fragte ihr manchen Umstand meines Lebens ab, erfuhr so, daß mich sehr oft Leute besuchten, die man für Freimaurer halte, daß ich manchmal Zusammenkünfte und Trinkpartien im Gartenhause mit ihnen veranstaltete und abends wirklich auch in Häuser ginge, wo vermutlich Logen gehalten würden. Von dieser Zeit an schrieb mir Beda keine Zeile mehr, entzog mir seine Freundschaft ganz und wandte alles an, um mich bei meinen Mitbrüdern in Mißkredit Zu bringen. – Schon im Jahre 1782 erhielt ich in Eichstädt die zweite der größern Weihen, nämlich das Diakonat. Da ich nun mein 25. Lebensjahr bereits angetreten und also das gehörige Alter zum Priestertum hatte, bewarb sich mein Prälat um einen Entlassungsbrief, das heißt, um eine schriftliche Bewilligung des Bischofs von Augsburg, zu dessen Sprengel ich gehörte, daß ich vom Bischofe in Eichstädt zum Priester geweiht werden dürfte. Dies geschah durch den Weihbischof Felix von Stubenberg, den 19. April 1783. Zu dieser Zeit hegte ich bereits vom Priestertum eine Meinung, die schwerlich mit derjenigen übereinstimmte, welche die katholische Kirche von ihren Neugeweihten erwartet. Manchmal konnte ich nur mit Mühe ein Lächeln verbergen, das mir die seltsamen Zeremonien und Sprüche ablockten. Schon der feierliche Vorruf anfangs der Priesterweihe, daß derjenige, der irgend etwas Wichtiges wider einen von uns Einzuweihenden vorzubringen wüßte, kühnlich hervortreten und sprechen sollte, indes die Kapelle doch sorgfältig verschlossen blieb, damit ja niemand außer uns dem Akte beiwohnen möchte, – befremdete mich und schien mir mit Recht ganz zwecklos zu sein. Das schnelle und unehrerbietige Herbrummen der Gebete, bei denen man nur immer bald ans Ende zu kommen trachtete, dünkte mir beinahe zu beweisen, der Bischof halte nicht viel mehr von der Sache, als ich selbst. Als mir die Altardiener die Stola über der Brust verschränkten und dann ziemlich unsanft und verächtlich das hinten bis an den Nacken aufgerollte Meßgewand über meinen Kopf rissen, indes der Bischof sprach: »Empfange das Joch des Herrn, denn sein Joch ist sanft und seine Bürde leicht!« und wieder: »Empfange das priesterliche Kleid, unter welchem die Liebe verstanden wird, denn Gott vermag dich in der Liebe und Vollkommenheit zu stärken«, so konnte ich teils der sinnlosen Anwendung biblischer Sprüche, teils der nachlässigen Behandlungsart halber, die den an sich selbst faden Zeremonien alle Wirksamkeit vollends benehmen mußte, meine Mienen kaum genug hüten, daß sie meine Gedanken nicht durch irgendeinen verzogenen Muskel verraten möchten. Die Salbung der Hände mit dem geheiligten Öle, als die Haupthandlung des ganzen Aktes, nahm der Bischof ängstlich nach gewissen vorgeschriebenen Strichen vor, indem er sprach: »Würdige, o Herr, seine Hände durch diese Salbung und unsern Segen zu weihen und zu heiligen, damit alles, was sie segnen, gesegnet sein und, was sie weihen, geweihet und geheiliget werden möge, im Namen unsres Herrn Jesu Christi. Amen.« Dann mußte ich mir die beiden Hände mit einem Tüchlein enge zusammenbinden lassen, damit ja die heilige Zauberkraft des Öles tief hineindringen und nichts verdunsten möge. Alles dies schien mir von so rohen Begriffen abzustammen, daß ich nicht umhin konnte, zu seufzen und ein Volk zu bedauern, welchem seine Geistlichkeit weismachen darf, sie könne durch einige Sprüche und das Bestreichen mit Öle jedem Manne die Gewalt mitteilen, aus einem kleinen, sichtbaren Stückchen Brot einen unsichtbaren, eßbaren Gott zu machen und etwas zu leisten, was nicht nur die Vernunft, sondern jeder Sinn als unmöglich angibt. Man wird vielleicht fragen, warum ich bei diesen Überzeugungen mich zum Priester weihen ließ? Allein man bedenke, daß ich damals, bei meinen noch nicht genug befestigten Grundsätzen, zum Teil noch dachte, wie Rousseaus geistlicher Savoyarde: »Wir begreifen vielleicht nicht, was durch Gottes Kraft alles möglich ist«, daß ich mich also der Leitung der Vorsehung blindlings überließ, indem ich zu mir selbst sagte: »Gott wird durch die Einweihung zum Priestertum dennoch das in dir wirken, was seiner Gnade gemäß ist, obschon du es jetzt nicht fassen kannst«, und daß es mir zur selben Zeit noch gar nicht einfiel, es gebe einen Ausweg, den unauflöslichen Fesseln des Mönchsstandes zu entrinnen. Dies letzte war gewiß die Hauptursache. Ich folgte daher den Umständen, wohin sie mich zogen. Ein Exjesuite in Eichstädt unterrichtete mich, wie ich die fast unzähligen zeremoniösen Vorschriften der Messe mit Anstand und kritischer Genauigkeit in Ausübung bringen sollte. Dies kam mir in meiner Laufbahn als Priester so gut zu statten, daß mir die geistlichen Kenner sowohl als die andächtigen Matronen überall nachrühmten, ich lese eine schöne Messe. Im Grunde hing alles davon ab, daß ich die vorgeschriebenen Formeln vernehmlich, aber sehr schnell hersagte, alle Bewegungen aber mit einer gewissen Bedächtlichkeit machte, so daß ich mit der Messe, ohne unanständig zu fuchteln, bald endigte, welches allen, auch den frömmsten Leuten, vorzüglich im Winter, gar lieb war. Am Sonntage nach Ostern las ich die erste Messe, (primizierte) in der Klosterkirche zum heil. Kreuze in Donauwörth. Der Kanonikus, Bruder Moses, hielt mir die Primizpredigt, hatte mir aber versprechen müssen, nichts zu meinem Lobe, wie es sonst gewöhnlich war, einfließen zu lassen. Ich hatte bereits von Eichstädt aus meine Eltern und Brüder, meinen Taufpaten, Minchen mit ihrem Manne, Malchen samt ihren beiden Eltern und ein paar Illuminaten von Eichstädt, die ich dem Prälaten als meine Freunde vorstellte, nebst noch andern Verwandten und Bekannten, die aber nicht erschienen, zu Gaste gebeten und war nun von der Feierlichkeit des Tages, von der Menge des Volkes, das meinen Segen erwartete, von dem prächtigen Kirchengeschmeide, in dem ich steckte, von der hallenden Musik und dem Pomp, der mich umgab, so betäubt, daß ich kaum wußte, wie mir zumute war. Nur wenn auf dem Chore ein Musikstück lange dauerte, hatte ich Zeit, meine Gedanken zu sammeln. Noch erinnere ich mich, wie ich während des sogenannten Benediktus , eines rührenden Solos, das sogleich nach der Wandlung gesungen ward, mit inniger Empfindung und nassen Augen zu Gott rief: »Du weißt es, Allgütiger, warum du mich in diesen Stand gesetzt hast, du siehst, daß all dieser Pomp meinem Herzen ein Tand ist! Aber was soll ich tun? Ich allein vermag die Götzen nicht umzustoßen. O, füge du es so, daß sie fallen müssen! Weihe mich zum Priester der Wahrheit, zum Lehrer der Tugend! Erleuchte mich, daß ich die Wahrheit erkenne und stärke mich, daß ich sie überall verkündige!« In rotbekleideten Kirchenstühlen knieten nicht fern vom Altare rechts die männlichen, links die weiblichen Primizgäste. O, wie zitterte mir die Hand, als ich meinen lieben Eltern, denen die Freudentränen über die Wangen strömten, und meinem sittsamen Minchen das Abendmahl reichte! Es ist gebräuchlich, daß die Katholiken sich vor einem neugeweihten Priester, wo sie ihn immer antreffen, auf die Knie werfen und ihn um den heiligen Segen bitten. Da legt ihnen denn der junge Geistliche beide Hände einen Augenblick auf das Haupt, schlägt dann mit der rechten ein Kreuz über sie und spricht in lateinischer Sprache: »Allen Himmelssegen gieße Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist über dich aus!« Diese Segenssprechung, die man für kräftiger hält, als die eines ältern Priesters, war anfangs für mich eine wahre Plage. Es schmerzte mich innig, die Leute in so abergläubischer Erniedrigung vor mir kriechen zu sehen. Erst nach und nach machte mir die Gewohnheit diese Zeremonie erträglicher, und am Ende beruhigte mich die Bemerkung einigermaßen, daß ich doch den Bittenden allen Himmelssegen aufrichtig wünschen könnte. Und ich wünschte ihn jedem von Herzen. Bei der Tafel mußte ich, wie gewöhnlich, den Ehrensitz zur Rechten des Prälaten einnehmen. Wäre es mir aber freigestanden, meinen Platz nach Belieben zu wählen, so hätte ich mich zwischen meine Mutter und Minchen gesetzt. Um diesen beiden und meinem Vater, der mich schon lange gern öffentlich auf der Violine spielen gehört hätte, eine Freude zu machen und – ich will es nur gestehen – auch um meine Kunst ein wenig vor ihnen sehen zu lassen und ihren Beifall zu ernten, spielte ich ein leichtes Violinkonzert. Dann ging es ans Gesundheittrinken. Bei Primizen ist es gebräuchlich, daß der Primiziant als geistlicher Hochzeiter sich eine Braut erkieset, welche meistens ein kleines Mädchen aus seiner Verwandtschaft von etwa sieben bis zu zwölf Jahren ist. Ich wollte keine Rücksicht auf diese Gewohnheit nehmen und sagte Minchen, als ich sie zur Primiz mündlich einlud, im Scherze: Wenn sie schon nicht mehr Jungfrau sei, so sehe ich sie doch als meine Braut an. Aber der Prälat hatte noch verschiedene Gäste gebeten, unter denen sich ein hübsches Fräulein von 18 Jahren, seine nahe Verwandte befand. Auf einmal ergriff er sein Trinkglas und sagte: »Herr Primiziant, wo ist denn Ihre Braut, daß wir auf ihre Gesundheit trinken?« Ich stockte ein wenig und blickte an der Tafel hin nach Minchen. Er glaubte, ich suche ein Mädchen, um sie zu meiner Braut zu erklären. Flink deutete er auf das hübsche Fräulein und sprach: »Die wird es wohl sein müssen, Sie könnten nicht leicht eine schönere wählen. Soll ich sagen: Fräulein Braut! Auf Ihre Gesundheit?« »Die Braut, die Sie mir wählen möchten, ist wirklich recht schön,« erwiderte ich, »aber ich habe in meinem Herzen schon eine zu diesem Posten ernannt, vergeben Sie! der kann ich nicht untreu werden!« Dann sagte ich laut: »Auf die Gesundheit meiner Braut, die ich in petto habe!« Und beugte mich gegen Minchen hin. Jedermann glaubte, es gelte ihrer Schwester Malchen, die in eben der Reihe saß. Nur Minchen, die lieblich errötete, und meine Freunde verstanden mich. Ich hätte es für eine Art Hochverrat gehalten, mein Minchen in diesem Augenblick zu verleugnen und eine andre als sie zu meiner Braut zu erklären. Aber der Prälat stutzte und nahm es nicht wenig übel, daß ich die Kühnheit hatte, die Braut zu verschmähen, die er mir anbot, und die noch dazu seine nahe, geliebte Verwandte war. Von dieser Stunde an forschte er nach, was ich mit Minchens Familie für Bekanntschaft hätte, erfuhr gar bald von dienstfertigen Religiosen, daß wahrscheinlich schon lange eine Liebschaft zwischen einem der beiden Mädchen und mir statthaben müßte, rief mich in die Abtei und nahm mich auf die strenge Frage. Offenherzig erklärte ich ihm das ganze Verhältnis, in dem Minchen und ich gegeneinander standen. Ernst und strenge verbot er mir allen ferneren Umgang mit meiner Geliebten und ihrem ganzen Hause. Eifriger und kühner, als ich sonst zu sprechen wagte, nahm ich nun alle mir möglichen Vorstellungen, Erörterungen, Widerlegungen, Bitten und Rednerkünste zu Hilfe und ruhte nicht, bis er endlich nach langem Kämpfen und Weigern sich ergab und erkannte, meine Bekanntschaft sei unschuldig und könnte nicht getrennt werden. »So sei es denn!« sprach er gerührt; »wenn Ihre Neigung so rein und unüberwindlich ist, wie Sie mich glauben machen, so will ich ihr nichts in den Weg legen! Aber lassen Sie sich warnen! Geben Sie den Leuten kein Ärgernis! Nicht jedermann kann wissen, in welchem Verhältnis Sie mit dieser Frau stehen, wie ich es jetzt weiß. Hüten Sie sich, daß keine Klagen kommen, sonst muß ich wider Willen strenger sein!« »Damit soll es keine Not haben, gnädiger Herr!« antwortete ich, »Sie werden nie Anlaß finden, Ihre Güte zu bereuen.« So entließ er mich, und ich reiste in Gesellschaft meiner drei Gäste vom Illuminatenorden nach Eichstädt zurück, wo ich meine Studien mit Ausgang des Heumonats endigte und dann von meinen Freunden und Ordensbrüdern mit Wehmut Abschied nahm. Achtes Kapitel: Wieder im Kloster. Tagesordnung und Beschäftigung im Kloster – Mönchischer Parteigeist – Beichtsitzen und Predigen – Mathematische Studien und Feldmessen – Ungnade des Prälaten und die Folgen – Illuminaten-Verfolgung – Tod meines Bruders und meiner Mutter – Eine schreckliche Entdeckung und Entschluß zur Flucht – Vorbereitungen zu derselben – Verzögerungen und List. Es hielt schwer, mich wieder an die mönchische Lebensart zu gewöhnen. Der Chorgesang und andre klösterliche Verrichtungen, auf welche die Mönche so hohen Wert legen, ekelten mich an, und da sie mir schon bei meiner vorigen Denkensart beschwerlich fielen, so schienen sie mir nun vollends unsinnige, quälende Beschäftigungen. Wie hätte ich auch Geschmack an einem Quodlibet von unzusammenhängenden Schriftstellen und geistlos übersetzten, größtenteils unverständlichen Psalmen usw. finden sollen? Statt den ganzen Tag meinen Lieblingsarbeiten widmen zu können, wie ich es nun ein paar Jahre lang gewohnt war, mußte ich morgens um halb vier Uhr aus den Federn, nicht um zu studieren, welches ich gern getan hätte, sondern um in dem Chor zu erscheinen und bis fünf Uhr in Unmut und zwecklosem, die Brust angreifendem Geschrei die besten Kräfte zu verzehren. Man kann denken, wie angenehm es mich dünkte, täglich eine Art Schreierkrieg mit anzuhören oder gar mitzuführen. In unserm Konvente (vielleicht in allen Klöstern) waren immer zwei Parteien, der Alten und der Jungen. Die Alten gaben sich immer gern die Miene von Eiferern für die Ehre Gottes, denn die Jahre selbst schienen sie zu Heuchlern gebildet zu haben; unter dem Vorwande, das Lob Gottes müsse mit Würde und Anstand abgesungen werden, in der Tat aber, um die übrigen ihre Superiorität fühlen zu lassen, dehnten sie im Chor alle Worte absichtlich so, daß sie jeden Psalmenvers später endigten als die übrigen. Die Jungen, denen rascheres Blut in den Adern rollte, sangen die Verse lieber etwas munterer ab und endigten sie also merklich früher als die Zögerer. Dies veranlaßte täglich mehr als einmal eine Art von Stimmenkampf; beide Parteien suchten einander mit gräßlicher Anstrengung zu überschreien und die Oberhand zu gewinnen, abscheuliche Mißtöne, Murren, Gezänke, Erbitterung und wohl gar Leibschäden waren die schönen Wirkungen dieser religiösen Übungen. Öfters vernahm ich's, wie meine Nachbarn neben und hinter mir das »Ehre sei Gott dem Vater usw.« sangen und während der Zwischenpausen Verwünschungen murrten. Größtenteils schwieg ich, wenn dergleichen Wettgefechte begannen; manchmal aber, wenn es gar zu bunt ward und mein Herz von Unmut überfloß, nahm ich die Partei der wenigen Gemäßigten und schrie mit, so gut es meine Brust eben leiden mochte. Von fünf bis halb sechs Uhr hatten wir freie Zeit. Ich wandte sie meistens an, mein Bett zu machen und andre häusliche Kleinigkeiten in Ordnung zu bringen. Mehrere weihten dieselbe einem kurzen Morgenschläfchen. Um halb sechs Uhr läutete man zur geistlichen Betrachtung; da mußten alle im Meditationszimmer erscheinen und bis sechs Uhr an ihrem Platze stille knien. Dies schien mir die bequemste Zeit, ein erbauliches, herzerhebendes oder meine Religionsbegriffe berichtigendes Buch zu lesen. Dazu wählte ich Jerusalems Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion, zuweilen wohl auch Klopstocks Messiade und ein andermal Mosheims Kirchengeschichte, über die ich meine Betrachtungen sorgfältig anstellte usw. Um sechs Uhr wanderten wir alle in den Chor, um die Prim zu singen, welche um dreiviertel vor sieben Uhr geendigt ward. Dann hatte jeder bis halb neun Uhr Muße, seine Messe zu lesen oder anzuhören, zu frühstücken, wenn er etwas erhaschen konnte, und andre Geschäfte zu besorgen. Wenn ich nicht einen besondern Auftrag vom Prior hatte, zu einer gewissen Stunde oder zu einer von ihm angegebenen Intention die Messe zu lesen, so unterließ ich es. Manchmal wurden mir Meßstipendien angetragen, das heißt, man wollte mir für eine bestimmte Anzahl Messen, die ich nach der Meinung des Zahlenden lesen sollte, eine Summe Geldes geben, so daß jede Messe 20 oder 24 Kreuzer eingebracht hätte. Allein da diejenigen, welche diesen Preis bezahlen sollten, meistens arme, gutherzige Leute waren und meine Überzeugung vom Werte der Messen gar nicht zuließ, daß ich jemandem Geld dafür abnähme, so versprach ich gewöhnlich allen dergleichen Bittenden, die Anzahl der verlangten Messen umsonst zu lesen. Allein ich erfuhr manchmal mit Verdruß, daß sie mir nur schwachen Glauben beimaßen, ihr Geld einem andern Religiosen zu ebendemselben Zwecke zustellten und wohl gar fürchteten, unbezahlte Messen möchten weniger kräftig sein als die bezahlten. Wenn ich zu einer bestimmten Intention lesen mußte, betete ich oft: »Gott! Du siehst den guten Willen dieser Treuherzigen! Sie glauben, durch Meßopfer dir zu gefallen und Erhörung zu erlangen! O gib den Flehenden, was ihnen am besten ist!«. Minchen kam oft meine Messe zu hören, wenn sie die Stunde wußte, in welcher ich lesen würde. Allein ich wagte es kaum, wenn ich mich am Altare umwandte, einen flüchtigen Blick auf sie zu tun, weil ich mich scheute, durch zu kühnes Umherschauen den Leuten Ärgernis zu geben. Um halb neun Uhr begann der Chor wieder; es ward erst die Terz, dann ein Hochamt meistens mit sehr beschwerlichem Choralgesang zur Orgel und am Ende die Sext und Non abgesungen. Den Beschluß machte die Gewissenserforschung, die – während alle schwiegen – kniend von jedem einzeln vorgenommen und mit Abbetung der sinnlosen Lauretanischen Litanei beschlossen ward. Ein wenig vor zehn Uhr endigte der vormittägige Chor und ließ uns bis elf Uhr ein Stündchen zur Arbeit frei. Ich merke mit Fleiß an, wie unser Vormittag, sonst unstreitig die beste Zeit zum Studieren, eingeteilt war, um zu zeigen, daß einem gemeinen Mönche allzu wenig Zeit übrig bleibt, um in den Wissenschaften etwas Beträchtliches zu leisten. Man rechne noch dazu die Ermüdung, welche das langwierige Chorschreien zurückläßt, so wird sich niemand mehr wundern, warum oft die hoffnungsvollsten jungen Männer in Klöstern allen Geschmack für literarische Beschäftigungen verlieren und am Ende den bequemen Weg der Untätigkeit einschlagen, auf welchem sie bereits so viele Vorgänger erblicken. Täglich hatte ich gegen die Trägheit, als gegen einen immer wieder aufstrebenden Feind neue Kämpfe zu bestehen. Aber die Ehrbegierde half mir siegen. Ich dichtete unter dem Titel: der erste Fischer eine Robinsonade nach meiner Art und mehrere Idyllen. Nachdem man den Pater Cölestin und mich im Herbste 1783 nach Augsburg geschickt hatte, um uns dort pro cura animarum examinieren zu lassen oder um die Erlaubnis zu erhalten, alle Verrichtungen eines Seelsorgers vornehmen zu dürfen, wurden wir angehalten, sowohl zu predigen, als Beicht zu sitzen. Ehe ich die Kanzel zum erstenmal betrat, ging ich auf den Kirchenboden und übte mich allein im Vortrage und in der Geberdensprache, dann ersuchte ich den Pater Maurus, mich anzuhören und meine Fehler zu rügen, welches er auch sehr freundschaftlich tat; mein Hauptfehler war, daß ich im Eifer allzu schnell sprach. Hierauf hielt ich meine Predigt, die ich ängstlich von Wort zu Wort auswendig gelernt hatte, ohne Anstoß, so daß nachher manche mich ermunternde Rebe fiel. Als mir das erste Wagestück nicht mißlungen war, ging ich in der Folge viel mutiger auf den Predigtstuhl. Nur einmal fügte es sich, daß ich ein wenig stockte. Zum Glücke aber war es dort, wo eine neue Abteilung anfing. Ich zog meinen Aufsatz so behende aus dem Busen, warf hinter dem Kanzelbrett einen so schnellen Blick darauf und ließ ihn so geschwinde fallen, daß ich glaubte, niemand habe es gemerkt, außer den Leuten auf dem hohen Musikchor, die meine versteckten Geberden von oben herab sehen konnten. Allein ich betrog mich, denn die ganze Kirche hatte meine kurze Verwirrung beobachtet, und einige Leute sagten mir dann, es sei ihnen ordentlich bange für mich gewesen. Was mich aus dem Texte brachte, war – Minchen, die ganz unverhofft zur Kirchentür hereintrat, als eben meine Blicke dorthin fielen. Auf einmal waren alle Gedanken wie weggewischt, und es schwebte mir einen Augenblick blau vor den Augen. Ehe mich der Prior in den Beichtstuhl schickte, dachte ich oft: »Es muß doch nicht unangenehm sein, inne zu werden, wie sich die Leute bei einer so beschwerlichen Handlung benehmen und was sie mir alles sagen werden.« Mit gespannter Neugier setzte ich mich auf meinen geistlichen Thron, horchte mit gespitzten Ohren und erfuhr, daß die meisten sehr alltägliche, uninteressante Dinge sagten, andre erregten mein innigstes Mitleiden, ich hätte mit ihnen weinen mögen, und wieder andre schwatzten ihre Vergehungen so unempfindlich und beinahe selbstgenügsam her, daß mir die Galle stieg. Den Zustand der meisten Beichtenden lernte ich bald aus der Art des Vortrages ziemlich richtig erraten, andre machte selbst der üble Geruch ihres Atems kenntlich. Zur Menschenkenntnis trägt der Beichtstuhl unleugbar sehr viel bei. Aber das Angenehme, das ich mir versprochen hatte, fand ich nicht. Zuweilen fügte es sich freilich, daß etwas so Närrisches auf die Bahn gebracht ward, daß ich nicht umhin konnte, meinen Mund mit dem weißen Beichttuche zu verstopfen, um wenigstens das laute Lachen nicht ausbrechen zu lassen. Dafür aber wurden mir Herz und Sinn durch Erzählung der häßlichsten Zoten, durch Anhörung des langweiligsten Gewäsches, durch Vorbringung sehr verwickelter Gewissensfälle, durch grobe Begegnung der abgewiesenen Gewohnheitssünder, durch beschwerliches Abfragen begangener Fehler bei übel unterrichteten Leuten usw. schmerzlich genug gepeinigt, nichts von der Unbequemlichkeit zu sagen, von morgens fünf Uhr bis mittags 12 Uhr gebückt auf einem Flecke zu sitzen. Deshalb ging ich immer mit einer Art Scheu in den Beichtstuhl, und nur die Hoffnung konnte mich trösten, meine herzlichen Zusprüche, meine Warnungen und eindringlichen Vorstellungen würden doch manches noch nicht ganz verdorbene Herz rühren und vielleicht zur Tugend zurückführen. Wirklich hatte ich ein paarmal die Freude, daß die Beichtkinder wieder kamen und mir für die Rettung aus verderblichen Gewohnheiten dankten, obschon ich nichts andres dabei getan hatte, als daß ich ihnen das moralische Unheil, noch mehr aber den physischen oder politischen Schaden, den sie sich durch ihre Vergehungen zuzögen, recht lebhaft vor Augen stellte, ihnen einige Räte gab, wie sie sich in gefährlichen Augenblicken benehmen sollten, und statt der Buße, die sonst bei den meisten Beichtvätern in mechanischer Herbetung gewisser Formeln besteht, ihnen auftrug, unter Tags ihr Gemüt manchmal in kurzen Anrufungen zu Gott zu erheben, ihre guten Vorsätze zu erneuern und öfters wieder zu kommen, um sich durch treffende Ermahnungen und Betrachtungen ihres Zustandes zur Beharrlichkeit zu stärken. Mit mathematischen Arbeiten beschäftigte ich mich ziemlich viel. Der Prälat hatte mir aufgetragen, eine große Viehweide des zum Kloster gehörigen Dorfes Jusum zu messen und einen geometrischen Riß davon zu verfertigen. Man bezahlte mir einen Taglöhner, den ich zum Kettenziehen und andern kleinen Diensten nötig hatte. Ich wanderte denn, wenn es die Witterung zuließ, einige Tage lang morgens um vier Uhr aufs Feld und maß die verschiedenen Teile der weitzerstreuten Weideplätze; nachmittags um zwei Uhr kam ich, vom Hunger getrieben, nach Hause. Anfangs fand ich einige Schwierigkeiten, die kleinen Krümmungen und unregelmäßigen Zickzacklinien der Grenzen genau in meinen Riß einzutragen. Aber sowie ich mehr Übung erhielt, ward mir auch die Arbeit leichter. Wenn ich heimkam, aß ich geschwind, was noch zu haben war, und setzte mich sogleich hin, um meine trigonometrischen Berechnungen und Zeichnungen, solange ich alles frisch im Gedächtnis hätte, zu verfertigen. Allein der Prior schien mich um das Glück, eine bessere Beschäftigung gefunden zu haben, zu beneiden und ließ mich um drei Uhr immer durch einen abgeschickten Frater unter dem Vorwande in die Vesper holen: »Es seien zu wenig Religiosen im Chor, als daß er ordentlich psalliert werden könnte, ich sollte also kommen und aushelfen!« Anfangs hielt ich dies nur für indiskret, aber als ich den Chor betrat und alle Stühle voll Mönchen erblickte, sah ich wohl ein, daß es etwas mehr als Indiskretion war. Als ich dem Prälaten meinen ersten Riß brachte, bezeigte er mir seinen Beifall und sagte: »Er hätte im Sinne, alle Klostergüter auf diese Art von mir messen und im Grundrisse darstellen zu lassen.« Da bat ich ihn, er möchte mich, solange ich daran arbeiten würde, ausdrücklich vom Chor freisprechen und erzählte ihm die Begegnung des Priors. Ich sah, daß er damit unzufrieden war, aber er sagte nur: »Messen Sie das seinem großen Eifer für den Gottesdienst bei und lassen Sie sich dadurch gar nicht abhalten, etwas Nützliches zu arbeiten. Ich werde Ihnen alle Erleichterung zu verschaffen suchen. Nächstens wollen wir wieder nach München gehen, halten Sie sich nur bereit!« Wirklich nahm er mich dahin zum zweitenmal mit, welches mir bei andern Mönchen, die gern meinen Platz eingenommen hätten, nicht wenig Neid und Mißgunst zuzog. Ich schrieb sogleich meinem Freunde und Ordensbruder Vinzenz Caraffa nach Freysing, er sollte auf den bestimmten Tag in München eintreffen. Wir genossen da einige der glücklichsten Stunden, besuchten miteinander unsre Brüder vom Illuminatenorden und besahen alles, was uns sehenswürdig schien. Wir logierten zu München in der Wohnung eines Halbbruders des Prälaten, des Arztes Schwemmer, der vor kurzem gestorben war und seinen Herrn Bruder zum Vollstrecker seines letzten Willens ernannt hatte. Bald zeigte es sich, daß der Arzt den besten Teil seines Vermögens zu einem Stipendium verwandt wissen wollte, welches die studierenden Kinder der leiblichen Schwester unsers Prälaten zu genießen haben sollten. Als diese Geschäfte berichtigt waren, kehrten wir wieder ins Kloster zurück. Es ward nach einigen Wochen Kapitel gehalten, der Prälat trug vor, er glaube, es sei für das Kloster vorteilhaft, wenn dasselbe die Stiftungsgelder als ein ewiges Kapital aufnehmen und jährlich mit vier vom Hundert verzinsen würde. Er wußte die Sache auf einer so guten Seite darzustellen, daß bei der Umfrage die meisten Stimmen der Alten zugunsten seines Vorschlags ausfielen; nur wenige hatten etwas dagegen einzuwenden, aber das wenige schien mir doch treffend genug. Der Prälat ward über dergleichen Einwendungen aufgebracht und erinnerte mich an den Spruch des Momus, der dem zürnenden Jupiter bei Lucian zurief: »Vater Jupiter, du hast gewiß unrecht, denn du zürnest.« Die wahre Ursache, warum der Prälat das Geld durchaus wollte, und warum es einige Mönche ebenso ernstlich nicht wollten, hatte noch keiner zu berühren getraut. Sie war im Grunde die, daß der Prälat eben des Geldes sehr bedurfte und die Schwemmerschen Stiftungsgelder mehr als wahrscheinlich bereits angegriffen hatte, denn eine ungezähmte Spielsucht verleitete den übrigens mit vielen guten Eigenschaften begabten Herrn zu stetem Reisen, zur Vernachlässigung seiner Geschäfte, zum Aufsuchen teurer Lustpartien und zu allerlei unnützem Aufwand, und es war noch nicht lange, daß sich das Kloster gedrungen sah, ein paar schöne Bauernhöfe zu verkaufen, um dem Prälaten wieder einige Barschaft in die Hände zu geben. Aus allen Umständen ließ sich nun abnehmen, daß der Kaufschilling für die Höfe von ihm bereits aufgebraucht sei, und daß er die Schwemmerschen Gelder nur darum als ewig verzinslich in seine Hände nehmen wollte, damit er wieder Mittel hätte, seine Leidenschaft für das Spiel zu befriedigen. Alles das stand so klar vor meinen Augen, daß ich nur wartete, bis die Reihe zu votieren auch mich treffen würde, um die Akzeption rückgängig zu machen. Zwar hatte ich vorher noch mit mir selbst zu kämpfen, ob ich meine wahre Meinung offenbaren sollte oder nicht, und ob es nicht undankbar wäre, einem Obern, der mir so viel Gutes getan hatte, in seinem angelegensten Verlangen zuwider zu sein? Allein ich dachte, es würde zu seinem wahren Glücke gereichen, wenn er nicht mehr so emsig spielen könnte wie bisher, und entschloß mich, die Partei seiner Gegner zu ergreifen. An den Einfluß, den dieses Benehmen auf mein ferneres Schicksal haben könnte, dachte ich gar nicht. Mit Verdruß hatte er eben ein paar der kühneren Sprecher zum Stillschweigen gebracht, und noch waren die meisten Stimmen seinem Zwecke günstig. Jetzt hätte die Umfrage auch an mich und meine Mitprofessen kommen sollen. Aber der Prälat sprach etwas verächtlich: »Die jungen Herren werden wohl mit mir einverstanden sein.« Eine kurze Pause folgte, mir wurmte die Rede des Prälaten im Kopfe, und ich sprach mit halbunterdrückter Heftigkeit: »Erlauben Sie, gnädiger Herr! daß ich Ihnen sage, ich könnte mit der Aufnahme dieser Gelder nicht zufrieden sein, denn erstens genießt das Kloster gegenwärtig glücklicher Zeiten, in welchen alle seine Einkünfte fließen und also zur Notdurft hinreichen sollten, ohne sich erst die Last einer ewigen Abgabe aufbürden zu müssen; zweitens ist der Zins, der von diesen Stiftungsgeldern zu ewigen Zeiten unablöslich gegeben werden soll, zu hoch; drei vom Hundert wären genug, vier sind nach dem allgemein angenommenen Gebrauche zu viel.« »Ach,« sagte der Prälat mit zürnendem Stolze, »was versteht solch ein junger Mensch von Geldsachen?« Das hieß eine kaum vernarbte Wunde meines Herzens mit Distelköpfen reiben. Ich hatte ja in Eichstädt schon dieses Vorurteils wegen darben müssen. »Gnädiger Herr!« erwiderte ich kühn und vielleicht trotzig, »hier hat jeder sein Votum abzugeben, so gut er's versteht und ich bitte, wenn Sie Ihren Verwandten etwas zu Gefallen tun wollen, es auf eine solche Weise zu tun, daß das Kloster dadurch nicht mit einer unabwerflichen Last beladen wird!« Die letzte Rede reute mich, sobald sie mir über die Lippen gekommen war, aber es war unmöglich, sie wieder zurückzunehmen. Der Prälat schwieg zwar, doch seine Augen funkelten, und ich wagte es nimmer, ihm ins Angesicht zu sehen. Ein paar Patres, die nach mir folgten, hatten den Mut, meiner Meinung beizutreten, und so zählten beide Meinungen am Ende gleich viele Stimmen. »Damit man mir keine Parteilichkeit schuld geben könne,« sagte der Prälat mehr als ernsthaft, »so will ich auf mein Recht, die Sache zu entscheiden, für diesmal Verzicht tun und verlange, daß jeder Kapitular noch einmal sein Votum gebe.« Aber, anstatt daß nun seiner Meinung mehrere beitraten, wie er hoffen mochte, fielen die meisten Stimmen gegen die Akzeption aus und mancher sagte: »Anfangs sah ich die Sache nicht von dieser Seite an.« Dieses Kapitel brachte mich, wie begreiflich, im Angesichte aller ganz um die Gunst des Prälaten. Vom Feldmessen war keine Rede mehr, und ich sah mich auf einmal allen Neckereien der Mönche bloßgestellt, ohne von meinen Obern Hilfe erwarten zu können. Denn in Klöstern geht es beinahe wie an Höfen, wer in Ungnade fällt, ist der Ball jedes Buben und ein Scheusal für jede kriechende Seele. Trieben Neid und Scheelsucht bisher nur hinter meinem Rücken ihr Spiel, so wagten sie sich jetzt dreist, mir unter das Angesicht Hohn zu sprechen. Der Prior behandelte mich beim geringsten Vergehen strenger als gewöhnlich, P. Beda spottete beim Abendtrunk und bei andern Gelegenheiten herzhafter über die jungen Vielwisser, die sich erfrechten, ohne tiefgründende Theologen zu sein, verführerische philosophische Schriften zu lesen, und jeder, dem es einfiel, mir einen Tort zu tun, konnte es ungestraft wagen. So verdrängten sie mich durch stete Neckereien auf dem Musikchor von der ersten Violine und schämten sich doch nicht, sobald ein Solo zu spielen war, mich von der zweiten, wohin ich mich des Friedens wegen gestellt hatte, mit Gewalt abzurufen, um Solo zu spielen. Sprach ich während der Rekreation im besten Vertrauen mit meinen Nachbarn, so fielen mir auf einmal andre, die mich behorcht hatten, in die Rede, wollten aus meinen Äußerungen, so sehr ich mich hütete, dennoch etwas Heterodoxes oder philosophisch Anmaßliches oder Freidenkerisches herausdrehen und verscheuchten mich von jeder gesellschaftlichen Unterhaltung. Aber wie ekelhaft würde es sein, wenn ich alle die nichtswürdigen, einzeln ziemlich unbedeutenden Neckereien der Reihe nach aufzählen wollte! Sie gleichen der Tortur jenes Tyrannen, der seinen Schlachtopfern nur schwache Schläge, aber immer auf eben dasselbe Plätzchen unausgesetzt geben ließ, bis der Schmerz endlich unerträglich und das verlangte Geständnis erpreßt ward. Es war für mich ein großes Glück, daß mein Herzensfreund nicht mehr Professor in Freysing blieb, sondern wieder ins Kloster zurückkam. Nur in seiner Gesellschaft und am Klavier des P. Gregor, der mir allerlei Phantasien vorspielte, fand ich Unterhaltung und Trost. Wir richteten es so ein, daß mein Freund meine und ich seine Zelle nach Belieben betreten konnte. Zu diesem Ende holte ich verschiedene alte Schlüssel aus der Kanzlei und feilte sie so, daß sie beide Türen öffneten. Dies gewährte uns den Vorteil, daß jeder im Notfalle die geheimen Papiere des andern retten und daß wir, ohne so leicht beobachtet zu werden, zusammenschleichen konnten, weil keiner lange klopfen oder zögern durfte, um eingelassen zu werden. Auch hatte ich mir durch einen vertrauten Tischler einen Schreibtisch machen lassen, in dem mehrere geheime Schubladen angebracht waren, so daß ich mein geheimes Archiv, sowohl Schriften als verbotene Bücher enthaltend, füglich darin verbergen konnte. Unsre freundschaftlichen Unterredungen hielten uns, wie vormals, für alle Unannehmlichkeiten unsres Standes schadlos und hatten nun durch den Illuminatismus neues Interesse gewonnen. Ein Beamter in der Nähe, mit dem Ordensnamen T. Q. Flaminius, war auch Illuminat, besuchte uns von Zeit zu Zeit und setzte uns in den Stand, die Korrespondenz mit den geheimen Obern zu unterhalten. Durchreisende Brüder, die einen von uns kannten, manchmal Herren von Stande und Ansehen, besuchten uns und setzten die Mönche nicht wenig in Erstaunen, woher wir solche Bekanntschaften hätten. Pater Beda war dann dienstfertig genug, mit einer geheimnisvollen Miene das Rätsel zu lösen und etwa das Wort »Freimaurer« fallen zu lassen. Dies machte, daß uns einige mit geheimem Abscheu ansahen, und daß alle unsre Schritte genauer belauscht wurden. Einst wagten wir es, einen jungen, hoffnungsvollen Mönch von Kaisersheim in meiner Zelle zu initiieren. Wir hatten den Neuling an einem schönen Vakanztage, da wir wußten, daß unser ganzer Konvent spazieren gehen würde, nach genommener Abrede mit dem Flaminius, der als Initians gleichfalls zur bestimmten Stunde eintreffen wollte, nach Donauwörth beschieden; mein Freund und ich blieben, ich weiß nicht mehr unter welchem Vorwande, vom Spaziergange weg, ich verfinsterte mit dichten Vorhängen meine Zelle, zündete die geheimnisvollen drei Lichter an, bereitete das Nötige und führte den Neuling erst in meines Freundes Zelle, die zur finstern Kammer umgestaltet war, und dann in die meinige, wo Flaminius als Oberer und Caraffa als Sekretär ihn bereits erwarteten. So ward er mit allen gewöhnlichen Zeremonien feierlichst in den Orden aufgenommen und sollte unter meiner geheimen Aufsicht zum echten Illuminaten gebildet werden. Das ganze Unternehmen gelang, ohne daß jemand vermutete, was wir getan hatten. Es fügte sich nachher, daß sich auch ein Geistlicher in Donauwörth niederließ, der unser Ordensbruder war. Sicher hätten wir in kurzer Zeit Minervalversammlungen gehalten, wenn nicht das ganze Institut, früher als wir dachten, zerstört worden wäre. Nachdem die Schrift: Für Freimaurer, erste Warnung und andre dahin gehörige Blätter erschienen waren, erhielt sie Beda sogleich, las sie beim Abendtrunk öffentlich vor, deklamierte, mit Seitenblicken auf mich, gegen den Illuminatenorden, erklärte alle Mitglieder ohne Ausnahme für die verdorbensten Menschen und gab Listen herum, auf denen das Personale des Ordens, mit vielen falschen Angaben untermengt, aufgezeichnet war, ebendieselben Listen, welche einige Exjesuiten in Augsburg durch den Ratskonsulenten Fleiner und den Kaufmann Baciochi, um allerlei ihnen mißfällige Leute in bösen Ruf zu bringen, verbreitet hatten. Meines Freundes und mein Name standen zum Glücke nicht darauf. Aber Beda gab Winke, daß noch lange nicht alle geheimen Missetäter entdeckt und aufgezeichnet, und daß die verstecktesten wahrscheinlich die schlimmsten wären. – Meistens verschloß ich mich zu selbiger Zeit in meine Zelle und studierte, was mich eben anzog. So schrieb ich in der Absicht, um mich zum Lehrer der Philosophie vorzubereiten, als ein Prolegomenon die Geschichte der Philosophie, die ich aus allen dazu tauglichen Büchern, so gut ich's verstand, zusammentrug. Ein andermal kompendierte ich Lavaters physiognomische Fragmente, kleckste einige charakteristische Zeichnungen daraus mit Tusche nach, so gut ich konnte, und untersuchte, ob denn die Physiognomik wirklich zu einer Wissenschaft zu erheben sein möchte. Aber nirgends fand ich haltbaren Grund, überall mehr Ausnahmen als Regeln und jede Regel unmittelbar aus Empfindungen abgeleitet und unmittelbar wieder auf Empfindungen zurückgeführt, die doch ebensoviel Verschiedenheit und hiermit ebensoviel Schwankendes notwendig haben müssen, als die Charaktere des Beobachters und des Beurteilten zusammengenommen. Mit mehr Befriedigung las ich Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Kants Kritik der reinen Vernunft fing ich auch zu studieren an, ermüdete aber auf halbem Wege und sah mich durch wichtige Ereignisse abgehalten, dies Studium, so bald wie ich wünschte, fortzusetzen. Meine Stimmung war damals überhaupt nicht die heiterste. Zwei wichtige Todesfälle machten sie noch düsterer. Im Anfange des Jahres 1784 starb mein Bruder Hans Michel, Kantor zu Höchstädt: ein herumziehender Quacksalber hatte ihm die Gliedersucht in die Eingeweide gejagt, er schwoll stark auf und starb voll Seelenruhe in den Armen meiner Mutter, die ihn treulich bewachte. Er hatte mich noch zu sehen verlangt, aber ich kam erst, da er schon ausgeatmet hatte. Lange schwebte mir sein Angesicht, das mir auch im Tode noch zu lächeln schien, lebhaft vor Augen. Die Kälte war überaus strenge, ich besaß die nötigen Kleider nicht, um mich auf der Reise gegen dieselbe zu verwahren, und nachts legte mich der Gastwirt, bei dem ich logierte, in ein eiskaltes Bett. Eine so schneidende Kolik begann in meinen Eingeweiden zu wüten, daß ich glaubte, man würde am künftigen Tage meinen Bruder und mich miteinander zu Grabe tragen. Endlich verlor sich der Schmerz, ich stand gesund auf und ging zu allen Ratsherren, um sie zu bitten, daß der Witwe meines Bruders der Dienst gelassen würde. Wirklich wurde meiner Schwägerin ihr Wunsch gewährt mit dem Auftrage, einen geschickten jungen Mann zu suchen, der dem Kantor- und Schuldienste vorstehen könnte. Im nächstfolgenden Winter starb meine liebe Mutter, ich hatte sie einmal auf ihrem Krankenlager besucht und hoffte immer, sie würde wieder genesen. Bald ließ sie mich von neuem rufen, der Bote meinte, es stünde eben nicht so gefährlich, da zögerte ich einen Tag lang und versäumte darüber ihren letzten Segen. Als ich ankam, war sie schon verschieden. Ich ließ sie auf eine anständige Art zur Erde bestatten und folgte ihrem Leichnam mit Tränen bis zum Grabe. Mein Vater war nicht zu trösten. Er fühlte innigst, wie viel er mit ihr verloren hatte. Mein Bruder Franz Joseph war in die Fremde gewandert und nun wohnte er, mit seinem Kummer allein, im verlassenen Häuschen. Lange währte es, bis er sich in seine Lage fügen lernte. Aber Dank meiner braven Schwägerin und allen den guten Seelen, die seine Leiden so teilnehmend milderten! So traurig bereits meine Stimmung war, so sollte sie doch noch trauriger werden. Minchens und meines Freundes Liebe wirkten immer noch wie Balsam auf mein Herz. Oft saß ich an seiner Seite mit einem guten Fernrohr im Armario philosophico , dessen Besorgung mir der Prälat übertragen hatte, und weidete mich am Anblicke des lieblichen Weibes, das in einem nicht sehr entfernten Baumgarten saß. Dahin führte Minchen ihr Mann, Malchen aber ihr Vater absichtlich auch deswegen öfters, damit sie uns zuwinken und zutrinken könnten. Zuweilen, wenn die Abendsonne Minchens liebliches Antlitz mit blendendem Lichte beschien, hätte ich hinschweben und die Äste des Baumes, unter dem sie saß, zur Schattenlaube flechten mögen, um die schönen Augen der Holden vor den beschwerlichen Strahlen zu schützen. Aber auch diese Freude sollte gestört werden. Ein junger Mönch wohnte, weil er allerlei Sachen zu besorgen hatte, außer der Klausur. Ich kannte ihn von Jugend auf und wußte wohl, daß er bei dem Prälaten viel galt. Manches junge Weibchen wallfahrte auch gern zu ihm, denn seine Gesichtsbildung war hübsch, und nur der Eintritt in die Zellen innerhalb der Klausur ist dem Frauenzimmer verwehrt; ich selbst traf einigemal eine gewisse Frau, die nicht im besten Rufe stand, auf seinem Wohnzimmerchen an. Der Knabe, den Minchen erheiratet hatte, war indessen so groß gewachsen, daß man ihn zur Schule schicken mußte. Minchens Mann lernte also den Pater kennen, der ihn bei jedem Wiedersehen sehr schmeichelhaft empfing. Das alles kümmerte mich wenig. Aber einmal sagte mir der Pater Küchenmeister: »Bonifacius! heute hättest du bei mir frühstücken sollen! Weißt du, wer da war?« Dann erzählte er mir, er habe morgens den Pater – besucht, Minchen dort angetroffen und zum Frühstück eingeladen. Wenn eine Pulvertonne vor mir zerplatzt wäre, hätte ich wohl nicht mehr erschrecken können. Unmöglich war's, meine Verwirrung ganz zu verbergen. Es war Winter, die Stunde des Besuches, sieben Uhr morgens, fiel in die Zeit vor Tagesanbruch; Minchen hatte sich in der Dunkelheit zu dem Mönche geschlichen. Die Eifersucht erwachte in mir mit voller Mut und malte mir die häßlichsten Szenen vor. »Unglücklicher!« sagte ich zu mir selbst, »du dachtest einen Engel zu lieben und liebtest nur ein gemeines, ach vielleicht ein niederträchtiges Weib!« Wie herausgerissen war auf einmal alle Hochachtung für Minchen aus meinem Herzen, mein Herz schien mir zerrissen zu sein. Wie unsinnig warf ich mich auf mein Bett, konnte nur wimmern und mit den Zähnen knirschen, keine Träne floß. »Verwünscht sei aller Glaube an weibliche Tugend! Die mir die Edelste ihres Geschlechtes schien, ist nur eine Buhlerin, o wehe mir! – o ich Tor, ich konnte sie anbeten, hätte mein Leben für sie aufgeopfert und hielt diese Schönheit, die nur den Wollüstling leichter anzulocken dient, für den Abglanz einer edlen Seele. Ach! wie schmerzlich finde ich mich betrogen. Meine besten Gedanken, meine süßesten Gefühle sind zur unausstehlichen Qual geworden! O, daß ich vergehen könnte!« Auf diese Weise klagte ich, sprang auf, lief wild die Zelle auf und ab und endlich zu meinem Freunde. Kaum vermochte ich ihm meinen Jammer zu stammeln. Außer mir riß ich Minchens Silhouette, die ich, in ein schönes Rähmchen gefaßt, immer an meinem Busen trug, aus den Kleidern hervor, zerknickte sie zu Splittern und warf sie rasend von mir. Zwar tat es mir im Herzen wehe, als ich sie zerstörte, aber ich wußte mich nimmer zu fassen. Meines Freundes Erinnerungen, daß Minchen doch noch unschuldig sein könnte, halfen nichts, immer rief eine laute Stimme aus meinem Innern hervor: sie hat sich im Dunkel zum wollüstigen Mönche geschlichen! Kein Trostgedanke haftete in meiner Seele. Lange währte es, bis sich mein Schmerz in Tränen ergoß. Nur zu reichlich flossen sie dann. Und ich bedauerte Minchen als einen gefallenen Engel. Mein Freund wandte alles an, mich zu trösten. Dennoch mußte er gestehen, Minchen sei nicht nur einmal, sondern schon öfters bei dem Mönche gewesen; er selbst habe sie einst zu ebenderselben Stunde hineingehen sehen. Erst nach einigen Tagen faßte ich mich insofern, daß ich einen Brief an Minchen zu schreiben imstande war. Unter anderm saß mir auch die Besorgnis im Herzen, Minchen könnte meine Briefe dem Pater verraten. Sie enthielten zwar nichts, worüber ich mich vor edlen Menschen hätte schämen müssen, aber unter Mönchen wären sie zahllosen Mißdeutungen ausgesetzt gewesen. Ich schrieb also: »Sie würde sich noch erinnern, daß wir auf den Fall, wenn unser gutes Vernehmen jemals gestört werden sollte, einander versprochen hätten, die gewechselten Briefe zurückzugeben; ich bäte sie also, mir die meinigen zu senden, die ihrigen würde sie in beiliegendem Päckchen finden. Seitdem ich wüßte, daß sie das Zimmer eines gewissen Mönches besuchte, hätte mir diese Maßregel unumgänglich nötig geschienen.« Zugleich ersuchte ich meinen Freund, er möchte durch seine mündliche Verwendung die Sache so leiten, daß ich alle meine Schriften wieder zu meinen Händen erhielte. Minchen weigerte sich lange, die Briefe herauszugeben, schickte sie aber doch am Ende auf dringendes Anhalten meines Freundes, samt ihren eigenen Briefen an mich, wieder zurück mit einem beiliegenden Schreiben, in welchem sie sagte: »Sie wisse nicht, was ihr meine Zuneigung so plötzlich entzogen habe. Zu dem Pater sei sie gegangen, um ihren Sohn zu empfehlen, und ihr Mann habe es so gewollt. Ihre Briefe verlange sie nicht zurück, sie hoffe, dieselben seien in meinen Händen, auch wenn sie meine Freundschaft verloren hätte, dennoch wohl verwahrt.« Von neuem brach ich in Klagen und Tränen aus, als ich diesen Brief erhielt, denn ich fühlte es, wie sehr es Minchen schmerzen würde, wenn ich ihr unrecht täte. Aber die fatale Stimme rief noch immer in meinem Innern: »Sie hat sich im Dunkel zum wollüstigen Mönche geschlichen!« Alles war mir von nun an zum Ekel; wohin ich immer sah, erinnerte mich etwas an Minchen, und Minchen war nun mein schmerzlichster Gedanke geworden, so wie sie vorher mein süßester war. Die klösterlichen Übungen dünkten mich doppelt abgeschmackt, die kleinsten Widerwärtigkeiten drangen tiefer in mein wundes Herz. Ich zehrte ab und fand keine Ruhe mehr an der Stelle, wo ich so viel von Minchen phantasiert hatte, in der Stadt, wo sie wohnte, in einem Stande, den ich ohnehin für den unnatürlichsten von allen hielt. Auf einmal stand der Gedanke in meiner Seele: »Du mußt fort von hier, wenn du nicht ganz verderben willst!« Und ich fühlte, daß ich fort müßte und beschloß zu gehen. Aber wie gehen? wohin? wovon leben? Das waren nun die großen Fragen. Wollte ich in Augsburg beim geistlichen Rate auf dem Wege Rechtens vom Ordensstande losgezählt werden, so hatte ich vor allem eine gute Summe Geldes nötig, um Gebühren, Gönner und hilfreiche Federn zu bezahlen; dies mangelte mir ganz. Dann mußte ich ein förmliches Zeugnis von meinem Vater aufweisen können, daß er mich unter schweren Drohungen ins Kloster gezwungen habe, und wie hätte ich dieses erhalten sollen? Überdas sollte ich mächtige Fürsprecher gewinnen, die mich im Falle der Loszählung von den Ordensgelübden zu versorgen bereit gewesen wären, und ich kannte niemanden. Aber hätte ich auch Fürsprecher, Geld und Zeugnis gehabt, so wäre es doch zweifelhaft geblieben, ob ich in Augsburg mit der Probe auslangen würde, daß mir bei Ergreifung des Mönchsstandes Gewalt angetan worden sei. Nach dem zu urteilen, was mir bereits von der Strenge bekannt war, mit welcher dergleichen Angelegenheiten daselbst untersucht wurden, durfte ich gar nicht hoffen, durch meine Klagen beim Bischofe etwas andres auszurichten, als daß ich im Kloster als ein mit seiner Obrigkeit offenbar Unzufriedner noch mehr gequält und vom Geistlichen Rate nach vielem vergeblichem Umtriebe zur Ruhe verwiesen werden würde. Den Weg Rechtens konnte ich also nicht betreten und wandte mich zum Wege der List. Lange sann ich hin und her. Im katholischen Deutschland konnte ich mein Unterkommen nicht finden, überall würde man mich, sobald man meinen Namen erfahren hätte, angehalten und wieder in mein Kloster zurückgeliefert haben. Im protestantischen Deutschland glaubte ich nur dann sichern Aufenthalt zu haben, wenn ich mich zu einer Religionsänderung verstehen würde. Dies konnte ich nicht, teils weil mir unter den geduldeten Parteien kein Glaubenssystem bekannt war, das mit dem meinigen harmonierte, teils weil es mich immer schändlich dünkte, den Konvertiten zu spielen, teils weil ich meinem Vater das Herzeleid nicht machen wollte, seinen Sohn als einen Abtrünnigen beweinen zu müssen. Das einzige deutsche Land also, wohin mir die Flucht offen stand, ohne mich zur Religionsänderung bequemen zu müssen, war die Schweiz. Basel, als die größte und volkreichste Stadt darin, voll Betriebsamkeit und Kaufmannsgeist, schien mir der bequemste Ort, mein Unterkommen zu finden. Aber wie sollte ich dahin reisen? Und wenn ich dort wäre, wie sollte ich mich nähren? Man kann nicht glauben, wie lange und emsig ich hin und her sann, um über diese Fragen ins klare zu kommen; es dauerte länger als ein Vierteljahr, ehe ich darüber mit mir selbst einigermaßen einig ward. Wie ich meinen Unterhalt gewinnen wollte, wußte ich mit aller Anstrengung nicht bestimmt auszumachen. »Aber,« dachte ich, »du kannst die Violine spielen, singst einen leidlichen Tenor, verstehst die Mathematik, kannst in schönen Wissenschaften Unterricht geben und bequemst dich zu allem, was Unterhalt verschafft. Will es sich nicht besser schicken, so wirst du Lehrknabe bei irgendeinem Handwerker, einem Drechsler oder Tischler, oder suchst bei einem Kaufmanne angenommen zu werden. Du kannst nie ganz unglücklich werden, und wo du auch immer bist, wird es besser um dich stehen als hier im Kloster.« Um reisen zu können, hatte ich Geld, einen Koffer und eine weltliche Kleidung nötig. Wegen des ersten Artikels zerbrach ich mir lange vergebens den Kopf. Endlich fiel es mir ein, meine Bücher, deren ich eine ziemliche Anzahl beisammen hatte, und die mir doch nach der Abreise keine Dienste mehr leisten konnten, dem Prälaten um was immer für einen Preis anzubieten. Ich ging zu ihm und sagte: »Gnädiger Herr! Sie haben mir schon lange Ihr Mißfallen bezeigt, daß ich so viele verbotene Bücher lese. Ich muß es bekennen, Sie hatten nicht ganz unrecht, aber nun wollte ich gern dieselben weggeben, um mir bessere anzuschaffen, wenn ich nur einen Käufer dazu wüßte. Lassen sich Euer Hochwürden und Gnaden erbitten und nehmen Sie mir diese Bücher um die Hälfte des Ladenpreises ab, oder erlauben Sie doch, daß ich sie, so gut ich kann, irgend anderswo an den Mann bringe.« »Woher diese schnelle Bekehrung?« sagte er lächelnd, »sie scheint mir noch nicht ganz aufrichtig zu sein, sonst würden Sie Ihre verführerischen Scharteken nicht noch andern verkaufen wollen. Eigentlich hätte ich das Recht, dieselben ohne weiteres zu konfiszieren, denn ein Religiose besitzt ohnehin nichts Eigentümliches. Allein ich fürchte, da Sie Ihre geheime Bibliothek so lange verborgen zu halten wußten, so möchten Sie mir die schlimmsten Bücher verleugnen. Ich will mich also dazu verstehen, Ihnen eine Vergütung zu geben, aber bringen Sie mir erst einen Katalog mit beigeschriebenen Preisen, damit ich weiß, was ich kaufe.« »Gnädiger Herr!« sagte ich und schüttelte bedenklich den Kopf, »vergeben Sie, ich fürchte, Sie wollen nur erst den Katalog haben, um mir dann die Bücher, ohne an eine Bezahlung zu denken, vollzählig abnehmen zu können. Aber – ich schreibe keinen Katalog, solange Sie nicht ausdrücklich versprechen, die Hälfte des Preises mir dafür zu bezahlen.« »Das ist doch eine impertinente Zumutung,« erwiderte er etwas ernster, »wollen Sie mir nicht gar ein Handgelübde abfordern? Ich meine, Sie könnten zufrieden sein, daß ich Ihnen Vergütung versprach. Erst muß ich doch sehen, was die Bücher wert sind! Bringen Sie mir das Verzeichnis davon.« »Nun – ich wag' es,« sprach ich, »im Vertrauen auf Ihr Wort, das Verzeichnis redlich und vollständig abzufassen.« Bald brachte ich es in die Abtei mit beigeschriebenem Ladenpreise. Aufmerksam durchlief der Prälat alle Titel. Die Namen Rousseau, Voltaire, Steinbart und andre stachen ihm sehr in die Augen, seine Mienen und noch mehr seine Fragen belehrten mich, daß er begierig sei, die aufgezeichneten verbotenen Bücher in die Hände zu bekommen, worauf mein ganzes Plänchen gebaut war. Ich hatte die Vorsicht gebraucht, nur die besten aufzuschreiben, mit wenigen mittelmäßigen untermengt, damit ihm die Lust zum Ankaufe nicht vergehen möchte. Ganz richtig vermutete ich, daß er längst dergleichen Schriften gern gelesen hätte, wenn sie ihm, ohne daß es Aufsehen erregen konnte, in die Hände gefallen wären. »Wenn die Bücher gut konditioniert sind,« sprach er, »so will ich Ihnen die Hälfte bezahlen, aber ich muß doch vorher wissen, wie die Bände aussehen. Bringen Sie mir dieselben, ohne jemandem etwas zu sagen, nach und nach in die Abtei.« Noch immer wußte ich nicht, woran ich eigentlich wäre. Aber ich dachte, ich müßte die Bücher doch größtenteils zurücklassen; würde sie nun der Prälat unbezahlt behalten, so verlöre ich nur den Wert derjenigen, die ich unter der Hand an andre hätte verkaufen können, würde er sie aber bezahlen, so gewönne ich eine ziemliche Summe. Also brachte ich eine Tracht nach der andern in die Abtei, stellte sie auf einem Nebentische in Reihen und erwartete geduldig die Bezahlung. Lesegierig durchblätterte der Prälat eine Weile Rousseaus Werke, zählte mir dann etwa vier neue Louisd'or auf den Tisch und entließ mich mit der Ermahnung, das Geld an bessre Bücher zu wenden. Im Priorate hatte ich etwa 15 fl. deponiert, diese holte ich ab, um mir einen blauen Reiserock, wie jeder Benediktiner ihn tragen durfte, machen zu lassen, wogegen der Prior nichts einzuwenden wußte. Durch Feldmessen hatte ich mir vor kurzem auch ein paar Dukaten verdient. Der Verkauf einiger entbehrlicher Geräte aus meiner Zelle brachte etwa zehn Gulden ein. P. Cölestin hatte die Erzbruderschaftskasse des heil. Rosenkranzes zu verwalten. Ich bat ihn, mir aus derselben 7 fl. vorzustrecken; den P. Maurus, der eine andre kleine Kasse zu verwalten hatte, ersuchte ich um 8 fl., und beide liehen mir, was ich verlangte. Mit Beschämung gesteh' ich diese letzten beiden Posten. Meine ganze Barschaft bestand also in etwa 92 fl., wovon ich noch einige Gulden an den Schneider für die Verfertigung eines Reisekleides abgeben und auf andre kleine Bedürfnisse verwenden mußte. Einen blauen Überrock ließ ich mir verfertigen, ohne jemanden scheuen zu dürfen. Dem Konventdiener kaufte ich einen runden braunen Hut mit weißem Rande ab. Um Beinkleider und eine Weste zu erhalten, rief ich einen jungen muntern Schneider zu mir, den ich wohl kannte, und sagte ihm, daß ich gesinnt wäre, einem meiner Brüder, der genau meine Größe hätte, ein paar Kleidungsstücke machen zu lassen. Da nahm er mir das Maß und brachte die fertigen Kleider bald auf meine Zelle. Zwischen alten zusammengehefteten Mönchskutten verbarg ich sie bis zur Zeit, da ich derselben bedürfen würde. Damit mich fremdes Getränk nicht krank machen möchte, übte ich mich lange Zeit im Wassertrinken und genoß beinahe ein halbes Jahr lang weder Bier noch Wein. Noch mußte ich einen Koffer haben, deswegen besuchte ich abends nach der Komplet den Kammerdiener. Sein Wohnzimmerchen war hinter dem Gitter, das, mit goldenen Zieraten geschmückt, den offenen Gang vor der Abtei verschließt. Hinter diesem Gitter standen immer einige Reisekoffer aufeinandergetürmt, unter denen auch derjenige war, dessen ich mich bei meiner Versendung nach Eichstädt bedient hatte. Öfters ward der Kammerdiener in die Abtei gerufen, und ich befand mich allein. In einer solchen Zwischenpause zog ich den Koffer, zu dem ich noch den Schlüssel besaß, unter den andern hervor, schleppte ihn geschwind und vorsichtig umherspähend in meine Zelle, verbarg ihn in einem großen Kasten und ging wieder zum Kammerdiener zurück, um mit demselben noch einmal zu zechen. In diesen Koffer packte ich dann ein Reißzeug von Brander, nebst einem Stangenzirkel von ebendemselben, meine Papiere, einige Bücher und die Hälfte meines Vorrats an Leinenzeug. Die andre Hälfte ließ ich zurück, damit die Mönche, die nicht genau wissen konnten, was ich eigentlich besaß, glauben möchten, alle meine Sachen seien unberührt zurückgeblieben. Diese Meinung zu erregen, lag vorzüglich in meinem Plane; zu welchem Zwecke, wird bald klar werden. Wenn nun ein Bauer an Beichttagen im Konventgange erschien, so fragte ich ihn, ob er schreiben könnte und neckte ihn solange, bis er mir seine Kunst augenscheinlich zu beweisen bereit war. Einst fand ich nun einen, der sich nicht übel auf das Schreiben verstand, er rühmte sich sogar, er wollte mir alles nachschreiben, was ich ihm vorsagen würde. Das war eben, was ich wünschte; ich diktierte ihm also einen Brief etwa folgenden Inhalts: »Lieber geistlicher Herr Vetter! Mein Sohn ist ein Bader (Chirurg) und ist nun in der Schweiz auf der Wanderung, bald wird er nach Basel kommen und verlangt, ich soll ihm seine Instrumente und Kleider dahin vorausschicken, damit er sie dort, sogleich bei seiner Ankunft, finden möge. Da Sie an einem Orte wohnen, wo ein Postamt ist, so sende ich Ihnen den Koffer und bitte Sie, bei dem Posthalter sich zu erkundigen, wie die Sache anzugehen ist, damit mein Sohn denselben richtig erhält. Verfertigen Sie dann nach Anleitung des Posthalters die Aufschrift dazu! Ich bin Ihr ergebenster Vetter Neuleben. Hafenreith, den.. 1785.« Auf diesen Brief ließ ich von ebenderselben Hand meine Adresse setzen, siegelte ihn mit einem kaiserlichen Sechskreuzerstücke nach Bauernart zu, beschmutzte sein Äußeres, wie wenn er lange in unreinlichen Taschen herumgezogen worden wäre und öffnete ihn wieder, um ihn zu meiner Absicht zu gebrauchen. Ich ersuchte den Posthalter auf meine Zelle zu kommen. Da ich einem seiner Knaben Unterricht in der Musik erteilte, so erschien er sogleich, las den erdichteten Brief und riet mir, eine ganz einfache Aufschrift an Gottlieb Neuleben in Basel auf den Koffer zu setzen mit dem Anhange: »Bei dem löbl. Postamte aufzubewahren, bis ihn der Eigentümer gegen Revers abholen wird.« Der Revers aber sollte dem Gottlieb sogleich zugeschickt werden, wozu ich mich gern verstand. Nun erwartete ich nur einen Tag, da der Postwagen durch Donauwörth gehen und der Prälat eben nicht zu Hause sein würde, um den Koffer auf die Post zu schicken. Sobald diese zwei Umstände zusammentrafen, versprach ich einem Klosterdiener, auf dessen Bereitwilligkeit ich mich verlassen konnte, ein gutes Trinkgeld, wenn er morgens, genau um dreiviertel vor sechs Uhr mit einem Schubkarren an der Klosterpforte erscheinen und mich aus dem Meditationszimmer, wie zu einem wichtigen Geschäfte, herausrufen würde. Alle diese Umständchen mußten genau zusammentreffen, wenn das Unternehmen ganz gelingen sollte. Der Koffer mußte an ebendemselben Tage, an dem er auf die Post gegeben ward, abgehen, damit er im Posthaus nicht etwa von einem der Klosterdiener, die oft zum Trinken dahinkamen, als ein dem Kloster gehöriger Koffer erkannt würde. Der Prälat mußte in der Stunde, da der Mann mein Gepäck auf seinem Schubkarren den Berg hinauf führte, abwesend sein, sonst würde er denselben von den nahen Fenstern der Abtei aus erblickt und gefragt haben, was er da führe, welches auf jeden Fall zu gefährlichen Erörterungen Anlaß gegeben hätte. Die Zeit des Transports, ein wenig vor sechs Uhr, mußte sorgfältig beobachtet werden, denn nur in dieser Viertelstunde gingen der Pater Großkellerer, der nahe an der Pforte wohnte, zum Messelesen und der Pförtner, um ihm am Altare zu dienen (ministrieren), in die Kirche und ließen die Pforte unbewacht. Und nur in dieser Viertelstunde waren alle Mönche bereits im Meditationszimmer versammelt und konnten meine Handlungen nicht bemerken. Bei der Ausführung gelang alles nach Wunsch, bis auf eins. Der Diener kam richtig, ich schlich aus der Meditation weg und schleppte den Koffer mit ihm zur Pforte. Wehe aber! da begegnete uns auf dem Wege P. Augustin, der einen Teil der Meditation verschlafen hatte, ein Zufall, der in der Folge meinem ganzen Schicksal eine andre Wendung gab. »Guten Morgen, Bonifacius!« sagte er verwundert, »was trägst du denn da? Ich glaube gar, du willst in Luthers Land ziehen.« Mir war innerlich bange, aber ich nahm eine lustige Miene an, setzte den Koffer ein wenig nieder und sprach in scherzhaftem Tone: »Wenn du Lust hast, so komm und pack' auch deine Sachen mit ein!« Der Diener lud dann die Bürde auf seinen Karren und fuhr unaufgehalten davon; dem Pater aber zeigte ich Neulebens erdichteten Brief, damit er beruhigt sein möchte. Der Posthalter schickte mir einen Empfangsschein, den ich sorgfältig in meiner Brieftasche verwahrte, und der Koffer gelangte nach Basel vierzehn Tage früher, als ich dort ankam. Nun bedurfte ich noch einer List, um glücklich zu entkommen. Eben damals las ich in der Jenaischen allg. Literaturzeitung die Rezension der Lebensgeschichte eines Engländers, dessen Name mir entfallen ist. Der Mann wollte die Meinung von sich verbreiten, er lebe nicht mehr, erstach auf der Reise sein Pferd und ließ einige blutige Kleider dabei liegen, so daß jedermann glaubte, er sei beraubt und ermordet worden, indes er unter einem andern Namen sein Glück in der Welt suchte. Auch ich entschloß mich, die Leute glauben zu machen, ich lebe nicht mehr. Dies, hoffte ich, sollte mir den Vorteil gewähren, auf die leichteste Weise unverfolgt zu entfliehen und in was immer für einem Stande unerkannt mein Brot zu gewinnen. Die Meinung, daß ich tot sei, zu verbreiten, schien mir auf mehrern Wegen tunlich. Eben war P. Corbinian gestorben; er lag manchmal unbewacht im alten Kapitel, und es fiel mir unter anderm ein, seinem Leichnam eine Hand abzuhauen und sie zu meinem Zwecke anzuwenden. Mit ein paar Tauben in der Tasche wäre ich dann in den Wald gegangen, hätte einige blutige Stricke und meine Mönchskleider an einem gangbaren Holzwege von mir geworfen, die Hand dazu gelegt, die Tauben gewürgt und die Kleider nebst dem Rasen umher mit ihrem Blute begossen, so daß jedermann vermutet haben würde, hier wäre ein Mord an mir begangen worden, die Mörder hätten mir eine Hand abgehauen und den entseelten Körper irgendwo im Gebüsche verborgen. Wahrscheinlich wäre von mir dieser Einfall ausgeführt worden, wenn mich das Abschneiden der toten Hand nicht zu gräßlich gedünkt und die Besorgnis übrig gelassen hätte, man möchte durch einen Zufall entdecken, daß dem Leichnam eine Hand fehlte. Ich entschloß mich also, die Leute glauben zu machen, ich sei, als ich in der Donau badete, ertrunken. Um dies auszuführen, mußte ich einen heitern Tag erwarten, an welchem der Prälat eben verreist sein würde. Denn an einem Regentage geht niemand gern zum Baden und, wäre der Prälat zu Hause gewesen, so hätte mir die Erlaubnis, auszugehen, gar leicht verweigert werden können. Der August 1785 war aber ein sehr nasser Monat, so daß ich lange umsonst auf einen hellen Tag harrte. Indessen leerte ich mein geheimes Archiv und verbrannte Minchens Briefe samt den meinigen am Herde. Der Koch, ein Günstling und Schmeichler des Prälaten, versuchte, sobald ich nur den Rücken wandte, die halbverbrannten Schriften aus den Flammen zu ziehen, allein ich entriß sie ihm sogleich wieder, warf sie von neuem ins Feuer und ging nicht von der Stelle, bis alles in Asche zerfallen war. Lange hatte ich mich besonnen, ob ich diese Briefe nicht auch in den Koffer packen sollte, denn es schmerzte mich, sie ganz zu vernichten, aber einesteils befürchtete ich, Minchen möchte in eine unangenehme Verlegenheit kommen, wenn mein Koffer, was noch immer möglich schien, mir entrissen werden sollte, teils war mein Herz noch zu wund, als daß ich Minchens Briefe mit Gleichmut hätte betrachten können, und es dünkte mich am besten, alle zu lebhafte Erinnerung an die Innigkeit unsrer Verbindung, mit der jetzt so viel Schmerz in meiner Brust auflebte, sorgfältig zu verhüten. Ein Apothekergeselle, mit dem ich bekannt war, verschaffte mir einige Gramm Opium, um das ich ihn gebeten hatte. Ich hoffte, es sollte mir gute Dienste tun, wenn ich das Unglück haben würde, wider Vermuten auf meiner Flucht verfolgt und eingeholt zu werden. In diesem Falle würde ich versucht haben, eine Portion davon den Häschern beizubringen, sie schlaftrunken zu machen und, während sie schliefen, zu entwischen. Auch trug ich so viele Landkarten von Schwaben zusammen, als ich irgendwie finden konnte, und suchte darauf die kürzeste Reiseroute nach Basel mit allen daran liegenden Städten und Dorfschaften ausführlich zu bestimmen. Um als Reisender bei Brücken und Toren von der Wache nicht angehalten und in Verlegenheit gesetzt zu werden, schrieb ich mir selbst ein Attestat, so wie man es in Klöstern für die Novizen auszufertigen pflegt, welche den Orden wieder verlassen. Ich nannte mich darin Philipp Bernard Benne, einen Studenten aus dem Kanton Schwyz, darum, weil die Anfangsbuchstaben dieses Namens, P. B. B. (Pater Bonifacius Bronner) in all mein Leinenzeug eingenäht waren und also zugleich als Beweis der Wahrheit meiner Angaben im Notfalle dienen konnten. Daß ich aus dem Kanton Schwyz gebürtig sei, ließ ich deshalb einfließen, damit mir der Weg dahin weniger versperrt würde. Als einen aus dem Kloster getretenen Novizen gab ich mich darum aus, weil man im katholischen Deutschland nur einen gewesenen Novizen mit einem solchen abgeschornen Haar, dergleichen ich hatte, zu sehen gewohnt ist, ohne ihn als einen entlaufenen Mönch einzustecken. Das Kloster, in welchem ich das Noviziat verlassen haben sollte, nannte ich geradezu Donauwörth, in der Hoffnung, ich würde längst in der Schweiz sein, wenn man auf die Vermutung käme, daß ich mich nur fälschlich als einen Novizen dieses Klosters angegeben hätte. Der Prälat hatte mir nach Eichstädt eine Carta bianca geschickt, um darauf die Bittschrift um die Priesterweihe an den Bischof von Eichstädt zu schreiben. Weil er besorgte, ich möchte etwa das eine Exemplar unnütz verderben, so legte er auf diesen Fall ein zweites bei. Diese zweite Carta bianca besaß ich noch und schrieb jetzt mein Attestat in bester Form darauf, so daß es niemand für falsch zu erklären imstande war. Mit diesen Erfordernissen und allerlei andern Kleinigkeiten ausgerüstet, erwartete ich begierig den Tag, da ich mein Vorhaben ausführen und endlich die Fesseln zerbrechen könnte, in denen ich schon so lange trostlos seufzte. Neuntes Kapitel: Auf der Flucht nach der Schweiz. Abschied vom Kloster – Erster Tag der Flucht – Von Dillingen bis Ulm – Kolik – Beinahe ertappt – Von Ulm nach Niedlingen – Ein Nachtlager – Mit der Post nach Schaffhausen – Angenehme Reisebegleitung – Der Rheinfall – Zu Schiff nach Basel – Ein schöner Empfang – Der Steckbrief – Wirkungen meiner Flucht im Kloster – Meine Mitbrüder – Ein consilium abeundi und Reise nach Zürich. Erst den 29. August 1785 heiterte sich das Wetter auf, ein schöner Sommertag lockte die Schnitter aufs Feld und der Prälat machte mit dem Bischöfl. Augsburgischen Geistl. Rat und Provikar De Haiden, der sich eben als Gast einige Tage im Kloster aufhielt, eine Spazierfahrt nach Kaisersheim. Da entschloß ich mich, mein Wagestück endlich zu beginnen. Ich ging zu dem Prior und bat um Erlaubnis, nachmittags meine Freunde in Kaisersheim zu besuchen und einige neue mathematische Instrumente, die dort eingetroffen sein sollten, sehen zu dürfen. Er schlug mir's ab, unter dem Vorwande, es wären zu wenige Leute da, um den Chor zu halten. Allein ich wandte dagegen ein: »Der Abgang einer einzigen Person kann nicht wohl in Betrachtung kommen; ich habe von dem Prälaten ausdrücklich die Erlaubnis erhalten, die Instrumente sehen zu dürfen und wollen Sie, Herr P. Prior, auch heute, wie gewöhnlich, meinen Wünschen entgegen sein, so ist's mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, ich werde mich durch Ihre Weigerung nicht abhalten lassen, nach Kaisersheim zu wandern und mich dort bei dem Prälaten, so gut ich's vermag, zu rechtfertigen.« »Sie sind heute sehr trotzig,« sagte er, »und ich sollte kaum Ihrem Eigensinn nachgeben, jedoch, weil Sie sagen, der gnädige Herr habe Ihnen bereits Erlaubnis erteilt, so mögen Sie Ihrem Kopfe folgen, es wird sich Gelegenheit finden, mit Ihnen abzurechnen. Aber da Sie eben Wöchner sind und im Konvente zu Tische dienen müssen, so werden Sie vorher noch Ihre Schuldigkeit tun.« Ich versprach es, diente zu Tische, aß dann geschwind etwas weniges zu Mittag (denn es wollte mir vor Eile und Unruhe nicht recht schmecken) und schickte mich an, die Flucht zu beginnen. Einem meiner Vertrauten hatte ich schon lange allerlei Winke von meinem Vorhaben gegeben, jetzt rief ich ihn in meine Zelle, kleidete mich ins weltliche Gewand von Kopf bis zu Fuße und fragte den Staunenden: »Nun, Bruder, wie gefall' ich dir?« »Du siehst,« erwiderte er scherzend, »genau einem lustigen Schneiderbürschchen ähnlich!« Ich fuhr fort: »Glaubst du nun, daß ich bald nicht mehr Mönch sein werde?« Er ward ernsthaft und sagte: »Ich weiß nicht, scherzest du oder ist es dein Ernst!« Ich. Wenn es mir Ernst wäre, eine Reise in die Schweiz zu machen, würdest du wohl auch dann mein Freund noch bleiben? Er. Ach, du scherzest nur; dies Kleid hast du ja deinem Bruder bestimmt. Aber dein Freund würde ich auf jeden Fall bleiben. Ich. Und versprichst du mir zu schreiben, was sich hier zugetragen hat, wenn ich einst fort bin? Er. O gewiß! – Es würde mir Bedürfnis sein, dir es zu sagen! Ach, wie isoliert wäre ich dann! – Aber du gehst nicht. Ich. Freund! Vielleicht sehen wir uns heute zum letztenmal in unserm Leben. Ich gehe! – Wann – sag' ich dir nicht. Lebe Wohl! Das Herz brach mir, mit Tränen fiel ich ihm um den Hals. »Ach! ist es denn schon so weit?« sagte er, »o, du hättest mir nichts sagen sollen! – »Wie werde ich's nun verbergen, daß ich etwas um dein Vorhaben wußte, wenn es heißt, du seist entflohen? Wie werden die Mönche mich ansehen?« Ich. O Freund, ich konnte nicht fort, ohne es dir zu sagen. Er. Aber weißt du auch, wo du deinen Unterhalt finden wirst? Ich. Die Vorsehung, Freund! hat noch bisher für mich gesorgt, sie wird mich nicht verderben lassen. Du weißt, wie sehr ich litt und daß ich zugrunde gehen müßte, wenn ich bliebe. Ich gehe nicht aus frevelhaftem Leichtsinn weg. – Nur eins bitte ich dich: Beantworte meine Briefe! Er. Hier hast du meine Hand darauf! Ich. Lebe Wohl, treuer edler Freund! Habe Dank für alle deine Treue und Liebe! Wir weinten, einander am Halse hängend und schieden. Mit einem seidenen Halstuche band ich meinen braunen englischen Hut um das rechte Knie, mit Bindfaden ein Paar Mönchsbeinkleider um das linke, ein abgetragenes Hemd schlang ich um den Leib, steckte zwei Paar Schuhe nebst Strümpfen und allerlei Kleinigkeiten in die Tasche, zog neue Stiefel an und warf über alles her den langen Mönchshabit samt dem Skapulier. Die weltliche Kleidung darunter verriet sich durch nichts, als daß ich etwas dicker war. So gerüstet schrieb ich noch einen Brief an meinen Bruder, als wollte ich ihm einige Kleidungsstücke übersenden, ließ das Blatt unvollendet auf dem Schreibtische liegen, ergriff Hut und Stock und eilte der Pforte zu. Schon beim Nachtische und vormittags in den Zellen einiger meiner Bekannten hatte ich absichtlich ausgesagt, daß ich heute zum Baden gehen würde; nun begegneten mir auf dem Wege die Religiosen, die mich fragten, wohin ich ginge? Ich sagte wieder »zum Baden«. Pater Augustin wollte durchaus mitgehen und bat, ich möchte nur ein Viertelstündchen verziehen. Allein ich beteuerte, daß ich Eile hätte, weil ich nach dem Baden noch in Kaisersheim einen Besuch ablegen und heute wieder zurückkommen wollte, und lief davon. Um die Leute glauben zu machen, ich habe wirklich den Weg nach Kaisersheim eingeschlagen, ging ich zum Tore hinaus, durch das der Weg dahin führt, wandte mich aber draußen um die Stadt herum und wanderte nach Zusum, wo ich vom Feldmessen her noch alle Plätzchen wußte. Ein sehr gesprächiger Wollenweber von Donauwörth, der sich meinen Vetter nannte, obschon er niemals nähere Bekanntschaft mit mir gepflogen hatte, traf mich auf dem Wege an und wollte mich durchaus auf meinem Spaziergange begleiten. Erst bei der Schwadermühle konnte ich seiner los werden, nachdem ich ihm gesagt hatte, ich müßte in Zusum einige Geschäfte besorgen. Es war hohe Zeit, daß er mich allein ließ, denn der runde, braune Hut, welchen ich um das rechte Knie gebunden trug, wollte sich losmachen und drohte bei jedem Schritte mir vor die Füße zu fallen und mein Geheimnis zum Teil zu verraten. Aus dreierlei Gründen hatte ich die Gegend um Zusum gewählt, um dort meine Mönchskleider an den Strand zu werfen. Erstens konnte ich da am besten bestimmen, zu welcher Zeit sie gefunden werden sollten, zweitens war ich mit allen Wegen und Stegen dort herum genau bekannt, drittens verbarg ein Wäldchen, das sich an der Donau bis nach Münster hinaufzieht, meine Flucht, so daß es niemand bemerken konnte, wenn ich vom Badeplatze hinwegschlich. Sobald ich an das erste Häuschen des Dorfes kam, fragte ich die Hirtin, welche dasselbe bewohnte, wo ihr Mann heute die Viehherde weide und wohin er sie morgen treiben werde. Sie gab mir ausführlichen Bescheid und sagte, morgen würde auf dem sogenannten Käseck gehütet. Nun durfte ich nicht sorgen, heute dem Hirten in die Hände zu laufen, und konnte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bestimmen, meine Kleider würden erst morgen gefunden werden, denn das Käseck war eine kleine, mit Stauden und Dornen stark bewachsene Heide, hart an der Donau, wohin niemand kam, als etwa der Hirt und die Knaben, denen Pferde entlaufen waren. Es mußte mir daran liegen, beiläufig voraus zu wissen, wann man mein abgelegtes Gewand finden würde. Denn wäre dies zu spät geschehen, so hätte früher, als meine List zu wirken anfing, die Vermutung entstehen müssen, ich sei entwichen. Wäre es aber zu bald geschehen, so hätte auch der Lärm von meinem Ertrinken zu bald begonnen und einige Religiosen eben dadurch auf den Einfall geraten können, mein Ertrinken sei nur eine Erdichtung, um sicherer zu entkommen. In beiden Fällen wären mir zu frühe Häscher und Eilboten nachgeschickt worden. Ich ging durch das Dorf, grüßte die Leute sehr freundlich und schlich durch einen Umweg auf's Käseck. Die Uhr schlug Zwei, als ich dort anlangte. Sorgfältig durchsuchte ich erst die ganze Gegend, um zu sehen, ob sich niemand hinter dem Gebüsche verborgen halte und mich belauschen könne. Alles war menschenleer und sicher, nur in einiger Entfernung vom jenseitigen Ufer beschäftigten sich mehrere Menschen mit Einsammlung des Getreides. Hinter einem Busche, zunächst am Strande stehend, zog ich mein Ordenshabit ab, legte es auf den Sand am Wasser, die Beinkleider und das Hemd, welche ich umgebunden hatte, dazu, nebst Schuhen und Strümpfen, Hut und Stock, mit aller Zugehör, die immer ein Mönch am Leibe trägt, so daß jedermann glauben mußte, hier hätte sich ein Mönch zum Baden entkleidet. Sogar eine kleine Schreibtafel, die ich immer bei mir zu führen pflegte, und ein wenig Münze ließ ich in den Taschen zurück. In die Schreibtafel hatte ich allerlei Sachen geschrieben, welche die Leser in Absicht auf mein Unternehmen irreführen konnten. Dann band ich mein Halstuch um, setzte eine weiße baumwollne Mütze über mein kurzes krauses Haar, das ich mir, unter allerlei Vorwänden, schon ein paar Monate lang nicht mehr hatte abrasieren lassen und schnitt mir einen Stock von einer Haselstaude. Jetzt trat ich, wie ein Handwerksbursche gekleidet, hinter dem Busche hervor, zog meine Stiefeln aus und machte Tritte in den Sand vorwärts bis ans Wasser, so daß ich auf dem Rückwege, hinter mich gehend, meine Füße in die alten Fußstapfen setzte. Dadurch glaubte ich nicht ohne Grund, die Beobachter dieser Spur würden daraus schließen, derjenige, der seine Kleider hier ablegte, sei zwar hinein in den Strom, aber nicht mehr herausgegangen. Das Kloster lag prächtig schimmernd gegen Norden, nochmals blickte ich es mit einer Art wehmütiger Empfindung an und sagte zu mir selbst: »Dies ist der Zeitpunkt, da sich dein Schicksal entscheiden muß. Bedenk' es noch einmal! Willst du jenes prächtige Gebäude, wo du – freilich bei vielen Leiden – ein sichres Unterkommen hast, mit einer Aussicht voll Unsicherheit vertauschen? Willst du dich in die weite Welt wagen, ohne zu wissen, ob nicht noch größeres Ungemach als im Kloster deiner wartet? – Ach! Es kann doch nicht größer sein als die Qual, in einem Stande zu leben, den ich verabscheue, und ich werde gewiß mit meinen Händen so viel gewinnen, als ich zum Leben bedarf. Wohlan, in Gottes Namen will ich es wagen!« Dann warf ich mich hinter dem Busche auf die Knie nieder und sprach mit Inbrunst ein Gebet, worin ich Gott bat, mir auf meinem fernern Wege beizustehen. Dann sprang ich auf, voll Mutes, bedeckte mich, dem Kloster Abschied winkend, mit meinem Hute und wanderte, ohne jemand anzutreffen, getrost durch den Wald an der Donau hinauf bis zu der Brücke bei dem zum Kloster gehörigen Dorfe Münster. Ein Bauer, dem ich vor kurzem einige im Streit befangene Jauchart Ackers gemessen hatte, kam mir mit einem Leiterwagen auf der Brücke entgegen. Mir ward bange, ich fürchtete erkannt zu werden und wußte in der Eile kein besseres Mittel, dies zu verhüten, als daß ich mein Schnupftuch aus der Tasche zog, unter dem großen runden Hute mehr als das halbe Angesicht damit bedeckte und tapfer schneuzte, bis ich am gefährlichen Posten vorüber war. Es half. Der Bauer, der schon des Aufzuges wegen keinen Mönch unter meiner Gestalt vermutete und nun nicht einmal meine Gesichtszüge zu sehen bekam, ließ mich ziehen, ohne etwas zu ahnen. Dieses einfachen Mittels bediente ich mich dann, so oft ich an jemand vorüberwanderte, von dem ich nur irgend vermutete, er möchte mich kennen. Ohne die Straße zu suchen, ging ich auf einem Feldwege bis ans Reichsstift-Kaisersheimische Dorf Tapfheim. Da ich in der Eile meine Mittagsportion zu trinken versäumt hatte und der Tag sehr heiß war, so zog ich unten am Fuße des Hügels, auf dem das Schloß des Kaisersheimischen Pflegers steht, meinen Hut vom Kopfe, um damit Wasser aus der klaren Quelle Zu schöpfen, die da hervorrieselte. Sowie ich trank und die Augen zum Schlosse erhob, bemerkte ich am Fenster unsern Pater Großkellerer Benno und erschrak nicht wenig über diesen unverhofften Anblick. Soviel ich mich noch erinnern kann, war vor etlichen Tagen die Pflegerin verstorben, das Kloster H. Kreuz hatte einen seiner Religiosen zu den Exequien dahin geschickt, und nun war das Leichenmahl vollendet, und die Geistlichen genossen am Fenster der schönen Aussicht umher. Geschwind verbarg ich mein Antlitz wieder unter dem großen Hute, ging langsam vorüber und wagte es kaum, durch einen schnellen Blick zum Schlosse hinauf zu erforschen, ob meine Gegenwart keine Bewegungen verursache. Aber niemand änderte seine Stellung, außer daß einer mit dem Fernrohr auf mich zielte. Bange und ohne mich noch einmal umzusehen, schritt ich durch den untern Teil des Dorfes und schlich, als ich mich hinter den Häusern vor dem Fernrohr im Schlosse bereits für gedeckt hielt, geschwind in ein offenes Bauernhaus, bat die Bäuerin um Milch und lauschte, indes ich sie verzehrte, ob nicht eine mir verdächtige Nachfrage gehalten oder Späher ausgeschickt würden. Aber alles blieb ruhig, und ich ging ohne Anstoß nach Schwenningen und von da auf meine Vaterstadt Höchstädt zu. Bei ihrem Anblicke fühlte ich erst lebhaft, wie sehr es meinen Vater erschüttern würde, wenn er vernähme, ich sei ertrunken oder gar entwichen. Daß ihn das letztere noch mehr als das erstere schmerzen müßte, empfand ich nun deutlich. In diesem Momente wünschte ich im Kloster geblieben zu sein. Aber ich war nun einmal auf dem Wege und konnte nicht wohl wieder umkehren. Gerührt und seufzend bat ich Gott um Segen und Trost für meinen Vater, wandte mich um das Städtchen herum durch allerlei mir bekannte Gartengäßchen, ging in der Dämmerung durch das Dorf Steinheim und entschloß mich, im Dorfe Schretzheim, weil es etwa eine Viertelstunde seitwärts von der Straße abgelegen ist und ein artiges Wirtshaus hat, zum erstenmal zu übernachten. Nun war ich fünf Stunden Weges von Donauwörth entfernt. Ich ließ mir Essen und Trinken schmecken und war ziemlich guter Dinge. Da fragte mich der Wirt, der sich zu einem gesprächigen Gaste gesetzt hatte, wer ich sei und woher ich komme. Flink war ich mit der Antwort da: »Ich bin im Kloster Blankstetten Noviz gewesen, aber weil es mir da nicht gefiel, verließ ich wieder den Orden!« Die Augen und Mienen des Wirtes erheiterten sich, er bot mir vergnügt die Hand, schlug ein und sagte frohmütig: »Heißa, lustig, mein Herr! Wenn Sie im Kloster Blankstetten gewesen sind, so müssen wir noch einen guten Schoppen miteinander trinken, ich bin dort viele Jahre lang Konventdiener gewesen! Erzählen Sie mir von meinen alten Bekannten! Was macht der Prälat und der Pater .... und der Pater ...?« »Verwünscht!« dachte ich, »soll ich mich schon bei der ersten Einkehr verraten? – Laß sehen, ob es nicht möglich ist, unentdeckt durchzukommen!« Aber ich wußte vom ganzen Kloster Blankstetten, das im Bistum Eichstädt liegt, eigentlich nichts weiter, als daß der Prälat einen neuen Garten mit Terrassen hatte anlegen lassen, und daß ein junger Religiose dieses Klosters vor ein paar Jahren mit unserm Pater Cölestin in Ingolstadt studierte. Ich half mir also mit Umständen durch, die ich aus dem Mönchsleben überhaupt aushob und an diese beiden Nachrichten, so gut es gehen wollte, anreihte, dabei benutzte ich alle näheren Beschreibungen und Züge, mit denen mich der Wirt selbst durch sein fortgesetztes Gespräch je länger je mehr bekannt machte, und es gelang mir so gut, daß er mich ganz zufrieden in mein Schlafzimmer führte und den andern Tag gleichsam als einen neuen werten Bekannten entließ. Den 30. August am frühesten Morgen brach ich auf und wanderte an Dillingen vorüber der Stadt Lauingen zu. Weil ich wußte, daß heute der Neuburger Bote, der mich sehr wohl kannte, mit seinem Wagen auf dieser Straße mir gerade entgegenkommen könnte, spähte ich immer eine große Strecke voraus und flüchtete mich, so oft ich glaubte, er komme, beiseite ins Getreide. Unangefochten kam ich nach Lauingen, machte einen großen Umweg rings um die Stadt herum und ging, ohne irgendeinen Gasthof zu besuchen, über Gundelfingen, dessen Mauern ich ebenfalls umschlich, auf Günzburg zu. Ich wollte deswegen nirgends einsprechen, damit mich Nacheilende weniger erfragen könnten. Allein die heftige und lange Bewegung, die ungewohnte Kost und die frische, etwas feuchte Morgenluft, Müdigkeit, Hunger und Durst wirkten auf dem weiten Wege über das breite Donauried so widrig auf meine Eingeweide, das mich erst eine schneidende Kolik und dann eine so große Übelkeit befiel, daß ich meine Zuflucht in einer etwas entlegenen Kiesgrube suchen mußte. Etwa eine Stunde lag ich nicht ohne heftige Schmerzen in der Grube, erholte mich endlich wieder und wanderte meine Straße fort. Allein die Füße waren mir vom ungewohnten Gehen in den Stiefeln so sehr geschwollen, das ich es kaum mehr aushalten konnte. Als ich an eine lichte Stelle im Walde kam, wo man eine schöne Aussicht auf das sehr romantisch gelegene Schloß Reisenspurg hat, fand ich einen Mann, der die Fahrgeleise der Straße ausbesserte. Müde setzte ich mich an den Straßenrand und bat ihn, mich der drückenden Stiefel zu entledigen, aber es war nicht möglich, ihrer los zu werden, ohne die Nähte aufzuschneiden. Ich tat es, schenkte die Stiefel dem Manne und zog die neuen Schuhe an, die ich aus Vorsorge zu mir gesteckt hatte. Aber auch sie waren mir zu enge, und ich ging wie auf Glut bis nach Günzburg. Hier hatte ich zum erstenmal an einer Wache vorüber zu passieren. Sorgfältig wischte ich den Staub von meinen Schuhen, warf den Haselstock weg und ging gerade so, wie wenn ich längst im Städtchen gewohnt hätte und jetzt nur von einem Spaziergange zurückkäme, nachlässigen Schrittes auf das Tor zu, lehnte mich tändelnd ans Geländer neben dem Wege, blickte in die Stadt, um das Schild eines Gasthofes auszuspähen und ihn im Notfalle als meine Herberge angeben zu können, spazierte neben ankommenden Kornwagen durchs Tor und ging von der Wache unbefragt und unbemerkt in das Wirtshaus zum Kreuze. Den Fall, mein Attestat vorzeigen zu müssen, suchte ich auf alle Weise zu vermeiden, weil ich immer einige Furcht hatte, es möchte dasselbe sich durch irgendeine Irrung im Stil oder in der Form als illegal verraten. Das erste nun, um was ich die Wirtin bat, war, daß sie mir ein Paar Schuhe, die für meinen Fuß paßten, verschaffen möchte. Sie schickte sogleich im ganzen Städtchen herum, aber nirgends wollten sich dergleichen finden. Sehr freundlich unterhielt sie mich, indes ich Speise und Trank mir trefflich schmecken ließ. Es dünkte mich, ich hätte die Frau schon irgendwo gesehen. Allein ich dachte: »Viele Leute sehen einander gleich, du wirst dich irren!« »Darf ich fragen,« sagte sie unter anderm, »wo sind Sie im Kloster gewesen? Ihr Haar ist abgeschoren, wie es die Ordensgeistlichen tragen.« Um nicht mit dem Kloster Blankstetten noch einmal in Verlegenheit zu kommen, antwortete ich: »Zum heiligen Kreuze in Donauwörth bin ich Novize gewesen und nun wieder aus dem Kloster gegangen; meine Eltern haben mir Geld zur Heimreise geschickt, es ist aber lauter Silbergeld, läßt sich nicht gut verbergen und schlägt mich im Gehen sehr schmerzlich auf die Beine, wollen Sie nicht die Güte haben, mir dasselbe gegen einige Goldstücke auszuwechseln?« »Geben Sie nur her,« erwiderte sie und warf scharfe Blicke auf mich, »ich will sehen, ob mein Mann es auswechseln will.« Ich zählte ihr etwa 24 französische Laubtaler hin. »Sie kennen also den Oberamtmann Walter sehr wohl?« fuhr sie indes fort, »es ist mein nächster Anverwandter, und ich dachte schon vorher, ich hätte Sie irgendwo gesehen. Was macht der Herr Prälat?« Die Wirtin müßte keine Frau gewesen sein, wenn sie mir nicht einige Verwirrung angesehen hätte. Schon öfters und erst vor kurzem war sie in Donauwörth mit mir an einer Tafel gesessen. »Das hast du wieder gut ersonnen,« dachte ich, »nun setzest du dich aus dem Regen in die Traufe! Aber laß dich nicht irre machen und beantworte unbefangen alles, was sie dich fragt! Sie wird dich hoffentlich nicht mehr so ganz genau kennen.« – Ohne Anstoß befriedigte ich nun ihre Wißbegierde, so daß ich glaubte, sie könne keinem Zweifel an meiner Aufrichtigkeit Raum geben. Allein, als sie mich verließ; um das Gold zu holen, blieb sie lange weg. Ich stellte mich unter die Tür. Ihr Mann kam vom Felde zurück; sie hatte wahrscheinlich nach ihm geschickt. Kaum war er zu ihr in die Küche getreten, so hörte ich sie sagen: »Mann, sieh doch zu, was das für ein Mensch ist, der in der Stube sitzt. Er gibt sich für einen Novizen vom heiligen Kreuz aus, aber er scheint mir viel zu alt, und ich meine, ich habe ihn schon vor zwei Jahren in Donauwörth gesehen, und das Noviziat dauert doch nicht länger als ein Jahr! Du sollst ihm Gold für dies Silbergeld geben, er kann jetzt nicht wohl fort, ehe er sein Geld hat. Fühle du ihm vorher ein wenig auf den Zahn! Der Mensch kommt mir etwas verdächtig vor. Vielleicht ist er gar ein verkleideter Pater!«. Leise trat ich zurück ins Zimmer; es war mir bei diesem Gespräche in der Tat nicht recht heimlich ums Herz. Der Wirt kam, fragte mich sehr treuherzig aus und ging, als er nichts Ängstliches und keinen Widerspruch in meinen Antworten bemerkte, beruhigt in seine Kammer, um sechs neue Louisd'or zu holen. Freundlich überreichte er sie mir und riet mir, sie in ein Kleidungsstück zu nähen. Ich folgte seinem Rate, nähte sie oben in den Wulst meiner Strümpfe und ward von beiden Eheleuten mit vielen Glückwünschen entlassen. Erst als ich aus der Stadt war, atmete ich wieder recht frei! Das Gehen ward mir der wunden Sohlen und engen Schuhe wegen so sauer, daß ich froh war, als mich ein Metzger, der mich eine geraume Zeit auf der Straße vor sich herhinken gesehen haben mochte, gutherzig auf seinen einspännigen Karren nahm und mich in Gesellschaft einiger Kälber nach Lipheim transportierte. Auf diesem herrlichen Fuhrwerke hatte ich Zeit, über die Gefahren nachzudenken, denen ich entgangen war. Am lebhaftesten schwebte mir die Verlegenheit vor Augen, in die mich meine Unbesonnenheit gestürzt hätte, wenn mir im Wirtshause zu Schretzheim mein Attestat wäre abgefordert worden. Es lautete von Donauwörth und ich sprach von Blankstetten. Ernstlich nahm ich mir vor, im Falle der Not mich künftig an mein Attestat zu halten; ohne diese Vorsicht fühlte ich wohl, daß ich dann verloren sein müßte. Mit Schmerzen hinkte ich, bis die Sonne hinabsank, nach Unter- und Ober-Fahlheim und wollte müde und matt meine Nachtherberge in einem Wirtshause, das am Ende des Dorfes liegt, nehmen. Allein ich verzankte mich mit der Wirtin, bezahlte und ging aufgeregt davon. Diesen trotzigen Starrsinn mußte ich ein paar Stunden lang teuer büßen, denn es war mir bei jedem Schritte, wie wenn ich auf Dörner und Nadeln träte. Dennoch besiegte ich den Schmerz, lief in einer Art von verbissenem Grimm durch das nächtliche Dunkel dahin, tröstete mich immer, ich würde bald an ein Dorf kommen, und traf dennoch keins mehr an. Eine Chaise fuhr mir so schnell entgegen, als die Pferde zu laufen vermochten; um nicht überfahren zu werden, trat ich einen Augenblick in den Straßengraben. Eine weiße Figur stand in der Chaise. »Entweder ist's ein Mann im Hemde oder ein kaiserlicher Offizier«, dachte ich. Unbekümmert lief ich weiter, achtete der wunden Sohlen nicht mehr und merkte nach etwa dreiviertel Stunden an einigen in der Ferne flimmernden Lichtern, daß ich endlich einem Orte näher käme. Plötzlich warf mich etwas so unsanft zurück, wie wenn ich den heftigsten Schlag vor die Stirne bekäme. Ich fiel nach der Länge rückwärts zur Erde. Es war weiter nichts als der Schlagbaum eines Zollhauses, wider den ich im Finstern mit aller Gewalt angelaufen war. Wie betäubt lag ich eine Weile im Staube; als ich zu mir selber kam, standen der Zöllner und seine Frau mit Lichtern bei mir, bedauerten meinen Unfall, sagten, ich wäre zunächst an Ulm, und rieten mir, als sie mich unbeschädigt sahen, so schnell als möglich zu laufen, um noch vor der letzten Sperre zum Batzentor eingelassen zu werden und mich von Schrecken und Müdigkeit in einem guten Gasthofe erholen zu können. Ich strengte nochmals, so schwer es mir auch ward, alle Kräfte an und gelangte glücklich, noch zu rechter Zeit, vor 10 Uhr nämlich, ans Tor, ward in die Wachtstube geführt, von einem alten Feldwebel ausgefragt, mußte zum erstenmal mein Attestat vorzeigen, das er echt und gültig fand und durfte unangefochten in die Stadt wandern. Da ich niemals in Ulm gewesen war, hatte ich Mühe, so spät in der Nacht als Fußgänger ein Wirtshaus zu finden, wo man mir ein Nachtlager gönnen mochte. Endlich wies man mich zur Sonne, wo ich mit kalter Küche und einem reinlichen Bette wohl bedient ward. Sobald ich den andern Tag aufstand und zu den übrigen Gästen ins Zimmer kam, hörte ich erzählen: Eben sei auf dem Posthause die Nachricht eingetroffen, gestern zwischen neun und zehn Uhr nachts wäre ein Reisender in seiner Chaise von Räubern angefallen worden, der Postillon hätte sich durch die Flucht gerettet, der Reisende aber, nachdem er bis aufs Hemde ausgeplündert und halb erschlagen in der Chaise verlassen worden, hätte sich wieder erholt, die Pferde so schnell als möglich angetrieben und wäre, nur mit einem Hemde bekleidet, in Fahlheim angekommen. Ich konnte nicht anders denken, als die weiße Figur, die ich gestern auf dem Wege antraf, müßte der Beraubte gewesen sein, und dankte Gott, daß er mich, der ich der Gefahr so nahe war, nicht auch in Räuberhände geraten ließ. Die Kellnerin im Hause, die Tochter eines Schuhmachers, hatte außerordentlich viel Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung mit Minchen und überdas einen so vollen und schön gewachsenen Busen, wie ich noch nie einen gesehen hatte. Als ich ihr gestern über meine engen Schuhe klagte, riet sie mir, sie über dem Leisten ausschlagen zu lassen und erbot sich sogleich, sie ihrem Vater zu bringen. Beim Frühstücke trieb sie sich in einem leichten Nachtkorsettchen immer vor meinen Augen herum und mochte wohl aus meinen Blicken gemerkt haben, daß mir ihr Wuchs nicht mißfiel. Zuweilen setzte sie sich wohl gar scherzend an meine Seite. Ich meinte manchmal, ich müßte sie umarmen und die anlockenden Halbsphären sanft drückend berühren. Aber der Gedanke: »Sie ist eine Kellnerin!« und: »Tor, der du kaum dem Kerker entronnen bist, du wolltest dich schon der Wollust überlassen? O, so würdest du vom Himmel wenig Segen auf die Reise verdienen!« diese und ähnliche Gedanken hielten mich jedesmal wieder zurück, und ich bat schon um halb sieben Uhr morgens um meine Schuhe. Aber erst um neun Uhr erhielt ich sie nach vielem Drängen und Flehen, samt einem Verweise, daß ich so sehr eilte, da doch die Schuhe länger über den Leisten gespannt bleiben müßten, wenn sie weiter werden sollten und dergl. Sie waren auch beinahe so eng wie gestern, und ich sah mich gezwungen, mit Schmerzen wieder meines Weges zu hinken. Die Straße nach Erbach, einem Freiherrlich von Ulmischen Dorfe, samt einem auf einer schönen Anhöhe gelegenen, weit sichtbaren Schlosse, führt eine halbe Stunde von Ulm auf einen kleinen Hügel, auf dem mich die reizende Aussicht links nach dem Kloster Söflingen, rechts ins Donautal nach der Reichsprälatur Wiblingen und gerade vor mir hin über die Reichsstadt Ulm zum Ausruhen einlud. Mitleidig gedachte ich der Schwester eines meiner Klosterbrüder, die in Söflingen unter dem Drucke der Klostergelübde seufzte, und eines jungen Ordensmannes von Wiblingen, mit dem ich zu Eichstädt im besten Vernehmen gestanden hatte; auf einmal schreckte mich der Galopp eines heransprengenden Reiters im blauen Mantel aus meinen Betrachtungen auf. »Jagt er vielleicht mir nach?« dachte ich und ging erschrocken einen kleinen Fußweg hinab, der von der Straße abführte, um mich hinter einem Gebüsch am Abhange seinen Blicken zu entziehen. Der Reiter lenkte aber sein Pferd ebenfalls auf den Fußweg, den ich gegangen war. Meine Angst wuchs. An einem Strauch bückte ich mich nieder, wie wenn das Bedürfnis mich dazu nötigte, in der Absicht, wenigstens mein Angesicht unter dem Hute vor ihm zu verbergen. »Guter Freund!« fragte er, als er an mir vorüberritt, »ist das der kürzeste Fußweg nach Erbach?« »Mein Herr!« antwortete ich etwas mutiger, »ich bin in dieser Gegend unbekannt und wandre zum erstenmal des Weges!« Da nahm er seine Peitsche und schnalzte mir eins über den Hut, indem er aufgebracht rief: »Närrischer Kerl! du hast mich irregeführt! Was läufst du denn so weit von der Straße weg, wenn dich weiter nichts dazu drängt, als was jedermann tun muß?« Er sprengte davon. Diese Begegnung verdroß mich zwar, aber da der Peitschenhieb eben nicht schmerzte, so mußte ich wohl noch froh sein, daß sich das Gewitter, welches ich schon über meinem Scheitel donnern hörte, so unschädlich entladen hatte. Der Fußpfad führte mich nahe am sogenannten Taubenried vorüber. Ich bemerkte dort allerlei sehr regelmäßig angelegte Gräben und dachte, daraus würde wohl Hafnerton gewonnen, wie in unsrer Viehweide zu Höchstädt. Aber als ich näher hinzutrat und schwärzliche Rasenstücke, wie Ziegelsteine mit Zwischenräumen, um den Durchzug der Luft zu befördern, zum Trocknen übereinander gestellt sah, wußte ich gar nicht, was ich aus der Sache machen sollte, denn niemals hatte ich etwas dergleichen gesehen. Lange stand ich dabei und zerbrach mir den Kopf, zu was diese Rasenstücke, deren ich noch eine Menge in ordentlichen Schichten an den Seiten der Gräben erblickte, wohl dienen möchten. Bereits hatte ich in Gedanken eine Art Baumaterialien daraus gemacht, da trat ein Mann mit einem Kästchen auf dem Rücken zu mir und fragte lächelnd: »Was ich hier zu bewundern fände? Er hätte mich schon länger beobachtet.« Ich gestand ihm, daß ich nicht wüßte, zu welchem Gebrauche diese Rasenstücke verwendet würden. Da lachte er hell auf und sagte: »Kennt Er denn nicht, was Torf ist? Man braucht ihn zum Brennen, wie Holz.« Dies verwickelte mich in ein langes Gespräch mit dem Manne und kürzte mir, während wir unsrer Straße zogen, auf eine nicht unangenehme Weise die Zeit. Der Unbekannte war ein Krämer, der mit Federkielen handelte und noch zur Messe nach Zurzach kommen wollte. Er wußte mir ohne Unterlaß allerlei bald schnakische, bald romantische, bald fürchterlich groteske Histörchen zu erzählen, und so kamen wir, so sehr mich auch meine Füße schmerzten, doch früher als ich dachte nach Erbach. In der Schenke daselbst aß ich zu Mittag und ließ meine wunden Füße eine gute Weile ausruhen. Ein Werber saß bei uns, als ich eben über meine engen Schuhe klagte, nahm dieselben in Augenschein und erbot sich, als er sie neu befand, mir die seinigen dagegen zu überlassen. Sie paßten ziemlich an meine Füße, wenigstens waren sie weit genug. Mein Krämer zupfte mich am Rockschoße, stieß mich an den Ellbogen, räusperte sich und raunte mir endlich, als das alles nicht helfen wollte, ganz leise in die Ohren, ich sollte mich mit dem Werber nicht abgeben, wenn ich einmal seine Schuhe anzöge, müßte ich ohne Gnade dänischer Soldat werden. Ich lächelte über seine Besorgnis, lispelte ihm leise wieder zu: »Ich bin ja zu klein!« und wechselte mit dem Werber die Schuhe, der sich mit vielem Wohlgefallen an der neuen Bekleidung seines Fußes die Stube auf und ab trug. Mir war auch ganz wohl in den weiten alten Schuhen, und ich ging mit meinem Gesellschafter, dem Krämer, über Donaurieden, ein kleines, der Familie Ulm gehöriges Dorf, nach Tischingen, wo die Herrschaft, ein Graf Schenk von Castell, eben ein Zuchthaus baute. In jeder Schenke sprachen wir ein, denn der Krämer war ein großer Liebhaber von Erfrischungen. Vor den Toren des kleinen österreichischen Städtchens Ehingen, wo er Geschäfte hatte, schieden wir uns, und ich wandelte allein und fröhlich an einigen Dörfchen hin nach Marchtal. Auf einer kleinen Anhöhe, dem Städtchen Munderkingen gegenüber, fingen heranziehende Wolken mich wacker zu netzen an, der ganze Himmel umzog sich mit Regen und ließ mir die Aussicht auf eine sehr nasse Wanderung. Ich fühlte wohl, daß ich deswegen nicht stille liegen dürfte, sondern daß ich, ohne mich zu säumen, täglich weiterreisen müßte, um von keinem nachjagenden Donauwörther Mönche ereilt zu werden. Da nun, nach meiner Berechnung, die ans Ufer gelegten Kleider gefunden waren und im Kloster der Lärm bereits begonnen haben mußte, so dachte ich, morgen sei es Zeit, die offene Landstraße zu meiden und auf Nebenwegen zu wandeln, um auch die Möglichkeit, in die Hände eines Verfolgers zu fallen, aufzuheben. Heute, da es noch nicht wohl möglich war, mich einzuholen, wollte ich etwas früher eine Nachtherberge suchen, um dem Regen zu entgehen, von meiner Ermüdung auszuruhen und meine Kräfte auf die künftige Reise durch etwas Gütlichtun zu stärken. Als ich zu dem Wirtshause kam, das einsam an dem einen Ende der Donaubrücke steht, an deren anderm Ende das den Freiherren von Späth gehörige Schloß und Dorf Untermarchtal liegt, schallte mir eine lustige Bauernmusik daraus entgegen. Der Ton lockte mich an, und ich trat in die Stube. Es ward eben die sogenannte Sichelhenke, das Ende der Ernte gefeiert; ein buckliger Mann mit einem Hackbrettchen (einer Art Zembal), ein andrer mit einem Dudelsack, der sich an die Knie Schellen gebunden hatte, um mit den Beinen den Takt zu rollen, und ein großer Bube, der den Baß dazu sägte, reizten hier alle jungen Füße zum Hüpfen; ich nahm Platz am leersten Tische und belustigte mich an der allgemeinen Freude. Einige Alten saßen bei mir, hatten ein großes hölzernes Gefäß voll Birnmost vor sich und ließen sich's tapfer schmecken. Ich ward sogleich mit Essen und Trinken zum Überfluß versehen. Kaum hatte ich abgespeist, so kam ein kurzes, mutwilliges Mädchen herbei und forderte mich zum Tanze auf. »Das ist unmöglich, mein Kind!« sagte ich, »ich habe so wunde Füße und bin so müde, daß ich kaum gehen kann, wie soll ich tanzen?« »Ei, man ist zum Tanzen nie zu müde, wir haben auch bis zum Abend im Felde gearbeitet und sind nun doch lustig! Komm du nur mit!« Ich versuchte aufzustehen, aber meine Sohlen schmerzten mich so sehr, daß ich mich kaum auf den Beinen zu halten vermochte. »Es ist umsonst, du frohes Mädchen! Ich kann dir nicht folgen. Vergib!« »Ei, so bleib' sitzen, du Totentanz!« sagt« sie schnippisch und böse, »ich glaubte, du seist ein lustiger Kerl, doch ich sehe schon, es ist kein Leben in dir! Merke dir's aber, wenn du nicht tanzest, so sollst du mir auch nicht ruhig schlafen!« Ich lachte, sah dem Spaße noch eine gute Weile zu und ließ mich endlich zu Bette führen. Das schalkhafte Mädchen leuchtete mir in eine Kammer. »Ich wünsche dir keine gute Nacht,« sprach sie; »weil du mich beim Tanze verschmäht hast, so wirst du gewiß nicht ruhig schlafen,« und hüpfte davon. Ich dachte: »Das müßte wunderlich sein, wenn ich mit so müden Gliedern nicht schlafen könnte,« nahm das Bett in Augenschein, fand es reinlich und neu überzogen, verriegelte die Tür wohl, löschte das Licht aus und legte mich zur Ruhe. Sogleich schlief ich ein, aber nicht lange, so erwachte ich wieder. Es war mir, als wenn rieselndes Feuer die Haut meines Körpers um und um sengte. Erschrocken dacht' ich: »Ist dies etwa der Anfang eines hitzigen Fiebers, oder ist es das sogenannte fliegende Feuer, eine Hautkrankheit, die von innerlicher Schärfe herrührt? O wie unglücklich bist du, wenn dich auf dem Wege eine Krankheit ins Bett wirft!« Meine Bangigkeit wuchs mit meinen Betrachtungen. Ich stand auf und schlug ein Licht, denn ich hatte zur Vorsicht Feuerzeug auf die Reise mitgenommen, aber ich konnte keine Spur von Krankheit an meinem Leibe finden. Nur die Blattern an meinen Füßen schmerzten mich sehr, so daß ich fürchtete, ich würde den kommenden Morgen kaum gehen können. Eine Salzbüchse stand auf dem Tischchen neben den Leuchtern. Weil ich einst im Kloster eine Wunde am Finger schnell heilen sah, nachdem ich Salz darein gestreut hatte, so entschloß ich mich, die Blattern aufzuschneiden; ich öffnete sie mit einem Scheerchen und streute Salz darein. O, es war ein unleidlicher Schmerz! Winselnd warf ich mich ins Bett und verwünschte meine tolle Kurart. Aber noch hatte der Schmerz nicht völlig verwimmert, da goß es sich wieder wie Feuer über meinen ganzen Leib. Das Licht brannte noch, schnell warf ich die Decke von mir, um zu sehen, was mich so quälte. Hu! da war es eine solche Menge kleiner, hüpfender und etwas breiter, häßlicher Insekten, daß ihre Heerzüge die Betttücher bräunten und mir alle Lust benahmen, länger eine solche Schlafstätte einzunehmen und ihnen zum Futter zu dienen. Flink sprang ich heraus, verwünschte das Mädchen, das mich zu Bette geführt hatte und durchsuchte den Saal, durch den ich in meine Kammer gekommen war, ob ich nirgends ein besseres Lager vorfinden könnte. Glücklicherweise stand dort auf einem ganz einfachen Schragen ein Bett im Winkel, ich untersuchte seine Beschaffenheit und fand es reinlich. Da ich auf der Reise immer zwei Hemden trug, wovon ich das eine, ehe ich schlafen ging, ablegte, so wechselte ich jetzt die Hemden, um mich der unwerten Gäste, die sich darin einquartiert haben mochten, zu entledigen, und legte mich getrost im Saale zu Bette. Ich mochte ein paar Stunden geschlafen haben, da donnerte mich eine fluchende Baßstimme aus dem Traume, ein starker Arm ergriff meine Schulter und riß mich auf die Erde heraus; ein großer Kerl mit einer Laterne stand vor mir, ballte die Faust und sagte wütend: »Das Bett ist mein, du fremde Kröte, wer hieß dich darein liegen? Gib Antwort oder ich zertrete dich!« Von Schlaf und Schrecken betäubt, erklärte ich mich, so gut ich konnte und sein Ungestüm es erlaubte, aber er fluchte, stampfte und drohte so lange, bis die Wirtin herbeigelaufen kam, ihn besänftigte und zu einer andern Schlafstelle wies. Nun durfte ich endlich ungestört ruhen, bis der Tag anbrach. Ich hörte einen starken Regen plätschern, als ich erwachte, aber ich ermannte mich doch, verzehrte ein gutes Frühstück und zog herzhaft meiner Straße. Bald fühlte ich mich ganz durchnäßt; aber die Nässe plagte mich weit weniger als meine Schuhe. Die Geschwulst an den Füßen hatte sich über Nacht gelegt, und die Schuhe waren mir zu weit geworden. Fast bei jedem Schritte, den ich auf den weichen Fußpfad setzte, blieb mir der Absatz im zähen Schlamme stecken, der Schuh zog sich von der Ferse, und ich sah mich alle Augenblicke genötigt, mich niederzubücken, um ihn wieder anzuziehen. Dies machte mein Fortkommen so beschwerlich, daß ich mich beinahe entschlossen hätte, solange im Kloster Marchtal, das mir prächtig entgegenglänzte, einzusprechen, bis das schlimmste Wetter vorüber sein würde. Allein die Furcht, dieser Schritt könnte zu meiner Entdeckung Anlaß geben, hielt mich zurück, und ich harrte in einer Feldkapelle am Wege, bis der heftigste Regenguß verrauscht war; dort stach ich in das Hinterteil meiner Schuhe kleine Löcher, zog Bindfäden hindurch und befestigte sie so an dem Fuße, daß ich, ohne sie wieder im Schlamme stecken zu lassen, ruhig und bequem gehen konnte. Im Dorfe Dattenhausen trat ich in die Schenke, um meine Kleider zu trocknen, konnte aber nichts zur Erquickung erhalten als Wasser und Brot, denn an dem Kirschenwasser, das mir vorgesetzt ward, hatte ich Ekel wie an allen gebrannten Wassern. Hier erkundigte ich mich, ob kein kürzerer Weg als die Landstraße nach Riedlingen führe. Ein Mann, der schon lange mein volles Branntweinglas, das ich verschmähte, angelacht hatte, erbot sich, mir über die Wiesen hin einen bequemen Weg zu zeigen, wenn ich ihm mein Kirschenwasser abtreten und noch ein kleines Trinkgeld geben wollte. Da die Wahrscheinlichkeit immer größer ward, daß meine Verfolger, wenn sie mir nachkämen, nun bald an meinen Fersen sein würden, so nahm ich dies Anerbieten um so lieber an, da mich der Mann versicherte, man könnte auf dem Pfade, den er mich führen wollte, weder zu Pferde noch im Wagen fortkommen. Als sich das Wetter ein wenig aufheiterte, begleitete er mich durch den Wald und allerlei wilde Gegenden unweit des Dorfes Zwiefalten auf eine Anhöhe, von der wir eine schöne Aussicht das Donautal hinauf hatten. Hier zeigte er mir die Stadt Riedlingen in der Ferne und einen Bauernhof in der Ebene an der Donau, wohin ich mich wenden müßte, um über diesen Fluß und nach Riedlingen zu kommen. Meinem Plane getreu, die Landstraße zu meiden, ging ich, wohin er mich wies, und kam nach langem Wandern endlich auf einer großen Heide zu einer kleinen Kirche mit einem artigen Gärtchen. Meine Füße waren so wund, daß ich kaum mehr auftreten konnte, und ein schmerzliches Bauchgrimmen stellte sich ein, so daß ich froh war, auf der Bank nahe bei der Kapelle ein wenig ausruhen Zu können. Ächzend saß ich da und glaubte mich mit meinen Schmerzen ganz allein, denn ich sah keine besondere Wohnung hier für irgendeinen Menschen und dachte, es müßte in der Nähe ein Dorf sein, wohin die Kapelle und des Mesners Gärtchen gehörte. Die Sonne wollte untergehen, und ich sah noch kein Ende der Heide. Ich brach in laute Klagen aus. Auf einmal rief mir eine freundliche Stimme vom Kirchendache zu: »Guter Freund! was fehlet Ihm? Kann ich Ihm helfen?« Und eine ehrwürdige Figur mit weißem Barte fiel mir in die Augen; es war ein Eremit, der sich hier angesiedelt hatte und mich nun, da ich nichts weiter verlangte, sehr liebreich auf den rechten Weg wies. »Dort drüben ist die Landstraße,« sagte er und zeigte mir mit dem Finger die Gegend, »bald wird der Postbube mit dem Felleisen auf einem kleinen Wagen vorüberfahren. Ich sehe, der Herr kann vor Mattigkeit kaum mehr gehen. Setz' Er sich dort an die Straße und verspreche Er dem Jungen ein gutes Trinkgeld, so nimmt er Ihn wohl nach Mengen mit, wenn Er vor dem Tore abzusteigen verspricht.« Ich dankte dem freundlichen Greise und wartete an der Landstraße. Der Knabe kam, ließ sich erbitten und setzte mich für einen halben Gulden auf das Felleisen zu seinen Füßen. O, wie wohl war mir da! Wie gern gab ich dem Knaben vor dem Tore von Mengen, wo ich abstieg, mehr als er verlangt hatte! Ohne dies Hilfsmittel hätte ich unter freiem Himmel übernachten müssen, denn ich wäre nicht mehr imstande gewesen, eine Viertelstunde weit zu gehen, so matt hatten mich Grimmen und Durchfall gemacht, und so sehr schmerzten mich meine Füße. Ich schleppte mich, so gut ich konnte, ins Wirtshaus zum Hirschen, verzehrte mein Nachtmahl und war eben im Begriffe, zu Bette zu gehen, da trat ein Postknecht ins Zimmer und fragte: »Ob niemand zugegen sei, der ihn auf dem Rückwege nach Mößkirch begleiten wolle? Er verlange weiter keine Belohnung, als daß der Reisende für seinen Kameraden und ihn soviel bezahle, als beide bis dahin an Wein und Brot verzehren möchten.« Da ich hoffen durfte, auf diese Weise schnell weiter zu kommen, ohne ermüdet zu werden, so verstand ich mich gern dazu. Sogleich wurden Flaschen für die Postknechte herbeigebracht, und die Kerle zechten nach Herzenslust. Ich legte mich indes auf ein Bänkchen am Ofen und schlief. Als die Glocke zehn Uhr schlug, rüttelten mich die Betrunkenen aus dem Schlafe, ließen mich eine schöne Zeche bezahlen, führten mich zu Fuße vor's Tor und setzten mich in die Chaise; der weniger Berauschte stieg zu Pferde, der andre nahm Platz an meiner Seite. Beide schliefen bald ein, und ich mußte den Reitenden alle Augenblicke wecken, damit er die Pferde antreiben möchte. Es war eine schöne, sternenhelle Nacht. Nebel lagen im Donautale, an dem wir auf einer kleinen Anhöhe hinfuhren. Des ewigen Weckens müde, schlief ich endlich selbst ein und erwachte erst, als ich merkte, daß die Pferde mit dem Wagen in einem Bächlein stünden und stampften, der Postknecht an meiner Seite war verschwunden, der andre hing schnarchend auf seinem Sattel. Ich weckte und ermahnte ihn, weiter zu fahren, und fragte, wohin sein Kamerad geraten wäre? »Ach, er hat ein Mädchen dort im Dörfchen und lief hin, um es geschwind zu besuchen, aber der Tor bleibt verwünscht lange aus. Wenn er nur käme! Meine Pferde sollen den Postwagen nach Stockach führen, und vielleicht folgt uns der Wagen schon in der Nähe!« Er harrte noch eine Weile und nickte wieder ein. Die kalte Morgenluft begann mir etwas beschwerlich zu fallen. Aber was konnte ich tun? Der Entfernte war doch nicht herbeizuzaubern und mußte erwartet werden. Geduldig drückte ich mich in eine Ecke der Chaise und überließ mich meinen Betrachtungen. Der Knecht auf dem Pferde hing wieder schnarchend auf seinem Sattel, nickte immer tiefer und tiefer zur Linken hinab und fiel endlich, ehe ich's dachte, in den Bach. Ich mußte lachen, indes er fluchend sich aufraffte, seine Kleider, so gut es gehen wollte, auswand und zitternd vor Kälte am Ufer stand. Die erste Dämmerung begann zu grauen, und der Ton eines Posthorns tönte kaum hörbar aus der Ferne. »Nun kommt uns der Postwagen schon nach!« rief er und sprang unter Verwünschungen ins Dorf, um seinen Kameraden zu holen. Den Pferden mochte das lange Stehen im Wasser zuwider sein, und sie trabten, als sie sich so ganz frei fühlten, erst langsam, dann immer schneller ihres Weges. Es währte eine gute Weile, bis ich aus der Chaise auf den Bock kriechen, des Leitseils habhaft werden und sie anhalten konnte. Zankend kamen endlich beide Knechte mir nachgelaufen, nahmen ihre Plätze ein und fuhren, so schnell die Pferde galoppieren konnten, nach Mößkirch, das nicht mehr fern war. Um halb fünf Uhr langten wir vor dem Posthause an und hatten also einen wohlgebahnten Weg von etwa drei starken Stunden in mehr als sechs Stunden zurückgelegt. Kaum waren die Pferde in den Stall gezogen, so kam auch der Postwagen. Es fiel mir ein, ein paar Stationen weit mit demselben zu reisen, indes würde sich die Müdigkeit aus meinen Beinen verlieren. Als ich meinen Wunsch äußerte, fragte mich der Posthalter, wohin ich zu reisen gedächte. Ich sagte »nach Schaffhausen«. Da schrieb er mich ohne weiteres ein und forderte mir das Postgeld ab, das meinem Bedanken nach so gering war, daß ich kaum ein paar Stationen dafür mitzufahren hoffte. Allein da ich fragte, »wie weit ich denn eigentlich mitfahren dürfte?« hieß es »bis Schaffhausen.« Halb unzufrieden mit dieser Verfügung legte ich mich auf ein Kanapee, das im Zimmer stand und überdachte, ob diese Art zu reisen mich nicht in die Hände eines Nacheilenden liefern könnte. Allein ich meinte, meine Verfolger müßten sehr schnell reisen, dabei durch ihre Nachforschungen nirgends aufgehalten werden und gerade den rechten Weg einschlagen, den ich nach Basel nahm, wenn sie mich in einer solchen Entfernung einholen wollten. Daß diese Umstände zusammentreffen würden, schien mir nicht wahrscheinlich. Indem war der Platz im Postwagen bereits bezahlt und ich besorgte, den Posthalter sehr unweislich aufmerksam auf mich zu machen, wenn ich mein Geld zum Teil wieder zurückfordern und etwa nur bis Engen fahren wollte. Ich ließ es also bei der Verfügung bewenden, die der Zufall für mich gemacht hatte, frühstückte und stieg getrost zum erstenmal in einen Postwagen. Meine Reisegefährten waren ein Jurist, der nichts lieber als Zoten vorbrachte, eine Krämerin, die nach Zurzach zu ihrem Manne, der ein Bein gebrochen hatte, eilte, ein Pärchen, das sich für Braut und Bräutigam ausgab, ein Kanonikus nebst seiner Schwester, einer verwitweten Beamtenfrau von Konstanz, die von ihrer Tochter, einem hübschen Fräulein, begleitet ward, eine Freundin in hiesiger Gegend besucht hatte und jetzt nach St. Blasien zu der Primiz eines Verwandten reiste. Als man nach einigen Erörterungen ein wenig näher miteinander bekannt geworden war, begann die Unterhaltung ziemlich lebhaft zu werden. Das Fräulein war stille und sittsam, aber meine ganze Munterkeit erwachte in ihrer Gegenwart; immer gab es etwas zu scherzen. Wenn wir an einem steilen Abhange aus dem Wagen stiegen, um eine Strecke zu Fuße zu gehen, bot ich ihr den Arm, und der Jurist bot ihr den seinigen, aber sie schmiegte sich immer an mich, als wäre sie froh, wenn ich sie vor seinen Zoten in Schutz nähme. So wurden wir in kurzem vertrauter, und ich setzte mich, so oft es anging, im Wagen an ihre Seite, um sie mit allerlei frohen Gesprächen zu unterhalten. Einmal geriet es dem Juristen, sich beim Einsteigen schnell an meinen Platz zu schwingen, ein allgemeines Lachen verkündigte mir seinen Sieg. Da spielte ich den Trotzenden, setzte mich eine Weile neben den Kondukteur in den vordern Korb und benutzte diese Zeit, meine Bemerkungen über die bergige Gegend zu machen, durch die wir hinreisten, und die an Aussehen und Kultur so sehr von der Gegend meines Vaterlandes verschieden war; nur zuweilen sandte ich ein scherzhaftes Wort dem schönen Fräulein zu und ihren Gefährten im Wagen. »Komm herein, Benne!« rief endlich der Jurist, »sonst schlafen wir vor Langeweile ein; seit du fort bist, redet das Fräulein kein Wort! Komm nur wieder an deinen Platz!« Flink saß ich wieder neben dem schönen Kinde, scherzte und lachte wie zuvor. Der Bräutigam und seine Braut mußten einander nicht sehr lieb haben, denn die Braut fand sich fast beleidigt, daß man neben dem Fräulein ihrer ganz vergaß, und der Bräutigam schien mich zu beneiden, daß ich so wohl gelitten war. Die Mutter des Fräuleins und der Kanonikus, die immer zu hinterst im Wagen saßen, machten anfangs finstere Gesichter oder murrten wohl gar, da sie sahen, daß ich meinen Arm zuweilen um die Tochter schlang, um sie auf dem sehr schwankenden, aufgehängten Sitze, den wir einnahmen, vor den Schlägen an die Seiten der Postkutsche zu bewahren. Allein als sie merkten, daß meine Kühnheit nicht zu weit gehe, und meine fröhliche Laune nicht feierte, ihren trüben Ernst in ein Lächeln zu verwandeln, überließen sie mir ruhig das liebliche Kind. Von Herzen vergnügt genossen wir das Mittagsmahl miteinander zu Stockach und tranken, nachdem wir abends in Engen angelangt waren, den Abschiedstrunk. Die Mutter mochte sich dagegen sträuben, so viel sie wollte, ich bezahlte, wo wir einsprachen, für das Fräulein und sparte nichts, um ihr Vergnügen zu machen. In Engen mußten wir uns trennen, denn hier wechselten die Postwagen von Frankfurt und Augsburg. Ich blieb zurück, um erst den andern Tag nach Schaffhausen abzugehen. Meine schöne Gefährtin beschrieb mir ihre Wohnung in Konstanz sehr genau, lud mich freundlich ein, sie dort zu besuchen und schied, als ich sie an den Wagen begleitete, mit so sanftem Händedruck und so gütigem Blicke von mir, daß ich damals nichts sehnlicher wünschte, als geschwinde reich zu sein, um das liebe Mädchen zu einem Brautfeste abholen zu können. So heiter als an diesem Tage war ich auf der ganzen Reise nicht mehr. Es blieb etwas Leeres in meinem Herzen zurück, als ich sie nicht mehr sah, und ich fühlte von neuem die Gefahr, von Nachsetzenden ereilt zu werden, die ich an ihrer Seite ganz vergessen hatte. Den 3. September reisten wir von Engen ab, an mehreren zuckerhutförmigen Hügeln vorüber, von deren Höhe einst die Bergschlösser Hohenstofeln, Hohenkrähen und andre das Land umher beherrschten, jetzt aber im Schutte liegen, nur die Festung Hohentwiel prangt noch unzerfallen auf ihrem gelblichen Felsengipfel. Wir hatten sie lange im Auge. Der Weg zog sich über das Dorf Weiterdingen durch manches angenehme Tal in das Schaffhauser Gebiet. Als wir über die Grenze fuhren, ergriff mich der Kondukteur bei der Hand und sagte, indem er sie treuherzig schüttelte: »Ich wünsche Ihnen Glück, Herr Benne! Sie sind in der Freiung! Nun fällt Ihnen gewiß ein Stein vom Herzen, denn wir fahren bereits auf Schweizergrund.« Die Nachricht gefiel mir, aber daß der Kondukteur mich im Verdacht haben könnte, wäre mir nicht zu Sinne gekommen, und da ich nicht wußte, ob er nur etwas aus mir herauslocken möchte, oder ob wir auch wirklich in der Schweiz wären, so sagte ich: »Es sei mir lieb, wieder auf vaterländischem Boden zu sein.« Allein er schüttelte den Kopf und erwiderte: »Verstellen Sie sich nur nicht länger, ich weiß doch so ziemlich, wie es um Sie stehen mag! Im nächsten Dorfe wollen wir eins auf die Freiheit trinken! Sie werden sehen, der Schaffhauser Wein ist gut!« Ich nahm seine Worte als Scherz auf, ließ nichts von meinen wahren Verhältnissen merken und bezeigte meine Freude darüber, daß ich nun bald mit Wein mich erquicken könnte, der im Lande der Freiheit gewachsen wäre. Weil ich besorgte, der Kondukteur möchte etwa an einem deutschen Orte an der Grenze Halt machen und mir zunächst am Ziele meiner Wünsche noch ein böses Spiel anrichten, so streckte ich den Kopf zum Wagen hinaus, besah die schönen Rebhügel voll Trauben, an denen wir hinfuhren und fragte einen Vorübergehenden: »Guter Freund! Gehört dies Gelände schon zum Schaffhauser Gebiet?« Erst als er meine Frage bejahte, war ich beruhigt. Abends trafen wir glücklich in Schaffhausen ein, ich berichtete sogleich an meinen Freund im Kloster ausführlich, welche Schicksale mich betroffen hatten und trug den Brief selbst auf die Post. Öfters schrieb ich in der Folge sehr dringend an ihn. Allein als ich niemals eine Silbe zur Antwort erhielt, besorgte ich, meine Briefe möchten unterschlagen werden, seufzte vergebens nach einem Bericht, was im Kloster nach meinem Verschwinden begegnet sein möchte, und unterließ endlich, ferner hoffnungslos ohne Erfolg Briefe zu schreiben. Ich wollte am Sonntage den 4. September einen Rasttag machen. Aber als ich vernahm, daß heute das sogenannte Marktschiff nach Zurzach abgehen würde, auf dem ich um den Preis von 15 Kreuzern ganz bequem mitfahren könnte, entschloß ich mich sogleich aufzubrechen. Zuerst besah ich die schöne Brücke über den Rhein, dann ging ich zum berühmten Rheinfall hinab, unter dem wir zu Schiffe steigen sollten. Schon der kleine Wasserfall, der durch das Hammerwerk am Felsenabhang vom großen Rinnsal getrennt wird, ergötzte mich sehr, aber als ich einen Augenblick darauf den Sturz des ganzen Stromes ins Auge faßte, mit den beiden buschigen Felsen mitten am steilsten Rande, an welche die reißenden Fluten einen Hals gefressen hatten, da fühlte ich mich vom erhabensten Schauspiele entzückt. Bald lief ich hinab ans Ufer, um dem Schaummeere näher zu sein, bald setzte ich mich dem Falle gegenüber oben auf den Rand des Abhangs, um den Fluß, noch ehe er stürzte, in seinem flachen Laufe zu betrachten und das Ganze der prächtigen Szene mit einem Blicke zu übersehen, bald weidete ich mich an den Felsen um das große runde Becken her, das der mächtige Strom sich ausgehöhlt hatte, an den Hammergebäuden auf dem einen Ufer und an dem Schlosse Laufen auf dem andern, das von der Stirne des höchsten Felsens, wie ein Storchennest vom Kirchengiebel, in die brausende Tiefe schaut. Am Ausflusse des großen Beckens ist ein Turm ins Wasser gebaut und mit dem Gestade durch eine hölzerne Brücke, die Geländer hat, verbunden. Ein Wehr zieht sich vom Turme gegen das Hammerwerk hinauf, hinter welchem die Schiffe wohl beschützt am Ufer liegen. Das sogenannte Marktschiff bestand aus mehreren miteinander verbundenen Nachen, voll Kaufmannsgütern, über welche Bretter gelegt und Sitze angebracht waren. Bald hatte sich so viel Volk darin gesammelt, daß der Schiffer mehrere Personen abweisen mußte. Jetzt ruderte man unter der Brücke bei dem Turme hindurch, hielt das Schiff in seinem Laufe an, und der jüngste Ratsherr von Schaffhausen trat mit einer glänzenden Begleitung von Herren und Damen ans Geländer der Brücke und hielt, einem alten Gebrauche zufolge, eine ziemlich lange Ermahnungsrede an die Schiffer, sich nicht zu betrinken und vorsichtig zu fahren; an die Reisenden aber, sich ruhig zu halten und nicht bei jedem Anschein einer Gefahr sich vom Schrecken betäuben zu lassen usw. Dann begann unsre Fahrt. Es war lieblich, zwischen den abwechselnden, meistens sehr steilen Ufern dahinzuschweben, bald einzelne Häuser, bald ein Dorf, bald ein Städtchen in der schönsten Lage näherrücken zu sehen, durch das hellgrüne, klare Wasser, dergleichen die Donau und unsre Flüsse nicht führen, bis auf den Grund zu blicken und das leise Rauschen der übereinander gewälzten Kieselgeschiebe zu behorchen. Die an den Ufern angebrachten Maschinen, um Lachse und Salmen zu fangen, belustigten mich sehr. Anfangs wußte ich nicht recht, was ich daraus machen sollte, aber ich ließ mir endlich deren Gebrauch von einem jungen Kaufmannsdiener erklären, der in dem bunten Gewimmel sich vor allen an mich hielt und allerlei Gespräche anknüpfte. Ich vertraute ihm unter anderm, daß ich in Basel gern mein Unterkommen bei einem Kaufmann fände, da riet er mir, ich sollte meinen Namen und mein Begehren usw. in das Avisoblatt setzen lassen und malte mir die Gewißheit eines guten Erfolgs und die Leichtigkeit, mein Brot zu verdienen, so lebhaft vor Augen, daß die Besorgnisse wegen meines Unterhalts, die in meinem Busen, je näher ich Basel kam, mehr und mehr aufkeimen wollten, wieder einzuschlummern anfingen. Als wir nachmittags, etwa um 1 Uhr, in Zurzach anlangten, speiste ich im Roten Ochsen und erkundigte mich um allerlei Nachrichten, den Ort und seine Messe betreffend. Einmütig sagten die Leute, sie werde seit einigen Jahren bei weitem nicht mehr so fleißig besucht, als in vorigen Zeiten. Jetzt läutete man mit einigen Glocken zusammen. Ich fragte die Wirtin, was dieses Zeichen bedeute? Sie antwortete, man läute in die Vesper. Betroffen sagte ich: »Sind denn hier auch Katholiken? Hier im Berner Gebiete?« Eine falsche Karte hatte mich betrogen. Sie erwiderte: »Unser Flecken gehört nicht zum Berner Gebiete, er liegt in den freien Ämtern und ist paritätisch. Sind Sie mit dem Herrn Kanonikus, Pater Weißenbach, nicht bekannt?« »Nein!« sagte ich ganz kleinmütig. Sobald ich von dem Verfasser der Vorboten des neuen Heidentums hörte, wollte ich nicht mehr über Nacht bleiben, wie ich anfangs beschlossen hatte, sondern bat, mir die Zeche zu machen und ging, nachdem ich den Markt ein wenig besehen hatte, auf einem schönen Fußpfade am Rhein hinab nach Koblenz, einem Dorfe, bei dem die Aar sich in diesen Strom ergießt. An der Schifflände, wo eine Menge Kaufmannsgüter am Strande lagen, ließ ich mich in einem Kahne über den Rhein setzen, ging am Fuße schöner Hügel hin, zwischen denen mancher Bach hervorbrach, nach Waldshut, einer der vier österreichischen Waldstädte, kam unangefochten durch beide Tore und wanderte nach Togern, einem schönen Dorfe unterhalb Waldshut, nicht weit vom Rheine. Hier trat ich in ein Wirtshaus und bat um eine Nachtherberge. Bis man zu Tische ging, belustigte ich mich am Fenster mit Beobachtung der Kleidertracht und der Manieren des Landvolks. Jünglinge und Mädchen trugen weiße, mit Bändern gezierte und viereckige, ein wenig aufgekrempte Hüte; lange Bänder, die bis auf die Erde reichten, flatterten an den doppelten Haarzöpfen der Mädchen, ihre Röcke, meistens kurz und schwarz, reichten bis unter die Schultern, und rote oder weiße Strümpfe bekleideten ihre derben Waden. Die Jünglinge gingen in steifgestärkten Hemden mit grün- oder rotseidenen Hosenträgern oder hatten, wenn sie älter waren, eine kurze, tuchene Jacke von unförmlichem Schnitte umgeworfen. Ein paar Fuhrleute verstanden sich mit einem Schiffer, daß er sie in einem Kahne bis Laufenburg führen sollte, und gestatteten, daß ich für 15 Kreuzer ihr Gefährte sein durfte. Manchmal, wenn der kleine Kahn an Stellen geriet, wo ein Felsen am andern quer über dem Rinnsal des heftig wogenden Stromes gesät war und wir so schnell wie ein Pfeil zwischen den Klippen hindurchgerissen wurden, fing es mir an zu grauen, aber der Schiffer lenkte das kleine Fahrzeug mit vieler Geschicklichkeit; ich gewöhnte mich in kurzem an das starke Schaukeln, das mir anfangs gefährlich schien, und freute mich am Ende wohl gar, wenn die Fluten rings um uns her recht brausten und schäumten. Ein wenig unterhalb Hauenstein wurden wir ans Land gesetzt. Dies ist das kleinste Städtchen, das ich jemals sah; es liegt zunächst am Ufer des Rheins auf einer niedrigen und schmalen Ebene, besteht nur aus zwei Reihen ärmlicher Häuser, die gegen den Strom mit einer Mauer, dieser Mauer gegenüber aber mit einer steilen Felsenwand umgeben sind, und zwischen welchen durch zwei Tore die Landstraße hinläuft. Die Länge läßt sich daraus abnehmen: unsre Fuhrleute hatten acht Kornwagen, die eben, von ihren Knechten geführt, hart hintereinander ins Städtchen fuhren, als wir vorüberschifften. Der erste Wagen kam schon wieder zum obern Tore heraus, als der letzte am untern verschwand. In Mumpf, einem Dorfe unterhalb dem Städtchen Säckingen, das ich von fern auf seiner Rheininsel liegen sah, mietete ich um ein paar Gulden einen Kahn (Weidling genannt), der nur aus drei miteinander verbundenen Brettern bestand, wovon zwei die Seitenwände, das dritte aber den Boden des Fahrzeugs formierten. Der junge Schiffer, der mich darin nach Basel bringen sollte, warf ein Bund Stroh in das Vorderteil, hieß mich darauf liegen, legte ein Brettchen quer über das Hinterteil des Kahns und setzte sich mit seinem Ruder in der Hand darauf. Anfangs wollte ich eine Weile stehen, allein er gestattete es durchaus nicht und hatte gute Ursache dazu, denn das Schiffchen war so klein, daß wir bei sehr geringem Übergewicht in Gefahr geraten wären, umzuschlagen. Der Lauf des Stroms ist sehr schnell; bald schwammen wir der Brücke bei Rheinfelden entgegen. »Betrüg' ich mich nicht,« sagte der Schiffer, »so ist's dem Herrn lieb, wenn er dort nicht aussteigen und sich von den Östreichern examinieren lassen muß. Es sitzt so was Ängstliches in seinen Blicken. Landen wir an und lassen den Weidling, so wie wir sollten, eine Strecke über Land unter die Brücke ziehen, so kommt der Herr vielleicht in Verdruß. Die Fahrt unter der Brücke durch ist zwar ein wenig schauerlich, aber nicht gefährlich; wenn's dem Herrn recht ist, so wagen wir's! Die Wache mag schreien, so viel sie will, wir tun, als hörten wir nichts. Das Wasser rauscht ja ohnehin laut genug zwischen den Jochen. – »Ist's nicht gar zu gefährlich,« erwiderte ich, »und können uns die Östreicher nicht wider Willen auffangen so mag er's versuchen, ich bin's zufrieden, obschon mir auch nicht bange wäre, wenn ich der Wache Rede und Antwort geben müßte.« Sowie wir näher kamen, entdeckte ich eine Reihe Klippen, die quer über den Strom gestreut waren und auf welchen die Joche der Brücke ruhten. Das Wasser brach sich überall mit fürchterlicher Wut an den Felsen und ich sah keine Lücke, durch die wir ohne Gefahr und unbenetzt durchschiffen könnten. Mein Schiffer sprach mir Mut ein, ruderte erst, wie wenn er anlanden wollte, dreht aber schnell den Kahn und fuhr mitten durch die schäumenden Wogen hin, die sich rechts und links brüllend in den Felsen zerschlugen. Das Wasser spritzte von beiden Seiten in das Fahrzeug und benetzte uns von oben bis unten. Die Wache auf der Brücke schrie: »Halt, halt! Land' an! oder ich schieße!« Aber nach wenigen Augenblicken hatte uns der Strom so weit getragen, daß alles Rufen vergebens war. Die Wache schoß zwar ihr Gewehr wirklich auf uns los, doch ohne zu treffen, und der Schiffer war verwegen genug, unter niedrigen Ausforderungen dem Soldaten das Zentrum zu weisen. Froh, der dreifachen Gefahr des Grenzexamens, Scheiterns und Schießens so glücklich entgangen zu sein, überließ ich mich der Freude, nun bald das Ziel meiner Reise zu erreichen, ergötzte mich inniger am Anblick der schönen Landschaft umher und an der reizenden Aussicht auf Basel hinab und ward etwa um vier Uhr nachmittags an der kleinen Stadt ans Land gesetzt. Nachdem ich einige Gassen durchstrichen hatte, ging ich über die Brücke und suchte das Posthaus, um meinen Koffer abzuholen und in ein Wirtshaus bringen zu lassen. Ich freute mich sehr, mich nun in neue Wäsche kleiden zu können. Man wies mich zuerst auf die Briefpost, und es verfloß seit meiner Ankunft in Basel beinahe eine Stunde, ehe ich mich durch die verschiedenen Gassen endlich zu den Drei Königen fand, wo der Postwagen expediert wird. Sobald ich ins Haus trat, zog ich aus meiner Brieftasche den Empfangsschein hervor, den mir der Posthalter in Donauwörth für den Koffer an Gottlieb Neuleben ausgefertigt hatte, und fragte einen Kellner, der zu mir getreten war, ob ich meinen Koffer nicht gegen Schein und Bezahlung der Fracht erhalten könnte. Kaum las der Kellner den Namen im Scheine, so lief er durch die Küche ins Zimmer, und ich hörte ihn öfters den Leuten zuflüstern: »Sieh doch, der Gottlieb Neuleben ist draußen!« Gäste, Knechte, Köchinnen und Mägde kamen unter die Tür und begafften mit verbissenem Lächeln den neuen Ankömmling. Das dünkte mich sonderbar. Ich stand schüchtern und betroffen da, meinen Hut unterm Arme, mit abgeschertem Kopfe und einer weißen beschmutzten Mütze in der Hand. Jetzt trat ein ältlicher Mann, vom Kellner herbeigeholt, aus dem Zimmer, nahte sich mir mit ernster Miene und fragte in derbem Tone: »Wer sind Sie?« »Ich heiße Gottlieb Neuleben,« sprach ich, »und bitte mir gegen die Gebühren meinen Koffer abfolgen zu lassen.« »Sie heißen nicht Gottlieb Neuleben,« erwiderte der Mann, noch ernster als zuvor, indem er mich auf die Schulter klopfte und scharf ins Auge faßte; »Sie heißen P. Bonifacius Bronner, sind ein entlaufener Mönch aus dem Kloster zum heil. Kreuz in Donauwörth und haben gestohlen!« Jedermann kann sich vorstellen, was ich da für große Augen machte. Stumm blieb ich einige Augenblicke, faßte mich aber sogleich wieder und sagte kühn und fest: »Wie kommt es, daß Sie meinen Namen wissen? Ich bin der, von dem Sie sagen, aber gestohlen hab' ich nicht!« »Das wird sich zeigen!« sprach der Mann und fing ein wenig zu lächeln an; »sehen Sie Ihren Koffer dort? Prüfen Sie, ob das Siegel daran noch unversehrt ist!« Sogleich hob ich das Deckleder hinweg und besah das Siegel. Aber ich fand noch ein andres neben dem meinigen aufgedrückt. »Was bedeutet das?« fragte ich erstaunt. »Es ist nur unser Stadtsiegel,« antwortete der Mann mit kaltem Scherze, »wenn Sie um eine halbe Stunde früher gekommen wären, hätten Sie das Ihrige noch allein gefunden. Eben ist der Herr Stadtmajor aus dem Hause gegangen, der es aufgedrückt hat. Es ist heute ein Steckbrief angelangt, der Sie nicht als den besten Menschen schildert, deswegen hat unsre Polizei diese Verfügung getroffen. Ist niemand da, der den Herrn Stadtmajor zurückholen will? Lauf ihm einer nach, er kann noch nicht weit sein.« »Herr! ich bin kein Verbrecher,« sagte ich mit dem Tone der Wahrheit, »die Not hat mich aus dem Kloster getrieben. Man wird mich doch nicht gefangen setzen und ausliefern?« »Nur getrost, mein Herr!« sprach er wieder und wurde freundlicher; »ich sehe schon, daß Sie ein gutes Gewissen haben. Ausgeliefert zu werden, dürfen Sie nicht fürchten, aber ob Ihnen Ihr Koffer gelassen wird, das ist eine große Frage. Kommen Sie her da! Trinken Sie ein Glas Wein auf diesen Schrecken und erzählen Sie mir, wie es Ihnen ergangen ist, bis der Herr Stadtmajor zurückkommt!« Hiermit führte er mich ins Zimmer, setzte mir eine Flasche vor, nahm Platz an meiner Seite und horchte. Ich hatte aber gar keine Lust zu trinken, erzählte ihm jedoch einen Teil meiner Schicksale und sah bald den Herrn Stadtmajor zur Tür hereintreten. Er nahm mich in ein besonderes Zimmer, tat an mich die allgemein bei jedem Verhör gewöhnlichen Fragen, ließ sich meine Flucht und deren Veranlassung erzählen und notierte alles in seine Schreibtafel. Dann zog er den Steckbrief aus der Tasche und reichte ihn mir zum Lesen. Ich staunte und wußte mich vor Ingrimm kaum zu fassen, da ich mich darin als einen überall berüchtigten Betrüger, der schon mehrere sehr schlimme Streiche gespielt haben sollte, geschildert und des Einbruchs in die Abtei mit Hilfe nachgemachter Schlüssel und noch andrer Diebstähle beschuldigt fand. Daß der Mönchshaß so weit gehen und mich so grober Verbrechen bezichtigen könnte, hatte ich mir nie vorgestellt. Ich sollte die besten Bücher aus der Bibliothek, die teuersten mathematischen Instrumente aus dem Armarium, den größten Teil Münzen aus dem Münzkabinette und weiß Gott welche Kirchenschätze entwendet, mehrere Koffer damit gefüllt und ins Ausland verschickt haben. Die Hauptprobe dieser Beschuldigungen war: als mich meine Laster flüchtig zu gehen drangen und mir das Geld mangelte, um die Reisekosten zu bestreiten, hätte ich alle Schlüssel so lange zugefeilt, bis ich in Abwesenheit des Prälaten die Abtei erbrechen und soviel stehlen konnte, als ich zu nehmen für gut fand; angefeilte und wahrscheinlich mißlungene Schlüssel wären in Menge samt Feilen und andern Schlosserinstrumenten auf meiner Zelle gefunden worden. Punkt für Punkt widerlegte ich diese Beschuldigungen, sagte, daß ich froh sein müßte, einen einzigen Koffer glücklich auf die Post gebracht zu haben, nie wäre mir zu Sinne gekommen, mehrere wegzuschicken. Ich leugnete nicht, daß ich Schlüssel angefeilt hätte, sondern erklärte, daß ich es tat, um meinem guten Freunde und mir Schlüssel zu verschaffen, welche unsre Zellen wechselseitig öffneten, damit wir im Notfall einander Hilfe zu leisten vermochten, und, daß unmöglich einer der gefundenen Schlüssel bei näherer Untersuchung tauglich befunden werden könnte, an ein einziges Schloß der Abtei gesteckt zu werden; die Bücher, welche ich mitnahm, seien entweder ganz neue, die ich erst vor kurzem aus meinem Ersparten gekauft hätte, oder solche, die mir vom Kloster schon längst als Lehrbücher meiner Lieblingswissenschaft, der Mathematik, angeschafft wurden und durch das Studieren selbst mein Eigentum geworden wären. Von mathematischen Instrumenten würde sich nichts in meinem Koffer finden, als ein Reißzeug und ein Stangenzirkel, die man mir ebenfalls, als die nötigsten Werkzeuge zum Zeichnen, eigens zu meinem Gebrauche überlassen habe. Münzen und Kirchenschätze seien von mir ganz unberührt geblieben; P. Bernard besitze einen Katalog derjenigen Münzen, die man mir bei der Übernahme des Armariums anvertraute, es müsse sich finden, daß keine einzige mangele. Geld zur Reise habe mir der Prälat selbst gegeben, indem er mir meine Bücher abkaufte usw. Nachdem Herr Stadtmajor alles angehört und summarisch in seine Schreibtafel aufgezeichnet hatte, trug er mir auf, bis zum Ausgang der Sache Hausarrest zu halten; zeigte mir an, morgen würde über den Einschluß meines Koffers ein Inventarium verfaßt werden und die Untersuchung ihren Anfang nehmen, und verließ mich unter trostreichen und ermunternden Zusprüchen. Als ich allein war, überließ ich mich mit einer Art Raserei dem Verdrusse über die boshaften Beschuldigungen des Steckbriefes. Es schmerzte mich unaussprechlich, mich als einen Bösewicht in einem Steckbriefe angeschwärzt zu sehen. Mein erregter Zustand darüber und über die Skrupellosigkeit, mit der meine sogenannten Mitbrüder wissentlich Falsches gegen mich angebracht hatten, dauerte noch tief bis in die Nacht hinein fort. So wenig der Steckbrief von den Umständen angab, unter denen die Entdeckung meiner Flucht nach Basel gemacht worden war, so konnte ich doch einiges daraus abnehmen. Allein sie waren doch nicht hinreichend, um mir eine vollständige Geschichte daraus zusammenzureimen; ich seufzte bange nach einem freundschaftlichen Berichte von meinem Freunde. Vergebens war all mein Seufzen. Erst später, nachdem ich in Augsburg mit Leuten aus dem Kloster mündlich zu sprechen Gelegenheit hatte, wurden mir die wahren Umstände gemeldet. Der Hirt hatte das Vieh aufs Käseck getrieben, die Kühe erblickten die Kleider am Strande, muhten scheu um sie her und lockten den Hirten herbei. Er lief erschrocken zum Dorfküster, rief dessen Frau herbei und zeigte ihr seinen Fund. Beide erinnerten sich, daß man mich gestern nachmittag in Zusum gesehen hätte und dachten sogleich, ich müßte der Ertrunkene sein; die Bäurin packte die Kleider in einen Korb und trug sie bestürzt in die Klosterkanzlei. Tränen entflossen dem P. Großkellerer und andern der weichmütigern Religiösen, die man mit der Miene des Geheimnisses herbeigerufen hatte. Es würde allzu stolz klingen, wenn ich erzählen wollte, welche Lobrede damals einstimmig von allen dem vermeintlichen Toten gehalten ward. Man hielt Rat, wie man die Trauerbotschaft dem Prälaten auf die beste, am mindesten schmerzende Weise beibringen könnte, und befahl den Fischern, mit Haken und Stangen meinen Leichnam in der Donau zu suchen; worauf sie nach dem Ausdruck dessen, der mir dieses erzählte, das ganze Käseck abforschten. Endlich kamen auch P. Beda und P. Augustin in die Kanzlei. Der erstere horchte eine Weile nachdenkend den Gesprächen seiner Mitbrüder zu, schüttelte stillschweigend den Kopf und sagte leise murmelnd vor sich hin: »Bonifacius ist ein unternehmender Mensch, er äußerte längst manchen kühnen Gedanken vor mir und trachtete des Klosterhabits los zu werden; ich glaube nicht, daß er tot ist!« P. Augustin vernahm, was Beda sprach, erinnerte sich des Koffers, den er mich fortliefern gesehen hatte und rief auf einmal aus: »Wahrlich, mir geht ein Licht auf! Ich glaube auch, Bonifacius ist nichts weniger als tot; ich sah ihn etwa vor einem Monat einen Koffer wegschicken! Er ist fort! mehr als wahrscheinlich ist er fort!« »Was? einen Koffer hat er aus dem Kloster geschickt?« hieß es von allen Seiten her, und die Trauer um mich verwandelte sich zusehends in Zorn. Sogleich rief man den Diener herbei, den der P. Augustin den Koffer abführen gesehen hatte, setzte ihn auf die strenge Frage, ließ den Posthalter kommen, erkundigte sich auch bei ihm um alle Umstände und ließ sich die dahin einschlagende Note aus dem Postbuche vorzeigen, durchsuchte meine Zelle, hörte den Schneider ab und sandte den Pater Augustin ungesäumt nach Kaisersheim an den Prälaten, um ihn nach Hause zu rufen. Kaum langte derselbe in Donauwörth an, so mußte vom Oberamtmann ein Steckbrief ausgefertigt werden, in welchem man mich deswegen als einen Dieb angab, damit ich an das Kloster ausgeliefert werden möchte, denn man stand in der Meinung, Diebe und Mörder würden von den Schweizern ausgeliefert. P. Großkellerer Benno erhielt Befehl, mich sogleich auf dem Wege nach Ulm zu verfolgen; P. Beda aber ging mit gleichem Auftrage nach Augsburg. Man meinte, ich müßte auf einer dieser zwei Reiserouten gewiß zu erfragen sein, und empfahl jedem die möglichste Eile. Der erste erfragte mich auch wirklich in Günzburg und ließ sich von der Wirtin, die es recht sehr bedauerte, daß mich ihr Mann nicht strenger behandelt hatte, weitläufig erzählen, wie ich gekleidet war, unter welchen Umständen und zu welcher Zeit ich abreiste und ob ich nichts von meinem Vorhaben laut werden ließ. Allein er konnte über Günzburg hinaus keine weitere Spur von mir finden und mußte, ohne den Flüchtling einholen zu können, nach Hause kehren. Nach ihrer Zurückkunft ging's erst an ein Lärmen; man schrie die Personen aus, die mir zur Flucht Adressen an die Hand geschafft haben sollten – man nannte mich den großen Dieb, der einen Koffer, einen großen Verschlag und noch einen großen Pack – schon vom 4. Juli an – unter zweierlei Adressen nach Basel zu liefern gewußt habe, und zuletzt beteuerte man mit großer Zuversicht: ich würde doch noch bei ihnen sterben usw. – Das alles und noch viel mehr wurde gegen mich verhandelt, und man kann sich denken, daß der Vorfall Anlaß zu wochenlangem Geklatsche gab. – Es war sehr gut, daß ich in Basel von allem dem nichts wußte, sonst wäre mein Schmerz auf einen noch höhern Grad gestiegen. So aber erwartete ich, durch die gütige Teilnahme des Herrn Gastwirts zu den Drei Königen, seiner angenehmen Gattin und des Herrn Kleindorf, Postdirektors (der mich anfangs so sehr erschreckt hatte) täglich mehr gestärkt, mit wachsendem Gleichmut die Entscheidung meines Schicksals. Sogleich den 6. September, morgens, kamen der Herr Stadtmajor und ein Sekretär der Staatskanzlei nebst zwei Ratsdienern in den Gasthof, befahlen mir, den arretierten Koffer in ihrer Gegenwart mit dem Schlüssel zu öffnen, ließen sich ein Stück nach dem andern daraus vorzeigen und verfaßten das genaueste Inventarium darüber. Dem Herrn Sekretär entfuhr bei Auszeichnung der Bücher die Rede: »Wenn Sie solche Schriften lasen, so ist's begreiflich, warum Sie im Kloster weder beliebt noch vergnügt sein konnten.« Es erquickte fühlbar mein Herz, als ich dieses vernahm. Bald zeigte es sich augenscheinlich, daß die Beschuldigungen von Diebstahl und Einbruch bare Lügen seien. Als auch meine Musikalien und Schriften inventiert wurden, fand sich ein verschlossenes Päckchen, auf das ich äußerlich ein Freimaurerzeichen gemacht hatte. Man zeigte es vor; einer der beiden Deputierten ergriff meine Hand, drückte sie und sagte mit einem freundlichen Blicke ganz leise: »Herr Bruder!« Am Ende sprachen die Herren mir Trost ein und erlaubten sogleich, daß ich etwas weißes Zeug und ein Buch zu meiner Unterhaltung aus dem Koffer nehmen durfte. Ich wählte Herders Ideen, welche mir die trüben Stunden, die ich allein auf meinem Zimmerchen hinbrachte, sehr angenehm und lehrreich kürzten. Den 7. September, nachmittags, kam einer der beiden Deputierten wieder in den Gasthof, zeigte mir an, daß mir die Erlaubnis, in Basel zu bleiben, vom Senate verweigert sei, aus dem Grunde, weil man einen Menschen, der Schlüssel anzufeilen pflege, in einer kaufmännischen Stadt nicht wohl dulden könnte, und erlaubte mir, aus dem Koffer alle Schriften, Musikalien und alles Leinenzeug wegzunehmen. Das übrige sollte so lange im Arrest behalten werden, bis das Kloster namentlich anzeigen würde, was ihm von seinen Instrumenten und Büchern mangelte. Ebenderselbe Deputierte tröstete mich, als ich klagte, daß ich nicht wüßte, wohin ich mich wenden sollte, und riet mir, ich sollte nach Zürich gehen, wo viele Leute von Kenntnissen und Wissenschaften anzutreffen wären, bei denen ich vielleicht ein Unterkommen finden könnte, zugleich versprach er, mir ein Empfehlungsschreiben an einen der angesehensten Herren daselbst mitzugeben. Er hielt auch Wort und schickte mir sogleich den andern Tag einen Brief an Herrn Ratsherrn H. H. Füßli in Zürich zu. Nun fühlte ich mich wirklich aus dem Wasser gezogen, nähte meine Sachen in ein Bettuch, setzte meinen wahren Namen auf die Adresse, die nach Zürich lautete und nahm mit schwerem Herzen Abschied von meinen gütigen Hauswirten. Es war eben ein allgemeiner Bettag in Basel. Der Greis Kleindorf rief mich in sein Kontor, sprach mir Mut ein, ermunterte mich zur Tugend, drückte geschwind ein Papier mit Geld in meine Hand und eilte mit einer Träne im Auge zur Tür hinaus in die Kirche. Gerührt verfolgte ich ihn mit meinem Dank. Im Papier fand ich ein artiges Sümmchen eingewickelt. Herr Iselin, mein freundlicher Gastwirt, wollte anfangs keine Bezahlung von mir annehmen, weil er vermutete, ich leide Mangel an Geld. Erst als ich beteuerte, daß ich ohne Unbequemlichkeit meine Zeche bezahlen könnte, nahm er mir etwas weniges ab, welches aber kaum die Hälfte des Genossenen am Werte betragen mochte. Zum Abschied wollten sie mir noch mit einer hübschen Perücke von Herrn Kleindorf ein Geschenk machen, um meinen geschornen Mönchskopf darunter zu verbergen; allein ich fand sie zu klein und hatte überhaupt einigen Abscheu vor allen Perücken. Sobald nach dem letzten Abendgottesdienste die Tore von Basel geöffnet wurden, setzte ich meinen Wanderstab nach Liestal fort, wo ich im Goldenen Schlüssel übernachtete. Den 9. September ging ich von Liestal durch das schöne Tal von Sissach nach Gelterkinden und Tecknau und stieg von dort durch ein waldiges Felsentobel nach Wenslingen hinauf, wo ich zu Mittag speiste. Diesen Weg hatte ich deswegen gewählt, damit ich weder durch das Fricktal, noch durch einen katholischen Kanton reisen und mich nicht der Gefahr, angehalten zu werden, aussetzen müßte. Nachmittags wanderte ich über Oltigen die Schafmatt hinan; es war ein sehr heitrer Tag, und überall traf ich fröhliche Leute an, die mit der Grummeternte beschäftigt waren. Da mir das Bergsteigen noch ganz fremd war, so ergötzte es mich ungemein, neben rieselnden Bächlein durch die Felsentäler emporzuklimmen, an schönen Stellen auszuruhen, auf die niedrigern Gegenstände herabzusehen und den mannigfaltigen, sich immer erweiternden Gesichtskreis mit forschenden Blicken zu bestreichen. Ich hatte meinen Rock der Hitze wegen ausgezogen und trug ihn nachlässig über die Schulter hängend, als ich auf den höchsten Gipfel der Schafmatt kam. Nicht weit von der Stelle, wo ein Markstein die Gebiete von Basel und Solothurn von dem österreichischen Fricktal scheidet, sah ich zwei Pferde auf einem Hügel unter Bäumen angebunden und blickte wundernd umher, ob ich den Eigentümer nirgends sähe, denn es deuchte mich seltsam, auf dieser Höhe Pferde zu finden. Ich sah niemand. Aber nach wenigen Schritten tat sich im Walde ein Tälchen auf, und ich entdeckte eine Bettlergesellschaft von etwa 30 Personen, die um ein großes Feuer saßen, sotten und brieten und scherzten. Schon in Wenslingen hatte man mir gesagt, es sei jetzt nicht ganz sicher über die Schafmatt zu reisen. Ich besorgte, an die Räuberbande, von der ich erst heute viel Schlimmes erzählen gehört hatte, geraten zu sein und ging schüchtern meines Weges. Aber die Freileute mochten mich eher erblickt haben, als ich sie. Eine dicke, alte Frau, die ein Kind an ihrer Hand führte, wälzte sich zu mir heran, und ein paar Kerle stellten sich an die Schranken, wo ich den Wald betreten sollte. »Guter Freund,« sagte sie und streckte mir die offene Hand hin, »schenk' Er meinem Kinde etwas! Wo kommt Er her?« »Von Basel,« antwortete ich, griff in die Tasche und suchte aus lauter kleiner Münze einen Basler Halbbatzen hervor, den ich ihr darreichte. »Ich dank' Ihm,« fuhr sie fort; »aber es scheint mir, der Herr ist in einem Zuchthaus gewesen.« »Freilich, – in einem geistlichen«, sagte ich. »Das hab' ich mir gleich eingebildet, sobald ich Seine abgestutzten Haare sah,« erwiderte sie lachend, »Er wird wohl froh sein, daß Er wieder los ist?« »Von Herzen froh,« sagte ich, »lebet wohl!« »Laßt ihn ziehen, Leute!« rief sie nun den beiden Burschen am Wege zu, »der ist einer unsers Gelichters!« Und ich ging unangefochten in den Wald, erst im gewöhnlichen Schritte, dann, als ich etwas weiter entfernt war, immer schneller, und rannte endlich in vollem Laufe den Berg, hinab. In Aarau hörte ich wieder von Angriffen, die in der Gegend umher stattgehabt hätten und war froh, daß ich für einen entlaufenen Züchtling angesehen worden war. Ein Kaufmannsdiener begleitete mich unter allerlei kurzweiligem Geschwätz noch denselben Abend nach Lenzburg, wo ich im Bären neben Handwerksburschen, welche die ganze Nacht durch lärmten, zankten und Possen rissen, übernachtete, ohne ruhig schlafen zu können. Den 10. September wanderte ich nach Mellingen, erblickte das Schild eines Chirurgen, hielt es für das Schild eines Wirtshauses, trat hinein und verlangte zu essen. Zum Glücke bemerkte ich sogleich an den Heiligentäfelchen, die im Zimmer hingen, daß ich an einem katholischen Orte sei, was ich beim Eintritt ins Städtchen nicht gewußt hatte. Der Hausherr examinierte mich sogleich sehr strenge und beruhigte sich nicht eher, bis ich ihm mein Attestat vorwies. Ohne dies hätte er mich, wie er sagte, bei der Obrigkeit als einen verdächtigen Menschen angegeben, der wahrscheinlich aus einem Kloster entsprungen sei und nun in der Schweiz umhervagiere. Dann ließ er mir, weil es Samstag war, eine Eierspeise kochen, setzte Wein auf den Tisch und ließ mich, als ich richtig bezahlt hatte, ruhig meines Weges ziehen. So war ich noch am Ziele meiner Reise in Gefahr, der Geistlichkeit in die Hände zu fallen. Auf der Höhe des Heiterspergs setzte ich mich hin und labte mich recht am Anblick des schönen Tales der Limmat, das wie ein Paradies ausgebreitet vor mir lag. Mit warmer Empfindung grüßte ich den See und die Türme von Zürich, das Ziel meiner Reise und seufzte zu Gott, er möchte mich dort Glück und Ruhe finden lassen. Abends in der Dämmerung langte ich ziemlich müde bei der Sihlpforte an; die Wache wollte mich nicht einlassen, bis ich meinen Brief an Herrn Ratsherrn Füßli vorwies. Ich kam in mehrere Wirtshäuser, aber nirgends ward ich aufgenommen, denn es waren eben des Herbstmarktes wegen bereits alle Gastzimmer besetzt. Endlich wies man mich zum Leuen, wo ich eine günstige Aufnahme fand. Zehntes Kapitel: Notensetzer in Zürich. Besuch bei Lavater – Aussichten auf Broterwerb – Als Notensetzer angestellt – Abkunft mit den Mönchen – Gönner und Bekanntschaften – Salomon Geßner – Aufmunterungen zum Dichten – Idyllen – Kleidung – Brief nach Augsburg – Hoffnungen, vom Mönchsstande dispensiert zu werden – Verhandlungen mit der Geistlichen Obrigkeit in Augsburg – Bedenklichkeiten – Kapitulation – Letzte Beschäftigungen in Zürich und Abschied. Den 11. September, morgens, suchte ich Herrn Ratsherrn Füßli auf, fand ihn aber nicht zu Hause und gab das Empfehlungsschreiben von Basel ab. Man hieß mich nachmittags wieder kommen. Auf dem Wege durch die Stadt begegneten mir viele Herren mit Baretten, steifen Kragen und altdeutschen schwarzen Staatsröcken geschmückt. »Ich hätte doch nicht geglaubt,« dachte ich, »daß die Reformierten eine so große Anzahl von Geistlichen hegten! Es gibt in mancher katholischen Stadt nicht mehrere!« Erst als mir der Wirt sagte, alle diejenigen, welche so gekleidet wären und Degen trügen, gehörten zum großen und kleinen Rat, kam ich ins klare. Um ungesäumt einen Versuch zu wagen, ob mir nicht der Rat des Herrn Lavater eine heitere Aussicht in die Zukunft eröffnen würde, entschloß ich mich, sogleich nach geendigter Predigt den Mann zu sehen, von dessen Menschenliebe, Toleranz und Weisheit ich seit langem eine hohe Meinung gefaßt hatte. Ich kam in seine Wohnung und wartete schüchtern unten in dem Hausflur, bis jemand kommen würde, dem ich mein Verlangen vortragen könnte. Ein etwas langer und hagerer Mann im geistlichen Kirchenkleide kam die Treppe herab und fragte mich mit ziemlich derbem Tone, was ich wollte. Ich äußerte meinen Wunsch, mit Herrn Lavater zu sprechen. Er hieß mich eine Weile Geduld haben, bis einige Besuche abgefertigt wären und ging ins nahe Zimmer. Die Abschiedskomplimente wurden dort nach einem Viertelstündchen gemacht und man rief mich hinein. Niemand war mehr zugegen als zwei Geistliche. Ich fragte, wo Herr Lavater wäre? Und derjenige, mit dem ich draußen schon gesprochen hatte, gab sich als denselben zu erkennen. Ich war nicht wenig betroffen, daß ich den Mann nicht sogleich kannte, dessen Gesichtsbildung mir schon so oft in Silhouetten, Porträts und Büsten vorgeschwebt hatte. Allein sie glichen, wie ich merkte, seiner wahren Gestalt so wenig, daß es kein Wunder war, wenn ich unter seiner wirklichen Physiognomie, die auffallend mehr Gespanntes, Scharfes und Hageres hatte, als alle Bildnisse von ihm, den sanften Johannes-Charakter Lavaters (wie ich ihn dachte) nicht wieder finden oder auch nur vermuten konnte. Das Rasche in seinen Reben und Geberden stach ebenso sehr gegen die Erwartung ab, die ich von seiner Milde und einnehmenden Freundlichkeit im Herzen hatte. Schüchtern begann ich meine Anrede und sagte ihm: er sehe einen Bedrängten vor sich, der von jeher die größte Achtung für ihn und seine Schriften gehegt habe und nun in einer sehr kritischen Lage mit Sehnsucht guten Rat von ihm erwarte. Wenn er so gütig sein wolle, mich anzuhören, so sei ich bereit, mein ganzes Herz vor ihm auszugießen. Mit strengem Ernste fragte er: »Wer sind Sie denn?« Immer mehr betroffen antwortete ich: »Vor kurzem war ich noch ein Benediktiner in Donauwörth; Unzufriedenheit mit dem Mönchsstande überhaupt und allerlei besondere Leiden zwangen mich, das Kloster zu verlassen und meine Zuflucht in die Schweiz zu nehmen.« Er sprach im vorigen Tone: »Sie sind also, deutsch herausgesagt, ein entlaufener Mönch?« Es tat mir im Herzen wehe; der andre Geistliche, welcher noch zugegen war, sagte etwas leise zu Herrn Lavater: »Freund, Sie behandeln ihn doch zu strenge«, und ich – überlegte, ob es besser wäre, zu gehen oder weiter zu reden. Zum letztern entschloß ich mich, denn es fiel mir ein: »Vielleicht prüft er dich nur.« Laut erwiderte ich: »Wenn Sie so wollen, Herr Diakonus, ja, ich bin ein entlaufener Mönch; aber ich glaube, die gültigsten Gründe gehabt zu haben, das Kloster zu verlassen.« Er sprach: »Was waren das für Gründe? Wahrscheinlich leere Einbildungen! Glauben Sie nur, ich hab' aus Ihrer Gegend schon einen Wink erhalten, daß Sie leichtsinnig Ihren Orden verließen und vielleicht hierher kommen würden. Man hat mich gewarnt.« »Es ist mir leid,« sagte ich, »daß man Ihnen schon zum voraus eine üble Meinung von mir beigebracht hat. Sie können daraus abnehmen, wie tätig meine Verfolger sind, um mich zu verderben. Was mich antrieb, aus dem Kloster zu fliehen, war gewiß nicht bloßer Leichtsinn.« Dann malte ich ihm meinen Zustand im Orden vor, so gut ich eben konnte. Allein er ward nicht befriedigt und riet mir, nach Donauwörth zurückzukehren, der verdienten Strafe mich zu unterwerfen und meinen Gelübden getreu zu bleiben. Ich erklärte, daß ich die Klostergelübde nicht für verbindlich hielte, ergoß mich über die Qualen, unter deren Last im Mönchsstande jede besser unterrichtete Seele seufzen oder wohl gar erliegen muß und endete damit, meine Überzeugungen seien von der Art, daß ich lieber alles Elend erdulden, als wieder ins Kloster zurücktreten wolle. »Was haben Sie denn für Überzeugungen?« fragte er. Da gestand ich ihm unverhohlen meine Unzufriedenheit mit dem dogmatisch-katholischen System. »Wollen Sie etwa Ihre Religion verändern?« fragte er weiter. »Nein!« antwortete ich, »auch mit den dogmatischen Behauptungen andrer Religionssysteme kann ich nicht einverstanden sein.« »So ist wohl Deismus Ihr Glaube?« fuhr er fort, »was wollen Sie denn anfangen? Ich kann Ihnen nicht helfen.« »Ich bin auch nicht da, um Ihnen zur Last zu fallen,« erwiderte ich, »nur um einen guten Rat wollte ich Sie bitten.« »Ich weiß Ihnen nicht zu raten. Hätten Sie anders gesprochen, vielleicht war' es möglich gewesen, etwas für Sie zu tun.« »Herr Diakonus, Sie haben weit ausgebreitete Bekanntschaft, könnten Sie mir nicht bei dem päpstlichen Nuntius in Luzern ein wirksames Vorwort verleihen, daß ich von den Klostergelübden losgezählt würde? Vielleicht darf ich hoffen, als Weltpriester noch einigen Nutzen zu schaffen.« »Ich habe einige Bekanntschaft in Luzern, vielleicht wär' es möglich, durch gute Freunde etwas zu erhalten. Aber es dünkt mich am besten, weil Sie sich doch wieder in ein katholisches Land sehnen, Sie gehen in Ihr Kloster zurück und überwinden das Vorurteil, das Sie gegen diesen Stand eingesogen haben.« »Gern will ich zu allem andern mich verstehen, nur zu diesem nicht! Wenn mir nichts Bessres mehr übrig bleibt, so hab' ich Mut genug, Lehrknabe bei einem Handwerker zu werden.« »Kennen Sie jemanden in der Stadt?« »Nein, doch hatte ich ein Empfehlungsschreiben von Basel an Herrn Ratsherrn Füßli. Aber ich konnte ihn noch nicht antreffen.« »Nun, so versuchen Sie Ihr Heil, und wenn Sie meinen, daß Ihnen meine Empfehlung in Luzern etwas helfen kann, so kommen Sie ein andermal wieder zu mir!« Da erhob er sich von seinem Stuhle. Der Geistliche, welcher alles mit angehört hatte, nahte sich mir, sagte etwas Trostreiches und bot mir freundlich die Hand. Vier Zürcher Vierbatzenstücke lagen, ehe ich's dachte, in meiner Rechten, und fort war er. Unter der Tür drückte mir auch Herr Lavater ein Vierbatzenstück in die Hand, und ich wankte beschämt und verwirrt von dannen. Das Essen wollte mir durchaus nicht schmecken. Nachmittags ging ich wieder in die Wohnung des Herrn Füßli; er empfing mich sehr freundlich, erkundigte sich genau um meine Umstände, ließ mich das Herz ausleeren und sprach mir Trost ein. Ich sah's ihm an, daß es ihm ernstlich leid war, mir nicht sogleich zum nötigen Unterhalt verhelfen zu können; sein ganzes Betragen zeugte, daß es ihm wehe tat, mich ohne bestimmte Aussicht auf einen sichern Broterwerb entlassen zu müssen. Allein er hieß mich am nächsten Dienstag wiederkommen; indessen wollte er sich besinnen, auf welche Weise mir aus der Not zu helfen wäre. »Doch,« sagte er, »mir fällt etwas bei; Sie bedürfen einiger Ermunterung; es muß Ihnen lieb sein, einen Mann zu finden, der mit Ihnen ähnliche Schicksale erfahren hat. Der Verfasser des deutschen Zuschauers, Herr Winkopp, ist Ihnen vielleicht bekannt; er wohnt nur ein halbes Stündchen von hier im Dorfe Wipkingen, besuchen Sie ihn! Ich hoffe immer, Sie sollen nicht ohne einiges Vergnügen zurückkehren. Am Dienstag, morgens zwischen sieben und acht Uhr, kommen Sie wieder zu mir, vielleicht – da Sie so genügsam und bereitwillig sind, auch die geringsten Dienste sich gefallen zu lassen – vielleicht gelingt es mir unterdessen, etwas aufzufinden, womit Sie Ihren Unterhalt gewinnen können.« Mit leichterm Herzen nahm ich Abschied von dem edlen Menschenfreunde und suchte den Weg nach Wipkingen. Als ich in die Weinschenke kam, in deren oberm Stockwerke Herr Winkopp sich einige Zimmer gemietet hatte, meldete ihm die Wirtin, daß ein junger Mann ihn zu sprechen wünsche. Ich stand an der Treppe und vernahm jedes Wörtchen. Er . Wer ist er denn? Die Wirtin . Er scheint mir, dem geschornen Haare nach zu urteilen, ein katholischer Geistlicher zu sein. Er . Was T... will der Pfaff bei mir? Die Wirtin . Er sagte nur, er wünschte Sie zu sprechen. Er . Er soll hingehen, wo der Pfeffer wächst; was kümmert mich all das Geschmeiß? Die Wirtin . Ich glaube, er sagte, Herr Ratsherr Füßli habe ihn hergeschickt. Er . Wer weiß, ob der Kerl nicht lügt! Die Schwarzröcke sind mir ohnehin alle spinnefeind. Wie soll ich ihm trauen? Jetzt streckte die Wirtin den Kopf aus der Zimmertür, zog ihn zurück und sagte etwas leiser, doch so, daß ich's deutlich vernahm: »Herr Winkopp! Sehen Sie doch, er steht da unten an der Stiege und hört gewiß alle Worte.« Herr Winkopp sah nun auch mit halbem Kopfe zur Tür hinaus, kam mir endlich mit einem seiner Freunde auf der Treppe entgegen und führte mich in sein Zimmer. Der Freund war Herr Peter Philipp Wolf, der Verfasser der Jesuitengeschichte und des Lebens Pius VI. Beide, als sie nun aus meiner Schüchternheit und allerlei Äußerungen ersahen, daß ich nichts minder als ein Verräter wäre, gaben sich alle Mühe mich aufzuheitern und kürzten mir durch die Lebhaftigkeit ihrer Gespräche die Zeit so angenehm, daß ich abends mich wunderte, wie die Dämmerung so frühe eintreten könnte. Mutiger und vergnügter, als ich bisher in Zürich gewesen war, begleitete ich Herrn Wolf in die Stadt. Den 13. September besuchte ich zur bestimmten Stunde Herrn Ratsherrn Füßli wieder. Er empfing mich mit ebenderselben einnehmenden Leutseligkeit, die mir ihn schon das erstemal so ehrwürdig gemacht hatte. »Ich habe mich hin und her besonnen,« sprach er freundlich, »wie Ihnen zu helfen sein möchte, aber es ist schwer etwas aufzufinden. Den Einfall, der mir heute durch den Kopf ging, getrau ich mir kaum zu sagen, die Beschäftigung ist gar zu gering für Sie.« »O, mir ist nichts zu gering,« unterbrach ich ihn mit Eifer, »wenn es mir nur Brot gibt, gern bequeme ich mich zu allem.« »Sie verstehen sich auf Musik,« fuhr er fort, »wie ich neulich aus Ihrem Gespräche merkte. Eine hiesige Buchhandlung, an der ich Anteil habe, richtet eben eine Notendruckerei von neuer Erfindung ein; noch mangelt ein Setzer; glauben Sie, Geduld genug zu haben, um sich mit dieser langweiligen mechanischen Arbeit abzugeben?« »An der soll es nicht fehlen!« erwiderte ich freudig, und er sprach ferner: »Vielleicht gelingt es mir, Ihnen durch Empfehlung diese kleine Stelle zuzuwenden. Es ist mir leid, Ihnen nicht sogleich eine bessere Versorgung verschaffen zu können, aber es ist doch indessen eine geringe Nothilfe. Kommt Zeit, kommt Rat! Zuerst suchen Sie nun Herrn Amtmann Heidegger auf, der gegenwärtig die Handlung dirigiert; stellen Sie ihm Ihre Umstände vor und bitten Sie ihn um die Aufnahme. Sogleich will ich hingehen und vorläufig zu Ihren Gunsten reden.« Als ich in die Orellische Buchhandlung kam, traf ich meinen Gönner wirklich schon in vollem Gespräche mit Herrn Erni, dem Kassierer der Handlung, an, dem er mein Schicksal erzählte und auftrug, dem Herrn Amtmann, der eben heute abwesend war, davon zu sagen und ihn soviel möglich für mich zu gewinnen. Scheu und stille, in Erwartung der Dinge, die über mich beschlossen werden sollten, stand ich im Büchergewölbe. Herr Erni suchte mich durch freundliche Gespräche zu ermuntern, fragte mir noch mehrere Umstände meines Lebens ab und hieß mich abends wieder kommen. Indessen sprach er mit dem Herrn Direktor und erhielt den Bescheid, welchen er mir abends getreulich anzeigte: »Man habe bereits einem jungen Zürcher versprochen, ihn zum Setzer anzunehmen; wollte sich aber derselbe nicht gefallen lassen, Noten zu setzen, so sollte ich an seiner Statt eintreten.« Zugleich machte mir Herr Erni alle Hoffnung, daß der Knabe, von dem die Rede war, vermutlich schon ein andres Handwerk ergriffen hätte und wahrscheinlich nicht kommen würde. Weil ich den 14. September Herrn Heidegger wieder nicht traf, so riet mir ebenderselbe Kassierer, sogleich nach Tische Herrn Winkopp zu besuchen, wohin zur nämlichen Zeit Herr Amtmann kommen würde. Wirklich fügte es sich so: Herr Winkopp vereinigte seine Empfehlung mit meiner Bitte und Herr Heidegger versprach, mich als Notensetzer anzunehmen. Ich hätte hüpfen mögen vor Freuden, als ich sein Jawort hatte und lief vergnügt und singend nach Zürich zurück. Den 15. erhielt ich mein Päckchen mit Schriften und Leinenzeug von Basel und ging zum erstenmal in die Orellische Buchdruckerei, um Buchstaben und Noten setzen zu lernen. Herr Erni nahm die Mühe über sich, mir einen wohlfeilen Tischort zu suchen und fand einen solchen bei dem Schlächter Johann Meisterhans, dessen Knabe in Diensten der Handlung stand. Als mich Meisterhansens Frau erblickte, machte sie ein recht klägliches Gesicht, konnte meinen geschornen Kopf nicht ohne Widerwillen ansehen und flüsterte ihrem Knaben in die Ohren, so daß ich's verstehen mochte: »Heinrich, was bringst du mir denn da für einen Pfaffen? Den hätt' ich nicht angenommen, wenn ich ihn vorher gesehen hätte!« Die Verschiedenheit unsrer Dialekte machte, daß wir einander nur zur Hälfte verstanden, und brachte etwas Komisches in unsre Unterhaltung. Es kostete einige Tage, bis sie durch meinen Frohsinn mit meinem Aussehen versöhnt ward. Viel besser gelang es mir, den Beifall ihres Mannes zu erhalten, mit dem ich gleich anfangs bei Tische ganz vertraulich plauderte. Bald wurden aber beide mit meiner Denkungsart näher bekannt und gewannen mich lieb. Ich lernte mich in meine neue Lage fügen und lebte mit wenigem heiter und froh. Die kleinen Vorteile beim Setzen der Schriften sowohl als der Noten zeigte mir Herr Wachtmeister Frymann mit gutherziger Bereitwilligkeit und ich begriff sie ohne Anstand, nur mangelte es mir noch lange Zeit an Geschwindigkeit und Übung. Herr Amtmann Heidegger hatte die Güte, mich samt meinem Notenkasten aus dem Tumulte der großen Druckerei hinweg in ein besonderes Zimmer zu stellen, welches mir die Arbeit sehr erleichterte und mich allerlei roher Szenen enthob. Ich mochte etwa ein paar Wochen am Notenkasten gestanden haben, da kam ein reisender Benediktiner, P. Dominikus Beck, Lehrer der Mathematik in Salzburg, nach Zürich, besuchte die Orellische Handlung und kam, indem er die Druckerei besah, auch in mein Zimmer. Herr Amtmann machte ihn scherzend mit mir als einem ehemaligen Mitbruder bekannt, nahm mich auf einen Spaziergang mit und wollte, ich sollte dem Professor von meinem Schicksal erzählen. Mitleidig hörte mich der gute Mann an, äußerte das Verlangen, mich mit meinem Prälaten zu versöhnen und wunderte sich sehr, als ich ihm sagte, daß er für mich viel mehr Glückwünsche als Bedauern in Bereitschaft halten sollte, denn ich lebe nun offenbar glücklicher als im Kloster. Auf seiner Rückreise nach Salzburg besuchte er die Abtei zum heil. Kreuz in Donauwörth und brachte die erste zuverlässige Nachricht von meinem Zustande dahin. Es war ein Jubel unter den Mönchen, daß es mir so übel ginge. Lange wußten sie gar nicht, was aus mir geworden war, denn man hatte ihnen von Basel aus nichts vom Orte meines Aufenthaltes gemeldet, sondern nur angezeigt, daß mein Koffer in Beschlag liege und vom Kloster gegen Bezahlung der Kosten und des Postgeldes bezogen werden könne. Sie hatten in ihrer Zuschrift an den Magistrat daselbst das Ansuchen gestellt, daß man mich zum Bekenntnis zwingen möchte, ob ich keine andern Verschläge gemacht hätte und wo diese wären? Allein man beantwortete ihnen, wie mir mein Korrespondent berichtete, das Wort »zwingen« auf eine Art, die ihnen die Lust vertrieb, ihr Ansuchen zu wiederholen. Meine Freunde in Zürich hatten mir geraten, an meinen gütigen Verteidiger in Basel zu schreiben, daß ich den Koffer dem Kloster freiwillig überlassen wollte, wenn es alle Kosten zu tragen bereit wäre. »Mit Büchern können wir dich zur Genüge versehen,« sagten sie, »das Geld ist dir nötiger, und die Gerichtskosten nebst der Fracht mögen sich hoch genug belaufen, um dich deines kleinen Vorrats zu berauben. Noch dazu hast du den Vorteil davon, auf einmal aus aller Verbindung mit dem Kloster zu kommen und kannst dann hier unter einem fremden Namen ruhig und unangefochten leben, ohne daß sie dich einmal auskundschaften.« Der Vortrag gefiel mir; ich schrieb ihrem Rate gemäß nach Basel und erhielt die obige Nachricht; zugleich nahm ich den Namen Johann Winfried an und bat alle meine Freunde in Briefen, mir unter dieser Zuschrift ihre Antworten zu senden. Weil ich meines Vaters Zunamen ablegte, wählte ich seinen Taufnamen, und weil der engländische Mönch Bonifacius, der die Deutschen zum päpstlichen Christentum bekehrte, ehemals Winfried hieß, so nannte ich mich ebenfalls Winfried. Lange kannte man mich in Zürich nur unter diesem Namen, und es hielt schwer, die Leute in der Folge glauben zu machen, daß ich anders heiße. Mein Freund Wolf machte mich mit Herrn Stubenverwalter Keller auf dem schwarzen Garten bekannt, der mich schon bald zu einer Abendlustfahrt auf dem See einlud. Es war das erstemal, daß ich auf einem See fuhr, und es erregte in mir ein ganz neues, angenehmes Gefühl, über eine so große Wasserfläche sanft gewiegt hinzugleiten, die paradiesischen Ufer zu beiden Seiten mit meinen Blicken zu bestreichen und eine zweite blendende Abendröte in der Tiefe hängen zu sehen. Doppelt lieblich dünkte mich der Ton der Waldhörner und der vielfache Widerhall; ich genoß einen sehr frohen Abend. Eben diese Herren machten mich auf dem Musiksaal und auf der deutschen Schule als einen Sänger bekannt, und ich durfte bald diese beiden musikalischen Gesellschaften sowie diejenige, welche sich auf der Schuhmacherzunft versammelt, besuchen und ward mit Zusicherung eines jährlichen Geschenkes förmlich als Sänger angenommen. Herr Landvogt Heinrich Lavater, damals Präsident auf dem Musiksaal, behandelte mich mit vorzüglicher Güte, nahm lebhaften Anteil an meinem Wohlergehen und erwies mir manche Gefälligkeit. Das Singen in öffentlichen Konzerten gab Anlaß, daß ich in der Stadt nicht unbekannt blieb und zu vielen Privatkonzerten gerufen ward. Einst sang ich bei Herrn Zunftmeister Bürkli die Partie Abel im Singspiele »der Tod Abels« von Rolle. Als die Musik zur Hälfte war, machte man eine Pause, um auszuruhen. Ich stand mit meinem Freunde Wolf und den übrigen Musikanten am Schenktische; da trat ein freundlicher Herr zu mir, ermunterte mich durch einige Reden, die Beifall anzeigten und fragte nach einigen Umständen meines Lebens. Ich antwortete fröhlich und offen, und der Herr verließ mich wieder. Ich trank ein Glas Wein und weidete mich in Gedanken an dem Lobe, das ich eben eingeerntet hatte. »Wer war doch der Herr, der mit mir sprach?« fragte ich endlich Herrn Wolf. »Kennen Sie den nicht?« erwiderte dieser wie staunend, »das ist der Herr Ratsherr Geßner.« – »Der Dichter Salomo Geßner?« fragte ich hastig. »Kein andrer«, antwortete Wolf, und ich konnte mich nicht enthalten, hoch aufzuhüpfen und durch die lebhaftesten Ausrufungen und Geberden meine innige Freude zu zeigen. Wolf lachte laut und neckte mich meiner übermäßigen Freude wegen; die Umstehenden und unter denselben auch Herr Ratsherr Geßner, der nicht ferne war, wurden dadurch aufmerksam gemacht und herbeigezogen. Der edle Dichter vernahm lächelnd von Wolf die Ursache meines Jubels, sah mir die Freude noch aus den Augen blitzen, drückte mir gütig die Hand und fragte: »Warum ich ihn nicht schon besucht hätte, wenn es mir doch lieb gewesen wäre, ihn zu kennen?« Ich gestand, daß ich es für eine Art unverschämter Zudringlichkeit gehalten hätte, ihm mit einem nur für mich interessanten Besuche beschwerlich zu fallen. »Kommen Sie nur, sobald es Sie freut,« sagte er mit einnehmender Freundlichkeit, »es wird mir nie beschwerlich sein, jemandem Vergnügen zu machen.« Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; sogleich den andern Tag ging ich hin. Gütig lächelnd führte er mich in ein Zimmer, wo er eben sechs bis sieben von ihm vollendete Gemälde auf den Tischen und Stühlen umher aufgestellt hatte. Hingerissen von der Schönheit dieser Stücke konnte ich nicht müde werden, sie zu betrachten. Er fragte mich um die nähern Umstände meiner Flucht, bedauerte, daß er mir nicht sogleich ein besseres Auskommen zu verschaffen wüßte und äußerte den Gedanken, er habe in Rußland Freunde, ob ich wohl Lust hätte, dahin zu gehen, wenn er mich empfehlen würde? Damit war ich sehr wohl zufrieden; aber ich weiß nicht, wie es kam, daß in der Folge davon keine Rede mehr fiel, weder von seiner noch von meiner Seite. Ein Besuchender, den er oben in seinem Wohnzimmer auf einige Augenblicke verlassen hatte, kam nun die Treppe hinab, und der vortreffliche Künstler ging hinaus, um ihn vollends hinab zu begleiten, hieß mich aber bleiben. Diese kurze Einsamkeit gestattete mir Zeit, die Güte und Menschenfreundlichkeit des großen Mannes recht tief zu empfinden und die Übereinstimmung seines Charakters mit seinen Schriften zu bewundern. Bis er wieder kam, war ich so gerührt, daß mir Freudentränen in den Augen standen und ich ihm gern um den Hals gefallen wäre, wenn mich nicht Ehrfurcht zurückgehalten hätte. Mit dem Ausdrucke innigen Wohlwollens entließ er mich, gab mir das Geleit, wie wenn ich ein Mensch von Bedeutung wäre, bis zur Tür und erlaubte mir, ihn öfters zu besuchen. Heinrich, sein jüngerer Sohn, gutmütig, offen und fröhlich und ein Freund der Wissenschaften, machte bald nähere Bekanntschaft mit mir. Oft kam er auf meine Kammer, oft besuchte ich ihn auf seinem Zimmerchen. Wir setzten uns gern miteinander auf die flachen Dächer unsrer Wohnungen, labten uns am Anblick der herrlichen Gegenden und schönen Hügel um die Stadt her, lasen schöne Stücke der besten Dichter und plauderten und scherzten uns müde, oder wir nahmen Abrede, auf einer Anhöhe an der Sihl (beim steinernen Tische), wo eine schöne Laube stand, die Sonne aufgehen zu sehen, oder liefen in den Wald, setzten uns an blumige, ausgesucht reizende, einöde Plätzchen und lasen seines Vaters schönste Idyllen. Noch nie hatte ich's gewagt, eines meiner Fischergedichte jemandem in Zürich zu zeigen, obschon ich es nicht unterlassen konnte, manchmal in Winternächten, wenn alles im Hause schlief, oder im Frühling auf dem Hausdache, wo ich sehr gern verweilte, oder im Gebüsche an der Sihl, wo ich am liebsten spazierte, meiner Neigung, etwas zu dichten, nachzugeben. Ich dachte, es sei genug, wenn ich Vergnügen daran fände und meinen Geist einigermaßen übte. Einst hatte ich mit Heinrich einen fröhlichen Abend hingescherzt; wir standen auf dem Altane hinten an seinem Hause, wo man die schöne Aussicht auf das sogenannte Bürglein hat, einen der angenehmsten Hügel um Zürich her, mit einem Landhause. »Dorthin wollen wir morgen gehen,« sagte Heinrich, »und uns am Aufgang der Sonne ergötzen; dann essen wir Milch zum Frühstück und machen uns lustig.« Vergnügt mit unserm Entwurfe scherzten wir fort. Herr Ratsherr Geßner, der, ohne daß ich es wußte, im anstoßenden Zimmer malte und unser Spiel im stillen belauscht haben mochte, trat auf den Altan und nahm mit seiner gewöhnlichen Herablassung und Freundlichkeit teil an unserm Gespräche. Ich mußte ihm (wie er öfters verlangte, wenn er mich sah) ein Liedchen singen. Bald kamen auch seine beiden Schwestern, seine Tochter und Gemahlin herbei und setzten sich traulich auf die Treppen, welche vom Altan in ein Nebengebäude führen; ich durfte zu ihren Füßen sitzen und sang, was ich wußte. Gütig behielten sie mich beim Abendessen. Sobald der Morgen graute, weckte ich Heinrich, und wir zogen mit wohlgefüllten Taschen aufs Bürglein. Es begann der schönste Sommertag. Mit Entzücken genossen wir des prächtigen Schauspiels der aufgehenden Sonne und lasen das Morgenlied aus dem ersten Gesange vom Tod Abels. Freudig verzehrten wir unsre Milch und unser Gebackenes, konnten uns an den Reizen der Gegend nicht satt sehen und wurden von der schönen Beleuchtung, in welcher uns der Ätliberg erschien, so hingerissen, daß wir auf der Stelle den Entschluß faßten, denselben zu besteigen. »Bis Mittag sind wir doch wieder zu Hause,« sagten wir, ließen uns in einem Kahn über die Sihl setzen und wanderten auf den Kolbenhof zu. Wir hatten aber überall so viel zu schauen und so viele Naturschönheiten zu bewundern, daß es bereits zehn Uhr schlug, als wir anfingen, am Fuße des Berges durch das Gebüsch emporzusteigen. Bis wir unter beständigem Umsehen, Ausrasten und Lobpreisen der herrlichen Aussichten bis zum Grate hinanschlenderten, hörten wir in der Stadt elf Uhr läuten. Da wir den rechten Weg auf die höchste Spitze nicht wußten, so gerieten wir auf einen ziemlich gefährlichen Geißweg. Wir sahen uns gezwungen, auf allen vieren ängstlich zu kriechen und uns sorgfältig an dem Efeu zu halten, der den Felsen umspann, um nicht auf die Fichten hinabzustürzen, die uns unten mit ihren braunen verdorrten Wipfeln zu spießen drohten. Glücklich gelangten wir endlich zum Wachthaus; aber die Sonne hatte uns so unbarmherzig gesengt, und brennender Durst quälte unsre Gaumen so sehr, daß wir uns kaum Zeit nahmen, ein wenig herumzuschauen, sondern auf der Waldseite gegen den Kolbenhof hinunter von Staude zu Staude bergab kletterten, um eine kleine Quelle Zu finden. Gelbe Dotterblumen, die nur auf wasserreichem Grunde fortkommen, leiteten uns zu einem Felsen, über den an verdorrten Gräsern tropfenweise ein wenig Wasser herabsickerte. Freudig zogen wir die Reste unsres Proviants aus der Tasche, fingen damit das köstliche Naß auf und labten unsre gedörrten Gaumen. Abgemattet und ruhebedürftig entschlossen wir uns, im Schatten ein wenig hinzuliegen. Heinrich schlief ein. Ich zog ein Papier aus der Tasche und (wie denn der Hunger manchen zum Dichter macht) schrieb eine Idylle nieder, die ich nachher »die Wanderer auf den Berg« nannte. Mehr als halb war sie fertig, als mein Freund erwachte und wundernd mich fragte, was ich hier schreibe. Ich las ihm mein Machwerk, das ihn zu vergnügen schien, und fing an, zum Spaße oben am Felsen wirklich eine kleine Laube über die Tropfquelle zu flechten. Dann stiegen wir auf den Gipfel des Bergs, genossen nach Herzenslust der schönen Aussicht, suchten die angenehmste Stelle zum Sitzen und überließen uns frohen Gefühlen. Heinrich ruhte, bis ich mein Gedichtchen vollendet hatte. Der Hunger fing an, uns lästig zu werden: wir spähten umher, ob nirgends eine Wohnung in der Nähe sei, erblickten des Hochwächters Haus und liefen hinab, um uns mit Käse und Brot und Wein zu laben. Wohlgenährt hüpften wir den Berg hinab und kamen abends in der Dämmerung nach Hause, wo man Heinrich schon mittags, nicht ohne Bangigkeit, vermißt hatte. Lustig erzählten wir unser Abenteuer; Heinrich verriet, daß ich etwas geschrieben hätte; ich sollte es zeigen, aber ich schämte und sträubte mich, denn wie konnte ich solche Tändeleien ohne Scham vor Geßners Augen auskramen? Am Ende nahm ich zur Ausrede, mein Aufsatz sei so bunt durchkreuzt, daß ihn niemand, auch ich selbst nicht fertig lesen könnte. Sogleich mußte ich versprechen, ihn ins reine zu schreiben und am folgenden Tag zu bringen, so ungern ich auch daran ging. Dann fragte Herr Ratsherr, ob ich schon öfters etwas gedichtet hätte, und ich gestand es mit Schüchternheit. Den andern Tag kam Heinrich auf meine Kammer, hielt mich an, den Aufsatz abzuschreiben und durchblätterte, indes ich schrieb, meine Papiere, die, weil ich weder Pult noch Kommode hatte, unverwahrt auf dem Tische lagen. Ohne weiteres steckte er ein Päckchen Idyllen zu sich, die er darunter fand und gab sie nicht wieder heraus, als ich sie ihm abforderte. »Du kannst sie mich wohl lesen lassen,« sagte er, »dann sollst du sie wieder unversehrt haben.« – »Ich fürchte, du möchtest sie jemandem zeigen,« erwiderte ich, »und dann werd' ich nur zum Gespötte.« – »Dafür sorge du nicht!« und damit ging er fort. Abends, als ich zu Herrn Ratsherrn kam, forderte er sogleich meinen Aufsatz. Mir war bange, wie er mein Geschreibe ansehen würde. Aber er las es bei Tische mit so ausdrucksvollem Tone vor und ermunterte mich durch seinen gütigen Beifall so sehr, daß endlich meine Furcht verschwand und Freude an ihre Stelle trat. Heinrich gestand dann, er habe noch mehrere meiner Idyllen in Händen, und Herr Ratsherr war herablassend genug, mir zu sagen, auch diese wollte er lesen, ich solle nur getrost fortfahren zu dichten. Wenn ich Lust habe, so stehe mir auch der Zutritt in die Gesellschaft offen, die sich Samstags in seinem Hause versammle und aus den vorzüglichsten Köpfen in Zürich bestehe. Ihr Umgang werde mir gewiß lehrreich sein. Schwerlich kann sich jemand vorstellen, wie sehr mich diese gütigen Äußerungen entzückten. In den Klagen bei Geßners Tod hab' ich gesagt, welch eine reiche Quelle von Aufmunterung und Segen für mich von diesem Tage an die Güte des Unvergeßlichen ward. Neue Lust zur Tätigkeit erwachte in mir: Ich nahm alle Zeit, die mir von meinen Geschäften übrig blieb, zusammen und arbeitete allerlei kleine und größere Gedichte aus, die ich meist auf Spaziergängen oder in den angenehmsten Gegenden am Wasser sitzend, verfertigte. Meine Lieblingsplätzchen waren an der Sihl hinauf oder am Horn, einem Arme Landes, der sich in den See hinausstreckt. Sobald ich ein kleines Stück aufgesetzt hatte, zeigte ich es meinem Freunde Heinrich, und wenn dieser es für gut fand, seinem Herrn Vater, der aber – nur allzu nachsichtsvoll – kaum durch die leisesten Winke die Fehler meines Aufsatzes berührte. Überhaupt kritisierte er einen Aufsatz niemals förmlich, sondern hielt etwa im lauten Lesen ein, wenn der Ausdruck nicht rund genug war, oder wiederholte die Stelle, um mich Horchenden aufmerksam darauf zu machen, oder brachte seine Bedenken als eine unschuldige Frage vor, wie dies oder jenes gemeint sei? ob es nicht jemand mißverstehen könnte? ob das Ganze, auf diese Art gestellt, wohl die beste Wirkung tun werde? usw. O, wie schätzbar war mir jeder dieser Winke! Wie oft wünschte ich, ihn ganz verstanden zu haben, um mich ganz nach seinem Sinne zu fügen! Manchmal ließ er mich auch zu meiner Belehrung und Ermunterung wissen, welches Urteil über meine Arbeiten andre Gelehrte, die er vorzüglich schätzte, gefällt hätten. Mit vielen derselben, so dem Herrn Archidiakon Tobler , dem Herrn Doktor und Ratsherrn Hirzel , den Herren Professoren Meister und Corrodi usw. machte er mich in der Samstagsgesellschaft bekannt. Nur mit großer Schüchternheit erschien ich anfangs im Kreise dieser vortrefflichen Männer; teils die Ehrfurcht, die ich vor ihnen hatte, teils das Gefühl, wie tief ich unter ihnen stehe, teils auch meine ärmliche Kleidung machten mich scheu und verzagt. Wegen des letzten Punktes blieb ich jedoch nicht lange in Verlegenheit. Eines Tages nämlich kam ein Bedienter, den ich öfters im Hause des Herrn Zunftmeisters Bürkli gesehen hatte, mit einem Korbe voll Kleider in meine Wohnung, legte einen weißtuchenen Rock, mit rosenrotem Taffet gefüttert und mit Stahlknöpfen geziert, auf den Tisch, eine Weste und Beinkleider von gleichem Tuche dazu, nebst einigen schönen weißen Halsbinden und sagte: ein Unbekannter schicke mir diese Kleidungsstücke und wünsche, daß ich zum Dank dafür, mit denselben bekleidet, jedesmal bei der Musik im Hause des Herrn Zunftmeisters Bürkli erscheine. Den Namen meines Wohltäters wollte mir der Bediente durchaus nicht sagen, so sehr ich auch in ihn drang. Das Kleid stand mir wie angemessen. Der Größe nach zu urteilen, war es von einem gewissen Junker Reinhard, den ich auf verschiedenen Musikfesten kennen gelernt hatte und einige Monate lang auf seinen Wunsch in Algebra und Geometrie unterrichtet hatte. Des Überbringers und des beigefügten Wunsches wegen riet ich aber auf Herrn Zunftmeister Bürkli. Lange wußte ich nicht, welchem ich eigentlich danken sollte; ich dankte also beiden und beide spielten die Unwissenden. Die Orellische Buchhandlung bezahlte auch meine geringe Handarbeit gleich anfangs besser, als ich's verdiente, und fuhr in der Folge fort, mich noch großmütiger zu bezahlen. Auch fing ich, nachdem Herr Armbruster die Zürcher Zeitung zu schreiben aufhören mußte, mit Herrn Wolf an, dieselbe zu schreiben, und wir teilten uns in die Arbeit und in das Honorar, so daß ich bald imstande war, mir ein neues schwarzes Kleid machen zu lassen. Warum ich eben die schwarze Farbe wählte, wird sich sogleich aus dem folgenden ergeben. Als der Weinmonat 1785 zu Ende ging, kam ein fremder Mann nach Zürich, welcher mir aller Orten nachfragte. Da ich aber meinen Namen verändert hatte, so konnte ihm niemand richtigen Bescheid geben. Endlich brachte er doch in Erfahrung, die Orellische Buchhandlung habe einen ausgesprungenen Pater in Dienste genommen. Er meldete sich als einen Mann von Pfäffikon am Zürichersee, den ein Geistlicher, namens Brentano, mit einem Briefe an mich hierher gesandt habe, und bat, man möchte ihm erlauben, mündlich mit mir zu sprechen und den Brief in meine Hände zu legen. Die Leute, welche im Laden waren, fürchteten eine Nachstellung und gingen zu Rate, ob sie mich rufen wollten oder nicht. Einer kam auf mein Zimmerchen und trug mir den Kasus vor. Ich nahm keinen Anstand, den Boten zu sehen und seinen Brief zu lesen, ging in den Laden hinab und sagte ihm, er möge mir nur offenherzig und in Gegenwart meiner Freunde anzeigen, was er mir anzuzeigen hätte. Dadurch wollte ich dem Mißtrauen den Weg abschneiden, das man vielleicht in mich gesetzt haben würde, wenn ich allein mit dem Manne beiseite gegangen wäre und mit ihm gesprochen hätte. Er war darüber betroffen, schien von Herzen betrübt, daß ich seinen Zuspruch verschmähte und übergab mir – ohne viel zu sagen – den Brief, dessen Aufschrift mir (überaus schmeichelhaft!) das Prädikat »Doktor der Theologie« beilegte. Ich erbrach ihn, las ihn erst stille, dann laut, lachte darüber und versprach zu antworten. Der Brief ist zu charakteristisch, als daß ich ihn nicht einrücken sollte, er heißt von Wort zu Wort also: Freund! Ein Donnerschlag war es für mich, da ich vernahm, was Sie vor etwa vier Wochen für einen Schritt wagten. Kein Tag ging von dieser Zeit vorbei, an dem ich Sie nicht dem Vater der Lichter am Altar empfahl, ganz besonders empfahl und in ihn recht heftig mit meiner Bitte drang, daß er Ihnen doch bessre Gedanken geben und Sie durch seine süßen Triebe wieder an Ihre vorige Stelle zurückführen wolle. Nicht zufrieden hiermit, erkundigte ich mich um Ihren Aufenthaltsort, konnte aber nicht mehr erfahren, als daß Sie sich etwa in Zürich aufhalten, da man Sie in Basel gleich nach Ihrer Ankunft abfertigte. – Freund, denken Sie doch Zurück, was Sie in Ihrem Knabenalter von mir und Ihren andern Lehrern hörten und im Alter des Jünglings und Mannes Wohl überdachten!! – Soll alles dies nun auf einmal und für immer vernichtet sein? – Sie sind ein Theologe, und ohne einen Zuspruch von mir wissen Sie, was Ihre Pflicht ist. Kommen Sie zu mir nach Augsburg, Sie werden an mir einen wahren Freund finden, der Sie Ihres Irrtumes überweisen und in das Heiligtum zurückführen wird. Ich bin Ihnen Garante, daß Sie von Ihrem hochwürdigsten Prälaten und allen Ihren hochwürdigen Mitbrüdern, die Ihnen eine gänzliche Amnestie versprechen, mit Freuden sollen empfangen werden. Leben Sie indessen, wenn Sie je können, recht von Herzen wohl. Augsburg, den 17. Herbstm. 1785. Ihr ehemaliger Lehrer, Leonard Bayrer, Bibliothekar bei St. Salvator. N. S. Ich habe schon 62 Protestanten der wahren Kirche gewonnen, und ich soll einen ehemaligen Schüler, der noch obendrein Ordensmann und Priester ist, zu ihnen übergehen sehen? – Ach! Herr, laß mich doch solch ein Unheil nicht sehen!« Ich antwortete den 30. Oktober in einem Tone, der beinahe zu mutwillig war, und sagte unter anderm: »Das Proselytenmachen sei in Zürich weder so gewöhnlich noch so rühmlich, als in Augsburg; niemand habe sich bisher die Mühe nehmen mögen, mich dem mir angestammten, allein seligmachenden, katholischen Glauben untreu zu machen, und ich selbst habe den Einfall zu apostatieren auch noch nicht gehabt; seine Sorge für meine Rechtgläubigkeit sei also ganz eitel, sowie die Hoffnung, daß ich seinem, gar freundschaftlichen Versprechen so leicht trauen und aus meinem Zufluchtsort hervortreten werde. Ich habe hinlänglichen Grund zu fürchten, das Heiligtum, in welches er mich zurückzuführen Lust bezeige, möchte ein Kerker sein. Solange ich nicht Siegel und Brief dafür erhalte, daß ich vom Mönchsstande durch eine päpstliche Dispensation feierlich losgezählt, von aller Strafe völlig befreit und noch obendrein mit einer einträglichen Stelle als Weltpriester versorgt werden solle, sei gar nicht daran zu denken, daß ich die Schweiz, wo ich mich in so behaglicher Sicherheit glücklich fühle, jemals wieder verlasse« usw. Ich las diesen Brief öffentlich im Buchladen meinen Freunden vor, die darüber genug zu lachen fanden; in ihrer Gegenwart versiegelte ich ihn und bat sie, denselben mit andern Briefen auf die Post zu liefern, damit der Verdacht nicht entstehen könnte, ich wollte mit meinen Wohltätern nicht aufrichtig handeln. Bald erhielt ich ein zweites Schreiben, bei dessen Empfang mich alle warnten, dasselbe mit Vorsicht zu öffnen, denn es sei bekannt, daß Vergiftung durch Briefe möglich sei. Zum Spaße holten wir Glut in einer Pfanne und brieten das Schreiben solange darüber, bis es braun ward. Es enthielt freilich kein Gift, aber etwas, das vielleicht schlimmer auf mich wirkte, als Gift. Pater Bayrer setzte sich über allen meinen Mutwillen hinweg und schrieb mir mit aller Dringlichkeit, daß, wenn Roms Dispensation vom Mönchsstande und ein ehrliches Unterkommen als Weltgeistlicher die einzigen Mittel wären, mich zu befriedigen, so sollte ich eine Bittschrift an den Bischof von Trier aufsetzen, in welcher ich diesen ersuchte, mir den erwünschten Dispens zu Rom auszuwirken; derselbe werde mir sicherlich bewilligt werden. Dieser Brief konnte seine Wirkung auf mich nicht verfehlen. Bayrer öffnete mir auf einmal die Aussicht auf eine anständige Versorgung, die ich noch dazu in Freiheit und, ohne ein Mönch zu sein, genießen sollte. Ich fing an, die Sache reiflicher zu überlegen. Was konnte ich bei aller Behaglichkeit, in die mich das Gefühl der neu errungenen Freiheit und die Gunst meiner Freunde eingewiegt hatte, hoffen, als ewig ein Lohnarbeiter zu bleiben und mein Brot durch handwerksmäßige Beschäftigungen mühsam und notdürftig zu erwerben? Denn in Zürich kann ein Ausländer niemals zum geringsten Ämtchen gelangen. Auf der andern Seite sah ich einen ehrenhaften Stand, freiere und angenehmere Versorgung und überhaupt ein bequemeres Leben und mehr gesichertes Auskommen vor mir. Denn ich dachte, wenn mich der Bischof zu versorgen verspräche, so könnte es nicht lange anstehen, bis ich irgendeine Frühmesserstelle oder eine Pfarre auf dem Lande bekäme, und es würde ihm bald beschwerlich fallen, mich in der Zwischenzeit immer unentgeltlich unterhalten zu müssen. Meine Überzeugungen waren freilich nicht die echtkatholischen, und es machte mir einige Gewissensängstlichkeit, wenn ich mir lebhaft vorstellte, in wie viele Widersprüche meine Grundsätze und meine Amtsverrichtungen, auch im Weltgeistlichenstande, gegeneinander geraten müßten. Allein die Einsicht, daß ich meine Gesinnungen eigentlich doch überall verleugnen müßte, und die Hoffnung, daß ich innerhalb eines äußerlich angenommenen Religionssystems doch viel Gutes in meinem Sinne stiften könnte, bewogen mich, den Anerbietungen der Augsburgischen Geistlichkeit Gehör zu geben. Tausendmal hab' ich mir in der Folge Vorwürfe gemacht, daß ich nicht mehr Beharrlichkeit und Wut zeigte, mich ohne heuchlerische Verstellung, meinen freien, religiösen Grundsätzen gemäß, arm aber redlich durch die Welt zu bringen. Allein mein gewöhnlicher Fehler, Mangel an Festigkeit, stürzte mich auch hier in ein Labyrinth voll Unruhe. Nach dem angeführten Plänchen richtete ich nun alle meine Schritte ein, verhehlte meinen Freunden nichts, widerlegte ihre Einwendungen mit Gegenerinnerungen, die mich ganz überzeugend dünkten und schrieb bald darauf an Bayrer mit mehr Ernst als das erstemal. Dem Briefe legte ich wirklich eine lateinische Bittschrift an den Kurfürsten bei, daß er mir unentgeltlich die Dispensation vom Mönchsstande auswirken möchte. Als ich sie verfaßte, kam ich oft in Verlegenheit, welche Gründe ich anführen sollte, denn die wahren, nämlich den Haß des gesamten Mönchswesens überhaupt, meine Grundsätze von der Nichtigkeit der Gelübde und einige Leiden meines Herzens durfte ich nicht anführen. Meine Klagen waren also ziemlich unbedeutend, schienen aus der Einbildung gegriffen und hatten ein dürftiges, mitunter kindisches Aussehen. So künstlich und sorgfältig ich auch alles in zierliche lateinische Ausdrücke und geschickte Wendungen einzukleiden bemüht war, so konnte es doch nicht recht gelingen; mein Machwerk war voll seichter, wenig sagender Stellen; der einzige Grund mochte einiges Gewicht haben, daß ich nun, wenn ich wieder ins Kloster zurückkehren wollte, weit mißvergnügter leben würde, als vorher, weil notwendig eine größere Abneigung der Mönche gegen mich statthaben müßte. – Dennoch machte mir Bayrer sogleich die beste Hoffnung eines glücklichen Erfolgs, nur meinte er, es würde wegen der Versorgung einigen Anstand leiden; in drei Monaten könnte meine ganze Angelegenheit berichtigt sein und wegen meines Unterkommens würde Rat geschafft werden. »Wenn ich kein bestimmtes Brot bekomme,« dachte ich, »so ist's besser, hier zu bleiben, als meine Freiheit für kahle Worte hinzugeben«; und entschloß mich, die Korrespondenz nach Augsburg abzubrechen und in meiner neuen Laufbahn auszuharren. Allein in Augsburg ließ man mir keine Ruhe, und ich ward von neuem in die Sache hineingezogen. Die ganze folgende Zeit war nun für mich mit einer langen Korrespondenz und schier endlosen Verhandlungen ausgefüllt. Denn, obwohl mir eigentlich schon im Anfang alles, was ich wünschte, bereitwilligst zugesagt wurde, hatte ich doch gewichtige Gründe, bloßen Versprechungen gegenüber mißtrauisch zu sein und nicht zu ruhen, bis ich die schriftliche Bestätigung für alles in den Händen hatte, denn ich besorgte mehrmals, man möchte mich, wie einstens Hus, in eine Falle locken und mir nachher übel mitspielen. Zunächst kam wieder ein Brief von P. Bayrer, der mir schrieb, er habe mit dem Generalvikar und Weihbischof Herrn v. Ungelter, mit dem Provikar de Haiden und dem Geistl. Rat Nigg persönlich gesprochen. Diese drei biedern Männer seien mir durchaus gewogen und wollten sich für mich verwenden. Zugleich meldete er mir einen Brief des Herrn Provikar. Die Männer, die er da nannte, waren gerade die Hauptpersonen der geistlichen Obrigkeit im Bistum Augsburg. Herrn v. Ungelter kannte ich durch den Ruf als einen unerbittlich strengen Verfolger aller derjenigen Geistlichen, die auch nur den geringsten, an sich ganz unschuldigen Umgang mit irgendeinem Frauenzimmer hatten, als einen Verächter der schönen Wissenschaften und als einen nach dem alten Schlage gebildeten Kasuisten. Den Geistlichen Rat Nigg kannte ich als einen geschickten, in Rom gebildeten Rechtskundigen und als einen in seinem ganzen Betragen schlauen Mann und wußte, daß er wegen einer sehr verwickelten Angelegenheit vom Geistlichen Rat de Haiden eilend abgelöst werden mußte, um weitläufigen Irrungen zuvorzukommen, und seitdem diesen de Haiden, sowie den Prälaten, recht christlich haßte. Sogleich vermutete ich, Herr Nigg hoffe vielleicht allerlei Umständchen, das Kloster betreffend, aus mir herauszulocken, um sich ihrer zum Verdrusse seines Gegners und meines Prälaten zu bedienen. Denn so weit war ich schon mit den Geheimnissen der Dienstfertigkeit bekannt, daß ich wußte, sie sei die größte Seltenheit, insofern sie aus reiner Menschenliebe entspringt. Daß sich de Haiden so eifrig für mich verwenden sollte, schien mir daraus leicht erklärbar zu sein, weil er Niggs Absichten erraten und sie am füglichsten zu vereiteln hoffen mochte, wenn er selbst an mich schriebe und mich auf diese Art von Nigg ab und an sich zöge. Übrigens kannte ich de Haiden schon lange persönlich, denn ich mußte ihn, weil er ein Liebhaber der Musik war und die Violine sowohl als das Violoncello mit Fertigkeit aber ohne Feinern Ausdruck spielte, so oft er im Kloster erschien accompagnieren, lernte ihn als einen etwas rauhen, im Umgange geraden und offenen, in Geschäften aber ziemlich gewandten und verschlagenen Mann kennen und merkte wohl, daß seine Grundsätze nicht die gewöhnlichen pedantischen, sondern jene des aufgeklärteren Katholiken wären. Etwa in der Mitte des Januars 1786 ließ mich Herr Diakon Lavater Zu sich rufen, fragte nach meinen Umständen, überreichte mir einen Brief von de Haiden und erkundigte sich, ob ich Vertrauen zu demselben habe und ihn als einen redlichen Mann kenne. Ich schwieg eine Weile, denn ich war von de Haidens Redlichkeit nicht so ganz überzeugt, sagte aber endlich doch, ich glaube, derselbe möge ein gerader Mann sein, obschon ich seinen Charakter vielleicht nicht völlig richtig zu beurteilen imstande sei. Herr Lavater sprach mir zu, jeden Entschluß, den ich fassen würde, vorläufig wohl zu überlegen, meinte noch immer, da ich doch in ein katholisches Land zurückkehren wollte, so würde es am besten sein, meiner Gelübde eingedenk, wieder ins Kloster zu treten, drang aber nicht sehr in mich und entließ mich viel freundlicher als das erstemal. De Haidens Brief war in einem sehr vertraulichen aber zugleich sehr künstlichen Tone abgefaßt. Die vielen Ausdrücke von Freundschaft und Zuneigung aus der Feder eines Mannes, der mich selten mehr als eines flüchtigen Blickes gewürdigt hatte, machten mich mißtrauisch. Am Eingang des Briefes setzte er allen Eifer daran, mich noch einmal zur Rückkehr ins Kloster zu überreden, teilte mir aber des ferneren mit, daß mein Gesuch unterwegs sei, und daß der Prälat von Donauwörth, den er persönlich gesprochen habe, bereit sei, mir das erforderliche ›Titulum mensae‹ zu geben. Ich dankte ihm in untertänigen Ausdrücken, entwickelte ihm meine Gründe für die Flucht und erklärte ihm, daß ich den Weltpriesterstand für mich als den zuträglichsten ansehe, teils deswegen, weil ich eine zu große Abneigung gegen das Mönchswesen aus Erfahrung geschöpft habe, teils auch darum, weil ich die mir zugeteilten Gaben in keinem Stande zum Besten der Menschheit glücklicher als in diesem anwenden zu können glaube. Um ins klare zu kommen, ob die Augsburgische Geistlichkeit aufrichtig mit mir handle, wäre es mir sehr vorteilhaft gewesen, einen Freund in Augsburg zu haben, der mir von allem, was man vorhätte, zuverlässige Nachricht erteilen könnte. Ich erinnerte mich, daß ich einst mit meinem Klosterfreunde, Vinzenz Caraffa, einen gewissen Bruder vom Illuminatenorden Critolaus besuchen wollte, ihn aber nicht zu Hause antraf. Da er in Augsburg Minervaloberer gewesen war, so dachte ich, seine Denkensart würde aufgeklärt genug und sein Herz wenigstens so gut sein, daß er mich vor dem Verrate, wenn ich einen zu befürchten hätte, warnen würde. Da ich seine Adresse hatte, so schrieb ich ihm und bat ihn um Rat. Bald erhielt ich ein Antwortschreiben, aber es wimmelte so sehr von überspannten religiösen und mystisch-frömmelnden Ausdrücken, daß ich schon deswegen wenig Rücksicht auf die guten Räte nehmen mochte, die mir darin ganz einstimmig mit jenen des Herrn de Haiden erteilt wurden. Herr Ratsherr Geßner warnte mich auch sehr dringend: »Nehmen Sie sich in Acht vor diesem andächtigen Ordensbruder! Wer so spricht, ist entweder ein Heuchler oder ein Phantast!« Ob eins von beiden und welches in diesem Falle statthatte, wird sich in der Folge zeigen. Ganz anders schrieb mir an eben diesem Tage mein edeldenkender Freund Bachmayr aus Eichstädt: »Man las mir vor wenigen Tag einen Brief vom heil. Kreuz in Donauwörth vor, in welchem stand, daß Sie sich in Zürich und in harten Umständen befänden, auch durch Herrn von Ungelter suchten wieder zurückgehen zu können, aber der Prälat (Ihr sonst so guttätiger Vater) habe nach Augsburg geschrieben, daß man Sie bei der Ankunft für ihn in Empfang nehmen möchte. – Eine herrliche Mausfalle! Wenn sie etwa ein Meisterstück des Proselytenmachers Bayrer wäre? – Aber ich hoffe, er werde nicht so unverschämt sein! – Doch, seien Sie nur immer wohl auf Ihrer Hut, lassen Sie sich in nichts ein, bevor die Dispensation nicht hell und klar vor Ihren Augen und in Ihren Händen ist und handeln Sie mit den biedern Männern eigenhändig, deren Namen man Ihnen vorstellt.« Dieser Brief machte, daß ich noch vorsichtiger zu Werke ging. Unverhohlen äußerte ich mein Mißtrauen in einem Schreiben an den P. Bayrer und erinnerte ihn sogar an Hussens Geschichte, dem man das gegebene Wort zu halten sich gar nicht für verbunden hielt. Aber er antwortete mir sogleich: »Er garantiere mir abermals im Namen des hochwürdigsten Ordinariats, daß meine ganze Affäre nach meinem vollen Wunsche ausschlagen werde, und die Grillen von Hussens Geschichte soll ich mir aus dem Kopfe bannen!« Nach einigen Wochen des Wartens bekam ich endlich von de Haiden die Nachricht, daß die Dispensation für mich, in terminis maxime favorabilibus abgefaßt, wirklich von Rom angelangt sei und mich mit keiner andern Buße belege, als daß ich zehntägige Exerzitien, die wohl ein großer Unterschied von Hussens Scheiterhaufen seien, machen sollte. Ich sollte schleunigst kommen, denn nun stehe ja meiner Anherkunft nicht das geringste mehr entgegen. Allein ich gab mich mit diesen Versicherungen noch nicht zufrieden und verlangte standhaft, die Dispensation im Original zu sehen, die sichere Zusage einer bestimmten Versorgung und etwas Reisegeld zu erhalten. De Haiden antwortete mir beinahe etwas mißmutig über meine ewigen Bedenklichkeiten, schickte mir eine bestätigte Kopie der Dispensation und eine Aufstellung von mehreren Punkten, die er mir zusicherte. Da hieß es: »Unzweifelhafte Wahrheit ist es also, was ich Ihnen nun sage, nämlich: a) daß Sie in monachatu dispensiert und b) von aller nur immer ausdenkbarer Art von Strafe frei sind und wegen Ihrem Austritte von allen Seiten unangefochten bleiben, c) daß Sie nur zehntägige geistliche Exerzitien an einem anständigen Orte zu machen haben, d) daß Ihnen Ihr Herr Prälat den Titulum mensae verleihen werde, und daß Sie ihn, wenn er's auch nicht täte, a Serenissimo meo erhalten würden, e) daß man Ihnen das benötigte Reisegeld hierher vom Ordinariate aus übermachen und f) bei Ihrer Ankunft den anständigen priesterlichen Unterhalt entweder als Seelsorger oder als Professor in Dillingen, dann g) seiner Zeit auch eine stabile Versorgung verschaffen, sohin zu solchem Ende k) die weiters benötigte Dispensation pro habilitate ad beneficia secularia impetrieren werde. Wenn Sie gegen alle diese Versicherungen, welche ich Ihnen hiermit als Generalprovikar nach der gnädigsten Entschließung und Intention Sr. Kurfürstl. Durchl. mache, annoch ein Mißtrauen schöpfen können, dann bin ich außerstande, Ihr Vertrauen fester zu gründen.« Auf meinen Wunsch schrieb er mir das nächste Mal noch ein Vikariatsdekret, das mir das alles offiziell bestätigte. Das Dekret lautete also: »Dem Priester Bonifacius Bronner, derzeit in Zürich, wird hiermit angefügt, daß es mit allem dem, was demselben von des Herrn Geheimen Rats und Provicarii Hochwürden auf den Fall seiner Rückkehr und Ankunft in Augsburg, in der deswegen gepflogenen Korrespondenz unter Wohldesselben Amt- und Pflichtwort zugesichert worden, im ganzen Umfange seine unbezweifelbare Richtigkeit und Gewißheit habe.« Als ich alle diese Schriften dem Herrn Ratsherrn Geßner und seinen Freunden vorlegte, glaubten sie selbst, daß es nun schändlich wäre, nicht nach Augsburg zu gehen und ich faßte den Entschluß, wirklich abzureisen, zauderte aber doch so lange als möglich, um noch länger das Glück des Umgangs mit so trefflichen Männern, als ich in Zürich kannte, zu genießen. Da die Sachen nun einmal soweit gediehen waren, so bereitete ich mich zur Abreise vor. Die sorgfältigsten unter meinen Freunden verlangten, ich sollte alle wichtigern Briefe, die ich von Augsburg aus erhalten hatte, in vidimierten Abschriften zu Zürich hinterlegen, damit man wenigstens im Falle einer Wortbrüchigkeit dem Publikum eine dokumentierte Geschichte meines Unglücks vorlegen und jedermann vor den Tücken der Geistlichkeit warnen könnte. Ich schrieb also die Säkularisationsbulle von Rom, de Haidens Briefe samt dem Vikariatsdekret und dem Briefe meines Prälaten ab, ließ sie durch meine Gönner in der Kanzlei kollationieren und vidimieren und übergab sie denselben zur Verwahrung. Sobald ich dem Direktor der Orellischen Buchhandlung meinen Entschluß, nach Augsburg zu gehen, eröffnete, stellte er mir einen Knaben vor, dem ich im Notensetzen Unterricht erteilen sollte. Erst meinte er freilich, ein schon geübter Setzer würde die Vorteile dieser Arbeit leichter begreifen, aber ich hatte Ursache, an dem guten Willen der Erwachsenen zu zweifeln und brachte ihn selbst auf den Gedanken, einen jungen Knaben zu wählen. In wenigen Tagen lehrte ich ihn soviel von der Rechenkunst und der Takteinteilung samt den übrigen ersten Anfangsgründen der Musik, daß er nach einem Monat wenig Anstand mehr fand, die Stimmen der Partitur richtig untereinander zu ordnen. Meinem Wohltäter, Herrn Sal. Geßner, übergab ich alle meine Gedichte, zu deren Herausgabe er mich schon lange ermuntert hatte, und bat ihn, so dringend ich konnte, daran zu ändern, auszustreichen, beizusetzen und zu verwerfen, wie es ihm nur immer gefällig wäre. Gütig versprach er's und übergab sie dem Herrn Amtmann Heidegger, damit mir derselbe ein angemessenes Honorar dafür bestimmen möchte. Ich hatte nie daran gedacht, daß mir jemals mein Geschreibe bezahlt werden sollte und wäre hinlänglich zufrieden gewesen, es unentgeltlich gedruckt zu sehen. Um so mehr staunte ich den Herrn Direktor der Buchhandlung an, als er mich ein paar Tage, ehe ich von Zürich abreiste, in die Schreibstube rief und mir vortrug: »Die Handlung würde mich gern reichlicher belohnen, wenn sie von dem guten Absätze meiner Schriften zum voraus versichert wäre; als ein angehender Schriftsteller aber werde ich hoffentlich zufrieden sein, wenn ich für den gedruckten Bogen etwa einen Louisd'or erhielte; mein Manuskript könnte, seiner Schätzung nach, acht Bogen füllen, ob ich das Honorar lieber überhaupt in einer runden Summe verlange oder abwarten wolle, bis die Bogenzahl durch den richtigen Druck bestimmt werde?« »Ei, Herr Amtmann!« sagte ich freudig, »wenn Sie mir doch etwas geben wollen, so geben Sie mir's sogleich! Wer weiß, ob ich in den Fall komme, nach einigen Monaten noch etwas zu bedürfen? vielleicht sperrt man mich ein.« »Das wird, wie ich hoffe, nicht geschehen!« erwiderte derselbe und zählte mir acht blinkende Louisd'or auf den Tisch. Es war ein ganz besondres Vergnügen, solch ein hübsches Sümmchen einstreichen und mir sagen zu können: »Das hast du ganz unverhofft mit lauter Freuden verdient!« Herr Amtmann versprach mir noch obendrein, meine Kinderchen in einem hübschen Gewande der Lesewelt vorzuführen und Herrn Geßner zu bitten, daß er eine Vignette dazu radiere. »Vielleicht,« so meinte er, »wäre derselbe wohl gar zu überreden, daß er eine kleine Vorrede dazu schriebe! Er wolle einmal den Versuch wagen.« Ich hüpfte hoch auf über den Einfall, glaubte aber nicht, daß ich so glücklich sein würde, jemals von einem Geßner dem Publikum vorgestellt zu werden und wagte es auch niemals, vor ihm selbst meinen Wunsch zu äußern. An dem Abend, da der Herr Ratsherr mich zu einem traulichen Abschiedsmahle eingeladen hatte, traf ich ihn auf seinem Zimmer an, als er eben eine schöne Landschaft vollendete. Sein Sohn Heinrich war mein Führer gewesen und sagte, nachdem wir eine Weile gesprochen hatten: »Bronner sollte doch ein Andenken von Ihnen haben, Papa!« »Ist kein gebundenes Exemplar meiner Schriften mehr da?« fragte der gütige Dichter. »Ich glaube nicht, aber –« antwortete Heinrich und lief fort, um sein eigenes, schön gebundenes Exemplar herbeizuholen. Freudig legte er die beiden Bände auf den Tisch seines Herrn Vaters, und der edle Mann nahm sie lächelnd und reichte sie mir mit einnehmender Freundlichkeit dar. »Ich weiß,« sagte er, »Sie verstehen und fühlen doch auch, was meine Schäfer sagen und fühlen, wenn Ihre Phantasie schon immer mit Fischern umgeht. Nehmen Sie dies zum Andenken!« O, wie war ich gerührt! Wie schlug mir das Herz vor Freude! Nassen Blickes drückte ich die beiden Bücher an meine Brust und bewahrte sie immer wie einen Schatz. Bei Tische plauderten wir recht nach Herzenslust und ich äußerte, daß ich im Sinne hätte, ein scherzhaftes Heldengedicht über die Sucht, in geheime Gesellschaften zu treten und sich den Kopf durch nichtswürdige Geheimnisse von Goldmachen, Geistersehen, Magnetisieren und Schatzgraben und dergl. verdrehen zu lassen, zu verfertigen. Er gab mir seinen vollen Beifall, stand schnell vom Stuhle auf, holte eine Übersetzung des Hudibras herbei und wollte sie mir in die Tasche stecken. O, es waren süße Augenblicke, die ich damals an seiner Seite verlebte! Wie wehmütig würden sie gewesen sein, wenn ich gedacht hätte, daß sie die letzten wären. Mit Tränen nahm ich Abschied von dem Unvergeßlichen. Von den musikalischen Gesellschaften auf dem Musiksaale, auf der Chorherrenstube oder deutschen Schule und von der Liebhabergesellschaft auf der Schuhmacherzunft erhielt ich zum Abschiede namhafte Geschenke, so daß sich mein kleiner Kassenvorrat in kurzer Zeit ansehnlich vermehrte und mit der Summe, die ich in der Handlung durch meine Arbeiten bereits verdient hatte, ein für mich wichtiges kleines Kapital ausmachte. Soviel Geld hatte ich noch nie als Eigentum in den Händen gehabt, und ich hielt mich wirklich für einen Menschen, der zwar nicht reich, aber doch ziemlich wohlhabend wäre. »Nun kannst du deinen Freunden,« sagte ich zu mir selbst, »schon ein hübsches Abschiedsmahl zum besten geben,« ließ Braten, Wein und was ich eben Gutes aufzutreiben wußte, herbeischaffen, lud alle ein, denen ich zutraute, daß sie kommen möchten und war so ausgelassen lustig, als wollte ich mich auf mehrere Jahre hin mit Freuden überfüllen. Nur als wir auseinandergingen, stimmte sich mein Herz zur Wehmut herab und ein Vorgefühl, daß es mir nun lange nicht mehr so gut werden sollte, schien die Heiterkeit meiner Seele zu trüben. Mein Gönner, Herr Ratsherr Lavater, der mir das Geschenk nach dem Musiksaal übersandte, schloß zugleich einen sehr günstigen Abschiedsbrief mit an, welchen ich füglich allerorten als ein Zeugnis meiner guten Aufführung hätte vorzeigen dürfen. Von ihm und allen übrigen meiner Wohltäter und Freunde nahm ich den 12. und 13. Juli 1786 mit gerührtem Herzen mündlich Abschied und fühlte die Trennung von so edlen Menschen um so schmerzlicher, je näher sie war. Herr Zunftmeister Bürkli hatte mich noch am 13. abends zu Tische geladen, Herr Leuchsenring, ein Gelehrter und ehemaliger Prinzenerzieher aus Berlin, den ich schon öfters in Gesellschaften gesehen hatte, ward eben in desselben gastfreiem Haus bewirtet und speiste mit uns. Das Gespräch lenkte sich auf die Gründe, die mich bewegen konnten, wieder als Geistlicher in ein katholisches Land zu gehen. Ich legte meine Gedanken aufrichtig dar. Herr Leuchsenring, noch mehr aber die Frau Zunftmeisterin bekämpften meine Meinung, »daß es Fälle gebe, in denen es erlaubt sei, seine wahren Gesinnungen in Religionssachen verborgen zu halten, und daß einer dieser Fälle eintrete, wenn sich jemand nur mit Gefahr, sein ganzes bürgerliches Glück zu zerstören, zu seinen Grundsätzen öffentlich bekennen dürfe.« Man begreift leicht, wie viel sich gegen diese Behauptung einwenden ließ, aber ich wehrte mich ein paar Stunden lang mit der Hartnäckigkeit eines Menschen, der bereits einen festen Entschluß gefaßt hat und sich durchaus nicht überweisen lassen will. Mit der Einwendung, daß ich als katholischer Geistlicher bei meiner freien Denkensart notwendig manchmal heucheln und also in hohem Grade unmoralisch handeln müßte, setzten sie mir am meisten zu. Geradezu wußte ich freilich nichts ganz Bündiges dagegen anzuführen, aber ich erwiderte: »Es sei mir leid genug, daß ich meine wahre Meinung verhehlen, Messe lesen, zur Beichte sitzen, Sakramente ausspenden und alle die geistlichen Zeremonien mitmachen müßte, mit welchen das Volk in den Zauberfesseln Roms gebunden gehalten würde, allein ich dürfte hoffen, durch kluge Belehrung nach und nach den Schleier fallen zu machen und auf diesem Wege mehr zu nützen, als wenn ich die große Zahl der öffentlichen Widersacher des Papsttums vermehren, zweckloserweise ein Märtyrer der Wahrheit werden, meine Glaubensgenossen ohne Furcht ärgern, mich alles weitern Einflusses auf sie dadurch berauben und (was mir sehr am Herzen lag) meinen armen Vater durch ein solches Betragen noch unglücklicher machen würde. Wäre ich einmal Pfarrer auf dem Lande, so wollte ich alle unnützen Katechismusfragen entweder ganz beiseite setzen oder, wenn dieses nicht anginge, von den Kindern unerklärt herplappern lassen, die moralischen Vorschriften aber auf alle Weise interessant, deutlich und rührend vorzutragen suchen, kurz – nichts versäumen, was aus meinen Pfarrkindern sittlich gute Menschen zu bilden mitwirken könnte. Dann malte ich meine glückliche Lage als Landgeistlicher mit so schönen Farben aus, daß endlich die Frau Zunftmeisterin in die Worte ausbrach: »Ich sehe, Sie sind entschlossen, auf Ihrem Sinne zu beharren, aber ich sage Ihnen, es wird Sie reuen! Ihre schönen Bilder sind in den Wind gemalt, und Sie werden bald nach Zürich zurückseufzen und fühlen, daß Sie sich in einem höchst unnatürlichen Zustande befinden.« Herr Zunftmeister ermunterte mich: »wenn ich jemals in diese Lage geraten und nach Befreiung schmachten sollte, möchte ich nur wieder nach Zürich kommen!« Er sagte mir auf diesen Fall seinen tätigen Beistand zu und entließ mich unter Äußerungen des innigsten Wohlwollens.