Michael Georg Conrad Schicksal (1885) Endlich war er angelangt. Er nahm den breitrandigen grauen Filzhut ab und fächelte sich damit. »Die Nachmittags-Kaffeestunde im Hofgarten ist vorüber, wie es scheint...« Unter den Arkaden war es in der Tat stille geworden. Nur die müden Schenkmädchen machten sich noch dort zu schaffen. Es waren meist aufgeschossene, bleichsüchtige, flachshaarige Dinger, die in ihren enganliegenden Baumwollkleidchen mit den häßlichen schwarzen Wachstuchschürzen wie in einem abgegriffenen Futteral aus dunklem Pappendeckel steckten. Eine und die andere hatte in der Gegend, wo bei ausgewachsenen, gesunden Frauen der verlockend schwellende Busen thront, auf einer kümmerlich ausgestopften Wölbung ein verwelktes Blumensträußchen befestigt. Das machte einen bunten Fleck, setzte ein melancholisches rotes oder gelbes Licht mit einem grünlichen Rand auf die wollene Einöde. Kirchhofsblümchen über einem Grab, das die lebendig eingesargten Träume von Glück und Liebe und Lust einer zum Elend geborenen Mädchenseele deckt. Die Mädchen trugen das Kaffeegeschirr ab und sammelten die umherliegenden Zeitungen. Dann stellten sie die eisernen, weißangestrichenen Stühle und Tischchen gruppenweise gegeneinander, damit das Wasser von der geneigten Platte ablaufen kann, falls die Nacht Regen brächte. Diese in frostigem Weiß schimmernden Möbelgruppen, die über die Arkaden hinaus auf den grauen Kies des Gartens unter die notdürftig grünenden Kastanien und Linden von jüngstem Wuchs oder hinsiechender Greisenhaftigkeit zusammengerückt waren, machten den ungemütlich langweiligsten Eindruck von der Welt, wie ihn eben nur die strapazierten Utensilien eines Feldlagers hervorrufen können, wo mit plumpen weißen Tassen und Kuchentellern von der zweifelhaftesten Porzellangüte täglich zur festgesetzten Stunde von einem ebenso gemischten als langweiligen Publikum die reizlose Kaffeeschlacht inszeniert wird. »Ist das eine trostlose Welt!« seufzte der einsame Spaziergänger, der unter den Arkaden stehen geblieben war und das Gartenbild mit den hantierenden Schenkmädchen an dem verstaubten Juliabend mit traurigen Augen betrachtete. Einige hungrige Spatzen schlugen sich unter den Stühlen um die letzten Brotsämchen und erhoben dabei ein mörderisches Geschrei im höchsten Diskant. Jetzt kehrte sich der Einsame gegen die Wand, wo in langer Reihe die berühmten Rottmannschen Fresken einen Schimmer von der poesieerfüllten lichtüberströmten Natur des Südens, von den berückend schönen Gestaden Italiens in die graue Welt des Nordens zauberten. Zu dieser späten Stunde waren die Bilder bereits mit den braunen Blechplatten der Schutzläden zugedeckt, welche der letzten Zerstörung dieser Kunstwerke wehren sollten. Wie viel hatten nicht schon Nässe und Staub und Mauerschwamm und ruchlose Hände an diesen sonnigen Farbenträumen des genialen Malers verdorben! Wie lange war es her, daß der einsame Spaziergänger diese Bilder zum letztenmal gesehen? Eine Ewigkeit. Er kam ja eben von jenseits der Berge zurück wie aus einem Grabe, ein Abgeschiedener, ein Verschollener, den in der Heimat keiner mehr kennen mochte. Und seine Augen brannten, als ob sie mit dem flammenden Verlangen glühender Sehnsucht das lackierte Blech durchdringen und die Abbilder von den himmlischen Wundern des Südens, über die er in seiner übermütigen Jugend so beißend gespottet, in die schönheitsdurstige Seele saugen könnten. Italien – was galt ihm damals Italien, dem Landschaftsfanatiker, der nordisch-naturalistischen Ketzergemeinde! Feldmoching, das war sein Paradies, sein gelobtes Land! Aber das verlästerte Italien hat blutige Rache an ihm genommen. Über zehn Jahre hat es ihn in seinen Sirenenbanden gehalten, ihm den Witz aus dem Gehirn, die Ketzerideale aus der Seele, das Mark aus den Knochen gepreßt. Und jetzt, zurückgekehrt in die Heimat, ein geschlagener Mann, ein verlotterter Künstler, ein armseliger, nichts vermögender Phantast, steht er vor den verhüllten Rottmannfresken unter den Arkaden des Hofgartens, während sein Geist vor der entschwundenen italienischen Schönheit auf den Knien liegend und eine verzehrende Sehnsucht nach dem Lande empfindet, das ihm so grausam mitgespielt... Er fühlt es, daß ein Unerreichbares, ihm auf ewig Versagtes wie ein schleichendes, aber sicher tötendes Gift seinen letzten Rest von Energie angefressen hat. Es gibt auch in der Heimat keine Erlösung mehr für ihn aus eigener Kraft... Warum mußte er überhaupt heimkehren? Warum mußte er, der für die Freunde und Kunstgenossen seiner Jugend dank einer Zeitungsnotiz längst in ein besseres Jenseits befördert war, jetzt wieder von den Toten auferstehen und als ein Gespenst des Lebens unter den wirklich Lebendigen erscheinen? Er wußte es nicht. Müßige Frage an das Schicksal einer problematischen Natur, die stets nur Spielball der wechselnden Stimmungen, der widersprechenden Impulse gewesen war von Anfang an und nie zu eigener Herrschaft des Charakters sich aufzuschwingen vermochte, so sehr sie auch in der Wollust der Sklaverei die Stärke des siegenden Reizes feierte und zugleich beklagte und verhöhnte... In der Nähe des Bahnhofes, in einem äußerst bescheidenen Gasthause der Dachauerstraße hatte er vor einer Stunde sein Absteigequartier genommen und seine geringen Effekten zurückgelassen. Nachdem er noch im »Fremdenblatt« den Wohnungsanzeiger durchgesehen und sich eine billige Stube im vierten Stock des Petersgäßchens hinter dem Marienplatz auf die Papiermanschette notiert hatte, um morgen den Preis zu erfragen und entsprechenden Falles dort sich sofort in aller Stille einzumieten, zog es ihn hierher in den Hofgarten unter die klassischen Arkaden. Kein einziges bekanntes Gesicht hatte er unterwegs getroffen. Seine Vaterstadt war ihm so fremd geworden, daß ihm eine Landschaft auf dem Monde nicht fremder hätte erscheinen können. Und wie maschinenmäßig, wie seelenlos, wie häßlich und verwittert ihm die Dinge und Menschen und ihr Verkehr vorkamen! In dem ausgegrabenen Pompeji hätte er einen stärkeren Eindruck des Lebens und seelenvollere Regung empfunden, als hier. Selbst die Luft schien ihm in München stille zu stehen, und der Himmel wie ein staubiger Glassturz über den wüsten Erdenkloß gestülpt... »Ist das eine trostlose Welt!« seufzte der müde Einsame wiederholt. Dann ging er ein paar Schritte vorwärts. Als ihm gerade ein Schenkmädchen den Weg vertrat, kam ihm plötzlich der Drang, es anzusprechen. Sah er recht? Das war auch gar nicht wie die andern, die er vorhin aus der Ferne betrachtete, und die einen so tieftraurigen Eindruck auf ihn gemacht. Es war besser gekleidet und sah gesund und energisch drein. Er bestellte ein Gläschen Kognak. Bis das Mädchen mit dem befohlenen Getränk zurückkam, hatte er sich einen Stuhl unter einem alten Kastanienbaum neben dem plätschernden Schwanthalerschen Nymphenbrünnlein zurechtgestellt. »Hier!« Er nippte, dann betrachtete er sich das Mädchen, das vor ihm stehen geblieben war, eine Serviette unter dem Arm. »Legen Sie die Serviette weg; sie kleidet Sie nicht«, bat er. Das Mädchen betrachtete den Gast mit dem abgelebten, sonnenverbrannten Gesicht, aus dem ein unruhiges Auge unter buschiger, zuweilen nervös zuckender Braue hervorglühte. Jedenfalls ein Künstler und ein verbummelter und unglücklicher obendrein. Aber er hatte etwas Gewalttätiges in seiner weichen Art, etwas Faszinierendes in seinem unsteten Blick, etwas Herrisches in seiner Bitte, was mit seiner gebeugten, schlaffen Gestalt nicht recht zusammen gehen wollte. Das Mädchen konnte sich auf diese singuläre Erscheinung nicht gleich einen Vers machen, aber es gehorchte instinktiv und versteckte die Hände mit der Serviette sofort hinter dem Rücken. Ihre Figur gewann dadurch unendlich. Die knospenden Brüste und die Hüften traten kühn heraus. Er nickte zufrieden. Was war's nur, was ihn veranlaßte, mit den Augen die Kontur der vor ihm stehenden Schenkmamsell von Kopf bis zu Fuß fragend abzusuchen, dann jede Einzelheit des Gesichts sinnend zu betrachten? Er wollte sie doch nicht malen? Sie würde sich auch bedanken. Das Mädchen errötete und wollte sich abwenden. Was ging sie denn der fremde Mensch an? Und wie er sie fixierte, das war wirklich peinlich. Er ist doch kein Untersuchungsrichter? Er soll seinen Kognak trinken und bezahlen und sie in Ruhe lassen, der Narr! Sie drehte sich so resolut auf dem Absatz herum, daß der Kies knirschte. Er rief sie zurück: »Fräulein!« »Sie wünschen?« antwortete sie mit einer halben Wendung des Körpers. Jetzt ward er verlegen und fand nicht gleich das Wort. »Sagen Sie mir gefälligst, woher sind Sie?« Sie machte jetzt wieder Kehrtum und lief davon, als ginge sie die Frage nichts an. Der Mensch war wirklich aufdringlich. Man konnte ihr doch nicht zumuten, daß sie zu dieser Stunde jedem Neugierigen auf so persönliche Fragen Red' und Antwort stehe, einfach weil er sich bei seinem faden Kognak langweilt? Und so ein abgerissener Künstler obendrein, wie sie in München dem Hundert nach herumlungern! »Fanny, komm' heraus, der Herr will zahlen!« rief sie durch die Arkaden in die Tür des Schenklokals hinein – und verschwand. »Donnerwetter, nein, ich will nicht bezahlen; ich will einen andern Kognak!« Und er stürzte den Rest des Getränks hinab. »Fräulein! Fräulein!« Nach einer Weile kam das erste Schenkmädchen wieder mit einer Flasche zurück, füllte das Gläschen und stellte die Flasche auf den Tisch, ohne den aufgeregten Gast anzusehen. Nun nahm er sich zusammen, lüftete den Hut und sprach halblaut in bittendem Tone: »Verzeihen Sie, ich wollte nichts Ungebührliches. Ich bin fremd hier, ganz fremd. Komme sehr weit her, vom andern Ende der Welt. Aber ich habe... ich habe ferne Verwandte... und da ist es eine so merkwürdige Ähnlichkeit... etwas, das an... an eine Nichte von mir erinnert, die ich in meiner Jugend gesehen und seitdem nicht mehr...« »O wir haben keinen Künstler in unserer Familie noch in unserer ganzen Verwandtschaft«, fuhr ihm jetzt das Mädchen in die verlegene Rede. »Es kommen wohl immer etliche Künstler hinaus in unsre Gegend nach Feldmoching und Dachau...« »Sie sind also von Feldmoching, liebes Kind, nicht wahr?« fragte er rasch. Sie stutzte. »Freilich bin ich von Feldmoching, das wird wohl keine Schand' sein.« »Im Gegenteil, das ist eine sehr geschätzte Gegend... das ist ehrenvoll... das interessiert mich ganz ungemein, sehen Sie, liebes Kind. Haben Sie nicht eine ältere Schwester, eine viel ältere, denn Sie sind ja noch sehr jung, kaum mehr als fünfzehn Jahre...« »Kaum. Wie wissen Sie das?« Und das Mädchen legte seine Wildheit ab und lächelte. »O das errät man ja. Aber Sie haben noch eine Schwester, der Sie ähnlich sehen müssen, und die vielleicht noch einmal so alt ist wie Sie, nicht wahr, liebes Kind?« »Ich habe keine Schwester. Ich habe überhaupt keine Eltern mehr. Ich war das einzige Kind. Die Mutter ist tot...« »Und der Vater?« Bei dieser Frage schlug ihm eine jähe Röte um die Augen. »Nun, der Vater ist jedenfalls auch tot... Ich hab' ihn nicht mehr gekannt...« »Und wie heißen Sie?« »Franziska Donaubauer.« Der Name gellte ihm in die Ohren, als höre er die Posaunen des jüngsten Tags. Kein Zweifel, die Ahnung hatte ihn nicht betrogen... Inzwischen war der Wirt unter die Tür getreten und Fanny, die Zahlkellnerin, herbeigekommen. Ohne das zweite Gläschen Kognak berührt zu haben, legte er ein Markstück auf den Tisch und entfernte sich rasch, einen vielsagenden Blick als Gruß auf Franziska werfend. Er schritt quer durch den Hofgarten. Als er sich aber am Eingang der Königinstraße sah, kehrte er plötzlich um... Langsam ging er den Weg zurück, den er gekommen... In der Nähe des Kaffees blieben ihm die Füße schier am Boden haften. Er schlich mehr, als er ging, durch die stillen Arkaden. * Es war in der Tat ein verstaubter, unerquicklicher Juliabend. Die Sonne hatte sich vor ihrem Untergang breit in die Maximiliansstraße gelegt und wie ein elektrischer Riesenreflektor die Häuserfassaden, die Trottoire und den Fahrweg der ganzen Länge nach, vom Max-Josephs-Platz bis zum Maximilianeum auf dem jenseitigen Isarufer, mit glühenden Strahlenbüscheln förmlich gepeitscht. Die Trambahn-Schienen leuchteten wie eine Parallele von Rasiermesserschneiden. Nachdem die Sonne hinter den hochgegiebelten Häusern der Perusa- und Theatinergasse wie hinter einem Schirm versunken, glühte die hohe Staubwolke zwischen der Häuserzeile noch lange nach, wenn sich auch unter dieser zitternden Glutschicht in der eingepreßten Atmosphäre allmählich ein frischerer Luftzug bemerkbar machte. Die Leinwandschutzdächer vor den Magazinen wurden jetzt in die Höhe gewunden; die Hausdiener erschienen mit großen Gießkannen auf dem Trottoir, um den Staub zu löschen; die Türen und Fenster der Läden und Kaffeehäuser wurden weit geöffnet, um die erfrischte Abendluft einströmen zu lassen. Auch die Spaziergänger sammelten sich nach und nach auf der beliebten Promenade der Maximiliansstraße; es kam wieder Leben und fröhlicher Tumult in die halberstickte Straßenwelt. Die Kutscher vor dem Postpalast ließen sich von fliegenden Kellnerinnen die Batterie der Maß- und Seidelkrüge aus dem »Franziskaner« mit »frischem Stoff« füllen, schnitten ihren ermatteten Gäulen, die mit tiefhängenden, schläfrigen Köpfen und krummen Beinen dastanden, kleine schwarze Brotlaibchen vor und warfen auch den herbeiflatternden Tauben, die in wilden Scharen unter den hohen Bogenhallen der Post, des Hoftheaters und der etwas entfernteren Feldherrnhalle nisten, reichliche Brocken zu und fanden den gewohnten Bockhumor wieder. »Na, dös war heunt a Hitz'n, daß mer glei a Wiedertäufer werd'n möcht', wenn ein'm das biss'l Himml nöt dauern tat...« »O du Schindersknecht, du kimmst do' nöt eini.« »Wie geht's?« fragte Herr Badke, aus dem Café de l'Opéra tretend, den Doktor Ernst Gurlinger, der in feierlichem Schlenderschritt vorüberging. »Auf der Maximiliansstraße promenieren bei dieser Temperatur?« »Die Macht der Gewohnheit! Übrigens muß man die Welt bei jeder Temperatur studieren und ertragen lernen.« »Ich gestehe, daß mir die Maximiliansstraße täglich langweiliger wird; ewig die nämlichen Bummlerphysiognomien in Zivil und Uniform und burschikosem Wichs; ewig die nämlichen Kleiderstöcke von Frauenzimmern, nur mit etwas verändertem Modegeschlamp' darauf; ewig die nämlichen Bilder in den Schaufenstern...« »Die Bilder der Konkurrenten!« bemerkte der Philosoph etwas maliziös. »Du lieber Himmel«, fuhr der pommerische Künstler fort, den Einwurf absichtlich überhörend, »ich habe es schon mit der Statistik versucht und abgezählt, wieviele Blonde und Braune, wieviele Kartoffel-, gerade Germanen- und krumme Semiten-Nasen, wieviele bebrillte Augenkrüppel, wieviele verwurstelte Studenten, die eine Ehre dareinsetzen, Stümper der Fechtkunst zu sein und auf der Mensur mit dem Gesicht, mit der Nase und den Ohren statt mit der Klinge zu parieren, – wieviele Sichel-, Gerad- und wadenlose Stelzbeinige innerhalb einer Viertelstunde einem auf der Maximiliansstraße begegnen; aber ich schwöre Ihnen, auch dieser Reiz hat nicht lange vorgehalten.« Der Philosoph hatte lächelnd zugehört, seinen Arm in den des befreundeten Künstlers geschoben und ihn langsamen Schritts auf dem Trottoir gegen die Isar mit fortgezogen. »Nun sind Sie, verehrter Badke, seit bald einem Dezennium in München eingebürgert und wollen plötzlich so gegen jeden Lokalton verstoßen und in der lustigen Kunststadt den Blasierten und Degoutierten spielen. Ei, ei, da steckt etwas dahinter... Das Bestallungsdekret als königlicher Professor läßt wohl boshafterweise immer noch auf sich warten?« »O, das ist wahrlich nicht mehr der Gipfel meines Ehrgeizes...« »Immer noch die Trauben zu sauer?« »Spotten Sie nicht. Nun ja, meine Bewerbung war abermals erfolglos. Der Stümper Korbinian, Sie kennen ja den patriotischen Streber, Korbinian Schmetterer hat die Stelle bekommen. Seine Hetzereien in den ultramontanen Blättern gegen die Berufung von Nichtbayern und Nichtkatholiken waren endlich von Erfolg gekrönt. Seine Trauben sind reif geworden...« »Was bei der jetzt herrschenden römischen Temperatur allerdings nicht zu verwundern ist. Die letzte Nummer meines »Freigeistes«, worin ich dem vatikanischen Enzyklika-Fanatismus etwas scharf entgegentrat und den Kreuzzug gegen die Freimaurerei in seiner rabiaten Lächerlichkeit geißelte, habe ich mit knapper Not vor der Konfiskation gerettet. Die Jesuiterei scheint wieder eine heimliche Schüssel entdeckt zu haben, aus der sie sich neue Kraft und Frechheit anzufressen getraut. Man muß der Entwicklung der Dinge eben mit Festigkeit und Gleichmut gegenüberstehen. Unsere Tage kommen auch wieder. Die Welt ist rund und dreht sich – auch die bayrische. Es scheint zwar bisweilen, als ob die Toten aufständen und sich die Führung des Lebens anmaßten, aber es scheint doch nur so; das Lebendige herrscht. Man muß hoffen, man muß wagen...« »Sehr gut gesagt, Herr Philosoph!« antwortete Badke mit der Miene verdrossener Mutlosigkeit. »Für einen, der mittellos ist, dem schon die liebsten Pläne fehlgeschlagen, ist die Hoffnungspredigt leerer Schall. Die Allgemeinheit kann hoffen, der einzelne muß resignieren. Ich resigniere. Ich habe den Unfug endlich satt bekommen.« Die Herren waren auf der Maximiliansbrücke angelangt. Brausend schossen die grünen Gebirgswasser der Isar durch die ebenso wuchtigen als eleganten Brückenbogen. Eine wohltuende Kühle fächelte von der breiten, mit schönen Baumanlagen geschmückten Quaistraße herüber. Die Herren wandten sich auf der Mitte der Brücke der lieblichen, schattigen Praterinsel zu, wo sie auf einer bequemen Bank unter einer mächtigen, hundertjährigen Lindengruppe Platz nahmen. Dieses von schäumenden Wassern umtoste, von Luft und Duft erfüllte Eiland bot einen erwünschten Ruhepunkt. »Die tiefe Mutlosigkeit«, hob der Schriftsteller Doktor Gurlinger wieder an, »welche Sie jetzt, mein teurer Freund, befallen hat, wird und muß vorübergehen. Denn das Schauspiel, einen Mann in der Blüte seiner Kraft so ganz resignieren zu sehen, bloß weil er kein Vermögen hat und in seinen Jugendhoffnungen betrogen worden ist, dieses Schauspiel ist zu unnatürlich und unschön, um lange zu dauern. Wie denn? Haben nicht Unzählige, die mittellos in das rauhe Leben geschleudert wurden, den Mut und die Energie gehabt, aus eigener Kraft allen Hemmnissen zum Trotz emporzukommen? Find'st du keinen Weg, so mach' dir einen Weg, sagt der Amerikaner, wenn er vor dem Urwalde der Natur – und der Konkurrenz steht. Niemand kann aus seiner Natur heraus, nicht jeder ist ein geborener Amerikaner, gewiß ist das richtig...« »Niederschmetternd richtig!« »Wohl! Jedoch man kennt seine Natur auch nicht immer, man tappt in der Irre, man findet nicht gleich die unerschöpflichen Hilfsquellen, die in uns schlummern... Ich könnte da aus eigener böser Erfahrung reden...« »Ich bitte um Verzeihung, Doktor, aber Sie haben auch Glück gehabt; Sie haben an einer klugen, an geistigen und materiellen Schätzen reichen Frau eine heldenhafte Mitkämpferin gewonnen, die Ihnen mit dem goldenen Beil den unwegsamen Urwald lichten hilft.« Der Philosoph hielt einen Augenblick den Atem an und fixierte den Sprecher. »Lieber Badke, ich hoffe von Ihrem Scharfsinn und Ihrer Biederkeit, daß Sie damit nicht die Banalität sagen wollen, daß ich mich von meiner Frau ernähren lasse?« »Nein, wahrhaftig nicht!« rief der Künstler und ergriff die Hand seines Freundes. Als Doktor Gurlinger schwieg, sagte Badke mit Wärme: »Um Himmelswillen, diesen Verdacht nicht, der unserer Freundschaft unwürdig wäre! Ein Mann, dessen Daseinsinhalt so ideal ist, wie der Ihrige, würde an sich selbst Verrat begehen, wenn er sich um des Broterwerbs willen in die Sklaverei einer schriftstellerischen Tretmühlenarbeit begeben würde, nur um einem Weibe nichts verdanken zu müssen. Nein, nein, mein Freund, was ein Geist von Ihrer Stärke und Rücksichtslosigkeit seinem Volke mitzuteilen hat, ist so wichtig, daß alle Mittel der Liebe und Aufopferung geboten sind, ihm volle Unabhängigkeit zu sichern!« Lächelnd erwiderte der Philosoph: »Ich denke, Schriftsteller und Künstler sind in der gleichen Lage. Wenn Männer wie wir durch Zufall ohne Vermögen sind, will mir's sogar als Pflicht erscheinen, uns nicht zu sträuben, wenn wir durch Heirat ein solches erwerben können. Sollen denn die reichen Partien nur für die Dummen und Charakterlosen allein da sein, für die Vereinsmeier und Parteihanswurste und Herdenmenschen, die für sich kein Trümmchen Originalität und Selbständigkeit haben? Oder bloß für verschuldete Offiziere, ausgehungerte Beamte und abgewirtschaftete Adelige?« »Ich habe auch nie die landläufige Ansicht beschränkter oder neidischer Köpfe geteilt«, meinte der Künstler, »daß wir in solchem Falle dem reicheren Weibe etwas Außerordentliches zu danken hätten. Diese Ansicht hielt ich zu allen Zeiten für total irrig; denn das Weib wird die Teilhaberin unserer geistigen und künstlerischen Errungenschaften. Der begabte Mann hebt das Weib zu sich empor; das Weib gewinnt mehr, als es gibt. Aber...« »Ich errate Ihr Aber!« »Vielleicht nicht ganz. Die Liebe ist nicht blind, wie ebenfalls nur die Banalität behauptet. Sie sieht sogar sehr scharf. Aber sie hat die Füße nicht frei, sie wandelt in Schlingen. Konkret gesprochen, lieber Doktor: ich könnte keine reiche Partie machen, und wenn Sie mir das erlösende Weib mit aller Vornehmheit der Gesinnung ausstatten, die noch weit das vorhandene reiche Erbe überstrahlte. Ich habe nicht mehr die Freiheit der Wahl... Ich bin – kuriose Verwickelung – um seiner Mutter willen einem Mädchen verpflichtet, das an materiellen Schätzen so arm ist wie ich selbst.« »Und wer ist diese arme Reiche, deren Mutter einen Mann wie Sie zu verpflichten das hohe Genie besessen hat?« »Aber vorläufig ganz unter uns!« »Selbstverständlich.« »Ein blutjunges Landmädchen, ein frisches, herzerquickendes Ding, das in diesem Augenblick... Nein, ich sage nicht alles.« »Sagen Sie alles! Es interessiert den Freund und den Philosophen in gleichem Maße.« »Eine Kellnerin im Hofgarten! Aber was für eine Natur, wert, wie mein Augapfel beschützt zu werden! Ich gehe für meine Franziska durch's Feuer! Wie und warum ich ihr der Mutter wegen verpflichtet bin, das freilich bleibt vorläufig mein heilig verwahrtes Geheimnis.« * Der Herr Professor Korbinian Schmetterer trug seine neue Würde mit einer unglaublichen Erhabenheit zur Schau. Umgeben von schmeichelnden Kameraden und Schülern, schritt er in der Frühstunde durch die Säle des Kunstvereins wie ein Bischof, der unter einem Baldachin von Goldbrokat das Allerheiligste durch die gläubige Menge trägt bei der Fronleichnamsprozession. Es war ihm, als ob sich die Bilder an den Wänden huldigend vor ihm verneigten und um einen gnädigen Blick bäten. Mit welcher Großartigkeit nahm er nicht den Gruß des Kunstvereinsdieners entgegen! Das war superb. Natürlich, jetzt stand ihm ja seine künstlerische Hochmögenheit mit dem Staatssiegel auf dem viereckigen Professorenschädel festgestempelt. Das mußte ein Blinder sehen. Und die Hunde von Zeitungskritikern, werden sie es jetzt auch noch wagen, nach seinen professorlichen Kunstwaden zu schnappen und dann zähnefletschend zu bellen: Kein Fleisch, nichts als miserable Watte? Nein, sie werden es nicht mehr wagen; sie werden vor den Werken des Professors den Schwanz einziehen und zu seiner patentierten Genialität beifälligst hinaufwinseln. Ein Kollege trat heran und gratulierte dem Professor Korbinian Schmetterer zu der »längst verdienten Auszeichnung«. »Danke für die gute Meinung. Ja, ja. Wissen Sie, es ist mir weniger um die persönliche Anerkennung zu tun, als vielmehr um die offizielle Weihe, die unsere Richtung dadurch erfahren hat. O, Sie waren ja stets einer der unsrigen, nicht wahr? Ich habe Sie stets als ein bemerkenswertes vaterländisches Talent geschätzt. Was ich für Sie tun kann, soll geschehen. Rechnen Sie auf mich.« »Die Preußen werden sich ärgern. Besonders der Badke, Ihr nächster Mitbewerber, der allerdings kein übler Künstler sein soll.« »Flau, verehrter Kollege, recht flau mitunter. Wenig reell, wie alle diese durch die Reklame aufgeblähten Norddeutschen.« »Der Doktor Gurlinger, der unfehlbare Pontifex der alleinseligmachenden preußischen Kunstkritik, wird natürlich Ihre Rangerhöhung nicht verwinden können und Anlaß nehmen, in seinem ›Freigeist‹ wieder Feuer und Schwefel auf unsere Richtung speien zu lassen.« »O Jemine«, fuhr jetzt ein strebsamer Kunstzögling dazwischen, »diese Beleuchtung wird dem Herrn Professor ehrenvoller sein, als der pompöseste Fackelzug, den unsere Schule übrigens sich auch nicht schenken wird.« Der Professor nickte dem Kunstzögling aufmunternd zu und fuhr dann zu dem Maler gewendet fort: »Mit Verlaub, was der Gerlinger in seinem Atheistenblatt schreibt, ist uns Wurst. Treibt er's aber einmal gar zu arg, so wird ein Schlag auf seine journalistische Schnauze... Aber, ich laß' mich für nichts und wieder nichts hinreißen...« »In dem Fall wirklich, pro nihilo!« bemerkte der geistreiche Jüngling, der eher zehn Tropfen Rizinusöl, als eine unpassende Redensart im Leibe behalten könnte. »Wollen wir die Ausstellung ein wenig näher anschauen?« meinte der Herr Professor einladend. »Es sollen ein paar recht wackere Sachen von unserer Richtung da sein.« »Hier gleich die Marine von Pimpelsetzer!« machte der eine Kunstzögling und rundete die Hand vor dem Auge. »Famoser Luftton!« der andere. »Die Reflexlichter ein wenig zu massig, nicht wahr, Herr Professor?« der dritte. Der Herr Professor schwieg würdevoll und trat einen Schritt seitwärts, um in die rechte Beleuchtung zu kommen. Was lag ihm heute eigentlich an den Bildern der andern? Sein Professorat war doch an sich das gelungenste Kunstwerk! Aber er mußte etwas sagen, um den Jünglingen durch seine Autorität des gewiegten Urteils zu imponieren. »Allerdings, die Komposition ist nicht fehlerfrei... Sehen Sie da und da und da... Das könnte viel delikater sein. Aber das Ganze ist doch recht lebendig gemacht. Und vergessen Sie nicht, der Pimpelsetzer ist ein ehrwürdiger Veteran unserer Richtung. Für sein Alter ist diese Marine noch eine respektable Leistung. Betrachten Sie gefälligst zum Beispiel diese Chiemseelandschaft daneben von unserem Gegner, dem arroganten Stretzler. Ist das überhaupt noch gemalt?« »Nein, Herr Professor, das ist gehustet!« antwortete der vorlaute Jüngling mit Überzeugung. Die Korona lachte. »Ist das Farbe?« »Nein, das ist Nasenschleim!« »Der Chiemsee hat offenbar den Schnupfen.« »Bei Gott, der Wasserspiegel liegt da wie ein nasses Schneutztüchl zum Trocknen in der Sonne.« »Und solche Kleckser und Schwartenfabrikanten erlauben sich ein Urteil über unsere Richtung«, sagte der Herr Professor entrüstet. »Zusammenhalten, meine Freunde, wir müssen zusammenhalten! Wir sind die Bannerträger der echten Kunst.« »Ah, sieh da, ein originelles Genre, ein Pistolenduell im Nebel! Sehr flott,... riesig lebendig... großartig gezeichnet... wundervoll im Ton...« »Von wem denn?« fragte Professor Schmetterer, von soviel spontanem Enthusiasmus überrascht. »Das Namensschildchen ist abgefallen. Auf dem Bilde selbst kein Name, nur ein Monogramm«, antwortete ein diensteifriger Jüngling, der noch wenig erfahren in der Vereinsausstellung. »B – Badke!« Der voreilige Lober hatte sich verschnappt. Er biß sich auf die Zunge. Der Herr Professor mochte heute nichts mehr ansehen. Er verspürte Durst. »Wie wär's, meine Herren, wenn wir unter den Arkaden ein Glas Kognak nehmen würden? Ich habe dort eine vorzügliche Qualität entdeckt. Dem Bier trau' ich nicht zu so früher Stunde. Ich muß vor Tisch noch eine wichtige Arbeit Machen. Auf ein Glas Kognak also, wer hält mit?« »Alle wie ein Mann, Herr Professor!« Beim Hinunterstieg über die schmale Wendeltreppe stieß der letzte Kunstjüngling einen Kameraden an und flüsterte: »Der Professor ist ein Schlaucherl, er hat unter den Arkaden keinen Kognak, sondern eine Hebe vom Lande entdeckt, ein Blitzmädel... Ich hab' ihn erst gestern dort ertappt, wie er der blutjungen Franziska den Hof gemacht hat. Wie ein verliebter Bär, der Honig wittert, aber sich vor dem Stich der Bienen fürchtet... Ich sag' dir, das ist zum Kranklachen... Natürlich ist es Ehrensache für uns, den alten Tölpel auszustechen, nicht? Das fehlte noch, daß so ein abgestandener Pedant vor unserer Nase die frische Blume pflückte!...« * Franziska schlief mit den andern Schenkmädchen in einem großen Bodenraum, der notdürftig als Schlafkammer ausgestattet war, unter dem Dache des Kaffeehauses. Fanny, die Zahlkellnerin, repräsentierte die hohe Obrigkeit in der nächtlichen Mädchenrepublik. Im allgemeinen führte sie ein mildes Regiment, und die herrschende Moral war keine strenge. Man durfte sie in gewöhnlichen Zeitläuften ohne verleumderische Übertreibung eine laxe nennen. Nur wenn eine Personalveränderung sich vollzogen hatte, wurden während einiger Nächte die Zügel straffer angespannt. Fanny konnte nicht dulden, daß eine neu eintretende Mitbürgerin und Mitschläferin einen schlechten Eindruck von der in dem jungfräulichen Gemeinwesen unter dem Dache bestehenden Ordnung empfange. Der Schein korrekter Sitten konnte in den Übergangsnächten mit keinem Opfer zu teuer erkauft werden. Nachher freilich, wenn die Zusammengewöhnung und Übereinstimmung der Charaktere erzielt und gesichert war, konnte man sich wieder süße Freiheit von allem künstlichen Zwange gönnen und die Instinkte der jungfräulichen Natur in schöner Ungebundenheit walten lassen. Zuweilen, wenn die allgemeine Müdigkeit selbst die Stärkste überwältigte, war keine Gefahr dabei; zuweilen war's auch anders. Dann gab's schon während des Auskleidens Worte von einer verblüffenden Plastik der Schilderung. Ältere und jüngere Gäste, die durch irgendeine Besonderheit den Tag über sich bemerklich gemacht oder in dem einen oder andern Mädchengemüt einen tieferen Eindruck hinterlassen hatten, wurden unbarmherzig zergliedert, angegriffen und verteidigt. Eigenliebe, Hoffnung, Eifersucht, Neckerei, Laune mischten sich darein und gaben der objektiven Betrachtung bald eine subjektive Zuspitzung. War die hohe Obrigkeit einmal schlecht aufgelegt oder gebot Ruhe, um selbst ungestört schlafen zu können, dann wurde die Unterhaltung flüsternd geführt, ein Umstand, der die Wahl der stärksten und malerischsten Ausdrücke ungemein begünstigte im Interesse knappster Darstellung und beschleunigsten Verständnisses. Oder noch praktischer: Die aufgeregtesten Plappermäulchen huschten heimlich in ein gemeinsames Bett und, war's zu eng und zu heiß, entledigte man sich des allerletzten Kleidungsstückes, um in angebornem Negligé sich die pikanten Mitteilungen in die Ohren zu flüstern. Das war bequem und gar nicht unangenehm für die jungfräulichen Körper. Die Nacht sieht ja keine Nacktheit; Gefühl ist alles. Doch das taten nur die Vertrautesten, durch die intimste Sympathie oder ein gemeinsames Spezialinteresse Verbundenen. Freilich setzten sie sich der Gefahr aus, in der lauschigen Unterhaltung vom Schlafe übermannt, und wenn die perfide Morgensonne durch die Dachluke blickte, in süßer Verschlingung der Leiber betroffen und von der hohen Obrigkeit entdeckt zu werden. Das war fatal. In einem solchen Falle konnte nämlich die hohe Obrigkeit sehr ungemütlich werden und zwar, wie alle Unbeteiligten einräumten, mit vollkommenem Recht. Die mündliche Überlieferung der Schlafkammer-Rechtspflege hatte folgendes Vorkommnis in der Schenkmädchen-Republik als warnendes Exempel aufbewahrt. Eine Lina sagte zu ihrer Genossin Toni gerade um die Mitternachtsstunde: Süßer Schatz, ich könnte dich zu Tode küssen und drücken. Die Sonorität der Wände verriet das Geräusch der Küsse und Drücke. Als Strafe wurde den liebestollen Schuldigen diktiert, hinfort abwechselnd bei der hohen Obrigkeit selbst schlafen zu müssen. Dieselbe war aber damals alt, fett, häßlich und von schlechtem Geruch. Schauerliche Züchtigung! Die Jungfrauen schworen, daß man in den finstersten Zeiten des Mittelalters keine grausamere Strafe erfunden! Für Franziska war nichts Ähnliches zu befürchten. Ein gewisser Herr Badke, dessen Name jedoch verschwiegen bleiben sollte, hatte das aufblühende, unschuldvolle Landkind in geheimnisvoller Absicht nach München verpflanzt und vorläufig der Obhut Fannys anvertraut, die er von früher her kannte. Er müsse Vaterstelle an dem armen fremden Kinde vertreten, hatte er ihr in heiligem Ernste versichert. Mehr wußte auch Franziska nicht, seit er sie bei ihrer Tante, einer armen Häuslerin in Dachau, kennengelernt und sich ihrer liebreich angenommen. Er hat sie städtisch gekleidet, ihr einen kleinen Wäschevorrat und etwas Taschengeld geschenkt und sie nach München in das wohlangesehene, vornehme Kaffeehaus gebracht. Brav und anstellig wie sie war, hatte sie sich in den neuen Dienst gefunden und durchaus brauchbar erwiesen. Die ersten Nächte kamen ihr wundersam vor. Sie war so schüchtern, daß sie sich nicht im Angesichte ihrer Genossinnen auszukleiden wagte, was diese doch selbst vor ihr ganz unbefangen taten. Sie legte sich in ihren Kleidern aufs Bett und wartete, bis die andern Mädchen schliefen. Dann entledigte sie sich geräuschlos ihrer Kleider, sprach leise ihr Nachtgebet und versuchte einzuschlafen. Die Mädchen beobachteten heimlich ihr Gebaren und lächelten. Allmählich folgte die Gewöhnung. Jetzt wohnte sie seit acht Tagen in der Dachkammer. Sie entkleidet sich wie die anderen und bespricht dabei die Ereignisse des Tages. Die Wilde ist gezähmt; sie hört es ohne Scham, wenn die Genossinnen die schöne, gesunde Farbe ihres Leibes bewundern und ihre pralle Muskulatur rühmen. Eine hat ihr gestern gesagt, daß sie auf jedem Schulterblatt ein rundes braunes Mal von der Größe einer Linse habe. Das war ihr neu. Wie sie von hinten nackt aussehe, hatte sie seither selbst nicht gewußt. Heute erzählte sie wieder von dem sonderbaren Benehmen des fremden, komisch aussehenden Herrn, der spät am Abend, als schon alles aufgeräumt war, mutterseelenallein sich hinsetzte, einen Kognak verlangte und sie ausforschte. »Das war ein Vagabund«, meinte Therese, ihr Hemd über den Kopf ziehend, um auf ein boshaft bissiges Tierchen Jagd zu machen. »Leucht' mal her, Franziska!« »Aber er hat ein Markstück auf den Tisch gelegt und das zweite Gläschen Kognak gar nicht einmal mit den Lippen berührt«, bemerkte Franziska. »Halte das Licht ruhig, bitte. Achtung, daß mir das heiße Stearin nicht auf den Busen tropft. So, jetzt hab' ich ihn. Nicht wahr, meine Brust ist gar nicht ohne?« »Das Markstück ist verdächtig. Soviel Trinkgeld gibt kein abgerissener Mensch. Nicht einmal mein schöner Leutnant gibt mir soviel; und der soll sehr reich sein.« »O die Leutnants!« seufzte eine dritte und warf sich im Bett herum. »Die können mir gewogen bleiben. Deine Brust wird wirklich immer runder, Therese. Dir schlägt's an.« »Vielleicht war's ein Selbstmörder, der Gift in das zweite Gläschen tun wollte und dann die Courage oder das Pülverchen vergessen hatte.« »Sag' lieber ein Lustmörder! Man liest in den Zeitungen jetzt soviel von diesen schauderhaften Menschen, besonders in Preußen; in München ist's auch nicht sauber.« Was ist das, ein Lustmörder?« fragte Franziska naiv, indem sie den linken Strumpf auszog und gegen das Licht hielt. »O der hat auch schon wieder ein kleines Loch in der Ferse. Hat keine von euch Stopfnadel und Faden?« »Das besorgt die Wäscherin. Übrigens ein Loch mehr oder weniger, das macht keinen Unterschied.« »Was ein Lustmörder ist, kann man eigentlich nicht genau sagen, wenn man's nicht erlebt hat.« »Hast du's erlebt, Therese?« fragten gleich zwei in einem Atemzug. »Ich nicht, Gott sei Dank, aber meine Freundin Josephine Strotz beinah' vorige Kirchweih in Großhesselohe. Josephine ist freilich auch keine Heilige...« »Erzähl's!« »Heut' nicht, ich bin zu müde. Wenn man nur daran denkt, kommt's einem im Traum.« »Vor dem Menschen mußt du dich in acht nehmen, der führt gewiß nichts Gutes im Schild«, wiederholte Fanny mütterlich. »Das will ich schon, wenn auch...« »Was wenn auch?« »Na, gar so schlimm ist er mir doch nicht vorgekommen. Er hat eine so rührende Stimme gehabt...« »Verstellung! So machen's alle Verführer. Denk nur an die blutige Geschichte, die wir gestern in der Zeitung gelesen!« »Ich will ihn genau ansehen, wenn er wieder kommt. Ist der Professor von heut' früh auch schlimm?« »O das ist ein damischer Narr. Der scheint dir zu Gefallen zu gehn. Ein Kunstschüler hat mich gleich darauf aufmerksam gemacht. Die jungen Leute haben ihn zum besten.« »Ich find ihn fad', und wenn er zehnmal Professor ist. Ein Sträußchen hat er mir doch gekauft.« »Bild' dir nichts darauf ein. Ist was recht's, von einem solchen Dickschädel ein Sträußchen um zehn Pfennig zu kriegen! Laß nur den Herrn Badke nichts davon hören.« »Ich werd' mich hüten«, antwortete Franziska und gähnte. Das Stearinlicht wurde ausgelöscht. Man wünschte sich gegenseitig gute Nacht. Eine Genossin schnarchte schon. Es war sehr schwül. Die Mädchen lagen entblößt, die Decken mit den Füßen hinab an den untersten Bettrand gestoßen. Alle Fensterchen und Luken der Dachkammer waren geöffnet. Das Sternenlicht schimmerte matt herein, als ob ihm die Dunstatmosphäre der heißen Julinacht die Helle versage. Das letzte Mondviertel dämmerte hoch über der Theatinerkirche wie ein Lämpchen, dem es an Öl gebricht. Franziska bemerkte es vom Bette aus. »Und da kann die Therese schnarchen, die Glückliche!« murmelte Fanny und richtete sich im Bette auf. »Schläfst du schon, Franziska?« rief sie leise. »Ich möchte schon, aber es geht nicht. Ich betrachte den Mond.« »Schreckliche Temperatur.« »Mir klingt es auch so in den Ohren.« »Da denkt jemand an dich.« »Vielleicht der fremde Mensch von gestern Abend. Er hat mich so sonderbar angesehen, daß ich seine Augen nicht vergessen kann.« »Das mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Das taugt nichts.« »Ich möchte doch wissen, wer der Mensch gewesen ist.« »Was kümmert er uns?« »Gewiß ist er unglücklich.« »Unglückliche gibt's so viele. Gut' Nacht!« »Gut' Nacht«, sagte Franziska und ihre Gedanken beschäftigten sich noch eine Weile mit dem Fremden, dann rückwärts mit dem gütigen Badke, dann noch weiter rückwärts mit dem Schneidersbalzer, dem lustigsten Schlingel von ganz Dachau, der sie einmal kräftig geküßt – dann war's aus. Sie schlief... Auch das Schnarchen hatte aufgehört. Es war ganz stille geworden unter dem Dache. Plötzlich wimmerte Therese, dann schrie sie auf: »Hilfe!« Die Mädchen fuhren in die Höhe. Franziska sprang gleich aus dem Bette. »Was gibt's denn?« »O mein Gott der Lustmörder... erst hat er mich in die Arme genommen und geherzt... das war so schön... dann hat er seine Knie auf meine Brust gelegt und seine Daumen auf meine Gurgel gedrückt... schauderhaft. Seht her, so...« Und sie streckte ihre Hand nach Franziska aus. »Um Gottes willen nicht! Rühr mich nicht an!« rief Franziska und floh in die dunkelste Ecke. * Der Einsame konnte in seinem Wirtshausbett in der Dachauerstraße kein Auge schließen. Sein ganzes vergangenes Leben stand vor ihm wie ein wirres, unsinniges Traumbild. Und diese abenteuerliche Begegnung im Hofgarten! Er wollte sich's ausreden: Es ist nicht sein Kind, kann es nicht sein! Und doch stimmte alles: der Heimatort, das Alter, die Gestalt, die ganze frappante Ähnlichkeit. Er vergegenwärtigte sich, daß die Donaubauer – jahrelang hat er sich ihres Namens nicht mehr entsinnen können – damals plötzlich aus Feldmoching verschwunden, niemand wußte warum und wohin; daß er sich zwar nach ihr erkundigt, aber resultatlos. Was ging ihn schließlich auch die Kuhmagd an? Er hatte ihre Neigung und Liebe genossen, wie man sich unterwegs an einer Quelle den Durst löscht oder auf der Landstraße von einem Baum, der uns seine fruchtbeladenen Zweige so einladend entgegenstreckt, einen rotwangigen Apfel pflückt und behaglich verspeist, ohne »ich danke« zu sagen. Nur der sinnlich-künstlerische Reiz war in der Erinnerung geblieben, so lebhaft, daß er selbst am Gestade der Sirenen des neapolitanischen Golfes an die Kuhmagd, die naturalistische Aphrodite von Feldmoching, zurückdenken mußte. Und nun kehrt er, ein Ausgetobter, Ausgelebter, an allen Idealen der Kunst und der Liebe Verzweifelnder, weil seine Ungeduld nirgends bis zur reinen Höhe eines Dauerstandes emporgedrungen, ein Schiffbrüchiger, ein Zukunftsloser, in die Heimat zurück – und das erste Menschenwesen, dem er begegnet und das die Funken unter der Asche seines ausgebrannten Herzens aufstiert, ist sein Kind. Sein Kind! Wer vermag alle Höhen und Tiefen, alle Schauer und Wonnen, alle Bitternisse und Seligkeiten dieses Gefühls auszukosten? Er hat ein Kind, er, der nichts mehr sein zu nennen wagen darf auf der weiten Welt! Nicht einmal sein Kind, denn er hat keine einzige Vaterpflicht erfüllt, die ihm erst heilig unantastbare Rechte verliehe. Die Pflicht, das ist's. Diesen Posten auf seinem Lebenskonto hat er stets ignoriert. Ein rettender Gedanke: Wenn in der Pflicht die Zukunft des Zukunftslosen läge, wenn er auf ihrem Fundamente mit den Trümmern seiner Vergangenheit sich einen neuen Lebensbau aufrichten könnte, über sein Alter wenigstens ein befriedigendes Notdach wölben, damit er sich nicht voll Selbstverachtung aus dem Leben fortzustehlen, sich nicht eines Tages wie ein Lump der menschlichen Gesellschaft französisch zu empfehlen brauche? Aber hat er noch genug Schwerkraft in seinem elenden Lebensschiff, um mit einiger Sicherheit in den Ozean der Zukunft hineinsegeln zu können? Still, still! Es gilt die Probe, die letzte, schwerste! Ein Toter, der ein Leben retten will! Kein Mensch soll vorläufig Mitwissen haben. Nicht einmal sein Kind soll ihn erkennen, bis alles im Werk und ein gutes Gelingen zu hoffen. Es ist kein Augenblick zu verlieren, aber auch keine Vorsicht zu versäumen. Warum er dennoch in aller Frühe auf den stillsten Umwegen nach dem Petersgäßchen schlich, das er sich notiert hatte, bevor ihm das Entscheidende, alle Gedanken Umlenkende im Hofgarten begegnet war, wußte er sich selbst nicht zu sagen. Hatte er doch noch keinen Plan, sondern erst Ansätze zu einem solchen. Zudem hat das, was man Zufall zu nennen gewohnt ist, eine so außerordentliche Rolle in seinem seitherigen Leben gespielt, daß er sich seiner dunklen Einmischung nicht entziehen wollte. Das Stadtbild, das sich um den uralten Petersturm gruppiert, hatte in seiner Jugend eine mächtige Anziehung für ihn. Hier war der ungemein malerische Kern Altmünchens. Auf den hohen Giebeldächern glänzte es noch wie vom letzten poetisch rührenden, gar wehmütig stimmenden Abendstrahl der niedergehenden Sonne mittelalterlicher Romantik. Und er, der Naturalist, hatte eine merkwürdige Vorliebe für solche Sonnenuntergänge, eine geheime weichliche Freude an allem Befehl, an allem Vergänglichen. Alles, was aus den Geheimnissen des Abends herausgeboren, galt ihm als ein gutes lockendes Ding, das seine Phantasie befruchtete. Er war kein Künstler der Frühe, der Morgensonne, der hell leuchtenden Kraft. Sein greller Naturalismus war im Grunde nur eine letzte idealistische Marotte. Er konnte sich bis zu Tränen rühren lassen, wenn er in seinen jungen Jahren abends auf der Galerie des Petersturmes stand und sein Blick hinabtauchte in die dunkelnden krummen Gäßchen, auf den Marienplatz mit der Denksäule, mit dem alten und neuen gotischen Rathaus, dann wieder hinüber auf den Viktualienmarkt mit seinem malerischen Chaos von Buden, dann hinausschweifend über die Häuserreihen der Sendlingerstraße... Erhallte dann unter ihm das Geläute der alten, mächtig schwingenden Glocken, und die Dämmerung senkte sich sacht, bis die dunklen Fittiche der Nacht mit dem letzten, leise vorschwebenden Glockenton ihn umrauschten, so wußte er sich nicht mehr zu fassen vor seliger Empfindung. Konnte er hierauf noch einem wilden Gelage mit einer solennen Rauferei in irgend einer schmutzigen Vorstadtkneipe beiwohnen unter Fuhrleuten, Flößern, Holzknechten, dann galt ihm der Tag als kein verlorener. Seine liebste Muse war der Widerspruch. In diesem Augenblick bog er, aus dem kühlen Laubengang des Marienplatzes über ein sonniges Plätzchen hinter dem alten Rathause schleichend, in das Petersgäßchen ein. Die Turmuhr schlug die achte Stunde. Unwillkürlich schaute er nach der hohen, grauen Kirche auf... Ja, da... Es war noch der nämliche Klang, der nämliche Ort, die nämliche Farbe, der nämliche Geruch. Chorknaben, Ministranten mit schwingenden Weihrauchbecken gingen vom Mesnerhause an ihm vorüber in die Kirche. Unter einer niedrigen Ladentür hockte ein altes Weib. Sie betete ihren Rosenkranz und beglotzte ihn mit geistesabwesenden Blicken. Er empfand eine Genugtuung, daß sich niemand um ihn kümmerte. Hier stand das notierte Haus. Nachdem er über achtzig Stufen – er zählte mechanisch – durch vier Stockwerke geklettert war, zog er vor der einzigen Tür den altmodischen rostigen Klingeldraht. Es rührte sich nichts. Der kleine Treppenraum war sehr hell und sonnig. Die Bretter des Fußbodens aus weichem, wurmstichigem Holz waren blank gescheuert. Die Wände zeigten weißen, reinlichen Kalkanstrich, was die Helligkeit steigerte. Er klingelte zum zweitenmal. Er hörte, wie eine ungeschickte Hand an der Tür herumtappte und endlich auch den Drücker hob. Die Tür ging halb auf und ein kleines, etwa dreijähriges Mädchen mit allerliebsten blonden Zöpfchen, Kirschenlippen, Grübchen in Wangen und Kinn und leuchtenden blauen Augen blickte verwundert zu ihm auf. Es trug bloß weiße Strümpfchen – im übrigen war es gekleidet in Unschuld und Sonnenschein. Es war eine überraschend herzerfreuende Erscheinung wie aus einem wundersamen Märchen. Die naive Kleine wollte die Tür wieder schließen, da sagte der Fremde lächelnd: »Warum sperrst du mich hinaus, Engel? Laß mich eintreten!« Gleichzeitig ertönte eine wohllautende Frauenstimme mit einem Anflug von Ängstlichkeit: »Mali, Mali! Du wirst doch die Tür nicht aufgemacht haben? Was treibst du? Wer ist da? Willst du gleich hereinkommen?« Das bannte den Fremdling auf die Schwelle. Die Tür war zugegangen, die liebliche Vision verschwunden. Es währte einige Minuten, bis die Tür sich wieder öffnete und eine niedliche blonde Frau im Morgenhäubchen erschien, um unter wortreichen Entschuldigungen den Fremden nach seinem Begehr zu fragen. »Bitte, treten Sie herein. Hier ist die Stube, hier der Alkoven. Nicht wahr, es ist alles geräumig und wenn auch bescheiden, so doch sauber. Reinlichkeit ist der beste Schmuck. Und hell und sonnig, sehen Sie. Wir haben immer Künstler hier gehabt. Sie sind wohl auch einer, wenn ich fragen darf?« Der Fremde nickte. »Ich hab' es gleich erraten. Da werden wir uns gut vertragen. Man muß Übung im Umgange mit diesen Herren haben; denn die sind nicht wie andere Menschenkinder zu behandeln. Aber ich bin ja sozusagen von der Gilde. Wollen Sie nicht Platz nehmen?« Der Fremde setzte sich. Wo nur die kleine Mali stecken mag? fragte er sich. »Sehen Sie, mein Großvater strich die Baßgeige im Hoftheater unter Max Joseph, mein Vater blies die Posaune unter Ludwig I., mein Schwiegervater war Dekorationsmaler und mein Mann selig Kupferstecher.« Jetzt schwieg ihr beredter Mund, dafür fragten ihre Augen: »Und Sie?« Allein der Fremde übersah die Frage und schwieg. Sie fuhr fort: »Wir sind hier in meinem elterlichen Hause. Ich kann Ihnen noch uralte Einrichtungsgegenstände und interessante Erbstücke zeigen. Man muß auf seine Familientradition stolz sein. Das gibt Halt in den Stürmen des Lebens. Die Baßgeige und die Posaune... Ist Ihnen nicht wohl? Sie sind plötzlich so bleich!« »O es ist nichts. Die Hitze, das schnelle Gehen, das Steigen...« »Warten Sie, ich will die Fenster schließen und lieber die Tür öffnen, dann haben wir frischere Luft. Die Lage der Stube ist sonst ganz günstig. Alle Herren waren entzückt von der Aussicht. Keiner ist gern von hier fortgegangen. Zuletzt war ein Herr Zickert hier, Zeichner und ein bildschöner Mensch, den hat eine vornehme Dame entführt. Dergleichen ist ja in München nicht selten. Sie wollten etwas sagen?« Der Fremde verneinte, stand auf und blickte durchs Fenster. »Finden Sie nicht, eine höchst romantische Aussicht? O da hätten Sie den Herrn hören sollen, den wir vor dem Herrn Zickert hier hatten! Wie der den Petersturm anschwärmte! Oft hat er in die halbe Nacht hinein zum Fenster hinausgesungen. Der hat auch sein Glück gemacht, aber anders wie Herr Zickert. Denn von den Damen mochte Herr Deixlhofer nicht viel wissen. Das war seine schwache Seite oder seine starke, wie man's nimmt.« »Hans Deixlhofer?« fragte der Fremde überrascht. »Kennen Sie ihn?« Er faßte sich und antwortete gleichgültig: »Nur dem Namen nach.« »Der wohnte lange bei uns. Jetzt ist er zu seinem Schwager ins Geschäft getreten. Wissen Sie, der die berühmte Kunstschmiede hat... Schropper, Hasselmann und Kompagnie. Es ist das ja eine der ersten Firmen im hiesigen Kunstgewerbe. Jawohl, der Deixlhofer hat sein Schäfchen im Trockenen. Er verdient's aber auch. Einen so braven, tüchtigen Menschen wird man selten finden. Und was der für geniale Sachen zeichnet! Wenn Sie's interessiert...« »Ein anderes Mal.« »Ich habe noch Sachen von ihm da. Er besucht uns zuweilen, das heißt in erster Linie unsere kleine Mali, die ist sein Herzblatt... Mali, Mali, wo steckst du denn? Bist immer noch nicht präsentabel?« Sie hatte zur Tür hinausgerufen. Nun kam sie wieder zurück: »Sie wird gerade gebadet.« »Ist Herr Deixlhofer noch unverheiratet?« fragte der Fremde sonderbar verlegen, und machte dann eine Miene, als ob er über seine eigene Kühnheit erstaune. Die blonde Witwe erwiderte etwas diplomatisch und gar nicht in ihrem seitherigen Plauderton: »Gewiß ja, zur Zeit noch. Wissen Sie, der ist bedächtig und übereilt sich nicht. Ein gründlicher Mensch... aber er bringt noch eine unter die Haube.« Der Fremde hatte offenbar mehr vernommen, als er für den Augenblick ertragen konnte. Er wurde sehr unruhig und wandte sich zum gehen. »Nun, und unser Geschäft, Herr... Herr...? Vor lauter Erzählen habe ich vergessen, nach Ihrem werten Namen zu fragen.« »Ich werde später wiederkommen, um... um auch eine andere Beleuchtung zu sehen... Morgen oder übermorgen...« »Ich bitte, spätestens bis übermorgen. Sonst nehme ich an, es sei nichts.« »Jawohl, es sei nichts. Inzwischen danke ich Ihnen. Leben Sie wohl.« »Adieu Herr... Herr... Nun weiß ich ja Ihren werten Namen noch immer nicht?« Der Fremde hörte nicht mehr. Er war bereits die Treppe hinab geeilt. »Aber wie ist mir denn! Ist das ein Sonderling!... Nein, der paßt nicht in unser Haus. Warum hab' ich denn das nicht gleich bemerkt? Das muß ich dem Hans erzählen, sobald er kommt... Er guckte mich ordentlich mit Gespensteraugen an, wie er so zur Tür hinausflog... Hans wird mich auszanken, daß ich wieder zu viel geplaudert habe... Nein, das war dumm von mir...« * Es verstrichen mehrere Tage, ohne daß der Einsame zur Entwerfung eines festen Planes sich aufzuraffen vermochte. Sollte er sich seinen Jugendfreunden zu erkennen geben, vor ihnen seinen gesellschaftlichen und moralischen Notstand enthüllen und ihre gütige Mitwirkung zu seiner und seines Kindes Rettung in Anspruch nehmen? »Ihre gütige Mitwirkung!« Und er lachte bitter. »O ich danke für das Mitleid dieser korrekten, tugendhaften Philister, die ihr Schäfchen ins Trockene gebracht. Der biedere Hans Deixlhofer, der Mustermensch und Kunstgewerbsmeister, ja, der hat seinen Weg gemacht, der Liebling der niedlichen blonden Witwe und, wer weiß, der Vater der kleinen Märchenprinzeß Mali... Ich wünsche dir Glück, mein gediegener Vetter; ich gratuliere dir zu allen Erfolgen, die dein Ameisenfleiß, deine Eselsgeduld, deine Hundetreue, dein Murmeltierblut errungen haben und noch erringen werden... Ich verstehe ganz gut, daß dich diese geschwätzige, von Wohlbehagen und Familiendünkel triefende Witwe vergöttert... Sokrates hat einst eine Frau gefunden, wie er sie brauchte; Hans Deixlhofer hat eine gefunden, wie er sie braucht. Die Xanthippe trieb den atheniensischen Gassenphilosophen aus seinem falschen Berufe heraus und in seinen eigentlichen Beruf immer mehr hinein, und die niedliche Blondine wird den Münchner Stubenkünstler und Kochtopfgewerbsmeister gleichfalls auf dem rechten Weg zur irdischen und himmlischen Seligkeit zu führen und zu erhalten wissen. Jede tut im Extremen ihr Bestes. Mir ist's versagt geblieben, ein Weib zu finden – ich fand nur Weiber. Keine ist mir begegnet, die eine beschwichtigende, ölgleiche Wirkung auf das aufgepeitschte Meer meiner Sinne und meines Geistes ausgeübt hätte, keine! Und doch soll es die naturgemäße Neigung des Weibes sein, wie diese Blondine ein gleichmäßiges, glücklich zusammenstimmendes Dasein dem Manne zu vermitteln... Und was dem einen das Weib leistet, das leistet dem andern die Partei, diese mütterliche Teufelshure! Korbinian Schmetterer ist Professor geworden; da steht die Nachricht schwarz auf weiß im Blatt, umrankt mit den betäubend duftenden Lobesblumen der Parteireklame... Auch der ist jetzt ein gemachter Mann und hat sein Huhn im Topf... Wie soll gegen euch der Einsame aufkommen!« Inzwischen hatte er sich zweimal in den Hofgarten geschlichen, um sein Kind zu sehen. Jede Bemühung, sich auf eine unauffällige Art dem Mädchen zu nähern, eine vertrauliche Besprechung mit ihm herbeizuführen, war fehlgeschlagen. Franziska war ihm scheu ausgewichen. Ein anderes Schenkmädchen hatte ihn bedient und mit eigentümlich mißtrauischer Miene verstohlen betrachtet. Er hatte auch bemerkt, daß die Mädchen bei seinem Kommen und Gehen jedesmal zusammen geflüstert und bedeutungsvolle Blicke gewechselt hatten. Es wäre ja nicht unmöglich, daß sie seine Beklemmung ahnten, den wundersamen Zug des unerkannten Vaterherzens zu seinem Kinde errieten... Schlichte Naturen bewähren oft ein unglaubliches Feingefühl, einen göttlichen Spürsinn und ein reines Mitleid! Wie, wenn er ein anderes Mädchen erst ins Vertrauen zöge und zur Vermittlerin machte? Er war ratlos, der unglückliche Mensch. Seine fixe Idee, das Kind an seine Vaterbrust zu ziehen und durch die Erfüllung seiner heiligsten Pflicht neue Liebe und neues Leben zu gewinnen, hatte dermaßen sein Denken und Empfinden bis in alle Fasern überwuchert und in Fesseln gelegt, daß er keiner vernünftigen Erwägung der alltäglichen Verhältnisse mehr fähig war. Die naheliegende Frage, wie er, der Verschollene, einem weltfremden Kinde seine Vaterschaft überzeugend dartun wolle und ob dasselbe überhaupt Lust und Bedürfnis verspüre, von einem Abenteurer in ihre Existenz eingreifen und sich »retten« zu lassen, diese naheliegende Frage hatte sich anfangs zwar in seinem Verstande schüchtern geregt, aber er hat sie sofort mit der Gegenfrage abgefertigt: Gibt es keine Stimme des Blutes, keinen unwiderstehlichen Herzensdrang, wenn die Schranke des Nicht- oder Falschwissens gefallen, keinen Weckruf der Pflicht, der das Verworrenste wie ein göttliches »Es werde!« zu lieblicher Klarheit und Rechtschaffenheit ordnet? Und die fixe Idee siegte und zauberte auf das vergrämte Antlitz des Unglücklichen ein verklärtes Lächeln. Aber es war das Lächeln des Wahnsinns. Wieder war ein Tag vergangen, der ihn seinem Ziele um keinen Schritt nähergebracht. Es war zum Verzweifeln. Kaum, daß er noch essen und trinken mochte. Er hatte sich die neuesten Zeitungen vom Kellner geben lassen und sich den ganzen Tag in seine enge, dumpfe Stube eingeschlossen. Gegen Abend war er in den Hofgarten geschlichen. Unter den Arkaden spazierten mehrere junge Leute. Sie lachten und rissen schlechte Witze. Im Vorübergehen hörte er: »Du meinst, daß er das mündliche Verfahren schon gegen sie eingeleitet habe?« »Du willst sagen, daß er sie geküßt? Wenn ja, dann jedenfalls mit strengem Ausschluß der Öffentlichkeit.« »Ich habe alle Schenkmädchen bestochen; sie sind auf unsrer Seite. Weder der Professor noch der Pommer kann etwas unternehmen, ohne daß wir prompt Kundschaft erhalten.« »Das Kamel müssen wir ordentlich eingehen lassen. Eine famose Hetz'!« »Aber mit Vorsicht.« »Jemine, der hat schon wieder seinen Moralischen!« »Gar nicht. Nur hoff' ich, daß ihr Schmetterers Einfluß nicht unterschätzt. Er soll gehörig geleimt werden, jedoch so, daß wir nicht schließlich selber hängen bleiben. Also heraus mit der Katz' und eine Schelle an ihren Schwanz!« Dem Einsamen brannte der Kopf, so oft er den Namen eines Bekannten hörte. Dieses Gesprächsfragment schlug ihm wie eine Flamme ins Ohr. Schenkmädchen – Schmetterer, wie reimt sich das? Handelt sich's um ein Schülerkomplott gegen den neugebackenen Professor? Und er stierte blöde vor sich hin, bis ihm der Nacken steif wurde. Die jungen Leute waren verschwunden. Der Einsame blieb eine gute Stunde auf der nächsten Bank unter einem Kastanienbaum sitzen. Es ereignete sich nichts, was seinen Plan hätte fördern können. Es wurde immer dunkler um ihn und in ihm. Der nächste Tag brachte ihm einen guten Gedanken. Sein Gehirn schien sich zu lichten. »Bin ich ein Esel, nicht gleich darauf gekommen zu sein! Ich werde an Franziska schreiben. Das ist eine erste große Tat!« Diese erste große Tat nahm fast den ganzen Tag in Anspruch, bis sie ihre feste, letzte Form gefunden. Zehnmal überlas er das lange Schriftstück, änderte und setzte zu, dann schrieb er dasselbe deutlich ab und trug's auf die Post. Für die Rückantwort, die er sich postlagernd Bahnhof unter dem Zeichen »Schicksal« erbeten hatte, fügte er eine Freimarke bei. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entrinnen. Der Brief war mit seinem Herzblut geschrieben; er mußte wie ein Evangelium wirken. Der Aushändigung sicher zu sein, ließ er den Brief einschreiben. Nun legte er sich strenge Haft auf, um der Versuchung zu widerstehen, in den nächsten vierundzwanzig Stunden unnützerweise die Bahnhofspost abzulaufen oder gar im Hofgarten herumzuschleichen und, wenn er gesehen würde, den Eindruck seines Briefes durch sein persönliches Verhalten abzuschwächen. Eine vierundzwanzigstündige Frist hatte er seiner Geduld – und Franziskas Entscheid gesteckt. Von Stunde zu Stunde wuchs seine Aufregung. Er glaubte, die Wartezeit nicht überleben zu können. Aber diesmal wollte er stark sein, koste es was es wolle. Nicht einmal die Zeitungen sollten ihm Zerstreuung gewähren. Er hatte dem Kellner gesagt, daß er krank sei und das Zimmer hüten müsse. In seinem Kopfe summte es wie in einem Bienenkorb. Endlich schlug die Erlösungsstunde. Er meinte der Schlag müsse ihn treffen, als ihm der Postbeamte nach zweimaliger Durchmusterung eines dicken Stoßes Briefe bestimmt versicherte, es sei absolut nichts mit »Schicksal« vorhanden. Er schwankte dem Hofgarten zu. Es war die nämliche bleierner erstickende Abendluft wie damals, als er vor acht Tagen zum erstenmal den müden Fuß unter die Arkaden setzte. »Schicksal!« murmelte er. »Jetzt muß persönlich Hand angelegt werden.« Seine Augen starrten wie die eines Irrsinnigen. Vor der Kaffeehaustür standen die Schenkmädchen und der Wirt in eifriger Verhandlung mit einem Polizeimann. Der Fremde schritt mit phantastischen Gebärden auf sie zu. Seine Haltung wurde mit jedem Schritt drohender. »Das ist er!« schrien die Mädchen wie aus einem Munde. »Mein Herr, Sie sind verhaftet. Im Namen des Gesetzes, folgen Sie mir!« sprach der Polizeibeamte und legte seine Hand auf den Arm des Fremden. Am nächsten Tag brachten die Lokalblätter folgende Mitteilung: »Schon seit einiger Zeit laufen im Publikum böse Gerüchte über skandalöse Vorgänge im Hofgarten um. In den Abendstunden sollen sich unheimliche Individuen vor den Kaffeehäusern unter den Arkaden herumtreiben, die Schenkmädchen belästigen und sonstigen unqualifizierbaren Unfug verüben. Mit großer Reserve wird beigefügt, daß sich zwei angesehene hiesige Künstler in diese Händel gemischt und infolge einer nicht ausführlicher zu schildernden Eifersuchtsszene geohrfeigt hätten. Seit drei Tagen ist ein bis dahin unbescholtenes, sehr junges und hübsches Schenkmädchen spurlos verschwunden. Die Annahme einer verbrecherischen Tat, welcher das Mädchen zum Opfer gefallen, liegt nahe. Die Polizei ist endlich eingeschritten und hat gestern abend ein verdächtiges Individuum unter den Arkaden verhaftet.«