Die Grenzbewohner, oder: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish. Von J. F. Cooper.     Berlin. Rob. Henrich's Verlagshandlung.     Erster Theil.   Vorrede. Nach Verlauf einer so langen Zeit, wo wir die Ueberlieferungen über die Indianer nur mit dem Antheil anhören, den wir Begebenheiten einer dunkeln Periode zollen, ist es keine leichte Aufgabe, ein lebendiges Bild von den Gefahren und Entbehrungen zu entwerfen, denen unsere Vorfahren sich unterzogen, als sie das Land, dessen wir uns jetzt erfreuen, in den Stand setzten, seine gegenwärtige Stufe von Sicherheit und Fülle zu erreichen. Es ist der bescheidene Zweck der Erzählung, die man auf den folgenden Blättern finden wird, die Erinnerung an einige der früheren Tagen unserer Geschichte eigenthümliche Sitten und Thatsachen der Nachwelt mitzutheilen. Der allgemeine Charakter der von den Eingebornen befolgten Kriegsweise ist zu bekannt, um vorgängiger Bemerkungen zu bedürfen; aber um so rathsamer dürfte es sein, die Aufmerksamkeit des Lesers für einige Augenblicke auf die Hauptumstände in der Geschichte jener Zeiten hinzulenken, die im engeren oder weiteren Zusammenhange mit dem Inhalte unserer Erzählung stehen. Das Gebiet, welches heutigen Tages die drei Staaten der Union, Massachusetts, Connecticut und Rhode-Island begreift, ward wie uns unsere am besten unterrichteten Annalisten versichern, früher von vier großen Indianervölkern eingenommen, welche, wie gewöhnlich, wieder in zahllose unabhängige Stämme zerfielen. Von diesen II Völkern besaßen die Massachusetts einen großen Theil des Landes, welches gegenwärtig den Staat dieses Namens bildet; die Wampanoags bewohnten einst die sogenannte Colonie von Plymouth, und die nördlichen Gegenden in Providence, die Narragansetts nahmen die südlicheren Bezirke der Plantagen und die wohlbekannten Inseln der schönen Bai ein, deren Name von dieser Völkerschaft entlehnt ist; die Pequots endlich, oder wie es gewöhnlich geschrieben und ausgesprochen wird, die Pequods, waren Herren eines breiten Landstriches längs der westlichen Grenzen der drei andern Bezirke. Großes Dunkel liegt über dem Zustand von Cultur, in welchem sich die Indianer befanden, die ursprünglich das dem Meere nahe gelegene Land bewohnten. Die Europäer, an despotische Regierungen gewöhnt, setzten ganz natürlich voraus, die Häuptlinge, die sie im Besitze der Gewalt fanden, seien Monarchen, denen ihr Ansehen kraft ihrer Geburtsrechts überliefert worden; sie gaben ihnen demgemäß den Namen Könige. In wie weit diese Ansicht von der Regierung der Urbewohner die richtige sei, muß freilich dahingestellt bleiben, obgleich gewiß Grund da ist, sie für weniger irrig in Betreff der Stämme am atlantischen Meere, als in Hinsicht derer zu halten, welche seitdem weiter westlich aufgefunden worden sind, wo, wie hinlänglich bekannt ist, Institutionen bestanden, welche Republiken weit näher als Monarchien kamen. Die Benennung Unkas ward, wie die Benennung Cäsaren und Pharaonen nach und nach eine Art von gleichbedeutendem Wort mit Häuptling unter den Mohegans, einem Stamme der Pequods, bei welchem mehrere Krieger dieses Namens bekannt wurden, die nach einander in gehöriger Reihenfolge regierten. Der berühmte Metacom, oder unter welchem Namen er den Weißen besser bekannt ist, König Philipp, war ohne III Zweifel der Sohn Massassoit's, des Sachem's der Wampanoags, welchen die Auswanderer im Besitz der höchsten Gewalt fanden, als sie auf dem Felsen von Plymouth landeten. Miantonimoh , der kühne aber unglückliche Nebenbuhler jenes Unkas, welcher die ganze Pequod-Nation beherrschte, hatte unter den Narragansetts seinen nicht weniger heldenmüthigen und unternehmenden Sohn, Conanchet , zum Nachfolger in seiner Würde, und selbst noch in weit späterer Zeit finden wir Beispiele dieser Vererbung von Macht, welche strenge Beweise für die Ansicht abgeben, daß die Ordnung der Nachfolge in gerader Linie der Blutsverwandtschaft fortging. Der erste ernsthafte Krieg, dem die Ansiedler von New-England ausgesetzt waren, war der mit den Pequods. Dieses Volk ward nach heißen Kämpfen unterworfen, und aus Feinden wurden alle, die nicht entweder erschlagen oder in ferne Sklaverei gesandt worden, gerne Verbündete der Sieger. Dieser Kampf fiel vor nicht ganz zwanzig Jahre, nachdem die Puritaner eine Zuflucht in Amerika gesucht. Der Narragansetts wird oft in diesen Blättern erwähnt. Wenige Jahre vor der Zeit, wo die Erzählung beginnt, hatte Miantonimoh einen schonungslosen Krieg gegen Unkas, den Pequod oder Mohegan-Häuptling unternommen. Das Glück begünstigte diesen; er, wahrscheinlich von seinen civilisirten Verbündeten unterstützt, warf nicht nur die Horden des andern zu Boden, sondern sah auch seinen Feind gefangen in seiner Hand. Der Häuptling der Narragansetts verlor auf Anstiften der Weißen an der Stelle, die jetzt als die Sachemsebene bekannt ist, das Leben. Es bleibt jetzt nur noch übrig, ein wenig Licht auf die Hauptvorfälle im Krieg mit König Philipp zu werfen. Der erste Ausbruch fand IV im Juni 1675 statt, also etwas mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem die Engländer zuerst in New-England gelandet waren, und gerade ein Jahrhundert früher, Blut in jenem wichtigen Kampfe floß, welcher die Colonien von dem Mutterland trennte. Der Kampfplatz war eine Niederlassung nahe dem gepriesenen Mount Hope in Rhode-Island, wo Metacom und sein Vater lange ihre Rathsversammlungen gehalten hatten. Vom diesem Punkte aus verbreitete sich Mord und Blutvergießen längs der ganzen Grenze von New-England hin. Reiter und Fußvolk wurden angeworben, dem Feind zu begegnen, und Städte wurden niedergebrannt, und Leben ward genommen von beiden Seiten, mit wenig oft ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht. In keinem Streit mit den eingebornen Besitzern des Landes kam die wachsende Macht der Weißen in größeres Gedräng als in diesem berühmten Streit mit König Philipp. Man schätzt den Verlust der Weißen fast auf den zehnten Theil der Ansiedler. Die Indianer entgingen jedoch der Wiedervergeltung nicht. Die schon genannten Hauptvölkerschaften wurden so sehr geschwächt, daß sie später nie mehr ernsten Widerstand den Weißen leisteten, die von nun an das Ganze ihres alten Jagdgrundes in Wohnungen gesitteter Menschen umwandelten. Metacom, Miantonimoh und Conanchet nebst ihren Kriegern leben noch als Helden in Gesängen und Volkssagen, während die Abkömmlinge derer welche ihre Herrschaft vernichteten und ihr Geschlecht ausrotteten, ihrer hochherzigen Kühnheit und der wilden Größe ihrer Charaktere ein spätes, aber wohlverdientes Lob zollen.     Erstes Kapitel. »Wohl kann ich der Hand entsagen, doch nicht den Glauben lassen!« – Shakespeare. Die Begebnisse in dieser Erzählung sind in einer längst vorübergegangenen Periode in den Annalen Amerika's zu suchen. Eine Colonie frommer, für die Religion alles aufopfernder Flüchtlinge, welche Verfolgungen entgehen wollten, war auf dem Felsen von Plymouth gelandet, nicht ganz ein halbes Jahrhundert vor der Zeit, in welcher die Erzählung beginnt, und sie und ihre Nachkommen hatten schon manche breite Strecke wüsten Landes in lachende Fluren, und anmuthige Dörfer umgewandelt. Die Arbeiten der Ausgewanderten waren hauptsächlich auf das Land von der Küste beschränkt gewesen, welches durch seine Nähe an den Wassern, die zwischen ihnen und Europa flutheten, die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung mit dem Lande ihrer Vorväter und den fernen Wohnungen der Cultur darbot. Aber Unternehmungsgeist und ein Verlangen des Forschens nach noch fruchtbareren Besitzungen, vereint mit dem Reiz, den weitausgedehnte, unbekannte Gegenden längst ihrer westlichen und nördlichen Grenzen auf 6 sie ausübten, hatte viele kühne Abenteurer angelockt, tiefer in die Urwälder einzudringen. Gerade die Stelle, auf welche wir die Phantasie des Lesers zu versetzen wünschen, war eine jener Niederlassungen, die man nicht unschicklich, im Laufe der Civilisation durch das Land, »verlorene Hoffnung« nennen könnte. So wenig war damals von den großen Umrissen des amerikanischen Festlandes bekannt, daß, als den Lords Say, Seal und Brooke, in Verbindung mit noch einigen Theilnehmern das Gebiet überlassen wurde, welches jetzt den Staat Connecticut ausmacht, der König von England seinen Namen unter eine Urkunde setzte, welches jene zu Eigenthümern einer Landesstrecke machte, die sich von den Küsten des atlantischen Meeres bis zu denen der Südsee erstrecken sollte. Trotz der anscheinenden Hoffnungslosigkeit, je ein Gebiet wie dieses urbar zu machen, oder auch nur auszufüllen, fanden sich doch viele Auswanderer aus der Stammcolonie Massachusetts bereit, die herkulische Arbeit zu beginnen, etwa fünfzehn Jahre von dem Tage an, wo sie zuerst ihren Fuß auf den wohlbekannten Felsen selbst gesetzt hatten. Bald waren das Fort Say-Brooke, die Städte Windsor, Hartford und New-Haven in's Dasein gerufen, und von jener Zeit an bis zum heutigen Tage ist die kleine Gemeinde, die damals entstanden war, standhaft, ruhig und glücklich auf ihrer Bahn fortgeschritten, ein Muster der Ordnung und Klugheit, ein Bienenkorb, aus welchem Schwärme arbeitsamer, emsiger, ausdauernder und aufgeklärter Landwirthe sich späterhin über eine so ungeheuere Oberfläche ausgebreitet haben, daß es fast den Anschein gewann, als hätten sie noch nach dem Besitz der unermeßlichen 7 Landschaften gestrebt, die in ihrem ursprünglichen Patent einbegriffen worden waren. Unter den Religionsverwandten, die Unzufriedenheit oder Verfolgung frühzeitig in das freiwillige Exil der Colonien getrieben hatte, befand sich eine mehr als verhältnißmäßige Anzahl Leute vom Stande und Erziehung. Sorglose und lebenslustige Familiensöhne, Militairs außer Dienst, und junge Rechtsgelehrte. Die Unruhigen und Leichtsinnigen, nachgeborne Söhne, unbeschäftigte Soldaten und Rechtsbeflissene aus den Gerichtshöfen suchten bald Fortkommen und Abenteuer in den südlicheren Provinzen, wo das Dasein von Sklaven sie der Nothwendigkeit überhob, selbst zu arbeiten und wo Krieg und eine kühnere, regere, lebhaftere Politik ihren Fähigkeiten, Gewohnheiten und Neigungen zusagende Auftritte häufiger herbeiführten. Die Ernsteren und religiös Gestimmten fanden Zuflucht in den Colonien Neu-Englands. Dorthin versetzten eine Menge von Privatedelleuten ihr Vermögen und ihre Familien, und theilten dem Lande einen Anstrich von Vernünftigkeit und moralischer Erhebung mit, den es rühmlichst bis auf die gegenwärtige Stunde behauptet hat. Es lag in der Natur der Bürgerkriege in England, daß sich viele Männer von tiefer, aufrichtiger Frömmigkeit in den Kriegerstand aufnehmen ließen. Einige von ihnen hatten sich in die Colonien zurückgezogen, ehe noch die Unruhen im Mutterlande ihre Krisis erreicht, andere kamen während der ganzen Zeit ihrer Dauer bis zur Restauration immerwährend an, und auch nach dieser Zeit suchten Haufen von jenen, die dem Hause Stuart sich abgeneigt gezeigt hatten, die Sicherheit dieser abgelegenen Besitzungen auf. 8 Ein ernster, fanatischer Soldat, Namens Heathcote , war einer der ersten seines Standes gewesen, die das Schwert mit den dem Anbau einer jungen Ansiedelung eigenthümlichen Feldwerkzeuge vertauschten. In wie weit der Einfluß eines jungen schönen Weibes seinen Entschluß bestimmt haben mag, das zu betrachten, gehört nicht nothwendig zu unserm gegenwärtigen Zwecke, obgleich die Nachrichten, denen die Geschichte, die wir zu erzählen im Begriff sind, entnommen ist, Grund zu der Vermuthung geben, er habe geglaubt, sein Hausfriede würde nicht weniger sicher in den Wildnissen der neuen Welt, als unter den Gefährten sein, mit welchen sein früherer Stand und seine ehemaligen Verbindungen ihn auf ganz natürliche Weise würden zusammengebracht haben. Wie er selbst, so war auch seine Gemahlin einer jener Familien entsprossen, welche, in den Fehden zu den Zeiten der Edward's und Henry's emporgekommen, Besitzer von erblichem Landeigenthum geworden waren, das durch seinen allmälig steigenden Werth sie zu dem Rang von kleinen Landedelleuten erhoben hatte. Bei den meisten andern Völkern Europa's würden sie zur Klasse des niedern Adels gerechnet worden sein. Das Familienglück des Capitain Heathcote sollte von einer Seite einen verderblichen Schlag erhalten, von der die Umstände ihm nur wenig Grund gegeben hatten, Gefahr zu fürchten. Noch an dem Tage, an dem er das langersehnte Asyl erreichte, machte ihn sein Weib zum Vater eines stattlichen Knabens, ein Geschenk, das sie ihm nur mit dem trauervollen Preis ihres eigenen Lebens erkaufte. Um zwanzig Jahre älter, als das Weib, das sein Loos zu theilen ihm in diese entfernte Küsten gefolgt war, hatte der abgedankte Krieger es immer für vollkommen gewiß, für ganz in der 9 Ordnung der Dinge gehalten, daß er zuerst die Schuld der Natur würde zu bezahlen haben. Während die Beschauungen, die der Capitain Heathcote sich von einer künftigen Welt machte, hinlänglich lebendig und klar waren, ist es doch wahrscheinlich, daß er sie durch eine erträgliche lange Perspective von Ruhe und bequemem Genusse auf dieser Welt betrachtete. Wenn nun auch dieser Unglücksfall noch mehr Ernst über einen Charakter warf, der schon durch die Subtilitäten der Sektirerlehren mehr als nüchtern geworden, so war dieser doch noch nicht von einer Beschaffenheit, daß er sich durch irgend eine Veränderung der menschlichen Schicksale seine Männlichkeit hätte nehmen lassen. Unveränderlich in den einmal angenommenen Gewohnheiten lebte er nützlich und ungebeugt in seinen Verhältnissen, eine starke Säule des Rathes und des Muthes für die unmittelbare Nachbarschaft, unter welcher er wohnte, aber durch Charakter sowohl, als durch eine Neigung, die durch verblühtes Glück noch finstrer geworden, voll Widerstreben, jenen Theil an den öffentlichen Geschäften des kleinen Staats zu nehmen, wonach der im Vergleich bedeutende Reichthum und sein früherer Stand ihn wohl zu streben berechtigt haben möchte. Seinem Sohne gab er eine Erziehung, wie sie seine eigene Bildungsstufe und die der jungen Colonie von Massachusetts möglich machte, und glaubte in einer Art frommer Täuschung, deren Verdienste wir weiter nicht beleuchten wollen, er habe auch einen löblichen Beweis von seiner eigenen verzweifelnden Ergebung in den Willen der Vorsehung an den Tag gelegt, indem er ihn unter den Namen Contentius öffentlich in die christliche Gesellschaft aufnehmen ließ. Sein eigner Taufname 10 war Marcus, wie auch der größte Theil seiner Vorfahren, zwei oder drei Jahrhunderte hindurch, geheißen hatte. Wenn die Welt in seinen Gedanken ein wenig vorherrschte, wie das denn wohl zuweilen auch den größten Selbstverleugnern begegnet, so erzählte er sogar von einem Sir Marcus Heathcote, der als Ritter sich im Gefolge eines der kriegerischen Könige seines Vaterlandes befunden. Es ist einiger Grund da, zu glauben, der Erzvater alles Uebels habe frühzeitig auf das Beispiel von Friedfertigkeit und unbeugsamer Moralität, das die Pflanzer von Neu-England der übrigen Christenheit gaben, mit boshaftem Auge herabgesehen. Wenigstens erhoben sich, mögen sie nun gekommen sein, von welcher Seite sie wollen, Spaltungen und Lehrstreitigkeiten unter den Ausgewanderten selbst; und die, welche zusammen den Herd ihrer Vorfahren verlassen hatten, religiösen Frieden zu suchen, sah man bald nachher ihr gemeinsames Geschick trennen, damit ein jeder unbelästigt sich jener besondern Glaubensformen freuen möchte, die, wie alle die Anmaßung und Thorheit zu glauben hatten, unumgänglich nothwendig waren, um die Huld des allmächtigen und gnädigen Vaters des Weltalls zu gewinnen. Wäre unsere Aufgabe eine theologische, wir könnten hier sehr vortheilhaft eine Moralpredigt über die Eitelkeit eben so sehr, als über die Thorheit des Menschengeschlechts einfügen. Als Marcus Heathcote der Gemeinde, in welcher er jetzt länger als zwanzig Jahre gelebt hatte, ankündigte, er beabsichtige, zum zweiten Male seinen Familienaltar in der Wildniß aufzurichten, hoffend, er und sein Haus möchten dann Gott verehren, wie es ihnen am richtigsten dünkte, ward die Nachricht mit einem Gefühl aufgenommen, in das sich 11 Ehrfurcht mischte. Lehre und Religionseifer wurden für einen Augenblick über der Achtung und Zuneigung vergessen, die unmerklich durch den vereinten Einfluß der ernsten Strenge seines Wesens und der unleugbaren Tugenden, die er übte, in ihnen wach geworden waren. Die Aeltesten der Ansiedelung verhandelten mit ihm frei und liebevoll; aber die Stimme der Versöhnung und Eintracht kam jetzt zu spät. Er hörte auf die Beweise der Diener Gottes, die aus allen naheliegenden Sprengeln versammelt wurden, mit finsterer Ehrfurcht, und nahm an den Gebeten, um Licht und Unterricht, die bei dieser Gelegenheit dargebracht wurden, mit der tiefen Verehrung Theil, mit welcher er immer dem Stuhl des Allmächtigen nahte; aber er that beides mit einem Herzen, in welches sich zu viel Bestimmtheit des geistlichen Stolzes eingeschlichen, als daß es sich jenem Mitgefühl, jener Liebe hätte öffnen können, die, wie sie das Auszeichnende unserer milden und duldenden Lehren ist, so auch das Streben Derer sein sollte, die ihre Vorschriften zu befolgen vorgeben. Alles, was sich geziemte, Alles, was bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich war, geschah; aber der Entschluß des halsstarrigen Sectirers blieb unwandelbar. Sein Schlußbescheid ist würdig, hier angeführt zu werden. »Meine Jugend,« sagte er, »wurde in Gottlosigkeit und Unwissenheit verbracht, aber im Mannesalter habe ich den Herrn erkannt. An zwanzig Jahren habe ich für die Wahrheit gearbeitet und jene ganze, schwere Zeit hingebracht, meine Leuchte zu bereiten, damit nicht, gleich den thörichten Jungfrauen, ich unvorbereitet getroffen werde, und jetzt, da meine Lenden gegürtet sind, da meine Laufbahn fast vollendet ist, soll ich noch ein Abtrünniger und Fälscher des Wortes werden? Viel 12 habe ich gelitten, Ihr wißt es, seit ich das irdische Haus meiner Väter verließ, und den Gefahren zur See und Lande für meinen Glauben trotzte, und ehe ihn ich lasse, will ich nochmals lieber freudig der heulenden Wildniß Ruhe, Nachkommenschaft und, wäre es der Wille der Vorsehung, das Leben selbst aufopfern!« Der Tag der Abreise war ein Tag unverstellter, allgemeiner Betrübniß. Trotz des strengen Charakters des alten Mannes und des fast nicht zu verwischenden Ernstes seiner Stirn, hatte man doch oft den milden Thau menschenfreundlicher Güte von seinem finsteren Wesen in Handlungen herabträufeln sehen, die keine falsche Deutung zuließen. Kaum fand sich im Umkreis der Ansiedelung, die er bewohnte, und die zu keiner Zeit weder als einträglich, noch als fruchtbar angesehen werden konnte, ein junger Anfänger in dem mühsamen und schlechtlohnenden Anbau der Wüste, der sich nicht eine geheime, freundliche Unterstützung hätte in's Gedächtniß zurückrufen können, die von einer Hand gekommen, welche vor der Welt in vorsichtiger, rückhaltender Sparsamkeit krampfhaft geschlossen schien; auch vereinte kein gläubiges Paar in seiner Nachbarschaft sich für's Leben hindurch zu Freud' und Leid, ohne von ihm Beweise seiner Theilnahme an ihrem weltlichen Glück erhalten zu haben, Beweise, die weit stoffhaltiger waren, als bloße Worte. Am Morgen, als man die unter den Geräthschaften Marcus Heathcote's stöhnenden Wagen seine Thür verlassen und den Weg, der zur Seeküste führte, einschlagen sah, fehlte kein menschliches Wesen von passendem Alter, viele Meilen im Umkreis, bei dem rührenden die Theilnahme erweckenden Schauspiele. Dem Abschied ging wie gewöhnlich bei allen ernsten 13 Gelegenheiten ein Gesang und Gebet voraus, und dann umarmte der ernste Abenteurer seine Nachbarn mit einer Miene, worin ein beherrschtes Aeußere heftig und seltsam mit Bewegungen rang, die mehr als einmal selbst die fruchtbaren Schranken seines angenommenen Wesens zu durchbrechen drohten. Die Bewohner jedes an der Straße belegenen Hauses waren im Freien, seinen Abschiedssegen zu empfangen und zu erwidern. Mehr als einmal erhielten die, welche seine Gespanne lenkten, Befehl, zu halten, und Alles in der Nähe, was menschliche Anforderungen und menschliche Verantwortlichkeit besaß, sammelte sich, Bitten vorzubringen für den, welcher fortzog, und für die, die zurückblieben. Die Forderungen für weltliche Bedürfnisse wurden leichthin und schnell ausgesprochen; aber die Gebete um Licht des Verstandes und Geistes waren lang, inbrünstig und wurden oft wiederholt. Auf diese bezeichnende Weise zog sich einer von den ersten Auswanderern nach der neuen Welt zum zweiten Mal auf einen Schauplatz zurück, wo ihn neue körperliche Leiden, Entbehrung und Gefahr erwarteten. Um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts wurden weder Menschen noch ihre Habe in diesem Lande mit der Schnelligkeit und Leichtigkeit unserer Zeit von einer Stelle zur andern gebracht. Der Straßen waren nothwendiger Weise wenige, und diese nur auf kurze Strecken; die Verbindung zu Wasser aber war ungeregelt, langsam und weit von aller Bequemlichkeit fern. Da eine weite Schranke von Wald zwischen jenem Theil von Massachusettsbai, aus welchem Marcus Heathcote auswandern wollte, und zwischen dem Flecken nahe dem Connecticut-Strom lag, wohin er sich zu begeben beabsichtigte, so gab er dem Wasserweg den Vorzug. Aber ein 14 langer Zwischenraum lag zwischen der Zeit, wo er seine kurze Reise nach der Küste begann, und der Stunde, wo er endlich in den Stand gesetzt wurde, sich einzuschiffen. Während dieses Aufenthalts lebte er und sein Haus unter den Gottseligen der schmalen Halbinsel, hier, wo schon der Keim zu einer blühenden Stadt sich vorfand, und wo jetzt die Thürme einer hohen, malerischen Stadt sich über so viele tausend Dächer erheben. Der Sohn verließ seine Geburtscolonie und den Schauplatz seiner Jugendspiele nicht mit dem unberechnenden Gehorsam gegen den Ruf der Pflicht, der seinen Vater auszeichnete. Es fand sich in der neubegründeten Stadt Boston ein reizendes, jugendliches, liebliches Wesen von einem Alter, einem Stand, von Begriffen, Verhältnissen und, was von weit größerer Wichtigkeit war, von Gefühlen, die ganz eigen mit den seinigen im Einklang standen. Ihre Gestalt hatte sich in seinem Geiste schon lange unter jene heiligen Bilder gemischt, die der ernste Unterricht, den er empfangen, ihn gelehrt hatte, beständig vor dem Spiegel seiner Seele zu halten, und sie sich vertraut zu machen. Es ist also gar nichts Erstaunendes, wenn der Jüngling den Aufschub, als seinen Wünschen günstig, segnete, und daß er ihn so benutzte, wie die Eingebungen einer reinen Leidenschaft es ihm ganz natürlich zuflüsterten. Er feierte seine Verbindung mit der sanften Ruth Harding nur eine Woche vorher, ehe sein Vater sich zu seiner zweiten Pilgerfahrt einschiffte. Es liegt nicht in unserm Plan, uns bei den Vorfällen dieser Seereise aufzuhalten. Obgleich das Genie eines außerordentlichen Seemannes die Welt entdeckt hatte, welche sich jetzt mit gebildeten Menschen zu füllen begann, so hatte doch 15 die Seefahrerkunst jener Tage keine glänzende Ausbildung aufzuweisen. Die Sandbänke Nantucket's zu passiren, muß mit ganz besonderer Gefahr und nicht geringeren Schrecken verbunden gewesen sein; sodann war auch die Fahrt dem Connecticut selbst hinauf eine Unternehmung, die des Redens werth schien. Zu der gehörigen Zeit landeten die Abenteurer an dem englischen Fort Hartford, wo sie ein Jahr lang blieben, um Ruhe und geistlichen Trost zu genießen. Aber die Eigenthümlichkeit seiner Lehre, auf die Marcus Heathcote so großes Gewicht legte, ließ es ihm räthlich erscheinen, sich noch weiter zurückzuziehen von den Wohnsitzen der Menschen. Von einigen seiner Leute begleitet, trat er nun eine Entdeckungsreise an, und am Ende des Sommers sah er sich von Neuem auf einem Gute ansässig. das unter den einfachen, in den Colonien üblichen Formen sein Eigenthum geworden war, um den geringen Preis, womit damals ausgedehnte Länderstrecken als Privatgut erkauft werden konnten. Liebe zu den Gütern dieser Welt war unserem Puritaner zwar kein fremdes Gefühl, allein es war nichts weniger als ein vorherrschendes in seinem Geiste. Er war sparsam, aber mehr aus Gewohnheit und Grundsatz, als aus unschicklichem Verlangen nach irdischen Schätzen. Er begnügte sich daher mit dem Erwerb eines Landguts, das mehr durch seine Beschaffenheit und Schönheit, als durch seine Ausdehnung Werth haben sollte. Viele solcher Stellen boten sich zwischen den Ansiedelungen von Weathersfield und Hartford und jener eingebildeten Linie dar, welche die Besitzungen der Colonie, die er verlassen, von denen der Ansiedelung trennte, wo er sich eben hinbegeben hatte. Er ließ sich nahe den nördlichern Grenzen dieser letztern nieder. Diese Stelle suchte der 16 Auswanderer vermittelst Ausgaben, die man für die damalige Zeit und Beschaffenheit des Landes für verschwenderisch hätte halten mögen, und mit Hülfe eines ihm noch verbliebenen Geschmacks, den sogar die Selbstverleugnung und die demüthigen Sitten seines spätern Lebens nicht ganz hatten unterdrücken können, – vermittelst alles dieses und durch die große natürliche Schönheit der Gegend und die vortheilhafte Vertheilung von Wasser, Land und Wald dabei unterstützt, suchte er diese Besitzungen in einen Aufenthalt umzuwandeln, der nicht weniger reizend wäre durch seine ländliche Lieblichkeit, als durch seine Abgeschiedenheit von den Lockungen der Welt. Nach diesem merkwürdigen Act von gewissenhafter Selbstaufopferung gingen ihm in einer Art negativer Glückseligkeit viele Jahre voll Ruhe vorüber. Gerüchte aus der alten Welt erreichten das Ohr der Besitzer dieser abgeschlossenen Ansiedelung erst nach Monden, nachdem die Begebenheiten, worauf sie sich bezogen, anderswo vergessen waren, und Kunde von Unruhen und Kriegen in den Schwestercolonieen kam zu ihnen nur in fernen und säumenden Zwischenräumen. Mittlerweile dehnten sich die Grenzen der Colonieansiedelungen allmälig immer mehr aus, und Thäler begannen näher und näher an ihren eigenen Besitzungen urbar gemacht zu werden. Das Alter begann nun auch sichtbare Spuren seiner Einwirkung an dem eisernen Bau des Capitains hervorzubringen, und die frische Farbe der Jugend und Gesundheit, mit der sein Sohn die Wälder betreten, wich dem braunen Anstrich, womit die schwere Arbeit, die ihn allen Jahreszeiten und jeder Witterung aussetzte, seine Züge bedeckte. Wir sagen schwere Arbeit, denn abgesehen von den Gewohnheiten und 17 Ansichten des Landes, welche selbst bei den vom Glück am besten Bedachten den Müßiggang streng tadelten und verwarfen, so kamen die täglichen Beschwerden ihrer Lage, die Jagd und die weiten und verwickelten Wege in die sie umgebenden Waldungen, welche die Aeltesten selbst oft zu betreten genöthigt waren, der Bedeutung des Wortes, das wir gebraucht haben, gar sehr nahe. Ruth blieb blühend und jugendlich, obgleich sich zu den anderen Sorgen noch die der Mutter bald gesellten. Doch fiel lange Zeit Nichts vor, was besondere Reue über den Schritt, den sie gethan, in ihnen hätte hervorbringen oder ungewöhnliche Unruhe wegen der Zukunft hätte erregen können. Die Grenzwohner, – denn das waren sie durch ihre Lage an der Grenze recht eigentlich geworden, – hörten die seltsame und erschreckende Kunde von der Entthronung eines Königs, von dem Zwischenreich, wie man eine Regierung von mehr als gewöhnlicher Kraft und seltenem Glück nannte, und von der Wiedereinsetzung des Sohnes Dessen, dem man sonderbar genug den Namen Märtyrer Karl I. wird in der englischen Liturgie, wo auf seinen Todestag ein besonderer Gottesdienst festgesetzt ist, mit diesem Namen beehrt. gab. Auf alle diese folgenreichen und ungewöhnlichen Veränderungen in dem Schicksal von Königen hörte Marcus Heathcote mit tiefer und ehrerbietiger Unterwerfung unter den Willen Dessen, in welches Augen Kronen und Scepter nur die etwas kostbareren Spielwerke der Welt sind. Wie die meisten seiner Zeitgenossen, die eine Zuflucht in dem westlichen Continent gesucht, hatten auch seine politischen Ansichten, wenn sie nicht republikanisch ganz waren, doch eine 18 Hinneigung zur Freiheit, die aber streng im Widerspruch mit der Lehre von den göttlichen Rechten des Monarchen stand, zu der er sich doch bekannte, da er zu weit von den aufgeregten Leidenschaften entfernt gewesen, welche allmälig die dem Throne näher Stehenden angelockt hatten, ihre Achtung vor seiner Heiligkeit zu mindern, und seinen Glanz mit Blut zu besudeln. Wenn Besuch vorübergehend bei ihm einkehrte, und in langen Zwischenräumen seine Ansiedelung einmal einen Fremden sah, und dieser ihm dann von dem Protector Der von Cromwell angenommene Titel. erzählte, der so viele Jahre England mit eisernem Scepter beherrscht hatte, da leuchteten wohl die Augen des alten Mannes von einer plötzlichen und eigenen Theilnahme, und einstens, als nach dem Abendgebet er sich über die Eitelkeit und die Wechsel dieses Lebens ausließ, gestand er, daß der außerordentliche Mann, welcher jetzt dem Wesen, wenn auch nicht dem Namen nach, auf dem Thron der Plantagenet säße, der weltliche Gefährte und gottlose Genosse des größten Theils seiner Jugend gewesen. Dann folgte wohl eine lange, heilsame Homilie aus dem Stegreif über die Thorheit, sein Herz an die Dinge des Lebens zu hängen, und eine halbunterdrückte, aber doch verständliche Betrachtung des weiseren Wegs, der ihn dahin geführt, daß er sein eigenes Zelt in der Wildniß aufgerichtet, statt die Hoffnung auf die ewige Glorie dadurch zu schwächen, daß er zu sehr nach dem Besitz des trügerischen Tands der Welt getrachtet hätte. Aber selbst der sanften, in der Regel wenig beobachtenden Ruth entging der funkelnde Blick nicht, die 19 zusammengezogenen Augenbrauen und das Erglühen seiner blassen, durchfurchten Wangen, wenn die mörderischen Kämpfe der Bürgerkriege der Gegenstand der Unterredung des alten Soldaten wurden. Es gab Augenblicke, wo religiöse Unterwerfung und wir hätten beinahe gesagt, religiöse Vorschriften theilweise vergessen waren, wenn er seinem aufmerksamen Sohn und seinem lauschenden Enkel die Weise des Angriffs oder die Eigenschaften und Würdigkeit des Rückzugs auseinandersetzte. In solchen Momenten schwang selbst wohl seine noch nervige Hand die Klinge, um den letztern in ihrer Führung zu unterrichten, und mancher lange Winterabend wurde mit dieser indirecten Unterweisung in einer Kunst hingebracht, die mit den Lehren seines göttlichen Meisters so sehr im Widerspruch war. Der fromme Soldat vergaß jedoch nie, seinen Unterricht mit einer besondern Bitte in seinem gewöhnlichen Gebet zu schließen, daß nämlich keiner seiner Nachkommen je das Leben von einem Wesen nehmen möchte, das nicht vorbereitet gewesen zu sterben, immer jedoch ausgenommen die rechtmäßige Vertheidigung seines Glaubens, seiner Person und seiner gesetzlichen Rechte. Man muß gestehen, daß eine etwas liberale Auslegung der vorbehaltenen Rechte noch genug übrig ließ, um die Spitzfindigkeit Dessen zu üben, der etwa mit einem ganz besondern Hang für die Waffen behaftet gewesen. Aber es boten sich in ihrer abgeschiedenen Lage und bei ihren friedlichen Gewöhnungen nur wenige Gelegenheiten zur Uebung einer Lehre dar, die ihnen in so vielen Vorlesungen eingeschärft worden. Indianische Bewegungen, wie man sie nannte, waren nicht selten; aber bis jetzt hatten sie nie etwas weiter als Schrecken in der Brust der lieblichen Ruth und 20 ihrer jungen Nachkommenschaft erregt. Freilich hörte man von Zeit zu Zeit von ermordeten Reisenden und von Familien, die durch Gefangenschaft getrennt worden, war es nun aber das gute Glück, oder die mehr als gewöhnliche Vorsicht der Ansiedler, die längs jener unmittelbaren Grenze sich festgesetzt hatten, genug, in der Colonie von Connecticut hatte das Messer und der Tomahawk der Indianer nur noch wenig Beschäftigung gefunden. Ein bedrohlicher und gefährlicher Kampf mit den Holländern in der angrenzenden Provinz New-Netherlands war durch die Vorsicht und Mäßigung der Vorsteher der neuen Plantagen abgewandt worden; und wenn auch ein kriegerischer und mächtiger eingeborner Häuptling die nahen Colonieen von Massachusetts und Rhode-Island in einem Zustand beständiger Wachsamkeit erhielt, so wurde doch aus der eben erwähnten Ursache die Furcht vor Gefahr bei denen gemindert, die davon so entfernt wie die Personen waren, woraus die Familie unseres Auswanderers bestand. Auf diese ruhige Weise eilten Jahre dahin; die umgebende Wildniß zog sich langsam von den Wohnungen der Heathcotes zurück, und diese sahen sich im Besitz von allen den Gemächlichkeiten des Lebens, die in ihrer gänzlichen Lossagung von der übrigen Welt sie sich zu verschaffen erwarten konnten. Nach diesen oberflächlichen Erläuterungen erlauben wir uns den Leser wegen einer genauern und, wie wir hoffen, interessanteren Nachricht auf die folgende Erzählung zu verweisen, welche die Begebenheiten einer Sage umfaßt, die dem Geschmack Derer zu häuslich erscheinen mögen, die für ihre Phantasie die Aufregung von lebendigeren Auftritten oder einer weniger natürlichen Lebensart erheischen. 21   Zweites Kapitel.               Sir, ich kenn' Euch wohl; Und darf, von meiner Kunst dazu ermächtigt, Ein theures Ding Euch anempfehlen. König Lear .         Gerade zur Zeit, wo die Handlung unserer Erzählung beginnt, neigte sich ein anmuthiger, fruchtreicher Herbst seinem Ende zu. Die Heuernte war längst vorüber und die geringeren Getreidearten eingebracht, als der jüngere Heathcote mit seinen Arbeitern einen Tag damit hinbrachte, den üppig aufgeschossenen Mais seiner Krone zu berauben, um die nährenden Blätter zu Futter in Sicherheit zu bringen, und der Sonne und Luft Zugang zu verschaffen, ein Korn zu härten, das beinahe als Stapelproduct der Gegend angesehen wird, welche er bewohnte. Der ältere Marcus Heathcote war unter den Arbeitern während ihres leichten Tagewerks herumgeritten, eben so sehr, um sich eines Anblicks zu erfreuen, der seinen Schafen und Viehherden Ueberfluß versprach, als um bei Gelegenheit eine heilsame, geistliche Vorschrift einzuwerfen, worin Lehrspitzfindigkeit weit hervorstechender war, als die Regeln für's Handeln. Die Tagelöhner seines Sohnes, dem er schon längst die Bewirthschaftung seines Gutes 22 übertragen hatte, waren ohne Ausnahme junge, im Land geborne Leute, und langer Gebrauch und vieles Lehren und Unterweisen hatte sie an ein Anknüpfen von religiösen Uebungen an die meisten Beschäftigungen des Lebens gewöhnt. Sie hörten daher mit Ehrerbietung zu, und kein gottloses Lächeln, kein ungeduldiger Blick entfuhr während seiner Ermahnungen auch nur dem Leichtsinnigsten von ihnen, obgleich die Homilien des alten Mannes weder sehr kurz noch besonders originell waren. Allein die Andacht gegen den großen Urheber ihres Daseins, strenge Sitten und unermüdetes Bestreben, die Flamme des Eifers lebendig zu erhalten, die in der andern Halbkugel angefacht worden, um am längsten und glänzendsten in dieser zu brennen; – Alles dies hatte den erwähnten Gebrauch mit den meisten der Ansichten und Vergnügungen dieses geistlich grübelnden, wiewohl einfachen Volkes eng verwebt. Die Arbeit ging der ungewöhnlichen Begleitung wegen nicht weniger munter fort, und Contentius selbst gefiel sich, wie in einer Art in ihm aufglimmenden Aberglauben, der immer im Geleit übermäßigen religiösen Eifers zu sein scheint; – er gefiel sich in dem Gedanken, die Sonne leuchte glänzender auf ihre Arbeiten herab, und die Erde bringe mehr ihrer Früchte hervor, so lange diese heiligen Gefühle von den Lippen eines Vaters flossen, den er eben so innig liebte, als tief verehrte. Als nun aber die Sonne, wie dies zu der Jahreszeit in dem Clima von Connecticut gewöhnlich ist, gleich einer glänzenden, unverschleierten Kugel nach den Baumwipfeln sich herabsenkte, welche den westlichen Horizont begrenzten, da begann der Greis müde zu werden in seinen frommen Anstrengungen. Er schloß daher seine Rede mit der heilsamen 23 Ermahnung an die Jünglinge, ihr Werk zu vollenden, ehe sie das Feld verließen, wandte dann den Kopf seines Pferdes, und ritt langsam und sinnend auf die Wohnungen zu. Höchst wahrscheinlich waren des Capitains Gedanken in den geistigen Dingen vertieft, die er während des Tages so kräftig behandelt hatte, doch wichen sie dem Eindrucke weltlicher und sinnlicherer Gegenstände, als sein kleines Reitpferd von selbst auf einer geringen Anhöhe stehen blieb, über die der windungsvolle Viehpfad, den er verfolgte, hinlief. Da der Schauplatz, der seine Betrachtungen von so vielen abstracten Lehren zu den Wirklichkeiten des Lebens abzog, dem Lande eigenthümlich war, und mehr oder weniger auf den Gegenstand unserer Erzählung Einfluß hat, so werden wir versuchen, ihn kurz zu beschreiben. Ein kleiner, dem Connecticut seinen Tribut zuführender Fluß theilte die Aussicht in zwei beinahe gleiche Theile. Die fruchtbaren Flächen, die sich an seinen beiden Ufern mehr als eine Meile weit hindehnten, waren frühzeitig ihrer Waldlast entledigt worden, und lagen jetzt als ruhige Wiesen oder als Felder da, von welchen das Getreide dieses Jahres eben erst verschwunden war, und auf denen der Pflug schon die Spuren kürzlichen Anbaus zurückgelassen hatte. Das Ganze der Ebene, die sich gelinde von dem Bach aus nach dem Walde zu erhob, war durch zahllose Zäune, die in der rohen aber festen Manier des Landes gezimmert waren, in Gehöfte eingetheilt. Stämme, bei denen Leichtigkeit und Sparsamkeit im Holz nur wenig beobachtet worden, lagen in Zickzacklinien durcheinander, den schützenden Annäherungen vergleichbar, welche der Belagerer in seinem vorsichtigen Vorschreiten gegen die feindliche Feste anwendet, und waren auf einander gehäuft, 24 bis durch sie Schranken von sieben bis acht Fuß Höhe den Einbrüchen des verwüstenden Viehes sich entgegenstellten. An einer Stelle hatte man einen großen viereckigen Raum vom Wald gelichtet, und obgleich zahllose Baumstämme ihre Oberfläche, wie selbst viele der Felder auf der Ebene, bedeckten, schoß doch hohes, glänzend grünes Getreide üppig aus dem reichen, jungfräulichen Boden hervor. Hoch oben auf der Seite eines anliegenden Hügels, der auf die Benennung eines mittelmäßigen Felsenberges hätte Anspruch machen können, war ein ähnlicher Einbruch in die Herrschaft des Waldes versucht worden, aber Laune oder Umstände hatten zu einem Aufgeben der Lichtung geführt, nachdem sie die Mühe des Holzfällens durch eine einzige Ernte schlecht belohnt hatte. An dieser Stelle sah man zerstreute, entrindete und folglich abgestorbene Bäume, Haufen von Stämmen, und schwarze, verbrannte Stücke die Schönheit einer Flur entstellen, die ohne dies durch ihre tiefe Lage in den Wäldern etwas Ergreifendes gehabt haben würde. Auch war ein großer Theil der Fläche dieser Lichtung jetzt durch die Gebüsche des Nachwuchs, wie man es nannte, versteckt; wiewohl hier und da Plätze sich zeigten, wo der üppige, dem Lande eigenthümliche weiße Klee auf das den Boden entblößende Grasen der Schafheerden gefolgt war. Marcus Augen waren forschend auf diese Lichtung gerichtet, welche, wenn man eine gerade Linie durch die Luft sich dachte, etwa eine halbe Meile von dem Ort entfernt sein mochte, wo sein Pferd stehen geblieben war; denn aus den Gebüschen tönte das Geläute von einem Dutzend harmonisch gestimmter Kuhglocken, welche von der stillen Abendlust voll Wohllaut seinen Ohren zugetragen wurden. 25 Die Spuren der Civilisation waren jedoch auf einer natürlichen Anhöhe und in deren unmittelbaren Umgebung am meisten zu bemerken. Diese Anhöhe erhob sich so plötzlich an dem Ufer des Baches selbst, daß sie dadurch fast den Anschein eines Werks der Kunst erhielt. Ob diese Anhöhen einst überall auf der Fläche des Landes sich vorfanden, und vor langem Anbau und Urbarmachung verschwunden sind, wollen wir ununtersucht lassen, aber wir haben Ursache, zu glauben, daß sie weit häufiger in einigen Theilen unseres eignen Vaterlandes, als in jeder andern, den gewöhnlichen Reisenden etwas genauer bekannt gewordenen Gegend, sich vorfinden, wenn dies nicht etwa in einigen Schweizerthälern der Fall ist. Der erfahrene Veteran hatte den Gipfel dieses abgestumpften Kegels zur Errichtung jener Art von militairischer Vertheidigung sich gewählt, welche die Lage des Landes und der Charakter des Feindes, vor dem er auf seiner Huth sein mußte, eben so rathsam als gewöhnlich machte. Das Wohnhaus bestand aus dem gewöhnlichen Fachwerk von Holz mit dünnen Brettern bedeckt. Es war lang, niedrig, unregelmäßig, und trug Zeichen seiner allmäligen Aufführung zu verschiedenen Zeiten an sich, je nachdem die Bedürfnisse einer wachsenden Familie hinzukommenden Gelaß nothwendig gemacht hatten. Es stand nahe am Rande eines natürlichen Abhangs, und auf jener Seite des Hügels, wo dessen Fuß vom Bache bespült wurde. Ein roh gezimmerter Balcon lief, über den Fluß hinüberragend, längs der ganzen Vorderseite des Gebäudes. Mehrere rohe, unregelmäßige unbehülfliche Schornsteine ragten an verschiedenen Theilen aus dem Dache hervor, ein fernerer Beweis, daß man bei Anlage der Gebäude mehr die Bequemlichkeit, als den 26 Geschmack zu Rathe gezogen hatte. Nahe an den Wohngebäuden, und ebenfalls auf dem Gipfel des Hügels, standen noch zwei oder drei Außengebäude. Sie waren nicht nur so vertheilt, daß sie ihren verschiedenen Zwecken am besten entsprachen, sondern bildeten auch, wie selbst ein Fremder gleich bemerken mußte, in ihrer Ausdehnung die verschiedenen Seiten eines länglichen Vierecks. Indessen hätte man doch, trotz der großen Länge des Hauptgebäudes und der Stellung der geringern und abgesonderten Theile, diese wünschenswerthe Form nicht erlangt, wäre es nicht der Fall gewesen, daß zwei Reihen von rohen Gebäuden aus Baumstämmen, von welchen nicht einmal die Rinde abgeschält worden, dazu gedient hätten, die Seiten auszufüllen, die noch mangelhaft waren. Die einfachen Gebäude dienten theils zur Aufbewahrung verschiedener Haushaltungsgeräthschaften und Vorräthe, theils zu Wohnungen für die zahlreichen Arbeiter und die Dienerschaft des Gutes. Diejenigen Theile der Gebäude, die mit dem ursprünglichen Bau nicht genau zusammenhingen, wurden durch mehrere feste und hohe Thore aus behauenem Bauholz hinlänglich verbunden, und boten nun eben so viele Schranken gegen den Einlaß in den innern Hof dar. Aber das Gebäude, welches durch seine Stellung eben so sehr als durch die Seltsamkeit seiner Bauart am meisten in die Augen fiel, stand auf einem niedrigen, künstlichen Hügel in der Mitte des Vierecks. Es war hoch, sechseckig der Form nach, und mit einem Dache versehen, das in eine Spitze auslief, von dessen Gipfel eine hochaufstrebende Windfahne sich erhob. Das Fundament war von Stein, aber eine Mannshöhe über der Erde bestanden die Seiten aus massiven, viereckigen Balken, welche sowohl unter einander durch künstliche 27 Fugen, als durch senkrechte, genau anschließende Stützen fest zusammenhielten. In diesem Fort, oder Blockhause, wie es von dem Stoff, woraus es bestand, mit einem technischen Ausdrucke genannt wurde, waren zwei verschiedene Reihen langer, enger Luftlöcher, aber keine regelmäßige Fenster; doch glitzerten die Strahlen der untergehenden Sonne an einer oder zwei kleinen Oeffnungen in dem Dache, in welche man auch Glas eingesetzt hatte, ein Beweis, daß der oberste Theil des Gebäudes zuweilen auch noch zu andern Zwecken als denen der bloßen Vertheidigung gebraucht ward. Etwa halbwegs von Seiten der Anhöhe hinauf, auf welcher das Wohnhaus errichtet war, lief eine unterbrochene Reihe von hohen Pallisaden, die aus den Stämmen junger Bäume zubereitet worden und durch Bandeisen und horizontal anliegende Holzstücke fest zusammengedrängt wurden. Man hielt sie augenscheinlich, sorgsam und argwöhnisch, beständig in gutem Zustande. Das Ganze dieser Grenzfeste war niedlich und einladend und auch, wenn man bedachte, daß der Gebrauch des Geschützes in diesen Wäldern unbekannt war, gar nicht unkriegerisch. In nicht bedeutender Entfernung vom Fuße des Hügels standen die Scheunen und Ställe. Sie waren von einer Reihe roh anbelegter aber warmer Hürden umgeben, unter welchen Schafe und Hornvieh gewöhnlich von den Stürmen der rauhen Winter jenes Klima's geborgen wurden. Die Flächen der unmittelbar die Außengebäude umgebenden Wiesen waren von einem lieblicheren und reicheren Schmelz als die in einiger Entfernung, und selbst die Zäune auf eine weit künstlichere und vielleicht dauerhaftere, jedoch kaum dem Zweck entsprechendere Weise angelegt. Ein großer Obstgarten, 28 vor zehn bis fünfzehn Jahren angepflanzt, erhöhte noch das kultivirte Aussehen dieses lachenden Thales in auffallenden und angenehmen Gegensatz mit den endlosen und fast unbewohnten Wäldern, von denen es umgeben war. Von diesem unendlichen Walde ist unnöthig zu sprechen. Mit der einzigen Ausnahme auf der Bergseite und einem Windstoße hier und da, längs dessen die Bäume durch das wilde Wehen jener Orkane entwurzelt worden, die oft in einem Augenblick viele Morgen Waldung zu Boden legen, konnte das Auge keinen andern Gegenstand der Betrachtung in der weiten Darlegung dieses stillen ländlichen Gemäldes auffinden, als eben diese scheinbar endlose Verschlungenheit der Wildniß. Die oft unterbrochene Oberfläche des Bodens beschränkte jedoch die Aussicht auf einen Horizont von nicht bedeutender Ausdehnung, aber keine menschliche Kunst könnte je so lebendige, so heitere Farben ersinnen, wie die waren, welche das glänzende Laub der Wälder zeigte. Der scharfe durchdringende Frost, wie man ihn am Ende des Herbstes in Neu-England fühlt, hatte schon die breiten, gezackten Blätter der Ahornbäume berührt, und der plötzliche aber geheimnißvolle Prozeß auf alle die übrigen Verschiedenheiten der Waldgewächse eingewirkt, und jene magische Wirkung hervorgebracht, die nirgends zu sehen ist als in Gegenden, wo die Natur so reichlich und üppig im Sommer sich zeigt, und so plötzlich und ernst in den Veränderungen der Jahreszeiten ist. Ueber dies Gemälde des Gedeihens und des Friedens umschweifte das Auge des alten Marcus Heathcote mit einem scharfen Ausdruck von weltlicher Klugheit. Da die schwermüthigen Töne der verschiedenartig gestimmten Heerdeglocken dumpf und klagend unter den Wölbungen des Waldes 29 herüberklangen, so gab ihm dies zur Vermuthung Anlaß, die Heerden seiner Besitzungen kehrten von selbst von ihrer unbegrenzten Waldweide heim. Schon kam sein Enkel, ein scharfsinniger hübscher und muthiger Knabe von ungefähr vierzehn Jahren, durch die Felder heran, eine kleine Schafheerde vor sich hertreibend, welche die Familie wegen häuslicher Bedürfnisse halten mußte, und zwar mit großem, oft wiederkehrendem Verlust und mit schwerem Aufwand von Zeit und Mühe, wodurch allein die Schafe gegen die Verheerungen der Raubthiere geschützt werden konnten. Ein etwas blödsinniger Knabe, den der alte Heathcote aus christlicher Liebe unter sein Gesinde aufgenommen und ihm ein Obdach gegeben hatte, sah man fast in gerader Linie mit der aufgegebenen Lichtung auf der Bergseite aus den Wäldern heraustreten. Dieser trieb eine Rudel Füllen durch immerwährendes Schreien und Rufen vor sich her, die eben so struppig, wild und fast eben so ungezähmt waren, als er selbst. »So, so, Du Schwachsinniger,« sagte der Puritaner mit einem strengen Blick, als die beiden Knaben mit ihren verschiedenen Heerden und fast in demselben Augenblick bei ihm angelangten, »wie Junge, plagst Du so das Vieh auf seinem Wege, wenn das Auge der Verständigen von Dir abgewandt ist?« ›Thue Anderen, wie Du willst, daß Dir gethan werde,‹ ist eine gerechte und heilsame Lehre, welche die Weisen und die Einfältigen, die schwachen und die starken Geistes sind, gleich oft in ihre Gedanken und Handlungen zurückrufen sollten. Ich weiß nicht, daß ein gehetztes Füllen überhaupt nur geeigneter ist, mit der Zeit ein sanftes und nutzbares Thier abzugeben, als ein mit Güte und Sorgfalt behandeltes!« »Ich glaube, der böse Feind ist in die Kühe und in die 30 Füllen nicht weniger gefahren,« entgegnete trotzig der Bursche; »ich habe ihnen im Grimm zugerufen und zu ihnen gesprochen, als ob sie meines Gleichen und von demselben Geschlecht mit mir wären, und doch können weder gute Worte noch wilde Reden sie dazu bringen, auf meine Stimme zu achten. Es ist etwas Furchtbares in den Wäldern, Herr, seit diesem Sonnenuntergang, sonst würden nicht Fohlen, die ich den ganzen Sommer über getrieben habe, es sich einfallen lassen, dieses ungehörige Betragen gegen Einen anzunehmen, von dem sie wissen müssen, daß er ihr bester Freund ist.« »Deine Schafe sind doch gezählt, Marcus?« begann der Großvater wieder, indem er sich mit weniger strenger, aber immer gebietender Miene gegen seinen Nachkommen wandte; »Deine Mutter kann die Schur keines Schafes entbehren, wenn sie Dich und Deines Gleichen mit Kleidung versorgen soll; Du weißt, Kind, daß wir der Thiere nur wenige haben, und daß unsere Winter langwierig und kalt sind.« »Meiner Mutter Rocken soll nie durch Nachlässigkeit von meiner Seite leer stehen,« entgegnete der sich vertrauende Knabe; »aber Zählen und Wünschen kann nicht siebenunddreißig Stück herbeischaffen, wo nur sechsunddreißig Fließe zum Treiben sich vorfinden. Ich habe eine Stunde lang unter den Brombeersträuchen und Gebüschen an dem Hügel herumgeforscht und nach dem verlornen Hammel gesucht, und doch ist weder Klaue, Flocke, Haut noch Horn zu finden, das etwa verrathen könnte, was aus dem Thier geworden.« »So hast Du also ein Schaf verloren! – Diese Nachlässigkeit wird Deine Mutter sehr betrüben.« »Großvater, ich bin nicht nachlässig gewesen. Seit der letzten Jagd hat man die Heerden überall in den Wäldern 31 herumweiden lassen, denn Niemand hat in der ganzen Woche einen Wolf, Panther oder Bären gesehen, obgleich das Land von dem großen Strom bis zu den äußern Ansiedelungen der Colonie auf den Beinen war. Das größte, vierfüßige Thier, das seinen Balg bei dem Streifjagen ließ, war ein dünnrippiges Reh und die heftigste Schlacht, die geliefert wurde, entspann sich zwischen dem Whittal Ring da und einer Auerhenne, die ihn den größten Theil des Nachmittags auf Armslänge von sich entfernt hielt.« »Deine Erzählung mag wahr sein, aber sie hilft uns nicht finden was verloren ist, und macht die Zahl von der Heerde Deiner Mutter nicht vollzählig. Bist Du sorgsam durch die Waldlichtung geritten? Es ist noch nicht lange her, daß ich die Thiere in jener Richtung weiden sah. Was zerzaust Du da in Deinen Fingern auf so undankbare, zerstörende Weise, Whittal?« »Was eine Winterdecke abgeben würde, wenn genug davon da wäre! Wolle! und zwar Wolle, die vom Schenkel des alten Straffhorns herrührt, oder ich müßte ein Schafbein nicht mehr kennen, das immer beim Scheeren die längste und krauseste Flocke gibt.« »Das scheint in der That Wolle von dem Thier, welches uns fehlt,« rief der andere Knabe. »Es findet sich kein zweites Schaf in der ganzen Heerde, das ein so krauses und langes Fließ hat. Wo fandest Du die Handvoll, Whittal Ring?« »Auf dem Zweige eines Dornbusches wachsen. Kuriose Frucht ist's, Herr, an einem Ort, wo junge Beeren reifen sollten.« »Geh, geh,« unterbrach ihn der Alte, »Du säumst 32 und verbringst die Zeit mit eitlem Gerede. Geh, bringe Deine Heerde in die Hürde, Marcus; und Du, Schwachsinniger, treibe Deine Schutzbefohlenen mit weniger Lärm ein, als Du pflegst. Wir sollten uns erinnern, daß die Stimme dem Menschen gegeben ist: erstlich, damit er den Segen des Dankens und Flehens empfinde; zweitens, daß er die Gaben, die ihm etwa verliehen worden, Andern mittheile, wie denn dies zu versuchen seine vornehmste Pflicht ist; und dann auch drittens: um seine Bedürfnisse und Wünsche zu äußern und an den Tag zu legen.« Mit dieser Ermahnung, die wahrscheinlich aus dem geheimen Bewußtsein des Puritaners floß, er habe eine vorübergehende Wolke des Eigennutzes den Glanz seines Glaubens trüben lassen, trennten sich die drei. Der Enkel und der Dienstbursche nahmen jeder seinen Weg nach den Hürden, während der alte Marcus selbst langsam seinen Ritt nach dem Wohnhause fortsetzte. Es war nahe genug der Dämmerung, um die Vorkehrungen nöthig zu machen, die wir eben erwähnt haben; doch machte nichts Drängendes dem alten Marcus besondere Eile nöthig, unter das Obdach und den Schutz seiner bequemen und sichern Wohnung zurückzukommen. Er zögerte daher auf seinem Pfad und hielt gelegentlich stille, um sich an der Aussicht auf die neue Ernte zu erfreuen, die schon mit großer Schnelligkeit für das kommende Jahr hervorzuschießen begann. Zu Zeiten richtete er seinen Blick auf den ganzen beschränkten Horizont um ihn her, ganz wie Jemand, dem übermäßige und unablässige Wachsamkeit zur Gewohnheit geworden. Einer dieser zahlreichen, sinnenden Blicke versprach weit länger dauern zu wollen, als gewöhnlich. Statt sein 33 verständiges Auge auf das Getreide zu heften, schien der Blick des alten Mannes, wie durch einen Zauber, auf einen fernen, dunkeln Gegenstand gerichtet. Zweifel und Ungewißheit mischten sich mehrere Minuten lang in seinen Mienen. Aber alles Zögern war augenscheinlich gewichen, als seine Lippen sich trennten, und er, vielleicht ohne es zu wissen, laut mit sich sprach: »Es ist keine Täuschung,« waren die leisen Worte; »sondern ein lebendiges und der Verantwortung fähiges Geschöpf des Herrn. Viele Tage sind vorübergegangen, seit solch ein Anblick sich diesem Thale darbot; aber mein Auge müßte mich sehr betrügen, oder dort kömmt Jemand, der im Begriff ist, um Gastfreundschaft und vielleicht um christliche, brüderliche Verbindung zu flehen.« Das Auge hatte den bejahrten Ausgewanderten nicht getäuscht. Es kam allerdings ein Reisender, abgematteten und müden Aussehens, zum Walde herausgeritten, an einem Punkte, wo ein Pfad, der leichter an den verkohlten Bäumen, die an seinen Seiten lagen, als durch sonst eine Bezeichnung auf der Erde selbst, erkannt werden konnte, in das urbar gemachte Land hinauslief. Das Fortschreiten des Fremden war zuerst so vorsichtig und langsam gewesen, daß daran ein Anstrich übermäßiger und geheimnißvoller Besorgniß nicht zu verkennen war. Der breite Weg, auf dem er lange und scharf geritten sein mußt, wenn die Nacht ihn nicht im Gehölze überfallen sollte, führte nach einer der fernen Ansiedelungen, welche nahe den Ufern des Connecticut lagen. Nur selten folgte Jemand ihren Windungen, es sei denn, daß ganz besondere Geschäfte oder sonst eine ungewöhnliche Zusammenkunft, vermöge inniger Freundschaft, ihn zu den Eigenthümern von 34 Wish-Ton-Wish zu kommen nöthigten, – so nannte man zum Andenken an den ersten Vogel, der den Auswanderern zu Gesicht gekommen, das Thal der Heathcote's. Sobald er einmal vollkommen bemerkt worden, verschwand auch dem Fremdling jeder Zweifel, jede Besorgniß, die er anfangs gehegt haben mochte. Er ritt kühn und standhaft vorwärts, bis er den Zügel, welchem sein abgemattetes, müdes Thier gern gehorchte, einige Schritte von dem Eigenthümer des Thals anzog. Dieser hatte beständig mit aufmerksamem Spähen alle seine Bewegungen von dem Augenblick an, wo er ihm zuerst zu Gesicht gekommen, bewacht. Ohne nur ein Wort zu sprechen, stieg der Fremde, ein Mann, dessen Haupt, dem Anschein nach, eben so sehr durch Mühen und Unglück, als durch die Zeit grau geworden, und dessen schweres Gewicht bei einem langen Ritt selbst für ein besser beschaffenes Thier, als die wenig begabte Provinzmähre, auf der er saß, eine beschwerliche Last gewesen, von seinem Pferde ab, und warf die Zügel lose auf den gebeugten Nacken des Thieres. Dieses benutzte, ohne einen Augenblick Aufschub und mit Gier, welche lange Enthaltung verrieth, seine Freiheit, und graste an der Stelle selbst, wo es stand. »Ich kann mich nicht irren, wenn ich voraussetze, daß ich endlich das Thal von Wish-Ton-Wish erreicht habe,« sagte der Reisende, indem er einen beschmutzten, breiträndigen Biberhut, der sein Gesicht über die Hälfte bedeckte, grüßend mit der Hand berührte. Die Frage geschah in einem Englisch, das eine Abkunft von den Bewohnern der inneren Provinzen des Mutterlandes bezeichnete und nicht in dem, welches man noch jetzt eben im westlichen Theile Englands, dessen Spuren sich in den östlichen Theilen der Vereinigten Staaten 35 wiederfinden, spricht. Aber ungeachtet der Reinheit seiner Aussprache war doch die Form, in die er seine Rede einkleidete, hinreichend, um zu erkennen, daß er der Weise der Religionssecten jener Zeiten aufs Strengste zugethan war. Er hatte jenen abgemessenen, methodistischen Ton an sich, von welchem man, sonderbar genug, glaubte, er bezeichne eine völlige Abwesenheit von aller Affectation in der Sprache. »Du hast die Wohnung dessen, den Du suchest, erreicht; die Wohnung eines Mannes, der ein demüthiger Knecht ist in der Abgeschiedenheit von der Welt, und ein einfacher Diener in den Außenhallen des Tempels.« »Ihr seid dann Marcus Heathcote!« rief der Fremde mehrere Male angelegentlich, und betrachtete den Andern mit einem Blick langer und vielleicht verdachtvoller Forschung. »Das ist der Name, den ich führe. Ein gebührendes Vertrauen auf Den, der so wohl weiß, die Wildnisse in Wohnungen der Menschen umzuwandeln, und viele Leiden und Arbeit haben mich zum Herrn Dessen, was Du siehst, gemacht. Ob Du nun kommst, eine Nacht, eine Woche, einen Monat, oder selbst noch längere Zeit zu verweilen, als einen Bruder für's Heil besorgt, als einen Kämpfer, der, ich zweifle nicht, nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit strebt, heiß ich Dich willkommen.« Der Fremde dankte seinem Wirth mit einer leichten Verbeugung; aber das Anstarren, in das sich jetzt etwas von dem Blick des Wiedererkennens zu mischen begann, war noch zu ernst und immer zunehmend, um eine Entgegnung in Worten zuzulassen. Andererseits, obgleich der Alte den breiten, alten Biberhut, die grobe und abgetragene Jacke, die schweren Stiefel, kurz den ganzen Anzug seines Gastes musterte, worin 36 er kein eitles Nachgeben gegen die thörichte Tracht der Welt zu tadeln fand, war es doch klar, daß von seiner Seite persönliches Wiedererkennen nicht den geringsten Einfluß auf Belebung seiner Gastfreundschaft hatte. »Du bist zur rechten Zeit angekommen,« fuhr der Puritaner fort; »hätte die Nacht Dich in dem Walde überfallen, so würden, wenn Du in den Künsten unserer jungen Waldleute nicht besonders erfahren bist, Hunger, Frost, ein Bett von Reisig und Mangel an Nahrung Dir Veranlassung gegeben haben, mehr an den Leib zu denken, als weder heilsam noch geziemend ist.« Der Fremde mußte wohl das Unbequeme dieser verschiedenen Unannehmlichkeiten schon erfahren haben, denn der schnelle, sich selber unbewußte Blick, den er auf seinen abgetragenen Anzug warf, hätte schon einige Vertrautheit mit den Entbehrungen verrathen mögen, auf welche sein Wirth hindeutete. Da doch keiner von Beiden geneigt schien, ferner noch die Zeit mit dem Besprechen von Dingen von so geringer Wichtigkeit zu verlieren, so steckte der Reisende seinen Arm durch die Zügel seines Pferdes, und schlug, einer Einladung von Seiten des Eigenthümers der Wohnung folgend, mit diesem den Weg nach dem befestigten Gebäude auf dem natürlichen Hügel ein. Whittal Ring besorgte Streu und Futter für das abgemattete Thier, unter der Aufsicht und manchmal auch unter der Anleitung seines Besitzers und seines Wirthes, denn Beide trugen eine gütige und lobenswerthe Sorge für das Wohlbefinden des treuen Thieres, welches augenscheinlich in dem Dienst seines Herrn lang und viel gelitten hatte. Als sie dieser Pflicht nachgekommen, traten der Alte und sein 37 unbekannter Gast in das Haus ein, da die freimüthige, anspruchlose Gastfreundschaft eines Landes, wie das, worin sie sich befanden, Verdacht oder Zögerung als Dinge hinstellte, die einem Manne von weißer Abkunft unbekannt waren, besonders, wenn er der Sprache jener Insel sich bediente, welche damals zuerst ihre Schwärme aussandte, um einen so großen Theil jenes Continents sich zu unterwerfen und in Besitz zu nehmen, welcher fast die eine Hälfte unserer Erde ausmacht. 38   Drittes Kapitel. Und seltsam ist's; Dein Vater scheint In Leidenschaft, die mächtig ihn bewegt. Der Sturm.             Einige wenige Stunden bewirkten eine große Veränderung in den Beschäftigungen der verschiedenen Glieder unserer einfachen, abgeschiedenen Einsiedlerfamilie. Die Kühe hatten ihren abendlichen Tribut geliefert, die Ochsen waren von dem Joch gelöst worden, und befanden sich jetzt ruhig und sicher unter Dach; die Schafe waren in ihren Hürden und geschützt vor den Angriffen des heulenden Wolfs, und man hatte Sorge getragen, zu untersuchen, ob jedes Ding, das Leben besaß, innerhalb des besonderen Schirms eingebracht worden, der für seine Sicherheit und sein Wohlsein zugerichtet war. Doch während lebenden Wesen so viel Vorsicht geschenkt wurde, herrschte die äußerste Gleichgültigkeit in Hinsicht jener Arten von beweglichem Eigenthum, welche wo anders wenigstens mit gleicher argwöhnischer Sorgfalt in Obhut genommen worden wären. Die Hausleinwand der Frau Ruth lag auf der Bleiche, um den Nachtthau einzusaugen, und Pflüge, Eggen, Karren, Sättel und andere ähnliche Gegenstände, 39 ließ man im Freien, was einen Beweis lieferte, daß die Hand des Menschen noch zu zahlreiche, zu drängende Geschäfte zu verrichten habe, um sich auch noch Arbeit zu machen, wo man sie nicht für unumgänglich nothwendig ansah. Contentius selbst war der Letzte, der die Felder und die Außengebäude verließ. Als er die Pforte in den Pallisaden erreichte, blieb er stehen, um erst noch die um ihn anzurufen, damit er wisse, ob sich noch Jemand außerhalb der hölzernen Schranken befinde. Da die Antwort verneinend ausfiel, trat er ein, zog das kleine aber gewichtige Thor zu, und sicherte es sorgfältig und argwöhnisch mit eigener Hand durch Riegel, Stange und Schloß. Da diese nöthige Vorsichtsmaßregel jeden Abend getroffen wurde, so veranlaßte sie in den häuslichen Verrichtungen keine Unterbrechung. Das zu dieser Stunde gewöhnliche Mahl war bald vorüber, und Unterhaltung nebst jenen leichten Beschäftigungen, welche in den langen Herbst- und Winterabenden in den an der Grenze wohnenden Familien so gewöhnlich sind, folgten als passende Arbeiten, um die Geschäfte eines mühsamen und wohlangewendeten Tages damit zu beschließen. Trotz der außerordentlichen Einfachheit, wodurch sich die Ansichten und Gebräuche der Colonisten zur damaligen Zeit auszeichneten, und ungeachtet der großen Gleichheit an Stand und Vermögen, welche selbst bis auf diese Stunde in den besondern Klassen von Menschen bemerklich ist, die wir beschreiben, brachte doch Wahl und Neigung einige natürliche Abstufungen in dem gewöhnlichen Benehmen der Glieder von Heathcote's Familie gegen einander hervor. Ein so glänzendes, fröhliches Feuer sprühte auf einem ungeheuren Herde 40 in einer Art von erhöheten Küche empor, daß es Lichter oder Fackeln ganz unnöthig machte. Um dieses saßen sechs oder sieben kräftige, athletische junge Männer herum; von denen einige höchst betriebsam an Ochsenjochen schnitzelten, andere glätteten Stiele zu Aexten oder bildeten Birkenreisig zu unförmlichen aber brauchbaren Besen für das Hauswesen. Eine ernste junge Frau hielt, das Auge nie aufschlagend, ihr Spinnrad in beständiger Bewegung, während ein oder zwei andere weibliche Wesen mit der auszeichnenden und regen Geschäftigkeit sorgsamer Stubenmädchen von Zimmer zu Zimmer eilten, mit den mehr die Familie betreffenden Sorgen für den Haushalt beschäftigt. An dieses größere Gemach stieß unmittelbar ein kleineres, besser eingerichtetes. In diesem flackerte ein nicht so großes, aber eben so einladendes Feuer, der Fußboden war rein gekehrt, während der im äußern Zimmer frisch mit Ufersand bestreut war, Talglichter standen auf einem Tisch von Kirschbaumholz aus dem nahen Wald, die Wände waren mit Täfelwerk von der schwarzen Eiche des Landes versehen und noch einige andere Geräthschaften fanden sich vor, von solch altem Geschmack und mit so sinnreichen und kostbaren Verzierungen, daß man daraus sehen konnte, sie stammten von jenseits des atlantischen Oceans her. Ueber dem Kamingesimse hing das Wappen der Heathcote's und Harding's, das sehr künstlich in zehn Felder eingetheilt war. Die vornehmsten Personen aus der Familie saßen um den Herd dieses kleineren Gemachs, obgleich auch Einer aus dem andern Zimmer, von mehr als gewöhnlicher Neugier sich unter sie gemischt hatte, der aber den Unterschied in Rang oder vielmehr in Stellung nur durch die außerordentliche 41 Sorgfalt verrieth, mit welcher er die Späne des Stieles, den er glättete, stets wieder von dem reinen eichenen Fußboden auflas. Bis zu diesem Augenblick hatten während des ganzen Abends die Pflichten der Gastfreundschaft und die religiösen Uebungen jede vertrauliche Unterredung verhindert. Aber die Geschäfte der Hausfrau waren jetzt für diesen Abend beendet, die Mädchen hatten alle sich an ihre Spinnräder begeben, und da das Geräusch einer geschäftigen und unruhigeren häuslichen Emsigkeit jetzt aufhörte, schien das kalte, in sich abgeschlossene Schweigen, welches bis jetzt nur durch weithergeholte und kurze Bemerkungen der Höflichkeit, oder durch heilsame Anspielungen auf den verderbten Prüfungsstand des Menschen unterbrochen worden, zu einer Unteredung von etwas allgemeinerem Charakter einzuladen. »Ihr betratet meine Waldlichtung auf dem südlicheren Pfade,« begann Marcus Heathcote, indem er sich mit der gebührenden Höflichkeit an seinen Gast wandte; »und nothwendig müßt Ihr Nachrichten aus den Küstenstädten mitbringen. Haben unsere Sachwalter zu Hause in der Sache, die das Wohl dieser Colonie so nahe angeht, irgend Etwas gethan?« »Ihr möchtet von mir erfahren, ob Der, welcher jetzt auf Englands Thron sitzt, auf die Bittschriften seines Volks in dieser Provinz gehört, und ihnen hat Schutz angedeihen lassen gegen die Mißbräuche, welche so leicht aus seinem eigenen übelberathenen Willen, oder aus der Gewaltthätigkeit und Ungerechtigkeit seiner Nachfolger herfließen könnten?« »Wir wollen dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und 42 ehrerbietig von Leuten sprechen, welche Gewalt haben. Ich möchte gerne wissen, ob es dem von unseren Leuten abgesandten Geschäftsträger gelungen ist, sich bei den Räthen des Fürsten Gehör zu verschaffen, und das Gewünschte zu erlangen?« »Er hat noch mehr erreicht,« entgegnete der Fremde mit seltsamer Barschheit; »er hat sogar Gehör bei dem Gesalbten des Herrn selbst sich zu verschaffen gewußt.« »Dann ist Karl von besserer Sinnesart und strengerer Gerechtigkeit, als das Gerücht ihm zuschreibt. Man erzählte uns, leichte Sitten und unvortheilhafte Gefährten hätten ihn dazu verleitet, mehr an die Eitelkeiten der Welt und weniger an die Bedürfnisse Derjenigen zu denken, über welche zu herrschen er von der Vorsehung berufen ist, eine Sinnesart, die nicht sehr schicklich für Denjenigen wäre, der eine so hohe Stelle einnimmt. Ich freue mich, daß die Vorstellungen des Mannes, den wir geschickt, über bösere Einflüsterungen gesiegt haben, und daß es den Anschein gewinnt, es werden Friede und Gewissensfreiheit die Früchte unseres Versuchs sein. Auf welche Weise hat er für dienlich erachtet, die künftige Regierung dieses Volkes zu ordnen?« »Ziemlich so, wie es immer geschehen; nach des Volkes eignen Verordnungen. Winthrop ist zurückgekehrt, und ist der Ueberbringer einer königlichen Urkunde, welche alle die lang geforderten und längst geübten Rechte gewährt. Niemand lebt jetzt unter dem brittischen Scepter mit wenigeren lästigen Gewissensbeschränkungen und mit geringeren Anforderungen an ihre staatsrechtlichen Verpflichtungen, als die Bewohner von Connecticut.« »Es geziemt sich, Dem dafür unseren Dank darzubringen, 43 dem wir ihn am meisten schuldig sind,« sagte der Puritaner, indem er die Hände auf der Brust faltete und die Augen für einen Moment geschlossen hielt, und überhaupt eine Stellung annahm, wie Einer, der sich mit dem unsichtbaren Wesen unterhält. »Ist es bekannt geworden, durch welche Beweismittel der Herr das Herz des Fürsten lenkte, daß er auf unsere Bedürfnisse hörte; oder war es ein offenes, in die Augen fallendes Zeichen seiner Macht?« »Ich glaube, es muß nothwendig das Letztere gewesen sein,« entgegnete der Andere mit einer noch beißenderen und nachdrucksvolleren Miene. »Das Spielzeug, das die sichtbare Ursache davon war, konnte nicht viel Gewicht bei einem Manne haben, der so stolzen Rang vor den Augen der Menschen einnimmt.« Bis zu diesem Punkt in der Unterredung hatten Contentius und Ruth mit ihrer Nachkommenschaft und zwei oder drei andern Personen, welche Zuhörer waren, mit dem vor sich hinblickenden Ernst zugelauscht, der die Sitten des Landes auszeichnet. Die Sprache, zusammen mit dem schlechtverhehlten Hohn, der in den Mienen ebensowohl, als in dem Nachdruck des Sprechenden lag, bewirkte jetzt, daß sie wie durch gemeinsamen Antrieb die Augen aufrichteten. Das Wort »Spielzeug« wurde hörbar und mit Ausdruck wiederholt, aber der Blick kalter Ironie war schon wieder aus den Zügen des Fremden verschwunden, und hatte einem finstern, tiefen Ernste Platz gemacht, der seinem harten, sonnverbrannten Gesicht einen Anstrich von Grimm verlieh. Doch zeigte er keine Neigung, den Gegenstand des Gesprächs aufzugeben; sondern, nachdem er seine Zuhörer mit einem Ausdruck angesehen, 44 worin sich Stolz und Argwohn stark mischten, nahm er seine Rede wieder auf. »Es ist bekannt,« fuhr er fort, »daß der Großvater des Mannes, dem die guten Leute dieser Ansiedelungen den Auftrag gaben, ihre Wünsche vor den Thron Englands zu bringen, in der Gunst jenes Mannes gestanden hat, welcher zuletzt auf Englands Throne saß, und es geht das Gerücht, jener Stuart habe in einem Augenblick königlicher Huld und Herablassung den Finger seines Unterthans mit einem Ringe geschmückt, der auf seltsame Weise gearbeitet gewesen. Es war das Pfand einer Liebe, wie sie ein Herrscher gegen einen Menschen hegen mag.« »Solche Gaben sind Fackeln für die Freundschaft, sollten aber nicht zu leichtsinnigem, sündlichem Schmuck gebraucht werden,« bemerkte Marcus, während der Andere einhielt, als wünsche er, es möchte nichts von der Bitterkeit seiner Anspielungen verloren gehen. »Es liegt nichts daran, ob das Spielzeug in den Kästen der Winthrop lag, oder schon lange vor den Augen der Gläubigen in der Bai geglänzt hat, da es sich zuletzt als ein Juwel von Werth erwiesen hat,« fuhr der Fremde fort. »Man sagt im Geheim, dieser Ring sei an den Finger eines Stuart zurückgekehrt, und öffentlich wird ausgerufen, Connecticut habe einen Freibrief!« Contentius und sein Weib sahen einander mit trauervollem Erstaunen an. Solch' ein Zeichen kindischen Leichtsinns und kindischer Unwürdigkeit in den Beweggründen, bei einem Manne, dem das Amt irdischer Herrschaft anvertraut worden, bekümmerte ihr einfaches, lauteres Gemüth; während der alte Marcus, der noch entschiedenere und höhere Begriffe von 45 geistlicher Vollkommenheit hatte, laut aufseufzte. Der Fremde fand sichtbar Vergnügen an diesen Zeichen ihres Abscheu's gegen eine so grobe und unwürdige Käuflichkeit; jedoch sah er keinen Grund, die auf seine Zuhörer hervorgebrachte Wirkung durch eine fortgesetzte Erzählung noch zu erhöhen. Als sein Wirth sich erhob und mit einer Stimme, die gewohnt war, daß man ihr gehorchte, seine Familie aufrief, sich mit ihm für den rücksichtslosen Beherrscher des Landes ihrer Väter in ein Gebet an Den zu vereinen, welcher allein die Herzen der Fürsten zu lenken vermag, da stand auch er von seinem Sitze auf. Aber selbst bei dieser Handlung der Andacht, hatte der Fremde mehr das Ansehen, als wolle er seinen Wirthen zu gefallen leben, und wünsche und hoffe gar nicht, das zu erlangen, warum er bat. Das Gebet war kurz, aber innig, voll scharfer, persönlicher Beziehungen. Die Spinnräder in dem Außenzimmer unterbrachen ihr Geschnurr, und eine allgemeine Bewegung bewies, daß Alle dort aufgestanden waren, sich der Andacht zuzugesellen. Einer oder zwei sogar von ihnen, angetrieben durch größere Frömmigkeit, oder höhere Theilnahme, zogen sich näher an die offene Thür zwischen den Zimmern, um besser zu hören. Mit dieser seltsamen, aber bezeichnenden Unterbrechung stockte völlig jener besondere Zweig des Gesprächs, der zu ihr Veranlassung gegeben. »Ist vielleicht Grund vorhanden, einen Aufstand der Wilden an den Grenzen zu befürchten?« fragte Contentius, als er fand, daß das aufgeregte Gemüth seines Vaters noch nicht hinlänglich beruhigt worden, um zur Untersuchung weltlicher Dinge sich zurückzuwenden; »Jemand, der von den Städten unten vor einigen Monaten Waaren brachte, gab uns durch 46 seine Erzählungen Grund, Bewegungen unter den Rothen zu befürchten.« Der Gegenstand hatte für den Fremden nicht hinlängliches Interesse, daß er darauf gehört hätte. Er war gegen die Frage taub, oder hielt es für gut, Taubheit dagegen zu affectiren. Seine beiden großen und vom Wetter zerschlagenen, doch immer noch nervigen Hände auf ein Gesicht legend, das durch die Witterung, der er sich ausgesetzt, sehr gebräunt worden, schien er die Gegenstände der Welt von sich auszuschließen, während er innig, und, wie ein leichtes Zittern verrieth, das selbst seinen mächtigen Bau erschüttere, in großer Erregung mit seinen Gedanken verkehrte. »Wir haben Viele, an denen unsere Herzen festhängen, und für die wir bei den geringsten Zeichen von Unruhe von jener Seite her lebhaft fürchten,« fügte die zärtliche und angstvolle Mutter hinzu, während ihr Auge auf dem aufgerichteten Antlitz zweier kleinen Mädchen leuchtete, die mit ihrer kleinen Näharbeit beschäftigt auf Schemeln zu ihren Füßen saßen. »Aber es freut mich, zu sehen, daß ein Mann, der von jener Seite herkommt, wo man den Sinn der Wilden besser durchschauen muß, nicht gefürchtet hat, unbewaffnet die Reise zu machen.« Der Wanderer enthüllte langsam seine Züge, und der Blick, den sein Auge über das Gesicht der zuletzt Sprechenden schoß, war nicht ohne einen freundlichen, theilnehmenden Ausdruck. Sogleich jedoch gewann er seine Fassung wieder, stand auf, und begab sich nach dem Ledersack, welcher hinten auf seinem Pferde gelegen hatte und sich jetzt in geringer Entfernung von seinem Sitze befand. Er zog ein paar 47 Reiterpistolen aus zwei in den Seiten wohl angebrachten Taschen hervor, und legte sie vorsichtig auf den Tisch. »Obgleich wenig geneigt, einen Streit mit einem Wesen zu suchen, das das Ebenbild des Menschen trägt,« sagte er, »habe ich doch nicht die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln Derjenigen versäumt, welche die Wildniß betreten. Hier sind Waffen, die in fester Hand leicht ein Leben nehmen oder, wenn es Noth thut, erhalten können.« Der junge Marcus näherte sich mit kindischer Neugier, und während ein Finger das Schloß zu berühren wagte, und ein Blick, der sich etwas Schlimmes bewußt war, sich zu seiner Mutter hinüberstahl, sagte er mit all' der Verachtung in seinem Blicke, die nur die Ausbildung seiner Sitten ihm geben konnte: »Ein indianischer Pfeil würde doch sicherer zum Ziel gelangen, als ein so kurzer Lauf, wie dieser die Kugel zu schießen verspricht. Als der Exerciermeister aus der Stadt Hartford die wilde Katze auf der Hügellichtung schoß, fuhr die Kugel aus einer fünf Fuß langen Röhre; außerdem möchte auch die kurzsichtige Waffe im Ringen eine unbehülfliche Wehr gegen das scharfgespitzte Messer sein, das bekanntlich der böse Wampanoag mit sich führt.« »Knabe! Deiner Jahre sind wenige, und die Kühnheit Deiner Rede ist zu verwundern;« fiel ernst der Großvater ein. Der Fremde zeigte keine Unzufriedenheit über die vertrauensvolle Sprache des Kindes. Er ermuthigte es durch einen Blick, welcher deutlich aussprach, kriegerische Eigenschaften setzten auf keine Weise den Burschen in seiner Gunst herunter, und er bemerkte: 48 »Die Jugend, die an den Kampf zu denken, oder über seine Unfälle nachzuforschen sich nicht scheut, wird zu einem Mannesalter voll Muth und Unabhängigkeit führen. Hunderttausend Burschen, wie dieser da, hätten Winthrop's Juwel unnöthig gemacht und dem Stuart die Schande erspart, einer so eiteln und erbärmlichen Bestechung zu erliegen. Aber Du magst auch sehen, mein Kind, daß, wenn es mit mir und dem bösen Wampanoag zum Kampfe gekommen wäre, dieser einer Klinge begegnet wäre, die nicht weniger scharf als die seine gewesen.« Während der Fremde noch sprach, löste er zu gleicher Zeit einige Schnüre seiner Jacke auf, und steckte die Hand in die Brust. Diese Bewegung machte es mehr als einem Auge möglich, für einen Augenblick eine Waffe von derselben Art, aber von noch weit geringerer Größe, als die waren, welche er schon vorher so offen gezeigt hatte, zu gewahren. Da er jedoch alsbald die Hand wieder herauszog, und das Gewand wieder mit eigener Sorgfalt zumachte, nahm sich Niemand heraus, auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, sondern Alle richteten ihre Blicke auf das lange, scharfe Jagdmesser, das er neben die Pistolen legte, als er die letzten Worte sprach. Marcus wagte die Klinge zu entblößen, aber er wandte sich plötzlich, im Bewußtsein der Unschicklichkeit seiner That, weg, als er fand, daß einige wenige Flocken von der krausen, langen Wolle, die er von der losgemachten Scheide abgestreift, an seinen Fingern hängen geblieben waren. »Straffhorn ist an einen schärferen Busch, als an einen Dornbusch angestoßen,« rief Whittal Ring, der in der Nähe gewesen war und in der kindischen Bewunderung die geringsten Bewegungen der verschiedenen Personen bewachte. »Ein 49 Feuerstein zum Rücken dieser Klinge, eine Handvoll trockener Blätter und gebrochener Reiser und dann ein solcher Zertheiler, mochten bald den alten Leithammel rösten und braten. Ich weiß, daß die Mähne aller meiner Fohlen fuchsrot ist, und ich zählte ihrer fünf bei Sonnenuntergang, was gerade die Zahl war, die durch das Untergehölz setzte, als ich sie am Morgen von den Pfählen losmachte; aber sechsunddreißig Rücken können nie siebenunddreißig lange Fließe ungeschorener Wolle tragen. Der junge Herr weiß das; denn er ist gelehrt, und kann bis Hundert zählen!« Die Hinweisung auf das Schicksal des verlornen Schafes war so klar, daß sie keine Mißdeutung der Meinung des einfachen Sprechers zuließ. Die Thiere dieser Art waren für die Bequemlichkeit der Ansiedler von der größten Wichtigkeit, und es fand sich wohl Niemand im Bereich der Rede Whittal Ring's, der ganz und gar unwissend über die Bedeutung seiner Worte gewesen. In der That ließ auch das laute Kichern und die offen höhnende Weise, womit der Bursche die härenen Flocken, die er dem jungen Marcus aus den Händen gehascht, über seinem Kopf in die Höhe hielt, kein Verhehlen der Sache zu, wäre dies auch wünschenswerth gewesen. »Dieser schwachköpfige Bursche möchte zu verstehen geben, Dein Messer habe seine Schärfe an einem Hammel versucht, der aus unserer Heerde vermißt wird, seit die Thiere am Morgen auf ihren Berghang ausgetrieben,« sagte der Wirth ruhig; obwohl er sogar sein Auge auf den Boden heftete, als er die Antwort auf die Bemerkung erwartete, welche gerade an ihn gerichtet ward, wie dies von einem Manne zu vermuthen war, bei dem der Sinn für Gerechtigkeit und die 50 Liebe zur Wahrheit so unumwunden und uneingeschränkt sich vorfand. Der Fremde fragte in einem Tone, welcher in Nichts von seiner Tiefe und Festigkeit nachließ: »Ist Hunger ein Verbrechen, daß die, welche so weit von den Wohnungen der Selbstsucht abgelegen sind, ihn mit ihrem Zorne ahnden?« »Der Fuß des Christen nahte nie den Thoren von Wish-Ton-Wish, um sich weggewiesen zu sehen in Härte und Unbarmherzigkeit; aber was freiwillig gegeben wird, sollte nicht mit Willkür und Leichtsinn genommen werden. Von dem Hügel aus, wo meine Heerde zu weiden pflegt, ist leicht durch manche Oeffnung im Walde dieses Dach zu sehen, und es würde besser gewesen sein, daß der Leib geschmachtet, denn daß eine schwere Sünde auf jenen unsterblichen Geist gefallen, welcher schon zu sehr beladen ist; es müßte denn sein, daß Du weit glücklicher Dich fühltest als die Andern von Adam's gefallenem Geschlecht.« »Marcus Heathcote,« sagte der Angeschuldigte und zwar in festem, ungetrübten Tone, »sieh Dir diese Waffen, die, wäre ich ein Schuldiger, ich unbehutsam in Deine Gewalt gegeben habe, etwas genauer an. Du wirst mehr daran zu bewundern finden, als einige zurückgebliebene Härchen, die jede Spinnerin weit von sich wegwerfen würde, als zu grob, um nütze zu sein.« »Es ist lange her, daß ich Vergnügen daran fand, Waffen des Streits zu führen; möge es noch länger bis zur Zeit sein, wo man ihrer in dieser Wohnung des Friedens bedürfen wird. Dies sind Werkzeuge des Todes, denen ähnlich, welche in meiner Jugend die Cavaliere gebrauchten, die in der Armee des ersten Karl und seines kleinmüthigen Vaters 51 dienten. Da fand sich weltlicher Stolz und große Eitelkeit mit vieler und verdammnißwürdiger Gottlosigkeit in den Kriegen, die ich gesehen habe, meine Kinder; und doch hatte der fleischliche Mensch Lust an dem wirren Aufruhr jener gnadenlosen Tage. Komm hierher, Knabe! Du hast oft verlangt, die Weise kennen zu lernen, wie die Reiter in den Kampf zu stürzen pflegen, wenn die weitmäuligen Geschütze und der pfeifende Bleihagel einen Weg gebahnt haben zum Kampf von Roß gegen Roß und Mann gegen Mann. Viele von den Rechtfertigungsgründen für diese Gefechte müssen abhängen von der inneren Gesinnung, und von dem Charakter Dessen, der nach dem Leben trachtet von seinen sündigen Nebenmenschen, aber der gerechte Josua, wie bekannt, stritt mit den Heiden einen ganzen durch Wunder verlängerten Tag; und deswegen, immer demüthig vertrauend, daß unsere Sache die gerechte ist, will ich Deinem jungen Gemüth den Gebrauch einer Waffe enthüllen, die nie vorher gesehen worden in diesen Wäldern.« »Ich habe manches schwerere Stück als dieses gehandhabt,« sagte der junge Marcus, die Stirn zusammenziehend, eben so sehr der Anstrengung wegen, als angefeuert durch kriegerischen Muth, wie er die gewichtige Waffe in Einer Hand gerade hinhielt: »wir haben Flinten, welche einen Wolf mit größerer Gewißheit zähmen, als jeder andere Lauf, der kleiner ist, als meine eigene Höhe. Sage mir, Großvater, in welcher Weite erreichen die berittenen Krieger, die Du so oft erwähnst, ihr Ziel noch?« Aber die Gabe der Rede schien den bejahrten Krieger mit einem Male verlassen zu haben. Er hatte in seiner eigenen Rede plötzlich eingehalten, und jetzt, statt die Frage des 52 Knaben zu beantworten, richtete sich sein Auge langsam und mit einem Blick peinlichen Zweifels von der Waffe weg, die er noch vor sich hielt, auf das Antlitz des Fremden hin. Dieser behielt immer seine geradeaufgerichtete Stellung bei, als wünsche er eine genaue, sorgfältige Beschauung seiner Züge. Dieser stumme Auftritt mußte nothwendig die Aufmerksamkeit des Contentius auf sich ziehen. Er erhob sich von seinem Sitz und winkte mit einer stillen, aber jener gebietenden Weise, welche man noch in dem Hausregiment des Volks der Gegend bemerkt, welche sie bewohnten, und hieß alle Gegenwärtigen das Gemach verlassen. Ruth und ihre Töchter, die Tagelöhner, der schwachsinnige Whittal und selbst der zögernde Marcus gingen ihm voraus nach der Thüre zu, die dieser mit ehrerbietiger Sorgfalt verschloß, worauf sich dann der ganze verwunderte Haufe mit den Besitzern des Außenzimmers vermischte, und die eine Stube, die sie verlassen, in dem alleinigen Besitze des bejahrten Häuptlings der Colonie und seines noch unbekannten und geheimnißvollen Gastes ließen. Viele angstvolle und denen, welche ausgeschlossen waren, unendbar scheinende Minuten gingen vorüber, und die geheime Unterredung hatte immer nicht den Anschein, zu ihrem Schlusse kommen zu wollen. Jene tiefe Ehrfurcht, welche Jahre das väterliche Ansehen und der Charakter des Großvaters ihnen eingeflößt hatte, verhinderte Alle, sich dem Theil des Zimmers zu nähern, der dem Gemache am nächsten war, welches sie verlassen hatten; aber ein Schweigen, still wie das Grab, that alles, was Schweigen thun konnte, um ihren Gemüthern Licht über eine Sache zu geben, die für sie von so allgemeinem Interesse war. Die tiefen, 53 unterdrückten Reden der beiden Sprechenden hörte man oft, wie jeder mit Standhaftigkeit und eigenthümlicher Ansicht auf seinem besondern Satze beharrte, aber kein Wort, das dem Verstande derer außen Aufklärung gegeben hätte, drang je durch die neidischen Wände. Endlich war die Stimme des alten Marcus mehr als gewöhnlich hörbar, und dann erhob sich Contentius mit einem Winke gegen die, welche um ihn waren, sein Beispiel nachzuahmen. Die jungen Leute warfen die Gegenstände ihrer leichten Beschäftigungen bei Seite, die Mädchen verließen die Spinnräder, die seit langen Minuten nicht umgedreht worden, und die ganze Gesellschaft nahm die sittsame, einfache Stellung zum Gebet an. Zum dritten Male hörte man an jenem Abende die Stimme des Puritaners seinen Geist in seiner Andacht ausströmen, in einer Unterredung mit jenem Wesen, auf welches er alle seine weltlichen Sorgen zu werfen pflegte. Aber obgleich seit langem an alle die besondern Formen gewöhnt, durch welche ihr Vater gewöhnlich seine frommen Bewegungen auszusprechen pflegte, vermochte doch weder Contentius noch sein aufmerksamer Nebenmann die Art des Gefühls zu bestimmen, welche die Oberhand hatte. Zu Zeiten schien es die Sprache des Dankes zu sein, dann nahm es wieder mehr von den flehenden Tönen des Abwendens und Bittens an; kurz, seine Rede war so mannigfaltig und, obgleich ruhig, so vielsinnig. wenn man einen solchen Ausdruck von einem so ernsten Gegenstand gebrauchen darf, daß sie jede Vermuthung gänzlich irre machte und verhinderte. Alles wurde dann wieder stille. Lange und verdrießliche Minuten gingen abermals vorüber, und doch erging an die harrende Familie kein Aufruf, noch ließ sich sonst ein Ton 54 aus dem innern Gemache vernehmen, welchen der ehrfurchtsvolle Sohn sich erkühnt hätte, als ein Zeichen auszulegen, das ihm ein Recht gegeben, wieder einzutreten. Endlich mischten sich Besorgniß in ihre Vermuthungen und dann besprachen sich Mann und Frau in leisen Worten. Die schlimmen Ahnungen und Zweifel des ersteren äußerten sich bald in noch auffallenderer und unzweideutigerer Weise. Er erhob sich, und man sah ihn jetzt das weite Zimmer durchschreiten, immer mehr der Stelle sich nähernd, welche die beiden Gemächer trennte, augenscheinlich aber immer bereit, sich außer dem Bereich des Hörens zurückzuziehen, sobald er einige Beweise entdecken würde, daß seine Unruhe ohne hinlänglichen Grund sei. Noch ließ sich kein Ton aus dem innern Zimmer vernehmen. Das athemlose Schweigen, welches so eben noch da geherrscht hatte, wo er sich selbst befand, schien plötzlich auf die Stelle versetzt, an welcher er vergebens sich bemühte, den geringsten Beweis vom Dasein eines Menschen zu entdecken. Nochmals kehrte er zu Ruth zurück, und nochmals beriethen sie sich in leisen Tönen über den Schritt, den kindliche Pflicht von ihrer Seite zu verlangen schien. »Man hat uns nicht geheißen, uns zurückzuziehen,« sagte seine liebliche Gefährtin, »warum nicht zu unserem Vater zurückkehren, jetzt da wir ihm Zeit gelassen, sich über den Gegenstand zu verständigen, der so augenscheinlich sein Gemüth beunruhigte.« Contentius gab endlich dieser Ansicht nach. Mit jener vorsichtigen Abgemessenheit, die seine Nation auszeichnet, winkte er seiner Familie, ihm zu folgen, damit keine unnöthige Ausscheidung Veranlassung zu Vermuthungen gäbe, oder Verdacht erregte, wozu bei allen dem die Umstände nicht zu berechtigen schienen. Trotz der demüthigen Sitten der damaligen Zeit 55 und des Landes waren doch Neugier, oder vielleicht ein besseres Gefühl so mächtig geworden, daß sie alle Anwesenden schnell zum Gehorsam gegen diesen stillen Befehl antrieben; sie eilten jetzt so schnell auf die offene Thüre zu, als es ein nie sie verlassendes Gefühl für Schicklichkeit im Benehmen nur immer zuließ. Der alte Marcus Heathcote nahm noch den Stuhl, worauf sie ihn zurückgelassen, mit jenem ruhigen, ungestörten Ernste in Auge und Miene ein, welche man damals für unerläßlich zu einer geziemenden Nüchternheit des Geistes hielt; aber der Fremde war verschwunden. Es befanden sich zwei oder drei Ausgänge an dieser Seite des Gebäudes, durch welche man das Zimmer und selbst das Haus verlassen konnte, ohne daß Die, welche so lange auf Einlaß gewartet, einige Kenntniß davon erhielten. Der erste Eindruck, den dies auf die Familie machte, war die Erwartung der Wiedererscheinung des abwesenden Mannes durch einen dieser äußern Eingänge. Aber Contentius las in dem Ausdrucke von seines Vaters Auge, daß der Augenblick der Vertraulichkeit, wenn er je eintreten sollte, noch nicht gekommen sei, und so bewunderungswürdig und vollkommen war das Hausregiment in dieser Familie, daß die Fragen, welche der Sohn vorzulegen nicht passend erachtete, kein Anderer zu geringerem Range oder jüngerem Alter zu besprechen sich herausnahm. Mit der Person des Fremden war auch jede Spur seines kürzlichen Besuchs gleichfalls verschwunden. Der junge Marcus vermißte die Waffe, die seine Bewunderung erregte; Whittal spähte vergebens nach dem Jagdmesser, welches das Schicksal des Hammels verrathen hatte. Mrs. Heathcote sah beim ersten schnellen Blick ihres Auges, 56 daß der lederne Mantelsack weg war, welchen sie in das Schlafgemach ihres Gastes hatten bringen lassen wollen, und die kleine sanfte, spiellustige Ruth, die mit dem Namen auch die Züge der Mutter besaß, welche ihre eigene Jugend mehr als gewöhnlich reizend und anziehend gemacht hatte, suchte ohne Erfolg einen massiven silbernen Sporn, von seltsamer, altfränkischer Arbeit, mit dem man sie bis zu dem Augenblick, wo die Familie das Zimmer verlassen mußte, hatte spielen lassen. Die Nacht war jetzt weit über die Stunde vorgerückt, wo noch Leute von so einfachen Gewohnheiten außer ihrem Bette zu sein pflegten. Der Großvater zündete ein Licht an, und nachdem er den gewöhnlichen Abendsegen Allen um ihn mit einem so ruhigen Aeußern gegeben hatte, als wenn gar nichts vorgefallen, schickte er sich an, sich in sein Zimmer zurückzuziehen. Und doch schien noch etwas Wichtiges in seinem Innersten zurückgeblieben. Noch auf der Thürschwelle wandte er sich um, und einen Augenblick lang erwarteten alle eine Erklärung über einen Umstand, der nicht wenig von dem Anstrich eines aufregenden und peinlichen Geheimnisses anzunehmen begann. Aber ihre Hoffnungen wurden nur aufgeregt, um getäuscht zu werden. »Meine Gedanken haben auf den Gang der Zeit nicht geachtet,« sagte er, »welche Stunde der Nacht ist's, mein Sohn?« Man entgegnete ihm, daß es schon weit über die gewöhnliche Zeit des Schlafengehens hinaus sei. »Thut nichts; das, was die Vorsehung für unser Wohlsein und unsern Unterhalt uns verliehen hat, darf nicht leichtsinnig und undankbar übersehen werden. Nimm Du, 57 Contentius, das Thier, das ich zu reiten pflege, und verfolge den Pfad, der nach der Berglichtung führt; nimm mit Dir, was dort nahe der ersten Wendung der Straße auf die Uferstädte zuerst Dir in's Auge fallen wird. Wir sind im letzten Quartal des Jahrs getreten, und damit nun unser Fleiß nicht erschlaffen möge, und Alles mit Aufgang der Sonne auf und in Thätigkeit sei, laß die Uebrigen unsers Hauses sich zur Ruhe begeben. Contentius sah aus der Weise seines Vaters, daß keine Abweichung von dem strengen Buchstaben dieser Vorschriften rathsam und zulässig sei. Er schloß hinter dem sich zur Ruhe Begebenden die Thüre, und bedeutete dann durch einen stillschweigenden, gebietenden Wink seinen Untergebenen, daß sie sich entfernen möchten. Die Dienstmägde der Ruth führten die Kinder in ihre Zimmer, und in wenigen Augenblicken später blieb Niemand mehr in dem schon so oft erwähnten Außenzimmer als der gehorsame Sohn mit seiner ängstlichen und liebenden Frau. »Ich will Dich begleiten, lieber Mann,« begann Ruth halb flüsternd, sobald die kleinen häuslichen Geschäfte vorüber waren, das Feuer bewahrt und die Thüren geschlossen worden; »mir gefällt es nicht, daß Du allein zu so später Stunde der Nacht in den Wald gehen sollst.« »Einer wird doch bei mir sein, der Diejenigen, welche zuversichtlich seinem Schutze vertrauen, nie verläßt. Und was wäre denn auch in einer Wildniß, wie diese zu befürchten, meine Ruth? Die Thiere sind kürzlich von den Hügeln verjagt worden, und die ausgenommen, die unter unserm eigenen Dache wohnen, ist keins zu finden innerhalb einer langen Tagereise.« 58 »Das können wir nicht wissen: Wo ist der Fremde, der in unsere Thüre trat, als die Sonne unterging?« »Wie Du sagst, das können wir nicht wissen. Mein Vater ist nicht geneigt, seine Lippen in Betracht dieses Reisenden zu öffnen, und sicher brauchen wir nicht jetzt erst die Lehren des Gehorsams und der Entsagung zu lernen.« »Es würde indeß eine große Beruhigung für den Geist sein, wenigstens den Namen Dessen zu hören, der unser Brod aß, und zu unserer Hausandacht sich vereinigte, wenn er auch unmittelbar darauf uns für immer aus dem Gesicht kommen sollte.« »Dies möchte vielleicht schon geschehen sein,« entgegnete der weniger neugierige und mehr selbstbeherrschte Gemahl. »Mein Vater will nicht, daß wir darnach forschen.« »Und doch kann es keine Sünde sein, den Stand eines Mannes zu erfahren, dessen Geschick und Schritte weder unsern Neid, noch Uneinigkeit unter uns erregen können. Ich wünschte, wir wären zurückgeblieben, um uns inniger im Gebet mit ihm zu vereinen: es geziemte sich nicht, einen Gast zu verlassen, für den, wie es schien, eine ganz besondere Fürbitte so nöthig war.« »Im Geiste beteten wir mit, wenn auch unsere Ohren für den eigentlichen Gegenstand seiner Bedürfnisse verschlossen waren. Aber es wird nöthig sein, daß ich zugleich mit den Leuten am folgenden Morgen wieder aus bin, und bis zu der Krümmung des Pfades nach den Küstenstädten ist's eine gute Meile. Komme mit bis zur Pforte und nimm die Pallisadenschranken in Obhut; ich werde Dich nicht lange auf Deinem Posten lassen.« Contentius und sein Weib verließen jetzt die Wohnung 59 durch die einzige Thüre, die unverriegelt geblieben. Von einem Mond beleuchtet, der voll, wiewohl umwölkt war, schritten sie durch einen Thorweg zwischen zwei der Außengebäuden und stiegen zu den Pallisaden hinab. Die Riegel und Stangen der kleinen Pforte wurden weggenommen, und in wenigen Minuten saß der Erstere auf dem Pferde seines Vaters und jagte eifrig den Pfad entlang, der in den Theil des Waldes führte, den aufzusuchen er beauftragt worden. Während er auf diese Weise den Befehlen gehorsam, denen er nie zu willfahren zögerte, forteilte, zog sich sein getreues Weib innerhalb des Schutzes der hölzernen Vertheidigungen zurück. Mehr aus Nachgiebigkeit gegen die Vorsicht, die zur Gewohnheit geworden, als aus einer andern Ursache zu Verdacht, zog sie den einzigen Riegel vor, und blieb an der Pforte, ängstlich des Ausgangs einer Unternehmung harrend, die eben so unerklärlich, als außerordentlich war. 60   Viertes Kapitel. Im Namen alles desjenigen, was heilig ist, Sir, warum steht Ihr so starr dorthinblickend? Der Sturm.               Als Mädchen war Ruth Harding eines der sanftesten lieblichsten Geschöpfe des menschlichen Geschlechts. Wenn auch ihren natürlichen freundlichen Neigungen durch die Anhänglichkeit als Weib und Mutter an Mann und Kind neue Antriebe gegeben worden, so erlitt doch ihr eigentlicher Charakter durch die Ehe keine Veränderung. Unterwürfig, uneigennützig und ergeben gegen die, welche sie liebte, wie schon ihre Eltern sie kennen gelernt hatten, hatte sie sich auch nach einer Erfahrung von vielen Jahren beständig gegen Contentius gezeigt. Bei dem äußersten Gleichmuth ihres Charakters und Benehmens schlief doch ihre wachsame Besorgniß für die Wenigen, die den beschränkten Kreis ihres Wirkens und Daseins bildeten, nimmer. Diese wohnte anspruchslos, doch thätig in ihrer liebenden Brust, gleich dem hohen, bewegenden Princip des Lebens. Obgleich Umstände sie an eine ferne, entblößte Grenze versetzt hatten, wo den verschiedenen Beschäftigungen noch nicht Zeit gelassen worden, sich in die gewöhnlichen Abstufungen zu trennen, blieb sie doch 61 unverändert in Gewohnheiten, Gefühlen und Charakter. Der Wohlstand ihres Mannes hatte sie über die Nothwendigkeit, schwere Arbeit zu verrichten, hinausgehoben, und während sie die Gefahren der Wildniß empfunden und keine der Pflichten ihres thätigen Standpunktes vernachlässigt hatte, so war sie doch den meisten der für die weibliche Schönheit so nachtheiligen Wirkungen entgangen, welche so wenig geeignet sind, die besondere Lieblichkeit eines Weibes zu erhöhen. Ungeachtet der Beschwerlichkeiten eines Lebens an der äußersten Landgrenze, verlor sie daher die Weiblichkeit und ihre jugendlichen Reize nicht. Der Leser mag sich nun die Gefühle einer solchen Frau, während ihr Gatte in der Ausführung eines Geschäfts, wie das erwähnte, begriffen war, und ihr Streben denken, seine fernere Gestalt nicht aus den Augen zu verlieren. Trotz des Einflusses langer Gewohnheiten näherten sich doch selten die kühnsten Waldleute nach dem Einbruche der Nacht den Wäldern ohne ein geheimes Bewußtsein, sie setzten sich bestimmter Gefahr aus. Es war die Stunde, wo bekanntlich die wandernden, hungrigen Bewohner der Wälder am meisten in Bewegung sind, und das Rascheln eines Blattes, oder das Brechen eines dürren Zweiges, unter dem leichten Tritt des kleinsten Thieres, war fähig, Bilder von gefräßigen, feueräugigen Panthern, oder vielleicht von spähenden Zweifüßlern heraufzubeschwören, die, obgleich listiger, wie bekannt, kaum weniger wild und grausam waren. Freilich erfuhren Hunderte das Unruhige solcher Gefühle, die niemals vom Schicksal dazu bestimmt waren, die Wirklichkeit der grausenhaften Bilder an sich selbst zu erfahren. Indeß fehlte es doch auch nicht an Thatsachen, welche hinreichenden Grund zu jenen schweren, vernünftigen Besorgnissen gaben. 62 Geschichten von Kämpfen mit Raubthieren und von Mordthaten durch räuberische, jedes Gesetz verschmähende Indianer, waren die anregenden Sagen der Grenze. Throne hätten umgestürzt und Reiche in dem fernen Europa gewonnen oder verloren werden mögen, und weniger wäre über diese Ereignisse von Denen gesprochen worden, die in jenen Wäldern lebten, als bei einem besondern, auffallenden Vorfall im Walde geschehen wäre, der die Uebung des stattlichen Muthes und scharfen Verstandes eines Schiedsrichters in Anspruch genommen. Solch eine Begebenheit ging von Mund zu Mund, mit dem Eifer eines persönlichen mächtigen Antheils, und ihrer viele waren schon in der Gestalt der Ueberlieferung von Vater auf Kind übergegangen, bis, wie dies auch in weit künstlicheren und mehr verfeinerten Menschenvereinen sich zutrug, zu großen Unwahrscheinlichkeiten sich auf die zweifelvollen Blätter der Geschichte einschlichen, und Uebertreibung mit der Wahrheit sich so eng vermischte, daß sie nie wieder davon auszuscheiden waren. Unter dem Einfluß dieser Gefühle und vielleicht durch seine nie ihn verlassende Umsicht dazu bewogen, hatte Contentius eine wohlbewährte Büchse über die Schulter geworfen, und als er der Anhöhe hinaufritt, auf welcher sein Vater dem Fremden begegnet war, erhaschte Ruth auf einen Blick seine Gestalt, wie er, auf den Nacken seines Pferdes gebeugt, durch das neblige Licht der nächtlichen Stunde hinglitt, einem jener phantastischen Schreckbilder von herumstreifenden, kühn reitenden Gespenstern vergleichbar, von denen die Mährchen des östlichen Continents so gerne erzählen. Dann folgten angstvolle Augenblicke, während welcher weder Gesicht noch Gehör auch nur im Geringsten die 63 Vermuthungen des aufmerksamen Weibes unterstützen konnten. Athemlos lauschte sie, und ein- oder zweimal glaubte sie die Hufschläge härter und schneller, als früher, auf die Erde fallen zu hören; aber erst, als Contentius die plötzlich aufsteigende Hügelseite hinaufritt, wurde er wieder einen Augenblick sichtbar, während er schnell in das Dickicht der Wälder hineinjagte. Obgleich sich Ruth mit den Sorgen der Grenze vertraut gemacht, hatte sie doch vielleicht nie einen Augenblick erfahren, der für sie peinlicher und voll stärkerer Besorgnisse gewesen, als jener, wo die Gestalt ihres Mannes hinter den dunkeln Baumstämmen verschwand. Die Zeit schien ihrer Ungeduld länger als gewöhnlich, und in der Erregung einer fieberischen Unruhe, die keinen bestimmten Grund sich anzugeben wußte, schob sie den einzigen Riegel, der die Pforte verschlossen hielt, zurück, und trat völlig aus den Schranken hinaus. Ihren von Angst besessenen Sinnen schienen die Pallisaden Hindernisse für die Aussicht. Aber noch immer schlich Minute nach Minute dahin, ohne Erleichterung zu bringen. In dieser Besorgniß fiel ihr mehr als gewöhnlich, die verlassene Lage auf's Herz, in welcher sie und Alle, die ihr theuer waren, sich befanden. Das Gefühl des Weibes behielt die Oberhand und die Seite der Anhöhe, auf der sie stand, verlassend, wandelte sie den Pfad entlang, den ihr Mann eingeschlagen hatte, bis Besorgniß sie unmerklich in schnellere Schritte drängte. Erst dann stand sie still, als sie fast den Mittelpunkt der Lichtung auf der Anhöhe erreicht hatte, wo ihr Vater am Abend Halt gemacht hatte, um das wachsende Gedeihen seiner Besitzungen in Augenschein zu nehmen. 64 Hier wurden ihre Schritte plötzlich festgehalten, denn ihr dünkte, eine Gestalt tauche an jener für sie so wichtigen Stelle, die ihre Augen zu beobachten nie unterlassen hatten, plötzlich aus dem Walde hervor. Es zeigte sich, daß es nichts weiter war, als der vorüberschwindende Schatten einer mehr als gewöhnlich dichten Wolke, die ihr Dunkel auf die Bäume warf, und einen Theil ihrer Umrisse auf den Boden, nahe dem Rande des Waldes, fallen ließ. Gerade in diesem Augenblicke blitzte der Gedanke, daß sie unvorsichtigerweise die Pforte habe offen stehen lassen, in ihrer Seele auf, und mit Gefühlen, die zwischen ihrem Gemahl und ihren Kindern hin und her flutheten, trat sie schnell ihren Rückweg wieder an, um ein Versehen wieder gut zu machen, dem Gewohnheit eben so sehr als Klugheit einen hohen Grad von Strafbarkeit beimaß. Die Augen der Mutter, denn die Gefühle dieses heiligen Standes hatten jetzt mächtig die Oberhand erlangt, richteten sich zur Erde, als sie eifrig ihren Weg längs der unebenen Fläche zurücknahm, und ihr Gemüth war von der Unterlassung ihrer Pflicht, die sie sich streng vorhielt, so erfüllt, daß ihre Blicke Gegenstände in sich aufnahmen, ohne dem Verstande abgeschlossene deutliche Bilder davon zu überliefern. Aber ungeachtet des einen, alles verdrängenden Gedankens, begegnete Etwas ihrem Auge, welches selbst den nichts bestimmt auffassenden Blick zurückschrecken und jede Nerve ihres Körpers erzittern machte. Es war ein Moment, in welchem ihre Verwirrung den Schreck fast bis zum Wahnsinn steigerte. Nachdenken trat erst wieder ein, als Ruth sich auf mehrere Schritte von der Stelle entfernt hatte, wo dieser aufschreckende Gegenstand, halb ihr unbewußt vor ihrer Seele 65 vorübergegangen. Dann stand sie einen Augenblick, einen einzigen aber schrecklichen Augenblick still, als berathe sie mit sich, was sie setzt thun sollte. Die mütterliche Liebe siegte, und das Reh ihrer eigenen Wälder setzt kaum mit größerer Flüchtigkeit dahin, als die Mutter der schlafenden, vertheidigungslosen Familie jetzt dem Wohnhause entgegen eilte. Bebend und athemlos erreichte sie die Pforte, die sie mehr unwillkürlich, als einem Vorsatze folgend, schloß und doppelt, ja dreifach verriegelte. Zum ersten Male nach langen Minuten athmete sie wieder tief und ohne Schmerz. Sie bemühte sich, ihre Gedanken zu sammeln, um über den Weg mit sich zu Rathe zu gehen, den Klugheit und ihre Pflicht gegen Contentius, der noch der Gefahr ausgesetzt war, welcher sie selbst entgangen, ihr vorschrieb. Ihr erster Gedanke war, das eingeführte Signal zu geben, welches bei irgend einem verdächtigen Fall die Arbeiter vom Felde zurückrief und die Schlafenden aufschreckte; aber reiferes Nachdenken sagte ihr, ein solcher Schritt möchte Dem verderblich werden, der in ihrer Liebe der ganzen übrigen Welt das Gleichgewicht hielt. Der Kampf in ihrer Seele endete erst, als sie klar und unzweifelhaft ihren Gemahl erblickte, der an dem nämlichen Punkte, wo er ihn betreten, aus dem Walde hervorkam. Der Rückweg führte unglücklicher Weise gerade an der Stelle vorbei, wo ihr Gemüth von so plötzlichem Schreck erfüllt worden. Sie würde Welten darum gegeben haben, wenn sie gewußt hätte, wie sie ihn, ohne die Warnung andern und schrecklichen Ohren zuzurufen, von einer Gefahr benachrichtigen sollte, von der ihre Phantasie voll war. Die Nacht war ruhig, und obgleich die Entfernung als beträchtlich sich auswies, war sie doch nicht so groß, daß sie alle Erwartung eines Erfolges unmöglich 66 gemacht hätte. Kaum sich bewußt, was sie that, und doch durch eine Art instinctmäßiger Klugheit, die Vorsicht nicht vergessend, welche ein Leben unter beständigen Gefahren allen unseren Bewegungen giebt, machte das arme zitternde Weib den Versuch. »Mann! Mann!« rief sie, Anfangs in klagenden Tönen, aber dann ihre Stimme durch die Kraft der Aufregung erhebend: »Mann, reite schnell; unsere kleine Ruth liegt im Todeskampf. Um ihr und Dein Leben willen reite so schnell es Dein Pferd vermag; begieb Dich nicht nach den Ställen, sondern komm' in aller Hast nach der Pforte, sie wird für Dich offen sein.« Das war freilich ein schrecklicher Zuruf für die Ohren eines Vaters, und sicher, wäre es Ruth's schwachen Kräften gelungen, die Worte so weit hörbar zu machen, als sie gewünscht hatte, sie würden die beabsichtigte Wirkung hervorgebracht haben. Aber vergebens rief sie. Ihre schwachen Töne, wenn auch auf die höchste Stufe durch die tödtliche Angst hinaufgesteigert, konnten ihren Weg über so weiten Zwischenraum nicht durchsetzen. Und dennoch hatte sie Grund zu glauben, daß sie nicht gänzlich verloren waren; denn einmal hielt ihr Mann inne, und schien zu lauschen, und dann beschleunigte er wieder den Schritt seines Rosses; allein diesen Beweisen, daß er etwas vernommen habe, folgten keine weiteren Zeichen, daß er den Warnungsruf auch begriffen. Contentius war jetzt auf dem Hügel selbst angelangt. Wenn Ruth überhaupt während seines Herankommens athmete, so geschah dies unmerklicher, als das leiseste Athemholen eines schlafenden Kindes. Aber als sie ihn in vertrauender Sicherheit auf dem Pfad an der Seite längs der 67 Wohnung hintraben sah, durchbrach ihre Ungeduld alle Schranken, und die Pforte aufreißend, wiederholte sie ihren Ruf mit einer Stimme, die sich jetzt nicht mehr als zu schwach erwies. Das Stampfen des unbeschlagenen Pferdehufs ward wieder schneller und im nächsten Augenblick sprengte ihr Gemahl unversehrt an ihre Seite. »Tritt ein,« rief die fast schwindlichte Frau, indem sie den Zügel faßte, und das Pferd in die Pallisaden führte. »Tritt ein, Mann, bei Allem, was Dir theuer, tritt ein, und danke dem Herrn!« »Was bedeutet dieser Schrecken, Ruth,« fragte Contentius, mit all' der üblen Laune vielleicht, die er ein so liebliches Wesen wegen einer für ihn gezeigten Schwäche empfinden lassen konnte; »ist Dein Vertrauen auf Den, dessen Auge sich nie schließt, und der mit gleicher Liebe für das Leben des Menschen und des fallenden Sperlings väterlich wacht, ist dies Vertrauen gänzlich verloren?« Ruth war für diese Worte taub. Mit emsigen Händen zog sie die Schranken zu, ließ die Stangen fallen und drehte einen Schlüssel um, der ein dreifach gesichertes Schloß zwang, seine Pflicht zu thun. Erst alsdann fühlte sie sich selbst sicher und in der Lage, für die Rettung dessen, für den sie eben noch in der äußersten Seelenangst gewacht hatte, ihren Dank darzubringen. »Warum diese Sorge? Hast Du vergessen, daß das Pferd so fern von seiner Krippe und seiner Raufe hungern muß?« »Besser, daß es vor Hunger umkommt, als daß Dir ein Haar gelrümmt werde.« »Ja, aber, Ruth, Du bedenkst nicht, daß das Pferd der 68 Liebling meines Vaters ist, der es übel aufnehmen wird, wenn es eine Nacht in den Pallisaden zubringt.« »Mann, Du irrst; es ist Einer in den Feldern!« »Gibt es einen Ort, wo Einer nicht ist?« »Aber ich habe ein Wesen von menschlicher Abkunft gesehen, ein Wesen, das nichts mit Dir oder den Deinigen zu schaffen hat, und das einen Eingriff in unsern Frieden sowohl als in unsere natürliche Rechte thut, indem es sich da aufhält, wo ich es habe spähen sehen.« »Geh, geh, Du bist nicht gewohnt, so spät noch fern von Deinem Kissen zu sein, meine arme Ruth; der Schlaf hat Dich überfallen, während Du auf Deinem Posten standest. Eine Wolke hat ihren Schatten auf die Felder geworfen oder vielleicht hat auch wirklich das Treibjagen die Thiere nicht so weit von der Lichtung weggescheucht, als wir dachten. Komm, da Du einmal bei mir bleiben willst, und lege die Hand an den Zügel des Pferdes, während ich ihm seine Last abnehme.« Da Contentius ganz ruhig sich an das Geschäft machte, das er erwähnt hatte, so wurden die Gedanken seines Weibes für einige Augenblicke von ihren andern Beunruhigungsquellen durch den Gegenstand abgelenkt, welcher hinten auf dem Pferde lag, und der bis jetzt ihrer Aufmerksamkeit gänzlich entgangen war. »Hier ist wirklich das Thier, das heute von unserer Heerde vermißt wurde!« rief sie, als der Leichnam eines Schafes schwer auf den Boden fiel. »Ja, und mit außerordentlicher Kunst getödtet, vielleicht selbst zu unserm Gebrauch ganz gut zugerichtet. Schöpsenfleisch wird bei unserm Erntefest nicht fehlen, und das 69 eingepferchte Wesen, dessen Tage schon gezählt waren, mag nun bis zum nächsten Jahre leben.« »Und wo fandest Du das geschlachtete Thier?« »An dem Ast eines grünenden Ahornbaumes. Eben Dudley mit all' seinem Geschick im Schlachten, und bei all' seinem Paradiren mit der Vortrefflichkeit seines Fleisches, hätte kein Thier mit größerer Kenntniß an den Ast eines jungen Baumes aufhängen können. Du siehst, nur für eine einzige Mahlzeit fehlt an dem Körper und auch seine Wolle ist unverletzt.« »Das ist nicht das Werk eines Indianers aus dem Stamme der Pequods!« rief Ruth, erstaunt über ihre eigene Bemerkung; »die rothen Menschen verüben ihr Unheil mit weniger Umsicht.« »Auch hat der Zahn eines Wolfes die Adern des armen Straffhorns nicht geöffnet. Hier sieht man Kenntniß im Schlachten, so wie auch Klugheit im Verzehren der Nahrung. Die Hand, die so sparsam schnitt, beabsichtigte einen zweiten Besuch.« »Und unser Vater hieß Dich, das Thier da suchen, wo Du es wirklich gefunden! Mann, ich fürchte, ein schweres Gericht wird zur Strafe der Sünden der Eltern über die Kinder hereinbrechen.« »Die Kleinen schlummern ruhig und sanft, bis jetzt also ist uns noch nichts Arges widerfahren. Ich will, ehe ich schlafen gehe, die Halfter von dem eingethanen Pferde nehmen und Straffhorn soll uns bei dem Erntefeste dienen. Wir mögen durch diesen bösen Zufall weniger schmackhaftes Fleisch bekommen, aber die Zahl Deiner Heerde wird nichtsdestoweniger unverändert bleiben.« 70 »Und wo ist nun derjenige, der sich zum Gebet mit uns vereinigt, und unser Brod gegessen hat; er, der so lange im Geheimen mit unserm Vater sich berieth, und der nun wie eine Erscheinung aus unserer Mitte verschwunden ist?« »Das ist in der That eine nicht so leicht zu beantwortende Frage;« erwiderte Contentius, der bis jetzt ein fröhliches Aeußere bewahrt hatte, um, was er gerne für einen grundlosen Schrecken in der Brust seiner Ehefrau halten wollte, zu besänftigen, der aber jetzt durch diese Frage veranlaßt wurde, sein Haupt zu senken, gleich Jemand, der in seinen Gedanken einen oder den andern Grund aufzufinden sucht. »Es liegt nichts daran, Ruth Heathcote; das Ordnen dieser Angelegenheit ist in der Hand eines Mannes von so vielen Jahren und großer Erfahrung; sollte auch seine bejahrte Weisheit nicht ausreichen, so wissen wir ja, daß Einer, noch weiser als er, uns in seiner Obhut hat! Ich will das Thier wieder an seine Raufe zurückbringen, und wenn wir dann zusammen Gnade von denjenigen Augen erfleht haben, die nie schlafen, wollen wir uns voll Vertrauen zur Ruhe begeben.« »Mann, Du sollst nicht nochmals in dieser Nacht die Pallisaden verlassen,« sagte Ruth, und hielt die Hand fest, die schon einen Riegel zurückgezogen, noch ehe sie selbst gesprochen hatte; »ich habe eine Ahnung von Unglück.« »Ich wünschte, der Fremde hätte irgend einen andern Zufluchtsort gefunden, wo er seine kurze Ruhezeit hingebracht; daß er sich solche Freiheit mit meiner Heerde herausgenommen, daß er sie mit einigen Unkosten für uns seinem Hunger hat dienen lassen, während auf ein einziges Wort man ihn zu dem Besten, was der Eigenthümer von Wish-Ton-Wish aufbieten kann, mit Willkommen würde eingeladen haben, das 71 sind Wahrheiten, die nicht geleugnet werden können. Doch ist er ein Sterblicher, wie sein guter Appetit hinlänglich bewiesen hat, wenn auch unser Glaube an die Vorsehung so sehr wanken sollte, daß wir Zweifel darüber hegten, sie werde nicht verhindern, daß Wesen der Ungerechtigkeit und des Bösen in menschlicher Gestalt und in unseren Bestandtheilen herumwanderten. – Ich sage Dir, Ruth, das Pferd wird morgen schon wieder zu Dienst und Arbeit nöthig sein, und unser Vater es uns schlecht Dank wissen, wenn wir es hier lassen wollten, um sich ein Bett auf der kalten Hügelfirste zu bereiten. Geh zur Ruh, zum Gebet, Du Kleinmüthige; ich werde die Pforte mit aller Sorgfalt verschließen. Fürchte nichts, der Fremde hat menschliche Bedürfnisse, und sein Bestreben, übel zu thun, muß nothwendig durch menschliche Macht beschränkt werden können.« »Ich fürchte keinen von weißer Abkunft, auch keinen von christlichen Eltern; aber der mörderische Heide ist in unsern Feldern.« »Du träumst, Ruth!« »Es ist kein Traum. Ich habe den leuchtenden Augapfel eines Wilden gesehen. Der Schlaf konnte mich nicht leicht überfallen, als ich auf einem Posten, wie dieser, mich befand. Ich gedachte, wie dieser Dein nächtlicher Zug von ganz besonderer, unbekannter Art sei, und daß unser Vater sehr bejahrt wäre und vielleicht seine Sinne geschwächt sein möchten, und wie man einen gehorsamen Sohn nicht so aussetzen dürfe – Du weißt, Heathcote, daß ich die Gefahren von dem Vater meiner Kinder nicht mit Gleichgültigkeit ansehen konnte, und ich folgte bis zu dem Nußbaumhügel.« 72 »Bis zu dem Nußbaumhügel? Das war nicht vorsichtig von Dir – aber die Pforte?« »Sie blieb offen; denn hätte man den Schlüssel herumgedreht, wer wäre gleich da gewesen, uns schnell einzulassen, wenn Eile nöthig geworden?« entgegnete Ruth, für einen Augenblick das Gesicht abwendend, um die durch ihr Vergehen, dessen sie sich bewußt war, heraufbeschworene Röthe zu verbergen. »Obgleich ich gegen die Vorsicht fehlte, geschah es doch zu Deiner Sicherheit, Heathcote. Aber auf jenem Hügel, und in der hohlen Schlucht bei einem gefallenen Baum liegt ein Heide verborgen!« »Ich kam durch den Nußbaumwald auf meinem Wege zu der Fleischbank unsers seltsamen Metzgers; und ich zog auch den Zügel an, um, ganz in der Nähe dieses Orts, das Pferd ausschnaufen zu lassen, als wir mit der Last zurückkehrten. Es kann nicht sein; irgend ein Geschöpf des Waldes hat Dich erschreckt.« »Ja wohl, ein Geschöpf, gebildet, gestaltet, begabt wie wir selbst, und in allem, nur die Farbe der Haut und den Segen des Glaubens ausgenommen, uns gleich.« »Das ist eine seltsame Täuschung! Wäre ein Feind in der Nähe, würden dann Leute, so listig wie die, welche Du fürchtest, den Herrn des Hauses, und in der That, ich darf auch sagen, ohne Eitelkeit, würden sie einen Mann ungefährdet durchlassen, von dem doch wohl zu erwarten steht, daß er für sein Eigenthum eben so tapfer ringen wird, als ein Anderer, – würden sie ihn sich entwischen lassen, wenn ein unzeitiger Besuch der Wälder ihn ohne Widerstand ihren Händen überlieferte. Geh, geh, gute Ruth, Du hast vielleicht einen verkohlten Klotz gesehen; – vielleicht haben die Fröste 73 einen Feuerkäfer unberührt gelassen, oder es kann auch sein, daß irgend ein herumstreichender Bär die Süßigkeit Deines kürzlich eingesammelten Honigs ausgeschnuppert.« Ruth legte nochmals ihre Hand fest auf den Arm ihres Gemahls, der einen zweiten Riegel weggeschoben hatte, und indem sie ihm mit Festigkeit in's Auge sah, antwortete sie feierlich und mit rührender Erhabenheit: »Glaubst Du, Mann, ein Mutterauge könne trügen?« Mochte es nun sein, daß die Hindeutung auf die zarten Wesen, deren Schicksal von seiner Sorge abhing, oder daß die tief ernste, obgleich milde und zarte Weise seiner Gemahlin einen tiefern und größern Eindruck auf das Gemüth des Contentius machten. Statt, wie er beabsichtigte, die Pforte vollends zu öffnen, verriegelte er sie wohlbedächtig wieder, und stand nachsinnend da. »Wenn es auch zu weiter nichts dient, als Deine Besorgnisse zu beruhigen, gute Ruth,« sagte er nach einem Nachdenken von einem Augenblick, »so wird schon dadurch ein wenig Vorsicht hinlänglich belohnt sein. Verweile Du also hier, wo man den Hügel übersehen kann, während ich gehe, einige von unsern Leuten zu wecken. Mit dem kräftigen Eben Dudley und dem erfahrenen Ruben Ring zur Seite, werde ich schon meines Vaters Pferd sicher in den Stall einbringen können.« Ruth nahm mit der größten Zufriedenheit einen Auftrag an, den mit Verstand und Eifer auszuführen, sie alle Fähigkeit hatte. »Eile nach dem Zimmer der Arbeiter, denn ich sehe, daß dort noch Licht brennt,« war die Antwort, die sie auf einen Vorschlag gab, der zum wenigsten die drückende Last ihrer Besorgnisse für den minderte, für 74 dessen Wohl sie eben noch fast bis zum Todeskampf gesteigert worden. »Es soll schnell geschehen sein; aber stehe nicht so frei da, mein Weib, so offen im Mondschein. Du mußt Dich hierhin an das dichte Gehölz stellen, hier neben die Schranke, wo Dich kaum etwas verletzen könnte, selbst wenn ein Kanonenschuß das Holzwerk zertrümmern sollte.« Mit dieser Ermahnung, sich vor einer Gefahr zu hüten, die er eben noch zu verachten vorgegeben hatte, machte sich Contentius auf den Weg, seinen Plan auszuführen. Die beiden Arbeiter, die er mit Namen genannt hatte, waren junge Männer, von starkem Bau und vieler Kraft, und wohl gewöhnt an Arbeit nicht nur, sondern auch an die besonderen Entbehrungen und Gefahren des Grenzlebens. Wie der größte Theil der Leute von ihren Jahren und ihrem Stande, waren sie auch erfahren in allen Kniffen indianischer List, und obwohl die Provinz Connecticut, mit andern Ansiedelungen verglichen, nur wenig von dieser Weise mörderischen Krieges gelitten, hatten sie doch beide von eigenen Kriegsthaten und gefährlichen Erfahrungen bei den leichten Arbeiten der langen Winterabende zu erzählen. Contentius schritt schnellen Schrittes über den Hof hin, denn trotz seines standhaften Unglaubens beschleunigte doch das Bild seines lieblichen Weibes, das auf ihrem Außenposten stand, seine Bewegungen. Der Stoß, den er der Thüre versetzte, als er das Gemach derer erreicht, die er suchte, war eben so laut als plötzlich. »Wer ruft?« fragte eine tieftönende, feste Stimme von innen beim ersten Schlag der Knöchel an die Planke. 75 »Verlaß Dein Bett schnell und komm heraus mit den zu einem Angriff geeigneten Waffen.« »Das ist bald geschehen,« antwortete ein kräftiger Waldmann, indem er die Thüre aufriß und vor Contentius in den Gewändern stand, die er den ganzen Tag über getragen. »Wir träumten eben davon, die Nacht werde nicht ohne einen Aufruf zu den Schießlöchern vorübergehen.« »Hast Du denn Etwas gesehen?« »Unsere Augen waren eben so wenig als die Anderer geschlossen; wir sahen den hereinkommen, den Niemand fortgehen gesehen hat.« »Ei was, Bursche, Whittal Ring würde kaum eine weisere Antwort, als diese Deine Entgegnung ist, geben. Mein Weib steht an der Pforte, und es ziemt sich, daß wir gehen, sie abzulösen. Du wirst die Pulverhörner nicht vergessen, da es gar nicht ehrenvoll für uns sein würde, wenn, sollte es für unsere Gewehre etwas zu thun geben, wir ganz und gar Nichts hätten, ihnen eine zweite Ladung zukommen zu lassen.« Die Arbeiter gehorchten; und da es nur weniger Zeit bedurfte, die zu bewaffnen, welche nie, ohne Waffen und Munition in ihrem Bereich zu haben, schliefen, sah sich Contentius bald von seinen Untergebenen begleitet. Ruth fand man auf ihrem Posten; aber als ihr Gemahl in sie drang, zu erklären, was in seiner Abwesenheit vorgefallen, war sie genöthigt, einzugestehen, daß, obgleich der Mond glänzender und heller hinter den Wolken hervorgekommen, sie doch Nichts gesehen, was ihre Befürchtungen vermehrt hätte. »Wir wollen denn das Thier in seinen Stall führen und 76 unsere Arbeiten damit beschließen, daß wir einen einzigen für den übrigen Theil der Nacht wachen lassen,« sagte ihr Gatte. »Ruben soll die Pforte besetzen, während Eben und ich für meines Vaters Pferd Sorge tragen, – das Schaf für das Erntefest nicht zu vergessen. Hörst Du, tauber Dudley, wirf das Thier hinten auf das Roß, und folge mir in die Ställe.« »Hier hat kein gewöhnlicher Arbeiter in mein Amt eingegriffen,« sagte der schlichte Eben, der, obwohl ein gewöhnlicher Feldarbeiter wie die Uebrigen, doch auch, nach einem jetzt noch so sehr allgemein in diesem Lande vorkommenden Gebrauch, geschickt in der Kunst eines Metzgers war. »Ich habe manchen Schöps zu Ende gefördert, aber dies ist das erste Schaf, so viel Erfahrungen ich auch gemacht habe, welches sein Fließ behalten hat, während ein Theil seines Leibes im Topfe war! Liege hier, armer Straffhorn, wenn nach einem so seltsamen Schlachten Du ruhig liegen kannst. Ruben, ich zahlte Dir, als die Sonne aufging, ein spanisches Silberstück für die geringe Schuld aus, die von der guten Ausbesserung her, welche Du meinen Schuhen zukommen ließest, noch zwischen uns lag. Seit dem letzten Jagen auf den Hügeln waren sie nicht mehr zum Besten. Hast Du dieses Stück etwa bei Dir?« Diese Frage, welche in gedämpftem Tone und nur dem Ohr des dabei Betheiligten hörbar, ausgesprochen wurde, ward bejahend beantwortet. »Gib es mir, Junge; morgen sollst Du mit Wuchererszins dafür entschädigt werden.« Ein zweiter Ruf von Contentius, welcher jetzt das mit dem Körper des Schafes beladene Pferd der Pforte herausgeführt hatte, unterbrach die geheime Verhandlung. Eben 77 Dudley, welcher die Münze empfangen hatte, eilte zu folgen. Aber die Entfernung bis zu den Außengebäuden war hinlänglich, ihn in den Stand zu setzen, unentdeckt seinen geheimnißvollen Plan auszuführen. Während sich Contentius bemühte, die Besorgnisse seines Weibes, die immer noch darauf bestand, seine Gefahr zu theilen, durch solche Gründe zu beruhigen, wie er sie für den Augenblick auffinden konnte, legte der leichtgläubige Dudley das dünne Silberstück zwischen seine Zähne und bewirkte durch das Zusammendrücken seiner Kinnbacken, deren wunderbare Stärke er eben dadurch an den Tag legte, daß es allmälig eine zusammengebogene, gerundete Gestalt einnahm. Er ließ dann schlau die zusammengebissene Münze in das Rohr seines Gewehrs fallen, und trug Sorge, sie darin vermittelst eines Pfropfens, den er aus einem linnenen Stück seines Gewandes gemacht hatte, festzuhalten, bis er sie selbst auf ihre entzaubernde Botschaft aussenden würde. Durch dieses furchtbare Hülfsmittel unterstützt und aufrecht erhalten, folgte der abergläubische, aber doch muthige Grenzbewohner seinem Gefährten, während er still ein Liedchen summte, das eben so sehr seine Gleichgültigkeit gegen Gefahren natürlicher Art, als seine Empfindlichkeit gegen Eindrücke weniger irdischen Charakters darthat und verrieth. Diejenigen, welche in den älteren Bezirken Amerika's wohnen, wo Kunst und Arbeit sich seit vielen Geschlechtern vereinigt haben, die Erde von ihren Ungleichheiten frei zu machen, und die Spuren eines Naturzustandes zu entfernen, diese können sich nur schwer einen Begriff von den tausend Gegenständen machen, die in einer Lichtung sich vorfinden mögen, und die Einbildungskraft dessen in Schrecken setzen, der einmal sich der Furcht und den Besorgnissen überlassen 78 hat, besonders wenn diese Lichtung in dem zweifelhaften Schein eines selbst wolkenlosen Mondes übersehen wird. Noch weniger können die, welche nie die alte Welt verlassen haben, und, da sie nur solche gesehen, sich nur Felder denken können, lieblich und eben wie die Oberfläche des Wassers, – noch weniger können diese sich einen Begriff von der Wirkung machen, welche jene zögernden Ueberreste, die man eben so vielen modernden Monumenten des gefallenen Waldes vergleichen möchte, hervorbrachten, wie sie zu einer solchen Stunde über eine breite Fläche offenen Landes hingestreut waren. So gewöhnt sie auch an diesen Anblick waren, glaubten doch Contentius und seine Begleiter, von ihrer Furcht aufgeregt, in jedem dunkeln, fernen Baumstumpf einen Wilden zu sehen, und sie wandten um keine Ecke in den hohen, dichten Zäunen, ohne einen eifersüchtigen Blick in ihre Schatten zu werfen, um zu spähen, ob nicht ein Feind dahinter ausgestreckt läge. Noch zeigte sich kein weiterer Beweggrund zu Besorgnissen während der kurzen Zeit, in welcher die beiden Abenteurer damit beschäftigt waren, des Puritaners Pferd in Sicherheit und unter Obdach zu bringen. Dies Geschäft war beendigt, der Körper des geschlachteten Straffhorns war aufgehoben worden, und Ruth hatte schon ihrem Manne angelegen, sich auf den Rückweg zu begeben, als ihre Aufmerksamkeit durch die Stellung und Miene ihres Gefährten in Anspruch genommen ward. »Der Mann ist abgereist, wie er gekommen ist,« sagte Eben Dudley, der kopfschüttelnd in offenem Zweifel vor einem leeren Pferdebehälter stand; »hier ist kein Thier, ob ich gleich mit diesen meinen eigenen Augen den Halbvernünftigen ein wohl gefülltes Maaß vollen Hafers hierher habe tragen sehen, 79 um das Pferd zu füttern. Er, der uns mit seiner Gegenwart bei'm Nachtessen und Gebet beehrte, ist unserer Gesellschaft müde geworden, noch ehe die Stunde zum Schlafengehen gekommen war.« »Wirklich, das Pferd fehlt,« sagte Contentius; »der Mann muß nothwendig in ganz außerordentlicher Eile gewesen sein, daß er in den Wald in der tiefsten Nacht ritt, von wo der längste Sommertag selbst ein besseres Pferd, als das er hatte, nicht zu einer andern christlichen Wohnung bringen würde. Er muß Grund zu dieser Hast gehabt haben, aber es ist genug, daß das uns nicht kümmert. Wir wollen uns nun zur Ruhe begeben, vertrauend und sicher, daß Einer über unsern Schlummer wacht, dessen Auge sich nie schließen kann.« Ob sich gleich der Mensch in jenem Lande nicht der Ruhe überlassen konnte, ohne der Sicherheit von Schloß und Riegel zu vertrauen, so haben wir doch gesehen, daß das Eigenthum nur mit geringer Sorgfalt aufbewahrt wurde. Nachdem daher der Holzriegel vor der Stallthüre lose vorgeschoben war, kehrten die drei von diesem kurzen Auszug mit Schritten zurück, die durch ein Gefühl von Unruhe, das sie in, ihrem verschiedenen Charakter angepaßten, Formen überfallen hatte, in etwas beschleunigt wurden. Aber ein Obdach war ja in der Nähe, und man konnte es schnell erreichen. »Hast Du Etwas gesehen?« sagte Contentius zu Ruben Ring, der seines scharfen Auges und seiner Klugheit wegen, die eben so merkwürdig, als seines Bruders Schwachsinnigkeit war, zu dem Wachposten erwählt worden; »hast Du etwas während Deiner Wache gesehen?« »Nichts Ungewöhnliches; und doch gefällt mir jener 80 Holzbüschel, nahe der Schlucht an dem Hügel, nicht. Wenn es nicht so ganz deutlich ein halbverbrannter Klotz wäre, möchte man glauben, es sei Leben darin. Indeß, wenn die Einbildungskraft arbeitet, ist das Gesicht scharf. Ein- oder zweimal glaubte ich, es scheine sich nach dem Bache hinzurollen. Ich bin selbst jetzt nicht gewiß, ob, als ich es zuerst sah, es nicht acht oder zehn Fuß höher an der Hügelwand lag.« »Es mag vielleicht etwas Lebendiges sein!« »Auf das Wort eines Waldmanns Auges, es mag wohl sein,« sagte Eben Dudley;»aber wäre diese Stelle von einer Legion böser Geister besessen, man könnte sie von dem Schießloch an der nächsten Ecke zur Ruhe bringen. Stellen Sie sich etwas zur Seite, Madame Heathcote,« denn der Charakter und Reichthum der Eigenthümer des Thals gab Ruth Ansprüche auf diesen Titel der Ehrerbietung unter den Landleuten, »laßt mich mein Gewehr dadurch strecken, – halt, es ist ein ganz vorzüglicher Zauber in meinem Rohre, den gegen ein solches Geschöpf zu verbrauchen sündlich sein würde. Es könnte nichts weiter als ein leckermäuliger Bär sein. Ich will für die Ladung verantwortlich sein, wenn Du mir Deine Muskete leihst, Ruben Ring.« »Das wird nicht geschehen,« sagte sein Herr. »Jemand, den mein Vater kennt, hat diese Nacht unser Haus betreten und an unserm Tisch gegessen; wenn er auf einem Wege weggegangen ist, der unter denen, welche aus dieser Colonie führen, nur wenig betreten zu werden pflegt, so hat er dennoch kein besonderes Unrecht gethan. Wir könnten irren und wagen zu viel, darum will ich lieber hingehen und untersuchen.« Es lag in diesem Vorschlag zu viel von jenem Geist des 81 Rechtthuns, welcher alle Bewohner dieser einfachen Gegenden beherrschte, als daß er ernsthafte Einwürfe gefunden hätte. Contentius, von Eben Dudley unterstützt, verließ nochmals das Pförtchen, und ging gerade, obgleich immer nicht ohne die nöthige Behutsamkeit, auf die Gegend zu, wo der verdächtige Gegenstand lag. Eine Beugung in der Hecke brachte ihn zuerst ganz vor das Auge, denn ehe man jenen Punkt erreichte, konnte die Annäherung an den Gegenstand auf eine gewisse Entfernung unter den Schutz des Schattens geschehen, den die Pallisaden warfen; die an dem Punkte, wo der Gegenstand gesehen wurde, plötzlich mit dem Blick des Beobachtenden eine und dieselbe Richtung nahm. Es schien, als wenn die Bewegungen derer, welche sich näherten, beobachtet würden; denn in dem Augenblick, wo sie die Vertheidigungswerke verließen, war der dunkle Gegenstand sicher ganz regungslos; selbst Ruben Ring's scharfes Auge begann zu zweifeln, ob eine Täuschung des Gesichts ihn gar dazu verleitet hätte, einen Holzklotz für ein belebtes Wesen zu halten. Aber Contentius und sein Gefährte wurden dadurch nicht bewogen, ihren Entschluß zu ändern. Selbst, als sie nur noch fünfzig Fuß von dem Gegenstande entfernt waren, und obgleich der Mond voll und glänzend über das Land hinfiel, machte noch seine eigentliche Beschaffenheit alle Vermuthungen zu Schanden. Der Eine behauptete, es sei die Fläche eines verkohlten Klotzes, von denen noch viele auf den Feldern herumlagen, und der Andere glaubte, es sei ein zusammengekauertes Thier des Waldes. Zweimal erhob Contentius seine Büchse, und eben so oft ließ er sie aus zögerndem Widerwillen, selbst einem Thier, dessen Beschaffenheit er nicht hinlänglich kannte, Uebles zuzufügen, wieder zurückfallen. Es 82 ist mehr als wahrscheinlich, daß sein weniger bedächtiger und nur halb gehorchender Gefährte bald, nachdem er die Pforte verlassen, die Frage entschieden haben würde, hätte nicht der ganz besondere Inhalt seiner Muskete ihn sparsam und vorsichtig in ihrem Gebrauch gemacht. »Halte Deine Waffe in Bereitschaft,« sagte der Erstere, und zog sein eigenes Jagdmesser aus seiner Scheide. »Wir wollen näher gehen, und zur Gewißheit machen, was zweifelhaft ist.« Sie thaten dies, und das Gewehr Dudley's wurde dem Gegenstand ihres Mißtrauens roh und hart in die Seite gestoßen, ehe er wieder Leben und Bewegung verrieth. Dann aber freilich, als wenn ferneres Verstecken unnöthig wäre, sprang ein Indianerknabe von etwa fünfzehn Jahren mit aller Ueberlegung auf und stand vor ihnen mit der finstern Würde eines gefangenen Kriegers. Contentius ergriff schnell den Burschen bei'm Arm, und ohne Aufschub eilten Alle in die Vertheidigungswerke zurück, wobei Eben gelegentlich die Schritte des Gefangenen durch eine Mahnung beschleunigte, die er durch den Kolben seiner Muskete hervorbrachte. »Ich setze mein Leben gegen das des Straffhorns, was gewiß jetzt nicht von großem Werthe ist,« sagte Dudley, als er den letzten Riegel an der Pforte vorstieß, »wir hören heute Nacht nichts weiter von den rothhäutigen Gesellen. Ich weiß noch nie, daß ein Indianer sein Messer geschwungen, wenn ein Kundschafter den Feinden in die Hände gefallen war.« »Das mag richtig sein,« entgegnete der Andere; »und doch muß die Familie während ihres Schlafes bewacht werden. Wenden wir die Mittel, die uns als Menschen zu Gebote 83 stehen, bis Sonnenaufgang an, so dürfen wir im Uebrigen uns auf die bewachende Gunst der Vorsehung verlassen.« Contentius war ein Mann von wenig Worten, aber von außerordentlicher Standhaftigkeit und Entschlossenheit in Augenblicken der Noth. Er war vollkommen gewiß, sie würden einen indianischen Jüngling, wie den, den er gefangen, nicht an jener Stelle und unter Umständen gefunden haben, unter denen sie ihn ergriffen, ohne daß ein Plan von einer Wichtigkeit und Ausdehnung dahintersteckte, welche die Gefahren, denen er getrotzt, hinlänglich rechtfertigte. Auch das zarte Alter des jungen Mannes ließ den Glauben nicht zu, daß er allein und ohne alle Begleitung und Gefährten sei. Aber er stimmte schweigend seinem Taglöhner bei, daß die Gefangennehmung des Kundschafters wahrscheinlich einen Ausschub des Angriffs verursachen würde, im Fall man einen beabsichtige. Er hieß daher seine Frau sich in ihr Zimmer zurückziehen, während er Maßregeln traf, die Wohnung im äußersten Fall zu vertheidigen. Ohne irgend unnöthigen Lärm zu machen, was weit weniger Wirkung auf einen etwa außen lauernden Feind hervorgebracht haben würde, als die auffallende, furchterweckende Stille, welche jetzt innerhalb der Vertheidigungswerke herrschte, ließ er noch zwei oder drei andere von den stärksten seiner Untergebenen in die Pallisaden rufen. Nun wurde eine genaue Untersuchung über den Zustand aller verschiedenen Ausgänge des Orts angestellt, die Flinten sorgfältig geprüft; die strengste Wachsamkeit anempfohlen, und regelmäßige Posten in den Schatten der Gebäude an Punkten ausgestellt, wo sie ungesehen und sicher die Felder überblicken konnten. Contentius nahm darauf seinen Gefangenen, ohne nur 84 den Versuch zu machen, eine Silbe mit ihm zu wechseln, und führte ihn nach dem Blockhause zu. Die Thüre, welche in den unteren Theil dieses Gebäudes führte, blieb stets offen, um im Falle eines plötzlichen Alarms desto schneller eine Zuflucht zu gewähren. Er trat ein, ließ den Jüngling einer Leiter hinauf in das obere Stock steigen, und dann, die Mittel zum Herabkommen wegziehend, drehte er den Schlüssel außen um, und war vollkommen sicher, daß sein Gefangener wohl verwahrt sei. Trotz aller dieser Sorgen und Anstrengungen dämmerte doch beinahe der Morgen, ehe der vorsichtige Vater und Gatte sein Lager aufsuchte. Seine Besonnenheit aber hatte verhindert, daß die Befürchtungen, welche seine und seines Weibes Augen so lange offen hielten, sich weiter als auf die wenigen Männer ausdehnten, deren Dienst in einem solchen Fall als unumgänglich zur Sicherheit nöthig angesehen wurde. Erst gegen die letzten Wachen der Nacht begannen die Bilder von den Auftritten, welche sie so eben durchlebt, allmälig dunkel und undeutlich zu werden, und dann fielen beide Eheleute in einen tiefen, durch nichts unterbrochenen Schlaf. 85   Fünftes Kapitel. »Bist Du so tapfer? Gut, ich will jetzt mit Dir reden!«         Coriolan.     Axt und Brand waren frühzeitig und wirksam unmittelbar um die Wohnung der Heathcote's herum angewandt worden. Man hatte einen zweifachen Zweck durch Entfernung aller Spuren von Wald aus der Nähe der Wohnungen erreicht; die nothwendigen Verbesserungen wurden mit größerer Leichtigkeit ausgeführt, und, was sehr zu berücksichtigen war, die Verstecke, welche, wie man weiß, der amerikanische Wilde so gerne bei seinen Angriffen aufsucht, wurden auf eine solche Entfernung beschränkt, daß die Gefahr eines Ueberfalls sich dadurch um ein Beträchtliches verminderte. Begünstigt durch den Vortheil, der durch diese Vorsicht erreicht worden, und unterstützt von der Helle einer Nacht, die fast den Glanz des Tages übertreffen zu wollen schien, hatte Eben Dudley und sein Gefährte auf der Wache ihr Amt leicht und sicher versehen. Ja sie wurden gegen den Morgen so vertrauensvoll und zuversichtlich, besonders wegen 86 der Gefangennehmung des jungen Indianers, daß mehr als einmal ihre Augen, welche ganz anders hätten gebraucht werden sollen, der Schläfrigkeit der späten Stunde und der Gewohnheit nachgaben, oder nur in Zwischenräumen offen waren, so daß sie ungewiß wurden, um wie viel die Zeit vorgerückt sei. Kaum aber naheten die Zeichen des Tages, so suchten die Wächter, ihren Instruktionen gemäß, ihre Betten und schliefen eine oder zwei Stunden tief und furchtlos. Nachdem der Vater das Morgengebet beendet hatte, theilte Contentius, mitten unter der versammelten Familie, so viel von den Vorgängen der verflossenen Nacht mit, als er nach seinem Urtheil für nöthig erachtete. Seine Umsicht beschränkte seine Erzählung auf die Gefangennehmung des jungen Eingebornen, und auf die Angabe der Art und Weise, wie er Wachen zur Sicherheit der Familie angeordnet hatte. In Hinsicht seines eigenen Ritts in den Wald und über alles dessen, was damit zusammenhing, beobachtete er ein vorsichtiges Schweigen. Es ist unnöthig, zu erzählen, auf welche Weise diese erstaunenerregende Nachricht aufgenommen wurde. Die kalte zurückhaltende Miene des Puritaners wurde noch gedankenvoller, die jungen Männer sahen ernsthaft doch entschlossen aus, das weibliche Gesinde wurde blaß, schauderte und zischelte hastig untereinander, während die kleine Ruth und ein Mädchen von fast gleichem Alter, Martha mit Namen, sich fest an die Seite der Frau vom Hause hingen, die, da sie schon Alles wußte, sich ein Aussehen der Entschlossenheit gab, die sie keinesweges fühlte. Das Erste, was die Zuhörer aufzunehmen hatten, nachdem ihre Ohren eifrigst die Kunde eingesogen, die Contentius 87 so kurz mitgetheilt, war eine Erneuerung des geistlichen Ringens nach Segen, von Seiten des Großvaters, in Form eines Gebets. Eine ganz besondere Bitte um Licht bei ihren künftigen Schritten wurde vorgebracht; man flehte um Gnade für alle Menschen, um ein besseres Gemüth für die, welche durch die Wildniß streiften, Opfer ihrer Wuth zu suchen, um die Gaben des Heils für die Heiden, und endlich um Sieg über alle sonstigen fleischlichen Feinde, möchten sie kommen woher und in welcher Gestalt sie wollten. Durch diese neue Andachtsübung gestärkt, setzte sich nun zunächst der alte Marcus in Kenntniß von allen Zeichen und Beweisen der Herannäherung der Gefahr, und unterwarf die sichtbaren Umstände der Gefangennehmung des jungen Wilden einer strengeren und mehr in's Einzelne gehenden Untersuchung. Contentius empfing einen verdienten und angenehmen Lohn für seine Klugheit in der Billigung eines Mannes, welchen er immer noch mit einer geistigen Unterwerfung und Abhängigkeit verehrte, die wenig von der verschieden und wenig geringer war, als die, womit er in den Tagen seiner Kindheit sich auf seines Vaters Einsichten verlassen und ihnen vertraut hatte. »Du hast wohl und weise gehandelt,« sagte sein Vater, »aber es bleibt noch mehr für Deine Weisheit und Unerschrockenheit zu thun übrig. Wir haben Nachricht bekommen, daß die Heiden nahe den Plantagen von Providence unruhig werden und ihre Gemüther schlimmen Rathgebern zulenken. Wir dürfen nicht in zu großer Sicherheit uns einschläfern lassen, da nur ein Wald von wenigen Tagereisen zwischen ihren Dörfern und unserer Ansiedelung liegt. Bringe den 88 Gefangenen herbei, ich will ihn über den Gegenstand seines Besuchs befragen.« Bis jetzt war die Furcht Aller so sehr auf die Feinde gerichtet, welche in der Nähe lauern möchten, daß man wenig Aufmerksamkeit dem Gefangenen im Blockhause schenkte. Contentius, der die unbesiegbare Entschlossenheit und die List der Indianer kannte, hatte sich wohl gehütet, ihn zu befragen, als er ihn gefangen genommen, denn er hielt die Zeit damals für passender zu vorsichtigem Handeln als zu einem Verhör, welches der Charakter des Knaben wahrscheinlich ganz und gar vergeblich gemacht hätte. Jetzt jedoch machte er sich mit einem Interesse, das sich noch zu erhöhen begann, als die Umstände seine Neugierde weniger unzeitig erscheinen ließen, auf, seinen Gefangenen zu holen, um ihn vor das forschende Gericht der väterlichen Herrschaft zu bringen. Der Schlüssel der unteren Thür des Blockhauses hing, wo er aufbewahrt worden, die Leiter wurde wieder angelegt und Contentius stieg ruhig in das Gemach hinauf, wo er seinen Gefangenen hingebracht hatte. Das Zimmer war das erste der drei im Gebäude enthaltenen, und die sich alle über dem Theil befanden, den man das Grundgeschoß hätte nennen können. Dieser sechseckige Raum war unerleuchtet, da er außer der Thüre keine weitere Oeffnung hatte, und größtentheils mit Gegenständen angefüllt, welche bei einem etwaigen Allarm oder Angriff unentbehrlich sein mochten, und die zu gleicher Zeit auch häufig zu häuslichen Bedürfnissen nöthig wurden. Im Mittelpunkte dieses Raumes befand sich ein tiefer Brunnen, der so durch eine steinerne Mauer zugerichtet und geschützt worden, daß man daraus das Wasser in die oberen Zimmer hinaufziehen konnte. Die Thüre selbst bestand 89 aus massivem, behauenem Holze. Die viereckigen Balken der oberen Eingangs-Etagen ragten etwas über die Sternmauern des Grundbaues hervor; die zweite Balkenreihe enthielt einige Löcher, aus denen man Wurfwaffen auf alle Angreifenden hinabschleudern konnte, wenn sie sich etwa näher wagten, als mit der Sicherheit des Gebäudes verträglich schien. Wie schon erwähnt, waren die beiden Hauptstockwerke mit langen, engen Einschnitten in dem Holze versehen, welche den doppelten Zweck von Fenstern und Schießlöchern versahen. Obgleich die Zimmer so augenscheinlich nur zur Vertheidigung eingerichtet waren, paßte doch der einfache Hausrath, den sie enthielten, zu den Bedürfnissen der Familie, wenn sie sich genöthigt sehen sollte, in diesem Gebäude eine Zuflucht zu suchen. Es befand sich auch ein Gemach, oder eine Casematte, wie schon erwähnt, unter dem Dache, aber sie gehörte kaum zu den wichtigeren Zwecken des Blockhauses. Dennoch hatte man den Vortheil, den ihr ihre Höhe gab, nicht übersehen. Eine kleine Kanone, von einer einst sehr bekannten und gewöhnlichen Art, die man Feldschlangen nannte, war an dieser Stelle aufgepflanzt worden, und es hatte eine Zeit gegeben, wo man sie mit Recht als etwas von der höchsten Wichtigkeit für die Sicherheit der Bewohner des Gebäudes angesehen. Lange Jahre hindurch war ihre Mündung von allen herumstreichenden Eingebornen, welche das Thal besuchten, angestaunt worden, wie sie drohend durch eine jener Oeffnungen hindurchschaute, welche jetzt in gläserne, funkelnde Fenster umgewandelt worden, und man hatte Ursache zu glauben, daß der Ruhm, welchen das kleine Stück Geschütz auf diese Weise stillschweigend erlangte, einen mächtigen Einfluß auf den so lange ungestört erhaltenen Frieden des Thals ausübte. 90 Das Wort »ungestört« sagt vielleicht zu viel; denn in der That hatte mehr als ein Allarm stattgefunden, obgleich keine eigentlichen Gewaltthaten je innerhalb der Grenzen begangen worden, welche der Puritaner als sein Eigenthum in Anspruch nahm. Bei einer Gelegenheit nur kam es so weit, daß der bejahrte Krieger sich genöthigt sah, seine Stellung in dieser kriegerischen Casematte zu nehmen, wo ohne Zweifel, hätten es die Umstände ihre Benutzung ferner nöthig gemacht, er seine Kenntnisse in der Geschützkunst auf angemessene Weise bekundet haben würde. Aber die einfache Geschichte von Wish-Ton-Wish lieferte einen Beweis mehr für jene politische Wahrheit, die wir unsern Landsleuten nicht oft genug wiederholen können; nämlich, daß stets auf Krieg vorbereitet sein, das beste Erhaltungsmittel des Friedens ist. Im vorliegenden Falle bewirkte die feindliche Stellung, welche der alte Marcus und seine Arbeiter angenommen, alle nur zu wünschende Ruhe, ohne zum Aeußersten, zum Blutvergießen, schreiten zu müssen. Dergleichen unblutige Siege waren weit mehr im Einklange, als sie es mit dem unruhigen Geiste, der ihn in seiner Jugend beherrscht hatte, gewesen sein mochten. Dem liebenswürdigen, schwärmenden Geiste der Zeiten gemäß, hatte er den Ort ihrer Zuflucht und Sicherheit zugleich zu dem Familiengebetzimmer gemacht, und von jenem Augenblicke an wurde dies Gemach ein Lieblingsaufenthalt für den alten Soldaten, wohin er sich gern zurückzog. Er stieg oft hier hinauf, selbst in den Stunden tiefer Nacht, um sich jenen geheimen geistlichen Uebungen hinzugeben, welche den Haupttrost, und, dem Anschein nach, auch die Hauptbeschäftigung seines Lebens waren. In Folge dieser Gewohnheit wurde die Casematte des Blockhauses allmälig als dem 91 ausschließlichen Gebrauche des Herrn des Thales geweiht angesehen. Die Sorgfalt, der Erfindungsgeist des Contentius, hatte es allmälig mit vielen Bequemlichkeiten versehen, welche zu der persönlichen Gemächlichkeit seines Vaters hätten beitragen können, während sein Geist in diesen Seelenkämpfen begriffen war. Am Ende war es Keinem in der Familie ein Geheimniß mehr, daß der Greis von der Matratze, welche unter andern Gegenständen das Gemach jetzt enthielt, oft Gebrauch machte, und daß er die Zeit von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang dort in der Einsamkeit verlebte. Die ursprünglich für die Wirksamkeit der Feldschlange eingeschnittene Oeffnung war mit Glas versehen worden, und kein Stück der Bequemlichkeit, welches man einstens der schwierigen Leiter, die in das Zimmer führte, hinaufgebracht hatte, sah man je wieder herunterbringen. In der strengen Heiligkeit des alten Marcus Heathcote, war etwas mit den Uebungen eines Eremiten sehr Uebereinstimmendes. Die jungen Leute, die sich auf dem Gute befanden, betrachteten stets seine ungebeugte Stirn und den ungetrübten Ernst seines Auges, das sie beschattete, mit einer Ehrerbietung, die nahe an Ehrfurcht grenzte. Wäre das lautere Wohlwollen seines Charakters weniger erprobt und allgemein anerkannt gewesen, oder hätte er sich erst in einer späteren Periode in das Getümmel des thätigen Lebens gemischt, es hätte leicht geschehen mögen, daß sein Schicksal die Verfolgungen getheilt, welche seine Landsleute über die häuften, von denen man glaubte, sie hätten an Einflüssen und Hülfsleistungen Theil, die zu erhalten man für gottlos hielt. Bei gewöhnlichen Umständen jedoch ging dies Gefühl nicht weiter, als bis zu einer tiefen, allgemeinen Ehrerbietung, welche den Gegenstand ihrer Verehrung und 92 das vernachlässigte kleine Stück Geschütz ruhig dem Gemache überließ, in welches sich einzudrängen fast als eine Handlung angesehen worden wäre, die nahe an Tempelverletzung grenzte. Contentius' Geschäft bei der Gelegenheit, die ihn zu seinem jetzigen Besuch des Gebäudes veranlaßte, dessen Geschichte und Beschreibung wir für gut befunden, dem Leser in einiger Länge und Ausführlichkeit zu geben, – dies Geschäft führte ihn nicht weiter als zu dem untersten der befestigten Gemächer desselben. Als er die Fallthüre in die Höhe hob, da überfiel ihn zum ersten Mal ein beunruhigendes Gefühl des Zweifels über die Angemessenheit seines Benehmens gegen den Jüngling, den er so lange ungetröstet durch Worte der Güte oder durch Thaten der Liebe gelassen hatte. Aber bald konnte er sich darüber zufrieden geben, er bemerkte, daß er Einen bemitleidete, dessen Seele noch viel größeren Beschwerden gewachsen war. Der junge Indianer stand vor einer der Schießscharten und blickte auf jenen fernen Wald hin, wo er noch kürzlich frei herumgestrichen; er blickte zu fest und sinnend hin, um sich selbst durch die von der Gegenwart seines Gefangenwärters veranlaßte Unterbrechung von dem Gegenstand seines Schauens abwenden zu lassen. »Komm aus Deinem Gefängniß, Knabe,« sagte Contentius in den Tönen der Milde, »was immer Deine Absicht gewesen sein mag, als Du um diese Wohnung herumspähtest, Du bist ein menschliches Wesen und mußt menschliche Bedürfnisse kennen; komm heraus und nimm Speise zu Dir. Niemand wird Dich hier kränken, noch ein Leids zufügen.« Die Sprache des Mitgefühls ist allgemein verständlich. Obgleich die Worte des Sprechenden offenbar dem 93 unverständlich waren, für dessen Ohren sie bestimmt worden, wurde ihm doch ihr Sinn durch die Güte des Tons einleuchtend. Die Augen des Jünglings wandten sich langsam von dem Anblick der Wälder ab, und hefteten sich lange und fest auf das Antlitz seines Gefangenwärters oder vielmehr Gefangennehmers. Contentius bemerkte in der That jetzt erst, daß er in einer Sprache gesprochen, die seinem Gefangenen unbekannt war, und er bemühte sich, durch Mienen voll Güte den Jüngling einzuladen, ihm zu folgen. Dieser gehorchte schweigend und ruhig. Als sie jedoch den Hof erreichten, siegte die Klugheit eines an der Grenze ansässigen Eigenthümers gewissermaßen über die Gefühle des Mitleids und der Theilnahme. »Bringe jenes Seil dort her,« sagte er zu Whittal Ring, der in diesem Augenblick nach dem Stalle gehen wollte; »hier ist Einer, so wild als das ungezähmteste Deiner Füllen. Der Mensch ist von unserem Geschlecht und unserem Wesen, mag es auch der Vorsehung gefallen haben, mit welcher Farbe ihn zu zeichnen, allein wer einen jungen Wilden unter seiner Aufsicht am Morgen hat, mag ein scharfes Auge auf seine Bewegungen den Tag über haben.« Der Jüngling gab sich ruhig hin, so lange nur um einen seiner Arme eine Schleife mit dem Strick gemacht worden, als nun aber Contentius gern auch den andern Arm in denselben Zustand der Unbeweglichkeit bringen, und so sein Werk vollenden wollte, da wand sich der Bursche aus seinen Händen los und warf mit Verachtung die Fesseln von sich. Dieser Handlung entschiedenen Widerstandes folgte indeß kein Versuch zu entfliehen. Sobald seine Person von einer Beschränkung frei geworden, die er wahrscheinlich als Mißtrauen in seine Fähigkeit auslegte, Schmerz mit der Standhaftigkeit 94 eines Kriegers zu erdulden, kehrte der Jüngling ruhig und stolz zu seinem Wächter zurück und schien mit einem Auge, worin Verachtung und Trotz gleichmäßig glühten, die ganze Fülle seines Grimmes herauszufordern. »Mag es denn so sein,« begann der gleichmüthige Contentius wieder; »wenn Dir die Bande nicht gefallen, welche bei allem Stolze des Menschen oft seinem Leibe heilsam sind, so behalte denn den Gebrauch Deiner Glieder, aber sieh' zu, daß sie kein Unheil anrichten. Whittal, habe Acht auf die Pforte, und erinnere Dich, daß es verboten ist, in's Feld sich zu wagen, bevor mein Vater diesen Heiden in's Verhör genommen. Das Junge wird selten weit von der List des alten Bären angetroffen.« Er gab dann dem jungen Manne einen Wink, ihm zu folgen, und richtete seine Schritte nach dem Zimmer, wo sein Vater, umgeben vom größten Theil seiner Familie, ihr Kommen erwartete. Rückhaltslose, häusliche Zucht war einer der auffallendsten Züge in dem Familienregiment des Puritaners. Früh schon ward Allen jene Herbe der Sitten eingeschärft, welche als ein Bewußtsein des gefallenen Zustandes des Menschen und seiner Prüfungszeit hienieden galt; denn unter einem Volke, welches alle Fröhlichkeit für sündlichen Leichtsinn hielt, mußte die Uebung der Selbstbeherrschung bald als die Grundlage aller Tugend angesehen werden. Aber welches auch immer das besondere Verdienst des Marcus Heathcote und seines Hauses in dieser Beziehung war, es wurde wohl von der Darlegung derselben Eigenschaft von Seiten des Jünglings übertroffen, der auf so seltsame Weise ihr Gefangener geworden. Es ist schon erwähnt worden, daß dieser Sohn der 95 Wälder ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte. Aufgeschossen gleich einer kräftigen treibenden Pflanze, und frei wie ein der Sonne entgegenstrebender Sprößling in seinen heimathlichen Wäldern, hatte er doch noch nicht die Höhe des Mannes erreicht. An Größe, Gestalt und Geberde war er ein Muster der kräftigen, natürlichen, reizenden Jugend. Aber während seine Glieder so schön in ihren Verhältnissen waren, schienen sie doch kaum nervig, aber jede Bewegung zeigte eine Freiheit und Leichtigkeit, welche die Anmuth der Jugend ohne das geringste Merkmal von jener Zurückhaltung ankündigten, die in unser Aeußeres sich einschleichen, wenn die erkünstelten Gefühle des spätern Lebens ihren Einfluß zu üben beginnen. Der glatte, gerundete Stamm der Bergesche ist nicht schlanker und freier von Makel, als die Gestalt des Jünglings war, der jetzt in den neugierigen Kreis eintrat, welcher sich bei seinem Eintritt öffnete, und dann sich wieder schloß, um einen Fluchtversuch zu verhindern. Er trat mit der Festigkeit eines Mannes ein, der erschien, Recht zu sprechen, statt es zu empfangen. »Ich will ihn befragen,« sagte der alte Marcus Heathcote, aufmerksam das scharfe, feste Auge betrachtend, das seinem langen, ernsten Blick eben so standhaft begegnete, als ein weniger vernünftiges Geschöpf der Wälder den Anblick eines Menschen erwidern würde. »Ich will ihn befragen, und vielleicht wird Furcht seinen Lippen ein Bekennen des Uebels entreißen, das er und die Seinigen gegen mich und mein Haus im Sinne führen.« »Ich glaube, unsere Sprachweise ist ihm unbekannt,« entgegnete Contentius; »denn weder Worte der Güte noch des 96 Zorns können ihn zu einer Veränderung seiner Gesichtszüge zwingen.« »Es ist alsdann passend, daß wir mit einer Bitte an Den beginnen, damit er, der das Geheimniß besitzt, alle Herzen zu öffnen, unser Beistand sei.« Der Puritaner erhob darauf seine Stimme in einer kurzen und ganz außerordentlich besonderen Bitte, worin er den Lenker und Regierer des Weltalls anflehte, seine Worte in dem nun folgenden Verhör auf eine Weise zu erklären und ihren Sinn deutlich zu machen, welche, wäre sein Verlangen erhört worden, nicht wenig nach Zeichen und Wundern geschmeckt haben würde. Nach dieser Vorkehrung schritt er ohne Weiteres an's Werk. Aber weder Fragen, Zeichen noch Gebet brachten auch nur die geringste sichtbare Wirkung hervor. Der Jüngling stierte das strenge, ernste Antlitz seines Richters an, so lange die Worte seinen Lippen entströmten, kaum aber hörten diese auf, so rollte sein forschendes und schnelles Auge über die verschiedenen neugierigen, ihn einschließenden Gesichter hin, als hoffe er mehr durch den Sinn des Gesichts als des Gehörs eine Aufklärung über sein künftiges Schicksal zu erhalten, über dessen Entscheidung er natürlicherweise etwas zu erfahren wünschte. Man überzeugte sich von der Unmöglichkeit, eine Geberde oder einen Laut von ihm zu erhalten, die entweder den Zweck seines in Frage stehenden Erscheinens, seinen eignen Namen oder den Namen des Stammes verrathen hätten. »Ich bin schon unter den Rothhäuten der Plantagen von Providence gewesen,« wagte Eben Dudley endlich zu bemerken; »und ihre Sprache, obgleich nur ein wirres, unvernünftiges Kauderwelsch, ist mir nicht unbekannt. Mit 97 Erlaubniß aller hier Gegenwärtigen,« fuhr er fort und betrachtete den Puritaner auf eine Weise, welche verrieth, daß diese allgemeine Benennung ihn eigentlich allein meinte, »mit Erlaubniß aller Gegenwärtigen, will ich dem Knaben so die Fragen vorlegen, wie er sie gerne beantworten wird.« Nachdem er einen beifälligen Blick erhalten hatte, stieß der Grenzmann einige ungeschlachte Kehltöne aus, von welchen, ob sie gleich ganz und gar ihre Wirkung verfehlten, er dennoch standhaft behauptete, es seien dies die gewöhnlichen Ausdrücke und Formeln des Grüßens unter dem Volk, zu welchem, wie er voraussetzte, der Gefangene gehörte. »Ich weiß gewiß. daß es ein Narragansett ist,« fuhr Eben fort und erröthete aus Aerger über seinen geringen Erfolg; zu gleicher Zeit warf er einen Blick von nicht besonderer Liebe und Freundschaft auf den Jüngling, welcher so handgreiflich seine Ansprüche auf Kenntniß der indianischen Sprache zurückgewiesen hatte; »Ihr seht, Muscheln von der Seeküste sind in die Besetzung seiner Mokasins eingewirkt, und außer diesem Zeichen, welches sicher und nie trügend ist, so gewiß, als daß die Nacht ihre Sterne hat, – außer diesem Zeichen trägt er auch die Züge eines Häuptlings, welcher auf den Wunsch von uns Christen von den Pequods nach einer Schlacht getödtet ward, in der ich selbst, mag es nun recht oder unrecht gewesen sein, in etwas mitwirkte.« »Und wie nennt Ihr jenen Häuptling?« fragte Marcus. »Ei, er hatte verschiedene Namen, je nach dem Geschäft, auf das er eben ausging. Einige kannten ihn als den »springenden Panther«, denn er war ein Mann von ganz ungewöhnlicher Federkraft in den Beinen; und wieder Andere pflegten ihn »Pepperage« zu nennen, weil das Gerücht ging, 98 weder Kugel noch Schwert könnten in seinen Körper eindringen, was jedoch ein Irrthum war, wie dies sein Tod vollständig gezeigt hat. Aber sein eigentlicher Name nach den Gebrauchen und den Lauten unter seinem eigenen Volke war My Anthony Mow.« »My Anthony Mow!« »Jawohl; My bedeutet, daß er ihr Häuptling war; Anthony. war der ihm gegebene Name, und Mow ist die Bezeichnung des Geschlechts, aus dem er abstammte,« fügte Eben mit Selbstvertrauen hinzu, erfreut, daß er endlich einen hinlänglich wohltönenden Namen und eine vollkommen einleuchtende Ableitung desselben aufgefunden. Aber alle Kritik wurde von ihrem Ziele durch Bewegungen des Gefangenen abgelenkt, als diese bedeutungsvollen Töne sein Ohr erreichten. Ruth wich zurück und drückte ihre kleine Namensverwandte fester an sich, als sie den blendenden Glanz seiner glühenden Augen und die plötzliche, bezeichnende Erweiterung seiner Nasenlöcher gewahrte. Einen Augenblick waren seine Lippen mit mehr als der gewöhnlichen Kraft des indianischen Ernstes zusammengedrückt und dann trennten sie sich langsam. Ein leiser, sanfter und wie selbst die erschreckte Hausfrau einzugestehen gezwungen war, ein kläglicher Ton entfuhr ihnen, als er trauernd wiederholte – »Miantonimoh!« Dies Wort wurde deutlich, mit tiefer Kehlbetonung, ausgesprochen. »Das Kind trauert um seinen Vater!« rief die gefühlvolle Mutter. »Die Hand, die den Krieger erschlug, mag damit eine böse That begangen haben!« »Ich sehe den augenscheinlichen und vorherbestimmenden 99 Willen einer weisen Vorsehung darin,« sagte Marcus Heathcote feierlich. »Der Jüngling hat den verloren, der ihn noch tiefer in die Banden des Heidenthums hätte verstricken mögen, und hierher ist er geführt worden, um auf den geraden und engen Pfad gebracht zu werden. Er soll unter den Meinigen wohnen, und wir wollen ringen gegen das Böse seiner Seele, bis Belehrung die Oberhand gewinnt. Er soll genährt und gepflegt werden, sowohl mit den Dingen des Lebens, als denen dieser Welt, denn wer weiß, was für ihn noch aufbewahrt ist.« Wenn in dieser Ansicht des alten Puritaners mehr Glauben als vernünftige Berechnung sich zeigte, so fanden sich doch keine äußeren Beweise vor, um dieselbe zu widerlegen. Während man in der Wohnung das Verhör des Knaben vornahm, hatte eine genaue Untersuchung in den Außengebäuden und nahegelegenen Feldern stattgefunden. Die in diesem Geschäft Begriffenen kehrten jedoch bald mit der Anzeige zurück, daß nicht die geringste Spur eines Hinterhalts um ihre Ansiedelung herum ersichtlich sei, und da der Gefangene selbst keine feindlichen Waffen besaß, so begann selbst Ruth zu hoffen, die geheimnißvollen Ansichten und Vermuthungen ihres Vaters über diesen Gegenstand seien nicht ganz täuschend. Der Gefangene bekam nun Speise und Trank und der alte Marcus war eben im Begriff den gehörigen Anfang mit dem Geschäfte, das er so freudig übernommen, durch ein Gebet und Dankopfer zu machen, als Whittal Ring lärmend in's Zimmer hereinstürzte und die Feierlichkeit seiner Vorkehrungen durch ein plötzliches Geschrei störte. »Weg mit der Sense und der Sichel,« schrie der Schwachkopf; »es ist schon lange her, seit die Felder von 100 Wish-Ton-Wish von Reitern in Büffeljacken niedergetreten oder schleichenden Wampanoags umstellt und erforscht worden sind.« »So ist doch Gefahr vorhanden!« rief die leicht aufgeregte Ruth. »Mann, die Warnung kam noch zur rechten Zeit.« »Da kommen freilich einige Reiter aus dem Walde, und nähern sich der Wohnung; aber da sie dem Anschein nach Leute unseres Geschlechts und Glaubens sind, müssen wir uns mehr freuen als entsetzen. Sie sehen aus wie Boten von der Flußgegend.« Marcus Heathcote hörte mit Erstaunen und vielleicht mit einer unglaublichen Unruhe zu, aber alle Bewegung hörte auch in demselben Momente wieder auf, denn ein Mann, der sein Gemüth so zu beherrschen und zu lenken verstand, erlaubte selten eine äußerliche Darlegung seiner Gedanken. Der Puritaner gab ruhig den Befehl, den Gefangenen in das Blockhaus zurückzubringen, und wies das obere von den zwei Hauptstockwerken zu seiner Haft an; alsdann bereitete er sich vor, Gäste zu empfangen, die selten die Ruhe seines abgeschiedenen Thales zu stören pflegten. Er war noch damit begriffen, die nöthigen Anordnungen deswegen zu erlassen, als das Stampfen der Pferde schon im Hofe gehört ward, und er an die Thüre gerufen wurde, seinen unbekannten Besuch zu begrüßen. »Wir haben doch Wish-Ton-Wish und die Wohnung des Capitains Marcus Heathcote erreicht,« sagte Einer, der seinem Aeußern und bessern Anzuge nach der Vornehmste unter den Vieren zu sein schien, welche den Trupp bildeten. 101 »Durch die Gnade der Vorsehung nenne ich mich den unwürdigen Besitzer dieses Zufluchtsortes.« »Dann wird ein so treuer Unterthan und ein Mann, der seine Anhänglichkeit so lange in dieser Wildniß bewiesen hat, die Diener seines gesalbten Herrn nicht von der Thüre weisen.« »Es gibt Einen, größer als Alle auf der Erde, der uns gelehrt hat, die Thüre nicht zu verschließen. Ich bitte Euch, abzusteigen, und an dem Theil zu nehmen, was wir zu bieten vermögen.« Nach dieser höflichen, aber seltsamen Erklärung saßen die Reiter ab, und traten, ihre Pferde der Obhut der Leute vom Meierhof überlassend, in die Wohnung ein. Während Ruth's Dienstmägde ein der Stunde und dem Stande der Gäste angemessenes Mahl bereiteten, hatte Marcus und sein Sohn hinlängliche Gelegenheit, über das Aeußere der Fremden ihre Beobachtungen anzustellen. Es waren Leute, die in ihren Zügen etwas ganz besonders Angemessenes und Uebereinstimmendes mit dem Charakter ihrer Wirthe trugen, da sie in der That so ganz seltsam still und ernst in ihrem Benehmen waren, daß man fast hätte vermuthen mögen, sie seien neubekehrte Eiferer der kasteienden Gebräuche und Gewohnheiten der Colonie. Aber ungeachtet ihrer außerordentlichen Ernsthaftigkeit und auch den Sitten jener Gegenden zuwider, hatten sie etwas an sich, was verrieth, daß sie an die Moden und Bedürfnisse der andern Halbkugel gewöhnt seien. Die an ihre Sattelbügel angebrachten Pistolen und andere Ausrüstungen von kriegerischem Anblick und Gebrauch würden vielleicht weiter keine Aufmerksamkeit erregt haben, wenn nicht ihre Kleider, Hüte und Stiefel einen Schnitt 102 gehabt hätten, welcher auf einen lebendigen Verkehr mit dem Mutterlande hindeutete, als unter den weniger spitzfindigen Eingebornen dieser Districte gewöhnlich war. Keiner durchzog die Wälder ohne die Mittel zur Vertheidigung; aber auf der andern Seite trugen auch nur Wenige die feindlichen Geräthschaften mit soviel von dem weltlichen Aeußern und mit so manchen kleineren Einzelnheiten einer ganz neu aufgekommenen Laune in der Mode. Da sie sich jedoch als Diener des Königs angekündigt hatten, warteten Die, welche nothwendiger Weise hauptsächlich bei dem Gegenstand ihres Besuches betheiligt sein mußten, geduldig ab, bis es den Fremden selbst gefallen würde, ihnen mitzutheilen, welche Pflicht sie so weit von all den gewöhnlichen Wohnungen der Menschen weg zu ihnen geführt hätte; denn gleich den Ureigenthümern des Landes schienen auch die selbstbeherrschten Religionsverwandten eine zudringliche Hast in allen Dingen unter die unmännlicheren Schwachheiten zu zählen. Während der ersten halben Stunde ihres Besuches entfuhr den wohlbewachten Lippen der Leute, die offenbar zu ihrem jetzigen Zweck sehr geeignet waren, auch nicht das Geringste, was zu einer Spur ihres Vorhabens und ihrer Absichten hätte führen mögen. Das Morgenmahl ging fast ohne alles Gespräch vorüber, und Einer aus dem Trupp war schon mit dem ausgesprochenen Vorsatz aufgestanden, nach ihren Pferden zu sehen, ehe Der, welcher der Anführer zu sein schien, das Gespräch auf einen Gegenstand leitete, der durch seine politische Farbe in gewisser Hinsicht so angesehen werden mochte, als habe er einen entfernten Zusammenhang mit dem Hauptgegenstand ihrer Reise in dieses abgeschlossene Thal. »Hat die Kunde von dem gnädigen Geschenke, das kürzlich 103 aus dem gütevollen Gemüthe des Königs geflossen, diese ferne Ansiedelung erreicht?« fragte die Hauptperson, ein Mann, der ein weit weniger kriegerisches Aeußere, als ein junger Gefährte hatte, der durch seine vertrauende Miene der Zweite an Rang und Ansehen schien. »Auf welches Geschenk haben Deine Worte Bezug?« fragte der Puritaner und warf einen Blick auf seinen Sohn und seine Schwiegertochter, sowie auf die übrigen Umstehenden, als wolle er sie dadurch ermahnen, vorsichtig zu sein. »Ich spreche von dem königlichen Freibrief, durch welchen die Bewohner der Ufer des Connecticut und die der Colonie von New-Haven sich in Zukunft unter einer Regierung vereinen und Gewissensfreiheit, so wie ihre eigenen Statuten ausüben dürfen.« »Ein solches Geschenk wäre eines Königs würdig. Hat Karl dies gethan?« »Das hat er und noch weit mehr, was einem gütigen königlichen Herzen wohl ansteht. Das Reich ist endlich befreit von den Mißbräuchen der Gewalträuber, und die Macht ruht jetzt in den Händen eines Geschlechts, das längst die Vorrechte derselben besaß.« »Es ist zu wünschen, daß die Uebung sie erfahren und weise in ihrem Gebrauche machen,« entgegnete Marcus etwas kurz. »Es ist ein lustiger Fürst, ein Mann, der nur wenig dem Studium und den Uebungen seines Vaters, des Märtyrers, ergeben; dagegen besitzt er große Unterhaltungsgaben und nur Wenige um seine gefürchtete Person haben schärferen Witz oder eine geläufigere Zunge.« Marcus beugte sein Haupt in Schweigen, und schien 104 wenig geneigt, die Verhandlungen über seines weltlichen Herrn Eigenschaften zu einem Schlusse zu treiben, der vielleicht einem so ergebenen Bewunderer beleidigend vorkommen möchte. Jemand, der zu Argwohn hingeneigt hätte, würde gewisse zweideutige Blicke von Seiten des Fremden, welcher diese verstohlen umherwarf, bemerkt oder zu bemerken geglaubt haben, während er so die lebendigen Eigenschaften des wiedereingesetzten Monarchen herausstrich, – Blicke, die vielleicht ein Verlangen verrathen hätten, zu entdecken, in wie weit die Lobeserhebungen seinem Wirthe angenehm sein möchten. Er gab jedoch den Wünschen des Puritaners nach, obgleich es dahingestellt bleiben muß, ob er dieselben errathen hatte, oder unwillkührlich einwilligte, von etwas Anderem zu sprechen. »Durch Deine Gegenwart wird es wahrscheinlich, daß Nachrichten von Hause die Colonieen erreicht haben,« sagte Contentius, welcher an dem ernsten, rückhaltenden Ausdruck der Mienen seines Vaters bemerkte, daß für ihn eine passende Zeit gekommen, sich in das Gespräch einzumischen. »Es ist Jemand vor einem Monat auf einer königlichen Fregatte in der Bai angelangt, aber noch kein Handelsschiff hat den Weg zwischen den beiden Ländern gemacht, das Fahrzeug ausgenommen, welches die jährliche Reise von Bristol nach Boston zurücklegt.« »Und Der, welcher angelangt ist, kommt er in Auftrag der Regierung?« fragte Marcus, »oder ist er nur ein neuer Diener des Herrn, der seine Hütte in der Wüste aufzuschlagen gedenkt?« »Du sollst die Art seines Auftrages erfahren,« entgegnete der Fremde, und warf einen Blick boshaften Einverständnisses 105 von der Seite auf seine Gefährten, während er zu gleicher Zeit sich erhob und seinem Wirth eine Bevollmächtigung einhändigte, welche offenbar das Staatssiegel an sich trug. »Man erwartet, daß dem Ueberbringer dieser Vollmacht alle Unterstützung von einem Unterthan geleistet werden wird, dessen Anhänglichkeit so erprobt ist, wie die des Capitains Marcus Heathcote.« 106   Sechstes Kapitel.   »Doch mit Erlaubniß, Ich bin ein Staatsbeamter, und gesandt Zu sprechen mit - -« Coriolan.         Ungeachtet des scharfen Blickes, welchen der Bote der Regierung mit Ueberlegung und jetzt auch offen auf den Herrn von Wish-Ton-Wish heftete, während dieser die ihm überreichte Urkunde las, konnte man doch kein Zeichen von Unruhe in den veränderten Zügen dieses Letzteren entdecken. Marcus Heathcote hatte zu lange seine Leidenschaften beherrscht, um zuzugeben, daß eine unziemliche Aeußerung von Erstaunen ihm entfahre; und er war von Natur ein Mann von viel zu viel Nervenstärke, um Unruhe bei jedem geringen Zeichen von Gefahr zu verrathen. Indem er das Pergament dem Andern zurückgab, sagte er mit unerschütterlicher Gelassenheit zu seinem Sohne: »Wir werden die Thüren von Wish-Ton-Wish weit aufthun müssen. Hier ist ein Mann, der mit Gewalt versehen worden, die Geheimnisse aller Wohnungen der Colonie zu erforschen.« 107 Dann mit Würde zu dem Bevollmächtigten der Krone gewandt, fügte er hinzu: »Du möchtest wohl daran thun mit Deinem Auftrage bei Zeit zu beginnen, denn unserer sind Viele und wir nehmen daher einen großen Raum ein.« Das Antlitz des Fremden röthete sich ein wenig; vielleicht aus Scham über einen Auftrag, in welchem er so weit hierher gekommen, oder vielleicht auch aus Aerger über einen so deutlichen Wink, daß je eher dieses unangenehme Geschäft beendet wäre, desto lieber es seinem Wirthe sein würde. Doch verrieth er noch nicht die Absicht, von der Vollstreckung seines Befehls abzulassen; im Gegentheil, etwas von jener unterwürfigen Weise ablegend, welche anzunehmen er vielleicht für politisch gehalten hatte, so lange er die Ansichten eines so geraden Mannes sondiren wollte, brach er jetzt vielmehr in die Darlegung einer üblen Laune aus, die wohl besser dem Geschmack Dessen angemessen war, dem er diente. »Kommt denn,« rief er und winkte seinen Genossen, »da die Thüren geöffnet sind, so würde es einen üblen Begriff von unserer Erziehung geben, wenn wir uns weigerten, einzutreten. Capitain Heathcote ist Soldat gewesen und weiß eines Wanderers Freiheit zu entschuldigen. Sicher muß ein Mann, der die Vergnügungen des Lagers geschmeckt, zu Zeiten dieses Waldlebens überdrüssig werden.« »Die Standhaften im Glauben werden nicht überdrüssig und müde, wenn auch der Weg weit und die Reise lästig sein sollte.« »Hm, es ist Schade, daß das Reisen zwischen dem lustigen England und diesen Colonien nicht schneller geht. Ich will mir nicht herausnehmen, einen Herrn zu belehren, der mir an Jahren und vielleicht auch an Kenntniß und Einsicht überlegen 108 ist; aber Gelegenheiten machen doch alles in dem Geschick eines Mannes aus. Es ist nicht mehr als Freundschaft, wenn ich Euch wissen lasse, würdiger Herr, daß sich die Ansichten zu Haus sehr geändert haben; es sind volle zwölf Monate, seit ich eine Zeile aus den Psalmen, oder einen Vers aus St. Paulus im Gespräch habe anführen hören, wenigstens nicht von Leuten, die überhaupt nur ihres Gefühls für Schicklichkeit wegen geachtet waren.« »Diese Veränderung in der Redeweise mag besser Deinem weltlichen, als Deinem himmlischen Meister zusagen;« entgegnete Marcus Heathcote ernst. »Schon gut, schon gut, damit Friede zwischen uns bestehe, so wollen wir nicht viele Worte um einen Text mehr oder weniger machen, wenn wir nur der Predigt selbst entgehen,« fuhr der Fremde fort, nicht länger irgend eine Zurückhaltung annehmend; ja er lachte mit ziemlicher Freimüthigkeit über seine eigene Verstellung, eine Lust, welche seine Gefährten mit großer Gutmüthigkeit theilten, und ohne viele Rücksicht und Ehrerbietung gegen die Begriffe Derer zu zeigen, unter deren Dach sie sich jetzt befanden. Ein kleiner glühender Fleck zeigte sich auf der blassen Wange des Puritaners, verschwand aber wieder, gleich einer vorübergehenden durch den Bruch der Lichtstrahlen hervorgebrachten, Täuschung. Selbst das sanfte Auge des Contentius leuchtete bei dieser Beleidigung, aber gleich seinem Vater sänftigte er durch lange Uebung in der Selbstverleugnung und ein nie schlummerndes Bewußtsein seiner eigenen Unvollkommenheiten den augenblicklichen Ausbruch seines Mißvergnügens. »Wenn Du Vollmacht hast, die geheimsten Orte unserer Wohnung zu durchsuchen, so thue Deine Pflicht,« sagte er 109 mit einer gewissen Eigenthümlichkeit im Ausdruck, welche dazu diente, den Andern zu erinnern, daß, obwohl er in Auftrag des Stuarts kam, er sich doch an dem äußersten Ende seines Reichs befand, wo selbst das Ansehen eines Königs etwas von seiner Kraft verlor. Seinem Vorgeben nach und vielleicht auch in Wahrheit seiner Unvorsichtigkeit sich bewußt, schickte sich der Fremde eiligst an, zur Ausführung seines Auftrags zu schreiten. »Es würde eine große und mühesparende Vorkehrung sein,« sagte er, »wenn wir den ganzen Haushalt in einem und demselben Raum versammelten. Die Regierung daheim möchte gerne etwas von der Beschaffenheit ihrer Lehnsleute in jener fernen Gegend vernehmen. Du hast ohne Zweifel eine Glocke, die Leute zu bestimmten Zeiten zusammenzurufen.« »Unsere Leute sind noch nahe an der Wohnung,« entgegnete Contentius, »wenn es Dir so gefällt, soll Niemand bei der Untersuchung fehlen.« Da er in dem Auge des Andern las, daß er dies ernstlich wünschte, schritt der ruhige Ansiedler an das Thor und eine Muschel an den Mund haltend, blies er eines jener Zeichen, wie man sie so oft in den Wäldern die Familien nach Hause rufen hört, und wie sie gleichmäßig gebraucht werden zu Mitteln des friedlichen Heimrufs und der wilden Lärmbotschaft. Der Ton brachte bald Alle, die im Bereich seines Schalles sich befanden, in den Hof, wohin sich nun der Puritaner mit seinen unwillkommenen Gästen begab, da dies der am besten zu den Zwecken der Letzteren geeignete Ort war. »Hallam,« sagte der Vornehmste von den Vieren, und wandte sich zu dem, der einstens, wenn er es nicht noch jetzt war, irgend ein Subalternoffizier in der Armee der Krone 110 gewesen sein mochte, da sein Anzug den Dragoner nur zur Hälfte verbarg. »Hallam,« sagte er, »ich überlasse es Dir, diese stattliche Versammlung zu unterhalten. Du magst die Zeit mit Gesprächen über die Eitelkeiten der Welt hinbringen, von welchen, wie ich glaube, Wenige besser geeignet sind, verständlich zu sprechen, als Du, oder auch einige Worte der Ermahnung, festzuhalten an dem Glauben, möchten mit dem gehörigen Gewicht von Deinen Lippen kommen. Aber sieh' zu, daß Niemand von Deiner Heerde wegstreicht, denn hier müssen alle diese Wesen zurückbleiben, stillstehend, wie das neugierige Weib Loth's, bis ich alle ihre schlauen Schlupfwinkel in Augenschein genommen habe. Nimm also die List zu Hülfe, und zeige Deine feine Erziehung als angenehmer Unterhalter!« Nach diesem unehrerbietigen Auftrag an seinen Untergebenen kündigte der Beauftragende dem Contentius und seinem Vater an, er und seine noch übrigen Gefährten wollten jetzt zu einer mehr in's Einzelne gehenden Untersuchung der Außengebäude schreiten. Als Marcus Heathcote sah, daß der Mann, der auf so rohe Weise in das friedliche Treiben seiner Familie eingedrungen war, sich anschickte, an's Werk zu gehen, trat er fest vor ihm her, ganz wie ein Mann, der eine strenge Untersuchung nicht scheut, und hieß ihn durch einen Wink ihm folgen. Der Fremde warf, vielleicht eben so sehr aus Gewohnheit, als absichtlich, zuerst einen leichtfertigen Blick auf die ringsum versammelten, davon erröthenden Mägde, schielte selbst nach der bescheidenen, sanftblickenden Ruth hin und nahm dann die Richtung, die ihm der Mann angedeutet hatte, 111 welcher so ganz ohne Zögern das Amt eines Führers übernommen. Der Zweck dieser Untersuchung blieb noch immer Allen ein Geheimniß, außer Denjenigen, welche sie anstellten und dem Puritaner, welcher vermuthlich ihren Beweggrund in der geschriebenen Vollmacht gefunden, die seiner Einsicht vorgelegt worden. Daß sie von der gebührenden Behörde ausgegangen, daran konnte Niemand zweifeln, und daß sie gewissermaßen mit den Vorgängen zusammenhing, welche, wie man wußte, eine so plötzliche und große Veränderung in der Regierung des Mutterlandes hervorgebracht, das hielten Alle für wahrscheinlich. Trotz der scheinbaren Heimlichkeit dieses Vorgangs war die Untersuchung doch deswegen nicht weniger streng. Es wurden wenige Wohnungen von einiger Größe und einigen Ansprüchen in jenen Zeiten errichtet, die nicht gewisse geheime Orte enthielten, wo, wenn es Noth that, Kostbarkeiten und selbst Menschen versteckt werden konnten. Die Fremden zeigten große Vertrautheit mit der Art und Weise und der gewöhnlichen Lage dieser besondern verborgenen Schlupfwinkel. Kein Verschluß, keine Kiste, kein Schrank von einiger Größe entging ihrer Wachsamkeit, und gab eine Diele einen etwas hohlen Ton von sich, so mußte der Herr des Thals die Ursache davon erklären. In einem oder zwei Fällen wurden Bohlen mit Gewalt von ihrem Halt losgerissen und die Höhlungen darunter mit einer Aufmerksamkeit untersucht, die immer in dem Maße zunahm, als die fortgesetzte Haussuchung ohne Erfolg zu bleiben drohte. Die Fremden schienen gereizt durch diese Vergeblichkeit ihres Forschens. Eine Stunde ward mit dem strengsten Nachforschen verbracht, und nichts hatte sich gezeigt, was sie ihrem 112 Ziele in Etwas näher gebracht hätte. Daß sie die Haussuchung mit mehr als gewöhnlich vertrauensvoller Voraussetzung eines günstigen Erfolgs begonnen, das konnte man an der Kühnheit abnehmen, an dem trotzigen Ton, in welchem ihr Häuptling sprach, und den spitzigen, persönlichen Anspielungen, denen er sich von Zeit zu Zeit, oft zu frei und immer auf Unkosten der Heathcote's, überließ, deren Unterwürfigkeit und Treue er verdächtig zu machen suchte. Als er nun aber die Gebäude alle durchsucht, als er alle ihre Theile vom Keller anfangend bis zu den Dachstübchen betreten und erforscht hatte, ward sein Aerger so heftig, daß er gewissermaßen die Oberhand über einen gewissen Anstrich von Bescheidenheit und Umsicht davontrug, welchen er bis jetzt bei all seiner Leichtfertigkeit beizubehalten sich bestrebt hatte. »Hast Du nichts gesehen, Hallam?« fragte er den Mann, den er als Wache zurückgelassen, als sie auf ihrem Rückweg von dem letzten der Außengebäude über den Hof gingen, »oder haben die Spuren, die uns zu dieser fernen Ansiedelung geführt, sich als trüglich bewährt? Capitain Heathcote, Ihr habt gesehen, daß wir nicht ohne hinlängliche Vollmacht kommen, und ich bin auch berechtigt zu sagen, daß wir nicht ohne hinlängliche – –« Sich selbst unterbrechend, als wenn er im Begriff wäre, mehr auszusprechen, als klug war, warf er plötzlich einen Blick auf das Blockhaus, und fragte nach dessen Bestimmung. »Es ist, wie Du siehst, ein zu Zwecken der Vertheidigung aufgeführtes Gebäude,« entgegnete Marcus, »ein Gebäude, in welches im Fall eines Einbruchs der Wilden die Familie zu ihrer Sicherheit sich zurückziehen kann.« »Ah, solche Citadellen sind mir nicht unbekannt; ich bin 113 schon auf andere während meiner Reise hierher getroffen, aber keine sah so furchtbar, so kriegerisch aus, als diese. Sie hat einen Soldaten zu ihrem Befehlshaber und könnte eine ziemliche Belagerung aushalten. Da dies ein Ort ist, welcher auf einige Wichtigkeit Ansprüche macht, so wollen wir etwas genauer seine Geheimnisse erforschen.« Er gab alsdann seine Absicht zu erkennen, die Nachsuchung mit einer Durchforschung dieses Gebäudes zu beschließen. Contentius öffnete ohne Zögern die Thür und lud ihn ein, einzutreten. »Auf mein Wort, der ich zu meiner Zeit manchen Feldzug mitgemacht habe, obwohl ich jetzt mit einem friedlicheren Auftrage beschäftigt bin, es möchte kein Kinderspiel sein, diesen Thurm ohne Geschütz wegzunehmen. Hätten Deine Kundschafter Dir Nachricht von unserer Annäherung gegeben, Capitain Heathcote, der Eingang hierher möchte uns schwieriger geworden sein, als wir ihn jetzt finden. Eine Leiter hier! Nun, wo die Mittel zum Aussteigen vorgefunden werden, muß auch Etwas sein, was uns veranlassen kann, aufzusteigen. Ich will Eure Waldluft von einem oberen Zimmer aus genießen.« »Ihr werdet das Gemach oben wie das unten finden; nur zugerichtet zur Sicherheit der harmlosen Bewohner dieser Gebäude,« sagte Contentius, während er ruhig die Leiter vor die Fallthüre stellte, und dann selbst voran nach dem Stockwerk oben hinaufstieg. »Hier haben wir Löcher für die Musketen,« rief der Fremde, mit Kennerblicken um sich schauend, »und stattlicher Schutz gegen Kugeln von Außen. Du hast Dein Gewerbe nicht vergessen, Capitain Heathcote, ich preise mich glücklich, Deine 114 Veste unversehens durch einen Ueberfall oder, vielmehr sollte ich sagen, in Freundschaft eingenommen zu haben, da der Friede zwischen uns noch nicht gebrochen ist. Aber warum haben wir hier so viel Hausgeräth an einem Ort, der offenbar nur zum Krieg ausgerüstet ist?« »Du vergißt, daß Weiber und Kinder gezwungen werden können, in diesem Blockhause ihre Wohnung zu nehmen,« entgegnete Contentius. »Es würde wenig Umsicht verrathen, Dinge zu vergessen, die zu ihren Bedürfnissen nützlich und nöthig sein könnten.« »Habt Ihr oft Unruhen mit den Wilden?« fragte der Fremde etwas hastig, »die Schwätzer in der Colonie haben uns doch gesagt, wir hätten von der Seite nichts zu fürchten.« »Man kann nicht sagen, zu welcher Stunde Wesen ihrer wilden Gemüthsart es für dienlich erachten könnten, sich zu erheben. Die Grenzbewohner vernachlässigen daher nie eine gebührende Vorsicht.« »Still!« unterbrach ihn der Fremde, »ich höre Fußtritte oben. Aha! so hat mich der Geruch doch nicht irre geführt! Halloh, Meister Hallam,« rief er aus einem der Schießlöcher, »laß Deine Salzsäulen zerschmelzen und komm hierher zu dem Thurm! Hier ist Arbeit für ein Regiment; denn wir kennen gar wohl den Charakter der Leute, mit welchen wir es zu thun haben.« Die Wache im Hof rief ihren Gefährten in den Ställen zu, und dann offen und lärmend über die Aussicht auf einen endlichen Erfolg ihres Nachsuchens frohlockend, das ihnen bis jetzt manchen langen Tag hindurch vergebliche Beschäftigung und Anstrengung gemacht und zu manchem beschwerlichen, 115 anhaltenden Ritt sie gezwungen hatte, stürzten sie nach dem Blockhause zu. »Nun, Ihr würdigen Lehnsmänner eines gnädigen Herrn,« sagte der Führer, als er sich durch sein ganzes bewaffnetes Gefolge den Rücken gedeckt sah, und nahm die Mienen und das Aeußere eines Mannes an, der sich seines Erfolges überhebt, »nun, bereitet mir jetzt schnell die Mittel, in das andere Stockwerk hinaufzusteigen. Ich habe dreimal den Fußtritt eines Menschen gehört, der über jenen Boden hinging. Ob er gleich leicht und vorsichtig war, so sind doch die Bohlen Plauderer und Ausschwätzer und haben nicht die gehörige Bildung und Schule.« Contentius hörte das Verlangen, das so ziemlich in der Weise eines Befehles ausgesprochen wurde, ganz ruhig und gelassen an. Ohne weder Zögern oder Besorgniß zu verrathen, schickte er sich an, zu gehorchen. Er zog die leichte Leiter durch die Fallthüre unten, und stellte sie dann gegen eine über ihm; worauf er hinaufstieg und die Thüre aufhob. Er kehrte dann wieder auf den Boden unten zurück, und machte eine ruhige Geberde, welche andeuten sollte, wer wolle, könne hinaufsteigen. Aber die Fremden sahen einander mit sehr merklichen Zweifeln an. Keiner von den Geringeren schien geneigt, seinem Führer voran zu gehen, und dieser zögerte augenscheinlich und war noch über die Reihenfolge nicht im Klaren, in welcher es dienlich sein möchte, vorzuschreiten; denn vorschreiten mußte man. »Gibt es keinen andern Weg hinaufzukommen, als durch diese enge Oeffnung?« fragte er. »Nein. Du wirst die Leiter sicher und von nicht 116 schwieriger Höhe finden; sie ist zum Gebrauch von Weibern und Kindern bestimmt.« »Ja,« murmelte der Offizier, »aber Eure Weiber und Kinder werden auch nicht aufgefordert, dem Teufel in menschlicher Gestalt entgegenzutreten. Burschen, sind Eure Waffen in dem dienstfähigen Stande? Hier möchte Muth von Nöthen sein, ehe wir an unsern – – Hst, bei dem göttlichen Recht unsers gnädigen Herrn und Königs, da geht sicher Jemand oben! Höre, mein Freund, Du kennst den Weg so gut, wir wollen vorziehen, Deiner Leitung zu folgen.« Contentius, der nicht leicht durch gewöhnliche Begebenheiten den Gleichmuth seines Charakters stören ließ, willigte ruhig ein und stieg auf der Leiter voran, ganz so, als sähe er nicht den geringsten Grund zu Besorgnissen in der Unternehmung. Der Bevollmächtigte der Krone sprang nach ihm auf die Leiter, trug aber Sorge, sich so nah als möglich bei seinem Führer zu halten, und rief seinen Untergebenen zu, keine Zeit zu verlieren und ihm durch ihre Hülfe den Rücken frei zu halten. Der ganze Haufe stieg mit einem Eifer durch die Fallthüre, welcher nicht geringer war, als die Schnelligkeit, mit der sie durch eine gefährliche Bresche durchgedrungen sein würden, auch nahm sich keiner von den Vieren Zeit, das Gemach zu übersehen, welches sie eingenommen hatten, bis der ganze Haufe in Reih und Glied stand, die Hände theils an ihren Pistolen, theils instinctmäßig die Griffe ihrer Säbel suchend. »Beim finstern Gesicht des Stuart!« rief die Hauptperson, nachdem sie sich durch ein langes, in seinen Hoffnungen betrogenes Hinstarren überzeugt hatte, daß, was sie sagte, wahr 117 sei, »hier befindet sich nichts als ein unbewaffneter indianischer Knabe!« »Erwartetest Du sonst Etwas anzutreffen?« fragte der noch immer ganz ruhige Contentius. »Hm, was wir anzutreffen erwarteten, ist hinlänglich jenem ruhigen alten Mann unten und unserem eigenen guten Verstand bekannt. Wenn Du daran zweifelst, daß wir ein Recht hatten; bis in Dein innerstes Herz hineinzusehen, so können wir Vollmacht für das, was wir thun, vorbringen. König Karl hatte eben nicht große Ursache, so verschwenderisch mit seinen Gnadenbezeugungen gegen die Bewohner der Colonieen zu sein, die nur ein zu williges Ohr dem Wimmern und Heucheln der Wölfe in Schafskleidern liehen, von denen sich Alt-England jetzt so glücklich befreit hat. Deine Gebäude sollen nochmals durchstöbert werden, von dem Mauerwerk des Schornsteins an bis zu dem Grundstein in Deinen Kellern, wenn Betrug und empörerische Hinterlist nicht aufgegeben und die Wahrheit nicht mit der Offenherzigkeit und der Würde eines kühnsprechenden Engländers eingestanden wird.« »Ich weiß nicht, was Du die Würde eines kühnsprechenden Engländers nennst, da Würde der Rede nicht die Eigenschaft nur eines Volkes oder nur eines Landes ist; aber wohl weiß ich, daß Betrug sündlich ist, und wenig Betrug wird, wie ich demüthig vertraue, in dieser Ansiedelung ausgeübt. Ich weiß nicht, was Ihr sucht, und deswegen ist es unmöglich, daß ich Verrath im Sinne führe.« »Du hörst es, Hallam! er bespricht noch eine Sache, die den Frieden und die Sicherheit des Königs angeht,« rief der Andere, während sein stolzes Benehmen immer wuchs, je mehr sich sein Aerger über die Täuschung seiner Erwartungen 118 vermehrte. »Aber warum ist dieser dunkelhäutige Knabe ein Gefangener? Wagst Du es, Dich zum Herrn über die Eingebornen dieses Continents zu erheben, und gibst Du Dir den Anschein, Handschellen und Kerker für Die in Bereitschaft zu haben, welche Deinen Unwillen auf sich ziehen?« »Der Knabe ist in der That ein Gefangener, aber er ist eingekerkert worden zum Schutz für unser Leben, und hat sich über wenig mehr zu beklagen als über Verlust der Freiheit.« »Ich werde diesen Vorfall genau untersuchen. Obgleich mit einem Geschäfte verschiedener Art beauftragt, nehme ich doch als ein Mann, dem eine wichtige Sache anvertraut worden, die Pflicht auf mich, jeden unterdrückten Unterthan der Krone zu schützen. Es können aus dieser Handlung Entdeckungen hervorgehen, Hallam, welche selbst geeignet sein möchten, vor den Rath gebracht zu werden.« »Du wirst nur wenig hier finden, was der Zeit und Aufmerksamkeit von Männern würdig wäre, die mit der Sorge für ein ganzes Volk belastet sind,« entgegnete Contentius. »Der junge Heide wurde vergangene Nacht nahe bei unserer Wohnung im Hinterhalt gefunden, und wird hier, wo Du ihn siehst, festgehalten, damit er nicht Kunde von unserer Lage seinem Volke bringe, welches ohne Zweifel in dem Walde im Hinterhalt liegt, den günstigen Augenblick erwartend, seine bösen Pläne in Ausführung zu bringen.« »Wie meinst Du das?« rief hastig der Andere; »in der Nähe, im Wald sagtest Du!« »Man darf kaum daran zweifeln. Ein so junger Wilde wie dieser möchte kaum in bedeutender Entfernung von den Kriegern seines Stammes angetroffen werden; und dies um 119 so mehr, da er gerade in einem Hinterhalt aufgegriffen ward.« »Ich hoffe, Deine Leute sind nicht ohne gute Vorräthe von Waffen und Kriegsbedarf und andern zureichenden Mitteln zum Widerstand. Die Pallisaden sind doch hoffentlich fest und die Pforten in gehörigem Vertheidigungszustande?« »Wir haben ein eifriges Auge auf unsere Sicherheit; denn es ist uns Grenzbewohnern wohl bekannt, daß es ohne unablässige Wachsamkeit für uns wenig Sicherheit giebt. Die Leute waren an den Thoren bis zum Morgen, und wir hatten vor, einen genauen Streifzug in die Wälder zu veranstalten, sobald der Tag angebrochen sein würde, um nach den Zeichen zu spähen, die uns zu Schlüssen über die Anzahl und Zwecke jener Völker führen könnten, von denen wir umringt sind, doch Dein Besuch hat uns zu andern Pflichten gerufen.« »Und warum sprecht Ihr so spät erst von diesem Vorhaben?« fragte der Bevollmächtigte des Königs, und begann mit argwöhnischer Eile die Leiter zuerst hinunterzusteigen. »Dies ist eine empfehlenswerthe Vorsicht und darf nicht aufgeschoben werden. Ich befehle auf meine eigene Verantwortlichkeit, daß man alle gehörige Sorgfalt trage, um die schwächeren Unterthanen der Krone, die hier sich zusammen gefunden haben, zu vertheidigen. Sind unsere Reitpferde tüchtig gefüttert; Hallam? – Die Pflicht ist, wie Du sagst, eine gebietende Herrscherin; sie ruft uns weiter in das Herz der Colonie. – Ich wünschte, sie möchte uns bald den Weg nach Europa zeigen!« murmelte er, als er den Boden erreichte. »Geht, Bursche, seht nach unseren Thieren und laßt sie eilig zum Aufbruch fertig machen!« Das Gefolge, wenn sie auch sonst Leute von hinlänglichem 120 Muth im offenen Krieg waren, so lange dieser in einer Weise geführt ward, an die sie sich gewöhnt hatten, – dieses Gefolge verrieth doch, gleich andern Sterblichen, eine heilsame Ehrfurcht vor unbekannten und schrecklich aussehenden Gefahren. Es ist eine allgemein angenommene Wahrheit, eine Wahrheit, die durch die Erfahrung von zwei Jahrhunderten bewiesen worden, daß während der europäische Soldat immer sehr bereitwillig und schnell gewesen ist, seine Zuflucht zum Beistand der schrecklichen Krieger der amerikanischen Wälder zu nehmen, er doch in allen Fällen beinahe, wo Wiedervergeltung oder Zufall ihn aus einem Zuschauer zum Gegenstand der erbarmungslosen Weise ihres Kriegsführens machte, eine sehr heilsame und oft sehr unwürdige und lächerliche Furcht vor der Tapferkeit seines früheren Verbündeten verrathen hat. Während daher Contentius so standhaft und ruhig, wiewohl immer sehr ernsthaft, auf die besondere Gefahr sah, in welcher er sich befand, erblickten die vier Fremden, wie es schien, schon alle ihre Schrecken auf sich hereinbrechen, ohne irgend eine von den bekannten Vorsichtsmaßregeln auffinden zu können, um sie zu entfernen. Ihren Häuptling verließ schnell sein Amtsübermuth, und der mürrische Ton getäuschter Erwartung machte einer höflicheren Miene Platz; wie man oft Klugheit selbst die Gefühle weit höherer Personen umstimmen sieht, wenn ihre Lage einen andern Anstrich gewinnt, so nahm auch seine Sprache plötzlich einen Charakter der Versöhnung und Höflichkeit an. Die Stubenmädchen wurden ferner nicht mehr beäugelt, die Frau vom Hause ward mit ausgezeichneter Ehrerbietung behandelt, und der Blick tiefer Ehrfurcht, womit selbst der Vornehmste des Haufens den bejahrten Puritaner anredete, 121 grenzte an eine Darlegung eines ganz besonders höflichen Benehmens. Man brachte einiges vor, gleichsam zur Entschuldigung der unangenehmen Anforderungen der Dienstpflicht, und sprach von dem Unterschied, der Statt fände zwischen einem Benehmen, das geheimer Zwecke wegen beobachtet werden müsse, und jenem, welches Natur und ein Sinn für Recht uns zu befolgen vorschrieben; aber weder Marcus noch sein Sohn schienen hinlänglichen Antheil an den Beweggründen ihres Besuchs zu nehmen, um sich Mühe zu geben, Erklärungen zu erwiedern, welche eben so unbehülflich von denen vorgebracht wurden, welche sie aussprachen, als sie unnöthig für Die waren, welche sie anhörten. Weit entfernt, den Schritten der Familie von jetzt an noch mehr Hindernisse in den Weg zu legen, drängten sie vielmehr die Grenzbewohner nun ernstlich, ihre frühere Absicht, eine genaue Untersuchung der Waldungen ringsum vorzunehmen, jetzt in Ausführung zu bringen. Die Wohnung ward daher unter dem Oberbefehl des Puritaners der Obhut von ungefähr der Hälfte der Arbeiter anvertraut; diese sahen sich durch die Europäer unterstützt, welche, gleichsam einem instinctähnlichen Drange nachgebend, sich zur Besetzung des Blockhauses drängten; auch hatte ihr Anführer wiederholt und offen genug erklärt, daß, obwohl zu allen Zeiten bereit, sein Leben auf einer freien Ebene zu wagen, er doch einen unbezwingbaren Widerwillen in sich fühle, es in einem Dickicht der Gefahr auszusetzen. Von Eben Dudley, Ruben Ring, und zwei andern stattlichen jungen Männern, wie alle wohl, obgleich leicht bewaffnet waren, begleitet, verließ hierauf Contentius die Pallisaden, und nahm seinen Weg nach dem Walde zu. Sie betraten 122 ihn am nächsten Punkte, immer mit der Vorsicht und Wachsamkeit vorschreitend, welche ein Bewußtsein der wahren Beschaffenheit der Gefahr giebt, der sie sich aussetzten, und welche Uebung allein gehörig zu modeln und anzuwenden lehren kann. Die Methode bei diesem Auskundschaften war eben so einfach, als sie wahrscheinlich von Erfolg sein mußte. Die Kundschafter begannen mit einem Umgang um die Waldlichtung herum, und dehnten dann ihre Linie so weit aus, als dies geschehen durfte, ohne ihre Verbindung, sich wechselseitig Beistand zu leisten, aufzuheben. Jeder richtete seine Sinne aufmerksam auf die Zeichen von Fußtapfen oder von Lagerungen jener gefährlichen Feinde, von denen sie Grund zu fürchten hatten, sie lägen in der Nähe im Hinterhalt. Aber gleich dem eben vorgenommenen Suchen in den Gebäuden, war auch dies Auskundschaften eine lange Zeit hindurch von gar keinem Erfolg begleitet. Viele langwierige Meilen wurden langsam durchschritten, und mehr als die Hälfte ihrer Aufgabe war vollendet, und noch waren sie auf kein Zeichen von einem lebendigen Wesen getroffen, die sehr sichtbaren Spuren ihrer vier Gäste und die Tritte eines einzelnen Pferdes ausgenommen, welche längs eines Pfads hinliefen, die von jener Seite, von welcher, wie sie wußten, der Besuch der vorigen Nacht genaht war, zu den Ansiedelungen hinführte. Keiner aus dem Haufen machte die geringste Bemerkung, als Jeder nach der Reihe fast in demselben Augenblick staunend an diesem Pfad stehen blieb und über ihn hinschritt, aber ein leiser Ruf von Ruben Ring, welcher bald nachher in ihr Ohr traf, machte, daß sie sich in einen Haufen auf der Stelle versammelten, von wo der Ruf hervorgedrungen war. 123 »Hier sind Spuren von Jemand, der zum Thal herausgeritten ist,« sagte der scharfsinnige Waldmann, »von Einem, der nicht zur Familie von Wish-Ton-Wish gehört, da sein Thier beschlagene Hufe hatte, ein Merkmal, das sich an keinem unserer Pferde findet.« »Wir wollen folgen,« sagte Contentius, und schlug sogleich einen sich windenden Pfad ein, den, wie an vielen unzweideutigen Zeichen zu erkennen war, ein Pferd vor wenigen Stunden erst gebildet hatte. Ihr Suchen erreichte jedoch bald sein Ende. Ehe sie nur etwas weit gegangen waren, trafen sie auf den halbzerrissenen Körper eines todten Pferdes. Ueber den früheren Eigenthümer des armen Thieres konnte weiter kein Zweifel sein. Ein Raubthier, oder vielleicht mehrere hatten reichlich von dem frischen, fast noch blutenden Leichnam gezehrt, das verhinderte indeß nicht, an dem zerrissen umherliegenden Reitzeug sowohl, als an der Farbe und Größe des Thieres den Gaul wiederzuerkennen, den der unbekannte und geheimnißvolle Gast geritten, der, nachdem er an der Andacht und dem Abendessen der Familie von Wish-Ton-Wish Theil genommen, auf eine so seltsame und plötzliche Weise wieder verschwunden war. Der lederne Mantelsack, die Waffen, die den Blick des alten Marcus so sehr gefesselt hatten, kurz Alles, nur der Körper und ein zerrissener Sattel ausgenommen, waren fort; aber, wie gesagt, was blieb, reichte hin, um über die Identität des Pferdes Gewißheit zu geben. »Hier hat der Zahn des Wolfs gewirkt,« sagte Eben Dudley und blieb stehen, die Beschaffenheit einer weiten Wunde an dem Nacken zu untersuchen; »hier ist aber auch der Schnitt von einem Messer geschäftig gewesen; aber ob 124 dies von der Hand einer Rothhaut geschehen, das zu entscheiden, überschreitet die Kräfte meiner Kunst.« Jeder Einzelne aus dem Haufen beugte sich jetzt neugierig über die Wunde hin, aber das Ergebniß ihrer Untersuchungen ging nicht weiter, als daß sie bestätigten, es sei dies unzweifelhaft das Pferd des Fremden, das sein Leben verloren. Zur Aufklärung über das Schicksal seines Herrn aber führte nicht die geringste Spur. Sie gaben daher die weitere Untersuchung auf, nachdem sie lange und erfolglos das todte Pferd betrachtet hatten, und schritten weiter, den Umgang um die Lichtung zu vollenden. Die Nacht war herangekommen, ehe das ermüdende Geschäft zu Ende gebracht worden. Als Ruth an der Pforte, ängstlich ihrer Rückkehr harrend, dastand, konnte sie in der Miene ihres Mannes bemerken, daß, während Nichts sich gezeigt hatte, um einigen Grund zu weiteren Besorgnissen zu geben, doch auch kein genügendes Zeichen entdeckt worden, das die peinlichen Zweifel hätte aufhellen können, durch die sie als eine zärtliche und besorgte Mutter während des ganzen Tags beunruhigt worden war. 125   Siebentes Kapitel.   »Habt Ihr nicht Zeit, wenn es zum Melken geht, Zu Bette, oder zu dem Brennofen, Um diese Geheimnisse auszuplaudern, Im Beisein aller Gäste?« Wintermärchen.             Lange Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn ein Weißer in die Lage gesetzt wird, welche der Erlangung der dem nordamerikanischen Indianer so eigenthümlichen Gewandtheit günstig ist, er diese leicht erlernt, und sich unter Anderem die Fähigkeit aneignet, die Kennzeichen einer Waldspur mit einer fast an Instinkt grenzenden Schnelligkeit und Genauigkeit aufzufinden. Die Befürchtungen der Familie wurden daher durch die Erzählungen der Auskundschafter fast gehoben, welche alle in der Ansicht mit einander übereinkamen, daß keine Streifpartie von Wilden, die überhaupt nur einer Streitmacht, wie ihre eigene, gefährlich werden könnte, in der Nähe des Thals im Hinterhalt läge. Einige von ihnen – und der lauteste darunter war der kräftige Eben Dudley – gingen sogar so weit, daß sie sich erboten, mit ihrem Leben für die Sicherheit der ihrer Wachsamkeit anvertrauten Personen zu haften. Diese Versicherungen hatten ohne allen Zweifel einen besänftigenden 126 Einfluß auf die Befürchtungen der Ruth und ihrer weiblichen Dienstboten, aber sie verfehlten in etwas ihre Wirkung bei jenem unwillkommenen Besuch, der immer noch durch seine Gegenwart Wish-Ton-Wish belästigte. Obgleich sie augenscheinlich alle Gedanken aufgegeben hatten, welche mit dem eigentlichen Zweck ihrer Herkunft zusammenhingen, so sprachen sie doch nicht von Abreise. Im Gegentheil, als die Nacht hereinbrach, berieth sich ihr Anführer mit dem alten Marcus Heathcote und machte gewisse Vorschläge zur Sicherung seiner Wohnungen, welchen sich zu widersetzen der Puritaner keinen Grund sah. Demgemäß wurde ein regelmäßiger Wachtposten an den Pallisaden aufgestellt und bis zum Morgen unterhalten. Die verschiedenen Glieder der Familie begaben sich an ihre gewöhnlichen Ruheplätze, dem Anschein nach ohne Furcht, wenn sie auch nicht vollständiges Vertrauen in den Frieden hatten, und die kriegerischen Boten nahmen ihre Stellung in dem untern der beiden Kriegsgemächer der Citadelle. Bei dieser einfachen und den Fremden ganz besonders wohlgefälligen Anordnung gingen die Stunden der Nacht ruhig vorüber, und der Morgen kehrte in das abgeschlossene Thal, wie dies so oft vorher geschehen war, mit seiner Lieblichkeit zurück, die weder durch Gewaltthätigkeit noch Lärm gestört wurde. Auf dieselbe friedliche Weise sank die Sonne nach einander zu drei verschiedenen Malen hinab, und eben so oft erhob sie sich wieder über die Wohnung der Heathcote, ohne ein ferneres Zeichen von Gefahr oder einen Beweggrund zu Lärm und Unruhe. Mit dem Verlauf der Zeit gewannen die Bevollmächtigten des Stuart's ihre Zuversicht allmälig wieder. Doch unterließen sie nie, innerhalb des Schutzes des 127 Blockhauses mit der untergehenden Sonne sich zurückzuziehen, da dies ein Posten war, den, wie der untergeordnete Krieger, Namens Hallam, versicherte, sie sich wegen ihrer disciplinirten und kriegerischen Haltung ganz besonders geeignet glaubten, zu behaupten. Den Puritaner verdroß innerlich dieser sich in die Länge ziehende Aufenthalt; doch setzte ihn die zur Gewohnheit gewordene Selbstverleugnung und ein so lang beherrschter Charakter in den Stand, sein Mißvergnügen zu verbergen. Die zwei ersten Tage nach dem stattgehabten Schrecken war das Benehmen seiner Gäste untadelhaft. Alle ihre Geisteskräfte schienen mit strenger, ängstlicher Bewachung des Waldes beschäftigt und darin ganz verloren; es wollte fast scheinen, als erwarteten sie jenen Augenblick, wo eine Bande wilder, erbarmungsloser Wilden aus diesem Walde hervorbreche; aber Zeichen von wiederkehrender Leichtfertigkeit begannen bald wieder sichtbar zu werden, als mit dem ruhigen Verlauf der Stunden Vertrauen und ein Gefühl der Sicherheit wuchs. Am Abende des dritten Tages nach ihrer ersten Erscheinung in der Ansiedelung sah man, wie Hallam zum ersten Male durch die so oft genannte Pforte hinausschlenderte, und eine Richtung einschlagen, welche nach den Außengebäuden führte. Seit mancher Stunde war sein Aussehen nicht so kühn gewesen; verhältnißmäßig stolz und anmaßend war denn auch jetzt sein Einhertreten. Statt, wie er gewohnt war, ein Paar schwere Reiterpistolen in seinem Gürtel zu tragen, hatte er sogar auch seinen Säbel abgelegt, und erschien mehr in der Weise eines Mannes, der seine eigene persönliche Bequemlichkeit im Auge hat, als in jenem lästigen, kriegerischen Aufzug, welchen Alle aus dem Haufen bis jetzt beizubehalten für 128 klug erachtet hatten. Er warf seine Blicke neugierig über die Felder Heathcote's hin, die in dem sanften Lichte der untergehenden Sonne erglühten; auch versäumte sein Auge nicht, längs der Schranke jenes Waldes flüchtig hinzuschweifen, den seine Einbildungskraft vor so kurzer Zeit noch mit Wesen eines wilden, erbarmungslosen Charakters bevölkert hatte. Die Stunde war eine von denen, wo die ländliche Hausführung die Arbeiten des Tages zum Schlusse bringt, und daher ein regeres Treiben unter den Arbeitern und Mägden zu bemerken. Emsiger als Andere, war in dieser Stunde eine Dienstmagd der Ruth beschäftigt. In einer der Einhegungen entzog sie einer Lieblingskuh reiche Menge des abendlichen Tributs zum Besten der Milchkammer ihrer Hausfrau, und sang dazu mit angenehmer Stimme ein geistliches Lied, dessen Melodie bald zu den hellsten Tönen stieg, bald in ein fast unhörbares Summen niedersank. Mit einer Miene, als geschehe es ganz unwillkürlich, schlenderte Hallam, gleichgültig thuend, auf die Einhegung zu, dem Anscheine nach eben so sehr aus Bewunderung für die stattliche Heerde, als für irgend ein anderes liebliches Wesen, das der Ort in sich schloß. »Bei welcher Drossel hast Du Unterricht genommen, mein schönes Kind, daß ich Deine Töne für die des lieblichsten Sängers Deiner Wälder hielt?« fragte er, und indem er sich nachlässig und vornehm gegen den Pfeiler am Eingange des Geheges lehnte. »Man sollte meinen, es sei ein Rothkehlchen oder ein Zaunkönig, der seinen Abendgesang hervorsprudelt, und nicht eine menschliche Stimme, die in einer alltäglichen Psalmmelodie sich hebt und senkt.« »Die Vögel unseres Waldes lassen sich selten vernehmen,« entgegnete das Mädchen, »und der eine von ihnen, der am 129 meisten zu schwatzen weiß, thut dieses gleich den Vögeln, welche man seine Herren nennt, wenn sie ihren Witz aufbieten, das Ohr eines einfachen Landmädchens zu bethören.« »Und wie macht es denn der?« »Er schwatzt spottend.« »Ah, ich habe von des Burschen Geschicklichkeit gehört. Man sagt, sein Gesang sei aus der Harmonie aller andern Waldsänger zusammengesetzt; aber dennoch sehe ich in seiner Weise zu singen wenig Aehnliches mit der ehrlichen Sprache eines Soldaten.« »Er spricht, ohne sich viel dabei zu denken, und öfter, um das Ohr zu betrügen, als zu ehrlichem Zwecke.« »Du vergißt, Kind, was ich Dir diesen Morgen sagte. Es möchte scheinen, daß Die, welche Dir Deinen Namen Fidelia gaben, nicht sehr große Ursache hätten, sich ihrer Menschenkenntniß zu rühmen. Dein Gemüth ist von der Art, daß Unglaube weit besser Deinen Charakter bezeichnen würde, als Glauben.« »Es mag sein, daß Die, welche mich benannten, nicht sehr genau wußten, wie groß die Leichtgläubigkeit sein müßte, um auf Alles zu hören, was von mir schon zu glauben verlangt wurde.« »Es kann Dir doch nicht schwer fallen, zuzugeben, daß Du hübsch bist, da Dein Auge selbst Dich in diesem Glauben bestärken wird; auch kann Jemand, der so schnell im Antworten ist, nicht anders, er muß glauben, daß sein Witz schärfer ist als gewöhnlich. In so weit gebe ich zu, Dein Name wird sicherlich nicht Deinen Charakter Lügen strafen.« »Wenn Eben Dudley Dich solche eitelmachende Sprache 130 führen hörte,« entgegnete das halbgeschmeichelte Mädchen, »er möchte Dir weniger Witz und Verstand zutrauen, als Du Andern zukommen zu lassen Willens scheinst. Ich höre seinen schweren Schritt unter dem Vieh, und es wird nicht lange anstehen, so können wir sicher sein, ein Gesicht zu erblicken, das sich eben keiner besondern Freundlichkeit mehr zu rühmen hat.« »Dieser Eben Dudley ist, wie ich finde, eine Person von nicht geringem Gewicht und Ansehen,« brummte Hallam vor sich hin, und setzte seinen Spaziergang mürrisch fort, als der genannte Grenzbewohner an dem andern Eingang des Geheges erschien. Die zwischen ihnen gewechselten Blicke waren weit entfernt, freundlich zu sein, obgleich der Waldmann den Fremden ohne einen hörbaren Ausdruck seines Mißfallens an sich vorübergehen ließ. »Die scheue Kuh fängt endlich an zahm zu werden, Fidel Ring,« sagte der Grenzbewohner, und stieß den Kolben seiner Muskete mit einer Gewalt auf den Boden, die eine tiefe Spur auf dem zerstoßenen Rasen zu seinen Füßen zurückließ. »Jener buntfarbige Ochs aber, der alte Tölpel, zeigt eben so wenig Lust, in's Joch zu kommen, als die vierjährige Kuh, ihre Milch herzugeben.« »Die ist etwas zahmer geworden, seit Ihr mich die Art und Weise gelehrt habt, ihre Störrigkeit zu bändigen,« entgegnete das melkende Mädchen mit einer Stimme, welche trotz aller Bemühung ihres jungfräulichen Stolzes etwas von der Heftigkeit ihres Charakters verrieth, während sie immer ihre leichte Arbeit mit ungestümer Hitze beeilte. »Hm, ich hoffe, Du wirst Dich auch noch einiger anderer meiner Lehren erinnern; aber Du bist schnell und pfiffig im Lernen, Fidel, das sieht man an der Leichtigkeit, mit der Du 131 Dir in so kurzer Zeit die Weise der Unterhaltung mit einem so feinzüngelnden Manne angeeignet, wie jener dort über den See gekommene Verworfene ist.« »Ich hoffe, Eben Dudley, durch höfliches Redestehen gebe ich, die ich an Züchtigkeit der Sprache von Jugend auf gewöhnt bin, kein Beispiel ungeziemender Unterhaltung. Du hast oft gesagt, es sei von Seiten Derjenigen, zu der man spräche, eine unerläßliche Pflicht zuzuhören, weil man sonst sagen könnte, sie sei übermüthigen Herzens, und verdiene weit eher einen Namen ihres Stolzes als ihrer Gutmüthigkeit wegen.« »Ich sehe, daß von meinen Lehren noch mehr in Deiner Erinnerung zurückgeblieben, als ich gehofft hatte. So hörtest Du denn so gern zu, Fidel, blos weil es sich geziemt, daß ein Mädchen nicht übermüthig sei?« »So ist's. Welchen bösen Namen ich immer verdienen möge, Du hast keinen Grund, Uebermuth und Verachtung unter meine Fehler zu zählen.« »Wenn ich das thue, so will ich – –« Eben Dudley biß sich in die Lippen und unterdrückte einen Ausdruck, der einer Person großen Anstoß gegeben haben würde, deren Begriffe von Wohlstand eben so streng waren, als die ihres Gefährten. »Du mußt heute Vieles gehört haben, Fidel Ring, was von Nutzen sein konnte,« fuhr er fort, »besonders da Dein Ohr so offen ist, und Deine Gelegenheiten dazu so groß gewesen sind.« »Ich weiß nicht, was Du damit sagen willst, indem Du von meinen Gelegenheiten sprichst,« entgegnete das Mädchen und beugte sich noch tiefer auf den Gegenstand ihrer Beschäftigung hin, offenbar in der Absicht, die Röthe zu 132 verbergen, welche, wie ihr eigenes schnelles Bewußtsein ihr sagte, auf ihrer Wange brannte. »Ich will damit sagen, daß es eine lange Erzählung sein muß, die vier verschiedene Versuche von geheimer Unterredung braucht, um zu Ende gebracht zu werden.« »Vier! So gewiß ich hoffe, daß man mir als einem Mädchen von Wahrhaftigkeit in Rede und That glaube, dies ist erst das dritte Mal, daß der Fremde mich seit Sonnenaufgang allein gesprochen hat.« »Wenn ich die Finger an meiner Hand noch zählen kann, so ist es das vierte Mal!« »Ja aber, Eben Dudley, wie kannst Du, der Du seit dem ersten Hahnenruf auf dem Felde gewesen bist, wissen, was hier in der Nähe der Wohnungen vorgegangen. Es ist offenbar der Neid oder sonst eine andere böse Leidenschaft, daß Du so ärgerlich sprichst.« »Wie das kommt, daß ich es weiß? Vielleicht glaubst Du, Fidel, nur Dein Bruder Ruben allein besitze die Gabe, scharf zu sehen.« »Die Arbeit muß zu großem Vortheil des Capitains vor sich gegangen sein, da Eure Augen auf andere Gegenstände hinschweiften. Aber vielleicht hat man die Leute kräftigen Armes zu Spähern gebraucht und die Schwachen an die Arbeit gestellt!« »Ich bin nicht so unbesorgt um Dein Leben gewesen, daß ich vergessen, auf Augenblicke ein Auge um mich herumschweifen zu lassen, Du Aberwitzige. Was Du auch immer von der Nothwendigkeit dieser Vorsicht halten magst, so möchte man doch schönes Geschrei in den Butter- und Milchkammern 133 vernehmen, wenn die Wampanoag in die Ansiedelung eindrängen, und Niemand da wäre, zur rechten Zeit Lärm zu machen.« »In der That, Eben, Deine Furcht vor dem Kinde in dem Blockhause muß für Einen von Deiner männlichen Stärke doch gar zu beunruhigend sein, sonst würdest Du die Gebäude nicht so scharf bewachen,« erwiderte Fidel lachend, denn die Schlauheit, die ihrem Geschlechte so eigen ist, ließ sie bald die Ueberlegenheit merken, die sie allmälig im Gespräche über ihren Gegner gewann. »Du erinnerst Dich nicht, daß wir kräftige Soldaten von Alt-England haben, die den jungen Mann schon verhindern werden Schaden zu thun. Aber da kommt der tapfere Krieger selbst; es wird dienlich sein, ihn zur Wachsamkeit aufzumuntern, sonst dürften wir diese Nacht im Schlafe mit dem Tomahawk Bekanntschaft machen.« »Du sprichst da von den Waffen der Wilden,« sagte der Bote, der sich wieder mit dem offenbaren Verlangen genähert hatte, an einer Unterredung Theil zu nehmen, welche, während er ihren Fortgang in einiger Entfernung beobachtet, interessant werden zu wollen geschienen hatte. »Hoffentlich ist doch aller Grund, von dem Viertel her Etwas zu befürchten, verschwunden.« »Wie Ihr bemerkt, für dieses Viertel,« entgegnete Eben und spitzte die Lippen zu einem leisen Pfeifen, während er zu gleicher Zeit ruhig aufsah und den Himmelskörper untersuchte, dem seine Anspielung galt. »Das nächste Viertel könnte wohl uns ein hübsches Pröbchen von einem Indianerscharmützel bringen.« »Und was hat denn der Mond mit einem Einfall der Wilden zu schaffen? Gibt es etwa Leute unter ihnen, die die Geheimnisse der Sterne erforschen?« 134 »Sie forschen nach Teufeleien und anderer Gottlosigkeit, mehr als nach irgend sonst Etwas. Es ist nicht leicht für den Verstand eines Menschen, sich Schrecken zu denken, wie sie sie ersinnen, wenn die Vorsehung ihnen Glück und Erfolg bei einem Ueberfall gegeben.« »Aber Du sprachst von dem Monde! Auf welche Weise ist der Mond mit ihren blutigen Planen verbündet?« »Wir haben jetzt Vollmond, und nur ein kleiner Theil der Nacht ist so, daß das Auge eines Wächters nicht eine Rothhaut in der Waldlichtung bemerken könnte; aber wir werden etwas ganz Anderes hören, wenn erst ein oder zwei Stunden Dunkelheit wieder über diese Wälder hereinbrechen. Dann wird bald eine Veränderung eintreten; es geziemt uns daher, auf unserer Hut zu sein.« »Du glaubst denn also wirklich, daß ein Hinterhalt vorhanden ist, und man nur den rechten Augenblick abwartet?« sagte der Soldat mit einem so offenbaren Interesse und so ängstlichem Antheil, daß selbst die nur halb beruhigte Fidel dadurch veranlaßt ward, einen verschmitzten Blick auf ihren Gefährten zu werfen, obgleich dieser immer noch Grund hatte, einem listigen Ausdruck zu mißtrauen, der in dem Winkel ihrer Augen sich versteckte, und jeden Augenblick drohte, seinem Bericht über die Unglück verkündenden Zeichen zu widersprechen. »Es mögen Wilde auf eine Tagreise entfernt im Walde auf den Hügeln im Hinterhalte liegen, aber sie kennen die Schußweite des Gewehrs eines Weißen viel zu gut, um innerhalb ihres Bereichs Rast zu halten. Es liegt in der Natur eines Indianers, zu essen und zu schlafen, so lange er Zeit zur 135 Ruhe hat, und zu fasten und zu morden, wenn die Stunde zum Blutvergießen gekommen ist.« »Und wie weit rechnet Ihr die Entfernung bis zur nächsten Niederlassung am Connecticut?« fragte der Andere, mit einer so gezwungenen gleichgültigen Miene, daß er dadurch leicht Spuren und Mittel an die Hand gab, die inneren Bewegungen seines Gemüths zu errathen. »Einige zwanzig Stunden würden einen sehr flüchtigen Renner bis an die äußeren Colonien bringen, dabei aber nur wenig Zeit zur Fütterung und Ruhe lassen. Wer indessen klug ist, wird sich nur wenig von der letztern gönnen, bevor sein Haupt nicht in einem Gebäude sicher aufgehoben ist, das einige Aehnlichkeit mit jenem Blockhause hat, oder bevor zwischen ihm und dem Wald wenigstens eine feste Reihe eichener Pfähle steht!« »Es giebt wohl keinen Reitpfad, auf dem Reisende während der Dunkelheit den Wald umgehen könnten?« »Ich weiß von keinem. Wer Wish-Ton-Wish verläßt, um sich nach den Stätten in den Niederungen zu begeben, muß entweder die Erde zu seinem Kissen machen, oder bereit sein zu reiten, so lang sein Thier ihn zu tragen vermag.« »Wir haben in der That diese Nothwendigkeit schon erfahren, als wir hierherzogen. Du glaubst also, Freund, die Wilden hielten jetzt ihre Rastzeit, und erwarteten das folgende Viertel des Mondes?« »Nach meiner Ansicht werden wir sie nicht früher zu sehen bekommen;« entgegnete Eben Dudley, und trug Sorge, jeden näheren Zweck seiner Meinung zu verstecken, wenn er anders einen solchen hatte, und das, wo sie eigentlich hinauslief, 136 gleichsam durch geistigen Vorbehalt den Blicken des Andern zu entziehen. »Und welche Zeit wählt man gewöhnlich, um in den Sattel zu kommen, wenn man von Geschäften in die Ansiedelungen unten gerufen wird?« »Wir verfehlen nie, unsere Abreise auf die Zeit festzusetzen, wo die Sonne jene schlanke Fichte berührt, die auf jener Berghöhe steht. Lange Erfahrung hat uns gelehrt, daß dies die sicherste Stunde ist; der Zeiger einer Uhr bietet nicht größere Gewißheit dar, als jener Baum.« »Mir gefällt die Nacht,« sagte der Andere, und sah sich mit einer Miene um, als werde er plötzlich des vielversprechenden Anscheins des Wetters sich bewußt. »Die schwarzen Wolken hängen nicht mehr über dem Wald und es scheint ein passender Augenblick, die Angelegenheit, zu deren Betreibung wir ausgesandt worden, ihrer Ausführung näher zu bringen.« Mit diesen Worten, und vielleicht in der Meinung, er habe den Beweggrund seines Entschlusses hinlänglich versteckt, schritt der beunruhigte Dragoner mit einem Anschein von soldatischer Kälte und Gleichmuth nach den Wohnungen zu, während er zu gleicher Zeit einem seiner Gefährten, der ihn aus einiger Entfernung betrachtete, winkte, sich zu nähern. »Nun, glaubst Du denn, thörichter Dudley, daß vier Finger Deiner unbehülflichen Hand genau die volle Anzahl aller meiner Zuhörungen, wie Du es nennst, angegeben haben?« sagte Fidel, als sie glaubte, kein anderes Ohr, als das, zu dem sie sprach, werde ihre Worte aufhaschen können, und lachte dabei herzlich unter ihrer jungen Milchkuh, 137 obgleich im Ton ihrer Worte noch einiger Verdruß lag, den sie nicht gänzlich unterdrücken konnte. »Hab' ich ihm etwas Anderes als Wahrheit gesagt? Leute, wie ich, sind nicht geeignet, Unterricht im Reisen einem Manne zu geben, der das ehrliche Handwerk eines Menschenjägers treibt. Ich habe nichts gesagt, als was Alle, die in diesen Gegenden wohnen, für vernünftig erklären werden.« »Ganz gewiß nichts weiter. Aber die Wahrheit wird in Deinen Händen so gewichtvoll und schreckhaft, daß man sie nothwendig, gleich einem bittern Heiltrank, mit geschlossenen Augen und nicht auf einen Schluck einnehmen muß. Jemand, der sie zu hastig und in vollen Zügen trinkt, könnte gar leicht daran ersticken. Ich wundere mich aber, daß Der, der so wachsam ist, und wenn es gilt, mit so großer Sorgfalt für die Bedürfnisse der Andern sorgt, so wenig Aufmerksamkeit Denen schenkt, über die er zu wachen beauftragt worden.« »Ich begreife nicht, was Du meinst, Fidel. Wann war je Gefahr in der Nähe des Thales, und meine Muskete hätte gefehlt?« »Dies gute Gewehr ist seiner Pflicht treuer, als sein Herr. Du magst vielleicht die gehörige Erlaubniß haben, auf Deinem Posten zu schlafen; denn wir Mädchen kennen in diesem Stücke die Befehle und den Willen des Capitains nicht, aber es wäre doch gewiß eben so geziemend, wenn nicht eben so kriegerisch, die Waffen auf den Posten und Dich in die Schlafstube zu schicken, wenn es das nächste Mal wieder Dir gefällt, in derselben Stunde zu wachen und zu schlafen.« Dudley sah ganz verwirrt und betroffen aus, als es nur ein Mann von seinem Wesen, und seiner unbeugsamen Gemüthsart sein konnte; jedoch weigerte er sich immer noch 138 hartnäckig, die Anspielungen seiner beleidigten Gefährtin verstehen zu wollen. »Du hast Dich, sagte er, nicht vergebens mit dem Soldaten von jenseits der See unterhalten; da Du so gelehrt von Wachen und Waffen sprichst.« »Ganz recht, er hat mich viel in dem Gegenstande unterwiesen.« »So, und was hast Du denn durch seinen Unterricht gelernt?« »Daß Der, welcher an einer Pforte schläft, weder zu kühn von dem Feinde sprechen, noch erwarten darf, daß Mädchen ein zu großes Vertrauen setzen in –« »Worin, Fidel?« »Nun, Du verstehst wohl, was ich sagen will – in seine Wachsamkeit. Ich setze mein Leben daran, wäre Jemand zu einer etwas spätern Stunde, als gewöhnlich, an den Nachtposten jenes manierlichen Soldaten vorübergegangen, man ihn nicht gefunden hätte, wie dies bei einem Posten unseres Hauses um die zweite Nachtwache in der vorigen Nacht geschehen ist, schlafend und träumend von den Leckerbissen aus der Butterkammer der Madame.« »Dann kamst Du wirklich zu jener Zeit, Mädchen?« sagte Eben, mit gedämpfter, halb Freude, halb Scham verrathender Stimme. »Aber Du weißt, Fidel, daß die Arbeit des Auskundschaftens noch vor uns lag, und daß die Anstrengung des gestrigen Tages unsere gewöhnliche Tageslast übertraf. Aber dessenungeachtet, heute Abend von acht bis zwölf stehe ich wieder Schildwacht an der Pforte und – –« »Werde mir diese Zeit zu einer bequemen Nachtruhe machen, – daran zweifle ich nicht. Ja wohl, Jener der den 139 ganzen Tag über so wachsam gewesen ist, muß nothwendig seines Amtes überdrüssig werden, wenn die Nacht herankommt. Lebewohl, wachsamer Dudley; wenn Deine Augen sich morgen früh öffnen sollten, dann zeige Dich dankbar, daß die Mädchen Deinen Rock nicht an die Pallisaden genäht haben!« Ungeachtet der Bemühungen des jungen Mannes, sie noch zurückzuhalten, entging doch das leichtfüßige Mädchen seinen Händen, und trug ihre Last nach der Milchkammer zu. Sie trippelte auf dem Pfade mit halbabgewandtem Gesichte hin, in welchem sich Triumph und Reue schon um den alleinigen Besitz stritten. Mittlerweile hatte der Anführer der königlichen Boten und sein kriegerischer Untergebener eine lange und für sie sehr wichtige und angelegentliche Unterredung. Als diese beendet war, nahm der Erstere seinen Weg nach dem Zimmer, in welchem Marcus Heathcote den Theil seiner Zeit zuzubringen pflegte, welcher nicht ausgefüllt wurde von seinem geheimnißvollen Ringen nach Glauben, oder von Bewegungen im Freien, wobei er die Aufsicht über die Arbeiter im Felde führte. Nach einer kurzen Einleitung, die dazu dienen sollte, seine eigentlichen Beweggründe zu verdecken, kündigte der Bevollmächtigte des Königs seine Absicht an, noch in dieser Nacht seinen endlichen Abschied zu nehmen und abzureisen. »Ich hielt es als ein Mann, der einige Erfahrung in den Waffen durch längeren Dienst in den Kriegen in Europa erlangt hat, für meine Pflicht,« sagte er, »in Deiner Wohnung so lange zu bleiben, als Dir noch von den spähenden Wilden Gefahr drohte. Es würde sich schlecht für Soldaten schicken, von ihren Absichten viel Redens zu machen, aber hätte es in der That Lärm gegeben, Du wirst uns Glauben 140 beimessen, wenn ich sage, daß alsdann das Blockhaus nicht feige und ohne Kampf übergeben worden. Ich werde Denen, die mich schickten, Rechenschaft von meinem Zuge ablegen und Ihnen versichern. daß in Capitain Marcus Heathcote, Karl einen treuen Unterthan und die Constitution einen standhaften Anhänger hat. Die Gerüchte, die, wie es scheint, aus Mißverstand und Irrthum entstanden waren, und welche uns hierher gebracht, diese sollen widerlegt werden, und ohne Zweifel wird es sich finden, daß irgend ein zufälliges Ereigniß zu dieser Täuschung Veranlassung gegeben. Sollte sich eine Gelegenheit zeigen, auf die einzelnen Vorfälle des kürzlichen Lärms zurückzukommen, so vertraue ich, die Bereitwilligkeit meines Gefolges, ihre Dienste anzubieten, und einem getreuen Unterthan des Königs in der Noth Beistand zu leisten, werde nicht übersehen werden.« »Es ist dies das Streben eines demüthigen Gemüths, nichts Uebles von seinen Nebenmenschen zu sprechen, und nichts Gutes zu verhehlen,« entgegnete der zurückhaltende Puritaner. »Wenn Dir der Aufenthalt in meiner Wohnung gefällt, so bleibe, so lange es Dir gutdünkt, und wenn Pflicht oder eigener Wille Dich ruft, sie zu verlassen, dann möge Friede Dich geleiten. Es wird heilsam sein, daß Du Dich mit uns in Gebet und Flehen vereinigst, daß Dein Weg durch die Wildniß ungestört und ungefährdet bleibe, daß er, der über die geringsten seiner Geschöpfe wacht, Dich in seine besondere Obhut nehme, und daß der heidnische Wilde – –« »Haben die Wilden ihre Dörfer verlassen?« fragte der Bote mit ungeziemender Hast, welche die Aufzählung der besonderen Segnungen und Gefahren unterbrach, die sein Wirth für gut befunden, in das Abschiedsgebet einzuschließen. 141 »Du wenigstens bist nicht bei uns geblieben, um uns in der Vertheidigung beizustehen, und dennoch zweifle ich, ob uns Dein Dienst von Nutzen sein würde!« bemerkte Marcus Heathcote trocken. »Ich wollte, der Fürst der Finsterniß hätte Dich und alle andere diabolische Wesen dieser Wälder in seiner festen Faust,« murmelte der Bote zwischen den Zähnen, und dann. als wenn er von einem Geiste geleitet würde, der nicht lange beherrscht werden konnte, nahm er wieder etwas mehr von seinem ungezügelten, ihm eigenthümlichen Wesen an, und war selbst kühn genug, trotzig sich zu weigern, an dem Gebet Theil zu nehmen, die Eile und Nothwendigkeit, in eigener Person auf die Zurüstungen seines Gefolges Acht zu haben, als Hinderungsgrund vorschützend. »Aber dies darf Dich nicht abhalten, würdiger Capitain, Gebete und Bitten für uns auszusprechen, während wir schon im Sattel sind,« schloß er; »was uns betrifft, uns bleibt noch vieles von der kürzlich erst uns mitgetheilten frommen Seelenspeise übrig, die wir erst noch verdauen müssen, obwohl wir nicht zweifeln, daß wenn Deine Stimme zu unserem Besten sich erhebt, während wir die ersten Meilen der Waldreise zurücklegen, der Tritt unserer Pferde dadurch nicht schwer werden würde; ja, es ist gewiß, daß wir selbst durch diese Gunstbezeugung uns eben nicht schlechter befinden werden.« Dann einen Blick schlecht verhehlten Leichtsinns auf Einen aus seinem Gefolge werfend, der gekommen war, anzukündigen, ihre Pferde warteten, machte er die Abschiedsverbeugung mit einem Wesen und einer Miene, worin die Achtung, die ein Mann, wie der Puritaner, kaum einzuflößen verfehlen 142 konnte, mit seiner gewohnten Verachtung gegen Dinge eines ernsthaften Charakters um den Sieg stritt. Die Familie des Marcus Heathcote, selbst die geringsten Untergebenen mit eingeschlossen, sahen diese Fremden mit großer innerer Zufriedenheit abziehen. Selbst die Mägde, deren natürlicher Leichtsinn in schwächeren Augenblicken sie den Worten der Fremden ein williges Ohr leihen ließ, waren froh, Verehrer los zu werden, die keine Schmeichelei sagen konnten, ohne sie durch leichtfertige und gottlose Anspielungen zu begleiten, auf Dinge, an welche sie nur mit der gebührenden Ehrfurcht zu denken gewohnt waren und dadurch ihren strengeren Grundsätzen häufig großes Aergerniß gaben. Eben Dudley konnte kaum ein Lachen unterdrücken, als er den Haufen sich mit solcher Aengstlichkeit in dem Wald verlieren sah, da weder er selbst, noch sonst Jemand von den in solchen Dingen Erfahrenern glaubte, sie liefen bei ihrem plötzlichen Abzug irgend ernstliche Gefahr. Die Meinung der Kundschafter bewährte sich. Diese und manche folgende Nacht ging ohne Beunruhigung als eine wohlbegründete vorüber. Die Jahreszeit rückte immer weiter vor, und die Landbauer setzten ihre Arbeiten bis zum Ende des Herbstes fort, ohne daß ihr Muth ferner in Anspruch genommen worden, oder sonst Gründe zu verstärkter, sorgfältigerer Wachsamkeit hinzugekommen. Whittal Ring folgte ungestraft seinen Fohlen in die abgelegensten Theile der nahegelegenen Wälder, und die Heerden der Familie zogen aus und kamen heim, so lange das Wetter ihnen die freie Waide im Gehölz gestattete, ohne die mindeste Unterbrechung oder Beunruhigung. Mit der Zeit war der erlebte Schreck, sowie der Besuch der Bevollmächtigten der Krone zum Stoff der 143 Erzählung zur Erheiterung bei den sprühenden Feuern, die in jenem Lande und in der Jahreszeit so nothwendig waren, geworden. Doch blieb der Familie ein lebendiges Andenken an die ungewöhnlichen Vorfälle jener Nacht. Der Gefangene befand sich lange, nachdem die Begebenheiten, die ihn in die Gewalt der Heathcote's gebracht hatten, schon vergessen zu werden begannen, in ihrer Mitte. Das Verlangen, den Samen der geistigen Wiedergeburt zu wecken und zu beleben, der, wenn auch schlafend, doch nach des alten Marcus Heathcote Meinung in dem ganzen Menschengeschlecht, und folglich auch in dem jungen Heiden eben so gut, als in allen andern sich vorfand, – diesen Samen zum Aufgehen hervorzurufen, war, so zu sagen, eine Art vorherrschender Leidenschaft in dem Puritaner geworden. Die Gebräuche und die Denkweise der damaligen Zeiten hatten eine starke Hinneigung zum Aberglauben; und so war es denn gar nicht schwer für einen Mann von seinem ascetischen Leben und seinen überspannten Religionsbegriffen, sich dem Glauben hinzugeben, eine ganz besondere Lenkung der Vorsehung habe den Knaben in seine Hände gebracht, damit irgend ein verborgener aber wichtiger, hoher Zweck erreicht werde, den die Umstände zur rechten Zeit schon zu enthüllen nicht ermangeln würden. Aber ungeachtet des starken Anfluges von Schwärmerei, welcher den Charakter der Pietisten jener Tage trübte, fehlte ihnen doch selten weltliche Umsicht. Die Mittel, die sie anzuwenden für die dienlichsten hielten, um die verborgenen Zwecke der Vorsehung zu begünstigen und in Ausführung zu bringen, waren in der Regel passend und sehr vernünftig. 144 So zum Beispiel vergaß der Capitain zwar nie, den Jüngling zur Stunde des Gebets aus seinem Gefängniß herbeiholen zu lassen, oder wenn er ein außerordentliches Gebet für die Erleuchtung der Heiden und namentlich dieses auserwählten Knaben darbringen wollte, allein deshalb nahm er doch Bedenken, zu glauben, zu seinen Gunsten würde ein offenbares Wunder bewirkt werden. Damit kein Tadel den Theil des Auftrages treffe, der menschlichen Mitteln anvertraut worden, nahm er seine Zuflucht zu dem leisen, geheimnißvollen Wirken der Güte und unablässigen Sorgfalt. Aber alle Versuche, den Jüngling in die Gebräuche und Gewohnheiten des civilisirten Menschen hereinzulocken, waren vollkommen erfolglos. Als die strenge Witterung zunahm, bemühte sich die mitleidsvolle, für Alles sorgende Ruth ihn zu bewegen, die Kleidungsstücke anzunehmen, welche man zum Wohlsein von Männern so nothwendig fand, die doch bei Weitem ihm überlegen waren an Stärke und Abhärtung. Mit gutem Vorbedacht vergaß man an den ihm angebotenen Kleidern die dem Geschmack eines Indianers zusagenden Zierrathen nicht, und wendete vieles Bitten, ja manche Drohung an, um ihn zu bewegen, daß er sie trage. Bei einer Gelegenheit wurde er sogar mit Gewalt von Eben Dudley mit ihnen bekleidet, und als er in dieser ungewohnten Tracht vor den alten Marcus Heathcote gebracht worden, brachte dieser ein Gebet dar, worin die besondere Bitte sich fand, daß dem Jüngling fühlbar und einleuchtend gemacht werden möchte, von welcher Wichtigkeit dieses Nachgeben gegen die Grundsätze des gebildeten und unterrichteten Menschen für ihn sein könnte. Aber nach einer Stunde verkündigte der kräftige Waldmann, der bei dieser Gelegenheit ein so 145 thätiges Werkzeug der Bildung gewesen, der verwunderten Fidel, daß der Versuch gänzlich ohne Erfolg geblieben, oder, wie Eben Dudley etwas unehrerbietig die außerordentlichen Anstrengungen des Puritaners bezeichnete, »der Heide hat schon wieder seine eigene Haut als Strümpfe, und seine tätowirte Brust als Jacke angelegt, obgleich der Capitain sich bemüht hat, ihm bessere Kleidung umzuhängen und zwar in einem Gebet, das der Blöße eines ganzen Stammes gesteuert haben würde.« Kurz, das Ergebniß in dem Fall mit diesem Jüngling zeigte sich als ganz dasselbe, welches ähnliche Versuche bei so vielen andern Gelegenheiten späterhin gehabt haben; es ging daraus die Schwierigkeit hervor, einen in der Freiheit und Unbeschränktheit der Wälder emporgewachsenen Wilden dazu zu vermögen, die Einengungen einer Lage, des Zustandes von Wesen sich gefallen zu lassen, welche in der Regel für so weit vorzüglicher und so sehr überlegen gehalten werden. Bei jeder Veranlassung, wo der jugendliche Gefangene freie Wahl hatte, wies er mit Unwillen und Abscheu die Gewohnheiten der Weißen zurück und hing mit seltsamer, fast heldenmüthiger Hartnäckigkeit an den Gebräuchen seines Volkes und seines wilden Zustandes fest. Der Knabe wurde in seiner Gefangenschaft nicht ohne ganz besondere Aufsicht und Wachsamkeit erhalten. Einst, als man ihn in die Felder gelassen, hatte er offen einen Versuch zum Entwischen gemacht, auch konnte man sich nicht wieder in seinen Besitz setzen, ohne die Eile und Behendigkeit Eben Dudley's und Ruben Ring's auf eine strengere Probe zu stellen, als, nach dem eigenen Geständniß der athletischen jungen Grenzbewohner selbst, sie je vorher sich unterzogen hatten. Von jenem Augenblicke an erlaubte man ihm nicht 146 mehr, die Pallisaden zu überschreiten. Wenn die Landleute ihre Arbeit in's Feld rief, ward der Gefangene regelmäßig in sein Gefängniß in Sicherheit gebracht, wo, gleichsam zur Entschädigung für seine Einkerkerung er, wie man vermuthete, die wohlthätige Begünstigung genoß, daß Marcus Heathcote ihn einer langen, vertraulichen Unterredung würdigte; denn dieser hatte die Gewohnheit, viele Stunden täglich und gar nicht selten auch einen großen Theil der Nacht in der Abgeschiedenheit des Blockhauses zuzubringen. Nur während der Zeit, wo die Thore geschlossen waren, oder wenn sich Jemand von hinreichender Stärke und Behendigkeit zugegen fand, der im Stande war, seine Bewegungen zu beherrschen und einzuschränken, nur dann ward dem Jüngling vergönnt, in den Gebäuden der Grenzfeste nach freiem Willen herumzuschlendern. Dieser Freiheit verfehlte er nie sich zu bedienen; ja, er that dies oft auf eine Weise, die die theilnehmende Ruth mit peinlichen, übermäßigen Besorgnissen und Schrecken erfüllte. Statt an dem Spiel der anderen Kinder Theil zu nehmen, stand der junge Gefangene in der Ferne und betrachtete ihre Belustigungen mit starrem, ausdruckslosem Auge; oder er brachte, den Pallisaden sich nähernd, Stunden oft damit hin, gedankenvoll auf jene endlosen Wälder hinzustarren, in denen er zuerst das Licht der Welt erblickt, und die wahrscheinlich Alles enthielten, was sein einfältig Urtheil als das Theuerste schätzte. Bis in die innerste Seele durch die schweigende aber ausdrucksvolle Darlegung seiner Leiden gerührt, bemühte sich Ruth vergebens, sein Vertrauen zu gewinnen, um ihn dann in Beschäftigungen zu verflechten, die dazu beitragen könnten, seine Sorgen von ihrem Gegenstand abzuziehen und 147 zu erleichtern. Der entschlossene, aber dennoch ruhige Knabe wollte sich in ein Vergessen seines Ursprungs nicht verlocken lassen. Er schien die gütigen Zwecke seiner freundlichen Herrin zu begreifen, und häufig ließ er sich sogar von der Mutter in den Kreis ihrer freudigen, fröhlichen Nachkommenschaft führen, aber er that dies nur, um mit seinem früheren, kalten, ungerührten Wesen ihren Vergnügungen mit zuzusehen, und dann bei der ersten Gelegenheit an seine geliebte Stätte, an die Pallisaden, wieder zurückzukehren. Bei dem Allen aber fehlte es nicht an seltsamen und fast geheimnißvollen Beweisen, daß er ein immer stärker werdendes Bewußtsein von dem Inhalte eines Gesprächs bekam, dem er dann und wann beiwohnte, was zu der Voraussetzung führen konnte, daß er doch vertrauter mit der Sprache und den Ansichten der Bewohner des Thales sein müsse, als seine bekannte Herkunft und seine gänzliche Abgeschiedenheit von aller Mittheilung zu erwarten berechtigten. Diese wichtige, unerklärbare Thatsache wurde durch die häufigen, ausdrucksvollen Blicke seines dunkeln Auges bewiesen, welche man alsbald wahrnehmen konnte, wenn etwas in dem Bereich seines Gehörs ausgesprochen wurde, was, wenn auch noch so entfernt, seine eigene Lage betraf, und ein- oder zweimal sah man es an dem stolzen Glühen von Wildheit, das ihm entwischte, als man Eben Dudley die Tapferkeit der Weißen in ihren Kämpfen mit den Ureigenthümern des Landes preisen hörte. Dem Puritaner entgingen diese Symptome eines wachsendes Verstandes nicht, und er betrachtete sie als die Boten einer Frucht, die seine frommen Arbeiten mehr als belohnen würde, und sie dienten dazu, ihm bei einem gelegentlichen Widerwillen und Verdruß, den all sein Eifer nicht gänzlich 148 unterdrücken und verhindern konnte, wieder neuen Trost zu geben; denn es kränkte ihn oft sehr, daß er das Werkzeug sein sollte, das so viele Leiden einem Knaben verursachte, welcher bei allem dem ihm selbst doch kein eigentliches Leid zugefügt hatte. Zu der Zeit, von welcher wir schreiben, war das Klima dieser Staaten wesentlich von dem verschieden, welches jetzt ihre Bewohner erfahren. Ein Winter in der Provinz Connecticut war von vielen auf einander folgenden Schneegestöbern begleitet, bis die Erde völlig mit fest zusammengedrängten Massen dieses gefrornen Elements bedeckt worden. Gelegentliches Thauwetter und vorübergehende Regenstürme, welche durch die Rückkehr der hellen, schneidenden Kälte der Nordwestwinde vertrieben wurden, pflegten zu Zeiten eine Decke über den Boden hinzubreiten, die zusammenfror bis zur Dichte und Festigkeit von Eis, wo man denn Menschen und nicht selten auch Thiere und manchmal auch Schlitten sich auf ihrer Oberfläche, wie auf dem Bette eines zugefrornen See's, sich hinbewegen sah. Während der höchsten Kälte einer Jahreszeit, wie diese, pflegten die muthigen Grenzleute, die nicht ihre gewöhnlichen Geschäfte verfolgen konnten, die Wälder zu durchstreichen, um Wild aufzusuchen, welches, von Hunger an bekannte Sammelplätze in den Wäldern getrieben, dann am leichtesten als Opfer der Klugheit und Geschicklichkeit von Männern fiel, wie Eben Dudley und Ruben Ring waren. Diese jungen Männer verließen nie die Wohnungen, um sich auf solche Jagdpartieen zu begeben, ohne die rührendste Theilnahme an ihren Schritten in dem gefangenen Indianerjüngling zu erregen. Bei allen solchen Gelegenheiten brachte 149 er wohl den ganzen Tag an den Luftlöchern seines Gefängnisses zu, aufmerksam auf den fernen Knall der Gewehre, wiedergegeben von dem vieltönigen Echo des Waldes, zu lauschen. Während einer Gefangenschaft von so vielen Monaten sah man ihn nie lächeln, außer einem einzigen Male, und das war, als er den grimmigen Blick und die musculösen Tatzen eines todten Panthers untersuchte, der als Dudley's Ziel in einem dieser Streifzüge auf den Gebirgen herum gefallen war. Das Mitleid aller Grenzleute wurde mächtig zu Gunsten des ruhigen, mit so vieler Würde ausharrenden, jungen Dulders erregt, und gerne würden sie ihrem Gefangenen das Vergnügen gegönnt haben, an der Jagd Theil zu nehmen, wäre dieses nicht eine Unternehmung gewesen, die gar nicht leicht auszuführen war. Der erstere von den Waldleuten, die wir eben erwähnt haben, hatte sich selbst erboten, ihn wie einen Jagdhund an einem Bande mit sich zu führen; aber dies war eine Art von Herabwürdigung, gegen welche man sicher sein konnte, daß ein junger Indianer, ehrgeizigen Charakters, der besonders seine Würde als Krieger so eifersüchtig zu wahren suchte, sich offen empört haben würde. Die scharfsichtige Theilnahme der beobachtenden Ruth hatte, wie wir gesehen haben, bald einen wachsenden Verstand und ein größeres Verständniß in dem Jüngling entdeckt. Die Mittel jedoch, durch welche es ein Mensch, der nie Theil an den Beschäftigungen der Familie nahm und selten auf ihre Gespräche zu hören schien, dahin bringen konnte, eine Sprache zu verstehen, die selbst Unterrichtete ziemlich schwierig finden, diese blieben ihr eben so sehr ein Geheimniß, als ihrer Umgebung. Doch versicherte sie sich mit Hülfe jenes instinktähnlichen Taktes, der so oft den Verstand der Frauen 150 erhellt und erleuchtet, daß die Sache selbst sicher und gewiß war. Sie machte sich nun diese Kenntniß zu Nutze, und übernahm es, so zu sagen, eine Ehrenverpfändung von ihrem Schützling zu erlangen, daß er, wenn man ihm erlaubte, mit auf die Jagd zu gehen, in das Thal am Abend zurückkehren wollte. Sanft wie ihr wohlwollendes Gemüth, waren ihre Worte, angelegentlich und wiederholt ihr Bitten, daß er doch irgend ein Zeichen von sich geben wolle, ihren Sinn begriffen zu haben: Allein es gelang ihr diesmal nicht, ihrem Zögling auch nur das leiseste Symptom des Verstehens abzugewinnen. In ihren Hoffnungen getäuscht und nicht ohne Kummer hatte Ruth den theilnahmsvollen Plan in Verzweiflung aufgegeben, als plötzlich der alte Puritaner, der ein schweigender Zuschauer ihrer fruchtlosen Bemühungen gewesen, mit einem Male sein Vertrauen in die Ehrlichkeit des Jünglings aussprach, und seine Absicht ankündigte, ihm zu vergönnen, an der nächst vorzunehmenden Jagdpartie Theil zu nehmen. Die Ursache dieser plötzlichen Willenänderung in dem bisher so ernst wachsamen Marcus Heathcote blieb, wie so viele andere seiner Beweggründe, ein Geheimniß seiner eigenen Brust. Wir haben eben gesagt, daß während Ruth mit ihrem freundlichen, aber fruchtlosen Versuch, irgend ein Zeichen von Verständniß dem Jüngling zu entlocken, beschäftigt war, der Puritaner ein genauer und theilnehmender Beobachter ihrer Bemühungen gewesen. Er schien bei der Täuschung ihrer Erwartungen mitzuleiden, aber das Wohl und Heil jener unbekehrten Stämme, welche vermittelst dieses Jünglings von der Finsterniß ihrer Wege abgelenkt werden sollten, war viel zu wichtig, um den Gedanken in ihm zuzulassen, den Vortheil wieder zu schnell aufzugeben, den er für die allmälige Weckung 151 von Verstand und Einsicht in dem Knaben gewonnen zu haben glaubte, und sich der Gefahr auszusetzen, daß der Gegenstand seiner Anstrengungen ihm auf immer entrönne. Allem Anschein nach war man daher von der Absicht, ihm zu vergönnen, die Vertheidigungswerke zu verlassen, gänzlich zurückgekommen, als der alte Marcus so unversehens eine Veränderung in seinem Entschluß ankündigte. Die Vermuthungen über die Ursachen dieser unerwarteten Entschließungen waren außerordentlich mannichfaltig und von einander abweichend. Einige glaubten, der Puritaner sei mit einer geheimnißvollen Kundgebung ihres Willens von der Vorsehung in dieser Sache begünstigt worden, und Andere meinten, er wolle, indem er an allem Erfolg in seinem Versuch zweifelte, eine sichtbare Offenbarung ihrer Zwecke zu erlangen suchen, dadurch nämlich, daß er den Versuch wagte, den Jüngling der Richtung seiner eigenen Antriebe zu überlassen und anzuvertrauen. Alle schienen der Meinung, daß wenn der Jüngling wieder zurückkäme, dieser Umstand nur der Dazwischenkunft eines Wunders zugeschrieben werden müsse. Doch blieb, nachdem er diesen Entschluß einmal gefaßt, Marcus Heathcote in seinem Plane unwandelbar. Er hatte diese unerwartete Entschließung nach einer seiner langen, einsamen Betrachtungen im Blockhause angekündigt, und dort wohl einen mächtigen, geistlichen Kampf bei dieser Gelegenheit bestanden. Da das Wetter außerordentlich günstig zu einem Jagdzug sich zeigte, hieß er seine Untergebenen sich für den folgenden Morgen bereit halten, in den Wald auszuziehen. Ein plötzlicher, nicht zu beherrschender Strahl des Entzückens erglänzte auf den dunkeln Zügen des Gefangenen, als Ruth sich anschickte, den Bogen ihres eigenen Sohnes in seine 152 Hände zu legen, und durch Zeichen und Worte ihm zu verstehen gab, daß man ihm erlauben wolle, ihn in der freien Luft des Waldes zu gebrauchen. Aber die Zeichen seiner Lust und Freude verschwanden eben so schnell wieder, als sie in seinem Gesicht sich gezeigt hatten. Als der Jüngling die Waffen empfing, geschah dies mehr mit der Weise eines Jägers, der an ihren Gebrauch gewöhnt ist, als mit der Unbehülflichkeit eines Mannes, dessen Händen sie seit so langer Zeit entfremdet worden waren. Als er die Thore von Wish-Ton-Wish verließ, drängten sich die Dienstmägde der Ruth mit verwunderter Theilnahme um ihn, denn es war ein eigener Anblick, einen Jüngling, den man so lange mit eifersüchtiger Sorgfalt bewacht hatte, wieder frei und unbeschränkt zu sehen. Ungeachtet ihrer gewöhnlichen Ehrfurcht und Unterwürfigkeit gegen die geheimnißvollen Offenbarungen und große Weisheit, die sie dem Puritaner beilegen zu müssen glaubten, brachte doch seine jetzige Verfahrungsweise sehr allgemein den Eindruck und die Ansicht hervor, sie sähen den Jüngling, über dessen Gegenwart bei ihnen so Vieles lag, was geheimnißvoll und von Interesse für ihre eigene Sicherheit war, für jetzt zum letzten Male. Der Knabe selbst blieb bis auf den letzten Augenblick unbewegt und ungerührt. Doch weilte er mit einem Fuß auf der Schwelle der Wohnung und schien Ruth und ihre junge Nachkommenschaft für einen Augenblick mit Schmerz und Trauer zu betrachten. Dann das ruhige Wesen eines indianischen Kriegers wieder annehmend, ließ er in sein Auge wieder all seine frühere Kälte und Gleichgültigkeit eintreten, und folgte mit schnellem Schritt den Jägern, die schon außerhalb der Pallisaden seiner harrten. 153   Achtes Kapitel.   »Wohlan, ich bin nun einmal Eure Zielscheibe: Ihr habt mir einen Vorsprung abgewonnen, ich bin niedergeschlagen, und nicht im Stande, das wälsche Geschwätz zu beantworten, die Unwissenheit drückt mich wie ein Bleigewicht darnieder, macht was Ihr wollt mit mir.« Die lustigen Weiber von Windsor.           Die Dichter, von dem allgemeinen Sehnen und Verlangen der menschlichen Natur unterstützt, haben dem Frühling einen Ruf verschafft, den er selten verdient. Obgleich die phantasiereiche Klasse von Schriftstellern soviel über seine balsamischen Lüfte, seine Wohlgeruch verbreitenden Düfte gesagt haben, so finden wir ihn doch beinahe überall als die zurückbleibendste, verdrießlichste und unbeständigste der vier Jahreszeiten. Er ist die Jugend des Jahres und, gleich jenem Prüfungszustand des Lebens, am meisten geeignet, Aussichten auf etwas Besseres darzubieten. Es findet sich ein beständiges Ringen zwischen Wirklichkeit und Hoffnung während des ganzen Laufes dieser langsam sich bewegenden, verrätherischen Jahreszeit, der die Tendenz zu täuschen nothwendig inwohnt. Alles, was von seinem lieblichen Wirken gesagt wird, ist trügerisch; denn die Erde würde eben so wenig einen 154 freigebigen Tribut ohne den belebenden Einfluß der Sommerhitze darbieten, als der Mensch würdige Früchte zu bringen pflegt ohne die Einwirkung einer moralischen Kraft, die höher und mächtiger ist, als jede, welche ihm vermöge seiner angeborenen Neigung eigen ist. Auf der andern Seite besitzt der Jahresausgang eine Süßigkeit, eine Ruhe, eine Beständigkeit, die mit Recht dem späten Alter eines wohlzugebrachten Lebens verglichen werden mag. In allen Ländern, in jeglichem Klima ist er die Periode, wo natürliche und geistige Ursachen sich zur Erzeugung der reichsten Quellen der Freude vereinigen. Wenn der Frühling die Zeit der Hoffnung ist, so ist der Herbst die des Genusses. Er hat gerade so viel Abwechselung, als hinreicht, dem wechselnden Dasein Würze zu verleihen, und nicht genug Veränderlichkeit, um die Hoffnung stets zu täuschen. Auf dem kahlen Winter folgend, erhält der Frühling seine Annehmlichkeit durch den Gegensatz, während die herrlichen Genüsse des Herbstes dadurch nichts verlieren, daß ihnen der an verschwenderischen Gaben so mächtige Sommer vorangegangen ist. Mögen also die Poeten singen und erfinden, was sie wollen, der Frühling und der Herbst in Amerika, jenem großen Gesetze unserer Erde gehorsam, tragen scharf gezeichnet die allgemein unterscheidenden Kennzeichen der nebenbuhlerischen Jahreszeiten an sich. Mehr als ein halbes Jahr war verstrichen von der Zeit an, wo man den indianischen Knaben in dem Thale von Wish-Ton-Wish auflauernd gefunden hatte, bis auf den Tag, an welchem er zuerst die Erlaubniß erhielt, in den Wald zu gehen, frei von jeder andern Fessel als der moralischen, welche, wie der Herr des Thales entweder wußte oder sich einbildete, 155 ihn nothwendig veranlassen mußte, zu einer Sklaverei zurückzukehren, die er so lästig gefunden hatte. Es war der Monat April, aber ein April wie man ihn vor einem Jahrhundert in Connecticut kannte, und wie er auch noch heutigen Tages sich zuweilen bewährt, nämlich ein Monat, der alle Forderungen, die man an die launenhafte Jahreszeit etwa gethan hat, zu Schanden macht. Plötzlich und heftig hatten die Tage die ganze Strenge des Winters wieder angenommen. Einem Thauwetter war ein Schnee- und Hagelsturm gefolgt, und das Zwischenspiel des Blüthenfrühlings endigte sich mit einem bitterkalten Nordwest, der der zaudernden Dauer eines nochmaligen Februars ein ewiges Siegel aufdrücken zu wollen schien. An dem Morgen, wo Contentius seine Leute in den Wald führte, sah man sie Alle in Pelzröcken die Pforte verlassen. Sie trugen an den Beinen dieselbe rauhe Bekleidung, welche sie bei so vielen früheren Jagden während des vergangenen Winters angehabt, wenn ein Winter vergangen genannt werden kann, der mit wenig gemilderter Strenge und mit allen Zeichen des Januars wieder zurückgekehrt war. Als man zum letzten Male Eben Dudley, den Schwerfälligsten aus dem Haufen, vom Hause aus sah, bewegte er sich fest auf der Schneekruste hin, und zwar mit einem Schritt, so sicher, als wenn er auf der gefrornen Erde selbst hingegangen wäre. Mehr als eins von den Mädchen erklärte daß, obgleich sie sich bemüht hätten, die Schritte der Jäger von den Pallisaden aus zu verfolgen, es doch selbst dem Scharfblick eines Indianerauges nicht hätte gelingen mögen, ihre Spur längst dem Eispfad, den sie einschlugen, aufzufinden. 156 Eine Stunde ging nach der andern vorüber, ohne Kunde von der Jagd zu bringen. Man hatte freilich manchmal den Knall der Feuerwaffen vernommen, wie er in des Waldes Wölbungen erscholl und einige Stunden lang hörte man das gebrochene Echo von einem Hügelberg in den andern zurückprallen. Aber selbst diese Zeichen der Nähe der Jäger wichen allmälig mit dem Vorrücken des Tages mehr und mehr in die Ferne, und lange, ehe noch die Sonne die Mittagslinie erreicht hatte und ihre Wärme, die bei der weit vorgerückten Jahreszeit nicht ohne Kraft war, in das Thal herabschoß, lag der ganze es umgebende Wald wieder in seiner gewöhnlichen dumpfen, feierlichen Stille da. Das Ereigniß einer Jagd, abgesehen davon, daß der Indianerjüngling daran Theil nahm, war ein zu häufig wiederkehrendes, als daß es besondere Erregung hätte veranlassen sollen. Ruth beschäftigte sich ruhig mit ihrem weiblichen Gesinde, und wenn die Erinnerung an Die, welche den benachbarten Wald durchstreiften, nur überhaupt sich ihrer Seele aufdrang, so verband sich damit die Sorgfalt, mit der sie Anstalten traf, ihren Bedürfnissen nach den Ermüdungen eines Tages voll so außerordentlicher Anstrengungen bei ihrer Heimkehr abzuhelfen. Dies war eine Pflicht, die nie mit Nachlässigkeit ausgeführt wurde. Ihre Lage war außerordentlich wohl dazu geeignet, die besten Gefühle einer Hausfrau zu nähren und zu begünstigen, da sie nur wenig Veranlassungen zuließ, sich andern als den natürlichsten Empfindungen zu überlassen; es war daher auch bekannt, daß sie diesen Gefühlen bei allen Gelegenheiten mit der ganzen Hingebung und Aufopferung ihres Geschlechtes nachkam. »Dein Vater und seine Gefährten werden die Sorgfalt, 157 die wir für sie tragen, mit Vergnügen gewahren,« sagte die aufmerksame Frau zu ihrem jugendlichen Ebenbild, als sie anordnete, daß man eine mehr als gewöhnlich große Menge von Fleisch für die Jäger in Bereitschaft halten sollte. »Die Wohnung ist immer nach Mühen und Beschwerden am süßesten.« »Ich fürchte, Bruder Marcus wird von dem Weg sehr erschöpft sein,« sagte das schon erwähnte Kind, das wir unter dem Namen Martha bei dem Leser eingeführt haben; »er ist zu jung, um mit so großen Männern, wie der starke Dudley, in die Wälder zu gehen.« »Und der Heide,« fügte die etwas ältere Ruth hinzu, »er ist fast eben so jung als Marcus, wiewohl mehr an Beschwerden und Arbeiten gewöhnt. Es könnte sein, Mutter, daß er nie wieder zu uns zurückkäme.« »Das würde unsern lieben Großvater sehr betrüben, denn Du weißt, Ruth, daß er Hoffnung hat, auf das Gemüth des Jünglings so einzuwirken, bis seine wilde Natur endlich der geheimen, verborgenen Kraft nachgiebt. Aber die Sonne sinkt hinter dem Hügel hinab, und der Abend rückt heran, kalt wie im Winter. Geh' an die Pforte und sieh' in die Felder hinaus. Ich möchte gern wissen, ob irgend ein Zeichen von Deinem Vater und seinen Leuten zu erspähen ist.« Obgleich Ruth diesen Auftrag ihrer Tochter gab, vernachlässigte sie nichtsdestoweniger, ihre eigenen Kräfte in demselben angenehmen Dienste anzustrengen. Während die Kinder, wie sie geheißen worden, an das Außenthor gingen, stieg die Hausfrau selbst in das untere Zimmer des Blockhauses hinauf, und sah aus seinen verschiedenen Luftlöchern lang und ängstlich über die beschränkte Aussicht nach allen Richtungen hin. 158 Die Schatten der Bäume, welche die westliche Seite der Aussicht begrenzten, fielen schon weit über die breite, gefrorne Schneefläche, und die plötzliche Kälte, welche auf das Verschwinden der Sonne folgte, kündete den schnellen Anbruch einer Nacht an, welche den strengen Charakter des verflossenen Tages zu behaupten versprach. Ein eisiger Wind, der mit sich die kalten Lüfte der großen See'n gebracht, und der selbst über den natürlicheren Einfluß einer Aprilsonne triumphirt, hatte sich jedoch gelegt, und ließ eine Temperatur nach sich, die der nicht unähnlich war, welche man in den milderen Jahreszeiten auf den Gletschern der höheren Alpen antrifft. Ruth war seit zu langer Zeit an solche Waldscenen, an einen so im Schooß des Mai's noch säumenden Winter gewöhnt, um der Zögernden wegen einige besondere Unruhe in sich zu fühlen. Aber die Stunde war jetzt herangekommen, wo sie Grund hatte, nach der Rückkehr der Jäger zu spähen. Mit der Erwartung, ihre Gestalten aus dem Walde hervortauchen zu sehen, kam auch die Besorgniß, welche eine untrennbare Begleiterin jeder getäuschten Hoffnung ist. Die Schatten wurden immer dunkler im Thal, bis sie sich zur Finsterniß der Nacht verdichteten, ohne auch nur die geringste Kunde von den Außenbleibenden zu bringen. Wenn ein Zögern und Außenbleiben, das unter den Gliedern einer Familie in der Lage, wie die von Wish-Ton-Wish, sehr ungewöhnlich war, noch mit verschiedenen kleineren Beobachtungen zusammentraf, die man den Tag über gemacht hatte, so hielt man sich zu dem Glauben berechtigt, Gründe zu Befürchtungen und Besorgnissen würden mit jedem Augenblick mehr und mehr wahrscheinlich. Schon in einer frühen Stunde hatte man von entgegengesetzten Punkten in den Anhöhen 159 Schüsse fallen hören und dies auf eine zu deutliche Weise, um sie für den Wiederhall halten zu können; es war dies also ein sicherer, untrüglicher Beweis, daß die verschiedenen Glieder der Jagdgesellschaft sich in dem Wald vertheilt hatten. Unter solchen Umständen fiel es der Einbildungskraft eines Weibes und einer Mutter, der Einbildungskraft einer Schwester oder eines Mädchens, das sich vielleicht eine noch zärtlichere Theilnahme an einem der Jäger gestand, nicht schwer, die zahllosen Gefahren heraufzubeschwören, welche Jene, die solchen Unternehmungen sich unterzogen, wie man wußte, ausgesetzt waren. »Ich fürchte, die Jagd hat sie weiter von dem Thale weggelockt, als für die jetzige Jahreszeit und Stunde angemessen ist,« bemerkte Ruth gegen ihre Mädchen, die sich in einer Gruppe an einem Punkte um sie versammelt hatten, von wo man so viel von dem gelichteten Lande um die Gebäude übersehen konnte, als die Finsterniß zulassen wollte; »der Ernsthafteste wird gedankenlos wie das unbesonnene Kind, wenn ihn der Eifer im Verfolg seiner Jagd mit fortreißt. Es ist die Pflicht älterer Köpfe, für jene zu denken, die der Erfahrung ermangeln; aber zu welchen unschicklichen Klagen verleiten mich meine Besorgnisse! Es kann sein, daß eben jetzt mein Gemahl seinen Haufen zu sammeln sucht, um zurückzukehren. Hat Jemand seine Muschel den Heimruf blasen hören?« »Die Wälder sind still, wie an dem Tage, wo die Axt den ersten Nachhall in den Bäumen weckte,« erwiderte Fidel; »Ich hörte etwas, was fast tönte wie eine Melodie von des kreischendes Dudley's Gesängen, aber es zeigte sich, daß es nichts weiter war, als das Brüllen eines seiner eigenen Ochsen. 160 Vielleicht vermißt das Thier etwas von der Sorgfalt, die sonst sein Wärter ihm angedeihen ließ.« »Whittal Ring hat nach dem Vieh gesehen, und er wird nicht versäumt haben, mit den andern auch Dudley's Heerde zu füttern. Dein Gemüth, Fidel, ist in Hinsicht dieses Mannes gar sehr dem Leichtsinn hingegeben. Es ist nicht passend, daß Jemand von Deinen Jahren und Deinem Geschlecht so großes Mißfallen schon bei dem Namen eines Menschen äußere, der von ehrbarem Charakter und ehrbaren Sitten ist, obwohl er dem Auge nicht einnehmend erscheinen und so wenig Gunst bei einer Person von Deiner Neigung finden mag.« »Ich habe ja dem Manne seine Gestalt nicht gegeben,« sagte Fidel, sich in die Lippen beißend und den Kopf in die Höhe werfend, »auch liegt mir nichts daran, ob er einnehmend ist oder nicht. Was meine Gunst betrifft, so soll er, wenn er darnach fragt, nicht lange warten, bis er die Antwort erfährt. Aber ist nicht jene Gestalt der Bursche selbst, Madame Heathcote? Kommt er hier nicht von dem östlichen Hügel längst des Obstgartenpfades her? Die Gestalt, die ich meine, ist eben jetzt hier; Sie können sie in diesem Augenblick sehen, wie sie bei der Krümmung an dem Bache umwendet.« »Da ist freilich Jemand, und es scheint selbst einer von unsrer Jagdgesellschaft zu sein; aber doch nicht von einer Gestalt und einem Gange, wie der des Eben Dudley. Du solltest Deine Blutsverwandten besser kennen, Mädchen; mir scheint es Dein Bruder zu sein.« »In der That, es kann Ruben Ring sein; und dennoch hat die Gestalt viel von dem Aufgedunsenen des Andern, obgleich ihre Größe beinahe dieselbe ist, – die Manier, das Gewehr zu tragen, ist ebenfalls ziemlich dieselbe, wie die aller 161 andern Grenzbewohner, – man kann bei diesem dunkeln Licht die Gestalt eines Menschen nicht leicht von einem Baumstumpf unterscheiden und doch – doch glaube ich noch immer, es wird kein anderer sein, als der langsame Dudley.« »Langsam oder nicht, er ist dennoch der Erste, der von dieser langen, beunruhigenden Jagd heimkehrt,« sagte Ruth, schwer aufathmend, als bedaure sie, daß dies so die Wahrheit sei. »Geh' an die Pforte und laß ihn ein, Mädchen. Ich ließ die Riegel vorschieben, denn ich liebe nicht zu dieser Stunde bei offenen Thoren eine Veste von weiblicher Besatzung vertheidigen zu lassen. Ich will in die Wohnung eilen, um zu sehen, daß zur Befriedigung der Hungrigen alles in Bereitschaft sei, denn es wird wohl nicht lange werden, so möchten wie noch mehrere von ihnen in der Nähe sehen.« Fidel Ring gehorchte mit scheinbarer Gleichgültigkeit und ziemlichem Zögern. In dem Augenblick, wo sie die Stelle des Einlasses erreicht, sah man eine Gestalt der Anhöhe heraufsteigen, und die Richtung einschlagen, welche an dieselbe Stelle führte. Im nächsten Moment verkündete ein barsches Anklopfen, daß Jemand draußen stehe. »Langsam, Meister Dudley,« sagte das ränkevolle Mädchen, das den Riegel schon mit der Hand gefaßt hatte, obwohl sie boshafter Weise noch zögerte, ihn zurückzuschieben. »Wir wissen, daß Du sehr kräftigen Arm's bist und doch würden kaum die Pallisaden bei Deiner Berührung fallen. Hier gibt's keine Simson, die Säulen über unsern Häuptern zusammenzureißen. Vielleicht könnten wir nicht geneigt sein, Denen Eingang zu gewähren, die so unvernünftig lange über die Zeit wegbleiben.« »Oeffne die Pforte, Mädchen,« sagte Eben Dudley, »dann 162 werden wir aufgelegter sein, Dir Rede zu stehen, wenn Du etwas vorzubringen hast.« »Vielleicht ist aber Deine Unterhaltung am angenehmsten, wenn eine Thür zwischen uns ist. Gib Rechenschaft über Deine Vergehungen während dieses ganzen Tages, reuiger Dudley, damit ich Erbarmen fühle gegen Deine Müdigkeit. Aber wenn der Hunger Dein Gedächtniß etwa ganz vernichtet haben sollte, so könnte ich Dir vielleicht helfen, Dich der einzelnen Vorfälle zu erinnern. Die erste Deiner Sünden war, mehr als Dein Theil von dem kalten Fleisch als Deine Portion ausmachte, verzehrt zu haben; die zweite, daß Du Ruben Ring das Wild jagen ließest und für Dich es in Anspruch nahmst, und die dritte war die Laune, die Du hast, so sehr auf Deine eigene Stimme zu hören, daß selbst das Wild aus Mißfallen an Deinem Geräusch Dich floh.« »Du scherzest zur Unzeit, Fidel; ich muß ohne Aufschub mit dem Capitain sprechen.« »Es könnte sein, daß er besser beschäftigt ist, um solche Gesellschaft zu begehren. Du bist nicht das einzige fremde Thier, schon viele haben vor dem Thor von Wish-Ton-Wish gebrüllt.« »Ist vielleicht Jemand im Laufe des Tages angekommen, Fidel?« fragte der Grenzmann mit einer theilnehmenden Neugierde, wie sie natürlich ein solcher Vorfall in dem Gemüth eines Mannes erregen mußte, der gewöhnlich in so großer Zurückgezogenheit lebte. »Was sagst Du zu einem zweiten Besuch des galanten Fremden, der uns letztvergangenen Herbst mit so vielen lustigen Gesprächen unterhalten hat. So einen Gast zu empfangen 163 lohnt doch noch der Mühe! Ich stehe dafür, der sollte mir nicht zweimal anzuklopfen nöthig haben.« »Der Tapfere thät besser daran, sich vor dem Mond in Acht zu nehmen!« rief Dudley und stieß den Kolben seiner Muskete mit solcher Gewalt auf das Eis, daß seine Gefährtin erschreckt davor zurückbebte. »Welche Narrenbotschaft hat ihn wieder veranlaßt, sein Pferd so tief in den Wald einzuspornen?« »Nun, nun, Dein Verstand und Witz ist immer dem eines ungezähmten Füllen gleich, ein halsstarriger Ausreißer. Ich sagte ja nicht im Ernst, daß der Mann angekommen wäre, ich wollte nur Deine Meinung darüber hören, im Fall, daß er unerwartet anlangen sollte, obgleich ich gar nicht sicher bin, daß irgend Jemand hier sein Gesicht je wieder zu sehen erwartet.« »Das ist thörichtes Geschwätz,« entgegnete der Mann, über sich selbst aufgebracht, daß er unvorsichtigerweise Eifersucht verrathen hatte. »Ich sage Dir, den Riegel wegzuschieben; denn ich muß dringend nothwendig mit dem Capitain oder seinem Sohne sprechen.« »Dem Ersteren kannst Du Dein Herz ausschütten, wenn er dem, was Du zu sagen hast, zuhören will,« entgegnete das Mädchen, und schob jedes Hinderniß weg, das sich seinem Eintritt entgegenstellte, »aber der Andere könnte Dir eher Gehör geben, wenn Du am Thor bliebest, da er noch nicht aus dem Walde zurückgekommen ist.« Dudley trat vor Schreck einen Schritt zurück und wiederholte ihre Worte mit einem Ton, worin sich das Gefühl der Bestürzung und der Besorgniß mit dem des Erstaunens mischte. 164 »Noch nicht aus dem Wald zurück?« sagte er: »sicher ist jetzt Niemand mehr draußen, da ich zu Hause bin!« »Was sagst Du da? Ich habe Scherz mit Dir getrieben, mehr zur Vergeltung früherer Vergehungen, als wegen eines Versehens, das Du Dir jetzt hättest zu Schulden kommen lassen. Weit entfernt, daß Du der letzte wärst, bist Du vielmehr der erste von den Jägern, die wir bis jetzt von ihrem Zuge haben zurückkehren gesehen. Geh' hinein zur Madame, zögere nicht länger, und unterrichte sie von der Gefahr, wenn eine solche wirklich vorhanden ist, damit wir schnelle Maßregeln zu unserer Sicherheit treffen.« »Das würde nun freilich wenig helfen,« murmelte der Grenzmann sinnend. »Bleib' Du hier und bewache die Pforte, Fidel; ich will zurück in die Wälder; denn ein Zuruf zu rechter Zeit oder ein Signal aus meiner Muschel gegeben, dürfte ihre Schritte beschleunigen.« »Welcher Wahnsinn hat Dich befallen, Dudley. Du willst doch nicht zu dieser Stunde und allein wieder in den Wald gehen, wenn in der That Grund zur Furcht und Besorgniß da ist. Komm weiter in's Thor, Mann, damit ich den Riegel vorschiebe, Madame wird sich ohnedies wundern, daß wir hier so lange verweilen.« »Ha! Ich höre Fußtritte auf der Wiese; ich merke es an dem Knistern des Schnee's; die Andern säumen nicht länger, sie kommen schon.« Ungeachtet der anscheinenden Gewißheit des Mannes, daß dies seine Jagdgenossen seien, zog er sich doch, statt hinauszugehen und seine Freunde zu bewillkommen, einen Schritt weiter zurück, und schob mit eigener Hand den Riegel vor, welchen das Mädchen vorher befestigen wollte, auch trug er zu 165 gleicher Zeit Sorge, einen Schwebebalken herabfallen zu lassen, welcher den Befestigungen der Pforte neue Stärke und Sicherheit verlieh. Seine Befürchtungen waren jedoch, wenn er diese hegte, und ihn zu solcher Vorsicht veranlaßt hatten, ganz und gar unnöthig, denn ehe er nur noch Zeit hatte, weitere Schritte zu thun, oder selbst deren auch nur zu ersinnen, ward schon Einlaß von der wohlbekannten Stimme des Sohnes jenes Mannes begehrt, den man als den Eigenthümer des Thals betrachtete. Der Lärm der Ankunft, – denn mit Contentius trat der ganze mit Wildpret beladene Haufe der Jäger ein, – machte dem Gespräch ein Ende. Fidel ergriff diese Gelegenheit, sich im Dunkel wegzuschleichen, und ihrer Gebieterin die Rückkehr der Leute anzuzeigen, ein Dienst, den sie leistete, ohne nur im Geringsten in die Einzelnheiten ihrer eignen Unterredung mit Eben Dudley einzugehen. Es ist unnöthig, uns über die Freude auszulassen, mit der Ruth ihren Gemahl und Sohn nach der Unruhe, die sie ihrethalben eben erst erfahren hatten, empfing. Obgleich die strengen Sitten der Provinz keine grelle Darlegung vorübergehender Bewegungen zuließen, so herrschte doch heimliche Freude in den milden Augen, und glühte auf den gerötheten Wangen der umsichtigen Hausfrau, während sie sich selbst den Verrichtungen und Anordnungen bei dem Abendessen unterzog. Die Jagdgesellschaft war heimgekehrt, ohne außerordentlichen Vorfällen begegnet zu sein, auch schien Keiner außer ihr durch jenes ernste Aeußere beunruhigt, das man so deutlich in der Haltung Dessen bemerkt hatte, der ihnen vorausgegangen. Im Gegentheil, Jeder hatte seine ruhige Geschichte zu erzählen, manchmal vielleicht auf Unkosten eines unglücklichen Gefährten und oft wohl auch, damit kein Theil der 166 eigenen Geschicklichkeit als Jäger unbekannt bleibe. Das Ausbleiben wurde, wie ähnliche Verzögerungen gewöhnlich erklärt werden, durch die Entfernung und die Lockungen einer ungewöhnlich glücklichen Jagd entschuldigt. Der Appetit der Leute, die den Tag über mit jener anstrengenden Arbeit zugebracht, war nicht minder scharf, als die Speisen lockend, daher verfloß die erste halbe Stunde, wie alle solche halben Stunden vorüberzugehen pflegen, schnell mit den gesprächigen Erzählungen von besondern Thaten und mit Geschichten von Wild, das nur um ein Haar noch ihnen entgangen war, und welches, hätte sich das Glück nicht gar zu ungünstig gezeigt, jetzt auf dem Tisch zugegen sein würde, als Trophäe der Geschicklichkeit der Hand, die es erlegt. Erst nachdem persönliche Eitelkeit hinlänglich befriedigt war, und als der Hunger selbst eines Grenzbewohners nichts mehr zu leisten vermochte, begannen die Jäger mit etwas mehr Mäßigung um sich zu schauen, und die Vorfälle des Tages mit gehöriger Ruhe und einer ihrer gewöhnlichen Selbstbeherrschung entsprechenden Besonnenheit durchzugehen. »Wir verloren den Ton Deiner Muschel, herumirrender Dudley, als wir in den Hohlweg des Gebirges kamen,« sagte Contentius bei einer Pause im Gespräch, »seit dieser Zeit hat weder Auge noch Ohr von Einem unter uns die geringste Spur von Deinen Bewegungen gehabt, bis wir Dich an der Pforte in der Stellung eines Spähers auf der Wache trafen.« Der Angeredete hatte überhaupt an dem aufgeräumten Gespräche dieses Abends keinen Theil genommen. Während Andere ohne Rückhalt aßen oder sich in die ruhigen Scherze mischten, welche den Lippen selbst solcher Männer manchmal 167 entfuhren, die durch Nüchternheit und Ernst sich so sehr auszeichneten, während dieser ganzen Zeit hatte Dudley nur spärlich Nahrung zu sich genommen. Auch hatten sich die Muskeln seines rauhen Antlitzes nicht ein einziges Mal zu einem Lächeln verzogen. Ein so ungewöhnlich ernstes, stilles Wesen an einem Manne, an dem man so selten beide Eigenschaften zu finden gewohnt war, verfehlten nicht, Aller Aufmerksamkeit auf ihn hinzuziehen. Man schrieb dies Benehmen allgemein dem Umstand zu, daß er mit leeren Händen von der Jagd zurückgekehrt, und nun, da ein Mann von solchem Ansehen, wie Contentius, es für angemessen gehalten, dem Gespräch diese Richtung zu geben, wollte man den Mann, der sich dem Anschein nach ein Vergehen zu Schulden kommen lassen, nicht ganz ungerupft davon kommen sehen. »Unser Metzger hat bei dem heutigen Jagen und Schlachten nicht viel zu thun,« sagte einer der jüngeren Männer; »als Strafe für seine Entfernung von dem Jagdplatze sollte man ihn nöthigen, auf den Hügel zu gehen und die zwei Böcke einzubringen, die er an einem Ahornaste nahe der Trinkquelle wird hängen finden. Unser Fleisch sollte eigentlich auf die eine oder die andere Art durch seine Hände gehen, weil es sonst vielleicht alles Geschmackes entbehren möchte.« »Schon vom Tode des irrgegangenen Schöpses an hat Eben Dudley's Geschäft immer stillegestanden,« fügte ein Anderer hinzu; »der niedergebeugte junge Mann sieht ganz so aus, als wäre er bereit, dem ersten besten Fremden, der es verlangen würde, sein Amt zu überlassen.« »Thiere, die frei herumlaufen, geben weit besseres Fleisch, als ein gemästeter Hammel,« fuhr ein Dritter fort; »und dadurch wurde vor dieser Jagd seine Kundschaft etwas sehr 168 gering. Ohne Zweifel hat er einen hinlänglichen Vorrath für Alle, welche etwa Wildpret in seinem Stall suchen wollten.« Ruth bemerkte, daß das Antlitz ihres Gemahls ernst wurde, als diese Anspielungen auf einen Gegenstand übergingen, von dem er, wie es geschienen hatte, immer gewünscht, daß man ihn vergessen möchte. Sie schlug sich daher in's Mittel, in der Absicht, die Gemüther Derer, die zuhörten, wieder zurück zu einem Gegenstand zu bringen, der zum Besprechen sich weit besser eignete. »Wie ist das!« rief sie eilig aus; »hat der starke Dudley etwas von seiner Kraft und seiner Geschicklichkeit verloren? Habe ich doch nie mit mehr Gewißheit auf Vorrath für den Tisch gezählt, als wenn er auf die Hügel nach dem fetten Wild oder dem zarten Auerhahn ausgesandt wurde. Es würde mich sehr betrüben, zu hören, daß er seine Jagdgeschicklichkeit zu verlieren anfange.« »Der arme Mann wird aus Ueberfüllung des Magens melancholisch,« murmelte die boshafte Stimme einer Person, die in einem entlegenen Theil des Zimmers sich mit den Schüsseln und Gefäßen zu thun machte. »Er macht seine Jagdübungen allein, damit Niemand sein Mißlingen gewahre. Ich glaube, er ist ziemlich geneigt, über's Meer zu gehen, um Soldat zu werden.« Bis jetzt hatte der Gegenstand dieser Angriffe voll Laune und Fröhlichkeit mit einer Miene zugehört, als vertraue er zu sehr seinem festbegründeten Rufe, um Aerger zu fühlen; aber als er die Worte aus dem Munde der Person, die zuletzt gesprochen, vernahm, faßte er seinen buschigen Backenbart mit der Hand, und einen vorwurfsvollen, gereizten Blick auf 169 das schon halb reuige Antlitz der Fidel Ring werfend, kehrte seine ganze natürliche Lebendigkeit zurück. »Es kann sein, daß meine Geschicklichkeit mich verlassen hat,« sagte er, »und daß ich lieber allein bin, als mich langweilen lasse in der Gesellschaft gewisser Leute, die ich wohl nennen könnte; denn was brauche ich Rücksicht gegen die stattlichen Krieger zu nehmen, die in der Colonie hin- und herreiten und üble Gedanken ehrlicher Leute Töchtern in den Kopf setzen; aber warum soll ich denn ganz allein das Kleingewehrfeuer Eurer Witzeleien und Launen aushalten, da es doch noch Einen gibt, der, wie es scheint, noch viel weiter von Eurer Spur abgeschweift ist, als ich.« Ein Auge begegnete dem andern, und jeder Anwesende mühte sich durch hastige Blicke auf das Antlitz aller übrigen in der Gesellschaft zu erforschen, wer der Fehlende wohl sein möchte. Die jungen Grenzbewohner schüttelten die Köpfe, als sie die Züge jedes wohlbekannten Antlitzes wieder erkannten, und eben wollten sie fast Alle auf einmal laut bemerken, daß Niemand fehle, als Ruth ausrief: »In der That, der Indianer fehlt!« Die Furcht vor Gefahr von Seiten der Wilden war in der Brust Derjenigen, welche jene entblößte Grenze bewohnten, so lebendig und beständig, daß Alle bei diesen Worten durch einen plötzlichen und gemeinsamen Antrieb auffuhren, und jeder Einzelne sich mit einem Erstaunen umsah, das mit Schrecken nicht wenig Aehnlichkeit hatte. »Der Knabe war noch bei uns, als wir den Wald verließen,« sagte Contentius nach einem Augenblick von Todesstille. »Ich sprach zu ihm und lobte seine Thätigkeit und Kenntniß, die er beim Durchforschen der verborgenen 170 Zufluchtsörter des Wildes gezeigt hatte, obgleich wenig Ursache vorhanden ist, zu glauben, daß meine Worte verstanden wurden.« »Und wäre es nicht sündlich, solch eine feierliche Versicherung bei einer so geringfügigen Sache anzuführen, so könnte ich auf das Evangelium selbst beschwören, daß er an meiner Seite war, als wir in den Obstgarten traten,« fügte Ruben Ring hinzu, ein Mann, der in der kleinen Ansiedelung der Schärfe seines Gesichts wegen berühmt war. »Und ich will jede Art von gesetzmäßigem oder gewissenhaftem Schwur oder Erklärung ablegen, daß er nicht zur Pforte hereingekommen ist, als ich sie mit eigener Hand öffnete,« entgegnete Eben Dudley; »ich zählte die Anzahl der Eintretenden, als Ihr bei mir vorüberginget, und ich bin ganz gewiß, daß keine Rothhaut mit hereinkam.« »Kannst Du uns irgend eine Auskunft über den Knaben geben?« fragte Ruth, die sich schnell Besorgnissen in Hinsicht eines Menschen überließ, der so lange ihre Sorgfalt in Anspruch genommen und ihrer Einbildungskraft so viel Nahrung gegeben hatte. »Ich weiß von ihm nichts zu sagen. Bei mir ist er seit Mittag nicht gewesen. Ich habe von diesem Augenblick an kein menschliches Antlitz gesehen; es müßte denn sein, daß man eine Erscheinung von sehr seltsamer, geheimnißvoller Art, auf die ich in dem Walde gestoßen bin, zu den menschlichen rechnen wollte.« Die Weise, in der der Waldmann sprach, war zu ernst und natürlich, als daß sie nicht in seinen Zuhörern selbst etwas von seinem eigenen düstern Wesen hätte hervorbringen sollen. Vielleicht trug auch die Erscheinung des Puritaners 171 in diesem Augenblicke dazu bei, den Leichtsinn niederzuschlagen, der in den Gemüthern der jungen Leute die Oberhand behalten hatte; wenigstens ist gewiß, daß, als er eintrat, eine allgemeinere neugierige Theilnahme sich in den Gesichtern aller Gegenwärtigen zeigte. Contentius wartete einen Augenblick in ehrerbietigem Schweigen, bis sein Vater langsam durch ihren Kreis geschritten, und dann schickte er sich an, eine Sache weiter zu untersuchen, die einen Anschein anzunehmen begann, der sie zu einem Gegenstande machte, welcher einer näheren Untersuchung wohl werth war. 172   Neuntes Kapitel.                         Die allerletzte Nacht, Als eben jener Stern, vom Pol gen Westen, In seinem Lauf den Theil des Himmels hellte, Wo jetzt er glüht; da sah'n Marcell, und ich – – Die Glock' schlug Eins gerad' – – Doch still, brich ab, sieh', dort kommt's wieder schon! Hamlet.           Als treue Berichterstatter ist es unsere Pflicht, der in dieser einfachen Familiengeschichte enthaltenen Vorfälle, keinen Umstand zu verschweigen, welcher den zum Verständniß nöthigen Grad von Licht auf ihre Begebenheiten werfen könnte, noch irgend eine Meinung oder Ansicht zu verhehlen, die zur besseren Belehrung des Lesers über den Charakter der darin handelnden Hauptpersonen dienen möchte. Damit wir uns dieser Verbindlichkeit mit hinlänglicher Klarheit und Genauigkeit entledigen, ist es jetzt nothwendig geworden, eine kurze Abschweifung von der eigentlichen Handlung der Erzählung zu machen. Wir haben schon genug angeführt, um zu zeigen, daß die Heathcote's zu einer Zeit und in einem Lande lebten, wo seltsame und eigenthümliche religiöse Glaubenssätze an der 173 Tagesordnung waren. In einer Periode, wo sichtbare Aeußerungen und Offenbarungen der Güte der Vorsehung nicht allein in geistlichen, sondern auch in weltlichen Gaben vertrauensvoll erwartet und offen verkündigt wurden, ist es gar nicht erstaunend, daß man an mehr böse Kräfte glaubte, die ihre Macht auf eine Weise üben sollten, welche in etwas der Erfahrung unserer eigenen Zeit entgegen ist. Da wir jedoch gar nicht wünschen, diese Blätter zum Kampfplatz theologischer oder metaphysischer Streitigkeiten zu machen, so werden wir sehr zart mit gewissen wichtigen Vorgängen umgehen, welche, nach der Versicherung der meisten Schriftsteller, die Zeitgenossen von den Thatsachen waren, in den Colonieen von Neu-England in und um die Periode fielen, von welcher wir jetzt schreiben. Es ist hinlänglich bekannt, daß man damals geglaubt hat, die Kunst der Zauberei und eine oder die andere noch teuflischere und noch unmittelbarer vom Vater alles Uebels herrührende Wissenschaft, blühe in jenem Theile der Welt in einem Grade, der vielleicht in einem sehr angemessenen Verhältniß mit der Vernachlässigung stand, mit welcher die meisten andern Künste und Wissenschaften des Lebens behandelt wurden. Es finden sich so viele gewichtvolle und achtungswerthe Autoritäten, welche alle das Dasein dieser übeln Einflüsse beweisen, daß es eine weit kühnere Feder, als die, welche wir führen, erfordert, um sie ohne gehörigen Grund anzugreifen. »Nichtige, eitle Leute,« sagte der gelehrte und fromme Cotton Mather , Doctor der Gottesgelahrtheit und Mitglied der königlichen Akademie, »mögen diese Dinge lächerlich machen; aber wenn Hunderte von den besonnensten Leuten in 174 einem Lande, wo sie sicher eben so viel Mutterwitz haben, als der übrige Theil der Menschen, wissen, daß sie wahr sind, so kann doch wohl nur der abgeschmackte und vorwitzige Geist des Sadducäismus sie noch in Frage stellen!« Gegen diese gewichtvolle und allgemein geachtete Autorität nehmen wir uns nicht heraus, auch nur die geringste Frage des Scepticismus vorzubringen. Wir unterwerfen uns dem Zeugniß eines solchen Schriftstellers als schlagend und alle weitern Einreden ausschließend; obgleich, da man Leichtgläubigkeit manchmal in geographischen Grenzen eingeschlossen findet, und nicht zu verkennen ist, daß sie etwas von Nationalcharakter an sich trägt, es gerathen sein möchte, manche Leser, die auf der andern Halbkugel wohnen, über diesen interessanten Gegenstand auf das gemeine Recht Englands zu verweisen, wo sie besonders diesen Punct des Aberglaubens sehr geistreich von Keeble auseinandergesetzt und von den zwölf Richtern jener so hochgebildeten und aufgeklärten Insel gebilligt finden werden. Mit dieser kurzen Hinweisung auf so gewichtvolle Autoritäten, die das bestätigen, was wir jetzt vorzubringen haben, wollen wir zum Gegenstand unserer Erzählung zurückkehren, fest vertrauend, daß die in ihr enthaltenen Vorgänge noch etwas mehr Licht auf einen Gegenstand von so hohem und allgemeinen Interesse werfen werden. Contentius wartete ehrfurchtsvoll, wie gesagt, bis sein Vater seinen Sitz eingenommen, und als er dann bemerkte, daß der ehrwürdige Puritaner nicht so unmittelbar die Absicht hatte, sich persönlich in die Sache zu mischen, begann er das Verhör seines Untergebenen, und eröffnete die Unterredung mit einem Ernst, der hinlänglich durch die Wichtigkeit des Gegenstandes selbst erklärt und erforderlich wurde. 175 »Du hast von Jemand gesprochen, der Dir im Walde begegnet sei,« sagte er, »fahr fort, das Nähere dieses Zusammentreffens mitzutheilen, und erzähle uns, was für ein Mann es gewesen.« So gerade zu befragt, schickte sich Eben Dudley an, eine vollständige und genügende Antwort zu geben. Nachdem er zuerst einen Blick um sich geworfen, so daß er jedes neugierige und eifrige Antlitz zusammen übersah, und nachdem sein Auge etwas länger als gewöhnlich auf einem andern halbinteressirten, halbungläubigen und ein wenig ironischen schwarzen Auge geruht hatte, das auf sein eigenes von einem fernen Winkel in der Stube gerichtet war, begann er seine Geschichte wie folgt: »Es ist Euch Allen bekannt,« sagte der Grenzbewohner, »daß, als wir den Berggipfel erreicht hatten, wir sämmtlich so vertheilt wurden, daß Jeder seinen eigenen Waldbezirk durchstreifen sollte, damit weder Dammhirschen, Rehen, noch Bären eine Wahrscheinlichkeit zu entkommen übrig bliebe. Als einem Manne von höherem Bau, und, mag auch sein, von schnellerem Schritt als gewöhnlich, hielt der junge Capitain für passend, unserem Gefährten Ruben Ring aufzutragen, sich an das eine Ende der Linie zu stellen, und ein Anderer, der ihm in nichts nachsteht, weder an Behendigkeit noch Stärke, erhielt den Befehl, dieselbe Stellung an dem andern Ende einzunehmen. Es trug sich während der ersten zwei Stunden auf der Seite, wo ich stand, nichts zu, was der Erwähnung besonders werth wäre, es müßte denn etwa die Thatsache sein, daß zu drei verschiedenen Malen ich auf einen Wirrwarr wohl ausgetretener Wildspuren traf, welche aber immer zu nichts führten –« 176 »Es sind dies Zeichen, wie man sie häufig in den Wäldern findet, und sind nichts weiter als Beweise, daß die Thiere, wie andere fröhliche Geschöpfe, ihre Spiele und Scherze haben, wenn von Hunger oder Gefahr sie nicht bedrängt sind,« bemerkte Contentius ruhig. »Ich will auch gar nicht diese trügerischen Fährten in meiner Erzählung in Rechnung bringen,« nahm Dudley wieder das Gespräch auf; »aber kurz darauf, nachdem ich den Schall der Muscheln verloren, trieb ich einen prächtigen Rehbock aus seinem Lager unter dem Dickicht von Schirlingsstauden auf, und da ich den Fang im Auge hatte, zog mich die Jagd weit weg in die Wildniß zu, es mochte wohl eine Entfernung von zwei Meilen gewesen sein.« »Und während dieser ganzen Zeit fandest Du keinen günstigen Augenblick, das Thier zu treffen?« »Keinen einzigen; auch wäre ich, selbst wenn eine Gelegenheit sich gezeigt hätte, nicht kühn genug zu behaupten, daß eine meiner Hände es gewagt, ihm nach dem Leben zu streben.« »Fand sich etwas an dem Wild, das einem Jäger den Wunsch einflößt, es zu verschonen?« »Es war Etwas an dem Thier, was jeden Christenmenschen zu großem, ernstem Nachdenken hätte bringen mögen.« »Sprich offener von dem Wesen und der Erscheinung des Thiers,« sagte Contentius etwas weniger ruhig als gewöhnlich; während die Jünglinge und Mädchen Stellungen annahmen, die noch deutlicher ihre Aufmerksamkeit und Neugierde verriethen. Dudley sann einen Augenblick nach, und dann begann er 177 mit einer weniger zweideutigen Aufzählung alles Dessen, was er für das Wunderbare seiner Geschichte hielt. »Erstlich,« sagte er, »fand sich keine Spur, weder nach noch vor der Stelle, wo das Wesen sein Lager sich bereitet hatte; zweitens, als es aufgejagt worden, entsetzte es sich nicht, sondern sprang gleichsam scherzend vor mir hin, trug jedoch immer hinlängliche Sorge, sich außerhalb des Bereichs meiner Muskete zu befinden, ohne mir deswegen je aus dem Auge zu kommen; endlich war auch die Weise seines Verschwindens eben so bemerkenswerth, als jede andere seiner Bewegungen.« »Und auf welche Weise verlorst Du das Geschöpf aus dem Gesicht?« »Ich hatte es auf die Spitze eines Hügels getrieben, wo ein sicheres Auge und eine feste Hand sich eines Bock's von weit geringerer Größe versichern konnte, als – – hat Niemand von Euch etwas vernommen, was in einer Jahreszeit, wo der Schnee noch auf der Erde liegt, für wunderbar gehalten werden kann?« Die Zuhörer sahen einander neugierig an. Jeder bemühte sich, irgend einen ungewohnten Ton sich in's Gedächtniß zurückzurufen, um damit eine Erzählung zu unterstützen, welche gar sehr das verführerische Interesse des Wunderbaren anzunehmen begann. »Du behauptetest ganz sicher, Charitas , daß das Geheul, welches wir aus dem Walde herübertönen hörten, nur das eines geschlagenen Jagdhundes sei?« fragte eine Dienstmagd die Ruth, eine blauäugige Gefährtin, die gleichfalls sehr geneigt schien, ihr Scherflein von Zeugniß zur Unterstützung der aufregenden Sage beizutragen. 178 »Es kann auch etwas Anderes gewesen sein,« war die Antwort; »obgleich die Jäger selbst es sagen, daß sie den jungen Jagdhund seiner Faulheit wegen gezüchtigt haben.« »Das vielfache Echo bildete ein Tongewirre, das klang wie das Geräusch eines niederstürzenden Baumes,« sagte Ruth gedankenvoll. »Ich erinnere mich, daß ich fragte, ob es nicht sein könnte, daß irgend ein mächtiges Thier ein allgemeines Abfeuern aller Musketen nothwendig gemacht; aber der Vater war der Meinung, der Tod habe die Wurzeln einer schweren, großen Eiche untergraben.« »Um welche Stunde mag das gewesen sein?« »Mittag war vorüber, denn es geschah gerade in dem Augenblick, wo ich an den Hunger Derer dachte, die seit Tagesanbruch in den Hügeln auf diesem schweren, mühevollen Zug beschäftigt waren.« »Nun, das war der Ton, von dem ich spreche. Er kam nicht von einem Baumfall her, sondern entstand weit über den Wäldern, weit oben in der Luft. Hätte einer denselben gehört, der besser in die Geheimnisse der Natur eingeweiht gewesen – –« »So würde er sagen, es habe gedonnert;« unterbrach ihn Fidel Ring, welche abweichend von den meisten andern Zuhörern, wenig von der durch ihren Namen bezeichneten Eigenschaft zu besitzen schien. »In der That, Eben Dudley hat Wunder auf dieser Jagd gethan; er ist mit einem Donnerschlag in seinem Haupte, statt mit einem fetten Bock auf seinen Schultern heimgekehrt!« »Sprich ehrerbietig, Mädchen, von Dem, was Du nicht 179 begreifst,« sagte Marcus Heathcote mit ernster Würde. »Wunder offenbaren sich dem Unwissenden, wie dem Weisen, und obgleich aufgeblasene Anhänger der Philosophie versichern, daß der Kampf und Streit der Elemente nichts weiter sei als die Natur, die ihre eigene Reinigung bewirkt, so wissen wir doch aus allen Zeugnissen des Alterthums, daß noch andere Offenbarungen darin sich kund thun. Satan mag einige Herrschaft über die Rüstkammern der Luft ausüben, er kann die Geschütze des Himmels losbrennen. Daß der Fürst der Mächte der Finsterniß selbst so viel Antheil an der Chemie hat, daß er sogar Aurum fulminans bereitet, wird von einem der weisesten Schriftsteller unserer Zeit behauptet.« Dieser Erklärung und besonders der in des Puritaners Rede enthaltenen Gelehrsamkeit, seine Einstimmung zu versagen, war Niemand kühn genug. Fidel war froh, sich hinter die Menge der erschreckten Dienstmädchen zu verstecken, während Contentius nach einer hinlänglich ehrfurchtsvollen Pause den Jäger einlud, fortzufahren; denn dieser hatte noch den wichtigsten Theil seiner Mittheilung auf dem Herzen. »Während mein Auge nach dem Blitz suchte, welcher diesem Donner, wäre er ein natürlicher gewesen, hätte vorangehen müssen, war der Rehbock verschwunden, und als ich auf den Hügel zueilte, um das Wild im Auge zu behalten, kam ein Mann, der von der entgegengesetzten Seite heraufstieg, so plötzlich über mich, daß unsere Musketen eine an des Andern Brust stieß, ehe einer von uns Beiden Zeit zum Sprechen hatte.« »Was war das für ein Mann?« »So weit als menschliches Urtheil es bestimmen mochte, schien er ein Reisender, welcher sich bemühte, durch die 180 Wildniß durchzudringen und von den Städten unten nach den fernen Ansiedelungen der Bai-Provinz zu gehen schien; aber ich halte es für außerordentlich wunderbar, daß die Spur eines fliehenden Bockes uns auf eine so ungewohnte, seltsame Weise zusammenbringen sollte!« »Und sahst Du noch etwas von dem Wild nach diesem Zusammentreffen?« »In der ersten Verwirrung meines Erstaunens schien es mir freilich, als wenn ein Thier längst des Waldes in ein fernes Dickicht setzte, aber es ist bekannt, wie leicht man durch scheinbare Möglichkeiten zu einem falschen Schluß geleitet werden mag; daher glaube ich auch, daß jener Blick in die Ferne mich getäuscht habe. Es leidet keinen Zweifel, daß das Thier, nachdem es das ausgerichtet hatte, was es hatte ausrichten sollen, in dem Augenblicke und an der Stelle auf die erwähnte Weise verschwunden ist.« »Das mag so sein. Und der Fremde? Hattest Du eine Unterredung mit ihm, ehe Du weiter gingst?« »Wir weilten beisammen fast eine ganze Stunde. Er erzählte viele merkwürdige Dinge von den Erfahrungen des Volkes in der Nähe des Meeres. Nach der Versicherung des Fremden haben sich die Mächte der Finsterniß in den Provinzen auf eine scheußliche Weise gezeigt. Zahllose Gläubige sind von den Unsichtbaren verfolgt worden, und viele Leiden haben sie erlitten an Seele und Leib.« »Von dem Allen habe ich meiner Zeit merkwürdige Beispiele erlebt,« sagte Marcus Heathcote und unterbrach die ehrfurchtsvolle Stille, welche auf die Verkündigung einer so schweren Heimsuchung des friedlichen Zustandes der Colonie folgte, indem er seine tieftönende und mächtige Stimme erhob. 181 »Hat der Mann, mit welchem Du sprachst, Dir nichts Näheres von den Heimsuchungen erzählt?« »Er sprach auch von gewissen andern Zeichen, von welchen man glaubt, daß sie die Annäherung von Unruhen und Elend verkündigen. Als ich ihm von meiner unheimlichen Jagd erzählte, und von dem Geräusch, welches aus der Luft gekommen, da sagte er, dies würde man in den Städten an der Bai für Kleinigkeiten halten; dort habe der Donner und seine Blitze viel Uebel in dem vorigen Winter verübt; der Satan habe besonders seinen Grimm gezeigt, indem er diese veranlaßte, den Häusern des Herrn Schaden zuzufügen.« »Man hat lange Ursache gehabt, zu glauben, die Pilgerfahrt der Gerechten nach diesen Wildnissen werde von einem wüthenden Widerstand jener neidischen Wesen heimgesucht werden; denn da sie selbst das Böse in sich nähren, so verdrießt es sie, Menschen zu sehen, welche sich bemühen, den engen Pfad zu behaupten. Wir wollen jetzt zu der einzigen Waffe unsere Zuflucht nehmen, die uns in diesem Streite zu führen vergönnt ist, die aber, wenn mit Sorgfalt und Eifer geleitet, nie verfehlt, uns den Sieg zu verschaffen.« Ohne abzuwarten, bis Eben Dudley seine Geschichte vollendet habe, erhob sich nach diesen Worten der greise Marcus Heathcote, und die unter dem Volke seiner Secte gewöhnliche aufrechte Stellung annehmend, wandte er sich zum Gebet. Die ernste, ehrfurchtsvolle, aber festvertrauende Versammlung ahmte seinem Beispiel nach, und die Lippen des Puritaners hatten sich schon, um die Worte auszusprechen getrennt, als ein dumpfer, zitternder Ton, wie von einem Blaseinstrument, sich draußen vernehmen ließ und bis zu der Stelle drang, wo die Familie versammelt war. Es hing nämlich stets eine 182 Seemuschel an der Pforte, deren sich Jeder aus der Familie, dem ein Zufall oder die Arbeit nöthigen könnte, über die gewöhnliche Stunde des Thorschlusses außerhalb der Pallisaden zu bleiben, bediente, man konnte daher sowohl aus der Richtung als der Beschaffenheit des Schalles schließen, daß Jemand, der eingelassen zu werden wünschte, an der Thüre stand. Allgemein und schnell, wie der Augenblick, war die auf die Hörenden hervorgebrachte Wirkung. Das so eben vorgefallene Gespräch verhinderte nicht, daß die jungen Männer unwillkürlich sich nach ihren Waffen umsahen, während die erschreckten Frauenzimmer sich gleich einer Heerde furchtsamer, zitternder Schafe aneinanderdrängten. »Das ist ganz sicher ein Zeichen von außen!« bemerkte endlich Contentius, nachdem er gewartet hatte, bis die Töne in den verschiedenen Biegungen der Gebäude verklungen waren. »Irgend ein Jäger, der von seinem Pfad abgekommen, nimmt unsere Gastfreundschaft in Anspruch.« Eben Dudley schüttelte den Kopf, als sei er anderer Meinung, indeß, nachdem er mit den Andern seine Muskete ergriffen, stand er eben so unentschlossen wie die Uebrigen da, und wußte nicht, was jetzt zu thun am Dienlichsten sein möchte. Es ist ungewiß, wie lange diese Unentschlossenheit gedauert haben würde, hätte man nicht fernere Töne vernommen; denn der draußen Stehende schien zu ungeduldig über den Aufschub, um viel Zeit verloren gehen zu lassen. Noch einmal ertönte die Muschel, und zwar mit weit mehr Nachdruck als vorher. Der Schall war anhaltender, heller und kühner als der, welcher zuerst die Wände der Wohnung durchdrungen hatte; er erhob sich volltönig und klang reich in die Luft, ganz so, als wenn Jemand, der in dem Gebrauch des 183 Instruments wohlgeübt worden, seine Lippen an die Muschel gesetzt hätte. Contentius würde sich kaum herausgenommen haben, einem von seinem Vater kommenden Auftrag nicht zu willfahren, wenn dieser auch wenig in Einverständniß mit seinen eigenen Absichten gestanden hätte; aber nochmaliges Nachdenken hatte ihm schon die Nothwendigkeit gezeigt, sich zu entschließen, und er war eben im Begriff, seinen Gefährten Eben Dudley und Ruben Ring einen Wink zu geben, ihm zu folgen, als der Puritaner ihn nachsehen hieß. Nachdem er der übrigen Familie zugewinkt, zu bleiben, wo sie sich befanden, und sich mit einer Muskete bewaffnet hatte, die mehr als einmal jenes Tages bewiesen, daß ihr Zielpunkt richtig sei, ging er voran nach der Pforte, welche schon so oft erwähnt worden ist. »Wer erhebt diesen Ton an meinem Thor?« fragte Contentius, als er und seine Begleiter hinter einer Erdanhöhe, welche ausdrücklich errichtet war, um den Eingang zu beherrschen, Posto gefaßt hatten; »wer ruft eine friedliche Familie in dieser Stunde der Nacht an ihre äußeren Vertheidigungen?« »Jemand, der Dessen, warum er bittet, bedarf, und der sonst Deine Ruhe nicht stören würde!« war die Antwort. »Oeffnet die Pforte ohne Furcht, Herr Heathcote; es ist ein Glaubensbruder und ein Unterthan derselben Gesetze, der um dieses Liebespfand bittet.« »Hier ist in der That ein Christ draußen,« sagte Contentius und eilte an die Pforte, welche ohne eines Augenblicks Aufschub er freimüthig weit aufriß, während er die That mit den Worten begleitete. »Tretet ein mit der Gnade des 184 Himmels und seid mir willkommen zu Allem, was ich Euch zu bieten vermag!« Ein schlanker und nach seinem Schritt zu urtheilen, fester, starker Mann, in einen Reitermantel eingehüllt, verbeugte sich zum Gruße, und trat dann sogleich über die Schwelle der Pforte. Jedes Auge war scharf auf den Fremden gerichtet, der, nachdem er die Anhöhe erstiegen, in geringer Entfernung stehen blieb und wartete, während die jungen Leute unter ihres Herrn Befehl sorgfältig und genau die Befestigungen des Thores wieder vorlegten. Als Riegel und Stangen wieder in ihre alte Lage zurückgebracht worden, trat Contentius wieder zu seinem Gaste, und nachdem er einen zweiten fruchtlosen Versuch gemacht, bei dem schwachen Licht, welches von den Sternen fiel, sein Aeußeres zu erforschen, sagte er in seiner eigenthümlichen sanften, ruhigen Weise: »Dir muß Wärme und Nahrung sehr Noth sein. Die Entfernung dieses Thales von den nächsten Wohnungen ist sehr groß, und Jemand, der den Weg in einer Jahreszeit, wie diese, gemacht, möchte wohl der Erschöpfung sehr nahe sein. Folge mir, und verfahre mit Dem, was wir Dir anbieten können, so frei, als wäre es Dein Eigenthum.« Obgleich der Fremde nichts von der eiligen Ungeduld verrieth, welche, wie der Erbe von Wish-Ton-Wish vorauszusetzen schien, Jedermann in seiner Lage mit allem Recht empfinden möchte, zögerte er doch nicht, so eingeladen, seinen Worten zu folgen. Als er so hinter seinem Wirthe hinschritt, war sein Tritt doch sehr abgemessen, langsam und würdevoll, und ein- oder zweimal, wo der Andere halb stehen blieb, um irgend eine vorübergehende Bemerkung der Höflichkeit zu machen, zeigte er kein unbescheidenes Verlangen nach jenen 185 Erfrischungen des Körpers, welche in der That für einen Mann sehr angenehm sein mußten, der in einer ungestümen Jahreszeit und auf einem Pfade, wo weder Wohnungen noch Sicherheit Ruhe vergönnten, weit gereist war. »Hier findest Du Erwärmung und einen friedlichen Willkommen,« mit diesen Worten führte Contentius seinen Gast zu einer Gruppe ängstlich harrender Menschen ein. »In kurzer Zeit wollen wir noch Anderes zu Deiner Bequemlichkeit und Erholung hinzufügen.« Als der Fremde sich im hellen Glanze eines mächtigen Lichtes und so vielen neugierigen, verwunderten Augen gegenüber befand, zögerte er einen einzigen Augenblick. Dann ruhig vortretend, warf er seinen kurzen spanischen Reitermantel, der bis jetzt seine Züge vollständig verborgen hatte, von den Schultern und enthüllte das strenge Auge, die ernsten Mienen und die athletische Gestalt Dessen, der schon einmal vorher, wie man wußte, mit nicht viel Umständen in die Thüren von Wish-Ton-Wish getreten, und das Haus auf so geheimnißvolle Weise verlassen hatte. Der Puritaner war aufgestanden, und trat jetzt mit ruhiger und ernster Höflichkeit vor, seinen Besuch zu empfangen; aber auffallende, mächtige, außerordentliche Theilnahme glänzte auf seinem gewöhnlich so beherrschten Antlitz, als er, wie der Andere seine Züge dem Anblick darstellte, die Gestalt des Mannes erkannte, der jetzt hervor und ihm entgegen trat. »Marcus Heathcote,« sagte der Fremde, »mein Besuch gilt Dir. Er wird länger oder kürzer als der letzte ausfallen, je nachdem Du meine Botschaft aufnehmen wirst. Geschäfte von der äußersten Wichtigkeit heischen, daß so wenig Verzug als möglich stattfinde, bis Du meine Nachricht anhörest.« 186 Es läßt sich nicht leugnen, daß der Veteran außerordentlich und auf ganz eigene Weise überrascht war, allein es bedurfte auch solcher gespannten, Alles was vorging, verschlingenden Blicke, um diese Blöße, die er gab, zu entdecken – so kurz war ihre Dauer. Schnell kehrte die ihn durchgängig bezeichnende Beherrschung seines Aussehens wieder und mit einer ruhigen Geberde, der ähnlich, die Freunde in Augenblicken des Vertrauens und der Zuversicht annehmen, gab er dem Andern zu verstehen, ihm in ein inneres Gemach zu folgen. Der Fremde gehorchte und machte gegen Ruth eine leichte Verbeugung des Wiedererkennens, als er an ihr auf dem Wege in das zur Unterredung ausersehene Zimmer vorüberging. Diese Unterredung sollte augenscheinlich eine besondere sein und geheim bleiben. 187   Zehntes Kapitel. Marcellus.   Soll ich nach ihm mit meiner Partisane schlagen? Horatio.   Thu's, wenn's nicht stehen will. Bernardo.   's ist hier. Horatio.   's ist hier. Marcellus.   's ist fort. Hamlet.         Es war nicht viel länger als eine Minute, daß dieser unerwartete Gast, ohne Mantel und dem Wiedererkennen ausgesetzt, vor den Augen der neugierigen Gruppen im äußern Zimmer gestanden hatte. Doch war dies für Menschen, denen selten die geringste Eigenthümlichkeit in Kleidung oder Aussehen entging, lange genug, um einige von den mehr auszeichnenden Stücken in seinem Anzuge zu bemerken. Die schweren Reiterpistolen, die einmal schon vorher gezeigt worden, waren in seinem Gürtel, und der junge Marcus erhaschte einen Blick von einem Dolch mit silbernem Griff, der vor jener Nacht seinem Auge schon gefallen hatte. Indeß der Uebergang seines Großvaters und des Fremden aus dem einen Zimmer in das andere hinderte den Knaben, zu entscheiden, ob er ganz von derselben Form wie jener sei, der jetzt noch mehr als Andenken an vergangene Auftritte, als eines Gebrauchs wegen, 188 den man noch davon zu machen erwartet hätte, über dem Bette des Erstern hing. »Der Mann hat sich noch nicht von seinen Waffen getrennt!« rief der scharfblickende Knabe, als er sah, daß jede andere Zunge stumm blieb. »Ich wollte, er ließe sie jetzt bei meinem Großvater, damit ich mit ihnen den nachstellerischen Wampanoag bis in seine Schlupfwinkel verfolgen könnte –« »Hitzköpfiger Junge! Deine Zunge ist der Eitelkeit und dem Leichtsinn zu sehr ergeben,« sagte Ruth, die nicht nur ihren Sitz wieder eingenommen hatte, sondern auch in der leichten Handarbeit, welche der Ruf vom Thor her unterbrochen hatte, mit einer Gelassenheit im Aeußern fortfuhr, die ihre Mägde im gewissen Grade zu beruhigen nicht verfehlte. »Statt die Lehren des Friedens, die man Dir gibt, zu behalten und zu Herzen zu nehmen, sind Deine gottlosen Gedanken immer auf den Streit gerichtet!« »Liegt denn etwas Uebles in meinem Wunsch, mit einer meinem Alter angepaßten Waffe versehen zu werden, damit ich in der Besiegung der Macht unserer Feinde von Nutzen sein und vielleicht auch dazu beitragen könne, meiner Mutter Ruhe und Sicherheit zu verschaffen?« »Deine Mutter hegt keine Besorgnisse,« entgegnete die Hausfrau ernst, während zugleich dankbare Liebe einen gütevollen, aber verstohlenen Blick auf den muthigen, wiewohl manchmal vorlauten Knaben warf. »Vernunft hat mich schon von der Thorheit jeder Beängstigung überzeugt, die in mir aufgestiegen war, weil Jemand in der Abendzeit an unser Thor geklopft. Legt Eure Waffen bei Seite, Leute; Ihr seht, daß mein Gemahl bereits seine Muskete bei Seite gestellt hat. 189 Seid versichert, sein Auge wird uns schon die Warnung geben, wenn Gefahr in der Nähe sein sollte.« Die Unbesorgtheit ihres Mannes war selbst noch weit augenscheinlicher, als es die einfache Sprache seines Weibes aussprechen zu wollen schien. Contentius hatte nicht nur seine Waffe bei Seite gelegt, sondern auch seinen Sitz am Feuer mit einer Haltung wieder eingenommen, die so ruhig, so sicher, und, wie man hätte finden können, wenn man ihn genauer beobachtet, eben so verständig war, als ihre eigene Miene und ihr ganzes Aeußere. Bis jetzt hatte der kräftige Dudley, auf sein Gewehr gelehnt, unbeweglich und, wie es schien, eben so bewußtlos, wie eine Bildsäule dagestanden. Aber den Aufforderungen einer Frau folgend, der er zu gehorchen gewohnt war, stellte er jetzt mit der Sorgfalt eines Jägers die Muskete gegen die Wand, während er, mit der Hand in seinem struppigen Haar wühlend, als solle diese Bewegung Gedanken beschleunigen, die nie besonders lebendig und schnell waren, mit einem Male ausrief: »Eine bewaffnete Hand ist in diesen Wäldern von Werth und gut, wer aber am Morgen vom Ufer des Connecticut wegreitet, und noch am selben Abend in Wish-Ton-Wish ankommen will, dem thut eine bewaffnete Ferse nicht minder Noth! Der Fremde reiset nicht mehr im Sattel, was dadurch deutlich wird, daß sein Stiefel keinen Sporn trägt. Als er den elenden Gaul, welcher eine Speise der Wölfe geworden ist, durch hartes Stechen durch den Wald trieb und zu Grunde richtete, war er besser versehen. Ich sah die Gebeine des Thieres erst diesen Tag. Sie sind von den Raubvögeln geglättet und vom Froste gebleicht worden, daß selbst der von den Bergen getriebene Schnee nicht weißer erscheint!« 190 Vielsagende und ängstliche Blicke wurden zwischen Contentius und seiner Gattin flüchtig gewechselt, als Eben Dudley auf diese Weise Gedanken aussprach, welche die unerwartete Rückkehr des Fremden in ihm erregt hatte. »Geh Du nach der Abendseite der Pallisaden,« sagte die Letztere, »und sieh, ob der Indianer etwa in der Nähe der Wohnung herumstreicht, verschämt über seinen Verzug und vielleicht nicht wagend, uns zu seinem Einlaß aufzurufen. Ich kann mir nicht denken, daß der Knabe im Sinne habe, uns ohne ein Zeichen der Freundschaft und ohne Abschied zu verlassen.« »Ich will mir nicht herausnehmen, zu bestimmen, wie viel oder wie wenig Höflichkeit der Junge glauben mag, dem Herrn des Thales und seiner Familie schuldig zu sein, wenn er aber nicht schon fort ist, so wird doch der Schnee nicht sicherer bei Thauwetter wegschmelzen, als der Bursche eines Tags verschwinden wird, – Ruben Ring, Du hast ein Auge für Licht und Finsterniß: komm mit mir, damit kein Zeichen uns entgehe. Sollte Deine Schwester Fidel von unserer Gesellschaft sein, dann würde es der Rothhaut nicht leicht werden, ohne Anruf über die Waldlichtung zu kommen.« »Warum nicht gar,« erwiderte schnippisch das Mädchen; »meiner weiblichen Pflicht kommt es mehr zu, daß ich für die Bedürfnisse des Mannes sorge, der auf einer weiten, harten Reise von Sonnenaufgang an hierher gekommen ist. Wenn der Junge Deiner Wachsamkeit entgeht, eifriger Dudley, dann wird er wenig Ursache haben, die Anderer zu fürchten.« Obgleich Fidel so entschlossen sich weigerte, von der Gesellschaft zu sein, folgte doch ihr Bruder ohne Zögern. Die Leute schickten sich an, zusammen das Zimmer zu verlassen, 191 als die Klinke, woraus schon Dudley's Hand lag, ruhig ohne eine Bewegung seines Fingers sich aufhob, die Thüre sich öffnete, der Gegenstand ihres beabsichtigten Suchens hinter ihnen sich einschlich und seine gewöhnliche Stelle in einem der entlegeneren Winkel des Zimmers einnahm. In diesem Hereinschlüpfen des jugendlichen Gefangenen lag so viel von der gewöhnlichen, geräuschlosen Manier, daß für einen Augenblick Diejenigen, welche Zeuge davon waren, wie seine dunkle Gestalt sich durch das Zimmer bewegte, auf den Gedanken gebracht wurden, es sei diese Erscheinung des jungen Wilden nichts weiter, als der gewöhnliche Besuch, den man ihm um diese Stunde zu machen erlaubt hatte. Aber bald kehrte die Erinnerung und mit ihr traf nicht nur der verdächtige Umstand seines Verschwindens, sondern auch die unerklärliche Weise, wie er wieder innerhalb der Pallisaden gekommen, zusammen. »Die Pallisaden müssen untersucht werden,« rief Dudley, sobald ein zweiter Blick ihm versichert hatte, daß seine Augen wirklich Denjenigen sahen, den man vermißt; »die Stelle, die ein Knabe ersteigen kann, möchte leicht einen Feind einlassen.« »In der That,« sagte Contentius, »das bedarf einer Aufklärung. Ist der Knabe vielleicht hereingekommen, als man das Thor für den Fremden eröffnete? Da kommt Jemand, der über diese Sache gründliche Auskunft zu geben vermag.« »Es ist so,« sagte der angeredete Mann, der aus dem innern Zimmer gerade zur rechten Zeit wieder hereintrat, um die Bemerkung zu vernehmen. »Ich fand dies Naturkind nahe an Deinem Thore, und nahm die Pflicht eines christlichen Mannes, es willkommen zu heißen, auf mich. Ich bin gewiß, Jemand so liebevollen Herzens, so gütigen Gemüths, 192 wie die Frau dieses Hauses, wird ihm nicht unwillig die Thüre weisen.« »Es ist kein Fremdling an unserm Heerd, noch an unserm Tisch,« sagte Ruth, »wäre es aber auch anders gewesen, dennoch hättest Du wohl gethan.« Eben Dudley sah ungläubig und zweifelsvoll aus. Sein Gemüth war an jenem Tage mächtig von Erscheinungen des Wunderbaren in Anspruch genommen worden, und sicher war auch einiger Grund da, über die Weise, auf welche der Jüngling wieder erschienen war, Mißtrauen und Zweifel zu hegen. »Es wird gut sein, nach den Befestigungen zu sehen,« murmelte er, »damit nicht Andere, mit denen man nicht so leicht fertig werden dürfte, folgen. Jetzt, da unsichtbare Mächte in der Colonie zu wirken anfangen, darf man nicht zu fest schlafen.« »So gehe denn an die Warte und halte Wache, bis die Glocke die Stunde der Mitternacht schlägt,« sagte der Puritaner, welcher den Befehl auf eine Weise aussprach, die zeigte, daß er in der That von Betrachtungen dazu bewogen worden, welche weit tiefer gingen, als die unbestimmten Befürchtungen und Besorgnisse seines Untergebenen. »Noch ehe der Schlaf Dich übermannt, soll ein Anderer bereit sein, Dich abzulösen.« Marcus Heathcote sprach selten, wo nicht ehrerbietiges Schweigen auch das leiseste seiner Worte vernehmbar machte. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit aber verbreitete sich gleich, wie er den Mund öffnete, eine solche Stille im Zimmer, daß er seine Rede unter dem fast unmerklichen Athemholen der Zuhörer schloß. In diesem Augenblick allgemeiner, 193 todtenähnlicherRuhe drang plötzlich ein Ton aus der am Thore hängenden Muschel durch die Lüfte, der fast klang, wie ein Echo von dem, welcher so eben erst die ohnedies aufgeregten Bewohner des Gebäudes erschreckt hatte. Bei der Wiederholung so ungewohnter Klänge sprangen Alle auf, aber Niemand sprach. Contentius warf einen schnellen, fragenden Blick auf seinen Vater, der seinerseits ängstlich das Auge des Fremden erforscht hatte. Fest und unbewegt stand dieser da. Die eine Hand hielt krampfhaft die Rücklehne des Stuhles, von dem er aufgestanden, und die andere griff, vielleicht unbewußt, nach dem Heft einer der Waffen, welche die Aufmerksamkeit des jungen Marcus auf sich gezogen hatten, und die immer noch aus dem breiten ledernen Gürtel heraussahen, der seinen Rock zusammenhielt. »Der Ton klingt, als käme er von einem Wesen, das wenig mit irdischen Geräthschaften umzugehen gewohnt ist,« murmelte einer von Denen, deren Gemüth durch Dudley's Erzählung gestimmt worden, an alles Wunderbare und Abenteuerliche zu glauben. »Mag er gekommen sein, woher er immer will, er ist eine Aufforderung, der wir folgen müssen,« entgegnete Contentius. »Dudley, nimm Dein Gewehr; dieser Besuch ist so außergewöhnlich, daß mehr als eine Hand das Amt des Pförtners verrichten muß.« Der Grenzbewohner folgte sogleich und murmelte zwischen den Zähnen, als er den Pfropfen tiefer in den Lauf seines Gewehres stieß: »Eure Herren Militairs von über der See her finden ja schnell die Spur dieser Nacht!« Mit diesen Worten warf er sich die Muskete in den gebogenen Arm, blickte unzufrieden und vorwurfsvoll auf Fidel Ring und 194 wollte seinem Gebieter eben die Thüre öffnen, als ein zweiter Stoß in die Muschel durch die Stille von außen her in das Gemach drang. Der zweite Ton war fester, anhaltender, heller und reiner, als der, welcher ihm vorausgegangen. »Man möchte fast glauben, die Muschel ertöne, um sich über uns lustig zu machen,« bemerkte Contentius und sah mit einem Blick voll Ausdruck auf den Gast. »Nie glichen Töne einander mehr, als diese beiden eben gehörten, und jener, den Du der Muschel entlocktest, als Du Einlaß fordertest.« Plötzlich schien ein Gedanke, wie ein leuchtender Blitzstrahl, durch den Verstand des Fremden zu fahren. Er trat weiter mitten in den Kreis, und winkte, mehr mit der Freiheit langer Vertraulichkeit, als mit der Scheu eines erst angekommenen Gastes, den Anwesenden zu, ruhig zu bleiben, worauf er sagte: »Bleibet Alle hier, außer dem Sohne des Capitains, diesem kräftigen Waldmanne, und mir. Wir wollen hinausgehen, und zweifelt nicht, daß die Sicherheit der Zurückbleibenden unser festes Augenmerk sein werde.« Ungeachtet der Seltsamkeit dieses Vorschlages widersetzte sich demselben doch Niemand aus der Familie, da er weder Erstaunen noch Widerspruch, weder in dem Puritaner noch in seinem Sohne zu erregen schien. Der Fremde hatte nicht sobald ausgesprochen, als er nahe an die Kerzen vorschritt, und genau nach dem Zustande seiner Pistolen sah, dann zu dem alten Marcus gewandt, fuhr er in gedämpfteren Tone fort: »Vielleicht wird es hierbei mehr weltlichen Streit geben, als nur immer durch die Plackereien von Bevollmächtigten erregt werden mag, die den unruhigen Geist der Colonieen 195 aufregen. In solch einem Fall möchte es dienlich sein, die Vorsicht eines Soldaten zu beobachten.« »Mir gefällt nicht die Nachäffung im Ton,« entgegnete der Puritaner; »es zeigt von einem herausfordernden, feindseligen Gemüthe. Wir haben vor Kurzem noch in dieser Colonie traurige Beispiele von Dem gehabt, was die getäuschte Bosheit Azagel's versuchen mag, und es wäre vergebens, zu hoffen, die bösen Mächte würden durch den Anblick meines Bethels nicht gereizt und geärgert werden.« Obgleich der Fremde mit Achtung auf die Worte seines Wirthes hörte, war es doch offenbar und deutlich, daß er an Gefahren von ganz verschiedener Art dachte. Die Hand, die noch auf dem Griff seiner Waffe blieb, erfaßte sie mit noch größerer Festigkeit, und ein kampflustiger, wiewohl trauernder Zug lag um seinen Mund, der auf eine Weise zusammengepreßt war, welche mehr die physische als die geistige Entschlossenheit des Mannes bezeichnete, der keinen übernatürlichen Feind, sondern einen von Fleisch und Blut zu finden hoffte. Er gab den zwei Gefährten, die er sich erwählt, ein Zeichen, und ging voran in den Hof. Um diese Zeit hatten sich die Schatten der Nacht wesentlich verdichtet, und obgleich es noch zu einer frühen Stunde war, war doch eine Finsterniß über das Thal hereingebrochen, welche es schwierig machte, Gegenstände in einiger Entfernung vom Auge zu unterscheiden. Das Dunkel machte es nothwendig, daß Die, welche jetzt aus der Thüre der Wohnung heraustraten, mit Vorsicht vorschritten, damit nicht, bevor sie gehörig von ihrer Gegenwart unterrichtet worden, ihre Personen den lauernden Gefahren ausgesetzt wären. Als aber die Drei sicher hinter der dicken, aus Balken und Erde 196 gebildeten Schutzwand sich festgesetzt, welche den Eingang beherrschte, und wo sie von den Schultern abwärts vollkommen gegen Schüsse eben so wohl, als gegen Pfeile gesichert waren, fragte Contentius laut, wer zum Thore zu einer Stunde, wo es gewöhnlich für die Nacht geschlossen blieb, hereingelassen zu werden verlange. Statt wie vorher eine schnelle Antwort zu erhalten, herrschte ein so tiefes Schweigen, daß sich seine eigenen Worte sehr deutlich in den Vertiefungen des nahen Waldes wiederholten, was zu dieser Stunde nicht ungewöhnlich war. Nach einer angemessenen Pause flüsterte der Fremde: »Sei es nun vom Teufel, oder von Menschen, hier ist Verrath im Spiel! Der List muß mit List begegnet werden; aber Du bist bei Weitem geschickter, gegen die Künste des Waldes Rath zu schaffen, als ein Mann wie ich, der in den weniger listigen Täuschungen des christlichen Kriegführens auferzogen worden.« »Was meinst Du, Dudley?« fragte Contentius. »Wird es dienlich sein, einen Ausfall zu machen, oder sollen wir ein zweites Signal aus der Muschel abwarten?« »Viel hängt von der Beschaffenheit der erwarteten Gäste ab,« entgegnete der Befragte. »Sind es blos die Prahlhänse von Soldaten, welche so übermäßig tapfer sind, wenn sie sich unter Frauenzimmern befinden, aber Herzweh bekommen, wenn sie in jedem Geschrei einer Elster das Kriegsgeschrei der Indianer zu hören vermeinen, um die kümmere ich mich nicht; da möchtet Ihr meinetwegen die Pallisaden niederhauen lassen, und sie einladen, im Galopp hereinzustürzen. Ich kenne das Geheimniß, sie in das obere Stockwerk des Blockhauses 197 hinaufzubringen, und schneller als die Henne des Truthahns ihre Jungen zu mustern vermag; aber –« »Es ist gut, behutsam in seiner Rede in einem Augenblick von so ernster Ungewißheit zu sein!« unterbrach ihn der Fremde. »Wir erwarten keine Helden von der Art.« »Dann will ich Euch ein Mittel angeben, wodurch wir vielleicht dahinter kommen, wer die Musikanten sind, die sich auf der Muschel hören lassen. Geht Ihr Beide in das Haus zurück, und sprecht so laut auf dem Weg mit einander, damit Alle, die sich etwa draußen befinden, Euch hören können. Wenn Ihr eingetreten, soll es schon mein Bestreben sein, solch eine Stellung nahe an der Pforte einzunehmen, daß Niemand ferner anklopfen wird, ohne einen Pförtner in der Nähe zu finden, der ihn nach dem Zweck seines Besuches frage.« »Das läßt sich hören,« sagte Contentius; »und damit dies mit aller Sicherheit ausgeführt werde, sollen noch einige andere von den Leuten, die an diese Art von Kriegslist gewöhnt sind, durch eine geheime Thür ausrücken und hinter den Wohnungen sich wartend verstecken, damit es Dir nicht, im Fall eines Angriffs, an Hülfe fehle. Was Du aber auch sonst immer thun magst, Dudley, hüte Dich, die Riegel und Schlösser der Pforte zu öffnen.« »Sorget nur für die Verstärkung,« entgegnete der Waldmann; »sollte der scharfsichtige Ruben Ring sich darunter befinden, so werde ich dadurch nicht weniger überzeugt sein, daß ich gute Hülfe im Rücken habe. Die Ring's sind überhaupt eine gescheidte und erfindungsreiche Familie, man müßte denn den Wicht ausnehmen, der die Gestalt ohne den Verstand des Menschen bekommen.« 198 »Dir soll Ruben und sonst Niemand aus der Familie beigegeben werden,« sagte Contentius. »Gib wohl auf die Riegel Acht, und somit wünsche ich Dir denn allen möglichen Erfolg bei einer List, die nicht sündlich sein kann, da sie nur unsere Sicherheit bezweckt.« Mit dieser Ermahnung überließen Contentius und der Fremde den Dudley der Ausführung seiner eigenen Plane, beobachteten aber die Vorsicht, laut zu sprechen, während sie zurückgingen, damit alle Lauscher außen auf die Vermuthung gebracht werden möchten, der ganze Haufe habe sein Suchen aufgegeben, und sich, von seiner Fruchtlosigkeit überzeugt, zurückgezogen. Mittlerweile schickte sich der Mann, der in der Nähe der Pforte zurückgeblieben, in allem Ernste an, zur Ausführung des Auftrages zu schreiten, den er unternommen hatte. Statt geraden Weges zu den Pallisaden hinabzugehen, ging er sogar weiter hinauf und machte einen Umweg durch die Außengebäude an dem Rand der Anhöhe hin. Dann so tief gebückt, daß seine Gestalt mit den Gegenständen auf dem Schnee verschmolz, erreichte er einen Winkel in den Pallisaden an einem Punkte, von der Stelle entfernt, wo er Wache zu halten gedachte, und war, wie er hoffte, von der Finsterniß der späten Stunde und dem Schatten des Hügels unterstützt, gänzlich gegen alle Beobachtung gesichert geblieben. Dicht unter den Pallisaden angekommen, legte er sich auf alle Viere und kroch mit der äußersten Vorsicht längs des Balkens hin, der die untern Enden der Befestigungen vereinte, bis er endlich an einer Art Schanze angekommen war, die gerade zu dem Zwecke errichtet worden, zu welchem er sich jetzt ihrer zu bedienen gedachte. Einmal unter dem Schutze dieses kleinen 199 Schlupfwinkels brachte der kräftige Waldmann seine hohe Gestalt in eine Lage, bei der er so viel Rücksicht auf Bequemlichkeit und Sicherheit genommen hatte, als nur immer die Umstände gestatten wollten. Hier sah er schon voraus, viele langweilige Augenblicke zubringen zu müssen, ehe seine ferneren Dienste würden in Anspruch genommen werden. Dem Leser wird es nicht schwer fallen, einzusehen und zu glauben, daß ein Mann von solchen Ansichten, wie die des Grenzbewohners waren, seine einsame Wache nicht ohne großes Mißtrauen in den Charakter und die Beschaffenheit der Gäste bezog, zu deren Empfang er vielleicht aufgefordert werden möchte. Wir haben schon genug angeführt, um zu zeigen, daß in seinem Gemüth der Verdacht die Oberhand behalten, es seien die unwillkommenen Bevollmächtigten der Regierung des Stuart dem Fremden auf den Fersen nochmals in die Ansiedelung gefolgt. Aber trotz der scheinbaren Wahrscheinlichkeit dieser Ansicht zeigten sich doch geheime Umstände, welche dem irdischen Ursprung der zwei letzten, der Muschel entlockten Töne zu widersprechen schienen. Alle Sagen, alle am meisten beglaubigten Beweise von Fällen übernatürlicher Einwirkungen, wie sie sich in den Colonieen von Neu-England ereignet, vereinigten sich dahin, daß sie bewiesen, welches boshafte Vergnügen die höllischen Geister daran fänden, sich ihren verdammungswürdigen Neckereien zu überlassen, und dadurch oder auf sonst andere Weise Diejenigen zu quälen, welche ihre Hülfe und ihr Vertrauen auf den Glauben setzten, der, wie man annahm, ihren undankbaren, verworfenen Naturen so sehr wiederstrebte. Noch waren die Eindrücke, welche die Zusammenkunft mit dem Reisenden in dem Walde, auf Eben Dudley's Geist natürlich machen mußte, unverwischt, und so schwankte 200 er denn jeden Augenblick zwischen der Erwartung, einen von den Männern zu erblicken, die er veranlaßt hatte, das Thal so bestürzt und ohne alle Umstände zu verlassen, und welche jetzt zurückkehrten, um heimlich Einlaß in die Thore zu gewinnen, – oder sich wider seinen Willen Zeuge von irgend einer höllischen Darlegung jener Macht zu sehen, die, wie man glaubte, zu Zeiten den unsichtbaren Geistern überlassen würde. In diesen beiden Erwartungen sollte sich jedoch die Wache getäuscht finden. Trotz des mächtigen geistlichen Anstrichs, den die Ansichten des leichtgläubigen Jägers an sich trugen, war doch zu viel von den Schlacken weltlicher Dinge in seinem Charakter und seiner Constitution, um ihn gänzlich über die Schwächen der Menschheit zu erheben. Ein Gemüth, so von Eindrücken überladen, begann seiner eigenen Betrachtungen müde zu werden, und da es bei seinen außerordentlichen Anstrengungen immer an Kraft verlor, behauptete die Herrschaft der Zeitlichkeit wieder die Oberhand. Seine Gedanken, statt klar und thätig zu bleiben, wie es die Umstände wohl zu erfordern schienen, begannen allmälig trübe und verwirrt zu werden. Ein- oder zweimal erhob sich der Grenzmann zur Hälfte, und schien sich mit Bewußtsein und Aufmerksamkeit umzusehen, aber dann fiel seine hohe Gestalt wieder schwer in ihre frühere, halbliegende Stellung zurück, und regte sich nicht. Diese Bewegung wurde zu verschiedenen Malen in Zwischenräumen von immer zunehmender Dauer wiederholt, bis am Ende einer Stunde, gleichmäßig vergessend der Jagd der Soldaten und der geheimnißvollen Wirkung böser Geister, der Mann allmälig sich ganz der Ermüdung des Tages überließ. Die schlanken Eichen im nahen Wald standen nicht unbeweglicher in der Ruhe der stillen, von Wind unbewegten 201 Stunden, als seine Gestalt sich jetzt an die Seite seiner engen Behausung anlehnte. Wie viel Zeit auf diese in Unthätigkeit verloren gegangen sei, konnte Eben Dudley nie genau bestimmen. Er behauptete immer fest und kühn, es könnte nicht lange gewesen sein, da seine Wache auch nicht durch den geringsten jener Töne aus dem Wald gestört worden wäre, welche dann und wann in der Stille der Nacht vernehmbar wurden, und die man das Athmen des Waldes während seines Schlummers nennen könnte. Seine erste deutliche Erinnerung war die, daß er seine Hand mit der Macht eines Riesen erfaßt fühlte. Er sprang auf, und streckte heftig seinen Arm aus, während er noch halb im Schlafe rief: »Wenn der Bock durch einen Schuß im Kopfe gefallen ist, dann mag er Dein sein, Ruben Ring; ist er aber an ein Bein oder in den Leib getroffen, dann fordere ich das Wild für meine sichere Hand.« »In der That eine sehr billige Vertheilung der Beute,« entgegnete Jemand in verhaltenem Tone, als wenn zu lautes Sprechen gefahrbringend wäre. »Du giebst den Kopf des Wilds Ruben Ring, und behältst das Uebrige für Dich selbst.« »Wer hat Dich zu dieser Stunde an die Pforte geschickt? Weiß Du nicht, daß man glaubt, es schliefen Fremde und Wilde auf den Feldern draußen?« »Ich weiß, daß es Leute giebt, denen es eben gerade nichts Fremdes ist, auf ihrem Posten zu schlafen!« sagte Fidel Ring. »Welche Schande wäre es für Dich, Dudley, ahnten der Capitain und die Uebrigen im Hause, welche so eifrig beim 202 Gebet waren, auch nur, wie wenig Sorgfalt Du in der Zwischenzeit für ihre Sicherheit und Ruhe getragen hast!« »Ist ihnen etwas zugestoßen? Wenn der Capitain sie zu geistlichen Uebungen angehalten hat, so hoffe ich, wird er doch zugestehen, daß nichts Irdisches durch diese Pforte gekommen ist, um ihre Andacht zu stören. So gewiß ich vertraue, daß man gerecht und ehrlich mit mir verfahre, was alle übrigen Dinge anlangt, die meinen Charakter betreffen, so gewiß kann ich versichern, daß ich, seit ich als Wache hierher gestellt worden bin, nicht ein einziges Mal das Thor verlassen habe.« »Sonst müßtest Du auch der allermerkwürdigste Nachtwandler in der ganzen Colonie von Connecticut sein! Glaube mir, Du Schläfriger, aus keiner Muschel läßt sich ein lauteres Getöse hervorbringen, als Dein Schnarchen war, während Deine Augen ruhig im Schlaf sich geschlossen hatten. Das mag Wache heißen, wie Du das Wort nimmst; aber kein Kind in der Wiege ist halb so unempfindlich gegen Alles, was um es vorgeht, als Du gewesen bist.« »Ich finde, Fidel Ring, daß Du gar zu geneigt zu bösen Nachreden und Beschuldigungen gegen Deine Freunde geworden bist, seitdem die Tapferen von über dem See her uns ihren Besuch abgestattet haben.« »Ich kümmere mich nicht um die überseeischen Windbeutel, und auch um Dich nicht, Eben Dudley! Ich bin kein Mädchen, das sich durch kühne Reden von einem Manne einschüchtern ließe, welcher nicht einmal weiß, ob er schläft oder wacht! Ich sage Dir, Dein guter Name bei der ganzen Familie würde verloren sein, käme es vor die Ohren des Capitains und ganz besonders zur Kenntniß jenes fremden Soldaten in der Wohnung oben, mit dem selbst Madame so große 203 Umstände macht, daß Du mit tönender Nase, offenem Munde und geschlossenem Auge gewacht hast.« »Wenn Jemand anders, als Du, Mädchen, dieses Schimpfliche mir vorgeworfen hätte, dann möchte es gar leicht heiße Reden zwischen uns gesetzt haben! Dein Bruder Ruben Ring kennt mich besser, als daß er mich durch falsche Beschuldigungen aufreizen und kränken sollte.« »Du beträgst Dich so großmüthig gegen ihn, daß er Dir gerne Deine Vergehungen vergiebt und vergißt. In der That, er bekommt ja auch den Kopf von dem Bock, während Du Dich mit den Seitenstücken und allen andern weniger werthen Theilen begnügst! Geh', Dudley, Du hast schwer geträumt, als ich Dich weckte.« »Wir leben in einer schönen Zeit, wo Weiberröcke gebraucht werden, um statt bärtiger, schwerbewaffneter Männer die Ronde bei dem Posten zu machen, um zu berichten, wer da schläft und wer da munter ist! Was hat Dich denn so weit weg von Deinen Geschäften, und so nahe an das Thor geführt, Jungfer Fidelia, besonders jetzt, wo doch kein Galan von über der See her da ist, um mit leichtfertigen Reden und leichtsinnigen Erklärungen Deine Ohren zu erfreuen.« »Wenn um eine ganz unglaubliche Kunde zu suchen ich gekommen bin,« entgegnete das Mädchen, »so ist sicher mein Gang nicht ohne seine Belohnung geblieben. Was mich hierher brachte, ei, Madame, hatte etwas aus der äußeren Butterkammer nöthig, und – da führten mich meine Ohren nach der Pforte zu. Du weißt ja, harmoniereicher Dudley, daß ich nicht erst diese Nacht Gelegenheit gehabt habe, Deinen wachsamen lieblichen Melodien zuzulauschen. Aber meine 204 Zeit ist zu kostbar, um sie in Müßiggang hinzubringen; Du bist jetzt wach, und kannst Derjenigen immer Dank wissen, die, ohne den Wunsch, damit groß zu thun, den Dienst geleistet hat, daß ein Schwarzbärtiger nicht zum Gelächter bei allen jungen Männern in der Familie wird. Wenn Du jetzt noch Deinen eigenen Vortheil wahrst, so kann der Capitain Dich immer als eine wachsame Schildwache loben, obgleich der Himmel ihm das Unrecht verzeihen möge, das er der Wahrheit zufügt.« »Vielleicht mochte mich ein wenig Aerger über so ungerechten Verdacht mehr als die Sache verdiente, erfüllt haben, Fidel, als ich Dich der Vorliebe für böse Nachreden beschuldigte; ich nehme daher dies Wort jetzt zurück. Aber dennoch werde ich immer leugnen, daß etwas mehr als eine geringe, traumartige Rückerinnerung an die heutige Jagd über meine Gedanken gekommen ist, und mich vielleicht auch vergessen ließ, daß ich an der Pforte nicht laut werden durfte, und deswegen verzeihe ich Dir auf das Wort eines Christen die – –« Fidel Ring war aber schon außer Gesichts- und Gehörkreis. Dudley fing jetzt doch an, einige Gewissensbisse zu fühlen wegen der Undankbarkeit, die er gegen ein Mädchen gezeigt hatte, welches so viel Theilnahme an seinem guten Ruf verrathen, und überlegte jetzt ernstlich, was ihm noch zu thun übrig bliebe. Er hatte guten Grund, zu vermuthen, die Nacht sei weiter vorgerückt, als er Anfangs glauben wollte; und es leuchtete ihm demgemäß immer mehr die Nothwendigkeit ein, einige Nachricht über die Begebenheiten seiner Nachtwache abzustatten. Er warf daher einen forschenden Blick um sich, in der Absicht, sich zu überzeugen, daß die Sachen selbst seinem 205 Zeugnisse nicht widersprächen, und dann, nachdem er noch vorher die Riegel der Pforte untersucht, stieg er den Hügel hinan, und trat in's Wohnzimmer der Familie. Diese hatte in der That den größten Theil der Zeit während seiner langen Abwesenheit mit geistigen Uebungen, mit Gebet und Andacht zugebracht, und sich mit religiösen Gesprächen unterhalten. Sie wurde mithin seines langen Ausbleibens weniger inne, als dies sonst wohl der Fall gewesen wäre. »Welche Nachrichten bringst Du uns von Außen?« sagte Contentius, sobald als die Wache, die sich selbst abgelös't, erschien. »Hast Du etwas Verdächtiges gesehen oder Etwas gehört, was Dir aufgefallen?« Ehe Dudley sich zu einer Antwort entschließen mochte, verfehlte sein Auge nicht, den halb boshaften Ausdruck in dem Antlitz Derjenigen zu erforschen, die sich so angelegentlich mit einer häuslichen Arbeit gerade der Stelle gegenüber, wo er stand, beschäftigte. Aber da er nichts weiter darin las, als einen Blick lächelnder, wiewohl unterdrückter Ironie, wurde er dadurch ermuthigt, mit seiner Erzählung zu beginnen. »Meine Wache ist ruhig abgelaufen,« war die Antwort, »und es ist wenig Grund vorhanden, die Schläfer länger von ihrem Bette fern zu halten. Wenn einige wachsame Augen, wie Ruben Ring seine, und die meinigen, bis zum Morgen ungeschlossen bleiben, so kann's freilich nicht schaden, doch, wie gesagt, daß Mehrere den Schlaf entbehren, ist unnöthig.« Vielleicht würde der Grenzmann noch länger bei seiner eigenen Bereitwilligkeit, den Rest der Ruhestunden für die Sicherheit der Schlafenden zu opfern, verweilt haben, hätte nicht ein zweiter Blick aus dem boshaften, schwarzen, lachenden Auge 206 Derjenigen, die so günstig sich placirt hatte, um sein Antlitz zu beobachten, ihn an die Klugheit erinnert, in seinen Anerbietungen bescheiden zu sein. »Dieser Schreck ist denn also glücklich vorübergegangen,« sagte der Puritaner aufstehend. »Wir wollen uns jetzt in Dankbarkeit und Frieden in unsere Betten begeben. Dein Dienst soll nicht vergessen werden, Dudley, denn Du hast Dich wenigstens scheinbarer Gefahr unsertwegen ausgesetzt.« »Das hat er,« flüsterte Fidel halb vor sich hin; »und ich bin ganz gewiß, wir Mädchen werden seine Bereitwilligkeit nicht vergessen, mit der er die Süßigkeit des Schlafes einbüßen wollte, damit den Schwächeren kein Leid widerführe.« »Sprich nicht von dieser Kleinigkeit,« entgegnete schnell der Andere befangen. »Es muß irgend eine Täuschung mit den Tönen gewesen sein, denn ich bin jetzt fest der Meinung, daß, ausgenommen damals, wo sie uns an das Thor rief, um den Fremden einzulassen, die Muschel ganz und gar während der Nacht nicht berührt worden ist.« »Dann ist es eine Täuschung, die sich jetzt wiederholt!« rief Contentius und sprang von seinem Stuhle auf, als ein schwacher, zitternder Ruf aus der Seemuschel, dem ähnlich, welcher zuerst ihren Gast angekündigt hatte, sich abermals durch die Gebäude wand, bis er jedes Ohr in der Wohnung erreichte. »Dies ist eine eben so geheimnißvolle, als, wie es sich noch zeigen mag, unheilverkündende Warnung;« sagte der alte Marcus Heathcote, als das Erstaunen, um nicht zu sagen die Bestürzung des Augenblicks sich ein wenig gelegt hatte. »Hast Du denn nichts gesehen, was so Etwas erwarten ließ?« 207 Eben Dudley aber war, wie die meisten Anderen, zu sehr außer Fassung, um antworten zu können. Alle schienen ängstlich auf das zweite und stärkere Blasen zu warten, welches die Nachahmung von des Fremden Ruf vollständig machen sollte. Es war nicht nöthig, lange zu warten, denn in einem Zwischenraum, der etwa eben so lange dauern mochte, als der, welcher die zwei ersten Stöße in die Muschel getrennt hatte, folgte ein zweiter Ton, und wieder in einer so treuen Weise, daß er dadurch ganz den Anschein eines Echo's erhielt. 208   Eilftes Kapitel. »Ich selbst will wachen heute Nacht, Vielleicht wird's wieder kommen. Hamlet.           »Sollte dies nicht ein von der göttlichen Gnade uns gegebenes Warnungszeichen sein?« fragte mit einer Feierlichkeit, welche nicht verfehlte, auf die meisten Zuhörer einen entsprechenden Eindruck zu machen; der Puritaner, der ohnedies zu allen Zeiten geneigt war, den übernatürlichen Offenbarungen der Sorgfalt des Himmels Glauben beizumessen; »die Geschichte unserer Colonieen ist voll der Beweise von diesen gnadenreichen Fügungen.« »Wir wollen es als eine solche betrachten,« entgegnete der Unbekannte, an den diese Frage ganz besonders gerichtet schien. »Unsere erste Maßregel soll die sein, die Gefahr, vor der wir gewarnt werden, ausfindig zu machen. Der junge Mann, der den Namen Dudley führt, besitzt eine große Körperkraft und männlichen Muth; seinen Beistand bitte ich mir aus, und dann traue mir zu, daß ich entdecken werde, was jener häufige Ruf aus der Muschel denn eigentlich bedeuten mag.« »Sicher, Traugott, wirst Du nicht nochmals der Erste 209 sein wollen, der hinausgeht,« rief Marcus in einem Erstaunen, welches gleicher Weise auch Contentius und Ruth verrieth; die Letztere drückte ihr kleines Ebenbild an ihre Seite, als wenn schon der bloße Vorschlag ein erschreckendes Gemälde von der großen, überirdischen Gefahr ihr vor die Seele führte. »Es wird gut sein, reiflich über den Schritt nachzudenken, ehe Du Dich der Gefahr eines solchen Abenteuers aussetzest.« »Besser ist es, wenn ich es bin,« sagte Contentius, »da ich an die Erscheinungen des Waldes schon gewöhnt bin, und mit allen den Zeichen, woran die Nähe Derjenigen, die uns schaden wollen, zu erkennen ist, vertraut bin.« »Nein,« sagte Der, welcher eben zum ersten Male Traugott genannt worden, ein Name, der sehr nach der religiösen Schwärmerei jener Zeiten schmeckte, und den er angenommen haben mochte, um dadurch offen seine Bereitwilligkeit zu verstehen zu geben, sich unter jede besondere Fügung der Vorsehung zu beugen und ihr zu folgen. »Dies Geschäft soll mein sein! Du bist Gatte und Vater, und Viele schauen auf zu Dir, da Deine Sicherheit der Fels ist, auf dem ihr irdischer Schutz und Trost ruht, während weder Verwandte, noch – doch wir wollen nicht von Dingen sprechen, die unserm Zwecke fremd sind. Du weißt, Marcus Heathcote, daß Gefahr und ich alte vertraute Bekannte sind. Es thut nicht Noth, mir Behutsamkeit anzuempfehlen. Komm, kühner Jäger; nimm Dein Gewehr, und halte Dich bereit, Deiner Männlichkeit Ehre zu machen, wenn sich Gelegenheit darbieten sollte, sie zu zeigen.« »Und warum nicht, Ruben Ring?« sagte eine hastige, weibliche Stimme, von der Alle wußten, daß sie von den Lippen der Schwester des eben genannten jungen Mannes 210 gekommen. »Er ist scharfen Auges und schnellen Armes bei Vorfällen dieser Art; würde es nicht gut sein, mit solcher Hülfe Deine Begleitung zu verstärken?« »Ruhig, Mädchen,« bemerkte Ruth sanft. »Diese Sache liegt schon in der Hand eines Mannes, der gewohnt ist, zu befehlen; Rath von Deiner kurzen, geringen Erfahrung thut nicht Noth.« Fidel fuhr beschämt zurück; die Röthe, die ihre braune Wange bedeckt hatte, verdunkelte sich zu einer Farbe, gleich der des Blutes. Traugott – wir bedienen uns beim Mangel aller andern dieses Namens – heftete einen einzigen Augenblick ein forschendes Auge auf das Antlitz des Mädchens und dann erwiderte er, als wenn seine Aufmerksamkeit von dem Hauptgegenstand, der jetzt vorlag, gar nicht abgelenkt worden, ganz kalt: »Wir gehen als Kundschafter und Beobachter Dessen, was späterhin die schnelle Hülfe dieses jungen Mannes nöthig machen kann, aber eine große Anzahl würde uns der Beobachtung außen nur aussetzen, ohne uns sonst nützlich zu sein; und doch,« – setzte er hinzu, indem er seine Schritte aufhielt, welche schon nach der Thüre gerichtet waren, und ernsthaft und lang auf den Indianerknaben sah, »und doch steht da Einer, der uns vielleicht Aufklärung geben könnte, wenn er nur sprechen wollte!« Diese Bemerkung zog jedes Auge auf den Gefangenen hin. Der Jüngling hielt das allgemeine Prüfen mit der unerschütterlichen, unbeweglichen Gelassenheit seines Volkes aus. Aber obgleich sein Auge den Blicken der ihn Umgebenden stolz und muthig begegnete, so glühte doch nicht das Geringste von 211 jener ernsten Herausforderung darin, welche man so oft sonst in seinen Augen zu bemerken pflegte, wenn er Ursache hatte zu glauben, sein Schicksal oder seine Person sei der Gegenstand der besonderen Beobachtung Jener, bei denen er wohnte. Im Gegentheil, der Ausdruck seines dunkeln Gesichts war eher der der Freundschaft, als des Hasses und es gab einen Augenblick, wo der Blick, den er auf Ruth und ihre Nachkommenschaft warf, sicher einen Anstrich vom Gefühl des Mitleids und der Besorgniß hatte. Eine Miene, von solchem Ausdruck voll, konnte der scharfsichtigen Wachsamkeit einer Mutter nicht entgehen. »Der Knabe hat sich des Vertrauens würdig gezeigt,« sagte sie, »und im Namen Dessen, der in die Herzen sieht und sie kennt, gebt ihm noch einmal die Freiheit.« Sie verstummte plötzlich, denn abermals gab die Muschel ein Zeichen, von der scheinbaren Ungeduld Derer draußen, die eingelassen zu werden verlangten. Die vollen Töne aus der Muschel berührten die Nerven der Hörer, als wenn sie das Nahen eines großen, furchtbaren Gerichts verkündeten. Mitten in diesen oft wiederholten und geheimnißvollen Klängen schien Traugott allein ruhig und unbewegt. Indem er seine Blicke von dem Antlitz des Jünglings wegwandte, der sein Hand auf seine Brust zurück hatte fallen lassen, als die letzten Töne aus der Muschel durch die Gebäude drangen, gab er schnell Dudley einen Wink, ihm zu folgen, und verließ das Zimmer. Es lag in der That etwas in allem Diesem, was, bei der abgeschlossenen Lage des Thales, der Dunkelheit der späten Stunde der Nacht und dem geheimnißvollen Wesen der verschiedenen Unterbrechungen, leichtlich in der Brust selbst solcher 212 Männer Unruhe und Besorgniß hätte erregen können, welche sich noch weit mehr durch ihre Festigkeit auszeichneten, als Die, die jetzt in's Freie traten, um eine Lösung der Zweifel aufzusuchen, die so übermäßig peinlich zu werden begannen. Der Unbekannte oder Traugott, wie wir künftighin häufig Gelegenheit haben werden, ihn zu nennen, ging schweigend nach einer Spitze der Anhöhe außerhalb der Gebäude voraus; hier vermochte sein Auge die Pallisaden zu übersehen, welche die Seiten der Anhöhe einhegten, und eine Aussicht weithin über Alles beherrschten, was das dunkle, unvollkommene Licht ihm enthüllen konnte. Es war ein Schauplatz, der Vertrautheit mit dem Leben an der Grenze erforderte, um zu irgend einer Zeit mit Gleichgültigkeit übersehen zu werden. Der weite. fast schrankenlose, scheinbar unbetretene Wald lag um sie herum, und beschränkte die Aussicht auf das enge Gebiet des Thales, als wenn dies eine mitten in einem Ocean von Wildniß hingeworfene Oase wäre. Innerhalb der Grenzen des urbar gemachten Landes waren die Gegenstände weniger undeutlich, obgleich selbst die am nächsten sich befindenden und bekanntesten jetzt in den zusammenlaufenden, düstern Umrissen der Nacht erblickt wurden. Ueber diese dunkle Aussicht schaute Traugott und sein Gefährte lange und vorsichtig hin. »Hier sieht man nichts als regungslose Baumstämme und Zäune mit Schnee beladen;« sagte der Erstere, als sein Auge über den ganzen Umkreis der Aussicht hingeschweift war, die an der Seite des Thales, wo sie standen, sich hindehnte. »Wir müssen hinausgehen, um näher die Felder zu erforschen.« 213 »Dann dorthin; hier geht der Weg nach der Pforte,« sagte Dudley, als er bemerkte, daß der Andere eine Richtung einschlug, welche der entgegengesetzt war, die zu dem Thore führte. Aber ein gebietender Wink vermochte ihn im nächsten Augenblick seine Stimme zu dämpfen und zu folgen, wohin es seinem Gefährten voranzugehen beliebte. Der Unbekannte machte einen Umweg um die Hälfte des Hügels herum, ehe er zu den Pallisaden hinabstieg; und er that dies an einer Stelle, wo lange und dichte Holzstöße, zum Feuerungsbedarf der Familie, aufgehäuft waren. Diese Stelle war der Punkt, welcher über die steilste Spitze der Anhöhe hinausragte, und der an und für sich selbst gerade da so schwierig zu ersteigen war, daß er die Besetzung mit Pfählen weit weniger nöthig machte, als irgend wo anders auf der mehr ebenen Fläche. Dennoch hatte man keine dienliche Vorkehrung zur Sicherheit der Familie vernachlässigt, selbst nicht an diesem festen Punkt in den Vertheidigungswerken. Die Holzhaufen lagen in einer solchen Entfernung von den Pfählen, daß sie Außenstehenden das Ersteigen nicht erleichterten, während sie andererseits Wall und Brustwehr bildeten, welche gar sehr zur Sicherheit Derjenigen würden beigetragen haben, die diesen Theil der Festungswerke hätten vertheidigen müssen. Der Fremde setzte seinen Weg gerade zwischen den parallelen Holzhaufen hindurch fort, bis er den zwischen den äußersten Reihen und den Pallisaden befindlichen Raum erreichte, der mit gutem Vorbedacht zu breit war, als daß ein menschliches Wesen ihn hätte überspringen können. »Es ist lange her, seitdem ich diesen Platz mit einem Fuße betreten habe,« sagte Eben Dudley, und tastete sich längst eines Weges fort, den sein Gefährte ohne irgend Zögern 214 oder Zweifel zu verrathen, zurücklegte. »Meine eigene Hand setzte vor einigen Wintern diese äußeren Haufen zusammen, und ich bin gewiß, daß von jener Stunde an bis auf diese, Niemand ein Stück von diesem Holze berührte. Und doch für Einen, der erst von jenseits der See herübergekommen ist, möchte es scheinen, findest Du nicht große Schwierigkeit, Dich durch die engen Holzreihen durchzufinden.« »Wer sein Gesicht hat, wird doch wohl zwischen Luft und Buchenklötzen unterscheiden können,« entgegnete der Andere und blieb bei den Pallisaden stehen, und zwar an einer Stelle, die vor jedem spähenden Auge innerhalb der Vertheidigungen durch drei- und vierfache Reihen von Holzhaufen bedeckt war. Er griff jetzt in seinen Gürtel, und zog etwas heraus, was Dudley bald für einen Schlüssel erkannte. Während dieser, mit Hülfe des geringen Lichtes, das der Himmel spendete, alle seine Sehkraft anstrengte, um den Andern zu beobachten, brachte dieser das Instrument in ein Schloß, was sehr kunstreich, etwa in der Höhe einer Mannesbrust von der Erde entfernt, in einem der Balken angebracht war; worauf nach einigen kräftigen Umdrehungen ein Stück aus den Pallisaden, etwa ein halbes Klafter hoch, sich auf einer mächtigen Angel unten bewegte, und hereinfallend eine Oeffnung machte, durch welche ein menschlicher Körper bequem hindurchgehen konnte. »Hier finden wir einen Raum bereitet zu unserem Ausfall,« bemerkte der Fremde kalt, und winkte dem Andern, vorauszugehen. Als Dudley durchgegangen, folgte ihm sein Gefährte, und verschloß die Oeffnung wieder sorgfältig hinter sich. »Nun ist wieder Alles fest, und wir befinden uns in den Feldern, ohne die Aufmerksamkeit irgend eines irdischen, 215 sterblichen Wesens wenigstens auf uns gezogen zu haben,« fuhr der Führer fort und steckte eine Hand in die Falten seines Mantels, als wolle er nach einer Waffe suchen; zu gleicher Zeit schickte er sich an, den schwierigen Abhang hinabzusteigen, der noch zwischen ihm und dem Fuße des Hügels lag. Eben Dudley zögerte zu folgen. Seiner erhitzten Einbildungskraft stellte sich das Zusammentreffen mit dem Reisenden im Walde vor, und die Erscheinungen gespenstischer Einwirkungen erwachten wieder in ihm mit aller ihrer ursprünglichen Kraft. Das ganze Wesen und der geheimnißvolle Charakter seines Gefährten waren wenig geeignet, ein durch solche Bilder beunruhigtes Gemüth zu ermuthigen. »Es geht ein Gerücht in der Colonie,« murmelte der Grenzmann, »daß den unsichtbaren Geistern für einige Zeit gestattet ist, ihre Uebel und Neckereien an dem Lande auszuüben, und es möchte leicht geschehen, daß einige ihrer höllischen Genossen ihren Weg nach Wish-Ton-Wish nehmen, wenn sie gerade keine bessere Beschäftigung finden.« »Du hast Recht,« entgegnete der Unbekannte; »aber die Macht, die ihnen ihre Gottlosigkeit erlaubt, hat vielleicht auch für gut befunden, einen von ihren eigenen Verehrern auszuschicken, ihre Teufeleien zu bekämpfen. Wir wollen uns jetzt näher an das Thor hinziehen, damit wir auf ihre boshaften Plane ein Auge haben mögen.« Traugott sprach mit Ernst und nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit. Dudley gab nach, wiewohl mit getheiltem unruhigem Gemüthe und folgte seiner Anweisung. Immer noch ging er hinter dem Unbekannten mit einer Vorsicht und Aufmerksamkeit hin, welche die Wachsamkeit jeder andern geringeren Macht, die ihre Kenntniß nicht aus tiefern Quellen, 216 als in menschlicher Gewalt sind, schöpfte, getäuscht haben würde. Als die beiden Aufpasser einen geheimen und passenden Ort nicht weit von der Pforte gefunden, nahmen sie schweigend eine Stellung ein, in der sie ruhig den Erfolg abwarten wollten. Die Außengebäude lagen in tiefer Ruhe vor ihnen, von allen den vielen Bewohnern, die sie enthielten, ließ sich auch nicht der mindeste Ton hören. Die Reihen roher Zäune, die schwarzen Baumstümpfe mit kleinen Schneepyramiden gekrönt, die höheren, hin und wieder verdächtig aussehenden Büsche, ein einzeln stehender Baum und endlich die unabsehbare Waldreihe; Alles war auf gleiche Weise, regungslos, düster und in die zweifelhaften Gestalten der Nacht gekleidet. Noch war der Raum um die wohlgesicherte und dreifach verriegelte Pforte leer. Eine breite Lage flecklosen Schnees bedeckte den Boden und bildete einen Grund, welcher sicher die Gegenwart jedes Wesens verrathen haben würde, das seine Fläche betreten. Selbst die Muschel konnte man an einem der Balken hängen sehen, so stumm und harmlos, als zur Stunde, wo sie die Wellen an den Strand der Seeküste gespült hatten. »Hier wollen wir auf die Ankunft des unbekannten Wesens Acht haben, mag es nun beauftragt und geschickt sein, durch die feindlichen Gewalten der Luft, oder mit einem, der Erde angehörenden Auftrag kommen,« sprach Traugott leise, und setzte seine Waffen zu jedem drängenden Fall und plötzlichen Gebrauch in Bereitschaft, seine eigene Person aber brachte er zu gleicher Zeit in eine Stellung, wie sie am geeignetsten war, das Ermüdende einer langen Wache am wenigsten lästig zu machen. 217 »Ich wollte, mein Gewissen wäre über die Frage beruhigt, ob es recht gethan sei, Jemand, der die Ruhe einer Grenzfamilie stört, zu verletzen,« sagte Dudley, mit einer aus Vorsicht hinlänglich gedämpften Stimme; »es möchte angemessen sein, selbst wenn Jemand, der Aehnlichkeit mit jenen über dem See her gekommenen Helden hätte, uns in dieser Stunde zu beunruhigen sich einfallen ließe, – selbst diesen ohne Weiteres durch einen Schlag willkommen zu heißen.« »In diesem Fall wirst Du wohl thun, auf die Strafordnung und Eintheilung der einzelnen Vergehungen nur wenig Rücksicht zu nehmen,« entgegnete finster der Andere. »Sollte ein zweiter Regierungsbevollmächtigter aus England erscheinen – –« Er schwieg, denn man hörte aus der Muschel einen Ton, der sich allmälig in die Luft erhob, bis das Ganze des weiten Thales erfüllt war von seinem vollen, traurig ernsten Klang. »Die Lippe eines Menschen lag nicht an der Muschel!« rief der Unbekannte, der, so wie Dudley in demselben Augenblick, wo der Ton sein Ohr erreichte, sich vorwärts nach der Pforte zu gebogen hatte, und wie dieser mit einem Staunen, das auch seine langgeübte Selbstbeherrschung nicht verbergen konnte, zurückgebebt war, als er sich vollkommen von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt hatte. »Dies übertrifft alle frühere Fälle wunderbarer Heimsuchung!« »Es ist eitel und vergeblich, die schwache Menschennatur zu gleicher Höhe mit Dingen, die aus der unsichtbaren Welt kommen, erheben zu wollen!« entgegnete der Jäger, der ihm zur Seite stand. »Bei solchem Nothfall geziemt es sich, daß der sündige Mensch sich in die Wohnung zurückziehe, wo wir 218 unsere Schwäche durch die geistlichen Segnungen und brünstigen Heilskämpfe des Capitains stärken und aufrichten mögen.« Diesem bescheidenen, umsichtigen Vorschlag setzte der Unbekannte keinen Einwurf entgegen. Ohne sich die nöthige Zeit zu nehmen, um ihren Rückzug mit der Vorsicht zu bewerkstelligen, die sie bei ihrem Vorschreiten beobachtet hatten, sahen die beiden Abenteurer sich bald an dem geheimen Eingang, durch den sie vor so kurzer Zeit noch herausgekommen waren. »Tritt ein,« sagte der Fremde, und ließ den bereits erwähnten Theil der Pallisaden zum Durchgang seines Gefährten herabfallen. »Tritt ein um's Himmelswillen! denn es ist in der That angemessen, daß wir alle unsere geistigen Kräfte vereinigen.« Dudley war im Begriff, der Aufforderung nachzukommen, als eine dunkle Linie, von einem leisen, rauschenden Ton begleitet, die Luft zwischen seinem Haupt und dem des Fremden durchschnitt. Im nächsten Augenblick steckte ein Pfeil mit steinerner Spitze zitternd im Holze. »Der Heide!« schrie der Grenzmann, und mit dem Erscheinen einer ihm schon vertraut gewordenen Gefahr, kam ihm auch sein männlicher Muth wieder, und ein Feuerstrahl schoß nach der Richtung hin, von welcher die verrätherische Wurfwaffe hergeflogen kam. »An die Pallisaden, Leute! der Heide, der blutige Heide ist da!« »Der Heide!« wiederholte der Fremde, wie im Nachhall, in einer tiefen, festen Befehlshaberstimme, die augenscheinlich oft das Warnungswort in Augenblicken von weit größerer Gefahr und Bedeutung mußte gegeben haben, und zugleich drückte er ein Pistol ab, was eine über den Schnee gleitende Gestalt darniederstreckte. »Der Heide! der blutige Wilde ist da!« 219 Als wenn Beide, die Angreifenden und die Angegriffenen, Athem holen wollten, folgte jetzt ein Augenblick tiefer Stille auf diese wilde Unterbrechung der Ruhe der Nacht. Dann wurde der Ruf der zwei Abenteurer durch einen Ausbruch von Geheul aus einem weiten Kreise, der fast den Hügel umgab, beantwortet. In demselben Augenblick entstieg jedem dunklen Gegenstand in den Feldern eine menschliche Gestalt. Dem Geheul folgte eine ganze Wolke von Pfeilen, die ferneres Zögern außerhalb der Schutzdecke der Pallisaden in hohem Grade gefährlich machten. Dudley kam hinein, aber dem Unbekannten wäre durch eine heraneilende, heulende Bande, die ihn heftig im Rücken drängte, der Eingang abgeschnitten worden, hätte nicht ein breiter Feuerstrom vom Hügel aus den schwarzen, grimmigen Gesichtern entgegengeblitzt, und die Angreifenden zurückgetrieben. Noch einen Augenblick, und die Riegel des Schlosses waren vorgeschoben, und die beiden Flüchtlinge befanden sich geschützt hinter den mächtigen Holzhaufen. 220   Zwölftes Kapitel. Nicht braucht, o Herr! ein Geist dem Grabe zu entsteigen, Um dies uns zu verkünden. Hamlet.           Obgleich die Gemüther der meisten, wenn nicht aller Bewohner von Wish-Ton-Wish jene Nacht über durch den Glauben so mächtig aufgeregt worden, die Gewalten der unsichtbaren Welt würden gegen sie losgelassen, so hatte sich doch die Gefahr in einer zu sichtbaren, handgreiflichen Gestalt ihnen dargestellt, um ferneren Zweifel zuzulassen, und sie zu verkennen. Das Geschrei »der Heide!« war von jeder Lippe gedrungen; selbst die Tochter und das Pflegekind der Ruth wiederholten es, als sie ängstlich weinend die Gemächer durchliefen, und für einen Augenblick schien Schrecken und Ueberraschung die Angegriffenen in unendbare Verwirrung zu verwickeln. Indeß die Geschwindigkeit der jungen Leute, mit der sie zur Hülfe und Unterstützung eilten, zusammen mit der Festigkeit des Contentius, stellten bald die Ordnung wieder her. Selbst die Frauenzimmer nahmen wenigstens den Anschein von Standhaftigkeit an, da die Familie zu lang daran gewöhnt worden, den Erfordernissen und Nothwendigkeiten 221 eines solchen Vorfalls zu begegnen, um längere Zeit als während der ersten und furchtbarsten Augenblicke des Lärms gänzlich der Wachsamkeit und Geistesgegenwart sich zu entschlagen. Die Wirkung des plötzlichen Begegnens und Zurückschlagens des Ueberfalls war so, wie alle Erfahrungen in ihren indianischen Feldzügen sie zu erwarten die Colonisten gelehrt hatten. Der Lärm des Angriffs hörte eben so plötzlich auf, als er sich erhoben hatte, und eine so tiefe Ruhe, eine so ungetrübte Stille folgte, daß Jemand, der zum ersten Mal Zeuge eines solchen Auftritts gewesen, ihn leicht für die Wirkungen einer wilden, furchtbaren Täuschung hätte halten mögen. Während dieser Augenblicke eines allgemeinen, tiefen Schweigens, verließen die beiden Abenteurer, deren Rückzug wahrscheinlich durch die dargebotene Aussicht auf einen leichten Zugang in die Vertheidigungswerke den Angriff der Wilden beschleunigt hatte, den Schutz der Holzhaufen, und gingen den Hügel hinauf der Stelle zu, wo, wie Dudley wußte, Contentius im Fall eines Aufrufs zur Vertheidigung der Festungswerke aufgestellt war. »Wenn mich nicht lange Erfahrungen und Betrachtungen über den Charakter und die Weise der heidnischen Arglist getäuscht haben.« sagte der Unbekannte, »so werden sie uns wahrscheinlich einige Zeit zur Ruhe vergönnen, ehe sie den Anfall erneuern. Die Erfahrung eines Kriegsmanns heißt mich jetzt bemerken, daß die Klugheit uns drängt, die Zahl und Stellung unserer Feinde auszumitteln, damit wir unsere Vertheidigung nach genauer Kenntniß ihrer Macht einrichten.« 222 »Auf welche Weise, und durch welche Mittel möchte dies geschehen können? Du siehst, uns umgibt nichts, als die Stille und Dunkelheit der Nacht. Von hier aus vermögen wir nichts über die Zahl unserer Feinde zu entdecken, und einen Ausfall dürfen wir nicht machen, wenn wir uns nicht Alle, die die Pallisaden verlassen, gewissem Untergang aussetzen wollen.« »Du vergißt, daß wir eine Geisel in dem Knaben haben, er kann uns von einigem Vortheil sein, wenn wir unsere Gewalt über seine Person mit Klugheit gebrauchen.« »Ich fürchte, wir täuschen uns mit einer Hoffnung, die eitel und vergeblich ist,« entgegnete Contentius, ging jedoch, während er noch sprach, voran, nach dem Hofe zu, welcher mit dem Hauptgebäude zusammenhing. »Ich habe genau das Auge des Knaben erforscht, seit er auf unerklärliche Weise in die Vertheidigungswerke gekommen, und ich finde darin wenig, was uns veranlassen könnte, Zutrauen zu erwarten. Es wird noch ein Glück für uns sein, wenn kein geheimes Einverständniß mit denen draußen ihm beim Hereinkommen behülflich gewesen ist, und er nicht einen Spion unsrer Macht und Bewegung abgibt.« »Was sein Hereinkommen in die Wohnung betrifft, ohne in die Muschel zu blasen, oder durch die Pforte zu gehen, darüber beunruhige Dich nicht,« entgegnete der Fremde mit Fassung. »Wäre es passend, so könnte dies Geheimniß leicht aufgehellt und erklärt werden; aber es möchte in der That all unsern Scharfsinn aufzubieten nöthig sein, um zu entdecken, ob er in Verbindungen mit unsern Feinden stehe. Das Gemüth eines Wilden, eines Eingebornen der Wälder legt seine Geheimnisse nicht dar, gleich der Fläche eines eitelmachenden Spiegels.« 223 Der Fremde sprach, wie ein Mann, der einen Theil seiner Gedanken für sich behält, und sein Gefährte hörte auf eine Weise zu, als begriffe er mehr, als es schicklich und gerathen sein möchte, kund zu geben. Mit diesem geheimen und doch zweideutigen Verständniß der gegenseitigen Gesinnungen schritten sie zusammen in die Wohnung und fanden sich bald vor den Personen, die sie suchten. Die beständige Gefahr ihrer Lage hatte die Familie gezwungen, die Gewohnheit einer methodischen, streng geregelten Ordnung in den Vertheidigungsmaßregeln anzunehmen. Den allerschwächsten Kräften und dem jugendlichsten Muthe waren für den Fall eines Lärmrufs bestimmte Pflichten angewiesen; und schon während der Augenblicke, die dem Erscheinen ihres Gatten vorangingen, hatte sich Ruth bemüht, ihren weiblichen Untergebenen die verschiedenen Aufträge zu ertheilen, welche Gewohnheit und mehr noch die drängende Gefahr der Zeit so gebieterisch zu erheischen schien. »Eile, Charitas, nach dem Blockhause hin,« sagte sie, »und sieh' nach der Beschaffenheit der Wassereimer und Leitern, damit wenn die Heiden uns in diesen Zufluchtsort treiben sollten, in unserer Noth uns nicht Vorrath an Wasser und die Mittel uns in die Höhe zu flüchten fehlen mögen; und Du, Fidel, gehe eiligst in die oberen Gemächer, und sorge, daß kein Licht die verrätherischen Geschosse der Wilden in eine der Stuben lenke. Ist der Pfeil erst vom Bogen, die Kugel aus dem Lauf, so kommen Gedanken zu spät. Und jetzt, da der erste Angriff vorüber ist, Marcus, und wir hoffen dürfen, der List des Feindes durch einige Klugheit von unserer Seite zu begegnen, magst Du hinaus zu Deinem Vater gehen. Wir hätten die Vorsehung zu kühn versucht, wärst Du 224 ungeheißen und unbelehrt in das erste gefährliche Gedränge hinausgestürzt. Komm hierher, mein Kind, und nimm den Segen und das Gebet Deiner Mutter mit Dir, dann magst Du mit größerem Vertrauen auf die Vorsehung Deine jungen Kräfte mit denen der Streiter vereinen und auf Sieg hoffen. Erinnere Dich, daß Du jetzt in einem Alter bist, wo Du Deinem Namen, Deiner Geburt Ehre machen mußt, und doch zählst Du noch zu wenig Jahre, um in einer Nacht, wie dieser, den Wortführer abzugeben, und weit weniger noch in den vordersten Reihen zu kämpfen.« Eine augenblickliche Röthe, die nur dazu diente, die darauf folgende Blässe bemerkbarer zu machen, strich über das Antlitz der Mutter hin. Sie beugte sich und drückte einen Kuß auf die Stirn des ungeduldigen Knaben, der kaum wartete, dieses Zeichen der Zärtlichkeit zu empfangen, und dann forteilte, sich in die Reihen der Vertheidiger seiner Mutter zu stellen. »Und jetzt,« fuhr Ruth, das Auge langsam von der Thür, durch welche der Knabe verschwunden war, abwendend mit einer Art erzwungener Gelassenheit zu sprechen fort, »jetzt wollen wir auf die Sicherheit Derer unsere Aufmerksamkeit richten, die nur wenig Dienste leisten können, es sei denn als Schildwachen, um Lärm zu machen. Wenn Du Dich überzeugt hast, Fidel, daß in den oberen Zimmern kein Licht aus Versehen gelassen ist, so bringe die Kinder in das geheime Gemach, von da mögen sie auf die Felder herabblicken, ohne sich der geringsten Gefahr auszusetzen, daß die Wilden auf sie ihre Geschosse richten. Du weißt, meine Ruth, was ich in dieser Beziehung so oft wiederholt habe, laß kein Getöse von Kriegslärm, kein furchtbares Geschrei des Volkes außen 225 Dich bewegen, den Ort zu verlassen, denn dort bist Du sicherer, als im Blockhause, gegen welches ohne Zweifel wegen seines Anscheins von Stärke und Festigkeit viele Geschosse hingerichtet werden. Sollten wir uns aber dennoch gezwungen sehen, dort unsere Sicherheit zu suchen, so werde ich es Dir schon zur rechten Zeit sagen lassen. Komme also ja nicht herunter, bis Du an der Seite, welche den Strom überragt, den Feind die Pallisaden ersteigen siehst, denn an jenem Punkt haben wir die wenigsten Augen, ihre Bewegungen zu überwachen. Erinnere Dich, daß an der Seite der Außengebäuden und der Felder unsere Streitmacht hauptsächlich aufgestellt ist; deßwegen kann dort weniger Grund für Dich vorhanden sein, Dein Leben den Pfeilen auszusetzen, indem Du Dich zu neugierig zu sehen bemühst, was in den Feldern vorgeht. Geht, meine Kinder, die himmlische Vorsehung sei Euer Beistand.« Ruth beugte sich nieder, die dargebotene Wange ihrer Tochter zu küssen. Sie umarmte dann auch das andere Kind, welches in der That ihrem Herzen kaum weniger nahe stand, da es die Waise einer Mutter war, welche sie wie eine Schwester geliebt hatte. Aber unähnlich dem Kusse, den sie auf Marcus Stirne gedrückt, waren die gegenwärtigen Umarmungen flüchtiger und die Rührung dabei minder heftig. Den Knaben hatte sie einer offenbaren und bestimmten Gefahr entgegengeschickt; die beiden Mädchen aber wurden an einen Ort gebracht, wo sie von einigem Nutzen sein konnten, und dennoch, so lange der Feind nicht in die Festungswerke eindrang, weniger gefährdet waren, als in der Citadelle selbst. Tiefe mütterliche Zärtlichkeit ließ sich jedoch nicht unterdrücken, und wie die Tochter sich entfernen wollte, so gab die Mutter dem 226 mächtigen Gefühle nach, rief ihr Kind noch einmal zu sich und sagte feierlich: »Du wirst das Gebet um besondern Schutz gegen die Gefahren der Wildniß wiederholen, und in Deinen Bitten nicht verfehlen, Dessen zu gedenken, dem Du Dein Dasein verdankst, und der jetzt zu unserer Rettung sein Leben allen Gefahren aussetzt. Du kennst den Fels der Christen, auf diesen Grund baue Deinen Glauben!« »Und die, welche uns tödten wollen,« fragte das wohlunterrichtete Mädchen, »gehören auch sie zu der Anzahl Derjenigen, für welche er starb?« »Das kann nicht bezweifelt werden, obgleich die Weise dieser Gnadenertheilung so geheimnißvoll ist. Wilde in ihren Gewohnheiten, Erbarmungslose in ihren Feindschaften, sind sie dennoch Geschöpfe unserer Art und gleichfalls Gegenstand seiner Fürsorge!« Blonde Locken, welche eine von den zartesten Adern durchzogene Stirn und das Gesicht zur Hälfte bedeckten, erhöhten den Glanz einer Haut, deren fleckenlose Durchsichtigkeit es nicht vermuthen ließ, daß das Kind je von den heißen Lüften jener Breite angefächelt worden. Durch dieses Lockenlabyrinth hindurch wendete das Mädchen seine vollen, hellen, blauen Augen verwundert und erschreckt auf das dunkle Gesicht des gefangenen indianischen Jünglings, der in diesem Augenblick für sie ein Gegenstand des geheimen Entsetzens war. Ohne zu ahnen, welches Gefühl er erregte, stand der Jüngling ruhig da, stolz und scheinbar achtlos, einzig darauf bedacht, kein Zeichen von Schwäche oder mitleidiger Besorgniß in diesem Auftritt weiblicher Gemüthserregung zu verrathen. 227 »Mutter,« flüsterte das noch immer verwunderte Mädchen, »sollten wir ihn nicht zurück in seine Wälder lassen! Ich liebe nicht – –« »Dies ist keine Zeit zu vielen Worten. Geh' an Deinen Zufluchtsort, mein Kind, und erinnere Dich beides, der Gebete und Vorsichtsmaßregeln, die ich Dir genannt habe. Geh', und die himmlische Vorsehung schütze Dein unschuldiges Haupt!« Noch einmal beugte sich Ruth über das Haupt ihrer Tochter, und verbarg ihr Gesicht in deren reichen Locken – es war ein Augenblick beredter Stille! Als sie sich erhob, glänzte eine Thräne auf der Wange des Kindes. Dieses hatte die Umarmung mehr mit Bewußtlosigkeit, als in Betrübniß aufgenommen, und jetzt, als sie in das geheime Zimmer geführt wurde, und die Nähe ihrer Mutter verließ, blieb sein Auge unabwendbar auf die Gesichtszüge des jungen Indianers gerichtet, bis die dazwischentretenden Mauern ihn gänzlich ihrem Gesichte verbargen. »Du bist sorgsam gewesen, wie Du pflegst immer zu sein, liebe Ruth,« sagte Contentius, welcher in eben diesem Augenblicke mit dem Fremden in das Gemach eintrat; und die Selbstbeherrschung seines Weibes durch einen Blick der freundlichsten Billigung belohnte. »Die jungen Männer sind nicht weniger schnell und behend im Empfang des Feindes an den Pallisaden, als Deine Mägde in Erfüllung ihrer weniger gewagten Pflichten gewesen. Alles ist außen wieder ruhig, und wir kommen jetzt mehr der Berathung wegen, als zu Zwecken des Streits.« »Dann müssen wir unsern Vater von seinem Posten bei dem Geschütz im Blockhaus rufen.« 228 »Es ist nicht nöthig,« fiel der Fremde ein; »die Zeit drängt, denn dieser Ruhe möchte nur zu bald ein Sturm folgen, den all unsere Macht nicht wird zu stillen vermögen. Bringt den Gefangenen herbei.« Contentius winkte dem Knaben, näher zu treten, und als er in den Bereich seiner Hand kam, stellte er ihn gerade vor den Unbekannten hin. »Ich kenne Deinen Namen nicht, selbst jetzt noch nicht den Deines Volkes,« begann dieser nach einer langen Pause, worin er genau das Antlitz des Jünglings zu untersuchen schien; »aber ich bin gewiß, obgleich ein böserer Geist noch in Deinem wilden Gemüthe um die Oberherrschaft ringen mag, – ich bin gewiß, edle Gefühle sind Deiner Brust nicht fremd. Sprich, hast Du etwas über Gefahr mitzutheilen, die diese Familie umlagert? Ich habe viel diese Nacht aus Deinem stummen Wesen entnommen, um aber deutlich verstanden zu werden, ist jetzt die Zeit gekommen, daß Du in Worte Dein Innerstes ausdrückest.« Der Jüngling hielt sein Auge auf das des Sprechenden gerichtet, bis dieser geendet hatte, und dann ließ er es langsam, jedoch mit forschender Aufmerksamkeit, auf das ängstliche Antlitz der Ruth fallen. Es schien, als wenn er zwischen seinem Stolz und seinem Mitgefühl hin- und herschwankte. Das Letztere behielt die Oberhand; denn den starken Widerwillen eines Indianers besiegend, sprach er offen und zum ersten Male seit seiner Gefangenschaft in der Sprache des verhaßten Geschlechts. »Ich höre das Kriegsgeschrei der Kämpfer,« war seine ruhige Antwort, »sind die Ohren der bleichen Männer verschlossen gewesen?« 229 »Hast Du mit den jungen Männern Deines Stammes im Walde gesprochen, und hattest Du Kenntniß von diesem ihrem Ueberfall?« Der Jüngling antwortete nicht, obgleich er dem scharfen Blick des Fragenden standhaft und ohne Furcht begegnete. Da der Fremde bemerkte, daß er mehr gefragt hatte, als der Jüngling zu beantworten geneigt war, so änderte er jetzt seine Weise des Verhörs, und maskirte seine Untersuchungen mit etwas größerer List. »Es kann nicht sein, daß ein großer Volksstamm sich auf blutigem Pfade befinde!« sagte der Unbekannte: »Aechte Krieger wären über die Balken der Pallisaden so leicht, wie über beugsames Rohr geschritten! Es muß ein Pequod sein, der sein Wort gegen einen Christen gebrochen hat, und nun aus seiner Höhle geschlichen ist, wie ein heulender Wolf in der Nacht?« Plötzlich durchzuckte ein Ausdruck unbändiger Wildheit die schwärzlichen Züge des Knaben. Seine Lippen bebten, und die Worte, welche ihnen entströmten, waren von bitterem Hohn begleitet, doch murmelte er sie mehr, als daß er sie aussprach: »Der Pequod ist ein Hund!« »Es ist, wie ich gedacht hatte. Die Schurken sind aus ihren Dörfern gekommen, um bei den Yengihs ihre Ranzen zu füllen; aber ein Narraganset oder ein Wampanoag ist ein Mann; er verachtet es, in Finsterniß hinzuschleichen. Wenn er kommt, so beleuchtet die Sonne seinen Pfad. Der Pequod hingegen stiehlt sich in der Stille hin; denn er fürchtet, die Krieger möchten seinen Tritt vernehmen!« Es war nicht leicht, ein Zeichen zu entdecken, welches 230 bewiesen, daß der Gefangene auf das Lob oder den Tadel mit der entsprechenden Theilnahme gehört; denn Marmor ist nicht kälter und unempfindlicher, als die Muskeln seines unbewegten Antlitzes waren. Der Unbekannte erforschte den Ausdruck seiner Züge vergebens, dann so weit sich ihm nähernd, daß er selbst seine Hand auf die nackte Schulter des Jünglings zu legen vermochte, fuhr er fort: »Knabe, Du hast Vieles und Wichtiges über das Wesen unseres christlichen Glaubens mit angehört, bist selbst der Gegenstand manches inbrünstigen Gebetes und Flehens gewesen, es kann nicht sein, daß so viel guter Same ganz auf den Weg gefallen, und dort zertreten worden ist. Sprich, darf ich nochmals Dir trauen?« »Möge mein Vater den Schnee betrachten. Die Tritte der Mokasins sind aus- und einwärts gekehrt!« »Es ist wahr. In so weit hast Du Dich redlich gezeigt; allein wenn das Kampfgeschrei Deine jungen Adern schwellt, möchte die Versuchung, Dich mit den Kriegern zu vereinen, zu stark werden. Hast Du ein Unterpfand, eine Bürgschaft, welche uns ermuthige, Dich ziehen zu lassen?« Der Knabe betrachtete den Fragenden mit einem Blick, welcher deutlich verrieth, daß er auch nicht im Geringsten den Sinn der Frage begriffen habe. »Ich wünsche zu wissen, was Du zurücklassen kannst, als Zeichen, daß unsere Augen Dein Antlitz wieder sehen werden, wenn wir das Thor zu Deinem Ausgang in die Felder geöffnet haben.« Noch immer blieb der Blick des andern stier und verwirrt. 231 »Wenn der weiße Mann den Kriegspfad betritt, und in seinen Feind Vertrauen setzen möchte, nimmt er Sicherheit für seine Treue, indem er das Leben eines Menschen, das dem Andern theuer ist, als Bürgschaft seiner Treue in seiner Hand zurückbehält. Was kannst Du nun anbieten, woran ich erkenne, daß Du von der Botschaft zurückkehren wirst, mit der ich Dich auszuschicken wünsche?« »Ist der Pfad denn nicht offen?« »Offen, aber nicht sicher zu betreten. Furcht läßt Dich vielleicht vergessen, wohin er führt.« Der Gefangene verstand jetzt den Sinn der Frage des Fremden, er begriff des Andern Zweifel; allein, gleichsam als verschmähte er zu antworten, richtete er seine Augen zur Seite, und stand in einer jener unbeweglichen Stellungen, die ihm so oft das Ansehen eines dunklen Gebildes des Meißels gaben. Contentius und seine Gattin hatten diesem kurzen Zwiegespräch auf eine Weise zugehört, welche bewies, daß sie gewisse, den Andern verborgene Dinge wußten, wodurch die Verwunderung verringert wurde, die sie sonst wohl erfaßt haben würde, als sie Zeugen von den so deutlich dargelegten Beweisen waren, die auf eine geheime Bekanntschaft zwischen den beiden Sprechenden schließen ließen. Doch verriethen Beide unzweideutige Zeichen ihres Erstaunens, als sie zuerst englische Worte aus den Lippen des Jünglings hervortönen hörten. Es bot sich wenigstens ein Anschein von Hoffnung durch die Vermittlung eines Menschen dar, der so viel Güte von der Familie und besonders von Ruth genossen, und der es auch so sehr anzuerkennen geschienen hatte, daß diese mit 232 der Schnelligkeit mütterlicher Sorgfalt an der freudigen Erwartung festhielt. »Laßt den Knaben ziehen,« sagte sie; »ich will für ihn Bürge sein, und sollte er sich als falsch und verrätherisch erweisen, so haben wir weniger von seiner Abwesenheit, als seiner Gegenwart zu befürchten.« Die in die Augen fallende Richtigkeit der letztern Versicherung hatte vielleicht bei dem Unbekannten größeres Gewicht, als die bedeutungslose Bürgschaft der Hausfrau. »Darin liegt allerdings viel Wahres,« begann dieser wieder. »Geh' denn hinaus in die Felder und sage Deinem Volke, daß sie sich in ihrem Wege geirrt; der, den sie betreten, hat sie in die Wohnung eines Freundes geführt, – keines Pequod, noch eines von den Männern der Manhatto's, sondern christlicher Yenghis, die den Indianer stets behandelt haben, wie ein Gerechter handelt gegen seinen Nebenmenschen. Geh', und wenn Dein Zeichen am Thor vernommen wird, soll es Dir zum Einlaß nochmals offen stehen!« Mit diesen Worten winkte der Fremde dem Knaben, ihm zu folgen, und trug Sorge, als sie das Zimmer zusammen verließen, ihn über alle solche geringere Dinge zu belehren, die ihn in Erreichung des friedlichen Zwecks der Sendung unterstützen konnten, die ihm jetzt übertragen worden. Einige wenige Augenblicke des Zweifels und schrecklicher Ungewißheit und Erwartung folgten auf diesen Versuch. Nachdem der Unbekannte sich überzeugt hatte, daß seinem Boten der Ausgang verstattet worden, war er in die Wohnung zurückgekehrt und hatte sich mit seinen Gefährten wieder vereinigt. Er brachte die Augenblicke, während welcher der Abgesandte aus war, damit zu, daß er mit Schritten im Zimmer 233 auf und nieder ging, welche verriethen, daß mächtige, wichtige Gedanken und Besorgnisse in seinem Innersten gewaltig sich drängten. Zu Zeiten hörte das Geräusch seiner schweren Fußtritte auf, und dann lauschten Alle aufmerksam, um einen Ton aufzuhaschen, der sie über die Beschaffenheit der Vorgänge belehren möchte, die draußen sich ereigneten. Mitten in einer dieser Pausen erhob sich draußen in den Feldern ein Geschrei, das dem des Frohlockens der Wilden glich. Ihm folgte eine Todesstille, ein Unglück verheißendes Schweigen, welches die Zeit seit dem plötzlichen, schnell vorübergegangenen Angriff selbst noch beunruhigender gemacht hatte, als damals, wo die Gefahr einen bestimmten, bekannten Charakter gehabt. Aber alle Aufmerksamkeit, welche selbst die äußerste Besorgniß nur geben konnte, vermochte weiter keine Spur über die Bewegungen ihrer Feinde zu entdecken. Viele Minuten lang herrschte inner- und außerhalb der Vertheidigungen mitternächtliche Stille. Mitten in dieser Spannung der Gemüther hob sich die Klinke der Thüre, und der Abgesandte erschien mit jenem geräuschlosen Tritt, jener gefaßten Miene, welche das Volk seines Stammes auszeichnen. »Hast Du die Krieger Deines Stammes getroffen?« fragte der Fremde hastig. »Das Geschrei hat die Yengihs nicht getäuscht. Es war nicht der Ton eines Mädchens, das in den Wäldern lacht.« »Und hast Du Deinem Volke gesagt, daß wir Freunde sind?« »Die Worte, die mein Vater mir aufgetragen, wurden gesprochen.« »Und angehört? Waren sie laut genug, um in die Ohren der jungen Krieger zu dringen?« 234 Der Jüngling schwieg. »Sprich,« fuhr der Fremde fort, und richtete seine Gestalt stolz in die Höhe, als sei er bereit, selbst einem noch strengern Widerstand und noch festerem Weigern zu begegnen. »Es sind Männer, die Dir zuhören. Ist die Friedenspfeife des Wilden gefüllt, wird er in Eintracht rauchen, oder hält er den Tomahawk in krampfhafter Hand?« Das Antlitz des Jünglings bewegte ein Gefühl, welches ein Indianer nicht leicht verräth. Er neigte seinen Blick mit ängstlichem Antheil auf die milden Augen der schmerzlich ergriffenen Ruth; dann eine Hand langsam unter dem leichten Gewande hervorziehend, das theilweise seinen Körper bedeckte, warf er einen Bündel Pfeile, die in die glatte, abgestreifte Haut der Klapperschlange eingehüllt waren, zu den Füßen des Fremden nieder. »Das ist ein nicht zu verkennendes Warnungszeichen!« sagte Contentius, indem er das ihm wohlbekannte Sinnbild mitleidsloser Feindseligkeit in die Höhe hob, und es vor die Augen seiner weniger unterrichteten, in den Gebräuchen der Wilden weniger erfahrenen Gefährtin hielt. »Knabe, was hat das Volk meines Geschlechts gethan, daß Deine Krieger bis zu dieser äußersten Wuth nach seinem Blute streben?« Als der Jüngling seinen Auftrag erfüllt, trat er zur Seite, und schien nicht Zeuge sein zu wollen von der Wirkung, welche seine Botschaft auf die mit ihm im Zimmer Anwesenden hervorbringen würde. Aber so gefragt, war er nahe daran, alle freundlicheren Gefühle in der plötzlichen Gewalt der Leidenschaft zu vergessen. Ein schneller Blick auf Ruth stillte seine Erregung, und er blieb ruhig wie vorher und schwieg. 235 »Knabe,« wiederholte Contentius, »ich frage Dich, warum Dein Volk unser Blut will?« Der Lauf des elektrischen Funkens ist nicht schneller, ja kaum glänzender sein Licht, als der Blick war, der jetzt aus dem dunkeln Auge des Indianers auf seine Umgebung hinblitzte. Strahlen schienen aus seinem Auge zu schießen, feurig wie Schlangenblicke. Seine Gestalt schwoll gleichsam von den innern Kämpfen in seinem Gemüthe, und für einen Augenblick verrieth sich jeder Anschein eines wilden unbeherrschbaren Ausbruchs stürmischer Leidenschaft. Die Eroberung indeß, die seine Gefühle über ihn gemacht hatten, waren nur von augenblicklicher Dauer. Er gewann seine Selbstbeherrschung wieder, denn sein Wille machte die erstaunendsten Anstrengungen, und sich Dem, der ihm diese kühne Frage vorgelegt, so sehr nähernd, daß er selbst einen Finger auf seine Brust halten konnte, sagte der junge Wilde stolz: »Siehe! diese Welt ist sehr weit. Es ist Raum auf ihr für den Panther und den Hirsch. Warum sind die Yengihs und die rothen Leute zusammengetroffen?« »Wir verlieren die kostbaren Augenblicke im Erforschen der ernsten Natur eines Heiden,« sagte der Fremde. »Ueber den Zweck seines Volks sind wir gewiß, und mit Hülfe und im Vertrauen auf den Schutz und Stab der Christen werden wir die feindliche Macht zurückschlagen. Klugheit erfordert von unserer Seite, daß wir den Jüngling in sichern Gewahrsam bringen, worauf wir zu den Pallisaden zurückkehren und uns als Männer zeigen wollen!« Gegen diesen Vorschlag konnte kein vernünftiger Einspruch erhoben werden. Contentius war schon im Begriff, die Person seines Gefangenen in einen Keller in Sicherheit zu 236 bringen, als eine Vorstellung seiner Gattin ihn zur Aenderung seines Plans veranlaßte. Trotz der auffahrenden, wilden Miene des Jünglings, hatten Blicke der Güte und Theilnahme ein solches gegenseitiges Verständniß zwischen ihm und der sanften Mutter hergestellt, daß diese noch immer nicht gern alle Hoffnung auf seine Hülfe und Unterstützung aufgeben wollte. »Miantonimoh,« sagte sie, »wenn auch Andere Dich in Verdacht haben, daß Du nichts Gutes im Sinne führest, so will doch ich Dir vertrauen. Komm daher mit mir, und während ich Dir das Versprechen der Sicherheit für Deine Person gebe, verlange ich von Deiner Hand den Dienst eines Beschützers für meine Kleinen.« Der Knabe gab keine Antwort, sondern ließ sich geduldig von Ruth wegführen, diese glaubte jedoch die Versicherung seiner Treue und Ergebenheit in dem Ausdruck seines beredten Auges zu lesen. Zu gleicher Zeit verließen auch ihr Gatte und Traugott das Haus, um an den Pallisaden ihre Posten einzunehmen. 237   Dreizehntes Kapitel. »Sieh, Du bist mein, guter Knabe, bist mein Page, Ich will Dir Herrin sein, komm mit mir und sprich frei!« Cymbeline.           Das Gemach, in welches Ruth die Kinder zu bringen angeordnet hatte, war im obersten Stockwerk, und, wie schon gesagt, auf der dem Strome, am Fuße des Hügels, zugekehrten Seite des Gebäudes. Es hatte ein einziges etwas vorstehendes Fenster, durch welches man eine Aussicht auf den Wald und die Felder auf jener Seite des Thales genoß. Kleine Oeffnungen in den Wänden gewährten auch einen Blick auf die mehr nach der Rückseite liegenden Gründe. Außer der Zimmerdecke und dem massiven, festen Brustwerk des Gebäudes sicherte noch inwendig eine Lage von Holz den Ort gegen das Eindringen jeder damals in der Kriegführung dieser Gegenden gekannten Wurfwaffe. Während des zartesten Alters der Kinder war dies Gemach ihr Schlafzimmer gewesen, und man hatte es erst für diesen Zweck aufgegeben, als die hinzugekommenen Außenwerke, die mit der Zeit sich um die Wohnungen vermehrten, die Familie kühn gemacht hatte, 238 sich zur Nachtzeit bequemeren Ruhestätten anzuvertrauen, die man deswegen nicht weniger gegen Ueberfall gesichert hielt. »Ich weiß,« sagte Ruth zu dem ihr folgenden indianischen Jüngling, nach dem sie sich in dem beschriebenen Gemach befanden, »ich weiß, Du kennst die Pflichten eines Kriegers. Du wirst mich nicht täuschen; das Leben dieser zarten Kleinen ist Deiner Obhut anvertraut. Schütze sie, hab' Acht auf sie, Miantonimoh, und der Gott der Christen wird sich Deiner erinnern, wenn für Dich selbst die Stunde der Noth und Gefahr kömmt.« Der Knabe antwortete nicht, aber in einem freundlichen Ausdruck, der in seinem dunkeln Gesicht sichtbar wurde, bemühte sich die Mutter, das Pfand zu finden, das sie erstrebte. Dann, als der Jüngling mit dem Zartgefühl seines Volks sich zur Seite wandte, damit die, welche mit einander durch so nahe Bande verbunden waren, ihren Gefühlen ohne einen Beobachter sich hingeben möchten, trat Ruth nochmals zu ihren Kindern, während alle Zärtlichkeit einer Mutter in ihren Augen strahlte. »Noch einmal heiß ich Dich, nicht zu neugierig auf den furchtbaren Streit zu sehen, der vielleicht im Angesicht unserer Wohnungen sich erheben könnte,« sagte sie; »der Heide ist wirklich da, und blutig sein Vorhaben; Jung und Alt muß jetzt Glauben und Vertrauen auf den Schutz unseres Herrn zeigen, und solchen Muth haben, wie er für die Gläubigen sich geziemt.« »Und wie kommt es, Mutter,« fragte das Kind, »daß sie uns Verderben und Elend zu bereiten suchen? Haben wir ihnen denn jemals Böses zugefügt?« »Ich weiß es nicht. Er, der die Erde geschaffen, hat sie 239 uns zur Wohnung, zu unsern Bedürfnissen übergeben, und die Vernunft selbst möchte zu lehren scheinen, daß, wenn Theile ihrer Oberfläche leer sind, der, der ihrer wirklich bedarf, sie wohl besetzen und einnehmen mag.« »Der Wilde!« flüsterte das Kind, und drängte sich noch näher an die Brust seiner Mutter, die sich zu ihm herabneigte. »Sein Auge funkelt, gleich dem Stern, der dort über den Bäumen steht.« »Still, meine Tochter, seine wilde Natur brütet über Beleidigung, die er erlitten zu haben vermeint.« »Gewiß, wir haben ein Recht, hier zu sein. Ich habe meinen Vater sagen hören, daß, als der Himmel mich ihm schenkte und seine Arme mich zum ersten Mal umfingen, unser Thal noch voller Waldung und Gebüsche war, und daß erst große und viele Arbeit es zu dem gemacht, was es jetzt ist.« »Ich hoffe, daß, was wir besitzen, wir rechtlich besitzen. Und doch scheint es, daß die Heiden unsere Ansprüche nicht wollen gelten lassen.« »Und wo wohnen denn diese blutgierigen Feinde? Haben sie auch Thäler wie dieses, und werden sie dort von den Christen überfallen, um auch ihrer Seits in der Stille der Nacht ihr Blut zu vergießen?« »Sie sind wilder und ungezähmter Natur, Ruth, und wenig wissen sie von unserer Lebensweise. Die Frauen werden bei ihnen nicht geschätzt und geliebt, wie unter dem Volk von Deines Vaters Geschlecht, denn Körperstärke gilt ihnen mehr als die Bande der Liebe.« Die kleine Zuhörerin schauderte zusammen, und verbarg ihr Antlitz noch tiefer in die Brust ihrer Mutter. Noch nie hatte ihren kindlichen Geist ein so lebendiges Gefühl von dem, 240 was Mutterliebe, von dem, was Zärtlichkeit der Blutsverwandtschaft sei, durchdrungen, wie in diesem Augenblick. Als sie die letzten Worte gesprochen, drückte die Hausfrau einen Abschiedskuß auf die Stirn der beiden Kinder, und laut den Herrn anflehend, daß er sie behüten und segnen möge, wandte sie sich, um zur Erfüllung anderer Pflichten zu schreiten, welche die Uebung ganz verschiedener Tugenden und Eigenschaften erheischten. Ehe sie jedoch das Zimmer verließ, näherte sie sich noch einmal dem Knaben, und das Licht vor seine festen, standhaften Augen haltend, sagte sie feierlich: »Ich vertraue meine Kleinen der Obhut eines jungen Kriegers an!« Der Blick, mit dem er erwidert, war wie die andern, kalt, aber nicht entmuthigend. Ein mehrere Augenblicke langes Anschauen, entlockte ihm keine andere Antwort, und Ruth schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, voll Unruhe wegen ihrer Ungewißheit über die Gesinnungen des Beschützers, den sie bei den Mädchen gelassen, während sie noch immer vertraute, daß die vielen Beweise von Güte, welche sie ihm während seiner Gefangenschaft gegeben hatte, nicht ganz unbelohnt ausgehen würden. Ihre Hand ruhte in Unentschlossenheit auf der Thürklinke. Der Augenblick war indeß dem Charakter des Jünglings günstig; denn sie erinnerte sich der für ihn so ehrenvollen Weise seiner Rückkehr in eben jener Nacht, sowie auch seiner früheren Handlungen, die Beweise abgaben von der Treue, womit er sein Wort hielt, und sie war schon im Begriff, die zu ihrem Ausgang geöffnete Thüre zu durchschreiten, als plötzlich ein Lärm entstand, der das Thal mit all dem häßlichen Geschrei und Geheul, welches einen Angriff der Wilden zu begleiten pflegt, erfüllte. Nun schloß die erschreckte 241 Frau die Thüre, ging ohne weiteren Anstand die Treppe hinab, und eilte an ihren Posten mit einem bestürzten, ängstlichen Schritt, der hinlänglich andeutete, wie sehr sie die Nothwendigkeit fühlte, auf einem ganz andern Schauplatz ihre Thätigkeit nun zu üben. »Steh' fest an den Pallisaden, Ruben Ring! Wirf die hinterlistigen Mörder auf ihre blutigen Gefährten, die ihnen folgen, zurück! Die Pfähle! Hier, Dudley. hier findet Deine Kraft passende Gelegenheit und ein weites Feld! Der Herr erbarme sich der Seelen der unwissenden Heiden!« Dies Geschrei mischte sich mit dem Getöse der Musketen, dem Kampfgeschrei der wilden Krieger, dem Pfeifen der Kugeln und Pfeile, mit all den andern begleitenden Tönen eines solchen Kampfes, und vereint begrüßte nun dieser furchterregende Lärm die Sinne der Ruth, als sie in den Hofraum hinaustrat. Das Thal wurde zu Zeiten durch das Abbrennen von Feuerwaffen erleuchtet, und dann ging das Getöse, der furchtbare Kriegslärm wieder mitten im tiefsten Dunkel vor sich. Zum Glück versah die junge Mannschaft des Thales mit Eifer und Genauigkeit ihren Dienst, und ließ sich bei aller dieser Verwirrung und Gefahr von der Vertheidigung nicht zurückschrecken. Ein beunruhigender Versuch, das Pfahlwerk zu ersteigen, war schon zurückgeschlagen und zwei oder drei versteckte Angriffe des Feindes vereitelt worden, so daß die Hauptmacht der Besatzung von nun an gegen den Hauptangriff verwendet werden konnte, dem sie thätig und tapfer widerstand. »Im Namen Dessen, der mit uns in jeder Gefahr ist,« rief Ruth und trat zu zwei Gestalten, die so eifrig mit ihren Anstrengungen beschäftigt waren, daß sie ihre Annäherung gar 242 nicht bemerkten, »sagt mir, wie steht der Kampf? Wo ist mein Gatte und mein Sohn? Hat es der Vorsehung gefallen, daß Jemand von den Unsrigen getroffen wurde?« »Dem Teufel hat es gefallen,« entgegnete Eben Dudley etwas unehrerbietig für einen Mann aus dieser an Ehrfurcht so gewöhnten Schule, »einen indianischen Pfeil durch Jacke und Haut in diesen meinen Arm hier zu schicken! Langsam, Fidel. Meinst Du, Mädchen, eines Mannes Haut wäre wie der Pelz eines Schafes, dem man die Wolle nach Belieben abreißen kann! Ich bin kein gebrühtes Huhn, und dieser Pfeil da ist keine Feder aus meinem Flügel! Der Herr verzeih' dem Schelm, der so übel meinem Fleisch mitgespielt; so sage ich, und Amen dazu, wie ein ächter Christ, er wird ohnedies der Gnade nöthig haben, da er einsehen muß, daß er in dieser Welt weiter nichts mehr zu hoffen hat. Nun, Fidel, ich erkenne meine Schuld gegen Deine Güte an, und laß also ferner keine beißende Rede mehr zwischen uns Statt finden. Deine Zunge sticht oft schmerzlicher als des Indianers Pfeil.« »Wessen Schuld ist's, daß alte Bekanntschaft oft in neuen, unpassenden Unterredungen übersehen worden ist? Du weißt, werde ich mit passenden Worten angeredet, kein Mädchen in der Colonie höflichere Antwort zu geben pflegt. – Fühlst Du noch Schmerz in Deinem Arm?« »Ein Pfeil mit einer Steinspitze bis in den Knochen getrieben, ist freilich etwas Anderes, als wenn Jemand mit einem Strohhalm gekitzelt wird! Ich vergebe Dir das zu viele Geplauder mit dem über dem See hergekommenen Soldaten, und alle die Seitenhiebe Deiner überfließenden Zunge unter der Bedingung, daß – –« 243 »Fort mit Dir, Du Schwätzer; Du möchtest gerne hier die ganze Nacht lang unter dem Vorwande dieser aufgeritzten Haut fortplaudern, während die Wilden an unserm Thore sind! Madame wird Deinen Thaten einen schönen Namen beilegen, wenn die andern jungen Männer die Indianer zurückgeschlagen haben, und Du immer noch innerhalb der Gebäude säumst und zögerst!« Der getäuschte, trostlose Grenzmann wollte eben in seinem Herzen die wetterwendische Laune seiner Auserwählten verwünschen, als er durch einen Seitenblick bemerkte, daß Ohren, die eigentlich der Gegenstand ihrer Unterredung nicht betraf, Gefallen daran gefunden, die Verhandlungen ihres Zwiegesprächs mit anzuhören. Schnell griff er nach der Waffe, welche er an die Mauer des Blockhauses angelehnt hatte, huschte eiligst bei der Hausfrau vorüber, und in der nächsten Minute machten sich seine Stimme und Muskete durch das allgemeine Getümmel hindurch vernehmbar. »Bringt er Kunde von den Pallisaden her?« wiederholte Ruth, zu ängstlich wünschend, der junge Mann möge auf seinen Posten zurückkehren, um ihn auf seinem Weg dahin aufzuhalten. »Was sagt er von dem Angriff?« »Die Wilden haben für ihre Kühnheit durch Verlust gebüßt, und über unser Volk ist noch wenig Schaden gekommen. Außer daß jener Stock von einem Manne so ungeschickt gewesen, seinen Arm einem Pfeil in den Weg zu halten, wüßte ich nicht, daß Jemand von unsern Leuten verletzt worden ist.« »Horch! sie ziehen sich zurück,« unterbrach sie Ruth. »Das Geschrei tönt weniger nahe, und unsere Mannschaft wird die Oberhand behalten! Geh' Du auf Deinen Posten an den Holzstößen, und sieh', daß kein Nachzügler im Hinterhalt 244 zurückbleibe, um später noch Schaden an uns zu verüben. Der Herr hat unser in seiner Barmherzigkeit nicht vergessen, und es kann noch geschehen, daß dieses Unglück von uns vorübergeht!« Das schnelle Ohr der Ruth hatte sich nicht getäuscht. Der Lärm des Angriffs zog sich allmälig von den Vertheidigungswerken zurück, und obwohl das Blitzen der Musketen und der heulende Wiederhall, der den nahen Wald durchtönte, nicht weniger häufig als früher war, zeigte es sich doch deutlich, der entscheidende Augenblick des Angriffs sei glücklich vorüber. Statt des kühnen Versuchs, den Platz durch Ueberrumpelung oder Sturm wegzunehmen, hatten jetzt die Wilden zu Hülfsmitteln ihre Zuflucht genommen, die weit methodischer waren, und obgleich dem Anschein nach nicht so schreckenerregend und furchtbar, doch vielleicht ganz eben so gewiß einen endlichen Erfolg befürchten ließen. Ruth benutzte indessen den eingetretenen Augenblick der Ruhe dazu, Diejenigen aufzusuchen, deren Wohl ihre theuerste Angelegenheit war. »Hat außer dem tapferen Dudley noch sonst Jemand bei diesem Angriff gelitten?« fragte das ängstliche Weib, als sie schnell zu einer Gruppe dunkler Gestalten trat, die auf der Spitze des Abhangs zu einer Berathung sich zusammengestellt hatten. »Hat Jemand etwa solcher Wartung und Sorgfalt Noth, wie sie nur Frauenhand zu gewähren vermag? Heathcote, Du bis unverletzt?« »Fürwahr, ein sehr gnädiger Gott hat mich behütet, denn uns blieb wenig Zeit, auf unsere eigene Sicherheit Acht zu haben. Ich fürchte, einige unserer jungen Leute haben sich der Schutzmittel nicht so sehr bedient, als die Vorsicht es erforderte.« 245 »Der unvorsichtige Marcus hat doch meine Ermahnungen nicht vergessen? Knabe, ich hoffe, Du hast nie so weit Deine Pflicht aus dem Auge verloren, daß Du Deinem Vater vorangeeilt?« »Man sieht oder denkt nur wenig an die Rothhäute, wenn der Schlachtruf ertönt und man unter den Balken der Pallisaden steht, Mutter,« entgegnete der Knabe und hielt die Hand an die Stirn, damit die Blutstropfen, die aus einer durch das Vorbeifliegen eines Pfeils zurückgelassenen Streifwunde herabträufelten, von ihr nicht gesehen werden möchten. »Ich habe mich in der Nähe meines Vaters gehalten, ob aber vor, oder hinter ihm, das hat die Finsterniß mir nicht zu bemerken erlaubt.« »Der Knabe hat sich auf eine kühne geziemende Weise benommen,« sagte der Unbekannte, »und sich als ächtes Metall von seines Großahnen Schrot und Korn bewiesen – ha! was ist das für ein Schimmer unter den Schuppen! Ein Ausfall möchte wohl nöthig sein, Deine Scheunen, Ställe und Heerden vom Untergang zu retten!« »An die Scheunen! an die Scheunen!« riefen zwei der jungen Leute von ihren verschiedenen Wachposten her. »Das Feuer wüthet in den Gebäuden!« schrie eine der Mägde, die ein ähnliches Amt unter dem Schutz des Wohnhauses zu versehen hatte. Dann folgte eine Entladung der Musketen, die alle nach dem sprühenden Lichte gerichtet waren, welches in furchtbarer Nähe von den brennbaren Vorräthen, womit die meisten der Außengebäude angefüllt worden, in die Höhe flackerte. Ein wildes Geheul und das plötzliche Verlöschen des flackernden Brandes bewiesen, daß das Zielen richtig und Verderben verbreitend gewesen. 246 »Dieser Moment darf nicht vernachlässigt werden!« rief Contentius durch das Uebermaß der Gefahr zu ungewöhnlicher Erregung aufgereizt. »Vater!« schrie er laut, »dies ist die passende Zeit, unsere volle Stärke ihnen zu zeigen!« Ein Augenblick banger Erwartung folgte auf diesen Aufruf. Das ganze Thal ward dann eben so schnell erleuchtet, als wenn ein Strom elektrischen Stoffes über seinen düstern Schooß hingeblitzt; eine Flammenschicht kam aus dem obersten Gemach des Blockhauses, und gleich darauf das Brüllen des kleinen Geschützstück's, das dort so lange in Ruhe gestanden hatte. Das Rasseln des Schusses in den Einzäunungen und das Zersplittern des Holzes erfolgte. Fünfzig dunkle Gestalten sah man bei dem vorübergehenden Lichte aus den Außengebäuden in einem Schrecken herausstürzen, der ihrer Unwissenheit ganz angemessen war, und mit einer Eile davon fliehen, die mit ihrem Schrecken im Verhältniß stand. Der Augenblick war günstig. Contentius winkte schweigend Ruben Ring; sie schritten zusammen durch die Pforte, und verschwanden in der Richtung nach den Scheunen zu. Die Dauer ihrer Abwesenheit war eine Zeit voller Besorgnisse für Ruth; ja selbst für Diejenigen, deren Nerven gestählter waren, war sie nicht frei von Angst. Einige Augenblicke jedoch reichten hin, diese Gefühle zu beseitigen, denn die Abenteurer kehrten sicher und unverletzt, und eben so schweigend wieder zurück, wie sie die Vertheidigungwerke verlassen hatten. Das Trampeln des Viehs auf der gefrornen Schneekruste, das Wiehern der Pferde und das Gebrülle der erschreckten Rinderherden als diese Thiere sich über die Felder hin zerstreuten, verkündeten bald den Zweck, weshalb man sich der Gefahren ausgesetzt. »Komm herein,« flüsterte Ruth, welche die Pforte in ihrer 247 eigenen Hand hielt, »tritt ein um's Himmelswillen. Du hast jedem Huf seine Freiheit gegeben, so daß nichts Lebendiges in den Flammen umkommt, nicht wahr?« »Allen, und in der That nicht zu früh – denn, sieh, der Feuerbrand ist schon wieder an seinem zerstörenden Werk!« Contentius hatte große Ursache, sich zu seiner gelungenen Unternehmung Glück zu wünschen, denn selbst während er noch sprach, sah man halb versteckte Fackeln, die, wie gewöhnlich, aus angezündeten Kienbündeln bestanden, wieder über die Felder herstrahlen, die sich augenscheinlich den Außengebäuden auf solchen Umwegen und verdeckten Pfaden näherten, wie sie am besten geeignet sein mochten, um Die, welche sie trugen, vor dem Schießen der Besatzung zu schützen. Eine endliche und allgemeine Anstrengung erfolgte nun, um die Gefahr aufzuhalten. Die Musketen der Mannschaft waren in Thätigkeit, und mehr als einmal sprühte aus der Citadelle des greisen, ernsten Puritaners ein Flammenstrom hervor, um den gefährlichen Besuch zurückzuweisen. Einige Töne des Schreckens der in ihren Hoffnungen getäuschten Wilden, und hier und da ein Laut des körperlichen Schmerzes, verkündeten den Erfolg dieser Entladungen, aber obgleich die meisten jener, die sich den Scheunen genaht, entweder voll Furcht zurückgetrieben wurden, oder ihre Kühnheit schwer büßen mußten, fand doch Einer von ihnen, der entweder vorsichtiger oder geübter als seine Genossen gewesen, Mittel, sein Vorhaben in's Werk zu setzen. Das Feuern hatte aufgehört, und die Belagerten wünschten sich Glück zu ihrem Erfolg, als plötzlich ein Licht über die Felder erglänzte, und in demselben Augenblicke eine Flammenschicht vom Weizenschuppen heraus bis zu dessen Spitze hinanwirbelte, mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit das 248 leicht entzündbare Getreide in ihren wilden Strom verhüllend. Gegen diese Verheerung gab es kein Rettungsmittel. Die Scheunen und die Vorhöfe, die so eben noch in der allgemeinen Finsterniß der Nachtstunde dagelegen, wurden mit einem Male erleuchtet, und das Leben würde die Sühne für jeden von beiden Theilen gewesen sein, der es gewagt hätte, seine Person dem hellen Glanze der Feuersbrunst auszusetzen. Die Grenzbewohner waren bald genöthigt, sich in die Schatten des Hügels zurückzuziehen und den Schutz aufzusuchen, wie ihn das Pfahlwerk darbot, um dadurch zu vermeiden, dem Pfeil oder der Kugel zum Ziel zu werden. »Das ist ein trauriger Anblick für einen Mann, welcher in Frieden mit aller Welt und voll dankbarer Liebe gegen den Höchsten seine Ernte eingebracht hat!« sagte Contentius zu der Bebenden, die krampfhaft seinen Arm festhielt, als die Flammen in den durch die Hitze erhöhten Luftzügen dahinflutheten, und ein- oder zweimal über das Dach eines Schuppens streichend, einen Theil ihres Feuerstroms heimtückisch längs der hölzernen Decke eindringen ließen. «Das Einsammeln eines gesegneten Herbstes geht jetzt in Rauch auf, und das von dem Brande dieser verfl – –« »Still, Heathcote! Was ist Wohlhabenheit oder die Fülle Deiner Scheunen gegen das, was Dir noch übrig bleibt? Unterdrücke dieses Murren Deines Geistes und preise Gott, daß er uns unsere geliebten Kleinen läßt und Sicherheit in unserer Wohnung!« »Du sprichst wahr,« entgegnete ihr Gatte, und bemühte sich, die ruhige Ergebung seiner Frau nachzuahmen. »Was sind auch die Schätze der Welt, in die Wagschale gelegt, gegen den Frieden der Seele – – ha! dieser böse Windstoß 249 vollendet die Vernichtung unserer Ernte! Das wilde Element ist schon im Herzen unserer Scheunen!« Ruth erwiderte nichts; denn wenn sie auch weniger von weltlichen Sorgen bewegt wurde, als ihr Gatte, beunruhigte sie doch der furchtbare Fortgang des Brandes durch ein ängstliches Gefühl von persönlicher Gefahr. Die Flammen waren von Dach zu Dach geschritten, und da sie überall auf Stoffe von der brennbarsten Art stießen, brach eben die ganze ausgedehnte Reihe von Scheunen, Schuppen, Fruchtböden, Krippen und Außengebäuden in den Glanz eines Feuerstroms aus. Bis zu diesem Augenblick hatte bange Erwartung mit Hoffnung auf der einen Seite, und Furcht auf der andern, beide Theile zu stummen, staunenden Zuschauern bei diesem Auftritt gemacht. Aber Triumphgeheul verkündete bald die Lust, womit die Indianer Zeugen waren von der gänzlichen Erfüllung ihres feindlichen, verruchten Planes. Diesem Ausbruch des Entzückens folgte bald ein Kampfgeheul und ein dritter Angriff. Den Kämpfenden leuchtete Mittagshelle, obgleich keine natürliche. Angefeuert durch die Aussicht auf Erfolg, die ihnen der Brand gewährte, stürzten die Wilden gegen die Pallisaden mit größerer Kühnheit los, als sie sonst bei ihrer vorsichtigen Weise des Kriegsführens zu zeigen pflegten. Einen breiten Schatten warf der Hügel und seine Gebäude über die Felder auf der der Flamme entgegengesetzten Seite, und durch diesen Gürtel von vergleichungsweise finsterm Lande bahnten sich die Wildesten der Rotte ungestraft einen Weg bis an die Pallisaden. Ihre Gegenwart wurde durch das Freudenjauchzen angekündigt, denn zu viel neugierige Augen hatten die furchtbare Schönheit des Brandes eingesogen, um ihr Nahen 250 eher zu bemerken, so daß der Angriff, ohne daß sie sich's versahen, nahe daran war zu gelingen. Das Hineilen zur Vertheidigung, zum Zurückdrängen der Feinde, erfolgte nun stürmisch und beinahe ohne Ueberlegung. Das Gewehrfeuer wurde unnütz, da die Ballen und das Pfahlwerk eben so sehr den Angreifenden, als den Angegriffenen zur Brustwehr und zum Schutze dienten. Es entspann sich ein Ringen, Mann gegen Mann, worin die größere Anzahl vielleicht die Oberhand behalten, wenn nicht zum Glück der schwächere Theil nur vertheidigend zu Werke zu gehen gehabt hätte. Durch die Pallisaden hindurch wurden Messerstiche schnell gewechselt, und zu Zeiten hörte man auch das Entladen einer Muskete oder das Schwirren des Bogens. »Wacker bei den Pallisaden geblieben, Leute,« rief der Fremde mitten in dem wilden Ringen in tiefen Tönen und mit jener alles beherrschenden, Muth einflößenden Munterkeit, welche nur durch ein großes Vertrauen mit Gefahren gewonnen wird. »Bleibt bei den Vertheidigungen, dann sind sie unersteiglich. Ha, Du hast's gut gemeint, Freund Wilder,« murmelte er zwischen den Zähnen, als er mit eigener Gefahr mit der einen Hand einen Stoß abwehrte, der nach seiner Kehle gerichtet worden, während er mit der andern den Krieger ergriff, der den Stoß nach ihm geführt, und seine nackte Brust mit der Gewalt eines Riesen ganz an die Oeffnung zwischen den Balken zog, und dann seine eigene scharfe Klinge bis an das Heft in seinen Körper vergrub. Die Augen des Opfers verdrehten sich wild, und als die eiserne Hand, die ihn an dem Holze, mit der Kraft einer Klammer festhielt, ihren Fang losließ, fiel er regungslos zu Boden. Diesem Fall folgte das gewohnte Geschrei der Entmuthigung, und 251 dann verschwanden die Angreifenden eben so schnell als sie sich genähert hatten. »Gott sei gepriesen, daß wir uns dieses Siegs zu erfreuen haben!« sagte Contentius und zählte mit ängstlichem Auge seine Leute, als Alle sich wieder auf ihrem Standpunkte an dem Hügel versammelt hatten, wo, von dem sprühenden Licht begünstigt, sie mit vergleichungsweise größerer Sicherheit die der Gefahr mehr ausgesetzten Theile ihrer Festungswerke übersehen konnten. »Die Unsrigen sind vollzählig, obgleich ich glaube, daß Viele verwundet sind.« Das Schweigen und die Beschäftigung der Umstehenden, von denen die meisten ihr Blut zu stillen suchten, war eine hinlängliche deutliche Antwort. »Hst, Vater,« sagte der scharfsichtige und beobachtende junge Marcus, »dort an den Pallisaden, ganz nahe am Thor weilt noch Einer. Es ist ein Wilder, oder sehe ich dort in dem Feld unten einen bloßen Baumstumpf?« Aller Augen folgten der Richtung, welche der Sprechende mit der Hand bezeichnete, und man sah dort wirklich Etwas, was sich an der innern Seite eines der Balken festhielt, und was eine in die Augen fallende Aehnlichkeit mit der Gestalt eines Menschen hatte. Der Theil des Pfahlwerks, woran die scheinbare Gestalt hing, lag mehr im Dunkeln, als der übrige Theil der Vertheidigungen, und die Zweifel über die Art und Natur dieses unbekannten Gegenstandes beschränkten sich nicht allein auf den scharfsichtigen Knaben, der zuerst sein Dasein entdeckt hatte. »Wer hängt dort an unsern Pallisaden?« rief Eben Dudley. »Sprich, damit wir einem Freunde kein Uebel zufügen!« Das Holz selbst war nicht unbeweglicher, als der dunkle 252 Gegenstand, bis der Schuß aus des Grenzmannes Muskete gehört wurde, dann fiel er polternd gleich einer unempfindlichen Masse auf den Boden herab. »Vom Baum gestürzt wie ein getroffener Bär! Leben war darin, sonst hätte meine Kugel nicht habe machen können, daß es seinen Halt fahren ließ!« rief Dudley etwas frohlockend, als er den Erfolg seines Schusses sah. »Ich will hingehen und sehen, ob es gänzlich mit ihm vorüber ist – –« der Mund des jungen Marcus ward von der Hand des Fremden zugehalten, der ganz ruhig bemerkte: »Ich selbst will sehen, was aus dem Heiden geworden ist.« Er schickte sich eben an, zur Stelle hinzuschreiten, als der vermeintliche Todte oder Verwundete mit einem Geschrei, welches weithin längst der ganzen Waldgrenze den Wiederhall weckte, auf seine Beine sprang und mit hohen, munteren Sprüngen hinein in das Wohngebäude eilte. Zwei oder drei Musketen sandten ihre Flammenschichten über seinen Pfad hin, aber dem Anschein nach ohne Erfolg. Die Sprünge des unverletzten Wilden waren so beschaffen, daß sie das Ziel des Feuergewehrs unsicher machten, und unverletzt erhob er ein Triumphgeschrei und verschwand um die Ecke des Hauses. Sein Ruf ward verstanden, denn entgegnendes Schlachtgeschrei vernahm man in den Feldern und der Feind außen sammelte sich nochmals zum Angriff. »Hier darf kein Augenblick verloren werden,« sagte der, welcher mehr durch seine Geistesgegenwart und sein gebietendes Aeußere, als durch sonst einen bekannten Anspruch auf den Oberbefehl unmerklich so großes Ansehen bei den wichtigen Anstrengungen jener Nacht erlangt hatte. »Ein Indianer innerhalb unserer Befestigung könnte schnell Vernichtung über 253 die Besatzung bringen. Die Pforte könnte zu einem Einbruch geöffnet werden – –« »Ein dreifaches Schloß verwahrt sie,« fiel Contentius ein. »Der Schlüssel liegt an einem Ort, wo Niemand, außer den Unsrigen, ihn finden kann.« »Und glücklicher Weise sind die Mittel, die geheime Pforte zu öffnen, in meinem Besitz;« murmelte der Andere leise. »In so weit ist Alles gut, aber der Feuerbrand, der Feuerbrand! Die Mädchen müssen auf die Feuer und Lichter Acht haben, während die junge Mannschaft das Pfahlwerk vertheidigt, da dieser Angriff keinen weitern Aufschub zuläßt!« Nach diesen Worten gab er selbst den Andern ein Beispiel seines Muthes, indem er voran auf seinen Posten an den Pallisaden ging, die er von seinen Gefährten unterstützte, gegen das Herannahen der Feinde vertheidigte, und zwar unter Pfeil- und Kugelregen, welcher indessen mehr aus der Entfernung kam, doch nicht minder gefährlich für die Leute war, welche auf der Seite des Abhanges standen, als der, welchen der Feind vorher gegen die Besatzung geschleudert hatte. In der Zwischenzeit berief Ruth ihre Untergebenen und eilte zur Erfüllung der Pflicht, die man ihr eben aufgegeben. Wasser wurde freigebig über alle Feuer gegossen, und da der immer noch draußen wüthende Brand fortfuhr, weit mehr Licht, als man brauchte oder wünschte, über die ganze Gegend zu verbreiten, so trug man Sorge, jede Fackel, jedes Licht, was man etwa im Lärm der Schlacht hätte in seiner Stelle fortglühen lassen können, aus der ganzen ausgedehnten Reihe der Wohnungen und Wirthschaftsgebäuden auszulöschen. 254   Vierzehntes Kapitel. Du milde, angstbesorgte Mutter – Verlass' ihn nicht so bald! Kannst, Güt'ge Du, o kannst Du von ihm scheiden, Jetzt, wo Verzweiflung sich ihm naht und Tod, Und keinen Blick, den Mutterliebe bot – – Um's Himmels willen, bleib. Dana.           Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, kehrten die Mägde an die ihnen angewiesenen verschiedenen Spählöcher zurück, und Ruth, deren Amt es war, in Augenblicken der Gefahr die allgemeine Oberaufsicht zu führen, blieb allein ihren Betrachtungen und der Uebung aller Pflichten einer Wachsamkeit überlassen, zu welcher Furcht sie antrieb. Es ließ sie nicht mehr ruhen in den inneren Gemächern, daher näherte sie sich der in den Hofraum führenden Thüre, und verlor für einen Augenblick, dem furchtbar erhabenen Schauspiel gegenüber, das sie umgab, alle ihre unmittelbaren, drängenderen Besorgnisse aus den Gedanken. Um diese Zeit stand die ganze weitausgedehnte Reihe der Außengebäude, welche, wie dies in den Colonieen gewöhnlich war, aus sehr brennbarem Stoff und ohne alle Rücksicht auf 255 Holzersparung erbaut worden, in einem wogenden Flammenmeer. Trotz der Stellung der Zwischenhäuser, fuhr breiter Lichtglanz beständig über den Hof selbst, auf dessen Fläche sie im Stande war, den geringsten Gegenstand zu unterscheiden, während der Himmel mit einem düstern, schmutzigen Roth überzogen war. Durch die freieren Stellen hindurch, welche die viereckige Festung an den Punkten zwischen den Gebäuden darbot, konnte sie auf die Felder hinausblicken, und da machte sie die traurige Entdeckung, daß die Wilden, fest bei ihrem Entschlusse beharrend, ohne vollständige Erreichung ihres Zweckes, nicht von dannen weichen würden. Finstere, grimmig aussehende, fast nackte Gestalten sah man von einem Versteck zum andern hineilen, während sich kein Baumstumpf, kein Balken in der Entfernung eines Pfeilschusses von den Vertheidigungen vorfand, welcher nicht die hohe Gestalt eines kühnen, unermüdlichen Feindes versteckt und geschützt hätte. Es waren unverkennbar mehrere Hunderte von Indianern vorhanden, und da die Angriffe, nachdem der Ueberfall fehlgeschlagen, immer fortgesetzt wurden, so war es nur zu augenscheinlich, daß sie den Sieg selbst mit einiger Gefahr für sich selbst zu erstreben entschlossen seien. Keine von den gewöhnlichen Mitteln, die Schrecken des Auftritts noch zu vermehren, wurden vernachlässigt. Kriegsgeschrei und wildes Geheul hallten unaufhörlich rings um die ganze Stelle herum, während die lauten und oft wiederholten Töne einer Muschel die List verriethen, welche die Wilden während des erstern Theils der Nacht so oft angewandt hatten, um die Besatzung aus ihren Pallisaden herauszulocken. Einige vereinzelte Schüsse, welche mit Ueberlegung und nach scharfem Zielen aus jedem entblößteren Punkt 256 innerhalb der Befestigungen abgedrückt, bewiesen, daß die Belagerten sich mit eben so vieler Wachsamkeit als Besonnenheit vertheidigten. Die kleine Kanone im Blockhause schwieg; denn der Puritaner kannte zu gut ihre eigentliche Kraft, um ihren Ruf durch einen zu häufigen Gebrauch zu verringern und herabzusetzen. Diese Waffe wurde daher für jene Augenblicke drängender Gefahr aufgespart, von denen er nur zu gewiß war, daß sie nicht ausbleiben würden. So war die Scene beschaffen, welche Ruth's furchtsame und traurige Blicke fesselte. Die lang erhaltene, ländliche Ruhe und Sicherheit ihres Aufenthaltes war gewaltsam gestört worden, und an die Stelle einer Ruhe, die sich so weit, als es nur immer auf Erden geschehen mag, jenem heiligen Frieden genähert hatte, nach dem ihr Geist so sehr verlangte und strebte, – an die Stelle dieser Ruhe war das furchtbarste Schauspiel menschlicher Schrecken getreten, und diesem sah sie sich und Alle, welche sie am meisten liebte, mit einem Male entgegengestellt. Ein solcher Augenblick war wohlgeeignet, die Gefühle einer Mutter anzuregen, und ehe sie nur Zeit gehabt, darüber nachzudenken, eilte die Hausfrau, von dem Licht des Brandes dabei unterstützt, schnell durch das Labyrinth von Gängen nach dem Zimmer hin, wo sie ihre Kinder geborgen glaubte. »Ihr habt Euch doch meines Gebots erinnert, und Euch gehütet, auf die Felder hinauszusehen, meine Kinder,« sagte die beinahe athemlose Frau, als sie in die Stube trat. »Seid dankbar, meine Kleinen; bis jetzt sind die Bemühungen der Wilden vergebens und eitel gewesen, noch sind wir Herren unserer Wohnung.« »Warum ist denn die Nacht so roth? Komm hierher, 257 Mutter, dort kannst Du bis in den Wald sehen, als wenn die Sonne schiene!« »Die Heiden haben unsere Scheunen angezündet, und was Du siehst, ist der Schein der Flammen. Aber zum Glück vermögen sie nicht, die Wohnung in Brand zu setzen, so lange Dein Vater und seine Mannschaft die Waffen führt. Wir müssen für diese Sicherheit, so schwach, wie sie scheint, dankbar sein. Gewiß, meine Ruth, Du warst auf Deinen Knieen und gedachtest in Deinem Gebete Deines Vaters und Deines Bruders, nicht wahr?« »Ich will es nochmals thun, Mutter,« flüsterte das Kind, fiel auf seine Kniee nieder, und hüllte seine jugendlichen Gesichtszüge in die Gewänder der Mutter. »Warum Dein Antlitz verbergen? Wer so jung und unschuldig ist wie Du, darf seine Augen voll Vertrauen zum Himmel emporheben!« »Mutter, ich sehe den Indianer, wenn ich das Gesicht nicht verberge. Ich fürchte, er schaut mich mit dem Wunsche an, uns ein Leid zuzufügen.« »Du bist ungerecht gegen Miantonimoh, mein Kind,« antwortete Ruth und warf ihr Auge schnell um sich, den Jüngling zu suchen, der bescheiden in einen fernen, dunkeln Winkel des Zimmers sich zurückgezogen hatte. »Ich ließ ihn als Deinen Beschützer bei Dir, und nicht, weil ich gewünscht, daß er Dich verletzen möge. Nun denke an Deinen Gott, Kind,« fuhr sie fort und drückte einen Kuß auf die marmorkalte Stirn ihrer Tochter; »vertraue seiner Güte. – Miantonimoh, ich gehe und überlasse Dir wieder das Amt, ihr Vertheidiger zu sein.« Mit diesen Worten schritt sie, ihre Tochter verlassend, auf den Jüngling zu. 258 »Mutter,« schrie das Mädchen, »komm zu mir, oder ich sterbe!« Mit der Schnelligkeit des Instinkts wandte Ruth sich von dem ihr zuhörenden Gefangenen, und ein Blick reichte hin, ihr die ganze Gefahr zu zeigen, in welcher ihr Kind schwebte. Ein nackter Wilder, finster, von mächtiger Gestalt und furchtbar anzusehen in der grauenerregenden, durch Farben hervorgebrachten Entstellung eines indianischen Kriegers, stand vor dem Kinde und wandte das seidene Haar des Mädchens um die eine Hand, während er schon die funkelnde Streitaxt über das Haupt schwang, das unvermeidlich dem Tode geweiht schien. »Gnade! o Gnade!« schrie Ruth heiser vor Entsetzen und fiel auf ihre Kniee, eben so sehr aus Unvermögen, zu stehen, als in der Absicht, ihre Bitte eindringender zu machen. »Ungeheuer, tödte mich, doch schone das Kind!« Die Augen des Indianers fuhren über die Gestalt der Sprechenden hin; aber es geschah dies mit einem Ausdruck, der eher die Anzahl seiner Opfer zu zählen schien, als daß er eine Aenderung in seinem Plane angedeutet. Mit einer teuflischen Kaltblütigkeit, welche viele Erfahrung in diesem erbarmungslosen Geschäfte verrieth, schwang er nochmals das zitternde, aber sprachlose Kind in die Luft und schickte sich an, die Waffe mit einer entsetzlichen Sicherheit nach ihrem Ziele zu richten. Schon hatte der Tomahawk den letzten Kreis beschrieben, und ein Augenblick würde das Schicksal des Opfers entschieden haben, als der gefangene Jüngling vor dem furchtbaren Krieger, der schreckhaften Hauptperson in diesem empörenden Auftritt, mit einem Male, wie der Erde entstiegen da stand. Durch eine schnelle, vorwärts gerichtete Bewegung 259 seines Armes wurde der Schlag aufgehalten; der tiefe Kehlton, ein Ausruf, der das Staunen eines Indianers verräth, brach aus der Brust des Wilden hervor, während seine Hand an seine Seite fiel und die bis jetzt schwebend gehaltene Gestalt des Kindes nochmals vergönnte, den Boden zu berühren. Der Blick und die Geberde, mit welcher der Jüngling dazwischen getreten, drückte eher Ansehen und Macht, als Unwille und Abscheu aus. Sein Aeußeres war ruhig, gesammelt, und, wie aus der Wirkung hervorging, Gehorsam erzwingend, wenn nicht Ehrfurcht einflößend. »Geh,« sagte er in der Sprache des unzähmbaren Volkes, von dem er abstammte, »die Krieger der blassen Leute rufen Dich bei'm Namen!« »Der Schnee ist roth vom Blut unserer jungen Streiter,« antwortete der Andere grimmig, »und noch hängt kein Schädel an dem Gürtel der Unsrigen.« »Diese sind mein,« entgegnete der Jüngling mit Würde und reckte den Arm, während er sprach, auf eine Weise aus, welche zeigte, daß er seinen Schutz auf alle Gegenwärtige ausdehnte. Der Krieger schaute voll Grimm um sich, so, als sei er nur halb überzeugt. Er hatte sich zu furchtbarer Gefahr ausgesetzt, indem er innerhalb der Befestigungen sich eingeschlichen, um leicht von seinem Vorhaben abgebracht werden zu können. »Horch!« fuhr er nach kurzer Pause fort, in der das Geschütz des Puritaners nochmals in den Aufruhr der Schlacht draußen herabgebrüllt hatte, »horch, der Donner ist mit den Yengihs! Unsere Weiber würden einen andern Weg sehen, und uns Pequod's schimpfen, fänden sich keine Häute an unserem Gürtel.« 260 Einen einzigen Augenblick nur veränderte sich die Gesichtsfarbe des Jünglings und sein Entschluß schien zu wanken. Der Andere, der seine Augen mit verlangender Gier beobachtet hatte, ergriff nochmals sein Opfer bei den Haaren, da schrie Ruth in dem Tone der Verzweiflung: »Knabe! Knabe! wenn Du nicht mit uns bist, so hat Gott uns verlassen!« »Sie ist mein,« ertönte es nochmals stolz auf den Lippen des Jünglings. »Höre auf meine Worte, Wompahwisset; das Blut meines Vaters fließt sehr heiß in mir!« Der Andere hielt inne, und abermals unterblieb der Todesstreich. Die starrenden Augen des Wilden blieben fest auf die stolze Gestalt und das ernste Antlitz des jungen Helden gerichtet, dessen aufgehobene Hand unverzügliche Strafe zu drohen schien, wenn er wagte, seine Vermittelung nicht zu achten. Die Lippen des Kriegers öffneten sich, und das Wort Miantanimoh ward so sanft und leise ausgesprochen, als wenn es in ihm ein Gefühl des Kummers erregte. Dann als ein plötzlicher Ausbruch von Geschrei das Flammengetöse übertäubte, ließ der wilde Indianer das zitternde und fast bewußtlose Kind fahren, kehrte um und sprang davon, gleich einem Bluthunde, den man auf eine frische Blutspur losgelassen. »Knabe! o Knabe!« stammelte die Mutter, »sei Du Heide oder Christ, es gibt Einen, der Dich einst segnen wird.« Mit schneller Bewegung der Hand unterbrach er den Ausdruck ihres Dankes, wies auf die Gestalt des sich entfernenden Wilden und führte dann einen Finger um sein eigenes Haupt. Schon dieses Zeichen war deutlich genug, allein 261 unschüttert und mit dem ernsten Nachdruck eines Indianers sprach er dabei die entsetzlichen Worte aus: »Das junge Blaßgesicht hat einen Schädel!« Ruth hörte nicht mehr. Mit instinktmäßiger Schnelligkeit, jedes Gefühl ihrer Seele fast bist zum Wahnsinn gesteigert, stürzte sie hinab, um ihren Marcus vor der Hinterlist eines so furchtbaren und überlegenen Feindes zu warnen. Ihr Schritt wurde nur noch einen Augenblick in den leeren Zimmern vernommen, dann nahm der Indianerjüngling, dessen Standhaftigkeit und Ansehen sich eben so augenscheinlich zu Gunsten der Kinder erwiesen hatte, seine nachdenkende Stellung wieder ein, ganz so ruhig, als wenn er gar nicht weiter Theil an den furchtbaren Begebenheiten der Nacht nehme. Die Lage der Besatzung war jetzt in der That im höchsten Grade schwierig. Ein Feuerstrom hatte sich von dem vordern Ende der Außengebäude bis zu dem den Vertheidigungswerken zunächst stehenden fortgewälzt, und da ein Gebäude nach dem andern unter seiner wilden Kraft dahinsank, wurden die Pallisaden fast bis zum Entzünden erhitzt. Der durch diese drohende Gefahr hervorgebrachte Schreckensruf war schon ergangen, und als Ruth in den Hof hinaustrat, wollte eben eine der Mägde, dem Anschein nach mit einer Botschaft von der größten Wichtigkeit an ihr vorüber eilen. »Hast Du ihn gesehen?« fragte die athemlose Mutter und hielt die Schritte des schnell hineilenden Mädchens auf. »Nicht, seit die Wilden ihren letzten Angriff machten; aber ich stehe dafür, man wird ihn an den westlichen Schießlöchern finden, wo er die Vertheidigungswerke gegen den Feind schützt!« »Er wird sich doch nicht in die vordersten Reihen der 262 Streiter gewagt haben! Von wem sprichst Du, Fidel? Ich frage Dich nach Marcus. Es wüthet selbst jetzt noch ein Indianer innerhalb der Pallisaden herum und sucht ein Opfer.« »Ich hatte wirklich geglaubt, Sie fragten nach . . . . der Knabe ist bei seinem Vater und dem fremden Krieger, der so tapfere Taten für uns vollbringt. Ich habe keinen Feind innerhalb der Pallisaden gesehen, Madame Heathcote, seitdem jener Mann sich herein geschlichen hat, der, von den Mächten der Finsterniß begünstigt, dem Schuß von Eben Dudley's Muskete entging.« »Sollte dies Unglück doch noch an uns vorübergehen?« begann Ruth wieder und athmete freier, da sie nun wußte, daß ihr Sohn unversehrt war, »oder verhüllt noch die Vorsehung ihr Antlitz im Zorne?« »Wir behaupten noch unsere Stellung, obgleich die Wilden unsern jungen Männern auf's Aeußerste zugesetzt haben. O, es erfreute das Herz, es mit anzusehen, welchen tapferen Stand Ruben Ring und Andere in seiner Nähe für unsere Sicherheit hielten. Ich glaube wirklich, Madame Heathcote, daß bei alle dem wahre Männlichkeit in dem Schwätzer Dudley ist. In der That, der Junge hat Wunder der Tapferkeit gethan, als er sich beim Angriffe der Wilden der größten Gefahr aussetzte. Zwanzigmal schon glaubte ich diese Nacht, er würde getödtet werden.« »Und der dort liegt?« sprach die entsetzte Ruth mit halb erstickter Stimme, indem sie auf eine Stelle in ihrer Nähe hindeutete, wo abseits von den kriegerischen Bewegungen Derer, die noch im lärmenden Kampfe begriffen waren, einer auf dem Boden hingestreckt lag; »wer ist gefallen?« 263 Fidel's Wange erbleichte zu einer Weiße, die fast der der Leinwand gleich kam, welche selbst in dem Wirrwarr eines solchen Auftritts irgend eine freundliche Hand noch Zeit gefunden hatte in gebührender Betrübniß über die Gestalt hinzuwerfen. »Der!« sagte das erbebende Mädchen, »obgleich verletzt und blutend, behauptet doch mein Bruder Ruben sicher immer noch das Schießloch an dem westlichen Winkel; auch fehlte es Whittal nicht an dem nöthigen Verstande, um sich vor der Gefahr zu hüten. – Auch der Fremde kann es nicht sein; denn im Schutze der Brustwehr an der Pforte hält er Rath mit dem jungen Capitain.« »Bist Du dessen gewiß, Mädchen?« »Ich sah sie Beide vor einem Augenblick. Wollte Gott, wir könnten das Geschrei des lärmenden Dudley vernehmen. Madame Heathcote; sein Geschrei ermuthigt in einem Augenblicke, furchtbar wie dieser, das Herz.« »Hebe das Tuch auf,« sagte Ruth gelassen und feierlich; »damit wir erfahren, welcher von unseren Freunden zu der großen Rechenschaft abberufen worden ist.« Fidel zögerte, und als mit einer mächtigen Anstrengung, wobei eine geheime Neugierde so großen Einfluß hatte, als ihr Gehorsam, sie endlich folgte, geschah es mit einer Art verzweifelter Entschlossenheit. Als sie die Leinwand aufgehoben, sahen die beiden weiblichen Wesen auf das blasse Antlitz eines Mannes, den ein Pfeil mit einer Eisenspitze durchbohrt hatte. Das Mädchen ließ das Tuch wieder fallen, und rief mit einer Stimme, die, gleich dem Ausbruch eines überwältigenden Gefühls, sich aus ihr emporarbeitete: »Es ist Niemand weiter, als der Jüngling, der vor noch 264 nicht langer Zeit zu uns gekommen ist. Wir haben also wenigstens keinen unserer älteren Freunde verloren.« »Es ist Einer, der für unsere Sicherheit gestorben. Viel von den Gütern dieser Welt wollte ich darum geben, wenn uns dieser Todesfall nicht zugestoßen, oder wenn man ihm mehr Zeit zu der letzten furchtbaren Abrechnung gelassen. Aber wir dürfen die Zeit nicht mit Trauern verlieren. Beeile Dich, Mädchen, und gib den Lärmruf, daß ein Wilder innerhalb unserer Wälle herumspäht, und daß er uns im Geheim einen Streich zu versetzen strebt. Heiße alle vorsichtig sein. Wenn der junge Marcus Dir in den Weg kommen sollte, dann schärfe ihm das Dasein von Gefahr mehr als einmal ein. Das Kind hat einen vorwitzigen Sinn, und könnte vielleicht auf zu flüchtig gesprochene Worte nicht hören.« Mit diesem Auftrag verließ Ruth ihre Magd, und während diese forteilte, um die nöthige Warnung zu ertheilen, suchte die Andere die Stelle auf, wie sie, nach der eben eingezogenen Erkundigung, Grund hatte zu glauben, daß ihr Gatte sich dort befinde. Contentius und der Fremde waren zu einer Berathung zusammengetreten, welche die Gefahr zum Gegenstande hatte, die ihre wichtigsten Vertheidigungsmittel mit Vernichtung bedrohte. Die Wilden selbst schienen einzusehen, daß die Flammen für sie arbeiteten, denn ihre Anstrengungen ließen merklich nach, und da sie schon zu sehr gelitten hatten, als sie versuchten, die Besatzung zu überwältigen, hatten sie sich jetzt in ihre verdeckten Plätze zurückgezogen, wo sie den Augenblick abwarteten, der ihnen sagen würde, daß ihr verschmitzter Anschlag gediehen sei; und daß sie sich mit größeren Aussichten 265 auf Erfolg wieder zu einem neuen Angriff zusammenziehen könnten. Einige kurze Erklärungen reichten hin, Ruth mit der drohenden Gefahr ihrer Lage bekannt zu machen. Das Gefühl größerer Schrecken ließ sie vergessen, weshalb sie eigentlich gekommen war, und mit getrübten, sorgenvollem Augen stand sie, wie ihre Gefährten, in ohnmächtiger Hülflosigkeit da, eine halb träumende Zuschauerin des Fortgangs der Verheerung. »Ein Soldat sollte nicht in unnützen Klagen viele Worte verlieren,« bemerkte der Fremde, und faltete die Hände, als sähe er ein, menschliche Anstrengungen vermöchten jetzt nichts mehr; »sonst würde ich sagen, es sei zu bedauern, daß der, welcher diese Pallisadenreihen zog, nicht an die Vortheile gedacht hat, die ein Graben gewährt.« »Ich will die Mägde an die Brunnen rufen,« sagte Ruth. »Das wird uns nichts helfen. Die Pfeile würden sie dort erreichen, und kann kein Sterblicher lange die Hitze jenes Brandes aushalten. Du siehst, die Balken rauchen und schwärzen sich schon unter den mächtigen Einflüssen des Brandes.« Noch sprach der Fremde, als eine kleine zitternde Flamme an den Winkeln der Pallisaden, die dem brennenden Gebäude zu nächst standen, zu spielen begann. Das mächtige Element fluthete nun in einer wogenden Linie längst den Spitzen des erhitzten Holzes hin, worauf es sich über die ganze Fläche der Balkenmasse ausdehnte, von ihrem breiteren Untertheile an bis zu dem zugespitzten Ende. Als wenn dies nur ein Zeichen zu der allgemeinen Verheerung gewesen, entzündeten sich jetzt die Flammen an fünfzig Stellen in demselben 266 Augenblicke, und dann war die ganze, dem Brand am nächsten stehende Linie des Pfahlwerks von Feuer bedeckt. Ein Triumphgeheul erhob sich in den Feldern, und ein Schauer von Pfeilen, der wild auf die Vertheidigungswerke herabhagelte, verkündete die wilde Ungeduld Derjenigen, welche auf die Verbreitung und das Wachsthum der Feuersbrunst warteten. »Wir werden zu unserm Blockhaus getrieben werden,« sagte Contentius. »Versammle Deine Mägde, Ruth, und treffe eilig Vorkehrungen zu unserem letzten Rückzug!« »Ich gehe; aber wage nicht Dein Leben in einem eiteln Versuch, den Fortgang der Flammen zu hemmen. Noch ist hinlänglich Zeit zu Allem, was wir zu unserer Sicherheit bedürfen.« »Das ist nicht so ganz ausgemacht,« bemerkte plötzlich der Fremde mit einiger Unruhe. »Hier zeigt sich der Angriff in einer neuen Gestalt!« Ruth blieb versteinert stehen. Als sie aufwärts blickte, sah sie den Gegenstand, der den Unbekannten zu dieser Bemerkung veranlaßt hatte. Ein kleiner glänzender Feuerball hatte sich von den Feldern aus erhoben und flog, einen Bogen in der Luft beschreibend, über ihre Häupter hin, bis er auf die Dachschindeln eines Gebäudes fiel, welches einen Theil des im innern Hofraume befindlichen Vierecks bildete. Seine Bewegung war die eines Pfeils, der von einem fernen Bogen abgeschossen worden, und sein Flug wurde von einem langen Lichtschweif bezeichnet, der, gleich einem sprühenden Meteor, seinem Lauf folgte. Dieser brennende Pfeil war mit kalter, geübter Genauigkeit abgesandt worden. Er leuchtete auf einem Theil der brennbaren Dachbekleidung, die fast so entzündlich war, als Schießpulver, und kaum war es dem 267 Auge gelungen, ihn bis zu seinem Fall zu verfolgen, als man schon die glänzenden Flammen sich durch das erhitzte Dach durchstehlen sah. »Noch einen Kampf um unsern Heerd!« schrie Contentius, aber die Hand des Fremden lag fest auf seiner Schulter. In diesem Augenblick schossen ein Dutzend ähnlicher, meteorgleicher Bälle in die Luft empor, und fielen auf eben so viele verschiedene Stellen in den schon halb entzündeten Schindeln herab. Fernere Anstrengungen würden vergeblich gewesen sein. Alle Hoffnung aufgebend, ihr Eigenthum zu retten, richteten sie nun alle ihre Gedanken auf die persönliche Sicherheit. Ruth erholte sich von ihrer kurzen Betäubung und eilte mit beschleunigten Schritten, um ihre wohlbekannten Pflichten zu erfüllen. Jetzt folgten einige Augenblicke voll angestrengter Arbeit, in denen die Mägde Alles, was zu ihrem Unterhalt nöthig war, und womit man das Blockhaus noch nicht versehen hatte, in diese ihre kleine Citadelle brachten. Das glühende Licht, das die finstersten Wege in den Gebäuden durchdrang, verhinderte, daß diese Bewegung unbemerkt von Statten ging. Das Kampfgeschrei rief ihre Feinde zu einem neuen Angriff, die Pfeile verfinsterten die Luft und dies wichtige Geschäft ward nicht ohne Gefahr zu Stande gebracht, da Alle gewissermaßen genöthigt waren, ihre Personen, wenn sie mit den Bedürfnissen beladen ab und zu gingen, den Geschossen und Gefahren bloszustellen. Der sich aufthürmende Rauch diente indeß gleichsam zu einem Schirm, und es dauerte nicht lange, so erhielt Contentius die willkommene Nachricht, er könne seiner Mannschaft den Befehl zum Rückzug von den Pallisaden geben. Aus der Muschel 268 ertönte das gewohnte Signal, und ehe der Feind Zeit hatte, seine Bedeutung zu bemerken, oder sich den vertheidigungslosen Zustand der Werke zu Nutze zu machen, hatte schon jeder Einzelne in ihrem Bezirk sicher die Thüre des Blockhauses erreicht. Doch herrschte dabei mehr Uebereilung und Verwirrung, als überhaupt nur für ihre Sicherheit zuträglich war. Die jedoch, denen dieses Geschäft aufgetragen worden, stiegen eifrigst zu den Schießlöchern hinauf, und standen da bereit, ihr Feuer auf alle Diejenigen herabzudonnern, die es wagen würden, in ihren Bereich zu kommen, während einige Andere noch im Hofe zögerten, um Acht zu haben, daß kein nothwendiges Stück, Nichts, was zum Widerstand und zu ihrer Sicherheit erforderlich war, vergessen würde. Ruth, die bisher in den Vorderreihen der Beschäftigten gewesen, stand jetzt die Hand an die Schläfe drückend, als wollte sie sich auf diese Weise die Besinnung zurückrufen. »Unser gefallener Freund!« sagte sie; »sollen wir seine Ueberreste da liegen lassen, daß die Wilden sie verstümmeln?« »Nein, gewiß nicht; Dudley komm' und hilf. Wir wollen den Leichnam in die untere – ha! der Tod hat noch einen der Unsrigen getroffen.« Die Unruhe, womit Contentius diese Entdeckung machte, theilte sich schnell Allen, die im Bereich seiner Stimme standen, mit; es war nach der Gestalt und Lage der Leinwand nur zu augenscheinlich, daß zwei Leichen unter ihren Falten sich befanden. Aengstliche, schnelle Blicke begegneten sich, flogen von Antlitz zu Antlitz, um zu erfahren, wen man vermisse, und dann, im Gefühl der Gefahr alles weitern Aufschubs, hob Contentius die Leinwand auf, um alle Zweifel durch die Gewißheit zu entfernen. Die Gestalt des jungen 269 Grenzmannes, von dem man schon wußte, daß er gefallen, ward zuerst langsam und feierlich aufgedeckt, aber auch der Gefaßteste unter den Zuschauern bebte entsetzt zurück, als sein beraubtes, blutiges Haupt verrieth, daß die Hand eines Wilden ihr erbarmungsloses Geschäft an der widerstandslosen Leiche verübt hatte. »Der Andere!« brachte Ruth mit Mühe hervor, und erst als ihr Gatte das Linnen halb weggenommen, gelang es ihr, das Uebrige auszusprechen: »Hüte! wahre Dich vor dem Andern!« Dieser Warnungsruf war nicht unnöthig, denn die Leinwand bewegte sich heftig, als Contentius sie mit der Hand berührte, und ein grimmigblickender Indianer sprang gerade in die Mitte der erstaunten Gruppe. Indem er mit dem bewaffneten Arm weit um sich fuhr, brach der Wilde durch den zurückweichenden Kreis und das schreckhafte Kriegsgeschrei seines Stammes ausstoßend, sprang er in die offene Thür des Hauptgebäudes und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß dadurch jede beabsichtigte Verfolgung ganz und gar unmöglich gemacht wurde. Wie im Wahnsinn, breitete Ruth die Arme nach der Stelle aus, wo er verschwunden, und sie wollte eben in dieser bis zur Raserei gesteigerten Erregung seinen Schritten folgen, als die Hand ihres Gatten alle ihre weiteren Bewegungen verhinderte. »Willst Du Dein Leben wagen, um irgend Etwas von dem werthlosen Tand zu retten?« »Mann, laß mich,« entgegnete die Frau, fast erstickt von ihrem Seelenkampfe; »die natürlichsten Gefühle haben in mir geschlummert!« »Furcht raubt Dir den Verstand!« 270 Ruth's Gliedmaßen sträubten sich nun nicht mehr. All' der Wahnsinn, der wild aus ihren Augen geglüht hatte, verschwand in dem festen Blick einer fast unnatürlichen Ruhe. Sie nahm alle ihre Geisteskraft zu einer verzweifelten Anstrengung von Selbstbeherrschung zusammen und wandte sich gegen ihren Gatten, und während ihre Brust von dem Schreck sich erhob, der ihren Athem ersticken zu wollen schien, sagte sie mit einer Stimme, deren Ruhe schaudernd machte: »Wenn Du ein Vaterherz hast, so laß mich los! Unsere Kinder sind vergessen worden!« Contentius Hand befreite sie, und im nächsten Augenblick verschwand die Gestalt seines Weibes dem Blick und flog der Richtung zu, welche der in seinen bösen Planen glückliche Wilde eben eingeschlagen hatte. Dies war der verhängnißvolle Augenblick, welchen der Feind sich ersehen, um seine Vortheile zu verfolgen. Ein wilder Ausbruch von Geschrei und Geheul verkündete den Eifer und die Bemühungen der Wilden, und eine allgemeine Entladung der Musketen aus den Schießlöchern des Blockhauses setzte die noch im Hofraume Stehenden hinlänglich in Kenntniß, daß der Angriff des Feindes jetzt bis in das Herz der Befestigungen gedrungen sei. Alle waren hinaufgestiegen, die Wenigen ausgenommen, welche noch zurückgeblieben waren, um dem Todten die letzte trauervolle Pflicht zu erweisen. Ihrer waren zu Wenige, um Widerstand rathsam zu machen, und doch wieder zu Viele, um dem Gedanken Raum zu geben, die verzweifelnde Mutter und ihre Kinder, ohne einen Rettungsversuch, aufzugeben und zu verlassen. »Tretet ein,« sagte Contentius und wies nach der Thür 271 des Blockhauses hin, »es ist meine Pflicht, das Loos Derer zu theilen, die mir am nächsten stehen.« Der Fremde antwortete nicht. Seine gewaltigen Hände auf den betäubten Gatten und Vater legend, schleuderte er denselben unwiderstehlich in den untern Raum des Blockhauses, und dann winkte er mit schneller Geberde allen Uebrigen, denselben Weg zu nehmen. Nachdem der Letzte eingetreten, hieß er durch Riegel und Schlösser die Thür verwahren, und blieb selbst allein, wie er glaubte, außen. Aber als er durch einen schnellen Blick bemerkte, daß noch ein Anderer in seiner Nähe sei, der mit stumpfem Staunen auf die Züge des Getödteten hinstarrte, war es schon zu spät, den Irrthum wieder gut zu machen. Jetzt hörte man ein furchtbares Geheul aus dem schwarzen Rauch sich erheben, der in großen Massen aus den heißen Gebäuden strömte, und es war sonach augenscheinlich, daß sie nur durch wenige Schritte von ihren Verfolgern getrennt waren. Er winkte dem Manne, der mit ihm aus dem Blockhause ausgeschlossen worden, ihm zu folgen, und dann stürzte der ernste Soldat in das Gebäude, das bis jetzt nur noch wenig vom Feuer beschädigt worden. Mehr vom Zufall, als durch eine Vertrautheit mit den Gängen des Hauses geleitet, sah er sich bald in den Gemächern; da aber war er in Verlegenheit, wohin er sich wenden sollte. In diesem Augenblick nahm sein Gefährte, der Niemand anders als Whittal Ring war, die Führung, und gleich darauf befanden sie sich an der Thür des verborgenen Zimmers. »Still,« begann der Fremde und erhob die eine Hand, um Stillschweigen zu gebieten, während er zu gleicher Zeit in das Zimmer trat. »Unsere ganze Hoffnung beruht auf unserer Verborgenheit!« 272 »Und wie mögen wir entkommen, ohne entdeckt zu werden?« fragte die Mutter, und deutete um sich auf die Gegenstände, die alle von einem Lichte beleuchtet wurden, das so mächtig strahlte, daß es jeden Ritz in dem schlecht gebauten Hause enthüllte. »Die Mittagssonne ist kaum glänzender, als dieses furchtbare Feuer.« »Gott ist in den Elementen! Seine leitende Hand wird den Weg zeigen. Aber hier dürfen wir nicht länger zaudern, denn die Flammen sind schon auf den Schindeln. Folgt mir, ohne zu sprechen.« Ruth drückte ihre Kinder an sich, und so verließen sie zusammen das Dachzimmer. Ihr Weg hinab in ein unteres Gemach ward schnell und unentdeckt bewerkstelligt, aber dann stand ihr Führer still, denn die Lage der Dinge außen war so, daß sie den äußersten Grad von Unerschrockenheit und Umsicht erheischte. Die Indianer hatten um diese Zeit alle Gebäude des Marcus Heathcote in Besitz, nur das Blockhaus ausgenommen, und da das Erste, was sie thaten, immer gewesen war, dort den Brand zu verbreiten, wo er etwa noch nicht hingedrungen sein mochte, so hörte man jetzt das Prasseln des Brandes in jeder Richtung. Das Entladen der Musketen und das Kriegsgeschrei der Kämpfenden verrieth jedoch immer noch, während es das gräuelhafte Getöse eines solchen Auftritts vermehrte, daß der Entschluß Derjenigen, die die Citadelle behaupteten, unwandelbar und ungebrochen sei. Ein Fenster in dem Zimmer, welches sie inne hatten, setzte den Fremden in den Stand, vorsichtig einen Ueberblick über alles das zu gewinnen, was draußen vorging. Der bis zur Klarheit des Tags erleuchtete Hof war leer, denn sowohl die 273 immer stärker werdende Gluth, als das Feuer aus den Schußlöchern des Blockhauses hielten immer noch die vorsichtigen Wilden in ihrem Versteck. Es zeigte sich kaum Hoffnung, daß man den Raum zwischen der Wohnung und dem Blockhause werde sicher und unverletzt überschreiten können. »Ich wünschte, ich hätte anempfohlen, die Thüre des Blockhauses zum Aufmachen bereit zu halten,« brummte Traugott vor sich hin. »Es würde sicherer, unvermeidlicher Tod sein, einen Augenblick in jenem wilden Lichte und furchtbarer Hitze zu verweilen, und doch haben wir keine andere Mittel, keine andere Weise – –« Eine Hand legte sich auf seinen Arm, und als der Sprechende sich umwandte, gewahrte er das schwarze Auge des gefangenen Jünglings, welches ihm fest in's Antlitz blickte. »Willst Du es thun?« fragte der Andere auf eine Weise, welche verrieth, daß er zweifelte, während er hoffte. Eine sprechende, einwilligende Geberde war die Antwort, und dann sah man die Gestalt des Jünglings ruhig aus dem Zimmer hinausgleiten. Im nächsten Augenblick erschien Miantonimoh im Hofe. Er schritt mit der Ueberlegung dahin, wie man sie nur in Augenblicken der höchsten Sicherheit und der größten Ruhe besitzen kann. Eine Hand wurde, gleichsam den Frieden anzudeuten, gegen die Schießlöcher erhoben, und dann, nachdem er sie wieder an seine Seite hatte zurückfallen lassen, trat er in demselben langsamen Schritt bis in den Mittelpunkt des freien Platzes vor. Hier blieb der Jüngling im vollsten Glanze der Feuersbrunst stehen, und wandte mit aller Ueberlegung sein Antlitz nach allen Seiten hin. Dies bewies, daß er von allen Augen erkannt zu werden wünsche. In diesem 274 Augenblick hörte das Geschrei in dem umliegenden Dickicht auf, wodurch sowohl das allgemeine Gefühl verrathen ward, das durch des Wilden Erscheinung erregt worden, als auch die Gefahr, der sich jeder Andere ausgesetzt hätte, wenn er sich so in jenem furchtbaren Auftritt blosgestellt. Als dieser Akt seltnen, hohen Vertrauens beendet war, trat der Jüngling dem Eingang des Blockhauses einen Schritt näher. »Kommst Du in Frieden, oder ist dies wieder eine Erfindung indianischer Verrätherei?« fragte eine Stimme durch eine Oeffnung in der Thür, die ganz besonders zu den Zwecken der Unterredung darin gelassen worden. Der Jüngling erhob die eine flach ausgereckte Hand nach dem Sprechenden zu, während er die andere still betheuernd auf die nackte Brust legte. »Hast Du ein Anerbieten zu Gunsten meines Weibes und meiner Kinder zu machen? Wenn Gold sie auslösen kann, so nenne den Preis!« Miantonimoh fand es nicht schwer, den Sinn des Andern zu begreifen. Mit der Schnelligkeit eines Mannes, dessen Geisteskräfte frühzeitig in Erfindungen für alle Bedürfnisse und schwierige Fälle geübt worden, machte er eine Geberde, die selbst noch mehr sagte, als seine gewöhnliche Bildersprache, mit der er entgegnete: »Kann ein Weib von den Blaßgesichtern durch's Holz dringen? Ein indianischer Pfeil ist schneller als der Fuß einer Mutter!« »Knabe, ich vertraue Dir!« entgegnete die Stimme aus dem Schießloch. »Wenn Du so schwache und unschuldige Wesen hintergehest, so wird der Himmel Dein Unrecht nie vergessen und einstens gedenken.« 275 Miantonimoh machte nochmals ein Zeichen, um anzudeuten, daß man Vorsicht gebrauchen müsse, und zog sich dann mit eben so ruhigem, abgemessenen Schritt wieder zurück, als er vorgetreten war. Eine zweite Pause in dem Geschrei verrieth die Theilnahme Derer, deren stolze, wilde Augen in der Entfernung seine Bewegungen bewachten. Als der junge Indianer wieder zu den Andern in der Wohnung zurückgekommen, führte er sie, ohne von der spähenden Bande beobachtet zu werden, die noch im Rauch um die umliegenden Wohnungen herumstreifte, an eine Stelle, von wo sie eine genaue Aussicht über ihren kurzen, aber gefährlichen Weg hatten. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Blockhauses zur Hälfte und ward wieder geschlossen. Noch zögerte der Unbekannte, denn er sah, wie wenig wahrscheinlich die Aussicht war, daß Alle unverletzt über den Hof zu kommen vermöchten, und ihn zu wiederholten Malen zu durchschreiten, das war, wie er wußte, ein nicht zu wagender, vergeblicher Versuch. »Knabe,« sagte er, »Du hast so viel gethan, Dir ist es daher auch möglich, noch mehr zu thun. Gib auf irgend eine Weise, die das Herz Deines Volkes rühre, die Bitte um Gnade für diese Kinder zu erkennen.« Miantonimoh schüttelte den Kopf, und auf die grausam verstümmelte Leiche im Hofe hinzeigend, antwortete er kalt: »Der rothe Mann hat Blut gekostet.« »Dann muß der verzweifelte Versuch gemacht werden. Denke nicht an Deine Kinder, unglückliche, heldenmüthige Mutter, sondern habe nur auf Deine eigene Rettung und Sicherheit Acht. Dieser Blödsinnige und ich werden uns der Sorge für diese Unschuldigen unterziehen!« 276 Ruth machte mit der Hand eine ablehnende Geberde, und drückte ihre stumme zitternde Tochter auf eine Weise an ihre Brust, welche verrieth, daß ihr Entschluß gefaßt war. Der Fremde gab nach, und zu Whittal Ring gewandt, der ihm nahe stand, und dem Anschein nach eben so sehr mit stiller, unthätiger Bewunderung der sprühenden Feuermasse als mit Besorgnissen wegen seiner eigenen Gefahr beschäftigt war, – hieß er ihn, auf die Sicherheit des noch übrigen Kindes Acht haben. Er selbst nun vorantretend, war im Begriff, der fürchtenden Ruth solchen Schutz und Schirm zu bieten, wie es die Umstände mit sich brachten, als ein Fenster an der Rückseite des Hauses eingeschlagen wurde, ein Beweis, daß der Feind eindrang und hohe Gefahr vorhanden sei, in ihrer Flucht abgeschnitten zu werden. Keine Zeit war mehr zu verlieren, denn man sah jetzt, daß offenbar nur noch ein einziges Zimmer sie von ihren Feinden trennte. Der hochherzige Charakter der Ruth war erregt. Sie riß Martha aus Whittal Ring's Armen, und bemühte sich in verzweifelter Anstrengung, worin das Gefühl weit mehr, als sonst eine vernünftige Ueberlegung vorherrschte, die beiden Kinder in ihr Gewand einzuhüllen. »Ich bin bei Euch!« flüsterte das bewegte Weib; »ruhig, ruhig, meine Lieblinge, die Mutter ist nahe!« Der Fremde war auf ganz verschiedene Weise beschäftigt. Sobald er das Zertrümmern des Glases vernommen, war er in den Rücken der Fliehenden geeilt und rang mit dem so oft schon erwähnten Wilden, der einem Dutzend wüthender, schreiender Feinde zum Führer diente. »In das Blockhaus!« schrie der unerschrockene Soldat; während er mit mächtigem Arm seinen Feind in dem Winkel 277 eines engen Durchgangs festhielt, und die Annäherung Derer, die ihm folgten, durch den Körper ihres Führers selbst verhinderte. »Um Dein Leben, um Deiner Kinder willen, Weib, schnell in das Blockhaus.« Diese Aufforderungen schallten furchtbar in die Ohren der Ruth, aber in jenem Augenblicke der äußersten Gefahr verlor sie ihre Geistesgegenwart. Das Geschrei ward wiederholt, und erst dann riß die betäubte Mutter ihre Tochter vom Boden auf. Die Augen immer noch nach dem wilden Kampf in ihrem Rücken gerichtet, drückte sie das Kind an ihr Herz und floh, nachdem sie Whitthal Ring zugerufen zu folgen. Der Junge gehorchte, und noch hatten sie den Hofraum nicht halb durchschritten, so sah man den Fremden noch immer den Wilden gleich einem Schild zwischen sich und seine Feinde haltend, dieselbe Richtung zu nehmen bemüht. Den ganzen Umfang der Gefahr bewiesen das nun sich erhebende Kriegsgeschrei und der Pfeilregen von Seiten der Indianer, und die vollen Ladungen von Seiten der Besatzung. Aber die Furcht hatte Ruth's Gliedern eine mehr als natürliche Stärke und Kraft verliehen, und die pfeifenden Pfeile selbst fuhren kaum schneller durch die heiße Luft, als sie in die geöffnete Thüre des Blockhauses hineinschoß. Whittal Ring war weniger glücklich, als er über den Hof eilte, immer das seiner Sorgfalt anvertraute Kind in den Armen haltend, drang ihm ein Pfeil in's Fleisch. Gereizt durch den Schmerz, wandte sich der vernunftlose Junge im Zorne um, um die Hand aufzusuchen, die ihm diese Verletzung beigebracht hatte. »Vorwärts, thörichter Knabe,« rief der Fremde, als er an ihm vorüberkam, während er sich immer noch einen Schild aus dem Körper des Wilden machte, der sich wie ein Wurm 278 bäumte und krümmte in der Riesenfaust. »Vorwärts, es gilt Dein Leben und das des Kindes!« Der Ruf kam zu spät. Schon hatte ein Indianer die Hand auf dem unschuldigen Opfer, und im nächsten Augenblick hielt er es schwebend in der Luft, und schwang mit einem grellen, kurzen Schrei die Streitaxt über sein Haupt. Ein Schuß aus dem Blockhause streckte das Ungeheuer todt zu Boden; aber das Mädchen ward alsbald von einer zweiten Hand ergriffen, und als der Wilde mit seiner Beute unverletzt in die Wohnung schoß, erhob sich im Blockhause der allgemeine Ruf: »Miantonimoh!« Zwei andere Wilden benutzten die nun folgende Pause des Schreckens, legten Hand an den verwundeten Whittal und schleppten auch ihn in das brennende Gebäude. In demselben Augenblicke schleuderte der Fremde den nicht mehr sich sträubenden Wilden den Waffen seiner Gefährten entgegen, den blutenden und halb erwürgten Indianer trafen die Streiche, welche nach dem Leben des Soldaten gerichtet worden, und als er strauchelte und fiel, war sein kräftiger Besieger schon in's Blockhaus verschwunden. Die Thür der kleinen Citadelle ward alsbald geschlossen, so daß die Wilden, welche sich wüthend dem Eingang entgegenstürzten, das Vorschieben der Riegel hören konnten, welche die Grenzbewohner gegen ihren Angriff sicher stellten. Der Ruf zum Rückzug erscholl, und im nächsten Augenblick wurde der Hof im alleinigen Besitz der Todten gelassen. 279   Fünfzehntes Kapitel. Und konntest du das ansehn, Gott! und kein Erbarmen haben? – Geb' ihnen Gott nun seinen ewigen Frieden. Macbeth.           »Laßt uns für die Gnade dankbar sein,« sagte Contentius, als er der halbbewußtlosen Ruth die Leiter zu ersteigen half, und sich einem natürlichen Gefühle überließ, das seiner Männlichkeit nicht zur Unehre gereichte. »Haben wir Eine, die wir liebten, verloren, so hat Gott doch unser eigenes Kind verschont.« Sein athemloses Weib warf sich auf einen Sitz, und ihr Kleinod an ihren Busen drückend, flüsterte sie mehr, als daß sie laut sprach: »Mit ganzer Seele, Heathcote, bin ich dankbar!« »Du entziehst ja das Kind meinen Blicken« entgegnete der Vater und beugte sich, um dadurch eine Thräne zu verbergen, die sich seinen braunen Wangen hinabstahl, zu ihr hin, unter dem Vorwand, das Kind zu umarmen; – aber plötzlich zurückbebend, rief er entsetzt aus: »Ruth!« Erschreckt durch den Ton, mit welchem ihr Gatte ihren Namen aussprach, warf die Mutter die Falten ihres Gewandes, die noch immer das Mädchen umhüllten, auseinander, hielt 280 es eine Armlänge von sich ab und sah, daß sie in der Verwirrung des Schreckensauftritts die Kinder verwechselt, und, statt ihrer Tochter, der kleinen Martha das Leben gerettet hatte. Trotz des edeln Gemüthes der trefflichen Frau, war es doch unmöglich, ein Gefühl getäuschter Hoffnung zu unterdrücken, das bei der Entdeckung des Mißgriffs über sie kam. Die Natur behielt zuerst ihren Lauf und zwar in einem Grade, der furchtbar mächtig sich zeigte. »Es ist nicht unser Kind!« schrie die Mutter, das Mädchen noch immer in derselben Stellung von sich abhaltend, und ihm in's unschuldige, erschreckte Antlitz schauend, mit einem Ausdruck, wie ihn Martha noch nie vorher aus den Augen hatte kommen sehen, die gewöhnlich so sanft und nachsichtig waren. »Ich bin ja Dein! Ich bin ja Dein!« flüsterte das kleine zitternde Wesen, vergebens bemüht, den Busen zu erreichen, der so lange ihre Kindheit geschützt und erwärmt hatte. »Wenn ich nicht Dein Kind bin, wessen bin ich denn?« Der Blick der armen Mutter war noch wild, das Arbeiten ihrer Züge noch wie das einer Wahnsinnigen. »Madame – Frau Heathcote, – Mutter!« sprach furchtsam und abgebrochen die verlassene Waise. Da erweichte sich Ruth's Herz. Sie drückte die Tochter ihrer Freundin an ihre Brust und die Natur fand eine vorübergehende Erleichterung in einem jener furchtbaren Ausbrüche von Angst, welche die Auflösung des Bandes zu bewirken drohten, das die Seele mit dem Leib verbindet. »Komm, Du Tochter John Harding's,« sagte Contentius mit der erzwungenen Ruhe und Haltung eines gebeugten Mannes, während der Kampf der Natur heftig in seinem 281 Innern fortdauerte. »Es ist Gottes Wille gewesen, und es geziemt uns, daß wir in Demuth seine Vaterhand küssen. Laß uns dankbar sein,« fügte er mit bebender Lippe, aber festem Auge hinzu, »daß selbst diese Gnade uns zu Theil geworden. Unser Kind ist bei den Indianern, aber unsere Hoffnungen gehen weit über den Bereich indianischer Bosheit hinaus. Wir haben nicht Schätze gesammelt, wo sie Motten und der Rost zerfressen, oder die Diebe hereinbrechen mögen, sie zu stehlen. Vielleicht bringt uns der Morgen die Gelegenheit zu unterhandeln, und vielleicht auch die freudige Gewißheit der Auslösung unseres Lieblings.« Es lag noch ein Schimmer von Hoffnung in diesem Einfall, und schien den Gedanken Ruth's eine ganz neue Richtung zu geben; sie ward dadurch in den Stand gesetzt, vermöge ihrer langgewohnten Selbstbeherrschung, wieder Etwas von ihrer früheren Standhaftigkeit und Stärke zu gewinnen. Die Quellen ihrer Thränen vertrockneten, und nach einem kurzen, aber furchtbaren Ringen vermochte sie wieder gefaßt zu erscheinen. Aber zu keiner Zeit während des ganzen Fortgangs jenes schrecklichen Kampfes war Ruth Heathcote wieder dasselbe bereitwillige, nützliche Wesen, das während der erstern Vorfälle in dieser Nacht durch seine Thätigkeit und Anordnungen sich so sehr ausgezeichnet hatte. Es ist wohl kaum nothwendig, dem Leser zu sagen, daß der eben beschriebene Ausbruch elterlichen Schmerzes und der Pflicht der Ergebung, zwischen dem Gattenpaar auf einer Stelle stattfand, auf welchem die anderen Personen zu sehr beschäftigt waren, um Kenntniß davon zu nehmen. Das Schicksal der im Blockhause befindlichen näherte sich zu 282 augenscheinlich seiner Entscheidung, um irgend Theil an solch' einer Episode in dem großen Trauerspiele des Augenblicks zu nehmen. Der Charakter des Kampfs hatte sich gewissermaßen geändert. Man brauchte sich ferner nicht mehr vor den Geschossen der Angreifenden zu fürchten, obgleich die Gefahr die Belagerten in einer neuen und selbst in einer noch furchtbarerern Gestalt drängte. Dann und wann freilich steckte zitternd ein Pfeil in den Oeffnungen der Schießlöcher und der unbehülfliche Dudley entging einmal kaum noch dem Ziele einer Kugel, die, vom Zufall geleitet, oder von einer mehr als gewöhnlich sichern Hand abgeschossen, durch eine der engen Oeffnungen fuhr, und dem Leben des Grenzmanns ein Ziel gesetzt haben würde, wäre das Haupt, welches sie streifte, nicht zu fest gewesen, als daß es selbst einem solchen Anfall gewichen. Was indessen die Aufmerksamkeit der Besatzung hauptsächlich in Anspruch nahm, war die aus dem allumgebenden Feuer entstehende dringende Gefahr. War auch die Wahrscheinlichkeit eines Nothfalls, wie der, in welchen sich die Familie versetzt sah, gewiß vorausgesehen worden, und man sich selbst dagegen gewissermaßen durch die Größe des Hofes und den Bau des Blockhauses zu schützen gesucht hatte, so fand es sich doch, daß die Gefahr alle frühere Berechnungen überstieg. Was das untere Stockwerk anbelangte, so lieferte es keinen Grund zur Besorgniß. Es bestand aus Stein und war von einer Dicke und einem Stoff, der jeder List trotzte, welche der Feind Zeit finden mochte, zu erdenken und auszuführen. Selbst die zwei oberen Stockwerke waren verhältnißmäßig sicher, denn sie bestanden aus so festen, gewichtigen Blöcken, 283 daß es schon Zeit brauchte, sie zu erhitzen, und so waren sie denn dem Brande so wenig ausgesetzt, als es nur immer bei Holz der Fall sein konnte. Aber das Dach war, wie überall in jener und eigentlich auch noch meistentheils in unserer Zeit bis auf den gegenwärtigen Tag in Amerika, aus kurzen, entzündlichen Schindeln von Tannenholz zusammengesetzt. Die obere Höhe des Thurms bot einigen geringen Schutz dar, aber da die Flammen prasselnd über die Hofgebäude zusammenschlugen und in großen Schwingungen den erhitzten Raum umwogten, so geschah es oft, daß die ganze gebrechliche Decke des Blockhauses in Flammen eingehüllt wurde. Die Wirkung davon ließ sich voraussehen; auch war das Erste, was Contentius von seinem bittern Vaterschmerz abrief, ein die ganze Besatzung durchlaufender Schrei, daß das Dach ihrer kleinen Veste in Flammen stehe. Einer der gewöhnlichen Brunnen der Wohnung befand sich mitten in dem untern Raum des Gebäudes, und es war ein Glück für die Belagerten, daß keine Vorsicht, ihn bei einer Gelegenheit wie die, welche jetzt eingetreten, brauchbar zu machen, versäumt worden war. Eine wohlverwahrte Einfassung von Stein erhob sich durch das untere Stockwerk auf den oberen Boden. Indem sie sich nun diese glückliche Vorkehrung zu Nutze machten, arbeiteten die Mägde der Ruth eifrigst mit den ledernen Eimern, während die junge Mannschaft von den Fenstern der Mansarde reichlich auf das Dach Wasser gossen. Dieses letztere Geschäft ward, wie man sich leicht denken mag, nicht ohne Gefahr und verderbliche Zufälle ausgeführt. Schaaren von Pfeilen wurden beständig auf die Arbeiter abgeschossen und mehr als einmal empfingen die Jünglinge, während sie dieser Beunruhigung ausgesetzt waren, mehr oder weniger 284 bedeutende Wunden. Einige Augenblicke traten auch wirklich ein, während welcher es eine Frage von der höchsten Ungewißheit blieb, in wie weit die Gefahr, der sie sich aussetzten, wohl mit Erfolg belohnt werden würde. Die außerordentliche Hitze so vieler Brände und die häufige Berührung der den Platz umkreisenden Flamme, fingen an, es zweifelhaft zu machen, ob irgend menschliche Anstrengungen das Uebel länger aufzuhalten vermöchten. Selbst die festen, mächtigen, und angefeuchteten Blöcke der Wände begannen zu rauchen, und man fand bald durch viele Versuche, daß die Hand nur einen Augenblick auf ihrer Fläche auszuhalten vermochte. Während dieses Zwischenraums banger Erwartungen und Zweifel wurden alle jungen Männer, die noch an den Schießlöchern standen, abgerufen, das Feuer löschen zu helfen. Der Widerstand ward über der Ausübung einer Pflicht vergessen, die selbst noch viel drängender, als jener geworden war. Sogar Ruth schreckte die Beschaffenheit des Uebels aus ihrem Hinbrüten auf, und alle Hände und alle Gemüther waren emsig mit einer Arbeit beschäftigt, welche die Aufmerksamkeit von Vorfällen abzog, die weit weniger Interesse hatten, da sie mit nicht so augenblicklicher Vernichtung drohten. Die Gefahr verliert, wie bekannt, durch ihre Dauer von ihren Schrecken. Die jungen Grenzbewohner wurden unbekümmert um die Sicherheit ihrer eigenen Person, so sehr regte sie der Eifer in ihren Anstrengungen auf, und als Erfolg ihre Bemühungen zu belohnen begann, siegte etwas wie Leichtsinn über ihre Betrübniß, wie denn dies wohl in glücklicheren Augenblicken der Fall zu sein pflegt. Verstohlene und neugierige Blicke wurden auf die Stelle geworfen, die man so lange Zeit gleichsam für geheiligt und nur den geheimen 285 Uebungen des Puritaners geweiht gehalten hatte; sobald man fand, daß man der Flammen Meister geworden und daß die Gefahr für den Augenblick abgewendet war, unterwarf man dies Zimmer einer näheren Untersuchung. Das Licht glänzte mächtig durch verschiedene Oeffnungen in den Schindeln, so wie auch durch die Fenster, und jedes Auge ward in den Stand gesetzt, den Inhalt eines Zimmers zu erforschen, das Alle zu sehen verlangt hatten, obgleich Niemand vorher sich herausgenommen, es zu betreten. »Der Capitain sorgt gehörig für den Leib,« flüsterte Ruben Ring gegen einen seiner Gefährten, während er sich die Folge seiner Anstrengung, den Schweiß von der sonnverbrannten Stirne wischte. »Sieh' einmal, Hiram, es findet sich hier ein schöner Vorrath von Lebensmitteln.« »Die Milch- und Butterkammern selbst sind nicht reichlicher versehen!« entgegnete der Andere mit dem pfiffigen Ausdruck und dem schnellen Beobachtungsgeist eines Grenzmannes. »Es ist bekannt, daß er nie berührt, was die Kuh uns giebt, ausgenommen so, wie es von dem Thier selbst kommt, und hier finden wir das Beste, was nur unserer Hausfrau Speisekammer bieten kann!« »Sicher, jener Lederwamms sieht ziemlich denen ähnlich, wie ihn die stolzen Reiter in der Heimath tragen! Ich denke, es muß lange her sein, seit der Capitain nicht in solch' einem Anzug ausgeritten ist!« »Das mag Sache alter Gewohnheit sein, denn das Stück Stahl, welches Du dort siehst, ist auch eine Reliquie von den Moden der englischen Infanteristen, es ist wahrscheinlich, daß er ernste Uebungen und Betrachtungen über die Eitelkeiten seiner Jugend eben über diesen Ueberresten seines 286 früheren Stolzes anstellt, und sich dabei der Zeiten erinnert, in welchen er sie trug.« Diese Vermuthung schien dem Andern zu genügen; obgleich es wahrscheinlich ist, daß der Anblick eines neuen Vorraths von leiblicher Nahrung, der bald nachher entdeckt wurde, als man, um Zugang zum Dache zu erlangen, Alles hinweg räumte, zu einigen weitern Bemerkungen geführt haben würde, hätte man mehr Zeit zu Vermuthungen und Schlüssen gehabt. Aber in diesem Augenblick drang ein neuer Angstruf der Mägde herauf, die mit den Wassereimern unten beschäftigt waren. »An die Schießlöcher, an die Schießlöcher, ober wir sind verloren!« war ein Geschrei, das kein Zögern, keinen Aufschub zuließ. Den Fremden an ihrer Spitze stürzte die junge Mannschaft hinunter, wo sie in der That ernsthafte Anforderungen an ihre ganze Thätigkeit und ihren höchsten Muth antrafen. Den Indianern fehlte es nicht an dem Scharfsinn, der so merklich die Kriegsweise dieser listigen Volksraçe auszeichnet. Während die Familie emsig damit beschäftigt war, den Flammen Einhalt zu thun, waren ihre Verfolger nicht müßig geblieben. Da sie sahen, daß die Weißen sich ausschließlich dem Löschen widmeten, so hatten sie unterdessen Mittel ausfindig gemacht, brennende Fichtenspäne bis an die Thür des Blockhauses zu bringen, an das sie vorher Massen brennbaren Stoffes aufgehäuft, und drohten, so in Kurzem sich den Weg in den untern Raum der Citadelle selbst zu eröffnen. Um diesen Plan versteckt zu halten und ihre Annäherung zu schützen, war es den Wilden gelungen, Strohbündel und andere ähnliche Stoffe an den Fuß des Gebäudes zu bringen, – Dinge, die sehr schnell Feuer fingen und 287 folglich dazu dienten, nicht nur die wirkliche Gefahr, in der das Gebäude schwebte, zu erhöhen, sondern auch die Aufmerksamkeit Derer, von denen es vertheidigt wurde, zu theilen und irre zu machen. Obgleich das Wasser, das von dem Dache herabträufelte, dazu diente, den Fortschritt dieser Flammen zu verzögern, trugen diese doch zu dem Zwecke sehr viel bei, den die Wilden von Allen andern am meisten erstrebten. Die dichten Rauchmassen, welche sich aus dem halbgelöschten Feuer erhoben, benachrichtigten zuerst den weiblichen Theil der Vertheidiger von der neuen Gefahr, die sie umlagerte. Als Contentius und der Fremde die Hausflur des Hauptstockwerks der Citadelle erreichten, erforderte es einige Zeit und keinen geringen Grad von kaltblütiger Besonnenheit, um sich von der Lage, in der sie sich jetzt befanden, einen klaren Begriff zu machen. Der Dampf, der von dem durchnäßten Heu und Stroh in die Höhe stieg, war schon in das Gemach gedrungen, und nicht ohne große Schwierigkeit konnten die darin Befindlichen die Gegenstände unterscheiden oder auch nur Athem holen. »Hier ist Gelegenheit, unsere äußerste Tapferkeit, unsern kühnsten Muth zu erproben,« sagte der Fremde zu seinem standhaften Gefährten. »Wir müssen auf diesen neuen Anschlag Acht haben, oder wir erreichen unser Geschick durch den Feuertod! Fordere die Beherztesten Deiner jungen Männer auf, und ich will sie zu einem Ausfall anführen, ehe das Uebel jedes Hülfsmittel übersteigt. »Das wäre gewisser Sieg für die Heiden. Du hörst an ihrem Schlachtgeheul, daß es keine unbedeutende Bande von Herumstreichern ist, welche uns hier belagert; ein Stamm hat seine auserwähltesten Krieger ausgesandt, ihre Bosheit 288 und teuflische Wuth zu üben. Besser ist's, daß wir uns beeilen, sie von unserer Thür wegzutreiben und diese Rauchwolken zu verhindern, daß sie uns nicht noch mehr belästigen; unter den jetzigen Umständen einen Ausfall aus dem Blockhause zu machen, wäre nichts Anderes, als unsere Häupter dem Tomahawk darbieten; aber um Gnade zu bitten, ist eben so eitles Bemühen, als zu hoffen, man werde den Felsen durch Thränen erweichen.« »Und auf welche Weise meinst Du, mögen wir jenen wichtigen, höchst nöthigen Zweck erreichen?« »Unsere Musketen werden noch den Eingang beherrschen, dazu sind jene abwärts gehende Schießlöcher da, und Wasser kann noch durch dieselben Oeffnungen reichlich hinabgegossen werden. Man hat bei dem Bau dieses Blockhauses auf diese Gefahr hinlängliche Rücksicht genommen.« »Dann, um des Himmelswillen, verzögere nicht länger jenen Versuch.« Die nöthigen Maßregeln wurden unverzüglich getroffen; Eben Dudley steckte die Mündung seiner Muskete durch ein Schießloch, in der Richtung der gefährdeten Thüre und feuerte. Allein die Dunkelheit machte es unmöglich, zu zielen; und die Erfolglosigkeit seines Schusses ward durch ein wildes Triumphgeschrei der Indianer deutlich verkündet. Hierauf folgte eine Fluth von Wasser, welches jedoch kaum mehr Dienste that, da die Wilden seine Anwendung vorausgesehen, und eine Vorkehrung gegen seine Wirkungen dadurch getroffen, – daß sie Bretter und sonstige Geräthschaften, wie sie sie zerstreut in den Wohnungen antrafen, auf eine Weise über das Feuer gelegt hatten, welche den größten Theil der Flüssigkeit verhinderte, sein Ziel zu erreichen. 289 »Komm hierher mit Deiner Muskete, Ruben Ring,« sagte Contentius hastig; »der Wind verweht den Rauch, die Wilden häufen immer noch Brennstoff gegen die Mauer auf.« Der Grenzmann gehorchte. Es gab in der That Augenblicke, wo dunkle Menschengestalten, schweigend um das Gebäude herumschweifen, gesehen wurden, obgleich die Dichtigkeit des Rauches und Dampfes ihre Formen undeutlich und ihre Bewegungen nur zweifelhaft sehen ließ. Mit kaltem, geübtem Auge suchte der Jüngling ein Opfer; aber als er seine Muskete losschoß, fuhr Etwas nahe an seinem Gesichte vorüber, als wenn die Kugel, der er eine ganze andere Botschaft zugedacht hatte, auf ihn selbst zurückgeprallt wäre. Etwas entsetzt und schnell zurücktretend, sah er den Fremden durch den Rauch auf einen Pfeil hinzeigen, welcher noch zitternd in den Boden über ihm feststeckte. »Lange können wir diesen Angriffen nicht mehr widerstehen,« murmelte der Soldat; »wir müssen schnell ein Mittel ersinnen, oder wir unterliegen.« Er verstummte, denn ein Schrei, welcher den Boden,. worauf sie standen, zu lüften schien, verkündete die Zerstörung der Thür und die Gegenwart der Wilden im untern Raume des Thurmes. Bei diesem unerwarteten Erfolg standen beide Parteien einen Augenblick regungslos da; der einen raubte Erstaunen und Furcht, der andern die Plötzlichkeit des Triumphs alle Bewegung. Allein diese Pause endete schnell; von Neuem begann der Kampf, von Seiten der Angreifenden mit der Zuversicht des Sieges, von Seiten der Belagerten mit allen den schrecklichen Zeichen der Verzweiflung. Einige wenige Musketen wurden sowohl von unten als oben nach dem dazwischenliegenden Stockwerk abgefeuert, 290 aber die Dicke der Bohlen verhinderte, daß die Kugeln Schaden anrichteten. Dann begann ein Kampf, worin die gegenseitigen Eigenthümlichkeiten der Streitenden sich auf eine seltsam charakterisirende Weise zeigten. Während die Indianer unten ihre Vortheile mit all der List verfolgten, wie man sie in der indianischen Kriegsweise zu finden pflegt, widerstand die junge Mannschaft mit jener wunderbaren Fertigkeit in Hülfsmitteln und Schnelligkeit in der Ausführung, wodurch der amerikanische Grenzbewohner sich auszeichnet. Das Erste, was die Stürmenden unternahmen, war der Versuch, die Decke des untern Gemachs in Brand zu stecken. Um dieses zu bewerkstelligen, warfen sie ungeheure Strohhaufen in den Eingangsraum. Aber ehe noch der Brand daran gebracht worden, hatte das Wasser den leicht brennbaren Stoff schon in eine schwarze, trübe Masse verwandelt. Doch hätte fast der Rauch eine Eroberung vollbracht, welche das Feuer selbst zu vollenden nicht vermocht hatte. So erstickend nämlich waren die Dampfwolken, welche durch die Ritzen drangen, daß die Frauenzimmer genöthigt wurden, einen Zufluchtsort in das oberste Gemach zu suchen, wo theils die Oeffnungen im Dache, theils ein starker Luftzug sie einigermaßen von der Belästigung befreite. Als die Wilden ausmittelten, daß der Besitz des Brunnens den Belagerten die Mittel darbot, das innere Holzwerk gegen die Flammen zu schützen, so wurde ein Versuch gemacht, die Verbindung mit dem Wasser dadurch abzuschneiden, daß man ein Loch in die kreisförmige steinerne Einfassung erzwang, durch die es in das obere Zimmer gezogen wurde. Dieser Versuch wurde durch die Schnelligkeit der jungen Mannschaft vereitelt, welche Löcher in den Fußboden schnitten, 291 von wo aus sie gewissen Tod auf alle unten Befindlichen herabsandten. Vielleicht war der Kampf zu keiner Zeit hartnäckiger gewesen, als jetzt, wo man diesen Versuch machte; auch litten weder die Angreifenden noch die Angegriffenen je größere Verluste. Nach einem langen, wilden Kampfe zeigte sich der Widerstand von Erfolg und die Wilden nahmen ihre Zuflucht zu neuen Anschlägen, um ihren blutigen, erbarmungslosen Zweck zu erreichen. Während der ersten Augenblicke ihres Eindringens und in der Absicht, die Früchte ihres Siegs einzuerndten und zu vertheilen, wenn erst die Besatzung vollständig besiegt sein würde, hatten die Indianer den größten Theil des Hausgeräthes, welches sich in den Wohnungen vorgefunden, an der Seite des Hügels aufgehäuft. Unter andern Dingen hatten sie auch sechs oder sieben Betten aus den Schlafzimmern in den Hof geworfen. Diese nun gebrauchten sie jetzt als mächtige Angriffswerkzeuge. Stück für Stück schleuderten sie diese auf das fortglimmende, obgleich unterdrückte Feuer im untern Gemach des Blockhauses, von wo nunmehr eine Wolke der unerträglichsten Ausdünstung in die Höhe stieg. In diesem allen Muth auf die Probe stellenden Augenblick hörte man den entsetzlichen Ruf im Blockhause, der Brunnen sei versiegt. Die Eimer stiegen eben so leer herauf, als sie hinabgekommen, und wurden als unnütz bei Seite geworfen. Die Wilden schienen ihren Vortheil zu begreifen, denn sie benutzten die Verwirrung, welche unter den Angegriffenen erfolgte, um das schlummernde Feuer wieder anzufachen. Die Flammen entbrannten wild, und in weniger als einem Augenblick wurden sie zu heftig, um wieder gedämpft werden zu können. Bald sah man sie an den Bohlen der Decke hinspielen; das Alles 292 durchdringende Element züngelte sich von Punkt zu Punkt vorwärts, und es dauerte nicht lange, so stahl es sich auch an der Außenseite des heißen Blockhauses hin. Jetzt erkannten die Indianer, daß der Sieg ihnen nicht entgehen konnte, und ihr lautes, freudiges, aber im höchsten Grade entsetzliches Geheul verkündete die grausame Freude, mit welcher sie diese Gewißheit begrüßten. Inzwischen lag in der todtenähnlichen Stille, mit welcher die Opfer innerhalb des Blockhauses ihr Geschick erwarteten, etwas Schauerliches. Das ganze Aeußere des Gebäudes stand schon in Flammen eingehüllt, und doch ließ sich kein Anschein ferneren Widerstandes, keine Bitte um Gnade aus seinem Innern vernehmen. Diese unnatürliche, fürchterliche Stille, die innen herrschte, theilte sich allmählich Denen außen mit. Das Geheul und das Triumphgeschrei hörte auf, und das Prasseln der Flammen oder das Einstürzen der Balken in den umliegenden Gebäuden unterbrach allein noch die schreckhafte Ruhe. Endlich hörte man eine einzige Stimme in dem Blockhause. Ihr Ton war tief, feierlich und flehend. Die wilden Wesen, die den sprühenden Holzhaufen umgaben, neigten sich vorwärts, zu lauschen; denn ihre feinen Sinneswerkzeuge hatten die ersten Laute aufgehascht, die hörbar geworden. Es war Marcus Heathcote, dessen Geist sich in der Andacht ergoß. Heiß war das Gebet, aber voller Zuversicht, und wenn es auch in Worten vorgebracht wurde, welche den Draußenstehenden unverständlich waren, so kannten diese doch genug von den Sitten der Pflanzer, um zu merken, daß der Häuptling der Blaßgesichter mit seinem Gott Unterredung pflege. Theils aus Ehrfurcht, theils in Zweifel darüber, was wohl die Folgen eines so geheimnißvollen Flehens sein möchten, 293 zog sich der schwarze Haufe etwas zurück und beobachtete schweigend den Fortgang der Verheerung. Sie hatten seltsame Dinge von der Macht der Gottheit ihrer Feinde gehört, die ihnen ihr Land genommen, und da ihre Opfer so plötzlich aufhörten, jedes bekannte Mittel zur Rettung anzuwenden, schienen sie zu erwarten, oder erwarteten vielleicht wirklich, daß die Macht des » großen Geistes « der Fremden, sich auf eine unverkennbare Weise offenbaren würde. Indeß verrieth keiner der Angreifenden irgend ein Zeichen von Mitleid, Nichts, was hätte vermuthen lassen, daß sie von der erbarmungslosen Wildheit ihres Kriegführens auch nur in Etwas zurückgekommen. Wenn sie überhaupt nur an das zeitliche Loos Derer dachten, die vielleicht noch in den brennenden Trümmern leben mochten, so geschah es nur, um sich einem vorübergehenden Verdruß zu überlassen, daß die Hartnäckigkeit der Vertheidigung sie des Ruhms beraubt, die gewöhnlichen blutigen Zeichen des Sieges im Triumph nach ihren Dörfern zu tragen. Aber selbst dies besondere und tiefgewurzelte Gefühl wurde vergessen, als der Fortschritt der Flammen, die Hoffnung ihm zu genügen, über alle Möglichkeit hinaus benahm. Das Dach des Blockhauses entzündete sich nochmals und an dem Licht, das durch die Schießlöcher schien, ward es nur zu deutlich, daß auch das Innere in Flammen stand. Ein- oder zweimal brachen unterdrückte Töne aus dem Gebäude hervor, wie das erstickte Angstgeschrei von Frauen, aber dies hörte so plötzlich auf, daß die Lauschenden in Zweifel blieben, ob es überhaupt nur etwas mehr als die Täuschung ihrer eigenen aufgeregten Phantasie gewesen wäre. Die Wilden waren Zeugen von vielen ähnlichen Auftritten menschlicher 294 Leiden gewesen, aber nie hatten sie vorher einen erlebt, wo dem Tod mit solcher Unerschütterlichkeit entgegen gegangen wurde. Die Stille, die in dem brennenden Blockhause herrschte, theilte ihnen ein Gefühl heiligen Schreckens mit, und wie der wankende Thurm nun als eine verkohlte Masse von Trümmern krachend zur Erde stürzte, da vermieden sie die Stelle, als fürchteten sie die Rache einer Gottheit, welche ein so tiefes Gefühl der Ergebung der Brust ihrer Verehrer einzuflößen vermochte. Obgleich man das Siegsgeschrei mehr als einmal noch in jener Nacht im Thale vernahm, und obgleich die Sonne lange vorher sich erhoben hatte, ehe die Sieger den Hügel verließen, fanden doch nur Wenige aus der Bande Entschlossenheit genug in sich, um den rauchenden Trümmern zu nahen, wo ihnen Christen ein so eindringliches Beispiel von Seelenstärke gegeben. Die Wenigen, welche herankamen, standen um die Stelle mehr mit der Ehrerbietung, mit welcher ein Indianer die Gräber der Gerechten besucht, als mit dem wilden Jauchzen, mit dem er, wie bekannt, seine Rache über einem gefallenen Feinde zu sättigen pflegt. 295   Sechszehntes Kapitel.                           »Wer sind diese da, So welk, so eingefallen und so wild im Aufzug? Sie sehen keinen Erdbewohnern gleich, Obgleich darauf sie stehen. Macbeth.           Die Strenge der Jahreszeit, von der wir schon in diesen Blättern sprachen, ist im Aprilmonat nie von langer Dauer. Eine Aenderung des Windes war von den Jägern bemerkt worden, selbst ehe sie noch von ihrem Streifzug zwischen den Hügeln zurückkamen, und obgleich zu ernst beschäftigt, um besondere Aufmerksamkeit auf die Fortschritte des Thauwetters zu haben, fand doch mehr als Einer aus der jungen Mannschaft Gelegenheit, zu bemerken, daß der endliche Ausbruch des Winters herangekommen. Lange, ehe der Auftritt in dem vorhergehenden Kapitel seine höchste Höhe erreichte, hatten sich schon die Südwinde mit der Hitze des Brandes vermischt und warme Lüfte, die dem Lauf des Golfstroms gefolgt waren, wurden nach dem Land zu getrieben, und da sie über die enge Insel hinstrichen, welche an diesem Punkte, gleichsam das Vorwerk des Festlandes bildet, so hatten sie die geringste Spur der 296 Herrschaft des Winters vertilgt, ehe wenige Stunden verflossen waren. Warm, weich, in Fluthen gleichsam daher wehend, drangen diese feinen Luftzüge in die Wälder, schmolzen den Schnee von den Fluren, und da Alles gleichmäßig den hohen Einfluß fühlte, schienen sie ein erneuertes Dasein für Menschen und Vieh zu bringen. Mit dem Morgen stellte sich daher eine ganz verschiedene Landschaft, die gar nichts mehr mit der früheren gemein hatte, welche wir dem Leser vorgeführt, in dem Thal von Wish-Ton-Wish dar. Der Winter war gänzlich verschwunden, und da die Knospen von der gelegentlichen Wärme des Frühlings zu schwellen begonnen hatten, würde Jemand, der mit dem Früheren unbekannt gewesen, gar nicht vermuthet haben, daß die vorgerückte Jahreszeit einer solchen wilden Unterbrechung unterworfen worden. Dessenungeachtet aber boten die durch Menschenhand entstandenen Theile der Landschaft den größten und zugleich traurigsten Wechsel dar. An die Stelle jener einfachen, glücklichen Wohnungen, welche die kleine Anhöhe bekränzt hatten, war nur noch übrig geblieben ein Haufen schwarzer, verkohlter Trümmer; einige halbzerstörte Stücke von Hausgeräthen, welche zu ganz andern Zwecken gebraucht worden, als wozu sie ursprünglich bestimmt waren, lagen zerstreut an den Seiten des Hügels und hier und da war eine geringe Anzahl von Pfählen, durch irgend einen zufälligen Umstand den Flammen theilweise entgangen. Acht oder zehn feste Schornsteine, traurigen Anblicks, ragten noch aus den rauchenden Trümmermassen empor; in dem Mittelpunkt der Verwüstung stand das steinerne Grundgeschoß des Blockhauses, worauf sich noch einige düstere Stücke Holz befanden, die der Kohle 297 glichen. Die nackte, haltlose Einfassung des Brunnens hob ihre kreisförmige Säule noch aus der Mitte des Gebäudes hervor, gleich einem finstern Denkmal der Vergangenheit. Weit umher überzogen die Ruinen der Außengebäude die eine Seite des gelichteten Thales mit einer schwarzen Decke, und an verschiedenen Stellen hatten die Pfähle, wie so viele Linien von einem und demselben Brennpunkte der Zerstörung auslaufend, die Flammen auch in die Felder geleitet. Einige wenige Hausthiere lagen wiederkäuend im Hintergrunde, und selbst die gefiederten Bewohner der Scheunen hielten sich noch in der Ferne, gleichsam durch ihren Instinkt gewarnt, daß der Ort, wo früher ihr Obdach gestanden, von Gefahr umlauert sei. In jeder andern Hinsicht war die Aussicht mild und lieblich wie immer. Die Sonne glänzte an einem wolkenlosen Himmel. Die Wärme der Luft und derselbe, schöne Tag verlieh selbst dem blattlosen Wald einen Anschein von Belebung, und der weiße Dampf, der immer noch aus den glühenden Schutthaufen emporstieg, zog hoch über die Hügel dahin, gleich wie der heimische Rauch aus den Hütten über das friedliche Dach sich hinkräuselt. Die erbarmungslose Bande, welche diese plötzliche Veränderung bewirkt hatte, war schon weit in der Richtung nach ihren Dörfern zu, oder suchte vielleicht irgend einen andern blutigen Schauplatz aus. Ein geübtes Auge hätte die Straße verfolgen können, welche diese wilden Wesen der Wälder eingeschlagen. Pfähle waren aus ihren Stellen gerissen, oder der Leichnam von einem Thier, das im Uebermuth des Sieges von dem abziehenden Feind den Todesstreich empfangen, lag da, ihre Richtung anzudeuten. Von allen diesen blutgierigen Wesen war nur Einer zurück geblieben, und der 298 schien an der Stelle zu weilen, um sich Gefühlen zu überlassen, die jenen Leidenschaften fremd waren, welche so eben noch die Brust seiner Gefährten erfüllt und erhoben hatten. Mit leisem, geräuschlosen Schritt bewegte sich dieser einsame Nachzügler um den Schauplatz der Vernichtung. Man sah ihn zuerst mit gedankenvollem Aeußeren unter den Trümmern der Gebäude, welche das Viereck gebildet hatten, einhertreten, und dann, dem Anschein nach, von Theilnahme an dem Schicksal Jener geleitet, welche so elend umgekommen, näherte er sich mehr dem Aschenhaufen in ihrem Mittelpunkt. Das feinste, aufmerksamste Ohr würde des Indianers Fuß nicht auftreten gehört haben, wie er mit demselben die öde Stelle in dem verfallenen Mauerwerk berührte, und leiser denn das Athmen eines Kindes war das seinige, während er auf einer Stelle stand, die vor so kurzer Zeit geweiht worden durch den Todeskampf, durch das Märtyrerthum einer christlichen Familie. Es war der Knabe, der den Namen Miantonimoh führte, er suchte einige Ueberreste Derjenigen, mit denen er so lang friedlich, ja zutrauensvoll unter einem Obdach gewohnt hatte. Wer mit dem Charakter der Leidenschaften der Wilden vertraut gewesen, hätte in dem Spiel seiner sprechenden Züge eine Spur dessen finden mögen, was in dem Gemüth des Jünglings vorging und arbeitete. Als sein schwarzes, glänzendes Auge über den rauchenden Bruchstücken hinfuhr, schien es scharf nach einer Spur von einem menschlichen Wesen zu suchen. Doch das wilde Element hatte zu gierig sein Werk vollbracht, um viele sichtbare Ueberbleibsel, die seiner Wuth entgangen, zurückzulassen. Indessen zog etwas, dem, was er suchte, Aehnliches, sein Auge auf sich, leichten Fußes eilte er 299 an die Stelle, wo es lag, und hob den Knochen eines kräftigen Armes aus dem glimmenden Schutt in die Höhe. Das Strahlen seines Auges, als er es auf diesen traurigen Gegenstand richtete, war wild und frohlockend, wie dies bei einem Wilden der Fall ist, wenn er zuerst die stolze Lust gesättigter Rache fühlt; aber sanftere Rückerinnerungen kamen bald mit diesem Hinstarren und freundlichere Gefühle nahmen offenbar die Stelle jenes Hasses ein, den man ihn gegen ein Geschlecht zu hegen gelehrt hatte, das so schnell sein Volk von dem Lande wegtrieb. Der verbrannte Ueberrest fiel aus seiner Hand, und wäre Ruth zugegen gewesen, die Trauer und den Ausdruck der Rührung zu bemerken, welcher seine dunkeln Züge umhüllte, so würde die Gewißheit, daß ihre Güte nicht ganz vergeblich verschwendet worden sei, ihr Genugthuung gegeben haben. Bedauern wich bald einer Art von heiliger Furcht. Der Einbildungskraft des Indianers schien es, als wenn eine leise Stimme, wie die, welche den Gräbern entsteigen soll, sich an dem Orte hören ließe. Den Körper vorgebogen, lauschte er mit der Gespanntheit und Schärfe eines Wilden. Ihn dünkte, die unterdrückten Töne des Marcus Heathcote würden nochmals hörbar, wie er Unterredung mit seinem Gotte pflog. Der Meißel eines Griechen würde Gefallen gefunden haben, die Stellung und Bewegungen des verwunderten Jünglings nachzubilden, wie er langsam und ehrerbietig sich von der Stelle zurückzog. Sein Blick war auf die Leere hin gerichtet, wo die oberen Zimmer des Blockhauses gestanden hatten, und er zum letzten Mal die Familie im Anrufen ihrer Gottheit um Hülfe in ihrer äußersten Noth getroffen hatte. Die Phantasie fuhr noch immer fort, ihm die Opfer 300 in ihrem brennenden Thurm vorzumalen. Noch eine Minute zauderte der junge Indianer, vielleicht nicht ohne den Glauben, daß ihm während dieses geringen Zeitraums ein Erscheinen der Blaßgesichter werden würde, und dann zog sich der junge Indianer mit nachdenkender Miene und schwermuthsvollem Gemüthe zurück, leicht längs des Pfads hinschreitend, der ihn auf die Spur seines Volkes bringen mußte. Als seine schlanke Gestalt die Grenzlinie des Waldes erreicht hatte, stand er nochmals stille und einen letzten Blick auf die Stelle werfend, wo das Geschick ihm zum Zeugen von so vielem häuslichen Frieden und so großem plötzlichen Elende gemacht hatte, ward er hierauf alsbald in die Dunkelheit seiner heimathlichen Wälder eingehüllt und den Blicken entzogen. Das Werk der Wilden schien jetzt vollendet. Dem fernern Anbau des Thales von Wish-Ton-Wish hatte das demselben widerfahrene Geschick, allem Anschein nach, ein kräftig wirkendes Hemmniß angelegt; und wäre dem Wirken der Natur Alles überlassen worden, wenige Jahre schon hätten die verlassene Lichtung mit ihrer früheren Vegetation wieder bekleidet, und ein halbes Jahrhundert das Ganze ihrer stillen Fluren nochmals in die Schatten des Waldes begraben. Aber es war anders vom Schicksal beschlossen. Die Sonne hatte den Mittagskreis erreicht, und die feindliche Bande einige Stunden zurückgelegt, ehe Etwas sich ereignete, was den Anschein hatte, diesen möglichen Beschluß der Vorsehung in Ausführung bringen zu wollen. Einem, der mit den kürzlich vorgefallenen Schrecken bekannt gewesen, hätte das Säuseln der Lüfte über die Trümmer hin für das Flüstern abgeschiedener Geister gelten können. Kurz es schien, 301 als wenn die Stille der Wildniß nochmals ihre Herrschaft angetreten, als sie plötzlich, wiewohl leise unterbrochen wurde. Eine Bewegung ging innerhalb der Trümmer des Blockhauses vor sich. Es klang, als wenn Holzmassen allmählig und vorsichtig von ihrer Stelle entrückt würden, und dann stieg ein Menschenkopf langsam und mit deutlichem Argwohn über die Einfassung des Brunnens empor. Das wilde, der Erde fremde Aeußere dieses scheinbaren Gespenstes stand im Einklang mit dem übrigen Schauplatz. Ein Gesicht, entstellt durch Rauch und mit Blut befleckt; ein Haupt mit einem Bruchstück eines beschmutzten Gewandes umwickelt, und Augen, die mit einer Art dumpfen Schreckens um sich starrten, waren Dinge, wie sie vollkommen zu den andern schreckhaften Umgebungen der Stelle paßten. »Was siehst Du?« fragte eine tiefe Stimme von innen aus den Wänden der Brunneneinfassung heraus. »Werden wir nochmals zu den Waffen greifen müssen, oder haben uns die Werkzeuge Molochs verlassen? Sprich, komm zur Fassung junger Mann, was erblickst Du?« »Einen Anblick, der einen Wolf zum Weinen bringen könnte!« entgegnete Eben Dudley und erhob seine hohe Gestalt so, daß er gerade auf der Einfassung stand, von wo aus er in einer Vogelsperspektive den größten Theil der Verheerung im Thal überschaute. »So traurig er aber auch immer sein mag, wir können nicht sagen, daß Vorzeichen und Warnungen uns vorenthalten worden. Aber was ist der klügste Mensch, wenn die Weisheit der Sterblichen in die Wagschale gelegt wird gegen die List von Teufeln. Kommt nur heraus; Belial hat sein Schlimmstes vollbracht und wir haben Zeit zum aufathmen.« 302 Die Töne, welche nach diesen Worten noch tiefer aus dem Brunnen hervorkamen, verriethen eben so sehr die Freude, womit diese Botschaft aufgenommen ward, als die Eile, womit man dem Aufrufe des Grenzmannes willfahrte. Verschiedene Holzblöcke und kurze Stücke von Bohlen wurden zuerst sorgfältig Dudley's Händen heraufgereicht, der sie dann wie unnützen Plunder zu den andern Trümmern der Gebäuden warf. Er stieg hierauf von seinem Standpunkte herab und machte Andern Raum, ihm zu folgen. Der Erste, welcher nun herausstieg, war der Fremde, nach ihm kam Contentius, der Puritaner, Ruben Ring, kurz, alle die jungen Leute, die nicht während des Kampfes gefallen waren. Nachdem diese heraufgestiegen, und jeder nach der Reihe herab in's Freie gesprungen, war eine sehr kurze Vorkehrung hinreichend, um den schwächeren Theil der Gesellschaft aus der Tiefe zu befreien. Die Behendigkeit des Erfindungsgeistes der Grenzbewohner brachte bald die nothwendigen Hülfsmittel herbei. Mit Ketten und Eimern wurden Ruth und die kleine Martha, Fidel und alle die andern Mägde, auch nicht eine einzige ausgenommen, nach und nach aus der Erde herausgezogen, und dem Lichte des Tages wieder gegeben. Es ist kaum nöthig, Denen, welche Erfahrung am besten in den Stand gesetzt hat, über solch einen Vorfall zu urtheilen, erst zu sagen, daß es eben keiner großen Arbeit und nicht langer Zeit zu dieser Verrichtung bedurfte. Es ist nicht unsere Absicht, die Gefühle des Lesers peinlich aufzuregen, wenn solches nicht durch die einfache Erzählung der Vorfälle dieser Geschichte unvermeidlich wird. Schweigend übergehen wir daher alle die Schmerzen des Körpers und die Schrecken der Gemüther, von welchen die 303 Bewirkung dieses sinnreichen Rückzugs von den Flammen und dem Tomahawk begleitet gewesen. Die Qualen beschränkten sich hauptsächlich auf Besorgnisse, denn da das Hinuntersteigen leicht war, so hatte die Behendigkeit und der Scharfsinn der jungen Mannschaft Mittel gefunden, durch Stücke von Hausgeräth, die sie zuerst in den Brunnen warfen, und durch wohlbefestigte Trümmer von den Fußböden, die sie gehörig darüber hinlegten, die Lage der Frauenzimmer und Kinder weniger peinvoll zu machen, als man anfangs sich hätte denken mögen, so wie sie auch wirksam vor dem einstürzenden Blockhause geschützt waren. Indeß war es auch garnicht wahrscheinlich, daß dieses Letztere ihre Sicherheit sehr gefährden würde, da die Gestalt des Gebäudes an und für sich selbst einen hinlänglichen Schutz gegen den Fall seiner schwereren Theile darbot. Die Gefühle, womit die Familie mitten in dieser Verwüstung des Thales zusammenkam, lassen sich leicht denken; indeß wurde sie durch das Bewußtsein aufgerichtet, einem noch weit schrecklicheren Loose entgangen zu sein. Ihre erste Handlung war, ein kurzes aber feierliches Dankgebet für ihre Befreiung darzubringen, und dann richteten sie mit der Schnelligkeit von Leuten, die in Noth und Gefahren aufgewachsen waren, ihre Aufmerksamkeit auf jene Maßregeln, die, wie die Klugheit ihnen sagte, jetzt nothwendig geworden. Einige der thätigeren und erfahrneren jungen Leute wurden ausgeschickt, um die von den Indianern genommene Richtung auszumitteln und so viel Nachricht als über ihre ferneren Bewegungen einzuziehen. Die Mädchen beeilten sich, das Vieh zusammenzutreiben, während Andere schweren Herzens unter den Trümmern herumsuchten, um soviel von 304 Nahrung und sonstigen Gegenständen aufzufinden, als nur immer möglich war und zureichte, um nur wenigstens die ersten Bedürfnisse, die nothwendigsten Anforderungen der Natur zu befriedigen. Zwei Stunden hatten so ziemlich das vollendet, was in allen diesen verschiedenen Rücksichten unmittelbar geschehen konnte. Die junge Mannschaft kehrte mit der Versicherung zurück, die Spuren verkündeten den gewissen und endlichen Rückzug der Wilden. Die Kühe hatten ihren Tribut erlegt und gegen den Hunger hatte man so viel Vorrath zusammengebracht, als die Umstände nur immer erlauben wollten. Auch die Waffen waren untersucht und so weit es die Beschädigungen verstatten wollten, die sie erlitten, in Bereitschaft zu augenblicklichem Gebrauch gesetzt worden. Einige schnelle Vorkehrungen hatte man getroffen, um den weiblichen Theil der Dulder gegen die kalte Luft der nächsten Nacht zu schützen und kurz Alles war geschehen, was die Einsicht eines Grenzmannes einzugeben oder seine außerordentliche Schnelligkeit in Hülfsmitteln in so kurzer Zeit aufzubringen vermochte. Die Sonne begann an den Spitzen der Buchen hinabzusinken, welche die westliche Linie der Aussicht begrenzten, ehe noch alle diese nothwendigen Anordnungen beendet waren. Erst alsdann jedoch erschien Ruben Ring, von einem andern jungen Manne von gleicher Thätigkeit und gleichem Muthe begleitet, vor dem Puritaner, gerüstet, wie Leute in ihrer Lage es sein konnten, um eine Reise durch die Wälder anzutreten. – »Geht,« sagte der greise Religionsbekenner, als sich die Jünglinge ihm vorstellten, »geht, überbringt die Nachricht von dieser Heimsuchung, damit uns Leute zu Hülfe und Unterstützung kommen. Ich verlange nicht Rache an den 305 bethörten, heidnischen Nachahmern der Verehrer Molochs, sie haben aus Unwissenheit dies Uebel uns zugefügt. Niemand bewaffne sich der Beleidigungen wegen, die von sündhaften, im Irrthum befangenen Wesen herrühren. Vielmehr schaue Jeder in die verborgenen Greuel seines eigenen Herzens, damit er den lebendigen Wurm erdrücke, welcher, indem er an den Wurzeln einer gnadenreichen Hoffnung nagt, noch die Früchte der Verheißung in ihren eigenen Seelen zerstören könnte. Ich wünschte, wir möchten uns dieses Zeichen des göttlichen Unwillens zu Nutze machen und daraus lernen. Geht, durchzieht die Ansiedelungen auf fünfzig Meilen im Umkreis, und fordert diejenigen unserer Nachbaren, welche abkommen können, auf, uns zu Hülfe zu eilen, sie sollen willkommen sein; und möge es lange dauern, ehe Einer von ihnen eine Einladung an mich oder die Meinigen sendet, seine Pflanzungen zu gleich traurigen Dienstleistungen zu betreten. Zieht hin, und erinnert Euch, das Ihr Boten des Friedens seid; daß Euer Auftrag nichts gemein hat mit den Gefühlen der Rache, sondern daß es nur ein Hülfeflehen ist, wie die Vernunft es nur zur Pflicht macht; daß keinen bewaffneten Aufstand unter meinen Brüdern ich erregen will, um damit die Wilden in ihren Zufluchtsort zurückzutreiben.« Mit dieser letzten Ermahnung nahmen die jungen Männer Abschied. Doch sah man deutlich an ihren trotzigen Stirnen und zusammengepreßten Lippen, daß sie leicht einen Theil seiner verzeihungsvollen Grundsätze vergessen möchten, wenn etwa der Zufall sie auf ihrem Zuge auf eine Spur eines herumstreichenden Bewohners der Wälder bringen sollte. In einigen Augenblicken sah man sie mit schnellem Schritt über die Felder in die Tiefen des Waldes längst des Pfades sich verlieren, der nach den Ortschaften führte, welche weiter unten am Connecticut lagen. Eine andere Aufgabe blieb noch zu lösen übrig. Als man die einstweiligen Anordnungen zum Schutz der Familie traf, hatte man gleich anfangs sein Auge auf das Blockhaus geworfen. Die Mauern des Grundgeschosses dieses Gebäudes standen noch, und man fand es sehr leicht, vermittelst halbverbrannter Balken und einiger Bohlen, die dem Brand entgangen, es auf eine Weise wieder mit einem Dache zu versehen, das wenigstens einstweiligen Schutz gegen das Wetter darbot. Dieser einfache, beeilte Bau, mit einer ganz außerordentlich kunstlosen Küche, die man um einen Schornstein herum aufgestellt hatte, begriff beinahe Alles, was geschehen konnte, ehe Zeit und Beistand es ihnen möglich gemacht, andere Gebäude zu beginnen. Als man die Trümmer des kleinen Thurmes von ihrem Schutt reinigte, wurden die Ueberreste der in dem Kampfe Umgekommenen mit frommer Sorgfalt gesammelt. Den Körper des jungen Mannes, der in den ersten Stunden des Angriffs das Leben verlor, fand man, halb von den Flammen verzehrt, im Hofe, und auch die Gebeine von zwei Andern, welche innerhalb des Blockhauses gefallen, wurden unter den Trümmern hervor zusammengelesen. Es war jetzt die traurige Pflicht herangekommen, sie alle mit gebührender Feierlichkeit der Erde anzuvertrauen. Die zu diesem trauervollen Dienste ausersehene Zeit war die, wo gerade der westliche Horizont von dem, was einer unserer eigenen Dichter so schön »den Pomp, der den Tag bringt und hinabführt,« nennt, erglühte. Die Sonne war in den Baumwipfeln und ein sanfteres, lieblicheres Licht 307 hätte man zu solch einer Feierlichkeit nicht wählen können. Der größte Theil der Felder lag noch in dem sanften Glanze der Abendstunde da, obgleich der Wald schnell den dunkleren Blick der Nacht annahm. Ein breiter, düsterer Rand dehnte sich von der Waldgrenze her, und hier und da warf ein einsamer Baum seinen Schatten über seinem Bereich hinaus auf die Wiesen hin, eine dunkle, zackige Linie in grellem Widerstreit mit dem Glanz der Sonnenstrahlen ziehend. Einer dieser Schatten, es war das dunkle Bild einer hohen, im Wind rauschenden Tanne, die ihre finstere grüne Pyramide von nie erbleichendem Laubwerk nahe an hundert Fuß über das niedere Wachsthum der Buchen erhob, – einer dieser Riesenschatten erstreckte sich bis an die Seite der Anhöhe des Blockhauses hin. Hier sah man sein spitzes Ende sich langsam nach dem offenen Grabe hinstehlen, ein Sinnbild jenes Dunkels der Vergessenheit, welche die anspruchslosen Bewohner desselben sobald umhüllen sollte. An dieser Stelle hatten Marcus Heathcote und seine noch übrigen Gefährten sich versammelt. Ein eichener Stuhl, den man aus den Flammen gerettet, war zum Sitz für den Vater bestimmt, und zwei parallel laufende Bänke, welche man aus Bohlen, die über Steine gelegt wurden, gebildet hatte, nahmen die andern Glieder der Familie ein. Das Grab lag zwischen ihnen. Der Patriarch hatte seinen Platz an einem der Enden der Gruft genommen, während der in diesen Blättern so oft angeführte Fremde mit gefalteten Händen und gedankenvoller Stirn an dem andern stand. Ein Pferdezaum, zu einem mangelhaften, den beschränkten Mitteln der Grenzbewohner angemessenen Geschirr gehörig, hing an einen der halbverbrannten Pallisaden im Hintergrunde. 308 »Eine gerechte, aber dennoch gnädige Hand ist schwer über mein Haus gekommen,« begann der alte Puritaner mit der Ruhe eines Mannes, der seit langem sich gewöhnt hatte, Leiden mit Demuth zu ertragen. »Der, welcher reichlich gegeben, hat es auch wieder genommen; Er, der lange mit meiner Schwäche Nachsicht getragen, hat sein Antlitz jetzt verhüllt in Zorn. Ich habe seine segnende Macht kennen gelernt, es geziemte sich, daß ich auch sein Mißfallen fühlte. Ein Herz, das vertrauungsvoll wurde, hatte sich verhärtet in seinem Stolze. Es murre daher Niemand über das, was uns geschehen ist. Niemand ahme die Sprache des thörichten Weibes Hiobs nach. Wie, sollten wir das Gute aus der Hand Gottes empfangen, und das Böse nicht? Ich wünschte, daß die Schwachen dieser Welt, die, welche die Seele durch die Eitelkeiten gefährden, die, welche mit Unwillen und Aerger auf die Entbehrungen des Fleisches blicken, den Reichthum eines Beständigen schauen möchten. Ich wollte, sie erkennten die Trostgründe des Gerechten! Es erschalle die Stimme des Dankgebetes in der Wildniß. Oeffnet den Mund zum Lobe und Preise Gottes, daß das dankbare Herz der Reuigen nicht verborgen bleibe.« Als die tiefen Töne des Redenden aufhörten, fiel sein ernstes Auge auf die Züge des jungen Mannes, der ihm am nächsten stand; und schien eine laute Antwort auf diesen erhabenen Ausdruck der Hingebung zu fordern. Aber die Forderung überstieg die Kräfte des Mannes, an den dieser schweigende aber deutliche Aufruf erging. Nachdem er die Ueberreste seiner einstigen Gefährten betrachtet, die zu seinen Füßen lagen, und einen weithin irrenden Blick auf die Zerstörung geworfen, welche sich über eine Stelle hin verbreitet hatte, die seine eigene Hand zu schmücken geholfen, und als er ein 309 erneutes Bewußtsein seiner eigenen körperlichen Leiden in der stechenden Pein seiner Wunden fühlte, wandte der junge Grenzbewohner sein Auge ab, und schien vor einer so entsagenden Darlegung von Unterwerfung unter die himmlischen Rathschlüsse zurückzubeben. Als Marcus sein Unvermögen zu antworten bemerkte, fuhr er fort: »Hat denn Niemand eine Stimme, den Herrn zu preisen? Die Banden der Heiden sind über meine Heerden hergefallen; der Feuerbrand hat an meinen Wohngebäuden gewüthet; meine Leute fielen unter der Gewaltthätigkeit der Unerleuchteten, und Niemand ist hier, der da sagt, daß der Herr gerecht ist! Ich wünsche, daß der Ruf des Dankes sich erhebe in meinen Feldern. Ich wünsche, daß der Lobgesang lauter werde, als das Kampfgeschrei der Wilden, und daß das ganze Land von Freudentönen wiederhalle!« Eine lange, tiefe, erwartungsvolle Pause trat ein. Dann erwiderte Contentius mit ruhiger, fester Stimme, und mit der ihn nie verlassenden Bescheidenheit: »Die Hand, welche die Wage gehalten, ist gerecht, und wir sind als nichtig befunden worden. Er, der die Wildniß erblühen läßt, hat diesmal die Unwissenden und Wilden zu Werkzeugen seines Willens gemacht. Er hat den Fortgang unseres Gedeihens gehemmt, auf daß wir erkennen, Er sei der Herr. Er hat durch den Sturmwind zu uns gesprochen, aber seiner Gnade verdanken wir es, daß wir seine Stimme nicht verkennen.« Als sein Sohn schwieg, schoß ein Strahl der Zufriedenheit über das Antlitz des Puritaners. Sein Auge wandte sich dann zunächst forschend auf Ruth, welche unter ihren 310 Mägden dasaß, ein Bild weiblichen Schmerzes. Als jetzt ein Jeder von der kleinen Versammlung sich einen verstohlenen Blick auf ihr mildes aber bleiches Gesicht erlaubte, herrschte eine athemlose Stille, denn es war nicht so sehr die Neugier als die gemeinschaftliche Theilnahme, das Mitleid eines Jeden mit ihrem Kummer, was den Blicken diese Richtung gab. Das Auge der Mutter starrte ernst aber ohne eine Thräne auf den traurigen Anblick vor ihr, es suchte, sich unbewußt, unter den verbrannten, zusammengeschrumpften Ueberresten der Sterblichkeit, die zu den Füßen der Trauernden lagen, nach einer Reliquie des Engels, den sie verloren hatte. Ein Schaudern verrieth den Kampf, der in ihrer Seele vorging. Endlich erhob sie ihre liebliche Stimme so leise, daß selbst die, welche ihr am nächsten standen, kaum die einzelnen Worte vernehmen konnten, welche einen Spruch der Bibel in sich faßten: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; sein heiliger Name sei gelobt!« »Nun weiß ich, daß Der, welcher mich schlug, gnädig ist; denn er züchtigt Die, welche er liebt,« sagte Marcus Heathcote, indem er sich mit Würde von seinem Sitz erhob, um die Seinigen anzureden. »Unser Leben ist ein Leben des Stolzes. Die Jungen sind gewohnt, übermüthig zu werden, während der, welcher viele Jahre zählt, in seinem Herzen spricht: »Hier ist gut sein.« Es liegt ein furchtbares Geheimniß in Dem, der in der Höhe wohnet. Der Himmel ist sein Thron, und die Erde hat er geschaffen zu seinem Fußschemel. Daß die Eitelkeit des Schwachen sich nicht herausnehme, ihn zu verstehen; denn Der, der den Athem des Lebens in sich hält, lebte ehe denn die Hügel waren! Die 311 Bande des Bösen, des Satans und der Söhne Belials sind gelöst worden, damit der Glaube der Auserwählten gereinigt werde und die Namen Derer, welche eingeschrieben stehen im Buch des Lebens, seit die Grundvesten der Erde gelegt wurden, gelesen werden möchten in Buchstaben von reinem, geläuterten Golde. Die Lebenstage des Menschen sind nur ein Augenblick in den Augen des Allmächtigen, dessen Leben die Ewigkeit ist, dem die Erde nur als die Wohnung für wenige Monden gilt! Die Gebeine der Kühnen, der Jugendlichen, und der Starken von gestern liegen hier zu unsern Füßen. Niemand weiß, was eine Stunde zu bringen vermag. In einer einzigen Nacht, meine Kinder, ist dies Alles geschehen. Menschen, deren Stimme in meinen Gemächern gehört wurden, sind nun sprachlos; und die sich so kürzlich freuten, trauern jetzt. Und doch ist dies anscheinende Uebel verhängt worden, damit Gutes daraus hervorgehe. Wir wohnen in einem wilden, fernen Lande,« fuhr er fort, und ließ unmerklich seine Gedanken den trauervolleren Einzelnheiten ihrer Betrübniß sich zuwenden; »unsere irdische Heimath ist fern von hier. Die Flammensäule der Wahrheit hat uns hieher geleitet, aber die Bosheit der Verfolger ist nicht zurückgeblieben. Obdachslos und gehetzt, gleich dem gejagten Wild, sind wir nochmals genöthigt zu fliehen. Wir haben das Zelt der Gestirne zu unserem Dache, Niemand kann mehr im Geheimen innerhalb unserer Mauern, seine Andacht verrichten. Aber dennoch, der Weg der Gläubigen, obgleich voller Dornen, er führt zur Ruhe, und die endliche Stille des Gerechten vermag Niemand ferner zu trüben. Der, welcher um der Wahrheit willen Hunger und Durst und die Leiden des Körpers erduldet hat, versteht es schon, sich zu begnügen, und wer 312 den Frieden der Gerechten zum Ziel hat, der wird die längste Stunde leiblicher Trübsal nicht zu lange finden.« Die starken Gesichtszüge des Fremden wurden selbst noch strenger als gewöhnlich, und als der Puritaner fortfuhr, ergriff die Hand, die an dem Hefte einer Pistole ruhte, die Waffe immer krampfhafter bis die Finger in das Holz wie eingegraben schienen. Jedoch blieb er schweigend, und verbeugte sich, gleichsam um die persönliche Anspielung anzuerkennen. – »Wenn Jemand den frühen Tod Derjenigen beweint, welche im erlaubten Kampfe um Leben und Obdach den Geist aufgaben«, – hier sah er ein nicht weit von ihm sitzendes Mädchen an – »so möge er sich erinnern, daß von Anbeginn der Welt ihre Tage gezählt waren, und daß kein Sperling zur Erde fällt, ohne den Rathschlüssen ewiger Weisheit zu entsprechen. Lasset vielmehr das Geschehene uns an die Nichtigkeit des Lebens erinnern, damit wir lernen mögen, wie leicht es ist, in die Unsterblichkeit einzugehen. Wenn der Jüngling niedergemäht worden, gleich dem unreifen Gras, wie wir meinen; so führte Einer die Sichel, der am besten weiß, wann er mit dem Einsammeln der Ernte in seine ewigen Vorrathskammern anzufangen hat. Eine mit ihm verbundene Seele – wie denn das schwächere Geschlecht sich gern auf Mannesstärke stützet – beweint seinen Tod! ihre Trauer sei aber die einer Christin, nicht ungemischt mit heiliger Freude.« Ein krampfhaftes Schluchzen brach aus der Brust desjenigen Mädchen hervor, das, wie man wußte, mit einem der Gefallenen verlobt gewesen; und dadurch ward für einen Augenblick die Rede des alten Puritaners unterbrochen. Als aber nochmals Stille eintrat, da kam er mittelst eines 313 sehr natürlichen Uebergangs auf seine eigene Leiden zu sprechen, und fuhr folgendermaßen fort: »Der Tod war kein Fremdling in meinem Hause. Sein Pfeil traf am schwersten, als er Jene wegführte, welche, wie die, die hier gefallen, in dem Stolz ihrer Jugend stand, und als ihre Seele zum ersten Male die Freude genoß, einem Knaben das Dasein gegeben zu haben. Du, der in dem Himmel thront,« fuhr er fort und wandte sein starres thränenloses Auge in die Höhe; »Du weißt, wie schwer jener Schlag war, und Du hast das Ringen eines erdrückten Gemüthes in Dein Gedenkbuch niedergeschrieben. Nicht zu schwer zum Ertragen ist die Last befunden worden. Das Opfer hat nicht hingereicht; die Welt hat nochmals in meinem Herzen die Oberhand bekommen. Du gabst uns ein Bild jener Unschuldigen und Lieblichen, die im Himmel wohnen, und hast es nun dahingenommen, auf daß wir Deine Macht erkennen. Wir beugen uns vor Deinem Gericht. Wenn Du unser Kind in die Wohnungen der Seligkeit gerufen, so ist es ganz Dein, und wir nehmen uns nicht heraus zu klagen; aber wenn Du es noch zurückgelassen, damit es ferner noch wandeln möge auf dem Pilgerpfad des Lebens, so vertrauen wir auf Deine Güte. Das Mädchen stammt aus einem langduldenden Geschlecht und Du wirst sie nicht der Blindheit der Heiden preisgeben. Dein ist sie, gänzlich Dein, König des Himmels! und doch hast Du unsern Herzen vergönnt, nach ihr zu verlangen mit der Zärtlichkeit irdischer Liebe. Wir erwarten fernere Offenbarungen Deines Willens, damit wir erkennen mögen, ob die Quelle unserer Zuneigung und Liebe vertrocknen soll, in der Gewißheit ihrer segensvollen Ruhe,« – heiße Thränen rollten den Wangen der 314 blassen, regungslosen Mutter hinab, – »oder ob die Hoffnung, ja ob die Pflicht gegen Dich, ihre Blutsverwandten zu Nachforschungen auffordert. Als Deine Hand am schwersten ruhte auf dem niedergebeugten Geist eines einsamen, verlassenen Wanderers in einem fremden und öden Lande, da würde er ohne Murren Dir auch sein Kind hingegeben haben; es war Dein Wille, es ihm an der Stelle Derjenigen, die Du zu Dir berufen, zu lassen, es ward ein Mann; und nun steht auch er hier, und bringt, wie einst Abraham, das Kind seiner Hoffnung und Liebe als ein williges Opfer dar. Verfahre damit, wie es Deiner nie fehlenden Weisheit am besten dünkt.« – Diese Worte wurden durch einen tiefen Seufzer, der aus Contentius Brust hervordrang, unterbrochen. Ein Schweigen erfolgte, aber als die Versammlung Blicke voll Mitgefühl und Ehrfurcht aus den kindesberaubten Vater zu werfen wagte, sahen Alle, daß er sich erhoben hatte, und fest auf den Sprechenden hinstarrend da stand, als wenn er sich eben so sehr wie die Andern wunderte, daß er sich einen solchen Schmerzenston gestattet. Der Puritaner wollte den Gegenstand seiner Rede wieder aufnehmen, allein die Stimme bebte und versagte ihm zusehends mehr und mehr; und einen Augenblick lang bot er seinen Zuhörern das schmerzhafte Schauspiel eines durch Leiden erschütterten, würdevollen Greises dar. Seiner Schwäche sich bewußt, hörte jetzt der Greis mit Ermahnungen auf, und wandte sich zum Gebet. So beschäftigt, war er in seiner Aussprache wieder klar, fest und deutlich, und die Andacht endete mitten in tiefer, heiliger Stille. Nach dieser Leichenrede war denn auch die einfache Feierlichkeit selbst zu Ende. Die Ueberreste wurden in feierlichem 315 Schweigen in das offene Grab hinabgesenkt, das von den jungen Männern bald mit Erde bedeckt ward. Darauf rief Marcus Heathcote laut den Segen Gottes über sein Haus herab, und das Haupt verbeugend, wie er früher seinen Geist unter den Willen des Himmels gebeugt hatte, winkte er der Familie, sich zurückzuziehen. Ueber der Ruhestätte der Entschlafenen weilten nun der Puritaner und der Fremde zu ihrer letzten Unterredung. Die Hand des Unbekannten wurde fest von der des Puritaners ergriffen und die ernste Selbstbeherrschung Beider schien zu weichen vor dem Schmerz einer durch so viele Trübsale bewährten Freundschaft. »Du weißt es, daß ich nicht bleiben darf,« sagte der Fremde, gleichsam als wenn er auf einen Wunsch antwortete, den der Andere ausgesprochen. »Sie möchten mich zum Opfer des Moloch's ihrer Eitelkeiten machen, und doch wünsche ich so sehr zu weilen, bis das herbe Gefühl dieses großen Unglücks etwas nachgelassen. Ich fand Dich im Frieden und muß nun beim Scheiden Dich im tiefsten Leid sehen!« »Du mißtrauest mir, oder thust Deinem eigenen Wissen Unrecht,« unterbrach ihn der Puritaner mit einem Lächeln, das auf seinen eingefallenen, strengen Gesichtszügen glänzte, wie die Strahlen der untergehenden Sonne eine winterliche Wolke beleuchten. »Schien ich glücklicher, als Deine Hand die einer geliebten Braut in meine eigene legte; schien ich Dir damals glücklicher, als Du mich jetzt in dieser Wildniß siehst, ohne Haus und Vermögen, und, Gott vergebe mir den Undank, ich hätte beinahe gesagt, auch kinderlos. Nein, in der That, Du darfst nicht zögern, denn die Bluthunde der 316 Tyrannei werden auf ihrer Spur sein; hier ist kein Schutz mehr für Dich.« Die Augen Beider wandten sich wie in einem gemeinsamen, traurigen Gefühl nach den Trümmern des Blockhauses. Der Unbekannte drückte dann die Hand seines Freundes in seinen beiden eigenen, und sagte mit erstickter, gebrochener Stimme: »Marcus Heathcote, lebe wohl; wer ein Obdach für den verfolgten Wanderer hatte, wird nicht lange selbst ohne eines bleiben, und der Gottergebene nicht immer Trübsal kennen.« Seine Worte klangen in den Ohren des Patriarchen wie die Offenbarung einer Prophezeiung. Sie drückten sich nochmals die Hände und betrachteten einander mit Blicken, worin die Güte nicht gänzlich von dem zurückstoßenden Charakter einer angenommenen Haltung unterdrückt werden konnte. Hierauf schieden sie. Der Puritaner nahm langsam seinen Weg nach dem traurigen Obdach, das seine Familie schützte, während man kurz hernach den Fremden das Thier, welches er bestiegen hatte, über die Weiden des Thals nach einem der abgelegensten Pfade der Wildniß antreiben sah.   Ende des ersten Theils.     Zweiter Theil. Erstes Kapitel. Dann ging's dem Dorfe zu, und mit Behagen Sprach Jeder von den längst verfloss'nen Tagen: Der reiste fort; den hat der Tod ereilt: Ein Dritter noch im Vaterhause weilt. Dana.           Wir überlassen es der Einbildungskraft des Lesers, sich einen Zwischenraum von mehreren Jahren auszufüllen. Ehe wir aber den Faden der Erzählung wieder aufnehmen, ist es nöthig, einen zweiten flüchtigen Blick auf die Lage der Gegend zu thun, wo die Begebenheiten unserer Legende stattfanden. Nicht mehr beschränkten sich die Bewohner der Provinz in ihren Anstrengungen auf die ersten Versuche eines Colonieenstandes. Die Einrichtungen von New-England hatten die Feuerprobe der Erfahrung bestanden, und waren bleibend geworden. Massachusetts war schon sehr bevölkert, und Connecticut, die Colonie, welche unmittelbarer mit unserer Erzählung zusammenhängt, war es genug, um einen Theil von jenem Unternehmungsgeiste zu verrathen, welcher späterhin ihre kleine, thätige Gemeinde so merkwürdig machte. Solche Anstrengungen verwandelten zusehends große 6 Strecken der Wildniß in angebautes Land, und wir werden uns bemühen, eine dieser Veränderungen so deutlich, als es unsere schwachen Kräfte erlauben wollen, denen vor Augen zu stellen, welche diese Blätter lesen. Vergleicht man das, was in Amerika eine neue Ansiedelung genannt wird, mit den Fortschritten der gesellschaftlichen Verhältnisse auf der andern Halbkugel, so ergiebt sich daraus eine Abweichung von der Regel. In Europa sind die Künste des Lebens die Früchte eines Verstandes, welcher sich allmählich mit dem Fortschreiten der Bildung aufgehäuft hat; während in Amerika die Verbesserungen gewissermaßen die Folge einer anderswo erlangten Erfahrung ist. Die Noth, unterstützt von einem Kennen der Bedürfnisse, angefeuert von einem lobenswerthen Geist der Nacheiferung und ermuthigt durch Freiheit, gab frühzeitig jenen Verbesserungen ihr Entstehen, welche eine Wildniß in Wohnungen des Ueberflusses und der Sicherheit mit einer Schnelligkeit verwandelt haben, die den Anschein von Zauberei an sich trägt. Der Fleiß hat mit dem Vertrauen der Wissenschaft gewirkt, und der Erfolg ist nicht minder eigenthümlich als seine Ursache. Es ist kaum nothwendig zu sagen, daß in einem Lande, wo die Gesetze alle löbliche Unternehmungen begünstigen, wo künstliche, unnöthige Beschränkungen unbekannt sind und die Hand des Menschen ihre Anstrengungen noch nicht erschöpft hat, – daß in einem solchen Lande dem Abenteurer die größeste Freiheit in der Wahl verstattet ist, und er sich nach Belieben das Feld seiner Unternehmungen und Versuche auswählen kann. Der Ackerbauer geht über die Halde und das dürre Land hin, um sich an dem Flußufer niederzulassen; der Handelsmann sucht nach einer Lage, wo die Nachfrage am 7 stärksten und die Zufuhr am leichtesten ist; und der Handwerker verläßt sein heimisches Dorf, um Beschäftigung an Orten zu suchen, wo die Arbeit am besten bezahlt wird. Eine Folge dieser außerordentlichen Freiheit in der Wahl ist, daß, während das große Gemälde der amerikanischen Staatsgesellschaft mit so vieler Kühnheit entworfen worden, noch ein großer Theil der näheren Ausführung darzustellen übrig bleibt. Der Ausgewanderte hat seinen unmittelbaren Vortheil befragt, und während kein sehr ausgedehntes und vortheilhaftes Gebiet durch das ganze unserer unbegrenzten Besitzungen hindurch gänzlich vernachlässigt worden, hat auch noch kein besonderer Distrikt die Vollendung in den Verbesserungen erreicht. Noch heutiges Tages sieht man eine Stadt mitten in der Wildniß, und die Wildniß grenzt oft an die Städte, während diese ihre Schwärme auf ferne Schauplätze auf Bildung und Cultur aussendet. Nach dreißig Jahren begünstigender Sorgfalt von Seiten der Regierung stellt selbst die Hauptstadt mitten in den verlassenen »alten Feldern« von Maryland nur ihre vereinzelten, armseligen Dörfer dar, während an den Wassern des Westen zahllose jugendliche Nebenbuhlerinnen an Stellen blühen, wo der Bär noch lang herumschweifte und der Wolf heulte, als jene schon eine Stadt genannt wurde. So geschieht es denn, daß hohe Cultur, ein Zustand von beginnender Staatsverfassung und vollständiger Rohheit innerhalb der Grenzen dieses Freistaats sich oft so nahe gebracht sind. Der Reisende, welcher die Nacht in einem Wirthshause zugebracht, das dem ältesten Lande in Europa keine Schande machen würde, kann leicht in die Nothwendigkeit gerathen, 8 sein Mittagsmahl in dem Schantih Shanty oder Shantee ist ein in den neueren Ansiedelungen sehr gewöhnliches Wort; es bedeutet eigentlich eine rohe, aus Baumrinde und Reisig zusammengesetzte Hütte, wie sie oft in dem Walde zum vorübergehenden Gebrauch errichtet werden. Aber die Grenzleute geben sonderbarerweise häufig ihren eigenen Wohnungen diese Benennung. Die einzige Herleitung, die der Verfasser von diesem amerikanischen Worte gehört hat, ist die, nach welcher man glaubt, daß es ein verdorbener Ausdruck für das Wort Chienté ist, welcher bei den Bewohnern von Canada Hundestall bedeuten soll. eines Jägers einzunehmen. Die herrliche, mit Kies bestreute Straße endigt oft in einem undurchdringlichen Sumpf; die Kirchthürme der Stadt werden oft durch die Aeste eines verwachsenen Waldes verdeckt, und die Kanäle führen oft zu einem, dem Anschein nach kahlen, unbenutzten und nutzlosen Berge. Der, welcher nicht wiederkehrt, um zu sehen, was ein zweites Jahr hervorbringen kann, nimmt in der Regel Erinnerungen aus diesen Ortschaften mit sich, die zu Irrthümern verleiten. Um Amerika mit den Augen der Wahrheit zu betrachten, ist es nöthig, es oft zu sehen; und um den wirklichen Zustand dieser Staaten zu verstehen, sollte man sich erinnern, daß es eben so unrichtig ist, zu glauben, alle zwischenliegende Punkte hätten Theil an der Cultur und den Verbesserungen gewisser besondern Oerter, als es unrichtig ist, den Mangel an Bildung auch auf die mehr entfernten Ansiedelungen auszudehnen, blos weil man einige ungünstige Thatsachen nahe am Mittelpunkt aufgelesen hat. Durch ein zufälliges Zusammentreffen von moralischen und physischen Ursachen verbreitet sich viel von jener Gleichheit, die die Einrichtungen des Landes 9 auszeichnet, auch auf die Fortschritte der gesellschaftlichen Verhältnisse über dessen ganze Fläche hin. Wenn auch der Antrieb zu Verbesserungen zur Zeit des Marcus Heathcote nicht so groß war, als in unsern Tagen, so war doch das Princip seiner Macht thätig in der Wirklichkeit vorhanden. Von dieser Thatsache werden wir einen hinlänglichen Beweis liefern, indem wir nunmehr der schon angedeuteten Absicht: eine jener mit der Zeit entstehenden Verwandlungen zu beschreiben, näher treten. Der Leser wird sich erinnern, daß die Zeit, von welcher wir erzählen, bis in das letzte Viertel des siebenzehnten Jahrhunderts vorgerückt worden. Der besondere Zeitpunkt, mit welchem die Handlung der Erzählung wieder beginnen muß, war jener Theil des Tages, wo das graue Dämmerlicht anfängt, der tiefen Dunkelheit einer amerikanischen Nacht die Gegenstände wieder zu entreißen. Es war der Junimonat und der Schauplatz so, daß er wohl eine weitläuftigere, etwas in's Einzelne gehende Beschreibung nöthig machen möchte. Wäre die Beleuchtung hell und die Stellung günstig genug gewesen, um eine Vogelperspektive des Platzes genießen zu können, so würde sich dem Auge zunächst ein breites, wellenförmiges Feld dargeboten haben, übersäet theils mit dem blassern Grün verschiedener Baumgattungen New-Englands, theils mit Massen von üppigen, immergrünen Waldhölzern. Im Mittelpunkte dieses schwellenden und fast unabsehbaren Forstumrisses zwischen drei niedrigen Gebirgen dehnte sich eine, mehrere Meilen lange Ebene aus, welche, über ihre ganze Oberfläche hin, alle Merkmale einer im glücklichen Gedeihen schnell vorschreitende Ansiedelung an sich 10 trug. Zwischen Ufern, die mit Weiden und Sumachbäumen bekränzt waren, schlängelte sich ein tiefer, reißender Bach, den man auf der andern Halbkugel einen Fluß genannt haben würde, durch die Wiesengründe. An einem Punkte, fast in der Mitte des Thales, wurde das Wasser durch einen kleinen Damm aufgehalten, und eine Mühle, deren Rad zu jener frühen Tageszeit noch ohne alle Bewegung war, stand auf einer künstlichen Erhöhung. Nahe dabei lag ein neu-englischer Weiler. Die Anzahl der Dorfgebäude mochte sich auf vierzig belaufen. Sie waren, wie gewöhnlich, von starken Balken gezimmert, und die Wände mit glatten Brettern zierlich bekleidet. Es fand sich ein auffallender Anstrich von Gleichheit in dem allgemeinen Anblick der Häuser, und wenn die Rede von irgend einem andern Lande als unserm eigenen wäre, könnte man auch noch hinzufügen, daß ein ungewöhnlicher Anschein von Bequemlichkeit und Ueberfluß selbst in dem niedrigsten von ihnen sich darthat. Sie bestanden meistentheils aus zwei kleinen Stockwerken, von denen das obere eine oder zwei Fuß über die Front des unteren hervorragte, eine Bauart, die in der früheren Zeit der östlichen Colonie sehr im Gebrauche stand. Da zu jener Zeit die Häuser selten angestrichen wurden, so zeigte keines derselben eine andere Farbe, als die, welche das Holz, nachdem es einige Jahre dem Wetter ausgesetzt gewesen ist, anzunehmen pflegt. Jedes Haus hatte seinen einzelnen Schornstein in der Mitte des Daches, und nur zwei oder drei zeigten mehr als ein einziges Fenster auf jeder Seite der Haupt- oder Außenthüre. Vor jeder Wohnung 11 befand sich ein kleiner, zierlicher, mit Gras bewachsener Hof, der von der Straße durch einen leichten Zaun aus Tannenholz getrennt ward. Doppelte Reihen junger, kräftiger Ulmen faßten jede Seite der breiten Straße ein, während ein ungeheurer, wilder Feigenbaum noch seine Stelle auf dem Mittelpunkte des im Dorfe befindlichen Platzes einnahm, der schon zur Zeit, als die weißen Leute in die Wälder drangen, da gestanden hatte. Unter dem Schatten dieses Baumes pflegten sich die Einwohner oft zu versammeln, um von dem Befinden einer jeden Familie Kunde zu erhalten, oder sonst auf eine Sache von Wichtigkeit und allgemeinem Interesse zu hören, welche das Gerücht von den dem Meere näher gelegenen Städten ihnen zugetragen hatte. Eine enge, wenig gebrauchte Wagenspur zog sich in anmuthigen Wellenlinien mitten durch die breite, grasreiche Dorfstraße, und setzte sich, außerhalb des Dorfes, zwischen hohen, hölzernen Feldgehegen fort, bis sie sich dem Anschein nach zu einem bloßen Reitpfad verringert, da, wo der Wald anfing, dem Auge entzog. Hier und da drängten sich Rosen durch die Oeffnungen in den Zäunen vor den Thüren der verschiedenen Wohnungen hervor, und Büsche wohlriechenden spanischen Flieders standen in den Winkeln der meisten Höfe. Die Häuser waren abgesondert. Jedes nahm seinen eigenen isolirten Grund und Boden ein und hatte einen Garten um sich. Die Hintergebäude wurden in eine Entfernung zurückgewiesen, wie es die Wohlfeilheit des Landes und die Sicherung vor Feuersgefahr leicht und rathsam machte. Die Kirche stand mitten in der Hauptstraße, und nahe dem einen Ende des Dorfes. In dem Äußeren und in den Verzierungen dieses wichtigen Gebäudes war man dem 12 Geschmack der damaligen Zeiten auf's genaueste nachgekommen; und die Gestalt und Einfachheit desselben lieferte keine geringe Aehnlichkeit zu den selbstverleugnenden Lehren und ruhigen, stillen Gewohnheiten der Religionsverwandten, welche unter seinem Dache ihren Gottesdienst verrichteten. Dies Haus, wie alle andern, war von Holz, und bestand, dem Aeußern nach, aus zwei Stockwerken. Es hatte einen Thurm ohne Spitze, jener allein diente dazu, seinen geweihten Charakter anzudeuten. Bei dem Bau dieses Hauses des Herrn hatte man ganz besondere Sorge getragen, alle Abweichungen von geraden Linien und rechten Winkeln zu vermeiden. Von jenen engen, spitzigen Oeffnungen für den Zugang des Lichtes, die überall so gewöhnlich waren, glaubten die damaligen überstrengen Sittenlehrer New-Englands, daß zwischen denselben und dem mit »Scharlach bekleideten Weibe« Offenbarung Johannes Kap. 17. V. 4. Die Auslegung, welche dieses Bild auf die Kirche Roms bezieht, ist eine sehr alte, und auch in den Inhaltsangaben der Cansteinischen Bibelausgaben angenommen. irgend ein geheimnißvoller Zusammenhang bestehe. Dem Geistlichen würde eben so leicht in den Sinn gekommen sein, vor seiner Heerde im eitlen Schmucke des Meßgewandes zu erscheinen, als der Gemeinde, jene verwerflichen Zierrathen in ihre strenge Bauart aufzunehmen. Hätten die »Geister der heiligen Lampe« plötzlich die Fenster des gottesdienstlichen Gebäudes mit denen des Wirthshauses verwechselt, das fast gerade gegenüber stand, so würde auch der schärfste Kritiker in der Ansiedelung diese Freiheit nicht gemerkt haben, so wenig Unterschied war zwischen beider Gestalten, Dimensionen und Styl. Ein kleiner eingeschlossener Raum, in nicht bedeutender 13 Entfernung von der Kirche und auf der einen Seite der Straße war zum endlichen Ruheplatze für Diejenigen bestimmt, welche ihre Laufbahn auf dieser Erde vollbracht hatten. Er enthielt nur ein einziges Grab. Das Wirthshaus unterschied sich von den umliegenden Gebäuden durch seine Größe, durch einen offenen Pferdeschoppen und durch ein gewisses anmaßendes Aussehen, das ihm seine aus der Reihe der übrigen Häuser vorspringende, den Reisenden gleichsam zum Eintreten auffordernde Stellung gab. Vor der Thüre hing ein Schild an einem galgenähnlichen Pfahl, der in Folge der frostigen Nächte und warmen Tage schon etwas von der lothrechten Linie abzuweichen begann. Es trug ein Gemälde, das bei'm ersten Anblick das Herz eines Naturforschers durch den Glauben hätte erfreuen mögen, er habe die Entdeckung irgend eines unbekannten Vogels gemacht; aber der Künstler war weise und mit hinlänglichem Glücke allen Folgen eines so unangenehmen, ärgerlichen Irrthums zuvorgekommen, indem er wohlbedächtig unter das Geschöpf seines Pinsels schrieb. »Dies ist das Schild zum Whip-Poor-Will,« ein Name, der, wie auch der unwissendste Reisende in jenen Gegenden wußte, im gemeinen Leben dem Wish-Ton-Wish, oder amerikanischen Nachteule beigelegt wurde. Nur wenige Ueberbleibsel gewahrte man noch von Waldung in der unmittelbaren Umgebung des Dorfes. Die Bäume waren seit Langem gefällt worden und hinlängliche Zeit verflossen, um den größten Theil der Spuren ihres früheren Daseins zu verwischen. Aber wenn das Auge von der Gruppe der Gebäude sich wegwandte, wurden Zeichen von neuerlicheren Eingriffen in die Herrschaft der Wildniß 14 sichtbar, bis die Aussicht in Oeffnungen sich endete, wo aufgeschichtete Holzhaufen und Massen gefällter Bäume die kürzlich erst vorgegangene Anwendung der Axt verriethen. – In jener frühen Zeit wohnte der amerikanische Landbebauer, wie der größte Theil der europäischen Ackerleute, in seinem Dorfe. Die Furcht vor Gewaltthätigkeiten von Seiten der Wilden hatte zu einer Gewohnheit Veranlassung gegeben, welche der ähnlich war, die, Jahrhunderte vorher, in der andern Halbkugel durch die Einfälle von anmaßenderen Barbaren hervorgebracht worden, und welche, mit wenigen und weit abgelegenen Ausnahmen, das ländliche Leben eines Reizes beraubt hat, den, wie es scheint, die Zeit und eine bessere Beschaffenheit des gesellschaftlichen Zustands nur sehr langsam wieder ersetzt. Einige Ueberbleibsel dieser alten Gewohnheit sind noch in jenem Theil der Union, von welchem wir sprechen, aufzufinden, wo selbst bis auf diesen Tag, Pachter die Mühe sich stets vom Hause zu entfernen einer Wohnung mitten in ihren Feldern vorziehen. Da indessen die Menschen in Amerika nie Gegenstand eines Systems geworden, sondern jeder Einzelne die Freiheit hatte, seinem eigenen Hange zu folgen, so fanden sich auch schon früher kühnere Geister, die einen Gebrauch verschmähten, bei welchem an Bequemlichkeit wenigstens eben so viel verloren, als an Sicherheit gewonnen ward. Selbst in dem eben beschriebenen Thale lagen zehn bis zwölf bescheidene Hütten auf den Bergabhängen zerstreut, auf gelichteten Stellen, die erst kürzlich dem Walde abgewonnen und zu weit vom Dorfe abgelegen waren, um große Sicherheit gegen einen plötzlichen Einbruch des gemeinsamen Feindes zu versprechen. 15 Gegen äußerste Nothfälle jedoch stand ein Gebäude, aus Blöcken zusammengesetzt, das dem nicht unähnlich war, welches wir in diesen Blättern schon zu beschreiben Gelegenheit hatten, auf einer passenden Stelle nahe dem Weiler. Die Vertheidigungswerke waren fester und sorgfältiger als gewöhnlich, da man beide Flanken der Pallisaden mit Blockhäusern versehen hatte; und auch in anderer Hinsicht trug das Gebäude den Anschein eines Werkes, das jedem Widerstand gewachsen war, der etwa in den Kriegen jener Gegenden hätte nothwendig werden können. Die gewöhnliche Wohnung des Priesters war innerhalb dessen Mauern, und hierher wurde auch der größte Theil der Kranken bei Zeiten gebracht, um der Nothwendigkeit vorzubeugen, sie in unbequemeren Augenblicken ihre Stelle verändern zu lassen. Es ist kaum nothwendig, einem Amerikaner erst zu sagen, daß schwere, feste Zäune aus Holz das Ganze dieser kleinen Landschaft theilten, und daraus eingeschlossene Räume bildeten, die gegen acht bis zehn Morgen Land in der Ausdehnung hatten; daß hier und da Vieh und Schafheerden ohne Hirten und Schäfer graseten, und daß, während die den Wohnungen am nächsten gelegenen Felder den Anschein anzunehmen begannen, welcher einen sorgfältigen und verbesserten Anbau verrieth, die mehr entfernteren allmählich wilder wurden, und weniger angebaut schienen, bis die halb in Besitz genommenen Waldöffnungen mit ihren geschwärzten Baumstümpfen und abgerindeten Stämmen sich mit dem Düster des lebendigen Waldes vermischten. Dies sind mehr oder weniger die begleitenden Verhältnisse jedes ländlichen Schauplatzes in den Distrikten eines Landes, wo die Zeit noch nicht mehr 16 als die ersten beiden Stufen der Verbesserung und Bildung zurückgelegt hat. In einer Entfernung von einer kleinen halben Meile von dem befestigten Bau oder von der Garnison, wie man durch eine seltsame Verdrehung der Bedeutungen das Blockhaus nannte, stand ein Wohngebäude von weit höheren Ansprüchen, als sich bei irgend einer in dem Weiler hätte erkennen lassen. Die Gebäude, von denen wir jetzt sprechen, waren, obwohl einfach, doch ausgedehnt, und wenn auch kaum anders, als wie sie für Jemand paßten, der sich in etwas glänzenderen Umständen der Landwirthschaft hingibt, doch in dieser Ansiedelung durch die Bequemlichkeiten sehr bemerkenswerth, welche Zeit allein zusammenbringen konnte, und von denen einige für eine Kolonisten-Familie schon einen weit vorgeschrittenen Zustand verriethen. Kurz, die Anordnung der Außengebäude, die vorzügliche Ausführung, die besseren Materialien und zahllose andere Umstände, Alles wies darauf hin, daß das ganze Etablissement ein vom Neuem aufgeführtes sein müsse. Die Felder in der Nähe dieser Wohnung zeigten eine lieblichere Fläche, als die in der Entfernung; die Zäune waren gänzlich verschwunden, und die Gärten, wie der Platz am Hause mit blühenden Obstbäumen wohl bepflanzt. Eine kegelförmige Anhöhe erhob sich in einer geringen Entfernung hinter dem Hauptgebäude. Sie war mit jener reizenden und einem amerikanischen Meierhofe ganz eigenthümlichen Verzierung, nämlich einem geregelten, treibenden und üppigen Aepfelbaumgarten bedeckt. Doch hatte das Alter noch nicht der Anpflanzung die volle Schönheit gegeben, die ein Wachsthum von acht bis zehn Jahren wohl über sie verbreitet hätte. Ein schwarzer, steinerner Thurm, der die verkohlten 17 Trümmer eines Ueberbaues von Holz noch trug, erhob sich, wiewohl an und für sich selbst von unbedeutender Höhe, über die höchsten Bäume hinweg, und stand da, ein deutliches Denkmal von einem gewaltsamen Auftritt in der kurzen Geschichte des Thales. Es fand sich auch in der Nähe der Wohnung ein kleines Blockhaus; aber an dem vernachlässigten Anschein, der sich ringsum zeigte, wurde es augenscheinlich, daß das kleine Vertheidigungswerk die Frucht einer übereilten Aufführung und von nur vorübergehendem Gebrauche gewesen. Einige wenige Pflanzungen von jungen Obstbäumen waren auch in verschiedenen Theilen des Thales zu sehen, wie denn das Ganze von einem ausgebildeten Ackerbauzustande zeugte. Alle die geschilderten Umwandlungen trugen, so sie weit reichten, ein englisches Gepräge an sich, allein es war England, beraubt eben so wohl seiner Ueppigkeit als seiner Armuth, und in Allem verrieth sich ein Ueberfluß an Raum, der der geringsten Wohnung ein Aussehen von Fülle und Behaglichkeit gab, was so oft den Wohnungen der verhältnißmäßig Reichern abgeht in Ländern, wo man den Menschen in weit höheren Zahlverhältnissen zu dem Boden findet, als es damals oder vielleicht selbst jetzt noch in den Gegenden der Fall ist, von denen wir hier erzählen. 18   Zweites Kapitel.     »Kommt hierher, Nachbar Steinkohle! Gott hat Euch mit einem stattlichen Namen gesegnet; ein vom Schicksal wohl begünstigter, starker Mann zu sein, ist Gabe des blinden Geschicks; aber Lesen und Schreiben kommt von Naturanlagen.« Viel Lärm um Nichts.   Wir haben bereits erwähnt, daß die Stunde, an die sich der Faden unserer Erzählung wieder anknüpft, die frühe Morgenstunde war. Die gewöhnliche Kälte der Nacht in einem ausschließlich mit Wald bedeckten Lande war gewichen, und die Wärme eines Sommermorgens in jenem niedrigen Breitengrade hob eben die auf den Wiesen liegenden, lichten Dunststreifen, weit über die Bäume hinweg, wo sie zusammenfloßen, und in Gestalt von Wolken nach dem Gipfel eines entfernten Berges zogen, der, wie es schien, der gemeinsame Sammelpunkt aller in der vergangenen Nacht erzeugten Nebel war. Obwohl der feuervergoldete östliche Himmel die nahe Ankunft der Sonne verkündete, war sie doch noch nicht sichtbar. Ungeachtet der frühen Stunde sah man doch schon auf der Straße, unweit des südlichen Endes des Dorfes, einen Mann 19 eine mäßige Anhöhe ersteigen, von wo er eine Aussicht über alle die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Gegenstände hatte. Eine über seine linke Schulter geworfene Muskete, mit dem Pulverhorn und der Tasche zur Seite und einem kleinen Ranzen auf dem Rücken, zeigte ihn als einen Mann, der auf der Jagd begriffen oder selbst mit einer kurzen Unternehmung von einem noch weniger friedlichen Charakter beschäftigt gewesen. Seine Kleidung war von dem gewöhnlichen Stoff und Schnitt eines Landmanns aus jener Zeit und jener Colonie; obgleich ein kurzer Säbel, der durch einen ledernen Leibgurt gesteckt worden, die Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen mögen. In jeder andern Rücksicht hatte er das Aeußere eines Einwohners aus dem Weiler, der sich veranlaßt gesehen, seinen Wohnort zu irgend einer Unternehmung, entweder des Vergnügens oder der Pflicht zu verlassen, was aber keines Falls große, ernsthafte Anforderungen an seine Zeit gemacht. Eingeborene oder Fremde, wenige überschritten jemals den genannten Hügel, ohne stehen zu bleiben, um auf die ruhige Lieblichkeit herabzuschauen, die über die Häusergruppen verbreitet war, welche von seinem Gipfel aus genau und vollständig übersehen werden konnte. Der erwähnte Wanderer säumte wie gewöhnlich, aber statt der Linie des Pfades zu folgen, suchte sein Auge vielmehr irgend einen Gegenstand in der Richtung der Felder. Er näherte sich langsam der nächsten Einhegung, und nahm von den zwischen zwei Pfählen befindlichen Querhölzern die obersten herunter, dann winkte er einem Reiter, der seinen Weg mühsam über ein holperiges Stück Weideland fortsetzte, und ermunterte ihn durch 20 den Durchgang, den er ihm eröffnet, in die Hauptstraße einzulenken. – »Setzt den Sporn Eurem Klepper tüchtig in die Flanken,« sagte der höfliche Ansiedler, als er bemerkte, daß der Andere zögerte, sein Thier über die auseinander und etwas unregelmäßig liegenden Hölzer zu drängen; »mein Wort darauf, dies Thier überspringt sie alle, ohne sie mit mehr als drei von seinen vier Füßen zu berühren. Pfui, Doctor! Es findet sich nicht eine Kuh in Wish-Ton-Wish, die nicht einen Sprung darüber machen würde, wenn es gilt die erste beim Melken zu sein.« »Langsam, Fähnrich, Die Amerikaner sprechen das Wort Ensign (Fähnrich) nicht wie die Engländer Ensein , sondern Insein aus. « entgegnete der furchtsame Reiter, und legte den Ton auf die letzte Sylbe von seines Gefährten Titel, während er die erste aussprach, als würde sie mit dem dritten, statt mit dem zweiten Vocal geschrieben. »Dein Muth ist passend für einen, der zu Thaten der Tapferkeit bestimmt und ausersehen ist; aber es würde ein trauervoller Tag sein, wenn der Kranke des Thales an meine Thür klopfte, und ein zerbrochenes Bein die Entschuldigung für den Mangel meiner Hülfe wäre. Deine Bemühungen werden Dir nichts helfen, Freund; denn die Mähre hat Schule, so gut wie ihr Herr. Ich habe das Thier an methodische Gewohnheiten gewöhnt, und es ist so weit gekommen, daß es ein eingewurzeltes Mißfallen an allen Unregelmäßigkeiten der Bewegung hat. Höre also auf, am Zügel zu ziehen, als wolltest Du das Pferd trotz seiner Zähne zwingen, über die 21 Holzmasse zu setzen, es thut's nun einmal nicht, nimm lieber vollens das unterste Querholz heraus.« »Ein Doctor in diesen rauhen, durchschnittenen Gegenden sollte auf einem jener paßgehenden Vögel reiten, von welchen wir lesen,« sagte der Andere, und räumte das Hinderniß zu dem sichern Durchgang seines Freundes weg; »denn fürwahr eine Reise zur Nachtzeit auf den Pfaden dieser Waldlichtungen ist nicht immer eine so sichere Fahrt als die, welcher, wie man sagt, die Ansiedler näher am Meer sich erfreuen.« »Und wo hast Du einen Vogel erwähnt gefunden, dessen Höhe und Schnelligkeit ihn zu einem passenden Träger des Gewichts eines Mannes machen?« fragte der Reiter mit einer Schnelligkeit, welche einige Eifersucht für sein Monopol der Gelehrsamkeit verrieth. »Ich hatte geglaubt, es fände sich nirgends in der Colonie, meinen eigenen Schreibpult ausgenommen, ein Buch, das von diesen Spitzfindigkeiten handelt!« »Meinst Du, daß die Bibel uns fremd sei? Da, nun bist Du auf der Hauptstraße und kannst ohne Fährlichkeit vorwärts. Es ist für viele ein Gegenstand der Verwunderung in dieser Colonie, wie Du Dich zwischen herausstehenden Baumwurzeln, Löchern, Stämmen und Baumstümpfen um Mitternacht herumtreibst, ohne zu fallen –« »Ich habe Dir ja schon gesagt, Fähnrich, dies geschieht durch die gute Schule und Zucht, die mein Pferd erhalten. Ich bin gewiß, weder Peitsche noch Sporn würden das Thier vermögen, die Schranken der Klugheit zu überschreiten. Oft bin ich diesen Reitpfad ohne Furcht, so wie auch ohne alle Gefahr passirt, und zwar zu Zeiten, wo der Sinn des Gesichts von eben so wenig Nutzen war, als der des Geruchs.« 22 »Ich hätte fast gesagt, da wir gerade vom Fallen sprechen, daß in Deine Hände fallen am Ende ein eben so bedenklicher Sturz sein dürfte, als der der bösen Geister.« Der Heilkünstler stellte sich, als wenn er über seines Gefährten Scherz lache; aber als er sich der Würde erinnerte, die für einen Mann seines Berufes passend war, nahm er alsbald das Gespräch wieder ernst auf: »Das sind Worte des Leichtsinns, wie sie die wohl aussprechen, die wenig von den Mühseligkeiten wissen, die man bei dem Practiciren in den Ansiedelungen zu erdulden hat. Da bin ich eben auf jenem Hügel gewesen, von nichts Anderem geleitet, als dem Instinkte meines Pferdes – –« »Aha, hat man Dich in die Wohnung meines Schwagers Ring gerufen?« fragte der Fußgänger, nachdem er an der Richtung von des Andern Augen den Weg erkannt, den dieser zurückgelegt hatte. »Freilich, so ist's; und zwar wie nur zu oft in meiner schweren Praxis dies zu geschehen pflegt, zu recht ungelegener Stunde.« »Und so zählt Ruben noch einen Knaben zu den vieren, die er gestern aufweisen konnte?« Der Arzt hielt auf eine bedeutungsvolle Weise drei seiner Finger in die Höhe, während er seine Bejahung zunickte. – »Da bleibt Fidel freilich etwas zurück,« entgegnete der Fähnrich, welcher Niemand anders war, als der zu dieser Charge in der Militz des Thales erhobene, alte Bekannte unserer Leser, Eben Dudley, »das Herz meines Schwagers Ruben wird durch diese Kunde erfreut werden, wenn er von seinem Streifzuge zurückkehrt.« 23 »Er wird Grund zum Danke haben, da er sieben unter einem Dache finden wird, wo er nur vier verließ!« »Ich will noch heute den Handel mit dem jungen Capitain für das Bergland abschließen,« murmelte Dudley, als überzeuge er sich plötzlich von der Klugheit einer lang bedachten und besprochenen Maßregel. »Sieben Pfund Colonieengeld ist bei dem Allen kein Wuchererpreis für hundert Morgen dicht mit Holz bewachsenen Landes, und die noch dazu eine vollständige Aussicht auf eine Ansiedelung haben, wo Knaben vierteldutzendweise auf einmal zur Welt kommen.« Der Reiter hielt sein Pferd an, und betrachtete seinen Gefährten genau und mit bedeutungsvoller Miene, während er antwortete: »Da bist Du auf die Spur von einem wichtigen Geheimniß gerathen, Fähnrich Dudley. Dieser Welttheil wurde mit einer besondern Absicht geschaffen. Die Thatsache wird einleuchtend durch den Reichthum des Landes, durch das Klima, die Größe, die Leichtigkeit der Schifffahrt und ganz besonders dadurch, daß es unentdeckt geblieben, bis der vorgeschrittene Zustand der Staatsgesellschaft Leuten von einem gewissen Verdienste Gelegenheit und Muth gegeben, sich seinetwegen anzustrengen. Bedenke einmal, Nachbar, die wunderbaren Fortschritte, die es schon in den Künsten und in der Gelehrsamkeit, in Ansehen und Hülfsquellen gemacht hat, und Du wirst mir in dem Schlusse beistimmen, daß das Alles mit besonderer Absicht geschehen sein muß.« »Es würde anmaßend sein, es zu bezweifeln; denn der müßte in der That ein kurzes Gedächtniß haben, dem man erst die Zeit wieder in Rückerinnerungen zu bringen brauchte, wo eben dieses Thal wenig mehr war, als eine Höhle für 24 Raubthiere, und dieser geebnete Fahrweg nur eine Wildspur. Glaubst Du, daß Ruben die drei ihm jetzt geschenkten Kinder auferziehen werde?« »Durch Umsicht und der Vorsehung Schutz und Hülfe freilich. Der Geist ist gar thätig, Fähnrich Dudley, wenn der Leib so in den Wäldern herumstreicht, und ich habe mir über diesen Gegenstand viele Gedanken gemacht, während Du und Andere im Schlaf gelegen. Wir haben hier die Colonieen in ihrem ersten Jahrhundert, und doch weißt Du, wie weit sie jetzt schon in Verbesserung und Vervollkommung vorgeschritten sind. Man sagt mir, die Hartford-Colonie fange schon an vertheilt und bevölkert zu werden, wie die Städte im Mutterland, so daß man Grund zu glauben hat, es möge ein Tag kommen, wo die Provinzen eine Macht haben werden, und eine Bequemlichkeit der Bildung und Verbindungen, welche selbst jener gleichkommen könnte, wie sie in einigen Theilen der ehrwürdigen Insel selbst sich befindet.« »Nein, nein, Doctor Ergot,« entgegnete der Andere mit einem ungläubigen Lächeln, »das heißt die Grenzen einer vernünftigen Erwartung überschreiten.« »Du wirst Dich erinnern, daß ich sagte, wie sie einigen Theilen der Insel gleichkommt. Ich denke, wir können mit allem Recht annehmen, daß, ehe viele Jahrhunderte vorübergehen werden, Millionen in diesen Gegenden gezählt werden mögen, und selbst da, wo man jetzt nichts sieht, als wilde Menschen und reißende Thiere.« »Ich will mit Jedem in dieser Hinsicht so weit gehen, als es die Vernunft rechtfertigen mag, aber ohne Zweifel hast Du in den Büchern der überseeischen Schriftsteller diese Dinge gelesen und den Zustand jener Länder kennen gelernt, 25 woraus es denn klar wird, daß wir niemals hoffen können, die hohe Vortrefflichkeit, der sie sich erfreuen, zu erreichen.« »Nachbar Dudley, Du scheinst mir geneigt, einen unbedachten Ausdruck bis auf's Aeußerste zu treiben. Ich sagte: »gleichkommend gewissen Theilen,« und meinte immer auch in gewissen Dingen. Nun ist es aber in der Philosophie eine bekannte Sache, daß die Größe des Menschen in diesen unsern Gegenden abgenommen hat, und festen Naturgesetzen gemäß nothwendig abnehmen muß; es versteht sich also, daß ich eine Mangelhaftigkeit in minder wesentlichen Dingen zugestehe.« »Es ist dann sehr wahrscheinlich, daß der bessere Theil der Leute jenseits der See nicht sehr geneigt ist, ihr Vaterland zu verlassen,« entgegnete der Fähnrich und warf ein Auge, in welchem sich einige Zeichen von Ungläubigkeit vorfanden, auf die muskulösen Verhältnisse seiner eigenen kräftigen Gestalt. »Wir haben nicht weniger als drei in unserm Dorfe, die aus der alten Welt herüber gekommen; ich finde denn doch nicht, daß es Leute sind, die man unter den Erbauern des Thurmes von Babylon suchen würde.« »Das heißt aber einen knotenvollen, schwierigen gelehrten Satz durch den Beweis einiger weniger unbedeutenden Ausnahmen lösen wollen. Ich getraue mir selbst vor Dir, Fähnrich Dudley, zu behaupten, daß die Wissenschaft, Weisheit und Philosophie von Europa außerordentlich thätig in Feststellung dieses Punktes gewesen ist, und sie haben zu ihrer eigenen vollkommnen Zufriedenheit und Ueberzeugung, was dasselbe ist, als wenn sie die Frage ohne weitere Berufung entschieden hätten, bewiesen, daß Thiere und Menschen, Pflanzen und Bäume, Hügel und Thäler, See und Sumpf, 26 Sonne, Luft, Feuer und Wasser, alles dies an irgend einer Vollkommenheit den Dingen in der alten Welt nachsteht. Ich ehre eine vaterländische Gesinnung, und kann die Neigung, die aus den Händen eines gütigen Schöpfers empfangenen Gaben zu preisen, so weit treiben, als irgend ein Anderer; aber was durch Wissenschaft bewiesen worden, oder durch Gelehrsamkeit zusammengetragen ward, ist viel zu weit über die Einwürfe leichtsinniger Spötter erhaben, um von ernsteren, höheren Geistern bezweifelt werden zu können.« »Nun gut, ich will nicht gegen Dinge streiten, die bewiesen sind,« entgegnete Dudley, der eben so sanftmüthig und friedfertig bei gelehrten Verhandlungen war, als er kräftig und thätig in mehr physischen, körperlichen Streitigkeiten sich erwies; »es muß ja wohl die Gelehrsamkeit der Leute in der alten Welt, in Folge ihres höheren Alters, eine hervorragende Vortrefflichkeit haben. Das wäre ein Besuch, den man so leicht nicht vergessen würde, wenn einige dieser Weisen zu uns kämen, und in unserer jungen Colonie ihr Licht leuchten ließen!« »Sind denn unsere geistigen Bedürfnisse vergessen worden? ist denn bei uns die Nacktheit des Geistes ohne ihre anstehende Bekleidung geblieben, Nachbar Dudley? Mir wenigstens scheint es, daß wir hierin ungewöhnlichen Grund uns zu freuen haben, und daß das natürliche Gleichgewicht durch die heilsame Wirkung der Kunst gewissermaßen wieder hergestellt ist. Es paßt sich nicht in einer aufgeklärten Provinz, auf Fähigkeiten zu bestehen, die schon mit vieler Umsicht als mangelnd erwiesen worden sind; aber die Gelehrsamkeit ist eine verpflanzbare, mittheilbare Gabe, und man darf behaupten, daß sie sich hier in einer Menge und in 27 Verhältnissen vorfindet, wie sie den Bedürfnissen der Colonie angepaßt sind.« »Ich will das nicht bestreiten; denn da ich mich stets mehr im Walde herumzutummeln pflegte, und nicht viel weiß von dem, was in den Colonien an der Küste zu sehen und zu hören giebt, so kann es leicht sein, daß sich dort viele Dinge vorfinden, von welchen meine schwachen Verstandskräfte noch gar keine Vermuthung gehabt haben.« »Und sind wir denn selbst in diesem fernen Thale so ganz ohne Aufklärung, Fähnrich?« entgegnete der Heilkünstler und lehnte sich über den Nacken seines Pferdes, während er den Andern in einem milden überzeugenden Tone anredete, den er wahrscheinlich bei seiner ausgedehnten Praxis unter den weiblichen Bewohnern der Ansiedelung angenommen hatte. »Kann man uns in Hinsicht unserer Kenntnisse mit den Heiden in eine Klasse bringen, oder unter jene ungebildeten Leute rechnen, welche, wie man weiß, sonst wohl in diesen Wäldern ihrem Wilde nachspürten. Ohne eben eine Untrüglichkeit im Urtheil in Anspruch nehmen zu wollen, oder eine ganz besondere Gelehrsamkeit und Erleuchtung vorzugeben, so kommt es doch meiner mangelhaften Einsicht nicht so vor, Meister Dudley, als wenn die Fortschritte dieser Ansiedelung je aus Mangel an der nothwendigen Vorsicht aufgehalten oder dem Wachsthum der Vernunft durch ein Entbehren geistiger Nahrung unter uns Hindernisse in den Weg gelegt worden wären. Unsere Rathsversammlungen entbehren der Weisheit nicht, Fähnrich, auch ists nicht oft vorgekommen, daß schwierige Fragen vorgelegt worden, und sich nicht irgend ein Kopf gefunden, der – wenn wir auch weiter nichts zu unsern Gunsten sagen wollen – der nicht nach dem 28 allgemeinen Anerkenntniß mit Erfolg sich drüber her gemacht und sie gelöst hätte.« »Daß es Männer giebt, oder vielleicht sollte ich sagen, daß es einen Mann im Thale giebt, der, vermöge seiner aufgeklärten, erleuchteten Geistesgaben, zu vielen wunderbaren Verrichtungen und Geschäften – –« »Ich wußte, daß wir es zu einem friedlichen Schluß bringen würden, Fähnrich Dudley,« unterbrach ihn der Andere und erhob und reckte sich in seinem Sattel mit den Mienen und dem Aeußeren befriedigter Würde; »denn ich habe Euch immer als einen verständigen, folgerechten Denker erfunden, als einen Mann, von dem man nie gehört, daß er der Ueberzeugung widerstrebt hätte, wenn die Wahrheit mit Einsicht ihm dargelegt wird. Daß die Leute in den überseeischen Ländern nicht oft so begabt sind, als einige – dafür brauchen wir ja nur, wenn wir um ein passendes Beispiel verlegen wären, Dich selbst anzuführen, Fähnrich; und es ist dies über allen Streit hinaus erwiesen, da uns unsere Augen selbst es lehren, daß zahllose Ausnahmen von den allgemeineren und ausdrücklichen Naturgesetzen sich vorfinden mögen. Weiter aber, denke ich, werden wir unsere Meinungsverschiedenheit wohl nicht treiben?« »Es ist unmöglich, einem Manne die Spitze zu bieten, der mit seiner Gelehrsamkeit so schnell bei der Hand ist,« entgegnete der Andere, wohl zufrieden, daß er in seiner eigenen Person eine schlagende Ausnahme von der Ausartung und geringeren Beschaffenheit seiner Mitbürger darstellen sollte; »ob es mir gleich scheint, daß mein Schwager Ring mit allem Rechte als ein zweiter Beweis von einer vernünftigen, ansehnlichen Größe ausgenommen werden könnte, eine 29 Thatsache, von der Du Dich Doctor, überzeugen magst, indem Du ihn betrachtest, wie er dort über jene Wiese her sich uns nähert. Er ist, wie ich selbst, in den Bergen, des Auskundschaftens halber, gewesen.« »Es finden sich viele Beispiele von körperlichen Vorzügen unter Deinen Verwandten, Meister Dudley,« entgegnete der Arzt, dem es auf ein Lob mehr oder weniger nicht ankam, »indeß möchte es scheinen, Dein Schwager habe seines Gleichen nicht gefunden. Ihn begleitet dort ein schlecht gewachsener und man könnte wohl noch hinzufügen, ein übelberathener Gefährte, den ich nicht kenne.« »Ha! Man sollte fast meinen, Ruben sei auf die Spur von Wilden gefallen! Der Mann in seiner Gesellschaft ist sicher bemalt und mit einem Fell umhangen. Wenn wir dort an der Oeffnung des Geheges angelangt sind, wollen wir stehen bleiben, bis sie näher kommen.« Da dieser Vorschlag gerade nichts besonders Unbequemes hatte, so stimmte der Doctor gerne bei. Die Beiden näherten sich also der Stelle, wo die Andern, welche sie in der Entfernung über die Felder schreiten sahen, nach ihrer Erwartung die Hauptstraße betreten mußten. Sie verloren nur wenig Zeit mit Warten, denn nach einigen Minuten kam Ruben Ring, bekleidet und bewaffnet wie der in diesem Kapitel schon eingeführte Grenzmann, an der Oeffnung an, und ihm folgte der Fremde, dessen Erscheinung denen, welche ihre Annäherung abwarteten, so aufgefallen war. »Was giebt's, Sergeant,« rief Dudley, als der Andere in den Bereich des Hörens gekommen, und sprach gleichsam auf eine Weise, als wenn er ein begründetes Recht hätte, 30 ihm seine Fragen vorzulegen; »bist Du auf die Spur eines Wilden gerathen, und hast Du einen Gefangenen gemacht; oder hat irgend eine Eule eins von ihrer Brut vom Neste auf Deinen Pfad fallen lassen?« »Ich glaube, man kann dieses Wesen für einen Menschen halten,« entgegnete der glückliche Kundschafter, stieß den Kolben seines Gewehrs zur Erde und lehnte sich auf den langen Lauf, während er fest das halb bemalte, ausdruckslose und außerordentlich zweideutige Antlitz seines Gefangenen betrachtete. »Er hat die Farbe eines Narragansetts an Stirn und Augen, allein Gestalt und Geberden stimmen wenig damit überein.« »Es giebt Abweichungen in der physischen Beschaffenheit eines Indianers wie in der anderer Leute,« fiel Doctor Ergot mit einem ausdrucksvollen Blick auf Dudley ein. »Die Folgerung unseres Nachbars Ruben Ring möchte ein wenig zu schnell sein, da Farbe das Werk der Kunst ist, und jedes Gesicht nach einer oder der andern herkömmlichen Sitte bemalt werden kann. Aber die Zeichen, die uns die Natur giebt, sind weit weniger trüglich, ihnen darf man vertrauen. Es gehört in den Bereich meiner Studien und ist mir oft vorgekommen, die Verschiedenheiten, wie sie sich in der Bildung darlegen, zu bemerken, besonders in den verschiedenen Menschenracen und Familien, und nichts ist leichter für ein in diesen Schwierigkeiten geübtes Auge zu erkennen und zu unterscheiden, als ein Eingeborner aus dem Stamme der Narragansetts. Bringt den Mann, Nachbaren, in eine für die Untersuchung geeignetere Lage, und es soll sich bald zeigen, zu welchem Geschlechte er gehört. Du wirst, Fähnrich, in dieser geringen Leichtigkeit im Untersuchen einen deutlichen 31 Beweis für den größten Theil alles dessen finden, was diesen Morgen zwischen uns verhandelt worden ist. Spricht der Patient englisch?« »Das habe ich nicht so recht ausmitteln können,« entgegnete Ruben, oder wie wir ihn jetzt nennen sollten und wie er gewöhnlich genannt ward, Sergeant Ring; »er ist nicht nur in der Sprache eines Christen, sondern auch in der eines Heiden angeredet worden: bis jetzt hat er aber weder in der einen noch in der andern eine Antwort gegeben, während er doch Befehlen gehorcht, die man, in welcher von den beiden Sprachformen man will, ausspricht. »Das thut nichts zur Sache,« sagte Ergot, stieg ab und näherte sich dem Gegenstand seiner Untersuchung mit einem Blick auf Dudley, der, wie es scheinen möchte, seine Bewunderung wecken und für sich gewinnen sollte. »Zum Glück beruht die Untersuchung vor mir nur wenig auf Spitzfindigkeiten der Sprache. Laßt den Mann eine Stellung der Ruhe annehmen, eine Stellung, worin die Natur durch keine Einschränkung und Fesselung gehemmt ist. Die Bildung des ganzen Kopfs ist offenbar die eines Eingebornen, aber die Unterscheidung der Stämme wird nicht von diesen allgemeinen Zügen hergenommen. Die Stirn, wie Ihr seht, Nachbaren, zieht sich zurück und ist schmal, die Backenknochen sind wie gewöhnlich hoch und hervorragend, und das Geruchsorgan nähert sich, wie bei allen Eingebornen, sehr der römischen Form.« »Nun möchte es mir aber scheinen, als wenn die Nase des Burschen eine auffallende Aufstülpung nach dem Ende zu hätte,« wagte Dudley zu bemerken, während der Andere schnell mit dem Blick über die allgemeinen und wohlbekannten 32 auszeichnenden Punkte des körperlichen Bau's, wie sie sich an einem Indianer finden, hinwegeilte. »Ist nur eine Ausnahme! Du siehst, Fähndrich, an dieser Erhöhung des Nasenbeins und dem Vorragen der mehr fleischigen Theile, daß diese Besonderheit nichts weiter als eine Ausnahme ist. Ich hätte eigentlich sagen sollen, die Nase hätte sich ursprünglich zu einer Römischen hingeneigt; die Abweichung von der Regelmäßigkeit ist durch irgend einen Zufall im Krieg hervorgebracht worden, wie etwa durch einen Schlag von einem Tomahawk, oder den Schnitt eines Messers, – ah, hier siehst Du noch die von der Waffe zurückgelassene Narbe! Sie ist durch die Bemalung verhüllt; aber bringe die Farbe hinweg, und Du wirst finden, daß sie ganz die Gestalt einer Narbe jener Art hat. Diese Abweichungen von dem Allgemeinen bringen gar leicht solche, die sich für Sachverständige ausgeben, in Verwirrung, und es ist dies gerade ein glücklicher Umstand für die Fortschritte der Wissenschaft, die auf feste Grundsätze sich stützt. Stelle den Gegenstand unserer Beobachtung mehr gerade, damit wir die natürliche Bewegung der Muskeln gewahren können; hier ist ein Zeichen in den Verhältnissen des Fußes, welches verräth, daß er sich viel im Wasser aufgehalten, und dadurch unsere frühere Vermuthungen und Schlüsse bekräftigt. Es ist ein glücklicher Beweis, durch den vernünftige und weise Folgerungen die scharfen Blicke der Erfahrung und Uebung bestätigen. Ich erkläre den Menschen für einen Narragansett-Indianer.« »Hat denn aber ein Narragansett einen Fuß, der alle Spur und Fährte zu Schanden macht?« entgegnete Eben Dudley, der die Bewegungen und Stellung des Gefangenen mit ganz eben so viel Aufmerksamkeit und mit etwas mehr Einsicht 33 und Verstand untersucht und studirt hatte, als der Wundarzt. »Schwager Ring, hast Du je einen Indianer gesehen, dessen Fußstapfen eine solche aufwärtsgehende Spur im Pfade zurückgelassen?« »Fähnrich, ich wundere mich, daß ein Mann von Deiner Einsicht so lange bei einer geringen Verschiedenheit in der Bewegung des Fußes verweilen mag, während doch ein Fall vor uns ist, bei welchem wir die Gesetze der Natur bis zu ihrer Quelle verfolgen können. Diese Gewöhnung an die indianischen Kriegszüge und Unruhen hat Dich über die Form einer Fußstapfe zu spitzfindig gemacht. Ich habe erklärt, daß der Bursche ein Narragansett ist, und was ich ausgesprochen, habe ich nicht leichtsinnig zu behaupten gewagt. Hier haben wir die besondere Bildung des Fußes wie er in der Kindheit sie erhalten hat; ferner die Fülle der Muskeln in Brust und Schultern, was alles von ungewöhnlicher Leibesübung in einem Elemente herrührt, das dichter als die Luft ist, und außer diesem allen eine fernere Bildung in – –« Der Arzt verstummte, denn Dudley, der sich ruhig dem Gefangenen genähert hatte, lüftete nun die dünne Thierdecke, die über seinen obern Körper geworfen war, und enthüllte die unzweideutige Haut eines Weißen. Dies würde für Jeden, der an den Streit der Meinungen gewöhnt worden, eine in die Enge treibende Widerlegung gewesen sein; nicht so bei Doktor Ergot, er hatte in gewissen Zweigen des Wissens ein Monopol, das ihm, wie es bei Aristokratien aller Art zu gehen pflegt, eine so unumschränkte Ueberlegenheit führte, daß widerstreitende Ansichten gar kein Gehör fanden. Seine Ueberzeugung ward zwar eine andere, allein seine Miene blieb die nämliche, und mit der Schnelligkeit eines 34 Erfindungsgeistes, wie er oft in den glücklichen Einrichtungen angewandt wird, welche wir eben genannt haben, und in welchen die Vernunft statt ihn zu regeln, vielmehr dem Gebrauch angepaßt wird, – mit dieser leichten Beweglichkeit, mit aufgehobenen Händen und Augen, worin die Fülle seines Staunens und seiner Bewunderung glänzte; rief er: »Hier haben wir einen neuen Beweis von der wunderbaren Kraft, welche Veränderung in der Natur hervorbringt. Das sehen wir nun an diesem Narragansett – –« .,Aber es ist ja doch ein Weißer!« rief Dudley ungeduldig unterbrechend, indem er auf die entblößte Schulter des Menschen klopfte. »Weiß, aber nichtsdestoweniger ein Narragansett. Euer Gefangener verdankt ohne allen Zweifel sein Dasein christlichen Eltern; aber der Zufall hat ihn frühzeitig unter die Eingebornen geführt, und alle jene Theile, die noch der Veränderung unterworfen waren, nahmen schnell die Eigenthümlichkeiten jenes Stammes an. Er ist eines jener schönen verbindenden Glieder in der Kette der Wissenschaft, an welcher die Gelehrsamkeit ihre Folgerungen bis zum vollsten Beweise verfolgt.« »Ich meines Theils habe wenig Lust, wegen Gewaltthätigkeit gegen einen Unterthan des Königs in Ungelegenheit zukommen,« sagte Ruben Ring, ein fester, offenblickender Landmann, der sich wenig um die Grübeleien des Naturforschers kümmerte und nur bedacht war, seinen gesellschaftlichen Pflichten auf eine Weise zu genügen, wie es dem Charakter eines ruhigen, anständigen Bürgers geziemt. »Wir haben seit einiger Zeit,« fuhr er fort, »so viele beunruhigende Nachrichten über die Weise des Kriegführens unter den Wilden gehabt, 35 daß es Leuten, die einen verantwortlichen Posten bekleiden, zukommt, wachsam zu sein; denn,« und dabei warf er die Augen auf die Trümmer des entfernten Blockhauses, »Du weißt, Schwager Dudley, daß wir in einer so tief im Walde liegenden Niederlassung Grund haben, auf unserer Hut zu sein.« »Ich nehme die Verantwortlichkeit auf mich, Sergeant Ring,« sagte Dudley mit einer Amtsmiene. Der Gefangene bleibe in meinem Gewahrsam und werde Bedacht nehmen, daß er gebührender Weise und zur gehörigen Zeit vor die Obrigkeit gebracht wird. Mittlerweile hat uns die Dienstpflicht genöthigt, Dinge von Wichtigkeit zu übersehen, die sich in Deinem Hause zugetragen, und welche Dir mitzutheilen nöthig sein wird. Fruchtbarkeit hat, während Du vom Hause warst, sich Deiner Familienangelegenheit recht wacker angenommen.« »Wie?« fragte der Gatte, fast mit etwas größerer Hast, als sonst wohl ein Mann von so beherrschten Sitten zu verrathen pflegte; »hat meine Frau während meiner Abwesenheit die Nachbaren zu Hülfe gerufen?« Dudley nickte bejahend. »Und werde ich unter meinem Dache einen Knaben mehr finden?« Doctor Ergot nickte dreimal mit einem Ernste, der selbst für eine Mittheilung von noch weit größerer Wichtigkeit, als die gegenwärtige, passend gewesen wäre. »Dein Weib thut selten etwas Gutes nur zur Hälfte, Ruben. Du wirst finden, daß sie selbst für Vorrath zu einem Nachfolger unseres guten Nachbars Ergot gesorgt hat, da ein siebenter Es scheint ein Aberglaube gewesen zu sein, daß jeder siebente Sohn mit natürlichen Anlagen zum Arzt geboren wurde. Sohn in Deinem Hause geboren worden.« 36 Das offene, redliche Gesicht des Vaters erglühte vor Freude, doch diese wich bald einem minder selbstsüchtigen Gefühle. Mit einem leisen Zittern in der Stimme, das in einem so rüstigen und handfesten Manne doppelt rührend war, fragte er: »Und mein Weib? Wie befindet sie sich bei dieser segensreichen Gabe?« »Wacker,« entgegnete der Wundarzt, »geh' nach Hause, Sergeant Ring und preise Gott, daß noch Jemand sich findet, der in Deiner Abwesenheit auf die Bedürfnisse und Verlegenheiten Deiner Familie Acht hat. Wer sieben Söhne in fünf Jahren zum Geschenk bekommen, kann nie ein Armer oder Abhängiger sein in einem Lande wie dieses. Sieben Meierhöfe zusammen mit jenem prächtigen Stück Lande auf der Bergseite, welches Du jetzt bearbeitest, wird Dich im Alter zu einem Patriarchen machen, und den Namen Ring noch hundert Jahre weiter, wenn diese Colonieen bevölkert und mächtig sind, aufrecht erhalten; ja ich behaupte es kühn, und kümmere mich wenig um die, die mich einen eitlen, unvernünftigen Prahler nennen könnten, Du wirst gleich sein einem jener lustigen, aufgeblasenen kleinen Reiche in Europa, vielleicht selbst dem mächtigen Fürsten von Portugal. Ich habe Deine künftigen Meierhöfe auf sieben berechnet, denn die Anspielung des Fähnrichs, wonach man glauben sollte, es würden Leute mit natürlicher Neigung zur Heilkunde geboren, muß man als höflichen Scherz betrachten, da es eine bloße Täuschung von altem Weiberaberglauben ist, und hier auch eine solche Bestimmung eines Deiner Söhne ganz unnöthig sein würde, da hier schon jede vernünftige Stelle dieser Art besetzt ist. – Geh' zu Deinem Weibe, Sergeant, und heiße 37 sie gutes Muthes sein, denn sie hat sich, Dir und dem Vaterlande einen Dienst geleistet, und das ohne sich mit Bestrebungen abzugeben, die ihren Begriffen und ihren Anlagen fremd waren.« Der rüstige Landmann, dem dieser hohe Segen der Vorsehung zu Theil geworden, zog den Hut und indem er ihn ehrerbietig vor die Augen hielt, brachte er ein stilles Dankgebet für diese Gunst dem Himmel dar. Dann übergab er seinen Gefangenen der Obhut seines Vorgesetzten und Verwandten und ward bald mit schweren Tritten, obwohl mit leichtem Herzen, über die Felder nach seiner hochgelegenen Wohnung hineilen gesehen. Während der Zeit richteten Dudley und sein Gefährte eine mehr in's Einzelne gehende Aufmerksamkeit auf den schweigenden und fast regungslosen Gegenstand ihrer Neugierde. Obgleich der Gefangene von mittlerem Alter zu sein schien, war doch sein Auge ausdruckslos, sein Benehmen furchtsam und unsicher, und seine Gestalt zusammengeschmiegt und linkisch. In all diesen Einzelheiten sah man, unterschied er sich von den wohlbekannten Eigenthümlichkeiten eines eingebornen Kriegers. Ehe er sich entfernte, hatte Ruben Ring erklärt, daß, während er die Wälder im Dienst jener Wachsamkeit durchzogen, wozu die Lage der Colonie und einige neuere Anzeichen Veranlassung gegeben hatten, er auf diesen herumstreichenden Mann gestoßen und sich seiner bemächtigt, wie dies zur Sicherheit der Ansiedelung nothwendig geschienen. Uebrigens sei der Gefangene weder absichtlich auf ihn zugekommen noch geflohen; aber als er über seinen Stamm befragt worden, über den Beweggrund, der ihn zum 38 Durchstreichen dieser Hügel veranlaßt und über seine künftigen Absichten, da habe er keine genügende Antwort aus ihm herausbringen können. Er habe kaum den Mund geöffnet und das Wenige, was er gesagt, sei in einem aus Englisch und dem Dialekt irgend eines Indianervolkes bestehenden Kauderwelsch hervorgebracht worden. Daher wisse er, Ruben, so gut wie nichts von der Geschichte des Gefangenen, oder von dem, was diesem in die Nähe des Thales geführt; die gegenwärtige Lage der Colonie hätte ihn jedoch bewogen, einen in so verdächtigen Umständen angetroffenen Menschen zu verhaften. Von diesen dürftigen Mittheilungen, die sie von Ruben Ring erhalten, allein geleitet, versuchte nun Dudley und sein Gefährte, der Doctor, während sie auf den Weiler zu gingen, ihren Gefangenen zu einem Bekennen seines Planes zu verlocken, indem sie ihm ihre Fragen mit einem Scharfsinn vorlegten, der bei Leuten gar nicht ungewöhnlich war, welche sich in einer so abgeschiedenen und schwierigen Lage befanden, wo Nothwendigkeit und Gefahr so geeignet sind, alle angebornen Anlagen des menschlichen Geistes zu wecken und auszubilden. Die Antworten waren wenig zusammenhängend, und meist unverständlich, sie schienen bald die tiefe Verschlagenheit eines Indianers, bald die geistige Unfähigkeit eines Blödsinnigen zu bekunden. 39   Drittes Kapitel. »Ich weine nicht so leicht, wie mein Geschlecht wohl pflegt; – – –                               Doch ruht In meiner Brust ein nagender Schmerz, Der heißer brennt denn Thränenfluthen.« Winters Erzählung.           Besäße die Feder eines zusammentragenden Annalisten die mechanische Kraft der Bühne, dann würde es etwas Leichtes sein, die Scenen dieser Sage so schnell und wirksam aufeinander folgen zu lassen und zu verändern, als es zu ihrem richtigen Verständniß und zu dem gehörigen Aufrechterhalten des Interesses daran erforderlich ist. Was durch die magische Hülfe der Maschinerie nicht geschehen kann, muß daher durch weniger hohe und, wie wir fürchten, durch weit weniger wirksame Mittel versucht werden. Zu derselben frühen Tagesstunde und in nicht bedeutender Entfernung von der Stelle, wo Dudley seinem Schwager Ring mit so angenehmer Nachricht überraschte, fand auch in einer andern Colonistenfamilie eine anziehende Morgenzusammenkunft statt. Kaum war das Dämmerlicht, welches dem 40 hellen Morgen vorangeht, am Himmel erschienen, so sah man schon, wie in dem ansehnlichen Gebäude auf der entgegengesetzten Seite des Thales alle Fensterladen und Thüren geöffnet wurden. Die Sonne hatte den östlichen Himmel noch nicht mit Purpur gesäumt, so gaben alle Dorf- und Hügelbewohner ein gleiches Beispiel häuslicher Industrie und Betriebsamkeit und als der Feuerball über den Bäumen sichtbar warb, befand sich kein menschliches Wesen in der ganzen Ansiedelung, das das gehörige Alter hatte und einer gänzlichen Gesundheit genoß, welches nicht wirklich auf den Beinen gewesen. Es ist unnöthig, erst zu sagen, daß das eben besonders hervorgehobene Gebäude die jetzige Wohnung der Familie des Marcus Heathcote war. Wenn auch das Alter die Grundfesten seiner Stärke untergraben hatte, und die Canäle seines Lebens fast versiegt waren, lebte doch der ehrwürdige Greis noch. Während seine physischen Vollkommenheiten allmälig dem gewöhnlichen Verfall und Abnehmen der Natur gewichen, hatte sich doch der geistige Mensch nur wenig verändert. Es ist selbst wahrscheinlich, daß sein Schauen der Zukunft durch die Nebel irdischer Vortheile weniger verdunkelt wurde, als damals, wo wir ihn zuletzt gesehen, und daß der Geist einen Theil jener Kraft gewonnen, welche sicher den körperlicheren Theilen seines Daseins entzogen worden. Zu der schon erwähnten Stunde saß der Puritaner auf dem freien Vorplatz, welcher sich längs der ganzen Fronte einer Wohnung hindehnte, die, wenn sie auch in architektonischen Verhältnissen fehlerhaft sein mochte, doch nicht jener wesentlicheren Vorzüge und Bequemlichkeiten entbehrte, die eine geräumige, behagliche Grenzbehausung gewöhnlich darbot. 41 Um ein getreues Bild von einem Manne zu erhalten, der so innig mit unserer Erzählung verflochten ist, wird der Leser sich ihn als einen Greis vorstellen, der schon seine neunzig Jahre gezählt, mit einem Antlitz, welchem angestrengtes, beständiges Ringen des Geistes um den Segen des Himmels viele und tiefe Furchen eingegraben hatte, – mit einer Gestalt, die zitterte, während sie noch die Trümmer eines mächtigen Gliederbaues und biegsamer Muskeln verrieth, – mit einem Aeußern, in welches ascetische Uebungen und Betrachtungen eine Strenge eingeprägt, die nur leichthin durch ein Glimmen seiner natürlichen Güte gemildert ward, einer Güte, die keine angenommene Gewohnheiten, keine Spuren metaphysischen Hinbrütens und Grübelns je ganz zu verbannen vermocht hatten. Auf dieses Bild ehrwürdigen, selbstverläugnenden Alters, warf jetzt die Sonne ihre ersten Strahlen, und auf dem matten Auge und durchfurchten Antlitz ruhten Glanz und Friede. Vielleicht gehörte die sanfte Ruhe des Ausdrucks seines Gesichts eben so sehr der Jahreszeit und Morgenstunde, als dem gewöhnlichen Charakter des Mannes an. Diese Güte des Blickes, der blos seiner Stärke und seines deutlichen Ausdrucks wegen ungewöhnlich war, mochte noch durch den Umstand erhöht worden sein, daß sein Geist, wie dies gewöhnlich war, eben erst im Gebet in der Mitte seiner Kinder und Untergebenen sich erhoben hatte; denn dies pflegte er immer zu thun, ehe seine Kinder jene abgeschiedeneren Stellen des Gebäudes verließen, wo sie Ruhe und Sicherheit während der Nacht gefunden. Keines von den eigentlichen, dem Leser schon bekannten, Mitgliedern der Familie fehlte, und auch die Zahl der Arbeiter war wieder eben so stark, als vor der Zerstörung des Hauses durch die 42 Wilden, was die reichlichen Zubereitungen zum Morgenimbiß, welche eben im Gange waren, anschaulich genug bewiesen. Die Zeit hatte keine sehr auffallende Veränderung in dem Aeußern von Contentius hervorgebracht. Freilich hatte sich die braune Farbe seines Antlitzes erhöht, und sein Körperbau begann auch wohl etwas von seiner Elasticität und Leichtigkeit in den Bewegungen zu verlieren, und dafür das Abgemessenere des mittleren Alters anzunehmen. Aber dies trat deshalb so wenig hervor, weil Contentius von jeher in seinem äußern Thun und Lassen eine würdevolle Gelassenheit zeigte, die man mehr zu den Eigenschaften des Alters als der Jugend zu rechnen gewöhnt ist. Selbst seine jüngeren Jahre hatten mehr die gewöhnlichen jugendlichen Kraftäußerungen versprochen und verheißen, als daß sie die Erwartung durch die wirkliche Darlegung derselben erfüllt. Geistliche Strenge und Ernst hatten lange vorher eine entsprechende körperliche Wirkung hervorgebracht. Die Zeit hatte, um uns der Sprache der Maler zu bedienen, nichts an der Gestalt und den Verhältnissen berührt, nur dem Ganzen eine weichere Färbung gegeben. Wenn sich ja einiges Grau hier und da in seinem Haar blicken ließ, so erinnerte es mehr an bewährte Festigkeit, als an Symptome des Verfalls, wie fest eingewurzelte Steine sich am ersten mit Moos bedecken. Nicht so verhielt es sich mit seiner lieblichen, sich hingebenden Lebensgefährtin. Jene Sanftheit und Milde des Aeußern, welche zuerst das Herz des Contentius gerührt hatte, war noch zu gewahren, obwohl es unter Spuren eines beständigen und zehrenden Grams fortbestand. Die Frische der Jugend war verschwunden, und an ihre Stelle trat die dauernde und in diesem Falle rührendere Schönheit des 43 Ausdrucks hervor. Ruth's Auge hatte nichts von seiner Lieblichkeit verloren, und ihr Lächeln blieb immer noch bezaubernd und reizend; aber das erstere war oft peinvoll leer, und schien nach innen zu auf jene geheimen und zerstörenden Quellen des Grams zu schauen, die tief und fast geheimnißvoll in ihrem Herzen sich vorfanden, während das letztere dem kalten Glanze jenes Gestirns glich, das die Gegenstände erleuchtet, indem es die erborgten Strahlen auf sich selbst zurückwirft. Ihre Matronengestalt, ihre weibliche Freundlichkeit, ihre melodische Stimme waren noch da, doch die erste war bis zum Rande frühzeitigen Dahinwelkens erschüttert, die zweite zeigte sich, selbst bei Regungen der höchsten Theilnahme, nie ohne eine Beimischung verborgenen Grams; und die letzte ertönte selten, ohne daß man jenes wehmüthige Beben zwischen durch hörte, welches darum so ergreift, indem es dem Verstand eine den ausgesprochenen Worten so verschiedenartige, widerstrebende Bedeutung und Gefühlsdarlegung beibringt. Alle diese Spuren aber waren nur leise angedeutet; theilnahmlose oder oberflächliche Beobachtung würde in der verwelkten Schönheit, in der abgeblühten Reife der Matrone nur das Alltägliche, die Ebbe menschlichen Daseins erblickt haben. Die Farbe des Kummers, wie dies auch bei einer solchen Frau ganz passend war, war mit zu zarter Hand aufgetragen worden, als daß sie jedem profanen Auge sichtbare Striche hinterlassen. Sowie die höchsten Leistungen der Kunst für diejenigen nicht vorhanden sind, denen es an dem Sinn für das Vortreffliche gebricht, so konnten Menschen, deren Gefühle durch die sinnliche Gegenwart bedingt sind, für ihren Schmerz keine Theilnahme empfinden, ihn nicht fassen, nicht errathen. Man glaube aber nicht, daß Ruth's 44 Mitgefühl für die Freuden und Leiden Anderer abgestumpft war. Wenn Gram an einem Herzen nagt, welches wirkliche Zärtlichkeit besitzt, so offenbart er sich nur durch Zerstörung der eigenen Genüsse, vermag aber nicht, das Herz gegen die Anderer zu erkälten, und wie stark auch die Selbstsucht sei, wahre Menschenfreundlichkeit ist stärker. Wem dürfen wir noch sagen, daß die Trauer der unglücklichen Frau ihrem verlornen Kinde galt. Hätte sie mit Bestimmtheit gewußt, daß ihre Tochter aufgehört habe, zu leben, so würde es wohl eine Frau von ihrem festen Glauben nicht schwierig gefunden haben, ihre Trauer in's Grab der Unschuldigen niederzulegen, und an der Seite der Hoffnungen zu versenken, zu denen ihre Religion sie so sehr berechtigte. Aber was immer ihren Gedanken vorschwebte, war der lebendige Tod, zu welchem ihr Kind vielleicht verurtheilt worden sein mochte, sein Leben unter den Heiden hinzubringen. Wenn die Lippen dessen, der sie liebte, von der Pflicht der Ergebung sprachen, so hörte sie zu mit der Zärtlichkeit eines Weibes, mit der Geduld einer christlichen Frau, und dann, selbst während die heiligen Ermahnungen noch in ihr aufmerksames Ohr schallten, führte die unbesiegbare Natur sie unversehens zum Schmerz der Mutter zurück. Die Einbildungskraft dieses sich aufopfernden weiblichen Wesens hatte nie eine ungebührliche Oberherrschaft über ihre Vernunft besessen. Ihre Träume von Glück an der Seite eines Mannes, den ihr Urtheil eben so sehr, als ihre Zuneigung schätzte und verehrte, waren so gewesen, wie die Erfahrung und Religion sie rechtfertigen mochten. Aber sie sollte nun, so hatte es das Schicksal bestimmt, erfahren, daß eine furchtbare Poesie in dem Grame liegt, welcher die Dinge 45 mit einer Anmuth und einer Macht der Phantasie uns vor die Sinne bringen und gleichsam ihre Umrisse zu entwerfen vermag, denen keine schwächere Anstrengungen einer erhitzten Einbildungskraft je gleichkommen können. In der Sommerlüfte Geflüster hörte sie das sanfte Athmen ihres schlummernden Kindes, im Windessausen seine weinende Klage, im alltäglichen Umgang mit den Ihrigen seine kindischen Fragen, seine naiven Antworten. Wenn Abends bei stiller Luft das fröhliche Gelärme und Gelächter der Dorfjugend zu ihr herüberschallte, so ertönte ihr das Lachen kindlicher Glückseligkeit, gleich der Stimme des Trauerns, und kaum begegneten die Scherze und Spiele der Kinder ihrem Auge, ohne mit sich das Bangen der Angst zu bringen, und ihrem Mutterherzen Qualen einzuflößen. Zweimal war sie Mutter geworden seit den Begebenheiten jenes gräßlichen Ueberfalls der Wilden, allein, gleichsam als wenn ein giftiger Hauch alle ihre Hoffnungen zerstören sollte, – die kleinen Wesen, die sie geboren, schliefen Seite an Seite unweit der Thurmruine. Dorthin wandte sie oft ihre Schritte, nicht aber in der Absicht an der Ruhestätte über die Entschlafenen zu trauern, sondern um dem süßen Bilde ihrer Einbildungskraft nachzuhängen und die ganze Macht des Schmerzes in ihrer Brust walten zu lassen. Die Bilder, die sie von den Todten sich machte, waren voll Ruhe und selbst voll Trost für sie; aber so oft immer ihre Gedanken bis zu den Wohnungen des ewigen Friedens sich erstiegen, so oft ihre schwache Phantasie die Erscheinungen der Seligen in Körper einzuschließen versuchte, immer forschte dann ihr geistiges Auge nach Der, die sich dort noch gar nicht befand, suchte sie eher auf als Jene, von denen man glaubte, daß sie sicher gebettet seien 46 im Schooße des ewigen Glücks. So vorübergehend und täuschend auch immer diese Geistesblicke waren, es fanden sich noch andere, die weit zerstörender auf sie einwirkten, da sie sich mehr mit den rauhen, sichern Umrissen, wie sie die irdische Welt giebt, darstellen. Es war die allgemeine und vielleicht die bessere Ansicht der Einwohner des Thales, der Tod habe alsbald das Schicksal aller derjenigen besiegelt, die bei dem Ueberfall in die Hände der Wilden gefallen waren. Ein solcher Ausgang stand wenigstens im Einklang mit den bekannten Gebräuchen und mitleidslosen Leidenschaften der Sieger, die selten das Leben schenkten, es sei denn, um eine ausgedachtere Rache zu nehmen, oder irgend einer kinderlosen Mutter des Stammes Trost zu bringen, indem man ihr in der Person des Gefangenen einen Ersatz für die Gestorbenen vorstellte. Nun fand die trauernde Mutter wohl Linderung ihres Schmerzes, wenn sie sich das Antlitz des lachenden Cherubs in die Wolken malte, oder sich einbildete, auf seinen leichten Fußtritt zu lauschen, wie er in den leeren Hallen der Wohnung zu ihr hindrang; in diesen täuschenden Bildern des kummerbeladenen Hauptes war doch der Schmerz ihrem Busen noch erträglicher, aber wenn die ernste Wirklichkeit die Stelle der Phantasie einnahm, wenn sie ihre lebende Tochter sich dachte, wie sie erzitterte in den winterlichen Stürmen, wie sie der wilden Hitze des Klima's erlag, wie sie freudenlos hinwanderte in der Verzweiflung weiblicher Gefangenschaft und Sclaverei, und mit Geduld das Loos ihrer körperlichen Schwäche unter einem grausamen, wilden Herrn ertrug, – dann zerrte der Schmerz in fürchterlichem Maße an ihren Lebensgeistern und erschöpfte die Quelle ihres gequälten Daseins. 47 Wenn auch der Vater nicht gänzlich frei von ähnlichem Kummer war, so überfiel dieser ihn doch weniger unablässig. Er wußte mit den Regungen seines Gemüths zu ringen, wie es einem Manne am besten ansteht. Obgleich sehr von dem Glauben erfüllt, die Gefangenen seien schnell dem Bereich jedes Leidens durch den Tod enthoben worden, hatte er doch keine Maßregel versäumt, die ihm die Pflicht eingab, keine Anstrengungen gescheut, welche Zärtlichkeit gegen seine trauernde Gattin, väterliche Liebe und Christenthum von ihm fordern konnten. Die Indianer hatten sich über die Schneekruste hin entfernt und mit dem Thauwetter war jede Spur ihrer Schritte, jedes Zeichen, woran man die Richtung so vorsichtiger Feinde hätte verfolgen können, verschwunden. Es blieb selbst zweifelhaft, zu welchem Stamm, ja sogar zu welchem Volke die Streifzügler gehört hatten. Der Friede der Colonie war noch nicht offen gebrochen worden, und jener Einfall war mehr ein gewaltthätiges, wildes Vorzeichen der Uebel gewesen, die man noch beabsichtigte, als der wirkliche Anfang jener erbarmungslosen Feindseligkeiten, welche späterhin die Grenze verheert hatten. Aber während die Klugheit die Colonisten ruhig gehalten, versäumte Familienliebe keine vernünftige Mittel, um die Dulder auszulösen, im Fall man ihrer geschont hatte. Kundschafter hatten sich unter die verschwörenden und nur halb friedlich gesinnten Stämme in der Nähe der Ansiedelung begeben, und Belohnung und Drohung, beides hatte man reichlich angewandt, um die Wilden, welche das Thal verwüstet hatten, auszumitteln so wie auch um Nachrichten über das, allen weit wichtigere Schicksal der hülflosen, unglücklichen 48 Opfer einzuziehn. Jeder Versuch, die Wahrheit zu entdecken, war fehlgeschlagen. Die Narragansett versicherten, ihre beständigen Feinde, die Mohikaner, hätten, nach ihrer gewohnten verrätherischen Weise, ihre englischen Freunde überfallen und geplündert, während die Mohikaner mit aller Macht die Beschuldigung zurück auf die Narragansett warfen. Dann stellten sich wieder einige Indianer, als wollten sie geheimnißvolle, dunkle Winke über die feindlichen Gesinnungen gewisser wilder Krieger geben, von denen man wußte, daß sie unter dem Namen der fünf Nationen innerhalb des Gebiets der holländischen Colonie New-Niederland wohnten, und ließen sich viel über den Neid der Blaßgesichter aus, welche eine von der der Yengihs verschiedene Sprachen redeten. Kurz, Nachforschungen hatten keinen Erfolg gehabt, und auch Contentius, wenn er seiner Einbildungskraft sich überließ und sich seine Tochter noch lebend dachte, sah sich genöthigt anzunehmen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach sie in diesem Falle weit im Ocean der Wildniß vergraben sei, die damals den größten Theil der Oberfläche dieses Continents bedeckte. Eines Tages indessen kam der Familie ein Gerücht zu Ohren, das Hoffnung zu erregen geeignet war. Ein wandernder Handelsmann, der aus den Wildnissen des Binnenlandes her auf einem Markt an der Seeküste sich begab, war in das Dorf gekommen. Er brachte eine Nachricht mit, daß ein Kind, das in gewisser Hinsicht dem Aeußeren entsprach, welches, wie man annehmen mußte, jetzt wohl jener zukommen mochte, die man verloren hatte, – ein solches Kind, sagte er, lebe unter den Wilden an dem Ufer der kleineren Seen in der anliegenden Colonie. Die Entfernung bis zu dieser Stelle war groß, der Weg mit tausend Fährlichkeiten 49 besetzt und der Erfolg aller Bemühung nichts weniger als gewiß. Doch wurden Hoffnungen neu belebt, die lange geschlafen hatten. Ruth bestand nie auf eine Forderung, die ernstlicher Gefahr ihren Gatten aussetzen konnte, und seit vielen Monden hatte dieser selbst nicht mehr von der ganzen Sache gesprochen. Indeß arbeiteten mächtig die natürlichen Gefühle eines Vaters in ihm; seine Augen, zu allen Zeiten nachdenkend und ruhig, wurden sorgenvoller, tiefere Furchen sammelten sich auf seiner Stirn, und endlich nahm Trauer gänzlich Besitz von einem Antlitze, das gewöhnlich so heiter und ruhig war. Gerade diese Zeit hatte Eben Dudley für passend erachtet, seine Bewerbung um Fidel, die er immer nach seiner unbeständigen, abbrechenden Weise fortgesetzt hatte, jetzt ernstlicher zu betreiben, und das Mädchen nun endlich zu einer Entscheidung zu drängen. Einer jener wohl angelegten Zufälle, die von Zeit zu Zeit das Mädchen und den jungen Grenzmann zu besonderer Unterredung zusammengebracht, setzte ihn in den Stand, seinen Vorsatz mit der hinlänglichen Klarheit auszuführen. Fidel hörte ihn an, ohne irgend etwas von ihrem gewöhnlichen Leichtsinn zu verrathen, und antwortete mit so weniger Neckerei, als nur immer der Gegenstand zu verlangen schien. »Gut, Eben Dudley,« sagte sie, »und es ist dies nicht mehr, als ein ehrliches Mädchen ein Recht hat von dem anzuhören, der so viele Mittel und Wege eingeschlagen, wie Du, sich seine Gunst zu erwerben. Doch Derjenige, welcher sein Leben lang von mir gequält sein möchte, hat eine feierliche Pflicht zu erfüllen, ehe ich auf seine Wünsche höre.« Der Bewerber glaubte, es sei nun an ihm, seine 50 männlichen Eigenschaften und Handlungen herauszustreichen, damit das Mädchen sehe, er sei zu einem so bedenklichen Unternehmen, wie die Ehe ist, wohl ausgerüstet. »Ich bin,« sagte er, »in den unteren Städten gewesen, und habe mich mit ihrer Art zu leben bekannt gemacht; auch haben meine Dienste als Kundschafter in der Colonie dazu beigetragen, die Indianer in ihren Schlupfwinkeln zu halten. Der Handel mit dem Capitain um das Hügelland und um eine Wohnung im Dorfe nähert sich seinem Schlusse, und da die Nachbaren mir ihre Hülfe bei der Grundlegung und bei dem Aufsetzen des Dachstuhls gewiß nicht versagen werden, so sehe ich in der That nicht, was – –« »Du täuschest Dich, wohlbedächtiger Dudley,« unterbrach ihn das Mädchen, »wenn Du glaubst, Dein Auge würde je das sehen, Dein Verstand würde je das ausfinden, was erst erstrebt werden muß, ehe ich mein Loos und Geschick an das Deine knüpfe. Hast Du nicht bemerkt, Eben, wie die Wange unserer Gebieterin blasser geworden, wie ihr Auge eingefallen ist, seit der Pelzhändler in der Woche, wo der große Sturm wüthete, bei uns zubrachte?« »Ich könnte nicht sagen, daß das Aussehen der Madame Heathcote, so lange ich mich zu entsinnen vermag, sich sonderlich verändert hätte,« antwortete Dudley, der nie dafür bekannt gewesen, daß er zu genauen Characterbeobachtungen tauglich sei, obwohl er sonst in Dingen, die mehr mit seinen täglichen Verrichtungen und Arbeiten zusammenhingen, sich hinlänglich scharfsinnig erwies. »Sie ist nicht jung und blühend wie Du, Fidel, auch geschieht's nicht oft, daß wir sehen – –« »Ich sage dir, Eben, Kummer und Gram zehrt an ihrer 51 Gestalt, und sie lebt nur noch im Hinbrüten und Andenken an ihr verlorenes Kind!« »Das heißt aber die Trauer über die vernünftigen Grenzen hinaustreiben. Das Kind genießt, das ist über allen Zweifel gewiß, des seligen Friedens, wie Dein Bruder Whittal. Daß wir seine Gebeine nicht entdeckten, davon liegt die Schuld am Feuer, das uns nur wenig übrig ließ, um uns anzudeuten – –« »Dein Kopf, trübseliger Dudley, ist selbst ein Beinhaus, aber diese Deine Schilderung, ein treues Abbild Deines Kopfes, soll nicht im Stande sein, mich zu beruhigen. Der Mann, der mein Gatte werden soll, muß Gefühl für den Schmerz einer Mutter haben!« »Was kommt Dir denn nun wieder für eine Grille in den Kopf, Fidel! Vermag ich die Todten wieder in's Leben zu bringen, oder ein Kind, das seit so langen Jahren verloren worden, nochmals seinen Eltern in die Hände zu legen?« »Ja, das vermagst Du! – Nun, reiß nur nicht die Augen auf, als wenn jetzt zum ersten Mal Licht in die Finsterniß Deines umnebelten Hirnschädels hereinbräche. Ich sage es noch einmal, das vermagst Du!« – »Nun denn, so bin ich froh, daß Du Dich endlich einmal deutlich erklärst, und daß ich weiß, woran ich bin, ich habe ohne dies schon zu viel von meinem Leben mit dieser ungewissen Bewerbung verschwendet, während mich doch gesunde Vernunft und das Beispiel Aller in meiner Nähe hätte lehren können, daß, um Vater einer Familie zu werden und für einen tüchtigen Ansiedler zu gelten, ich schon vor mehreren Jahren ein Weib und ein Stück Land mir hätte 52 aussuchen sollen. Ich wünsche Jedem Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und da ich Dir einmal Veranlassung gegeben, zu glauben, es könne der Tag kommen, wo wir zusammen leben würden, wie es sich für Leute in unserer Lage schickt, so hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu bitten, mein Loos mit mir zu theilen. Aber jetzt, da Du mir Unmöglichkeiten auflegst, sehe ich mich genöthigt, wo anders anzuklopfen.« »Das ist immer so Deine Sitte gewesen, wenn wir nahe daran waren, uns mit einander zu verständigen. Du bist immer geneigt, Dich irgend einem Unwillen zu überlassen, und dann wirfst Du Deinen Verdruß und Tadel auf mich, die doch selten etwas thut, was vernünftiger Weise Dich beleidigen könnte. Welche Tollheit gibt Dir den Wahn, daß ich Unmöglichkeiten verlange! Nein, Dudley, Du kannst nicht bemerkt haben, wie die Gesundheit der Madame Heathcote von dem verzehrenden Feuer ihres Kummers und Grams aufgerieben wird; Du kannst nicht in den tiefen Schmerz einer Mutter, die ihr Kind verloren, schauen, sonst würdest Du nicht so ungeduldig werden, wenn man Dir zumuthet, auf eine kurze Zeit eine Wanderung in die Wälder zu unternehmen, um zu erforschen, ob das Mädchen, von welchem der Rauchwaarenhändler erzählte, die Beweinte von Wish-Ton-Wish sei, oder das Kind eines Fremden.« Wenn auch Fidel mit einer gewissen Neckerei sprach, vorherrschend war jedoch das Gefühl. Ihr schwarzes Auge schwamm in Thränen und immer glühender ward die Farbe ihrer gebräunten Wange, so daß ihr Liebhaber endlich, ergriffen von einer Rührung, deren er keineswegs unfähig war, allen Unwillen vergaß. »Wenn eine Reise von einigen hundert Meilen Alles ist, 53 was Du verlangst, Mädchen, warum so in Räthseln sprechen?« entgegnete er gutmüthig. »Es konnte Dir gewiß nicht an dem geeigneten, freundlichen Worte fehlen, um mich auf die Spur Deines Vorhabens zu bringen. Wir wollen uns nächsten Sonntag vereinigen lassen, und dann soll, so Gott will, der Mittwoch oder höchstens der Sonnabend mich auf den Weg, von woher der Handelsmann aus dem Westen gekommen war, treffen.« »Kein Aufschub! Du mußt mit Sonnenaufgang Abschied nehmen. Je schneller und gewandter Du Dich auf der Reise zeigst, desto eher wirst du Macht haben, mich eine thörichte That bereuen zu lassen.« Aber Fidel war bewogen worden, etwas von ihrer Strenge nachzulassen. Sie wurden am Sonntage vermählt und den folgenden Tag verließen Contentius und Dudley das Thal, um den fernen Stamm aufzusuchen, auf den ein Sprößling von einem fremden Boden so gewaltsamer Weise eingepfropft sein sollte. Es ist unnöthig, bei den Gefahren und Entbehrungen einer solchen Unternehmung zu verweilen. Der Hudson, der Delaware und der Susquehannah, Flüsse, welche damals den Fabeln bekannter waren, als den Einwohnern von New-England, – alle diese Flüsse wurden überschritten, und nach einer mühevollen, gefährlichen Reise erreichten die Abenteuerer den ersten von jener Gruppe kleiner Binnenseen, deren Ufer jetzt so reizend mit Dörfern und Meierhöfen geschmückt sind. Hier, mitten unter wilden Heerden, jeder Gefahr zu Wasser und Land ausgesetzt und nur von seinen Hoffnungen und der Gegenwart eines stattlichen Gefährten, den Mühen und 54 Gefahren nicht leicht überwältigen konnten, aufrecht erhalten, suchte der Vater eifrig nach seinem Kinde. Endlich ermittelten sie einen Stamm, der eine Gefangene bei sich hielt, welche der Beschreibung des Pelzhändlers entsprach. Wir wollen uns nicht über die Gefühle auslassen, mit denen Contentius sich dem Dorfe näherte, das diesen kleinen Abkömmling einer weißen Menschenraçe enthalten sollte. Er hatte seinen Zweck, mit dem er kam, nicht verhehlt, und der heilige Charakter, die fromme Absicht, die ihn zu ihnen führte, fand selbst Mitleid und Ehrfurcht unter jenen rohen Bewohnern der Wildniß. Eine Gesandtschaft der Häuptlinge empfing ihn an der Grenze ihres Gebiets; er wurde zu einer Hütte geführt, wo ein Berathungsfeuer angezündet ward. Ein Dollmetscher eröffnete die Verhandlungen, indem er den Betrag des angebotenen Lösegeldes und die Friedensbetheuerungen der Fremden seinen Zuhörern im günstigsten Lichte vortrug. Es ist bei den amerikanischen Wilden nicht gewöhnlich, daß sie leicht ihre Ansprüche auf einen in ihren Stamm aufgenommenen und adoptirten Fremden aufgeben. Aber das sanfte Aeußere und edle Vertrauen des Contentius rührte die verborgen liegenden Tugenden dieser edelmüthigen, wiewohl stolzen Kinder der Wälder. Es ward nach dem Mädchen geschickt, sie wurde aufgefordert, zu erscheinen vor den Aeltesten des Volkes. Keine Sprache kann die Empfindung schildern, mit welcher Contentius den ersten Blick auf diese Adoptivtochter der Wilden warf. Jahre und Geschlecht stimmte freilich mit seinen Wünschen überein, aber statt des goldgelben Haares und der azurblauen Augen des Engels, den er verloren, 55 zeigte sich ihm ein Mädchen, dessen rabenschwarze Locken, und fast eben so dunkle Augäpfel, eher auf eine Abstammung von den in den Canada's wohnenden Franzosen zu schließen berechtigte, als von dem angelsächsischen Geschlechte der Heathcote's. Der Vater war in den gewöhnlichen Geschäften des Lebens nicht sehr schnellen Geistes, aber die Natur und ihre Gefühl erfüllten ihn jetzt ganz. Es brauchte keinen zweiten Blick, um zu sagen, wie grausam seine Hoffnungen getäuscht worden. Ein unterdrückter Seufzer rang sich aus seiner Brust hervor und dann kehrte seine Selbstbeherrschung mit der ehrfurchtgebietenden Größe christlicher Entsagung zurück. Er erhob sich, dankte den Häuptern für ihre Güte und hielt weiter seinen Irrthum nicht geheim, durch den er so weit auf eine fruchtlose Fahrt geführt worden. Während er noch sprach, gaben die Zeichen und Geberden Dudley's ihm Veranlassung zu glauben, sein Gefährte habe ihm noch etwas von Wichtigkeit mitzutheilen. Er trat zu ihm auf die Seite und in einer geheimen Unterredung stellte es ihm dieser als rathsam vor, die Wahrheit zu verheimlichen, und dadurch das Kind, das sie wirklich aufgefunden, den Händen seiner rohen Gebieter zu entziehen. Es war jetzt zu spät, eine List zu benutzen, die vielleicht ihren Zweck bei den Wilden erreicht hätte, wenn diese sich mit Contentius strengen Grundsätzen vertragen hätte. Aber indem er einen Theil des Interesses, das er an dem Geschick seiner eigenen Tochter nahm, auf das der unbekannten Eltern übertrug, welche wohl, wie er selbst, sehr wahrscheinlich das unbekannte Schicksal des Mädchens vor ihm betrauerten, bot er das für Ruth bestimmte Lösegeld für die Gefangene an. Es ward zurückgewiesen. In ihren beiden Plänen getäuscht, sahen sich so die beiden Abenteurer genöthigt, 56 mit schweren Schritten und noch schwereren Herzen das Dorf zu verlassen. Diejenigen unserer Leserinnen, welche jemals die Angst der Ungewißheit über eine Angelegenheit empfunden haben, wobei die innigste der menschlichen Regungen betheiligt ist, können allein sich einen Begriff von dem machen, was die Mutter während des langen Monats, den ihr Gatte auf der frommen Botschaft aus war, gelitten. Zu Zeiten glänzte Hoffnung in ihrem Herzen auf, so daß das Glühen der Freude und Lust nochmals die blasse Wange umhüllte, und in ihrem Auge spielte. So war die erste Woche der Abwesenheit ihres Gatten fast voll von ungetrübter Glückseligkeit. Die Gefahren der Reise wurden fast in dem erwarteten Erfolg vergessen, und obwohl gelegentliche Beklemmung und Beängstigungen die Pulse einer Frau erhöhten und beschleunigten, deren ganzer Bau so furchtbar allen Bewegungen ihres Geistes entsprach und sie andeutete, so war doch Hoffnung in allen ihren Erwartungen das vorherrschende Gefühl. Sie trat wieder unter ihre Mägde mit einer Miene, worin Freude mit der Sanftmuth ihrer beherrschten Sitten rang, und ihr Lächeln begann nochmals mit erneuertem Glücke zu strahlen. Bis an seinen Todestag konnte immer der alte Marcus nicht vergessen, welche plötzliche Erregung durch das sanfte Lachen in ihm hervorgebracht worden, das bei einer unerwarteten Gelegenheit von den Lippen seiner Schwiegertochter in sein Ohr drang. Obgleich Jahre seit dem Augenblick vergangen, wo er diesen ungewohnten Ton vernommen, und somit lange Zeit zwischen diesem Augenblick und dem Punkte lag, bis zu welchem wir jetzt in der Geschichte unserer Erzählung gekommen, so hatte er doch nie dieses Lächeln wiederholen hören. 57 Um noch die Gefühle zu erhöhen, welche jetzt in Ruth's Gemüth die Oberhand hatten, mußte sogar der Zufall dem Contentius, als er nur noch eine Tagereise von dem Dorfe entfernt war, wohin seine Reise ging, Mittel verschaffen, wodurch er Nachricht von seinen Aussichten auf Erfolg seiner Gattin geben konnte. Ueber alle diese stets erneuerten Wünsche sollte nun getäuschte Erwartung ihren eisigen Hauch ausgießen, und alle diese wiederauflebende Liebe welken unter dem giftigsten aller Hauche, dem der getäuschten Hoffnung. Die Stunde des Sonnenunterganges war nicht mehr fern, als Contentius und Dudley auf ihrem Heimwege bei der Stelle eintrafen, wo einst die Wohngebäude gestanden. Ihr Pfad führte durch diese Oeffnung an der Bergseite und es fand sich dort ein Punkt unter den Gebüschen, von welchem aus man die Gebäude, die aus der Asche des Brandes sich wieder erhoben hatten, deutlich sehen konnte. Bis jetzt hatte der Gatte und Vater sich jeder Anstrengung gewachsen geglaubt, welche die Pflicht bei dem Fortgang dieses trauervollen Unternehmens von ihm verlangen mochte. Aber hier angelangt, konnte er nicht weiter, und äußerte gegen seinen Begleiter den Wunsch, er möge vorangehen und die Täuschung aufheben, die sie so weit auf eine fruchtlose Sendung geführt. Vielleicht wußte Contentius selbst nicht genau, was er damit zu bezwecken bedachte und welchen ungeschickten Händen er einen Auftrag von mehr als gewöhnlicher Zartheit und Umsicht anvertraute. Er fühlte nur sein eigenes Unvermögen und sah mit einer Schwäche, die nur in seinen eigenen, aufgeregten Gefühlen eine Entschuldigung finden mag, seinen Gefährten ohne Anweisung und in der That ohne irgend 58 einen andern Führer, als seine natürliche Einsicht, von ihm sich entfernen. Obgleich Fidel keine merkliche Unruhe während der Abwesenheit der Reisenden verrathen hatte, war doch ihr scharfes schnelles Auge das erste, welches die Gestalt ihres Mannes entdeckte, als er mit müdem Schritt in der Richtung der Wohnungen über die Felder herkam. Lange, bevor Dudley das Haus erreichte, hatten sich schon alle Genossen desselben in der Vorhalle versammelt. Es war keine Heimkehr voll lärmender Freude, oder geräuschvoller Bewillkommung. Der Abenteurer näherte sich unter einem so drückenden, lästigen Schweigen, daß es ganz und gar seinem einstudirten Plan, nach welchem er auf eine der Lage angepaßten Weise seine Unglücksnachricht zu verkünden gehofft hatte, zu nichte machte. Seine Hand berührte die Klinke der Vorhofsthüre. Niemand sprach; sein Fuß stand auf der untern Stufe zur Halle, und noch immer rief ihm keine Stimme ein Willkommen zu. Die Blicke der kleinen Gruppe waren mehr auf die Züge der Ruth, als auf die Gestalt dessen gerichtet, der sich näherte. Ihr Gesicht war blaß wie der Tod, ihr Auge zusammengezogen und voll der geistigen Anstrengung. die allein nur noch sie aufrecht erhalten konnte; ihre Lippe zitterte kaum, als sie, einem Gefühl gehorchend, das noch stärker war wie jenes, welches so lange sie beherrscht und bezwungen hatte, ausrief: »Eben Dudley, wo hast Du meinen Gatten gelassen?« »Der junge Capitain war müde, und ist in dem Nachwuchs dort in dem Bergwald geblieben; aber ein so tüchtiger Fußgänger kann nicht weit zurück sein. Wir werden ihn bald dort an der Oeffnung bei der abgestorbenen Buche 59 hervorkommen sehen, und dort ist es, wo ich, Madame Heathcote, rathen möchte.« »Ich machte mir schon um meinen Gatten mancherlei Sorgen und freue mich seiner gewohnten Güte, mit der er eine so wohlgemeinte Vorsichtsmaßregel ersann!« sagte Ruth, über deren Antlitz ein so strahlendes Lächeln ging, daß es ihm etwas von dem Ausdruck mittheilte, der, wie man glaubt, die besondere Gütigkeit und Anmuth der Engel bezeichnet. »Dennoch war alles dies unnöthig; denn er hätte bedenken müssen, daß wir ja alle unsere Hoffnung und Stärke auf den Felsen der Ewigkeit setzen. Sag' mir, wie hat mein Kleinod die so sehr ermüdende und beschwerliche Reise ertragen?« Der unstäte Blick des Boten wanderte von Antlitz zu Antlitz, bis er endlich auf den Zügen seines Weibes in einem festen, nichtssagenden Hinstarren wie angeheftet blieb. »Du zürnst doch etwa Deinem Weibe nicht, Dudley? sie hat sich als solche, sowie als meine Gehülfin gut betragen, und Du kannst sehen, daß ihre Lieblichkeit sich in nichts geändert hat. – Aber strauchelte, ermattete das Kind nicht auf diesem mühevollen Weg, oder verzögerte sie Deine Schritte durch ein wenig Eigensinn? Doch ich kenne Dich, Dudley, sie ist manche Meile weit über Bergabhang und trügerischen Moor in Deinen eigenen kräftigen Armen getragen worden – Du antwortest ja nicht, Dudley!« rief Ruth. Erst jetzt ahnte sie die Wahrheit; mit einem Arm, dem der Schmerz Kräfte gab, faßte sie ihn bei der Schulter, und zwang ihn, ihr in's Gesicht zu sehen, um in seinen Augen die Antwort zu lesen. Die Muskeln des sonnverbrannten, markirten Gesichts des Grenzmannes wurden unwillkührlich bewegt, seine breite 60 Brust schwoll zu ihrer äußersten Ausdehnung; dicke brennende Tropfen rollten über seine braunen Wangen herab und dann ergriff er Ruth's Arm mit einer seiner kräftigen Hände, und nöthigte sie durch eine feste, aber ehrerbietige Kraftäußerung, ihn gehen zu lassen, worauf er die Gestalt seines eigenen Weibes ohne weitere Umstände zur Seite brachte, und seinen Weg mitten durch die Gruppe hindurch nach dem Innern des Hauses mit dem Schritt eines Riesen nahm. Das Haupt der armen Mutter sank auf ihre Brust, die frühere Blässe bemächtigte sich ihrer Wangen, und in jenem Moment zeigte sich zuerst der einwärts gerichtete Blick ihres Auges. der später ein so beständiger, peinvoller Ausdruck ihres Antlitzes wurde. Von jener Stunde an bis zu der Zeit, wo die Familie von Wish-Ton-Wish nochmals dem Leser sogleich wieder vorgeführt werden wird, hörte man nie wieder auch nicht das geringste Gerücht, was etwa den zehrenden Kummer ihrer Brust hätte vermindern oder erhöhen können. 61   Viertes Kapitel.     Gelehrte Leckerbissen, Sir, hat er nie gekostet, die in einem Buche ausgeheckt worden, er hat nicht, so zu sagen, Papier gegessen, noch aus Tinte seinen Trank gemacht: sein Verstand ist dahin; er ist nur ein Thier, mit Sinnen nur für gröb're Dinge. Der Liebe Mühen verloren.     »Da kommt Fidel mit Nachrichten aus dem Dorfe,« sagte der Gatte des nach unsern geringen Kräften so eben geschilderten Weibes, während er seinen Sitz auf dem freien Platze, zu einer Morgenstunde und in einer Gruppe einnahm, wie wir sie schon beschrieben. »Der Fähnrich ist während der ganzen Nacht mit einem erwählten Haufen unserer Leute draußen auf den Hügeln gewesen, und vielleicht ist sie mit der Hauptsache aller der von ihnen eingezogenen Nachrichten über die unbekannte Spur im Walde hierher geschickt worden.« »Der schwerfüßige Dudley hat kaum die scheidende Bergfirste erstiegen, wo, wie das Gerücht geht, die Fußstapfen des Mokasins bemerkt wurden,« sagte ein junger Mann, der an seinem Aeußern alle Zeichen eines thätigen, gesunden männlichen Charakters trug. »Von welchem Nutzen mag ein 62 Streifzug sein, der wegen der Müdigkeit und Verdrossenheit seines Anführers alles Erfolgs ermangelt?« »Wenn Du glaubst, Bursche, daß Dein junger Fuß es mit der Sehnenkraft Eben Dudley's aufzunehmen vermag, so kann sich Gelegenheit finden, die Größe Deines Irrthums an den Tag zu bringen, noch ehe die Gefahr dieses indianischen Einbruchs gänzlich vorüber sein wird. Du bist noch viel zu eigensinnig, Marcus, als daß man Dir schon die Leitung von Streithaufen anvertrauen könnte, auf denen vielleicht die Sicherheit aller Bewohner von Wish-Ton-Wish beruht.« Der junge Mann schien mißvergnügt, aber befürchtend, sein Vater möge seine üble Laune bemerken und mißdeuten, und sie für Unehrerbietigkeit gegen seine eigene Person auslegen, wandte er sich weg und ließ sein zürnendes Auge für einen Moment auf dem furchtsamen, verstohlenen Blick eines Mädchens ruhen, dessen Wange gleich dem östlichen Himmel erglühte, während sie sich mit den Vorkehrungen zum Frühstück beschäftigte. »Was für gute Neuigkeiten bringst Du uns aus dem Wirthshause zum Whip-Poor-Will?« fragte Contentius die Frau, die jetzt in das kleine Thor seines Hofes getreten. »Hast Du den Fähnrich gesehen, seit der Haufe den Weg nach dem Hügel einschlug; oder hat Dich irgend ein Wanderer mit Nachrichten für uns hierher geschickt?« »Meinen Mann habe ich, seit er den Amtssäbel anlegte, mit keinem Auge gesehen,« entgegnete Fidel, in die Vorhalle tretend, und alle Gegenwärtigen mit freundlichem Nicken begrüßend, »und was Fremde anlangt, so wird es, wenn die Glocke Mittag schlägt, gerade ein Monat seit dem Tage sein, wo der letzte von ihnen innerhalb meiner Thüren weilte. 63 Aber ich beklage mich eben nicht über den Mangel an Kundschaft, da der Fähnrich nie von der Schenke und den fremden Schwätzern wegzubringen ist, um in die Bergfelder zu gehen, so lange noch Jemand da wäre, der seine Ohren mit den Wundern der alten Welt erfüllen, oder auch nur von den innern Uneinigkeiten und Unruhen in den Colonieen selbst mit ihm schwatzen wollte.« »Du sprichst leichtfertig, Fidel, von einem Manne, der Deine Achtung und Deine Unterwürfigkeit verdient.« Das Auge der jungen Frau erforschte das sanfte Antlitz Jener, von der dieser Verweis kam, mit einer Innigkeit und Trauer, welche verriethen, daß ihre Gedanken wo ganz anders waren und dann, als würde sie plötzlich zu dem, was vorgefallen, von ihrer Zerstreuung zurückgerufen, begann sie wieder: »In der That, Madame Heathcote, was diese Pflichten gegen einen Mann als Gatten und jene Achtung für ihn als einen Beamten der Colonie betrifft, so sind dies Anforderungen, denen nicht so leicht zu genügen ist. Wenn des Königs Bevollmächtigter die Fahne meinem Bruder Ruben gegeben; und dem Dudley die Hellebarde in der Hand gelassen hätte, so würde die Beförderung noch groß genug für einen von seinen Fähigkeiten und vielmehr zum Vortheil dieser Ansiedelung gewesen sein.« »Der Statthalter vertheilte seine Gunstbezeugungen nach dem Rath und der Anweisung von Männern, welche fähig waren, die Verdienste zu würdigen und auszuzeichnen,« sagte Contentius. »Eben Dudley war voran in dem blutigen Gefecht unter den Bewohnern der Plantagen, und sein mannhafter Muth war ein gutes Beispiel für die ganze Compagnie. Wenn er in seiner Treue und Tapferkeit so fortfährt, dann 64 könntest Du es noch erleben, Dich selbst als die Frau eines Capitains zu sehen.« »Indeß doch gewiß nicht durch den Ruhm, den er auf dem Zug dieser Nacht erlangt; denn dort kommt der Mann mit einem gesunden Körper, und wahrscheinlich mit dem Hunger eines Cäsars, ja, ich stehe dafür, mit dem Hunger eines ganzen Regiments! Es ist keine Kleinigkeit, ihn satt zu füttern, wenn er von dergleichen Streifzügen heim – – – ach, gebe der Himmel, daß der Bursche nicht verletzt ist – in der That, unser Nachbar Ergot, der Arzt, ist in seinem Geleite!« »Auch noch ein Dritter,« bemerkte Contentius; »hinter Beiden schreitet Einer, dessen Gang und Aeußeres mir unbekannt ist; – er hat die Spur gefunden, Dudley bringt dort einen Gefangenen! In der That ein Wilder, seinem bemalten Gesicht und dem umhangenden Fell nach zu urtheilen.« Bei der letzten Bemerkung sprangen Alle auf, denn die Erregung, die ein befürchteter Einfall hervorbrachte, war noch sehr stark in den Gemüthern jenes abgeschiedenen Volkes. Nicht eine Silbe weiter wurde ausgesprochen, bis der Kundschafter und sein Begleiter vor ihnen standen. Das schnelle Auge der Fidel hatte die Gestalt ihres Mannes erforscht und durch die Gewißheit wieder ermuthigt, daß er unbeschädigt geblieben, war sie die Erste, die ihn mit Worten begrüßte. »Wie ist das, Fähnrich Dudley,« sagte die Schlaue, höchst wahrscheinlich ein wenig ärgerlich, daß sie unbewachter Weise größeren Antheil an seinem Wohlsein genommen, als sie nur immer für klug erachten mochte. »Wie ist das, Fähnrich, 65 wurde der Feldzug mit keinem besseren Siegeszeichen als diesem geschlossen?« »Der Bursche ist kein Häuptling, auch nach seinem Schritt und dummem Blick zu urtheilen, selbst kein Krieger; aber dessen ungeachtet hat man ihn nahe an den Ansiedelungen herumstreichen sehen, und es für rathsam erachtet, ihn einzubringen,« entgegnete der Gatte, zu Contentius gewandt, während er den Gruß seines Weibes mit einem ziemlich kurzen Nicken erwiderte. »Mein eigener Streifzug hat nichts an den Tag gebracht; aber mein Schwager Ring ist Dem, der hier zugegen ist, auf die Spur gekommen, und wir sind nicht wenig verlegen, um herauszubringen, was, wie der gute Doktor Ergot sich ausdrückt, eigentlich der Plan seines Herumstreichens ist.« »Von welchem Stamm mag der Wilde sein?« »Ueber dieses ist Streit zwischen uns gewesen,« entgegnete Dudley mit einem Seitenblick auf den Naturforscher. »Einige haben gesagt, er sei ein Narragansett, während Andere meinen, er komme von einem Geschlecht noch weiter östlich.« »Indem ich diese Ansicht aussprach, redete ich bloß von seinen secundären oder angelernten Eigenschaften,« fiel Ergot dem Fähnrich in's Wort, »denn betrachtet man seinen Urstand, seine Abkunft, so ist der Mann sicher ein Weißer!« »Ein Weißer!« wiederholten Alle um ihn. »Unläugbar, wie man aus verschiedenen einzelnen Eigenthümlichkeiten in seiner äußeren Bildung schließen kann, nämlich an der Form des Hauptes, den Muskeln der Arme und Beine, dem Aeußeren und Gang, und außerdem an noch tausend anderen Zeichen, die Leuten bekannt sind, welche aus 66 den physischen Eigenthümlichkeiten der beiden Raçen ihr Studium gemacht haben.« »Eins von diesen ist folgendes!« fiel Dudley ein und setzte gleichsam des Andern Rede fort, während er das Gewand des Gefangenen wegnahm und seinen Gefährten die augenscheinlichen Beweise darlegte, welche so genugsam und vollständig alle seine eigenen Zweifel entfernt hatten. »Wenn auch die Farbe der Haut kein schlagender Beweis sein mag, wie die von unserm Nachbar Ergot erwähnten, so ist es doch immer Etwas, und kann einem Mann von wenig Gelehrsamkeit helfen, sich eine Meinung in einer solchen Sache zu bilden.« »Madame!« rief Fidel so plötzlich, daß die Angeredete zusammenschrak, »laßt um's Himmels willen schnell Eure Mägde Wasser und Seife bringen, damit wir das Antlitz dieses Mannes von seiner Bemalung reinigen.« »Welche Tollheit hat sich Deines Hauptes bemächtigt,« entgegnete der Fähnrich, der seit kurzer Zeit sich Etwas von jener höheren Würde und jenem Ansehen angemaßt, welches, wie man annehmen konnte, seiner amtlichen Stellung zukam. »Wir sind jetzt nicht unter unserm Wirthshausschild, nicht im Whip-Poor-Will, mein Weib, sondern in der Gegenwart jener, die Deiner Angaben nicht bedürfen, um einer amtlichen Untersuchung ihre gehörige Form und Gestalt zu geben.« Fidel achtete auf keinen Verweis. Statt auf Andere zu warten, die das, was sie wünschte, hätten thun sollen, machte sie sich selbst an die Arbeit, und zwar mit einer Behendigkeit, einem Geschick, die durch lange Uebung erlangt worden, und mit einem Eifer, der durch eine ungewöhnliche Bewegung erregt schien. In einem Augenblicke waren die Farben von den Gesichtszügen des Gefangenen verschwunden, und obgleich 67 tief geschwärzt durch sein ausgesetztes Leben, unter einer amerikanischen Sonne und den stürmischen Winden, war doch sein Antlitz offenbar das eines Mannes, der sein Dasein europäischen Vorfahren verdankte. Die Bewegungen der geschäftigen, eifrigen Frau wurden von allen Gegenwärtigen mit neugierigem Antheil bewacht, und als die kurze Arbeit beendet war, brach ein Ausruf des Erstaunens zu gleicher Zeit von allen Lippen. »Diese Maske ist nicht ohne Absicht angelegt,« bemerkte Contentius, der lange und aufmerksam das stumpfe, wenig einnehmende Gesicht betrachtet hatte, das durch diese Operation seinen Blicken dargestellt worden. »Ich habe von Christen erzählen hören, die sich dem schnöden Gewinnste verkauften, und Religion und die Liebe zu ihrem Volk vergessend, als Leute erfunden worden sind, die sich mit den Wilden vereinigt und verbündet hatten, um Räubereien in den Ansiedelungen zu verüben. Dieser Wicht hat die Schlauheit eines von den Franzosen in den Canada's in seinem Auge!« »Hinweg! hinweg!« rief Fidel, und drängte sich hervor, so daß sie dem Sprechenden gegenüber zu stehen kam, legte beide Hände auf das geschorene Haupt des Gefangenen und warf so über sein Gesicht eine Art von Schatten, wodurch die Züge deutlicher hervortraten. »Hinweg mit all der Thorheit von den Franzosen und ihren verruchten Verbrüderungen! Dies ist kein aufrührerischer Schurke, sondern ein vom Geschick geschlagener Unschuldiger, ein unglücklicher Blödsinniger! Whittal, mein Bruder Whittal, kennst Du mich?« Thränen floßen der eigenwilligen Frau die Wange hinab, als sie in das Antlitz ihres blödsinnigen Bruders schaute. Im Auge des Letztern zeigte sich, wie das von Zeit zu Zeit geschah, ein Schimmer von Verstand, dann überließ er sich 68 einem leisen, nichtssagenden Lachen und antwortete endlich auf ihre ängstliche Frage: »Einige sprechen wie die Menschen jenseits der See, und Andere sprechen gleich Männern der Wälder. Findet sich so etwas wie Bärenfleisch oder ein Mundvoll Honig in Euerm Wigwam?« Hätte die Stimme eines, im Grabe Gewußten sich plötzlich den Ohren der Familie vernehmbar gemacht, so würde sie kaum eine tiefere Erregung hervorgebracht, oder das Blut schneller ihnen durch die Adern getrieben haben, als diese unversehene, und gänzlich unerwartete Entdeckung des wahren Charakters ihres Gefangenen. Verwunderung und Staunen machte sie für einige Zeit stumm; und dann trat Ruth vor den Wiedergefundenen hin, die Hände in bittender Stellung gefaltet, ihr Auge halb geschlossen und flehend, und ihre ganze Gestalt die bange Erwartung und Bewegung ausdrückend, die ihre so lang verborgenen, schlafenden Gefühle bis zum äußersten Seelenkampfe gesteigert hatten. »Sag' mir,« begann sie mit bebender Stimme, die selbst den Verstand eines noch weit Stumpfsinnigeren, als sogar der Angeredete war, hätte aufregen und wecken mögen;»wenn Mitleid in Deinem Herzen wohnt, o sag' mir, ob mein Kind noch lebt!« »Es ist ein gutes Kind,« entgegnete der Andere; und dann nochmals auf seine ihm eigenthümliche ausdruckslose, nichtssagende Weise lachend, wendete er seine Augen mit einer Art dummer Verwunderung auf Fidel, in deren Antlitz weit weniger Veränderung und Wandelbarkeit der Züge und Mienen sich vorfand, als in dem sprechenden, zerstörten Angesicht Derjenigen die unmittelbar vor ihm stand. 69 »Erlaubt mir, theuerste Frau,« fiel die Schwester ein, »ich kenne die Natur des Knaben und konnte immer mehr bei ihm ausrichten, als irgend Jemand anders.« Aber diese Bitte war durchaus unnöthig. Die Mutter unterlag der schrecklichen, inneren Aufregung, und sank ohnmächtig in die Arme ihres sie beobachtenden Gatten, der sie wegtrug. Für einige Augenblicke ließ die ängstliche Theilnahme der Mägde Niemand als nur die Männer in der Vorhalle zurück. »Whittal! mein alter Spielgefährte, Whittal Ring,« sagte der Sohn des Contentius, und näherte sich mit nassem Auge, die Hand des Gefangenen zu ergreifen. »Mensch, hast Du den Gefährten Deiner früheren Tage vergessen? Der junge Marcus Heathcote spricht mit Dir.« Der Andere sah mit einem wiederauflebenden Erinnern für einen Augenblick in sein Antlitz hinauf; dann aber schüttelte er den Kopf, trat mit augenscheinlichem Unwillen zurück und murmelte laut genug, um verstanden zu werden: »Welch ein falscher Lügner ist doch ein Blaßgesicht! Da steht einer von den schlanken, großen Schlingeln und will für einen springenden, fröhlichen indianischen Knaben gelten!« Mehr konnten die Umstehenden nicht verstehen, denn nun ging er in den Dialect eines der indianischen Völkerstämme über. »Der Verstand des unglücklichen Jünglings ist durch Vernachlässigung und die Gebräuche eines Wildenlebens noch mehr verwirrt worden, als von der Natur selbst,« sagte Contentius, der nebst vielen Andern durch den Antheil, den er an dem Verhör nahm, auf den Schauplatz zurückgeführt 70 worden, den er für einen Augenblick verlassen hatte. »Laßt die Schwester sanft mit dem Knaben reden, und wenn es dem Himmel gefällt, werden wir schon die Wahrheit erfahren!« Das tiefe Gefühl, das den Vater erfüllte, kleidete seine Worte mit Ansehen und Würde. Die neugierige Gruppe machte Platz, und etwas von der Feierlichkeit eines amtlichen Verhörs folgte auf die ungeregelten, übereilten Fragen, die anfangs auf den stumpfsinnigen Verstand des Wiedergefundenen betäubend hereingebrochen waren. Die Untergebenen nahmen ihre Stellungen in einem Halbzirkel um den Stuhl des Puritaners ein, an dessen Seite sich Contentius hielt, während Fidel ihren Bruder herbeibrachte und ihn auf die Stufen der Vorhalle auf eine Weise niedersitzen ließ, daß er von Allen gehört werden konnte. Die Aufmerksamkeit ihres Bruders aber, der jetzt der Gegenstand der Beobachtung Aller geworden, zog sie jetzt dadurch ab, so daß er die Förmlichkeiten der Anordnungen nicht bemerken konnte, indem sie ihm zu essen in die Hände steckte. »Und nun, Whittal, wünsche ich zu wissen,« begann die gewandte, scharfsinnige Frau, als ein tiefes Schweigen die Aufmerksamkeit der Zuhörer andeutete; »ich möchte wissen, ob Du Dich noch des Tages erinnerst, wo ich Dich in die Gewänder von dem Tuch kleidete, das ich weit von über der See her gekauft, wo Du so froh warst, als Du Dich mit einem Mal in so bunten Farben unter Deiner Heerde sahst!« Der junge Mann sah zu ihr auf, betrachtete ihr Antlitz, als wenn die Töne ihrer Stimme ihm Freude machten, aber statt Antwort zu geben, zog er vor, das Brod zu kauen, 71 womit sie sich bemüht hatte, ihn wieder zurück in ihr altes Vertrauen heranzulocken. »Knabe, Du kannst unmöglich so bald meine Gabe vergessen haben, das Geld dazu hatte ich mir durch Spinnen bei Nacht sauer verdienen müssen, Du weißt es ja. Der Schwanz des Pfau's dort ist nicht glänzender und bunter, als Du damals warst. – Aber ich will Dir wieder ein solches schönes Gewand machen, dann nehmen Dich die Exerziermeister jede Woche nach der Musterung mit.« Der Junge ließ das Fell, welches seinen Oberkörper bedeckte, fallen, machte eine schnelle Geberde vorwärts und sagte mit der Würde eines Indianers: »Whittal ist ein Krieger auf seinem Kriegspfad; er hat nicht Zeit zu dem Plaudern mit Weibern.« »Jetzt aber, Bruder, vergißt Du die freundliche Weise, mit der ich Deinen Hunger zu stillen pflegte, wie ich für Dich sorgte, wenn der Frost an den kalten Morgen Dich plagte, zur Zeit, wo Deine Heerden Deine Sorgfalt nöthig machten; das vergißt Du jetzt alles, sonst würdest Du nicht von dem Plaudern mit Weibern reden.« »Bist du je einem Pequod auf der Spur gewesen? Weißt du das Kriegsgeschrei unter den indianischen Männern anzustimmen?« »Was ist indianisches Schlachtgeschrei gegen das Blöcken Deiner Schafe, oder das Rindergebrülle im Gebüsche! Denkst Du nicht mehr an den harmonischen Ton des Glockengeläutes Deiner Kühe, wenn sie am Abend unter dem neuaufschießenden Walde hervortönten?« Der frühere Hirt wandte das Haupt und schien zu lauschen, wie etwa ein Hund auf nahende Tritte horcht. Aber 72 dieser Schatten von Rückerinnerung verlor sich bald; im nächsten Augenblick überließ er sich wieder gänzlich den bestimmteren und wohl auch drängenderen Anforderungen seiner Eßgier. »Dann hast Du alles Gehör verloren, sonst würdest Du nicht sagen, daß Du den Ton der Kuhglocken nicht kennst.« »Hörtest Du je einen Wolf heulen?« rief der Andere. »Das ist ein Laut für einen Jäger! Ich sah den Häuptling den gestreiften Panther erschlagen, während der kühnste Krieger des Stamms, wie ein hungriges Blaßgesicht, bei den Sprüngen des Thieres blaß ward.« »Sprich nicht mit mir von Euren reißenden Thieren und großen Häuptlingen, sondern laß uns vielmehr der Tage gedenken, wo wir jung waren und Du Gefallen hattest an den Spielen und Scherzen der christlichen Jugend. Hast Du vergessen, Whittal, wie unsere Mutter uns erlaubte, die müßige Zeit in Spielen auf dem Schnee zuzubringen?« »Nipset hat eine Mutter im Wigwam, aber er fragt sie nicht erst um Erlaubniß, wenn er auf die Jagd gehen will. Er ist ein Mann; mit dem nächsten Schnee wird er ein Krieger sein!« »Thörichter Junge; das ist eine Verrätherei von Seiten der Wilden, wodurch sie Deine Schwachheit mit den Fesseln ihrer List gebunden haben. Deine Mutter, Whittal, war eine Frau von christlichem Glauben. und von dem weißen Geschlecht; und eine gütige, trauernde Mutter war sie Deiner Blödsinnigkeit. Erinnerst Du Dich denn gar nicht mehr, Undankbarer, wie sie Dich in Deiner Kindheit bei Krankheiten pflegte, und für alle Deine körperlichen Bedürfnisse sorgte. Wer war es, der Dich sättigte, wenn Dich hungerte, der 73 Mitleid hatte mit Deinem Eigensinn und Geduld mit Deinen Unarten, während Du Anderen durch Deinen Blödsinn zum Ueberdrusse wurdest?« Der Halbwilde sah das erhitzte Gesicht seiner Schwester einen Augenblick an, und man konnte wahrnehmen, daß ein Aufglimmen einiger schwach ihm noch im Gedächtniß gebliebener Auftritte über die Erscheinungen in seinem Innern sich hinzog, doch der thierische Theil behielt die Oberhand und er fuhr fort, seinen Hunger zu stillen. »Das überschreitet alle menschliche Geduld!« rief die gereizte Schwester. »Sieh in dies Auge, Schwächling, und sage mir, ob Du die erkennst, die die Stelle jener Mutter vertrat, der Du Dich nicht wieder erinnern willst; sie, die für Dein Wohlsein so sehr sich angestrengt hat, die sich nie weigerte, auf alle Deine Klagen zu hören und alle Deine Leiden zu lindern. Sieh' in dies Auge, rede, kennst Du mich?« »Freilich,« entgegnete der Blödsinnige, und lachte mit einem halbverständigen Ausdruck von Wiedererkennen; »Du bist ein Weib von den Blaßgesichtern, und ich schwöre darauf, eine Frau, die sich nie zufrieden geben wird, bevor sie nicht alle Pelze von ganz Amerika auf ihrem Rücken und alles Wild in den Wäldern in ihrer Küche hat. Hörtest Du je die Sage, wie dieses verruchte Geschlecht in die Jagdgründe eindrang und die Krieger des Landes beraubte?« Die getäuschte Erwartung hatte Fidel zu ungeduldig gemacht, um dem Narren ein ruhiges Ohr zu leihen; aber in jenem Augenblick erschien eine Gestalt an ihrer Seite, und bedeutete sie durch eine ruhige gebietende Bewegung, sich 74 gutwillig in die Laune des Unglücklichen zu fügen, und sie zu ertragen. Es war Ruth, in deren blassen Wangen und ängstlichen Augen alle Macht der Liebe und des Bangens einer Mutter in dem rührendsten Bilde zu erkennen war. Obwohl eben noch so hülflos und ihren Gefühlen gänzlich erliegend, schien sie doch jetzt von den heiligen Regungen, die ihr Kraft gaben, bei'm Mangel aller anderer Hülfe aufrecht erhalten zu werden, und als sie hinter dem lauschenden Kreise hinglitt, hielt es selbst Contentius nicht für nöthig, ihr beizustehen, oder sie zu warnen. Ihre Ruhe, ihr ausdrucksvoller Blick schien der Schwester zu sagen: Fahre fort, doch habe Nachsicht mit der Gemüthsschwäche des jungen Mannes. An Verehrung und Folgsamkeit gegen die Gebieterin gewöhnt, gehorchte Fidel, unterdrückte ihren Mißmuth und lenkte, ehe Whittal's träger Ideengang eine andere Richtung nehmen konnte, folgendermaßen ein. »Es wird von den Greisen in den Dörfern erzählt, und was sie sagen ist heilige Wahrheit. Ihr seht überall um Euch das Land in Hügel und Thäler sich ausdehnen, die einst Bäume erzeugten, ohne die Axt zu fürchten, und auf welchem Wild ausgebreitet war mit freigebiger Hand. Es finden sich in unserm Stamme gute Fußgänger und Jäger, die gerade vorgeschritten sind nach dem Untergang der Sonne zu, bis ihre Füße ermattet waren, so daß ihre Augen die Wolken nicht sehen konnten, die über dem Salzsee hängen; aber doch sagten sie, es sei überall so schön, wie dort auf dem grünen Hügel. Schlanke Bäume und schattige Wälder, Flüsse und fischreiche Seen, und Wild und Biber reichlich, wie Sand am Meeresstrande. All dieses Land und Wasser 75 gab der große Geist den Leuten von rother Haut, denn sie liebte er, weil sie die Wahrheit sprachen in ihren Stämmen, treu waren gegen ihre Freunde und ihre Feinde haßten, und ihnen die Schädelhaut abzulösen verstanden. Nun sind tausende von Wintern gekommen und Schneegestöber hereingebrochen und geschmolzen,« fuhr Whittal in feierlichem Tone fort, der mit der Miene eines Mannes sprach, welcher mit der Erzählung einer wichtigen Ueberlieferung beauftragt worden, obwohl er eigentlich vielleicht nichts weiter wiedergab, was seinem schläfrigen, stumpfsinnigen Geiste durch Wiederholungen geläufig geworden war; »tausende von Wintern waren gekommen und gegangen und doch sah man Niemand als Rothhäute das Moosthier jagen, oder den Kriegspfad betreten. Da plötzlich erzürnte der große Geist, er verbarg sein Antlitz vor seinen Kindern, weil sie Kampf und Streit hatten unter sich selbst. Große Canots kamen von der aufgehenden Sonne her, und brachten ein hungriges, verworfenes Volk in's Land. Erst sprachen die Fremdlinge sanft und kläglich wie Weiber; sie baten um Raum für wenige Wigwam, und sagten, wenn die Krieger ihnen Grund geben wollten zum Anbau, wollten sie ihren Gott anflehen, daß er gnädig herabsähe auf die rothen Menschen. Aber als sie stark geworden, vergaßen sie ihre Reden und machten sich zu Lügnern. O, sie sind schändliche Schelme! Ein Blaßgesicht ist ein Panther. Wenn er hungrig ist, könnt Ihr ihn hören, wie er winselt in den Gebüschen, gleich dem verirrten Kinde; aber nähert ihr Euch, kommt Ihr in seine Sprungweite, dann hütet Euch vor Zahn und Tatze!« »Dieses bösgesinnte Geschlecht also beraubte die rothen Krieger ihres Landes?« 76 »Gewiß! Sie sprachen gleich kranken Weibern, bis sie stark geworden, und dann übertrafen sie an Bosheit selbst noch die Teufel, die Pequod's, sie nährten, berauschten die Krieger mit ihrer brennenden Milch und erschlugen sie durch ihre feuersprühenden Werkzeuge, die sie angefüllt hatten mit ihren tödtlichen, aus dem gelben Mehl bereiteten Stoffen!« »Und die Pequod's! war ihr großer Krieger gestorben, ehe noch die Leute von über der See her ankamen?« »Du bist ein Weib, das nie eine Ueberlieferung gehört, sonst würdest Du es besser wissen! Ein Pequod ist ein schwacher, kriechender junger Bär.« »Aber Du – Du bist wohl ein Narragansett?« »Sehe ich etwa nicht wie ein Mann aus? Daß Du noch frägst?« »Ich hatte Dich irrig für einen unserer näheren Nachbaren, der Mohegan Pequod gehalten.« »Die Mohikaner sind Korbmacher der Yengihs, der Narragansett aber springt durch die Wälder, gleich einem Wolf, der dem Wild auf der Spur ist!« »Alles das ist ganz vernünftig; und nun, da Du auf die Gerechtigkeit Deines Stammes hinweist, werde ich wohl bald selbst sie sehen. Aber wir möchten gern etwas mehr von dem großen Stamme wissen. Hast Du je von einem Deines Volkes, Whittal, der sich Miantonimoh nannte, etwas gehört; es ist ein Krieger von einigem Ruf.« Der blödsinnige Junge hatte immer in den Zwischenräumen fortgegessen, aber als er diese Frage vernahm, schien er plötzlich seines Hungers nicht mehr zu gedenken. Einen 77 Augenblick schaute er zur Erde, und dann antwortete er langsam und nicht ohne Feierlichkeit: »Ein Mann kann nicht ewig leben.« »Was!« rief Fidel und winkte ihren tief bei der Unterredung interessirten Zuhörern, ihre Ungeduld zurückzuhalten: »hat er sein Volk verlassen? Und Du lebtest mit ihm, Whittal, ehe er das Ende seines Lebens erreichte?« »Er sah nie Nipset und Nipset ihn.« »Ich weiß nichts von diesem Nipset; sprich mir von dem großen Miantonimoh!« »Brauchst Du es zweimal zu hören! Der Sachem ist in das ferne Land gereiset, und Nipset wird ein Krieger sein, wenn der nächste Schnee kommt.« Dieses Abspringen täuschte die gespannte Erwartung Aller und zog eine Wolke über jegliches Antlitz hin, der Strahl von Hoffnung, der noch in Ruth's Auge geleuchtet, änderte sich zu dem früheren peinlichen Ausdruck tiefen inneren Leidens um. Aber Fidel wußte sämmtliche Umstehenden vom Sprechen zurückzuhalten, während sie selbst nach einer kurzen Unterbrechung, die ihr eigener Aerger unvermeidlich machte, das Verhör fortsetzte. »Ich glaubte, Miantonimoh sei noch ein Krieger in seinem Stamm,« sagte sie; »in welcher Schlacht fiel er?« »Mohican Uncas beging diese verruchte That. Die Bleichgesichter gaben ihm große Reichthümer als Lohn, daß er den Sachem ermorde.« »Ach so, Du sprichst von dem Vater; es gab aber noch einen Miantonimoh; ich meine den, welcher als Knabe unter Blaßgesichtern weilte.« Whittal horchte aufmerksam; und nachdem er seine 78 Gedanken zu sammeln geschienen, schüttelte er mit dem Kopf und sagte, ehe er nochmals zu essen anfing: »Es hat niemals mehr als Einen dieses Namens gegeben, und wird auch nie einen zweiten geben. Zwei Adler horsten nicht auf einem und demselben Baume.« »Du hast Recht,« fuhr Fidel fort, da sie wohl wußte, daß ihres Bruders Reden zu bestreiten so viel heiße, als ihm vollkommen den Mund schließen. »Nun erzähle mir etwas von Conanchet, dem gegenwärtigen Narragansett-Häuptling; er, der sich mit Metacom vereinigt und kürzlich aus seinem Wohnorte an der See vertrieben worden; lebt er noch?« Zum zweiten Male gewahrte man eine Veränderung in des Halbwilden Zügen. An die Stelle der kindischen Wichtigkeit, mir der er bis jetzt die Fragen seiner Schwester beantwortet, trat ein Blick überwältigender List, der sich um sein trübes Auge sammelte. Langsam, umsichtig ließ er den Blick umherschleichen, als erwartete er, den Verdacht, den er offenbar zu schöpfen begann, durch irgend ein sichtbares Zeichen in seiner Umgebung bestätigt zu finden. Statt zu antworten, fuhr er mit seinem Essen fort, obwohl er dies weniger auf eine Weise that, als wenn er der Nahrung bedürfe, sondern vielmehr dadurch zu verhindern schien, daß er Mittheilungen machte, die ihm gefährlich werden könnten. Diese Veränderung entging weder Fidel, noch sonst einem von denen, die so aufmerksam auf die Mittel Acht hatten, wodurch sie die verwirrten Ideen eines Blödsinnigen zu entwickeln sich bemühte, der so stumpfsinnig sich zeigte, und doch, wenn es die Noth erforderte, so geübt erschien in der List der wilden Völker. Sie änderte klüglich ihre Befragungsweise und 79 versuchte seine Gedanken auf andere Gegenstände zu bringen. »Ich wette darauf,« fuhr die Schwester fort, »daß Du Dich jetzt jener Zeiten zu entsinnen beginnst, wo Du die Heerden in das Dickicht führtest, und Du Fidel zu rufen pflegtest, um Dir zu essen zu geben, wenn Du durch das Herumstreichen im Wald und Suchen nach dem Vieh müde geworden. Bist Du jemals selbst von den Narragansett überfallen worden, Whittal, während Du in dem Hause eines Blaßgesichts weiltest?« Der Bruder hörte auf zu essen. Nochmals schien er so aufmerksam, als dies für einen von seinen beschränkten Geisteskräften nur möglich war, zu brüten und zu sinnen. Aber dann das Haupt verneinend schüttelnd, nahm er schweigend das behagliche Geschäft des Kauens wieder vor. »Wie, Du hast es so weit gebracht, ein Krieger zu werden, und hast nie eine Hirnhaut skalpiren, nie an einen Wigwam Feuer anlegen sehen?« Whittal legte das Brod bei Seite und wandte sich zu seiner Schwester. Immer wilder und grimmiger ward der Ausdruck seines Gesichts, bis er sich einem brüllenden Hohn- und Triumphgelächter überließ. Als diese Darlegung seiner Zufriedenheit vorüber war, hielt er es für gut, zu antworten. »Freilich,« sagte er. »Wir zogen den Kriegspfad in der Nacht gegen die lügenhaften Yengihs, und kein Waldbrand hat je die Erde so ausgedorrt, wie wir ihre Felder schwärzten und verheerten! Alle ihre stolzen Häuser wurden in Kohlenhaufen verwandelt.« 80 »Wo und wann habt ihr diese That tapferer Rache ausgeführt?« »Sie nannten den Ort nach dem Vogel der Nacht, gleich als wenn ein indianischer Name sie schützen könnte von indianischer Metzelei.« »Aha! Du sprichst jetzt von dem Vogel Wish-Ton-Wish. Aber bei dem entsetzlichen Brande gehörtest Du ja zu der Partei der Besiegten, nicht der Sieger.« ,.Du lügst gleich einem verruchten Weibe der Blaßgesichter, was Du auch bist. Nipset war nur ein Knabe bei jenem Kriegszuge, aber er kam mit seinem Volke. Ich sage Dir, wir versengten selbst die Erde mit unsern Bränden, und nicht ein Haupt von ihnen Allen erhob sich je wieder über die Aschenhaufen.« Trotz ihrer großen Selbstbeherrschung und des Gegenstandes, der ihr beständig vor Sinnen war, schauderte doch Fidel vor der Lust zurück, mit welcher ihr wilder Bruder von der Ausdehnung der Rache sprach, die er nach seinem phantastischen Charakter an seinen Feinden ausgeübt zu haben glaubte. Indeß vorsichtig und besorgt, eine Täuschung nicht zu zerstören, die sie bei ihren so lang mißglückten und so ängstlich gewünschten Entdeckungen unterstützen mochte, unterdrückte die Frau ihr Entsetzen und fuhr fort: »Freilich, indeß Einige wurden gerettet, – sicher, die Krieger führten Gefangene mit sich fort nach ihrem Dorfe zu. – Du erschlugst nicht Alle?« »Alle.« »Ja, Du sprichst jetzt von den Unglücklichen, die in den Brand des sprühenden Blockhauses eingehüllt worden; aber, – aber einige außen konnten vielleicht in Deine Hände gefallen 81 sein, ehe die Angegriffenen ihre Zuflucht in dem Thurme suchten. Sicher, – sicher tödtetest Du nicht Alle?« Das tiefe Aufathmen Ruth's drang zu Whittal's Ohr, und für einen Augenblick wandte er sich um, ihr Antlitz in stumpfsinniger Verwunderung zu betrachten. Aber nochmals mit dem Kopf schüttelnd, antwortete er in einem dumpfen, bestimmten Tone: »Alle; – ja bis zu den jammernden Weibern und schreienden Kindern.« »Sicher befindet sich ein Kind, – ich wollte sagen, eine Frau in Deinem Stamme, die eine hellere Haut und eine andere Gestalt hat, als die meisten Frauen Deiner Landsleute. Wurde nicht solch eine Gefangene von dem Brande in Wish-Ton-Wish weggeführt?« »Meinst Du, das Reh werde mit dem Wolf zusammenleben, oder hast Du je die schüchterne, muthlose Taube im Neste des Habichts gefunden?« »Bist Du doch selbst von einer andern Farbe Whittal, und warum solltest denn Du der Einzige sein?« Der Jüngling sah seine Schwester einen Augenblick mit offenbarem Unwillen an, hierauf drehte er sich plötzlich nach seinem Brod um und murmelte vor sich hin. »Da findet sich eben so gut Feuer im Schnee als Wahrheit in einem lügenden Yengihs.« »Dies Verhör müssen wir beschließen,« sagte Contentius mit einem tiefen Seufzer, »zu einer andern Zeit können wir vielleicht eher hoffen, die Sache zu einem glücklicheren Ausgang zu bringen; aber setzt kommt dort ein Mann, der mit einem ganz besonderen Auftrag von den Uferstädten hierher geschickt worden ist, wie man aus dem Umstand schließen 82 darf, daß er die Heiligkeit des Tages nicht achtete, und auf so beeilte, ernste Weise seinen Weg macht.« Da der vom Dorfe her Kommende Allen sichtbar ward, so bewirkte sein plötzliches Erscheinen eine allgemeine Unterbrechung in der Theilnahme, die durch einen Gegenstand so mächtig erregt worden war, welchen jeder Bewohner in dem Thale genau kannte. Die frühe Stunde, die Eile, mit welcher der Fremde sein Pferd antrieb, und der Umstand, daß er an der offenen und zum Einkehren einladenden Thüre des Wirthshauses von Whip-Poor-Will vorüberritt, Alles verrieth einen Boten, der vielleicht irgend eine Mittheilung von Wichtigkeit von der Regierung der Colonie dem jüngern Heathcote brachte, welcher die höchste obrigkeitliche Stelle in jener fernen, abgelegenen Ansiedelung einnahm. Bemerkungen dieser Art waren von Mund zu Mund gegangen, und die Neugierde war schon sehr aufgeregt, als der Reiter in den Hof ritt. Hier stieg er ab, und noch bedeckt von dem Staub der Reise, stellte er sich mit dem Aeußern eines Mannes, der die ganze Nacht im Sattel zugebracht hatte, vor den, welchen er suchte. »Ich habe Befehle für Capitain Contentius Heathcote,« sagte der Bote und grüßte Alle um ihn mit der gewöhnlichen, ernsten aber abgemessenen Höflichkeit der Leute, zu denen er gehörte. »Der steht hier bereit, Befehle zu empfangen und ihnen zu gehorchen,« war die Antwort. Der Reisende hatte etwas von jener Heimlichkeit an sich, die gewissen Seelen so angenehm und nothwendig ist, die, aus Unvermögen auf irgend andere Weise Achtung und 83 Ehrerbietung einzuflößen, gar gerne Geheimnisse aus Sachen machen, die sie eben so gut öffentlich hätten verhandeln können. Dies Gefühl mochte es denn auch sein, das ihn den Wunsch aussprechen ließ, seine Mittheilung unter vier Augen zu machen. Contentius bedeutete ihn ruhig, ihm zu folgen, und ging voran in ein inneres Gemach des Hauses. Da durch diese Unterbrechung den Gedanken der Anwesenden bei dem vorhergehenden Auftritte eine neue Richtung gegeben wurde, so wollen wir die Gelegenheit benutzen, um eine Abschweifung zu machen, und den Leser mit einigen, zum Verständniß des Folgenden nöthigen, allgemeinen Erörterungen unterhalten. 84   Fünftes Kapitel.     »Ueberlegt wohl, was Ihr thut, Herr, Damit Ihr nicht Gewalt übt, statt Gerechtigkeit.« Winter-Märchen.           Die Pläne des berühmten Metacom waren durch die Verrätherei eines untergeordneten Kriegers, Namens Sausaman, den Colonisten verrathen worden. Die Bestrafung dieses Verraths führte zur Untersuchung, welche mit einer schweren Anklage gegen den großen Sachem der Wampanoag's endete. Zu Stolz, sich vor verhaßten Feinden zu rechtfertigen, und vielleicht ihrer Gnade mißtrauend, bemühte sich Metacom nicht länger, seine Anschläge zu verschleiern, sondern warf die Maske des Friedens ab und erschien öffentlich mit bewaffneten Banden. Dieses Drama hatte etwa ein Jahr vor der Zeit begonnen, bis zu welcher die Erzählung jetzt gelangt ist. Ein Auftritt, dem nicht unähnlich, welchen wir auf den frühern Blättern dargelegt haben, fand Statt. Brand, Messer und Tomahawk begannen nochmals ihr Werk der Zerstörung, ohne Mitleid, ohne Schonung, ohne Gewissenszweifel. Aber verschieden von dem Einfall in Wish-Ton-Wish folgten dieser Unternehmung unmittelbar viele Andere, bis das Ganze von 85 New-England in den berühmten Krieg verwickelt war, auf den wir schon weiter oben hingedeutet haben. Die Gesammt-Bevölkerung der Weißen in den Colonien von New-England war kurz vorher auf hundertundzwanzigtausend Seelen geschätzt worden. Von diesen hielt man sechszehntausend für waffenfähig. Hätte man den Plänen Metacom's Zeit gelassen, gehörig zur Reife zu kommen, unschwer würden Kriegerhaufen von ihm gesammelt worden sein, welche von ihrer Vertrautheit mit den Wäldern unterstützt und an die Entbehrungen eines solchen Kriegszuges gewöhnt, vielleicht die wachsende Macht der Weißen mit ernsthafter Gefahr bedroht hätten. Aber die gewöhnlichen selbstischen Gefühle und Leidenschaften des Menschen sind unter diesen wilden Stämmen ebenso thätig und mächtig, als dies bekanntlich in den mehr gekünstelten Staatsvereinen der Fall ist. Der unermüdliche Metacom hatte, wie jener indianische Held unserer eigenen Zeiten, Tecumthe, Jahre mit Bemühungen zugebracht, die alten Feindseligkeiten zu dämpfen, und alle Eifersucht der Stämme einzuschläfern, auf daß das Ganze des rothen Geschlechts sich vereine, um einen Feind zu zerschmettern, der bald, wenn man ihn länger seine Laufbahn zu Macht und Ansehen ungestört fortsetzen ließ, zu furchtbar zu werden versprach, um durch ihre vereinten Anstrengungen unterworfen werden zu können. Der allzufrühe Ausbruch wandte gewissermaßen die Gefahr ab. Er verschaffte den Engländern Zeit, mehrere herbe Niederlagen dem Stamm ihres Hauptfeindes beizubringen, ehe seine Verbündeten sich entschlossen hatten, gemeinsame Sache mit ihm zu einem gemeinschaftlichen Plane zu machen. Der Sommer und Herbst des Jahrs 1675 war in thätigen Feindseligkeiten zwischen 86 den englischen Colonisten und den Wampanoag's vorübergegangen, ohne daß dadurch öffentlich andere Stämme der Wilden mit in den Streit hineingezogen worden wären. Ein Theil der Pequod's, nebst einigen ihnen unterworfenen Stämmen, ergriffen selbst Partei für die Weißen und die geschichtliche Ueberlieferung erzählt, daß die Mohikaner mit Vortheil benutzt wurden, den Sachem auf seinem wohlbekannten Rückzug von jener Landspitze her zu beunruhigen, wo er von den Engländern in der Erwartung eingeschlossen worden, man werde ihn durch Hunger zur Unterwerfung zwingen können. Der Krieg des ersten Sommers war, wie man voraussehen konnte, in seinen Erfolgen sehr schwankend, da das Kriegsglück ganz eben so oft die rothen Leute in ihren plötzlichen, unterbrochenen Angriffen und Versuchen, Schaden zuzufügen, begünstigte, als ihre bei weitem mehr disciplinirten Feinde. Statt seine Kriegszüge auf sein eigenes beschränktes und leicht umzingeltes Gebiet einzuengen, hatte Metacom seine Krieger gegen die fernen Ansiedelungen am Connecticut geführt, und während der Züge dieser Jahreszeit wurden mehrere Städte an jenem Ufer zum ersten Mal angegriffen und in Asche gelegt. Mit der kälteren Witterung trat eine Art von Waffenstillstand zwischen den Wampanoag's und Engländern ein, da der größte Theil der Colonie-Truppen sich in die Heimath zurückzog, während die Indianer dem Anschein nach ruhten, um zu ihrer letzten Anstrengung Athem zu schöpfen. Noch vor dieser Einstellung der thätigen Feindseligkeiten jedoch hatten die sogenannten Bevollmächtigten der vereinigten Colonieen eine Zusammenkunft, um die Mittel zu einem geordneten Widerstand zu berathen. Die Thatsache, daß sich 87 ein feindseliges Gefühl an allen Grenzen zu verbreiten begann, ließ sie einsehen, daß sie es nicht wie früher mit vereinzelten Feinden zu thun hätten, indem ein Anführergeist so viele Einheit des Planes in die Bewegungen des Feindes brachte, als nur immer unter einem Volke hervorzubringen möglich war, das durch Entfernung so sehr getrennt und in so viele einzelne Stämme zersplittert war. Die Colonisten entschieden, – ob mit Recht oder mit Unrecht, lassen wir dahin gestellt, daß der Krieg von ihrer Seite ein gerechter sei. Große Vorkehrungen wurden daher getroffen, ihn im folgenden Sommer auf eine Weise zu führen, die ihren Mitteln mehr angemessen wäre, und der drängenden Noth ihrer Lage mehr entspräche. In Folge der Anordnungen, die man traf, um einen Theil der Bewohner der Colonie Connecticut in's Feld zu bringen, geschah es auch, daß wir hier in unserer Erzählung die Hauptcharaktere in jenem kriegerischen Aufzuge, in jenen Soldatenwürden antreffen, in welchen wir sie eben erst unsern Lesern wieder vorgeführt haben. Obgleich die Narragansett zuerst nicht öffentlich an den Angriffen auf die Colonisten Theil genommen, kamen diesen doch bald Thatsachen zur Kenntniß, welche keinen Zweifel über die Gesinnungen jener Nation ihnen übrig ließen. Viele ihrer jungen Krieger wurden unter dem Gefolge Metacom's entdeckt, auch sah man in ihren Dörfern erbeutete Waffen der Weißen, die in den verschiedenen Treffen erschlagen worden waren. Eine der ersten Maßregeln der Bevollmächtigten war daher, einem ernstlicheren Angriffe durch einen kräftigen Streich gegen die Nation zuvorzukommen. Der bei dieser Gelegenheit gesammelte Streithaufen war wohl die stärkste 88 Kriegsmacht, welche die Engländer je in dieser frühen Zeit in ihren Colonieen zusammengebracht hatten. Sie bestand aus tausend Mann, von denen kein unbeträchtlicher Theil Reiterei war, eine Truppengattung, welche, wie spätere Erfahrung gezeigt hat, bei Kriegen gegen einen so thätigen und gewandten Feind sich als ganz vorzüglich brauchbar bewies. Die Ueberrumpelung geschah im tiefsten Winter, und war entsetzlich verheerend für die Angegriffenen. Die Vertheidigung Conanchet's, des jungen Sachems der Narragansett, war in jeder Hinsicht des hohen Rufes seines Muthes und seiner Geisteskräfte würdig; auch war der Sieg nicht ohne schweren Verlust für die Colonisten erkauft worden. Der eingeborne Häuptling hatte den streitbaren Theil seines Volks um sich her versammelt und mit demselben auf einem Stücke festen Bodens eine Stellung eingenommen; dieses Wahlfeld lag in der Mitte eines dicht mit Gebüsch bewachsenen Sumpfs, und die Vorkehrungen zur Vertheidigung und zum Widerstande verriethen eine ganz besonders vertraute Bekanntschaft mit den militairischen Hülfsmitteln eines Weißen. Das Dorf war befestigt, und die Colonisten sahen sich in die unerwartete Nothwendigkeit versetzt, eine mit Pallisaden versehene Brustwehr, eine Art von Redoute, und ein regelmäßiges Blockhaus einzunehmen, ehe sie in das Dorf selbst eindringen konnten. Der erste Sturm wurde mit Verlust für die Europäer von den Indianern abgeschlagen. Aber bessere Waffen und größere Uebereinstimmungen im Angriff trugen endlich den Sieg davon, obgleich nicht ohne einen mehrstündigen Kampf und nachdem die Wilden fast gänzlich umzingelt waren. 89 Die Begebenheiten jenes denkwürdigen Tages machten einen tiefen Eindruck auf die Gemüther von Leuten, welche selten durch Vorfälle von irgend großem, aufregenden Charakter bewegt wurden. Sie wurden noch oft der Gegenstand ernster und nicht selten trauererfüllter Unterhaltung, wenn sie gemächlich am häuslichen Heerde saßen; auch ward der Sieg nicht ohne Nebenvorfälle davongetragen, welche obwohl sie vielleicht unvermeidlich gewesen sein mochten, dennoch gar leicht Zweifel in den Gemüthern der gewissenhaften Religionsbekenner erregten, ob auch ihre Sache die gerechte gewesen. Wenn die Ueberlieferung Wahrheit spricht, so wurde bei jenem Ueberfall ein Dorf von nicht weniger denn sechshundert Hütten eingeäschert, und Hunderte von Todten und Verwundeten vom schrecklichen Feuer verzehrt. Man schätzte die Zahl der gebliebenen Indianer auf Tausend, und da diese gerade den Kern der Nation ausmachten, so hat sie sich von diesem Schlage nie wieder erholt. Inzwischen waren auch der Gefallenen von Seiten der Colonisten nicht wenig, und mit der Siegesnachricht drang auch Trauer und Schmerz über eine große Menge von Familien herein. In diesem Feldzug hatten viele Männer aus Wish-Ton-Wish unter den Befehlen des Contentius eifrig mitgewirkt. Sie waren nicht alle unversehrt davongekommen; aber man hoffte vertrauensvoll, ihr Muth werde in einem lange dauernden Genuß des Friedens seine Belohnung finden; denn Friede war bei ihrer entfernten, ausgesetzten Lage nur um so wünschenswerther und ersprießlicher. Die Narragansett waren aber nichts weniger als gänzlich unterworfen und unterdrückt. Während der ganzen Fortdauer der ungestümen Jahreszeit setzten sie bald diese, bald 90 jene Grenzgegend in Schrecken, und in einem oder zwei Fällen fand ihr gepriesener Sachem, Conanchet, Gelegenheit, sich für die seinem Volke so verhängnißvolle Niederlage auf eine ausgezeichnete Weise zu rächen. Mit dem Eintritt des Frühlings wurden auch die Ueberfälle häufiger, und die Vorzeichen der Gefahr so zahlreich, daß man sich zu einem neuen Aufruf an die Colonisten, die Waffen zu ergreifen, genöthigt sah. Der in dem letzten Kapitel in unsere Erzählung eingeführte Bote war mit einem Auftrag gekommen, welcher Beziehung auf die Ereignisse dieses Kriegs hatte, und für eine ganz besondere Mittheilung von drängender Wichtigkeit hatte er jetzt diese geheime Unterredung mit dem Haupt der Kriegsmacht des Thales verlangt. »Ihr habt, Capitain Heathcote, Geschäfte von der höchsten Wichtigkeit vor Euch,« sagte der eilige Courier, als er sich mit Contentius allein befand. »Die Befehle Sr. Herrlichkeit lauten: weder Peitsche noch Sporn zu schonen, bis die Hauptleute der Grenzen in Kenntniß gesetzt sind, wie gefährlich es um die Lage der Colonisten stehe.« »Ist etwas von Wichtigkeit, von aufregender Besorgniß vorgefallen, daß Se. Herrlichkeit der Gouverneur, eine mehr als gewöhnliche Wachsamkeit für nöthig erachtet? Wir hatten gehofft, die Gebete der Frommen wären nicht vergebens gewesen, und daß eine Zeit der Ruhe auf jene Greuelscenen folgen würde, denen wir unglücklicher Weise, durch unsere gesellschaftlichen Verträge gebunden, beiwohnen mußten. Der blutige Sturm des Dorfes Pettyquamscott hat unsere Herzen mächtig ergriffen, ja er hat selbst Zweifel über die Rechtmäßigkeit einiger unserer Thaten in uns erregt.« 91 »Ihr habt einen sehr ehrenwerthen, verzeihungsvollen Sinn, Capitain Heathcote, sonst würde sich Euer Gedächtniß andern Auftritten, als jenen zuwenden, welche mit der Bestrafung eines so erbarmungslosen, gewissenlosen Feindes zusammenhängen. Man erzählt sich an dem Fluß, daß das Thal von Wish-Ton-Wish auch seiner Zeit von den Wilden heimgesucht worden, und die Leute sprechen viel und umständlich von den Leiden, welche die Eigenthümer hier bei diesem grausamen Vorfall erduldeten.« »Wir dürfen die Wahrheit nicht verleugnen, selbst nicht damit Gutes daraus entstehe. Es ist wahr und gewiß, daß viel Böses mir und den Meinen durch eben den Einfall, von dem Ihr sprecht, zugefügt worden; nichtsdestoweniger haben wir nie Anstand genommen, Alles dies als eine gnadenvolle Strafe anzusehen, die uns für mannichfaltige Sünden zuerkannt worden, nicht als einen Gegenstand, dessen wir uns später noch erinnern möchten, um Leidenschaften zu reizen und anzuspornen, die allen Eingebungen der Vernunft und christlichen Liebe gemäß, wenigstens so weit schlafen und ruhen sollten, als es unsere schwache Natur nur immer zugeben und erlauben mag.« »Das ist ganz gut, Capitain Heathcote, und steht ganz außerordentlich im Einklang mit den am meisten angenommenen, und allgemein anerkannten Lehren,« entgegnete der Fremde, und gähnte unmerklich, entweder aus Mangel an Ruhe in der vorigen Nacht, oder aus Gleichgültigkeit und Mißbehagen bei einem so ernsten Gegenstand; »indeß hat dies wenig Zusammenhang und Bezug mit unsern gegenwärtigen Pflichten. Mein Auftrag geht ganz besonders auf die weitere Vernichtung und Schwächung der Indianer hin, und 92 hat gar nichts mit den innern, religiösen Untersuchungen über unsere eigenen geistlichen Verirrungen und Fehlschlüsse zu thun, denen wir uns etwa aussetzen möchten, indem wir uns eines Rechts bedienen, das vielleicht noch in Zweifel gezogen werden kann, das aber Beziehung auf die Pflicht der Selbsterhaltung hat. Es giebt keinen Einwohner in der Connecticut-Colonie, Sir, der sich mehr bestrebt hätte, ein zartes Gewissen zu bewahren und es mehr und mehr auszubilden, als der schuldbeladene Sünder, welcher hier vor Euch steht; denn ich habe das ausnehmende Glück, unter den religiösen Ausströmungen eines Geistes zu sitzen, der wenige Meister, wenige seines Bessern hier auf dieser Welt in den köstlichen Gaben der Rede anzutreffen zu fürchten braucht. Ich spreche nämlich von Dr. Calvin Poppe, einem höchst würdigen, seelenberuhigenden Geistlichen, Einem, der des Stachels nicht vergißt, wenn das Gewissen eines Reizes bedarf, der auch nicht zögert, Trost dem zu ertheilen, der seinen gefallenen Zustand einsieht; Einem, der nie verfehlt, mit christlicher Liebe und Demuth des Geistes und mit Geduld mit den Fehlern der Freunde und Nachsicht und Verzeihung gegen seine Feinde zu verfahren, als welches die Hauptzeichen eines wiedergebornen, erneuerten moralischen Daseins sind; und so könnt Ihr denn wenig Grund haben, Mißtrauen gegen die geistige Gerechtigkeit Derer zu hegen, die seinem reich dahinströmenden Worte zuhören. – Aber wenn die Rede von Leben und Tod ist, wenn es eine Sache gilt, welche die Herrschaft und den Besitz dieser schönen Länder betrifft, welche der Herr gegeben hat, – ja, dann, Sir, dann behaupte ich, daß gleich den Israeliten, welche mit den sündhaften Besitzern Canaan's zu thun hatten, es uns zukommt, treu gegen einander zu 93 sein und auf die Heiden mit mißtrauischem Auge zu blicken.« »Es mag etwas Wahres in dem, was Ihr sagt, liegen,« bemerkte Contentius mit Niedergeschlagenheit. »Doch ist es immer noch erlaubt, selbst diese Nothwendigkeit zu betrauern, welche zu allen jenen Streitigkeiten führt. Ich hatte gehofft, daß Diejenigen, welche an der Spitze unserer Angelegenheiten stehen, vielleicht zu weniger strengen Ueberredungsmitteln ihre Zuflucht nehmen könnten, ohne sogleich zu den Waffen zu greifen. Welches ist nun der nähere Inhalt Eures Auftrags?« »Seine Ausführung verlangt dringende Eile, Sir, wie Ihr aus einer näheren Auseinandersetzung sehen werdet,« entgegnete der Andere und dämpfte seine Stimme, wie Jemand, der gewöhnlich bei diplomatischen Verhandlungen gebraucht wird, so unwissend er auch sonst in ihren mehr geistigen Verrichtungen sein mochte. »Ihr waret Zeuge der Züchtigung von Pettiquamscott, und Ihr bedürfet daher keiner Schilderung der Art, wie der Herr mit unsern Feinden verfuhr an jenem gnadenreichen Tage; aber Ihr, die Ihr so weit von den täglich vorfallenden Unruhen in der Christenheit entfernt lebt, könntet vielleicht mit der Art unbekannt sein, wie die Wilden jene Züchtigung aufgenommen haben. Der unruhige und immer noch unbezwungene Conanchet hat seine Dörfer verlassen, und seine Zuflucht in die offenen Wälder genommen, er haust in den Wäldern, wo er alle Geschicklichkeit und Kriegsübung unserer disciplinirteren Krieger in Anspruch nimmt, welche zu allen Zeiten ausspähen müssen, wo sich die Stellung und Hauptstreitmacht ihrer Feinde gerade befindet. Die Folgen hiervon lassen sich leicht 94 errathen. Der Wilde ist immer plötzlich hervorgebrochen und hat ganz oder nur zum Theil erstlich: Lancaster am zehnten vergangenen Monats verwüstet, wobei Viele gefangen wurden; dann zweitens: am zwölften Marlborough; am dreizehnten Groton; Warwick am siebenzehnten und Rehoboth, Chlemsford, Andover, Weymouth, nebst verschiedenen anderen Orten, welche alle seit den letzteren Zeiten bis zu dem Tage, wo ich die Residenz Sr. Herrlichkeit verließ, sehr viel gelitten haben. Pierce von Scituate, ein stattlicher Kriegsmann und zwar von großer Erfahrung in der indianischen Kriegsführung, ist mit seiner ganzen Compagnie zusammengehauen worden, und Wadsworth und Brocklebank, Männer, ihres Muths und ihrer Geschicklichkeit wegen bekannt und geachtet, haben ihre Gebeine in den Wäldern zurückgelassen, und schlafen mit ihren unglücklichen Gefährten auf gemeinsamer Stätte.« »Das sind in der That Nachrichten, die uns zur Trauer über die verlassene, verworfene Natur unsers Geschlechts nöthigen können,« sagte Contentius, dessen sanftes Gemüth eine solche Unglücksnachricht allerdings in die aufrichtigste Trauer versetzen mußte. »Es ist nicht leicht einzusehen und ein Mittel zu finden, wie dies Uebel anders gesteuert werden könne, als durch einen Kampf.« »Dies ist auch die Meinung Sr. Herrlichkeit, sowie seiner Räthe; denn wir haben hinlängliche Kenntniß von den Schritten des Feindes, um sicher sein zu können, daß der oberste Geist der Bosheit und Verderbniß, in der Gestalt Metacom's, den sie Priester nennen, an der ganzen Ausdehnung der Grenzen hin und her wüthet, und die Stämme zu dem aufreizt, was er die Nothwendigkeit nennt, fernerem 95 Andringen zu begegnen, und daß er durch verschiedene fein ersonnene Ränke boshafter Arglist ihre Rache entflammt und anfacht.« »Und welche Verfahrungsweise ist in einer so drängenden Verlegenheit von der weisen Einsicht unserer Regierung angeordnet worden?« »Erstens: ist ein Fasten geboten, damit wir als durch geistigen Kampf und tiefe Selbsterforschung gereinigte Männer zur Erfüllung unserer Pflicht schreiten mögen; zweitens: wird anempfohlen, daß die Religionsgesellschaften mit mehr als gewöhnlicher Strenge gegen alle Abtrünnigen und Bösewichter verfahren sollen, damit die Ansiedelungen nicht unter den göttlichen Zorn fallen, wie dies mit denen geschehen ist, welche die verruchten, von Gott verworfenen Städte Canaan's bewohnten; drittens: hat man beschlossen, unsere schwache Hülfe und Kraft den Befehlen der Vorsehung zu leihen, indem wir die bestimmte Zahl geübter Truppen aufrufen, und viertens: hat man im Sinne, der Brut der Rache entgegenzuarbeiten, indem man einen Preis der Belohnung auf die Häupter unserer Feinde setzt.« »Ich gebe den drei ersten dieser Hülfsmittel, als den gewöhnlichen und rechtmäßigen Vertheidigungsquellen christlicher Männer meine volle Beistimmung,« sagte Contentius. »Aber das Letztere scheint eine Maßregel, die man nur mit großer Vorsicht und einigem Mißtrauen in die Rechtmäßigkeit des Zwecks anwenden darf.« »Fürchtet nichts; alle gebührende, ökonomische Rücksicht hat in den Gemüthern unserer Oberen ihre Stelle gefunden und ist thätig gewesen, als sie scharfsinnig und mit Eifer eine so ernste, folgenreiche Politik in Betrachtung zogen. 96 Man ist nicht Willens, mehr als die Hälfte jener Belohnung anzubieten, welche unsere reichere und ältere Schwester-Colonie an der Bai ausgesetzt hat, ja man hat selbst die scharfsinnige Frage aufgeworfen, ob es nur überhaupt nöthig und zu verlangen sei, daß eine Ansiedelung von ihrem zarten Alter eine Geldsumme biete. Und nun, Capitain Heathcote. will ich mit Eurer Erlaubniß, mit der Erlaubniß eines so treuen, verehrungswürdigen Unterthans, weiter gehen, und Euch die Einzelnheiten über die Anzahl und Beschaffenheit der Streitmacht vorlegen, welche Ihr, wie man hofft, in eigener Person in dem nun folgenden Feldzuge anführen werdet.« Da man das Ergebniß und den Inhalt dessen, was jetzt folgt, aus dem Verlauf unserer Erzählung ersehen wird, so ist es unnöthig, den Boten weiter in seinen Mittheilungen zu begleiten. Wir werden ihn daher mit Contentius allein lassen; sie mögen sich mit dem Gegenstand ihrer Zusammenkunft befassen und beschäftigen, während wir weiter gehen und einige Nachricht über die mit unserer Erzählung verknüpften übrigen Personen geben wollen. Als Fidel, wie schon erzählt worden, durch die Ankunft des Fremden unterbrochen worden war, versuchte sie, durch ein neues Hülfsmittel einige Beweise von noch deutlicherer Rückerinnerung dem stumpfen Geiste ihres Bruders zu entlocken. Begleitet von dem größten Theile der zur Familie Gehörigen, hatte sie ihn auf den Gipfel jenes Hügels geführt, der jetzt mit dem Laub eines jungen, treibenden Obstgartens bekränzt war, und indem sie ihn an den Fuß der Trümmer stellte, versuchte sie, eine Reihe von Rückerinnerungen in ihm zu erregen, welche zu noch tieferen Eindrücken führen 97 sollten, ja sie hoffte, vielleicht gar durch ihre Hülfe zu der Entdeckung jenes wichtigen Umstands zu gelangen, dessen Aufhellung Alle so sehr wünschten und erstrebten. Der Versuch gab kein glückliches Resultat. Der Ort und eigentlich das ganze Thal hatten eine so große Veränderung erlitten, daß selbst Jemand, der von der Natur reichlicher begabt worden, hätte zögern mögen, ehe er die Gegenden für dieselben gehalten, die wir auf unsern ersten Seiten beschrieben haben. Diese plötzliche Umwälzung in Gegenständen, welche wo anders so wenig Veränderung kennen, selbst nach einem Verlauf von langen Jahren, ist eine Thatsache, die Allen bekannt und vertraut ist, welche in den neueren Distrikten der Union sich aufhalten. Sie rührt von den schnell fortschreitenden Verbesserungen her, welche auf den ersten Stufen der Bildung in einer Ansiedelung gemacht werden. Schon das Fällen des Waldes allein giebt der Aussicht einen ganz neuen Anstrich, und es ist gar nicht leicht, in einem Dorfe oder in angebauten Feldern, so neu auch immer das Bestehen des einen und so unvollkommen der Anbau der andern sein mag, Spuren von einer Stelle zu entdecken, die noch kurze Zeit vorher als der Schlupfwinkel des Wolfs oder die Zuflucht des Wildes bekannt war. Die Züge und mehr noch das Auge seiner Schwester hatten in Whittal Ring's stumpfsinnigem Geiste langschlafende Rückerinnerungen aufgeregt, und wenn auch diese Blicke in die Vergangenheit abgerissen und undeutlich waren, hatten sie doch hingereicht, jenes alte Vertrauen zu beleben, was sich ganz besonders im Anfang ihrer Unterredung zeigte. Aber das überschritt seine schwachen Geisteskräfte, sich Dinge 98 in's Gedächtniß zurückzurufen, die seine Theilnahme nicht besonders lebhaft auf sich zogen, und die auch selbst so wesentliche Veränderungen erlitten hatten. Indeß sah doch der blödsinnige Jüngling nicht auf die Trümmer, ohne daß sich auch gar nichts in seinem Innersten geregt hätte. Obgleich der Rasen rings um den Fuß des Hügels herum im vollen Schmelz und Glanz des Frühsommers stand, und der köstliche Geruch des wilden Klees Whittal's Sinne begrüßte, lag doch immer noch etwas in den geschwärzten, zerrissenen Mauern des Blockhauses, in der Stellung des kleinen Thurms und der Aussicht auf die umliegenden Hügel, so leer und baumlos auch die meisten von ihnen jetzt waren, was offenbar zu seinen frühsten Eindrücken sprach. Er sah auf die Stelle, wie ein Jagdhund auf einen Herrn blickt, den er so lange aus den Augen verloren, daß dies selbst seinen Instinkt ertödtete und betäubte, und zu Zeiten, wenn seine Gefährten sich bemühten, den undeutlichen Bildern seiner Seele zu Hülfe zu kommen, wollte es scheinen, als wenn die Rückerinnerung vielleicht noch triumphiren würde, und alle jene täuschenden Meinungen und Ansichten, welche Gewohnheit und indianische List über sein stumpfsinniges Gemüth gezogen, im Begriff wären, vor dem Licht der Wirklichkeit zu verschwinden. Aber die Lockungen eines Lebens, worin so viel von der natürlichen Freiheit lag, die sich mit den bezaubernden Vergnügungen der Jagd und des Herumstreichens in den Wäldern mischten, konnten so leicht nicht verwischt und aus ihrer Herrschaft verdrängt werden. Als Fidel ihn listig zu den körperlichen Genüssen zurückführte, die er in seiner Kindheit so geliebt hatte, schien die Phantasie ihres Bruders mehr nach der Seite der Wahrheit 99 sich hinzuneigen, aber sobald es ihm deutlich ward, daß er die Würde eines Kriegers und alle die neuerlicheren und weit mehr lockenden Ergötzungen seines spätern Lebens aufgeben müsse, ehe er zu seiner ersteren Lebensweise zurückkehren könnte, da weigerten sich hartnäckig seine stumpfen Geisteskräfte, sich einer Veränderung hinzugeben, die, in seiner Lage, einer wahren Seelenwanderung gleich gekommen wäre. Nach einer Stunde ängstlicher und von Fidel's Seite zornerfüllter Bemühungen, einige Zeichen seiner Rückerinnerung an die Lage seines Lebens, in der er sich einstens befunden, dem Blödsinnigen zu entlocken, ward der Versuch für den Augenblick aufgegeben. Zu Zeiten schien es, als wenn die Schwester nahe daran wäre, die Oberhand zu gewinnen. Er nannte sich selbst oft Whittal, aber immer bestand er darauf, daß er auch Nipset sei, ein Mann von den Narragansett, der eine Mutter in seinem Wigwam hätte, und zu glauben berechtigt wäre, daß er unter die Krieger seines Stamms gezählt werden würde, noch vor dem nächsten Schneefall. Zu derselben Zeit fand an der Stelle, wo die Untersuchung zuerst gehalten worden, und die bei der plötzlichen Ankunft des Boten die meisten von den Gegenwärtigen verlassen hatten, ein Auftritt von ganz verschiedener Art Statt. Nur eine einzige Person blieb an dem langen Tisch sitzen, auf dem das Morgenessen aufgetragen war, sowohl für die Herrschaft als die Arbeiter. Dieser Einzelne, der zurückblieb, hatte sich in einen Stuhl geworfen, weniger mit der Miene eines Mannes, der den Forderungen des Appetits genügen will, als eines, dessen Gedanken so mächtig in ihm waren, daß sie ihn gleichgültig gegen die Lage und Beschäftigung seiner mehr 100 leiblichen Theile machten. Sein Haupt ruhte auf den Armen, so daß diese in der That sein Gesicht verhüllten, während sie selbst über die einfache aber außerordentlich reinliche Tafel von Kirschbaumholz hinlagen, welche durch ihre Stellung an der Seite von einer andern von minder kostbarem Stoffe dazu diente, die einzige Unterscheidung zwischen Herrschaft und Gesinde zu machen, so wie etwa in älteren Zeiten und in andern Ländern das Salz bekanntlich zu demselben Zwecke diente, nämlich die Verschiedenheit im Rang unter Denen zu bezeichnen, welche an demselben Mahle Theil nahmen. »Marcus,« sagte eine furchtsame Stimme dicht an seiner Seite, »Du bist noch von der heutigen Nachtwache müde und schläfrig, Du fühlst noch die Nachwirkungen von dem Herumstreichen auf den Hügeln. Willst Du nicht etwas Speise zu Dir nehmen, ehe Du Dich zur Ruhe begibst?« »Ich schlafe nicht,« entgegnete der Jüngling, erhob das Haupt und rückte langsam die Schüssel mit der einfach ländlichen Speise zur Seite, die ihm von Jemand dargereicht ward, deren Auge voll Gefühl auf seine aufgeregten Züge sah, und deren erröthende Wange vielleicht verrieth, daß sie sich im Geheimen bewußt war, ihr Blick sei freundlicher und liebreicher gewesen, als sich mit jungfräulicher Zurückhaltung vertrage. »Ich schlafe nicht, Martha, und glaube, ich werde nie wieder schlafen.« »Du erschreckst mich mit diesen wilden, kummervollen Augen. Ist Dir etwas auf Deinem Zug in die Gebirge begegnet?« »Glaubst Du, Jemand von meinen Jahren und meiner Stärke sei nicht im Stande, die Ermüdung und Anstrengungen von einigen wenigen Stunden Wachsamkeit in dem Walde 101 zu ertragen? Der Leib ist wohl, aber der Geist leidet außerordentlich.« »Und willst Du mir nicht sagen, was Dir diese Unruhe, diese Betrübniß verursacht? Du weißt, Marcus, daß Niemand in diesem Hause, ja, ich darf gewiß hinzufügen, Niemand in diesem Thale ist, der nicht Dein Glück wünscht.« »Es ist wohlthuend, das zu hören, gute Martha, doch – Du hast nie eine Schwester gehabt!« »Das ist wahr; ich bin die einzige von meinem Geschlecht, und doch scheint's mir, daß keine Bande des Blutes näher gewesen sein könnten, als die Liebe, die ich gegen die hegte, welche wir verloren haben.« »Auch keine Mutter! Du hast nie erfahren, was kindliche Ehrfurcht heißt.« »Ist Deine Mutter nicht auch die meinige?« antwortete sie so bewegt und doch so weich, daß es dem jungen Mann auffiel, und er einen langen rührenden Blick auf sie heftete, ehe er begütigend und mit Hast erwiderte: »Sehr wahr, sehr wahr, Du liebst und mußt die lieben, die Deine Kindheit ernährt und nothwendig versorgt, und Dich durch Sorgfalt und Zärtlichkeit zu einer so schönen und glücklichen Jungfrau herangebildet hat.« Martha's Auge erglänzte, die gesunde Farbe ihrer Wangen überzog sich mit höherem Roth, als Marcus, sich selbst unbewußt, dieses Lob ihres Aeußeren aussprach; aber da sie mit jungfräulichem Zartgefühl über seine Bemerkung wegglitt, blieb diese Veränderung in ihrem Antlitz unbemerkt und der Andere fuhr fort: »Du siehst, daß meine Mutter stündlich mehr ihres Grames wegen unserer kleinen Ruth erliegt, und wer kann sagen, was 102 ein so lange anhaltender Kummer für ein Ende nehmen werde?« »Es ist wahr; es ist Grund genug vorhanden gewesen, um viel für sie zu fürchten, aber seit kurzem hat die Hoffnung den Sieg über ihre Befürchtungen davongetragen. Du thust nicht wohl daran, ja ich bin selbst nicht ganz gewiß, ob Du nicht sogar Unrecht thust, daß Du Dir diese Unzufriedenheit gegen die Vorsehung erlaubst, weil die Mutter, vielleicht etwas mehr als gewöhnlich, sich ihrer Trauer gerade zu einer Zeit hingibt, wo so unerwartet ein Mann zurückgekehrt ist, der so sehr mit Derjenigen in Berührung stand, welche wir verloren haben.« »Es ist nicht das, Mädchen, – es ist nicht das!« »Wenn Du mir die Quelle Deines Schmerzes nicht anvertrauen willst, so kann ich wenig mehr thun, als Dich bedauern.« »So höre, ich will es Dir sagen. Es sind jetzt viele Jahre her, wie Du weißt, seit die Wilden, ich weiß nicht, ob Mohawks, Narragansetts, Pequods oder Wampanoags, in unsere Ansiedelung einbrachen und ihre Rache an uns ausübten. Wir waren damals Kinder, Martha, und mit Gedanken eines Kindes habe ich immer an diesen erbarmungslosen Brand gedacht. Unsere kleine Ruth war ganz wie Du, ein blühendes Kind von etwa sieben oder acht Jahren, und ich weiß nicht, wie es kommt, aber meiner Einbildungskraft schwebt meine Schwester seitdem nur so vor, wie sie geraubt wurde, nämlich als ein unschuldsvolles Kind.« »Aber Du weißt ja, daß die Zeit nicht stehen bleibt; um so mehr müssen wir also darauf bedacht sein, besser zu . . .« »So lehrt uns die Pflicht. Ich versichere Dir, Martha, 103 daß zur Nachtzeit, wenn Träume über mich kommen, wie dies manchmal geschieht, und ich unsere Ruth im Walde herumwandern sehe, diese immer als ein spielendes, lachendes Kind, so wie wir sie kannten, mir vorkommt; und selbst wachend denke ich mir meine Schwester an meinem Knie, so wie sie oft zu stehen pflegte, wenn sie auf jene eitelen Erzählungen lauschte, womit wir unsere Kindheit erheiterten.« »Aber wir wurden ja in demselben Jahr und Monat geboren, – denkst Du denn an mich auch nur wie an ein Wesen im Kindesalter, Marcus?« »An Dich! das ist nicht leicht möglich. Sehe ich denn nicht, daß Du zu einer Jungfrau herangewachsen bist, daß Deine kleinen braunen Locken sich in ein rabenschwarzes Haar, wie es Deinen Jahren zukommt, umgewandelt haben, und ich sage es nicht in eitler, schmeichelnder Rede, Martha, denn Du weißt, daß meine Zunge nicht täuschen kann; aber sehe ich denn nicht, daß Du mit dem Wuchse auch alle übrigen Vortrefflichkeiten einer schönen Jungfrau besitzest? Aber so ist es nicht mit der, oder vielmehr so war es nicht mit der, welche wir betrauern; denn bis auf diese Stunde habe ich mir immer meine Schwester als das kleine unschuldige Wesen vorgestellt, mit dem wir scherzten und spielten, bis zu der furchtbaren Nacht, wo sie aus unsern Armen gerissen wurde, und die Wilden in ihrer Grausamkeit sie mit fortschleppten.« »Und was hat dies liebliche Bild von unserer Ruth in Dir verwischt und verändert?« fragte die Andere, und bedeckte halb ihr Antlitz, um das noch höhere Erröthen ihrer mädchenhaften Zufriedenheit zu verbergen, das durch die eben vernommenen Worte in ihr aufgeregt worden war. »Auch mir schwebt sie in der eben geschilderten Gestalt vor, und 104 warum sollten wir nicht noch immer glauben, daß sie jetzt noch, wenn sie lebt, so sei, wie wir wünschen würden, sie wiederzusehen.« »Das kann nicht sein, – die Täuschung ist vorüber, und an ihrer Stelle hat eine schreckliche Wahrheit mein Herz erfüllt. Da ist Whittal Ring, den wir als Knaben verloren; Du siehst, er ist als Mann und Wilder zurückgekommen! Nein, nein, meine Schwester ist ferner das Kind nicht mehr, als welches ich sie mir so gern dachte, sondern sie hat das Alter und die Gestalt eines erwachsenen Weibes erlangt!« »Du denkst von ihr mit wenig Güte, während Du andere weit weniger von der Natur Begabte mit zu viel Nachsicht beurtheiltest; denn Du wirst Dich erinnern, Marcus, sie war immer von lieblicherem Anblick als irgend Jemand anders, den wir kannten.« »Das wüßte ich nicht – das will ich nicht behaupten, ich bin nicht dieser Meinung. Aber mag sie immer sein, wozu Mühen und Entbehrungen sie nothwendig machen mußten, doch muß Ruth Heathcote als viel zu gut für einen indianischen Wigwam erklärt werden. O es ist schrecklich, wenn man sie als die Sclavin, die Dienerin, als das Weib eines Wilden sich denken muß!« Martha bebte zurück, und eine ganze Minute ging vorüber, ehe sie wieder Fassung genug gewann, um zu antworten. Es war offenbar, dieser empörende Gedanke durchkreuzte jetzt zum ersten Mal ihre Seele, und alle die natürlichen Gefühle befriedigten mädchenhaften Stolzes verschwanden vor jenem reinen Gefühl der Weiblichkeit, vor der innigen Theilnahme. »Das kann nicht sein,« murmelte sie endlich; »das kann nimmer geschehen! Unsere Ruth muß sich noch der Lehren 105 erinnern, die ihr in der Kindheit eingeprägt worden. Sie weiß, daß sie von christlichen Eltern abstammt; daß ihr ein geachteter Name, herrliche Hoffnungen, glorreiche Verheißungen zu Theil wurden!« »Whittal war älter, als er gefangen ward, dennoch lehrt sein Beispiel, daß die in der Jugend erhaltenen Lehren den Kunstgriffen der Wilden weichen.« »Aber Whittal fehlt es auch an natürlichen Gaben, er stand immer auf der niedrigsten Stufe des menschlichen Verstandes.« »Und doch, welchen Grad indianischer List und Verschlagenheit hat er nicht schon erreicht?« »Aber, Marcus,« entgegnete seine Gefährtin furchtsam, als wenn, während sie alle Kraft seiner Beweisgründe fühlte, sie sich nur aus Zärtlichkeit gegen die unruhigen Gefühle des Bruders herausnähme, ihr Gewicht zu bestreiten; »wir sind von gleichen Jahren, was mir zugestoßen ist, kann gar leicht auch Ruth geglückt sein.« »Meinst Du damit, daß, weil Du selbst noch unvermählt bist, und bis jetzt ein freies Herz behalten hast, auch meine Schwester dem bittern Fluche entgangen sein könne, das Weib eines Indianers, oder was nicht weniger entsetzlich ist, die Sclavin seiner Launen zu werden?« »In der That, ich meine eigentlich nichts weiter als das Erstere.« »Und nicht das Letztere?« fuhr der junge Mann mit einer Schnelligkeit fort, die eine plötzliche Umwälzung in seinen Gedanken verrieth. »Aber wenn Du auch mit Ansichten und Entschlüssen, die feststehen mit einer freundlichen Zuneigung, die zu Gunsten eines in Dir erregt worden, den Du allen 106 Andern vorziehst, – wenn Du bei dem Allem dennoch zögerst, Martha, so folgt daraus noch nicht, ja, wird dadurch noch nicht einmal wahrscheinlich, daß ein in den Banden des heidnischen Lebens sich selbst überlassenes Mädchen auch so lange warten würde, um erst nachzudenken. Selbst hier in den Ansiedelungen machen nicht alle so viel Schwierigkeiten mit ihrem Entschließen als Du!« Die langen, seidenen Wimpern bewegten sich über den dunkeln Augen des Mädchens, und für einen Augenblick schien es, als wenn sie gar nicht die Absicht hätte, etwas zu erwidern. Aber indem sie furchtsam zur Seite blickte, antwortete sie doch endlich in so leisem Tone, daß Marcus kaum den Inhalt ihrer Worte vernehmen konnte. »Ich weiß nicht, wie ich zu dieser falschen Ansicht von meinem Charakter bei meinen Freunden habe kommen können, mir kommt es immer vor, als wenn das, was ich fühle und denke, nur zu leicht errathen werden könnte.« »Nun denn, so ist der lebhafte, hübsche junge Mann aus Hartford, der so oft den Weg zwischen dieser fernen Ansiedelung und seines Vaters Hause hin und her macht, seines Erfolges und Glückes sicherer, als ich es mir dachte. Er wird nun wohl nicht lange mehr diese weite Reise so ganz allein zurücklegen dürfen!« »Du bist böse auf mich, Marcus, sonst würdest Du nicht mit so kaltem Blicke mich ansehen, die immer mit Dir in Freundschaft und Güte gelebt hat.« »Ich spreche nicht im Zorne, denn es würde eben so unvernünftig als unmännlich sein, auch nur im Geringsten dem Rechte Deines Geschlechtes, frei zu wählen, zu nahe treten zu wollen; aber dennoch scheint es auch billig, daß 107 wenn einmal der Geschmack befriedigt und der Verstand mit seinen Anforderungen beschwichtigt ist, dann sich wenig Grund mehr finden sollte, sich immer noch des Redens zu enthalten.« »Und wolltest Du, daß ein Mädchen in meinen Jahren eilig glauben sollte, man suche sie, wenn es vielleicht sein könnte, daß Derjenige, von welchem Du sprichst, weit mehr Deine Gesellschaft und Freundschaft sucht, als meine Liebe und Gunst?« »In diesem Falle könnte er sich viele Mühe und manche körperlichen Anstrengungen und Entbehrungen ersparen, es müßte denn sein, daß er großes Vergnügen im Sattel findet; denn ich meines Theils kenne keinen jungen Mann in der Connecticut-Colonie, für den ich weniger Achtung und Zuneigung hätte. Andere mögen Vieles in ihm finden, was sie billigen und loben, aber für mich ist er zu kühn und vorlaut in seinen Reden, hat etwas Widerwärtiges in seinem Aeußeren und viel Unangenehmes in seiner ganzen Unterhaltung.« »Ich fühle mich glücklich, daß wir uns zuletzt noch einig in unsern Ansichten finden; denn was Du eben von dem jungen Manne gesagt hast, habe ich schon selbst lange an ihm gefunden, und immer so von ihm geurtheilt.« »Du? Du denkst so von diesem Unverschämten! Aber, warum hörst Du auf seine Bewerbung? Ich hatte Dich für ein viel zu ehrliches, schlichtes Mädchen gehalten, Martha, als daß ich gedacht hätte, Du könntest solche Feinheiten von Täuschung annehmen. Warum bei dieser Ansicht von seinem Charakter seinen Umgang und seine Gesellschaft nicht gänzlich aufgeben und vermeiden?« 108 »Darf denn ein Mädchen zu schnell ihren Gedanken Worte geben?« »Und wenn er hier wäre und bereit, Dich um Deine Gunst und Zuneigung zu bitten, Deine Antwort würde sein –« »Nein!« sagte die Jungfrau, erhob für einen Augenblick die Augen und begegnete beschämt den begierigen Blicken des Andern, obgleich sie das einsilbige Wörtchen fest und bestimmt aussprach. Marcus schien verwirrt. Ein gänzlich neuer und nie vorher empfundener Gedanke nahm von seinem Kopfe Besitz. Diese Veränderung wurde augenscheinlich durch seine ausdrucksvollen Züge und eine Wange, die wie Feuer glühte. Was er nun gesagt haben würde, können die meisten unserer Leser, die das achtzehnte Jahr zurückgelegt haben, allenfalls errathen, allein gerade in diesem Moment hörte man die Leute, welche nach der Ruine gegangen waren, um der Untersuchung des Whittal beizuwohnen, zurückkommen. Martha glitt so schweigend und sachte hinweg, daß sie selbst den, mit welchem sie gesprochen, für einige Augenblicke ihre Abwesenheit nicht bemerken ließ. 109   Sechstes Kapitel. »Wenn in der Welt verworrenem Gedränge, Das Herz erkrankt der ird'schen, eiteln Lust, – Daß es der kalten Erde sich entränge, Wie flög' es gern an deine Azurbrust, Und eilte dort der Lauterkeit und Ruh', Dem Sitz der Unschuld und des Friedens zu!« Bryant's Sterne.           Es war Sonntag. Dieser kirchliche Feiertag, der selbst jetzt noch in den meisten Staaten der Union mit einer Strenge begangen wird, worauf man in der übrigen Christenheit nur noch wenig bedacht ist, wurde damals mit einem Ernste gefeiert, wie er zu den übrigen strengen Sitten und Gewohnheiten der Colonisten paßte. Der Umstand, daß Jemand an einem solchen Tage eine Reise vornahm, hatte die Aufmerksamkeit aller Dorfbewohner auf sich gezogen; indeß, da man den Fremden nach der Wohnung der Heathcote's hatte reiten sehen, und man außerdem wußte, daß die Zeiten mit mehr als gewöhnlich für die Provinz wichtigen Anordnungen und Vorkehrungen schwanger gingen, so ward allgemein angenommen, er fände seine Rechtfertigung wohl in einer Entschuldigung, die er von dringender Nothwendigkeit hernehmen 110 könnte. Indeß wagte sich doch Niemand herbei, um nach dem Beweggrund des ungewöhnlichen Besuchs zu forschen. Nach Verlauf einer Stunde sah man den Reiter wieder forttraben, wie er gekommen war, dem Anschein nach, von einem dringenden Umstand getrieben. Er war auch in der That mit seiner Botschaft weiter geeilt, da die Rechtmäßigkeit, selbst eine solche gebietende Pflicht am Sonntage zu erfüllen, ernsthaft in den Rathsversammlungen derjenigen in Betracht gezogen worden, welche ihn gesandt hatten. Zum Glück hatte man gefunden – oder glaubte wenigstens, gefunden zu haben – daß in der heiligen Schrift ähnliche Fälle zu dergleichen Versendungen, als ein früheres Vorkommniß, zu hinreichender Beruhigung dienen könnten. Mittlerweile begann die ungewohnte Erregung, die so unerwartet in der Wohnung der Heathcote's hervorgebracht worden, sich zu jener Ruhe zu mildern, welche in so schönem Einklang mit dem geweihten Charakter des Tages steht. Die Sonne erhob sich glänzend und wolkenlos über die Hügel, und jeder Nebel der vergangenen Nacht zerschmolz vor ihrer belebenden Wärme in das unsichtbare Element zurück. Das Thal lag dann in jener Art heiliger Stille da, welche einen so sanften und doch so mächtigen Eindruck auf das Herz ausübt. Die Welt stellte ein Gemälde der herrlichen Werke desjenigen aus, der seine Geschöpfe zur Dankbarkeit und Anbetung einzuladen scheint. Für das noch reine, unverdorbene Gemüth liegt in einem Schauspiel dieser Art ein unaussprechlicher Reiz, eine gottgleiche Ruhe. Die allgemeine Stille vergönnt dem Ohr die sanftesten Töne der Natur zu vernehmen, das Summen einer Biene, der leise Flügelschlag des Colibri dringt zu ihm hin gleich den lauten Tönen eines 111 allgemeinen Lobgesangs. Diese vorübergehende Ruhe ist voller Bedeutung. Sie sollte uns lehren, wie viel von dem Reiz der Freuden dieser Welt, wie viel von ihrem Frieden und selbst von der Lieblichkeit und Anmuth der Natur von dem Geist abhängt, der uns gerade erfüllt. Wenn der Mensch ruht, scheint Alles um ihn darauf bedacht, zu seiner Ruhe beizutragen, und wenn er das Streben nach größeren Interessen aufgiebt, um seinen Geist zu erheben, scheinen gleichsam alle lebendigen Wesen sich mit seiner Andacht und Anbetung zu vereinen. Wenn auch dieses scheinbare Mitgefühl, diese Theilnahme der Natur an den Empfindungen des Menschen weit mehr auf Einbildung als auf Wirklichkeit beruhen mag, so bleibt die daraus zu ziehende Lehre nicht minder in ihrem vollen Werth, denn es ist erwiesen, daß was der Mensch in dieser Welt als gut zu betrachten beliebt, wirklich gut ist, und daß der größte Theil ihres Widerstreits und ihrer Mängel mehr von seiner eigenen Verkehrtheit herrühren. Die Bewohner des Thales von Wish-Ton-Wish waren Allem, was die Ruhe des Sabbaths stören konnte, wenig zugethan. Ihr Irrthum lag im Gegentheil in dem andern Extrem, da sie oft die gegenseitigen Liebesdienste des Lebens schwächten und ihnen zu nahe traten, indem sie sich bemühten, den Menschen ganz und gar über die Schwäche seiner Natur zu erheben und darüber vollkommen hinauszusetzen. Sie setzten die widerwärtige Form einer auf's Höchste getriebenen Lebensstrenge an die Stelle eines freundlichen, wiewohl geregelten Aeußeren, wodurch sich Hoffnungen am besten aussprechen und Dankbarkeit sich am deutlichsten kund giebt. Diese besondere Weise und Haltung wurde durch den 112 Irrthum der Zeiten und des Landes überhaupt erzeugt, obschon etwas von dem starren, strengen, sonderbar kalten Charakter der Colonie, auf die Rechnung der Lehre und des Beispiels des Mannes kommen mochte, der die geistlichen Angelegenheiten des Kirchspieles leitete. Da dieser Mann noch weiterhin mit dem Gegenstand unserer Erzählung in Zusammenhang stehet, so müssen wir unsere Leser näher mit ihm bekannt machen. Der ehrwürdige Meek Wolfe war seinem Charakter nach eine seltsame Zusammensetzung und Verschmelzung der demüthigsten Selbstverläugnung und Selbsterniedrigung und der wildesten geistlichen Strenge und Tadelsucht. Wie so viele Andere seines heiligen Berufs, war er nicht nur der Abkömmling einer ganzen Priesterreihe, sondern ihm war es auch seine höchste irdische Hoffnung, daß er auch der Schöpfer eines Geschlechts werden möchte, in welchem sich der Dienst des Herrn eben so lauter und streng von einem zum andern forterben und fortpflanzen möchte, als wenn die geregelte Formel der mosaischen Gesetzgebung und Amtsverleihung noch fortbestünde. Er war in dem unlängst errichteten Harward-College erzogen worden, einer Anstalt, welche von der Weisheit und dem Unternehmungsgeist der Ansiedler, innerhalb der ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Aufenthalts in den Colonieen errichtet worden. Hier hatte dieser Sprosse von einem so frommen, so rechtgläubigen Stamme sich reichlich ausgerüstet und ganz besonders tüchtig gemacht zu dem geistlichen Kriegführen seines künftigen Lebens, da er eine Art von Ansichten und Meinungen so standhaft im Auge behalten, daß er wenig 113 Grund zu der Besorgniß übrig ließ, er werde jemals das Allerunbedeutendste und Geringfügigste von den Außenwerken seines Glaubens aufgeben und leichtsinnig dem Feinde überlassen. Nie hat wohl eine Festung dem Belagerer einen unübersteiglicheren Wall entgegengestellt, als dieser Zelot seinen Sinn den Angriffen der Opponenten; so sehr hatte er dafür gesorgt. daß jeder Zugang gesperrt war, und jeder Anfall an dem Bollwerk einer unbezwinglichen Hartnäckigkeit scheitern mußte. Er schien zu glauben, alle die geringeren Mittel von Beweisgründen und Vernunftschlüssen seien schon von seinen Vorfahren angewandt worden, und ihm bliebe jetzt nur noch übrig, die mancherlei Vertheidigungen seines Gegenstandes zu verstärken und dann und wann durch einen stolzen, muthigen Ausfall die Lehrscharmützel zu zerstreuen und zurückzutreiben, die manchmal sich seinem Sprengel nähern könnten. In diesem Diener der Religion befand sich ein besonderer Charakterzug, welcher, indem er sein bigottes Wesen einigermaßen verehrungswürdig machte, bedeutend dazu beitrug, den verwickelten Gegenstand, mit dem er sich befaßte, von dem, was ihn noch verwickelter hätte machen können, zu befreien. Nach seiner Ansicht konnte der gerade aber enge Weg nur wenige außer seiner eigenen Heerde fassen. Er ließ einige zufällige Ausnahmen zu, die er in einem oder zwei der nächsten Kirchsprengel, mit deren Pfarrern er auf den Kanzeln zu wechseln pflegte, und außerdem vielleicht noch hier und da in einem Heiligen der andern Halbkugel oder der entfernteren Colonieen zu finden glaubte; denn der Glanz ihrer religiösen Ueberzeugung ward in etwas in seinen Augen durch die Entfernung belebt und erhoben; ganz so, wie etwa unsere Erdkugel, wie die Sternkundigen behaupten, als ein Lichtball Denen erscheint, 114 welche den Trabanten derselben, den Mond, bewohnen. Kurz es fand sich in ihm eine Mischung von scheinbarer christlicher Liebe bei einer Ausschließlichkeit von gnadenreichen Hoffnungen, eine Unermüdlichkeit in seinen Anstrengungen bei einer Kälte in seinem Aeußeren, eine Nichtachtung seiner selbst bei der größtmöglichen, selbstgefälligen Sicherheit und eine nie sich beklagende Unterwerfung unter zeitliche Uebel bei den hoffärtigsten geistlichen Ansprüchen, welche ihn gewissermaßen als einen Mann hinstellten, der eben so schwierig zu begreifen, als zu beschreiben war. Vormittags in der Frühstunde rief eine kleine Glocke von ihrem plumpen Gerüst auf dem Dache des Bethauses die Gemeinde zum Gottesdienste. Dem Rufe wurde gehorcht; noch ehe die Hügel den Widerhall der ersten Töne zurückgegeben, sah man schon die weite grasige Straße mit Familiengruppen bedeckt, welche alle dieselbe Richtung einschlugen. Vorn an der Spitze jedes Häufleins ging der ernste Hausvater, der manchmal wohl einen Säugling oder auch sonst ein Kind in den Armen trug, das noch zu jung und schwach war, um sein eigenes Gewicht aufrecht zu erhalten und zu tragen. Dann folgte in einer gebührenden Entfernung die gleich ehrwürdige, ernste Hausfrau, ihre Blicke seitwärts und streng auf die kleine umgebende Schaar richtend, in welcher schon ältere Gewohnheiten mit leisen Anflügen inneren Leichtsinns im Streit lagen. In der Gruppe, wo kein Kind zu tragen war, oder wo die Mutter es für ihre Pflicht hielt, das Amt selbst zu übernehmen, sah man den Hausvater eine der schwereren Musketen, wie sie damals beschaffen waren, mit sich führen, oder wenn er Hände und Arme zu obigem Behufe gebrauchte, diente der stärkste und stattlichste seiner 115 Knaben in der Eigenschaft als Waffenträger. In keinem Fall wurde diese nothwendige Vorsichtsmaßregel vernachlässigt, da die Lage der Provinz und der Charakter des Feindes es erheischte, daß Wachsamkeit sich selbst mit ihrer Andacht mischte und mit ihr sich verbände. Kein Zögern fand auf dem Weg Statt, auch kein leichtsinniges weltliches Gespräch erlaubte man sich, ja selbst von Grüßen kamen keine andere vor, als jene ernsten, feierlichen Wiedererkennungen, die man durch's Hutziehen und Zunicken mit den Augen andeutete, welche Gewohnheit durch den Gebrauch als die letzte und äußerste Höflichkeitsbezeigung an diesem wöchentlichen Festtag gestempelt worden war. Bei einem zweiten Geläute trat Meek aus der Thüre des befestigten Forts, wo er in der Eigenschaft als Schloßwart zugleich wohnte; dieses Amt hatte man ihm beigegeben, theils schon wegen seines öffentlichen heiligen Charakters und der größeren Sicherheit, die diese Wohnung darbot, theils aber auch und wohl vorzüglich deßwegen, weil seine Studien und sonstigen Beschäftigungen ihm erlaubten, sich der anvertrauten Wache mit weit weniger Zeitverlust zu unterziehen, besonders da dadurch keine Handarbeit verloren ginge, welches aber sicher der Fall gewesen, wenn dieses verantwortliche, wichtige Geschäft einem aus dem Dorf anvertraut worden, der ein Gewerbe oder sonst Arbeiten, die eine ununterbrochene Thätigkeit verlangt, betrieben hätte. Seine Ehegenossin folgte, aber selbst in noch größerer Entfernung von ihm, als die Frauen der andern Ehemänner gewahrt und auf dem ganzen Weg beibehalten hatten, gleichsam als wenn sie die gebieterische Nothwendigkeit fühlte, auch die entfernteste Möglichkeit von Aergerniß von einem Manne eines so heiligen, geweihten Standes 116 abzuwenden. Neun Sprößlinge von verschiedenen Größen und Altersstufen und eine beigeordnete Dienerin, von zu zarten Jahren, um selbst Mutter zu sein, bildeten den Hausstand des Geistlichen; und es war ein schlagender Beweis von der gesunden Luft des Thales, daß Alle zugegen waren, da nichts Geringeres als Krankheit von jeher als hinlängliche Entschuldigung angesehen ward, bei dem allgemeinen Gottesdienst zu fehlen. Als diese kleine Heerde aus den Pallisaden heraustrat, hielt eine Frau, in deren blassen Wangen die Wirkungen kürzlich überstandener Krankheit noch zu entdecken waren, das Thor zum Eingang für Ruben Ring mit einem stattlichen Jüngling offen, die die fruchtbare Gemahlin des ersteren mit ihrem reichen Segen in die Citadelle des Ortes brachten; es war dies ein Zufluchtsort, den früher aufzusuchen die Wöchnerin nur durch ihr eigenes entschlossenes Widerstreben und ihren unbesiegbaren Widerwillen vermieden hatte, da mehr als die Hälfte der Kinder des Thales zuerst das Licht der Welt innerhalb der sicheren Wände dieses vertheidigten Hauses erblickt hatten. Meek ließ seine Familie vor sich in die Kirche treten und ihre Sitze einnehmen; und als die Füße des Dieners des Herrn selbst über seine Schwelle schritten, da war keine Menschengestalt mehr außerhalb der Mauern des Gotteshauses zu erblicken, die Glocke stellte ihr eintöniges, trauervolles Geläute ein, und die hohe hagere Gestalt des Geistlichen bewegte sich durch das enge Schiff hin nach ihrer gewohnten Stelle zu, und das Alles mit der Miene eines Mannes, der schon mehr als bloß zur Hälfte die Last der körperlichen Beengungen und Mühseligkeiten von sich geschüttelt. Ein forschender, ernster Blick ward ringsum geworfen, als 117 wenn er eine instinktähnliche Macht besäße, alle Sünder zu entdecken, und dann, nachdem er sich niedergelassen, herrschte die tiefste Stille an dem Ort, so wie sie immer den Religionsübungen vorauszugehen pflegte. Als der Geistliche hierauf wieder zum ersten Male seiner harrenden Gemeinde das ernste, strenge Antlitz zeigte, lag etwas in dessen Ausdruck, was eher eine Sache von weltlicher, irdischer Wichtigkeit als jene Abwesenheit alles fleischlichen Interesses verrieth, womit er gewöhnlich im Gebet seinem Herrn und Schöpfer sich zu nahen pflegte. »Capitain Contentius Heathcote,« sagte er mit ernster Strenge, nachdem er eine kurze Pause die Aufmerksamkeit und Ehrerbietung seiner Zuhörer hatte wecken und beleben lassen; »es ist Jemand an des Herrn Tag durch dies Thal geritten und hat Deine Wohnung zu seinem Haltplatze gemacht. Hat der Wanderer Vollmacht zu dieser Nichtachtung des Sabbaths, und kannst Du hinlängliche Ursache in seinem Beweggrunde finden, daß Du den Fremden in Deinen Thoren das feierliche auf dem heiligen Berg gegebene Gesetz vernachlässigen und übertreten ließest?« »Er reitet mit einem ganz besonderen Auftrag,« antwortete Contentius, der ehrerbietig aufgestanden war, als er so mit Namen angeredet wurde; »denn seine Botschaft enthält Dinge von der äußersten Wichtigkeit für das Wohl der Colonie.« »Nichts kann als enger mit dem Wohlsein des Menschen verbunden angesehen werden, mag er nun in dieser Colonie wohnen, oder in den mächtigern Reichen, – nichts kann tiefer sein Wohl und Heil angehen als Ehrfurcht und Ehrerbietung gegen Gottes erklärten Willen,« entgegnete Meek, nur zur Hälfte durch die Entschuldigung besänftigt. »Es 118 möchte für einen Mann passend und schicklich gewesen sein, der nicht nur gewöhnlich selbst Andern ein so gutes Beispiel gibt, sondern auch mit dem Mantel der Macht und des Ansehns bekleidet und belastet ist, – ihm hatte es geziemt, mit etwas Mißtrauen auf den Vorwand einer Nothwendigkeit herabzusehen, die vielleicht nur scheinbar ist.« »Der Beweggrund soll der Gemeinde zu geziemender und schicklicher Zeit mitgetheilt werden; aber uns hat es weiser geschienen, den Hauptgegenstand von des Reiters Botschaft zu verschweigen und für uns zu behalten, bis der Gottesdienst vorüber wäre, damit er dargebracht werden möchte ohne irgend eine Beimischung weltlicher, irdischer Interessen und Besorgnisse.« »Darin hast Du umsichtig gehandelt, denn ein getheiltes Gemüth findet dort oben nur wenig Freude. Ich hoffe, Du wirst auch gleich guten Grund und Ursache darfür haben, daß nicht alle Deines Hauses mit Dir im Tempel sich befinden?« Trotz der gewohnten Selbstbeherrschung, ward doch Contentius nicht ohne starke Erregung auf diesen Gegenstand aufmerksam gemacht. Indem er einen scheuen Blick auf den leeren Sitz warf, wo die, die er so sehr liebte, an seiner Seite zu beten pflegte, sagte er mit einer Stimme, die offenbar darnach rang, ihren gewohnten Gleichmuth zu behaupten: »Heute ward unter meinem Dache ein mächtiges Gefühl wieder aufgeregt und von Neuem belebt, und es kann sein, daß die Pflicht des Sabbaths von so zerrissenen, angsterfüllten Gemüthern heute übersehen ward. Wenn wir hierin gesündigt haben, so hoffe, vertraue ich, Der, welcher gütig 119 auf den Reuigen herabblickt, werde uns vergeben. Die, von welcher Du sprichst, ist durch die volle Gewalt erneuerten Grams nochmals erschüttert worden; obwohl willigen Geistes, ist doch ein schwacher, hinsinkender Körperbau nicht vermögend, das Angreifende des Weges bis hierher zu ertragen, wenn er gleich zum Gotteshause führt.« Diese außerordentliche, ungewöhnliche Ausübung pfarrherrlicher Macht und Ansehns ward selbst nicht einmal von dem Ausathmen der Versammlung unterbrochen. Jeder Vorfall ungewohnter Art hatte für die Bewohner eines so fernen, abgelegenen Dorfes sehr viel Anziehendes; aber hier war auch tiefes, häusliches Interesse mit dem Bruch einer Gewohnheit oder eigentlicher eines Gesetzes verbunden, und das ganze noch durch jenen geheimen, unerklärlichen Einfluß erhöht und verstärkt, der uns mit ganz besonderer Neigung und Lust auf jene Bewegungen in Andern zu lauschen und zu merken veranlaßt, welche zu verheimlichen und zu verbergen, man für einen ganz natürlichen Wunsch, für ein billiges Verlangen erklärt. Nicht eine Silbe, die die Lippen des Geistlichen durchbrach, nicht ein Wort, das Contentius sagte, nicht ein einziger tiefer Ton der Strenge von Seiten des Pfarrers, nicht ein strauchelnder, gepreßter Laut, den der geängstigte Hausvater vorbrachte, entging auch nur dem stumpfsten Ohre in jener Versammlung. Trotz der ernsten, geregelten Weise, die Allen gemein war, brauchen wir doch nicht erst zu sagen, daß für die Anwesenden in der kleinen Unterbrechung, die dieser Auftritt verursachte, eine gewisse Lust und Unterhaltung lag; was auch in einer Gemeinde gar nicht ungewöhnlich war, wo man nicht nur glaubte, die geistliche Macht erstrecke sich bis auf die 120 geringsten, nur die Familie angehenden Geschäfte und Vorfälle, sondern wo man selbst wenige häusliche Interessen für die so ganz ausschließlich den Einzelnen betreffend ansah, und selten individuelle Gefühle als so heilig betrachtete, daß nicht ein sehr großer Theil der Nachbarschaft berechtigt wäre, reichlich an den einen wie an den andern Theil zu nehmen. Der ehrwürdige Herr Meek Wolfe ward indeß durch die gegebenen Erklärungen und Entschuldigungen beruhigt, und nachdem er hinlängliche Zeit hatte verfließen lassen, damit die Gemüther der Versammlung ihre Fassung wieder gewännen, schritt er zu den gewöhnlichen Morgenandachtsübungen, wie sie die Regel der Gemeinde erheischte. Es ist unnöthig, die wohlbekannte Weise des Gottesdienstes der Puritaner hier erst noch weitläufig zu beschreiben und den Lesern vorzulegen. Von seinen Formen und seinem Wesen ist genug auf uns übergegangen, um den meisten, die diese Blätter zu Gesicht bekommen, die Weise und die Lehren der puritanischen Gottesverehrungen bekannt und geläufig zu machen. Wir werden unsere Aufgabe daher auf eine Darstellung jener Theile der Ceremonieen beschränken, – wenn man anders das, was eifrigst jeden Anschein von Form und Ceremonie vermied, so nennen kann, – wir werden nur das näher beschreiben, was unmittelbar in Zusammenhang mit den Vorfällen unserer Erzählung steht. Der Geistliche hatte das kurze Einleitungsgebet gesprochen, er hatte die Stelle aus der heiligen Schrift gelesen, hatte die Verse des Psalms angegeben, und sich selbst unter den seltsamen, näselnden Gesang gemischt, womit seine Heerde sich bemühte, ihren Gottesdienst doppelt angenehm und feierlich zu machen. Er hatte unter Mitwirkung des Geistes 121 ein vierzig Minuten langes Gebet beendigt, und darin nicht blos auf den Gegenstand seiner eben erst angestellten Untersuchung geradezu und sehr verständlich sich Anspielungen erlaubt, sondern auch auf noch viele andere diversen Familienangelegenheiten und Bedürfnisse seiner Pfarrkinder hingewiesen, und dies Alles ohne irgend die geringste Abnahme an gewohntem Eifer von seiner Seite, und ohne Schwächung der üblichen Aufmerksamkeit und des strengen Schicklichkeitsgefühls von Seiten seiner Gemeine. Als er sich aber anschickte, den zweiten Gesang der Anbetung und Danksagung anzuheben, zeigte sich im Mittelpunkt der Kirche, im Hauptgange, eine Gestalt, die durch ihren Anzug und ihr Aeußeres eben so sehr, als durch die ungewöhnliche und unehrerbietige Trägheit ihrer Haltung, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Unterbrechungen dieser Art waren nicht häufig, und selbst der lang geübte, in seinen Dienst vertiefte Pfarrer hielt einen Augenblick inne, ehe er den Hymnus anstimmen ließ, ungeachtet des heiligen Liedes, – wie die Unterrichtetsten der Gemeinde es wissen wollten, – eine Ergießung seiner begeisterten Muse war. Der Eingedrungene war kein anderer, als Whittal Ring. Der blödsinnige junge Mann war der Wohnung seiner Schwester entwischt, überall herumgestrichen, und hatte endlich den Weg zu dem allgemeinen Versammlungsort gefunden, wo bei Weitem die meisten der Bewohner des Dorfs beisammen waren. Während seines ersten Aufenthalts im Thal stand die Kirche noch nicht, das Gebäude, seine innern Einrichtungen, die Versammlung, das Geschäft, der Zweck, wozu sie sich versammelt hatten, schien Alles ihm gleichmäßig fremd und unbekannt. Erst als das Volk die Stimmen zum 122 Gesang des Preises und Dankes erhob, erst dann schien eine leise Rückerinnerung an seine früheren Gewohnheiten und Gebräuche in seinem stumpfen Verstande aufzuglimmen und ward selbst bemerkbar und leicht zu entdecken in seinen unthätigen, ausdruckslosen Zügen. Da in der That verrieth er etwas von jener Lust, jenem Vergnügen, welches die Macht der Töne selbst in Wesen von seiner unglücklichen, geistigen Beschaffenheit zu erregen vermögen. Da er sich jedoch begnügte, in einem abgeschiedenen Winkel der Kirche zu bleiben und mit dumpfer Verwunderung zuzuhören, hatte selbst der ernste Fähnrich Eben Dudley, dessen Auge ein- oder zweimal Unwille und Unzufriedenheit gedroht, nicht für nöthig erachtet, sich in's Mittel zu schlagen. Meek hatte an jenem Tage aus dem Buch der Richter Kap. 6 V. 1. eine Stelle zu seinem Text gewählt. »Und da die Kinder Israels Uebels thaten vor dem Herrn, gab sie der Herr in die Hand der Midianiter sieben Jahre.« Aus diesem Texte wußte der scharfsinnige Geistliche Vieles zu machen, und mächtige Ermahnungen und Nutzanwendungen daraus herzuziehen, indem er weitläuftig in die mysteriösen, allegorischen Anspielungen einging, wie sie damals so sehr im Schwunge waren. Von welcher Seite er auch immer den Gegenstand in's Auge faßte, stets fand er Mittel, die leidenden, beraubten und dennoch erwählten Einwohner in den Ansiedelungen mit dem Volke der Hebräer zu vergleichen. Wenn sie auch nicht ausgesondert, nicht von allen übrigen Völkern der Erde auserlesen worden, damit Einer, mächtiger als der Mensch, aus ihrer Mitte hervorgehe, so waren sie doch in jene ferne 123 Wildniß geführt worden, waren entfernt worden von den Lockungen üppiger Wollust und der weltlichen Gesinnungen Jener, die das Gebäude ihres Glaubens auf den Sand der zeitlichen Ehren aufführen wollen, und dies Alles, damit das Wort in seiner Reinheit erhalten werde. Da von Seiten des Geistlichen selbst sich kein Zeichen, kein Grund zur Vermuthung verrieth, er glaube selbst nicht an die Deutung der Worte, die er angeführt, so war hieraus schon anzunehmen und wurde augenscheinlich, daß auch der größte Theil seiner Zuhörer gerne seine Ohren einem so besänftigenden, erfreulichen Beweise lieh und öffnete. In Beziehung auf die Midianiter war der Prediger weit weniger ausführlich. Daß der Erzfeind, der Urvater alles Bösen, gewissermaßen unter dieser Anspielung, diesem Ausdrucke gemeint sei, konnte nicht bezweifelt werden, aber auf welche Weise die erwählten Einwohner jener Gegenden seinen bösartigen Einfluß fühlen sollten, das blieb noch eine Sache von etwas größerer Dunkelheit und Ungewißheit. Zu Zeiten schmeichelte der Redner den gierigen Ohren seiner Zuhörer, die seit langem her zu der Ueberzeugung, zu dem Gefühl gekommen, daß sichtbare Darlegungen des Zorns eben so sehr als der Liebe der Vorsehung täglich vor ihre Augen hingestellt würden, – er schmeichelte seine so gestimmten Pfarrkinder mit der ernsten Freude, die in der Ansicht lag, daß der Krieg, welcher damals in ihrer Nähe wüthete und sie gleichsam umzingelte, dazu ausersehen und bestimmt sei, um ihre geistliche Rüstung zu erproben, und brachte ihnen den festen Glauben bei, aus dem Triumph ihrer Siege werde Ehre, Ruhm und Sicherheit für die Kirche fließen. Dann kamen wieder zweideutige Ausdrücke und Hinweisungen, 124 welche es ungewiß und noch zu erörtern ließen, ob nicht eine Rückkehr der unsichtbaren Gewalten, die, wie man wußte, in den Provinzen so thätig waren, das erwartete jüngste Gericht sei. Es ist nicht anzunehmen, daß Meek selbst sehr klare geistige Einsicht und Kenntniß über einen Punkt von dieser Schwierigkeit und Spitzfindigkeit hatte, denn es fand sich etwas von dunklem Herumtappen und Zögern in der Art, wie er ihn behandelte, man wird dies am besten aus seinen Schlußworten ersehen können: »Sich zu denken, daß Azaziel das lange Dulden und die Standhaftigkeit eines erwählten, lang erprobten Volkes mit wohlgefälligem, erfreutem Auge ansähe,« sagte er, »ist eben so viel, als zu glauben, das Mark der Gerechtigkeit und Gottesfurcht könne in dem faulen Leichnam des Betrugs sich vorfinden. Wir haben schon seinen neidischen Geist in verschiedenen, unglückbringenden, trauererfüllten Vorfällen und Begebenheiten wüthen sehen. Wenn ich aufgefordert würde, eine Warnungssäule, eine Leuchte vor Euren Augen aufzurichten, wodurch Ihr die Gegenwart dieses verrätherischen Feindes bemerken möchtet, so würde ich die Worte anführen, deren ein in diesem Punkte erfahrener und scharfsichtiger Mann sich bediente, nämlich, daß, wenn Jemand, der seine volle Vernunft hat, wissentlich und mit Vorbedacht von dem Teufel oder einem andern Gott, als dem wahren Gott Jehova, eine Geschicklichkeit zu erlangen sucht und wirklich erlangt, um dadurch seltsame, unbekannte Dinge zu thun oder zu erfahren, welche er durch seine eigenen, blos menschlichen Fähigkeiten nicht erlangen und nicht wissen kann, daß dann ein solcher mit Recht Mißtrauen in seine erlangten Gaben setzen und für seine Seele zittern mag. Und, o meine 125 Brüder! wie Viele von Euch erstreben gerade in diesem Augenblick jene traurigen Täuschungen und verehren die Dinge dieser Welt, statt sich zu sättigen und zu nähren an der Hungerkost der Wüste, welche die Nahrung Derer ist, die ewig zu leben begehren. Erhebt Eure Augen aufwärts, meine geliebten Brüder – –« »Wendet vielmehr sie der Erde zu!« fiel eine tiefe, gebieterische Stimme mitten aus der Kirche ein; »Ihr bedürft in diesem Augenblick alle Eure Geistesfähigkeit und Eure ganze Kräfte, um Euer Leben zu retten, und zugleich um das Gebäude des Herrn zu bewahren und zu vertheidigen!« Religionsübungen machten gleichsam die Erholungsstunden der Einwohner in dieser fernen Ansiedelung aus. Versammelten sie sich, um einander die Last des Lebens zu erleichtern, so machten Gebet und Gesang einen der gewöhnlichsten Gegenstände ihrer Unterhaltungen aus. Ihnen war eine Predigt, was Anderen, mehr an Eitelkeit gewöhnten, eine ergötzende Theatervorstellung ist, und unter ihnen gab es Niemand, der dem Wort Gottes ein kaltes unaufmerksames Ohr geliehen hätte. Buchstäblich gehorsam dem Gebot des Predigers, und im Einklang mit dessen eigenen Bewegungen, hatte jedes Auge in der Versammlung zugleich mit den seinen bei den Worten: »Erhebt Eure Augen aufwärts!« sich zu dem nackten Sparrwerk des Daches erhoben, als die gleich darauf erfolgten unbekannten Töne, diese augenblickliche Täuschung zerstörte und unterbrach. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß, wie durch gemeinsamen Antrieb, Alle eine Erklärung dieses außerordentlichen, ungewohnten Zurufs aufzufinden sich bemühten. Der Geistliche selbst blieb stumm, vor Verwunderung eben so sehr, als aus 126 Unwillen. Doch ein einziger Blick war hinreichend, die Versammlung zu überzeugen, daß neue und wichtige Dinge, die für alle vom höchsten Interesse sein würden, nun verhandelt werden müßten. Ein Fremder, ernsten Aussehens, ruhigen und verständigen Wesens, stand neben Whittal Ring. Sein Anzug war von dem einfachen Schnitt und den in der Colonie selbst bereiteten Stoffen des Landes. Doch war genug in seinem Aeußern und in seiner ganzen Gestalt von jenen Zurüstungen, wie sie sich an einem Manne zu finden pflegen, der mit den Kriegen der östlichen Halbkugel vertraut geworden, und welche denn auch Aller Augen auf ihn hinzogen. Seine Hand war mit einem glänzenden, breiten Schwerte bewaffnet, so wie sie damals die Reiterei von England trug, und um seine Schultern war der kurze Karabiner geworfen, mit dem man vom Pferde herabschoß. Seine Haltung war würdevoll, und es bedurfte keines zweiten Blicks, um alsbald einzusehen, daß er ein Eingedrungener von ganz verschiedener Art war und nichts mit dem träumenden, blödsinnigen Unschuldigen, der an seiner Seite stand, gemein hatte. »Warum ist Jemand, dessen Gesicht mir fremd ist, gekommen, um die Gottesverehrung in diesem Tempel zu stören?« fragte Meek, als seine Bestürzung ihn hatte zu Worten kommen lassen. »Dreimal ist dieser heilige Tag durch den Fuß eines Fremdlings entweiht worden, und wohl mögen wir fürchten, ob wir nicht unter dem Einfluß des Bösen stehen!« »Bewaffnet Euch, Männer von Wish-Ton-Wish! Bewaffnet Euch, eilt zu Euren Befestigungen!« Zugleich mit diesen Worten erscholl ein Geschrei von außen, und umkreiste das ganze Thal. Tausendstimmiges 127 Kriegsgeheul folgte darauf aus dem Walde, und schien in ein einziges Getümmel über das dem Untergang geweihte Thal hereinzubrechen. Das waren die bekannten Töne, die zu oft vernommen worden, oder die man den Andern zu viel beschrieben hatte, um nicht allgemein verstanden zu werden. Ein Auftritt allgemeiner Verwirrung und Unordnung erfolgte. Jeder hatte beim Eintritt in die Kirche seine Waffen an der Thür abgelegt, und dorthin sah man jetzt den größten Theil der stattlichen, stämmigen Grenzleute hineilen, um ihre Geschosse wieder zu ergreifen. Die Weiber sammelten ihre Kinder an ihre Seite, und das Wehklagen des Entsetzens und der Bestürzung begann die Schranken der Gewohnheit und Zucht zu durchbrechen. »Friede, Ruhe!« rief der Pfarrer, dem Anschein nach in einem über menschliche Regungen hinaus erhabenem Grade bewegt. »Ehe wir ausrücken, laßt Eure Stimmen zu unserm himmlischen Vater sich erheben. Dies Gebet wird so stark sein, wie tausend von Kriegsleuten, die uns zur Seite stehen und für uns kämpfen.« Die Erregung hörte auf und legte sich eben so plötzlich, als wenn ein Befehl von dem Orte ausgegangen, zu welchem ihre Bitte sich jetzt emporschwingen sollte. Selbst der Fremde, der den Vorkehrungen mit ernstem, jedoch ängstlichem Auge zugesehen, beugte sein Haupt, und schien sich mit ihnen in ihrem Gebet mit andächtigem, vertrauendem Herzen zu vereinen. »Herr!« sprach Meek, seine mageren Arme weit ausgestreckt, die flachen Hände hoch über die Häupter seiner Heerde offen haltend, »auf Dein Geheiß ziehen wir dem Feind entgegen, unter Deiner Hülfe werden uns die Pforten der Hölle 128 nicht überwältigen, mit Deiner Gnade haben wir Hoffnung im Himmel und auf Erden. Für Dein Heiligthum vergießen wir unser Blut, für Dein Wort kämpfen wir. Streite mit uns, König der Könige. Sende Deine himmlischen Heerschaaren zu unserer Hülfe, damit das Siegeslied Weihrauch sei auf Deinen Altären, und ein Schreckenston in den Ohren der Feinde – Amen.« Hier sank die Stimme des Betenden zu einer kaum hörbaren Tiefe herab; es lag eine übernatürliche Ruhe in den Tönen, und ein so großes Vertrauen auf den Schutz des angerufenen mächtigen Verbündeten, daß die Worte zu aller Herzen drangen. Es war gar nicht anders möglich, die natürlichen Gefühle der Furcht und Besorgniß mußten noch mächtig in ihnen sein, aber eine hohe, aufregende Begeisterung begann die Gemeinde weit über den Einfluß derselben zu erheben. So erweckt und erregt durch einen Aufruf der Gefühle, die nie ganz geschlummert hatten, und angefeuert durch alle bewegende Interessen des Lebens, strömten die Männer des Thals aus dem Tempel hervor und eilten zur Vertheidigung ihrer Person und ihres Heerdes, zur Vertheidigung, wie sie glaubten, ihrer Religion und ihres Gottes. Es that nicht allein dieser Eifer, sondern auch die Anstrengung und Aufbietung aller physischen Kräfte der Stärksten und Muthigsten unter ihnen drängend Noth. Das Schauspiel, das sich ihren Blicken darstellte, als sie in das offene Feld, in die freie Luft aus der Kirche heraustraten, war von der Art, daß es selbst den Muth noch weit geübterer Krieger hätte brechen und die Kräfte von Männern gelähmt haben würde, die den Eindrücken religiöser Aufregungen weniger empfänglich gewesen wären. 129 Dunkle Gestalten sprangen über die Felder hin, da wo sie an die Hügelreihen stießen, und überall den Bergabhängen und Abdachungen abwärts, welche in das Thal führten, sah man bewaffnete Wilde wie rasend und voll Wuth vorwärts auf ihrem Pfade der Verwüstung und Rache hin forteilen. Hinter ihnen hatte der Brand und das Messer sein Werk schon begonnen, denn das Blockhaus, die Pallisaden und die Außengebäuden Ruben Ring's und einiger Anderer, die an dem Saum der Ansiedelung wohnten, sandten schon Wolken schmutzigen Rauchs aus, in welchen spitze Flammen züngelten und wilde Feuersbrunst schon heftig sprühte. Aber am dringendsten war die Gefahr in der Nähe. Eine lange Reihe wilder Krieger war schon auf den Fluren vorgedrungen, nach welcher Richtung sich das Auge lenkte, fand es den entsetzlichen Beweis, daß das Dorf von allen Seiten von einer unwiderstehlichen Uebermacht umzingelt war. »In die Garnison!« riefen einige der Vordersten von denen, welche zuerst die eigentliche Beschaffenheit und den drohenden Charakter der Gefahr erkannt hatten, und drängten selbst vorwärts in der Richtung nach dem befestigten Hause zu, dem sie diesen seltsamen Namen gegeben. »In die Garnison oder wir sind verloren!« »Halt!« rief jene Stimme, die den Ohren der Meisten fremd war, sich aber auf eine solche Art hören ließ, daß ihr Umfang und ihre Festigkeit Gehorsam gebot. »Bei dieser tollen Unordnung sind wir in der That verloren! Laßt Capitain Contentius Heathcote herankommen, sich mit mir zu besprechen!« Trotz des Lärms und der Verwirrung, die jetzt in der That furchtbar rings um ihn zu wüthen begonnen hatten, 130 hatte doch der ruhige, selbstbeherrschte Mann, dem das gesetzmäßige und vielleicht auch moralische Recht zu befehlen, jetzt gebührte, nichts von seiner gewöhnlichen festen Haltung und Fassung verloren. Man hatte an dem Blick mächtigen Erstaunens, womit Contentius zuerst den Fremden bei dessen plötzlicher Unterbrechung des Gottesdienstes betrachtete, und an den Mienen geheimen Einverständnisses und Wiedererkennens, welche sie wechselten, deutlich gesehen, daß sie schon einmal früher zusammengetroffen. Indeß dies war keine Zeit zu Begrüßungen und Aufklärungen, auch war der Schauplatz gar nicht dazu geeignet, um kostbare Augenblicke in nutzlosen Kämpfen und Streitigkeiten, um Meinungen und Ansichten zu verlieren und zu verbringen. »Hier bin ich,« sagte der, welcher so herbeigerufen worden, »bereit, die Menge zu führen, wohin Deine Klugheit und Erfahrung mir den Weg zeigen wird.« »Sprich zum Volke und theile die Streitkräfte in drei Haufen von gleicher Stärke. Einer soll vorwärts nach den Wiesen zu dringen, um die Wilden zurückzuschlagen, ehe sie das Fort umzingeln. Der zweite begleite die Schwachen und Unmündigen auf der Flucht nach ihrem Schutzort, und mit dem dritten – doch Du weißt schon, was ich mit dem dritten vorhabe. Eile, oder wir verderben und verlieren Alles durch unser Zögern!« Es war vielleicht ein Glück, daß so nöthige und so dringende Befehle und Anordnungen einem Manne mitgetheilt und anvertraut wurden, der wenig an Ueberflüssigkeit in Worten und Reden gewohnt war. Ohne weder Lob noch Tadel noch sonst irgend eine abweichende Meinung und Ansicht vorzubringen, gehorchte Contentius schnell. An seine 131 Herrschaft, sein unbestrittenes Ansehen gewöhnt, und der gefährlichen, kritischen Lage sich bewußt, worin sich Alles befand, was ihnen theuer war, zeigten die Leute des Thals einen Gehorsam, der schneller und in seinen Wirkungen kräftiger war, als man dies sonst bei Männern zu finden pflegt, die mit den Sitten und Gewohnheiten der Mannszucht nicht sehr vertraut sind. Die streitbare Mannschaft war schnell in drei Haufen getheilt, jeder etwas mehr als zwanzig Mann stark. Der erste, von Eben Dudley befehligt, wendete sich im Schnellschritt nach den Wiesen, im Rücken der Festung, damit die brüllenden Schaaren der Wilden, welche schon den Weibern und Kindern ihren Zufluchtsort und Schutz abzuschneiden drohten, zurückgedrängt, im Anlauf gehemmt würden. Zu gleicher Zeit zog eine andere Abtheilung in einer beinahe entgegengesetzten Richtung ab, und nahm ihren Weg nach der Straße des Weilers zu, die sie besetzte, um Denen zu begegnen und die Spitze zu bieten, welche auf den Südeingang des Thales vordringen wollten. Der dritte und letzte dieser kleinen aber muthvollen und ganz ergebenen, alles aufopfernden Haufen blieb ruhig stehen und bildete, so zu sagen, eine ständige Hauptmacht, bestimmtere Befehle erwartend. In dem Augenblick, wo die erste dieser Abtheilungen von Streitkräften bereit war, aufzubrechen und sich in Bewegung zu setzen, erschien der Geistliche und stellte sich mit einer Miene an ihre Spitze, worin geistliches Vertrauen und Ergeben in den Schutz und die Zwecke der Vorsehung mit weltlichem Muthe vereinigt waren. In einer Hand trug er eine Bibel, welche er gleichsam als geheiligtes Banner für sein Gefolge hoch in die Höhe hielt, in der andern aber 132 schwang er ein kurzes, breites Schwert, und das auf eine Weise, welche zeigte, es möge gefährlich sein, seiner Klinge zu begegnen. Das Buch war offen und in kurzen Zwischenräumen las der Geistliche mit hoher bewegter Stimme solche Stellen, wie sie gelegentlich und zufällig sein Auge auf sich zogen, während die Blätter auf eine Weise vom Winde aufgeblasen und bewegt wurden, welche eine etwas seltsame Mischung von Lehre und Aufregung in dem, der das heilige Buch in den Händen hielt, verriethen. Aber gegen diese geringen, unbedeutenden moralischen Widersprüche und Unebenheiten war sowohl der Seelenhirt als auch seine Pfarrkinder gleichmäßig unempfindlich und gleichgültig; da ihre spitzfindigen, geistlichen Uebungen und religiösen Gewohnheiten in allen eine Neigung und Geschicklichkeit hervorgebracht hatten, vermöge deren sie sehr leicht und kunstreich alle scheinbaren Widerstreite und Verschiedenheiten eben so gut vereinigten, als sie die abstraktesten Dogmen auf die mehr bekannteren, ihnen geläufigeren Interessen des gewöhnlichen Lebens anwandten. »Israel und die Philister hatten ihr Heer in Schlachtreihen gestellt, ein Heer gegen das andere Heer,« begann Meek, als die Truppe, die er führte, sich in Marsch setzte. Dann in kurzen Zwischenräumen weiter lesend, fuhr er fort. »Siehe, ich will Dinge thun in Israel, daß Jedem, der sie hört, beide Ohren gellen sollen.« – »O Haus Aron's, vertraue auf den Herrn, er ist Deine Hülfe und Dein starker Schild. – Rette mich, o Herr, von den Gottlosen, bewahre mich vor den Gewaltigen. – Laß glühende Kohlen auf ihr Haupt sich sammeln, laß sie in den brennenden Ofen geworfen werden, in tiefe Brunnen, daß ferner sie sich nicht 133 erheben. Laß die Bösen in ihr eigenes Netz fallen, doch mich laß ihren Schlingen entgehen unversehrt. – Deßwegen liebt mich der Vater, weil ich das Leben lasse, damit ich es wieder nehme. – Wer mich hasset, hasset auch den Vater. – Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. – Sie haben gehört, daß geschrieben steht, Auge um Auge und Zahn um Zahn! – Aber Josua zog seine Hand nicht zurück, womit er den Speer geschleudert hatte, bis er gänzlich ausgerottet alle Einwohner von Ai. – –« So weit waren Meek's Worte denen verständlich, welche zurückblieben, bald aber machte die Entfernung die Worte undeutlich, und zuletzt blieb ihnen nichts hörbar, als das wilde Kriegsgeschrei des Feindes, der Schritt der Männer, die, ihren Seelsorger an der Spitze, ungeduldig vorrückten, und einzelne scharfe und gellende Töne, womit dieser die Ohren, das Blut und die Herzen seines Nachtrabes, wie mit Trompetenschall anfeuerte. Wenige Minuten später war der kleine Trupp von dem Buschwerk der Felder bedeckt, und das Knallen der Feuerwaffen erfolgte, ganz in der langsamen, bezeichneten Weise ihres allmählichen Vordringens. Während diese Bewegung auf der Fronte vor sich ging, war der Haufe, der zur Deckung des Dorfes beordert worden, nicht müßig. Von einem stämmigen, stattlichen Milizsoldaten befehligt, der die Charge eines Lieutenants bekleidete, drang er mit weniger religiösen Vorkehrungen und ohne biblische Sprüche vor, jedoch mit gleicher Schnelligkeit und demselben thätigen Muthe; er nahm die Richtung nach Süden, und das Getöse des Streits und des Kampfs ward nun auch bald von dieser Seite her vernommen, und verrieth eben 134 so sehr die drängende Nothwendigkeit der getroffenen Maßregel, als die Hitze und Hartnäckigkeit des Gefechts. Mittlerweile zeigten die, welche vor der Kirche zurückgelassen worden, gleiche Entschlossenheit, nur war sie, eine Folge der Umstände und des Auftrages, Weiber und Kinder zu schützen, gemäßigt. Sobald als Meek's Haufe weit genug vorgerückt war, den Nachbleibenden hinreichende Sicherheit zum Aufbruch zu gewähren, gab der Fremde Befehl, die Kinder nach dem befestigten Hause zu bringen. Dies Geschäft wurde von den zitternden Müttern vollbracht, welche mit Mühe und nicht ohne großen Aufwand von Beredsamkeit dazu bewogen worden, diese Vorsichtsmaßregeln noch zu verschieben, bis ruhigere, kältere Köpfe erklären würden, daß der geeignete Augenblick gekommen sei. Einige von den Frauen zerstreuten sich in die Wohnungen, um die Schwachen und Gebrechlichen aufzusuchen, während die herangewachsenen Knaben eifrigst damit beschäftigt waren, die unentbehrlichsten Geräthschaften aus den Häusern hinter die Pallisaden zu schaffen. Da alle diese verschiedenen Bewegungen und Maßregeln gleichzeitig ausgeführt und getroffen wurden, so verflossen nur sehr wenige Minuten zwischen der Zeit, wo die Befehle gegeben, und dem Augenblicke, wo sie schon ausgeführt und erfüllt waren. »Ich hatte beabsichtigt,« sagte der Fremde zu Contentius, als nichts mehr zu thun übrig blieb, als was für den dritten Haufen bestimmt war, »Du solltest mit der Mannschaft die Wiesen besetzen. Da aber von dieser Seite Alles gut geht, so wollen wir uns zusammen in Bewegung setzen und zu gleicher Zeit vorrücken; aber warum zögert noch diese Jungfrau hier?« 135 »In der That; ich weiß es nicht; es müßte denn aus Furcht geschehen. Martha, was zögerst Du? Der Weg zum Fort ist ja offen; geh' mit Andern Deines Geschlechts.« »Ich will,« sagte das Mädchen mit leiser, aber fester Stimme, »mit Denen gehen, die in den Kampf ziehen, um unsere Wohnungen zu beschützen.« »Und wie weißt Du denn, daß dies die Absicht und Aufgabe derer ist, welche sich hier aufgestellt finden?« fragte der Fremde mit einem leichten Anstrich von Unwillen, daß seine militairischen Zwecke und Pläne auf diese Weise voraus vermuthet und geahnt worden sein sollten. »Ich lese es in den Gesichtszügen Derer, die hier noch stehen und zögern,« entgegnete Martha, und warf einen verstohlenen Blick auf Marcus, dem vor Ungeduld die Sohlen brannten, bei der Gefahr, die seinem Vaterhause und dessen Bewohnern drohte. »Vorwärts,« rief der Fremde, »hier ist nicht Zeit und Gelegenheit zum Streit und Wortwechsel. Macht, daß das Mädchen Vernunft annimmt und nach dem Fort eilt. Mir nach, Männer von Herz und Muth, sonst wird's zu spät.« Martha wartete, bis der Haufen einige Schritte vorgerückt war, und dann statt der wiederholten Befehle, die sie für ihre eigene Sicherheit zu sorgen hießen, zu willfahren, schlug sie die Richtung ein, welche der bewaffnete Haufen genommen. »Ich fürchte, es wird unsere Kräfte überschreiten, das Haus zu behaupten,« bemerkte der Fremde zu Contentius, als Beide an der Spitze neben einander gingen, »da wir in so weiter Ferne auf keine Verstärkung zu rechnen haben.« »Und doch wäre das Unglück gar zu groß, wenn wir 136 uns zum zweiten Mal nach einem Wohnplatz umsehen müßten. Auf welche Weise erhieltest Du Nachricht von diesem Einfall?« »Die Wilden glaubten sich in dem verborgenen, listig angelegten Plätzchen, wo, wie Du weißt, ich mich versteckte, und mein Auge Gelegenheit hatte, ihre Künste und Ränke zu durchschauen, vor aller Beobachtung und Entdeckung gesichert. So zeigt sich die Vorsehung in unsern geringfügigsten Anordnungen, in unsern am wenigsten scheinbaren Berechnungen. Ein Versteckthalten, ein Gefängniß gleichsam, das lange, trübselige Jahre gedauert, empfängt auf diese Weise heute in der warnenden Nachricht, die es mir zu geben in Stand setzte, seine volle Belohnung und Vergeltung.« Contentius schien sich hiermit zu beruhigen, denn die Zeit war nicht zu weiterer Erörterung geeignet. Als sie sich der Wohnung der Heathcote's näherten, erhielten sie natürlich auch eine bessere Gelegenheit und wurden mehr in den Stand gesetzt, die Lage der Dinge in und um das Haus genauer zu beobachten und zu untersuchen. Es war nämlich vom Dorfe so abgelegen, daß ein Versuch vor Ankunft der Hülfe es zu verlassen, um das Fort zu erreichen, ein verzweifeltes Wagestück gewesen sein würde. Die Wiesen, welche zwischen den Häusern und dem Zufluchtsort lagen, waren schon ganz belebt und erfüllt von den wilden, rohen Kriegern des Feindes. Aber es zeigte sich auch bald, daß der Puritaner, dessen Gebrechlichkeit und Schwäche ihn zu Hause im Zimmer hielt, gar nicht einen solchen gefährlichen Plan, eine solche Absicht hegte; denn man sah deutlich, wie die Fenster der Wohnung verrammelt und allerlei Vorkehrungen zur Vertheidigung getroffen wurden. Contentius's Gefühle, welcher 137 wußte, daß das Haus nur sein Weib und seinen Vater mit einer Dienerin einschloß, wurden fast bis zum Todeskampfe erregt; er befand sich in der äußersten Seelenangst, als der Haufe, den er befehligte, sich von der einen Seite in fast gleicher Entfernung mit einer Bande Wilder, die ebenfalls gerade aus den Wäldern hervor, auf einer andern Seite der Wohnung zustürzte, auf das Haus sich hinbewegte. Die Maßregeln zum Schutz, zur Vertheidigung waren zwar dieselben, wie sie eine lange Erfahrung vorschrieb; nur kam es ihm vor, als ermatteten dabei die zitternden Hände seines Weibes, als habe Eile und Furcht zugleich ihre Sehnen abgespannt. »Darauf los und angegriffen, oder die Wilden kommen uns zuvor,« rief er mit einer Hast, die seiner sonst ruhigen Gemüthsart fremd waren. »Seht, schon dringen sie in den Obstgarten, noch ein Augenblick, und sie werden Herren von dem Wohnhause sein!« Festen Fußes und kühlern Blicks ging sein Gefährte neben ihm, ohne seine Schritte zu verdoppeln. In seinen Blicken sprach die Einsicht eines Mannes von Erfahrung; aus seinen Zügen der des Befehls kundige Anführer. »Fürchte nichts,« antwortete er, »entweder ist alle Kunst des alten Marcus Heathcote gänzlich von ihm gewichen, oder er ist noch der Mann, der seine Burg gegen einen ernsten Anfall zu vertheidigen versteht. Wenn wir unsere Reihen und Marschordnung aufgeben, so verlieren wir das Uebergewicht des geschlossenen Anrückens, und da unsere Zahl geringer, so ist unsere Niederlage unvermeidlich, aber mit dieser Fronte und einer geziemenden Standhaftigkeit und Festigkeit kann unser Anmarsch nicht leicht zurückgeschlagen werden. Dir, 138 Capitain Contentius Heathcote, braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der, welcher diesen Rath gibt, mehr als einmal mit den Wilden handgemein gewesen.« »Ich weiß es wohl, – aber siehst Du nicht meine arme Ruth, wie sie sich mit der Fensterlade dort abquält, die nicht anschließen will? Sie werden sie tödten, – denn horch! da beginnt das Schießen der Feinde!« »Nein, das ist der, der einstens die Truppen, bei denen ich mich befand, in ganz andern Kriegen anführte!« rief der Fremde, dessen Gestalt sich mehr aufrichtete, und dessen gedankenvolle, tief gefurchte Züge etwas von dem annahmen, was der ernsten, wilden Lust glich, die sich in dem Soldaten entzündet, wenn das Getöse der Schlacht und des Streites sich erhöht und vermehrt. »Es ist der alte Marcus Heathcote, er bleibt seiner Erziehung, seinem Namen treu und wahr! Er hat die Feldschlange gegen die Schelme losgelassen! Sieh, sie sind schon geneigt, den, der so kühn mit ihnen spricht, in Ruhe zu lassen, und brechen hier zur Linken durch die Zäune, damit wir auch etwas von ihrem Besuch und ihrer Beschaffenheit schmecken mögen. – Nun, kühne Engländer, fest von Hand und muthigen Herzens, Ihr habt schon Zucht und Uebung im Dienst, und jetzt soll es Euch nicht an einem Beispiel fehlen. Euch stehen Weiber und Kinder in der Nähe, die Eure Thaten mit anschauen, und oben ist Einer, der Acht gibt, wie Ihr in seiner Sache die Waffen führt. Hier ist Gelegenheit für Euer Geschick und Euern Muth; peitscht die Cannibalen mit der Todesgeißel. Auf, auf, zum Angriff! Zum Sieg!« 139   Siebentes Kapitel. Hektor.   Ist dies Achilles? Achilles. Ich bin's. Hektor. O steh'! ich bitt' Dich, daß ich Dich betrachte! Troilus und Cressida.           Es möchte jetzt nöthig sein, einen schnellen Ueberblick des Schlachtfeldes und der verschiedenen Gefechte auf demselben zu geben. Der von Dudley angeführte und vom Pastor Sanftmuth durch Bibelsprüche und Gebete angefeuerte und ermuthigte Haufe hatte, als er die Wiesen hinter dem Fort erreicht, seine Reihen und Marschordnung aufgegeben, und hinter Baumstümpfe und Zäune, die ihm ihren Schutz darboten, gesichert, auf die ungeregelte Bande, die sich in die Felder drängte, sein Feuer mit gutem Erfolg begonnen. Diese Entschlossenheit brachte schnell eine Aenderung in der Weise des Vordringens hervor. Die Indianer suchten nun auch ihrerseits bedeckte, gesicherte Orte auf, und der Kampf nahm jenen vereinzelten, abgebrochenen aber gefährlichen Charakter an, wobei die Standhaftigkeit und die Hülfsquellen jedes Kriegers für sich auf die härtesten Proben gestellt werden. Der 140 Erfolg, das Kriegsglück schien ungewiß und schwankend, da die Weißen bald den Raum zwischen den Wilden und ihren Freunden in der Wohnung weiter machten, und dann wieder zurückgingen, als seien sie entschlossen, Schutz hinter den Pallisaden des Forts zu suchen. Die Indianer waren an Zahl weit überlegen, wogegen die Weißen den Vortheil der Waffen und der Kriegskunst hatten. Es war der offenbare Wunsch, das Hauptbestreben der ersteren, sich durch den kleinen Haufen, der ihnen entgegenstand, Bahn zu brechen, zumal da sie von Weitem Zeugen des im vorigen Kapitel beschriebenen Treibens mit Geräthschaften in und nach dem Fort gewesen waren, – ein Schauspiel, das nur wenig geeignet war, den wilden Eifer eines indianischen Ueberfalls abzukühlen und zu schwächen. Aber die vorsichtige Weise, in der Dudley seine Mannschaft anführte, machte dies zu einem Versuch von der äußersten Gefahr. So schwerfällig von Verstand der Fähnrich auch bei andern Gelegenheiten sich zeigen mochte, der gegenwärtige Fall war eine in jeder Hinsicht sehr geeignete Begebenheit, um seine besten und männlichsten Eigenschaften in ihm aufzuregen und Allen vor Augen zu stellen. Von großer, kräftiger Gestalt, fühlte er in Augenblicken des Streits und Gefechts einen Grad von Vertrauen und Muth in sich, der der Größe der physischen Stärke, über die er zu gebieten hatte, ganz angemessen war. Dieser kühnen Sicherheit und Furchtlosigkeit mußte ein sehr bedeutender Theil jener Art von Schwärmerei und Erregung zugeschrieben werden, die in den stumpfsten Gemüthern erweckt werden mag, und welche gleich dem Zorne eines ruhigen, gleichmüthigen Mannes durch das gewöhnliche stille Verhalten der Person nur um so furchtbarer wird. Auch 141 war dies bei weitem nicht die erste von des Fähnrich Dudley's kriegerischen, männlichen Thaten. Wir haben ihn schon als muthigen Krieger bei dem früher geschilderten Ueberfall gesehen. Auch in verschiedenen andern feindlichen Kriegszügen gegen die Eingebornen hatte er sich ausgezeichnet und bei allen Gelegenheiten kaltes Blut und einen unternehmenden Geist gezeigt. Beide dieser wesentlichen Eigenschaften thaten jetzt in der Lage, worin sich der Fähnrich befand dringend Noth. Indem er seine kleine Streitmacht weislich ausdehnte, und sie doch zu gleicher Zeit vollkommen in einer Entfernung, einer von dem andern, hielt, so daß sie sich wechselseitig unterstützen und vertheidigen konnten; indem er die Vorsicht seiner Feinde nachahmte und die geschützten Stellen, das Gebüsch und die Zäune aufsuchte, und immer einen Theil seines Feuers auf seiner ganzen durchbrochenen, aber doch wohlgeordneten Linie für besondere Fälle aufbewahrte und zurückhielt, – durch Alles dieses gelang es ihm auch, die Wilden zurückzutreiben von Baumstumpf zu Baumstumpf, von Hügel zu Hügel, von Gehege zu Gehege, bis sie sich allmälig vorsichtiger Weise über den Rand des Waldes zurückzogen. Sie weiter zu verfolgen, ließ Klugheit und Erfahrung nicht zu. Er sah Viele seiner Leute bluten, sah ihre Wunden fließen, ihre Kräfte abnehmen. Der Schutz der Bäume gab dem Feinde einen zu großen Vortheil, es wäre tollkühn gewesen, sie in ihrer Stellung anzugreifen, und gänzliche Vernichtung und Untergang würde die unvermeidliche Folge des ungleichen Kampfes gewesen sein. In diesem Augenblick des Streites warf Dudley ängstliche und forschende Blicke hinter sich. Er sah, daß keine Verstärkung zu erwarten war, sah mit Kummer, daß Weiber und Kinder 142 noch geschäftig waren, die nothwendigsten Geräthe aus dem Dorfe in das Fort zu schaffen. Indem er sich daher auf eine bessere Schutz- und Vertheidigungslinie zurückzog, auf eine Entfernung, welche wesentlich die Gefahr vor den Pfeilen verringerte, – der Waffengattung des größten Theils der Feinde, – wartete er in finsterm, ernsterm Schweigen den geeigneten Augenblick ab, wo er seinen Rückzug noch weiter bewerkstelligen könnte. Während Dudley's Haufen so in der besten Fassung und zu Allem bereit und gerüstet dastand, ertönte plötzlich ein wildes Geschrei in den Laubgängen des Waldes. Es war ein Ausruf der Freude, ausgestoßen in der rohen Weise dieser Völker, woraus man schließen konnte, daß irgend ein plötzlicher und allgemeiner Antrieb zur Lust die Bewohner der Waldungen angefeuert und erregt hatte. Die aneinander gedrängten Dorfbewohner sahen sich einander voll Unruhe an; aber da sie in der ersten Miene ihres Führers nichts Schwankendes und Unsicheres gewahrten, hielt sich Jeder fest auf seiner Stelle und erwartete einige weitere Anzeichen und Darlegungen von den Planen ihrer Feinde. Vor Ablauf einer Minute zeigten sich zwei feindliche Krieger an dem Rande des Waldes, wo sie dem Anschein nach in Betrachtung der verschiedenen Auftritte stehen blieben, welche auf den einzelnen Seiten des Thales vorgingen. Mehr als eine Muskete wurde auf sie angelegt; aber ein von Dudley gegebenes Zeichen verhinderte Schritte und Bewegungen, die auch wohl sehr wahrscheinlich durch die nie schlummernde Wachsamkeit eines amerikanischen Wilden zu nichte gemacht worden und vergeblich gewesen wären. Es lag aber auch etwas in dem Aeußeren und der 143 Haltung der Beiden, was offenbar dazu beitrug, diese Schonung und Rückhaltung in Dudley zu erregen. Es waren augenscheinlich zwei Häuptlinge, und zwar von weit größerer als gewöhnlicher Würde. Wie dies bei den Kriegsanführern der Indianer häufig der Fall war, zeigten sie sich auch als Männer von hoher, gebietender Gestalt. Von der Entfernung aus gesehen, erschien der Eine wie ein Krieger, der schon die Mittagslinie seines Lebens erreicht hatte, während der Andere den leichten Schritt und die biegsameren Bewegungen eines Mannes von geringerem Alter verrieth. Beide waren wohlbewaffnet, und wie dies bei Völkern ihrer Race im Krieg gewöhnlich war, nur in die gebräuchlichen, dürftigen Bedeckungen von Wämsern und Beingewändern eingehüllt. Die ersteren jedoch waren von Scharlach und die andern reichlich mit Franzen und all den glänzenden Farben geziert, wie sie die Indianer zum Schmuck sich auswählen. Der Aeltere von den Beiden trug eine Art von Turban um sein Haupt, des Jüngeren Scheitel war geschoren und mit der gewohnten ritterlichen Skalpirlocke versehen. Die Berathung, sowie der größte Theil der Vorfälle, die wir eben jetzt erzählt haben, nahm nur sehr wenige Augenblicke weg. Der Aelteste der Häuptlinge schien dem Jüngeren einige Befehle und Anordnungen zu ertheilen, und Dudley's Gemüth war ängstlich damit beschäftigt, die Art ihres Inhalts zu entdecken, um der Ausführung, wo möglich, zuvorzukommen. Hierauf verschwanden Beide, und Dudley würde sich wahrscheinlich lange vergebens abgemüht haben, hätte ihm der Erfolg nicht bald Aufschluß gegeben. So aber erscholl ein lauter, allgemeiner Ruf ihm zur Rechten, und als er im Begriff stand, diesem Flügel mit drei 144 oder vier seiner besten Schützen zu verstärken, sah er schon den jüngeren Häuptling schnell über die Wiesen hineilen, und einen Haufen schreiender Wilden nach den Gebüschen zuführen, welche das entgegengesetzte Ende seiner Schlachtreihe beherrschten. Kurz, die Stellung Dudley's war vollkommen umgangen, und die Baumstümpfe und Winkel der Zäune, welche seine Leute trennten, mochten leicht fernerhin für ihn von keinem Nutzen mehr sein. Diese Lage erforderte eine schnelle entschlossene Entscheidung. Der Fähnrich sammelte seine Mannschaft, ehe der Feind noch Zeit gehabt, sich seines Vortheils zu bedienen, und eilte dem Fort zu. Bei dieser Bewegung wurde er durch die natürliche Beschaffenheit des Bodens begünstigt, was ein Umstand war, den man bei dem Vordringen wohl berücksichtigt und beachtet hatte. In sehr wenigen Augenblicken fand sich der Haufe sicher unter dem Schutz eines Kleingewehrfeuers von den Pallisaden aus aufgestellt, und dies zerstreute Schießen machte bald dem Verfolgen der schreienden, frohlockenden Feinde ein Ende und hielt sie in ziemlicher Entfernung. Die Verwundeten zogen sich, nachdem sie erst ernst oder vielmehr trotzig Halt gemacht, – wodurch sie beabsichtigten, den Feinden die unbeugsame, nicht zu brechende Entschlossenheit der Weißen kund zu thun, – nun in die Vertheidigungswerke zurück, um dort Hülfe und Beistand zu erhalten; so daß Dudley's Streitschaar fast um die Hälfte verringert wurde. Mit dieser verminderten Macht entschloß er sich schnell, Denen, welche am entgegengesetzten Ende des Dorfes im Gefecht begriffen waren, zu Hülfe zu eilen. Wir haben schon erwähnt, daß im Anfang der Colonieenanlegung die Häuser einer neuen Ansiedelung eins an das 145 andere gebaut wurden. Zu dem gewöhnlichen Grunde, welche diese unzweckmäßige, unmalerische Bauart in neun Zehntel der Städte des Festlandes von Europa eingeführt hat, kam noch für die Colonisten von Wish-Ton-Wish ein zweiter, aus ihrer Religion entlehnter. In einer der puritanischen Verfügungen nämlich hieß es: »Niemand darf sein Wohnhaus weiter als eine halbe, höchstens eine ganze englische Meile von dem Versammlungsort der Gemeinde, wo die Kirche sich gewöhnlich zur Verehrung und Anbetung Gottes befindet, aufbauen.« Der »gemeinsame Gottesdienst« wurde als einziger Grund zu dem willkürlichen Gesetze angegeben, aber es ist auch ganz wahrscheinlich, daß gegenseitige Unterstützung gegen eine Gefahr von weit mehr weltlichem, irdischen Charakter noch ein zweiter Beweggrund war. Es fanden sich daher Viele innerhalb des Forts, welche die rauchenden Trümmerhaufen, die man hier und da auf den Waldlichtungen an den Hügeln gewahrte, als Bestrafungen ansahen; welche die Zerstörungen der Häuser einem Nichtachten jenes Schutzes zuschrieben, welcher, wie sie meinten, Denen zu Theil ward, die sich mit dem größesten Vertrauen, selbst in den Formen irdischer, weltlicher Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln, auf die alles tragende, alles erhaltende Macht einer alles leitenden, allsehenden Vorsehung verließen und sich auf sie gleichsam stützten. Unter der Zahl dieser war auch Ruben Ring, der sich dem Verlust seiner Wohnung als einer verdienten Strafe seines Leichtsinns fügte, die ihn verführt und gereizt hatte, ein Wohnhaus gerade an der äußersten Grenze der vorgeschriebenen Entfernung aufzurichten. Als Dudley's Häuflein sich zurückzog, stand Ruben am Fenster des Zimmers, in welches seine fruchtbare Ehegenossin 146 mit ihrem eben erst erhaltenen reichlichen Segen sicher und wohlverwahrt eingebracht worden war, denn in jenem Augenblick der Verwirrung sah sich der Gatte genöthigt, die doppelte Pflicht einer Schildwache und einer Wärterin zu versehen. Er hatte eben erst seine Büchse auf die andrängenden Indianer und, wie er mit Recht glaubte, nicht ohne Erfolg abgefeuert, und stand im Begriff, wieder zu laden, als er sein trauerndes, schmerzvolles Auge auf den Haufen rauchender Asche und Trümmer warf, welche jetzt da den Boden deckten, wo noch gestern sein bequemes Haus gestanden hatte. »Ich fürchte sehr, Abundanz ,« sagte er, und schüttelte das Haupt mit einem Seufzer, »ich fürchte sehr, es ist ein Irrthum in dem Abmessen der Entfernung zwischen dem Gotteshause und der Waldlichtung vorgefallen. Schon damals hatte ich einige Besorgnisse und üble Ahnungen wegen der Gesetzlichkeit und Rechtmäßigkeit, die Meßkette so über die Vertiefungen und Anhöhen hinzuziehen; aber die liebliche Erhöhung, worauf die Wohnung stand, war in meinen Augen so gesund. so bequem und so reizend, daß, wenn es eine Sünde gewesen, etwas über die Grenze hinausgegangen zu sein, ich hoffe und vertraue, es werde eine sein, die mir vergeben werden kann. Ach! dort ist auch kein Balken übrig, der nicht zu Asche heruntergebrannt wäre!« »Richte mich auf, Mann,« entgegnete die schwache Wöchnerin, »nimm mich in Deinen Arm, damit ich die Stelle sehe, wo meine Kleinen das Licht der Welt erblickten.« Es geschah, und einen Augenblick lang starrte die Frau 147 in tiefem Schmerz auf die rauchende Brandstätte. Dann aber als sich ein neues Geschrei aus der Mitte des Feindes erhob, und bis zu ihr hingetragen wurde, da erzitterte sie und wandte mit der Zärtlichkeit und ängstlichen Sorge einer Mutter sich nach den von diesem allem nichts wissenden, unbesorgten Wesen hin, die an ihrer Seite schlummerten. »Dein Bruder ist von den Heiden bis an den Fuß der Pallisaden getrieben und zurückgedrängt worden, und hat seine Streitmacht durch viele, die verwundet wurden, bedeutend verringert gesehen,« bemerkte der Andere, nachdem er seine Ehefrau für einen Augenblick mit männlicher Güte und Freundlichkeit angesehen hatte. Eine kurze aber beredte Pause erfolgte. Die Mutter wandte das thränenvolle Antlitz aufwärts und antwortete, indem sie eine schwache, alles Bluts ermangelnde Hand ausreckte: »Ich weiß, was Du gern thun möchtest. Es geziemt sich nicht, daß Sergeant Ring eine Krankenwärterin sei, während der feindliche Indianer in seines Nachbars Feldern hauset. Geh', wohin die Pflicht Dich ruft, und vollbringe als Mann. was Dir zu thun obliegt. Doch möchte ich Dich erinnern und an's Herz legen, daß Du nicht vergäßest, wie viele jetzt sich vorfinden, welche auf Dein Leben vertrauen und von ihm Vaterssorge verlangen.« Zuerst warf Ring einen vorsichtigen Blick um sich, wie es die sittsamen, ernsten Gebräuche der Puritaner erheischten; dann, als er sich überzeugt hatte, daß das Mädchen, welches zu Zeiten hereinkam, um die Wöchnerin zu pflegen, gegenwärtig gerade nicht da war, trat er näher, drückte seine Lippen auf die Wangen seiner Frau, warf einen 148 mitleidsvollen Blick auf seine kleine Nachkommenschaft, warf dann die Muskete über die Schulter und eilte in den Hof. Als Ruben Ring sich Dudley und dessen Schaar anschloß, hatte dieser gerade den Befehl gegeben, sich in Marsch zu setzen, um zu Denen zu stoßen, welche immer noch standhaft und muthvoll den südlichen Eingang des Dorfes vertheidigten. Das Geschäft, die nothwendigsten Lebensbedürfnisse in Sicherheit zu bringen, war noch nicht beendet, und so erschien es denn in jeder Hinsicht als ein Gegenstand von der äußersten Wichtigkeit, das Dorf immer noch gegen den Feind zu vertheidigen. Indeß war die Aufgabe nicht so schwierig, als es die große Ueberzahl der Indianer hatte befürchten lassen. Der Kampf hatte um diese Zeit sich zu dem Streithaufen hingezogen, welcher von Contentius angeführt ward, und folglich sahen sich die Indianer genöthigt, ihre Macht zu theilen. Die Häuser selbst, mit den Zäunen und Außengebäuden waren eben so viele Schanzen und Bollwerke, und es war augenscheinlich, die Angreifenden verfuhren mit einer Umsicht und Uebereinstimmung, welche zeigte, daß sie von einem Geist angeführr wurden, der weit höhere Gaben von Feldherrntalent empfangen, als diese sonst einem gewöhnlichen Geiste eigen sind. Dudley's Aufgabe war nicht mehr so schwierig als vorher, da der Feind ferner nicht mehr seinen Zug drängte, und vorzog, die Bewegungen Derer zu bewachen, welche das verschanzte Haus noch inne hatten, und deren Anzahl er nicht kannte, über deren Angriffe er indeß augenscheinlich besorgt und ängstlich war. Sobald als die Verstärkung den Lieutenant erreichte, welcher das Dorf vertheidigte, befahl er den Angriff, und seine Leute drangen muthig mit Kriegsgeschrei 149 vor; Einige sangen geistliche Lieder, Andere erhoben ihre Stimme im Gebet, wahrend einige Wenige furchtbare gräßliche Töne erhoben, wodurch sie den Zweck vielleicht nicht minder wirksam erreichten, dem Feinde Furcht einzujagen, und da das Ganze von einem kräftigen Flintenfeuer begleitet wurde, so war der endliche Ausgang auch von Erfolg und siegreich. Nach wenigen Augenblicken floh der Feind und ließ jenen Theil des Thales für einige Zeit frei von allen Besorgnissen und Gefahren. Verfolgung wäre Thorheit gewesen. Nachdem an verborgenen sicheren Orten zwischen den Behausungen Vorposten ausgestellt worden, zog sich der ganze Haufe zurück, mit dem Plan, den Feind abzuschneiden, welcher immer noch die Wiesen in der Nähe des Forts inne hatte. Doch dieses gelang nicht, denn im Augenblick, wo die Indianer sich gedrängt sahen, eilten sie, den Schutz des Waldes zu erreichen, und als die Weißen zu ihren Vertheidigungswerken wieder zurückkehrten, wurden sie so verfolgt, daß man deutlich sehen konnte, sie würden keine weiteren Bewegungen machen können, ohne sich der Gefahr eines ernsthaften Angriffs auszusetzen. In dieser Lage mußten denn sowohl die Besatzung des Forts, als die Mannschaft, die sich davor gesammelt hatte, unthätige Zuschauer der Auftritte sein, welche bei »Heathcotehouse,« wie die Wohnung des alten Marcus gewöhnlich genannt wurde, stattfinden sollten. Das befestigte Gebäude war zum Schutz des Dorfes und seiner Bewohner errichtet worden, ein Zweck, den seine Stellung erreichbar machte; aber es konnte Denen keinen Beistand leisten, die sich außerhalb der Schußweite von Musketen befanden, keine Unterstützung und Hülfe gewähren. 150 Das einzige Geschütz, das der Ansiedelung angehörte, war die Feldschlange, die von dem Puritaner losgebrannt worden, und für den Augenblick dazu gedient hatte, das Vordringen seiner Feinde aufzuhalten und unmöglich zu machen. Aber der Zuruf des Fremden an seine Mannschaft, womit das letzte Kapitel schloß, zeigte hinlänglich und ließ keinen Zweifel darüber, daß der Angriff von dem Hause weggelenkt worden und daß Arbeit sehr blutiger Art sich jetzt denen aufdrang und darbot, die er und sein Gefährte führten. Der Boden um die Wohnung der Heathcote's ließ ein Handgemenge zu, und war zu einem tödtlicheren Kampf und Ringen geeigneter, als dies bei dem der Fall gewesen, auf welchem die andern Theile des Gefechts vorgegangen waren. Die Zeit hatte die Bäume in dem Obstgarten schon zu einer beträchtlicheren Höhe herangezogen, und der wachsende Wohlstand hatte Veranlassung gegeben, daß die Einschließungen und Zäune sich vermehrt, und daß auch die Außengebäude mehr gesichert und geschützt worden. In dem Obstgarten nun war es, wo die feindlichen Haufen aufeinander stießen, und wo es zu dem Ausgang kam, welchen der kriegserfahrene Fremde vorausgesehen hatte. Contentius theilte wie Dudley seine Mannschaft, und so begannen sie mit ihrem Feuer mit derselben bewachten, vorsichtigen Rückhaltung, welche auch von den andern Haufen beobachtet und in Anwendung gebracht worden war. Der Erfolg krönte nochmals die Anstrengungen der geübteren Kriegszucht; die Weißen schlugen allmählig ihre Feinde zurück, bis sich sogar die Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit zeigte, sie gänzlich auf ihren Nachzug in das offene Feld zurückzudrängen, ein Erfolg, der mit einem Sieg ganz und 151 gar gleich bedeutend gewesen wäre. Aber eben in diesem, ihren Hoffnungen so sehr schmeichelnden Augenblick vernahm man einen Ausbruch von Geschrei, und zwischen Rauchsäulen stürzte, wie finstere, bösartige Gespenster, die verstärkte Bande von Neuem hervor. Voran zeigte sich, das Haupt turbanartig umwunden, der riesenhohe Häuptling mit seiner furchtbaren Stimme und gebietender, herrschender Gestalt an der Spitze, ihm folgten die vorher schwankenden Reihen festgedrängt vorwärts. Das Kriegsgeschrei verdoppelte sich; denn auf der Flanke rückte ein anderer Häuptling, den Tomahawk mit fester Hand schwenkend, vor. Beide Haufen flossen in einen gedrängten Phalanx zusammen und drohten die Weißen mit sich fortzureißen, gleich wie der hervorbrechende Bergstrom Verwüstung auf seinem Laufe mit sich führt. »Bildet ein Viereck, Leute!« rief der Fremde des eigenen Schutzes und Lebens uneingedenk und nur die äußerste Noth beachtend; »in ein Viereck, Christen; und stehet fest wie die Säulen!« Contentius wiederholte den Befehl, er lief von Mund zu Mund. Aber ehe noch die auf den Seiten den Mittelpunkt erreichen konnten, war der Stoß schon hereingebrochen. Da auf diese Weise alle Ordnung und Stellung verloren ging, kam es zu einem Kampf Mann gegen Mann, zu einem blutigen Handgemenge, da der eine Theil muthig und wild für den Sieg stritt, und der andere nur zu gut wußte, daß selbst ihr Leben in der äußersten Gefahr sich befände. Nach dem ersten Abfeuern der Musketen, nach dem ersten Anklang der Bogen und Abschnellen der Pfeile begann das mörderische Handgemenge. Messerstiche, Tomahawkhiebe wurden von den geschwenkten und zermalmenden Kolben oder von würgenden 152 Händen erwidert, die sich im Todeskrampf um die Kehlen der Wilden athemraubend schnürten. Die Krieger fielen auf einander zu Haufen, und wenn der Sieger sich erhob, um wegzuschütteln und wegzudrängen die Leichen derer; die zu seinen Füßen hingestreckt waren in dem weitaufgerissenen Starren des Todes, da ruhte sein stolzes, grimmiges Auge gleichmäßig auf Zügen von Freund und Feind. Der Obstgarten erscholl von dem Geschrei der Indianer, aber die Colonisten kämpften in stummer Verzweiflung. Der Widerstand wich nur mit dem Leben, und mehr als einmal ereignete es sich an jenem furchtbaren Tage, daß das gewohnte, bluttriefende Siegeszeichen indianischen Triumphs dem verletzten, geschundenen Opfer, von dessen Haupt es gelös't worden war, vor die ernsten, noch bewußtvollen Augen hin und her geschwungen ward. Während der entsetzlichen Scene wilder Wuth und blutigen Gemetzels waren die Hauptpersonen unserer Erzählung nicht unthätig. Durch ein stillschweigendes aber weises Einverständniß hatte der Fremde mit dem Contentius und mit dessen Sohne sich Rücken an Rücken gestellt, dem Feinde und ihrem weichenden Glücksstern tapfern Widerstand zu leisten. Der Erstere zeigte sich nicht als ein Paradekrieger, denn da er die Nutzlosigkeit aller Befehle und Anordnungen da eingesehen hatte, wo jeder für sein eigenes Leben focht, so theilte er in aller Stille seine mächtigen, tödtlichen Streiche aus. Seinem Beispiele folgte Contentius im edlen Wetteifer, und der junge Marcus kämpfte in voller Muskel- und Gliederkraft, und mit der ganzen Aufregung seines jugendlichen Alters. So wurde ein erster Angriff des Feindes zurückgeschlagen, und für einen Augenblick zeigte sich die erfreuliche 153 Aussicht zu Rettung und Sicherheit. Auf des Fremden Vorschlag setzten sich die drei, immer ihre Stellung wahrend, nach der Wohnung zu in Bewegung, mit der Absicht, ihrer eigenen, persönlichen Tapferkeit und Behendigkeit allein Alles zu vertrauen, sobald sie sich aus dem Haufen herausgewunden. Aber in diesem furchtbaren Augenblick, als die Hoffnung eben erst begann, Wahrscheinlichkeit auf Erfolg darzubieten, stürzte ein Häuptling mitten aus dem dichten Haufen hervor, mit aufgehobener Streitaxt, von allen Seiten nach einem Opfer sich umschauend. Ihm folgte eine ansehnliche Schaar Indianer auf dem Fuße, und nun schien der letzte entscheidende Moment unvermeidlich. Bei'm Anblick einer so großen Menge ihrer gehaßten Feinde, die alle noch lebten und fähig waren, Schmerz und Qualen zu erdulden, brach ein gemeinsames, triumphirendes Geschrei von den Lippen der Indianer. Ihr Anführer allein, gleichsam weit erhaben über die gemeineren Regungen und Gefühle seiner Begleiter, nahte sich allein schweigend, während seine Schaar einen Kreis bildete, um die dem Tode Geweihten zu umzingeln. Der Zufall führte ihn dem jungen Marcus gegenüber. Wie sein Feind war auch der indianische Krieger noch in der Frische und ersten Jugendkraft des männlichen Alters. An Größe, Jahren und Gewandtheit schienen sich die Gegner gleich; und da die Indianer, in der Ueberzeugung, ihr Häuptling bedürfe ihres Beistandes nicht, sich auf den Fremden und Contentius stürzten, so schien Alles erwarten zu lassen, daß ein wilder, zweifelhafter Zweikampf sich zwischen ihnen entspinnen würde. Indeß während keiner der beiden Kämpfer auch nur das geringste Verlangen verrieth, den Streit zu vermeiden, war auch keiner sehr eilig 154 und begierig, den ersten beginnenden Streich zu versetzen. Für einen Maler, oder noch mehr für einen Bildhauer, wären ihre Stellungen das reichste Model einer herrlichen Kunstdarstellung gewesen. Marcus hatte wie die meisten seiner Freunde alle überflüssige Stücke seiner Bekleidung bei Seite geworfen, ehe er sich dem Schauplatz des Streites genähert. Der obere Theil seines Körpers war nackt bis auf's Hemd, und selbst dieses war in dem rohen, wilden Zusammentreffen, durch das er schon sich durchgewunden, zerrissen und zerfetzt worden. Das Ganze seiner vollen, schweraufathmenden Brust war blos, und zeigte die weiße Haut, die blauen Adern eines Jünglings, dessen Väter vom Aufgang der Sonne her gekommen waren. Seine muskelvolle Gestalt ruhte auf dem einen Bein, welches in den Boden eingewurzelt schien, während das andere vorgeschoben worden, einem Hebel ähnlich, die erwarteten Bewegungen zu unterstützen und zu beherrschen. Seine Arme waren nach hinten zu ausgereckt, die Hände hielten krampfhaft den Lauf einer Muskete, um mit einem Umschwung Alles niederzuschmettern, was sich in den Bereich derselben wagen würde. Das Haupt, mit dem kurzen, gelockten, blonden Haar, wie es die sächsische Abkunft andeutet, bedeckt, war ein wenig über die linke Schulter vorgebeugt und schien so gehalten, damit es das Gleichgewicht des ganzen kräftigen Bau's bewahre und behaupte. Die Stirn erhitzt, die Lippen fest zusammengepreßt, die Adern an den Schläfen und am Halse bis zum Zerspringen geschwollen. Die Augen zusammengezogen, schossen aber Blicke, die eben so sehr die Gefühle verzweifelter Entschlossenheit als starren Staunens und Verwunderns bezeugten. 155 Auf der andern Seite erregte der indianische Krieger noch mehr Aufmerksamkeit. Die Gebräuche seines Volkes hatten ihn, wie dies so Sitte war, halb nackt in's Feld geführt. Die Stellung seines mächtigen Körperbaus war die eines Mannes, der bereit ist, über seinen Feind herzustürzen; und es würde wohl eine Vergleichung gewesen sein, welche die dichterische Freiheit erlaubt und zugelassen hätte, wenn man seine gerade, behende Gestalt mit der eines sich duckenden, zum Sprung bereiten Panthers zusammengestellt und durch sie versinnlicht hätte. Das vorgeschobene Bein hielt den Körper aufrecht, beugte sich aber unter seiner Last mehr mit dem freien Spiel von Muskel und Sehne, als daß es von einem Gewicht niedergedrückt gewesen, während das leicht geneigte Haupt ein wenig über die senkrechte Lage hervorragte. Eine Hand hielt fest an dem Heft einer Streitaxt, die in derselben Linie mit dem rechten Schenkel herunterhing, während die andere mit festem Griff an dem Stiele von Bockshorn eines Messers lag, das noch ruhig in seinem Gürtel in der Scheide sich befand. Der Ausdruck des Gesichts war ernst, düster und vielleicht ein wenig wild und stolz, und doch war das Ganze durch die unbewegliche und würdige Ruhe eines Häuptlings von hohen Eigenschaften und Gaben gemildert und gesänftigt. Das Auge aber war hinstarrend und auf einen Punkt gerichtet, gleich dem des Jünglings, dessen Leben er bedrohte, dem Anschein nach seltsam erfüllt von staunender Verwunderung. Die augenblickliche Pause, die auf die Bewegungen folgte, durch welche die beiden feindlichen Kämpfer sich in diese schönen Stellungen gesetzt hatten, war voll Ausdruck und Bedeutung. Keiner sprach, keiner erlaubte sich selbst nicht 156 das geringste Spiel seiner Muskeln, keiner schien selbst nicht einmal zu athmen. Der Verschub glich nicht dem der Vorkehrung und Rüstung, denn Jeder stand bereit zu seinen todtbringenden Anstrengungen; auch würde es gar nicht möglich gewesen sein, in der zusammengepreßten Kraft, die in Marcus Antlitz lag, oder in dem kühnen, mehr geübten Tragen der Stirn, in dem Auge des Indianers auch nur das Geringste zu entdecken, was auf schwankenden Vorsatz und Plan hätte schließen lassen mögen. Eine Erregung, die diesem Auftritt ganz fremd war, schien sie Beide besessen zu haben und zu erfüllen; jede thätige, kräftige Gestalt schien, sich selbst unbewußt, sich zu dem blutigen Geschäft der Stunde fertig zu machen, während die unerklärbare, unerforschliche Wirksamkeit des Geistes, während innere Gefühle sie noch Beide für kurze Zeit im Zaum und in Unthätigkeit erhielten. Ein Schrei des Todes aus dem Munde eines Wilden, der von des Fremden Arm erschlagen, gerade vor den Füßen seines Häuptlings niederfiel, und ein ermuthigender Zuruf von den Lippen des Letztern brach den kurzen Zauber. Die Kniee des Häuptlings beugten sich noch tiefer, die Spitze des Tomahawks wurde ein wenig erhoben, die Klinge des Messers sah man etwas aus seiner Scheide hervorschimmern und der Gewehrkolben von Marcus Waffe hatte bis zu der äußersten Ausspannung der Sehnen Dessen, der ihn schwang, ausgeholt, als ein Ruf und ein Geschrei, ganz verschieden von allen denen, die man vorher an jenem Tage vernommen hatte, in der Nähe sich erhob und zu ihnen herübertönte. In demselben Augenblick verschoben die beiden Kämpfer den Anfang des Streits; ihre Streiche wurden, wiewohl 157 durch sehr verschiedene Kraftäußerungen, durch Hindernisse, die in dem Grade ihrer Stärke außerordentlich von einander abwichen, aufgehalten und vereitelt. Marcus fühlte die Arme von Jemand um den Leib mit einer Kraft sich geschlungen, die hinreichend gewesen wäre, ihn zu belästigen und zu hindern, jedoch gewiß nicht ihn zu bändigen, während Whittal Ring's wohlbekannte Stimme ihm in die Ohren tönte: »Schlagt sie todt, die lügenhaften, hungrigen Blaßgesichter! Sie lassen uns keine Speise als die Luft, kein Getränk als Wasser!« Auf der andern Seite, als der Häuptling sich im Zorn umwandte, um den Kühnen zu erschlagen, der sich herausgenommen, ihm den Arm zu halten, sah er zu seinen Füßen die knieende Gestalt, die aufgehobenen Hände und die in äußerster Seelenangst ringenden Züge der Martha. Einen Streich auffangend, den einer seiner Begleiter schon gegen das Leben der Bittenden richtete, stieß er schnell einige Worte in seiner eigenen Sprache aus, und deutete auf den ringenden Marcus. Die nächsten von den umstehenden Indianern warfen sich auf den schon halb gefangenen Jüngling. Ein Kriegsruf brachte noch hundert Feinde mehr zur Stelle, und dann herrschte eine eben so plötzliche und fast eben so furchtbare Ruhe als der vorhergegangene Lärm und Aufruhr in dem Obstgarten. Ihr folgte das langgezogene, schreckhafte und doch bedeutungsvolle Geschrei, womit der amerikanische Krieger seinen Sieg ausruft und verkündet. Mit dem Kampf im Obstgarten hörten alle Gefechte des heißen Tages auf. Durch die grellen Töne von dem Siege 158 ihrer Feinde unterrichtet, sah die Besatzung des Forts, wenn sie einen Ausfall wagte, ihr eigenes Verderben und zugleich den Untergang der Schwachen voraus, die sich in die Vertheidigungswerke geborgen hatten. Die Entfernung vom Heathcotehouse war zu groß, um den Ersatz versuchen zu können. Sie waren daher genöthigt, leidende, unthätige, gramerfüllte Zuschauer bei'm Hereinbruch eines Uebels zu bleiben, das abzuwenden sie die Mittel nicht hatten. 159   Achtes Kapitel. Und fanden wirklich solche Dinge Statt, von denen hier wir sprechen? Vielleicht wohl aßen von der giftigen Wurzel wir, Die uns den Sinn gefangen hat genommen. Macbeth.           Eine Stunde später, und es eröffnete sich eine Scene verschiedener Art. Feindliche Banden, welche bei civilisirteren Kriegszügen Beobachtungstruppen genannt werden würden, zögerten noch an dem Saum des Waldes, da wo er dem Dorfe am nächsten kam, und die Ansiedler standen noch unter ihren Waffen unter den Gebäuden aufgestellt, oder wahrten noch ihre Schlachtreihe am Fuße der Pallisaden. Obgleich das Geschäft, die Sachen von Werth zu retten und in Sicherheit zu bringen, immer noch fortging, war es doch augenscheinlich, daß, als die ersten Schrecken der Kriegsunruhen verschwunden waren, die Eigenthümer des Weilers wieder einige Zuversicht in ihre Fähigkeit und ihre Kräfte zu gewinnen begannen, und wieder hofften, sich und ihre Habe gegen den Feind schützen und vertheidigen zu können. Selbst die Weiber sah man jetzt sich auf der grasigen Straße dem Anschein nach mit größerem Vertrauen hinbewegen, und es 160 fand sich eine Regelmäßigkeit in dem Aeußern der bewaffneten Mannschaft, welche eine Entschlossenheit verrieth, die darauf berechnet war, ihren wilden, undisciplinirten Angreifern Achtung und Ehrfurcht einzuflößen. Aber das Wohnhaus, Außengebäude, Hausrath, kurz Alles, was den bisherigen Wohlstand der Heathcote's ausgemacht hatte, war völlig und ohne Ausnahme in der Gewalt der Indianer. Die offenen Fensterläden und Thüren, der zerstreute, zerbrochene und halb vernichtete Hausrath, Spuren übermüthiger Verheerung und Verwüstung, und das allgemeine Aufgeben aller Theilnahme an dem Schutz des Eigenthums, – dieses zusammengenommen verkündete die zügellose Unordnung eines gelungenen Ueberfalls. Jedoch wurde das Werk der Vernichtung und Plünderung nicht weiter getrieben, obgleich man hier und da einen Krieger sehen mochte, der sich, den Launen seines wilden Geschmacks gemäß, mit den den früheren Bewohnern des Gebäudes eigenthümlichen Kleidungsstücken geschmückt hatte. Dagegen hörte alle Gewaltthätigkeit auf, und die wilden Gemüther der Eroberer schienen durch die Einwirkung irgend einer geheimen außerordentlichen Macht besänftigt und beruhigt worden zu sein. Die Männer, welche noch kurz vorher von den wildesten Leidenschaften ihrer Natur getrieben waren, ließen sich, wenn auch nicht ganz besänftigen, doch zurückhalten, und anstatt sich einer triumphirenden Rache, der gewöhnlichen Folge indianischer Siege, schonungslos zu überlassen, schweiften die Krieger in den Gebäuden und Umgebung mit einer Ruhe und Stille umher, welche, obgleich mürrisch und finster, die charakteristische Unterwürfigkeit des Indianers bezeichnete. Sowohl die Hauptanführer des Ueberfalls als die 161 Besiegten, die ihn überlebt hatten, waren zugleich in der Vorhalle des Hauses versammelt. Die blasse, abgehärmte mehr um Andere als um sich selbst trauernde Ruth stand ein wenig abseits, neben ihr Martha und das junge Mädchen, deren unglückliches Geschick es wollte, daß gerade sie an jenem begebnißreichen Tag ihren Posten bei der durch Sorgen geschwächten Gebieterin hatte. Contentius, der Fremde und Marcus standen weiter im Vordergrunde überwältigt gebunden, die einzigen Ueberlebenden von dem ganzen Haufen, den sie vor so kurzer Zeit noch in den Kampf geführt. Das graue Haar und die Hinfälligkeit des alten Puritaners ersparte ihm die Demüthigung der Fesseln. Das einzige andere Wesen, das noch gegenwärtig und von europäischer Abkunft war, war Whittal Ring. Der Blödsinnige schritt langsam zwischen den Gefangenen umher, ab und zu blitzten in seiner Einfalt ältere Erinnerungen und Sympathien auf, öfter verhöhnte er die Unglücklichen, warf ihnen die Ungerechtigkeiten ihres ganzen Geschlechts vor und gab ihnen Beleidigungen und Eingriffe in die Rechte der von ihnen verdrängten Urbewohner, des Volkes, dem er anzugehören wähnte, Schuld. Die Häuptlinge der siegreichen Indianer standen in der Mitte, dem Anschein nach mit einer ernsten, wichtigen Berathung befaßt und beschäftigt. Da sie sich nur in geringer Anzahl vorfanden, so ward daraus klar, daß es die Vornehmsten des Stammes sein mußten. Häuptlinge von niedererem Grade, obschon Männer von Ruf und Namen nach dem beschränkten Begriffen dieser Stämme, bildeten eine Gruppe unter den Bäumen, oder durchschritten den Hof in ehrfurchtsvoller Entfernung von den berathschlagenden Häuptern. 162 Dem ununterrichtetsten Auge hätte es nicht entgehen können, wer das höchste Ansehen bekleidet. Der Krieger mit dem Turban, dessen in diesen Blättern bereits Erwähnung geschehen, nahm die Mitte der Gruppe ein, ganz in der ruhigen, würdevollen Stellung eines indianischen Häuptlings, wenn er anderen Meinungen Gehör giebt, oder die eigene vorträgt. Seine Muskete wurde von einem Indianer getragen, welcher seiner wartend dastand, während das Messer und die Axt wieder an seinen Gürtel zurückgekehrt waren. Er hatte ein leichtes Gewand von Scharlachtuch über seine linke Schulter geworfen, von wo es mit Anmuth in Falten herunterfiel, und das Ganze seines rechten Arms, sowie den größten Theil seiner breiten Brust nackt und den Blicken offen dargelegt ließ. Von dieser Bekleidung träufelte langsam Blut herab und befeuchtete den Boden, worauf er stand. Das Antlitz dieses Kriegers war ernst, obgleich eine Schnelligkeit und ein Scharfblick in den Bewegungen seines stets ruhelosen Auges lag, welcher große geistige Thätigkeit eben so sehr, als Unruhe und Argwohn bewies. Ein in der Physiognomie Bewanderter würde vielleicht auf seinen Zügen auch den Kampf des unterdrückten Unwillens mit dem über seine Natur gewonnenen Siege der Gelassenheit gelesen haben. Zwei ihm zur Seite stehende Häuptlinge waren, wie er selbst, über das mittlere Alter hinaus, und zeigten eine Miene, einen Ausdruck in ihrem Gesicht, die denen des erstern ähnlich, jedoch weit weniger ausgeprägt und markirt waren; und keiner von Beiden verrieth jene Zeichen von Mißvergnügen, welche zu Zeiten den Augen Jenes entfuhren, der, seines so sehr beherrschten und despotischen Charakters ungeachtet, nicht immer im Stande war sie zurückzuhalten. Einer von ihnen 163 war im Sprechen begriffen, und sein Blick verrieth den Gegenstand seines Gesprächs, indem er auf den vierten Häuptling fiel, welcher aber eine Stellung angenommen hatte, die ihn verhinderte, das mit anzuhören, was gesprochen wurde. In der Person des letztern Häuptlings wird der Leser den jungen Krieger wieder erkennen, der Marcus gegenüber gestanden, und dessen plötzliche Bewegung nach Dudley's Flanke zuerst die Colonisten von den Wiesen vertrieben hatte. Die Muskeln und Sehnenkraft, der feste, beredte, körperliche Ausdruck, den wir eben in ihm bewunderten, hatte der auffallenden Ruhe Platz gemacht, die den indianischen Streiter im Stande der Unthätigkeit ebenso bezeichnet, wie den gesitteten Europäer, welcher in der Schule der Erziehung gelernt hat, sich diesen Anstand anzueignen. Mit der einen Hand lehnte er sich leicht an die Muskete, während von dem Gelenk der andern, welche lose an seiner Seite herabfiel, an einem Band von einer Rehsehne ein Tomahawk hing, von welchem noch Tropfen von Menschenblut rieselten. Sein Körper trug keine andere Decke und Bekleidung, als die, worin er gefochten hatte, und, darin verschieden von seinen bejahrteren Gefährten in Ansehen und Würde, hatte er seine Glieder heil und unversehrt, ohne die geringste Wunde aus dem Kampfe zurückgebracht. An Gestalt und Zügen konnte dieser junge Krieger als ein Muster der herrlichen Schönheit indianischer Männlichkeit gelten. Seine Glieder waren voll, rund, gerade ohne Fehl und Makel, und ausgezeichnet durch einen Anstrich von außerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit, ohne daß sie auch eben so sehr durch ihre Muskelkraft aufgefallen wären. In 164 der letztern Eigenthümlichkeit, in der geraden Stellung, und in dem Blick, den er voll Adel in die Ferne warf, und der so oft seine Stirn erhob und würdevoller machte, – in allem diesem lag eine genaue, nicht zu übersehende Aehnlichkeit mit der Statue des phythischen Apollo's, während die volle fleischliche, etwas an das Weibische gränzende Brust an die Sinnlichkeit, die uns in den Zügen des jungen Bacchus dargestellt wird, erinnerte. Indeß war diese letztere Aehnlichkeit mit einer Gottheit, die wenig geeignet ist, hohe Gefühle und Gesinnungen in dem Betrachtenden zu erregen, keineswegs unangenehm, da sie gewissermaßen die Strenge und den Ernst eines Auges milderte, aus welchem Adlerblicke schossen, und dessen Feuer sonst einen Eindruck hinterlassen hätte, der sich zu sehr von dem Begriff der menschlichen Schwäche entfernt haben würde. Indeß fiel diese Fülle der Brust, eine gewöhnliche Folge der Unthätigkeit, der befriedigten Bedürfnisse der Natur, und eines gänzlichen Befreitseins von aller Arbeit, nicht so sehr bei dem jungen Krieger auf, als bei den Häuptlingen, die nicht weit von ihm in heimlichen Berathschlagungen begriffen waren, oder bei Denen, welche in den Feldern und Gebäuden zerstreut umhergingen. Sie war eher an ihm ein Lob als ein Tadel, denn sie schien zu sagen, daß trotz des strengen Aeußern, welches Gewohnheit, vielleicht auch Charakter und Rang, seinen Zügen eingedrückt, in dieser Brust ein Herz schlug, welches den Gefühlen der Menschenliebe Eingang verstattete. In dem gegenwärtigen Falle waren die Blicke seines umherschweifenden Auges, wenn auch forschend und voll Gefühl, doch offenbar von einem Ausdruck gesänftigt und gemildert, das eine seltsame, ungewohnte Verwirrung in seinem Gemüthe verrieth. 165 Die Berathung der drei Häuptlinge war beendet, und der Krieger mit dem Turban auf dem Haupte trat mit dem Schritt eines Mannes vor seine Gefangenen hin, der endlich zu einem entschiedenen Entschlusse gekommen. Als der gefürchtete Häuptling sich näherte, zog sich Whittal zurück und stahl sich an die Seite des jüngern Kriegers auf eine Weise hin, aus welcher sich auf größere Vertraulichkeit und vielleicht größeres Vertrauen zu demselben schließen ließ. Ein plötzlicher Gedanke erleuchtete das Gemüth des letztern. Er führte den Blödsinnigen an das äußerste Ende der Vorhalle, sprach leise und ernst mit ihm, zeigte mit dem Finger auf den Wald, und als er sah, daß sein Bote schon ein gutes Stück querfeldein zurückgelegt, kehrte er selbst langsam und mit Würde in die Mitte zurück, seinem Freunde so nahe, daß er die Falten des Scharlachmantels mit dem Ellenbogen berührte. Bis zu dieser Bewegung hin war das Schweigen nicht gebrochen worden. Nur als der große Häuptling die Annäherung des Andern bemerkt, warf er einen Blick des Zauderns auf seine Freunde, aber dann seine frühere ruhige Haltung wieder annehmend, wandte er sich zu dem alten Heathcote. »Mann von vielen Wintern,« begann er in einem verständlichen Englisch, wobei er die Ausdrücke mühsam suchte und Wendungen gebrauchte, die wir nicht beibehalten. »Mann, der so viele Winter erlebt, warum hat der große Geist Dein Geschlecht hungrigen Wölfen gleich gemacht, warum hat ein Blaßgesicht den Magen eines Bußaars, den Schlund eines Hundes, das Herz eines Reh's? Du hast viel Schnee kommen und gehen sehen, Du erinnerst Dich der Zeit, als der Baum noch ein Bäumchen war. Sage mir, warum ist die 166 Gier eines Yengih's so groß, daß sie Alles haben will, was zwischen dem Aufgang der Sonne liegt und ihrem Untergang? Sprich, wir möchten wissen, warum finden sich so lange Arme an so kleinen Körpern? Die Begebenheiten jenes Tages waren von einer Art gewesen, welche alle die verborgenen, schlummernden Kräfte in dem Puritaner wecken und aufregen mußten. Schon mit anbrechendem Morgen hatte sich sein Geist wie immer am Tage des Herrn, mit Wärme zu Gott erhoben, dann folgt der Ueberfall und fand ihn gegen irdisches Unglück gerüstet, zwar waren in ihm, im Kriegsgetümmel auferzogen, Gefühle erwacht, die nie ganz ersterben; doch siegte Gelassenheit, Unterwürfigkeit und Ausdauer über Trotz und Widerstand. So gestimmt, antwortete er mit Ernst und ruhiger Würde: »Der Herr hat uns den Banden der Heiden überliefert, dennoch sei sein Name gepriesen und gesegnet in meinem Hause. Aus dem Bösen kommt das Gute, aus dem Triumph der Unwissenden entspringt unser Sieg! – immerwährender Sieg!« Der Häuptling schaute aufmerksam und fest auf den Sprechenden, dessen abgezehrter, hinfälliger Bau, sein ehrwürdiges Antlitz, seine dünnen Haarlocken, sein gläsernes tiefliegendes Auge, um welches die hektische Röthe der Begeisterung sich ergoß, ein Etwas verliehen, das sich weit über menschliche Schwächen und Gebrechlichkeiten zu erheben schien. Der Indianer beugte sein Haupt in abergläubischer Ehrfurcht, und wandte sich ernst zu denen, welche, da sie dem Anschein nach mehr von dieser Welt in ihrem Wesen zu haben schienen, passendere Gegenstände für die Pläne waren, über denen er brütete. 167 »Der Geist meines Vaters ist stark, aber sein Leib ist gleich einem Zweig der verdorrten Schierlingstanne!« Mit dieser kräftigen Erklärung leitete er die gleich darauf folgende Bemerkung ein. »Wie kommt das?« fuhr er dann weiter fort, und sah ernst und streng auf die drei, die sich vor so kurzer Zeit noch ihm entgegengesetzt in tödtlichem Kampfe. »Hier stehen Männer, deren Haut weiß ist gleich der Blüthe des Hundskrautes, und doch sind ihre Hände so dunkel und schwarz, daß ich sie kaum sehen kann!« »Arbeit und die brennende Sonne haben sie geschwärzt,« entgegnete Contentius, welcher verstand in der bildlichen, blumenreichen Sprache des Volkes zu reden, in dessen Gewalt er sich befand. »Wir haben das Feld bebaut und mühevoll gearbeitet und gesorgt, damit unsere Weiber und Kinder zu essen haben.« »Nein, – das Blut der rothen Männer hat Euren Händen die dunkle Farbe gegeben.« »Haben wir die Waffen ergriffen, so geschah es, damit das Land, welches der große Geist uns gegeben, unser bliebe, und unsere Schädelhaut nicht in den Wigwam's mit Rauch überzogen würde. Wo ist der Narragansett, der seine Waffen verbergen und seine Hände binden wollte, wenn das Kriegsgeschrei in seine Ohren schallt?« Als auf das Eigenthumsrecht des Thales hingewiesen wurde, stieg in solcher Fluth das Blut in die Wange des Kriegers, daß davon selbst noch die natürliche schwärzliche Farbe seiner Züge, tiefer und dunkler erschien, krampfhaft faßte seine Hand den Griff der Streitaxt, dennoch, Herr über 168 seine Bewegungen, erlaubte er sich bei der Rede des Weißen keiner Unterbrechung. »Was ein Rother vermag, könnt Ihr dort sehen,« antwortete er, und deutete mit einem grimmigen Lächeln nach dem Obstgarten hin, zu gleicher Zeit durch das Zurückschlagen seines Mantels, während er den Arm erhob, zwei der blutigen Trophäen seines Sieges enthüllend, die an seinem Gürtel befestigt waren. »Unsere Ohren stehen weit offen. Wir lauschen, um zu vernehmen, auf welche Weise die Jagdgründe der Indianer die Pflugfelder der Yengih's geworden sind. Doch jetzt mögen meine weisen Männer zuhören und Acht geben, damit sie verständiger werden, wenn der Schnee sich auf ihren Häuptern häuft! Die blassen Männer besitzen das Geheimniß, was Schwarz ist, weiß scheinen zu lassen. »Narragansett« – – »Wampanoag,« erwiderte der Häuptling, mit dem stolzen Blick, womit der Indianer den Ruhm seines Stammes mit seinem persönlichen zu verweben pflegt. – Dann aber diesen Blick mildernd, als er ihn auf den jungen Krieger warf, der ihm zunächst stand, fügte er schnell und im freundlichsten Tone hinzu: »indeß, es ist ganz gleich – Narragansett oder Wampanoag – Wampanoag oder Narragansett. Die rothen Männer sind Brüder und Freunde. Sie haben die Gehege zwischen ihren Jagdgründen abgebrochen, sie haben die Pfade, die zu ihren Dörfern führen, vom Strauchwerk gesäubert. Was hast Du dem Narragansett zu sagen, sein Ohr ist Dir noch nicht verschlossen!« »Vernimm, Wampanoag, wenn dieses Dein Stamm ist,« begann Contentius wieder; »was mein Gewissen Dir zu 169 sagen befiehlt. Der Gott eines Engländers ist der Gott aller Menschen, von Jedem Stande, von aller Zeit her!« Mit Ausnahme des jüngsten Häuptlings, dessen Auge keinen Augenblick vom Munde des Redenden wich, und der jedes Wort begierig anzuhören und tief in's Gemüth einzugraben schien, schüttelten die übrigen Zuhörer ihre Häupter, zum Zeichen des Zweifels. »Trotz dieser Zeichen Eures Unglaubens, Eurer Gotteslästerung,« fuhr Contentius ernst fort, »verkündige ich immer noch laut die Macht Dessen, den ich anbete! Mein Gott ist Dein Gott; er sieht in diesem Augenblick ohne Unterschied auf uns, auf unser Thun herab, und erforscht unsere Herzen mit unbegreiflicher Allwissenheit. Diese Erde ist der Schemel seiner Füße, jener Himmel dort sein Thron. Ich erfreche mich nicht, in seine heiligen Geheimnisse einzudringen, oder den Grund anzugeben, warum er die eine Hälfte seines herrlichen Werks so lang in dem Schlamme der Unwissenheit und heidnischen Greuels gelassen, in welchem meine Väter sie fanden, ich wage nicht zu erforschen, warum diese Hügel nie vorher die Gesänge des Preises und Lobes der Gottheit wiedergehallt, und warum die Thäler so lange stumm und schweigend gewesen sind. Dies sind Wahrheiten, welche verborgen liegen in den geheimen Rathschlüssen seiner geheiligten Zwecke, und sie können nicht erkannt werden, bis die Zeit erfüllt ist! Aber so viel ist gewiß: ein großer, gerechter Geist hat Männer in diese Gegend geführt, erfüllt mit der Liebe zur Wahrheit und befruchtet mit dem Eifer eines hartbedrängten Glaubens, bedrängt, weil ihr Verlangen nach dem hinauf strebt, was rein ist, während das Bewußtsein ihrer Uebertretungen, im Gefühle tiefer Demuth, sie in den Staub der Erde hinabdrückt. Du legst uns zur 170 Last, beschuldigst uns, daß wir nach Deinen Ländern verlangen, daß unsere Gemüther erfüllt sind von der Verderbniß der Reichthümer. Das kommt von Deiner Unbekanntschaft mit unserer früheren Lage, das rührt daher, daß Du nicht weißt, was wir verlassen und aufgegeben haben, um dem Geiste der göttlichen Wahrheit treu zu bleiben. Als die Yengih's in diese Wildniß kamen, ließen sie hinter sich Alles, was das Auge erfreuen, den Sinnen gefallen und das Verlangen des menschlichen Herzens nähren und befriedigen kann; alles dieses ließen sie zurück in dem Lande ihrer Väter; denn so schön auch das Werk des Herrn in andern Himmelsstrichen ist, so ist doch keines derselben so lieblich und herrlich, als das, aus welchem diese Pilgrimme in die Wildniß gewallfahrtet sind. Auf jeder begünstigten Insel seufzt die Erde unter der Fülle ihrer Producte; die Wohlgerüche ihrer süßen Erzeugnisse begrüßen lieblich die Sinne ihrer Bewohner; und das Auge wird nie müde hinzustaunen auf ihre Lieblichkeit. Nein die Männer mit den bleichen Gesichtern haben ihr Vaterland und Alles, was das Leben angenehm macht, verlassen, um Gott zu dienen, nicht aus Antrieb unersättlicher Habsucht oder sündhafter Eitelkeit!« Contentius hielt inne, denn er fühlte, daß er sich, von der Wärme hingerissen, die seinen Geist aufregte, unmerklich von seinem Hauptgegenstand entfernte. Die Sieger beobachteten den ernsten Anstand, mit welchem der Indianer immer auf die Rede eines Andern hört, bis er völlig geendet hatte, und dann legte das Oberhaupt oder Wampanoag, für den er sich ausgab und gehalten wissen wollte, den Finger leicht auf die Schulter seines Gefangenen und fragte: »Warum hat das Volk der Yengih's sich auf einem 171 blinden Pfad verirrt? Wenn das Land, das sie verließen, lieblich und angenehm ist, kann denn nicht dort ihr Gott sie hören von den Wigwam ihrer Väter aus. Sieh, wenn unsere Bäume nichts sind als Gebüsch, so laß sie den rothen Männern, sie werden schon Raum genug für sich finden, und im Schatten ihrer Zweige ruhen können. Sind unsere Flüsse und Ströme klein und gering, so sind wir es doch auch. Sind unsere Hügel niedrig, unsere Thäler schmal, wohlan, die Füße meines Volkes, ermüdet von der Jagd, werden sie mit weit weniger Beschwerde durchstreifen. Nun aber, was der große Geist für den rothen Mann gemacht, sollte es der rothe Mann nicht bewahren und behaupten. Sollten die, deren Haut weiß ist, gleich dem Lichte des Morgens, nicht dahin zurückkehren, wo die Morgensonne aufgeht, und von wannen sie gekommen sind uns zu beeinträchtigen und zu schaden.« Der Häuptling sprach mit Ruhe, doch mit einem Nachdruck, welcher zeigte, daß er gewohnt war, einen spitzfindigen Streit nach Art des Volkes, dem er angehörte, geschickt zu führen. »Gott hat es anders beschlossen,« sagte Contentius. »Er hat seine Diener hierher geführt, daß die Opfer und der Weihrauch des Lobes und Preises zu ihm aufsteigen sollten aus der Wildniß.« »Euer Geist ist ein boshafter, verworfener Geist. Eure Ohren sind getäuscht und betrogen worden. Der Rath, der Eure jungen Leute anwies so weit hierher zu kommen, kam nicht aus dem Munde des Manittu. Er kam von der Zunge Eines, der gern das Wild selten und die Jungen hungrig 172 sieht. Geht, – Ihr gebt dem Spottgeist Gehör, sonst würden Eure Hände nicht so schwarz und dunkel sein.« »Ich kann nicht wissen, welches Unrecht von boshaften Menschen den Wampanoag's zugefügt worden sein mag, denn boshafte Menschen giebt es wohl überall, selbst in den Wohnungen der Gutgesinnten und Gerechten; aber Unrecht ist nie Jemanden durch einen von denen geschehen, die innerhalb meines Hauses wohnen. Den Boden, den Du hier siehst, haben wir rechtmäßig bezahlt, den Ueberfluß und Wohlstand des Thales um den Preis unsers Schweißes und vieler Arbeit erkauft. Du bist ein Wampanoag, und weißt, daß die Jagdgründe Deines Stammes von meinem Volk unangetastet geblieben, ja für heilig angesehen worden sind. Stehen nicht noch die Zäune und Schranken da, die die Hand Deines Stammes gesetzt hat, so daß selbst nicht der Huf eines Pferdes das Korn zertreten sollte? Und warum erfuhr man je, daß ein Indianer kam, Recht zu fordern gegen den die Schranken überschreitenden Ochsen und es nicht fand?« »Das Moosthier Der amerikanische Hirsch nagt nicht das Gras an der Wurzel, es lebt vom Laube des Baumes. Es ist zu stolz. sich von dem Rasen zu nähren, den es mit Füßen tritt! Schaut der Habicht auf das Musquitogeschmeiß? Sein Auge verschmäht es und kann sich Vögel erspähen, geht, – wenn alles Wild von Euch getödtet sein wird, dann mag der Wampanoag die Zäune und Schranken mit eigener Hand abbrechen. Der Arm eines Hungrigen ist stark und kräftig. Ein listiges Blaßgesicht hat diese Zäune gemacht. Sie schließen die 173 Fohlen aus, aber sie schließen den Indianer ein. Aber der Geist eines Kriegers ist zu stolz; er wird sich nicht wie der Ochse mit Gras begnügen und sich davon nähren!« Ein dumpfes, aber ausdrucksvolles, deutliches Gemurmel des Beifalls und der Beistimmung aus dem Munde seiner grimmigen Gefährten folgte auf die Entgegnung des Häuptlings. »Das Gebiet Deines Stammes liegt weit entfernt,« entgegnete Contentius: »Ich will meine Seele mit keiner Unwahrheit beladen, indem ich entscheide, ob bei der Theilung der Länder Deinen Landsleuten Recht oder Unrecht geschehen. Aber in diesem Thale ist Ungerechtigkeit den rothen Leuten nie widerfahren! Welcher Indianer hat Nahrung und Speise verlangt und sie nicht erhalten? War er durstig, wir reichten ihm unsern Cider, fror ihn, der beste Platz am Heerde war sein, und doch hat sich Grund und Ursache gefunden, warum die Streitaxt ich in die Hand nehmen mußte, und mein Fuß den Kriegspfad zu betreten sich genöthigt sah! So manches Jahr lebten wir friedlich auf dem Boden, welcher theils von weißen, theils von rothen Männern erkauft wurde, aber nach langem Sonnenschein kam eine Zeit der Wolken. Wampanoag, eine finstere Nacht sank über dieses Thal herab. Tod und Brand verheerten zu gleicher Zeit meine Wohnung. Unsere jungen Männer wurden erschlagen und – unsere Seelen auf eine harte Probe gestellt.« Contentius hielt inne, denn die Stimme versagte ihm, seine Augen verfinsterten sich, als er zufällig einen Blick auf die bleiche, harmvolle Gestalt warf, die sich an den stützenden Arm des noch immer aufgeregten, zürnenden Marcus lehnte. Der junge Häuptling hatte die ganze Zeit mit gierigem Ohr 174 zugehört, und während Contentius sprach, die vorgebogene Stellung, welche man unwillkürlich annimmt, wenn man gespannt aufhorcht, seine innere Theilnahme zu erkennen gegeben. »Aber die Sonne stieg wieder auf!« sagte der Oberhäuptling, indem er auf den blühenden Zustand der Pflanzungen hinzeigte, zugleich aber auch einen unruhigen, mißtrauischen Blick auf den jungen Krieger warf. »Der Morgen zeigte sich hell und klar, obgleich die Nacht so finster und dunkel sich erwies. Die List und Klugheit eines Blaßgesichtes weiß, wie es Korn aus einem Felsen hervorsprießen zu lassen vermag. Der thörichte Indianer begnügt sich mit Wurzeln, wenn die Ernte mißlingt und die Jagd versagt.« »Gott war ferner nicht ergrimmt gegen sein Volk,« entgegnete Contentius mit weicher Stimme, und schlug dabei die Arme auf eine Weise in einander, welche zeigte, daß er nicht weiter zu reden wünsche. Der große Häuptling war im Begriff zu antworten, als sein junger Gefährte einen Finger auf seine nackte Schulter legte, und durch ein Zeichen ihm bedeutete, daß er wünsche sich mit ihm im Geheimen zu besprechen und zu berathen. Der Erstere nahm das Verlangen mit Ehrerbietung auf, obgleich man hätte entdecken können, daß ihm der Ausdruck auf dem Gesicht seines Gefährten nicht gefiel, daß er ungern, wenn nicht mit Widerwillen, nachgab. Aber die Miene des jungen Mannes zeigte so viel Festigkeit, daß eine mehr als gewöhnliche Entschlossenheit dazu gehört hätte, einer Aufforderung, welche die Augen so nachdrücklich aussprachen, nicht nachzukommen. Vorher jedoch sprach er einige Worte zu dem Krieger, der ihm am nächsten zur Seite stand, und den er mit dem Namen Annawon anredete. Dann kündete er mit 175 einer Geberde, die so natürlich und voll Würde war, daß sie einem Hofmann Ehre gemacht haben würde, seine Bereitwilligkeit aus, ihm zu folgen. Wie sehr die Indianer das Alter verehren, ist allgemein bekannt, in diesem Fall indessen zogen sich die Häuptlinge vor dem jungen Manne auf eine Art zurück, woraus man sehen konnte, daß Verdienst, Geburt, oder auch wohl beides zugleich ihn dieser besondern Auszeichnung würdig machten, welche selten Männern seines Alters zu Theil ward. Beide verließen nun die Vorhalle in der geräuschlosen Weise, welche den indianischen Fuß in seinen Mokasins auszeichnet. Es ist der Mühe werth, ihren Gang nach der Gegend hinter dem Hause näher zu beschreiben, da er die Sitten und Gewohnheiten der Indianer charakterisirt und bezeichnet. Keiner von Beiden sprach ein Wort, keiner verrieth eine weibische Ungeduld, in die Gedanken und Absichten des Andern einzudringen und sie zu erforschen; keiner auch vergaß nur das Geringste von jenen kleinen aber dennoch bemerkbaren, leicht vermißten Höflichkeitsbezeugungen, durch welche Einer dem Andern den Weg bequem und die Schritte sicher machte. Auf diese Weise hatten sie die von uns so oft erwähnte Anhöhe erreicht, und erst jetzt glaubten sie sich weit genug, um sich einer Unterredung zu überlassen, welche sie vor den Ohren Nichtberufener geheim halten wollten. Im Schatten und unter den Wohlgerüchen des blühenden Obstgartens auf dem Hügel, blieb der Aeltere von den Beiden stehen, einen der schnellen, fast unbemerkbaren und doch vorsichtigen, scharfen Blicke um sich werfend, welche einen Indianer von seiner Lage wie durch einen angebornen Instinkt unterrichtet, dann begann er endlich die Unterredung; sie wurde in der 176 Landessprache geführt, da wir aber gewiß keinem unserer Leser einen Gefallen erzeigen würden, wenn wir sie in der Ursprache vortrügen, wie wir sie überkommen, so ziehen wir es vor, sie dem Sinn und dem Genius unserer Sprache gemäß, in diese zu übertragen. »Was wünscht mein Bruder?« begann der Krieger mit dem Turban auf dem Haupte, indem er die rauhen Kehllaute seiner Sprache bis zur Freundschaft, ja bis zur Herzlichkeit sanft herabstimmte. »Was beunruhigt, bekümmert den großen Sachem der Narragansett? Seine Gedanken scheinen unruhig und stürmisch. Mich dünkt, seine Augen sehen etwas mehr als die meinigen, die matt zu werden beginnen. Erschaut er vielleicht den Geist des tapfern, hochherzigen Miantonimoh, der gleich einem Hunde starb unter den Streichen der schurkenhaften, feigherzigen Pequod's und der falschzüngigen Yengihs? Oder sehnt sich sein Herz, erfüllt es sich mit Verlangen nach den Schädelhäuten der verrätherischen Blaßgesichter, begehrt es sie an seinem Gürtel hängen zu sehen? Längst ist die Streitaxt auf dem Pfade, der unsere Dörfer scheidet, verscharrt, und Deine Worte gelangen zum Ohre eines Freundes.« »Ich sehe nicht den Geist meines Vaters,« entgegnete der junge Sachem. »Er ist weit ab von hier, in den Jagdgründen der gerechten Krieger. Meine Augen sind zu schwach, sie reichen nicht über so viele Berge hinaus; sie schwimmen nicht über so viele Ströme hinweg. Mein Vater jagt das Moosthier in Gründen, wo kein Gesträuch, kein Gestrüpp sich vorfindet, er bedarf nicht der Augen eines jungen, schwachen Menschen, nicht seiner Leitung, die Spur aufzufinden. Warum sollte ich nach der Stelle blicken, wo die Pequod's und 177 Blaßgesichter sein Leben nahmen! Das Feuer, das diesen Hügel versengt, hat die Stelle geschwärzt, ich kann ferner nicht die Zeichen des Bluts gewahren und auffinden.« »Mein Sohn ist sehr weise, klug und erfahren weit über seine Jahre hinaus. Das, was einmal gerächt worden, ist vergessen. Er sieht nicht weiter als auf sechs Monden. Er sieht nicht, wie die Yengih's in sein Dorf dringen, wie sie die Mütter morden und die Narragansett-Mädchen erschlagen: wie sie seine Krieger hinterlistig tödten und ihre Feuer anzünden mit den Gebeinen der Rothen. Ich will jetzt die Ohren mir verstopfen, denn das Gestöhn der Erschlagenen macht, daß meine Seele sich schwach fühlt und leidet.« »Wampanoag,« antwortete der Andere mit einem wilden Blitz aus seinem Adlerauge, und legte die Hand fest auf seine Brust; »die Nacht, wo der Schnee roth war von dem Blute meines Volkes, ist noch nicht vergessen! hier lebt ihr Andenken! Mein Gemüth ist betrübt darüber und düster. Keiner meines Geschlechts hat seitdem auf die Stelle gesehen, wo die Wohnungen der Narragansett standen, keinen hat dieser Anblick zur Rache entflammt, obgleich der Ort nie unsern Augen verborgen und versteckt ward. Seit jener Zeit sind wir in den Wäldern herumgewandert, auf unserem Rücken tragend, was uns geblieben, doch unser Kummer, unser Gram, – den tragen wir in unsern Herzen!« »Warum ist denn mein Bruder bewegt? Es gibt der Schädelhäute viel unter seinem Volke, und sieh, sein eigener Tomahawk ist roth von Blut! Er besänftige seinen Grimm, wenn die Nacht kommt, dann wird seine Streitaxt mit tieferem Roth überzogen sein. Ich weiß, mein Bruder ist ungeduldig über allen Aufschub, aber in unsere Rathsversammlung 178 hieß es, es sei besser die Finsterniß abzuwarten, da die List der Blaßgesichter zu mächtig und stark ist für die Hände unserer jungen Leute.« »Wann war ein Narrangansett lässig und träge über den Feind herzufallen, nachdem einmal das Kriegsgeschrei angestoßen worden; wann war er je unwillig und böse, wenn Männer von grauen Häuptern sagten: so ist's besser. Mir gefällt Euer Rath, er ist voller Weisheit. Aber ein Indianer ist doch nur ein Mensch! Kann er fechten mit dem Gott der Yengihs? Er ist zu schwach. Ein Indianer ist nur ein Mensch, obwohl seine Haut roth ist!« »Ich blicke in die Wolken, in die Bäume hinauf, in die Hütten umher,« sagte der Andere, und nahm eine Miene an, und stellte sich, als wenn er auch wirklich neugierig auf die verschiedenen Gegenstände hinblickte, die er genannt hatte, »aber den weißen Manittu kann ich nicht erblicken. Die blassen Männer redeten zu ihm, als wir das Kriegsgeschrei in ihren Feldern erhoben, und doch hat er sie nicht gehört, hat ihrer nicht geachtet. – Geh. mein Sohn hat ihre Krieger mit starker Hand geschlagen; hat er vergessen, zu zählen, wie viele ihrer todt da liegen unter den Bäumen bei den lieblich riechenden Kräutern?« »Metacom,« entgegnete der, der als der Sachem der Narrangansett betitelt worden ist, und schritt vorsichtig seinem Freunde etwas näher; er sprach leiser, gleichsam als wenn er einen unsichtbaren Lauscher und Zuhörer fürchtete, »Du hast Haß und Feindschaft den Gemüthern der rothen Leute eingeflößt, aber kannst Du sie listiger und weiser machen, als die Geister? Haß ist sehr gewaltig und stark, aber Klugheit und 179 List hat einen noch längeren Arm. Sieh,« setzte er hinzu und hielt die Finger seiner beiden Hände dem aufmerksamen Gefährten vor die Augen. »Zehnmal ist der Schnee gefallen und geschmolzen, seit auf diesem Hügel eine Wohnung der Blaßgesichter stand. Conanchet war damals ein Knabe. Sein Arm hatte nichts erlegt als das Wild des Waldes. Sein Herz war voll von Ahnungen und Wünschen, es sehnte sich nach Mehrerem. Am Tage dachte er an Schädelhäute, die er von den Pequod's erobern wollte; zur Nachtzeit hörte er die sterbenden Worte Miantonimoh's. Obgleich von feigherzigen Pequod's und lügenhaften Yengihs erschlagen, kam doch sein Vater mit der Nacht in seinen Wigwam zu seinem Sohne zu reden. »Ist das Kind, der Sprosse so vieler großen Sachem's herangewachsen?« pflegte er zu fragen: »Fängt sein Arm an stark zu werden, sein Fuß leicht, sein Auge scharf und schnell, sein Herz muthig und edel? Wird Conanchet gleich werden seinen Vätern? Wann wird der junge Sachem der Narragansett ein Mann sein?« Doch was soll ich meinem Bruder erst von diesen nächtlichen Besuchen erzählen? Metacom hat oft die lange Reihe der Wampanoag-Häuptlinge in seinem Schlaf gesehen? Es pflegen ja die tapfern Sachem's in das Herz ihrer Söhne einzukehren.« Der stolzerfüllte, schlaue Philipp schlug mit der Hand kräftig an seine nackte Brust, als er antwortete: »Sie sind immer hier, hier in meiner Brust. Metacom hat keine andere Seele als den Geist seiner Väter!« Conanchet beobachtete diese Pause, die nach indianischer 180 Gewohnheit und Sitte auf den Ausruf seines Gefährten erfolgen mußte und fuhr dann weiter fort: »Als der gemordete Miantonimoh des Schweigens müde war, ließ er seine Stimme hören. Er hieß seinen Sohn sich erheben und unter die Yengih's gehen, damit er zurückkehren möchte mit Schädelhäuten in seinen Wigwam, dort sie aufzuhängen als Siegeszeichen seines Muthes und seiner Männlichkeit; denn den Augen des todten Häuptlings gefiel es nicht, die Stelle dort so leer zu sehen. Die Stimme Conanchet's war damals zu schwach und jung zum Berathungsfeuer; er sagte nichts, er ging allein. Ein böser Geist gab ihn in die Hände der Blaßgesichter. Er war ihr Gefangener viele Monden lang. Sie schlossen ihn in einen Käfig gleich einem gezähmten Panther. Und alles dies geschah hier an diesem Ort. Die Nachricht von seinem unglücklichen Geschick drang aus dem Munde der jungen Yengih's zu den Ohren der Jäger, und von den Jägern kam sie zu den Ohren der Narragansets. Mein Volk hatte seinen Sachem verloren und kam, ihn aufzusuchen. Metacom, der Knabe, hatte die Macht des Gottes der Yengih's erfahren; sein Geist begann schwach zu werden; dachte weniger an Rache, der Geist seines Vaters kam nicht mehr zu ihm bei Nacht. Er hörte viele Unterredungen der Yengih's mit dem ihm unbekannten Gott mit an, und freundlich waren die Worte seiner Feinde. Er jagte mit ihnen. Als er auf die Spur seiner Krieger in den Wäldern stieß, ward sein Gemüth unruhig und bestürzt, denn er kannte die Botschaft, auf die sie ausgingen. Dann sah er wieder den Geist seines Vaters und wartete. Das Kriegsgeschrei vernahm man gerade in jener Nacht; viele starben und die Narragansets nahmen manche Schädelhaut. Du siehst hier dies 181 Haus von Stein, über welches die Feuersbrunst hinschritt. Sonst befand sich über ihm ein listig angelegter Vertheidigungsort, und in ihm führten die Blaßgesichter den Kampf für ihr Leben fort. Aber es wurde in Brand gesteckt, und nun war für sie keine Hoffnung mehr sich zu retten. Conanchet's Herz ward gerührt von diesem Anblick, denn großen Edelmuth und Freundschaft hatte er in denen gefunden, die in dem Gebäude waren. Obgleich ihre Haut weiß, waren sie es nicht gewesen, die seinen Vater erschlagen. Aber zu den Flammen konnte man nicht reden, und die Stätte glich bald den Kohlen eines verlassenen Berathungsfeuers. Alles darin wurde in Asche verwandelt. Freute sich Miantonimoh's Geist darüber, so that er recht, so war dies recht; aber das Herz seines Sohnes war bekümmert, Schwäche kam über ihn, und er dachte ferner nicht daran, sich seiner Thaten des Krieges zu rühmen.« »Jenes Feuer brannte, tilgte den Blutfleck von der Sachemsebene aus?« »Das that es. Seit jener Zeit sah ich nicht mehr die Spuren von meines Vaters Blut. Graue Häupter, Jünglinge und Knaben waren in diesem Brande, und als die Balken zusammenbrachen, war nichts mehr übrig geblieben als Asche und Kohle; und dennoch stehen die, welche in dem feuersprühenden Hause sich befanden, dort vor unsern Augen!« Der aufmerksam zuhörende Metacom staunte und warf einen schnellen, hastigen Blick auf die Trümmer hin. »Sieht mein Sohn etwa Geister und Gespenster in der Luft?« fragte er plötzlich. »Nein, sie stehen dort, sie leben. Sie sind schon gefesselt und bestimmt für die Qualen des Todes. Der mit dem 182 weißgelockten Haupte ist der Greis, welcher so viel mit seinem Gott sprach. Der ältere Häuptling, welcher unsere jungen Männer so hart und kräftig schlug, war damals auch ein Gefangener in diesem Hause. Er, der so eben sprach, und das Weib, welche selbst blasser scheint, als ihr Geschlecht, starben damals in jener Nacht, und doch sind sie jetzt hier! Selbst der tapfere Jüngling, der so schwer zu überwältigen war, gleicht dem Knaben, der damals im Feuer umkam. Die Yengih's gehen mit unbekannten Göttern um; sie sind zu listig und klug für einen Indianer!« Philipp hörte diese seltsame Erzählung an, wie Jemand, der im Glauben an abergläubische Sagen und Erzählungen auferzogen worden, und doch geschah dies mit einer Hinneigung, einem Hange zur Zweifelsucht, zur Ungläubigkeit, die in ihm durch sein wildes, unbezwingliches Verlangen nach der Vernichtung und Ausrottung des verhaßten Geschlechts erzeugt und bestärkt wurde. Er hatte in den Rathsversammlungen seines Volkes über viele ähnliche Zeichen der übernatürlichen Einwirkung, die zu Gunsten seiner Feinde sich gezeigt, den Sieg davon getragen. und sie zweifelhaft zu machen gewußt, aber nie vorher waren so schlagende, Aufmerksamkeit gebietende Thatsachen und Beispiele von Wundern dieser Art, und so geradezu und aus so würdiger, wahrhafter Quelle ihm vor die Sinne gekommen. Selbst den stolzen Starrsinn, die weitsehende Weisheit und List dieses scharfsinnigen Häuptlings wurde durch solch' ein Zeugniß erschüttert, und es trat ein Augenblick ein, wiewohl auch nur ein einziger, wo der Gedanke in seinen Ueberlegungen die Oberhand behielt, eine Verbindung zu verlassen, deren Zweck zu erreichen man verzweifeln mußte. Aber sich selbst, seiner 183 Sache getreu, und für sie Alles aufopfernd, hegte er bald andere Gedanken, und ein festerer, unwandelbarer Entschluß gab ihm die Bestimmtheit wieder und stellte seine frühere Entschlossenheit wieder her, wenn auch dadurch nicht alle Verlegenheit, in die ihn seine Zweifel setzten, aufgehoben wurden. »Was wünscht Conanchet, daß geschehe?« sagte er. »Zweimal sind seine Krieger in dies Thal hereingebrochen, und zweimal hat sich der Tomahawk seiner jungen Kämpfer mit Blut gefärbt, ist röther gewesen als der Kopf des Baumhackers! Das Feuer hat seine Schuldigkeit nicht gethan. Der Tomahawk ist zuverlässiger. Hätte die Stimme meines Bruders nicht zu seinen jungen Männern gesagt: Laßt die Kopfhäute der Gefangenen unversehrt, er könnte jetzt nicht sagen: dort stehen sie noch und leben!« »Mein Gemüth ist wirr und zerstört, Freund meines Vaters! Wollen wir ein strenges Verhör mit ihnen anstellen, um hinter die Wahrheit zu kommen?« Metacom sann einen Augenblick; dann, seinen jungen bewegten Begleiter freundlich anlächelnd, winkte er einem jungen Krieger, der in den Feldern umherschlenderte, sich zu nähern. Dieser Indianer wurde zum Ueberbringer eines Befehls gemacht, welcher gebot die Gefangenen nach dem Hügel zu bringen; und nachdem diese Anordnung getroffen war, schritten die beiden Häuptlinge schweigend auf und ab; jeder brütete über dem, was geschehen war, mit einer Gemüthsstimmung, die seinen eigenthümlichen Charakter und persönlicheren Gefühlen angemessen war. 184   Neuntes Kapitel. Hier erblickt man nicht verschrumpfte Hexen; Kein Kobold führt sein nächtlich Heer; Nur Fee'n tanzen auf dem Anger, Bestreu'n Dein Grab mit Perlenthau. Collins.           Es ist in der That nur selten der Fall, daß die Philosophie des höher stehenden Indianers sich aus ihrem Gleichmuth bringen läßt. Als Contentius und die Familie der Heathcote's den Hügel erreicht hatten, fanden sie die beiden Häuptlinge im Garten auf- und niedergehen, mit unerschütierlicher Ruhe und dem würdigen Anstand ihres Ranges. Annawon, der die Gefangenen geführt hatte, ließ sie am Fuße der Ruine eine Reihe bilden und erwartete mit Geduld den Augenblick, wo die Häuptlinge das Verhör fortsetzen würden. In dieser ruhigen, gewohnten Ergebung in den Willen der Vorgesetzten lag aber gar nichts von der niederträchtigen, verworfenen Art von Ehrerbietung, wie man sie bei den asiatischen Völkern findet. Jene ging aus der Gewohnheit der Selbstbeherrschung hervor, welche den Indianer lehrte, alle in der Natur des Menschen liegenden Erregungen und Gefühle zu unterdrücken; Furcht und Angst hatten dabei nicht den geringsten Antheil. Eine ganz ähnliche Wirkung 185 hatte religiöse Unterwerfung und Entsagung in denen hervorgebracht, welche das Schicksal jetzt in ihre Hand gegeben. Es würde ein interessantes, reizendes Studium für Jemand gewesen sein, der den verschiedenen Verhaltungsweisen, dem verschiedenen Benehmen der Menschenracen in den einzelnen Vorfällen und Lagen des Lebens seine Aufmerksamkeit schenkt und sich damit beschäftigt, – für einen solchen würde es von Interesse gewesen sein, die Verschiedenheiten zu bemerken, welche sich zwischen der ruhigen, mehr leiblichen, vollkommen Selbstbeherrschung der wilden Waldbewohner und zwischen der ascetischen, mehr geistig gewahrten und doch sanften, ruhigen Unterwerfung und Hingebung unter den Willen der Vorsehung sich vorfanden, die man bei den meisten der Gefangenen bemerken und nachweisen konnte. Wir sagen bei den Meisten, denn eine Ausnahme fand Statt. Die Stirn des jungen Marcus blieb finster und zürnend; und der wilde Ausdruck seines Auges verlor sich nur, wenn durch Zufall sein Blick auf die hinfällige Gestalt, die blassen Züge seiner Mutter fiel. Man hatte hinlänglich Zeit, diese verschiedenen, eigenthümlichen Gemüthsbewegungen auf diese Art schweigend und ruhig darzulegen, da viele Augenblicke vorübergingen, ehe einer der Sachems geneigt schien, die Unterredung wieder zu beginnen. Endlich trat Philipp oder Metacom, wie wir ihn abwechselnd und ohne Unterschied zu machen, nennen werden, näher vor sie hin und sprach: »Diese Erde ist eine schöne, gute Erde, sie ist von mancherlei Farben, das Auge Dessen zu erfreuen, der sie schuf und bildete. An einigen Stellen ist sie dunkel, und wie der Wurm die Farbe des Blattes annimmt, von dem er sich nährt, so sind auch dort die Jäger schwarz und dunkel; an andern 186 Orten ist sie weiß, und das ist die Gegend, wo blasse Leute geboren wurden, und wo sie auch sterben sollten, wollen sie nicht den Pfad verfehlen, der zu ihren glücklichen Jagdgründen jenseits führt. Viele gerechte Krieger, die getödtet wurden auf fernen Kriegsfahrten, wandeln noch herum in den Wäldern, weil die Spur verwischt und ihr Auge trübe ist. Es ist nicht gut, so sehr zu vertrauen, der List und Klugheit von – –« »Armen, unglücklichen, blinden Verehrern des Appollyon!« fiel der Puritaner ein; »wir gehören nicht zu den Götzendienern und Thoren im Geiste! Uns ist verliehen worden den Herrn zu erkennen; seinen erwählten, auserlesenen Anbetern sind alle Gegenden und Länder gleich. Der Geist kann sich zu ihm gleichmäßig erheben durch Schneegestöber und Wirbelwind, in Sturm und Windstille, vom Sonnengebiet und von Eisländern, aus den Tiefen des Oceans, aus Flammen und Feuer, aus Wäldern – –« Er ward nun auch seinerseits unterbrochen. Bei dem Worte »Feuer« fiel Metacoms Finger voll Bedeutung und Ausdruck auf seine Schulter; und als er zu reden aufgehört hatte, denn bevor dies nicht geschehen, würde kein Indianer gesprochen haben, fragte der Andere mit ernster Miene: »Und wenn ein Mann von blasser Haut im Feuer umgekommen ist, kann er dann nochmals auf der Erde wandeln? Ist der Strom zwischen dieser Waldlichtung und den dereinstigen Gefilden eines Yengihs so eng und schmal, daß die vollendeten Männer über ihn hinschreiten können, sobald es ihnen beliebt?« »Alles dies sind Irrthümer und Einbildungen eines Mannes, der sich noch wälzt in den Schlamm und Unrath heidnischer Gräuel! Kind der Unwissenheit! wisse, daß die 187 Schranken und Pforten, welche den Himmel trennen von der Erde, unüberschreitbar sind und undurchdringlich; denn wie könnte ein gereinigtes, geläutertes Wesen noch dulden und tragen die Verworfenheit und Verderbniß des Fleisches!« »Das ist eine Lüge der falschen Blaßgesichter!« rief der listige, ränkevolle Philipp; »sie wollen nämlich nicht, daß der Indianer ihre Künste lerne und stärker werde, denn ein Yengihs! Eine Lüge, sage ich, denn einst wurdest Du, Dein Vater und die neben Dir stehen, in jenem Hause verbrannt, und jetzt stehst Du hier, lebendig und fähig, den Tomahawk zu führen!« »Zornig zu werden über diese Gotteslästerung, würde schlecht das Mitleiden ausdrücken, das ich fühle,« sagte der greise Marcus, weit mehr entrüstet über diese Beschuldigung der Todtenbeschwörung und Zauberei, als er es merken lassen wollte; »und dennoch zuzulassen, daß ein so verderblicher Irrthum sich unter diesen getäuschten Opfern des Satans verbreite und Wurzel fasse, würde Vernachlässigung meiner Pflicht und Vergessenheit gegen Gott sein. Mann der Wampanoags, Du hast irgend von einer Sage unter Deinem wilden Volke gehört und für wahr angenommen, welche doppeltes Verderben auf Deine Seele häufen würde, wenn Du nicht zum Glück aus den Krallen des finsteren Fürsten der Lüge gerettet wirst. Es ist wahr, daß ich und die Meinen in diesem Thurme in außerordentlicher, alles übersteigender Lebensgefahr mich befunden, so daß die Männer außerhalb nicht anders glauben konnten, als daß wir ein Raub der Flammen geworden; aber der Herr gab es uns ein, der Herr erleuchtete unsern Geist, daß wir Zuflucht suchten, wohin das Feuer nicht zu dringen vermochte. Der Brunnen ward zum 188 Werkzeug gemacht unserer Rettung und Sicherheit, damit erfüllt würden seine eigenen unerforschlichen Gedanken und Rathschlüsse!« Trotz der lang geübten und außerordentlichen List und Scharfsinnigkeit, die die Zuhörer auszeichnete, hörten sie doch die einfache Erklärung dessen, was sie für ein Wunder gehalten hatten, mit einem Staunen, das nicht leicht verhehlt werden konnte. Lust und Entzücken über die Vortrefflichkeit und Feinheit ihres Kunstgriffs war offenbar das erste, vornehmste und beiden gemeinsame Gefühl, das sich ihrer bemeisterte, auch wollten sie nicht eher unbeschränkten, vollen Glauben seiner Erzählung schenken, als bis sie sich über allen Zweifel hinaus versichert hatten, daß was sie gehört, wahr und richtig war. Die kleine eiserne Thür, welche zu den Brunnen Zugang gegeben, und dadurch das Wasser für die gewöhnlichen Bedürfnisse und häuslichen Zwecke der Familie brauchbar und anwendbar gemacht hatte, war noch da, und erst nachdem jeder einen Blick in den tiefen Brunnenschacht geworfen, schienen sie überzeugt von der Thunlichkeit und Möglichkeit der That, und gaben sich zufrieden. Jetzt glänzte ein triumphirender Blick in den Augen Philipp's, während die Gesichtszüge seines Gefährten zugleich Befriedigung und Leidwesen ausdrückten. Sie gingen Beide abseits, mit dem, was sie eben gesehen und gehört hatten, beschäftigt und als sie mit einander redeten, geschah dies wieder in der Sprache ihres Volks. »Mein Sohn hat eine Zunge, die nichts Falsches zu reden, nicht zu lügen vermag,« bemerkte Metacom in einem besänftigenden schmeichelnden Tone. »Er berichtet, was er gesehen, und was er sagt, ist wahr. Conanchet ist kein 189 Knabe mehr, sondern ein Häuptling, dessen Weisheit grau ist, während seine Glieder jugendlich sich zeigen. Wohlan, sein Volk trenne die Haut dieser Yengih's von den Köpfen, damit sie sich nicht wieder in Löcher und Höhlen verkriechen, wie die listigen Füchse!« »Der Sachem hat einen sehr blutgierigen Sinn,« entgegnete der junge Häuptling mit ungewöhnlicher Wärme. »Laß die Arme der Krieger ruhen, bis sie aufgefordert werden, den bewaffneten Händen der Yengih's zu begegnen, sonst möchten sie zu müde und ermattet sein, um kräftige Streiche zu führen. Meine junge Mannschaft hat Schädelhäute genommen, seit die Sonne über die Bäume daher kam, und sie sind befriedigt. – Warum sieht Metacom so hart und grausam darein? Was sieht mein Vater?« »Ich sehe eine dunkle Stelle in der Mitte einer weiten Ebene; das Gras ist nicht grün, es ist roth wie Blut. Es ist zu dunkel für Blut von einem Blaßgesicht; es ist das reiche Blut eines großen Kriegers. Kein Regen kann es verwischen, es wird dunkler mit jeder Sonne. Kein Schnee macht den Ort wieder weiß, viele Winter ist es sichtbar gewesen. Die Vögel schreien, wenn sie über ihn hinfliegen, der Wolf heult, die Blindschleichen und Eidechsen kriechen einen andern Weg!« »Deine Augen werden alt und dunkel; Feuer hat die Stelle geschwärzt, und was Du siehst ist Asche und Kohle.« »Das Feuer ward in einem Wasserbrunnen angelegt; es brannte nicht hell. Was ich sehe, ist Blut!« »Wampanoag!« entgegnete Conanchet stolz; »ich habe die Stelle versengt und verwüstet mit den brennenden Wohnungen der Yengih's. Das Grab meines Vaters ist bedeckt mit 190 Schädelhäuten, die die Hand seines Sohnes davongetragen. – Warum sieht Metacom nochmals hin? Was erblickt der Häuptling?« »Einen Flecken der Indianer, der da brennt mitten im Schnee; die junge Mannschaft sehe ich meuchlings von hinten erschlagen; die Mädchen höre ich schreien, die Kinder auf Kohlen rösten und braten, die greisen Männer sehe ich gleich Hunden sterben! Es ist das Dorf der feigherzigen Pequod's. – Nein, ich sehe noch besser; die Yengih's sind in das Land des großen Narragansett's eingebrochen; der tapfere Sachem ist an der Spitze der Seinen, im Gefecht mit ihnen! Doch ich schließe die Augen, denn Rauch macht sie erblinden!« Conanchet hörte diese Anspielung auf das neuerliche, beklagenswerthe Geschick der Hauptansiedelung seines Stammes in dumpfem Schweigen an; denn das Verlangen nach Rache, das so mächtig, so furchtbar erweckt worden war, schien jetzt zu schlummern; wenn es nicht vielleicht gänzlich durch die Wirksamkeit und Macht irgend eines geheimnißvollen, starken Gefühls erstickt und getilgt worden war. Er ließ seine Augen finster von dem, dem Anschein nach gänzlich verlorenen Antlitz seines listigen, klugen Gefährten auf die Züge seiner Gefangenen hinschweifen, deren endliches Schicksal nur noch von seinem Entschlusse abhing, nur noch seine Entscheidung abwartete; indem die Rotte, welche an jenem Morgen in Wish-Ton-Wish hereingebrochen war, mit nur sehr wenigen Ausnahmen aus den noch überlebenden Kriegern seines eigenen kräftigen Volkes bestand und zusammengesetzt war. Aber während sein Blick sich so unmuthsvoll und mißvergnügt zeigte, konnten doch Geisteskräfte, die so fein und mächtig ausgebildet und geübt waren, wie die seinen, sich nicht leicht 191 täuschen, nicht leicht das mißverstehen, was selbst auf diese schnelle, vorüberschwindende Weise vor seinen Augen vorging. »Was sieht mein Vater weiter?« fragte er mit einer Theilnahme, einem Interesse, das er nicht beherrschen, nicht verbergen konnte, als er eine nochmalige Veränderung in den Zügen Metacom's entdeckte. »Ich sehe ein Wesen, weder weiß noch roth, ein junges Weib, das hüpft gleich einem springenden Reh; das in einem Wigwam gelebt in Unthätigkeit und ohne Arbeit; das mit zwei Zungen spricht; das seine Hände hält vor die Augen eines großen Kriegers, bis er blind ist, wie die Eule in der Sonne; ich sehe sie – –« Metacom schwieg, denn in jenem Augenblick erschien ein Wesen vor ihm, das seltsam dieser Beschreibung glich, und die Wirklichkeit, die Existenz von dem phantastischen Gemälde darstellte, das er mit so viel Ironie und List in wenigen Zügen eben entworfen hatte. Die Bewegungen des schüchternen Rehes sind kaum rascher, unentschlossener und unbestimmter als die Schritte des Wesens waren, welches sich jetzt so mit einem Male vor die Krieger hinstellte. Der zagende, halb zurücktretende Schritt, der auf den leichten Sprung folgte, mit dem sie ihnen zu Gesicht gekommen, erklärte, daß sie Bedenken trug, weiter vorwärts zu gehen, während sie doch nicht recht wußte, in wie weit es räthlich und geeignet sein möchte, wieder zurückzugehen. Im ersten Moment stand sie in einer unentschiedenen zweifelnden Stellung da, so wie man sich etwa ein aus Nebel gewobenes Geschöpf denken mochte, eben im Begriff in Luft zu zerfließen; dann aber, als sie Conanchet's Blicken 192 begegnete, setzte sie den aufgehobenen Fuß wieder auf die Erde, und ihre ganze Gestalt nahm die bescheidene, zusammengedrängte Stellung eines indianischen Mädchens an, das vor einem Sachem ihres Stammes steht. Da dieses weibliche Wesen keine geringe Rolle in dem, was folgt, spielen wird, so möchte uns wohl der Leser Dank wissen, wenn wir eine in's Einzelne gehende, weitläuftigere Beschreibung ihrer Gestalt und Person vornehmen. Das Alter der Unbekannten war unter zwanzig Jahren. Ihre Gestalt erhob sich über die gewöhnliche Größe der indianischen Mädchen, dabei aber waren die Verhältnisse ihres Körperbaus so ebenmäßig leicht und zierlich, daß sie im vollkommensten Verhältniß mit der ihrem Alter natürlichen Fülle und weichen Rundung standen. Ihre Gliedmaßen abwärts von den Falten einer Schürze aus glänzendem Scharlach, waren von den feinsten Umrissen, und in genauester Harmonie mit den Forderungen classischer Schönheit; nie zierte ein Fuß von zarterer Biegung und sanfterer Rundung den mit Federn besetzten Mokasin. Obgleich ihre Person vom Nacken bis zum Knie in ein eng anschließendes Gewand von Callicot und in der kurzen schon erwähnten Schürze gekleidet war, ward doch genug von ihrem Bau sichtbar, um Umrisse zu verrathen, die nie durch die mißverstandenen Kunstgriffe der Sitte und Mode, nie von den schädlichen Einwirkungen der Arbeit und Anstrengung beeinträchtigt und geschwächt worden waren. Die Hautfarbe war nur an den Händen, im Gesicht und am Halse sichtbar. Ihr Glanz war in etwas durch die aller Witterung ausgesetzten Lebensart des Mädchens verdunkelt worden, ein reicher, rosiger Teint hatte die natürliche Klarheit einer Gesichtsfarbe ersetzt, die einst schön bis zu 193 ungewöhnlichem, außerordentlichem Reize gewesen war. Das Auge war voll, sanft von einem Blau, welches mit dem Abendhimmel wetteiferte; die Brauen gewölbt und feingezeichnet, die Nase gerade, edel, etwas griechisch geformt, die Stirn vorragender als gewöhnlich bei Mädchen der Narragansett's, regelmäßig, zart und glänzend, das Haar, anstatt in langen, geraden Flechten von schwarzem Schmelz herabzuhängen, brach in reichen, goldgelben Ringeln aus einer mit Perlen geschmückten Schnur hervor. Die besondern Eigenthümlichkeiten, welche diese Jungfrau von den andern ihres Stammes auszeichneten, beschränkten sich nicht blos auf die unzerstörbaren, von der Natur eingedrückten Eigenschaften. Ihr Schritt war auch leichter und gleichsam elastischer, ihr Gang mehr gerade und anmuthsreicher; ihr Fuß weniger nach innen gekehrt, und alle ihre Bewegungen freier und entschiedener, bestimmter, als bei der von Kindheit auf an Unterwürfigkeit und grobe Arbeit gewöhnten Indianerin. Obgleich geschmückt mit einigen der gepriesenen Kleinodien des verhaßten Geschlechts, dem sie, der Geburt nach, offenbar angehörte, hatte sie doch den wilden, schüchternen Blick jener, unter denen sie aufgewachsen und zur Jungfrau herangereift war. Sie würde in allen Gegenden und Theilen der Erde für eine Schönheit anerkannt worden und sogar aufgefallen sein, aber das Spiel der Muskeln, das geistreiche Strahlen ihres Auges und die freie ungezwungene Weise, womit sie die Glieder bewegte und Stellungen annahm, waren von solcher Art, wie sie sich selten über die Jahre der Kindheit hinaus unter Völkern finden, welche bei dem Versuche der Natur nachzuhelfen, oft nur ihr Werk verderben. 194 Wenn auch die Farbe des Auges so sehr verschieden von der war, wie man sie gewöhnlich bei Menschen indianischer Abkunft findet, hatte doch die Weise ihres schnellen, forschenden Blicks und halb getrübten, beunruhigten und doch verständigen Auges, womit dieses seltsame, außerordentliche Wesen sich in Kenntniß von der allgemeineren Beschaffenheit und Art der Versammlung setzte, vor welche sie beschieden worden war, etwas, was der halb instinctähnlichen Kenntniß eines Menschen glich, der gewöhnt worden war an die beständige, schärfste Uebung aller seiner Geisteskräfte und natürlichen Anlagen. Sie zeigte mit dem Finger auf Whittal Ring, der ein wenig im Hintergrunde stehen geblieben, und fragte dann mit leiser, sanfter Stimme, in der Sprache der Indianer: »Warum hat Conanchet sein Weib aus den Wäldern zu sich entboten?« Der junge Sachem gab keine Antwort. Ein gewöhnlicher Zuschauer hätte selbst nicht an ihm ein Zeichen entdecken können, welches verrathen hätte, daß er sich nur überhaupt der Gegenwart der Sprechenden bewußt war. Im Gegentheil, er behauptete ganz die stolze Zurückhaltung, wie sie sich gewöhnlich an einem Häuptling findet, der mit Angelegenheiten von Wichtigkeit beschäftigt ist. Wie sehr tief auch immer seine Gedanken aufgeregt und beunruhigt worden sein mochten, es war nicht leicht, auch nur das geringste Anzeichen vom Zustand seines Gemüthes in der Ruhe der Züge seines Antlitzes nachzuweisen, das gewöhnlich unverändert und unbeweglich erschien. Nur ein einziger kurzer Moment verrieth ihn, ein sanfter, gütiger Blick entging dem schüchternen, aber aufmerksamen Mädchen nicht, dann warf er den noch immer 195 bluttriefenden Tomahawk in die Höhlung des einen Arms, schlug die feste Hand um den Stiel, und stand wieder da so unverändert in den Zügen, als unbeweglich in der Stellung. Nicht so Philipp. Beim ersten Erscheinen der Unwillkommenen hatte sich eine finstere, trübe Wolke des Unwillens auf seiner Stirn gesammelt; doch sie wich schnell und verwandelte sich in einen Blick sarkastischen, beißenden Spotts. »Wünscht mein Bruder nochmals zu wissen, was ich sehe,« fragte er, als er hinlängliche Zeit nach der unbeantworteten Frage des Mädchens hatte verfließen lassen, um daraus zu erkennen, daß sein Gefährte nicht geneigt und willens sei, zu antworten. »Was schaut der Sachem der Wampanoags jetzt?« entgegnete Conanchet stolz, der gar nicht merken ließ, daß irgend ein Umstand eingetreten, der den Inhalt ihrer Unterredung hätte unterbrechen und abändern können. »Einen Anblick, den seine Augen nicht glauben, nicht für wahr halten wollen. Er sieht einen großen Stamm auf dem Kriegspfade. Es finden sich dabei viele Tapfere und ein Häuptling, dessen Väter herabgekommen sind aus den Wolken. Ihre Hände sieht man in der Luft; sie führen schwere Streiche, der Pfeil ist schnell, und wo die Kugel eindringt, da tödtet sie auch. Blut fließt aus den Wunden, hat aber die Farbe des Wassers. Jetzt sieht er nicht weiter, aber er hört. Es ist das Geschrei des Sieges, das Geschrei über die Menge der erbeuteten Schädelhäute; die Krieger freuen sich des Sieges. Die Häuptlinge in den seligen Jagdgründen kommen voll Entzücken den erschlagenden Brüdern entgegen, denn sie erkennen den Siegesruf ihrer Kinder.« Das ausdrucksvolle Antlitz des jungen Sachems entsprach 196 in seinen Mienen unwillkürlich den Gefühlen, welche diese Beschreibung des Auftritts, in dem er eben einer von den vornehmsten handelnden Personen gewesen, in ihm weckte und hervorrief; ja es war für einen so gewöhnten, im Krieg gebildeten Mann unmöglich, sein Blut zu verhindern, daß es schneller nach dem ruhmdürstigen Herzen zuströmte. »Was sieht mein Vater weiter?« fragte er mit einer Stimme, in welcher sich unbemerkt der Siegeston mischte. »Einen Boten, – dann hört er – die Mokasins eines Weibes!« »Genug; – Metacom, die Weiber der Narragansetts haben keine Hütten. Ihre Dörfer liegen in Asche, sie folgen den jungen Kriegern, um Nahrung zu finden.« »Ich sehe kein Wild. Der Jäger wird in einer Anpflanzung, einer Waldlichtung der Blaßgesichter kein Thier finden. Aber das Korn ist voller Milch; Conanchet ist sehr hungrig, er hat nach seinem Weibe geschickt, damit er mit ihr essen möchte!« Die Finger jener Hand, welche den Tomahawk krampfhaft festhielt, schienen sich in den hölzernen Griff völlig eingraben zu wollen; die blitzende Streitaxt selbst ward langsam erhoben; aber der wilde Zornblick erlosch, so wie der Unwille des jungen Sachem sich legte, und würdevolle Ruhe zeichnet sich von Neuem auf seinen Zügen. »Geh, Wampanoag,« sagte er, und winkte stolz mit der Hand, als sei er entschlossen, ferner nicht durch die Rede seines arglistigen, wilden Gefährten sich betrüben und beunruhigen zu lassen. »Meine jungen Krieger werden das Kampfgeschrei erheben, wenn sie meine Stimme hören, und sie werden 197 auch Wild tödten für ihre Weiber. Sachem, mein Wille bleibt mein eigener!« Philipp erwiderte den Blick, der diese Worte begleitete, mit einem andern, welcher Rache und Wuth drohte, aber indem er seinen Grimm mit seiner gewohnten Klugheit unterdrückte und erstickte, verließ er den Hügel, und nahm eine Miene an, die mehr Mitleid und Erbarmen, als Zorn und Unzufriedenheit zu zeigen sich bemühte. »Warum hat Conanchet nach seinem Weibe geschickt und sie aus den Wäldern her rufen lassen?« wiederholte dieselbe sanfte Stimme, aber etwas näher an der Seite des jungen Sachems; die Frau sprach mit etwas weniger von der Furchtsamkeit ihres Geschlechts, jetzt, da der unruhige, aufgeregte Geist der Indianer jener Gegenden verschwunden war. » Narra-Mattah , komm näher,« entgegnete der junge Häuptling und veränderte die tiefen stolzen Töne, in denen er zu seinen ruhelosen, kühnen Waffengefährten gesprochen hatte, zu solchen, wie sie besser dem zarten Ohr angemessen waren, für welches er sie bestimmte. »Fürchte nichts, Tochter vom Sonnenaufgang, denn die um uns sind von einem Volke, das gewohnt ist, Weiber bei den Berathungsfeuern zu sehen. Nun schau um Dich mit offenem, klaren Auge, ist hier etwas unter diesen Bäumen, das Dir zu gleichen scheint einer alten Ueberlieferung? Hast Du je solch ein Thal gesehen in Deinen Träumen? Haben jene Blaßgesichter dort, die der Tomahawk meiner jungen Helden verschont und ausgespart hat, – haben sie je in der dunkeln Nacht Deinem Auge sich vorgestellt, sind sie je vom großen Geiste im Traume Dir vorgeführt worden?« 198 Mit der größten Spannung horchte das junge Weib auf. Ihr Blick war wild und unsicher, und doch fehlte ihm nicht gänzlich jeder Anstrich von einem halb wieder auflebenden Wiederkennen und dunkler Rückerinnerung. Bis zu diesem Augenblick war sie zu sehr beschäftigt gewesen, den Gegenstand, den Zweck ihrer verlangten Gegenwart zu errathen, um die Gegenstände der Natur, von denen sie umgeben war, näher zu betrachten und einer Untersuchung zu unterwerfen; aber als jetzt ihre Aufmerksamkeit so geradezu auf diese Dinge hingelenkt wurde, erfaßte ihr Gesichtsorgan Alles und Jedes mit der Schärfe und Bestimmtheit, die so bemerkenswerth und auffallend bei denen ist, deren Geistesfähigkeiten durch Gefahr und Nothwendigkeiten geschärft werden. Sie schritt von einer Seite zur andern; ihre schnellen Blicke schweiften über den weiter abliegenden Weiler mit seinem kleinen Forte hin, über die Gebäude in dem Hintergrund, die sanfthinwallenden, grünen Felder, den wohlgeruchvollen blühenden Obstgarten unter dessen schattigen Lauben sie stand, und den geschwärzten Thurm hin, welcher sich in der Mitte erhob, wie ein finsteres Denkmal, das den Beschauer warnt, nicht so freundlich und hoffnungsvoll den Zeichen von Friede und Lieblichkeit zu vertrauen, die Alles um ihn herum zu athmen scheint. Lange hatte sie so geschaut, dann, die Locken, womit die Luft ihre Schläfe umwehte, wieder von der Stirn streichend, kehrte das verwunderte Mädchen gedankenvoll und schweigend auf ihre Stelle zurück. »Dies ist ein Dorf der Yengihs,« sagte sie nach einer langen, ausdrucksvollen Pause. »Ein Narragansett-Weib schaut ungern nach den Wohnungen des verhaßten Geschlechts hin.« 199 »Gib Acht. – Nie sind Lügen in Narra-Mattah's Ohr gedrungen. Meine Zunge hat stets gesprochen wie die Zunge eines Häuptlings. Du kommst nicht, stammst nicht ab von dem Sumach, sondern von dem Schnee. Die dünne Hand ist nicht gleich den Händen der Weiber meines Stammes; sie ist klein, denn der große Geist bildete sie nicht zur Arbeit, sie ist von der Farbe des Morgenhimmels, denn Deine Väter sind in der Gegend geboren, wo die Sonne aufgeht. Dein Blut ist gleich dem Quellwasser. Alles dieses weißt Du, denn Niemand hat Falsches vor Deinen Ohren gesprochen. Sprich, siehst Du immer noch nicht den Wigwam Deines Vaters? Lispelt nicht seine Stimme zu Dir in der Sprache seines Volkes?« Das weibliche Wesen stand in einer Stellung da, in welcher man sich eine Sybille denken kann, wenn sie auf die verborgenen Gebote und Eingebungen des geheimnißvollen Orakels lauscht, so sehr war jede ihrer Geisteskräfte wie bezaubert und aufmerksam in's Forschen vertieft. »Warum legt Conanchet diese Frage seinem Weibe vor! Er weiß, was sie weiß; er sieht, was sie sieht; sein Geist ist ihr Geist. Machte der große Geist ihre Haut von verschiedener Farbe, so machte er doch ihr Herz dem seinen gleich. Narra-Mattah gibt dem Lügenworte kein Gehör, sie verschließt ihr Ohr, denn Betrug und Falschheit liegt in seinen Tönen. Ihr ist daran gelegen es zu vergessen. Eine Sprache, eine Zunge kann Alles sagen und ausdrücken, was sie zu Conanchet zu sprechen wünscht; warum sollte sie auf Träume achten, da jetzt ein großer Häuptling ihr Gatte ist?« Das Auge des Kriegers, als er so auf das kindlich treue, vertrauende Antlitz der Sprechenden herabsah, ward freundlich und liebevoll bis zur Güte und Zärtlichkeit. Seine rauhe 200 Festigkeit, sein Ernst war gewichen, und an deren Stelle die anziehende Sanftmuth der Liebe getreten, welche als ein Werk der Natur, zuweilen im Auge des Indianers glänzt, so wie sie die selbst dem gesittigteren Gesellschaftszustand noch anklebenden Schroffheiten abzuschleifen pflegt. »Mädchen,« sagte er mit Wärme und Gefühl, nachdem er einen Augenblick in Gedanken versunken gewesen, gleichsam als wolle er sie und sich zu wichtigeren Pflichten und Geschäften zurückrufen; »dies hier ist ein Kriegspfad; die sich darauf befinden, sind alle nur Menschen. Du warst wie die Taube, die ihre Schwingen noch nicht entfaltet und geöffnet hat, als ich Dich vom Neste weg trug, doch hatten die Winde manchen Winter über Dein Haupt geweht. Gedenkst Du gar nicht mehr der Wärme, der Nahrung im heimischen Hause, in welchem Du so viele Jahre zugebracht hattest?« »Der Wigwam Conanchet's ist warm; kein Weib seines Stammes hat so viele Pelze als Narra-Mattah!« »Er ist ein großer Jäger! Wenn die Biber den Tritt seiner Mokasins hören, liegen sie am Boden, daß er sie erlege. Aber die Männer der Blaßgesichter führen den Pflug. Denkt der »frischgefallene Schnee« nicht an die Männer, welche ihres Vaters Wigwam vor der Kälte wahrten und schützten, gedenkt sie der Weise nicht, wie ihre Väter, die Yengihs, lebten?« Sein jugendliches, aufmerksames Weib schien nachzusinnen und in Gedanken verloren; dann aber mit einem Ausdruck der Zufriedenheit, der sich nicht erkünsteln läßt, erhob sie ihr Angesicht und schüttelte verneinend das Haupt. »Erinnert sie sich nicht eines Brandes, der in ihren 201 Wohnungen angefacht ward, hört sie nicht das Schlachtgeschrei der Krieger, wie sie in eine Ansiedelung einbrechen?« »Viele Feuer sind vor ihren Augen angezündet worden. Die Asche des Narragansett-Dorfes ist noch nicht kalt.« »Hört Narra-Mattah nicht ihren Vater mit dem Gott der Yengihs reden? Horch! er fleht um Gunst und Gnade für sein Kind!« »Der große Geist der Narragansetts hat offene Ohren für sein Volk.« »Aber ich höre eine sanftere Stimme! Es ist die Stimme eines Weibes der Blaßgesichter mitten unter ihren Kindern; vermag die Tochter sie nicht zu hören?« Narra-Mattah legte ihre Hand auf den Arm des Häuptlings, und sah gedankenvoll und lange in sein Antlitz, ohne Antwort zu geben. Der Blick schien im Voraus seinen Grimm verhindern und abbitten zu wollen, der vielleicht durch das hätte erregt werden können, was sie eben ihm zu offenbaren und mitzutheilen im Begriff war. »Haupt meines Volks,« sagte sie, und ward durch seine immer noch ruhige, freundliche Stirn ermuthigt, in ihrer Rede fortzufahren; »was ein Mädchen aus den Baumlichtungen in ihren Träumen sieht, soll nicht verborgen und verhehlt werden. Sie sieht nicht die Wohnungen ihres Volks, denn der Wigwam ihres Gatten ist wärmer. Sie sieht nicht die Nahrung und Kleidung eines listigen, klugen Geschlechts; denn wer ist reicher als das Weib eines großen Häuptlings! Sie sieht nicht ihre Väter, wie sie zu ihrem großen Geist sprechen; denn es ist keiner größer und mächtiger als Manittu; Narra-Mattah hat Alles vergessen; sie wünscht, liebt nicht, an Dinge zu denken, wie diese. Sie kann ein hungriges, unersättliches 202 Geschlecht hassen. – Aber sie sieht Eine, welche die Weiber der Narragansetts nicht sehen. Sie sieht ein Weib mit weißer Haut, sieht es im Traume, sanft und mild auf ihr schlafendes Kind herabblicken. Ihr Auge ist kein Auge, es ist eine Zunge! Es spricht: was wünscht das Weib von Conanchet? – friert sie? hier sind Pelze, hungert sie? hier ist Wildpret; ist sie müde? die Arme der blassen Frau sind ihr offen, damit das indianische Mädchen ruhe und schlafe. Wenn Stille herrscht in den Hütten, wenn Conanchet und seine jungen Krieger schlafen, dann spricht diese blasse Frau. Sachem, sie spricht nicht von den Schlachten meines Volkes, sie spricht nicht von den Siegestrophäen, den Schädelhäuten, die meine Krieger davongetragen; nicht davon, daß die Pequods und die Mohigans meinen Stamm fürchten. Sie spricht nicht davon, wie ein junges Narragansett-Weib gehorchen solle ihrem Gatten, nicht wie die Weiber die Speise in den Hütten bereiten sollen für die müden, heimkehrenden Jäger und Krieger, ihrer Zunge entströmen seltsame Reden. Sie nennt einen mächtigen, gerechten Geist, sie erzählt von Frieden, nicht von Krieg; ihre Zunge tönt, wie eine, die aus den Wolken spricht, sie ist gleich dem Fallen und Rauschen der Wasser über Felsen. Narra-Mattah liebt darauf zu lauschen, denn die Worte scheinen ihr gleich den Tönen des Wish-Ton-Wish, wenn er in dem Walde seine Stimme läßt erschallen.« Conanchet hielt einen Blick tiefer, liebevoller Theilnahme auf das wilde aber sanfte, freundliche Antlitz des Wesens geheftet, das vor ihm stand. Sie hatte mit dem Ausdruck ernster, natürlicher Beredsamkeit gesprochen, welchen keine Kunst erreicht. Als sie geendet, legte er mit herzlicher, wehmüthiger 203 Zärtlichkeit seine Hand auf ihr halb geneigtes, regungsloses Haupt, und antwortete: »Wish-Ton-Wish ist der Vogel der Nacht, der seinen Jungen singt! Der große Geist Deiner Väter zürnt, daß Du in der Wohnung eines Narragansetts lebst. Sein Auge ist zu scharf; man kann ihn nicht täuschen. Er weiß, daß der Mokasin, der Wampumgürtel, das Pelzgewand Lügner sind, er sieht durch sie hindurch die Farbe Deiner Haut.« »Nein, Conanchet, nein,« entgegnete das junge Weib hastig und mit einer Entschlossenheit und Wärme, welche zu erwarten ihre frühere Furchtsamkeit und Schüchternheit eben keinen Grund gegeben hatte. »Sein Blick dringt auch durch die Farbe der Haut hindurch, er kennt die Farbe des Geistes und die Beschaffenheit des Herzens. Er hat vergessen, daß eines seiner Mädchen fehle.« »Es ist nicht so. Der Adler meines Volkes war gefangen in den Wohnungen der Blaßgesichter. Er war jung, und sie lehrten ihn, in andern Tönen zu singen. Die Farbe seiner Federn ward verändert, und sie gedachten, den Manittu zu betrügen. Aber als die Thür offen stand, als seine Bande gelöst wurden, breitete er die Schwingen aus, und floh zurück zu seinem Neste. So ist es nicht, wie Du denkst. Was geschehen ist, ist gut; und was jetzt geschehen wird, noch besser. Komm, hier liegt ein gerader Pfad vor uns.« Mit diesen Worten winkte Conanchet seinem Weibe, ihm zu der Gruppe der Gefangenen zu folgen. Das bisherige Gespräch hatte an einer Stelle stattgefunden, wo die beiden Gruppen theilweise durch die Trümmer des Blockhauses einander verdeckt worden, aber da der Zwischenraum so unbedeutend und gering war, stand der Sachem und seine Gefährtin 204 bald denen gegenüber, die sie aufgesucht. Er ließ sie einige Schritte hinter sich zurück, trat in den Kreis, nahm die, alles Widerstandes unfähige, fast bewußtlose Ruth unter den Arm, führte sie etwas abwärts und stellte beide weibliche Wesen so, daß ihre Blicke sich begegnen mußten. Heftige Erregungen und Gefühle kämpften und rangen in einem Antlitz, welches trotz seiner stolzen, wilden Maske von Kriegsbemalung nicht gänzlich das Wirken und Arbeiten in seinen Zügen verhehlen und verbergen konnte. »Seht,« sagte er in englischer Mundart, abwechselnd von der Einen auf die Andere blickend, »seht, der gute Geist schämt sich seines Werkes nicht. Was er gethan, hat er gethan; kein Narragansett, kein Yengihs vermag es zu ändern, noch ungeschehen zu machen. Dies ist der weiße Vogel,« fuhr er fort und berührte leichthin mit einem Finger Ruth's Schulter, »dies ist der weiße Vogel, der über das Meer hergeflogen, und diese, das Junge,« auf die Andere hinweisend, »welches er unter seinen Flügeln erwärmt hat.« Alsdann, die Hände auf seiner nackten Brust gefaltet, schien er alle seine Kraft und Stärke aufzubieten, damit nicht in dem Auftritt, welcher, wie er wohl einsah, erfolgen mußte, sein männlich fester Sinn irgend eine Bewegung und Handlung sich entschlüpfen lasse, der seines Kriegernamens unwürdig wäre. Für die Gefangenen war natürlich der Sinn des Auftritts, dessen Zeugen sie waren, ein Geheimniß. So viele seltsame, wilde Gestalten hatten sich ihren Blicken abwechselnd gezeigt und wieder entzogen, daß eine mehr oder weniger ihre Aufmerksamkeit nicht fesseln konnte, daher war auch von Ruth bis auf den Augenblick, wo sie sich in ihrer Muttersprache von 205 Conanchet anreden hörte, sein Zusammentreffen mit einem Weibe unbemerkt geblieben. Nun aber weckte die gleich sehr auffallende Bilder- und Geberdensprache des Indianers sie eben so plötzlich als heftig aus ihrer Traurigkeit. Kein Kind von zartem Alter kam je unerwartet vor Ruth Heathcote's Augen, ohne peinlich ihr den Cherub in's Andenken zurückzurufen, den sie verloren hatte. Die spielende, lustvolle Stimme der Kindheit überraschte nie ihr Ohr, ohne daß der Ton ihrem Herzen ein Bangen mitgetheilt; auch konnte man nie eine Anspielung, eine Hinweisung, wenn sie auch noch so unbestimmt und entfernt gewesen, auf Personen oder Vorfälle sich erlauben, welche einige Aehnlichkeit mit den traurigen Begebenheiten ihres eigenen Lebens hatten, ohne dadurch das nie ersterbende Sehnen ihres Herzens von Neuem zu verstärken, und den Pulsen, die nur für mütterliche Liebe schlugen, raschere Bewegung mitzutheilen. Kein Wunder daher, daß in ihrer Lage und in den gegenwärtigen Umständen die Natur mächtig in ihr wurde, und in ihrem Gemüth dunkele Ahnungen einer Wahrheit aufstiegen, die der Leser voraussieht. Doch fehlte immer noch eine sichere, offenbare, in die Augen fallende Spur. Die Phantasie hatte ihr immer ihr Kind in der Unschuld, in jenem zarten Alter vorgemalt, in welchem es ihren Armen entrissen worden, und während sich doch hier so vieles fand, was jeder vernünftigen Erwartung entsprach und mit ihr übereinkam, fand sich doch so wenig, was mit dem lang und freundlich gehegten Bilde übereinstimmte. Die Täuschung – wenn anders ein so heiliges, natürliches Gefühl so genannt werden darf – war zu tief in ihr Innerstes eingedrungen, hatte sich darin zu fest gesetzt, um auf einen Blick ausgerottet und aufgehoben werden 206 zu können. Lange, ernst und mit einem Ausdruck, der mit jedem wechselnden Gefühl sich änderte, auf sie hinstaunend, hielt sie die Fremde auf die Länge ihrer beiden Arme von sich entfernt, und schien eben so wenig willens, ihren Halt aufzugeben, als sie näher an ihr Herz zu lassen, das vielleicht das rechtmäßige Eigenthum einer Andern hätte sein können. »Wer bist du?« fragte die Mutter mit einer Stimme welche durch die Gefühle und Erregungen dieses heiligen Charakters zitternd und unsicher geworden. »Sprich, geheimnißvolles, liebliches Wesen, sprich, wer bist Du?« Narra-Mattah hatte inzwischen einen furchtsamen, bittenden Blick auf den unbeweglich und ruhig dastehenden Conanchet gerichtet, als wenn sie Schutz und Beistand suchte, von ihm, aus dessen Händen sie ihn zu empfangen gewohnt war. Aber eine neue Empfindung bemächtigte sich ihrer, als sie die Töne einer Stimme hörte, die zu oft in ihrer Kindheit ihr Ohr erfreut und durchdrungen hatten, um je vergessen zu werden. Alles Widerstreben, aller Kampf in ihr hörte auf, und ihre biegsame, geschmeidige Gestalt nahm die Stellung tiefer, gleichsam bezauberter Unbeweglichkeit und Aufmerksamkeit an. Ihr Haupt war etwas zur Seite geneigt, gleich als wenn das Ohr eifrig und voll Verlangen wäre, eine Wiederholung der bekannten Töne in sich aufzunehmen und einzusaugen, während immer ihr zerstörter und doch erfreuter, entzückter Blick noch das Antlitz ihres Gatten aufsuchte. »Erscheinung der Wälder, Du Trugbild der Wildniß, willst Du mir nicht antworten?« fuhr Ruth fort. »Wenn nur die geringste Ehrerbietung und Ehrfurcht für den 207 Heiligen von Israel in Deinem Herzen sich vorfindet, so gib Antwort, auf daß ich Dich erkenne!« »Conanchet!« flüsterte das junge Weib, in deren Zügen sich der Strahl froher unerklärlicher Befremdung immer tiefer färbte; »komm näher, Sachem, der Geist, welcher zu Narra-Mattah in ihren Träumen spricht, ist nahe!« »Weib der Yengihs,« sagte Conanchet und näherte sich mit Würde der Stelle, wo Beide standen; »laß die Wolken von Deiner Stirn zerstreuen, entferne die Nebel von Deinen Augen! Weib eines Narragansetts, steh hell und klar. Der Manittu Deines Geschlechts spricht mächtig. Er heißt einer Mutter ihr Kind erkennen!« Ruth konnte nicht länger zweifeln, kein Laut, kein Ausruf entging ihr, aber als sie die nachgebende, sich ihr ganz überlassene Gestalt ihrer wiedererlangten, lang beweinten Tochter an ihr Herz zog und drückte, da schien es, als strebe sie beide Körper in einen zu verschmelzen und einzuverleiben. Ein Ausruf der Lust, des Entzückens, Staunens und der Verwunderung zog Alle um sie in ihre Nähe. Jetzt offenbarte sich die ganze Gewalt, welche die Natur ausübt, wenn sie im Innersten heftig aufgeregt und erweckt worden, Alt und Jung erkannten gleichmäßig ihre Wirksamkeit an; und neuere Besorgnisse und Unruhen wurden in dem reinen Entzücken, in der himmlischen Lust solch eines Augenblicks übersehen und vergessen. Selbst der Geist des starkmüthigen, stolzen Conanchet wurde erschüttert und bewegt. Er erhob die Hand, an deren Gelenk immer noch der blutige Tomahawk hing, bedeckte das Antlitz, wandte sich zur Seite, damit Niemand die Schwäche eines so großen Kriegers gewahre und – weinte. 208   Zehntes Kapitel. »Man sieht der Teufel mehr, denn Höllenräume fassen; Das heißt, der Wahnsinn: –« Sommernachtstraum.           Als Philipp den Hügel verlassen, ließ er seine Wampanoags sich versammeln, und unterstützt von dem ergebenen, gehorsamen aber kriegerischen Annawon, einem Wilden, der, unter besseren Vorgängen und Beispielen, einen würdigen Adjutanten Cäsars abgegeben hätte, verließ er die Felder von Wish-Ton-Wish. Gewöhnt, wie sie waren, diese plötzlichen Ausbrüche von Zorn und Feindschaft bei ihren Anführern zu sehen, und gleichgültig zu betrachten, schauten Conanchet's Gefährten, die ihren Anstrich von Ruhe und Fassung unter weit mißlicheren Umständen, in weit wichtigeren Fällen beibehalten und behauptet haben würden. auf den Abzug des Andern hin, ohne auch nur eine Frage zu thun, ohne sich der geringsten Unruhe und Besorgniß hinzugeben. Aber als ihr eigener Sachem auf dem Wahlfelde erschien, das noch blutgeröthet war von den gefallenen Streitern, und seine Absicht, seinen Entschluß kund gab, eine Eroberung aufzugeben und zu verlassen, die mehr als zur Hälfte gelungen 209 und beendet war, da hörte man ihn nicht ganz ohne uuwilliges Murren an. Die Herrschergewalt eines Indianerhäuptlinges ist nichts weniger als unumschränkt; und obwohl man Grund zu der Ansicht hat, daß dessen Macht und Einfluß oft erhöht und unterstützt, wenn nicht geradezu hervorgebracht und erzeugt wird durch die bloß zufälligen Ursachen von Geburt und Abstammung, so erhalten sie doch offenbar ihre Hauptstütze, ihren vornehmsten Haltpunkt durch die persönlichen Eigenschaften dessen, der regiert. Zum Glück für den Häuptling der Narragansetts hatte selbst sein berühmter, so sehr verherrlichter Vater, der unglückliche Miantonimoh, durch seine Weisheit, seinen wagenden Muth und seine Kriegsthaten keinen höheren Namen sich erkauft, als der gewesen, den so ruhmvoll sein noch jugendlicher Sohn erworben. Die Unlust der Wilden, ihre üble Laune, das sie wurmende Verlangen nach Rache, wie es sich in den kühnsten seiner Untergebenen fand, ward bald von den drohenden Blitzen eines Auges zur Ruhe gebracht, das selten Strafe und Unheil verhieß, ohne beides alsbald zu verhängen, auch fand sich nicht ein Einziger unter ihnen Allen, der, wenn aufgefordert, dem Zorn seines Häuptlings zu trotzen, oder seiner Beredsamkeit sich zu widersetzen, nicht alsbald vor einem Streit zurückbebte, der, wie gewohnte Ehrfurcht sie zu glauben gelehrt hatte, viel zu ungleich sein mußte, um ihnen auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg zu lassen. In weniger als einer Stunde, nachdem Ruth ihr Kind an ihr Herz gedrückt hatte, waren die Eingedrungenen sämmtlich verschwunden. Zuvor jedoch trugen sie, ihrer Sitte gemäß, Sorgfalt, ihre Todten vom Schlachtfelde zu entfernen und zu verbergen, damit ja keine Schädelhaut von einem Krieger in 210 den Händen seiner Feinde zurückbleiben und ihnen zum Siegeszeichen dienen möchte. Es war bei den Indianern nicht gewöhnlich, sich mit Erfolgen eines ersten Streichs zufrieden zu geben, und dann wieder zurückzuziehen. So viel von ihrem Kriegsglück, ihrem Gelingen in den Schlachten hing von der Ueberraschung des ersten Ueberfalls ab, daß es viel häufiger sich zutrug, daß der Rückzug nach dem Mißlingen begann, als daß sie sich durch Beharrlichkeit den Sieg zu verschaffen suchten. So lange die Schlacht wüthete, war der Muth der Ansiedler allen Gefahren des Kampfes gewachsen und stand fest und ungebrochen, aber bei einem Volke, das so große Wichtigkeit auf List und Täuschung legte, und die kluge Anwendung derselben sich so sehr zum Verdienst anrechnete, ist es ganz und gar nicht zu verwundern, und nichts weniger als erstaunenswürdig, daß es selten mehr dem Zufall überläßt, selten sich mehr der Gefahr aussetzt, als durch die strengste Umsicht und genaueste Ueberlegung gerechtfertigt wird und ihnen rathsam erscheint. Als man daher erfuhr, der Feind sei in den Wald verschwunden, habe sich von dem offenen Felde gänzlich zurückgezogen, waren die Bewohner des Dorfes weit mehr zu dem Glauben geneigt, diese Bewegung sei das Ergebniß ihres eigenen männlichen, kräftigen Widerstandes, als daß sie nach Beweggründen gesucht, die vielleicht lange nicht so schmeichelhaft und angenehm für ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstschätzung gewesen. Im Gegentheil, den Rückzug hielt man für ganz in der Ordnung, und sah darin nichts, was zum Staunen hätte Veranlassung geben können, und obgleich die Klugheit ihnen alles Nachsetzen, alle Verfolgung verbot, wurden doch geschickte, kräftige 211 wohlberathene Kundschafter, von behenden Gliedern ihnen auf ihrer Spur nachgesandt, eben so sehr, um einer Erneuerung des Ueberfalls zuvorzukommen, als um die Streitkräfte der Colonie in den Stand zu setzen, den Stamm ihrer Feinde zu erkennen, und die Richtung aufzufinden, die sie genommen hatten. Alsdann erfolgte ein Auftritt feierlicher Ceremonien und tiefer Trauer und Betrübniß. Obgleich die von Dudley und dem Lieutenant angeführten Haufen so glücklich gewesen waren, mit einigen wenigen unbedeutenden Wunden aus der Schlacht zu entkommen, waren doch alle von Contentius befehligte Soldaten, mit Ausnahme der schon genannten, bis auf den letzten gefallen. Der Tod hatte mit einem Schlage zwanzig der kräftigsten Männer aus jener abgesonderten, einsamen Gemeinde hinweggerafft. Unter Umständen, worin der Sieg so unfruchtbar war und so theuer erkauft worden, war Trauer und Klage ein Gefühl, das weit lauter und stärker sich vernehmen ließ, als Jauchzen und Freude. Die Lust an dem Sieg nahm den Anschein der Demüthigung an, und während die Leute sich ihres Wohlverhaltens, ihres Verdienstes bewußt waren, wurde ihnen ihre Abhängigkeit von einer Macht, die sie nicht zu begreifen, noch Einfluß auf sie auszuüben vermochten, außerordentlich eindringlich und fühlbar. Die charakteristischen Ansichten der Religionsverwandten wurden noch mehr exaltirt und schwärmerischer, und der Schluß, das Ende des Tages war eben so merkwürdig durch eine Darlegung der ganz besonders erhöhten, phantastischen religiösen Eindrücke von Seiten der Colonisten, als sein Beginn, sein erster Blick furchtbar und 212 schreckhaft gewesen war durch Gewaltthätigteit, Mord und Blut. Als einer der thätigeren, behenderen Kundschafter mit der Nachricht zurückkehrte, die Indianer hätten sich durch den Wald auf einer breiten Spur zurückgezogen, welches ein sicheres Zeichen war, daß sie kein Auflauern in der Nähe des Thales mehr im Schild führten, und als man weiter erfuhr, sie seien schon auf viele Meilen weit auf ihrem Rückzug von den Spähern verfolgt, und ihr Weg erkannt worden, da kehrten die Dorfbewohner zu ihren gewohnten Aufenthaltsorten zurück. Die Todten wurden dann unter die vertheilt, welche das nächste Recht auf ihre Beerdigung in Anspruch nahmen, welche sich am meisten verpflichtet hielten, ihnen die letzten Dienste der Liebe und Zuneigung zu erweisen, und so hätte man ganz buchstäblich und mit vollem Rechte behaupten können, Trauer und Klage hätten ihr Zelt aufgeschlagen fast in jeder Wohnung. Die Bande des Bluts verknüpften alle in dieser so beschränkten, isolirten Staatsgesellschaft so enge und vielfach miteinander, und wo diese etwa mangelten, waren die gegenseitige Liebe, die Verbindungen des geselligen Lebens so fest, so innig, so natürlich, daß nicht ein Einziger von ihnen Allen der Betrübniß, dem Gefühle entging, er sei durch die Ereignisse an jenem Tag für immer eines Mitbürgers beraubt worden, auf den er sich ganz besonders verlassen mochte, wenn sein Herz nach Trost suchte, oder sonst zu seinem Glücke ihm etwas gebrach. Als der Tag sich seinem Ende zuneigte, berief nochmals die kleine Glocke die Gemeinde in die Kirche. Bei dieser feierlichen Gelegenheit waren nur Wenige von denen, die noch lebten, das Glockengetön zu vernehmen, abwesend. Ergreifend 213 und allgemein war die Rührung, als Meek sich zum Gebet erhob. Die Sitze, die vor kurzer Zeit noch von denen eingenommen worden, welche in dem Kampfe gefallen waren, fanden sich jetzt leer und unbesetzt, und glichen eben so vielen beredten, unbeschriebenen Seiten in der Beschreibung dessen, was vorgefallen, sagten aber mehr, und sprachen deutlicher zu den Gefühlen Aller, als irgend eine Sprache auszudrücken vermögend gewesen wäre. Das Gebet des Geistlichen trug das Gepräge seiner überspannten Religiösität, seltsam mischte sich das mystische Erkennenwollen der verborgnen Absichten der Vorsehung mit der mehr verständlichen, mehr in die Sinne fallenden Darlegung menschlicher Bedürfnisse und Empfindungen. Während er dem Himmel die Ehre des Sieges gab, sprach er mit hochtrabender, stolzer anmaßender Bescheidenheit und Demuth von den Werkzeugen, die seine Macht sich ausersehen, und wenn auch willens und geneigt anzuerkennen, daß seine Pfarrkinder vollkommen den schweren Streich verdient hätten, der sie getroffen, zeigte er doch offenbar und deutlich in seinen Reden eine Ungeduld, einen Haß und Grimm über die Mittel, deren Gott sich bedient, über die Werkzeuge, die bei dem Verhängen dieser Strafe und Noth thätig und wirksam gewesen. Die Grundsätze und Beweisschlüsse des Sectirers wurden so seltsam durch die Gefühle und Ansichten, wie sie sich bei einem Grenzbewohner finden, modificirt, diese hatten so großen Einfluß auf jene, daß es einem scharfsichtigen Unbefangenen gar nicht schwer gefallen sein würde, das Falsche in den Beweisgründen und Schlüssen dieses Eiferers zu entdecken; indeß da ein so großer Theil seiner Rede durch metaphysische Nebel und grübelnde Spitzfindigkeit verdunkelt wurde, da so 214 vieles den Allgemeinheiten und Gemeinplätzen der Lehrmeinungen überlassen blieb, wußten seine Zuhörer, ohne auch nur einen einzigen auszunehmen, Alles, was er aussprach, auf eine solche Weise anzuwenden, solchen Nutzen und Unterricht daraus zu ziehen, daß augenscheinlich dadurch jedes Gemüth befriedigt und erbaut wurde. Aus dem Stegreif, wie das Gebet, war auch die Predigt, wenn anders nur überhaupt etwas von einem Geiste extemporirt werden konnte, der in seine Ansichten und Religionsmeinungen so sehr eingeübt und gleichsam einexercirt worden war. Sie enthielt größten Theils dasselbe, dieses aber wurde um ein geringes weniger in der Form einer Apostrophe vorgetragen. Der zerschlagenen, niedergebeugten Gemeinde wurde, während man sie durch den Glauben erhob und ermuthigte, sie seien Gefäße, die ausgesondert und aufbehalten worden, damit durch sie irgend ein großer, glorreicher Endzweck und Rathschluß der Vorsehung erreicht und erfüllt würde, geradezu gesagt, daß sie weit schwerere Züchtigung verdient hätte, als die gewesen, welche jetzt über sie gekommen, und sie ward erinnert und ermahnt, wie es ihre Pflicht sei, selbst ihre Verwerfung und Verdammniß zu erflehen, nur damit dadurch der, welcher Himmel und Erde gebildet, gepriesen und verherrlicht werde. Dann hörten sie tröstliche Schlüsse, woraus sie billig hätten lernen können, daß, wenn auch streng genommen und im eigentlichsten Sinne, der Lehre gemäß, dies die Verpflichtungen und Anforderungen an den wahren eigentlichen Christen wären, jedennoch triftiger Grund vorhanden sei, um zu erwarten und sich überzeugt zu halten, daß Aller, welche auf so reine Lehren hörten und sich ihnen 215 ganz hingäben, einstens mit ganz besonderer Gnade und Vergünstigung gedacht werden würde. Ein so eifriger, so vielen Nutzen stiftender Diener des Tempels, wie dies Meek Wolfe war, vergaß gewiß nicht die praktische Tendenz seines Textes und die Vermahnung und Nutzanwendung, die daraus wie von selbst hervorging. Zwar wurde kein sichtbares Crucifix vorgewiesen, um die Zuhörer aufzuregen, auch wurden sie nicht angefeuert, Bluthunde auf die Spur ihrer Feinde loszulassen, aber das erstere ward durch beständige Anspielungen auf seine Verdienste und wunderbare Kräfte dem Auge ihres Geistes hinlänglich nahe gerückt, und auf die Indianer wurde als auf Werkzeuge hingewiesen, wodurch der Erzfeind, der Urvater der Lüge und alles Bösen immer noch hoffte, die Wildniß zu verhindern, daß sie aufblühe gleich der Rose und von sich gäbe die süßen Gerüche der Gottseligkeit. Philipp und Conanchet wurden geradezu angeführt und mit Namen genannt. wobei einige dunkele Andeutungen und Hinweisungen vorkamen, aus denen hätte hervorgehen mögen, daß die Person des erstern wohl nicht viel weiteres sei, denn die Lieblingsbehausung von Moloch, während es der eigenen Maßnahme der Zuhörer überlassen blieb, sich irgend einen andern Geist zu erdenken, sich irgend einen andern passenden Inwohner ausfindig zu machen, der sich zur Beherrschung der physischen Kräfte des andern, des Conanchet, geeignet hätte; unter allen den etwas böseren Kräften und wirksamen Geistern der Finsterniß, wie sie in der Bibel genannt werden, hatten sie hierbei freie Wahl. Alle Zweifel über die Rechtmäßigkeit des Kampfes, die etwa zarte Gewissen hätte beunruhigen und befallen mögen, wurden mit kühner, entschlossener Hand weggekehrt und aus dem 216 Wege geräumt. Es ward indeß nicht der geringste Versuch einer Rechtfertigung gemacht, denn alle Schwierigkeiten dieser Art wurden leicht durch die gebieterischen Nöthigungen der Pflicht aufgelöst. Einige wenige scharfsinnige Hinweisungen auf die Art, wie die Israeliten die Besitzer Judäa's aus ihren Wohnstätten vertrieben, waren für diesen besonderen Theil seiner Rede von ganz außerordentlicher Wichtigkeit und thaten gute Dienste in der Darlegung seines Gegenstandes; da es gar nicht schwierig war, Leute, die so mächtig den Antrieb religiöser Erregung fühlten, zu überzeugen, daß sie für eine gerechte Sache angefeuert und ermuntert worden waren. Durch diesen Vortheil ermuthigt, fuhr nun der Redner in seiner Beweisführung fort und zeigte gar kein Verlangen weiter, die Hauptfrage zu vermeiden und aus dem Gesichte zu verlieren. Er behauptete vielmehr ohne Weiteres, daß, wenn die Herrschaft des wahren Glaubens durch gar keine anderen Mittel begründet und befestigt werden könnte, ein Fall, der, wie er annahm, nach der Meinung aller Verständigen gewiß jetzt eingetreten, denn Jedem müsse es einleuchten, daß diese Begründung auf keinem andern Wege vor sich gehen könne, – in einem solchen Falle stellte er es für Jung und Alt, für die Starken und Schwachen als Pflicht hin, sich fest mit einander zu vereinen und einander beizustehen, indem sie die früheren Besitzer des Landes mit allem dem heimsuchten, was er den Zorn und Grimm einer beleidigten Gottheit nannte. Er sprach von der furchtbaren Niedermetzlung in dem vorigen Winter, wobei weder Alter noch Geschlecht verschont worden, und stellte diesen Vorfall als einen Triumph der gerechten Sache dar, als eine Ermuthigung auf dem eingeschlagenen Weg zu beharren und 217 fortzuschreiten. Dann kehrte Meek vermittelst eines Uebergangs, der in einem Zeitalter nicht außerordentlich und auffallend war, welches sich so sehr durch seine religiösen Spitzfindigkeiten auszeichnete, zu den milderen und näher liegenden Wahrheiten zurück, welche die Lehre Dessen charakterisiren und durchdringen, dessen Kirche aufrecht zu erhalten und zu schützen er vorgab. Seine Zuhörer wurden ermahnt, einen Lebenswandel zu führen voll Demuth und christlicher Liebe, und mit dem Schlußsegen in ihre Wohnungen entlassen. Die Versammlung verließ das Gebäude mit Gefühlen, wie sie Leute erfüllen, die sich durch ein besonderes, ungewöhnliches Einverständniß mit dem Urheber aller Wahrheit begünstigt und ausgezeichnet glauben; aber kaum Mohamed's Heer selbst wurde mehr von Schwärmerei getrieben und besessen, als diese verblendeten Eiferer und Sectirer. Es lag etwas für die menschliche Schwachheit so außerordentlich Schmeichelhaftes und Angenehmes in der Weise, wie sie ihren Haß und ihre zeitlichen Vortheile und Interessen mit ihren religiösen Pflichten und Verbindlichkeiten vereinten und in Einklang setzen, daß es nur wenig Staunen und Verwunderung erregen mag, wenn wir noch hinzufügen, daß der größte Theil von ihnen nicht nur erwartete, sondern auch vollkommen bereit und gerüstet war, einst Werkzeuge und Diener der Rache in den Händen irgend eines kühnen Anführers zu werden, und reichlich zu vergelten, was sie soeben Grausames und Hartes von den Heiden erduldet. Während die Einwohner des Dorfes auf diese Weise zwischen so gerade entgegengesetzten, sich so sehr widersprechenden Gefühlen und Leidenschaften hin und her schwankten und sich gleichsam zwischen ihnen nur mit Mühe durchdrangen, fielen 218 die Schatten des Abends allmälig und leise über ihre Ansiedelung hin, und dann kam die Dunkelheit mit jenen reißenden plötzlichen Schritten, womit sie auf den Untergang der Sonne in jenen unteren Breitegraden zu folgen pflegt. Einige Zeit vorher, ehe noch die Schatten der Bäume jene grotesken, riesenhaften, unverhältnißmäßig verlängerten Gestalten annahmen, welche den letzten Sonnenstrahlen vorangehen, und während die andächtige Gemeinde noch auf ihren Seelenhirten lauschte und an seinem Munde hing, stand eine einzelne, verlorene Person auf einer kleinen, dicht verwachsenen Anhöhe, von wo aus sie leicht alle Bewegungen und Schritte derer, welche in dem Weiler wohnten, bemerken und auskundschaften konnte, ohne deßwegen selbst Gegenstand der Beobachtung und Aufmerksamkeit zu werden. Eine kurze, unbeträchtliche Bergfirste ragte in das Thal hervor, und zwar gerade an der der Wohnung der Heathcote's am nächsten kommenden Seite. Ein kleiner Bach, den das Schmelzen des Schnees und die gelegentlichen schweren Regengüsse, wie sie in jenem Clima häufig sind, auf kurze Zeit zu einem reißenden Bergstrom anschwellten und erhoben, hatte sich in eine tiefe Schlucht zum Bette in dem felsigen Schooße des Abhangs eingeschnitten und gebildet. Die Zeit und das beständige Wirken und Schaffen des Wassers, von den treibenden, schnell hereinbrechenden Gewitterstürmen während des Winters und Herbstes unterstützt, waren thätig gewesen, viele der verschiedenen Aussichten, den größten Theil der Oberfläche dieses schluchtenvollen Gebigesstriches in wildblickende Landschaften und schauerliche Wohnplätze für Menschen umzuwandeln. Indeß fand sich doch ganz besonders eine Stelle, 219 in deren Nähe eine genauere Untersuchung und Nachforschung als die war, welche man von der Entfernung aus, in welcher die Häuser der Ansiedelung von jener Stelle abstanden, angestellt werden konnte, weit deutlichere und mehr in die Augen fallende Zeichen und Beweise von der Thätigkeit und Wirksamkeit der Menschenhände hätte entdeckt werden mögen, als dies sonst durch die nur eingebildeten, blos gedachten Aehnlichkeiten mit phantastischen Winkeln und durch andere zufällige Formationen des Bodens hätte geschehen können. Gerade an jenem Punkte, wo eine Abdachung des Gebirgs die beste Aussicht über das ganze Thal darbot, nahmen die Felsen den allerwildesten, wirrsten und folglich zur Errichtung einer Wohnung passendsten Anblick an, wenn man bei ihrer Erbauung vorzüglich darauf Rücksicht nahm, besonders das bezweckte und zu erreichen wünschte, daß sie den neugierigen Blicken der Ansiedler entgehen und entzogen werden möchte, während sie aber dennoch zu gleicher Zeit den Vortheil hätte, daß von ihr aus man das ganze Treiben der übrigen Einwohner übersähe und im Auge behielte. Ein Eremit würde den Ort als eine Stelle sich ausersehen und in Besitz genommen haben, welche am besten geeignet wäre zu abgesonderter, stiller Beschauung der Welt ganz aus der Ferne her, während sie doch in jeder Hinsicht dem einsamen Nachdenken, der Andacht und ascetischen Uebungen ganz angemessen erschien. Alle, welche durch die engen, vom Wasser zerrissenen Weinberge und Wiesen gereist sind, die von der Rhone bespült werden, ehe dieser Fluß seinen Tribut dem Genfer See zuführt, haben einige solcher Landbildungen gesehen, wie sie besetzt und bewohnt sind von Leuten, die ihr Leben der Abgeschiedenheit und dem Altar geweiht haben, 220 Bergabhänge, wie man sie über das Dorf St. Maurice in dem Kanton Wallis herüberragen sieht. Aber es findet sich in der Schweizer Einsiedelei ein Anstrich von Aufdringlichkeit in ihrem Aeußern, welche den Ort, den wir beschreiben, gar nicht trafen, da jene Eremitagen auf den höchsten, engsten Berggipfeln aufgehängt sind, gleichsam um der Welt zu zeigen, bis zu welchen gefährlichen, abgeschiedenen Schranken Gott noch verehrt werden kann, während diese, die amerikanische Einsiedelei, gänzliche Einsamkeit fast vermied, während sie nach Verborgenheit mit der eifersüchtigsten Sorgfalt und Vorsicht trachtete und strebte. Eine kleine, enge Hütte war gegen die Seite des Felsen hin auf eine Weise errichtet worden, daß sie einen stumpfen Winkel bildete. Man hatte Sorge getragen, sie mit solchen Gegenständen der Natur zu umgeben, daß dadurch wenig Grund übrig blieb, zu fürchten, ihr wahrer Charakter, die eigentliche Bestimmung der Hütte könne von irgend Jemand erkannt und bemerkt werden, der nicht geradezu selbst zu der schwer zu erklimmenden Firste heraufsteige, worauf die Behausung stand. Das Licht drang zu dieser, so zu sagen, uranfänglichen, niedrigen Wohnung durch ein Fenster herein, das nach der Schlucht zuging, und eine enge, schmale Thür führte auf die Seite zunächst dem Thal. Der Bau bestand theilweise aus Stein und theilweise aus Balken, nebst einem Dache aus Baumrinde und einem Schornstein aus Lehm und Reiserwerk. Ein Mensch, dessen gefurchte finstere Stirn ihn als passenden Besitzer einer so abgeschiedenen, verlorenen Wohnung bezeichnete, saß um die genannte Stunde auf einem Stein an dem am meisten hervorspringenden Winkel des Gebirgs, und auf einer Stelle, wo das Auge die weiteste und am 221 wenigsten beschränkte, verdeckte Aussicht auf die Wohnungen der Menschen in der Ferne beherrschte und genoß. Steine waren auf eine Weise zusammengerollt worden, daß sie in der Fronte der Hütte ein kleines Brustwerk bildeten, und dadurch bewirkten, daß, wenn irgend ein herumschweifender, neugieriger Blick über die Fläche des Gebirgs hingestrichen, es noch nichts weniger als wahrscheinlich geworden wäre, daß er die Gegenwart, das Dasein eines Mannes entdeckt hätte, dessen ganze Gestalt, mit Ausnahme seiner obern Theile, so vollständig und wirksam versteckt und verborgen war. Es wäre schwierig gewesen, bestimmt zu entscheiden und genau zu sagen, ob dieses abgeschiedene, abgeschlossene Wesen so sich dahin gestellt hatte, um sich irgend einem gewohnten, und nur durch die Gedanken möglichen Verkehr mit der kleinen Welt unten im Thal hinzugeben, oder ob er auf seinem Posten gleichsam als Wächter und Kundschafter so dastand. Es lag ein Anschein von jeder dieser beiden Eigenschaften in seinem Antlitz und ganzen Aeußern; denn zu Zeiten waren seine Mienen und sein Auge melancholisch und traurig, und so gesänftigt, als wenn sein Geist Lust und Vergnügen daran fände, wenn er die dem Menschengeschlecht eigenthümliche und angeborne wechselseitige Liebe und Eintracht bemerkte, und zu andern Zeiten wieder waren seine Brauen ernst und streng zusammengezogen, während seine Lippen mehr als gewöhnlich zusammengepreßt und geschlossen schienen, ganz so, wie man dies an einem Manne bemerkt, der sich seiner eigenen, ihm innewohnenden Entschlossenheit vertraut, und von ihr nur Schutz und Beistand erwartet. Die Stelle und Einsamkeit des Ortes, der Anschein allgemeiner, alles durchdringenden Ruhe, die überall herrschte, 222 der schrankenlose laubichte Teppich, über welchen das Auge von diesem hohen Punkte aus hinschaute, und der tiefe Frieden, der im Schooß der Wälder ruhte, alles dies vereinte sich, diesem Schauplatz den Charakter hoher, feierlicher Größe zu geben. Die Gestalt des Bewohners der Schlucht war nicht weniger unbeweglich, als jeder andere Gegenstand, den die weite Aussicht einschloß und begriff. Sie schien in Allem, nur Farbe und Ausdruck ausgenommen, von Stein. Ein Ellenbogen lehnte und ruhte auf der kleinen Vormauer vor ihm, und das Haupt ward von einer Hand gehalten und unterstützt. In der Entfernung eines Bogenschusses etwa hätte das Auge die ganze Erscheinung leicht für nichts weiteres halten mögen, als für noch eine von den andern zufälligen Nachahmungen und wie durch Kunst ausgeführte Abbildungen, welche sonst noch überall durch die Veränderung, wie sie Jahrhunderte mit sich bringen, in den Felsen eingegraben und gleichsam ausgehauen worden. Eine Stunde ging vorüber, und kaum ein Glied hatte seine Stellung verändert, oder eine Muskel sich gerührt und erleichtert. Entweder Beschauung oder das geduldige Erwarten irgend eines lang ersehnten und erharrten Vorfalles schien die gewöhnlichen Lebensverrichtungen zu unterbrechen und aufzuschieben. Endlich fiel ein Aufhören dieser seltsamen, außerordentlichen Unthätigkeit und Regungslosigkeit vor. Ein Knistern, nicht lauter, als das, welches durch den Sprung eines Eichhörnchens in dem Laubwerk hevorgebracht worden wäre, hörte man zuerst in den Büschen oben, ihm folgte ein Krachen in den Aesten, und dann kam ein Bruchstück von einem Felsen hüpfend und springend den Abhang herunter. bis es über das Haupt des immer noch regungslosen 223 Einsiedlers hinschoß und mit einem Geräusch, das eine Reihe von immer wiederkehrendem Widerhall in den Berghöhlen des Ortes weckte, in die Schlucht unten herabfiel. Ungeachtet des Plötzlichen und Unerwarteten dieser Unterbrechung und des ungewöhnlichen außerordentlichen Getöses, von dem sie begleitet ward, zeigte doch der, den man als den bei diesem Vorfall am meisten Betroffenen und Interessirten hätte ansehen mögen, auch nicht das Geringste von jenen gewöhnlichen Zeichen der Furcht oder des Erstaunens. Er lauschte aufmerksam und scharf, bis der letzte Ton verscholl, aber es geschah dies mehr mit den Mienen der Erwartung und Neugier, als mit denen der Angst und des Entsetzens. Er erhob sich langsam und bedächtig, und sah sich aufmerksam und vorsichtig um, und schritt dann schnellen Tritts längs des Felsenrandes hin, der zu seiner Hütte führte, worauf er durch deren Thüre verschwand. Im nächsten Augenblicke jedoch ward er an seiner früheren Stelle wieder erblickt, und ein kurzer Carabiner, so wie er damals bei den berittenen Soldaten im Gebrauch war, lag über sein Knie hin. Wenn Zweifel oder Verlegenheit bei einem so handgreiflichen, offenbaren Zeichen, daß die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die er suchte und gefunden zu haben glaubte, in Gefahr sei, jetzt unterbrochen zu werden, das Gemüth dieses Mannes erfüllte und besessen hielt, so waren sie doch immer nicht von hinlänglich starker, ergreifender Art, um den Gleichmuth seines äußeren Anstrichs zu stören. Zum zweiten Male rauschte es in den Aesten; aber die Töne drangen aus einem unteren Theile des Abhangs zu ihm heran, gleichsam als wenn der Fuß, der die Störung verursachte und die Steine in Bewegung setzte, im Begriff wäre, 224 herabzukommen. Obgleich Niemand sichtbar ward, konnte doch die Ursache und Art des Geräusches länger nicht mißverstanden werden, und ferner keinem Zweifel mehr unterliegen. Es war offenbar der Schritt und Fußtritt eines Menschen, denn kein Thier von hinlänglicher Größe und gehörigem Gewichte, um solch einen bemerkbaren Eindruck zu machen und solche Steine in Bewegung zu setzen, würde sich je gewagt haben, über eine Stelle hinzuschweifen, wo die Hülfe und Unterstützung der Hände ganz eben so nöthig, als die der andern Gliedmaßen waren, um darüber hinzukommen. »Komm heran,« sagte der, welcher in allem Andern, nur nicht in seiner Kleidung und seinen feindlichen Vorkehrungen mit so vollem Rechte für einen Einsiedler hätte gelten können; »komm heran, ich bin schon hier!« Diese Worte waren nicht in die Luft gesprochen, denn plötzlich erschien Jemand an dem Rande des Felsens, an der Seite, die der Ansiedelung am nächsten war, und nur etwa zwanzig Schritte von dem Sprechenden entfernt. Als ein Blick dem andern begegnete, war das Erstaunen, welches offenbar den Eingedrungenen eben so sehr, als den, der ein größeres Recht sich an diesem Orte zu befinden, wo sie einander trafen, in Anspruch zu nehmen schien, ergriff und erfüllte, gleich groß, und schien gegenseitig. Der Carabiner des Letzteren und eine Muskete, die der Andere führte, fielen in demselben Momente in die gefahrbringende Linie des Zielens, und in einem Augenblick später setzten die Beiden wieder ab, und warfen die Gewehre aufwärts zurück, gleich als ob ein gemeinsamer Einfluß sie beherrschte und lenkte. Der Inhaber der Stelle winkte dem Andern sich zu nähern, und dann verschwand jeder 225 Anstrich von Feindseligkeit in jener Art von Freundschaft und Vertrautheit, welche Vertrauen allein gebührt. »Wie kommt es,« sagte der Erstere zu seinem Gaste, nachdem sie sich Beide ruhig hinter den kleinen Wall von Steinen niedergelassen hatten; »wie kommt es, daß Du in diesen abgeschiedenen, versteckten Ort gerathen? Der Fuß des Fremden hatte nicht oft diese Felsen betreten, und Niemand vor Dir ist jemals den Abhang heruntergestiegen.« »Ein indianischer Mokasin tritt sicher auf,« entgegnete der Andere mit indianischer Kürze und Wortkargheit, »Mein Vater hat ein gutes Auge. Er kann sehr weit von der Thüre seiner Wohnung aus sehen.« »Du weißt, daß die Leute von meiner Farbe oft zu ihrem guten Geiste sprechen; und sie lieben nicht, ihn auf Landstraßen und auf offenen Wegen um seine Gnade und seinen Beistand zu flehen. Dieser Ort ist seinem heiligen Namen geweiht!« Der Herangekommene war der junge Sachem der Narragansetts, und der, welcher trotz dieses scheinbar triftigen, eben angegebenen Grundes doch offenbar eher ein Versteck und Verborgenheit als Einsamkeit suchte, war der Mann, den wir so oft in diesen Blättern unter dem Schleier des Geheimnisses und der Verborgenheit bei dem Leser eingeführt haben. Das plötzliche Wiedererkennen und das gegenseitige Vertrauen bedürfen eben keiner Erläuterung und Erklärung, da schon genug im Verlauf der Erzählung eingemischt und entwickelt worden ist, um dem Leser zu verstehen zu geben, daß sie sich einander nicht fremd waren. Indeß war doch die Zusammenkunft nicht ohne eine gewisse Unruhe von der einen Seite und großem, obgleich wunderbar gut verhehltem und verschleiertem Staunen von 226 der andern vor sich gegangen. Wie dies seiner hohen Stellung und kühnem, stolzen Charakter zukam, verrieth Conanchet's edle Haltung nichts von dem Kleinlichen einer gemeinen Neugierde und Ausfragerei. Er empfing seine alte Bekanntschaft mit der ruhigen Würde seines Ranges, und es würde dem allerforschendsten, schärfsten Auge schwer gefallen sein, einen einzigen, herumstreichenden Blick, ein auskundschaftendes Hinstarren oder sonst irgend ein anderes Zeichen zu entdecken, woraus hervorgegangen wäre, daß er diese Stelle nur überhaupt für außerordentlich und ungewöhnlich zu einer solchen Zusammenkunft gehalten. Er hörte auch die kurze, leicht hingeworfene Erklärung des Andern mit ernster Höflichkeit an, und ließ einige Zeit verfließen, ehe er etwas darauf antwortete. »Der Manittu der blassen Leute,« sagte er dann, »muß wohl mit meinem Vater zufrieden sein, und sich über ihn freuen. Seine Worte sind oft in den Ohren seines großen Geistes! Die Bäume und Felsen kennen sie.« »Ganz so, wie dies alle thun, von unserm sündhaften, gefallenen Geschlecht,« entgegnete der Unbekannte mit der strengen Miene und dem ernsten Aeußern des Alters; »mir thun meine Bitten und Gebete sehr Noth. Aber warum meinst Du, daß meine Stimme oft gehört werde, in diesem einsamen, abgeschiedenen Orte?« Conanchet's Finger deutete auf den ausgetretenen Felsen zu seinen Füßen, und sein Blick fuhr verstohlen über den begangenen Pfad hin, welcher zwischen der Stelle und dem Eingang seiner Wohnung hinlief. »Ein Yengihs hat eine harte Fußsohle; aber dennoch ist 227 sie weicher als Stein. Der Huf des Rehes hätte lange zu gehn, ehe er eine solche Spur ließe.« »Du bist schnell und scharf von Auge, Narragansett, und doch könntest Du Dich täuschen. Meine Zunge ist nicht die einzige, die zu dem Gott meines Volkes spricht.« Der Sachem beugte leicht sein Haupt, ihm seine Beistimmung bezeichnend, und schien gleichsam nicht willens, den Gegenstand ihres Gesprächs noch weiter zu verhandeln und zu verfolgen. Aber sein Gefährte befriedigte sich nicht so leicht hin, denn er fühlte in sich das Bewußtsein, wie sehr fruchtlos der Versuch gewesen, ihn zu überlisten, indem er seine Zuflucht zu einigen Hülfsmitteln genommen, die er für brauchbar und passend gehalten, um den Verdacht des Indianers zu beruhigen und einzuschläfern. »Daß ich jetzt hier allein bin, kann Sache des Geschmacks oder Zufalls sein,« fuhr er fort; »Du weißt, daß dies ein geschäftiger, unruhiger, blutiger Tag für die blassen Leute gewesen, und daß Todte und Sterbende in ihren Wohnungen sich befinden. Einer, der nicht selbst einen eigenen Wigwam für sich hat, der kann wohl Zeit finden, für sich zu beten.« »Die Seele ist sehr kunstreich,« entgegnete Conanchet; »sie kann hören, wenn das Ohr taub ist, sie kann sehen, wenn das Auge sich schließt. Mein Vater hat zu dem guten Geist mit den übrigen seines Stammes gesprochen und sich mit ihm unterredet!« Als der Häuptling schloß, deutete er sehr bezeichnend und mit Ausdruck auf die ferne Kirche hin, aus der die erbaute, aufgeregte Versammlung, welche wir beschrieben, gerade in diesem Augenblick herausströmte und sich in die grüne, wenig befahrene Grasstraße des Weilers ergoß. Der Andere schien 228 den Sinn seiner Worte verstanden zu haben, und in demselben Momente die Thorheit eben so wohl, als die Erfolglosigkeit zu fühlen, wenn er sich noch länger bemühen und anstrengen wollte, einen Mann irre zu leiten und zu bethören, der schon so viel von seiner früheren Lebensweise kannte und mitangesehen hatte. »Indianer, Du hast Recht,« fuhr er finster und düster blickend fort: »die Seele sieht weit, und siehet oft, wenn sie mit bitterem Gram erfüllt. Mein Geist vereinte sich mit den Geistern Derer, die Du dort siehst, als ich zuerst Deinen Schritt vernahm; Deinen ausgenommen, ist nie der Fuß eines Menschen zu dieser Stelle heraufgestiegen, es müßten denn die Tritte derer gewesen sein, welche gekommen sind, meinen körperlichen Bedürfnissen abzuhelfen und sie zu befriedigen. Du sagst mit Recht, das innere Auge ist scharf und geht weit; und fern über jene äußersten Hügel hin, auf denen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne jetzt erglänzen und so glorreich hinuntersinken, fern über sie hin, führen die Gedanken meiner Seele mich oft im Geiste. Du warst einst mein Mitwohner, Jüngling, und hohe Lust fühlte ich, wenn ich mich bestrebte, Deinen jugendlichen Sinn den Wahrheiten der Religion unseres Volkes zu öffnen, und Dich lehrte mit der Zunge eines Christen zu reden; aber Jahre sind vorübergegangen, – horch! da kommt Jemand den Pfad herauf! Hast Du Furcht vor einem Yengihs?« Die ruhige Miene, mit der Conanchet zugehört, veränderte sich zu einem kalten Lächeln. Seine Hand hatte nach dem Schlosse seiner Muskete gefühlt, schon einige Zeit vorher, ehe sein Gefährte auch nur das geringste Bewußtsein verrathen, 229 daß er nahende Schritte vernehme; indeß bis jetzt, wo ihm diese Frage vorgelegt wurde, war keine Veränderung in seinen Zügen bemerkbar gewesen. »Fürchtet mein Vater für seinen Freund?« fragte er, indem er nach der Richtung hindeutete, in der die Tritte sich nahten. »Ist es ein bewaffneter Krieger?« »Nein, man kommt mit den Mitteln zum Unterhalt, man bringt mir Lebensmittel, um die Last zu ertragen, unter der man aushalten muß, bis es Dem gefällt, der da weiß, was allen seinen Geschöpfen gut und heilsam ist, mich davon zu befreien. Es könnte vielleicht der Vater jener sein, die Du heute ihren Freunden zurückgegeben, oder vielleicht auch der Bruder; denn zu Zeiten verdanke ich diese freundliche, liebevolle Sorgfalt verschiedenen Gliedern jener würdigen Familie.« Ein Blick des Verständnisses schoß über die dunkeln, schwärzlichen Züge des Häuptlings. Sein Entschluß schien gefaßt. Er stand auf, ließ seine Waffe zu den Füßen seines Gefährten, und bewegte sich schnell um den Abhang hin, als wenn er dem Herankommenden entgegengehen wollte. Im nächsten Augenblick jedoch war er wieder zurück, und brachte ein kleines Bündel, eng eingewickelt in reich mit Muscheln verzierten Streifen aus Schlangenhäuten. Dies Bündel legte er sanft hin neben den Alten – denn die Zeit hatte die Farbe von des Einsiedlers Haupthaar in Grau verwandelt, und sagte mit leiser, schneller Stimme, während er zugleich mit Ausdruck und Bedeutung auf das hinwies, was er gethan hatte: »Der Bote will nicht mit leerer Hand zurückgehen. Mein Vater ist weise; er wird sagen, was gut ist.« 230 Es war keine Zeit zu ferneren Erklärungen mehr übrig. Die Thüre der Hütte hatte sich kaum hinter Conanchet geschlossen, als schon der junge Marcus Heathcote an der Stelle erschien, wo der Pfad sich um die Ecke der steilen Felswand bog. »Du weißt, was geschehen ist, und wirst mich nach wenigen Worten wieder entlassen,« sagte der junge Mann, indem er Nahrungsmittel vor den niedersetzte, den aufzusuchen er gekommen war. »Ha! was hast Du hier? Gewannst Du dieses in dem Streit an dem heutigen Morgen?« »Es ist Beute, die ich freigebig Dir überlasse; nimm sie mit in das Haus Deines Vaters. Sie ist mir zu diesem Zwecke überlassen worden. Nun erzähle mir von der Weise, wie der Tod mit unserm Volke verfahren; denn Du weißt, daß Nothwendigkeit mich von Euch weggetrieben, sobald als uns die Freiheit wiedergegeben ward.« Marcus schien nicht geneigt des Andern Wunsch zu willfahren, er starrte auf das von Conanchet gebrachte Bündel hin, als wenn sein Auge nie vorher auf einen ähnlichen Gegenstand gerichtet worden wäre; und wild kämpfende Leidenschaften und Gefühle spielten auf seiner Stirne und in seinen Zügen, so wie denn überhaupt diese selten ruhig waren, nie so beherrscht wurden, wie es den selbst verleugnenden Sitten und Gewohnheiten der damaligen Zeit und des Landes angemessen und gemäß war. »Es soll geschehen, Narragansett,« sagte er zähneknirschend, »es soll geschehen,« dann wandte er sich auf dem Absatze um, und schritt längst des abschüssigen Pfades mit einer Schnelligkeit und Eile hin, welche den Andern in außerordentliche Furcht und bange Erwartung für seine Sicherheit und sein 231 Leben setzte; bis endlich seine lebhafte Gestalt gänzlich verschwunden war. Der Einsiedler erhob sich und suchte den in seiner niedrigen Hütte versteckten Indianer wieder auf. »Komm heraus,« sagte er, und öffnete die enge Thür zum Durchgang des Häuptlings. »Der junge Mann ist fort und hat das Bündel mitgenommen; Du bist jetzt wieder allein mit einem alten Gefährten.« Conanchet erschien wieder bei seinem Aufruf; aber es geschah mit einem weniger glühenden Auge, mit einer weniger ernsten, strengen Stirn, als damals, wo er in die enge Hütte eingetreten. Während er sich langsam nach dem Stein zu bewegte, den er vorher eingenommen, ward sein Schritt für einen Augenblick an der Stelle aufgehalten, wo er eben erst das Bündel hingelegt hatte, und ein Blick tiefer, finsterer Trauer schien auf den Ort hinzufallen. Er beherrschte indeß seine Gefühle, und zwang sie zu der gewohnten Unterwerfung zurück, in welcher sie Leute von seinem Stamme zu halten pflegten. Er nahm seinen Sitz ganz mit der Miene eines Mannes wieder ein, der von Natur aus ernst und streng schien, während man doch gar nicht bemerkte, daß er irgend Anstrengungen machte, um den wunderbaren Gleichmuth seiner Züge zu behaupten und zu bewahren. Ein langes, gedankenvolles, beredtes Schweigen erfolgte, und dann sprach der Einsiedler: »Wir haben an dem Narragansett-Häuptling einen Freund gewonnen,« sagte er, »und sein Bund mit Philipp ist aufgelöst?« »Yengihs,« entgegnete der Andere, »das Blut der Sachem fließt voll und reich in meinen Adern.« »Warum sollten die Indianer und die Weißen sich 232 Gewaltthätigkeit zufügen! die Erde ist groß und breit und Raum auf ihrer Oberfläche für Leute von allen Farben und allen Völkern.« »Mein Vater hat davon nur einen kleinen Theil gefunden,« sagte der Andere, und warf solch einen vorsichtigen Blick auf das enge Gebiet und den beschränkten Wohnsitz seines Wirthes, daß er dadurch zu gleicher Zeit den sarkastischen Inhalt seiner Worte verrieth, während er nebenbei auch die Höflichkeit und Umsicht seines Geistes kund gab. »Ein leichtsinniger, eitler Fürst sitzt auf dem Thron einer einst von Gott begünstigten, glücklichen Nation, Häuptling,« sagte der Eremit; »und Finsterniß ist nochmals über ein Land gekommen, welches vor so kurzer Zeit noch erglänzte in hellem, weithin scheinendem Lichte. Die Gerechten sehen sich genöthigt, aus den Wohnungen ihrer Kindheit zu entfliehen, und die Tempel der Erwählten sind verlassen und dahingegeben dem Gräuel des Götzendienstes. O England! England! wann wird der Becher der Bitterkeit für Dich voll sein; – wann wird dies Gericht an Dir vorüberziehen, – mein Geist seufzt über Deinen Fall, ja meine innerste Seele ist betrübt von dem Anblick Deines Jammers und Elends!« Conanchet hatte zu großes Zartgefühl, um das gleichsam verglasete Auge und die erhitzte Stirn des Sprechenden anzuschauen, aber er lauschte auf seine Worte voll Staunen und Verwunderung und in Unkunde über ihren Sinn. Solche Ausdrücke hatte oft vorher sein Ohr vernommen, und obwohl sein zartes Alter vielleicht verhinderte, daß sie große Wirkung auf ihn hervorbrachten, so gaben sie doch auch jetzt in seinem männlichen Alter, wo er sie wieder hörte, seinem Verstande 233 keine deutlichen, bestimmten Begriffe. Indem er plötzlich einen Finger an das Knie seines Gefährten legte, sagte er: »Der Arm meines Vaters hat sich heut zu Gunsten und zum Schutz der Yengihs erhoben, er hat auf ihrer Seite gestanden, und doch geben sie ihm keinen Sitz bei ihrem Berathungsfeuer!« »Der sündenvolle Mann, welcher auf der Insel herrscht, woher mein Volk kam, hat einen Arm, der so lang ist, als sein Sinn eitel und nichtig. Obgleich jetzt ausgeschlossen von den Rathsversammlungen dieses Thales, Häuptling, ist doch einst eine Zeit gewesen, wo meine Stimme in Berathungen sich vernehmen ließ, die seine Familie schwer heimsuchten, und sie sehr demüthigte. Diese Augen haben's mit angesehen, als Gerechtigkeit an dem geübt ward, der dem doppelzüngigen Werkzeug Belial's sein Dasein gab, welches jetzt ein ruhmvolles, glänzendes Reich lenkt und beherrscht!« »Mein Vater hat von einem großen Häuptling die Schädelhaut gewonnen?« »Mein Gehirn war behilflich, daß er um seinen Kopf kam!« entgegnete der Abgeschiedene, während ein Strahl bittern Frohlockens und Entzückens über den gewohnten strengen Ernst seiner Stirn hinfuhr. »So komm. Der Adler fliegt über die Wolken hinaus, damit er seine Schwingen frei entfalten und bewegen könne. Der Panther springt am weitesten unter den Thieren der breiten Ebene; der größte Fisch schwimmt in dem tiefsten Wasser. Mein Vater kann sich nicht beschränken auf diese engen Felsen. Er ist zu groß, niederzuliegen in einem kleinen Wigwam. Die Wälder sind weit; er wechsle die Farbe seiner Haut, und dann erscheine ein graues Haupt vor dem 234 Berathungsfeuer meines Volkes! Die Krieger werden lauschen, was er sagt, denn seine Hand hat Großes vollbracht!« »Das kann nicht geschehen, – kann nicht geschehen, Narragansett. Das, was in dem Geiste geboren ist, muß darin verharren, und es wäre leichter für den Mohren, weiß zu werden, oder für den Leoparden seine Flecken zu wechseln, als für Einen, der die Macht des Herrn gefühlt, die Gaben desselben zur Seite zu stoßen. Aber ich nehme Dein Anerbieten der Freundschaft mit dem Geiste der Liebe und Vergebung auf. Mein Herz ist immer bei meinem Volke; doch ist noch Raum darin für die Liebe und Freundschaft für Andere. Brich denn diesen Bund mit dem bösgesinnten, unruhigen Philipp, und laß die Streitaxt für immer vergraben werden auf dem Pfade zwischen Deinem Dorf und den Wohnörtern der Yengihs.« »Wo ist mein Dorf? Nahe bei den Inseln, an den Küsten des großen See's, ist ein schwarzer Ort, aber ich sehe keine Wohnungen!« »Wir wollen Deine Weiler wieder aufbauen und auf's Neue sie bevölkern und bewohnbar machen. Laß Friede sein zwischen uns.« »Mein Herz ist immer bei meinem Volke,« entgegnete der Indianer und wiederholte des Andern Worte mit einem Nachdruck und einer Würde, die nicht mißverstanden, nicht mißdeutet werden konnte. Eine lange, trauervolle Pause erfolgte, und als die Unterredung wieder erneuert ward, hatte sie nur noch Bezug auf jene verschiedenen Vorfälle und Ereignisse, wie sie das Geschick jedes der beiden verändert und umgewandelt hatten, seit der Zeit, wo sie beide Bewohner des Blockhauses gewesen, welches 235 mitten in dem ehemaligen Wohnplatze der Heathcote's gestanden hatte und mit ihm abgebrannt war. Jeder schien zu gut den Charakter des andern zu kennen und zu begreifen, um ferner noch Versuche zu machen, eine Veränderung in des Andern Vorsatz und Entschluß hervorzubringen, und schon hatte sich Dunkelheit um die Stelle hingesammelt, wo sie saßen, als sie beide sich erhoben, um in die Hütte des Einsiedlers einzutreten. 236   Eilftes Kapitel. Schlaf' sanft, Du warst Großvater mir und zeugtest Den Vater auch, aus dir entsproß Der Brüder – zwei und eine Mutter. Cymbeline.           Die kurze Abenddämmerung war schon vorüber, als der alte Marcus Heathcote das Abendgebet schloß. Die seltsame Beschaffenheit, der verschiedenartige, gemischte Charakter der merkwürdigen Begebenheiten jenes Tags hatte einem Gefühl seine Entstehung gegeben, welches nicht anders Befriedigung und Erleichterung finden konnte, als in jenem Trost, wie er aus den gewöhnlichen, eifrigen, vertrauensvollen und aufgeregten, schwärmerischen Ergießungen des Geistes in brünstigem Gebet auf die Andächtigen herabfloß. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte man selbst seine Zuflucht zu einem außerordentlichen, und wie ein weniger Andächtiger zu glauben hätte geneigt sein mögen, überflüssigen, überverdienstlichen Abendopfer und Darbringen von Dank, Lob und Preis seine Zuflucht genommen. Nachdem der Hausvater die von ihm Abhängigen entlassen, hatte er sich, auf den Arm seines Sohnes gestützt, in ein inneres Zimmer zurückgezogen, und 237 dort, nur von denen umgeben, welche den nächsten Anspruch auf seine Liebe und Sorgfalt hatten, nochmals seine Stimme erhoben, das Wesen zu loben und zu preisen, welches mitten in so allgemeiner Noth und Bedrängniß sein eignes Haus und Geschlecht gewürdigt hatte, und auf dasselbe herabgesehen mit Augen der Erinnerung und Gnade. Er sprach namentlich von der wiedererlangten Enkelin, und ließ sich weitläuftig aus über die ganze Geschichte ihrer Gegenwart unter den Heiden, und über ihre Wiederbringung und Darstellung vor den Fuß des Altars, und alles dies sprach er mit dem Feuer, der Wärme eines Mannes, welcher die weisen Rathschlüsse der Vorsehung in diesem Ereigniß durchschaute, und mit einer Zartheit und Begeisterung, welche das Alter noch gar nicht geschwächt und ausgerottet hatte. Gerade beim Schluß dieser besondern, eigenthümlichen Andachtsübung ist es, wo wir den Leser in den Kreis dieser Familie wieder einführen. Der Geist der Reform und Kirchenverbesserung hatte Die, welche so mächtig den Einfluß derselben fühlten und sich ihm so sehr hingaben, zu vielen Gebräuchen und Anordnungen verleitet, welche, um uns keines härteren Ausdrucks zu bedienen, ganz eben so ungefällig und reizlos für die Einbildungskraft waren, als die Gewohnheiten, die sie abgöttisch nannten, tadelhaft gewesen, und den Angriffen ihrer eigenen, unduldsamen, unnachgebenden Lehren manche Blöße hinstellten. Die ersten Protestanten hatten so viel von dem Dienst des Altars abgeschafft und weggeräumt, daß den Puritanern nur noch wenig zum Zerstören übrig blieb, ohne sich dadurch der Gefahr auszusetzen, ihn und ihren ganzen Gottesdienst nackt hinzustellen, und alles dessen zu berauben, was er Liebliches hatte, und Rührendes für Herz und Gemüth. 238 Durch eine seltsame Verwechselung der Spitzfindigkeit mit der Demuth hielt man es für pharisäisch, öffentlich das Knie zu beugen, damit nicht das große, wesentlichste Erforderniß der Verehrung im Geist und in der Wahrheit durch das leichter zu erreichende Verdienst der Formel und Ceremonie ersetzt und verdrängt werde; und während strenge, rohe Mienen und vorgeschriebene Haltungen einer ganz neuen Art mit all dem Eifer von Neubekehrten beobachtet und gewahrt wurden, sahen sich alte und selbst naturgemäße Uebungen, besonders deßwegen verworfen und verurtheilt, weil man, wie wir glauben, Neuerungen und Veränderung Noth hatte, welche unvermeidliche Begleiter aller Pläne von Verbesserung zu sein scheinen, mögen diese nun durchgeführt werden oder ohne Erfolg bleiben und mißglücken. Aber wenn auch die Puritaner sich weigerten, ihre störrigen Gliedmaßen zu beugen, wenn die Augen der Menschen auf sie fielen, selbst während sie um Segnungen und Pfänder der göttlichen Liebe baten, welche ihren hohen, vergeistigten Ansichten und Meinungen angemessen waren, so erlaubten sie doch, im Geheimen eine Stellung anzunehmen, von der man glaubte, sie sei einem so großen Mißbrauche ausgesetzt, in so fern als sie den Anschein religiösen Versunkenseins gäbe, und gleichsam Ansprüche auf ein abgeschiedenes Leben in Gott machen könnte, während doch in Wahrheit die Seele nur schlummern möchte in der Sicherheit bloßen moralischen Scheins und Stolzes. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatten die im Geheimen Betenden die Lage der gebeugtesten, demuthsvollsten Andacht angenommen. Als Ruth Heathcote sich von ihren Knieen erhob, lag die Hand ihres Kindes noch fest in der ihrigen, denn was der Greis in seiner feurigen Begeisterung gesprochen, 239 war ganz geeignet, sie glauben zu machen, der Zustand, aus dem ihr Liebling erlöst worden, sei weit finsterer und dunkler gewesen, als selbst das Grab. Sie hatte sogar eine gewisse zarte, nöthigende Gewalt anwenden müssen, um das verwunderte, staunende Wesen neben sich zu zwingen, so weit, als das Aeußere ging, an dem Gebet Theil zu nehmen; und jetzt, da es geendet war, suchte sie das Antlitz ihrer Tochter auf, darin den Eindruck zu lesen, den dieser Auftritt in ihr hervorgebracht hatte. Sie that dies mit aller Sorgfalt und ängstlichen Aufmerksamkeit der Christin, die noch erhöht wurden durch die zarteste mütterliche Liebe. Narra-Mattah, – wie wir fort fahren werden, sie zu nennen, – glich im Aeußern, in Stellung und Ausdruck einem Menschen, der in der Täuschung irgend eines aufregenden Traumes ein phantastisches, seltsames Dasein durchlebte. Ihr Ohr erinnerte sich noch der Töne, welche so oft in der Kindheit ihr wiederholt worden waren, und ihr Gedächtniß rief sich unbestimmte, verworrene Bilder von den meisten der Gegenstände und Gebräuche zurück, die ihr jetzt so plötzlich wieder vor Augen gestellt worden; aber die Ersteren überlieferten ihren Sinn und Bedeutung einem Gemüth, das unter einem sehr verschiedenen theologischen System erstarkt war, und gebildet worden, und die Letztern kamen zu spät, Gebräuche und Gewohnheiten zu verdrängen, die in ihren Neigungen vermittelst aller jener wilden, verführerischen Sitten Wurzel geschlagen, die, wie man weiß, in denen unausrottbar bleiben, welche lange ihrem Einfluß unterworfen gewesen. Sie stand demzufolge in der Mitte der ernsten, selbstbeherrschten Gruppe ihrer nächsten Verwandten, gleich einem ihrem Blut Entfremdeten, und hatte einige Aehnlichkeit mit einem furchtsamen, halbgezähmten 240 Bewohner der Lüfte, den menschliche Kunst und Arglist an's Haus zu gewöhnen sich bemühte, indem es ihn in die Gesellschaft der mehr ruhigen und vertrauenden Inhaber des Vogelbauers brachte. Trotz der Stärke ihrer Gefühle und ihrer Hinneigung zu ihrer Tochter, trotz ihrer aufopfernden Hingebung gegen all die natürlichen Verpflichtungen ihres Standes und der besondern Lage, worin sie sich befand, brauchte doch Ruth Heathcote nicht jetzt erst zu lernen, wie sie jeden gewaltsamen Ausbruch in der Darlegung dieser Empfindungen und in der Erfüllung ihrer Pflichten zu unterdrücken und zu vermeiden hatte. Das erste Ueberlassen, die ersten Ausbrüche ihrer Freude und Dankbarkeit waren jetzt vorüber, und an ihrer Stelle erschien die nie ermüdende, wachsame, stets steigende aber geregelte Aufmerksamkeit, welche die stattgefundenen Ereignisse natürlicher Weise mit sich brachten, und in ihr erregen mußten. Die Zweifel, bösen Ahnungen und selbst die schreckhaften Besorgnisse waren jetzt in einen Anschein von Zufriedenheit und Ruhe gemildert; alle Furcht, die sie früher besessen, war gewichen, und etwas wie das Glimmen und Wideraufglühen von Glück konnte man wieder auf ihrer Stirn hinspielen sehen, die so lange umwölkt worden von einer zwar nicht sehr in die Augen fallenden, aber doch nagenden, zerstörenden Sorge und einem geheimen Grame. »Und Du erinnerst Dich Deiner Kindheit wieder, meine Ruth?« fragte die Mutter, nachdem die ehrfurchtsvolle Pause des Nachdenkens und der Stille vorübergegangen, welche immer in dieser Familie auf's Gebet folgte; »Deine Gedanken sind uns nicht gänzlich entfremdet worden, und die Natur hat in Deinem Herzen ihre Stelle behauptet? Erzähle uns, 241 Kind, von Deinen Wanderungen in den Wäldern, von den Leiden und Entsagungen, denen ein so zartes Wesen wie Du unterworfen gewesen sein mußte, unter einem so wilden, rohen Volke. Nun wir wissen, daß das Unglück seine Endschaft erreicht hat, ist es eine Genugthuung auf Alle, zu lauschen, was Du gesehen und empfunden hast.« Sie sprach zu einem Ohr, das für eine Sprache wie diese taub und verschlossen war. Narra-Mattah verstand offenbar ihre Worte; aber der Sinn, die Bedeutung derselben war in ein Dunkel gehüllt, das sie weder wünschte noch fähig war zu begreifen. Sie behielt einen Blick bei, worin Lust und Verwunderung mächtig sich mischte; mit ihm beantwortete sie jenen sanften Strahl der Liebe und Zärtlichkeit, welcher aus ihrer Mutter Auge auf sie fiel; alsdann griff sie eilig unter die Falten ihres Gewandes, zog einen Gürtel hervor, der in dem sinnreichsten, besten Geschmack ihres angenommenen Volkes bunt verziert worden und in den schillerndsten Farben prangte, näherte sich ihrer halb erfreuten, halb betrübten Mutter, und wand ihn mit Händen, die vor Furchtsamkeit und Lust zitterten, um die Hüften der erstaunten Frau, auf eine Weise, daß dadurch in ihrem vollen Glanze und im hellsten Lichte die ganze Vortrefflichkeit des Putzes zur Schau gestellt ward. Erfreut über ihr Werk, suchte das arglose Wesen eifrig nach Billigung und Wohlgefallen in Augen, die wenig mehr verriethen, als Gram und Leid. Bestürzt über einen Ausdruck in den geliebten Zügen, den sie sich nicht zu erklären und zu deuten vermochte, schweifte Narra-Mattah's Blick umher, als wenn er nach Hülfe gegen eine Empfindung suchte, die ihr ganz fremd geblieben. Whittal Ring hatte sich in das Zimmer gestohlen, und 242 da sie die gewohnte Beschaffenheit und Bilder ihrer eigenen geliebten Heimath vermißte, ruhten die Blicke des erstaunten, beunruhigten Wesens auf dem Antlitz des blödsinnigen Herumstreichers. Sie deutete eifrig auf das Werk ihrer Hände, und schien sich durch eine beredte, ungekünstelte Geberde auf den Geschmack des Andern zu berufen, der doch wohl wissen mußte, ob sie recht gethan. »Schön, schön,« entgegnete Whittal, und näherte sich etwas mehr dem Gegenstand seiner Verwunderung; »das ist ein herrlicher Gürtel, und Niemand als das Weib eines Sachems konnte ein so prächtiges Geschenk machen!« Das Mädchen faltete die Hände leicht auf ihren Busen und schien nochmals zufrieden mit sich selbst, zufrieden mit der ganzen übrigen Welt. »Hier ist die Hand Dessen unverkennbar, der alles Unheil, alle Verderbniß wirkt und schafft,« sagte der Puritaner. »Das Herz zu verderben mit den Eitelkeiten der Welt, die Neigungen zu mißleiten, indem er sie lockt und verstrickt in den Tand dieser Erde, das ist die Arglist, woran er Gefallen hat und sich ergötzt. Ein gefallener Zustand leiht ihm nur zu sehr Hülfe und Beistand. Wir müssen mit dem Kinde mit Eifer und wachender Sorgfalt verfahren, sonst wär's besser, daß ihre Gebeine ruhten an der Seite jener Kleinen aus Deiner Nachkommenschaft, die schon Erben geworden des ewigen Heils und der segnungsvollen Verheißungen des Vaters.« Ehrfurcht machte Ruth stumm, aber während sie Leid trug über die Unwissenheit und Verblendung ihres Kindes, war doch die natürliche Liebe und Zärtlichkeit für dasselbe in ihrem Herzen noch lebendig und stark. Mit dem feinen 243 Takte einer Frau und der zarten Umsicht einer Mutter, sah und fühlte sie, daß Strenge und Ernst nicht die Mittel seien, die gewünschten Zwecke und Umwandlungen zu erreichen. Indem sie sich selbst auf einen Sitz niederließ, zog sie ihr Kind an sich, und nachdem sie erst von allen denen um sie durch einen sanften Blick Schweigen und Stille erfleht hatte, schickte sie sich selbst an, die Tiefe des Gemüths ihrer Tochter auf eine Weise zu ergründen und zu erforschen, wie es ihr der geheimnißvolle Einfluß der Natur eingab. »Komm näher, Narra-Mattah,« sagte sie und bediente sich des Namens, auf den die Andere nur allein antworten wollte. »Du bist noch in Deiner ersten Jugend, mein Kind, aber es hat Dem gefallen, dessen Wille Gesetz ist, Dich zum Zeugen zu machen von vielen Veränderungen in diesem wechselvollen Leben. Sage mir, ob Du Dir noch zurückrufst die Tage der Kindheit, ob Deine Gedanken je zurückkehrten zu Deines Vaters Haus, während Du jene langen, trauererfüllten Jahre durchlebtest, da von unserm Antlitz Du fern gehalten wurdest?« Ruth gebrauchte sanft nöthigende Gewalt, um ihre Tochter, während sie sprach, näher zu sich hinzuziehen, und diese sank in jene Stellung zurück, aus der sie sich eben erhoben hatte; sie kniete, wie sie oft in ihrer Kindheit gethan, an ihrer Mutter Seite. Diese Haltung war zu voll zarter Rückerinnerungen, um nicht reizend und voll Anmuth zu sein; so ließ man denn das halberschreckte Wesen des Waldes während des größten Theils der nun folgenden Unterredung dieselbe Stellung beibehalten. Indeß während sie so gehorsam und unterthänig ihrer Haltung nach schien, zeigte doch Narra-Mattah durch die Leere oder vielmehr Verwunderung eines 244 Auges, das so beredt war, alle die Bewegungen und all ihr Wissen auszudrücken, über das sie zu gebieten hatte, klar und deutlich, daß wenig mehr als nur das Gewinnende und Liebevolle von ihrer Mutter Worten und Weise ihr verständlich und begreiflich war. Ruth sah den Grund, den Sinn ihres Zauderns ein, bewältigte das Bangen, das dadurch in ihr selbst erregt ward und bemühte sich, ihre Sprache den Gewohnheiten eines so arglosen Wesens mehr anzupassen. »Selbst die grauen Häupter Deines Volkes waren einst jung,« begann sie wieder, »und doch erinnern sie sich der Wohnungen ihrer Väter; dachte meine Tochter jeder Zeit, wo sie unter den Kindern der Blaßgesichter spielte?« Das aufmerksame Wesen an Ruths Knieen lauschte eifrig und begierig. Die Kenntniß der Sprache ihrer Kindheit war vor ihrer Gefangenschaft ihr hinlänglich eingeprägt worden, sie hatte sich ihrer zu oft bei der Unterredung mit den Weißen bedient, sie hatte sie ganz besonders zu oft mit Whittal Ring gesprochen, um nur irgend im Zweifel über die Bedeutung dessen zu bleiben, was sie jetzt vernahm. Sie warf einen verstohlenen, furchtsamen Blick über die Schulter, um das Antlitz der Martha aufzusuchen, und ihre Züge fast eine Minute lang mit eifrigem, festen Blick zu erforschen, dann lachte sie laut, lachte mit der ansteckenden Fröhlichkeit eines indianischen Mädchens. »Du hast uns nicht vergessen, Du gedachtest unser,« fuhr Ruth fort, »jener Blick auf die, welche die Gefährtin war Deiner Kindheit, beweist es mir, und bald werden wir unsere Ruth wieder besitzen, werden uns ihrer Liebe und 245 Anhänglichkeit wieder erfreuen, wie wir jetzt ihren Körper nur unter uns haben. Ich will zu Dir von jener furchtbaren Nacht nicht sprechen, wo die Gewalt der Wilden uns Deiner Gegenwart beraubte, ich will des bittern Leids nicht erwähnen, das uns befiel bei Deinem Verlust! Aber Einer ist, den Du kennen mußt, Einer ist, den Du nicht vergessen haben kannst! Mein Kind, Der, welcher thront über den Wolken, welcher die Erde hält in der Höhlung seiner Hand, welcher voll Gnade blickt auf Alle, die auf dem Pfade wandeln, den sein Finger andeutet und bezeichnet! Hat er noch Raum, besitzt er noch ein Plätzchen in Deinen Gedanken? Du erinnerst Dich seines heiligen Namens, Du gedenkst noch seiner Macht und Herrlichkeit?« Die Lauschende beugte ihr Haupt zur Seite, gleichsam um aufzunehmen den vollen Sinn alles dessen, was sie hörte; die Schatten tiefer Ehrfurcht zogen sich über ein Antlitz, das eben noch ausdruckslos gewesen war und gelächelt hatte. Nach einer Pause murmelte sie vernehmlich das Wort: »Manittu.« »Manittu oder Jehova; Gott oder König der Könige, Herr der Heerschaaren oder Geist aller Geister! Es liegt wenig daran, welchen Namen wir gebrauchen, seine Macht und Größe auszudrücken! Du kennst ihn, denn Du hast nie aufgehört, seinen heiligen Namen anzurufen!« »Narra-Mattah ist ein Weib. Sie fürchtet sich laut zu sprechen zu ihrem Manittu! Er kennt die Stimme der Häuptlinge, und öffnet das Ohr, wenn Hülfe von ihm sie verlangen!« Der Puritaner seufzte laut; aber Ruth gelang es, ihre eigene Angst, ihr Bangen zu bewältigen und zu unterdrücken, 246 damit sie nicht das wiederauflebende Vertrauen ihrer Tochter störe und ersticke. »Dies mag der Manittu eines Indianers sein,« sagte sie; »aber es ist nicht der Gott der Christen! Du stammst von einem Geschlecht, welches auf andere Weise anbetet, und es schickt sich nicht, daß Du einen andern Namen anrufest, als den Namen des Gottes Deiner Väter! Selbst der Narragansett lehrt Dich diese Wahrheit! Deine Haut ist weiß, und Deine Ohren sollten hören auf die Ueberlieferungen der Leute Deines Geschlechts und Bluts!« Das Haupt der Tochter fiel bei dieser Hinweisung auf ihre Farbe ihr auf die Brust herab, gleich als wünsche sie die beschämende, kränkende Wahrheit vor jedem Auge zu bergen; aber sie hatte nicht Zeit zu antworten, Whittal Ring kam ihr zuvor, er trat vor sie hin, und sagte, auf die brennende Farbe ihrer Wangen deutend, die mit tiefem Roth überzogen waren, wovon eben so sehr die Scham, als die Hitze einer amerikanischen Sonne die Ursache war, – er sagte: »Das Weib des Sachems hat angefangen, ihre Farbe zu ändern. Sie wird bald dem Nipset gleich sein, ganz roth, – seht!« fuhr er fort, und legte einen Finger aus einen Theil seines eignen Arms, wo die Sonne und die Winde noch nicht die ursprüngliche Farbe seiner Haut verwischt und zerstört hatten; »der böse Geist goß Wasser auch in sein Blut, aber es wird bald wieder heraus sein! So bald er so dunkel und schwarz sein wird, daß der böse Geist ihn nicht wieder erkennen kann, wird auch er den Kriegspfad betreten; und dann mögen die lügenhaften Blaßgesichter die Gebeine ihrer Väter ausgraben, und sich nach Sonnenaufgang 247 wenden, oder er wird seine Wohnung schmücken und ausfüttern mit Haupthaaren blond wie das Fell und Fließ des Waldes!« »Und Du meine Tochter, kannst Du diese Drohung gegen das Volk Deiner Abkunft, Deines Blutes, Deines Gottes, kannst Du sie hören ohne Entsetzen und Schauder?« Narra-Mattah's Auge schien in Zweifel. Noch betrachtete es Whitthal mit seinem gewohnten Blick der Güte. Der unschuldige Blödsinnige, voll seines eingebildeten Ruhmes, erhob in Entzücken seine Hand und zeigte durch Geberden, die nicht leicht mißverstanden werden konnten, die Weise an, wie er seinen Opfern das gewöhnte Siegeszeichen, die Schädelhaut abzunehmen gedachte. Während der junge Mann diese abscheuliche, aber ausdrucksvolle Pantomime darstellte, beobachtete Ruth das Antlitz ihres Kindes in fast athemlosem Erwarten und Seelenkampfe. Sie würde sich durch einen einzigen Blick der Mißbilligung und des Abscheu's getröstet und erleichtert gefunden haben; eine einzige Bewegung einer wiederstrebenden, sich empörenden Muskel, das geringste Zeichen, das die zarte Gemüthesbeschaffenheit eines einst so liebenswürdigen und holden Wesens vor einem so unzweideutigen Beispiel der barbarischen, wilden Sitten und Gewohnheiten ihres gewähnten Volkes zurückbebte, hätte der Mutter Fassung und Ruhe wiedergegeben; – aber jene Kaiserin von Rom hätte mit größerer Gleichgültigkeit dem Todeskampfe des besiegten Gladiators mit ansehen, die Gemahlin eines Fürsten neuerer Zeit die blutige Liste der Opfer von ihres Gemahls Triumph mit weniger Rührung lesen, oder eine verlobte Schöne auf die mörderischen Thaten dessen, den ihre Einbildungskraft ihr als einen Helden 248 hinmalte, mit weniger Rücksicht für die menschlichen Leiden hören mögen, als dies jetzt der Fall war, wo das Weib des Sachems der Narragansetts die mimische Darstellung jener Thaten mit ansah, welche ihrem Gatten einen so hochgepriesenen Ruhm, ein so hohes Ansehen unter seinem Volke verschafft und erkauft hatten. Es war nur zu augenscheinlich, die Darstellung, die Bewegungen Whittal's roh und wild, wie sie waren, lieferten ihrer Seele nichts als Bilder und Gemälde, wie sie die erwählte Gefährtin eines Kriegers erfreuen und ergötzen mußten. Die wechselvollen, leicht veränderten Züge, das den Gefühlen des Andern ganz entsprechende Auge verkündeten zu deutlich das Mitgefühl eines Wesens, das gelehrt und erzogen worden, über den Erfolg, den Sieg des Streitenden zu frohlocken; und als Whittal, aufgemuntert und erregt durch seine eignen Anstrengungen und mimischen Versuche, in eine Darstellung noch roherer, grausamerer Gewaltthätigkeiten, als die gewöhnlichen waren, ausbrach, ward er offen und ohne Scheu durch ein zweites Lachen von ihr belohnt. Die sanften außerordentlich weiblichen Töne dieses unwillkührlichen Ausbruchs der Lust klangen in Ruth's Ohren wie ein Todtengeläut, unter dem die moralische Schönheit und Anmuth ihres Kindes zu Grabe getragen wurde und auf immer verloren ging. Doch beherrschte, bewältigte sie noch ihre Gefühle; sie fuhr gedankenvoll und trauernd mit einer Hand sich über die blassen Züge und sorgende Stirn, und schien lange zu sinnen und zu brüten über das gänzliche Verderbniß, über das unwiderbringliche Verlorensein eines Gemüthes, das einst versprach, so rein und lauter zu werden. Die Colonisten hatten bis jetzt noch nicht alle Bande 249 losgetrennt, welche so natürlich an die östliche Halbkugel sie knüpften. Ihre Ueberlieferungen, ihr Stolz und in vielen Fällen auch ihre Rückerinnerungen, ihr Angedenken, alles trug dazu bei, ein Gefühl der Freundschaft, und man mochte mit Recht noch hinzufügen, ein Gefühl der Einigkeit des Glaubens zu Gunsten des Landes ihrer Väter in ihnen wach und lebendig zu erhalten. Bei einigen ihrer Nachkommen ist selbst noch bis auf die gegenwärtige Stunde das Musterbild aller Schönheit, was auf menschliche Vollkommenheiten und irdische Glückseligkeit Beziehung hat, eng mit den Vorbildern jenes Landes verbunden, von dem sie herstammen. Die Entfernung wirft, wie bekannt, einen sänftigenden Nebel eben so sehr über die moralische als physische Perspective. Der blaue Umriß der Berge, wie er in seinem erglühenden Hintergrund, den ihm der Himmel bildet, leise verschmilzt und sich verliert, ist nicht gefälliger für's Auge und anmuthsreicher, als die Gemälde, welche die Phantasie oft von weniger materiellen Dingen entwirft; aber so wie er sich nähert, findet der getäuschte, in seinen Hoffnungen betrogene Wanderer nur zu oft Nacktheit und Mißgestaltung, wo er so freundlich und erwartungsvoll sich gedacht hatte, nur Schönheit und Reiz anzutreffen. Kein Wunder daher, daß die Bewohner der einfachen, schlichten Provinzen New-Englands Rückerinnerungen aus dem Lande, welches sie immer noch ihre Heimath nannten, mit dem größten Theil ihrer poetischen Bilder und Phantasien vom Leben vermengten und verwechselten. Hatten sie ja doch die Sprache, die Bücher, und die meisten Sitten und Gewohnheiten von Alt-England beibehalten. Aber verschiedene Umstände, getheilte Interessen und besondere Ansichten und 250 Meinungen begannen allmählich jene Breschen zu eröffnen, welche die Zeit seitdem erweitert und vergrößert hat, und welche die Aussicht geben, bald nur noch wenig Gemeinsames zwischen den beiden Völkern übrig zu lassen, mit Ausnahme etwa der Redeformen und des Ursprungs. Möchte dabei immer noch die Hoffnung übrig bleiben, es werde sich einige Anhänglichkeit und Liebe mit diesen Banden vereinigen und mischen! Die seltsam eingezogenen, selbstbeherrschten Sitten und Gebräuche der Religionsverwandten auf der ganzen Strecke der brittischen Provinzen hin standen in grellem, schroffen Gegensatz mit den bloßen Verschönerungen und Ergötzlichkeiten des Lebens. Künste und Gewerbe wurden nur zugelassen, in so weit als sie zu den nothwendigsten und nächstgelegenen Bedürfnissen und Zwecken desselben beitrugen und ihnen dienten. Bei ihnen war Musik nur auf den Gottesdienst beschränkt; und für eine lange Zeit, welche auf die ursprünglichen Ansiedelungen und Einrichtungen in ihnen folgte, hatte man nie erfahren, daß der Gesang das Gemüth von dem abgelenkt, was man für den einzigen großen Endzweck des menschlichen Daseins hielt. Kein Vers ward gesungen, der nicht einen heiligen Gedanken mit dem Angenehmen der Melodie verknüpfte und nie vernahm man innerhalb des weiten Gebiets der Ansiedler die Töne des Zechens und nächtlicher Völlerei. Doch waren schon Wörter, wie sie ihrer besondern Lage, und ihren eigenthümlichen Verhältnissen angemessen waren, bei ihnen in Gebrauch gekommen, und obwohl Dichtkunst nie ein allgemeines und glänzendes Eigenthum des Geistes unter einem, in ascetische Uebung eingelerntem Volke war, so zeigte sie doch frühzeitig ihre Macht 251 und Größe in niedlichen Versificationen, die indeß immer, obgleich mit einem Erfolg, den zu bezweifeln wenigstens verzeihlich ist, darauf berechnet waren, zum Ruhm der Gottheit beizutragen, und mit ihrer Verherrlichung ausschließlich sich zu befassen. Es war eine ganz natürliche Erweiterung und Ausdehnung dieses frommen Gebrauchs, als man einige jener geistlichen Gesänge zu Wiegenliedern benutzte. Als Ruth Heathcote gedankenvoll mit der Hand sich über die Stirne fuhr, geschah dies mit der peinlichen Ueberzeugung, daß ihre Herrschaft über das Gemüth ihres Kindes auf eine traurige Weise geschwächt, wenn nicht für immer verloren sei. Indeß die Antriebe mütterlicher Liebe werden nicht leicht zurückgewiesen und zum Aufgeben ihres Zweckes genöthigt. Ein Gedanke tauchte in ihrem Verstande auf und sie beeilte sich, die Wirksamkeit des Versuchs, den er ihr eingab, zu erproben. Die Natur hatte sie mit einer melodischen Stimme begabt; dabei hatte sie ein Ohr, das sie lehrte, die Töne auf eine Weise zu regeln und umzumodeln, welche selten verfehlte, die Herzen Aller zu rühren und zu ergreifen. Sie besaß den Genius der Musik, welcher nichts weiter als die Melodie ist, aber ungeschwächt durch jenes übertriebene Affectiren, womit er oft durch die sogenannte Kunst und Wissenschaft überladen wird. Sie zog ihre Tochter näher an ihr Knie hin, und begann einen jener Gesänge, wie sie damals häufig bei den Müttern der Colonie im Gebrauch waren; doch erhob sich ihre Stimme anfangs kaum über das Flüstern eines Abendlüftchens, aber dann gewann sie allmählich, wie sie fortfuhr, die ganze Fülle, den ganzen, reichen Umfang, welchen ein so einfaches Lied erheischte und nothwendig machte. 252 Gleich bei den ersten, leise hingeathmeten Tönen dieses, so zu sagen, Ammenliedes, ward Narra-Mattah regungslos und ruhig, es war, als sähe man die gerundete, zwanglose Gestalt eines Marmorbildes dasitzen. Nur das Auge lebte, die Freude erglänzte darin mehr und mehr mit jedem Tone, und ehe noch die zweite Strophe geendet hatte, ward ihr Blick, ihre Stellung, jede Muskel ihrer sprechenden, klugen Züge beredt im Ausdruck des höchsten Entzückens. Ruth hatte den Versuch nicht gewagt, ohne für seinen Erfolg zu zittern. Diese Erregung theilte sich ihrem Gesange mit und verlieh ihm etwas Seelenvolles, und als zum dritten Male im Verlauf ihres Gesanges sie sich gegen ihr Kind wandte, sah sie die sanften, blauen Augen, wie sie, in Thränen schwimmend, voll Aufmerksamkeit und Neugier auf ihr Antlitz hinstarrten. Ermuthigt durch dies unzweideutige Zeichen ihres Erfolges, ward das natürliche Gefühl in ihr noch weit mächtiger in seinen Anstrengungen und Antrieben, und der letzte Vers, die Schlußstrophe wurde einem Ohr vorgesungen, daß sich fest an ihr Herz lehnte wie Narra-Mattah in den Jahren ihrer Kindheit oft that, wenn sie dieser schwermüthig süßen Melodie lauschte. Contentius war ein stiller aber ängstlich aufmerksamer Zeuge von diesem rührenden Zeichen eines wieder auflebenden Erkennens und Verständnisses zwischen seinem Weibe und dem Kinde. Er begriff am besten den Blick, der in den Augen der Ersteren strahlte, während ihre Arme mit der äußersten Vorsicht um das Kind geschlungen waren, das immer noch an ihrem Busen hinlag, und sie gleichsam zu besorgen schien, es möge das so furchtsame Wesen aus seiner Sicherheit und Hingebung durch irgend eine plötzliche, 253 ungewohnte, unvorhergesehene Unterbrechung aufgeschreckt werden. Ein Augenblick verging in der tiefsten Stille; selbst Whittal Ring war in Ruhe eingelullt, und lange, kummervolle Jahre waren ihr hingeschwunden, seit Ruth so entzückte Augenblicke der reinsten, ungetrübtesten Glückseligkeit nicht genossen hatte. Die Stille ward durch einen schweren Schritt im Außenzimmer unterbrochen; eine Thür wurde mit einer mehr als gewöhnlich gewaltsamen Hand aufgerissen, und der junge Marcus erschien, sein Antlitz erhitzt von Erregung und Anstrengung, seine Stirn gleichsam noch beibehaltend den Zorn der Schlacht, sein Tritt eine Gemüthsbeschaffenheit verrathend, die durch irgend eine stolze, ihn drückende Leidenschaft angetrieben und beherrscht ward. Conanchet's Bündel befand sich unter seinem Arm; er legte es auf einen Tisch, deutete dann darauf hin in einer Weise, die Aufmerksamkeit ertrotzen zu wollen schien, wandte um und verließ das Zimmer eben so plötzlich und barsch, als er es betreten hatte. Kaum erblickte Narra-Mattah die muschelbesetzten Schnüre am Bündel, so brach ein lauter Schrei der Freude und des Entzückens aus ihrer Brust. Ruth's Arme ließen voll Staunen ihren Halt los, und ehe noch Verwunderung Zeit hatte, mehr zusammenhängenden Ideen Platz zu machen, war das wilde Wesen aus ihren Armen nach dem Tische geflogen, wieder zurückgekommen, hatte sie ihre frühere Stellung wieder eingenommen, die Windungen und Falten des Tuches abgelöst, und hielt dem verwirrten Blick ihrer Mutter das geduldige Antlitz eines neugeborenen, indianischen Knaben entgegen. Es würde die Kräfte der anspruchlosen Feder übersteigen, welche wir führen, wenn wir dem Leser eine genaue, richtige 254 Idee von den verschiedenartigen, gemischten Gefühlen und Erregungen geben sollten, welche in Ruth's Antlitz sich um die Oberherrschaft stritten. Die angeborenen, nie ersterbenden Gefühle der Mutterfreude wurden von all jenen Empfindungen des Stolzes bekämpft, welchen Vorurtheil nicht ermangeln konnte, selbst dem Busen eines so sanften, liebevollen Wesens einzupflanzen. Ihr brauchte man nicht erst die Geschichte der Herkunft und Verwandtschaft des kleinen, bewußtlosen Bittstellers zu erzählen, der ihr jetzt schon mit jener besondern ausgezeichneten Ruhe in's Antlitz sah, die sein ganzes Volk so merkwürdig macht. Selbst das Matte und Unbestimmte der Kindheit verhinderte nicht das dunkel-blitzende Auge Conanchet's wieder zu erkennen. Auch war in seinem Antlitze die zurücktretende Stirn zu bemerken, die zusammengedrückten Lippen des Vaters: aber alle diese Anzeichen seiner Abkunft wurden durch Züge jener Schönheit gesänftigt und gemäßigt, welche die Kindheit der Mutter selbst so sehr ausgezeichnet und charakterisirt hatten. »Sieh!« sagte Narra-Mattah, und erhob das Kind noch näher nach dem eingewurzelten, gleichsam versteinerten Blick der Ruth hin; »dies ist ein Sachem der rothen Leute, der kleine Adler hat sein Nest zu bald verlassen.« Ruth konnte dem Aufruf ihrer geliebten Tochter nicht widerstehen. Sie neigte ihr Haupt nieder, so nieder, daß sie dadurch ihr eigenes erröthendes Gesicht gänzlich verbarg, und drückte einen Kuß auf die Stirn des indianischen Knaben. Aber das eifersüchtige, scharfe Auge der jungen Mutter war nicht zu täuschen. Narra-Mattah entdeckte leicht den Unterschied zwischen dem kalten Gruße und jenen feurigen, zärtlichen Umarmungen, die sie selbst empfangen, und so brachte 255 diese Täuschung ihrer gehegten Erwartungen eine Kälte in ihrem eigenen Herzen hervor. Sie legte die Tücher mit ruhiger, ernster Würde wieder über das Kind hin, erhob sich von ihren Knieen, und ging trauernd und niedergeschlagen nach einem fernen Winkel der Stube. Dort ließ sie sich auf einen Sitz nieder, und stimmte mit einem Blick, den man fast vorwurfsvoll hätte nennen mögen, leise ein indianisches Lied für ihren Knaben an. »Die Weisheit der Vorsehung ist in diesen wie in allen ihren Fügungen zu sehen,« flüsterte Contentius seiner halb bewußtlosen Gattin zu, indem er sich über ihre Schultern hinbeugte. »Hätten wir sie so wieder erhalten, wie wir sie verloren, dann konnte wohl die Gnade unser Verdienst übersteigen. Unsere Tochter ist betrübt und gekränkt, daß Du ein kaltes, unempfindliches Auge auf ihren Knaben geworfen.« Diese Anrede war für eine Frau hinreichend, deren Gefühle und Neigungen eher bloß verwundet und unangenehm berührt, als gänzlich gleichgültig und kalt geworden. Die Worte ihres Mannes riefen sie zu ihrem Bewußtsein zurück, und dienten mit einem Male die Schatten des Grams und der Unlust zu zerstreuen, welche, sich selbst bewußt, sie sich auf ihrer Stirn hatte sammeln lassen. Der Unwille, oder wie mit mehr Wahrheit gesagt werden sollte, der Kummer wich bald aus dem Herzen der jungen Mutter. Ein Lächeln auf ihr Kind hin, brachte das Blut wieder aus ihre Wangen und trieb es in schnellem, wildem Laufe durch ihre Adern. Ruth selbst vergaß schnell, daß sie irgend Grund zur Betrübniß hatte, als sie das unschuldige Entzücken mitansah, womit ihre Tochter sich beeilte, die körperlichen 256 Vollkommenheiten des Knaben darzulegen und im hellsten Lichte vor Aller Augen hinzustellen. Von diesem Auftritt voll der Gefühle der reinsten, lautersten Natur wurde Contentius zu schnell durch die Nachricht abgerufen, Jemand draußen erwarte seine Gegenwart, um über eine Angelegenheit von der äußersten Wichtigkeit für die Wohlfahrt der Ansiedelung mit ihm zu besprechen. 257   Zwölftes Kapitel.   »Es schreit nach Blut; die Menschen sagen: Blut Verlange wieder Blut.« Macbeth.           Die Wartenden waren Doktor Ergot, der ehrwürdige Meek Wolfe, der Fähnrich Dudley und Ruben Ring. Contentius fand diese vier in einem Vorzimmer in ernster beherrschter Haltung dasitzen; ihr Aeußeres hätte der Selbstüberwindung und Ruhe einer indianischen Rathsversammlung keine Schande gemacht. Er ward mit jenem abgemessenen, ernsten Gruße empfangen, wie er noch jetzt in dem Verkehr unter dem Volke der östlicheren Staaten dieser Republik so sehr gewöhnlich ist, und der sie da, wo sie nur wenig bekannt sind, in den Ruf gebracht hat, es fehle ihnen an lebendiger Herzlichkeit, welche in unserer Natur liegt. Indeß hier befinden wir uns ja noch ganz besonders in dem Zeitalter überspannter Religionsbegriffe, hoher Selbstverleugnung und strenger moralischer Beherrschung, so daß die Meisten es sogar für ein Verdienst hielten, bei allen Gelegenheiten die Herrschaft des Geistes über die mehr thierischen, körperlichen Antriebe und Erregungen zu bewahren, und zur Schau zu stellen. Dieser 258 Gebrauch, der seine Entstehung in überspannten Ideen von geistiger Vollkommheit hatte, ist späterhin zu einer Gewohnheit geworden, welche, wenn auch durch den Einfluß der Zeit geschwächt, doch immer noch in einem Grade sich vorfindet, der oft zu einer irrigen Beurtheilung des Charakters verleitet. Bei'm Eintritt des Herrn vom Hause herrschte etwas von jenem höflichen, schicklichen Schweigen, wie es bekanntlich immer den Unterredungen der Eingebornen voranzugehen pflegt. Endlich begann Fähnrich Dudley, bei dem das Materielle, wahrscheinlich in Folge seiner größeren Körpermasse mit seinen weniger sinnlichen, in die Augen fallenden Theilen in mehr als gewöhnlichem Verhältniß und Gleichgewicht stand, einige Zeichen von Ungeduld und dem Verlangen zu verrathen, der Geistliche möge nun einmal endlich zu dem eigentlichen Zweck ihres Erscheinens, zur Erwähnung ihres Geschäfts selbst übergehen. So erinnert, und vielleicht auch selbst fühlend, man habe hinlänglich den Begriffen von der Würde der menschlichen Natur genügt, öffnete Meek den Mund und sprach: »Capitain Contentius Heathcote,« begann er mit jener mystischen, geheimnißvollen Verhüllung seines Gegenstands, wie dies damals durch den Gebrauch fast ganz unvermeidlich bei allen Mittheilungen geworden war; »Capitain Contentius Heathcote, dies ist ein Tag voll furchtbarer Heimsuchung und gnädiger zeitlicher Gaben und Geschenke gewesen. Der Heide ist schwer geschlagen worden von der Hand der Gläubigen, und die Gläubigen wurden ausersehen, unter der Einwirkung einer wilden heidnischen Macht, schwere Buße zu bezahlen für ihren Mangel an Glauben. Azaziel ward losgelassen in unserm Dorfe, den Legionen der bösen Geister wurde 259 vergönnt, frei und weithin herumzustreichen in unsern Feldern; und doch hat der Herr seines Volkes gedacht, und sie getragen durch eine Prüfung voll Blut, so gefahrvoll und schwer als der Durchgang jenes andern erwählten Volkes durch die Fluthen des rothen Meeres. Ursache haben wir zur Trauer und Klage, und Ursache zur Freude bei dieser Offenbarung seines hohen Willens; Ursache zum Grame, daß seinen Zorn wir verdient, und zum Jauchzen und Frohlocken, daß noch genug von seiner erlösenden Gnade vorgefunden wird, zu retten das Gomorrha unserer Herzen. Doch ich spreche zu einem, der erzogen ward in geistlicher Zucht, der seine Schule machte in den Wandelungen der wechselvollen Welt, und weitere Worte sind nicht nöthig, seine Besorgnisse für das Heil seiner Seele zu erhöhen und zu schärfen. Wir wollen uns deßwegen zu drängenderen, zeitlichen Sorgen und Anstrengungen wenden. Sind alle Deines Hauses unverletzt dem Ringen und Kämpfen dieses blutigen Tages entkommen?« »Wir preisen den Herrn, daß dies so sein Wille gewesen,« entgegnete Contentius; »abgesehen davon, daß die Trauer von Freunden unsere Herzen betrübt hat, habe ich und die Meinigen den fallenden Schlag nur leicht gefühlt.« »Auch Du hast Deine Zeit gehabt; der Vater züchtigt länger nicht, wenn die früheren Bestrafungen erkannt, und sich ihrer erinnert worden. Aber hier steht Sergeant Ring, und hat Dinge Dir mitzutheilen, die vielleicht Deinen Muth und Deine Weisheit noch ferner in Anspruch nehmen dürften.« Contentius warf einen ruhigen Blick auf den Miliz-Offizier und schien seine Mittheilung zu erwarten. Ruben Ring, der ein Mann von vielen wesentlichen, schätzbaren 260 Eigenschaften war, würde sehr wahrscheinlich gerade in diesem Augenblicke die militärischen Funktionen seines Schwagers verwaltet haben, wäre er eben so sehr auch mit einer geläufigen Zunge und fließenden Rede begabt gewesen; aber seine Vorzüge bestanden mehr im Handeln als im Reden, und die Fluth der Popularität hatte sich folglich weniger streng zu seinen Gunsten ausgesprochen, als es vielleicht geschehen, wäre das Gegentheil bei ihm der Fall gewesen. Der gegenwärtige Augenblick indeß war eine Gelegenheit, wo es für ihn nöthig wurde, seinen natürlichen Widerwillen gegen alles Sprechen zu besiegen, und so dauerte es nicht lange, ehe er auf den fragenden, forschenden Blick von seines Befehlshabers Auge vernehmlich und in Worten antwortete: »Der Capitain weiß, wie wir die Wilden an dem südlicheren Ende des Thals schlugen und zurücktrieben,« begann der derbe schlichte Milizsoldat; »und so ist es weiter nicht nöthig, die Einzelnheiten in voller Länge und Ausdehnung zu erwähnen und zu erzählen. Es wurden sechsundzwanzig Rothhäute in den Wiesen erschlagen, und fast eben so viele verließen das Feld, weggetragen in den Armen ihrer Freunde. Was aber unsere eigene Mannschaft betrifft, so erhielten wir wohl einige Verletzungen, aber Jeder kam zurück auf seinen eigenen Beinen.« »Das ist so ziemlich dasselbe, was mir schon berichtet wurde.« »Sodann ward eine Abtheilung ausgesandt, die Wälder auf der Spur der Indianer hin zu durchstreichen,« begann Ruben wieder, ohne der Unterbrechung auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenken zu wollen; »die Kundschafter brachen zu Paaren auf, ihre Pflicht zu erfüllen; und endlich begannen 261 die Leute selbst einzeln, jeder für sich zu suchen, unter welchen auch ich mich befand. Die zwei Leute nun, von denen hier die Rede ist – –« »Von welchen Leuten redest Du?« fragte Contentius. »Die zwei Leute nun, von denen hier die Rede ist,« begann der Andere wieder und fuhr in dem geraden Lauf der Erzählung nach seiner eigenen Weise, die Vorfälle darzustellen, fort, ohne nur im geringsten die Nothwendigkeit einzusehn, die einzelnen Fäden seiner Mittheilung etwas zusammenzuknüpfen; »die zwei Leute, von denen ich schon zu dem Herrn Pfarrer und dem Fähnrich gesprochen habe – –« »Fahr nur fort,« sagte Contentius, welcher schon seinen Mann kannte. »Nachdem einer dieser Leute umgekommen war, sah ich keinen Grund vorhanden, warum ich den Tag blutiger machen sollte, als er schon war; um so mehr und besonders, da der Herr ihn so huldvoll für mich hatte beginnen lassen, indem er mit gnadenreicher Hand eine solche Fülle über mein Haus ausgoß. In solch einer Meinung meine Pflicht zu thun, ward der Andere gebunden und nach den Waldlichtungen gebracht.« »Du hast also einen Gefangenen gemacht?« Rubens Lippen öffneten sich kaum, als er leise eine Bejahung aussprach; indeß übernahm jetzt der Fähnrich Dudley die Pflicht, mehr in die genaueren Erläuterungen des Vorfalls einzugehen, was er auch von dem Punkte an, wo sein Verwandter die Erzählung beendet hatte, mit hinlänglicher Genauigkeit und Kenntniß zu thun vermochte. »Wie der Sergeant schon erzählt hat,« sagte er, »fiel 262 einer der Heiden und der andere steht jetzt draußen, von Eurem Richterspruch sein Urtheil zu erwarten.« »Ich hoffe, Niemand wünscht und gedenkt sein Leben zu gefährden,« sagte Contentius und warf unruhig einen Blick um sich auf seine Gefährten; «des Streits und Mords ist genug heute gewesen in unserer Ansiedelung. Der Sergeant hat ein Recht, die Belohnung für den erschlagenen Wilden in Anspruch zu nehmen; aber was den betrifft, der noch am Leben ist, dem laßt Gnade widerfahren.« »Gnade ist eine Gabe himmlischen Ursprungs,« entgegnete Meek Wolfe; »und sollte nicht mißbraucht und dazu angewandt werden, die Rathschlüsse der himmlischen Weisheit zu nichte zu machen und zu hindern. Azaziel darf nicht triumphiren, und wenn der ganze Stamm der Narragansetts mit dem Besen der Vernichtung von der Erde weggekehrt werden sollte. Freilich, Capitain Heathcote wir sind ein irrendes, fehlendes Geschlecht; aber um so größer wird deßwegen die Nothwendigkeit, daß wir uns, ohne Empörung den innern Warnern unterwerfen, die durch seine Gnade uns eingepflanzt sind, damit sie uns den Pfad unserer Pflicht lehren.« »Ich kann meine Beistimmung zu fernerem Blutvergießen nicht geben, jetzt, da der Streit und Kampf beendet ist« fiel hastig Contentius ein; »gepriesen sei die Vorsehung, wir sind Sieger und es ist nun Zeit auf Rathschläge der christlichen Liebe in Demuth zu hören.« »Dies sind die Täuschungen einer kurzsichtigen Weisheit,« entgegnete der Geistliche, und sein trübes, niedergeschlagenes Auge strahlte von dem Glanze eines überspannten, sophistischen Geistes. »Alles wendet sich zum Besten, und wir 263 dürfen uns nicht, ohne uns tödtlicher Gefahr auszusetzen, herausnehmen, die Hingebungen des Himmels zu bezweifeln und zu verdrehen. Aber hier ist ja auch gar nicht die Rede davon, den Gefangenen hinzurichten; da er uns selbst anbietet, uns in weit wichtigeren Dingen, als wir etwa durch sein Leben oder seinen Tod erreichen konnten, Hülfe und Beistand zu leisten. Der Heide gab nach geringem Kampfe seine Freiheit hin, und hat Vorschläge, die uns zu einem vortheilhaften Schlusse der Prüfungen dieses Tages führen mögen.« »Wenn er uns in etwas unterstützen kann, was die Gefahren und Uebel dieses Kriegs abkürzen und vermindern mag, soll er gewiß Niemand finden, der mehr geneigt wäre auf ihn zu hören, als mich.« »Er versicherte uns seiner Geschicklichkeit, diesen Dienst zu verrichten.« »Dann um's Himmels willen laßt ihn herbeibringen, damit wir über seine Vorschläge uns berathen.« Meek gab dem Sergeant Ring ein Zeichen; woraus dieser für einen Augenblick das Zimmer verließ und kurz darauf wieder, von dem Gefangenen begleitet, zurückkehrte. Der Indianer war einer jener schwarzen, finster und boshaft blickenden Wilden, welche fast alle traurigen Neigungen der Fehler der Leute jenes Zustands haben, ohne viele oder vielleicht keine von den Eigenschaften zu besitzen, die diese Mängel wieder vergüten und vergessen machen. Sein Auge war zu Boden geschlagen und mißtrauenvoll, und verrieth eben so sehr Besorgniß als Gier nach Rache; seine Gestalt war von der Mittelgröße und ganz gewöhnlichen Beschaffenheit, die eben so wenig zu bewundern als zu tadeln und zu verachten darbietet, und der Anzug bezeichnete einen Krieger 264 der untergeordneten Klasse. Doch lag etwas in der ruhigen Haltung seiner Miene, der Festigkeit seines Tritts und der Beherrschung aller seiner Bewegungen, was jenes hohe Wesen bekundete, das sein Volk selten darzulegen verfehlt, so lange als zu großer Umgang mit den Weißen ihr sie so sehr auszeichnendes Benehmen nicht zu verwischen und zu zerstören beginnt. »Hier ist der Narragansett,« sagte Ruben Ring, und ließ seinen Gefangenen vortreten und sich in der Mitte des Zimmers Allen zur Schau stellen; »er ist kein Häuptling, wie aus seinem unsichern Blick man abzunehmen vermag.« »Wenn er bewirkt und ausführt, wovon eben die Rede war, so thut sein Rang wenig zur Sache. Wir suchen, die Ströme Bluts zu hemmen und zu verstopfen, welche gleich lebendigen Wasserbächen in diesen dem Unglück geweihten Ansiedelungen fließen.« »Dies wird er vollbringen,« entgegnete der Geistliche, »oder wir werden ihn für seinen Treuebruch und Nichtachtung seiner Versprechen verantwortlich machen.« »Und auf welche Weise meint er behülflich sein zu können, und dem Werke des Todes ein Ziel und Maß zu setzen?« »Indem er den stolzen Philipp und seinen wilden Verbündeten, den herumstreichenden Conanchet, dem Gericht und der Strafe überliefert. Sind erst diese Häuptlinge vernichtet und aus dem Wege geräumt, dann können wir in Frieden unsern Tempel betreten, und die Stimme des Preises und Dankes kann wieder in unserm Bethel sich erheben, ohne daß das entheiligende Geschrei der Wilden sich darunter mischt.« Contentius staunte und schreckte selbst einen Schritt zurück, 265 als er die Art der vorgeschlagenen friedlichen Unterhaltung, und das Anerbieten des Gefangenen vernahm. »Und haben wir eine Veranlassung zu solch einem Schritte, wenn anders dieser Mann als treu und wahr sich erweisen sollte?« fragte er in einer Stimme, welche hinlänglich seine eigenen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Vorhabens ausdrückte. »Wir haben das Gesetz, die Anforderungen und Bedürfnisse der leidenden menschlichen Natur und Gottes Ruhm zu unserer Rechtfertigung,« entgegnete trocken der Geistliche. »Dies überschreitet indeß die umsichtige Uebung einer nur übertragenen Macht und Bevollmächtigung; ich wünsche nicht, mir ohne schriftlichen Befehl zu ihrer Anwendung so große Gewalt herauszunehmen.« »Dieser Einwurf hat selbst in mir einiges Zögern veranlaßt, und bei Ergreifung eines Entschlusses mir Schwierigkeit gemacht,« bemerkte Fähnrich Dudley; »da es mich auf diese Weise auf mancherlei Gedanken gebracht, so könnte es selbst sein, daß das, was ich ihm vorzustellen habe, des Capitains Billigung erlangen möchte.« Contentius kannte seinen ehemaligen Diener als einen Mann, der zwar eine rauhe Außenseite, aber im Grunde ein menschlichfühlendes Herz hatte. Dagegen hatte er andererseits, während er sich kaum selbst die Wahrheit eingestehen wollte, eine geheime Furcht und Besorgniß vor den überspannten, schwärmerischen Ideen und Gefühlen seines geistlichen Führers und Seelsorgers: und so hörte er denn auf Dudley's Unterbrechung mit einer Zuneigung, einem Wohlgefallen, die er kaum zu verhehlen wünschte. 266 »Sprich offen,« sagte er; »wenn Leute über eine Sache von solcher Wichtigkeit sich berathschlagen, mag Jeder auf die Zuverlässigkeit und Lauterheit seiner eigenen Geistesgaben sicher vertrauen.« »Alsdann mögen wir diese Sache ohne die Schwierigkeiten und Hindernisse vollbringen, welche der Capitain zu fürchten scheint. Wir haben hier den Indianer, der sich erbietet, einen Streithaufen durch die Wälder nach den Sumpfwinkeln der blutgierigen Häuptlinge hin zu leiten, und dann die Sache auf eine männliche, umsichtige Weise zu einem Ausgang zu bringen.« »Aber was liegt denn in diesem Eurem Vorschlag, was irgend abwiche von dem, was schon die Andern eben hier vorgebracht und zur Ausführung haben bringen wollen?« Fähnrich Dudley hatte sich nicht bis zu seinem gegenwärtigen Rang emporgeschwungen, ohne einen angemessenen, gebührenden Theil von jener Rückhaltung und Verschlossenheit gewonnen zu haben, welche man so oft bei Staatsämtern antrifft, und womit die Beamten gewissermaßen ihren Dienstpflichten und Ansichten eine gewisse Würde, ein Ansehn, sich zu geben bemühen. Nachdem er die schon angeführt Ansicht, wenn auch nur oberflächlich und unbestimmt, vor den Gegenwärtigen auszusprechen gewagt, wartete er geduldig die Wirkung seiner Worte auf das Gemüth seines Vorgesetzten ab, welcher aber durch sein ernstes, nichts begreifendes, nichts argwöhnendes Antlitz eben so sehr, als durch seine eben gethane Frage deutlich zeigte, daß er noch völlig im Dunkeln über das Mittel sei, welches der Untergebene anzuführen wünschte. 267 »Ich denke, es wird gar nicht nöthig sein, noch mehr Gefangene zu machen,« begann Eben wieder; »da der eine, den wir haben, schon genug Schwierigkeiten und Hindernisse unsern Berathungen in den Weg legt. Wenn irgend ein Gesetz in der Colonie sich vorfindet, welches sagt, die Streiter sollten im offnen Gefecht mit leiser, vorsichtiger Hand dreinschlagen, so ist dies wenigstens ein Gesetz, von welchem im gewöhnlichen Umgang eben nicht viel gesprochen wird, und wenn ich auch gerade keine großen Ansprüche auf die Weisheit der Gesetzgeber mache, so bin ich doch kühn genug, auch zu behaupten, daß man dies Gesetz füglich einstweilen vergessen könnte, bis diese Einbrüche und Unruhen der Wilden gedämpft und erstickt worden.« »Wir haben mit einem Feinde zu thun, der nie seinen Arm beim Geschrei um Gnade aufhält und ruhen läßt,« bemerkte Meek Wolfe; »und obwohl Liebe und Schonung Frucht der christlichen Tugenden ist, so gibt es doch eine Pflicht, größer und wichtiger als alle andern, welche nur diese Erde betreffen. Wir sind nichts mehr als schwache unkräftige Werkzeuge in den Händen der Vorsehung, und als solche sollten wir unsere Gemüther nicht verhärten und verstocken gegen die innern Antriebe. Wenn Beweise von bessern Gefühlen und Gesinnungen in den Handlungen und Schritten der Heiden bemerkt werden könnten, dann möchten wir unsere Hoffnungen bis zur Vollendung aller Dinge steigern und erheben; aber die Gewalten der Finsterniß wüthen noch in ihrem Herzen, und wir sind gelehrt worden, daß der Baum an seinen Früchten erkannt wird.« Contentius bedeutete Alle, seine Rückkehr zu erwarten, und verließ das Zimmer. Im nächsten Augenblick sah man 268 ihn seine Tochter in die Mitte des Kreises führen. Die halb erschreckte, fürchtende junge Frau drückte ihren eingewickelten Knaben an ihre Brust, als sie sorgenvoll auf die ernsten, strengen Züge der Grenzbewohner hinstarrte, und ihr Auge bebte in Furcht zurück, als sein schneller unsicherer Blick auf die zur Erde gerichteten, starrenden, aufgeregten und doch zweideutigschauenden Augen des ehrwürdigen Pastor Wolfe trafen. »Du sagtest eben, der Wilde höre nie auf das Geschrei um Gnade und Schonung,« begann Contentius wieder, »hier ist ein lebendiger Beweis, daß in Irrthum und Unwissenheit Du gesprochen. Das Unglück, das früh meine Familie befiel, ist Niemanden unbekannt in dieser Ansiedelung; Du siehst in diesem zitternden, angstblickenden Wesen die Tochter unserer Liebe; sie, die so lange wir betrauerten. Die Beweinte unseres Hauses ist wieder unter uns; unsere Herzen waren niedergeschlagen und gedrückt; sie sind jetzt erfreut und voll Frohlockens! Gott hat uns unser Kind wiedergegeben.« Es lag eine hohe, reiche Begeisterung und Wärme in den Worten des Vaters, welche den größten Theil seiner Zuhörer rührte, obgleich Jeder seine Empfindungen auf eine Weise verrieth, wie sie seiner besondern Gemüthsbeschaffenheit und Denkweise angemessen war. Das Innerste des Geistlichen ward aufgeregt, und alle Kraft seiner strengeren Grundsätze reichten kaum zu, ihn vor der Darlegung einer Schwäche zu bewahren, die er für die geistige Erhabenheit seines Charakters nachtheilig und herabwürdigend hätte halten mögen. Deßwegen saß er stumm da; die Hände auf seinem Knie gefaltet, und den Kampf eines erwachten 269 Mitgefühls nur durch ein festeres Zusammendrücken der in einander verschränkten Finger verrathend; dazu kam noch dann und wann ein unwillkührliches Bewegen der markirteren Muskeln seines Antlitzes. Dudley ließ ein ähnliches Wohlgefallen und Gefühl sich die breiten, offenen Gesichtszüge erhellen, und der Naturforscher, der bis jetzt bloßer Zuhörer gewesen, stieß einige leise Silben der Bewunderung über die physischen Vollkommenheiten des Wesens aus, welches ihm so vorgehalten wurde; mit diesen Ausdrücken aber mischten sich mehrere Anzeichen und Beweise von seinem natürlichen, wachen Mitgefühl. Ruben Ring war der Einzige, der offen und unverstellt die ganze Größe seiner Theilnahme an den Tag legte; womit er das Wiederauffinden des verlornen Mädchens vernahm. Der stattliche, feste Milizmann erhob sich, und trat zu der erstaunten, wie verzauberten Narra-Mattah hin. Er nahm das Kind in seine eignen breiten Hände, und starrte für einen Augenblick auf den Knaben mit ruhigem, sanften Auge. Dann erhob er das kleine Gesicht des Kindes gegen seine eigenen breiten, kühnen Züge, berührte seine Wange mit seinen Lippen und gab den Knaben der Mutter zurück, die den ganzen Vorgang mit einer ähnlichen Unruhe und Besorgniß mit ansah, wie etwa der Zaunkönig verräth, wenn er vor Furcht und Entsetzen starr den Fuß des losen Knaben dem Neste seiner Jungen sich nähern sieht. »Du hast hier einen Beweis, daß die Hand des Narragansetts sich schon zurückgehalten und gemäßigt hat,« entgegnete Contentius, als ein tiefes Schweigen auf diese kurze Bewegung gefolgt war, und sprach die Worte in einem Ton 270 aus, welcher den Sieg über die wilden Leidenschaften seiner Gefährten verrieth. »Die Wege der Vorsehung sind geheimnißvoll und dunkel!« entgegnete Meek: »wo sie dem Herzen Trost bringen, gebührt es sich, daß wir unsere Dankbarkeit beweisen, und wo sie mit Bedrängniß und Noth kurze Zeit hin erfüllt sind, schickt es sich, daß wir mit demüthigem Geiste uns seinen Rathschlüssen fügen. Aber die Heimsuchungen, die Familien betreffen, sind nur – –« Er schwieg, denn in diesem Augenblick öffnete sich eine Thür und mehrere Männer traten ein, die eine Last trugen, welches sie mit gebührender, ernster Ehrfurcht auf den Boden gerade in der Mitte des Zimmers niedersetzten. Die unvorbereitete, unerwartete Weise ihres Benehmens zeigte deutlich, daß die Dorfbewohner fühlten, ihre Botschaft und ihr Zweck sei, eine hinlängliche Entschuldigung für dieses ihr unhöfliches Eindringen. Hätten nicht die Geschäfte des vergangenen ganzen Tags sehr natürlich zu solch einem Glauben geführt, so mochte schon das Benehmen und das Aeußere derer, welche die Last herbeigebracht hatten, hinlänglich kund geben, daß es ein menschlicher Leichnam sei. »Ich hatte geglaubt, Niemand sei in dem gestrigen Kampfe gefallen, als die, welche ihr Ende nahe an meiner eigenen Thür fanden,« sagte Contentius nach einer langen, ehrerbietigen, gramvollen Pause. »Wendet das Kopftuch weg, damit wir schauen, wen der tödtliche Streich ereilt hat.« Einer der jungen Leute that es. Es war bei den Verstümmelungen, wie sie wilde Barbarerei vollführt, nicht leicht die Züge des Unglücklichen zu erkennen. Aber ein zweiter, genauerer Blick zeigte das blutige und noch im Todeskampf 271 verzogene Antlitz des Mannes, welcher an jenem Morgen auf einer Botschaft von Seiten der Colonieobrigkeit Wish-Ton-Wish verlassen hatte. Selbst Leute, die an die schreckhaften Erfindungen und Gräuel indianischer Grausamkeit so gewöhnt waren wie die gegenwärtigen, wandten sich voll Abscheu und Ekel von einem Anblick weg, der das Blut Aller, die nicht unempfindlich gegen menschliche Noth und Leiden geworden, zum Erstarren zu bringen geeignet war. Contentius gab einen Wink, die unglücklichen Reste menschlicher Sterblichkeit wieder zu bedecken, und verhüllte schaudernd und klagend sein Antlitz. Es ist unnöthig, uns bei dem Auftritt aufzuhalten, der jetzt erfolgte. Meek Wolfe benutzte diesen unerwarteten Auftritt, um seinen Plan der Aufmerksamkeit des befehlenden Offiziers der Ansiedelung noch mehr aufzudrängen, der auch ohne dies offenbar weit mehr geneigt war, auf seine Vorschläge zu achten, als dies, ehe jener neue, in die Augen fallende Beweis von dem erbarmungslosen Charakter ihrer Feinde ihnen vorgelegt worden, vielleicht der Fall gewesen. Doch noch immer hörte sie Contentius nur mit Widerstreben an; auch geschah es gar nicht, ohne im Geheim noch die Absicht zu hegen, fernere Einreden in die Unternehmung zu machen, als er endlich seine Beistimmung gab, und Befehle zum Abmarsch eines Haufens Streiter erließ, sobald das Licht des anbrechenden Tages sich zeigte. Da ein großer Theil der Unterredung in jenen halb verständlichen Anspielungen vor sich ging, welche Leute ihrer Art so sehr charakterisirten, so ist es sehr wahrscheinlich, daß jeder einzelne Gegenwärtige seine eignen persönlichen Ansichten von dem Gegenstand der Unterredung hatte, wiewohl es auch sicher ist, daß alle zusammen 272 treu glaubten, sie würden nur durch sehr zu rechtfertigende Rücksichten auf ihre zeitlichen Interessen angetrieben, was gewissermaßen noch um so rühmlicher durch eine Rücksicht auf den Dienst ihres göttlichen Herrn und Meisters gemacht wurde. Als die Gesellschaft wieder wegging, zögerte Dudley noch einen Augenblick allein bei seinem früheren Herrn. Das Antlitz des redlichen Fähnrichs war mit mehr als gewöhnlicher Bedeutsamkeit umdüstert, und er wartete selbst noch ein wenig, bis alle außer dem Bereich des Hörens waren, gleichsam als müsse er erst alle seine Entschlossenheit sammeln, um das vorbringen zu können, was ihn so sehr beschäftigte. »Capitain Contentius Heathcote,« begann er endlich, »Freud und Leid kommen in diesem Leben selten allein. Du hast Diejenige gefunden, die wir mit so viel Noth und Gefahr suchten; aber Du hast mit ihr mehr gefunden, als ein Christ verlangen kann. Ich bin ein Mann niederen Standes, aber ich möchte mir doch herausnehmen, zu verstehen und einzusehen, von welcher Art die Gefühle eines Vaters sein müssen, dessen Kind ihm wiedergegeben wird, ausgerüstet und überhäuft mit solch überreichlichen, überfließenden Gaben.« »Sprich deutlicher,« sagte Contentius fest und bestimmt. »Nun, ich wollte sagen, daß es einem Manne, der seine Stelle unter den ersten in dieser Colonie einnimmt, nicht angenehm sein könne, einen Nachkommen zu haben, in dessen Adern eine Beimischung indianischen Blutes fließt und dessen Geburt die Weihe einer christlichen Trauung nicht vorangegangen ist. Da ist Rubens Weib Abundanz, eine Frau von außerordentlicher Nützlichkeit, von großem Verdienst in einer neuen Ansiedelung, die hat Ruben drei tüchtige Knaben heute 273 Morgen erst geschenkt, dieser neue Anwuchs ward wenig bekannt, und man sprach nicht viel davon, eben weil man von der tüchtigen Frau schon solche Freigebigkeit gewohnt ist, und dieser Tag weit größere, wichtigere Ereignisse gegeben hat. Nun kann aber solch einer Frau ein Kind weniger oder mehr kein besonderes Aufsehen bei ihren Nachbaren erregen, oder sonst einen großen Unterschied in ihrem Haushalt hervorbringen. Mein Schwager Ring würde sich daher glücklich fühlen, den Knaben zu seinem übrigen Reichthum hinzuzufügen, und sollte sich etwa künftighin der junge Bursche in Betreff seiner Hautfarbe auszeichnen und bemerkbar machen, so hätte dies wohl so viel nicht auf sich; ja man könnte sich kaum wundern, wenn alle vier Knaben, die am Tag eines solchen Ueberfalls der Wilden geboren wurden, roth auf die Welt gekommen wären, roth wie Metacom selbst.« Contentius hörte seinen Gefährten, ohne ihn zu unterbrechen, bis zu Ende ruhig an. Sein Antlitz röthete sich für einen Augenblick, als der Sinn der Rede des Fähnrichs deutlicher ward; es röthete sich von einem Gefühl, das ihm lange fremd und unbekannt gewesen; aber dieser peinliche Ausdruck verschwand eben so schnell wieder, und an seine Stelle trat die sanfte Unterwerfung unter den Willen der Vorsehung, sie beherrschte mit jener unbeschränkten Vollständigkeit seine Züge, wie sie gewöhnlich sein Aeußeres auszeichnete und charakterisirte. »Daß ich durch diesen eitlen Gedanken beunruhigt und gequält worden bin, will ich nicht leugnen,« antwortete er, »aber der Herr hat mir Kraft und Stärke 274 verliehen, zu widerstehen. Es ist sein Wille, daß einer, aus heidnischem Geschlecht entsprossen, unter meinem Dach leben, zu meiner Familie gehören sollte; sein Wille geschehe! Mein Kind und Alle, die ihr angehören, sind mir lieb und gern gesehen in meinem Hause.« Fähnrich Dudley bestand nun nicht länger auf seinem Vorschlag, und so gingen sie auseinander. 275   Dreizehntes Kapitel. »Verweil' ein wenig; von was Anderem noch!« Der Kaufmann von Venedig.           Wir wechseln den Schauplatz. Der Leser versetze sich durch seine Einbildungskraft aus dem Thal von Wish-Ton-Wish in den Schooß eines tiefen, dunkeln Waldes. Man könnte denken, solche Schauplätze seien schon zu oft beschrieben worden, als daß es jetzt hier noch einer Wiederholung desselben Versuchs bedürfte. Indeß da es möglich ist, daß diese Blätter in die Hände solcher Leser fallen, welche nie die älteren Bestandtheile der Union verlassen haben, so wollen wir uns doch bemühen, ihnen ein schwaches Bild von einem Orte zu geben, wohin es unsere Pflicht geworden ist, die Handlung der Erzählung zu verlegen. Wenn gleich es keinem Zweifel unterliegen kann, daß die unbelebte Natur nicht weniger ihr bestimmtes Zeitmaaß habe, als die belebte, so kann man doch nicht behaupten, daß dem Leben des Baumes eine bestimmte, allen gemeinsame Schranke gesetzt worden. Die Eiche, Ulme und Linde, die schnell wachsende Sycamore und die schlanke Tanne haben, jeder Baum hat seine eignen Gesetze, in Hinsicht der 276 Bestimmung seines Wachsthums. seiner Größe und seiner Dauer. Durch diese Vorsicht der Natur wird die Wildniß mitten in dem verschiedenartigsten Wechsel und den aufeinanderfolgenden Wandlungen immer auf einem Punkte erhalten, der der Vollkommenheit am nächsten steht, da der Nachwuchs gerade mäßig und allmählig genug ist, um in dessen Charakter eine Aenderung hervorzubringen. Der amerikanische Wald stellt im höchsten Grade die Größe und feierliche Würde der Stille und Ruhe dar. Da die Natur nie ihren eigenen Gesetzen Gewalt anthut, so schießt dem Boden die Pflanze empor, welche am besten geeignet ist, von ihm unterhalten zu werden; und das Auge wird hier nicht oft durch kränkelnde Vegetation beleidigt und getäuscht. Hier erscheint immer ein edler Wettstreit unter den Bäumen, wie man ihn nicht unter andern von verschiedenen Familien antrifft, wenn man es ihnen überläßt, in der Einsamkeit der Felder ihr ruhiges Dasein zu verfolgen. Hier strebt, ringt sich jeder nach dem Lichte empor, und dadurch entsteht eine Gleichheit in dem Umfang, und eine Aehnlichkeit in der Gestalt, welche kaum ursprünglich ihrer verschiedenen Natur zuzukommen scheint. Die Wirkung, die daraus entspringt, kann man sich leicht denken. Die gewölbten Bogengänge unten sind erfüllt von Tausenden hoher, ungebrochener Säulen, die aufrecht halten einen weiten, zitternden Thronhimmel von Laubwerk und Blättern. Ein gefälliges Dunkel, ein Ehrfurcht gebietendes Schweigen haben ihre unbegrenzte Herrschaft unten, während eine äußere und ganz verschiedene Atmosphäre auf der Wolke von Blätterwerk zu ruhen scheint. Während das Licht auf der wechselnden Oberfläche der 277 Baumwipfel spielt, färbt ein dunkler und wenig mannigfaltiger Schein unten den Boden. Abgestorbene, moosbedeckte Stämme; Hügel mit zersetzten vegetabilischen Substanzen bestreut, gleichsam die Gräber längst vorübergegangener Baumgenerationen; Höhlungen, gebildet und zurückgelassen durch den Fall entwurzelter Stämme; dunkle Schwämme, die um die faulenden, zerfallenen Wurzeln derer erblüht sind, welche im Begriff scheinen, ihren Halt aufzugeben; dann noch einige wenige kleinere, zartere Pflanzen von geringerem Wachsthum, die am besten im Schatten fortkommen – alles dies bildet die Zugabe und Bekleidung gleichsam des Schauplatzes unten am Boden. Das Ganze wird im Sommer durch eine Frische gemäßigt und angenehm gemacht, welche der der unterirdischen Wölbungen gleichkommt, ohne auch nur das Geringste von ihrer erkältenden Dumpfheit an sich zu tragen. Mitten in dieser schattigen Einsamkeit wird der Fußtritt des Menschen selten vernommen. Gelegentlich ein Blick auf das springende Wild oder trottende Moosthier ist fast die einzige Unterbrechung auf der Erde selbst; während der schwerfällige Bär oder der springende Panther in langen Zwischenräumen hier und da auf den Aesten einer ehrwürdigen Eiche sitzend getroffen wird. Es gibt auch Augenblicke, wo Heerden hungriger Wölfe auf der Spur irgend eines Wildes jagen gesehen werden; aber diese gewahrt man mehr als Ausnahmen von der Stille und Ruhe der Gegend, denn als begleitende Umstände von ihr, wie man sie eigentlich in ein Gemälde aufnehmen dürfte. Selbst die Vögel sind in der Regel stumm, oder wenn sie das Schweigen unterbrechen, geschieht dies in einem Mißton, der dem Charakter ihres wilden Wohnorts angemessen ist. 278 Durch solch eine Gegend setzten zwei Männer an dem Tage, welcher auf den zuletzt beschriebenen Einfall folgte, eifrig ihre Reise fort. Sie gingen, wie dies gewöhnlich war, Einer hinter dem Andern, der Jüngere und Behendere voran, und so immer durch die Eintönigkeit der Wälder durch, eben so sicher und gerade aus und eben so ohne alles Zögern, wie etwa der Seemann seinen Lauf mit Hülfe der Magnetnadel über die grenzenlose Wüste der Wasser hinlenkt. Der Vorderste war leichtfüßig, behend und dem Anschein nach unermüdet, während der Andere, welcher folgte, ein Mann von schwerem Körperbau war, dessen Schritt weit weniger Uebung in dem Durchwandern der Wälder verrieth, und der auch, wohl möglich, seine natürlichen Kräfte schon abnehmen fühlen mochte. »Dein Auge, Narragansett, ist ein untrüglicher Compaß, nach dem man getrost steuern kann; Dein Fuß aber ein nie ermüdendes Roß,« sagte der Letztere, und stieß den Kolben seiner Muskete auf ein Stück faulendes Holz, während er sich selbst, um zu ruhen und sich zu stützen, auf den Lauf hinlehnte. »Wenn auf dem Kriegspfad Du Dich mit derselben Behendigkeit hinbewegst, als Du jetzt verräthst, da wir uns auf einer so friedlichen Botschaft befinden, dann mögen mit Recht die Ansiedler Deine Feindschaft fürchten und vermeiden.« Der Andere wandte sich um, und ohne Hülfe und Unterstützung bei dem Schießgewehr zu suchen, welches an seiner Schulter liegen blieb, deutete er auf die verschiedenen Gegenstände hin, die er nannte, während er antwortete: »Mein Vater, Du bist dieser gealterte Feigenbaum; er lehnt sich an die junge Eiche; – Conanchet ist eine gerade schlanke Tanne. – Indeß ist große List und Klugheit bei 279 grauen Haaren,« fuhr der Häuptling fort, und trat näher auf Traugott hinzu, indem er einen Finger auf seinen Arm legte; »können diese weißen Locken die Zeit verkünden, wo wir wie ein todter Schierling unter dem Moose liegen werden?« »Das überschreitet menschliche Weisheit. Es ist genug, Sachem, daß, wenn wir fallen, wir mit Wahrheit sagen können, das Land, das wir beschatteten, sei durch unser Wachsthum nicht ärmer geworden. Deine Gebeine werden in der Erde ruhen, die Deine Väter betraten, aber die meinigen bleichen vielleicht unter der Baumwölbung irgend eines düstern Waldes!« Die Ruhe in des Indianers Gesicht ward gestört und getrübt. Die Pupille seiner dunkeln Augen zog sich zusammen, seine Nasenlöcher thaten sich weit auf, und seine volle Brust athmete schwer; dann ruhte wieder Alles, gleich dem unthätigen, trägen Ocean, nachdem er einen eiteln Versuch gemacht, seine Wasser zu einer anschwellenden Woge während einer allgemeinen Windstille zu erheben. »Feuer hat die Fußtapfen von meiner Väter Mokasins von der Erde gesengt,« sagte er mit einem Lächeln, das ruhig war, obwohl bitter, »und so können meine Augen sie nicht finden. Ich werde unter diesem Schutzdache hier sterben,« fuhr er fort und deutete durch eine Oeffnung in dem Laubwerk nach dem blauen offenen Raume hin; »die fallenden Blätter werden meine Gebeine bedecken.« »Dann hat der Herr uns ein neues Freundschaftsband verliehen. Es ist ein Eibenbaum und ein ruhiger Kirchhof dort weit in einem Lande, wo Generationen meines Geschlechts 280 schlafen in ihren Gräbern. Der Ort ist weiß von den Denksteinen, die den Namen tragen von – –« Traugott hörte plötzlich auf zu sprechen, und als sein Auge sich wieder nach dem seines Gefährten erhob, geschah dies gerade zu einer Zeit, wo er noch die Weise entdecken konnte, wie die neugierige Theilnahme des letztern sich plötzlich in kalte Rückhaltung verwandelte, und wie das außerordentlich höfliche Benehmen des Indianers gewandt und geschickt den Gegenstand ihrer Unterredung zu verändern wußte. »Dort hinter diesem kleinen Hügel ist Wasser,« sagte er. »Möge mein Vater trinken und stärker werden, damit er lebe, und noch lange wohne in den Baumlichtungen.« Der Andere verbeugte sich, und schweigend gingen sie auf die Stelle zu. Es mochte nach der Länge der Zeit, die man jetzt mit dem Einnehmen dieser nothwendigen Erfrischung verlor, scheinen, als wenn die Reisenden einen langen, weiten Weg zurückgelegt. Doch aß der Narragansett weit spärlicher, als sein Reisegefährte; sein Gemüth schien unter einer Last zu erliegen, die weit peinlicher und beschwerlicher war, als alle Ermüdung, die der Körper ertragen. Indeß war seine Haltung äußerlich wenig getrübt, denn während des stillen Mahls behauptete er die Miene eines hohen, würdevollen Kriegers weit eher, als die eines Mannes, dessen Aeußeres durch innern Kummer sehr verändert werden könnte. Als den natürlichen Bedürfnissen Genüge geschehen, erhoben sich beide und setzten ihren Weg durch den pfadlosen Wald weiter fort. Eine ganze Stunde, nachdem sie die Quelle verlassen hatten, entfiel während ihres schnellen Fortschreitens den beiden Abenteurern nicht die flüchtigste Bemerkung, noch machten sie einen 281 Augenblick Halt. Nach Ablauf derselben aber nahm Conanchet einen minder raschen Schritt an, und sein Auge, statt seine beständige Richtung vorwärts beizubehalten, irrte etwas herum, gleichsam wie unentschlossen. »Du hast die geheimen Kennzeichen verloren, vermittelst deren wir so weit den Wald durchschritten haben,« bemerkte sein Gefährte; »ein Baum ist wie der andere, und ich, ich sehe keinen Unterschied in dieser Wildniß der Natur; aber wenn Du Dich geirrt, so müssen wir in der That an der Erreichung unsers Ziels verzweifeln.« »Hier ist der Horst des Adlers,« entgegnete Conanchet, und deutete auf den genannten Gegenstand hin, wie er an den obern weiß gewordenen Aesten einer abgestorbenen Tanne hing; »auch mag mein Vater hier den Berathungsbaum in dieser Eiche sehen,– aber ich finde die Wampanoags nicht!« »Es sind aber viele Adler in diesem Walde, auch ist diese Eiche gar nicht von der Art, daß sie ihres Gleichen nicht haben könnte. Dein Auge hat sich getäuscht, Sachem, und irgend ein falsches Zeichen hat uns irre geführt.« Conanchet sah aufmerksam auf seinen Gefährten hin. Nach einem Augenblick fragte er ruhig: »Verfehlte mein Vater jemals den Pfad, wenn er seinen Wigwam verließ, um nach dem Orte zu gehen, wo er das Haus seines großen Geistes sehen konnte?« »Dieser von mir so betretene Pfad, Narragansett, hat nichts Aehnliches mit unserm Fall. Mein Fuß hatte den Felsen ausgetreten mit manchem Hin- und Hergehen, und die Entfernung war nur eine Spanne. Aber wir sind durch Meilen von Waldland hingezogen, und unser Weg ist über Fluß und Hügel gegangen, durch Gesträuch und Morast, wo 282 ein menschliches Auge nicht im Stande gewesen ist, das geringste Zeichen von der Gegenwart eines vernünftigen Wesens zu entdecken.« »Mein Vater ist alt,« sagte der Indianer ehrerbietig. »Sein Auge ist nicht so scharf und schnell als damals, wo er die Schädelhaut von dem großen Häuptling nahm, sonst würde er die Spur von dem Mokasin erkennen; – sieh!« rief er, und machte, daß sein Genosse die Spur von einem Menschentritt bemerkte, der nur durch die Weise zu erkennen war, wie die trocknen Blätter ihrer Stelle entrückt worden; »sein Fels ist ausgetreten, aber der ist ja härter als der Boden. Er kann an den Spuren daran nicht sagen, wer über den Stein hingegangen und wann!« »Ich sehe freilich etwas, was sich die Einbildungskraft als den Druck eines menschlichen Fußes vorstellen kann, aber es ist nur einzelner und könnte irgend eine zufällige Wirkung des Windes sein.« »Mein Vater schaue etwas mehr um sich, er wird sehen, daß ein ganzer Stamm hier vorübergeschritten ist.« »Das mag wahr sein, obwohl mein Gesicht nicht stark genug ist, sich von dem, worauf Du es hinleitest, zu überzeugen. Hat aber ein Stamm diesen Weg genommen, so laß ihm uns folgen.« Conanchet schüttelte den Kopf und spreizte die Finger seiner beiden Hände auf eine Weise aus, daß er dadurch gleichsam die Radien eines Kreises beschrieb. »Hugh!« rief er und stutzte, während er doch selbst so bezeichnend durch Geberden das nun Geschehene ausdrückte; »ein Mokasin kommt!« Traugott, der so oft und so ganz kürzlich erst gegen die 283 Wilden in Schlachtordnung gestanden, untersuchte unwillkürlich das Schloß seines Karabiners. Sein Blick und seine ganze Bewegung war drohend, obgleich sein herumstreifendes Auge keinen Gegenstand gewahren konnte, der Schrecken und Besorgnisse erregen mochte. Nicht so Conanchet. Sein schnelleres und mehr geübteres Gesicht haschte bald einen Blick von dem Krieger auf, der herankam und zu Zeiten von den Baumstämmen verdeckt wurde, dessen Tritt aber auf den trocknen Blättern zuerst seine Annäherung verrathen hatte. Indem er seine Arme auf seiner nackten Brust verschränkte, erwartete der Häuptling der Narragansetts des Andern Ankunft in einer Stellung voll Ruhe und Würde. Weder sprach er, noch ließ er sonst eine Muskel sich bewegen, bis eine Hand auf einen seiner Arme gelegt ward, und der, welcher herangekommen, in Tönen voll Freundschaft und Hochachtung sagte – – »Der junge Sachem ist gekommen, nach seinem Bruder sich umzusehen?« »Wampanoag, ich bin Eurer Spur gefolgt, damit Eure Ohren lauschen mögen auf die Rede eines Blaßgesichts.« Die dritte Person bei dieser Unterredung war Metacom. Er schoß einen hochmüthigen, stolzen Blick auf den Unbekannten; und dann wandte er sich wieder zu seinem Waffengefährten mit voller Ruhe und erwiderte ihm: »Hat Conanchet seine jungen Leuten gezählt, seit sie den Schlachtruf erhoben?« fragte er in der Sprache der Urbewohner des Landes. »Ich sah Viele in's Feld schreiten, die nie wieder zurückkamen. Laß den Weißen da sterben!« »Wampanoag! er hat das Geleit eines Sachems. Ich habe meine jungen Leute nicht gezählt; aber ich weiß, sie sind stark 284 genug, zu sagen, daß, was ihr Häuptling versprochen, gehalten werden muß.« »Wenn der Yengihs ein Freund meines Bruders ist, so ist er willkommen. Der Wigwam Metacom's steht offen; er mag eintreten!« Philipp gab den Andern ein Zeichen ihm zu folgen, und ging selbst voran nach der Stelle zu, die er genannt hatte. Der von Philipp zu seiner einstweiligen Lagerung ausersehene Ort war zu einem solchen Zweck sehr passend. Es fand sich ein Dickicht, dichter als gewöhnlich, auf einer seiner Seiten; ein steiler und hoher Felsen schützte und deckte den Rücken; ein schneller, breiter Bach sprudelte über Steinblöcke hin, die von oben herab gefallen; die Zeit hatte sie von dem Abhange abgelöst, und gegen Untergang der Sonne war durch den Sturmwind eine lange traurige Oeffnung in dem Wald gemacht worden. Einige Hütten von Stroh lehnten an dem Fuß des Hügels, und die ärmlichen Geräthschaften ihres Haushalts lagen unter den Wohnungen der Wilden zerstreut. Der ganze Haufen zählte nicht zwanzig, denn, wie schon gesagt, die Wampanoag hatten in neuerer Zeit mehr durch die Wirksamkeit ihrer Verbündeten, als durch ihre eigenen materiellen Kräfte gehandelt. Die Drei hatten sich bald auf einen Felsen niedergelassen, dessen Fuß von dem schnellen Lauf des tosenden Wassers bespült ward. Einige wenige, finsterblickende, stolze Indianer bewachten in dem Hintergrund die Zusammenkunft. »Mein Bruder ist meiner Spur gefolgt, damit meine Ohren die Worte eines Yengihs vernehmen möchten,« begann Philipp wieder, nachdem er eine hinlänglich bedeutende 285 Zwischenzeit hatte vorübergehen lassen, um dadurch dem Vorwurf der Neugier und Zudringlichkeit zu entgehen. »Möge er sprechen!« »Ich bin allein und schutzlos einem Löwen in den Rachen gegangen, ruheloser, strenger, unbarmherziger Anführer der Wilden,« entgegnete der kühne Verbannte; »auf daß Du hören möchtest auf die Worte des Friedens. Warum hat der Sohn die Schritte und Thaten der Engländer so verschieden von seinem Vater angesehen? Massassoit war ein Freund der verfolgten, duldenden Pilgrimme, die Ruhe und Zuflucht gesucht in diesem Bethel der Gläubigen; aber Du hast Dein Herz gegen ihre Bitten verschlossen und verhärtet, und strebst nach dem Blute derer, die Dir kein Leid zuzufügen gedachten. Ganz gewiß hast Du ein Naturell voller Stolz und irrender Eitelkeit, wie Deine ganze Nation; und der kleinlichen Sucht, Deinen Namen und den Deines Volkes in Ruf zu bringen ist es Bedürfniß geworden, gegen ein Geschlecht von verschiedener Abkunft zu streiten und zu kämpfen. Aber wisse, es lebt einer, der Herr ist von Allem hier auf Erden, wie er Herr und König ist dort im Himmel! Es war sein Wille, daß der liebliche Geruch des Weihrauchs seiner Anbetung aus der Wildniß selbst zu ihm sich erhebe; er will sein Gesetz, und die sich ihm widersetzen, wollen nur gegen seinen Stachel lecken. So gib denn friedlichen Rathschlägen Gehör, damit das Land gerecht und nach Billigkeit so vertheilt werde, daß Aller Bedürfnisse befriedigt und das Land vorbereitet zum Dienste des Altars.« Diese Ermahnung ward in einem tiefen und fast überirdischen Tone ausgesprochen, mit einer Größe der Erregung, die vielleicht noch durch die eifrige Beschauung erhöht ward, mit der der Einsame kürzlich noch über seinen besondern 286 Ansichten gebrütet, so wie auch durch die furchtbaren Auftritte, in denen er noch vor Kurzem eine der ersten handelnden Personen gewesen. Philipp hörte mit der hohen, ausgezeichneten Höflichkeit eines indianischen Fürsten zu. So unverständlich auch immer Sinn und Bedeutung des Gesagten ihm erscheinen mochte, sein Antlitz verrieth dennoch keinen Anstrich von Ungeduld; seine Lippen keinen Zug eines höhnischen Lächelns. Im Gegentheil, ein edler, hoher Ernst thronte in jedem seiner Züge, und so unbekannt er auch immer mit dem blieb, was der andere zu sagen wünschte, sein aufmerksames Auge, sein gebeugtes Haupt drückte deutlich und bestimmt den Wunsch aus, ihn zu verstehen und zu begreifen. »Mein blasser Freund hat sehr weise gesprochen,« sagte er, als der Andere aufhörte zu reden. »Aber er sieht nicht klar in diesen Wäldern; er sitzt zu sehr in dem Schatten. Sein Auge ist besser in einer Waldlichtung. Metacom ist kein wildes Thier. Seine Klauen sind abgegriffen, seine Beine ermüdet vom Wandern. Er kann nicht weit springen. Mein blasser Freund möchte gerne das Land theilen. Warum den großen Geist belästigen, sein Werk zweimal zu thun? Er gab den Wampanoag's ihre Jagdgründe, und Plätze an den Salzsee'n, ihre Fische zu fangen, und er vergaß auch nicht seine Kinder, die Narragansets. Er setzte sie in die Mitte der Wasser, denn er sah, daß sie schwimmen konnten. Vergaß er die Yengih's? Oder setzte er sie in einen Sumpf, damit dort sie sich verwandeln in Frösche und Eidechsen?« »Heide, meine Stimme soll nie die Güte und die Wohlthaten meines Gottes verleugnen. Seine Hand hat meine Väter in ein fruchtbares Land gesetzt, reich an den guten 287 Dingen dieser Welt, glücklich in seiner Lage, von der See umgürtet und uneinnehmbar. Glücklich, wenn sein Gewissen erlaubt, in dessen Grenzen wohnen zu bleiben.« Ein hohler Kürbis lag an dem Felsen an Metacom's Seite. Er beugte sich über den Strom und füllte ihn mit Wasser bis an den Rand, dann hielt er das Gefäß vor die Augen seiner Gefährten hin. »Schau,« sagte er und deutete auf die ebene Fläche des Wassers; »so viel hat der große Geist gesagt soll das Gefäß enthalten. Nun,« fuhr er fort, und füllte die Höhlung seiner andern Hand mit Wasser, worauf er den Inhalt dann in den vollen Kürbis goß, »kann mein Bruder sehen, daß welches abfließen muß. So ist es auch mit seinem Land. Es hat keinen Raum mehr für meinen blassen Freund.« »Wenn ich versuchte, Deine Ohren durch diese Erzählung zu täuschen, würde Falschheit ich auf meine Seele laden. Es sind unserer Viele, und ich sage es mit Trauer im Herzen, es sind Einige unter ihnen, welche nicht unähnlich sind denen, welche einst »Legion« im heiligen Buche genannt wurden. Aber zu sagen, es sei ferner kein Ruhm mehr für Alle da zu sterben, wo sie geboren wurden, das hieße eine verdammungswürdige Lüge aussprechen.« »Das Land der Yengih's ist also ein gutes – ein sehr gutes,« entgegnete Philipp; »aber ihre jungen Leute wünschen ein besseres.« »Dein Geist, Wampanoag, ist nicht fähig, die Beweggründe zu begreifen, die uns hierher gebracht, und unsere Unterredung fängt an, sich bei Dingen aufzuhalten, die zu Nichts führen.« »Mein Bruder Conanchet ist ein Sachem. Die Blätter, 288 welche von den Bäumen seines Landes zur Zeit der Fröste herabfallen, weht der Wind in meine Jagdgehege. Wir sind Nachbarn und Freund,« fuhr er fort und verneigte sich leichthin gegen den Narragansett. »Wenn ein verruchter Indianer von den Eilanden zu den Wigwam meines Volkes läuft, dann wird er ausgepeitscht und zurückgejagt. Wir halten den Pfad zwischen uns nur für ehrliche rothe Männer offen.« Philipp sprach mit einem Hohn, den seine stolze, ihm zur Gewohnheit gewordene Haltung vor seinem verbündeten Mithäuptling gar nicht zu verhehlen suchte, jedoch war dieser Spott so leicht und unmerklich, daß er der Beobachtung dessen, welcher der Gegenstand seines Sarkasmus war, gänzlich entging. Doch Conanchet selbst ward darüber entrüstet, und zum ersten Mal während der ganzen Unterredung brach er sein Schweigen. »Mein blasser Vater ist ein tapferer Krieger,« sagte der junge Sachem der Narragansett's. »Seine Hand hat die Schädelhaut des großen Sagamore, dem Haupte seines Volkes genommen.« Augenblicklich wechselte der Ausdruck in Metacom's Antlitz. An die Stelle des ironischen Hohnes, der um seine Lippe spielte, trat ein Ausdruck des Ernstes und der Ehrfurcht. Er starrte fest auf die harten, vom Wetter gebräunten Züge seines Gastes hin, und es ist sehr wahrscheinlich, daß Worte von größerer Höflichkeit, als er bisher je gebraucht, von seinen Lippen gekommen sein würden, wäre nicht in diesem Augenblick von einem Indianer ein Zeichen gegeben worden, daß Jemand herankomme. Man hatte ihn 289 zu diesem Zweck als Wache auf die Spitze des Felsens gestellt. Beide, Metacom und Conanchet, schienen diesen Ruf mit einiger Unruhe zu vernehmen. Doch stand keiner auf, auch verrieth keiner solche Zeichen von Besorgnissen, wie sie etwa angedeutet hätten, daß sie einen tiefern Antheil an der Unterbrechung nähmen, als die Umstände natürlicher Weise hätten mit sich bringen mögen. Bald darauf sah man einen Krieger von der Seite des Waldes, der, wie man wußte, nach der Richtung von Wish-Ton-Wish sich erstreckte, in die Lagerung eintreten. Sobald Conanchet die Gestalt des ankommenden Mannes gewahrte, nahm sein Auge und seine Stellung die frühere Ruhe wieder an, aber Metacom's Blick blieb immer noch düster und mißtrauisch. Doch war die Verschiedenheit in dem Benehmen der Häuptlinge nicht markirt genug, um von Traugott bemerkt zu werden, der im Begriff war, seine Ruhe wieder aufzunehmen, als der Neuangekommene hinter der Gruppe der Krieger in der Lagerung sich hinbewegte, und seinen Sitz in ihrer Nähe auf einem so niedrigen Steine einnahm, daß das Wasser seine Füße benetzte. Wie dies gewöhnlich ist, fanden für die ersten Augenblicke keine Grüße zwischen den Indianern Statt; die drei schienen die Ankunft des Andern, als etwas, was ganz natürlich und sich von selbst verstehe, zu betrachten. Aber Metacom's Unruhe brachte es schneller zu einer Unterredung als dies sonst gewöhnlich war. »Mohtuket,« sagte er in der Sprache ihres Stammes, »hat die Spur seiner Freunde verloren. Wir dachten, die Krähen der blassen Leute pickten an seinem Gebein!« 290 »Es hing keine Schädelhaut an seinem Gürtel und es schämte sich Mohtuket mit leeren Händen unter den jungen Leuten sich sehen zu lassen.« »Er erinnerte sich, daß er zu oft zurückgekommen ohne einen Feind erschlagen zu haben,« entgegnete Metacom, um dessen feste Lippen ein Ausdruck übelverhehlter Verachtung spielte. »Hat er jetzt einen Krieger berührt?« Der Indianer, der nur ein Mann aus der niedern Classe war, hielt die Trophäe, welche an seinem Gürtel hing, der Beschauung seines Häuptlings vor. Metacom sah auf den schreckhaften Gegenstand mit der Ruhe und fast mit der Theilnahme, womit ein Kenner auf ein altes Denkmal eines Triumphs früherer Zeiten schauen würde. Sein Finger bog sich durch eine Oeffnung in die Haut hinein, und dann bemerkte er trocken, während er seine frühere Stellung wieder einnahm: »Eine Kugel hat das Haupt getroffen. Mohtuket's Pfeil thut nicht leicht Schaden.« »Metacom hat nie wie ein Freund auf seinen Streiter herabgesehen, seit Mohtuket's Bruder getödtet ward.« Der Blick, den Philipp auf seinen Untergebenen warf, war, wenn auch nicht unvermischt mit Argwohn und Verdacht, doch der Blick fürstlicher, wilder Verachtung. Ihr weißer Zuhörer war nicht im Stande gewesen, die Unterredung zu verstehen; aber die Unzufriedenheit und Unruhe, die in den Augen beider lag, war zu offenbar und deutlich, um nicht zu verrathen, daß die Unterredung nichts weniger als freundschaftlich war. »Der Sachem ist unzufrieden mit seinem Krieger,« bemerkte er, »und eben daran kann er die eigentliche Ursache 291 einsehen, warum sich Viele bewogen gefunden, das Land ihrer Väter unter dem Sonnenaufgang zu verlassen, um in diese Wildniß des Westen zu kommen. Wenn er jetzt hören will, will ich weitläuftiger den Gegenstand meiner Botschaft berühren, und mehr umständlich mich über die Sachen auslassen, die wir nur so leichthin besprochen haben.« Philipp zeigte Aufmerksamkeit. Er lächelte gegen seinen Gast hin, und gab selbst seine Zustimmung durch eine Verbeugung zu erkennen; doch schien noch sein scharfes Auge in der Seele seines Untergebenen durch den Schleier seiner dunkeln Züge lesen zu wollen. Es war eine Bewegung in den Fingern seiner rechten Hand, als sein Arm von seiner Lage auf der Brust bis zu dem Schenkel herabfiel, als wenn sie ihn juckten, und das Messer zu ergreifen suchten, dessen Heft von Bockshorn nur auf wenige Zoll von seinem Griff entfernt lag. Doch war sein Benehmen gegen den Weißen gemäßigt und würdevoll. Dieser schickte sich eben wieder an zu sprechen, als die Wölbungen des Waldes plötzlich von dem Getöse von Feuerwaffen ertönten. Alle innerhalb des Lagers und in dessen Nähe befindlichen Wilden sprangen bei den wohlbekannten Tönen auf, und doch blieben alle so regungslos, als wenn eben so viele dunkle, aber athmende Bildsäulen dort aufgestellt worden. Das Rascheln in den Blättern ward gehört; und dann rollte der Leichnam des jungen Indianers, der auf dem Felsen aufgestellt worden, zu dem Rande des Abhangs hin, von wo er, gleich einem Klotze, auf die nachgebenden Zweige und Reiser des Daches einer der Hütten unten herabfiel. Ein Geschrei drang aus dem Walde hinten hervor, eine Ladung brüllte unter den Bäumen her, und glänzendes Blei pfiff durch die Luft, und zerschlug die Aeste 292 an dem Untergehölz auf allen Seiten. Noch zwei andere Wampanoag's sah man im Todeskampfe auf dem Boden hinrollen. Annawons Stimme vernahm man im Lager, und im nächsten Augenblicke war der Ort verlassen. Während dieses erstaunenden und furchtbaren Momentes blieben die vier Männer nahe am Strome ruhig und unthätig. Conanchet und sein Freund, der Christ, hielten sich schlagfertig; aber es geschah dies mehr so, wie überhaupt Männer nach den Mitteln der Vertheidigung in Augenblicken großer Gefahr zu haschen pflegen, als aus irgend einer Absicht offensiver Feindseligkeiten. Metacom schien unentschlossen. Gewohnt, wie er war, Ueberfälle zu erleiden und selbst zu veranstalten, konnte ein so erfahrener, erprobter Krieger eben nicht wirr gemacht werden; doch zögerte er noch, unschlüssig, was zu thun sei. Indeß als Annawon, der dem Auftritte näher war, das Zeichen zum Rückzug ertönen ließ, sprang er auf den zurückgekehrten Herumstreicher hin, und spaltete mit einem einzigen Streich seines Tomahawk's dem Verräther das Haupt. Blicke wilder Rachgier und unauslöschlichen, wiewohl verhinderten Hasses wurden zwischen dem Opfer und seinem Häuptlinge gewechselt, während der Erschlagene auf dem Felsen ausgestreckt lag und nach Luft schnappte. Hieraus wandte sich Metacom um, kam zurück und schwang die triefende Waffe hoch über das Haupt des Weißen. »Nicht also, Wampanoag!« donnerte ihm Conanchet entgegen, »unser Beider Leben ist Eines!« Philipp zögerte, wilde, gefahrbringende Leidenschaften rangen in seiner Brust; aber die gewohnte Selbstbeherrschung, 293 die den arglistigen Staatsklugen dieser Wälder auszeichnete, trug den Sieg davon. Selbst in diesem blutigen Auftritte, wo Lärmrufen von allen Seiten erscholl, vermochte er es über sich, seinen mächtigen, furchtlosen jungen Bundesgenossen anzulächeln, und mit ausgestrecktem Arme seine Richtung angebend, setzte er, gleich dem schnellfüßigen Hirsch, dem dunkelsten Schatten des Waldes entgegen. 294   Vierzehntes Kapitel.         »Doch Friede sei mit ihm! Ist's besser doch, der Furcht vor'm Tode ledig Zu leben, als zu leben, um zu fürchten!« Maß für Maß           Der Muth ist eine Tugend, Werth und Ausbildung durch die Verhältnisse bedingt. Ist die Furcht vor dem Tode eine dem ganzen Menschengeschlecht angeborne Schwäche, so ist sie offenbar eine solche, die durch häufiges Ausgesetztsein gegen Gefahren vermindert und selbst durch Nachdenken gänzlich ausgerottet werden kann. So geschah es denn auch, daß die beiden Männer. die nach Philipp's Rückzug allein zurückgeblieben, mit gänzlich von ihrer früheren Beschaffenheit verschiedenen Empfindungen die Art und Annäherung der Gefahr ansahen, welche sie jetzt überfiel. Ihre Stellung in der Nähe des Baches hatte sie vor den Kugeln der Angreifer bisher geschützt, aber es war Beiden gleichmäßig einleuchtend, daß in einigen Augenblicken die Ansiedler in das Lager eindringen würden, welches jetzt schon verlassen war. Jeder traf daher Vorkehrungen, wie sie jenen Ansichten angemessen waren, 295 welche durch die Gewohnheiten ihrer beiderseitigen Lebensweise ihnen eingepflanzt worden. Da Conanchet keinen Akt der Rache, wie ihn Metacom gerade vor seinen Augen verübt, zu verrichten hatte, lenkte er gleich bei der ersten Unruhe alle seine Gedanken auf die Beschaffenheit des Angriffs. Der erste Augenblick war für ihn hinreichend, um den Charakter desselben einzusehen, und der zweite setzte ihn in den Stand, sich zu entscheiden. »Komm,« sagte er hastig, aber mit vollkommener Selbstbeherrschung, und deutete auf den schnell hinfließenden Strom zu ihren Füßen; »wir wollen mit dem Wasser gehen, die Zeichen unserer Spur mögen dann vor uns hineilen und hinter uns verschwinden.« Traugott zögerte. Es lag etwas von hoher, stolzer, militärischer Herrlichkeit in der ernsten Entschlossenheit seines Auges, welchem es zu widerstreben schien, die Schande einer so unzweideutigen Flucht auf sich zu laden, einer Flucht, die, wie er denken mochte, seines Charakters so unwürdig sei. »Nein, Narragansett,« antwortete er, »fliehe Du, Dein Leben zu retten, aber laß mich hier, die Saat meiner Thaten einzuerndten. Sie können nur meine Gebeine neben die dieses Verräthers zu meinen Füßen hier hinwerfen.« Conanchet's Miene war weder gereizt noch unwillig. Er warf ruhig den Zipfel seines leichten Gewandes über eine Schulter und war im Begriff, seinen Sitz auf dem Stein, von wo er erst vor einem Augenblick sich erhoben hatte, wieder einzunehmen, als sein Gefährte nochmals in ihn drang zu fliehen. »Die Feinde eines Häuptlings sollen nicht sagen, daß er seinen Freund in eine Falle geführt, und er, nachdem des 296 Andern Bein fest darin war, selbst weggelaufen sei, gleich einem arglistigen Fuchse. Wenn mein Bruder bleibt, sich tödten zu lassen, wird Conanchet neben ihm gefunden werden.« »Heide! Heide!« entgegnete der Andere, fast bis zu Thränen durch die Treue und Großmuth seines Führers gerührt; »mancher Christ könnte sich ein Beispiel nehmen von Deiner Wahrheit und Deinem Hochsinne. Geh' voran; ich folge Dir, so schnell mich meine Füße nur tragen.« Der Narragansett sprang in den Bach und folgte dessen Lauf abwärts; eine Richtung, die der von Philipp eingeschlagenen gerade entgegengesetzt war. Es lag große Weisheit in diesem Rettungsmittel; denn obwohl ihre Verfolger sehen mochten, daß das Wasser getrübt war, so bot dieses ihnen doch kein sicheres Merkmal über die Richtung der Flüchtlinge dar. Conanchet hatte diesen geringen Vortheil vorausgesehen, und mit der instinctähnlichen Schnelligkeit seines Volkes ermangelte er nicht, sich ihn zu Nutze zu machen. Metacom war durch die von seinen Kriegern eingeschlagene Richtung bestimmt worden; diese hatten sich unter die Felsen geflüchtet und zurückgezogen. Ehe die beiden Flüchtlinge sich noch auf eine bedeutende Strecke entfernt hatten, hörten sie das Geschrei ihrer Feinde in dem Lager, und bald nachher verkündeten einzelne Schüsse, daß Philipp sein Volk schon zum Widerstand gesammelt hatte. Es lag in dem letztern Umstand eine Versicherung ihrer Rettung, wodurch sie veranlaßt wurden in ihrer Eile etwas nachzulassen. »Mein Fuß ist nicht so behend und thätig als in Tagen, die längst vergangen sind,« sagte Traugott; »wir wollen daher neue Kräfte sammeln, so lang dies uns noch vergönnt 297 ist, damit wir nicht noch unterliegen. Narragansett, Du hast Treue und Glauben gegen mich gehalten, und magst Du nun von was immer für einem Geschlecht abstammen, und anbeten, wie Du immer willst, – Einer ist, der es Dir gedenken wird!« »Mein Vater sah mit dem Auge eines Freundes auf den Indianerknaben, der gefangen gehalten ward gleich einem jungen Bären in seinem Käfig. Er lehrte ihn mit der Zunge eines Yengih's sprechen.« »Wir verbrachten lange, traurige Monden in unserm Gefängniß, Häuptling, und Appollyon hätte sehr mächtig in einem Herzen sein müssen wenn es widerstehen könnte einer solchen Gelegenheit zum Freundschaftsbande in solch einer Lage; und selbst dort ward mein Vertrauen, meine Sorgfalt belohnt, denn ohne Deine geheimnißvollen Winke, die Du durch Anzeichen während der Jagd selbst aufgefunden, wäre es nicht in meiner Macht gewesen, meine Freunde zu warnen, daß Dein Volk einen Einfall in der unglückseligen Nacht des Brandes beabsichtige. Narragansett, wir haben uns, Jeder in seiner Art, viele Freundschaft und Güte erzeigt, und ich muß gestehen, dieser letzte war nicht der geringste Deiner Freundschaftsdienste. Obgleich von weißem Blut und christlichem Ursprung, kann ich doch fast behaupten, daß mein Herz indianisch ist.« »Dann stirb den Tod eines Indianers!« schrie eine Stimme etwa zwanzig Schritte von der Stelle, wo sie im Strom wateten. Die drohenden Worte wurden von einem Schuß mehr begleitet als ergänzt, und Traugott fiel. Conanchet warf seine Muskete in's Wasser, und wandte sich um, seinen Gefährten vom Boden aufzurichten. 298 »Es war nur Schuld des Alters, das mich auf den schlüpfrigen Steinen des Baches hingleiten ließ,« sagte dieser, als er wieder auf seinen Beinen stand. »Das wäre beinahe eine verderbliche Ladung gewesen! Aber Gott in seiner Weisheit hat den Streich noch abgewandt.« Conanchet sprach nicht. Er ergriff seine Muskete, welche auf dem Boden des Baches lag, und zog seinen Freund an das Ufer hin; dann versteckten sie sich in das Dickicht, welches den Bach einfaßte. Hier waren sie für den Augenblick gegen die Geschosse geschützt. Aber das Geschrei, das auf die Entladung der Muskete folgte, wurde von Tönen begleitet, die, wie er wußte, von den Pequod's und Mohikanern herrührten, zweier Stämme, die in tödtlicher Feindschaft mit seinem eigenen Volke lebten. Der Hoffnung, ihre Spur solchen Verfolgern zu verbergen, durfte man sich nicht hingeben, und für seinen Gefährten, wußte er, war Rettung durch Flucht unmöglich. Es war keine Zeit zu verlieren; in solchen Fällen nimmt bei einem Indianer der Gedanke den Anschein von Instinct an. Die Flüchtlinge standen an dem Fuß eines jungen Baumes, dessen Gipfel durch dichte Blättermassen vollständig verhüllt war, diese gehörten dem unteren Zweigausschlag an, welcher sich um den Stamm in dichten Gruppen gesammelt hatte. Auf diesen Baum stieg mit seiner Hülfe Traugott, und dann, ohne seine weiteren Absichten kund zu geben, verließ er alsbald die Stelle, und machte seine eigene Spur, indem er die Büsche, wie er durchging, zu beiden Seiten niederschlug, so breit und in die Augen fallend, als nur immer möglich. Dieses Rettungsmittel des treuen Narragansetts war vom besten Erfolg. Ehe er noch einige hundert Ruthen von dem 299 Orte weggekommen war, sah er die vordersten Indianer gleich Bluthunden auf seiner Spur hinjagen; dieser war in seinen Bewegungen langsam und lässig, bis er bemerkte, daß, da sie seine Person ansichtig geworden, alle Verfolger an dem Baum vorüber waren. Dann war der Pfeil, nachdem ihn die Sehne weggeschnellt, kaum schneller als er in seiner Flucht. Die Verfolgung zeigte jetzt alle die erregenden Umstände und scharfsinnigen Hülfsmittel einer indianischen Jagd. Conanchet war bald aus seinem Dickicht vertrieben und genöthigt, seine Person den offeneren Stellen des Waldes anzuvertrauen. Meilen von Hügeln und Schluchten, von Ebenen und Felsen, von Morästen und Bächen wurden überschritten, und immer noch setzte der geübte, abgehärtete Krieger seine Flucht fort, ungebrochenen Geistes, kaum ermüdeten Körpers. Das Verdienst eines Wilden in dergleichen Fällen beruht mehr auf seiner Ausdauer, als auf seiner Eile. Die drei oder vier Colonisten, die mit dem Haufen befreundeter Indianer abgeschickt worden, um Denen den Weg abzuschneiden, die versuchen sollten, stromabwärts zu entkommen, waren bald zur Seite gelassen, und das Ringen und Jagen fand jetzt ganz allein nur noch zwischen dem Flüchtling und den Leuten statt, die eben so sehr geübt waren im Gebrauch ihrer Glieder, und gleich erfinderisch sich zeigten in ihren Hülfsmitteln. Die Pequod hatten durch ihre größere Anzahl vielen Vortheil. Die häufigen Wendungen und Kreisbogen des Flüchtlings beschränkten die Jagd auf den Umfang einer Meile, und so oft einer seiner Verfolger müde geworden, 300 fanden sich immer neue Feinde, an dessen Stelle zu treten. Bei so ungleichen Kräften konnte der Ausgang nicht lange zweifelhaft sein; nach mehr als zwei Stunden mächtiger Anstrengung begann Conanchet's Fuß zu ermatten und zu straucheln, und seine Schnelligkeit nahm merklich ab; bis er endlich, erschöpft durch die fast übernatürlichen Kraftanstrengungen, sich flach auf den Boden warf und mehrere Minuten wie todt da lag. Diese Zeit reichte aber auch hin, seine pochenden Pulse wurden ruhiger, sein Herz schlug weniger heftig, und der Blutumlauf gewann die im Zustande der Ruhe natürliche Regelmäßigkeit wieder. Kaum fühlte er aber seine Kräfte zunehmen, so hörte der Häuptling den Tritt von Mokasins hinter sich. Aufspringend und die Strecke anschauend, die er eben mit so vieler Noth zurückgelegt, war das Werk einer Secunde. Nur ein einziger Krieger war zu sehen, Hoffnung gewann für einen Augenblick wieder das Uebergewicht, und er erhob die Muskete, den nahenden Feind zu Boden zu strecken. Kalt und langsam zielte er, und wehe dem Andern, wenn das Pulver auf der Pfanne in so gutem Stande gewesen wäre, als das Ziel richtig war. Conanchet entsann sich erst jetzt, daß die Waffe im Wasser gelegen hatte, warf sie als nutzlos von sich und ergriff seinen Tomahawk, aber eine Bande Pequods stürzte zur Unterstützung des Herangekommenen herbei, und machte allen Widerstand unnütz und zum Wahnsinn. Der Sachem der Narragansett sah jetzt die Hoffnungslosigkeit seiner Lage ein; sein Tomahawk fiel herab, er löste seinen Gürtel auf, und schritt unbewaffnet mit edler Ergebung in sein Schicksal seinen Feinden entgegen. Im nächsten Augenblick war er ihr Gefangener. 301 »Bringt mich vor Euren Häuptling,« sagte der Gefangene stolz, als die gemeine Horde, in deren Hände er gefallen, ihn hatte fragen wollen über seine Gefährten und sein eignes Schicksal. »Meine Zunge ist gewohnt, nur mit Sachems zu sprechen!« Man willfahrte ihm und ehe noch eine Stunde vorübergegangen, stand der berühmte, verherrlichte Conanchet seinem Todfeinde gegenüber. Der Ort der Zusammenkunft war das verlassene Lager von Philipp's Bande. Hier hatten sich die meisten von dem verfolgenden Haufen schon gesammelt, und sämmtliche Ansiedler, die zu dem Zuge beordert waren. Diese Letztern bestanden aus Meek Wolfe, Fähnrich Dudley, Sergeant Ring und einem Dutzend Gemeinen aus dem Dorfe. Der Erfolg der Unternehmung wurde um diese Zeit allgemein bekannt. Obgleich Metacom, die Hauptperson, entronnen war, so fand sich doch, als man vernahm, der Sachem der Narragansett sei in ihre Hände gefallen, nicht ein Einziger in dem Haufen, der nicht die Gefahr, der er sich ausgesetzt, mehr als hinreichend belohnt und vergolten glaubte. Obgleich die Mohikaner und Pequod's ihr Frohlocken zurückhielten und unterdrückten, damit nicht dem Stolz ihres Gefangenen durch solch einen Beweis von seiner Wichtigkeit geschmeichelt werde, so stellten sich doch die weißen Leute um den Häuptling mit einer Theilnahme, und äußerten eine Freude, die zu verhehlen sie gar nicht Sorge trugen. Indeß da er sich einem Indianer ergeben, so gab man sich den Anschein, ihn der Gnade der Sieger überlassen zu wollen. Vielleicht hatten einige genau überdachte und erwogene Plane der 3020 Staatsklugheit in diesem Akt eines scheinbaren Rechtsinns ihren Antheil und tiefen Einfluß. Als Conanchet in den Mittelpunkt des neugierigen Kreises gestellt ward, fand er sich selbst unmittelbar dem vornehmsten Häuptling des Stammes der Mohikaner gegenüber. Es war Unkas, der Sohn jenes Unkas, dessen Geschick ebenfalls mit Hülfe der Weißen in dem Streit mit seinem Vater, dem unglücklichen, aber hochherzigen Miantonimoh, den Sieg davon getragen hatte. Das Schicksal wollte, daß der nämliche böse Stern, welcher das Geschick des Vorfahren geleitet hatte, auch dem Nachkommen verderbenbringend werden sollte. Das Geschlecht der Unkas, obgleich geschwächt in seiner Kraft und des größten Theils seiner eigenthümlichen Größe beraubt, behielt dennoch durch eine verderbliche Verbindung mit den Engländern viel von jenen verfeinerten Eigenschaften des Heldenthums und des Hochsinns bei. Der, welcher jetzt in die Mitte des Kreises vor seinen Gefangenen trat, war ein Krieger mittleren Alters von vielem körperlichen Ebenmaaß, einem ernsten, wiewohl stolzen Blick, und einem Auge und Antlitz, das alle die widersprechenden Züge des Charakters ausdrückte, welche den wilden Krieger fast eben so bewunderungswürdig als entsetzlich machen. Bis auf diesen Augenblick waren die nebenbuhlerischen Häuptlinge nie zusammengetroffen, ausgenommen etwa in der Verwirrung des Kampfs und Streits. Einige Minuten lang sprach keiner von Beiden. Jeder stand da und betrachtete die feinen Umrisse, das Adlerauge, die stolze Haltung und den strengen Ernst des Andern mit schweigender Bewunderung; aber mit einer so unbeweglichen Ruhe, daß dadurch gänzlich die Regungen und 303 das Wirken seiner Gedanken verborgen blieben. Endlich begannen sie eine Miene anzunehmen, wie sie der Rolle angemessen war, die Jeder in dem nun folgenden Auftritt zu spielen gedachte. Unkas' Antlitz ward höhnisch und frohlockend, während das des Andern ungerührter, kälter und unbekümmerter sich zeigte. »Meine jungen Krieger,« sagte der Erstere, »haben einen Fuchs gefangen, der im Gebüsche lauerte. Seine Beine waren sehr lang, aber er hatte das Herz nicht, sie zu gebrauchen.« Conanchet faltete seine Arme auf seiner Brust, und der Blick aus seinem ruhig-heitern Auge schien seinem Feinde zu sagen, daß Reden, so gemein wie diese, ihrer Beiden unwürdig seien. Der Andere verstand entweder diesen Ausdruck, oder höhere Gefühle trugen in seinem Innern den Sieg davon; denn er fügte in besserem Tone hinzu: »Ist Conanchet seines Lebens überdrüssig, daß er in die Nähe meiner jungen Krieger kommt?« »Mohikaner,« sagte der Narragansett-Häuptling, »er ist schon früher in solcher Nähe gewesen! Wenn Unkas seine Krieger zählen will, so wird er einige vermissen.« »Unter den Indianern auf den Inseln gibt es keine Sagen!« erwiderte der Andere mit einem ironischen Blick auf die Häuptlinge in seiner Nähe. »Sie haben nie von Miantonimoh gehört; ihnen ist ein solches Feld, wie die »Sachems-Ebene« ganz unbekannt.« Das Antlitz des Gefangenen veränderte sich, ein dunkler Schatten schien über sein Antlitz zu ziehen; im nächsten Augenblick jedoch war solcher verschwunden, und würdevolle Ruhe beherrschte wieder jede Gesichtsmuskel. Sein Besieger 304 bewachte das Spiel seiner Gesichtszüge, und als er dachte, die Natur gewinne allmälig die Oberhand, glühte Frohlocken in seinem eignen, wilden, stolzen Auge; aber da die Selbstbeherrschung des Narragansetts zurückkehrte, gab er sich das Ansehen, als ob er ferner nicht an einen Versuch dächte, der fruchtlos gewesen. »Wenn die Leute auf den Inseln nicht mehr viel wissen,« fuhr er fort, »so ist dies nicht so mit den Mohikanern. Einst hatten die Narragansetts einen großen Sachem, er war weiser und klüger als der Biber, schneller als das Moosthier, und listiger als der rothe Fuchs. Allein er konnte nicht in die Zukunft schauen. Thörichte Rathgeber sagten ihm, er solle auf den Kriegspfad gegen die Pequods und die Mohikaner ziehen: da verlor er seine Schädelhaut; sie hängt in dem Rauch meines eigenen Wigwams, und wir wollen nun sehen, ob sie das Haar ihres Sohnes erkennen wird. Narragansett, hier sind weise Männer von den Blaßgesichtern; sie werden zu Dir sprechen. Wenn sie Dir eine Pfeife bieten, rauche, denn Tabak findet sich nicht im Ueberfluß bei Deinem Stamme.« Unkas wandte sich dann weg, und überließ seinen Gefangenen dem Verhör seiner weißen Verbündeten. »Hier finden wir Miantonimoh's Blick, Sergeant Ring,« bemerkte Fähnrich Dudley zu seines Weibes Bruder, nachdem er eine beträchtliche Zeit lang die Züge des Gefangenen betrachtet hatte. »Ich sehe das Auge und den Tritt des Vaters in diesem jungen Sachem. Und mehr noch, Sergeant Ring, den größten Theil der herrlichen Eigenschaften jenes Knaben, welchen wir vor einigen Dutzend Jahren in den Feldern auffingen und in dem Blockhause verwahrten, viele Monden lang, eingekerkert gleich einem jungen Panther. Hast Du jene 305 Nacht vergessen, Ruben, und den Burschen und das Blockhaus? Ein feuriger Ofen ist nicht heißer, denn der Thurm schon war, ehe wir uns in die Erde vergruben. Ich verfehle nie, daran zu denken, so oft unser guter Pfarrer sich mächtig herausläßt über die Bestrafung der Verruchten und den brennenden Feuerofen von Tophet.« Der schweigende Milizmann begriff die unzusammenhängenden Anspielungen seines Verwandten; auch dauerte es gar nicht lange, ehe er die in die Augen fallende Aehnlichkeit zwischen ihrem Gefangenen und dem indianischen Knaben wahrnahm, dessen Gestalt seinem Auge einst so vertraut und bekannt gewesen. Bewunderung und Staunen mischte sich in seinem ehrlichen Gesichte mit einem Ausdruck, der tiefen Gram zu verrathen schien. Da jedoch keiner von diesen Beiden die Hauptperson ihres Haufens war, so zeigte sich Jeder geneigt, ein aufmerksamer und theilnehmender Beobachter dessen zu bleiben, was folgte. »Verehrer von Baal!« begann nun die wie aus dem Grabe tönende Stimme des Geistlichen; »es hat dem König des Himmels und der Erde gefallen, sein Volk zu beschützen! Der Triumph Deiner bösartigen Natur ist kurz nur gewesen: jetzt kommt das Gericht!« Der Angeredete stellte sich, als wenn er das Gesagte nicht verstände. In Gegenwart seines Todfeindes und als Gefangener war Conanchet der Mann nicht, der seine Entschlossenheit hätte wankend machen lassen. Er sah kalt und ausdruckslos auf den Sprechenden hin, und selbst die argwöhnischsten, geübtesten Augen hätten in seiner Miene nicht entdecken können, daß er das Englische verstanden. Getäuscht durch den Stoicismus des Gefangenen, brach der Geistliche 306 seine Rede ab, und murmelte an deren Statt ein kurzes Gebet, in welchem sich, der Bizarrerie und Ueberspanntheit des Zeitalters gemäß, Anschuldigung und Flehen um Gnade auf seltsamste Weise aneinander reiheten. Nach Beendigung dieses Aktes trat Meek zurück, um diejenigen, welche mit dem Urtheil über den Indianer beauftragt waren, gewähren zu lassen. Eben Dudley führte zwar in diesem kleinen kriegerischen Ausfluge den militairischen Oberbefehl, hatte aber keine entscheidende Stimme in Dingen, welche nicht eng mit dem ausübenderen Theile des Dienstes zusammenhingen. Bevollmächtigte, von der Regierung der Colonie ernannt, waren mit dem Zuge gekommen und mit voller Gewalt bekleidet worden, über Philipp zu verfügen, wenn jener gefürchtete Häuptling, wie man erwartete, in die Hände der Engländer fallen sollte. Diesen Leuten wurde Conanchet's Schicksal jetzt zu bestimmen überlassen. Wir wollen den Lauf der Erzählung nicht aufhalten, um bei den Einzelnheiten der Rathsversammlung uns zu verweilen. Die Frage über Conanchet's Schicksal wurde ernst in Betracht gezogen, und entschieden mit einem tiefen, gewissenhaften Gefühl für die Verantwortlichkeit derer, die als Richter handelten. Mehrere Stunden waren mit Berathungen hingegangen, welche Meek durch feierliche Gebete eröffnet und geschlossen hatte. Der Urtheilsspruch wurde dann von dem Geistlichen selbst Unkas mitgetheilt. »Die Weisen meines Volks haben in Sachen dieses Narragansett's sich berathen,« sagte er, »und ihre Geister haben mächtig mit dem Gegenstand gerungen und gekämpft. Wenn ihr Beschluß in etwas den Anschein trägt, daß sie der Zeit 307 nachgegeben und gedient, so mögen Alle sich erinnern, daß die himmlische Vorsehung die weltlichen Interessen des Menschen so sehr mit ihren eignen heiligen Zwecken und Rathschlüssen verbunden und verwoben hat, daß dem fleischlichen Auge äußerlich sie untrennbar erscheinen. Aber was hier geschehen, ist mit treuer, reiner Rücksicht auf die uns beherrschenden Grundsätze geschehen, mit Treue und Anhänglichkeit nämlich gegen Dich, Unkas, und all die Andern, welche in dieser Wildniß den Altar schützen und aufrecht erhalten. Und dies ist nun unsere Entscheidung. Wir überlassen den Narragansett Deiner Gerechtigkeit, da es offenbar und augenscheinlich ist, daß, so lange er frei bleibt, weder Du, der eine schwache Stütze der Kirche ist, noch wir, die ihre demüthigen, unwürdigen Diener sind, je sicher und ruhig sein können. Nimm ihn denn, verfahre mit ihm nach Deiner Weisheit. Wir beschränken Deine Gewalt nur in zwei Punkten. Es geziemt sich nicht, daß, was von Menschen geboren ward und menschliche Gefühle und Empfindungen besitzt, mehr im Fleische leide, als nöthig sein mag, um den Forderungen der Pflicht zu genügen; wir bestimmen daher, daß Dein Gefangener nicht unter Martern sterben soll, und zu besserer Sicherung dieses unseres menschenfreundlichen Bescheids sollen zwei aus unserer Mitte Dich und ihn zum Orte der Hinrichtung begleiten; es ist nämlich immer vorausgesetzt, daß es Deine Absicht ist, ihm den Tod zuzuerkennen. Eine zweite Bedingung dieses Nachgebens gegen eine vorausbestimmte Nothwendigkeit ist, daß ein christlicher Diener zur Hand sei, auf daß der Leidende hinfahren möge unter den Gebeten eines Mannes, der gewohnt ist, seine Stimme und Bitten zu dem Schemel des Allmächtigen zu erheben.« 308 Der Mohikan-Häuptling hörte diesen Urtheilsspruch mit tiefer Aufmerksamkeit an. Als er erfuhr, man werde ihm die Lust verweigern, die Entschlossenheit seines Feindes zu erproben und vielleicht zu besiegen, zog sich eine Wolke des Unmuths über sein finsteres Gesicht. Aber die Macht seines Stammes war längst gebrochen, und Widerstand wäre eben so nutzlos gewesen, als Murren erniedrigend. Die Bedingungen wurden daher angenommen, und Vorkehrungen unter den Indianern demgemäß getroffen, zur Vollziehung des Urtheils zu schreiten. Diese Völker hatten wenig widerstreitende Grundsätze auszusöhnen, wußten von Spitzfindigkeiten nichts, die ihren Entschluß hätten verzögern können. Gerade, furchtlos und einfach in allen ihren Verrichtungen, hatten sie wenig mehr zu thun, als die Stimmen der verschiedenen Häuptlinge zu sammeln, und ihren Gefangenen mit dem Ergebniß bekannt zu machen. Sie wußten, das Geschick hatte einen unversöhnlichen Feind in ihre Hand gegeben, und glaubten, ihre eigene Selbsterhaltung fordere seinen Tod. Ihnen that's wenig, ob er Pfeile in der Hand gehabt, oder sich als unbewaffneter Gefangener ihnen ergeben. Er kannte die Gefahr, die er lief bei seiner Uebergabe, und hatte wahrscheinlich mehr seinen eigenen Charakter zu Rathe gezogen, als ihr Wohl, indem er die Waffen wegwarf. So sprachen sie denn das Todesurtheil gegen ihren Gefangenen aus, und achteten nur den Beschluß lhrer weißen Verbündeten, welche ihnen geboten, sich der Qualen zu enthalten. Sobald als dieser Beschluß bekannt war, eilten die Bevollmächtigten der Colonie, den Ort zu verlassen; und ihr Gewissen mochte wohl einiger Hülfe von dem großen Antrieb 309 ihrer spitzfindigen Lehrsatzungen bedürfen, um zur Ruhe gebracht zu werden. Indeß, sie waren scharfsinnige Casuisten, und als sie auf ihrem Heimweg hineilten, war schon der größte Theil der edeln Gesellschaft vollkommen mit sich zufrieden, daß sie eher eine erbarmungsvolle Vermittelung zu Stande gebracht, als selbst einen Act offener, unverschleierter Grausamkeit begangen. Während der zwei oder drei Stunden, welche mit diesen feierlichen, gewohnten Vorkehrungen hingingen, saß Conanchet auf einem Felsen, ein aufmerksamer, aber, wie's schien, ungerührter Beobachter alles dessen, was vorging. Sein Auge war sanft und mild, und zu Zeiten voll Trauer, aber sein Glanz, seine Festigkeit blieb unerschüttert. Als der Urtheilsspruch ihm verkündet ward, brachte dies keine Veränderung hervor, und er sah all die Blaßgesichter abziehen, mit der Ruhe, die er die ganze Zeit über behauptet. Erst als Unkas, von seinem Haufen begleitet, und die beiden weißen Bevollmächtigten, die zurückgeblieben, sich näherten, schien er zu erwachen. »Mein Volk hat gesagt, es soll keine Wölfe mehr in den Wäldern geben,« sagte Unkas; »und haben unsern jungen Kriegern befohlen, den hungrigsten aller Wölfe zu tödten.« »Gut,« entgegnete kalt der Andere. Ein Aufglühen der Bewunderung, und vielleicht der Menschlichkeit überflog das grimmige Gesicht des Unkas, als er auf die Ruhe hinstaunte, die in den festen Mienen seines Opfers herrschte. Für einen Augenblick schwankte sein Entschluß. »Die Mohikaner sind ein großer Stamm,« fuhr er fort, »und das Geschlecht der Unkas nimmt ab. Wir wollen unsern Bruder so bemalen, daß die lügenhaften Narragansetts 310 ihn nicht wieder erkennen werden, und dann soll er ein Krieger sein auf dem Festland.« Dieses Weichwerden seines Feindes hatte eine entsprechende Wirkung auf Conanchet's hochherziges Gemüth. Der unbeugsame Stolz verließ sein Auge, und sein Blick ward milder und menschlicher. Einen Augenblick lang hing tiefes Nachdenken auf seiner Stirn. Die starken Muskeln seines Mundes bewegten sich ein wenig, jedoch kaum genug, um gesehen zu werden, und dann sprach er: »Mohikaner, warum sollten Deine jungen Leute in solcher Eile sein; meine Schädelhaut wird auch morgen noch die Haut eines großen Häuptlings sein. Ihr werdet deßwegen nicht zwei bekommen, wenn Ihr jetzt gleich Euren Gefangenen erschlagt!« »Hat Conanchet etwas vergessen, daß er nicht bereit ist?« »Sachem, er ist immer bereit! Aber –« er schwieg, und sprach in stockenden Tönen: »lebt ein Mohikaner unbeweibt?« »Wie viele Sonnen verlangt der Narragansett?« »Eine; wenn der Schatten jener Tanne dort mit der Spitze ihres Schattens den Bach berührt, wird Conanchet bereit sein; er wird dann in ihrem Schatten stehen mit nackten Händen.« »Geh,« sagte Unkas mit Würde. »Ich habe die Worte eines Sagamore vernommen!« Conanchet wandte sich, ging schnell durch den schweigenden Haufen, und dann verlor sich seine Gestalt in dem umliegenden Wald. 311   Fünfzehntes Kapitel. »Wohlan, entblöße Deine Brust.« Der Kaufmann von Venedig.           Wild und trübe war die Nacht. Der Mond war beinahe voll; aber seine Stelle am Himmel war nur zu bemerken, wenn die Wolken und Nebelmassen, welche durch die Luft zogen, gelegentlich sich öffnend, kurze Blicke von kaum hinlänglichem Licht auf die Scene unten durchfallen ließen. Ein Südwestwind seufzte durch den Wald, und es gab Augenblicke, wo seine Frische sich zu solcher Macht und Stärke erhob, daß jedes Blatt eine Zunge und jede niedrige Staude mit der Gabe der Rede versehen schien. Mit Ausnahme dieser Ehrfurcht einflößenden und nicht ungefälligen Naturlaune herrschte in und um dem Dorfe von Wish-Ton-Wish eine feierliche Ruhe und Stille. Eine Stunde vor dem Augenblick, wo wir die Handlung unserer Erzählung wieder aufnahmen, war die Sonne in den benachbarten Wald niedergesunken, und die meisten seiner einfachen, arbeitsamen Bewohner hatten sich schon zur Ruhe begeben. Indeß glänzte noch Licht durch viele der Fenster des Heathcotehauses, wie in der Sprache des Landes die Wohnung 312 des Puritaners genannt ward. In den Außengebäuden und dem Hofe verrichteten die Arbeiter und Mägde die ländlichen Abendgeschäfte, und nur in dem obern Theil der Wohnung herrschte die gewöhnliche Ruhe. Einsam ging in der Vorhalle ein junger Mann hastig auf und ab, als wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet wäre. Es war der junge Marcus Heathcote, der den langen, engen Weg durchschritt, als ertrüge er mit der größten Ungeduld eine Verzögerung seiner Wünsche. Die Unruhe des jungen Mannes war nur von kurzer Dauer; denn ehe er noch viele Minuten auf seinem Posten gestanden, öffnete sich eine Thür, und zwei leichte, furchtsame Gestalten schlüpften aus dem Hause heraus. »Du bist nicht allein gekommen, Martha,« sagte der Jüngling halb mißmüthig; »ich sagte Dir, die Sache, die ich Dir mitzutheilen hätte, gehörte nur für Dein Ohr allein.« »Es ist unsere Ruth; Du weißt, Marcus, daß sie nicht allein gelassen werden darf; wir fürchten ihre Rückkehr in den Wald. Sie ist gleich einem schlecht gezähmten Rehe, das geneigt sein möchte, bei den ersten wohlbekannten Tönen aus den Wäldern davon zu springen. Selbst jetzt noch fürcht' ich sind wir zu weit von einander.« »Fürchte nichts; meine Schwester hängt zu sehr an ihrem Kinde, und denkt nicht an Flucht; Du siehst auch, daß ich hier stehe, sie aufzuhalten, wäre dies ihre Absicht. Nun sprich aufrichtig, Martha, und sage mir, ob Du in Wahrheit meinst die Besuche des Bewerbers aus Hartford seien weniger nach Deinem Geschmack, als die meisten Deiner Freunde dachten.« »Was ich gesagt, mag ich nicht widerrufen!« »Doch könntest Du es bereuen.« 313 »Ich zähle den Widerwillen, das Mißfallen gegen den jungen Mann nicht zu meinen Gebrechen und Fehlern. Ich bin zu glücklich hier in dieser Familie, um zu wünschen, sie zu verlassen. Und nun, da meine Schwester, – da spricht Jemand in diesem Augenblick mit ihr, Marcus!« »Es ist nur der Blödsinnige,« entgegnete der junge Mann, und warf sein Auge nach dem andern Ende der Vorhalle. »Sie sprechen oft miteinander. Whittal ist gerade jetzt aus den Wäldern wieder hereingekommen, wo er gern eine oder zwei Stunden jeden Abend zubringt; Du sagtest eben, daß jetzt, da wir unsere Schwester haben – –« »Ich noch weniger Verlangen fühle, meinen Aufenthalt zu ändern.« »Dann, warum nicht für immer bei uns bleiben, Martha?« »Pst,« – fiel die Andere ein, welche, obwohl voraussehend, was sie hören sollte, doch mit der Laune, die in der weiblichen Natur liegt, gerade vor der Erklärung sich entsetzte und zurückschrak, die sie am meisten zu hören wünschte. »Pst! – ich höre sich etwas bewegen. Ach, unsere Ruth und Whittal sind entflohen!« »Sie suchen irgend ein Spielwerk für den Knaben, – dort sind sie in der Nähe der Außengebäude. – Dann, warum nicht eine Berechtigung annehmen, um für immer zu bleiben.« »Nein, nein Marcus,« rief das Mädchen, und rang ihre Hand aus der seinigen los; »so ist's nicht, sie sind entflohen.« Marcus ließ sie mit Widerstreben los und folgte ihr zur Stelle, wo seine Schwester eben noch gesessen. Sie war in der That weg, denn mehrere Augenblicke waren vorübergegangen, ehe selbst Martha im Ernst glaubte, daß sie ohne 314 die Absicht zurückzukehren verschwunden sei. Die Bewegung der Beiden bewirkte, daß das Nachsuchen schlecht angestellt und betrieben wurde, ja es lag selbst vielleicht ein gewisses Wohlgefallen insgeheim in der Verlängerung dieses ihres Zusammenseins, selbst in dieser beunruhigten, getrennten Weise, was sie für einige Zeit nicht dazu kommen ließ, Lärm zu machen und Nachricht davon zu geben. Als dieser Augenblick gekommen, war's schon zu spät. Die Felder wurden untersucht, die Obstgärten und Außengebäude vollständig durchforscht, ohne irgend eine Spur von den Flüchtlingen aufzufinden. Es würde vergebens gewesen sein, den Wald bei dieser Dunkelheit zu betreten, und Alles, was vernünftiger Weise geschehen konnte, war, während der Nacht eine Wache auszustellen, um eine thätigere und verständigere Verfolgung am nächsten Morgen zu veranstalten. Aber lange, ehe die Sonne aufging, schritten die trauervollen Flüchtlinge durch die Wälder, in einer Entfernung von dem Thal, die den Plan der Familie schon gänzlich fruchtlos und vergeblich machte. Conanchet war über tausend Waldhügel hinaus vorangegangen, über Wasser und durch dunkle Schluchten; und ihm folgte seine schweigende Gattin mit einem Eifer und einer Anstrengung, die selbst die Bemühungen derer zu Schanden gemacht hätte, vor welchen sie floh. Whittal Ring, der das Kind auf seinem Rücken trug, mühte sich hinter ihnen ab mit unermüdlichem Schritt. Stunden waren auf diese Weise vorübergegangen, und nicht eine Silbe war von einem von den drei ausgesprochen worden. Ein- oder zweimal waren sie bei einer Stelle stehen geblieben, wo krystallhelles Wasser aus den Felsen hervorschoß; tranken aus der 315 Höhlung ihrer Hand und setzten dann ihren Weg wieder fort, mit derselben sprachlosen Eile und Schnelligkeit wie vorher. Endlich blieb Conanchet stehen. Ernst schaute er nach der Stellung der Sonne, und dann lange und angelegentlich nach dem Merkzeichen im Walde, und sich zu überzeugen, daß er sich in seiner Beobachtung nicht täusche. Einem ungeübten Auge hätten die Bogengänge unter den Bäumen, die laubbedeckte Erde und die faulenden Stämme überall dieselben geschienen. Aber es war nicht leicht, einen in den Wäldern erzogenen und mit ihnen so vertrauten Mann zu täuschen. Eben so sehr zufrieden mit dem Weg, den er zurückgelegt, als mit der Tageszeit, bedeutete der Häuptling seine beiden Gefährten, sich zu seiner Seite zu begeben, und einen Sitz auf einem niedern Gesims von einem Felsen einzunehmen, der sein nacktes Haupt aus der Seite eines Hügels emporstreckte. Viele Augenblicke, nachdem schon Alle saßen, brach Niemand das Schweigen. Narra-Mattah's Auge suchte das Antlitz ihres Gatten, sowie die Frau etwa Belehrung in dem Ausdruck der Züge zu lesen sich bemüht, die sie immer zu verehren gelehrt worden; aber noch sprach sie nicht. Der Blödsinnige legte den geduldigen Knaben zu den Füßen der Mutter nieder, und ahmte ihre Rückhaltung und Stille nach. »Ist die Luft der Wälder der Biene lieblich und angenehm, nachdem sie in dem Wigwam ihres Volkes gelebt hat?« fragte Conanchet und brach das lange Schweigen. »Kann eine Blume, die in der Sonne blühte, den Schatten lieben?« »Ein Weib der Narragansetts ist am glücklichsten in der Hütte des Gatten.« 316 Das Auge des Häuptlings begegnete ihrem vertrauenden Blick mit Liebe, und dann fiel es mild und voller Vatergüte auf die Züge des Kindes, das zu seinen Füßen lag. Es trat ein Augenblick ein, während dessen ein Ausdruck bitterer Trauer sich auf seiner Stirn sammelte. »Der Geist, der die Erde bildete,« fuhr er dann fort, »ist sehr weise und klug. Er hat gewußt, wo er den Schirling hinsetzen, und wo die Eiche wachsen sollte. Er hat das Moosthier und das Wild dem indianischen Jäger gelassen, und das Pferd und den Ochsen dem Blaßgesicht gegeben. Jeder Stamm hat seinen Jagdgrund und sein Wild. Die Narragansetts kennen den Geschmack des Klammfisches, während die Mohawk die Beeren der Berge essen. Du hast den glänzenden Bogen gesehen, Narra-Mattah, der am Himmel scheint, und weißt, wie eine Farbe mit der andern verschmilzt, gleich der Bemalung mit dem Antlitz eines Kriegers. Das Blatt des Schirlings ist gleich dem des Sumachs, die Esche gleich dem Wallnußbaum, der Wallnußbaum gleich der Linde, und die Linde gleich dem breitblättrigen Baume, welcher die rothen Früchte trägt in den Waldungen der Yengih's; aber der Baum mit der rothen Frucht gleicht doch wenig dem Schirlingbaum! Conanchet ist ein schlanker, gerader Schirling, und der Vater der Narra-Mattah ist ein Baum des Anbaus, der die rothen Früchte trägt. Der große Geist zürnte, als sie zusammen und bei einander wuchsen.« Das sinnige Weib verstand nur zu gut den Gedankengang des Häuptlings. Sie unterdrückte jedoch die Pein, die sie fühlte, und antwortete mit der Schnelligkeit eines Weibes, deren Verstand durch ihre Liebe und Anhänglichkeit aufgeregt und belebt worden. 317 »Was Conanchet gesagt, ist wahr. Aber die Yengih's haben auch den Apfel ihres eignen Landes auf den Dornbusch unserer Wälder gepfropft, und siehe! die Frucht ist gut.« »Sie ist gleich diesem Knaben,« sagte der Häuptling und deutete auf seinen Sohn; »weder roth noch blaß. Nein, Narra-Mattah, was der große Geist geboten, muß selbst ein Sachem thun!« »Und sagt Conanchet, diese Frucht sei nicht gut?« fragte sein Weib indem sie mit der Freude einer Mutter ihm den lächelnden Knaben entgegenhob. Das Herz des Kriegers wurde gerührt. Er beugte sein Haupt, und küßte seinen Knaben mit all der Freude, welche weniger ernste Väter zu äußern pflegen. Für einen Augenblick schien er Lust im Hinstarren auf den vielversprechenden Knaben zu fühlen. Aber als er sein Haupt wieder erhob, traf ein Blick der aufgehenden Sonne in sein Auge, und der ganze Ausdruck seines Antlitzes veränderte sich. Indem er seinem Weibe zuwinkte, den Knaben wieder auf den Boden zu legen, wandte er sich mit Feierlichkeit zu ihr hin und fuhr fort: »Es möge Narra-Mattah's Zunge ohne Furcht sprechen. Sie ist in der Wohnung ihres Vaters gewesen, und hat von seinem Ueberfluß darin gekostet. Ist ihr Herz froh?« Das junge Weib schwieg. Diese Frage brachte eine plötzliche Rückerinnerung an all jene wieder auflebenden Gefühle mit, an jene zarte Sorgfalt und jene rührende Theilnahme, die sie vor Kurzem erst daheim erfahren. Aber alle diese Empfindungen verschwanden bald, denn ohne zu wagen, ihre Augen aufzurichten und das aufmerksame, ängstliche Blicken 318 des Häuptlings zu gewahren, sagte sie fest, obgleich mit einer Stimme, die durch Mißtrauen gedämpft worden: »Narra-Mattah ist ein Weib!« »Dann wird sie auf die Worte ihres Mannes hören. Conanchet ist ferner kein Sachem mehr, er ist ein Gefangener der Mohikaner: Unkas wartet auf ihn in den Wäldern.« Trotz der eben erst gegebenen Erklärung hörte die junge Frau von diesem neuen Unglück nicht mit der Ruhe eines indianischen Weibes. Zuerst schien es, als wenn ihre Sinne sich weigerten, die Bedeutung seiner Worte zu verstehen. Verwunderung, Zweifel, Schrecken und furchtbare Gewißheit, Alles dies gewann nach der Reihe die Oberhand in ihrem Innersten, denn sie war zu gut in all die Gewohnheiten und Ansichten des Volkes, mit welchem sie lebte, eingeübt, um nicht die Gefahr zu verstehen, in welcher ihr Gatte schwebte. »Der Sachem der Narragansetts, Gefangener des Unkas der Mohikans?« wiederholte sie in tiefem Tone, als wenn der Laut ihrer Stimme nöthig wäre, eine schreckliche Täuschung zu zerstören. »Nein, Unkas ist kein Krieger, der Conanchet tödten kann!« »Höre auf meine Worte!« sagte der Häuptling, und berührte die Schulter seines Weibes, so, wie Jemand seinen Freund aus seinem Schlaf erweckt. »Es ist ein Blaßgesicht in diesen Wäldern hier; er ist ein sich vergrabender Fuchs. Er birgt sein Haupt vor den Yengih's. Als sein Volk uns auf der Spur war, und gleich hungrigen Wölfen bellte, vertraute sich dieser Mann einem Sagamore. Es war eine schnelle Jagd und mein Vater war sehr alt. Er bestieg einen jungen 319 Wallnußbaum, gleich einem Bären, und Conanchet lockte den lügenhaften Haufen von ihm ab. Aber er ist kein Moosthier. Seine Beine können nicht immer laufen gleich eilenden Bächen!« »Und warum gab der große Narragansett sein Leben für einen Fremden hin?« »Der Mann ist ein Held,« entgegnete der Sachem stolz; »er nahm die Schädelhaut eines Sagamore.« Narra-Mattah schwieg wieder. Sie brütete in beinahe stumpfem Staunen über der furchtbaren Wahrheit. »Der große Geist sieht, daß der Mann und sein Weib von verschiedenem Stamme sind;« wagte sie endlich zu erwidern. »Er will, daß zu einem Volke sie werden. Es möge Conanchet die Wälder verlassen, und mit der Mutter seines Sohnes in die Ansiedelungen wandern. Ihr weißer Vater wird sich freuen, und Mohikan Unkas nicht wagen ihm zu folgen.« »Weib, ich bin ein Sachem und ein Krieger unter meinem Volk.« Es lag ein strenger, kalter Unwille in Conanchet's Stimme, so, wie sein Weib es nie vorher gehört hatte. Er sprach zu seinem Weibe mehr in der Weise eines Häuptlings, als mit jener männlichen Sanftheit, mit der er den Sprößling der Blaßgesichter anzureden pflegte. Die Worte kamen über ihr Herz gleich einem welkmachenden Froste, und Trauer und Leid hielten sie stumm. Der Häuptling selbst saß einen Augenblick länger in ernster Stille da, und dann voll Unwillen sich erhebend, deutete er auf die Sonne und winkte seinen Gefährten, sich aufzumachen. In einer Zeit, die dem klopfenden Herzen Derer, welche seinen schnellen Schritten folgte, nur ein Augenblick schien, waren sie über eine kleine Anhöhe gekommen und standen im nächsten Momente vor einem 320 Haufen, der offenbar ihre Ankunft erwartete. Diese ernste Gruppe bestand nur aus dem Unkas, zweien seiner am wildesten blickenden und athletischsten Kriegern, dem Geistlichen und Eben Dudley. Indem er schnell zu dem Orte hinschritt, wo sein Feind stand, nahm Conanchet seine Stelle an den Fuß des verhängnißvollen Baumes ein. Er deutete auf den Schatten, welcher sich noch nicht nach Osten gewandt, verschränkte die Arme auf seiner nackten Brust, und nahm einen Anschein stolzer Unbekümmertheit an. Alle diese Bewegungen gingen mitten in der größten Stille vor sich. Getäuschte Erwartung, unwilliges Bewundern und Mißtrauen, – Alles dies kämpfte unter der Maske gewohnter Selbstbeherrschung in dem dunkeln Antlitz des Unkas. Er betrachtete seinen langgehaßten, furchtbaren Feind mit einem auflauernden Auge, damit ihm keine zum Vorschein kommende Schwäche entginge. Es war nicht leicht, zu sagen, ob Verdruß oder Achtung das vorherrschende Gefühl in ihm war, als er den Narragansett so streng Wort halten sah. Von seinen zwei grimmigen Kriegern begleitet, untersuchte der Häuptling den Fall des Schattens mit kritischer Genauigkeit, und als länger kein Vorwand sich zeigte, die vollständige Treue ihres Gefangenen zu bezweifeln, oder vielmehr zu bezweifeln zu scheinen, drang ein tiefer Ton der Beistimmung aus jeder Brust. Gleich einem vorsichtigen Richter, dessen Gerechtigkeit durch schon vorgefallene rechtliche Händel beschränkt ist, und gleichsam erfreut, daß kein Fehler und Versehen in den Vorgängen sich fände, winkte alsdann der Mohikaner den weißen Leuten, näher zu kommen. »Mann einer wilden, nicht versöhnten Natur!« begann 321 nun Meek Wolfe in seinen gewohnten, ermahnenden, ascetischen Tönen! »Die Stunde Deines Daseins nähert sich ihrem Ende. Das Gericht hat seinen Ausschlag gehabt; Du bist in der Wage gewogen und zu leicht erfunden worden. Aber christliche Liebe fehlt nie. Wir mögen den Beschlüssen der Vorsehung nicht widerstehen, aber wir können dem Sünder den Streich leichter machen und mäßigen. Daß Du hier bist zu sterben, ist ein in Recht und Billigkeit ergangener Beschluß; er wird durch geheimnißvolles Walten noch ehrwürdiger; aber mehr verlangt Ergebung in den göttlichen Willen nicht! Heide, Du hast eine Seele, und sie ist im Begriff, ihre irdische Wohnung zu verlassen für die unbekannte Welt – –« Bis jetzt hatte der Gefangene mit der Höflichkeit eines Wilden, so lange er nicht gereizt ist, zugehört. Er hatte selbst auf die ruhige Schwärmerei und seltsam widersprechenden Leidenschaften, die in den tiefen Gesichtszügen des Sprechenden leuchteten, mit etwas von jener Ehrfurcht hingestarrt, wie er hätte zeigen mögen, wenn er bei einer Zurschaustellung einer der vergeblichen Offenbarungen der Priester seines Stammes zugegen gewesen. Aber als der Geistliche seine Lage nach seinem Tode berührte, da nahm sein Antlitz einen hellen Glanz an, den die vermeintlich untrügliche Wahrheit seines Glaubens ihm gab. Er legte plötzlich einen Finger auf Meek's Schulter, und unterbrach ihn mit den Worten: »Mein Vater vergißt, daß die Haut seines Sohnes roth ist. Der Pfad zu den glücklichen Jagdgründen der gerechten Indianer liegt vor ihm!« »Heide! in Deinen Worten hat der oberste Geist aller Täuschung und Sünde seine Gotteslästerung ausgesprochen!« 322 »Pst! Sah mein Vater, was dort den Busch bewegte?« »Es war der unsichtbare Wind, Du abgöttisches spielerisches Kind, in der Gestalt eines erwachsenen Mannes!« »Und doch spricht mein Vater zu ihm,« entgegnete der Indianer mit dem ernsten aber beißenden Sarkasmus seines Volkes. »Seht,« fuhr er mit Stolz und selbst mit Wildheit fort: »der Schatten ist über die Wurzel des Baums hinaus; laßt den klugen Mann der Blaßgesichter zur Seite stehen; ein Sachem ist bereit zu sterben!« Meek seufzte hörbar und in wahrer ungeheuchelter Betrübniß; denn trotz des Schleiers, welchen überspannte Lehren und spitzfindige Satzungen über sein Urtheil gezogen, beruhte doch die christliche Liebe des Mannes auf dem festen Grund der Wahrheit. Indem er sich vor dem beugte, was er für eine geheimnißvolle Fügung des Willens hielt, zog er sich auf eine kurze Entfernung zurück, kniete auf einem Felsen nieder, und erhob dann seine Stimme während der übrigen Vorkehrungen in brünstigen Gebeten für die Seele des Verurtheilten. Der Geistliche hatte nicht sobald die Stelle verlassen, als Unkas Dudley winkte sich zu nähern. Obgleich von Natur der Grenzmann gut und milde gesinnt war, war er doch in Ansichten und Vorurtheilen nur ein Geschöpf der Zeit. Wenn er dem Gerichte beigestimmt hatte, welches den Gefangenen dem Willen seines unversöhnlichsten Feindes überließ, so hatte er das Verdienst, daß er den Antrag gestellt, den Dulder vor jener verfeinerten Grausamkeit zu schützen, welche, wie man wußte, die Wilden nur zu üben geneigt waren. Er hatte sich selbst freiwillig angetragen, einer von den Aufsehern 323 zu sein, welche auf die genaue Haltung dieses Gebots wachen sollten, obgleich er dadurch seinen eignen natürlichen Gefühlen nicht geringe Gewalt anthat. Der Leser wird daher über sein Benehmen hier mit jener Nachsicht urtheilen, welche eine richtige Würdigung des Zustandes, des Landes und der Gebräuche der Zeit eingeben muß. Es fand sich selbst eine gewisse Rührung in dem Antlitz dieses Zeugen von dem ganzen Vorgang, die der Rettung des Gefangenen günstig war. Er sprach und wandte sich dabei zuerst gegen Unkas. »Ein glückliches Geschick, Mohikan, in etwas durch die Kraft der weißen Leute unterstützt, hat diesen Narragansett in Deine Hände gegeben,« sagte er. »Es ist gewiß, daß die Bevollmächtigten der Colonie ihre Zustimmung dazu gegeben, daß Du Deinen Willen in Hinsicht seines Lebens hättest; aber es ist eine Stimme in der Brust jedes menschlichen Wesens, welche stärker sein sollte, als die Stimme der Rache, und dies ist die Stimme der Gnade. Es ist noch nicht zu spät darauf zu hören. Nimm das Versprechen, nimm das Wort des Narragansetts, – nimm noch mehr, nimm als Geisel dieses Kind, welches mit seiner Mutter unter den Engländern bewacht werden soll, aber laß den Gefangenen gehen.« »Mein Bruder fordert mit weitem Munde!« sagte Unkas trocken. »Ich weiß nicht wie oder warum es geschieht, daß ich mit diesem Ernste bitte,« begann Dudley wieder, »aber es finden sich da alte Rückerinnerungen, und frühere Freundschaft in dem Antlitz und der Weise dieses Indianers. Und hier ist außerdem Jemand, jenes Weib, das, wie ich weiß, mit einigen in unserer Ansiedelung durch ein näheres Band als 324 das bloßer gegenseitiger Liebe verbunden ist. – Mohikan, ich werde noch eine reichliche Gabe an Pulver und Musketen hinzufügen, wenn Du der Gnade Gehör geben willst, und den Narragansett auf sein Wort entlässest.« Unkas deutete mit ironischer Kälte auf seinen Gefangenen und sagte: »Laßt Conanchet reden.« »Du hörst es, Narragansett. Wenn Du wirklich der Mann bist, für den ich Dich zu halten anfange, so kennst Du Einiges von den Gebräuchen der Weißen. Sprich, willst Du schwören, Friede zu halten mit den Mohikanern, und die Streitaxt auf dem Pfad zwischen Euern Dörfern zu begraben.« »Das Feuer, welches die Hütten meines Volkes verbrannte, hat Conanchet's Herz in Stein verwandelt,« war die feste Antwort. »Dann kann ich nichts weiter thun, als zu sehen, daß der Vertrag gehalten werde;« entgegnete Dudley, in seinen Erwartungen getäuscht. »Du hast Deinen Sinn, und er soll seinen Lauf haben. Der Herr habe Barmherzigkeit mit Dir, Indianer, und gehe so mit Dir in's Gericht, wie es Deinem wilden Charakter angemessen ist.« Er gab dem Unkas ein Zeichen, daß er geendet und ging einige Schritte von dem Baum zurück, sein ehrliches Gesicht drückte dabei seinen ganzen Kummer aus, während sein Auge sich doch nicht weigerte, seine Pflicht zu thun, indem es genau auf jede Bewegung der beiderseitigen Theile Acht hatte. In demselben Augenblick nahmen die grimmigen Begleiter des Mohikanerhäuptlings, in Folge eines Zeichens von ihm, ihre Stellungen auf jeder Seite des Gefangenen ein. Sie 325 warteten augenscheinlich auf das letzte und verhängnißvolle Zeichen, um ihr erbarmungsloses Geschäft zu verrichten. In diesem ernsten Augenblick trat eine Pause ein, als wenn jede der vornehmsten handelnden Personen in ihrem innersten Gemüthe ernsthafte Dinge überlegte. »Der Narragansett hat zu seinem Weibe noch nicht gesprochen,« sagte Unkas, heimlich hoffend, sein Feind werde in einem Augenblick so schwerer Prüfung noch irgend eine unmännliche Schwäche verrathen. »Sie ist in seiner Nähe.« »Ich sagte, mein Herz sei Stein,« entgegnete kalt der Narragansett. »Sieh, das Mädchen kauert sich dort hin, gleich einem erschreckten Geflügel in den Aesten. Wenn mein Bruder Conanchet nur sehen will, wird er seine Geliebte bemerken!« Conanchet's Antlitz ward finster aber schwankte nicht. »Wir wollen uns in's Gebüsch zurückziehen, wenn der Sachem etwa sich fürchtet zu seinem Weibe zu sprechen, so lange des Mohikaners Augen auf ihm ruhen. Ein Krieger ist kein neugieriges Mädchen, daß er wünschen sollte, den Gram eines Häuptlings mit anzusehen.« Conanchet suchte krampfhaft fühlend nach einer Waffe, damit seinen Feind zu Boden zu strecken; und dann ertönte ein leises Lispeln an seiner Seite und stahl sich so sanft an sein Ohr hin, daß es plötzlich den ganzen Sturm seiner Leidenschaften zertheilte. »Will der große Sachem nicht noch einmal auf seinen Knaben blicken!« fragte die Bittende. »Es ist der Sohn eines großen Kriegers; warum schaut das Antlitz seines Vaters so finster auf ihn?« Narra-Mattah hatte sich ihrem Gatten nahe genug 326 gewagt, um von seiner Hand erreicht werden zu können. Mit ausgereckten Armen hielt sie das Pfand ihres früheren Glücks dem Häuptling dar, gleichsam einen letzten freundlichen Blick des Wiedererkennens und der Liebe für ihn erflehend. »Will nicht der große Narragansett auf seinen Knaben herabsehen?« wiederholte sie mit einer Stimme, welche tönte wie die leisesten Klänge einer rührenden Melodie. »Warum ruht sein Antlitz so finster auf einem Weibe seines Stammes?« Selbst die strengen Züge des Mohikan-Sagamore zeigten, daß er gerührt war. Indem er seinen grimmigen Begleitern zuwinkte, sich hinter den Baum zu begeben, wandte er sich selbst weg und trat zur Seite mit dem edeln Aeußern eines Wilden, wenn er von seinen besseren Gefühlen getrieben wird, Da schoß ein Lichtstrahl in Conanchet's umwölktes Antlitz; sein Auge suchte das Gesicht seiner vom Schmerz gebeugten Gattin, die weniger seiner Gefahr wegen trauerte, als sie sich seines Unwillens wegen betrübte. Er empfing den Knaben von ihren Händen, und erforschte lang und eifrig seine Züge. Dann winkte er Dudley, der allein auf den Auftritt hinstaunte, und legte das Kind in seine Arme. »Sieh,« sagte er, indem er auf den Knaben hindeutete; »es ist eine Blüthe aus der Waldlichtung; es wird in dem Waldesschatten nicht leben.« Dann heftete er einen Blick auf seine zitternde Frau. Eines Gatten Liebe lag in dem Strahlen seines Auges. »Blüthe des freien, offenen Landes,« sagte er; »der Manittu Deines Geschlechts wird Dich versetzen in die Felder Deiner Väter. Die Sonne wird über Dich scheinen; die Winde von jenseits des Salzsee's werden die Wolken in die Wälder hin blasen; ein gerechter und großer Häuptling kann 327 sein Ohr dem großen Geist seines Volks nicht verschließen. Der meine ruft seinen Sohn, unter den Tapfern zu jagen, die längst den weiten Pfad betreten haben; der Deine deutet nach einem andern Weg; geh, höre seine Stimme, folge ihm! Laß Dein Herz gleich sein einer weiten Waldlichtung, laß all seine Schatten sich nach den Wäldern zu hinwerfen, laß es den Traum vergessen, den es unter den Bäumen träumte! So ist's der Wille des Manittu!« »Conanchet fordert viel von seinem Weibe, und doch ist ihr Herz nur das Herz eines Weibes!« »Es ist ein Weib der Blaßgesichter; jetzt möge sie sich ihren Stamm aufsuchen. Narra-Mattah! Dein Volk erzählt seltsame Ueberlieferungen. Es sagt, daß ein Gerechter starb für die Völker aller Farben. Ich versteh's nicht. Conanchet ist ein Kind unter den Weisen, aber ein Mann bei den Kriegern. Doch ist, was sie lehren, wahr, dann wird einst noch nach seinem Weibe, nach seinem Knaben er sich umschauen, dort in den glückseligsten Jagdgründen, und sie werden zu ihm kommen. Dort findet sich dann kein Jäger der Yengih's, der so viel Wild zu erlegen vermag. Daß Narra-Mattah ihren Häuptling vergesse bis zu jener Zeit; dann, wenn sie ihn beim Namen ruft, möge laut und stark sie sprechen, denn froh wird er sein, ihre Stimme nochmals zu hören. Geh! Ein Sagamore ist bereit, eine weite Reise anzutreten; er nimmt Abschied von seinem Weibe mit schwerem Herzen. Sie wird vor Augen behalten eine kleine Blüthe von zwei Farben, und glücklich sein, sie wachsen zu sehen. Nun möge sie scheiden. Ein Sagamore schickt sich an zu sterben.« Das aufmerksame Weib sog die langsam und gemessen ausgesprochenen Worte, Silbe für Silbe, ein, ganz wie 328 Jemand, der in abergläubischen Sagen und Ueberlieferungen erzogen worden, auf die Rede des Orakels lauschen würde. Aber gewöhnt an Gehorsam, bewältigt von ihrem Gram, zögerte sie jetzt länger nicht. Narra-Mattah's Haupt sank auf ihren Busen herab, als sie ihn verließ, und ihr Antlitz vergrub sich in ihr Gewand! Der Schritt, mit dem sie an Unkas vorüberging, war so leicht, daß er ihm unvernehmbar blieb; aber als er ihre schwankende Gestalt erblickte, wandte er sich schnell und erhob einen Arm hoch in die Luft. Die beiden furchtbaren, stummen Wilden erschienen hinter dem Baume und verschwanden dann wieder. Conanchet fuhr auf und es schien, als sei er im Begriff vorwärts zu stürzen, aber er faßte sich wieder durch eine verzweiflungsvolle Anstrengung und dann sank sein Leib zurück gegen den Baum, und er fiel in der Haltung eines Häuptlings nieder, der in dem Rathe sitzt. Es spielte ein Lächeln stolzen Triumphs in seinem Antlitz, und seine Lippen bewegten sich augenscheinlich. Unkas athmete nicht, als er sich vorneigte, um zu lauschen. »Mohikaner, ich sterbe, aber mein Herz ist Stein!« seine Worte erreichten fest aber mit dem Todesringen ausgesprochen, sein Ohr. Dann folgten zwei lange, schwere Athemzüge. Der eine war der zurückkehrende Lebenshauch des Unkas, und der andere der Todesseufzer des letzten Sachems aus dem gebrochenen, zerstreuten Stamme der Narragansett. 329   Sechszehntes Kapitel. Wo Schweigen herrscht, da stirbst Du nicht, Da fließt der Thräne Zoll herab; Geliebt, bis reizlos wird das Licht; Betrau'rt bis Mitleid sinkt in's Grab. Collins.           Eine Stunde später, und die Hauptpersonen in dem vorhergehenden Auftritte waren verschwunden. Es blieben nur des Häuptlings Wittwe, Dudley, der Geistliche und Whittal Ring. Conanchets Leichnam blieb noch, wo er entseelt hingefallen, in der sitzenden Stellung eines Häuptlings im Rathe. Die Tochter von Contentius und Ruth hatte sich an seine Seite geschlichen und ihren Sitz in jener Art dumpfer Trauer eingenommen, welche so häufig die ersten Augenblicke jeder unerwarteten, betäubenden Betrübniß begleitet. Sie sprach nicht, schluchzte nicht, zeigte ihre Betrübniß auf keine der Weisen, wie sonst wohl der Gram den menschlichen Leib zu ergreifen pflegt. Die Seele schien gelähmt, doch zeigte sich eine zerstörende, alles zerschlagende Spur, von dem Streich des Unglücks mächtig eingegraben, in jedem Zug ihres sprechenden Antlitzes. Die Farbe war von ihren Wangen 330 gewichen; die Lippen waren bleich, während sie zu Zeiten krampfhaft zuckten, ganz wie die zitternden Bewegungen des schlummernden Kindes, und in langen Zwischenräumen erhob sich ihr Busen, als wenn der Geist innen mächtig ränge, seinem irdischen Kerker zu entfliehen. Das Kind lag unbemerkt an ihrer Seite, und Whittal Ring hatte sich ihr gegenüber an die Leiche hingestellt. Die beiden von der Colonie ernannten Bevollmächtigten, die bei Conanchet's Hinrichtung zugegen sein sollten, standen in der Nähe und starrten trauernd auf das rührendste Schauspiel hin. Sobald der Geist des Verurtheilten entflohen, hatten die Gebete des Geistlichen aufgehört; denn er glaubte, daß alsdann die Seele in's Gericht gegangen. Indeß zeigte sich mehr Menschenliebe und weniger von jener übertriebenen Strenge, als dies sonst gewöhnlich war, in seinem Aeußern; Mitgefühl schien eingegraben in tiefen Furchen seines sonst so kalternsten Angesichtes. Jetzt, da die That geschehen, und die Erregung seiner überspannten Lehrmeinungen nachgelassen, und den positiveren Eindrücken des Erfolgs Platz gemacht, mochte er selbst Augenblicke peinigender Zweifel in Hinsicht der Rechtmäßigkeit einer Handlung haben, welche er bis jetzt unter die Formen einer gesetzlichen, nothwendigen Ausübung der Gerechtigkeit verschleiert hatte. Eben Dudley's Gemüth wurde durch nichts von jenen Spitzfindigkeiten der Lehre und des Gesetzes schwankend und zweifelhaft gemacht. Da weit weniger Ueberspannung in seinen ursprünglichen Ansichten über die Nothwendigkeit des Schrittes sich vorgefunden, so zeigte er dagegen jetzt, als er die Ausführung und den Erfolg vor sich sah, mehr Beständigkeit und Fassung. Gefühle, ja man konnte sagen Empfindungen, von 331 ganz verschiedener Art, beunruhigten die Brust dieses entschlossenen aber rechtlich gesinnten Grenzmannes. »Das ist eine traurige Heimsuchung der Nothwendigkeit gewesen, eine strenge Offenbarung des vorherbestimmenden Willen Gottes,« sagte der Fähnrich, während er auf das traurige Schauspiel vor ihm hinstarrte. »Vater und Sohn sind beide, so zu sagen, in meiner Gegenwart gestorben; und beide sind abgeschieden in jene Welt der Geister auf eine Weise, woran man die Unerforschlichkeit der Rathschläge der Vorsehung zu erkennen vermag. Aber gewahrst Du nicht hier in dem Antlitz jener, die gleich einer Gestalt von Stein sieht, Spuren eines Antlitzes, das Dir vertraut und bekannt ist?« »Du willst auf eine Aehnlichkeit mit der Gattin des Capitains Contentius Heathcote hinweisen?« »Sicher, und darauf allein. Ihr seid nicht, ehrwürdiger Herr, lange genug in Wish-Ton-Wish, um Euch jener Frau in ihrer Jugend zu erinnern. Aber mir scheint die Stunde, wo der Capitain seine Leute in die Wildniß führte, nur gleich einem Morgen des vergangenen Jahres. Ich war damals stark und behend auf den Beinen und etwas eitelsüchtig in Gedanken und Reden. Auf jener Reise war's, wo die Frau, welche jetzt die Mutter meiner Kinder ist, und ich, zuerst mit einander bekannt wurden. Ich habe viele niedliche Frauen meiner Zeit gesehen, aber nie schaute ich auf eine, die so anmuthig gewesen für's Auge, als die Gattin des Capitains bis zu jener Nacht war, wo der Brand vorfiel. Du hast oft von dem Verlust reden hören, der sie damals traf; und von jener Stunde an ist ihre Schönheit die des Herbstblattes, und nicht mehr die der Frühlingsblume. Sieh jetzt auf das 332 Antlitz jener Trauernden, und sag mir, ob Du dort nicht ein Bild findest, ganz so wiedergegeben und ausgedrückt, wie etwa der überhangende Busch im Wasser sich abspiegelt. In der That, ich konnte mir fast einbilden, es sei dies das trauernde Auge, der beraubte, trostlose Blick der Mutter selbst.« »Der Gram hat seine Streiche schwer auf dieses unschuldige, arglose Opfer hereinbrechen lassen,« sprach Meek mit großer, beherrschter Milde in seinem Aeußern. »Die Stimme des Gebets und der Fürbitte müssen wir für sie erheben, sonst – –« »Pst, – es ist Jemand in der Nähe, ich höre das Rascheln der Blätter!« »Die Stimme Dessen, der die Welt gemacht, flüstert im Winde; sein Athem gibt der Natur Bewegung!« »Nein, es sind lebendige, menschliche Wesen! – Aber zum Glück ist ihr Nahen friedlich; und ferner werden wir des Kampfes nicht nöthig haben. Das Herz eines Vaters ist so sicher und leitet so verlässig als ein schneller Fuß und ein scharfes Auge!« Dudley ließ seine Muskete neben sich zu Boden fallen, und beide, er und sein Gefährte, nahmen eine Stellung geziemender Haltung an, und erwarteten so die Ankunft derer, welche sich näherten. Der Haufen, welcher herankam, nahte von der dem Baum, an welchem Conanchet's Tod sich ereignet hatte, entgegengesetzten Seite. Der ungewöhnlich dicke Stamm und die hohen Wurzeln der Tanne verbargen die Gruppe an dem Boden desselben, aber Sanftmuth's und des Fähnrichs Gestalt wurden bald bemerkt. Sobald man 333 sie ansichtig geworden, lenkte der, welcher den Ankommenden als Führer diente, seine Schritte jener Richtung zu. »Wenn, wie Du angenommen, der Narragansett sie, die Du so lange betrauert hast, nochmals in den Wald führte,« sagte Traugott, der die Andern leitete, »so sind wir hier in nicht bedeutender Entfernung von der Stelle seines Aufenthalts. Nahe an diesem Felsen traf er mit dem blutgierigen Philipp zusammen, und die Stelle, wo er ein nutzloses, gramerfülltes Leben mir rettete, liegt innerhalb jenes Dickichts, welches den Bach einsäumt. Dieser Diener des Herrn und unser wackerer Freund, der Fähnrich, könnten uns vielleicht noch etwas Weiteres von seinen Bewegungen sagen.« Der Sprechende war in einer geringen Entfernung von den beiden Genannten, stehen geblieben, aber es geschah dies immer noch auf der Seite des Baumes, die der, wo der Leichnam lag, entgegengesetzt war. Er hatte diese Worte an Contentius gerichtet, der auch stehen geblieben, die Ankunft der Ruth zu erwarten, welche hinter ihnen kam. Sie stützte sich auf ihren Sohn und war von Fidel und dem Arzt begleitet, die mitgekommen waren, um die Wiederverlorne zu suchen. Das Mutterherz hatte die schwache Frau manche lange Meile hindurch aufrecht erhalten, aber ihre Schritte waren kurz vorher, ehe sie so glücklicher Weise auf Spuren von menschlichen Wesen getroffen, nahe der Stelle, wo sie jetzt die beiden Bevollmächtigten der Colonie erblickten, allmälich schleppend, strauchelnd und wankend geworden. Trotz des hohen Antheils, den alle an den verschiedenen Schritten und Bemühungen jedes Einzelnen nehmen mußten, aus welchen die beiden Haufen bestanden, fand doch das Zusammentreffen ohne alle lebhafteren Aeußerungen von 334 Gefühl und Theilnahme auf beiden Seiten Statt. Für sie hatte ein Zug in dem Walde nichts Neues mehr, und nachdem einen ganzen Tag lang alle Windungen und Irrgänge der Baumverschlingungen von ihnen durchwandert worden, traten doch die Neuangekommenen zu ihren Freunden, ganz wie Leute in weit mehr begangenen Strichen in Ländern auf einander zu treffen pflegen, wo Straßen ganz unvermeidlich die Einzelnen zusammenführen und sie gleichsam zwingen, eines des andern Weg zu durchkreuzen. Selbst Traugott's Erscheinen, der an der Spitze der Reisenden einherzog, entlockte den unbewegten Zügen derer, welche seine Annäherung mit ansahen, keine Zeichen des Erstaunens. In der That, die gegenseitige unbewegte Haltung eines Mannes, der so lange sich versteckt gehalten, und derer, welche mehr als einmal in gefährlichen, geheimnißvollen Vorfällen ihn plötzlich wieder gesehen hatten, hätte die Vermuthung rechtfertigen können, das Geheimniß seiner Gegenwart in der Nähe des Thals sei nicht auf die Familie der Heathcote beschränkt gewesen. Diese Ansicht wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich an Dudley's ehrliche Gemüthsart und den Amtscharakter der beiden Andern erinnert. »Wir verfolgen die Spur eines Wesens, das uns entflohen, wie das halb zahme Reh dem Schutz seiner Wälder wieder zueilt,« sagte Contentius. »Unsere Jagd ging in's Unbestimmte hin; und könnte leicht als eitel und vergebens sich erwiesen haben, da so viele Spuren und Tritte kürzlich erst den Wald durchkreuzten, wenn nicht die Vorsehung unsern Weg mit dem unseres Freundes hier zusammengeführt, der Grund zu glauben hat, er kenne die vermuthliche Stelle des indianischen Lagers. Hast Du etwas von dem Sachem 335 der Narragansett gesehen, Dudley? und wo sind die, welche Du gegen den arglistigen, gewandten Philipp geführt? Daß Du mit seinem Haufen zusammengetroffen, haben wir schon gehört; indeß haben wir alles Weitere als Deinen Erfolg im Allgemeinen von Dir noch zu vernehmen. Der Wampanoag ist Dir also entwischt?« »Die höllischen, verruchten Mächte, die ihn in seinen Plänen unterstützen, halfen dem Wilden in seiner Noth. Sonst würde sein Loos das gewesen sein, welches, fürchte ich, ein weit Würdigerer vom Schicksal zu erdulden bestimmt war.« »Von wem sprichst Du? Aber was liegt daran; – wir suchen unser Kind; sie, die Du gekannt hast, die Du vor Kurzem erst gesehen, sie hat uns nochmals verlassen. Wir suchen sie in dem Lager dessen, der ihr – – Dudley hast Du etwas von dem Narragansett-Sachem gesehen?« Der Fähnrich blickte auf Ruth, wie man ihn sonst vorher auf die gramerfüllten Züge der trauernden Frau hatte hinstarren sehen, aber er antwortete nicht. Meek faltete die Hände auf seiner Brust und schien im Stillen zu beten. Doch fand sich einer, der das Schweigen brach, obwohl seine Worte dumpf und drohend waren. »Es war eine blutige That!« murmelte der Blödsinnige. »Der lügenhafte Mohikaner hat einen großen Häuptling hinterlistig erschlagen. Er mag die Tritte seines Mokasins mit den Nägeln gleich einem sich vergrabenden Fuchse von dem Boden wegkratzen, denn Einer wird auf seiner Spur sein, ehe er sein Haupt verstecken kann. Nipset wird mit dem nächsten Schnee ein Krieger werden!« »Da spricht mein übelberathener Bruder!« rief Fidel 336 und sprang vor – – sie bebte zurück, verhüllte mit den Händen ihr Antlitz und sank auf den Boden, von der Macht des Entsetzens überwältigt, welches jetzt ihren Augen sich darstellte. Ob auch die Zeit in ihrem gewohnten Schritt sich fortbewegte, es schien denen, welche von dem nun erfolgenden Auftritt Zeugen waren, als wenn die Erregungen, das Bangen vieler Tage in den engen Kreis weniger Augenblicke aufgehäuft und zusammengedrängt worden. Wir verweilen nicht bei den ersten zerreißenden, betäubenden Momenten der schreckhaften Entdeckung. Eine kurze halbe Stunde reichte hin, jeden Einzelnen mit allem dem bekannt zu machen, was ihm zu erfahren Noth that; wir wollen daher unsere Erzählung an das Ende dieses Zeitraums versetzen. Conanchet's Leichnam lehnte noch an dem Baume. Die Augen waren offen, und obwohl starrend im Tode, blieb doch noch auf der Stirn, an den zusammengepreßten Lippen und den weitgeöffneten Nasenlöchern viel von jener hohen Festigkeit übrig, die ihn aufrecht erhalten in der letzten Erprobung und Heimsuchung seines Lebens. Die Arme fielen unthätig an seiner Seite herab, aber eine Hand war krampfhaft in der Weise zusammengepreßt, wie sie oft den Tomahawk ergriffen hatte; während die andere in einem eiteln Versuch, die Stelle des Gürtels zu finden, wo das scharfe Messer hätte sein sollen, ihre ganze Kraft verloren hatte. Diese beiden Bewegungen waren sehr wahrscheinlich unwillkürlich gewesen, denn in jeder andern Hinsicht drückte die Gestalt Würde und Ruhe aus. An ihrer Seite behauptete der phantastische Nipset immer noch seine Stelle, 337 und drohender Unwille leuchtete aus der gewöhnlich so stumpfsinnigen Einfalt seines Gesichtes. Die andern Gegenwärtigen waren um die Mutter und ihre vom Schmerz gebeugte Tochter versammelt. Es wollte scheinen, als ob für jetzt alle anderen Gefühle in Besorgnisse für die Letztere sich verloren. Man hatte große Ursache, zu befürchten, es möge der eben erst sie getroffene Schlag plötzlich eins jener zarten, gefährlichen Organe verrückt haben, welche die Seele an den Leib binden. Diese gefürchtete Wirkung war jedoch mehr wegen einer allgemeinen Gefühllosigkeit und eines gänzlichen Zerschlagenseins ihres Körperbaus, als wegen sonst eines heftigen, bemerkbaren Anzeichens zu besorgen. Die Pulse schlugen noch, aber nur schwach, und den ungeregelten schwankenden Drehungen einer Mühle vergleichbar, welche der hinsterbende Wind ferner nicht mehr umfächelt. Das blasse Antlitz war fest und ständig in seinem Ausdruck von Schmerz und Gram. Farbe fand sich nicht; selbst die Lippen hatten das, wodurch Wachsbilder einen so unnatürlichen Eindruck machen. Ihre Glieder, wie ihre Gesichtszüge waren unbeweglich; und doch zeigte sich auf Augenblicke ein Arbeiten und Ringen in den letztern, welches nicht allein Bewußtsein, sondern auch ein lebendiges, schmerzliches Bewußtsein von der Wirklichkeit ihrer Lage besitze. »Das überschreitet alle meine Kunst!« sagte Doktor Ergot, und erhob sich von einer langen, schweigenden Erforschung des Pulses in die Höhe; »es liegt ein Geheimniß in dem Bau des Leibes, das menschliches Wissen bis jetzt noch nicht entschleiert und enthüllt hat. Die Canäle des Lebens sind manchmal auf eine unbegreifliche Weise erfroren, und das 338 sehe ich als einen Fall an, der selbst in den ältesten Ländern der Erde die Gelehrtesten in unserer Kunst in Verlegenheit setzen möchte. Es ist mein Geschick so gewesen, daß ich Viele in dieser geschäftigen, unruhigen Welt habe ankommen und nur Wenige aus ihr scheiden gesehen, und doch nehme ich mir heraus, zu behaupten, daß wir hier eine vor uns sehen, die das Leben verlassen wird, ehe die natürliche Zahl ihrer Tage erfüllt worden!« »Laßt uns zu Gunsten dessen, was nie sterben wird, uns an Den wenden, der die Begebenheiten ordnet von Anbeginn aller Zeit an!« sagte Meek und bedeutete die um ihn, sich mit ihm im Gebet zu vereinen. Der Geistliche erhob dann unter den Säulenwölbungen des Waldes seine Stimme in einem frommen, inbrünstigen und beredten Gebet. Als dieser feierlichen Pflicht Genüge geschehen, lenkte sich Aller Aufmerksamkeit abermals auf die Dulderin. Zu allgemeinem Erstaunen fand man, daß das Blut ihr Antlitz wieder durchdrungen, und ihre strahlenden Augen wieder leuchteten von einem Glanze und hohem Ausdrucke des Friedens und der Ruhe. Sie machte sogar eine Geberde, daß man sie mehr empor richte, damit sie die Umstehenden besser sehen könne. »Erkennst Du uns?« fragte die zitternde Mutter. »Sieh' auf Deine Freunde, mein langbetrauertes, unglückliches Kind! Es ist die, die sich abhärmte über die Leiden Deiner Kindheit, die sich freute Deines kindlichen Glücks, die so bitter beweinte Deinen Verlust; sie, sie fordert Dich jetzt auf! In diesem feierlichen, furchtbaren Augenblick rufe Dir die Lehren Deiner Jugend zurück! Gewiß, der Gott, der Dich uns in Gnaden wieder geschenkt, hat er Dich auch auf wunderbarem, 339 unerforschlichem Pfade geführt, wird Dich zuletzt nicht verlassen. Denke an Deinen früheren Unterricht, Kind meiner Liebe; richte Deinen ermatteten Geist auf, der Saame kann immer noch aufkommen, ist er auch an einem Orte ausgestreut worden, wo die Glorie der Verheißung lang verborgen gewesen und umdüstert!« »Mutter!« rief eine leise, ringende Stimme als Antwort. Der Ruf erreichte jedes Ohr, und bewirkte ein allgemeines, athemloses Aufhorchen. Der Ton war sanft und leise, vielleicht kindlich, aber er ward ausgestoßen klar und ohne Betonung. »Mutter – warum sind wir in dem Walde?« fuhr die Redende fort; »hat Jemand uns unserer Heimath beraubt, daß unter den Bäumen wir wohnen?« Ruth erhob eine Hand, flehend, daß Niemand die Täuschung unterbreche. »Die Natur hat die Rückerinnerungen ihrer Jugend in ihr wieder belebt,« flüsterte sie; »möge der Geist, wenn dies des Heiligen Wille ist, in dem Segen der kindlichen Unschuld hinüberscheiden!« »Warum weilen Marcus und Martha noch hier?« fuhr die Andere fort. »Du weißt, Mutter, es ist unsicher, weit in die Wälder zu wandeln; die Heiden könnten aus ihren Dörfern sein, und wer vermag zu sagen, welches Unglück über die Unvorsichtigen hereinbrechen kann?« Ein Stöhnen rang sich aus Contentius Brust, und die nervige Hand Dudley's drückte sich auf der Schulter seines Weibes krampfhaft zusammen, bis die regungslos aufmerksame Frau, sich selbst unbewußt, voll Schmerz und Gram sich zurückzog. »Ich habe es dem Marcus schon gesagt, denn er erinnert sich nicht immer Deiner Warnungen, Mutter, und diese 340 Beiden lieben so sehr, mit einander zu gehen. Doch Marcus ist in der Regel gut; schilt nicht, wenn er zu weit sich entfernt, – Du wirst nicht zanken, Mutter!« Der junge Mann wandte sich um, denn selbst in jenem Augenblick reizte der Stolz junger Männlichkeit ihn, seine Schwächen vor Allen zu verbergen. »Hast Du auch heute schon gebetet, meine Tochter?« sagte Ruth, Fassung erzwingend. »Du solltest nie Deine Verpflichtung gegen seinen heiligen Namen vergessen, selbst wenn wir auch in den Wäldern und ohne Obdach sind.« »Ich will jetzt beten, Mutter,« sagte die in den unbegreiflichen Wahn Versunkene, und bemühte sich, ihr Antlitz in Ruth's Schooß zu verhüllen. Man kam ihrem Wunsche nach, und einen Augenblick lang vernahm man dieselbe leise, kindliche Stimme, die deutlich die Worte eines Gebetes wiederholte, wie es der frühesten Zeit der Jugend angemessen ist. Schwach, wie die Töne auch waren, keiner entging den Hörern, bis nahe am Ende des Gebets, wo die Aussprache immer leiser wurde, und endlich in eine hehre Stille überging. Ruth hob ihre Tochter empor, und sah, daß die Züge den ruhigfriedlichen Blick eines schlafenden Kindes trugen. Das Leben spielte noch auf ihnen, ganz wie das blinkende Licht auf der verlöschenden Kerze noch zögert. Ihr taubengleicher Blick sah auf in Ruth's Antlitz, und die Angst der Mutter ward erleichtert und gemindert durch ein Lächeln des Verständnisses und der Liebe. Die vollen, sanften Augen bewegten sich dann von Antlitz zu Antlitz, und Wiedererkennen und Lust begleiteten jede ihrer Bewegungen. Auf Whittal richteten sie sich verwirrt und zweifelnd, aber als sie auf das feste, zürnende und noch gebietende Antlitz des todten Häuptlings fielen, – da hörte ihre Bewegung für immer auf. Es trat ein Augenblick ein, während dessen Furcht Zweifel, Wildheit und frühe Rückerinnerungen in ihr um die Oberherrschaft rangen. Ihre Hände zitterten, und krampfhaft umklammerte sie Ruth's Gewand. »Mutter! – Mutter! – lispelte das von so vielen 341 streitenden Erregungen geängstete Opfer, »ich will nochmals beten; – ein böser Geist überfällt mich!« Ruth fühlte die Stärke, das Krampfhafte ihres Haltens und hörte das Hinhauchen einiger wenigen Gebetsworte; alsdann verstummte die Stimme und ihre Hände erschlafften. – Als die halb ohnmächtige Mutter weggebracht war, schienen die Todten mit einem geheimnißvollen, gespenstigen, gegenseitigen Verständniß einander anzuschauen. Des Narragansett's Auge war noch, wie in der Stunde seines Stolzes und seiner Herrschaft, hochfahrend, unnachgebend und mit Trotz und Herausforderung erfüllt; während der Blick des Wesens, das so lange in ferner Liebe gelebt, Verwirrung und Furcht, aber auch Hoffnung ausdrückte. Eine feierliche Stille erfolgte; und als Meek nochmals seine Stimme im Walde erhob, geschah dies, um den allmächtigen Lenker Himmels und der Erden anzuflehen, daß er seine Gnade und Huld den Ueberlebenden angedeihen lassen möchte, Die Veränderungen, welche in anderthalb Jahrhunderten mit jenem Continent vorgegangen, sind sehr wunderbar und merkwürdig. Städte sind emporgestiegen, wo Wildniß damals den Boden bedeckte; und auf oder nahe der Stelle, wo Conanchet seinen Tod fand, steht jetzt, man hat guten Grund, es zu glauben, eine blühende Stadt. Aber ob auch so große Thätigkeit und Verbesserung im Lande vorgeherrscht, das Thal dieser Erzählung ist jetzt noch wenig verändert. Der Weiler hat sich zu einem Dorfe vergrößert; die Meierhöfe tragen mehr von dem Anstrich der Cultur und Verfeinerung an sich; die Wohnhäuser sind geräumiger und etwas bequemer; die Zahl der Kirchen ist auf drei gestiegen; längst verschwunden sind die befestigten Gebäude nebst allen andern Zeichen der Furcht vor Ueberfällen; aber noch immer ist der Ort abgelegen, wenig bekannt und trägt noch das deutliche Gepräge seines ursprünglichen Waldcharakters. Ein Abkömmling des Marcus und der Martha ist bis auf diesen Tag der Eigenthümer des Landsitzes, auf dem so viele der rührenden, erschütternden Vorfälle unserer einfachen 342 Erzählung sich ereigneten. Selbst das Gebäude, das die zweite Wohnung seines Vorfahren war, steht noch zum Theil, obgleich durch Anbauten und Verbesserungen bedeutend verändert. Die Obstgärten, welche im Jahre 1675 jung und blühend waren, sind jetzt alt und hinfällig. Die Bäume überhaupt haben ihren sie so sehr auszeichnenden Charakter des kräftigen Wuchses um jene Mannigfaltigkeit in Obstarten umgetauscht, mit welchen der Boden und das Clima die Einwohner bekannt gemacht. Aber ihren Platz behaupten sie noch, weil man weiß, daß furchtbare Auftritte in ihrem Schatten vorgefallen, und an ihre Fortdauer knüpft sich hohes moralisches Interesse. Die Trümmer des Blockhauses, obgleich verfallen oder dem Einsturz drohend, sind auch noch sichtbar. Dicht an ihnen findet sich der letzte Ruheort aller Heathcote, die fast zwei Jahrhunderte dort gelebt und starben. Die Gräber derer aus späterer Zeit sind an Marmortafeln zu erkennen; aber näher den Trümmern sind Viele, deren Denkmale, halb im Grase versteckt, in den gemeinen, rohen Quader des Landes eingehauen sind. Jemand, der Antheil nimmt an Rückerinnerungen längst vergangener Tage, hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, die Stelle zu besuchen. Es war leicht, die Geburts- und Sterbetage von ganzen Geschlechtern an den mehr leserlichen Inschriften auf den prächtigern Denkmälern derer, welche seit hundert Jahren beerdigt worden, aufzufinden und zu verstehen; über jenen Zeitraum hinaus ward das Forschen schwierig und mühevoll, indeß sein Eifer war nicht leicht zu besiegen und zu ermüden. Auf jedem kleinen Hügel, einen nur ausgenommen, fand sich ein Stein, und auf jedem Stein, unlesbar, wie sie sein mochte, eine Inschrift. Das auszeichnungslose Grab, so vermuthete man aus seiner Größe und Lage, war das, welches die Gebeine jener enthielt, die in der Nacht des Brandes fielen; ein anderes fand sich, welches in tiefen Lettern den Namen des Puritaners trug. Sein Tod fiel in's Jahr 1680. An seiner Seite stand ein niedriger Stein, auf welchem, mit 343 großer Schwierigkeit, das einzige Wort »Traugott« zu lesen war. Es zeigte sich unmöglich, gewiß zu sagen, ob das Datum 1680 oder 1690 hieß. Dasselbe geheimnißvolle Dunkel, das einen so großen Theil seines Lebens umhüllt, ruhte auch auf dem Tode dieses Mannes. Sein eigentlicher Name, sein Geschlecht und seine Würde wurden nie weiter bekannt, als sie auf diesen Seiten enthüllt worden. Doch bleibt jetzt noch der Familie der Heathcote ein Ordrebuch über eine Reiterabtheilung, das, wie die Ueberlieferung sagt, einigen Zusammenhang mit seinen Schicksalen hatte. Angehängt an dies verwischte unvollkommene Document ist das Bruchstück eines Tagebuchs, welches auf Karl's I. Verurtheilung zum Schaffot Beziehung hatte. Contentius Ueberreste ruhen neben denen seiner früh gestorbenen Kinder, und es scheint fast, als wenn er noch in dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts gelebt. Vor kurzer Zeit noch lebte dort ein hochbejahrter Mann, der sich erinnerte, ihn als weißgelockten Patriarchen gesehen zu haben, verehrungswürdig durch seine Jahre und geachtet wegen seiner Milde und Gerechtigkeit. Er hatte beinahe, wo nicht völlig ein halbes Jahrhundert als Wittwer gehabt. Dieser traurige Umstand ging hinlänglich deutlich aus einer Jahreszahl auf dem Stein des nächsten Grabhügels hervor. Die Inschrift darauf bezeichnete ihn als das Grab der Ruth, der Tochter Georg Harding's aus der Colonie Massachussetsbai, und Ehefrau des Capitain Contentius Heathcote's. Sie starb im Herbst des Jahres 1675, und zwar, wie der Stein weiter berichtet: »an einem gebrochenen Herzen, wegen irdischer Angelegenheiten, durch große Familienleiden, jedoch mit Hoffnung auf das Evangelium und im Glauben an den Herrn.« Der Geistliche, welcher vor einigen Jahren, wenn nicht vielleicht jetzt noch, in der Hauptkirche des Dorfes den Dienst des Herrn versah, nennt sich Meek Lamb. Obgleich eine Abstammung von dem in Anspruch nehmend, welcher dem Tempel zur Zeit unserer Erzählung diente, haben doch Zeit und Zwischenheirathen diese Aenderung seines Namens, und zum 344 Glück auch einige andere Abänderungen in den doctrinellen Erklärungen seines Dienstes hervorgebracht. Als dieser würdige Diener des Herrn von der Absicht hörte, die Jemanden, der in einem andern Staate geboren worden, und von einer Religionsgesellschaft abstammte, die das gemeinsame Vaterland verlassen, um noch auf andere Weise Gott zu verehren, – als der Geistliche vernahm, dieser weitgereis'te Mann nehme Antheil an den Schicksalen derer, die zuerst das Thal bewohnt, fand er Vergnügen daran, die Nachforschungen desselben zu günstigen und zu unterstützen. Die Familien der Dudley's und der Ring's waren zahlreich in dem Dorfe und seinen Umgebungen. Der Pfarrer zeigte einen Stein, der von vielen andern, mit diesen Namen beschriebenen, umgeben war, und worauf roh eingehauen die Worte standen: »Ich bin Nipset, ein Narragansett; mit dem nächsten Schnee werde ich ein Krieger sein.« Es geht ein Gerücht, daß der unglückliche Bruder der Fidel nach und nach zu den Sitten des civilisirten Lebens zurückkehrte, doch häufige Augenblicke voll jener verführerischen Belustigungen hatte, denen er sich einst in der Freiheit der Wälder hingegeben. Während sie so unter diesen trauervollen Ueberresten früherer Auftritte hinschritten, war dem Geistlichen eine Frage über die Stelle vorgelegt, wo Conanchet beerdigt worden. Er erbot sich bereitwillig, sie zu zeigen. Das Grab befand sich auf demselben Hügel, und war nur durch einen Quaderstein ausgezeichnet, den der Fremde bei seiner ersten Nachsuchung, wegen des üppigen Grases, übersehen hatte. Er trug nur die Inschrift: »Der Narragansett.« »Und dieser an seiner Seite?« fragte der Forscher. »Hier ist noch einer, den ich vorher nicht bemerkte.« Der Geistliche beugte sich dem Grase zu, und reinigte das einfache Denkmal von dem darauf wuchernden Moose. Dann deutete er auf eine Zeile hin, die mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt eingegraben worden. Die Inschrift lautete ganz einfach: »Die Beweinte des Thales von Wish-Ton-Wish.«   Ende .