Charles de Coster Uilenspiegel und Lamme Goedzak Ein fröhliches Buch trotz Tod und Tränen Erstes Buch I Zu Damme in Flandern wurde, als der Mai dem Hagedorn die Blüten öffnete, Uilenspiegel geboren als Sohn von Klaas. Frau Katelijne, die Hebamme, hüllte das Kind in warme Wickel; als sie seinen Kopf besehn hatte, wies sie auf ein Häutchen: »Es ist behaubt,« sagte sie fröhlich, »unter einem guten Stern geboren!« Schon deutete sie aber auch auf einen kleinen schwarzen Punkt auf der Schulter. »Weh,« weinte sie, »das ist das schwarze Zeichen des Fingers des Teufels.« »Da ist also der Herr Satan«, versetzte Klaas, »wohl gar früh aufgestanden, daß er schon Zeit gehabt hat, meinen Sohn zu zeichnen?« »Er hat sich gar nicht niedergelegt gehabt,« sagte Katelijne; »denn horch nur, eben erst weckt Krähehell die Hühner.« Und sie legte das Kind Klaas in die Arme und ging. Nun zerriß die Dämmerung die nächtlichen Schatten, die Schwalben strichen zwitschernd über die Wiesen, und die Sonne zeigte am Horizonte purpurn ihr blendendes Antlitz. Klaas öffnete das Fenster und sagte zu Uilenspiegel: »Du mein Sohn mit der Haube, sieh die Mutter Sonne, die da kommt, das Land Flandern zu grüßen. Betrachte sie, wann du kannst; und wann du späterhin einmal in einem Zweifel befangen sein wirst und nicht weißt, was zu tun ist, um gut zu handeln, so bitte sie um Rat; sie ist klar und warm: sei so einfältig, wie sie klar ist, und so gut, wie sie warm ist.« Da sagte Soetkin: »Klaas, mein Gatte, du predigst einem Tauben; komm trinken, mein Sohn.« Und die Mutter bot dem Neugeborenen die schönen Trinkgefäße der Natur. II Während Uilenspiegel bei ihr trank, erwachten alle Vögel im Felde. Klaas, der Wieden band, betrachtete die Mutter, wie sie Uilenspiegel die Brust reichte. »Weib,« sagte er, »hast du dich vorgesehn mit dieser guten Milch?« »Die Krüge sind voll,« sagte sie, »aber das ist nicht genug, daß ich mich freuen könnte.« »Bei einem so großen Glücke sprichst du gar kläglich.« »Ich denke,« sagte sie, »daß kein falscher Plappart in der Tasche ist, die da an der Wand hangt.« Klaas nahm die Tasche in die Hand; aber er hatte gut schütteln, er vernahm doch keinen klingenden Morgengruß. Er war bestürzt; immerhin wollte er seiner Frau Mut einsprechen: »Warum beunruhigst du dich? Haben wir nicht im Kasten den Kuchen, den uns gestern Katelijne gebracht hat? Sehe ich da nicht ein fettes Stück Fleisch, das wenigstens drei Tage lang gute Milch für das Kind schaffen wird? Dieser Sack mit Bohnen, so wohl geduckt in dem Winkel da, ist er ein Prophet des Hungers? Ist es ein Phantom, dies Tönnchen Butter? Sind das Gespenster, diese Wimpel und Fähnlein von Äpfeln, kriegerisch zu elfen in der Reihe geordnet, auf dem Boden? Ist sie nicht die Verheißung eines frischen Trunks, diese dicke, ehrliche Tonne voll Kuite von Brügge, die in ihrem Wanste unsere Erquickung birgt?« Aber Soetkin sagte: »Wann das Kind zur Taufe getragen wird, müssen wir zwei Plappart dem Priester und für den Schmaus einen Gulden geben.« In diesem Augenblicke trat Katelijne ein, einen großen Strauß in der Hand: »Ich bringe dem Kinde mit der Haube die Engelswurz, die den Menschen vor Üppigkeit bewahrt, den Fenchel, der Satan vertreibt. ...« »Hast du nicht«, fragte Klaas, »das Kraut, das die Gulden ruft?« »Nein.« »Dann«, sagte er, »gehe ich nachsehn, ob es nicht vielleicht im Kanal wächst.« Er nahm Schnur und Netz und ging weg, übrigens sicher, daß er niemand begegnen werde; denn es war eine Stunde vor der Oosterzon, wie in Flandern die Sonne um sechs Uhr früh heißt. III Klaas kam zum Kanal von Brügge, nicht weit von der See. Dort tat er den Köder an seine Schnur, warf ihn ins Wasser und ließ sein Netz sinken. Am andern Ufer war ein kleiner gutgekleideter Junge, der schlief auf einer Muschelbank wie ein Klotz. Auf das Geräusch, das Klaas machte, erwachte er und wollte ausreißen, in der Meinung, das sei einer von den städtischen Schergen, der gekommen sei, ihn aus seinem Bette zu treiben und ihn in den Steen zu führen wegen Landstreicherei. Aber seine Furcht verflog, als er Klaas erkannte, der ihn anrief: »Willst du sechs Heller verdienen? Dann jage die Fische hieher.« Nun trat der Junge, dem sich schon ein kleiner Dickbauch wölbte, ins Wasser, bewaffnete sich mit einem Busche langen Schilfes und trieb die Fische Klaas zu. Als der Fang getan war, zog Klaas Schnur und Netz ein; über die Schleuse gehend, kam er zu dem Knaben. »Du bist der,« sagte er zu ihm, »den man Lamme nennt nach seinem Taufnamen und Goedzak wegen seines sanften Gemütes, und du wohnst in der Reigerstraat hinter Unserer Frau. Wieso mußt du denn, so jung und so gut gekleidet, im Freien schlafen?« »Ach, Herr Kohlenträger,« antwortete der Junge, »ich habe daheim eine Schwester, um ein Jahr jünger als ich, die schlägt mich heftig aus dem geringsten Anlasse. Ich getraue mich nicht, an ihrem Rücken Vergeltung zu üben, denn ich würde ihr weh tun, Herr. Gestern beim Nachtmahl habe ich Großhunger gehabt und habe eine Schüssel Rindfleisch mit Bohnen ausgefingert, wovon sie gern ihren Teil gehabt hätte. Es war nicht gar viel für mich. Als sie dann sah, wie ich mich leckte wegen des Wohlgeschmacks der Brühe, wurde sie wie verrückt und prügelte mich mit beiden Händen so grimmig, daß ich, braun und blau geschlagen, vom Hause weggelaufen bin.« Klaas fragte ihn, was sein Vater und seine Mutter getan hätten während dieser Prügelei, und Lamme Goedzak antwortete: »Mein Vater schlug mich auf die rechte Schulter und die Mutter auf die linke, und sie sagten zu mir: ›Wehre dich, Memme!‹ Ich aber wollte kein Mädchen schlagen und bin davongelaufen.« Plötzlich erbleichte Lamme und begann an allen Gliedern zu zittern. Und Klaas sah eine große Frau kommen und an ihrer Seite ein kleines Mädchen, mager und von boshaftem Aussehn. »Ach,« sagte Lamme, indem er Klaas an den Hosen packte, »seht, meine Mutter und meine Schwester, die mich holen kommen. Nehmt mich in Schutz, Herr Kohlenträger.« »Halt,« sagte Klaas, »nimm erst diese sieben Heller für deine Mühe, und nun gehn wir ihnen ohne Furcht entgegen.« Als die zwei Weiber Lamme sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn beide prügeln: die Mutter, weil sie besorgt gewesen war, und die Tochter, weil sie dies in der Gewohnheit hatte. Lamme versteckte sich hinter Klaas und schrie: »Ich habe sieben Heller verdient, ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht.« Aber schon schlang die Mutter die Arme um ihn, während die Tochter gewaltsam seine Hände zu öffnen versuchte, um ihm sein Geld zu nehmen. Jedoch Lamme schrie: »Es ist mein, du bekommst es nicht.« Und er schloß die Fäuste. Immerhin zog Klaas das Mädchen tüchtig bei den Ohren und sagte zu ihr: »Wenn du dich noch einmal unterstehst, Streit zu suchen mit deinem Bruder, der gut und sanft ist wie ein Lamm, werde ich dich in ein schwarzes Kohlenloch stecken, und dort werde nicht mehr ich dich an den Ohren ziehen, sondern der rote Höllenteufel, der dich mit seinen großen Krallen in Stücke reißen wird und mit seinen Zähnen, die wie Gaffeln sind.« Auf diese Rede hin wagte es das Mädchen nicht mehr, Klaas anzusehn oder sich Lamme zu nähern, sondern suchte Zuflucht hinter den Röcken ihrer Mutter. Als sie aber in die Stadt kamen, schrie sie allenthalben: »Der Kohlenträger hat mich geschlagen! Er hat den Teufel in seinem Keller.« Gleichwohl schlug sie Lamme von nun an nicht mehr. Als sie aber groß war, ließ sie ihn ihre Arbeit tun; der gute Tropf tat es willig. Klaas verkaufte seinen Fang auf dem Wege an einen Pächter, der auch sonst seine Kundschaft war. Bei der Heimkehr sagte er zu Soetkin: »Da, was ich im Bauche von vier Hechten und neun Karpfen und in einem vollen Korb Aale gefunden habe.« Und er warf zwei Gulden und einen Plappart auf den Tisch. »Warum gehst du nicht tagtäglich fischen, Mann?« fragte Soetkin. Klaas antwortete: »Um nicht am Ende selbst zum Fische zu werden für das Netz der Gemeindeschergen.« IV Man nannte in Damme den Vater Uilenspiegels Klaas den Kooldrager. Klaas hatte schwarzes Haar und blitzende Augen; seine Haut war von der Farbe seines Geschäftes, außer an Sonn- und Festtagen, wo es in seiner Hütte Seife im Überflusse gab. Er war klein, vierschrötig und stark und blickte fröhlich in die Welt. Wann das Tagwerk getan war und der Abend einfiel, ging er wohl in irgendein Wirtshaus auf der Straße nach Brügge, um sich seinen von den Kohlen geschwärzten Schlund mit Kuite zu waschen; dann riefen ihm die Frauen, die auf den Schwellen ihrer Türen die Abendluft schlürften, freundschaftlich zu: »Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger!« Und Klaas antwortete: »Guten Abend und einen Mann, der nicht schläft!« Die Mädchen, die schwarmweise von den Feldern heimkehrten, stellten sich allesamt vor ihn hin, um ihm den Weg zu verlegen, und sagten zu ihm: »Was zahlst du, damit wir dich durchlassen: ein Scharlachband, eine Goldspange, Samtschuhe oder einen Gulden für den Beutel?« Aber Klaas nahm eine um die Mitte und küßte sie auf die prallen Wangen oder den frischen Hals, wohin eben sein Mund näher hatte; dann sagte er: »Das übrige, Kinder, das übrige verlangt von euern Liebhabern.« Und sie gingen weg, sich vor Lachen schüttelnd. Die Kinder kannten Klaas an seiner grölenden Stimme und an seinen schweren Stiefeln; sie liefen zu ihm und sagten: »Guten Abend, Kohlenträger!« »Auch euch möge Gott ihn bescheren, meine Engelchen,« sagte Klaas; »aber kommt mir nicht zu nahe, sonst mache ich Negerlein aus euch.« Immerhin kamen die Kleinen in ihrer Kühnheit näher; dann nahm er eins beim Wams und rieb seine schwarzen Hände an dem frischen Mäulchen, worauf er es entließ, ebenso lachend wie das Kind, zum größten Vergnügen der andern. Soetkin, die Gattin Klaasens, war eine gute Frau, früh wie das Tageslicht auf den Beinen und emsig wie die Ameise. Sie und Klaas bestellten gemeinsam ihr Feld und spannten sich wie die Ochsen vor den Pflug. Beschwerlich war dieses Ziehen, beschwerlicher noch das der Egge, wenn das ländliche Kunstwerk mit seinen hölzernen Zähnen die harte Erde aufreißen sollte; doch sie taten es fröhlichen Herzens und sangen ein Lied dazu. Und der Erde nützte es nichts, daß sie hart war, und die Sonne schoß vergebens ihre heißesten Strahlen auf die beiden herab; krümmten sich ihnen auch die Knie, mußten sie sich auch den Rücken blutig schinden, um die Egge vergeblich zu ziehen – wann bei der Rast Soetkin ihr süßes Antlitz Klaas zuwandte und Klaas diesen Spiegel einer zärtlichen Seele küßte, dann vergaßen sie die große Mühsal. V Tags zuvor war auf den Wehren des Stadthauses ausgerufen worden, daß die Kaiserin, die Gemahlin Kaiser Karls, schwanger sei und daß man Gebete sprechen solle für ihre nahe Entbindung. Katelijne trat bei Klaas ein, am ganzen Körper zitternd. »Was hast du, Gevatterin?« fragte der Biedermann. »Ach,« antwortete sie und sprach weiter nur abgerissene Worte: »Diese Nacht, Gespenster, die Männer niedermähend wie die Schnitter das Gras. – Mädchen, lebendig begraben! und auf ihren Leichnamen tanzte der Henker. – Ein Stein, Blut schwitzend seit neun Monaten, heute nacht geborsten.« »Hab Mitleid mit uns,« wimmerte Soetkin, »hab Mitleid, Herrgott; das sind schlimme Vorzeichen für Flandern.« Klaas fragte: »Hast du das mit deinen Augen gesehn oder im Traume?« »Mit meinen Augen,« sagte Katelijne. Und totenblaß und unter Tränen sprach Katelijne weiter: »Zwei Kindlein sind geboren, das eine in Spanien, das ist das Kind Philipp, das andere in Flandern, das ist der Sohn Klaasens, der späterhin Uilenspiegel zubenannt werden wird. Philipp, gezeugt von Karl dem Fünften, wird zum Henker werden, zum Mörder unsers Landes. Uilenspiegel, wird ein großer Meister sein in fröhlicher Rede und Jugendtollheit, aber sein Herz wird gut sein, da er Klaas zum Vater hat, den wackern Werkmann, der es versteht, in aller Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Schlichtheit sein Brot zu verdienen. Kaiser Karl und König Philipp werden durch das Leben sprengen, als Missetäter durch Schlachten, Bedrückungen und andern Frevel. Klaas, arbeitend die ganze Woche, lebend nach Recht und Gesetz und bei seiner harten Plage, anstatt zu weinen, lachend, wird das Sinnbild der tüchtigen Arbeiter Flanderns sein. Uilenspiegel, der, immer jung, niemals sterben wird, wird durch die Welt eilen, ohne sich jemals an einem Orte sässig zu machen. Und er wird Bauer, Edelmann, Maler, Bildner sein, alles miteinander. Und so wird er durch die Welt wandern, preisend das Schöne und Gute, über die Dummheit spottend mit vollem Munde. Klaas ist dein Mut, du edels Volk von Flandern, Soetkin ist deine tüchtige Mutter, Uilenspiegel ist dein Geist; ein liebes und schmuckes Mädchen, die Gefährtin Uilenspiegels und unsterblich so wie er, wird dein Herz sein, und ein Dickwanst, Lamme Goedzak, wird dein Magen sein. Hoch oben werden die Schinder des Volkes stehn, unten die Opfer, oben die diebischen Drohnen, unten die arbeitsamen Bienen, und im Himmel werden die Wunden Christi bluten.« Nach diesen Worten entschlief Katelijne, die gute Hexe. VI Man trug Uilenspiegel zur Taufe; plötzlich ging ein Regenguß nieder, der ihn ordentlich durchnäßte. So wurde er zum ersten Male getauft. Als sie mit ihm die Kirche betraten, sagte der Küster, der Schoolmeester, dem Paten und der Patin, dem Vater und der Mutter, sie müßten sich rings um das Taufbecken aufstellen; und das taten sie. An der Deckenwölbung, gerade über dem Becken, war von einem Maurer ein Loch gemacht, wo an einem Sterne aus vergoldetem Holze eine Lampe aufgehängt werden sollte. Der Maurer, der von oben den Paten und die Patin stocksteif um das Becken, das zugedeckt war, stehn sah, goß nun tückisch durch das Loch in der Wölbung einen Eimer Wasser aus, und das gab auf dem Deckel des Beckens ein großes Spritzen. Aber Uilenspiegel bekam das meiste. Und so wurde er zum zweiten Male getauft. Der Dechant kam. Sie beklagten sich bei ihm, aber er sagte ihnen, sie möchten sich beeilen, und das sei ein Zufall gewesen. Uilenspiegel zappelte heftig wegen des Wassers, das ihn getroffen hatte. Der Dechant gab ihm Salz und Wasser und nannte ihn Thijlbert, was besagen will »Voller Unruh«. So wurde er zum dritten Male getauft. Aus der Frauenkirche gingen sie gegenüber in der Langestraat in den »Rosenkranz der Flaschen«, wo das Credo von einem Kruge gebildet wurde. Dort tranken sie siebzehn Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn um durchnäßte Leute trocken zu machen, ist es die richtige Art in Flandern, im Wanst ein Feuer mit Bier zu entzünden. So wurde Uilenspiegel zum vierten Male getauft. Als sie bei der Heimkehr den Weg im Zickzack gingen, den Kopf schwerer als den Körper, kamen sie zu einem Stege, der über eine kleine Pfütze gelegt war; Katelijne, die als Patin das Kind trug, tat einen Fehltritt und fiel in den Schlamm samt Uilenspiegel, der also das fünfte Mal getauft wurde. Man zog ihn aus der Pfütze und wusch ihn in Klaasens Hause mit lauem Wasser, und das war seine sechste Taufe. VII An demselben Tage beschloß Seine Heilige Majestät Kaiser Karl, prächtige Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes zu feiern. Wie Klaas beschloß auch er, fischen zu gehn, jedoch nicht in einem Kanale, sondern in den Beuteln und Taschen seiner Völker. Das sind die Stellen, wo die Fischschnüre der Fürsten Cruzados, Silbertaler, Löwengulden und all die wundersamen Fische fangen, die sich nach dem Willen des Fischers in samtene Kleider, kostbare Kleinode, erlesene Weine und leckere Bissen umwandeln. Denn die fischreichsten Bäche sind nicht die, die das meiste Wasser haben. Als er den Rat versammelt hatte, setzte Seine Heilige Majestät fest, daß der Fang auf folgende Weise vor sich gehn solle: Der Herr Infant wird um neun oder zehn Uhr zur Taufe getragen. Die Einwohner von Valladolid werden, um ihre große Freude kundzutun, die ganze Nacht hindurch Feste und Schmause abhalten auf eigene Kosten und werden auf dem Großen Platze ihr Geld den Armen auswerfen. An fünf Straßenecken werden große Brunnen sein, aus denen bis zum Morgen Fluten schweren Weines, den die Stadt bezahlt, fließen werden. An fünf andern Straßenecken werden auf hölzernen Ständern Schlackwürste, Brägenwürste, Fischrogen, Kalbswürste, Ochsenzungen und andere Fleischgerichte ausgelegt sein, ebenfalls auf Kosten der Stadt. Die von Valladolid werden aus eigener Tasche in den Straßen, wo sich der Zug bewegen wird, Triumphbogen in großer Zahl errichten, sinnbildlich darstellend den Frieden, die Freude, den Überfluß, das Glück und alle möglichen Geschenke des Himmels, womit sie unter der Regierung Seiner Heiligen Majestät überschüttet worden sind. Endlich werden außer diesen friedlichen Bogen noch einige andere aufgestellt werden, wo man gemalt in lebendigen Farben weniger milde Schildereien sehn wird, als da sind Adler, Löwen, Lanzen, Hellebarden, Flammenspieße, Donnerbüchsen, Feldstücke, Falkonetten, weitgähnende Mörser und andres Zeuggerät, die die kriegerische Gewalt und Stärke Seiner Heiligen Majestät im Bilde dartun. Was die Lichter für die Beleuchtung der Kirche betrifft, so wird der Gilde der Wachszieher erlaubt sein, mehr als zwanzigtausend Kerzen umsonst zu erzeugen, deren nichtverbrannte Stümpfe dem Kapitel zufallen sollen. Wo es sich um andere Ausgaben handelt, wird diese der Kaiser gern machen und so seinen guten Willen, das Volk nicht zu sehr zu belasten, bezeugen. Als die Stadt daranging, diese Befehle zu vollziehen, kam aus Rom eine traurige Zeitung. Der von Oranien, der von Alençon und Frundsberg, die Feldherrn des Kaisers, waren in die heilige Stadt eingedrungen und hatten dort Kirchen, Kapellen und Häuser verwüstet und geplündert, ohne irgend jemand zu schonen, nicht Priester, nicht Nonnen, weder Frauen noch Kinder. Der Heilige Vater war gefangen gesetzt worden. Nach einer Woche war die Plünderung noch nicht zu Ende, und die Reiter und Landsknechte schwärmten durch Rom, angefressen, betrunken und mit blanken Waffen: sie suchten nach den Kardinälen und sagten, sie würden sie ordentlich ins Leder schneiden, um es ihnen unmöglich zu machen, daß sie jemals Päpste würden; andere, die diese Drohung schon wahr gemacht hatten, schweiften trotzig in der Stadt herum, auf der Brust Rosenkränze von achtundzwanzig und mehr Kugeln, groß wie die Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren rote Bäche, wo die nackt ausgeplünderten Leichen lagen. Etliche behaupteten, der Kaiser habe in seiner Geldnot im kirchlichen Blute fischen wollen und den gefangenen Papst, nachdem er erfahren hatte, was für einen Vertrag ihm seine Feldherren aufgedrungen hatten, gezwungen, ihm alle festen Plätze seiner Staaten abzutreten, 400 000 Dukaten zu bezahlen und so lange in Haft zu bleiben, bis dies ausgerichtet sei. Immerhin war der Schmerz Seiner Majestät groß; er sagte alle Veranstaltungen, Feste und Lustbarkeiten ab und befahl den Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und der Infant wurde in seinen weißen Wickeln getauft; so sind die Wickel bei königlicher Trauer. Dies erklärten die Herren und Damen für ein düsters Vorzeichen. Nichtsdestoweniger präsentierte die Frau Amme den Infanten den Herren und Damen des Hofes, damit sie ihm nach der Gepflogenheit ihre Wünsche und Geschenke darbrächten. Frau von der Coena hängte ihm einen schwarzen Stein um den Hals zum Schütze vor dem Gifte; der hatte die Gestalt und Größe einer Haselnuß, und die Schale war von Gold. Frau von Chauffade band ihm an einem Seidenfaden, der über den Magen herabhing, eine Lambertsnuß an, die die gute Verdauung der Speise beschleunigen sollte. Messire van den Steen aus Flandern bot ihm eine Schlackwurst aus Gent, fünf Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte Seiner Hoheit in Ehrfurcht, daß sie auf ihren Geruch allein Durst nach gentischem Klauwaart bekomme, wobei er sagte, wer das Bier einer Stadt liebe, könne die Brauer nicht hassen. Junker Jakob Christoph von Castilien bat den gnädigsten Herrn, den Infanten, an seinen kleinen Füßen einen grünen Jaspis zu tragen, der ihn gut laufen machen werde. Jan de Paepe, der Narr, der da war, sagte: »Messire, schenkt ihm lieber das Horn Josuas, bei dessen Schalle alle Städte im tüchtigen Trabe vor ihm laufen sollen, um ihre Örtlichkeit zu wechseln, samt allen Einwohnern, Männern, Weibern und Kindern; denn der gnädigste Herr soll nicht lernen zu laufen, sondern die andern laufen zu machen.« Die verweinte Witwe von Floris van Borsele, der der Herr von Veere in Seeland gewesen war, schenkte dem gnädigsten Herrn Philipp einen Stein, von dem sie sagte, er mache die Männer liebenswürdig und die Frauen trostlos. Aber der Infant wimmerte wie ein Kalb. Zu derselben Zeit gab Klaas seinem Sohne eine Klapper aus Weidenholz mit Schellen in die Hände und sagte, indem er Uilenspiegel auf seiner Hand tanzen ließ: »Schellen, klingende Schellen, könntest du sie nur immerdar an deinem Hute tragen, du kleiner Mann; denn es sind die Narren, die allzeit die Welt beherrschen.« Und Uilenspiegel lachte. VIII Klaas hatte einen großen Salm gefangen, und diesen Salm aß er eines Sonntags mit Soetkin, Katelijne und dem kleinen Uilenspiegel; aber Katelijne aß nicht mehr als ein Vogel. »Gevatterin,« sagte Klaas zu ihr, »ist denn die Luft Flanderns derzeit so stark, daß du nur zu atmen brauchst, um ebenso satt zu sein wie von einer Schüssel Fleisch? Wird man denn jemals so leben können? Der Regen gäbe eine gute Suppe, hageln würde es Bohnen, und der Schnee würde als himmlisches Hackfleisch den armen Wanderer erquicken.« Katelijne schüttelte den Kopf und gab keinen Laut von sich. »Seht nur,« sagte Klaas, »die Gevatterin ist traurig. Was ist es denn, was sie härmt?« Aber Katelijne sprach mit einer Stimme, die einem Hauche glich: »Der Böse, schwarz fällt die Nacht ein. – Ich höre ihn, wie er sein Kommen anzeigt – schreiend wie ein Adler. – Erschauernd flehe ich zu Unserer Frau – vergebens. – Für ihn gibts keine Mauer, keinen Zaun, nicht Tür noch Fenster. Er dringt allerorts durch wie ein Geist. – Die Leiter knarrt. – Er ist bei mir auf dem Boden, wo ich schlafe. Er packt mich mit seinen kalten Armen, hart wie Marmor. – Das Antlitz eisig, die Küsse feucht wie Schnee. – Die Hütte schwankt auf der Erde und bewegt sich gleich einem Kahne auf stürmischer See. ...« Und Klaas sagte: »Du mußt allmorgendlich zur Messe gehn, damit dir der Herr Jesus die Kraft gebe, dieses Gespenst zu verjagen, das aus der Unterwelt kommt.« »Er ist so schön!« sagte sie. IX Uilenspiegel wuchs, als er entwöhnt war, wie eine junge Pappel. Klaas küßte ihn jetzt nicht mehr so häufig, aber er liebte ihn in einer herben Art, um ihn ja nicht zu verzärteln. Wann Uilenspiegel beim Nachhausekommen klagte, er habe bei einem Raufhandel Püffe bekommen, schlug ihn Klaas, weil nicht er die andern geschlagen habe; und bei dieser Erziehung wurde Uilenspiegel stark wie ein junger Leu. Wann Klaas abwesend war, verlangte Uilenspiegel von Soetkin einen Kreuzer, um spielen zu gehn. Unwillig sagte Soetkin: »Was hast du not, spielen zu gehn? Bleib lieber daheim und binde Wieden!« Wann nun Uilenspiegel sah, daß sie ihm nichts gab, schrie er wie ein Adler; aber Soetkin schlug mit den Pfannen und Schüsseln, die sie in einem hölzernen Troge wusch, einen mächtigen Lärm, als ob sie ihn nicht mehr anhören wollte. Nun begann Uilenspiegel zu weinen, und die süße Mutter ließ ab von ihrer verstellten Härte, trat zu ihm, liebkoste ihn und sagte: »Hast du genug mit einem Silbergroschen?« Nun müßt ihr wissen, daß der Groschen sechs Kreuzer galt. Also liebte sie ihn allzusehr, und wann Klaas nicht da war, war Uilenspiegel König im Hause. X Eines Morgens sah Soetkin, daß Klaas, den Kopf gesenkt, in der Küche herumirrte, wie ein Mensch, der in Gedanken verloren ist. Sie sagte: »Was hast du für einen Kummer, Mann? Du bist bleich, unmutig und zerstreut.« Klaas antwortete mit dumpfer Stimme, wie ein Hund, der greint: »Sie wollen die grausamen Plakate des Kaisers erneuern. Der Tod wird von neuem über Flandern schweben. Die Angeber werden die Hälfte des Gutes der Opfer erhalten, außer das Gut ist größer als hundert Karlsgulden.« »Wir sind arm,« sagte sie. »Arm wohl,« antwortete er, »aber doch nicht arm genug. Es gibt solche jämmerliche Menschen, Geier und Raben, die von Leichen leben, die uns, um mit Seiner Majestät einen Korb Kohlen zu teilen, geradeso angeben werden, wie wenn es sich um einen Sack Karlsgulden handelte. Was besaß denn das arme Tanneken, die Witwe von Sies dem Schneider, die in Heist versterben mußte, lebendig begraben? Außer einer lateinischen Bibel und drei Gulden noch ein wenig Geschirr aus englischem Zinn, wonach ihre Nachbarin lüstern war. Joanna Martens ist ins Wasser geworfen, dann aber als Hexe verbrannt worden; denn ihr Körper hatte oben geschwommen, und darin sah man Zauberei. Sie besaß einen armseligen Hausrat und in einem Beutel sieben Karlsgulden, und der Angeber wollte die Hälfte haben! Ach, bis morgen, Weib, könnte ich dir so erzählen, aber laß nur, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr lebensmöglich wegen dieser Plakate. Bald wird allnächtlich der Karren des Todes durch die Stadt fahren, und wir werden das Gerippe sich tummeln hören mit dem dürren Klirren seines Gebeins.« Soetkin sagte: »Du brauchst mir keine Angst zu machen, Mann. Der Kaiser ist der Vater von Flandern und Brabant und als Vater begabt mit Langmut, Milde, Duldsamkeit und Erbarmen.« »Er würde dabei zu viel verlieren,« antwortete Klaas; »er erbt ja das eingezogene Gut.« Plötzlich erklang die Trompete des Stadtherolds, und seine Zimbeln schrillten. Klaas und Soetkin, die abwechselnd Uilenspiegel trugen, liefen auf den Lärm mit der Volksmenge hin. Als sie zum Stadthause kamen, hielten dort die Herolde zu Pferde, die Trompete blasend und die Zimbeln schlagend, und der Profoß, den Stab der Gerechtigkeit in der Hand; und der Stadtprokurator, hoch zu Roß, hielt eine Verordnung des Kaisers in beiden Händen und schickte sich an, sie vor der Volksmenge zu verlesen. Klaas verstand gar wohl, daß darin von neuem allen, allgemein und einzeln, verboten wurde, zu drucken, zu lesen, zu besitzen oder zu bewahren die Schriften, Bücher und Lehren von Martin Luther, Johannes Wiclif, Johannes Huß, Marsilius von Padua, Oecolampadius, Ulricus Zwingli, Philippus Melanchthon, Franciscus Lambertus, Johannes Pomeranus, Otto Brunfelsius, Justus Jonas, Johannes Puperis und Gorcianus, ferner die Drucke des Neuen Testaments von Adriaan van Bergen, Christoffel van Remonda und Joannes Zel, voll lutherischer und anderer Irrlehren, verworfen und verdammt von der theologischen Fakultät der Universität zu Löwen. »Gleichfalls das Malen oder Konterfeien oder das Bestellen des Malens oder Konterfeiens von schmählicher Schilderei oder Afterbildern Gottes und der heiligen Jungfrau Maria oder seiner Heiligen und das Zerbrechen, Vernichten oder Verwischen von Bildern oder Konterfeien, die gemacht worden sind zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis für Gott und die heilige Jungfrau oder die von der Kirche anerkannten Heiligen.« Überdies, besagte das Edikt, sollte sich niemand, wes Standes er immer sei, unterstehn, in der Heiligen Schrift zu unterrichten oder über sie zu streiten, dies nicht einmal bei zweifelhaften Stellen, außer er sei ein wohlberufener Theologe, anerkannt von einer namhaften Universität. Unter andern Strafen setzte Seine Heilige Majestät fest, daß die Verdächtigen nie und nimmer sollten ein Ehrenamt bekleiden dürfen. Leute, die in ihren Irrtum zurückfielen oder widerspenstig seien, die sollte man verurteilen, verbrannt zu werden an einem linden oder einem lebhaften Feuer, in einem Strohgehäuse oder an einen Pfosten gefesselt, je nach dem Gutdünken des Richters. Die andern sollten gerichtet werden durch das Schwert, wenn sie Edelleute oder gute Bürger seien, gemeine Mannsleute aber am Galgen und die Frauen durch Eingraben. Ihre Köpfe sollten zum abschreckenden Beispiele auf Pfählen aufgepflanzt werden. Dazu hatte noch, zum Vorteile des Kaisers, die Einziehung aller Güter zu erfolgen, die an Plätzen lagen, welche der Einziehung unterworfen waren. Seine Heilige Majestät bewilligte den Angebern die Hälfte alles dessen, was die Toten besessen hatten, wenn nicht ihre Habe alles in allem den Betrag von hundert Pfund Groschen flandrisches Geld überstieg. Für seinen Teil behielt sich der Kaiser vor, ihn auf Werke der Frömmigkeit und Barmherzigkeit anzuwenden, wie ers beim Sacco di Roma getan hat. Traurig ging Klaas mit Soetkin und Uilenspiegel weg. XI Da das Jahr gut gewesen war, kaufte Klaas um sieben Gulden einen Esel und neun Scheffel Erbsen. Eines Morgens bestieg er sein Tier, und Uilenspiegel hielt sich hinter ihm an der Kruppe. In diesem Aufzug reisten sie Uilenspiegels Oheim, Klaasens ältern Bruder, besuchen, Judocus Klaas, der in Deutschland wohnte, nicht weit von Meiborg. Judocus, der in seinen guten Jahren einfältig und weichherzig gewesen war, hatte vielerlei Ungerechtigkeit erleiden müssen und war verbittert geworden: sein Blut hatte sich in schwarze Galle verwandelt, er hegte Haß gegen die Menschen und lebte fürder einsam. Nun war es ihm ein Vergnügen, zwei sogenannte treue Freunde zum Raufen zu bringen; und er gab drei Plappart dem, der den andern bitterer puffte. Auch liebte er es, in einem wohlgeheizten Saale Weiber zu versammeln, in großer Zahl und gerade die ältesten und giftigsten, und er gab ihnen geröstetes Brot zu essen und Hippokras zu trinken. Denen, die mehr als sechzig Jahre hatten, gab er Wolle, damit sie in einem Winkel strickten, und er schärfte ihnen allzeit ein, sie sollten ihre Nägel lang wachsen lassen. Und es war wundersam, dies Poltern, Zungenplätschern, böse Tratschen, Husten und heisere Ausschleimen dieser alten Hexen zu hören, die, ihre Nadelhälter unter den Achseln, gemeinschaftlich an der Ehre des Nächsten knapperten. Wann dann Judocus sah, daß sie so recht im Gange waren, warf er Borsten ins Feuer; durch ihr Verbrennen ward die Luft sofort mit Gestank erfüllt. Nun warfen sich die Weiber, alle auf einmal redend, gegenseitig vor, die Ursache des Geruches zu sein; da sie es aber durch die Bank leugneten, rissen sie einander bald an den Haaren, und Judocus warf weiter Borsten ins Feuer und auf die Erde abgeschnittenes Pferdehaar. Wann endlich das Getümmel so wild, der Rauch so dick und der Staub so hoch aufgewirbelt war, daß er nichts mehr sehn konnte, holte er zwei seiner Diener, die als Stadtschergen verkleidet waren, und die mußten die Alten mit mächtigen Gertenhieben aus dem Saale jagen wie eine Herde wild gewordener Gänse. Und bei der Besichtigung der Walstatt fand Judocus Fetzen von Röcken, von Strümpfen und von Hemden und alte Zähne. Und ganz traurig sprach er zu sich: »Der Tag ist verloren; keine hat im Getümmel die Zunge gelassen.« XII In der Vogtei von Meiborg kam Klaas durch ein Wäldchen; trottend weidete der Esel die Disteln ab, und Uilenspiegel warf seine Mütze nach den Schmetterlingen und erhaschte sie wieder, ohne den Rücken des Grautiers zu verlassen. Klaas aß eine Schnitte Brot mit der Absicht, sie in der nächsten Schenke tüchtig zu befeuchten. Von der Ferne hörte er den Klang eines Glöckleins und den Lärm eines großen Haufens durcheinander sprechender Menschen. »Das ist«, sagte er, »irgendeine Wallfahrt, und die Herrn Wallfahrer sind zweifellos zahlreich. Halte dich nur, mein Sohn, auf dem Hengste, damit sie dich nicht herunterstoßen. Gehn wir schauen. Vorwärts, Grauchen, friß mein Fersen!« Und das Grauchen setzte sich in Trab. Als sie über den Rand des Waldes hinaus waren, ging es abwärts gegen eine weite Hochebene, die an ihrem westlichen Hange von einem Flusse eingesäumt wurde; an der Seite des östlichen Hanges war eine kleine Kapelle erbaut: der Giebel trug das Bild Unserer Frau, ihr zu Füßen zwei kleine Figuren, deren jede einen Stier darstellte. Auf den Stufen der Kapelle standen grinsend ein Einsiedler, der das Glöckchen läutete, fünfzig Büttel mit brennenden Kerzen, Trommler, Zinkenisten, Pfeifer, Schalmeien- und Dudelsackbläser und ein Troß fröhlicher Gesellen, die eiserne Kästchen voll alten Eisenzeugs in der Hand hielten; aber in diesem Augenblicke war alles ruhig. Fünftausend und mehr Wallfahrer kamen daher in geschlossenen Reihen zu sieben Mann; auf dem Haupte hatten sie Helme, und in den Händen trugen sie Stöcke von grünem Holze. Und wenn neue also behelmte und gewappnete dazukamen, so ordneten sie sich mit großem Getöse hinter die andern. Zu sieben und sieben bei der Kapelle vorbeiziehend, ließen sie ihre Stöcke segnen, erhielten jeder eine Kerze aus den Händen der Büttel und zahlten dafür Mann für Mann dem Einsiedler einen halben Gulden. Und ihr Zug war so lang, daß die Kerzen der vordersten mit ihrem Dochte zu Ende waren, bevor die der letzten anbrennen konnten vor der Fülle des Talges. Mächtig verdutzt sahen also Klaas, Uilenspiegel und der Esel eine große Mannigfaltigkeit von Wanstträgern, Trägern von weiten, hohen, langen, spitzigen, trotzigen, festen oder schlaff auf die natürliche Unterlage fallenden Wänsten. Und all diese Wallfahrer trugen Helme. Sie hatten solche von Troja und ähnlich den phrygischen Mützen oder gekrönt von einem Busche roten Haars; manche, obgleich pausbackig und panstig, trugen Helme mit ausgespannten Vogelflügeln, ohne auch nur eine Ahnung von der Voglerei zu haben, und dann kamen einige mit Pickelhauben, die den Heringen zu schlecht gewesen wären. Aber die meisten trugen so alte und verrostete Helme, daß sie auf die Zeiten von Gambrinus zurückzugehn schienen, dem Könige Flanderns und des Bieres, der neunhundert Jahre vor Unserm Herrn lebte und sich, damit er nicht wegen des Mangels eines Bechers aufs Trinken verzichten müsse, eine Kanne aufs Haupt setzte. Plötzlich läuteten, wimmerten, donnerten, hämmerten, kläfften, brausten, klirrten die Glocken, Dudelsäcke, Schalmeien und Eisenstücke. Auf dieses Getöse, das ein Signal für sie war, kehrten die Wallfahrer um, stellten sich in Rotten zu sieben einander gegenüber und stießen sich gegenseitig, statt einer Herausforderung, die brennenden Kerzen unter die Nase. Da gabs denn ein mächtiges Niesen. Und das Grünholz regnete. Und sie schlugen einander mit den Fäusten, den Köpfen, den Absätzen und allem. Manche stürzten sich auf ihre Gegner wie die Widder, den Helm voran, rannten in diesen hinein bis an die Schultern und fielen, blind geworden, auf eine Siebenerrotte wütender Wallfahrer, von denen sie ohne Milde empfangen wurden. Andere, Greiner und Memmen, klagten über die erhaltenen Schläge; während sie aber ihren traurigen Rosenkranz murmelten, stürzten, wild wie der Wetterstrahl, zwei Siebenerrudel kämpfender Wallfahrer über sie und warfen die armen Greiner zur Erde und rasten mitleidslos über sie hinweg. Und der Einsiedler lachte. Andere Siebenerrudel, die einander festhielten wie die Traube den Schuß, rollten den Hang hinunter in den Fluß, und auch dort prügelten sie sich, ohne daß sich ihre Wut gekühlt hätte. Und der Einsiedler lachte. Die, die oben geblieben waren, schlugen sich die Augen dick, zerstießen sich die Zähne, rissen sich die Haare aus und zerfetzten sich Wams und Hosen. Und der Einsiedler lachte und sagte: »Mut, Freunde, je besser einer schlägt, desto stärker ist seine Liebe. Den tüchtigsten Kampen die Liebe ihrer Schönen! Unsere Frau von Rindbisbels, hier ist es, wo man sieht, wer ein Mann ist!« Und die Wallfahrer gaben sichs nach Herzenslust. Inzwischen hatte sich Klaas dem Einsiedler genähert, während Uilenspiegel lachend und schreiend den Hieben Beifall klatschte. »Mein Vater,« sagte Klaas, »was für ein Verbrechen haben denn diese armen Schlucker begangen, daß sie sich so grausam schlagen müssen?« Aber ohne auf ihn zu hören, schrie der Einsiedler: »Ihr Bärenhäuter, ihr verliert den Mut! Wenn die Fäuste müde sind, sind es deswegen auch die Füße? Gott verdamm mich! Da gibts Leute, die die Beine haben, um davonzulaufen wie die Hasen! Was läßt das Feuer aus dem Steine spritzen? Das Eisen, das ihn schlägt. Was ists, was die Manneskraft der alten Leute belebt, wenn nicht eine tüchtige Tracht Prügel, gewürzt mit männlicher Wut?« Auf diese Worte hin fuhren die braven Pilger fort, aufeinander loszugehn mit den Helmen, den Händen und den Füßen. Es war ein so wildes Getümmel, daß Argus samt seinen hundert Augen nichts hätte unterscheiden können, als den aufwallenden Staub und dann und wann eine Helmspitze. Plötzlich läutete der Einsiedler die Glocke. Die Pfeifen, die Trommeln, die Trompeten, die Dudelsäcke, die Schalmeien und das Eisenzeug verstummten. Und das war das Zeichen des Friedens. Die Wallfahrer lasen ihre Verwundeten zusammen. Unter diesen sah man manche, denen die vor Wut geschwollenen Zungen zum Maule heraushingen; aber die Jungen kehrten von selbst in ihre gewohnte Pfalz zurück. Das Schwierigste war, die von den Helmen zu lösen, die sie sich bis an den Hals hinaufgerannt hatten und nun den Kopf schüttelten, freilich ohne daß die Helme anders gefallen wären als grüne Zwetschen. Unterdessen sagte ihnen der Einsiedler: »Sprecht jeder ein Ave und kehrt heim neben euere Weiber. In neun Monaten wirds in der Vogtei um so viel Kinder mehr geben, als es heute auf der Walstatt tüchtige Kämpen gab.« Und der Einsiedler sang das Ave, und alle sangen mit ihm. Und das Glöcklein läutete. Dann segnete er sie im Namen Unserer Frau von Rindbisbels und sagte zu ihnen: »Ziehet hin in Frieden!« Sie zogen von dannen nach Meiborg, schreiend, sich stoßend und singend. Und die Weiber, alte und junge, erwarteten sie auf der Schwelle der Häuser, wo sie eindrangen wie die Kriegsknechte in eine im Sturme genommene Stadt. Die Glocken von Meiborg dröhnten im vollen Schwunge; die Buben pfiffen, schrien und spielten auf dem Rommelpot. Die Kannen, Humpen, Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen klingklangelten wunderbar. Und der Wein floß in Strömen in die Kehlen. Während dieses Geläutes und während der Wind die Stimmen der singenden Männer, Frauen und Kinder stoßweise zu ihm herübertrug, sprach Klaas abermals mit dem Einsiedler und fragte ihn, was das für eine himmlische Gnade sei, die die braven Leute durch dies rauhe Gehaben zu erlangen hofften. Lachend antwortete ihm der Einsiedler: »Du siehst auf dieser Kapelle zwei Bildwerke, die zwei Stiere darstellen. Sie sind hier angebracht zum Gedächtnis des Wunders, das der heilige Martin verrichtet hat: er hat nämlich zwei Ochsen in Stiere verwandelt, indem er sie einander mit den Hörnern stoßen ließ, ihnen dann mit einer Kerze übers Maul strich und sie mit grünem Holze eine Stunde lang und noch länger schlug. In Kenntnis dieses Wunders und ausgestattet mit einem Breve Seiner Heiligkeit, das ich teuer bezahlt habe, habe ich mich hier niedergelassen. Von Stund an waren auf meine Predigten hin alle alten Hustriche und Wanstträger von Meiborg und dem Lande herum sicher, daß sie sich nach einer tapfern Schlägerei mit der Kerze, das ist die Salbung, und mit dem Stocke, das ist die Stärke, Unsere Frau günstig stimmen würden. Die Weiber schicken ihre alten Männer her. Die Kinder, die durch die Kraft der Wallfahrt geboren werden, sind ungeschlacht, kühn, wild und behend und geben vollkommene Soldaten.« Gählings sagte der Einsiedler zu Klaas: »Kennst du mich?« »Ja,« antwortete Klaas; »du bist mein Bruder Judocus.« »Der bin ich,« erwiderte der Einsiedler; »wer ist denn aber der kleine Kerl da, der mir Fratzen schneidet?« »Das ist dein Neffe.« »Was ist bei dir für ein Unterschied zwischen mir und Kaiser Karl?« »Der ist groß,« antwortete Klaas. »Er ist klein,« versetzte Judocus; »denn wir tun beide dasselbe zu unserm Vorteile und Vergnügen: er läßt die Menschen einander töten und ich sie einander schlagen.« Dann führte er sie in seine Einsiedelei, und dort zechten und schmausten sie elf Tage lang ohne einen Waffenstillstand. XIII Als Klaas Urlaub nahm von seinem Bruder, bestieg er wieder seinen Esel; Uilenspiegel saß hinter ihm auf der Kruppe. Sie kamen über den großen Platz von Meiborg, und dort sah Klaas eine große Anzahl von Wallfahrern, in Haufen zusammengerottet, die bei ihrem Anblicke plötzlich in Wut kamen und, ihre Stöcke schwingend, allesamt schrien: »Nichtsnutz!«; die Ursache war Uilenspiegel, der, die Hosen offen, das Hemd geschürzt hatte und ihnen sein andres Gesicht zeigte. Klaas sah, daß ihr Drohen seinem Sohne galt, und fragte ihn: »Was hast du getan, daß die so ungehalten sind über dich?« »Lieber Vater,« antwortete Uilenspiegel, »ich sitze ganz ruhig auf dem Esel, und derweil schelten sie mich einen Nichtsnutz.« Nun setzte ihn Klaas vor sich. In dieser Stellung reckte Uilenspiegel die Zunge auf die Wallfahrer; die zeigten ihm wütend die Fäuste und wollten mit erhobenen Stöcken auf Klaas und den Esel los. Aber Klaas ferste seinen Esel, um ihrem Grimme zu entrinnen; während sie verfolgt wurden, sagte er, schon halb außer Atem, zu seinem Sohne: »Du bist doch an einem richtigen Unglückstage geboren: du sitzt vor mir, du tust niemand was zuleide, und sie wollen dich erschlagen.« Uilenspiegel lachte. Als sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klaas, daß die armen Teufel von Rivage Hungersnot litten und daß man sie der Rechtsprechung des Offizials, eines Tribunals von geistlichen Richtern, unterworfen hatte. Sie erhoben sich, um Brot und weltliche Richter zu bekommen. Einige wurden enthauptet oder gehenkt und die andern des Landes verwiesen; so groß war damals die Güte des Herrn von der Mark, des milden Erzbischofs. Klaas sah auf dem Wege die Verwiesenen, fliehend aus dem süßen Tale von Lüttich, und an den Bäumen nahe der Stadt die Leichname der ihres Hungers wegen gehenkten Menschen. Und er weinte über sie. XIV Auf seinem Esel reitend, kam er nach Hause, ausgestattet mit einem Sacke voller Plapparte, den ihm samt einem schönen Humpen aus englischem Zinn sein Bruder Judocus geschenkt hatte; nun lebten sie in der Hütte Sonntags und Wochentags in Saus und Braus und aßen alltäglich Fleisch und Bohnen. Klaas goß sich immer wieder Doppelbier ein und leerte gar oft den großen Humpen aus englischem Zinn. Uilenspiegel aß für drei und weidete in den Schüsseln wie ein Spatz im Kornschober. »Schau,« sagte Klaas, »er ißt auch das Salzfaß.« Uilenspiegel antwortete: »Wenn das Salzfaß, so wies bei uns zutrifft, ein gehöhltes Stück Brot ist, so muß man es manchmal essen, damit nicht Würmer drin wachsen, wann es alt wird.« »Warum«, fragte Soetkin, »wischst du dir die fetten Hände an den Hosen ab?« »Das geschieht,« antwortete Uilenspiegel, »damit mir die Nässe nicht an die Beine kann.« Daraufhin tat Klaas einen tiefen Schluck Bier aus seinem Humpen. Uilenspiegel sagte zu ihm: »Warum hast du eine so große Kanne, wo ich nur ein winziges Becherlein habe?« Klaas antwortete: »Weil ich dein Vater bin und der Herr im Hause.« Uilenspiegel entgegnete: »Du trinkst seit vierzig Jahren, ich erst seit neun; deine Zeit ist vorbei, die meine ist gekommen: daher ists an mir, den Humpen zu haben, und an dir, den Becher zu nehmen.« »Sohn,« sagte Klaas, »wer in ein Fäßlein das Maß einer Tonne gießen wollte, würde das Bier in die Gosse schütten.« »Du wirst doch vernünftig sein,« antwortete Uilenspiegel, »und dein Fäßlein in meine Tonne gießen; ich bin ja größer als dein Humpen.« Und fröhlich gab ihm Klaas den Humpen, auf daß er ihn leere. Und so lernte Uilenspiegel ums Trinken zu reden. XV Soetkin trug unter dem Gürtel das Zeichen einer neuen Mutterschaft. Auch Katelijne war schwanger; doch getraute sie sich vor Angst nicht aus dem Hause. Wann Soetkin sie besuchen kam, sagte Katelijne ganz traurig: »Ach, was werde ich mit der armen Frucht meiner Lenden anfangen? Soll ich sie ersticken? Lieber möchte ich sterben. Wenn mich aber die Schergen greifen, weil ich als Ledige ein Kind habe, werde ich wie eine Hübscherin zwanzig Gulden zahlen müssen und werde gestäupt werden auf dem Großen Markte.« Nun sagte ihr Soetkin, um sie zu trösten, ein paar liebe Worte; sie verließ sie und kam versonnen heim. Endlich sagte sie eines Tages zu Klaas: »Mann, wenn ich so anstatt eines Kindes zwei hätte, würdest du mich schlagen?« »Ich weiß nicht,« antwortete Klaas. »Aber,« sagte sie, »wenn das zweite nicht von mir käme, sondern so wie das Katelijnens das Werk eines Unbekannten wäre, vielleicht des Teufels?« Klaas antwortete: »Die Teufel erzeugen Feuer, Mord und Rauch, aber Kinder, nein. Ich werde Katelijnens Kind als meines annehmen.« »Das würdest du tun?« »Ich habe es gesagt.« Soetkin ging zu Katelijne, um ihr diese Neuigkeit zu berichten. Die konnte sich auf diese Botschaft hin kaum halten vor Freude und rief in Verzückung: »Er hat gesprochen, der Biedermann, gesprochen für das Heil meines Leibes. Er wird gesegnet sein von Gott und wird gesegnet sein vom Teufel, wenn es«, sagte sie erschauernd, »ein Teufel war, der dich gezeugt hat, dich armes Ding, das sich unter meinem Herzen rührt.« Soetkin brachte einen Sohn zur Welt, Katelijne eine Tochter. Beide wurden als Kinder Klaasens zur Taufe gebracht. Der Sohn Soetkins, der Hans genannt worden war, blieb nicht am Leben; die Tochter Katelijnens, Nele geheißen, geriet gut. Nele trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, das waren die zwei Katelijnens und die zwei Soetkins. Und die beiden Frauen stritten liebreich, wer dem Kinde zu trinken geben solle. Ihrem Herzenswunsche zum Trotze war aber Katelijne gezwungen, ihre Milch versiegen zu lassen, damit man sie nicht einmal frage, woher sie sie habe, ohne Mutter zu sein. Als ihre Tochter, die kleine Nele, entwöhnt war, nahm sie sie zu sich und ließ sie nicht zu Soetkin gehn, bevor sie sie Mutter genannt hatte. Die Nachbarn sagten, von Katelijne, die vermögend war, sei es schön, daß sie das Kind von Klaas erziehe, der mit seiner Familie ärmlich wie stets sein dürftiges Leben führte. XVI Eines Morgens fühlte Uilenspiegel Langeweile, da er sich allein zu Hause befand; da zerschnitt er einen Schuh seines Vaters, um daraus ein Schiffchen zu machen. Schon hatte er den Hauptmast in der Sohle befestigt und das Oberleder zerlöchert, um das Bugspriet anzubringen, als er halb in der Tür den Oberleib eines Reiters und einen Pferdekopf erscheinen sah. »Ist jemand da?« fragte der Reiter. »Ja,« antwortete Uilenspiegel; »ein und ein halber Mensch und ein Pferdekopf.« Der Reiter fragte: »Wieso?« Uilenspiegel antwortete: »Nun, ich sehe herinnen einen Menschen, der bin ich, einen halben Menschen, das ist dein Oberleib, und einen Pferdekopf, das ist der deines Tieres.« Und der Mann fragte: »Wo sind deine Eltern?« Uilenspiegel antwortete: »Mein Vater ist gegangen, es immer schlimmer zu machen, und die Mutter beschäftigt sich damit, uns Schande oder Schaden zu machen.« »Wie das?« sagte der Reiter. Uilenspiegel antwortete: »Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer, damit die Jäger, die sein Korn zertreten, einen schlimmern Fall tun sollen. Die Mutter ist Geld borgen gegangen; wenn sie zu wenig heimbringt, wird das eine Schande für uns sein, wenn sie aber zu viel bringt, dann schadet es uns.« Nun fragte ihn der Mann, wo er reiten solle. »Dort, wo die Gänse gehn,« antwortete Uilenspiegel. Der Mann schied und kam gerade zurück, als Uilenspiegel aus dem andern Schuh Klaasens eine Rudergaleere machte. »Du hast mich gefoppt,« sagte er; »dort wo die Gänse sind, gibts nichts als Dreck und Schlamm, und drin patschen sie herum.« Uilenspiegel antwortete: »Ich habe dir ja nicht gesagt, du sollest dort reiten, wo die Gänse herumpatschen, sondern dort, wo sie gehn.« »So zeig mir wenigstens den Weg, der nach Heist geht.« Und Uilenspiegel sagte: »In Flandern sind es die Leute, die gehn, und nicht die Wege.« XVII Soetkin sagte eines Tages zu Klaas: »Mann, mein Herz ist bekümmert: nun sind es drei Tage, daß Thijl vom Hause weg ist; weißt du nicht, wo er ist?« Klaas antwortete traurig: »Dort ist er, wo die herumstreichenden Hunde sind, auf irgendeiner Landstraße mit andern Taugenichtsen von seiner Gattung. Es war grausam von Gott, uns einen solchen Sohn zu bescheren. Bei seiner Geburt sah ich in ihm die Freude unserer alten Tage, ein nützliches Werkzeug mehr im Hause, und ich dachte aus ihm einen arbeitsamen Menschen zu machen; und das Verhängnis macht aus ihm einen Spitzbuben und Tagedieb.« »Sei nicht so hart. Mann,« sagte Soetkin; »unser Sohn, der doch erst neun Jahre ist, steckt mitten in der Kindertollheit. Muß er es denn nicht so machen wie die Bäume, die den Spelz auf den Weg fallen lassen, bevor sie ihre Blätter hervorbringen? Und was bei den Bäumen die Blätter, das sind bei den Menschen Ehrbarkeit und Tugend. Er ist ja übermütig, ich weiß es sehr wohl, aber sein Übermut wird später zu seinem Vorteile ausschlagen, wann er ihn einmal, anstatt wie jetzt zu schlimmen Streichen, in irgendeinem nützlichen Handwerke verwendet. Er macht sich ja gerne über die Leute lustig, aber dafür wird er späterhin seinen Platz in einer fröhlichen Brüderschaft trefflich ausfüllen. Er lacht ja ohne Unterlaß; aber diese sauertöpfischen Gesichter bei unreifen Kindern sind ein schlimmes Vorzeichen für ihr künftiges Aussehn. Wenn er herumtollt, so ists deswegen, weil er wachsen muß, wenn er nichts arbeitet, so ist er noch nicht in dem Alter, wo man begreift, daß es notwendig ist zu arbeiten, und wenn er manchmal Tag und Nacht, ja eine halbe Woche nicht heimkommt, so weiß er eben nicht, was für einen Schmerz er uns antut: denn sein Herz ist gut, und er hat uns lieb.« Klaas schüttelte den Kopf und antwortete nichts; als er dann schlief, weinte Soetkin allein. Am Morgen ging sie in dem Gedanken, ihr Sohn liege am Ende krank an irgendeiner Straßenecke, zur Türschwelle, sehn, ob er denn nicht zurückkomme; da sie aber nichts sah, setzte sie sich ans Fenster, um die Straße zu überblicken. Und gar oft hüpfte ihr das Herz in der Brust, wann sie den leichten Tritt eines kleinen Jungen hörte; kam er aber vorbei, so sah sie, daß es nicht Uilenspiegel war, und dann weinte sie wieder, die bekümmerte Mutter. Unterdessen war Uilenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Kameraden auf dem Samstagsmarkte in Brügge. Dort sahen sie die Schuster und die Schuhflicker in getrennten Buden, die Schneider und Kleiderhändler, die Meezenvangers von Antwerpen, die die Meisen des Nachts mit dem Uhu fangen, die Geflügelhändler, die Verkäufer zusammengestohlener Hunde, die Händler mit Katzenfellen, woraus Handschuhe, Westen und Wämser verfertigt werden, Einkäufer aller Art, Bürger und Bürgerfrauen, Diener und Mägde, Brotmeister, Schaffner, Köche und Küchenmädchen und alle miteinander, Kaufleute und Kunden, je nach ihrem Geschäfte die Ware ausschreiend oder verschreiend, preisend oder schlechtmachend. In einem Winkel des Marktes war ein schönes Leinwandzelt, aufgespannt an vier Pflöcken. Beim Eingange dieses Zelts zeigte ein Bauer aus dem Niederlande von Aalst, ihm zur Seite zwei Mönche, die des Gewinns halber da waren, den neugierigen Frommen für einen Plappart ein Stück Knochen aus der Schulter der heiligen Maria von Ägypten. Mit heiserer Stimme plärrte er die Verdienste der Heiligen her, ohne in seinem Singsang zu vergessen, wie sie, als es ihr an Geld gebrach, einen jungen Fährmann mit der liebenswürdigen Münze der Natur bezahlt hat, um nicht durch die Verweigerung des Arbeitslohnes wider den Heiligen Geist zu sündigen. Und die zwei Mönche neigten ihr Haupt zum Zeichen, daß der Bauer wahr sprach. Dicht an ihrer Seite war ein derbes rotbackiges Weib, üppig wie Astarte, die einen schlechten Dudelsack mit Ungestüm aufblies, während neben ihr ein kleines Mägdlein sang wie ein Rotkehlchen; aber niemand achtete auf das Mägdlein. Über dem Zelteingange schaukelte an durch die Henkel gezogenen Stricken, die an zwei Stangen befestigt waren, ein Kübel mit Wasser, das in Rom geweiht war; so sang nämlich das dicke Weib, während die zwei Mönche mit den Köpfen nickten, um ihre Rede zu erhärten. Als Uilenspiegel den Kübel sah, begann er zu sinnen. An einem Zeltpflock war ein Esel angebunden, der mehr mit Heu genährt war als mit Hafer; den Schädel gesenkt, starrte er auf die Erde ohne jedwede Hoffnung, hier Disteln wachsen zu sehn. Uilenspiegel deutete mit dem Finger auf das dicke Weib, die zwei Mönche und den Schwermut brütenden Esel und sagte zu seinen Kameraden: »Wenn die Herrenleute so schön singen, so muß der Esel tanzen.« Mit diesen Worten lief er in die nächste Krambude, und dort kaufte er für sechs Heller Pfeffer; er hob dem Esel den Schwanz und steckte den Pfeffer darunter. Als der Esel den Pfeffer verspürte, guckte er unter seinen Schwanz, um zu sehn, woher diese ungewohnte Wärme komme. In dem Glauben, er habe dort den feurigen Teufel, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, begann zu brüllen und auszuschlagen und riß mit aller Kraft an dem Pfosten. Beim ersten Ruck ergoß der Kübel zwischen den zwei Stangen sein ganzes geweihtes Wasser über das Zelt und die, die drinnen waren. Das Zelt sank zusammen und bedeckte die, die der Geschichte von der ägyptischen Maria zuhörten, mit einem feuchten Mantel. Und Uilenspiegel und seine Gesellen vernahmen unter der Leinwand her einen ziemlichen Lärm von Wimmern und Wehklagen, weil die Frommen, die dort waren, einander beschuldigten, den Kübel ausgegossen zu haben, und sich in gelber Wut gegenseitig mit grimmigen Streichen verprügelten. Und die Leinwand hob sich unter der Wucht der Kämpfenden. Sooft Uilenspiegel sah, daß sich auf ihr eine runde Form abzeichnete, stach er mit einer Nadel hinein; dann verstärkten sich die Schreie und die Spendung der Streiche. Er war baß vergnügt, wurde es aber noch mehr, als er sah, wie der Esel ausriß, hinter sich schleppend die Leinwand, den Kübel und die Pflöcke, während sich der Baas des Zeltes, sein Weib und seine Tochter an ihren Besitz hängten; der Esel konnte nicht weiter, hob das Maul in die Luft und unterbrach seinen Gesang nur, um unter dem Schwanze nachzusehn, ob nicht das Feuer, das ihn dort brannte, bald verlöschen werde. Während die Frommen ihre Schlacht fortsetzten, sammelten die Mönche, ohne sich um sie zu kümmern, das Geld, das von den Tellern gefallen war, und Uilenspiegel half ihnen dabei ehrfürchtig und nicht zu seinem Schaden. XVIII Derweil der nichtsnutzige Sohn des Kohlenträgers in fröhlichem Mutwillen wuchs, welkte der klägliche Sprößling des erhabenen Kaisers in dürrer Trübseligkeit. Damen und Herren sahen ihn, wie er sich durch die Zimmer und Gänge von Valladolid jämmerlich schleppte, der Leib gebrechlich und die wackelnden Beine nur mit Mühe die Last seines dicken Kopfes tragend, der bedeckt war von blonden borstigen Haaren. Ohne Unterlaß suchte er die dunkeln Gänge auf, und dort saß er ganze Stunden lang mit ausgespreizten Beinen. Wenn ihm ein Diener versehentlich drauftrat, ließ er ihn peitschen und hatte sein Vergnügen dran, ihn schreien zu hören; aber niemals lachte er. Und am nächsten Tage legte er die Schlinge wo anders; wieder setzte er sich in einen Gang, die Beine ausgespreizt. Die Damen, Herren und Pagen, die dort im Lauf oder anderswie vorbeikamen, stolperten über ihn, fielen hin und verletzten sich. Auch daran hatte er sein Vergnügen; aber niemals lachte er. Wenn aber einer trotz dem Anpralle nicht niederfiel, heulte er, als ob man ihn geschlagen hätte, und freute sich, den Schrecken des Armen zu sehn; aber niemals lachte er. Seine Heilige Majestät wurde von dem Betragen des Infanten verständigt und befahl, man solle auf ihn nicht achten, und sagte, wenn er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine trete, so dürfe er sie nicht dorthin strecken, wo die Füße liefen. Das mißfiel Philipp, aber er sagte kein Wort; jedoch sah man ihn nicht mehr, außer wann er an einem klaren Sommertage in den Hof ging, um seinen fröstelnden Körper an der Sonne zu wärmen. Eines Tages sah ihn Karl, der vom Felde heimkehrte, wie er so Trübsal brütete. »Mein Sohn,« sagte er, »wie verschieden bist du von mir! In deinen jungen Jahren war es meine Freude, auf die Bäume zu klettern und den Eichhörnchen nachzujagen; oder ich ließ mich von einer senkrechten Felswand am Stricke herunter, um ein Adlernest auszunehmen. Bei dem Spiele hätten meine Knochen draufgehn können; sie wurden nur noch härter. Auf der Jagd, da floh das Rotwild vor mir in die Dörner, wenn sie mich kommen sahen mit meinem guten Feuerrohre.« »Ach, Herr Vater,« seufzte der Infant, »ich habe Bauchweh.« Und Karl sagte: »Der Wein von Paxaret ist ein unbedingtes Heilmittel.« »Ich liebe den Wein nicht; ich habe Kopfweh, Herr Vater,« »Mein Sohn, du mußt laufen, hüpfen und springen, wie es die Kinder in deinem Alter tun.« »Ich habe steife Beine, Herr Vater.« »Ja, wie sollte es denn anders sein,« sagte Karl, »wo du sie nicht anders gebrauchst, als ob sie von Holz wären. Ich will dich auf ein leichtbeiniges Pferd binden.« Der Infant weinte: »Bindet mich nicht, Herr Vater; mich schmerzt der Rücken.« Und Karl sagte: »Du hast also überall Schmerzen?« Der Infant antwortete: »Ich würde sie nicht fühlen, wenn man mich in Ruhe ließe.« »Gedenkst du denn,« versetzte der Kaiser erzürnt, »dein königliches Leben zu verträumen wie die Gelehrten? Die brauchen, um ihr Pergament mit Tinte zu beschmieren, Schweigen, Einsamkeit und Sammlung; du, du Sohn des Schwertes, du brauchst heißes Blut, das Auge des Luchses, die Schlauheit des Fuchses und die Kraft von Herkules! Warum bekreuzigst du dich? Gottsblut! Dem jungen Löwen ziemt es nicht, die rosenkranzbröckelnden Weiber nachzuäffen.« »Das Angelus, Herr Vater,« erwiderte der Infant. XIX Mai und der Juni waren in diesem Jahre die wahren Blütenmonde. Niemals hatte man in Flandern so balsamisch duftenden Hagedorn gesehn, niemals so viel Rosen, Jasmin und Geißblatt in den Gärten. Wann der Wind von England her wehte, jagte er die Düfte dieses blumigen Landes nach Osten; jedermann, sonderlich aber in Antwerpen, hob die Nase fröhlich in die Luft und sagte: »Spürt ihr den guten Wind, der von Flandern kommt?« Und die emsigen Bienen saugten Honig aus den Blüten, machten Wachs und legten ihre Eier in die Körbe, die zu klein waren, um die Schwärme zu fassen. Was für eine Musik der Arbeit unter dem blauen Himmel, der sich strahlend über die reiche Erde wölbte! Man verfertigte Bienenkörbe aus Binsen, aus Stroh, aus Wieden, aus geflochtenem Grase. Den Korbmachern, den Böttchern, den Küfern wurde das Werkzeug schartig. Und die Trogner konnten seit langer Zeit ihrer Arbeit nicht genügen. Schwärme waren da von dreißigtausend Bienen und von zweitausend? siebenhundert Hummeln. Die Waben waren so ausgezeichnet, daß der Dechant von Damme ihrer außergewöhnlichen Güte halber elf dem Kaiser sandte, um seinen Dank für die neuen Edikte abzustatten, die die Inquisition wieder in Kraft setzten. Philipp war es, der sie aß, aber sie schlugen ihm nicht im mindesten an. Die Tagediebe, Bettler, Landstreicher und diese ganze Sippe müßiger Taugenichtse, die ihre Faulheit auf den Straßen herumschleppen und sich lieber henken lassen, als zu arbeiten, kamen, angelockt durch den Duft des Honigs, um ihren Teil zu erhalten. Und sie schlichen des Nachts in Haufen herum. Klaas hatte Körbe verfertigt, um die Schwärme zu sammeln; manche waren schon voll, manche aber warteten noch auf die Bienen. Klaas wachte die ganze Nacht, um dieses süße Gut zu hüten. Wann er müde war, ließ er sich von Uilenspiegel vertreten. Der tat das gerne. Eines Nachts hatte sich nun Uilenspiegel, um der Kälte zu entgehn, in einen Korb geflüchtet und sah, ganz zusammengekauert, durch die Öffnungen. Es waren oben ihrer zwei. Als er eben am Einschlafen war, hörte er die Sträucher der Hecke knacken und hörte die Stimmen von zwei Männern, die er für Diebe ansah. Er guckte durch die eine Öffnung des Korbes und sah, daß sie beide langes Haar und lange Bärte hatten, wo doch der Bart das Zeichen des Adels war. Sie gingen von Korb zu Korb, bis sie an den seinen kamen; sie hoben ihn und sagten: »Den nehmen wir: der ist der schwerste.« Dann legten sie ihn auf ihre Stöcke und trugen ihn weg. Uilenspiegel empfand kein Vergnügen, so im Korbe verfrachtet zu werden. Die Nacht war hell, und die Diebe schritten aus, ohne ein Wort zu sprechen. Alle fünfzig Schritte hielten sie an, weil ihnen der Atem ausging, machten sich aber sofort wieder auf den Weg. Der vorne wurde wild über die schwere Last, und der hinten weinte trübselig. Denn es gibt in der Welt zwei Gattungen fauler Schlingel: solche, die wild werden über die Arbeit, und solche, die greinen, wenn es arbeiten heißt. In seiner Beschäftigungslosigkeit zog Uilenspiegel den Dieb, der vorne ging, an den Haaren und den, der hinten ging, am Barte, bis endlich der Wilde, des Spieles überdrüssig, zu dem Greiner sagte: »Hör auf, mich an den Haaren zu ziehen, oder du bekommst eins auf den Kopf, daß er dir in den Brustkasten fährt und du durch deine Rippen guckst, wie ein Gauner durch das Gefängnisgitter!« Der Greiner erwiderte: »So dreist wäre ich gar nicht, mein Freund; du bists vielmehr, der mich am Barte zieht.« Der Wilde antwortete: »Ich jage kein Ungeziefer in dem Fell eines Krätzigen.« »Herr,« sagte der Greiner, »laßt den Korb nicht so stark schwingen; meine schwachen Arme halten es nicht aus.« »Ich werde sie dir ganz und gar abschlagen,« erwiderte der Wilde. Er entledigte sich seines Riemens, stellte den Korb auf die Erde und stürzte sich auf seinen Gesellen. Und sie verprügelten einander, der eine fluchend, der andere um Barmherzigkeit schreiend. Als Uilenspiegel hörte, daß es Schläge regnete, kroch er aus dem Korbe, zog ihn bis zum nahen Wäldchen, um ihn später von dort zu holen, und kehrte zu Klaas zurück. Ähnlich finden bei Streitigkeiten die Flisterer ihren Vorteil. XX Mit fünfzehn Jahren errichtete Uilenspiegel in Damme ein kleines Zelt auf vier Pflöcken und schrie aus, daß hier nunmehr jedermann in einem schönen Grasrahmen sein gegenwärtiges und sein zukünftiges Gesicht abgebildet sehn könne. Wann so ein Mann des Gesetzes, geschraubt durch seine Würde und aufgeblasen wegen seiner Wichtigkeit, eintrat, steckte Uilenspiegel seinen Kopf durch den Rahmen, machte die Fratze eines alten Affen und sagte: »Eine alte Schnauze kann rotzen, aber blühen, nein. Bin ich nicht Euer guter Spiegel, Ihr Herr mit dem Schulmeistergesicht?« Wann Uilenspiegel einen stämmigen Soldaten als Kunden hatte, verbarg er sich, zeigte anstatt seines Angesichts mitten im Rahmen eine Schüssel mit Fleisch und Brot und sagte: »Die Schlacht wird aus dir Hackfleisch machen; was zahlst du mir für meine Weissagung, o Soldat und Freund der weitrachigen Feldschlangen?« Wann ein alter, zitternder Kahlkopf sein junges Weib zu ihm brachte, verbarg sich Uilenspiegel wie beim Soldaten und ließ im Rahmen eine Staude erscheinen, an deren Zweigen Messerhefte, Büchschen, Kämme, Tintenfäßchen, allesamt aus Horn, hingen; dann schrie er: »Woher kommt denn all das hübsche Zeug, Herr? Doch wohl von dem Hörnerbaum, der nur im Hag der alten Ehemänner wächst? Wer möchte heute noch sagen, daß die Hahnreie nicht nützlich im Staate seien?« Und Uilenspiegel zeigte im Rahmen neben der Staude sein junges Gesicht. Der Alte hüstelte wohl in männlicher Wut, aber sein Liebchen besänftigte ihn mit der Kosehand und ging lächelnd auf Uilenspiegel zu: »Und meinen Spiegel, wirst du ihn mir zeigen?« »Komm näher,« antwortete Uilenspiegel. Sie gehorchte. Er küßte sie ab, wo er nur konnte, und sagte: »Dein Spiegel, das ist die blühende Jugend, wie sie in trotzigen Hosenlätzen wohnt.« Und die Schöne ging, aber nicht ohne ihm einen oder zwei Gulden gegeben zu haben. Einem feisten und wurstlippigen Mönche, der sein gegenwärtiges und sein zukünftiges Gesicht gezeigt haben wollte, antwortete Uilenspiegel: »Du bist jetzt ein Schinkenschrein und wirst ein Bierkeller werden; denn Gesalzenes heischt Saufen. Ists nicht wahr, fetter Wanst? Gib mir einen Plappart, daß ich nicht gelogen habe.« »Mein Sohn,« erwiderte der Mönch, »wir tragen niemals Geld bei uns.« »Dann muß das Geld dich tragen,« versetzte Uilenspiegel; »denn ich weiß, daß dus unter die Füße zwischen zwei Sohlen steckst. Gib mir deinen Schuh.« Doch der Mönch: »Mein Sohn, das ist Gut des Konvents. Aber wenn es denn sein muß, will ich dir zwei Plappart für deine Mühe heraussuchen.« Der Mönch gab sie, und Uilenspiegel nahm sie artig an. So zeigte er den Leuten von Damme, von Brügge, von Blankenberge, ja selbst von Ostende ihren Spiegel. Und anstatt ihnen in seiner vlämischen Sprache zu sagen: »Ik ben Ulieden spiegel«, sagte er kurzweg: »Ik ben Ulen spiegel«, so wie es noch heute gesagt wird in Ost- und Westflandern. Und auf diese Art kam er zu dem Beinamen Uilenspiegel. XXI Wie er größer wurde, bekam er Geschmack daran, auf den Messen und Märkten herumzustreifen. Wann er einen Spielmann traf, der die Hoboe, die Fiedel oder den Dudelsack spielte, ließ er sich um einen Plappart zeigen, wie man diese Instrumente zum Klingen bringt. Vornehmlich aber wurde er ein Meister in der Kunst, auf dem Rommelpot zu spielen; das ist ein Instrument, verfertigt aus einem Topfe, einer Blase und einem steifen Strohhalm. Und folgendermaßen machte er es: er spannte die befeuchtete Blase auf den Topf, befestigte sie rundherum mit einem Schnürchen, steckte den oben geknoteten Strohhalm dazwischen, so daß er den Boden des Topfes berührte, und zog dann die Blase fest an, bis Gefahr war, daß sie platzte. Am Morgen trocken geworden, klang sie, wenn man darauf schlug, wie eine Handtrommel, und schnarrte, wenn man den Halm strich, lieblicher als eine Fiedel. Und Uilenspiegel zog am Dreikönigstage mit seinem Schnarrtopf, der das Gebell der Hunde wiedergab, vor die Haustüren Christnachtslieder singen, und ihn begleitete eine Schar Kinder, deren eines einen Stern aus glänzendem Papier trug. Wann irgendein Maler nach Damme kam, um die Mitglieder einer Gilde in Kniestücken auf die Leinwand zu bringen, bat ihn Uilenspiegel, begierig, ihm bei der Arbeit zusehn zu dürfen, er möge ihm erlauben, die Farben zu reiben; und er nahm sonst keinen Lohn als ein Stück Brot, drei Heller und einen Schoppen Bier. Mit dem Reiben beschäftigt, beobachtete er das Tun seines Meisters. Ging dieser weg, versuchte er zu malen wie dieser, nahm aber durchaus Scharlachrot. Er versuchte Klaas, Soetkin, Katelijne und Nele zu malen, ebenso wie Kannen und Kübel. Als Klaas seine Schildereien sah, meinte er, sein Sohn könnte einmal, wenn er sich tüchtig erweise, täglich die Gulden nach Dutzenden verdienen, indem er die Aufschriften auf den Speelwagens, den Lustfuhrwerken in Flandern und Seeland, mache. Auch lernte er von einem Metzen Holzschnitzen und Bildhauen; dieser Meister war gekommen, um auf dem Chor von Unserer Frau einen solchen Stuhl zu bauen, daß der Dechant, ein bejahrter Mann, darin sitzen könne und es doch den Anschein habe, er stehe auf seinen Beinen. Uilenspiegel war es, der das erste Messerheft schnitt, dessen sich die von Seeland bedienten. Er machte das Heft in der Form eines Käfigs. Drinnen rollte ein Totenkopf, und darüber lag ein Hund. Und das bedeutet: Getreu bis in den Tod. Und so begann Uilenspiegel Katelijnens Weissagung zu bewähren, indem er sich als Maler, Bildner, Bauer, Edelmann, alles miteinander, bewies; denn von dem Vater auf den Sohn führte die Familie Klaas drei wirkliche silberne Kannen auf einem Felde von Braunbier. Aber Uilenspiegel war in keinem Berufe beständig, und Klaas sagte ihm, er werde ihn aus dem Hause jagen, wenn das Spiel so fortgehe. XXII Der Kaiser fragte, als er vom Felde heimkehrte, warum sein Sohn Philipp nicht erschienen sei, um ihn zu begrüßen. Der Erzbischof, der der Erzieher des Infanten war, sagte, dieser habe nicht wollen; er liebe nur Bücher und die Einsamkeit. Der Kaiser erkundigte sich, wo er in diesem Augenblicke sei. Der Erzieher antwortete, man habe ihn durchaus dort zu suchen, wo es finster sei. Und so taten sie. Nachdem sie eine lange Flucht von Sälen durchschritten hatten, kamen sie endlich in eine Art Verschlag – ohne Dielen und nur durch eine Luke erleuchtet. Dort sahen sie einen in den Boden getriebenen Pfahl, und daran war mitten um den Leib ein kleiner herziger Affe gebunden, den man Seiner Hoheit aus Indien geschickt hatte, damit er sie durch seine jugendlichen Tollheiten ergötze. Am Fuße des Pfahles rauchte noch glühendes Reisig, und im Verschlage war ein entsetzlicher Geruch von verbrannten Haaren. Das Tierchen hatte bei seinem Feuertode so viel gelitten, daß sein kleiner Körper nicht mehr der eines Wesens, das einmal gelebt hat, zu sein schien, sondern einer runzeligen und verrenkten Wurzel glich; der Mund war offen wie vom Todesschrei und voll blutigen Schaumes, und das Gesicht war naß von den Tränen. »Wer hat das getan?« fragte der Kaiser. Der Erzieher wagte nicht zu erwidern, und so verharrten sie beide in stummer Trauer und Erbitterung. Plötzlich wurde in dieser Stille ein schwaches Hustengeräusch laut, das aus einem dunkeln Winkel hinter ihnen herkam. Seine Majestät wandte sich um und sah den Infanten Philipp, ganz schwarz gekleidet, der an einer Zitrone sog. »Don Philipp,« sagte er, »komm mich begrüßen.« Ohne sich zu rühren, betrachtete ihn der Infant mit seinen zagen Augen, in denen kein Strahl von Liebe erglänzte. »Bist es du,« fragte der Kaiser, »der dieses Tierchen an dem Feuer da verbrannt hat?« Der Infant senkte den Kopf. Aber der Kaiser fuhr fort: »Wenn du so grausam warst, es zu tun, so sei auch so mutig, es zu gestehn.« Der Infant antwortete nichts. Seine Majestät riß ihm die Zitrone aus der Hand, um sie zur Erde zu schleudern, und wollte den Sohn, der sich vor Angst beseichte, schlagen, als ihm der Erzbischof in den Arm fiel und ihm ins Ohr flüsterte: »Seine Hoheit wird einmal ein großer Ketzerverbrennet sein.« Der Kaiser lächelte, und sie gingen miteinander weg; den Infanten ließen sie mit seinem Affen allein. Und es gab andere, die keine Affen waren und doch in den Flammen sterben mußten. XXIII Der November war gekommen, der Frostmond, wo sich die Hustriche nach Herzenslust an der Musik des Räusperns erfreuen. Dieser Mond ists auch, wo die Jungen rudelweise auf die Rübenfelder hinausströmen, um dort zu plündern, was sie nur können, zur großen Wut der Bauern, die ihnen umsonst mit Stöcken und Gaffeln nachlaufen. Eines Abends hörte Uilenspiegel, als er von so einem Raubzuge heimkehrte, in einer Zaunecke ein Wimmern. Sich bückend, sah er auf etlichen Steinen einen Hund liegen. »Ach,« sagte er, »armes Tierchen, was machst du da so spät?« Als er den Hund liebkoste, spürte er, daß er auf dem Rücken naß war; daraus schloß er, daß man ihn habe ertränken wollen, und nahm ihn in seine Arme, um ihn zu erwärmen. Bei der Heimkehr sagte er: »Ich bringe einen Verwundeten; was ist zu tun?« »Ihn verbinden,« antwortete Klaas. Uilenspiegel setzte den Hund auf den Tisch. Klaas, Soetkin und er sahen nun beim Lampenlichte einen kleinen roten Luxemburger, der auf dem Rücken verletzt war. Soetkin wusch die Wunde, bestrich sie mit Balsam und verband sie. Uilenspiegel trug den Hund in sein Bett, obwohl ihn Soetkin in ihrem haben wollte; sie fürchtete nämlich, wie sie sagte, daß Uilenspiegel, der im Schlafe herumzuschlagen pflegte wie der Teufel im Weihkessel, den Mops am Ende verletzen könnte. Aber Uilenspiegel tat, wie er wollte, und pflegte den Hund so treulich, daß er nach sechs Tagen herumlief wie seinesgleichen mit köterhafter Wichtigkeit. Und der Schoolmeester gab ihm den Namen Titus Bibulus Schnuffius: Titus zur Erinnerung an einen edeln römischen Kaiser, der gern herumirrende Hunde auflas, Bibulus, weil der Hund das Braunbier mit trunkener Inbrunst liebte, und Schnuffius, weil er seine Nase fort und fort schnüffelnd in die Ratten- und Maulwurflöcher steckte. XXIV Am Ende der Onze-Lieve-Vrouwestraat waren an den Ufern eines tiefen Wassers zwei Weidenbäume einander gegenüber gepflanzt. Uilenspiegel spannte zwischen den beiden Bäumen ein Seil, und darauf tanzte er eines Sonntags nach der Vesper so trefflich, daß ihm die ganze Landstreicherbande mit Hand und Mund Beifall spendete. Dann stieg er herunter und ging mit einer Schüssel herum, und die füllte sich auch gar bald; aber er schüttete das Geld in die Schürze Soetkins und behielt nur elf Heller für sich. Am folgenden Sonntag wollte er wieder seiltanzen; da hatten aber einige nichtsnutzige Jungen, neidisch wegen seiner Geschicklichkeit, einen Einschnitt in das Seil gemacht, so daß es nach einigen Sprüngen zerriß und Uilenspiegel ins Wasser plumpste. Derweil er ans Ufer schwamm, schrien die kleinen Bengel, die das Seil zerschnitten hatten: »Nun, Uilenspiegel, wie gehts dir jetzt mit deiner Geschicklichkeit? Willst du hinunter in den Weiher, um die Karpfen tanzen zu lehren, du unvergleichlicher Tänzer?« Uilenspiegel stieg aus dem Wasser und schüttelte sich; da sie Reißaus nahmen vor ihm aus Angst vor Schlägen, rief er ihnen zu: »Fürchtet euch nicht; kommt am Sonntag wieder, ich will euch Künste auf dem Seile zeigen, und ihr sollt teilhaben am Gewinste.« Am Sonntag zerschnitten die Jungen das Seil nicht, hielten vielmehr eifrige Wache, daß es niemand berühre; denn es war eine mächtige Menschenmenge da. Uilenspiegel sagte zu ihnen: »Gebt mir jeder einen von euern Schuhen, und ich wette, daß ich mit jeglichem tanzen werde, gleichgültig wie klein oder wie groß,« »Und was zahlst du uns, wenn du verlierst?« »Vierzig Kannen Braunbier,« antwortete Uilenspiegel; »und ihr gebt mir drei Plappart, wenn ich gewinne.« »Jawohl,« sagten sie. Und jeder gab ihm einen seiner Schuhe. Uilenspiegel nahm sie allesamt in die Schürze, die er trug, und so bepackt tanzte er auf dem Seile, allerdings nicht ohne Mühe. Die Seilzerschneider schrien von unten hinauf: »Du hast gesagt, du wirst mit jeglichem von unsern Schuhen tanzen; ziehe sie also an und halte deine Wette!« Ohne seinen Tanz zu unterbrechen, antwortete Uilenspiegel: »Ich habe keineswegs gesagt, daß ich euere Schuhe anziehen würde, sondern nur, daß ich mit ihnen tanzen werde. Nun, ich tanze, und sie tanzen in meiner Schürze mit mir. Seht ihr es denn nicht mit euern aufgerissenen Froschaugen? Zahlt mir meine drei Plappart!« Aber sie zischten wider ihn und schrien, er solle ihnen ihre Schuhe wiedergeben. Uilenspiegel warf sie ihnen hinunter, einen nach dem andern, auf einen Haufen. Davon entstand eine hitzige Schlacht, weil keiner den seinen klärlich herausfinden und ohne Zank aus dem Haufen nehmen konnte. Nun stieg Uilenspiegel an dem Baum herab und besprengte die Kämpfer, jedoch nicht mit Wasser. XXV Der fünfzehnjährige Infant schlich nach seiner Gewohnheit durch die Gänge, Treppen und Zimmer des Palastes; meistens sah man ihn aber bei den Gemächern der Damen herumschleichen, um die Pagen zu ärgern, die dort gleich ihm wie die Katzen auf der Lauer lagen. Andere Pagen, die im Hofe standen, sangen, die Nase in der Luft, irgendein Liebeslied. Wann diese der Infant hörte, zeigte er sich an einem Fenster und erschreckte die armen Schelme, die diese bleiche Fratze statt des süßen Antlitzes ihrer Schönen erblickten. Unter den Hofdamen war auch eine schmucke Vlämin aus Dudzele bei Damme, frisch und üppig, eine zeitige Frucht und wunderbar schön mit ihren grünen Augen und den roten, goldig leuchtenden Locken. Fröhlichen Sinnes und feurigen Gemüts machte sie nie ein Hehl daraus, wer der glückliche Herr war, dem sie in ihren schönen Landen den himmlischen Freibrief einer aufrichtigen Liebe gewährte; und damals war ein schöner und tapferer Ritter ihr Erkorener. Alle Tage hatte sie zu einer gewissen Stunde ein Stelldichein mit ihm; und das erfuhr Philipp. Er setzte sich auf eine Bank gegenüber einem Fenster und lauerte auf sie; als sie dann vorbeikam, blitzenden Auges, den Mund halb geöffnet, lieblich, vom Bade erfrischt und rauschend in gelbem Brokate, sah sie den Infanten, der, ohne sich zu erheben, zu ihr sagte: »Donna, hättet Ihr nicht einen Augenblick Zeit?« Ungeduldig wie eine Stute, die in ihrem Galopp in einem Moment aufgehalten wird, wo sie zu dem schönsten Hengste sprengen will, der in den Wiesen wiehert, antwortete sie: »Hoheit, hier muß jeder Euerm fürstlichen Willen gehorchen.« »Setzt Euch neben mich.« Dann sagte er zu ihr mit lüsternen, strengen und verschmitzten Blicken: »Sagt mir das Vaterunser vlämisch her; man hat michs gelehrt, aber ich habe es vergessen.« Und die arme Dame sagte ein Vaterunser; und er befahl ihr, es langsamer zu sagen. Und so zwang er sie, es bis zu zehnmal herzusagen, die Ärmste, die geglaubt hatte, es habe die Stunde für ein andres Oremus geschlagen. Dann sagte er ihr einige Schönheiten wegen ihres herrlichen Haares, ihrer lebendigen Farbe, ihrer strahlenden Augen, wagte aber nicht zu sprechen von ihren prallen Schultern, von ihrer runden Brust oder von sonst etwas. Als sie dann dachte, nun werde sie loskommen, und schon in den Hof sah, wo sie ihr Geliebter erwartete, fragte er sie, ob sie wohl wisse, was die Tugenden der Frau seien. Da sie aus Furcht, nicht gut zu antworten, still blieb, sprach er für sie und sagte in salbungsvollem Tone: »Die Tugenden der Frau, das sind Keuschheit, Ehrbarkeit und Zucht.« Dann riet er ihr, sich schicklich zu kleiden und alles, was an ihr sei, zu verhüllen. Und sie nickte mit dem Haupte und sagte, wenn es sich um Seine Hoheit, den Nordwind handle, werde sie sich lieber mit zehn Bärenfellen als einer Elle Musselin bedecken. Da er ganz verdutzt war über diese Antwort, ergriff sie fröhlich die Flucht. Und trotzdem brannte auch in des Infanten Brust das Feuer der Jugend, aber es war nicht jenes lodernde Feuer, das die tapfern Geister zu hohen Taten treibt, auch nicht jenes süße Feuer, das zarte Herzen weinen macht, sondern es war ein düsters Feuer, das der Unterwelt entstammte, wo es sicherlich Satan entfacht hatte. Und es glomm in seinen grauen Augen wie in einer Winternacht der Mond über einem Beinhaus. Und es verzehrte ihn grausam. Da er wußte, daß er niemand liebte, wagte es der arme Duckmäuser nicht, um eine Dame zu werben: er begab sich dann in einen abgelegenen Winkel, in eine kleine kalkgetünchte Kammer, erhellt durch schmale Fensterlein, wo er gewöhnlich an seinem Zuckerwerk knapperte, weshalb die Fliegen in Massen hinkamen wegen der Krumen; dort liebkoste er sich selber, während er gleichzeitig den Fliegen die Köpfe langsam an den Scheiben zerdrückte und sie zu Hunderten tötete, bis endlich seine Finger zu sehr zitterten, als daß er in seinem blutigen Geschäfte hätte fortfahren können. Und er empfand ein gemeines Vergnügen bei dieser grausamen Erschöpfung; denn Geilheit und Grausamkeit find zwei schändliche Schwestern. Wann er aus diesem Loche herauskam, war er trauriger als vorher, und jeder und jede flohen nach Möglichkeit das Antlitz dieses Prinzen, der so bleich war, als wäre er mit der Krätze eiternder Wunden aufgepäppelt worden. Und die traurige Hoheit litt, denn ein schlechtes Herz schmerzt. XXVI Die schöne Frau verließ eines Tages Valladolid, um auf ihr Schloß zu Dudzele in Flandern zu reisen. Als sie in Begleitung ihres dicken Kellermeisters durch Damme kam, sah sie an der Mauer einer Hütte einen jungen Burschen von fünfzehn Jahren kauern, der den Dudelsack blies. Vor ihm saß ein roter Hund, der, diese Musik nicht schätzend, traurig heulte. Die Sonne blinkte hell. Dem Burschen zur Seite stand ein kleines Mädchen, das sich vor Lachen schüttelte bei jedem Klagelaute des Hundes. Die schöne Dame und der dicke Kellermeister betrachteten, als sie bei der Hütte vorbeikamen, den blasenden Uilenspiegel, die lachende Nele und den heulenden Titus Bibulus Schnuffius. »Du garstiger Bursche,« sagte die Dame zu Uilenspiegel, »möchtest du nicht aufhören, den armen Mops so zum Heulen zu reizen?« Uilenspiegel sah sie an und blies seinen Dudelsack nur stärker. Und Bibulus Schnuffius heulte noch trauriger, und Nele schüttelte sich noch mehr vor Lachen. Der Kellermeister wurde zornig und sagte zu der Dame, auf Uilenspiegel deutend: »Wenn ich diese elende Brut ein wenig mit meiner Degenscheide striche, hätte der unverschämte Lärm bald ein Ende.« Uilenspiegel sah den Kellermeister an, nannte ihn Jan Papzak wegen seines Wanstes und fuhr fort, seinen Dudelsack zu blasen. Der Kellermeister ging auf ihn zu und drohte ihm mit der Faust; da fuhr aber Bibulus Schnuffius los auf ihn und biß ihn in das Bein, und der Kellermeister fiel vor Angst um und schrie: »Zu Hilfe!« Lächelnd sagte die Dame zu Uilenspiegel: »Dudelsackpfeifer, möchtest du mir nicht sagen, ob der Weg von Damme nach Dudzele noch immer derselbe ist?« Uilenspiegel schüttelte, ohne das Blasen einzustellen, den Kopf und sah die Dame an. »Was hast du mich so anzustarren?« fragte sie. Er aber, immerfort blasend, sperrte seine Augen auf, wie verzückt in Bewunderung. Sie sagte zu ihm: »Schämst du dich denn nicht, jung wie du bist, die Damen so anzusehn?« Uilenspiegel errötete ein wenig, blies weiter und sah sie unverwandt an. »Ich habe dich gefragt,« sagte sie wieder, »ob der Weg von Damme nach Dudzele noch immer derselbe ist.« Uilenspiegel antwortete: »Er ist nicht mehr grün, seitdem Ihr ihn des Glückes beraubt habt, Euch tragen zu dürfen.« »Willst du mich geleiten?« fragte die Dame. Aber Uilenspiegel blieb sitzen und sah sie immerfort an. Und obwohl sie den Schelm in ihm erkannte, vergab sie ihm doch gerne, weil sie wußte, daß sein Spiel nichts sonst als Jugend war. Er erhob sich, um ins Haus zu gehn. »Wohin gehst du?« fragte sie. »Meine besten Kleider anziehen.« »Geh.« Die Dame setzte sich auf die Bank neben der Tür; der Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen; aber Nele gab ihr keine Antwort, weil sie eifersüchtig war. Wohlgewaschen und in Barchent gekleidet, kam Uilenspiegel wieder. Er sah ganz gut aus in seinem Sonntagsstaate, der kleine Mann. Nele fragte ihn: »Du gehst wahrhaftig mit dieser schönen Dame?« »Ich komme bald zurück,« sagte Uilenspiegel. »Wenn ich statt deiner ginge?« sagte Nele. »Nein,« antwortete er; »die Wege sind kotig.« »Warum,« sagte die Dame ärgerlich und gleicherweise eifersüchtig, »warum, kleines Mädchen, willst du ihn abhalten, mit mir zu gehn?« Nele antwortete nichts, aber aus ihren Augen rannen große Tränen, und sie betrachtete die schöne Dame traurig und mit Zorn. Sie machten sich selbviert auf den Weg: die Dame wie eine Königin auf ihrem weißen Zelter, geschirrt mit schwarzem Samt, der Kellermeister, dem beim Gehn der Bauch wackelte, Uilenspiegel, der den Zelter am Zaume führte, und Bibulus Schnuffius an Uilenspiegels Seite, die Rute kühnlich zur Höhe gesträubt. So gingen und ritten sie eine Zeitlang. Aber Uilenspiegel war nicht wohlgelaunt; stumm wie ein Fisch sog er den feinen Benzoeduft ein, der von der Dame kam, und betrachtete verstohlen ihr schönes Reitzeug, ihre seltsamen Kleinode und Juwelen und auch ihr süßes Gesicht, ihre strahlenden Augen, ihren bloßen Hals und ihr Haar, das die Sonne blitzen ließ wie einen goldenen Schleier. »Warum«, fragte sie, »sprichst du so wenig, kleiner Mann?« Er antwortete nichts. »Du hast doch nicht deine Zunge so weit in den Schuhen, daß du es nicht träfest, mir eine Botschaft zu bestellen?« »Freilich,« sagte Uilenspiegel. »Du mußt mich«, sagte die Dame, »jetzt verlassen und nach Koolkerke gehn, an der andern Leeseite, und dort einem halb in Schwarz und halb in Rot gekleideten Edelmanns sagen, er solle mich heute nicht mehr erwarten, sondern am Sonntag um zehn Uhr nachts auf mein Schloß kommen zur heimlichen Tür.« »Ich geh nicht,« sagte Uilenspiegel. »Warum nicht?« »Ich geh nicht, nein!« Die Dame sagte wieder: »Was ists denn, du Gifthahn, was dir diese Unfügsamkeit eingibt?« »Ich geh nicht.« »Wenn ich dir aber einen Gulden gebe?« »Nein.« »Einen Dukaten?« »Nein.« »Einen Karolus?« »Nein,« sagte Uilenspiegel wieder; »und trotzdem«, fuhr er seufzend fort, »hätte ich ihn lieber als eine Miesmuschel in der Tasche meiner Mutter.« Die Dame lächelte; plötzlich rief sie: »Ich habe meine schöne seidene, perlenbesetzte Geldtasche verloren! In Damme hat sie noch an meinem Gürtel gehangen.« Uilenspiegel rührte sich nicht, aber der Kellermeister trat zur Dame: »Herrin, schickt nur nicht den jungen Spitzbuben sie suchen; Ihr würdet ihn nicht wiedersehn.« »Wer soll denn dann gehn?« »Ich,« antwortete er, »trotz meinen hohen Jahren.« Und er ging. Es schlug Mittag, die Hitze war groß und tief die Einsamkeit. Uilenspiegel sprach kein Wort, aber er breitete sein neues Wams in dem Schatten einer Linde zum Sitze für die Dame auf, damit sie die Feuchtigkeit des Grases nicht zu scheuen brauche. Er blieb neben ihr stehn, seufzend. Sie sah ihn an und fühlte Mitleid mit dem blöden Jungen und fragte ihn, ob es ihn nicht ermüde, so lang auf seinen jungen Beinen zu stehn. Er antwortete kein Wort; und als er sich neben sie fallen ließ, wollte sie ihn aufhalten und zog ihn an ihre bloße Brust. Dort lag er so willig, daß sie es für die Sünde der Grausamkeit gehalten hätte, ihm zu sagen, er solle sich ein ander Kissen suchen. Der Kellermeister kam zurück und sagte, er habe die Geldtasche nicht gefunden. »Ich habe sie gefunden,« sagte die Dame, »als ich vom Pferde gestiegen bin; sie hatte sich ausgehäkelt und war am Steigbügel hangen geblieben.« »Und nun«, sagte sie zu Uilenspiegel, »führe uns gradaus nach Dudzele und sag mir, wie du heißt.« »Mein Patron«, antwortete er, »ist der heilige Thijlbert, ein Name, der bedeutet: nimm die Beine in die Hand, wenn es etwas Gutes gilt; mein Name ist Klaas und mein Beiname Uilenspiegel. Wenn Ihr Euch in meinem Spiegel betrachten wollt, werdet Ihr sehn, daß in diesem ganzen vlämischen Lande keine Blume leuchtender Schönheit ist wie Euere duftige Lieblichkeit.« Die Dame errötete vor Vergnügen und zürnte nicht wider Uilenspiegel. Und Soetkin und Nele weinten während dieser langen Abwesenheit. XXVII Als Uilenspiegel von Dudzele zurückkam, sah er beim Eintritt in die Stadt Nele, die an einem Schlagbaum lehnte. Sie entkörnte eine schwarze Weintraube. Eine Beere nach der. andern knackend, erfrischte und erquickte sie sich sicherlich, aber sie zeigte nicht, daß es sie gefreut hätte. Im Gegenteil, sie schien ärgerlich und raufte die Beeren zornig ab. Sie war so traurig und hatte ein so bekümmertes, vergrämtes und süßes Gesichtchen, daß Uilenspiegel von liebendem Mitgefühl ergriffen wurde und ihr, hinter sie tretend, einen Kuß auf den Nacken gab. Sie aber gab ihm einen tüchtigen Backenstreich wieder. »Ich sehe kaum noch vor meinen Augen,« entgegnete er. Sie weinte bitterlich. »Nele,« sagte er, »willst du denn jetzt die Brunnen an den Eingang der Flecken stellen?« »Mach, daß du fortkommst!« »Ich kann nicht gehn, wenn du so weinst, Herzlieb.« »Ich bin nicht dein Herzlieb,« sagte Nele, »und ich weine nicht.« »Nein, du weinst nicht, aber dir rinnt Wasser aus den Augen.« Sie: »Willst du nun gehn?« Er: »Nein.« Unterdessen hielt sie die Schürze mit ihren zitternden Händchen und riß sie in Stücke, und ihre Tränen rannen darüber und benetzten sie. »Nele,« fragte Uilenspiegel, »kommt bald schönes Wetter?« Und er lächelte ihr voll Liebe zu. »Warum fragst du mich das?« »Weil es bei schönem Wetter nicht regnet.« »Geh,« sagte sie, »geh zu deiner schönen Dame im Brokatkleide; die hast du genugsam lachen gemacht, die da.« Da sang Uilenspiegel: In meinem Herzen wird es Nacht, Wenn ich mein Liebchen weinen seh; Wie Honig ist es, wenn sie lacht, Wie Perlen sind die Tränen. Allzeit ist sie mein Sehnen. Und ich zahle jetzt, so viel ihr wollt, Vom besten Wein von Löwen, Und ich zahle jetzt, so viel ihr wollt, Wenn Nele lachen sollt. »Du gemeiner Mensch,« sagte sie, »du machst dich noch lustig über mich.« »Nele,« sagte Uilenspiegel, »ich bin ein Mensch, aber kein gemeiner; denn unser edels Geschlecht, ein Schöffengeschlecht, führt drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. Nele, ist es wahr, daß man in Flandern, wenn man Küsse sät, Backenstreiche erntet?« »Ich will nicht mit dir reden.« »Warum machst du dann den Mund auf, um mirs zu sagen?« »Ich bin böse.« Uilenspiegel gab ihr einen leichten Schlag auf den Rücken und sagte: »Küsse eine Dirne, und sie wird dich schlagen; schlag sie, und sie wird dich küssen. Küß mich doch, Liebchen; ich habe dich ja geschlagen!« Nele wandte sich um. Er öffnete die Arme, und sie warf sich, noch weinend, an seine Brust: »Du wirst nicht mehr dorthin gehn, nicht wahr, Thijl?« Aber er antwortete nicht, weil er genug zu tun hatte, ihre armen bebenden Finger zu drücken und mit seinen Lippen die heißen Tränen zu saugen, die aus ihren Augen strömten wie die dicken Tropfen eines Gewitterregens. XXVIII In dieser Zeit weigerte sich Gent, die edle Stadt, ihren Anteil an den Hilfsgeldern zu zahlen, die ihr Sohn Karl, der Kaiser, forderte. Sie konnte es nicht, weil sie, durch Karl selbst, vom Gelde entblößt war. Das war ein schweres Verbrechen; er beschloß, sie in höchsteigener Person zu züchtigen. Denn der Stock des Sohnes ist dem Rücken der Mutter schmerzlicher als der Stock jedes andern. Franz mit der langen Nase, sein Feind, bot ihm den Durchzug durch Frankreich an. Karl nahm an, und anstatt als Gefangener zurückgehalten zu werden, wurde er kaiserlich gefeiert und mit Aufmerksamkeiten überhäuft. Es ist ein allgemein gültiger Vertrag unter den Fürsten, einander gegen ihre Völker zu helfen. Karl hielt sich lange in Valenciennes auf, ohne ein Zeichen von Mißmut zu geben. Gent, seine Mutter, lebte sorglos in dem Glauben, der Kaiser, ihr Sohn, werde ihr vergeben, daß sie nach ihrem Rechte getan hatte. Karl kam vor den Mauern der Stadt an mit viertausend Pferden. Alba begleitete ihn und der Prinz von Oranien. Das geringe Volk und die kleinen Handwerker hätten gern diesen Einzug des Sohnes verhindert und gern die achtzigtausend Männer der Stadt und des flachen Landes auf die Beine gebracht; die großen Bürger, die Hoogpoorters, widersetzten sich aus Angst, daß das Volk die Oberhand bekommen könnte. Trotzdem hätte noch Gent seinen Sohn samt seinen viertausend Pferden zu Brei schlagen können; aber es liebte ihn, und auch die kleinen Handwerker hatten wieder Vertrauen gefaßt. Auch Karl liebte die Stadt, aber wegen des Geldes, das sie hatte in ihren Kisten und wovon er noch haben wollte. Als er sich zum Herrn der Stadt gemacht hatte, stellte er überall Posten von Kriegsknechten auf, und die Rundwachen zogen Tag und Nacht durch Gent. Dann verkündete er mit großem Gepränge den über die Stadt gefällten Spruch. Die vornehmsten Bürger mußten, einen Strick um den Hals, vor seinen Thron kommen, um demütig Abbitte zu leisten, und Gent wurde schuldig erklärt der kostspieligsten Verbrechen, die da sind: Treulosigkeit, Bruch der Verträge, Ungehorsam, Aufruhr, Empörung und Majestätsbeleidigung. Der Kaiser erklärte für aufgehoben alle Privilegien, Rechte, Freiheiten, Herkommen und Nießbrauchs und die Zukunft verpfändend, als ob er Gott gewesen wäre, ordnete er an, daß alle seine Nachfolger, wann sie zur Herrschaft kämen, schwören sollten, nichts einzuhalten als die Karolinische Konzession der von ihm der Stadt auferlegten Sklaverei. Er ließ die Abtei von St. Baafs niederreißen, um dort eine Zitadelle zu errichten, die es ihm gestattete, die Brust seiner Mutter mit Kugeln zu durchbohren. Als guter Sohn auf eine rasche Erbschaft erpicht, beschlagnahmte er alles Vermögen von Gent, Einkünfte, Häuser, Geschütze, Kriegsgerät. Da er die Stadt zu gut befestigt fand, ließ er den Roten Turm, den Turm von Paddenhoek, die Braampoort, die Steenpoort, die Walpoort, die Ketelpoort und viele andere Tore, wie Kleinode aus Stein gemeißelt und geschnitzt, abbrechen. Wann nun Fremde nach Gent kamen, sprachen sie untereinander: »Diese tote und trostlose Stadt soll Gent sein, von dem man uns Wunder gesagt hat?« Und die von Gent antworteten: »Kaiser Karl hat der Stadt ihren köstlichen Gürtel genommen.« Und dies sagten sie voll Scham und Zorn. Und von dem Abbruch der Tore nahm der Kaiser die Steine für seine Festen. Er wollte, daß Gent arm sei, damit es sich nicht durch Arbeit, nicht durch Gewerbefleiß und nicht durch Geld seinen kühnen Plänen widersetzen könne; daher verurteilte er die Stadt, ihren verweigerten Teil der Hilfsgelder im Betrage von vierhunderttausend Goldgulden zu bezahlen, ferner eine einmalige Buße von einhundertfünfzigtausend Goldgulden zu erlegen und sich zu einer immerwährenden jährlichen Zahlung von sechstausend zu verpflichten. Die Stadt hatte ihm Geld geborgt gehabt, und er hätte dafür jährlich einhundertfünfzig Pfund Groschen Zins zahlen sollen; gewaltsam ließ er sich die Verschreibungen zurückstellen, und auf diese Art seine Schuld bezahlend, bereicherte er sich tatsächlich. Die Stadt hatte ihm bei mancherlei Anlässen ihre Liebe bewiesen und ihm geholfen; er aber durchbohrte ihre Brust mit dem Dolche, um nach Blut zu suchen, wo er zu wenig Milch gefunden hatte. Dann besah er sich Roelandt, die schöne Glocke, und ließ an ihren Klöppel den Mann hängen, der Alarm geschlagen hatte, um die Stadt zur Verteidigung ihres Rechtes zu rufen. Er hatte kein Erbarmen mit Roelandt, der Zunge seiner Mutter, der Zunge, mit der sie zu Flandern sprach, mit Roelandt, der trotzigen Glocke, die von sich selber sagte: Als men my slaet, dan is 't brandt, Als men my luyd, dan is 't storm in Vlaenderland. Da er fand, daß seine Mutter zu laut sprach, nahm er ihr die Glocke. Und die vom flachen Lande sagten, die Stadt Gent sei tot, weil ihr der Sohn mit eiserner Zange die Zunge ausgerissen habe. XXIX In diesen Tagen, den Frühlingstagen klar und hell, wo die Erde Liebe atmet, schwatzte Soetkin beim offenen Fenster, und Klaas summte ein Lied, während Uilenspiegel Titus Bibulus Schnuffius mit einem Richterbarett bedeckt hatte. Der Hund rührte seine Pfoten, als ob er ein Urteil zu sprechen hätte; aber es geschah, damit er sich von seiner Kopfbedeckung befreie. Plötzlich schloß Uilenspiegel das Fenster, lief durchs Zimmer und sprang über Stuhl und Tisch, die Hände zur Decke gestreckt. Soetkin und Klaas sahen, daß er sich wegen nichts andern so abhetzte, als um ein kleines Vöglein zu fangen, das mit zitternden Flügeln vor Angst schrie, geschmiegt an einen Balken in einem Winkel der Decke. Uilenspiegel ging daran, sich seiner zu bemächtigen, als Klaas mit lauter Stimme sagte: »Warum springst du so herum?« »Um es zu fangen, es in einen Käfig zu tun, es zu füttern und es mir singen zu lassen.« Unterdessen flatterte der Vogel, schreiend vor Angst, durch das Zimmer und stieß sich das Köpfchen an die Fensterscheiben. Uilenspiegel gab die Jagd nicht auf, bis ihm Klaas die Hand schwer auf die Schulter legte: »Fang ihn, sperr ihn in einen Käfig, laß ihn dir singen, aber auch ich werde dich in einen festen Käfig aus guten Eisenstangen sperren und dich singen lassen. Du läufst gern, das wirst du dann nicht mehr können; du wirst Schatten haben, wann dich friert, und in der Sonne stehn, wann dir heiß ist. Eines Sonntags werden wir dann weggehn, ohne daß wir daran dächten, dir deine Nahrung zu geben, und wenn wir dann erst am Donnerstag heimkommen, werden wir Thijl tot vor Hunger und ganz steif finden.« Soetkin weinte; Uilenspiegel sprang auf. »Was willst du?« fragte Klaas. »Dem Vogel das Fenster öffnen.« In der Tat entwich der Vogel, ein Stieglitz, durchs Fenster; er stieß einen Freudenschrei aus, schoß wie ein Pfeil in die Luft, setzte sich dann auf einen nahen Apfelbaum, glättete seine Flügel mit dem Schnabel, schüttelte sein Gefieder und sagte endlich voller Wut Uilenspiegel in seiner Vogelsprache tausend Beschimpfungen. Nun sagte Klaas: »Sohn, niemals nimm, nicht einen Menschen noch einem Tiere, die Freiheit, die das größte Gut auf dieser Welt ist. Laß jeden in die Sonne, wann ihn friert, und in den Schatten, wann ihm heiß ist. Und Gott möge richten über Seine Heilige Majestät, die, nachdem sie dem freien Glauben in Flandern Ketten angelegt hat, das edle Gent in einen Käfig der Knechtschaft gesteckt hat.« XXX Philipp hatte Maria von Portugal geheiratet und ihre Länder der spanischen Krone einverleibt; von ihr hatte er Don Carlos, den grausamen Narren. Aber er liebte seine Frau nicht. Die Königin litt an den Folgen ihrer Niederkunft. Sie hütete das Bett und hatte ihre Ehrendamen um sich, unter ihnen die Herzogin von Alba. Philipp ließ sie oft allein, um die Ketzer verbrennen zu sehn. Alle Herren und Damen des Hofes taten wie er. Ebenso tat auch die Herzogin von Alba, die edle Kindbetthüterin der Königin. Um diese Zeit griff das geistliche Gericht einen vlämischen Bildner, einen Katholiken; er hatte sein Bild, eine Statue Unserer Frau, deren ausbedungenen Preis sich der Besteller, ein Mönch, zu zahlen weigerte, mit seinem Meißel ins Gesicht geschlagen mit den Worten, er wolle lieber sein Werk vernichten, als es zu einem geringen Preise hergeben. Da ihn der Mönch als Bilderstürmer angab, wurde er ohne Erbarmen der Folter unterworfen und endlich verurteilt, lebendig verbrannt zu werden. Bei der Folter hatte man ihm die Fußsohlen geröstet; als er nun, gehüllt in den Sanbenito, vom Gefängnisse zum Scheiterhaufen ging, schrie er: »Haut mir die Füße ab! Haut mir die Füße ab!« Und Philipp hörte von weitem diese Schreie; und er war vergnügt, aber er lachte nicht. Die Ehrendamen beurlaubten sich bei der Königin, um der Verbrennung beizuwohnen, und nach ihnen auch die Herzogin von Alba, die, als sie den vlämischen Bildner schreien hörte, das Schauspiel sehn wollte und die Königin allein ließ. Philipp, seine vornehmen Diener, die Prinzen, Grafen und Ritter und die Damen waren da; der Bildner wurde mit einer langen Kette an einen Pfahl gefesselt, der mitten in einem feurigen Kreise von Strohbüscheln und Reisigbündeln stand, so daß der arme Sünder langsam braten mußte, wenn er sich, um dem gähen Feuer zu entrinnen, in der Mitte hielt. Er war so gut wie nackt, und neugierig warteten die Zuseher, wie er den Mut seiner Seele gegen die Hitze des Feuers anspannen werde.   Zu derselben Zeit verspürte die Königin Maria in ihrem Kindbette Durst. In einer Schale sah sie eine halbe Melone liegen. Sie schleppte sich aus dem Bette, griff nach der Melone und aß sie vollends auf. Dann aber begann sie wegen der Kälte des Melonenfleisches zu schwitzen und zu frösteln; sie vermochte sich nicht zu rühren und blieb auf dem Boden liegen. »Ach,« rief sie, »ich würde mich ja erwärmen, wenn mich jemand zu Bette brächte.« Da hörte sie den armen Bildner schrein: »Haut mir die Füße ab!« »Ha,« rief die Königin Maria, »ist das ein Hund, der zu meinem Tode heult?«   In diesem Augenblicke träumte der Bildner, der rings um sich nichts sonst sah als die Gesichter der spanischen Feinde, von Flandern, dem Lande der Männer; die Arme gekreuzt und die lange Kette hinter sich nachschleppend, schritt er gegen das brennende Stroh und Reisig, und er warf sich aufrecht in die Flammen: »Seht, so sterben die Vlamen angesichts der spanischen Henker. Haut die Füße ab, aber nicht mir, sondern diesen, damit sie nicht zu neuen Morden eilen können! Heil Flandern! Flandern in Ewigkeit!« Die Damen jubelten ihm zu und riefen um Gnade, als sie seine trotzige Standhaftigkeit sahen. Und er starb. Die Königin Maria erschauerte am ganzen Körper, sie weinte, ihre Zähne klapperten vor der Kälte des nahen Todes, und sie sagte, Arme und Beine von sich streckend: »Bringt mich ins Bett, damit ich warm werde.« Und sie starb.   Und so säte Philipp überall Tod, Blut und Tränen, wie es Katelijne, die gute Hexe, prophezeit hatte. XXXI Aber Uilenspiegel und Nele hatten sich herzlich lieb. Es war damals gegen Ende April, alle Bäume in Blüte und alle Pflanzen saftstrotzend in der Erwartung des Mai, der mit blumigem Weckruf die Nachtigallen im Hag jubeln macht. Gar oft wanderten Uilenspiegel und Nele selbander die Wege entlang. Nele hing an Uilenspiegels Arm und faßte ihn mit beiden Händen. Uilenspiegel, der Gefallen fand an diesem Spiel, legte oft seinen Arm um Nelens Hüfte, um sie besser zu halten, wie er sagte. Und sie war glücklich, sagte aber kein Wort. Linde wälzte der Wind den Duft der Wiesen über die Wege; in der Ferne rauschte die See träg in der Sonne. Uilenspiegel war wie ein junger Teufel, ganz Kraft, und Nele wie eine kleine Heilige des Paradieses, ganz schamvoll wegen ihrer Wonne. Sie lehnte ihr Köpfchen an die Schulter Uilenspiegels, und er drückte ihre Hände und küßte sie im Gehn auf die Stirn, auf die Wangen und auf ihren lieblichen Mund. Aber sie sagte kein Wort. Nach einigen Stunden, als ihnen die Hitze Durst gemacht hatte, tranken sie bei einem Bauer Milch, aber ohne eine Erquickung zu fühlen. Und sie setzten sich an einem Grabenrande auf den Rasen. Nele, ganz blaß, war versonnen, und Uilenspiegel betrachtete sie ängstlich. »Du bist traurig?« sagte sie. »Ja,« antwortete er. »Warum?« fragte sie. »Ich weiß nicht,« sagte er, »aber die Apfelbäume und Kirschenbäume, alle in Blüte ... diese Luft, lau und wie mit Blitzfunken geladen ... Diese Maßliebchen auf dem Anger, die errötend ihre Kelche öffnen ... Der Hagedorn da in der Hecke, dicht bei uns, ganz weiß ... Wer sagt mirs, warum ich mich so beklommen fühle und allzeit bereit zu sterben oder zu schlafen? Und mein Herz pocht so stark, wann ich höre, wie die Vögel in den Bäumen erwachen, und wann ich die Schwalben sehe, die wieder zurückgekommen sind; dann möchte ich weiter fort als die Sonne und der Mond. Und bald ist mir kalt, und bald ist mir heiß. Ach, Nele, ich möchte nicht mehr auf dieser Welt sein oder tausend Wesen der geben, die mich lieben würde ...« Aber Nele sprach kein Wort und blickte Uilenspiegel glückselig lächelnd an. XXXII Am Allerseelentage kam Uilenspiegel mit einigen Taugenichtsen seines Alters aus der Frauenkirche. Lamme Goedzak hatte sich unter sie verirrt, wie ein Lamm unter die Wölfe. Er zahlte allen reichlich zu trinken; denn alle Sonn- und Festtage erhielt er von seiner Mutter drei Plappart. Er ging also mit seinen Gesellen in das Roode Schild zu Jan van Liebeke, der ihnen doppelten Knollaart von Courtrai vorsetzte. Der Trunk erhitzte sie, und sie sprachen von den Fürbitten; da erklärte Uilenspiegel, daß die Totenmessen niemand etwas nützten als den Priestern. Aber es war ein Judas in der Gesellschaft; der zeigte Uilenspiegel als einen Ketzer an. Trotz den Tränen Soetkins und den Bitten Klaasens wurde Uilenspiegel gegriffen und gefangen gesetzt. Einen Monat und drei Tage blieb er in einem vergitterten Loche, ohne einen Menschen zu Gesicht zu bekommen. Der Kerkermeister aß drei Viertel seiner Kost. Unterdessen holte man Nachrichten ein über seinen guten oder schlechten Ruf. Man fand sonst nichts, als daß er ein schlimmer Spötter war, der stets den Nächsten zum besten hielt, daß er aber niemals Gott oder die Jungfrau oder die Heiligen gelästert hatte. Darum fiel der Spruch mild aus; denn er hätte mit einem glühenden Eisen im Gesichte gebrandmarkt und bis aufs Blut gestäupt werden können. In Anbetracht seiner Jugend aber verurteilten ihn die Richter nur dazu, im Hemde, barhäuptig und barfuß und eine Kerze in der Hand, hinter den Priestern einherzuschreiten bei der ersten Prozession, die von der Kirche ausgehn werde. Es war am Himmelfahrtstage. Als die Prozession wieder zurückzog, mußte er unter der Pforte von Unserer Frau stehn bleiben und ausrufen: »Dank sei dem Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern! Ihre Fürbitten sind süß für die Seelen im Fegefeuer, wahrhaft erfrischend; denn jedes Ave ist ein Eimer Wassers auf ihren Rücken, und jedes Vaterunser ist ein Kübel.« Und das Volk hörte es andächtig, aber nicht ohne zu lachen. Zu Pfingsten mußte er wieder der Prozession folgen; er war im Hemde, barfuß und barhäuptig und hielt eine Kerze in der Hand. Als er zurückkam, blieb er wieder unter der Pforte stehn; ehrfürchtig hielt er seine Kerze in der Hand, nicht ohne einige drollige Fratzen zu schneiden, und sagte mit hoher und klarer Stimme: »Wenn die Bitten der Christen den armen Seelen im Fegefeuer ein großer Trost sind, so stillen die des Dechants von Unserer Frau, dieses in jeder Tugendübung vollkommenen heiligen Mannes, ihre Pein so trefflich, daß sich das Feuer im Augenblicke in Eis verwandelt. Aber die Henker von Teufeln bekommen nicht ein bißchen davon.« Und wieder hörte es das Volk in großer Andacht, aber nicht ohne zu lachen, und der Dechant grinste geistlich vor Vergnügen. Dann wurde Uilenspiegel auf drei Jahre aus Flandern gebannt und ihm aufgetragen, nach Rom zu pilgern und mit der Absolution des Papstes zurückzukommen. Klaas mußte für diesen Spruch drei Gulden zahlen; aber noch einen gab er seinem Sohn und versah ihn auch mit dem Pilgerkleide. Uilenspiegel drückte es das Herz ab, als er beim Abschied Klaas umarmte und Soetkin, die bekümmerte Mutter, die ganz in Tränen aufgelöst war. Sie gaben ihm mit einer Gesellschaft von mehrern Bürgern und ihren Frauen ein gutes Stück Weges das Geleit. Bei der Heimkehr in die Hütte sagte Klaas zu seiner Gattin: »Frau, es ist hart genug, einen jungen Burschen wegen einiger närrischen Worte zu einer so harten Strafe zu verurteilen.« »Du weinst, Mann,« sagte Soetkin; »du liebst ihn mehr, als du zeigst, denn du schluchzest männliche Tränen, die Löwenzähren sind.« Aber er antwortete nichts. Nele hatte sich in der Scheuer versteckt gehabt, damit es niemand sehe, daß auch sie um Uilenspiegel weinte. Dann war sie Soetkin und Klaas und den Bürgern von weitem gefolgt; als sie sah, daß Uilenspiegel allein weiterging, lief sie zu ihm und warf sich ihm an den Hals: »Du wirst dort viele schöne Frauen finden.« »Schöne, das weiß ich nicht,« antwortete Uilenspiegel; »aber frische, wie du, sicherlich nicht, denn die Sonne hat sie alle geröstet.« Eine lange Zeit schritten sie mitsammen dahin; Uilenspiegel war ganz verträumt und murmelte dann und wann: »Die Totenmessen werden sie mir bezahlen müssen!« »Was für Messen und wer wird sie zahlen?« fragte Nele. »All die Dechanten, Pfarrer, Geistlichen, Küster und andern obern und untern Affen, die uns mit Firlefanz füttern. Wäre ich ein tüchtiger Werkmann gewesen, so hätten sie mich mit dieser Pilgerei um die Frucht dreier Arbeitsjahre bestohlen. So ists der arme Klaas, der bezahlt. Meine drei Jahre werden sie mir hundertfältig erstatten, und ich werde für sie und um ihr Geld die Totenmesse singen.« Nele antwortete: »Geh, Thijl, sei klug; sie werden dich lebendig verbrennen.« »Ich bin feuerfest,« entgegnete Uilenspiegel. Und sie trennten sich, sie die Augen voll Tränen, er in Gram und Wut. XXXIII Als er durch Brügge kam, sah er auf dem Mittwochsmarkt eine Frau, die von dem Henker und seinen Knechten dahingeführt wurde, und um sie einen Haufen schreiender Frauen, die ihr tausend wüste Beschimpfungen zuheulten. An den roten Lappen oben am Kleide der Frau, die den Stein der Gerechtigkeit samt den eisernen Ketten am Halse trug, erkannte er, daß sie eine Frau war, die die jungen, blühenden Leiber ihrer Töchter zu ihrem Vorteile verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbara heiße und mit Jason Darue verheiratet sei; sie werde in diesem Aufzuge von Platz zu Platz und zurück auf den Großen Markt geführt und hier auf das schon für sie aufgerichtete Schafott gebracht werden. Uilenspiegel folgte ihr mit dem tobenden Volkshaufen. Auf den Großen Markt zurückgekommen, wurde sie aufs Schafott gehoben und an einen Pfahl gebunden, und der Henker warf ihr ein Büschel Gras und einen Klumpen Erde vor die Füße, als Sinnbild des Grabes. Auch sagte man Uilenspiegel, daß sie vorher im Gefängnis gestäupt worden war. Als er wegging, begegnete er Hendrik Marischal, dem nichtsnutzigen Landstreicher, der im Burgbanne von Westypern gehenkt worden war und noch die Narben von dem Stricke um den Hals hatte. Er war, wie er sagte, dadurch, daß er, in der Luft hängend, ein einziges inbrünstiges Gebet an Unsere Frau von Halle gerichtet habe, gerettet worden auf die Art, daß durch ein wahres Mirakel nach dem Weggehn der Richter und Büttel die Stricke, die ihm schon nicht mehr weh taten, plötzlich rissen und er heil und gesund zur Erde fiel. Aber später hörte Uilenspiegel, daß der vom Stricke gerettete Landstreicher ein falscher Hendrik Marischal war und daß man ihn seine Aufschneidereien nur deswegen so ruhig verzapfen ließ, weil er ein Pergament bei sich trug, unterzeichnet von dem Dechant von Unserer Frau zu Halle, der aus Ursache der Geschichte Hendrik Marischals alle, die den Galgen von nah oder fern witterten, rudelweise in seine Kirche strömen und reichlich opfern sah. Und eine gar lange Zeit wurde Unsere Frau von Halle Unsere Frau von den Gehenkten genannt. XXXIV Um diese Zeit hielten die Inquisitoren und Theologen dem Kaiser Karl das zweite Mal vor: daß die Kirche zugrunde gehe und daß ihr Gebot verachtet werde; daß er, wenn er so viel glänzende Siege davongetragen habe, dies nur den Gebeten der katholischen Kirche danke, die die kaiserliche Macht auf ihrer erhabenen Höhe erhalte. Ein spanischer Erzbischof bat ihn, er solle sechstausend Köpfe abschlagen oder ebensoviel Leiber verbrennen lassen, um in den Niederlanden die verfluchte lutherische Ketzerei auszurotten. Der Kaiser entschied, das sei nicht genug. So sah denn der entsetzte Uilenspiegel überall, wo er hinkam. Köpfe auf Stangen, junge Mädchen in Säcke gesteckt und lebendig ins Wasser geworfen, Männer nackt ans Rad geflochten und mit Eisenstangen mächtig gepeinigt und Frauen in eine Grube geworfen und Erde über sie und den Henker tanzend auf ihrer Brust, um sie zu brechen. Aber die Beichtväter derer, die sich vorher bekehrt hatten, bekamen für jeden einzelnen zwölf Kreuzer. In Löwen sah er die Henker dreißig Lutherische auf einmal verbrennen und den Scheiterhaufen mit Schießpulver entzünden. In Limburg sah er eine ganze Familie, Männer und Frauen, Töchter und Eidame, Psalmen singend den letzten Gang tun; und der alte Vater schrie, als man ihn verbrannte. Und Uilenspiegel wanderte über das arme Land, das Herz voll Angst und Schmerz. XXXV Im freien Felde schüttelte er sich wie ein Vogel, wie ein abgebundener Hund, und sein Herz erquickte sich an den Bäumen, den Wiesen und dem klaren Sonnenscheine. Als er drei Tage gegangen war, kam er in die Gegend von Brüssel, in die große Gemeinde Uccle. Vor dem Gasthof zur Trompet wurde er angelockt durch den himmlischen Geruch von Schmorfleisch. Einen Betteljungen, der, die Nase in der Luft, gierig den Duft der Brühen einsog, fragte er, wem zu Ehren dieser feierliche Weihrauch zum Himmel steige. Er bekam die Antwort, daß sich hier die Brüder von dem Guten Weingesicht nach der Vesper versammeln sollten, um die Erinnerungsfeier an die einstige Befreiung der Gemeinde durch die Frauen und Mädchen zu begehn. Uilenspiegel sah von weitem eine Stange, oben einen Papagei, und ringsherum Frauen, die mit Bogen bewaffnet waren; er fragte, ob die Frauen jetzt Bogenschützen würden. Der Bettler antwortete, den Brodem einziehend, daß zu den Zeiten des guten Herzogs die Frauen mit diesen Bogen mehr als hundert Marodeure getötet hätten. Da Uilenspiegel gerne noch mehr gehört hätte, sagte der Bettler, er könne nicht mehr reden vor lauter Hunger und Durst, außer Uilenspiegel gebe ihm einen Plappart auf Speise und Trank. Aus Mitleid tat es Uilenspiegel. Kaum hatte der Bettler den Plappart, so schoß er, wie der Fuchs in den Hühnerstall, in den Gasthof zur Trompet; siegesfroh kam er heraus mit einer halben Bratwurst und einem großen Stücke Brot. Plötzlich hörte Uilenspiegel eine liebliche Musik von Handtrommeln und Fiedeln und sah einen großen Schwarm tanzender Weiber, unter ihnen eine schöne Frau, die um den Hals eine Goldkette trug. Der Bettler, der nun nach dem Essen behaglich lachte, sagte Uilenspiegel, die junge schöne Frau sei die Königin des Bogenschießens, sie heiße Mietje und sie sei die Frau von Messire Renonckel, Schöffen der Gemeinde. Dann verlangte er sechs Heller auf einen Trunk; Uilenspiegel gab sie ihm. Nachdem der Bettler also gegessen und getrunken hatte, setzte er sich auf sein Sitzfleisch in die Sonne und reinigte sich die Zähne mit den Nägeln. Als die Schützinnen Uilenspiegel in seinem Pilgerkleide erblickten, begannen sie um ihn herumzutanzen und sagten: »Guten Tag, hübscher Pilger; kommst du weither, junger Pilger?« Uilenspiegel antwortete: »Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das reich ist an verliebten Mädchen.« Und er gedachte traurig Nelens. »Was war dein Verbrechen?« fragten sie und hielten inne mit ihrem Tanze. »Ich getraue mich es nicht zu gestehn, so groß ist es. Aber an mir sind noch andere Sachen, die nicht klein sind.« Sie lachten und fragten ihn, warum er so wandern müsse mit dem Pilgerstabe, dem Bettelsacke und den Muschelschalen. »Weil ich«, antwortete er, die Wahrheit ein wenig beugend, »gesagt habe, daß die Totenmessen den Priestern nützen.« »Sie bringen ihnen klingendes Geld,« antworteten sie, »aber sie nützen den Seelen im Fegefeuer.« Uilenspiegel sagte: »Ich war nicht dort.« Nun fragte ihn die hübscheste Schützin: »Willst du mit uns essen?« Er sagte: »Ich will mit euch essen, dich essen, dich und alle andern der Reihe nach; denn ihr seid Königsbissen, leckerer zu schmatzen als Fettammern, Drosseln und Schnepfen.« »Da möge dich Gott nähren!« sagten sie; »das Geflügel ist unbezahlbar.« »Wie ihr alle, Liebchen.« Sie sagten: »Das stimmt; aber wir sind überhaupt nicht zu verkaufen.« »Und zu verschenken?« »Ja,« erwiderten sie, »Schläge den allzu Kecken. Wenn es sein muß, so dreschen wir dich wie einen Kornschober.« Er sagte: »Ich tu nicht mit.« Und sie sagten: »Komm essen.« Er folgte ihnen in den Hof des Gasthauses, fröhlich, ihre frischen Gesichter um sich zu sehn. Plötzlich sah er mit großem Gepränge, mit Fahne, Trompete, Flöte und Trommel, die Brüder vom Guten Weingesicht einziehen, die den lustigen Namen ihrer Kumpanei vollauf verdienten. Als sie über ihn verwunderte Augen machten, sagten ihnen die Frauen, er sei ein Pilger, den sie auf der Straße aufgelesen hätten, um ihn, da sie in ihm ein gutes Weingesicht gefunden hätten, ähnlich ihren Männern und Verlobten, an ihrem Schmause teilnehmen zu lassen. Die Gesellschaft billigte es, und einer sagte: »Pilgernder Pilger, willst du pilgern mitten durch Brühen und Braten?« Uilenspiegel antwortete: »Ich werde Siebenmeilenstiefel anziehen.« Als er mit ihnen in den Schmaussaal eintreten wollte, gewahrte er auf der Straße von Paris zwölf einherwandernde Blinde. Sie kamen bei ihm vorbei, und er hörte sie über Hunger und Durst klagen. Uilenspiegel sprach bei sich, daß sie diesen Abend wie die Könige tafeln sollten auf Kosten des Dechants von Uccle, zum Gedächtnis der Totenmessen. Er ging auf sie zu und sagte zu ihnen: »Da sind neun Gulden; geht essen. Spürt ihr den Bratenduft?« »Ach,« sagten sie, »schon seit einer halben Meile; aber ohne Hoffnung.« »Nun werdet ihr essen,« sagte Uilenspiegel; »ihr habt ja neun Gulden.« Aber er gab ihnen nicht einen Heller. »Gesegnet seist du!« sagten sie. Und geführt von Uilenspiegel, setzten sie sich rund um einen kleinen Tisch, während sich die Brüder vom Guten Weingesichte mit ihren Frauen und Mädchen an einer großen Tafel niederließen. Wegen der neun Gulden traten sie mit Sicherheit auf und riefen kühnlich den Wirt: »Wirt, bring uns zu essen und zu trinken von dem Besten, was du hast.« Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, glaubte, sie hätten sie in ihren Schubsäcken, und fragte sie, was sie wünschten. Und alle auf einmal schrien sie durcheinander: »Erbsen mit Speck, ein Rübenragout mit Rind-, Kalb-, Hammel- und Hühnerfleisch.«–»Sind die Würste für die Hunde gemacht?« – »Wer hat denn vorhin beim Kommen die Blut- und Weißwürste gerochen, ohne sie am Kragen zu packen? Ich würde sie sehn, ach, wenn mir meine armen Augen Lichter abgäben!« – »Wo sind die Koekebakken mit Butter von Anderlecht? Sie singen in der Pfanne, saftig, prasselnd, diese Mütter ausgesoffener Kannen!« – »Wer wird mir Eier mit Schinken oder Schinken mit Eiern, diese zarten Freunde des Schlundes, vor meine Nase bringen?« – »Wo seid ihr, himmlische Soezels, wo in der tapfern Kost Nierchen, Hahnenkämme, Kalbsbröschen, Ochsenschwänze und Hammelfüße herumschwimmen mit gewaltig viel Zwiebeln, Pfeffer, Gewürznelken, Muskatnuß, das ganze geschmort mit drei Kannen Weißwein zur Tunke?« – »Wer wird mir euch bringen, göttliche Schweinswürste, die ihr so gut seid, daß ihr kein Wort sagt, wenn man euch verschlingt? Ihr kommt schnurstracks aus dem Schlaraffenland, dem fetten Lande der glücklichen Faulenzer, der Lecker ewiger Brühen. Aber wo seid ihr, ihr trockenen Blätter des letzten Herbstes?« – »Ich will eine Schöpsenkeule mit Bohnen.« – »Mir die Kopfzier vom Schwein, nämlich Schweinsohren.« – »Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Vaterunser sollen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Credo.« Der Wirt antwortete bedächtig: »Ihr bekommt einen Pfannkuchen von sechzig Eiern und als Wegweiser für euere Löffel fünfzig Schwarzwülste, rauchend auf dieses Speisengebirge gepflanzt; und obendrein doppelten Peeterman: der soll der Fluß sein.« Den armen Blinden lief das Wasser im Munde zusammen; und sie sagten: »Bring uns das Gebirge, die Wegweiser und den Fluß!« Und die Brüder vom Guten Weingesicht und ihre Frauen, die schon mit Uilenspiegel bei Tische saßen, sagten, dieser Tag sei für die Blinden der der unsichtbaren Prasserei und die armen Teufel kämen so um die Hälfte ihres Vergnügens. Als der Eierkuchen, grünend von Petersilie und Kresse, von dem Wirte und vier Köchen hereingetragen wurde, wollten sich die Blinden daraufstürzen und trafen schon die Anstalten dazu, aber der Wirt legte jedem, nicht ohne Mühe, seinen Teil unversehrt in den Napf. Die Schützinnen wurden gerührt, als sie sie schlingen sahen, schmatzend vor Lust; die Armen hatten Großhunger und schluckten die Würste wie Austern. Der doppelte Peeterman schoß in ihre Kehlen, wie Sturzbäche vom Gebirge. Nachdem sie ihre Näpfe gesäubert hatten, verlangten sie wieder Koekebakken und Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt brachte ihnen aber nur eine große Schüssel mit Rinds-, Kalbs- und Hammelknochen, die in einer guten Brühe schwammen. Jetzt teilte er aber nicht mehr aus. Als sie, ihr Brot in den Händen, die Arme bis zum Ellbogen in die Brühe getaucht hatten, aber nichts sonst fanden als Nippen, Kalbsknochen, Hammelschienbeine, ja selbst etliche Ochsenkinnladen, bildete sich jeglicher ein, sein Nachbar habe das ganze Fleisch, und sie stießen einander wütend die Knochen unter die Nasen. Nachdem sich die Brüder vom Guten Weingesicht satt gelacht hatten, legten sie gütig einen Teil ihres Essens in die Schüssel der armen Schlucker; wer nun nach einem Kriegsknochen suchte, tappte auf eine Drossel oder ein Hühnchen, eine Leiche oder ihrer zwei, während ihnen die Frauen, ihnen die Köpfe zurückbiegend, Brüsseler Wein zum toll und voll saufen eingossen. Wann die Blinden tasteten, um zu fühlen, woher ihnen diese Nektarströme kämen, erwischten sie nichts als einen Rock, und den wollten sie festhalten. Aber er entschlüpfte ihnen geschmeidig. Sie lachten und tranken, aßen und sangen. Etliche, die die hübschen Weiber witterten, rannten ganz verrückt durch den Saal, behext von der Liebe; aber die mutwilligen Mädchen führten sie irre und sagten ihnen, indem sie sich hinter einem Bruder vom Guten Weingesicht verbargen: »Küß mich!« Sie taten es, aber anstatt einer Frau küßten sie ein bärtiges Mannesgesicht, nicht ohne noch angeschnauzt zu werden. Die Brüder vom Guten Weingesicht sangen, und sie sangen gleicherweise. Und die fröhlichen Frauen lachten vor herzlicher Freude, als sie ihre Lust sahen. Als die Stunden der Herrlichkeit vorüber waren, sagte der Baas: »Ihr habt gut gegessen und gut getrunken; ich bekomme sieben Gulden.« Nun schwor jeder einzelne, er habe nicht die Börse, und schob es auf seinen Nachbar. Daraus entstand zwischen ihnen eine Schlacht, in deren Verlauf sie einander mit den Füßen, mit den Fäusten und mit den Köpfen zu stoßen trachteten; aber sie konnten es nicht und ihre Stöße blieben eitel, weil die Brüder vom Guten Weingesicht einen vom andern trennten: die Hiebe gingen alle in die Luft, einen ausgenommen, der unglücklicherweise das Gesicht des Baas traf. Ärgerlich durchsuchte er sie alle, fand aber bei ihnen nichts als ein altes Skapulier, sieben Heller, drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze. Er wollte sie in das Schweineloch werfen und sie bei Wasser und Brot so lange drin lassen, bis man ihm bezahlt habe, was sie schuldeten. »Ist es dir recht,« sagte Uilenspiegel, »daß ich für sie bürge?« »Ja,« antwortete der Baas, »wenn jemand für dich bürgt.« Die Guten Weingesichter wollten es sofort tun, aber Uilenspiegel lehnte es ab und sagte: »Der Dechant wird mein Bürge sein; ich gehe zu ihm.« In dem Gedanken an die Totenmessen ging er zum Dechant und erzählte ihm, wie der Baas von der Trompet vom Teufel besessen sei und von nichts anderm spreche als von Schweinen und Blinden, daß die Schweine die Blinden äßen und die Blinden die Schweine äßen, das alles mit unfrommer Anspielung auf Braten und Schmorfleisch; und bei diesen Anfällen habe der Baas alles kurz und klein geschlagen. Er bitte ihn nun, zu kommen und den schlimmen Teufel aus dem armen Menschen auszutreiben. Der Dechant versprachs ihm, sagte aber, sofort könne er nicht kommen; er machte nämlich in diesem Augenblicke die Rechnungen des Kapitels und trachtete dabei seinen Vorteil zu finden. Da Uilenspiegel sah, daß er ungeduldig war, sagte er, er werde mit der Frau des Baas kommen; der Dechant möge mit ihr selber sprechen. »Kommt alle beide,« sagte der Dechant. Uilenspiegel ging zum Baas zurück und sagte zu ihm: »Ich komme vom Dechant, er wird für die Blinden gutstehn. Während Ihr auf sie achtgebt, kann die Bazinne mit mir zu ihm gehn, er wird ihr wiederholen, was ich Euch gesagt habe.« »Geh, Frau,« sagte der Baas. Die Bazinne ging mit Uilenspiegel zum Dechant, und der rechnete noch immer um seinen Vorteil. Als sie mit Uilenspiegel eintrat, machte er ungeduldig ein Zeichen, sie sollten wieder gehn, und sagte: »Beruhige dich nur; in einem oder zwei Tagen komme ich deinem Manne helfen.« Und auf dem Rückwege zur Trompet sagte Uilenspiegel zu sich: »Er wird hundert Gulden bezahlen, und das soll meine erste Totenmesse sein.« Und er ging seinen Weg und die Blinden desgleichen. XXXVI Am nächsten Tage fand sich Uilenspiegel auf einer Straße mitten unter einer großen Menge Volkes; er schloß sich ihnen an und wußte bald, daß es der Tag der Wallfahrt nach Alsemberg war. Er sah arme alte Weiber mit nackten Füßen rücklings dahinwandern, um für einen Gulden die Sünden irgendwelcher großer Damen zu sühnen. Und am Straßenrande feierte mehr als ein Pilger beim Klange von Fiedeln, Geigen und Dudelsäcken Schmausereien und Braunbiergelage; und der Dampf des leckern Gewürzfleisches stieg zum Himmel wie ein milder Weihrauch des Fraßes. Aber es gab auch andere Pilger, gemeine, dürftige und zähneklappernde hungrige Leute, die, von der Kirche bezahlt, um sechs Kreuzer rücklings gingen. Ein kleines kahlköpfiges Männchen mit glotzenden Augen und scheuen Blicken sprang hinter ihnen rücklings einher, seine Vaterunser murmelnd. Uilenspiegel war neugierig, warum er also den Krebs nachäffte, schob sich vor ihn und sprang lachend in der nämlichen Weise; und die Fiedeln, Pfeifen, Geigen und Dudelsäcke und das Stöhnen der Pilger machten die Musik zu diesem Tanze. »Jan van den Duivel,« sagte Uilenspiegel, »ist es, um gewisser zu fallen, daß du auf diese Art läufst?« Der Mann antwortete nichts und fuhr fort, seine Paternoster zu murmeln. »Vielleicht«, sagte Uilenspiegel, »willst du wissen, wie viel Bäume an der Straße sind. Aber zählst du nicht auch die Blätter?« Der Mann, der bei einem Credo war, machte Uilenspiegel ein Zeichen, zu schweigen. »Vielleicht«, sagte dieser, immerfort vor ihm hüpfend und ihn nachahmend, »kommt es von einer plötzlichen Tollheit, daß du so der ganzen Welt wider den Strich gehst. Aber wer von einem Toren eine vernünftige Antwort haben will, ist selber nicht ganz vernünftig. Ists nicht so, Herr Glatzkopf?« Noch immer antwortete der Mann nicht; Uilenspiegel fuhr fort zu springen und machte dabei einen solchen Lärm mit seinen Schuhen, daß der Weg dröhnte wie eine hölzerne Trommel. »Vielleicht«, sagte Uilenspiegel, »seid Ihr stumm?« » Ave Maria, « sagte der Mann, » gratia plena et benedictus fructus ventris tui, Jesu. « »Vielleicht seid Ihr auch taub? Wir wollen sehn: man sagt, daß die Tauben weder Schmeicheleien noch Beschimpfungen hören. Sehn wir also, ob dein Trommelfell aus Haut oder aus Erz ist. Denkst du, du Laterne ohne Licht, du Fratze eines Paßgängers, daß du einem Menschen ähnlich siehst? Das könnte zutreffen, wenn sie aus Lumpen gemacht würden. Wo hat man schon jemals sonst so eine gelbe Rotznase, so einen garstigen Kahlkopf gesehn als auf dem Galgenfelde? Bist du nicht schon einmal gehenkt worden?« Und Uilenspiegel tanzte, und der Mann, der langsam ärgerlich wurde, lief zornig rücklings und murmelte seine Paternoster mit geheimer Wut. »Vielleicht«, sagte Uilenspiegel, »verstehst du nicht Hochvlämisch; ich will also Platt mit dir reden: wenn du kein Freßsack bist, bist du ein Trunkenbold; bist du kein Trunkenbold, sondern ein Wassersäufer, dann bist du irgendwo elendiglich verstopft; bist du nicht verstopft, dann hast du den Durchfall; bist du kein Hurenknecht, so bist du ein Kapaun; gibt es eine Mäßigkeit, so ist es nicht sie, die die Tonne deines Bauches füllt; und wenn es unter den tausend Millionen Menschen, die die Erde bevölkern, nicht mehr als einen Hahnrei gibt, dann bist es du!« Bei diesen Worten fiel Uilenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine in die Luft; denn der Mann hatte ihm einen solchen Schlag auf die Nase versetzt, daß er mehr als hundert Lichter sah. Dann warf er sich behend auf ihn, trotz der Last seines Wanstes, und schlug ihn überallhin, und die Hiebe prasselten wie Hagel auf den magern Leib Uilenspiegels nieder. Und Uilenspiegels Stock fiel zur Erde. »Daraus kannst du lernen,« sagte der Mann, »ehrliche Leute, die eine Wallfahrt tun, nicht zu belästigen. Denn, paß auf, auch ich gehe nach Alsemberg nach altem Gebrauch, um die heilige Maria zu bitten, daß sie das Kind mißraten lassen solle, das meine Frau empfangen hat, während ich auf der Reise war. Um eine so große Gnade zu erlangen, muß man, ohne ein Wort zu sprechen, rücklings gehn und tanzen vom zwanzigsten Schritte hinter seinem Hause bis zur untersten Kirchenstufe. O weh, o weh, jetzt muß ich noch einmal anfangen.« Uilenspiegel, der inzwischen seinen Stock wieder aufgehoben hatte, sagte: »Ich will dir helfen, du Nichtsnutz, der du Unsere Frau dazu brauchen willst, um die Kinder im Leibe ihrer Mütter zu töten.« Und er schlug den elenden Hahnrei so grausam, daß er für tot auf der Straße liegen blieb. Unterdessen stieg das Wimmern der Pilger zum Himmel auf und der Schall der Pfeifen, Geigen, Fiedeln und Dudelsäcke und, wie reiner Weihrauch, der Brodem der Braten. XXXVII Klaas, Soetkin und Nele plauderten mitsammen im Herdwinkel und unterhielten sich von dem pilgernden Pilger. »Mädchen,« sagte Soetkin, »könntest du ihn nicht durch den Zauber deines Jugendreizes immer bei uns behalten?« »Ach,« sagte Nele, »ich kann es nicht.« »Das kommt daher,« sagte Klaas, »weil er einen entgegengesetzten Zauber hat, der ihn zwingt zu laufen, ohne daß er rastete, außer um seinen Schlund zu befriedigen.« »Der häßliche Schelm,« seufzte Nele. »Schelm, das gebe ich zu,« sagte Soetkin, »aber häßlich, nein. Wenn mein Sohn Uilenspiegel auch kein griechisches oder römisches Gesicht hat, so schadet ihm das gar nichts; denn von Flandern sind seine rüstigen Füße, vom freien Mann von Brügge sein scharfes braunes Auge, und seine Nase und sein Mund sind gemacht von zwei Füchsen, kundig in den Künsten der List und der Bildnerei.« Und Klaas fragte: »Und wer hat ihm die Arme eines Faulenzers gemacht und die Beine, allzu bereit, dem Vergnügen nachzulaufen?« »Sein allzu junges Herz,« antwortete Soetkin. XXXVIII Um diese Zeit heilte Katelijne mit einfachen Kräutern einen Ochsen, drei Hammel und ein Schwein, die Speelman gehörten; hingegen gelang es ihr nicht bei einer Kuh, die Eigentum Jan Beloens war. Dieser klagte sie nun der Zauberei an: er erklärte, sie habe das Tier behext, zumal da sie es, während sie ihm Kräuter gegeben habe, gestreichelt und mit ihm, ohne Zweifel in einer teuflischen Sprache, geredet habe; denn eine ehrliche Christin dürfe zu einem Vieh nicht sprechen. Besagter Jan Beloen fügte noch bei, er sei der Nachbar Speelmans, dem sie den Ochsen, die Hammel und das Schwein geheilt habe; und daß sie seine Kuh getötet habe, das sei ohne Zweifel auf Anstiftung Speelmans geschehn, der eifersüchtig sei, weil er sehe, daß seine Felder, die Beloens, besser bearbeitet seien und mehr Ertrag brächten als seine, nämlich Speelmans. Auf das Zeugnis von Pieter Meulemeester, einem wohlbeleumdeten Manne, und auch auf das von Jan Beloen, die es bewährten, daß Katelijne in Damme als Hexe gelte und zweifellos die Kuh getötet habe, wurde Katelijne gefangen gesetzt und verurteilt, die Tortur zu erleiden, bis sie ihre Verbrechen und Missetaten gestanden habe. Die Befragung geschah durch einen Schöffen, der immerfort wild war, weil er den ganzen Tag Branntwein trank. Vor diesem und denen von der Vierschaar wurde sie auf die erste Folterbank gelegt. Der Henker entkleidete sie ganz nackt, dann schor er ihr den Kopf und den ganzen Körper, ob sie nirgends einen Zauber verberge. Als er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken auf die Bank. Da sagte sie: »Ich schäme mich, so nackt dazuliegen vor den Männern; heilige Jungfrau, laß mich sterben!« Nun legte ihr der Henker nasse Tücher auf die Brust, den Bauch und die Beine; dann hob er die Bank und goß ihr heißes Wasser in einer solchen Menge in den Magen, daß sie ganz aufgeblasen war. Dann ließ er die Bank wieder fallen. Der Schöffe fragte Katelijne, ob sie ihr Verbrechen gestehn wolle. Sie deutete nein. Wieder goß der Henker heißes Wasser in sie, aber sie erbrach alles. Hierauf wurde sie auf Weisung des Arztes gelöst. Sie sprach kein Wort, schlug sich aber auf die Brust und gab zu verstehn, daß sie von dem heißen Wasser verbrannt sei. Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Tortur erholt hatte, sagte er zu ihr: »Bekenne, daß du eine Hexe bist und einen Zauber über die Kuh geworfen hast.« »Ich kann nichts bekennen,« sagte sie. »Ich liebe alle Tiere mit der ganzen Kraft meines schwachen Herzens, und ich würde viel lieber mir weh tun, als ihnen, die sich nicht wehren können. Ich habe die gehörigen Kräuter gebraucht, um die Kuh zu heilen.« Aber der Schöffe sagte: »Du hast ihr Gift gegeben, denn sie ist verendet.« »Herr Schöffe,« sagte Katelijne, »ich stehe hier vor Euch und bin ganz in Euerer Gewalt. Und trotzdem getraue ich es mich, zu sagen, daß das Tier an einer Krankheit versterben kann wie der Mensch, trotz der Hilfe der Chirurgen und Ärzte. Und ich schwöre beim Herrn Jesus, der für unsere Sünden am Kreuze gestorben ist, daß ich dieser Kuh nicht schlecht wollte, sondern sie heilen mit einfachen Mitteln.« Wütend sagte nun der Schöffe: »Diese Äffin des Teufels soll nicht immerfort leugnen; man bringe sie auf eine andere Folterbank!« Und er trank ein großes Glas Branntwein. Der Henker setzte Katelijne auf den Deckel einer eichenen Totentruhe, die auf einem Gestelle ruhte. Besagter Deckel, der die Form eines Daches hatte, war scharf wie eine Klinge. Im Kamine loderte ein Feuer; denn man war im November. Katelijnen, sitzend auf dem Deckel und einem Spieße aus spitzigem Holze, wurden ganz enge Schuhe aus neuem Leder angezogen, und sie wurde vors Feuer geschoben. Als sie das schneidende Deckelholz und den scharfen Spieß in ihr Fleisch eindringen fühlte und fühlte, wie das Feuer das Leder der Schuhe erhitzte und einschrumpfte, schrie sie: »Tausendfache Pein leide ich! Wer reicht mir doch Gift!« »Näher ans Feuer!« befahl der Schöffe. Dann fragte er Katelijne: »Wie oft bist du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft hast du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem Baume, das Kind im Mutterleibe verderben lassen? Wie oft hast du zwei Brüder zu geschworenen Feinden und zwei Schwestern zu haßerfüllten Nebenbuhlerinnen gemacht?« Katelijne wollte sprechen, konnte es aber nicht; sie fuhr mit den Armen hin und her, um zu verneinen. Nun sagte der Schöffe: »Sie wird nicht früher sprechen, als bis sie ihr ganzes Hexenschmer am Feuer schmelzen fühlt. Bringt sie näher.« Katelijne schrie. Der Schöffe sagte: »Bitte Satan, daß er dich erquicke.« Sie machte eine Gebärde, als ob sie die Schuhe abstreifen wollte, die von der Hitze des Feuers rauchten. »Bitte Satan, daß er sie dir abziehe.« Es schlug zehn Uhr, und das war die Frühstücksstunde des Wüterichs. Er ging mit dem Henker und dem Schreiber und ließ Katelijne allein in der Folterkammer vor dem Feuer. Um elf Uhr kamen sie zurück und fanden Katelijne steif und regungslos sitzen. Der Schreiber sagte: »Ich denke, sie ist tot.« Der Schöffe befahl dem Henker, Katelijne von dem Deckel herabzunehmen und ihr die Schuhe von den Füßen zu ziehen. Da er sie ihr nicht abziehen konnte, schnitt er sie herunter, und man sah Katelijnens Füße rot und blutig. Und der Schöffe, noch im Nachgenießen des Frühstücks, sah sie an, ohne ein Wort zu sagen. Bald kam sie wieder zu sich; sie fiel zu Boden, ohne sich, trotz ihren Bemühungen, wieder aufrichten zu können. So sagte sie zum Schöffen: »Du hast mich einst zur Gattin haben wollen; nun wirst du mich nicht mehr bekommen. Vier mal drei, das ist die heilige Zahl, und der dreizehnte, das ist der Gemahl.« Als dann der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm: »Schweig still; er hat ein feiners Gehör als der Erzengel, der im Himmel die Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst du so spät? Vier mal drei ist die heilige Zahl; er tötet die, die mich begehren.« Der Schöffe sagte: »Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette.« Der Schreiber sagte: »Sie ist närrisch geworden durch die Tortur.« Katelijne wurde ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach versammelte sich die Schöffenkammer in der Vierschaar, und nach der Beratung wurde Katelijne zur Strafe des Feuers verurteilt. Von dem Henker und seinen Knechten wurde sie auf den Großen Markt von Damme und auf das dort errichtete Schafott geführt. Auf dem Platze hielten der Profoß, der Herold und die Richter. Die Trompeten des Stadtherolds erklangen dreimal, und der Herold wandte sich zum Volke und sprach: »Der Magistrat von Damme hat aus Mitleid mit Frau Katelijne nicht gewollt, daß an ihr die Strafe nach der vollen Strenge des Stadtgesetzes vollzogen werde, sondern ihr sollen zum Zeugnis, daß sie eine Hexe ist, die Haare verbrannt werden, sie soll zur Buße zwanzig Goldgulden zahlen, und sie wird, bei Strafe an einem Gliede, auf drei Jahre aus dem Gebiete von Damme gebannt.« Und das Volk klatschte Beifall dieser rohen Milde. Nun band der Henker Katelijne an den Pfahl, setzte ihr eine Wergperücke auf das geschorene Haupt und zündete diese an. Und das Werg brannte lange, und Katelijne schrie und weinte. Dann wurde sie losgebunden und, weil sie die Füße verbrannt hatte, auf einem Karren aus dem Gebiete von Damme geführt. XXXIX Uilenspiegel war damals in Herzogenbusch in Brabant; die Herren der Stadt wollten ihn zu ihrem Narren haben, aber er schlug diese Würde aus und sagte: »Ein pilgernder Pilger darf nicht an einem ständigen Platze tollen, sondern nur in Herbergen und auf den Straßen.« Zu derselben Zeit kam Philipp, der nun König von England war, seine künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau, Holland und Seeland besuchen. Er war in seinem neunundzwanzigsten Jahre; seine graulichen Augen verkündeten herben Trübsinn, scheue Falschheit und grausame Entschlossenheit. Kalt war sein Gesicht, steif sein Haupt mit den gelben Haaren, steif auch sein magerer Rücken und seine dünnen Beine. Langsam war seine Rede und teigig, als ob er Wolle im Munde gehabt hätte. Unter Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er das frohe Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern und seine andern Herrentümer. Überall schwor er, die Privilegien achten zu wollen; aber als er in Brüssel den Eid auf das Evangelium leistete, er werde die Goldene Bulle von Brabant einhalten, krümmte sich seine Hand so stark, daß er sie von dem heiligen Buche wegnehmen mußte. Er begab sich nach Antwerpen, wo man zu seinem Empfange dreiundzwanzig Triumphbogen errichtet hatte. Die Stadt hatte zweihundertsiebenundachtzigtausend Gulden ausgegeben für diese Bogen und für die Kleidung von achtzehnhundertundneunundsiebenzig Kaufleuten, alle in karmesinrotem Samt, und für die reiche Liverei von vierhundertundsechzehn Lakaien und für die prächtigen Seidenanzüge von viertausend gleichgekleideten Bürgern. Mannigfache Aufzüge wurden veranstaltet von den Rederijkers aller oder fast aller Städte der Niederlande. Da sah man samt ihren Narren und Närrinnen: den Prinzen von der Liebe aus Tournai, reitend auf einer Sau, die Astarte hieß; den König der Narren aus Lille, der ein Pferd am Schwänze führte und hinterdrein ging; den Prinzen vom Vergnügen aus Valenciennes, der sich damit vergnügte, die Fürze seines Esels zu zählen; den Abt von der Wonne aus Arras, der aus einer Flasche, die die Form eines Breviers hatte, Brüsseler Wein soff, was gewiß ein lustiges Lesen war; den Abt von den Versorgten Bäuchen aus Ath, der mit nichts versorgt war als mit einem zerlumpten Kittel und ausgetretenen Schuhen, aber eine Wurst hatte, mit der er seinen Wanst wohl versorgte; den Propst der Liederlichen, einen jungen Fant auf einer ängstlichen Geiß, der ihrethalben manchen Puff bekam, als er durch die Menge trabte; den Abt von der Silberschüssel von Le Quesnoy, der, auf seinem Pferde reitend, tat, als ob er sich in eine Schüssel setzen wollte, wobei er sagte: »Es ist kein Vieh so groß, daß man es nicht braten könnte.« Und sie trieben alle Gattungen harmloser Narrheiten, aber der König blieb traurig und düster. An dem nämlichen Abend kamen der Markgraf, die Bürgermeister, die Hauptleute und die Zunftmeister von Antwerpen zusammen, um ein Spiel zu finden, das den König lachen machen könnte. Der Markgraf sagte: »Habt ihr nie reden hören von einem gewissen Pierken Jacobsen, Narren der Stadt Herzogenbusch, gut berufen wegen seiner lustigen Streiche?« »O ja,« sagten sie. »Also gut!« sagte der Markgraf. »Entbieten wir ihn her, und er soll irgendeinen hübschen Possen anstellen, da nun einmal unser Narr Blei an den Sohlen hat.« »Schicken wir um ihn,« sagten sie. Als der Antwerpener Bote nach Herzogenbusch kam, sagte man ihm, daß der Narr Pierken geplatzt war durch die Kraft seines Lachens, aber in der Stadt sei vorübergehend ein anderer Narr, Uilenspiegel mit Namen. Der Gesandte traf ihn in einer Herberge, wo er geröstete Muscheln aß und einem kleinen Mädchen einen Rock aus den Schalen machte. Uilenspiegel war verrückt vor Freude, als er vernahm, es geschehe seinetwegen, daß der Stadtbote von Antwerpen auf einem trefflichen Rosse von Veurne-Ambacht geritten komme, ein zweites am Zaume. Ohne den Fuß aus dem Bügel zu setzen, fragte ihn der Reiter, ob er einen neuen Possen wüßte, um König Philipp lachen zu machen. »Ich habe ihrer ein Bergwerk unter meinen Haaren,« antwortete Uilenspiegel. Sie zogen ab. Die zwei Pferde sprengten mit verhängten Zügeln und trugen Uilenspiegel und den Boten nach Antwerpen. Uilenspiegel erschien vor dem Markgrafen, den zwei Bürgermeistern und denen von der Gemeinde. »Was gedenkst du anzustellen?« fragte der Markgraf. »In der Luft fliegen,« antwortete Uilenspiegel. »Wie wirst du das anfangen?« fragte der Markgraf. »Wißt Ihr,« fragte Uilenspiegel, »was weniger wert ist als eine zerplatzte Blase?« »Ich weiß es nicht,« sagte der Markgraf. »Ein verratenes Geheimnis,« sagte Uilenspiegel. Unterdessen ritten die Festherolde auf ihren schönen, mit Karmesinsamt aufgezäumten Pferden durch alle Hauptstraßen und über alle Plätze der Stadt, die Zinken blasend und die Trommel rührend. So verkündeten sie den Signoorkens und Signorinnekens, daß Uilenspiegel, der Narr von Damme, auf dem Kai in der Luft fliegen werde und daß König Philipp mit seiner hohen, durchlauchtigen und vornehmen Gesellschaft auf einer Schaubühne anwesend sein werde. Der Schaubühne gegenüber war ein Haus, gebaut nach italienischer Art, dessen Dach entlang eine Rinne lief. Auf diese Rinne ging ein Bodenfenster hinaus. An diesem Tage durchritt Uilenspiegel auf einem Esel die Stadt. Ein Fußknecht lief neben ihm. Uilenspiegel war angetan mit dem schönen Kleide aus Karmesinseide, das ihm die Herren von der Gemeinde gegeben hatten. Seine Kopfbedeckung war eine gleicherweise karmesinrote Gugel, versehn mit zwei Eselsohren und an jedem eine Schelle. Um den Hals trug er eine Kette von kupfernen Medaillen mit dem Wappen von Antwerpen. An den geschlitzten Ellbogen seiner Jacke klangen goldene Schellen. Dazu hatte er Schnabelschuhe, an beiden Schnäbeln eine Schelle. Sein Esel war mit Karmesinseide angeschirrt und trug an den vier Beinen das goldgestickte Wappen von Antwerpen. Sein Diener schwenkte in der einen Hand einen Eselskopf und in der andern eine Rute, an der eine Kuhglocke bimmelte. Uilenspiegel ließ seinen Diener und sein Pferd auf der Straße und stieg in die Rinne. Nun schüttelte er seine Schellen und breitete seine Arme weit aus, wie wenn er fliegen wollte. Dann verneigte er sich gegen König Philipp und sagte: »Ich habe geglaubt, in Antwerpen sei kein anderer Narr als ich; jetzt sehe ich, daß die Stadt ihrer voll ist. Hättet ihr mir gesagt, daß ihr fliegen wollet, ich hätte es nicht geglaubt; wenn aber euch ein Narr sagt, er werde es tun, so glaubt ihrs. Wie, wollt ihr denn, soll ich fliegen, wo ich keine Flügel habe?« Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten: »Der Narr sagt die Wahrheit.« Aber König Philipp blieb starr wie ein Steinkönig. Die von der Gemeinde sagten leise zueinander: »Es war wohl nicht notwendig, so große Veranstaltungen zu treffen für ein so sauers Gesicht.« Und sie gaben Uilenspiegel drei Gulden, und er entlief; den Anzug aus Karmesinseide hatten sie ihn zurückzugeben gezwungen. »Was sind denn drei Gulden in der Tasche eines jungen Burschen anders, als eine Schneeflocke vor dem Feuer oder eine volle Flasche für euern weiten Schlund, ihr Saufbolde! Drei Gulden! Die Blätter fallen von den Bäumen und wachsen wieder neu, aber die Gulden gehn aus der Tasche und kommen nimmer wieder. Die Schmetterlinge entfliegen mit dem Sommer und die Gulden auch, obwohl sie zwei Osterling und neun Daus wiegen.« Bei diesen Worten betrachtete Uilenspiegel seine drei Gulden aufmerksam: »Was für ein stolzes Gesicht der Kaiser Karl macht in seinem Harnisch und Helm, das Schwert in der einen Hand und den Erdball in der andern! Durch Gottes Gnade ist er Römischer Kaiser, König von Spanien usw., und er ist sehr gnädig unsern Landen, der geharnischte Kaiser. Und auf der andern Seite des Guldens ein Schild mit dem Wappen des Herzogs, des Grafen usw. seiner verschiedenen Besitzungen mit dem schönen Spruche: Da mihi virtutem contra hostes tuos , Gib mir Kraft gegen deine Feinde. Und in der Tat, er war kräftig gegen die Reformierten, die ein Vermögen zum Einziehen haben, und er erbt nach ihnen. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich ließe Gulden für die ganze Welt schlagen, und alle wären reich, und niemand würde mehr arbeiten.« Aber Uilenspiegel hatte das schöne Geld gut ansehn; es wandelte den Weg alles Irdischen bei Kannenklang und Flaschengeklirr. XL Während Uilenspiegel in Karmesinseide gekleidet in der Rinne stand, betrachtete ihn Nele, die, ohne daß er sie gesehn hätte, unter der Menge war, mit lächelnden Blicken. Sie hielt sich damals in Borgerhout bei Antwerpen auf; als sie gehört hatte, daß ein Narr vor König Philipp fliegen wolle, hatte sie sofort gedacht, das könne niemand anders sein als ihr Freund Uilenspiegel. Träumend zog dieser seine Straße weiter, ohne den Klang von Schritten unmittelbar hinter sich zu hören; aber er fühlte es ganz gut, als sich ihm zwei Hände auf die Augen legten. Nele spürend, sagte er: »Du bist es?« »Ja,« sagte sie, »ich laufe hinter dir her, seitdem du aus der Stadt bist. Komm mit mir.« »Aber wo ist denn Katelijne?« »Du weißt noch nicht,« antwortete sie, »daß sie ungerechterweise als Hexe gefoltert und dann auf drei Jahre aus Damme gebannt worden ist und daß man ihr die Füße verbrannt hat und Werg auf dem Haupte. Ich sage dir das, damit du nicht erschreckest vor ihr; denn sie ist durch das furchtbare Leiden närrisch geworden. Ganze Stunden lang sitzt sie, schaut auf ihre Füße und sagt: ›Hansken, mein süßer Teufel, sieh, was sie mit deiner Liebsten gemacht haben. Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden.‹ Dann weint sie wiederum und sagt: ›Die andern Frauen haben entweder einen Mann oder einen Liebsten, ich aber lebe auf dieser Welt wie eine Witwe.‹ Dann sage ich ihr, daß ihr Hansken böse sein werde, wenn sie von ihm vor andern spreche als vor mir. Und sie gehorcht mir wie ein Kind, außer wann sie eine Kuh oder einen Ochsen sieht, weil eine Kuh die Ursache ihrer Folter war: dann rennt sie in vollem Laufe davon, ohne daß sie etwas hielte, kein Schlagbaum, kein Bach, kein Graben, bis sie erschöpft an einer Straßenecke oder gegen eine Hufenmauer zusammenbricht; und ich gehe sie aufheben und ihr die Füße verbinden, die nun bluten. Ich glaube, daß man ihr zugleich mit dem Werg auch das Hirn im Kopfe verbrannt hat.« Und beide waren bekümmert in dem Gedanken an Katelijne. Sie gingen zu ihr und fanden sie auf einer Bank an ihrem Hause in der Sonne sitzen. Uilenspiegel sagte zu ihr: »Kennst du mich?« Sie sagte: »Vier mal drei ist die heilige Zahl, und der dreizehnte ist Thereb. Wer bist du, Kind dieser elenden Welt?« »Ich bin«, antwortete er, »Uilenspiegel, der Sohn Soetkins und Klaasens.« Sie hob das Haupt und erkannte ihn; dann winkte sie ihm mit dem Finger und legte ihren Mund an sein Ohr: »Wenn du den siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, so sag ihm, daß er wiederkommen soll, Uilenspiegel.« Dann wies sie auf ihr verbranntes Haar: »Ich habe Schmerzen,« sagte sie, »man hat mir den Verstand genommen; aber wann er kommt, wird er mir den Kopf wieder füllen, der jetzt leer ist. Hörst du? Er klingt wie eine Glocke; das ist meine Seele, die hinaus will und an die Pforte klopft, weil es sie brennt. Wenn Hansken da ist und mir den Kopf nicht füllen will, werde ich ihm sagen, er soll mit dem Messer ein Loch hineinmachen: die Seele, die drinnen ist, peinigt mich grausam mit dem fortwährenden Pochen, und ich werde sterben, ja. Ich schlafe nimmermehr und warte fort und fort auf ihn, und er muß mir den Kopf füllen, ja.« Und sie wimmerte erschöpft. Und die Bauern, die von den Feldern zum Essen heimgingen, während sie die Kirchenglocke rief, sagten, als sie bei Katelijne vorbeikamen: »Seht die Verrückte.« Und sie bekreuzigten sich. Und Nele und Uilenspiegel weinten, und Uilenspiegel mußte seine Straße ziehn. XLI Im Verlaufe seiner Pilgerfahrt trat Uilenspiegel in den Dienst eines gewissen Judocus, zubenannt der Kwabakker, der Sauerbäcker, wegen seines sauern Gesichtes. Der Kwabakker gab ihm als Zehrung drei altbackene Brote wöchentlich und als Schlafstelle einen Verschlag unterm Dache, wo Regen und Wind wunderschön hineintrafen. Als sich Uilenspiegel so schlecht versorgt sah, spielte er ihm mancherlei Possen und unter andern den: Wenn man früh backen will, muß das Mehl in der Nacht gebeutelt werden. Nun verlangte Uilenspiegel in einer Nacht, wo der Mond schien, ein Licht, um sehn zu können, und erhielt von seinem Meister diese Antwort: »Beutle das Mehl beim Mondschein.« Uilenspiegel gehorchte und beutelte das Mehl auf die Erde, wo der Mond hinschien. Als der Kwabakker am Morgen sehn wollte, was Uilenspiegel ausgerichtet habe, traf er ihn noch beim Beuteln, und da sagte er zu ihm: »Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzt auf die Erde beutelt?« Uilenspiegel antwortete: »Ich habe das Mehl beim Mondschein gebeutelt, wie Ihr mir befohlen habt.« Der Bäcker erwiderte: »Du Esel, du dummer, in ein Sieb hättest du es tun sollen.« Uilenspiegel antwortete: »Ich habe geglaubt, der Mond sei ein Sieb von einer neuen Erfindung. Aber der Schade wird nicht so groß sein, ich will das Mehl aufschaufeln.« »Es wird zu spät«, erwiderte der Kwabakker, »fürs Teigmachen und Backen.« Uilenspiegel entgegnete: »Baas, der Teig des Nachbars ist fertig im Trog; soll ich ihn nehmen gehn?« »Geh an den Galgen«, antwortete der Kwabakker, »und hol, was dort ist.« »Ich gehe, Baas,« antwortete Uilenspiegel. Er lief aufs Galgenfeld, fand dort eine verdorrte Diebshand, brachte sie dem Kwabakker und sagte zu ihm: »Das ist eine glorreiche Hand, die jeden unsichtbar macht, der sie trägt. Willst du fortan deine Bösartigkeit verbergen?« »Ich werde dich bei der Gemeinde anzeigen,« antwortete der Kwabakker, »und du wirst sehn, daß du das Herrenrecht gebrochen hast.« Als sie beide vor dem Bürgermeister waren, sah der Kwabakker, der eben den Rosenkranz der Missetaten Uilenspiegels abrollen wollte, daß dieser die Augen weit aufgerissen hatte. Darob wurde er so zornig, daß er seine Aussage unterbrach: »Was gibts denn?« »Du hast gesagt, du wirst mich so anklagen, daß ich es sehe. Nun trachte ich es zu sehn, und drum schaue ich.« »Aus meinen Augen!« schrie der Bäcker. »Wenn ich in deinen Augen wäre,« antwortete Uilenspiegel, »und du hättest sie zu, so könnte ich nur bei den Nasenlöchern heraus.« Der Bürgermeister sah, daß diesen Tag Possenmarkt war, und wollte sie nicht weiter anhören. Uilenspiegel und der Kwabakker gingen mitsammen weg, und der Kwabakker hob den Stock gegen ihn; Uilenspiegel wich aus und sagte: »Da es mit Schlägen geschieht, daß man mein Mehl beutelt, so nimm du die Kleie: das ist deine Wut; ich behalte das Mehl: das ist mein Frohsinn.« Dann zeigte er ihm sein andres Gesicht: »Und das ist das Ofenloch, wenn du backen willst.« XLII Der pilgernde Uilenspiegel wäre gern ein Strauchdieb geworden, aber die Sträucher waren ihm zu gering. Er zog auf gut Glück die Straße nach Oudenaarde, wo damals eine Besatzung vlämischer Reiter lag, um die Stadt gegen die französischen Streifer zu verteidigen, die das Land verheerten wie die Heuschrecken. Die Reiter befehligte ein Hauptmann, ein Friese von Geburt, Kornjuin mit Namen. Auch sie zogen aufs flache Land hinaus und plünderten das Volk, an dem also, wie gewöhnlich, von zwei Seiten gezehrt wurde. Alles war ihnen recht: Hennen, Küchlein, Enten, Tauben, Kälber und Schweine. Als sie eines Tages raubbeladen heimritten, sahen Kornjuin und seine Leutnante Uilenspiegel, der von Gebratenem träumte, unter einem Baume liegen. »Wovon lebst du?« fragte Kornjuin. »Ich sterbe vor Hunger,« sagte Uilenspiegel. »Was ist dein Handwerk?« »Pilgern ob meiner Sünden, den andern bei der Arbeit zusehn, seiltanzen, hübsche Gesichter malen, Messerschalen schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.« Daß Uilenspiegel so kühnlich von der Trompete sprach, tat er deshalb, weil ihm zu Ohren gekommen war, daß die Stelle des Schloßwächters von Oudenaarde freigeworden war durch den Tod eines alten Mannes, der dieses Amt bekleidet hatte. Kornjuin sagte zu ihm: »Du sollst der Stadttrompeter sein.« Uilenspiegel folgte ihnen und wurde auf den höchsten Turm der Festung gesetzt in ein Lug, hübsch frei für alle vier Winde, ausgenommen den Südwind, der aus dem letzten Loche pfiff. Man sagte ihm, er habe zu blasen, wann er den Feind herankommen sehe; damit er deswegen allzeit einen freien Kopf und klare Augen habe, werde man ihm weder zu viel zu essen noch zu trinken geben. Der Hauptmann und seine Soldaten blieben im Turm und schmausten alltäglich auf Kosten des flachen Landes. Da wurde mehr als ein Kapaun getötet und gegessen, dessen ganzes Verbrechen in seinem Fett bestand. Uilenspiegel, der tagtäglich vergessen wurde und mit seiner magern Suppe vorliebnehmen mußte, fand nicht die mindeste Befriedigung in dem Dufte der Brühen. Die Franzosen kamen und trieben viel Hornvieh weg; Uilenspiegel nahm die Trompete nicht einmal in die Hand. Kornjuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn: »Warum hast du nicht geblasen?« Uilenspiegel sagte: »Ich habe Euch nicht mit meinem Gratias stören wollen bei Euerm Essen.« Am nächsten Tage ordnete der Hauptmann eine große Schmauserei für sich und seine Soldaten an, aber Uilenspiegel wurde wieder vergessen. Eben wollten sie mit dem Schlingen anfangen, als Uilenspiegel in die Trompete stieß. Kornjuin und seine Soldaten, in dem Glauben, das seien die Franzosen, ließen Wein und Fleisch, sprangen auf ihre Pferde und ritten hastig zur Stadt hinaus; aber sie trafen niemand im Felde als eine Kuh, die in der Sonne wiederläute, und die nahmen sie mit. Unterdessen hatte sich Uilenspiegel den Bauch mit Wein und Fleisch gestopft. Der Hauptmann traf ihn bei seiner Rückkehr, wie er lachend und mit wackelnden Beinen an der Saaltür lehnte. Er sagte zu ihm: »Das ist Verräterei, daß du Alarm bläst, wann du keinen Feind siehst, und nicht bläst, wann du ihn siehst.« »Herr Hauptmann,« antwortete Uilenspiegel, »die vier Winde haben mich in meinem Turm derart aufgeblasen, daß ich weggeflogen wäre wie eine Blase, wenn ich nicht die Luft durch die Trompete ausgelassen hätte. Laßt mich heute henken oder ein andermal, wann Ihr einer Eselshaut bedürft für Euere Trommeln.« Kornjuin ging, ohne ein Wort zu sagen. Nun kam nach Oudenaarde die Zeitung, der gnädige Kaiser Karl werde mit einem edeln Geleite in die Stadt kommen. Aus diesem Anlasse gaben die Schöffen Uilenspiegel eine Brille, damit er Seine Heilige Majestät besser kommen sehe. Wann er sehe, daß der Kaiser bei Leupegem – das ist eine Viertelmeile von der Borgpoort – sei, so solle er drei Stöße ins Horn tun. So hätten die von der Stadt Zeit gehabt, die Glocken zu läuten, die Pöller zu laden, die Speisen ans Feuer zu setzen und die Fässer anzuzapfen. Eines Tages, gegen Mittag, als der Wind von Brabant wehte und der Himmel klar war, sah Uilenspiegel auf der Straße, die nach Leupegem führt, einen großen Trupp Reiter mit flatternden Federbüschen auf feurigen Rennern. Einige trugen Banner. Der, der stolz an der Spitze ritt, trug eine Mütze aus Goldstoff mit langen Federn. Er war gekleidet in braunen Samt, die Säume aus Brokat. Uilenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß das der Kaiser Karl war, der denen von Oudenaarde erlauben wollte, ihn mit ihrem besten Weine und ihren besten Gerichten zu bewirten. Der Zug ritt im Schritte; sie schlürften die frische Luft, die Hunger macht, aber Uilenspiegel dachte, sie hätten sonst immer einen fetten Tisch und könnten ganz gut einmal einen Tag fasten, ohne deswegen zu sterben. Er ließ sie also ruhig kommen und stieß nicht in die Trompete. In heiterm Gespräche ritten sie heran, und Seine Majestät überzeugte sich, ob in seinem Magen genug Platz sei für das Mahl derer von Oudenaarde. Er schien überrascht und unzufrieden, daß keine Glocke erklang, um seine Ankunft zu melden. Unterdessen kam ein Bauer in die Stadt gelaufen und meldete, draußen habe er einen Trupp französischer Reiter gesehn, die auf Oudenaarde zuhielten, um alles zu verzehren und zu rauben. Auf diese Nachricht hin schloß der Wächter sein Tor und schickte einen Stadtknecht die andern Wächter verständigen. Aber die Reiter zechten ruhig, ohne davon etwas zu wissen. Immer näher kam Seine Majestät, ärgerlich, daß er keine Spur von Glockengeläute, Kanonendonner und Büchsenschüssen vernahm. Er lauschte umsonst; er hörte nichts als das Glockenspiel, das die halbe Stunde läutete. Als er vors Tor kam, fand er es verschlossen; er pochte mit der Faust daran. Und die Herren seines Gefolges, ärgerlich wie er, brummten böse Worte. Der Torwächter schrie ihnen von der Mauer herunter zu, wenn sie nicht aufhörten mit dem Lärmen, werde er sie mit der Schrotbüchse anspritzen, um ihre Ungeduld abzukühlen. Wütend schrie Seine Majestät: »Blindes Schwein, kennst du deinen Kaiser nicht?« Der Wächter erwiderte, daß die, die am meisten Gold auf sich hätten, deswegen nicht immer die kleinsten Schweine seien, daß er übrigens wisse, daß die Franzosen von Haus aus treffliche Schäker seien, in Anbetracht dessen, daß Kaiser Karl, der derzeit in Italien kriege, nicht vor den Toren Oudenaardes sein könne. Unten schrien Karl und seine Herren weiter: »Wenn du nicht öffnest, lassen wir dich an einer Pike braten. Und vorher mußt du deine Schlüssel fressen.« Auf den Lärm kam aus dem Zeughaus ein alter Soldat herbei. Als er seine Nase über die Mauer steckte, sagte er: »Wächter, du irrst dich; das ist unser Kaiser. Ich kenne ihn gut, obwohl er alt geworden ist seit damals, als er Maria Vander Gheenst von hier auf das Schloß von Lalaing geführt hat.« Der Wächter fiel, tot vor Angst, um wie ein Stock. Der Soldat nahm die Schlüssel von ihm und ging das Tor öffnen. Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange habe warten lassen. Nachdem es ihm der Soldat gesagt hatte, befahl der Kaiser, das Tor wieder zu schließen und die Reiter Kornjuins zu holen; diese ließ er vor ihm herreiten und ihre Trommeln schlagen und ihre Pfeifen blasen. Langsam erwachten nun die Glocken, eine nach der andern, und läuteten in vollem Schwunge. So kam Seine Majestät mit kaiserlichem Spektakel auf den Großen Markt. Dort waren die Bürgermeister und die Schöffen im Rathause versammelt; auf den Lärm kam der Schöffe Jan Guigelaer heraus. Sofort lief er in den Beratungssaal zurück und rief: »Keizer Karel is alhier!« Ganz entsetzt über diese Zeitung verließen die Bürgermeister, die Schöffen und die Ratsherrn das Stadthaus, um den Kaiser in ihrer Gesamtheit zu begrüßen, während ihre Knechte durch die Stadt rannten, um zu veranlassen, daß die Pöller geladen, das Geflügel zugestellt und die Bratspieße ans Feuer gebracht würden. Männer, Frauen und Kinder liefen durcheinander und schrien: »Keizer Karel is op de Groote Markt!« Bald war die Menge auf dem Platze groß. Der Kaiser, wütend vor Zorn, fragte die zwei Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden verdienten, weil sie es also an Ehrerbietung für ihren Herrscher hätten mangeln lassen. Die Bürgermeister antworteten, sie verdienten es in der Tat, aber Uilenspiegel, der Turmbläser, verdiene es noch mehr, weil man ihn auf die erste Nachricht von dem Besuch Seiner Majestät mit einer guten Brille ausgestattet und ihn auf den Turm gesetzt habe mit dem Auftrage, unverzüglich dreimal ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sehe; aber er habe es nicht getan. Noch immer ärgerlich, befahl der Kaiser, Uilenspiegel zu holen. »Warum«, fragte er ihn, »hast du samt deiner trefflichen Brille bei meiner Ankunft nicht geblasen?« Bei diesen Worten hielt er wegen der Sonne die Hand vor die Augen und sah Uilenspiegel an. Der hielt auch die Hand vor die Augen und antwortete, seitdem er bemerkt habe, daß Seine Majestät durch die Finger sehe, habe er die Brille nimmer brauchen wollen. Der Kaiser sagte ihm, er werde gehenkt werden, der Torwächter sagte, so sei es recht, und die Bürgermeister verloren über diesen Spruch so die Fassung, daß sie kein Wort erwiderten, weder um beizupflichten, noch um zu widersprechen. Der Henker und seine Schnapphähne wurden gerufen. Sie kamen mit einer Leiter und einem neuen Strick und nahmen Uilenspiegel beim Kragen; dieser schritt vor den hundert Reitern Kornjuins einher, still seine Gebete murmelnd. Die Reiter bedachten ihn mit bitterm Spotte. Das Volk, das hinterdrein kam, sagte: »Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen jungen Fant wegen eines solch geringen Fehlers sterben zu lassen.« Und die Weber waren in großer Zahl und in Waffen da und sagten: »Wir lassen Uilenspiegel nicht henken; das ist dem Gesetze von Oudenaarde zuwider.« Als man zur Richtstätte kam, wurde Uilenspiegel über die Leiter in die Höhe gezogen, und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die Weber scharten sich um den Galgen. Der Profoß war da und stützte auf die Schulter seines Pferdes das Schwert der Gerechtigkeit, womit er nach dem Befehle des Kaisers das Zeichen zur Vollstreckung des Spruches geben sollte. Das ganze versammelte Volk schrie: »Gnade! Gnade für Uilenspiegel!« Uilenspiegel auf seiner Leiter sagte: »Erbarmen, gnädiger Kaiser!« Der Kaiser hob die Hand und sagte: »Wenn der Taugenichts von mir etwas verlangt, was ich nicht tun kann, so soll ihm sein Leben geschenkt sein!« »Sprich, Uilenspiegel,« schrie das Volk. Die Frauen weinten und sagten: »Er kann nichts verlangen, der arme Kerl; denn der Kaiser kann alles.« Und alle riefen: »Sprich, Uilenspiegel!« »Heilige Majestät,« sagte Uilenspiegel, »ich werde Euch nicht um Geld bitten, nicht um Gut, nicht um Leib und Leben, sondern nur um etwas, weswegen Ihr mich, wenn ich es mich zu sagen getraue, nicht stäupen, nicht rädern sollt, bevor ich ins Jenseits wandere.« »Ich verspreche es,« sagte der Kaiser. »Majestät,« sagte Uilenspiegel, »ich verlange, daß Ihr mir, bevor ich gehenkt werde, den Mund küßt, mit dem ich nicht vlämisch spreche.« Der Kaiser lachte, und das ganze Volk lachte, und er antwortete: »Ich kann es nicht tun, was du verlangst, Uilenspiegel, und du wirst nicht gehenkt.« Aber er verurteilte die Bürgermeister und die Schöffen, sechs Monate lang Brillen hinten am Kopfe zu tragen, damit die von Oudenaarde, wenn sie schon vorne nichts sähen, wenigstens hinten sehn könnten, wie er sagte. Und nach einem kaiserlichen Erlasse sieht man heute noch die Brille im Wappen der Stadt. Und Uilenspiegel ging bescheidentlich von dannen mit einem kleinen Sacke Geld, den ihm die Frauen gegeben hatten. XLIII Auf dem Fischmarkt von Lüttich ging Uilenspiegel einem dicken jungen Kerl nach, der ein Netz mit allerlei Geflügel unterm Arme hatte und ein andres mit Stockfischen, Forellen, Aalen und Hechten anfüllte. Uilenspiegel erkannte Lamme Goedzak. »Was machst du hier, Lamme?« sagte er. »Du weißt,« sagte der, »wie willkommen die von Flandern im schönen Lande zu Lüttich sind; ich, ich gehe meiner Liebe nach. Und du?« »Ich suche einen Herrn, um ihm fürs Brot zu dienen.« »Das ist eine gar trockene Kost,« sagte Lamme. »Besser wäre es, du ließest einen Rosenkranz von der Schüssel zum Munde laufen, einen Rosenkranz von Fettammern mit einer Drossel als Credo.« »Du bist reich?« fragte Uilenspiegel. »Ich habe meine Eltern verloren und meine Schwester, die mich so verprügelt hat; ich habe sie beerbt und lebe mit einer einäugigen Magd, einer Gelehrten im Kochen.« »Soll ich dir«, fragte Uilenspiegel, »deine Fische und dein Geflügel tragen?« »Ja.« Und sie schlenderten miteinander über den Markt. Plötzlich sagte Lamme: »Weißt du, warum du ein Narr bist?« »Nein.« »Weil du deine Fische und dein Geflügel in den Händen schleppst statt im Magen.« »Du hast recht, Lamme,« antwortete Uilenspiegel; »seitdem ich aber kein Brot mehr habe, wollen mich die Fettammern nicht mehr ansehn.« »Du wirst davon bekommen, Uilenspiegel,« sagte Lamme, »und mir dienen, wenn du meiner Köchin recht bist.« Während sie gingen, zeigte Lamme Uilenspiegel ein hübsches, artiges und liebes Mädchen, die in Seide gekleidet über den Markt schritt und Lamme mit ihren süßen Augen ansah. Ein alter Mann, ihr Vater, ging hinter ihr, beladen mit zwei Netzen, einem mit Fischen und einem mit Wildbret. »Die da«, sagte Lamme, »werde ich heiraten.« »Ich kenne sie,« sagte Uilenspiegel, »sie ist eine Vlämische aus Zottegem und wohnt in der Rue Vinave-d'Isle. Ihre Nachbarn sagen, daß die Mutter an ihrer Statt die Straße vor dem Hause kehrt und daß ihr der Vater die Hemden plättet.« Aber Lamme antwortete nichts darauf und sagte ganz selig: »Sie hat mich angesehn!« Sie kamen zu Lammes Hause beim Pont-des-Arches und klopften an die Tür. Eine einäugige Magd kam ihnen öffnen. Uilenspiegel sah, daß sie alt, lang, platt und mürrisch war. »Sanginne,« sagte Lamme zu ihr, »willst du den da zum Helfen?« »Ich nehme ihn einstweilen auf Probe,« sagte sie. »Nimm ihn nur«, sagte er, »und laß ihn die Herrlichkeiten deiner Küche versuchen.« Sanginne setzte drei Blutwürste, eine Kanne Bier und einen großen Laib Brot auf den Tisch. Nährend Uilenspiegel aß, knapperte auch Lamme eine Wurst. »Weißt du,« sagte er, »wo unsere Seele wohnt?« »Nein, Lamme,« sagte Uilenspiegel. »Im Magen,« sprach Lamme, »um ihn ohne Unterlaß auszutiefen und im Körper stets die Lebenskraft zu erneuern. Und was sind die besten Gesellen? Das sind die guten und leckern Gerichte und darauf ein Schluck Maaswein.« »Ja,« sagte Uilenspiegel, »die Würste sind eine angenehme Gesellschaft für eine einsame Seele.« »Er will noch; gib ihm, Sanginne,« sagte Lamme. Diesmal gab ihm Sanginne Weißwürste. Während er sie hineinstopfte, sagte Lamme sinnend: »Wann ich sterbe, stirbt mein Bauch mit mir, und nachher, im Fegefeuer, wird man mich fasten lassen, und ich kann meinen Wanst schlapp und matt spazieren führen.« »Die Blutwürste waren besser,« sagte Uilenspiegel. »Du hast jetzt sechs gegessen«, antwortete Sanginne, »und hast genug.« »Du siehst,« sagte Lamme, »du wirst hier wohlaufgehoben sein und wirst essen wie ich.« »Das soll ein Wort sein,« antwortete Uilenspiegel. Uilenspiegel war vergnügt, als er sah, daß er aß wie er. Die verschlungenen Würste gaben ihm einen solchen Mut, daß er an diesem Tage alle Kessel, Pfannen und Geschirre blank wie die Sonne putzte. Er lebte gut in diesem Hause und werkte gern in Küche und Keller; den Boden ließ er den Katzen. Eines Tages hatte Sanginne zwei Hühnchen zu braten und hieß Uilenspiegel so lange den Spieß drehn, bis sie vom Markte, wo sie einige Würzkräuter zur Zutat besorgen wollte, zurück sei. Die zwei Hühnchen waren gar, und Uilenspiegel aß eines. Bei ihrer Heimkunft sagte Sanginne: »Es waren doch zwei Hühnchen da; ich sehe aber nur noch eines.« Uilenspiegel antwortete: »Tu auch das andere Auge auf, so wirst du sie alle beide sehn.« Ganz zornig ging sie die Geschichte Lamme Goedzak erzählen; der kam in die Küche herab und sagte zu Uilenspiegel: »Warum machst du dich über meine Magd lustig? Es waren zwei Hühnchen da.« »Richtig, Lamme,« sagte Uilenspiegel; »aber als ich hier eingetreten bin, hast du mir gesagt, ich würde essen und trinken wie du. Zwei Hühnchen waren da, eins hab ich gegessen, das andere ißt du; meine Freude ist vorbei, deine kommt erst, bist du nicht glücklicher als ich?« »O ja,« sagte Lamme lachend, »aber tu nur das, was dir Sanginne befiehlt, und du hast nur die halbe Arbeit.« »Ich werde achtgeben, Lamme,« antwortete Uilenspiegel. Sooft ihm nun Sanginne irgendetwas befahl, tat er nur die Hälfte: sagte sie ihm, er solle zwei Eimer Wasser schöpfen, schöpfte er nur einen; wenn sie ihm sagte, er solle einen Krug Bier abzapfen, goß er auf dem Wege die Hälfte in seinen Schlund. Und so weiter. Endlich wurde es Sanginne zu viel, und sie sagte zu Lamme, wenn der Taugenichts im Hause bleibe, so gehe sie auf der Stelle. Lamme stieg zu Uilenspiegel herunter und sagte: »Es heißt scheiden, mein Sohn, obwohl du dich hier tüchtig herausgefüttert hast. Höre den Hahn krähen; es ist zwei Stunden nach Mittag, und da ist es ein Zeichen, daß es regnen wird. Ich möchte dich ja lieber nicht bei so einem schlechten Wetter, wie es kommen wird, hinausstoßen; aber bedenke, mein Sohn, daß Sanginne mit ihren Braten die Hüterin meines Lebens ist: ich kann sie nicht weglassen, ohne einen baldigen Tod gewärtigen zu müssen. Geh also mit Gott, mein Sohn, und nimm diese drei Gulden und diesen Kranz Würste zu deiner Erheiterung mit auf den Weg.« Und verdutzt zog Uilenspiegel davon, in Trauer über Lamme und seine Küche. XLIV Der November kam nach Damme und anderwärts; aber es wollte nicht Winter werden. Kein Schnee, kein Regen, keine Kälte; die Sonne blinkte vom Morgen bis zum Abende, ohne zu erblassen. Die Kinder wälzten sich im Staube der Straßen und Wege; um die Ruhestunde nach dem Abendessen traten die Kaufleute, Krämer, Goldschmiede, Wagner und Werkleute auf ihre Türschwellen, um den allzeit blauen Himmel zu betrachten, die Bäume, deren Blätter noch nicht gefallen waren, die Störche auf den Dachgiebeln und die Schwalben, die noch nicht fortgeflogen waren. Die Rosen hatten dreimal geblüht, und eine vierte Blüte zeigten die Knospen an; die Nächte waren lau, und die Nachtigallen sangen noch immer. Die von Damme sagten: »Der Winter ist tot, verbrennen wir den Winter.« Und sie verfertigten einen riesenhaften Mann mit einer Bärenschnauze, einem langen Barte aus Hobelspänen und einer hohen Flachsperücke; sie zogen ihm weiße Kleider an und verbrannten ihn mit vieler Umständlichkeit. Klaas brütete Trübsal und segnete nicht den ewig blauen Himmel, nicht die Schwalbe, die nicht scheiden wollte; denn niemand in Damme brannte Kohlen, außer in der Küche, und niemand brauchte welche bei Klaas zu kaufen, der sein ganzes Erspartes ausgegeben hatte, um seinen Vorrat zu bezahlen. Wenn nun der Kohlenträger, ebenfalls auf der Schwelle stehend, bei einem frischen Lüftchen seine Nasenspitze kühler werden fühlte, sagte er: »Ach, das ist mein Brot, was da kommt!« Aber der frische Wind hielt nicht an, und der Himmel blieb immer blau, und die Blätter wollten durchaus nicht fallen. Und Klaas weigerte sich, sein Winterlager dem geizigen Grijpstuiver, dem Zunftmeister der Fischhändler, um den halben Preis zu verkaufen. Und bald gebrach es in der Hütte an Brot. XLV Aber der König Philipp hatte keinen Hunger und aß Pasteten bei seiner Frau Maria der Häßlichen aus dem königlichen Hause der Tudor. Er brachte ihr kein Fünkchen Liebe entgegen, aber er hoffte durch die Befruchtung dieses Jammerwesens dem englischen Volke einen spanischen Monarchen zu geben. Doch diese Vereinigung mißglückte, die Vereinigung eines kalten Steines mit einem Feuerbrande. Immerhin vereinigten sie sich genug fest, um die armen Reformierten zu Hunderten ersäufen und verbrennen zu lassen. Wann Philipp in London weilte und nicht in Vermummung ausgegangen war, um sich an einem schlechten Orte auszutoben, vereinigte die Schlafensstunde die beiden Gatten. Dann lehnte sich die Königin Maria, gekleidet in Linnen von Tournay und irische Spitzen, ans eheliche Bette, und Philipp stand vor ihr, steif wie ein Pfahl, und sah, ob er an seiner Frau kein Zeichen einer Mutterschaft entdecken könne; da er nie etwas fand, ward er ärgerlich, sagte kein Wort und betrachtete seine Nägel. Dann sprach das unfruchtbare Scheusal zärtliche Worte und bat den eisigen Philipp mit Augen, die süß sein sollten, um Liebe. Tränen, Schreie, fußfällige Bitten, nichts sparte sie, um eine laue Liebkosung von dem zu erhalten, der sie nicht liebte. Umsonst faltete sie die Hände und wälzte sich zu seinen Füßen, und umsonst weinte und lachte sie zu gleicher Zeit wie eine Närrin, um ihn zu erweichen; nicht Lachen und nicht Tränen rührten sein steinern Herz. Umsonst rankte sie wie eine liebende Schlange ihre dünnen Arme um ihn, und umsonst drückte sie den engen Käfig, in dem die Krüppelseele des Blutkönigs hauste, an ihre platte Brust; er blieb unbeweglicher als ein Grenzstein. Die arme häßliche Frau gab sich alle Mühe, liebenswürdig zu sein: sie nannte ihn mit allen Kosenamen, die liebesbrünstige Frauen den Geliebten ihrer Wahl geben; Philipp betrachtete seine Nägel. Bisweilen antwortete er: »Wirst du nie Kinder haben?« Auf diese Antwort sank Mariens Haupt auf ihre Brust: »Ists denn meine Schuld, daß ich unfruchtbar bin? Hab Erbarmen mit mir: ich lebe wie eine Witwe.« »Warum hast du keine Kinder?« sagte Philipp. Und die Königin fiel auf den Teppich, wie von der Hand des Todes berührt. Ihre Augen hatten nur Tränen, und sie hätte Blut geweint, wenn sie es können hätte, das arme Scheusal. Und so rächte Gott an ihren Henkern die armen Schlachtopfer, mit deren Blut sie Englands Boden besprengt hatten. XLVI Es ging das Gerücht um, Kaiser Karl trage sich mit der Absicht, den Mönchen die freie Erbschaft nach denen, die in ihrem Konvente stürben, wegzunehmen, was dem Papste sehr mißfalle. Uilenspiegel, der damals der Maas entlang zog, dachte, der Kaiser fände so seinen Vorteil durchaus, indem er auch dann erbte, wann die Familie nicht erbe. Er saß am Flußufer nieder und warf seine gut geköderte Leine aus. Als er dann eine alte Brotrinde knapperte, bedauerte er, keinen Wein aus der Romagna zu haben, um sie zu befeuchten, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß man nicht immer seine Wünsche befriedigt haben kann. Er warf Brotkrumen ins Wasser, weil er sich sagte, wer sein Mahl nicht mit seinem Nachbar teile, sei nicht wert zu essen. Ein Krümchen witternd, tauchte ein Gründling auf, leckte es mit seinem putzigen Mäulchen und öffnete seinen unschuldigen Schlund, offenbar in dem Glauben, das Brot werde von selbst hineinfallen. Während er so in die Luft starrte, wurde er plötzlich von einem tückischen Hechte verschluckt, der auf ihn zugeschossen kam wie ein Pfeil. Dasselbe tat der Hecht einem Karpfen, der arglos nach Fliegen schnappte. Auf diese Art wohlgesättigt, lag er unbeweglich unter der Wassertracht, die Fischbrut verachtend, die übrigens mit allen Flossen arbeitete, um aus seiner Nähe zu kommen. Während er also breitspurig dalag, sauste mit hungerklaffendem Rachen ein noch nüchterner Hecht auf ihn zu und schnellte sich mit einem Satze auf ihn. Ein wütender Kampf entspann sich; es fielen unsterbliche Rachenstöße, und das Wasser ward rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gegessen hatte, hatte einen schweren Stand gegen den nüchternen; dieser aber nahm, nachdem er ein weniges zurückgewichen war, alle seine Kraft zusammen und schnellte sich wie eine Kugel auf seinen Gegner, der ihm, ihn mit gesperrtem Rachen erwartend, den Kopf mehr als zur Hälfte verschlang. Der Sieger wollte sich von seinem Widerpart losmachen, aber die gekrümmten Zähne ließen es nicht zu. Und so zappelten sie beide jämmerlich. Derart ineinander verbissen, gewahrten sie nicht, daß sich ein starker Angelhaken, an einer Seidenschnur hangend, vom Grunde des Wassers erhob; er bohrte sich unter die Flosse des Hechtes, der gegessen hatte, zog ihn samt seinem Gegner aus dem Wasser und warf alle beide rücksichtslos auf den Rasen. Als sie Uilenspiegel abkehlte, sagte er: »Hechte, meine lieben Freunde, seid ihr nicht der Papst und der Kaiser, die sich, einer den andern, aufzehren, und bin nicht ich das Volk, das euch, so Gott will, alle beide mitten in euern Schlachten mit dem Haken erwischt?« XLVII Katelijne, die Borgerhout noch nicht verlassen hatte, hörte nicht auf, die Umgebung zu durchstreifen und sagte allzeit: »Hansken, mein Mann, sie haben mich auf dem Kopfe gebrannt; mach ein Loch, damit meine Seele hinauskann! Ach, sie klopft immerfort, und jeder Schlag ist glühende Pein!« Und Nele wartete ihrer in ihrer Narrheit; und neben ihr träumte sie bekümmert von ihrem Freunde Uilenspiegel. Und in Damme band Klaas seine Wieden und verkaufte seine Kohle; und manchmal befiel ihn Trübsal, wann er daran dachte, daß der gebannte Uilenspiegel noch lange nicht in die Hütte zurückkehren durfte. Soetkin war den ganzen Tag am Fenster, ob sie nicht ihren Sohn Uilenspiegel kommen sehe. Dieser war damals in der Gegend von Köln und meinte, er fühle derzeit Lust zum Gartenbau. Er bot sich als Knecht einem gewissen Johann Sauermaul an, der einmal als Landsknechthauptmann wegen Mangels der Ranzion hätte gehenkt werden sollen; darum hatte er einen großen Abscheu vor dem Hanfe, der damals in vlämischer Sprache Kennip hieß. Eines Tages wollte Johann Sauermaul Uilenspiegel seine Verrichtung zeigen und führte ihn bis an das Ende seines Grundstücks; dort sahen sie, neben der Umzäunung, einen Morgen Landes, ganz mit grünem Kennip bepflanzt. Johann Sauermaul sagte zu Uilenspiegel: »Sooft du diese garstige Pflanze siehst, mußt du sie ganz schändlich behandeln; denn sie ist es, die ans Rad und an den Galgen bindet.« »Ich werde sie schändlich behandeln,« sagte Uilenspiegel. Als Johann Sauermaul eines Tages mit einigen Zechgenossen bei Tische war, sagte der Koch zu Uilenspiegel: »Geh in den Keller und hol Zennip.« Das ist Senf. Uilenspiegel verstand böswilligerweise Kennip statt Zennip, behandelte den Zenniptopf im Keller ganz schändlich und brachte ihn, nicht ohne zu lächeln, auf den Tisch. »Warum lachst du?« fragte ihn Johann Sauermaul; »denkst du, unsere Nasen seien aus Eisen? Koste von diesem Zennip; du hast ihn ja selbst bereitet.« »Mir sind Zimmetküchlein lieber.« Johann Sauermaul erhob sich, um ihn zu prügeln. »Es ist«, sagte er, »etwas Schändliches in diesem Senftopfe.« »Baas,« antwortete Uilenspiegel, »erinnert Ihr Euch noch des Tages, wo wir bis zur Grenze Euers Grundstücks gegangen sind? Dort habt Ihr mir den Zennip gezeigt und gesagt: ›Wo immer du diese Pflanze siehst, behandle sie ganz schändlich; denn sie ist es, die ans Rad und an den Galgen bindet.‹ Ich habe sie schändlich behandelt, Baas, ich habe sie mit mächtigem Schimpfe schändlich behandelt; ermordet mich doch nicht für meinen Gehorsam.« »Ich habe Kennip gesagt und nicht Zennip,« schrie Johannes Sauermaul wütend. »Baas, Ihr habt Zennip gesagt und nicht Kennip,« entgegnete Uilenspiegel. So stritten sie ein hübsche Weile. Uilenspiegel redete demütig; Johann Sauermaul schrie wie ein Adler und brachte alles durcheinander: Zennip, Kennip, Kemp, Zemp, Zemp, Kemp, Zemp; wie einen Garnsträhn. Die Gäste lachten wie die Teufel, wann sie Dominikanerbraten und Inquisitorennierchen schmausen. Aber Uilenspiegel mußte von Johann Sauermaul scheiden. XLVIII Nele war immerdar sehr betrübt ihrer selbst halber und wegen ihrer verrückten Mutter. Uilenspiegel verdang sich bei einem Schneider, und der sagte zu ihm: »Wann du nähst, so näh eng, damit man nichts sieht.« Uilenspiegel setzte sich unter eine Butte und begann dort zu nähen. »So hab ich es nicht gemeint,« schrie der Schneider. »Ich enge mich in eine Butte,« antwortete Uilenspiegel; »wie wollt Ihr denn, daß mans so sähe?« »Komm,« sagte der Schneider, »steig wieder da auf den Tisch und setz deine Stiche eng aneinander und mach den Rock wie den Wolf.« Wolf aber hieß ein Bauernwams. Uilenspiegel nahm das Wams, schnitt es in Stücke und nähte es derart, daß es einem Wolfe ähnlich wurde. Als das der Schneider sah, schrie er: »Was hast du gemacht, zum Teufel hinein!« »Einen Wolf,« antwortete Uilenspiegel. »Du schlechter Schalk,« erwiderte der Schneider, »ich habe dir gesagt einen Wolf, das ist wahr; aber du weißt doch, daß Wolf ein Bauernwams ist.« Etwas später sagte er zu ihm: »Gesell, wirf noch die Ärmel an den Rock, bevor du schlafen gehst.« Uilenspiegel hängte den Rock an einen Nagel und verbrachte die ganze Nacht damit, die Ärmel hinzuwerfen. Auf das Geräusch kam der Schneider: »Du nichtsnutziger Kerl, was für einen neuen schlechten Streich spielst du mir da?« »Das ist ein schlechter Streich?« antwortete Uilenspiegel. »Seht die Ärmel da; die ganze Nacht habe ich sie an den Rock geworfen, und sie wollen noch immer nicht haften.« »Das versteht sich von selbst,« sagte der Schneider, »und darum werfe ich dich jetzt auf die Straße; schau, ob du dort haften wirst.« XLIX Nachdem Nele Katelijne bei einem guten Nachbar wohl untergebracht hatte, ging sie ganz allein weit fort, sehr weit, bis Antwerpen, der Schelde entlang oder anderswo, immerfort suchend, ob sie nicht ihren Freund Uilenspiegel auf den Flußbooten oder auf den staubigen Straßen finden könnte. Uilenspiegel war unterdessen in Hamburg. Dort sah er bei der Messe allenthalben Kaufleute und unter ihnen etliche Juden, die vom Wucher und Schacher lebten. Uilenspiegel, der auch ein Kaufmann sein wollte, trug einige Roßäpfel nach Hause, nämlich auf den Absatz der Stadtmauer, wo er schlief. Dort ließ er sie trocknen. Dann kaufte er rote und grüne Seide, machte daraus Säckchen, tat die Roßäpfel hinein und band sie mit Fäden zu, als ob lauter Bisam drinnen gewesen wäre. Dann verfertigte er sich aus einigen Latten ein Bänklein, hängte es sich mit alten Stricken um den Hals und ging so auf den Markt, das Bänklein mit den Säckchen vor sich hertragend. Am Abend zündete er in der Mitte ein kleines Licht an, um sie zu beleuchten. Wann er gefragt wurde, was er verkaufe, antwortete er geheimnisvoll: »Ich will es euch sagen, aber sprechen wir nicht zu laut.« »Was ists denn?« fragten die Kunden. »Das sind«, antwortete Uilenspiegel, »Prophetenbeeren, die geradewegs von Arabien nach Flandern gebracht und mit großer Kunst von Meister Abdul-Medil aus dem Geschlechte des großen Mahomet verfertigt worden sind.« Manche Kunden sagten zueinander: »Er ist ein Türke.« Aber andere sagten: »Er ist ein Pilger, der aus Flandern kommt; hört ihrs nicht an seiner Sprache?« Und die Lumpen, Schlucker und Bettler kamen zu Uilenspiegel und sagten: »Gib uns von deinen Prophetenbeeren.« »Wann ihr Gulden habt, um sie zu kaufen.« Und die armen Schlucker, Lumpen und Bettler gingen beschämt weg und sagten: »Es gibt keine Freude auf der Welt, außer für die Reichen.« Das Gerücht, daß solche Beeren zu verkaufen seien, verbreitete sich bald auf dem Markte. Die Bürger sagten zueinander: »Da ist ein Vlame, der hat Prophetenbeeren, die in Jerusalem auf dem Grabe unsers Herrn Jesus geweiht sind; aber es heißt, er will sie nicht verkaufen.« Und alle Bürger kamen zu Uilenspiegel und verlangten von seinen Beeren. Aber Uilenspiegel, der auf das Große ging, antwortete, sie seien nicht genug reif; er hatte es auf zwei reiche Juden abgesehn, die auf dem Markte herumstrichen. »Ich möchte gerne wissen,« sagte ein Bürger, »was mit meinem Schiffe, das auf der See ist, werden wird.« »Es wird bis in den Himmel gehn, wenn die Wogen hoch genug sind.« Ein anderer sagte, ihm seine liebliche, nun errötende Tochter zeigend: »Die wird doch sicherlich wohlgeraten?« »Alles gerät so, wie die Natur will,« antwortete Uilenspiegel; denn er hatte soeben gesehn, wie das Mädchen einem jungen Burschen einen Schlüssel zugesteckt hatte. Der Bursche, gebläht von Glück, sagte zu Uilenspiegel: »Herr Kaufmann, gebt mir eines von Euern Prophetensäckchen, damit ich sehe, ob ich heute nacht allein schlafen werde.« »Es steht geschrieben,« antwortete Uilenspiegel, »daß, wer den Samen der Verführung sät, die Aberfrucht der Hahnreischaft einheimst.« Der junge Mann wurde ärgerlich: »Wem gilt das?« »Die Beeren sagen,« antwortete Uilenspiegel, »daß sie dir eine glückliche Ehe wünschen und eine Frau, die dir nicht den Kopfschmuck Vulkans aufsetzt. Kennst du diesen Hut?« Dann im Predigertone: »Denn die, die Handgeld gibt auf dem Heiratsmarkt, läßt nachher ihre ganze Ware den andern umsonst.« Nun sagte das Mädchen, um die Unbefangene zu spielen: »Sieht man das alles in den Prophetensäckchen?« »Man sieht dort auch einen Schlüssel,« flüsterte ihr Uilenspiegel ins Ohr. Aber der junge Mann war schon weg mit dem Schlüssel. Plötzlich bemerkte Uilenspiegel einen Dieb, der von einer Fleischbank eine ellenlange Wurst stahl und sie unter seinen Mantel steckte. Aber der Bestohlene sah nichts. Wohlzufrieden kam der Dieb zu Uilenspiegel und sagte zu ihm: »Was verkaufst du, Unglücksprophet?« »Säckchen, in denen du sehn kannst, daß du gehenkt werden wirst wegen deiner allzu großen Liebe zu den Würsten.« Und schon entwich der Dieb, während der Bestohlene schrie: »Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!« Aber es war zu spät. Während Uilenspiegel gesprochen hatte, hatten die beiden Juden mit großer Aufmerksamkeit gehorcht; nun kamen sie heran und sagten: »Was verkaufst du, Vlame?« »Säckchen,« antwortete Uilenspiegel. »Was sieht man denn«, fragten sie, »durch deine Prophetenbeeren?« »Wenn man daran saugt, die Zukunft.« Die beiden Juden besprachen sich miteinander, und der ältere sagte: »So werden wir sehn, wann unser Messias kommen wird; und das wird uns ein großer Trost sein. Kaufen wir ein Säckchen. Wie verkaufst du sie?« »Zu fünfzig Gulden,« antwortete Uilenspiegel. »Wollt Ihr mir sie nicht bezahlen, so schnürt Euer Bündel. Wer das Feld nicht kauft, muß den Mist lassen, wo er ist.« Als sie Uilenspiegels Entschlossenheit sahen, zahlten sie ihm sein Geld; sie nahmen ein Säckchen und trugen es an ihren Versammlungsort, und dorthin rannten baldigst alle Juden haufenweise zusammen, als sie hörten, daß der eine Alte ein Geheimnis gekauft habe, wodurch er die Ankunft des Messias erfahren und anzeigen könne. In der Kenntnis des Sachverhaltes wollten sie alle, ohne zu zahlen, saugen, aber der Ältere, der es gekauft hatte und Jehu hieß, erhob den Anspruch, es allein zu tun. »Kinder Israels,« sagte er, das Säckchen in der Hand, »die Christen höhnen uns, man hetzt uns unter den Menschen, und man schreit hinter uns wie hinter Dieben. Die Philister wollen uns tiefer beugen als die Erde, und sie speien uns ins Antlitz; denn Gott hat unsern Bogen entspannt und seine Hand von uns abgezogen. Wird es noch lange dauern, o Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns das Böse trifft, während wir das Gute erwarten, und daß die Finsternis kommt, während wir die Klarheit erhoffen? Wirst du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher Messias? Wann werden sich die Christen in die Höhlen und Löcher der Erde verkriechen aus Entsetzen vor dir und deiner erhabenen Glorie, wenn du aufstehst, um sie zu züchtigen?« Und die Juden riefen aus: »Komme, Messias! Sauge, Jehu!« Jehu saugte; aber es drehte ihm den Schlund um, und er rief jämmerlich aus: »Ich sage es euch in Wahrheit: das da ist nichts andres als Dreck, und der Pilger aus Flandern ist ein Gauner.« Da stürzten alle Juden vor, öffneten das Säckchen, sahen, was es enthielt, und rannten in mächtiger Wut auf die Messe, um Uilenspiegel zu suchen. Der aber hatte sie nicht erwartet. L Ein Mann in Damme, der seine Kohle Klaas nicht bezahlen konnte, gab ihm sein bestes Gerät, nämlich eine Armbrust mit zwölf wohlgespitzten Bolzen. In den Stunden, wo die Arbeit ruhte, schoß Klaas mit der Armbrust: mehr als ein Hase wurde von ihm getötet und in Hackfleisch verwandelt, weil er den Kohl zu sehr geliebt hatte. Dann aß Klaas gierig, und Soetkin sagte, auf die leere Straße hinausblickend: »Thijl, mein Sohn, spürst du nicht den Duft der Brühe? Sicherlich hat er jetzt Hunger.« Und ganz verträumt hätte sie ihm am liebsten seinen Teil an dem Mahle aufgehoben. »Wenn er Hunger hat,« sagte Klaas, »so ist das seine Schuld; er soll heimkommen, so wird er essen wie wir.« Klaas hatte einige Tauben, und er hörte es gar gerne, wenn die Rotkehlchen, Stieglitze, Spatzen und andere Sing- und Schwatzvögel um ihn zwitscherten und piepten; darum schoß er mit Vergnügen die Falken und Sperber, die königlichen Fresser des Volkes. Als er einmal im Hofe Kohle maß, zeigte ihm Soetkin einen großen Vogel, der in der Luft über dem Taubenschlage schwebte. Klaas nahm seine Armbrust und sagte: »Der Teufel beschütze Seine Sperberliche Hoheit!« Er spannte sein Gewehr und folgte im Hofe allen Bewegungen des Vogels, um ihn nicht zu fehlen. Der Himmel dämmerte zwischen Tag und Nacht. Klaas konnte nichts ausnehmen als einen schwarzen Punkt. Er ließ den Bolzen ab und sah einen Storch in den Hof fallen. Klaas war sehr bestürzt; aber Soetkin war es noch mehr und schrie: »Du Elender, du hast den Vogel Gottes getötet!« Dann nahm sie den Storch und sah, daß er sonst nirgends als am Flügel verwundet war; sie ging Balsam holen und sagte, als sie die Wunde verband: »Storch, mein Freund, es ist nicht schlau von dir, den man liebt, daß du in den Lüften schwebst, wie ein Sperber, den man haßt. Auch die Pfeile des Volkes treffen bisweilen ein falsches Ziel. Schmerzt dich dein armer Flügel, Storch? Du weißt es wohl, daß unsere Hände Freundeshände sind, daß du dich so geduldig dreinschickst?« Als der Storch genesen war, bekam er zu fressen, was er wollte; aber er fraß mit Vorliebe die Fische, die Klaas für ihn im Kanale fing. Und jedesmal, wann der Vogel Gottes Klaas kommen sah, öffnete er seinen weiten Schnabel. Klaas folgte er wie ein Hund; lieber aber war er in der Küche, wo er sich den Magen am Feuer wärmte und die mit der Bereitung des Mahles beschäftigte Soetkin mit dem Schnabel auf den Leib stieß, als ob er hätte sagen wollen: »Für mich ist nichts da?« Und es war vergnüglich, ihn mit seinen langen Beinen durch die Hütte stapfen zu sehn, ihn, den bedächtigen Glücksboten. LI Unterdessen waren die schlechten Zeiten wiedergekommen: Klaas werkte in Betrübnis allein auf dem Felde, weil nicht genügend Arbeit für zwei war; Soetkin war allein in der Hütte und bereitete die Bohnen, ihr tägliches Mahl, immer wieder auf neue Art zu, um die Eßlust ihres Mannes zu reizen. Und sie sang und lachte, damit er sich nicht bekümmere wegen ihres traurigen Gesichtes. Der Storch stand auf einem Beine neben ihr, den Schnabel in den Federn vergraben. Ein Mann zu Pferde hielt vor der Hütte; er war ganz schwarz gekleidet und sehr hager und sah sehr traurig aus. »Ist jemand zu Hause?« fragte er. »Gott segne Ew. Trübseligkeit,« antwortete Soetkin; »bin ich vielleicht ein Gespenst, daß Ihr fragt, ob jemand zu Hause ist, wo Ihr doch mich seht?« »Wo ist dein Vater?« fragte der Reiter. »Wenn mein Vater Klaas heißt,« antwortete Soetkin, »dann ist er da unten; du siehst ihn Korn säen.« Der Reiter ging; auch Soetkin ging weg, ganz traurig, weil sie schon das sechste Mal vom Bäcker Brot holen sollte, ohne es zu bezahlen. Als sie mit leeren Händen heimkam, war sie baß verwundert, daß sie Klaas frohlockend und hoffärtig auf dem Pferd des schwarzgekleideten Reiters, das dieser am Zaume führte, zum Hause reiten sah. Klaas drückte stolz einen Ledersack, der wohlgefüllt schien, an seinen Schenkel. Vom Pferde gestiegen, umarmte er den Mann und tätschelte ihn fröhlich; dann schüttelte er den Sack und schrie: »Mein Bruder Judocus soll leben, der wackere Einsiedler! Gott erhalte ihn bei Freuden, bei Fett, bei Lustigkeit, bei Gesundheit! Das ist Judocus mit seinem Segen, Judocus mit seinem Überflusse, Judocus mit seinen fetten Suppen! Der Storch hat keineswegs gelogen!« Und er stellte den Sack auf den Tisch. Nun sagte Soetkin weinerlich: »Mann, wir werden heute nicht essen; der Bäcker hat mir kein Brot gegeben.« »Brot?« sagte Klaas, indem er den Sack öffnete und einen Bach Goldes über den Tisch rinnen ließ; »Brot? Da ist Brot, Butter, Fleisch, Wein, Bier! Da sind Schinken, Markknochen, Reiherpasteten, Fettammern, Masthühner, Kapaune, wie bei den hohen Herren! Bier tonnenweise und Fässer voll Wein! Der wird toll sein, der Bäcker, der uns kein Brot geben wird; wir werden nichts mehr kaufen bei ihm.« »Aber Mann!« rief Soetkin verdutzt. »Nun höre«, sagte Klaas, »und sei fröhlich. Katelijne ist, anstatt die Zeit ihrer Verbannung in der Markgrafschaft von Antwerpen zu verbringen, in Begleitung Nelens zu Fuß nach Meiborg gewandelt. Dort hat Nele meinem Bruder Judocus gesagt, daß wir trotz unserer harten Arbeit oft Not leiden. Wie mir der gute Bote da« – Klaas wies mit dem Finger auf den Reiter – »gesagt hat, hat Judocus die heilige römische Kirche verlassen, um sich der Ketzerei Luthers zu ergeben.« Der schwarze Reiter fiel ein: »Die sind die Ketzer, die dem Dienste der Großen Hure folgen. Denn der Papst treibt in Pflichtvergessenheit Schacher mit den Heiligtümern.« »Ach,« sagte Soetkin, »sprecht nicht so laut, Herr; Ihr werdet uns alle drei auf den Scheiterhaufen bringen.« »Dann«, fuhr Klaas fort, »hat Judocus diesem biedern Boten gesagt, er wolle zu den Truppen Friedrichs von Sachsen stoßen und ihm fünfzig wohlausgerüstete Krieger zuführen; da er also ins Feld ziehe, bedürfe er nicht so vielen Geldes, daß es ihm vielleicht in einer bösen Stunde von einem Taugenichts von Landsknecht abgenommen werde. ›Drum‹, hat er gesagt, ›bringe meinem Bruder Klaas samt meinem Segen diese siebenhundert Karlsgulden; sag ihm, daß er wohlleben und seines Seelenheils gedenken soll.‹« »Ja,« sagte der Reiter, »es ist an der Zeit; denn Gott vergilt dem Menschen nach seinen Werken und handelt mit jeglichem nach den Verdiensten seines Lebens.« »Herr,« sagte Maas, »es wird mir doch nicht verwehrt sein, mich einstweilen dieser guten Zeitung zu erfreuen. Laßt es Euch gefallen, hierzubleiben; wir wollen, um sie zu feiern, herrliche Kutteln und gewaltig viele Rostbraten schmausen nebst einem Schinkelein, das so prall und appetitreizend ist, daß mir, als ich es beim Fleischer gesehn habe, ein ganzer See im Munde zusammengelaufen ist.« »Ach,« sagte der Mann, »die Unsinnigen frönen der Lust, während die Augen Gottes über ihren Pfaden stehn.« »Also, Bote,« sagte Klaas, »willst du mit uns essen und trinken, oder nicht?« Der Mann antwortete: »Für die Gläubigen wird dann Zeit sein, ihre Seelen den irdischen Freuden zu ergeben, bis die große Babylon gefallen sein wird!« Soetkin und Klaas bekreuzigten sich; er schickte sich zum Aufbruche an. Klaas sagte zu ihm: »Da du also darauf bestehst, ohne jegliche Bewirtung zu scheiden, so gib meinem Bruder Judocus den Friedenskuß und wache über ihn in der Schlacht.« »Ich will es tun,« sagte der Mann. Und er ging von hinnen, während Soetkin zu der Feier des Glücksfalles rüstete. An diesem Tage hatte der Storch zum Essen zwei Gründlinge und einen Stockfischkopf. Bald verbreitete sich in Damme die Nachricht, daß aus dem armen Klaas durch seinen Bruder Judocus Klaas, er Reiche, geworden war. Und der Dechant sagte, sicherlich habe Katelijne einen Zauber über Judocus geworfen; denn obwohl Klaas von seinem Bruder sicherlich ein schweres Geld bekommen habe, habe er doch nicht einen Deut für Unsere Frau gestiftet. Klaas und Soetkin waren glücklich, Klaas bei der Feldarbeit oder dem Kohlenhandel, Soetkin als tüchtige Hauswirtin. Aber Soetkin suchte ohne Unterlaß mit bekümmerten Augen auf den Straßen ihren Sohn Uilenspiegel. Und alle drei genossen das Gute, das ihnen von Gott kam, und warteten, was ihnen von den Menschen kommen sollte. LII An diesem Tage empfing Kaiser Karl einen Brief aus England, worin ihm sein Sohn schrieb: »Herr und Vater, Es ist mir widerwärtig, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten Ketzer tagtäglich zunehmen wie die Flöhe, Raupen und Heuschrecken. Feuer und Schwert wären wahrlich nicht zu viel, um sie von dem lebenspendenden Baume, nämlich unserer Mutter, der Heiligen Kirche, zu tilgen. Als ob mir nun nicht das allein schon genug Bitterkeit brächte, achtet man mich noch dazu nicht als einen König, sondern als den Gatten der Königin, der, was er ist, nur durch sie ist. In häßlichen Schmähschriften, deren Verfasser ebensowenig zu erforschen sind wie die Drucker, verhöhnen sie mich und sagen, der Papst bezahle mich, damit ich das Königreich aufwühlte und verdürbe durch gottloses Henken und Brennen; und wann ich ihnen, weil sie mich, aus Bosheit, oft ohne Geld lassen, irgendeine dringliche Steuer auflegen will, antworten sie in schändlichen Pasquillen, ich solle das Geld von Satan verlangen, für den ich wirkte. Die vom Parlament entschuldigen sich und krümmen den Rücken vor mir aus Angst, daß ich sie beiße; aber sie bewilligen nichts. Derweilen sind die Mauern Londons beklebt mit Afterbildern, die mich als Vatermörder darstellen, der da ausholt gegen Euere Majestät, um sie zu beerben. Und doch wißt Ihr, Herr und Vater, daß ich, ungeachtet allen Ehrgeiz und achten Stolz, Euerer Majestät eine lange und glorreiche Herrscherzeit wünsche. Sie verbreiten auch in der Stadt einen kunstreichen Kupferstich, wo man mich Klavier spielen sieht mit den Pfoten von Katzen, die im Gehäuse des Instruments eingesperrt sind, während ihre Schwänze durch runde Löcher herausragen und dort mit eisernen Zwecken festgehalten werden. Ein Mann – der bin ich – brennt ihnen die Schwänze mit einem glühenden Eisen, so daß sie mit den Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend mauen. Ich bin auf dem Bilde so häßlich, daß ich mich nicht ansehn mag. Und ich lache auf dem Bilde. Und Ihr wißt, Herr und Vater, ob es mir je gegeben war, an diesen weltlichen Dingen ein Vergnügen zu empfinden. Sicherlich versuchte ich, mich mit dem Mauen der Katzen zu zerstreuen, aber gelacht habe ich nicht. In ihrer Aufrührersprache machen sie mir ein Verbrechen aus dem, was sie an dem Klavier als neuartige Grausamkeit bezeichnen, wo doch die Tiere keine Seele haben und alle Menschen, namentlich alle königlichen Personen, zur Erholung mit ihnen schalten können bis zu ihrem Tode. Aber in diesem England sind sie so vernarrt in die Tiere, daß sie sie besser halten als ihre Diener; Ställe und Hundezwinger sind hier Paläste, und es gibt große Herren, die mit ihren Pferden auf derselben Streu schlafen. Überdies, meine edle Frau, die Königin, ist unfruchtbar: mit blutigem Schimpfe sagen sie, ich sei schuld und nicht sie, die übrigens eifersüchtig, spröde und aus der Weise liebestoll ist. Herr und Vater, ich flehe alle Tage zum Herrgott, daß er mir gnädig sei in meiner Hoffnung auf einen andern Thron, und sei es der türkische, während ich jenes harre, zu dem mich ruft die Ehre, der Sohn Euerer glorreichen und siegreichen Majestät zu sein. (Unterzeichnet:) Phl.« Der Kaiser antwortete auf diesen Brief: »Herr und Sohn, Euere Feinde sind groß, ich bestreite es nicht; aber bemüht Euch, das Warten auf eine mehr schimmernde Krone ohne Mißmut zu ertragen. Mehrmals schon habe ich meiner Absicht Ausdruck gegeben, den Niederlanden und meinen andern Herrschaften zu entsagen; denn ich weiß, daß ich mich, alt und gichtisch, wie ich werde, nicht leicht Heinrichs von Frankreich, des zweiten seines Namens, erwehren könnte, weil Fortuna die Jugend liebt. Denkt auch daran, daß Ihr durch Euere Macht als Herr Englands Frankreich, unserm Feinde, unbequem werdet. Ich bin vor Metz schimpflich geschlagen worden und habe vierzigtausend Mann verloren. Ich habe vor dem von Sachsen fliehen müssen. Wenn mir nicht Gott durch seinen gütigen göttlichen Willen meine frühere Kraft und Stärke wiederverleiht, so bin ich entschlossen, Herr und Sohn, meine Königreiche zu lassen und sie Euch zu übergeben. Habt also Geduld und erfüllt inzwischen Euere ganze Pflicht gegen die Ketzer, ohne auch nur einen zu verschonen, weder Männer, noch Frauen, nicht Mädchen und nicht Kinder; denn mir ist, nicht ohne großen Schmerz für mich, die Kunde gekommen, daß ihnen die Königin oft Gnade widerfahren lassen will. Euer wohlgeneigter Vater (Unterzeichnet:) Karl.« LIII Uilenspiegel, der von dem weiten Marsche die Füße blutig hatte, traf im Bistum Mainz einen Karren mit Pilgern; der brachte ihn nach Rom. Als er bei der Ankunft in der Stadt den Karren verließ, sah er an der Schwelle einer Herbergstür eine hübsche Frau, die lächelte, als sie merkte, er sehe sie an. Diese gute Laune nahm er für ein treffliches Vorzeichen: »Wirtin, willst du einem pilgernden Pilger eine Zuflucht bieten? Denn ich bin am Ziele und will hier die Entbindung von meinen Sünden abwarten.« »Wir bieten allen denen Zuflucht, die uns bezahlen.« »Ich habe hundert Dukaten im Beutel«, antwortete Uilenspiegel, der kaum einen hatte, »und möchte den ersten in deiner Gesellschaft loswerden, indem wir eine Flasche alten Römers trinken.« »Der Wein ist nicht teuer hier an den heiligen Orten,« antwortete sie; »komm herein, du kannst für einen Stüber trinken.« Sie tranken so lange mitsammen und leerten bei kurzweiligem Plaudern so viel Flaschen, daß sich die Wirtin genötigt sah, ihrer Magd zu sagen, sie solle den Gästen an ihrer Statt einschenken, während sie und Uilenspiegel sich in ein gemarmeltes Hinterzimmer zurückzogen, wo es kühl war wie im Winter. Ihr Haupt an seine Schulter gelehnt, fragte sie ihn, wer er sei. Uilenspiegel antwortete: »Ich bin Herr von Geenland, Graf von Gavergeëten und Baron von Tuchtendeel und habe in Damme, meinem Geburtsort, fünfundzwanzig Morgen Mondschein.« »Was für ein Land ist das?« fragte sie und tat einen Schluck aus Uilenspiegels Humpen. »Das ist«, sagte er, »ein Land, wo man das Korn der Einbildungen, der närrischen Hoffnungen und der eiteln Versprechungen sät. Aber du, süße Wirtin mit der ambraduftenden Haut, mit deinen Augen, die blinken wie die Perlen, du bist nicht im Mondschein geboren; die Farbe der Sonne ist es, die das Gold deiner Haare gebräunt hat, und Venus ist es, die dir, ohne Eifersucht, die prallen Schultern, die wogenden Brüste, die runden Arme, die zierlichen Händchen geschenkt hat. Wollen wir heute abend miteinander essen?« »Schöner vlämischer Pilger,« sagte sie, »warum bist du hiehergekommen?« »Um mit dem Papste zu sprechen,« antwortete Uilenspiegel. »Ach,« sagte sie und faltete die Hände; »mit dem Papste sprechen! Ich, die ich doch aus dem Lande bin, habe das niemals tun können.« »Ich werde es tun,« sagte Uilenspiegel. »Aber,« sagte sie, »weißt du, wo er sich aufhält, wie er ist und was seine Lebensarten und Gewohnheiten sind?« »Man hat mir auf dem Wege gesagt,« antwortete Uilenspiegel, »daß er Julius der Dritte heißt und daß er unzüchtig, lustig und ausgelassen ist, gut spricht und über schlagfertige Antworten verfügt. Man hat mir weiter gesagt, daß er eine außergewöhnliche Freundschaft zu einem kleinen Bettelmönch gefaßt hat, einem schwarzen, schmutzigen und ungeschlachten Kerl, der mit einem Affen Almosen heischte, und daß er ihn bei seiner Thronbesteigung zum Kardinal von Monte gemacht hat und daß er krank ist, wann er ihn einmal einen Tag lang nicht sieht.« »Trink«, sagte sie, »und rede nicht so laut.« »Man hat mir weiter gesagt,« fuhr Uilenspiegel fort, »daß er wie ein Soldat geflucht hat: › Al dispetto di Dio, potta di Dio ‹, als er einmal bei der Abendtafel einen kalten Pfau vermißt hat, der hätte aufbewahrt werden sollen; und er habe gesagt: ›Ich, der Stellvertreter Gottes, darf doch wohl eines Pfauen halber fluchen, wo sich mein Herr wegen eines Apfels ergrimmt hat!‹ Du siehst, mein Lieb, daß ich den Papst kenne und weiß, wer er ist.« »Ach,« sagte sie, »sprich nur nicht zu andern so. Aber sehn wirst du ihn auf keinen Fall.« »Ich werde mit ihm sprechen,« sagte Uilenspiegel. »Wenn es dir gelingt, gebe ich dir hundert Gulden.« »Ich habe sie gewonnen,« sagte Uilenspiegel. Am Morgen lief er trotz seinen matten Beinen in der Stadt herum und erfuhr, daß der Papst an diesem Tage die Messe bei San Giovanni in Laterano lesen werde. Uilenspiegel ging hin und stellte sich so nahe, wie er nur konnte, vor das Gesicht des Papstes; und jedesmal, wann der Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Uilenspiegel dem Altar den Rücken. Um den Papst war ein ihm dienender Kardinal, braun vom Antlitz, hämisch und dick, der ein Äffchen auf der Schulter trug; der spendete dem Volke das Sakrament mit allerlei unzüchtigen Gebärden. Er machte den Papst auf Uilenspiegels Benehmen aufmerksam, und der Papst schickte sofort, als die Messe zu Ende war, vier wohlberufene Soldaten, wie man sie in diesen kriegerischen Landen kennt, damit sie sich des Pilgers bemächtigten. »Was ist dein Glaube?« fragte ihn der Papst. »Heiliger Vater,« antwortete Uilenspiegel, »ich habe denselben Glauben wie meine Wirtin.« Der Papst ließ die Frau holen. »Was glaubst du?« sagte er zu ihr. »Das, was Euere Heiligkeit glaubt,« antwortete sie. »Und ich desgleichen,« sagte Uilenspiegel. Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakramente den Rücken gekehrt habe. »Ich habe mich unwürdig gefühlt,« antwortete Uilenspiegel, »es anzuschauen.« »Du bist ein Pilger?« fragte ihn der Papst. »Ja,« sagte er, »und ich komme aus Flandern, um die Nachlassung meiner Sünden zu suchen.« Der Papst segnete ihn, und Uilenspiegel ging mit seiner Wirtin von bannen; die bezahlte ihm die hundert Gulden. Derart beladen, verließ er Rom, um ins vlämische Land zurückzukehren. Aber er hatte sieben Dukaten für den Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, bezahlen müssen. LIV In dieser Zeit kamen zwei Prämonstratenserbrüder nach Damme Ablässe verkaufen. Über ihrer Mönchstracht trugen sie ein schönes spitzenbesetztes Hemde. An der Kirchtür, wenn es schön war, und bei schlechtem Wetter in der Vorhalle schlugen sie ihr Preisverzeichnis an, wonach sie für sechs Heller, für einen Plappart, für ein halbes Pfund parisisch, für sieben, für zwölf Karlsgulden hundert, zweihundert, dreihundert, vierhundert Jahre Ablaß und, je nach den Preisen, einen halben oder ganzen Ablaß und Verzeihung für die schwersten Verbrechen gewährten, selbst für den Wunsch, die Heilige Jungfrau zu schänden. Aber die Verzeihung dieses Wunsches kostete siebzehn Gulden. Sie händigten den Kunden, die sie bezahlten, kleine Pergamentblättchen ein, worauf die Zahl der Ablaßjahre verzeichnet war. Und darunter las man folgende Schrift: Wer nicht geschmort will werden, Geröstet oder gebraten Im Fegefeuer durch tausend Jahr Und in der Hölle ewig brennen, Der kaufe sich den Ablaß, Die Gnade und Barmherzigkeit Für ein klein wenig Geld; Gott wirds ihm wiedergeben. Und die Käufer liefen ihnen zu, zehn Meilen weit in der Runde. Der eine von den guten Brüdern predigte oft dem Volke; er hatte ein rosiges Trinkergesicht und trug sein dreifaches Kinn und seinen Wanst ohne Blödigkeit. »Elender!« sagte er, indem er seine Augen auf den einen oder den andern seiner Zuhörer heftete, »Elender! Sieh dich nun in der Hölle! Das Feuer brennt dich grausam: man siedet dich in einem Kessel voll Öl, wo man die Oliekoekjes für Astarte bereitet; du bist nichts als ein Würstchen in der Pfanne Luzifers und nichts als ein Brocken Hammelfleisch in der Gilgiroths, des großen Teufels, denn man hat dich schon vorher in Stücke geschnitten. Siehe den großen Sünder, der die Ablässe mißachtet hat, siehe die Schüssel mit Hackfleisch; das ist er, das ist er, sein gottloser Leib, sein vermaledeiter Leib also zerstückt! Und die Brühe! Schwefel, Pech und Teer! Und all die armen Sünder werden so gegessen, um fortwährend zu neuer Pein wieder aufzuleben. Und dort ist es, wo in Wahrheit Tränen sind und Zähneklappern. Hab Erbarmen, Gott der Barmherzigkeit! Ja, da bist du nun in der Hölle, armer Verdammter, und mußt alle Qualen leiden. Gibt man für dich einen Groschen, so verspürst du im Augenblicke Linderung an der rechten Hand; gibt man noch einen halben, siehe, beide Hände sind aus dem Feuer! Aber der übrige Leib? Einen Gulden, und der Tau des Ablasses senkt sich herunter. O erquickende Kühlung! Und durch zehn Tage, hundert Tage, tausend Jahre, je nachdem man bezahlt, kein Braten mehr, kein Oliekoekje, kein Hackfleisch! Und wenn es nicht um dich ist, du Sünder, gibts nicht etwa dort in den geheimen Tiefen des Feuers andere arme Seelen, deine Eltern, eine geliebte Gattin oder ein hübsches Mägdlein, mit dem du gar gern gesündigt hast?« Und bei diesen Worten stieß der Mönch den Bruder neben ihm mit dem Ellbogen. Und der Bruder senkte auf dieses Zeichen die Augen und schwenkte salbungsvoll seine Silberschüssel, um Geld zu heischen. »Hast du nicht,« fuhr der Mönch fort, »hast du nicht in diesem entsetzlichen Feuer einen Sohn, eine Tochter, ein geliebtes Kindlein? Sie schreien, sie weinen, sie rufen dich. Kannst du taub bleiben bei diesen jammernden Stimmen? Du kannst es nicht, das Eis deines Herzens muß schmelzen, aber ein Karlsgulden ist der Preis, den es dich kostet. Und paß auf: Wann der Gulden auf diesem geringen Erze klingt,« – der Gesell des Mönches schüttelte wieder seine Schüssel – »tut sich eine Öffnung auf in dem Feuer, und die arme Seele schwingt sich bis zu dem Schlunde eines Vulkans. Jetzt ist sie in frischer Luft, in freier Luft! Wo ist die Pein des Feuers? Das Meer ist nahe, sie taucht hinein, sie schwimmt auf dem Rücken und auf dem Bauch, auf den Wogen und unter den Wogen. Horch, wie sie schreit vor Freude, sieh, wie sie sich im Wasser tummelt! Die Engel sehn ihr zu und sind glücklich. Sie harren ihrer, aber sie hat noch nicht genug, sie will zum Fische werden. Sie weiß nicht, daß oben im Himmel linde Bäder sind, voller Düfte, worein sich große Stücke Kristallzuckers lösen, weiß und wie Eis so kühl. Es kommt ein Hai; sie fürchtet ihn nicht. Sie schwingt sich ihm auf den Rücken, aber er fühlt sie nicht; sie will mit ihm in die Tiefen des Meeres. Dort grüßt sie die Engel der Wässer, die Waterzooi essen aus korallenen Schüsseln und frische Austern auf Perlmuttertellern. Und wie herzlich wird sie empfangen, gefeiert und geliebkost; und von oben rufen sie die Engel. Siehst du sie endlich, wohl erquickt und glücklich, emporschweben und gleich einer Lerche singen bis in den höchsten Himmel, wo Gott thront in seiner Glorie? Dort trifft sie all ihre irdischen Verwandten und Freunde, ausgenommen die, die wegen Schmähung des Ablasses und der Heiligen Kirche im Grunde der Hölle brennen. Und sie brennen alltäglich, alltäglich, alltäglich, die Jahrhunderte der Jahrhunderte lang, die ganze glühende Ewigkeit lang. Aber die andere Seele, sie ist bei Gott und erquickt sich in den linden Bädern und knappert Kristallzucker. Kauft Ablässe, meine Brüder: ihr bekommt sie für Cruzados, für Goldgulden, für englische Sovereigns. Das Kupfergeld wird nicht zurückgewiesen. Kauft! Kauft! Hier ist der heilige Laden: er ist offen für die Armen und für die Reichen, aber, leider, geborgt kann nicht werden, meine Brüder; denn kaufen und nicht bar bezahlen ist in den Augen des Herrn ein Verbrechen.« Der Bruder, der nicht predigte, schwenkte sein Becken. Gulden, Cruzados, Dukaten, Plapparte, Stüber und Groschen fielen dicht wie Hagelschloßen. Klaas bezahlte in seinem Reichtum einen Gulden für zehntausend Jahre Ablaß. Dawider gaben ihm die Mönche ein Stück Pergament. Als sie in kurzer Zeit inne wurden, daß in Damme niemand mehr verblieb als die Geizhälse, die keinen Ablaß gekauft hatten, zogen sie selbander ab nach Heist. LV Gekleidet in seine Pilgertracht und losgesprochen von seinen Sünden, verließ Uilenspiegel Rom; er zog seine Straße fürbaß und kam nach Bamberg, wo es das beste Gemüse der Welt gibt. Er betrat eine Herberge, deren lustige Wirtin zu ihm sagte: »Gesell, willst du um dein Geld essen?« »Ja,« sagte Uilenspiegel; »aber um wie viel ißt man hier?« »Man ißt am Herrentisch um sechs Gulden, am Bürgertisch um vier Gulden und am Gesindetisch um zwei.« »Je teuerer, desto besser,« antwortete Uilenspiegel. Er setzte sich also an den Herrentisch. Als er sich wohlgesättigt und sein Mahl mit Rheinwein befeuchtet hatte, sagte er zur Wirtin: »Gevatterin, ich habe gut gegessen um mein Geld; gib mir die sechs Gulden.« Die Wirtin sagte: »Du machst dich lustig über mich? Bezahle deine Zeche.« »Liebste Wirtin,« antwortete Uilenspiegel, »Ihr habt doch gar nicht das Gesicht einer schlimmen Schuldenmacherin; ich sehe darin im Gegenteil so viel Treue und Glauben und eine solche Nächstenliebe, daß Ihr mir sicherlich lieber achtzehn Gulden zahlen würdet, als die sechs verweigern, die Ihr mir schuldet. Diese schönen Augen! Es ist die Sonne, die mich mit ihren Strahlen trifft und die Liebesbrunst höher aufschießen läßt, als das Hundsgras in einem vernachlässigten Felde.« Die Wirtin antwortete: »Ich habe nichts zu tun mit deiner Brunst und nichts mit deinem Hundsgras; zahl und geh.« »Gehn«, sagte Uilenspiegel, »und dich nimmer sehn? Lieber alsogleich sterben. Wirtin, süße Wirtin, ich bin nicht gewohnt um sechs Gulden zu essen, ich armer Schlucker, der über Berg und Tal ziehen muß; jetzt habe ich mich aber vollgestopft und werde die Zunge aus dem Maule hangen lassen wie ein Hund in der Sonne. Laßt es Euch gefallen, mich zu bezahlen. Die sechs Gulden habe ich ehrlich mit der schweren Arbeit meiner Kinnbacken verdient; gebt sie mir, und ich werde Euch liebkosen, küssen, umarmen mit einer solchen Glut der Dankbarkeit, daß nicht siebenundzwanzig Liebhaber, alle miteinander, den gleichen Anforderungen genügen könnten.« »Du sprichst ums Geld,« sagte sie. Drauf er: »Willst du, daß ich dich umsonst aufesse?« »Nein,« sagte sie, sich gegen ihn wehrend. »Ach,« seufzte er, ohne sie auszulassen, »deine Haut ist wie Rahm, dein Haar wie ein gebratener Goldfasan, deine Lippen wie die Kirschen! Gibt es denn eine, die leckerer wäre als du?« »Das machst du gut, du Taugenichts,« sagte sie lachend, »noch von mir sechs Gulden zu verlangen. Sei zufrieden, daß ich dir umsonst, ohne etwas dafür zu verlangen, zu essen gegeben habe.« »Wenn du wüßtest,« sagte Uilenspiegel, »wie viel noch Platz ist!« »Mach fort,« sagte die Wirtin, »bevor mein Mann kommt.« »Ich will ein milder Gläubiger sein,« antwortete Uilenspiegel; »gib mir nur einen Gulden für den künftigen Durst.« »Da,« sagte sie, »schlimmer Junge.« Und sie gab ihm ihn. »Darf ich wiederkommen?« fragte Uilenspiegel. »Willst du wohl gehn!« sagte sie. »Wohl gehn,« sagte Uilenspiegel, »das wäre zu dir gehn, mein Lieb; es heißt aber schlecht gehn, wenn ich von deinen schönen Augen scheiden muß. Wenn du mich behalten wolltest, äße ich alle Tage um nicht mehr als um einen Gulden.« »Brauchts einen Stock?« sagte sie. »Nimm meinen,« antwortete Uilenspiegel. Sie lachte, aber er mußte wandern. LVI In dieser Zeit verlegte Lamme Goedzak seinen Aufenthalt wieder nach Damme, weil es im Lüttichischen wegen der Ketzereien nicht ruhig war. Seine Gattin folgte ihm gerne, weil die Lütticher, schalkhaft von Haus aus, die Gutmütigkeit ihres Mannes bespotteten. Lamme ging oft zu Klaas, der, seit der Erbschaft, Gast im Wirtshause zum Blauen Turm geworden war und dort mit seinen Gesellen einen Tisch besetzte. Am Nebentische saß knausernd bei einer halben Kanne Judocus Grijpstuiver, der habgierige Zunftmeister der Fischhändler, ein knauseriger Geizhals, der von geräucherten Heringen lebte und mehr aufs Geld erpicht war als auf sein Seelenheil. Klaas hatte stets sein Pergament, wo der zehntausendjährige Ablaß geschrieben war, in der Tasche. Eines Abends saß Klaas mit Lamme Goedzak, Jan van Roosebeke und Mathijs van Assche im Blauen Turm, und auch Judocus Grijpstuiver war dort; Klaas schöppelte wacker, und Jan van Roosebeke sagte zu ihm: »Es ist eine Sünde, so viel zu trinken!« Klaas antwortete: »Man brennt höchstens einen halben Tag für eine Kanne zu viel. Und ich habe zehntausend Jahre Ablaß in der Tasche. Wer will davon hundert, damit er sich getrost den Magen ersäufen kann?« Alle schrien: »Wie teuer gibst du sie?« »Um eine Kanne,« antwortete Klaas; »aber hundertfünfzig kosten ein Gericht Kaninchen.« Mehrere Zechgenossen zahlten Klaas, der eine einen Schoppen, der andere Schinken, und er schnitt für alle kleine Streifen vom Pergamente ab. Es war aber nicht Klaas, der den Preis der Ablässe fraß und vertrank, sondern Lamme Goedzak, der so viel verschlang, daß er zusehends aufschwoll, während Klaas in seinen Handelsgeschäften in der Gaststube hin und her ging. Grijpstuiver wandte sein sauertöpfisches Gesicht Klaas zu: »Hast du auch für zehn Tage?« »Nein,« antwortete Klaas, »das wäre zu schwierig abzuschneiden.« Alles lachte, und Grijpstuiver würgte seinen Zorn hinunter. Dann ging Klaas nach Hause und hinter ihm Lamme, der einherstapfte, als wären seine Beine aus Wolle gewesen. LVII Um das Ende des dritten Jahres ihrer Verbannung kam Katelijne wieder heim nach Damme. Und ohne Unterlaß sagte sie in ihrer Verrücktheit: »Feuer auf dem Kopf, die Seele klopft, macht ein Loch, sie will hinaus.« Und sooft sie ein Rind oder einen Hammel sah, entlief sie. Und sie setzte sich auf die Bank unter den Linden hinter ihrem Häuschen; sie schüttelte den Kopf und sah die von Damme an, ohne sie zu erkennen. Und die sagten beim Vorbeigehn: »Das ist die Närrin.« Zu dieser Zeit sah Uilenspiegel, der über Wege und Stege schweifte, auf der Heerstraße einen Esel, den ledernen Zaum mit Kupfernägeln besetzt und den Kopf mit rotwollenen Quasten und Troddeln geschmückt. Etliche alte Weiber standen um den Esel herum und sprachen und redeten alle auf einmal: »Niemand kann es greifen, dieses schaudervolle Reittier des großen Hexenmeisters, des Barons de Rais, der lebendig verbrannt worden ist, weil er acht Kinder dem Teufel geopfert hat.« – »Es ist so schnell fortgesprengt, daß man es nicht hat erwischen können. Satan ists, der es beschützt.« – »Denn als es matt innehielt in seinem Rasen, kamen die Stadtschergen heran, um es dingfest zu machen; aber es schlug so wild aus und brüllte so schrecklich, daß sie sich nicht herangetrauten.« – »So ließ man es die Disteln abweiden, ohne ihm den Prozeß zu machen und es als Zauberer lebendig zu verbrennen.« – »Diese Männer haben keinen Mut.« Trotz diesen schönen Reden nahmen sie, kaum daß der Esel die Ohren spitzte oder seine Weichen mit dem Schwanze schlug, schreiend Reißaus, um sich ihm neuerdings zu nähern, gackernd und plappernd, und bei der geringsten Bewegung des Grauchens dieselbe Geschichte aufzuführen. Aber Uilenspiegel, der sie betrachtete, lachte. »Haha,« sagte er, »dieser Vorwitz ohne Ende samt diesem ewigen Getratsche, das wie ein Strom den Mündern der Weiber enteilt, sonderlich der alten; denn bei den jungen ist die Flut weniger häufig wegen ihrer Liebeshändel.« Dann betrachtete er das Grauchen. »Dieses Zaubertier«, sagte er, »ist munter und trabt ohne Zweifel nicht in den Schultern; ich kann es reiten oder es verkaufen.« Ohne etwas zu sagen, ging er ein Nößel Hafer holen und gab es dem Esel zu fressen; behend sprang er ihm auf den Rücken, packte den Zaum, tummelte das Tier nach Norden, Osten und Westen und segnete die alten Weiber aus der Ferne. Die fielen ohnmächtig vor Schrecken auf die Knie; und an diesem Tage wurde in den Spinnstuben erzählt, es sei ein Engel, der an seinem Filzhute eine Fasanenfeder getragen habe, gekommen, habe sie alle gesegnet und habe den Esel des Hexenmeisters entführt, durch eine besondere Gnade Gottes. Und Uilenspiegel ritt mit seinem Esel davon, mitten durch fette Wiesen, wo Pferde in Freiheit sprangen oder Kühe und Färsen faul in der Sonne lagen und kauten. Und er nannte ihn Jef. Der Esel war stehn geblieben und verzehrte vergnügt einige Disteln. Gleichwohl schauerte er manchmal übers ganze Fell und schlug sich mit dem Schweife die Weichen, um die heißhungrigen Bremsen zu verscheuchen, die eine Mahlzeit halten wollten gleich ihm, aber von seinem Fleische. Uilenspiegel, dem der Magen vor Hunger schrie, war trübselig. »Du wärest recht glücklich, lieber Esel,« sagte er, »wenn dir bei einem Mahle von fetten Disteln, wie jetzt, niemand käme, der dich in deiner Gemächlichkeit störte und dir ins Gedächtnis riefe, daß du sterblich bist, das heißt geboren, um alle Arten Nichtswürdigkeit zu leiden.« »So wie du,« fuhr er fort, indem er ihn ferste, »so wie du hat auch der Mann mit dem Heiligen Pantoffel seine Bremse, und das ist Herr Doktor Luther; und Seine erhabene Majestät Karl hat seine Bremse, das ist Messire Franz, der erste seines Namens, der König mit der langen Nase und dem noch längern Degen. Auch ich, ich armer Schlucker, irrend wie ein Jude, darf also wohl meine Bremse haben, lieber Esel. Ach! alle meine Säcke sind zerlöchert, und durch die Löcher streichen sie davon, all meine Dukaten, Gulden und Taler, wie eine Legion von Mäusen, die vor dem Rachen einer Katze ausreißt. Ich weiß nicht, warum mich das Geld so wenig lieb hat, mich, der ich das Geld so lieb habe. Fortuna ist kein Weib, mag man es auch behaupten, denn sie liebt niemand als die habsüchtigen Geizhälse, die sie in Kisten und Kasten sperren und mit zwanzig Schlüsseln verschließen und ihr niemals gestatten, auch nur den Zipfel ihres Goldnäschens ans Fenster zu drücken. Da hast du die Bremse, die nicht nur an mir saugt und mich verzehrt, sondern mich auch kitzelt, ohne daß ich lachen könnte. Du hörst nicht auf mich, lieber Esel, und denkst an nichts sonst als ans Fressen. Ha, du Wanstel, der sich den Wanst füllt, deine langen Ohren sind taub für den Schrei eines leeren Magens. Höre auf mich, ich wills.« Und er schlug ihn bitterlich. Der Esel hob an zu brällen. »Vorwärts jetzt, wo du gesungen hast!« sagte Uilenspiegel. Aber der Esel rührte sich nicht mehr als ein Grenzstein und schien die Absicht zu haben, alle Disteln am Wege bis auf die letzte zu fressen. Und daran war kein Mangel. Als das Uilenspiegel sah, stieg er ab, schnitt ein Büschel Disteln ab, setzte sich wieder auf den Esel, hielt ihm das Büschel unters Maul und führte ihn so an der Nase bis in das Land des Landgrafen von Hessen. »Lieber Esel,« sagte er unterwegs, »du läufst hinter meinem Distelbüschel, hinter dieser magern Weide, und läßt hinter dir den schönen Weg, der gesäumt wird von leckern Kräutern. So tun auch die Menschen alle; die einen wittern den Strauß Ruhm, den ihnen Fortuna unter die Nase hält, andere einen Strauß Gewinn und andere einen Strauß Liebe. Am Ende des Weges merken sie dann so wie du, daß sie einem Tand nachgejagt haben, während das Bedeutende hinter ihnen geblieben ist, nämlich die Gesundheit, die Arbeit und der häusliche Friede.« Bei derlei Plaudern mit seinem Esel kam Uilenspiegel vor den Palast des Landgrafen. Zwei Schützenhauptleute würfelten auf der Treppe. Der eine, ein rothaariger Riese, bemerkte Uilenspiegel, der still auf Jef saß und ihnen zusah. »Was willst du von uns, hungriges Pilgergesicht?« »Ich habe wirklich großen Hunger«, antwortete Uilenspiegel, »und pilgere gegen meinen Willen.« »Wenn du Hunger hast,« entgegnete der Hauptmann, »so friß den Strick vom nächsten Galgen in die Gurgel; er ist für die Landstreicher!« »Herr Hauptmann,« antwortete Uilenspiegel, »wenn Ihr mir die schöne Goldschnur gebt, die Ihr am Hute tragt, so will ich mich mit den Zähnen an dem fetten Schinken aufhängen, der da unten beim Garkoch schwiemelt.« »Woher kommst du?« fragte der Hauptmann. »Aus Flandern.« »Was willst du?« »Seiner Landgräflichen Hoheit ein Gemälde nach meiner Weise zeigen.« »Wenn du ein Maler bist und aus Flandern,« sagte der Hauptmann, »so komm herein, ich werde dich vor meinen Herrn führen.« Als Uilenspiegel vor dem Landgrafen stand, grüßte er ihn dreimal und noch öfter. »Euere Hoheit«, sagte er, »möge die Gnade haben und meine Frechheit entschuldigen, daß ich es wage, Ihr ein Gemälde zu Füßen zu legen, das ich für Sie verfertigt habe und auf dem ich die Ehre hatte, die Heilige Jungfrau im kaiserlichen Schmucke zu konterfeien.« »Dieses Gemälde«, fuhr er fort, »wird vielleicht Euerer Hoheit Huld finden, und in diesem Falle macht mich meine Kunst vermessen genug, zu hoffen, daß sich mein Sitz bis zu jenem rotsamtenen Stuhle erhöhen wird, den der ewig beklagenswerte Maler Euerer Großherzigkeit bei seinen Lebzeiten eingenommen hat.« Nachdem der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet hatte, sagte er: »Du sollst Unser Maler sein, setz dich auf den Stuhl.« Und er küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Uilenspiegel setzte sich. »Du siehst ziemlich schäbig aus,« sagte der Herr Landgraf, ihn betrachtend. Uilenspiegel antwortete: »In der Tat, gnädiger Herr; Jef, das ist mein Esel, hat Disteln gegessen, aber ich lebe seit drei Tagen von nichts als von Elend und nähre mich von dem Dunste der Hoffnung.« »Bald wirst du bessere Kost genießen,« antwortete der Landgraf; »aber wo ist dein Esel?« Uilenspiegel antwortete: »Ich habe ihn auf dem Großen Platze gelassen, gegenüber dem Palaste von Euer Gnaden; ich wäre sehr froh, wenn Jef ein Nachtquartier, Streu und Futter bekäme.« Unverzüglich befahl der Herr Landgraf einem seiner Pagen, den Esel Uilenspiegels zu versorgen, wie wenn er ihm selber gehörte. Bald schlug die Stunde des Abendessens, das einem Hochzeitsschmause ähnelte. Und das Fleisch dampfte, und durch die Kehlen plätscherte der Wein. Uilenspiegel und der Landgraf waren beide rot wie Kohlenglut; Uilenspiegel wurde lustig, aber der Landgraf blieb nachdenklich. »Maler, du mußt mich konterfeien,« sagte er plötzlich; »denn es ist ein großer Trost für einen sterblichen Fürsten, seinen Nachkommen die Erinnerung seines Gesichts zu hinterlassen.« »Herr Landgraf,« antwortete Uilenspiegel, »Euer Wille ist mir Befehl, aber mich geringen Menschen dünkt, daß Euere Herrlichkeit, so ganz allein konterfeit, nicht viel Freude haben würde in den künftigen Jahrhunderten. Sie soll vielmehr begleitet sein von Ihrer vieledlen Gemahlin, der Frau Landgräfin, von Ihren Damen und Herren und von Ihren tüchtigsten Hauptleuten und Offizieren, in deren Mitte der Fürst und die Fürstin erstrahlen werden wie zwei Sonnen unter einer Anzahl von Laternen.« »Du hast recht, Maler,« antwortete der Landgraf; »und was müßte ich dir für diese große Arbeit zahlen?« »Hundert Gulden voraus oder anderweitig,« antwortete Uilenspiegel. »Da sind sie voraus,« sagte der Herr Landgraf. »Gnädigster Herr,« erwiderte Uilenspiegel, »Ihr gießt Öl in meine Lampe; sie wird Euch zu Ehren brennen.« Am Morgen bat er den Herrn Landgrafen, alle, denen er die Ehre vorbehalte, konterfeit zu werden, an ihm vorübergehn zu lassen. Da kam der Herzog von Lüneburg, der Befehlshaber der Landsknechte im Dienste des Landgrafen; er war ein dicker Mann, der nur mit Mühe seinen von Fleisch geblähten Bauch schleppte. Er näherte sich Uilenspiegel und raunte ihm ins Ohr: »Wenn du nicht bei meinem Bilde die Hälfte meines Fettes verschwinden machst, lasse ich dich durch meine Soldaten henken.« Der Herzog ging vorüber. Dann kam eine hohe Dame, die auf dem Rücken einen Bossel hatte, wählend die Brust so glatt war wie das rinnenlose Klingeneisen des Richtschwerts. »Herr Maler,« sagte sie, »wenn du mir nicht zwei Bossel machst anstatt des einen, den du wegnehmen sollst, und wenn du sie nicht vorne anbringst, werde ich dich vierteilen lassen wie einen Giftmischer.« Und die Dame ging vorüber. Dann kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und lieblich, der jedoch drei Zähne an der Oberlippe fehlten. »Herr Maler,« sagte sie, »wenn du mich nicht lächelnd und mit zweiunddreißig Zähnen schilderst, lasse ich dich durch meinen Liebsten da in Stücke hauen.« Dabei zeigte sie ihm den Schützenhauptmann, der damals auf der Palasttreppe gewürfelt hatte; und sie ging vorüber. Der Zug ging weiter; endlich blieb Uilenspiegel mit dem Herrn Landgrafen allein, und der sagte: »Wenn es dir zustößt, beim Konterfeien all dieser Gesichter auch nur mit einem Striche zu lügen, lasse ich dir den Hals abschneiden wie einem Hühnchen.« »Enthauptet,« dachte Uilenspiegel, »gevierteilt, in Stücke gehauen oder zum mindesten gehenkt, da wird es gescheiter sein, gar nichts zu malen. Ich werde auf der Hut sein.« »Wo ist denn der Saal,« fragte er den Landgrafen, »den ich mit all der Schilderei zieren soll?« »Folge mir,« sagte der Landgraf. Und er zeigte ihm einen Saal mit großen nackten Wänden. »Das ist der Saal,« sagte er. »Mir wäre es lieb,« sagte Uilenspiegel, »wenn an den Wänden große Vorhänge angebracht würden, um meine Malerei vor dem Unglimpf der Fliegen und des Staubes zu bewahren.« »Das soll geschehn,« sagte der Landgraf. Als die Vorhänge da waren, verlangte Uilenspiegel drei Lehrjungen zum Anreiben der Farbe. Dreißig Tage lang taten Uilenspiegel und die Jungen nichts sonst als schlemmen und demmen, ohne sich an köstlichen Gerichten und altem Wein etwas abgehn zu lassen. Der Landgraf wachte über alles. Am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die Tür des Zimmers, wo Uilenspiegel jedermann den Eintritt verboten hatte. »Nun, Thijl,« sagte er, »wo sind die Bilder?« »Sie sind weit,« antwortete Uilenspiegel. »Kann man sie nicht sehn?« »Noch nicht.« Am sechsunddreißigsten Tage steckte er neuerlich die Nase in die Tür: »Nun, Thijl?« fragte er ihn. »Ei, Herr Landgraf, sie nähern sich der Vollendung.« Am sechzigsten Tage ärgerte sich der Landgraf und trat ins Zimmer: »Du wirst mir augenblicklich die Malerei zeigen.« »Ja, gewaltiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »aber habt die Gnade, diesen Vorhang nicht eher zu öffnen, als bis Ihr alle Herren Hauptleute und Damen Euers Hofes habt hereinkommen lassen.« »Mir ists recht,« sagte der Landgraf. Alle kamen auf seinen Befehl. Uilenspiegel stand vor dem wohlgeschlossenen Vorhange; er sagte: »Herr Landgraf, und Ihr, Frau Landgräfin, und Ihr, gnädiger Herr von Lüneburg, und Ihr, schöne Damen und tapfere Hauptleute, ich habe da hinter dem Vorhange Euere lieblichen oder grimmigen Gesichter nach meiner besten Kunst konterfeit. Es wird jedem leicht fallen, sich sehr gut zu erkennen. Ihr seid begierig, Euch zu sehn, und das ist recht so, aber seid so gütig und habt die Geduld, ein Wort oder ihrer sechs von mir anzuhören. Schöne Damen und tapfere Hauptleute, die Ihr alle aus edelm Blute stammt, Ihr könnt mein Gemälde sehn und bewundern; wenn aber jemand unter Euch gemeiner Abkunft ist, so wird er nichts sehn als die weiße Mauer. Und nun habt die Gnade und öffnet Euere edeln Augen.« Uilenspiegel zog den Vorhang zurück: »Edle Männer allein sehn es, nur edle Damen sehn es; und so wird man bald sagen: Blind in der Malerei wie ein Gemeiner, klarsehend wie ein Edelmann!« Alle rissen sie die Augen auf, gaben vor, das Bild zu sehn, und zeigten, bezeichneten und erkannten einander; aber in Wirklichkeit sahen sie nichts als die nackte Mauer, und darob waren sie bestürzt. Plötzlich sprang der Narr, der auch anwesend war, drei Fuß hoch in die Luft und schüttelte seine Schellen: »Mag man mich einen gemeinen Kerl schelten, gemein gemeint in Gemeinheit, ich sage trotzdem und schreie es aus mit Trompeten und Fanfaren, daß ich nur eine nackte Mauer sehe, eine weiße Mauer, eine nackte Mauer. So wahr mir Gott helfe und alle Heiligen!« Uilenspiegel sagte: »Wann sich die Narren ins Gespräch mischen, dann ist es Zeit, daß die Weisen gehn.« Er wollte aus dem Palaste verschwinden, als ihn der Landgraf festhielt: »Du närrischer Narr,« sagte er, »der du durch die Welt ziehst, preisend das Schöne und Gute und die Dummheit mit vollem Munde verspottend, du, der du es im Angesichte so vieler hoher Damen und höherer und größerer Herren gewagt hast, dich über den Wappen- und Herrenstolz lustig zu machen, du wirst eines Tages gehenkt werden um deiner freien Rede willen.« »Wenn der Strick aus Gold ist,« antwortete Uilenspiegel, »wird er, wenn er mich kommen sieht, vor Angst reißen.« »Nimm,« sagte der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gulden, »da hast du das eine Ende des Stricks.« »Großen Dank, gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel; »jede Herberge an der Straße soll einen Faden haben, einen goldenen Faden, der all diese spitzbübischen Wirte in Krösusse verwandelt.« Und er zog auf seinem Esel von dannen, hoch den Hut, die Feder im Winde, frohgemut. LVIII Die Blätter gilbten auf den Bäumen, und der Herbstwind begann zu wehn. Katelijne war dann und wann für eine Stunde oder drei bei Vernunft; und dann sagte Klaas, der Geist Gottes komme sie in seiner süßen Barmherzigkeit besuchen. In diesen Augenblicken hatte sie die Macht, durch Gebärden und Worte einen Zauber über Nele zu werfen, so daß die auf mehr als hundert Meilen weit alles sah, was sich zutrug auf den Plätzen, auf den Straßen und in den Häusern. An diesem Tage war Katelijne bei guten Sinnen und aß mit Klaas, Soetkin und Nele Oliekoeken, die gut mit Doppelbier begossen wurden. Klaas sagte: »Heute ist der Tag der Abdankung Seiner Heiligen Majestät Karls des Fünften. Nele, mein Herzchen, sag, könntest du bis Brüssel in Brabant sehn?« »Ich kann es,« antwortete Nele, »wenn Katelijne will.« Nun ließ Katelijne das Mädchen auf einer Bank niedersitzen, und durch ihre Worte und Gebärden, wirksam gleich einem Zauber, versank Nele in einen tiefen Schlaf. Katelijne sagte zu ihr: »Tritt in das Gartenhäuschen ein, wo Kaiser Karl der Fünfte so gern weilt.« »Ich bin,« sagte Nele mit leiser Stimme, als ob es ihr an Luft gebrochen hätte, »ich bin in einem kleinen Saale, dessen Wände mit grüner Ölfarbe gemalt sind. Dort ist ein Mann, so gegen vierundfünfzig Jahre alt, kahl und grau, den Bart blond und das Kinn vorstehend, einen bösen Blick in den grauen Augen, die Verschlagenheit, Grausamkeit und verstellte Gutmütigkeit künden. Und diesen Mann, man nennt ihn Heilige Majestät. Er ist verschleimt und hustet viel. Neben ihm ist ein anderer, ein junger mit einer häßlichen Fratze wie ein wasserköpfiger Affe. Der, ich habe ihn in Antwerpen gesehn, ist der König Philipp. Seine Heilige Majestät wirft ihm in diesem Augenblicke vor, daß er die Nacht nicht zu Hause verbracht habe, sondern wahrscheinlich, wie Sie sagt, in einem Schandloch bei irgendeiner Vettel aus dem verrufenen Stadtviertel. Sie sagt ihm, seine Haare hätten einen Wirtshausgeruch, und das sei kein Vergnügen für einen König, der nur den lieblichsten Körper, die in wohlriechenden Bädern erfrischte Atlashaut und die zarten Hände liebeschmachtender großer Damen wählen solle, was besser sei, als eine liederliche Sau, die kaum gewaschen aus den Armen eines betrunkenen Soldaten komme. Keine Jungfrau, keine Gattin, keine Witwe, sagt Sie, werde sich ihm weigern wollen unter all den edelsten und schönsten Frauen, die ihre Liebkosungen bei dem Scheine duftender Kerzen spenden und nicht bei dem qualmenden Glimmen stinkender Talglichter. Der König antwortet Seiner Heiligen Majestät, er werde Ihr in allem gehorchen. Jetzt hustet Seine Heilige Majestät und schlürft ein paar Schluck Hippokras. ›Bald wirst du‹, sagt Sie, sich zu Philipp wendend, ›die Generalstaaten, die Prälaten, die Edeln und die Bürger sehn: Oranien den Schweiger, Egmont den Eiteln, Hoorne den Unbeliebten, Brederode den Leuen und all die von dem Goldenen Vliese, zu dessen Großmeister ich dich machen werde. Du wirst dort hundert Kindsköpfe sehn, die sich alle die Nase abschneiden würden, wenn sie sie an einer Goldkette über der Brust tragen dürften als Zeichen eines höhern Adels.‹ Nun wechselt Seine Heilige Majestät den Klang der Stimme und sagt tiefbekümmert zu König Philipp: ›Du weißt, mein Sohn, daß ich zu deinen Gunsten abdanken will, und ich werde der Welt ein großes Schauspiel geben und vor einer großen Versammlung sprechen, gleichwohl mit Schlucken und Husten – denn ich habe mein Leben lang zu viel gegessen, mein Sohn – und du müßtest ein sehr hartes Herz haben, wenn du nach meinen Worten nicht ein paar Tränen vergössest.‹ ›Ich werde weinen, Vater,‹ antwortet König Philipp. Nun spricht Seine Heilige Majestät zu einem Diener, der Dubois heißt: ›Dubois, gib mir ein Stückchen Madeirazucker; ich habe das Schlucken. Wenn es mich nur nicht packt, wann ich vor aller Welt spreche. Die Gans von gestern will wohl nie mehr Ruhe geben! Wenn ich einen Becher Wein von Orleans tränke? Nein, der ist zu herb. Wenn ich ein paar Anschoven äße? Die sind ölig. Dubois, gib mir römischen Wein.‹ Dubois gibt Seiner Heiligen Majestät, was Sie verlangt, dann legt er Ihr einen Rock aus Karmesinsamt und darüber einen goldenen Mantel und den Schwertgurt an, gibt Ihr das Scepter und den Reichsapfel in die Hände und setzt Ihr die Krone aufs Haupt. Jetzt verläßt Seine Heilige Majestät das Gartenhaus, und Sie reitet auf einem kleinen Maultiere, in Ihrem Gefolge der König Philipp und viele hohe Persönlichkeiten. So kommen sie in ein großes Gebäude, das sie Palast nennen, und dort wartet auf sie in einem Zimmer ein Mann mit hohen und schmalen Hüften, reich gekleidet, und sie nennen ihn Oranien. Seine Heilige Majestät spricht zu diesem Manne und sagt zu ihm: ›Sehe ich gut aus, Vetter Wilhelm?‹ Aber der Mann antwortet nichts. Nun sagt Seine Heilige Majestät, halb lachend, halb ärgerlich: ›Wirst du denn immer stumm bleiben, Vetter, selbst wenn es gilt, den Überbleibseln der Vergangenheit die Wahrheit zu sagen? Soll ich weiterregieren oder abdanken, Schweiger?‹ ›Heilige Majestät,‹ antwortet der magere Mann, ›wann der Winter kommt, lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.‹ Es schlägt drei Uhr. ›Schweiger,‹ sagt Seine Majestät, ›leihe mir deine Schulter, auf daß ich mich stütze.‹ Und Sie tritt mit ihm und Ihrem Gefolge in einen großen Saal und setzt sich unter einem Thronhimmel auf einer mit Seide oder Teppichen karmesinfärbig belegten Bühne nieder. Dort sind drei Sitze: Seine Heilige Majestät nimmt den mittlern ein, der mehr geschmückt ist als die andern und über dem eine Kaiserkrone prangt; König Philipp setzt sich auf den zweiten, und der dritte ist für eine Frau, die zweifellos eine Königin ist. Zur Rechten und zur Linken sitzen auf überzogenen Bänken rotgekleidete Männer, die am Halse ein goldenes Schaf tragen. Hinter ihnen stehn einige Persönlichkeiten, die sicherlich Prinzen und Herren sind. Gegenüber und tiefer als die Bühne sitzen auf nicht überzogenen Bänken Männer in Tuchkleidern. Ich höre sie sprechen, daß sie deswegen so bescheiden sitzen und so bescheiden gekleidet sind, weil sie allein alle Abgaben zahlen. Jedermann ist aufgestanden, als Seine Heilige Majestät eingetreten ist, aber Sie hat sich alsbald gesetzt und jedermann gewunken, desgleichen zu tun. Nun spricht ein alter Mann ein langes und breites von der Gicht; und jetzt reicht die Frau, die eine Königin scheint, Seiner Heiligen Majestät eine Pergamentrolle, wo das geschrieben steht, was Seine Heilige Majestät hustend und mit einer hohlen und leisen Stimme liest. Und indem Sie von Sich selber spricht, sagt Sie: ›Ich habe gar viele Reisen unternommen nach Spanien, nach Italien, in die Niederlande, nach England und nach Afrika, alles zur Ehre Gottes, zum Ruhme meiner Waffen und zum Wohle meiner Völker.‹ Nach einer langen Rede sagt Sie, Sie sei schwach und matt und wolle die Krone Spaniens und die Grafschaften, Herzogtümer und Markgrafschaften dieser Lande in die Hände Ihres Sohnes geben. Nun weint Sie, und alle weinen mit ihr. König Philipp erhebt sich und fällt auf die Knie. ›Heilige Majestät,‹ sagt er, ›ist es mir denn gestattet, diese Krone aus Euern Händen zu empfangen, wo Ihr sie noch selbst zu tragen imstande seid?‹ Seine Majestät sagt ihm ins Ohr, er solle an die Männer auf den überzogenen Bänken eine wohlwollende Ansprache halten. König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt mit greller Stimme und ohne sich zu erheben: ›Ich verstehe wohl Französisch, aber nicht genug, um mit Euch in dieser Sprache zu reden. Höret, was Euch der Bischof von Arras, Herr Granvella, an meiner Statt sagen wird.‹ ›Schlecht gesprochen, mein Sohn,‹ sagt Seine Heilige Majestät. Und in der Tat, die Versammlung murrt über den Stolz und Hochmut des jungen Königs. Die Frau, die die Königin ist, spricht auch, um Sie zu preisen, und nun kommt die Reihe an einen alten Gelehrten, dem, als er geendet hat, der Kaiser mit der Hand Dank zuwinkt. Jetzt sind die Förmlichkeiten und Reden zu Ende, Seine Heilige Majestät enthebt ihre Untertanen des Treueides, unterzeichnet die bereit gehaltenen Urkunden, erhebt sich von Ihrem Throne und setzt Ihren Sohn hinauf. Und jedermann weint im Saale. Nun gehn sie ins Gartenhaus zurück. Wieder in dem grünen Zimmer, ganz allein und bei verschlossenen Türen, bricht Seine Heilige Majestät in ein schallendes Gelächter aus und spricht zu König Philipp: ›Hast du gesehn,‹ sagt Sie, sprechend, schluckend und lachend zu gleicher Zeit, ›wie wenig es braucht, diese Biedermänner zu rühren? Was für eine Tränenflut! Und der dicke Maes, der am Schlusse seines langen Geredes geweint hat wie ein Kalb. Du selbst schienst ergriffen, aber nicht besonders. Das sind die wahren Schauspiele, die das Volk braucht. Mein Sohn, uns Männern sind unsere Liebchen desto teurer, je mehr sie uns kosten. So ists auch mit den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, desto mehr lieben sie uns. Ich habe in Deutschland die Reformierten geduldet, die ich in den Niederlanden schwer verfolgt habe. Wenn die Fürsten Deutschlands katholisch gewesen wären, wäre ich lutherisch geworden und hätte ihr Gut eingezogen. Sie glauben an die Echtheit meines Eifers für den römischen Glauben und bedauern es, daß ich sie verlasse. Durch mich haben in den Niederlanden der Ketzerei halber ihr Leben gelassen fünfzigtausend ihrer tüchtigsten Männer und ihrer lieblichsten Mädchen. Ich gehe, und sie sind traurig. Ohne die Gütereinziehungen zu rechnen, habe ich ihnen mehr Zahlungen auferlegt, als Indien und Peru; sie sind betrübt, mich zu verlieren. Ich habe den Frieden von Cadzand zerrissen, Gent bezwungen und alles unterdrückt, was mich hätte behindern können; Freiheiten, Gerechtsamen und Privilegien, alles ist der Gewalt der fürstlichen Beamten gewichen. Die braven Leute glauben sich noch immer frei, weil ich sie mit der Armbrust schießen und ihre Gildenbanner in Umzügen herumtragen lasse. Sie verspürten meine Herrenfaust; in den Käfig gesteckt, befinden sie sich prächtig, singen dort und beweinen mich. Mein Sohn, sei mit ihnen, wie ich gewesen bin: gütig in Worten, hart in den Taten; lecke so viel, daß du nicht zu beißen brauchst. Beschwöre, beschwöre täglich ihre Freiheiten, Gerechtsamen und Privilegien; doch wenn diese eine Gefahr für dich werden könnten, dann vertilge sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit zager Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem Arme bricht. Züchtige die Ketzerei, nicht wegen ihres Abweichens vom römischen Glauben, sondern weil sie in diesen Niederlanden unsere Machtstellung untergraben würde; die, die gegen den Papst, der drei Kronen trägt, losgehn, sind gar bald mit den Fürsten fertig, die nur eine Krone haben. Mach, so wie ich, aus der Gewissensfreiheit ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung mit Vermögenseinziehung, und du wirst erben, wie ich es mein ganzes Leben lang getan habe, und wenn du scheidest, sei es durch Abdankung oder durch Tod, werden sie sagen: »Oh, der gute Fürst!« Und sie werden dich beweinen.‹« »Ich höre nichts mehr,« fuhr Nele fort; »denn Seine Heilige Majestät liegt auf einem Bette und schläft, und König Philipp, hochmütig und stolz, betrachtet ihn ohne Liebe.« Nach diesen Worten wurde Nele von Katelijne erweckt. Und Klaas sah träumerisch in die Herdflamme, die den Kamin erleuchtete. LIX Uilenspiegel nach dem Abschiede vom Landgrafen von Hessen auf seinem Esel über den Großen Platz ritt, traf er einige erzürnte Gesichter von Herren und Damen; aber das machte ihm wenig Sorge. Bald kam er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg, und dort sah er einen Trupp Smadelijke Broeders ihm entgegenkommen; das waren fröhliche Vlamen aus Sluis, die jeden Samstag ein Stück Geld auf die Seite legten, um einmal im Jahre eine Reise nach Deutschland unternehmen zu können. Sie kamen singend daher in einem offenen Karren, gezogen von einem stämmigen Pferde aus Veurne-Ambacht, das sie leichtfüßig über die Wege und Moore des Herzogtums Lüneburg führte. Unter ihnen waren einige, die mit großem Lärm Pfeife, Geige, Bratsche und Dudelsack spielten. An der Seite des Karrens schritt meist ein Dicksack, der den Rommelpot schlug und in der Hoffnung, seinen Wanst loszuwerden, zu Fuß ging. Als sie an ihrem letzten Gulden waren, sahen sie Uilenspiegel auf sie zukommen, der mit klingender Münze beladen war; sie traten mit ihm in eine Herberge und zahlten ihm zu trinken. Uilenspiegel ließ es sich gern gefallen. Da er aber merkte, daß die Smadelijke Broeders mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihn ansahen, und lachten, wenn sie ihm einschenkten, witterte er eine Schalkheit; er ging hinaus und belauschte an der Tür ihr Gespräch. Und er hörte, wie der Dicksack von ihm sagte: »Das ist der Maler des Landgrafen, und der Landgraf hat ihm mehr als tausend Gulden für eine Schilderei gegeben. Bewirten wir ihn mit Bier und Wein, er soll es uns doppelt wiedergeben.« »Amen,« sagten die andern. Uilenspiegel ging seinen wohlgesattelten Esel tausend Schritt weit von dem Wirtshause bei einer Pachtung anbinden, gab einem Mädchen zwei Plappart, damit sie auf ihn achte, trat in die Gaststube und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Tisch der Smadelijke Broeders. Die schenkten ihm zu trinken ein und bezahlten für ihn. Uilenspiegel ließ die Gulden des Landgrafen in der Tasche klingen und sagte, eben habe er seinen Esel einem Bauern um siebenzehn Silbertaler verkauft. Sie zogen weiter, essend und trinkend, beim Klang der Pfeife, des Dudelsacks und des Rommelpots; und sie lasen unterwegs die Weiber auf, die ihnen annehmlich schienen. So erzeugten sie manches Herrgottskind, sonderlich Uilenspiegel, von dem die seine später einen Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, weil sie die Bedeutung des Namens ihres Zufallsgatten nicht richtig verstand, vielleicht auch zur Erinnerung an die Stunde, wo der Kleine gemacht worden war. Und das ist der Eulenspiegel, von dem es fälschlich heißt, er sei in Knetlingen im Lande zu Sachsen geboren. Von ihrem wackern Pferde gezogen, kamen sie eine Straße entlang, an deren Rand ein Dörfchen lag mit einem Wirtshause, das den Schild trug: Zum Kessel. Dort strömte ein Wohlgeruch von Braten heraus. Der Dicksack, der den Rommelpot schlug, ging zum Wirte und sagte zu ihm, auf Uilenspiegel deutend: »Das ist der Maler des Landgrafen, er wird alles bezahlen.« Der Wirt, der Uilenspiegels Aussehn geprüft und anständig gefunden hatte, überdies den Klang der Gulden und Taler hörte, setzte Speise und Trank auf den Tisch. Uilenspiegel ließ sich nichts abgehn. Und immerzu klimperte das Geld in seiner Tasche; und oftmals schlug er auf seinen Hut und sagte, dort sei sein größter Schatz. Die Zecherei hatte zwei Tage und eine Nacht gedauert, als die Smadelijke Broeders zu Uilenspiegel sagten: »Brechen wir auf und bezahlen wir unsere Schuldigkeit.« Uilenspiegel antwortete: »Wann die Ratte im Käse ist, denkt sie ans Weggehn?« »Nein,« sagten sie. »Und wann der Mensch gut ißt und trinkt, fragt er da etwas nach dem Staube der Straßen und dem Wasser der Brünnlein, die voll Blutegel sind?« »Nein,« sagten sie. »Dann«, fuhr Uilenspiegel fort, »bleiben wir hier so lange, wie uns meine Gulden und Taler als Trichter dienen, um in unsere Kehlen den Trunk zu befördern, der lachen macht.« Und er befahl dem Wirte, noch mehr Wein und Wurst zu bringen. Während sie tranken und aßen, sagte Uilenspiegel: »Ich bin es, der zahlt, ich bin heute der Landgraf. Wenn mein Schubsack leer wäre, was würdet ihr tun, Gesellen? Ihr würdet dann meinen weichen Filz hernehmen und würdet ihn voller Karlsgulden finden, wie in der Mitte so an den Seiten.« »Laß uns ihn betasten!« schrien sie alle miteinander. Und seufzend fühlten sie zwischen ihren Fingern große Stücke wie Karlsgulden. Aber einer von ihnen streichelte den Hut mit solcher Freundschaft, daß ihn ihm Uilenspiegel wegnahm und sagte: »Du ungestümer Meier, man muß es verstehn, die Stunde des Melkens abzuwarten.« Der Smadelijke Broeder sagte: »Gib mir die Hälfte deines Huts.« »Nein,« sagte Uilenspiegel, »ich will nicht, daß du ein Narrenhirn bekämest, die Hälfte im Schatten, die Hälfte in der Sonne.« Dann reichte er seinen Hut dem Wirte: »Du, heb ihn allemal auf, denn es ist heiß hier; ich geh jetzt hinaus mich entleeren.« Er ging, und der Wirt hob den Hut auf. Kaum war er aus dem Wirtshause, so lief er zu dem Bauern, bestieg seinen Esel und sprengte auf der Straße, die nach Emden führt, dahin. Als ihn die Smadelijke Broeders nicht wiederkommen sahen, sagten sie untereinander: »Ist er weg? Wer wird die Rechnung bezahlen?« Der Wirt, den die Angst überkam, zertrennte Uilenspiegels Hut mit einem Messerschnitte. Aber statt der Karlsgulden fand er zwischen dem Filz und dem Futter nichts als schlechte kupferne Schaupfennige. Wütend über die Smadelijke Broeders, sagte er zu ihnen: »Ihr Schelmenbrüder, ihr kommt mir nicht fort von hier, außer ihr laßt alle euere Kleider hier bis aufs Hemd.« Und sie mußten sich völlig entkleiden, um ihre Zeche zu bezahlen. So zogen sie im Hemde über Berg und Tal; denn sie hatten weder das Pferd, noch den Wagen verkaufen wollen. Und jedermann, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen willig ein Stück Brot, einen Schluck Bier und manchmal auch einen Bissen Fleisch; denn sie erzählten überall, sie seien von Räubern ausgeplündert worden. Und sie hatten alle zusammen nicht mehr als ein Paar Hosen. Und so kamen sie nach Sluis im Hemde zurück, tanzend in ihrem Karren zum Klange des Rommelpots. LX Inzwischen durchquerte Uilenspiegel auf seinem Esel die Länder und Moore des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamen nennen diesen Herzog das Watersignoorken, weil es immer feucht ist bei ihm. Jef gehorchte seinem Herrn wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte besser als ein ungarischer Gelenkigkeitsmeister, machte den Toten und legte sich beim geringsten Zeichen auf den Rücken. Uilenspiegel wußte, daß ihm der Herzog, mißvergnügt und ärgerlich wegen des ihm in Darmstadt in Gegenwart des Landgrafen von Hessen angetanen Spottes, sein Land verboten hatte bei der Strafe des Stranges. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in eigener Person herankommen; da er sie als ungestüm kannte, übermannte ihn die Furcht. Er sprach zu seinem Esel: »Jef, das ist der gnädige Herr von Lüneburg, der da kommt. Ich habe am Halse einen großen Kitzel vor dem Stricke; aber wenn es nur nicht der Henker ist, der mich kratzt! Jef, kratzen Hab ich gerne, henken nicht. Bedenke, daß wir Brüder sind, sowohl im Elend als auch in den langen Ohren; bedenk auch, was für einen guten Freund du verlierst, wenn du mich verlierst.« Uilenspiegel wischte sich die Augen, und Jef hob an zu brüllen. Dann fuhr er fort: »Wir leben lustig mitsammen oder traurig, wie es sich trifft; entsinnst du dich, Jef?« Und der Esel brüllte, denn er hatte Hunger. »Und du wirst mich niemals vergessen können,« sagte sein Herr; »denn was für eine Freundschaft ist denn fest, wenn nicht die, die über dieselben Freuden lacht und über dieselben Leiden weint! Jef, du mußt dich auf den Rücken legen.« Der fromme Esel gehorchte, und der Herzog sah ihn, wie er die vier Hufe in die Luft streckte. Rasch setzte sich ihm Uilenspiegel auf den Bauch. Der Herzog kam heran: »Was machst du da? Weißt du nicht, daß ich dir durch meinen letzten Anschlag bei der Strafe des Stranges verboten habe, deinen staubigen Fuß in mein Land zu setzen?« Uilenspiegel antwortete: »Euer Gnaden, habt Erbarmen mit mir!« Dann wies er auf seinen Esel: »Ihr wißt wohl, daß nach Recht und Gesetz jeder frei ist, der in seinen vier Pfählen weilt.« Der Herzog antwortete: »Pack dich aus meinem Lande, oder du stirbst.« »Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »ich würde mich so rasch packen, wenn mir ein Gulden oder zweie den Weg zeigten!« »Du Taugenichts,« sagte der Herzog, »ists denn nicht genug an deinem Ungehorsam, daß du mich auch noch um Geld bittest?« »Das muß ich wohl, gnädiger Herr, da ichs Euch nicht nehmen kann.« Der Herzog gab ihm einen Gulden. Nun sagte Uilenspiegel zu seinem Esel: »Jef, steh auf und grüße den gnädigen Herrn.« Und der Esel stand auf und begann zu brüllen. Dann zogen beide ab. LXI Soetkin und Nele saßen an einem Fenster der Hütte und schauten auf die Straße hinaus. Soetkin sagte zu Nele: »Herzchen, siehst du nicht meinen Sohn Uilenspiegel kommen?« »Nein, sagte Nele, »wir werden ihn nie mehr sehn, diesen schlechten Landstreicher.« »Nele,« sagte Soetkin, »du darfst dich nicht erbosen über ihn, sondern mußt ihn bedauern; denn er ist fern von daheim, der arme Kerl.« »Ich weiß es sehr wohl,« sagte Nele; »er hat ein ander Haus, sehr weit von hier, viel reicher als das seine, wo ihm sicherlich eine schöne Dame ein Heim bereitet.« »Das wäre ein Glück für ihn,« sagte Soetkin; »vielleicht nährt er sich dort von Fettammern.« Aber Nele sagte: »Steine sollte er zu essen bekommen; dann wäre er rasch hier, der Vielfraß!« Nun lachte Soetkin und sagte: »Wieso bist du gar so zornig, Herzchen?« Aber Klaas, der, auch ganz nachdenklich, in einem Winkel Wieden band, sagte: »Siehst du denn nicht, daß sie vernarrt ist in ihn?« »Da seht einmal das verschmitzte Mädchen,« sagte Soetkin, »die mir kein Wort davon gesagt hat. Ist es wahr, Herzchen, daß du ihn lieb hast?« »Glaubt es nicht,« sagte Nele. »Du wirst an ihm«, sagte Klaas, »einen guten Gatten haben, die Kehle groß, den Magen hohl und die Zunge lang, der aus Gulden Heller macht und mit seiner Arbeit keinen Groschen verdient, der allzeit das Pflaster tritt und den Weg nach der Elle der Landstreicherei mißt.« Aber Nele antwortete, ganz rot und ärgerlich: »Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?« »Da hast dus,« sagte Soetkin, »jetzt weint sie; schweig doch, Mann.« LXII Uilenspiegel kam eines Tages nach Nürnberg, und dort gab er sich aus für einen großen Arzt, für einen Überwinder der Krankheiten, für einen erlauchten Abführer, für einen berühmten Bändiger der Fieber, für einen wohlberufenen Feger der Pestilenz und für eine unbestrittene Geißel der Krätze. Dort waren im Spittel so viele Kranke, daß man nicht wußte, woher Unterkunft für sie nehmen; der Spittelmeister suchte Uilenspiegel auf, von dessen Ankunft er gehört hatte, und fragte ihn, ob es denn wahr sei, daß er alle Krankheiten heilen könne. »Ausgenommen die letzte,« antwortete Uilenspiegel. »Aber versprecht mir zweihundert Gulden für die Heilung aller andern; und ich will keinen Heller nehmen, wenn sich nicht Euere Kranken alle miteinander für geheilt erklären und das Spittel verlassen.« Am andern Tage ging er in das besagte Spittel, den Blick zuversichtlich und das Feiertagsgesicht in doktorliche Falten gelegt. In den Zimmern nahm er jeden Kranken einzeln beiseite und sagte zu ihm: »Schwöre mir, das, was ich dir ins Ohr sagen werde, keinem Menschen mitzuteilen. Was für eine Krankheit hast du?« Der Kranke nannte sie ihm und gelobte unverbrüchliches Stillschweigen. »Wisse,« sagte Uilenspiegel, »daß ich einen von euch zu Asche verbrennen muß, um aus dieser Asche eine wundertätige Mixtur zu bereiten, die ich all den andern Kranken zu trinken geben will. Wer nicht gehn kann, wird verbrannt. Morgen komme ich her, werde mit dem Spittelmeister auf der Straße bleiben und euch alle rufen und schreien: Wer nicht krank ist, der schnüre sein Bündel und komme.« Am Morgen kam Uilenspiegel und schrie, wie er gesagt hatte. Da wollten alle die Kranken, Lahmen, Verschleimten, Huster und Fiebernden auf einmal zur Tür hinaus. Alle waren sie auf der Straße, selbst die, die seit zehn Jahren nicht aus dem Bett gekommen waren. Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt seien und gehn könnten. »Ja,« antworteten sie, in der Meinung, einer solle im Hofe verbrannt werden. Nun sagte Uilenspiegel zu dem Spittelmeister: »Gib mir mein Geld; sie sind alle draußen und erklären sich für geheilt.« Der Meister zahlte ihm die zweihundert Gulden, und Uilenspiegel zog hinweg. Am zweiten Tage aber sah der Meister seine Kranken wiederkommen in einem elendern Zustande denn früher, mit Ausnahme eines einzigen, der, durch die frische Luft genesen, betrunken durch die Straßen zog und sang: »Heil dem großen Doktor Uilenspiegel!« LXIII Die zweihundert Gulden waren den Weg alles Irdischen gegangen. Uilenspiegel kam nach Wien und verdang sich bei einem Wagner, der allwege seine Gesellen schalt, sie sollten den Schmiedebalg nicht zu schnell gehn lassen. »Ha, ho,« schrie er immerfort, »folgt mit den Bälgen!« Eines Tages machte Uilenspiegel, als der Herr in den Garten ging, den Balg los, lud ihn sich auf die Schultern und folgte seinem Meister; als der ganz verdutzt war über diesen Aufzug, sagte Uilenspiegel zu ihm: »Herr, Ihr habt mir befohlen, mit den Bälgen zu folgen; wo soll ich denn den da hinlegen, während ich den andern holen gehe?« »Lieber Knecht,« antwortete der Herr, »so hab ichs nicht gemeint; trag den Balg wieder an seinen Ort.« Gleichwohl gedachte er ihn diesen Streich bezahlen zu lassen. Von nun an stand er täglich um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und hieß sie arbeiten. Die Gesellen sagten zu ihm: »Herr, warum weckst du uns mitten in der Nacht?« »Es ist eine Gewohnheit von mir,« antwortete er, »meine Gesellen in den ersten acht Tagen nur die halbe Nacht im Bette zu lassen.« Auch die folgende Nacht weckte er seine Gesellen um Mitternacht. Uilenspiegel, der in der Bodenkammer schlief, nahm sein Bett auf den Rücken und stieg also bepackt in die Schmiede herab. Der Herr sagte zu ihm: »Bist du verrückt? Was läßt du dein Bett nicht auf seinem Platze?« »Es ist eine Gewohnheit von mir,« antwortete Uilenspiegel, »daß ich in den ersten acht Tagen die Hälfte der Nacht auf meinem Bette und die andere Hälfte darunter verbringe.« »So, so,« antwortete der Meister; »aber ich habe noch die andere Gewohnheit, unverschämte Gesellen auf die Straße zu werfen mit der Erlaubnis, daß sie die erste Woche auf dem Pflaster und die zweite darunter verbringen dürfen.« »In Euerm Keller, Herr, wenn es Euch recht ist, bei den Bierfässern,« antwortete Uilenspiegel. LXIV Nachdem er den Wagner verlassen hatte, mußte er sich auf der Rückreise nach Flandern bei einem Schuster, der sich viel lieber auf der Straße herumtrieb, als in der Werkstatt den Pfriem zu handhaben, als Lehrjunge verdingen. Als Uilenspiegel das hundertstemal sah, daß er sich zum Ausgehn anschickte, fragte er ihn, wie er das Oberleder zuschneiden solle. »Schneid es«, antwortete der Meister, »für große und mittlere Füße, damit alles, was Großvieh und Kleinvieh treibt, leichtlich hineintreten kann.« »So solls geschehn, Herr,« antwortete Uilenspiegel. Als der Schuster gegangen war, schnitt Uilenspiegel das Oberleder lediglich zu Schuhen für Stuten, Eselinnen, Färsen, Säue und Schafe zu; als der Herr wieder in die Werkstatt kam, sah er sein Leder in Stücken. »Was hast du gemacht, nichtsnutziger Tölpel?« sagte er. »Was Ihr mir gesagt habt,« antwortete Uilenspiegel. »Ich habe dir aufgetragen,« entgegnete der Meister, »mir Schuhe zuzuschneiden, wo alles, was Rinder, Schweine, Schafe treibt, leichtlich hineintreten kann; und du machst Schuhe nach dem Fuß dieser Tiere.« Uilenspiegel antwortete: »Herr, wer treibt denn den Eber, wenn nicht die Sau, wer den Esel, wenn nicht die Eselin, wer den Stier, wenn nicht die Färse, wer den Widder, wenn nicht das Schaf, sonderlich in der Zeit, wo alle Tiere liebedurstig sind?« Dann entwich er und durfte nimmer wiederkommen. LXV Es war damals April; die Luft war lind gewesen, dann aber kam harter Frost, und der Himmel wurde grau wie zu Allerseelen. Das dritte Jahr von Uilenspiegels Verbannung war schon lange verstrichen, und Nele erwartete ihren Freund tagtäglich. »Ach,« sagte sie, »es will schneien auf die Birnenblüten, auf die Blumenkelche des Jasmins, auf all die armen Pflanzen, die sich entfaltet haben in dem Vertrauen auf die laue Wärme eines frühzeitigen Lenzes. Schon fallen kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es schneit auch in mein armes Herz. Wo sind die hellen Strahlen, die über frohen Gesichtern spielen und über den Dächern, die sie röter malen, und über den Fenstern, die sie im Feuerscheine blinken lassen? Wo sind sie, die die Erde und den Himmel, die Vögel und die Käfer zu neuem Leben erwärmen? Ach! Tag und Nacht durchfröstelts mich nun vor Traurigkeit und bangem Harren. Wo bist du, mein Freund Uilenspiegel?« LXVI Als sich Uilenspiegel der Stadt Ronsse in Flandern näherte, litt er Hunger und Durst; aber er wollte nicht wimmern, und er versuchte die Leute lachen zu machen, auf daß sie ihm Brot gäben. Aber er lachte nicht recht, und die Leute gingen vorbei, ohne ihm etwas zu geben. Es war kalt: abwechselnd schneite, regnete und hagelte es auf den Rücken des Landstreichers. Wenn er durch die Flecken schritt, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, sobald er nur einen Hund sah, der in einem Winkel an einem Knochen nagte. Er hätte gar gerne einen Gulden ergattert, wußte aber nicht, wieso ihm der Gulden in den Schnappsack fallen könnte. Suchte er oben, so sah er die Tauben, die vom Dach ihres Schlages weiße Scheibchen auf den Weg fallen ließen; aber es waren keine Gulden. Er suchte unten auf der Straße, aber keine Gulden blühten zwischen den Steinen. Suchte er rechts, so sah er eine häßliche Wolke, die sich wie ein großes Sprengbecken über den Himmel schob; aber er wußte, daß, wenn aus der Wolke etwas herabfallen sollte, es kein Guldenregen sein werde. Suchte er zur Linken, so sah er einen großen Faulenzer von Kastanienbaum in untätigem Leben: »Ach,« sagte er, »warum gibts denn keine Guldenbäume? Das wären gar treffliche Bäume!« Plötzlich barst die große Wolke, und der Hagel prasselte dicht auf Uilenspiegels Rücken wie Kiesel nieder. »Ach,« sagte er, »ich fühle es wohl, man wirft nicht Steine außer nach irrenden Hunden.« Und er setzte sich in Trab: »Es ist durchaus nicht meine Schuld, daß ich keinen Palast, ja nicht einmal ein Zelt habe als Obdach für meinen dürren Leib. Oh, diese niederträchtigen Schloßen! sie sind hart wie Stückkugeln. Nein, es ist nicht meine Schuld, daß ich meine Lumpen durch die Welt schleife; das geschieht ja nur, weil es mir so gefällt. Warum bin ich nicht Kaiser? Diese Schloßen wollen durchaus in meine Ohren hinein wie böse Reden.« Und er lief. »Arme Nase, du wirst bald durchlöchert sein, so daß du ein Pfeffersieb vorstellen könntest an den Tafeln der Großen dieser Welt, auf die es niemals hagelt.« Er wischte sich die Wangen. »Die werden gute Schaumlöffel abgeben für die Köche, die bei ihren Heiden schwitzen. Ach, du nebelhafte Erinnerung an die Brühen von einst! Mich hungert. Du leerer Bauch, klage nicht; ihr traurigen Gedärme, knurrt nicht mehr. Wo versteckst du dich, Fortuna? Leite mich an einen Ort, wos Atzung gibt.« Noch sprach er so mit sich selber, als sich der Himmel klärte, die Sonne zu schimmern begann und der Hagel wich; Uilenspiegel sagte: »Guten Tag, Frau Sonne, du einzige Freundin, die du mich trocknen kommst!« Aber er lief immerzu, weil ihn noch fröstelte. Plötzlich sah er von weitem einen schwarzweißen Hund, der mit hangender Zunge und die Augen aus dem Kopfe schnurstracks auf ihn zulief. »Das Tier«, sagte Uilenspiegel, »hat die Tollwut im Leibe.« Er hob hastig einen großen Stein auf und stieg auf einen Baum; als er den ersten Ast erklommen hatte, kam der Hund vorbei, und Uilenspiegel warf ihm den Stein auf den Schädel. Der Hund hielt an und versuchte traurig und ungelenk auf den Baum zu kriechen, um Uilenspiegel zu beißen; aber er vermochte es nicht und verendete. Uilenspiegel war keineswegs froh, zumal da er sich beim Herabsteigen vom Baume überzeugte, daß der Rachen des Hundes gar nicht trocken war, wie es sonst zutrifft, wenn seinesgleichen von der Wut befallen sind. Als er dann sein Fell betrachtete, sah er, daß es schön war und gut zu verkaufen: er zog es ihm ab, wusch es, hängte es an seinen Stock und ließ es ein wenig an der Sonne trocknen; dann steckte er es in seinen Schnappsack. Hunger und Durst quälten ihn weiter; er trat bei mehrern Pächtern ein, wagte aber nirgends das Fell zu verkaufen, weil er fürchtete, der Hund habe vielleicht gerade zu diesem Hause gehört. Er bat um Brot; man weigerte es ihm. Die Nacht fiel ein. Seine Beine waren müde, und so betrat er ein kleines Wirtshaus. Dort sah er eine alte Bazinne einen alten hustenden Hund liebkosen, dessen Fell dem des toten ähnlich war. »Wo kommst du her, Wanderer?« fragte ihn die alte Bazinne. Uilenspiegel antwortete: »Ich komme aus Rom, wo ich den Hund des Papstes von einer Verschleimung geheilt habe, die ihn in einer außergewöhnlichen Weise belästigt hatte.« »Du hast also den Papst gesehn?« fragte sie, indem sie ihm ein Glas Bier verzapfte. »Ach,« sagte Uilenspiegel, das Glas leerend, »es ist mir nur gestattet gewesen, seinen geweihten Fuß und seinen heiligen Pantoffel zu küssen.« Unterdessen hustete der alte Hund der Bazinne, aber ohne etwas auszuschleimen. »Wann hast du das getan?« fragte die Alte. »Im vorletzten Monat«, antwortete Uilenspiegel, »kam ich hin; ich war schon erwartet worden und klopfte ans Tor. ›Wer ist da?‹ fragte der erzkardinale, erzgeheime und erzaußerordentliche Kämmerer Seiner Hochheiligen Heiligkeit. ›Ich bin es,‹ antwortete ich, ›gnädiger Herr Kardinal, der ich ausdrücklich deswegen von Flandern herkomme, um den Fuß des Papstes zu küssen und seinen Hund von der Verschleimung zu heilen.‹ ›Ah, du bists, Uilenspiegel,‹ sagte auf der andern Seite der Papst, hinter einer kleinen Tür. ›Mir wäre es sehr lieb, dich zu sehen, aber jetzt ist das unmöglich. Es ist mir nämlich durch die heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Gesicht zu zeigen, wann das heilige Schermesser darüberstreicht.‹ ›O weh,‹ rief ich, ›ich Unglücklicher! Da komme ich aus so weiter Ferne, um den Fuß Euerer Heiligkeit zu küssen und Dero Hund von der Verschleimung zu heilen, und nun soll ich unverrichteter Dinge wieder abziehen?‹ ›Nein,‹ sagte der Heilige Vater; dann hörte ich, wie er rief: ›Erzkämmerer, schiebt meinen Stuhl bis zu der Tür und öffnet unten die kleine Luke.‹ Das geschah, und ich sah durch die Luke einen Fuß, beschuht mit einem goldenen Pantoffel, herauskommen und hörte die Worte, gesprochen mit einer Donnerstimme: ›Das ist der furchtbare Fuß des Fürsten der Fürsten, des Königs der Könige, des Kaisers der Kaiser. Küsse ihn, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.‹ Und ich küßte den heiligen Pantoffel, und meine Nase war durchduftet von dem himmlischen Wohlgeruche, den dieser Fuß ausströmte. Dann schloß sich die Luke, und dieselbe furchtbare Stimme hieß mich warten. Wieder öffnete sich die Luke, und heraus trat ein Tier, das, mit aller Ehrfurcht seis gesagt, räudig, triefäugig, vom Husten geplagt und wie ein Schlauch aufgeblasen war und wegen der Mächtigkeit seines Wanstes mit gespreizten Beinen gehn mußte. Wieder begnadigte mich der Heilige Vater, mit mir zu sprechen: ›Uilenspiegel, du siehst meinen Hund; die Verschleimung und die andern Krankheiten haben ihn befallen, weil er die Knochen der Ketzer nagte, die man ihnen gebrochen hatte. Heile ihn, mein Sohn, es soll nicht dein Schade sein.‹« »Trink,« sagte die Alte. »Schenk ein,« antwortete Uilenspiegel. Dann fuhr er fort: »Ich brachte den Hund zum Abführen durch einen wundersamen Trank, den ich selbst zusammengebraut hatte. Er seichte drei Tage und drei Nächte ohne Unterlaß und war geheilt.« »Jezus, God en Maria!« schrie die Alte. »Laß dich küssen, glorreicher Pilgrim, der du den Papst gesehn hast und auch meinen Hund wirst heilen können.« Aber Uilenspiegel scherte sich nicht um die Küsse der Alten: »Wer mit seinen Lippen den heiligen Pantoffel berührt hat, der darf zwei volle Jahre lang keinen Kuß einer Frau empfangen. Gib mir aber vor allem ein paar gute Rostbraten, ein oder zwei Würste und genugsam Bier, so werde ich deinem Hunde die Stimme so klären, daß er die Ave im E-la-fa auf dem Chor der Domkirche singen kann.« »Sprächest du nur wahr,« greinte die Alte; »ich gäbe dir einen Gulden dafür.« »Ich werde es tun,« antwortete Uilenspiegel, »aber erst nach dem Essen.« Sie setzte alles auf den Tisch, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach Herzenslust und hätte schließlich aus der Dankbarkeit seines Schlundes die Alte noch umarmt, wenn nicht seine frühern Worte dawidergestanden hätten. Während er aß, legte ihm der alte Hund die Pfoten auf die Knie, um einen Knochen zu bekommen. Uilenspiegel gab ihm deren mehrere; dann sagte er zur Wirtin: »Wenn einer bei dir äße und nicht bezahlte, was tätest du mit ihm?« »Ich nähme dem Spitzbuben sein bestes Kleid,« antwortete die Alte. »Recht so,« entgegnete Uilenspiegel; dann nahm er den Hund unter den Arm und ging mit ihm in den Stall. Dort sperrte er ihn mit einem Knochen ein. Er nahm das Fell des toten aus seinem Schnappsacke, kehrte zur Alten zurück und fragte sie, ob sie dabei bleibe, daß sie dem, der sein Mahl nicht bezahle, sein bestes Kleid wegnehme. »Ja,« antwortete sie. »Gut. Dein Hund hat mit mir gegessen und hat mir nichts bezahlt; ich habe ihm also deiner Vorschrift gemäß seinen besten und einzigen Rock weggenommen.« Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes. »Ach,« schluchzte die Alte, »das ist grausam von dir, Herr Arzt. Armes Hündlein! Für mich Witwe war er mein Kind. Warum hast du mir den einzigen Freund, den ich auf der Welt hatte, genommen? Nun mag ich meinetwegen sterben.« »Ich werde ihn wiedererwecken,« sagte Uilenspiegel. »Wiedererwecken?« sagte sie. »Und er wird mich wieder liebkosen, und er wird mich wieder ansehn, und er wird mich wieder lecken, und er wird wieder, wenn er mich ansieht, mit seinem armen alten Schwanzstumpfe wedeln? Macht das so, Herr Arzt, und Ihr sollt hier umsonst gegessen haben, dieses köstliche Essen, und ich will Euch mehr als einen Gulden in den Kauf geben.« »Ich werde ihn wiedererwecken,« sagte Uilenspiegel; »aber dazu brauche ich außer warmem Wasser noch Sirup, um die Fugen zu leimen, eine Nadel und Zwirn und etwas Bratentunke. Und ich will allein sein bei der Operation.« Die Alte gab ihm, was er verlangte; er nahm das Fell des toten Hundes und ging in den Stall. Dort bestrich er die Schnauze des alten Hundes mit der Tunke, was sich der willig gefallen ließ; er zog ihm mit dem Sirup einen dicken Strich über den Bauch, schmierte ihm Sirup unter die Pfoten und goß ihm Tunke auf den Schwanz. Dann stieß er drei laute Schreie aus und rief: »Sta op! sta op! ik beveel het, vuile hond!« Rasch warf er das Fell des toten Hundes in seinen Schnappsack, gab dem lebenden einen kräftigen Fußtritt und stieß ihn also in die Gaststube. Als die Alte ihren Hund lebend und sich leckend sah, wollte sie ihn ganz glücklich umarmen; aber Uilenspiegel verwehrte es ihr: »Du darfst den Hund nicht früher liebkosen, als bis er allen Sirup, mit dem er bestrichen ist, mit der Zunge abgewaschen hat; dann erst werden die Nähte des Fells fest sein. Zahle mir nun meine zehn Gulden.« »Einen hab ich gesagt,« antwortete die Alte. »Einen für die Operation, neun für die Wiedererweckung,« antwortete Uilenspiegel. Sie zahlte sie ihm. Im Weggehn warf Uilenspiegel das Fell des toten Hundes in die Stube mit den Worten: »Da, Weib, heb sein altes Fell auf; du wirst es brauchen, um das neue zu flicken, wann es Löcher bekommt.« LXVII An diesem Sonntag fand in Brügge die Prozession des Heiligen Blutes statt. Klaas sagte zu seiner Frau und zu Nele, sie sollten sie ansehn gehn, und vielleicht träfen sie Uilenspiegel in der Stadt. Er, sagte er, werde das Haus hüten und warten, ob der Pilger heimkomme. Die beiden Frauen gingen selbander; Klaas blieb in Damme und setzte sich auf die Schwelle seiner Tür. Die Stadt war schier verlassen. Er hörte nichts als den Kristallklang irgendeiner Dorfglocke, während ihm der Wind aus Brügge stoßweise die Musik des Glockenspiels herübertrug samt dem Krachen der Mörser und Böller, die man zu Ehren des Heiligen Blutes abschoß. Träumend suchte Klaas Uilenspiegel auf den Wegen, aber er sah nichts als den klaren Himmel in wolkenloser Bläue, einige Hunde, die mit heraushängender Zunge in der Sonne lagen, ein paar kecke Spatzen, die sich piepend im Staube badeten, eine Katze, die sie belauerte, und das Licht, das freundlich in alle Häuser drang und die Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Geschirrbrettern erblitzen ließ. Aber mitten in dieser Lust war Klaas traurig; Umschau nach seinem Sohne haltend, versuchte er, ihn zu sehn hinter dem grauen Dunste der Wiesen, ihn zu hören in dem frohen Rauschen der Blätter und dem übermütigen Singsang der Vögel auf den Bäumen. Plötzlich sah er auf dem Wege, der nach Maldegem führt, einen Mann von hohem Wuchse; und er erkannte, daß es nicht Uilenspiegel war. Er sah ihn am Rande eines Rübenfeldes Halt machen und gierig von diesem Gemüse essen. »Ein Mann, der Großhunger hat,« sagte Klaas. Nachdem er ihn für einen Augenblick aus dem Gesichte verloren hatte, sah er ihn am Ende der Reigerstraat wieder hervorkommen und erkannte in ihm den Boten von Judocus, der ihm die siebenhundert Karlsgulden gebracht hatte. Er ging ihm entgegen und sagte: »Kehr ein bei mir.« Der Mann antwortete: »Gesegnet seien die, die mild sind mit dem irrenden Wanderer.« Auf dem äußern Fensterbrette der Hütte war Brot ausgekrümelt, das Soetkin den Vögeln der Umgebung aufbehielt. Im Winter kamen sie hieher um ihre Nahrung. Der Mann nahm einige Krumen und aß sie. »Du hast Hunger und Durst,« sagte Klaas. »In den acht Tagen, die vergangen sind, seitdem ich von den Räubern ausgeplündert worden bin, habe ich mich von nichts genährt als von den Rüben in den Feldern und von den Wurzeln im Walde.« »Dann ist das die Stunde zu schmausen,« sagte Klans. Er öffnete den Speiseschrank: »Da sind Erbsen, Eier, Blutwürste, Schinken, Genter Würste und Waterzvoi. Unten im Keller schlummert Löwener Wein, gekeltert wie Burgunder, rot und klar wie Rubin; er wartet nur, daß man ihn mit den Gläsern weckt. Stecken wir also einen Reisigbund ins Feuer. Hörst du die Würste singen auf dem Roste? Das ist ein Gesang von guter Atzung.« Während Klaas die Würste wandte und wieder wandte, fragte er den Mann: »Hast du nicht meinen Sohn Uilenspiegel gesehn?« »Nein,« antwortete der. »Bringst du mir eine Zeitung von meinem Bruder Judocus?« fragte Klaas, während er die gerösteten Würste, einen Eierkuchen mit fettem Schinken, Käse und große Humpen auf den Tisch setzte; und der Löwener Wein blinkte rot und blaß in den Flaschen. Der Mann antwortete: »Dein Bruder Judocus ist auf dem Rade gestorben, in Sippenaken bei Aachen; und das, weil er als Ketzer gegen den Kaiser Waffen getragen hat.« Klaas war wie toll und zitterte am ganzen Körper vor Zorn: »Die verfluchten Henker! Judocus, mein armer Bruder!« Ohne Milde sagte der Mann: »Unsere Freuden und Schmerzen sind nicht von dieser Welt!« Und er begann zu essen. Dann sagte er: »Ich habe deinem Bruder im Gefängnis beigestanden, indem ich mich für einen Bauer von Niersweiler, seinen Verwandten, ausgab. Hieher komme ich, weil er zu mir gesagt hat: ›Wenn du nicht für den Glauben stirbst wie ich, dann geh zu meinem Bruder Klaas; ermahne ihn, in dem Frieden des Herrn zu leben, die Werke der Barmherzigkeit zu üben und seinen Sohn heimlich in dem Gesetze Christi aufzuerziehn. Das Geld, das er von mir hat, ist dem armen unwissenden Volke abgenommen; er verwende es, Thijl aufzuerziehen in der Lehre von Gott und dem Worte.‹« Nach dieser Rede gab der Bote Klaas den Friedenskuß. Und Klaas jammerte: »Auf dem Rade gestorben! Mein armer Bruder!« Und er konnte sich nicht fassen vor seinem großen Schmerze. Trotzdem schenkte er dem Manne Wein ein, wenn er sah, daß ihn dürstete und er sein Glas hinhielt; aber er aß und trank ohne Vergnügen. Soetkin und Nele waren sieben Tage weg; diese Zeit über wohnte der Bote von Judocus unter Klaasens Dach. Alle Nächte hörten sie Katelijne in ihrer Hütte heulen: »Das Feuer, das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus!« Und Klaas ging zu ihr und besänftigte sie mit linden Worten; dann kam er wieder heim. Nach den sieben Tagen schied der Mann; und er war nicht zu bewegen, von Klaas mehr anzunehmen als zwei Karlsgulden auf Wegzehrung und Obdach. LXVIII Nele und Soetkin waren von Brügge zurückgekommen. Klaas saß in der Küche auf dem Boden, wie ein Schneider, und nähte Knöpfe an ein Paar alte Hosen. Neben ihm neckte Nele den Storch, indem sie Titus Bibulus Schnuffius auf ihn hetzte; der Hund fuhr bald los auf ihn, bald sprang er wieder zurück und kläffte mit seiner hellsten Stimme. Der Storch sah ihn, auf einem Beine stehend, ernst und nachdenklich an und vergrub seinen langen Hals in die Federn seiner Brust. Als ihn Titus Bibulus Schnuffius so friedfertig sah, kläffte er noch schrecklicher. Aber plötzlich schnellte der Vogel, ärgerlich über diese Musik, seinen Schnabel wie einen Pfeil in den Rücken des Hundes; der entlief und schrie: »Zu Hilfe!« Klaas lachte, Nele gleicherweise, und Soetkin ließ nicht ab, auf die Straße hinauszulugen, ob sie nicht Uilenspiegel kommen sehe. Plötzlich sagte sie: »Da kommt der Profoß mit vier Schergen. Uns gilt das sicherlich nicht. Zwei gehn hinten um die Hütte.« Klaas hob seine Nase von der Arbeit ... »Und zwei bleiben vorne stehn,« fuhr Soetkin fort. Klaas erhob sich. »Wen will man denn greifen in dieser Straße?« sagte sie. »Jesus, Gott! Mann, sie kommen herein.« Klaas sprang aus der Küche in den Garten, Nele hinterdrein. Er sagte zu ihr: »Rette die Gulden; sie sind hinter dem Rückenblatte des Kamins.« Nele verstand ihn. Dann sah sie, wie er über die Hecke setzte, wie ihn die Schergen beim Kragen packten und wie er losschlug auf sie, um sich ihrer zu entledigen; da schrie sie weinend: »Er ist unschuldig! Er ist unschuldig! Tut ihm nichts zuleide, meinem Vater Klaas. Uilenspiegel, wo bist du? Du brächtest sie alle beide um!« Und sie warf sich auf den einen Häscher und zerriß ihm mit den Nägeln das Gesicht. Mit dem Schreie: »Sie töten ihn!« fiel sie auf den Gartenrasen und schlug unsinnig um sich herum. Auf den Lärm kam Katelijne herbeigelaufen; steif und unbeweglich betrachtete sie das Schauspiel und sagte nur, den Kopf schüttelnd: »Das Feuer, das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus.« Soetkin sah nichts von allem, und sie sagte zu den Schergen, die in die Hütte getreten waren: »Ihr Herren, was sucht Ihr in unserer armen Behausung? Wenn es mein Sohn ist, der ist ferne. Sind Euere Beine lang?« Und bei diesen Worten war sie fröhlich. In diesem Augenblicke schrie Nele um Hilfe; Soetkin lief in den Garten und sah, wie sich auf dem Wege bei der Hecke ihr Mann, beim Kragen gepackt, seiner Gegner zu erwehren versuchte. »Schlag zu!« schrie sie. »Töte sie! Uilenspiegel, wo bist du?« Und sie wollte ihrem Manne zu Hilfe eilen; aber der eine Häscher hielt sie fest, nicht ohne Mühe. Klaas wehrte sich und schlug so gut zu, daß es ihm sicherlich gelungen wäre, zu entfliehen, wenn nicht die zwei Schergen, mit denen Soetkin gesprochen hatte, denen, die ihn hielten, zu Hilfe gekommen wären. Sie führten ihn, die Hände gebunden, in die Küche zurück, wo Soetkin und Nele bitterliche Tränen weinten. »Herr Profoß,« sagte Soetkin, »was hat denn mein armer Mann getan, daß Ihr ihn also mit Stricken bindet?« »Er ist ein Ketzer,« sagte ein Scherge. »Ein Ketzer?« entgegnete Soetkin. »Du ein Ketzer, du? Die Teufel haben gelogen!« Klans antwortete: »Ich befehle mich in die Hut Gottes.« Er ging; Nele und Soetkin folgten ihm weinend in dem Glauben, daß auch sie vor den Richter geführt werden sollten. Männer und Frauen kamen auf sie zu; wann sie erfuhren, daß Klaas so gebunden geführt wurde wegen des Verdachtes der Ketzerei, wurden sie von einer so großen Angst befallen, daß sie hastig in ihre Häuser zurückliefen und alle Türen hinter sich verschlossen. Nur einige Mädchen wagten es, zu Klaas zu treten und ihn zu fragen: »Wo gehst du also gefesselt hin, Kohlenträger?« »Zu Gottes Gnade, Kinder,« antwortete er. Man führte ihn ins Gemeindegefängnis; Soetkin und Nele setzten sich auf der Schwelle nieder. Gegen Abend sagte Soetkin zu Nele, sie solle sie lassen und sehn, ob nicht Uilenspiegel heimkehre. LXIX Rasch hatte sich in den Nachbarflecken die Zeitung verbreitet, daß ein Mann der Ketzerei halber gefangen gesetzt worden sei und daß der Inquisitor Titelman, der Dechant von Ronsse, mit dem Beinamen ›Der Inquisitor sonder Gnade‹, die Fragestellung leiten werde. Damals lebte Uilenspiegel in Koolkerke in der innigsten Gunst einer hübschen Pächterin, einer süßen Witwe, die ihm nichts, was an ihr war, versagte. Er war glücklich, gehätschelt und gekost bis zu dem Tage, wo ein tückischer Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeinde, am Morgen auf ihn vor dem Wirtshaus wartete, um ihn, wenn er herauskomme, mit Eichenholz zu striegeln. Aber Uilenspiegel warf ihn, um seinen Zorn abzukühlen, in eine Pfütze; mit der größten Mühe arbeitete sich der Schöffe heraus, grün wie eine Kröte und durchnäßt wie ein Schwamm. Wegen dieser Heldentat mußte Uilenspiegel Koolkerke verlassen; in der Furcht vor der Rache des Schöffen nahm er seine Beine in die Hände und eilte Damme zu. Als die Abendkühle einfiel, beschleunigte Uilenspiegel seinen Lauf: er wäre schon gern daheim gewesen; in seinem Geiste sah er, wie Nele nähte, wie Soetkin das Nachtessen bereitete, wie Klaas Wieden band, wie Schnuffius an einem Knochen nagte und wie der Storch der Hausfrau auf den Leib klopfte, um ein paar Brocken zu bekommen. Ein wandernder Krämer fragte ihn im Vorbeigehn: »Wohin läufst du?« »Nach Damme, nach Hause,« antwortete Uilenspiegel. Der Krämer sagte: »Die Stadt ist nicht mehr sicher; man nimmt die Reformierten fest.« Und er ging weiter. Bei der Herberge ›Zum roten Schilde‹ trat Uilenspiegel ein, um ein Glas Bier zu trinken. Der Baas sagte zu ihm: »Bist du nicht der Sohn Klaasens?« »Ich bins,« antwortete Uilenspiegel. »Spute dich,« sagte der Baas; »deinem Vater hat die schlimme Stunde geschlagen.« Uilenspiegel fragte ihn, was er damit sagen wolle. Der Baas antwortete, das werde er noch allzu früh erfahren. Und Uilenspiegel setzte seinen Lauf fort. Als er beim Eingange von Damme war, sprangen ihm die Hunde, die auf den Schwellen lagen, an die Beine, kläfften und bellten. Auf den Lärm kamen die Weiber herbei und redeten, alle auf einmal, auf ihn ein: »Woher kommst du? Hast du Nachrichten von deinem Vater? Wo ist deine Mutter? Ist sie auch im Gefängnis? Ach, wenn man ihn nur nicht verbrennt!« Uilenspiegel lief noch schneller. Er begegnete Nele, und die sagte zu ihm: »Thijl, geh nicht nach Hause; die von der Stadt haben einen Wächter hingestellt im Namen Seiner Majestät.« Uilenspiegel blieb stehn. »Nele,« sagte er, »ist es wahr, daß mein Vater im Gefängnis ist?« »Ja,« sagte Nele, »und Soetkin weint auf der Schwelle.« Nun krampfte sich das Herz des verlorenen Sohnes vor Weh zusammen, und er sagte zu Nele: »Ich gehe sie aufsuchen.« »Das darfst du nicht tun« sagte sie, »sondern du mußt Klaas gehorchen, der, bevor er gefangen worden ist, zu mir gesagt hat: ›Rette die Gulden; sie sind hinter dem Rückenblatte des Kamins.‹ Sie müssen zuerst gerettet werden; denn sie sind das Erbe Soetkins, der armen Frau.« Uilenspiegel hörte gar nicht hin und lief weiter zum Gefängnis. Dort sah er Soetkin auf der Schwelle sitzen; sie umarmte ihn unter Tränen, und sie weinten zusammen. Ihretwegen versammelte sich eine Menge Volk vor dem Gefängnis; die Schergen kamen und sagten zu Uilenspiegel und Soetkin, sie müßten schleunigst weg von dort. Die Mutter und der Sohn gingen in die Hütte Nelens, die neben ihrem Hause war. Vor diesem sahen sie einen von den Landsknechten, die man aus Brügge hatte kommen lassen, aus Furcht, daß während des Gerichtes und der Urteilsvollstreckung Unruhen ausbrechen könnten; denn Klaas war bei denen von Damme gar wohl beliebt. Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war damit beschäftigt, aus einer Flasche den letzten Tropfen Branntwein zu schlürfen. Als er nichts mehr darin fand, warf er sie ein paar Schritt weit weg und suchte nun sein Vergnügen darin, mit seiner Plempe das Pflaster aufzureißen. Soetkin trat in Tränen aufgelöst bei Katelijne ein. Und Katelijne schüttelte das Haupt: »Das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus.« LXX Die Burgstormglocke hatte die Richter zur Verhandlung gerufen; sie versammelten sich um vier Uhr in der Vierschaar um die Linde des Gerichts. Klaas wurde ihnen vorgeführt und sah unter dem Himmel den Vogt von Damme sitzen, ihm zur Seite und gegenüber den Schultheiß, die Schöffen und den Schreiber. Auf das Glockengeläute war das Volk in großer Menge zusammengelaufen; und sie sagten: »Genug unter den Richtern sind nicht um der Gerechtigkeit willen da, sondern um dem Kaiser Knechtesdienst zu leisten.« Der Schreiber erklärte, daß das Gericht bei einer frühern Versammlung in der Vierschaar in Anbetracht der gegen ihn vorliegenden Anzeigen und Aussagen beschlossen habe, Klans den Kostenträger, gebürtig aus Damme und Gatten Soetkins, der Tochter von Joostens, verhaften zu lassen. Heute, fuhr er fort, würden sie zur Vernehmung der Zeugen schreiten. Als erster wurde Hans Barbier, der Nachbar Klaasens, verhört. Nachdem er den Eid geleistet hatte, sagte er: »Bei dem Heile meiner Seele, ich behaupte und bewähre, daß mir Klaas, der hier vor Gericht steht, seit bald siebenzehn Jahren bekannt ist als ein Mann, der immerdar ehrenhaft und nach den Gesetzen unserer Heiligen Kirche gelebt hat, der von ihr niemals schmählich gesprochen hat, der meines Wissens nie einen Ketzer beherbergt hat, der weder das Buch Luthers verborgen, noch von dem besagten Buche gesprochen hat, und der nichts getan hat, was ihn in den Verdacht bringen könnte, sich gegen die Gesetze und Verordnungen des Kaisers vergangen zu haben. So wahr mir Gott helfe und seine Heiligen.« Dann wurde Jan van Roosebeke verhört, und er sagte, daß er während der Abwesenheit Soetkins, der Frau Klaasens, manchmal im Hause des Angeklagten zwei Männerstimmen vernommen zu haben glaube und daß er oft am Abende nach der Feierglocke in einer kleinen Dachkammer bei einem Lichte zwei Männer, deren einer Klaas gewesen sei, habe miteinander sprechen sehn. Ob der andere ein Ketzer gewesen sei oder nicht, könne er nicht sagen, weil er ihn nur von ferne gesehn habe. »Was aber Klaas betrifft, so sage ich, und ich spreche die lautere Wahrheit, daß er, solange ich ihn kenne, immer seine Ostern ehrlich gehalten und bei allen großen Festen kommuniziert hat; alle Sonntage war er bei der Messe, ausgenommen den vom Heiligen Blut und die folgenden. So wahr mir Gott helfe und seine Heiligen.« Auf die Frage, ob er nicht gesehn habe, wie Klaas in dem Wirtshause ›Zum blauen Turm‹ Ablässe verkauft und das Fegefeuer verspottet habe, antwortete Jan van Roosebeke, Klaas habe zwar Ablässe verkauft, jedoch ohne Hohn und Spott, und auch er, Jan van Roosebeke, habe davon gekauft, wie das auch Judocus Grijpstuiver, der Zunftmeister der Fischhändler, der jetzt auch unter der Menge sei, habe tun wollen. Nun sagte der Vogt, er werde die Tatsachen und Handlungen bekannt geben, um derentwillen Klaas vor das Gericht der Vierschaar geführt worden sei. »Der Angeber,« sagte er, »der zufällig in Damme geblieben war, um nicht sein Geld in Brügge mit Schlemmen und Demmen zu vergeuden, wie dies gar oft bei diesen heiligen Anlässen geschieht, stand in Gedanken versunken auf der Schwelle seiner Tür, um Luft zu schöpfen. Da sah er einen Mann durch die Reigerstraat gehn. Als Klaas den Mann bemerkte, ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. Der Mann war in Schwarz gekleidet. Er trat bei Klaas ein, und die Haustür blieb halb offen. Neugierig, wer der Mann sei, trat der Angeber in den Flur. Er hörte, wie Klaas mit dem Fremden in der Küche von einem gewissen Judocus sprach, seinem Bruder, den man, weil er unter den Truppen der Reformierten gefangen worden war, nicht weit von Aachen lebendig aufs Rad geflochten hatte. Der Fremde sagte zu Klaas, das Geld, das er von seinem Bruder bekommen habe, sei dem armen unwissenden Volke abgenommen; er solle es verwenden, um seinen Sohn in dem reformierten Glauben aufzuerziehen. Auch munterte er Klaas auf, den Schoß unserer Heiligen Kirche zu verlassen, und brachte sonst noch gottlose Reden vor; Klaas entgegnete nur mit den Worten: ›Grausame Henker! Mein armer Bruder!‹ Und der Angeklagte lästerte also unsern Heiligen Vater den Papst und Seine Königliche Majestät, indem er sie der Grausamkeit anklagte, weil sie die Ketzerei gerecht strafen als ein Verbrechen der Beleidigung göttlicher und menschlicher Majestät. Als der Mann gegessen hatte, hörte der Angeber Klaas schreien: ›Armer Judocus, Gott nehme dich auf in seine Glorie, sie waren grausam mit dir!‹ Und also klagte er Gott selber der Ruchlosigkeit an, indem er die Ansicht aussprach, daß er Ketzer in seinen Himmel aufnehmen könne. Und Klaas hörte nicht auf zu sagen: ›Mein armer Bruder!‹ Der Fremde, der nun ungestüm wurde wie ein Prädikant bei seiner Predigt, schrie: ›Sie wird fallen, die große Babylon, die römische Hure, und sie wird zur Behausung der Teufel werden und zum Behältnis aller unreinen Vögel!‹ Klaas sagte: ›Grausame Henker! Mein armer Bruder!‹ Der Fremde fuhr fort und sagte: ›Und der Engel wird einen großen Stein aufheben wie einen Mühlstein, und er wird ihn ins Meer werfen und sprechen: So wird die große Babylon verworfen und nicht mehr erfunden werden.‹ ›Herr,‹ sagte Klaas, ›Euer Mund ist voll Zorn; aber sagt mir, wann wird das Reich kommen, wo die, die eines milden Herzens sind, im Frieden leben können auf der Erde?‹ ›Niemals,‹ antwortete der Fremde, ›solange der Antichrist herrscht, der der Papst ist und der Widersacher aller Wahrheit.‹ ›Ach,‹ sagte Klaas, ›ihr sprecht ohne Ehrfurcht von unserm Heiligen Vater. Sicherlich weiß er nichts von den grausamen Martern, womit man die armen Reformierten straft.‹ Der Fremde antwortete: ›Keineswegs weiß er es nicht; denn er ist es, der seine Urteile schleudert, und er läßt sie durch den Kaiser vollziehen und jetzt durch den König, der die Gütereinziehung genießt, die Toten beerbt und den Reichen willig der Ketzerei halber den Prozeß macht.‹ Klaas antwortete: ›Man sagt derlei im Lande zu Flandern, ich muß es glauben; das Fleisch des Menschen ist schwach, selbst das königliche. Mein armer Judocus!‹ Und so gab Klaas zu verstehn, daß es aus niedriger Gewinnsucht geschehe, daß Seine Majestät die Ketzermeister strafe. Der Fremde wollte weiterschwatzen, aber Klaas sagte: ›Seid so gut, Herr, nicht mehr dergleichen Reden zu führen; wenn sie gehört würden, würden sie mir einen schlimmen Prozeß bringen.‹ Klaas erhob sich, um in den Keller zu gehn, und kam mit einem Kruge Bier zurück. ›Ich will die Tür schließen,‹ sagte er nun; und der Angeber hörte nichts mehr, weil er hastig das Haus verlassen mußte. Die Tür, die nun geschlossen war, wurde jedoch bei Einbruch der Nacht wieder geöffnet. Der Fremde ging weg, kam aber bald wieder, klopfte an und sagte: ›Klaas, mich friert. Ich weiß mir keine Unterkunft; gib mir Obdach: niemand hat mich kommen sehn, und die Stadt ist verlassen.‹ Klaas nahm ihn auf, entzündete ein Licht, und man sah ihn, wie er, dem Ketzer voranschreitend, die Treppe hinaufstieg und ihn auf den Boden führte in eine kleine Kammer, deren Fenster sich auf das Feld öffnet ...« »Wer kann das alles«, schrie Klaas dazwischen, »erzählt haben, wenn nicht du, du elender Fischhändler? Dich habe ich ja an dem Sonntag unter deiner Tür stehn sehn, steif wie ein Pfahl und scheinheilig den Schwalbenflug betrachtend!« Und er zeigte mit dem Finger auf Judocus Grijpstuiver, den Zunftmeister der Fischhändler, dessen häßliche Fratze unter der Volksmenge sichtbar wurde. Der Fischhändler lächelte hämisch, als sich Klaas auf diese Weise verriet. Und das ganze Volk, Männer, Frauen und Mädchen, sagten untereinander: »Armer Mensch, sein Reden bringt ihm sicherlich den Tod.« Aber der Schreiber fuhr fort in seiner Auseinandersetzung: »Der Ketzer und Klaas redeten diese Nacht lange mitsammen und ebenso die sechs folgenden; man konnte beobachten, wie der Ketzer oft und oft Gebärden der Drohung oder des Segens machte und die Arme zum Himmel hob, wie es die Ketzer seinesgleichen tun. Und Klaas schien seine Worte zu billigen. Sicherlich haben sie wählend dieser Tage, Abende und Nächte Schmähungen gebraucht gegen die Messe, gegen die Beichte, gegen den Ablaß und gegen Seine Königliche Majestät ...« »Niemand hats gehört,« sagte Klaas, »und man kann mich nicht so anklagen ohne Inzichten!« Der Schreiber entgegnete: »Man hat etwas andres gehört. Als der Fremde von dir Urlaub nahm, am siebenten Tage, um die zehnte Stunde, der Abend war schon eingefallen, hast du ihm bis zur Grenze von Katelijnens Feld das Geleit gegeben. Dort hat er dich gefragt, was du mit den elenden Götzenbildern« – der Vogt bekreuzigte sich – »gemacht habest, mit den Bildern der Jungfrau, des heiligen Nikolaus und des heiligen Martin. Und du hast geantwortet, daß du sie zerbrochen und in den Brunnen geworfen hast. Und sie sind tatsächlich in deinem Brunnen gefunden worden, in der heutigen Nacht, und die Stücke liegen in der Folterkammer.« Nun schien Klaas vernichtet. Der Vogt fragte ihn, ob er etwas zu erwidern habe. Klaas schüttelte den Kopf. Der Vogt fragte ihn, ob er nicht den verfluchten Gedanken, der ihn die Bilder habe zerbrechen lassen, und den gottlosen Irrtum, kraft dessen er Lästerworte gegen Seine Göttliche Majestät und gegen Seine Königliche Majestät ausgestoßen habe, widerrufen wolle. Klaas antwortete, sein Leib gehöre Seiner Königlichen Majestät, aber sein Gewissen gehöre Christo, dessen Gesetz er befolgen wolle. Der Vogt fragte ihn, ob dieses Gesetz das der Heiligen Kirche sei. Klaas antwortete: »Es ist im Heiligen Evangelium.« Aufgefordert, die Frage zu beantworten, ob er den Papst für Gottes Stellvertreter auf Erden erkenne, antwortete er: »Nein.« Gefragt, ob er es für erlaubt halte, die Bilder der Jungfrau und der Heiligen zu verehren, antwortete er, das sei Götzendienst. Gefragt, ob er die Ohrenbeichte als etwas Gutes und Heilsames erkenne, antwortete er: »Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.« Er war fest in seinen Antworten, obwohl er bekümmert und erschreckt war im Grunde seines Herzens. Es schlug acht Uhr, und der Abend senkte sich herab. Die Herren vom Gerichte zogen sich zurück und verschoben die Urteilsfällung auf den nächsten Tag. LXXI In Katelijnens Hütte weinte Soetkin, verrückt vor Schmerz. Und sie sagte ohne Unterlaß: »Mein Mann! Mein armer Mann!« Uilenspiegel und Nele umschlangen sie in überströmender Zärtlichkeit. Auch sie schloß die beiden in ihre Arme und weinte still. Dann deutete sie ihnen, sie allein zu lassen. Nele sagte zu Uilenspiegel: »Lassen wir sie; sie wills. Retten wir das Geld.« Sie gingen selbander. Katelijne ging um Soetkin herum: »Macht ein Loch: die Seele will hinaus.« Und Soetkin schaute sie starren Auges an, ohne sie zu sehn. Die Hütten Klaasens und Katelijnens berührten sich; die Klaasens lag etwas zurück und hatte vorne ein kleines Gärtchen, während zu Katelijnens Hütte ein Bohnenfeld gehörte, das bis zur Straße reichte. Das Feld war mit einer Hecke eingefriedigt, worein in ihren jungen Tagen Uilenspiegel, um zu Nele zu gehn, und Nele, um zu Uilenspiegel zu gehn, ein großes Loch gemacht hatten. Uilenspiegel und Nele gingen in das Feld, und von da aus sahen sie den Wachsoldaten, der mit wackelndem Kopfe in die Luft zu speien versuchte; aber der Auswurf fiel auf sein Wams. Neben ihm lag eine Weidenflasche. »Nele,« sagte Uilenspiegel ganz leise, »der trunkene Soldat hat nicht genug für seinen Durst getrunken; er muß weitertrinken. Dann werden wir das Heft in der Hand haben. Nehmen wir die Flasche.« Bei dem Geräusch ihrer Stimmen kehrte der Landsknecht sein schweres Haupt nach ihrer Seite. Er tappte nach seiner Flasche; als er sie nicht fand, fuhr er fort, in die Luft zu speien, und versuchte seinen Auswurf beim Mondscheine fallen zu sehn. »Er ist bis zu den Zähnen voll Branntwein,« sagte Uilenspiegel; »hörst du, wie schwer ihm das Speien wird?« Unterdessen streckte der Soldat, nachdem er genug gespien und in der Luft gesucht hatte, wieder den Arm aus, um nach der Flasche zu greifen. Diesmal fand er sie; er brachte seinen Mund an ihren Hals, bog den Kopf zurück, stürzte die Flasche um, klopfte mit kleinen Schlägen auf sie, damit sie auch den letzten Tropfen hergebe, und saugte an ihr wie ein Kind an der Mutterbrust. Da alles vergeblich war, beschied er sich, warf die Flasche neben sich, fluchte ein wenig auf deutsch, spie wieder aus, ließ den Kopf nach rechts und links sinken und schlief ein, unverständliche Vaterunser murmelnd. Uilenspiegel, der wußte, daß der Schlaf nicht lange dauern werde ohne Nachhilfe, glitt durch das Loch in der Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und reichte sie Nele; die füllte sie mit Branntwein. Der Soldat schnarchte ruhig weiter; Uilenspiegel schlüpfte nochmals durch die Hecke, legte ihm die volle Flasche zwischen die Schenkel, schlich wieder auf Katelijnens Feld zurück und wartete mit Nele hinter der Hecke. Wegen der Kälte der frisch abgezapften Füllung wurde der Soldat ein wenig munter, und sein erster Griff war, sich zu überzeugen, wieso es ihn unter dem Wamse friere. Durch den Gefühlstrieb der Trunkenheit vermutete er, das könne eine volle Flasche sein, und langte hin. Uilenspiegel und Nele sahen beim Mondscheine, wie er die Flasche schüttelte, um das Glucksen der Flüssigkeit zu hören, wie er kostete, wie er lachte, wie er verdutzt war, als er sie voll fand, wie er einen Zug und dann einen Schluck tat, wie er sie auf die Erde stellte, wie er sie wieder aufhob und wie er von neuem trank. Dann sang er: Wann Herr Mond wiederkommt, Um Frau See zu grüßen ... Bei den Deutschen ist die Frau See die Gattin des Herrn Mond, der der Meister der Frauen ist. Er sang also: Wann Herr Mond wiederkommt, Um Frau See zu grüßen, Reicht ihm die Frau See ein Glas, Und beeilt sichs vollzugießen. Wann Herr Mond wiederkommt. Essen wird sie dann mit ihm Und ihn oftmals küssen; Und sie geht mit ihm zu Bett Nach den guten Bissen. Wann Herr Mond wiederkommt. So soll mirs mein Liebchen tun! Gutes Mahl und süßes Trinken! So soll mirs mein Liebchen tun, Wann Herr Mond wiederkommt. Abwechselnd trinkend und einen Absatz singend, schlief er endlich ein. Er hörte es nicht mehr, daß Nele sagte: »Sie sind in einem Topfe hinter dem Rückenblatte des Kamins«; und er sah nicht, daß Uilenspiegel durch den Stall in Klaasens Küche trat, das Blatt abhob, den Topf mit den Gulden nahm, auf das Feld Katelijnens zurückging und die Gulden an der Brunnenmauer vergrub. Uilenspiegel wußte gar gut, daß man sie, wenn man sie suchen werde, drinnen und nicht draußen suchen werde. Dann kehrten sie zu Soetkin zurück und fanden die bekümmerte Frau weinend und jammernd: »Mein Mann, mein armer Mann!« Nele und Uilenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen. LXXII Am andern Tage rief der Burgstorm die Richter mit gewaltigen Schlägen in die Sitzung der Vierschaar. Als sie sich auf die vier Bänke rund um den Baum des Gerichts gesetzt hatten, verhörten sie Klaas von neuem und fragten ihn, ob er von seinen Irrtümern zurücktreten wolle. Klaas hob die Hand gen Himmel: »Christus, mein Herr, er sieht mich von oben. Ich habe seine Sonne betrachtet, als mein Sohn Uilenspiegel geboren worden ist. Wo ist er heute, der Landstreicher? Soetkin, mein gutes Weib, wirst du das Unglück tapfer ertragen?« Dann sah er die Linde an und verwünschte sie: »Sturm und Dörrnis! Laßt lieber die Bäume all im Lande der Väter in den Wurzeln verderben, als daß unter ihrem Schatten das freie Gewissen auf den Tod gerichtet wird! Wo bist du, mein Sohn Uilenspiegel? Ich war hart gegen dich. Ihr Herren, seid mir gnädig und richtet mich, wie es unser barmherziger Herr tun würde.« Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht. Dann bat er sie, ob es denn keine Nachsicht gebe für ihn: »Ich arbeitete allzeit und verdiente wenig; ich war gut zu den Armen und mild zu jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen, um dem Geiste Gottes zu gehorchen, der zu mir gesprochen hat. Ich flehe um keine Gnade sonst, als daß die Strafe des Feuers umgewandelt werde in ewige Verbannung aus dem Lande Flandern, eine Strafe, die immerhin hart ist.« Und alle, die da waren, schrien: »Gnade Ihr Herren! Barmherzigkeit!« Aber Judocus Grijpstuiver schrie nicht. Der Vogt gab den Umstehenden ein Zeichen zu schweigen und sagte, daß die Plakate das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer Gnade zu verlangen. Wenn aber Klaas seinen Irrtum abschwören wolle, so werde er statt durchs Feuer durch den Strick gerichtet werden. Und im Volke sagte man: »Feuer oder Strick, Tod ist es.« Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf. Und Klaas sagte: »Ich schwöre nicht ab. Macht mit meinem Leibe, was Euerer Barmherzigkeit gefällt.« Der Dechant von Ronsse, Titelman, schrie: »Es ist unerträglich zu sehn, wie frech dieses ketzerische Ungeziefer vor dem Richter auftritt. Ihre Leiber zu verbrennen, das ist eine kurze Pein; es gilt ihre Seelen zu retten und sie auf der Folter zu zwingen, daß sie ihren Irrtümern entsagen, auf daß sie nicht dem Volke das Ärgernis erregende Schauspiel geben, wie Ketzer in Verstocktheit sterben.« Auf diese Worte hin weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten: »Wenn einer gestanden hat, gibt es nur eine Strafe, aber keine Folter.« Der Gerichtshof entschied, daß Klaas die Folter nicht zu erleiden brauche, weil sie nirgends in den Verordnungen vorgeschrieben sei. Noch einmal aufgefordert, abzuschwören, antwortete er: »Ich kann nicht.« Kraft der Plakate wurde er schuldig erklärt der Simonie, nämlich des Ablaßverkaufes halber, der Ketzerei und des Verbergens von Ketzern; und als solcher wurde er verurteilt, vor den Wehren des Stadthauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod eintrete. Sein Körper solle zwei Tage lang zum warnenden Beispiel am Pfahle bleiben und hernach bei den Leichen der Gerichteten eingegraben werden. Der Gerichtshof erkannte dem Angeber Judocus Grijpstuiver, der aber nicht namentlich genannt wurde, fünfzig Gulden von dem ersten Hundert der Verlassenschaft und den Zehnten von dem Reste zu. Als Klaas diesen Spruch vernommen hatte, sagte er zu dem Zunftmeister der Fischhändler: »Du wirst eines elenden Todes sterben, du elender Schuft, der um ein paar Groschen willen aus einer glücklichen Gattin eine Witwe und aus einem fröhlichen Sohne eine traurige Waise macht.« Die Richter ließen Klaas sprechen; denn außer Titelman verachteten auch sie die Angeberei des Zunftmeisters der Fischhändler. Und dieser war bleich vor Scham und Wut. Und Klaas wurde ins Gefängnis zurückgeführt. LXXIII Am folgenden Tage, es war der letzte vor Klaasens Hinrichtung, erfuhren Nele, Uilenspiegel und Soetkin den Spruch. Sie verlangten von den Richtern die Erlaubnis, ins Gefängnis kommen zu dürfen; sie wurde ihnen bewilligt, nur Nele nicht. Als sie eintraten, sahen sie Klaas mit einer langen Kette an die Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin, weil es feucht war. Es ist nämlich in Flandern nach Recht und Gesetz verordnet, milde zu sein mit denen, die sterben sollen, und ihnen Brot, Fleisch oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Büttel handeln nicht selten dem Gesetze zuwider, und es geschieht gar oft, daß sie den größten Teil und die besten Stücke von der Nahrung der armen Gefangenen wegessen. Weinend umarmte Klaas Uilenspiegel und Soetkin; aber er war der erste, der die Augen trocken hatte, weil er dies als Mann und Familienoberhaupt wollte. Soetkin weinte, und Uilenspiegel sagte: »Ich will dies schlechte Eisen zerbrechen.« Soetkin weinte und sagte: »Ich geh zu König Philipp, er wird Gnade walten lassen.« Klaas antwortete: »Der König erbt das Gut der Märtyrer.« Dann fuhr er fort: »Weib und liebster Sohn, traurig und schmerzvoll soll ich diese Welt verlassen. Wenn ich auch Furcht habe vor der Pein, die mein Leib wird erleiden müssen, so bin ich doch noch mehr bekümmert, wenn ich daran denke, daß ihr beide, bis ich nicht mehr bin, arm und elend sein werdet, weil euch der König euer Gut nehmen wird.« Uilenspiegel antwortete mit leiser Stimme: »Nele und ich haben gestern alles gerettet.« »Ich bin froh,« antwortete Klaas; »der Angeber wird sich nicht meines Nachlasses erfreuen.« »Verrecken soll er,« sagte Soetkin, den tränenlosen Blick von Haß erfüllt. Aber Klaas dachte an die Karlsgulden und sagte: »Du warst listig, Thijlken, mein Liebling; sie wird also keinen Hunger leiden in ihren alten Tagen, meine Witwe Soetkin.« Und Klaas umarmte sie und drückte sie fest an seine Brust, und sie weinte wieder bei dem Gedanken, wie bald sie diese süße Zuflucht verlieren werde. Klaas sah Uilenspiegel an und sagte: »Sohn, du hast dich oft versündigt und bist über die Landstraßen gestrichen, wie es die Art der schlimmen Gesellen ist. Das darfst du nicht mehr tun, mein Kind, und nicht die kummervolle Witwe daheim allein lassen; du schuldest ihr Schutz und Zuflucht, du als Mann.« »Vater, ich werde es tun,« sagte Uilenspiegel. »O mein armer Mann!« sagte Soetkin, ihn umschlingend. »Was für ein großes Verbrechen haben wir denn begangen? Wir lebten friedfertig zu zweit unser ehrliches und kleines Leben und liebten uns innig; Herr Gott, du weißt es. Zeitlich standen wir auf zur Arbeit, und am Abend aßen wir mit Dank an dich das Brot des Tages. Ich will zum Könige und ihm die Augen auskratzen! Herr Gott, wir waren wirklich nicht schuldig!« Aber der Büttel trat ein und sagte, nun heiße es gehn. Soetkin bat, noch ein bißchen bleiben zu dürfen. Klaas fühlte ihr armes Gesicht an dem seinen brennen, und die Tränen Soetkins, die in Strömen flössen, netzten seine Wangen; und ihr ganzer armer Körper erschauerte und zitterte in seinen Armen. Er bat, daß sie bei ihm bleiben dürfe. Wieder sagte der Büttel, daß es scheiden heiße, und nahm Soetkin aus den Armen Klaasens. Klaas sagte zu Uilenspiegel: »Wache über sie.« Uilenspiegel antwortete, er werde es tun. Und Uilenspiegel und Soetkin gingen selbander weg, der Sohn die Mutter stützend. LXXIV Am nächsten Tage, es war der der Hinrichtung, kamen die Nachbarn und schlossen aus Barmherzigkeit Uilenspiegel, Soetkin und Nele in Katelijnens Hause ein. Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß die drei die Schreie des Dulders aus der Ferne hören und durch die Fenster die Flammen des Scheiterhaufens sehn konnten. Katelijne streifte durch die Stadt, den Kopf schüttelnd und immer sagend: »Macht ein Loch: die Seele will hinaus.« Um neun Uhr wurde Klaas in seinem Hemde, die Hände auf den Rücken gebunden, aus dem Gefängnisse geführt. Nach dem Richterspruche war der Scheiterhaufen in der Frauenstraße errichtet, rings um einen Pfahl, der vor den Wehren des Stadthauses aufgepflanzt war. Der Henker und seine Helfer waren mit dem Aufschichten des Holzes noch nicht fertig. Klaas, mitten unter seinen Häschern, wartete geduldig, bis dies Geschäft verrichtet war, während der Profoß zu Pferde, die Staffiere der Vogtei und die neun aus Brügge geholten Landsknechte nur mit großer Mühe vermochten, das murrende Volk an Ausschreitungen zu verhindern. Alle sagten, es sei eine Grausamkeit, einen armen Mann, der so gut, so barmherzig und bei der Arbeit so wacker gewesen sei, in seinen alten Tagen ungerechterweise hinzumorden. Plötzlich warfen sie sich auf die Knie, um zu beten. Die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten. Auch Katelijne war unter der Volksmenge, in der ersten Reihe, ganz verrückt. Klaas und den Scheiterhaufen betrachtend, schüttelte sie das Haupt: »Das Feuer! Das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus.« Als Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzigten sie sich beide. Aber Uilenspiegel tat es nicht und sagte, er wolle Gott keineswegs nach der Weise der Henker verehren. Und er durchrannte die Hütte und versuchte, die Türen einzubrechen und durch die Fenster zu springen; aber alles war wohlverwahrt. Plötzlich barg Soetkin das Gesicht in der Schürze und schrie: »Der Rauch!« Die drei Bekümmerten sahen tatsächlich einen großen schwarzen Rauchwirbel aufsteigen. Es war der Rauch des Scheiterhaufens, auf dem Klaas an einen Pfahl gebunden war; der Henker hatte ihn an drei Stellen entzündet im Namen der drei göttlichen Personen, Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Klaas blickte um sich, und als er sah, daß Soetkin und Uilenspiegel nicht unter der Volksmenge waren, war er froh; denn er dachte, sie würden ihn nicht leiden sehn. Man hörte sonst nichts als die Stimme des betenden Klaas, das Prasseln des Holzes, das Murren der Männer, das Weinen der Frauen, Katelijnens Ruf: »Nehmt das Feuer weg! Macht ein Loch: die Seele will hinaus« und die Glocken von Unserer Frau, die für die Toten läuteten. Plötzlich wurde Soetkin so weiß wie der Schnee, erschauerte am ganzen Körper, ohne zu weinen, und zeigte auf den Himmel. Eine lange schmale Flamme schoß vom Scheiterhaufen auf und erhob sich für Augenblicke über die Dächer der niedrigen Häuser. Sie bereitete Klaas furchtbare Schmerzen; denn je nach der Laune des Windes benagte sie seine Beine, berührte und sengte seinen Bart und leckte und entzündete die Haare. Uilenspiegel hielt Soetkin in den Armen und wollte sie vom Fenster wegreißen. Sie hörten einen schrillen Schrei; den hatte Klaas ausgestoßen, dem der Körper nur an einer Seite brannte. Aber schon schwieg er und weinte. Und seine Brust war ganz naß von seinen Tränen. Dann hörten Soetkin und Uilenspiegel einen großen Lärm von Stimmen. Es waren die Bürger, die Frauen, die Kinder, die schrien: »Klaas ist nicht verurteilt, am langsamen Feuer zu brennen, sondern bei lodernder Flamme! Henker, entfache den Scheiterhaufen.« Der Henker tat es, aber das Holz brannte nicht rasch genug an. »Erwürg ihn,« schrien sie. Und sie warfen Steine auf den Profoßen. »Die Flamme! die große Flamme!« schrie Soetkin. Und wirklich, mitten im Rauche loderte eine rote Flamme zum Himmel empor. »Er stirbt,« sagte die Witwe. »Herr Gott, nimm seine unschuldige Seele in Gnade auf! Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz aus der Brust reiße?« Die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten. Wieder hörte Soetkin Klaas einen gellenden Schrei ausstoßen, aber sie sah nicht, wie sich sein Körper krümmte und runzelte ob der Hitze des Feuers, sie sah nicht, wie sich sein Gesicht verzerrte, sie sah nicht, wie sich sein Kopf nach allen Seiten drehte und gegen das Holz des Pfahles schlug. Das Volk schrie und zischte noch immer, und die Frauen und Knaben warfen Steine, als sich plötzlich der Scheiterhaufen ganz und gar entflammte; und mitten in der Flamme und dem Rauche hörten alle Klaas, der sagte: »Soetkin! Thijl!« Und sein Kopf fiel auf seine Brust wie ein Kopf von Blei. Und ein schriller Jammerschrei kam aus der Hütte Katelijnens. Dann war nichts mehr zu hören als die arme Verrückte, die den Kopf schüttelte und sagte: »Die Seele will hinaus.« Klaas war verschieden. Der verbrannte Scheiterhaufen fiel am Fuße des Pfahles zusammen. Und der arme Leib blieb ganz schwarz am Halse hangen. Und die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten. LXXV Soetkin lehnte in Katelijnens Haus an der Mauer, den Kopf gesenkt und die Hände gefaltet. Sie hielt Uilenspiegel umschlungen, ohne zu reden, ohne zu weinen. Auch Uilenspiegel verblieb still; es erschreckte ihn, zu fühlen, wie das Feuer des Fiebers den Leib seiner Mutter brannte. Die Nachbarn kamen zurück vom Richtplatz und sagten, daß Klaas ausgelitten habe. »Er ist in der Glorie,« sagte die Witwe. »Bete,« sagte Nele zu Uilenspiegel und gab ihm ihren Rosenkranz; aber er wollte sich seiner nicht bedienen, weil, wie er sagte, die Kugeln vom Papste gesegnet seien. Die Nacht war eingefallen, und Uilenspiegel sagte zu der Witwe: »Mutter, du mußt zu Bett; ich werde bei dir wachen.« Aber Soetkin sagte: »Es ist nicht not, daß du wachest; der Schlaf ist gut für junge Leute.« Nele bereitete jedem in der Küche ein Bett; dann ging sie. Und sie blieben miteinander allein; die Reste eines Wurzelfeuers glommen im Kamin.   Soetkin legte sich nieder; Uilenspiegel tat wie sie, und er hörte sie unter den Decken weinen. Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume am Kanal rauschen wie das Meer und schleuderte, ein Vorläufer des Herbstes, den Staub wirbelnd, gegen die Fenster. Uilenspiegel sah etwas, als ob ein Mann käme und ginge; und er hörte in der Küche etwas wie Schritte. Als er hinblickte, sah er den Mann nicht mehr; als er horchte, hörte er nichts mehr als das Heulen des Windes im Kamin und das Weinen Soetkins. Dann hörte er von neuem gehn und hinter ihm, gegenüber seinem Kopfe, einen Seufzer. »Wer ist da?« sagte er. Niemand antwortete, aber es tat drei Schläge auf den Tisch. Uilenspiegel bekam Furcht und sagte zitternd noch einmal: »Wer ist da?« Er erhielt keine Antwort, aber wieder schlug es dreimal auf den Tisch, und er fühlte zwei Arme, die ihn umschlangen, und einen Körper, der sich über sein Gesicht neigte; und die Haut des Körpers war runzelig, und er hatte ein großes Loch in der Brust und roch brandig. »Vater,« sagte Uilenspiegel, »ist es dein armer Leib, der also auf mir lastet?« Er erhielt keine Antwort; und obwohl der Schatten ganz nahe bei ihm war, hörte er draußen schreien: »Thijl! Thijl!« Plötzlich stand Soetkin auf und kam an Uilenspiegels Bett. »Hörst du nichts?« sagte sie. »Ja,« sagte er, »der Vater ruft mich.« »Ich,« sagte Soetkin, »ich habe einen kalten Körper gefühlt, neben mir in meinem Bette; der Strohsack hat sich bewegt, und die Vorhänge haben sich gerührt, und ich habe eine Stimme gehört, die sagte ›Soetkin‹, eine Stimme, ganz leise wie ein Hauch, und einen leichten Schritt wie der Flügelschlag einer Mücke.« Dann sprach sie zu dem Geiste Klaasens: »Mann, wenn du irgendetwas ersehnst im Himmel, wo du bei Gott in seiner Glorie weilst, mußt du uns sagen, was es ist, damit wir deinen Willen vollziehen.« Plötzlich riß ein Windstoß die Tür wuchtig auf und trieb Staubwolken ins Zimmer; und Uilenspiegel und Soetkin hörten in der Ferne Rabengekrächze. Sie gingen mitsammen weg und kamen zum Scheiterhaufen. Die Nacht war schwarz, außer wann die Wolken, die vom schneidenden Nordwinde gejagt wurden und wie Hirsche am Himmel liefen, das blinkende Antlitz des Gestirns sehn ließen. Ein Stadtscherge ging beim Scheiterhaufen auf und ab und bewachte ihn. Uilenspiegel und Soetkin hörten auf dem gehärteten Boden den Schall seiner Schritte, und sie hörten den Schrei eines Raben, der sicherlich andere herbeirief; denn ein Gekrächze antwortete ihm von weitem. Als sich Uilenspiegel und Soetkin dem Scheiterhaufen näherten, ließ sich der Rabe auf die Schulter Klaasens nieder, und sie hörten, wie er mit dem Schnabel in den Körper hackte; und bald kamen andere Raben dazu. Uilenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen schwingen und die Raben verjagen; da sagte der Scherge zu ihm: »Du Hexenmeister, suchst du Zauberhände? Wisse, daß die Hände der Verbrannten keineswegs unsichtbar machen; das tun nur die der Gehenkten, zu denen auch du eines Tages gehören wirst.« »Herr Scherge,« antwortete Uilenspiegel, »ich bin kein Hexenmeister, sondern der verwaiste Sohn dessen, der da angebunden ist, und diese Frau ist seine Witwe. Wir wollen sonst nichts, als ihn noch einmal küssen und ein wenig von seiner Asche zum Gedächtnis an ihn mitnehmen. Erlaubt es uns, Herr; Ihr seid ja kein fremder Soldat, sondern ein Kind dieses Landes.« »Es geschehe, wie du willst,« antwortete der Scherge. Die Waise und die Witwe traten über das verbrannte Holz und kamen zum Körper; beide küßten sie das Gesicht Klaasens unter Tränen. Uilenspiegel nahm von dem Orte des Herzens, von dort, wo die Flamme ein großes Loch gehöhlt hatte, ein wenig Asche des Toten. Dann knieten Soetkin und er nieder und beteten. Als der Morgen mit bleichem Schimmer am Himmel erschien, waren sie beide noch dort; aber der Scherge verjagte sie aus Furcht, wegen seines Wohlwollens gestraft zu werden. Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück schwarzer Seide; daraus machte sie ein Säckchen und tat die Asche hinein. Und an das Säckchen nähte sie zwei Bänder, damit es Uilenspiegel immer am Halse tragen könne. Und indem sie ihm das Säckchen umband, sagte sie zu ihm: »Diese Asche, die das Herz meines Mannes ist, dieses Rot, das sein Blut ist, dieses Schwarz, das unser Gram ist, seien tagtäglich auf deiner Brust, wie das Feuer der Rache an den Henkern.« »So sei es,« sagte Uilenspiegel. Und die Witwe umarmte den Verwaisten, und die Sonne ging auf. LXXVI Am nächsten Tage kamen die Schergen und Ausrufer der Gemeinde in Klaasens Haus, um alles Gerät auf die Straße zu bringen und zum gerichtlichen Verkaufe zu schreiten. Von Katelijnens Wohnung aus sah Soetkin sie die Wiege aus Eisen und Kupfer herabtragen, die sich immerdar von dem Vater auf den Sohn in dem Hause Klaasens vererbt hatte, wo der arme Tote geboren war ebenso wie Uilenspiegel. Dann trugen sie das Bett herab, wo Soetkin ihr Kind empfangen und so süße Nächte an der Schulter ihres Mannes verbracht hatte. Dann kam der Schrein, wo sie das Brot verschlossen gehabt hatte, der Schrank, wo zu guten Zeiten das Fleisch gewesen war, und Pfannen, Kessel und Kochgeschirre, die nicht mehr so glänzten wie in den Tagen des Glücks, sondern schmutzig waren von dem Staube der Verwahrlosung. Und die riefen ihr die Familienschmäuse ins Gedächtnis, zu denen die Nachbarn kamen, angelockt durch den Duft. Dann kamen ein Faß und ein Fäßchen einfaches und doppeltes Bier und in einem Korbe die Weinflaschen, mindestens dreißig an der Zahl. Und alles wurde auf die Straße gebracht bis auf den letzten Nagel, dessen Krachen die arme Witwe hörte, als er aus der Mauer gerissen wurde. Ruhig saß sie da, ohne zu schreien oder zu klagen, und sah bekümmert zu, wie ihre geringen Reichtümer ausgeboten wurden. Der Ausrufer hatte ein Licht angezündet, und das Gerät wurde vergantet. Das Licht war ganz herunter gebrannt, als der Zunftmeister der Fischhändler alles um einen geringen Preis gekauft hatte, in der Absicht, es wieder zu verkaufen; er schien sich daran zu letzen wie ein Wiesel, das das Hirn einer Henne saugt. Uilenspiegel sagte in seinem Herzen: »Du wirst nicht lange lachen, Mörder.« Der Verkauf war zu Ende, und die Schergen, die alles durchwühlt hatten, hatten die Karlsgulden noch nicht gefunden. Der Fischhändler rief: »Ihr sucht schlecht, ich weiß, daß Klaas siebenhundert hatte; jetzt sind es sechs Monate her.« Uilenspiegel sagte in seinem Herzen: »Du wirst nicht erben, Mörder.« Gählings wandte sich Soetkin zu ihm. »Der Angeber!« sagte sie, ihm den Fischhändler zeigend. »Ich weiß es,« sagte er. »Willst du, daß er von deines Vaters Blut erbe?« »Lieber läge ich einen Tag lang auf der Folterbank,« antwortete Uilenspiegel. Soetkin sagte: »Auch ich; aber verrate ja nichts aus Mitleid, wie groß auch der Schmerz sei, den du mich erdulden siehst.« »Ach! Du bist ein Weib,« sagte Uilenspiegel. »Armer Schelm,« sagte sie, »ich habe dich zur Welt gebracht und verstehe zu leiden. Aber du, wenn ich es sähe ...« Dann erbleichend: »Ich werde die Jungfrau bitten, die ihren Sohn am Kreuze gesehn hat.« Und weinend liebkoste sie Uilenspiegel. Und so schlossen sie einen Vertrag des Hasses und der Kraft. LXXVII Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu zahlen, da die andere Hälfte dazu dienen sollte, ihm seine Angeberei zu bezahlen, bis man die siebenhundert Karlsgulden gefunden habe, die ihn zu der Niederträchtigkeit verleitet hatten. Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit den Arbeiten der Wirtschaft. Oft hörte Uilenspiegel, wie sie allein mit sich sprach und sagte: »Wann er erbt, bringe ich mich um.« Da sie begriffen, sie werde so tun, wie sie sagte, taten Nele und er ihr möglichstes, um Soetkin zu bewegen, sie möge sich nach Walcheren zurückziehen, wo sie Verwandte hatte. Soetkin wollte es durchaus nicht und sagte, sie habe keine Veranlassung, den Würmern auszuweichen, die bald ihr Witwengebein fressen würden. Inzwischen war der Fischhändler abermals beim Vogte gewesen und hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor einigen Monaten siebenhundert Karlsgulden geerbt habe und daß er als ein karger und genügsamer Mensch diese große Summe habe nicht ausgeben können; sie sei sicherlich in irgendeinem Winkel versteckt. Der Vogt fragte ihn, was ihm denn Uilenspiegel und Soetkin angetan hätten, daß er, nicht zufrieden, dem Sohne den Vater und der Frau den Gatten genommen zu haben, noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen. Der Fischhändler antwortete, daß er als Hochbürger von Damme den Gesetzen des Kaisers Achtung verschaffen und so die Gnade Seiner Majestät verdienen wolle. Nach dieser Aussage ließ er eine Anklageschrift in den Händen des Vogts, und er brachte Zeugen bei, die, die reine Wahrheit sprechend, wider ihren eigenen Willen bezeugten, daß er nicht gelogen hatte. Nachdem die Herren von der Schöffenkammer diese Zeugenaussagen vernommen hatten, erklärten sie die Schuldanzeichen als genügend für die Anwendung der Folter. Demgemäß ließen sie das Haus neuerlich durch Schergen durchsuchen, die die Vollmacht hatten, die Mutter und den Sohn ins Stadtgefängnis zu führen, wo sie verbleiben sollten, bis aus Brügge der Henker komme, um den man unverzüglich geschickt hatte. Als Uilenspiegel und Soetkin durch die Straße kamen, die Hände auf den Rücken gebunden, stand der Fischhändler auf der Schwelle seines Hauses und betrachtete sie. Und die Bürger von Damme und ihre Frauen waren auch vor ihren Häusern. Mathijssen, der nächste Nachbar des Fischhändlers, hörte Uilenspiegel dem Angeber zurufen: »Vermaledeit wirst du sein von Gott, Henker der Witwen!« Und Soetkin sagte zu ihm: »Du wirst eines elenden Todes sterben, Verfolger der Waisen!« So erfuhren die von Damme, daß es wieder eine Angeberei Grijpstuivers war, derentwegen man die Witwe und den Verwaisten also ins Gefängnis führte: sie zischten wider den Fischhändler und warfen ihm am Abend Steine in die Fenster; und seine Tür wurde mit Kot beschmiert. Und er wagte es nicht mehr, sein Haus zu verlassen. LXXVIII Gegen zehn Uhr vor Mittag wurden Uilenspiegel und Soetkin in die Folterkammer geführt. Dort waren der Vogt, der Schreiber und die Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt. Der Vogt fragte Soetkin, ob sie nicht dem Kaiser etwas ihm Gehöriges vorenthalte. Sie antwortete, da sie nichts habe, könne sie nichts vorenthalten. »Und du?« fragte der Vogt Uilenspiegel. »Es sind sieben Monate,« antwortete er, »da haben wir siebenhundert Karlsgulden geerbt; einige davon verzehrten wir. Was die andern betrifft, so weiß ich nicht, wo sie sind: immerhin denke ich, daß der Wandersmann, der zu unserm Unglück bei uns geweilt hat, den Rest mitgenommen hat; denn ich habe nichts mehr davon gesehn.« Der Vogt fragte sie neuerlich, ob sie alle beide dabei beharrten, sich für unschuldig zu erklären. Sie antworteten, daß sie dem Kaiser nichts vorenthielten, was ihm gehöre. Nun sagte der Vogt ernst und traurig: »Die Verdachtsgründe gegen euch sind groß, und die Anklage ist begründet; wenn ihr nicht gesteht, müßt ihr die peinliche Frage erleiden.« »Schonet die Witwe,« sagte Uilenspiegel. »Der Fischhändler hat alles gekauft.« »Armer Wicht,« sagte Soetkin, »die Männer verstehn es nicht, den Schmerz wie die Frauen zu ertragen.« Als sie sah, daß Uilenspiegel ihretwegen bleich war wie ein Toter, sagte sie noch: »Ich habe Haß und Kraft.« »Schonet die Witwe,« sagte Uilenspiegel. »Nehmt mich an seiner Statt,« sagte Soetkin. Der Vogt fragte den Henker, ob er alles bereit habe, was es brauche, um die Wahrheit zu ergründen. Der Henker antwortete: »Alles ist da.« Die Richter berieten sich und entschieden, daß man, um die Wahrheit zu erfahren, bei der Frau beginnen müsse. »Denn«, sagte ein Schöffe, »es gibt keinen so grausamen Sohn, daß er seine Mutter könnte leiden sehn, ohne das Verbrechen zu gestehn und sie so zu lösen; dasselbe würde auch jede Mutter für ihre Frucht tun, und hätte sie das Herz einer Tigerin.« Der Vogt sagte zum Henker: »Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Stöckchen an die Hände und die Füße.« Der Henker gehorchte. »Oh, das tut nicht, Herren Richter,« schrie Uilenspiegel. »Bringt mich an ihren Platz, brecht mir die Finger und die Zehen, aber schonet die Witwe!« »Der Fischhändler,« sagte Soetkin; »ich habe Haß und Kraft.« Uilenspiegel wurde noch bleicher, zitterte vor Wut und schwieg. Diese Stöckchen waren kleine buchsbaumene Stäbe, die zwischen die Finger gesteckt wurden und die Knochen berührten; durch Schnürchen waren sie zu einem so fein ersonnenen Werke verbunden, daß es der Henker nach dem Belieben des Richters vermochte, alle Finger zugleich zu quetschen, die Knochen ihres Fleisches zu entblößen und sie zu zermalmen oder dem zu Folternden nur einen geringen Schmerz zu verursachen. Er legte Soetkin die Stöckchen an Händen und Füßen an. »Quetscht,« sagte der Vogt zu ihm. Er tat es grausam. Nun richtete der Vogt das Wort an Soetkin: »Bezeichne mir den Ort, wo die Karlsgulden versteckt sind.« »Ich kenne ihn nicht,« antwortete sie wimmernd. »Quetscht stärker,« sagte er. Uilenspiegel versuchte seine ihm auf den Rücken gebundenen Arme loszubekommen, um Soetkin zu Hilfe eilen zu können. »Quetscht nicht weiter, Herren Richter,« sagte er; »das sind Frauenknochen, zart und schwach. Ein Vogel bräche sie mit dem Schnabel. Quetscht nicht weiter, Herr Henker; doch zu Euch rede ich nicht, denn Ihr müßt Euch gehorsam zeigen den Befehlen der Herren. Quetscht nicht; habt Barmherzigkeit!« »Der Fischhändler,« sagte Soetkin. Und Uilenspiegel schwieg. Als er aber sah, daß der Henker die Stöckchen stärker anzog, schrie er von neuem: »Barmherzigkeit, Herren! Ihr brecht der Witwe die Finger, deren sie zur Arbeit bedarf. Ach, ihre Füße! Soll sie denn nimmer gehn können? Barmherzigkeit, Herren!« »Du wirst eines elenden Todes sterben, Fischhändler,« schrie Soetkin. Und ihre Knochen krachten, und das Blut fiel tropfenweise von ihren Füßen. Uilenspiegel sah alles und sagte, zitternd vor Schmerz und Wut: »Frauenknochen, brecht sie nicht, Herren Richter!« »Der Fischhändler,« wimmerte Soetkin. Und ihre Stimme war hohl und erstickt wie die Stimme eines Gespenstes. Uilenspiegel zitterte und schrie: »Herren Richter, die Hände bluten und auch die Füße. Man hat der Witwe die Knochen zerbrochen.« Der Wundarzt berührte die wunden Stellen, und Soetkin stieß einen gellenden Schrei aus. »Gestehe für sie,« sagte der Vogt zu Uilenspiegel. Aber Soetkin sah ihn mit den weit offenen Augen an, die denen einer Leiche glichen. Und er verstand, daß er nicht reden dürfe, und weinte, ohne ein Wort zu sagen. Aber nun sagte der Vogt: »Da diese Frau über die Härte eines Mannes verfügt, soll ihr Mut vor der Folter ihres Sohnes erprobt werden.« Soetkin hörte nichts, da sie wegen der erlittenen furchtbaren Pein von Sinnen war. Mit viel Essig brachte man sie wieder zu sich. Dann wurde Uilenspiegel entkleidet und nackt vor die Augen der Witwe gebracht. Der Henker schor ihm den Kopf und den ganzen Körper, um zu sehn, ob er nicht irgendeinen Zauber an sich habe. Da bemerkte er auf seinem Rücken das schwarze Pünktchen, das er von Geburt aus hatte. Mehrere Male stach er mit einer langen Nadel hinein; da aber Blut kam, schloß er, daß an dem Pünktchen keine Hexerei sei. Auf den Befehl des Vogtes wurden die Hände Uilenspiegels an zwei Stricke gebunden, die über eine an der Decke angebrachte Rolle liefen, so daß ihn der Henker nach dem Belieben des Richters heben und senken konnte, ihn dabei grausam streckend. Das tat er wohl neunmal; vorher aber hatte er ihm an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund gebunden. Bei dem neunten Strecken löste sich die Haut von den Handgelenken und den Knöcheln und die Knochen der Beine begannen aus den Gelenken zu treten. »Gestehe,« sagte der Vogt. »Nein,« antwortete Uilenspiegel. Soetkin sah ihren Sohn an und fand nicht die Kraft zu schreien, noch zu sprechen. Sie öffnete nur die Arme und winkte mit ihren blutigen Händen, um durch diese Gebärde anzudeuten, daß man dieser Folter ein Ende machen solle. Der Henker zog Uilenspiegel noch einmal auf und ließ ihn wieder sinken. Und die Haut der Handgelenke und der Knöchel löste sich noch mehr ab, und die Knochen der Beine traten noch mehr aus den Gelenken; aber er schrie nicht. Soetkin weinte und winkte mit den blutigen Händen. »Gestehe die Hehlerei,« sagte der Vogt, »und dir wird verziehen werden.« »Der Fischhändler braucht Verzeihung,« antwortete Uilenspiegel. »Du willst die Richter höhnen?« sagte ein Schöffe. »Höhnen? Ach!« antwortete Uilenspiegel, »so etwas tue ich nicht, glaubt mir!« Soetkin sah nun, wie der Henker auf den Befehl des Vogtes eine glühende Kohlenpfanne anfachte, während sein Knecht zwei Lichter entzündete. Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, aber sie fiel zurück auf ihren Sitz; da schrie sie: »Nehmt das Feuer weg! Ach, Herren Richter, schont seine arme Jugend. Nehmt das Feuer weg!« »Der Fischhändler,« schrie Uilenspiegel, als er sie schwach werden sah. »Zieht Uilenspiegel einen Fuß hoch auf,« sagte der Vogt; »setzt ihm die Pfanne unter die Füße und unter jede Achsel ein Licht.« Der Henker gehorchte. Was noch unter den Achseln an Haar vorhanden war, das prasselte und rauchte unter der Flamme. Uilenspiegel schrie, und Soetkin sagte weinend: »Nehmt das Feuer weg!« Der Vogt sagte: »Gesteh die Hehlerei, und du bist frei. Gesteh für ihn, Weib.« Und Uilenspiegel sagte: »Wer will den Fischhändler in das Feuer werfen, das ewig brennt?« Soetkin deutete mit dem Kopfe, sie habe nichts zu sagen. Uilenspiegel knirschte mit den Zähnen, und Soetkin sah ihn an mit unheimlichem und tränendem Blicke. Inzwischen löschte der Henker die Lichter aus und setzte die glühende Pfanne unter Uilenspiegels Füße; da schrie sie: »Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm; er weiß nicht, was er spricht.« »Warum weiß er nicht, was er spricht?« fragte der Vogt listig. »Fragt sie nicht, Herren Richter,« sagte Uilenspiegel. »Ihr seht ja, daß sie verrückt ist vor Schmerz. Der Fischhändler hat gelogen.« »Sprichst du so wie er, Weib?« fragte der Vogt. Soetkin nickte mit dem Kopfe. »Brennt den Fischhändler!« schrie Uilenspiegel. Soetkin schwieg, aber sie ballte die Faust in der Luft wie zu einem Fluche. Als sie dann die Glut unter den Füßen ihres Sohnes immer mehr aufflammen sah, schrie sie: »Herr Gott und Maria im Himmel, laßt die Pein ein Ende nehmen! Habt Erbarmen! Nehmt die Glut weg!« »Der Fischhändler,« wimmerte Uilenspiegel wieder. Dann kam ihm das Blut in Strömen aus Nase und Mund, und er hing, den Kopf neigend, bewußtlos über den Kohlen. Nun schrie Soetkin: »Er ist tot, mein armer Sohn! Sie haben ihn getötet! Ach, ihn auch! Nehmt die Kohlen weg, Herren Richter! Laßt mich ihn in die Arme nehmen, um auch zu sterben, ich, neben ihm. Ihr wißt, daß ich nicht fliehen kann, mit meinen zerbrochenen Füßen.« »Gebt der Witwe ihren Sohn,« sagte der Vogt. Dann berieten die Richter. Der Henker band Uilenspiegel los und legte ihn nackt und über und über mit Blut bedeckt auf die Knie Soetkins; und der Wundarzt renkte die Knochen wieder in die Gelenke ein. Dabei umarmte Soetkin Uilenspiegel und sagte weinend: »Sohn, armer Märtyrer! Wenn es die Herren Richter erlauben, werde ich dich heilen; aber wache doch auf, Thijl, mein Sohn! Herren Richter, wenn Ihr ihn mir getötet habt, gehe ich zu Seiner Majestät; denn Ihr habt gegen Recht und Gerechtigkeit gehandelt, und Ihr werdet sehn, was ein armes Weib gegen die Schlechten vermag. Aber, Herren, laßt uns miteinander frei. Wir haben niemand auf der Welt als uns beide, wir armen Leute, auf denen die Hand Gottes schwer lastet.« Nach der Beratung gaben die Richter folgenden Spruch ab: »Deswegen, weil Ihr, Soetkin, Witwe Klaasens, und Ihr, Thijl, Sohn Klaasens und zubenannt Uilenspiegel, auf die Anklage, das Gut beiseitegeschafft zu haben, das durch Beschlagnahme, unbeschadet alle gegenteilige Privilegien, Seiner Königlichen Majestät gebührt, nichts gestanden habt, trotz grausamer Folter und genügenden Proben. Hat das Gericht in Anbetracht des Mangels genügender Verdachtsgründe und bei Euch, Frau, des erbarmungswürdigen Zustandes Euerer Glieder, und bei Euch, Mann, der harten Folter, die Ihr ertragen habt, Euch freigesprochen und gestattet Euch, in dieser Stadt ständigen Aufenthalt zu nehmen bei dem oder bei der, die Euch, ungeachtet Euere Armut, Unterkunft geben wollen. Gegeben in Damme, am dreiundzwanzigsten Oktober des Jahres des Heils 1558.« »Dank Euch, Herren Richter,« sagte Soetkin. »Der Fischhändler,« wimmerte Uilenspiegel. Und die Mutter und der Sohn wurden auf einem Karren zu Katelijne gebracht. LXXIX In diesem Jahre, dem achtundfünfzigsten des Jahrhunderts, trat Katelijne bei Soetkin ein und sagte: »Diese Nacht, ich hatte mich mit Balsam bestrichen, wurde ich durch die Lüfte auf den Turm von Unserer Frau getragen. Und ich sah die Elementargeister, wie sie die Gebete der Menschen den Engeln übermittelten, welche sie wieder, in die Höhe des Himmels entfliegend, zum Throne brachten. Und der Himmel war übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem Scheiterhaufen eine Gestalt, die mir schwarz schien, und kam auf den Turm herauf an meine Seite. Ich erkannte Klaas, so wie er im Leben war, gekleidet in sein Kohlenträgergewand. ›Was machst du hier,‹ sagte er zu mir, ›auf dem Turme von Unserer Frau?‹ ›Aber du,‹ antwortete ich, ›wohin ziehst du, fliegend durch die Luft wie ein Vogel?‹ ›Ich gehe zum Gerichte,‹ sagte er; ›hörst du nicht die Posaune des Engels?‹ Ich war ganz dicht bei ihm, und ich fühlte, daß sein Geisterleib nicht fest war wie der Körper der Lebenden; sondern er war so flüchtig, daß ich, als ich ihm noch näher kam, darein eindrang wie in einen warmen Dunst. Zu meinen Füßen, im ganzen Lande zu Flandern, blinkten Lichter, und ich sagte mir: ›Die, die sich früh erheben und noch spät arbeiten, sind die Gebenedeiten Gottes.‹ Und immerdar hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels. Nun sah ich einen andern Schatten, der aufstieg, und der kam von Spanien; er war alt und gebrechlich, das Kinn war wie ein Pantoffel, und die Lippen waren mit Quittengallert bestrichen. Über den Rücken hing ihm ein Mantel aus Karmesinsamt, mit Hermelin gefüttert, und auf dem Haupte trug er eine Kaiserkrone; in der einen Hand hielt er eine Anschove, an der er knapperte, und in der andern einen Humpen voll Bier. Ohne Zweifel ermüdet, kam er auf den Turm von Unserer Frau, um sich zu setzen. Ich sank auf die Knie und sagte: ›Gekrönte Majestät, ich bezeige Euch meine Ehrfurcht, aber ich kenne Euch nicht. Woher kommt Ihr, und was tut Ihr auf der Welt?‹ ›Ich komme‹, sagte er, ›von San Juste in Estremadura und war der Kaiser Karl der Fünfte.‹ ›Aber‹, sagte ich, ›wohin eilt Ihr derzeit in dieser kalten Nacht mitten durch die mit Hagel geladenen Wolken?‹ ›Ich gehe zum Gerichte,‹ sagte er. Als der Kaiser eben daran war, seine Anschove vollends aufzuessen und sein Bier auszutrinken, erschallte die Posaune des Engels; und er erhob sich in die Luft, murrend über die Unterbrechung seines Mahles. Ich folgte Seiner Heiligen Majestät. Vor Mattigkeit schluchzend, bewegte sie sich durch den Raum; sie schnaufte vor Engbrüstigkeit, und oft erbrach sie sich, weil sie der Tod geschlagen hatte, als ihr Magen verdorben war. Wir stiegen ohne Unterlaß wie Pfeile, abgeschnellt von einem Bogen aus Kirschenholz. Die Sterne glitten an uns vorbei und sandten Feuergarben in den Himmel; wir sahen sie sich lösen und sinken. Die Posaune des Engels ertönte. Was für ein schmetterndes und gewaltiges Tosen! Bei jedem Stoße, der die Dünste der Luft traf, öffneten sie sich, als ob ein Orkan aus unmittelbarer Nähe dareingefahren wäre. Und so war uns der Weg gezeichnet. Als wir eine Höhe von tausend Meilen und mehr erreicht hatten, sahen wir Christus in seiner Glorie, sitzend auf einem Throne von Sternen; und zu seiner Rechten war der Engel, der die Taten der Menschen in eine eherne Tafel einträgt, und zu seiner Linken war Maria, seine Mutter, die ihn ohne Unterlaß für die Sünder anfleht. Klaas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder. Der Engel warf ihm die Krone vom Haupte: ›Hier gibt es nur einen Kaiser, und der ist Christus.‹ Seine Heilige Majestät schien ärgerlich; immerhin war ihre Stimme demütig, als sie fragte: ›Dürfte ich nicht diese Anschove und diesen Humpen Bier behalten? Der lange Weg hat mir Hunger gemacht.‹ ›Du bist so, wie du in deinem ganzen Leben warst,‹ antwortete der Engel; ›aber iß und trink immerhin.‹ Der Kaiser leerte den Humpen und knapperte an der Anschove. Nun sprach Christus: ›Stellst du dich dem Gerichte mit einer reinen Seele?‹ ›Ich hoffe es, mein süßer Herr,‹ antwortete Kaiser Karl; ›denn ich habe gebeichtet.‹ ›Und du, Klaas?‹ sagte Christus. ›Du zitterst ja nicht so wie dieser Kaiser.‹ ›Mein Herr Jesus,‹ antwortete Klaas, ›es gibt keine Seele, die rein wäre; drum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr das oberste Gute und die oberste Gerechtigkeit seid. Aber trotzdem ängstige ich mich wegen meiner Sünden, deren Zahl groß ist.‹ ›Rede, Erdenwurm,‹ sagte der Engel zum Kaiser. ›Ich, Herr,‹ antwortete Karl mit stammelnder Zunge, ›bin von der Hand Euerer Priester gesalbt und war zum König von Kastilien, Kaiser von Deutschland und Römischen König geweiht. Mir lag immerdar am Herzen die Erhaltung der Macht, die von Euch kommt, und darum habe ich die Reformierten mit dem Stricke, mit dem Eisen, mit der Grube und dem Feuer verfolgt.‹ Aber der Engel sagte: ›Du völlerischer Lügner, du willst uns täuschen. In Deutschland hast du die Reformierten geduldet, weil du Angst vor ihnen hattest, und in den Niederlanden, wo du keine andere Besorgnis kanntest, als zu wenig von diesen reichen und honigstrotzenden Arbeitsbienen zu erben, dort ließest du sie köpfen, brennen, henken und lebendig begraben. Hunderttausend Seelen sind durch dich zugrunde gegangen, nicht weil du Christus, meinen Herrn, geliebt hättest, sondern weil du ein Tyrann, ein Despot und ein Blutsauger warst, niemand liebend als dich selbst und nach dir Fleisch, Fische, Wein und Bier; denn du warst gefräßig wie ein Hund und versoffen wie ein Schwamm.‹ ›Und du, Klaas, sprich,‹ sagte Christus. Aber der Engel erhob sich: ›Der hat nichts zu sagen. Er war gut und fleißig wie das arme Volk Flanderns, das willig arbeitet und willig lacht, den Fürsten gibt, was der Fürsten ist, und glaubt, die Fürsten würden ihm geben, was sein ist. Er hatte Geld, wurde angeklagt und wurde, weil er einen Reformierten beherbergt hatte, lebendig verbrannt.‹ ›Ach,‹ sagte Maria, ›armer Märtyrer! Aber im Himmel gibt es kühle Quellen, Bronnen von Milch und Wein, die dich erquicken werden; und ich selber will dich führen, Köhler.‹ Wieder erklang die Posaune des Engels, und ich sah aus der Tiefe der Abgründe einen Mann aufsteigen, einen Mann nackt und schön und mit Eisen gekrönt. Und auf dem Stirnbande der Krone standen die Worte geschrieben: ›Traurig bis zum Tage des Gerichtes.‹ Er näherte sich dem Throne und sagte zu Christus: ›Ich bin dein Knecht, bis ich dein Herr sein werde.‹ ›Satan,‹ sagte Maria, ›einst kommt ein Tag, wo es keine Knechte mehr und keine Herren gibt, wo Christus, das ist die Liebe, und Satan, das ist der Stolz, besagen werden: Kraft und Wissen.‹ ›Weib, du bist gut und schön,‹ sagte Satan. Dann sagte er zu Christus, auf den Kaiser weisend: ›Was soll mit dem da geschehn?‹ Christus antwortete: ›Bringe diesen gekrönten Wurm in einen Saal, wo du alles Folterwerkzeug, das unter seiner Herrschaft in Gebrauch war, sammeln sollst. Jedesmal, wann ein unschuldiger Elender erleiden wird die Pein des Wassers, die die Menschen aufbläht wie Schläuche, die Pein der Lichter, die ihnen die Fußsohlen und die Achseln verbrennt, die Wippe, die die Glieder bricht, und das Spannen mit vier Kielen, und jedesmal, wann eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren letzten Seufzer aushaucht, dann soll er der Reihe nach all diese Tode und all diese Foltern erleiden, damit er erfahre, wie viel Schlechtes ein ungerechter Mensch tun kann, der über Millionen Menschen gebietet: er faule in den Kerkern, er sterbe auf den Schafotten, er jammere, fern von der Heimat, in der Verbannung, er werde verhöhnt, verachtet und gestäupt; er sei reich, und die Obrigkeit nage an seinem Gute, die Angeber sollen ihn verklagen, und die Vermögenseinziehung treibe ihn ins Elend. Du wirst aus ihm einen Esel machen, auf daß er sanft sei trotz der schlechten Behandlung und der kargen Kost, du wirst ihn arm machen, auf daß er Almosen heische und Beschimpfungen empfange, du wirst ihn zum Werkmanne machen, auf daß er viel arbeite und wenig esse; hat er dann an seinem menschlichen Leibe und seiner menschlichen Seele tüchtig gelitten, dann machst du ihn zu einem Hunde, auf daß er gut sei und Prügel empfange. Du machst ihn zum Sklaven in Indien, der dem Meistbietenden verkauft wird, und zum Soldaten, auf daß er sich für einen andern schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wann er dann nach dreihundert Jahren alle Leiden und allen Jammer erschöpft hat, dann machst du ihn zum freien Manne; und wenn er in diesem Stande gut ist, wie Klaas war, dann bereitest du seinem Körper in einem schattigen Erdenwinkel, der nur von der Morgensonne besucht wird, bei einem schönen Baume unter kühlem Rasen seine ewige Ruhestätte. Und seine Freunde sollen an sein Grab kommen, um es mit ihren bittern Tränen zu netzen und Veilchen zu säen, die Blumen der Erinnerung.‹ ›Gnade, mein Sohn,‹ sagte Maria; ›er hat nicht gewußt, was er tat: denn die Macht verhärtet das Herz.‹ ›Es gibt keine Gnade,‹ sagte Christus. ›Ach,‹ sagte die Heilige Majestät, hätte ich nur ein Glas andalusischen Wein!‹ ›Komm,‹ sagte Satan; ›vorbei ist die Zeit des Weines, des Fleisches und des Geflügels.‹ Und er trug in den tiefsten Grund der Hölle die Seele des armen Kaisers, der noch immer an seinem Stück Anschove knapperte. Satan ließ ihn aus Erbarmen gewähren. Dann sah ich die Jungfrau, die führte Klaas in den höchsten Himmel, wo die Sterne in Trauben am Gewölbe hingen. Dort wuschen ihn die Engel, und er wurde jung und schön. Dann gaben sie ihm Rijstpap zu essen mit silbernen Löffeln. Und der Himmel schloß sich.« »Er ist in der Glorie,« sagte die Witwe. »Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel. LXXX In den nächsten dreiundzwanzig Tagen wurde Katelijne weiß, mager und dürr, als ob sie von einem innern Feuer verzehrt würde, mehr nagend als das der Narrheit. Sie sagte nicht mehr: »Das Feuer! Macht ein Loch: die Seele will hinaus«, sondern in täglicher Verzückung, zu Nele redend: »Ich bin Gattin, und du sollst Gattin werden. Er ist schön: lange Haare, heiße Liebe; kalte Knie und kalte Arme.« Und Soetkin betrachtete sie traurig und glaubte an eine neue Narrheit. Katelijne fuhr fort: »Drei mal drei sind neun, die heilige Zahl. Der, der in der Nacht glimmende Augen hat wie Katzenaugen, kennt allein das Geheimnis.« Eines Abends zuckte Soetkin, als sie ihr zuhörte, die Achseln. Aber Katelijne sagte: »Vier und drei, im Saturn ein Unglück; in der Venus die Zahl der Hochzeit. Kalte Arme! Kalte Knie! Das Herz von Feuer!« Soetkin entgegnete: »Man soll von diesen schlechten heidnischen Götzen nicht sprechen.« Als dies Katelijne hörte, machte sie das Zeichen des Kreuzes und sagte: »Gesegnet sei der graue Ritter! Nele braucht einen Mann, einen schönen Mann, der das Schwert trägt, einen schwarzen Mann mit blinkendem Gesichte.« »Ja,« sagte Uilenspiegel, »ein Hackfleisch von Männern, wozu mein Messer die Brühe liefern wird.« Nele sah ihren Freund mit Augen an, die feucht vor Freude waren ob seiner Eifersucht; dann sagte sie: »Ich will keinen.« Katelijne antwortete: »Wann wird er kommen in seiner grauen Tracht, immerfort anders gestiefelt und gespornt?« Soetkin sagte: »Bittet Gott für die Verrückte!« »Uilenspiegel,« sagte Katelijne, »hol uns vier Nößel Doppelbier, während ich die Heetekoeken backe.« Soetkin fragte, warum sie den Samstag feiere wie die Juden. Katelijne antwortete: »Weil der Teig bereit ist.« Uilenspiegel stand da, in der Hand den großen Krug aus englischem Zinn, der gerade das Maß hielt. »Mutter, was soll ich tun?« fragte er. »Geh,« sagte Katelijne. Soetkin wollte nicht mehr antworten, weil sie nicht die Herrin im Hause war; sie sagte zu Uilenspiegel: »Geh, mein Sohn.« Uilenspiegel lief zum Staak und brachte die vier Nößel Doppelbier. Bald verbreitete sich der Duft der Heetekoeken in der Küche, und alle bekamen Hunger, selbst die Schmerzensreiche. Uilenspiegel aß tüchtig. Katelijne hatte ihm einen großen Humpen gegeben und gesagt, weil er als der einzige Mann das Haupt des Hauses sei, müsse er mehr trinken als die andern und nachher singen. Bei diesen Worten machte sie ein hämisches Gesicht; Uilenspiegel trank zwar, sang aber nicht. Nele weinte, wann sie Soetkin ansah, die bleich und in sich versunken war; nur Katelijne war lustig. Nach dem Mahle stiegen Soetkin und Uilenspiegel auf den Boden, um sich schlafen zu legen; Katelijne und Nele blieben in der Küche, wo ihre Betten standen. Es war gegen zwei Uhr morgens. Uilenspiegel war auf das schwere Getränk schon seit langem eingeschlafen. Soetkin bat, wie jede Nacht, mit offenen Augen die Jungfrau, ihr Schlaf zu schicken; aber die Jungfrau hörte sie nicht. Plötzlich vernahm sie den Schrei eines Adlers, und aus der Küche antwortete ein ähnlicher Schrei; dann erklangen in der Ferne, im Felde, andere Schreie, und immer schien es ihr, daß von der Küche aus geantwortet werde. In der Meinung, das seien Nachtvögel, hatte sie weiter keine Acht darauf. Sie hörte Wiehern von Pferden und das Getrampel von eisernen Hufen auf der Straße; sie öffnete das Bodenfenster, und wirklich sah sie zwei gesattelte Pferde stampfen und das Gras der Straßenböschung abweiden. Nun hörte sie die Stimme einer schreienden Frau, die Stimme eines drohenden Mannes, das Klatschen von Schlägen, neuerliche Schreie, das geräuschvolle Schließen einer Tür und auf der Bodentreppe einen ängstlichen Schritt. Uilenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Tür des Bodens öffnete sich, und Nele trat ein, fast nackt, außer Atem und Tränen weinend; hastig schob sie gegen die Tür einen Tisch, Stühle, eine alte Pfanne, alles was sie an Hausrat finden konnte. Die letzten Sterne waren am Verlöschen, und die Hähne krähten. Auf den Lärm, den Nele machte, drehte sich Uilenspiegel im Bette um; aber er schlief weiter. Nele warf sich Soetkin an den Hals: »Soetkin, ich habe Furcht, zünde das Licht an.« Soetkin tats; und Nele wimmerte immerfort. Beim Scheine des Lichtes sah Soetkin, daß Nelens Hemd an der Schulter zerrissen war und daß sich über ihre Stirn, ihre Wangen und ihren Hals blutige Risse zogen, wie die Spuren von Fingernägeln. »Nele,« sagte Soetkin, sie umarmend, »woher kommst du in diesem Zustande?« Immer noch zitterte und wimmerte das Mädchen; sie sagte: »Bring uns nicht auf den Scheiterhaufen, Soetkin.« Unterdessen erwachte Uilenspiegel und blinzelte wegen der Helle des Lichtes. Soetkin sagte: »Wer ist unten?« Nele antwortete: »Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.« Auf einmal hörten Soetkin und Nele Katelijne schreien, und beiden versagten die Beine. »Er schlägt sie, er schlägt sie meinetwegen,« sagte Nele. »Wer ist im Hause?« schrie Uilenspiegel und sprang aus dem Bett. Sich die Augen reibend, rannte er durch die Kammer, bis er einen schweren Schürhaken gepackt hatte, der in einem Winkel lag. »Niemand,« sagte Nele, »niemand; geh nicht hinunter, Uilenspiegel.« Er jedoch hörte nichts, sondern lief zur Tür und warf Stühle, Tisch und Pfanne zur Seite. Unten hörte Katelijne nicht auf zu schreien. Nele und Soetkin hielten Uilenspiegel auf der Treppe fest, Nele seinen Leib umspannend, Soetkin seine Beine umklammernd; und Soetkin bat: »Geh nicht, Uilenspiegel; es sind Teufel!« »Ja,« antwortete er, »der teuflische Gatte Nelens; ich will ihm den Ehebund mit dem Schürhaken segnen. Eine Hochzeit von Eisen und Blut! Laßt mich hinunter!« Aber sie ließen noch nicht locker, denn sie waren stark, weil sie sich an dem Geländer hielten. Er riß sie mit sich herunter über die Stufen der Stiege, und sie bekamen Angst, weil sie sich also den Teufeln näherten. Sie vermochten jedoch nichts gegen ihn. Mit Sprüngen und Sätzen sauste er hinunter, wie die Lawine zu Tal fährt; und er trat in die Küche. Beim Morgenscheine sah er Katelijne verstört und bleich, und er hörte sie sagen: »Hansken, warum hast du mich verlassen? Es ist nicht meine Schuld, daß Nele garstig ist.« Ohne auf sie zu hören, öffnete Uilenspiegel die Tür des Stalles. Als er hier niemand fand, schwang er sich hinaus aufs Feld und von dort auf die Straße; in der Ferne sah er zwei Pferde dahinsprengen und im Nebel verschwinden. Er lief ihnen nach, aber es war vergeblich; denn sie sausten dahin wie der Herbstwind, der die trockenen Blätter fegt. Wütend vor Zorn und Verzweiflung, kehrte er um; und er murmelte in seine Zähne: »Sie haben sie geschwächt! Sie haben sie geschwächt!« Und eine unheimliche Flamme in seinen funkelnden Augen, betrachtete er Nele, die, am ganzen Leibe zitternd, vor der Witwe und Katelijne stand und sagte: »Nein, Thijl, mein Liebster; nein.« Und bei diesen Worten sah sie ihm so traurig und offen in die Augen, daß er wußte, sie spreche die Wahrheit. Dann fragte er sie: »Woher sind die Schreie gekommen? Wohin sind diese Männer gegangen? Warum ist dein Hemd an der Schulter und dem Rücken zerrissen? Woher hast du die Kratzwunden an der Stirn und den Wangen?« »Höre,« sagte sie, »doch bring uns nicht auf den Scheiterhaufen, Uilenspiegel. Katelijne, Gott errette sie vor der Hölle, hat seit dreiundzwanzig Tagen einen Teufel, schwarz gekleidet, gestiefelt und gespornt, zum Freunde. Er hat ein Gesicht, von dem Feuer blinkt, wie man es im Sommer auf den Meereswogen sieht, wann es heiß ist.« »Warum bist du gegangen, Hansken, mein Liebster?« sagte Katelijne. »Nele ist garstig.« Aber Nele fuhr fort: »Er schreit wie ein Adler, um seine Anwesenheit zu künden. Meine Mutter hat ihn alle Samstage in der Küche. Sie sagt, seine Küsse seien kalt und sein Körper sei wie Schnee. Er schlägt sie, wenn sie nicht alles tut, was er will. Einmal hat er ihr ein paar Gulden gebracht, aber er hat ihr alle andern genommen.« Während dieser Erzählung betete Soetkin mit gefalteten Händen für Katelijne. Katelijne sagte freudig: »Mein Leib ist nicht mehr mein eigen, mein Geist ist nicht mehr mein eigen; alles ist sein. Hansken, mein Liebster, führe mich wieder zum Sabbat. Nur Nele will niemals mitkommen; Nele ist garstig.« »In der Morgendämmerung bricht er auf,« sprach das Mädchen weiter, »und bei Tage erzählt mir die Mutter hundert sonderbare Dinge ... Aber du darfst mich nicht mit so bösen Augen ansehn, Uilenspiegel. Gestern hat sie mir gesagt, daß mich ein schöner Herr, in Grau gekleidet und Hilbert geheißen, zur Ehe haben wolle und herkommen werde, um sich mir zu zeigen. Ich antwortete, daß ich keinen Mann wolle, weder einen häßlichen, noch einen schönen. Durch die mütterliche Gewalt zwang sie mich, aufzubleiben und sie zu erwarten; denn sie hat nicht all ihre Sinne verloren, wann es sich um ihre Liebschaft handelt. Wir waren halb entkleidet, bereit uns niederzulegen; ich schlief auf dem Stuhl da. Ich wurde nicht wach, als sie eintraten. Plötzlich fühlte ich, daß ich umarmt und auf den Hals geküßt wurde. Und beim Scheine des schimmernden Mondes sah ich ein Gesicht, blinkend wie die Wogenkämme des Meeres im Juli, wann es donnern will, und ich hörte, daß eine tiefe Stimme zu mir sagte: ›Ich bin Hilbert, dein Gatte; sei mein, ich mache dich reich.‹ Das Gesicht dessen, der sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte mich mit Gewalt nehmen, aber ich hatte die Kraft von zehn Männern wie er. Immerhin zerriß er mir das Hemd und verwundete mich im Gesichte. Immer sagte er: ›Sei mein, ich mache dich reich.‹ ›Ja,‹ – sagte ich, ›wie meine Mutter, der du den letzten Heller nehmen wirst.‹ Nun verdoppelte er seine Gewalt; aber er vermochte nichts gegen mich. Dann, wie er häßlicher war als eine Leiche, grub ich meine Nägel in seine Augen, so stark, daß er vor Schmerz schrie und ich entrinnen und zu Soetkin kommen konnte.« Katelijne sagte immerfort: »Nele ist garstig. Warum bist du so rasch weggegangen, Hansken, mein Liebster?« »Wo warst du, elende Mutter,« sagte Soetkin, »als man deinem Kinde die Ehre rauben wollte?« »Nele ist garstig,« sagte Katelijne. »Ich war bei meinem schwarzen Herrn, als der graue Teufel zu uns kam mit blutigem Gesicht und sagte: ›Komm, Gesell; das Haus ist schlecht: die Männer wollen uns totschlagen, und die Weiber haben Messer an den Fingerspitzen.‹ Dann rannten sie zu ihren Pferden und verschwanden im Nebel. Nele ist garstig.« LXXXI An diesem Tage sagte Soetkin zu Katelijne, als sie die warme Milch tranken: »Du siehst, daß mich der Schmerz schon aus der Welt treibt; willst du mich hinausstoßen durch deine verdammte Hexerei?« Aber Katelijne sagte immerzu: »Nele ist garstig. Komm zurück, Hansken, mein Liebster.« Am nächsten Mittwoch kamen die Teufel zu zweit wieder. Seit dem Samstag schlief Nele bei der Witwe Van den Houte, der sie gesagt hatte, sie könne wegen der Anwesenheit Uilenspiegels, eines jungen Burschen, nicht bei Katelijne bleiben. Katelijne empfing ihren schwarzen Herrn und den Freund dieses Herrn in der Keet, die als Waschküche dient und den Backofen enthält, der sie mit dem Hause verbindet. Dort praßten und zechten sie in altem Weine und geräucherten Rindszungen, wozu die Vorbereitungen stets getroffen waren. Der schwarze Teufel sagte zu Katelijne: »Wir brauchen zu einem gewaltigen Werk eine große Summe Geldes; gib uns, was du kannst.« Katelijne wollte ihnen nicht mehr als einen Gulden geben; da drohten sie ihr, sie zu töten. Sie gaben sich aber mit zwei Karlsgulden und sieben Groschen zufrieden. »Kommt nicht mehr Samstags,« sagte sie zu ihnen; »Uilenspiegel weiß den Tag und wird euch bewaffnet auflauern, um euch zu töten, und ich werde nach euch sterben.« »Wir kommen am nächsten Dienstag,« sagten sie. An diesem Tage schliefen Uilenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu fürchten; denn sie glaubten, sie kämen nur Samstags. Katelijne stand auf und sah in der Keet nach, ob ihre Freunde gekommen seien. Sie war sehr ungeduldig; denn seit sie Hansken wiedergesehn hatte, hatte ihre Tollheit merklich nachgelassen, weil es Liebestollheit war, wie man sagte. Da sie sie nicht vorfand, grämte sie sich. Da hörte sie im Felde, in der Richtung von Sluis, den Adler schreien; sie ging auf den Schrei zu. Als sie so am Fuße eines Deiches aus Wieden und Rasen durch die Wiesen schritt, hörte sie auf der andern Seite des Deiches die zwei Teufel miteinander sprechen. Der eine sagte: »Ich will die Hälfte.« Der andere antwortete: »Du wirst nichts bekommen; was Katelijnen gehört, gehört mir.« Dann fluchten sie wütend, indem sie stritten, wer von ihnen beiden das Gut und die Liebe Katelijnens und Nelens allein für sich haben solle. Betäubt vor Angst, wagte Katelijne weder zu sprechen, noch sich zu rühren; bald hörte sie sie miteinander kämpfen, dann sagte einer: »Das Eisen ist kalt.« Dann ein Röcheln und der Sturz eines schweren Körpers. Furchtsam wanderte sie bis zu ihrer Hütte. Um zwei Uhr nachts hörte sie von neuem, diesmal in ihrem Felde, den Schrei des Adlers. Sie ging öffnen und sah vor der Tür ihren Teufel allein. Sie fragte ihn: »Was hast du mit dem andern getan?« »Er wird nicht mehr kommen,« antwortete er. Dann umarmte und liebkoste er sie. Und er schien ihr kälter als sonst. Und der Geist Katelijnens war wirklich wach. Beim Weggehn verlangte er zwanzig Gulden, das war alles, was sie hatte; sie gab ihm siebenzehn. Neugierig ging sie am nächsten Tage den Deich entlang, aber sie sah nichts. Nur an einer Stelle, die so groß war wie die Totenlade eines Mannes, Blut auf dem Rasen, der dem Fuße nachgab. Aber am Abend wusch der Regen das Blut weg. Am nächsten Mittwoch hörte sie wieder den Adlerschrei in ihrem Felde. LXXXII Jedesmal, wann Uilenspiegel Katelijnen den gemeinsamen Unterhalt bezahlen sollte, hob er des Nachts den Stein von dem Loche neben dem Brunnen und nahm einen Karlsgulden. Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Uilenspiegel schnitzte in ein Kästchen, das der Vogt bestellt hatte, künstlich eine schöne Jagd mit einer Meute von Hunden aus dem Hennegau, von Doggen aus Kreta, die gar wilde Tiere sind, von Brabanter Hunden, die paarweise laufen und Ohrenfresser heißen, und von andern Hunden, dicken und magern, Möpsen, Bullenbeißern und Windspielen. Während Katelijne anwesend war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren Schatz wohlverwahrt habe. Die Witwe antwortete ihr ohne Mißtrauen, er könnte nirgends besser aufgehoben sein als neben der Brunnenmauer. Donnerstag gegen Mitternacht wurde Soetkin durch Bibulus Schnuffius geweckt, der heftig bellte, aber nicht lange. In der Meinung, es sei ein blinder Lärm, schlummerte sie wieder ein. Am Freitag sahen Soetkin und Uilenspiegel, als sie beim Tagesgrauen aufgestanden waren, Katelijne nicht wie sonst in der Küche; kein Feuer war angezündet und keine Milch zugestellt. Sie verwunderten sich baß und schauten nach; ob sie nicht etwa in dem Felde sei. Sie war auch dort, obwohl ein leichter Regen sprühte, mit wirrem Haare, im Hemde, durchnäßt und erstarrt, wagte aber nicht hereinzukommen. Uilenspiegel ging zu ihr: »Was tust du da, fast nackt, wo es doch regnet?« »Ach,« sagte sie, »ja, ja, ein großes Wunder.« Und sie zeigte auf den erwürgten und starren Hund. Sofort dachte Uilenspiegel an den Schatz; er lief hin. Das Loch war leer und die Erde weit verstreut. Er stürzte sich auf Katelijne und schlug sie: »Wo sind die Gulden?« »Ja, ja, ein großes Wunder,« antwortete Katelijne. Nele verteidigte ihre Mutter und schrie: »Gnade und Barmherzigkeit, Uilenspiegel!« Er ließ ab vom Schlagen. Auch Soetkin zeigte sich nun und fragte, was es gebe. Uilenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch. Soetkin erbleichte und sagte: »Du züchtigst mich hart, Herr Gott! Meine armen Füße!« Und das sagte sie wegen des Schmerzes, den sie fühlte, und wegen der Folter, die sie umsonst erlitten hatte um der Gulden willen. Als Nele Soetkin so sanft sah, wollte sie schier verzweifeln und brach in Tränen aus; Katelijne, die ein Stück Pergament in der Hand schwenkte, sagte: »Ja, ein großes Wunder. Heute nacht ist er gekommen, gut und schön. Auf seinem Gesicht war nicht mehr der bleiche Schimmer, der mir so viel Angst gemacht hat. Er sprach mit mir in großer Zärtlichkeit. Ich war verzückt, mein Herz zerfloß. Er sagte zu mir: ›Ich bin jetzt reich und werde dir bald tausend Gulden bringen.‹ ›Ja,‹ sagte ich; ›ich freue mich darüber mehr um deinetwillen, als meinetwegen, Hansken, mein Liebster.‹ ›Aber hast du nicht jemand hier,‹ fragte er mich, ›den du lieb hast und den ich reich machen könnte?« ›Nein,‹ antwortete ich; ›die, die hier sind, brauchen nichts von dir.‹ ›Du bist stolz.‹ sagte er; ›sind denn Soetkin und Uilenspiegel reich?‹ ›Sie leben ohne die Hilfe des Nächsten.‹ ›Trotz der Vermögenseinziehung?‹ Darauf antwortete ich, daß ihr lieber die Folter erlitten habt, als euch euer Gut nehmen zu lassen. ›Das ist mir nicht unbekannt,‹ sagte er. Und still und leise kichernd, machte er sich über den Vogt und die Schöffen lustig, daß sie es nicht verstanden hätten, euch zum Geständnis zu bringen. Und ich lachte mit ihm. ›Sie waren doch nicht am Ende so einfältig,‹ sagte er, ›ihren Schatz in ihrem Hause zu verbergen?‹ Ich lachte. ›Oder im Keller?‹ ›O nein,‹ sagte ich. .Auch nicht im Felde?' Ich antwortete nichts. ›Ach,‹ sagte er, ›das wäre eine große Unklugheit gewesen.‹ ›Sie ist klein,‹ sagte ich; ›weder das Wasser, noch seine Mauern werden reden.‹ Und er hörte nicht auf zu lachen. »Heute nacht schied er früher als sonst, nachdem er mir ein Pulver gegeben hatte, durch dessen Kraft ich, wie er sagte, zu dem schönsten Sabbat fahren würde. Ich begleitete ihn im Hemde bis zu der Tür des Feldes, und ich war ganz schlaftrunken. Ich fuhr, wie er gesagt hatte, zu dem Sabbat und kam nicht früher zurück als ums Morgengrauen, und da fand ich mich hier und sah den Hund erwürgt und das Loch leer. Das ist ein schwerer Schlag für mich, die ich ihn so zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber euch soll alles gehören, was mir gehört, und ich werde mit meinen Händen arbeiten, um euch den Lebensunterhalt zu beschaffen.« Soetkin sagte: »Ich bin das Korn unter dem Mühlsteine; Gott und ein diebischer Teufel schlagen mich zu gleicher Zeit.« »Diebisch? Sprecht nicht so,« antwortete Katelijne; »ein Teufel ist er, ein Teufel. Und zum Zeugnis weise ich euch das Pergament, das er im Hofe gelassen hat; da steht geschrieben: ›Vergiß niemals, mir zu dienen. In dreimal zwei Wochen und fünf Tagen werde ich den Schatz doppelt wiederbringen. Hege keinen Zweifel, sonst mußt du sterben.‹ Und er wird sein Wort halten, dessen bin ich sicher.« »Arme Närrin!« sagte Soetkin. Und das war ihr letztes Scheltwort. LXXXIII Die zwei Wochen waren dreimal vorbei und die fünf Tage desgleichen, und der teuflische Freund kam nicht wieder; aber Katelijne verzweifelte nicht. Soetkin, die nichts mehr arbeitete, saß ohne Unterlaß vor dem Feuer, hustend und gebeugt. Nele brachte ihr die besten und balsamischesten Kräuter; aber ihr nützte kein Heiltrank. Uilenspiegel verließ die Hütte nicht, aus Angst, Soetkin könnte sterben, wann er weg sei. Mit der Zeit geschah es, daß die Witwe nicht mehr essen, nicht mehr trinken konnte, ohne sich zu erbrechen. Der Wundarzt kam und ließ ihr zur Ader; nach dem Aderlasse wurde sie so schwach, daß sie sich nicht erheben konnte. Vom Schmerze ausgezehrt, sagte sie eines Abends: »Klaas, mein Mann! Thijl, mein Sohn! Dank sei Gott, der mich zu sich nimmt!« Und seufzend starb sie. Katelijne getraute sich nicht, bei ihr zu wachen; Uilenspiegel und Nele taten es zusammen und beteten die ganze Nacht für die Tote. Um den Morgenschein flog eine Schwalbe durch das offene Fenster. Nele sagte: »Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Vorzeichen: Soetkin ist im Himmel.« Die Schwalbe machte dreimal die Runde im Zimmer und entflog mit einem Schrei. Dann flog eine zweite Schwalbe herein, größer und schwärzer als die andere. Sie umkreiste Uilenspiegel, und er sagte: »Vater und Mutter, die Asche schlägt an meine Brust; ich werde tun, was ihr verlangt.« Und die zweite entflog mit einem Schrei wie die erste. Der Tag brach an. Uilenspiegel sah Tausende von Schwalben über die Wiesen streichen, und die Sonne ging auf. Und Soetkin wurde auf dem Armenfelde begraben. LXXXIV Nach dem Tode Soetkins zeigte Uilenspiegel ein träumerisches oder trauriges oder mißmutiges Wesen. In der Küche herumtaumelnd, hörte er auf nichts, und er aß und trank, was man ihm gab. Und des Nachts erhob er sich oft von seinem Lager. Umsonst mahnte ihn Nele mit ihrer süßen Stimme zur Zuversicht, umsonst sagte ihm Katelijne, sie wisse, daß Soetkin bei Klaas im Paradiese sei. Uilenspiegel antwortete auf alles: »Die Asche schlägt.« Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte über ihn. Unterdessen hielt sich der Fischhändler allein in seinem Hause, wie ein Vatermörder, und er wagte nicht auszugehn, außer am Abende; denn wer ihm begegnete, Männer und Frauen, beschimpften ihn und nannten ihn Mörder, und die kleinen Kinder flohen vor ihm, weil man ihnen gesagt hatte, er sei der Henker. Allein schlich er umher und wagte es nicht, in eines der drei Wirtshäuser von Damme einzutreten; denn man zeigte mit Fingern auf ihn, und er war noch keine Minute in der Stube, so brachen die Zecher auf. So kam es, daß ihn die Wirte nicht mehr sehn wollten; und wenn er hinkam, schlossen sie die Tür vor ihm. Dann machte ihnen der Fischhändler sanfte Vorstellungen; sie antworteten, es sei ihr Recht, aber nicht ihre Pflicht, zu verkaufen. Des Kampfes müde, ging der Fischhändler in den Rooden Valk trinken, eine kleine Schenke außerhalb der Stadt am Ufer des Kanals von Sluis. Dort bekam er etwas; denn es waren dürftige Leute, die das Geld nicht ansahen. Aber der Wirt vom Rooden Valk sprach kein Wort mit ihm und seine Frau nicht mehr. Sie hatten zwei Kinder und einen Hund: wann der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, entflohen sie; und wann er den Hund rief, wollte ihn der beißen. Eines Abends stand Uilenspiegel auf der Türschwelle. Matthijssen, der Böttcher, sagte zu ihm, als er ihn so verträumt sah: »Du mußt arbeiten mit deinen Händen und den Schicksalsschlag vergessen.« Uilenspiegel antwortete: »Die Asche Klaasens schlägt an meine Brust.« »Ach,« sagte Matthijssen, »er führt ein trauriger Leben als du, der elende Fischhändler. Niemand spricht mit ihm, und alles flieht ihn, so daß er zu dem Bettelvolk vom Rooden Valk gehn muß, um seine Kanne Bier einsam zu trinken. Das ist eine harte Strafe.« »Die Asche schlägt,« sagte Uilenspiegel wieder. Als dann an diesem Abende die Glocke von Unserer Frau die neunte Stunde schlug, wanderte Uilenspiegel zum Rooden Valk hinaus; da er sah, daß der Fischhändler nicht dort war, strich er unter den Bäumen herum, die den Kanal einsäumten. Der Mond schien hell. Nun sah er den Mörder kommen. Als der an ihm vorbeiging, konnte er ihn in der Nähe sehn und hörte, daß er ganz laut vor sich hinsprach, wie es Leute tun, die einsam leben: »Wo haben sie die Gulden versteckt?« »Wo sie der Teufel gefunden hat,« antwortete Uilenspiegel und schlug ihm die Faust ins Gesicht. »Ach,« sagte der Fischer, »ich erkenne dich, du bist der Sohn. Hab Erbarmen, ich bin alt und kraftlos. Was ich getan habe, es ist nicht aus Haß geschehn, sondern um Seiner Majestät zu dienen. Verzeihe mir. Ich gebe dir den Hausrat, den ich gekauft habe, und du brauchst mir keinen Plappart dafür zu zahlen. Ist das nicht genug? Ich habe ihn um sieben Gulden gekauft. Du bekommst alles und einen halben Gulden dazu; ich bin ja nicht reich, du darfst dir das nicht einbilden.« Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen. Als ihn Uilenspiegel so abstoßend, so zitternd und so feig sah, warf er ihn in den Kanal. Und er ging davon. LXXXV Auf den Scheiterhaufen dampfte das Schmer der Opfer. Uilenspiegel weinte einsam in Gedanken an Klaas und Soetkin. Eines Abends besuchte er Katelijne, um bei ihr Hilfe und Rache zu suchen. Sie war allein mit Nele, die bei der Lampe nähte. Bei dem Geräusche seines Eintritts hob Katelijne schwer den Kopf, wie eine Frau, die aus einem tiefen Schlaf erwacht. Er sagte zu ihr: »Die Asche Klaasens schlägt an meine Brust; ich will Flandern retten. Ich erbat das von dem großen Gotte des Himmels und der Erde, aber er hat mir nicht geantwortet.« Katelijne sagte: »Der große Gott hat dich nicht hören können; man muß zuerst mit den Elementargeistern reden, die mit ihren beiden Naturen, mit der himmlischen und der irdischen, die Klagen der armen Menschen aufnehmen und sie den Engeln übermitteln, die sie nachher zum Throne tragen.« »Hilf mir«, sagte er, »in meinem Vorhaben; wenn es sein muß, werde ich dich mit Blut bezahlen.« Katelijne antwortete: »Ich werde dir helfen, wenn dich ein Mädchen, das dich liebt, auf den Sabbat der Frühlingsgeister mitnimmt, auf die Ostern der Lebenskraft.« »Ich nehme ihn mit,« sagte Nele. Katelijne goß eine grauliche Mixtur in einen Kristallbecher und ließ beide trinken; auch rieb sie ihnen mit dieser Mixtur die Schläfen, die Nasenlöcher, die Handflächen und die Handwurzeln, gab ihnen eine Prise eines weißen Pulvers zu essen und befahl ihnen, ihre Blicke ineinander zu versenken, damit ihre Seelen zu einer einzigen würden. Uilenspiegel sah Nele an, und die süßen Augen des Mädchens entzündeten in ihm eine lodernde Flamme; dann hatte er, wegen der Mixtur, ein Gefühl, als ob ihn tausend Krabben mit ihren Scheren faßten. Dann entkleideten sie sich, und sie waren schön in dem Scheine der Lampe, er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer süßen Lieblichkeit; aber sie konnten einander nicht sehn, denn schon waren sie wie entschlummert. Katelijne bog Nelens Hals auf Uilenspiegels Arm und legte seine Hand auf das Herz des Mädchens. So blieben sie nackt nebeneinander liegen. Und es schien ihnen beiden, daß ihre Körper bei der Berührung ein süßes Feuer ausströmten, wie die Sonne im Monat der Rosen. Sie erhoben sich – so sagten sie nämlich später – stiegen auf das Fensterbrett und schwangen sich von dort ins Leere. Und sie fühlten, daß die Luft sie trug wie das Wasser die Schiffe. Dann sahen sie nichts mehr: nicht die Erde, wo die armen Menschen schliefen, nicht den Himmel, dessen Wolken schon unter ihren Füßen dahinrollten. Und sie setzten den Fuß auf den Sirius, den kalten Stern. Von dort wurden sie auf den Pol geworfen. Dort sahen sie, nicht ohne Zagen, einen nackten Riesen mit gelben Haaren, den Riesen Winter, auf Eisschollen sitzen, an eine Eiswand gelehnt. In Wasserlachen tummelten sich Bären und Robben um ihn, eine heulende Herde. Mit heiserer Stimme rief er den Hagel, den Schnee, die kalten Regengüsse, die grauen Wetterwolken und die roten dumpfen Nebel; und er rief die Winde, von denen am rauhesten der harsche Nord weht. Und alle diese Gewalten brachen auf einmal los an diesem unheilvollen Orte. Lachend über dies Wüten legte sich der Riese auf Blüten, die seine Hand gewelkt hatte, und auf Blätter, die verdorrt waren von seinem Hauche. Dann beugte er sich nieder und riß den Grund auf mit seinen Nägeln, bohrte seine Zähne hinein und wühlte ein Loch, um das Herz der Erde zu packen und es zu verschlingen, damit schwarze Kohle entstehe, wo schattige Wälder waren, Stroh, wo Kornfelder grünten, und Sandwüsten an der Stelle der Fruchtbarkeit. Aber das Herz der Erde ist aus Feuer; er wagte es nicht zu berühren und zog sich zaghaft zurück. Seinen Trankelch leerend, thronte er als König inmitten seiner Bären und Robben und der Gerippe aller derer, die er auf dem Meere, auf der Erde und in den Hütten der armen Leute tötete. Fröhlich hörte er das Brummen der Bären und das Brüllen der Robben, das Klappern der Menschengebeine und der Tierskelette, an denen Geier und Raben tastend ein letztes Stückchen Fleisch suchten, und das Gekrach der Eisschollen, die im dunkeln Wasser gegeneinander stießen. Und die Stimme des Riesen war wie das Brüllen der Orkane, wie das Brausen der Winterstürme und wie das Heulen des Windes in den Kaminen. »Ich friere und habe Furcht,« sagte Uilenspiegel. »Er vermag nichts gegen die Geister,« antwortete Nele. Plötzlich kam eine ungestüme Bewegung unter die Robben, die hastig wieder ins Wasser tauchten, unter die Bären, die mit hangenden Ohren jämmerlich brummten, und unter die Raben, die sich mit ängstlichem Gekrächze in den Wolken verloren. Und siehe, Nele und Uilenspiegel hörten die Eiswand, die dem Riesen Winter als Sitzlehne diente, unter den dumpfen Stößen eines Mauerbrechers erdröhnen. Die Wand spaltete sich und schwankte in ihren Grundfesten. Aber der Riese Winter hörte nichts, und er heulte und kläffte fröhlich, füllte und leerte seinen Trankelch und suchte das Herz der Erde, um es zu vereisen, und wagte es nicht zu berühren. Unterdessen dröhnten die Stöße stärker, und die Wand spaltete sich weiter, und der Regen der zersplitternden Eisschollen sprühte ununterbrochen rings um ihn. Und jämmerlich brummten die Bären ohne Unterlaß, und die Robben klagten in den dunkeln Gewässern. Die Wand sank, und es wurde Tag am Himmel; ein Mann stieg herab, nackt und schön, die Hand auf ein goldenes Beil gestützt: und dieser Mann war Luzifer, der König Frühling. Als ihn der Riese sah, warf er seinen Trankelch weit weg und bat ihn, ihn nicht zu töten. Und bei dem lauen Atemhauch des Königs Frühling verlor der Riese Winter seine ganze Kraft. Nun nahm der König diamantene Ketten, band ihn und fesselte ihn an den Pol. Dann stand er ruhig und schrie, aber sanft und zärtlich. Und vom Himmel stieg eine blonde Frau herab, nackt und schön. Sie trat zu ihm und sagte: »Du bist mein Überwinder, du starker Mann.« Er antwortete: »Wenn du Hunger hast, iß, wenn du Durst hast, trink, wenn du Furcht hast, komm zu mir; ich bin dein Gatte.« »Nicht Hunger habe ich,« sagte sie, »nicht Durst, außer nach dir.« Wieder schrie der König, siebenmal und schrecklich. Und es erbrauste ein mächtiges Gewitter von Donner und Blitz, und hinter ihnen wölbte sich ein Baldachin von Sonnen und Sternen. Und sie setzten sich auf Throne. Nun schrien der König und seine Frau, ohne daß sich ihr edels Antlitz geregt hätte; und es war keine Gebärde an ihnen, die ihrer Kraft oder ihrer stillen Majestät zuwider gewesen wäre. Auf diese Schreie ging ein welliges Beben durch die Erde, das Gestein und das Eis. Und Nele und Uilenspiegel hörten ein mächtiges Hallen, als ob sich riesenhafte Vögel bemühten, die Schalen ungeheuerer Eier mit den Schnäbeln zu zerhacken. Und in dem gewaltigen Schwingen des Bodens, der sich hob und senkte wie die Wogen in der See, entstanden Formen, ähnlich denen des Eies. Plötzlich schossen überall Bäume hervor; die dürren Aste waren ineinander verwirrt, während die Stämme taumelten wie trunkene Menschen. Dann sonderten sie sich, und zwischen ihnen blieb ein weiter leerer Raum. Aus dem flutenden Boden stiegen die Erdgenien, aus dem Grunde des Gehölzes die Waldgeister und aus dem nahen Meere die Wassergenien. Da sahen Uilenspiegel und Nele höckerige, rauhfüßige, zottige, häßliche und fratzenhafte Zwerge, die die Schätze hüten, Waldmänner, die wie die Bäume leben und statt des Mundes und des Magens unten am Gesichte ein Wurzelbündel haben, womit sie ihre Nahrung aus der Brust der Erde saugen, die Kaiser der Erzgänge, die stumm sind, weder ein Herz noch Eingeweide haben und sich schimmernd bewegen, ohne daß man sähe, wieso, und die Fürsten des Gesteins. Da waren Zwerge aus Fleisch und Bein mit Echsenschwänzen und Krötenköpfen, die statt des Hutes ein Licht trugen; und das sind die, die des Nachts einem trunkenen Fußgänger oder einem ängstlichen Wanderer auf die Schulter springen, wieder herabhüpfen und ihn durch das Schütteln ihres Lichtes in Sümpfe und Löcher verführen, während die armen Wichte glauben, das Licht sei eine Kerze, die in ihrer Stube brennt. Da waren auch die Blumenelfen, Blüten an weiblicher Kraft und Gesundheit, nackt und nicht errötend, stolz in ihrer Schönheit und ohne eine andere Hülle als ihr Haar. Ihre Augen schimmerten feucht wie Perlmutter im Wasser, und ihr praller Leib glänzte weiß und golden im Lichte; aus ihrem halboffenen rosigen Mund wehte ein Atem mit süßerm Dufte als der Jasmin. Das sind die, die des Abends durch Laubgänge und Gärten oder in der Tiefe des Waldes auf schattigen Pfaden liebeschmachtend irren und eine Menschenseele für ihre Wonnen suchen. Und wann ein junges Liebespaar an ihnen vorbeigeht, so versuchen sie das Mädchen zu töten: da sie das aber nicht können, hauchen sie der Schönen, die noch immer widersteht, Liebessehnsucht in ihr Herz, damit sie sich dem Liebenden hingebe; denn dann hat die Blumenelfe die Hälfte der Küsse. Auch sahen Uilenspiegel und Nele hoch vom Himmel die Geister der Sterne herabsteigen und die Genien des Windes, des Taues und des Regens, geflügelte Jünglinge, die die Erde befruchten. Dann flogen von allen Enden des Himmels die Vögel der Seelen heran, die lieblichen Schwalben. Und als sie da waren, erstrahlte das Licht Heller. Blumenelfen, Fürsten des Gesteins, Kaiser der Erzgänge, Waldmänner, Wassergenien, Feuergeister und Erdgeister riefen miteinander: »Licht! Lebenskraft! Heil dem Könige Frühling!« Wenngleich der Lärm ihrer einstimmigen Rufe mächtiger war als der des wütenden Meeres, des donnernden Blitzes und des entfesselten Sturmes, klang er doch wie ernste Musik den Ohren Nelens und Uilenspiegels, die, unbeweglich und stumm, hinter einem runzeligen Eichenstrunke kauerten. Aber ihre Furcht wuchs noch mehr, als sich die Geister zu Tausenden niederließen: denn ihre Sitze waren ungeheuere Spinnen, Kröten mit Elefantenrüsseln und ineinander verflochtene Schlangen, und die Geister saßen auf Krokodilen, die auf dem Schwanze standen, und zu Haufen in deren Rachen, und auf den ringelnden Körpern von Schlangen ritten mehr als dreißig Zwerge und Zwerginnen; und sie saßen auf wohl hunderttausend Käfern, größer als Goliath und bewaffnet mit Schwertern, Spießen, gezähnten Sensen, siebenzinkigen Gaffeln und allen andern Arten schrecklichen Todeswerkzeugs. Und die kämpften gegeneinander in wildem Getümmel, und der Starke fraß den Schwachen; und also anwachsend, taten sie dar, daß der Tod die Frucht des Lebens ist und das Leben die Frucht des Todes. Und aus dieser ganzen dichten, wimmelnden, verworrenen Menge von Geistern erhob sich ein Dröhnen wie von dumpfem Donner und von dem gleichzeitigen Werken von hundert Webern, Walkern und Schlossern. Plötzlich erschienen die Geister der Lebenskraft: die waren kurz, dick, die Lenden weit wie das Heidelberger Faß, mit Schenkeln so rund wie Weintonnen, und die Muskeln so absonderlich stark und kräftig, daß man hätte sagen können, ihr Körper bestehe aus großen und kleinen aneinander gefügten Eiern, die bedeckt seien mit einer roten und fetten Haut, schimmernd wie ihr spärlicher Bart und ihr rotes Haar; und sie trugen ungeheuere Humpen, gefüllt mit einer fremdartigen Flüssigkeit. Als die Geister sie kommen sahen, ging durch sie ein mächtiges Tummeln der Lust; die Bäume, die Pflanzen schüttelten sich, und die Erde riß sich Schrunden, um zu trinken. Und die Geister der Lebenskraft gossen den Wein aus: Alsobald knospete, grünte und blühte es überall; der Rasen ward voll surrender Käfer und der Himmel erfüllt mit Vögeln und Schmetterlingen. Die Geister gossen immerfort, und die, die unten waren, nahmen den Wein auf, wie sie nur konnten. Die Blumenelfen harrten mit offenen Lippen oder sprangen auf ihre roten Mundschenken und küßten sie, um mehr zu bekommen. Manche falteten die Hände zum Zeichen des Bittens; andere ließen sich selig beregnen. Aber alle, gierig oder durstig, fliegend oder stehend, laufend oder unbeweglich, alle lechzten nach dem Weine; und bei jedem Tropfen, den sie erlangten, wurden sie lebendiger. Und es gab da keine Alten, sondern ob häßlich oder schön, alle waren voll grüner Kraft und frischer Jugend. Und sie lachten, schrien und sangen und haschten sich auf den Bäumen wie die Eichhörnchen und in der Luft wie die Vögel; jedes Männchen suchte sein Weibchen, und sie vollzogen unter Gottes Himmel das heilige Werk der Natur. Und die Geister der Lebenskraft brachten dem Könige und der Königin den großen Becher voll ihres Weines. Und der König und die Königin tranken und umarmten sich. Dann schüttete der König, der die Königin umschlungen hielt, den Rest seines Bechers über die Bäume, die Blumen und die Geister, und rief: »Heil dem Leben! Heil der Luft! Heil der Kraft!« Und alle riefen: »Heil der Natur! Heil der Kraft!« Und Uilenspiegel nahm Nele in seine Arme. Und während sie sich umschlungen hielten, begann ein Tanz; ein Tanz, wirbelnd wie der der Blätter, die die Windsbraut kreisend fegt, ein Tanz, wo alles im Strudel war, Bäume, Pflanzen, Käfer, Schmetterlinge, Himmel und Erde, König und Königin, Blumenelfen, Kaiser der Erzgänge, Wassergeister, höckerige Zwerge, Fürsten des Gesteins, Waldmänner, Lichtläufer und Sterngeister, dazu die hunderttausend schrecklichen Käfer mit dem Gewimmel ihrer Spieße, ihrer gezähnten Sensen, ihrer Gaffeln mit sieben Zinken, ein schwindelnder Tanz, rollend im Räume, den er erfüllte, ein Tanz, an dem die Sonne teilnahm und der Mond, die Planeten, die Sterne, der Wind und die Wolken. Und die Eiche, an die sich Nele und Uilenspiegel geklammert hatten, tollte in den Wirbel, und Uilenspiegel sagte zu Nele: »Herzlieb, nun müssen wir sterben.« Ein Geist hörte sie und sah, daß sie Sterbliche waren. »Menschen,« schrie er, »Menschen sind hier!« Und er riß sie von dem Baum und warf sie in die Menge. Und Uilenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der Geister. Und die Geister schleuderten sie einander zu wie Fangbälle; und sie sagten: »Gruß euch, ihr Menschen! Willkommen, Erdenwürmer! Wer will das Knäblein und das Mägdlein? Sie kommen uns besuchen, die Elenden.« Und Uilenspiegel und Nele flogen von einem zum andern; sie schrien: »Gnade!« Aber die Geister hörten nicht auf sie, und beide kreisten in der Luft, die Beine oben, den Kopf unten, wirbelnd wie Federn im Wintersturm. Und die Geister riefen: »Heil den Männlein und den Weiblein, daß sie tanzen wie wir!« Die Blumenelfen schlugen Nele, die sie von Uilenspiegel trennen wollten, und sie hätten sie getötet, wenn nicht der König Frühling, den Tanz mit einem Winke beendigend, geschrien hätte: »Man bringe die zwei Läuse vor mich.« Und sie wurden voneinander getrennt; und jede Blumenelfe versuchte Uilenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen, und sie sagten zu ihm: »Thijl, möchtest du nicht sterben für mich?« »Sofort werde ich es tun,« antwortete Uilenspiegel. Und die zwergigen Waldgeister, die Nele trugen, sagten: »Warum bist du keine Seele wie wir, daß wir dich nehmen könnten?« Nele antwortete: »Habt Geduld.« So kamen sie vor den Thron des Königs; und sie erzitterten, als sie sein Goldbeil und seine Eisenkrone sahen. Und er sagte zu ihnen: »Was habt ihr hier zu tun gehabt. Elende?« Und sie antworteten nicht. »Ich kenne dich, Knospe der Hexe,« fuhr er fort, »und auch dich, Schößling des Kohlenträgers; da es euch aber durch die Kraft von Zauberkünsten gelungen ist, in diese Werkstatt der Natur einzudringen, warum habt ihr jetzt den Schnabel geschlossen, wie mit Krumen gemästete Kapaune?« Nele zitterte, indem sie den schrecklichen Teufel ansah; aber Uilenspiegel gewann seine männliche Sicherheit wieder und antwortete: »Die Asche Klaasens schlägt an mein Herz. Göttliche Hoheit, der Tod schreitet über Flandern und mäht im Namen des Papstes die stärksten Männer und die lieblichsten Frauen; die Freiheiten des Landes sind zerbrochen, seine Gerechtsamen sind vernichtet, der Hunger nagt, und die Weber und Tuchmacher verlassen es, um in der Fremde freie Arbeit zu suchen. So wird denn Flandern bald sterben, wenn ihm keine Hilfe kommt. Hoheiten, ich bin nichts als ein armer, kleiner Mensch, der auf die Welt gekommen ist wie alle andern, und ich habe gelebt, wie ich konnte, unvollkommen, beschränkt, unwissend, ohne Tugend und Keuschheit, unwürdig jeder menschlichen oder göttlichen Gnade. Aber Soetkin ist gestorben an den Folgen der Folter und an ihrem Kummer, aber Klaas ist verbrannt worden in einem entsetzlichen Feuer, und ich wollte sie rächen und habe es einmal getan; ich wollte auch diesen armen Boden, wo ihre Gebeine gesät sind, glücklicher sehn, und ich habe Gott um den Tod der Verfolger gebeten, er hat mich jedoch nicht gehört. Müde der Klagen habe ich Euch durch die Macht von Katelijnens Zauber beschworen, und wir, ich und meine zitternde Gefährtin, werfen uns Euch zu Füßen, göttliche Hoheiten, mit der Bitte, dieses arme Land zu retten.« Der Kaiser und seine Gefährtin antworteten zusammen: Durch das Feuer und durch den Krieg, Durch den Tod und durch das Schwert Suche die Sieben. In dem Tod und in dem Blut, In den Trümmern und in den Tränen Finde die Sieben. Häßlich, grausam, mißgestaltet, Wahre Plagen der armen Erde, Brenne die Sieben. Wache, höre und sieh, Sag uns, Elender, bist du nicht froh? Finde die Sieben. Und alle Geister sangen mitsammen: In dem Tod und in dem Blut, In den Trümmern und in den Tränen Finde die Sieben. Wache, höre und sieh, Sag uns, Elender, bist du nicht froh? Finde die Sieben. »Aber«, sagte Uilenspiegel, »Hoheit, und Ihr, gnädige Geister, ich verstehe Euere Sprache nicht. Ihr macht Euch lustig über mich, sicherlich.« Aber ohne auf ihn zu hören, sagten sie: Wann der Norden Küßt den Schläfer, Ist die Not zu Ende. Finde die Sieben Und das Band. Und das mit so einmütiger Wucht und mit so furchtbarer Kraft des Klanges, daß die Erde bebte und die Himmel rauschten. Und die Vögel zwitscherten, die Eulen heulten, die Spatzen piepten vor Angst, und die Adler klagten, und alle schlugen mit den Flügeln in jähem Schreck. Und die Tiere der Erde, die Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, Rehe, Wölfe, Hunde und Katzen brüllten, zischten, murrten, wimmerten, kläfften und mauten schrecklich. Und die Geister sangen: Wache, höre und sieh, Liebe die Sieben Und das Band. Und die Hähne krähten, und die Geister verschwanden allesamt bis auf einen garstigen Kaiser der Erzgänge, der Uilenspiegel und Nele jedes bei einem Arme nahm und sie ins Leere schleuderte, mitleidlos. Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie zum Schlafen; und sie fröstelten beim kühlen Morgenwinde. Und Uilenspiegel sah den lieblichen Körper Nelens goldig glänzen; denn die Sonne ging auf. Zweites Buch I An diesem Morgen, es war im September, nahm Uilenspiegel seinen Stock, drei Gulden, die ihm Katelijne gegeben hatte, ein Stück Schweineleber und eine Schnitte Brot und brach von Damme gegen Antwerpen auf, um die Sieben zu suchen; Nele schlief. Während er dahinschritt, folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber beroch und ihm an die Beine sprang. Uilenspiegel versuchte ihn wegzujagen, aber der Hund beharrte darauf ihm nachzulaufen, und Uilenspiegel hielt ihm folgende Rede: »Mein liebes Hündchen, du bist schlecht beraten, daß du dein Haus, wo gutes Futter, köstliche Brocken und Knochen voll Mark deiner harren, verläßt, um aufs Geratewohl einem Landstreicher zu folgen, der dir vielleicht nicht einmal ein paar Wurzeln täglich wird geben können. Glaub mir, du dummes Hündchen, geh zurück zu deinem Herrn. Versuch nicht erst den Regen, den Schnee, den Hagel, die Güsse, die Nebel und die Schauer und die andern Wassersuppen, die auf den Rücken der Landstreicher traufen. Bleib in deinem Herdwinkel und wärme dich zusammengerollt am lustigen Feuer; mich laß meinen Weg gehn im Kot und im Sand, bei Kälte und Hitze, heute gebraten, morgen erfroren, satt am Freitag und hungrig am Sonntag. Es wäre das gescheiteste, daß du wieder gingest, woher du gekommen bist, du unerfahrenes Hündchen.« Der Hund schien Uilenspiegel durchaus nicht zu begreifen. Mit dem Schweife wedelnd, tat er seine schönsten Sprünge und bellte vor Freßlust. Uilenspiegel glaubte, das geschehe aus Freundschaft, und dachte nicht im mindesten an die Leber, die er in seinem Schnappsacke trug. Er schritt aus, und der Hund folgte ihm. Nach einer Meile sahen sie auf der Straße einen Karren, vor den ein Esel gespannt war, der den Kopf hangen ließ. Auf der Straßenböschung saß zwischen zwei Distelsträuchern ein dicker Mann, in der einen Hand eine Hammelkeule, woran er nagte, in der andern eine Flasche, deren Inhalt er schlürfte; wann er gerade nicht aß und nicht trank, dann stöhnte und weinte er. Uilenspiegel hielt an und der Hund desgleichen. Der witterte den Hammelknochen und die Leber und erstieg die Böschung. Dort setzte er sich neben den Mann und kratzte ihn am Wamse, um seinen Teil von der Mahlzeit zu haben; aber der Mann stieß ihn mit dem Ellbogen weg und wimmerte, die Hammelkeule hoch in die Luft haltend, herzerweichend. Der Hund ahmte ihm aus Lüsternheit nach. Der Esel begann zu brällen, aus Groll, weil er an den Karren geschirrt war und nicht zu den Disteln konnte. »Wo fehlts dir, Jan?« fragte der Mann den Esel. »An nichts sonst,« antwortete Uilenspiegel, »als daß er gerne die Disteln schmauste, die zu Euern Seiten blühen, wie in der Emporkirche zu Tessenderloo neben und über dem Herrn Jesus Christus. Auch der Hund da wäre nicht abgeneigt, seine Kinnlade mit Euerm Knochen Hochzeit halten zu lassen; einstweilen will ich ihm die Leber da geben.« Der Hund hatte die Leber gefressen; der Mann betrachtete seinen Knochen genau, nagte ihn noch einmal ab, um auch das letzte Restchen Fleisch zu bekommen, und gab ihn endlich dem Hunde. Der legte die Pfoten darauf und begann ihn auf dem Rasen zu zermalmen. Dann sah der Mann Uilenspiegel an. Der erkannte Lamme Goedzak aus Damme. »Lamme,« sagte er, »was machst du da, trinkend, essend und in Tränen zerfließend? Hat dich vielleicht so ein ehrfurchtsloser Soldat bei den Ohren gezaust?« »Ach, meine Frau!« sagte Lamme. Er wollte seine Weinflasche leeren, aber Uilenspiegel legte ihm die Hand auf den Arm. »Trink nicht so,« sagte er; »von dem gähen Trinken haben nur die Nieren etwas. Besser käme es dem zu, der keine Flasche hat.« »Du sprichst gut,« antwortete Lamme; »wirst du das Trinken besser treffen?« Und er reichte ihm die Flasche. Uilenspiegel nahm sie, hob den Ellbogen und gab sie ihm wieder: »Heiß mich einen Spanier, wenn noch so viel drin ist, um einen Spatzen betrunken zu machen.« Lamme besah die Flasche. Ohne sein Schluchzen zu unterbrechen, suchte er in seinem Ranzen und förderte außer einer andern Flasche ein Stück Wurst heraus; er machte sich daran, Scheiben herunterzuschneiden und sie trübselig zu kauen. »Ißt du ununterbrochen, Lamme?« fragte ihn Uilenspiegel. »Manchmal, mein Sohn,« antwortete Lamme, »aber nur, um meine traurigen Gedanken zu verscheuchen. Wo bist du, Frau?« Und er wischte sich eine Träne aus dem Auge. Und er schnitt zehn Scheiben von der Wurst ab. »Lamme,« sagte Uilenspiegel, »iß nicht so schnell und so ohne Mitgefühl für den armen Pilger.« Weinend gab ihm Lamme vier Scheiben; Uilenspiegel aß sie und war ganz gerührt über ihren guten Geschmack. Aber Lamme sagte, immerfort weinend und essend: »Meine Frau, meine gute Frau! Wie war sie süß, wie war sie wohlgebaut am Leibe! Leicht wie ein Schmetterling, lebendig wie der Blitz und sangeslustig wie die Lerche! Freilich liebte sie den Putz zu sehr. Ach, ihr stand alles so gut! Haben doch auch die Blumen reichlichen Schmuck. Wenn du, mein Sohn, ihre Händchen gesehn hättest, so leicht zur Liebkosung, du hättest sie nie eine Pfanne oder einen Kessel anrühren lassen. Das Küchenfeuer hätte ihre Haut geschwärzt, die so licht war wie der Tag. Und die Augen! Wann ich sie nur ansah, zerfloß ich in Zärtlichkeit. – Nimm einen Schluck Wein, ich trinke nach dir. – Ach! Warum ist sie nicht tot? Thijl, ich hatte das ganze Hauswesen auf mich genommen, um ihr auch die geringste Arbeit zu ersparen: ich scheuerte die Stuben, und ich machte das eheliche Bett, wo sie sich des Abends ausstreckte, müde vor Wohlbehagen; ich wusch das Geschirr, und ich wusch das Weißzeug, das ich auch wieder plättete.–Iß, Thijl, es ist Genter Wurst. – Oft kam sie vom Spazierengehn zu spät zum Essen heim, aber meine Freude, sie zu sehn, war so groß, daß ich nicht zu greinen wagte, glücklich, wenn sie mir nur nicht in der Nacht schmollend den Rücken wandte. Alles ist hin. – Koste den Wein, er ist aus der Brüsseler Flur, nach der Art des Burgunders.« »Warum ist sie gegangen?« fragte Uilenspiegel. »Weiß ichs?« antwortete Lamme Goedzak. »Wo ist die Zeit, wo ich sie, schon entschlossen, sie zu heiraten, besuchte? Damals floh sie vor mir aus Furcht und aus Liebe. Wann sie die Arme nackt hatte, ihre schönen runden weißen Arme, und sie merkte, ich sehe sie an, ließ sie sofort die Ärmel fallen. Ein andermal überließ sie sich meiner Zärtlichkeit, und ich durfte ihre schönen Augen küssen, die sie schloß, und ihren breiten, prallen Nacken; dann zitterte sie und stieß kleine Schreie aus, bog wohl den Kopf nach rückwärts und gab mir damit einen Schlag auf die Nase. Und sie lachte, wenn ich ›O weh‹ sagte. Und ich strafte sie mit verliebten Püffen, und unter uns war eitel Wonne und Lachen. – Thijl, ist noch Wein in der Flasche?« »Ja,« antwortete Uilenspiegel. Lamme trank und fuhr fort: »Ein andermal, wann sie inniger war, schlang sie mir die Arme um den Hals und sagte zu mir: ›Du bist schön!‹ Und sie küßte mich toll, hundertmal hintereinander auf die Wangen oder die Stirn, aber niemals auf den Mund. Und wann ich sie dann fragte, woher ihr diese Zurückhaltung komme bei einer so großen Ausgelassenheit, dann lief sie eilends um eine Puppe, gekleidet in Seide und Perlen, die in einem Humpen auf einer Truhe stand, nahm sie in die Arme und wiegte sie und sagte: ›Ich will nicht so etwas.‹ Sicherlich hatte ihr die Mutter, um ihre Tugend zu bewahren, gesagt, die Kinder würden mit dem Munde gemacht. Ach! Süße Augenblicke! Zärtliche Liebkosungen! – Thijl, sieh einmal nach, ob du nicht im Beutel des Ranzens etwas Schinken findest!« »Einen halben,« antwortete Uilenspiegel und gab ihn Lamme; der aß ihn bis auf den letzten Bissen auf. Uilenspiegel sah ihm zu und sagte: »Der Schinken tut mir im Magen sehr wohl.« »Mir auch,« sagte Lamme, sich die Zähne mit den Nägeln stochernd. »Aber ich werde mein Lieb nimmer wiedersehn, sie ist weg von Damme; willst du sie suchen mit mir in meinem Karren?« »Ja,« antwortete Uilenspiegel. »Aber«, sagte Lamme, »ist nichts mehr in der Flasche?« »Nichts,« antwortete Uilenspiegel. Und sie stiegen in den Karren; das Grautier zog an und brällte wehmütig zum Abschied. Was den Hund betrifft, so war er, wohlgesättigt, verschwunden, ohne etwas gesagt zu haben. II Während der Karren auf einem Deiche zwischen einem Weiher und einem Kanale da hinrollte, liebkoste Uilenspiegel ganz verträumt die Asche Klaasens auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht ein Traum oder Wirklichkeit gewesen sei und ob sich die Geister über ihn lustig gemacht oder ihm in Rätseln gesagt hätten, was er wahrhaftig finden müsse, um das Land der Väter glücklich zu machen. Umsonst zerbrach er sich den Kopf, er konnte nicht finden, was die Sieben und das Band bedeuten sollten. Er dachte an den toten Kaiser, an den lebenden König, an die Regentin, an den Papst in Rom, an den Großinquisitor und an den General der Jesuiten und fand so sechs große Henker des Landes, die er gern unverzüglich lebendig verbrannt hätte. Aber er sah ein, daß sie das nicht sein konnten, weil sie zu dürr waren, um zu brennen; folglich mußten sie wo anders sein. Und er wiederholte fort und fort in seinem Geiste: Wann der Norden Küßt den Schläfer, Ist die Not zu Ende. Liebe die Sieben Und das Band. »Ach,« sagte er; »in Tod, Blut und Tränen sieben finden, sieben brennen, sieben lieben! Mein armer Verstand friert mir ein; wer brennt denn, was er liebt?« Der Karren hatte schon ein schönes Stück Weg gefressen, als sie Schritte auf dem Sande hörten und eine Stimme, die sang: Ihr, die ihr vorbeigeht, saht ihr ihn nicht, Den närrischen Freund, der mir entkam? Er wandert umher, ein Ziel ihm gebricht. Saht ihr ihn nicht? Wie der Adler wegrafft das arme Lamm, Hat er genommen mein Herze schlicht. Er hat noch wenig Bart im Gesicht. Saht ihr ihn nicht? Sagt ihm, bekommt ihr ihn zu Gesicht, Daß Nele vom vielen Gehn ist matt. Wo bist du, Thijl, mit den Augen licht? Saht ihr ihn nicht? Ob er wohl weiß, was die Taube spricht, Wann ihr Männchen sie verlassen hat? Treu bleibt mein Herz dir, bis es bricht. Saht ihr ihn nicht? Uilenspiegel schlug Lamme auf den Bauch und sagte zu ihm: »Halt den Atem an, Fettwanst.« »Ach,« antwortete Lamme, »das ist sehr hart für einen Mann von meiner Beleibtheit.« Aber Uilenspiegel achtete nicht auf ihn; er verbarg sich hinter der Wagenblache und sang, indem er die Stimme eines Hustrichs nachahmte, der nach dem Trinken trällert: Deinen närrischen Freund, ich sah ihn wohl In einem alten Karren, dicht Bei einem dickgefressenen Wicht. Siehst du ihn nicht? »Thijl,« sagte Lamme, »du hast eine böse Zunge heute.« Ohne auf ihn zu hören, steckte Uilenspiegel seinen Kopf durch die Leinwandöffnung und sagte: »Nele, kennst du mich?« Heftig erschrocken, weinend und lachend zugleich, wie ihre feuchten Wangen verrieten, sagte sie zu ihm: »Ich seh dich, du falscher Schuft!« »Nele,« sagte Uilenspiegel, »wenn du mich schlagen willst, so hab ich einen Stock da. Er ist so schwer, daß man den Hieb spürt, und so knorrig, daß Striemen bleiben.« »Thijl,« sagte Nele, »gehst du die Sieben suchen?« »Ja,« antwortete Uilenspiegel. Nele trug eine Tasche, die zu zerplatzen drohte, so voll war sie. »Thijl,« sagte sie, ihm sie reichend, »ich habe mir gedacht, es sei ungesund, wenn ein Mensch reist, ohne eine gute fette Gans, einen Schinken und etliche Genter Würste mitzunehmen. Du mußt das essen und dabei an mich denken.« Als Uilenspiegel Nele still ansah, ohne daß er im mindesten Anstalten gemacht hätte, die Tasche zu nehmen, steckte Lamme seinen Kopf durch ein andres Loch der Blache und sagte: »Fürsorgliches Mädchen, wenn er es nicht nimmt, so geschieht das aus Vergeßlichkeit: aber reiche mir den Schinken, gib mir die Gans und begnadige mich mit den Würsten; ich will sie ihm verwahren.« Nele sagte: »Wer ist denn das Zechergesicht?« »Das ist«, sagte Uilenspiegel, »ein Opfer der Ehe, das, zernagt vom Schmerz, eintrocknen würde wie ein Apfel auf dem Herde, wenn er nicht seine Kräfte durch unausgesetzte Nahrung wiederherstellte.« »So ists, mein Sohn,« seufzte Lamme. Die Sonnenstrahlen brannten heiß auf Nelens Kopf. Sie bedeckte ihn mit ihrer Schürze. Da Uilenspiegel mit ihr allein sein wollte, sagte er zu Lamme: »Siehst du die Frau da, die durch die Wiese schlendert?« »Ich sehe sie,« sagte Lamme. »Kennst du sie?« »Ha,« sagte Lamme, »sollte sie die meinige sein? Sie ist aber nicht wie eine Bürgersfrau gekleidet.« »Du zweifelst noch, blinder Maulwurf?« sagte Uilenspiegel. »Wenn sie es aber nicht ist?« sagte Lamme. »Du verlierst nichts; da zur Linken, gegen Norden, ist ein Kaberdoesken, wo du gutes Bruinbier findest. Dort treffen wir dich wieder. Und da, da ist Schinken, um deinen natürlichen Durst etwas zu salzen.« Lamme stieg vom Karren und eilte mit großen Schritten auf die Frau in der Wiese zu. Uilenspiegel sagte zu Nele: »Warum kommst du nicht herauf zu mir?« Dann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich und nahm ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern; dann gab er ihr hundert Küsse und fragte sie: »Wohin wolltest du, Geliebte?« Sie antwortete nichts, aber sie schien ganz verzückt. Und Uilenspiegel, verzückt wie sie, sagte zu ihr: »Da bist du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die süße Färbung deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber laß dir von mir eine Krone von Küssen aufs Haupt drücken. Die süßen, lieblichen Arme, ganz rosig, die Amor ausdrücklich zum Umarmen gemacht hat! Ach, geliebtes Mädchen, meine rauhen Männerhände, werden sie nicht diese Schultern welken machen? Der leichte Schmetterling ruht auf der purpurnen Mohnblüte; aber kann ich Ungeschlachter an deiner lebendigen Blässe ruhn, ohne sie welken zu lassen? Gott ist im Himmel, der König auf seinem Throne und die Sonne oben als Allsiegerin; bin ich denn Gott oder König oder Licht, daß ich dir so nah sein darf? O Haare, linder als Seidenflocken! Nele, ich schlag dich, ich zerfleisch dich, ich zerreiß dich! Aber hab keine Angst, Liebste. Dein kleiner Fuß! Wieso ist er so weiß? Hast du ihn in Milch gebadet?« Sie wollte aufstehn. »Was fürchtest du?« sagte Uilenspiegel; »doch nicht die Sonne, die über uns leuchtet und dich in goldene Farben taucht? Senk nicht die Augen. Sieh in den meinen, was für ein schönes Feuer sich in ihnen entzündet. Höre, Geliebte, horch, mein Herz: es ist die schweigende Mittagsstunde, und der Arbeiter ist daheim bei seinem Mahle; leben wir nicht von der Liebe? Warum habe ich nicht tausend Jahre, um sie auf deinen Knien gleich Perlen von Indien abrollen zu lassen?« »Deine Zunge ist golden,« sagte sie. Und die Sonne blinkte durch die weiße Leinwand des Karrens, und eine Lerche sang über dem Klee, und Nele lehnte ihr Haupt an Uilenspiegels Schulter. III Lamme kam zurück, dicke Tropfen schwitzend und blasend wie ein Delphin. »Ach!« sagte er, »ich bin unter einem schlechten Stern geboren. Nachdem ich tüchtig hatte laufen müssen, um diese Frau einzuholen, die gar nicht die meinige und alt war, sah ich an ihrem Gesichte, daß sie gut fünfundvierzig Jahre hatte, und an ihrer Haube, daß sie niemals verheiratet war. Sie fragte mich unfreundlich, was ich mit meinem Wanst im Klee zu tun habe. ›Ich suche meine Frau, die mich verlassen hat,‹ sagte ich sanft; ›und da ich Euch für sie angesehn habe, bin ich Euch nachgelaufen.‹ Auf diese Worte hin sagte die alte Jungfer zu mir, ich solle nur schleunigst wieder gehn, woher ich gekommen sei, und daß mich meine Frau verlassen habe, das sei wohlgetan gewesen in Anbetracht, daß alle Männer Spitzbuben, Taugenichtse, Ketzer, Verräter und Giftmischer seien, die die Mädchen verführten, auch wann die schon im reifen Alter seien, und sie werde im übrigen ihren Hund auf mich hetzen, wenn ich nicht ehestens sähe, daß ich weiterkäme. Und das tat ich, nicht ohne Angst; denn zu ihren Füßen lag knurrend ein großer Schäferhund. Als ich aus ihrem Felde draußen war, setzte ich mich nieder und biß, um mich zu erholen, in dein Stück Schinken. Ich war jetzt auf einem Raine zwischen zwei Kleefeldern. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch; als ich mich umwandte, sah ich den großen Schäferhund der alten Jungfer, aber nicht mehr drohend, sondern sanft und lüstern mit dem Schweife wedelnd: er wollte an meinen Schinken. Ich gab ihm ein paar kleine Brocken, als seine Herrin dazukam, und die schrie: ›Schnapp ihn! Schnapp ihn mit dem Fangzahn!‹ Ich lief, und der große Schäferhund lief an meinen Fersen; er riß mir ein Stück aus den Strümpfen, und ein wenig Fleisch war auch dabei. Der Schmerz brachte mich in Zorn, ich wandte mich um und schlug ihn mit dem Stocke so heftig auf die Vorderpfoten, daß ich ihm zum mindesten eine brach. Er fiel nieder und schrie in seiner Hundesprache: ›Barmherzigkeit!‹ Und die gewährte ich ihm. Unterdessen bewarf mich seine Herrin mit Erde, weil sie keine Steine hatte, und ich lief. Ach, ist es nicht grausam und ungerecht, daß sich ein Mädchen, die nicht hübsch genug ist, einen Mann zu bekommen, an armen Unschuldigen, wie ich, rächt? Ganz schwermütig kam ich in das Kaberdoesken, das du mir angegeben hast, in der Hoffnung, dort Trost im Bruinbier zu finden. Aber ich ward getäuscht. Beim Eintritt sah ich einen Mann und eine Frau, die sich prügelten. Ich bat sie, sie möchten so gut sein, ihre Schlacht zu unterbrechen und mir einen Krug Bruinbier zu geben, und wäre es nur eine Pinte oder sechs. Aber die Frau, ein rechter Stokvisch, antwortete mir wütend, wenn ich mich nicht sofort aus dem Staube machte, so werde sie mich den Schuh schlucken lassen, womit sie den Kopf ihres Mannes bearbeitete. Und so bin ich jetzt da, mein Freund, tüchtig verschwitzt und ordentlich müde. Hast du nichts zu essen?« »Ja,« sagte Uilenspiegel. »Endlich!« sagte Lamme. IV Also vereinigt, setzten sie die Reise mitsammen fort. Der Esel, mit hangenden Ohren, zog den Karren. »Lamme,« sagte Uilenspiegel, »wir sind da vier gute Gesellen: der Esel, das Tier Gottes, der von ungefähr die Disteln der Wiesen weidet, du, guter Dickwanst, der du die suchst, die vor dir geflohen ist, sie, die süße Geliebte mit dem zärtlichen Herzen, die einen gefunden hat, der ihrer nicht würdig ist, nämlich mich, der ich der vierte bin. Wohlan, Kinder, Mut! Die Blätter gilben, und der Himmel wird heller; bald wird die Sonne schlafen gehn in den herbstlichen Nebeln, der Winter wird kommen, dies Sinnbild des Todes, der mit schneeigen Leichentüchern die bedeckt, die unter unsern Füßen ruhen, und ich werde wandern um das Glück des Landes der Väter. Arme Tote: Soetkin, die vor Schmerz gestorben ist, und Klaas, der im Feuer gestorben ist; Eiche der Güte und Efeu der Liebe, ich, euer Sprößling, leide große Pein und werde dich rächen, geliebte Asche, die an meine Brust schlägt.« Lamme sagte: »Man darf nicht die beweinen, die für die Gerechtigkeit sterben.« Aber Uilenspiegel blieb in Gedanken versunken; plötzlich sagte er zu Nele: »Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens und des Scheidens auf gar lange Zeit; vielleicht sehe ich dein süßes Gesicht niemals wieder.« Nele sah ihn mit ihren Augen an, die glänzten wie die Sterne: »Warum läßt du nicht den Wagen und kommst mit mir in das Wäldchen? Dort fändest du leckere Kost; denn ich kenne die Pflanzen und kann die Vögel locken.« »Mädchen,« sagte Lamme, »es ist schlecht von dir, daß du Uilenspiegel aufhalten willst, der doch die Sieben suchen und mir helfen soll, meine Frau zu finden.« »Noch nicht,« sagte Nele, und sie weinte und lächelte unter den Tränen ihrem Uilenspiegel innig zu. Der antwortete, als er das sah: »Deine Frau wirst du immer noch beizeiten finden, wenn du durchaus nach einem neuen Kummer begehrst.« »Thijl,« sagte Lamme, »willst du mich also in meinem Karren allein lassen um dieses Mädchens willen? Du antwortest nicht, sondern denkst ans Wäldchen, wo die Sieben nicht sind und nicht meine Frau. Suchen wir sie lieber auf diesem Steinwege, wo die Karren so trefflich rollen.« »Lamme,« sagte Uilenspiegel, »du hast im Karren eine volle Tasche, wirst also bis Koolkerke, wo ich wieder zu dir stoßen will, nicht Hungers sterben. Dort mußt du allein sein, weil du dort den Kardinalpunkt erfahren wirst, dessen Richtung du einschlagen mußt, um deine Frau zu finden. Horch und höre. Du fährst unverzüglich mit deinem Karren von hier noch drei Meilen weit nach Koolkerke, zu der kühlen Kirche, die so heißt, weil sie so wie viele andere von den vier Winden auf einmal getroffen wird. Auf dem Glockenturme ist ein Wetterhahn, der sich nach allen Winden in verrosteten Angeln dreht. Ihr Knarren ist es, das den armen Männern, die ihre Liebsten verloren haben, den Weg weist, den sie verfolgen sollen, um sie wiederzufinden. Vorher muß aber jede Wand des Turmes siebenmal mit einer Haselrute geschlagen werden. Knarren die Angeln, wann der Wind von Norden bläst, dann heißt es in dieser Richtung wandern, freilich weislich, weil der Nordwind der Wind des Krieges ist. Wenn von Süden, so magst du fröhlich dorthin ziehen, denn das ist der Wind der Liebe. Wenn von Osten, dann setz dich rasch in Trab; er bedeutet Lust und Licht. Wenn von Westen, so geh langsam, denn das ist der Wind des Regens und der Tränen. Auf also, Lamme, auf nach Koolkerke und erwarte mich dort.« »Ich gehe,« sagte Lamme. Und er fuhr in dem Karren davon. Während Lamme Koolkerke zurollte, jagte der Wind, heftig und lau, die grauen Wolkenschwärme über den Himmel wie ein Rudel Schafe; die Bäume heulten wie die Wogen der hohlgehenden See. Uilenspiegel und Nele waren schon lange allein im Walde. Uilenspiegel hatte Hunger, und Nele suchte genießbare Wurzeln; aber sie fand nichts als die Küsse, die ihr ihr Geliebter gab, und Eicheln. Uilenspiegel hatte Schlingen gelegt und pfiff, um die Vögel anzulocken; die, die kämen, sollten gebraten werden. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter neben Nele; die fing sie nicht und erfreute sich an ihrem Gesange. Ein Rotkehlchen kam, und auch das fand Gnade, weil es so zutraulich war. Dann kam eine Lerche, aber Nele sagte zu ihr, sie täte besser, sich hoch in den Himmel zu schwingen und der Natur ein Preislied zu singen, anstatt sich täppisch über der mörderischen Spitze eines Bratspießes zu tummeln. Und sie sagte die Wahrheit; denn in der Zwischenzeit hatte Uilenspiegel nicht nur ein helles Feuer angezündet, sondern auch einen Bratspieß geschnitzt, der nur noch auf seine Opfer wartete. Aber es kamen sonst keine Vögel mehr als einige schlechte Raben, die hoch über ihren Häuptern krächzten. Und so aß Uilenspiegel nichts. Endlich mußte Nele scheiden, um zu Katelijne heimzukehren. Und sie ging weinend, und Uilenspiegel sah ihr lange nach. Aber sie kam wieder und sprang ihm an den Hals. »Ich gehe,« sagte sie. Dann tat sie ein paar Schritte, kam wieder zurück und sagte von neuem: »Ich gehe.« Und so zwanzigmal hintereinander und noch öfter. Dann ging sie aber wirklich, und Uilenspiegel blieb allein. Er machte sich auf den Weg, um Lamme aufzusuchen. Er traf ihn am Fuße des Turmes sitzend, zwischen den Beinen einen großen Krug Bruinbier; er nagte trübselig an einer Haselrute. »Uilenspiegel,« sagte er, »ich glaube, du hast mich nur hiehergeschickt, um mit dem Mädchen allein zu bleiben. Wie du mir gesagt hast, habe ich an jede Turmwand siebenmal mit der Haselrute geschlagen; aber obwohl der Wind bläst wie der Teufel, haben die Angeln nicht geschrien.« »Wahrscheinlich hat man sie eingeölt,« sagte Uilenspiegel. Dann zogen sie ab in der Richtung gegen das Herzogtum Brabant. V König Philipp, der düstere Mann, bekritzelte und beschmierte den ganzen Tag, oft auch die Nacht lang, ruhelos Blätter von Papier und Pergament; sie waren es, denen er die Gedanken seines harten Herzens anvertraute. Er liebte niemand auf dieser Welt und wußte, daß ihn niemand liebte; und so wollte er allein die Last seines ungeheuern Reiches tragen, ein trauriger Atlas, und er beugte sich unter dieser Bürde. Schleimblütig und schwarzgallig, wie er war, litt sein schwacher Leib unter diesem Übermaße von Arbeit. So wie ihm jedes fröhliche Gesicht ein Greuel war, so fühlte er nur Haß für unsere Lande ihrer Fröhlichkeit halber, nur Haß für unsere Kaufleute wegen ihres Wohllebens und ihres Reichtums, nur Haß für unsern Adel wegen seiner offenen Sprache, seines Freimuts, seines aufbrausenden Blutes und seiner wackern Leutseligkeit. Er wußte, man hatte es ihm gesagt, daß sich schon lange, bevor der Kardinal Cusa um 1380 die Mißbräuche der Kirche aufgezeigt und die Notwendigkeit von Reformen gepredigt hatte, der Aufruhr gegen den Papst und die römische Kirche in unsern Landen unter verschiedenen Formen der Irrlehre geäußert und alle Köpfe erfüllt hatte, wie der Dampf kochenden Wassers einen verschlossenen Kessel. Als halsstarriger Maulesel glaubte er, sein Wille müsse wie der Gottes auf der ganzen Welt gelten; er wollte, daß sich unsere Lande, längst des Gehorsams entwöhnt, unter das alte Joch krümmten und auf ein Besserwerden verzichteten. Er wollte, daß Seine Heilige Mutter, die katholische, apostolische und römische Kirche, die einzige sei, die allgemeine und ausnahmslose, ohne Änderung und ohne Wechsel, ohne einen andern Grund für diesen Willen, als weil er so wollte, wie es bei einer unvernünftigen Frau zutrifft; und er wälzte sich des Nachts auf seinem Bette wie auf einem Dornenlager, unaufhörlich gequält durch seine Gedanken. »Ja, heiliger Philipp, ja, Herr Gott, müßte ich auch aus den Niederlanden ein einziges Grab machen und alle Bewohner hineinwerfen, zurückkehren werden sie zu dir, mein gebenedeiter Namenspatron, und zu dir, Jungfrau Maria, und zu euch, ihr andern Heiligen des Paradieses.« Und er versuchte ins Werk zu setzen, was er sagte, und war auf diese Weise römischer als der Papst und katholischer als die Konzile. Und Uilenspiegel und Lamme und das ganze Volk Flanderns und der Niederlande glaubten in ihrer Angst, von weitem in den dunkeln Räumen des Escorials diese gekrönte Spinne zu sehn, wie sie mit ihren langen Beinen und den geöffneten Klauen ihr Netz webe, um sie zu umstricken und ihr bestes Blut zu saugen. Obwohl die päpstliche Inquisition zu der Zeit von Karls Regierung durch den Scheiterhaufen, durch die Grube und durch den Strick hunderttausend Christen getötet hatte, und obwohl das Gut der armen Verdammten in die Kisten des Kaisers und des Königs geströmt war wie der Regen ins Rinnsal, so erachtete das Philipp für zu wenig; er drängte den Landen neue Bischöfe auf und bestand darauf, die spanische Inquisition einzuführen. Und die Herolde der Städte verlasen allerorten beim Schalle der Trompeten und Trommeln die Plakate, die für alle Ketzer, Männer, Frauen und Mädchen, den Tod verfügten, durchs Feuer für die Verstockten, durch den Strick für die Bußfertigen; Frauen und Mädchen sollten lebendig begraben werden, und der Henker hatte auf ihren Leibern zu tanzen. Und der Funke der Auflehnung lief durch das ganze Land. VI Vor Ostern, am fünften April, gingen der Graf Ludwig von Nassau, der Herr von Kuilemburg und der Herr von Brederode mit dreihundert andern Edelleuten an den Hof von Brüssel zu der Frau Regentin, der Herzogin von Parma. Sie kamen in Reihen zu je vieren daher und erstiegen also die breiten Treppen des Palastes. Im Saale überreichten sie der Regentin eine Bittschrift, worin sie sie baten, sie möge bei König Philipp die Aufhebung der Plakate, die sich auf die Religionsübung bezogen, und der spanischen Inquisition zu erlangen trachten, indem sie erklärten, daß, in unsern unzufriedenen Landen, nichts sonst daraus erwachsen könne als Unruhen, Niedergang und allgemeines Elend. Und diese Bittschrift wurde das Kompromiß genannt. Berlaymont, der später so verräterisch und grausam an dem Lande seiner Väter gehandelt hat, stand neben Ihrer Hoheit und sagte zu ihr im Spotte über die Armut einzelner von den edeln Verbündeten: » Madame, n'ayez crainte de rien: ce ne sont que gueux. « So deutete er an, daß sich diese Edeln im Dienste des Königs oder richtig dadurch, daß sie es durch ihren Aufwand den spanischen Herren hatten gleichtun wollen, zugrunde gerichtet hatten. Um diese Worte des Herrn von Berlaymont verächtlich zu machen, erklärten die Herren in der Folge, »sie erachteten es für eine Ehre, für die dem Könige geleisteten Dienste und für die Wohlfahrt des Landes als Bettler – gueux – zu gelten und so zu heißen.« Bald trugen sie am Halse Goldmünzen, die auf der einen Seite das Bildnis des Königs hatten, auf der andern zwei über einen Bettelsack verschlungene Hände mit den Worten: »Dem Könige treu bis an den Bettelsack.« Auch an den Hüten und Mützen trugen sie goldene Kleinode von der Form eines Bettlernapfes oder eines Bettlerhutes. Derweilen führte Lamme seinen Wanst in der ganzen Stadt umher, um seine Frau zu suchen; aber er fand sie nicht. VII Eines Morgens sagte Uilenspiegel zu ihm: »Komm mit; wir wollen einen hohen, edeln, mächtigen und gefürchteten Herrn besuchen.« »Wird er mir sagen, wo meine Frau ist?« fragte Lamme. »Wenn er es weiß,« antwortete Uilenspiegel. Und sie gingen zu Brederode, dem herkulischen Trinker. Er war im Hofe seines Palastes. »Was willst du von mir?« fragte er Uilenspiegel. »Mit Euch sprechen, gnädiger Herr.« »Sprich,« antwortete Brederode. »Ihr seid«, sagte Uilenspiegel, »ein schöner, wackerer und starker Herr. Ihr habt in vergangener Zeit einen Franzosen in seinem Küraß zerdrückt wie eine Schnecke in ihrem Häuschen; aber so stark und wacker Ihr auch seid, so besonnen seid Ihr auch. Warum tragt Ihr denn nun diese Münze, auf der ich lese: ›Dem Könige treu bis an den Bettelsack‹?« »Ja,« sagte Lamme, »warum, gnädiger Herr?« Aber Brederode antwortete ihm nicht und sah Uilenspiegel an. Der fuhr fort: »Warum wollt Ihr, Ihr edeln Herren, dem Könige bis zum Bettelsacke treu sein? Vielleicht wegen seines großen Wohlwollens oder seiner innigen Freundschaft für Euch? Warum trachtet Ihr nicht, anstatt ihm treu zu sein bis zum Bettelsacke, danach, daß der Henker, seiner Länder entledigt, allewege dem Bettelsacke treu bleibe?« Und Lamme nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung. Brederode betrachtete Uilenspiegel mit seinem feurigen Blicke und lächelte, als er sein ehrliches Gesicht sah. »Wenn du kein Spion König Philipps bist,« sagte er, »so bist du ein braver Vlame; ich will dich für beide Fälle belohnen.« Er führte ihn in seine Gesindestube; Lamme folgte. Dort zog er ihn am Ohr, bis das Blut kam: »Das ist für den Spion.« Uilenspiegel schrie nicht. »Bring«, sagte er zu seinem Kellermeister, »den Kessel mit Zimtwein.« Der Kellermeister brachte den Kessel und einen großen Humpen gekochten Weines, der die Luft durchduftete. »Trink,« sagte Brederode zu Uilenspiegel; »das ist für den guten Vlamen.« »Ach,« sagte Uilenspiegel, »guter Vlame, eine schöne Zimtsprache; die Heiligen sprechen nicht ihresgleichen.« Nachdem er die Hälfte getrunken hatte, gab er den Rest Lamme. »Wer ist denn«, sagte Brederode, »dieser Papzak, der für nichts belohnt wird?« »Das ist«, antwortete Uilenspiegel, »mein Freund Lamme, der sich jedesmal, wann er gewürzten Wein trinkt, einbildet, daß er seine Frau wiederfinden wird.« »Ja,« sagte Lamme, indem er den Humpen mit großer Andacht ausschlürfte. »Wo geht ihr jetzt hin?« fragte Brederode. »Wir gehn«, antwortete Uilenspiegel, »die Sieben suchen, die das Land Flandern retten werden.« »Was für Sieben?« fragte Brederode. »Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,« antwortete Uilenspiegel. Aber Lamme, der vom Trinken ganz lustig geworden war, sagte: »Thijl, wenn wir meine Frau im Monde suchten?« »Bestell die Leiter,« antwortete Uilenspiegel.   Im Mai, im grünen Monate, sagt Uilenspiegel zu Lamme: »Der schöne Monat Mai! Ach, der klare Himmel so blau und die Schwalben so fröhlich! Die Zweige der Bäume strotzen vor Saft! Die Erde liebt. Das ist die richtige Zeit, um wegen des Glaubens zu henken und zu verbrennen. Sie sind ja da, die guten, kleinen Inquisitoren. Was für edle Gesichter! Und sie haben die Macht, zu strafen, zu züchtigen und abzusetzen, wen sie wollen, die Verdächtigten den weltlichen Richtern zu überliefern, selber Gefängnisse zu halten – Ach, der schöne Monat Mai! – sich der Leiber zu versichern, die Prozesse durchzuführen ohne Rücksicht auf den üblichen Rechtsgang, zu verbrennen, zu henken, zu köpfen und Frauen und Mädchen das Grab eines vorzeitigen Todes zu graben. Die Finken singen in den Baumwipfeln. Die guten Inquisitoren haben ein Auge auf die Reichen. Und der König wird erben. Kommt auf die Wiese, Mädchen, tanzen zum Klange der Sackpfeifen und der Schalmeien! Ach, der schöne Monat Mai!« Die Asche Klaasens schlug an die Brust Uilenspiegels. »Gehn wir,« sagte er zu Lamme. »Glücklich die, die das Herz auf dem rechten Fleck und die Hand am Schwerte haben in den schwarzen Tagen, die kommen werden.« VIII Eines Tages im August kam Uilenspiegel in der Rue de Flandre zu Brüssel vor dem Hause von Jean Sapermillemente vorbei, der so geheißen ward, weil sein Großvater im Zorne stets also geflucht hatte, um nicht den dreimal heiligen Namen Gottes zu lästern. Besagter Sapermillemente war von Beruf Stickermeister; da er aber taub und blind geworden war vom Trinken, stickte seine Frau, ein altes Weib mit sauerm Gesichte, an seiner Statt die Röcke, Wämser, Mäntel und Schuhe der vornehmen Herren; ihre hübsche Tochter half ihr bei dieser gut bezahlten Arbeit. Als nun Uilenspiegel in den letzten lichten Stunden bei dem besagten Hause vorbeiging, sah er das Mädchen am Fenster und hörte sie rufen: August, August, Sag mir, du süßer Mond, Wer nimmt mich denn zur Frau? Sag mirs, du süßer Mond! »Ich,« sagte Uilenspiegel, »wenn du mich willst.« »Du?« sagte sie. »Komm näher, daß ich dich sehe.« Aber er: »Warum rufst du im August, wo doch die brabantischen Mädchen am Vortage des März rufen?« »Die«, sagte sie, »haben nur einen Monat, der ihnen einen Gatten schenkt, ich aber ihrer zwölf. Und am Tage vor einem jeden springe ich, nicht um Mitternacht, sondern in den letzten sechs Stunden vor Mitternacht, aus meinem Bette, tue drei Schritte rücklings gegen das Fenster und rufe die Worte, die du gehört hast; dann drehe ich mich um und gehe die drei Schritte zum Bette rücklings zurück. Und um Mitternacht lege ich mich nieder und entschlummere, träumend von meinem Zukünftigen. Aber die Monate sind von Natur aus schlimme Spötter, und es ist nicht mehr ein Mann, von dem ich träume, sondern zwölf auf einmal; du kannst der dreizehnte sein, wenn du willst.« »Die andern wären eifersüchtig,« antwortete Uilenspiegel. »Du rufst also nach Erlösung?« Errötend antwortete das Mädchen: »Ich rufe nach Erlösung und weiß, was ich will.« »Ich weiß es auch«, antwortete Uilenspiegel, »und bringe es dir.« »Da heißt es warten,« sagte sie und zeigte lächelnd ihre weißen Zähne. »Warten?« sagte Uilenspiegel; »nein. Mir kann ein Haus auf den Kopf fallen, ein Windstoß kann mich in einen Graben werfen, ein wütender Köter kann mich ins Bein beißen. Nein, warten will ich nicht.« »Ich bin zu jung,« sagte sie; »ich rufe auch nur, weil es so Brauch ist.« Uilenspiegel wurde argwöhnisch, weil er bedachte, daß es der Vorabend des März und nicht der Kornmond ist, wo die brabantischen Mädchen um einen Gatten rufen. Sie sagte lächelnd: »Ich bin zu jung, und ich rufe nur, weil es so Brauch ist.« »Willst du warten, bis du zu alt bist?« antwortete Uilenspiegel. »Das wäre eine schlechte Rechnung. Noch nie habe ich einen so runden Hals gesehn, noch nie weißere Brüste, vlämische Brüste voll der guten Milch, die Männer macht.« »Voll?« sagt sie; »noch nicht, vorwitziger Fremdling.« »Warten?« wiederholte Uilenspiegel. »Bis ich keine Zähne mehr habe, um dich lebendig aufzuessen, Herzlieb? Du antwortest nichts, du lächelst nur mit deinen hellen braunen Augen und mit deinen Lippen, die rot sind wie die Kirschen.« Das Mädchen sah ihn klug an und antwortete: »Woher kommt dir die Liebe so rasch? Was hast du für ein Geschäft? Bist du ein Bettler, bist du reich? »Ein Bettler bin ich«, sagte er, »und reich zugleich, wenn du mir deinen lieblichen Leib schenkst.« Sie antwortete: »Das ists nicht, was ich wissen will. Gehst du zur Messe? Bist du ein guter Christ? Wo ist dein Aufenthalt? Getrautest du dich zu sagen, daß du ein Bettler bist, ein wahrer Geuse, der sich auflehnt gegen die Plakate und die Inquisition?« Die Asche Klaasens schlug an Uilenspiegels Brust. »Ich bin ein Geuse,« sagte er, »und meine Sehnsucht ist, die Unterdrücker der Niederlande tot und von den Würmern gefressen zu sehn. Du blickst mich an, Schätzchen. Das Feuer der Liebe, das für dich brennt, du Süße, ist das Feuer der Jugend. Gott hat es entzündet; es flammt wie das Sonnenlicht, bis es verlischt. Aber das Feuer der Rache, das in meinem Herzen glimmt, auch das hat Gott entzündet. Und es wird das Schwert, der Brand, der Strick, die Feuersbrunst, die Verwüstung und der Krieg sein und das Verderben der Henker.« »Du bist schön,« sagte sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen; »aber schweige.« »Warum weinst du?« antwortete er. »Du mußt«, sagte sie, »hier und wo immer du bist, auf der Hut sein.« »Haben diese Wände Ohren?« fragte Uilenspiegel. »Sonst keine als die meinen,« sagte sie. »Die so schön sind, als ob sie der Liebesgott gemeißelt hätte; ich will sie mit Küssen schließen.« »Du lieber Narr, so höre doch, wenn ich spreche.« »Warum? Was hast du mir zu sagen?« »So höre doch,« sagte sie unruhig. »Meine Mutter kommt ... Sei still, sei still, sonderlich vor ihr ...« Die alte Sapermillemente trat ein. Uilenspiegel betrachtete sie und sagte sich: »Ein Vettelgesicht, zerlöchert wie ein Schaumlöffel, Augen mit hartem und falschem Blicke, ein Mund, der lächeln will und Fratzen schneidet: ich fange an, neugierig zu werden.« »Gott sei mit Euch, Herr,« sagte die Alte, »für und für mit Euch. Ich habe Geld bekommen, Tochter, ein schönes Stück Geld vom gnädigen Herrn von Egmont, dem ich seinen Mantel gebracht habe mit dem gestickten Narrenkolben. Ja, Herr, ein Narrenkolben, gegen den roten Hund.« »Den Kardinal von Granvella?« fragte Uilenspiegel. »Ja,« sagte sie, »gegen den roten Hund. Man sagt, er verrate dem Könige ihre Heimlichkeiten; sie wollen ihm an den Kragen. Haben sie nicht recht?« Uilenspiegel antwortete nicht. »Ihr habt sie noch nicht auf der Straße gesehn mit dem Wamse und mit dem grauen Oberkleide, wie es der gemeine Mann trägt, und mit den langen hangenden Ärmeln und mit ihren Mönchskapuzen; und auf allen Oberkleidern der gestickte Kolben. Ich habe mindestens ihrer siebenundzwanzig gemacht und meine Tochter fünfzehn. Das hat den roten Hund geärgert, diese Kolben zu sehn.« Dann sprach sie Uilenspiegel zum Ohre: »Ich weiß, daß die Herren zum Zeichen der Eintracht beschlossen haben, den Kolben durch ein Kornbündel zu ersetzen. Ja, ja, sie wollen kämpfen gegen den König und die Inquisition. Das ist recht von ihnen, nicht wahr, Herr?« Uilenspiegel antwortete nicht. »Der fremde Herr ist mißgestimmt,« sagte die Alte; »auf einmal redet er nichts mehr.« Uilenspiegel sagte kein Wort und ging. Bald trat er in ein Spielhaus, um das Trinken nicht zu vergessen. Das Spielhaus war voll von Zechern, die unvorsichtig von allem möglichen sprachen, von dem Könige, den abscheulichen Plakaten und der Inquisition und von dem roten Hunde, der aus dem Lande vertrieben werden müsse. Dort sah er die Alte in zerlumpten Kleidern bei einem Schoppen Branntwein sitzen; sie schien zu schlafen. Lange verweilte sie so. Dann sah er, wie sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche zog und bei den einzelnen Gruppen bettelte; und sonderlich ging sie zu denen, die am unvorsichtigsten redeten. Und die biedern Leute gaben ihr ohne Knauserei manchen Gulden, Groschen und Plappart. In der Hoffnung, von dem Mädchen das zu erfahren, was ihm die alte Sapermillemente nicht sagte, ging Uilenspiegel wieder zu ihrem Hause; er sah die Schöne, die nicht mehr rief, aber ihm lächelnd zublinzelte, eine süße Verheißung. Sofort hinter ihm kam die Alte zurück. Wütend, sie zu sehn, lief Uilenspiegel wie ein Hirsch die Straße entlang und schrie: »'t brandt! 't brandt!«, bis er vor das Haus des Bäckers Jacob Pietersen kam. Die Butzenscheiben der Fenster flammten rot bei der untergehenden Sonne. Ein dicker Rauch, der Rauch von Reisig, das sich im Ofen in Kohle wandelte, erhob sich aus dem Schornsteine der Bäckerei. Und Uilenspiegel lief und schrie: »'t brandt! 't brandt!« und wies auf das Haus Jacob Pietersens. Die rasch versammelte Volksmenge sah die roten Fenster und den dicken Rauch und schrie wie Uilenspiegel: »'t brandt! 't brandt!« Der Türmer von Notre-Dame de la Chapelle stieß ins Horn, und der Küster läutete die Glocke, Wacharm genannt, mit vollem Schwunge. Und in Schwärmen rannten Knaben und Mädchen herbei, singend und pfeifend. Die Glocke und das Horn klangen noch immer; die alte Sapermillemente packte sich zusammen und ging nachsehn. Uilenspiegel hatte darauf gelauert. Als sie dann weit genug war, trat er ins Haus. »Du bist da?« sagte das Mädchen. »Brennt es denn nicht da unten?« »Da unten?« antwortete Uilenspiegel; »nein.« »Aber die Glocke läutet so jämmerlich.« »Sie weiß nicht, was sie tut,« antwortete Uilenspiegel. »Und das traurige Horn und all das Volk, das hinläuft?« »Die Zahl der Narren ist unendlich.« »Wo brennt es denn dann?« »In deinen Augen und in meinem glühenden Herzen,« antwortete Uilenspiegel. Und er sprang ihr an den Mund. »Willst du mich aufessen?« sagte sie. »Ich liebe die Kirschen,« sagte er. Und sie lächelte ihn schmachtend an. Plötzlich brach sie in Tränen aus: »Komm nicht mehr her. Du bist ein Geuse und dem Papste feind; komm nicht mehr ...« »Deine Mutter?« sagte er. »Ja«, sagte sie und wurde rot. »Weißt du, was sie jetzt tut? Sie horcht dort, wo es brennt. Weißt du, wo sie dann hingeht? Zum roten Hund, um ihm alles zu überbringen, was sie weiß, und um dem Herzog, der ja kommen soll, die Arbeit vorzubereiten. Flieh, Uilenspiegel, ich rette dich, flieh. Noch einen Kuß, aber komm nimmer wieder. Noch einen; du bist so schön! Ich weine, aber geh.« »Wackers Mädchen,« sagte Uilenspiegel, der sie im Arme hielt. »Ich war es nicht immer,« sagte sie. »Ich war auch so, wie sie ...« »Dieser Gesang,« sagte er, »dieser stumme Ruf deiner Schönheit an die verliebten Männer ...?« »Ja,« sagte sie, »meine Mutter hats so wollen. Dich, dich rette ich, weil ich dich liebe; die andern werde ich retten in der Erinnerung an dich, mein Geliebter. Wann du fern sein wirst, wird dich dein Herz zu dem büßenden Mädchen ziehen? Küß mich, Liebster. Sie wird keine Opfer mehr für Geld auf den Scheiterhaufen bringen. Geh! Nein, bleib noch. Wie lind ist deine Hand! Sieh, ich küsse sie, das ist das Zeichen der Knechtschaft; du bist mein Herr. Horch, noch näher, und sei still. Heute nacht sind hieher schlechte Gesellen und Spitzbuben, unter ihnen ein Italiener, gekommen, einer nach dem andern. Meine Mutter ließ sie in das Zimmer treten, wo wir sind, schickte mich weg und schloß die Tür. Ich hörte die Worte ›Steinernes Kruzifix, Borgerhoutsches Tor, Prozession, Antwerpen, Unsere Frau‹, gedämpftes Lachen und das Aufzählen von Gulden ... Flieh, sie kommen; flieh, Geliebter. Bewahre mir ein süßes Gedenken; flieh ...« Uilenspiegel tat nach ihren Worten. Er rannte in den Ouden Haan; dort traf er Lamme schwermutbrütend an einem Würstchen knappernd und die siebente Kanne Löwenschen Peeterman schlürfend. Und er zwang ihn zu laufen gleich ihm, trotz seinem Wanste. IX Während er so mit Lamme in mächtigen Sätzen dahinlief, fand er in der Eikstraat eine böse Schmähschrift gegen Brederode. Er brachte sie ihm geraden Weges hin. »Gnädiger Herr,« sagte er, »ich bin der gute Vlame und der Spion des Königs, den Ihr so trefflich bei den Ohren gezogen und dem Ihr so guten Würzwein zu trinken gegeben habt. Er bringt Euch eine liebliche kleine Schmähschrift, wo Ihr unter anderm beschuldigt werdet, Euch Graf von Holland zu nennen wie der König. Sie kommt frisch aus der Presse Jan des Lästerers, der beim Taugenichtskai wohnt am Ehrendiebsweg.« Lachend antwortete ihm Brederode: »Ich lasse dich zwei Stunden lang stäupen, wenn du mir nicht den wahren Namen des Verfassers sagst.« »Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »laßt mich zwei Jahre lang stäupen, wenn Ihr wollt, aber Ihr werdet meinen Rücken nicht zwingen können, Euch zu sagen, was mein Mund nicht weiß.« Und er schied, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten zu haben. X Seit dem Juni, dem Rosenmonde, hatten in Flandern die Predigten begonnen. Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten überall, in den Feldern und in den Gärten, auf den Hügeln, wohin man bei Überschwemmungen die Haustiere rettet, auf den Flüssen in Kähnen. Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie ihre Karren in der Runde nebeneinander stellten; auf den Flüssen und in den Häfen hielten Boote voll bewaffneter Männer die Wache rings um sie. Und in den Lagern verhüteten Musketiere und Arkebusiere einen feindlichen Überfall. Und so verbreitete sich das Wort der Freiheit allenthalben im Lande der Väter. XI In Brügge ließen Uilenspiegel und Lamme ihren Karren in einem Hofe in der Nähe und gingen statt ins Wirtshaus in die St. Salvatorkirche; denn in ihren Taschen gab es kein fröhliches Geldgeklingel mehr. An diesem Tage stand der Vater Cornelis Adriaensen vom Minoritenorden, ein schmutziger, schamloser, rasender und kläffender Prädikant, auf der Kanzel der Wahrheit. Junge und schöne fromme Frauen drängten sich um ihn. Der Vater Cornelis sprach von der Passion. Als er zu der Stelle im heiligen Evangelium kam, wo die Juden Pilatus zurufen: ›Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Denn wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetze soll er sterben,‹ rief er aus: »Ihr hört es, gute Leute; daß unser Herr Jesus Christus einen schrecklichen und schimpflichen Tod erlitten hat, das ist darum geschehn, weil man schon immer Gesetze gehabt hat, um die Ketzer zu strafen. Er ist gerecht verurteilt worden, weil er den Gesetzen nicht gehorcht hat. Und heute sollen die Edikte und Plakate für nichts gelten! Ach, Jesus, sollen denn diese Lande vermaledeit sein? Verehrungswürdige Mutter Gottes, wäre nur Kaiser Karl noch am Leben und könnte er das Ärgernis sehn, daß es diese adeligen Verbündeten gewagt haben, der Regentin eine Bittschrift gegen die Inquisition zu überreichen und gegen die Plakate, die zu einem so guten Zwecke gegeben und so reiflich durchdacht und erst nach so langen und so klugen Überlegungen vorgeschrieben worden sind, um alle Sekten und Ketzereien zu vernichten! Und obwohl sie notwendiger sind als Brot und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In was für einen stinkenden, verpesteten, abscheulichen Abgrund sollen wir gestürzt werden! Luther, dieser schmutzige Luther, dieser wütende Ochse, triumphiert in Sachsen, in Braunschweig, in Lüneburg, in Mecklenburg. Brenz, der bebrunzte Brenz, der in Deutschland die Eicheln gefressen hat, die den Schweinen zu schlecht waren, Brenz triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige Servet, der ein Mondviertel im Kopf hat, der Antitrinitarier, herrscht in Pommern, Dänemark und Schweden und wagt es dort, die heilige, glorreiche, allmächtige Dreieinigkeit zu lästern. Ja. Aber man hat mir gesagt, er sei lebendig verbrannt worden, und zwar von Calvin, der niemals etwas Gutes getan hat als dies. Ja; von dem stinkenden Calvin, der einen sauern Dunst ausströmt. Ja; mit seiner Schnauze, so lang wie ein Schlauch, mit seinem Käsegesichte, mit seinen Zähnen wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen einander: ja; dieser Ochse Luther, dieser wütende Ochse hat die Fürsten Deutschlands gegen den Wiedertäufer Münzer gewappnet, der gut war, wie man sagt, und nach dem Evangelium lebte. Durch ganz Deutschland hat man es gehört, das Brüllen dieses Ochsen! Ja! Ja, und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? Adamiten laufen ganz nackt durch die Straßen; ja, ihr guten Leute, ganz nackt durch die Straßen, ohne Scham, ihr dürres Fleisch also sehn zu lassen. Ihr sagt, das sei nur ein einziger gewesen; ja – meinetwegen – aber einer gilt hundert, und hundert gelten einen. Und er ist verbrannt worden, sagt ihr, und er ist lebendig verbrannt worden auf das Drängen der Calvinisten und Lutheraner. Diese Wölfe fressen einander, sag ich euch! Ja, und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? Zügellose Gesellen, die lehren, alle Unterordnung sei dem Worte Gottes zuwider. Sie lügen, die stinkenden Ketzer; man muß sich der heiligen Mutter, der römischen Kirche unterwerfen. Und dort in der vermaledeiten Stadt Antwerpen, dem Stelldichein des ganzen Ketzerungeziefers der Welt, dort haben sie gewagt zu predigen, wir bereiteten die Hostien mit Hundeschmalz. Ein anderer, der Geuse da, der auf dem Nachttopfe sitzt in dem Straßenwinkel da, sagt: ›Es gibt keinen Gott, kein ewiges Leben, keine Auferstehung des Fleisches, keine ewige Verdammnis.‹ ›Man kann,‹ sagt ein anderer, dort unten mit einer weinerlichen Stimme, ›man kann taufen ohne Salz, ohne Fett, ohne Speichel, ohne Teufelsaustreibung und ohne Kerze.‹ ›Es gibt kein Fegefeuer,‹ sagt wieder ein anderer. Es gibt kein Fegefeuer, ihr guten Leute! Ach, es wäre besser für euch, mit euern Müttern, euern Schwestern und euern Töchtern die Sünde begangen zu haben, als nur allein am Fegefeuer zu zweifeln. Ja, und vor dem Inquisitor, dem heiligen Manne, rümpfen sie die Nase; ja. Sie sind nach Bellem gekommen, ganz in unserer Nähe, viertausend Calvinisten, mit Bewaffneten, Bannern und Trommeln. Ja; und ihr riecht von hier den Rauch ihrer Küche. Sie haben die St. Katharinenkirche genommen, um sie zu entehren, zu entweihen und zu entheiligen durch ihre verdammte Afterpredigerei. Was soll denn diese gottlose und Ärgernis erregende Duldsamkeit? Bei den tausend Höllenteufeln, warum greift ihr nicht auch zu den Waffen, ihr verweichlichten Katholiken? Ihr habt ja, geradeso wie diese verdammten Calvinisten, Kürasse, Lanzen, Hellebarden, Schwerter, Plempen, Armbrüste, Messer, Stöcke, Spieße, die Falkonetten und Feldschlangen der Stadt! Sie sind friedlich, sagt ihr; sie wollen in aller Freiheit und Ruhe das Wort Gottes hören. Das ist mir einerlei. Zieht hinaus aus Brügge! Verjagt mir die Calvinisten, tötet sie mir, treibt sie mir aus der Kirche. Ihr seid noch da? Pfui! Ihr seid Hühner, die auf ihrem Mist zittern! Ich sehe schon den Augenblick, wo diese verdammten Calvinisten auf den Bäuchen euerer Frauen und euerer Töchter trommeln werden, und ihr werdet ruhig zusehn, ihr Männer ohne Saft und Kraft! Geht nicht hin, geht nicht hin ... ihr würdet euch die Hosen naßmachen in der Schlacht. Pfui, Brügger, pfui, Katholiken! Da sieht man euern Katholizismus, ihr feigen Memmen! Schande über euch, ihr Schafe, ihr Hasen, die ihr seid! Sind das nicht schöne Prädikanten, denen ihr haufenweise zulauft, um den Lügen zu lauschen, die sie ausspeien, diese Prädikanten, zu deren Andacht die Mädchen in der Nacht rennen, ja, auf daß nach neun Monaten die Stadt voll sei von kleinen Geusen und Geusinnen? Ihrer vier waren sie da, vier schändliche Taugenichtse, die haben auf dem Friedhofe der Kirche gepredigt. Der erste von diesen Taugenichtsen, dürr und bleich, der häßliche Scheißer, hatte einen schmutzigen Hut auf. Dank dem Hute sah man seine Ohren nicht. Wer von euch hat je die Ohren eines Prädikanten gesehn? Er war ohne Hemde, denn die nackten Arme hingen ihm ärmellos aus dem Wamse. Ich habe es wohl gesehn, obwohl er sich in einem schmutzigen Mäntelchen verbergen wollte; und ich habe auch in seinen schwarzen Hosen, die die Luft durchließen wie die Türme von Unserer Frau zu Antwerpen, das Geschleppe seiner Glocken gesehn samt ihrem Klöppel. Der zweite Taugenichts predigte im Wamse ohne Schuhe. Kein Mensch hat seine Ohren gesehn. Er mußte bald Schluß machen mit der Predigerei, und die Knaben und Mädchen höhnten ihn: ›Ju, ju, er kann seine Aufgabe nicht.‹ Der dritte von diesen schändlichen Taugenichtsen trug einen kleinen, schmutzigen, schäbigen Hut mit einem Federlein. An ihm sah man auch die Ohren nicht mehr. Der vierte Taugenichts, Hermann, besser gekleidet als die andern, muß zweimal vom Henker auf der Schulter gebrandmarkt worden sein; ja. Alle miteinander tragen sie unter dem Hute fettige Seidenhauben, die ihre Ohren verdecken. Habt ihr je die Ohren eines Prädikanten gesehen? Wer von den Taugenichtsen hat seine Ohren zu zeigen gewagt? Die Ohren! Ach! Ja, die Ohren zu zeigen: man hat sie ihnen abgeschnitten. Ja, der Henker hat ihnen allen die Ohren weggeschnitten. Und doch sind es diese schändlichen Taugenichtse, diese Beutelschneider, diese von der Ahle weggelaufenen Schuhflicker, diese zerlumpten Afterprediger, die das ganze Volk zu dem Rufe verleiteten: ›Heil den Geusen!‹, als ob es durchaus rasend, betrunken oder toll gewesen wäre. Ach! Uns, uns armen Römischkatholischen bleibt nichts andres mehr übrig, als die Niederlande zu verlassen, da man denn hier den Eselsschrei duldet: ›Heil den Geusen! Heil den Geusen!‹ Was für ein Mühlstein der Vermaledeiung ist denn auf dieses behexte und dumme Volk gefallen! Ach, Jesus! Arm und reich, edel und unedel, jung und alt, Männer und Weiber, alles schreit: ›Heil den Geusen!‹ Und was sind sie denn, alle diese Herren, all diese kahlen Lederärsche, die uns aus Deutschland gekommen sind? Was sie hatten, ist draufgegangen auf Mädchen, aufs Spiel, auf Leckerei, auf Hurerei, auf Schleppsäcke von Ausschweifungen, aufs Aufstauen von Unflat, auf den Götzendienst der Würfel und auf den Triumph der größten Lätze. Sie haben nicht einmal mehr einen rostigen Nagel, um sich zu kratzen, wo es sie juckt. Nun hätten sie gern das Gut der Kirchen und Klöster. Und bei ihrem Gelage bei diesem Taugenichts von Kuilemburg, wo auch der Taugenichts von Brederode dabei war, da haben sie aus Holznäpfen getrunken, um den Herrn von Berlaymont und die Frau Regentin zu höhnen. Ja. Und sie haben geschrien: ›Heil den Geusen!‹ Ach, wäre ich der Herr Gott gewesen, ich hätte, mit Ehren gesagt, ihren Trunk, ob Bier oder Wein, in ein schmutziges, ekliges Spülwasser verwandelt, ja, in eine schmutzige, abscheuliche, stinkende Lauge, worin sie ihre beschissenen Hemden und Bettücher gewaschen hätten. Ja, brällt nur, ihr Esel, die ihr seid, brällt nur: ›Heil den Geusen!‹ Ja! Und ich bin ein Prophet. Alles, die Vermaledeiung, das Elend, das Fieber, die Pest, der Brand, der Verfall, die Verwüstung, die Geschwüre, der englische Schweiß und die schwarze Pestilenz, all das wird über die Niederlande hereinbrechen. Ja, und so wird Gott gerächt sein wegen eures scheußlichen Gebrälles: ›Heil den Geusen!‹ Und von euern Häusern wird kein Stein auf dem andern bleiben, und kein Stückchen Knochen wird mehr da sein von euern verdammten Beinen, die dieser Calvinerei und Afterpredigerei zulaufen. So sei es, sei es, sei es, sei es, sei es, sei es. Amen.« »Gehn wir, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel zu Lamme. »Sofort,« sagte Lamme. Und er suchte unter den jungen schönen Andächtigen, die der Predigt beiwohnten; aber seine Frau war nicht unter ihnen. XII Uilenspiegel und Lamme kamen an einen Ort, der hieß Minnewater, Minnewasser; aber die großen Gelehrten und die ganz gescheiten Wijsneuzen sagen, es müsse Minrewater heißen, das ist das Wasser der Mindern oder Minoriten. Uilenspiegel und Lamme, die sich ans Wasser gesetzt hatten, sahen unter den Bäumen, die bis herab zu ihren Köpfen belaubt waren, wie unter einem niedrigen Gewölbe Männer und Frauen, Mädchen und Jünglinge Hand in Hand vorbeiwandeln, geschmückt mit Blumen; sie gingen Hüfte an Hüfte und blickten sich zärtlich in die Augen, ohne auf dieser Welt etwas andres zu sehn als einander. Wie sie Uilenspiegel so betrachtete, dachte er an Nele. In seiner trübseligen Erinnerung sagte er: »Gehn wir trinken.« Aber Lamme hörte nicht auf Uilenspiegel, weil auch er die Liebespaare betrachtete: »So gingen auch wir einst, meine Frau und ich, in unserm Liebesglücke an denen vorbei, die, gleich uns, einsam ohne eine Frau am Grabenrande lagen.« »Komm trinken,« sagte Uilenspiegel; »wir werden die Sieben auf dem Grunde einer Kanne finden.« »Trinkerreden,« antwortete Lamme; »du weißt, daß die Sieben Riesen sind, die unter der hohen Wölbung der St. Salvatorkirche nicht aufrechtstehn könnten.« Uilenspiegel dachte traurig an Nele und auch, daß er vielleicht in irgendeinem Wirtshause ein gutes Lager, ein gutes Nachtmahl und eine gefällige Wirtin finden könnte; er sagte nochmals: »Gehn wir trinken.« Aber Lamme hörte nicht auf ihn, sondern sagte, den Turm von Unserer Frau betrachtend: »Heilige Maria, du Schutzheilige der ehelichen Liebe, sei so gnädig und laß mich noch einmal ihre weiße Brust sehn, dieses süße Kissen.« »Komm trinken,« sagte Uilenspiegel; »du wirst sie in einer Herberge sehn, wo sie es den Zechern zeigt.« »Wagst du so schlimm von ihr zu denken?« sagte Lamme. »Komm trinken,« sagte Uilenspiegel; »sie ist irgendwo Wirtin, sicherlich.« »Durstgerede,« sagte Lamme. Uilenspiegel fuhr fort: »Vielleicht hat sie für die armen Reisenden eine Schüssel geschmortes Rindfleisch aufgehoben, dessen Würzen die Luft durchduften, nicht zu fett, zart, saftig wie Rosenblüten, und wie ein Fastnachtsfisch schwimmend zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsbröschen und andern himmlischen Leckerbissen.« »Du Schuft!« sagte Lamme, »du willst mich zweifellos umbringen. Vergißt du denn, daß wir seit zwei Tagen von nichts sonst leben als von trockenem Brote und Dünnbier?« »Hungergerede,« antwortete Uilenspiegel. »Du weinst vor Begierde; komm essen und trinken. Da habe ich noch einen schönen halben Gulden; der soll die Kosten unsers Schlemmens bezahlen.« Lamme lachte. Sie gingen um ihren Karren und durchfuhren so die Stadt, um die beste Herberge ausfindig zu machen. Wo sie aber die spitzigen Gesichter von unfreundlichen Wirten und wenig mitfühlenden Wirtinnen sahen, da zogen sie weiter, weil sie bedachten, daß eine sauere Miene ein schlechtes Schild einer gastfreundlichen Küche ist. Endlich kamen sie auf den Samstagsmarkt und traten in die Gastwirtschaft ›Zur blauen Laterne‹. Dort war ein Baas, der freundlich aussah. Sie stellten ihren Karren ein und brachten ihren Esel in den Stall, wo ihm ein Metzen Hafer Gesellschaft leistete. Sie ließen sich ein Abendessen auftischen, aßen sich satt und schliefen gut, und sie standen auf, um wieder zu essen. Lamme dehnte sich vor Behaglichkeit und sagte: »Ich höre in meinem Magen eine himmlische Musik.« Als es zum Zahlen kam, kam der Baas zu Lamme und sagte: »Ich bekomme zehn Plappart.« »Er hat sie,« sagte Lamme und wies auf Uilenspiegel; der antwortete: »Ich habe sie nicht.« »Und der halbe Gulden?« sagte Lamme. »Ich habe keinen,« antwortete Uilenspiegel. »Das ist ja hübsch gesprochen,« sagte der Baas; »aber ich werde euch beiden Wams und Hemd nehmen.« Plötzlich wurde Lamme von dem Mute der Flasche gepackt, und er schrie: »Und wenn ich essen und trinken will, ich, essen und trinken, ja, trinken für siebenundzwanzig Gulden und noch mehr, so tu ichs. Denkst du vielleicht, daß in dem Wanste da kein roter Heller steckt? Gott sei Dank, bis jetzt ist er mit sonst nichts genährt worden als mit Fettammern. Niemals hast du etwas Ähnliches unter deinem fettigen Ledergürtel gehabt. Denn wie ein Schuft hast du dein Unschlitt auf dem Wamskragen und nicht wie ich drei Daumen köstlichen Speck überm Bauche.« Der Baas war außer sich vor Wut. Von Haus aus ein Stotterer, wollte er rasch sprechen; je mehr er sich beeilte, desto mehr mußte er niesen, wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Uilenspiegel warf ihm Brotkügelchen unter die Nase. Und Lamme regte sich immer mehr auf und fuhr fort: »Ja, so viel hab ich noch, um dir deine drei magern Hühner zu bezahlen, deine vier krätzigen Küchlein und den großen Tropf von einem Pfau, der seinen dreckigen Schweif in deinem Hofe herumschleift. Und wenn deine Haut nicht so zäh wäre wie die eines alten Hahnes, wenn dir die Knochen nicht in der Brust zerbröckelten, so hätte ich auch noch genug, um dich zu essen, dich und deinen rotzigen Knecht und deine einäugige Magd samt deinem Koche, der zu kurze Arme hat, um sich den Grind zu kratzen. Seht nur, seht nur den saubern Vogel, der uns eines halben Guldens wegen unser Wams und unser Hemd nehmen möchte! Sag mir, was ist denn dein ganzer Kleidervorrat wert, du zerlumpter Frechling; ich gebe dir drei Heller dafür.« Und der Baas, dessen Wut immer mehr wuchs, schnaubte noch heftiger. Und Uilenspiegel warf ihm Kügelchen ins Gesicht. Lamme war wie ein Löwe: »Was glaubst du denn, du dürres Krummaul, was ein schöner Esel mit einer zarten Schnauze, mit langen Ohren, mit einer breiten Brust und mit Gelenken wie Eisen wert ist? Achtzehn Gulden zum mindesten, nicht wahr, armseliger Wirt? Wieviel hast du denn alte Nägel in deinen Kisten, um ein so schönes Tier zu bezahlen?« Der Baas schnaubte noch mehr, wagte sich aber nicht zu rühren. Lamme sagte: »Was glaubst du denn, was ein schöner Karren aus Eschenholz wert ist, purpurn angestrichen und rundherum mit Leinwand von Courtrai bespannt gegen die Sonne und gegen den Regen? Vierundzwanzig Gulden zum mindesten, han? Und wieviel sind vierundzwanzig Gulden und achtzehn Gulden? Antworte, du filziger Rechenkünstler! Und weil Markttag ist und weil Bauern da sind in deinem jämmerlichen Wirtshause, werde ich mein Zeug sofort verkaufen.« Das war bald geschehn, denn Lamme kannten alle. Und tatsächlich bekam er für den Esel und den Karren vierundvierzig Gulden und zehn Plappart. Nun ließ er das Gold dem Wirte unter der Nase klingen und sagte: »Riechst du den Duft künftiger Schmäuse?« »Ja,« antwortete der Wirt. Und er sagte leise: »Wenn du deine Haut verkaufst, so nehme ich sie um einen Heller und mache ein Amulett gegen die Verschwendung daraus.« In der Zwischenzeit war eine liebliche und reizende Frau oftmals aus dem dunkeln Hofe herangekommen, um Lamme durchs Fenster zu betrachten; aber sie zog sich jedesmal rasch zurück, wann er ihr hübsches Gesichtchen hätte sehn können. Als er am Abende ohne Licht die Treppe hinaufstieg, torkelnd vom vielen Trinken, fühlte er, wie ihn eine Frau umarmte und ihn gierig auf Wangen und Mund, ja selbst auf die Nase küßte und sein Gesicht mit verliebten Tränen netzte; dann ließ sie ihn. Schlaftrunken vom Weine, legte sich Lamme nieder und entschlief; und am nächsten Tage wanderte er mit Uilenspiegel nach Gent. XIII Dort suchte er seine Frau in den Kaberdoesken, in den Spielhäusern und in den Schenken. Am Abende traf er Uilenspiegel in dem ›Zingenden Zwaan‹. Uilenspiegel säte, wo er nur konnte, Unruhe und wiegelte das Volk auf gegen die Henker des Landes der Väter. Auf dem Freitagsmarkte legte sich Uilenspiegel neben der Dulle-Griet platten Bauches auf das Pflaster. Ein Kohlenträger kam und sagte: »Was machst du da?« »Ich netze mir die Nase, um zu wissen, woher der Wind weht.« Ein Schreiner kam. »Nimmst du«, sagte er, »das Pflaster als Kissen?« »Es gibt manche, die es bald als Decke nehmen werden,« antwortete Uilenspiegel. Ein Mönch blieb stehn. »Was macht das Kalb da?« fragte er. »Es bittet platten Bauches um Euern Segen, Vater,« antwortete Uilenspiegel. Der Mönch gab ihm ihn und ging weiter. Nun legte Uilenspiegel das Ohr an den Boden; ein Bauer kam. »Hörst du Lärm da unten?« fragte er. »Ja,« antwortete Uilenspiegel, »ich höre die Bäume wachsen, deren Reisig zum Verbrennen der armen Ketzer dienen soll.« »Hörst du sonst nichts?« sagte ein Stadtscherge. »Ich höre«, sagte Uilenspiegel, »Soldaten von Spanien kommen; wenn du etwas Wertvolles hast, so vergrab es; bald werden die Städte nicht mehr sicher sein wegen der Diebe.« »Er ist ein Narr,« sagte der Stadtscherge. »Er ist ein Narr,« wiederholten die Bürger. XIV Lamme aß nicht mehr, sondern dachte immerfort an den süßen Traum auf der Treppe der ›Blauwe Lateern‹. Obwohl ihn sein Herz nach Brügge zog, führte ihn Uilenspiegel mit Gewalt nach Antwerpen; dort setzte er seine traurigen Nachforschungen fort. Wann Uilenspiegel in den Schenken mitten unter guten reformierten Vlamen war, ja selbst unter Katholiken, die die Freiheit liebten, sagte er von den Plakaten: »Sie bringen uns die Inquisition unter dem Vorwande, uns die Ketzerei abführen zu lassen; aber dieser Rhabarber wird auf unsere Geldtaschen wirken. Wir nehmen nicht gern Arzneien, die uns nicht behagen; wir werden ärgerlich werden, uns auflehnen und zu den Waffen greifen. Der König weiß es im voraus. Wenn er dann sieht, daß wir den Rhabarber nicht nehmen wollen, wird er mit den Klistierspritzen kommen, das heißt mit den großen und den kleinen Kanonen, mit den Feldschlangen, mit den Falkonetten und mit den Mörsern. Ein königliches Abführmittel! Es wird kein reicher Vlame übrig bleiben in dem also mit Arznei bedachten Flandern. Glücklich unsere Lande, daß sie so einen königlichen Arzt haben.« Aber die Bürger lachten. Uilenspiegel sagte: »Lacht nur heute; aber flieht oder waffnet euch an dem Tage, wo etwas in der Frauenkirche zerschlagen wird.« XV Am 15. August, dem Marientag und dem Tage der Segnung der Kräuter und Wurzeln, wo die sattgefressenen Hennen taub bleiben für den Zinkenruf des Hahns, der sie um Liebe bittet, am 15. August also wurde durch einen von Kardinal Granvella bezahlten Italiener ein großes Steinkreuz an einem der Tore Antwerpens zertrümmert. Und die Prozession der Jungfrau, voran grüne, gelbe und rote Narren, verließ die Kirche von Unserer Frau. Aber das Marienbild wurde auf dem Wege von unbekannten Männern beschimpft und deshalb schleunigst in die Kirche zurückgebracht. Man stellte es wieder auf das Chor und schloß die Gitter. Uilenspiegel und Lamme traten bei Unserer Frau ein. Junge verhungerte und zerlumpte Burschen, zwischen ihnen auch einige Männer, die allesamt jedermann unbekannt waren, stellten sich vor dem Chore auf und gaben einander Zeichen und Winke. Mit den Füßen und den Zungen verübten sie einen mächtigen Lärm. Niemand hatte sie früher in Antwerpen gesehn, niemand sah sie später wieder. Der eine, mit einem Gesichte wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob Maaiken, nämlich Unsere Frau, Angst gehabt habe, daß sie so schnell in die Kirche zurückgekehrt sei. »Du bist es nicht, vor dem sie Angst gehabt hat, schäbiger Neger,« antwortete Uilenspiegel. Der Bube, zu dem er sprach, trat auf ihn zu, um ihn zu schlagen; aber Uilenspiegel packte ihn beim Kragen: »Wenn du mich schlägst, laß ich dich deine Zunge ausspeien!« Dann wandte er sich an etliche Männer von Antwerpen, die da waren, und wies auf die zerlumpten Burschen: »Signoorkens und Pagadders, seid auf der Hut, das sind keine ehrlichen Vlamen, sondern bezahlte Verräter, die uns in Unglück, Elend und Verderben bringen sollen.« Dann sprach er zu den Unbekannten und sagte: »Han, ihr ausgehungerten Eselsschnauzen, woher habt ihr denn das Geld, das in euern Taschen klingt? Habt ihr euere Haut schon im voraus auf Trommeln verkauft?« »Will denn der Kerl predigen?« sagten die Unbekannten. Dann begannen sie durcheinanderzuschreien und Unsere Frau zu höhnen: »Maaiken hat ein schönes Kleid! Maaiken hat eine schöne Krone! Ich werde die Sachen meiner Metze geben.« Sie gingen weg, während einer von ihnen die Kanzel bestiegen hatte, wo er eine dummdreiste Rede hielt; aber sie kamen wieder und schrien: »Komm herunter, Maaiken, komm herunter, sonst kommen wir dich holen. Tu ein Wunder, auf daß wir sehn, ob du gerade so gut gehn kannst, wie du dich tragen läßt, Maaiken, du Faulenzerin!« Uilenspiegel hatte gut rufen: »Ihr Unheilstifter, hört auf mit dem schändlichen Gerede, jede Aufreizung ist ein Verbrechen!« – sie standen nicht ab von ihren Hetzereien, und einige sprachen sogar schon davon, das Chor zu erbrechen und Maaiken zum Herunterkommen zu zwingen. Darob außer sich, warf ihnen ein altes Weib, das in der Kirche Kerzen verkaufte, die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; aber sie wurde geprügelt und zu Boden geworfen. Und nun ging das Toben los. Der Markgraf kam mit seinen Schergen in die Kirche. Er ermahnte das versammelte Volk, die Kirche zu verlassen, aber so gelinde, daß nur wenige seiner Aufforderung folgten; die andern sagten: »Wir wollen zuerst hören, wie die Domherren Maaiken zu Ehren die Vesper singen.« Der Markgraf antwortete: »Es wird nicht gesungen werden.« »So werden wir selber singen,« antworteten die unbekannten Lumpen. Und das taten sie in den Seitenschiffen und im Langhause. Manche spielten mit Kirschenkernen und sagten: »Maaiken, im Paradiese spielst du nie und langweilst dich; spiel mit uns.« Und sie beschimpften das Bild ohne Unterlaß; sie schrien, zischten und pfiffen. Der Markgraf tat, als ob er ängstlich würde, und ging. Auf seinen Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen. Ohne daß sich das Volk hineingemengt hätte, wurde das unbekannte Lumpenpack immer frecher und brüllte immer mehr. Und die Deckenwölbungen hallten wider wie beim Donner von hundert Geschützen. Der eine, der mit dem Gesichte wie eine verbrannte Zwiebel, der bei den andern eine gewisse Achtung zu genießen schien, stieg auf die Kanzel, gab ihnen ein Zeichen mit der Hand und predigte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Die drei sind nur einer, und in dem einen sind drei; Gott bewahre uns im Paradiese vor der Rechnerei. Heute, am fünfzehnten August, ist Maaiken in großem Kleiderstaat draußen erschienen, um den Signoorkens und Pagadders von Antwerpen ihr hölzernes Gesicht zu zeigen. Aber in der Prozession ist Maaiken dem Teufel Satanas begegnet, und Satanas hat sie gehöhnt und gesagt: ›Du bist wohl recht stolz, Maaiken, daß du herausgeputzt bist wie eine Königin und von vier Signoorkens getragen wirst, und du siehst den armen Pagadder Satanas gar nicht mehr an, der zu Fuß gehn muß.‹ Und Maaiken hat geantwortet: ›Weiche, Satanas, sonst zertrete ich dir den Kopf noch mehr, häßliche Schlange!‹ ›Maaiken,‹ hat Satanas gesagt, ›das ist das Geschäft, womit du seit fünfzehn Jahrhunderten die Zeit verbringst, aber der Geist des Herrn, deines Meisters, hat mich befreit. Ich bin stärker als du, und du wirst mir nicht mehr auf das Haupt treten, und ich werde dich heute tanzen lassen.‹ Satanas hat eine Peitsche genommen, eine schneidende Peitsche, und Maaiken zu schlagen begonnen; und sie hat sich nicht zu schreien getraut, weil sie so ihre Angst kundgetan hätte. Und so hat sie sich in scharfen Trab gesetzt und die Signoorkens, die sie trugen, gezwungen, auch zu laufen, damit sie sie nicht samt ihrer Goldkrone und ihren Kleinoden in das arme gemeine Volk fallen ließen. Und jetzt bleibt sie feig und starr in ihrer Nische, weil sie Satanas sieht, der da ist und auf dem Pfeiler unter der kleinen Kuppel sitzt und, die Peitsche schwingend, mit Kichern zu ihr sagt: ›Ich werde dich das Blut und die Tränen, die in deinem Namen geflossen sind, bezahlen lassen! Maaiken, wie stehts denn mit deiner Jungfräulichkeit? Jetzt heißt es ausziehen. Du wirst entzweigeschlagen werden, schlechtes Holzbild, für alle diese Bilder aus Fleisch und Knochen, die in deinem Namen erbarmungslos verbrannt, gehenkt und lebendig begraben worden sind.‹ So sprach Satanas, und er sprach gut. Du mußt herunter von deiner Nische, Maaiken, du blutige, Maaiken, du grausame, die du ganz unähnlich bist deinem Sohne Christus.« Und die ganze Menge der Unbekannten heulte, schrie und brüllte: »Maaiken! Maaiken! Jetzt heißt es ausziehen! Beseichst du dich in deiner Nische vor Furcht? Auf, Brabant und der Herzog! Weg mit den hölzernen Heiligen! Wer nimmt ein Bad in der Schelde? Das Holz schwimmt besser als die Fische!« Und das Volk hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Aber Uilenspiegel stieg auf die Kanzel und trieb den andern mit Gewalt die Treppe hinunter; und er sprach zum Volke: »Ihr gefährlichen Narren, ihr mondsüchtigen Narren, ihr albernen Narren, seht ihr denn nicht weiter, als eure Nase rotzt? Begreift ihr denn nicht, daß all das Verräterwerk ist? Sie wollen euch zur Tempelschändung und Plünderung verleiten, um euch dann als Aufrührer zu erklären, euere Kasten zu leeren, euch zu köpfen und euch lebendig zu verbrennen! Und der König wird erben. Signoorkens und Pagadders, kümmert euch nicht um die Worte dieser Unheilstifter: laßt Unsere Frau in ihrer Nische, lebt für euch, arbeitet fröhlich und verzehrt euern Verdienst und Nutzen. Der schwarze Teufel des Verderbens hat ein Aug auf euch, und Plünderung und Zerstörung sollen ihm dienen, das feindliche Heer zu rufen; dann werdet ihr als Aufrührer behandelt werden und die Gewaltherrschaft Albas dulden müssen samt der Inquisition, der Gütereinziehung und dem Tode. Und er wird erben.« »Ach,« sagte Lamme, »plündert nicht, Signoorkens und Pagadders. Der König ist sowieso schon ärgerlich. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freunde Uilenspiegel gesagt. Plündert nicht, meine Herren!« Aber das Volk konnte sie nicht hören. Die Unbekannten schrien: »Drauf und vorwärts! Sturm! Brabant und der Herzog! Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen besser als die Fische!« Umsonst schrie Uilenspiegel auf der Kanzel: »Signoorkens und Pagadders, duldet das Plündern nicht! Stürzt nicht die Stadt ins Verderben!« Er wurde heruntergerissen, und man zerfetzte ihm alles, Gesicht, Wams und Hosen, wenn er auch mit den Füßen und den Händen Vergeltung übte. Blutüberströmt ließ er nicht ab zu schreien: »Duldet das Plündern nicht!« Aber alles war eitel. Die Unbekannten und das Lumpenpack der Stadt warfen sich auf das Chorgitter und zerbrachen es, und sie liefen: »Heil den Geusen!« Allesamt begannen zu zerbrechen, zu verwüsten und zu zertrümmern. Noch vor Mitternacht war diese große Kirche, die siebzig Altäre, ungezählte prächtige Gemälde und eine Menge wertvoller Kleinode gehabt hatte, geleert wie eine Nußschale. Die Altäre waren gestürzt, die Bilder zerschlagen und alle Schreine erbrochen. Nach dieser Tat machten sich dieselben Unbekannten auf, um so wie bei Unserer Frau auch bei den Minoriten zu hausen und bei den Franziskanern, bei St. Peter, bei St. Andreas, bei St. Michael, bei den Weißen Schwestern, bei den Grauen Schwestern, beim Dritten Orden und bei den Predigern und in allen Kirchen und Kapellen der Stadt. Sie nahmen Kerzen und Fackeln, und so liefen sie überall herum. Unter ihnen gab es keinen Streit und keinen Zwist; und keiner von ihnen wurde verletzt bei diesem großen Zerbrechen von Stein, Holz und anderm Werkstoff. Sie fanden sich im Haag ein, um dort die Aufhebung der Bilder und der Altäre einzuleiten; weder dort noch anderswo leisteten ihnen die Reformierten Beistand. Im Haag befragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht sei. »Da ist sie,« sagte einer und schlug auf sein Herz. »Ihre Vollmacht, hört ihrs, Signoorkens und Pagadders?« sagte Uilenspiegel, als er davon vernommen hatte. »Es ist also jemand da, der sie beauftragt, als Tempelschänder zu handeln. Kommt nun irgendein Dieb in meine Hütte, um zu plündern, werde ich tun wie der Magistrat im Haag: ich werde meinen Hut abnehmen und sagen: Lieber Dieb, gnädiger Taugenichts, verehrungswürdiger Landstreicher, zeig mir deine Vollmacht; er wird mir sagen, er habe sie in seinem Herzen, das gierig sei nach meinem Gut. Und ich werde ihm die Schlüssel von allem geben. Denkt nach, denkt nach, wem diese Plünderung nützt. Mißtraut dem roten Hunde; das Verbrechen ist begangen, jetzt kommt die Strafe. Mißtraut dem roten Hunde. Das große Steinkruzifix ist zerschlagen. Mißtraut dem roten Hunde.« Als es der große Staatsrat in Mecheln durch seinen Vorsitzenden Viglius ausgesprochen hatte, daß dem Bildersturm kein Hindernis in den Weg zu legen sei, sagte Uilenspiegel: »Ach, die Ernte ist reif für die spanischen Schnitter. Der Herzog! Der Herzog kommt über uns. Vlamen, das Meer schwillt an, das Meer der Rache. Ihr armen Frauen und Mädchen, flieht vor der Grube! Ihr armen Männer, flieht vor dem Galgen, dem Feuer und dem Schwerte! Philipp will das blutige Werk Karls vollenden. Der Vater hat Mord und Verbannung gesät; der Sohn hat geschworen, er werde lieber über einen Friedhof herrschen, als über ein Volk von Ketzern. Flieht! Hier ist der Henker mit den Totengräbern.« Das Volk hörte auf Uilenspiegel, und zu Hunderten verließen die Familien die Städte; und die Straßen waren versperrt durch Karren mit dem Hausrat derer, die ins Elend zogen. Und Uilenspiegel war überall; traurig und seine Liebste suchend, war Lamme an seiner Seite. Und in Damme weinte Nele neben der wahnsinnigen Katelijne. XVI Als Uilenspiegel im Gerstenmond, das ist der Oktober, in Gent war, sah er Egmont. Der Graf kam eben von einem Gelage bei dem edeln Abte von St. Baafs. Träumerisch ein Liedchen summend, ließ er sein Pferd im Schritt gehn. Plötzlich sah er an seiner Seite einen Mann mit einer brennenden Laterne. »Was bringst du mir?« fragte Egmont. »Gutes,« antwortete Uilenspiegel, »das Gute, was eine Laterne hat, wann sie angezündet ist.« »Geh deine Wege und laß mich,« antwortete der Graf. »Ich geh nicht,« entgegnete Uilenspiegel. »Du willst also einen Peitschenhieb?« »Ich möchte ihrer sechs hinnehmen, wenn ich in Euern Kopf eine solche Laterne stecken könnte, daß Ihr von hier bis in den Escorial klar sähet.« »Mich kümmert weder deine Laterne, noch der Escorial,« antwortete der Graf. »Meinetwegen,« antwortete Uilenspiegel; »aber mich brennt es. Euch einen Wink zu geben.« Dann packte er das Pferd, das sich bäumte und ausschlug, beim Zaume: »Gnädiger Herr, bedenkt, daß Ihr heute so hübsch auf Euerm Pferde tanzet und daß Euer Kopf auch sehr hübsch auf Euern Schultern tanzt; aber der König beabsichtigt, wie man sagt, diesen schönen Tanz zu unterbrechen. Euch Euern Leib zu lassen, aber Euern Kopf zu nehmen und ihn in so fernen Gegenden tanzen zu lassen, daß Ihr ihn nie wiederbekommen könntet. Schenkt mir einen Gulden; ich hab ihn ehrlich verdient.« »Die Peitsche, wenn du nicht verschwindest mit deinen schlechten Winken.« »Gnädiger Herr, ich bin Uilenspiegel, der Sohn des Klaas, der für den Glauben lebendig verbrannt worden ist, und der Soetkin, die vor Schmerz gestorben ist. Die Asche schlägt an meine Brust und sagt mir, daß Egmont, der wackere Soldat, in den Reitern, die er befehligt, dem Herzog von Alba eine dreimal siegreiche Truppe entgegenstellen könnte.« »Geh,« antwortete Egmont; »ich bin kein Verräter.« »Rette die Lande; du allein kannst es,« sagte Uilenspiegel. Der Graf wollte Uilenspiegel schlagen; aber der hatte nicht so lang gewartet. Er machte sich aus dem Staub und schrie: »Eßt Laternen, eßt Laternen, Herr Graf. Rettet die Lande.« An einem andern Tage hielt Egmont, der durstig war, vor der Schenke zum ›Bont Verken‹, deren Wirtin eine hübsche Frau aus Courtrai war, genannt das Muizeken. Der Graf hob sich in den Steigbügeln und rief: »Zu trinken!« Uilenspiegel, der Muizeken diente, kam heraus, in der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine Flasche Rotwein. Als ihn der Graf sah, sagte er: »Du bist da, du Rabe mit der schwarzen Prophezeiung?« »Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »wenn meine Prophezeiung schwarz ist, so kommt das daher, weil sie schlecht gewaschen ist; aber sagt mir, was ist röter: der Wein, der durch die Kehle rinnt, oder das Blut, das aus dem Halse spritzt? Das ists, was meine Laterne hat wissen wollen.« Der Graf antwortete nichts; er trank, bezahlte und ritt weg. XVII Uilenspiegel und Lamme zogen auf ihren zwei Eseln, die ihnen Simon Simonsen, ein Getreuer des Prinzen von Oranien, gegeben hatte, allerorten herum; überall unterrichteten sie die Bürger von den schwarzen Plänen des Blutkönigs und waren immer auf der Lauer, um Neuigkeiten von Spanien zu erkunden. Sie verkauften, als Bauern verkleidet, Gemüse und liefen alle Märkte ab. Als sie in Brüssel vom Markte kamen, sahen sie in einem steinernen Haus am Ziegelkai in einem niedern Zimmer eine schöne in Atlas gekleidete Dame; ihre Farben waren lebhaft, ihr Busen war üppig, und die Augen blinkten munter. Sie sagte zu einer hübschen, frischen Küchenmagd: »Scheuere mir die Pfanne da; ich habe es nicht gern, wenn die Tunke nach Rost schmeckt.« Uilenspiegel steckte die Nase ins Fenster: »Ich,« sagte er, »ich habe sie alle gern; ein hungriger Magen ist nicht wählerisch.« Die Dame wandte sich um: »Wer ist denn der Kauz, der sich in meine Suppe mengt?« »Ach, schöne Dame,« antwortete Uilenspiegel, »wenn Ihr mich nur ein wenig drein mengen ließet, würde ich Euch Gerichte der Wanderer lehren, die den zu Hause sitzenden Schönen unbekannt sind.« Dann schnalzte er mit der Zunge und sagte: »Ich habe Durst.« »Wonach?« sagte sie. »Nach dir,« sagte er. »Es ist ein hübscher Mensch,« sagte die Magd zu der Dame. »Lassen wir ihn herein; er soll uns seine Abenteuer erzählen.« »Aber sie sind ihrer zwei,« sagte die Dame. »Einen nehme ich auf mich,« entgegnete die Magd. »Meine Dame,« entgegnete Uilenspiegel, »wir sind unser zwei, es ist wahr, ich und mein armer Freund Lamme, der keine hundert Pfund auf den Rücken tragen kann, aber im Bauche willig fünfhundert an Fleisch und Getränk trägt.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »mach dich nicht über mich Unglücklichen lustig, dem sein Wanst so viel Geld kostet, bis er voll ist.« »Heute soll er dich keinen Heller kosten,« sagte die Dame. »Kommt herein alle beide.« »Aber«, sagte Lamme, »es sind auch noch die zwei Grauchen da, auf denen wir sitzen.« »An Hafer«, antwortete die Dame, »fehlt es nie in dem Stalle des Grafen von Meghem.« Die Küchenmagd ließ ihre Pfanne und führte Uilenspiegel und Lamme auf ihren Eseln, die alsbald brüllten, in den Hof. »Das ist«, sagte Uilenspiegel, »das Trompetengeschmetter des näher kommenden Futters. Sie blasen vor Freude, die armen Grauchen.« Als sie beide abgestiegen waren, sagte Uilenspiegel zur Magd: »Wenn du eine Eselin wärest, möchtest du so einen Esel wie mich?« »Wenn ich eine Frau wäre,« antwortete sie, »so möchte ich einen Gesellen mit fröhlichem Antlitz.« »Ja, was bist du denn,« fragte Lamme, »wenn du keine Eselin und keine Frau bist?« »Ich bin eine Jungfrau; eine Jungfrau ist keine Frau und noch weniger eine Eselin. Begreifst du das, Dickwanst?« Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Glaub ihr nicht; sie ist die Hälfte eines tollen Mädchens und ein Viertel von zwei Teufelinnen. Ihr fleischlicher Mutwille hat ihr schon in der Hölle einen Platz auf einer Matratze gesichert, wo sie Beelzebub liebkosen soll.« »Du schlechter Schalk,« sagte die Magd, »wenn die Matratze mit deinem Haare gefüllt wäre, möchte ich nicht einmal darauf treten, geschweige denn dort liegen.« »Ich«, sagte Uilenspiegel, »möchte deine Locken am liebsten essen.« »Eine goldene Zunge,« sagte die Dame; »mußt du denn alle haben?« »Nein,« sagte Uilenspiegel; »tausend würden mir genügen, wenn sie in eine einzige wie Ihr aufgelöst wären.« Die Dame sagte zu ihm: »Trink vor allem eine Kanne Bruinbier, iß dann ein Stück Schinken, schneide dir selbst von dieser Hammelkeule herunter, weide mir diese Pastete aus, und koste mir den Salat da.« Uilenspiegel faltete die Hände: »Der Schinken ist ein gutes Essen. Das Bruinbier ist himmlisches Bier. Die Hammelkeule ist ein göttliches Fleisch. Eine Pastete, die man ausweidet, läßt einem die Zunge im Mund vor Wonne zittern. Ein fetter Salat ist eine fürstliche Kost. Aber selig ist der, dem ihr zur Nacht Euere Schönheit genießen lasset.« »Sieh einmal, wie er schwatzen kann,« sagte sie. »Iß zuerst, Taugenichts.« Uilenspiegel antwortete: »Wollen wir nicht den Segen vor dem Tischgebete sprechen?« »Nein,« sagte sie. Nun wimmerte Lamme: »Ich habe Hunger.« »Du wirst zu essen bekommen,« sagte die schöne Dame, »da du nun einmal keine andere Sorge kennst als gekochtes Fleisch.« »Frisches auch,« sagte Lamme, »frisch wie meine Frau war.« Auf diese Worte hin verlor die Magd ihre frohe Laune. Immerhin aßen sie, was Platz hatte, und tranken wie die Löcher. Und die Dame gab Uilenspiegel in dieser Nacht noch ein Mahl und ebenso an dem nächsten und den folgenden Tagen. Die Esel bekamen den Hafer doppelt zugemessen, und Lamme bekam doppelte Kost. Eine Woche lang ging er nicht aus der Küche, wo er mit den Schüsseln spielte, aber nicht mit der Magd; denn er träumte von seiner Frau. Das verdroß das Mädchen, und sie sagte, da sei kein Verhältnis darin, aller Welt im Wege zu stehn und an nichts andres zu denken als an seinen Bauch. Inzwischen lebten Uilenspiegel und die Dame in aller Freundschaft. Und sie sagte eines Tages zu ihm: »Thijl, du hast wenig Sittlichkeit: wer bist du denn?« »Ich bin«, sagte er, »ein Sohn des Herrn Zufalls, den er eines Tages mit Frau Gut Glück hatte.« »Damit sagst du nichts Schimpfliches,« sagte sie. »Das geschieht aus Besorgnis, daß mich die andern loben könnten,« antwortete Uilenspiegel. »Würdest du deinen Mann stellen bei der Verteidigung deiner Brüder, die verfolgt werden?« »Die Asche Klaasens schlägt an meine Brust,« antwortete Uilenspiegel. »Wie schön du jetzt bist!« sagte sie. »Aber wer ist Klaas?« Uilenspiegel antwortete: »Klaas ist mein Vater, der für den Glauben verbrannt worden ist.« »Der Graf von Meghem gleicht dir nicht,« sagte sie. »Er will es bluten lassen, das Vaterland, das ich liebe; denn ich bin in Antwerpen, der edeln Stadt, geboren. Wisse also, daß er mit Scheyf, dem Ratsherrn von Brabant, übereingekommen ist, seine zehn Fähnlein Fußvolk nach Antwerpen zu schicken.« »Ich werde es den Bürgern melden,« sagte Uilenspiegel, »und ich gehe unverzüglich, flüchtig wie ein Geist.« Er ging, und am nächsten Tage waren die Bürger unter Waffen. Für alle Fälle hatten Uilenspiegel und Lamme ihre Esel bei einem Pächter Simon Simonsens eingestellt. Sie mußten sich verborgen halten, weil der Graf von Meghem überall nach ihnen fahndete, um sie henken zu lassen; denn man hatte ihm erzählt, zwei Ketzer hätten von seinem Weine getrunken und von seinem Fleische gegessen. Er war eifersüchtig und sagte es seiner Schönen; die knirschte vor Wut mit den Zähnen, weinte und fiel siebenzehnmal in Ohnmacht. Die Küchenmagd tat desgleichen, aber nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anteil am Paradiese und bei ihrem Seelenheil, daß weder sie noch ihre Herrin etwas andres getan habe, als die Abfälle des Essens zwei armen Pilgern zu geben, die auf elenden Eseln ans Küchenfenster gekommen seien. Und an diesem Tage wurden so viel Tränen vergossen, daß der Estrich ganz feucht war. Als das der Graf von Meghem sah, war er beruhigt, daß sie nicht logen. Lamme getraute sich aber nicht mehr hin; denn die Küchenmagd rief ihn immer an: Meine Frau! Und darob war er sehr bekümmert, weil er an die Nahrung dachte. Aber Uilenspiegel brachte ihm täglich eine gute Schüssel; denn er gelangte durch die St. Katharinenstraße ins Haus und verbarg sich auf dem Dachboden. Am andern Tage gestand der Graf zur Vesperzeit seiner Schönen, welchermaßen er angeordnet habe, daß seine Soldaten noch vor Tag in Herzogenbusch eindringen sollten. Dann schlief er ein. Die Schöne eilte auf den Boden und erzählte Uilenspiegel alles. XVIII Als Pilger verkleidet, brach Uilenspiegel unverzüglich ohne Mundvorrat und ohne Geld auf, um die Bürger von Herzogenbusch zu warnen. Er gedachte, unterwegs von Jeroen Praet, dem Bruder Simons, für den er Briefe des Prinzen hatte, ein Pferd zu nehmen und dann auf den Querwegen nach Herzogenbusch zu sprengen. Als er die Straße übersetzte, sah er einen Trupp Soldaten kommen. Er hatte große Furcht wegen der Briefe, entschloß sich aber, gute Miene zum bösen Spiele zu zeigen. Er ließ die Soldaten ruhig herankommen und murmelte seine Paternoster; als sie an ihm vorbeikamen, schloß er sich ihnen an und erfuhr, daß sie nach Herzogenbusch marschierten. Ein Fähnlein Wallonen eröffnete den Zug. An der Spitze ritt der Hauptmann Lamotte mit seiner Garde von sechs Hellebardieren, dann kamen dem Range nach der Fähnrich mit einer kleinern Garde, der Profoß, dessen Hellebardiere samt den zwei Häschern, der Wachtmeister, der Troßvogt und der Freimann mit seinem Knechte, endlich Pfeifer und Trommler mit mächtigem Lärme. Dann kam ein vlämisches Fähnlein von zweihundert Mann mit seinem Hauptmann und seinem Fähnrich, geteilt in zwei Hundertschaften, die von Korporalen befehligt wurden und sich wieder in Zehnerschaften teilten, die unter den Rottmeistern standen. Auch dem Profoßen und den Stockknechten gingen Pfeifer und Trommler voran. Zum Schlusse kamen mit schallendem Gelächter in zwei offenen Karren, zwitschernd wie Rotkehlchen, singend wie Nachtigallen, essend, trinkend, tanzend, stehend, liegend, sitzend ihre Gefährtinnen, hübsche tolle Mädchen. Die einen waren gekleidet wie die Landsknechte, aber in seines weißes Tuch, das den Busen frei ließ und an den Armen, den Beinen und den Hüften geschlitzt war; sie trugen goldgestickte Leinwandbarette, an denen schöne Straußenfedern im Winde wehten. An den mit roten Atlaskrausen besetzten Goldgürteln hingen die goldblitzenden Scheiden ihrer Dolche. Und ihre Schuhe, Strümpfe, Hosen, Koller, Schnürbänder und Nesteln waren aus Gold und weißer Seide. Andere waren auch auf Landsknechtart gekleidet, aber in Blau, in Grün, in Scharlach, in Azur und in Karmesin; und ihre Kleider waren geschlitzt und gestickt nach dem Geschmacke der einzelnen, der sich auch in ihren verschiedenen Gewaffen zeigte. Und alle hatten am Arme das farbige Rädchen, das ihr Gewerbe anzeigte. Ein Hurenweibel wollte sie zum Schweigen bringen; aber mit ihren reizenden Frätzchen und Worten zwangen sie ihm ein Lachen ab und gehorchten ihm nicht. Uilenspiegel in seiner Pilgertracht hielt sich den zwei Fähnlein zur Seite, wie einem mächtigen Schiff ein kleiner Kahn. Und er murmelte seine Vaterunser. Plötzlich sagte Lamotte zu ihm: »Wohin gehst du, Pilger?« »Herr Hauptmann,« antwortete Uilenspiegel, der Hunger hatte, »ich habe vorzeiten eine große Sünde begangen und bin von dem Kapitel von Unserer Frau verurteilt worden, zu Fuß nach Rom zu gehn, um vom Heiligen Vater Verzeihung zu erbitten. Und er hat sie mir bewilligt. Rein gewaschen habe ich in diese Lande zurückkehren dürfen unter der Bedingung, auf dem Wege allen und jeglichen Soldaten, die ich träfe, die Heiligen Mysterien zu predigen; und für meine Predigten sollen sie mir Brot und Fleisch geben. Und mit diesem Schwatzen erhalte ich mein armseliges Leben. Erteilt mir die Erlaubnis, daß ich beim nächsten Halt meinem Gelübde nachkommen darf.« »Ja,« sagte der Herr von Lamotte. Uilenspiegel tastete nach den Briefen unter seinem Wams, als er sich brüderlich unter die Wallonen und die Vlamen mischte. Die Mädchen riefen ihm zu: »Pilger, schöner Pilger, komm zu uns und zeig uns die Kraft deiner Muscheln.« Uilenspiegel trat näher und sagte bescheidentlich zu ihnen! »Schwestern in Christo, verspottet nicht einen armen Pilger, der über Berg und Tal zieht, um den Soldaten den heiligen Glauben zu predigen.« Und seine Augen verschlangen ihre wonnigen Reize. Aber die tollen Mädchen steckten ihre muntern Gesichter aus den Blachen der Karren. »Du bist noch zu jung, um den Soldaten vorzuschwatzen. Komm zu uns herein, wir wollen dich süßer reden lehren.« Uilenspiegel hätte gerne gehorcht, durfte es aber nicht wegen seiner Briefe; schon griffen die runden, weißen Arme zweier Mädchen nach ihm, um ihn emporzuziehen, als der Hurenweibel eifersüchtig zu Uilenspiegel sagte: »Zurück, oder ich mache dich kalt.« Uilenspiegel entfernte sich ein Stück, blinzelte aber noch immer zu den frischen Mädchen hinüber, die die auf den Weg blinkende Sonne golden überglitzerte. Man kam nach Berchem. Philipp de Lannoy, Sieur de Beauvoir, der Befehlshaber der Vlamen, ließ Halt machen. Es war gerade bei einer nicht allzu hohen Eiche, die aller ihrer Äste beraubt war, bis auf einen sehr starken; an diesen, der in der Mitte gebrochen war, hatte man im letzten Monate einen Wiedertäufer am Halse gehenkt. Kaum stand der Zug still, so kamen die Marketender zu den Soldaten, um ihnen Brot, Wein, Bier und allerlei Fleisch zu verkaufen; die tollen Mädchen jedoch kauften Zuckerwerk, Kastanien, Mandeln und Törtchen. Als das Uilenspiegel sah, wuchs sein Hunger noch mehr. Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich rittlings auf den starken Ast, der sieben Fuß über der Erde war; dann schlug er sich mit einer Geißel, während die Soldaten und die tollen Mädchen einen Kreis um ihn bildeten: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Es steht geschrieben: wer den Armen gibt, der leiht Gott. Ihr Soldaten und ihr, schöne Damen, reizende Liebesgesellinnen dieser wackern Krieger, leiht Gott, das will besagen, gebt mir Brot, Fleisch, Wein, Bier, wenn ihr wollt, und Törtchen, wenn es euch nicht mißfällt, und Gott, der reich ist, wird es euch wiedergeben in Gestalt von Fettammernbrüsten, von Malvasierbächen und von Zuckerbergen, auch von Rijstpap, die ihr im Paradies mit silbernen Löffeln essen werdet.« Dann klagte er: »Seht ihr nicht, mit was für grausamer Pein ich meine Sünden zu sühnen versuche? Wollt ihr mich nicht trösten in dem brennenden Schmerz, den mir diese Geißel verursacht, wenn sie mir den Rücken bis aufs Blut zerreißt?« »Wer ist der Narr?« sagten die Soldaten. »Meine Freunde,« antwortete Uilenspiegel, »ich bin keineswegs närrisch, sondern reuig und hungrig; denn während meine Seele über ihre Sünden weint, weint mein Bauch über die Abwesenheit von Nahrung. Gesegnete Soldaten und ihr, hübsche Mädchen, ich sehe da bei euch Schinken, Geflügel, Würste, Wein, Bier, Törtchen. Werdet ihr dem Pilger gar nichts geben?« »Ja, ja,« sagten die vlämischen Soldaten, »er hat ein ehrliches Gesicht, der Prediger.« Und alle warfen ihm Brocken zu wie Bälle. Uilenspiegel unterbrach seine Rede nicht und aß, auf dem Aste reitend: »Der Hunger macht den Menschen nicht nur hart, sondern auch unfähig zu beten; aber der Schinken vertreibt diese düstere Stimmung im Augenblicke.« »Achtung, Hans Narr,« rief ein Korporal und warf ihm eine halbvolle Flasche zu. Uilenspiegel fing die Flasche im Fluge; dann sagte er, ab und zu einen Schluck nehmend: »Wie der grimmige, rasende Hunger ein Ding ist, das den armen Menschenleib schädigt, so ist noch etwas andres verderblich: das ist die Angst eines armen Pilgers, der von großmütigen Soldaten, von dem einen mit einer Schnitte Schinken, von dem andern mit einer Flasche Bier, beschenkt wird: denn der Pilger ist an Mäßigkeit gewöhnt; trinkt er nun bei einem so mager versorgten Magen, so wird er im Nu betrunken sein.« Während er sprach, haschte er, wieder im Fluge, einen Gansbügel. »Das ist«, sagte er, »eine wunderbare Sache, wenn man die Fische der Wiesen in der Luft fängt. Aber er ist schon verschwunden samt dem Knochen. Was ist gieriger als trockener Sand? Eine unfruchtbare Frau und ein hungriger Magen.« Plötzlich fühlte er, wie ihn das Eisen einer Hellebarde in sein Sitzfleisch stach. Und ein Fähnrich sagte zu ihm: »Verachten jetzt die Pilger eine Hammelkeule?« Uilenspiegel sah an dem Eisen der Hellebarde eine große Hammelkeule aufgespießt. Er nahm sie beim Hefte und sagte: »Heft um Heft, lieber habe ich dies Heft zwischen den Zähnen, als die Hefte an meinem Wams. Den Markknochen will ich zu einer Flöte saugen, um dein Lob erklingen zu lassen, barmherziger Hellebardier.« »Immerhin,« fuhr er fort, während er an der Keule nagte, »was ist ein Mahl ohne Nachtisch, was ist eine Keule, und sei sie noch so saftig, wenn nicht der Pilger nachher irgendeinem Törtchen in das gesegnete Antlitz blicken kann?« Und schon fuhr er sich mit der Hand ins Gesicht; denn zwei Törtchen, die aus der Gruppe der tollen Mädchen kamen, hatten sich, die eine auf seinem Auge, die andere auf seiner Wange zerklatscht. Und die Mädchen lachten, und Uilenspiegel antwortete: »Schönen Dank, hübsche Mädchen, daß ihr mir die Süßigkeiten paarweise gebt, wie gebratene Kaninchen!« Aber die Törtchen waren auf die Erde gefallen. Plötzlich wirbelten die Trommeln und kreischten die Pfeifen; die Soldaten machten sich marschfertig. Der Herr von Beauvoir befahl Uilenspiegel, von seinem Baum herunterzusteigen und die Truppe zu begleiten. Uilenspiegel wäre aber gerne hundert Meilen weit weg gewesen, weil er aus den Worten einiger bärbeißiger Soldaten witterte, daß er ihnen verdächtig war und daß sie ihn als einen Spion greifen, ihn durchsuchen und ihn, wenn sie seine Sendschreiben fänden, henken würden. Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie: »Erbarmen, Herren Soldaten! Ich habe das Bein gebrochen und kann nicht mehr gehn; laßt mich auf den Karren der Mädchen.« Aber er wußte, daß dies der eifersüchtige Hurenweibel nie gestatten würde. Die Mädchen riefen ihn aus ihrem Karren: »Komm nur, hübscher Pilger, komm. Wir werden dich lieben, hätscheln, pflegen und in einem Tage gesund machen.« »Ich weiß es,« sagte er; »Frauenhände sind ein himmlischer Balsam für alle Verletzungen.« Aber der eifersüchtige Hurenweibel sagte zum Herrn von Lamotte: »Messire, ich glaube, der Pilger will uns foppen mit seinem gebrochenen Beine; er will nur in den Karren der Mädchen. Befehlt, daß man ihn liegen lasse.« »Meinetwegen,« antwortete der Herr von Lamotte. Und sie ließen Uilenspiegel im Graben liegen. Etliche Soldaten, die glaubten, er habe sich wirklich das Bein gebrochen, bedauerten ihn, weil sie in ihm einen lustigen Kauz gefunden hatten; sie ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage zurück. Die Mädchen wären ihm gerne zu Hilfe gekommen; da sie es aber nicht durften, warfen sie ihm alles zu, was ihnen an Leckereien übrig geblieben war. Als die Truppe weit genug weg war, schlug sich Uilenspiegel in seiner Pilgertracht feldein; er kaufte ein Pferd und sauste wie der Wind auf Straßen und Fußwegen nach Herzogenbusch. Auf die Zeitung von der Ankunft der Herren von Beauvoir und Lamotte wappneten sich die von der Stadt in einer Anzahl von achthundert Mann, wählten Hauptleute und schickten Uilenspiegel in der Verkleidung eines Kohlenträgers um Entsatz nach Antwerpen zu Brederode, dem herkulischen Trinker. Und die Soldaten der Herren von Lamotte und Beauvoir mußten draußen bleiben, weil Herzogenbusch, die wachsame Stadt, zu wackern Widerstände gerüstet war. XIX Im nächsten Monate gab ein gewisser Doktor Agileus Uilenspiegel zugleich mit zwei Gulden Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben sollte, um sich ihm zur Verfügung zu stellen. Uilenspiegel fand bei Praet Zehrung und Unterkunft, Sein Schlaf war gut, und gut war auch sein jugendfrisches Aussehn; Praet hingegen schien mit seinem grämlichen und bekümmerten Gesichte immer in traurigen Gedanken versunken zu sein. Und wenn Uilenspiegel zufällig einmal des Nachts aufwachte, vernahm er zu seiner Verwunderung Hammerschläge. So zeitlich er auch aufstand, immer war Simon Praet schon vor ihm auf den Beinen, und sein Gesicht war noch kummervoller, und seine Augen waren noch trauriger, flackernd wie die eines Mannes, der in den Tod oder in die Schlacht gehn soll. Oft seufzte Praet tief, die Hände zum Gebete gefaltet, und immer schien er voll unwilliger Erregung. Seine Finger waren schwarz und fettig, ebenso seine Arme und sein Hemd. Uilenspiegel beschloß, in Erfahrung zu bringen, woher die Hammerschläge kämen, warum Praets Arme schwarz seien und woher sein Trübsinn rühre. Eines Abends, als er mit Simon, der sich nur ungern dazu herbeigelassen hatte, in der ›Blauwe Gans‹ gewesen war, stellte er sich stockbetrunken und tat, als ob sein Kopf so schwer wäre, daß er ihn unverzüglich aufs Kissen legen müßte. Und Praet brachte ihn traurig heim. Uilenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; das Bett Praets war im Erdgeschoß beim Keller. Uilenspiegel stieg, indem er seine angebliche Trunkenheit beibehielt, torkelnd die Treppe hinauf und klammerte sich dabei, wie um nicht zu fallen, an den Strick. Simon half ihm mit zarter Sorgfalt wie ein Bruder. Als er ihn ins Bett gelegt hatte, ging er hinunter; und er beklagte den Trunkenen und bat Gott für ihn um Verzeihung. Und bald vernahm Uilenspiegel die Hammerschläge, die ihn manchmal geweckt hatten. Leise stand er auf und schlich mit nackten Füßen hinunter; als er zweiundsiebenzig schmale Stufen hinter sich hatte, fand er eine niedrige Tür, durch deren halbe Öffnung ein schwacher Lichtschimmer drang. Simon bedruckte lose Blätter mit alten Lettern aus der Zeit Laurens Costers, des großen Förderers der edeln Buchdruckerkunst. »Was machst du da?« fragte Uilenspiegel. Entsetzt antwortete Simon: »Wenn du vom Teufel bist, so gib mich an, auf daß ich sterbe; bist du aber von Gott, so sei dein Mund das Gefängnis deiner Zunge.« »Ich bin von Gott,« antwortete Uilenspiegel, »und will dir nichts Böses. Was machst du da?« »Ich drucke Bibeln,« antwortete Simon. »Bei Tage veröffentliche ich, um meiner Frau und meinen Kindern Brot zu schaffen, die grausamen und schlechten Edikte Seiner Majestät, und in der Nacht säe ich das wahre Wort Gottes und mache so das Schlechte wieder gut, das ich tagsüber begangen habe.« »Du bist gut,« sagte Uilenspiegel. »Ich habe den Glauben,« antwortete Simon. Und in der Tat war es diese heilige Druckerei, woraus die vlämischen Bibeln hervorgingen, die sich durch die Lande von Brabant, Flandern, Holland, Seeland, Utrecht, Nordbrabant, Oberyssel und Geldern verbreiteten, bis endlich eines Tages Simon verurteilt wurde, enthauptet zu werden. Also hat er sein Leben für Christus und die Gerechtigkeit hingegeben. XX Simon sagte eines Tages zu Uilenspiegel: »Höre, Bruder, hast du Mut?« »Ich habe so viel,« antwortete Uilenspiegel, »wie es braucht, um einen Spanier bis auf den Tod zu stäupen, um einen Meuchler zu töten und um einen Mörder zu vertilgen.« »Könntest du«, fragte ihn der Drucker, »in einem Kamin ein paar Stunden geduldig ausharren und belauschen, was in dem Zimmer gesprochen wird?« Uilenspiegel antwortete: »Da mir Gott starke Lenden und geschmeidige Knie gegeben hat, vermag ich, wo ich will, lang auszuhalten wie eine Katze.« »Hast du Geduld und ein gutes Gedächtnis?« fragte Simon. »Die Asche Klaasens schlägt an meine Brust,« antwortete Uilenspiegel. »Höre denn,« sagte der Drucker. »Du nimmst diese also zusammengefaltete Karte, gehst nach Dendermonde und klopfst dort an die Pforte des Hauses, das hier abgezeichnet ist, dreimal, zweimal stark und einmal leise. Irgend jemand wird dir öffnen und dich fragen, ob du der Schornsteinfeger bist; du antwortest, daß du mager bist und die Karte nicht verloren hast. Du zeigst sie ihm. Und dann, Thijl, tust du, was du sollst. Großes Unheil schwebt über Flandern. Man wird dir einen schon hergerichteten und gefegten Kamin zeigen; du wirst gute Klammern für deine Füße und ein festes Holzbrettchen als Sitz vorfinden. Wenn dir der, der dir geöffnet hat, sagen wird, du sollest in den Kamin steigen, dann tust du es und verhältst dich drinnen ganz ruhig, Erlauchte Herren werden sich in dem Zimmer vor dem Kamin, wo du steckst, versammeln. Es sind dies Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, und die Grafen von Egmont, von Hoorne und von Hoogstraten, endlich der Graf Ludwig von Nassau, der wackere Bruder des Schweigers. Wir Reformierten wollen wissen, was die Herren unternehmen wollen und können, um die Lande zu retten.« Am ersten April setzte Uilenspiegel ins Werk, was ihm befohlen worden war, und kroch in den Kamin. Mit Befriedigung sah er, daß kein Feuer drin brannte, und war froh, daß ihm kein Rauch das Hören beeinträchtigen werde. Bald öffnete sich die Tür des Saales, und ein Windstoß ließ ihn durch und durch erschauern; er ertrug es mit Geduld und meinte, so werde seine Aufmerksamkeit wacherhalten werden. Dann hörte er die Herren von Oranien und Egmont mit den andern in den Saal treten. Sie begannen von ihren Besorgnissen zu reden, vom Zorn des Königs und von der schlechten Verwaltung der Gelder und Zölle. Einer sprach mit scharfem, lautem und hellem Klange; das war Egmont. Uilenspiegel erkannte ihn, wie er auch Hoogstraten an seiner heisern Stimme erkannte, Hoorne an seiner tiefen Stimme, den Grafen Ludwig von Nassau an seinem knappen und kriegerischen Reden und den Schweiger daran, daß er alle Worte so bedächtig herausbrachte, als ob er sie einzeln auf die Wage gelegt hätte. Der Graf von Egmont fragte, warum man sie noch ein zweites Mal zusammenberufen habe, wo sie doch schon in Hellegat Muße genug gehabt hätten, ihre Entschlüsse zu fassen. Hoorne antwortete: »Die Stunden fliehen rasch, die Mißstimmung des Königs wächst; hüten wir uns vor allem Zaudern.« Nun sagte der Schweiger: »Die Lande sind in Gefahr; sie müssen gegen den Einfall eines fremden Heeres gesichert werden.« Egmont antwortete erregt, er finde es wunderlich, daß der König und Herr daran denken sollte, ein Heer herzusenden, wo durch die Bemühungen der Herren, sonderlich durch die seinigen, alles beruhigt sei. Aber der Schweiger: »Philipp hält in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk; alle Soldaten sind blindlings dem ergeben, der sie bei Gravelingen und St. Quentin geführt hat.« »Das verstehe ich nicht,« sagte Egmont. Der Prinz entgegnete: »Ich will weiter nichts mehr sagen, aber es sollen Euch und den andern Herren gewisse Briefe vorgelesen werden, für den Anfang die des armen Gefangenen Montigny.« In diesen Briefen schrieb der Herr von Montigny: ›Der König ist außergewöhnlich erbost über das, was in den Niederlanden geschehn ist, und er wird im gegebenen Augenblicke die Begünstiger der Unruhen strafen.‹ Darauf sagte der Graf von Egmont, ihm sei kalt, und es wäre gut, ein ordentliches Feuer zu machen. Dies geschah, während die beiden Herren über den Brief sprachen. Das Feuer fing nicht, wegen des allzu großen Pfropfens, der im Kamine steckte, und das Zimmer ward voll Rauch. Nun las der Graf von Hoogstraten, hustend, die aufgefangenen Briefe von Alava, Gesandten Spaniens, an die Regentin. »Der Gesandte schreibt,« sagte er, »daß alles Üble, was in den Niederlanden geschehn ist, das Werk der drei Männer sei, nämlich Oraniens, Egmonts und Hoornes. ›Man muß‹, sagt der Gesandte, ›den drei Herren ein freundliches Gesicht zeigen und ihnen sagen, der König erkenne es an, daß er die Lande durch ihre Bemühungen in der Botmäßigkeit erhalten habe. Was hingegen die zwei betrifft, Montigny und Bergen, so sind sie dort, wo sie bleiben sollen.‹« »Ach,« sagte Uilenspiegel, »lieber ist mir ein rauchiger Kamin im vlämischen Lande, als ein frisches Gefängnis in Spanien; denn dort wachsen Knebel zwischen den feuchten Mauern.« »Der besagte Gesandte fügt bei, daß der König in der Stadt Madrid gesagt hat: ›Durch all das, was in den Niederlanden geschehn ist, ist unser königliches Ansehn geschmälert und der Gottesdienst herabgewürdigt worden; und wir werden lieber unser ganzes Reich daransetzen, als einen solchen Aufruhr ungestraft lassen. Wir sind entschlossen, in eigener Person in die Niederlande zu kommen und die Unterstützung des Papstes und des Kaisers anzurufen. Unter dem gegenwärtigen Übel liegt das zukünftige Gute. Wir werden die Niederlande unter unsere unumschränkte Botmäßigkeit zurückbringen und dort die Gesetze, die Religion und die Regierung nach unserer Weise umgestalten.‹« »Ach, König Philipp,« sagte Uilenspiegel bei sich, »wenn ich dich nach meiner Weise umgestalten könnte, würdest du unter meinem vlämischen Stocke eine merkliche Umgestaltung deiner Schenkel, Arme und Beine erleiden; ich würde dir den Kopf mit zwei Nägeln auf den Rücken nageln, um zu sehn, ob du auch in diesem Zustand, wo du den Friedhof, den du hinter deinen Schritten zurückläßt, betrachten könntest, dein Lied von tyrannischer Umgestaltung nach deiner Weise singen würdest.« Man brachte Wein. Hoogstraten erhob sich und sagte: »Ich trinke auf die Lande!« Alle taten wie er, der, indem er den geleerten Humpen auf den Tisch setzte, fortfuhr: »Für den belgischen Adel schlägt die schlimme Stunde. Es heißt an die Mittel der Verteidigung denken.« Auf eine Antwort wartend, sah er Egmont an; der sagte kein Wort. Aber der Schweiger sprach: »Wir werden Widerstand leisten, wenn uns nicht Egmont, der zweimal, bei St. Quentin und bei Gravelingen, Frankreich hat erzittern lassen, Egmont, dem die vlämischen Soldaten blinden Gehorsam leisten, im Stiche läßt, sondern uns hilft, dem Spanier den Eintritt in unsere Lande zu verwehren.« Der Graf von Egmont antwortete: »Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dem Könige, um glauben zu können, daß wir uns zum Aufruhr gegen ihn bewaffnen sollten. Mögen sich die flüchten, die seinen Zorn fürchten. Ich bleibe, da ich auf seine Unterstützungen angewiesen bin.« »Philipp kann sich grausam rächen,« sagte der Schweiger. »Ich habe Vertrauen,« antwortete Egmont. »Den Kopf mit einbegriffen?« fragte Ludwig von Nassau. »Mit einbegriffen den Kopf, den Leib und die Ergebenheit, die ihm gehören.« »Freund und Bruder, ich tue wie du,« sagte Hoorne. Der Schweiger sagte: »Es heißt sich vorsehn und nicht zaudern.« Nun sagte Egmont heftig: »Ich habe in Geertsbergen zweiundzwanzig Reformierte henken lassen. Wenn die Predigten aufhören, wenn man die Bilderstürmer bestraft, wird sich der Zorn des Königs legen.« Der Schweiger antwortete: »Das sind unsichere Hoffnungen.« »Waffnen wir uns mit Vertrauen,« sagte Egmont. »Waffnen wir uns mit Vertrauen,« sagte Hoorns. »Mit Eisen heißt es sich waffnen und nicht mit Vertrauen,« entgegnete Hoogstraten. Inzwischen traf der Schweiger Anstalten zum Aufbruch. »Lebe wohl, Prinz ohne Land,« sagte Egmont. »Lebe wohl, Graf ohne Kopf,« sagte der Schweiger. Noch sagte Ludwig von Nassau: »Den Metzger für den Hammel, Ruhm für den Soldaten, der das Land der Väter rettet!« »Ich kann nicht, ich will nicht,« sagte Egmont. »Das Blut der Opfer«, sagte Uilenspiegel, »komme auf das Haupt des Höflings!« Die Herren entfernten sich. Uilenspiegel stieg aus dem Kamin und machte sich auf der Stelle auf, um die Neuigkeiten Praet zu melden. Der sagte: »Egmont ist ein Verräter; Gott ist mit dem Prinzen.«   Der Herzog! Der Herzog in Brüssel! Wo sind die Geldkisten, die Flügel haben? Drittes Buch I Er geht, der Schweiger; Gott geleitet ihn! Die zwei Grafen sind längst gefangen; Alba verspricht dem Schweiger Gnade und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheine. Auf diese Zeitung hin sagt Uilenspiegel zu Lamme: »Auf Veranlassung des Generalprokurators Dubois hat der Herzog den Prinzen von Oranien, dessen Bruder Ludwig, Hoogstraten, van den Berg, Kuilemburg, Brederode und andere Freunde des Prinzen aufgefordert, binnen dreimal vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und hat ihnen ein ehrliches und mildes Gericht versprochen. Hör, Lamme: Einmal hat ein Amsterdamer Jude einen Feind von ihm aufgefordert, auf die Straße herunterzukommen; der Aufforderer war auf dem Pflaster, der Aufgeforderte an einem Fenster. ›Komm doch herunter‹ sagte der Aufforderer zum Aufgeforderten, ›ich will dir eins auf den Kopf geben, daß er dir in die Brust fährt und du durch die Rippen herausguckst wie ein Dieb durchs Gefängnisgitter.‹ Der Aufgeforderte antwortete: ›Und wenn du mir noch hundertmal mehr versprächest, ich käme doch nicht hinunter.‹ So könnten auch Oranien und die andern antworten.« Und sie taten es und weigerten sich zu erscheinen. Egmont und Hoorne ahmten ihnen nicht nach. Und die Lässigkeit in der Pflichterfüllung ruft die Stunde Gottes herbei. II Um diese Zeit wurden auf dem Pferdemarkt in Brüssel die Herren von Andelot, die Brüder von Battemburg und andere erlauchte und wackere Herren enthauptet, weil sie sich Amsterdams hatten durch einen Handstreich bemächtigen wollen. Während sie, achtzehn an der Zahl, Psalmen singend zur Richtstatt gingen, schlugen vor und hinter ihnen Trommeln den ganzen Weg entlang. Die spanischen Soldaten, die sie geleiteten und flammende Fackeln trugen, brannten sie allerorten am Leibe. Und wenn sie des Schmerzes halber eine Bewegung machten, sagten sie zu ihnen: »Wie, ihr Lutheraner, das tut euch also weh, so bald gebrannt zu werden?« Und der, der sie verraten hatte, hieß Dierik Slosse; er hatte sie verleitet, daß sie nach Enkhuizen, das noch katholisch war, kamen, um sie so den Häschern des Herzogs zu überliefern. Und sie starben tapfer. Und der König erbte. III Hast du sie vorbeiziehen sehn?« sagte Uilenspiegel, der als Holzhauer gekleidet war, zu Lamme, der in derselben Tracht war. »Hast du den schändlichen Herzog gesehn mit seinem kurzstirnigen Plattkopfe, der dem eines Raubvogels gleicht, und mit seinem langen Barte, der ihm herabhängt wie ein Strickende vom Galgen? Gott erwürge ihn damit! Hast du sie gesehn, diese Spinne mit ihren haarigen langen Beinen? Satan hat sie beim Erbrechen auf unsere Lande gespien! Komm, Lamme, komm; wir wollen ihr Steine ins Gespinst werfen ...« »Ach,« sagte Lamme, »wir werden lebendig verbrannt werden.« »Komm nach Groenendaal, lieber Freund, komm nach Groenendaal. Dort ist ein schönes Kloster, wo Seine Spinnliche Herzogschaft zu Gott betet, ihn in Frieden sein Werk vollenden zu lassen, das darin besteht, daß sich sein Wahnwitz in Leichen austobt. Wir sind in der Fastenzeit, aber Blut ist es nicht, dessen sich Seine Herzogschaft enthalten will. Komm, Lamme. Fünfhundert bewaffnete Reiter sind um das Haus von Ohain; dreihundert Mann zu Fuß sind in kleinen Haufen abmarschiert und dringen in den Busch von Soignies. Sofort, wann Alba seine Andacht verrichtet, stürzen wir uns auf ihn und greifen ihn; dann stecken wir ihn in einen schönen eisernen Käfig und bringen ihn dem Prinzen.« Aber Lamme zitterte vor Angst: »Große Gefahr, mein Sohn! Große Gefahr! Ich täte ja gerne mit, wenn nicht meine Beine so schwach wären und wenn nicht mein Bauch von dem sauern Biere, das man in Brüssel trinkt, so gebläht wäre.« Dieses Gespräch führten sie in einem Loche, das mitten im Dickicht in die Erde gegraben war. Durch das Laub spähend wie Dachsschliefer, sahen sie plötzlich die gelben und roten Röcke der herzoglichen Soldaten, deren Waffen in der Sonne blinkten und die zu Fuß durch den Busch zogen. »Wir sind verraten,« sagte Uilenspiegel. Als er die Soldaten nicht mehr sah, lief er, was ihn die Beine trugen, nach Ohain. Die Soldaten ließen ihn unbehelligt vorbei wegen seines Holzhauerkleides und wegen der Last Holz, die er auf dem Rücken trug. In Ohain traf er die Reiter wartend; er sprengte die Nachricht aus, und alle zerstreuten sich und entwischten, ausgenommen den Herrn Bausart d'Armentières, der gefangen wurde. Von dem Fußvolk, das aus Brüssel kam, konnte man nicht einen einzigen greifen. Der Herr von Bausart büßte grausam für die übrigen. Und es war ein nichtswürdiger Verräter vom Regimente des Herrn von Likes, der sie allesamt verraten hatte. Das Herz klopfend vor Angst, ging Uilenspiegel auf den Viehmarkt in Brüssel, um seiner grausamen Marter beizuwohnen. Der arme Armentières wurde aufs Rad geflochten und erlitt sechsunddreißig Schläge mit Eisenstangen auf die Beine, die Arme, die Füße und die Hände; denn die Henker wollten ihn grausam leiden sehn. Und auf die Brust erhielt er den siebenunddreißigsten; so starb er. IV An einem klaren und linden Junitage wurde in Brüssel, auf dem Markte vor dem Stadthaus, ein Schafott errichtet und mit schwarzem Tuch überzogen; daneben pflanzte man zwei Pfähle auf, die eiserne Spitzen trugen. Auf dem Schafotte waren zwei schwarze Kissen und auf einem Tischchen ein silbernes Kreuz. Und auf diesem Schafotte wurden die edeln Grafen von Egmont und Hoorne mit dem Schwerte hingerichtet. Und der König erbte. Und der Gesandte des Königs Franz, des ersten des Namens, sagte, indem er von Egmont sprach: »Ich habe das Haupt des Mannes fallen sehn, der Frankreich zweimal hat erzittern lassen.« Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt. Und Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Die Körper und das Blut sind mit schwarzem Tuche bedeckt. Gesegnet seien die, die das Herz auf dem rechten Flecke und die Hand am Schwerte haben in den schwarzen Tagen, die kommen werden!« V Damals sammelte der Schweiger ein Heer und ließ es von drei Seiten in die Niederlande einbrechen. Und Uilenspiegel sagte in einer Zusammenkunft von Buschgeusen von Marenhout: »Auf Veranlassung derer von der Inquisition hat Philipp, der König, alle Bewohner der Niederlande und jeden einzeln der Majestätsbeleidigung schuldig erklärt, begangen durch die Ketzerei, ebensowohl indem man ihr angehangen hat, als auch indem man ihr kein Hemmnis in den Weg gelegt hat; und in Anbetracht dieses fluchwürdigen Verbrechens verurteilt er sie alle ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter, die ausgenommen, die mit Namen bezeichnet sind, zu den für derlei Frevel festgesetzten Strafen, und das ohne jede Hoffnung auf Gnade. Der König erbt. Der Tod schwingt seine Hippe über das reiche weite Land, das da begrenzt wird von der Nordsee, von der Grafschaft Emden, von der Ems, von Westfalen, von Cleve, von Jülich und von Lüttich, von den Bistümern Köln und Trier, von Lothringen und von Frankreich. Der Tod schwingt seine Hippe über eine Fläche von dreihundertvierzig Meilen, in zweihundert ummauerten Städten, in einhundertfünfzig mit städtischen Rechten begabten Flecken, in den Dörfern, in den Weilern und im Flachlande. Der König erbt. Elftausend Henker sind nicht zu viel für dieses Geschäft. Alba nennt sie Soldaten. Und die Erde unserer Väter ist zu einem Leichenfelde geworden, das die Künste fliehn, das die Handwerker und Gewerbsleute verlassen, um den Fremden reich zu machen, der ihnen erlaubt, den Gott des freien Gewissens anzubeten. Der Tod und das Elend mähen. Der König erbt. Die Lande haben ihre Freiheiten kraft des Geldes erworben, das sie bedürftigen Fürsten gegeben haben; diese Freiheiten sind zerrissen. Sie hatten gehofft, gemäß den zwischen ihnen und den Herrschern abgeschlossenen Verträgen, den Reichtum, die Frucht ihrer Arbeit, genießen zu dürfen; sie haben sich getäuscht: der Maurer baut für den Brand, der Werkmann arbeitet für den Dieb. Der König erbt. Blut und Tränen! Der Tod schwingt seine Hippe auf den Scheiterhaufen, auf den Bäumen, die den Heerstraßen entlang als Galgen dienen, in den offenen Gräbern, worein die armen Mädchen lebendig geworfen werden, in den Tonnen, wo die Gefangenen in den Kerkern ersäuft werden, in den Ringen entzündeter Reisigbündel, in deren Mitte die Dulder bei langsamem Feuer brennen, in den flammenden Strohhütten, wo die Opfer im Feuer und im Qualme sterben. Der König erbt. So hat es der Papst von Rom haben wollen. Die Städte strotzen von Spionen, die von dem Vermögen der Opfer ihren Teil begehren. Je reicher einer ist, desto schuldiger ist er. Der König erbt. Aber die wackern Männer der Lande werden sich nicht abkehlen lassen wie Schafe. Unter denen, die fliehen, sind bewaffnete, die im Busch Zuflucht suchen. Die Mönche haben sie angezeigt, damit man sie töte und ihr Gut nehme. Darum stürzen sie sich bei Nacht und bei Tag, wie die Wölfe in Rudeln auf die Klöster und nehmen die Leuchter wieder, deren Silber dem armen Volke aus der Tasche gestohlen worden ist, und nehmen die goldenen und silbernen Reliquienschreine, die Monstranzen, die Hostienteller und die kostbaren Gefäße. Ists nicht so, gute Leute? Sie trinken den Wein, den die Mönche für sich allein bewahrten. Die Gefäße werden eingeschmolzen oder verpfändet und dienen dem heiligen Kriege. Heil den Geusen! Sie umschwärmen die Soldaten des Königs, sie töten sie, sie plündern sie; und dann zurück in ihre Schlupfwinkel! Tag und Nacht entzünden sich und verlöschen in den Wäldern die Feuer, die stets ihren Platz wechseln. Das ist das Feuer unserer Schmäuse. Für uns ist das behaarte und das gefiederte Gewild. Wir sind Herren. Die Bauern geben uns Brot und Speck, wann wir wollen. Lamme, sieh sie an. Zerlumpt, wild und trotzigen Blickes schweifen sie durch den Busch mit ihren Äxten, Hellebarden, Schwertern, Plempen, Spießen, Lanzen, Armbrüsten und Arkebusen; denn alle Waffen sind ihnen recht, und sie wollen nicht unter Fahnen ziehen. Heil den Geusen!« Und Uilenspiegel sang: Rühret die Trommel, dirre dom dein, Rühret die Trommel, dirre dum dum, Rühret die Trommel, dirre dom dein, Rühret die Trommel des Kriegs! Dem Herzog reißt das Gedärm aus dem Bauch! Verbleut ihm damit das Gesicht! Rühret die Trommel, die Trommel gerührt! Der Tod für den Herzog, sein Gebein sei verflucht! Den Hunden sei Speis er! Dem Henker der Tod! Den Geusen Heil! Er werde gehenkt an der Zunge, Und am Arme! an der Zunge, die das Urteil gebeut, Und an dem Arme, der dem Henker winkt! Rühret die Trommel des Kriegs! Rühret die Trommel! Den Geusen Heil! Mit den Leibern der Opfer werft ihn lebend ins Grab! Auf daß er in dem Gestanke Den Tod erleide der Todespest! Rühret die Trommel! Den Geusen Heil! O Heiland, veracht den Soldaten nicht, Der das Feuer nicht achtet und nicht den Strick, Der das Schwert nicht scheuet um dein Wort! Er will nur die Freiheit der Vatererd. Rühret die Trommel, dirre dom dein, Rühret die Trommel des Kriegs. Den Geusen Heil! Und alle tranken und schrien: »Heil den Geusen!« Uilenspiegel nahm einen Schluck aus dem vergoldeten Humpen, der einmal einem Mönch gehört hatte, und betrachtete mit Stolz die wackern Gesichter der Buschgeusen. »Ihr menschliches Wild,« sagte er, »ihr seid Wölfe, Löwen und Tiger. Zerreißt die Hunde des Blutkönigs!« »Heil den Geusen!« klang es, und sie sangen: Rühret die Trommel, dirre dom dein, Rühret die Trommel, dirre dum dum! Rühret die Trommel des Kriegs! Den Geusen Heil! VI Uilenspiegel war in Ypern und warb Soldaten für den Prinzen; da ihn aber die Häscher des Herzogs verfolgten, bot er sich dem Propst von St. Martin als Küster an. Zum Gesellen hatte er einen Glöckner, Pompilius Numa mit Namen, eine ausgewachsene Memme, die ihren Schatten in der Nacht für den Teufel und ihr Hemd für ein Gespenst ansah. Der Propst war fett und quabbelig wie ein für den Bratspieß fertig gemästetes Huhn. Bald sah Uilenspiegel, was für Gras er weidete, um so viel Speck anzusetzen. Nach dem, was er von dem Glöckner erfuhr und mit eigenen Augen sah, frühstückte der Propst um neun und aß um vier zur Nacht. Bis halb neun blieb er im Bette; dann machte er vor dem Frühstück einen Gang durch die Kirche, um sich zu überzeugen, ob die Opferstöcke der Armen wohl gefüllt seien. Die Hälfte ihres Inhalts steckte er in seine Tasche. Um neun Uhr frühstückte er eine Schale Milch, eine halbe Hammelkeule und eine kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr nahm er einige Zwetschen, befeuchtete sie mit Wein von Orleans und bat Gott, ihn vor Gefräßigkeit zu behüten. Zu Mittag knapperte er zum Zeitvertreibe einen Flügel und den Bürzel eines Kapauns. Um ein Uhr leerte er, von seinem Abendessen träumend, einen großen Becher spanischen Weins; dann streckte er sich auf sein Lager und erquickte sich durch ein Schläfchen. Wann er wieder munter wurde, naschte er, um seine Eßlust zu reizen, ein bißchen eingesalzenen Lachs und trank eine große Kanne Doppelknol von Antwerpen. Dann ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor den Kamin und vor das gute Holzfeuer, das darin brannte. So sah er zu, wie dort für die Mönche der Abtei ein großes Kalbsviertel oder ein wohlabgebrühtes Ferkel briet und sich bräunte. Das hätte er lieber gegessen als einen Laib Brot; aber es gebrach ihm ein wenig an Appetit. Und er sah dem Bratspieße zu, der sich wie durch ein Wunder von selbst drehte. Er war das Werk des Schmiedes Pieter van Steenkiste, der in der Vogtei von Courtrai wohnte. Der Propst hatte ihm für einen solchen Bratspieß fünfzehn Pfund parisisch bezahlt. Dann ging er zurück ins Bett und entschlummerte vor Müdigkeit; gegen zwei Uhr erwachte er wieder zu ein wenig Schweinsülze, die er mit einem römischen Weine begoß, wovon das Faß auf zweihundertundvierzig Gulden kam. Um drei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeirazucker und leerte zwei Gläser Malvasier, das Tönnchen zu siebenzehn Gulden. Um halb vier kam ein halber Topf eingemachter Früchte dran, die er mit Met befeuchtete. Nun erst vollständig munter, nahm er einen Fuß in die Hände und versank in dieser Stellung in Nachdenklichkeit. Wann es zum Abendessen ging, kam ihn oft der Pfarrer von St. Johann besuchen, um ihm zu dieser nahrhaften Stunde Gesellschaft zu leisten. Manchmal wetteten sie, wer mehr Fisch, Geflügel, Wildbret oder Rindfleisch essen werde; und der, der zuerst voll war, mußte dem andern eine Schüssel Rippchen bezahlen, bereitet mit dreierlei Gattungen heißen Weines, mit viererlei Gewürzen und mit siebenerlei Gemüsen. Also trinkend und essend, unterhielten sie sich von den Ketzern, über die sie übrigens einig waren, daß ihre Ausrottung nicht gründlich genug geschehn könnte. So gab es denn keine Auseinandersetzung zwischen ihnen, außer wenn sie auf die neununddreißig Arten, eine gute Biersuppe zu bereiten, zu sprechen kamen. Dann ließen sie ihre ehrwürdigen Häupter auf die priesterlichen Bäuche sinken und schnarchten. Wenn hin und wieder einer im Schlummer träge den Mund öffnete, so tat er dies nur, um zu sagen, die Welt sei doch schön und die armen Leute hätten unrecht, sich zu beklagen. Das war der heilige Mann, bei dem Uilenspiegel Küster wurde. Er diente ihm trefflich bei der Messe, nicht ohne die Kännchen dreimal zu füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. Gelegentlich half ihm der Glöckner Pompilius Numa. Uilenspiegel wunderte sich, daß Pompilius so blühend, so panstig und so pausbäckig aussah, und fragte ihn, ob es im Dienste des Propstes gewesen sei, daß er sich dieses beneidenswerte Wohlbefinden zugelegt habe. »Ja, mein Sohn,« antwortete Pompilius; »aber schließ die Tür, damit uns niemand belauscht.« Dann sagte er mit ganz leiser Stimme: »Du weißt, daß unser Herr Propst alle Gattungen Wein und Bier und alles Geflügel und Fleisch mit einer zärtlichen Liebe liebt. Drum sperrt er sein Fleisch in eine Kammer und seinen Wein in einen Keller; und die Schlüssel verwahrt er in seinem Schubsack. Und wenn er einschläft, so legt er die Hände darauf ... In der Nacht nun, wenn er nichts von sich weiß, nehme ich ihm die Schlüssel vom Bauche weg und bringe sie wieder an ihren Ort, und das nicht ohne zu zittern, mein Sohn; denn wenn er mein Verbrechen kennte, er ließe mich lebendig sieden.« »Pompilius,« sagte Uilenspiegel, »du brauchst dir nicht so viel Mühe zu machen. Nimm nur noch einmal die Schlüssel, und ich werde sie nachmachen, und wir lassen künftighin die andern auf dem Wanste des guten Propstes.« »Recht so, mein Sohn,« sagte Pompilius. Uilenspiegel verfertigte die Schlüssel. Kaum durften sie fortan so gegen acht Uhr abends annehmen, daß der Propst schlafe, so stiegen sie hinunter, um an Fleisch und Flaschen zu nehmen, was ihnen paßte. Uilenspiegel trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, weil Pompilius alleweile wie Espenlaub zitterte und weil die Schinken und Hammelkeulen nicht zerbrechen, wenn sie fallen. Öfters bemeisterten sie sich des Geflügels, bevor es noch gekocht war, und darum mußten etliche Katzen der Nachbarschaft, die dieser Tat bezichtigt wurden, ihr Leben lassen. Und mit ihrem Raube zogen sie in die Ketelstraat, das ist die Straße der tollen Mädchen. Da sparten sie nichts und schenkten ihren Liebsten freigebig Rauchfleisch und Schinken, Wurst und Geflügel und gaben ihnen Wein von Orleans und von der Romagna zu trinken; und das englische Bier, das auf der andern Seite des Meeres Ale genannt wird, gössen sie stromweise in die frischen Kehlen ihrer Schönen. Und sie wurden mit Liebkosungen bezahlt. Aber eines Morgens, nach dem Frühstück, ließ sie der Propst beide rufen. Mit schrecklicher Miene saugte er grimmig an einem Markknochen. Pompilius zitterte in den Hosen, und sein Wanst schlotterte vor Furcht. Uilenspiegel war ruhig und streichelte in der Tasche die Kellerschlüssel. Der Propst sagte zu ihm: »Es geht mir jemand über meinen Wein und mein Geflügel; bist du es, mein Sohn?« »Nein,« antwortete Uilenspiegel. »Und der Glöckner?« sagte der Propst, auf Pompilius weisend; »hat nicht der seine Hände bei diesem Frevel gehabt? Er ist ja bleich wie ein Sterbender; sicherlich ist ihm der gestohlene Wein zum Gifte geworden.« »Ach, Herr,« sagte Uilenspiegel, »Ihr beschuldigt Euern Glöckner zu Unrecht; wenn er bleich ist, so kommt das nicht vom Weintrinken, sondern von dem Mangel einer ordentlichen Befeuchtung, wodurch er so schlaff geworden ist, daß ihm noch seine Seele, wenn man sie nicht aufhält, durch die Hosen ausrinnen wird.« »Es gibt arme Leute auf dieser Welt,« sagte der Propst und schlürfte einen großen Zug Wein aus seinem Humpen. »Aber sag mir, mein Sohn, hast denn du mit deinen Luchsaugen die Diebe nicht gesehn?« »Ich werde gute Wacht halten, Herr Propst,« antwortete Uilenspiegel. »Gott schirme euch beide, meine Kinder,« sagte der Propst, »und lebt in Nüchternheit. Denn von der Unmäßigkeit kommt viel Übel in diesem Jammertale. Gehet in Frieden.« Und er segnete sie. Und er saugte wieder an seinem Suppenknochen und trank wieder einen kräftigen Schluck Wein. Uilenspiegel und Pompilius gingen. »Der niederträchtige Filz,« sagte Uilenspiegel, »nicht einen Tropfen von seinem Wein hätte er uns gegeben! Ihn weiter zu bestehlen, wird fürwahr ein gutes Werk sein. Aber was hast du denn, daß du so zitterst?« »Ich habe meine Hosen ganz naß,« sagte Pompilius. »Das Wasser trocknet rasch, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel. »Aber sei guten Muts, heute abend gibts Flaschenmusik in der Ketelstraat. Und wir besäufen die drei Nachtwächter, die dann die Stadt schnarchend bewachen mögen.« Gesagt, getan. Unterdessen nahte der Tag des heiligen Martin; die Kirche war geziert fürs Fest. Uilenspiegel und Pompilius betraten sie in der Nacht, versperrten die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen eine Geige und einen Dudelsack und spielten auf diesen Instrumenten ihre schönsten Melodien. Und die Kerzen flammten wie Sonnen. Aber das war noch nicht alles. Als sie ihr Geschäft verrichtet hatten, gingen sie zum Propste; trotz der späten Stunde trafen sie ihn noch wach: er knapperte eine Drossel und trank Rheinwein dazu. Als er die erleuchteten Kirchenfenster sah, riß er die Augen weit auf. »Herr Propst,« sagte Uilenspiegel, »wollt Ihr wissen, wer Euer Fleisch ißt und Euern Wein trinkt?« »Und also beleuchtet?« sagte der Propst und zeigte auf die Kirchenfenster: »Ach, Herr Gott, erlaubst du es denn dem heiligen Martin, zu nächtlicher Weile also die Kerzen der armen Mönche zu verbrennen, ohne sie zu bezahlen?« »Er macht noch ganz andere Dinge, Herr Propst,« sagte Uilenspiegel; »aber kommt nur.« Der Propst nahm seinen Krummstab und folgte ihnen; sie betraten die Kirche. Da sah er mitten im großen Schiffe alle Heiligen herabgestiegen aus ihren Nischen, im Kreise aufgestellt und, wie es ihm schien, von dem heiligen Martin befehligt, der sie um eine Haupteslänge überragte und in der zum Segnen ausgestreckten Hand eine gebratene Truthenne hielt. Die andern hatten in der Hand oder im Munde Hühnerflügel, Gänsebügel, Würstchen, Schinkenschnitten und rohe oder gebackene Fische, einer sogar einen Hecht, der gut vierzehn Pfund wog. Und jedem lag vor den Füßen eine Flasche Wein. Über diesen Anblick war der Propst außer sich vor Zorn; er wurde so rot, und sein Gesicht schwoll so an, daß Pompilius und Uilenspiegel glaubten, er werde platzen. Aber der Propst ging, ohne sie zu beachten, geradewegs auf den heiligen Martin zu mit drohender Gebärde, als ob er ihn für den Frevel der andern verantwortlich machen wollte; er riß ihm die Truthenne aus der Hand und versetzte ihm so gewaltige Schläge, daß er ihm die Arme, die Nase, den Krummstab und die Mitra brach. Auch bei den andern sparte er seine Streiche nicht, und mehr als einer ließ unter seinen Schlägen außer den Armen und Händen auch die Mitra und den Krummstab und die Sense, das Beil, den Rost und die Säge und die andern Zeichen ihrer Würde und ihres Märtyrertums. Dann ging der Propst mit schlotterndem Wanste selbst daran, wütend und hastig alle Kerzen zu verlöschen. Was er nur konnte, raffte er von dem Schinken, dem Geflügel und den Würsten zusammen; schwankend unter der Bürde, ging er in seine Schlafkammer zurück, so erbost und ärgerlich, daß er Schluck um Schluck drei große Flaschen Wein austrank. Nachdem sich Uilenspiegel vergewissert hatte, daß er schlief, trug er alles, was der Propst gerettet zu haben glaubte, und alles, was noch in der Kirche war, in die Ketelstraat; die besten Bissen hatte er allerdings vorher selber gespeist. Und die Reste und die Knochen legten sie den Heiligen vor die Füße. Am nächsten Tage, als Pompilius zur Mette läutete, holte Uilenspiegel den Propst aus dem Bette in die Kirche. Dort wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und sagte: »Herr Propst, Ihr habt Euch umsonst angestrengt; sie haben es trotz alledem gegessen.« »Ja,« antwortete der Propst, »sogar bis in die Schlafkammer sind sie gekommen, wie Diebe, um auch das noch zu nehmen, was ich beiseite gebracht habe. Ah, ihr Heiligen, ich werde mich beim Papste beschweren.« »So ists recht,« antwortete Uilenspiegel; »aber übermorgen ist die Prozession, und die Arbeiter werden bald in die Kirche kommen; wenn die die armen Heiligen so verstümmelt sehn, fürchtet Ihr da nicht, als Bilderstürmer angeklagt zu werden?« »Ach, heiliger Martin,« sagte der Propst, »verschone mich mit dem Feuer! Ich wußte nicht, was ich tat.« Dann wandte er sich zu Uilenspiegel, während der furchtsame Glöckner inzwischen an den Glocken baumelte. »Von jetzt bis Sonntag«, sagte er, »ist die Zeit zu kurz, um den heiligen Martin wieder zurechtzumachen. Was soll ich tun, und was wird das Volk sagen?« »Herr,« antwortete Uilenspiegel, »da heißt es zu einem unschuldigen Notbehelfe greifen. Wir leimen Pompilius einen Bart unter sein Gesicht, das mit seiner ewigen Trübseligkeit ehrwürdig genug ist, wir mummen ihn mit der Mitra, dem Hemde, dem Rocke und dem großen Mantel des Heiligen, und wir schärfen ihm gut ein, auf seinem Sockel unbeweglich zu bleiben; und das Volk wird ihn für den hölzernen heiligen Martin halten.« Der Propst ging zu Pompilius, der an den Glockenseilen baumelte: »Laß das Läuten und höre mir zu: willst du fünfzehn Dukaten verdienen? Am Sonntag, an dem Tage der Prozession, wirst du der heilige Martin sein; Uilenspiegel wird dich herrichten, wie es sich gehört. Solltest du aber, wann du von deinen vier Männern getragen wirst, die geringste Bewegung machen oder nur ein Wörtlein sprechen, so lasse ich dich lebendig in Öl sieden in dem großen Kessel, den der Henker soeben gegenüber den Hallen gebaut hat.« »Gnädiger Herr,« sagte Pompilius, »meinen besten Dank; aber Ihr wißt, ich halte mein Wasser nur schwer.« »Es heißt gehorchen,« sagte der Propst. »Ich werde gehorchen,« sagte Pompilius gar jämmerlich. VII Bei hellem Sonnenscheine verließ die Prozession am Morgen die Kirche. Die zwölf Heiligen, die Uilenspiegel so gut, wie er nur konnte, ausgebessert hatte, schwankten zwischen den Bannern der Zünfte auf ihren Sockeln; dann kam das Bild Unserer Frau, dann die Töchter der Jungfrau, die, weiß gekleidet, Loblieder sangen, dann die Bogen- und Armbrustschützen und endlich, zunächst dem Himmel und mehr schwankend als die andern, Pompilius, den die schwere Tracht des heiligen Martin schier erdrückte. Uilenspiegel, der sich mit Juckpulver versehn gehabt hatte, hatte mit eigener Hand Pompilius in die bischöflichen Gewänder gekleidet, ihm die Handschuhe angezogen und den Stab in die Hand gegeben und ihm die lateinische Art, das Volk zu segnen, gezeigt. Auch den Priestern hatte er beim Ankleiden geholfen; dem einen hatte er die Stola, dem andern den Rock, den Diakonen das Chorhemd angelegt. Er war in der Kirche herumgelaufen, um hier an einem Wamse, dort an Hosen die Falten zu glätten. Er hatte die blankgeputzten Armbrüste und die schrecklichen Bogen der Schützen bewundert und gelobt. Und auf jeden hatte er eine Prise Juckpulver gestreut, auf die Halskrause, in den Rücken oder auf das Handgelenk. Aber der Dechant und die vier Träger des heiligen Martin waren die, die am meisten bekommen hatten. Die Töchter der Jungfrau hatte er verschont, in Anbetracht ihrer süßen Lieblichkeit. Die Prozession zog aus, die Banner im Winde und die Fahnen fliegend, in der besten Ordnung; wo sie vorbeikam, bekreuzigten sich Männer und Frauen. Und die Sonne blinkte heiß. Der Dechant war der erste, der die Wirkung des Pulvers verspürte; er kratzte sich ein wenig hinter dem Ohre. Und alle, Priester und Schützen, kratzten sich am Halse, an den Beinen und an den Handgelenken, trachteten aber vorerst noch, es unbemerkt zu tun. Auch die vier Träger kratzten sich. Nur der Glöckner, den es am meisten biß, weil er der glühenden Sonne am meisten ausgesetzt war, getraute sich nicht einmal, sich zu rühren, aus Furcht, lebendig gesotten zu werden. Die Nase verziehend, schnitt er eine häßliche Fratze; er zitterte auf seinen bebenden Beinen, weil er jedesmal, wann sich die Träger kratzten, Gefahr lief, herunterzufallen. Aber er wagte keine Bewegung, und aus Angst ließ er sein Wasser; und die Träger sagten: »Heiliger Martin, wird es denn jetzt regnen?« Die Priester sangen Unserer Frau eine Hymne: Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes, O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria. Denn ihre Stimmen zitterten von dem Jucken, das nun stärker wurde; aber sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten und den vier Trägern des heiligen Martin waren immerhin schon der Hals und die Gelenke zerfressen. Pompilius stand ruhig auf seinen armen, zitternden Beinen, die am meisten zerbissen waren. Aber plötzlich hielt alles an, um sich zu kratzen, die Armbrustschützen, die Bogenschützen, die Diakone, die Priester, der Dechant und die Träger des heiligen Martin. Das Pulver biß Pompilius bis auf die Fußsohlen, aber er wagte sich nicht zu rühren, aus Furcht, herabzufallen. Und die Ganzgescheiten sagten, der heilige Martin rolle streng seine Augen und sein Gesicht drohe dem armen Volke. Dann ließ der Dechant die Prozession weiterziehen. Bald machte die Sonnenglut, die senkrecht auf alle die feierlichen Rücken und Bäuche herabstach, die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun sah man die Priester, die Bogenschützen, die Armbrustschützen, die Diakone und den Dechant dastehn wie ein Rudel Affen und sich schamlos überall kratzen, wo sie es juckte. Die Töchter der Jungfrau sangen ihr Lied, und die frischen Stimmen, die zum Himmel aufstiegen, klangen wie der Gesang der Engel. Sonst nahmen sie jetzt alle Reißaus, wo sie nur konnten: sich kratzend, brachte der Dechant das Heilige Sakrament in Sicherheit; das fromme Volk trug die Reliquien in die Kirche, und die vier Träger des heiligen Martin warfen Pompilius rauh zur Erde. Der arme Glöckner schloß fromm die Augen; sich zu kratzen, sich zu rühren oder zu reden getraute er sich nicht. Zwei junge Kerle wollten ihn wegschaffen; da er ihnen aber zu schwer war, lehnten sie ihn aufrecht an die Wand. Und dort weinte Pompilius dicke Tränen. Das Volk sammelte sich um ihn; die Weiber hatten Taschentücher aus feinem weißem Linnen geholt und wischten ihm das Gesicht, um seine Tränen wie Reliquien aufzubewahren, und sie sagten: »Herr, wie ist dir heiß!« Der Glöckner sah sie jammervoll an und schnitt, gegen seinen Willen, Grimassen. Als aber die Tränen stromweise aus seinen Augen flossen, sagten die Weiber: »Heiliger Martin, weinst du über die Sünden der Stadt Ypern? Hat sich nicht eben deine edle Nase bewegt? Wir leben schon längst nach den Weisungen von Ludwig Vives, und die Armen von Ypern haben Arbeit und Essen. Oh, die dicken Tränen! Es sind Perlen. Unser Heil ist hier.« Die Männer sagten: »Sollen wir, heiliger Martin, die Ketelstraat in unserer Stadt niederreißen? Aber zeige uns lieber, wie wir es anfangen sollen, daß wir die armen Mädchen daran verhindern, abends auf die Straße zu gehn und sich so in tausend Abenteuer zu verwickeln.« Plötzlich rief das Volk: »Der Küster kommt!« Uilenspiegel kam, hob Pompilius auf und trug ihn auf seinen Schultern weg, begleitet von den frommen Männern und Frauen. »Ach,« flüsterte ihm der arme Glöckner ins Ohr, »ich sterbe an dem Jucken, mein Sohn.« »Bleib steif,« antwortete Uilenspiegel; »vergißt du, daß du ein hölzerner Heiliger bist?« Er beschleunigte seinen Lauf und stellte Pompilius vor den Propst, der sich mit seinen Nägeln bis aufs Blut striegelte. »Glöckner,« sagte der Propst, »hast du dich gekratzt wie wir?« »Nein, Herr,« antwortete Pompilius. »Hast du geredet oder dich gerührt?« »Nein, Herr,« antwortete Pompilus. »Also bekommst du«, sagte der Propst, »deine fünfzehn Dukaten. Und nun geh dich kratzen.« VIII Als die Leute am nächsten Tage durch Uilenspiegel den Hergang erfuhren, sagten sie, es sei eine schlechte Schalkheit gewesen, sie einen Tränensack, der sein Wasser unter sich lasse, als Heiligen verehren zu lassen. Und viele wurden Ketzer. Sie nahmen ihr Vermögen mit und verstärkten das Heer des Prinzen. Uilenspiegel machte sich auf den Rückweg nach Lüttich. Allein im Walde, saß er müde und träumte. Er sah zum klaren Himmel empor und sagte: »Krieg, und immer nur Krieg, damit der spanische Feind das arme Volk tötet, unser Gut plündert und unsere Frauen und Mädchen schändet. Und unterdessen geht unser schönes Geld dahin, und unser Blut fließt in Strömen, ohne jemand anderm zu nützen, als diesem königlichen Schurken, der ein neues Kleinod der Erhabenheit in seine Krone fügen will. Ein Kleinod, das er glorreich wähnt, ein Kleinod des Blutes, ein Kleinod des Rauches. Ach, könnte ich dich bekleinoden, wie ich es ersehnte, so wären es die Fliegen allein, die dir fürder Gesellschaft leisten wollten.« In derlei Gedanken versunken, sah er ein ganzes Rudel Hirsche an ihm vorbeikommen. Es waren große und alte dabei, die noch ihre Geilen hatten und stolz ihr achtzehnendiges Geweih trugen; zierliche Spießer, die ihre Knappen sind, trabten ihnen zur Seite, stets bereit, ihnen zu helfen mit ihrem spitzigen Gestänge. Uilenspiegel wußte nicht, wohin sie zogen, aber er dachte sich, es werde ihr Lagerplatz sein. »Ach,« sagte er, »ihr alten Hirsche und ihr hübschen Spießer, froh und kühn zieht ihr durch den Waldesgrund zu euerer Ruhestätte, und ihr eßt die jungen Schößlinge und atmet die balsamischen Düfte, und ihr seid glücklich, bis der Jäger, bis der Henker kommt. So auch wir, Hirsche und Spießer!« Und die Asche Klaasens schlug an die Brust Uilenspiegels. IX Im September, wo die Mücken nicht mehr stechen, setzte der Schweiger mit sechs Feldstücken und vier großen Kanonen, die für ihn sprechen sollten, und mit vierzehntausend Vlamen, Wallonen und Deutschen bei St. Veit über den Rhein. Unter den gelben und roten Fahnen des Knotenstocks von Burgund, des Stockes, der unsere Lande lange schlug, des Stockes der beginnenden Schreckensherrschaft Albas, des blutigen Herzogs, marschierten sechsundzwanzigtausendfünfhundert Mann und rollten siebenzehn Feldstücke und neun große Kanonen. Aber der Schweiger sollte in diesem Kriege keinen Erfolg erringen; denn Alba lehnte jede Schlacht ab. Und des Schweigers Bruder Ludwig, der Bayard Flanderns, verlor, nachdem er manche Stadt gewonnen und manches Rheinschiff gekapert hatte, bei Jemmingen in Friesland gegen den Sohn des Herzogs sechzehn Kanonen, fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fahnen nur durch die Schändlichkeit seiner Söldner, die Geld forderten, als es kämpfen hieß. Und durch Elend, Blut und Tränen suchte Uilenspiegel vergebens das Heil des Landes der Väter. Und die Nachrichter henkten, köpften und verbrannten in den Landen die armen unschuldigen Opfer. Und der König erbte. X Auf der Wanderung durchs wallonische Land sah Uilenspiegel, daß der Prinz hier keinen Zuzug erhoffen durfte; er kam bis in die Nähe der Stadt Bouillon. Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechtes und Standes daherkommen. Alle waren mit Rosenkränzen versehn, die sie fromm abkörnten. Und ihre Gebete waren wie das Gequake der Frösche im Weiher an einem warmen Abende. Da waren bucklige Mütter, die bucklige Kinder trugen, während sich andere Knirpse von derselben Brut an ihren Röcken hielten. Auf den Hügeln gingen Bucklige, und in der Ebene gingen Bucklige. Und überall am hellen Himmel sah Uilenspiegel die Zeichnung ihrer eckigen Umrisse. Er ging auf einen zu und fragte ihn: »Wohin gehn all diese armen Männer, Frauen und Kinder?« Der Mann antwortete: »Wir gehn zum Grabe des heiligen Remaclus, um ihn zu bitten, daß er uns gebe; was unser Herz ersehnt, und von unserm Rücken seinen Pack der Demütigung nehme.« Uilenspiegel entgegnete: »Könnte der heilige Remaclus auch mir geben, was mein Herz ersehnt, und von den Rücken der armen Gemeinden den Blutherzog nehmen, der da lastet wie ein Buckel von Blei?« »Es ist nicht sein Amt, die Buckel der Strafe zu tilgen,« antwortete der Wallfahrer. »Und tilgt er andere?« fragte Uilenspiegel. »Ja, wenn die Buckel noch jung sind. Wenn so ein Wunder der Heilung geschieht, dann schlemmen und demmen wir durch die ganze Stadt. Und dem glückseligen Geheilten, der dadurch heilig geworden ist und wirkungsvoll für die andern beten kann, schenkt jeder Pilger eine Silbermünze, oft auch einen Goldgulden.« Uilenspiegel sagte: »Warum läßt sich der reiche heilige Remaclus seine Heilungen bezahlen wie ein schuftiger Apotheker?« »Gottloses Losmaul,« antwortete der Pilger, wild seinen Buckel schüttelnd, »er straft die Lästerer!« »Ach!« wimmerte Uilenspiegel. Und verkrümmt fiel er an dem Fuße eines Baumes nieder. Der Wallfahrer betrachtete ihn und sagte: »Der heilige Remaclus schlägt gut zu, wenn er schlägt.« Uilenspiegel bog den Rücken, kratzte sich und wimmerte: »Gnade, glorreicher Heiliger! Das ist die Strafe. Ich fühle einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. Ach! o weh! Verzeihung, heiliger Remaclus! Geh, Pilger, geh, laß mich allein hier weinen und bereuen, gleich einem Vatermörder.« Aber der Pilger war schon auf und davon; er war bis auf den Großen Markt von Bouillon gelaufen, wo der Versammlungsort der Buckligen war. Bebend vor Schrecken brachte er nur abgerissene Worte heraus: »Pilger getroffen, gewachsen wie eine Pappel ... Pilger ein Lästerer ... einen Buckel am Rücken ... einen flammenden Buckel ...« Als das die Pilger hörten, stießen sie einen tausendstimmigen Freudenschrei aus und riefen: »Heiliger Remaclus, wenn du Buckel gibst, kannst du sie auch wegnehmen. Nimm unsere Buckel weg, heiliger Remaclus!« Inzwischen hatte Uilenspiegel seinen Baum verlassen. Als er durch die öde Vorstadt kam, sah er an der niedrigen Tür einer Schenke zwei Blasen an einem Stocke hängen, zwei Schweinsblasen, die dort angebracht waren, um eine Wurstkirmes oder Penskermis, wie man in Brabant sagt, anzuzeigen. Uilenspiegel nahm eine Blase, las von der Erde eine Schollengräte auf, öffnete sich die Ader, ließ Blut in die Blase, blies sie auf, schloß sie und legte sie sich auf den Rücken und darüber die Schollengräte. Also herausgeputzt, kam er mit gewölbtem Rücken, wackelndem Kopfe und zitternden Beinen, recht als ein Buckliger, auf den Markt. Der Pilger, der Zeuge seines Sündenfalls gewesen war, bemerkte ihn und schrie: »Da kommt der Lästerer!« Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle liefen hin, um den Heimgesuchten zu betrachten. Uilenspiegel schüttelte sein Haupt jämmerlich: »Ach, ich verdiene nicht Gnade, noch Mitleid; tötet mich wie einen wütenden Hund.« Und die Buckligen rieben sich die Hände und sagten: »Einer mehr in unserer Brüderschaft.« Uilenspiegel knurrte zwischen den Zähnen: »Das werdet ihr mir bezahlen, ihr Schufte!« Doch tat er, als ob er alles geduldig ertrüge, und sagte: »Ich will nichts essen, nichts trinken, um meinen Buckel ja nicht zu festigen, bis mich der heilige Remaclus geheilt hat, so wie er mich geschlagen hat.« Auf das Geschrei von dem Wunder kam der Dechant aus der Kirche. Er war ein großer Mann, panstig und majestätisch. Die Nase im Winde, spaltete er wie ein Schiff die Flut der Buckligen. Man zeigte ihm Uilenspiegel, und er sagte zu ihm: »Du bist es also, armer Schelm, den die Rute des heiligen Remaclus getroffen hat?« »Ja, Herr Dechant,« antwortete Uilenspiegel, »ich bin es in der Tat, sein demütiger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel heilen lassen will, wenn es dem Heiligen gefällt.« Der Dechant witterte hinter diesen Worten eine Arglist: »Laß mich diesen Buckel befühlen.« »Befühlt ihn, Herr,« antwortete Uilenspiegel. Der Dechant tats; dann sagte er: »Er ist eines frischen Datums und feucht. Gleichwohl hoffe ich, daß der heilige Remaclus Barmherzigkeit wird walten lassen. Folge mir.« Uilenspiegel folgte dem Dechant und trat in die Kirche. Die Buckligen, die hinter ihm liefen, schrien: »Der Verfluchte!« »Der Lästerer!« »Wieviel wiegt er, der frische Buckel?« »Willst du ihn als Sack benutzen, um deine Taler hineinzustecken?« »Du hast dich dein ganzes Leben lang lustig gemacht über uns, weil du gerade warst; nun sind wir an der Reihe! Ehre dem heiligen Remaclus!« Ohne ein Wort zu sagen und gebeugten Hauptes ging Uilenspiegel immerdar hinter dem Dechant her; so kamen sie in eine kleine Kapelle, wo ein ganz aus Marmor gehauenes Grab war und darüber eine große Platte, gleicherweise aus Marmor. Und zwischen dem Grabmale und der Kapellenwand war nicht mehr Raum als die Spanne einer kräftigen Hand. Und eine Menge buckliger Wallfahrer schoben sich, einer hinter dem andern, zwischen der Mauer und der Platte des Grabmals; und an der Platte rieben sie ihre Buckel in tiefer Stille. Auf diese Weise hofften sie ihrer ledig zu werden. Und die, die ihre Buckel rieben, wollten denen, die sie noch nicht gerieben hatten, keinen Platz machen; und sie schlugen aufeinander los, aber ohne Lärm, weil sie der Heiligkeit des Ortes halber nur duckmäuserische Schläge, Schläge der Buckligen, wagten. Der Dechant befahl Uilenspiegel, auf die Platte des Grabmals zu steigen, damit ihn alle Wallfahrer gut sehn könnten. Uilenspiegel antwortete: »Allein kann ich das nicht.« Der Dechant half ihm hinauf und stellte sich neben ihn und befahl ihm, niederzuknien. Und Uilenspiegel tat es und verblieb, gesenkten Kopfes, in dieser Stellung. Nach einer kurzen Zeit der Sammlung begann der Dechant zu predigen und sagte mit volltönender Stimme: »Kinder und Brüder in Christo, zu meinen Füßen seht ihr den gottlosesten, nichtsnutzigsten und lästerlichsten Menschen, den je der heilige Remaclus mit seinem Zorne geschlagen hat.« Und Uilenspiegel schlug an seine Brust und sagte: » Confiteor. « »Einst«, fuhr der Dechant fort, »war er gerade wie der Schaft einer Hellebarde, und er warf sich in die Brust; seht ihn jetzt, bucklig und gekrümmt unter der Wucht der himmlischen Vermaledeiung!« » Confiteor! Nimm meinen Buckel weg,« sagte Uilenspiegel. »Ja,« fuhr der Dechant fort, »ja, großer Heiliger, heiliger Remaclus, der du seit deinem glorreichen Tode neununddreißig Wunder getan hast, nimm von diesen Schultern die Last, die sie drückt. Auf daß wir dir Lob singen können die Jahrhunderte der Jahrhunderte, in saecula saeculorum . Und Friede sei auf der Erde mit allen Buckligen, die eines guten Willens sind.« Und die Buckligen sagten im Chore: »Ja, ja, Friede auf der Erde mit allen Buckligen, die eines guten Willens sind: Friede für die Buckel, Urfehd den Verwachsenen und Schirm vor Erniedrigungen. Nimm unsere Buckel weg, heiliger Remaclus!« Der Dechant befahl Uilenspiegel, vom Grab herabzusteigen und seinen Buckel am Plattenrande zu reiben. Uilenspiegel tat es und sagte dabei ununterbrochen: » Mea culpa, confiteor , nimm meinen Buckel weg.« Und er rieb sich ehrlich vor aller Augen. Und die Umstehenden schrien: »Seht den Buckel, er gibt nach! Seht, er weicht! Rechts schmilzt er zusammen!« »Nein, er kehrt in die Brust zurück; die Buckel schmelzen nicht, sondern sie ziehen sich in die Eingeweide hinunter, woher sie kommen.« »Nein, in den Magen kehren sie zurück, wo sie achtzig Tage lang als Nahrung dienen.« »Das ist das Geschenk des Heiligen an die befreiten Buckligen.« »Wohin kommen die alten Buckel?« Plötzlich stießen all die Buckligen einen mächtigen Schrei aus: Uilenspiegel hatte seinen Buckel platzen lassen, indem er sich wuchtig an den Plattenrand gepreßt hatte. Alles Blut, das drin gewesen war, rollte in großen Tropfen aus seinem Wamse auf die Marmorfliesen. Und er schrie, sich reckend und die Arme streckend: »Ich bin ledig!« Und die Buckligen schrien durcheinander: »Gebenedeiter Remaclus, das ist süß für ihn, hart für uns.« »Nimm unsere Buckel weg!« »Ich will dir ein Kalb opfern!« »Ich sieben Hammel!« »Ich die Jagd eines Jahres!« »Ich sechs Schinken!« »Ich schenke mein Haus der Kirche!« »Nimm unsere Buckel weg, heiliger Remaclus!« Und sie sahen Uilenspiegel mit Neid und Ehrfurcht an. Einer wollte unter sein Wams greifen, aber zu dem sagte der Dechant: »Das ist eine Wunde, zu der das Licht nicht darf.« Und Uilenspiegel sagte: »Ich werde für euch beten.« »Ja, Pilger,« sagten die Buckligen, durcheinander schreiend, »ja, Herr, der Ihr wieder gerade seid, wir haben uns über Euch lustig gemacht; aber vergebt uns, wir wußten ja nicht, was wir taten. Christus, der Herr, hat am Kreuze verziehen, schenkt auch Ihr uns Verzeihung.« »Ich verzeihe euch,« sagte Uilenspiegel gütig. »Nehmt also«, sagten sie, »diesen Plappart, empfanget diesen Gulden, gestattet uns, diesen Real Euerer Geradheit darzubringen, ihr diesen Cruzado zu opfern, diesen Karolus in ihre Hände zu geben ...« »Die Goldstücke braucht man nicht zu sehn,« sagte Uilenspiegel leise zu ihnen, »auf daß euere linke Hand nicht wisse, was die rechte tut.« Und so sprach er wegen des Dechants, der das Geld der Buckligen mit den Augen fraß, ohne zu sehn, ob es Gold oder Silber war. »Dank Euch, geheiligter Herr,« sagten die Buckligen zu Uilenspiegel. Und stolz nahm er ihre Geschenke hin, als ein Mann, dem zuliebe ein Wunder geschehn ist. Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabmal, ohne ein Wort zu sagen. Am Abend ging Uilenspiegel in eine Schenke, und dort zechte und praßte er. Bevor er zu Bette ging, kam ihm der Gedanke, der Dechant werde sicherlich seinen Teil an der Beute, wenn nicht alles, haben wollen. Er zählte seinen Gewinn und fand mehr Gold als Silber; denn er hatte reichlich dreihundert Karlsgulden. Da ersah er einen dürren Lorbeerbaum in einem Topfe; er nahm den Baum beim Schöpfe, zog ihn samt der Erde heraus und steckte das Gold darunter. All die halben Gulden, die Plapparte und die Groschen legte er auf dem Tische aus. Der Dechant kam ins Wirtshaus und ging zu Uilenspiegel hinauf. Als ihn der sah, sagte er: »Herr Dechant, was wollt Ihr von mir geringem Menschen?« »Ich will nur dein Bestes, mein Sohn,« antwortete der. »Ach,« wimmerte Uilenspiegel, »ist das das, was auf dem Tisch liegt?« »Das ist es,« entgegnete der Dechant. Dann langte er mit ausgestreckter Hand hin und säuberte den Tisch von allem Silber, das dort war, und ließ es in einen zu diesem Zwecke mitgebrachten Sack gleiten. Und dem armen Uilenspiegel, der sich stellte, als müßte er losschluchzen, gab er einen Gulden. Dann fragte er ihn um das Werkzeug des Wunders. Uilenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase. Der Dechant nahm sie an sich, während ihn Uilenspiegel jammernd bat, ihm noch etwas zu geben, indem er sagte, der Weg von Bouillon nach Damme sei weit für ihn armen Fußgänger, und er würde sicherlich Hungers sterben. Der Dechant ging weg, ohne ein Wort zu erwidern. Als Uilenspiegel allein war, entschlief er, das Auge auf den Lorbeer geheftet. Um die Morgendämmerung packte er seine Beute zusammen und verließ Bouillon; er wanderte in das Lager des Schweigers, übergab ihm das Geld, erzählte ihm die Geschichte und sagte, das sei die richtige Art, von dem Feinde die Kriegsgelder einzuheben. Und der Prinz gab ihm zehn Gulden. Was die Schollengräte betrifft, so wurde sie in eine Kristallkapsel gefaßt und in dem Kreuze des Hochaltars in Bouillon angebracht. Und jedermann in der Stadt wußte, daß das, was das Kreuz umschließe, der Buckel des geheilten Lästerers sei. XI Der Schweiger, der in der Gegend von Lüttich war, machte, bevor er die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um so den Herzog in seiner Wachsamkeit irrezuführen. Uilenspiegel kam seinen Soldatenpflichten treulich nach: er handhabte seine Radbüchse geschickt und hielt Augen und Ohren offen. Damals waren einige vlämische und brabantische Edelleute ins Lager gekommen; sie hielten gute Kameradschaft mit den Herren, Obersten und Hauptleuten im Gefolge des Schweigers. Bald bildeten sich nun im Lager zwei Parteien, die ohne Unterlaß miteinander stritten; die einen sagten: »Der Prinz ist ein Verräter«, die andern antworteten, daß die Ankläger in ihren Hals lögen, und sie würden sie ihre Lüge fressen lassen. Das Mißtrauen griff um sich wie ein Ölfleck. Es kam zum Handgemenge von Gruppen zu sechs, acht und zwölf Mann, die sich mit allen Waffen des Zweikampfes schlugen, selbst mit Arkebusen. Eines Tages zog der Lärm den Prinzen hin, und er ging ein Stück zwischen den Gegnern. Eine Kugel riß ihm das Schwert von der Seite. Nachdem er den Kampf eingestellt hatte, zeigte er sich allenthalben im Lager, damit man nicht aussprenge: »Der Schweiger ist tot, tot ist der Krieg.« Am nächsten Tage, gegen Mitternacht, wollte Uilenspiegel eben aus einem Hause, wo er einem wallonischen Mädchen ein vlämisches Liebeslied gesungen hatte, in den Nebel hinaustreten, als er an der Tür einer Hütte neben dem Hause ein dreimal wiederholtes Rabengekrächze hörte. Ein andres Gekrächze antwortete in der Ferne, dreimal für dreimal. Ein Bauer trat auf die Schwelle der Hütte. Auf dem Wege hörte Uilenspiegel Schritte. Zwei Männer, die Spanisch sprachen, kamen auf den Bauer zu, und der sagte zu ihnen in derselben Sprache: »Was habt ihr getan?« »Gute Arbeit,« antworteten sie; »wir haben für den König gelogen. Dank uns sagen Hauptleute und Soldaten mißtrauisch zueinander: ›Es ist nur elender Ehrgeiz, daß sich der Prinz gegen den König auflehnt: er bezweckt nur, gefürchtet zu sein und als Friedenspreis Städte und Herrschaften zu erhalten; für fünfmalhunderttausend Gulden wird er die tapfern Herren, die für die Lande kämpfen, im Stiche lassen. Der Herzog hat ihm eine vollständige Amnestie anbieten lassen mit dem Versprechen und dem Schwure, ihnen, ihm und allen Führern des Heeres, ihr Gut zurückzugeben, wenn sie sich dem Könige wieder unterwürfen. Oranien wird allein mit ihm verhandeln.‹ Die Getreuen des Schweigers haben uns geantwortet: ›Angebote des Herzogs, listige Fallstricke, er wird ihnen nicht trauen in der Erinnerung an die Herren von Egmont und von Hoorne.‹ Sie wissen ganz gut, daß der Kardinal Granvella, als er zur Zeit der Gefangennahme der beiden Grafen in Rom war, gesagt hat: ›Man fängt die zwei Gründlinge, und den Hecht läßt man entwischen; wenn ihr den Schweiger nicht habt, so habt ihr nichts!‹« »Ist die Spaltung groß im Lager?« sagte der Bauer. »Die Spaltung ist groß«, sagten sie, »und wird jeden Tag größer. – Wo sind die Briefe?« Sie traten in die Hütte, und es wurde eine Laterne angezündet. Durch eine Luke sah Uilenspiegel, wie sie zwei Sendschreiben entsiegelten, sie mit lebhafter Freude lasen, Met tranken und endlich aufbrachen. Beim Abschiede sagten sie zu dem Bauer auf spanisch: »Das Lager gespalten, Oranien gefangen. Das wird eine gute Limonade geben.« »Die zwei«, sagte sich Uilenspiegel, »dürfen nicht am Leben bleiben.« Sie schritten durch den dicken Nebel. Uilenspiegel sah, daß ihnen der Bauer eine Laterne brachte, die sie nahmen. Der Schein der Laterne ward oft durch eine schwarze Gestalt unterbrochen; daraus schloß er, daß sie einer hinter dem andern gingen. Er lud seine Arkebuse und schoß auf die schwarze Gestalt. Nun sah er, wie sich die Laterne mehrere Male senkte und wieder hob; er nahm an, daß der eine von den beiden gefallen sei und der andere untersuche, von was für einer Art seine Verletzung sei. Er lud seine Arkebuse wieder. Nun bewegte sich die Laterne allein und flimmerte rasch in der Richtung des Lagers dahin; er schoß von neuem. Die Laterne schwankte, fiel nieder und erlosch. Alles war dunkel. Als er nun dem Lager zulief, sah er den Profoßen mit einem Trupp Soldaten, die die Schüsse geweckt hatten, herauskommen. Er trat zu ihnen und sagte: »Ich bin der Jäger, kommt das Wild holen.« »Lustiger Vlame,« sagte der Profoß, »du sprichst anders als mit der Zunge.« »Worte der Zunge«, sagt Uilenspiegel, »sind Wind; Worte aus Blei bleiben in den Leibern der Verräter. Aber folgt mir.« Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die beiden gefallen waren. Und in der Tat sahen sie sie ausgestreckt auf der Erde liegen, den einen tot, den andern noch röchelnd und die Hand auf der Brust, wo sich ein Brief fand, der ganz zerknittert war durch eine letzte Anspannung des Lebens. Sie nahmen die Körper, die sie an den Kleidern als die von Edelleuten erkannten, mit sich und machten sich mit ihren Laternen auf den Weg zu dem Prinzen, der eben mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen von Hessen und andern Herren Rat hielt. Begleitet von Landsknechten und Reitern in grünen und gelben Wämsern, kamen sie zu dem Zelte des Schweigers; und sie verlangten mit Geschrei, daß er sie empfangen wolle. Er kam heraus. Uilenspiegel schnitt dem Profoßen, der sich hustend anschickte, wider ihn zu klagen, das Wort ab und sagte: »Gnädiger Herr, ich habe zwei edle Verräter aus Euerm Gefolge für Raben getötet.« Dann erzählte er, was er gesehn, gehört und getan hatte. Der Schweiger sagte kein Wort. Die zwei Körper wurden durchsucht; außer Wilhelm von Oranien, dem Schweiger, waren noch anwesend Friedrich von Hollenhausen, der Markgraf von Hessen, Dietrich von Schoonenberg, der Graf Albrecht von Nassau, der Graf von Hoogstraten, Anton von Lalaing, Gouverneur von Mecheln, und die Soldaten und unter den Soldaten Lamme Goedzak, zitternd in seinem Wanste. Bei den toten Edelleuten wurden versiegelte Briefe von Granvella und Noircarmes gefunden, worin sie aufgefordert wurden, im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, damit sich seine Kräfte verminderten, ihn zum Weichen zu bringen und ihn endlich dem Herzoge in die Hände zu liefern, damit er enthauptet werde nach seinen Verdiensten. Es heiße, besagten die Briefe, umsichtig zu Werke gehn und das Heer durch verblümte Worte glauben machen, der Schweiger habe schon, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, einen nur ihn betreffenden Teilvertrag mit dem Herzoge abgeschlossen. Daraufhin würden ihn die erbosten Hauptleute und Soldaten festnehmen. In den Briefen lag auch für beide je ein Schein auf fünfhundert Dukaten, die bei den Fuggern in Antwerpen flüssig waren; weitere tausend sollten sie bekommen, bis die erwarteten vierhunderttausend aus Spanien in Seeland eingetroffen seien. Der Anschlag war aufgedeckt. Stumm wandte sich der Prinz zu den Edelleuten, Herren und Soldaten, unter denen gar viele waren, die ihn beargwöhnten: er wies ihnen stumm die beiden Leichen. Und in dieser Gebärde lag ein stiller Vorwurf ihres Mißtrauens. Alle riefen sie mit dröhnender Stimme: »Es lebe Oranien! Oranien ist getreu den Landen!« Sie wollten die Leichen, um sie zu schänden, den Hunden vorwerfen; aber der Schweiger sagte: »Nicht die Körper sind es, die man den Hunden vorwerfen sollte, sondern die Niedrigkeit der Gesinnung, die hinter den reinsten Absichten Schlechtes wittert.« Und die Herren und die Soldaten riefen: »Heil dem Prinzen! Heil Oranien, dem Freunde der Lande!« Und ihre Stimmen waren wie ein Donnerrollen, der Ungerechtigkeit drohend. Der Prinz wies auf die Körper: »Begrabt sie christlich.« »Und ich,« sagte Uilenspiegel, »was soll mit meinem treuen Gerippe geschehn? Habe ich etwas Schlechtes getan, dann gebe man mir Prügel, habe ich etwas Gutes getan, dann möge man mir eine Belohnung gewähren.« Nun sagte der Schweiger: »Der Arkebusier da erhält in meiner Gegenwart fünfzig Streiche mit einem frisch abgeschnittenen Stocke, weil er mit Hintansetzung aller Manneszucht ohne jeglichen Auftrag zwei Edelleute getötet hat; außerdem erhält er dreißig Gulden, weil er gut gesehn und gehört hat.« »Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »wenn man mir zuerst die dreißig Gulden gäbe, ertrüge ich die Stockstreiche mit Geduld.« »Ja, ja,« wimmerte Lamme Goedzak, »gebt ihm zuerst die dreißig Gulden; das übrige wird er mit Geduld ertragen.« »Und dann«, sagte Uilenspiegel, »brauche ich, da meine Seele rein ist, weder mit Eichenholz gewaschen, noch mit Kirschenprügeln gespült zu werden.« »Ja,« wimmelte Lamme Goedzak neuerlich, »Uilenspiegel braucht nicht gewaschen und nicht gespült zu werden. Seine Seele ist rein. Wascht ihn nicht, gnädige Herren, wascht ihn nicht!« Nachdem Uilenspiegel die dreißig Gulden erhalten hatte, befahl der Profoß dem Stockmeister, sich seiner zu bemächtigen. »Seht, gnädige Herren,« sagte Lamme, »wie erbärmlich er aussieht. Er hat den Stock gar nicht gern, mein Freund Uilenspiegel.« »Gern habe ich«, erwiderte Uilenspiegel, »eine wohlbelaubte Esche, die mit ihrem natürlichen Safte an der Sonne wächst; aber auf den Tod kann ich nicht ausstehn diese häßlichen Stöcke, die noch ihr Mark ausbluten, entästet, ohne Laub und ohne Zweiglein, abscheulich zum Ansehn und hart im Umgange.« »Bist du bereit?« fragte der Profoß. »Bereit?« wiederholte Uilenspiegel, »wozu bereit? Geschlagen zu werden? Nein, ich bin es nicht und will es nicht sein, Herr Stockmeister. Euer Bart ist rot, und Euer Aussehn ist grimmig; aber ich bin sicher, Ihr habt ein mildes Herz und Ihr mögt gar nicht einem armen Teufel wie mir das Kreuz lahm schlagen. Ich muß es Euch sagen: ich habe so etwas nicht gern, nicht einmal das Zusehn; denn der Rücken eines Christenmenschen ist ein geheiligter Tempel, weil er, ebenso wie die Brust, die Lungen umschließt, durch die wir die Luft Gottes atmen. Was für brennende Bisse würden nicht an Euerm Herzen nagen, wenn sie mir ein wuchtiger Hieb in Stücke schlüge!« »Spute dich,« sagte der Stockmeister. »Gnädiger Herr,« sagte Uilenspiegel zum Prinzen, »es ist wahrlich keine Eile not, glaubt mir; zuerst müßte der Stock getrocknet werden, denn das grüne Holz teilt, wie man sagt, dem lebendigen Fleische beim Eindringen ein tödliches Gift mit. Wollten mich Euere Hoheit eines so häßlichen Todes sterben sehn? Gnädiger Herr, ich halte meinen Rücken treu zur Verfügung Euerer Hoheit: laßt ihn mit Ruten streichen oder laßt ihn mit der Peitsche stäupen; aber wenn Ihr mich nicht tot sehn wollt, so erspart mir, wenn es Euch gefällt, das grüne Holz.« »Prinz, laßt Gnade walten,« sprachen gleichzeitig der Herr von Hoogstraaten und Dietrich von Schoonenberg. Die andern baten mit den Augen um Erbarmen. Und auch Lamme sagte: »Gnädiger Herr, gnädiger Herr, seid milde; das grüne Holz ist reines Gift.« Nun sagte der Prinz: »Ich begnadige ihn.« Uilenspiegel tat ein paar Luftsprünge, schlug Lamme auf den Bauch und versuchte ihn im Tanze zu drehn; er sagte zu ihm: »Preise mit mir den gnädigen Herrn, der mich mit dem grünen Holze verschont hat.« Und Lamme wollte tanzen, aber sein Wanst ließ es nicht zu. Und Uilenspiegel bezahlte ihm ein Essen samt den Getränken. XII Der Herzog vermied jede offene Schlacht, beunruhigte aber rastlos den Schweiger, der in dem Flachlande zwischen Jülich und der Maas in ununterbrochener Bewegung war und den Fluß überall, bei Hond, Mechelen, Elsen und Merßen absuchen ließ; überall aber fand man Fußangeln gestreut, die die Menschen und die Pferde beim Durchwaten verletzen sollten. Bei Stockheim fanden die Peiler nichts dergleichen. Der Prinz befahl den Übergang. Einige Haufen Reiter übersetzten die Maas und stellten sich am andern Ufer in Schlachtordnung auf, um den Rest des Heeres gegen die Seite des Bistums von Lüttich zu decken; dann bildeten zehn Glieder Bogenschützen und Arkebusiere von einem Ufer zum andern eine lebendige Mauer, um den Prall der Strömung zu brechen. Unter den Arkebusieren war auch Uilenspiegel. Das Wasser ging ihm bis zu den Schenkeln, und oftmals hob ihn eine tückische Welle samt seinem Pferde. Er sah die Fußsoldaten vorüberwaten, die die Pulverbeutel auf den Hüten trugen und ihre Büchsen hoch über dem Haupte hielten. Dann kamen die Packwagen, Hakenbüchsen, Bedienungsmannschaften, Zündmeister, Schlangen, Doppelschlangen, Falkaunen, Falkonette, Serpentinen, Halbserpentinen, Doppelserpentinen, Scharfmetzen, Doppelscharfmetzen, Kanonen, Halbkanonen und Doppelkanonen und endlich auch die Karrenbüchsen, kleine Feldstücke, die aufgeprotzt von zwei Pferden gezogen wurden, so daß sie im Galopp auffahren konnten, durchaus ähnlich denen, die man Kaiserpistolen nannte. Und zum Schlusse kamen als Nachhut Landsknechte und vlämische Reiter. Uilenspiegel empfand das Bedürfnis nach einem wärmenden Getränke. Neben ihm schnarchte auf seinem Schlachtrosse der Bogenschütze Riesenkraft, ein Deutscher, ein magerer, hartherziger und riesiger Mann, und sein Atem duftete nach Branntwein. Uilenspiegel suchte auf der Kruppe seines Pferdes nach der Flasche und fand sie mit einer Schnur wie ein Wehrgehenk umgeknüpft; er zerschnitt die Schnur, nahm die Flasche und tat ein paar vergnügte Züge. Die Kameraden des Bogenschützen sagten: »Gib uns auch etwas.« Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knüpfte er die Schnur und wollte die Flasche dem Soldaten wieder an die Brust hängen. Als er ihm den Arm hob, um sie durchzustecken, erwachte Riesenkraft. Sein erster Griff galt der Flasche, um seine Kuh wie sonst zu melken. Da sie keine Milch mehr gab, geriet er in eine grimmige Wut und sagte: »Du Dieb, was hast du mit meinem Branntwein gemacht?« Uilenspiegel antwortete: »Ich habe ihn getrunken. Unter Reitern, die im Wasser stehn, ist der Branntwein des einzelnen der Branntwein aller. Ein Schuft ist der Geizhals.« »Morgen sollst du mir vor die Klinge,« antwortete Riesenkraft. »Ich werde aus dir Hackfleisch machen.« »Wir werden aus uns Hackfleisch machen,« antwortete Uilenspiegel, »aus den Köpfen, aus den Armen, aus den Beinen und aus allem. Aber bist du nicht verstopft, daß du so ein sauers Gesicht machst?« »Ich bins,« antwortete Riesenkraft. »Da wäre dir«, entgegnete Uilenspiegel, »ein Abführmittel nützlicher als der Zweikampf.« Sie kamen überein, sich am nächsten Tage, jeder nach seinem Belieben beritten und gekleidet, zu treffen und sich ihren Speck mit kurzen Stoßdegen zu zerlöchern. Uilenspiegel bat, für seine Person den Stockdegen durch einen Stock ersetzen zu dürfen. Das wurde ihm bewilligt. Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß übersetzt und sich auf Befehl der Obersten und Hauptleute in guter Ordnung aufgestellt; auch die zehn Glieder Bogenschützen ritten aufs Trockene. Und der Schweiger sagte: »Auf nach Lüttich!« Uilenspiegel hörte das freudig und schrie samt allen Vlamen: »Heil Oranien! Wir ziehn auf Lüttich!« Aber die Fremden, sonderlich die Deutschen, sagten, sie seien zu gewaschen und durchgespült, um reiten zu können. Vergebens bedeutete ihnen der Prinz, daß sie einem sichern Siege entgegengingen und in eine ihm ergebene Stadt kämen; sie wollten nichts hören: sie zündeten große Feuer an und wärmten sich und ihre abgeschirrten Pferde. Der Sturm auf die Stadt wurde auf den nächsten Tag verschoben; da hatte schon Alba, der baß erstaunt war über den kühnen Übergang, durch seine Spione erfahren, daß die Soldaten des Schweigers noch nicht zum Sturme bereit waren. Daraufhin drohte er denen von Lüttich und dem ganzen Lande ringsum mit Feuer und Schwert, wenn sich die Freunde des Prinzen irgendwie rührten. Gerhard von Groesbeke, der Häscher des Bischofs, ließ seine Soldaten gegen den Prinzen ausrücken, der also zu spät kam, dank den Deutschen, die das bißchen Wasser in ihren Hosen nicht hatten vertragen können. XIII Uilenspiegel und Riesenkraft hatten sich Kampfzeugen genommen. Die bestimmten, die beiden Soldaten sollten sich zu Fuß bis auf den Tod schlagen, wenn dies dem Sieger behage; denn das waren die Bedingungen Riesenkrafts. Der Ort des Zweikampfes war eine kleine Heide. Zeitlich am Morgen warf sich Riesenkraft in seine Bogenschützentracht. Er setzte den visierlosen Helm auf, der mit einer Halsberge versehn war, und zog ein Panzerhemd ohne Ärmel an. Das andere Hemd, das schon in Stücke ging, legte er in den Helm, um es als Verbandzeug bei der Hand zu haben. Er bewaffnete sich mit dem Bogen aus gutem Ardennenholze, mit dreißig Pfeilen in einem Köcher und mit einem langen Dolche, aber nicht mit dem Zweihänder, dem eigentlichen Schwerte der Bogenschützen. Und er kam auf den Kampfplatz, auf seinem Schlachtrosse, das den Kriegssattel und das Stirnblech mit Federn trug und ganz in Eisen gepanzert war. Uilenspiegel war gewaffnet wie ein Edelmann: sein Schlachtroß war ein Esel, der Sattel bestand aus den Röcken eines tollen Mädchens, das gefiederte Stirnblech war ein Weidenbrettchen, besetzt mit schönen, flatternden Hobelspänen. Der Harnisch seines Renners war aus Speck; denn das Eisen, sagte er, koste zu viel, Stahl sei überhaupt nicht zu erschwingen, und was das Kupfer betreffe, so habe man in der letzten Zeit so viel auf Kanonen verbraucht, daß der Rest nicht mehr reiche, ein Kaninchen zu wappnen. Statt des Hutes trug er eine hübsche Salatstaude, die den Schnecken bis jetzt entgangen war; den Salat krönte eine Schwanenfeder, damit er in der Todesstunde das Singen nicht vergesse. Sein Degen, hart und leicht, war ein hübscher, langer, dicker Tannenknüttel, der in einen Besen von Tannenreisern auslief. Am Sattel hing zur Linken sein Messer, ebenfalls aus Holz, zur Rechten baumelte seine Keule, die aus einer Rübe auf einem Holunderhefte bestand. Sein Harnisch setzte sich nur aus Blößen zusammen. Als er in diesem Aufzuge auf dem Kampfplatze erschien, wollten die Zeugen Riesenkrafts vor Lachen bersten; Riesenkraft aber veränderte keinen Zug seines griesgrämigen Gesichts. Nun verlangten die Zeugen Uilenspiegels von denen Riesenkrafts, daß der Deutsche seine ganze Rüstung von Panzern und Eisen ablege, in Anbetracht daß Uilenspiegel nur mit Lumpen gewappnet sei. Riesenkraft stimmte zu. Die Zeugen Riesenkrafts fragten die Uilenspiegels, wieso er einen Besen als Waffe führe. »Ihr habt mir den Stock bewilligt, aber mir nicht verboten, ihn mit Reisern freundlicher zu machen.« »Tu, wie du meinst,« sagten die vier Zeugen. Riesenkraft sagte kein Wort und köpfte mit seinem Degen die magern Heidegräser in kurzen Hieben. Die Zeugen empfahlen ihm, seinen Degen gegen einen Besen zu vertauschen, ebenso wie Uilenspiegel. Er antwortete: »Daß der Landstreicher aus völlig freiem Willen eine so außergewöhnliche Waffe gewählt hat, hat er deswegen getan, weil er damit sein Leben verteidigen zu können glaubt.« Wieder sagte Uilenspiegel, er wolle seinen Besen behalten, und die vier Zeugen kamen überein, daß alles recht sei. Die beiden hielten einander gegenüber, Riesenkraft auf seinem Pferde, gepanzert mit Eisen, und Uilenspiegel auf seinem Esel, gepanzert mit Speck. Uilenspiegel sprengte in die Mitte des Feldes vor; den Besen in der Hand wie eine Lanze, sagte er: »Mehr stinkend als Pest, Aussatz und Tod finde ich dieses Gezücht von Elenden, die, obschon sie in einem Lager mit guten Gesellen sind, doch keine andere Sorge kennen, als ihre sauere Fratze und ihr zorngeiferndes Maul überall spazieren zu führen. Wo sie hinkommen, getraut sich kein Lachen mehr heraus und die Lieder verstummen. Sie müssen tagtäglich ihren Streit vom Zaune pflücken und führen so vor dem echten Kampfe fürs Vaterland den Zweikampf ein, der das Verderben des Heeres ist und die Freude des Feindes. Riesenkraft, der hier gegenwärtig ist, hat wegen unschuldiger Worte einundzwanzig Männer getötet, hat aber weder in der Schlacht, noch im Scharmützel jemals einen Beweis wirklicher Tapferkeit erbracht oder durch seinen Mut die geringste Belohnung verdient. Heute will ich diesem tückischen Hunde das räudige Fell gegen den Strich striegeln.« Riesenkraft antwortete: »Der Betrunkene da hat über den Mißbrauch des Zweikampfs hübsche Sachen zusammengeträumt; heute will ich ihm denn den Schädel spalten, damit jedermann sieht, daß er nur Heu drin hat.« Die Zeugen ließen sie von ihren Tieren steigen. Dabei fiel Uilenspiegel der Salat vom Kopfe; sofort machte sich der Esel darüber. Bei diesem Geschäfte wurde aber das Grauchen durch einen Fußtritt gestört, den ihm ein Zeuge versetzte, um es von dem Kampffelde zu treiben. Ebenso geschah dem Pferde; sie trabten anderswohin, um in Eintracht zu weiden. Nun gaben die Zeugen, die die Waffen ihrer Partei trugen, das Zeichen zum Beginne, indem sie pfiffen. Und Riesenkraft und Uilenspiegel schlugen sich wütend: Riesenkraft führte mit dem Degen wuchtige Hiebe, Uilenspiegel fing sie mit dem Besen auf; Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, Uilenspiegel floh vor ihm schräg, im Kreise und im Zickzack über die Heide, zeigte ihm die Zunge und schnitt ihm tausend Grimassen. Riesenkraft verlor den Atem und führte mit seinem Degen Lufthiebe wie ein verrückt gewordener Soldat; als Uilenspiegel merkte, daß er ihm nahegekommen war, wandte er sich plötzlich um und führte mit seinem Besen einen mächtigen Schlag unter seine Nase. Mit gespreizten Armen und Beinen fiel Riesenkraft nieder wie ein verendender Frosch. Uilenspiegel warf sich auf ihn, fegte ihm das Gesicht erbarmungslos nach dem Strich und gegen den Strich und sagte: »Bitte um Gnade, oder du mußt den Besen fressen!« Und er striegelte hin und striegelte her, ohne Unterlaß und zum großen Vergnügen der Umstehenden, und sagte immerzu: »Bitte um Gnade, oder du mußt den Besen fressen!« Aber Riesenkraft konnte nichts reden, denn er war an der schwarzen Galle verstorben. »Gott nehme deine Seele, armer Raufbold,« sagte Uilenspiegel. Und er ging schwermütig weg. XIV Es ging damals gegen das Ende des Oktobers. Dem Prinzen mangelte es an Geld, und sein Heer litt Hunger; die Soldaten murrten. Er marschierte gegen Frankreich zu und bot dem Herzog die Schlacht an; der Herzog lehnte sie ab. Als er von Quesnoy-le-Comte gegen Cambrésis aufbrach, stieß er auf zehn Kompagnien Deutsche, acht Fähnlein Spanier und drei Schwadronen leichte Reiter, die Don Ruffele Henricis, der Sohn des Herzogs, befehligte. Der stand mitten im Treffen und schrie: »Tod! Tod! Keine Schonung! Es lebe der Papst!« Don Henricis war gerade gegenüber der Kompagnie Arkebusiere, wo Uilenspiegel Rottmeister war, und stürzte sich mit seiner Mannschaft auf sie. Uilenspiegel sagte zu seinem Korporal: »Ich will dem Henker die Zunge stutzen.« »Stutz,« sagte der Korporal. Und mit einer wohlgezielten Kugel zerriß Uilenspiegel dem Don Ruffele Henricis, dem Sohne des Herzogs, die Zunge und die Kinnlade. Uilenspiegel schoß auch den Sohn des Marquis Delmarès von seinem Pferde. Die acht Fähnlein und die drei Schwadronen wurden geschlagen. Nach dem Siege suchte Uilenspiegel Lamme im Lager; aber er fand ihn nicht. »Ach,« sagte er, »nun ist er dahin, mein Freund Lamme, mein dicker Freund. In seiner kriegerischen Hitze wird er, ohne an die Bürde seines Wanstes zu denken, die spanischen Ausreißer haben verfolgen wollen. Außer Atem wird er endlich umgefallen sein wie ein Sack. Und sie werden ihn aufgelesen haben, um Lösegeld für ihn zu bekommen, Lösegeld für Christenspeck. Mein Freund Lamme, wo bist du denn, wo bist du, mein fetter Freund?« Uilenspiegel suchte ihn überall; da er keine Spur von ihm fand, versank er in Schwermut. XV Im November, im Monat der Schneestürme, ließ der Schweiger Uilenspiegel holen. Als er kam, nagte der Prinz an der Schnur seines Panzerhemds. Er sagte: »Hör zu und behalte es.« Uilenspiegel antwortete: »Meine Ohren sind Kerkerpforten: hinein kommt man leicht, aber das Herauskommen ist ein schwierig Ding.« Der Schweiger sagte: »Du gehst durch Namur, Flandern, Hennegau, Südbrabant, Antwerpen, Nordbrabant, Geldern, Oberyssel und Nordholland und verkündigst überall, daß sich, wenn das Glück unsere heilige christliche Sache zu Lande im Stich läßt, der Kampf gegen alle ungerechte Vergewaltigung auf dem Meere fortsetzen wird. Gott möge die Angelegenheit zu einem Ende leiten, sei es zu einem guten oder zu einem schlechten. Wann du in Amsterdam angekommen bist, wirst du meinem Getreuen Pauwel Buys Rechenschaft ablegen über dein Tun und Handeln. Da sind drei Pässe, von Alba selbst unterschrieben, die bei den Leichnamen von Quesnoy-le-Comte gefunden worden sind. Mein Schreiber hat sie ausgefüllt. Vielleicht triffst du manchmal auf dem Wege einen guten Gesellen, dem du dich anvertrauen könntest. Die sind gut, die auf den Lerchentriller mit dem Kampfesrufe des Hahnes antworten. Da sind fünfzig Gulden. Bleib wacker und treu.« »Die Asche schlägt an mein Herz,« antwortete Uilenspiegel. Und er ging. XVI Im Namen des Königs und des Herzogs durfte er alle Waffen tragen, welche er wollte. Er nahm seine gute Radbüchse, Ladung und trockenes Pulver. Bekleidet mit einem zerlumpten Mantel, einem zerfetzten Wamse und nach spanischer Mode löcherigen Hosen, auf dem Hute die flatternde Feder und mit dem Schwerte gegürtet, verließ er das Heer nahe bei der französischen Grenze und wanderte Maastricht zu. Die Zaunkönige, die Boten der Kälte, flogen um die Häuser, Obdach heischend. Es schneite den dritten Tag. Oftmals mußte Uilenspiegel auf der Reise seinen Geleitschein zeigen. Stets ließ man ihn durch. Er wanderte Lüttich zu. Er kam an den Rand einer Ebene; ein heftiger Wind jagte ihm die Flocken in Wirbeln ins Gesicht. Vor sich sah er die Ebene ganz weiß liegen und die Schneeflocken im Sturme wirbeln. Drei Wölfe folgten ihm; nachdem er aber einen mit seiner Büchse niedergestreckt hatte, warfen sich die andern auf den wunden, rissen ihm Fleischklumpen aus dem Leibe und verschwanden damit im Walde. Als Uilenspiegel, also befreit, umherblickte, ob nicht ein andres Rudel im Felde sei, sah er am Ende der Ebene eine Anzahl von grauen Punkten, die sich durch die Schneewirbel fortbewegten, und hinter ihnen die schwarzen Gestalten berittener Soldaten. Er stieg auf einen Baum. Der Wind trug ihm ferne Klagelaute zu. »Vielleicht sind das«, sagte er sich, »weiß gekleidete Pilger; ich kann auf dem Schnee kaum ihre Körper ausnehmen.« Dann unterschied er Menschen, die nackt einherliefen, und zwei Reiter in schwarzen Harnischen, die, auf ihren großen Rossen sitzend, den armen Schwarm mit Peitschenhieben vor sich hertrieben. Er lud seine Arkebuse. Unter den Unglücklichen sah er junge Leute, nackte Greise, klappernd, erfroren und eingeschrumpft, vor den Peitschen der zwei Soldaten laufen, und diese, wohlbekleidet und rot vom Branntweine und reichlicher Nahrung, hatten ihre Freude daran, wenn sich ihre Peitschen um den Leib der armen Pilger ringelten und sie zu schnellerm Laufe hetzten. Uilenspiegel sagte: »Asche Klaasens, du sollst Rache haben.« Mit einer Kugel ins Gesicht schoß er den einen Reiter tot vom Pferde. Der andere, der nicht wußte, woher diese unerwartete Kugel gekommen sei, wurde von Angst gepackt. In dem Glauben, im Walde seien Feinde verborgen, wollte er mit dem Pferde seines Gesellen fliehen. Während er aber, nachdem er sich des Zügels versichert hatte, vom Pferde stieg, um den Toten zu berauben, traf ihn eine Kugel im Halse, und er fiel wie der andere. Die nackten Menschen, die glaubten, ein Engel, ein guter Schütze, sei ihnen vom Himmel helfen gekommen, fielen auf die Knie. Nun stieg Uilenspiegel vom Baume und ward von denen aus dem Haufen, die mit ihm in den Heeren des Prinzen gedient hatten, erkannt; sie sagten zu ihm: »Uilenspiegel, wir kommen aus Frankreich und hätten in diesem jämmerlichen Zustande nach Maastricht, wo der Herzog ist, gebracht werden sollen, um dort das Schicksal gefangener Aufrührer zu erleiden; da wir kein Lösegeld bezahlen können, wären wir schon im voraus verdammt gewesen, gefoltert und geköpft zu werden oder wie Gauner und Diebe auf den Galeeren des Königs zu rudern.« Indem Uilenspiegel dem Ältesten des Haufens seinen Mantel reichte, antwortete er: »Kommt, ich führe euch nach Mézières; aber zuerst heißt es die zwei Soldaten ausziehen und ihre Pferde einfangen.« Die Wämser, Hosen, Stiefel und Hüte und die Kürasse der Soldaten wurden unter die Schwächsten und Kränksten verteilt, und Uilenspiegel sagte: »Sehn wir zu, daß wir in den Wald kommen, wo die Luft dicker und linder ist; laufen wir, Brüder!« Plötzlich fiel ein Mann; und der sagte: »Ich habe Hunger und friere und gehe zu Gott, bezeugen, daß der Papst der Antichrist auf Erden ist.« Und er starb. Sie nahmen ihn mit, um ihn christlich zu begraben. Während sie auf einer Hauptstraße dahinzogen, gewahrten sie einen Bauern, der einen gedeckten Karren lenkte. Als er die nackten Menschen sah, packte ihn Mitleid, und er ließ sie auf den Karren steigen. Dort fanden sie Heu zum Lager und leere Säcke zum Zudecken. Und bei dem ersten Gefühle von Wärme dankten sie Gott. Uilenspiegel ritt auf dem einen Pferde der Soldaten und führte das andere am Zaume. In Mézières stiegen sie ab; man gab ihnen Suppe, Bier, Brot und Käse und den Greisen und den Frauen Fleisch. Sie wurden auf Kosten der Gemeinde beherbergt und wieder gekleidet und bewaffnet. Und alle umarmten Uilenspiegel mit Segenswünschen, und er ließ es sich fröhlich gefallen. Die Pferde der zwei Reiter verkaufte er um achtundvierzig Gulden; dreißig davon gab er den Franzosen. Als er allein weiterzog, sprach er zu sich: »Ich gehe durch Elend, Blut und Tränen, und finde nichts. Die Teufel haben mich zweifellos belogen. Wo ist Lamme? Wo ist Nele? Wo sind die Sieben?« Und wieder schlug die Asche Klaasens an seine Brust. Und er hörte eine Stimme, wie ein Hauch: »In Tod, Elend und Tränen suche.« Und er zog dahin. XVII Im März kam Uilenspiegel nach Namur. Dort sah er Lamme, der, weil er von einer großen Liebe zu den Maasfischen, sonderlich zu den Forellen, erfaßt worden war, einen Kahn gemietet hatte und mit Erlaubnis der Gemeinde im Flusse fischte. Aber er hatte der Fischhändlergilde fünfzig Gulden bezahlt. Er verkaufte und aß seinen Fang und hatte bei dem Geschäfte einen hübschem Wanst und einen kleinen Sack von Karlsgulden gewonnen. Als er seinen Freund am Ufer der Maas der Stadt zuwandern sah, wurde er froh; er trieb seinen Kahn ans Land, erkletterte, nicht ohne zu schnaufen, die Böschung und war bei Uilenspiegel. Vor Freude stammelnd, sagte er: »Da bist du also, mein Sohn, mein Sohn in Gott; denn die Arche meines Bauches könnte zwei solche tragen, wie du bist. Wohin gehst du? Was willst du? Du bist also nicht tot? Hast du meine Frau gesehn? Du wirst Maasfische zu essen bekommen, die besten, die es gibt auf dieser schlechten Welt; hier machen sie Tunken, daß man seine Finger bis an die Schulter essen möchte. Du bist trotzig und stolz: auf deinen Wangen liegt die Glut der Schlachten. Da ist er also, mein Sohn, mein Freund Uilenspiegel, der lustige Landstreicher!« Dann sprach er leise: »Wieviel Spanier hast du getötet? Hast du nicht in ihren Karren voll Dirnchen meine Frau gesehn? Und den Maaswein, der so erquicklich ist für die Verstopften, du sollst ihn trinken. Bist du verwundet, mein Sohn? Jetzt bleibst du also da, frisch, gesund und munter wie ein junger Adler. Und die Aale! Du wirst sie verkosten. Kein Sumpfgeschmack. Küsse mich, mein Fettwanst. Gott sei Dank, wie glücklich bin ich!« Und Lamme tanzte, sprang und keuchte, und Uilenspiegel mußte mit ihm tanzen. Dann gingen sie nach Namur hinein. Am Stadttore zeigte Uilenspiegel seinen vom Herzoge unterschriebenen Paß. Und Lamme führte ihn in sein Haus. Während er das Mahl bereitete, ließ er sich Uilenspiegels Abenteuer berichten und erzählte ihm die seinigen. Er hatte, wie er sagte, das Heer verlassen, um einem Mädchen zu folgen, das er für seine Frau hielt; und bei dieser Verfolgung war er bis nach Namur gekommen. Und er fragte ohne Unterlaß: »Hast du sie nicht gesehn?« »Ich habe andere sehr hübsche gesehn,« antwortete Uilenspiegel, »besonders in dieser Stadt, wo sie alle verliebt sind.« »Das stimmt,« sagte Lamme; »man hätte mich hundertmal haben wollen, aber ich bleibe treu, weil mein bekümmertes Herz schwer ist von der einen Erinnerung.« »Wie dein Bauch von ungezählten Schüsseln,« antwortete Uilenspiegel. Lamme antwortete: »Wenn ich traurig bin, muß ich essen.« »Dein Kummer ist grenzenlos?« fragte Uilenspiegel. »Ach ja,« sagte Lamme. Und er nahm eine Forelle aus einem Zuber: »Sieh, wie hübsch und fest sie ist; ihr Fleisch ist rosig wie das meiner Frau. Morgen wollen wir Namur verlassen; ich habe einen Beutel voll Gulden, wir kaufen uns jeder einen Esel und reiten so ins Land nach Flandern.« »Du verlierst aber dabei ziemlich viel,« sagte Uilenspiegel. »Mein Herz zieht mich nach Damme, denn das ist der Ort, wo sie mich geliebt hat; vielleicht ist sie dorthin zurückgekehrt.« »Wir reisen also morgen,« sagte Uilenspiegel, »da du es so willst.« Und tatsachlich stiegen sie am nächsten Tage auf ihre Esel und ritten selbander weg. XVIII Es wehte ein schneidender Wind. Die Sonne, die am Morgen klar wie die Jugend gewesen war, ergraute wie ein Greis. Es begann zu regnen, und es waren Schloßen darunter. Als der Regen vorbei war, schüttelte sich Uilenspiegel: »Der Himmel, der so viel Dunst zu schlucken bekommt, muß sich auch einmal erleichtern.« Ein neuerlicher Regen, mit mehr Schloßen als der andere, rauschte auf die beiden Gesellen nieder. Lamme wimmerte: »Wir waren so gut gewaschen, muß man uns auch noch spülen!« Die Sonne kam wieder hervor, und sie ritten munter weiter. Da prasselte ein dritter Schloßenregen so mörderisch nieder, daß er die trockenen Äste glatt abhackte wie Beilhiebe. Lamme sagte: »Oho! Ein Dach! Meine arme Frau! Wo seid ihr, wohliges Feuer, süße Küsse und fette Suppen?« Und er weinte, der dicke Mensch. Aber Uilenspiegel sagte: »Wir jammern; sind wir jedoch nicht selbst schuld, wenn es uns schlecht geht? Es regnet auf unsere Schultern; aber aus diesem Dezemberregen kommt der Maiklee. Und die Kühe werden vor Vergnügen brüllen. Wir haben kein Obdach; aber warum heiraten wir nicht? Ich will sagen, ich, die kleine Nele, so hübsch und so gut; die würde mir jetzt ein gutes Schmorfleisch mit Bohnen machen. Wir haben Durst trotz dem Wasser, das niedergeht; warum sind wir nicht Arbeiter geworden, die in einem einzigen Stande ausharren? Die, die Meister geworden sind, haben in ihren Kellern Fässer voll Bruinbier.« Die Asche Klaasens schlug an sein Herz, der Himmel wurde klar, die Sonne blinkte, und Uilenspiegel sagte: »Dank dir, Frau Sonne, daß du uns den Rücken wieder erwärmst. Die Asche Klaasens erwärmt das Herz und sagt uns, daß die gesegnet sind, die umherschweifen für die Befreiung des Landes der Väter.« »Ich habe Hunger,« sagte Lamme. XIX Sie traten in eine Herberge, und man gab ihnen in einem hohen Saale zu essen. Uilenspiegel öffnete die Fenster und sah in einen Garten hinab, wo ein anmutiges Mädchen umherging, üppig, mit rundem Busen, die Haare golden gelockt und nur bekleidet mit einem Rock, einer Jacke aus weißer Leinwand und einer löcherigen schwarzen Schürze. Dort bleichten Hemden und andere Frauenwäsche auf Stricken; das Mädchen, das sich immerfort zu Uilenspiegel kehrte, nahm die Hemden von den Stricken, hängte sie wieder auf, setzte sich, lächelnd und ihn immerfort anblickend, auf Wäschestreifen und schaukelte sich an den zwei angeknüpften Enden. In der Nachbarschaft hörte Uilenspiegel einen Hahn krähen und sah eine Amme, die mit einem Kinde spielte und sein Gesicht einem Manne zuwandte mit den Worten: ›Boelkin, guck doch den Vater an!‹ Das Kind weinte. Und das hübsche Mädchen ging weiter im Garten herum und nahm die Wäsche ab und hängte sie wieder auf. »Das ist eine Spionin,« sagte Lamme. Das Mädchen legte die Hände über die Augen und blinzelte Uilenspiegel durch die Finger zu. Dann hob sie ihre beiden Brüste mit vollen Händen, ließ sie wieder sinken und schaukelte sich neuerlich, ohne daß ihre Füße den Boden berührt hätten. Und als sich die Wäschestreifen abflochten, mußte sie sich drehen wie ein Kreisel, und Uilenspiegel sah beim bleichen Sonnenlicht ihre nackten Arme bis zu den Schultern, weiß und rund. Sich drehend und lächelnd, sah sie ihn immerfort an. Er ging hinaus, um sie zu treffen. Lamme folgte ihm. An der Hecke des Gartens suchte er eine Öffnung, um durchzuschlüpfen, fand aber keine. Das Mädchen lächelte von neuem durch die Finger, als sie seine Bemühungen sah. Uilenspiegel wollte durch die Hecke brechen, aber Lamme hielt ihn zurück und sagte: »Geh nicht, sie ist eine Spionin; wir werden verbrannt werden.« Das Mädchen wandelte im Garten und hielt sich die Schürze vors Gesicht; aber sie guckte durch die Löcher, ob ihr Freund von Ungefähr nicht bald komme. Nun nahm Uilenspiegel einen Anlauf, um über die Hecke zu setzen, aber Lamme ließ es nicht zu, sondern faßte ihn beim Bein, so daß er fiel, und sagte: »Strick, Schwert und Galgen, sie ist eine Spionin! Geh nicht!« Auf der Erde sitzend, wehrte sich Uilenspiegel gegen ihn. Das Mädchen steckte den Kopf über die Hecke und rief: »Gott befohlen, Herr; hoffentlich beeinträchtigt die Liebe nicht das Abhängigkeitsgefühl Ew. Langmütigkeit!« Und er hörte ein spöttisches Lachen. »Ach,« sagte er, »das dringt in mein Ohr wie Nadelstiche!« Dann schloß sich eine Tür geräuschvoll. Und er wurde trübselig. Lamme, der ihn noch immer hielt, sagte zu ihm: »Du vergegenwärtigst dir all die süßen Schätze der Schönheit, die zu deiner Beschämung also verloren sind. Sie ist eine Spionin. Du fällst immer gut, wenn du einmal fällst. Ich platze noch vor Lachen.« Uilenspiegel sagte kein Wort, und sie bestiegen beide ihre Esel. XX Sie zogen dahin auf dem Rücken ihrer Tiere. Lamme kaute noch an seinem letzten Mahle und sog fröhlich die frische Luft ein. Uilenspiegel klatschte ihm einen mächtigen Peitschenhieb auf sein Sitzfleisch, das sich als ein Wulst vom Sattel abhob. »Was tust du da?« schrie Lamme jammernd. »Wieso?« antwortete Uilenspiegel. »Der Peitschenschlag?« sagte Lamme. »Was für ein Peitschenschlag?« »Den ich von dir bekommen habe.« »Von links?« fragte Uilenspiegel. »Ja, von links und auf mein Sitzfleisch. Warum hast du das getan, schändlicher Nichtsnutz?« »Aus Unwissenheit,« antwortete Uilenspiegel. »Ich weiß ganz gut, was eine Peitsche ist, ganz gut auch, was ein Sitzfleisch ist, das sich auf den Sattel zwängt. Als ich es nun so breit, so geschwollen, so gespannt und so über den Sattel vorquellend gesehn habe, habe ich mir gesagt: Da die Finger nicht imstande sind, es zu kneifen, so wird es der Peitschenschmitz auch nicht kneifen. Ich war im Irrtum.« Lamme lachte, und Uilenspiegel fuhr mit diesen Worten fort: »Ich bin aber nicht der einzige auf dieser Welt, der aus Unwissenheit sündigt, und mehr als ein Meister in der Narrenrotte, der sein Fett auf einem Eselssattel spreizt, könnte mir darin den Rang ablaufen. Wenn meine Peitsche, was dein Sitzfleisch betrifft, einen Fehler begangen hat, so hast du schwerer gefehlt in betreff meiner Beine, die du verhindert hast, der Dirne nachzulaufen, die mit mir im Garten geliebäugelt hat.« »Rabenbraten,« sagte Lamme; »das sollte also eine Rache sein?« »Eine ganz kleine,« antwortete Uilenspiegel. XXI In Damme lebte Nele, die kummervolle, einsam mit Katelijne, die stets verliebt den kalten Teufel rief, der nimmer kam. »Ach,« sagte sie, »Hansken, mein Schatz, du bist reich und könntest mir die siebenhundert Karlsgulden wiederbringen. Soetkin käme von der Pforte der Seligkeit lebend auf die Erde zurück und Klaas würde im Himmel lachen; du könntest es leicht tun. Nehmt das Feuer weg, die Seele will hinaus; macht ein Loch, die Seele will hinaus.« Und ohne Unterlaß deutete sie mit dem Finger auf die Stelle, wo das Werg gebrannt hatte. Katelijne war sehr arm, aber die Nachbarn halfen ihr mit Bohnen, mit Brot und mit Fleisch, nach ihrem Vermögen. Die Gemeinde gab ihr etwas Geld. Und Nele nähte Kleider für die reichen Bürgerfrauen und bügelte ihnen die Wäsche und verdiente so einen Gulden die Woche. Und Katelijne sagte immerfort: »Macht ein Loch, nehmt meine Seele weg. Sie klopft, weil sie hinaus will. Er wird die siebenhundert Karlsgulden wiederbringen.« Und Nele weinte, wann sie das hörte. XXII Damals traten Uilenspiegel und Lamme, mit ihren Pässen versehn, in eine kleine Herberge, die sich an die stellenweise mit Bäumen bewachsenen Felsen der Sambre lehnte. Auf dem Schilde stand: Chez Marlaire. Nachdem sie manches Fläschchen des trefflichen, nach Burgunderart gekelterten Maasweins getrunken und einen ganzen Fischbehälter leer gegessen hatten, unterhielten sie sich mit dem Wirte, einem Papisten vom reinsten Wasser, der wegen des reichlich genossenen Weines schwatzhaft war wie eine Elster und fortwährend arglistig mit den Augen zwinkerte. Uilenspiegel, der hinter dem Zwinkern irgendeine Heimlichkeit witterte, verleitete ihn zu weiterm Trinken so trefflich, daß der Wirt zu tanzen anfing und in ein Lachen ausbrach; dann setzte er sich wieder an den Tisch und sagte: »Gute Katholiken, ich trinke euch zu.« »Und wir dir,« antworteten Lamme und Uilenspiegel. – »Auf die Vertilgung aller Pestilenz der Empörung und der Ketzerei!« – »So sei es,« antworteten Lamme und Uilenspiegel; dabei füllten sie stets den Becher, den der Wirt nie voll sehn konnte. »Ihr seid Biedermänner,« sagte er. »Ich trinke auf euere Uneigennützigkeit; ich verdiene ja an dem getrunkenen Weine. Wo sind euere Pässe?« »Hier,« antwortete Uilenspiegel. »Unterschrieben vom Herzog,« sagte der Wirt. »Ich trinke auf den Herzog.« »Aufs Wohl des Herzogs,« antworteten Lamme und Uilenspiegel. Der Wirt fuhr fort: »Wie fängt man Mäuse und Ratten? Mit Fallen. Wer ist der Ratz? Das ist der große Ketzer, dessen Name die Farbe des Höllenfeuers bedeutet. Gott ist mit uns. Sie werden kommen. Hi! Hi! Zu trinken! Gieß ein: ich brenne, ich glühe. Zu trinken! Drei hübsche, kleine Reformiertenprädikanten ... Ich sage kleine ... hübsche, kleine, wackere, starke Soldaten, aus Eichen ... Zu trinken! Wollt ihr nicht mit ihnen gehn ins Lager des großen Ketzers? Ich habe Pässe, von ihm selbst unterschrieben ... Ihr sähet sie bei der Arbeit.« »Wir werden ins Lager mitgehn,« antwortete Uilenspiegel. »Sie werden sich gut dazu schicken, und in der Nacht, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet,« – und der Wirt ahmte pfeifend einen Mann nach, der einem andern die Kehle abschneidet – »wird Stahlwind der Amsel Nassau das Pfeifen für immer verleiden. Drauf, laßt uns trinken, drauf!« »Du bist ein lustiger Bruder, unbeschadet deiner Eigenschaft als Ehemann,« antwortete Uilenspiegel. Der Wirt sagte: »Ich bin nicht verheiratet, und ich war es nicht. Ich hüte die Geheimnisse der Fürsten. Zu trinken! Meine Frau würde sie mir vom Polster wegstehlen und mich henken lassen, um früher Witwe zu werden, als es die Natur will. Gottverdamm mich! Sie werden kommen ... Wo sind die neuen Pässe? Auf meinem christlichen Herzen. Trinken wir! Sie sind da, da, dreihundert Schritt von hier, bei Marche-les-Dames. Seht Ihr sie? Trinken wir!« »Trink,« sagte Uilenspiegel zu ihm, »trink. Ich trinke auf den König, auf den Herzog, auf die Prädikanten, auf Stahlwind, ich trinke auf dich, auf mich; ich trinke auf den Wein und auf die Flasche. Du trinkst ja nicht.« Und bei jeder Gesundheit füllte Uilenspiegel das Glas des Wirtes, und der leerte es. Uilenspiegel betrachtete ihn eine Weile; dann erhob er sich und sagte: »Er schläft; gehn wir. Lamme.« Und als sie draußen waren: »Er hat keine Frau, die uns verraten könnte ... Die Nacht will einfallen ... Du hast gut gehört, was dieser Taugenichts gesagt hat, und du weißt, wer die drei Prädikanten sind?« »Ja,« sagte Lamme. »Du weißt, daß sie von Marche-les-Dames der Maas entlang kommen und daß es gut sein wird, ihnen auf dem Wege aufzupassen, bevor Stahlwind pfeift.« »Ja,« sagte Lamme. »Es gilt, dem Prinzen das Leben zu retten,« sagte Uilenspiegel. »Ja,« sagte Lamme. »Da,« sagte Uilenspiegel, »nimm meine Arkebuse und schlag dich dort in die Büsche, zwischen die Felsen; lade zwei Kugeln, und schieß, wann ich wie ein Rabe krächze.« »Das soll geschehn,« sagte Lamme. Und er verschwand in den Büschen. Und bald hörte Uilenspiegel das Rad der Arkebuse knacken. »Siehst du sie kommen?« fragte er. »Ich sehe sie,« antwortete Lamme. »Es sind ihrer drei, und sie marschieren wie Soldaten; einer überragt die andern um eine Kopfeslänge.« Uilenspiegel setzte sich auf den Weg, die Beine vor sich gestreckt, und murmelte an einem Rosenkranz Gebete, wie es die Bettler tun; seinen Hut hatte er zwischen den Knien. Als die drei Prädikanten vorbeikamen, hielt er ihnen den Hut hin; aber sie warfen nichts hinein. Nun erhob sich Uilenspiegel und sagte jammernd: »Meine guten Herren, weigert nicht den Plappart einem armen Steinbrecher, der letzthin in eine Grube gefallen ist und sich das Kreuz gebrochen hat. Die Leute sind hart in diesem Lande und haben mir nichts geben wollen, um mein trauriges Elend zu lindern. Ach, schenkt mir einen Plappart, ich will für Euch beten. Und Gott schenke Euch Freude Euer ganzes Leben lang, Ew. Hochherzigkeiten!« »Mein Sohn,« sagte einer von den Prädikanten, ein stämmiger Mann, »für uns gibts keine Freude auf der Welt, solange der Papst und die Inquisition herrschen.« Uilenspiegel seufzte ebenso und sagte: »Ach, was sagt Ihr da! Redet leise, wenn es Ew. Gnaden beliebt. Aber gebt mir einen Plappart.« »Mein Sohn,« antwortete ein kleiner Prädikant mit kriegerischem Gesichte, »wir armen Märtyrer haben nur, was wir für unsern Unterhalt auf der Reise brauchen.« Uilenspiegel warf sich auf die Knie: »Segnet mich.« Die drei Prädikanten breiteten ihre Hände über Uilenspiegels Haupt, ohne Frömmigkeit. Da er wahrnahm, daß sie trotz ihrer Magerkeit mächtige Bäuche hatten, erhob er sich, tat, als ob er stürzen sollte, und schlug mit der Stirn an den Bauch des hochgewachsenen Prädikanten; er vernahm ein fröhliches Klingeln von Geld. Nun richtete er sich wieder auf und zog seine Plempe: »Meine guten Väter, es ist kalt; ich habe zu wenig Kleider und ihr zu viel. Gebt mir von euerer Wolle, daß ich mir einen Mantel schneiden kann. Ich bin ein Geuse. Den Geusen Heil!« Der große Prädikant antwortete: »Du kammhaariger Geuse, dir ist der Kamm geschwollen; wir wollen ihn dir stutzen.« »Stutzen?« sagte Uilenspiegel und tat einen Schritt rückwärts; »aber Stahlwind wird euch früher pfeifen als dem Prinzen. Ein Geuse bin ich, den Geusen Heil!« Bestürzt sagten die Prädikanten zueinander: »Woher weiß er das? Wir sind verraten! Tod! Es lebe die Messe!« Und sie zogen unter ihren Hosen tüchtige, wohlgeschliffene Plempen hervor. Aber Uilenspiegel wich, ohne sie zu erwarten, gegen das Strauchwerk zurück, wo Lamme verborgen lag. Als er annahm, daß die Prädikanten in der Schußweite seien, sagte er: »Raben, schwarze Raben, Bleiwind will pfeifen. Ich sing euch zum Ende.« Und er krächzte. Ein Büchsenschuß fuhr durchs Strauchwerk und warf den größten Prädikanten aufs Gesicht; ein zweiter Schuß streckte den zweiten nieder. Und Uilenspiegel sah im Strauchwerk das liebe Gesicht Lammes, dessen erhobener Arm die Arkebuse wieder lud. Und ein blauer Rauch stieg über dem schwarzen Strauchwerk auf. Der dritte Prädikant wollte Uilenspiegel in blinder Wut an den Leib; der sagte: »Stahlwind oder Bleiwind, jetzt gehst du von dieser Welt in die andere, schändlicher Mordstifter!« Und er griff ihn an, und er verteidigte sich tapfer. Sie standen einander auf dem Wege gegenüber, Angesicht in Angesicht, Streiche austeilend und auffangend. Uilenspiegel war schon blutüberströmt; denn sein Gegner, ein gewaltiger Soldat, hatte ihn am Kopf und am Beine verwundet. Aber er griff ihn an und verteidigte sich wie ein Löwe. Da ihn das Blut, das ihm vom Kopfe rann, blendete, so wich er endlich in großen Schritten; er wischte sich mit der linken Hand ab und fühlte seine Kräfte schwinden. Er wäre getötet worden, wenn nicht Lamme auf den Prädikanten angeschlagen und ihn erschossen hätte. Und Uilenspiegel sah und hörte ihn Lästerungen, Blut und den Todesschaum ausspeien. Und der blaue Rauch hob sich über den schwarzen Sträuchern, in deren Mitte Lamme neuerlich sein liebes Gesicht zeigte. »Ists zu Ende?« fragte er. »Ja, mein Sohn,« antwortete Uilenspiegel; »aber komm ...« Als Lamme sein Nest verließ, sah er Uilenspiegel über und über mit Blut bedeckt. Trotz seinem Bauche lief er wie ein Hirsch hin zu Uilenspiegel, der auf der Erde neben den getöteten Männern saß. »Er ist verwundet,« sagte er, »mein süßer Freund, durch diesen nichtsnutzigen Mörder!« Und mit einem Tritt mit dem Absatz brach er dem nächsten Prädikanten die Zähne. »Du antwortest nicht, Uilenspiegel? Willst du sterben, mein Sohn? Wo ist der Balsam? Ha, in dem Grunde der Tasche, unter den Würstchen. Uilenspiegel, hörst du mich nicht? Ach, mir fehlts an lauem Wasser, um deine Wunde zu waschen, und kein Mittel, eins zu bekommen. Aber das Wasser der Sambre wirds auch tun. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist gar nicht so arg verwundet, trotz alledem. Ein wenig Wasser, da, hübsch kalt, nicht wahr? Er kommt zu sich. Ich bins, mein Sohn, dein Freund; sie sind allesamt tot. Leinwand! Leinwand zum Verbinden. Es ist keine da. Doch, mein Hemd.« Er entkleidete sich. »In Stücken das Hemd! Das Blut stockt. Mein Freund wird nicht sterben.« Hm, das friert tüchtig, der nackte Rücken, bei dieser scharfen Luft. Ziehen wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich bins, Uilenspiegel, ich, dein Freund Lamme. Er lächelt. Ich will die Mörder aussacken. Sie haben Wänste von Gulden. Goldene Kutteln, Karolusse, Gulden, Taler, Plapparte und Briefe. Wir sind reich. Mehr als dreihundert Karolus zum Teilen. Nehmen wir die Waffen und das Geld. Stahlwind wird nicht mehr pfeifen für den gnädigen Herrn.« Uilenspiegel klapperte vor Kälte mit den Zähnen und erhob sich. »Du bist da also wieder auf den Beinen,« sagte Lamme. »Das ist die Kraft des Balsams,« antwortete Uilenspiegel. »Des Balsams der Tapferkeit,« antwortete Lamme. Dann nahm er die Leichname der drei Prädikanten einen nach dem andern und warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; die Waffen und, außer dem Mantel, auch die Kleider ließ er ihnen. Und am Himmel rings um sie krächzten die Raben in der Erwartung ihrer Atzung. Und die Sambre rollte dahin wie ein Fluß von Stahl unter dem grauen Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das Blut weg. Und sie waren baß bekümmert. Und Lamme sagte: »Ich töte lieber ein Hühnchen als einen Menschen.« Und sie bestiegen wieder ihre Esel. Als sie vor den Toren von Huy waren, rann das Blut noch immer; sie begannen einen Scheinzwist, stiegen von ihren Tieren und schlugen aufeinander, grausam anzusehn, mit ihren Plempen los; als ihnen der Kampf lang genug gedauert hatte, saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein, nicht ohne daß sie ihre Pässe am Stadttore hätten vorzeigen müssen. Die Frauen, die Uilenspiegel verwundet und blutig, Lamme aber als stolzen Sieger sahen, blickten Uilenspiegel mit zärtlichem Mitleid an und wiesen Lamme die Fäuste und sagten: »Das ist der Taugenichts, der seinen Freund so zugerichtet hat.« Voller Unruhe achtete Lamme nur darauf, ob nicht seine Frau unter ihnen sei. Es war umsonst; er fiel in Schwermut. XXIII Wohin gehts jetzt?« sagte Lamme. »Auf Maastricht,« antwortete Uilenspiegel. »Aber, mein Sohn, man sagt, das Heer des Herzogs sei rings um die Stadt und er selber sei drinnen. Unsere Pässe werden uns nichts nützen. Wenn sie schon die spanischen Soldaten als gut anerkennen, so werden wir nichtsdestoweniger in der Stadt zurückgehalten und verhört werden. Inzwischen werden sie den Tod der Prädikanten erfahren, und um uns ists geschehn.« Uilenspiegel antwortete: »Die Raben, die Eulen und die Geier werden bald mit ihrem Fleisch aufgeräumt haben; ihre Gesichter sind ohne Zweifel jetzt schon unkenntlich. Unsere Pässe mögen ja gut sein; wenn man aber von dem Totschlag erführe, so würden wir, wie du sagst, gegriffen werden. Trotzdem müssen wir über Landen nach Maastricht.« »Sie werden uns henken,« sagte Lamme. »Wir kommen durch,« antwortete Uilenspiegel. Unter solchem Geplauder langten sie bei der Herberge ›Zur Elster‹ an, und dort fanden sie ein gutes Essen, ein gutes Lager und für ihre Esel Heu. Am nächsten Tage machten sie sich auf den Weg nach Landen. Als sie zu einer großen Pachtung nahe der Stadt kamen, trillerte Uilenspiegel wie die Lerche, und im Augenblick antwortete ihm drinnen der Kriegsruf des Hahns. Ein Zinsmann mit gutmütigem Gesichte erschien auf der Schwelle. Er sagte zu ihnen: »Freunde und Freie, Heil den Geusen! Kommt herein.« »Wer ist das?« fragte Lamme. Uilenspiegel antwortete: »Thomas Utenhove, der wackere Reformierte; die Knechte und Mägde arbeiten wie er für die Gewissensfreiheit.« Nun sagte Utenhove: »Ihr seid die Gesandten des Prinzen. Eßt und trinkt.« Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Würste gleichermaßen, und der Wein lief schlank, und die Gläser füllten sich. Und Lamme trank wie trockener Sand und aß tüchtig. Die Mädchen und die Burschen der Pachtung kamen der Reihe nach und steckten ihre Nasen in die halboffene Tür, um der Arbeit seiner Kinnbacken zuzusehn. Und die Männer, die eifersüchtig wurden, sagten, sie träfen es ebenso gut wie er. Als das Mahl zu Ende war, sagte Thomas Utenhove: »Diese Woche gehn von hier hundert Bauern als angebliche Deicharbeiter nach Brügge und Umgebung. Sie werden in Abteilungen von fünf oder sechs und auf verschiedenen Wegen reisen. In Brügge sind Barken bereit, um sie übers Meer nach Emden zu bringen.« »Werden sie mit Waffen und Geld versehn sein?« fragte Uilenspiegel. »Jeder wird zehn Gulden und einen großen Hieber haben.« »Gott und der Prinz werden dirs lohnen,« sagte Uilenspiegel. »Ich tus nicht um den Lohn,« sagte Thomas Utenhove. »Wie macht Ihrs,« sagte Lamme, indem er die dicken Blutwürste knapperte, »wie macht Ihrs, Herr Wirt, um eine so wohlriechende, so saftige und so angenehm fette Füllung zu erhalten?« »Das geschieht,« sagte der Wirt, »indem wir Zimt und Baldrian dazutun.« Dann wandte er sich an Uilenspiegel: »Edzard, der Graf von Friesland, ist er immer noch der Freund des Prinzen?« Uilenspiegel antwortete: »Offen nicht, aber er bietet seinen Schiffen Zuflucht in Emden.« Und er fügte bei: »Wir müssen nach Maastricht.« »Das wird nicht möglich sein,« antwortete der Wirt; »das Heer des Herzogs liegt vor der Stadt und ringsherum.« Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne die Standarten und Fähnlein von Reitern und Fußsoldaten, die feldein zogen. Uilenspiegel sagte: »Ich komme mittendurch, wenn Ihr, der Ihr hier etwas vermögt, mir die Erlaubnis gebt, zu heiraten. Was die Frau betrifft, so soll sie lieblich, süß und schön sein und einverstanden, mich, wenn schon nicht für immer, so doch wenigstens für eine Woche zu nehmen.« Lamme seufzte und sagte: »Das tu nicht, mein Sohn; sie verläßt dich, wenn du im Liebesfeuer glühst. Dein Bett, wo du so ruhig schläfst, wird dir vorkommen wie eine Stechhülsenmatratze, die dich des süßen Schlummers beraubt.« »Ich nehme ein Weib,« antwortete Uilenspiegel. Und Lamme, der nichts mehr auf dem Tische fand, wurde sehr bekümmert. Immerhin entdeckte er in einer Schale etliche Kastanien, und die knackte er trübselig. Uilenspiegel sagte zu Thomas Utenhove: »Wohlan denn, um zu einem Ende zu kommen, gib mir eine Frau, reich oder arm. Ich gehe mit ihr in die Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer einsegnen. Er gibt uns den Trauschein, der nicht rechtsgültig ist, weil er von einem papistischen Inquisitor herrührt: darin muß er uns bestätigen, daß wir allesamt gute Christen sind, die gebeichtet und kommuniziert haben und nach den Vorschriften unserer heiligen Mutter, der römischen Kirche, die ihre Kinder verbrennt, apostolisch leben und also den Segen unsers Heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und der irdischen Heerscharen, der Heiligen beiderlei Geschlechtes, der Dechanten, der Pfarrer, der Mönche, der Soldaten, der Häscher und des übrigen Gesindels auf uns herabrufen. Mit diesem Scheine ausgerüstet, treffen wir alle Anstalten für den bei Hochzeitsfeiern üblichen Auszug.« »Aber die Frau?« sagte Thomas Utenhove. »Die wirst du mir verschaffen,« antwortete Uilenspiegel. »Ich nehme zwei Karren, schmücke sie mit Reifen aus Tannenzweigen, mit Steckeichen und mit Papierblumen und setze die Biedermänner hinein, die du dem Prinzen schicken willst.« »Aber die Frau?« sagte Thomas Utenhove. »Die findet sich zweifellos hier,« antwortete Uilenspiegel. Und er fuhr fort: »Vor den einen Karren spanne ich zwei Pferde von dir, unsere beiden Esel vor den andern. In den ersten Karren steigen meine Frau und ich, mein Freund Lamme und die Trauzeugen, in den zweiten die Tamburinschläger, die Pfeifer und die Schalmeienbläser. Mit lustigen Hochzeitsbannern, beim Klange der Musik, singend und trinkend, wollen wir in frischem Trab die Straße fahren, die uns entweder aufs Galgenfeld oder in die Freiheit führt.« »Ich will dir helfen,« sagte Thomas Utenhove. »Aber die Frauen und Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.« »Wir gehn in Gottes Namen,« sagte ein hübsches Mädchen, die den Kopf in die Tür steckte. »Wenn es nötig ist, werden vier Karren dasein,« sagte Thomas Utenhove; »so werden wir mehr als fünfundzwanzig Mann durchbringen.« »Der Herzog wird der Gefoppte sein,« sagte Uilenspiegel. »Und die Flotte des Prinzen wird ein paar brave Soldaten mehr haben,« antwortete Thomas Utenhove. Nun rief er mit der Glocke seine Knechte und Mägde zusammen: »Ihr alle, die ihr aus Seeland seid, höret: Uilenspiegel, der Vlame, der hier anwesend ist, will, daß ihr in der Form eines Hochzeitszuges durch das Heer des Herzogs ziehet.« Die Männer und die Frauen von Seeland riefen einstimmig: »Trotz Tod und Gefahr! Wir sind dabei!« Und die Männer sagten zueinander: »Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft mit dem freien Meere zu vertauschen. Wenn Gott dafür ist, wer wird dawider sein?« Die Frauen und die Mädchen sagten: »Wir folgen unsern Männern und unsern Geliebten. Wir sind von Seeland, und dort werden wir eine Zuflucht finden.« Uilenspiegel gewahrte ein junges, reizendes Mädchen und sagte scherzend zu ihr: »Ich will dich heiraten.« Aber sie antwortete errötend: »Meinetwegen, aber nur für die Kirche.« Die Frauen sagten lachend zueinander: »Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, dem Sohne des Baas. Ohne Zweifel geht er mit ihr.« »Ja,« antwortete Hans. Und der Vater sagte zu ihm: »Du darfst.« Und die Männer warfen sich in die Festtracht, Wams und Hosen aus Samt, darüber der große Mantel, und auf dem Haupte breite Hüte, gleich gut wider Sonne und Regen. Die Frauen legten kurze schwarze Hosen an und geschlitzte Schuhe, den goldenen Stirnschmuck, und zwar die Mädchen links, die Frauen rechts, die weiße Halskrause, das Mieder, gestickt mit Gold, Scharlach und Azur, und den schwarzwollenen Rock mit breiten Samtstreifen von derselben Farbe, wie auch die kurzen Wollstrümpfe und die Samtschuhe mit silbernen Schnallen schwarz waren. Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester bitten, er möge für zwei Reichstaler, die er ihm auf die Hand gab, unverzüglich Thijlbert, den Sohn Klaasens, genannt Uilenspiegel, mit Tanneken Pieters trauen; der Priester war es zufrieden. Nun zog Uilenspiegel mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft in die Kirche, um dort vor dem Pfarrer Tanneken zu heiraten, die so hübsch und lieblich, so reizend und mollig war, daß er am liebsten in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen Liebesapfel. Das sagte er ihr auch, zu tun aber getraute ers sich nicht aus Scheu vor ihrer süßen Schönheit. Sie jedoch sagte schmollend: »Laß mich; sieh, Hans läßt kein Auge von dir, er würde dich töten.« Ein andres Mädchen sagte eifernd zu ihm: »Such anderswo; siehst du nicht, daß sie Furcht hat vor ihrem Manne?« Lamme rieb sich die Hände und rief: »Alle bekommst du doch nicht, du Nichtsnutz!« Uilenspiegel, der sein Unglück mit Geduld hinnahm, kehrte mit der Gesellschaft auf die Pachtung zurück. Dort trank er, sang und war fröhlich und stieß mit dem eifersüchtigen Mädchen an. Das freute Hans, aber nicht Tanneken und noch weniger den Bräutigam des Mädchens. Zu Mittag, bei hellem Sonnenschein und frischer Luft, setzten sich die mit Zweigen und Blumen geschmückten Karren in Bewegung; die Fähnchen flatterten, und die Tamburine, Schalmeien, Pfeifen und Dudelsäcke machten eine lustige Musik. Im Lager Albas war ein andres Fest. Die Feldwachen und vorgeschobenen Posten bliesen Alarm und kamen, einer nach dem andern, zurück mit der Meldung: »Der Feind ist nahe; wir haben den Klang der Trommeln und Pfeifen gehört und die Fahnen gesehn. Es ist eine starke Reiterabteilung, die Euch in einen Hinterhalt locken will. Die Hauptmacht ist sicherlich weiter entfernt.« Alsbald ließ der Herzog die Feldmeister, Obersten und Hauptleute verständigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung zu stellen, und schickte Leute aus, um sich über den Feind zu vergewissern. Plötzlich tauchten vier Karren auf, die auf die Arkebusiere zuhielten. In den Karren tanzten die Männer und die Frauen, die Flaschen gingen von Hand zu Hand, und lustig schrillten die Pfeifen, säuselten die Schalmeien, wirbelten die Trommeln und schnauften die Dudelsäcke. Der Zug hielt an, und Alba kam auf den Lärm selbst hin; da sah er auf dem einen der vier Karren die Neuvermählte und Uilenspiegel, ihren Gatten, mit Blumen bekränzt neben ihr, und von den andern drei Karren waren alle Bauern und Bäuerinnen heruntergestiegen, tanzten in der Runde und boten den Soldaten zu trinken an. Alba und seine Leute wunderten sich mächtig über die Einfalt dieser Bauern, die sangen und jauchzten, wo rund um sie alles in Waffen war. Und die in den Karren gaben ihren ganzen Wein den Soldaten. Und die jubelten ihnen zu und feierten sie. Als in den Karren der Wein ausging, machten sich die Bauern und Bäuerinnen beim Klange der Trommeln, Pfeifen und Schalmeien wieder auf den Weg, ohne daß sie beunruhigt worden wären. Und fröhlich gaben die Soldaten ihnen zu Ehren eine Salve Schüsse ab. Und so zogen sie in Maastricht ein; dort setzte sich Uilenspiegel mit den Geschäftsträgern der Reformierten ins Einvernehmen, um der Flotte des Schweigers mit Booten Waffen und Munition zu schicken. Und ebenso taten sie in Landen. Und so kamen sie überallhin, verkleidet als Werkleute. Der Herzog hörte von der Kriegslist; und man machte ein Lied auf ihn, das ihm geschickt wurde und dessen Kehrreim lautete: Blutherzog, alberner Tropf, Hast du die Braut gesehn? Und sooft ihm etwas durch seine Schuld fehlschlug, sangen die Soldaten: Dem Herzog flimmerts vor dem Aug: Er hat die Braut gesehn. XXIV Die ganze Zeit über brütete König Philipp trübseligen Grimm. In seiner wimmernden Hoffart betete er zu Gott um die Macht, England zu besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua und Venedig zu nehmen und so als unumschränkter Herr der See über ganz Europa zu gebieten. Wann er diesen Triumph träumte, lachte er nicht. Ohne Unterlaß fröstelte es ihn; der Wein vermochte ihn ebensowenig zu erwärmen wie das Feuer von wohlriechenden Hölzern, das immerfort in dem Saale brannte, wo er weilte. Dort saß er, ununterbrochen schreibend, mitten unter so viel Briefen, daß man damit hätte hundert Tonnen füllen können, und träumte von der Weltherrschaft, wie sie die römischen Kaiser geübt hatten, und träumte von dem eifersüchtigen Hasse, den er gegen seinen Sohn Don Carlos seit dem Augenblick hegte, wo der, statt Alba, hatte in die Niederlande gehn wollen, um ihn dort, wie er meinte, zu entthronen. Und da er sah, daß sein Sohn häßlich, verwachsen, tollwütig und schlecht war, wuchs sein Haß noch mehr. Aber er sprach nichts davon. Die, die König Philipp und seinen Sohn Don Carlos bedienten, wurden sich nicht klug, wen sie mehr fürchten sollten: den behenden Sohn, den Mörder, der mit den Fingernägeln die Gesichter seiner Diener zerfleischte, oder den feigen und tückischen Vater, der sich anderer bediente, um zu schlagen, und wie eine Hyäne von Leichen lebte. Die Diener entsetzten sich, wenn sie sahen, wie der eine um den andern schlich. Und sie sagten, im Escorial werde es bald einen Toten geben. Da vernahmen sie, daß Don Carlos um das Verbrechen des Hochverrats gefangen worden war. Und sie wußten, daß sich seine Seele in schwarzer Wut verzehrte, daß er sich im Gesichte verletzt hatte, als er durch die Gitterstangen seines Kerkers hatte brechen wollen, und daß Frau Isabella von Frankreich, seine Mutter, unaufhörlich weinte. Aber König Philipp weinte nicht. Es kam ihnen das Gerücht zu Ohren, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben habe und daß er am nächsten Tage gestorben sei, als ob er eingeschlafen wäre. Die Ärzte sagten: In dem Augenblicke, wo er die Feigen gegessen hat, hat sein Puls zu schlagen aufgehört und die Lebensverrichtungen, die die Natur fordert, sind unterbrochen worden; er vermochte nicht mehr auszuspeien, zu erbrechen oder sonst irgendwie etwas aus seinem Leibe zu entfernen. Und im Sterben ist sein Bauch aufgeschwollen. Der König hörte die Totenmesse für Don Carlos und ließ ihn in der Kapelle seines Königsschlosses begraben und einen Stein auf die Gruft setzen, aber er weinte nicht. Und die Diener flüsterten untereinander und nörgelten an der Inschrift des Grabsteins: Hier liegt der, der beim Essen grüner Feigen gestorben ist, ohne krank gewesen zu sein . A qui jaze qui en para desit verdad, Morio s'in infirmidad . Und der König sah die Prinzessin von Eboli, die verheiratet war, mit lüsternem Auge an. Und er bat sie um ihre Liebe, und sie gab nach. Frau Isabella von Frankreich, von der man sagte, sie habe die Absichten von Don Carlos auf die Niederlande begünstigt, wurde mager und traurig. Und die Haare fielen ihr flechtenweise aus. Sie erbrach oft, und die Nägel ihrer Füße und Hände lösten sich ab. Und sie starb. Und Philipp weinte nicht. Dem Prinzen von Eboli fielen die Haare ebenso aus. Er wurde traurig und jammerte immerfort. Dann lösten sich auch ihm die Nägel von den Füßen und Händen ab. Und König Philipp ließ ihn begraben. Und er bezahlte der Witwe den Trauerstaat und weinte nicht. XXV Damals kamen etliche Frauen und Mädchen von Damme zu Nele und fragten sie, ob sie die Maibraut sein wolle und sich mit dem Bräutigam, den sie für sie finden würden, im Gebüsche verstecken wolle; »denn«, sagten die Frauen nicht ohne Eifersucht, »in ganz Damme und weit herum gibt es nicht einen jungen Mann, der sich nicht mit dir verloben wollte, weil du so schön, so klug und so frisch bleibst: ein Hexengeschenk, ohne Zweifel.« »Liebe Frauen,« antwortete Nele, »sagt den jungen Männern, die nach mir verlangen: ›Das Herz Nelens ist nicht hier, sondern bei dem, der umherirrt, um das Land der Väter zu befreien.‹ Und wenn ich frisch bin, wie ihr sagt, so ist das kein Hexengeschenk, sondern die Gesundheit.« Die Frauen antworteten: »Katelijne steht im Verdachte, trotzdem.« »Glaubt nicht den Worten der Schlechten,« antwortete Nele; »Katelijne ist keine Hexe. Die Herren vom Gerichte haben ihr auf dem Kopfe Werg verbrannt, und Gott hat sie mit Verrücktheit geschlagen.« Und Katelijne, die in einem Winkel kauerte, schüttelte den Kopf: »Nehmt das Feuer weg, er wird wiederkommen, Hansken, mein Liebster.« Auf die Frage der Frauen, wer Hansken sei, antwortete Nele: »Das ist Klaasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren zu haben glaubt, seitdem Gott sie geschlagen hat.« Und die guten Frauen gaben Katelijne silberne Plapparte. Und da sie neu waren, zeigte sie sie einem, den niemand sah, und sagte: »Ich bin reich, reich an blinkendem Gelde. Komm, Hansken, mein Liebster, ich will meine Liebe bezahlen.« Und als die Frauen weggegangen waren, weinte Nele in der einsamen Hütte. Und sie dachte an Uilenspiegel, der durch die fernen Lande schweifte, ohne daß sie ihm hatte folgen dürfen, und an Katelijne, die oft, wann sie schrie: ›Nehmt das Feuer weg!‹, mit beiden Händen an die Brust griff, wodurch sie dartat, daß das Feuer der Narrheit ihren Kopf und ihren Leib als ein Fieberbrand quälte. Und dann verbargen sich der Maibräutigam und die Maibraut im Grünen. Wer eins von ihnen fand, wurde, je nach seinem und des Gefundenen Geschlechte, König oder Königin des Festes. Nele hörte das Jauchzen der Burschen und Mädchen, als die Maibraut an dem Rande eines Grabens gefunden wurde, wo sie sich im hohen Grase verborgen hatte. Und sie weinte in dem Gedanken an die wonnigen Zeiten, wo man sie gesucht hatte und ihren Freund Uilenspiegel. XXVI Rittlings auf den Eseln sitzend, zogen Lamme und Uilenspiegel ihren Weg weiter. »Höre, Lamme,« sagte Uilenspiegel; »der Adel der Niederlande hat aus Eifersüchtelei auf Oranien die Sache der Verbündeten verraten, den heiligen Bund und wackern Vertrag, geschlossen für das Wohl des Vaterlandes. Egmont und Hoorne waren gleichermaßen Verräter, ohne daß es ihnen etwas genutzt hätte; Brederode ist tot. In diesem Kriege bleibt uns nur noch das arme Volk Brabants und Flanderns, das auf ehrliche Häupter wartet, um loszubrechen, dann bleiben uns noch die Inseln, mein Sohn, die Inseln von Seeland, auch Nordholland, wo der Prinz Statthalter ist, und noch weiter draußen, auf der See, noch Edzard, der Graf von Emden und Ostfriesland.« »Ach,« sagte Lamme, »ich sehe es deutlich, wir pilgern zwischen Strick, Rad und Scheiterhaufen, halbtot vor Hunger, lechzend vor Durst und ohne Hoffnung auf Ruhe.« »Wir sind erst beim Beginne,« antwortete Uilenspiegel. »Bedenke doch, daß das alles nur ein Vergnügen für uns ist, indem wir unsere Feinde töten, sie hinters Licht führen und die Taschen voller Gulden haben; und dazu haben wir Fleisch, Bier, Wein und Schnaps verstaut. Was braucht es noch mehr, Federsack? Sollen wir unsere Esel verkaufen und Pferde einhandeln?« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »der Trab eines Pferdes ist gar hart für einen Mann von meiner Beleibtheit.« »Du kannst dich ja hinaufsetzen,« antwortete Uilenspiegel, »wie es die Bauern tun, und niemand wird dich auslachen, weil du als Bauer gekleidet bist und kein Schwert wie ich, sondern nur einen Spieß trägst.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »bist du sicher, daß uns unsere Pässe in den kleinen Städten etwas nütz sein können?« »Habe ich nicht den Schein des Pfarrers«, sagte Uilenspiegel, »mit dem großen roten Wachssiegel der Kirche, das daran an zwei Pergamentbändern baumelt, und unsere Beichtzettel? Die Soldaten und Häscher des Herzogs vermögen nichts gegen zwei so wohlversehne Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die wir zu verkaufen haben? Beide sind wir Reiter, du ein vlämischer, ich ein deutscher, die auf einen ausdrücklichen Auftrag des Herzogs herumwandern, um durch den Verkauf geweihter Gegenstände die Ketzer dieses Landes dem heiligen katholischen Glauben zu gewinnen. So werden wir überall hineinkommen, in die Schlösser der edeln Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden uns mit salbungsvoller Gastfreundschaft aufnehmen. Und wir werden ihre Geheimnisse erlauern. Leck dir dein Schmollmaul, süßer Freund.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »auf diese Weise treiben wir das Handwerk der Spione.« »Nach Kriegsbrauch und Recht,« antwortete Uilenspiegel. »Wenn sie die Geschichte mit den drei Prädikanten erfahren, dann müssen wir sicherlich dran glauben.« Uilenspiegel sang: ›Leben!‹ schrieb ich auf meine Fahne, Im Lichte leben allzumal: Meine erste Haut, sie ist aus Leder, Meine zweite aber ist aus Stahl! Aber Lamme seufzte: »Ich habe nur eine Haut, eine gar zarte, die nicht dem geringsten Dolchstich standhielte. Wir täten besser daran, irgendeinen nützlichen Beruf zu ergreifen, als so Berg und Tal abzulaufen den großen Prinzen zu Gefallen, die ihre Füße in Samtgamaschen stecken und auf goldenen Tischen Fettammern speisen. Für uns außer Schlägen, Angst und Kampf noch Regen, Hagel und Schnee, die magern Suppen der Landstreicher; für sie leckere Würstchen, fette Kapaune, duftende Drosseln und saftige Masthühnchen.« »Das Wasser läuft dir im Munde zusammen, mein süßer Freund,« sagte Uilenspiegel. »Wo seid ihr, frisches Brot, goldbraune Koekebakken, köstliche Milchgerichte? Wo bist du, mein Weib?« Uilenspiegel antwortete: »Die Asche schlägt an mein Herz und treibt mich in den Kampf. Du aber, du süßes Lamm, der du weder den Tod deines Vaters, noch deine Mutter zu rächen hast, nicht den Kummer derer, die du liebst, noch deine derzeitige Armut, du laß mich meinen Weg allein gehn, wenn dich die Mühsal des Krieges schreckt.« »Allein?« sagte Lamme. Und mit einem Ruck hielt er seinen Esel an. Der machte sich über einen Busch Disteln, deren es auf dem Wege die Hülle und Fülle gab; auch der Esel Uilenspiegels blieb stehn und begann zu fressen. »Allein?« sagte Lamme. »Du wirst mich nicht allein lassen, mein Sohn; das wäre eine ungeheuere Grausamkeit. Nicht genug an der Frau, soll ich auch noch den Freund verlieren. Das darf nicht sein. Ich will nicht mehr greinen, ich verspreche es dir. Und weil es einmal so sein soll,« – er hob trotzig sein Haupt – »so werde ich mich in den Kugelregen stürzen! Ja! Und in das Schwertergetümmel! Ja! Aug in Aug mit diesen schändlichen Soldaten, die das Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages an deiner Seite falle, blutig und todwund, so begrabe mich, und wann du meine Frau siehst, so sag ihr, daß ich gestorben bin, weil ich nicht habe leben können, ohne von irgend jemand auf dieser Welt geliebt zu werden. Nein, ich könnte es wirklich nicht, mein Sohn Uilenspiegel.« Und Lamme weinte. Und Uilenspiegel war gerührt über diesen süßen Mut. XXVII In dieser Zeit teilte der Herzog sein Heer; die eine Hälfte schickte er ins Herzogtum Luxemburg, die andere in die Markgrafschaft Namur. »Den Plan,« sagte Uilenspiegel, »den er mit dieser Maßregel verfolgt, verstehe ich nicht; aber mir ist alles eins, ziehen wir mit Zuversicht nach Maastricht.« Als sie nächst der Stadt der Maas entlanglitten, sah Lamme, wie Uilenspiegel alle Boote, die auf dem Flusse schwammen, aufmerksam betrachtete und endlich vor einem anhielt, dessen Schnabel in das Bild einer Meermaid auslief; und die Meermaid hielt ein Schild, auf dem in goldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen J-H-S stand, das ist das Zeichen unsers Herrn Jesus Christus. Uilenspiegel winkte Lamme zu halten und trillerte jauchzend wie die Lerche. Auf dem Boote krähte ein Mann, der heraufkam, wie der Hahn; auf ein Zeichen Uilenspiegels, der wie ein Esel brällte und auf das auf dem Kai versammelte Volk wies, begann auch er schrecklich zu brüllen wie ein Esel. Die zwei Grautiere Uilenspiegels und Lammes neigten die Ohren und sangen das Lied ihrer Art. Frauen kamen vorbei und auch Männer, die die Treidelpferde ritten. Und Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Der Bootsmann macht sich lustig über uns und unsere Klepper. Wenn wir auf sein Boot gingen ihn verprügeln?« »Lieber soll er herkommen,« antwortete Lamme. Nun sagte eine Frau; »Wenn ihr es nicht darauf anlegt, daß euch die Arme zerbrochen, die Rücken zerdroschen und die Mäuler zerfetzt werden, dann laßt Stercke Pier brällen, soviel ihm behagt.« »Ya, ya, ya,« klang es vom Boote herüber. »Laßt ihn singen,« sagte das Weib; »neulich haben wir zugesehn, wie er einen schwer beladenen Bierwagen auf seine Schultern gehoben und einen andern Wagen, den ein stämmiges Pferd zog, angehalten hat. Dort« – dabei zeigte sie auf das Wirtshaus vom ›Blauwen Toren‹ – »dort hat er ein Messer zwanzig Schritt weit gegen einen zwölf Daumen dicken Eichenpfosten geschleudert und ihn durchbohrt.« »Ya, ya, ya,« machte der Bootsmann; ein Knabe von zwölf Jahren kam auf Deck und begann gleicherweise zu brällen. Uilenspiegel antwortete: »Wir scheren uns nicht um deinen starken Pier: so stark wie er sind wir auch noch, und mein Freund Lamme da verzehrt ihrer zwei, wie er ist, ohne einmal zu rülpsen.« »Was sagst du, mein Sohn?« fragte Lamme. »Was wahr ist,« antwortete Uilenspiegel; »widersprich nur nicht aus Bescheidenheit. Ja, ihr braven Leute, Frauen und Arbeiter, alsbald werdet ihr sehn, wie er seine Arme braucht und den gepriesenen Stercke Pier zuschanden macht.« »Schweig,« sagte Lamme. »Deine Kraft ist bekannt,« antwortete Uilenspiegel, »du kannst sie nicht ableugnen.« »Ya,« machte der Bootsmann; »ya,« machte der Junge. Plötzlich trillerte Uilenspiegel neuerlich wie eine Leiche mit wundersamem Klange. Und die Leute, Frauen und Arbeiter, waren entzückt und fragten ihn, wo er dieses göttliche Pfeifen gelernt habe. »Im Paradiese,« antwortete Uilenspiegel, »woher ich geradewegs komme.« Dann kehrte er sich zu dem Manne, der nicht abstand, zu brällen, und ihm spöttische Gebärden machte. »Warum bleibst du in deinem Boote, du Nichtsnutz? Getraust du dich nicht ans Land zu kommen, um uns und unsere Tiere zu verspotten?« »Getraust du dich nicht?« sagte Lamme. »Ya, ya,« machte der Bootsmann; »ihr Esel auf den Eseln, kommt in mein Boot.« »Tu so wie ich,« sagte Uilenspiegel leise zu Lamme; dann laut zum Bootsmanns: »Wenn du Stercke Pier bist, so bin ich Thijl Uilenspiegel. Und die da sind unsere Esel Jef und Jan, die besser brällen können als du, weil es ihre natürliche Sprache ist. Auf deine morschen Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein Boot ist wie ein Tönnchen: bei jedem Wogenprall rollt es zurück; es kommt überhaupt nicht vom Fleck, außer seitwärts wie die Krabben.« »Ja, wie die Krabben,« sagte Lamme. Nun rief der Bootsmann Lamme an: »Was brummst du da in deine Zähne, du Speckklumpen?« Lamme kam in Hitze: »Du schlechter Christ, du willst mir mein Gebrechen vorwerfen? Mein Speck ist mein und rührt von meiner guten Nahrung her, während du, alter verrosteter Nagel, von nichts sonst lebst als von alten Sauerheringen, von Kerzendochten und von Stockfischhaut, nach deinem magern Fleisch zu schließen, das man durch die Löcher deiner Hosen sieht.« »Die werden einander tüchtig verkeilen,« sagten die Leute, Frauen und Arbeiter, in neugieriger Freude. »Ya, ya,« machte der Bootsmann. Lamme wollte von seinem Esel herunter, um Steine aufzulesen und den Bootsmann damit zu werfen. »Wirf keine Steine,« sagte Uilenspiegel. Der Bootsmann flüsterte dem yahenden Jungen neben ihm auf dem Deck etwas zu. Der löste einen Kahn vom Borde des Bootes und steuerte mit einem Haken, den er geschickt handhabte, dem Ufer zu. Als er ganz nahe war, stellte er sich trotzig hin und sagte: »Mein Baas fragt euch, ob ihr es wagt, auf das Boot zu kommen und ihn im Kampfe mit der Faust und dem Fuß zu bestehn. Die Männer und Frauen hier sollen Zeugen sein.« »Das wollen wir,« sagte Uilenspiegel mit Würde. »Wir nehmen den Kampf an,« sagte Lamme mit stolzem Trotze. Es war Mittag; die Werkleute, Deicharbeiter, Steinsetzer und Schiffbauer, ihre Frauen, die ihnen das schmale Essen brachten, und die Kinder, die gekommen waren, um ihren Vätern bei dem Mahle von Bohnen und Sudfleisch zuzusehn, sie alle lachten und schlugen in die Hände bei der Aussicht auf einen Kampf, weil sie die frohe Hoffnung hegten, einer werde ein Loch im Schädel davontragen oder brockenweise in den Fluß geschleudert werden. »Mein Sohn,« sagte Lamme ganz leise, »er wird uns ins Wasser werfen.« »Laß dich werfen,« sagte Uilenspiegel. »Der dicke Mensch hat Furcht,« sagten die Werkleute. Lamme, der noch immer auf seinem Esel saß, drehte sich zu ihnen um und sah sie zornig an; aber sie höhnten ihn. »Auf ins Boot,« sagte Lamme; »sie sollen sehn, ob ich Furcht habe.« Auf diese Worte hin wurde er neuerlich verhöhnt, und Uilenspiegel sagte: »Auf ins Boot.« Sie stiegen von ihren Eseln und warfen die Zügel dem Jungen zu; der streichelte die Esel freundlich und führte sie an eine Stelle, wo es Disteln gab. Uilenspiegel ergriff den Haken, ließ Lamme in den Kahn steigen und hielt auf das Boot zu; an einem Stricke schwangen sie sich an Bord, Lamme voran, schwitzend und schnaufend. Als sie auf dem Deck waren, bückte sich Uilenspiegel, wie um seine Schuhe zu schnüren, und sagte dem Bootsmanne einige Worte; der lächelte und sah Lamme an. Dann schleuderte er ihm tausend Schmähungen ins Gesicht, nannte ihn einen Taugenichts, einen aufgedunsenen Fettbalg, ein Gefängnisfrüchtchen, einen Pappesser und fragte ihn: »Dicker Walfisch, wieviel Tonnen Tran gibst du, wenn man dich ansticht?« In diesem Augenblick warf sich Lamme, ohne ein Wort zu reden, wie ein wütender Stier auf ihn, so daß er zu Boden fiel, und schlug mit aller Kraft auf ihn los; aber er tat ihm nicht gar weh wegen der fetten Schwäche seiner Arme. Der Bootsmann, der sich zum Scheine wehrte, ließ es sich gefallen, und Uilenspiegel sagte: »Der Nichtsnutz wird einen Trunk bezahlen.« Die Leute, Frauen und Arbeiter, die den Kampf vom Ufer aus beobachteten, sagten: »Wer hätte gedacht, daß der dicke Mensch so ungestüm ist?« Und sie klatschten in die Hände, während Lamme blindlings zuschlug. Aber der Bootsmann gebrauchte keine andere Vorsicht, als sein Gesicht zu decken. Plötzlich sah man Lamme auf der Brust von Stercke Pier knien, die eine Hand an seiner Kehle und die andere zum Schlage erhoben: »Schrei um Gnade,« schrie er wild, »oder ich werfe dich durch die Planken deiner Tonne!« Der Bootsmann, hustend zum Zeichen, daß er nicht schreien könne, bat mit der Hand um Gnade. Dann sah man, wie Lamme seinen Gegner edelmütig aufhob; der war bald auf den Beinen und zeigte, indem er den Zuschauern den Rücken kehrte, Uilenspiegel die Zunge. Uilenspiegel wollte vor Lachen bersten, als er Lamme sah, wie er, kühn seine Barettfeder schüttelnd, mit mächtigem Siegesbewußtsein über das Boot schritt. Und die Männer, Frauen, Jungen und Mädchen, die am Ufer waren, klatschten aus Leibeskräften Beifall: »Heil dem Bezwinger von Stercke Pier! Das ist ein Mann aus Eisen. Habt ihr gesehn, wie er ihn puffte und wie er ihn durch einen Stoß mit dem Kopf auf den Rücken gelegt hat? Schaut, jetzt werden sie trinken, um Frieden zu machen. Stercke Pier kommt aus dem Raume mit Wein und Würsten.« Wirklich war Stercke Pier mit zwei Humpen und einer großen Kanne weißen Maasweins heraufgekommen. Und bald hatten Lamme und er Frieden geschlossen. Und Lamme, ganz selig über seinen Triumph, über den Wein und über die Würste, fragte ihn, indem er auf einen Rauchfang zeigte, der einen schwarzen und fetten Qualm ausströmte, was das für Gerichte seien, die er im Schiffsraume koche. »Kriegsküche,« antwortete Stercke Pier lächelnd. Die Menge der Werkleute, Frauen und Kinder hatte sich zerstreut, um zur Arbeit oder nach Hause zurückzukehren, und bald lief das Geschrei von Mund zu Mund, daß ein dicker Mann, der wie sein Begleiter, ein kleiner Pilger, auf einem Esel reite, stärker als Samson sei und daß man sich hüten müsse, mit ihm anzubinden. Lamme trank und sah den Bootsmann siegesbewußt an. Der sagte plötzlich: »Euere Esel langweilen sich da unten.« Er ließ das Boot an den Kai treiben, stieg ans Land herab, packte einen Esel bei den Vorderbeinen und bei den Hinterbeinen, trug ihn so, wie Jesus das Lamm getragen hat, und stellte ihn auf dem Deck nieder. Nachdem er es mit dem zweiten ebenso gemacht hatte, ohne daß er dabei außer Atem gekommen wäre, sagte er: »Trinken wir.« Der Junge sprang aufs Deck. Und sie tranken. Lamme, ganz verblüfft, wußte nicht mehr, ob er es selber war, gebürtig aus Damme, der diesen starken Mann geschlagen hatte, und er getraute sich ihn nicht anders anzusehn als verstohlen und ohne Triumph im Blicke, und das aus Angst, dem könnte der Einfall kommen, ihn ebenso zu packen wie die Esel und ihn aus Groll über seine Niederlage lebendig in die Maas zu werfen. Aber der Bootsmann lud ihn mit fröhlichem Lachen ein, noch eins zu trinken, und Lammes Entsetzen legte sich, und er sah ihn wieder siegesgewiß an. Und der Bootsmann und Uilenspiegel lachten. Indessen ließen die Esel, verdutzt, sich auf einem schwanken Boden zu finden, die Köpfe und die Ohren hangen und waren zu scheu, um zu trinken. Der Bootsmann holte ihnen eins von den Haferbündeln, die für die Treidelpferde bestimmt waren und die er selbst eingekauft hatte, um nicht von den Pferdetreibern über den Futterpreis bestohlen zu werden. Als die Grauchen den Hafer sahen, murmelten sie den Rosenkranz des Schlundes, indem sie das Schiffsdeck trübselig betrachteten und, aus Furcht auszugleiten, keinen Huf zu rühren wagten. Nun sagte der Bootsmann zu Lamme und Uilenspiegel: »Gehn wir in die Küche.« »In die Kriegsküche?« sagte Lamme unruhig. »In die Kriegsküche, aber du kannst ohne Angst hinuntersteigen, mein Überwinder.« »Ich habe keine Angst, und ich folge dir,« sagte Lamme. Der Junge trat ans Steuerruder. Beim Hinabsteigen sahen sie überall Säcke voll Korn und Bohnen, Erbsen, Kohl, Möhren und andern Gemüses. Der Bootsmann öffnete die Tür einer kleinen Schmiede. »Da ihr Männer mit wackern Herzen seid, die den Triller der Lerche, des Vogels der Freien, und den Kriegsruf des Hahnes ebenso kennen wie das Brällen des Esels, des gutmütigen Arbeiters, will ich euch meine Kriegsküche zeigen. So eine kleine Schmiede werdet ihr bei der Mehrzahl der Maasboote finden; sie kann bei niemand Verdacht erregen, weil sie dazu dient, die Eisenteile der Schiffe im Stande zu erhalten. Was aber nicht alle haben, das ist das hübsche Gemüse in diesen blinden Truhen.« Er entfernte einige Steine, die den Boden des Schiffsraums bedeckten, und hob einige Planken auf: er zog ein hübsches Bündel Arkebusenrohre hervor, die er aufraffte, als ob es Federn gewesen wären, und brachte sie wieder an ihren Ort; dann zeigte er ihnen Lanzeneisen, Hellebarden, Schwertklingen und Beutel mit Kugeln und Pulver. »Heil den Geusen!« rief er; »hier sind die Bohnen und die Tunke; die Kolben sind die Hammelkeulen, der Salat sind die Hellebardeneisen, und diese Arkebusenrohre sind die Ochsenbeine für die Freiheitssuppe. Heil den Geusen!« Und er fragte Uilenspiegel: »Wohin soll ich diese Kost bringen?« Uilenspiegel antwortete: »Nach Nimwegen. Bis dorthin wird sich die Ladung deines Bootes noch vergrößert haben, und zwar durch wirkliches Gemüse, das die Bauern, die du in Elsen, Stevensweert und Roermond aufnehmen wirst, mitbringen werden. Auch die werden trillern wie die Lerche, der Vogel der Freien, und du wirst antworten mit dem Kriegsruf des Hahns. Du wirst zu Doktor Pontus gehn, der bei der Nieuwe-Waal wohnt, und wirst ihm sagen, daß du mit Gemüse in die Stadt gekommen bist, aber daß du die Trocknis fürchtest. Während die Bauern auf den Markt gehn werden, um ihr Gemüse zu teuer anzubieten, als daß es jemand kaufte, wird er dir sagen, was du mit deinen Waffen zu tun hast. Ich glaube allemal, er wird dir auftragen, die Waal, die Maas oder den Rhein hinabzufahren, was nicht ohne Gefahr sein wird, wobei du deinen Gemüsevorrat gegen Netze umzutauschen haben wirst, um dich dann den Fischerbooten von Harlingen anzuschließen, wo viele Matrosen den Lerchentriller kennen, hierauf durch die Wadden entlang der Küste die Lauwersee zu gewinnen, die Netze gegen Eisen und Blei umzutauschen, deine Bauern in die Tracht von Marken, Vlieland oder Ameland zu stecken und dich ziemlich an der Küste zu halten, immer fischend und den Fang einsalzend, nicht um ihn zu verkaufen, sondern um ihn zu bewahren, weil ein frischer Trunk und gesalzene Kriegskost wunderschön zusammenpassen.« »Also trinken wir,« sagte der Bootsmann. Und sie stiegen aufs Deck. Aber Lamme brütete Schwermut: »Herr Bootsmann,« sagte er plötzlich, »Ihr habt in Euerer Schmiede ein so prächtiges Feuerchen, daß man dran sicherlich das köstlichste Allerlei kochen könnte. Mein Schlund sehnt sich nach Suppe.« »Ich will dich erquicken,« sagte der Mann. Und bald setzte er ihm eine fette Suppe vor, worin er eine große Scheibe gesalzenen Schinkens gesotten hatte. Als Lamme einige Löffelvoll geschluckt hatte, sagte er zum Bootsmanne: »Mein Schlund schält sich, meine Zunge brennt; das ist nicht das richtige.« »Frischer Trunk und gesalzene Kriegskost, so stehts geschrieben,« entgegnete Uilenspiegel. Der Bootsmann füllte also die Humpen und sagte: »Ich trinke auf die Lerche, den Vogel der Freiheit.« Uilenspiegel sagte: »Ich trinke auf den Hahn, der den Kriegsruf schmettert.« Lamme sagte: »Ich trinke auf meine Frau; nie möge sie Durst leiden, die süße Geliebte.« »Du wirst durch die Nordsee bis Emden fahren,« sagte Uilenspiegel zum Bootsmann; »Emden ist unsere Zuflucht.« »Das Meer ist groß,« sagte der Bootsmann. »Groß genug für die Schlacht,« sagte Uilenspiegel. »Gott ist mit uns,« sagte der Bootsmann. »Wer also wider uns?« entgegnete Uilenspiegel. »Wann geht ihr?« sagte er. »Sofort,« antwortete Uilenspiegel. »Glückliche Reise und guten Wind. Da habt ihr noch Pulver und Kugeln.« Und er küßte sie und gab ihnen das Geleite, nachdem er ihre beiden Esel wieder, wie Lämmer, auf dem Nacken und den Schultern getragen hatte. Uilenspiegel und Lamme stiegen in die Sättel und machten sich gen Lüttich auf den Weg. »Mein Sohn,« sagte Lamme, während sie so dahinzogen, »wieso hat sich dieser Mensch, der so stark ist, von mir so grausam puffen lassen?« »Auf daß dir«, sagte Uilenspiegel, »überall, wohin wir kommen, der Schrecken voranschreite. Das wird uns eine bessere Bedeckung sein als zwanzig Landsknechte. Wer wird es von Stund an wagen, Lamme anzugreifen, den Starken, den Siegreichen, Lamme, den Stier ohnegleichen, der vor aller Augen mit einem Stoß des Kopfes Stercke Pier zu Boden geschleudert hat, den starken Pier, der die Esel wie Lämmer trägt und mit einer Schulter einen vollbeladenen Bierwagen hebt? Dich kennt jetzt jedermann: du bist Lamme der Furchtbare, Lamme der Unüberwindliche; und ich wandere in dem Schatten deiner Gönnerschaft. Jedermann wird dich kennen auf der Straße, die wir nun ziehen werden, niemand wird sich getrauen, dich scheel anzusehn, und du wirst in Rücksicht auf den großen Mut der Männer überall auf deinem Wege nichts finden als ehrfurchtsvolle Bücklinge und huldigende Grüße, die der Kraft deiner grimmigen Faust gelten.« »Du sprichst gut, mein Sohn,« sagte Lamme, indem er sich im Sattel reckte. »Und ich spreche wahr,« entgegnete Uilenspiegel. »Siehst du diese neugierigen Gesichter bei den ersten Häusern des Dorfes? Mit dem Finger zeigt man sich Lamme, den schrecklichen Sieger. Siehst du diese Männer, die dich mit Neid betrachten, und diese elenden Memmen, die ihre Hüte ziehen? Danke ihrem Gruße, Lamme, mein Liebling; verachte nicht die Volksgunst. Sieh, die Kinder kennen schon deinen Namen und wiederholen ihn ängstlich.« Und Lamme ritt stolz dahin, grüßend zur Rechten und zur Linken wie ein König. Und die Zeitung von seinem Heldentum folgte ihm von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, bis nach Lüttich, Chocquier, Neuville und Vesin, ja selbst bis Namur, das sie liegen ließen der drei Prädikanten halber. So zogen sie lange Zeit herum, den Bächen, Flüssen und Kanälen entlang. Und überall antwortete auf den Lerchentriller der Ruf des Hahns. Und überall goß, hämmerte und fegte man Waffen für das Freiheitswerk, um sie auf Schiffen den Küsten entlang zu verschicken. In Tonnen, in Kisten, in Körben verpackt, entgingen diese Waffen den Zöllnern. Und überall fanden sich wackere Leute, die sie aufnahmen und an einem sichern Orte verbargen, samt Pulver und Kugeln, bis zur Stunde Gottes. Und Lamme, dem auf seinem Wege überall sein Siegesruf voranlief, begann nun selbst schon an seine mächtige Kraft zu glauben, wurde trotzig und kriegerisch und ließ sich den Bart wachsen. Und Uilenspiegel nannte ihn Lamme den Löwen. Aber Lamme blieb nicht standhaft bei seinem Vorhaben, weil ihn schon am vierten Tage die jungen Haare juckten. Und er ließ das Schermesser über sein Siegergesicht streichen, und das erschien Uilenspiegel von neuem rund und voll wie eine Sonne, entzündet an dem Feuer guter Nahrung. Und also kamen sie nach Stokhem. XXVIII Sie ließen ihre Esel in Stokhem und betraten bei Einbruch der Dunkelheit die Stadt Antwerpen. Und Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Das ist die große Stadt; hier stapelt die ganze Welt ihre Reichtümer auf: Gold, Silber, Spezerei, Ledertapeten, Gobeline, Tuch, Samt, Wolle und Seide, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch und Mehl, Häute, Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg und Lüttich, Landwein von Brüssel und Aarschot, Wein von Buley, Rheinwein, Wein aus Spanien und Portugal, Traubenöl aus Aarschot, das Landolium heißt, Burgunder, Malvasier und so weiter. Und die Kaie sind überfüllt mit Waren. Diese Reichtümer der Erde und der Menschenarbeit locken an diesen Ort die schönsten tollen Mädchen, die es gibt.« »Du wirst zum Träumer,« sagte Lamme. Uilenspiegel antwortete: »Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir gesagt worden: In Elend, Blut und Tränen suche. Wer verursacht denn mehr Elend als die tollen Mädchen? Sind es nicht sie, bei denen die armen vernarrten Männer ihre schönen blinkenden und klingenden Gulden lassen, ihre Juwelen, Ketten und Ringe, um ohne Wams, in Lumpen und Fetzen, selbst ohne Hemd, den Abschied zu bekommen, während sich die Mädchen von dem Raube volle Wangen und Hüften mästen? Wo ist das rote, klarflüssige Blut, das einst in diesen männlichen Adern rollte? Es ist zu Lauchbrühe geworden. Oder aber schlagen sie sich nicht erbarmungslos mit Messern, Degen und Schwertern um ihrer süßen und reizenden Körper willen? Die Leichen, die man wegträgt, bleich und blutig, sind Leichen armer Liebestoller. Wenn der Vater finster im Lehnstuhl sitzt und schmält, wenn seine weißen Haare noch weißer und starrer werden, wenn aus seinen trockenen Augen, in denen der Kummer um das verlorene Kind brennt, keine Träne mehr rinnen will, wenn die Mutter, still und bleich wie eine Tote, weint, als ob sie sonst nichts mehr als die Schmerzen dieser Welt erschauen sollte, wer ist schuld an dieser Pein? Die tollen Mädchen, die nur sich und das Geld lieben und die Welt, die denkt, arbeitet und nach Weisheit forscht, an dem Gängelbande ihrer Goldgürtel führen. Ja, hier ist es, wo die Sieben sind, und wir. Lamme, wir gehn zu den Mädchen. Vielleicht ist auch deine Frau dort; das wäre ein doppelter Fischzug.« »Jawohl,« sagte Lamme. Damals war es im Juni, um das Ende des Sommers, wo die Sonne schon die Blätter der Maronenbäume rötet, wo die Vögel in den Ästen singen und wo keine Mücke so klein ist, daß sie nicht summte vor Behagen wegen der Wärme des Grases. Lamme irrte an Uilenspiegels Seite durch die Straßen von Antwerpen, den Kopf gesenkt und seinen Leib schleppend wie ein Haus. »Lamme,« sagte Uilenspiegel, »du brütest Schwermut. Weißt du denn nicht, daß es nichts Schädlichers gibt für die Haut? Wenn du in deinem Kummer verharrst, wirst du sie streifenweise verlieren. Das wird hübsch sein, wenn man dich nennen wird: Lamme der Grindige.« »Ich habe Hunger,« sagte Lamme. »Komm essen,« sagte Uilenspiegel. Und sie gingen mitsammen in die Oude Trappen; dort aßen sie Soezels und tranken Dobbele Kuite, soviel sie nur hineinbrachten. Und Lamme weinte nicht mehr. Und Uilenspiegel sagte: »Gesegnet sei das gute Bier, das deine Seele so sonnig gemacht hat! Du lachst und schüttelst den Wanst. So sehe ich dich gern, wenn deine Kutteln freudig tanzen.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »sie würden besser tanzen, wenn ich das Glück hätte, meine Frau wiederzufinden.« »Gehn wir sie suchen,« sagte Uilenspiegel. So kamen sie in das Viertel Niederschelde. »Schau dir«, sagte Uilenspiegel zu Lamme, »dies Häuschen an, ganz aus Holz, mit den schönen Kreuzrahmen und den viereckigen Fensterlein; betrachte diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne. Hier, mein Sohn, thront hinter vier Fässern von Bruinbier, Uitzet, Dobbele Kuite und Wein von Amboise eine schöne Bazinne von fünfzig Jahren oder mehr; jedes Jahr, das sie lebt, setzt sie einen neuen Speckring an. Auf dem einen Fasse blinkt eine Kerze, und an den Deckenbalken hängt eine Laterne. Es ist dort hell und dunkel: dunkel für die Liebe, hell fürs Bezahlen.« »Aber,« sagte Lamme, »das ist ja ein Kloster von Teufelsnonnen, und diese Bazinne ist die Äbtissin.« »Ja,« sagte Uilenspiegel, »sie ists, die im Namen des Herrn Beelzebub fünfzehn schöne Mädchen von verliebtem Wandel auf der Bahn der Sünde leitet; sie finden bei ihr Obdach und Nahrung, doch dürfen sie hier nicht schlafen.« »Du kennst das Kloster?« sagte Lamme. »Ich will hier deine Frau suchen. Komm.« »Nein,« sagte Lamme, »ich habe mirs überlegt und geh nicht hinein.« »Ließest du deinen Freund ganz allein mitten unter diesen Astarten?« »Er soll heraußen bleiben,« sagte Lamme. »Wenn er aber gehn muß wegen der Sieben und wegen deiner Frau?« »Ich ginge lieber schlafen.« »Komm jetzt,« sagte Uilenspiegel, indem er die Tür öffnete und Lamme vor sich hineinstieß. »Sieh, die Bazinne ist hinter ihren Fässern zwischen zwei Kerzen. Der Saal ist groß, die Eichendecke geschwärzt und die Balken räucherig. Rundherum ziehen sich Bänke, und davor stehn Tische mit lahmen Beinen, beladen mit Gläsern, Kannen, Bechern, Humpen, Krügen, Flaschen, Bullen und anderm Trinkerwerkzeug; auch in der Mitte sind Tische und Stühle, und darauf liegen Huiken, das sind Frauenmantel, Goldgürtel, samtene Stelzenschuhe, Dudelsäcke, Schalmeien, Pfeifen. Und im Winkel ist eine Treppe, die ins Obergeschoß führt. Ein kleiner verwachsener Kahlkopf spielt auf dem Klavizimbel, das auf Glasfüßen steht, damit der Ton schriller wird. Tanze, mein Wanst! Fünfzehn schöne tolle Mädchen siehst du in allen möglichen Stellungen, auf den Tischen, auf den Stühlen, ein Bein links, eins rechts, vornübergebeugt, ausgestreckt, lehnend, platt hingeworfen, rücklings liegend oder auf der Seite, wie es jeder paßt, gekleidet in Weiß, in Rot, die Arme nackt wie die Schultern und die Brust bis zur Mitte des Leibes. Es sind ihrer hier von allen Arten, auserlesene! Den einen überschattet das Kerzenlicht, das ihre blonden Locken kost, die blauen Augen, in denen ein feuchter Schimmer glänzt. Andere, deren Augen zur Decke blicken, schmachten zur Fiedel ein deutsches Lied. Wieder andere, rund, braun, üppig, schamlos, trinken den Wein von Amboise aus vollen Bechern, zeigen ihre prallen Arme, nackt bis zur Schulter, und ihr ausgeschnittenes Kleid, aus dem sich die Äpfel ihrer Brüste zwängen, und sprechen sonder Scham aus vollem Munde, die eine nach der andern oder alle zusammen. Horch:« »Pfui dem Gelde für heut!« so sagten die schönen Mädchen; »Liebe ists, was wir brauchen, Liebe nach unserer Wahl, die Liebe des Kindes, des Jünglings und eines jeden, der uns gefällt, ohne Bezahlung.« – »O kämen sie doch, denen die Natur die männliche Kraft gegeben hat, die den Mann ausmacht, o kämen sie nur aus Liebe zu Gott und zu uns.« – »Gestern war der Tag, wo bezahlt wurde, heute ist der Tag, wo geliebt wird!« – »Wer will trinken von unsern Lippen? sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse, das ist völlige Wonne!« – »Pfui den Witwen, die ganz allein liegen!« – »Wir sind Mädchen! Heut ist der Tag der Nächstenliebe. Den Jungen, den Starken und den Schönen öffnen wir die Arme. Wein her!« – »Liebchen, ist es um den Liebeskampf, daß dein Herz so trommelt in der Brust? Was für ein Schlagwerk! das ist die Uhr der Küsse. Wann kommen sie, die Herzen voll, den Beutel leer? Wittern sie nicht die köstlichen Abenteuer? Was für ein Unterschied ist zwischen einem jungen Geusen und dem Herrn Markgrafen? Der Markgraf zahlt mit Gulden und der junge Geuse mit Liebkosungen. Heil den Geusen! Wer will auf den Kirchhof gehn, die Toten wecken?« So sprachen die guten, hitzigen und jauchzenden unter den Mädchen eines verliebten Wandels. Aber es gab auch andere mit schmalen Gesichtern und fleischlosen Schultern, die aus ihrem Körper einen Kramladen der Sparsamkeit machten und Heller für Heller den Preis ihres magern Fleisches aufkritzelten. Die greinten untereinander: »Das ist eine schöne Dummheit von uns, bei diesem beschwerlichen Geschäfte auf den Lohn zu verzichten wegen der hirnrissigen Launen der männertollen Mädchen. Wenn schon sie ein Mondviertel im Kopfe haben, so haben doch wirs nicht, und wir ziehen es vor, uns bezahlen zu lassen, solange wir uns verkaufen können, als in unsern alten Tagen unsere Lumpen wie sie durch die Gosse zu schleifen.« – »Pfui Teufel, umsonst! Die Männer sind häßlich, stinkend, bärbeißig, freßgierig und betrunken. Sie allein bringen die armen Frauen ins Unglück.« Aber die jungen und schönen hörten nicht auf diese Worte und kümmerten sich nur um ihr Vergnügen und ihr Gelage; und sie sagten: »Hört ihr die Totenglocken von Unserer Frau? Wir sind aus Feuer! Wer will die Kirchhöfe wecken?« Als Lamme auf einmal so viele Frauen sah, braune und blonde, frische und verblühte, schämte er sich; er senkte die Augen und rief: »Uilenspiegel, wo bist du?« »Der ist längst dahin, mein Freund,« sagte ein üppiges Mädchen und faßte ihn beim Arme. »Längst dahin?« sagte Lamme. »Ja,« sagte sie, »seit dreihundert Jahren, zugleich mit Jacobus de Coster van Maerlandt.« »Laßt mich,« sagte Lamme, »und kneift mich nicht. Uilenspiegel, wo bist du? Komm deinen Freund retten! Ich geh augenblicklich weg, wenn ihr mich nicht laßt.« »Du wirst nicht gehn,« sagten sie. »Uilenspiegel,« jammerte Lamme, »wo bist du, mein Sohn? Frau, zieht mich nicht so bei den Haaren; ich trage keine Perücke, ich versichere es Euch. Zu Hilfe! Sind Euch meine Ohren nicht rot genug, daß Ihr mir das Blut hinaufjagt? Die andere hört wieder nicht auf, mir Nasenstüber zu geben. Ihr tut mir weh! Ach, womit werde ich eingerieben? Ein Spiegel! Ich bin schwarz wie ein Ofenloch. Wenn ihr nicht ein Ende macht, werde ich wild; es ist schlecht von euch, einen armen Mann also zu mißhandeln. Laßt mich! Wenn ihr mich rechts und links und überall an meinen Hosen zieht und mich hin und her schnellt wie ein Weberschiffchen, werdet ihr deswegen dicker werden? Ja, ich werde sicherlich wild.« »Er wird wild,« sagten sie neckisch, »er wird wild, der gute Mensch. Lach lieber und sing uns ein Lied von Liebe.« »Von Schlägen will ich euch eins singen, wenn ihr wollt; aber laßt mich.« »Welche hast du hier lieb?« »Keine, nicht dich, nicht die andern. Ich werde mich beim Magistrat beschweren, und sie werden euch stäupen lassen.« »Ei freilich,« sagten sie, »stäupen? Und wenn wir dich gewaltsam küssen vor diesem Stäupen?« »Mich?« sagte Lamme. »Dich,« sagten sie alle miteinander. Und sie alle, die hübschen und die häßlichen, die frischen und die verblühten, die blonden und die braunen, stürzten sich auf Lamme, warfen ihm die Mütze in die Luft, in die Luft den Mantel, und liebkosten ihn und küßten ihn auf Wangen, Nase, Magen, Rücken, was sie nur konnten. Die Bazinne lachte zwischen ihren Kerzen. »Zu Hilfe!« schrie Lamme. »Zu Hilfe! Uilenspiegel, fege mir das Ungeziefer weg! Laßt mich! Ich will euere Küsse nicht: ich bin verheiratet, potzblut, und alles gehört meiner Frau.« »Verheiratet?« sagten sie. »Aber deiner Frau muß das zu viel sein: ein Mann von deinem Umfang. Gib uns auch ein wenig. Eine treue Frau, so gehört sichs; ein treuer Mann, das ist ein Kapaun. Gott bewahre dich! Es heißt jetzt eine Wahl treffen, sonst sind wirs, die dich stäupen.« »Ich tus nicht,« sagte Lamme. »Wähle eine,« sagten sie. »Nein,« sagte er. »Willst du mich?« sagte eine hübsche blonde; »sieh, ich bin süß und liebe, wer mich liebt.« »Laß mich,« sagte Lamme. »Willst du mich?« sagte ein reizendes Mädchen mit schwarzen Haaren, braunen Augen und brauner Haut, sonst aber wie von der Hand der Engel gedrechselt. »Ich mag die Pfefferkuchen nicht,« sagte Lamme. »Und mich? Wirst du nicht mich nehmen?« sagte eine große, die eine fast ganz behaarte Stirn hatte, mit zusammengewachsenen Brauen, mit großen, schwimmenden Augen, mit Lippen, dick wie Aale und ganz rot, und rot auch das Gesicht, den Nacken und die Schultern. »Ich mag keine glühenden Ziegel,« sagte Lamme. »Nimm mich,« sagte ein Mädchen von sechzehn Jahren mit einem Eichhornmäulchen. »Ich mag die Nußknacker nicht,« sagte Lamme. »Man muß ihn stäupen,« sagten sie. »Mit schönen Peitschen, die Schwippe aus trockenem Leder, die tapfer um den Leib saust. Die festeste Haut hält das nicht aus. Nehmt gleich zehn. Peitschen von Kärrnern und Eseltreibern.« »Zu Hilfe, Uilenspiegel!« schrie Lamme. Aber Uilenspiegel antwortete nicht. »Du hast ein schlechtes Herz,« sagte Lamme, indem er sich überall nach seinem Freunde umsah. Die Peitschen waren gebracht worden; zwei Mädchen machten sich daran, Lamme das Wams auszuziehen. »O weh,« sagte er, »mein armes Schmer, das ich mit so viel Mühe angesetzt habe, sie werden es mir zweifellos ablösen mit ihren striemenden Peitschen. Aber ihr Frauenzimmer ohne Erbarmen, mein Fett wird euch zu nichts nütze sein, nicht einmal zu Brühen.« Sie antworteten: »Wir werden Kerzen draus machen. Ist das nichts, wenn man hell sieht, ohne daß es etwas kostete? Die, die künftighin sagen wird, daß man mit Peitschen Kerzen macht, die wird von jedermann ausgelacht werden; wir werden es aber bis auf den Tod bewähren und derart mehr als eine Wette gewinnen. Tunkt die Schwippen in Essig. So, jetzt ist dein Wams ausgezogen. Auf St. Jakob schlägt die Glocke. Neun Uhr. Beim letzten Schlage, wenn du dann deine Wahl noch nicht getroffen hast, schlagen wir zu.« Ganz außer sich sagte Lamme: »Habt Mitleid und Barmherzigkeit mit mir; ich habe meiner armen Frau Treue geschworen und werde sie ihr halten, obwohl sie mich schmählich verlassen hat. Uilenspiegel, zu Hilfe, mein Herzenskind!« Aber Uilenspiegel zeigte sich nicht. »Seht mich,« sagte Lamme zu den tollen Mädchen, »seht mich hier zu euern Füßen. Kann man sich noch mehr demütigen? Ists nicht genug, daß ich euere herrlichen Schönheiten ehre wie die Heiligen? Glücklich der, der als lediger Mann euere Reize genießen kann! Zweifellos ist das das Paradies; aber schlagt mich nicht, ich bitte euch.« Plötzlich sprach die Bazinne, ohne ihren Platz zwischen den Kerzen zu verlassen, mit einer harten und drohenden Stimme: »Frauen und Mädchen, ich schwöre es euch bei meinem großen Teufel, daß ich, wenn ihr diesen Mann nicht im Augenblick durch Lächeln und Süßigkeit zum Guten, das heißt in euer Bett, führt, daß ich die Nachtwächter holen und euch allesamt hier an seiner Statt stäupen lassen werde. Ihr verdient nicht den Namen von Mädchen eines verliebten Wandels, wenn ihr umsonst den freien Mund und die lüsterne Hand habt und die Augen, deren Blitze die Männer verführen, wie es bei den Weibchen der Glühwürmchen zutrifft, die nur zu diesem Zwecke die Laterne haben. Und ihr werdet ohne Gnade gestäupt werden für euere Albernheit.« Bei diesen Worten erzitterten die Mädchen, und Lamme wurde lustig. »Also, ihr Frauen,« sagte er, »was für eine Zeitung bringt ihr aus dem Lande des sausenden Leders? Ich selber will die Wache holen. Sie werden ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen helfen. Das wird mir ein großes Vergnügen sein.« Aber da warf sich ein reizendes Kind von fünfzehn Jahren vor Lamme auf die Knie: »Herr, Ihr seht mich vor Euch in demütiger Ergebenheit; wenn Ihr nicht geruht, eine von uns zu wählen, so werde ich geschlagen werden um Euch, Herr. Und die Bazinne dort wird mich in einen schändlichen Keller unter der Schelde stecken, wo das Wasser von der Mauer sickert, und ich werde nichts zu essen bekommen als schwarzes Brot.« »Wird sie wirklich um mich geschlagen werden, Frau Bazinne?« fragte Lamme. »Bis aufs Blut,« antwortete die. Lamme betrachtete das Mädchen und sagte: »Ich sehe dich frisch und duftend, und deine Schulter steigt aus deinem Kleide wie ein großes Blatt einer weißen Rose; ich will nicht, daß diese schöne Haut, unter der das Blut so jung rollt, unter der Peitsche leide, und ich will nicht, daß diese Augen, licht von dem Feuer der Jugend, unter den schmerzhaften Streichen weinen, und ich will nicht, daß die Kälte des Verlieses diesen Leib einer Liebesfee erschauern lasse. Drum will ich dich lieber wählen, als dich geschlagen wissen.« Das Mädchen führte ihn weg. So sündigte er, wie er sein ganzes Leben lang tat, aus Herzensgüte. Unterdessen standen sich Uilenspiegel und ein großes schönes Mädchen mit braunen Locken gegenüber. Das Mädchen sah Uilenspiegel, ohne ein Wort zu reden, liebäugelnd an, schien aber nichts von ihm wissen zu wollen. »Liebe mich,« sagte er. »Dich lieben, du lieber Narr,« sagte sie, »wo es nur dein Wunsch der Stunde ist?« Uilenspiegel antwortete: »Der Vogel, der über dein Haupt hinzieht, singt sein Lied und entfliegt. So auch ich, süßes Herz: willst du, daß wir miteinander singen?« »Ja,« sagte sie, »ein Lied von Lachen und Tränen.« Und sie warf sich Uilenspiegel an den Hals. Während beide Freunde vor Wonne die Besinnung verloren in den Armen ihrer Liebsten, da drangen beim Klange einer Pfeife und einer Trommel, einander stoßend, sich drängend, singend, pfeifend, schreiend, heulend, kreischend, eine jauchzende Rotte von Meezenvangers ins Haus. Sie trugen Säcke und Käfige voll dieser kleinen Vögel, und die Uhue, ihr lebendiges Werkzeug, sperrten die Augen auf, die beim Lichte golden glänzten. Die Meisenfänger, gut ihrer zehn an der Zahl, alle rot, aufgedunsen von Wein und Bier, mit wackelnden Köpfen und die zitternden Beine nachschleifend, schrien mit einer so heisern und gebrochenen Stimme, daß die ängstlichen Mädchen eher Wölfe im Walde als Männer in einer menschlichen Wohnung zu hören meinten. Immerhin hörten die Mädchen nicht auf, entweder allein oder alle zusammen zu rufen: »Ich will den, den ich liebe.« – »Wir gehören dem, der uns gefällt. Morgen denen, die reich an Gulden sind! Heute denen, die reich an Liebe sind!« Die Meezenvangers antworteten: »Gulden haben wir, und Liebe ebenso; unser sind also die tollen Mädchen. Wer zaudert, ist ein Kapaun. Sie sind die Meisen, wir die Jäger. Drauflos! Brabant und der Herzog!« Aber die Mädchen sagten kichernd: »Pfui, diese häßlichen Fratzen, die uns fressen wollen. Den Schweinen setzt man keinen Scherbett vor. Wir nehmen, wer uns gefällt, und wollen euch nicht. Ihr Ölfässer, Specksäcke, magern Nägel, rostigen Klingen, ihr stinkt nach Schweiß und Dreck. Macht, daß ihr hinauskommt, ihr werdet auch ohne unser Dazutun verdammt sein.« Aber die Männer sagten: »Die Welschen sind heute leckermäulig. Ihr zimperlichen Damen, ihr könnt uns wohl geben, was ihr aller Welt verkauft.« Aber die Mädchen sagten: »Morgen sind wir sklavische Hündinnen und werden euch nehmen; heute sind wir freie Frauen und weigern uns euch.« Darauf schrien die Männer: »Genug der Worte! Wer hat Durst? Pflücken wir die Äpfel!« Und mit diesen Worten stürzten sie sich auf sie ohne Unterschied des Alters und der Schönheit. Die schönen Mädchen, die auf ihrem Vorhaben beharrten, warfen ihnen, was ihnen in die Hände kam, an die Köpfe: Stühle, Kannen, Krüge, Becher, Humpen, Flaschen und Bullen; und es war wie ein dichter Schloßenhagel, der sie braun und blau schlug und blendete. Auf den Lärm kamen Uilenspiegel und Lamme herbei; ihre zitternden Buhlen ließen sie oben an der Treppe stehn. Als Uilenspiegel die Männer in die Frauen dreinschlagen sah, nahm er im Hof einen Besen, von dem er das Reisig wegschnellte, und gab Lamme einen andern; dann hieben sie beide erbarmungslos auf die Meezenvangers ein. Da dies Spiel die also gepufften Trunkenbolde hart deuchte, hielten sie einen Augenblick inne; das benützten unverzüglich die magern Mädchen, die sich verkaufen wollten und nicht verschenken, selbst nicht an diesem großen Tage der freien Liebe, wie sie die Natur will. Wie die Schlangen glitten sie zwischen die Verletzten, liebkosten sie, verbanden ihnen die Wunden, tranken für sie den Wein von Amboise und leerten ihre Taschen so trefflich von den Gulden und dem andern Gelde, daß ihnen auch nicht ein löcheriger Pfennig verblieb. Als dann die Feierglocke ertönte, wiesen sie ihnen die Tür, durch die sich Uilenspiegel und Lamme schon längst aus dem Staube gemacht hatten. XXIX Uilenspiegel und Lamme zogen auf Gent und kamen ums Morgengrauen nach Lokeren. Weit und breit dunstete die Erde im Tau; weiße, frische Nebel lagen über den Wiesen. Als sie bei einer Schmiede vorbeikamen, trillerte Uilenspiegel wie die Lerche, der Vogel der Freiheit. Und alsbald erschien in der Tür der Schmiede ein Kopf mit flatterndem weißem Haar, und eine schwache Stimme ahmte den Kriegsruf des Hahnes nach. Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Das ist der Smid Wasteele, der bei Tage Spaten, Karste und Pflugscharen verfertigt und das Eisen, wann es heiß ist, zu schönen Chorgittern für die Kirchen hämmert, der aber oftmals des Nachts Waffen erzeugt und fegt für die Soldaten der Gewissensfreiheit. Er hat kein freundliches Gesicht gewonnen bei diesem Spiel; denn er ist bleich wie ein Gespenst, traurig wie ein Verdammter und so mager, daß ihm die Knochen die Haut durchlöchern. Heute hat er sicherlich noch nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht gearbeitet.« »Kommt alle beide herein,« sagte der Smid Wasteele, »und führt euere Esel auf die Wiese hinterm Haus.« Als Uilenspiegel und Lamme nachher in der Schmiede waren, schaffte der Smid Wasteele alles, was er in der Nacht an Schwertern gefegt und an Lanzeneisen gegossen hatte, in den Keller seines Hauses und richtete die Tagesarbeit für seine Gesellen her. Indem er Uilenspiegel mit glanzlosem Auge ansah, fragte er ihn: »Was bringst du mir Neues vom Schweiger?« Uilenspiegel antwortete: »Der Prinz ist samt seinem Heere aus den Niederlanden gejagt worden dank der Niederträchtigkeit seiner Mietlinge, die schrien: ›Geld, Geld!‹, wo es hätte losschlagen heißen. Er ist nach Frankreich gezogen mit den treuen Soldaten, mit seinem Bruder, dem Grafen Ludwig, und mit dem Herzoge von Zweibrücken, um dem Könige von Navarra und den Hugenotten Hilfe zu bringen; von da hat er sich nach Deutschland begeben, nach Dillenburg, wo mancher Flüchtling aus den Niederlanden bei ihm ist. Du sollst Waffen und das gesammelte Geld hinschicken, während wir auf der See das Werk der freien Männer verrichten wollen.« »Ich werde tun, was ich soll,« sagte der Smid Wasteele; »ich habe Waffen und neuntausend Gulden. Aber seid ihr nicht auf Eseln gekommen?« »Ja,« sagten sie. »Und habt ihr nicht auf euerm Wege die Zeitung von den drei Prädikanten gehört, die getötet, ausgeplündert und in ein Loch in den Maasfelsen geworfen worden sind?« »Ja,« sagte Uilenspiegel freimütig; »diese drei Prädikanten waren Spione des Herzogs, Mörder, die bezahlt waren, um den Freiheitsprinzen zu töten. Wir zwei, Lamme und ich, haben sie das Leben mit dem Tode tauschen lassen. Ihr Geld ist bei uns und ihre Papiere desgleichen. Wir werden uns nehmen, was wir für die Reise brauchen; der Rest gehört dem Prinzen.« Und Uilenspiegel öffnete sein Wams und das Lammes und brachte die Papiere und Pergamente hervor. Als sie der Smid Wasteele gelesen hatte, sagte er: »Sie enthalten Pläne für den Krieg und andere Anschläge. Ich werde sie dem Prinzen übergeben lassen, und ihm wird gesagt werden, daß Uilenspiegel und Lamme Goedzak, seine getreuen Landstreicher, sein edels Leben gerettet haben. Ich will auch euere Esel verkaufen lassen, damit man euch nicht an den Tieren erkennt.« Uilenspiegel fragte den Smid Wasteele, ob ihnen die Schöffenkammer von Namur schon die Häscher auf die Fersen gehetzt habe. »Ich will euch sagen, was ich weiß,« antwortete Wasteele. »Neulich ist ein Schmied von Namur, ein wackerer Reformierter, zu mir gekommen unter dem Vorwand, meine Hilfe für die Gitter, die Wetterfahnen und das andere Eisenzeug für ein Schloß zu erbitten, das man nahe bei La Plante bauen will. Dem hat der Türsteher der Schöffenkammer gesagt, daß seine Herren schon versammelt waren und daß ein Wirt vorgerufen worden ist, der einige hundert Klafter von der Mordstelle wohnt. Auf die Frage, ob er die Mörder gesehn habe oder ob er jemand kenne, der ihm verdächtig sei, hat er geantwortet: ›Ich habe Bauern und Bäuerinnen, die auf Eseln saßen, gesehn; entweder sind sie auf ihren Tieren sitzen geblieben und haben zu trinken verlangt, oder sie sind abgestiegen, um in meinem Hause zu trinken, die Männer Bier, die Frauen und Mädchen Met. Ich habe auch zwei starke Bauern gesehn, die davon gesprochen haben, daß sie den Herrn von Oranien um einen Kopf kürzer machen wollten.‹ Und bei diesen Worten hat der Wirt pfeifend nachgeahmt, wie ein Messer ins Halsfleisch fährt, ›Über Stahlwind‹, hat er gesagt, ›will ich insgeheim mit Euch sprechen, da ich die Erlaubnis dazu habe.‹ Er hat gesprochen und ist entlassen worden. Seit dieser Zeit haben die Gerichtsräte sicherlich ihren untergebenen Räten Sendschreiben geschickt. Der Wirt hat gesagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen auf Eseln gesehn; daraus ergibt sich, daß die Jagd auf alle die gehn wird, die ein Grauchen reiten. Und der Prinz bedarf euerer, meine Kinder.« »Verkauf die Esel«, sagte Uilenspiegel, »und bewahre den Erlös für den Schatz des Prinzen.« Die Esel wurden verkauft. »Nun braucht ihr«, sagte Wasteele, »jeder ein Gewerbe, das frei ist und keiner Zunft untersteht; kannst du Vogelkäfige und Mäusefallen machen?« »Einmal habe ich sie gemacht,« antwortete Uilenspiegel. »Und du?« fragte Wasteele Lamme. »Ich werde Heetekoeken und Oliekoeken verkaufen.« »Folgt mir; Käfige und Mäusefallen sind schon bereit, ebenso Werkzeug und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu machen: einer meiner Spione hat sie mir gebracht. Das ist für dich, Uilenspiegel. Für dich, Lamme, ist hier ein kleiner Ofen und ein Blasebalg; Mehl, Butter und Öl bekommst du auch noch, damit du die Heetekoeken und Oliekoeken machen kannst.« »Er wird sie essen,« sagte Uilenspiegel. »Wann machen wir die ersten?« fragte Lamme. Wasteele antwortete: »Ihr werdet mir zuerst eine Nacht oder zwei helfen; ich kann meine große Arbeit nicht allein bewältigen.« »Ich habe Hunger,« sagte Lamme; »wird hier gegessen?« »Es gibt Brot und Käse,« sagte Wasteele. »Ohne Butter?« fragte Lamme. »Ohne Butter,« sagte Wasteele. »Hast du Bier oder Wein?« fragte Uilenspiegel. »Ich trinke derlei niemals,« antwortete er, »aber ich will in den ›Pelikaan‹ hiernebenan gehn und holen, was ihr wünscht.« »Ja,« sagte Lamme, »und bring uns Schinken.« »Ich werde tun, was ihr wollt,« sagte Wasteele, indem er Lamme verachtungsvoll anblickte. Immerhin brachte er Dobbelen Klauwaart und einen Schinken; Lamme aß wohlgemut für fünf. Und er sagte: »Wann machen wir uns ans Werk?« »Heute nacht,« sagte Wasteele. »Aber bleib in der Schmiede und hab keine Angst vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie du.« »Das ist recht,« sagte Lamme. Zur Nachtzeit, als die Feierglocke geläutet hatte und die Türen verschlossen waren, ließ sich Wasteele von Uilenspiegel und Lamme helfen, schwere Packe Waffen aus dem Keller in die Werkstatt hinaufzuschaffen. »So,« sagte er, »da sind zwanzig Arkebusen, die ausgebessert werden sollen, dreißig Lanzeneisen zum Fegen, und Blei, um fünfzehnhundert Kugeln zu gießen; ihr sollt mir helfen.« »Mit beiden Händen,« sagte Uilenspiegel; »hätte ich nur ihrer vier, um dir zu dienen.« »Lamme wird uns zu Hilfe kommen,« sagte Wasteele. »Ja,« jammerte Lamme, der schier vor Schlaf umfiel wegen der Ausschreitung im Trinken und Essen. »Du wirst das Blei schmelzen,« sagte Uilenspiegel. »Ich werde das Blei schmelzen,« sagte Lamme. Während Lamme sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, sah er den Schmied Wasteele, der ihn samt seiner Schlaftrunkenheit zu wachen zwang, mit scheelem Auge an. Er goß die Kugeln mit verbissenem Zorn und hätte am liebsten das geschmolzene Blei dem Schmied Wasteele über den Kopf geschüttet. Aber er hielt sich zurück. Um Mitternacht jedoch übermannte ihn die Wut zu gleicher Zeit wie das Übermaß der Ermattung, und er hielt, während Wasteele mit Uilenspiegel geduldig Rohre, Büchsen und Lanzeneisen fegte, mit zischender Stimme folgende Ansprache an den Schmied: »So siehst du also aus, mager, bleich und kümmerlich, und rackerst in dem Glauben an die Aufrichtigkeit der Prinzen und Großen dieser Erde in übertriebenem Eifer deinen Leib, deinen edeln Leib, den du in Elend und Niedrigkeit zugrunde gehn läßt. Das war nicht die Absicht Gottes, als er ihn mit Frau Natur gemacht hat. Wisse, daß unsere Seele, nämlich der Lebenshauch, um zu atmen, alles möglichen bedarf, der Bohnen, des Fleisches, des Biers, des Weins, des Schinkens, der Würste und der Ruhe; du aber lebst von Wasser und Brot und von Nachtwachen.« »Woher kommt dir dieser Wortschwall?« fragte ihn Uilenspiegel. »Er weiß nicht, was er sagt,« antwortete Wasteele traurig. Aber Lamme wurde ärgerlich. »Ich weiß es besser als du. Ich sage, wir sind Narren, ich, du und Uilenspiegel, daß wir unsere Augen schinden für all diese Prinzen und Großen der Erde, die gründlich über uns lachen würden, wenn sie uns sähen, wie wir uns müde schinden und uns um den Schlaf betrügen, um ihnen zuliebe Waffen zu fegen und Kugeln zu gießen. Während sie französischen Wein aus Goldhumpen trinken und deutsche Kapaune von Schüsseln aus englischem Zinn essen, bekümmern sie sich keinen Deut darum, wenn uns, die wir in der Luft Gott suchen, durch den sie mächtig sind, ihre Feinde mit ihren Sensen die Beine abschneiden und uns in die Totengruben werfen. Sie, die weder Reformierte noch Kalvinisten, weder Lutheraner noch Katholiken, sondern allesamt Skeptiker und Zweifler sind, kaufen und unterwerfen sich derweilen Fürstentümer, verzehren das Gut der Mönche, der Äbte und der Klöster, haben alle, die sie begehren, Jungfrauen, Frauen und tolle Mädchen, und trinken aus ihren Goldhumpen auf ihr ewiges Wohlleben und auf unsere ewige Dummheit, Verrücktheit und Eselei und dann auf die sieben Todsünden, die sie, o Smid Wasteele, vor deiner Nase begehn, die mager ist vor Begeisterung. Betrachte die Felder, die Wiesen, betrachte die Ernten, die Gärten und die Rinder und das Gold, das aus der Erde kommt, betrachte das Wild der Wälder, die Vögel des Himmels, die leckern Ammern, die herrlichen Drosseln, den Eberkopf, die Rehkeule: alles gehört ihnen, Jagd, Fischfang, Land, Meer, alles. Und du, du lebst von Wasser und Brot, und wir, wir rackern uns hier zu Tode für sie, ohne zu schlafen, ohne zu essen und ohne zu trinken. Und wann wir gestorben sein werden, so werden sie unsern Äsern einen Fußtritt versetzen und zu unsern Müttern sagen: ›Macht uns andere, die sind uns nichts mehr nütze.‹« Uilenspiegel lachte, ohne ein Wort zu sagen, Lamme blies vor Unmut, aber Wasteele sprach mit milder Stimme: »Du sprichst leichtfertig. Ich lebe nicht für den Schinken, nicht fürs Bier oder für die Ammern, sondern für den Sieg der Gewissensfreiheit. Der Prinz der Freiheit tut ebenso. Er opfert sein Gut, seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und trachte mager zu werden. Nicht mit dem Bauche rettet man die Völker, sondern mit dem kühnen Mut und dem lautlosen Ertragen der Mühsal bis zum Tode. Und jetzt geh zu Bette, wenn du schläfrig bist.« Aber Lamme wollte nicht, weil er sich schämte. Und sie fegten Waffen und gossen Kugeln bis zum Morgen. Und so drei Tage lang. Dann brachen sie in der Nacht auf nach Gent; sie verkauften Käfige, Mäusefallen und Oliekoeken. In Meulestede, dem Mühlenstädtchen, dessen rote Dächer man überall sieht, machten sie Halt; sie kamen überein, ihre Geschäfte einzeln zu betreiben und sich am Abende vor der Feierglocke im Zwaan zu treffen. Lamme bekam Geschmack an seinem Berufe, als er durch die Straßen von Gent strich und seine Oliekoeken verkaufte; er suchte seine Frau, leerte manchen Krug und aß ohne Unterlaß. Uilenspiegel bestellte Briefe des Prinzen an Jacob Scoelap, Lizentiaten der Medizin, an Lieven Smet, Schneider, an Jan de Wulfslaeger, an Gillis Coorne, Rotfärber, und an Jan de Roose, Ziegelbrenner; sie gaben ihm das Geld, das sie für den Prinzen gesammelt hatten, und hießen ihn einige Tage in Gent und der Umgebung warten, weil sie ihm noch mehr geben würden. Alle diese Männer wurden später um Ketzerei am Neuen Galgen gehenkt, und ihre Leichname wurden auf dem Galgenfelde nächst dem Brüggeschen Tore verscharrt. XXX Unterdessen ritt der Profoß Spelle der Rote, bewaffnet mit seinem roten Stabe, auf seinem magern Klepper von Stadt zu Stadt, um überall Schafotte zu errichten, Scheiterhaufen zu entzünden und Gräber für die Frauen und Mädchen zu scharren. Und der König erbte. Uilenspiegel saß mit Lamme zu Meulestede unter einem Baum;, er war voller Verdrossenheit. Es war kalt, obwohl es Juni war. Vom Himmel, der mit grauen Wolken geladen war, fiel ein dünner Hagel. »Mein Sohn,« sagte Lamme zu ihm, »seit vier Nächten läufst du auf den Strich und hinter den tollen Mädchen her und schläfst im Zoeten Inval; dir wirds schließlich so gehn wie dem Mann auf dem Schilde, der mit dem Kopf voran in den Bienenkorb fällt. Umsonst erwarte ich dich im Zwaan, und mir schwant nichts Gutes von diesem unzüchtigen Wesen. Warum nimmst du dir nicht tugendsam eine Frau?« »Lamme,« sagte Uilenspiegel, »der, dem eine so viel gilt wie alle und alle so viel gelten wie eine, darf die Wahl nicht leichtsinnig überstürzen.« »Und Nele, an die denkst du nicht?« »Nele ist in Damme, gar weit von hier,« sagte Uilenspiegel. Sie lagen noch unter dem Baume, und der Hagel fiel dicht, als eine junge, reizende Frau vorbeilief, die ihren Kopf mit dem Rocke deckte. »He, Siebenträumer,« sagte sie, »was machst du da unter dem Baum?« »Ich träume«, sagte Uilenspiegel, »von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach gegen den Hagel macht.« »Du hast sie gefunden,« sagte die Frau; »steh auf.« Uilenspiegel stand auf. »Läßt du mich schon wieder allein?« sagte Lamme. »Ja,« sagte Uilenspiegel; »aber geh in den Zwaan, iß eine Hammelkeule oder zwei, trink ein Dutzend Humpen Bier, und du wirst schlafen und dich nicht langweilen.« »Das will ich tun,« sagte Lamme. Uilenspiegel war schon bei der Frau; die sagte: »Heb du meinen Rock auf der einen Seite, ich hebe ihn auf der andern; und nun laß uns laufen.« »Warum laufen?« fragte Uilenspiegel. »Weil ich«, sagte sie, »aus Meulestede fliehen will; der Profoß Spelle ist dort mit zwei Häschern und hat geschworen, alle tollen Mädchen stäupen zu lassen, die ihm nicht fünf Gulden zahlen. Darum laufe ich; lauf auch und bleib bei mir zu meinem Schutze.« »Lamme,« schrie Uilenspiegel, »Spelle ist in Meulestede. Geh nach Destelbergen in den Dreikönigsstern.« Erschrocken fuhr Lamme auf, packte seinen Wanst mit beiden Händen und setzte sich in Trab. »Wohin geht das dicke Kaninchen?« sagte das Mädchen. »In einen Bau, wo ich es wiederfinden werde,« antwortete Uilenspiegel. »Laufen wir,« sagte sie und stampfte mit dem Fuße wie eine ungeduldige Stute. »Ich möchte tugendhaft sein, ohne zu laufen,« sagte Uilenspiegel. »Was soll das bedeuten?« fragte sie. Uilenspiegel antwortete: »Das dicke Kaninchen will, daß ich dem guten Wein, dem Bier und der frischen Frauenhaut entsage.« Das Mädchen sah ihn mit einem scheelen Auge an: »Dein Atem geht kurz; du mußt ausruhen.« »Ausruhen?« antwortete Uilenspiegel; »ich sehe aber nirgends Dach und Fach.« »Deine Tugend«, sagte das Mädchen, »wird dir als Decke dienen.« »Dein Rock ist mir lieber.« »Mein Rock«, sagte das Mädchen, »wäre unwürdig, einen Heiligen, wie du einer sein willst, zu bedecken. Mach, daß du weiterkommst, ich laufe allein.« »Weißt du nicht,« antwortete Uilenspiegel, »daß ein Hund mit seinen vier Pfoten schneller läuft als ein Mensch mit zweien? Drum werden auch wir mit vier Pfoten besser laufen.« »Du sprichst lose für einen tugendhaften Mann.« »Ja,« sagte er. »Aber,« sagte sie, »ich habe noch immer gesehn, daß die Tugend eine schale, schläfrige, ungeschlachte und frostige Eigenschaft ist. Sie ist eine Maske für griesgrämige Gesichter, ein Samtmantel für einen Mann von Stein. Ich liebe die, die in der Brust ein Glutbecken haben, wohl entzündet an dem Feuer der Männlichkeit, das zu wackern und fröhlichen Unternehmungen reizt.« »So ähnlich war das,« antwortete Uilenspiegel, »was die schöne Teufelin zum glorreichen heiligen Antonius gesprochen hat.« Auf zwanzig Schritt weit war an der Straße eine Herberge. »Du hast gut gesprochen,« sagte Uilenspiegel, »nun heißt es gut trinken.« »Meine Zunge ist noch frisch,« sagte das Mädchen. Sie traten ein. Auf einer Truhe träumte ein großer Krug, von der Gattung, die Wänste heißen wegen ihres weiten Panzens. Uilenspiegel sagte zum Baas: »Siehst du diesen Gulden?« »Ich sehe ihn,« sagte der Baas. »Wieviel Plapparte nimmst du davon, um diesen Wanst da mit Dobbelen Klauwaart zu füllen?« »Mit neun Männchen bist du ledig.« »Das gibt«, sagte Uilenspiegel, »sechs Heller vlämisch und um zwei Heller zu viel. Aber füll ihn gleichwohl.« Uilenspiegel schenkte der Frau einen Becher voll ein; dann streckte er sich trotzig, brachte den Schnabel des Wanstes an seinen Mund und goß den ganzen Inhalt in seinen Schlund. Und es war wie das Rauschen eines Wasserfalls. Erstaunt sagte das Mädchen zu ihm: »Wie machst du das, daß du einen so großen Wanst in deinen magern Bauch bringst?« Ohne ihr zu antworten, sagte Uilenspiegel zum Baas: »Bring einen Schinken und Brot und noch einen vollen Wanst, damit wir essen und trinken.« Und das taten sie. Während das Mädchen an einer Schwarte knapperte, versuchte er einen so künstlichen Griff an ihr, daß sie auf einen Schlag verdutzt, verzückt und untertänig wurde. Dann fragte sie ihn: »Woher sind Euerer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser Hunger eines Wolfes und diese verliebte Kühnheit gekommen?« Uilenspiegel antwortete: »Nachdem ich auf hunderterlei Arten gesündigt habe, habe ich, wie du weißt, geschworen, Buße zu tun. Das hat wohl reichlich eine Stunde gedauert. Als ich nun während dieser Stunde an mein künftiges Leben dachte, sah ich mich vor mir, vom Brot mager ernährt, vom Wasser schal erquickt, die Liebe traurig fliehend, ohne Wagemut, mich zu rühren oder zu niesen, aus Angst, eine Schlechtigkeit zu begehn, geachtet von allen, gefürchtet von jedermann, einsam wie ein Aussätziger und traurig wie ein herrenloser Hund, um schließlich nach fünfzig Jahren des Märtyrertums trübselig auf einem Strohsack zu verenden. Die Buße war lange genug; drum küß mich, mein Schatz, und hüpfen wir zu zweit aus dem Fegefeuer.« »Ach,« sagte sie, willig gehorchend, »die Tugend ist eine schöne Fahne, um sie ganz oben an eine Stange zu binden!« Die Zeit verstrich bei dieser verliebten Unterhaltung; endlich aber mußten sie fort, weil das Mädchen Angst hatte, plötzlich könnte mitten unter ihren Wonnen der Profoß Spelle mit seinen Häschern auftauchen. »Schürze denn deinen Rock,« sagte Uilenspiegel. Und sie liefen wie Hirsche nach Destelbergen; dort trafen sie Lamme im Dreikönigsstern beim Essen. XXXI Uilenspiegel besuchte in Gent oft Jacob Scoelap, Lieven Smet und Jan de Wulfslaeger; von ihnen erfuhr er die Zeitung vom Glücke oder Unglücke des Schweigers. Und jedesmal, wann Uilenspiegel nach Destelbergen zurückkam, sagte Lamme zu ihm: »Was bringst du? Gutes oder Schlimmes?« »Ach,« sagte Uilenspiegel, »der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die andern Häupter und die Franzosen sind entschlossen gewesen, weiter ins Innere von Frankreich zu rücken und sich zu dem Prinzen von Condé zu schlagen. So hätten sie das arme belgische Vaterland und die Gewissensfreiheit gerettet. Gott hat es nicht haben wollen: die deutschen Reiter und Landsknechte weigerten sich weiterzuziehen und sagten, ihr Eid gelte gegen den Herzog von Alba und nicht gegen Frankreich. Nachdem sie der Schweiger umsonst beschworen hat, ihre Pflicht zu tun, hat er sie durch die Champagne und durch Lothringen nach Straßburg führen müssen, von wo sie nach Deutschland zurückgekehrt sind. Alles ist jetzt verfahren durch diesen plötzlichen und eigensinnigen Abzug: der König von Frankreich weigert sich, trotz seinem Vertrage mit dem Prinzen, das versprochene Geld zu bezahlen; die Königin von England hätte ihm welches geschickt, um Stadt und Land von Calais zurückzugewinnen: die Briefe sind aufgefangen und dem Kardinal von Lothringen zugestellt worden, und der hat eine gegenteilige Antwort ausgeheckt. So sehn wir dieses schöne Heer, unsere Hoffnung, zerfließen wie Gespenster beim Hahnenschrei; aber Gott ist mit uns, und wenn das Land versagt, so wird das Wasser sein Werk tun. Heil den Geusen!« XXXII Eines Tages kam das Mädchen, in Tränen aufgelöst, und sagte zu Lamme und Uilenspiegel: »Spelle läßt die Mörder und Diebe in Meulestede für Geld entwischen. In den Tod schickt er die Unschuldigen. Unter diesen ist mein Bruder Michielken. Ach, laßt es mich euch sagen: wenn ihr Männer seid, so werdet ihr ihn rächen. Ein gemeiner und schamloser Bock, Pieter de Roose, ein gewohnheitsmäßiger Schänder von Kindern und Mädchen, hat alles auf dem Gewissen. Ach! Mein armer Bruder Michielken und Pieter de Roose haben sich eines Abends, zwar nicht an demselben Tische, aber in demselben Wirtshaus, im Falken, getroffen, wo Pieter de Roose von jedermann gemieden wurde wie die Pest. Mein Bruder, der nicht mit ihm in dem nämlichen Zimmer sein wollte, hat ihn einen widernatürlichen Lüstling genannt und ihm befohlen, sich aus dem Zimmer zu packen. Pieter de Roose hat geantwortet: ›Der Bruder einer gemeinen Dirne darf sich nicht aufs hohe Roß setzen.‹ Er hat gelogen; denn ich bin nicht gemein, sondern ich schenke mich nur dem, der mir gefällt. Nun hat ihm Michielken seine Bierkanne an die Nase geschleudert und ihm erklärt, er habe gelogen als ein stinkender Bock, der er sei, und hat ihm gedroht, er werde ihn seine Faust bis zum Ellbogen schlucken lassen, wenn er sich nicht sofort aus dem Staube mache. Der andere hat nicht still sein wollen, aber Michielken hat getan nach seinen Worten: er hat ihm zwei ordentliche Hiebe in die Kinnlade gegeben und ihn bei den Zähnen, womit er biß, bis auf die Straße gezogen; dort hat er ihn erbarmungslos im Blute liegen lassen. Als Pieter de Roose geheilt war, ging er, weil er nicht einsam leben mochte, in das Vagevier, ein wahres Fegefeuer und elendes Wirtshaus, wo niemand sonst hinkommt als arme Leute. Auch dort ließ man ihn allein, sogar all die Lumpen. Und niemand sprach mit ihm, höchstens ein paar Bauern, die ihn nicht kannten, und etliche landstreichende Gauner oder weggelaufene Soldaten. Selbst dort wurde er zu mehrern Malen geprügelt, weil er ein Nörgler war. Als der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestede gekommen ist, hat sich Pieter de Roose wie ein Hund an sie herangemacht und hat ihnen Wein und Fleisch bezahlt und manch andres Vergnügen, das man um Geld kauft. So ist er ihr Gesell und Kamerad geworden und nahm nun all seine Schlechtigkeit zu Hilfe, um die zu verderben, die er verabscheute: und das waren alle Einwohner von Meulestede, aber sonderlich mein armer Bruder. Mit Michielken hat er angefangen. Falsche Zeugen, geldgierige Galgenvögel, haben erklärt, daß Michielken ein Ketzer sei, daß er im Wirtshaus zum Falken über Unsere Frau schändliche Reden geführt und manchmal den Namen Gottes und der Heiligen gelästert habe und daß er überdies gut dreihundert Gulden in einer Truhe verwahre. Ungeachtet daß die Zeugen keineswegs von einwandfreiem Lebenswandel waren, ist Michielken gegriffen worden; Spelle und seine Häscher haben die Verdachtsgründe für genügend befunden, um den Angeklagten der Folter zu unterwerfen. Michielken wurde mit den Armen an einen an der Decke angebrachten Kloben gehängt, und an jedem Fuße befestigte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er leugnete alles und sagte, wenn es in Meulestede einen Schurken, Sodomiten, Lästerer und Wüstling gebe, so sei das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und befahl seinen Häschern, Michielken bis zur Decke emporzuziehen und ihn mit Wucht herunterfallen zu lassen samt den Gewichten an den Füßen. Das taten sie und so grausam, daß ihm die Haut und die Muskeln der Knöchel rissen und die Füße kaum noch an den Beinen hafteten. Michielken blieb bei seiner Beteuerung, er sei unschuldig; Spelle ließ ihn von neuem foltern, gab ihm aber dabei zu verstehn, er werde ihn frei und ledig lassen, wenn er ihm hundert Gulden zahle. Michielken sagte, lieber wolle er sterben. Als die von Meulestede von der Gefangennahme und der Folter hörten, boten sie das Haufenzeugnis an, das alle unbescholtenen Einwohner einer Gemeinde ablegen. Einstimmig sagten sie, Michielken sei in keiner Weise ein Ketzer und gehe alle Sonntage zur Messe und an den großen Festen zum Tische des Herrn, er habe den Namen Unserer Frau niemals in den Mund genommen, außer um bei schwierigen Umständen ihre Hilfe zu erbitten, und es sei ganz ausgeschlossen, daß er über die himmlische Mutter Gottes jemals garstig gesprochen hätte, wo er so etwas nicht einmal über eine irdische Frau getan habe; was die Lästerungen betreffe, die die falschen Zeugen im Falken gehört zu haben behaupteten, so sei das lauter Falsch und Lüge. Michielken wurde freigelassen, die falschen Zeugen wurden bestraft, und Spelle zog Pieter de Roose vor sein Gericht; aber um hundert Gulden, die ihm sofort ausgezahlt wurden, entließ er ihn ohne Verhör und Folter. Pieter de Roose ist aus Angst, das Geld, das ihm geblieben war, könnte neuerlich die Aufmerksamkeit Spelles auf ihn lenken, aus Meulestede entflohen, während Michielken, mein armer Bruder, an dem Brande gestorben ist, der seine Füße befallen hat. Er, der mich nicht mehr hatte sehn wollen, hat mich doch vor seinem Tode gerufen, um mir zu sagen, ich solle mich hüten vor dem Feuer meines Leibes, das mich ins Höllenfeuer führen werde. Und ich habe nichts können als weinen; denn das Feuer ist in mir. Und er hat seine Seele in meinen Armen ausgehaucht. Ach, der, der den Tod meines teuern, süßen Michielken an Spelle rächte, der wäre mein Herr für die Ewigkeit, und ich gehorchte ihm wie eine Hündin!«   Während sie sprach, schlug die Asche Klaasens an Uilenspiegels Brust. Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, hangen müsse. Boelkin – so hieß das Mädchen – kehrte zurück nach Meulestede, wo sie sich nun in ihrem Häuschen vor der Rache Pieters de Roose sicher fühlte; denn ein Ochsentreiber, der durch Destelbergen gekommen war, hatte ihr erzählt, der Pfarrer und die Bürger hätten erklärt, daß sie Spelle vor den Herzog bringen würden, wenn er Michielkens Schwester antaste. Uilenspiegel, der ihr nach Meulestede gefolgt war, trat in ein niedriges Zimmer im Hause Michielkens. Dort sah er das Konterfei eines Pastetenbäckers; er aber vermutete, es sei das des Toten. Und Boelkin sagte zu ihm: »Das ist mein Bruder.« Uilenspiegel nahm das Konterfei und sagte im Weggehn: »Spelle wird gehenkt!« »Wie wirst du das ins Werk setzen?« sagte sie. »Wenn du es wüßtest,« sagte er, »hättest du kein Vergnügen daran, es geschehn zu sehn.« Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit trauriger Stimme: »Du hast kein Vertrauen zu mir.« »Heißt dir das nicht«, sagte er, »ein außerordentliches Vertrauen bezeigen, wenn ich dir sage: ›Spelle wird gehenkt!‹? Mit dem einen Wort allein kannst du mich an den Galgen bringen, vor ihm.« »Das ist wahr,« sagte sie. »Geh also«, sagte Uilenspiegel, »und hol mir guten Ton, eine Doppelkanne Braunbier, klares Wasser und ein paar Schnitten Rindfleisch. Aber bring es nicht durcheinander. Das Fleisch ist für mich, das Braunbier fürs Fleisch, das Wasser für den Ton und der Ton für das Konterfei.« Unter dem Essen und Trinken knetete Uilenspiegel den Ton; mehrmals schluckte er auch ein Stückchen davon, aber er achtete es nicht und blickte das Bild Michielkens mit unverwandter Aufmerksamkeit an. Als der Ton geknetet war, machte er daraus eine Maske, deren Nase, Mund, Augen und Ohren dem Konterfei des Toten so ähnlich waren, daß Boelkin staunte. Dann legte er die Maske in den Ofen. Als sie trocken war, bemalte er sie mit der Farbe der Leichen; in die Augen legte er einen unheimlichen Blick und in das schmerzliche Gesicht die verschiedenen Zuckungen eines Sterbenden. Das Mädchen staunte nicht mehr, sondern betrachtete die Maske, ohne einen Blick davon verwenden zu können, verfärbte sich und erbleichte, bedeckte sich das Gesicht und sagte schaudernd: »Er ists, mein armes Michielken!« Und er verfertigte auch zwei blutige Füße. Als sie den ersten Schrecken überwunden hatte, sagte sie: »Gebenedeit sei der, der den Mörder mordet.« Uilenspiegel nahm die Maske und die Füße und sagte: »Ich brauche einen Helfer.« Boelkin antwortete: »Geh in die Blauwe Gans zu Joost Lansaem von Ypern, der das Wirtshaus hält. Er war der beste Kamerad und Freund meines Bruders. Sag ihm, daß dich Boelkin schickt.« Uilenspiegel tat, was sie ihn hieß.   Wann der Profoß Spelle genug Todesarbeit getan hatte, ging er in den Valk, um dort heißen Dobbelen Klauwaart, gewürzt mit Zimt und Madeirazucker, zu trinken. Man getraute sich ihm in dieser Herberge nichts zu verweigern, aus Furcht vor dem Stricke. Pieter de Roose, der seinen Mut wiedergefunden hatte, war nach Meulestede zurückgekehrt. Überall folgte er Spelle und dessen Häschern, um sich durch sie beschützen zu lassen. Manchmal zahlte Spelle einen Trunk. Und lustig vertranken sie miteinander das Geld der Opfer. Die Herberge zum Falken war nicht mehr so besucht wie in den schönen Tagen, wo das Dörfchen, dem Herrgott gut katholisch dienend, in Freuden gelebt hatte und noch niemand um der Religion willen verfolgt worden war. Jetzt war es wie in Trauer mit den zahlreichen leeren oder verschlossenen Häusern in den verlassenen Straßen, wo nur etliche magere Hunde herumstrichen, um im Mist ihre verfaulte Nahrung zu suchen. Für niemand war mehr Platz in Meulestede als für die zwei Schurken. Die furchtsamen Bewohner des Dörfchens sahen sie bei Tag trotzig durch die Straßen ziehen, um die Häuser der zukünftigen Opfer zu bezeichnen und die Totenlisten festzustellen; und am Abend sahen sie sie, schmutzige Lieder singend, vom Falken heimkehren, während ihnen zwei so wie sie betrunkene Häscher, bis an die Zähne bewaffnet, als Schutzwache folgten.   Uilenspiegel ging in die Blauwe Gans zu Joost Lansaem, der an seinem Schenktische stand. Uilenspiegel zog ein Fläschchen Branntwein aus der Tasche und sagte zu ihm: »Boelkin hat davon zwei Faß zu verkaufen.« »Komm in meine Küche,« sagte der Baas. Dort schloß er die Tür und sah ihn prüfend an: »Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet dein Augenzwinkern? Wer bist du?« Uilenspiegel antwortete: »Ich bin der Sohn des Klaas, der in Damme verbrannt worden ist; die Asche des Toten schlägt an meine Brust: ich will Spelte töten, den Mörder.« »Ist es Boelkin, die dich schickt?« fragte der Wirt. »Boelkin schickt mich,« antwortete Uilenspiegel. »Ich werde Spelle töten; du wirst mir helfen.« »Ich will es,« sagte der Baas; »was heißt es tun?« Uilenspiegel antwortete: »Du gehst zum Pfarrer, zu dem guten Hirten, dem Feinde Spelles. Du versammelst deine Freunde und gehst mit ihnen morgen nach der Feierglocke in die Evergemische Straße, an Spelles Haus vorbei, und stellst dich mit ihnen zwischen dem Falken und dem Hause auf. Ihr werdet euch allesamt im Schatten halten und keine lichte Kleidung anhaben. Schlag zehn Uhr wirst du sehn, wie Spelle das Wirtshaus verläßt und wie von der andern Seite her ein Karren kommt. Benachrichtige deine Freunde noch nicht heute abend; sie schlafen zu nahe dem Ohr ihrer Frauen. Such sie erst morgen auf. Kommt, horcht auf alles und behaltet es wohl im Gedächtnis.« »Wir werden alles behalten,« sagte Joost. Und er hob seinen Becher: »Ich trinke auf den Strick für Spelle.« »Auf den Strick,« sagte Uilenspiegel. Dann trat er mit dem Baas ins Schenkzimmer zurück, wo einige Genter Trödler zechten, die vom Samstagsmarkte in Brügge zurückkamen; dort hatten sie um schweres Geld goldgestickte Mäntel und Wämser verkauft, die sie um ein paar Groschen von abgehausten Edelleuten eingehandelt hatten, welche durch ihren Aufwand den Spaniern hatten nachahmen wollen. Und nun schlemmten und demmten sie wegen des guten Geschäftes. Uilenspiegel und Joost Lansaem saßen trinkend in einem Winkel; ohne gehört zu werden, besprachen sie sich, daß Joost vorerst zum Pfarrer gehn sollte, zu dem guten Hirten, der über Spelle, den Mörder der Unschuldigen, erbost war; dann erst sollte er seine Freunde aufsuchen. Am nächsten Tage verließen Joost Lansaem und die von ihm verständigten Freunde Michielkens beim Klange der Feierglocke die Blauwe Gans, wo sie, wie gewöhnlich und um keinen Verdacht zu erregen, geschöppelt hatten; sie schlugen verschiedene Wege ein und kamen in die Evergemische Straße. Sie waren ihrer siebenzehn. Um zehn Uhr ging Spelle aus dem Falken weg, hinter ihm seine beiden Häscher und Pieter de Roose. Lansaem und seine Leute waren in der Scheuer Samson Boones, eines Freundes Michielkens, versteckt. Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn vorbeigehn, wackelnd vom Trunk ebenso wie Pieter de Roose und seine beiden Häscher; und er sagte mit teigichter Stimme, die oft durch Rülpser unterbrochen war: »Profoßen, Profoßen! Ihr Leben ist schön auf dieser Welt! Stützt mich, ihr Galgenvögel, die ihr von meinen Abfällen lebt.« Plötzlich hörte man auf der Straße von der Seite des freien Feldes her das Brüllen eines Esels und das Klatschen einer Peitsche. »Aha,« sagte Spelle, »ein widerspenstiges Grauchen, das nicht vorwärts will trotz dieser hübschen Aufmunterung.« Plötzlich hörte man starkes Rädergeknarre und die Sprünge eines Karrens, der die Straße herunterkam. »Haltet ihn auf!« schrie Spelle. Als der Karren bei ihnen vorbeikam, warfen sich Spelle und seine zwei Häscher dem Esel in die Zügel. »Der Karren ist leer,« sagte der eine Häscher. »Dummkopf,« sagte Spelle, »seit wann laufen die leeren Karren in der Nacht herum, ganz allein? In dem Karren ist einer, der sich verbirgt; zündet die Laternen an, hebt sie, ich will nachsehn.« Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg, die seinige in der Hand, auf den Karren; aber kaum hatte er einen Blick hineingetan, als er einen mächtigen Schrei ausstieß und nach rückwärts niederschlug: »Michielken! Michielken! Jesus, hab Erbarmen mit mir!« Nun erhob sich im Karren ein Mann, weiß gekleidet wie die Pastetenbäcker, der in beiden Händen blutige Füße hielt. Als Pieter de Roose den Mann sich erheben sah, beleuchtet von den Laternen, schrie er ebenso wie die beiden Häscher: »Michielken! Michielken, der Verstorbene! Herr, hab Erbarmen mit uns!« Auf den Lärm kamen die siebenzehn herbei, um das Schauspiel zu betrachten; und sie waren entsetzt, beim Mondenschein zu sehn, wie ähnlich das Bild Michielkens, des armen Toten, war. Und das Gespenst bewegte die blutigen Füße. Es war ganz sein volles und rundes Gesicht, nur todesbleich, drohend, blau angelaufen und unter dem Kinn von den Würmern zerfressen. Und das Gespenst, das immerfort die blutigen Füße bewegte, sagte zu Spelle, der wimmernd auf dem Rücken lag: »Spelle, Profoß Spelle, steh auf!« Aber Spelle rührte sich nicht. »Spelle,« sagte von neuem das Gespenst, »Profoß Spelle, steh auf, oder du mußt mit mir hinunter in den gähnenden Höllenschlund.« Spelle erhob sich und schrie, die Haare vor Angst, gesträubt: »Michielken, Michielken! Hab Erbarmen!« Die Bürger waren näher gekommen, aber Spelle sah nichts als die Laternen, die ihn Augen von Teufeln deuchten. So hat er später bekannt. »Spelle,« sagte das Gespenst Michielkens, »bist du vorbereitet auf den Tod?« »Nein,« antwortete der Profoß, »nein, Herr Michielken, ich bin nicht vorbereitet und will nicht vor Gott treten mit meiner sündenschwarzen Seele.« »Du erkennst mich?« sagte das Gespenst. »Gott sei mir gnädig,« antwortete Spelle; »ja, ich erkenne Euch: Ihr seid das Gespenst von Michielken, dem Pastetenbäcker, der unschuldig gestorben ist in seinem Bette an den Folgen der Folter, und die zwei blutigen Füße sind die, an deren jeden ich ein Gewicht von fünfzig Pfund habe hängen lassen. Ha, Michielken, verzeiht mir, dieser Pieter de Roose war der Verführer; er hat mir fünfzig Gulden geboten, damit ich Euern Namen in das Verzeichnis setze, und ich habe sie genommen.« »Du willst beichten?« sagte das Gespenst. »Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber habt die Gnade, entfernt diese Teufel da, die mich verschlingen wollen. Ich will alles sagen. Nehmt diese Feueraugen weg! Ich habe dasselbe in Tournai getan mit fünf Bürgern; ebenso in Brügge mit vieren. Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich will sie Euch sagen, wenn Ihrs verlangt. Auch anderswo hab ich gesündigt, Herr, und mein Werk ists, daß neunundsechzig Unschuldige in der Grube liegen. Michielken, dem König hats an Geld gebrochen. Das hat man mich wissen lassen, aber auch mir hats daran gebrochen. Es ist in Gent, im Keller, unter den Fliesen, bei der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles, Gnade und Erbarmen! Nehmt die Teufel weg! Herr Gott, Jungfrau Maria, Jesus, sprecht für mich; entfernt die Höllenfeuer: ich will alles verkaufen und alles den Armen geben und Buße tun.« Da Uilenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm zur Seite zu stehn, sprang er vom Wagen herab, Spelle an die Gurgel, und wollte ihn erwürgen. Aber der Pfarrer trat hinzu: »Laßt ihn leben; es ist besser, daß er durch den Strick des Henkers stirbt als unter den Fingern eines Gespenstes.« »Was wollt Ihr mit ihm tun?« fragte Uilenspiegel. »Ihn vor dem Herzog anklagen und ihn henken lassen,« antwortete der Pfarrer. »Aber wer bist du?« »Ich bin«, antwortete Uilenspiegel, »die Maske Michielkens und spiele den armen vlämischen Fuchs, der sich vor den spanischen Jägern in seinen Bau zurückzieht.« Inzwischen war Pieter de Roose Hals über Kopf entflohen. Und Spelle wurde gehenkt; sein Gut wurde eingezogen. Und der König erbte. XXXIII Am nächsten Tage zog Uilenspiegel längs der Lys, dem klaren Wasser, auf Courtrai. Lamme stapfte trübselig nebenher. Uilenspiegel sagte zu ihm: »Du wimmerst schon wieder, du Schlaffherz, um deine Frau, die dir die Hörnerkrone der Hahnreischaft aufgesetzt hat.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »sie war mir immer treu und hat mich sehr geliebt, so wie ich sie zu sehr geliebt habe, mein süßer Jesus. Eines Tages war sie in Brügge und ist verändert zurückgekommen. Von da an hat sie mir, wann ich sie um Liebe gebeten habe, geantwortet: ›Ich darf mit dir nur leben wie eine Freundin, anders nicht.‹ Dann habe ich traurigen Herzens zu ihr gesagt: ›Geliebter Engel, wir sind verheiratet vor Gott. Habe ich nicht alles für dich getan, was du wolltest? Habe ich nicht oft schon ein schwarzes Leinenwams und einen Barchentmantel getragen, um dich, trotz den königlichen Verordnungen, in Seide und Brokat zu sehn? Mein Engel, wirst du mich nicht mehr lieben?‹ ›Ich liebe dich,‹ hat sie dann gesagt, ›wie Gott es will und seine Gesetze, wie es die heilige Lehre verlangt und die heilige Buße. Dabei will ich dir aber eine tugendhafte Gefährtin bleiben.‹ ›Ich kümmere mich nicht um deine Tugend,‹ habe ich geantwortet; ›dich will ich, dich, meine Frau.‹ Aber sie hat den Kopf geschüttelt: ›Ich weiß, daß du gut bist: du hast bis heute den Koch gemacht, um mir die Arbeit am Herde zu ersparen, du hast unsere Laken, Krausen und Hemden geplättet, weil das Eisen zu schwer ist für mich, du hast unser Weißzeug gewaschen und hast das Haus und die Straße gefegt, um mich mit jeder Mühe zu verschonen. Von nun an will ich an deiner Statt arbeiten, aber sonst nichts, Mann.‹ ›Das ist mir alles eins,‹ habe ich geantwortet, ›ich bleibe, so wie bisher, auch fortan deine Kammermagd, deine Plätterin, deine Köchin, deine Wäscherin, dein unterwürfiger Sklave; aber, Weib, trenne nicht die beiden Herzen und Leiber, die eins waren, und zerreiß nicht das süße Liebesband, das uns so zärtlich umschlungen hat.‹ ›Es muß sein,‹ hat sie geantwortet. ›Ach,‹ habe ich gesagt, ›war es zu Brügge, daß du diesen harten Entschluß gefaßt hast?‹ Sie hat geantwortet: ›Ich habe vor Gott und den Heiligen geschworen.‹ ›Wer hat dich denn‹, habe ich geschrien, ›zu dem Schwur gezwungen, daß du deine Pflichten als Gattin nicht mehr erfüllen wirst?‹ ›Der,‹ hat sie gesagt, ›der den Geist Gottes hat und mich einreiht in die Zahl seiner Büßerinnen.‹ Von diesem Augenblicke an weigerte sie sich, mein zu sein, als ob sie die treue Gattin eines andern gewesen wäre. Ich flehte sie an, ich quälte sie, ich drohte ihr, ich weinte, und ich bat sie. Alles eitel. Als ich eines Abends von Blankenberge, wo ich gewesen bin, um den Zins eines Pachtgutes einzunehmen, zurückgekehrt bin, habe ich das Haus leer gefunden. Sicherlich ist meine Frau geflohen, weil sie meiner Bitten müde und über meinen Kummer ärgerlich und betrübt war. Wo ist sie jetzt?« Und Lamme setzte sich an das Ufer der Lys und starrte mit gesenktem Kopfe ins Wasser. »Ach,« sagte er, »meine Liebste, wie feist, zart und lieblich warst du! Werde ich jemals ein Hühnchen finden wie dich? Du Fleischtopf der Liebe, soll ich dich nicht mehr verkosten? Wo sind deine Küsse, duftend wie der Thymian, dein reizender Mund, wo ich die Wonnen einheimste wie die Biene den Honig auf der Rose, deine weißen Arme, die mich kosend umschlangen? Wo ist dein klopfendes Herz, wo dein runder Busen und wo das schmachtende Zittern deines liebeatmenden Feenkörpers? Aber wo sind deine alten Wellen, frischer Fluß, der du die neuen so fröhlich im Sonnenlichte dahinrollst?« XXXIV Als sie an dem Busche von Petegem vorbeizogen, sagte Lamme zu Uilenspiegel: »Ich brate, suchen wir den Schatten auf.« »Suchen wir ihn auf,« antwortete Uilenspiegel. Sie setzten sich im Wald ins Gras und sahen ein Rudel Hirsche vorbeikommen. »Gib gut acht, Lamme,« sagte Uilenspiegel, indem er seine deutsche Arkebuse lud. »Sieh die großen alten Hirsche, die noch ihre Geilen haben und ihr achtzehnendiges Geweih kühnlich tragen; sieh die hübschen Spießer, ihre Knappen, die ihnen zur Seite traben, stets bereit, ihnen mit ihrem scharfendigen Gestänge zu dienen. Sie gehn zu ihrem Lagerplatze. Dreh das Rad der Arkebuse, wie ich es tu. Schieß. Der alte Hirsch ist verwundet. Ein Spießer ist am Schenkel getroffen; er flieht. Folgen wir ihm, bis er fällt. Tu wie ich, lauf, spring und flieg.« »Da sieht man meinen närrischen Freund,« sagte Lamme; »hinter laufenden Hirschen ist er her. Flieg nicht ohne Flügel, es ist verlorene Müh. Du erwischst sie nicht. Ach, der grausame Gesell! Glaubst du, ich bin so behend wie du? Ich schwitze, mein Sohn; ich schwitze, und werde sofort daliegen. Wenn dich der Förster ertappt, wirst du gehenkt. Hirsche sind Königswild; laß sie laufen, mein Sohn, du erwischst sie nicht.« »Komm,« sagte Uilenspiegel. »Hörst du, wie sein Gestänge die Äste knackt? Wie der Wind saust er dahin. Siehst du, wie die jungen Zweige gebrochen sind, wie das Laub den Boden bedeckt? So, nun hat er noch eine Kugel im Schenkel; wir werden ihn essen.« »Er ist noch nicht gebraten,« sagte Lamme. »Laß die armen Tiere laufen. Ach, wie heiß ist mir! Sicherlich falle ich und stehe nicht wieder auf.« Plötzlich füllte sich der Forst von allen Seiten mit zerlumpten und bewaffneten Männern. Ihre Hunde bellten und warfen sich auf die Fährte der Hirsche. Vier Männer mit wilden Gesichtern umringten Lamme und Uilenspiegel und führten sie auf eine Lichtung mitten im Gestrüppe; dort sahen sie in einem Lager von Frauen und Kindern zahlreiche Männer, verschiedentlich bewaffnet mit Schwertern, Armbrüsten, Arkebusen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen. Als sie Uilenspiegel sah, sagte er zu ihnen: »Seid ihr Buschklepper oder Waldbrüder, daß ihr hier, wie es scheint, in Gemeinschaft lebt, um der Verfolgung zu entgehn?« »Wir sind Waldbrüder,« antwortete ein Greis, der beim Feuer saß und ein paar Vögel in einer Pfanne schmorte. »Aber wer bist du?« »Ich bin«, antwortete Uilenspiegel, »aus dem schönen Lande Flandern, Maler, Bauer, Edelmann, Bildner, alles miteinander. Und ich wandere also durch die Welt, preisend das Schöne und Gute, über die Dummheit spottend mit vollem Munde.« »Wenn du so viele Länder gesehn hast,« sagte der alte Mann, »mußt du Schild ende Vriend, Schild und Freund, so aussprechen können, wie die von Gent; sonst bist du ein falscher Vlame und mußt sterben.« Uilenspiegel sprach es aus: »Schild ende Vriend.« »Und du, Schmerbauch,« fragte der alte Mann Lamme, »was ist dein Geschäft?« Lamme antwortete: »Zu verzehren, was ich habe, Ländereien, Pachtgüter, Meierhöfe und Einkünfte, meine Frau zu suchen und meinem Freund Uilenspiegel allerorten zu folgen.« »Wenn du so weit gereist bist,« sagte der alte Mann, »so ist dir sicherlich nicht unbekannt, wie die von Weert in Limburg genannt werden?« »Ich weiß es nicht,« antwortete Lamme; »aber könnt Ihr mit nicht den Namen des nichtsnutzigen Schuftes sagen, der mir meine Frau von daheim vertrieben hat? Gebt ihn mir, ich bringe ihn auf der Stelle um.« Der alte Mann antwortete: »Zwei Dinge gibts auf der Welt, die nimmer wiederkommen, wenn sie gegangen sind: das Geld, das ausgegeben ist, und eine verdrossene Frau, die entflogen ist.« Dann sagte er zu Uilenspiegel: »Weißt du, wie die von Weert in Limburg genannt werden?« »Die Rogstekers, die Rochenbeschwörer,« antwortete Uilenspiegel. »Eines Tages war nämlich ein lebendiger Roche von dem Karren eines Fischers heruntergefallen, und die alten Weiber, die seine Sprünge sahen, hielten ihn für den Teufel; sie sagten: ›Gehn wir zum Pfarrer, damit er den Rochen beschwöre.‹ Der Pfarrer beschwor ihn, schleppte ihn weg und briet ihn zu Ehren derer von Weert. Also mache es Gott mit dem Blutkönig.« Inzwischen hallte das Kläffen der Hunde im Forste wider. Bewaffnete Männer durchliefen den Busch und schrien, um das Wild zu schrecken. »Es ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,« sagte Uilenspiegel. »Wir werden sie verspeisen,« sagte der alte Mann. »Aber wie heißen die von Eindhoven in Limburg?« »Die Pinnemakers, die Riegelmacher,« antwortete Uilenspiegel. »Als einmal der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Möhre; nun hackten die Gänse mit gierigem Schnabel in die Möhre und fraßen sie, und der Feind drang in Eindhoven ein. Das aber werden Eisenschnäbel sein, die die Riegel der Gefängnisse, wo man das freie Gewissen einsperren will, fressen werden.« »Wenn Gott mit uns ist, wer wird wider uns sein?« antwortete der alte Mann. Uilenspiegel sagte: »Hundegebell, Menschengebrüll und Ästegekrach: es ist ein Wetter im Forste.« »Ist das ein gutes Fleisch, das Hirschfleisch?« fragte Lamme, indem er die dampfenden Gerichte betrachtete. »Die Schreie der Hetzer nähern sich,« sagte Uilenspiegel zu Lamme; »die Hunde sind ganz nahe. Was für ein Donner! Der Hirsch! Der Hirsch! Gib acht, mein Sohn! Pfui über das häßliche Tier, jetzt hat es meinen dicken Freund umgerannt, mitten unter die Pfannen, Pfännchen, Kessel, Töpfe und Fleischbrocken. Die Frauen und Mädchen laufen davon, verrückt vor Schrecken. Du blutest, mein Sohn?« »Du lachst, Taugenichts,« sagte Lamme. »Ja, ich blute, er ist mir mit seinem Geweih ins Sitzfleisch gefahren. Da, schau, meine Hosen sind zerfetzt, das Fleisch auch, und das ganze schöne Essen liegt auf der Erde. Ich verliere mein ganzes Blut in die Hosen.« »Der Hirsch ist ein vorsichtiger Arzt; er rettet dich vor dem Schlagflusse,« antwortete Uilenspiegel. »Pfui über dich herzlosen Taugenichts,« sagte Lamme. »Aber ich gehe nicht mehr mit dir. Ich bleibe hier bei diesen wackern Männern und wackern Frauen. Kannst du, ohne dich zu schämen, so hart sein bei meiner Kümmernis, wo ich dir auf den Fersen folge wie ein Hund, durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind, und mir, wann es heiß ist, die Seele aus der Haut schwitze?« »Deine Verwundung ist ja nichts. Leg ein Oliekoekje auf, das wird ein Backpflaster sein. Aber weißt du, wie man die von Löwen nennt? Du weißt es nicht, armer Freund. Gut, ich will dirs sagen, damit du zu wimmern aufhörst. Man nennt sie Koelienschieters, Küheschießer, weil sie eines Tages albern genug waren, auf Kühe zu schießen, die sie für feindliche Soldaten hielten. Was uns betrifft, wir schießen auf die spanischen Böcke: das Fleisch ist zwar stinkend, aber die Haut taugt zu Trommelfellen. Und die von Thienen? Du weißt es? Auch nicht? Sie tragen den glorreichen Beinamen Kwekkers; denn bei ihnen fliegt am Pfingsttag in der großen Kirche eine Ente vom Chore auf den Altar, und das ist das Bild ihres Heiligen Geistes. Leg einen Heetekoek auf deine Wunde. Du hebst, ohne ein Wort zu sagen, alles auf, was der Hirsch umgeworfen hat, die Kessel samt dem Fleische. Das ist der Mut der Küche. Du zündest das Feuer wieder an, du stellst den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und nimmst dich mit ehrlichem Eifer ums Kochen an. Weißt du, wieso in Löwen vier Wunder sind? Nein. Ich will dirs sagen. Erstens, weil die Lebenden unter den Toten gehn; die Michaeliskirche steht nämlich unten beim Stadttor, und ihr Friedhof ist daher oben auf dem Walle. Zweitens, weil die Glocken außerhalb der Türme sind, wie man bei der Jakobskirche beobachten kann, wo es eine große Glocke und eine kleine Glocke gibt: die kleine hat man im Turme nicht mehr unterbringen können, hat sie daher außen angebracht. Drittens, wegen des Altars außerhalb der Kirche, weil die Vorderseite von St. Jakob einem Altar ähnelt. Viertens, wegen des Turmes ohne Nägel; denn die Spitze von St. Gertrud ist aus Stein statt aus Holz, und man nagelt die Steine nicht, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, das ich am liebsten über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Aber du hörst mich nicht. Ist kein Salz in den Tunken? Weißt du, warum die von Dendermonde Wärmpfannen heißen, Vierpannen? Dort hat einmal im Winter ein junger Prinz in dem Gasthaus zum Wappen von Flandern übernachtet, und der Wirt wußte nicht, wie die Bettücher wärmen, weil er keine Pfanne hatte; endlich ließ er das Bett durch seine junge Tochter wärmen. Als die den Prinzen kommen hörte, entfloh sie in hellem Laufe, und der Prinz fragte, warum man ihm die Wärmpfanne nicht gelassen habe. Gott gebe es; daß Philipp, eingeschlossen in eine Kapsel aus rotem Eisen, als Wärmpfanne diene für das Bett der Frau Astarte.« »Laß mich in Ruhe,« sagte Lamme; »ich schere mich den Kuckuck um dich, die Vierpannen, den Turm ohne Nägel und den andern Krimskram. Laß mich bei meinen Tunken.« »Gib acht,« sagte Uilenspiegel, »das Gekläff hallt noch immer – es wird stärker – die Hunde heulen – das Horn schmettert. Gib acht auf den Hirsch. Du reißt aus. Das Horn schmettert.« »Das ist das Jägerrecht,« sagte der alte Mann. »Komm zurück, Lamme, zu deinem Kochen; der Hirsch ist tot.« »Das wird uns ein gutes Mahl sein,« sagte Lamme. »Ihr werdet mich doch zum Schmause einladen zum Dank für die Mühe, die ich mir um euch gebe. Die Tunke der Wachteln wird gut sein, wenn sie auch ein wenig prasselt; das kommt aber daher, weil sie in den Sand gefallen sind, als mir der große Teufel von einem Hirsch das Wams samt dem Fleisch zerfetzt hat. Aber habt ihr keine Angst vor den Förstern?« »Wir sind zu zahlreich,« sagte der alte Mann; »sie haben Furcht und beunruhigen uns nicht. Ebenso ist es mit den Häschern und den Richtern. Die Bewohner der Ortschaften haben uns gern, weil wir ihnen nichts zuleide tun. Wir werden noch eine Zeit in Frieden leben, wenigstens so lang, bis uns das spanische Heer umzingelt. Wenn das geschieht, so werden wir alle, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen und Kinder, unser Leben teuer verkaufen und lieber einander töten, als unter der Hand des Blutherzogs tausend Martern zu erleiden.« Uilenspiegel sagte: »Jetzt hat es keinen Sinn mehr, den Henker zu Lande zu bekämpfen; es ist das Meer, wo seine Kraft gebrochen werden muß. Zieht über Brügge, Heist und Knokke gegen die Inseln von Seeland.« »Wir haben kein Geld,« sagten sie. Uilenspiegel antwortete: »Da sind tausend Karlsgulden vom Prinzen. Haltet euch an die Wasserläufe, Kanäle, Flüsse und Ströme. Wenn ihr Schiffe seht, die das Zeichen J-H-S tragen, sott einer von euch trillern wie die Leiche; das Geschmetter des Hahns wird ihm antworten. Und ihr werdet bei Freunden sein.« »Wir werden es tun,« sagten sie. Bald erschienen die Jäger, begleitet von ihren Hunden; sie zogen den toten Hirsch an Stricken nach. Nun setzten sich alle rund ums Feuer. Es waren gut ihrer sechzig, Männer, Weiber und Kinder. Das Brot wurde aus der Tasche gezogen, die Messer aus den Scheiden; der Hirsch wurde zerstückelt, abgedeckt, ausgeweidet und zugleich mit kleinerm Wildbret an den Spieß gesteckt. Als das Essen zu Ende war, sah man Lamme, mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt und den Kopf auf der Brust, schnarchend schlafen. Als der Abend einfiel, zogen sich die Waldbrüder in ihre Schlupfwinkel unter der Erde zurück, um zu schlafen; ebenso taten Lamme und Uilenspiegel. Bewaffnete Männer bewachten das Lager; und Uilenspiegel hörte das trockene Laub unter ihren Füßen rascheln. Am Morgen brach er mit Lamme auf, und die im Lager sagten zu ihm: »Gesegnet seist du, wir ziehen an die See.« XXXV In Harlebeke erneuerte Lamme seinen Vorrat an Oliekoekjes; siebenundzwanzig aß er und dreißig steckte er in seinen Korb. Uilenspiegel trug seine Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie nach Courtrai und kehrten in der Biene ein, bei Gillis Vanden Ende, der auf den Triller der Lerche sofort zur Tür gekommen war. Dort waren sie versorgt und aufgehoben. Der Wirt übergab Uilenspiegel, nachdem er die Briefe des Prinzen gesehn hatte, fünfzig Karlsgulden für den Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen vorsetzte, noch für den Klauwaart, der diese befeuchtete, eine Bezahlung annehmen. Auch warnte er Uilenspiegel vor den Spionen des Blutrates, die in Courtrai seien, und empfahl ihm, seine Zunge und die seines Gesellen im Zaume zu halten. »Wir werden uns daran halten,« sagten Uilenspiegel und Lamme. Und sie verließen das Wirtshaus. Die sinkende Sonne vergoldete die Giebel der Häuser, die Vögel sangen unter den Linden, die Weiber klatschten auf der Schwelle ihrer Türen, die Kinder kugelten sich im Staube, und Uilenspiegel und Lamme strichen auf gut Glück durch die Straßen. Plötzlich sagte Lamme: »Martin Vanden Ende, den ich gefragt habe, ob er nicht eine Frau, die der meinigen ähnlich sei, gesehn habe – ich habe ihm mein Herzlieb geschildert – hat mir gesagt, daß sich bei der Stevenijne im Regenbogen, an dem Brüggeschen Steinweg außerhalb der Stadt, allabendlich Frauen in großer Zahl versammeln. Ich gehe augenblicklich hin.« »Ich werde dich alsbald dort treffen,« sagte Uilenspiegel. »Ich will die Stadt abgehn; wenn ich deiner Frau begegne, schicke ich sie dir sofort. Du weißt, daß dir der Baas empfohlen hat, zu schweigen, wenn dir deine Haut lieb ist.« »Ich werde schweigen,« sagte Lamme. Uilenspiegel schlenderte dahin; die Sonne sank, und der Abend brach rasch herein. Uilenspiegel kam in das Pierpotstraatje, in die Steintopfgasse. Dort hörte er liebliche Geigenklänge; als er dem Schalle nachging, sah er von weitem eine weiße Gestalt, die ihn lockte und ihn floh und immerfort Geige spielte. Und sie sang, wie ein Seraph, ein süßes, lindes Lied; sie blieb stehn, wandte sich um, lockte ihn und floh ihn immer. Aber Uilenspiegel lief schnell; schon war er bei ihr und wollte zu ihr sprechen, als sie ihm die von Benzoe duftende Hand auf den Mund legte: »Bist du ein Bauer oder ein Edelmann?« »Ich bin Uilenspiegel.« »Bist du reich?« »Genug, um ein großes Vergnügen bezahlen zu können, nicht genug, um meine Seele loszukaufen.« »Hast du kein Pferd, daß du zu Fuß gehst?« »Ich habe einen Esel,« sagte Uilenspiegel, »aber ich habe ihn im Stalle gelassen.« »Wieso bist du allein, ohne Freund, in einer fremden Stadt?« »Weil sich mein Freund, geradeso wie ich, auf eigene Faust herumtreibt, reizende Neugierige.« »Ich bin nicht neugierig,« sagte sie. »Ist er reich, dein Freund?« »An Fett,« antwortete Uilenspiegel. »Bist du bald fertig mit dem Ausfragen?« »Ich bin fertig,« sagte sie; »laß mich jetzt.« »Dich lassen?« sagte er. »Ebensogut könnte man von Lamme, wann er Hunger hat, verlangen, er solle eine Schüssel Ammern lassen. Ich will dich aufessen.« »Du hast mich noch nicht gesehn,« sagte sie. Eine Laterne, die sie plötzlich öffnete, bestrahlte hell ihr Gesicht. »Du bist schön,« sagte Uilenspiegel. »Ha, die goldene Haut, die süßen Augen, der rote Mund, der reizende Körper! Alles wird mein sein!« »Alles,« sagte sie. Sie führte ihn zur Stevenijne, in den Regenboog an dem Brüggeschen Steinweg. Uilenspiegel sah dort eine große Menge Mädchen, die an den Armen Rädchen trugen von anderer Farbe als ihre Barchentkleider. Sein Mädchen trug ein Rädchen aus Silberstoff auf einem Kleide aus Goldstoff. Und alle andern betrachteten sie eifersüchtig. Beim Eintreten gab sie der Bazinne ein Zeichen, aber Uilenspiegel sah es nicht; sie setzten sich zu zweit nieder und tranken. »Weißt du,« sagte sie, »daß, wer mich geliebt hat, für immer mein ist?« »Duftendes Schätzchen,« sagte Uilenspiegel, »das wäre mir ein wonniges Schmausen, immerdar dein Fleisch zu genießen.« Plötzlich bemerkte er in einem Winkel Lamme, der ein Tischchen mit einem Lichte, mit einem Schinken und mit einer Kanne Bier vor sich hatte und sich keinen Rat wußte, wie Schinken und Bier vor zwei Mädchen verteidigen, die durchaus mit ihm essen und trinken wollten. Als Lamme seinen Gesellen bemerkte, streckte er sich und sprang drei Fuß hoch in die Luft; er schrie: »Gott sei Dank, daß er mir meinen Freund Uilenspiegel wiedergibt! Zu trinken, Bazinne!« Uilenspiegel zog seine Börse und sagte: »Zu trinken, bis nichts mehr drin ist!« Und er ließ seine Gulden klingen. »Potzdautz!« rief Lamme, indem er ihm geschickt die Börse aus der Hand nahm, »ich bin es, der zahlt, und nicht du; diese Börse ist mein.« Uilenspiegel wollte sie ihm gewaltsam entreißen, aber Lamme hielt sie fest. Während sie miteinander darum rangen, raunte Lamme Uilenspiegel abgerissene Worte zu: »Horch ... Häscher hier ... vier ... in einer Kammer mit drei Mädchen ... Zwei draußen für dich, für mich ... Habe weggehn wollen ... verhindert ... Das Mädchen in Brokat eine Spionin ... eine Spionin die Stevenijne.« Unter dem Ringen schrie Uilenspiegel, der aufmerksam lauschte: »Gib mir meine Börse wieder, Nichtsnutz!« »Du bekommst sie nicht,« sagte Lamme. Und sie faßten sich am Hals und an den Schultern und wälzten sich auf dem Boden, während Lamme Uilenspiegel die Warnung erteilte. Plötzlich trat der Baas von der Biene ein und hinter ihm sieben Männer, die ihm völlig unbekannt zu sein schienen. Er krähte wie der Hahn, und Uilenspiegel trillerte wie die Lerche. Als er Uilenspiegel und Lamme raufen sah, fragte er die Stevenijne: »Wer sind die zwei?« Die Stevenijne antwortete: »Taugenichtse, die man lieber trennen sollte, als ihnen gestatten, hier einen solchen Heidenlärm zu verführen, bevor sie an den Galgen gehn.« »Es soll sich nur einer getrauen, uns zu trennen,« sagte Uilenspiegel; »der muß die Fliesen fressen.« »Ja, der muß die Fliesen fressen,« sagte Lamme. »Der Baas kommt uns retten,« sagte Uilenspiegel Lamme ins Ohr. Der Baas, der hinter ihrem Gebaren ein Geheimnis vermutete, stürzte sich mit dem Kopf voran zwischen sie. Lamme flüsterte ihm ins Ohr: »Du uns retten? Wieso?« Der Baas zog Uilenspiegel scheinbar ernsthaft bei den Ohren und flüsterte ihm zu: »Sieben für dich ... starke Männer, Metzger... Ich gehe ... zu bekannt in der Stadt ... Wenn ich weg bin, is 't tijd van te beven den klinkaart ... Alles zusammenschlagen ...« »Ja,« sagte Uilenspiegel, indem er ihn abschüttelte und ihm einen Fußtritt gab. Der Baas schlug zurück. Und Uilenspiegel sagte zu ihm: »Deine Patschen prasseln tüchtig nieder, du Wanst.« »Wie Hagel,« sagte der Baas; und zugleich schnappte er Lamme die Börse aus der Hand und gab sie Uilenspiegel. »Da, Kerl,« sagte er, »zahl mir jetzt etwas zu trinken, weil du dein Eigentum wieder hast.« »Du wirst zu trinken bekommen, schändlicher Taugenichts,« antwortete Uilenspiegel. »Wie frech er ist,« sagte die Stevenijne. »So wie du hübsch, mein Schätzchen,« antwortete Uilenspiegel. Nun war die Stevenijne gut sechzig Jahre alt und hatte ein Gesicht wie eine Mispel, aber ganz gelb von galligem Zorne. Mitten drin war eine Nase wie der Schnabel eines Uhus. Ihre Augen waren die Augen eines lieblosen Geizigen. Zwei lange Hakenzähne ragten über die dünnen Lippen. Auf der linken Wange hatte sie ein großes Feuermal. Die Mädchen verspotteten sie lachend und sagten: »Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken.« – »Er wird dich umarmen.« – »Ist es schon lange her seit deiner ersten Liebesnacht?« – »Gib acht, Uilenspiegel, sie wird dich fressen.« – »Schau, ihre Augen, sie blinken, nicht vor Haß, nein, vor Liebe.« – »Man möchte sagen, sie wird dich zu Tode beißen.« – »Hab keine Angst; so tun alle verliebten Frauen.« – »Sie will nur dein Bestes.« – »Sieh, wie aufgeräumt sie ist.« Und wirklich lachte die Stevenijne und blinzelte Gillinen zu, der Dirne im Brokatgewande. Der Baas trank aus, bezahlte und ging. Die sieben Metzger schnitten den Häschern und der Stevenijne Fratzen zum Zeichen des Einverständnisses. Einer von ihnen gab durch Gebärden zu verstehn, daß er Uilenspiegel für einen Dummkopf halte und ihn ordentlich hineinlegen wolle. Indem er höhnisch auf ihn die Zunge reckte, so daß es die Stevenijne sehn mußte, die lachend ihre Hakenzähne zeigte, sagte er ihm ins Ohr: »'t Is van te beven den klinkaart.« Dann mit ganz lauter Stimme, auf die Häscher weisend: »Lieber Reformierter, wir stehn alle zu dir; zahl uns zu trinken und zu essen.« Und die Stevenijne lachte vor Vergnügen und reckte auch die Zunge auf Uilenspiegel, wann er ihr den Rücken wandte. Und Gilline, die mit dem Brokatkleide, reckte ebenso ihre Zunge. Und die Mädchen sagten leise: »Diese Spionin, die mit ihrer Schönheit mehr als siebenundzwanzig Reformierte zu grausamer Folter und zu noch grausamerm Tode geführt hat, diese Gilline ist außer sich vor Freude, wenn sie an die Belohnung für ihre Angeberei denkt – die ersten hundert Karlsgulden aus dem Nachlasse der Opfer; aber sie lacht nicht, wenn sie daran denkt, daß sie sie mit der Stevenijne teilen muß.« Und alle, Häscher, Metzger und Mädchen, streckten die Zunge heraus, um sich über Uilenspiegel lustig zu machen. Und Lamme schwitzte dicke Tropfen und war rot vor Zorn wie ein Hahnenkamm; aber er wollte nicht sprechen. »Zahl uns zu trinken und zu essen,« sagten die Metzger und die Häscher. »Bring uns also«, sagte Uilenspiegel, indem er von neuem seine Gulden klingen ließ, »bring uns, reizende Stevenijne, zu trinken und zu essen; und trinken wollen wir aus Klingegläsern.« Daraufhin lachten die Mädchen von neuem, und die Stevenijne fletschte ihre Hakenzähne. Doch ging sie in die Küche und in den Keller und brachte Schinken, Würste und Pfannkuchen und auch die Klingegläser, also genannt, weil sie Stiele haben und beim Anstoßen wie ein Glockenspiel klingen. Nun sagte Uilenspiegel: »Wer Hunger hat, der esse, wer Durst hat, der trinke!« Die Häscher, die Mädchen, die Metzger, Gilline und die Stevenijne spendeten dieser Rede mit Händen und Füßen Beifall. Dann setzte sich jeder nach seinem Belieben, Uilenspiegel, Lamme und die sieben Metzger an den großen Ehrentisch, die Häscher und die Mädchen an zwei Tischchen. Und man trank, und man aß mit mächtigem Gemalme der Kinnbacken, sogar auch die zwei Häscher, die draußen gewesen waren und jetzt von ihren Kameraden geholt wurden, damit sie am Schlemmen teilnähmen. Und aus ihren Taschen guckten die Enden von Stricken und Ketten. Nun zeigte die Stevenijne die Zunge und sagte grinsend: »Niemand kommt hinaus, bevor ich nicht bezahlt bin.« Und sie ging alle Türen schließen und steckte die Schlüssel in die Tasche. Gilline hob das Glas: »Der Vogel ist im Käfig; trinken wir!« Daraufhin sagten zwei Mädchen, Gena und Margot mit Namen, zu ihr: »Ist wieder einer da, den du in den Tod schicken willst, schlechtes Weib?« »Ich weiß nicht,« sagte Gilline; »trinken wir!« Aber die drei Mädchen wollten nicht trinken mit ihr. Und Gilline nahm ihre Geige und sang: Beim hellen Klange der Geigen Durchjauchze ich Nacht und Tag; Ich bin der ganzen Welt eigen, Wer mich nur kaufen mag! Astarte macht meine Lenden Zum Netze der Feuersnot; Meine weißen Schultern verblenden, Und mein schöner Leib ist Gott. Heraus aus euern Taschen Die Gulden all so blank: Das rote Gold soll mir waschen In Strömen die Füßchen schlank. Ich bin gezeugt von der Schlange Mit Eva in wilder Lust: Und träumst du auch noch so bange, Es erfüllt sich an meiner Brust. Kalt bin ich oder glühend, In üppigem Schmachten verliebt, Bin lau, verzückt oder sprühend, Mein Herr, wie dir es beliebt. Ich verkaufe mein heimlichstes Sehnen, Mein Herz und die Lippen rot, Das Lachen, das Glück und die Tränen Und, wenn du willst, auch den Tod! Beim hellen Klange der Geigen Durchjauchze ich Nacht und Tag; Ich bin der ganzen Welt eigen, Wer mich nur kaufen mag! Und indem sie ihr Lied sang, war Gilline so schön, so süß und so lieblich, daß alle Männer, die Häscher, die Metzger, Lamme und Uilenspiegel, stummlächelnd dasaßen, hingerissen und verzückt von ihrem zauberischen Reize. Plötzlich brach Gilline in ein Lachen aus, indem sie Uilenspiegel ansah: »So lockt man die Vögel in den Käfig!« Und ihr Zauber war gebrochen. Uilenspiegel, Lamme und die Metzger sahen einander an. »Wohlan, bezahlt Ihr mich?« sagte die Stevenijne. »Bezahlt Ihr mich, Herr Uilenspiegel, der Ihr vom Prädikantenfleisch so gutes Fett abschöpft?« Lamme wollte reden, aber Uilenspiegel winkte ihm zu schweigen und sagte zu der Stevenijne: »Wir bezahlen nicht vorher.« »So werde ich mich aus deiner Hinterlassenschaft bezahlt machen,« sagte die Stevenijne. »Die Geier leben von Leichen,« antwortete Uilenspiegel. »Ja,« sagte der eine Häscher, »die zwei haben das Geld der Prädikanten genommen, mehr als dreihundert Karlsgulden. Das ist ein hübscher Groschen für Gilline.« Die sang: Such anderswo solch Sehnen, Hier steht es zu deinem Gebot: Die Freuden, Küsse und Tränen Und, wenn du willst, auch der Tod. Dann sagte sie kichernd: »Trinken wir!« »Trinken wir,« sagten die Häscher. »Potzdautz,« sagte die Stevenijne, »trinken wir! Die Türen sind verschlossen, die Fenster haben starke Balken: die Vögel sind im Käfig; trinken wir!« »Trinken wir!« sagte Uilenspiegel. »Trinken wir!« sagte Lamme. »Trinken wir!« sagten die sieben. »Trinken wir!« sagten die Häscher. »Trinken wir!« sagte Gilline und ließ die Saiten klingen. »Ich bin schön; trinken wir! Ich fange den Erzengel Gabriel in dem Netze meiner Lieder!« »Also Wein her,« sagte Uilenspiegel, »den besten Wein, um das Fest zu krönen; einen Tropfen flüssigen Feuers für jedes Härchen unserer vertrockneten Körper!« »Trinken wir!« sagte Gilline; »noch zwanzig Gründlinge wie du, und die Hechte hören auf zu singen!« Die Stevenijne brachte Wein. Alle saßen sie jetzt, schlemmend und demmend, die Häscher und Mädchen beieinander. Die sieben, die mit Uilenspiegel und Lamme saßen, warfen den Mädchen Schinken, Wurst, Kuchen und Flaschen hin, und die Mädchen fingen alles im Fluge auf, so, wie die Karpfen die Fliegen über dem Weiher schnappen. Und die Stevenijne fletschte lachend ihre Haken und wies auf Päckchen von Kerzen, fünf auf das Pfund, die über dem Schenktische hingen. Es waren die Kerzen der Mädchen. Und sie sagte zu Uilenspiegel: »Wann einer zum Scheiterhaufen geht, trägt er ein Talglicht; willst du einstweilen eins?« »Trinken wir!« sagte Uilenspiegel. »Trinken wir!« sagten die sieben. Gilline sagte: »Uilenspiegel hat glänzende Augen wie ein sterbender Schwan.« »Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?« sagte die Stevenijne. »Da würden sie nicht fett davon,« sagte Uilenspiegel; »trinken wir!« »Würde es dir ein Vergnügen machen,« sagte die Stevenijne, »wenn man dir auf dem Schafott die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?« »Sie könnte dann besser pfeifen; trinken wir!« entgegnete Uilenspiegel. »Du sprächest weniger,« sagte die Stevenijne, »wenn du gehenkt wärest und dein Schätzchen käme dich ansehn.« »Ja,« sagte Uilenspiegel, »aber ich würde mehr wiegen und dir auf deine liebliche Schnauze fallen; trinken wir!« »Was würdest du sagen, wenn man dich stäupte und dir die Stirn und die Schulter brandmarkte?« »Ich würde sagen,« antwortete Uilenspiegel, »daß man das Fleisch verwechselt hat und statt die Muttersau Stevenijne zu braten, den Eber Uilenspiegel hitzt; trinken wir!« »Da dir von alledem nichts paßt,« sagte die Stevenijne, »wird man dich auf die Schiffe des Königs bringen und dich verurteilen, von vier Galeeren zerrissen zu werden.« »Dann«, sagte Uilenspiegel, »werden die Haie meine vier Glieder haben, und du wirst essen, was sie nicht mögen; trinken wir!« »Warum ißt du keine von diesen Kerzen?« sagte sie; »sie könnten dir in der Hölle zu deiner ewigen Verdammung leuchten.« »Ich sehe gut genug,« sagte Uilenspiegel, »um deinen leuchtenden Rüssel zu sehn, du schlecht gebrühte Sau; trinken wir!« Plötzlich klopfte er mit dem Fuße seines Glases auf den Tisch und ahmte mit den Händen leise das Geräusch nach, das der Polstermacher erregt, wenn er die Wolle einer Matratze auf einer Horde im Takte klopft; und er sagte: »'t Is van te beven den klinkaart.« Das ist in Flandern das Zeichen, daß die Zecher erbost sind und daß in den Häusern mit den roten Laternen alles kurz und klein geschlagen werden soll. Uilenspiegel trank, ließ sein Glas auf dem Tische tanzen und sagte: »'t Is van te beven den klinkaart.« Und die sieben taten wie er. Alle verhielten sich still: Gilline wurde bleich, und die Stevenijne war verdutzt. Die Häscher sagten: »Halten die sieben zu ihnen?« Aber die Metzger zwinkerten ihnen beruhigend zu und sagten ohne Unterlaß immer lauter mit Uilenspiegel: »'t Is van te beven den klinkaart, 't Is van te beven den klinkaart.« Die Stevenijne trank, um sich Mut zu machen. Nun schlug Uilenspiegel mit der Faust auf den Tisch nach dem Takte des Matratzenklopfens, und die sieben taten wie er: Gläser, Krüge, Schüsseln, Kannen und Becher begannen einen langsamen Tanz, fielen um, zerbrachen und erhoben sich auf der einen Seite, um auf die andere zu fallen, und immer drohender, ernster, kriegerischer und eintöniger klang das »'t Is van te beven den klinkaart.« »Ach,« sagte die Stevenijne, »sie wollen alles zusammenschlagen.« Und vor Angst fuhren ihr die zwei Haken noch weiter aus dem Munde. Und das Blut wallte siedend auf vor Wut und Zorn in den Herzen der sieben, Lammes und Uilenspiegels. Und ohne ihren eintönigen, drohenden Gesang zu unterbrechen, nahmen alle, die am Tische Uilenspiegels waren, ihre Gläser, um sie im Takt auf dem Tisch zu zerschlagen, und sie ritten auf den Stühlen, und sie hatten die Messer blank gezogen. Und sie verführten einen solchen Lärm mit ihrem Singen, daß alle Scheiben im Hause zitterten. Dann machten sie wie eine Horde tollgewordener Teufel die Runde um den Saal und alle Tische und sangen ohne Unterlaß: »'t Is van te beven den klinkaart!« Nun erhoben sich die Häscher, zitternd vor Furcht, und griffen um ihre Ketten und Stricke. Aber die Metzger, Uilenspiegel und Lamme versorgten die Messer, sprangen auf, packten die Stühle und rasten, sie wie Prügel schwingend, durch das Zimmer, indem sie Hiebe nach rechts und links austeilten, ohne jemand zu schonen als die Mädchen, sonst alles, Gerät, Fenster, Truhen, Geschirr, Kannen, Schüsseln, Gläser und Flaschen zusammenschlugen, die Häscher erbarmungslos prügelten und immerfort nach dem Takte des Matratzenklopfens sangen: »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klinkaart!«, während Uilenspiegel die Stevenijne, der er nach einem Faustschlage übers Maul die Schlüssel aus der Tasche genommen hatte, zwang, ihre Kerzen zu essen. Die schöne Gilline scharrte wie eine geängstigte Katze mit ihren Nägeln an den Türen, Verschlägen, Fenstern und Laden; da alle ihre Bemühungen, hinauszukommen, erfolglos blieben, kauerte sie sich, ganz bleich, in einen Winkel: ihr Blick war verstört, sie zeigte die Zähne, und sie hielt die Geige wie zum Schutze vor sich. Die sieben und Lamme sagten zu den Mädchen: »Euch geschieht nichts«; und von ihnen unterstützt, fesselten sie die Häscher mit Ketten und Stricken. Und die zitterten in ihren Hosen und wagten keinen Widerstand, weil sie sicher waren, daß sie die Metzger, die der Baas von der Biene unter den stärksten auserwählt hatte, mit ihren Messern zerstückeln würden. Bei jeder einzelnen Kerze, die Uilenspiegel die Stevenijne essen ließ, sagte er: »Die ist für das Henken – die für das Stäupen – die da für das Brandmarken – diese vierte für das Loch in meiner Zunge – diese zwei ausgezeichneten und sehr fetten für die Schiffe des Königs und das Vierteilen durch die Galeeren – die für dein Spionennest – die da für deine Dirne im Brokatkleide – und alle andern für mein Vergnügen.« Und die Mädchen lachten, als sie sahen, wie die Stevenijne ihre Kerzen, niesend vor Zorn, ausspeien wollte. Aber es war umsonst, weil sie den Mund zu voll hatte. Uilenspiegel, Lamme und die sieben hörten nicht auf, im Takte zu singen: »'t Is van te beven den klinkaart.« Dann hörte Uilenspiegel auf und gab ihnen ein Zeichen, den Reim nur noch zu murmeln. Sie taten es, während er den Häschern und den Mädchen diese Ansprache hielt: »Wenn jemand von euch um Hilfe schreit, wird er unverzüglich getötet.« »Getötet!« sagten die Metzger. »Wir werden ruhig sein,« sagten die Mädchen; »tu uns nichts zuleide, Uilenspiegel.« Aber Gilline, die in ihrem Winkel kauerte, die Augen aus den Höhlen, die Zähne aus dem Munde, konnte nicht reden und preßte ihre Geige an sich. Und die sieben murmelten immerfort im Takte: »'t Is van te beven den klinkaart!« Die Stevenijne wies auf die Kerzen, die sie im Munde hatte, und machte ein Zeichen, daß auch sie schweigen wolle. Die Häscher versprachen es gleicherweise. Uilenspiegel fuhr in seiner Rede fort: »Ihr seid hier in unserer Gewalt: die Nacht ist schwarz eingefallen; die Lys ist nahe, wo ihr leicht ertrinkt, wenn man euch hineinstößt. Die Tore von Courtrai sind geschlossen. Wenn die Nachtwächter den Lärm gehört haben, werden sie sich in ihrer Faulheit nicht darum kümmern, sondern denken, daß das gute Vlamen sind, die beim Zechen fröhlich singen zum Klange der Kannen und Flaschen. Verhaltet euch also ruhig vor euern Meistern.« Dann sprach er zu den sieben: »Ihr zieht auf Petegem zu den Geusen?« »Wir haben uns darauf vorbereitet auf die Zeitung von deiner Ankunft.« »Von dort geht ihr an die See?« »Ja,« sagten sie. »Kennt ihr unter den Häschern einen oder zwei, die man freilassen könnte, damit sie uns dienten?« »Zwei,« sagten sie, »Nikolaas und Joost; die haben niemals die armen Reformierten verfolgt.« »Wir sind treu,« sagten Nikolaus und Joost. Nun sagte Uilenspiegel: »Hier sind zwanzig Karlsgulden für euch zwei, zweimal mehr, als ihr an Schandlohn für die Angeberei erhalten hättet.« Im Augenblicke schrien die andern vier: »Zwanzig Gulden! Für zwanzig Gulden werden auch wir dem Prinzen dienen. Der König zahlt schlecht. Gib jedem von uns die Hälfte, und wir sagen dem Richter, was du willst.« Die Metzger und Lamme murmelten dumpf: »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klinkaart!« »Damit ihr nicht zu viel sprechet,« sagte Uilenspiegel, »werden euch die sieben gefesselt bis nach Petegem zu den Geusen mitnehmen. Ihr bekommt zehn Gulden, wann ihr auf dem Meere seid; so werden wir sicher vor euch sein, bis euch dort die Feldküche treu erhalten wird bei Brot und Suppe. Wenn ihr wacker seid, sollt ihr euern Teil von der Beute bekommen. Wenn ihr versucht zu entfliehn, werdet ihr gehenkt. Wenn ihr entkommt, so daß ihr dem Stricke entrinnt, so verfallt ihr dem Messer.« »Wir werden dem dienen, der uns bezahlt,« sagten sie. »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klintaart!« sagten Lamme und die sieben und schlugen mit Topfscherben und zerbrochenen Gläsern auf die Tische. »Ebenso werdet ihr«, sagte Uilenspiegel, »Gilline, die Stevenijne und die drei Dirnen mitnehmen. Wenn eine ausreißen will, so werdet ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.« »Er hat mich nicht getötet,« sagte Gilline, indem sie aus ihrem Winkel sprang und die Geige in der Luft schwenkte. Und sie sang: Der Traum, er war so bange, Der Traum in meiner Brust; Ich bin gezeugt von der Schlange Mit Eva in wilder Lust. Die Stevenijne und die andern machten weinerliche Gesichter. »Fürchtet nichts. Schätzchen,« sagte Uilenspiegel, »ihr seid so lieblich und süß, daß man euch überall lieben, verzärteln und hätscheln wird. Von jeder Kriegsbeute sollt ihr euern Teil erhalten.« »Mir wird man nichts geben,« heulte die Stevenijne, »weil ich alt bin.« »Einen Groschen für den Tag, Krokodil,« sagte Uilenspiegel; »du wirst nämlich die Sklavin der vier hübschen Mädchen sein und ihnen die Röcke, Tücher und Hemden waschen.« «Ich, mein Gott!« sagte sie. Uilenspiegel antwortete: »Du hast sie lange genug geknechtet, hast von dem Gewinne ihrer Körper gelebt und hast sie darben und hungern lassen. Du kannst wimmern und brällen, es bleibt so, wie ich gesagt habe.« Nun begannen die vier Mädchen zu lachen und die Stevenijne zu hänseln; sie zeigten ihr die Zunge und sagten: »An jede kommt einmal die Reihe in dieser Welt. Wer hätte das von der geizigen Stevenijne gesagt? Sie wird als Sklavin für uns arbeiten. Gesegnet sei der Herr Uilenspiegel!« Uilenspiegel sagte zu den Metzgern und Lamme: »Leert die Weinkeller und nehmt das Geld; es soll zum Unterhalt der Stevenijne und der vier Mädchen dienen.« »Sie knirscht mit den Zähnen, die geizige Stevenijne,« sagten die Mädchen. »Du warst hart, man ist es ebenso mit dir. Gesegnet sei der Herr Uilenspiegel!« Dann wandten sich die drei zu Gilline: »Du warst ihre Tochter, ihr Brotverdienst, mit ihr hast du den Lohn deiner schändlichen Angeberei geteilt. Wirst du es jetzt noch wagen, uns zu schlagen und zu beschimpfen, du mit deinem Brokatkleide? Du hast uns verhöhnt, weil wir nichts andres zum Anziehen hatten als Barchent. Von nichts sonst stammt dein reiches Kleid als von dem Blute der Opfer. Nehmen wir ihrs weg, damit sie uns gleich sei.« »Das erlaube ich nicht,« sagte Uilenspiegel. Und Gilline sprang ihm an den Hals: »Gesegnet seist du, daß du mich nicht getötet hast und nicht willst, daß ich häßlich sei!« Und die eifersüchtigen Mädchen sahen Uilenspiegel an und sagten: »Er ist vernarrt in sie, wie alle.« Gilline sang zu ihrer Geige. Die sieben machten sich gegen Petegem auf und führten die Häscher und die Mädchen der Lys entlang mit. Und unter dem Wandern murmelten sie: »'t Is van te beven den klinkaart! 't Is van te beven den klinkaart!« Beim Tagesgrauen kamen sie zum Lager; sie trillerten wie die Lerche, und das Geschmetter des Hahns antwortete ihnen. Die Mädchen und die Häscher wurden unter eine scharfe Bewachung gestellt. Trotzdem wurde am dritten Tage zu Mittag Gilline tot gefunden, das Herz durchbohrt von einer langen Nadel. Die Stevenijne wurde von den drei Mädchen der Tat beschuldigt und wurde vor das Gericht geführt, zu dem der Hauptmann, seine Rottmeister und seine Korporale zusammengetreten waren. Ohne daß es der Folter bedurft hätte, gestand sie, sie habe Gilline aus Eifersucht auf ihre Schönheit getötet und aus Wut, weil sie von der Dirne erbarmungslos als Sklavin behandelt worden sei. Und die Stevenijne wurde gehenkt und im Busch begraben. Auch Gilline wurde begraben, und man sprach die Totengebete über ihrem lieblichen Körper. Inzwischen waren die zwei Häscher, denen Uilenspiegel ihr Verhalten eingeschärft hatte, vor dem Kastellan von Courtrai erschienen; denn die Plünderung und die lärmenden Ausschreitungen, die im Hause der Stevenijne geschehn waren, hätten von diesem Kastellan bestraft werden sollen, weil das Haus der Stevenijne in der Kastellanei lag, außerhalb der Gerichtsbarkeit der Stadt Courtrai. Nachdem sie dem Herrn Kastellan berichtet hatten, was vorgefallen war, sagten sie mit ernster Festigkeit und mit schlichter Einfachheit der Sprache: »Die Mörder der Prädikanten sind auf keinen Fall Uilenspiegel und sein Herzbruder Lamme Goedzak, die in den Regenbogen nur der Unterhaltung halber gekommen sind. Sie haben sogar Pässe vom Herzog, die wir gesehn haben. Die wirklich Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent, der eine mager, der andere sehr dick, und die sind nach Frankreich entflohen, nachdem sie bei der Stevenijne alles in Stücke geschlagen haben; die haben sie samt den vier Mädchen zu ihrer Ergötzung mitgenommen. Wir hätten sie schon dingfest gemacht, wenn nicht sieben Metzger, die dort waren, lauter baumstarke Männer, ihre Partei ergriffen hätten. Sie haben uns alle gefesselt und haben uns nicht früher losgelassen, als bis sie weit genug auf französischem Boden waren. Da sieht man noch die Striemen von den Stricken. Die andern vier sind ihnen auf den Fersen und warten noch auf eine Verstärkung, um Hand an sie zu legen.« Der Kastellan gab ihnen jedem zwei Karlsgulden und ein neues Kleid für ihre pflichteifrigen Dienste. In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an die Schöffenkammer von Courtrai und an andere Gerichtshöfe, daß die wirklichen Mörder entdeckt seien. Und er berichtete ihnen alle Einzelheiten der Geschichte des langen und breiten. Darüber entsetzten sich die vom Rate von Flandern und von den andern Gerichtshöfen. Und der Kastellan erntete großes Lob für seine Scharfsichtigkeit. Und Uilenspiegel und Lamme wanderten friedlich auf der Straße, die von Petegem der Lys entlang nach Gent führt, in dem Verlangen, Brügge zu erreichen, wo Lamme seine Frau zu finden hoffte, und Damme, wo Uilenspiegel, der ganz versonnen war, schon längst hätte sein wollen, um Nele wiederzusehn, die traurig bei Katelijne, der Verrückten, lebte. XXXVI Seit längerer Zeit waren im Weichbilde von Damme und in der Umgebung etliche entsetzliche Verbrechen geschehn. Mädchen, Knaben, alte Männer, die, wie man wußte, mit einer Summe Geldes nach Brügge oder Gent oder in eine andere Stadt oder einen Flecken Flanderns gegangen waren, wurden tot aufgefunden, nackt wie die Würmer und im Nacken eine Bißwunde von so scharfen Zähnen, daß allen die Wirbelsäule gebrochen war. Die Ärzte und Bartscherer erklärten, daß diese Zähne die eines großen Wolfes seien; »zweifellos«, sagten sie, »sind nach dem Wolfe Räuber gekommen und haben die Opfer geplündert.« Ungeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, wer die Räuber seien. Bald war der Wolf vergessen. Mehrere angesehne Bürger, die sich mutig ohne Geleite auf eine Reise begeben hatten, verschwanden, ohne daß man erfahren hätte, was mit ihnen geschehn war, wenn nicht manchmal irgendein Bauer, der am Morgen zur Ackerarbeit ging, auf seinem Felde eine Wolfsfährte gefunden hätte; dann brachte sein Hund, der die Ackerkrume mit den Pfoten aufwühlte, einen armen Leichnam ans Tageslicht, der die Bisse von Wolfszähnen am Nacken oder unterm Ohr aufwies, manchmal auch am Beine, aber immer von rückwärts. Und stets war dort der Knochen gebrochen. Dann lief wohl der erschrockene Bauer unverzüglich zum Vogt, um ihm zu berichten, und der kam mit dem Gerichtsschreiber, zwei Schöffen und zwei Wundärzten an den Ort, wo der Getötete lag. Sie untersuchten ihn genau und sorgfältig und stellten auch bisweilen, wenn das Gesicht noch nicht von den Würmern zerfressen war, seinen Stand, ja sogar seinen Namen und sein Geschlecht fest; und immer waren sie erstaunt, daß der Wolf, der doch aus Hunger tötet, den Leichnam sonst unversehrt gelassen hatte. Und die von Damme lebten in Entsetzen, und niemand getraute sich des Nachts ohne Geleit hinaus. Nun geschah es, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche nach dem Wolfe geschickt wurden mit dem Auftrage, Tag und Nacht in den Dünen dem Meere entlang zu spüren. Damals waren sie in der Nähe von Heist in den großen Dünen. Die Nacht war gekommen. Einer von ihnen wollte im Vertrauen auf seine Stärke die andern verlassen und allein, mit einer Arkebuse bewaffnet, auf die Suche gehn. Sie ließen ihn gewähren, beruhigt darüber, daß er, tapfer und wohlbewaffnet, wie er war, den Wolf töten würde, wenn sich der zu zeigen wagte. Als ihr Gesell fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten und ließen die Branntweinflasche umgehn. Und von Zeit zu Zeit riefen sie: »Also, Kamerad, komm zurück: der Wolf hat Angst; komm trinken!« Aber er antwortete nicht. Plötzlich hörten sie einen mächtigen Schrei wie von einem Manne, der stirbt; sie liefen in der Richtung, woher der Schrei gekommen war, und riefen: »Halte dich wacker, wir kommen dir zu Hilfe.« Aber es dauerte lange, bevor sie ihren Kameraden fanden; denn die einen sagten, der Schrei sei aus der Niederung gekommen, die andern, von der höchsten Düne. Schließlich, nachdem sie Düne und Niederung gründlich mit ihren Laternen abgesucht hatten, fanden sie ihren Kameraden mit Bißwunden am Bein und am Arme, das Genick von rückwärts gebrochen wie bei den andern Opfern. Auf dem Rücken liegend, hielt er sein Schwert in der gekrampften Hand; seine Arkebuse lag im Sande. Neben ihm lagen drei abgeschnittene Finger, nicht von ihm. Sie nahmen sie mit. Sein Schubsack war verschwunden. Sie luden den Leichnam ihres Gesellen, sein gutes Schwert und seine tüchtige Arkebuse auf ihre Schultern und trugen den Körper, traurig und ergrimmt, auf die Vogtei; dort übernahm ihn der Vogt gemeinsam mit dem Gerichtsschreiber, zwei Schöffen und zwei Wundärzten. Die abgeschnittenen Finger wurden untersucht, und der Befund ging dahin, daß sie die Finger eines Greises seien, der keinerlei Handarbeit verrichte; denn sie waren schmal, und die Nägel waren lang, wie bei den Männern vom Gerichte oder von der Kirche. Am nächsten Tage gingen der Vogt, die Schöffen, der Schreiber, die Wundärzte und die Soldaten an den Ort, wo der arme Tote gebissen worden war, und sie sahen, daß von dort Blutspuren liefen bis zum Meere, wo sie sich verloren. XXXVII Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmonate, an seinem vierten Tage, wo in der Stadt zu Brügge nach dem Hochamte vom Niklasturme Säcke mit Nüssen ins Volk geworfen werden. In der Nacht wurde Nele durch Schreie geweckt, die von der Straße kamen. Sie suchte Katelijne im Zimmer und fand sie nicht. Sie lief hinunter und öffnete die Tür; Katelijne trat ein und sagte: »Rette mich! Rette mich! Der Wolf! Der Wolf!« Und Nele hörte ein Heulen fern im Felde. Zitternd zündete sie alle Lampen, Kerzen und Lichter an. »Was ist geschehn, Katelijne?« sagte sie und schloß sie in die Arme. Katelijne setzte sich wirren Blickes und sagte, die Kerzen betrachtend: »Das ist die Sonne, die verjagt die bösen Geister. Der Wolf, der Wolf heult im Felde.« »Aber«, sagte Nele, »warum bist du aus dem Bette gestiegen, wo dir warm war, um dir in den feuchten Septembernächten das Fieber zu holen?« Und Katelijne sagte: »Hansken hat diese Nacht geschrien wie der Adler; ich habe die Tür geöffnet. Und er hat zu mir gesagt: ›Trink den Sehertrank‹, und ich habe getrunken. Hansken ist schön. Nehmt das Feuer weg. Dann hat er mich an den Kanal geführt und zu mir gesagt: ›Katelijne, ich werde dir die siebenhundert Karlsgulden zurückbringen; du wirst sie Uilenspiegel, dem Sohne Klaasens, geben. Da hast du zwei auf ein Kleid; bald wirst du tausend haben.‹ ›Tausend?‹ sagte ich; ›mein Geliebter, da werde ich also reich sein?‹ ›Du wirst sie haben,‹ sagte er; ›aber gibt es nicht in Damme Frauen oder Mädchen, die heute schon so reich sind, wie du sein wirst?‹ ›Ich weiß es nicht,‹ antwortete ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht sagen aus Angst, er könnte sie lieben. Nun sagte er zu mir: ›Erkundige dich und sage mir ihre Namen, wann ich wiederkomme.‹ Die Luft war kalt, der Nebel glitt über die Wiesen, die dürren Zweiglein fielen von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond blinkte, und auf dem Wasser des Kanals waren Feuer. Hansken sagte zu mir: ›Es ist die Nacht der Werwölfe; alle schuldigen Seelen verlassen die Hölle. Du mußt dreimal das Kreuzeszeichen mit der linken Hand machen und rufen: Salz! Salz! Salz!, weil das das Sinnbild der Unsterblichkeit ist; und sie werden dir nichts zuleide tun.‹ Und ich sagte: ›Ich tu, was du willst, Hansken, mein Liebster.‹ Er umarmte mich und sagte: ›Du bist meine Frau.‹ ›Ja,‹ sagte ich. Und bei seinem süßen Worte glitt eine himmlische Wonne wie ein Balsam über meinen Leib. Er kränzte mich mit Rosen und sagte zu mir: ›Du bist schön.‹ Und ich sagte zu ihm: ›Du bist auch schön, Hansken, mein Liebster, in deinen feinen Kleidern aus grünem Samt mit den goldenen Tressen, mit deiner langen Straußenfeder, die an deinem Hute flattert, und mit deinem Gesichte, so bleich wie die Brandung der Meereswogen. Und wenn dich die Mädchen von Damme sähen, sie liefen dir alle nach und bäten dich um dein Herz; aber du darfst es niemand schenken als mir, Hansken.‹ Er sagte: ›Trachte zu erfahren, wer die reichsten sind, ihr Vermögen soll für dich sein.‹ Dann ging er und ließ mich, nachdem er mir verboten hatte, ihm zu folgen. Ich blieb dort und ließ die zwei Gulden in meiner Hand klingen, zitternd und starr vom Nebelfroste, als ich auf einmal einen Wolf vom Ufer aus die Böschung erklettern sah, und er hatte ein grünes Gesicht und sein weißes Fell war voll langen Schilfgrases. Ich schrie: Salz! Salz! Salz! und machte das Kreuzeszeichen, aber er schien davor keine Furcht zu haben. Und ich lief, was ich nur konnte; ich schrie und er heulte, und ich hörte das trockene Knarren seiner Zähne dicht hinter mir und einmal so nahe meiner Schulter, daß ich schon glaubte, nun packe er mich. Aber ich lief schneller als er. Zum größten Glücke begegnete ich an der Ecke der Reigerstraat dem Nachtwächter mit seiner Laterne. ›Der Wolf! Der Wolf!‹ schrie ich. ›Hab keine Angst,‹ sagte der Nachtwächter, ›ich will dich heimführen, verrückte Katelijne.‹ Und ich fühlte, daß seine Hand, die mich hielt, zitterte. Und er hatte ebenso Furcht.« »Aber er hat wieder Mut gefaßt,« sagte Nele. »Hörst du ihn jetzt singen, wie er seine Stimme zieht: ›De klok is tien, tien slaat de klok!‹? Und er läßt seine Klapper rasseln.« »Nehmt das Feuer weg,« sagte Katelijne; »der Kopf brennt. Komm zurück, Hansken, mein Liebster.« Und Nele sah Katelijne an: und sie bat Unsere Frau, aus ihrem Kopfe das Feuer der Narrheit zu nehmen; und sie weinte über sie. XXXVIII In Bellem, am Kanale von Brügge, begegneten Uilenspiegel und Lamme einem Reiter, der drei Hahnenfedern am Filz trug und mit verhängten Zügeln gegen Gent jagte. Uilenspiegel trillerte wie die Lerche, und der Reiter, der sofort anhielt, antwortete mit dem Geschmetter Krähehells. »Bringst du Neuigkeiten, ungestümer Reiter?« antwortete Uilenspiegel. »Große Neuigkeiten,« sagte der Reiter. »Auf Anraten des Herrn von Chatillon, der in Frankreich Admiral der See ist, hat der Freiheitsprinz Kaperbriefe ausgegeben, um noch mehr Kriegsschiffe auszurüsten, als schon in Emden und in Ostfriesland bereit sind. Die wackern Männer, die diese Kaperbriefe erhalten haben, sind Adrian von Bergen, Herr von Dolhain, dessen Bruder Ludwig von Hennegau, der Baron von Montfaucon, der Herr Ludwig von Brederode, Albert von Egmont, ein Sohn des Enthaupteten und kein Verräter wie sein Bruder, Berthold Enthens von Mentheda der Friese, Adrian Menningh, der trotzige und hochgemute Genter Hembijse und Jan Brock. Der Prinz hat all sein Vermögen hingegeben, mehr als fünfmalhunderttausend Gulden.« »Ich habe fünfhundert für ihn,« sagte Uilenspiegel. »Trag sie ans Meer,« sagte der Reiter. Und er sprengte im Galopp von hinnen. »Er gibt sein ganzes Vermögen her,« sagte Uilenspiegel; »wir geben nichts her als unsere Haut.« »Ist das nichts,« sagte Lamme, »und werden wir nimmer von etwas anderm reden hören als von Plündern und Niedermetzeln? Oranien liegt auf der Erde.« »Ja,« sagte Uilenspiegel, »auf der Erde wie eine gefällte Eiche; aber aus der Eiche baut man die Schiffe der Freiheit.« »Zu seinem Vorteile,« sagte Lamme. »Da wir aber nichts mehr zu befürchten haben, so kaufen wir uns doch wieder Esel. Ich wandere viel lieber im Sitzen und verzichte gern auf jede Blasenmusik an den Sohlen.« »Kaufen wir uns Esel,« sagte Uilenspiegel; »sie sind ja leicht wieder zu verkaufen.« Sie gingen auf den Markt und erwarben, um bar Geld, zwei schöne Esel samt den Geschirren. XXXIX Also dahinreitend, kamen sie nach Oostkamp, wo ein großer Busch ist, dessen Saum den Kanal berührte. Dem Schatten und den linden Wohlgerüchen zuliebe betraten sie den Busch, ohne etwas andres zu sehn als die langen Laubgänge, die nach allen Richtungen liefen, nach Brügge, nach Gent, nach Süd- und nach Nordländern. Plötzlich sprang Uilenspiegel von seinem Esel: »Siehst du nichts dort?« Lamme sagte: »Ja, ich sehe.« Und zitternd: »Meine Frau, meine gute Frau! Sie ists, mein Sohn. Ach, ich werde nicht hingehn können. Sie also wiederzufinden!« »Worüber klagst du?« sagte Uilenspiegel. »Sie ist schön, so halbnackt in dem geschlitzten Musselinleibchen, das das frische Fleisch sehn läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht deine Frau.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »sie ists, mein Sohn; ich erkenne sie. Trag mich, ich kann nicht mehr weiter. Wer hätte das gedacht von ihr? Tanzen, so in Zigeunertracht, ohne Scham! Ja, sie ists; sieh nur ihre schlanken Beine, ihre Arme, nackt bis zur Schulter, ihre runden, goldigen Brüste, die zur Hälfte aus dem Musselinleibchen schlüpfen! Sieh nur, wie sie den großen Hund mit dem roten Lappen reizt, daß er danach schnappt.« »Das ist ein Zigeunerhund,« sagte Uilenspiegel; »in den Niederlanden gibts diese Gattung nicht.« »Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ists. Ha, mein Sohn, ich halte es nicht mehr aus. Sie rafft ihre Hosen höher, um noch mehr von ihren runden Beinen sehn zu lassen. Sie lacht, um ihre weißen Zähne zu zeigen, und hellauf, um ihre süße Stimme hören zu lassen. Sie öffnet oben das Leibchen und wirft sich rückwärts. Ha, der liebreizende Schwanenhals, die nackten Schultern, die klaren, kecken Augen! Ich laufe zu ihr.« Und er sprang von seinem Esel. Aber Uilenspiegel hielt ihn: »Dieses Mädchen«, sagte er, »ist nicht deine Frau. Wir sind bei einem Zigeunerlager. Gib acht. Siehst du den Rauch hinter den Bäumen? Hörst du das Gebell der Hunde? Da, da hast du ihrer einige, die uns nicht aus den Augen lassen und Lust zu haben scheinen, uns zu beißen. Verbergen wir uns lieber im Dickicht.« »Ich verberge mich nicht,« sagte Lamme; »diese Frau ist die meinige und ebensogut aus Flandern wie wir.« »Blinder Narr,« sagte Uilenspiegel. »Blind? Nein. Ich sehe sie ganz gut, wie sie tanzt, halbnackt, und lachend den großen Hund reizt. Sie tut, als ob sie uns nicht sähe. Aber sie sieht uns, ich versichere es dir. Thijl, Thijl! Jetzt wirft sich der Hund auf sie und reißt sie nieder, um den Lappen zu bekommen. Und sie fällt mit einem Schmerzensschrei.« Und schon schoß Lamme auf sie zu: »Mein Weib, mein Weib! Wo hast du dir weh getan, Liebchen? Warum hast du so hellauf gelacht? Deine Augen blicken unheimlich.« Und er umarmte sie und liebkoste sie und sagte: »Dieses Muttermal, das du unter der linken Brust hattest, ich sehe es nicht. Wo ist es? Du bist nicht meine Frau. Großer Gott im Himmel!« Und sie hörte nicht auf zu lachen. Plötzlich schrie Uilenspiegel: »Gib acht, Lamme!« Und Lamme sah, als er sich umwandte, einen großen Keil von einem Zigeuner vor sich mit einem magern Gesichte, braun wie ein Peperkoek. Lamme hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie: »Zu Hilfe, Uilenspiegel!« Und Uilenspiegel war bei ihm mit seinem guten Schwerte. Der Zigeuner sagte zu ihm auf deutsch: »Gib mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.« »Sieh,« sagte Uilenspiegel, »das Mädchen geht mit schallendem Gelächter und wendet sich immerfort um, damit man ihr folge.« »Gib mir Geld,« sagte der Mann; »bezahle deine Liebe. Wir sind arm und wollen dir nichts Böses.« Lamme gab ihm einen Karlsgulden. »Was für ein Geschäft hast du?« sagte Uilenspiegel. »Alle,« antwortete der Zigeuner. »Als Meister in jeglicher Fingerfertigkeit machen wir wunderbare und zauberische Kunststücke. Wir spielen das Tamburin und tanzen ungarische Tänze. Unter uns ist mehr als einer, der Käfige und Bratenroste macht. Aber alle, Vlamen und Welsche, haben Furcht vor uns und vertreiben uns. Da wir nicht vom Erwerbe leben können, leben wir vom Marodieren, das heißt von dem Gemüse, dem Fleische und dem Geflügel, die wir dem Bauer nehmen müssen, weil er sie uns weder schenken, noch verkaufen will.« Lamme sagte zu ihm: »Woher ist dieses Mädchen, die meiner Frau so sehr ähnelt?« »Sie ist die Tochter unsers Häuptlings,« sagte der Kerl. Dann sprach er leise, wie ein Mensch, der Angst hat: »Sie ist von Gott geschlagen mit dem Übel der Liebe und kennt keine Frauenscham. Kaum sieht sie einen Mann, so wird sie von Lüsternheit und Narrheit gepackt und lacht ohne Unterlaß. Sie spricht wenig, und lang hat man sie für stumm gehalten. Des Nachts sitzt sie bekümmert am Feuer, weint manchmal, lacht dann wieder ohne Grund und zeigt auf ihren Bauch, wo es ihr, wie sie sagt, weh tut. Um die Mittagsstunde, zur Sommerszeit, nach dem Mahle, da wird sie von der wildesten Narrheit ergriffen. Dann tanzt sie fast nackt in der Umgebung des Lagers. Sie will keine andern Kleider tragen als aus Tüll oder Musselin, und im Winter kostet es uns große Mühe, sie in einen Mantel aus Ziegenhaar zu hüllen.« »Aber«, sagte Lamme, »hat sie denn keinen Liebsten, der es ihr verwehrte, sich also jedermann hinzugeben?« »Sie hat niemand,« sagte der Mann; »denn die Fremden, die sich ihr nähern und ihre verrückten Augen sehn, fühlen mehr Angst als Liebe. Der dicke Mann war kühn.« Und er wies auf Lamme. »Laß ihn reden, mein Sohn,« erwiderte Uilenspiegel; »der Stockfisch lästert den Walfisch. Wer von euch beiden gäbe wohl mehr Öl?« »Du hast eine scharfe Zunge heute,« sagte Lamme. Aber Uilenspiegel sagte, ohne auf ihn zu hören, zu dem Zigeuner: »Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamme?« Der Zigeuner antwortete traurig: »Dann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die, die sie nehmen, bezahlen für ihre Lust, und das Geld dient zu ihrer Kleidung und auch für die Bedürfnisse der Greise und der Frauen.« »Sie gehorcht also niemand?« sagte Lamme. Der Zigeuner antwortete: »Wir lassen die gewähren, die Gott schlägt. Er gibt auf diese Weise seinen Willen kund. Und sein Wille ist unser Gesetz.« Uilenspiegel und Lamme entwichen. Und der Zigeuner ging ernst und stolz in sein Lager zurück. Und das Mädchen tanzte mit hellem Lachen in der Lichtung. XL Auf der Wanderung nach Brügge sagte Uilenspiegel zu Lamme: »Wir haben ein hübsches Stück Geld auf die Anwerbung von Soldaten, auf die Bezahlung der Häscher und auf das Geschenk für die Zigeunerin ausgegeben und auf diese unzähligen Oliekoeken, die du jedesmal viel lieber selbst aufgegessen hast, als auch nur einen zu verkaufen. Nun ist es, ungeachtet den Willen deines Bauches, Zeit, ein vernünftigers Leben zu beginnen. Gib mir dein Geld, ich will für uns beide den Beutel verwahren.« »Meinetwegen,« sagte Lamme. Und indem ers ihm gab, fuhr er fort: »Laß mich nur ja nicht Hungers sterben; denn bedenke, daß ich, dick und stark, wie ich bin, eine kräftige und ausgiebige Nahrung brauche: bei dir magern und schmächtigen Menschen geht es, daß du so in den Tag hineinlebst und ißt oder nicht ißt, was du findest, wie die Planken auf dem Kai, die von Luft und Wasser leben; aber ich, an dem die Luft zehrt und den der Regen hungrig macht, ich bedarf einer anderen Kost.« »Du wirst sie bekommen,« sagte Uilenspiegel, »tugendsame Fastenkost. Je mehr der Wanst gefüllt ist, desto weniger hält er aus; wenn er so nach und nach abschwillt, wird der schwerste Mensch leichtfüßig. Und bald wird man dich, wenn einmal genug Schmer weg ist, laufen sehn wie einen Hirsch, Lamme, mein Liebling.« »Ach,« sagte Lamme, »was wird fortan mein armseliges Los sein? Ich habe Hunger, mein Sohn, und möchte essen.« Der Abend fiel ein. Sie kamen in Brügge beim Gentischen Tore an. Sie zeigten ihre Pässe. Nachdem sie einen halben Groschen für sich und zwei für ihre Esel bezahlt hatten, durften sie in die Stadt. Lamme, dem Uilenspiegels Worte nicht aus dem Sinn gingen, schien tief bekümmert: »Werden wir bald essen?« »Ja,« antwortete Uilenspiegel. Sie stiegen in der Meermin ab, brachten ihre Esel im Stalle unter, und Uilenspiegel verlangte für sich und Lamme Brot, Bier und Käse. Der Wirt grinste, als er das magere Mahl auftrug. Lamme aß mit langen Zähnen und betrachtete Uilenspiegel voll Verzweiflung; der ließ seine Kinnbacken in dem alten Brot und dem jungen Käse arbeiten, als hätte er Fettammern vor sich gehabt. Und Lamme trank sein Dünnbier ohne Vergnügen. Uilenspiegel lachte, als er ihn so betrübt sah. Und es gab noch eine Person, die über ihn lachte, aber im Hofe der Herberge, und oft ihr Mäulchen an den Scheiben zeigte. Uilenspiegel sah, daß es eine Frau war, die ihr Gesicht verbarg; in der Meinung, es sei irgendeine mutwillige Magd, kümmerte er sich nicht weiter um sie. Da er Lamme so bleich, traurig und fahl sah wegen der unbefriedigten Sehnsucht seines Bauches, hatte er Mitleid mit ihm und dachte schon daran, für seinen Gesellen einen Eierkuchen mit Würsten, eine Schüssel Rindfleisch mit Bohnen oder jedes beliebige warme Gericht zu bestellen, als der Baas eintrat und, seine Mütze ziehend, sagte: »Wenn die Herren Reisenden ein bessers Essen wünschen, so mögen sie es sagen und mögen verlangen, was sie wollen.« Lamme riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und sah Uilenspiegel mit ängstlicher Unruhe an. Der antwortete: »Die wandernden Handwerker sind nicht reich.« »Es kommt doch manchmal vor,« sagte der Baas, »daß sie nicht wissen, was sie alles haben.« Und auf Lamme zeigend: »Dieses gute Gesicht ist so viel wert wie zwei andere. Was wird den Herrschaften angenehm sein zu essen und zu trinken? Ein Eierkuchen mit fettem Schinken, Soezels – sie sind von heute – Kastanien, ein Kapaun, der auf der Zunge zerschmilzt, ein guter Rostbraten mit einer Tunke mit viererlei Gewürzen, Dobbelen Knol von Antwerpen, Dobbele Kuite von Brügge, Wein von Löwen nach Burgunderart? Und ohne etwas zu bezahlen.« »Bringt alles,« sagte Lamme. Bald war der Tisch bestellt, und Uilenspiegel hatte seine Lust daran, dem armen Lamme zuzusehn, der sich, hungriger als je, über den Eierkuchen, die Soezels, den Kapaun, den Schinken und den Braten machte und den Dobbelen Knol, die Dobbele Kuite und den Löwenschen Wein nach Burgunderart maßweise in seinen Schlund goß. Als er nichts mehr hinunterbrachte, schnaufte er vor Behagen wie ein Walfisch und sah auf dem Tisch herum, ob sich nichts mehr für die Zähne finde. Und er knapperte die Krümchen der Kastanien. Weder er noch Uilenspiegel hatte das hübsche Mäulchen gesehn, das immer wieder im Hofe erschien, um lächelnd durch die Scheiben zu blicken. Nachdem der Baas heißen Wein, gewürzt mit Zimt und Madeirazucker, gebracht hatte, fuhren sie fort zu trinken. Und sie sangen. Um die Feierstunde fragte er sie, ob sie jeder auf ihr großes, schönes Zimmer hinaufgehn wollten. Uilenspiegel antwortete, daß ein kleines für sie beide genügen werde. Der Baas antwortete: »So eins habe ich nicht; ihr werdet jeder ein Zimmer bekommen wie für einen Prinzen, ohne Bezahlung.« Und wirklich führte er sie in reich eingerichtete und mit Teppichen belegte Zimmer. In dem Lammes war ein großes Bett. Uilenspiegel, der tüchtig getrunken hatte und vor Schlaf umfiel, hieß ihn sich niederlegen und tat sofort ebenso. Am nächsten Tage trat er um die Mittagsstunde in das Zimmer Lammes, und er fand ihn schlafend und schnarchend. Neben ihm lag ein zierliches Täschchen voll Geld. Er öffnete es und sah, daß es Karlsgulden und Silberplappart waren. Er rüttelte Lamme, um ihn zu erwecken; der fuhr aus dem Schlafe, rieb sich die Augen, sah unruhig herum und sagte: »Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Und er wies auf den leeren Platz an seiner Seite im Bette: »Eben erst war sie da.« Dann sprang er aus dem Bette, sah von neuem überall herum, durchsuchte alle Ecken und Winkel des Zimmers, den Alkoven und die Schränke und sagte, mit dem Fuße stampfend: »Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Auf den Lärm kam der Baas. »Taugenichts,« sagte Lamme, indem er ihn bei der Gurgel packte, »wo ist meine Frau? Was hast du mit meiner Frau gemacht?« »Du grober Mensch,« sagte der Baas, »deine Frau? Was für eine Frau? Du bist allein gekommen. Ich weiß von nichts.« »Ha, er weiß nichts,« sagte Lamme, »er weiß nichts!« Und er durchstöberte von neuem alle Ecken und Winkel des Zimmers. »Ach! Sie war da, heute nacht, in meinem Bette, wie zu der schönen Zeit unserer Liebe. Ja. Wo bist du, Herzlieb?« Und er warf das Täschchen zur Erde. »Dein Geld brauche ich nicht, sondern dich, deinen süßen Leib, dein gutes Herz, o meine Geliebte! O Himmelswonnen, ihr kehrt nicht wieder! Ich hatte mich schon gewöhnt gehabt, dich nicht mehr zu sehn und ohne Liebe zu leben, mein süßer Schatz. Und jetzt, wo du wieder bei mir gewesen bist, verläßt du mich. Aber ich will sterben. Ha! Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Und er warf sich auf den Boden und weinte heiße Tränen. Plötzlich riß er die Tür auf und rannte durch die ganze Herberge und auf die Straße hinaus, im Hemde, und schrie: »Meine Frau! Wo ist meine Frau?« Aber er kam bald wieder zurück; denn die bösen Buben höhnten ihn und warfen Steine nach ihm. Und Uilenspiegel zwang ihn, sich anzukleiden, und sagte zu ihm: »Sei nicht trostlos; du wirst sie wiedersehn, da du sie einmal gesehn hast. Sie liebt dich noch, weil sie wieder zu dir gekommen ist und weil es sicherlich sie ist, die das Essen und die Herrenzimmer bezahlt und dir das volle Täschchen da ins Bett gelegt hat. Die Asche sagt mir, daß eine Frau, die so handelt, nicht untreu ist. Weine nicht mehr und ziehn wir weiter zur Verteidigung des Landes der Väter.« »Bleiben wir noch in Brügge,« sagte Lamme; »ich will die ganze Stadt ablaufen und werde sie finden.« »Du wirst sie nicht finden,« sagte Uilenspiegel, »weil sie sich vor dir verbirgt.« Lamme verlangte Aufklärungen vom Wirt, aber der wollte nichts sagen. Und sie machten sich auf nach Damme.   Derweil sie ihren Weg verfolgten, sagte Uilenspiegel zu Lamme: »Warum sagst du mir nicht, wie du sie bei dir gefunden hast heute nacht und wie sie dich verlassen hat?« »Mein Sohn,« antwortete Lamme, »du weißt, wie wir geschwelgt haben in Fleisch, Bier und Wein, und daß ich kaum einen Atem bekam, als wir schlafen gingen. Zur Beleuchtung hatte ich eine Wachskerze, wie ein großer Herr, und den Leuchter hatte ich auf eine Truhe gestellt; die Tür war halb offen geblieben, und die Truhe stand ganz nahe dabei. Unter dem Auskleiden betrachtete ich mein Bett liebevoll und schläfrig; plötzlich erlosch die Kerze. Ich hörte etwas wie einen Hauch und ein Geräusch von leichten Tritten in meinem Zimmer; da ich aber mehr schlaftrunken als ängstlich war, ließ ich mich wuchtig ins Bett fallen. Wie ich am Einschlafen war, sagte ein Stimme, ihre Stimme, o meine Frau, meine arme Frau! zu mir: ›Hast du gut gegessen. Lamme?‹ Und ihre Stimme war bei mir und ihr Gesicht auch und ihr süßer Körper.« XLI An diesem Tage war König Philipp, der zu viel Backwerk gegessen hatte, trübseliger als sonst. Er hatte auf seinem lebendigen Klavier gespielt, in dessen Kasten Katzen waren, deren Köpfe aus runden Löchern über den Tasten heraussahen; jedesmal, wann der König auf eine Taste schlug, schlug diese wieder mit einem Stachel in die Katze, und das Tier miaute und wimmerte wegen des Schmerzes. Aber Philipp lachte nicht. Ohne Unterlaß grübelte er in seinem Hirn, wie er Elisabeth, die große Königin, überwinden und Maria Stuart auf den Thron Englands setzen könnte. Deswegen hatte er schon dem bedürftigen und verschuldeten Papste geschrieben, und der Papst hatte ihm geantwortet, für dieses Unternehmen werde er willig die heiligen Kirchengefäße und die Schätze des Vatikans verkaufen. Aber Philipp lachte nicht. Ridolfi, der Liebling der Königin Maria, der in der Hoffnung lebte, sie nach ihrer Befreiung zu heiraten und König von England zu werden, kam Philipp besuchen, um mit ihm die Ermordung Elisabeths zu verabreden. Aber er war, wie der König schrieb, ein solcher Schwätzer, daß von seinem Plane an der Börse von Antwerpen ganz laut gesprochen wurde; und der Mord wurde nicht vollbracht. Und Philipp lachte nicht. Später sandte der Blutherzog auf einen Auftrag des Königs zweimal ein Meuchelmörderpaar nach England. Aber sie richteten nichts sonst aus, als daß sie gehenkt wurden. Und Philipp lachte nicht. Und so machte Gott das Trachten dieses Vampirs zuschanden, der darauf ausging, Maria Stuart ihren Sohn zu nehmen und an seiner Statt mit dem Papste über England zu herrschen. Und der Mörder konnte es nicht verwinden, dieses edle Land groß und mächtig zu sehn. Immer wieder wandten sich seine bleichen Augen dorthin, ob er es nicht zermalmen könnte, um dann über die Welt zu herrschen, die Reformierten, und sonderlich die reichen, zu vertilgen und das Gut der Opfer zu erben. Aber er lachte nicht. Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem Eisenkästchen mit hohen Wänden, das oben offen war; er stellte das Kästchen mit dem Boden auf ein prasselndes Feuer und hatte sein Vergnügen daran, die armen Tierchen springen, schreien, wimmern und sterben zu sehn und zu hören. Aber er lachte nicht. Dann eilte er, bleich und mit zitternden Händen, in die Arme der Frau von Eboli, um das Feuer seiner Geilheit, entzündet an der Fackel der Grausamkeit, zu löschen. Und er lachte nicht. Und die Frau von Eboli empfing ihn aus Angst und nicht aus Liebe. XLII Der Tag war heiß; von der stillen See kam kein Lüftchen. Schier unmerklich säuselte das Laub der Bäume am Kanale von Damme, und die Grillen zirpten in den Wiesen, derweil die Leute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen, um den Dreizehnten der Ernte für die Pfarrer und Äbte zu fordern. Von dem blauen, glühenden, unergründlichen Himmel goß die Sonne die Hitze aus, und die Natur schlief unter dem Strahle wie ein schönes Mädchen, nackt und erschlafft unter den Küssen ihres Geliebten. Die Karpfen schnellten sich über den Spiegel des Kanals, um die summenden Fliegen zu schnappen, während ihnen die Schwalben mit den langen Leibern und den großen Flügeln die Beute bestritten. Von der Erde stieg ein warmer Dunst auf, der im Lichte schillerte und flimmerte. Auf einer zersprungenen Glocke, die wie ein Kessel klang, verkündete der Küster vom Turme Dammes den Bauern, die im Heu arbeiteten, daß es Mittag sei und Zeit, essen zu gehn. Die Frauen riefen durch die hohlen Hände ihre Männer und Brüder bei den Namen: Hans, Pieter, Judocus; und über den Hecken sah man ihre roten Schnitterhüte. In der Ferne erhob sich vor den Augen Lammes und Uilenspiegels hoch, wuchtig und massig der Turm von Unserer Frau, und Lamme sagte: »Hier, mein Sohn, ist dein Schmerz und deine Liebe.« Aber Uilenspiegel antwortete nichts. »Bald«, sagte Lamme, »werde ich meine alte Wohnung sehn, vielleicht auch meine Frau.« Aber Uilenspiegel antwortete nichts. »Du Holzmensch,« sagte Lamme, »du Steinherz, vermag dich denn gar nichts zu rühren, nicht die unmittelbare Nähe der Orte, wo du deine Kindheit verbracht hast, nicht die teuern Schatten des armen Klaas und der armen Soetkin, der zwei Märtyrer. Wie? Du bist nicht traurig, nicht lustig; was hat denn dein Herz so vertrocknet? Sieh mich, wie es mich vor Bangigkeit und Unruhe in meinem Wanste schüttelt; sieh mich ...« Lamme betrachtete Uilenspiegel und sah, daß sein Haupt bleich und gesenkt war, daß seine Lippen zitterten und daß er lautlos weinte. Und er schwieg. Sie wanderten, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damme und betraten die Stadt durch die Reigerstraat. Sie sahen niemand, wegen der Hitze; die Hunde gähnten, mit heraushängender Zunge und auf der Seite liegend, auf den Türschwellen. Lamme und Uilenspiegel gingen geradeswegs zum Stadthaus, vor dem Klaas verbrannt worden war; die Lippen Uilenspiegels zitterten noch mehr, und seine Tränen versiegten. Als sie vor dem Hause Klaasens waren, das nun ein Kohlenhändler bewohnte, sagte er zu diesem, indem er eintrat: »Kennst du mich? Ich möchte hier ausruhn.« Der Kohlenhändler sagte: »Ich kenne dich: du bist der Sohn des Opfers. Geh, wohin du willst in diesem Hause.« Uilenspiegel ging in die Küche, dann in das Zimmer Klaasens und Soetkins, und dort weinte er. Als er herunterkam, sagte der Kohlenhändler zu ihm: »Hier ist Brot, Käse und Bier. Wenn du Hunger hast, so iß; wenn du Durst hast, so trink.« Uilenspiegel deutete mit der Hand, daß er nicht Hunger und nicht Durst habe. So zog er weiter mit Lamme, der rittlings auf seinem Esel saß; Uilenspiegel führte den seinigen an der Halfter. Sie kamen zur Hütte Katelijnens, banden ihre Esel an und traten ein. Es war die Zeit des Mahles. Auf dem Tische waren Fisolenschoten, gemischt mit großen weißen Bohnen. Katelijne aß; Nele stand neben ihr und schickte sich an, auf Katelijnens Teller eine Essigtunke zu gießen, die sie eben vom Feuer genommen hatte. Als Uilenspiegel eintrat, verlor sie so die Fassung, daß sie den Topf samt der Tunke in Katelijnens Teller fallen ließ; die machte sich, den Kopf schüttelnd, daran, die Bohnen rund um den Tunkentopf mit dem Löffel aufzulesen, und sagte, sich vor die Stirne schlagend, in ihrer Verrücktheit: »Nehmt das Feuer weg! Der Kopf brennt!« Der Geruch des Essigs machte Lamme hungrig. Uilenspiegel stand ruhig da und sah Nele an, vor Liebe lächelnd in seiner großen Traurigkeit. Und Nele schlang ihm, ohne ein Wort zu sagen, ihre Arme um den Hals. Auch sie schien verrückt: sie weinte und lachte und sagte, ganz rot vor der großen, süßen Wonne, nur: »Thijl! Thijl!« Uilenspiegel betrachtete sie voll Seligkeit. Dann ließ sie ihn, trat ein paar Schritte zurück, sah ihn glücklich an und warf sich von neuem an seine Brust, die Arme um seinen Hals schlingend; und so noch öfter. Er hielt sie selig fest und wollte sie nicht loslassen, bis sie endlich, erschöpft und wie von Sinnen, auf einen Stuhl sank; und sie sagte, ohne sich zu schämen: »Thijl! Thijl! Mein Geliebter! Endlich bist du wieder da!« Lamme stand bei der Tür; als sich Nele beruhigt hatte, sagte sie, auf ihn weisend: »Wo habe ich diesen dicken Mann schon gesehn?« »Er ist mein Freund,« sagte Uilenspiegel. »Er sucht seine Frau als mein Gesell.« »Jetzt kenne ich dich,« sagte Nele zu Lamme; »du hast in der Reigerstraat gewohnt. Du suchst deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehn, wo sie in aller Frömmigkeit und Gottesfurcht gelebt hat. Als ich sie gefragt habe, warum sie ihrem Manne so grausam entflohen sei, hat sie mir geantwortet: ›Das war der heilige Wille Gottes und der Befehl der heiligen Buße; aber ich darf fortan nicht mit ihm leben.‹« Daraufhin wurde Lamme traurig und betrachtete die Essigbohnen. Und die Lerchen erhoben sich trillernd in den Himmel, und die erschlaffte Natur ließ sich vom Sonnenstrahle liebkosen. Und Katelijne löffelte rund um den Topf die weißen Bohnen, die grünen Schoten und die Tunke auf. XLIII In dieser Zeit ging ein Mädchen von fünfzehn Jahren von Heist nach Knokke, allein bei hellichtem Tage, durch die Dünen. Niemand versah sich etwas Schlimmen für sie, weil man wußte, daß die Werwölfe und verdammten Seelen nur in der Nacht beißen. Sie trug in einem Säckchen vier Karlsgulden in achtundvierzig Silbergroschen, die ihre Mutter Tonia Pietersen, wohnhaft zu Heist, ihrem Oheim Jan Rapen, wohnhaft zu Knokke, von einem Verkaufe schuldete. Das Mädchen, Betkin mit Namen, hatte ihren schönsten Staat angelegt und war fröhlich weggegangen. Am Abend war die Mutter unruhig, weil sie noch nicht heimgekommen war; immerhin beschwichtigte sie sich mit dem Gedanken, sie sei bei ihrem Oheim über Nacht geblieben. Am Morgen zogen Fischer, die mit einer Ladung Fische vom Meere heimkehrten, ihr Schiff an den Strand und luden den Fang auf Karren, um ihn in Heist auf dem Fischmarkt karrenweise zur Versteigerung zu bringen. Sie fuhren den mit Muscheln besäten Weg hinan und fanden in der Düne ein ganz nackt ausgezogenes Mädchen und rund um sie eine Blutlache. Näher gekommen, sahen sie an ihrem armen gebrochenen Halse die Male von langen und spitzigen Zähnen. Auf dem Rücken liegend, hatte sie die Augen offen, die zum Himmel starrten, und den Mund offen wie zum Todesschrei. Sie bedeckten den Leichnam des Mädchens mit einem Oberkleid und trugen ihn nach Heist ins Stadthaus. Bald versammelten sich dort die Schöffen und der Wundarzt, und der erklärte, diese langen Zähne seien nicht die natürlichen eines Wolfes, sondern die eines schlechten und höllischen Werwolfs, und man müsse Gott bitten, daß er das Land Flandern erlöse. Und in der ganzen Grafschaft, besonders in Damme, Heist und Knokke, wurden Bitten und Gebete angeordnet. Und das Volk füllte schluchzend die Kirchen. In der von Heist, wo die Leiche des Mädchens aufgebahrt war, weinten die Männer und Frauen, die ihren blutigen und zerrissenen Hals sahen. Und die Mutter sagte in der Kirche: »Ich will zum Werwolf und ihn mit den Zähnen töten.« Und die Frauen bestärkten sie weinend in ihrem Vorhaben. Und einige sagten: »Du kehrst nimmer wieder.« Und sie suchte den Wolf mit ihrem Gatten und ihren zwei Brüdern, die wohlbewaffnet waren, an der Küste, auf der Düne und in der Niederung; aber sie fand ihn nicht. Und ihr Gatte mußte sie heimführen, weil sie sich in der Nachtkühle das Fieber geholt hatte; und sie wachten bei ihr, indem sie die Maschen der Netze für den nächsten Fang ausbesserten. Der Vogt von Damme, der bedachte, daß der Werwolf ein Tier ist, das vom Blute lebt und die Toten nicht plündert, sagte, ohne Zweifel kämen hinter ihm Räuber, die um ihres elenden Handwerks willen durch die Dünen streiften. Darum ließ er ausläuten, daß alle und jedermann, wohlbewaffnet und mit Stöcken versehn, alle Bettler und Landstreicher stellen und greifen sollten, um sie dann zu untersuchen, ob sie nicht Gold oder irgendein Kleidungsstück der Opfer in ihren Taschen hätten. Und dann sollten die kräftigen Leute, die sich unter den Bettlern und Landstreichern fänden, auf die Galeeren des Königs geschickt werden, während man die alten und schwachen laufen lassen sollte. Aber alles blieb ergebnislos. Uilenspiegel ging zum Vogt und sagte zu ihm: »Ich will den Werwolf töten.« »Woher hast du die Zuversicht?« fragte der Vogt. »Die Asche schlägt an mein Herz,« antwortete Uilenspiegel. »Gebt mir die Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.« »Du darfst es,« sagte der Vogt. Ohne zu einem oder zu einer in Damme ein Wort von seinem Vorhaben verlauten zu lassen, ging Uilenspiegel in die Schmiede und verfertigte dort in aller Heimlichkeit eine schöne, große Wildfalle. Am nächsten Tage, der ein Samstag war, der Lieblingstag des Werwolfs, brach Uilenspiegel auf mit einem Briefe des Vogts an den Pfarrer von Heist; die Falle trug er unterm Mantel, und sonst war er mit einer guten Armbrust und einem wohlgeschliffenen Dolche bewaffnet. Denen in Damme sagte er: »Ich gehe auf die Möwenjagd; die Frau Vögtin braucht Daunenkissen.« Auf dem Wege nach Heist kam er an die Küste: er hörte die hohlgehende See heulen und die mächtigen Wogen gleich dem Donner widerrollen und den Wind, der von England kam, in dem Takelwerk der an den Strand getriebenen Boote sausen. Ein Fischer sagte zu ihm: »Das ist unser Unglück, dieser widrige Wind. In der Nacht war die See ruhig, aber nach dem Sonnenaufgang ist sie plötzlich stürmisch geworden. Wir können nicht hinaus auf den Fang.« Uilenspiegel war froh, da er also sicher war, in der Nacht Hilfe zu haben, wenn er sie brauchen werde. In Heist ging er zum Pfarrer und gab ihm den Brief des Vogts. Der Pfarrer sagte zu ihm: »Du bist tapfer; aber wisse, daß Samstags niemand am Abend allein durch die Dünen geht, ohne daß er gebissen würde und tot auf dem Sande liegen bliebe. Die Deicharbeiter und die andern gehn nur in Haufen. Der Abend fällt ein. Hörst du den Wolf in der Niederung heulen? Wird er auch diese Nacht, so wie die letzte, auf den Kirchhof kommen, um die ganze Nacht lang schauerlich zu heulen? Gott sei mit dir, mein Sohn, aber geh nicht.« Und der Pfarrer bekreuzigte sich. »Die Asche schlägt an mein Herz,« antwortete Uilenspiegel. Der Pfarrer sagte: »Da du einen so wackern Willen hast, will ich dir helfen.« »Herr Pfarrer,« sagte Uilenspiegel, »Ihr werdet mir und dem armen trostlosen Lande eine große Wohltat erweisen, wenn Ihr zu Tonia, der Mutter des Mädchens, und zu ihren zwei Brüdern geht und ihnen sagt, daß der Wolf in der Nähe ist und daß ich ihn erwarten und töten will.« Der Pfarrer sagte: »Wenn du noch nicht weißt, wo du dich aufstellen sollst, so halte dich auf dem Wege, der zum Kirchhofe führt. Er läuft zwischen zwei Ginsterhecken. Zwei Männer können dort nicht nebeneinander gehn.« »Ich will es tun,« antwortete Uilenspiegel. »Und Ihr, wackerer Herr Pfarrer, Förderer des Erlösungswerkes, ordnet an und befehlt, daß sich die Mutter des Mädchens, ihr Mann und ihre Brüder, alle wohlbewaffnet, vor dem Feierabend in der Kirche einfinden. Wenn sie hören, daß ich pfeife wie eine Möwe, so habe ich den Werwolf gesehn. Dann sollen sie mit der Glocke Wacharm läuten und mir zu Hilfe kommen. Und wenn noch etliche tapfere Männer da sind ...?« »Nein, mein Sohn,« antwortete der Pfarrer; »mehr als die Pestilenz und den Tod fürchten die Fischer den Werwolf. Aber geh nicht.« Uilenspiegel antwortete: »Die Asche schlägt an mein Herz.« Nun sagte der Pfarrer: »Ich will tun, wie du wünschest; sei gesegnet. Hast du Hunger oder Durst? »Beides,« antwortete Uilenspiegel.« Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse. Uilenspiegel trank, aß und entwich. Als er im Vorwärtsschreiten die Augen hob, sah er seinen Vater Klaas in der Glorie, an der Seite Gottes, in dem Himmel, wo der Mond hell blinkte, und er betrachtete die See und die Wolken und hörte den Sturmwind, der von England her wehte. »Ach,« sagte er, »ihr schwarzen Wolken mit euerm sausenden Fluge, seid wie die Rache auf den Fersen des Mordes. Du tosendes Meer, du Himmel, schwarz wie der Höllenschlund, ihr Wogen mit dem Schaume der Brandung, die ihr euch auf das düstere Wasser stürzt und im wütenden Grimm unzählige Gischttiere, Rinder, Schafe, Pferde aufwirbelt, und euch, ihr Schlangen, die ihr euch auf der Flut ringelt oder in die Lüfte reckt, flimmernden Regen speiend, du tiefschwarzes Meer, du trauerschwarzer Himmel, seid mit mir, um den Werwolf zu bestreiten, den schändlichen Mädchenmörder. Und du Wind, der du klagend heulst in den Dörnern der Dünen und im Tauwerk der Schiffe, du bist die Stimme der Opfer, die um Rache schreien zu Gott, der mir ein Helfer sei bei meinem Beginnen.« Und er stieg in die Niederung hinab, taumelnd auf seinen natürlichen Stützen, als ob er im Kopfe trunkene Völlerei und im Magen unverdauten Kohl gehabt hätte. Und er sang schluckend, torkelnd, gähnend und ausspeiend und blieb stehn, als ob er sich erbrechen müßte, aber in Wirklichkeit hielt er die Augen wohl offen, um rings herumzusehn: als er plötzlich ein schrilles Heulen hörte, stand er, sich erbrechend wie ein Hund, still, und er sah beim blinkenden Mondlicht die lange Gestalt eines Wolfes, der auf den Kirchhof zuhielt. Von neuem taumelnd, betrat er den Fußpfad zwischen den Ginsterhecken. Dort tat er, als ob er stürzte, stellte dabei die Falle in der Richtung auf, woher der Wolf kam, lud seine Armbrust und trat zehn Schritt zurück, immer in der Haltung eines Betrunkenen, der ohne Unterlaß taumelt, schluckt und seinen Schlund entleert, in Wirklichkeit aber seinen Geist spannend wie einen Bogen und Augen und Ohren weit offen. Und er sah nichts als die schwarzen Wolken, die wie verrückt am Himmel dahinliefen, und eine breite, dicke und kurze schwarze Gestalt, die auf ihn zukam; und er hörte nichts als das Klageheulen des Windes, das Donnerrollen der See und das Knarren der Muscheln des Weges unter einem wuchtigen Sprungschritt. In der scheinbaren Absicht, sich niederzusetzen, fiel er auf den Weg wie ein Trunkener. Und er spie aus. Dann hörte er zehn Schritt von seinem Ohr etwas klirren wie Eisenzeug, dann das Geräusch der Falle, die zuklappte, und den Schrei eines Menschen. »Der Werwolf«, sagte er, »hat sich mit den Vorderpfoten gefangen. Er streckt sich heulend, schüttelt die Falle und will laufen. Aber er wird nicht entwischen.« Und er schoß ihm einen Bolzen in die Beine. »Er fällt,« sagte er. Und er pfiff wie eine Möwe. Plötzlich läutete die Kirchenglocke Wacharm, und eine dünne Knabenstimme schrie im Städtchen: »Wacht auf, ihr, die ihr schlaft, der Werwolf ist gefangen.« »Gott sei Dank!« sagte Uilenspiegel. Tonia, die Mutter Betkins, Lansaem, ihr Mann, und Judocus und Michiel, ihre Brüder, kamen als die ersten mit Laternen. »Ist er gefangen?« sagten sie. »Hier seht ihr ihn auf dem Wege,« antwortete Uilenspiegel. »Gott sei Dank!« sagten sie. Und sie bekreuzigten sich. »Wer läutet da?« fragte Uilenspiegel. Lansaem antwortete: »Es ist mein Älterer; der Kleine läuft durch den Ort, schlägt an die Türen und schreit, daß der Wolf gefangen ist. Heil dir!« »Die Asche schlägt an mein Herz,« antwortete Uilenspiegel. Plötzlich sprach der Werwolf und sagte: »Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Uilenspiegel!« »Der Wolf spricht,« sagten sie und bekreuzigten sich allesamt. »Er ist ein Teufel und kennt schon den Namen Uilenspiegels.« »Hab Erbarmen, Erbarmen,« sagte die Stimme, »heiße die Glocke schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin kein Wolf. Meine Handwurzeln sind zerfleischt durch die Falle; ich bin alt und blute. Erbarmen! Was ist das für eine schrille Kinderstimme, die den Ort aufweckt? Erbarmen!« »Ich habe dich schon reden hören,« sagte Uilenspiegel leidenschaftlich. »Du bist der Fischhändler, der Mörder Klaasens, der Vampir der armen Mädchen. Männer und Frauen, habt keine Furcht. Es ist der Zunftmeister, durch den Soetkin vor Schmerz gestorben ist.« Und mit der einen Hand faßte er ihn am Halse, und mit der andern zückte er seinen Dolch. Doch Tonia, die Mutter Betkins, riß ihn zurück. »Fangt ihn lebendig,« schrie sie. Und sie riß ihm sein weißes Haar büschelweise aus und zerfetzte ihm das Gesicht mit ihren Nägeln. Und sie heulte in trüber Wut. Die Hände in den Eisen gefangen und sich vor schwerer Not auf dem Wege wälzend, schrie der Werwolf: »Erbarmen, Erbarmen! Nehmt dieses Weib weg. Ich bezahle zwei Gulden. Zerbrecht die Glocken. Wo sind die Kinder, die schreien?« »Bewahrt ihn lebend!« schrie Tonia, »bewahrt ihn lebend, auf daß er büßt! Die Totenglocken, die Totenglocken für dich, du Mörder. Bei langsamem Feuer, mit glühenden Zangen. Bewahrt ihn lebend! Auf daß er büßt!« Inzwischen hatte Tonia auf dem Wege ein Waffeleisen mit langen Armen gefunden. Indem sie es beim Scheine der Fackeln besichtigte, sah sie, daß die beiden Eisenplatten innen nach brabantischer Art in tiefen Rauten gehöhlt, aber überdies wie ein Rachen aus Eisen mit langen spitzigen Zähnen versehn waren; und als sie es öffnete, war es wie der Rachen eines Schweißhundes. Tonia glich, wie sie das Werkzeug in der Hand hielt, es öffnete und wieder schloß und das Eisen klirren ließ, einer Tollwütigen; zähneknirschend, röchelnd wie eine Sterbende, wimmernd vor bitter schmerzendem Rachedurst, biß sie den Fischer mit dem Eisen in die Arme, in die Beine und überallhin, vor allem aber in den Hals, und jedesmal, wann sie ihn biß, sagte sie: »So hat er Betkin mit den Eisenzähnen getan. Er büßt. Blutest du, Mörder? Gott ist gerecht. Die Totenglocken. Betkin heischt Vergeltung von mir. Fühlst du die Zähne? Es ist der Rachen Gottes!« Und sie biß ihn ohne Unterlaß und ohne Erbarmen und schlug ihn mit dem Eisen, wenn sie nicht beißen konnte. Und wegen ihres großen Sehnens nach Vergeltung tötete sie ihn nicht. »Habt Barmherzigkeit,« schrie der Gefangene. »Uilenspiegel, stoß mir das Messer hinein, damit ich bälder sterbe. Nimm das Weib weg. Zerbrich die Totenglocken, töte die Kinder, die schreien.« Und Tonia biß ihn immerfort, bis ihr ein alter Mann, der sich seiner erbarmte, das Waffeleisen wegnahm. Aber nun spie Tonia dem Werwolf ins Gesicht und riß ihm die Haare aus: »Du wirst büßen, bei langsamem Feuer, mit glühenden Zangen. Deine Augen für meine Nägel!« Unterdessen waren alle Fischer, Bauern und Frauen von Heist gekommen, auf das Geschrei hin, daß der Wolf ein Mensch sei und kein Teufel. Etliche trugen Laternen und lodernde Fackeln. Und alle schrien: »Du Raubmörder, wo verbirgst du das Geld, das du den armen Opfern gestohlen hast? Er muß alles zurückgeben.« »Ich habe nichts,« sagte der Fischhändler; »habt Barmherzigkeit.« Und die Frauen warfen ihn mit Steinen und Sand. »Er büßt! Er büßt!« schrie Tonia. »Erbarmen,« winselte er; »ich bin naß von meinem Blute, das rinnt. Erbarmen!« »Dein Blut?« sagte Tonia. »Es wird dir genug bleiben für die Buße. Verbindet seine Wunden mit Balsam. Er wird büßen bei langsamem Feuer, die Hand abgehackt, mit glühenden Zangen. Er wird büßen! Er wird büßen!« Und sie wollte ihn schlagen; aber die Sinne schwanden ihr, und sie fiel in den Sand wie tot. Und man ließ sie liegen, bis sie wieder zu sich kam. Inzwischen löste Uilenspiegel die Hände des Fischers aus der Falle; da sah er, daß ihm an der rechten Hand drei Finger fehlten. Und er ließ ihn straff binden und in einen Fischerkorb legen. Männer, Frauen und Kinder zogen, den Korb abwechselnd tragend, nach Damme, um dort Gerechtigkeit zu heischen. Und sie trugen Fackeln und Laternen. Und der Fischhändler sagte ohne Unterlaß: »Zerbrecht die Glocken. Tötet die Kinder, die schreien.« Und Tonia sagte: »Er soll büßen, bei langsamem Feuer, mit glühenden Zangen! Er soll büßen!« Dann schwiegen sie beide. Und Uilenspiegel hörte nichts mehr als den fliegenden Atem Tonias, den schweren Tritt der Männer auf dem Sande und das donnerrollende Meer. Und traurig in seinem Herzen, betrachtete er die Wolken, die wie verrückt am Himmel dahinliefen, das Meer, wo er gischtende Schafe sah, und bei dem Scheine der Fackeln und Laternen das bleiche Gesicht des Fischhändlers, das ihn mit grausamen Augen anstierte. Und die Asche schlug an sein Herz. Und sie wandelten vier Stunden lang bis Damme, wo sich das Volk in Scharen versammelt hatte, weil die Zeitung schon vorausgeeilt war. Alle wollten den Fischhändler sehn und folgten dem Zuge, singend, tanzend und rufend: »Der Werwolf ist gefangen, er ist gefangen, der Mörder! Gesegnet sei Uilenspiegel! Lang leve onze broeder Uilenspiegel!« Und es war wie ein Volksaufruhr. Als sie bei dem Hause des Vogts vorbeikamen, trat dieser auf den Lärm heraus und sagte zu Uilenspiegel: »Du hast gesiegt. Heil dir!« »Die Asche Klaasens schlug an mein Herz,« antwortete Uilenspiegel. Nun sagte der Vogt: »Du bekommst die Hälfte von dem Nachlaß des Mörders.« »Gebt es den Opfern,« antwortete Uilenspiegel. Lamme und Nele kamen: Nele, lachend und weinend vor Freude, küßte ihren Freund Uilenspiegel; Lamme, schwer heranhüpfend, klopfte ihm auf den Bauch und sagte: »Der ist brav, ehrlich und treu: er ist mein Herzbruder; ihr habt nicht seinesgleichen, ihr Leute vom flachen Lande.« Aber die Fischer lachten und machten sich lustig über ihn. XLIV Die Glocke, genannt Burgstorm, läutete am nächsten Tage, um den Vogt, die Schöffen und die Schreiber zu der Vierschar zu rufen, auf die vier Rasenbänke, unter den Baum der Gerechtigkeit, die schöne Linde. Rundherum hielt sich das gemeine Volk. Im Verhör wollte der Fischhändler nichts gestehn, selbst dann nicht, als ihm die drei Finger, die ihm der Soldat abgeschnitten hatte, vorgewiesen wurden, obwohl sie an seiner rechten Hand fehlten. Immerfort sagte er: »Ich bin arm und alt, seid barmherzig.« Aber das gemeine Volk zischte ihn aus und sagte: »Du bist ein alter Wolf, ein Kindermörder; habt kein Erbarmen, Herren Richter.« Die Frauen sagten: »Sieh uns nicht an mit deinen kalten Augen; du bist ja ein Mensch und kein Teufel: wir fürchten dich nicht. Grausames Tier, feiger als die Katze, die die Vöglein im Neste totbeißt, hast du die armen Mädchen getötet, die ihr liebliches Leben in aller Rechtschaffenheit hätten leben sollen.« »Er soll büßen bei langsamem Feuer, mit glühenden Zangen,« schrie Tonia. Und trotz den Häschern der Gemeinde reizten die Mütter ihre Knaben, Steine auf den Fischhändler zu werfen; und die taten es willig, zischten auf ihn, sooft er sie ansah, und schrien immerzu: »Bloedzuiger! Blutsauger! slaat dood!« Und ohne Unterlaß schrie Tonia: »Er soll büßen bei langsamem Feuer, mit glühenden Zangen! Er soll büßen!« Und das Volk murrte. »Seht,« sagten die Frauen untereinander, »wie er fröstelt unter der klaren Sonne, die am Himmel blinkt und seine weißen Haare wärmt und das Gesicht, das ihm Tonia zerfetzt hat.« »Und er zittert vor Schmerz.« »Das ist die Gerechtigkeit Gottes.« »Wie jämmerlich er dasteht.« »Seht seine Mörderhände, vor den Leib gebunden und blutig von den Verletzungen in der Falle.« »Er soll büßen, er soll büßen!« schrie Tonia. Er sagte klagend: »Ich bin arm, laßt mich.« Und allesamt, selbst die Richter, machten sich lustig über ihn, als sie das hörten. Er weinte verstellte Tränen, um Rührung zu erregen. Und die Frauen lachten. In Anbetracht dessen, daß die Inzichten für die Folter genügten, wurde er verdammt, auf die Bank gestreckt zu werden, bis er gestehe, wie er seine Morde ausgeführt habe, woher er gekommen sei, wo die Habseligkeiten seiner ausgeplünderten Opfer seien, und wo er sein Geld versteckt halte. Als man ihm in dem Zimmer Gehennas Stiefel aus jungem, allzu straffem Leder angelegt hatte, fragte ihn der Vogt, wieso ihm Satan so schwarze Anschläge und so entsetzliche Missetaten eingegeben habe; er antwortete: »Satan, das bin ich, mein natürliches Wesen. Schon als Kind, von häßlichem Aussehn und untauglich zu jeder körperlichen Übung, hielt mich jedermann für einen Nichtsnutz, und ich wurde zu often Malen geschlagen. Kein Knabe, kein Mädchen hatte Mitleid für mich. Als ich ein Bursche war, mochte mich keine, auch nicht für Bezahlung. Nun faßte mich ein kalter Haß gegen jegliches Wesen, das vom Weibe geboren ist. Darum habe ich Klaas angegeben, den jeder liebte. Und ich liebte einzig das Geld, das mir meine weiße oder goldene Herzliebste war; als ich Klaas in den Tod schickte, fand ich Vergnügen und Gewinn. Nachher galts noch mehr als früher, ein Wolfsleben zu führen, und ich träumte vom Beißen. Auf einer Reise durch Brabant habe ich die Waffeleisen gesehn, die dortzulande im Gebrauch sind, und ich habe mir gedacht, daß mir so eins einen guten Rachen aus Eisen abgeben werde. Daß ich euch nicht beim Genick habe, ihr schändlichen Tiger, die ihr euch an der Pein eines Greises weidet! Ich bisse euch mit größerer Lust als den Soldaten und das Mädchen. Denn die, als ich sie so lieblich sah, schlafend auf dem Sande in der Sonne, in ihren Händchen den Beutel mit Geld, da hatte ich Liebe für sie und Erbarmen; aber weil ich mich zu alt fühlte und sie nicht haben konnte, habe ich sie gebissen ...« Auf die Frage des Vogtes, wo er wohne, antwortete der Fischhändler: »In Ramskapelle; von dort gehe ich nach Blankenberge, nach Heist, ja selbst nach Knokke. Sonntags und an Kermistagen mache ich Waffeln nach der Art der brabantischen, überall in den Flecken, mit dem Eisen da. Es ist immer rein und fett. Und diese Neuheit aus fremdem Lande wurde gut aufgenommen. Wenn Ihr noch mehr wissen wollt und wie es gekommen ist, daß mich niemand erkennen konnte, will ich Euch noch sagen, daß ich mir bei Tage das Gesicht schminkte und die Haare rot färbte. Was das Wolfsfell betrifft, auf das Euer grausamer Finger fragend deutet, so will ich Euch zum Trotze sagen, daß es von zwei Wölfen stammt, die ich in den Wäldern von Raveschoot und Maldegem erlegt habe. Ich habe, um mich darein zu hüllen, nichts sonst zu tun gehabt, als die Felle aneinander zu nähen. Ich verbarg es in einer Kiste in den Dünen von Heist; dort bewahre ich auch die gestohlenen Kleider auf, um sie später bei Gelegenheit zu verkaufen.« »Nehmt ihn weg vom Feuer,« sagte der Vogt. Der Henker gehorchte. »Wo ist dein Gold?« fragte wieder der Vogt. »Der König wird es nie erfahren,« antwortete der Fischhändler. »Brennt ihn besser mit brennenden Lichtern,« sagte der Vogt. »Ans Feuer mit ihm.« Der Henker gehorchte, und der Fischhändler schrie: »Ich will nichts mehr sagen. Ich habe zu viel gesagt; ihr werdet mich verbrennen. Ich bin kein Hexenmeister. Warum soll ich wieder ans Feuer? Meine Füße bluten von den Brandwunden. Ich werde nichts sagen. Warum noch näher? Sie bluten, sag ich euch, sie bluten; diese Schuhe sind glühende Eisenstiefel. Mein Gold? Nun denn, mein einziger Freund auf der Welt ist ... nehmt mich vom Feuer weg ... ist in meinem Keller zu Ramskapelle, in einer Schachtel ... laßt mir es; Gnade und Barmherzigkeit, Herren Richter! Vermaledeiter Henker, nimm die Lichter weg ... Er brennt mich noch mehr ... ist in einer Schachtel mit doppeltem Boden, eingewickelt in Wolle, damit man das Klingen nicht hört, wenn man die Schachtel schüttelt. Jetzt habe ich alles gesagt; nehmt mich weg.« Als er aus dem Bereiche des Feuers war, lächelte er hämisch. Der Vogt fragte ihn, warum. »Aus Freude, daß ich ledig bin,« antwortete er. Der Vogt sagte zu ihm: »Hat dich niemand gebeten, dein gezahntes Waffeleisen sehn zu lassen?« Der Fischhändler antwortete: »Man sah, daß es ist wie alle andern, nur daß es Löcher hat, wo ich die Eisenzähne einschraubte; beim Morgengrauen nahm ich sie heraus: die Bauern ziehen meine Waffeln denen der andern Verkäufer vor und nennen sie Wafelen met Brabandsche knoopen, weil, wann die Zähne herausgenommen sind, die leeren Löcher kleine Halbkugeln, ähnlich den Knöpfen, erzeugen.« Aber der Vogt: »Wann hast du die armen Opfer gebissen?« »Bei Tag und bei Nacht. Bei Tag strich ich durch die Dünen und über die Heerstraßen mit meinem Waffeleisen, und war auf der Lauer, sonderlich Samstags, wo in Brügge der große Markt ist. Sah ich einen Bauer mit trübseligem Gehaben vorübergehn, ließ ich ihn, weil ich mir dachte, sein Übel sitze in der Börse; aber ich hielt mich dem zur Seite, der fröhlich einherzog, und wann er auf nichts gefaßt war, biß ich ihn in den Hals, und dann nahm ich seinen Beutel. Und nicht nur in den Dünen, sondern auf allen Pfaden und Wegen des flachen Landes.« Nun sagte der Vogt: »Geh in dich und bitte Gott.« Aber der Fischhändler lästerte: »Der Herrgott hat es gewollt, daß ich so sei, wie ich bin; ich habe alles wider meinen Willen getan, geleitet durch den Willen der Natur. Schändliche Tiger, ihr straft mich ungerecht. Aber verbrennt mich nicht ... ich habe alles wider meinen Willen getan. Habt Erbarmen: ich bin arm und alt; ich werde an meinen Wunden sterben: verbrennt mich nicht.« Nun wurde er wieder in die Vierschar gebracht, unter die Linde, um seinen Spruch zu hören vor dem versammelten Volke. Und er wurde als schrecklicher Mörder, Räuber und Gotteslästerer verurteilt, daß ihm die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrt werde, daß ihm die rechte Hand abgehackt werde, und daß er lebendig bei einem langsamen Feuer verbrannt werde, bis der Tod eintrete, und dies vor den Wehren des Gemeindehauses. Und Tonia schrie: »Das ist Gerechtigkeit! Er büßt!« Und das Volk schrie: »Lang leven de Heeren van de Wet!« Er wurde ins Gefängnis zurückgebracht, und dort gab man ihm Fleisch und Wein. Und er war lustig und sagte, er habe bis dahin weder getrunken noch gegessen, aber der König, der sein Gut erbe, könne ihm wohl dies letzte Mahl bezahlen. Und er lachte tückisch. Am nächsten Tag, am lichten Morgen, als man ihn zum Tode führte, sah er Uilenspiegel beim Scheiterhaufen stehn; und er schrie, indem er mit dem Finger auf ihn wies: »Der hier, der Greisenmörder, muß gleicherweise sterben; er hat mich, zehn Jahre sind es her, in den Kanal von Damme geworfen, weil ich seinen Vater angegeben habe. Und darin habe ich als getreuer Untertan Seiner Katholischen Majestät gehandelt gehabt.« Die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten. »Für dich läuten die Glocken gleicherweise,« sagte er zu Uilenspiegel; »du wirst gehenkt, denn du hast getötet.« »Der Fischhändler lügt,« schrie das gesamte Volk; »er lügt, der mörderische Henker.« Und Tonia schrie wie eine Verrückte und verletzte ihn durch einen Steinwurf an der Stirn: »Wenn er dich ertränkt hätte, so hättest du nicht gelebt, um meine arme Tochter zu beißen wie ein blutsaugender Vampir.« Uilenspiegel gab kein Wort von sich; Lamme sagte: »Hat ihn jemand den Fischhändler ins Wasser werfen sehn?« Uilenspiegel antwortete nicht. »Nein, nein,« schrie das Volk; »er hat gelogen, der Henker!« »Nein, ich habe nicht gelogen,« schrie der Fischhändler; »obwohl ich ihn um Gnade gebeten habe, hat er mich hineingeworfen, dergestalt, daß ich nicht herausgekommen wäre, wenn ich mir nicht an einem Boote herausgeholfen hätte, das am Ufer hing. Naß und zitternd habe ich mich in mein trauriges Heim geschleppt; ich hatte dann Fieber, und niemand pflegte mich, und ich glaubte zu sterben.« »Er lügt,« sagte Lamme; »niemand hats gesehn.« »Nein! Niemand hats gesehn,« schrie Tonia. »Ins Feuer mit dem Henker! Vor seinem Tode braucht er noch ein unschuldiges Opfer; ins Feuer mit ihm, auf daß er büßt. Er hat gelogen. Wenn dus getan hast, so gestehs nicht, Uilenspiegel. Er hat keine Zeugen. Er soll büßen bei langsamem Feuer, mit glühenden Zangen!« »Hast du die Tat begangen?« fragte der Vogt Uilenspiegel. Uilenspiegel antwortete: »Ich habe den mörderischen Angeber Klaasens ins Wasser geworfen. Die Asche des Vaters schlug an mein Herz.« »Er gesteht,« sagte der Fischhändler; »er wird gleicherweise sterben. Wo ist der Galgen, auf daß ich ihn sehe? Wo ist der Freimann mit dem Richtschwert? Die Totenglocken läuten für dich, du Taugenichts, du Greisenmörder.« Uilenspiegel sagte: »Ich habe dich ins Wasser geworfen, um dich zu töten; die Asche schlug an mein Herz.« Und im Volke sagten die Frauen: »Warum gestehn, Uilenspiegel? Niemand hats gesehn; jetzt mußt du sterben.« Und der Fischhändler lachte, hüpfte vor hämischer Freude und regte seine gebundenen, in blutiges Leinen gehüllten Arme. »Er wird sterben«, sagte er, »und zur Hölle fahren, den Strick um den Hals, als Spitzbube, Dieb, Taugenichts: er wird sterben; Gott ist gerecht.« »Er wird nicht sterben,« sagte der Vogt. »Nach zehn Jahren darf der Mord im Lande zu Flandern nicht mehr bestraft werden. Uilenspiegel hat eine schlechte Tat getan, aber aus Kindesliebe: Uilenspiegel wird deshalb nicht belangt werden.« »Lang leve de Wet!« schrie das Volk. Die Glocken von Unserer Frau lauteten für die Toten. Und der Fischhändler knirschte mit den Zähnen, senkte das Haupt und weinte seine erste Träne. Und ihm wurde die Hand abgehackt und die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrt, und er wurde lebendig verbrannt bei einem langsamen Feuer vor den Wehren des Gemeindehauses. Dem Verscheiden nahe, schrie er: »Der König bekommt mein Gold nicht; ich habe gelogen ... Schändliche Tiger, ich komme wieder, euch beißen.« Und Tonia schrie: »Er büßt! Er büßt! Die Arme krümmen sich ihm und die Beine, die ihn zum Morde trugen. Er raucht, der Körper des Henkers. Sein weißes Haar, das Hyänenhaar, brennt über seiner bleichen Fratze. Er büßt! Er büßt!« Und der Fischhändler starb, heulend wie ein Wolf. Und die Glocken von Unserer Frau läuteten für die Toten. Und Lamme und Uilenspiegel bestiegen wieder ihre Esel. Und Nele verblieb traurig bei Katelijne, die ohne Unterlaß sagte: »Nehmt das Feuer weg! Der Kopf brennt! Komm zurück, Hansken, mein Geliebter!« Viertes Buch I Auf den Dünen von Heist stehend, sehn Uilenspiegel und Lamme von Ostende, von Blankenberge, von Knokke gewaltig viele Fischerboote kommen voll bewaffneter Männer, die nach dem Beispiele der Geusen von Seeland den silbernen Halbmond am Hute tragen mit der Inschrift: »Lieber türkisch als päpstisch!« Uilenspiegel ist fröhlich: er trillert wie die Lerche; von allen Seiten antwortet das kriegerische Geschmetter des Hahns. Die Boote fahren dahin, fischend und den Fang verkaufend, und landen, eins nach dem andern, in Emden. Dort hält sich noch immer Wilhelm von Blois, Herr von Treslong auf, der im Auftrage des Prinzen von Oranien ein Schiff ausrüstet. Uilenspiegel und Lamme treffen in Emden zu der Zeit ein, wo die Boote der Geusen, auf Befehl von Treslong, die hohe See gewinnen. Treslong, der seit elf Wochen in Emden ist, langweilt sich bitter. Er steigt vom Schiffe ans Land und vom Lande ans Schiff, wie ein angeketteter Bär. Uilenspiegel und Lamme werden, als sie über die Kaie streichen, eines gutmütig aussehenden Herrn ansichtig, der sich, Trübsinn brütend, abmüht, einen Stein des Kaipflasters mit einem Sauspieß aus seinen Fugen zu heben. Obwohl es ihm nicht gelingen will, versucht er es immer wieder, sein Vorhaben zu einem guten Ende zu bringen, während hinter ihm ein Hund an einem Knochen knappert. Uilenspiegel tritt auf den Hund zu und tut, als ob er ihm den Knochen nehmen wollte. Der Hund knurrt; Uilenspiegel läßt nicht nach: der Hund verübt kläffend einen argen Lärm. Der Herr, der sich wegen der Störung umwendet, sagt zu Uilenspiegel: »Was hast du davon, das Tier zu plagen?« »Was habt Ihr davon, Messire, das Pflaster zu plagen?« »Das ist nicht dasselbe,« sagt der Herr. »Der Unterschied ist nicht gar groß,« antwortet Uilenspiegel; »wie sich der Hund zu seinem Knochen hält und ihn verteidigt, so hält sich der Pflasterstein zu seinem Kai und will dableiben. Es ist nichts so Besondres, daß sich Leute wie wir mit einem Hund abgeben, wo sich Leute wie Ihr mit einem Pflasterstein abgeben.« Lamme hielt sich hinter Uilenspiegel und getraute sich nicht zu sprechen. »Wer bist du?« fragte der Herr. »Ich bin Thijl Uilenspiegel, der Sohn des Klaas, der für den Glauben in den Flammen gestorben ist.« Und er trillerte wie die Lerche, und der Herr krähte wie der Hahn. »Ich bin der Admiral Treslong,« sagte er; »was willst du von mir?« Uilenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert Karolus. »Wer ist der dicke Mensch da?« fragte Treslong, mit dem Finger auf Lamme deutend. »Mein Gesell und Freund,« antwortete Uilenspiegel; »er will, so wie ich, auf deinem Schiffe mit der schönen Stimme der Arkebuse das Lied von der Befreiung des Landes der Väter singen.« »Ihr seid wacker alle zwei,« sagte Treslong; »ihr kommt auf mein Schiff.« Es war damals Februar: scharf war der Wind und grimmig der Frost. Nach drei Wochen verdrossenen Harrens fuhr Treslong von Emden ab. In der Hoffnung, nach Texel zu gelangen, verließ er das Vlie, war aber gezwungen, in Wieringen anzulegen; dort wurde sein Schiff vom Eise eingeschlossen. Bald entwickelte sich um das Schiff ein lustiges Treiben: Schlittenfahrer und Schlittschuhläufer, alle in Samt, Schlittschuhläuferinnen in scharlachenen und azurnen, mit Gold und Perlen gestickten Röcken und Baskinen, Jünglinge und Mädchen kamen und gingen und glitten lachend dahin, hintereinander oder zu zwei und zwei paarweise, das Liebeslied auf dem Eise singend, oder aßen und tranken in bewimpelten Schuppen Branntwein, Orangen, Feigen, Peperkoek, Schollen, Eier und heißes Gemüse und Heetekoeken, das sind Krüpfkuchen, und Essiggemüse, während rings um sie das Eis unter den Kufen der Segelschlitten knirschte. Lamme lief, um seine Frau zu suchen, auf Schlittschuhen herum wie die fröhlichen Leute beiderlei Geschlechtes; aber er fiel oft. Inzwischen ging Uilenspiegel des Trunkes und der Atzung halber in eine kleine Herberge auf dem Kai, wo er seine Achtung nicht teuer zu bezahlen brauchte; und er unterhielt sich gern mit der alten Bazinne. Eines Sonntags um neun Uhr kam er wieder hin und verlangte sein Essen. »Aber du hast dich ja verjüngt, Bazinne!« sagte er zu einer lieblichen Frau, die vortrat, um ihn zu bedienen. »Was hast du mit deinen alten Runzeln getan? Dein Mund hat alle seine weißen, jungen Zähne, und die Lippen sind rot wie die Kirschen. Ist das für mich, das süße schelmische Lächeln?« »O nein,« sagte sie; »aber was darf ich dir geben?« »Dich.« Die Frau antwortete: »Das wäre zu viel für einen so magern Menschen wie du; willst du kein andres Fleisch?« Und als Uilenspiegel still blieb: »Was hast du mit diesem hübschen, wohlgewachsenen und beleibten Manne gemacht, den ich schon oft in deiner Gesellschaft sah?« »Lamme?« sagte er. »Was hast du mit ihm gemacht?« Uilenspiegel antwortete: »Er ißt in den Schuppen harte Eier, Räucheraal, Pökelfisch und Zuurtjes und was er nur zwischen die Zähne stecken kann; das alles, um seine Frau zu suchen. Warum bist du nicht mein, Herzchen? Willst du fünfzig Gulden? Willst du eine goldene Halskette?« Aber sie bekreuzigte sich: »Ich bin nicht zu kaufen und nicht zu nehmen.« »Liebst du gar niemand?« sagte er. »Ich liebe dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich den Herrn Christus und die Jungfrau, die mir ein keusches Leben befehlen. Hart und schwer ist die Pflicht, aber Gott hilft uns armen Frauen. Und trotzdem unterliegen welche. Ist dein dicker Freund lustig?« Uilenspiegel antwortete: »Er ist fröhlich, wann er ißt, traurig beim Fasten und immer verträumt. Aber du, bist du lustig oder bekümmert?« »Wir Frauen«, sagte sie, »sind die Sklavinnen unsers Meisters.« »Des Mondes?« sagte er. »Ja,« sagte sie. »Ich will es Lamme sagen, daß er dich besuchen kommt.« »Tus nicht,« sagte sie; »er würde weinen und ich ebenso.« »Hast du jemals seine Frau gesehn?« fragte Uilenspiegel. Sie seufzte und antwortete: »Sie hat gesündigt mit ihm und ist zu einer grausamen Buße verdammt worden. Sie weiß, daß er aufs Meer hinauszieht, um der Ketzerei zum Siege zu verhelfen; das ist ein harter Gedanke für ein christlich Herz. Verteidige ihn, wann er angegriffen wird, pflege ihn, wann er verwundet ist: seine Frau hat mir aufgetragen, diese Bitte an dich zu richten.« »Lamme ist mein Bruder und Freund,« antwortete Uilenspiegel. »Ach!« sagte sie, »warum kehrt ihr nicht in den Schoß unserer heiligen Mutter, der Kirche, zurück?« »Sie frißt ihre Kinder,« antwortete Uilenspiegel. Und er ging weg. Der Märzwind wehte schneidend und stand nicht ab, die Eisdecke zu verdicken; da das Schiff Treslongs nicht auslaufen konnte, zogen die Soldaten mit der Bemannung auf Schlittschuhen und Schlitten zu Gelage und Kurzweil. Uilenspiegel war wieder in der Herberge, und die liebliche Frau sagte in tiefem Kummer und wie von Sinnen zu ihm: »Armer Lamme! Armer Uilenspiegel!« »Warum weinst du?« fragte er sie. »Ach! Ach!« sagte sie; »warum glaubt ihr nicht an die Messe? Ihr kämet dann ins Paradies, sicherlich, und ich könnte euch retten in diesem Leben.« Da sie zur Tür ging und aufmerksam lauschte, sagte Uilenspiegel: »Ists nicht der Schnee, dessen Fallen du belauschst?« »Nein,« sagte sie. »Ists nicht der heulende Wind, dem du dein Ohr leihst?« »Nein,« sagte sie wieder. »Auch nicht dem Jauchzen unserer wackern Soldaten in der Schenke nebenan?« »Der Tod kommt wie ein Dieb,« sagte sie. »Der Tod?« sagte Uilenspiegel; »ich versteh dich nicht: komm her und sprich.« »Sie sind da,« sagte sie. »Wer?« »Wer?« antwortete sie. »Die Soldaten von Simon Bol, die der Herzog herschickt, daß sie euch überfallen; daß man euch hier so gut behandelt, das ist so wie bei den Ochsen, bevor man sie tötet. Ach, warum habe ich es nicht früher gewußt?« Und bei den letzten Worten war ihr Gesicht von Tränen überströmt. »Weine nicht und schrei nicht«, sagte Uilenspiegel, »und bleib hier.« »Verrate mich nicht,« sagte sie. Uilenspiegel verließ das Haus und eilte raschen Laufes in alle Schuppen und Schenken, um den Seeleuten und Soldaten ins Ohr zu raunen: »Der Spanier kommt.« Alle liefen an Bord und richteten in großer Hast alles her, was zur Schlacht nötig war; und sie erwarteten den Feind. Uilenspiegel sagte zu Lamme: »Siehst du diese hübsche Frau auf dem Kai in dem schwarzen, scharlachgestickten Kleide, die das Gesicht unter ihrer weißen Haube verbirgt?« »Das ist mir einerlei,« antwortete Lamme. »Mir ist kalt, und ich will schlafen.« Und er wickelte sich den Kopf in sein Oberkleid. Und also war er wie taub. Uilenspiegel erkannte nun die Frau und rief ihr vom Schiffe aus zu: »Willst du mit uns?« »Bis ans Grab,« sagte sie; »aber ich kann nicht ...« »Du tätest gut daran,« sagte Uilenspiegel; »bedenke jedoch immerhin: wann die Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt; verläßt sie ihn aber und wagt ihre kleinen Flügel in den Sturm der weiten See, dann brechen sie ihr, und sie stirbt.« »Ich habe daheim gesungen,« sagte sie, »und würde draußen singen, wenn ich es dürfte.« Dann kam sie näher zum Schiffe. »Nimm diesen Balsam«, sagte sie, »für dich und auch für deinen Freund, der schläft, wann er wachen sollte.« Und sie entfernte sich, indem sie sagte: »Lamme! Lamme! Gott beschütze dich! Komm heil wieder!« Und sie enthüllte ihr Gesicht. »Meine Frau! Meine Frau!« schrie Lamme. Und er wollte aufs Eis springen. »Deine treue Frau!« sagte sie. Und sie lief, was sie ihre Beine trugen. Lamme wollte vom Deck aufs Eis springen, aber ein Soldat hielt ihn am Oberkleide zurück. Er schrie, weinte und flehte, man möge ihn gehn lassen; aber der Profoß sagte zu ihm: »Du wirst gehenkt, wenn du das Schiff verläßt.« Lamme wollte sich von neuem aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt ihn zurück und sagte zu ihm: »Der Boden ist feucht; du könntest nasse Füße bekommen.« Und Lamme fiel weinend auf sein Sitzfleisch und sagte ohne Unterlaß: »Meine Frau, meine Frau! Laßt mich zu meiner Frau!« »Du wirst sie wiedersehn,« sagte Uilenspiegel. »Sie liebt dich, aber sie liebt Gott mehr als dich.« »Die tolle Teufelin!« schrie Lamme. »Wenn sie Gott mehr liebt als ihren Mann, warum zeigt sie sich dann mir so reizend und begehrenswert? Und wenn sie mich liebt, warum läßt sie mich?« »Siehst du klar in einem tiefen Brunnen?« fragte Uilenspiegel. »Ach!« sagte Lamme, »ich werde bald sterben.« Und er blieb auf dem Deck, blaß und verwirrt. Endlich kamen die Leute Simon Bols mit vielen Feldstücken. Sie beschossen das Schiff, das ihnen antwortete. Und ihre Kugeln durchschlugen das Eis rundherum. Gegen Abend fiel ein lauer Regen. Der Wind wehte vom Niedergang, und das Meer bäumte sich unter dem Eise und hob es in mächtigen Blöcken, die sich emporreckten, zurückfielen, aneinander prallten und sich übereinander schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff; das öffnete, als das Morgenrot die nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen Flügel wie ein Freiheitsvogel und glitt ins freie Meer hinaus. Dort stießen sie zu der Flotte des Messire Lumey von der Mark, des Admirals von Holland und Seeland, dessen Schiff als das des obersten Kapitäns und Befehlshabers eine Laterne am Maste trug. »Sieh dir ihn gut an, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel; »der verschont dich nicht, wenn du ausreißen willst. Hörst du seine Stimme rollen wie Donner? Sieh, wie breit und stark er ist in seiner hohen Gestalt! Betrachte seine langen Hände mit den gekrallten Nägeln! Sieh dir seine runden Augen an, diese kalten Adleraugen, und seinen langen Spitzbart, den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und Pfaffen gehenkt hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen! Sieh, wie furchtbar und grausam er ist; er läßt dich ohne viel Federlesens henken, wenn du nicht endlich aufhörst mit deinem Greinen und Schreien: Meine Frau!« »Mein Sohn,« antwortete Lamme, »am liebsten droht der mit dem Stricke, der selbst schon den Hals in der Hanfkrause hat.« »Du sollst sie zuerst tragen,« sagte Uilenspiegel. »Das ist mein freundschaftlicher Wunsch.« »Ich werde dich schon noch baumeln sehn,« antwortete Lamme, »deine Giftzunge eine Elle lang aus dem Schnabel gestreckt.« Und beiden kam das Lachen. An diesem Tage kaperte das Schiff Treslongs einen Segler aus Biscaya, beladen mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Spezerei. Und der Segler wurde seines Markes, der Bemannung und der Beute, entleert wie ein Ochsenknochen unter dem Zahne eines Löwen. In dieser Zeit geschah es auch, daß der Herzog den Niederlanden grausame und schändliche Abgaben auferlegte, indem er alle Bewohner, die bewegliches oder unbewegliches Gut verkauften, zwang, tausend Gulden von zehntausend zu bezahlen. Und diese Schätzung war für immer. Alle Handelsleute und wer immer etwas verkaufte, mußten dem Könige den Zehnten des Erstehungspreises bezahlen, und im Volke sagte man, von Waren, die in einer Woche zehnmal verkauft würden, habe der König den ganzen Erlös. Und so gingen Handel und Gewerbe der Vernichtung und dem Sterben entgegen. Und die Geusen nahmen Briel, den befestigten Platz an der See, und sie nannten ihn den Baumgarten der Freiheit. II In den ersten Tagen des Mai, als das Schiff bei heiterm Himmel kühn die Wogen spaltete, sang Uilenspiegel: Die Asche des Vaters schlägt an mein Herz. Die Henker, sie kamen, sie schlugen zu Mit dem Dolch, mit dem Feuer, mit der Kraft und dem Schwert. Sie haben bezahlt den feilen Verrat; Wo einstens Liebe und Treue geblüht, Da haben sie Tücke und Mißtraun gesät. Auf daß die Schlächter ihr Schicksal ereil, Schlaget die Trommel des Kriegs! Den Geusen Heil! Die Trommel gerührt! Briel ist genommen und ebenso Vlissingen, der Schlüssel der Schelde; Gott ist gerecht, genommen Kampveer, Wo war da Seelands Geschütz? Wir haben Kugeln und Pulver und Blei, Die Kugeln aus Eisen und Stückgut. Gott ist mit uns, wer ist dawider? Schlaget die Trommel des Kriegs und des Ruhms! Den Geusen Heil! Die Trommel gerührt! Das Schwert ist gezogen, hoch poche das Herz! Fest sei der Arm! Das Schwert ist blank. Nieder der Zehnte, der Stifter der Not, Dem Henker den Tod, dem Räuber den Strick, Dem eidbrüchigen König ein aufrührisch Volk. Das Schwert ist gezogen für unser Recht, Für unsere Heimat, für Weib und Kind. Das Schwert ist gezogen. Die Trommel gerührt! Hoch pocht unser Herz, die Arme sind fest. Nieder der Zehnte und die schändliche Gnad, Schlaget die Trommel! Die Trommel gerührt! »Ja, Brüder und Freunde,« sagte Uilenspiegel, »in Antwerpen, vor dem Stadthaus, haben sie ein prächtiges Schaugerüst errichtet, bedeckt mit rotem Tuch; und dort sitzt der Herzog inmitten seiner Staffiere und Soldaten wie ein König auf seinem Throne. Er will gütig lächeln, aber er schneidet eine häßliche Fratze. Schlaget die Trommel des Kriegs! Er hat einen Gnadenerlaß gewährt: schweigt still; sein goldener Küraß blinkt in der Sonne, der Oberprofoß hält zu Pferde neben dem Thronhimmel: nun kommt der Herold mit seinen Paukenschlägern; er liest: es ist die Begnadigung für alle, die nicht gefehlt haben; die andern sollen grausam gestraft werden. Höret, Brüder: er liest das Edikt, das bei der Strafe des Aufruhrs die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs befiehlt.« Und Uilenspiegel sang: O Herzog, hörst du die Stimme des Volks, Das rauschende Tosen? So wie das Meer, Wann es hohlgeht in stürmischen Wogen. Genug des Geldes, genug des Bluts, Genug des Elends! Die Trommel gerührt! Das Schwert ist gezogen. Die Trommel der Trauer gerührt! Mit den Krallen hinein in die blutende Wund, Der Dieb nach dem Mörder. Schmeckt dir das Gemisch Von unserm Golde in unserm Blut? Wir wandelten den Pfad der Pflicht, Dem Könige treu. Er brach den Schwur. Wir sind unsers Eides entbunden. Schlaget die Trommel des Kriegs! O Herzog von Alba, du Blutherzog, Die Schuppen und Läden, sie sind gesperrt, Nicht Bier, nicht Brot und nicht Spezerei Verkauft der Händler, damit er nicht zahlt. Wer grüßt dich denn noch, wo immer du gehst? Kein Mensch. Spürst du, wie dich, gleich dem Hauch Der Pest, Verachtung und Haß umschleicht? Im schönen Lande zu Flandern, Im fröhlichen Lande Brabant Herrscht nur noch Grabesruh. Da, wo dereinst in der Freiheit Zeit Die Geigen und Pfeifen erklangen, Ist dumpfes Schweigen nur und Tod. Schlaget die Trommel des Kriegs! Wo früher nur lustge Gesichter Beim Trunk und beim Liebeslied, Da harren die bleichen Opfer Ergebungsvoll des Richtschwerts, Mißbraucht in rechtloser Willkür. Schlaget die Trommel des Kriegs! Nicht hört man mehr in den Schenken Das fröhliche Klingen der Kannen, Nicht mehr auf den Straßen die Stimmen Der singenden Rudel von Mädchen. Und Brabant und Flandern, die Lande der Lust, Sind geworden zu Landen der Tränen. Die Trommel der Trauer gerührt! Du Erde der Väter, du duldendes Lieb, Beug nicht die Stirn unter den Fuß des Mörders. Ihr fleißigen Bienen, stürzt euch im Schwarme Auf die spanischen Drohnen. Ihr Frauen und Mädchen, lebendig begraben, Schreiet zu Christus um Rache! Ihr armen Seelen, irrt nächtlich durchs Feld Und schreiet zu Gott! Der Arm zittert zum Schlage, Das Schwert ist gezogen, wir reißen dir das Gedärm heraus, O Herzog, und zerbleun dir damit die Fratze. Schlaget die Trommel! Das Schwert ist gezogen. Schlaget die Trommel! Den Geusen Heil! Und die Seeleute und die Soldaten von Uilenspiegels Schiff und den andern Schiffen sangen einstimmig: Das Schwert ist gezogen! Den Geusen Heil! Und ihre Stimmen rollten wie ein Donner der Erlösung. III Die Welt war im Jänner, dem grausamen Monde, der das Kalb im Bauche der Kuh erfrieren läßt. Es hatte geschneit, und der Schnee war gefroren. Die Knaben fingen mit Vogelleim die Spatzen, die in dem harten Schnee nach Atzung suchten, und trugen dieses Wild in ihre Hütten. Von dem grauen und hellen Himmel hoben sich unbeweglich die Gerippe der Bäume ab, deren Äste bedeckt waren mit schneeigen Kissen; auch auf den Dächern und Giebeln der Hütten lag der Schnee wie ein weißes Kissen, hie und da eingedrückt durch die Pfoten der Katzen, die gleicherweise Jagd auf die Spatzen machten. Weit und breit waren die Wiesen mit diesem wunderbaren Vlies bedeckt, das die Erde warm hält gegen den grimmigen Frost des Winters. Der Rauch der Häuser und Hütten stieg schwarz gen Himmel, und man hörte keinen Laut. Und Katelijne und Nele waren allein zu Hause; und Katelijne sagte, den Kopf schüttelnd: »Hans, mein Herz zieht es zu dir. Du mußt die siebenhundert Gulden Uilenspiegel, dem Sohne Soetkins, wiedergeben. Wenn du dürftig bist, so komm trotzdem, damit ich dein schimmerndes Antlitz sehe. Nimm das Feuer weg, der Kopf brennt. Ach! Wo sind deine schneeigen Küsse? Wo ist dein Körper aus Eis? Hans, mein Geliebter.« Und sie stand beim Fenster. Plötzlich kam im Laufschritt ein Voetlooper vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und er schrie: »Es kommt der Vogt, der Obervogt von Damme!« Und so lief er bis zum Gemeindehause, damit sich dort die Bürgermeister und Schöffen versammelten. Dann hörte Nele in der tiefen Stille zweimal Zinkengeschmetter. Alle Leute von Damme kamen an die Türen, in der Meinung, es sei Seine Königliche Majestät, die ihre Ankunft durch solche Fanfaren ankündige. Und auch Katelijne trat mit Nele an die Tür. In der Ferne sahen sie glänzende Reiter in einem Haufen traben, und vor ihnen ritt ein vornehmer Herr, bedeckt mit einem marderverbrämten Oberkleid aus schwarzem Samt, das Samtwams goldbetreßt und die Stiefel aus gelbem Kalbsleder mit Marderfell besetzt. Und sie erkannten den Obervogt. Hinter ihm ritten junge Herren, die, ungeachtet die Verordnung von weiland Seiner Kaiserlichen Majestät, an ihrer Samttracht Schnüre, Borten, Tressen und Stickereien von Gold, Silber und Seide trugen. Und ihre Oberkleider waren so wie das des Vogts mit Rauchwerk verbrämt. Sie ritten fröhlich einher, und an ihren mit goldenen Troddeln gezierten Hüten flatterten lange Straußenfedern im Winde. Und sie schienen alle gute Freunde und Gesellen des Obervogtes zu sein, sonderlich ein Herr mit finsterm Gesichte, der in grünen, goldbetreßten Samt gekleidet war, während der Mantel ebenso wie das mit langen Federn geschmückte Barett aus schwarzem Samt war. Seine Nase glich dem Schnabel des Geiers, seine Lippen waren dünn, das Haar war rot, das Gesicht bleich und die Haltung stolz. Als die Schar dieser Herren bei ihrem Hause vorbeikam, fiel Katelijne mit einem plötzlichen Sprunge dem Pferde des bleichen Herrn in den Zügel und schrie, vor Freude verrückt: »Hans! Mein Geliebter, ich habe es ja gewußt, du kommst wieder. Du bist schön, so ganz in Samt und ganz in Gold, wie ein Sonnenstrahl auf dem Schnee! Bringst du mir die siebenhundert Gulden? Werde ich dich wieder schreien hören, wie der Adler?« Der Obervogt ließ die Schar der Edeln halten, und der bleiche Herr sagte: »Was will diese Bettlerin von mir?« Aber Katelijne ließ den Zügel des Pferdes nicht aus der Hand; sie sagte: »Geh nicht wieder fort; ich habe so viel geweint um dich. Süße Nächte, mein Geliebter, schneeige Küsse und der Leib von Eis. Das Kind ist hier!« Und sie zeigte ihm Nele, die ihn wütend ansah, weil er seine Peitsche gegen Katelijne erhoben hatte; aber Katelijne weinte: »Ach, erinnerst du dich nicht? Nimm deine Magd in Gnaden auf. Führ sie mit dir fort, wohin du willst. Nimm das Feuer weg, Hans, Erbarmen!« »Packe dich!« sagte er. Und er spornte sein Pferd so heftig vorwärts, daß Katelijne, der der Zügel entglitt, niederfiel; und das Pferd schritt über sie hinweg und schlug ihr an der Stirn eine blutende Wunde. Nun sagte der Vogt zu dem bleichen Herrn: »Messire, kennt Ihr diese Frau?« »Ich kenne sie nicht,« sagte er; »zweifellos ist sie irgendeine Verrückte.« Aber Nele, die Katelijne aufgehoben hatte, sagte: »Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, gnädiger Herr, und ich will des Todes sein von dem Schnee, den ich jetzt esse«, – sie nahm etwas Schnee mit den Fingern – »wenn dieser Mann meine Mutter nicht kennt, wenn er ihr nicht all ihr Geld abgeborgt hat, wenn er nicht den Hund Klaasens getötet hat, um die siebenhundert Gulden, die dem armen Toten gehörten, aus ihrem Versteck an der Mauer unsers Hausbrunnens zu nehmen.« »Hans, mein Schatz,« weinte Katelijne, die blutend auf den Knien lag, »Hans, mein Geliebter, gib mir den Friedenskuß; sieh das Blut, das rinnt: die Seele hat sich das Loch gemacht und will hinaus; ich werde bald sterben: verlaß mich nicht.« Dann ganz leise: »Einst hast du aus Eifersucht deinen Gesellen umgebracht, dort am Deiche.« Und sie streckte die Hand in der Richtung nach Dudzele. »Damals hast du mich innig geliebt.« Und sie umfaßte das Knie des Edelmanns, und sie nahm seinen Stiefel und küßte ihn. »Wer ist dieser getötete Mann?« fragte der Obervogt. »Ich weiß es nicht, gnädiger Herr,« sagte er. »Das Gerede dieser Bettlerin kümmert uns nicht; reiten wir weiter.« Das Volk hatte sich um sie versammelt; große und kleine Bürger, Handwerker und Bauern nahmen für Katelijne Partei und schrien: »Gerechtigkeit, gnädiger Herr Vogt, Gerechtigkeit!« Und der Vogt sagte zu Nele: »Wer ist dieser getötete Mann? Sprich, wie es dich Gott und die Wahrheit heißen.« Nele sprach und sagte, auf den bleichen Edelmann deutend: »Der da kam alle Samstage in die Keet, meine Mutter besuchen und ihr das Geld nehmen. Er hat seinen Freund, Hilbert mit Namen, getötet in dem Felde von Servaas Vander Vichte, nicht der Liebe halber, wie diese unschuldige Närrin meint, sondern um die siebenhundert Karolus allein zu behalten.« Und Nele erzählte von der Liebschaft Katelijnens und von dem, was die gehört hatte, als sie in der Nacht hinter dem Deiche verborgen gewesen war, der das Feld von Servaas Vander Vichte durchschneidet. »Nele ist garstig,« sagte Katelijne, »sie spricht hart von Hans, ihrem Vater.« »Ich schwöre,« sagte Nele, »daß er wie ein Adler schrie, um seine Anwesenheit zu künden.« »Du lügst,« sagte der Edelmann. »O nein,« sagte Nele, »und der gnädige Herr Vogt und all die hohen Herrn, die hier anwesend sind, sehn es genau: du bist bleich, nicht wegen des Frostes, sondern vor Angst. Woher kommt es denn, daß dein Gesicht nicht mehr leuchtet? Du hast also deine Zaubersalbe verloren, womit du es einriebst, damit es schimmere wie die Wogen im Sommer, wann es donnert. Aber, vermaledeiter Hexenmeister, du wirst verbrannt werden vor den Wehren des Stadthauses. Du hast den Tod Soetkins auf dem Gewissen, du hast ihren verwaisten Sohn ins Elend gestoßen, du, ein Edelmann ohne Zweifel, der zu uns Bürgersleuten kam, um meiner Mutter ein einziges Mal Geld zu bringen und ihrs alle andern Male zu nehmen.« »Hans«, sagte Katelijne, »du wirst mich wieder auf den Sabbat führen und mich wieder mit Balsam einreiben: hör nicht auf Nele; sie ist garstig. Du siehst das Blut: die Seele hat sich das Loch gemacht und will hinaus: ich werde bald sterben und ins Jenseits ziehen, wo es nicht brennt.« »Schweig, tolle Hexe,« sagte der Edelmann, »ich kenne dich nicht, und weiß nicht, was du sagen willst.« »Und trotzdem«, sagte Nele, »bist du es, der mit einem Gesellen gekommen ist, den du mir zum Manne hast geben wollen; du weißt, daß ich ihn nicht wollte: was hat er getan, dein Freund Hilbert, was hat er getan mit seinen Augen, als ich ihm meine Nägel hineingebohrt habe?« »Nele ist garstig,« sagte Katelijne, »gib ihr kein Gehör, Hans, mein Schatz. Sie ist böse auf Hilbert, weil er sie mit Gewalt hat nehmen wollen; aber das kann Hilbert jetzt nimmer, die Würmer haben ihn gefressen. Und Hilbert war häßlich; Hans, mein Schatz, du allein bist schön. Nele ist garstig.« Nun sagte der Vogt: »Ihr Frauen, gehet in Frieden.« Aber Katelijne ging nicht von der Stelle, wo ihr Freund war. Und man mußte sie mit Gewalt nach Hause schaffen. Und das ganze versammelte Volk schrie: »Gerechtigkeit, gnädiger Herr! Gerechtigkeit!« Die Schergen der Gemeinde waren auf den Lärm hin gekommen; der Vogt befahl ihnen zu bleiben und sagte zu den Herren und Edelleuten: »Herrschaften und Herren, ungeachtet aller Vorrechte, die den erlauchten Adelsstand im Lande zu Flandern beschirmen, muß ich den Messire Joost Damman wegen der gegen ihn erhobenen Anklagen, sonderlich wegen der der Hexerei, festnehmen lassen, bis über ihn gerichtet ist nach den Gesetzen und Verordnungen des Reiches. Gebt mir Euern Degen, Messire Joost.« »Gnädiger Herr Vogt,« sagte Joost Damman mit großem Hochmut und adeligem Trotze, »wenn Ihr mich festnehmt, so verletzt Ihr das Gesetz Flanderns; denn Ihr seid selbst kein Richter. Nun wißt Ihr, daß ohne einen Auftrag eines Richters niemand sonst festgenommen werden darf als die Falschmünzer, die Straßenräuber und Wegelagerer, die Brandstifter, die Frauenschänder, die fahnenflüchtigen Soldaten, die Brunnenvergifter, die den Klöstern entlaufenen Mönche oder Begutten und die Verbannten. Wohlan, Herren und Herrschaften, verteidigt mich!« Etliche wollten ihm gehorchen, aber der Vogt sagte zu ihnen: »Herrschaften und Herren, ich, der ich hier unsern König, Grafen und Herrn vertrete, dem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten ist, ich befehle Euch und trage Euch auf, bei Strafe, daß Ihr als Aufrührer erklärt würdet, Euere Degen in die Scheiden zu stecken.« Die Edelleute gehorchten; als Messire Joost Damman noch immer zögerte, schrie das Volk: »Gerechtigkeit, gnädiger Herr! Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen abgeben!« Nun tat ers widerwillig, stieg vom Pferde und wurde von zwei Schergen ins Gemeindegefängnis geführt. Immerhin wurde er nicht in den Kellern eingeschlossen, sondern in einem vergitterten Zimmer, wo er, gegen Bezahlung, ein gutes Feuer und ein gutes Bett hatte und gute Nahrung, wovon der Kerkermeister die Hälfte für sich behielt. IV Am nächsten Tage gingen der Vogt, die beiden Gerichtsschreiber, zwei Schöffen und ein Wundarzt in der Richtung nach Dudzele aus, um zu sehn, ob sie in dem Felde von Servaas Vander Vichte neben dem Deiche, der das Feld durchschnitt, den Leichnam eines Mannes fänden. Nele hatte zu Katelijne gesagt: »Hans, dein Schatz, verlangt eine Hand Hilberts, die ihm abgeschnitten werden soll; heute abend wird er wie der Adler schreien, in die Hütte kommen und dir die siebenhundert Karolus bringen.« Katelijne hatte geantwortet: »Ich werde sie ihm abschneiden.« Und wirklich nahm sie ein Messer und ging weg, von Nele begleitet; die Diener der Gerechtigkeit folgten. Sie schritt tüchtig aus, ebenso Nele, der die frische Luft das liebliche Gesicht rosig färbte. Die Diener der Gerechtigkeit, alte und hustende Männer, folgten ihr, erstarrt vor Kälte; und sie glichen schwarzen Schatten auf der weißen Flur. Und Nele trug einen Spaten. Als sie auf das Feld von Servaas Vander Vichte und auf den Deich kamen, ging Katelijne bis zur Mitte vor und sagte, indem sie zu ihrer Rechten auf die Wiese deutete: »Hans, du hast nicht gewußt, daß ich hier verborgen war, zitternd beim Degengeklirr. Und Hilbert hat geschrien: ›Das Eisen ist kalt.‹ Hilbert war häßlich, Hans ist schön. Du wirst seine Hand bekommen, laß mich nur machen.« Dann stieg sie zur Linken hinunter, kniete im Schnee nieder und schrie dreimal in die Luft, um den Geist zu rufen. Da gab ihr Nele den Spaten. Katelijne machte dreimal das Kreuzeszeichen darüber, dann zeichnete sie die Umrisse einer Totentruhe in den Schnee und drei verkehrte Kreuze, eins nach Osten, eins nach Westen und eins nach Norden; und sie sagte: »Drei, das ist Mars bei Saturn, und drei ist die Enthüllung unter der Venus, dem hellen Steine.« Dann zog sie um die Totentruhe einen großen Kreis und sagte: »Packe dich, schlechter Dämon, der die Leichname hütet.« Dann fiel sie auf die Knie zum Gebete. »Lieber Teufel Hilbert,« sagte sie, »Hans, mein Herr und Meister, hat mir befohlen, hieherzugehn, um dir die Hand abzuschneiden, und sie ihm zu bringen; ich schulde ihm Gehorsam: laß nicht das Feuer der Erde gegen mich sprühen, weil ich dein edels Grab störe, und verzeihe mir um Gott und die Heiligen.« Dann brach sie das Eis entlang den Umrissen der Totentruhe; sie kam auf den feuchten Rasen, dann auf den Sand, und der Herr Vogt, seine Beamten, Nele und Katelijne sahen den Leichnam eines jungen Mannes, weiß wie Kalk wegen des Sandes. Er war gekleidet in ein graues Wams und einen ebensolchen Mantel; sein Degen lag neben ihm. An seinem Gürtel hing eine Maschenbörse, und unter seinem Herzen stak ein breiter Dolch; und Blut war auf seinem Wams, und das Blut war unter seinen Rücken geronnen. Und der Mann war jung. Katelijne schnitt ihm die Hand ab und schob sie in ihre Tasche. Und der Vogt ließ sie gewähren; dann befahl er ihr, den Leichnam aller seiner Abzeichen und Gewänder zu entkleiden. Auf die Frage Katelijnens, ob Hans auch das angeordnet habe, antwortete der Vogt, es geschehe nichts ohne seinen Befehl, und Katelijne tat sofort, was er wollte. Als der Leichnam entkleidet war, sah man, daß er trocken war wie Holz und nicht verwest. Und der Vogt und die Gemeindebeamten gingen weg, nachdem sie ihn wieder hatten mit Sand bedecken lassen; und die Schergen trugen die Kleider. Als sie beim Gemeindegefängnis vorbeikamen, sagte der Vogt zu Katelijne, daß Hans sie erwarte; sie trat frohgemut ein. Nele wollte sie zurückhalten, und Katelijne antwortete immerfort: »Ich will zu Hans, meinem Herrn.« Und Nele weinte auf der Schwelle, weil sie wußte, daß Katelijne gefangen gesetzt worden war als eine Hexe wegen der Zeichen, die sie in den Schnee gemacht hatte, und wegen der Beschwörungen. Und man sagte in Damme, es gebe keine Gnade für sie. Und Katelijne wurde in den westlichen Keller des Gefängnisses gesteckt. V Am nächsten Tage wehte der Wind von Brabant, der Schnee schmolz, und bald standen die Wiesen unter Wasser. Und die Glocke, Burgstorm geheißen, rief die Richter in die Vierschar, unters Wetterdach, weil die Rasenbänke feucht waren. Und das Volk stand rund ums Gericht. Joost Damman wurde vorgeführt, ohne jede Fessel und in seiner adeligen Tracht; auch Katelijne wurde vorgeführt, die Hände nach vorne gebunden und in einem Kleid aus grauer Leinwand, dem Gefängniskleide. Im Verhöre gestand Joost Damman, er habe seinen Freund Hilbert im Degenzweikampf getötet. Als ihm gesagt wurde: »Er ist mit einem Dolche erstochen worden«, antwortete Joost Damman: »Ich habe ihm damit den Garaus gemacht, weil er so lange nicht sterben wollte. Ich gestehe den Mord willig, weil ich das Gesetz Flanderns für mich habe, das es verwehrt, daß der Mörder nach zehn Jahren verfolgt würde.« Der Vogt sagte zu ihm: »Bist du kein Hexenmeister?« »Nein,« antwortete Damman. »Bewähre es,« sagte der Vogt. »Ich werde es zur gehörigen Zeit und am gehörigen Orte tun,« sagte Joost Damman; »jetzt beliebt es mir nicht.« Nun befragte der Vogt Katelijne; sie hörte ihn nicht und sagte, indem sie Hans ansah: »Du bist mein grüner Herr, schön wie die Sonne. Nimm das Feuer weg, mein Schatz!« Nun sprach Nele für Katelijne und sagte: »Sie kann nichts sonst gestehn, als was Ihr schon wißt, gnädiger Herr und Ihr Herren; sie ist keine Hexe, sondern nur verrückt.« Nun sprach der Vogt und sagte: »Hexerei treibt, wer sich mit teuflischen Mitteln, die er wissentlich anwendet, bemüht, etwas zu erreichen. Und diese beiden, der Mann und die Frau, haben Hexerei getrieben, der Absicht nach und in Wirklichkeit: er, weil er ihr die Sabbatsalbe gegeben und sein Gesicht leuchtend wie Luzifer gemacht hat, um Geld zu erlangen und die Befriedigung seiner Wollust, sie, weil sie ihm untertänig war in dem Glauben, er sei ein Teufel, und weil sie sich seinen Wünschen gefügt hat; er hat Missetaten begangen, und sie war seine offenkundige Mitschuldige. Man darf daher kein Erbarmen haben, und ich muß das aussprechen, weil ich sehe, daß die Schöffen und der gemeine Mann für das Weib zu viel Wohlwollen haben. Sie hat ja, das ist wahr, weder getötet, noch gestohlen und keinen Zauber geworfen, nicht auf Tier noch Mensch, und niemand geheilt mit außergewöhnlichen Mitteln, sondern nur mit einfachen, in der ehrlichen, christlichen Arzneikunst wohlbekannten; aber sie hat ihre Tochter dem Teufel überliefern wollen, und wenn die nicht trotz ihren jungen Jahren so beherzt und tapfer widerstanden hätte, so hätte sie sich Hilbert ergeben und wäre eine Hexe geworden wie die da. Ich frage demnach die Herren vom Gerichte, ob sie nicht gewillt sind, beide auf die Folter zu strecken.« Die Schöffen antworteten nicht und taten also dar, daß dies nicht ihr Wunsch war, was Katelijne betraf. Nun sagte der Vogt, in seiner Rede fortfahrend: »Ich bin, wie Ihr, von Mitleid und Erbarmen für sie erfüllt; aber hätte diese verrückte Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorcht, nicht auch, wenn es ihr ihr verbuhlter Mitangeklagter befohlen hätte, ihrer Tochter den Kopf abschneiden können mit einer Hippe, so wie es in Frankreich Katharina Daru mit ihren beiden Töchtern getan hat auf Anreizung des Teufels? Hätte sie nicht, wenn es ihr schwarzer Gatte gewünscht hatte, das Vieh verenden lassen können? die Butter, indem sie Zucker hineingeworfen hätte, im Fäßchen verderben? leiblich gegenwärtig sein bei allem Teufelsdienste, bei den Tänzen, Beschwörungen und Begattungen der Hexen? Hätte sie nicht Menschenfleisch essen können oder Kinder töten, um aus ihnen Pasteten zu machen und sie zu verkaufen, wie es ein Bäcker in Paris getan hat, oder den Gehenkten die Schenkel abschneiden, diese wegschleppen und gierig mit den Zähnen zerfleischen als niederträchtige Diebin und Frevlerin? Und ich begehre vom Gerichte, daß Katelijne und Joost Damman alle beide auf die Folter gestreckt werden, damit man erfahre, ob sie kein andres Verbrechen begangen haben als die bis jetzt bekannten und aufgedeckten. Da sich Joost Damman weigert, mehr zu gestehn als den Mord, und da Katelijne nicht alles gesagt hat, gebieten uns die Gesetze des Reiches, also vorzugehn, wie ich angebe.« Und die Schöffen fällten den Spruch, daß sie am Freitag, am übernächsten Tage, die Folter erleiden sollten. Und Nele schrie: »Gnade, Ihr Herren!« und das Volk schrie mit ihr. Aber es war vergebens. Und Katelijne sagte, indem sie Joost Damman ansah: »Ich habe die Hand Hilberts; komm sie dir heute nacht holen, mein Geliebter.« Und sie wurden zurück ins Gefängnis geführt.   Nach dem Auftrage des Gerichtes wurde dem Kerkermeister befohlen, ihnen jedem zwei Wächter zu geben, die sie jedesmal, wann sie einschlafen wollten, schlagen sollten; aber Katelijne ließen die beiden Wächter die Nacht über schlafen, und Joost Damman wurde von den seinigen jedesmal, wann er die Augen schloß oder nur das Haupt neigte, grausam geschlagen. Sie litten Hunger den ganzen Mittwoch, die Nacht und den ganzen Donnerstag bis zum Abende; dann gab man ihnen zu essen und zu trinken, Fleisch, das in Salz und Salpeter gelegen hatte, und Wasser, worin Salz und Salpeter gelöst waren. Das war der Beginn ihrer Folter. Und am Morgen wurden sie, schreiend vor Durst, von den Schergen in das Zimmer Gehennas gefühlt. Dort wurden sie, mit den Gesichtern einander gegenüber, auf eine mit Knotenstricken beflochtene Bank gebunden, so daß sie schwere Pein duldeten. Und sie mußten jedes ein Glas Salz- und Salpeterwasser trinken. Joost Damman begann auf der Bank einzuschlafen; die Häscher schlugen ihn. Und Katelijne sagte: »Schlagt ihn nicht, Herren, ihr brecht seinen armen Leib. Er hat nur das einzige Verbrechen begangen, daß er Hilbert getötet hat, und das aus Liebe. Ich habe Durst, und du auch, Hans, mein Geliebter. Ihm gebt zuerst zu trinken. Wasser! Wasser! Mein Leib brennt mich. Verschont ihn, ich werde bald für ihn sterben. Zu trinken!« Hans sagte zu ihr: »Häßliche Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie ins Feuer, Herren Richter. Ich habe Durst!« Die Schreiber brachten alle seine Worte zu Papier. Nun sagte der Vogt: »Hast du nichts zu gestehn?« »Ich habe nichts mehr zu sagen,« antwortete Joost Damman; »Ihr wißt alles.« »Da er«, sagte der Vogt, »in seinem Leugnen beharrt, bleibt er bis zu einem neuen und vollständigen Geständnis auf dieser Bank und auf diesen Stricken, und er soll dürsten und soll verhindert werden zu schlafen.« »Ich bleibe«, sagte Joost Damman, »und werde mich unterhalten, indem ich diese Hexe auf der Bank da leiden sehe. Wie findest du das Hochzeitsbett, mein Liebchen?« Und Katelijne antwortete wimmernd: »Kalte Arme und heißes Herz, Hans, mein Geliebter. Ich habe Durst, der Kopf brennt!« »Und du, Weib,« sagte der Vogt, »hast du nichts mehr zusagen?« »Ich höre«, sagte sie, »den Karren des Todes und das Klappern des dürren Gebeins. Ich habe Durst! Und der Tod führt mich an einen breiten Fluß, wo es Wasser gibt, frisches und klares Wasser; aber dieses Wasser, das ist Feuer. Hans, mein Freund, löse mich von den Stricken. Ja, ich bin im Fegefeuer, und ich sehe hoch oben den Herrn Jesus in seinem Paradies und die heilige Jungfrau, die so barmherzig ist. O Unsere Frau, gib mir einen Tropfen Wasser; beiß nicht allein in diese schönen Früchte.« »Dieses Weib ist mit grausamer Narrheit geschlagen,« sagte ein Schöffe; »man muß sie von der Folterbank nehmen.« »Sie ist nicht närrischer als ich,« sagte Joost Damman; »es ist lauter Spiel und Verstellung.« Und mit drohender Stimme zu Katelijne: »Ich werde dich brennen sehn, wenn du auch noch so gut die Närrische spielst.« Und die Zähne fletschend, lachte er über seine grausame Lüge. »Ich habe Durst,« sagte Katelijne, »seid barmherzig, ich habe Durst. Hans, mein Geliebter, gib mir zu trinken. Wie weiß dein Gesicht ist! Laßt mich zu ihm, Herren Richter!« Und sie riß den Mund auf: »Ja, ja, jetzt gießen sie das Feuer in meine Brust, und die Teufel binden mich auf dies grausame Bett. Hans, nimm deinen Degen und mach sie nieder; du bist ja so mächtig. Wasser! Zu trinken! Zu trinken!« »Verrecke, Hexe!« sagte Joost Damman; »man muß ihr eine Würgbirn in den Mund stecken, damit sie sich, die Bäuerin, nicht also vermißt gegen mich, einen Edelmann.« Auf diese Rede antwortete ein Schöffe, ein Feind des Adels: »Herr Vogt, es ist wider Recht und Gebrauch des Reiches, denen, die befragt werden, Würgbirnen in den Mund zu stecken; denn sie sind hier, um die Wahrheit zu sagen und damit wir über sie richten nach ihrer Rede. Dies ist nur erlaubt bei einem Verurteilten, auf dem Schafott, damit er nicht zum Volke sprechen kann, um es zu rühren und eine Volkserhebung zu erregen.« »Ich habe Durst,« sagte Katelijne; »gib mir zu trinken, Hans, mein Schatz.« »Ah, du leidest,« sagte er, »vermaledeite Hexe, die allein schuld ist an aller Qual, die ich ausstehe: aber du wirst in diesem Zimmer Gehennas noch mehr leiden müssen, die Pein der Kerzen, die Wippe, die Holzkeile zwischen den Nägeln der Zehen und Finger; man wird dich nackt reiten lassen auf einer Totentruhe, deren Rücken scharf ist wie eine Klinge, und du wirst gestehn, daß du nicht närrisch bist, sondern eine schändliche Hexe, der Satan befohlen hat, einen Edelmann ins Unglück zu bringen. Zu trinken!« »Hans, mein Geliebter,« sagte Katelijne, »sei nicht böse auf deine Magd! Ich leide tausendfache Pein um dich, mein Herr. Schont seiner, Herren Richter; gebt ihm zu trinken, einen Becher voll, und mir behaltet nur ein Tröpfchen. Hans, ists noch nicht um die Stunde des Adlers?« Nun sagte der Vogt zu Joost Damman: »Als du Hilbert getötet hast, was war der Anlaß zu dem Kampfe?« »Es galt«, sagte Joost, »ein Mädchen von Heist, die wir beide haben wollten.« »Ein Mädchen von Heist?« schrie Katelijne und wollte mit aller Macht von der Bank in die Höhe; »du betrügst mich um eine andere, verräterischer Teufel? Weißt du, daß ich es hinter dem Deiche erhorcht habe, als du gesagt hast, daß du das ganze Geld haben wollest, nämlich das von Klaas? Sicherlich, um es mit ihr auf Leckerei und Prasserei zu vertun. Ach, und ich hätte ihm mein Blut gegeben, wenn er es zum Goldmachen gebraucht hätte! Und alles für eine andere! Sei vermaledeit!« Aber plötzlich begann sie zu weinen und sagte, indem sie sich auf der Folterbank umzudrehn versuchte: »Nein, Hans, sag, daß du deine arme Magd noch immer liebst, und ich werde die Erde mit meinen Nägeln aufkratzen und einen Schatz finden – ja, es ist einer da – und ich werde mit der Haselrute gehn, die sich neigt, wo die Metalle sind; und ich werde ihn finden und ihn dir bringen: küß mich, Schatz. Und du wirst reich sein: und wir werden Fleisch essen, und wir werden Bier trinken, alle Tage; ja, ja, die, die da sind, trinken auch Bier, frisches, schäumendes Bier. Ach, Herren, gebt mir nur einen Tropfen, ich bin im Feuer. Hans, ich weiß, wo es Haselsträucher gibt, aber es heißt warten bis zum Frühjahr.« »Schweig, Hexe,« sagte Joost Damman, »ich kenne dich nicht. Du hast Hilbert für mich gehalten: er wars, der dich besuchte. Und du, in deinem bösen Sinne, du nanntest ihn Hans. Wisse, daß ich mich nicht Hans nenne, sondern Joost: wir hatten dieselbe Gestalt, Hilbert und ich. Ich kenne dich nicht; das war Hilbert, ohne Zweifel, der die siebenhundert Gulden gestohlen hat. Zu trinken! Mein Vater wird hundert Gulden zahlen für ein Becherlein Wasser; aber dieses Weib kenne ich nicht.« »Gnädiger Herr und Ihr Herren,« rief Katelijne, »er sagt, er kennt mich nicht, aber ich kenne ihn gut, ich, und ich weiß, daß er auf dem Rücken ein haariges, braunes Mal hat von der Größe einer Bohne. Ach, du hast ein Mädchen von Heist geliebt. Schämt sich ein wackerer Gesell seines Liebchens? Hans, bin ich denn nicht mehr schön?« »Schön?« sagte er. »Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und einen Leib wie ein Schock Reisigbündel: seht doch diesen Lumpensack, der von Edelleuten geliebt werden will! Zu trinken!« »Du hast nicht so gesprochen, Hans, mein süßer Herr,« sagte sie, »als ich um sechzehn Jahr jünger war als jetzt.« Dann schlug sie sich auf den Kopf und die Brust: »Es ist das Feuer, das da ist und mir das Herz und das Gesicht verdorrt: schilt mich drum nicht. Erinnerst du dich, wie wir Gesalzenes aßen, um besser trinken zu können, wie du sagtest? Jetzt ist das Salz in uns, mein Geliebter, und der gnädige Herr Vogt trinkt römischen Wein. Wir wollen keinen Wein; gebt uns Wasser. Es rieselt zwischen den Gräsern, das Bächlein, das den klaren Bronnen bildet; das gute Wasser, es ist kühl. Nein, es brennt; es ist höllisches Wasser.« Und Katelijne weinte, und sie sagte: »Ich habe niemand etwas zuleide getan, und alle Welt wirft mich ins Feuer. Zu trinken! Man gibt den Hunden, die herumstreichen, Wasser. Ich bin eine Christin; gebt mir zu trinken. Ich habe niemand etwas zuleide getan. Zu trinken!« Nun sprach ein Schöffe und sagte: »Diese Hexe ist nur närrisch, was das Feuer betrifft, das ihr, wie sie sagt, den Kopf brennt, sonst aber nicht; sie hat uns ja mit lichten Sinnen geholfen, die Überbleibsel des Toten zu finden. Wenn sich das haarige Mal auf dem Leibe Joost Dammans findet, so genügt das, um festzustellen, daß er ein und dieselbe Person ist mit dem Teufel Hans, dessentwegen Katelijne närrisch geworden ist; Henker, laß uns das Mal sehn.« Der Henker entblößte ihm Hals und Schulter und zeigte das braune, haarige Mal. »Ach,« sagte Katelijne, »wie weiß ist deine Haut! Deine Schultern sind wie die eines Mädchens; du bist schön, Hans, mein Geliebter. Zu trinken!« Nun stach der Henker mit einer langen Nadel in das Mal. Aber es blutete nicht. Und die Schöffen sagten einer zum andern: »Er ist ein Teufel, und er wird Joost Damman getötet und seine Gestalt angenommen haben, um die arme Welt leichter zu täuschen.« Und der Vogt und die Schöffen bekamen Angst: »Er ist ein Teufel, und da ist ein Zauber dabei.« Und Joost Damman sagte: »Ihr wißt, daß da kein Zauber dabei ist und daß man in derlei Auswüchse des Fleisches stechen kann, ohne daß sie bluteten. Wenn Hilbert von dieser Hexe – denn das ist sie, die gesteht, daß sie mit dem Teufel geschlafen hat – Geld genommen hat, so hat er das tun können nach dem guten, eigenen Willen dieses gemeinen Weibes, und er, der Edelmann, ist also für seine Liebkosungen bezahlt worden, geradeso wie die tollen Mädchen tagtäglich bezahlt werden. Gibt es denn nicht in dieser Welt, geradeso gut wie tolle Mädchen, auch tolle Burschen, die sich ihre Kraft und Schönheit von den Frauen bezahlen lassen?« Die Schöffen sagten untereinander: »Seht ihr seine teuflische Zuversicht? Seine haarige Warze hat nicht geblutet; obwohl er ein Meuchelmörder, Teufel und Zauberer ist, will er als ein gewöhnlicher Zweikämpfer gelten, indem er seine andern Verbrechen auf seinen teuflischen Freund schiebt, dem er den Leib getötet hat, aber nicht die Seele. ... Und seht, wie bleich sein Antlitz ist.« – »So sehn alle Teufel aus, rot in der Hölle und bleich auf der Erde; denn sie haben nicht das Feuer des Lebens, das dem Gesichte die Röte gibt, und sind inwendig von Asche.« – »Man muß ihn wieder ins Feuer werfen, auf daß er rot werde und brenne.« Nun sagte Katelijne: »Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter Teufel, ein süßer Teufel. Und der heilige Jakob, sein Patron, hat ihm erlaubt, die Hölle zu verlassen. Er bittet den Herrn Jesus alle Tage für ihn. Er soll nicht mehr als siebentausend Jahre Fegefeuer haben; die Jungfrau will es, aber Satan ist dawider. Doch Unsere Frau tut immer, was sie will. Wollt ihr wider sie sein? Wenn ihr ihn gut betrachtet, so werdet ihr sehn, daß er von seinem ganzen Teufelswesen nichts behalten hat als den kalten Körper und auch das Gesicht, das schimmert wie die Wogen der See im August, wann es donnern will.« Und Joost Damman sagte: »Schweig, Hexe, du ärgerst mich.« Dann wandte er sich an den Vogt und die Schöffen: »Seht mich an, ich bin kein Teufel, ich habe Fleisch und Knochen, Blut und Wasser. Ich trinke und esse, verdaue und führe ab so wie ihr; meine Haut ist wie die euerige, und mein Fuß ebenso: Henker, zieh mir die Stiefel aus; ich kann mich ja nicht rühren mit meinen gebundenen Füßen.« Der Henker tats, nicht ohne Angst. »Seht her,« sagte Joost, indem er seine weißen Füße zeigte; »sind das Klauenfüße, Teufelsfüße? Was meine Blässe betrifft, ist denn niemand von euch, der ebenso bleich ist wie ich? Ich sehe mehr als dreie unter euch. Aber nicht ich bin es, der gesündigt hat, sondern diese häßliche Hexe ist es samt ihrer Tochter, der schändlichen Anklägerin. Woher hat sie denn das Geld, das sie Hilbert geborgt hat, woher hatte sie denn die Gulden, die sie ihm gab? War es nicht der Teufel, der sie bezahlt hat, auf daß sie unschuldige Edelleute anklage und in den Tod bringe? Die beiden sinds, die man befragen muß, wer den Hund im Hofe abgekehlt hat, wer das Loch aufgegraben hat und wer das Weite gesucht hat mit dem, was drinnen gewesen ist, ohne Zweifel, um den geraubten Schatz anderswo zu verstecken. Soetkin, die Witwe, hat mir nichts anvertraut, weil sie mich nicht gekannt hat, wohl aber ihnen, und sie hat sie alltäglich gesehn. Die beiden sinds, die das Gut des Kaisers gestohlen haben.« Der Schreiber verzeichnete alles, und der Vogt sagte zu Katelijne: »Weib, hast du nichts zu sagen zu deiner Verteidigung?« Katelijne sah Joost Damman an und sagte in eitel Verliebtheit: »Es ist die Stunde des Adlers. Ich habe die Hand Hilberts, Hans, mein Geliebter. Sie sagen, daß du mir die siebenhundert Gulden wiedergeben wirst.« Und dann schrie sie: »Nehmt das Feuer weg! Nehmt das Feuer weg! Zu trinken! Zu trinken! Der Kopf brennt. Gott und die Engel essen Äpfel im Himmel.« Und sie verlor das Bewußtsein. »Löst sie von der Folterbank,« sagte der Vogt. Der Henker und seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte, und ihre Füße waren angeschwollen, weil der Henker die Stricke zu straff angezogen hatte. »Gebt ihr zu trinken,« sagte der Vogt. Man gab ihr frisches Wasser, und sie verschluckte es gierig; den Becher hielt sie mit den Zähnen, wie ein Hund seinen Knochen, und wollte ihn nicht auslassen. Dann gab man ihr noch Wasser, und sie wollte es Joost Damman bringen, aber der Henker nahm ihr den Becher aus der Hand. Und sie fiel schlafend nieder, wie ein Bleiklumpen. Nun schrie Joost Damman wütend: »Auch ich habe Durst und Schlaf. Warum gebt Ihr ihr zu trinken? Warum laßt Ihr sie schlafen?« »Sie ist schwach, eine Frau und närrisch,« antwortete der Vogt. »Ihre Narrheit ist verstellt,« sagte Joost Damman, »sie ist eine Hexe. Ich will trinken, ich will schlafen!« Und er schloß die Augen, aber die Knechte des Henkers schlugen ihm ins Gesicht. »Gebt mir ein Messer,« schrie er, »damit ich diese Bauern in Stücke schneide: ich bin ein Edelmann, und mir hat noch niemand ins Gesicht geschlagen. Wasser! Laßt mich schlafen! Ich bin unschuldig. Ich bin es nicht, der die siebenhundert Gulden genommen hat; Hilbert ists. Zu trinken! Ich habe nie Hexerei und Beschwörung getrieben. Ich bin unschuldig, laßt mich. Zu trinken!« Nun fragte ihn der Vogt: »Womit hast du die Zeit verbracht, seit du Katelijne verlassen hast?« »Ich kenne Katelijne nicht,« sagte er, »und ich habe sie nicht verlassen. Ihr fragt mich um Dinge, die mit der Sache nichts zu tun haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu trinken! Laßt mich schlafen. Ich sage es Euch, Hilbert ists, der alles getan hat.« »Bindet ihn los,« sagte der Vogt. »Bringt ihn in sein Gefängnis zurück. Aber daß er Durst leidet und nicht schläft, bis er seine Hexereien und Beschwörungen gestanden hat.« Und das war für Damman eine grausame Folter. Er schrie in seinem Gefängnis: »Wasser! Wasser!« so laut, daß es das Volk hörte, aber ohne jegliches Mitleid. Und wann ihn seine Wächter beim Einschlafen ins Gesicht schlugen, wurde er wie ein Tiger und schrie: »Ich bin ein Edelmann und werde euch Bauern töten. Ich gehe zum Könige, unserm Herrn. Wasser!« Aber er gestand nichts, und man ließ ihn. VI Es war im Mai, die Linde der Gerechtigkeit war grün, und grün waren auch die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war zur Zeugenschaft geladen. Und an diesem Tage sollte der Spruch verkündigt werden. Und das Volk, Männer und Frauen, Bürger und Werkleute, standen rundherum im Felde; und die Sonne blinkte hell. Katelijne und Joost Damman wurden vors Gericht geführt; und Damman war noch bleicher wegen der Folter des Durstes und der schlaflosen Nächte. Katelijne, der die zitternden Beine den Dienst versagten, wies auf die Sonne und sagte: »Nehmt das Feuer weg, der Kopf brennt!« Und sie sah Joost Damman mit zärtlicher Liebe an. Und er sah sie mit Haß und Verachtung an. Und die Herren und Edelleute, seine Freunde, die nach Damme geladen waren, waren alle da, als Zeugen vor dem Gerichte. Nun sprach der Vogt und sagte: »Nele, das Mädchen, die ihre Mutter Katelijne mit so großer und wackerer Hingebung verteidigt, hat in der Tasche, die an deren Feiertagsrock genäht ist, einen Brief gefunden, der unterzeichnet ist mit Hansken. Unter den Gegenständen, die der Leichnam von Hilbert Rijnvisch bei sich hatte, war auch ein Schubsack, und darin habe ich einen an den Toten gerichteten Brief des besagten Joost Damman gefunden, der als Angeklagter vor euch steht. Beide Briefe habe ich bei mir verwahrt, damit Ihr in dem geeigneten Augenblicke, und der ist jetzt eingetreten, über die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn entweder freisprechen oder verdammen könnet nach Recht und Gerechtigkeit. Hier ist das Pergament, das ich in dem Schubsacke gefunden habe; ich habe es nicht berührt und weiß nicht, ob es lesbar ist oder nicht.« Der Richter hatte sich eine große Aufregung bemächtigt. Der Vogt versuchte, die Bulle vom Pergamente zu lösen; aber es gelang ihm nicht, und Joost Damman lachte. Nun sagte ein Schöffe: »Bringen wir die Bulle ins Wasser und dann vors Feuer. Wenn ein geheimnisvoller Kitt da ist, werden ihn das Feuer und das Wasser verzehren.« Man brachte Wasser, und der Henker entzündete ein großes Holzfeuer im Hag; der Rauch stieg blau zum klaren Himmel auf, zwischen den grünenden Zweigen der Linde der Gerechtigkeit. »Legt den Brief nicht in die Schüssel,« sagte ein Schöffe; »denn wenn er mit gelöstem Ammoniaksalz geschrieben ist, werdet Ihr die Zeichen verlöschen.« »Nein,« sagte der Wundarzt, der da war, »die Zeichen werden nicht verlöschen, sondern das Wasser wird nur den Überzug erweichen, der das Öffnen dieser magischen Bulle verhindert.« Das Pergament wurde eingetaucht; als es weich war, ließ es sich entfalten. »Jetzt«, sagte der Wundarzt, »haltet es ans Feuer.« »Ja, ja,« sagte Nele, »haltet das Papier ans Feuer; der Herr Wundarzt ist auf der Spur der Wahrheit, denn der Mörder erbleicht, und seine Beine zittern.« Da sagte Messire Joost Damman: »Ich erbleiche weder, noch zittere ich, du kleine gemeine Furie, die du den Tod eines Edelmanns willst. Aber du wirst nichts ausrichten; das Pergament muß verfault sein in den sechzehn Jahren, die es in der Erde gelegen hat.« »Das Pergament ist nicht verfault,« sagte der Schöffe; »der Sack war mit Seide gefüttert: die Seide verzehrt sich nicht in der Erde, und die Würmer haben das Pergament nicht durchgefressen.« Das Pergament wurde ans Feuer gehalten. »Gnädiger Herr Vogt, gnädiger Herr Vogt,« sagte Nele, »seht, am Feuer kommt die Tinte zum Vorschein: laßt das Schreiben verlesen.« Als sich der Arzt zu lesen anschickte, wollte Messire Joost Damman die Arme strecken, um sich des Pergaments zu bemächtigen; aber Nele fiel ihm, rasch wie der Wind, in den Arm und sagte: »Du wirst es nicht berühren, denn hier steht entweder dein Tod oder der Katelijnens geschrieben. Wenn heute dein Herz blutet, du Mörder, so sind es fünfzehn Jahre, daß unsers blutet, fünfzehn Jahre, daß Katelijne duldet, fünfzehn Jahre, daß ihr das Hirn im Kopfe brennt um dich, fünfzehn Jahre, daß Soetkin gestorben ist an den Folgen der Folter, fünfzehn Jahre, daß wir dürftig und zerlumpt im Elend leben, jedoch erhobenen Hauptes. Lest das Papier, lest das Papier! Die Richter sind Gott auf der Erde, denn sie sind die Gerechtigkeit. Lest das Papier!« »Lest das Papier!« schrien die Männer und die Frauen weinend. »Nele ist wacker! Lest das Papier! Katelijne ist keine Hexe!« Und der Schreiber las: »Hilbert, den Sohn von Willem Rijnvisch, Jonker, grüßt Joost Damman, Jonker. Teuerer Freund, verlier nicht mehr dein Geld im Kartenspiel, mit Würfeln und bei derlei jämmerlichem Tand. Ich werde dir sagen, wie man mit sicherm Zuge gewinnt. Wir wollen Teufel werden, schöne Teufel, wie sie von Frauen und Mädchen geliebt werden. Die häßlichen und armen lassen wir, die schönen und reichen nehmen wir; sie sollen ihr Vergnügen bezahlen. Ich habe bei diesem Geschäfte in Deutschland, in sechs Monaten, fünftausend Reichstaler verdient. Die Weiber geben ihr letztes Hemd für den Mann hin, den sie lieben; meide die geizigen mit der Spitznase, die es auf die lange Bank schieben, ihr Vergnügen zu bezahlen. Was dich betrifft, wann es sich darum handelt, daß du als ein schöner Teufel und ein wirklicher Inkubus erscheinen sollst, so künde, wenn sie dir eine Nacht gewährt haben, dein Kommen mit dem Schrei eines Nachtvogels an. Und damit dein Gesicht dem wirklichen Gesicht eines Teufels gleiche, eines schrecklichen Teufels, so reibe es dir mit Phosphor, der schimmert, wo es feucht ist. Der Geruch ist übel, aber sie werden glauben, es sei der Geruch der Hölle. Töte, wer deinen Weg kreuzt, Mann, Frau oder Tier. Wir werden bald miteinander zu Katelijne gehen, einer hübschen, gutmütigen Dirne. Ihre Tochter, ein meiniges Kind, wenn mir Katelijne treu war, ist anmutig und liebenswürdig; du wirst sie ohne viel Mühe nehmen: ich schenke sie dir, denn ich schere mich nicht um diese Bastarde, die man nicht mit Sicherheit als sein Fleisch erkennen kann. Ihre Mutter hat mir schon mehr als dreiundzwanzig Karolus gegeben, ihr ganzes Vermögen. Aber sie verbirgt einen Schatz, der, wenn ich nicht auf den Kopf gefallen bin, der Nachlaß von Klaas, dem Ketzer, ist, der in Damme verbrannt worden ist: siebenhundert Karolus, die der Beschlagnahme verfallen wären; aber der gute König Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um sie zu beerben, hat seine Klaue nicht auf diesen süßen Schatz legen können. In meiner Tasche wird er schwerer wiegen als in seiner. Katelijne wird mir sagen, wo er ist. Wir werden ihn teilen; nur wirst du mir die größere Hälfte lassen, weil ich ihn ausgekundschaftet habe. Was die Weiber betrifft, die unsere süßen Mägde und verliebte Sklavinnen sind, so werden wir sie nach Deutschland bringen. Dort werden wir sie zu weiblichen Teufeln abrichten, die als Succubi alle reichen Bürger und Edelleute bestricken sollen. Dann werden wir, sie und wir, von der Liebe leben, die bezahlt wird mit schönen Reichstalern, mit Samt und Seide, mit Gold und Perlen und Kleinoden; so werden wir reich sein ohne Plage und werden, ohne daß es die Succubi wüßten, von der allerschönsten geliebt werden, im übrigen stets dafür bezahlt. Alle Frauen sind dumm und schwach, wenn es der Mann versteht, das Feuer zu entfachen, das ihnen Gott unterm Gürtel glimmen läßt. Katelijne und Nele werden es noch mehr sein als die andern und uns, weil sie uns für Teufel halten, in allem gehorchen; du behalte deinen Vornamen, nenne aber niemals deinen Vatersnamen Rijnvisch. Wenn der Richter die Frauen greift, so entweichen wir, ohne daß sie uns kennten und uns anzugeben vermöchten. Stoß also zu mir, Herzbruder. Das Glück lächelt den jungen Leuten, wie weiland Seine Heilige Majestät Karl der Fünfte gesagt hat, der vollendete Meister in Sachen des Kriegs und der Liebe.«   Und der Schreiber sagte, als er mit dem Lesen zu Ende war: »Das ist der Brief, und er ist unterzeichnet: Joost Damman, Jonker.« Und das Volk schrie: »In den Tod mit dem Mörder! In den Tod mit dem Hexenmeister! Ins Feuer mit dem Frauenbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!« Nun sagte der Vogt: »Leute, verhaltet euch ruhig, damit wir in aller Freiheit über den Mann richten.« Und er sprach zu den Schöffen und sagte: »Ich will Euch den andern Brief vorlesen, den Nele in der Tasche von Katelijnens Feiertagsrock gefunden hat. Er lautet folgendermaßen: Allerliebste Hexe, hier das Rezept einer Salbe, das mir Luzifers Frau selbst geschickt hat; durch diese Salbe kannst du dich auf die Sonne, den Mond und die Sterne erheben, kannst mit den Elementargeistern verkehren, die die Gebete der Menschen zu Gott tragen, kannst alle Städte, Flecken, Ströme und Wiesen der ganzen Welt durchwandern: du mengst miteinander in gleichen Dosen: Stramonium, Solanum somniferum, Bilsenkraut, Opium, frische Hanfspitzen, Belladonna und Datura. Wenn es dir recht ist, so gehn wir heute abend auf den Hexensabbat; aber du mußt mich mehr lieben und darfst nicht so knauserig sein wie neulich, wo du mir zehn Gulden verweigert hast mit der Ausflucht, du habest sie nicht. Ich weiß, daß du einen Schatz verbirgst und mir nicht sagen willst wo. Liebst du mich nicht mehr, süßes Herz? Dein kalter Teufel Hansken.« »In den Tod mit dem Hexenmeister!« schrie das Volk. Der Vogt sagte: »Man muß die eine Schrift mit der andern vergleichen.« Als das geschehn war, wurde festgestellt, daß sie einander gleich waren. Nun sagte der Vogt zu den anwesenden Herren und Edelleuten: »Erkennt Ihr den da für den Messire Joost Damman, Sohn des Schöffen von der Keure in Gent?« »Ja,« sagten sie. »Habt Ihr«, sagte er, »Messire Hilbert, Sohn von Willem Rijnvisch, Jonker, gekannt?« Ein Edelmann, der sich Van der Zickele nannte, sprach und sagte: »Ich bin aus Gent, mein Steen ist auf dem Michaelsplatz; ich kenne Willem Rijnvisch, Junker und Schöffen der Keure in Gent. Er hat, es sind fünfzehn Jahre her, einen Sohn von dreiundzwanzig Jahren verloren, einen Wüstling, Spieler und Müßiggänger; aber dem vergab es jeder seiner Jugend halber. Seit dieser Zeit hat niemand etwas von ihm vernommen. Ich möchte den Degen, den Dolch und den Schubsack des Toten sehn.« Als er sie vor sich hatte, sagte er: »Der Degen und der Dolch tragen am Knaufe das Wappen der Rijnvisch, nämlich drei silberne Fische auf azurnem Grunde. Dasselbe Wappen sehe ich auf einem Goldschilde zwischen den Maschen der Tasche. Woher ist der andere Dolch da?« Der Vogt sprach und sagte: »Das ist der, der in dem Leichnam von Hilbert Rijnvisch, dem Sohne Willems, gesteckt hat, als wir ihn gefunden haben.« »Ich erkenne«, sagte der Herr, »das Wappen der Damman; den roten Turm auf silbernem Felde. So wahr mir Gott helfe und alle seine Heiligen.« Die andern Edelleute sagten ebenso: »Wir erkennen die besagten Wappen als die von Rijnvisch und Damman. So wahr uns Gott helfe und alle seine Heiligen.« Nun sagte der Vogt: »Nach den mündlichen und schriftlichen Inzichten, die das Gericht der Schöffen geprüft hat, ist Messire Joost Damman ein Hexenmeister, ein Mörder, ein Frauenbetörer und ein Dieb am königlichen Gut und, weil er das ist, schuldig des Verbrechens der beleidigten göttlichen und menschlichen Majestät.« »Ihr sagt es, Herr Vogt,« entgegnete Joost, »aber Ihr werdet mich nicht verurteilen, da es an genügenden Inzichten gebricht. Ich bin und war niemals ein Hexenmeister; und ich habe den Teufel nur gespielt. Was mein schimmerndes Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept ebenso wie das der Salbe, die, samt dem, daß sie das Bilsenkraut, eine Giftpflanze, enthalt, nur als Schlafmittel wirkt. Wann es diese Frau, eine wirkliche Hexe, anwandte, schlummerte sie ein und dachte, sie gehe zum Sabbat, tanze dort mit nach auswärts gekehrtem Gesichte im Kreise und bete den Teufel an, der in der Gestalt eines Bockes auf dem Altar sitze. Und wann der Tanz aus war, glaubte sie ihn, wie es die Hexen tun, unterm Schwanze zu küssen, um sich dann mit mir, ihrem Freunde, den seltsamen Begattungen hinzugeben, die ihrem ausschweifenden Sinne gefielen. Wenn ich, wie sie sagt, kalte Arme und einen frischen Körper hatte, so war das ein Zeichen der Jugend und nicht der Hexerei. Bei den Werken der Liebe dauert die Frische nicht an. Aber Katelijne wollte das glauben, was sie ersehnte, und wollte mich für einen Teufel nehmen, ungeachtet daß ich ein Mensch bin aus Fleisch und Knochen wie Ihr, die Ihr mich anseht. Sie allein ist schuldig: da sie mich für einen Dämon hielt und mich in ihr Lager aufgenommen hat, hat sie, in der Absicht und in der Tat, gesündigt wider Gott und den Heiligen Geist. Nicht ich bin es also, sondern sie ist es, die das Verbrechen der Hexerei begangen hat, sie ist es, der der Feuertod gebührt als einer wütenden, tückischen Hexe, die für närrisch gelten will, um ihre Tücke zu verbergen.« Aber Nele sagte: »Hört ihr den Mörder? Er hat, wie eine feile Dirne, die das Rädchen am Arme trägt, aus der Liebe ein Geschäft und eine Ware gemacht. Hört ihr ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen lassen, die ihm alles gegeben hat.« »Nele ist garstig,« sagte Katelijne; »hör nicht auf sie, Hans, mein Geliebter.« »Nein,« sagte Nele, »nein, du bist kein Mensch: du bist ein Teufel, feige und grausam.« Und sie schloß Katelijne in ihre Arme. »Herren Richter,« rief sie, »hört nicht auf diesen bleichen Schandbuben: er hat keine andere Sehnsucht, als meine Mutter brennen zu sehn, die sonst keinen Fehler begangen hat, als daß sie von Gott mit Narrheit geschlagen worden ist und Traumgespinste für Wirklichkeit gehalten hat. Sie hat schon genug gelitten, am Leib und am Geist. Erspart ihr den Tod, Herren Richter. Laßt die Unschuldige ihr trauriges Leben in Frieden hinbringen.« Und Katelijne sagte: »Nele ist garstig; du darfst ihr nicht glauben, Hans, mein Herr.« Und im Volke weinten die Frauen, und die Männer sagten: »Gnade für Katelijne.« Der Vogt und die Schöffen gaben über Joost Damman, nachdem er nach einer neuerlichen Folter ein Geständnis abgelegt hatte, den Spruch ab: er wurde verurteilt, seines Adels entkleidet zu werden und lebendig an einem linden Feuer verbrannt zu werden, bis der Tod eintrete; und er erlitt seine Strafe am nächsten Tage vor den Wehren des Stadthauses, indem er immerfort sagte: »Richtet die Hexe hin, sie allein ist schuldig! Vermaledeit sei Gott! Mein Vater wird die Richter töten.« Und er gab seinen Geist auf. Und das Volk sagte: »Seht den fluchenden Lästerer; er verendet wie ein Hund.« Am nächsten Tage gaben der Vogt und die Schöffen ihren Spruch ab über Katelijne, die verurteilt wurde, sich der Wasserprobe im Kanale von Brügge zu unterziehen: schwimme sie, so solle sie als Hexe verbrannt werden, sinke sie zugrunde und sterbe sie, so solle sie als christlich verstorben betrachtet und als Christin auf dem Gottesacker begraben werden. Am nächsten Tage wurde Katelijne, eine Kerze in der Hand, mit nackten Füßen und in einem Hemd aus schwarzer Leinwand, den Bäumen entlang ans Ufer des Kanals geführt, in großer Prozession. Vor ihr schritten, Totengebete singend, der Dechant von Unserer Frau, seine Meßhelfer und der Küster mit dem Kreuze, hinter ihr der Vogt von Damme, die Schöffen, die Schreiber, die Stadtschergen, der Profoß und der Henker mit seinen beiden Knechten. An den Ufern war eine große Menge Volks versammelt: die Frauen weinten und die Männer murrten, aus Mitleid mit Katelijne, die sich wie ein Lamm dahinführen ließ, ohne zu wissen wohin, und immerfort sagte: »Nehmt das Feuer weg, der Kopf brennt! Hans, wo bist du?« Mitten unter den Frauen schrie Nele: »Ich will mit ihr hineingeworfen werden.« Aber die Frauen ließen sie nicht zu Katelijne. Ein scharfer Wind blies von der See; vom grauen Himmel fiel ein dünner Hagel in das Wasser des Kanals. Es lag eine Barke da, und die nahm der Henker mit seinen Knechten im Namen Seiner Königlichen Majestät. Auf ihren Befehl stieg Katelijne hinein. Der Henker stand aufrecht und hielt sie: auf das Zeichen des Profoßen, der den Stab des Gerichtes hob, warf er Katelijne in den Kanal; sie schlug ein paarmal, aber nicht oft, um sich und sank zugrunde, nachdem sie geschrien hatte: »Hans! Hans! Zu Hilfe!« Und das Volk sagte: »Dieses Weib ist keine Hexe.« Etliche Männer warfen sich in den Kanal und zogen Katelijne heraus, die besinnungslos war und starr wie eine Tote. Dann wurde sie in eine Schenke gebracht und vor ein großes Feuer gesetzt; Nele entledigte sie der nassen Kleider samt der Wäsche und gab ihr andere. Als sie zu sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: »Hans, gib mir einen Wollenmantel.« Und Katelijne konnte sich nicht mehr erwärmen. Und sie starb am dritten Tage. Und sie wurde auf dem Gottesacker begraben. Und die verwaiste Nele wanderte nach Holland zu Rosa van Auwegem. VII Auf den seeländischen Hulken, auf den Bojern, auf den Krusteven fährt Thijl Klaas Uilenspiegel. Das freie Meer trägt die tüchtigen Vlieboote, auf denen acht, zehn oder zwanzig Stücke sind, alle aus Eisen; sie speien Tod und Verderben auf die spanischen Schurken. Er ist ein kundiger Feuerwerker, Thijl Uilenspiegel, der Sohn Klaasens: man muß ihn nur sehn, wie genau er richtet, wie gut er absieht und wie er die Wracke der Henker durchbohrt, als ob sie Wände von Butter hätten. Am Filze trägt er den silbernen Halbmond mit der Inschrift: Liever den Turk als den Paus. Lieber türkisch als päpstisch. Die Matrosen, die ihn ihre Schiffe erklimmen sehn, leicht wie eine Katze, flink wie ein Eichhörnchen, ein Lied oder ein Scherzwort auf den Lippen, fragen ihn in befremdeter Neugier: »Woher kommt dir denn, du kleiner Mann, diese Jugendlichkeit, wo es doch heißt, es sei schon gar lange her, daß du in Damme geboren worden bist?« »Ich bin kein Leib,« sagt er, »sondern ein Geist, und Nele, meine Geliebte, ebenso: Geist von Flandern, Liebe von Flandern, wir sterben nimmer.« »Und doch«, sagten sie, »blutest du, wann du getroffen wirst.« »Das scheint euch nur so,« antwortete Uilenspiegel; »es ist Wein und nicht Blut.« »Wir werden dich an einen Bratspieß stecken.« »Ich werde mich ganz allein ausweiden,« antwortete Uilenspiegel. »Du machst dich lustig über uns.« »Wer die Trommel schlägt, muß den Schall leiden,« antwortete Uilenspiegel. Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten an den Masten der Schiffe. Gekleidet in Samt, Brokat, Seide und Silber- und Goldstoff, wie sie die Äbte bei feierlichen Ämtern tragen, mit Mitra und Krummstab und den Wein der Mönche trinkend, hielten die Geusen die Wacht auf den Schiffen. Und es war ein seltsamer Anblick, wenn sich aus diesen kostbaren Gewändern die rauhen Hände reckten, die die Arkebuse oder die Armbrust führten, die Hellebarde oder die Pike, und wenn all diese Männer mit den harten Gesichtern, gegürtet mit Pistolen oder im Sonnenlicht blinkenden Messern, aus goldenen Kelchen den Prälatenwein tranken, der nun zum Freiheitswein geworden war. Und sie sangen und sie schrien: »Heil den Geusen!« Und also fuhren sie über den Ozean und die Schelde. VIII Die Geusen, bei denen Lamme und Uilenspiegel waren, nahmen in dieser Zeit Gorkum. Sie standen unter dem Befehle des Kapitäns Marinus: dieser Marinus, der früher ein Deicharbeiter gewesen war, überhob sich in Hochmut und Eigendünkel und unterschrieb mit Gaspard Turk, dem Verteidiger Gorkums, einen Übergabsvertrag, wonach Turk, die Mönche, die Bürger und die Soldaten, die in der Zitadelle eingeschlossen waren, freien Abzug haben sollten, die Kugel im Munde und die Muskete auf der Schulter, mit allem, was sie tragen könnten, ausgenommen alles Kirchengut, das den Belagerern zu verbleiben habe. Aber der Kapitän Marinus hielt nach einem Auftrage von Messire von Lumey die neunzehn Mönche als Gefangene zurück, während er die Soldaten und die Bürger ziehen ließ. Und Uilenspiegel sagte: »Soldatenwort soll Goldwort sein. Warum bricht er das seinige?« Ein alter Geuse antwortete Uilenspiegel: »Die Mönche sind Söhne des Teufels, der Aussatz der Völker, die Schande der Länder. Seit der Ankunft des Herzogs Alba tragen die da die Nase hoch in Gorkum. Einer ist unter ihnen, der Pfaff Nicolaas, stolzer als ein Pfau und grimmiger als ein Tiger. Jedesmal, wann er durch die Straße ging mit seinem heiligen Sakramente, mit der Hostie aus Hundeschmalz, achtete er tückischen Blickes auf die Häuser, wo die Frauen nicht herauskamen, um niederzuknien, und gab alle, die ihre Knie nicht beugten vor seinem Aftergotte aus Teig und vergoldetem Kupfer, beim Richter an. Die andern Mönche ahmten ihm nach. Das war die Ursache von großer Kümmernis, von Verbrennungen und von grausamen Strafen in der Stadt zu Gorkum. Der Kapitän Marinus tut gut daran, die Mönche gefangen zu halten, weil sie sonst mit ihresgleichen durch die Flecken, Dörfer, Städte und Städtchen ziehen würden, um gegen uns zu predigen, das Volk aufzuwiegeln und die armen Reformierten verbrennen zu lassen: die Doggen legt man an die Kette, bis sie verrecken; an die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden des Herzogs, in den Kerker mit den Henkern! Heil den Geusen!« »Aber«, sagte Uilenspiegel, »der gnädige Herr von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß man bei denen, die sich ergeben, das Vermögen der einzelnen und die Gewissensfreiheit schone.« Die alten Geusen antworteten: »Der Admiral will das für die Mönche nicht gelten lassen; er ist der Herr: er hat Briel genommen. In den Kerker mit den Mönchen!« »Soldatenwort, Goldwert!« antwortete Uilenspiegel. »Warum bricht ers? Die Mönche leiden im Gefängnis viel Unglimpf.« »Die Asche schlägt nicht mehr an dein Herz,« sagten sie. »Hunderttausend Familien haben – eine Folge der Edikte – nach Nordwesten, nach England den Gewerbefleiß und die Reichtümer unserer Lande getragen; beklage nur die, die unser Elend auf dem Gewissen haben! Seit Kaiser Karl V., Henker I., sind unter diesem Blutkönige, Henker II., einhundertachtzehntausend Menschen auf dem Schafott gestorben. Wer hat die Leichenkerzen getragen in dem Morden und in den Tränen? Die Mönche und die spanischen Soldaten. Hörst du nicht die Klageschreie der armen Seelen?« »Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel. »Soldatenwort ist Goldwort.« »Wer hat denn«, sagten sie, »unser Land durch den Kirchenbann bei den Völkern ächten wollen? Wer hätte, wenn es möglich gewesen wäre, gegen uns Himmel und Erde aufgeboten, Gott und den Teufel samt den geschlossenen Banden ihrer Heiligen beiderlei Geschlechtes? Wer hat die Hostien Ochsenblut bluten lassen, wer die Holzbilder weinen? Wer hat das De profundis singen lassen über das Land der Väter, wenn nicht diese vermaledeite Geistlichkeit, diese Horden müßiger Mönche, um ihre Reichtümer zu bewahren, um ihren Einfluß auf die Götzenanbeter aufrecht zu erhalten und um durch Elend, Blut und Feuer über das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit den Wölfen, die sich auf die wehrlosen Menschen stürzen, in den Käfig mit den Hyänen! Heil den Geusen!« »Soldatenwort ist Goldwort,« antwortete Uilenspiegel. Am nächsten Tage kam ein Bote von Messire von Lumey mit dem Auftrage, die neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel zu schaffen, wo sich der Admiral aufhielt. »Sie werden gehenkt,« sagte der Kapitän Marinus zu Uilenspiegel. »Solange ich lebe, nicht,« antwortete der. »Mein Sohn,« sagte Lamme, »zu Messire von Lumey sprich nicht so; er kennt keine Mäßigung und würde dich mit ihnen henken lasse», ohne Gnade.« »Ich werde gemäß der Wahrheit sprechen,« antwortete Uilenspiegel; »Soldatenwort ist Goldwert.« »Wenn du sie retten kannst,« sagte Marinus, »so geleite ihre Barke nach Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, mit und deinen Freund Lamme, wenn du willst.« »Jawohl,« antwortete Uilenspiegel. Die Barke legte am Grünen Kai an, und die neunzehn Mönche stiegen ein. Rochus, der furchtsame, wurde ans Steuer gestellt; Uilenspiegel und Lamme, die wohlbewaffnet waren, setzten sich aufs Vorderdeck. Etliche Soldaten, Taugenichtse, die sich den Geusen der Plünderung halber angeschlossen hatten, blieben bei den Mönchen. Die Mönche hatten Hunger; Uilenspiegel gab ihnen zu trinken und zu essen. Die schlechten Soldaten sagten: »Der sinnt Verrat.« Die neunzehn Mönche, die mit ihren scheinheiligen Gesichtern in der Mitte saßen, schienen zitternd zu frieren, obwohl die Julisonne hell und heiß strahlte und ein lindes Lüftchen die Segel der Barke blähte, die schwer und dickbauchig über die grünen Wogen glitt. Nun sprach der Vater Nicolaas und sagte zum Lotsen: »Rochus, bringt man uns zur Richtstatt?« Dann wandte er sich gegen Gorkum: »O Stadt Gorkum,« sagte er, aufrechtstehend und die Hand ausstreckend, »Stadt Gorkum! Wie viel Leiden wirst du erdulden müssen: du wirst vermaledeit sein unter den Städten, denn du hast in deinen Mauern die Saat der Ketzerei wachsen lassen! O Stadt Gorkum! Und der Engel des Herrn wird fürder nicht mehr an deinen Toren wachen. Er wird nicht mehr achthaben auf die Züchtigkeit deiner Jungfrauen, auf den Mut deiner Männer, auf das Glück deiner Kaufleute! O Stadt Gorkum, du bist vermaledeit, unselige!« »Vermaledeit, vermaledeit,« antwortete Uilenspiegel, »vermaledeit wie der Kamm, der ihr durchgefahren ist und ihr die spanischen Läuse weggenommen hat, vermaledeit wie der Hund, der seine Kette bricht, wie das edle Roß, das einen grausamen Reiter abwirft! Vermaledeit du selber, alberner Prediger, der du es schlecht findest, daß man die Rute, und wäre sie aus Eisen, auf dem Rücken der Tyrannen zerbricht!« Der Mönch schwieg und bot ein Bild verschlossenen frommen Hasses. Die schlechten Soldaten, die sich den Geusen der Plünderung halber angeschlossen hatten, saßen neben den Mönchen. Die Mönche hatten bald wieder Hunger; Uilenspiegel verlangte für sie Zwieback und Hering: der Schiffsmann antwortete: »In die Maas mit ihnen! Dort werden sie den Hering frisch essen.« Nun gab ihnen Uilenspiegel den ganzen Vorrat von Brot und Wurst, den er für sich und Lamme hatte. Der Schiffsmann und die schlechten Geusen sagten untereinander: »Der ist ein Verräter: er füttert die Mönche; man muß ihn angeben.« In Dordrecht legte die Barke an der Bloemenkaai an: Männer, Frauen, Knaben und Mädchen liefen haufenweise hinzu, um die Mönche zu sehn, und sie sagten untereinander, auf sie mit den Fingern weisend oder ihnen mit den Fäusten drohend: »Seht da diese Schurken, diese Gottmacher, die die Leiber auf die Scheiterhaufen schicken und die Seelen ins ewige Feuer! Seht diese fetten Tiger, diese angefressenen Schakale!« Die Mönche senkten das Haupt und getrauten sich kein Wort zu reden. Uilenspiegel sah sie von neuem zittern. »Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,« sagten sie. Aber der Schiffsmann: »Wer trinkt immer? Der trockene Sand. Wer frißt immer? Der Mönch.« Uilenspiegel holte ihnen aus der Stadt Brot, Schinken und einen großen Krug Bier. »Eßt und trinkt,« sagte er; »ihr seid unsere Gefangenen, aber ich will euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort ist Goldwort.« »Warum gibst du ihnen das?« sagten die schlechten Geusen; »sie werden dich nicht bezahlen.« Und sie raunten einander in die Ohren: »Er hat versprochen, sie zu retten; geben wir acht auf ihn.« Ums Morgengrauen kamen sie nach Briel. Die Tore wurden ihnen aufgetan, und ein Voetlooper eilte dem Messire von Lumey ihre Ankunft melden. Auf diese Nachricht nahm er sich kaum Zeit zum Ankleiden und ritt sofort hin, begleitet von einigen Reitern und Fußknechten. Und Uilenspiegel konnte wieder den harten Admiral sehn, gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überflusse lebt. »Guten Morgen, meine Herrn Mönche,« sagte er. »Hebt die Hände. Wo ist das Blut der Herren von Egmont und von Hoorne? Ihr zeigt mir weiße Pfoten; das ist gut für euch.« Ein Mönch, Leonard geheißen, antwortete: »Mach mit uns, was du willst. Wir sind Mönche; niemand wird uns einfordern.« »Er hat gut gesprochen,« sagte Uilenspiegel; »denn der Mönch, der mit der Welt gebrochen hat, mit Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Gattin und Liebchen, findet in der Stunde Gottes keinen Menschen, der ihn einforderte. Immerhin, Exzellenz, will ich es tun: Der Kapitän Marinus hat, als er den Übergabsvertrag von Gorkum unterzeichnet hat, die Bedingung eingegangen, daß diese Mönche frei sein sollten wie alle, die in der Zitadelle gefangen worden sind und sie verlassen haben. Trotzdem wurden sie ohne Grund zurückbehalten; ich habe sagen hören, daß man sie henken wird. Gnädiger Herr, ich wende mich in aller Ehrfurcht an Euch, indem ich bei Euch für sie spreche; denn ich weiß, Soldatenwort ist Goldwert.« »Wer bist du?« fragte ihn Messire von Lumey. »Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »ein Vlame bin ich aus dem schönen Lande Flandern, Bauer, Edelmann, alles miteinander, und ich wandere so durch die Welt, preisend das Schöne und Gute, über die Dummheit spottend mit vollem Munde. Und ich will Euch preisen, wenn Ihr das Versprechen des Kapitäns haltet: Soldatenwort ist Goldwert.« Aber die schlechten Geusen, die auf dem Schiffe gewesen waren, sagten: »Gnädiger Herr, er ist ein Verräter: er hat sie zu retten versprochen und hat ihnen Brot, Schinken, Wurst und Bier gegeben und uns nichts.« Nun sagte Messire von Lumey zu Uilenspiegel: »Vlämischer Wanderer und Mönchefütterer, du wirst mit ihnen gehenkt werden.« »Ich habe keine Angst,« antwortete Uilenspiegel; »Soldatenwort ist Goldwort.« »Dir ist der Kamm ordentlich geschwollen,« sagte Lumey. »Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel. Die Mönche wurden in eine Scheuer gebracht und Uilenspiegel mit ihnen. Dort wollten sie ihn mit theologischen Beweisgründen belehren; aber er schlief ein beim Zuhören. Messire von Lumey war bei Tische, voll Wein und Fleisch, als von Gorkum ein Bote des Kapitäns Marinus kam mit der Abschrift eines Briefes des Schweigers, des Prinzen von Oranien, der darin allen Machthabern der Städte und andern Orte befahl, die Geistlichen in gleicher Hut, Sicherheit und Schirmnis zu halten wie das übrige Volk. Der Bote verlangte, vor Lumey geführt zu werden, um ihm die Abschrift des Briefes zu eigenen Händen zu übergeben. »Wo ist das Original?« fragte ihn Lumey. »Bei meinem Herrn Marinus,« sagte der Bote. »Und der Bauer schickt mir die Abschrift!« sagte Lumey. »Wo ist dein Paß?« »Hier, Herr,« sagte der Bote. Messire von Lumey las mit erhobener Stimme: »Seine Gnaden, der Herr Marinus Brandt; befiehlt allen, Bevollmächtigten, Statthaltern und Beamten des Staates, daß sie in Sicherheit usw.« Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und riß den Paß in Fetzen: »Gottsblut!« sagte er, »was untersteht sich dieser Marinus, dieser Lumpenkerl, der vor der Einnahme Briels nicht eine Heringsgräte sein Eigentum genannt hat? Er heißt sich Gnaden und Herr und schickt mir Aufträge! Er befiehlt und trägt auf! Sag deinem Herrn, daß, weil er ein so großer und erhabener Herr ist und so trefflich befiehlt und gebietet, die Mönche unverzüglich gehenkt werden und du mit ihnen, wenn du dich nicht augenblicklich packst.« Und mit einem Fußtritt warf er ihn aus dem Saale. »Wein her!« schrie er. »Habt ihr die Anmaßung dieses Marinus gesehn? Ich speie mein Essen aus, so wild bin ich. Auf der Stelle henke man die Mönche in ihrer Scheuer, und man führe mir den vlämischen Wanderer vor, nachdem er ihrer Hinrichtung beigewohnt hat. Wir werden ja sehn, ob er es wagen wird, mir zu sagen, ich hätte schlecht gehandelt. Gottsblut! Wer braucht hier noch Schüsseln und Gläser?« Und er zertrümmerte mit mächtigem Lärme Becher und Teller, und niemand getraute sich, ihn anzureden. Die Diener wollten die Scherben auflesen, aber er gestattete es nicht; eine Flasche nach der andern leerend, steigerte er seine Wut noch mehr und zertrat die krachenden Scherben mit großen Schritten in wildem Grimme. Uilenspiegel wurde ihm vorgeführt. »Nun also!« sagte er; »bringst du etwas Neues von deinen Freunden, den Mönchen?« »Sie sind gehenkt,« sagte Uilenspiegel, »und ein Schandbube von einem Henker, der zu seinem Vorteil tötet, hat einem von ihnen nach dem Tode den Bauch und die Rippen geöffnet, wie man ein Schwein ausweidet, um das Fett einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort ist nicht mehr Goldwort.« Lumey bohrte den Fuß in die Scherben: »Du trotzt mir, du vier Fuß hoher Taugenichts, aber ich laß auch dich henken, nicht in einer Scheuer, sondern schmachvoll auf dem Platze, vor aller Welt.« »Schande über Euch,« sagte Uilenspiegel, »Schande über uns: Soldatenwort ist nicht mehr Goldwort.« »Wirst du nicht schweigen, Eisenschädel?« sagte Messire von Lumey. »Schande über dich,« sagte Uilenspiegel, »Soldatenwort ist nicht mehr Goldwert. Strafe lieber die Buben, die Menschenfett verkaufen.« Messire von Lumey wollte sich auf ihn stürzen, die Hand zum Schlage erhoben. »Schlag zu,« sagte Uilenspiegel; »ich bin dein Gefangener, aber ich habe keine Furcht vor dir: Soldatenwort ist nicht mehr Goldwort.« Messire von Lumey zog sein Schwert und hätte Uilenspiegel sicherlich niedergestoßen, wenn ihm nicht Messire von Treslong in den Arm gefallen wäre mit den Worten: »Übt Gnade! Er ist brav und wacker und hat kein Verbrechen begangen.« Lumey kam zur Besinnung: »Er soll um Gnade bitten.« Uilenspiegel blieb aufrecht stehn: »Ich tus nicht.« »Er soll wenigstens sagen,« schrie Lumey in neuerlichem Zorne, »daß ich nicht unrecht gehandelt habe.« Uilenspiegel antwortete: »Ich lecke nicht die Stiefel der Herren: Soldatenwort ist nicht mehr Goldwort.« »Man errichte den Galgen«, sagte Lumey, »und führe ihn hinaus; das soll ihm ein Hanfwort sein.« »Ja,« sagte Uilenspiegel, »und vor allem Volke werde ich dir zuschreien: Soldatenwort ist nicht mehr Goldwort.« Der Galgen wurde auf dem Großen Markte errichtet. Bald durchlief die Zeitung die Stadt, daß man Uilenspiegel henken werde, den wackern Geusen. Und das Volk wurde von Mitleid und Barmherzigkeit ergriffen. Und es lief haufenweise auf den Großen Markt. Auch Messire von Lumey kam hingeritten, weil er das Zeichen zur Vollstreckung selber geben wollte. Ohne Milde betrachtete er Uilenspiegel, wie er auf der Leiter stand, für den Tod gekleidet, in seinem Hemde, die Arme an den Leib gebunden, die Hände gefaltet und den Strick am Halse, und den Henker neben sich, bereit, sein Werk zu tun. Treslong sagte zu Lumey: »Gnädiger Herr, begnadigt ihn; er ist kein Verräter, und noch niemals hat man einen Menschen henken sehn wegen seiner Lauterkeit und seines Mitleids.« Und die Männer und Frauen im Volke, die Treslongs Worte hörten, schrien: »Gnade, gnädiger Herr, Gnade und Barmherzigkeit für Uilenspiegel.« »Der Eisenschädel hat mir getrotzt,« sagte Lumey; »er bereue und sage, daß ich recht getan habe.« »Willst du bereuen und sagen, daß er recht getan hat?« sagte Treslong zu Uilenspiegel. »Soldatenwort ist nicht mehr Goldwort,« antwortete Uilenspiegel. »Den Strick zu,« sagte Lumey. Der Henker war daran zu gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, ganz weiß gekleidet und mit Blumen gekränzt, wie eine Tolle die Stufen des Schafotts hinauf, warf sich an Uilenspiegels Hals und sagte: »Der Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.« Und das Volk klatschte Beifall, und die Frauen riefen: »Heil, Heil dem Mädchen, die Uilenspiegel rettet.« »Was ist das?« fragte Messire von Lumey, und Treslong antwortete: »Nach Brauch und Sitte dieser Stadt ist es Recht und Gesetz, daß ein junges Mädchen, Jungfrau oder nicht verheiratet, einen Mann vom Stricke rettet, wenn sie ihn zum Gatten nimmt am Fuße des Galgens.« »Gott ist mit ihm,« sagte Lumey; »bindet ihn los.« Als er dann zum Schafott hinritt, sah er das Mädchen geschäftig die Stricke Uilenspiegels zerschneiden, und der Henker wollte ihr wehren und sagte: »Wenn Ihr sie zerschneidet, wer bezahlt sie?« Aber das Mädchen hörte nicht auf ihn. Als er sie so hurtig und behend in ihrem Liebeswerke sah, wurde er gerührt. »Wer bist du?« sagte er. »Ich bin Nele, seine Braut,« sagte sie, »und ich komme aus Flandern, um ihn zu suchen.« »Du hast recht getan,« sagte Lumey mit harter Stimme. Und er sprengte von dannen. Nun trat Treslong hinzu: »Kleiner Vlame,« sagte er, »wann du einmal verheiratet bist, bleibst du dann noch Soldat auf unsern Schiffen?« »Ja, Messire,« antwortete Uilenspiegel. »Und du, Mädchen, was wirst du tun ohne deinen Mann?« Nele antwortete: »Wenn es Euch recht ist, Herr, so will ich die Pfeife blasen auf seinem Schiffe.« »Mir ists recht,« sagte Treslong. Und er gab ihr zwei Gulden für die Hochzeit. Und Lamme, weinend und lachend vor Lust, sagte: »Da sind noch drei Gulden. Das wollen wir alles verzehren; ich bin es, der zahlt. Vorwärts in den Goldenen Kamm. Er ist nicht tot, mein Freund. Heil den Geusen!« Und das Volk klatschte Beifall, und sie zogen in den Goldenen Kamm; dort wurde ein großer Schmaus bestellt, und Lamme warf durchs Fenster Pfennige ins Volk. Und Uilenspiegel sagte zu Nele: »Geliebter Engel, nun bist du also bei mir! Hurrah! Sie ist da, Leib, Herz und Seele, mein geliebtes Mädchen. O, diese süßen Augen! Diese roten Lippen, über die kein Wort sonst gekommen ist als ein gutes! Sie hat mir das Leben gerettet, mein zärtliches Lieb! Du wirst auf unsern Schiffen die Pfeife der Befreiung spielen. Erinnerst du dich ... aber nein ... Uns hat die Stunde der Wonne geschlagen, und mein ist dein Gesichtchen, so süß wie die Blumen des Mais. Ich bin im Paradiese. Aber du weinst ...« »Sie haben sie getötet,« sagte sie. Und sie erzählte ihm die Geschichte der Trauer. Und eins das andere ansehend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. Und beim Schmause aßen und tranken sie, und Lamme sagte, indem er sie kummervoll ansah: »Ach, mein Weib, wo bist du?« Und der Priester kam und traute Nele und Uilenspiegel. Und die Morgensonne fand sie aneinander geschmiegt in ihrem Hochzeitsbette. Und Nelens Köpfchen ruhte auf der Schulter Uilenspiegels. Und als sie bei der Sonne erwachte, sagte er: »Frisches Gesicht und süßes Herz, wir werden die Rächer Flanderns sein.« Sie küßte ihn auf den Mund und sagte: »Närrischer Kopf und starker Arm, Gott wird die Pfeife und das Schwert segnen.« »Ich werde dir einen Soldatenanzug machen.« »Sogleich?« sagte sie. »Sogleich,« antwortete Uilenspiegel. »Aber wer sagt denn, daß am Morgen die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist besser.« IX Uilenspiegel, Lamme und Nele hatten, ebenso wie ihre Freunde und Gesellen, den Klöstern das Geld weggenommen, das die durch Prozessionen, durch falsche Wunder und durch andres römisches Gaukelspiel aus dem Volke gezogen hatten. Das war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, geschehn, aber das Geld diente der Kriegführung. Lamme Goedzak, der nicht zufrieden war, sich mit Geld zu versorgen, plünderte in den Klöstern, was er fand, Schinken, Würste, Flaschen mit Bier und Wein; willig trug er auf seiner Brust die Last eines Wehrgehenks von Geflügel, Gänsen, Truthennen, Kapaunen, Hühnern und Hühnchen, und schleifte an einem Stricke manch Klosterkalb und manche Klostersau hinter sich her. Und das nach Kriegsrecht, wie er sagte. Frohgemut nach jeder Beute, brachte er alles aufs Schiff, damit dort Schmaus und Gelage gerüstet würden; aber stets war es sein Kummer, daß der Küchenmeister so unerfahren war in den Wissenschaften der Tunken und Braten. An diesem Tage sagten die Geusen, nachdem sie siegesfreudig den Trunk geschlürft hatten: »Uilenspiegel, du hast ja immer die Nase im Winde, um die Zeitungen des Festlandes zu wittern, und du kennst all die Abenteuer des Krieges; singe sie uns: Lamme soll die Trommel schlagen, und das hübsche Pfeiferlein soll das Lied im Takte begleiten.« Und Uilenspiegel sagte: »An einem Maientage, frisch und klar, will Ludwig von Nassau in Bergen einrücken; da findet er weder sein Fußvolk noch seine Reiterei. Etliche Vertraute halten ein Tor offen und die Zugbrücke heruntergelassen, damit er die Stadt nehme. Aber die Bürger bemeistern sich des Tors und der Brücke. Wo sind die Soldaten des Grafen Ludwig? Die Bürger gehn daran, die Brücke aufzuziehen. Der Graf Ludwig stößt ins Horn.« Und Uilenspiegel sang: Wo bleibt dein Fußvolk und Reiterei? Sie irren im Busche und treten darnieder Die trockenen Zweiglein, die Blüten des Mais. Frau Sonne blinket im Widerschein Auf den roten Kriegergesichtern Und den glänzenden Rücken der Renner. Der Graf von Nassau, er stößt ins Horn: Sie hörens. Schlagt sachte die Trommel! Im scharfen Trabe, den Zügel verhängt, Wie der Wetterstrahl durch die Wolken fährt, Im Wirbel von klirrendem Eisen, So sprengt sie einher, die stampfende Jagd. Nur rasch! Nur rasch! Zu Hilfe! Zu Hilf! Schon hebt sich die Brücke ... und der Sporn Zerreißt die blutenden Weichen. Schon hebt sich die Brücke: verloren die Stadt! Jetzt sind sie da. Ists schon zu spät? Im wilden Galopp! Den Zügel verhängt! Guitoy von Chaumont, auf seinem Hengst, Sprengt auf die Brücke; sie fällt zurück. Genommen die Stadt! Auf dem Pflaster von Bergen, Wie der Wetterstrahl, der die Wolken zerbricht, Der Wirbel von klirrendem Eisen! Heil dem von Chaumont und seinem Hengst! Laßt jauchzen die Zinken! Die Trommeln gerührt! Im Heumond ists, die Wiesen duften, Die Lerche schwingt sich himmelwärts: Dem Vogel der Freiheit Heil! Die Trommeln des Ruhmes erdröhnen. Heil dem von Chaumont und seinem Hengst! Wein her! Die Stadt ist genommen! ... Den Geusen Heil! Und die Geusen sangen auf den Schiffen: »Christus, schau deine Soldaten! Fege unsere Waffen, Herr! Heil den Geusen!« Und Nele ließ lächelnd die Pfeife erklingen, und Lamme schlug die Trommel, und empor zum Himmel, zum Tempel Gottes, hoben sich die Goldkelche und schwangen sich die Hymnen der Freiheit. Und die Wogen, klar und frisch, summten rings um das Schiff harmonisch wie Sirenen. X An einem Tage im August, einem drückend schwülen Tage, brütete Lamme Schwermut. Seine lustige Trommel schwieg und schlief, und die Klöppel guckten aus der Öffnung seiner Tasche. Uilenspiegel und Nele, lächelnd vor Liebeslust, ließen sich von der Sonne bescheinen. Die Späher in den Mastkörben pfiffen und sangen vor sich hin, während sie ihre Augen übers weite Meer schweifen ließen, ob sie nicht irgendwo am Horizont eine Beute ersähen; Treslong fragte sie, und sie sagten stets: »Niets.« Und Lamme, bleich und matt, seufzte erbärmlich. Und Nele sagte zu ihm: »Woher kommt es, Lamme, daß du so traurig bist?« Und Uilenspiegel sagte zu ihm: »Du magerst ab, mein Sohn.« »Ja,« sagte Lamme, »ich bin traurig und mager. Mein Herz verliert seinen Frohsinn und mein gutes Gesicht seine Frische. Ja, lacht nur über mich, die ihr euch gefunden habt durch tausenderlei Fährlichkeiten. Macht euch nur lustig über den armen Lamme, der, obwohl er verheiratet ist, wie ein Witwer lebt, während die« – dabei wies er auf Nele – »ihren Mann den Küssen der Hanfschlinge, die sein letztes Liebchen sein wird, hat entreißen dürfen. Sie hat recht getan, Gott sei gesegnet; aber sie soll nicht lachen über mich. Ja, Nele, meine Freundin, du darfst nicht lachen über den armen Lamme. Meine Frau lacht für zehn. Ach! ihr Weiber seid grausam bei fremden Schmerzen. Ja, mein Herz ist traurig, geschlagen mit dem Schwerte der Verlassenheit, und nichts sonst wird es trösten können als sie.« »Oder irgendein Braten,« sagte Uilenspiegel. »Ja,« sagte Lamme, »wo gibts denn Fleisch auf diesem traurigen Schiffe? In der Flotte des Königs haben sie es viermal die Woche – außer zur Fastenzeit – und dreimal Fisch. Was die Fische betrifft, so verdamm mich Gott, wenn dieses Faserzeug – ich will sagen, ihr Fleisch – eine andere Wirkung auf mich hat, als zwecklos mein Blut zu erhitzen, mein armes Blut, das bald zu Wasser werden wird. Die haben Bier, Käse, Suppe und guten Trunk. Ja, sie haben alles, was ihr Magen begehrt: Zwieback, Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles: Dörrfisch, Käse, Senf, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze, Essig, Öl, Fett, Holz und Kohle. Uns, uns ist man mit dem Verbote gekommen, das Vieh wegzutreiben, wem immer es gehört, Bürger, Abt oder Edelmann. Wir essen Heringe und trinken Dünnbier. Ach, ich habe nichts mehr: kein liebendes Weib, keinen guten Wein, kein Braunbier, keine gute Kost. Was sind hier unsere Freuden?« »Ich will es dir sagen. Lamme,« antwortete Uilenspiegel. »Aug um Aug, Zahn um Zahn: In Paris haben sie in der Bartholomäusnacht zehntausend freie Herzen getötet, in der Stadt Paris allein; der König hat selber in sein Volk geschossen. Wach auf, Vlame, pack die Axt ohne Gnade; das sind unsere Freuden: schlag zu auf den Feind, auf den spanischen und auf den römischen, wo du ihn triffst. Laß einstweilen dein Futter. Sie haben die Opfer, tot oder lebendig, zum Flusse geschleppt und haben sie, einen vollen Karren nach dem andern, ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst dus, Lamme? Die Seine war rot neun Tage lang, und die Raben ließen sich in Wolken auf die Stadt nieder. In La Charité, in Rouen, in Toulouse, in Lyon, in Bordeaux, in Bourges, in Meaux war das Gemetzel furchtbar. Siehst du die Rudel vollgefressener Hunde neben den Leichnamen liegen? Ihre Zähne sind müde. Der Flug der Raben ist schwer, so haben sie sich den Magen mit dem Fleische der Opfer überladen. Hörst du. Lamme, die armen Seelen um Rache und Erbarmen schreien? Erwache, Vlame! Du sprichst von deiner Frau. Ich halte sie nicht für untreu, sondern für wahnwitzig, und sie liebt dich noch, armer Freund; sie war keineswegs unter den Damen des Hofes, die in derselbigen Mordnacht mit ihren zarten Händen die Leichname entkleidet haben, um die Größe oder Kleinheit des fleischlichen Mannestums zu betrachten. Und sie lachten, die hohen Damen, in ihrer Geilheit. Sei wieder froh, mein Sohn, trotz deinem Fische und deinem Dünnbier. Wenn der Nachgeschmack des Herings schal ist, noch schaler ist der Geruch dieses Unflats. Die, die getötet haben, schlemmen nach Herzenslust und zerteilen mit den schlecht gewaschenen Händen die fetten Gänse, um die Flügel, die Bügel und den Bürzel den edeln Frauen von Paris anzubieten. Und die haben eben erst ein ander Fleisch in der Hand gehabt, ein kaltes Fleisch.« »Ich will nicht mehr klagen, mein Sohn,« sagte Lamme, indem er sich erhob; »die Heringe sind Ammern, und Malvasier ist das Dünnbier für die freien Herzen.« Und Uilenspiegel sagte: Den Geusen Heil! Weint nicht, ihr Brüder! In all dem Elend und in dem Blut Erblüht die Rose der Freiheit. Wenn Gott mit uns ist, wer ist dawider? Der Hyäne Triumph ist schnell zu Ende, Wenn der Löwe sich stürzt auf sie. Ein Schlag mit der Tatze, sie ist verreckt. Aug um Aug, Zahn um Zahn. Heil den Geusen! Und die Geusen sangen auf den Schiffen: Vom Herzog harrt unser das gleiche Los. Aug um Aug, Zahn um Zahn, Stich um Stich. Heil den Geusen! XI In einer schwarzen Nacht, der Sturm heulte in den Tiefen der Wolken, war Uilenspiegel mit Nele auf dem Schiffsdeck. Er sagte: »Alle unsere Feuer sind ausgelöscht. Wir sind Füchse, die in der Nacht die Fährte des spanischen Federwilds belauern, das heißt, ihre zweiundzwanzig Assabern, reiche Schiffe, deren Laternen blinken, die für sie die Sterne des Unheils sind. Und wir stürzen uns auf sie.« Nele sagte: »Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie der Höllenschlund, die Blitze zucken wie das Lächeln Satans, dumpf grollt das ferne Unwetter, die Möwen flattern mit lauten Schreien, und das Meer rollt schimmernde Wogen wie silberne Schlangen. Thijl, mein Liebster, komm in die Geisterwelt. Nimm das Pulver der Gesichte ....« »Werde ich die Sieben sehn, mein Lieb?« Und sie nahmen das Pulver der Gesichte. Und Nele schloß die Augen Uilenspiegels, und Uilenspiegel schloß die Augen Nelens. Und sie sahen ein grausames Schauspiel. Himmel, Erde und Meer waren voller Männer, Frauen und Kinder, die werkten, schwammen, gingen oder träumten. Das Meer schaukelte sie, die Erde trug sie. Und sie wimmelten wie Aale in einem Korbe. Sieben Männer und Frauen waren mitten am Himmel, sitzend auf Thronen und die Stirnen gegürtet mit blitzenden Sternen; aber sie waren so verschwommen, daß Nele und Uilenspiegel nichts unterscheiden konnten als ihre Sterne. Das Meer stieg bis zum Himmel an und wälzte auf seinem Schaume eine unzählige Menge von Schiffen, deren Mäste und Taue sich stießen, sich kreuzten, sich brachen und sich zerschmetterten, gehorchend den Stößen der stürmischen Wogen. Dann hob sich ein Schiff hervor in der Mitte aller andern. Sein Bug war aus flammendem Eisen. Sein Kiel war aus Stahl, scharf wie ein Messer. Das Wasser schrie wimmernd in der Furche. Auf dem Hinterdeck saß grinsend der Tod, in der einen Hand die Hippe, in der andern eine Geißel, womit er auf sieben Gestalten einschlug. Die eine war ein trauriger Mann, mager, trotzig, schweigend; in der einen Hand hielt er ein Scepter, in der andern ein Schwert. Neben ihm saß auf einer Ziege ein rotwangiges Mädchen, die Brüste nackt und das Kleid offen, und ihr Auge war keck. Sie reckte sich wollüstig gegen einen alten Juden, der Nägel auflas, und gegen einen dicken gedunsenen Mann, der jedesmal umfiel, wann sie ihn aufrecht stellte, während eine magere, rasende Frau alle beide schlug. Weder der dicke Mann noch seine rotwangige Gefährtin übte Vergeltung. Mitten unter ihnen aß ein Mönch Würste. Eine Frau, die auf dem Boden lag, kroch wie eine Schlange zwischen den andern herum; sie biß den alten Juden wegen seiner alten Nägel, den aufgedunsenen Mann wegen seiner allzu großen Gemächlichkeit, die rotwangige Frau wegen des feuchten Schimmers ihrer Augen, den Mönch wegen seiner Würste und den magern Mann wegen seines Scepters. Und bald kämpften sie alle miteinander. Als sie vorbeikamen, war der Kampf schrecklich auf dem Meere, im Himmel und auf der Erde. Es regnete Blut. Die Schiffe wurden zertrümmert mit Axthieben, mit Arkebusenschüssen und mit Geschützkugeln. Ihre Trümmer flogen in die Luft, mitten im Pulverdampfe. Auf der Erde stießen die Heere gegeneinander wie eherne Mauern. Städte, Flecken, Ernten brannten unter Schreien und Tränen; die Glockentürme, steinerne Spitzen, zeigten mitten im Feuer ihre stolzen Umrisse, bevor sie mit Krachen zusammenstürzten wie gefällte Eichen. Schwarze Reiter, zahllos und geschlossen wie Haufen von Ameisen, wüteten, das Schwert in der Hand, die Pistole in der Faust, unter den Männern, den Frauen, den Kindern; etliche machten Löcher ins Eis und begruben dann lebendige Greise, andere schnitten den Frauen die Brüste ab und streuten Pfeffer auf die Wunden, und andere hängten die Kinder in die Rauchfänge. Die, die müde waren des Metzelns, schändeten irgendeine Magd oder Frau, tranken, würfelten, wühlten in den Goldhaufen, der Frucht der Plünderung, und räkelten ihre blutigen Finger. Die sieben Sternengekrönten schrien: »Gnade für die arme Welt!« Und die Phantome grinsten. Und ihre Stimmen waren gleich denen von tausend Adlern, die auf einmal schreien. Und der Tod schwang seine Hippe. »Hörst du sie?« sagte Uilenspiegel; »das sind die Raubvögel der armen Menschen. Sie leben von den kleinen Vögeln, die die einfältigen und die guten sind.« Die sieben Sternengekrönten schrien: »Liebe, Gerechtigkeit, Mitleid!« Und die sieben Phantome grinsten. Und ihre Stimmen waren gleich denen von tausend Adlern, die auf einmal schreien. Und der Tod schlug sie mit seiner Geißel. Und das Schiff zog durch die Flut, alles entzweischneidend, Boote, Männer, Frauen, Kinder. Über dem Meere hallten die Klagen der Opfer wider, und sie schrien: »Gnade!« Und das rote Schiff fuhr über sie alle hinweg, während die Phantome lachten, schreiend wie Adler. Und der Tod trank grinsend das Wasser, das voll Blut war. Als das Schiff im Nebel verschwunden war, legte sich der Kampf, und die sieben Sternengekrönten entschwanden. Und Uilenspiegel und Nele sahen nichts mehr als den schwarzen Himmel, die hohlgehende See, die düstern Wolken, die sich über das schimmernde Wasser schoben, und ganz nahe rote Sterne. Das waren die Laternen der zweiundzwanzig Assabern. Das Meer und der Donner rollten dumpf. Und Uilenspiegel läutete leise die Wacharmglocke und rief: »Der Spanier! Der Spanier! Er hält auf Vlissingen zu!« Und der Ruf wurde weitergegeben in der ganzen Flotte. Und Uilenspiegel sagte zu Nele: »Ein grauer Schatten spannt sich über Himmel und Meer. Die Laternen blinken nur noch schwach, die Morgendämmerung steigt auf, der Wind bläst kühler, die Wogen schleudern ihren Schaum aufs Deck, und ein starker Regen fällt ein und läßt auch schon nach; und strahlend erhebt sich die Sonne, den Kamm der Fluten vergoldend: es ist dein Lächeln, Nele, das frisch ist wie der Morgen, süß wie der Sonnenstrahl.« Die zweiundzwanzig Assabern kommen vorüber: auf den Schiffen der Geusen wirbeln die Trommeln, schrillen die Pfeifen; Lumey schreit: »Drauf für den Prinzen!« Ewont Pietersen Wort, der Unteradmiral, schreit: »Drauf für Oranien und den Admiral!« Auf allen Schiffen, auf der Johanna, dem Schwan, der Anne-Mie, dem Geusen, dem Kompromiß, dem Egmont, dem Hoorne und dem Willem de Zwijger, schreien alle Kapitäne: »Drauf für Oranien und den Admiral!« »Drauf! Heil den Geusen!« schreien die Soldaten und die Matrosen. Die Hulke Treslongs, den Briel genannt, auf der Lamme und Uilenspiegel sind, und dicht hinter ihr die Johanna, der Schwan und der Geuse entern vier Assabern. Die Geusen werfen alles ins Wasser, was spanisch ist, nehmen die Niederländer gefangen, leeren die Schiffe wie Eierschalen und lassen sie ohne Mast und Segel in die Reede treiben. Dann verfolgen sie die achtzehn andern Assabern. Der Wind weht scharf von Antwerpen her, und die Mauer der flüchtigen Schiffe neigt sich im Flußwasser unter dem Gewichte der Segel, die gebläht sind wie die Wangen eines Mönches von dem Winde, der aus der Küche kommt. Die Assabern sind schnell; die Geusen verfolgen sie bis in die Reede von Middelburg unter das Feuer der Außenwerke. Dort entwickelt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen schwingen sich mit Äxten auf die Schiffe, die gar bald bedeckt sind mit abgehackten Armen und Beinen, die man nach dem Kampfe körbeweise in die Fluten werfen muß. Die Werke schießen auf sie; sie spotten der Schüsse und schleppen bei dem Kriegsschrei: »Heil den Geusen!« alles weg auf den Assabern, Pulver, Geschütze, Kugeln und Korn. In die leeren Schiffe werfen sie Feuer und lassen sie rauchend und flammend in der Reede, während sie nach Vlissingen fahren. Von dort aus werden sie Rotten ausschicken, die die Deiche Seelands und Hollands durchstechen und beim Bau von neuen Schiffen helfen sollen, besonders von Vliebooten zu hundertvierzig Tonnen, die bis zu zwanzig Stücke aus Gußeisen tragen. XII Auf die Schiffe schneit es. Die Luft ist ganz weiß weit und breit, und ohne Unterlaß fällt der Schnee, fallt weich in das schwarze Wasser, wo er zerschmilzt. Auf die Erde schneit es: ganz weiß sind die Wege, ganz weiß die schwarzen Umrisse der entlaubten Bäume. Kein Laut als die fernen Glocken von Haarlem, die die Stunden läuten, und das lustige Glockenspiel, das seine erstickten Klänge durch die dicke Luft schickt. Glocken, läutet nicht; Glöckchen, spielt nicht euere einfachen, süßen Weisen: Don Fadrique naht, der Sohn des Blutherzogs. Er zieht wider dich, Haarlem, du Freiheitsstadt, mit fünfunddreißig Fähnlein Spanier, deine Todfeinde; zweiundzwanzig Fähnlein Wallonen, achtzehn Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und mächtiges Geschütz folgen ihm. Hörst du auf den Karren das Geklirr des mörderischen Eisenzeugs? Falkonetten, Schlangen, Mörser, alles ist für dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht; Glockenspiel, schick nicht deine lustigen Klänge in die dicke Schneeluft. Aber die Glocken sagen: Wir werden läuten. Und das Glockenspiel sagt: Ich werde singen und meine kühnen Klänge in die dicke Schneeluft werfen. Haarlem ist die Stadt der wackern Herzen, der mutigen Frauen. Furchtlos sieht sie von der Höhe ihrer Türme die schwarzen Massen der Henker wogen wie Haufen höllischer Ameisen: Uilenspiegel, Lamme und hundert Wassergeusen sind in ihren Mauern. Die Geusenflotte kreuzt auf der See. Sie sollen nur kommen! sagen die Einwohner; wir sind nichts als Bürger, Fischer, Seeleute und Frauen. Der Sohn des Herzogs Alba will, so sagt er, keine andern Schlüssel, um zu uns hereinzukommen, als sein Geschütz. Er soll sie öffnen, wenn er kann, diese schwachen Tore; er wird Männer dahinter finden. Läutet, Glocken; schicke, Glockenspiel, deine lustigen Klänge in die dicke Schneeluft. Wir haben nur schwache Mauern, und die Gräben sind nach alter Art. Vierzehn Stücke speien ihre Sechsundvierzigpfünder auf die Kruispoort. Stellt Männer hin, wo es an Steinen mangelt. Die Nacht kommt, jeglicher werkt; es ist so, als ob nie ein Schuß dort getroffen hätte. Auf die Kruispoort haben sie sechshundertachtzig Kugeln geworfen, auf das St. Johannstor sechshundertfünfundsiebenzig. Diese Schlüssel sperren nicht; denn schon hebt sich dahinter ein neuer Wall. Läutet, Glocken; schicke, Glockenspiel, in die dicke Schneeluft deine lustigen Klänge. Das Geschütz schlägt, schlägt tagtäglich ins Mauerwerk; die Steine springen, die Krone sinkt. Die Bresche ist breit genug, um ein Fähnlein auf einmal durchzulassen. Sturm! Tod! Tod! schreien sie. Sie kommen heran, es sind ihrer zehntausend. Laßt sie über die Gräben mit ihren Brücken, mit ihren Leitern. Unsere Stücke sind bereit. Da ist ein Haufen von Leuten, die sterben wollen. Grüßt sie, Freiheitsgeschütze! Sie grüßen sie: die Kettenkugeln, die flammenden Pechkränze, zischend und sausend, zerlöchern, zerreißen, verbrennen und verblenden die Masse der Stürmenden; sie sinken und fliehen in wilder Unordnung. Fünfzehnhundert Tote füllen den Graben. Läutet, Glocken; und du, Glockenspiel, schick in die dicke Schneeluft deine lustigen Klänge. Noch einmal zum Sturm! Sie wagens nicht. Sie machen sich wieder daran, zu schießen und Minen zu graben. Auch wir, auch wir verstehn die Kunst der Minen. Unter ihnen, unter ihnen, entzündet die Lunte; lauft, es gilt ein schönes Schauspiel. Vierhundert Spanier fliegen in die Luft. Das ist nicht der Weg zu den ewigen Flammen. O! der schöne Tanz zum silbernen Klange unserer Glocken, zu der lustigen Musik unsers Glockenspiels! Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht und daß alle Tage, auf wohlgehüteten Wegen, Segelschlitten zu uns kommen mit Korn und Pulver: das Korn für uns, das Pulver für sie. Wo sind ihre sechshundert Deutschen, die wir getötet und ertränkt haben im Busch von Haarlem? Wo sind die elf Fahnen, die wir ihnen genommen haben, und die sechs Feldstücke und die fünfzig Ochsen? Wir haben einen Mauergürtel gehabt, jetzt haben wir zwei. Selbst die Frauen kämpfen, und Kennan führt die wackere Schar. Kommt, Henker, rückt ein in unsere Straßen; die Kinder werden euch die Kniekehlen abschneiden mit ihren Messerlein. Läutet, Glocken; und du, Glockenspiel, schick in die dicke Luft deine lustigen Klänge. Aber das Glück ist nicht mit uns. Auf dem See ist die Flotte der Geusen geschlagen worden. Sie sind geschlagen, die Truppen, die Oranien zu unserm Entsatz geschickt hat. Es friert, es friert scharf. Kein Entsatz mehr. Dann, fünf Monate lang, leisten wir unser tausend gegen zehntausend Widerstand. Nun müssen wir mit den Henkern unterhandeln. Will er überhaupt in Verhandlungen eingehn, dieser kleine Blutherzog, der unsern Untergang geschworen hat? Lassen wir all unsere Soldaten mit ihren Waffen einen Ausfall tun; sie werden die Reihen der Feinde durchbrechen. Aber die Frauen sind an den Toren, voller Furcht, daß man sie allein die Stadt hüten lasse. Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel, schicke nicht mehr deine lustigen Klänge in die Luft. Nun ist es Juni: das Heu duftet, das Korn wird golden in der Sonne, die Vögel singen; wir haben Hunger seit fünf Monaten. Die Stadt ist in Trauer. Wir wollen alle aus Haarlem ausbrechen, die Arkebusiere voran, um den Weg zu bahnen, dann die Frauen, die Kinder und der Magistrat, und den Zug soll das Fußvolk schützen, das die Bresche besetzt hält. Ein Brief, ein Brief vom kleinen Blutherzog! Ist es der Tod, was er verkündet? Nein, das Leben für alles, was in der Stadt ist. O unverhoffte Milde! Eine Lüge vielleicht? Wirst du wieder singen, lustiges Glockenspiel? Sie rücken ein in die Stadt ... Uilenspiegel, Lamme und Nele hatten die Tracht der deutschen Soldaten angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im Augustinerkloster eingeschlossen waren. »Heute müssen wir sterben,« sagte Uilenspiegel ganz leise zu Lamme. Und er schloß den reizenden Körper Nelens, die vor Angst zitterte, an seine Brust. »Ach, mein Weib,« sagte Lamme, »ich werde dich nimmermehr sehn. Aber vielleicht könnte uns unsere Tracht der deutschen Soldaten das Leben retten?« Uilenspiegel schüttelte das Haupt, um zu zeigen, daß er an keine Gnade glaube. »Ich höre keinen Lärm einer Plünderung,« sagte Lamme. Uilenspiegel antwortete: »Nach dem Übereinkommen haben die Bürger die Plünderung und ihr Leben um die Summe von zweihundertvierzigtausend Gulden abgekauft. Einmalhunderttausend Gulden müssen sie bar in zwölf Tagen bezahlen, den Rest drei Monate später. Den Frauen ist befohlen worden, sich in die Kirchen zurückzuziehen. Ohne Zweifel gehn sie daran, mit dem Gemetzel zu beginnen. Hörst du die Schafotte nageln und die Galgen errichten?« »Ach, wir müssen sterben,« sagte Nele; »ich habe Hunger.« »Ja,« sagte Lamme leise zu Uilenspiegel, »der kleine Blutherzog hat gesagt, daß wir, wenn wir hungrig sind, williger sein werden auf unserm letzten Gange.« »Ich habe solchen Hunger,« sagte Nele. Am Abende kamen Soldaten und teilten Brot für sechs Mann aus. »Dreihundert wallonische Soldaten«, sagten sie, »sind auf dem Markt gehenkt worden. An euch kommt auch bald die Reihe. Es ist ein alter Ehebund zwischen Geusen und Galgen.« Am nächsten Abende kamen sie wieder mit ihrem Brote für sechs Mann. »Vier große Bürger«, sagten sie, »sind enthauptet worden. Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zu zwei und zwei zusammengebunden und ins Meer geworfen worden. Die Krabben werden fett sein heuer. Ihr seht nicht mehr gut aus seit dem 7. Juli, daß ihr hier seid. Sie sind Schlemmer und Demmer, diese Niederländer; wir Spanier haben mit zwei Feigen vollauf genug zum Nachtmahl.« »Daher kommt es also,« antwortete Uilenspiegel, »daß ihr überall bei den Bürgern vier Mahlzeiten haben müßt von Fleisch, Geflügel, Süßigkeiten, Wein und eingemachten Früchten, und daß ihr Milch braucht, um die Leiber euerer Mustachos zu waschen, und Wein, um die Hufe euerer Pferde zu baden?« Am 18. Juli sagte Nele: »Ich habe feuchte Füße; was ist das?« »Blut,« sagte Uilenspiegel. Am Abend kamen die Soldaten wieder mit ihrem Brot für sechs. »Wo der Strick nicht genügt,« sagten sie, »verrichtet das Schwert das Geschäft. Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig Bürger, die aus der Stadt haben ausreißen wollen, wandern jetzt der Hölle zu, ihre Köpfe in den Händen.« Am nächsten Tage rann das Blut von neuem ins Kloster. Die Soldaten kamen nicht, um Brot zu bringen, sondern nur um die Gefangenen zu betrachten, indem sie sagten: »Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, die gestern geköpft worden sind, sahen besser aus. Die hier haben sicherlich Hunger; aber wer soll denn Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?« Und wirklich: bleich, hohläugig, abgezehrt und in Fieberschauern zitternd, glichen sie alle Gespenstern. Am 16. August, um fünf Uhr abends, traten die Soldaten lachend ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamme sagte: »Es ist das Henkersmahl.« Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein. Die Hauptleute ließen die Klostertore öffnen und befahlen den Gefangenen, in Viererreihen den Pfeifern und Trommlern zu folgen, bis es Halt heiße. Manche Straßen waren rot; und sie zogen aufs Galgenfeld. Hie und da waren die Wiesen durch Blutlachen besudelt; rund ums Mauerwerk war alles voll Blut. Die Raben kamen in großen Wolken von allen Seiten; die Sonne verbarg sich in einem Bette von Dunst, der Himmel war noch hell, und in seinen Tiefen erwachten furchtsam die Sterne. Plötzlich vernahmen sie ein jammervolles Heulen. Die Soldaten sagten: »Die, die da schreien, sind die Geusen vom Außenwerk Fuike; man läßt sie Hungers sterben.« »Auch wir,« sagte Nele, »auch wir gehn in den Tod.« Und sie weinte. »Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel. »Ah,« sagte Lamme auf vlämisch – die Soldaten des Geleites verstanden diese kühne Sprache nicht – »ah, wenn ich diesen Blutherzog in meiner Gewalt hätte und ihn zwingen könnte, alles zu fressen, bis ihm das Fell platzte, all die Stricke, Galgen, Folterbänke, Gewichte und spanische Stiefel, wenn ich ihn zwingen könnte, all das Blut zu saufen, das er vergossen hat, und auch das, das herausspritzen müßte aus seiner durch Stockschläge zerfetzten Haut und aus seinen mit Eisenstangen aufgewühlten Gedärmen, und wenn er dann noch immer nicht verrecken wollte, dann risse ich ihm das Herz aus der Brust und gäbe es ihm roh und giftig zu fressen. Dann führe er sicherlich in den Höllenschlund, wo ihn der Teufel zwingen könnte, es zu fressen und wieder zu fressen. Und also die ganze lange Ewigkeit.« »Amen,« sagten Uilenspiegel und Nele. »Aber siehst du nichts?« sagte sie. »Nein,« sagte er. »Ich sehe im Westen«, sagte sie, »fünf Männer und zwei Frauen, die in der Runde sitzen. Der eine ist in Purpur gekleidet und trägt eine goldene Krone. Er scheint das Oberhaupt der andern zu sein, die alle zerrissen und zerlumpt sind. Von Osten her sehe ich eine andere Schar von sieben kommen; auch sie befehligt einer, der in Purpur gekleidet ist, aber nicht gekrönt. Und sie stellen sich denen des Westens entgegen. Und sie kämpfen gegen sie im Gewölke; aber ich sehe nichts mehr.« »Die Sieben,« sagte Uilenspiegel. »Ich höre«, sagte Nele, »ganz nahe bei uns im Laubwerk eine Stimme, wie ein Hauch, und sie flüstert: Durch das Feuer und durch den Krieg, Durch die Piken und durch die Schwerter Suche; In dem Tode und in dem Blut, In den Trümmern und in den Tränen Finde.« »Andere als wir werden das Land Flandern befreien,« sagte Uilenspiegel. »Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden Fackeln an. Wir sind beim Galgenfelde. O süßes Herz, warum bist du mir gefolgt? Hörst du nichts mehr, Nele?« »Ja,« sagte sie, »Waffengeklirr im Korn. Und da, über diesem Hügel, der den Weg beherrscht, den wir betreten, siehst du den Stahl blitzen im roten Widerscheine der Fackeln? Ich sehe die Feuerpunkte von Arkebusenlunten. Schlafen denn unsere Wächter, oder sind sie blind? Hörst du den Donnerschlag? Siehst du die Spanier fallen, durchbohrt von den Kugeln? Hörst du es: Heil den Geusen! Im Laufe ersteigen sie den Pfad, die Pike voran; sie kommen mit Äxten herunter den Hang entlang. Heil den Geusen!« »Heil den Geusen!« schreien Lamme und Uilenspiegel. »Da sieh,« sagt Nele, »Soldaten geben uns Waffen. Nimm, Lamme! Nimm, Geliebter! Heil den Geusen!« »Heil den Geusen!« schreit die ganze Schar der Gefangenen. »Die Arkebusen hören nicht auf zu schießen,« sagt Nele; »sie fallen wie die Fliegen, beleuchtet, wie sie sind, durch den Fackelschein. Heil den Geusen!« »Heil den Geusen!« schreit die Schar der Retter. »Heil den Geusen!« schreien Uilenspiegel und die Gefangenen. »Die Spanier sind in einem Kreise von Eisen! Tod! Tod! Keiner darf entkommen. Tod! Kein Erbarmen, kein Quartier. Und nun packen wir uns fort nach Enkhuizen. Wer hat die Tuch- und Seidenkleider der Henker? Wer hat ihre Waffen?« »Alle, alle!« schreien sie. »Heil den Geusen!« Und wirklich gewinnen sie auf einem Boote Enkhuizen; dort verbleiben die befreiten Deutschen mit ihnen, um die Stadt zu hüten. Und Lamme, Nele und Uilenspiegel finden ihr Schiff wieder. Und von neuem singen sie auf dem freien Meere: »Heil den Geusen!« Und sie kreuzen auf der Reede von Vlissingen. XIII Dort wurde Lamme wieder froh. Gern stieg er ans Land, um auf Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd zu machen, wie auf Hasen, Hirsche und Ammern. Und er war nicht allein bei dieser nahrhaften Jagd. Es war ein hübscher Anblick, die Jäger mit Lamme an der Spitze heimkehren zu sehn, wie sie das Großvieh an den Hörnern zogen, das kleine vor sich herstießen, die Gänseherden mit der Gerte trieben und Hühner, Hühnchen und Kapaune an ihren Gaffeln aufgespießt trugen, trotz dem Verbote. Da gab es auf den Schiffen ein Schlemmen und Demmen. Und Lamme sagte: »Der Duft der Brühen steigt zum Himmel auf, um die Engel zu letzen, und die sagen: ›Das ist das Beste am Schmause.‹« Derweil sie kreuzen, kommt eine Kauffahrteiflotte von Lissabon, deren Befehlshaber nicht weiß, daß Vlissingen in die Hände der Geusen gefallen ist. Man befiehlt ihm, die Anker auszuwerfen, und die Flotte ist umzingelt. Heil den Geusen! Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen zum Entern; die Kauffahrer haben Geschütze, Piken, Äxte und Arkebusen. Ein Kugelregen ergießt sich von den Schiffen der Geusen. Ihre Arkebusiere, rund um den Hauptmast verschanzt hinter hölzernen Wehren, feuern mit sicherm Schuß, in voller Ruhe. Die Kauffahrer fallen wie die Fliegen. »Drauf!« sagte Uilenspiegel zu Lamme und zu Nele, »drauf! Da gibts Spezerei, Kleinode, Leckerbissen, Zucker, Muskat, Gewürznelken, Ingwer, Realen, Dukaten, blinkende Lammsgulden! Mehr als fünfhunderttausend Stück! Der Spanier zahlt die Kriegskosten. Trinken wir! Singen wir die Geusenmesse, das ist die Schlacht.« Und Uilenspiegel und Lamme rannten überall herum wie Löwen. Nele spielte die Pfeife in der Deckung der Holzwehr. Die ganze Flotte wurde genommen. Als man die Toten gezählt hatte, waren es ihrer tausend auf der Seite der Spanier, dreihundert auf der Seite der Geusen; unter den gefallenen Geusen war auch der Küchenmeister des Vlieboots den Briel. Uilenspiegel erbat sich das Wort vor Treslong und den Matrosen, und Treslong bewilligte es ihm gerne. Und er hielt ihnen diese Rede: »Herr Kapitän und Kameraden, wir haben da eine hübsche Ladung Spezerei geerbt, und hier steht Lamme, der gute Wanst, der gefunden hat, daß der arme Tote da, Gott schenke ihm die ewige Seligkeit, kein großer Gelehrter in der Bratenwissenschaft war. Stellen wir ihn an seinen Platz, und er wird uns himmlisches Schmorfleisch und paradiesische Suppen bereiten.« »Das ist uns recht,« sagten Treslong und die andern; »Lamme soll der Küchenmeister des Schiffes sein. Er soll den großen Holzlöffel führen, um den Schaum von den Tunken und den Abschaum der Schiffsjungen aus der Küche zu entfernen.« »Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,« sagte Lamme, »ihr seht mich vor Freude weinen; eine so hohe Ehre verdiene ich nicht. Trotzdem, weil ihr denn auf meine Unwürdigkeit zurückgegriffen habt, nehme ich die edle Würde eines Meisters der schmorenden Künste auf dem wackern Vlieboote den Briel an, aber ich bitte euch ehrfurchtsvoll, mich mit der obersten Küchengewalt derart zu bekleiden, daß euer Küchenmeister – das werde ich sein – durch Recht, Gesetz und Gewalt jeglichem verwehren darf, den Teil der andern zu essen.« Treslong und die andern riefen: »Heil Lamme! Du hast das Recht, das Gesetz und die Gewalt.« »Aber ich habe euch«, sagte er, »noch eine andere Bitte ehrfurchtsvoll vorzubringen. Ich bin fett, groß und ungeschlacht, tief ist mein Wanst, tief mein Magen; mein armes Weib – Gott schenke sie mir wieder – hat mir stets zwei Portionen statt einer gegeben: gewährt mir dieselbe Gunst.« Treslong, Uilenspiegel und die Matrosen sagten: »Du sollst zwei Portionen haben, Lamme.« Und Lamme wurde plötzlich trübselig und sagte: »Mein Weib, mein süßes Lieb! wenn mich irgendetwas trösten kann über deine Abwesenheit, so wird es das sein, daß mich mein Amt an deine himmlische Küche in unserer süßen Behausung erinnern wird.« »Du mußt einen Eid leisten, mein Sohn,« sagte Uilenspiegel. »Bringt den großen hölzernen Schöpflöffel und den großen Kupferkessel.« »Ich schwöre«, sagte Lamme, »bei Gott, der mir darin ein Helfer sein möge, ich schwöre Treue dem gnädigen Herrn Prinzen von Oranien, genannt der Schweiger, der die Provinzen Holland und Seeland für den König regiert, Treue dem Messire von Lumey, befehlendem Admiral unserer edeln Flotte, und Treue dem Messire Treslong, Vizeadmiral und Kapitän der Briel; ich schwöre, daß ich mit dem Fleisch und Geflügel, das uns das Glück bescheren wird, nach meinen schwachen Kräften und nach dem Beispiele von Brauch und Gewohnheit der großen Köche alter Zeiten, die über die hohe Kunst der Küche schöne Bücher mit Holzschnitten hinterlassen haben, ernähren werde den besagten Messire Treslong, Kapitän, seinen Stellvertreter, das ist mein Freund Uilenspiegel, und euch alle, Bootsmann, Lotse, Schiemann, Kameraden, Soldaten, Stückmeister, Flaschenmeister, Schiffsputzer, Kapitänspage, Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle andern. Wenn der Braten zu blutig ist oder das Geflügel zu wenig gebräunt, wenn die Suppe einen schalen Geruch aushaucht, zuwider aller guten Verdauung, wenn euch nicht alle der Brodem der Tunken anreizt, in die Küche zu stürzen, immerhin meine Einwilligung vorausgesetzt, wenn ihr nicht alle froh seid und gedeiht bei meiner Kost, dann will ich auf mein edels Amt verzichten und mich für unfähig erklären, weiterhin den Thron der Küche innezuhaben. So wahr mir Gott helfe in diesem Leben und im andern!« »Heil dem Küchenmeister,« riefen sie, »dem König der Küche, dem Kaiser des Schmorfleisches! Sonntags soll er drei Portionen haben statt zweier!« Und Lamme wurde Küchenmeister auf der Briel. Und während die würzigen Suppen in den Töpfen brodelten, stand er an der Küchentür, trotzig und den großen Holzlöffel wie ein Scepter in der Hand. Und Sonntags bekam er seine drei Portionen. Wann die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er sich willig in seinem Tunkenlaboratorium; aber er verließ es, um aufs Deck zu gehn und etliche Arkebusenschüsse abzufeuern, worauf er wieder hinunterstieg, um über den Tunken zu wachen. Da er sich also als treuer Koch und wackerer Soldat bewährte, liebte ihn jedermann. Aber in die Küche durfte ihm niemand kommen; dann wurde er wie der Teufel und teilte mit seinem Holzlöffel Hiebe und Streiche aus ohne Gnade. Und er wurde von neuem genannt: Lamme der Löwe. XIV Auf dem Ozean und auf der Schelde gleiten die Schiffe der durch Sonnenschein, Regen, Schnee und Hagel, im Winter und im Sommer. Mit vollen Segeln wie die Schwäne, Schwäne der weißen Freiheit. Weiß für die Freiheit, blau für die Größe, orange für den Prinzen, so ist die Standarte der trotzigen Schiffe. Alle Segel beigesetzt! Alle Segel beigesetzt! Die wackern Schiffe, die Flut bäumt sich unter ihnen, die Wogen besprengen sie mit Schaum. Sie gleiten, sie eilen, sie fliegen über den Fluß, die Segel im Wasser, flüchtig wie das Gewölk im Nordwind, die trotzigen Schiffe der Geusen! Hört ihr den Kiel die Wogen spalten? Gott der Freien! Heil den Geusen! Hulken, Vlieboote, Bojer, Krusteven, flüchtig wie der Sturm, der das Unwetter bringt, wie die Wolke, die den Blitz trägt. Heil den Geusen! Bojer und Krusteven, flache Boote, gleiten über den Fluß. Die Fluten wimmern unter ihnen, wann sich der Bug in sie bohrt, der mit dem mörderischen Rachen seiner langen Schlange droht. Heil den Geusen! Alle Segel beigesetzt! Alle Segel beigesetzt! Die wackern Schiffe, die Flut bäumt sich unter ihnen, besprengt sie mit Schaum. Durch Nacht und Tag, durch Regen, Hagel und Schnee ziehen sie dahin! Christus lächelt ihnen zu im Gewölk, in der Sonne, im Sterne. Heil den Geusen! XV Der Blutkönig bekam die Zeitung von ihren Siegen. Der Tod fraß schon an dem Henker, und sein Leib war voller Würmer. Er wandelte durch die Gänge von Valladolid, elend und grimmig, schleifend die geschwollenen Füße und die bleiernen Beine. Niemals sang er, der grausame Tyrann; wann sich der Tag erhob, er lachte, nicht, und wann die Sonne sein Reich beglänzte wie ein Lächeln Gottes, er fühlte keine Lust in seinem Herzen. Aber Uilenspiegel, Lamme und Nele sangen wie die Vögel, obwohl sie ihr Fell zu Markte trugen, nämlich Uilenspiegel und Lamme, während es bei Nele die weiße Haut war; sie lebten von einem Tage in den andern, und ihre Freude über einen Scheiterhaufen, den die Geusen verlöschten, war größer als die Lust, die der schwarze König bei der Verbrennung einer Stadt empfand. In dieser Zeit geschah es auch, daß Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, den Messire Lumey von der Mark, seiner großen Grausamkeit halber, von der Admiralswürde absetzte. An seiner statt ernannte er Messire Bouwen Ewoutsen Worst. Auch sah er Mittel vor, um den Landleuten das Korn zu bezahlen, das ihnen die Geusen genommen hatten, ihnen die gewaltsam auferlegten Schätzungen wiederzuerstatten, und den römischen Katholiken, so wie allen, die freie Übung ihres Gottesdienstes zu gewähren, ohne Verfolgung und Unglimpf. XVI Auf den Schiffen der Geusen, unter dem blitzenden Himmel, über den klaren Fluten schrillen die Pfeifen, kreischen die Dudelsäcke, glucken die Flaschen, klingeln die Gläser, blitzt das Eisen der Waffen. »Wohlan,« sagt Uilenspiegel, »schlaget die Trommel des Ruhms, schlaget die Trommel der Lust! Heil den Geusen! Spanien ist besiegt, gebändigt die Hyäne. Unser ist das Meer, Briel ist genommen. Unser ist die Küste von Nieuwpoort über Ostende, Blankenberge, die Inseln von Seeland, die Mündungen der Schelde, die Mündungen der Maas und die Mündungen des Rheins bis Helder. Unser sind Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Rottum und Borkum. Heil den Geusen! Unser sind Delft und Dordrecht. Das ist ein Pulverstreifen; Gott halt das Zündlicht. Die Henker verlassen Rotterdam. Die Gewissensfreiheit erfaßt mit den Klauen und Zähnen eines Löwen der Gerechtigkeit die Grafschaft Zutphen und die Städte Deutekom, Doesburg, Goor, Oldenzeel und auf der Veluwe Hattem, Elburg und Harderwijk. Heil den Geusen! Es ist der Wetterstrahl, es ist der Blitz: Kampen, Zwolle, Hasselt und Steenwijk fallen in unsere Hände mit Oudewater, Gouda und Leiden. Heil den Geusen! Unser sind Buren und Enkhuizen! Noch haben wir nicht Amsterdam, Schoonhoven und Middelburg. Aber gut Ding braucht Weile. Heil den Geusen! Trinken wir den spanischen Wein! Trinken wir ihn aus den Kelchen, woraus sie das Blut der Opfer getrunken haben. Wir ziehen durch die Zuidersee, auf Strömen, Flüssen und Kanälen. Wir haben Nordholland, Südholland und Seeland: wir nehmen noch Ost- und Westfriesland. Briel wird die Zuflucht unserer Schiffe sein, das Nest der Hühner, die die Freiheit ausbrüten. Heil den Geusen! Höret in Flandern, im süßen Vaterlande, den Schrei der Rache ergellen! Man fegt die Waffen, man schärft die Schwerter! Überall regt es sich zitternd wie die Saiten der Harfe, bei dem warmen Hauche, dem Hauche der Seelen, der aufsteigt aus den Gräbern, den Scheiterhaufen und den blutenden Leichen der Opfer, überall: in Hennegau, Brabant, Luxemburg, Limburg und Namur und in Lüttich, der freien Stadt! überall! Das Blut keimt und befruchtet. Die Ernte ist reif für die Sense. Heil den Geusen! Unser die weite Nordsee! Unser die guten Geschütze, die trotzigen Schiffe! Unser die verwegene Schar schrecklicher Seeleute, zusammengewürfelt aus Landstreichern, Spitzbuben, soldatischen Priestern, Adeligen, Bürgern und Werkleuten, entflohen der Verfolgung! Unser sind alle, die sich vereint haben zum Werke der Freiheit! Heil den Geusen! Philipp, Blutkönig, wo bist du? Alba, wo bist du? Du schreist und lästerst, bedeckt mit dem heiligen Hute, dem Geschenke des Heiligen Vaters. Schlaget die Trommel der Lust! Heil den Geusen! Wein her! Der Wein rollt in die goldenen Kelche. Schlürft fröhlich den Trank. Die Priestergewänder, die Hüllen der rauhen Männer, sind durchnäßt vom roten Safte; die römischen Kirchenbanner flattern im Winde. Ewige Musik! Wohlan, schrillende Pfeifen, kreischende Dudelsäcke, ruhmwirbelnde Trommeln! Heil den Geusen!« XVII Die Welt war nun im Wolfsmond, im Dezember. Ein scharfer Regen fiel wie Nadeln in die Fluten. Die Geusen kreuzten in der Zuidersee. Der Herr Admiral rief durch Trompetenstöße die Kapitäne der Hulken und Vlieboote zu sich, mit ihnen auch Uilenspiegel. »Also,« sagte er, indem er zuerst ihn ansprach, »der Prinz will deine wackere Pflichterfüllung und deine treuen Dienste belohnen und setzt dich zum Kapitän der Briel ein. Hier übergebe ich dir das Pergament mit deiner Bestallung.« »Dank Euch, Herr Admiral,« antwortete Uilenspiegel; »ich will mich einsetzen, so gut wie es meine schwachen Kräfte vermögen, und indem ich mich also einsetze, hege ich die Hoffnung, wenn Gott mir hilft, den Spanier der Herrschaft in Flandern und Holland zu entsetzen: ich meine die Süd- und die Nordniederlande.« »Recht so,« sagte der Admiral. »Und nun«, fuhr er fort, indem er zu allen sprach, »will ich euch sagen, daß die von Amsterdam der Katholischen Enkhuizen belagern wollen. Sie sind noch nicht aus dem Kanäle des Y heraus; wir wollen davor kreuzen, damit sie drinnen bleiben, und frisch drauflos auf jegliches von ihren Schiffen, das sein Tyrannengerippe in der Zuidersee zeigt.« Sie antworteten: »Wir werden sie in den Grund bohren. Heil den Geusen!« Als Uilenspiegel wieder auf seinem Schiffe war, ließ er die Matrosen und Soldaten auf dem Deck zusammentreten und sagte ihnen, was der Admiral beschlossen hatte. Sie antworteten: »Wir haben Flügel, das sind unsere Segel, wir haben Schlittschuhe, das sind die Kiele unserer Schiffe, und wir haben Riesenhände, das sind die Enterhaken. Heil den Geusen!« Die Flotte segelte ab und kreuzte vor Amsterdam, eine Meile weit von der Küste, derart, daß gegen den Willen der Geusen niemand herein oder heraus konnte. Am fünften Tage hörte der Regen auf; der Wind blies schärfer unter dem klaren Himmel. Die von Amsterdam rührten sich nicht. Plötzlich sah Uilenspiegel Lamme aufs Deck springen und mit mächtigen Streichen seines Schöpflöffels den Truxmann des Schiffes vor sich hertreiben, einen jungen Burschen, der der französischen und der vlämischen Sprache mächtig war, mächtiger aber der Wissenschaften des Schlundes. »Nichtsnutz,« sagte Lamme unterm Zuschlagen, »glaubst du denn, du kannst ohne alle Strafe mein Schmorfleisch aufessen, bevor es gar ist? Marsch hinauf in den Mastkorb und lug aus, ob sich nichts rührt auf den Schiffen von Amsterdam. So tust du wenigstens etwas Nützliches.« Aber der Truxmann antwortete: »Was gibst du mir dafür?« »Verlangst du«, sagte Lamme, »Bezahlung fürs Nichtstun? Wenn du nicht sofort hinaufsteigst, du Galgenstrick, so laß ich dich stäupen. Und dein Französisch wird dir nichts helfen.« »Es ist eine schöne Sprache,« sagte der Truxmann, »eine verliebte und kriegerische Sprache.« Und er stieg hinauf. »Also, Tagdieb?« fragte Lamme. Der Truxmann antwortete: »Ich sehe nichts in der Stadt und nichts auf den Schiffen.« Und er stieg herab und sagte: »Jetzt bezahle mich.« »Behalte, was du gestohlen hast,« antwortete Lamme. »Aber ein solcher Gewinn gedeiht nicht; du wirst es sicherlich erbrechen.« Plötzlich schrie der Truxmann, der wieder auf den Mast gestiegen war: »Lamme, Lamme! Ein Dieb schleicht in deine Küche.« »Ich habe die Schlüssel in der Tasche,« antwortete Lamme. Nun nahm Uilenspiegel Lamme beiseite und sagte zu ihm: »Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam macht mich besorgt. Sie führen etwas im Schilde.« »Ich habe es auch schon gedacht,« sagte Lamme. »Das Wasser friert im Kasten in den Krügen, das Geflügel ist hölzern, der Reif hat die Würste weiß gefärbt, die Butter ist wie Stein, das Öl ist farblos, und das Salz ist trocken wie Sand in der Sonne.« »Das ist der nahe Frost,« sagte Uilenspiegel; »sie werden in großer Zahl kommen und uns mit Geschützen angreifen.« Er begab sich auf das Admiralsschiff und sagte dem Admiral, was er besorgte; der antwortete ihm: »Der Wind weht von England her; es wird schneien, aber frieren, nein. Kehre zurück auf dein Schiff.« Und Uilenspiegel gehorchte. In der Nacht gab es einen starken Schneefall; aber bald blies der Wind von Norwegen, und das Meer fror ein und wurde zu einer Fläche. Der Admiral sah das Schauspiel. Da er nun besorgte, die von Amsterdam könnten über das Eis kommen, um die Schiffe zu verbrennen, befahl er den Soldaten, die Schlittschuhe bereit zu halten für den Fall, daß sie außerhalb der Schiffe und um sie herum zu kämpfen hätten, und befahl den Feuerwerkern der Geschütze aus Eisen und Stückgut, die Kugeln in Haufen neben den Lafetten zu schichten, die Geschütze zu laden und die Lunten ohne Unterlaß brennend zu erhalten. Aber die von Amsterdam kamen nicht. Und so durch sieben Tage. Am achten Tage ordnete Uilenspiegel gegen Abend an, daß den Matrosen und den Soldaten ein guter Schmaus vorgesetzt werde, der ihnen als Küraß dienen sollte gegen den scharfen Wind, der blies. Aber Lamme sagte: »Es ist nichts mehr da als Zwieback und Dünnbier.« »Heil den Geusen!« sagten sie. »Das gibt ein Fastenschlemmen in der Erwartung der Stunde der Schlacht.« »Die wird nicht so bald schlagen,« sagte Lamme. »Die von Amsterdam werden unsere Schiffe verbrennen kommen, aber nicht heute nacht. Die müssen sich vor allem andern ums Feuer versammeln und etliche Schoppen heißen Weines mit Madeirazucker – Gott beschere ihn euch – trinken; wann sie dann bis Mitternacht bei Geduld, Vernunft und vollen Schöppchen geredet haben, dann werden sie beschließen, daß es bis zum nächsten Tage Zeit habe mit dem Beschlusse, ob sie uns nächste Woche angreifen sollen oder nicht. Am nächsten Tage werden sie von neuem heißen Wein mit Madeirazucker – Gott beschere ihn euch – trinken und bei Ruhe, Geduld und vollen Schöppchen beschließen, daß sie sich ein andermal versammeln müßten, bis sie in Erfahrung gebracht hätten, ob das Eis einen so großen Trupp Männer tragen könne. Und das werden sie durch gelehrte Leute prüfen lassen, die ihr Gutachten auf Pergament niederschreiben werden. Wann sie das dann haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle dick und daher genugsam stark ist, um etliche hundert Mann mit Geschützen und Feldstücken zu tragen. Dann werden sie sich von neuem versammeln, um bei Ruhe, Geduld und manchem Schöppchen heißen Weines Rat zu halten, und werden ausrechnen, ob es sich wegen des Schatzes, den wir denen von Lissabon abgenommen haben, empfiehlt, unsere Schiffe zu stürmen oder zu verbrennen. Also zaudernd in ihrer Ratlosigkeit, werden sie sich schließlich doch dahin einigen, daß es gelte, unsere Schiffe zu nehmen und nicht zu verbrennen, ungeachtet die große Ungebührlichkeit, die sie uns also zufügen werden.« »Du sprichst gut,« antwortete Uilenspiegel; »aber siehst du nicht diese Feuer, die sich in der Stadt entzünden, und Leute mit Laternen, die geschäftig hin und her laufen?« »Es ist ihnen eben kalt,« sagte Lamme. Und seufzend fuhr er fort: »Alles ist aufgegessen. Kein Ochs mehr, kein Schwein, kein Geflügel. Kein Wein mehr, ach! Kein Doppelbier! Nichts sonst als Zwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folgt mir.« »Wohin willst du?« fragte Uilenspiegel. »Niemand darf das Schiff verlassen.« »Mein Sohn,« sagte Lamme, »du bist jetzt der Kapitän und Herr. Ich gehe nicht weg, wenn du nicht willst. Beliebe aber immerhin zu bedenken, daß wir vorgestern die letzte Wurst verzehrt haben und daß in diesen harten Zeitläuften das Küchenfeuer die Sonne der guten Gesellen ist. Wer möchte hier nicht den Brodem der Tunken wittern und den duftenden Wohlgeruch des göttlichen Trankes einziehen, bereitet aus den lustigen Blümlein, die da sind Frohsinn, Lachen und Wohlwollen für jedermann? Also Kapitän und Herzbruder, ich getraue es mich dir zu sagen: es drückt mir das Herz ab, wenn ich nichts zu essen habe, ich, der ich nur die Ruhe liebe und nicht gern etwas mit dem Töten zu schaffen habe, außer es handelt sich um eine zarte Gans, ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, und dir trotzdem folge in Mühsal und Schlachten. Sieh hier die Lichter in diesem reichen Meierhofe, wohlversehn mit Groß- und Kleinvieh! Weißt du, wem er gehört? Dem friesischen Schiffer, der den Messire von Andelot verraten und achtzehn arme Herren und Freunde nach Enkhuizen, das damals noch zu Alba hielt, geführt hat; und die alle sind seinetwegen in Brüssel auf dem Pferdemarkte geköpft worden. Der Verräter, der Slosse heißt, hat vom Herzog zweitausend Gulden für seinen Verrat bekommen. Von diesem Blutgeld hat sich der Judas den Meierhof da und das Vieh und die Felder ringsherum gekauft, die Früchte tragen und wachsen, nämlich der Boden und das Vieh, und ihn zum reichen Manne machen.« Uilenspiegel antwortete: »Die Asche schlägt an mein Herz. Die Stunde Gottes ist da.« »Und damit auch«, sagte Lamme, »die Essensstunde. Gib mir zwanzig Burschen, wackere Soldaten und Matrosen, ich will den Verräter ausheben.« »Ich will selbst die Führung übernehmen,« sagte Uilenspiegel. »Wer die Gerechtigkeit liebt, folgt mir. Nur nicht alle, Freunde und Getreue; es sind nur zwanzig nötig: wer soll denn das Schiff hüten? Würfelt darum. Ihr seid euerer zwanzig. Die Würfel sprechen gut. Legt die Schlittschuhe an und lauft in der Richtung des Venussterns, der über dem Hofe des Verräters blinkt.« Geleitet von dem hellen Scheine gleitet ihr zwanzig einher auf euern Eisenschuhen, die Äxte auf den Schultern. Der Wind pfeift und treibt die weißen Schneewirbel vor sich her auf dem Eise. Kommt, wackere Männer! Ihr singt nicht, ihr sprecht nicht: geradeaus zieht ihr dem Sterne zu, schweigend; euere Schlittschuhe lassen das Eis knirschen. Wer fällt, erhebt sich alsbald wieder. Wir sind an der Küste. Keine menschliche Gestalt auf der weißen Schneefläche, kein Vogel in der eisigen Luft. Herunter mit den Schlittschuhen. Nun sind wir auf dem Festland: vor euch die Wiesen; schnallt die Schlittschuhe wieder an. Wir haben den Hof umstellt, und wir halten den Atem an. Uilenspiegel klopft ans Tor, Hunde schlagen an. Er klopft noch einmal; ein Fenster öffnet sich, und der Baas steckt den Kopf heraus: »Wer bist du?« Er sieht sonst niemand als Uilenspiegel: die andern sind hinter der Keet verborgen. Uilenspiegel antwortet: »Messire de Boussu befiehlt dir, dich zur Stunde zu ihm nach Antwerpen zu verfügen.« »Wo ist dein Geleitbrief?« sagt der Mann, der herabsteigt und ihm das Tor öffnet. »Hier,« antwortet Uilenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen, die ihm nach in den Flur stürzen. Nun sagt Uilenspiegel zu ihm: »Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren von Andelot und Battemburg und andere Herren in einen Hinterhalt gelockt hat. Wo ist der Blutpreis?« Der Meier antwortet zitternd: »Ihr seid Geusen, vergebt mir; ich wußte nicht, was ich tat. Ich habe kein Geld hier; ich werde alles hergeben.« Lamme sagt: »Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachslichter.« Der Baas antwortet: »Die Talglichter hangen hier.« Als ein Licht brennt, sagt ein Geuse, der im Herdwinkel steht: »Es ist kalt; zünden wir ein Feuer an. Hier ist hübsches Reisig.« Und er wies auf etliche Blumentöpfe mit verdorrten Pflanzen auf einem Wandbrett. Er nahm einen beim Schopfe und, indem er ihn samt dem Topfe schwenkte, fiel der Topf herunter und verstreute Dukaten, Gulden und Realen. »Da ist der Schatz,« sagte er, indem er auf die Blumentöpfe deutete. Und wirklich fand man, als man sie entleerte, zehntausend Gulden. Als das der Baas sah, schrie und weinte er. Auf die Schreie kamen die Knechte und Mägde des Hofes in ihrer Nachtkleidung daher. Die Männer, die sich für ihren Herrn zur Wehr setzen wollten, wurden gefesselt; und die Frauen, die sich schämten, sonderlich die jungen, versteckten sich hinter den Männern. Jetzt trat Lamme vor und sagte: »Du Schuft von einem Meier, wo sind die Schlüssel des Kellers, des Pferchs, der Ställe und der Schäferei?« »Schändliche Räuber,« sagte der Baas, »ihr werdet gehenkt werden.« Uilenspiegel antwortete: »Es ist die Stunde Gottes; gib die Schlüssel her.« »Gott wird mich rächen,« sagte der Baas, indem er sie hergab. Als der Meierhof geleert war, eilten die Geusen auf ihren Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den schwanken Burgen der Freiheit. »Ich bin der Küchenmeister,« sagte Lamme, der den Zug führte; »ich bin der Küchenmeister. Schiebt die wackern Schlitten, beladen mit Wein und Bier. Hetzt sie vor euch her mit den Hörnern oder anderswie, die Pferde, die Rinder, die Ferkel, die Hammel und die Herde, die allesamt ihr natürliches Lied singen. Die Tauben rucksen in den Körben; die krumengeschoppten Kapaune sind ganz verdutzt in ihren Holzkäfigen, die ihnen keine Bewegung gestatten. Ich bin der Küchenmeister. Das Eis knirscht unter dem Eisen der Schlittschuhe. Wir sind bei den Schiffen. Morgen gibts Küchenmusik. Laßt die Flaschenzüge herunter. Legt den Pferden, Kühen und Ochsen Gurten an. Es ist ein prächtiges Schauspiel, sie also hangen zu sehn am Bauche; morgen werden wir hangen, mit den Zungen am Schmorfleisch. Der Haken hißt sie aufs Schiff. Das gibt Braten. Werft mir nur alles kunterbunt in den Raum herunter, Masthühnchen, Gänse, Enten, Kapaune. Wer wird ihnen den Hals abdrehn? Der Küchenmeister. Die Tür ist geschlossen, den Schlüssel habe ich im Sacke. Gott sei gepriesen in der Küche! Heil den Geusen!« Dann begab sich Uilenspiegel mit Dierik Slosse und den andern Gefangenen auf das Admiralsschiff; die wimmerten und weinten aus Angst vor dem Strick. Messire Worst kam auf den Lärm herbei; als er Uilenspiegel und seine Begleiter sah, beleuchtet von dem roten Scheine der Fackeln, sagte er: »Was willst du von uns?« Uilenspiegel antwortete: »Heute nacht haben wir in seinem Hofe den Verräter Dierik Slosse gegriffen, der die achtzehn in den Hinterhalt gelockt hat. Der ist es. Die andern sind unschuldige Knechte und Mägde.« Dann übergab er ihm eine Tasche. »Diese Gulden«, sagte er, »blühten in Blumentöpfen in dem Hause des Verräters: es sind zehntausend.« Messire Worst sagte zu ihnen: »Ihr habt schlecht getan, das Schiff zu verlassen; weil es aber so gut ausgegangen ist, so sei euch Verzeihung gewährt. Willkommen sind die Gefangenen, willkommen die Tasche mit den Gulden, und auch ihr seid willkommen, wackere Männer, denen ich nach Recht und Brauch der See ein Drittel der Beute bewillige; das zweite gehört der Flotte und das dritte dem gnädigen Herrn von Oranien. Den Verräter henkt auf der Stelle.« Nachdem die Geusen gehorcht hatten, machten sie ein Loch ins Eis und warfen den Leichnam Dierik Slosses hinein. Nun sagte Messire Worst: »Wächst denn Gras um die Schiffe? Ich höre ja Hühner glucken, Hammel blöken und Ochsen und Kühe brüllen.« »Das sind die Gefangenen des Schlundes,« sagte Uilenspiegel; »sie werden die Ranzion in Schmorfleisch bezahlen. Der Herr Admiral soll das beste bekommen. Was die Knechte da betrifft und die Mägde, unter denen ein paar ganz artig und hübsch sind, so will ich sie auf mein Schiff nehmen.« Als das geschehn war, hielt er ihnen diese Ansprache: »Mannsleute und Frauenzimmer, ihr seid hier auf dem besten Schiffe, das es gibt. Wir verbringen die Zeit mit Schlemmen, Prassen und Schmausen ohne Unterlaß. Wenn ihr wegwollt, so bezahlt Lösegeld; wenn ihr dableiben wollt, so werdet ihr ebenso leben wie wir, bei gutem Werken und guter Kost. Was die hübschen Frauenzimmer angeht, so bewillige ich ihnen mit der Erlaubnis des Admirals volle leibliche Freiheit, mit dem Bemerken, daß es mir alles eins ist, ob sie ihre Freunde, mit denen sie aufs Schiff gekommen sind, behalten oder ob sie sich unter den hier gegenwärtigen einen braven Geusen auserwählen wollen, um mit ihm eheliche Gemeinschaft zu halten.« Aber alle die hübschen Frauen waren ihren Freunden treu, ausgenommen eine, die Lamme anlächelte und ihn fragte, ob er sie wolle. »Dank Euch, Schätzchen,« antwortete er, »aber ich bin schon anderswo vergeben.« »Er ist verheiratet, der Biedermann,« sagten die Geusen, als sie ihren Verdruß sahen. Aber sie wandte ihm den Rücken und wählte einen andern, der, so wie Lamme, einen hübschen Wanst und ein gutmütiges Weingesicht hatte. An diesem Tage und den folgenden gab es an Bord der Schiffe ein mächtiges Schlemmen und Demmen in Wein, Geflügel und Fleisch. Und Uilenspiegel sagte: »Heil den Geusen! Blase nur, scharfer Nord; wir wärmen die Luft mit unserm Atem. Unser Herz ist voll Feuer für die Gewissensfreiheit, voll Feuer unser Magen für das Essen des Feindes. Wein her, die Milch der Männer! Heil den Geusen!« Auch Nele trank aus einem großen goldenen Humpen, und sie ließ, das Gesichtchen vom Winde gerötet, die Pfeife schrillen. Und trotz dem Froste aßen und tranken die Geusen lustig auf dem Deck. XVIII Mit einem Male sah die ganze Flotte auf dem Ufer eine schwarze Schar und zwischen den Männern blitzende Fackeln und den Widerschein von Waffen; dann erloschen die Fackeln, und tiefe Finsternis herrschte. Nach den Befehlen des Admirals wurde das Zeichen zur Wachsamkeit von Schiff zu Schiff weitergegeben; alle Feuer erloschen, und Matrosen und Soldaten legten sich auf dem Deck platt auf den Bauch, bewaffnet mit Äxten. Die wackern Feuerwerker harrten, die Lunten in der Hand, bei den Geschützen, die geladen waren mit Kugelsäcken und Kettenkugeln. In dem Augenblicke, wo der Admiral und die Kapitäne schreien würden: »Hundert Schritt!«, um die Stellung des Feindes anzuzeigen, sollten sie Feuer nach vorwärts geben, von dem Hinterteil oder von der Breitseite, je nach der Lage im Eise. Und man hörte die Stimme von Messire Worst, der sagte: »Die Todesstrafe dem, der laut spricht.« Und die Kapitäne sagten nach ihm: »Die Todesstrafe dem, der laut spricht.« Der Mond schien nicht, aber die Nacht war sternenhell. »Hörst du,« sagte Uilenspiegel zu Lamme, leise wie der Hauch eines Gespenstes, »hörst du die Stimmen derer von Amsterdam, und hörst du das Eisen ihrer Schlittschuhe, das das Eis knirschen läßt? Sie kommen rasch heran. Man hört sie sprechen. Sie sagen: ›Die faulen Geusen schlafen. Unser ist der Schatz von Lissabon!‹ Sie zünden Fackeln an. Siehst du ihre Sturmleitern und ihre häßlichen Fratzen und die lange Linie ihres Sturmhaufens? Ihrer sind tausend und mehr.« »Hundert Schritt!« schrie Messire Worst. »Hundert Schritt!« schrien die Kapitäne. Und es war ein mächtiges Gekrach wie Donnerrollen und auf dem Eise ein klägliches Heulen. »Achtzig Stücke donnern auf einmal,« sagte Uilenspiegel. »Sie fliehen! Siehst du die Fackeln verschwinden?« »Verfolgt sie!« sagte der Admiral Worst. »Verfolgt sie!« sagten die Kapitäne. Aber die Verfolgung dauerte nicht lange, da die Flüchtigen einen Vorsprung von hundert Schritten und die Beine furchtsamer Hasen hatten. Und bei den Menschen, die auf dem Eise schrien und starben, wurden außer Schmuck und Gold auch Stricke gefunden, womit die Geusen hätten gebunden werden sollen. Und nach diesem Siege sagten die Geusen zueinander: »Als God met ons is, wie zal tegen ons zijn? Wenn Gott mit uns ist, wer wird gegen uns sein? Heil den Geusen!« Am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst voller Unruhe einen neuen Angriff. Lamme sprang aufs Deck und sagte zu Uilenspiegel: »Führe mich zu diesem Admiral, der dich nicht hat hören wollen, als du den Frost prophezeit hast.« »Geh, ohne daß man dich führte,« sagte Uilenspiegel. Lamme ging, nicht ohne vorher die Küche wohlverschlossen zu haben. Der Admiral war auf dem Deck und lugte aus, ob er keine Bewegung von der Stadtseite her wahrnehme. Lamme trat hin und sagte: »Herr Admiral, darf Euch ein geringer Küchenmeister eine Andeutung geben?« »Sprich, mein Sohn,« sagte der Admiral. »Gnädiger Herr,« sagte Lamme, »das Wasser taut auf in den Krügen, das Geflügel wird wieder zart, die Wurst verliert ihren Reifschimmel, die Butter schmilzt, das Öl ist flüssig, und das Salz weint. Es wird bald regnen, und wir werden gerettet sein, gnädiger Herr.« »Wer bist du?« fragte Messire Worst. »Ich bin«, antwortete er, »Lamme Goedzak, der Küchenmeister der Briel. Und wenn alle diese großen Weisen, die Astronomen genannt werden wollen, ebensogut in den Sternen läsen, wie ich in meinen Tunken, so könnten sie uns sagen, daß es heute nacht mit großem Ungestüm von Sturm und Hagel tauen wird; aber das Tauwetter wird nicht anhalten.« Und Lamme kehrte zu Uilenspiegel zurück; gegen Mittag sagte er zu ihm: »Meine Prophezeiung trifft langsam ein: der Himmel wird schwarz, der Wind bläst stürmisch, und ein warmer Regen fällt ein; schon steht das Wasser einen Fuß hoch auf dem Eise.« Am Abende schrie er frohlockend: »Die Nordsee ist angeschwollen: es ist die Stunde der Flut; die hohen Wogen wälzen sich in die Zuidersee und zerbrechen das Eis, das zu großen Stücken birst und auf die Schiffe springt: es sprüht Lichtfunken. Da ist der Hagel. Der Admiral befiehlt uns, uns von der Stellung vor Amsterdam zurückzuziehen, und das mit so viel Wasser, daß es unser größtes Schiff flott macht. Nun sind wir im Hafen von Enkhuizen. Das Meer friert von neuem zu. Ich bin ein Prophet, und das ist ein Wunder Gottes.« Und Uilenspiegel sagte: »Trinken wir, um ihn zu segnen.« Und der Winter schied, und der Sommer kam. XIX In der Mitte des Augusts, wo die mit Korn gesättigten Hühner taub bleiben bei dem schmetternden Liebesruf des Hahns, sagte Uilenspiegel zu seinen Seeleuten und Soldaten: »Der Blutherzog, der in Utrecht ist, wagt es, ein geweihtes Plakat herauszugeben, worin er allen Bewohnern der Niederlande, die sich nicht unterwerfen wollen, unter andern Gnadenbeweisen Hunger, Tod und Elend verspricht. Alles, was noch unversehrt ist, sagt er, muß vertilgt werden, und Seine Königliche Majestät wird die Niederlande mit Fremden besiedeln. Beiß, Herzog, beiß! Die Feile bricht den Zahn der Viper; wir sind Feilen. Heil den Geusen! Alba, das Blut berauscht dich! Denkst du, daß wir Angst haben vor deinen Drohungen oder daß wir an deine Milde glauben? Deine herrlichen Regimenter, deren Preis du in der ganzen Welt gesungen hast, deine Unbesieglichen, deine Unwandelbaren, deine Unsterblichen, haben sieben Monate damit zugebracht, Haarlem zu beschießen, die schwache Stadt, verteidigt von Bürgern; wie sterbliche Menschen haben sie in der Luft den Tanz der aufflatternden Minen getanzt. Die Bürger haben sie mit Pech begossen; schließlich haben sie glorreich gesiegt und die Entwaffneten abgekehlt. Hörst du, Henker, die Stunde Gottes schlagen? Haarlem hat seine wackern Verteidiger verloren, seine Steine schwitzen Blut. Haarlem hat bei der Belagerung zwölfhundertachtzigtausend Gulden verloren und ausgegeben. Der Bischof ist wieder eingesetzt worden; mit leichter Hand und fröhlichem Gesichte segnet er die Kirchen ein. Don Fadrique ist dabei bei diesen Einsegnungen; der Bischof wäscht ihm die Hände, die vor Gott rot bleiben, und spendet ihm das Abendmahl in beiden Gestalten, wie es dem armen Volke verwehrt ist. Und die Glocken läuten, und das Glockenspiel wirft seine leisen, melodischen Weisen in die Luft: es ist wie ein Gesang von Engeln über einem großen Beinhause. Aug um Aug, Zahn um Zahn! Heil den Geusen!« XX Die Geusen waren vor Vlissingen, als Nele vom Fieber gepackt wurde. Gezwungen, das Schiff zu verlassen, wurde sie in das Haus des Reformierten Peeters auf der Turfkai gebracht. Uilenspiegel, zwar sehr bekümmert, war immerhin froh, weil er bedachte, daß das Bett, wo sie ohne Zweifel genesen werde, außerhalb des Bereiches der spanischen Kugeln war. Schier ohne Unterlaß weilte er mit Lamme bei ihr, indem er sie in zärtlicherer Liebe betreute. Und die beiden plauderten dort. »Freund und Bruder,« sagte eines Tages Uilenspiegel, »weißt du die Neuigkeit nicht?« »Nein, mein Sohn,« sagte Lamme. »Siehst du das Vlieboot, das sich als letztes zu unserer Flotte gesellt hat, und weißt du, wer dort tagtäglich die Geige spielt?« »Von dem letzten Froste«, sagte Lamme, »bin ich wie taub auf beiden Ohren. Warum lachst du, mein Sohn?« Aber Uilenspiegel fuhr in seiner Rede fort: »Einmal habe ich sie ein vlämisches Lied singen hören, und ich fand ihre Stimme gar süß.« »Ach,« sagte Lamme, »auch sie spielte die Geige und sang.« »Weißt du die andere Neuigkeit?« fuhr Uilenspiegel fort. »Ich weiß gar nichts, mein Sohn,« antwortete Lamme. Uilenspiegel antwortete: »Wir haben den Befehl erhalten, mit unsern Booten die Schelde hinaufzufahren bis Antwerpen, um die feindlichen Schiffe, auf die wir stoßen, zu nehmen oder zu verbrennen. Für die Männer: kein Quartier. Was denkst du davon, Dickwanst?« »Ach,« sagte Lamme, »werden wir denn in diesem unglücklichen Lande nie von etwas anderm sprechen hören als von Verbrennen, Henken, Ersäufen und anderer Art, die armen Menschen zu vertilgen? Wann wird endlich der gesegnete Friede kommen, wo es einem ohne Wirrsal vergönnt sein wird, Rebhühner zu rösten, Kapaune zu braten und die Würste mitten unter Eiern in den Pfannen singen zu lassen? Die Blutwürste sind mir lieber; die Bratwürste sind zu fett.« »Diese süße Zeit wird kommen,« antwortete Uilenspiegel, »wann in den Baumgärten Flanderns an den Apfelbäumen, an den Zwetschenbäumen, an den Kirschenbäumen statt der Äpfel, Zwetschen und Kirschen an jedem Ast ein Spanier hängt.« »Ach,« sagte Lamme, »wenn ich wenigstens meine Frau wiederfinden könnte, meine teuere, zärtliche, geliebte, süße, reizende, treue Frau! Denn nimm es zur Kenntnis, mein Sohn, ich bin niemals ein Hahnrei gewesen und werde es niemals sein; dazu war sie zu züchtig und ruhig in ihrem Gehaben: stets floh sie die Gesellschaft anderer Männer; und wenn sie den Putz liebte, so tat sie das nur nach Frauenart. Ich war ihr Koch und ihr Küchenjunge, ich gestehe es frei; warum bin ich es nicht wieder? aber ich war auch ihr Herr und Gatte.« »Lassen wir das Gespräch,« sagte Uilenspiegel. »Hörst du den Admiral schreien: ›Die Anker gelichtet!‹ und die Kapitäne nach ihm schreien wie er? Es heißt unter Segel gehn.« »Warum willst du so schleunig weg?« sagte Nele zu Uilenspiegel. »Wir gehn an Bord,« sagte er. »Ohne mich?« sagte sie. »Ja,« sagte Uilenspiegel. »Bedenkst du nicht,« sagte sie, »daß ich da voll Unruhe um dich sein werde?« »Herzlieb,« sagte Uilenspiegel, »meine Haut ist aus Eisen.« »Du machst dich lustig,« sagte sie. »Ich sehe nur dein Wams, das ist aus Tuch und nicht aus Eisen; darunter ist dein Leib, aus Knochen und Fleisch, so wie der meinige. Wenn du verwundet wirst, wer wird dich verbinden? Wirst du ganz einsam sterben mitten unter den Kämpfenden? Ich gehe mit dir!« »Ach,« sagte er, »wenn die Lanzen, Kugeln, Schwerter, Äxte, Hämmer mich verschonen und deinen lieblichen Leib treffen, was mache ich dann, ich Taugenichts, ohne dich auf dieser schlechten Welt?« Aber Nele sagte: »Ich will mit dir gehn; es ist keine Gefahr dabei: ich bleibe bei den Arkebusieren hinter den Holzwehren.« »Wenn du gehst, so bleibe ich, und man wird deinen Freund Uilenspiegel einen Verräter und Feigling heißen; aber höre mein Lied: Mein Filz ist Eisen, das ist mein Hut, Die Natur ist mein Waffensaal; Meine erste Haut, sie ist aus Leder, Die zweite aber ist aus Stahl. Umsonst will mit häßlicher Fratze Der Tod mich bringen zu Fall; Meine erste Haut, sie ist aus Leder, Die zweite aber ist aus Stahl. ›Leben!‹ schrieb ich auf meine Fahne, Im Lichte leben allzumal: Meine erste Haut, sie ist aus Leder, Die zweite aber ist aus Stahl!« Und singend entwich er, nicht ohne den zitternden Mund und die lieblichen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben; und Nele lachte und weinte zugleich. Die Geusen sind in Antwerpen; sie nehmen die albischen Schiffe sogar im Hafen weg. Bei hellichtem Tage rücken sie in die Stadt ein, befreien die Gefangenen und machen welche, um Ranzion zu bekommen. Sie zwingen die Bürger aufzustehn und nötigen manchen, ihnen zu folgen, ohne daß er, bei Todesstrafe, ein Wort reden dürfte. Uilenspiegel sagt zu Lamme: »Der Sohn des Admirals ist in der Scholtisei gefangen; er muß befreit werden.« Als sie das Haus der Scholtisei betraten, sahen sie den jungen Mann, den sie suchten, in der Gesellschaft eines dickwanstigen Mönches, der zornig in ihn hineinredete, um ihn zur Rückkehr in den Schoß unserer Mutter, der heiligen Kirche, zu bewegen. Aber der Bursche wollte nicht. Er ging mit Uilenspiegel weg. Inzwischen schnappte Lamme den Mönch bei der Kapuze und ließ ihn vorangehn durch die Straßen von Antwerpen, indem er zu ihm sagte: »Du bist hundert Gulden Ranzion wert; pack dich und geh voraus. Was zauderst du? Hast du Blei in deinen Sandalen? Vorwärts, Specksack, Freßkasten, Suppenbauch!« Der Mönch sagte in großer Wut: »Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe; aber unbeschadet alle Ehrerbietung, die ich Euerer Arkebuse schulde, Ihr seid ebenso bauchig, panstig und dick.« Aber Lamme versetzte ihm einen Stoß: »Du unterstehst dich, du gemeiner Mönch, dein nichtsnutziges, faules Klosterfett mit meinem vlämischen Fette zu vergleichen, das ehrlich genährt wird bei Arbeit, Mühsal und Schlachten? Lauf, oder ich laß dich auf allen vieren trotten wie einen Hund, und das mit dem Sporn meines Absatzes.« Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer Atem und Lamme ebenso. Und so kamen sie aufs Schiff. XXI Nachdem die Geusen Rammekens, Geertruidenberg und Alkmaar genommen hatten, kehrten sie zurück nach Vlissingen. Nele, die schon genesen war, erwartete Uilenspiegel am Hafen. »Thijl,« sagte sie, als sie ihn sah, »mein liebster Thijl, bist du nicht verwundet?« Uilenspiegel sang: ›Leben!‹ schrieb ich auf meine Fahne, Im Lichte leben allzumal: Meine erste Haut, sie ist aus Leder, Die zweite aber ist aus Stahl! »Ach,« sagte Lamme, der das Bein nachschleppte, »Kugeln, Granaten, Kettengeschosse regnen um ihn, und er verspürt kaum den Wind davon. Du bist ein Geist, Uilenspiegel, sicherlich, und auch du, Nele; denn ich sehe euch beide immerfort gleich jung und frisch.« »Warum schleppst du dein Bein nach?« fragte Nele Lamme. »Ich bin kein Geist und werde es niemals sein,« sagte er. »Auch habe ich einen Axthieb in den Schenkel bekommen – meine Frau hatte so runde und weiße! – schau, ich blute. Ach, warum ist sie nicht da, um mich zu pflegen!« Aber Nele antwortete ärgerlich: »Wozu brauchst du eine eidbrüchige Frau?« »Sprich nicht schlecht von ihr,« antwortete Lamme. »Nimm,« sagte Nele, »hier ist Balsam; ich habe ihn für Uilenspiegel bewahrt gehabt. Tu ihn auf deine Wunde.« Als Lamme seine Verletzung verbunden hatte, wurde er lustig, weil der Balsam den brennenden Schmerz stillte. Und selbdritt kehrten sie auf ihr Schiff zurück. Als sie den Mönch sah, der dort mit gebundenen Händen auf und ab ging, sagte sie: »Wer ist denn das? Ich habe ihn schon irgendwo gesehn und glaube ihn zu kennen.« »Er ist hundert Gulden Ranzion wert,« antwortete Lamme. XXII An diesem Tage wurde auf der Flotte ein Fest gefeiert. Trotz dem scharfen Dezemberwinde, trotz dem Regen, trotz dem Schnee waren alle Geusen der Flotte auf dem Deck der Schiffe. Die silbernen Halbmonde blinkten fahl auf den seeländischen Hüten. Und Uilenspiegel sang: Befreit ist Leiden, der Blutherzog ist weg aus den Niederlanden. Läutet, Glocken, im Widerhall; Glockenspiel, schick in die Luft dein Lied. Klingelt, Gläser und Flaschen. Wie ein Hund heimschleicht, wenn geprügelt er ist, Mit dem eingezogenen Schweife, Mit blutendem Auge, So läuft er davon vor den Hieben. Und sein zerfetzter Rachen Zittert atemlos. Er ist weg, der Blutherzog. Klingelt, Gläser und Flaschen! Den Geusen Heil! Er bisse sich gern ins eigene Fleisch – Ein Stockhieb zerbrach ihm die Zähne. Gesenkt das aufgedunsne Gesicht, Denkt er an die Tage des Mordens, der Lust. Er ist weg, der Blutherzog! Die Trommel des Ruhmes gerührt! Die Trommel des Krieges gerührt! Heil den Geusen! Er ruft den Teufel: »Für eine Stunde der Macht Verkaufe ich dir meine hündische Seel.« »Nicht mehr ist mir deine Seele wert Als ein Hering,« antwortet der Teufel. Die Zähne kommen ihm nimmermehr, Die harten Bissen muß er nun meiden. Er ist weg, der Blutherzog! Heil den Geusen! Die Straßenhündlein mit krummem Bein, einäugig und krätzig, Die verrecken müssen bei schmaler Kost, Sie heben die Tatzen allesamt Wider den, der tötet aus Liebe zum Mord ... Heil den Geusen! »Er hat nicht geliebt, nicht Freund, noch Weib, Nicht Frohsinn, die Sonne nicht und nicht seinen Herrn, Nichts als den Tod, dem er sich vermählt, Der ihm die Tatzen gebrochen hat Zum Vorspiel der bräutlichen Nacht: Der liebt ja keinen ganzen Mann. Die Trommel der Freude gerührt! Heil den Geusen!« Und die Straßenhündlein, die Pfoten verrenkt, Einäugig, krätzig und krumm, Sie heben von neuem das Hinterbein Mit heißer, salziger Jauche, Und mit ihnen Rüden und Bracken, Hunde vom Hennegau, von Brabant, Von Luxemburg und von Namur. Heil den Geusen! Und traurig und das Maul voll Schaum, Geht verrecken er zu seinem Herrn, Der ihn von sich schleudert mit einem Fußtritt, Weil er zu wenig gebissen hat. In der Hölle vermählt er sich dann dem Tod, Und »Mein Herzog« nennt ihn der, »Meine Inquisition« ist die Antwort. Heil den Geusen! Läutet, Glocken, im Widerhall, Glockenspiel, schick in die Luft dein Lied, Klingelt, Flaschen und Gläser! Heil den Geusen! Fünftes Buch I Als der Mönch, den Lamme gefangen hatte, sah, daß die Geusen nicht seinen Tod, sondern Ranzion wollten, begann er auf dem Schiffe die Nase hochzutragen. Mit grimmigen Gebärden auf und ab schreitend, sagte er: »In was für einen Schlund schmutziger, schwarzer und schändlicher Greuel bin ich da geraten, als ich den Fuß in dies hölzerne Tönnchen gesetzt habe! Wenn nicht ich da wäre, ich, den der Herr gesalbt hat ...« »Mit Hundeschmer?« fragten die Geusen. »Ihr seid selber Hunde,« antwortete der Mönch, indem er in seiner Rede fortfuhr, »ja, krätzige, herrenlose, bedreckte, halb verhungerte Hunde, die den fetten Pfad unserer heiligen Mutter, der römischen Kirche, verlassen haben, um die dürren Wege euerer zerlumpten reformierten Kirche zu betreten. Ja! Wäre nicht ich in euerm Kasten, in euerer Tonne, so hätte sie der Herr schon längst in die tiefsten Abgründe des Meeres geschleudert samt euch, samt euern vermaledeiten Waffen, samt euerm Teufelszeug von Geschütz, samt euerm singenden Kapitän, samt euern gotteslästerischen Halbmonden, ja! bis in die Tiefen der unermeßlichen Klüfte von Satans Reich, wo ihr nicht vielleicht brennen werdet, nein! wo ihr, zitternd und frierend, vor Kälte sterben werdet die ganze lange Ewigkeit. Ja! also wird der Gott des Himmels austilgen das ruchlose Feuer euers Hasses gegen unsere süße Mutter, die heilige römische Kirche, gegen die Heiligen und gegen die Bischöfe und euere Frevelwut gegen die geweihten Plakate, die so reiflichen, mitleidigen Erwägungen entsprungen sind. Ja! und ich werde euch von der Höhe des Paradieses betrachten, wie ihr blau oder weiß sein werdet wie die Rüben, so kalt wird euch sein. 't Zij! 't Zij! 't Zij! So sei es, sei es, sei es, sei es!« Die Matrosen, die Soldaten und die Schiffsjungen machten sich lustig über ihn und schnellten aus Blasrohren trockene Erbsen auf ihn. Und er deckte sein Gesicht mit den Händen gegen dieses Geschoß. II Der Blutherzog hatte die Lande verlassen, und die Herren von Medina-Coeli und von Requesens regierten sie mit einer geringern Grausamkeit. Dann regierten die Generalstaaten im Namen des Königs. Die von Seeland und Holland, denen außer dem Meere auch die Deiche, ihre natürlichen Bollwerke und Schutzwehren, zustatten kamen, eröffneten in dieser Zeit dem Gotte der Freien freie Tempel; und die päpstischen Henker durften neben ihnen ihre Hymnen singen. Und der Prinz von Oranien, der Schweiger, versäumte es, eine statthalterliche und königliche Dynastie zu stiften. Das Land Belgien wurde von den Wallonen verwüstet, die mit der Pazifikation von Gent unzufrieden waren, wo man doch von ihr gesagt hatte, sie werde jeglichen Haß tilgen. Und diese wälschen Paternosterknechte, um den Hals große schwarze Rosenkränze, deren in Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden, stahlen Rinder und Pferde, zwölfhundert, zweitausend auf einmal, wovon sie die besten auswählten, entführten Frauen und Mädchen in Feld und Marschland, aßen, ohne zu bezahlen, und verbrannten in den Scheunen die Bauern, die sich gewaffnet hatten, um die Frucht ihrer harten Arbeit zu verteidigen. Und im Volke sagten die Leute: »Don Juan wird kommen mit seinen Spaniern, und Seine Große Hoheit wird kommen mit seinen Franzosen, nicht mit Hugenotten, sondern mit päpstischen; und der Schweiger, der Holland, Seeland, Geldern, Utrecht und Oberyssel in Frieden regieren will, gibt durch einen heimlichen Vertrag das belgische Land auf, damit sich dort der Herr von Anjou zum Könige machen kann.« Immerhin hatten nicht alle das Vertrauen verloren: »Die Herren der Staaten haben zwanzigtausend Mann unter Waffen mit viel Geschütz und tüchtiger Reiterei. Sie werden den fremden Soldaten Widerstand leisten.« Aber die Wohlunterrichteten sagten: »Die Herren der Staaten haben die zwanzigtausend Mann auf dem Papier, aber nicht im Felde. An Reiterei gebricht es ihnen, und eine Meile von ihrem Lager stehlen ihnen die Paternosterknechte die Pferde vor der Nase weg. Geschütz haben sie gar keins, weil sie hundert Kanonen samt Pulver und Blei dem Don Sebastian von Portugal geschickt haben, obwohl sie hier nötig gewesen wären. Und niemand weiß, wohin die zwei Millionen Taler gekommen sind, die wir auf viermal in Auflagen und Schätzungen bezahlt haben. Die Städte Gent und Brüssel bewaffnen sich, Gent für die Reformation und Brüssel ebenso: in Brüssel schlagen die Frauen das Tamburin, während ihre Männer in den Schanzen arbeiten; und Gent die Kühne schickt Brüssel der Fröhlichen Pulver und Kanonen, die ihr zur Verteidigung wider die Unzufriedenen und die Spanier mangeln.« »Und jedermann, in den Städten und auf dem platten Lande, sieht ein, daß man unsern hohen Herren ebensowenig trauen darf wie so vielen andern. Und wir Bürger und die Leute aus dem gemeinen Volke sind bekümmert, daß wir, wo wir unser Geld hingeben und bereit sind, unser Blut hinzugeben, nicht sehn, daß es vorwärts ginge mit der Wohlfahrt des Landes der Väter. Und das Land Belgien ist zaghaft und unmutig, weil ihm die getreuen Männer fehlen, die es zu Kampf und Sieg führten gegen die Feinde der Freiheit.« Und die Wohlunterrichteten sagten untereinander: »In der Pazifikation von Gent haben die Herren von Holland und Belgien geschworen, daß gegenseitig alles vergeben und vergessen sein solle und daß die Belgischen Staaten und die Niederländischen Staaten einander Beistand leisten würden, sie haben erklärt, daß die Plakate als nicht erlassen betrachtet würden, daß die Gütereinziehungen aufgehoben seien und daß zwischen den beiden Bekenntnissen Friede herrschen solle, und sie haben versprochen, alle Säulen, Siegeszeichen, Inschriften und Standbilder, die der Herzog von Alba uns zuschanden errichtet hat, samt und sonders zu vernichten; aber die Häupter haben nichts vergeben und vergessen, Adel und Geistlichkeit nähren die Zwietracht zwischen den Staaten der Union, sie haben Geld zur Bezahlung der Soldaten bekommen und behalten es zu ihrer Völlerei, es sind fünfzehntausend Rechtshändel wegen der Einforderung beschlagnahmter Vermögen im Gange, die Lutherischen und die Römischen verbünden sich gegen die Kalvinisten, die rechtmäßigen Erben können die Räuber nicht aus dem Genusse ihres Gutes jagen, und die Statue des Herzogs liegt auf der Erde, aber das Bild der Inquisition ist in ihren Herzen.« Und das arme Volk und die traurigen Bürger warteten immerdar auf den treuen Helden, der sie in den Kampf für die Freiheit führen wolle. Und sie sagten untereinander: »Wo sind die erlauchten Unterzeichner des Kompromisses, alle, wie sie gesagt haben, vereint zum Wohle des Vaterlandes? Warum haben denn diese Schelme eine so ›heilige Allianz‹ geschlossen, wenn sie sie alsbald wieder brechen sollten? Warum sich mit so viel Geschrei versammeln und den Zorn des Königs reizen, um dann als Memmen und Verräter auseinanderzugehn? Ihrer fünfhundert, die sie damals waren, große und kleine Herren vereint und verbrüdert, hätten sie uns von der spanischen Raserei befreit; aber sie haben das Wohl des Landes Belgien ihrem eigenen einzelnen Wohl geopfert, so wie es Egmont und Hoorne getan haben.« »Ach!« sagten sie, »jetzt kommt Don Juan, der schöne Kronenjäger, ein Feind Philipps, aber noch mehr feind unserm Lande. Er kommt für den Papst und für sich selber. Adel und Geistlichkeit verraten uns.« Und sie begannen eine Art von Krieg. An den Mauern der Straßen und Gassen von Gent und Brüssel, ja selbst an den Masten der Geusenschiffe sah man die Namen der Verräter, der Häupter des Heeres und der Befehlshaber der Festungen, angeschlagen: des Grafen von Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don Juan verteidigt hatte, des Propstes von Lüttich, der die Stadt an Don Juan hatte verkaufen wollen, der Herren von Aerschot, von Mansfeld, von Berlaymont und von Rassenghien, derer vom Staatsrat, des Statthalters von Friesland Georg von Lalaing, des Herrn von Rossignol, Sendlings Don Juans, der dem Könige Philipp den Mordanschlag auf den Prinzen von Oranien durch den ungeschickten Meuchler Jaureguy vermittelt hatte, des Erzbischofs von Cambray, der die Spanier hatte in die Stadt lassen wollen, der Jesuiten von Antwerpen, die den Staaten drei Tonnen Goldes, das sind zwei Millionen Gulden, geboten hatten, um den Abbruch der Zwingburg zu verhindern und sie für Don Juan zu erhalten, des Bischofs von Lüttich, der römischen Afterprediger, die die ehrlichen Leute lästerten, des Bischofs von Utrecht, den die Bürger vertrieben hatten, damit er das Brot des Verrats anderswo esse, und der Bettelorden, die in Gent für Don Juan Ränke geschmiedet hatten. Die von Herzogenbusch nagelten den Namen des Karmeliters Pieter an den Pranger, weil er sich mit der Hilfe des Bischofs und von dessen Geistlichkeit anheischig gemacht hatte, die Stadt Don Juan auszuliefern. In Douai henkten sie, jedoch nicht im Bilde, den Rektor der Hohen Schule, der zu den Spaniern gehalten hatte; auf den Schiffen der Geusen aber wurden Puppen gehenkt, und die trugen auf der Brust Namen von Mönchen, Äbten und Prälaten und von achtzehnhundert reichen Frauen und Mädchen des Beguttenhofes in Mecheln, die die Henker des Vaterlandes mit ihrem Gelde fütterten und sie mit Gold und Federbüschen schmückten. Und auf den Puppen, die als Verräter prangten, sah man den Namen des Marquis von Harrault, Befehlshabers der Festung von Philippeville, der Pulver und Blei unnütz verzettelt hatte, um dann den Platz, angeblich wegen Mangels an Mundvorrat, dem Feinde zu übergeben, den Namen Belvers, der Limburg übergeben hatte, obwohl sich die Stadt noch acht Monate hätte halten können, den des Vorsitzenden des Rates von Flandern, die Namen des Magistrates von Brügge, die des Magistrates von Mecheln, der die Stadt für Don Juan gehütet hatte, die Namen der Herren von der Rechnungskammer von Geldern, die diese Kammer aus Verräterei geschlossen hatten, die Namen derer vom Rate von Brabant, von der Kanzlei des Herzogtums, vom Geheimen Rat und vom Rate der öffentlichen Gelder, die Namen des Vogtes und des Bürgermeisters von Meenen und die der schlechten Nachbarn von Artois, die zweitausend auf Plünderung ziehende Franzosen ungehindert durchgelassen hatten. »Ach,« sagten die Bürger untereinander, »jetzt hat der Herzog von Anjou den Fuß in unser Land gesetzt: er will König bei uns sein; habt ihr ihn in Bergen einreiten sehn, den Knirps mit den dicken Hüften und der großen Nase, dem gelben Gesichte und dem hämischen Munde? Er ist ein großer Prinz und ein Freund seltsamer Liebe; man nennt ihn, damit sich in seinem Namen weibliche Lieblichkeit mit männlicher Kraft vereine, den gnädigen Herrn, Seine Große Hoheit von Anjou.« Uilenspiegel war verträumt. Und er sang: Der Himmel ist blau, die Sonne klar. Verhüllt die Banner mit Flor, Mit Flor die Griffe der Schwerter; Verhüllt das Geschmeide Und wendet die Spiegel: Ich singe das Lied von dem Tode, Das Lied vom Verrat. Sie haben den Fuß gesetzt auf die Brust Und die Kehle der stolzen Lande Brabant und Flandern, Hennegau, Antwerpen, Luxemburg, Artois. Verräter sind Adel und Geistlichkeit, Der Köder des Lohnes verlockt sie: Ich singe das Lied vom Verrat. Wann überall plündert der Feinde Schar, Der Spanier in Antwerpen einrückt, Ziehn trotzdem Prälat, Feldherr und Abt, In seidenem Kleid, überladen mit Gold, Durch die Straßen der Stadt, und ihre Wange, Gerötet vom Schwelgen in edelm Wein, Bezeugt die Schand ihres Herzens. Und durch sie erhebet wieder ihr Haupt In Siegeslust die Inquisition, Und von neuem werden fanatische Pfaffen In die Kerker werfen das taubstumme Volk Um Ketzerei. Ich singe das Lied vom Verrat. Ihr Unterzeichner des Kompromiß, Ihr feigen Unterzeichner, Verflucht seien euere Namen! Wo seid ihr in der Stunde der Not? Wie die Raben, so zieht ihr hinterdrein In dem Gefolge des spanischen Feinds. Die Trommel der Trauer gerührt! O belgisches Land, die Zukunft wird Dich verdammen, weil du, obwohl gewappnet, Dich plündern läßt ohne jegliche Wehr. Übereile dich nicht, o Zukunft! Du siehst die Verräter am Werke, Sie sind zwanzig, sie sind tausend, Sie füllen alle Ämter: Die großen helfen den kleinen. Sie haben sich geeinigt Auf den Wahlspruch des Verrats, Um den Widerstand zu hemmen Durch Spaltung und Trägheit. Verhüllt mit Flor die Spiegel, Mit Flor die Griffe der Schwerter: Es ist das Lied vom Verrat. Als Aufrührer erklären sie Die Spanier und die Unzufriednen Und wehren es, ihnen zu helfen Mit Brot und Obdach, Mit Pulver und Blei; Fängt man sie aber, Um sie zu henken, So setzen sie sie in Freiheit. Nicht weichen! sagen die von Brüssel, Nicht weichen! sagen die von Gent Und das belgische Volk. Man will euch arme Leute Zermalmen zwischen dem König Und dem Papste, der den Kreuzzug Wider Flandern predigt. Sie kommen, die Söldlinge, Beim Geruche des Bluts, Haufen von Hunden, Hyänen und Schlangen; Sie haben Hunger, sie haben Durst. Du armes Land der Väter, Reif für Vernichtung und Tod. Es ist nicht Don Juan, Der die Arbeit besorgt Für Farnese, den Liebling des Papstes; Nein, sie sinds, die du überhäufst Mit Gold und Ehrenkleidern, Die deinen Frauen die Beichte hören, Deinen Töchtern und deinen Knaben. Sie haben dich geschleudert zur Erd, Und der Spanier setzt dir Das Messer an die Kehle; Sie höhnten dich Und feierten in Brüssel Die Ankunft des Prinzen Oranien. Als man sah auf dem Kanal So viel Donnerpöller, Krachend in Lust, So viel Boote, prangend mit Schilderei und Teppichen, Da spielte man, o belgisches Land, Die Geschichte von Josef, Den die Brüder verkaufen. III Da der Mönch sah, daß man ihn gewähren ließ, trug er die Nase hoch auf dem Schiffe; und die Matrosen und die Soldaten lästerten die Jungfrau, die Heiligen und die frommen Gebräuche der heiligen römischen Kirche, um ihn zu einer Predigt zu reizen. Dann kam er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen sie. »Ja,« schrie er, »ja, da bin ich also in der Höhle der Geusen! Ja, das sind die vermaledeiten Aussauger des Landes! Ja. Und da sagt man, daß der Inquisitor, der heilige Mann, zu viele verbrannt hat! Nein, noch immer bleibt genug von diesem schmutzigen Ungeziefer. Ja, auf den guten, wackern Schiffen unsers Herrn des Königs, die einstmals so hübsch und so wohl gewaschen waren, sieht man heute das Geusenungeziefer, ja, das stinkende Ungeziefer. Ja, es ist ein Ungeziefer, ein unflätiges, stinkendes, schändliches Ungeziefer: dieser singende Kapitän, dieser Koch mit dem Wanste voller Gottlosigkeit und sie alle mit ihren ruchlosen Halbmonden. Wenn der König seine Schiffe reinigen wird, indem er sie mit den Geschützen abspült, wird es Pulver und Blei um mehr als hunderttausend Gulden brauchen, um diese unflätige, schändliche, stinkende Pest zu bannen. Ja, ihr seid alle im Gemache der Frau Luzifer geboren, die verdammt ist, mit Satan zu weilen zwischen Wänden von Ungeziefer, unter Decken von Ungeziefer und auf einem Bette von Ungeziefer. Ja, und dort ist es gewesen, daß die zwei in ihrer schändlichen Unzucht die Geusen zur Welt gebracht haben. Ja, und ich speie auf euch.« Daraufhin sagten die Geusen zu ihm: »Warum behalten wir diesen Tagdieb, der nichts kann als Beschimpfungen ausspeien? Henken wir ihn lieber.« Und sie machten sich daran, es zu tun. Als der Mönch sah, daß der Strick bereit war, die Leiter am Mäste lehnte und sie sich anschickten, ihm die Hände zu binden, sagte er mit kläglicher Stimme: »Habt Erbarmen mit mir, Herren Geusen; es ist der Zornteufel, der in meinem Herzen spricht, und euer demütiger Gefangener ist schuldlos, der arme Mönch, der nur einen Hals auf dieser Welt hat. Gnädige Herren, übt Mitleid: schließt mir den Mund, wenn ihr wollt, mit einer Würgbirn, die gewiß nicht zum guten Obst gehört, aber henkt mich nicht!« Ohne auf ihn zu hören und trotz seinem wütenden Widerstande schleppten sie ihn zur Leiter. Nun schrie er so gellend, daß Lamme zu Uilenspiegel, der ihn in der Küche pflegte, sagte: »Mein Sohn, mein Sohn! Sie haben ein Ferkel aus dem Stalle gestohlen und kehlen es ab. Diese Schufte! Wenn ich nur aufstehn könnte!« Uilenspiegel stieg hinauf und sah nichts als den Mönch. Als der seiner ansichtig wurde, fiel er auf die Knie und streckte ihm die Hände entgegen. »Herr Kapitän,« sagte er, »Kapitän der wackern Geusen, gleich schrecklich zu Wasser wie zu Lande, Euere Soldaten wollen mich henken, weil ich gesündigt habe mit der Zunge; es ist eine ungerechte Strafe, weil man dann alle Advokaten, Prokuratoren und Prediger und alle Frauen in die Hanfschlinge stecken müßte, so daß die Welt entvölkert würde. Messire, rettet mich vor dem Stricke: ich will für Euch beten, und Ihr werdet nicht verdammt sein; gewährt mir Gnade. Der Redeteufel hat mich fortgerissen und mich nicht aufhören lassen zu reden: es ist ein gar großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt mich tausend Dinge sagen, die ich sonst nicht einmal denke. Gnade, Herr Kapitän, und Ihr Herren alle, bittet für mich.« Plötzlich erschien Lamme in seinen Unterkleidern auf dem Deck und sagte: »Kapitän und Freunde, es war also nicht das Schwein, sondern der Mönch, der schrie, und ich bin beruhigt. Uilenspiegel, mein Sohn, ich trage mich mit großen Plänen, die Seine Väterlichkeit betreffen. Schenk ihm das Leben, aber laß ihn nicht frei herumlaufen, sonst spielt er uns noch einen schlechten Streich auf dem Schiffe: laß ihm auf dem Deck einen engen, luftigen Käfig bauen, wo er nur sitzen und schlafen kann, einen Käfig, so wie die, worein man die Kapaune steckt; laß mich ihn nähren, und er soll gehenkt werden, wenn er nicht so viel ißt, wie ich will.« »Er soll gehenkt werden, wenn er nicht ißt,« sagten Uilenspiegel und die Geusen. »Was hast du mit mir vor, dicker Mensch?« sagte der Mönch. »Du wirst es schon sehn,« antwortete Lamme. Und Uilenspiegel tat nach Lammes Willen, und der Mönch wurde in den Käfig gesteckt, und jedermann konnte ihn darin nach Herzenslust betrachten. Lamme war in die Küche hinuntergestiegen; Uilenspiegel folgte ihm und hörte ihn, wie er mit Nele stritt: »Ich lege mich nicht nieder,« sagte er, »ich lege mich nicht nieder, damit andere kommen und in meinen Tunken stöbern; nein, ich bleibe nicht in meinem Bette wie ein Kalb!« »Ärgere dich nicht, Lamme,« sagte Nele; »deine Wunde könnte sich wieder öffnen, und du müßtest sterben.« »Also gut,« sagte er, »so sterbe ich denn; ich bin es müde, ohne meine Frau zu leben. Ists denn nicht genug, sie verloren zu haben, daß du mich, mich, den Küchenmeister, noch überdies abhalten willst, in eigener Person über die Suppe zu wachen? Weißt du nicht, daß in dem Brodem der Tunken und der Braten eine wesentliche Gesundheitskraft liegt? Sie nähren sogar meinen Geist und wappnen mich gegen die Schicksalsschläge.« »Lamme,« sagte Nele, »du mußt auf unsern Rat hören und dich von uns gesund machen lassen.« »Ich will mich ja gesund machen lassen,« sagte Lamme; »aber daß hier herinnen ein anderer, irgendein nichtsnutziger, jauchiger, triefäugiger, rotziger Stümper an meiner Statt als Küchenmeister schalten und mit seinen schmutzigen Fingern in meinen Tunken manschen sollte, lieber möchte ich ihn niederschlagen mit meinem Holzlöffel, der dazu ebensogut taugte wie ein eiserner.« »Trotzdem«, sagte Uilenspiegel, »brauchst du einen Gehilfen; du bist krank ...« »Ich einen Gehilfen!« sagte Lamme, »ich einen Gehilfen! Bist du denn so mit Undank gefüllt, wie eine Wurst mit Hackfleisch? Ein Gehilfe, mein Sohn, und du mußt es sein, der mir das sagt, mir, deinem Freunde, der dich so lange und so fett genährt hat! Nun bricht meine Wunde wieder auf. Schlechter Freund, wer würde dir denn deine Kost bereiten wie ich? Was würdet ihr denn alle beide anfangen, wenn ich nicht da wäre, um dir, Kapitän, und dir, Nele, ein leckers Würzfleisch vorzusetzen?« »Wir würden uns die Kost selber besorgen,« sagte Uilenspiegel. »Die Kost?« sagte Lamme. »Du verstehst es ja sehr gut, sie zu essen, ihren Duft einzuziehen und dich daran zu weiden; aber sie zu bereiten, nein! Armer Freund und Kapitän, mit aller Ehrerbietung, wenn ich dir eine alte Ledertasche, hübsch in Streifen zerschnitten, vorsetzte, so hieltest du sie für harte Kutteln! Laß mich, laß mich, mein Sohn, als Küchenmeister, sonst werde ich dürr werden wie eine Stange.« »Bleibe also Küchenmeister,« sagte Uilenspiegel; »wenn du nicht gesund wirst, so werde ich die Küche sperren, und wir werden nichts essen als Zwieback.« »Ach, mein Sohn,« sagte Lamme unter Freudentränen, »du bist gut wie Unsere Frau.« IV Allemal schien es mit seiner Gesundheit besser zu gehn. Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des Mönches mit einem langen Lederriemen maß. Am ersten Samstag sagte er: »Vier Fuß.« Und indem er sich selber maß, sagte er: »Vier Fuß und ein halber.« Und er schien trübsinnig. Aber als er am achten Samstage den Mönch gemessen hatte, sagte er lustig: »Vier Fuß und dreiviertel.« Und wann er dem Mönch das Maß nahm, sagte der ärgerlich: »Was willst du von mir, dicker Mensch?« Aber Lamme zeigte ihm die Zunge, ohne ein Wort zu sprechen. Und siebenmal des Tages sahen ihn die Matrosen und die Soldaten stets mit einer neuen Schüssel zu dem Mönche treten, zu dem er sagte: »Da hast du fette Bohnen in flämischer Butter: hast du jemals in deinem Kloster etwas Derartiges gegessen? Du siehst ganz gut aus; man wird nicht mager auf diesem Schiffe. Fühlst du noch nicht, daß dir am Rücken Fettpolster wachsen? Bald wirst du keine Matratze mehr zum Schlafen brauchen.« Beim nächsten Mahle des Mönches sagte er: »Da bringe ich dir Koekebakken nach Brüsseler Art. Die Franzosen nennen sie crêpes, weil sie sie als Zeichen der Trauer am Hute tragen. Die da sind aber nicht schwarz, sondern blond und knusprig; siehst du, wie sie von Butter triefen? So wird es auch mit deinem Wanst sein.« »Ich habe keinen Hunger,« sagte der Mönch. »Du mußt essen,« sagte Lamme; »denkst du, sie seien aus Buchweizenmehl? Nur Weizenmehl ist dabei, mein Vater, mein Vater im Fette, die Blume des Weizenmehls, mein Vater mit dem vierfachen Kinn; das fünfte sehe ich schon wachsen, und mein Herz ist froh. Iß!« »Laß mich in Ruhe, dicker Mensch,« sagte der Mönch. Da wurde Lamme zornig und antwortete: »In meiner Hand ist dein Leben: ist dir der Strick lieber als eine gute Schüssel Erbsenmus mit Brotkrüstchen? Ich werde sie dir alsbald bringen.« Und er kam mit der Schüssel. »Das Erbsenmus«, sagte Lamme, »will in Gesellschaft verzehrt werden; darum bring ich dir dazu Knödel, wie man sie in Deutschland bereitet, schöne Kugeln aus korinthischem Mehl, die lebendig ins kochende Wasser geworfen worden sind: sie sind schwer, erzeugen aber Speck. Iß so viel, wie du kannst; je mehr du ißt, desto größer ist meine Freude. Tu nicht so, als ob du einen Ekel davor hättest, und blase nicht so stark, als ob es dir zu viel würde: iß! Ists nicht besser zu essen, als gehenkt zu werden? Laß deinen Schenkel sehn! Er wird auch fett: zwei Fuß sieben Zoll rundherum. Wo gibts einen Schinken mit diesem Umfange?« Nach einer Stunde kam er wieder: »Da hast du neun Tauben: sie sind um deinetwillen erlegt worden, diese unschuldigen Tierchen, die arglos über den Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht: ich habe ihnen ein Butterkügelchen, Brotkrumen und geriebene Muskatnuß in den Bauch getan, dazu noch Gewürznägelchen, die in einem kupfernen Mörser zerstoßen worden sind, der so glänzt wie deine Haut; die Frau Sonne ist ganz glücklich, daß sie sich in einem so klaren Gesichte spiegeln darf, wie das deinige, das diese Klarheit nur dem Fette verdankt, dem guten, von mir erzeugten Fette.« Zur fünften Mahlzeit brachte er ihm eine Waterzoo: »Was denkst du«, sagte er zu ihm, »von diesem Fischgemengsel? Das Meer trägt dich und nährt dich; mehr könnte es für Seine Königliche Majestät auch nicht tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte Kinn sichtbarlich wachsen, ein bißchen mehr links als rechts; da heißt es jetzt auch die unbegnadete Seite fett machen, denn Gott hat gesagt: Seid gerecht zu jedermann. Wo gäbe es denn eine Gerechtigkeit, wenn nicht in der gleichmäßigen Verteilung des Fettes? Zu deinem sechsten Mahle bekommst du Miesmuscheln, diese Austern der kleinen Leute; in deinem Kloster hat man dir so etwas nie vorgesetzt. Die Dummköpfe sieden sie und essen sie also; aber das Sieden darf nur die Einleitung des Verfahrens sein: dann muß man sie aus den Schalen nehmen, ihre köstlichen Leiber in eine Pfanne tun, sie mit Sellerie, Muskat und Gewürznelken linde dämpfen, die Tunke mit Bier und Mehl sämig machen und das Gericht mit in Butter gerösteten Brotschnitten auftragen. So habe ich sie für dich zubereitet. Warum schulden die Kinder den Eltern so viel Erkenntlichkeit? Weil sie ihnen Obdach und Liebe gegeben haben, aber vor allem die Nahrung: du sollst mich also lieben wie deinen Vater und deine Mutter und schuldest mir wie ihnen die Erkenntlichkeit des Schlundes. Roll nicht die Augen so wild gegen mich! Dann bringe ich dir noch eine Biersuppe, gut gezuckert und mit viel Zimt. Weißt du, warum? Damit dein Fett durchscheinend wird und durch die Haut zittert; man sieht es, wann du dich rührst. So, jetzt schlägt die Feierglocke: schlafe in Frieden, ohne Sorge wegen morgen, sicher, daß du deine schmalzigen Mahlzeiten wiederfinden wirst, ebenso wie deinen Freund Lamme, der sie dir ohne Säumnis verabreicht.« »Geh und laß mich beten,« sagte der Mönch. »Bete,« sagte Lamme, »bete mit der lustigen Musik des Schnarchens. Das Bier und der Schlaf werden dir Fett machen, hübsches Fett. Ich bin so glücklich!« Und Lamme ging zu Bette. Und die Matrosen und die Soldaten sagten zu ihm: »Was hast du denn, daß du diesen Mönch, der dir doch nichts Gutes will, so fett fütterst?« »Laßt mich nur machen,« sagte Lamme; »ich erfülle ein großes Werk.« V Als der Dezember gekommen war, der Mond der langen Finsternisse, sang Uilenspiegel: Seine Gnaden die Große Hoheit Lüpft die Maske: Er will herrschen über das belgische Land. Die spanisch gesinnten, Doch nicht anjouischen Staaten Legen Schatzungen auf. Die Trommel gerührt Zur Vernichtung Anjous. Zu freiem Belieben stehen ihnen Staatsgüter, Abgaben und Zölle, Die Wahl der Obrigkeiten Und alle Ämter. Den Reformierten gilt der Haß Seiner Gnaden der Großen Hoheit, Die in Frankreich ein Gottesleugner heißt. Auf zur Vernichtung Anjous! Er ists, der König sein will Durch das Schwert und durch die Macht Und unumschränkter König. Dieser Prinz, die Große Hoheit, Nehmen will er durch Verrat Manch schöne Stadt und selbst Antwerpen Mit den fleißgen Signoorkens und Pagadders. Auf zur Vernichtung Anjous! Es geschieht, o Frankreich, nicht um dich, Daß des Volkes Aufruhr losbricht, Die Hiebe der mördrischen Waffen Sie treffen nicht deinen edeln Leib, Und es sind nicht deine Kinder, Deren geschichtete Leichen Das Tor Kipdorp versperren. Auf zur Vernichtung Anjous! Nein, es sind nicht deine Kinder, Die das Volk herabwirft von den Wällen. Es ist Anjou, die Große Hoheit, Anjou, der Lustknabe seiner Gesellen, Der von deinem Blute lebt, o Frankreich, Und das unsere trinken will. Aber zwischen der Lipp und dem Becherrand ... Auf zur Vernichtung Anjous! Seine Große Hoheit, der Prinz, er hat Geschrien in einer wehrlosen Stadt: »Tod, Tod! Und Heil der Messe!« Mit seinen hübschen Lieblingen, In seinen Augen das Feuer Der schändlichen Unzucht, das flackernde Feuer Der Wollust ohne Liebe. Auf zur Vernichtung Anjous! Er ists, dem es gilt, nicht du, armes Volk, Das sie drücken mit Steuern, Auflagen, Schätzungen und dem gemeinen Pfennig. Sie verachten dich, und sie nehmen von dir Dein Korn, deine Pferde samt den Karren, Dir, wo du ihnen so bist wie ein Vater. Auf zur Vernichtung Anjous! Du bist für sie wie eine Mutter Und säugst diesen Auswurf Von Vatermördern, die in der Fremde Deinen Namen schänden, Frankreich, während du dich sättigst Mit dem Dunstgebilde ihres Ruhmes, Wann sie sich ihn gewinnen Durch blutrünstige Taten ... Auf zur Vernichtung Anjous! Ein Kleinod für deine kriegrische Krone, Ein Land für dein Königreich. Laß »Wollust und Kampf« dem stumpfsinnigen Hahn; Den Fuß auf die Kehle, Französisches Volk, Männervolk, Den Fuß, der sie zermalmt! Und alle Völker werden dich lieben Für die Vernichtung Anjous. VI Im Mai, in dem Monde, wo die Bäuerin Flanderns des Nachts drei schwarze Bohnen langsam über und hinter ihr Haupt wirft, um sich vor Krankheit und Tod zu bewahren, öffnete sich die Wunde Lammes: er hatte ein heftiges Fieber und verlangte, auf dem Deck liegen zu dürfen, gegenüber dem Käfig des Mönches. Uilenspiegel gewährte es ihm gerne; da er aber befürchtete, sein Freund könnte bei einem Anfall ins Meer stürzen, ließ er ihn fest an sein Bett binden. In seinen lichten Augenblicken kannte Lamme keine andere Sorge, als daß man des Mönches nicht vergesse; und er zeigte ihm die Zunge. Und der Mönch sagte: »Du beschimpfst mich, dicker Mensch.« »Nein,« antwortete Lamme, »ich mache dich fett.« Der Wind blies lind, und die Sonne blinkte warm. Der fiebernde Lamme war fest ans Bett gebunden; er glaubte, er sei noch in seiner Küche und sagte: »Der Herd ist hell heute. Bald wird es Ammern regnen. Frau, spanne Netze in unserm Garten. Du bist schön so, die Ärmel zurückgeschlagen bis an den Ellbogen. Dein Arm ist weiß, ich will hineinbeißen, hineinbeißen mit den Lippen, die Samtzähne sind. Wem gehört dieses schöne Fleisch, wem diese schönen Brüste, die durch dein weißes Leibchen aus feiner Leinwand schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird die Hahnenkämme und die Hühnerbürzel braten? Nicht zu viel Muskatnuß; man bekommt Fieber davon. Eine weiße Tunke, Thymian und Lorbeer. Wo sind die Eidotter?« Dann gab er Uilenspiegel ein Zeichen, das Ohr seinem Munde zu nähern, und sagte ganz leise zu ihm: »Bald wird es Wild regnen; dir hebe ich vier Ammern mehr auf als den andern. Du bist der Kapitän; verrate mich nicht.« Dann hörte er, wie die Flut sanft an die Planken schlug: »Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht; aber der Herd heizt zu langsam.« Kaum war er wieder bei Vernunft, erinnerte er sich auch schon des Mönches und sagte: »Wo ist er? nimmt er zu an Fett?« Und als er ihn sah, reckte er die Zunge auf ihn und sagte: »Das große Werk geht der Vollendung entgegen; ich bin glücklich.« Eines Tages verlangte er, daß man die große Wage auf dem Deck aufstelle und ihn in die eine, den Mönch in die andere Schale bringe; aber schon schoß er auch wie ein Pfeil in die Luft, und fröhlich rief er: »Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein zarter Geist gegen ihn: ich fliege in die Luft wie ein Vogel. Ich habe meinen Gedanken: nehmt ihn weg, damit ich herunter kann; jetzt legt Gewichte hin: setzt ihn wieder hinein. Wieviel wiegt er? Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.« VII In der Nacht des nächsten Tages wurde Uilenspiegel, als der Morgen graute, durch Lamme geweckt, der schrie: »Uilenspiegel! Uilenspiegel! Komm her! Laß sie nicht fort! Schneidet die Stricke durch! Schneidet die Stricke durch!« Uilenspiegel stieg aufs Deck und sagte: »Warum schreist du? ich sehe nichts.« »Sie ists,« antwortete Lamme, »sie, meine Frau, dort, in der Schaluppe, die um das Vlieboot dreht; ja um das Vlieboot, wo der Gesang und die Geigenklänge herkamen.« Nele war auch auf dem Deck erschienen. »Schneide die Stricke durch, meine Freundin,« sagte Lamme. »Siehst du nicht, daß meine Wunde geheilt ist? ihre süße Hand hat sie verbunden; sie, ja, sie. Siehst du sie dort in der Schaluppe stehn? Hörst du sie? sie singt noch. Komm, mein Lieb, komm, flieh nicht mehr deinen armen Lamme, der so einsam war auf der Welt ohne dich.« Nele nahm seine Hand und befühlte sein Gesicht. »Er hat noch Fieber,« sagte sie. »Schneidet die Stricke durch,« sagte Lamme, »gebt mir eine Schaluppe! Ich bin lebendig, ich bin glücklich, ich bin gesund.« Uilenspiegel zerschnitt die Stricke: Lamme sprang aus dem Bett und machte sich, in seinen weißleinenen Hosen, ohne Wams, selbst daran, die Schaluppe herunterzulassen. »Schau,« sagte Nele zu Uilenspiegel, »seine Hände zittern bei der Arbeit vor Ungeduld.« Die Schaluppe war bereit; Uilenspiegel, Nele und Lamme stiegen mit einem Ruderer hinein und hielten auf das Vlieboot zu, das fern im Hafen ankerte. »Sieh das hübsche Vlieboot,« sagte Lamme, der dem Ruderer half. Auf dem frischen Morgenhimmel, wie ein goldener Kristall gefärbt durch die Strahlen der jungen Sonne, zeichneten sich der Bug und die schlanken Masten des Vlieboots ab. Während Lamme ruderte, fragte ihn Uilenspiegel: »Sage uns jetzt, wie du sie wiedergefunden hast.« Lamme sagte in abgerissenen Worten: »Ich schlief, mir war schon besser. Plötzlich ein dumpfes Geräusch. Holz, das ans Schiff stößt. Eine Schaluppe. Ein Matrose läuft hin auf den Lärm: ›Wer da?‹ Eine süße Stimme, die ihrige, mein Sohn, die ihrige, ihre liebliche Stimme: ›Gut Freund.‹ Darauf eine gröbere Stimme: ›Heil den Geusen! Der Kapitän des Vlieboots Johanna will mit Lamme Goedzak sprechen.‹ Der Matrose wirft die Leiter aus. Der Mond scheint. Ich sehe die Gestalt eines Mannes an Bord klimmen: starke Hüften, runde Knie, ein breites Becken; ich sage mir: das ist kein richtiger Mann. Ich fühle, wie sich eine Rose öffnet und meine Wange berührt: ihr Mund, mein Sohn; und ich höre, wie sie zu mir spricht, sie, verstehst du? sie selbst, indem sie mich mit Küssen und Tränen bedeckt: es war ein balsamisches, flüssiges Feuer, das auf meinen Leib fiel. Und sie sagt: ›Ich weiß, daß ich etwas Schlechtes tue, aber ich liebe dich, mein Gatte! Ich habe bei Gott geschworen; ich breche meinen Eid, mein Gatte, mein armer Gatte! Ich bin oft gekommen, ohne daß ich es gewagt hätte, mich dir zu nähern; endlich hat mirs der Matrose erlaubt. Ich verband deine Wunde, du erkanntest mich nicht; aber ich habe dich geheilt: erbose dich nicht, mein Gatte! Ich bin dir gefolgt, aber ich habe Angst, er ist auf dem Schiffe; laß mich gehn: wenn er mich sähe, würde er mich vermaledeien, und ich müßte im ewigen Feuer brennen!‹ Wieder hat sie mich geküßt, weinend und glücklich, und ist geschieden trotz meinen Bitten, trotz meinen Tränen; du hast mir Arme und Beine gebunden gehabt, mein Sohn, aber jetzt ...« Und mit diesen Worten legte er sich mit aller Wucht in die Riemen; das Boot schoß dahin wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil. In dem Maße, wie sie sich dem Vlieboot näherten, sagte Lamme: »Da seht ihr sie auf dem Deck, die Geige spielend, meine liebliche Frau mit den goldigbraunen Haaren, mit den noch immer frischen Wangen, mit den nackten, runden Armen, mit den weißen Händchen. Drauflos, Schaluppe, wohl in die Flut!« Als der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und Lamme wie einen Teufel rudern sah, befahl er, eine Leiter herabzulassen. Kaum war Lamme beim Schiffe, so sprang er von der Schaluppe auf die Leiter trotz der Gefahr, ins Wasser zu fallen, und schnellte die Schaluppe mehr als drei Faden zurück; wie eine Katze klomm er an Bord und lief auf seine Frau zu. Sie umarmte und küßte ihn, verzückt vor Lust: »Lamme, hole mich nicht! Ich habe bei Gott geschworen, aber ich liebe dich. Ach, du teuerer Mann!« Nele rief: »Das ist Kalleken Huybrechts, das schöne Kalleken.« »Ich bins,« sagte sie, »aber ach! die Mittagsstunde ist vorbei für meine Schönheit.« Und ihr Gesicht war bekümmert. »Was hast du getan?« sagte Lamme. »Was bist du geworden? Warum hast du mich verlassen? Warum willst du jetzt weg von mir?« »Höre,« sagte sie, »rege dich nicht auf; ich will dir alles sagen. Weil ich mir bewußt war, daß alle Mönche Männer Gottes sind, habe ich mich einem von ihnen anvertraut: er nannte sich Broer Cornelis Adriaensen.« Als das Lamme hörte, sagte er: »Was, dieser schändliche Gleisner mit dem kotigen Maul voll Unflat und Dreck, der von nichts anderm sprach als von der blutigen Verfolgung der Reformierten! Was, dieser Lobhudler der Inquisition und der Plakate! Das war ja dieser sodomitische Schweinehund!« Kalleken sagte: »Beschimpfe nicht den Mann Gottes.« »Den Mann Gottes!« sagte Lamme, »ich kenne ihn: er war ein Mann der Unflätigkeit und der Schändlichkeit. Unseliges Geschick! mein schönes Kalleken muß diesem geilen Mönch in die Hände fallen! Komm mir nicht nahe, ich bringe dich um! ich, der ich dich so sehr liebte! Mein armes Herz betrogen, das nur für sie schlug! Was willst du hier? Warum hast du mich gepflegt? Hättest du mich lieber sterben lassen. Weg mit dir, ich will dich nicht mehr sehn, weg mit dir, oder ich werfe dich ins Wasser. Mein Messer! ...« Sie umarmte ihn: »Lamme, mein Gatte, weine nicht: ich bin nicht das, was du denkst; ich war nie sein.« »Du lügst,« sagte Lamme, zugleich weinend und die Zähne knirschend. »Ach, niemals war ich eifersüchtig, und jetzt bin ichs. Traurige Leidenschaft, Zorn und Liebe, ein Trieb zu töten und zu umarmen. Weg mit dir! Nein, bleib. Ich war so gut mit ihr! Der Mord ist Herr in mir. Mein Messer! Oh, das brennt, das frißt, das nagt; du verlachst mich ...« Sie umarmte ihn weinend in sanfter Unterwürfigkeit. »Ja,« sagte er, »ich bin albern in meinem Zorne; ja, du hast meine Ehre gewahrt, diese Ehre, die man närrischerweise an die Röcke einer Frau hängt. Darum hast du also dein süßestes Lächeln hervorgesucht, wann ich dir erlauben sollte, mit deinen Freundinnen zur Predigt zu gehn ...« »Laß mich reden,« sagte die Frau, ihn umarmend; »im Augenblicke soll ich tot sein, wenn ich dich täusche.« »Stirb also,« sagte Lamme; »denn du willst lügen.« »Hör mich,« sagte sie. »Sprich oder sprich nicht,« sagte er, »mir ist es einerlei.« »Bruder Adriaensen«, sagte sie, »galt als ein guter Prediger; ich ging ihn anhören. Er stellte den geistlichen und ehelosen Stand hoch über alle andern, weil er mehr geeignet sei, den Gläubigen das Paradies zu gewinnen; seine Beredsamkeit war groß und ungestüm: vielen ehrbaren Frauen, unter ihnen auch mir, und besonders einer großen Zahl Witwen und Mädchen hat er damit den Sinn verwirrt. Wegen der Vollkommenheit des Standes der Ehelosigkeit empfahl er uns, fürder darin zu leben; wir haben geschworen, uns nicht mehr berühren zu lassen ...« »Außer von ihm, ohne Zweifel,« sagte Lamme weinend. »Schweig,« sagte sie gekränkt. »Vorwärts,« sagte er, »vollende; du hast mir einen rauhen Streich versetzt: davon werde ich nimmer heil.« »O ja, mein Gatte,« sagte sie, »wann ich immer bei dir sein werde.« Sie wollte ihn umarmen und küssen, aber er stieß sie zurück. »Die Witwen«, sagte sie, »schworen in seine Hände, sich nie wieder zu vermählen.« Und Lamme hörte ihr zu, verloren in sein eifersüchtiges Träumen. Kalleken fuhr schamvoll in ihrer Rede fort: »Er wollte keine Büßerinnen sonst,« sagte sie, »als junge und hübsche Frauen oder Mädchen; die andern verwies er an ihre Pfarrer. Er errichtete eine fromme Schwesterschaft, indem er uns schwören ließ, keinen andern Beichtvater zu haben als ihn; und ich habe es geschworen. Meine Gesellinnen, mehr unterrichtet als ich, fragten mich, ob ich mich in der Heiligen Lehre und der Heiligen Buße unterrichten lassen wolle; ich wollte es. Es war in Brügge an dem Kai der Steinschneider neben dem Minoritenkloster ein Haus, wo eine Frau, Kalle de Najage, wohnte, die den Mädchen für einen Goldkarolus monatlich den Unterricht und die Nahrung gab; Broer Cornelis konnte zu Kalle de Najage kommen, ohne daß man ihn hätte sein Kloster verlassen sehn. In dieses Haus ging ich, in ein kleines Zimmer, wo er allein war, und dort befahl er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen Neigungen zu sagen; zuerst getraute ich michs nicht, endlich aber gab ich nach, weinte und sagte alles.« »Ach,« weinte Lamme, »dieses Schwein von einem Mönch hat also deine süße Beichte empfangen.« »Er sagte mir immer, und es ist wahr, mein Mann, daß es über der irdischen Scham eine himmlische Scham gibt, durch die wir Gott das Opfer unserer weltlichen Blödigkeit bringen, und daß wir, indem wir unserm Beichtvater jedes geheime Begehren geständen, würdig würden, die Heilige Lehre und die Heilige Buße zu empfangen. Endlich verhielt er mich, mich nackt vor ihn hinzustellen, um auf meinem sündigen Körper die allzu leichte Strafe meiner Fehler zu empfangen. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden: ich fiel in Ohnmacht, als ich mein Linnen fallen ließ; mit Salzen und Fläschchen brachte er mich wieder zur Besinnung. ›Es ist genug für diesmal, meine Tochter,‹ sagte er; ›komm in zwei Tagen wieder und bring eine Rute mit ...‹ Das dauerte lange Zeit, ohne daß ich jemals ... ich schwöre es bei Gott und allen Heiligen ... mein Gatte ... so versteh mich doch ... sieh mich an .. schau, ob ich lüge; ich bin dir treu geblieben ... ich liebte dich.« »Armer, süßer Leib,« sagte Lamme. »O der Schandfleck auf deinem ehelichen Kleide!« »Lamme,« sagte sie, »er sprach im Namen Gottes und unserer heiligen Mutter, der Kirche; habe ich ihn nicht hören müssen? Ich liebte dich stets, aber ich hatte der heiligen Jungfrau geschworen, mit gräßlichen Eiden, mich dir zu versagen; trotzdem war ich schwach, schwach um dich. Erinnerst du dich des Gasthofs in Brügge? Ich war bei Kalle de Najage, und du kamst vorbei auf deinem Esel mit Uilenspiegel. Ich folgte dir. Ich hatte ein hübsches Sümmchen Geld. Für mich gab ich nichts aus, dich sah ich Hunger leiden; mein Herz zog mich zu dir, ich hatte Mitleid und Liebe.« »Wo ist er jetzt?« fragte Uilenspiegel. Kalleken antwortete: »Nach einer Untersuchung, die der Magistrat angeordnet hatte, und einer Ausforschung der schlechten Leute mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen und flüchtete nach Antwerpen. Auf dem Vlieboot habe ich erfahren, daß ihn mein Mann gefangen genommen hat.« »Was?« sagte Lamme, »dieser Mönch, den ich fett mache, das ist ...« »Er,« antwortete Kalleken, sich das Gesicht verhüllend. »Eine Axt, eine Axt,« sagte Lamme, »daß ich ihn umbringe, daß ich das Fett dieses geilen Bockes versteigere an den, der es will! Rasch, zurück aufs Schiff. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?« Nele sagte zu ihm: »Es ist eine schändliche Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten oder zu verwunden.« »Du siehst mich mit einem bösen Blicke an,« sagte er; »würdest du mich daran hindern?« »Ja,« sagte sie. »Gut also,« sagte Lamme, »ich tu ihm nichts zuleide; laß mich ihn nur aus seinem Käfig nehmen. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?« Sie stiegen hinein; Lamme legte sich in die Riemen und weinte dabei bitterlich. »Du bist traurig, mein Gatte?« sagt Kalleken zu ihm. »Nein,« sagte er, »ich bin froh; du wirst mich nie mehr verlassen?« »Niemals!« sagte sie. »Du warst rein und treu, sagst du; aber, süßes Herz, geliebtes Kalleken, ich lebte nur, um dich wiederzufinden, und jetzt wird, dank diesem Mönch, ein Gift sein in all unserm Glücke, das Gift der Eifersucht ... sooft ich traurig sein werde oder auch nur verdrossen, werde ich dich nackt vor mir sehn, wie du deinen schönen Leib dieser schändlichen Geißelung unterwirfst. Der Frühling unserer Liebe war mein, aber der Sommer sein; der Herbst wird grau sein, und bald wird der Winter kommen, um meine treue Liebe zu begraben.« »Du weinst?« sagte sie. »Ja,« sagte er; »was vorbei ist, kommt nimmer wieder.« Nun sagte Nele: »Wenn Kalleken treu war, so müßte sie dich verlassen, schon um deiner häßlichen Worte willen.« »Er weiß nicht, wie sehr ich ihn liebte,« sagte Kalleken. »Sagst du die Wahrheit?« schrie Lamme. »Komm, Lieb, komm, mein Weib; nichts mehr von dem grauen Herbst und dem Totengräber Winter.« Und er sah wieder lustig drein, und sie kamen aufs Schiff. Uilenspiegel gab Lamme die Schlüssel des Käfigs. Lamme öffnete ihn und wollte den Mönch am Ohr aufs Deck ziehen, aber es ging nicht; und von der Seite ging es auch nicht besser. »Man muß alles zerbrechen,« sagte er; »der Kapaun ist fett.« Nun kam der Mönch heraus, die dicken Augen blödsinnig rollend und seinen Wanst mit beiden Händen haltend; bei einer großen Woge, die das Schiff hob, fiel er auf sein Sitzfleisch. Und Lamme sagte zu ihm: »Sagst du noch immer ›Dicker Mensch‹? Du bist dicker als ich. Wer ließ dich sieben Mahlzeiten täglich halten? Ich. Woher kommt es, du Schreihals, daß du jetzt ruhiger und milder bist zu den armen Geusen?« Und er fuhr in seiner Rede fort: »Wenn du noch ein Jahr im Käfig bleibst, kannst du nicht mehr heraus. Wenn du dich rührst, zittern deine Wangen wie Schweinssülze. Du schreist nicht mehr; bald wirst du nicht mehr schnaufen können.« »Schweig, dicker Mensch,« sagte der Mönch. »Dicker Mensch?« sagte Lamme, der in Wut geriet; »ich bin Lamme Goedzak, und du bist Broer Dikzak, Vetzak, Leugenzak, Slokzak, Wulpzak. Du hast vier Finger Speck unter der Haut, deine Augen sieht man nicht mehr; Uilenspiegel und ich könnten bequem in dem Dome deines Wanstes wohnen! Du nennst mich ›Dicker Mensch‹; willst du einen Spiegel, um deine Bäuchlichkeit zu betrachten? Ich bin es, der dich genährt hat, du Denkmal aus Fleisch und Knochen. Ich habe geschworen, daß du Fett speien wirst, daß du Fett schwitzen wirst und daß du eine Fettspur hinter dir lassen wirst wie ein Talglicht, das an der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß beim siebenten Kinn eintritt; jetzt hast du fünfundeinhalbes.« Dann sprach er zu den Geusen und sagte: »Seht diesen Wüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen Taugenichtsen von Brügge; dort hat er eine neue Scham gepredigt. Sein Fett ist seine Strafe; sein Fett ist mein Werk. Hört nun, alle ihr Matrosen und Soldaten: ich muß euch verlassen, dich verlassen, Uilenspiegel, und auch dich verlassen, kleine Nele, um nach Vlissingen, wo ich einen Besitz habe, zu ziehen und dort mit meiner wiedergefundenen armen Frau zu hausen. Ihr habt mir einst geschworen, mir alles zu gewähren, worum ich euch bitten würde ...« »Das ist Geusenwort,« sagten sie. »Betrachtet also«, sagte Lamme, »diesen Wüstling, diesen Bruder Adriaensen Taugenichtsen von Brügge; ich habe geschworen, ihn im Fett sterben zu lassen wie ein Schwein: baut einen weitern Käfig, zwingt ihn täglich zu zwölf Mahlzeiten statt der sieben, reicht ihm eine fette und gezuckerte Kost; er ist schon wie ein Ochse, macht, daß er wie ein Elefant wird, und ihr werdet ihn seinen Käfig bald ausfüllen sehn.« »Wir werden ihn fett machen,« sagten sie. »Und jetzt«, fuhr Lamme fort, indem er zu dem Mönch sprach, »sage ich auch dir Lebewohl, du Taugenichts, den ich mönchlich ernährt habe, statt ihn henken zu lassen; nimm zu an Fett und Schlagflußbeschwerden.« Dann schloß er sein Weib Kalleken in die Arme: »Sieh dir sie an, grunzend oder muhend, ich nehme sie dir weg; du wirst sie nicht mehr geißeln.« Aber den Mönch packte die Wut, und er sagte zu Kalleken: »Du gehst also, fleischliches Weib, in das Bett der Üppigkeit! Ja, du gehst ohne Mitleid für den armen Märtyrer des Wortes Gottes, der dich in der heiligen, linden und himmlischen Lehre unterwiesen hat. Sei vermaledeit! Kein Priester verzeihe dir, die Erde sei brennend unter deinen Füßen, der Zucker schmecke dir salzig, das Rindfleisch sei dir wie das eines toten Hundes, das Brot werde dir zu Asche, die Sonne sei Eis für dich und der Schnee ein höllisches Feuer, deine Fruchtbarkeit sei vermaledeit, deine Kinder seien abscheulich, sie sollen den Leib eines Affen haben und den Kopf eines Schweines, größer als ihr Bauch, und du sollst leiden, weinen und wimmern in dieser Welt und in der andern, in der Hölle, die dich erwartet, in der Hölle von Schwefel und Pech, die entzündet ist für Frauen deiner Gattung; du hast meine väterliche Liebe zurückgewiesen: sei dreimal vermaledeit bei der heiligen Dreieinigkeit, siebenmal vermaledeit bei den Leuchtern der Bundeslade, die Beichte sei dir Verdammung, die Hostie sei dir ein tödlich Gift, und in der Kirche erhebe sich jeder Stein, um dich zu zermalmen und dir zu sagen: Das ist die Hure, das ist die Vermaledeite, das ist die Verdammte!« Und Lamme hüpfte vor Lust und jauchzte: »Sie war mir treu; er hat es gesagt, der Mönch. Heil Kalleken!« Aber sie weinte und zitterte: »Nimm, mein Gatte, nimm diese Vermaledeiung von mir. Ich sehe die Hölle! Nimm die Vermaledeiung weg!« »Nimm die Vermaledeiung zurück,« sagte Lamme. »Ich nehme sie nicht zurück, dicker Mensch,« entgegnete der Mönch. Und die Frau war ganz bleich und verstört und flehte den Broer Adriaensen mit gefalteten Händen auf den Knien an. Und Lamme sagte zu dem Mönche: »Nimm die Vermaledeiung zurück, oder du wirst gehenkt; und wenn der Strick reißt unter dem Gewicht, so wirst du wieder gehenkt, bis der Tod eintritt.« »Gehenkt und wiedergehenkt,« sagten die Geusen. »So geh denn,« sagte der Mönch, zu Kalleken sprechend, »so geh, du Metze, geh mit diesem dicken Menschen; geh, ich löse die Vermaledeiung, aber Gott und alle Heiligen werden dich im Auge behalten: geh mit diesem dicken Menschen, geh!« Und er schwieg, schwitzend und schnaufend. Plötzlich schrie Lamme: »Er schwillt an, er schwillt an! Ich sehe das sechste Kinn; das siebente ist der Schlagfluß.« Und er wandte sich zu den Geusen: »Und nun empfehle ich euch dem Herrgott, dich Uilenspiegel, dem Herrgott euch alle. Freunde, dem Herrgott dich, Nele, und dem Herrgott die heilige Sache der Freiheit; ich kann nichts mehr tun für sie.« Nachdem er dann mit allen Kuß und Umarmung getauscht hatte, sagte er zu seinem Weibe Kalleken: »Komm; es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.« Während das Boot, das Lamme mit seiner Geliebten dahinführte, übers Wasser glitt, schwenkten die Matrosen, die Soldaten und die Schiffsjungen die Hüte und riefen allesamt: »Leb wohl, Bruder, leb wohl, Lamme, leb wohl, Bruder, Bruder und Freund.« Und Nele sagte zu Uilenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze ihres lieblichen Fingers eine Träne aus dem Auge nahm: »Du bist traurig, Geliebter?« »Er war gut,« sagte er. »Ach,« sagte sie, »wird dieser Krieg nimmer enden, werden wir immerdar leben müssen in Blut und Tränen?« »Suchen wir die Sieben,« sagte Uilenspiegel; »sie ist nahe, die Stunde der Erlösung.«   Den Schwur Lammes erfüllend, mästeten die Geusen den Mönch in seinem Käfig. Als er in Freiheit gesetzt wurde, weil er Ranzion bezahlte, wog er dreihundertsiebenzehn Pfund und fünf Unzen vlämischen Gewichts. Und er starb als Prior seines Klosters. VIII Zu dieser Zeit versammelten sich die Herren der Generalstaaten im Haag, um Gericht zu halten über Philipp, König von Spanien, Graf von Flandern, von Holland usw., gemäß den Freiheiten und Privilegien, die er bestätigt hatte. Und der Greffier sprach also: »Es ist männiglich bekannt, daß der Landesfürst von Gott eingesetzt ist als Oberhaupt seiner Untertanen, um sie vor allem Unglimpf, aller Unterdrückung und aller Gewalttätigkeit zu bewahren und zu schützen, so wie der Schäfer bestellt ist, um seine Schafe zu verteidigen und zu schützen. Ebenso ist bekannt, daß die Untertanen nicht des Fürsten wegen von Gott geschaffen sind, um ihm gehorsam zu sein in allem, was er befiehlt, es sei fromm oder gottlos, gerecht oder ungerecht, und um ihm zu dienen wie Sklaven. Sondern der Fürst ist Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht bestehn könnte, und er soll sie nach Gesetz und Recht leiten und sie fördern, er soll sie lieben wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirt seine Schafe, und sein Leben in die Schanze schlagen, um sie zu verteidigen; tut er das nicht, darf er nicht als Fürst gelten, sondern als Tyrann. König Philipp hat über uns vier fremde Heere geschickt, indem er Soldaten gerufen und Kreuzzugsbullen und den Kirchenbann erwirkt hat. Was soll seine Strafe sein kraft der Gesetze und Gebräuche der Lande?« »Er sei abgesetzt,« sagten die Herren der Staaten. »Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat vergessen die Dienste, die wir ihm geleistet haben, und die Siege, die wir ihm haben erringen helfen. Da er sah, daß wir reich waren, ließ er uns ranzionieren und plündern durch die vom Rate von Spanien.« »Er sei abgesetzt als ein undankbarer Dieb,« antworteten die Herren der Staaten. »Philipp«, fuhr der Greffier fort, »hat in die mächtigsten Städte der Lande neue Bischöfe eingesetzt und diese begabt und ausgestattet mit dem Gute der größten Kloster; mit der Hilfe dieser Bischöfe hat er die spanische Inquisition eingeführt.« »Er sei abgesetzt als Verschwender fremden Gutes und Henker,« antworteten die Herren der Staaten. »Die Edeln der Lande haben, als sie diese Tyrannei sahen, im Jahre 1566 eine Bittschrift verfaßt, worin sie den Herrscher anflehten, seine harten Plakate zu mildern, sonderlich die, die die Inquisition betrafen; er hat es verweigert.« »Er sei abgesetzt als ein in Grausamkeit verhärteter Tiger,« antworteten die Herren der Staaten. Der Greffier fuhr fort: »Philipp ist stark verdächtig, insgeheim durch seinen spanischen Rat den Bildersturm und die Kirchenzerstörung angestiftet zu haben, um unter dem Vorwande von Frevel und Aufruhr fremde Heere über uns zu schicken.« »Er sei abgesetzt als ein Werkzeug des Todes,« antworteten die Herren der Staaten. »In Antwerpen hat Philipp die Einwohner niedermetzeln lassen und die vlämischen und fremden Kaufleute ins Elend gestürzt. Er und sein spanischer Rat haben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch geheime Unterweisungen das Recht gegeben, sich zum Anführer der Plünderer zu erklären, Beute einzusammeln, sich seines, des Königs Philipp, Namens zu bedienen, seine Siegel und Gegensiegel nachzumachen und sich wie sein Statthalter und Stellvertreter zu benehmen. Die aufgefangenen Briefe des Königs, die in unsern Händen sind, beweisen die Tatsächlichkeit. Alles ist geschehn mit seiner Zustimmung und nach Beschlüssen des spanischen Rates. Lest seine Briefe; darin lobt er die Tat von Antwerpen, erkennt an, einen ausgezeichneten Dienst erhalten zu haben, verspricht Belohnung dafür und ladet Rhoda und die andern Spanier ein, auf dieser glorreichen Bahn weiter zu wandeln.« »Er sei abgesetzt als Dieb, Plünderer und Mörder,« antworteten die Herren der Staaten. »Wir wollen nichts sonst als die Erhaltung unserer Privilegien, einen ehrlichen und gesicherten Frieden und eine gemäßigte Freiheit, die Freiheit sonderlich in Sachen der Religion, die vor allem Gott und das Gewissen angeht; von Philipp haben wir nichts andres erhalten als lügnerische Verträge, die nur dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu säen, eine nach der andern unters Joch zu bringen und sie, so wie die Indier, mit Plünderungen, Vermögenseinziehungen, Hinrichtungen und der Inquisition zu verfolgen.« »Er sei abgesetzt als ein Meuchler, der geflissentlich den Mord der Lande herbeigeführt hat,« antworteten die Herren der Staaten. »Er hat die Lande bluten lassen unter dem Herzog von Alba und seinen Häschern und unter Medina-Coeli und Requesens, den Verrätern des Rates der Staaten und der Provinzen; er hat sowohl Don Juan als auch Alexander Farnese, Prinzen von Parma, eine harte und blutige Strenge eingeschärft, wie man aus den aufgefangenen Briefen ersieht. Er hat den gnädigen Herrn von Oranien in die Reichsacht getan und gegen ihn drei Meuchelmörder bezahlt bis zu der Stunde, wo er den vierten bezahlen wird. Er hat bei uns Festungen und Zwingburgen errichtet. Er hat die Männer lebendig verbrennen, die Frauen und die Mädchen lebendig begraben lassen; er hat ihr Gut geerbt. Er hat Montigny, van Bergen und andere Herren umgebracht trotz seinem königlichen Worte. Er hat seinen Sohn Carlos getötet. Er hat den Fürsten von Ascoli vergiftet, nachdem er ihm Donna Euphrasia, die von ihm schwanger war, vermählt gehabt hat, um den zu erwartenden Bastard mit seinen Gütern auszustatten. Er hat gegen uns ein Edikt geschleudert, das uns alle für Verräter erklärt, die Leib und Gut verwirkt haben, und hat so das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen begangen, die Unschuldigen mit den Schuldigen zu vermengen.« »Nach allem Recht, Gesetz und Brauch sei er abgesetzt,« antworteten die Herren der Staaten. Und die Siegel des Königs wurden zerbrochen. Und die Sonne leuchtete über Erde und Meer, vergoldete die reifen Ähren, reifte die Trauben und ließ auf jeder Woge Perlen erglänzen als Schmuck der Braut der Niederlande, der Freiheit. Dann schoß in Delft ein vierter Meuchler dem Prinzen von Oranien drei Kugeln in die Brust. Und der Prinz starb, getreu seinem Wahlspruch: »Ruhig im Tosen der Wogen.« Seine Feinde sagten ihm nach, daß er, um Philipp einen Streich zu spielen und weil er keine Hoffnung gehabt habe, selbst über sie herrschen zu können, die südlichen katholischen Niederlande durch ein geheimes Schriftstück Seiner Großen Hoheit, dem gnädigen Herrn von Anjou, angeboten habe. Aber der war nicht geboren, um mit der Freiheit das Kind Belgien zu zeugen; die Freiheit liebt nicht die seltsamen Arten der Liebe. Und Uilenspiegel verließ mit Nele die Flotte. Und das belgische Vaterland, geknebelt von den Verrätern, wimmerte unter dem Joche. IX Es war damals der Mond des reifen Korns, und die Luft war drückend, der Wind lau; die Schnitter und Schnitterinnen waren schier nicht imstande, unter dem freien Himmel auf der freien Erde das von ihnen gesäte Korn einzusammeln. Friesland, Drenthe, Oberyssel, Geldern, Utrecht, Nordbrabant, Nord- und Südholland, Walcheren, Nord- und Südbeveland, Seeland, nämlich Duiveland und Schouwen, die ganze Küste der Nordsee von Knokke bis Helder und die Inseln Texel, Vlieland, Ameland und Schiermonnikoog hatten sich, von der Westerschelde an bis zur Osterems, freigemacht von dem spanischen Joche; Moritz, der Sohn des Schweigers, führte den Krieg weiter. Uilenspiegel und Nele, im vollen Besitze ihrer Jugend, ihrer Kraft und ihrer Schönheit – denn die Liebe und der Geist Flanderns altern nie – lebten still in dem Turme von Beere und harrten der Zeit, wo nach mannigfacher grausamer Prüfung der Sturm der Freiheit über das belgische Vaterland brausen werde. Uilenspiegel hatte gebeten, als Befehlshaber und Wächter des Turmes bestellt zu werden, indem er sagte, seine Adleraugen und seine Hasenohren befähigten ihn, die Wacht zu halten, ob es nicht der Spanier versuchen werde, sich wieder in den befreiten Landen zu zeigen, und dann werde er Wacharm läuten. Die Obrigkeit hatte nach seinem Willen getan: wegen seiner guten Dienste gab man ihm täglich einen Gulden, zwei Pinten Bier, Bohnen, Käse und Zwieback und wöchentlich drei Pfund Fleisch. Uilenspiegel und Nele lebten wohlgemut zu zweien: in der Ferne sahen sie freudigen Auges die freien Inseln von Seeland, die Wiesen, den Busch, die Schlösser und die Festen und die Küstenwachtschiffe der Geusen. Oft stiegen sie des Nachts auf den Turm, um oben auf dem Söller von den harten Schlachten zu plaudern und von den Liebeswonnen der Vergangenheit und der Zukunft. Von da sahen sie, wie in dieser heißen Zeit die See leuchtende Wogen ans Ufer warf und wieder heimholte, sie auf die Inseln schleudernd wie Gespenster aus Feuer. Und Nele erschrak über die Irrlichter in den Poldern; sie sagte, das seien die Seelen der armen Toten. Und dort überall waren Schlachtfelder gewesen. Die Irrlichter stiegen über den Poldern auf, liefen die Deiche entlang und kehrten wieder in die Polder zurück, als ob sie den Leibern nicht hatten entsagen wollen, die sie verlassen hatten. Eines Nachts sagte Nele zu Uilenspiegel: »Sieh, wie sie zahlreich sind in Duiveland und wie hoch sie fliegen; in der Richtung der Vogeleilande sehe ich die meisten. Willst du hin, Thijl? Wir nehmen den Balsam, der zeigt, was unsichtbar ist für sterbliche Augen.« Uilenspiegel antwortete: »Wenn es der Balsam ist, der mich zu dem großen Sabbat gebracht hat, dann traue ich ihm nicht mehr als einem eiteln Traume.« »Man braucht«, sagte Nele, »die Kraft der Zauber nicht zu leugnen. Komm, Uilenspiegel.« »Ich will es tun.« Am nächsten Tage bat er bei der Obrigkeit, daß ihn ein scharf-sichtiger und treuer Soldat vertreten möge, um den Turm zu hüten und über die Lande zu wachen. Und er machte sich mit Nele auf den Weg zu den Vogeleilanden. Wandernd über Feld und Deich, sahen sie kleine grüne Eilande, getrennt durch Meeresarme. Und auf den Rasenhügeln, die bis zu den Dünen reichten, saß eine große Schar von Kiebitzen, Möwen und Seeschwalben, die in ihrer Unbeweglichkeit mit ihrem Gefieder die Eilande ganz weiß erscheinen ließen; und in den Lüften flogen Tausende dieser Vögel. Der Boden war voller Nester: Uilenspiegel, der sich bückte, um ein Ei vom Wege aufzulesen, sah eine Möwe heranfliegen, die einen Schrei ausstieß. Auf diesen Ruf kamen mehr als hundert dazu, schreiend vor Angst, und flatterten über den Nestern am Wege und über dem Kopf Uilenspiegels, ohne daß sie es jedoch gewagt hätten, sich ihm zu nähern. »Uilenspiegel,« sagte Nele, »diese Vögel bitten um Gnade für ihre Eier.« Dann sagte sie zitternd: »Ich habe Angst: sieh, die Sonne sinkt, der Himmel ist weiß, die Sterne erwachen; es ist die Stunde der Geister. Sieh die roten Dünste, die über die Erde streichen. Thijl, mein Geliebter, was ist das für ein Ungeheuer der Hölle, das im Gewölke seinen Feuerschlund öffnet? Sieh in der Richtung von Philippsland, wo der königliche Henker in seinem grausamen Eifer zweimal so viele arme Menschen hat töten lassen, sieh dort die Irrlichter tanzen. Es ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den Schlachten getöteten Menschen die frostige Vorhalle des Fegefeuers verlassen, um sich auf Erden an der lauen Luft zu wärmen; es ist die Stunde, wo du alles verlangen kannst von Christus, der der Gott des guten Zaubers ist.« »Die Asche schlägt an mein Herz,« sagte Uilenspiegel. »Könnte mir nur Christus die Sieben zeigen, deren in den Wind gestreute Asche Flandern und die ganze Welt glücklich machen soll.« »Ungläubiger Mann,« sagte Nele, »durch den Balsam wirst du sie sehn.« »Vielleicht,« sagte Uilenspiegel, indem er mit dem Finger auf den Sirius wies, »wenn irgendein Geist heruntersteigt von diesem kalten Sterne.« Bei dieser Gebärde heftete sich ein Irrlicht, das um ihn getanzt hatte, an seinen Finger, und je mehr er sich bemühte, es abzulösen, desto fester hielt es. Nele, die es versuchte, Uilenspiegel zu befreien, hatte auch ihr Irrlicht an der Fingerspitze. Uilenspiegel schlug das seinige und sagte: »Antworte! bist du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? Bist du eine Geusenseele, so geh ins Paradies; bist du eine Spanierseele, dann kehre in die Hölle zurück, woher du gekommen bist.« Nele sagte zu ihm: »Schmähe nicht die Seelen, und seien es auch die Seelen von Henkern.« Und sie ließ ihr Irrlicht an der Fingerspitze tanzen und sagte: »Irrlicht, schmuckes Irrlicht, was bringst du Neues aus dem Lande der Seelen? Was treiben sie denn dort? Essen und trinken sie, obwohl sie keinen Mund haben? denn du hast keinen, liebes Irrlicht! Oder nehmen sie die menschliche Gestalt erst im gebenedeiten Paradiese an?« »Wie kannst du denn", sagte Uilenspiegel, »die Zeit damit verlieren, mit dieser kümmerlichen Flamme zu sprechen, die keine Ohren hat, um dich zu verstehn, und keinen Mund, um dir zu antworten?« Aber sie sagte, ohne auf ihn zu hören: »Irrlicht, antworte durch den Tanz; ich will dich dreimal befragen: einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der Jungfrau und einmal im Namen der Elementargeister, die die Boten zwischen Gott und den Menschen sind.« Sie tat es, und das Irrlicht tanzte dreimal. Nun sagte Nele zu Uilenspiegel: »Entkleide dich; ich tue desgleichen: hier ist die Silberbüchse mit dem Seherbalsam.« »Mir ist es einerlei,« antwortete Uilenspiegel. Als sie dann nackt waren und sich mit dem Seherbalsam gesalbt hatten, legten sie sich aneinandergeschmiegt ins Gras. Die Möwen klagten, der Donner rollte dumpf in dem von Blitzen durchzuckten Gewölk, der Mond zeigte zwischen zwei Wolken kaum die goldenen Hörner seiner Sichel, und die Irrlichter Uilenspiegels und Nelens verschwanden, um mit den andern in der Wiese zu tanzen. Plötzlich wurden Nele und ihr Freund von der großen Hand eines Riesen gepackt; er warf sie in die Luft wie Kinderbälle, fing sie wieder, rollte sie eins auf dem andern, knetete sie zwischen seinen Händen und warf sie in die Wasserlachen zwischen den Hügeln und zog sie voll Seetang heraus. Und indem er sie durch den Raum hin und wider fliegen ließ, sang er mit einer Stimme, die alle Möwen der Eilande aus dem Schlafe schreckte: Mit schielendem Auge will es, Dieses winzige Ungeziefer, Lesen die göttliche Schrift, Die wir in Verwahrung halten. Lies, Floh, das Geheimnis, Lies, Laus, das geheiligte Wort, Das in Himmel, Luft und Erde Mit sieben Nägeln verankert ist. Und wirklich sahen Uilenspiegel und Nele auf dem Rasen, in der Luft und am Himmel sieben leuchtende eherne Tafeln, die durch sieben flammende Nägel gehalten wurden. Und auf den Tafeln stand geschrieben: Durch den Dünger keimen die Saaten, Sieben ist schlecht, aber Sieben ist gut. Diamanten kommen aus Kohlenglut, Von schlechten Lehrern die Schüler geraten; Sieben ist schlecht, aber Sieben ist gut. Und der Riese schritt dahin, und all die Irrlichter folgten ihm, summend wie die Grillen, und sie sagten: Betrachtet ihn gut, er ist ihr Meister, Der Könige König, der Päpste Papst, Er ists, der Cäsars Durst stillt: Betrachtet ihn gut, er ist aus Holz. Plötzlich veränderten sich seine Züge; er wurde magerer, trauriger und größer. In der einen Hand hielt er ein Scepter und in der andern ein Schwert. Und er hieß Hochmut. Und er warf Nele und Uilenspiegel zu Boden und sagte: »Ich bin Gott.« Dann erschien auf einer Ziege ein rotwangiges Mädchen, die Brüste nackt und das Kleid offen, und ihr Auge war keck; und ihr Name war Wollust. Und es kam eine alte Jüdin, die die Schalen der Möweneier auflas; sie hieß Geiz. Und ein Mönch, ein gefräßiger, schmatzender Mönch, der Würste aß, sich mit Fleisch vollstopfte und seine Kinnbacken ohne Unterlaß rührte wie die Sau, auf der er saß; das war die Völlerei. Weiter kam die Trägheit, ein Bein nachschleppend, bleich und gedunsen und mit erloschenen Augen, und der Zorn hetzte sie mit einem Treibstachel; die Trägheit klagte traurig, das Gesicht von Tränen überströmt, und fiel erschöpft auf die Knie. Dann kam der dürre Neid mit dem Schlangenkopf und den Hechtzähnen, und er biß die Trägheit, weil sie zu gemächlich war, den Zorn, weil er zu lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt war, die Wollust, weil sie zu rot war, den Geiz wegen der Eierschalen und den Hochmut wegen seines Purpurkleides und seiner Krone. Und die Irrlichter tanzten rundherum. Und sie sprachen mit den Klagestimmen von Männern, Frauen, Mädchen und Kindern und sagten wimmernd: »Hochmut, Vater der Herrschsucht, und Zorn, Quell der Grausamkeit, ihr habt uns getötet auf den Schlachtfeldern, in den Kerkern und auf den Richtstätten, um euere Scepter und Kronen zu behalten! Neid, du hast viel edle und nützliche Gedanken im Keime erstickt; wir sind die Seelen der verfolgten Erfinder. Geiz, du hast das Blut des armen Volkes in Gold umgewandelt; wir sind die Geister deiner Opfer. Wollust, du Gesellin und Schwester des Mordes, die du Nero, Messalina und König Philipp von Spanien gezeugt hast, du kaufst die Tugend und bezahlst die Verderbnis; wir sind die Seelen der Toten. Trägheit und Völlerei, ihr besudelt die Welt, und sie muß von euch gesäubert werden; wir sind die Seelen der Toten.« Und eine Stimme erscholl, die sagte: Durch den Dünger keimen die Saaten; Sieben ist schlecht, aber Sieben ist gut. Von schlechten Lehrern die Schüler geraten. Um Asche zu erhalten und Kohlenglut, Was da die unstäte Laus wohl tut? Und die Irrlichter sagten: »Das Feuer, das sind wir, die Rache für die alten Tränen, für die Schmerzen des Volkes, die Rache für die Herren, die in ihren Ländern Jagd gemacht haben auf menschliches Wild, die Rache für die unnützen Schlachten, für das in den Kerkern vergossene Blut, für die verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen Frauen und Mädchen, die Rache für die in Ketten geschlagene, blutende Vergangenheit. Das Feuer, das sind wir; wir sind die Seelen der Toten.« Bei diesen Worten wurden die Sieben in Holzbilder verwandelt, ohne daß sie etwas von ihrer frühern Gestalt verloren hätten. Und eine Stimme sagte: »Uilenspiegel, brenne das Holz.« Und Uilenspiegel wandte sich zu den Irrlichtern: »Ihr, die ihr Feuer seid, tut euer Werk.« Und die Irrlichter umringten die Sieben in Haufen und verbrannten sie, und die Sieben wurden zu Asche. Und ein Strom von Blut rollte. Und aus der Asche erstanden sieben andere Gestalten. Die erste sagte: »Ich hieß Hochmut, ich nenne mich edler Stolz.« Und die andern sprachen ebenso, und Uilenspiegel und Nele sahen aus dem Geiz die Sparsamkeit erstehn, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus der Völlerei die Eßlust, aus dem Neide den Wetteifer und aus der Trägheit das Träumen der Dichter und Weisen. Und die Wollust auf ihrer Ziege wurde in ein schönes Weib verwandelt, die den Namen Liebe hatte. Und die Irrlichter tanzten um sie einen jauchzenden Reigen. Nun hörten Uilenspiegel und Nele tausend volltönende und kichernde Stimmen von verborgenen Männern und Frauen. Und ihr Gesang war wie ein Klirren: Wenn auf dem Lande und auf der See Die verwandelten Sieben gebieten, Männer, dann hebet das Haupt in die Höh: Die Welt hat ausgelitten. Und Uilenspiegel sagte: »Die Geister machen sich lustig über uns.« Und eine mächtige Hand packte Nele am Arme und schleuderte sie in den Raum. Und die Geister sangen: Wann der Norden Küßt den Schläfer, Hat die Not ein Ende: Suche den Gürtel. »Ach,« sagte Uilenspiegel, »Norden, Schläfer und Gürtel. Ihr sprecht dunkel, Geister.« Und sie sangen kichernd: Norden, das ist Niederland, Belgien ist der Schläfer. Der Gürtel, das ist der Bund, Der Gürtel, das ist die Freundschaft. »Geister,« sagte Uilenspiegel, »ihr seid wahrlich nicht dumm.« Und kichernd sangen sie von neuem: Der Gürtel, du Wicht, Zwischen Belgien und Niederland, Das ist die innige Freundschaft, Der Treubund. Met raad En daad; Met dood En bloed. So müßt es sein, Wär nicht die Schelde, Wär nicht die Schelde, du Wicht. »Ach,« sagte Uilenspiegel, »so ist also unser qualvolles Leben: Tränen der Menschen und Lachen des Geschicks.« Und kichernd wiederholten die Geister: Treubund des Bluts Und des Tods, Wär nicht die Schelde. Und eine wuchtige Hand packte Uilenspiegel und schleuderte ihn in den Raum. X Als Nele niederfiel, rieb sie sich die Augen und sah nichts als die Sonne, die sich in goldenen Dünsten erhob, die vergoldeten Spitzen der Gräser und den Strahl, der das Gefieder der schlafenden Möwen rötlich färbte; aber die Möwen erwachten gar bald. Dann betrachtete sich Nele, sah sich nackt und bekleidete sich hastig. Dann sah sie Uilenspiegel ebenso nackt daliegen und bedeckte ihn; in dem Glauben, er schlafe, rüttelte sie ihn, aber er rührte sich nicht mehr als ein Toter: vor Angst verlor sie schier die Besinnung. »Habe ich meinen Freund«, sagte sie, »mit dem Seherbalsam getötet? Ich will auch sterben. Ach, Thijl, erwache doch! Er ist kalt wie Marmor!« Uilenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag gingen vorüber, und Nele wachte, fiebernd vor Schmerz, bei ihrem Freunde Uilenspiegel. Bei Anbruch des zweiten Tages hörte Nele ein Glöckchen klingen und sah einen Bauer kommen, der einen Spaten trug; hinter ihm kamen, Kerzen in den Händen, ein Bürgermeister, zwei Schöffen und der Pfarrei von Stavenisse mit seinem Küster, der ihm den Sonnenschirm hielt. Sie gingen, wie sie sagten, mit dem heiligen Sakramente der letzten Ölung zu dem wackern Jacobsen, der aus Furcht Geuse geworden war, aber nun, wo die Angst vorbei war, zum Sterben in den Schoß der heiligen römischen Kirche zurückkehrte. Bald waren sie bei der weinenden Nele und sahen den Körper Uilenspiegels, bedeckt mit seinen Kleidern, ausgestreckt auf dem Rasen liegen. Nele warf sich auf die Knie. »Mädchen,« sagte der Bürgermeister, »was tust du da bei dem Toten?« Ohne daß sie sich getraut hätte, die Augen aufzuschlagen, antwortete sie: »Ich bete für meinen Freund, der hier zusammengebrochen ist, wie vom Blitz gefällt; ich bin allein jetzt und will auch sterben.« Der Pfarrer blies vor Vergnügen: »Uilenspiegel, der Geuse, ist tot, gelobt sei der Herr! Bauer, spute dich und hebe ein Grab aus; nimm ihm die Kleider, bevor er begraben wird.« »Nein,« sagte Nele, sich aufrichtend, »ihr werdet sie ihm nicht nehmen; er würde frieren in der Erde.« »Hebe das Grab aus,« sagte der Pfarrer zu dem Bauer, der den Spaten trug. »Meinetwegen,« sagte Nele, von Tränen überströmt; »es gibt keine Würmer in dem kalkigen Sande, und er wird heil und schön bleiben, mein Geliebter.« Und ganz von Sinnen warf sie sich über den Körper Uilenspiegels und küßte ihn mit Zähren und Tränen. Der Bürgermeister, die Schöffen und der Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer hörte nicht auf mit seinem Freudengeschrei: »Der große Geuse ist tot, Gott sei gelobt!« Dann hob der Bauer das Grab aus, legte Uilenspiegel hinein und bedeckte ihn mit Sand. Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten in der Runde: plötzlich geschah unter dem Sand eine heftige Bewegung, und Uilenspiegel, niesend und sich den Sand aus den Haaren schüttelnd, packte den Pfarrer bei der Gurgel: »Du Inquisitor! Du legst mich bei lebendigem Leibe in die Erde, während ich schlafe? Wo ist Nele? Hast du sie auch begraben? Wer bist du?« Der Pfarrer schrie: »Der große Geuse kehrt auf die Welt zurück! Herr Gott, nimm meine Seele!« Und er entwich wie ein Hirsch vor den Hunden. Nele trat zu Uilenspiegel. »Küß mich. Herzlieb,« sagte er. Dann sah er wieder um sich. Die beiden Bauern waren ausgerissen wie der Pfarrer und hatten, um besser laufen zu können, alles weggeworfen: Spaten, Tragstuhl und Sonnenschirm; der Bürgermeister und die Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und wimmerten auf dem Rasen. Uilenspiegel ging hin zu ihnen und schüttelte sie: »Begräbt man denn Uilenspiegel, den Geist der Mutter Flandern, und Nele, ihr Herz? Auch Flandern kann schlafen; aber sterben, nein! Komm, Nele.« Und er zog von hinnen mit ihr und sang sein sechstes Lied; aber wo er das letzte singen wird, weiß niemand.   Ende Nachwort Charles-Théodore-Henry De Coster ist am 20. August 1827 als Sohn belgischer Eltern in München geboren worden. Auch die ersten Lebensjahre verbrachte er in dieser Stadt, wo sein Vater Intendant des päpstlichen Nuntius Grafen von Argenteau, Erzbischofs von Tyrus, eines Wallonen, war, der auch dem Knaben die Taufe spendete. 1822 kehrte die Familie in die Heimat zurück und ließ sich in Brüssel nieder. Ihr Wunsch und der des hohen Gönners war, daß Charles, der seine Ausbildung im Collège Saint-Michel erhielt, Priester werde; er jedoch trat mit siebzehn Jahren bei einer Industriebank in Brüssel als Beamter ein. Sehr bald begann sich der Jüngling unter dem Einflusse der Ideen der Romantik in seiner Mußezeit künstlerischen Neigungen hinzugeben, und als Zwanzigjähriger gründete er mit einer kleinen Schar von Gleichgesinnten eine Art literarischen Zirkels; es entstanden seine ersten poetischen Arbeiten, die nicht nur bei den Freunden Anerkennung, sondern auch bei strengern Kritikern Beachtung fanden. Schon 1850 wandte er seinem Berufe den Rücken und bezog die Brüsseler Universität, sehr zum Mißvergnügen des Erzbischofs, der ihn lieber an der katholischen Hochschule von Löwen gesehn hätte. 1854 trat er zum ersten Male mit Versen vor die Öffentlichkeit, ein Jahr später mit der ersten seiner kleinen Prosaerzählungen. Mehrere von diesen, darunter die von den Frères de la bonne trogne , die von der Stiftung der Gilde weiblicher Bogenschützen in Uccle berichtet, faßte er in seinen Légendes flamandes in Buchform zusammen. Das archaistische Französisch dieses Buches, das eine außergewöhnliche Beherrschung der Sprache vergangener Jahrhunderte dartat, verschaffte ihm 1860 das Amt eines » employé de la commission royale chargée de la publication des lois anciennes «. Vier Jahre lang harrte der schönheitsdurstige, aber nur allzusehr zur Schwermut neigende Geist im Aktenstaube aus; dann nahm er seinen Abschied. Erst 1870 trat er wieder in den Staatsdienst, nunmehr schon als berühmter Mann. Die Ernennung zum Professor der allgemeinen Geschichte und der französischen Literatur an der Kriegsschule in der Brüsseler Gemeinde Elsene galt dem Verfasser der 1867 erschienenen Légende d'Ulenspiegel et de Lamme Goedzak . Die Ernennung kam viel zu spät; das kleine Erbteil war längst aufgezehrt, längst lebte er, von ungeduldigen Gläubigern hart bedrängt, in den dürftigsten Verhältnissen, und dies änderte sich nicht mehr bis zu seinem einsamen Tode am 7. Mai 1879. Camille Lemonnier hielt ihm die Grabrede. Umfangreiche Studien waren der Legende von Uilenspiegel vorausgegangen. Immer und immer wieder hatte er die Chroniken von Van Meteren und die Werke von Marnix de Sainte Adelgonde durchblättert, oftmalige Reisen hatten ihn an die Orte geführt, die den wechselnden Schauplatz der historischen Ereignisse bilden. Aus dem alten vlämischen und deutschen Volksbuch entlieh er den Namen seines Helden, entlieh er auch das Gerippe einer ganzen Reihe von Schwänken, die freilich mit dem Augenblick aufhören, wo Uilenspiegel zum Mann herangereift ist und als Repräsentant der Volksmacht das Ringen mit der königlichen Macht beginnt. Die Gestalt des unbehilflich einherstapfenden Dickwanstes und seiner zärtlichen, scheuen Gattin entnahm De Coster einem alten Bilderbogen. Eine historische Person ist der unflätige Broer Cornelis Adriaensen, dessen Predigten von einem angewiderten Zuhörer aufgezeichnet wurden und 1576 in vlämischer, bald darauf auch in deutscher Sprache erschienen sind, und historisch ist auch die andächtige Disziplin und heimliche Pönitenz der von dem Mönch gegeißelten Schwesterschaft. Die Vorlagen zu dem Geusenliede von den Verrätern finden sich in den königlichen Archiven zu Brüssel. Für eine nicht zu kleine Zahl Episoden schuldet der Dichter der lebendigen Volksüberlieferung Dank, so für die rabelaisisch-groteske Kratzprozession und die mit dem verdunkelten Schimmer frühmittelalterlicher Naivetät umgebene Farce von den gefräßigen Heiligen, und die Spuren dieser alten Traditionen ziehen sich durch das ganze Buch: Glaube, Brauch und Sitte waren ihm Dokumente, die ihn mit größerer Sicherheit zu der Erkenntnis des Volkscharakters jener Zeit geleiteten, als es die ihn über die äußern Tatsachen unterrichtenden Historien und Pergamente getan hätten, woraus er auch die Elemente der klirrenden, süßen, todestraurigen, jauchzenden und mystischen Sprache schöpfte. »Alles, was das Herz von der rauhen Schönheit Flanderns behält, alles, was der Geist an Stolz einsammelt, wann er die Geschichte dieses Landes liest, alles, was die Mühsal des täglichen Lebens dem Traume von den Toten der Vergangenheit an Rührung und Zauber verleiht, alles, was sich in der Seele an Klarheit, Sanftmut, Güte und Tapferkeit birgt, hat Charles De Coster in seine Dichtung eingeschlossen. Dies Buch von Uilenspiegel ist der Dichter selbst, und der Dichter ist ein ganzes Volk. Es ist das Land, das sich gegen Philipp II. von Spanien bäumt, wie es sich gebäumt hat gegen die ganze hundertjährige Armee seiner Unterdrücker, es ist der Frohsinn unserer Bürger des sechzehnten Jahrhunderts, es ist der stille Glaube und Aberglaube der Bauern unserer Ebenen, es ist die ungestüme und lautere Liebe unserer Jünglinge, die reine, tiefe und brünstige Zärtlichkeit unserer Mädchen. Das Buch von Uilenspiegel, geschrieben in einem altertümlichen Französisch, ist das erste, wo sich unser Land wiederfindet. Ein tief in dem Boden der Heimat wurzelnder Mann hat es geschrieben und gezeichnet; es ist unabhängig von jeglichem fremden Einfluß. Es ist mehr als ein Bild; es ist ein Spiegel.« Emile Verhaeren, der dies sagt, hat unzweifelhaft recht: Uilenspiegel ist Vlame, Vlamen sind alle, die gut und ihm teuer sind, Vater, Mutter, Freund und Geliebte; welsch ist die reizende Verräterin Gilline, und welsch ist alles, wogegen der Geist Flanderns zu kämpfen hat. Folgerichtig hätte also die Belgische Bibel, wie man die Legende von Uilenspiegel gern bezeichnet, zur Vlämischen Bibel werden müssen, wie sie Lemonnier nennt. Aber dieses farbenprächtige und das Ohr entzückende Französisch, das den Franzosen und den Wallonen nicht über den deutschen, den vlämischen Geist des Buches hinwegzutäuschen vermag, verrammelt ihm auch den Weg zu den vlämischen Herzen. Der Vlame sieht nicht gern in einen französischen Spiegel. Bis heute ist es in Belgien nur eine kleine Gemeinde, die sich in das Epos von dem Kampfe zweier Weltanschauungen und in seine pantheistischen Visionen genießend versenkt, und De Costers Wort » Je suis de ceux qui savent attendre « scheint sich, wenn darin die Zuversicht liegen soll, einmal im Vaterlande gewürdigt zu werden, für die nächste Zeit noch nicht bewähren zu wollen. Vielleicht wird es einmal anders, wenn der Streit zwischen Niederdeutschen und Welschen ausgestritten ist und die große Verzeihung erfolgt. Denn De Coster, für den Flandern, wie er sagt, ein Vaterland der Wahl inmitten des großen belgischen Vaterlands war, hat keineswegs vlämisches Wesen mißbraucht, um damit eine fremde Kunst zu bereichern und zu schmücken, und er würde wohl, wenn er heute noch lebte, Maeterlinck ebenso hassen, wie dieser vom vlämischen Volke gehaßt wird. Albert Wesselski.