Kurt Kluge Der Herr Kortüm Roman     J. Engelhorns Nachf. Adolf Spemann Stuttgart [1938]     Erstes Buch Die silberne Windfahne   Eine Straße Da scheint ein Weg zu gehen«, sagte Klaus Schart. Er wollte nach Besenroda hinunter. Klaus sah prüfend die Geröllgasse hinab, die sich zwischen den Tannenstämmen und Fingerhutstauden durchwand: Nein! Wieder nur ein ausgetrocknetes Wasserbett. Ich muß doch endlich einmal abbiegen! Dort ist der Turm des Kolmberges. Genau unter dem soll Besenroda liegen. Ratlos sah er um sich. Nirgends ein Wegweiser. Aber da hinten kommt jemand. Gott sei Dank, ein lebendiger Mensch in dieser Waldwildnis . . . merkwürdig, dachte Klaus. Langsam kam der Mensch auf ihn zu: ein älterer wohlbeleibter Mann mit einer Papiertüte in der Hand, in schwarzem städtischem Rock, in gestreiften Bügelhosen – mitten im Hochwald . . . »Verzeihung«, sagte er, »wo geht die Straße da hin?« Der dicke Herr im schwarzen Rock schnaufte und sah eine Weile prüfend auf Klaus hinunter. Dann legte er den Kopf schief, kratzte sich langsam in den weißen Bartstoppeln und sprach mit einem Blick aus den Augenwinkeln: »Nach Taschkent, mein Herr.« »Nach – wie? Nach – ich meinte nämlich, Entschuldigung: wo der Weg herkommt?« »Von da her« – er zeigte über eine einzelne hohe Tanne in die Ferne – »von der Biskaya, wissen Sie? Ja.« Der alte Herr hob die Augenbrauen hoch und sah weit über Klaus Scharts Kopf und den Kolmberg hinweg in den unbewölkten Oktoberhimmel. Dann beschrieb er mit der Papiertüte einen großen Halbkreis in der Luft und nickte: »Via alta. Jawohl. Die Hohe Straße« und schritt seinen Weg weiter. Klaus stand da und sah betreten den glatten, aber unten etwas ausgefransten Hosen nach: Ob die große Perle in seinem Halstuch echt war . . . Allmächtiger, wer war denn das? Schritt für Schritt ging der Mann dahin, als ob er mit seiner Perle und mit seinem schwarzen Rock hierher gehörte – mitten zwischen die Farnkräuter und Tannenzapfen. 8 »Das geht gut los«, murmelte Klaus und wanderte aufs Geratewohl weiter. Da kam wieder jemand. Nun, der hatte eine Axt auf der Schulter und eine kienglänzige Jacke an. »Tag! Wie komme ich von hier nach Besenroda?« »Hä« – der kleine struppige Kerl stellte die Axt auf die Erde, wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und freute sich: »Da haben Sie sich aber schön verlaufen. Grade umgekehrt. Nee, dorten lang. Ich will je auch hin. Da wohn' ich nämlich.« »Wer soll sich auch auf den Wegen zurechtfinden! Stundenweit habt ihr nicht einen Wegweiser hier oben.« »Nee. Die haben wir umgehackt dieses Frühjahr.« »Ihr seid wohl nicht bei Troste?« »Je, sehn Sie, das sagen Sie so. Wir wissen die Wege. Un wer fremd hierher kommt – aber's kommt je keiner – aber wenn einer kommt, nu, der kann doch 's Maul aufmachen un fragen.« »Wenn er jemanden trifft!« »Jeja. Da haben Sie nu wieder recht. Wenn. Hähä.« »Ich traf eben einen, und der hat gesagt, die Straße hier ginge nach Taschkent.« »Wohin?« »Na, ungefähr nach China, hat er gesagt.« »Das war wohl der Schottenwirt?« »Wer ist das?« »Nu, der Herr Kortüm.« »Kortüm? Kurzum? Ja, so sah er aus – vorne eine Perle und so dick und denn kort üm.« »Da haben Sie'n. Der war's. Je, gucken Sie: wegen dem haben wir die Wegweiser umgehackt.« »Will der denn keine?« »Der schon. Aber wir nich.« »Nein, das versteh ich nicht.« »Nu, was der Herr Kortüm is, der will überall, aber auch an jeder Kaninchenspur einen Wegweiser hin haben. Wegen seiner Gastwirtschaft, verstehn Sie? Aber was wir sind, in der Gemeinde unten, nich wahr, wir haben ihm was gepfiffen. Hähä.« Das geht ja wirklich hübsch los auf dem Walde hier oben, dachte Klaus Schart wieder. Laut sprach er: »Der alte Herr mit seiner Papiertüte ging seinen Weg aber so sicher entlang, als ob er wirklich keine Wegweiser nötig hätte.« 9 »Wenn er mit seiner Tüte geht, weiß er'n Weg auch ganz genau.« »Wo geht er denn dann hin?« »Auf seinen Privatfriedhof doch.« »Auf –?« Klaus Schart blieb stehn, das Männlein mit Axt und Kienjacke auch: »Wo geht Herr Kortüm hin?« »Na, ja, Sie sind fremd. Also das is so: iche, ich bin der Holzhacker Kersch, un ich habe schon in Besenroda unten gewohnt, als dem Herrn Kortüm seine Frau noch lebte. Also da sind Sie bei mir an den Rechten gekommen. Ich weiß Bescheid. Passen Sie auf: die Frau starb. Aber wir kleinen Leute unten auf dem richtigen Friedhof, wir sind für den großen Herrn aus Hamburg nich gut genug, nee, neben unsereinen legt sich keine verstorbene Frau Kortüm nich. Da hat denn der am Leben gebliebne Herr Kortüm in seinem Walde ein Plätzchen freigemacht –« »In seinem Walde?« »Freilich. Der Wald hierum gehört ihm samt dem Lohberg da un dem Hachelstein dort. Das heißt, ob ihm noch 'n einziger Tannenzapfen zu eigen is, weißche nu nich. Schulden hat er so viel wie Tannenzapfen im Walde hängen. Jeja, der ganze Wald hier oben is pleite. Hähä. Na, also ein Plätzchen macht er reine un da begräbt er sie denne. Un nu geht er jeden Mittag mit einer Tüte voll Krümel hin un füttert die Vögel dort.« Klaus blieb still. Das waren allerhand Nachrichten bei seinem Einzug in dieses Gelände: ein schwarzberockter Herr geht eine Straße entlang, die er für den Weg nach Taschkent ausgibt, um die Finken und Drosseln auf seinem Privatfriedhof zu füttern – mitten im braven Thüringer Walde oben . . . »Da gucken Sie, was?« sagte Kersch nach einer Weile. »Wer sind Sie denne eigentlich?« »Ich bin der neue Lehrer von Besenroda.« »Na, das laß ich mir aber gefallen. Sehn Sie mal! Un grade ich habe Ihnen 'n Weg gezeigt. Sie werden Ihre Freude an uns haben! Das kann ich Ihnen sagen, Herr Lehrer – wie war's gleich?« »Schart, Klaus Schart heiße ich.« »Herr Lehrer Schart. Na da solln Sie mal sehn! Da werden Sie was erleben. Unsere Kinder sin eigentlich alle begabt. Fleißig sin sie auch. Un wenn sie trotzdem nischt lernen, liegt das nich an den Kindern, das liegt –« 10 Der Lehrer sah dem Holzhacker scharf ins Auge, aber der fuhr gemütlich fort: »Das liegt bloß an der verdammten Arbeit.« »Hören Sie mal, Herr Kersch, an der Arbeit?« »Freilich. Das werden Sie auch bald weg haben. Die Kinder müssen Geld verdienen. Bei uns is alles Heimarbeit. Die Kinder arbeiten zuhause. Masken machen wir in Besenroda. Hauptsächlich. Aber auch Fahnen un Thermometer. 's geht jetzt 'n bißchen besser. Fahnen werden Gott sei Dank ordentlich gebraucht. Thermometer noch nich so sehr. Na ja, wenn's einem dreckig geht, is es je schnuppe, ob er weiß, bei wieviel Grad er nischt im Magen hat. Un mitn Masken is gleich gar nischt. Das is 'n Jammer. Die Leute gehn heute lieber nack'g im Gesichte.« »Wie denn – nackend?« »Im Gesichte! Ich meine, sie machen keine Umstände mehr un zeigen einem 's Gesichte wie sie's wirklich haben. Auch wenn sie lustig sind. Das is nu nich vorteilhaft für die Maskenmacher. Früher, wenn's einem so recht sauwohl war, band er sich 'ne Maske vor die Visasche.« »Da muß man eben was tun für die Maskenmacher. Volksfeste veranstalten. Umzüge –« »Sehn Sie! Hähä. Sie fassen die Sache gleich forsch an. So is es gut! Richtig, Herr Lehrer! Umzüge! Veranstalten Sie mal einen. 's muß nur einer anfangen un Leben in die Bande bringen. Wissen Sie, Herr Lehrer, wenn der Mensch so richt'g aus dem Vollen zu leben anfängt, da läßt er sich nich gerne dabei sehn, nee, da bindet er sich lieber vorher 'ne Maske um. Da sieht ihn niemand dahinter.«   Die Maske In der Maske der blonden Julia Capulet lehnte Konstanze Schröter atmend am Türpfosten ihrer Garderobe. Sie war von der Bühne hereingekommen, hatte sich hingelegt und mochte nicht einen Schritt weiter gehn. »Dreh die Deckenlampe aus, Brigitte. Es blendet so.« Die Wärterin schaltete das Licht aus und quirlte nun im Halbdunkel das Eidotter in eine Tasse heißes Bier. Es war gut, daß die begeisterten Weimaraner die Geliebte Romeos jetzt nicht sehen konnten – ihre herrliche Schröter, die Neue. Sie 11 hatten große Pause und mußten an den Wänden der Wandelhalle im Kreis herum gehen. Konstanze ließ erschöpft die Mundwinkel hängen und bummste mit der einen Hand gedankenlos an die Tür. »So, nun trinken Sie erst 'n mal. Aber 's is heiß. So. Noch 'n Schlückchen. Und nu wollen wir uns schön hinsetzen und ausruhn. Nein, legen Sie doch die Beine hübsch lang. So.« Konstanze lag im Sessel und verschränkte die Hände unter ihrem Haar. »Verdrücken Sie bloß die Haare nicht, sonst müssen wir sie wieder ganz frisch machen. Dann ist die Pause hin.« Nur die untere Lampe am Stehspiegel brannte. Auf der ausgezogenen Platte des Spiegeltisches stand in einem Trinkglas ein kleiner Feldblumenstrauß. Das Lampenlicht warf den Blumenschatten an die Decke – riesenhaft: quer durch den Stubenhimmel ragten ungeheure Glockenblumen und Kleeblätter. »Brigitte, wann hat er den Strauß geschickt?« fragte Konstanze und besah lächelnd ihr Deckengemälde. »Das da? Strauß nennen Sie's. Na, geschickt hat er's gleich nach dem ersten Aufzug.« »Feldblumen . . . Du, Brigitte, wo mag er jetzt Feldblumen herkriegen?« »Blumensträuße kauft man in einem Laden. Soviel weiß ich. Rosen und Nelken und Orchideen. Aber wo man so was herkriegt, das weiß bloß der Herr Dichter Wingen selber. Strauß . . .« Brigitte rückte verächtlich die schlichten Blumen zurück und legte ihre Kämme bereit. Aber die Blumen Wingens kamen der Lampe dabei näher, und im Nu bedeckten ihre Schattenbilder in verwirrender Mächtigkeit die ganze Decke. »Das war recht!« sagte Konstanze. Sie wurde frisch von dem Anblick der ins Maßlose blühenden Blumen Wingens. »Schafgarbe, Thymian, Glockenblumen – Brigitte, gib ihnen mehr Wasser.« »Nun trinken Sie mal erst. In acht Minuten is die Pause um. Die Lorenzoszene hat's in sich.« Oh – es ging gleich wieder los. Konstanze sah sich in die Zelle des Mönches kommen, lächelte zaghaft und ein bißchen neugierig, und Julia sagte ihr erstes Wort: »Ehrwürdiger Herr, ich sag' Euch guten Abend!« »Das ist doch ein Wort!« rief jemand in der offenen Tür und lachte. Konstanze drehte sich nicht um. Sie kannte die Stimme, sah in das 12 Bild vom Blumenwald an ihrer Decke: »Du verstehst aber eine Tür leise aufzumachen, Wingen.« Brigitte brummte etwas, das klang wie: »Weiter auch nischt.« »Was sagst du, Brigitte?« »Noch sieben Minuten. In viern komm ich. Wir müssen den braunen Mantel links und rechts 'n bißchen anheften, sonst fällt er wieder von der Schulter.« Brigitte verschwand. »Vier Minuten, Konstanze.« »Alter Minutenzähler! Lernst du das beim Orgelspielen?« »Vielleicht! Jedenfalls lerne ich davon leben.« Konstanze schnüffelte ein bißchen mit der Nase nach ihm hin. »Was denn?« »Du hast immer einen kleinen Ruch Weihrauch in deinen Gewändern. So etwas Weihevolles, Wingen. Wenn ich mal von dir träume –« »Du siehst mich im Traum, Konstanze?« »Bleib mir vom Halse – wenn ich von dir träume, schwebst du in Weihrauchwolken und zwischen lauter Orgelpfeifen und Engeln.« »Wäre dir's lieber, wenn ich nach Tinte röche?« »Tinte ist wenigstens nicht so feierlich.« »Gut. Ich werde Schriftsteller.« Jäh wandte sich Konstanze nach ihm um und riß an seiner Weste: »Lerne schneller schreiben, Wingen! Versäume dich nicht bei deinen Orgelpfeifen. Ist das Stück fertig? Gib mir meinen Text. Ich will spielen. Hast du ihn mit? Zeig her! In der Tasche da?« »Ich habe schon eine Rolle für dich, Konstanze.« Wingen setzte sich auf eine Armlehne des Sessels. »Her damit!« »Ich glaube, die Rolle gefällt dir. Ich kann sie gar nicht mehr von dir unterscheiden. Du wirst keine Maske brauchen.« »Was ihr davon wißt –« Konstanze lächelte. »Ich schreibe, und eh ich's versehe, dringst du durch und stehst selber da –« »Drei Minuten noch«, sagte Brigitte in der Tür. Sie hatte den braunen Mantel Julias auf dem Arm und griff energisch in ihre Nadeln und Kämme. Wingen sah zu, wie Julia fertiggemacht wurde. Das grüne Licht leuchtete auf. »Auf Wiedersehn, Orgelmann.« Wingen blickte ihr nach und spielte mit einer kleinen Haarnadel, die 13 auf der Armlehne liegengeblieben war. Schließlich bog er das Drähtchen zu einem unvollkommenen Ring, steckte ihn an den Finger und ging abwesenden Geistes hinaus, ohne der guten Brigitte zu gedenken. Die Alte sah ihm mit keinem Blick nach. Was konnte man von dem anderes erwarten. Als sie aber Konstanzes Alltagskleider vom Haken nahm und zurechtlegte, sah sie die Strickjacke mißtrauisch an – ausgeweitet, verzogen, da ein kleines Loch: »Un nu so einer. Ein Dichter« – sie seufzte – »wo sie selber ein zerfahrenes Ding ist. So 'n bißchen 'n Wisch. Wie kann man bloß so rumlaufen. Un nu 'n Dichter dazu. Lieber Gott, der Strumpf hat auch 'n Loch. Nein, 'ne ganze Masche gleich.« Brigitte suchte Nadel und Faden, und als sie das Garn anleckte und zu einer schönen Spitze drehte und das Nadelöhr gegen die Lampe hielt, sagte sie vor sich hin: »Der liebe Gott hat die Menschen geschaffen, und dann hat er sie laufen lassen und hat sich nicht mehr um sie gekümmert.«   Maskenmacher Konstanze Schröter spielte die Julia. In ihr hat das Weimarische Theater eine unvergleichliche Künstlerin gewonnen. Die wundervolle Sprechkunst dieser Frau und ihre rätselvolle Tiefe . . .« Klaus Schart, Schulmeister zu Besenroda seit einem halben Tage, legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und trat ans Fenster. Konstanze Schröter – oh, gerade achtzig Pfennig hatte er noch gehabt: fünfzig kostete der Stehplatz, zwanzig die Garderobe. Es war ein Messinggroschen in seiner Westentasche geblieben – aber er hatte oben gestanden und dieses Weib leben gesehen auf der Bühne. Manchmal kamen ja auch andre aus den Kulissen gelaufen und redeten irgendwas dazwischen, aber dann war die Schröter wiedergekommen und füllte den Riesenraum bis an die vergoldete Decke hinauf mit nichts als mit ihrem Wesen an. Was mußte dieses Mädchen für ein Herz haben, daß sein Schlag den Schlag von tausend Herzen lenkte. Klaus atmete tief. Oh Gott, was er hier atmete: über die düsteren Schieferdächer draußen hob sich breit hingestreckt der Schottenhügel. Als ob der Berg hohl wäre, entquoll ihm in dichten Schwaden beizender Rauch. Die Besenrodaer verbrannten ihr Kartoffelkraut auf den Äckern am Hang. Da und dort flackerte ein gelbes Flämmchen, wenn der 14 Wind das stinkende Gewölk hochtrieb. Hinter dem Krautqualm, ganz tief im Land drinnen, spielte die Schröter in einem rotgoldenen Theater – für ihn, den kleinen Schulmeister, nein, für ihn nicht. Für ihn spielt Besenroda – und da schlägt's, bums, an die Tür: »Nu wär's recht. Wir wolln –.« Der Schuldiener Albrecht hatte den Kopf zum Türspalt hereingeschoben und wischte seinen feuchten roten Schnurrbart. »Schön, Albrecht«, log Klaus. »Es paßt. Gehn Sie voran und zeigen Sie mir mein neues Schulreich.« Albrecht ging die Treppe hinunter: »Hier is erst die Hauptsache. Das is der Hausschlüssel. Verliern Sie 'n nich. So. Un das hier is der Schulhof. Bis an den Zaun da dürfen die Kinder in der Pause. Weiter nich, weil hier rechts der Herr Pastor wohnt. Der will's stille haben. Un da drüben wohnt Herr Monich. Der den Leinwandladen daneben hat, wissen Sie. Der is Junggeselle. Stille will's der nich haben. Aber den ärgern die verfluchtigen Kinder immer. Sehn Sie: die Leitern, die hat er an seiner Hauswand hängen, weil er doch Hauptmann is bei der freiwilligen Feuerwehr. Un das da, nee da, das kleine Fenster, das is der Abtritt. Un was Sie da drin hängen sehn, das is die Pauke –« »Eine Pauke, Albrecht?« »Na ja. Wenn die Feuerwehr Umzüge macht, brauchen sie doch 'ne Pauke. Un Monich, der lebt nämlich in guten Umständen, Monich hat für sein eignes Geld die Pauke gekauft, un weil er unten im Laden keinen Platz hat un in der Wohnung erst recht nich, hat er sie auf 'n Abtritt gehängt. Da hängt sie. Im Sommer geht's je auch, aber im Winter schmeißen die Kinder immer Schneebälle an die Pauke, un wenn er nu grade drinne sitzt, gibt das Unzuträglichkeiten.« »Hm«, sagte Klaus Schart, »das ist also Monichs Pauke. Das dort ist die Pfarre –« »Un das da hinten is Fischern seine Kneipe. 's Bier geht je. Aber Sie tun besser, wenn Sie zu Bloßn trinken gehn. Das is die Schenke, gleich neben dem kleinen Hans an der Brücke. In dem kleinen Haus, da wohnt mein Bruder«. »Ach, das ist doch der Maskenmacher? Hören Sie, Albrecht, da müssen Sie mich hinführen. Die Maskenmacherei möcht ich mal kennenlernen. Wann paßt's denn?« Du hier hinein«, sagte Albrecht. »Das heißt Sie . Ich gehe gleich wieder, un wer weiß, ob Sie Platz haben in der Bude.« 15 Die Malstube war wirklich voll. Klaus schrak zurück. An einem großen Tisch hantierten mit Pinseln und Scheren ein Mann, eine Frau, ein großes Mädchen, ein kleines, ein Junge. Dieses Bild der Heimarbeit hätte Klaus nicht erschreckt – er kannte die Nester dieser Arbeiter so gut wie ihren Fleiß und ihre Geduld. Aber Klaus Schart war noch nicht bei Maskenmachern zu Besuch gewesen. Von den Wänden, von Tisch und Stuhl und Fußboden, aus allen Winkeln und Ecken grinsten ihn zahllose bunte Larven an: lustige, böse, grausige, wüste, verzerrte. »Machen Sie sich nur de Kledasche nich voll bei uns«, sagte der Maskenmacher. »Das is nämlich der neue Herr Schulmeister, Fritze«, rief Albrecht seinem Bruder zu. »Der will sich die Malerei begucken.« »Sie können auch gleich anfangen«, sagte der Maler. Die anderen hatten nach kurzem Aufblicken die Köpfe schon wieder über ihre Arbeit gebeugt. »Ich würde es nicht können«, sagte Klaus verlegen und sah sich nach dem Schuldiener um. Aber der war schon fort. »Was sind denn das da für Masken?« »Die auf dem Haufen da drüben lachen. Un die da hinten, die weinen.« Der Schulmeister verglich eine lachende und eine weinende Maske sachverständig: »Fein.« »Nu, fein – nimm doch nich so viel Rot, August – fein. Sehn Se, Herr Lehrer, was heißt fein? Bei so einer Maske kommt's nich bloß auf die Schönheit an. Da muß auch Qualität drin sein. Früher, da sollten Sie mal sehn: das Papier war zähe un 's Gewebe auch! Das hielt was aus. Aber heute – Appretur, Leim un weiter nischt nich.« »Eine Maske ist ja auch bloß zum Ansehn da.« »Sie haben eine Ahnung! Hä. Ansehn. Gucken Se, wenn sich die Menschen eine Maske aufsetzen, sin sie doch lustig. Nich wahr? Un wenn sie lustig sin, schwitzen sie. Un wenn sie auch noch saufen dazu, dann schwitzen sie erst recht. Na, un denn? Wutsch, ham sie die Farbe im Gesichte. Dann hört die Lustigkeit auf.« »Ach so.« »Jawoll! 's verstehn heute zu wenig Leute was von der Maskenmacherei. Da kriegen die Leute eine Maske aufgesetzt, ob sie paßt oder nich, das kümmert kein' – wenn nur überhaupt 's Gesichte weg is, wenn nur keiner mehr weiß, wer er eigentlich is.« 16 »Das glaub ich, Herr Albrecht. Aber mir gefallen die beiden Masken so, wie sie sind.« Klaus suchte in seiner Tasche und legte eine Mark auf den Tisch: »Kann ich die Masken dafür haben? Ich möchte sie gerne behalten.« »Da hat der Kersch also doch recht?« »Was sagt denn der?« »Daß der neue Lehrer was für die Masken tun will, sagt er. Na, für das Geld können Sie nu noch den Deiwel da kriegen un den Hexenkopp dort.« »Nein, nein, Herr Albrecht. Nur die zwei. Ich komme aber bald wieder, wenn Sie erlauben.« Klaus verabschiedete sich. Alle Wetter, dachte er, als das große Mädchen aufstand und ihm die Hand gab. »Das is unsere Lotte.« Ein so schönes Mädchen zwischen den Larven aus Pappe? Es war dunkel geworden. Klaus Schart ging mit seinen zwei Masken in der Hand die Dorfstraße entlang. Aus der Ilmbrücke stand er still und blickte über das Holzgeländer in das dunkle schmale Wasser. So flach die Ilm hier war: im Mondlicht blitzte hin und wieder eine Welle auf. Klaus sah sein dunkles Bild im Wasser spiegeln. Er schwenkte seine Masken an ihren Gummibändern. Das Bild im schwarzen Wasser schwenkte sie auch. Im Spiegel unten merkte man nicht, was für eine billige Jacke der Schulmeister anhatte, überhaupt nicht, daß da oben bloß ein junger unberatener Mensch stand. Wenn fließendes Wasser ein Bild bewahren könnte und tragen, so wäre das Bild des Klaus Schart auf der Ilm weitergeflossen bis nach Weimar, wo eben Konstanze die Julia Capulet spielte, und dort wäre auf der spiegelnden nächtlichen Ilm plötzlich der Genius des Spiels erschienen, mit der lachenden und der weinenden Maske in der Hand – aber wenn auch das Bild unverwischt hinflösse: wie vermöchte Konstanze den maskierten Genius zu erkennen? Klaus sah auf. Die letzten Rauchschwaden zogen vom Schottenhaus herüber und verhüllten die Höhen dieses Berges, auf dem ein Mann wohnen sollte, der auf einer Straße spazieren ging, die in Taschkent endigte. 17   Das Schottenhaus Klaus Schart rückte die Flasche mit roter Tinte weit von sich weg und nahm den Stundenplan in die Hand. Morgen früh? Zuerst Schreiben, dann Lesen. Dazu brauchte er keine Vorbereitung. Rechnen, Zeichnen – ach was, er würde den Kindern erst einmal Geschichten erzählen und Spaß mit ihnen machen, damit sie sich an ihn gewöhnten. Er hatte also einen freien Nachmittag. Klaus Schart könnte nun seinerseits anfangen, sich an die erwachsenen Besenrodaer zu gewöhnen. Solche Unternehmungen sind leicht mit Geldausgaben verknüpft. »Hm«, sagte er und breitete auf dem Tisch sein verfügbares Bargeld aus. Ein Stück legte er neben das andere, genau nach der Größe geordnet. Dann holte er ein neues Kontobuch aus der Schublade, tauchte die Feder ein, schrieb seinen Namen auf das Schild, und auf die erste Seite setzte er die Worte: »Mit Gott.« Er wartete, bis die Tinte von selber trocknete, damit sie schön schwarz blieb. Er blies auch mehrmals über die nasse Tinte – aber plötzlich hielt er inne, besann sich, tauchte wieder ein und machte hinter das Wort Gott ein Ausrufezeichen. Klaus hatte Grund, hinter die Anrufung des Allmächtigen in seinem Anschreibebuch ein Ausrufezeichen zu setzen. Auf dem Gebiete des Rechenwesens mißtraute er seinen eigenen Kräften. Zweimal war er als Lehrer in einen anderen Ort gekommen, zweimal hatte er frisch mit Anschreiben begonnen, und zweimal hatte seine Buchführung mit einem Chaos geendet. Jetzt begann er zum dritten Male. Jetzt mußte es glücken: Am besten ist es, wenn ich das alte Anschreibebuch überhaupt wegwerfe und ein neues und recht großes mit einem schönen roten und blauen Liniennetz kaufe. Er schrieb hinter das Datum des zweiten Oktober als erstes: ein neues Kontobuch null Komma achtzig Mark. So. Nun stellte er die seit der Gehaltszahlung verschwundene Geldsumme fest und bemühte sich, die entstandene Lücke mit Tatsachen auszufüllen. Das war nicht leicht, denn er war umgezogen, und bewegte Zeiten mindern die Gedächtniskräfte. Klaus durchforschte jede Stunde nach ihrem Goldwert und stieß bei Zeile dreizehn auf die Tatsache: eine lachende und eine weinende Maske, zusammen eine Mark. Diese Ausgabe war im gegenwärtigen Augenblick nicht zu beschönigen. Überhaupt beunruhigte ihn die ganze Rechnerei: Leute seines Schlages werden immer dann ungenau, wenn sie ganz genau werden wollen. Schnell klappte er das Kontobuch zu, fegte mit der Hand sein doch 18 immerhin beträchtliches Barvermögen zusammen und schüttete es in die Blechschachtel: Wenn die Sonne weg ist, kann ich immer noch den Einzelheiten nachgehen. Das geheimnisvolle Schottenhaus beschloß der neue Besenrodaer Einwohner zuerst aufzusuchen und traf sogleich die nötige Vorbereitung: Herr Kortüm machte gar nicht den Eindruck, als ob er die Tasse für dreißig Pfennige verkaufte. Womöglich sagt sein Oberkellner zu mir: Das Kaffeegedeck mit Musik eine Mark – herrlich strahlte da drüben der Schottenhügel im Herbstgoldgrün. Klaus folgerte aus diesem Anblick, daß es gut sei, eine weitere Mark aus der Blechbüchse in die Freiheit zu lassen, nahm den Hut und ging. Hinter den letzten Häusern von Besenroda steigt der Weg scharf an. Am Friedhof macht er eine Biegung. Von Schritt zu Schritt wird er schlechter, zieht sich eine Weile eben auf der Höhe des Hügelrückens hin und wird zuletzt nochmals steil und rauh wie ein Flußbett. Als Klaus unter die ersten Bäume des beginnenden Hochwaldes trat, nahm er den Hut ab und wischte die Stirne: der Hügel sah von Besenroda unten so harmlos aus. Aber er erblickte jetzt wenigstens zwischen zwei noch höheren Hügeln das Schottenhaus und begriff, warum dieses Gebäude vom Tal aus nicht sichtbar ist. Besenroda liegt eingeklemmt zwischen dem dicken Kolmberg im Süden und dem Schottenhügel im Norden. Der weise Erbauer des Schottenhauses hat der Versuchung dieses Hügels widerstanden: er hat sein Haus nicht schloßartig an den steilen Abhang des Schottenhügels gesetzt, sondern weit zurückgerückt, bis an den Rand des Hochwaldes. So liegt denn dieses Anwesen in völliger Einsamkeit. Das bewohnte Tal in der Tiefe ist nicht zu sehen. Vom Hause senkt sich sanft eine strahlend sonnige Bergwiese bis an den Abfall des Schottenhügels. Der Hochwald wächst an die Flanken des Hauses heran. Hochwald umrahmt auch die Bergwiese, nur der Ausblick in der Mitte ist abgeholzt: gerade dem einsamen Haus gegenüber wölbt sich mächtig der blaugrüne Kolmberg. Die Besenröder Straße führt also in ein Kloster, dachte Klaus. Über dem Anschauen dieses stillen Geländes hatte er nicht gemerkt, daß er von der schlechten Fahrstraße in einen Seitenpfad abgebogen war, um an die Tür des Schottenhauses zu gelangen: die große Straße ging aber weiter, am Hause vorbei, irgendwohin nach Norden. Der Schulmeister trat ins Haus und blickte in eine kleine Gaststube links vom Eingang. Sie war leer. Er öffnete die Tür zur Rechten: ein 19 überraschend großer Saal mit Kamin, Balkendecke, holzgetäfelten Wänden und Geweihen. Der Raum ging durch die ganze Tiefe des Hauses und hatte zwei riesige Fenster: das eine nach Süden mit der Aussicht auf den Kolmberg, das andere nach Norden – kein Mensch im Saal. Dort war noch ein Gelaß, ein schmaler Balkongang mit Tischen und Stühlen – niemand zu sehen. Nun guckte der Schulmeister in den Ausschank – auch kein lebendes Wesen drin. Klaus Schart hustete. Er rückte einen Stuhl. Er ließ seinen Stock fallen. Nichts regte sich im Hause. »Einen Kaffee bitte!« – Totenstille. Na, irgendwann muß jemand zum Vorschein kommen, dachte Klaus und setzte sich an das große Nordfenster, um auch die rückwärtige Umgebung des Schottenhauses kennenzulernen. – »Die Besenröder Straße ist gar keine Sackgasse!« rief er plötzlich. »Da läuft meine Straße weiter, am Waldrand lang, und dort geht sie in ein anderes Tal hinunter. Dieses Schottenhaus ist also ein Paßhaus!« Der Erbauer hat gewußt, was er wollte – welch ein Gelände! Hügel folgt auf Waldhügel, immer ferner und blasser, bis hinaus in die unabsehbare Goldene Aue. Wie eine sacht abfallende Wiese auf der Seite nach dem Kolmberg sich gegen Süden senkt, so umfaßt der Hochwald auch hier, nach Norden hin, halbkreisförmig ein Stück Grasland, und auch am Ende dieser Wiese war der Wald in der Mitte niedergeschlagen, um die Aussicht freizugeben. Zwischen den Hügeln zunächst unter dem Wiesensaum leuchteten tief im Tal ein paar Häuserreihen von Esperstedt. Die wellige Wilderde dieser Nordwiese mußte vor nicht langer Zeit noch Hochwald gewesen sein: Baumstümpfe ragten aus Farnkräutern und trieben wilde Schossen. Der kleine Teich, in den ein Wässerchen rieselte, hatte sich noch nicht an den offenen Himmel über ihm gewöhnt. Er glänzte wie ein blindes Auge. In seiner sumpfigen Ufererde stand verlassen ein Holzfaß mit Wäsche. Klaus war gebannt vom Anblick der eben gebrochenen Wildheit dieser Natur und von der Kühnheit zugleich, die ein so stattliches Haus in den weltverlorenen Waldsattel gebaut hatte. Aber die Einöde dieses Passes mußte wohl nur die Ungunst einer besonderen Stunde gewesen sein, denn plötzlich belebte sich vor den erstaunten Augen des fremden Schulmeisters die eben noch leere Waldbühne. Entfernte Rufe klangen näher. Nun Geschrei – ein Trupp 20 Männer kam mit Äxten und Spaten gelaufen. Leute mit Schubkarren erschienen, Frauen mit Körben und Eimern. Sie redeten durcheinander, schimpften, lachten und schütteten schließlich den Inhalt der Körbe auf einen ansehnlichen Unratberg, der sich vor der schönsten Aussicht am Nordabfall der Waldblöße erhob – über mannshoch schon: Scherben, alte Blechtöpfe, Küchenabfall. Klaus schüttelte den Kopf: genau in der Mitte der wundervollen Aussicht ein solcher Schandfleck! Die Leute schaufelten, schlugen Pflöcke ein, brachten noch mehr Körbe mit Scherben. Da kam auch der Anführer mit einer langen Meßlatte. Wohl der Förster. Der Mann sprach etwas, und es gab einen kleinen Auflauf mit Geschrei und Hallo und erneutem Klirren. Aber der grüne Mann erkletterte mühsam einen Baumstumpf und donnerte jetzt Kommandoworte über die Waldwiese. Wie spricht denn der? dachte Klaus und sah genau hin. »Nein doch!« rief er, »das ist ja Herr Kortüm!« Er hätte ihn kaum wiedererkannt. Herr Kortüm trug heute ein giftgrünes Jägergewand, hatte Ledergamaschen an den Beinen und ein ganz verwegenes Hütchen mit spitzer Feder auf dem Kopf. Es mußte sich da draußen offenbar um wichtige und eilige Dinge handeln. Mächtig fuhren Herrn Kortüms hamburgisch scharfe Befehle in die kleine gemütlich schimpfende Volksmasse zu seinen Füßen, die noch eine Weile weiterquirlte. Dann fuhren Männlein und Weiblein auseinander, dahin und dorthin über die Wiese – und in einem Nu war die emsige Bande von der Bildfläche verschwunden: nur Herr Kortüm stand wie ein Denkmal auf seinem Feldherrnstumpf in der Mitte der Landschaft, stützte seinen massigen Körper auf die gefährlich federnde Meßlatte und machte mit der freien Hand weitausladende Rednergesten. Der spricht ja immer noch. Zu wem denn aber? dachte Klaus. Niemand war zu sehen als Herr Kortüm, achthundert Meter über dem Meere und seelenallein vor der Unendlichkeit der Goldenen Aue im blauen Hintergrunde Thüringens. Klaus Schart war längst aufgestanden und starrte gefesselt auf das Schauspiel. Jetzt setzte er sich schnell und rückte mit seinem Stuhl hinter die Gardine, denn Herr Kortüm begann mühsam herabzusteigen von seinem Baumstumpf. Herr Kortüm kam auf das Haus zu. Die Meßlatte trug er unterm Arm wie einen Spieß. Da kommt der letzte von den Sieben Schwaben, dachte Klaus kopfschüttelnd. 21 Als aber Herr Kortüm, der Wirt, den Geweihsaal betrat, erhob sich Klaus Schart, der Gast, und ging ihm bescheiden entgegen, denn Herr Kortüm machte in seinem Jagdherrnkleide einen ritterlichen Eindruck. »Schart ist mein Name, Klaus –« »Schart. Klaus Schart?« Herr Kortüm sah dem Schulmeister punktgenau ins Schwarze der Augen. »Irre ich mich? Wir haben da mehrere Scharts bei uns. In der Mönckebergstraße. Ja? Die Chile-Scharts?« »O nein«, sagte der Schulmeister und wurde noch kleiner, als er von Mönckeberg und Chile hörte, »ich bin bloß der neue Lehrer von Besenroda.« Herr Kortüm hob den Kopf, legte ihn weit zurück, schob die Unterlippe vor und kratzte sich in den weißen Bartstoppeln. »Na, setzen Sie sich, Herr Schart.« Eine ziemlich lange Weile blickte Herr Kortüm hinaus in das schimmernde Thüringer Land, warf dann einen befriedigten Blick auf Klaus und wies mit einer Handbewegung in das Gelände hinaus, etwa wie: Sehen Sie sich trotzdem meinen Ausblick ruhig an, junger Mann. Beklommen sah Klaus in den zur Verfügung gestellten Blick. Er war eben noch glücklich gewesen über die Unendlichkeit seiner Heimat. Chile, Salzwasser, Meeresdünung – nun schien alles so klein draußen. Spielzeughaft lagen die kümmerlichen Esperstedter Häuschen in dem tannverwachsenen Tälchen, und die breiten Bergrücken hatten nicht einmal einen richtigen Gipfel mit Zacken dran. »Thüringer sind Sie also. Nein, nein, entschuldigen Sie sich nicht. Thüringen. Geschichtliches Land. Ah« – Herr Kortüm zeigte hinaus – »wie gerne es frische Luft holen möchte. Jaja. Geschichte macht asthmatisch. Da liegt's nun. Nett. Sehn Sie, das ist dieses Esperstedt. Porzellan. Und auf der anderen Seite drüben Besenroda. Papierstoff und etwas Quecksilber. Nachttöpfe auf der einen, Masken und Thermometer auf der anderen Seite. Jawohl. Und ich – hier oben.« Plötzlich schlug Herr Kortüm mit der Faust auf den Tisch: »Nachtgeschirre und Masken! Kommen Sie mal mehr hier rum. So. Jetzt sehn Sie da scharf rechts hin. Erkennen Sie diese Straße, Herr? Ja? Nein, Mann, Sie erkennen sie nicht! Stehn Sie auf!« Herr Kortüm stand auch auf: »Das ist die Via alta. Auf dieser Straße ist von Süd zu Nord Herr Wolfram von Eschenbach geritten, hier an meinem Haus vorbei! Mit dem Parzifalmanuskript in der Rocktasche! Und von Nord zu Süd, wie? Da ritt ein paar Jahre danach 22 Herr Wolfgang von Goethe, mit dem vierten Akt der Iphigenie vor sich auf dem Sattelknopf! Haben Sie mich verstanden? Versteht mich hier überhaupt noch jemand?! Ja?? Na, dann gucken Sie doch mal gelegentlich durch das Südfenster. Da links unter der alleinstehenden Tanne sehen Sie ein Holzdach. Und unter diesem Holzdach wurde der vierte Iphigenienakt geschrieben an einem einzigen Tag. Vielleicht dämmert allmählich in Ihnen, wo Sie sich bei mir befinden.« Herr Kortüm sah über den geduckten und in Grund und Boden gesprochenen Schulmeister weg in die alten Ahorne am Waldrand. Da und dort schaukelte schon ein gelbes Blatt im Winde. Er nahm wieder Platz: »Setzen Sie sich, Herr Schart« – und zeigte auf den Esperstedter Kirchturm, dessen Spitze über die Tannen im Tal guckte, leckte den Zeigefinger an und malte mit Spucke einen Kreis aufs Glasfenster um diesen Turm herum: »Nachttopfhorizont. Aber was wollen Sie – rund ist der kleinste Kreis, so gut wie der größte. Also ist er ebenso endlos wie der größte. Wie eine Sonnenbahn« – Herr Kortüm machte eine ungeheure Armbewegung – »da kann unsereiner schwer quer durch.« Klaus sah ratlos auf diesen Mann mit dem weißhaarigen Kopf, auf dem immer noch während dieser Reden das aberwitzige grüne Hütchen saß. Aber Herr Kortüm schloß die Augen halb und nickte befriedigt: »So. Wir können nun immer anfangen.« »Womit?« stammelte Klaus. »Mit Kaffeetrinken. Ich habe einen trockenen Hals bekommen. Die Leute hören hier alle schwer. Man muß sie anbrüllen. Wir werden jetzt trinken. Die Herren kommen ja erst halb fünf.« »Was denn für Herren?« Herr Kortüm war schon unterwegs zur Tür und wandte sich jetzt um: »Ah, Sie kommen bloß so für sich hier rauf? Ich habe gedacht, Sie gehörten dazu?« »Wozu?« »Zu unserer Freitagsgesellschaft. Am Freitag finden sich hier eine Anzahl Leute, die, na – die in meiner Umgebung wohnen. Manchmal mein Freund Monich. Aus Besenroda. Und dann ein gewisser Kuffert. Porzellan. Aus Esperstedt. Macht die billigeren Sachen, wissen Sie? Ja, und dann Herr Mickewitz, der Esperstedter Apotheker. Aber Sie werden ja sehen. Ich muß jetzt Kaffee machen. Mein Personal ist noch im Wald. Beim Bau an meinem Berg.« An seinem Berg? – Klaus hatte sich wohl verhört. 23 Kaum war Herr Kortüm hinaus, kam schon der erste Gast. Nein, ein Holzhacker, sagte sich der Schulmeister. Der gehört wahrscheinlich nicht zur Freitagsgesellschaft. Herr Kortüm kochte lange Kaffee. Der Waldarbeiter hatte sich an eine Tischecke bei der Tür gesetzt, und seit er reglos auf seinem Stuhl hockte, war es noch stiller und leerer in dem Riesenraum geworden. Klaus musterte den Mann verstohlen: das ist kein Holzhacker – ein Mann in den Sechzigern, ungeschnittene Haare, hinter der altmodischen Brille verkniffene Augen, die unbewegt gradaus dösten – der Mann schlief überhaupt mit offenen Augen. Wie das Wild, dachte Klaus. Endlich kam Herr Kortüm mit dem Kaffee. »Na?« sagte er zu dem Mann an der Tür, »wollen Sie anfangen? Also die ganze Quellrinne ausräumen und mit Kies ausstampfen. Bis zum Teich. Kaffee steht in der Küche. Brot auch.« Der Mann holte sich sein Nachmittagsbrot. »Wer ist das?« fragte Klaus. »Den Evangelisten nennen ihn die Leute. Bilmes heißt er. Nehmen Sie Zucker?« Ein wenig benommen rührte Klaus in seiner Tasse. Aber es wurde im Hause lebendig. In der Küche klapperten Teller. Gott sei Dank, dachte der Schulmeister, es wohnen hier ja wohl auch richtige Menschen.   Der Scherbenberg Die Gäste kamen. Schart nannte ihnen seinen Namen und verbeugte sich höflich. »Mickewitz«, antwortete ein spitzbärtiger kleiner Herr, der ihn aus schlitzschmalen Äuglein anlugte. »Kuffert heiß' ich!« schrie der andre und sah gar nicht nach ihm hin. Mit Herrn Kortüm ging bei dem Eintritt der neuen Gäste eine Veränderung vor sich. Er mäßigte nicht nur die Knappheit seiner Hamburger Sprache: Herr Kortüm ging plötzlich wieder mühsam und drückte das Kinn an die Brust, wie vorgestern, als er mit der Krumentüte auf seinen Privatfriedhof gewandert war. »Mensch, Kortüm, sehn Sie aber heute grün aus. Sie wollen wohl auf die Jagd?« Am Anfang sah Herr Kortüm noch gelegentlich von der Seite zu Klaus hin und zwinkerte mit den Augen, wenn Kuffert sprach: Hören Sie auch diesen Kerl? 24 »Nur für meine verehrten Gäste bin ich tätig«, antwortete er. »Gäste? Mann, Sie haben je gar keine.« »Hehe«, fügte der Apotheker freundlich hinzu und wischte mit der flachen Hand über den Tisch, als ob er dem in diesem Kreise noch fremden Schulmeister erläutern wollte: auch nicht einen. Herr Kortüm war zusammengezuckt: »Oh, verehrter Herr Kuffert, Sie werden sich wundern, wie die Gäste im nächsten Frühjahr ankommen. In Scharen. Nichts wird sie abhalten: nicht die Niedertracht der Gemeinde, welche die Wegweiser zu mir entfernte, nicht die Gewissenlosigkeit der Straßenverwaltung –« »Je, wenn Sie das so genau wissen, was schrein Sie'n da im ganzen Lande rum, Sie hätten keine Straße un deshalb kämen keine Gäste hier raus?« »Hehe« – Herr Mickewitz nahm einen kleinen Bissen von seinem mitgebrachten Butterbrot: »Ist denn Ihre Eingabe wegen des Straßenbaues genehmigt?« Jetzt aber lächelte Herr Kortüm überlegen und geheimnisvoll. Er zog die Augenbrauen hoch und sprach wieder so hamburgisch, daß die Thüringer um ihn gereizte Gesichter machten: »Ich weiß, wie schlechte Straßen, Gemeinheiten und Gemeindeumtriebe überwunden werden. Die kleinen Leute da unten können tun, was sie wollen; ich, Kortüm, werde dieses Land für die erholungsbedürftige Menschheit doch noch urbar machen. Und zwar werde ich als erstes –« »Ruhe! Kortüm macht wieder mal was erstes!« »Als erstes werde ich für die Fremden ein Teehäuschen errichten. Ein Häuschen, meine Herren, welches eine umfassende Aussicht bietet –« »Das machen Sie mal! Das laß ich mir gefallen. Ihr jetziges Häuschen hat nämlich bloß ein Herze in die Türe gesägt. Da is von Aussicht keine Rede.« »Eine Aussicht, die hinüberreicht bis zum Ettersberg –« »Ei, Verehrter, da werden Sie manchen Baum in Richtung Nordost schlagen müssen.« »Und zu diesem Zweck, meine verehrten Herren« – Herr Kortüm machte eine Pause, es wurde still, die Tafelrunde sah ihn erwartungsvoll an – »Zu diesem Zweck – schaffe ich soeben einen künstlichen Berg. Aus Scherben und allerlei sonstigen Abfällen.« Kuffert brach in dröhnendes Gelächter aus. Dem Apotheker war ein 25 Schluck Kaffee in die falsche Kehle geraten. Sogar Bilmes hinten an der Türe strich mehrmals über seinen Bart. Aber Herr Kortüm sprach laut, um das Gelächter zu übertönen. »Sehen Sie den Ahorn, meine Herren?« »Der baut einen Berg!« rief Kuffert. »Nein, Herr Apotheker, den zweiten Ahorn. Ja, den. Der Hügel daneben ist der Anfang.« »Na, mein lieber Bergbaumeister.« Kuffert klopfte Herrn Kortüm auf die Schulter. »Liese, bring mir mal 'en Schnaps.« »Alle Scherben und Abfälle des Hauses, meine Herren –« »Alle Abfälle des Hauses! Nee, Kortüm!« »– lasse ich dort aufhäufen, und sobald der Scherbenberg drei Meter hoch ist, beginnt der Bau des Pavillons.« Herr Kortüm zog aus der Tasche eine Zeichnung und gab sie Klaus: »Sie haben künstlerisches Verständnis, Herr Schart. An milden Sommerabenden sitzen dann die Fremden –« »Auf Ihren Abfällen!« »– in dem von einer bunten Papierlaterne gedämpft erleuchteten Häuschen, und ihr Blick kann ungehindert schweifen vom Inselbergmassiv bis hin zum Ettersberg.« »Also Apotheker, nu rührn Sie nich immer in Ihrem Kaffee. Jetzt sagen Sie auch mal 'n Wort. Einen Bergbaumeister hat's je noch nich gegeben. Kortüm is der erste. Aber alles was sein kann – die Fremden erst herlocken, dann auf Scherben setzen –« Kortüms Stimme zitterte: »Ein Porzellanfabrikant hat keinen Sinn für ideale Bestrebungen.« »Nee, Kortüm. Aber der hat Porzellangegenstände zu verkaufen – im Dutzend billiger – die von Natur bestimmt sind, die Abkömmlichkeiten des Hauses –« »Schweigen Sie!« schrie Herr Kortüm. Klaus legte die Hand auf Kufferts Arm. Aber der sprach mit brutaler Ruhe: »Halt. Sind Sie Gast un ich der Wirt, oder bin ich hier oben der Gast un bezahle?« »Mir auch noch einen«, rief Klaus dazwischen und hielt sein Schnapsglas hin. Eigentlich trank Klaus nie Schnaps, aber jetzt behauptete er, das Kirschwasser sei ausgezeichnet. »Nun, wir verstehen einen Spaß, nicht wahr?« sagte Mickewitz, der für das Kirschwasser dankte. Er kannte es: Herr Kortüm bezog es vom Apotheker in Esperstedt. Klaus fing schnell an, den Verlauf des 26 Schützenfestes in Schmiedefeld zu erzählen. Er war zwar nicht dort gewesen, aber ihm fiel in der Eile nichts anderes ein. Das Gespräch kam in ruhige Bahnen. Herr Kortüm saß still und sah vor sich hin. Als Kuffert meinte: »Apotheker, 's wird dunkel. Kommen Sie mit?« erhob sich auch der Schulmeister. »Ich wollte Sie nur noch was fragen«, sagte Herr Kortüm zu Klaus. »Haben Sie eine Minute Zeit?« »Na, auf Wiedersehn, Kortüm. Das war heute wirklich 'n fröhlicher Nachmittag«, rief Kuffert. Herr Kortüm brachte seine Gäste vor die Tür. Die lachenden Stimmen entfernten sich. Im Hause war es totenstill. »Er wollte mich doch etwas fragen«, murmelte Klaus. Draußen sanken tiefe Schatten auf das Land. Im halbhellen Himmel stand schon der Mond. Klaus wartete noch eine Weile. Dann ging er, ohne bezahlen zu können. Er trat auf den Vorplatz und sah am Haus hoch. Alle Fenster waren dunkel. Der neue Lehrer ging ein paar Schritte in die Wiese hinein. Vor ihm wölbte sich schwarz der runde Berg in den eisblauen Himmel. Das Tal, in dem sein Tisch und sein Bett standen, konnte er von hier oben nicht sehen. Für Menschenaugen war das Schottenhaus allein in der Welt. Der Wald war eine schwarze Wand geworden. In dem Schatten unter der großen Tanne bewegte sich jemand – ist das Herr Kortüm? Der Mann kam auf ihn zu, nein, Herr Kortüm konnte das nicht sein. Spaten und Hacke trug er über der Schulter, hinkte – da fiel das volle Mondlicht über ihn: der Evangelist! Bilmes lugte nach Klausens Gesicht, leckte seine Unterlippe: »Sind Sie auch noch da?« »So spät fertig mit der Arbeit? Jetzt geht's nach Hause.« »Nach Hause? Da kann der Mensch lange laufen. Die Füchse haben Höhlen.« »Na, Herr Bilmes –« »Aber wir, wir haben nischt.« Eben wurde im ersten Stock des Schottenhauses ein Fenster hell; Bilmes sah hinauf und nickte: »Gar nischt. 's sieht ganz schöne aus, nich? Hä. Ein Haus un keine Straße dazu is noch schlimmer als eine Straße un kein Haus daneben. Gute Nacht auch.« Langsam ging er, Schritt für Schritt, zum Wald hinauf. Klaus sah ihm nach, bis er verschwunden war. 27   Lederne Bälge Bettelarme Menschen müssen manchmal lachende Gesichter machen – in Besenroda unten ja bloß aus Papier und Farbe. Immerhin: tagaus, tagein mit Masken zu tun haben, nur und nur Masken – leicht werden da Larven zu Alben und knabbern ihren Mächern das Menschliche ab, bis auf die nackte Maske. Nein, lachende Gesichter machen müssen – das ist kein leichter Beruf. Aber einen Beruf gibt es, der ist noch schwerer. Gott sei Dank ist das ein seltener Beruf, der den Auserlesenen vorbehalten bleibt, dieser Beruf nämlich: Luft machen müssen für andere Leute. Wenzel war der Name des Luftmachers zu Weimar. Wenzel war Bälgetreter. Wenzel drückte von Amts wegen Luft in die Orgelpfeifen, denn nur die ganz großen Orgeln an der Ilm konnten ohne Wenzel Musik machen. Nur in den wirklich modernen Pfeifwerken stak ein kleiner eiserner Schuft, rund wie ein Igel, der bloß einen Fußtritt bekam, um sofort die unglaublichsten Luftmassen von sich zu geben. Als Wenzel vorm Jahr diesen seinen Amtsbruder zum ersten Male gesehen hatte, war er sehr traurig geworden. Der eiserne Schweinigel stank ein wenig nach Öl und brauchte laut beigegebener Gebrauchsanweisung fast keine Wartung. Er, Wenzel, roch weder nach Öl, noch kam er ohne Wartung aus. Diese Wartung! Ja, es ist der Menschheit nicht zu verdenken, wenn sie sich allmählich abschafft und dafür Schweinigel aus Stahl einführt, die keinerlei Wartung bedürfen. Dann kann sie Tag und Nacht Orgel spielen zum Lobpreis des Allmächtigen, braucht keine Pause zu machen und nicht einmal Lohn zu zahlen nach dem letzten Fortissimogloria. Nun, alle Orgeln waren noch nicht auf der Höhe unserer Zeit. Die Orgel der Friedhofskapelle zum Beispiel bedurfte noch der von Menschenhand gemachten Luft. Gleich neben dieser alten schönen Kapellenorgel führte eine kleine Tür in die Bälgekammer. Versteckt hinter der Orgel lag diese Kammer, Uneingeweihten verborgen – wie ja alles wirklich Lebenspendende und Lebenschaffende still in seinem Kämmerlein im Verborgenen wirkt, während die Leute die dicken glänzenden Orgelpfeifen im sogenannten Prospekt bewundern, jene stummen zinnernen Paradepfeifen, die überhaupt nicht wirklich pfeifen können, die nur wie akademische Fragen zum Ansehen im Leben herumstehen. Das Gebläse der Kapellenorgel war veraltet, unverwüstlich und praktisch. An der hölzernen Wand der Kammer, welche eigentlich nur die 28 Rückwand der Orgel war, führte eine senkrechte Leiter zu zwei links und rechts von ihr in Führungen laufenden Bügeln. Wenn sich Wenzel in den einen Bügel stellte, mußte er die spiegelglatt polierten Handstangen anfassen und festhalten, denn sein eigenes Körpergewicht drückte den Bügel bis auf den Fußboden hinunter, wo ein Sandsack den Anstoß dämpfte: Wenzel fuhr in die Tiefe und bewegte damit das Hebelwerk, welches den Blasebalg in Gang brachte und den Luftkasten mit Odem füllte. Vorne saß der Orgelspieler und ließ die Luft musizierend zu den Pfeifen heraus. Hinten stieg Wenzel an der Wand hoch, fuhr abwechselnd links und rechts in die Tiefe und füllte wieder nach. Der Meister vorm Notenpapier, der Spieler auf der Orgelbank samt Chor und Pastor und Gemeinde – die können tun, was sie wollen: verläßt sie Wenzel, der Bälgetreter, im entscheidenden Augenblick, so hört ohne Gnade Musik wie Andacht mit einem kläglich gurgelnden Laut auf, und es ist aus. Darum lächeln Bälgetreter nur, wenn der Meister der Töne vor den Pfeifen gefeiert wird, aber des Meisters der Luft hinter den Pfeifen niemand gedenkt. Wenn sich der hölzerne Riesenleib der Orgel zu regen beginnt in seinem Innern, wenn die Musik aus ihm herausdröhnt, so hört nur Wenzel, der Bälgetreter, wie die Orgel dabei stöhnt und ächzt, wie die alten Hölzer schleifen und klappen, wie dieser Leib zittert, wie tief er Atem holt, wie furchtbar er Luft schlürfen muß, um ein paar zerfahrene Menschen für eine Weile in Ordnung zu bringen. In der Friedhofskapelle war der Dienst im allgemeinen ruhig und ordentlich, besonders wenn der alte Kantor Heim die Orgel spielte. Da stand vorne der Sarg mit den Kranzspenden drauf. Zu Beginn kam erst Orgelspiel, im Winter meistens kürzer, denn die Kapelle war nicht geheizt. Zu diesem Vorspiel wurde sehr wenig Luft benötigt. Stimmungshalber ging die Sache in Aeolina oder Vox angelica los und stieg selten über Violoncello . Dann redete der Pastor, und wenn's eine große Leiche war, kamen noch der Kriegerverein, der Sängerbund, die geselligen Vereine zu Worte – jedenfalls ließ sich genau übersehen, ob Wenzel in der Pause frühstücken konnte oder nicht. Näherten sich die Ansprachen ihrem Ende, so zog der alte Heim die Klingel. Wenzel stieg dann gemächlich die Leiter hinauf, rutschte links runter, stieg abermals, rutschte rechts runter und beobachtete den musikalischen Luftverbrauch. Der alte Heim spielte gut. Die Bügel stiegen langsam wie die gute Zeit in die Höhe. 29 Aber leider spielte die Kapellenorgel abwechselnd mit dem Kantor Heim der neue Organist, dieser Wingen. Der Dichter. Auf den war gar kein Verlaß. Sein Luftverbrauch war nie vorauszusehen. Eben noch trudelte das so schön hin. Gemütlich blies Wenzel die Luft in die Trauerfeier: da urplötzlich fing der Kerl an und zog, woran ein Mensch auf einer Orgelbank überhaupt nur ziehen kann – Akkordion, Posaunen, das gesamte Manual und Pedal geriet in Aufruhr. Und natürlich immer mit dem großen Crescendozug und allen Koppeln – das ganze Pfeifwerk wütete! Wenzel erstieg seine Leiter immer hurtiger und mußte sich immer ungebremster hinunterplumpsen lassen. Zuletzt kletterte Wenzel wie ein Affe senkrecht an der Wand hoch und fuhr wie ein Blitz in die Tiefe: »Eine Trauerorgel nennt der verfluchtige Kerl das!!« Es war gut, daß mit der ungeheuren Zunahme des Luftverbrauchs auch die Tongewalt in der Kapelle ins Ungeheure wuchs, sonst hätte die Trauerversammlung schändliche Sprüche vernommen, die eines Bälgetreters unwürdig sind. »Hörn Sie« – Wenzel setzte sich nach dem Abzug der Gäste erschöpft auf die kleine Holztreppe vor der Bälgekammertür – »hörn Sie, Herr Organist un Herr Dichter – wenn einer so lange Luft in seinem Leben gemacht hat wie iche, verträgt'r je was – aber Ihre Musike, nee, man denkt, verdammig, die Orgel schluckt die ganze Kirchenluft in sich 'nein.« Wenzel wischte den Schweiß von der Stirne. »Passen Sie nur auf, Sie orgeln noch mal die Kirche luftleer.« »Wenzel, das kommt so über mich manchmal. Mich packt was, und dann schüttelt's mich, und ich kann mir nicht mehr helfen.« »Nu, an der Orgel geht so was aber nich. Sie können doch dichten! Dichten Sie's doch aufs Papier. Da schad's doch keinem was. Aber wenn Sie's orgeln, müssen Sie doch bedenken, daß hinten einer is, der Ihnen die Luft dazu machen muß!« Hm – Wingen ging auf dem Orgelpodest hin und her – hat er nicht recht? Ich habe bloß die Eingebung, aber der da pumpt sie voll Luft, daß sie heraus kann in die Welt. Nein, mehr noch: der schweißtriefende Kerl dort macht überhaupt erst Wirklichkeit aus ihr. »Wenzel, so unrecht haben Sie eigentlich gar nicht.« »Hä«, sagte Wenzel überheblich und nahm eine Prise. Der Organist ging immer schneller auf und ab. Die dünnen Bretter des Podestes knarrten und dröhnten. Wenzel sah ihn von unten herauf an. Dann nieste er und sagte nach einer Weile: »Prost, mein lieber Wenzel. Zur Gesundheit.« 30 Aber Wingen merkte den Vorwurf gar nicht. Der ging wie ein Wachtsoldat auf und ab und dachte, was er auf seiner Bank vor der Orgel denn ohne Wenzel wäre – was denn? Ein Zappelmann, an dem schwarze Notenköpfe zerren, weiter gar nichts. Man muß das erlebt haben, um sein Nichts vor dem Manual dort zu begreifen, wenn ein Balg, ein leerer lederner Balg das einem beibringen will. Da sitze ich, Herr einer unermeßlichen Töneschar, und habe Gewalt über die Seelen der Menschen – dieser wunderbare Gedanke reißt mich fort. Ich spiele, drücke Tasten, Pedale, ziehe Register; die Mauern weichen, verdunsten, der blanke Himmel steht über der Orgelbank, Wolken ziehn über sie hin, da ein Schwälblein – plötzlich ein Röcheln, ein Pfeifenverschluß klappt, noch ein Holzklapp, und unerbittlich spannt sich ein schlechtbemalter gotischer Bogen über meinen Kopf – es ist aus. Aus? denkt der Organist. Er spielt, spielt: dieselben Tasten, dieselben Pedale. Totenstille. Die Tasten klappen nur mit ihrem Filzbelag leise auf Holz – »Ja, lieber Wenzel, was wäre das Leben ohne den ledernen Balg!« »Nu, nich gleich 's ganze Leben.« »Doch Wenzel, das Leben ist eigentlich gar nicht wahr!« »Hähähä.« »Irgendein Fußtritt in die Lederbälge macht's erst wahr für eine kleine Weile!« »So is es recht. Sehn Sie? Schrein Sie nur, un dichten Sie's raus aus sich. Aber nu denken Sie mal, wenn Sie jetzt noch auf der Orgelbank säßen un ich müßte die Luft machen, die zu so 'ner Aufregung nötig is!«   Dichten und Trachten Wingen bewohnte ein paar Zimmer in dem Haus bei der Ilmbrücke am Park. Neben einer richtigen weimarischen Wohnstube mit den Möbeln von achtzehnhundertvierzig besaß er noch ein besonderes Zimmer. Das kannten wenige Menschen. An einer Wand standen auf langen Brettern seine Bücher, die andere war benagelt mit allerlei Bild- und Schriftzeug. Da hing die graphische Darstellung eines Schauspiels, an dem er arbeitete. Die Zeichnung sah aus wie ein Wasserstrahl, der sich aus vielen emporstrebenden Einzelstrahlen zusammensetzt, bis zum vierten Akt stetig ansteigt und dann plötzlich steil ins 31 Nichts abstürzt. »Solche Aktschlüsse gehn nicht«, stand groß mit Blaustift danebengeschrieben. So kann das Stück nicht anfhören, sagte Wingen jede Nacht zu dieser Zeichnung. Das Nichts ist doch kein Ende. Wie komme ich da wieder nach oben? Im Hamlet stürzt der goldene Strahl jäh in die Unendlichkeit hinunter – und erscheint nicht im Hamlet genau auf diesem Sturzpunkt ein Mann, den es im Stück gar nicht gibt? Also ein Ding aus Pappe und Goldpapier? Hinter dem gehn andre Goldpapiermänner her, die's auch nicht gibt. Trotzdem schlagen sie an ihre Schwerter, daß es rasselt, ein paar blasen auf Trompeten und trommeln, und die Larve Fortinbras macht jeder Anatomie hohnsprechend ihren Mund auf und sagt – sagt tatsächlich: Er ist tot. Aber wenn er nicht tot wäre, wenn – dann hätte er sich unfehlbar höchst königlich bewährt. Auch damit nicht genug: Laßt Feldmusik und alle Kriegsgebräuche laut für ihn sprechen, fährt der nicht vorhandene Edle fort. Ein Trauermarsch ertönt und – weiß Gott: nun schießen auch noch Kanonen. Wingen seufzte: Ja, nun können die Leute Beifall klatschen . . . Nebenan schlug die Uhr. Wingen erschrak. Konstanze mußte gleich kommen. Die Rücksprache mit dem Bälgetreter hatte Zeit verschlungen. Ohne erst Hut und Mantel abzulegen, machte sich Wingen an seine Wirtspflichten. Zunächst goß er Spiritus in den Teekocher. Es eilte, und Wingen goß zu heftig. Er suchte nach seinem Taschentuch, das Glück war ihm auch hold, und er fing an zu wischen. Die Teemaschine kam in Ordnung. Aber schon türmte sich die zweite Sorge vor dem Dichter auf: das Taschentuch roch nach Brennspiritus – womit konnte er nun bei der gebotenen Eile die Tassen auswischen? Wingen sah scharf in das Innere der zerbrechlichen chinesischen Gefäße. Vielleicht ging's auch so. Überhaupt – Konstanze würde es gar nicht merken. Nur das mitgebrachte Obst war noch in die Schale zu legen. Konstanze liebte Obst. Aber die Schale war nirgends zu sehen. Wingen legte die samtmatten Reinetten auf einen Papierbogen. Da standen die Worte: »Die Eibe ist ein eigen Holz, Scharf giftig wie ein gelber Molch: Rasch reisen in Betten aus Eibenbrett Die Meister hinunter –« Nein: scharf giftig wie ein gieriges – nein: – 32 Wingen nahm einen Stift und fing an zu schreiben. So fand ihn Konstanze: in Hut und Mantel saß er an seinem Schreibtisch, den linken Arm um die Äpfel gelegt, damit sie nicht wegrollten. »Orgelmann!« Konstanze lachte. Wingen aber stak tief in seiner Schreiberei. »Höre genau zu, Konstanze. Scharf giftig wie ein gelber – sauschlecht ist das. Ich muß das Gi auch in die zweite Hebung kriegen. Scharf giftig und gierig. Noch dümmer. Das Gi, Konstanze! Das Gi!!« Zuerst lachte die Schauspielerin noch. Dann probierte sie mit halber Bühnenstimme den Vokalklang. »So hört man's doch nicht. Laut! Paß auf. Ich sage jetzt das ganze Sargmacherlied: Die Eibe ist ein –« »Hör auf, Wingen! Wie du's sagst, klingt's überhaupt nicht. Die Zähne auseinanderreißen und schreien macht's nicht. Vorne im Mund muß das Wort liegen: Die Eibe ist ein –« »Die Eibe ist«, machte Wingen ihre Frauenstimme nach. »Unsinn! Der Sargmacher ist ein Grobsack. So. Die Eibe ist ein –« »Mache dich nicht lächerlich. Du kannst schrein, wie du willst – nicht der Feuerwehrmann in der Kulisse versteht die Gurgelei. Ganz vorn den Ton bilden! So: Die Eibe ist ein –« »Dichte ich oder dichtest du?« Konstanze warf ihren Hut auf den Tisch: »Mir wird's bei dieser Sprecherei einfach schlecht. Jetzt fängst du ein paar Sätze weiter vorn an. Los. Daß man richtig hineinkommt.« Wingen, dröhnend: »Hiho, der Mensch beschimpft am liebsten, was ihn nährt. Hasel – los doch, Konstanze! Jetzt sagt Hasel –« Konstanze: »Dich schimpf' ich nicht.« Wingen, mit Donnerstimme: »Und liefst mir fort?!!« Plötzlich blieb er mit offenem Munde stehen, sah an die Decke und horchte. Ohne Zweifel: da pochte jemand mit einem harten Gegenstand auf seine Dielen. Konstanze starrte auch an die Decke, sie war noch die arme kleine Hasel in Wingens neuem ersten Akt und begriff das Geräusch nicht. Da klopfte es wieder – hart und drohend. In weitem Bogen warf Wingen das Manuskript auf den Tisch. Die Papiere glitten über die Platte, rissen andre Akten mit, und ein Gestöber von Zettelchen, Blättern und Heften wirbelte auf den Fußboden. Konstanze stampfte mit dem Fuß auf: »So zieh doch endlich hier 33 aus! Wie hältst du das bloß aus zwischen den Philistern um dich rum!« Geknickt besah Wingen die trostlose Unordnung seiner Papiere auf dem Fußboden, stieß sie mit dem Fuß vollends durcheinander und seufzte. »Jedes Wort« – Konstanze schüttelte ihn – »jedes Wort versteht das Pack da oben und unten in dieser Streichholzschachtel!« Aber Wingen zog sie an sich heran: »Hat eigentlich die böse Frau da über uns nicht recht?« »Recht, Wingen?« »Recht, Konstanze. Du kamst doch zum Teetrinken.« Er stieß noch einmal in die Papiere, daß sie aufflatterten. »Los, brenn den Docht an! Da ist der Tee. Hier der Rum. Und Äpfel.« Konstanze hatte sich nun völlig in die Wirklichkeit zurückgefunden. Hasel war verschwunden. Ihre Züge entspannten sich. Sie sagte mit träger Stimme: »Wingen, du machst mir Sorge.« Der Dichter schüttete Teeblätter in die Kanne und lachte: »Nun brenne doch schon an.« »Ja, Sorge. Was könntest du schreiben, wenn du endlich den Mut fändest zum Absprung aus dem Tratsch und der Kleinen-Leute-Wirtschaft um dich rum und aus deiner Orgelei und stelltest dich frei in die Welt! Als ein Dichter und Künstler, der du bist.« »Stellen hast du gesagt. Frei in die Welt stellen! Wenn ich tun würde, was du willst, müßtest du sagen: schweben in der Welt. Drin stehen will ich aber! Fest!!« – er trampelte mit den Füßen auf – »wie angewachsen!!« schrie er. Jetzt wurde Konstanze böse: »Und dich an jeden Dreck stoßen und dich über jeden Tropf ärgern« – sie machte ihm sein Trampeln nach – »und an jedem Klatsch klebenbleiben –« Plötzlich hörte sie auf zu trampeln und zu reden: es klopfte wieder. Und diesmal nicht nur oben, sondern auch unten stieß jemand offenbar mit einem Besen gegen seine Decke. Verdutzt lauschten sie. Ja, Herr Rockstroh unten klopfte jetzt auch. Konstanze lachte: »Worauf stehst du, Wingen?« – mit einer Hand zeigte sie nach unten, mit der andern nach oben – »auf der Welt? Das ist sie?« »Meine Welt«, begann Wingen laut, um ihr Lachen zu übertönen. Aber die Geduld sämtlicher Bewohner des Hauses mit den Möbeln von achtzehnhundertvierzig war anscheinend völlig erschöpft: jetzt pochte es im Chore, oben, unten, links – rechts auch noch. »Aber mein Gott, dort wohne ich doch selber!« Wingen hielt sich die Ohren zu. 34 Da ging die Tür auf. Frau Liebsch, die Haushälterin Wingens, erschien auf der Schwelle: »Heute hörn Sie aber auch gar nich. Hier is ein Brief vom Amte.« Wingen riß den Umschlag auf und überflog den Inhalt. »Ist gut, Frau Liebsch. Danke schön.« Die Haushälterin zog sich zurück. »Da, lies mal, Konstanze. Zwei Orte für euer Gastspiel sind gefunden, Kranichstedt und Arnstadt. Wenn wir noch einen dritten finden, geht's los. Das ist wichtig. Ich muß rauskriegen, ob ich das Volk mit meinem Stück erreiche.« »Dein Schauspiel geben wir?« »Ja, der ›Blasebalg‹ wird aufgeführt.« »Darauf freue ich mich. Die Rolle spiel' ich gerne.« »Pst, leise!« Konstanze lachte: »Der menschenfürchtige Dichter!« Wingen setzte sich auf einen Sessel und zog sie auf seine Knie: »Gleich bist du still.« Konstanze war nicht still. Da hielt ihr Wingen den Mund zu: »Mausestill. So. Jetzt hörst du zu. Ich muß unter den Menschen bleiben. Wir sind keine richtigen Menschen. Wir sehn sie zu genau und durch und durch, um noch harmlos dasselbe sein zu können.« Wingen faßte Konstanze fester und sah ihr in die Augen: »Wer Masken macht und wer Masken trägt, der soll um seine Straße besorgt sein, die zu dem Lebendigen führt.« »Darum spielst du wohl auch Orgel in Lohn und Brot?« »Darum, Konstanze: dabei, darunter, mitten drinne!« Konstanze strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn: »Armer Mann.« »Gar nicht arm. Mir gefällt Herr Rockstroh da unter mir. Siehst du ihn denn nicht? Er bricht die welken Blätter von seiner Pelargonie. Da sieht er, wie du ins Haus kommst: ›Natürlich, das Komödiantenmädchen. Eine Schande. Das will 'n Organist sein?‹ Herr Rockstroh nimmt einen Schluck Malzkaffee. Plötzlich schreit's über ihm: ›Gi! Ein Gi! Wo soll ich ein Gi herkriegen?!‹ Ein Gi, denkt er. Ein Gi? Was ist 'n das? Und nun bricht's über ihm los, daß die Perlengehänge seiner Hängelampe zittern: Trampeln, Lachen, Donnerstimmen. Ja, da rennt Herr Rockstroh in die Küche, holt den Besen und klopft. ›Gi? Ihr Theatervolk, Gi?!‹« Konstanze lachte. 35 »Nein, lache nicht. Es geht weiter. Herr Rockstroh hat's gewagt. Er hat geklopft. Nun steht er da und lauscht – Totenstille da oben. Er sieht seinen Besenstiel an und kriegt Angst: ›Herrjeses.‹ Und über uns kauert die arme dicke Frau Müller auf dem Fußboden, den Nußknacker in der Hand – sie hat auch geklopft – hat klopfen müssen, das Gesetz in ihr befahl's. ›Wenn ich'n nu morgen auf der Treppe treffe, lieber Gott, was wird'n da nu?‹« »Was geht dich das alles an, Wingen?« sagte Konstanze und schüttelte widerwillig lächelnd den Kopf. »Was mich der Mensch angeht?!« »Schrei nicht wieder.« »Der lebende Mensch, Konstanze – mich?« »Menschen? In diesem Geisterhaus fängt's ja gleich an zu klopfen, wenn der Geist sich regt.« »Aber nicht der Geist klopft, Konstanze.« »Sondern?« »Der Mensch. Und das ist der Unterschied.« Konstanze seufzte. »Mädchen! Weißt du, was wir jetzt tun? Komm. Steh auf. Wir gehn zu Frau Müller hinauf, klingeln, warten, und wenn sie die Tür aufmacht, fragen wir, ob wir sie wohl mal fünf Minuten sprechen könnten. Du, da erlebst du den Menschen. Paß auf.« »Gott soll mich bewahren« – Konstanze schüttelte sich. »Wingen, das brächtest du fertig?« »Warum denn nicht? Ich habe schon viel angestellt, und lange hinterher habe ich erst gemerkt, daß ich das nur tat, um den Menschen aus seiner Natur handeln zu sehen.« »Na, dann bleibe schon lieber bei deiner Friedhofsorgel. Sonst stecken sie dich eines Tages noch ein.« Wingen lachte: »Über dem Manual hängt ein schräger Spiegel. Wer auf der Orgelbank sitzt, sieht in dem uralten verblakten Stück Glas alles, was unten im Chor vor sich geht.« »Aber verkehrt.« »Spiegelverkehrt. Ja, Konstanze. Deshalb eben will ich jetzt zu Frau Müller oder wenigstens zu Herrn Rockstroh.« »Du bleibst hier – oder, Wingen, bin ich denn kein Mensch?« Sie legte ihre Arme um seinen Hals. Wingen streichelte sie: »Und was für ein Menschenkind du bist, Konstanze. Aber ungefähr so eins wie ich. Wirklich da sind wir eigentlich gar nicht. Wir geben bloß, weil 36 Gott das in seinem unerforschlichen Ratschluß so will, die ewige Gestalt dem, das da ist. Hüten wir uns vor unseresgleichen.« »Also gut: hüte dich vor mir. Laß mich sofort los.« Friedrich Wingen ließ sie aber mit nichten los. Im Gegenteil. Sie hüteten sich gar nicht voreinander.   Die Gäste des Herrn Kortüm Nee, allemal, wenn ich hier rein komme, erschrecke ich vor den beiden Larven an der Wand«, sagte die Frau des Schuldieners und setzte das Mittagessen für Klaus auf den Tisch. »Sie müssen die lachende Maske ansehn, Frau Albrecht.« »Die is je noch grauslicher.« »Die lacht doch!« »Deswegen eben! So ein Ding aus Pappe un dabei bunt, als wenn's lebt, un 's lebt gar nich un lacht doch – nee. Da war Ihr Vorgänger, der hatte sich auch so was in runder un erhabener Arbeit an die Wand gehängt. Bei dem war's aus Gips, un der eine war der alte Goethe. Aber nich bunt. Da wußte man doch gleich, daß er bloß aus Masse war. Haben Sie genug Soße? Sonst rufen Sie nur. Un gesegnete Mahlzeit, Herr Lehrer.« Als Klaus allein war und unter den Deckel der einen Schüssel guckte, seufzte er: Auch runde erhabene Arbeit – Klöße. Natürlich. Ein Thüringer Sonntag ohne Klöße und Musik und Rostbratwürste ist eben nicht denkbar. Er machte sich vorsichtig an die Arbeit. Klaus Schart hatte nicht den Sinn für das Wesen des Bauches. In dieser Welt des ewigen Solls dokumentieren die Bäuche das Haben der Individuen. Der Bauch kann gar nicht anders als individualistisch verstanden werden. Nun – Klaus würde den ganzen Nachmittag wandern, im Walde oben, auf Jägerpfaden, die keine Karte angibt. Vorher allerdings müßte er zu Herrn Kortüm hinauf und seinen Kaffee bezahlen, den er vorgestern getrunken hatte. Schon vor dem Schottenhause merkte Klaus, daß heute und hier Sonntag gefeiert werden sollte. Im Freien belegte ein kleiner dicker Mietkellner die Tische mit bunten Decken. Ein dünner langer Aushilfskellner rückte Stühle zurecht. Die Vorbereitungen im Hause selbst 37 waren noch erheblicher. Zwei Mädchen stellten ganze Reihen von Kuchen, Torten und Süßspeisen auf. Ein Hilfsbierzapfer putzte die Messinghähne im Ausschank. Tagesmädchen zählten Tassen und legten gedruckte Nummern auf die im Geweihsaal weiß gedeckten und mit Tannengrün geschmückten Tische. Ein Hilfsdiener jagte den Hund hinaus. Der wirkliche Hausknecht kam mit einer Last Fahnentüchern und Stricken unterm Arm. Die Sonne schien strahlend zu dem großen Fenster herein, durch das man den blauen Kolmberg erblickte. Vorläufig saß ein einziger Gast in dem Riesensaal und trank Bier. Klaus sah auf seine Uhr: es war erst zwei. Aber da war ja auch Herr Kortüm. Nur seinen dicken Rücken konnte Klaus sehen, denn Herr Kortüm hatte in dem schmalen Balkongang Platz genommen. Hoffentlich hält der gebrechliche Balkon die Last aus, wenn ich auch noch drinstehe, dachte Klaus. Ein Serviermädchen verlegte ihm den Weg: »Nee, nich da 'nein jetzt. Herr Kortüm arbeitet noch. Wolln Sie 'n Kaffee?« Eigentlich wollte Klaus gleich weiterwandern. Da man Herrn Kortüm jedoch noch nicht stören durfte, ließ er sich hinter eine Tasse Kaffee setzen. Sehnsüchtig sah der gutmütige Schulmeister die Tannen in der Sonne stehen. Im Saale war's ziemlich trostlos. Der dicke Gast nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck Bier und leckte jedesmal umständlich seinen Schnurrbart ab. Klaus begann die Geweihe an der Wand zu zählen. Dann besah er sich das hübsche Serviermädchen. Er bat den Hilfskellner um ein Glas Wasser – er überlegte, was der Bierzapfer immer noch zu putzen habe – er berechnete auf Grund der Stuhlzahl die zu erwartende Kaffee-Einnahme. Es wurde drei Uhr. Das Mädchen lief mit einem Stoß Teller aus der Tür. Auch der Mann im Ausschank war verschwunden – mit einem Mal fühlte Klaus dieselbe bleierne Totenstille in diesem Saal, die ihn vorgestern bedrückt hatte. Dem Dicken hinter dem Bierglas hing längst der Kopf auf die Brust. Ab und zu gab er einen röchelnden Schnarchlaut von sich. Von Herrn Kortüm nebenan war kein Ton zu hören. Jetzt steh ich auf – die Stille summte tief in Klausens Ohr, und er dachte, auch die kleinste Bewegung von ihm müsse in dieser Beklemmung wie ein Kanonenschuß wirken. Das Haus würde zusammenlaufen. Er rührte sich lieber nicht. Es war halb vier. Es wurde vier. Eine Wespe irrte zum Fenster herein. Das goldschimmernde Wesen spielte lautlos mit einem 38 Sonnenstrahl, schwang plötzlich einen herrlichen Bogen und verschwand im Blau des Waldberges draußen. Ihr nach, dachte der Schulmeister, stützte die Hände auf den Tisch und wollte eben wieder, ohne zu bezahlen, in die Freiheit entweichen – da erklang in der Ferne Musik. Klaus horchte: ein Marsch. Die Pauke bumste, und diese Marschpauke entzauberte zur Verblüffung des fluchtbereiten Schulmeisters in einem Nu das schlummernde Schottenhaus. Der Dicke ächzte im Halbschlaf. Vom Balkongang erscholl ein löwenhaftes Räuspern, Herr Kortüm schob polternd seinen Stuhl über den hohlen Bretterboden. Dann kam er schweren Trittes in den Geweihsaal. Er erblickte den Schulmeister, der ihm erfreut eine Verbeugung machte, aber Herr Kortüm vollendete erst die Rundschau über das Ganze des Raumes, dann winkte er Klaus kurz und militärisch zu und trat an den Tisch des Schläfers: »Schart! Herr Lehrer Schart aus Besenroda«, donnerte er den Dicken an – »mein Freund August Monich«, setzte er ruhiger hinzu und wies auf den erschrocken aus dem Schlafe fahrenden kleinen Herrn. Ah, der Mann mit der Pauke auf dem Abtritt, dachte Klaus und freute sich. Herr Monich freute sich auch: »Wir sind Nachbarn. Wir haben uns bloß noch nich getroffen. Ich habe den Leinwandladen neben der Schule.« Herr Kortüm zog die Augenbrauen hoch: »Das heißt, der Laden ist mehr nebenbei. Mein Freund Monich steht im öffentlichen Leben –« »Na, öffentlich, Kortüm – wenn nämlich der Deiwel los is, trete ich auch öffentlich auf. Ich bin der Hauptmann von der freiwilligen Feuerwehr.« Unwillkürlich blickte Klaus auf den wohlbestellten Bauch und die kurzen Beine des Feuerwehrhauptmanns. Monich merkte den Blick. Er hob den Zeigefinger: »Hauptmann, hähä. Haben Sie gehört? Hauptmann! Ich lösche nich, ich kommandiere bloß, wenn's brennt.« »Der Kommandeur«, erläuterte Herr Kortüm. »Natürlich«, antwortete Klaus. Die Musik kam näher. »Na nu« – Monich hielt das Ohr in die Schallrichtung und runzelte die Stirn – »nur halbwegs. Solche Schläge verträgt sie je nu nich. Die haben nämlich meine Pauke gepumpt.« »Der Kommandeur besitzt eine eigene Pauke«, ergänzte Herr Kortüm wieder. »Was für 'n Ochse hat denn die heute?« Monich ging nachsehen, wer der Mensch war, der auf seine Pauke hieb. Klaus wollte die 39 Gelegenheit ergreifen – »Einen Augenblick«, sagte Kortüm. Der alte Herr saß an der Tischecke. Er schielte zum Fenster. »Na? Sie haben mich heute doch wieder gegrüßt?« Verständnislos starrte ihn der Schulmeister an. »Nachdem Sie gehört haben, wie mich meine Gäste behandeln?« »Aber Herr Kortüm –« »Sie haben doch gehört, was die Leute von meinen Plänen denken.« »Die Leute! Aber Herr Kortüm« – Klaus wurde verlegen und verhaspelte sich beim Sprechen – »solche Leute, na ja, Steingut. Neue Gedanken erfassen immer nur wenige – und nun solche Menschen wie dieser Kuffert –« »So haben Sie das aufgefaßt . . .« Herr Kortüm sah nachdenkend vor sich hin. Allmählich richtete er sich wieder hoch. Er sah zur Decke hinauf. »Anders kann man das doch gar nicht auffassen«, sagte Klaus. Herr Kortüm kniff den Mund energisch zusammen. Die Musik war inzwischen näher gekommen. Herr Kortüm trommelte mit den Fingern den Marschtakt auf der Tischdecke, nickte lächelnd und stand federnd auf: »Stehen Sie auf, Herr Schart. Kommen Sie. Wir sehen uns die Ankunft dieser Leute an.« Herr Kortüm ging voran. Eben erschien die Musik an der Tannenecke auf der großen Straße. Um die Verteilung der Menschenmassen besser überwachen zu können, erstieg Herr Kortüm den Tuffsteinblock im Vorgarten. Hinter ihm standen der Mietkellner, der Bierzapfer und ein Aushilfsmädchen bereit. Aus den Fenstern wehte der Duft von Kaffee. Der Hund bellte. Eine Gluckhenne flüchtete aufgeregt mit ihrer Schar spätgeborener Küchlein. Die Musik spielte mit höchster Kraft. Eine blaue Fahne mit goldgestickter Lyra schwankte über der Tannenhecke. Gehröcke, bunte Viererreihen. »Zurücktreten!« schrie Herr Kortüm das Aushilfsmädchen an. Aber er ließ seinen breitgeöffneten Mund offenstehen und starrte die Fahne an: nicht links in den Schottenweg hinein bog sie von der Straße ab – sie wehte gradeaus die große Fahrstraße entlang. Die Musik war schon verschwunden, die Fahne folgte ihr, die Gehröcke, die bunten Viererreihen verloren sich im Tannicht. Die Musik klang entfernter. Sie wurde leiser. Die Glucke erschien wieder mit ihren Küchlein und pickte Körner auf dem Weg. In tiefer Sonnenruhe ragten die Tannen in die blaue Luft hinaus. Über den Kolmberg segelte ruhevoll 40 eine große weiße Wolke. Aus weiter Ferne kam noch einmal ein Hauch Musik, ein leises Paukenbumsen – nun Stille. Herr Kortüm stieg mühsam von seinem Tuffstein und trat ein paar Astern nieder. Der Kellner und der Bierzapfer sahen sich an. Klaus stand in ratloser Verlegenheit da. Er fürchtete sich. Schließlich mußte einer was sagen. Der Schulmeister bemerkte: »Die ziehn vielleicht nach Esperstedt.« Herr Kortüm antwortete nichts. Jetzt kann ich ihn doch nicht allein lassen, dachte Klaus. Verzweifelt sah er in die Freiheit des dunklen Waldweges hinein, der am Schottenhaus die Besenroda-Esperstedter Straße kreuzt und den Herr Kortüm die Hohe Straße genannt hatte. Niemand sprach ein Wort. Nur das Klappern eines beladenen Handwagens war zu hören, der aus dem Waldweg heranrollte. Unbeirrt quietschte das Wäglein seine Straße entlang – wenn Herr Kortüm die Richtung dieses Weges recht angegeben hatte, wollte es nach Taschkent. Am Deichselgriff zog Hiebrich. Der Fleischermeister Hiebrich wollte jedoch durchaus nicht nach Taschkent. Herr Kortüm sah das Wäglein, sah den Mann an, der's zog, riß die Augen auf und donnerte den friedlich das Schottenhaus ansteuernden Meister Hiebrich an: »Wie oft soll ich Ihnen noch verbieten, auf meinem Grund und Boden Handel zu treiben!« Auch Monich stellte sich vor Hiebrich hin und schrie: »Wie oft, he?« Zuerst hatte der Meister verdutzt seine Deichsel fallen lassen. Jetzt nahm er sie wieder auf und sagte zu Monich: »Also Sie, erstemal, haben hier gar nischt zu sagen. Un Sie mit Ihrem Grund un Boden, verstehn Sie – auf Ihren Grund stelle ich mich je gar nich. Dortenhin, ans Tannenecke, stell ich mich. Das is Stadtgrund. Da verkaufe ich meine Rostwürste. Un das geht Sie gar nischt an.« Damit fuhr er ab. In Richtung Taschkent. »Telephoniere die Polizei, Kortüm!« »Eine Eingabe werde ich machen! Darf so ein Kerl mir die Gäste vorm Eingang wegschnappen?« »Jawoll, die Regierung –« Hiebrich drehte sich um: »Sachtchen, ihr alle beide. Ich zahle Steuern. Un zwar pünktlich. Es soll aber auch andere Steuerzahler geben, versteht'r mich?« Monich schnappte nach Luft: »Meinste etwan mich?« »Außerdem ist es ja Unsinn, sich hierherzustellen« – Herr Kortüm 41 bog bei dem Stichwort Steuerzahlung rasch vom Thema ab – »der Gesangverein ist längst durch. Was wollen Sie denn noch hier oben!« »Was ich will? Hä! Jetzt kommt von Esperstedt raus der Kriegerverein. Der feiert heute in Besenroda unten. Un dann kommt vom Heilborn 'rüber der Wanderverein. Der feiert im Nonnental. Un da verkauf'ch eben meine Rostwürste, un ihr könnt mir –« Er kam nicht weiter, horchte und sagte dann bloß: »Hähä.« Die anderen horchten auch: wieder Marschmusik. Diesmal von Esperstedt herauf. Der Kerl hatte recht. Das lebende Bild wiederholte sich, nur in umgekehrter Richtung. Erst kam Musik, dann eine Fahne, dann erschienen Gehröcke und Viererreihen. Die Musik schwoll an, sie krachte und paukte, sie schwoll ab, wurde immer leiser, und endlich verhauchte sie im Ilmtal unten. Es dauerte auch nicht lange, so kam der angekündigte Wanderverein aus dem Walde links heraus und zog nach rechts am Schottenhaus vorbei. Diese rüstigen Männer und Frauen führten weder Fahne noch Pauke mit sich, aber sie hatten Sträußchen an den Hüten und jubelten laut in die herrliche Herbstlandschaft hinein. Musik klang aus dem Ilmtal, Musik aus dem Espertal, Gesang im Westen, Jubel im Osten. Auf dem Hachelstein jodelte jemand. Menschen aller Lebensalter und Stände zogen in den Wald, mit Rucksäcken, Brotbeuteln, Netzen, Kiepen, Körben, Kinderwagen, Kissen, Zeltgeräten, Hängematten und Kochgeschirren. Ja, ein einzelner Herr mit einem langen Bart stieg wie eine Erscheinung geradwegs aus dem Ilmtal herauf. Er trug Nagelstiefel und hatte ein Doppelfernrohr umgehängt, mit dem er sich das Schottenhaus besah und dann mitten über Herrn Kortüms Bergwiese wandelte. Der ganze Hochwald erschallte von fröhlichen Stimmen, Kinder schrien – und nun breitete sich über dieses Festgelände auch noch der wahre Thüringer Sonntagnachmittagsduft: lieblich schmorten die Rostwürste des Meisters Hiebrich und ließen sanft ihr Fett in die Holzkohlen tröpfeln. Hiebrich spritzte Wasser darüber, er wedelte kräftig mit einem Flederwisch – Sonntag! »Je, Kortüm, denn gib mir mal'n Kirsch«, sagte Monich. Längst hatte Klaus im Walde sein wollen. Er brachte es nicht übers Herz, zu gehen und erklärte in munterem Ton, daß ein Schnaps gar nicht schlecht wäre. Diese Bestellung rief einen kleinen Aufruhr unter der Bedienungsmannschaft des Schottenhauses hervor. Endlich wollte jemand was. 42 Sie setzten sich an einen der unzähligen Tische. »Ein schöner Herbst«, sagte Schart. Herr Kortüm sah ihn groß an. Der Schulmeister war sofort wieder still. »Nu siehste, Kortüm, da kommen je welche.« Ein paar ältere Damen verlangten Kaffee und packten ihren mitgebrachten Kuchen aus: »Wenn man's selber backt, weiß man doch, was drin is!« Hier und da saß auch ein männlicher, den geistigen Ständen angehöriger Gast, der Einsamkeit gewohnt war. Die Angehörigen der handwerkenden Stände ertrugen jedoch den Anblick der achthundert leeren Stühle nicht und drückten sich nach einem kleinen Rundgang durch eine Seitenpforte in die menschenbevölkerte freie Natur hinaus. Der Abend näherte sich. Noch lag die Sonne auf der Bergwiese vor dem Schottenhaus. Allmählich drangen die Ausflügler wieder aus dem Walde hervor und lagerten – bis haargenau an den Zaun des Herrn Kortüm heran. Hinter dem Zaun kostete die Landschaft Geld, vor dem Zaun breiteten sie kleine Tischdecken im Gras aus, stellten Flaschen, Becher, Teller, Tassen mit Untertassen, Brotbüchsen und Einmachegläser darauf und begannen behaglich ihr Abendbrot zu sich zu nehmen in Gottes freier Natur. Sie sangen fröhliche Lieder, teils im Sitzen, teils im anmutigen Spiel mit den lieben Kindern, teils schon auf dem Heimweg. Mit dem letzten Sonnenstrahl brach endlich auch der Reigen ab, den Mädchen und Jünglinge unter Jauchzen und Gesang mitten auf Herrn Kortüms so herrlich gelegener Bergwiese aufgeführt hatten, und der letzte Wandersmann verschwand hinter der Tannenecke. Sonntag . . . Nur die drei: der Herbergsvater, der Kommandeur des Feuerlöschwesens und der Lehrer von Besenroda, hockten schweigend um ihren mit Tannengrün und Herbstlaub geschmückten Tisch und besahen gedankenvoll den weißschimmernden Kranz aus Butterbrotpapier um die abendliche Bergwiese. Monich hatte eine Flasche Wein und drei Gläser kommen lassen. Als er einsah, daß weder Zutrinken noch die Erzählung der bedenklichsten Geschichten Herrn Kortüm aus der Versteinerung zu wecken vermochten, tat er einen gewaltigen Zug aus seinem Glas und sprach: »Mit den Hiesigen is nischt. Die geben eben nischt aus.« Herr Kortüm hob den Kopf nicht, als er vor sich hinsagte: »Und die Fremden?« »Je, Kortüm, die Fremden! Die haben eben keine Straße! Die 43 können nich rauf zu dir. Kein Auto un kein Geschirre hält den Sauweg aus.« »Aber schließlich –«, begann Klaus. Er kam nicht weiter. Herr Kortüm sah ihn an, reckte sich auf und schrie: »Herr, wissen Sie, was das heißt, keine Straße zu haben?« »Straße zu haben?« kam das Echo vom Hachelstein zurück. »Zu haben?« »Haben?« klang es noch einmal ganz leise und aus tiefster Abendferne. Monich klopfte Herrn Kortüm ein bißchen auf den Rücken: »Laß nur. Du mußt eben was machen hier oben.« »Was denn eigentlich noch! Torten, Kuchen, Kaffee, Bier, Fremdenzimmer, Aussicht, Goetheerinnerungen, ein Teepavillon auf einem neuen Berg im Bau und im ›Vermischten‹ vom ›Esperstedter Tageblatt‹ bereits besprochen – was soll ich denn noch machen hier oben?« »Na also, machen mußte was, Kortüm, so geht's nich weiter.« »Nur die Fremden können mir helfen. Sie sind früher gekommen, ehe die Straße so schlecht war. Sie werden auch wiederkommen, wenn ich erst meinen neuen Verkehrsgedanken verwirklicht habe –« »Was denn für'n Gedanken?« »Darüber kann ich noch nicht reden. Aber auch bei guten Verkehrsverhältnissen – vor dem Frühjahr kommt kein Fremder mehr. Wie soll ich das bis dahin aushalten!« »Denn mußte mit den Hiesigen was machen. Aber gleich!« »Die Hiesigen« – Herr Kortüm zeigte auf den Kranz aus Butterbrotpapier um seine Bergwiese, der um so heller leuchtete, je dunkler es wurde – »lieber Gott! Larven, Nachttöpfe, Masken . . .« »Schadet nischt! Machen, sag' ich, sonst geht's schief.« »Masken«, sprach Klaus vor sich hin, »Masken . . .« »Ihr seht's doch! Ihre Feste feiern die Leute unten in den Ortschaften, nicht bei mir.« »Zwingen Sie die Leute, aufs Schottenhaus zu kommen.« »Womit denn, junger Mann?!« Klaus zeigte ins Ilmtal hinunter, wo Besenroda liegt: »Sie werden alle kommen.« »So?« Herr Kortüm nickte: »Sie sind ein Neuling hier. Zwingen Sie mal einen Besenröder! Womit denn?« »Mit seiner eignen Hände Arbeit.« Herr Kortüm legte den Kopf zurück und kratzte sich in den Bartstoppeln. 44 »Zwingen lassen sich die Menschen nur von dem, was sie selber hervorgebracht haben«, fuhr Klaus fort. »Häh?« fragte Monich. »Weil sie davon nun leben wollen, Herr Monich. Da merken sie den Zwang nicht.« »Was soll denn das sein?« »Masken, Herr Kortüm. Besenröder Masken. Von denen wollen die Besenröder leben. Veranstalten Sie ein großes Maskenfest im Schottenhaus.« Herr Kortüm fing an zu begreifen und stand auf. »Das war mein erster Gedanke, als ich hierher kam und hörte, daß die Heimarbeit in Not sei. Bringen Sie Leben hinein.« »Schulmeister! Donnerwetter! Sie sehn so, na so 'n bißchen nach Katechismus aus – den Gedanken hätte ich Ihnen gar nich zugetraut.« Herr Kortüm stützte sich auf die Stuhllehne und sah nach dem Stern, der über dem schwarzen Kolmberg aufgezogen war: »Eine große Idee, junger Mann. Noch größer als mein Gedanke mit dem Scherbenberg – aber« – Herr Kortüm kniff die Lippen zusammen – »nichts weiter als ein Gedanke. Ja. Eine Maskennacht hier oben« – er beschrieb mit dem Arm einen mächtigen Kreis in die Nacht hinein – »die Sterne über uns, aus den Tälern dampft der Nebel. Ringsum Hochwald. Wir tragen Masken. Jeder ist ein anderer. Auf dem Hachelstein brennt Monich Feuerwerk ab. Man könnte aus Goethes Maskenzügen« – Herr Kortüm legte dem Schulmeister die Hand auf die Schulter – »mein Freund« – und ließ sich wie ein Sack auf den ächzenden Gartenstuhl fallen – »aber ein Traum . . . sonst nichts . . .« »Je, Kortüm –« »Sei ganz still, Monich. Nur ein Traum. Denn was ist die Hauptsache bei einem Fest?« »Nu, die Masken.« Herr Kortüm lächelte. »Un denn 's Saufen.« »Daß ihr Thüringer euch selber so schlecht kennt. Ich will dir's sagen, Monich: die Musik ist die Hauptsache. Und Musik, Herr Schart, die ist verboten auf dem Schottenhaus.« »Unsinn«, fuhr es Klaus heraus, »es soll einen Quadratmeter Thüringer Erde geben, auf dem das Musizieren verboten ist?« »Verboten, junger Mann. Seit vorigem Jahr. Weil Musik auf dem 45 Schottenhaus den Kurorten in der Umgebung Konkurrenz macht. Alles was Kurbetrieb heißt, ist hier oben untersagt.« Klaus dachte nach. Dann begann er: »Ich glaube, hm, ich will nicht Schart heißen, wenn ich hier nicht helfen kann. Ich bin Mitglied des Kunstausschusses. Gleich nächsten Sonntag kann ich nach Weimar fahren und die Musikfrage zur Sprache bringen. Die Behörden haben Interesse an der Belebung der Heimarbeit. Große Maskenfeste würden den Leuten Aufträge bringen. Nein, ich sage nicht zuviel: das kriegen wir in Ordnung.« Herr Kortüm ließ eine zweite Flasche Wein entkorken. Der Kälte wegen, die jetzt fühlbar aus den feuchten Tannen drang, wurde sie im Geweihsaal getrunken. Herr Kortüm holte einen Stoß Papierbogen, schrieb auf das erste Blatt: »Maskenfest auf dem Schottenhaus, zur Belebung der Thüringer Hausindustrie« – und nun begannen die drei mit dem Entwurf des größten Festes, das je erdacht worden war. »Aber zunächst muß alles ganz unter uns bleiben«, sagte Klaus. »Selbstverständlich. Bloß keine Rederei vorher.« »Vertraulich« schrieb Herr Kortüm mit Rotstift in die obere Ecke des ersten Blattes.   Reden und Burgunderwein Sonntags verläßt der früheste Morgenzug die Stadt Besenroda um sechs Uhr. Man fährt bis Weimar drei Stunden und steigt dreimal um. Aber Laufen dauert noch länger. Das Züglein bohrte sich durch den dicken Herbstnebel und stellte sich zufrieden krächzend neben den Bahnsteig. Klaus stieg ein. Er sah sich um und ärgerte sich. In das Abteil für Reisende mit Traglasten war er geraten. Neben ihm saß ein viereckiger Weidenkorb. Aus dem Korb guckte ein Nagel. Und wenn der Nagel ein Loch in meinen Mantel gerissen hätte? dachte Klaus zornig. Auf dem Korbhenkel lagen ruhevoll zwei Mädchenhände. Sie mußten seinen Blick fühlen, denn die Hände begannen sich zu regen. Sie umfaßten den Henkel. Nun sahen sie noch schöner aus: schlank, ein wenig verspielt noch, und doch sehnig. Über dem Knöchel am Handgelenk spannte sich die Haut ganz durchsichtig. Versöhnt glitt Klausens Blick an dem unförmigen Wollärmel hoch. Wie in einem Sack stak alles, was doch auch so zart aussehen mußte wie das Handgelenk. 46 »Ach, Fräulein Lotte.« Sie lachte: »Guten Morgen.« Klaus entsann sich der tausend bemalten Larven in der engen Maskenmacherstube, und wie ihn aus all dem Dunst dort plötzlich dieser schöne Mädchenkopf angeschienen hatte, so schwebte derselbe Glanz nun wieder in diesem schlechten gelbbraunen Reisewagen zwischen schnatternden Weibern und pfeifeschmauchenden Männern. »Wie schön, daß wir uns treffen.« »Ich fahre aber nicht so weit wie Sie. Bloß nach Bischleben. Die Girlanden hier schaffe ich hin. Dort ist heute goldene Hochzeit.« Schön, weiß Gott. Klaus sah versonnen in das Gesicht des Mädchens, das so aus nächster Nähe ganz anders aussah. Sind nicht alle Hochzeiten golden? dachte er. Lotte stellte den Korb auf ihren Knien anders und legte die Beine übereinander. Der Korb war so schwer, Klaus faßte mit am Henkel an und sagte: »Woher wissen Sie denn, wohin ich will?« »Das weiß doch der ganze Ort.« »Was? Ja – wohin will ich denn?« »Nu, nach Weimar.« »Das nennen nun die Leute hierlands vertraulich!« »Sie wolln doch die Tanzmusik bestellen.« »Ich will – was will ich?« Das Mädchen lachte und nickte. »Hören Sie, Lotte, vor Ihnen muß man sich aber vorsehen. Sie wissen ja mehr von mir als ich selber.« »'s is doch wahr.« »Weil's Besenroda sagt!« »Na also.« »Nein, nicht also. Tanzmusik will ich ja nun grade nicht bestellen.« »Ohne Musik geht doch das Maskenfest auf dem Schottenhaus gar nicht.« »Das wissen Sie auch schon?« »Die Leute freuen sich alle darüber. Mein Vater sagt, so einer wie Sie hätte in Besenroda längst gefehlt. Sie brächten die Leute auf den Schwung.« »Welche Leute?« »Na, die vom Maskenmachen und vom Musizieren leben müssen und jetzt doch so wenig Arbeit haben.« »Ich bringe noch ganz andre Leute auf den Schwung.« 47 Lotte sah ihn an. »Zum Beispiel solche Leute« – Klaus strich mit dem Finger über ihren Knöchel am Handgelenk – »ja solche.« Lotte zog die Hand langsam in den Wollärmel hinein. Klaus lächelte und dachte: beim Tanzen kommt der Arm schon wieder raus aus der Wolle und die Beine vielleicht auch. »Sie kommen doch?« fragte er. »Ich weiß noch nicht.« »Natürlich wissen Sie's!« Klaus wackelte am Girlandenkorb. »Ich entwerfe Ihnen die Maske. Weißes kurzes Kleid. Und einen silbernen Halbmond. Der paßt gut zu Ihrem braunen Haar.« Lotte schüttelte den Kopf. »Das Maskenfest muß einen Glanz bekommen. Das wird nicht etwa so ein Bums mit Bier und Rostbratwürsten. Ich komme italienisch. Als Veroneser. Schwarze Seide.« Jetzt lachte Lotte laut heraus: »Da werden die Besenröder Augen machen! So was haben sie noch nicht erlebt.« Klaus hatte eben den Romeo mit der Diana selbst im Tanz vor sich gesehen und den Walzertakt geklopft – lacht die mich etwa aus? Lotte hielt ihren Korb mit beiden Händen, sah den vornehmen Veroneser von der Seite an. »Fein«, sagte sie. Albern, dachte Klaus. So 'n Ding. Na ja. Was weiß sie von Verona. Herr Kortüm hat ganz recht. Pappmasken . . . Er setzte sich grade hin, holte seine Handschuhe aus der Tasche und begann einen anzuziehen. Schöne Lederhandschuhe. Er fuhr ja nach Weimar. Aber Lotte hatte das Gesicht zum Fenster gewandt und lächelte mit großen Augen in den Nebel – sie sah immer noch den Veroneser zwischen den biertrinkenden und singenden Besenrödern . . . Das wurde Klaus zu dumm: »Überhaupt ist dieses Maskenfest«, sprach er von oben, »als eine künstlerische und zugleich als eine historische Darbietung geplant. Wir werden eine Übersicht der Entwicklung des gesamten Larvenwesens bieten, von den fernsten Zeiten bis in unsere Tage.« So – da hatte sie's. Schön ist sie, verdammt noch mal – aber erst soll sie merken, wen sie in mir eigentlich vor sich hat. Lotte rückte wieder ihren Girlandenkorb ein bißchen bequemer und sagte: »Wenn Sie nur die Musik bekommen. Mit Musik gelingt das Fest schon und wenn noch soviel Dummheit gemacht wird.« »Bischleben!« schrie der Schaffner. 48 »Also viel Glück in Weimar, Herr Schart. Die Musik ist die Hauptsache. Auf Wiedersehen.« Klaus sah sie schlank und kräftig mit dem Girlandenkorb auf dem Bahnsteig hingehen, als ob ganz Bischleben ihr gehörte. Es war ja lächerlich, der Lotte Albrecht solche Sachen zu erzählen. Sie hat ja doch nichts davon verstanden. Und dabei noch so selbstbewußt und überheblich. Klaus Schart hatte heute mehr zu tun, als sich über ein Besenrodaer Mädchen zu ärgern. Er schrieb in Stichworten seine Rede für die Sitzung auf: Wirtschaftliche Not im Wald oben – Worte? Nein, Taten! – die Heimarbeiter beschäftigen – also Masken nicht bloß ansehen, sondern auch wirklich tragen – im Maskentragen mit gutem Beispiel vorangehen – das Maskenfest und sein Ethos – und das alles soll scheitern an einem kleinlichen Musikverbot? Wer die Maskenmacher lieb hat, setzt Masken auf – darum auf, laßt uns – und so weiter. In Weimar hatte Klaus bis zum Beginn der Sitzung noch eine Stunde Zeit und ging im Park spazieren. Das war gut. Klaus konnte seine Rede laut für sich halten. Es kommt soviel auf den Tonfall an, auf die sprachliche Zuspitzung der Schlagsätze. Und er hielt seine Rede. Zunächst begann er sachlich. Dann brachte er durch rhetorische Fragen seine Hörer – in diesem Park allerdings nur die armen weimarischen Herbstspatzen – aus ihrer Ruhe. Klaus wurde wärmer. Er rüttelte an den Fundamenten der gesamten Maskenmacherei. »Könntet ihr wohl eine ansehenswerte Maske zustande bringen?« rief er. »Oder seid ihr nicht vielmehr angewiesen auf die, welche verstehen und von Grund aus gelernt haben, Masken zu machen? Wollt ihr arme Menschen, welche sonst nichts gelernt haben als Masken herzustellen, wollt ihr die zugrunde gehen lassen? Wer, frage ich, soll euch dann Masken machen, wenn ihr sie braucht?« Je mächtiger Klaus die Rede steigerte, desto schneller ging er. An der unteren Ilmbrücke lief er Trab. Als er auf der Oberweimarschen Straße, schräg gegenüber der Naturbrücke, zu den großen Schlußperioden kam, befand er sich fast im Laufschritt und rief: »Mit einem Schlage trefft beides – die Not der Maskenmacher und die Gleichgültigkeit der Maskenträger!« Aufatmend stand er still, tat einen tiefen Seufzer, sein Geist begann in die gewöhnliche Wirklichkeit zurückzukehren. »Hier klingeln«, stand 49 plötzlich schwarz auf weißem Schilde vor seinem Auge, als er wieder nach außen in die Umwelt blickte. Klaus sah auf. »Hier klingeln« – eine weißgestrichene Gartentür, eine Hecke, dahinter ein hohes Dach – ach so: Goethes Gartenhaus. »Hier klingeln?« sagte Klaus und schüttelte den Kopf: »Nein, hier nicht.« Er sah das Schindeldach an. »Schindeln, hölzerne Schindeln – wie lange ist das her. Nur wir selber können unserer Maskenmacherei helfen . . .« Klaus schrieb sich doch noch einige Stichworte auf: die Sache muß noch klarer raus. Die grauen Häupter haben eine so lange – nein, eine lange Leitung wohl nicht grade – aber eine mit Knoten drin. Und diese Knoten nennen die Kerle allemal dann Erfahrung, wenn Schwung am Platze ist. Klaus ging in tiefen Gedanken vor Goethes Gartenhaus auf und ab und leckte an seinem Bleistift. Klaus kam ins Schreiben – das Gartenhaus da stand ja leer. Seine Rede gelang wirklich. Selbst die grauen Häupter im Ausschuß lächelten vor sich hin: im Walde oben – ein Maskenfest – gewiß, Kinder, das macht mal. Mit Musik natürlich. Aber da hatte sich schon der dritte Vorsitzende der zweiten Sektion erhoben und gesagt: »Ausgezeichnet, diese Anregung des Herrn Schart. Nur eines ist zu bedauern: wir sind nicht zuständig. Diese Frage gehört in die fünfte Abteilung.« »Wer hat Fünf?« fragte Klaus. »Wingen. Friedrich Wingen. Volksmusik. Leider.« Klaus erfuhr auch, daß Herr Wingen in der Regel im Pfundschen Weinkeller zu Mittag speiste. Er solle doch einfach dorthin gehen. Klaus ging. Als er am Goethe-Schiller-Denkmal vorbeikam, stand er still. »Zu dumm. Nun muß ich die ganze Rede noch einmal halten . . . auch noch in einer Weinkneipe . . . hm –.« Er zog seine Stichworte aus der Tasche, las, holte den Bleistift hervor und fing an zu streichen: »Das nicht. Das – na, lieber auch nicht. Dichter sind manchmal empfindlich . . .« Man kennt ja das schöne Denkmal von Rietschel vorm Theater in Weimar: seit bald achtzig Jahren blickt Friedrich von Schiller über so vieles weg, was zu seinen Bronzefüßen geschah. Auch jetzt sah er nach den Wolken, die überm Dach des Wittumspalais segelten. Nur Goethe guckte dem Redner von oben her ins Manuskript und blieb ernst dabei. 50 Mit der redigierten Ansprache in der Hand betrat Klaus Schart den Marktkeller. Die Leute speisen hier wohl im Finstern? Auf dem Platz draußen lag die grelle Oktobersonne, in dieser Weinbude war einfach Nacht. Er tappte vorwärts, bis er sanft an etwas Rundes stieß. Sein Auge hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt: das Runde war ein Bauch. »Bitte?« sprach der Bauch. Klausens Blick glitt an der Rundung aufwärts und stieß in überraschender Weise gleich über dem Bauch auf ein Antlitz: »Bitte, mein Herr?« »Ich suche Herrn Wingen.« »Da müssen Sie sich aufn Friedhof begeben.« Klaus griff hinter sich. Ins Leere. Ob der Mensch bloß betrunken ist? Aber der Bauch fuhr fort: »Wenn Sie hier raus kommen – rechts. Dann gradeaus. Immer gradeaus. Rund fünfzehn Minuten. Dann tauchen Lebensbäume vor Ihnen auf. Da gehn Sie drauf zu. Da is er.« Offenen Mundes stierte Klaus auf die Gestalt in der Finsternis: Heute rot, morgen tot, fuhr's ihm durch das Gehirn. Er ließ den Kopf hängen. Der Weinwirt mißverstand seine Niedergeschlagenheit: »Na ja. 's is 'n langer Weg. Besser haben Sie's, wenn Sie sich hierher setzen. Aber wissen Sie, der Wingen, wenn er so gradewegs vom Friedhof kommt, da läßt er sich nich gerne ansprechen.« »Ein Irrsinniger« – Klaus wandte sich zur Flucht. »Da können Sie auch sitzen. Ich mache gleich Licht.« Der Wirt mißverstand auch diese Wendung Klausens. Er schaltete Licht ein. Jetzt sah der Weinkeller menschlicher aus. Klaus sprach verzagt: »Sie sagten doch eben –« »Was 'n?« »Auf dem, dem Friedhof –?« Der Wirt zog seine Uhr: »Zwölfe. Bis ein Viertel eins müssen Sie rechnen. 's is heute eine große Leiche. Aber ein Viertel eins is er fertig mit orgeln. Halb is er hier.« Klaus sackte auf einen Stuhl. »Ein Glas Wermut vielleicht?« fragte der Wirt Pfund teilnehmend. »Burgunder«, stieß Klaus hervor, »eine Flasche.« »Achtunzwanziger? Sechsunzwanziger? Dreiunzwanziger?« »Dreiundzwanziger will ich.« »Ach so«, murmelte Pfund respektvoll. »Alle Achtung. Um zwölfe eine ganze Chambertin. Un Dreiunzwanziger. Vielleicht is das auch so 'n Orgler.« 51 Klaus mißverstand nun seinerseits nicht nur das Wesen des Burgunders, er mißverstand nicht nur den Geist des Jahrgangs dreiundzwanzig, nein, er mißverstand auch die außerordentliche Größe der Burgundergläser. Gelassen goß er dieses Glasfäßchen voll bis zum Rand, und gelassen nahm er das milde milchige holde und beruhigende Getränk zu sich in einem Zug. »Nee, alles was sein kann. Alle Achtung«, sagte der verdutzte Wirt bei diesem Anblick. Den Friedhofsschrecken überwand Klaus mit diesem Zug. Nach dem vierten Glas im leeren Magen aber lächelte er still vor sich hin: »Orgel spielt er? Wie schön, ein orgelnder Dichter. Oh!« Klaus sah die Orgelpfeifen um sich schweben mit seligen Fittichen. »Orgeldreher und Bänkelsänger«, sang Klaus vor sich hin. »Das wird eine scharfe Sache«, murmelte Pfund. »Bänkeldreher und Orgelsänger –« Wingen kam herein. »Das ist der Herr«, sagte der Wirt. Klaus Scharts Methode, mit Burgunder umzugehen, hatte den Weinschänker Pfund so überwältigt, daß er mit Wingen gar keine große Sache mehr machte: »Da. Jawohl. Das is er.« »Orgelbänke und –« »Welcher Herr?« »Ah!« rief Klaus. Er hatte Wingen, den er aus Bildern kannte, erblickt, eilte ihm entgegen und reichte ihm seine beiden Hände: »Meister!« Wingen sah den begeisterten jungen Mann eine Sekunde erstaunt an. Dann verstand er und drückte ihm die Rechte: »Was aber, Verehrter und Lieber, schafft mir die Freude?« »Abteilung fünf«, antwortete Klaus und nickte dem Dichter glücklich zu: »Fünf. Ja. Dienstlich. Dringlich dienstlich.« »Na« – Wingen besah das Flaschenschild – »Sie haben sich da dienstlich recht hübsch ins Warme gesetzt.« »Oh, Herr Pfund«, sagte Klaus, »noch eine –« »Nee, mein Lieber. Ich verstand was von Abteilung fünf und dienstlich. Ganz besaufen können Sie sich nachher. Erst mal schnell raus mit dem Dienst. Und mein Essen, Herr Pfund.« »Meins auch, Herr Pfund.« »Sie haben noch nichts im Magen« – Wingen lachte – »ach so.« Der Dichter und der Schulmeister speisten. Sie tranken Kaffee. Nach 52 dem Kaffee erfuhr Wingen sogar Klausens Namen und Vornamen. Klaus begann wieder den Zweck seiner Reise zu überblicken, wenigstens in großen Zügen. Er wurde sichtlich unruhig, fuhr in seinen Taschen herum, brachte die Stichwortakten zutage, legte sie auf den Tisch, glättete sie, sagte: »Verehrter Herr Wingen« – und fing an. Eine Weile hörte Wingen verblüfft zu. »So. Nun hören Sie mal 'n bißchen auf. Schottenhaus, sagten Sie? Geweihsaal? Wieviel Menschen faßt denn der?« »Vielleicht vierhundert oder fünf- oder sechshundert.« Klaus war nicht kleinlich. »Wo liegt denn das Schottenhaus?« Der Wirt mußte eine Karte bringen. »Aha, Bahnstation Besenroda. Esperstedt ist auch Bahnstation. Ausgezeichnet. Ist die Verbindungsstraße vom Bahnhof aufs Schottenhaus gut?« »Gut kann man nicht ohne weiteres sagen. Nein. Nicht gut. Aber was heißt gut.« »Fahrbar?« »Der Breite nach, ja. Was die Straßendecke angeht, nun, da dürften unmoderne Verkehrsmittel Schwierigkeiten haben. Aber das ist völlig gleichgültig: Herr Kortüm hat gesagt, er habe das Mittel entdeckt, mit dem er alle Verkehrshemmnisse zwischen dem Bahnhof und seiner Haustüre restlos überwinden werde.« »Kinder, ihr drückt euch so schwierig aus in Besenroda – welches Mittel denn?« »Man kann mit einem Herrn wie dem Herrn Kortüm nicht einfach so losreden –« »Nanu –« »Ihn etwa so fragen, das geht gar nicht. Da muß eben gewartet werden, bis er selber die Einzelheiten mitteilt. Der neue Schottenverkehr soll wohl eine Überraschung für die Gegend werden. Aber wenn Herr Kortüm sagt, das wird, dann wird's.« »Na, das ist ja schön. Der Mann will wohl eine Autoverbindung schaffen. Die ist ja auch das sicherste.« Wingen schrieb Zahlen auf ein Blatt. Dann ließ er ein Kursbuch bringen. Sorgfältig zog er sämtliche Verbindungen Thüringens mit den Orten Besenroda und Esperstedt aus. Eine Weile saß er noch in Gedanken da und malte Figuren auf sein Papier. Schließlich schlug er Klaus auf die Schulter: »Das wird gemacht.« 53 Klaus sprang auf: »Oh, Herr Wingen! Da kann ich morgen schon die Masken –« »Ach, Sie mit Ihren Masken.« »Ja, Sie sagten doch aber eben –« Wingen nickte ihm lächelnd zu: »Wissen Sie, was bei Ihnen da oben geschehen wird? Sie haben Glück. Passen Sie auf: Theater wird gespielt werden!« »Theater?« stammelte Klaus. »Theater, mein Freund. Dieser dritte Ort hat uns noch gefehlt. Das Schottenhaus liegt ausgezeichnet. Ich komme in nächster Zeit hin und sehe mir alles an. Wenn Ihre Angaben stimmen, haben wir nun ein ordentliches gleichseitiges Theaterdreieck in Thüringen: Arnstadt, Kranichstedt, Schottenhaus. Und so sollen Theater sein: zwei Fässer und ein Brett drüber, nicht so viel Marmortreppen und geschliffnes Glas und Samt und Technik und Großartigkeit.« »Aber was denn nur für ein Theater?« »Das Staatstheater, Schärtlein. Und Sie ernenne ich hiermit zu meinem Stabschef des Gastspiels Schottenhaus.« »Ja, um Gottes willen –« »Das freut Sie, was? Mich auch, daß ich's endlich habe. Prost, mein lieber Schmierendirektor.« »Schmiere – wer spielt denn da?« Wingen lachte: »Seien Sie ruhig. Um uns haben Sie keine Sorge. Wir führen ein Stück auf, das im achtzehnten Jahrhundert spielt. ›Der Blasebalg‹ heißt es. Die Besenrodaer werden Augen machen.« Augen machen? Hatte Klaus das heute nicht schon einmal gehört? – »Welche Schauspieler treten denn auf?« »Sie sind ja ganz verdonnert! Wer? Na, alle Rollen stehen heute noch nicht fest. Die männliche Hauptrolle spielt natürlich Lerp –« »Oh, Lerp?« »Und die weibliche die Schröter.« »Die – ahhh!!« Wingen nahm die Zigarre aus dem Mund: »Nun setzen Sie sich erst mal wieder hin. In aller Freundschaft – aber den dicken Burgunder da trinken Sie mir nicht wieder flaschenweise am hellen Tage, hören Sie?« »Ich bin ganz nüchtern.« »Das hab' ich eben gemerkt«, lachte Wingen. Aber Klaus sah ihn mit schwimmenden Augen ohne Blick an und sprach leise: »Sei unbeständig, Glück.« 54 Jetzt hörte Wingen auf zu lachen: »Sie zitieren Shakespeare gar nicht schlecht, mein lieber Chambertin.« Klaus sah die Strickleiter am Balkon schwanken, im Osten graute der Tag. Eile Romeo – dort kommt jemand – das ist die Nachtigall und nicht die Lerche – wohin, Geliebter? Nach Taschkent, sprach Herr Kortüm und hielt ihm einen ungeheuren Spieß vor die Brust: setzen Sie sich, Romeo. Klaus schlief. »Wir lassen ihn am besten erst richtig ausschlafen«, riet Pfund. »'s war je auch eine Leistung. Nee nee, da kann keiner was sagen.« »Ich muß ihn aber unbedingt noch sprechen, Herr Pfund. Lassen Sie ihn nicht weg. Um fünf bin ich wieder hier.« Um fünf machte Klaus ein verlegenes Gesicht, als Wingen zu ihm sagte: »Guten Morgen, Herr Direktor.« Aber Klaus Schart war doch wieder ein verhandlungsfähiger Mann und gab verläßliche Auskünfte. Wingen wurde immer zufriedener. Klaus schrieb noch seine Adresse auf, sah nach der Uhr und erhob sich. »Wo wollen Sie denn hin?« »Mein letzter Zug geht. Morgen früh um acht habe ich Schule.« »Schade. Frau Schröter kommt erst halb elf aus dem Theater. Ich hätte sie gerne gleich mit ihr bekannt gemacht. Na, also das Weitere schriftlich, bis ich komme. Und vergessen Sie mir nicht den genauen Grundriß des Saales zu schicken.« Nach Taschkent, dritter, bitte«, sagte Klaus am Schalter. »Häh?« »Nach – nach Besenroda.« Wohl hatte der Wirt Pfund bei seinem Abgang gesagt: »Na, nu geht's je wieder einigermaßen!« Aber schwerer als der laue milde Burgunder hatte ihn der letzte Stoß dieses unerhörten Tages getroffen: »Schade, ich hätte Sie gleich mit Frau Schröter bekannt gemacht.« Gott weiß es: das hatte Wingen gesagt! Klaus trug in seinem Herzen das berauschende Gefühl, daß er, Klaus Schart, Schulmeister zu Besenroda, heute abend ein Bekannter von Konstanze Schröter geworden wäre – wenn sich nicht das Mißverständnis mit der Schule dazwischengeschoben hätte. Aber was tut das? Ich kann sie jederzeit besuchen. Als Mitarbeiter sozusagen. Zu ihrem Empfang in Besenroda werde ich selbst alles Nötige vorbereiten. 55 Ich bin am Bahnhof. Meinen blauen Anzug – nein, da muß ich den schwarzen Rock anziehen. Man müßte Girlanden – ja, ich werde mit Lotte reden. Lotte muß die Girlanden für Konstanze flechten. Das Transparent mache ich selbst. Illuminiert wird ja an dem Abend sowieso in Besenroda. Monich kann ein Feuerwerk abbrennen. Und Herr Kortüm gibt ihr das große Südzimmer, das mit Bad . . .   Das Landstreicherlied Ein Thüringer kann singen von Natur. Singen und laufen, darin sind sie Meister. Aber laufen wie die Landstreicher – wenn sie im Takt marschieren sollen, denken sie immer, ihr Takt sei der Takt. Genau so singen sie auch, wie die Vögel unterm Himmel und wie's ihnen einkommt – Wolfram hat gewußt, warum er den beschwerlichen Ritt aus Franken über die Schottenwiese zum Wartberg unternahm und den Parzifal vom sechsten Stück an lieber in Thüringen schrieb. Goethe, Schiller und andere Heroen sind ja auch beizeiten dahintergekommen, was es mit Thüringen auf sich hat, so sehr sie hinterher gelegentlich knurrten. Klaus Schart kam auch langsam hinter Thüringen. Diesen beweglichen, gestaltvollen und musikalischen Leuten in Besenroda das Singen im Takt beizubringen, ist kein leichtes Stück Arbeit, und Klaus konnte sich nur an dem Anblick der Mühe aufrichten, welche der große Protestantenvater Luther mit den aufrührerischen Bauern hatte, als die hinter seinem wehenden schwarzen Habit ihren eigenen Takt zu probieren begannen. Klaus dachte, daß er die singlichen Herzen für sein eins – zwei – drei – vier – eins und so weiter am ehesten gewönne mit Wanderliedern. »Also das Landstreicherlied, Kinder. Und nun seid bei der Sache. Ich geige die zweite Stimme. Drei – vier – ›Der Mensch kann sich ein Haus erbaun, Die Straße baut ihm Gott. Du stolperst sie, dann lernst du gehn, Zuletzt auf wunden Sohl'n. Streckst deine Hand: Herr, Botenlohn! Ich hab' das Laufen satt – 56 Auf Gottes Wegen findst nicht Ruh, Geh weiter, Gotteskind! Für Wandervolk schuf er die Welt Und stellt' ein Zelt ans Ende.‹ So. Nun noch einmal: ›Ich hab' das Laufen satt‹ –« Plötzlich hielt Klaus den Bogen über den Saiten in der Luft und starrte auf die Tür: die Tür bewegte sich, ging langsam auf, ganz langsam – an trüben Tagen gegen Ende Oktober ist es zur Zeit der ersten Schulstunde schummrig – da bewegte sich jemand. Ein paar Kinder starrten auch hin, hörten auf mit Singen: im Türgewände stand wie ein Bild in einem viel zu kleinen Rahmen Herr Kortüm – Der große Herr Kortüm! Ein Kind nach dem anderen verstummte. »Satt« sang ganz allein zuletzt der Peter, dieser Lümmel, und sang's ganz falsch. Klaus irrte doch wohl. »Ich hab' das Laufen satt«, wiederholte er mechanisch und machte mit dem Geigenbogen ein paar Taktwinke. »Ich auch«, sagte Herr Kortüm. »Sie sind's wirklich!« Klaus legte klappernd die Geige auf das Pult und eilte zur Tür. »Setzen wir uns, Herr Schart. Der Weg vom Schottenhaus zur Schule ist weit. Aber diese Schandnachricht will ich von Ihnen selber hören.« Herr Kortüm ging schwerfällig zu der Bank auf dem Korridor, die dort unter der großen Weltkarte steht. Klaus schloß die Klassentür. »Was denn für eine Schandnachricht?« »Also es gibt keine Musik! Also es gibt kein Maskenfest! Man will mich also zugrunde richten.« »Wer hat denn sowas geredet!« »Sie haben es diese Nacht, als Sie aus dem Weimarschen Zuge stiegen, dem Bahnwärter erzählt.« »Ich habe doch –« »Und der hat's heute früh der Liese gesagt.« »Ich habe –« »Und dieses Frauenzimmer hat es mir durch die Türe zugerufen beim Wecken. Kaffee habe ich noch nicht getrunken. Das sollen Sie mir erst selber in mein Gesicht hinein sagen, Herr. Also nichts?« »Ein Maskenfest, nein, das nicht –« Herr Kortüm ließ den Kopf auf die Brust sinken und saß wie ein Klumpen auf der schlechten Bank. 57 »Aber« – wollte Klaus fortfahren: inzwischen war das Summen in der Klasse zum Murmeln, das Murmeln zum Streiten, der Streit zum offenen Krach angeschwollen. Klaus riß die Tür auf: »Wollt ihr wohl! Fritze, du stellst dich aufs Pult und singst Zeile für Zeile vor, und die andern singen sie dann nach. Bis ich wieder reinkomme.« Herr Kortüm saß reglos da. Im Haus war Stille. Nur Peters Singsang war zu hören. Klaus richtete sich auf: »Nein, ein Maskenfest nicht. Auf dem Schottenhaus des Herrn Kortüm wird etwas ganz anderes vor sich gehen, ein Überwältigendes, Großartiges –« »Die Straße baut ihm Gott«, sang's in der Klasse – Aus Herrn Kortüms Brust kam ein krächzender Laut. »Nein, Besenrodaer Masken werden auf Ihrem Parkett nicht spielen –« »Dann lernst du gehn«, sangen sie drinnen – »Sie brauchen nicht zu erleben, daß Maskenmacher als Könige und Glasbläser als Teufel auftreten! Auch die Esperstedter Topfdreher werden nicht fremde Federn tragen in Ihrem Haus! Aber Meister des Spiels werden spielen! Künstler, Herr Kortüm! Weltberühmte Schauspieler werden im Geweihsaal stehen!! Das Land wird auf das Schottenhaus blicken als auf ein Festspielhaus! Das ganze Reich! Die Presse!!« Klaus fuchtelte mit den Armen und hüpfte wie ein Irrlicht vor Kortüm auf dem Backsteinboden herum. Der alte Herr sah auf – »Streckst deine Hand: Herr, Botenlohn!« sangen die Schulkinder, forte sangen sie, wie Klaus Schart das befohlen hatte. Doch es war furchtbar anzuhören, mindestens zwei Töne zu tief – diese Bande, diese Lümmel! Klaus wand sich, aber sollte er jetzt unterbrechen, jetzt: Herr Kortüm sah ihn groß an. »Theater wird gespielt! Ja, nun wissen Sie's: Theater. So wahr ich vor Ihnen stehe, Herr Kortüm!« »Geh weiter, Gotteskind« – jetzt rutschten sie regelrecht in Moll, grausig, eine Sterbekantate war aus dem Landstreicherlied geworden. Klaus lief zur Tür, riß sie auf: » Fis! Fis! Fritze, ich hau dir eine hinter die Ohren. Greif's doch auf der Geige! Gleich bin ich wieder da – du – ihr –« Er schmiß die Tür. Herr Kortüm stand in der Mitte des Korridors, das rechte Bein wie zum Photographieren etwas vorgestellt: »Theater?« 58 »Haha! Jawohl! Das Gastspiel des Staatstheaters kommt zu Ihnen! Ich soll den Grundriß des Saales schicken. In nächster Zeit. Der ›Blasebalg‹ wird gegeben. Mit Musik. Das Quintett der Staatsoper spielt. Ich – Sie – aber er – aber der Weg, o Gott, Sie haben doch gar keine Zugangsstraße!« Herr Kortüm legte den Kopf schief nach hinten, kratzte sich in den Bartstoppeln und sah aus halbgeschlossenen Augen die Weltkarte an, die an der Wand hing. Diese Karte mit den unentwirrbar vielen roten Linien der Weltwirtschaftsstraßen. Nur eine einzige solche Straße, dachte Klaus, nur eine dünne gestrichelte von den Tausenden dort . . . Herr Kortüm lächelte: »Die Straße zu mir heraus? Junger Mann, diese Sorge überlassen Sie mir. Das Staatstheater, das Staatsquintett, die Staatsregierung sowie Universität, Kunsthochschule und Konservatorium samt Senaten und Konventen – alle werden von Besenroda zum Schottenhaus gelangen, ohne daß ihr Fuß an einen Stein stößt. Ich sage das: Kortüm. Aber jetzt setzen Sie sich, Herr Schart, und geben Sie mir einen geordneten Bericht. Erstens?« »Für Wandervolk schuf ich die Welt«, klang es hinter der Wand mit der Weltkarte, und Klaus berichtete der Reihe nach. Gelassen hörte Herr Kortüm den Vortrag des jungen Mannes an, überlegen ruhig, wie es dem Träger einer so außerordentlichen Last wohl ansteht. Zum Schluß sagte er auf hamburgisch: »Um vier Uhr sind Sie im Schottenhaus, Herr Schart. Es werden sogleich Boten abgehen an die Herren Monich, Mickewitz und Kuffert. Übermorgen zwölf Uhr werde ich die Organisation des Ganzen beendet haben und Sie dann mit festen Instruktionen nach Weimar senden.« Er winkte Klaus zu und schritt zur Tür: »Danke, lassen Sie« – Klaus wollte ihm die Tür öffnen – »aber seien Sie pünktlich.« Klaus klinkte nun seine Klassentür auf, und der Gesang schallte ihm entgegen: »Ein Zelt, ein Zelt, ein Zelt ans Ende.« Die Kinder sahen ihn an. Er sah die Kinder an. »Ja, ach so: nehmt die Hefte heraus und schreibt das Landstreicherlied auf. Mir war's, als ob ihr noch nicht mal den Text genau auswendig könnt.« Klaus ging zwischen den Bänken auf und ab, aber er sah nicht, daß Peter schamlos abschrieb und Grete auf ihr Löschblatt den Herrn Kortüm malte: groß, rund und prall wie einen Müllersack. Höchst unzufrieden war Klaus. Wie war denn das? Er selber hatte doch diesen ungeheuren Theaterstrom ins Schottenhaus eingeschaltet – und nun war er neben Herrn Kortüm, dem Gastwirt jenes 59 Schottenhauses, kaum mehr als ein Knöpfchen am Schaltbrett . . . Wie geht es eigentlich zu in der Welt? . . . Das war ja alles ganz anders gekommen. Eigentlich hatte er aufs Schottenhaus gehen wollen, sich in den bequemen Stuhl ans Fenster setzen, zu Liese sagen, er wolle keinen Kaffee, nein, gar nichts. Aber sie solle mal Herrn Kortüm herschicken. Der arbeitet jetzt. Herrn Kortüm solle sie holen! Liese würde rennen, Klaus aber sich zurücklehnen – Ah, Herr Kortüm. Setzen Sie sich, Herr Kortüm – und dann sollte es losgehen. Dem Alten müßten ja wohl die Tränen vor Glück in die Augen steigen . . . Und nun wurde er bestellt und rumgeschickt und – zum Donnerwetter, verdankte denn dieser Herr Kortüm nicht ganz allein ihm, dem Klaus Schart, dieses unerhörte Gastspiel? Lediglich seiner gewinnenden und geschickten Art? Klaus dachte plötzlich an den Chambertin: aber das wußte Herr Kortüm ja gar nicht. Auch von der großen Konstanze Schröter wußte er nichts. Schade, ich hätte Sie gleich mit Frau Schröter bekanntmachen können – das hatte Wingen gesagt. Konstanze: ja, die ist das Zeichen in diesem Wunder. Jedoch Konstanze würde kommen, sie würde sein Verdienst anerkennen, sie würde sagen: Dieser Klaus Schart! Das laß ich mir gefallen! Sagen Sie, lieber Schart, Sie speisen doch heute abend bei mir? Nein, Herr Kortüm war doch ganz gut. Und wenn er im Bette lag und schlief – wenn er nur da war. Es gab Gewaltiges zu tun, Unwahrscheinliches zu bewirken, Besenroda mußte doch reineweg umgestülpt werden – nein, da war ein Mann wie Herr Kortüm schon der richtige – eine Persönlichkeit, ein Kapitän im Sturm, ein Herr, der bloß dazustehn braucht, und die Leute kriechen vor ihm ins Mauseloch. Heute pfiff der Herbstwind über den Schottenpaß. Die feuchte kalte Luft saugte sich in die Kleider. Heute übergoldete keine Sonne die Jämmerlichkeit dieser erbärmlichen Straße. Mit Grausen betrachtete Klaus die ausgewaschene Geröllstraße: wie will er das bloß so rasch ändern können? Wo nimmt er die Unsumme her, die das kosten wird? Konstanze hatte als Julia weißseidene Schuhe an – lieber Gott, wie soll sie bloß hier heraufkommen? Der Nordwind blies Wolkenfetzen herab. Im Wald saß der Nebel: »Wenn es nun noch regnet«, sagte Klaus, »oh, und wenn Glatteis auf der Steigung liegt? Oder Schlackerschnee?« – Klaus besah ratlos die Straße – »Konstanze hat so wenig an. Was haben Damen wie Konstanze überhaupt an: Beinah nichts! Ein dünnes Fähnchen, 60 weißseidne Schuhe, seidne Strümpfe, dann so eine Art Florschlüpfer – viel mehr sicher nicht . . .« »Das hätte ich Ihnen nich zugetraut, Schulmeister.« »Oh! Ach! Herr Bilmes.« »Sie haben einen Blick – un das is die Hauptsache.« Klaus wischte sich übers Gesicht wie in jener verhexten Burgunderstunde: kann der verfluchte Kerl Gedanken lesen? Ein Nebelschwaden quirlte naßkalt aus der Tiefe des Tals und faßte die beiden Männer auf der gottverlassenen Straße. »Wovon reden Sie denn, Herr Bilmes?« »Sie gucken durch den ganzen Schwindel durch un sehn das, worauf's ankommt. Sie sind endlich 'nmal einer, der hinter die Masken guckt un der Schluß macht mit der Maskenwirtschaft.« Klaus hatte erzählen hören, daß Bilmes im Kriege verschüttet worden war: sicher, der Kerl ist verrückt. »Na, nu kommt's Ihnen. Aber nur keine Angst.« »Wovor denn?« »Haben Sie noch nischt abgekriegt? Jetzt geht's Steineschmeißen los nach Ihnen.« Klaus lachte. »So is recht. Lachen Sie nur. Bloß keine Angst vor Menschen. Treffen werden sie je. Aber bloß Sie, Schulmeister. Nicht 'n lieben Gott, der Sie am Drahte zieht. Wissen Sie, eigentlich sin wir auch bloß Masken, die sich der liebe Gott aufsetzt. Hähä.« »Ich muß nun weiter, Herr Bilmes.« »Ich auch. Nur das eine noch, so ganz unter uns« – der Evangelist sprach so leise, daß Klaus in dem fauchenden Paßwind bloß Brocken verstand – »Sie haben das Deiwelsfest mit den Masken in Weimar drinne hintertrieben. So eine Tat trägt ihren Lohn. Freilich, die Maskenmacher unten in Besenroda toben über Sie. Lassen Sie se schrein. Die solln dem alten Mann da oben nich die Ruhe nehmen. Der Mann is, wie er is. Der hat sein Leben lang keine Maske aufgesetzt. Aber so einer läßt sich natürlich nu auch die Totenmaske schwer ins Gesichte drücken. So einer stirbt schwer. An einen Narren kann der liebe Gott nich so leichte ran mitm Tod, nee nee, Narrheit liegt wie ein Panzer ums Herze« – Bilmes seufzte – »der liebe Gott hat viel Not mit Kortüm.« Ehe Klaus die wirren Reden begriffen hatte, war der Evangelist im ziehenden Nebel verschwunden. Den Schulmeister fröstelte. Er ging schneller. 61   Wunderbare Vorbereitungen Klaus hatte gut gesprochen: knapp, sachlich, ruhig. Er schien überhaupt Begabung zum Reden zu haben: wenn er wirkliche Sachen vorzubringen hatte, sprach er kühl, ließ die Sachen wirken. Wenn er nichts zu sagen hatte, aber eine wirkungsvolle Ansprache halten mußte, redete er gewaltig, riß die Zuhörer mit sich fort und regte sich in ihnen auf, bis alle begeistert waren. Heute brauchte er weder zu schreien noch zu flunkern – wer solche Sachen vorzubringen hat wie er, kann sicher sein, daß die Zuhörer mit offenem Maul dasitzen und nicht mucksen. Die Freitagsgesellschaft war erdrückt von seinen Worten. Die unerhörten Tatsachen lähmten Kufferts Breitmäuligkeit und auch Mickewitzens Goldwaagensinn. Nur Monich strahlte und hieb bei jedem neuen Satz auf den Tisch. Klaus sah heimlich Herrn Kortüm an: der würde sich jetzt schön aufblasen und die beiden Esperstedter fragen, auf hamburgisch fragen, ob sie nicht auch der Meinung wären, daß sie Wichte seien. Wichte, denen es einfach nicht gegeben sei, einen Herrn Kortüm zu begreifen. Jedoch nein. Herr Kortüm verzog keine Miene. Herr Kortüm blickte in seine Papiere. Eigentlich war das doch alles selbstverständlich. Seit zwanzig Jahren wußte er, was in den kleinen Leuten da um ihn zu dämmern begann, seit jenem Osterabend, an dem er – der Sohn eines großen Hamburger Weltkaufmanns – zum ersten Male hier oben gestanden hatte. Er war eben von Übersee gekommen, aus Palmenwäldern, aus der Gesellschaft schwarzer, gelber und weißer Ehrenmänner, die Leben für Raub, Gewalt für Recht und Schurkenlüste für Tändelspiel ansahen: an dem Ostersonnabend hatte er hier oben gestanden, die Glocken im Tal gehört und dieses Gelände angesehen. Hier ruhen und hier andre gejagte Menschen ruhen lassen: streift euer Ameistum ab wie ein schmutziges Hemde, seht dieses Wolframsland und begreift das deutsche Inwendige – oh, Herr Kortüm verstand damals schon, die Dinge aus der richtigen Entfernung zu sehen. Hier ein Heim, eine Heilstätte bauen für schaffende Köpfe, die Ruhe brauchten für ihre Seelen. Und er war hingegangen und hatte kurzerhand den Wald und die Wiese und die Quelle gekauft. Er hatte gebaut und so lange hamburgisch und knapp mit all den gemütlichen Leuten um ihn herum gesprochen, bis er sie nahezu alle auf dem Halse hatte. Freilich waren dann böse Zeiten gekommen – Krieg, Pestilenz und teure Zeit. Aber seine Idee stand da, war wirklich geworden, ob die Ochsen sie begriffen 62 oder nicht. Was war das groß, was der grüne Schulmeister aus Besenroda da redete: Staatstheater, Künste und Wissenschaften würden hier oben erscheinen – er, Herr Kortüm, war längst da. Aber er würde die Herrschaften gern begrüßen. Herr Kortüm erhob sich. Seine Gelassenheit benahm Kuffert beinah noch mehr als die Tatsachen des Schulmeisters. Der Porzellanmann sah ihn dumm aus runden Augen an. Der Apotheker zog die Luft durch die Zähne, begann zu rechnen und war auch still. Ganz still. Aber Herr Kortüm triumphierte auch jetzt nicht. Nur an seinen Schreibvorbereitungen sah man, daß er allerlei vorhaben mußte: vor ihm lagen dicke Mappen mit Papieren. An langer Kette baumelte ein goldener Bleistift auf seinem Bauche, und – was noch nie jemand an ihm erblickt hatte – in der Hand hielt er das Einglas, mit dem er einst die Speisekarte bei Pfordte studiert hatte. »Meine Herren. Ich habe Herrn Schart beauftragt, Ihnen in einem kurzen Sachbericht das Notwendige zur Kenntnis zu bringen. Setzen Sie sich, Herr Schart. Ich halte den engeren Kreis des Schottenhauses, die Freitagsgesellschaft, für den gegebenen Mittelpunkt der nunmehr ins Leben zu rufenden Organisation. Die Herren sind einverstanden?« Monich blickte Herrn Kortüm nur an, glücklich wie ein Kind. Sein rundes rotes Gesicht glänzte. Er hob den Zeigefinger senkrecht und machte zum Apotheker hinüber: Da, da, da! Kuffert hatte sich noch nicht so weit erholt, um überhaupt etwas zu sagen. Der Apotheker rechnete für sich: wenn er rasch, ehe die Sache bekannt wird, dem Nachbar Bohnensack die vier Fremdenzimmer abmietet – sie kosten jetzt fast nichts – hätte er mit seinem zusammen neun. Das Bett drei Mark . . . »Also Sie sind einverstanden«, fuhr Herr Kortüm fort. »Erstens: Unterbringung der Festspielgäste. Sehr einfach: die Leute, welche zur Zeit des Festspiels für prominent gehalten werden, wohnen auf dem Schottenhaus. Herr Schart, Sie legen das Verzeichnis der Fremdenzimmer in Besenroda an. Herr Apotheker, Sie wollen Esperstedt übernehmen, ja?« »Natürlich«, antwortete Mickewitz. Er warf bereits einige Zahlenreihen aufs Papier. »Zweitens: die Bewirtung der Festgäste.« Herr Kortüm machte eine Pause, sah zum Fenster hinaus und strich in Gedanken die Weste glatt: »Da ich diese Frage allein ordne, ist kein Anlaß zur Besprechung.« Die Fenster klapperten. Der Nordwind packte das Haus mit stürmender Faust und warf die Nebelmassen durcheinander. Die Luft 63 braute Grau in Grau. Herr Kortüm empfand wohl das Bedürfnis, ein wenig Farbe in diese Welt zu bringen. Er wollte, daß sich seine Umgebung wohlfühlte: »Trotzdem« – fuhr er fort – »will ich einige Andeutungen in Sachen der Beköstigung machen.« Er suchte eine Mappe hervor und entnahm ihr einen Stoß Menükarten. Wie ein Kartenspiel breitete er sie auf dem Tische aus, er legte eine Patience mit abgegessenen Menüs. Im Nu war der Tisch zauberhaft mit bunten fröhlichen Blättern bedeckt. Klaus las: Rigi Kulm, Bremer Lloyd, Majestic, Palace Maloja, Belvedere. Über den Speisefolgen prangten in allen Farben Bilder von Palmen, schönen Frauen, blauen Meeren, Möven, Gletschern, Pyramiden . . . weißseidne Schuhe, dachte Klaus – o, Herr Kortüm ist wahrlich der Mann zu so was! Der Porzellanfabrikant Kuffert war auch einmal mit seiner Frau im Foyer des Wiesbadner Theaters gewesen, und im Jahr drauf – es war in den guten Inflationsjahren, in denen man für einen angestoßenen Nachttopf eine Million ausgab – war er bis zum Gardasee vorgedrungen: ja, solche Dinger lagen da auch auf den Tischen. Bloß lesen konnte man sie nicht. Aber es war fein gewesen. Nur die Oberkellner hatten ihn beängstigt. Ob dieser Kortüm doch . . . Jetzt war Kuffert wieder so eingeschüchtert wie damals, als ihm ein Kellner etwas mit keinem Eßgerät zu Bewältigendes auf den Teller gelegt hatte . . . »Hm«, sprach Kuffert, »paßt auf, das wird diesmal. Verdammig, ich glaube, Kort . . ., ich glaube, Herr Kortüm, der Felsenkeller kreditiert Ihnen glatt fünf oder womöglich sechs Hektoliter Helles. Un Hiebrich unten liefert die Sauerbraten –« Eine Handbewegung Herrn Kortüms brachte ihn zum Schweigen. »Ich habe geglaubt, Herr Schart hätte Ihnen ein ausreichendes Bild vom Charakter solcher Festspieltage gegeben. Anscheinend bestehen jedoch Unklarheiten über die Art, in der das Schottenhaus die Gesellschaft des Landes angemessen zu bewirten hat. Angesichts der zu erwartenden schweren Kunstgenüsse – hier finden keine Zirkusvorstellungen statt, Herr Kuffert – werde ich die leichteren Getränke in den Vordergrund rücken. Sie sehen hier die von mir bereits bestimmten feinblumigen Kreszenzen. Aber, meine Herren, vergessen Sie nie: es ist Winter! Die Herrschaften werden Kunst in achthundert Meter Höhe zu sich zu nehmen haben. Mit trockenem Schnee dürfen wir im Dezember leider nicht völlig sicher rechnen. Ich werde deshalb auch durchgreifendere Getränke auf die Karte nehmen müssen –« »Ordentlich Grog von Rum ohne Wasser, hähä«, sagte Kuffert. 64 Monich nickte. Der Apotheker setzte hinzu: »Eine Liste von Punschessenzen stelle ich gern zusammen.« Aber Herrn Kortüms Hand lag heute schwer auf der Freitagsgesellschaft. Er überhörte ihre Anregungen einfach: »Insbesondere die älteren Burgunder« – Klaus zog schnell den Kopf in die Schultern – »in erster Linie einige Macons« – Klaus richtete sich wieder auf – »kommen in engere Wahl. Speisen wird man nach der Aufführung. Herr Schart, ich mache Sie verantwortlich für die genaue Zeitangabe des Schlusses der Vorstellung. Aber auch vor Beginn, besonders in der großen Pause, wird man einen Imbiß nehmen wollen. Leichtere Sachen – aber meine Herren, wir befinden uns im Gebirge, wir haben schlechtes Wetter. Ich habe auch an gehaltvollere Zwischenspeisen zu denken. Salate, kalter Fisch, Pasteten – gewiß; ich weiß jedoch aus Erfahrung, daß gerade während seelischer Aufregungen allein die starken Sachen das innere Gleichgewicht wiederherstellen – denken Sie nur an Begräbnisse –« Herr Kortüm fing nun an, eine Unzahl fremder Ausdrücke von sich zu geben, die nie jemand gehört hatte. Er sprach halbe Sätze französisch. Als er auf die starken Sachen zu reden kam, begann er einfach englisch zu sprechen. Klaus wurde es angst. So großartig Herr Kortüm dastand und so wichtig es war, daß Konstanze einen guten Eindruck von Besenroda bekam – eins wußte Klaus besser: Titel mochten die Leute haben, daß einem das Wort im Halse stecken blieb, Hummern zum Imbiß aßen sie alle nicht. Klaus mußte heraus mit der Sprache, und zwar deutlich. Die Unternehmung durfte nicht mißglücken. »Herr Kortüm, Sie irren.« Herr Kortüm sah aus den Augenwinkeln auf den Besenrodaer Schulmeister hinunter und blätterte in seinen Aktenbündeln. Monich wurde böse: »Häh?« Aber Klaus sprach weiter. Er habe von Wingen deutlich gehört, daß man das Volk für die Kunst gewinnen wolle. Auch die Bewirtung müsse volkstümlich sein. Herr Kortüm regte sich immer noch nicht. Kuffert wurde um so lebendiger. Worte fand er noch nicht. Aber er stützte seinen Kopf wieder in die Faust und blies den Tabakrauch auf den Tisch. Mickewitz hatte aufmerksam zugehört. Er hätte Herrn Kortüm gerne recht gegeben und dann mit Vergnügen erlebt, was aus diesem Aufwand würde – aber die Fremdenzimmer, aber die Essenzen und 65 vielleicht auch die Erkältungen, die schönen nassen Füße der Festspielgäste! Es durften keine Dummheiten gemacht werden. Hier ging es um ernste Belange: »Leider, verehrter Herr Kortüm, hat Herr Schart völlig recht. Solche teuren Sachen kauft heute niemand. Sie passen auch nicht zur heutigen Kunst.« Nun wurde auch Monich bedenklich. Der Apotheker verstand was von der großen Welt. Kuffert aber sagte: »Das hab ich mir gleich gedacht. Wo solln denn die Leute alle herkommen, die das teure französ'sche Zeug essen. Nee, Kortüm: Schlackwurscht und ordentlich Butter drunter. Un Felsenkeller hell un dunkel un Kaffee un Schnäpse un fert'g.« »Kortüm«, sagte Monich, »überleg's. Was Kuffert sagt, hat Hand un Fuß.« »Herr Kortüm«, fügte Klaus hinzu, »ich weiß es: weder Senatoren noch Schauspieler, weder Professoren noch Räte haben Geld für sowas in dieser Zeit.« »Außerdem« – Kuffert legte beide Arme breit auf die schönen bunten Menükarten – »is das je alles Nebensache. Jetzt guckt her, paßt auf, Ihr habt je die Hauptsache über der Fresserei vergessen. Kortüm, he, sagen Sie mal, wie bringen Sie denn die Menschen vom Bahnhof hier rauf zu Ihnen? Hä? Also, wir wolln sagen: 's schneit oder 's is Glatteis, 's is auch 'n bißchen Nebel so wie heute – so, un nu Ihr Steinbruch von Straße – he?!« Kuffert glaubte, er hätte sich wiedergefunden. Er täuschte sich. Dieser Tag war noch nicht zu Ende. Herr Kortüm lächelte und klopfte mit dem Einglas aus Hamburg auf den Tisch: »Herr Schart, auf meinem Schreibtisch liegt eine Rolle mit Zeichnungen. Darf ich Sie bitten, diese Rolle herzuholen?« Seine Gäste ließ Herr Kortüm einstweilen sitzen, ging zum Fenster und sah in den Nebel hinaus. Klaus kam mit einer riesigen Papprolle zurück. Herr Kortüm entnahm ihr eine Zeichnung, die ausgebreitet den ganzen Tisch bedeckte. Das schien eine selbstgezeichnete Landkarte zu sein. Ja, da lag Besenroda. Hier Esperstedt, das Schottenhaus. Der Besenrodaer Bahnhof war durch ein sechsfaches System roter Tuschlinien mit dem Schottenhaus verbunden. Das gleiche Netz verband Esperstedt mit Herrn Kortüm. Die Striche führten Nummern, und bei jeder Nummer stand ein Wort. Man las: 1. Schnupp, 2. Schnuck, 3. Schlund, 4. Schlupp, 5. Schwerenot, und bei Nummer 6 stand: Schluck. 66 Herr Kortüm überließ die Anwesenden zunächst ruhig dem Studium dieser Karte. Kuffert buchstabierte: »Schnupp, Schnuck, Schlund, Schlupp, Schwerenot und Schluck . . . häh? was'n das?« sagte er zu Monich. Aber Monich lächelte nur verschmitzt. Er schien Bescheid zu wissen. Mickewitz hatte nur einen kurzen Seitenblick für solche Torheit übrig. Klaus dachte an die weiße Seide der Julia von Capulet und empfand einen Stich im Herzen: mein Gott! Inzwischen war Kuffert auf dem Strich »Schlund« mit seinem Finger entlanggefahren und an ein rotes Viereck gekommen, in dem man sechs längliche Ovale sah. »Sie wolln sich wohl ne Drahtseilbahn baun, Kortüm?« Aber schon begann Herr Kortüm zu sprechen: »Meine Herren! Ist jemand unter Ihnen, der etwa noch nicht auf der Wartburg gewesen ist? Alle kennen sie – nun, dann wissen Sie Bescheid um den Aufstieg. Wer weder Fahrstraße noch Wagen benutzen will, aber doch nicht den steilen Fußpfad hinaufklettern mag, weil er alt ist oder müde – meine Herren, hat man wohl gewagt, den geweihten Berg zu schänden mit einer Mechanik? Mit Maschinen, welche schnurren, wenn Sie sich gerade vertiefen oder erheben wollen? Wie? Nein. Man hat es nicht gewagt. Wie aber kommen nun die Müden, die Schwachen, die Alten, die Gebrechlichen dennoch fern dem Staub der Wagen hinauf?« Monich sah alle der Reihe nach an und fragte jeden einzelnen: »Womit, he?!« »Dunnerwetter –« »Etwa –« »Nu sagen Sie bloß –« »Ja, meine Herren. Ebenso wie die Wartburg überwindet das Schottenhaus die furchtbarste Straße, die Niedertracht der Gemeinden, die Minderwertigkeit des Straßenbauwesens – ja, ebenso wird Kortüm die erlesene Gesellschaft des Landes sanft wie auf seinen eigenen Händen den Schottenberg hinauftragen« – die Männer um den Tisch hatten sich aufgeregt erhoben und starrten ihn an – »genau so, wie die Müden auf die Wartburg schweben: auf Eseln, meine Herren!« Herr Kortüm wußte vorher, daß er auf eine Antwort nicht gleich rechnen konnte. Klaus, Kuffert und Mickewitz waren sprachlos. Die Idee war völlig veraltet und völlig richtig. Wieder begann Klaus über das Geheimnisvolle der menschlichen Zusammenhänge nachzudenken – es schien wirklich so: solange die Erde in ihrer derzeitigen Verfassung durch den Äther weiterschwebt, hat Unsinn einen Sinn. Dem 67 Schulmeister leuchteten die Eslein als erstem ein: er hatte die meiste Sorge gehabt, und nun sah er Konstanze sanft und lächelnd über die furchtbare Straße auf einem Esel ins Theater schweben. Herrn Kortüms weitere Darlegungen erwiesen tatsächlich die Ausführbarkeit; ja, die verblüfften Freitagsmänner erkannten, daß der Eselverkehr Besenroda–Schottenhaus–Esperstedt und zurück bereits gegründet war! Die Worte an den sechs Strichen waren die Namen der sechs gekauften Esel. Die Tiere würden in der nächsten Zeit in Besenroda ankommen. Herr Kortüm verhandelte für die Festspieltage mit dem Eselhändler bereits wegen einer Verstärkung durch Mietesel. »Wer hat denn die sechse bezahlt?« »Mein Freund Monich, Herr Kuffert.« »Nee, Monich –« »Warum nich? 'n Esel is doch wertbeständig.« »Mein Freund Monich ist vollkommen gesichert. Selbst wenn der Eselverkehr eingestellt werden müßte – Esel braucht man immer. Ein Esel verliert nie seinen Wert. Denken Sie sich die schlimmsten Wege aus: der Esel ist das einzige Wesen, das den Reisenden über jede Schwierigkeit wegbringt. Der Holzhacker Kersch hat im Winter keine Arbeit und wird die Wartung der Esel übernehmen.« Nach einer Weile Nachdenkens nickte auch der Apotheker: »So geht's.« Kuffert sagte kleinlaut: »Na Monich, wenn's einmal nich mehr geht, kannste je deine Esel neben die Pauke aufn Abtritt hängen.« Klaus sah bewundernd den Schöpfer des Scherbenberges und des Eselverkehrs an: »Ist ein weißer Esel dabei?« »Esel haben alle ein un dieselbige Farbe«, erläuterte Monich. »Drum kann man einen Esel so schwer vom andern unterscheiden.« »Halt, Kinder!« schrie Kuffert, »habt Ihr denn auch dran gedacht, daß Ihr die Leute den Eseln nich so einfach aufn Buckel setzen könnt? Habt Ihr denn Sättel?« Herr Kortüm sprach: »Selbstverständlich habe ich auch die Sattelfrage geregelt. Wie Sie wissen, hat der Zirkus Paulski in Erfurt pleite gemacht. Ich habe sechs schöne bunte Sättel wohlfeil kaufen können. Jeder hat eine andere Farbe, mit Goldtressen und kleinen Glöckchen dran.« »Ist ein weißer dabei?« fragte Klaus versonnen. »Nein, aber ein silberner.« 68   Die zornige Gegend Das Wetter blieb schlecht. Nicht einmal mehr der Kolmberg war von Besenroda aus zu sehen. Zu Mittag noch wehrte sich die Morgendämmerung gegen den Tag. Klaus steckte vorsichtig die Nase zur Türe des Schulhauses hinaus – trostlos. Er trat unter das Vordach und hielt die Hand ins Freie: ob es regnete oder bloß nebelte, konnte er nicht mit Bestimmtheit ausmachen und döste mißmutig in das Grau hinein. Auch die Wirtschaftstür des Schulhauses ging auf. Zuerst wurde ein Besenstiel sichtbar. Dann hörte man, wie sich jemand räusperte und anschließend in den Nebel dieser Welt hinausspuckte. Schließlich streckte sich auch hier eine Hand heraus, prüfte die Niederschlagsmenge, und allmählich rückte der ganze Mann nach: der Schuldiener stellte sich vor die Tür und spuckte noch einmal. »Die Luft geht auf die Knochen!« rief Klaus zu ihm hin und wollte noch mehreres anfügen über das Steigen und Fallen der Nebel im Gebirge, als er bemerkte, wie Albrecht bei seinem Anruf ruckte und nach einem schnellen Blick zu ihm hin wie ein Kreisel in seiner Türe verschwunden war – nur der Besen lehnte noch am Türpfosten. Nanu, dachte Klaus, was hat denn der? Der Nebel wurde immer dichter. Nach der Schule machte sich Klaus auf den Weg nach dem anderen Ende des Ortes. Es war an der Zeit, mit Lotte wegen der Girlanden zu sprechen. Klaus kannte die Ilmstraße, aber heute mußte er vorsichtig gehen. Nicht drei Schritt weit konnte er sehen. Schattenhaft tauchten von Zeit zu Zeit Gestalten auf und wandelten unerkannt vorüber. Ein Wagen kam. Der Kutscher hatte die Laternen angebrannt. Aber das Fuhrwerk war vom Nebel aufgesaugt, ehe Klaus die Pferde hatte schnaufen hören. Alles Leben versank lautlos in die nasse Luft. Nur aus weiter Ferne klang der Hammerschlag eines Schmiedes fein silbern und gedämpft. »Hallo!« rief Klaus. »Aufpassen! Haha, Herr Hiebrich, das hat einen Zusammenstoß gegeben.« »Häh?« – Hiebrich rückte die Mütze wieder aus den Augen – »wer is 'n das?« Er erkannte den Schulmeister – und war weg. Im Nebel verschwunden wie ein Betrug. Keinen Tritt hörte Klaus auf dem Pflaster: zum Donnerwetter, der Kerl muß doch noch dicht bei mir stehen! Jetzt dachte er nicht, sondern jetzt sprach Klaus Schart: »Nanu!« 69 »Nanu?« wiederholte er laut. Kein Laut antwortete. Nur der Hammer pickte in weiter Ferne auf seinen Amboß. »Wer mich sieht, reißt aus – zweifellos, ich wirke im Nebel als Gespenst auf meine Besenröder.« Klaus tastete sich über die Ilmbrücke. Er sah den Maskenmacher stehen, der sich einen Bottich vor die Haustür gestellt hatte und Gazestoff auswusch. »Die wird bei dem Wetter auch langsam trocknen«, sagte Klaus. »Nee.« »Vielleicht ist morgen wieder Sonne.« »Nee.« »Die gute Zeit ist eben vorbei.« »Das spritzt. Gehn Sie weg.« »Ich bin schon naß.« »Daß Sie sich nur nich erkälten.« »Dagegen hilft ein Grog.« »Je – wer sich den leisten kann.« Klaus wurde verlegen. Er faßte nach dem Kragen und knöpfte den Mantel auf und wieder zu. Was haben denn nur die Leute? »Ja«, sagte er unsicher, »viel kann man sich nicht leisten heutzutage.« Platschend warf Albrecht die Gazewocke ins Wasser: »Wenn unsereiner um sein bißchen Brot gebracht wird – nee, dann nich!« »Ums Brot?« »Ums Brot! Un ich meine Sie!« – Albrecht rang die Gaze aus, daß der Stoff knackte, drehte sich um und klapperte auf seinen Holzpantoffeln in den Schuppen. Erschrocken sah ihm Klaus nach: mich meint er? Ich soll jemanden ums Brot bringen? Der Schulmeister fühlte sich im Recht. Er dachte gar nicht daran, die Grobheit einzustecken und mit ihr nach Hause zu gehen. Aber dem Maskenmann lief er noch lange nicht nach. Er riß die Haustür auf. August kam mit einem Stoß Pappschachteln die Treppe herunter. »Wo ist deine Schwester?« »Die Große?« »Ja.« »Die is hinten.« August setzte seine Schachteln auf den Boden und klinkte eine Tür auf: »Hier is sie.« Lotte hatte ihr Plättbrett über ein Bett gelegt und bügelte. Sie probierte mit dem nassen Finger, ob die Plätte zischte. »Ach, Herr Schart.« 70 »Guten Tag. Sagen Sie bloß, Fräulein Lotte, wissen Sie, was die Leute gegen mich haben? Was fällt den Besenrödern ein! Der Schuldiener sagt nicht guten Morgen, Hiebrich reißt aus vor mir, und Ihr Vater wird grob – ich hätte ihn ums Brot gebracht.« Lotte bügelte. »Und Sie haben wohl die Sprache im Nebel verloren?« Lotte hob die Plätte, legte eine Spitzenkante glatt und bügelte weiter: »Schön ist es auch nicht von Ihnen, Herr Schart« – sie mußte dabei genau auf die Spitze achten, daß sie sich nicht wieder verkrempelte. »Was ist nicht schön von mir?« »Na, daß Sie uns das große Maskenfest verdorben haben.« »Ich?« »Als Sie in Weimar waren, bei Ihrer Freundschaft vom Theater.« »Ja – wer hat denn das gesagt?« »Zapp hat's gestern in der Versammlung erzählt.« »So. Und wo hat der den Unsinn her?« »Von Fischern.« »Ich möchte wissen, wie der Gastwirt dazu kommt, solche Lügen zu verbreiten.« »Dem hat's doch Pfund gesagt, als er Bierfässer nach Weimar schaffte.« »Pfund? Was denn für ein Pfund?« »Na, Pfund! Der Wirt vom Marktkeller. Wo Sie doch mit den Komödianten gefeiert haben.« »Sieh mal« – brachte Klaus mit einiger Mühe noch heraus, aber dann auch keinen Mucks mehr. Zwischen dem Bügeln sah Lotte von unten her ein bißchen nach ihm hin und mußte lächeln. Klaus wurde langsam dunkelrot. So ein Lumpenwirt, wollte er sagen. Aber der Spruch paßte nicht recht zu seinem Chambertin; er suchte einen anderen, es fiel ihm nichts ein, dabei rückte er an dem Plättbrett hin und her. »Nein doch! Halt. Das fällt ja runter!« – Lotte setzte klirrend ihre Plätte auf den Untersatz. Sie lachte ihn an und wurde auch rot dabei. »Ärgern Sie sich doch nicht, Herr Schart.« »Wenn der ganze Ort stänkert, kann ich mir als Lehrer lieber gleich eine andere Stelle suchen.« »Ach, nächste Woche is wieder was Neues. So was vergißt sich eins ums andre.« »Aber Lotte – es ist doch gar nicht wahr!« »Das bei Pfund?« 71 »Ach was, nein – na, das bei Pfund schon, aber ganz anders« – und nun fing Klaus an, der Lotte Albrecht Punkt für Punkt seine Reise nach Weimar zu schildern. Manches etwas ausführlicher, zum Beispiel die juristischen Zuständigkeitsfragen in Sachen Maskenmusik. Manches wieder etwas knapper, zum Beispiel die Wechselwirkung von Burgunder und Stichworten. Überhaupt, betonte Klaus, als er in die Nähe des Chambertins geriet, was könne denn er, ein Besenröder Schulmeister, dem Staatstheater gegenüber ausrichten! Nein, da sitze ein gewisser Wingen, Lotte wisse schon: Friedrich Wingen, der bekannte Dichter – ja der! Wingen sei eine einflußreiche Persönlichkeit. Was der wolle – na, Klaus müsse aber andererseits sagen: Wingen sei doch auch ein hilfsbereiter Mann. Hören Sie, mein lieber Schart, habe der gesagt, es ist sehr schade, daß Sie heute abend gleich wieder nach Hause fahren, ich hätte Sie sonst gleich mit – hm, na ja – wie man auch darüber denke: er, Klaus Schart, habe in Weimar so gut wie nichts getan. Das mache alles die Verwaltung des Staatstheaters. Aber das eine wolle er Lotte sagen: nunmehr würde er seinen gesamten Einfluß in Weimar aufbieten, nun erst recht, damit das Maskenfest doch noch zustande käme, jawohl, und er heiße Klaus Schart. »Glauben Sie wirklich noch an unser Fest?« »Natürlich! Das ist eine Kleinigkeit! Ah, da können Sie sich auf mich verlassen. Nächste Woche bin ich wieder in Weimar. Ich werde alles mit Wingen besprechen. Außerdem – verdienen denn die Besenröder etwa nichts an dem großen Gastspiel aus dem Schottenhaus? Die Eselstation muß eingezäunt werden. Ein Häuschen für den Mann, der die Eselkarten verkauft. Trinkgeld für die Jungen, welche die großen Schirme über die Reiter halten, wenn's regnet. Ja, und die Schirme selbst, jeder in einer anderen Farbe, zum Sattel passend. Sogar ein silberner muß dabei sein. Dann muß illuminiert werden. Es werden vielleicht auch Böllerschüsse abgefeuert. Und die Fahnen! Ach ja, und vor allem die Girlanden. Derentwegen bin ich doch gekommen.« »Ich soll sie wohl machen?« »Ja, Lotte. Am liebsten Sie. Zum Girlandenmachen gehören besondere Hände. Sie haben solche Hände. Zierlich wie lebendige Blumenstraßen müssen die Gewinde in der Luft schweben. Es kommen nämlich Leute, die dafür einen Blick haben. Erst mal Friedrich Wingen selbst, dann die Frau Schröter –« »Wer?« »Na, die Konstanze Schröter. Ich bringe Ihnen mal ein Bild aus der 72 Zeitung mit. Aber Photographien geben von einer so schönen Frau kaum den Schatten an der Wand –« Klaus leckte in Gedanken seinen Zeigefinger an und tupfte auf die Plätte: »Die is ja bloß noch lauwarm . . .« Lotte beugte sich tief über ihre Plätterei und mußte tüchtig aufdrücken. Sie bekam von der Anstrengung ganz rote Backen: »Ach, daran liegt's. Ich habe über dem Schwatzen meinen Bolzen vergessen.« Sie schob die Klappe an der Plätte hoch, zog den Bolzen mit der Zange heraus – »nun muß ich aber« – und lief in die Küche: »Auf Wiedersehen, Herr Schart.« Klaus stand allein da und guckte in die leere Plätte: ja, der Bolzen war fort. Und Lotte auch. Vielleicht konnte er ihr den heißen Bolzen tragen. In der Küche hörte er Lottes Mutter sprechen: ach nein, dachte er. Hinterherlaufen nicht. Der Nebel war noch ebenso schlimm wie vor einer Stunde. Ein Geländer hatte der Weg an der Ilm nicht. Klaus mußte aufpassen, sonst lag er plötzlich im Wasser. Ja, es wird ein strahlendes Fest werden, murmelte er trotzig und klappte den Mantelkragen hoch. Je nebliger Besenroda war, desto kerzenheller sah er den Saal oben glänzen – musikalisch festlich. Sogar der Bahnsteig erglänzte. An der Uhr etwa würde Konstanze aussteigen. Dort hielten die Wagen erster Klasse, das heißt, wenn die Besenröder Züge solche Wagen mitführten. Aber Konstanze fuhr ja sicher erster. Klaus fühlte immer noch den mädchenhaft und dennoch sinnlich tief beunruhigenden Blick der Julia Capulet in allen Gliedern – so würde sie nach dem Hügel hinaufblicken: dort oben also soll ich spielen, lieber Schart . . . Achtung, da kam ihm ein Fuhrwerk entgegen. Nein, eine Schubkarre schien es bloß zu sein. Klaus spähte in den Nebel: paß auf, der mich sehen und ausreißen, ist eins. Ich bin ja der Zerstörer des Maskenfestes. Hoffentlich fällt er dabei wenigstens in die Ilm. Dann rette ich ihn, und die Besenröder sind wieder gut. Aber der Schubkärrner machte keine Miene, in die Ilm zu fallen. Er hielt sogar, ließ seine Karre stehn und kam auf Klaus zu: »Na, haben Sie schon was abgekriegt? Hähä, die Besenröder sind je schöne geladen auf Sie!« Bilmes, der verrückte Wildfütterer aus dem Forst oben. »Was haben Sie denn da?« fragte Klaus. Er gedachte, die dumme Frage zu überhören. »Viehsalz. In'n Wald nauf.« 73 »Jetzt? Salz?« »Nee, 's kommt sackweise in den Schuppen beim Hachelstein. Wenn's trocken wird, wollen wir anfangen mit Streun. Das Salz gibt feste Knochen.« Der Evangelist lachte: »An Ihrer Stelle tät ich auch hin un wieder ä bißchen Salz lecken.« »Was fällt Ihnen eigentlich manchmal ein, Herr Bilmes!« »Gehn Sie bloß nich so weit zurück, sonst falln Sie noch ins Wasser. Was denn? An 'n Salzlecken is doch nischt Böses dabei. Der Mensch muß heutzutage gute Knochen haben, damit er schön im Stande bleibt. Jeder in seinem Stande, wissen Se?« »Dann müssen Sie's Salz mit Schöpflöffeln essen, lieber Bilmes.« »Sie meinen wohl, ich bin aus meinem Stande raus?« – Bilmes rückte seinen zerknüllten Hut ins Genick und sah den Schulmeister an: »Was wißt ihr'n von uns«, knurrte er. »Von euch? Was soll das heißen?« »Von uns – nu was ihr 's einfache Volk nennt.« »Unsinn.« »Hä? Na, passen Se mal auf: jetzt sind Sie Schulmeister. In zehn Jahrn Schulrat. Un wieder in zehn Jahrn vielleicht Schulpräsidente. Ich – nee, von mir wolln wir nich reden – aber Kersch, Sie kennen doch Kerschn? Also der is Holzhacker – heute, in zehn Jahren, un in hunderten, wenn er längst beim lieben Gott aufm Wolkenbänkchen sitzt, is er auch Holzhacker. Verstehn Se jetzt?« Klaus schüttelte ärgerlich den Kopf. »Nich? Sehn Se, aus 'm Holzhacker kann zur Not ein Präsidente werden. So was hat's doch gegeben, he? Aber aus einem Präsidenten kann niemals nich ein Holzhacker werden. Merken Sie 's jetzt?« »Also, Bilmes, ich habe wirklich keine Zeit mehr –« »Immer noch nich? 'n Augenblick noch. Manchmal muß auch 'n Präsidente Holz hacken – wenn er Pech gehabt hat, 'n armes Luder geworden is. Aber zum Holzhacker aufsteigen kann er deswegen noch lange nich. Das is vorbei. Die andern Holzhacker werden bis an sein seliges Ende von'm sagen: das is der Präsidente – un wenn er keinen Hintern in der Hose hat un doppelt so viel hackt wie 'n Holzhacker.« Jetzt sah Klaus den Salzstreuer groß an. Der Alte nickte: »Haben Sie 's jetzt? Ich muß nu« – er ging zu seiner Karre und faßte die Griffe. Klaus starrte ihm nach. Bilmes lachte. »Da gucken Se! Ihr wißt eben nischt von uns! 74 Holzhacker, wissen Sie, so 'n richtiger Holzhacker, der läßt keinen ran an sich. Sie können unserein' was vorreden – sehn Se, Schulmeister, die eine Hälfte arbeitet so« – Bilmes faßte die Karrengriffe, daß die Sehnen scharf aus der braunen schmutzigen Haut seiner Fäuste heraustraten – »die nehmen, was auf der Erde is, un machen, was sie können, un die laufen sich die Sohl'n ab. Un die andere Hälfte, die erfindet für das, was wir machen, Buchstaben un Zahlen un hantiert damit. Mit Sachen, die 's gar nich gibt –« »Jeder an seinem Platze, Bilmes.« »Na eben, das sag' ich doch! Die einen stehn auf der Erde, un die andern reden davon. Un wer bloß red't un alles bloß in Gedanken macht – nich mit seinen beiden Händen – wer nich wirklich was macht, der soll sich nich neinreden wollen in uns. Der weiß nischt von uns. Un wen wir nich kenn'n, der kann sich nich in unser Bette legen.« Bilmes fuhr los. Verrückt ist er . . . dachte Klaus. Aber Bilmes blieb noch einmal stehen und rief zurück: »Lecken Se ruhig hin un wieder 'n bißchen Salz, Schulmeister. Das gibt feste Knochen, un der Mensch soll sich im Stande halten.« Klaus blickte nach ihm hin, aber er konnte Bilmes im Nebel schon nicht mehr sehen.   Erste Probe Die Festspieltage rückten näher. Leider war Klaus nicht wieder in Weimar gewesen. Er hatte kein Geld. Auch Herr Kortüm konnte nicht reisen. Die Einnahmen des Schottenhauses waren beklagenswert niedrig. Man schrieb sich also Briefe. Das soll der Mensch nicht tun. Mißverständnisse sind ganz unvermeidbar. Soeben war folgendes Schreiben des Dichters Friedrich Wingen bei dem Schulmeister Klaus Schart eingelaufen: »Lieber Herr Schart, aus Euren Briefen werde ich beim besten Willen nicht gescheit. Wer ist eigentlich Herr Kortüm? Dieser Mann hat mir, ohne daß ich ihm den geringsten Anlaß dazu gegeben hätte, einen wirren und beleidigenden Brief geschrieben. In seinem Schreiben ist eigentlich nur von Eseln die Rede. Ja, er wagt auszusprechen, daß seiner Ansicht nach überhaupt nur Esel imstande wären, das Publikum ins Theater zu bringen. Ich verbitte mir solche Äußerungen. Sagen 75 Sie das diesem Herrn Kortüm! Die letzten Entscheidungen will ich doch lieber selber treffen. Sonnabend komme ich mit dem Mittagszug in Besenroda an. Sorgen Sie, daß ein paar Sänger und einige Musikanten auf dem Schottenhaus bereit stehen, denn wir müssen uns über die Akustik des Saales klar werden –« »O weh«, sprach Klaus. »Was mag Herr Kortüm geschrieben haben?!« Er suchte Albrecht und fand ihn beim Schneeschippen auf dem Schulhofe. »Hören Sie, heute nachmittag –« »Ich habe keine Zeit –« »Heut nachmittag müssen Sie Ihren Kaffee und hinterher den kleinen Kümmel auf dem Schottenhaus trinken.« Dieser geschickte Anfang verschaffte Klaus Gehör bei seinem Schuldiener, der eigentlich nicht zuhören wollte, denn der Groll Besenrodas gegen Klaus Schart, den Verhinderer des Maskenfestes, loderte auch in Albrechts Brust. »Was is'n?« fragte er etwas einsilbig und schippte. »Um elf habe ich beim Begräbnis zu singen. Die Chorkinder sollen nun vom Friedhof gleich hinauf ins Schottenhaus. Ein Herr aus Weimar kommt heute zur Gesangsprobe. Die Kinder kriegen Kaffee und Kuchen, ich rede mit Herrn Kortüm. Bitte nehmen Sie meine Geige mit. Ich muß nämlich zum Bahnhof. Der Herr ist ja hier fremd. Und dann werden die Girlanden am Haus ausgemessen. Dazu ist ein zuverlässiger geschickter Mann nötig – 's ist kalt, aber ich sorge schon für Grog, Albrecht.« »Mach ich.« Das war gelungen. Klaus atmete auf. Seit dem Fehlschlag des Maskenfestes waren die Besenröder dickfellig. Klaus hatte ihnen Aufträge für die Theatervorbereitungen in Aussicht gestellt, aber die Aufträge kamen immer nicht. Ob denn wenigstens die Schauspieler viel Masken brauchten? hatten sie gefragt. – Nein, Schauspieler verstellen ihre eigenen Gesichter. – »Heute wird überall gespart. Was tät'n das nu ausmachen bei dem hohen Eintrittsgeld, wenn sie sich richtige Masken aufsetzten – aber nee . . .« Klaus hatte es schwer. Nur auf Monich war Verlaß. »Herr Monich, heute brauchen wir Musik oben. Die Akustik des Saales wird geprüft.« »Müssen wir die Uniformen anhaben?« »Nein, nein!« »Dann geht's. Die Feuerwehr is nämlich nich so schnell zusammenzukriegen. Also schön, Herr Schart: wir nehmen zwei Posaunen, ein 76 Bombardon, drei andere Trompeten, dann 's Pfeifzeug un de Pauke. Langt das? 'n Schellenbaum lassen wir unten. Die Besetzung wie beim Chorschmaus.« »Genau so. Schönen Dank, Herr Monich.« Die Begräbnisfeier hatte Klaus genau berechnet. Gleich nach dem letzten Vers ging der Schulmeister, und sobald ihn die Hinterbliebenen nicht mehr sehen konnten, setzte er abkürzend in ein paar Sprüngen über verschneite Grabhügel und lief bergab auf den Bahnhof zu. Die Lokomotive, die dort draußen am Taleingang dampfte, zog den Dichter Wingen ins obere Ilmtal hinein. Wenn Klaus den Laufschritt aushielt, konnte er gleichzeitig mit dem Zug im Bahnhof einlaufen. Er dampfte wie die Lokomotive. Ein Besenröder mit einem schweren Bündel Glasröhren auf dem Rücken kam Schritt für Schritt den Berg herauf und sah erstaunt den Schulmeister den Berg hinabstieben: »Nu is er ganz verrückt geworden.« Aber Klaus kam doch zu spät. Eben spritzte er um die Gänsegassenecke – die Lokomotive pfiff schon – da stieß er vor einen Weidenkorb. Lotte stand vor ihm, lachte ihn an und klappte ihren Korbdeckel auf: »Gefällt sie Ihnen? Ja? Es ist ja nur eine Probe zum Anhalten, ob's so paßt.« Lotte hatte von der Winterluft rote Backen und klare Augen: »Ja«, sagte Klaus und sah sie an, »ja, wunderschön . . .« »Blau paßt doch auch besser zu Buchsbaum als gelb. Nicht?« »Blau ist selbstverständlich das einzig Mögliche!« Klaus zog ein Stück Girlande heraus. »Wie lang ist sie denn?« »Fünf Meter. Nur erst das Stück über der Tür.« Lotte ging mit dem Korb etwas zurück, damit Klaus die ganze Girlande begutachten konnte. Beinah so lang war die Girlande, wie die Straße breit war. Klaus stand hüben, Lotte drüben. »Da denke ich nun, mein lieber Schmierendirektor holt mich in der Fremde wenigstens von der Bahn ab und zeigt mir den Weg – keine Ahnung! Der steht mit einer schönen Thüringerin auf der Straße und spannt Girlanden.« Wingen, gefolgt von seinem Diener Wenzel, welcher zwei dicke Mappen trug, war auch eben um die Ecke der Gänsegasse gebogen und wunderte sich. »Entschuldigen Sie, Herr Wingen. Ich war eben auf dem Wege zur Bahn, aber –« »Aber Sie blieben leider unterwegs hängen. Ich fürchte, Fräulein, so ganz ohne weiteres wäre ich auch nicht an Ihnen vorbeigekommen – Wingen ist mein Name.« 77 Das Mädchen stellte ruhig lächelnd den Korb in den Schnee und wickelte die Girlande auf. Wingen nahm den Korb und hielt ihn Lotte hin. Wenzel wollte zugreifen: »Danke, Wenzel. Passen Sie auf die Mappen auf. – So. Nun wird der Deckel zugeklappt.« Lotte wollte ihren Korb nehmen. »Wo kommt denn die Girlande hin?« »Ins Schottenhaus.« »Die auch?! Ich nämlich auch. Da paßt's ja« – Wingen hing sich den Weidenkorb über den Arm. Ehe sich Klaus in diese Rollenverteilung hineingefunden hatte – er war eben noch ein sehr unbelernter Intendant – wanderte Wingen neben Lotte schon bergauf. Als Lotte plötzlich hell auflachte, sah der Schulmeister sehr dumm aus und blickte dem Diener Wenzel fragend ins Gesicht. Der Bälgetreter hatte die zwei Mappen auf die Straße gestellt und nahm eine Prise. »Ich schnuppe nämlich.« »Aha«, sagte Klaus geistesabwesend. »Alle Bälgetreter schnuppen.« »Das ist unglaublich!« – Klaus sah die beiden die schlechte Straße hinaufgehen. »Wieso 'n? Sehn Sie, was 'n Bälgetreter is, der raucht nich.« »Das geht doch nicht!« rief Klaus – Wingen und Lotte waren schon am Steinbruch. »Je, das verstehn Sie nich. Sehn Se, im Dienst kann 'n Bälgetreter nu mal nich rauchen. Der Dampf zieht in de Kirche –« »Aber das geht doch wirklich nicht!« – Wingen mit Lottes Girlandenkorb am Arm bog eben um die Ecke. Weg waren sie. »Nee, das geht nich.« Wenzel nahm die Mappen auf: »Verdammig, sind die schwer. Gehn Sie auch da nauf?« »Natürlich!!« schrie Klaus wütend. Sie gingen. Wenzel, ein Bälgetreter und infolgedessen ein Kenner der menschlichen Natur, sah den Schulmeister von der Seite an: »Hm. Sie haben wohl dem Fräulein den Korb tragen woll'n?« »Ach, den Lausekorb!« »Na ja. Sehn Se, das kommt alles vom Dichten. Ich merke das auch beim Orgeln, wissen Se? Ein Dichter, der hat so eine plötzliche Natur.« Klaus schwieg. »Das is merkwürdig« – Wenzel geriet ins Nachdenken – »ich trage 78 seine Dichtungen oder was sonst für Papiergegenstände in den verdammigten Mappen hier sind, den Berg nauf. Un er, hä, er trägt 'n Blumenkörbchen 'n Berg nauf.« Klaus war gereizt. »Blumenkörbchen«, wiederholte er. »Bin ich denn Luft?« »Wo bleiben Sie denn, Herr Schart!« rief ihm Herr Kortüm entgegen. Wegen des Schnees trug Herr Kortüm ungeheure Stulpenstiefel, die bis an den oberen Abschluß der Beine reichten. Er hatte sie früher einmal von einem Forellenfischer in Besenroda unten gekauft. Herr Kortüm sah wie der fliegende Holländer darin aus. Die Schulkinder standen im Kreise um ihn herum und hatten ihre helle Freude an diesen Stiefeln. Herr Kortüm hatte viel zu tun. Auf ihm lag wieder die ganze Verantwortung. Der Dichter war verschwunden. Wingen wollte wegen des Eselsbriefes in Ruhe ein Hühnchen mit dem Inhaber des Schottenhauses rupfen und hatte nach kurzer Vorstellung nur gesagt, daß es ihn fröre. Er bestellte sich im Saale einen Kaffee, nein, zwei Kaffees – den andern für Lotte. Die fror auch. Ihre Ohren waren ganz rot. »Sie müssen sie reiben.« »Die sind wie Glas in der Kälte.« »Um Gottes willen!« rief Wingen. »Dann können sie ja erfrieren!« Er zog schnell die Handschuhe aus und legte seine warmen Hände an ihre Ohren: »Werden sie warm?« Herr Kortüm konnte draußen im Schnee stehen. Ihm wärmte der Dichter nicht die Ohren. Monich schwebte auf einer Leiter links von der Türe, Schuldiener Albrecht rechts. Die hielten die Girlande. Herr Kortüm ließ sie einmal länger, einmal kürzer hängen und prüfte den Schwung. »So bleibt sie hängen«, entschied Herr Kortüm. »Wo ist denn Herr Wingen?« rief Klaus und suchte Lottes grünen Mantel. »Der trinkt Kaffee!« schrien die Chorkinder. »Meine Herren, lassen Sie uns auch den Kaffee nehmen«, sagte Herr Kortüm zornig und ging voran, wie das seine Gewohnheit war. Die Männer folgten, und die Kinder drängelten hinterher. Der Geweihsaal hatte sich verändert. Am Nordende war das Theaterpodium aufgeschlagen. Der Vorhang fehlte noch, aber die Kulissen standen da: man erblickte eine Terrasse, Säulen, in der Ferne eine bunte Sommerlandschaft. Lotte stand mitten auf der Bühne und Wingen 79 erklärte ihr eifrig das Theaterstück: »Und in diesem Augenblick kommt der König selbst. Eine Laterne! schreit er« – Lotte hatte selbstvergessen die Hände zusammengelegt. Ihre Lippen waren ein wenig geöffnet. Sie las Wingen die Worte an den Augen ab. »Sollen die Chorkinder nun unten im Saale singen oder auf der Bühne?« rief Klaus. »Wie? Ach so. Oben natürlich. Dort die kleinen Stufen herauf. Langsam. Nicht alle auf einmal. Halt! Herr Schart, ich will doch lieber erst eine einzelne Stimme hören. Das ist wichtiger. Noch mal runter, ihr Bengels!« Wingen sprang vom Podium herab und lief ans Ende des Saales: »Bitte, Fräulein Lotte, sagen Sie mal was.« »Aber –« »Lauter bitte!« »Aber ich weiß doch gar nicht –« »Ich glaube, die Akustik ist gut. Nur noch einen Satz im Zusammenhang, bitte, Fräulein Lotte.« Die Zuschauer starrten das Mädchen auf der Bühne an. Lotte dachte, sie müßte nun furchtbar verlegen werden – aber Wingen redete so selbstverständlich und sachlich: »Nein, sprechen Sie nicht zu mir her. Mehr dorthin, wo Herr Schart steht. Irgendwas.« Lotte wurde rot, lachte und wunderte sich über die klingende Sopranstimme – bin ich das? – die da sprach: »Sieben Jahre hatte Hans bei seinem Herrn gedient, da sagte er zu ihm: Herr, meine Zeit ist um –« »Eine herrliche Akustik!« rief Wingen. »Weiter!« Aber Lotte kletterte schon die Holztreppe hinunter: »Das langt.« Klaus starrte verdonnert die Marmorsäulen der Terrasse an: das muß doch ein Balkon sein. Die Bäume sind auch falsch. Dort standen Zypressen. Außerdem hat Konstanze eine Altstimme. »Setzen Sie sich, Herr Schart«, sagte Herr Kortüm zu ihm. »Nehmen Sie Zucker?« Im Kopfe des Schulmeisters kreiste es. Er wollte seine Gedanken sammeln und konnte es nicht in diesem Lärm. Jetzt polterten die Musikanten zur Tür herein. Wingen lachte: »Sie haben ja gleich ein ganzes Orchester bestellt, Herr Schart.« Zuerst kam der Mann mit der großen Trommel, die er in schwarzes Wachstuch gepackt hatte. Dann erschien ein riesiger Baßgeigenkasten, es kamen Leute mit Trompeten, Flötenfutteralen. Herr Kortüm befahl, daß man Grog bringe. Die Stimmung bekam unbedingt etwas Festliches. 80 »Den Chor bitte, lieber Herr Schart«, sagte Wingen. Die Kinder standen längst auf der Bühne, befühlten die Kulissen und guckten dahinter. Klaus schlug die Stimmgabel an. A, summte es leise. A–C. Und nun erklang das Landstreicherlied, Text von Friedrich Wingen. Lotte trank Kaffee, Wingen saß ihr gegenüber und malte mit einem abgebrannten Streichholz ein Zelt auf das Tischtuch . . . . »Und stellt ein Zelt ans Ende« – Schweigen. Alles blickte zu Wingen hin, der eben den Zelteingang schwarz ausgemalt hatte und versonnen Lotte anlächelte. »Herr Wingen«, sagte Lotte mahnend. Wingen schreckte hoch: »Ach so. Ja. Ausgezeichnet. Sehr schön, Herr Schart. Wir sind uns also über die Akustik klar –« »Je, un die Musike?« fragte Monich. »Die – natürlich! Haha. Also bitte.« Jetzt aber erhob sich ein Schall, wie Wingen noch keinen gehört hatte. Der Saal war zu klein. Bombardon und Posaune und Trommel schmetterten vor die Wände, daß die Geweihe bebten. Die Kulissen schwankten leise, und die Sommerlandschaft blähte sich wie ein Segel. Wingen griff an seinen Leib, um den Magen zu schützen. Monich beruhigte ihn: »Das Haus is gut gebaut.« Lotte weinte fast. »Halt!« schrie Wingen, »die Kulissen« – da riß ein Bengel die Tür auf, daß sie krachend ans Gewände schlug: »Die Esel!! Die Esel, die Esel kommen!« Mit eins erstarb die Musik. Die Bläser setzten ihre Tuben nicht erst auf den Fußboden, der Pauker ließ den Schlegel nicht fallen – die wilden Männer behielten ihr Mordgerät in den Händen, sprangen vom Podium herunter und stürzten nach der Tür. Das Geschrei der entfesselten Chorkinder war schon vor dem Fenster zu hören. Albrecht ließ den Grog stehen. Sogar Herr Kortüm ruderte mit den Armen, um in seinem Stiefelwerk rascher vorwärts zu kommen. Ehe Wingen auch nur begriffen hatte, was denn los sei, stand er mit Lotte allein in dem Saal. »Mein Gott, Lotte, war das ein Spuk?« »Nein«, lachte das Mädchen. »Die Esel.« »Ja, was hat's denn bei euch nur mit Eseln auf sich?! Ich bekomme Briefe, die von Eseln handeln. Esel, ruft einer, und ein gefüllter Saal wird leer, als wenn der Blitz eingeschlagen hätte –« Lotte erklärte dem Dichter, was die Esel von Besenroda zu bedeuten haben. »Seltsam«, sagte Wingen vor sich hin. »Da steht dieses Mädchen 81 hier, die Schönheit selber – kein Mensch scheint's zu merken. Ich, na, ich bin doch immerhin ein bekannter Schriftsteller, ich komme nach Besenroda – 's ist nicht mal jemand an der Bahn wegen unsereinem – und jetzt . . . Ja, es müssen wohl Esel kommen . . .« Wingen und Lotte gingen auch hinaus. Weit und breit war kein Mensch mehr zu sehen, nur Herr Kortüm als letzter bog eben um die Ecke. Der konnte nicht so schnell in seinen Siebenmeilenstiefeln. Wingen schüttelte immer noch beleidigt den Kopf. Als er aber mit Lotte ans Tanneneck kam, machte er große Augen: tief verschneit lag rings das Land, schweigend und ernst, und bunt und klingelnd wie ein Kinderspielzeug kamen da die steile Straße herauf sechs Eselein, nickten mit den Köpfen, schüttelten die langen Ohren und setzten zierlich ihre kleinen Hufe. Wingen schrieb Theaterstücke und sah scharf hin, wie etwas beschaffen sein müsse, um dem Publikum zu gefallen: dieses Stück gefiel bei Gott! Die Leute strahlten und riefen Kersch, dem Eseltreiber, zu: das, nee, das hätten sie denn doch nicht gedacht! Ganz Besenroda schien hinterher zu ziehn. Die Kinder jubelten, die Trompeter setzten ihr Messing an und bliesen das alte Postillonsignal – die Esel hielten einen Einzug, daß Wingen zu Lotte sagte: »Wenn ich mit meinem Stück nur halb so viel Beifall finde bei euch, will ich froh sein.« »Sie sind aber auch wirklich niedlich«, sagte Lotte. Niedlich? überlegte Wingen, sind sie nicht mehr? – Ruhig gingen die Tiere eins hinter dem andern durch den Höllenlärm, den die Menschen um sie herum aufführten – sie scheuten nicht. Sie kannten die Menschen: sie kamen aus einem Zirkus. Nein, Schart«, sprach Wingen auf dem Weg zum Bahnhof, »das muß ich sagen: ihr bietet einem was, wenn man zu euch auf Besuch kommt – Menschenkinder!« »Glauben Sie, daß es Frau Schröter bei uns gefallen wird?« »Begeistert wird sie von euch sein! Sowas wie mit den Eseln, nein Schart, das kann kein Dichter dichten. Das kann nur –« »Herr Kortüm machen –« »Das kann nur das Leben selber leben. Und dabei ist es noch nicht einmal dumm.« »Die Esel scheuen auch nicht, haben Sie es gemerkt? Konstanze braucht gar keine Angst zu haben, wenn sie heraufreitet.« »Kon – – wer?« 82 »Frau Schröter, meine ich.« »Mein lieber Chambertin, Konstanze Schröter ist eine von den Frauen, die noch nie Angst vor Eseln gehabt hat. Dazu ist sie schon zu lange beim Theater hienieden.«   Der Eselritt Heute wollte Klaus pünktlich am Bahnhof sein. Heute ließ sich Klaus Schart von keiner Girlande unterwegs aufhalten. Mit dem Abendzug wird Konstanze Schröter in Besenroda eintreffen. Auch Wingen kam heute abend und Lerp, der Schauspieler. Das Quintett der Staatsoper und die übrigen Darsteller wurden erst morgen mittag erwartet. Leider war das Wetter umgeschlagen. Südwestwind leckte den Schnee vom Gebirge und blies spritziges Regengewölk ins Ilmtal. Wenn nun Herr Kortüm nicht den Eselverkehr erfunden hätte! Die Folgen wären gar nicht auszudenken. Wahrscheinlich hätten die Leute die Karten zum ersten Gastspiel einfach abbestellt, denn wer sollte bei dem Wetter auf der landein landaus berüchtigten Besenröder Straße zum Schottenhaus hinaufwaten? Selbst kunstbegeisterte Familienväter würden sagen, sie hätten Weib und Kind, müßten sich ihrer Familie erhalten, und das Leben wäre kein Schauspiel wert. Aber die Esel standen bereit. Die schreckte nicht Wetter, nicht Abgrund, nicht Steinbruchweg. Sechs weitere Esel waren mietweise für die Festtage eingetroffen, und die Sonderzüge liefen umschichtig in Esperstedt und Besenroda ein, so daß die gesamte Eselfront jeweils auf eine Zugankunft konzentriert werden konnte – jede denkbare Rücksicht war von der Bahnverwaltung auf den Spezialverkehr des Schottenhauses genommen worden, nachdem sie sich von der Tatsache des Eselverkehrs überzeugt hatte. Nur das erste Schreiben der Freitagsgesellschaft war unbeantwortet geblieben. Die Beamten hielten diese Verkehrsneuerung für einen unpassenden Witz, bis sie einsahen, daß zwei teure Sechssitzer zwölf Personen nicht besser die schlimme Straße hinaufgetragen hätten. Es liefen so viel Vorbestellungen ein, daß Herr Kortüm nun doch bereute, nicht mit dem Erfurter Feinkosthändler Dohse in Verbindung getreten zu sein. Die Spießbürger hatten ihn wankend gemacht. Zum 83 erstenmal in seinem Leben hatte er nachgegeben. Wenn er jetzt nur die Hummern und Pasteten zur Hand gehabt hätte! Nun, es konnte auch ohne Hummern noch ein gutes Geschäft werden. Wenigstens die Weinkarte hatte er nach seinem Ermessen zusammengestellt. Herr Kortüm kraulte den Esel mit dem azurblauen Sattel hinter den Ohren: »Du trägst den alten Kortüm in eine bessere Zukunft.« Mit Neid sahen die anderen Theater hier mitten im Gebirge einen offenbaren Erfolg im Werden. Das Stück war es nicht, das zog. In Birnstedt zum Beispiel hatten zweiunddreißig Personen der Erstaufführung beigewohnt. Daß aber die Esel neugierig machten, anlockten und zogen, das konnte kein Intendant übersehen. In den illustrierten Zeitungen erschienen Bilder dieser Eslein – sie hatten merkwürdige Namen, und ihre Sättel waren azurblau, feuerrot, postkutschengelb, maigrün, nachtblau und mondsilbern, und Glöckchen hingen auch noch dran – wer kann dagegen ankommen mit Taxen, Elektrischen und Autobussen? Also heute kommt dieser Dichter – Herr Kortüm stand vor seinem Kleiderschrank und suchte einen würdigen Anzug. Wegen dieses Friedrich Wingen aber nicht. Ein seltsamer Mann, murmelte Herr Kortüm. Er kannte diese Menschenart nicht, denn in Hamburg dichtete zu seiner Zeit niemand, in Übersee erst recht nicht, und in Thüringen war er ja von jeglichem Verkehr abgeschnitten. Höchst seltsam, wiederholte Herr Kortüm: reist eigens von Weimar aufs Schottenhaus und statt mit ihm, Herrn Kortüm, die gesamte Materie sorgfältig durchzusprechen – die Mappe lag bereit – schwatzte er mit Lotte, aß zwei kalte Aufschnitte mit ihr, trank eine Flasche Wein und verschwand wieder. Hm . . . Herr Kortüm kramte in seinen Sachen. Schwer für einen aus der großen Welt stammenden und nun einsam in achthundert Meter Meereshöhe hausenden Witwer: »Ich nehme doch diesen hier«, sagte er. »Die berühmte Konstanze Schröter wird erwartet. Da kommt der Anzug zur Geltung. Sie soll eine schöne Frau sein – aus was für einer Familie mag sie stammen . . .« Herr Kortüm breitete seinen Anzug aus – eine wahrhaft fürstliche Pracht. Zum Rennen in Hamburg hatte er ihn getragen – das waren Zeiten. Träumerisch holte er den Hutkoffer herunter und entnahm ihm den zugehörigen mausgrauen Derbyzylinder: ja, der paßt noch. »Wir empfangen sie also mit ›Wer hat dich du schöner Wald‹, nich wahr?« Monich machte die Schlafzimmertür nur einen Spalt auf, 84 da er Herrn Kortüm in den Unterhosen und mit dem grauen Zylinder auf dem Kopf vorm Spiegel stehen sah und dieses Bild einen genierlichen Eindruck auf ihn machte. Monich befand sich bereits in voller Feuerwehrhauptmannsuniform. »Das finde ich sehr dumm«, sprach Herr Kortüm und setzte seinen Hut ab. »Komm herein und mach die Tür zu. Könnt ihr nicht was Passenderes spielen? Bei diesem Wetter? Etwa aus dem Freischütz?« »Nee, ausm Koppe nich, Kortüm. Un mit Noten geht's nich bei dem Regen. Die zerweichen je. Un Nacht is auch. Sie sehn nischt.« »Dann laß wenigstens den großen Waldruf von den Trompetern blasen, Monich. Die Musikanten hast du ans Tanneneck gestellt?« »Noch nich. Sonst werden sie kalt, un dann sausen sie einen Grog nachm andern un mit ›Wer-hat-dich‹ is es Essig.« Herr Kortüm schüttelte den Kopf, als Monich hinaus war: »Da beschweren sich diese Binnenländer über unsere Reeperbahn.« – Im Schulhaus zu Besenroda stand Klaus Schart und schmückte sich. Er hatte seinen kleinen Spiegel auf den Fußboden gestellt und prüfte den Fall seiner Hosen: sie fielen gut. Leider besaß er nicht die große Welterfahrung des Herrn Kortüm. Sein Haupthaar zum Beispiel bearbeitete er mit Wasser und Bürste, bis sein Kopf wie ein Messingknopf blitzte. Er zog sich straff auf Draht und ahnte nicht, in welche Gefahr er Konstanze gegenüber geriet neben der lässigen Vornehmheit jenes großen Herrn Kortüm. Klaus sagte nichts als: Sie kommt, sie kommt. In einer Stunde läuft der Zug ein – wenn man so denkt: eine rußige stampfende Lokomotive zieht eine weißseidene zarte Julia Capulet durchs Land – ob der Lokomotivführer ahnt, was er da zieht . . . Klaus atmete tief: Gott sei Dank, Herrn Kortüms Esel mit dem silbernen Sattel rettet sie, mich, uns alle. Kersch stand bereit. Der Schirmträger auch. Klaus hatte sich selber überzeugt. Und Julia kam. Sieben Uhr zehn Minuten lief der Zug ein. Klaus äugte wie ein Falke nach den Trittbrettern – wo? Da! Nein, das war kein weißseidner Schuh. Die Menschen drängelten. Marktkörbe, Pappschachteln, Glasröhren – mein Gott, dort ist ja Wingen! Eine Sekunde lang war der Dichter aufgetaucht im gelben Licht der Bahnsteiglampen. Maschinendampf wölkte die Masse ein. Der Regen peitschte auf den Schirm. Da 85 ist Wingen wieder! Der andere muß Lerp sein. Aber wo ist sie?! Jetzt drängelte Klaus rücksichtslos gegen den Strom, trat in einen Taubenkorb, preßte ein Marktweiblein gegen den Lampenmast – »Ah, lieber Schart« – irgendein Elender setzte in diesem Augenblick seinen Koffer auf Klausens Schuh – »bitte: Schart, Frau Schröter« – stellte Wingen vor. Klaus schmetterte den Koffer beiseite. »Nanu, mei Herre!« rief jemand. Wingen hatte bei den Worten »Frau Schröter« auf eine weibliche Person gezeigt. »Lerp«, sagte ein fremder Herr zu Klaus und drückte ihm die Hand. Der Schulmeister versuchte seinen Schirm zu schließen. Eine Regenwelle spritzte ihm ins Gesicht. »Und Frau Schröter?!« schrie Klaus dem Schauspieler ins Ohr. »Da geht sie ja, nein dort, rechts, mit Wingen!« Das – das soll Konstanze sein? Klaus sah ihr mit offenem Munde nach und merkte den Regen nicht. Konstanze? Nein, das war nicht Julia Capulet. Das war – aber das kann doch nicht – »Schart! Mensch! Wo stecken Sie denn. Frau Schröter kommt ja um in eurer Sintflut!« Klaus stürzte an Konstanzes Seite – war sie's doch? Er nahm ihr den Schirm ab und hielt ihn schützend über sie – nein, sie war's nicht! Er kannte sie doch. Zwanzigmal hatte er sie gesehen auf der Bühne . . . Diese Frau neben ihm hatte eine Strickjacke an und einen Strickrock und Schuhe mit Gummisohlen und auch noch eine Baskenmütze auf – es ist die Nachtigall und nicht die Lerche, hörte Klaus eine Stimme in sich – »Wenn ich bloß meinen Gummimantel hätte«, sprach das Weib neben ihm. Lug und Trug! Sie hatte ein abgespanntes Gesicht. Das nasse Haar klebte ihr an der Stirne. Sie ließ die Mundwinkel hängen und platschte mit ihren großen Schuhen durch das Wasser . . . »Also jetzt siehst du's mit deinen eigenen Augen, Konstanze« – Du – hat Wingen zu ihr gesagt? dachte Klaus. »Und erlebst es mit deinem Leib und Leben: da stehn die Esel von Besenroda.« Mißmutig sah Konstanze die nassen Tiere an. »Und diese triefende Figur hier«, fuhr Wingen fort, »ist unser Freund Kersch, erster Sachverständiger in Eselfragen.« »Wie zutraulich er mir ins Auge blickt!« rief Lerp und streichelte den ihm von Kersch zugeteilten Esel. »Ihr seid ja wahre Lebenskünstler, Schart! Tausend Jahre sind nichts vor euch in Besenroda.« »Halt's Maul, Lerp«, sagte Wingen, »und hilf lieber Frau Schröter auf den Esel kommen.« 86 Wingen konnte nicht helfen. Ihm hatte der Wind den Schirm umgestülpt. Und Klaus fiel aus. Der stand noch nässer und dümmer als die Esel da und starrte die fremde Frau mit dem falschen Namen an. Inzwischen hatten vier Bengel große bunte marktschirmartige Dächer aufgeklappt. Kersch nahm von dem silbernen Sattel die Schutzdecke, Konstanze setzte sich auf das Eslein, und wie im Morgenland hielt jemand einen silbernen Schirm über sie – halb Zirkus, halb Tausendundeine Nacht. Das Eslein klappte mit den Ohren, unter dem Schirm war es trocken, windgeschützt, ja, es war ordentlich heimelig in dem glitzernden Umstand – Konstanze sah's an und lächelte. Dann lachte sie. Konstanze lachte plötzlich so laut, daß Klaus aufzuckte und einen Augenblick dachte: Sie ist's doch. Kersch marschierte los und zog Lerps Esel an der Leine nach. Als zweiter ritt Wingen, Konstanze folgte, und Klaus schloß die Karawane. Die letzten Lichter von Besenroda blieben zurück. Es wurde stockdunkel. Vor Klausens Augen schwankte in der düster stürmischen Nacht ein silbernes Dach, hin und wieder blitzte eine silberne Tresse, Glöckchen bimmelten, wenn der Paßwind nicht zu böse fauchte. Klaus war mit einem Schlag so unglücklich geworden wie noch nie in seinem Leben. Keine Hoffnung winkte mehr. Lautlos wie Spuk war dicht vor ihm eine rotgoldene kerzenhelle Welt zusammengestürzt und hatte ein weißes Brokatzelt unter sich begraben – aber ich habe sie doch gesehen . . . Klaus Schart brütete über dem grausigen Wunder, wie ein Weib in einem Weibe stecken könne. Plötzlich hallten Trompetenstöße durch Wald und Unwetter. Wingen hielt erschrocken an: »Das sind Notsignale!« Die Trompeten stießen Wolfsschluchtschreie in die Wildnis. Aber Kersch sagte: »Nee! Das sin se doch!« »Wer, Mensch?!« »Nu, die Musikanten.« Im Gebüsch vor dem Tanneneck stand eine Männerschar, die eben wieder ihre Hörner ansetzte: »Wer hat dich du schöner Wald . . .« »Die üben vielleicht!« schrie Lerp durch den Wind. »Mitten in der Nacht? Was ist das für ein Land!« »Thüringen«, sagte Konstanze und lachte zum zweitenmal. Klaus gab seinem Esel einen Knips und preschte heran – aber er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war zu dunkel. »Sagen Sie, Schart, was sind denn das für unglückselige Regenpfeifer?« 87 »Ich weiß nicht«, antwortete Klaus niedergeschlagen und treulos. Er verleugnete die triefenden Musensöhne einfach. Im Schottenhaus waren alle Fenster hell. Der Empfang fand wegen des Regens im Innern des Hauses statt. Herr Kortüm erwartete die Gäste im Theatersaal. Für Feierlichkeiten war die Diele viel zu eng, aber man hatte sie schön mit Tannengrün geschmückt. Monich stand an der Tür zum Saal und kam den Gästen entgegen. Da er seine Feuerwehruniform angezogen und den Helm aufgesetzt und da ferner Herr Kortüm in der Eile seinen grauen Zylinder auf dem Spiegeltisch der Diele hatte stehen lassen, wandte sich Lerp nach Wingen um und wies auf das lebende und das tote Bühnenrequisit: »Sind denn vor uns schon Kollegen angekommen? Ich denke, wir sind die ersten?« »Nee«, antwortete Monich für Wingen, »wir sin bloß Einwohner.« »Na«, rief Lerp, »da werden wir aber ausgezeichnet zusammenpassen!« »Das woll'n wir hoffen. Hähä. Gu'n Abend, Fräulein.« Klaus erschrak nicht. Ihm war längst alles gleich – wo ist Julia? Die Saaltür flog auf. »Ah«, sagte Konstanze. Nach dem Eselritt und dem silbernen Stück Morgenland in der Wolfsschlucht war sie beinah so hoffnungslos wie Klaus Schart. Aber der Saal war schön. Und nun erst Herr Kortüm! Er benahm sich durchaus senatorisch. Herr Kortüm war eben doch ein Mann: auf den ersten Viertelblick begriff der Vielerfahrene das Weib, das der arme Klaus hinter der Strickwolle nicht finden konnte. Im Saal war ein entzückender Tisch gedeckt. Herr Kortüm hatte die kostbaren Reste des alten Hamburger Familiensilbers, das Porzellan, das Kristallglas – jede Einzelheit hatte er persönlich gestellt. Die Wachskerzen, die Veilchen, sogar die Moltonunterlage, in die das silberne Gerät die schimmernde Damastdecke weich und üppig hineindrückte. Er führte Konstanze. Auf seiner anderen Seite saß Wingen, gegenüber Lerp. Monich und Klaus hatte er rechts und links von dem Schauspieler gesetzt. Die Esperstedter Herren konnten leider nicht mehr rechtzeitig eingeladen werden. Bei dem Wetter mag man doch keinen Boten hinunterschicken, hatte Herr Kortüm gesagt und dankbar an seinen Barometer geklopft. Es gab gebackene Hühner. Wo hat er bloß die grünen Salatblätter her? dachte Klaus – vielleicht aus Taschkent. An solchem Tisch hatte der Schulmeister noch nicht gesessen. Alles Gerät war schwer, von Generationen speisender Kortüms zart abgeschliffen und sehr vornehm. Nur 88 das Essen war leicht. Man merkte gar nicht, daß man aß. Nach einem kurzen Schluck Mosel brachte Liese Rotwein. Aber Liese war schon ohne Wein eine Freude. Herr Kortüm hatte sie in Thüringer Tracht gesteckt: blumiger kurzer Rock, weiße Strümpfe, Haubenbänder, und vor verschämter Freude über ihre Pracht hatte sie auch noch knallrote Backen. Herr Kortüm trank auf das Gelingen des Festes. Seit er Konstanze gesehen hatte, wußte er, daß es gelingen würde. Wingen trank, kostete und lachte dann: »Prost, Schart.« Klaus wurde verlegen – den Wein kannte er, ohne Zweifel: das war dieser laue verdammte Burgunder. »Nicht lachen!« mahnte Herr Kortüm. »Bedenken Sie die Jahreszeit. Bedenken Sie die Verantwortung, die wir Männer zu tragen haben für die zarte Gesundheit einer Dame. Mehr noch: für die Seele des Festes. Gnädige Frau, ich trinke auf Ihre Kunst. Möchte dieses alte Land nicht zu eng für sie sein.« Wingen sah den Mann, von dem er wußte, daß er ein Gastwirt war und beleidigende Briefe schrieb, von der Seite an: »Ihr Wein ist sehr schön! Ich lächelte nur zu unserem Schulmeister hinüber. Herr Schart und ich haben eine kleine private Burgundererinnerung.« »Dazu ist er viel zu jung«, sagte Herr Kortüm streng. Konstanze lachte. Aber nun stieg in Klaus der Zorn hoch, und der machte ihn tapfer. Vielleicht war ihm auch aus dem Wein ein wenig Trotz zugewachsen. Er rückte sein Rotweinglas weg, nahm das Moselglas, schenkte Konstanze und dann sich ein und sagte zu ihr: »Wir beide müssen dann eben den jugendlichen Wein trinken. Ihr Wohl.« Herr Kortüm zog die Augenbrauen hoch, strich über das Kinn und betrachtete sich Klaus aus den Augenwinkeln. Konstanze aber nickte dem Schulmeister zu und sah ihn nun erst genauer an. Es kam ein Wohlsein über die Menschen an diesem Tisch. Lerp hatte schon lange mit großer Teilnahme seinen Nachbar in Uniform betrachtet: »Sagen Sie, Herr Hauptmann, haben Sie hier schweren Dienst?« »Je, feuertechnisch is die Sache so: wir haben hier bloß kleine Häuser, un die sind auch noch halb aus Holz. Brennt so'n Ding, na denn brennt's. Da is nich viel zu machen. Wir passen mehr auf, daß die Nachbarschaft nich angogelt.« »Da heißt's spritzen.« »So einfach is das auch nich. Zum Spritzen gehört Wasser. Im Sommer is wenig da, mannigmal auch gar nischt, un im Winter bei 89 Frost hat sich's was mit Wasser. Spritzen allein, nee – da heißt's vor allem Bahn hacken.« »Was?« »Bahne machen! Mir nehmen die Beile un schlagen ringsum alles, was von Holz is, in Klump.« »Ausgezeichnet, Herr Hauptmann.« »Das hilft. Je mehr wir demolieren, nich wahr, desto weniger kann brennen.« »Prost Wingen«, rief Lerp. »Merken Sie sich das. Sie sind doch Dichter. Ehe ich einen Fachmann in Brandsachen gehört habe, dachte ich immer, es wäre umgekehrt – je kleiner Holz gehackt wird, desto leichter entflammt's.« »Ja, die Fachleute«, sagte Wingen. Konstanze schälte einen Apfel und setzte sich tiefer in ihren Lederstuhl. Die Fenster wummerten leise vom Wind. Mitten in dem großen leeren Saal stand der kleine Tisch verloren wie eine Insel. Aber Herr Kortüm war so weise gewesen, den Saal dunkel zu lassen und nur Wachskerzen auf dem silbergedeckten und veilchengeschmückten Tisch anzuzünden. Man fühlte sich geborgen, wie es ja Augenblicke gibt, in denen sich der Mensch – von Kerzen und Silber und Duft getäuscht – geborgen fühlt in der grenzenlos öden Leere um ihn. Klaus schenkte ein, und Herr Kortüm erzählte. Ganz langsam sprach er und spann seine Gäste ein. »Ja, Feuer«, sagte Herr Kortüm, »Feuer, Wasser, Luft – wer kennt sich aus in den Elementen. Man muß drin in ihm sein, wenn man ein Element verstehen will. Feuer begreift sich am schwersten, weil's einen verbrennt. Mit Wasser ist es leichter. Haben Sie schon einmal den Atlantik befahren, gnädige Frau? Nicht? Schade. Vom Land aus kann man Wasser nicht begreifen.« »Auch die Menschen begreift nur, wer zwischen ihnen steckt«, sagte Wingen. »Der Mensch ist kein Element« – der Herr des Schottenhauses nahm einen tiefen Schluck. »Aber Feuer ist eins«, sagte Konstanze und lächelte Kortüm an. »Gott weiß es – Feuer . . . Ich glaube, es muß eine Septembernacht gewesen sein. An Bord der ›Cleopatra‹, spät abends. Ich nahm eine Decke und rückte meinen Liegestuhl in Schornsteinnähe. Vom Asienufer, wir fuhren durch die Dardanellen, kam Landwind. Da schwingt einer eine Fackel, denke ich. Der rote Punkt am Ufer drüben pendelt hin und her. Noch einer. Zehn, hundert. Ich schwöre, gnädige Frau, es war 90 deutlich fernes Geschrei zu hören und ein ganz leises Klirren und Tosen. Die Feuerpunkte laufen zusammen. Der Himmel wird blaßrot – Feuer, denke ich, laufe zur Brücke: Capitano, Feuer! Der nimmt sein Glas: kommen Sie doch rauf, wo denn? Nichts ist mehr zu sehen. Unmöglich, sagt der Offizier, dort, wo Sie hinzeigen, wohnt niemand. Der dunkle Streif ist der Hügel von Hissarlik. Sehen Sie, Gnädigste, ich hatte mich selber um das Feuer gebracht. Ich hätte nicht davon reden sollen.« »Hissarlik?« fragte Konstanze. Herr Kortüm nickte: »Hm, Troja« – er sah sie lächelnd an – »jaja.« »Je«, fing Monich an – »Schweig still, Monich. Da ist nichts für dein Beil zu holen.« »Das Gedicht von Troja ist durch die Erdrinde geschwelt in Ihrer Septembernacht«, sagte Wingen. »Das Element!« rief Konstanze – aber Herr Kortüm legte zart seine alte durchfurchte Hand auf ihre Finger mit den Ringen: »Sei ruhig, freundlich Element.« Klaus mußte in den Keller und Wein holen. Herr Kortüm hatte keine Lust aufzustehen, saß und erzählte. Sie blieben lange in dieser Nacht an ihrem Kerzentisch.   Die Aufführung Nicht jeder ist den Aufregungen der Theaterproben gewachsen. Herr Kortüm jedenfalls nicht: als nach Schluß der Generalprobe, nachts halb drei, der gesamte Darstellerkreis ganz offenbar unter dem Eindruck stand, daß ja doch alles keinen Sinn habe und diese Aufführung ein wahrer Jammer sei, wandelten Herrn Kortüm seine alten rheumatischen Schmerzen an, und er beschloß, sich für ein paar Tage ins Bett zu legen. Aber es mache einer nur erst seine Tür auf – sofort stellen die Menschen den Fuß dazwischen. Herrn Kortüms Portal stand sperrweit offen. Monich brauchte zwei Unterschriften von Herrn Kortüm. Ein neuer Klingelzug mußte gelegt werden. Und ob denn nun eine größere Lampe in die Diele käme oder nicht? Wenzel zwang Herrn Kortüm 91 sogar, in den Keller zu steigen und eine neue Flasche Rum heraufzuholen. »In'n Tee, jawoll«, sagte Wenzel. »Fürn Herrn Organisten.« »Ich habe Ihnen doch erst vorgestern eine neue Flasche eingehändigt.« »Die is alle.« »Unmöglich – was für Tee trinkt dieser Dichter denn?« »Ceylon, Herr Kortüm. Den braucht'r zur Anregung beim Proben. Damit er munter bleibt. Aber weil er da nu in der Nacht kein Auge zutäte – Tee regt'n nämlich auf – gießt er sich Rum nein. Ja. Je mehr Proben, je mehr Tee, je mehr Aufregung, je mehr Rum!« Herr Kortüm schlief nach Tee auch nicht. Er sagte das Wenzel, der ihm auf der Kellertreppe leuchtete. »Trinken Sie doch 'n Rum ohne Tee«, riet der, »so mach ich's.« Als Herr Kortüm wieder heraufkam, stand Mickewitz auf der obersten Stufe. Es sei unerhört! rief der Apotheker. Ein gut Teil der billigen Fremdenzimmer in Esperstedt sei vermietet. Aber die Leute mit den besseren Appartements säßen da. Von sich wolle er nicht reden – er habe ja die Apotheke. Ihm könne es am Ende gleich sein. Er lebe nicht vom Abvermieten. Aber die anderen. Die Besenröder müßten gezwungen werden, ihre Zimmerpreise mit sofortiger Wirkung heraufzusetzen. Es fände ein lebhafter Eselverkehr von Esperstedt nach Besenroda statt – jedoch nicht wieder zurück. Dazu habe man nicht die hohen Kosten auf die Ausschmückung des Esperstedter Bahnhofs verwandt. Viel war zu tun, und alle kamen zu Herrn Kortüm. Sie mußten zu ihm kommen, denn seine Art, letzte Entscheidungen zu treffen, war so durchdringend und beruhigend, daß ihn das obere Ilmtal nicht einen Augenblick vermissen konnte. Herr Kortüm rammte seine Entscheidungen wie ein Pflasterstampfer auf die Steinköpfe – Herr Kortüm legte sich nicht ins Bett, obgleich morgen die Festaufführung stattfinden würde. Der Theatertag dämmerte herauf. Tiefe Stille lag über dem Schottenhaus. Es wurde Mittag. Der Nachmittag kam: kein Schauspieler ließ sich blicken. Ist das eine Art? dachte Herr Kortüm. Die liegen im Bette, haben sich die Decke über die Ohren gezogen, und ich stehe allein aufrecht in diesem Jammer. Gegen Abend kamen die ersten Festspielgäste. Das Schottenhaus schaltete sein gesamtes Licht ein. Der Saal füllte sich langsam. Gelegentlich bewegten sich die Vorhangfalten. In dem Geheimnis, das sie verbargen, polterte es. Manchmal hörte man einen Nagel einschlagen, 92 einen Stuhl schurren. Das Quintett stimmte seine Geigen. Der Saal verdunkelte sich – Herr Kortüm befahl seine Seele Gott und nahm Platz auf dem großen, geschnitzten, rotgepolsterten Samtsessel in der Mitte der ersten Reihe. Wingen war noch ein letztes Mal auf der Bühne gewesen und hatte im Wege herumgestanden. Er wischte den Schweiß von der Stirn, kam in den Saal und las die Nummer seiner Karte: zweite Reihe, Platz neunundzwanzig. Für Zahlen hatte er ein schlechtes Gedächtnis, denn die Zahl mußte er eigentlich behalten haben: an Hand der ausgegebenen Freikarten hatte er sich sorgfältig seine Nummer ausgesucht. Auf Lottes Freikarte, die sie als Mitarbeiterin bekam, stand Nummer dreißig. Wingen war freudig überrascht, sie gerade heute als Nachbarin begrüßen zu können. Monich konnte das Spiel leider nicht vom Saal aus ansehen. Er hatte Dienst. Die Sache war gefährlich. Die Schläuche lagen bereit. Am Teich draußen standen zwei Wasserpumper – auf Monich war Verlaß. Ein Rokokofürst stand am Guckloch des Vorhangs und musterte das Publikum. Lerp, ein meuternder Bauer, legte dem fürstlichen Herrn die geschwärzte Hand auf die goldenen Epauletten – totzuschlagen versuchte er ihn erst im vierten Akt – und sagte: »Nun laß mich mal ran. Das wird interessant. In der Hauptsache sitzen dort unten Handwerker. Hier und da ein geistiger Mensch dazwischen.« »Ich weiß nicht, Lerp« – der Fürst schüttelte seine Perücke – »ich sehe ländliche Gesichter und ein paar städtische.« »Wollen Sie etwa die Leute nach ihrem Wohnort einteilen? Wenn wir als Schauspieler dieses Ganze da unten in seine Teile zerlegen –« »Laßt's doch ganz!« sagte Konstanze, die eben vorbeikam und sich ihre Bauernschürze umband. »Wie können Sie dann ein Urteil über Ihr Publikum gewinnen?« Konstanze lachte: »Ich kam ja eben nur vorbei und weiß gar nicht, wovon ihr redet. Aber wenn heute zwei Männer an irgendeinem Guckloch stehen, plagen sie sich damit, ein Ganzes in Teile zu zersehen.« Konstanze hatte es eilig und verschwand hinter der Kulisse. Die beiden Schauspieler ließen die Klappe vor das Guckloch fallen und begaben sich an ihre Bühnenposten. Zwei so alte Maskenträger können es auch eine Minute vorm Gongschlag nicht lassen, dem Menschen auf der Spur zu sein. Während der Fürst seinen Degen umschnallte, suchte sich Lerp seinen Knüppel und sagte dabei: »Sag mal, hast du diesen Herrn Kortüm in der ersten Reihe gesehen?« 93 Die Perücke lachte: »Von Beruf ist er ein Gastwirt.« »Nana«, murmelte Lerp, »dann ist Wingen, der uns heute in Gang bringt, von Beruf ein Organist.« »Ein Gastwirt und ein Organist, Lerp – und uns sagt man nach, wir wären die Maskenträger auf Erden. Wir sind die einzigen Leute, die ihren Beruf ehrlich angeben.« Von diesem Gespräch der beiden berufsmäßigen Vexierbildleser hörte Herr Kortüm unten nichts. Er saß in seinem Samtsessel als ein wirklicher König und Herr, unteilbar, unverpackbar und war auch für Geübte schwer unterzubringen. Nur daß er auch so eine Art Beweger und Schaffer sein müsse wie der orgelnde Dichter, das hatte die Bauern- und die Fürstenmaske gemerkt. Herr Kortüm kümmerte sich um nichts und sah geradeaus auf den Vorhang. Auch Wingen kümmerte sich um nichts und sah nach rechts hin, nach Platz Nummer dreißig. Lotte spielte mit ihrem goldenen Kreuz am Halse und wartete auf das verborgene Leben hinter den Vorhangfalten, die sich schon leise bewegten und gleich auseinanderrauschen mußten. In der schlimmsten Lage befand sich Klaus. Der Schulmeister rutschte auf seinem Stuhl herum und starrte auf den Vorhang des Tempels, ob der nun bald zerrisse und ihm Konstanze zeigte, wie sie wirklich war. Klaus war sehr aufgeregt. Wie beneidenswert sind alle Menschen im Theater, welche die ganze Sache nicht mehr angeht, als der Eintrittspreis beträgt. Die Täter aber – vier, drei, eine Minute vor der Hinrichtung – die büßen nun ihren Übermut. Und wer war nicht alles Täter in diesem Saal: Mickewitz, ein Rechenmeister, der jetzt am seidenen Faden des Minus über dem Abgrund einer Dichtung schwebte, ein phantastischer Anblick – Monich, der Gold zu Eseln gemacht und das Schottenhaus dadurch erst mit der Welt verbunden hatte: jetzt wollte er mit einer Notpfeife und fünfzig Metern Schlauch sein Gewissen einlullen – an Herrn Kortüm und Klaus Schart aber mag man in diesem Zusammenhang gar nicht erst denken. Jedoch der erste, nun der zweite und jetzt – verdammt! – der dritte Schlag auf den Gong des bösen Gewissens schaffte endlich freie Bahn denen, die allein noch imstande waren, den Weltuntergang aufzuhalten: die Schauspieler begannen. Sie kamen, gingen, sprachen, spielten, und das Spiel gelang. Leider sah gerade sein Dichter nicht allzuviel davon. Wingen mußte seiner Nachbarin soviel erklären. Immer wieder flüsterte er ihr etwas zu, und Lotte sah aus ganz großen Augen in diesen Widerschein der 94 Wingenschen Welt. In der Pause sagte Hiebrich zu Kersch: »Du, der Kerl da vor mir, weißte der mit den hellen Haaren, der immer redt – dem gebe ich aber jetzt 'n Schupp in 'n Rücken, wenn er wieder nich aufpaßt –« »Mensch«, sagte Kersch und sah sich um, ob jemand diese Rede gehört hatte, »das is doch der Dichter von dem Stücke selber.« Das hätte Kersch nicht sagen sollen. Hiebrich saß die letzten beiden Akte tiefsinnig neben dem Eseltreiber. In ihm bildeten sich ganz irrtümliche Vorstellungen von Dichtern. Der Bälgetreter Wenzel hätte neben ihm sitzen müssen. Dann hätte Hiebrich einen anderen Einblick in das Wesen lebender Dichter gewonnen. Aber Wenzel befand sich im Erfrischungsraum – einer muß ja schließlich auf die vielen offenen Flaschen aufpassen. Überhaupt verlief trotz des Erfolges die Aufführung nicht ungestört. Auch Klaus hinderte seine Umgebung an der ruhigen Aufnahme des Werkes: »Sie ist's«, murmelte er. Ja, sie ist's wieder. Nicht die Julia – Frauen entwickeln sich unübersehbar, hatte er einmal gelesen. Aber was für eine andere diese Konstanze geworden war – ein warmes blühendes Weib, reif wie ein Weizenfeld im Monat August. Die merkwürdigste Störung jedoch, die der ganze Saal vernahm, traf den Dichter unvorbereitet. Daran trug er selbst Schuld. Wingen war ursprünglich hergekommen, um zu erleben, wie sein Theater auf Menschen wirkt, welche kein Theater machen. Auf Menschen, denen Leben gerade Mühe genug macht. Nun saß Herr Wingen da und wußte nichts Besseres zu tun, als einem solchen wirklichen Lebewesen ein langes und breites zu erzählen vom Leben-Spielen. Nun erschrak Wingen, der sich gar nicht nach seinem übrigen Publikum umgesehen hatte, als ein Zwischenfall eintrat, der in rotgoldenen Staatstheatern freilich nicht vorkommt: als im vierten Akt an der schmerzlichen Stelle seiner Dichtung das gesamte Publikum sehr gerührt wurde, sprach in die atemlose Stille nach dem Sterben der Bauerntochter plötzlich die Metzgermeisterin Hiebrich hinein – und sie sprach selbstvergessen und vernehmlich: »Ach, du armer alter Vater.« Wingen unterdrückte einen Fluch: jetzt war alles hin. Nun würden sie lachen – aber es lachte niemand. Im Gegenteil: nun schluchzten auch noch ein paar Menschen. Hätte Wingen nicht nur Lotte als Publikum betrachtet, sondern auch auf die anderen Leute gesehen, so würde er bemerkt haben, wie wenig Zuschauer überhaupt im Saale saßen: nur ein paar Geistarbeiter dachten die Gedanken der Schauspieler mit, urteilten mit ihnen und verglichen – von Bilmes bis zu Mickewitz. Kersch, Albrecht, Hiebrich und all die vielen von ihren Händen lebenden Menschen hatten das Mirakel erst ungläubig ablehnend und ein wenig blöde schmunzelnd angestarrt. Als dort oben auf den Brettern aber Menschen zu leben anfingen wie sie selbst, vergaßen sie sich über ihresgleichen. Sie schauten nicht zu: sie spielten mit. Sie dachten nicht: sie lachten oder wurden böse – es war gar nicht ausgemacht, ob sie den Rokokofürsten nach dem fünften Akt nicht braun und blau schlagen würden, wenn sie ihn zu fassen kriegten. Die Geistarbeiter waren beim Geist, die Handwerker bei der Sache, Wingen hielt sich ans Leben, und Herr Kortüm hielt sich an sich. Anfangs war er dem Spiel gefolgt. Dann folgte er Konstanze. Nicht wie Klaus der Frau folgte: mit dem heißen Wunsch, sie rechtzeitig einzuholen in ihrem hinreißenden warmblütigen Spiel. Herr Kortüm hörte Konstanze sprechen, wie ein Maler beim Arbeiten das Klopfen des Landregens in den Baumwipfeln hört: nicht mit den Sinnen, sondern mit der Seele. Die Seele geht davon aus und fängt an sich zu regen. Auch Herr Kortüm begann auf seine Art mitzuspielen – freilich nur sich selbst. Für solche Frauen soll man ein Mann sein, dachte er. Für solche Frauen Gottes Erde so lange umkneten, bis sie zu ihnen paßt, Berge abtragen, Berge auftragen, und auf den höchsten Berg einen Stein stellen, den sie von ihrem Schlafzimmerfenster aus sehen kann – ja, für Sie gebaut, gnädige Frau – ich tat es, ich, Kortüm. Ich werde doch die Idee mit dem Stein auf meinem Lohberg wieder aufnehmen – Herr Kortüm arbeitete und wachte erst auf, als ihn der laute Beifall nach dem letzten Vorhang umtoste. Das Spiel war gelungen. Die Mitspieler waren zufrieden: Lerp, die Schröter, der Rokokofürst, Kersch, Hiebrich, Frau Hiebrich, Albrecht – alle. Die Zuschauer waren zufrieden: Klaus Schart, Mickewitz, die Pastoren, die Lehrer, Bilmes – alle. Und auch die beiden waren zufrieden: Wingen und Herr Kortüm. Wingen sah das goldene Kreuz an Lottes Hals an: »Das ist wohl ein altes Erbstück, Lotte? Ja – und wie hat Ihnen denn mein Stück gefallen? Ach, wirklich?« Herr Kortüm gar war so zufrieden mit sich, daß er nach der Aufführung nur einen flüchtigen Blick über die schmausenden und trinkenden Gäste warf und zu Monich sagte: »Was schlucken diese Menschen bloß in sich hinein. Ich glaube, die haben alle den Bandwurm.« Wenn ihm, der immer den weißbeschienenen Stein in der Nacht auf dem Lohberg vor sich sah, zehnmal das Schlürfen und Schmatzen unangenehm war – ist das die Rede eines Gastwirts? 96   Kortümgeld Das Gebirge lag tief im Schnee. Es war kalt, aber die Mittagssonne brachte die dicken Schneebehänge auf den Zweigen zum Tropfen. Bilmes stieg den Heidpfad herauf. Er trug sorgsam ein Päckchen mit Eiern, Speck und einem Pfund Schmalz unter dem Arme. Als er nahe vor seiner Waldhüterstelle am Heidstein war, wandte er sich um und sah unzufrieden hinter sich: die Wege hier oben gehörten ihm und dem Wild. Jetzt zogen Skibahnen durch den Schnee. Seit das Theater im Schottenhaus spielte, war auch der verborgenste Jägerpfad nicht sicher vor den Festgästen. Am Abend guckten sich die Stadtleute die Komödianten an, und am Tage rutschten sie wie Besessene die Schneebahnen im Wald hinunter. Diese Spuren der wilden Männer und Weiber kränkten Bilmes – trotzdem sah er sie noch einmal an. Seit dem Kriege mußte er immer zurückblicken. Er fühlte etwas hinter sich tappen. Was es war, konnte er nie feststellen. Als ob ihm jemand nachging. Er blickte kopfschüttelnd auf seinen kurzen Mittagsschatten im Schnee. Der Schatten war es nicht: nein, der tappt nicht. Vielleicht war es sein Freund Mämpel. Ungeduldig tappte Mämpel in der Heidhütte herum und wartete auf die Eier und den Speck. Er hatte Heu in die Wildraufen gebracht und war hungrig. Die Vorarbeit zum Mittagessen war längst besorgt. Mämpel hatte Holz gespalten, Feuer in dem kleinen Herd gemacht, den Kaffeetopf aufgestellt, die Pfanne mit einer Speckschwarte ausgewischt – jetzt klappte er die obere Hälfte der Tür auf und lugte ins Freie: da stand dieser Evangeliste am Meilerschlag, den Speck unterm Arm, murmelte vor sich hin und fuchtelte mit den Armen. »He! Nu komm doch un pred'ge nich!« Bilmes sah zu ihm hin, besann sich und stapfte durch den Schnee heran. An der Holzstufe schlug er die Schneeklumpen von den Hacken und gab Mämpel die Eier: »Sachtchen. Zerbrich se nich.« Er band sein Wolltuch ab, das er dreimal um den Hals geschlungen hatte, hing die Fellmütze an den Nagel und zog die Handschuhe aus: »Schöne warm hier.« »Wo warste denn so lange?« fragte Mämpel und schnitt die gekochten Kartoffeln in Scheiben. »Im Schottenhaus.« »Hä, Kortümgeld?« ›Kortümgeld‹ war ein ganz neues Wort im oberen Ilmtale. Früher 97 verbanden die Leute mit dem Wort Kortüm die Vorstellung Ohnegeld. Jetzt gab es plötzlich Kortümgeld im Land. Vom Schottenhaus rieselten nach allen Seiten schmale feine Geldrinnsale in die Täler hinunter und verschwanden in den Taschen der Einwohner. Der Volksmund sprach wahr: Herr Kortüm hatte dieses Geld gezeugt. Nur der Herr Kortüm – der sah es bloß von hinten: es lief von ihm weg. »Wieviel Fuhren Tannenzweige hast'n du eigentlich gemacht, Bilmes?« »Fünfe nach Esperstedt un dreie nach Besenroda nunter.« »Das sin achte. Ich habe bloß sechse.« »Du hast dafür de Fahnen aufgezogen.« Mämpel nickte: »Weißte, Herr Kortüm hat's doch in sich, verdammig nochämal. Der wird schöne verdient haben. Die schippen doch's Geld bloß so. Als ich meins holte, hatte er lauter solche kleine Rollen aufm Tische stehn, immer eine neben der andern. Un da knippst er so einem Ding einfach 'n Kopp ab, dreht's rum, un nu hähähä liefen de Taler raus. Wie wenn's gar nischt wäre. Du, un wenn er einen dann so auszahlt: peng peng peng schmeißt er de Taler auf'n Tisch, ganz weit von oben runter.« Die Spiegeleier waren fertig, die Kartoffeln auch. Die Waldmänner zogen ihre Messer aus der Hose, klappten sie auf, wischten die Klingen am Rock ab und fingen an. »Herr Kortüm«, sagte Bilmes und spießte eine Kartoffel an. Er steckte sie aber nicht in den Mund, sondern sah sie in Gedanken an: »Vielleicht hat er Geld verdient. Vielleicht. Aber was nützt'm das?« »Du Ochse.« »Wenn einer so alt is wie der?« »Na, un du?« »Ich! Dem sein Alter kannste in Jahren gar nich ausrechnen. Der kommt schon in der Bibel vor.« »Hähä.« »Im vorigen Winter, als so lange Schnee lag, hab ich'm immer de Fresserei naufgebracht. Weißte, als er so ganz alleine war un wo es ihm so dreckig ging. Haben Sie'n keine Angst hier oben so alleine? Sie sind das doch nich so gewöhnt wie unsereiner, hab' ich'n gefragt. Um mich? hat er da gesagt, um mich Angst? Um 'n lieben Gott habe ich manchmal Angst. Daß der's nich anders hat machen können, sagte er. Du, Mämpel, so einer wie Herr Kortüm war schon dabei, als der liebe Gott 98 de Ilm aus der Erde zog un laufen ließ. So einen solln sie mit Komödianterei ungeschoren lassen. Verstehste?« »Ne«, sagte Mämpel und rieb mit einer Brotkante seine Hälfte der Pfanne aus. »So einen, Mämpel, sollen se seine eigenen Wege laufen lassen. Wenn du dann genau aufpaßt, kannste von so einem nachher lernen, wie Straßen laufen, wenn du se alleine gehst, un wohin se gehn. Verstehste jetzt?« »Nee.« Bilmes seufzte: »Der Mensch muß es eben in sich haben, wenn 'r sich da was denken soll.« Mämpel hatte es nicht in sich und konnte zwischen Maskenleben und Lebenleben keinen Unterschied entdecken. Mämpel lebte so durchaus, daß er die Maske für ein Ding aus Pappe und Gaze hielt, das sich der Mensch zum Spaße aufsetzt und dahinter derselbe bleibt, der er ohne Larve gewesen ist. Aber auch bei den anderen oberen Ilmtalern hätte die dunkle Weltweisheit des verrückten Evangelisten wenig Anklang gefunden. Kein Mensch hatte dazu Zeit. Sie arbeiteten alle im Schweiße ihres Angesichts, und wenn sie fertig waren, schwitzten sie erst recht: dann rechneten sie – bis auf einen: Klaus Schart rechnete nicht. Das neue Kontobuch hatte sich nicht bewährt. Er hatte stets weniger Gehalt, als Posten auf der Ausgabenseite des verdammten Liniennetzes gebucht waren. Da stimmte etwas im Prinzip nicht. Vielleicht hatte die Buchführungskunst doch nicht Schritt gehalten mit der Entwicklung der sonstigen Technik – Konstanze, sagte er, o Konstanze – und so was bucht sich schwer für einen weder dichtenden noch holzhackenden Menschen. Die anderen aber buchten alle Kortümgeld. Der Dichter: Tantiemen. Kuffert: Erlös für Andenken an Esperstedt sowie für porzellanene Ausrüstungsgegenstände der Fremdenzimmer. Mickewitz: Kortümgeld für Fremdenbetten, Fremdenkammern, Fremdenappartements, dazu für Arznei und Verbandstoffe, Essenzen und Magenliköre. Sie hatten alle gegen bar produziert – Maskenmacher Albrecht: Girlanden, Fahnen und Transparente. Schuldiener Albrecht: Handreichungen aller Art. Hiebrich: Rostbratwürste. Alle buchten Kortümgeld: Schauspieler, Thermometermacher, Chorsänger, Musikanten, Glasbläser, die Wasserpumper der Feuerwehr, Lichthändler, Raketenmacher, die Reichspost, die Reichsbahn, der Eselverkehr, das Elektrizitätswerk, Bäcker, Schneider, Schuster, Totengräber, Stellmacher – alle! Auch Herr Kortüm buchte. Morgen war ja die letzte Aufführung. 99 Herr Kortüm hatte die meiste Buchungsarbeit. Bei ihm war das Geld zusammengeströmt, hatte sich gestaut, einen Talerstrudel gemacht und war dann wohlgeordnet und sanft in die Einzelkanäle abgeflossen. Diese Kanäle zerfielen in zwei Abteilungen: die gelbe Mappe enthielt die Belege für vorhergesehene Ausgaben, die blaue für unvorhergesehene. Gelb war dünn. Blau war dick. Herr Kortüm hatte nicht voraussehen können, daß außer den ordentlichen sehr viel blaue, ja himmelblaue Zahlungen nötig waren. Da hatte sich in Esperstedt zum Beispiel ein Mann aufgemacht, eine neue Deckenlampe auf den Schottenhügel hinaufgetragen und sorgfältig auf diesem Hügel niedergelegt. Daß diese Lampe in dem dort befindlichen Gebäude derart anzubringen sei, daß sie auch leuchtete – das hatte dem entrüsteten Mann kein Mensch gesagt! Nichtangenagelte Bretter, Klingeln ohne Batterien, Laternen ohne Lichte, Trommeln ohne Felle, Hüte ohne Krempen, Hosen ohne Knöpfe – ach, die Nebenkosten, das Sonstige sowie das Insgemein verunstalteten eine mildblökende Handwerkerrechnung urplötzlich in einen reißenden Leoparden. Herr Kortüm hätte nie gedacht, daß die Sachen in dieser Welt fast nichts wiegen, aber die Nebensachen astronomische Gewichte haben. Nun waren alle Unterlagen in den zwei Mappen beieinander, und Herr Kortüm zählte zusammen. Er blickte das Resultat längere Zeit an. Er hatte sich wohl versehen. Herr Kortüm zählte noch einmal und fing der Vorsicht halber von unten an. Kann das sein? Zahlen lügen nicht – nach dem in einer unseligen Menschheitsstunde der Hölle entsprungenen Vorurteil, welches die Zahl über das Wort gestellt hat. Herr Kortüm, seht ihn an, wie er dasitzt – dieser Mann ermittelte in diesem Augenblick an Hand seines Zahlenmaterials, daß er nichts verdient hatte an dem Festspiel auf dem Schottenhaus – er, der Herr Kortüm. Kortümgeld . . . Allerdings, völlig nichts durfte er nicht sagen. Auf Blatt zweiundzwanzig befand sich ein Plus. Da stand geschrieben: am zweiten November Ankunft der Esel. Hundertsieben Gäste, Einnahme hundertsechzig Mark. Herr Kortüm wurde nachdenklich: am Theater habe ich also nichts verdient. Nichts, ja. Es war zu gutes Schneewetter. Die Fremden blieben den ganzen Tag im Freien. Die Hiesigen aber betreiben Selbstversorgung. Die Ankunft der Esel hatte die Besenröder jedoch überrascht. Sie liefen ohne Butterbrote hinter den Eseln her, und Hiebrich konnte seine Kohlen unterm Rost nicht so schnell in Glut kriegen. An den Eseln hatte Herr Kortüm verdient. Zahlen lügen nicht: ich muß also 100 Esel in Gang setzen, wenn ich leben will. Schade. Je älter ich werde, desto mehr Mitleid fühle ich mit der Menschheit. Es ist ihr schwer zu helfen. Außerordentlich schwer. Man müßte tatsächlich in der Richtung des Streichelbaren, Niedlichen weiterarbeiten . . . ich muß also den Leuten etwas bieten, das sie angeht . . . Herr Kortüm richtete sich hoch – nein, man muß nicht! Was ihnen am fernsten liegt, das, denken sie, geht sie am meisten an. Der weiße Stein auf dem Lohberg! Und die Esel . . . vielleicht lagen ihnen diese guten Tiere auch fern . . . Liese ging auf den Zehen. Herr Kortüm arbeitete. Er war mitten im Schaffen. Drinnen im Saal hämmerten sie an den Kulissen – Herrn Kortüms Gedanken hatten sich schon hoch über die Kulissen und die blaue Mappe und den Theatersaal erhoben: ganz hoch muß er stehen, wie ein Monument; ein Stein, den sie noch draußen in der Goldenen Aue erkennen können. – »Liese! Die Tüte mit den Krumen! Es ist Zeit.« Herr Kortüm, der einzige Bewohner des oberen Ilmtals, welcher nicht teil hatte am Kortümgeld, dieser Mann, der sein bißchen Eigen immer nur von hinten, im Fortgehen erblickte, der Lenker des Schottenspiels, welcher am Schottenspiel sein täglich Brot nicht finden konnte, dieser arme Bereicherer aller – Herr Kortüm erhob sich lächelnd. Sein Blick schweifte weit über den Lohberg und in die verschneite Goldene Aue. Er bewegte die Hände beschwichtigend: laß nur, laß nur, ich komme schon hin, wo ich hingehöre. Er zog seinen schwarzen Rock an, steckte die Perle ins Halstuch, nahm die Krumentüte und begab sich auf den Weg zu seinem Privatfriedhof. Im Wald war tiefe Stille. Wenn ein Kreuzschnabel von einem Zweig auf den anderen flog, sank langsam ein Flockenballen herab auf die Schneedecke. Es ging sich schön auf dem Schnee, der schmerzlindernd wie ein dicker Teppich zwischen den Sohlen des alten Mannes und dem steinigen Pfade lag. Manchmal kam ein Besenröder vorüber, machte Herrn Kortüm Platz, indem er in den knietiefen Schnee am Wegrande stieg und grüßte: »Morgen auch, Herr Kortüm.« Vor ihm ging eine Frau. Jetzt blieb sie stehen. Die Sonne blendete auf dem Schnee. Sie legte die Hand über die Augen. »Sieh da, Konstanze Schröter«, murmelte Herr Kortüm. Diese gebrechliche zarte Menschenblume in der Schneewildnis war ein Labsal für seine alten Augen. 101 »Ah, Herr Kortüm!« Konstanze sah verwundert den festlichen Rock in dieser Winterlandschaft. »Immenfeld ist das, gnädige Frau. Das Schloß kann man von hier aus nicht sehen. Aber nur fünf Minuten weiter, dann kommt ein Durchhau. Dort sehen Sie's.« »Ich bummele nur ein wenig herum«, antwortete Konstanze. »Wo geht denn die Straße eigentlich hin? Man sieht nirgends einen Wegweiser.« Herr Kortüm legte den Kopf schief nach hinten, kratzte sich in den Bartstoppeln und sprach: »Nach dem Pamir. Nach Taschkent ungefähr, Gnädigste.« »Nach – wie?« Herr Kortüm zuckte die Schultern: »Leider.« Konstanze lachte: »Na, dann gute Reise, Herr Kortüm, falls Sie dorthin unterwegs sind.« »Ich mache früher Station.« Immer noch lachend sagte Konstanze: »Die Station zwischen dem Schottenhaus und Taschkent möchte ich kennen!« »Möchten Sie? Gleich dort am zweiten Vorsprung, sehen Sie's? Ja, da ist sie. Dort liegt mein Privatfriedhof. Zwischen dem Schottenhaus und Taschkent, allerdings etwas mehr nach dem Schottenhaus zu – ich bin leider nicht mehr jung. Ja. Ich will eben hin.« Herr Kortüm öffnete seine Tüte. »Sehen Sie? Krumen. Ich füttere die Vögel jeden Mittag.« Konstanze wurde verlegen: »Die armen Dinger. Jetzt im Winter. Schön, daß Sie sie füttern.« »Die Krumen sind Honorar« – Herr Kortüm lächelte Konstanze mit spitzem Munde an – »für Schauspiel und Gesang.« »Kann ich ein Stück mitkommen?« »Aber liebe gnädige Frau« – Herr Kortüm schritt federnd neben ihr aus. »Gehen Sie lieber hier« – er wiegte sich in den Hüften – »bitte Vorsicht, eine Schneewehe. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Die Schmelze vereist so schnell. Ja. Wir sind ziemlich hoch hier.« »Wie hoch liegt das Schottenhaus eigentlich?« »Achthundert. Das heißt: Meereshöhe. Die wirkliche Höhe ist noch nicht ermittelt worden« – Konstanze sah ihn an – »ich meine, auf die Höhe überm Meer kommt's natürlich gar nicht an. Maßgebend für die Atmosphäre eines Ortes ist seine Höhe über der Schädeldecke des nächstgelegenen Bewohners.« 102 Herr Kortüm fühlte Konstanzes Blick, aber er verzog keine Miene: sie soll mich schon kennen lernen. Der Friedhof war eine kleine kreisrunde Waldblöße, eingerahmt von dichtem Tannengebüsch und überwölbt von schneebedeckten Buchenzweigen. Herr Kortüm kehrte mit Tannenreisig eine Stelle von Schnee frei. Schon schwirrten die ersten Vögel herab, traten hin und her und sahen Herrn Kortüm an. »Sie haben gar keine Angst vor Ihnen, gnädige Frau.« »Ich sehe ja auch so gutartig aus.« Herr Kortüm kratzte sich wieder in seinen Bartstoppeln: »Ja – woran soll das eine Drossel merken?« »Wo's nicht einmal ein Mann merkt!« lachte Konstanze. »Oh! Der merkt's – das heißt . . .« Herr Kortüm zog die Augenbrauen ganz hoch, er trat dicht an die Schauspielerin heran und hob den Zeigefinger: »Es gehört ein Blick dazu und viel Erleben. Im Alter haben das manche Leute: allerdings ist's dann zu spät.« Bei den letzten Worten machte Herr Kortüm sogar eine seiner seltenen Verbeugungen. Konstanze lächelte ihn an: »Warum hat man uns diese Welt nicht bauen lassen. Wir hätten manches umgelegt.« »Gnädigste – trotz allem: nein. Auch das kommt mit den Jahren.« Herr Kortüm bewegte mit großem Schwung seinen Arm von West nach Ost: »Sehen Sie das an. Man erblickt von hier kein bewohntes Haus – ist es nicht gut so, wie es gemacht ist?« Der Wald hinter ihnen stand durchsichtig wie Glas bis tief hinein: die Schneedecke am Boden hob Stamm neben Stamm geschnitten scharf ab, nur die Schneedecke oben auf den Wipfeln zog einen Vorhang drüber und machte den Waldraum heimlich für das Wild und für die Eingeborenen, die hier allein etwas zu suchen haben. Aber vor ihnen breitete sich das offene Land aus, strahlend schneeweiß. Gar keine berühmte Aussicht lag vor ihnen, nicht Fels, nicht Strom, nicht sonst ein Punkt. Auf seiner Bodenwelle in der Mitte stand ein Gehölz, trug seine Schneedecke und rührte sich nicht. Zu der Welle hin senkte sich eine Mulde voll Schnee, hinter der Welle eine andere, größere, eine ungeheure Mulde voll Schnee. Und ganz draußen das graue Band eines Waldrückens. Nichts sonst – ein paar Krähen noch, ja . . . und der Himmel drüber: goldgrün wie oft an guten Wintertagen. Aber eine übermenschliche Stille, wahrlich die Gewißheit Gottes, erfüllte voller als das Sonnenlicht diese einfältige klare Bodenschale mit der grünen Luftglocke darüber. 103 »Hier bleibe ich«, sagte Konstanze leise. »Es wird uns eine Freude und eine Ehre sein«, antwortete Herr Kortüm – zugleich im Namen Thüringens. »Ich meine, den Urlaub verbringe ich hier. Zehn Tage habe ich noch, wenn das Festspiel vorbei ist.« – Vor der Tür des Schottenhauses standen ein paar Schauspieler im Schnee und sonnten sich, auch Wingen und Schart unter ihnen. Klaus lief Konstanze gleich entgegen: »Nach dem Nonnental zu sind Sie gegangen? Ach, wenn ich das gewußt hätte. Da führt ein prachtvoller Waldweg nach den Sachssteinen hin –« »Guten Morgen, Herr Schart«, sagte Herr Kortüm. Klaus hatte ihn in der Eile ganz übersehen. »Na, Liese, was gibt's?« »Ob der große Koffer von gnä' Frau nu runter soll vom Boden un der kleine nauf ins Zimmer zum Packen, wollte ich fragen.« Herr Kortüm sah Konstanze an. »Ich – nein, Liese, ich weiß noch nicht. Vielleicht bleibe ich noch ein paar Tage hier.« »Sie spielen weiter?« rief Klaus. »Mäßigen Sie sich, Herr Schart«, sagte Herr Kortüm halblaut zu ihm. Wingen machte große Augen: »Was denn, Konstanze« – aber die Schauspielerin unterbrach: »Ich denke, es ist gut, wenn ich meinen Urlaub hier oben verbringe. Das Herumreisen erst – es ist so schön auf dem Schottenhaus.« Wingen nahm Konstanze am Arm und führte sie ein paar Schritte weg: » Hier willst du bleiben, Konstanze?« »Warum denn nicht?« Die Schauspielerin sah an ihm vorbei, nach dem Lohberg hinauf. Eine Schar Krähen jagte sich rund um ihm im Kreise. »Das geht nicht!« »Ja, höre mal – natürlich geht das!« »Unmöglich.« »Bist du bei Troste, Wingen?« »Nein, Konstanze – es ist völlig undenkbar. Du weißt, ich gebe nichts auf das Geschwätz der Leute, aber wir beide zusammen, nach dem Festspiel, jeder kennt uns, hier oben, allein, ohne Grund, auf dem Lande, weithin vor aller Welt auf einen Berg gestellt –« »Wir beide?« »Ja, weißt du, ich habe Herrn Kortüm nämlich schon gesagt, daß ich mein Zimmer noch eine Woche behalte.« 104 »Herrn Kortüm hast du's gesagt? Ach –« »Ich – wir sind über dem Gastspiel so wenig zusammengekommen. Ich wollte es dir eben auch erzählen.« Konstanze kehrte mit dem Schuh eine kleine Schneepyramide zusammen. Dann sah sie Wingen plötzlich in die Augen. Sie wollte lächeln dabei, aber es sah wie Spott aus: »Über welchem Gastspiel, Wingen?« Wingen rückte an seiner Halsbinde: »Konstanze –« »Und wir hätten hier so schön den lebenden Menschen untersuchen können –« »Ja, sieh mal –« »Der an die Decke klopft, wenn du dichtest, weißt du?« »Also Konstanze –« »Wir fangen wohl an, uns allmählich vor unseresgleichen zu hüten.« Ganz ruhig sprach sie. Konstanze Schröter war eine große Schauspielerin. Sie war ihren Ruhm wert. Nur um einen Schein blasser war ihr schmales Gesicht geworden: »Hol den Koffer, Liese«, sagte sie an der Tür, »ich fahre morgen.« Herr Kortüm machte dieselbe Verbeugung, die er ihr eben, beim Blick in die einfältige Schneemulde, dargebracht hatte. Konstanze ging die Treppe hinauf. Man hörte sie von Stufe zu Stufe steigen, so zart sie auftrat. Die Männer an der Schottentür waren still. »Sie bleibt da?« fragte Klaus und legte seine Hand auf Herrn Kortüms Arm. Das hatte er bisher noch nie gewagt. Die Frage mußte aber gar nicht bis zu Herrn Kortüm gedrungen sein, denn der kratzte sich in den Bartstoppeln und sah Wingen nach, der den Weg nach Besenroda hinunterging. »Oder bleibt sie nicht da?« rief Klaus. Langsam knüllte Herr Kortüm die leere Krumentüte zusammen, die er noch in der Hand hatte: »Lieber, tun Sie mir den Gefallen« – er gab Klaus das Knäuel – »in den Papierkorb dort – ich muß gleich ins Geschäftszimmer.« Er begab sich an seine Arbeit. Die Schauspieler waren ihrer Wege gegangen. Klaus stand allein da. Liese kam mit dem Koffer. »Gib her«, sagte Klaus. Er nahm ihr den kleinen Koffer ab und händigte ihr dafür die weniger wertvolle Tüte ein. Liese war sehr erstaunt, als sie den Schulmeister mit dem Koffer die Treppe hinaufgehen sah und ihn an Frau Schröters Tür klopfen hörte. »Herein«, sagte Konstanze. 105 »Hier ist der Koffer.« »Aber Herr Schart!« »Sie reisen nicht ab?« »Was schleppen Sie sich denn mit dem Koffer!« »Sie reisen doch ab?« »Das Gastspiel ist zu Ende. Ich muß nach Weimar.« »Ach, nach Weimar. Eine schöne Stadt.« »Ein reizendes Stadtbild. Und der Park.« »Und das Theater!« rief Klaus und glänzte vor ihr in der Sonne. Konstanze nickte. Klaus bekam etwas Mut: »Die Julia habe ich dort gesehen – oh . . .« »Ja?« »Und die Verhandlungen wegen des Gastspiels auf dem Schottenhaus habe ich in Weimar geführt. Ja, ich selber. Eigentlich habe ich das Festspiel zustande gebracht.« Kortümgeld, dachte Konstanze. Laut sagte sie: »Da haben Sie was Schönes zustande gebracht.« »Siebenmal habe ich die Julia gesehen.« »Romeo heißt das Stück, Herr Schart!« – In Konstanzes Augen blitzte es. »Aber im Februar spiele ich das Käthchen im Staatstheater.« »Nein!« rief Klaus. Konstanze dachte: sieh mal, jetzt ruft auch dieser schüchterne Mann schon nein! – »Gefällt Ihnen denn die Rolle nicht?« fragte sie. »Gott, gefallen – die Rolle paßt doch nicht für Sie!« »Was fällt Ihnen denn ein, Herr Schart!« Klaus sah sie erschrocken an. Aber Konstanze fuhr fort: »Wir werden wetten, ob die Rolle paßt. Zur Erstaufführung schicke ich Ihnen eine Karte.«   Das Dankfest Machen mußte was, sag ich!« rief Monich. Herr Kortüm hatte zwei Briefe von grünlicher Farbe in der Hand und saß auf einer Stuhlkante in der Hinterstube des Leinwandladens. Sein Kinn lag tief auf der Brust. Die Papiere zitterten in seiner Hand. »Zu spät.« Herr Kortüm schüttelte langsam den Kopf. »Nischt is zu spät!« 106 »Mein Pensionsgast, dieser Wingen, reist erst morgen abend ab. Aber morgen um zwölf« – er wies auf den einen Brief – »sperren sie mir den Fernsprecher. Gegen fünf wird's dunkel, aber um ein Uhr« – er schlug mit dem Handrücken auf den anderen Brief – »dreht mir das Elektrizitätswerk das Licht ab, wenn ich nicht bezahle.« »Je, Kortüm, so geht's nich weiter –« »Ich werde zu Kuffert gehen.« »Nee, zu dem gehste nich.« Herr Kortüm erhob sich: »Es ist ja nicht weit.« »Aber der Quere is es! Gib mir mal die Lichtrechnung her. Die bezahl ich. Telefon is nich so wicht'g. Das stört meistens bloß.« »Ich gehe ins Bette.« »Nee, du bleibst auf.« »Und ich werde mir die Decke über die Ohren ziehen.« »Nich so aufgeregt, Kortüm. 'n Theater braucht viel Licht, das haben wir eben vergessen.« »Und die Klingel werde ich abstellen.« »Na, denn muß ich raus mit der Sprache. Aber 's sollte doch eine Überraschung sein.« »Danke für Überraschungen.« »Höre doch erst zu! Aber nich wahr: du tust so, als ob de nischt weißt. Du stellst dich so recht voll Freude hin un schüttelst immer mitm Kopp un sagst: aber nee, aber nee, meine Herrn. Un nach der Ansprache mußte auch 'n bißchen gerührt sein, am besten, wenn se singen.« »Wer singt?« »Nu, 's Ständchen.« »Wo?« »Vor deiner Türe.« »Warum denn?« »Damit de Deputation un de Kommission mit mehr Feierlichkeit auftritt, Kortüm!« Herr Kortüm drehte sich mit unerwarteter Gewandtheit blitzschnell auf dem Absatz herum und rief: »Die Kommission kommt schon?!« »Aber nu freilich.« Mit elastischen Schritten ging Herr Kortüm auf und ab. Die Kaffeelöffel klirrten an den Tassen auf dem Tisch. »Hole Tinte und Feder, Monich. Ich will dir einen Schuldschein schreiben.« »Also nu hör auf. Die Lichtrechnung bezahl ich. Du hast nischt verdient. Aber meine Esel haben sich rentiert.« 107 Herr Kortüm dachte nach: ja, diese furchtbar hohe Lichtrechnung hat den anderen zum Verdienen geholfen. Wenn nun sein Freund das Licht bezahlte oder wenigstens auslegte, fand eigentlich nur eine gerechte Verlagerung der Last statt. Übrigens nur auslegte : Herr Kortüm stand dicht vor einer großen Wendung. Die Kommission war ja schon unterwegs . . . seine Lage würde bald von Grund aus gefestigt sein. »Also du bezahlst«, sagte er. »Is abgemacht. Kein Wort mehr.« »Monich – ich werde dessen seinerzeit gedenken.« »Hm, na –« »Dein Eselverkehr wird noch ganz andere Dimensionen annehmen.« »Wenn's nur so bleibt wie jetzt.« »Nicht verdoppeln wirst du die Zahl deiner Esel, nicht verdreifachen, Monich: du sollst noch ganze Eselherden besitzen.« »Na, weißte –« »Wie Hiob, ehe ihn Gott schlug, fünfhundert Eselinnen auf die Weide trieb.« »Hiob un ich! – nee, Kortüm, jetzt hörste auf!« »Es wird eine bewegte Zeit kommen« – schwer legte Herr Kortüm seine beiden Hände dem kleinen dicken Feuerwehrhauptmann auf die runden Schultern – »eine große Zeit . . .« – Herr Kortüm blickte über Monich weg ins Wesenlose – »eine lebendige Zeit.« Solche Worte kannte Monich, und den Kortümblick ins Ferne kannte er auch: »Gott steh mir bei – Kortüm! Kortüm!! Du hast wieder was vor!« Herr Kortüm schüttelte den Kopf. »Nischt haste vor? Gar nischt nich?« »Ich? Nein.« Herr Kortüm reckte den Arm aus und zeigte auf den goldenen Turmhahn draußen, der sich über dem Kirchendach im Winde drehte: »Diesmal kommt's von oben. Von ganz oben. Hoch herab. Von den Behörden herunter. Diesmal steht's nicht in der Luft.« »De Behörden«, murmelte Monich verstört. »Der Staat«, berichtigte ihn Herr Kortüm und begann mit wunderbar wiegenden Schritten in der kleinen Stube herumzuwandeln. »Na, nu rede doch wenigstens fert'g.« »Vor zwei Wochen sind die Schriftstücke und Entwürfe an die staatlichen Stellen abgegangen. Ich bin angenehm berührt, zu hören, daß die Kommission heute bereits erscheint.« 108 »Was hat denn das aber mit unsrer Deputation zu tun, die wolln doch –« »Schweige, Monich. Reden wir nicht von der Kommission, ehe sie da ist. Wir wollen uns beide nicht die Freude der Überraschung verderben.« Herr Kortüm wandelte unentwegt im Kreise herum. Die Stube dröhnte. Hin und wieder ließ er Bruchstücke großer Sätze fallen: »und so werden wir denn, meine Herren, den großen Gedanken . . .« Monich wischte sich über die Stirn, sah dumpf in den leeren Sessel vor ihm und sprach: »Du hast aber doch eben noch hier drinne gesessen un niche mal Geld fürs Licht gehabt . . .« »Jaja, Monich, das menschliche Leben« – Herr Kortüm winkte dem Turmhahn zu – »es dreht sich wie du, von Wind zu Wind, von Plan zu Plan, aber einmal kommt ein Hauptplan, einmal weht ein Grundwind –« »Was denn für ein Hauptplan?« »Du kennst ihn doch. Reden wir nicht darüber, ehe die Kommission sich geäußert hat.« »Nischt weiß ich.« Herr Kortüm schüttelte seinen Freund und sagte leise: »Unsern Plan! Auf dem Lohberg –« »Etwa den Turm?« »Vielleicht ein Turm. Es kann auch ein Thingstein sein, ein Dolmen, wenn es nur ein Wahrzeichen wird, eine Landmarke. Dann versammeln sich schon Menschen drum herum, genießen die Aussicht, erquicken sich – ich als Gastwirt muß auch daran denken – kurz, ein Punkt muß gesetzt werden. Im Menschen liegt ein geheimer Drang nach Punkten. Sieh das Land an von der Biskaya bis zum Pamir. Überall siehst du Punkte, an die sich dieses unstete Geschlecht anhalten kann.« »Un gesetzt vom Staat?« »Ja.« »Das haben sie dir geschrieben?« »Nein.« »Na, woher weißt de denn –« »Ich habe an den Staat geschrieben.« »Aber – Kortüm!« »Und zwar derart überzeugend, und die Entwürfe sind so zwingend, meine historischen Rückblicke so klar – jaja, du siehst's ja: die Kommission ist bereits aufgebrochen.« 109 »Halt, Kortüm! Ich habe doch unsre Kommission gemeint –« »Schweige, Monich. Verdirb die Überraschung nicht.« »Aber die Deputation un das Ständchen –« »Schweige!« donnerte Herr Kortüm. »Aber –« Herr Kortüm ging zur Tür: »Kein Wort mehr! Ich weiß alles, aber ich will nichts wissen.« Die Tür schloß sich hinter Herrn Kortüm. Sofort nach seiner Ankunft auf dem Schottenhaus entfaltete Herr Kortüm eine ungeheure Tätigkeit. Das Fensterbrett des Südfensters wurde abgeräumt. Er prüfte, ob sich die großen Fensterflügel leicht und lautlos öffnen ließen. Der Hausknecht mußte die Fensterangeln ölen und Liese den Schnee kehren. Im Saal ließ Herr Kortüm links und rechts vom Fenster zwei Lorbeerbäume aufstellen. Auf dem Dach wurde die große Fahne gehißt. Rotwein wurde warm, Weißwein kalt gestellt, ein Faß Bier angesteckt und ein umfangreicher Imbiß angerichtet. Schließlich konnte Herr Kortüm einen zufriedenen Blick auf seine Anstalten werfen. Er kleidete sich um und verwendete die Zeit bis zum Eintreffen der Kommission auf ein letztes Studium seiner Lohbergentwürfe. Wingen wollte eigentlich schon in Besenroda unten sein. Als er aber hörte, daß sich in Kürze eine große Feierlichkeit mit Musik auf dem Schottenhaus entwickeln werde, wurde der Dichter neugierig und beschloß zu warten. Das war ein Opfer, denn er gab seinen letzten Nachmittag vor der Abreise her und hatte doch in Besenroda wichtige Arbeiten zu erledigen. Wingen trieb Maskenstudien. Zu seinem neuen Stück waren sie unerläßlich, und der Schriftsteller tat seine Arbeit gründlich – nicht wie der Schulmeister, der sich zwei Masken kaufte, übers Sofa hängte und dann dachte, er wüßte nun, was Larven sind. Klaus Scharts Kenntnisse waren auch danach. Nein, Wingen studierte von Grund aus: eigenhändig modellierte er beim Maskenmacher Albrecht aus Gaze und Pappmasse so ein geheimnisvolles Ding, und zwar gleich eine Kolossalmaske. Wer Gutes leisten will, muß so groß wie möglich anfangen. Auf Albrechts Frage, was denn das Unding darstelle, hatte Wingen leichthin geantwortet: es wäre – ja, so eine Art Dämon wäre es. Schon nach ein paar Tagen erklärte Albrecht: »Nee, das geht nich. Für so'n Untier is die kleine Stube zu enge. Kommen Sie, wir tragen Ihrn 110 Dämon in die Kammer nauf. Da sind Sie mit'm alleine un können sich bewegen.« Vergnügt bezog Wingen das neue Atelier. Sämtliche Mitglieder der Familie Albrecht halfen, Wingens Dämon zu ihrer Stube hinaus, über den Vorsaal und die enge Treppe hinauf in die Bodenkammer zu tragen. Das war kein leichter Transport. Schwer war der Dämon nicht, aber unhandlich und empfindlich: er war noch etwas feucht. Ihm fehlte der richtige Halt in sich, und er gab bei der Berührung nach. Aber es gelang schließlich, und der Dämon saß nun auf Albrechts Dachboden. Die Kammer hatte drei schräge Wände, an der vierten senkrechten Wand wurde die Larve aufgerichtet und wirkte in dem niedrigen Raum noch kolossaler. Furchtbar stand Wingens Maske und starrte: wie bei manchen Köpfen der Alten wußte man nicht, ob das ein Jünglings- oder ein Mädchenkopf sein sollte. »Na«, sagte Albrecht, »die Maske paßt aber keinem lebendgen Menschen. Die kauft Ihnen niemand ab!« Es war ein Glück für das unbeirrte Studium des Larventums, daß Wingen wenigstens seinen Gleichmut gegen den Klatsch wiedergefunden hatte. Er schien in seiner Einstellung zu schwanken: vor kaum sechs Tagen war er Konstanze gegenüber ängstlich empfindlich gegen Gerede gewesen – heute erforschte er gradlinig und unabhängig das Maskenwesen. Die Besenröder wußten gar nicht, wo sie zuerst anfangen sollten mit Reden: auf Albrechts Boden saß ein Komödiant aus Weimar, oder was der Kerl sonst war, und machte Masken. Das war doch einmal was! Zuletzt schien sich des Volkes Stimme auf die Tatsache festzulegen, daß Lotte ›zum Theater‹ wolle, und sie hätte schon Stunden bei dem Mann in der Bodenkammer. Auf der Schottenbühne hatte sie ja bereits einmal das Sprechen versucht. Wingen vernahm nur das Murmeln der Masse, den untergelegten Text verstand er nicht. Murmeln störte ihn nicht. Er konnte recht gut arbeiten dabei. Wenig genug wußte er von der Praxis der Maske. Lotte mußte ihm immer wieder helfen. Jetzt sah Lotte nach der Uhr. Er mußte gleich kommen. Sie kochte ihm ein Töpfchen Stärkewasser, schnitt Gazestreifen und Zwickel zurecht, rührte auch ein Glas voll Rosafarbe ein und trug das alles in die Dachstube. Da sah es liederlich aus. Lotte las die Zinkdrahtreste vom Fußboden auf, sie rückte einen Stuhl, stellte das Tischchen zurecht. Sie ordnete Scheren und Pinsel in eine gerade Reihe. Es fing schon an dämmrig zu werden. Ob sie Licht machte? Sie sah nach der Maske hin. 111 Riesengroß stand Wingens Dämon vor der bleigrauen, wolkig gestrichenen Wand, starrte und lächelte über Lotte weg – das Gespenst schien in Sturmwolken zu schweben. Lotte überkam das Grauen. Sie lief hinaus. Sie kommen!« rief Liese. Wingen wollte ans Fenster gehen. Herr Kortüm faßte ihn am Arm: »Nicht gleich. Lassen wir diese Leute erst eine Weile in Ruhe. Liese, du stellst dich hinter den Lorbeerbaum und sagst uns, was du siehst.« Liese lugte um den Busch: »Sie haben Zylinder auf.« »Kennst du jemand?« »Ich kenne se alle.« »Dummes Frauenzimmer«, murmelte Herr Kortüm und wandte sich an Wingen: »Es handelt sich nämlich um Bausachen. Öffentliche Bauten, wissen Sie? Die Behörden . . .« Herr Kortüm wies nach dem Fenster und stellte seinem Gast die noch nicht sichtbaren Herrschaften vor. »Links stehn de Bässe«, rief Liese. »Um Hiebrichen rum. Da kommt Albrecht un trägt was in Papier gewickelt. Mickewitz stellt sich unter die Lampe un liest in'm Zettel. Jetzt kommt Herr Kuffert. Herrjes, da is auch der ganze Gemeinderat. Jetzt steigt der Schulmeister aufn Tuffstein. Jetzt –« »Erhebe dein Haupt und juble mit uns«, hob der Männerchor draußen an. Herr Kortüm stand und rührte kein Glied. Langsam neigte er den Kopf auf die Schulter, ließ den Unterkiefer hängen und sank wie ein gefällter Baum auf die Wandbank. Keinen Laut gab er von sich. Wie den Mann das mitnimmt, dachte Wingen. Herr Kortüm sah beängstigend aus. »Fehlt Ihnen was?« fragte Wingen und rüttelte ihn leise an der Schulter. Herr Kortüm sah ihn aus leeren Augen an. »Mir?« sagte er nach einer ganzen Weile und besann sich mühsam. Dann schüttelte er den Kopf. Ihm war nicht gut. Er wischte immer noch den Schweiß. Dem Jubel vor seinem Fenster schien er nicht gewachsen zu sein. Ein Glück, daß er alle Einzelheiten vorher geregelt hatte. Liese wußte genau, was sie zu tun hatte. Bei Beginn des zweiten Verses öffnete sie den großen Fensterflügel. Herr Kortüm ließ sich einen Schluck Wasser geben. Er sah nicht mehr so grau im Gesicht aus wie vorhin. »Jetzt sin se beim letzten Vers! Jetzt müssen Sie kommen!« rief Liese. Herr Kortüm stand auf. Er wiegte sich ein wenig hin und her. Ja, 112 es ging. Er stand soweit wieder fest aus den Beinen. Er wandte sich zum Fenster. »Unsre Liebe, teurer Greis, trägt dich fürder durch das Leben« – Herr Kortüm ging langsam auf das Fenster zu. Als die Bässe sich mit Gewalt in die Zeile »bis an dein kühles Gra–a–ab« hinabstürzten, schritt er etwas rascher, so daß er pünktlich bei »Gra–a–ab« am Fenster zwischen den beiden Lorbeerbäumen erschien. Nun bestieg Mickewitz den Tuffstein. Monich hatte offenbar die Lichtrechnung bezahlt, denn die Hauslampe strahlte verschwenderisches Licht auf das Manuskript des Apothekers. Er vermochte, ohne zu stocken, eine zu Herzen gehende Ansprache zu halten. Mickewitz entwarf zunächst ein Gemälde von Not und Armut im Gebirge. Er, der doch mitten unter dem Volke wohnte und in engster Berührung mit ihm stand – Mickewitz, an den von Berufs wegen so viel Jammer und Elend herantrat, er war dazu der rechte Mann: das Echo des Lohberges warf seine Worte schaurig zurück. Liese fuhr mit dem Schürzenzipfel an die Augen, aber der Hausknecht zog ihr den Arm herunter: »Nach der Rede erst, Dunnerwetter.« Herr Kortüm hörte das Echo von seinem alten Berg – er trat ganz nahe an die Fensterbank und sah nach rechts: da lag er und hielt seinen kahlen Gipfel wie einen Bauplatz in die Nacht hinaus. Das Sternbild des großen Wagens stand schräg darüber. Der vordere Deichselstern berührte fast den Scheitel des Lohberges. Herr Kortüm suchte den Polarstern. Mickewitz auf seinem Tuffstein ging eben zu freundlicheren Tönen über: wie dann dieser verehrte Mann vor ihnen nach tiefem Nachdenken auf den Gedanken gefallen sei – »Da ist der Polarstern.« Herr Kortüm maß seine Entfernung zum Lohberggipfel: wenn die Landmarke schon da oben stände, berührte sie mit der Spitze den Polarstern. Konstanze würde ihm zunicken, wenn sie das sähe. »Und so danken wir dir denn aus vollstem Herzen, Friedrich Joachim Kortüm, denn du –« Herr Kortüm nickte, machte eine kleine Handbewegung gegen den Tuffstein: o bitte, und starrte wieder den Polarstern an. In dem Männerkreis entstand eine Bewegung. Der Gemeindevorstand entfaltete ein kunstvoll geschriebenes und verziertes Dokument, in dem für alle Zeiten niedergelegt war, wie außerordentlich ergiebig die Festspielunternehmung des Schottenhauses nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in kultureller Beziehung gewesen sei, und ohne Knausern wurde in dem Schriftstück Herrn Kortüm das Seinige zuerkannt. 113 Bestand dieses Seinige doch nicht in Vergänglichem, sondern in der Arbeit für – Unvergängliches . . . Es war eine große Ehrung. Herr Kortüm fühlte es. Sein Blick glitt vom leeren Scheitel des Lohberges hinab auf die Köpfe seiner Nachbarn. Er sprach: »Da steht ihr nun. Seht dort hinauf! Auf den Lohberg! Dort oben wird einst ein Punkt sein. Ich werde den Punkt setzen. Aber was ist der Punkt? Ein Stück Stein. Toter Stein. Leben hat er erst, wenn ihr euch um ihn versammelt. Darum dankt nicht mir, dem Schöpfer des Punktes, dankt euch selbst, drückt euch die eignen Hände.« Die Kommission hörte erstaunt die wunderbaren Worte, mit denen sich Herr Kortüm für ihren Dank bedankte. Ein wenig verwirrt stimmten sie das Schlußlied an: »Der Mensch kann sich ein Haus erbaun, die Straße baut ihm Gott.« Dann schritt alles der Würdenfolge nach in den Geweihsaal. Herr Kortüm hieß jeden seiner Nachbarn willkommen, drückte jedem die Hand und ließ den Imbiß auftragen sowie Getränke verschiedener Art, je nach Wunsch. Es hatte ja alles bereitgestanden, wenn auch für eine andere Kommission. Herr Kortüm saß in der Mitte seiner Nachbarn, die ihm immer von neuem freudig zutranken. Es war ein schöner Abend, und manches Lied erschallte aus treuen Nachbarskehlen in diesem Saal, in dem vor kurzen Tagen Konstanze gespielt hatte – schade, dachte Herr Kortüm. Aber die viele Dankbarkeit um ihn herum ließ ihn nicht ins Grübeln kommen. Die Besenröder und die Esperstedter munterten ihn auf: »Wenn's Ihnen keinen Spaß gemacht hätte, hätten Se doch die Geschichte nich aufgezogen. Keine Gesichter schneiden! Heute soll Frohsinn unter Ihrem Dache wohn'n! Haben wir doch nu endlich einmal für'n paar Wochen richtigen Verdienst gehabt.« Geben ist seliger denn nehmen: die Nachbarn verhalfen Herrn Kortüm zu einem erklecklichen Ende Seligkeit in dieser Nacht, nahmen, was dastand, und was nicht dastand, ließen sie holen. Als tief in der Nacht die Mitglieder der Kommission und das Ständchen Abschied nahmen, Herrn Kortüm die Hände schüttelten, ihm auch fernerhin alles erdenkliche Gute wünschten und endlich mit Gesang in ihre Täler hinabstiegen, zog Herr Kortüm gedankenvoll seinen Kasten auf und legte die Dankadresse auf die beiden in diesem Kasten bereits befindlichen Pfändungsdrohungen des Fernsprechamtes und des Lichtwerkes. Er seufzte: »Nun, die Lichtrechnung ist wenigstens bezahlt. Meine Nachbarn konnten erkennen, was sie zu sich nahmen.« Er warf einen Blick in den verrauchten öden großen Saal: ein paar zerbrochene 114 Gläser, Weinflecken aus dem Tischtuch, umgefallene Flaschen, halbabgegessene Teller, zertretenes Brot am Fußboden: »Ja, die Feindschaft meiner Nachbarn hat mich viel Geld gekostet. Aber ihre Freundschaft ist noch kostspieliger.« Wingen hatte dem Imbiß leider nicht beiwohnen können. Gleich nach Herrn Kortüms etwas sinnloser Dankrede war er gegangen: seine Rede ist doch nicht zu überbieten, sagte er unterwegs zu sich. Der Mann ist verrückt. Denn wenn er nicht verrückt wäre, müßte er ein Dichter sein. Aber der Kerl kann ja nicht einmal zwei Briefseiten lang klar schreiben. Wingen eilte. Er mußte mit seiner Zeit haushalten. Die letzten Stunden vor der Abreise widmete er dem Maskenwesen. Lotte räumte in der Bodenkammer auf. »Nun geben Sie gut acht, Lotte, daß meiner Maske nichts zustößt, während ich fort bin. Sobald ich kann, komme ich wieder und bringe die Arbeit zu Ende.« »Ich schließe die Kammer gleich zu, wenn Sie abgereist sind.« Wingen ging bis ans Ende des kleinen Raumes, hielt den Kopf schief und besah blinzelnd sein Werk: »Die Maske ist doch eigentlich recht gut für den Anfang. Gefällt sie Ihnen?« Lotte stützte sich auf den Besen, sah den Dämon, sah Wingen an und lächelte. »Na?« »Ähnlich ist sie aber doch nicht geworden.« »Sie dachten wohl, das sollten Sie sein, Lotte?« »Nein, Sie, dachte ich.« Wingen lachte: »Vielleicht steckt von jedem von uns beiden was drin.« Er faßte Lotte an den Händen. Sie ließ sie ihm und lächelte ruhig: »Andere Leute haben gesagt, wenn die Haare nicht so wären, könnte sie mir schon ein bißchen ähnlich sein.« »Das reden die Leute, Lotte?« »Die Maske wäre der Anfang, sagen sie.« Wingen nahm ihre Hände fester und sah sie erwartungsvoll an: »Wovon der Anfang?« »Vom Theater, sagen sie.« Jäh ließ Wingen ihre Hände los: »Du, Lotte? Sie? Sie und Theater?« »Ich habe doch auf dem Theater sprechen müssen. Wissen Sie noch? Auf der Probe, als Sie hören wollten, wie's klingt. Und da haben Sie 115 gesagt, so war's gut. Und nun hat Mickewitz überall erzählt, ich wollte zur Bühne.« »Aber« – Wingen zeigte entsetzt auf die Riesenmaske an der Wand, die aus leeren Augen starrte – »Sie wollten . . . Wer soll das gesagt haben? Ich soll daran schuld sein? Ich? Ich bin doch nicht wahnsinnig! Ich bin doch kein ausgewachsener Ochse! Ich bin doch ein vernünftiger Mensch – und Sie sind doch auch ein richtiges geradegewachsenes Menschenkind!« »So reden Sie über Ihr Theater?« fragte Lotte erschrocken. »Theater. Theater ist eine Sache, Lotte. Und Leben ist eine andere Sache. Ich habe mit der Maske da zu tun. Von Zeit zu Zeit. Ganz genau merke ich, wenn's losgeht, wenn's trägt und mir die Beine wegzieht wie im tiefen Wasser. Dann muß ich mich anhalten!« Er packte Lotte und hielt sich fest an ihr: »Woran kann sich der Mensch denn anhalten?!« Die Larve über ihnen starrte ins Leere. »Daran etwa?« Wingen zeigte auf das Ding aus Pappe und Farbbrei. »Lotte, sieh die Larve nicht an. Dreh dich rum. So. Immer weniger Menschen gibt's, die auf ihren eignen Füßen stehen und die mit ihrem eigenen Gesicht auskommen. Siebzig Jahre hält's, auch achtzig. Behalt dein Gesicht, Lotte. Nicht auf gehobelte Bretter, auf Erde sollst du dich stellen.« Wingen zeigte wieder auf den Dämon, den man kaum noch erkennen konnte in der Dämmerung der Kammer. »Es ist Schwindel, Lotte. Laß dir nichts vormachen. In den Brettern keimt nichts und geht nichts auf. Das Wachsen ist wo anders. Hier ist's.« Wingen hielt Lotte im Arm. Sie dachte über seine Rede nicht nach. Lotte fühlte seine Hände, seine Arme, seinen Leib – wie schön das ist . . . sie ließ ihren Kopf da liegen, wo er lag, an Wingens Brust. Der Dämon war kaum noch zu erkennen in der Dunkelheit. Larven sind nur da, wenn sie beleuchtet sind. Aber Wingen und Lotte hatten kein Licht. Sie brauchten auch kein Licht, um dazusein, und der Dämon verschwand in den Schatten der Kammer. Auf dem Schottenhaus war großes Reinemachen. Die Spuren des Festspiels und die Spuren des Kortümfestes wurden ausgetilgt. Es roch nach Schmierseife. Herr Kortüm hatte unendlich viel zu tun und war keineswegs erfreut, als er den Apotheker Mickewitz eintreten sah. »Höchst wichtig, Herr Kortüm. Höchst!« Herr Kortüm verzog den Mund. 116 »Doch. Hören Sie. Ich war in Weimar. Alle Welt spricht von einem geplanten Bau auf dem Lohberg. Da steht doch schon Ihr kleines Berghaus mit dem Kaffeeausschank. Aber man sagt, Sie hätten den Behörden Pläne eingereicht. Sie wollten einen Denkstein bauen. Oder einen Turm. Man weiß, welche Erfolge das Festspiel auf dem Schottenhaus gehabt hat. Man nimmt Sie ernst.« »Soso. Es wird also davon gesprochen.« »Es hat bereits eine Notiz in der Zeitung gestanden. Die Sache ist wichtig für unsere Gegend. Wir alle haben Vertrauen zu Ihnen. Was Sie in die Hand nehmen, Herr Kortüm, alle Achtung –« »Liese, jag doch den Hund naus!« Wütend bellte das Tier den Apotheker an. »Verzeihung, Herr Apotheker, also – ja: bei ›alle Achtung‹ blieben Sie stehen.« »Alle Hochachtung. Aber, hochverehrter Herr Kortüm –« »Aber?« »Aber es gibt Leute, welche sagen, Sie wären doch kein Hiesiger, und wie gerade Sie dazu kämen –« »Ich kein Hiesiger? Ich bin durch meine Vorfahren, die von Heydelofs, einen Nebenzweig der Torstensons – der Torstenson, der Marschall, wissen Sie, der in der Kranichstedter Gruft steht – durchaus ein Hiesiger.« »So? Wenn dies der Fall sein sollte –« »Gar nicht wenn. Ich werde euch das beweisen, schwarz auf weiß.« »Nun, das wäre ja hocherfreulich. Aber es ist da noch ein Punkt. Sehen Sie, fürs Gelingen kommt alles darauf an, daß die Angelegenheit in der Öffentlichkeit als das erscheint, was sie ist, als eine ideale Sache. Hm, wie soll ich das sagen – man darf keinesfalls andeuten können, daß etwa Geschäft dahinterstecke. Geschäfte werden gemacht, aber davon reden ist unbeliebt. Ja, und nun beachten Sie gütigst, daß Sie Gastwirt sind.« »Wie?« »Wir kennen Sie, Verehrter! Wir wissen, daß Sie der selbstlose Vorkämpfer segenbringender Ideen sind. Aber wer Sie zu kennen nicht die Freude hat, stößt sich leicht an der Berufsbezeichnung Gastwirt, wenn es sich um die Errichtung eines Denksteines in einem Versammlungshain handelt.« »Worum?« »So stand es in der Zeitung.« »In der Zeitung. Schön. Sagen Sie mal, wissen Sie eigentlich, aus was für einer Familie ich stamme?« 117 »Um Gottes willen! Hochverehrter Herr Kortüm! Sie! Ich! Wer redet von uns! Die Fremden meine ich. Was wissen solche Leute, wenn von einem Gastwirt die Rede ist. Sehen Sie, ich bin Apotheker. Ich habe meine Apotheke. Mir kann das ja alles ganz gleich sein. Nur das eine wollte ich sagen, im Interesse unserer ganzen Gegend: wenn Sie das Komitee, den Ausschuß, die Kommission und die Deputation zusammenstellen – auf meine Hilfe können Sie rechnen. Tag und Nacht. Nur das wollte ich sagen.« Mickewitz überreichte Herrn Kortüm eine Liste derjenigen Arbeitsgebiete, die er als ein Mann, der mitten im Volke steht, besser als Unbewanderte bearbeiten würde: Fremdenwerbung, Unterkunft, Drucksachen und dies und das noch. Als Herr Kortüm wieder allein war, legte er diese Liste in den Kasten auf die Dankadresse – die Pfändungsdrohungen kamen immer weiter unten zu liegen. »Ich werde diesen Leuten stecken, wer ich bin«, murmelte Herr Kortüm. »Die Heydelofs, die Torstensons, die gräflich Borckewiker Linie – ich werde erst mal herausstellen, was ein Kortüm überhaupt bedeutet. Ein Artikel muß eingerückt werden in das ›Esperstedter Tageblatt‹. Gastwirt! Gastwirt!! Mit dem Torstenson-Ast werde ich beginnen. Der liegt nahebei, in der Kranichstedter Gruft. Gastwirt! Die Inschriften und Wappen wollte ich mir schon immer besorgen. Ich werde sie abzeichnen und hier im Geweihsaal aufhängen« – Herr Kortüm prüfte die Wände – »über den Kamin sollen sie kommen. Farbig ausgeführt. Unter Glas. Ich werde nach Kranichstedt fahren. So was macht Monich immer gerne mit. Wir werden fahren. Liese!« schrie Herr Kortüm. »Lauf doch mal zu Herrn Hauptmann Monich. Ich ließe ihn bitten. Es ist aber eilig.«   Zwei Gruftforscher Briefe öffnete Herr Kortüm mit Bangen, wenn er sie überhaupt öffnete. Heute legte ihm Liese ein Schreiben mit dem Poststempel Kranichstedt auf den Frühstückstisch, und das riß Kortüm eilig auf, las es, lehnte sich zurück und las es mit vielem Behagen noch einmal. Der Hauptpastor an der Marienkirche zu Kranichstedt, Leberecht Arcularius, eröffnete Herrn Kortüm, daß man ihm gerne gestatten wolle, in der Gruft unterm Chore den Zinnsarkophag des Marschalls Torstenson 118 zu besichtigen, die Inschriften und Wappen abzubilden und sonstige Untersuchungen, welche den Zwecken der Kortümschen Forschung dienlich seien, nach Belieben und mit Muße in der Gruft vorzunehmen. Monich wurde benachrichtigt, der Koffer gepackt und ein Brief mit der Anmeldung für übermorgen an den Pastor Arcularius geschrieben. Herr Kortüm beschloß, den Abendzug zu benutzen. Es lag zwar kein guter Schnee. Am Tage schmolz er leicht an, und am Abend überfror er, so daß die böse Straße nach Besenroda hinunter zum Bahnhof beinah lebensgefährlich war. Aber Monich schmunzelte: »Wir haben doch unsre Esel.« Kersch und drei der Esel standen nach Einbruch der Dunkelheit des anderen Tages vor dem Schottenhaus. Herr Kortüm bestieg den ersten, Monich den mittleren, und das Gepäck bürdeten Liese und der Hausknecht dem dritten Esel auf. Die beiden Reisenden führten kein geringes Stückgut mit sich. Zu den gewöhnlichen Koffern kam eine nicht sehr große, aber dafür um so schwerere schwarzlackierte Kiste mit Eisenbeschlag. Als der Esel Nummer drei die Last merkte, klappte er erzürnt mit den Ohren und beschloß, sich keinen Hufbreit von der Stelle zu rühren. Kersch mußte schimpfen, prügeln und endlich Liese und den Hausknecht zu Hilfe rufen. Sie schoben aus Leibeskräften und brachten nur mit vieler Mühe den gekränkten Esel in Gang. »Was haste denn bloß in der schwarzen Kiste, Kortüm?« fragte Monich. »Das wissenschaftliche Material. Die sechs Bände der Kortümschen Familienchronik, eine Ahnenkartothek. In einer Blechrolle befindet sich der Stammbaum. Ja, und was wir sonst brauchen werden: ein Wappenlexikon, ein Schreibzeug, einen Radiergummi – was eben für wissenschaftliche Forschung unentbehrlich ist.« »Dunnerwetter«, sagte Monich. »Wie lange willst 'n eigentlich in Kranichstedt bleiben?« »Die Arbeitsdauer ist bei wissenschaftlicher Arbeit nie abzuschätzen. Es gibt berühmte Gelehrte, Monich, die ihr ganzes Leben verbraucht haben, um nur die Einleitung zu ihrem Hauptwerk abzufassen.« »Na, höre mal, Kortüm – so lange kann ich aber nich. Denke mal, wenn's in Besenroda brennt – eh die mich aus Kranichstedt holn, kann je sonst was passiern. Un dann mein Leinwandladen.« »Wir werden sehen, Monich. Laß uns nur erst in der Gruft sein.« Langsam ritten sie zum Bahnhof hinunter. Kersch ging mit einer Laterne in der Hand voran. Schnee – soweit das Auge reichte, nur 119 Schnee. Über den weichen, langausschwingenden Bodenwellen hing der volle Mond in einem unsäglich glitzernden Sternenhimmel. Das gelbe Laternenlicht huschte über die blaue Schneedecke, die je ferner, je milchiger schimmerte und am Horizont in einem Dunststreif verschwamm. Aus dem Dunst aber stieg straff und klar das Gewölbe des Himmels heraus. Die Hufe der Tiere sanken lautlos in den Schnee. Die Lederriemen knarrten. Sonst drang in die Stille nur das aus den tiefsten Räumen herschwingende Sausen der reisenden Gestirne. In sterblichen Ohren kann das wie ein polterndes Tosen klingen oder wie ein Hauch, so mild wie das Knistern einer Flocke, auf die eine neue Flocke sinkt. Herr Kortüm machte ein große Handbewegung von Aufgang zu Niedergang: »Sieh, mein Gelände.« Monich wollte antworten, aber plötzlich lachte Herr Kortüm. Er lachte selten. Monich wunderte sich und sah ihm zu. Herrn Kortüm mußte man lachen sehen , denn er lachte lautlos. Sein schwerer Körper schütterte, und der Esel, verwundert über seine auf einmal schwappende Last, blieb stehen. »Monich«, sagte Herr Kortüm, »wir reisen in eine Gruft. Die wirkliche Stille nennen die Leute Grabesstille. Monich, gibt es etwas Gemütlicheres in dem Lärm als eine Gruft?« Die beiden Fremden erhoben sich in aller Frühe. Herr Kortüm erregte Aufsehen im Gasthof zum Lamm. Gewaltig saß er auf dem Sofa in der Mitte vor dem Frühstückstisch. Hinter ihm hing ein großer altmodischer Spiegel. Herr Kortüm hatte gerade Platz in dem Glas. Die Kellner erblickten ihn nun doppelt, aber erleben mußten sie diesen Gast drei-, ja vierfach. Das gesamte Personal des Hauses kam in Gang. Den Kaffee schickte Herr Kortüm zurück. Er ließ sich Tee bereiten. Weil er aber wußte, was Thüringer Tee nennen, befahl er die erschrockene Köchin vor sein Angesicht und erteilte ihr eine genaue Unterweisung im Teekochen. Der Lammwirt war stolz, einen so großen Herrn bei sich beherbergen zu dürfen, und wußte nun für den Rest seines Lebens, was ein weiches Ei, was ein Glas frisches Wasser, was ein Apfel bedeuten können, wenn man diese Gottesgaben verantwortungsbewußt auftischt. Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthaltes gab Herr Kortüm keine Antwort – das hinge vom Gang seiner Forschungen ab. Nun wurde der Hausknecht befohlen. Herr Kortüm bedrohte ihn und wies auf die schwarze Kiste: sie müsse sanft angefaßt, nicht geschüttelt und um Gottes Willen nicht gekantet werden. Ängstlich sah der Knecht die gefährliche Kiste an: »Un wo soll sie'n hin?« 120 »In die Gruft von Sankt Marien.« Der Knecht prallte zurück. Dorthin hatte er noch kein Gepäck befördert. Herr Kortüm begab sich mit Monich zunächst in die Pfarre, um dem Pastor seinen Besuch zu machen. Arcularius war neugierig auf den die Grüfte durchforschenden Fremden – der Brief vom Schottenhaus war etwas verworren gewesen. Aber die Herren hatten ihre Freude aneinander. Arcularius war selten so ausgesucht kirchenfürstlich genommen worden, und dennoch füllte Herr Kortüm das Studierzimmer sozusagen mit sich aus. Arcularius hatte – von Monich zu schweigen – eigentlich gar keinen Platz mehr in seinem Hause. Jedoch – Herr Kortüm war einer von den großen Herren, die in den Hinausgemaßregelten die Empfindung zu erwecken verstehen, sie hätten sich bloß nach oben ausgedehnt wie Quecksilber. Vom Segen des Wappenstudiums unterhielten sie sich. Herr Kortüm vernahm mit Hochachtung, daß Arcularius einen Baum im Wappen führte, und Arcularius erquickte sich an der Pracht der Kortüms. Daß der Küster Bauspack bereits angewiesen sei, alles Erforderliche zur Verfügung zu stellen, brauchte Arcularius den Besenröder Herren zum Schluß eigentlich gar nicht erst zu versichern. Leider war sich Bauspack der Bedeutung des Besuches der beiden Forscher doch nicht voll bewußt. Zunächst mußte Herr Kortüm dreimal an der Tür des Küsters klingeln. Als endlich eine Frau erschien und die beiden gewichtigen Gestalten im Halbdunkel des Hausflurs erblickte, sagte sie »Herrjes« und klappte die Türe vorläufig wieder zu. Herr Kortüm überlegte eben, welche Kirchenbehörde er von diesem Vorkommnis zu benachrichtigen hätte, als die Tür wieder aufging und der Küster den beiden Herren gemütlich erklärte, sie wären ja nun da. »Allerdings«, sprach Herr Kortüm. »Nu, das is schön.« Bauspack hatte einen grünen Ölfarbpinsel in der Hand und hielt ihn Herrn Kortüm vor die Nase: »Sehn Se? Hähä. Ich bin nämlich grade beim Streichen. Ja, nehm' Se doch mal den Kirchenschlüssel aus meiner Rocktasche. Ich schmiere mir je alles voll.« Monich wühlte in der Tasche. »Haben Sie'n? Nu schön. Also nu passen Se auf: so rum müssen Sie aufschließen. Zweimal. Un dann machen Se die Kirchentüre wieder zu. Sie müssen aber schmeißen. Das Aas klemmt nämlich. Nu schließen Se von innen wieder zu, daß keiner nein kann. Dabei müssen Se unten mitm Bein vor de Türe treten. 's geht nämlich 'n bißchen schwer. 121 So, un wenn Se nu wieder schön zugeschlossen haben, ziehn Se 'n Schlüssel ab, daß ich nein kann, wenn ich 'nmal nein muß. Ich habe nämlich noch 'n Schlüssel, hähä.« »Der Herr Pfarrer hat aber gesagt, daß uns der Küster führen würde. Sind Sie der Küster?« »Natürlich. Wer sollte ich denn sonst sein? Ich bin's. Freilich. Un ich käm ja auch gerne mit. Aber sehn Se, ich klebe zu sehre von Ölfarbe. Ich streiche nämlich grade.« »Wie soll ich denn die Gruft finden?« »Ach du lieber Gott! De Gruft! De Gruft finden Se von ganz alleine. Ich hab sie Ihn'n schon aufgemacht. Se brauchen bloß neinzuspaziern. Hinten, rechts vom Altare. Aber haben Sie 'n Licht?« »Ach so, Licht –« »Licht is vorhanden«, unterbrach Monich und zog seine Taschenlampe hervor. »Nu sehn Se. Da kann ich je weiterstreichen.« Die Forscher begaben sich zur Kirche, schlossen auf, schlossen von innen wieder zu. Monich steckte den Schlüssel in seine Rocktasche. Mit hallenden Schritten gingen sie durch das Schiff zum Chor. Rechts vom Altar gähnte ein schwarzes Loch in der Wand, zu dem ein paar Stufen hinunterführten. Das mußte die Gruft sein. Die schweren eisernen Türen standen offen. Auf den Steinplatten sahen sie auch die Kiste mit dem wissenschaftlichen Hilfswerkzeug stehen. Monich ging gebückt voran. Herr Kortüm folgte. Im Licht der Taschenlampe erblickten sie in der Mitte des sehr niedrigen Gruftraumes, der zudem kaum größer als eine mittlere Stube war, den Zinnsarkophag. Ringsum an den Wänden stand Sarg an Sarg und vorn neben der Türöffnung noch ein kleiner Kindersarg aus Zink, üppig mit buntbemaltem Zierat beschlagen: vorn eine Krone, hinten ein Totenkopf, auf dem Deckel aber eine Sonne mit Strahlen. Der Zinnsarkophag in der Mitte der Gruft funkelte und blitzte im grellen Lichtkegel der Lampe. Er war mit allerlei Rankenwerk, mit Figuren und Wappen reich modelliert. »Torstenson« lasen sie an der Fußwand, die nach dem Eingang zu stand. »Aha«, sagte Herr Kortüm. Zwischen den Wandsärgen und dem Sarkophag war nur ein ganz schmaler Gang frei. Herr Kortüm zwängte sich hinein, legte die Hand auf das Zinnschwert, welches den Deckel verzierte, und sprach bewegt: »Hier also ruhen wir.« 122 »Nu – wir«, knurrte Monich in der feuchten modrigen kalten Enge, »wir stehn vorderhand erst noch aufrecht. Na, aufrecht auch nich. Das is verdammt niedrig hier drinne.« Aber Herr Kortüm hielt noch seine Hand an das nackte Schwert und sagte versonnen: »Weißt du, Monich, Blut –« »Also, Kortüm« – die Ausdrucksweise seines Freundes machte ihm den Aufenthalt hier unten keineswegs behaglicher. »Blut«, fuhr Herr Kortüm unbeirrt fort, »Blut vordem wesend, Blut aus diesem Vordem ins Nachdem rinnend und jenes unbekannte Vordem unwiederlöslich vermörtelnd mit dem noch dunkleren Nachdem. Ja! Und nun quillt aus dieser elenden Mörtelfuge Gegenwart – zwischen jenem Gewesenen und diesem noch nicht Vorhandenen – Monich, aus dieser Fuge quillt dein lächerliches hinfälliges Ich – ein Blutstropfen im Blutstrom eines Geschlechtes –« »Nee, Kortüm, jetzt hörste auf. Du redest manichmal Sachen, die kein vernünftger Mensch versteht. Un ich will dir mal was sagen: das Bücken hier, das kann ich nich vertragen. Mir steigt's Blut in'n Kopp. Ich glaube, du läßt den Säbel da los und wir fangen recht schnell an, daß wir hier fert'g werden. Das is je fürchterlich!« »Du hast recht, Monich. Fangen wir an. Holen wir zuerst die Kiste herein«, sagte Herr Kortüm, machte jedoch keine Anstalten, mit anzufassen, so daß Monich allein zupackte. Das schwarze Scheusal war schwer: schadt nischt, dachte Monich, bloß schnell, schnell, daß man erst wieder raus kann. Herr Kortüm vertrug das gebückte Stehen auch nicht. Der enge Gang erlaubte nicht einmal eine Kniebeugehaltung. Er sah sich um. »Ah«, sagte Herr Kortüm und ließ sich erleichtert auf dem Kindersarg am Eingang nieder. Das war ein Fehler: mit hörbarem Krach drückte sich der gewölbte Zinkdeckel unter Herrn Kortüms Gewicht ein. Zugleich fühlte Herr Kortüm einen stechenden Schmerz in seinem Hinterteil. Blitzschnell fuhr er hoch, stieß nun mit dem Kopf heftig gegen das tropfnasse Gewölbe, und gleichzeitig knallte der eingebeulte Zinkdeckel mit lautem Schwapp in seine alte Form zurück. »Was machst du denn da drinne?« rief Monich, der sich auf den Gruftstufen mit der Kiste plagte. »Verdammt«, sagte Herr Kortüm. »Is was vorgefalln?« »Es sticht so, Monich. Leuchte!« Herr Kortüm bückte sich, schlug die Schwänze seines schwarzen 123 Rockes auseinander, und Monich ließ den Lichtkegel der Lampe auf Herrn Kortüms Hosenboden fallen. »Ei verflucht«, sprach Monich. »Warum ziehste heute auch die schwarzen Hosen an, auf denen man alles sieht? Je, hier drinne is eben alles naß. Du hast dich auf die Sonne gesetzt, die auf dem Deckel da is. Un die hat nu abgefärbt. Man sieht se ganz deutlich. Kortüm, du hast nu 'ne Sonne hinten drauf.« Herr Kortüm fing an zu reiben. »Nee! Reib nich. Das muß erst trocken werden. Sonst wird das alles eine Schmiere. In der Mitte haste's Blattgold, un die Strahlen sin weiß. Aber nee, wie deutlich! Un die Sonne hat auch gerade die richt'ge Größe gehabt.« »Aber es sticht so, Monich.« Der Feuerhauptmann beleuchtete nun die entfärbte Zinksonne auf dem Sargdeckel. »Nu gucke mal her! Gucke, siehst' es? Der eine Sonnenstrahl hier is aufgebogen gewesen, un in den haste dich neingesetzt.« »Verdammt«, sagte Herr Kortüm wieder. Er mußte gebückt stehenbleiben, bis die Sonne auf seinem Hintern getrocknet war. Niemand kann sagen, wie lange so etwas dauert, denn auf diesem Gebiete wurden bisher noch keine Erfahrungen gesammelt. Und nun stand Herr Kortüm tief gebückt um seines alten Blutes willen und kasteite sich. Die beiden waren eben Neulinge auf dem unbeleuchteten Felde der Gruftforschung. Sie sammelten die ersten Erfahrungen. Allmählich aber kam die Arbeit doch in Fluß. Abwechselnd lasen und schrieben sie. Das Spruchband war schon entziffert. Jetzt begann die Hauptarbeit: die Enträtselung der Wappen. Drei Bilder boten nichts Besonderes, aber beim vierten schrie Herr Kortüm: »Ha! Monich, ich habe es! Danken wir Gott, mein Freund. Hier ist das Wappen der Heydelofs. Nun will ich gerne meine schwarze Hose geopfert haben. Sieh her –« Plötzlich war es Nacht. Sie saßen im Dunkeln und wie zwei Müllersäcke zwischen den Särgen eingeklemmt. Die Lampe war ausgegangen. Taschenlampen versagen immer, wenn man sie unbedingt braucht. »Ich hole eine neue.« Monich hatte die Gruftarbeit längst satt und sehnte sich nach Luft. »Nur noch einen Blick auf das Heydelofwappen! Seine Auffindung ist ja Sinn und Zweck der ganzen Arbeit. Hast du die gekreuzten Balken gesehen unter dem Helm?« »Nee.« »Einen Augenblick!« Herr Kortüm knüllte ein paar Zeitungsbogen 124 zusammen und brannte sie mit einem Streichholz an: »Paß scharf auf, Monich.« Monich sah genau hin, aber aufgepaßt hat in jenen unseligen Minuten dieser Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr zu Besenroda eben nicht! Ein Hauptmann hat zu wissen, welche Stichflammenhitze ein plötzlich aufflammendes Papierknäuel entwickeln kann – nur für kurze Zeit, gewiß. Aber ein Hauptmann hätte ferner wissen müssen, daß reines Zinn sehr schnell wegschmilzt: es läuft einem fort, sagen die Handwerker. Die Flamme schoß hoch. Scharf sahen die Forscher hin. Herr Kortüm hielt die Flamme recht nahe an das Wappen: »Da! Siehst du's? Brenn das andere Knäuel auch noch an – Gott, Monich, bin ich glücklich . . .« Sie starrten und trauten ihren Augen nicht: das zinnerne Wappen bewegte sich, es wallte sozusagen, blähte auf, und ehe sie einen Gedanken fassen konnten, fiel ein kopfgroßes Stück der leider allzudünnen Zinnwand ein wie Silberpapier. »Monich!« schrie Herr Kortüm. »Kortüm!« schrie Monich. Sie stießen sich furchtbar an die Köpfe beim Hochspringen – und doch begann erst, was das Schicksal den Forschern zugedacht hatte: das schmelzende Zinn fiel nach innen, und innen stand der hölzerne Sarg des Marschalls, und dieser Sarg war benagelt mit kostbarem Brokat. Ob das schmelzende Zinn, ob brennende Papierfetzen diesen alten zunderigen Brokat entflammt hatten – er brannte, oder er schwelte jedenfalls. Monich, ein Fachmann auf diesem Gebiet, begriff sofort, daß dieses innere Feuer infolge des Loches in der Zinnwand einen entsetzlich fröhlichen Zug haben müsse: wie aus dem Rohr eines Kanonenofens quoll der Rauch. »Der Sarkophag brennt!« schrie Monich. Er riß seine Jacke herunter und stopfte sie in das Zugloch. Die Gruft war voll Qualm. Die Jacke glimmte. »Feuer! Rufe Feuer, Kortüm!« »Feuer!« schrie Herr Kortüm. »Nee doch – zur Türe naus schrein, verdammig!« Herr Kortüm konnte nicht schnell laufen. Monich preschte wie ein Federball durch die Kirche. Am Portal brach der feuergewohnte Hauptmann fast zusammen: »O Gott! Der Schlüssel!« Monichs Stimme überschlug sich. Der Schlüssel stak in der Jacke. Die Jacke stak im Sarkophag. Die Forscher waren eingeschlossen. Die Kirche roch schon nach Rauch. 125 »Schreie Feuer, was de kannst! Ich hol ihn!« Monich stürzte den langen Weg zum Chor zurück. Herr Kortüm aber donnerte mit Fäusten und Füßen vor die Kirchentür und schrie aus Leibeskräften: »Feuer!« Draußen blieben die Leute stehen und horchten. »Feuer«, hatte einer verstanden. »Feuer?« rief der erschrockene Mann. »Feuer!« schrie sein Nachbar – und nun wach auf, Kranichstedt! »Feuer«, hallte es über den Burgring. »Feuer«, brüllte jemand in Arcularius' Studierzimmer. Bauspack schloß vor Entsetzen nicht die Kirchtür, sondern die Turmtüre auf, packte das erste beste Seil, erwischte den Strang der großen Glocke, die sie in Kranichstedt die »dicke Susanne« nennen, und fing an zu läuten. Er läutete grausig schlecht. Das stolze fis hallte zuckend und abgehackt, gehetzt und heulend über den Dächern. Jetzt hatte Monich den Schlüssel: »Ich glaube, 's is aus. Mein Rock hat's verstoppt. Aber besser is besser« – die Tür flog unter dem Druck von draußen auf. Herr Kortüm taumelte beiseite. Die ersten Feuerwehrleute drangen herein. Der Burgring füllte sich mit schreienden Menschen. Eine Schlauchleitung rollte wie eine Schlange über den Boden. Die Schlange wurde prall, Herr Kortüm sah sie stumpfsinnig an: »Wasser«, ächzte er. »Wasser? Wasser!« schrie Herr Kortüm, »die Chronik der Kortüms!« So schnell ihn seine Beine trugen, lief er nach der Gruft. Dort sah es böse aus. Dicht an seinem Kopf flog ein nasser Jackenfetzen vorbei. Jetzt kam das Wappenlexikon. Herr Kortüm drängte sich in den Eingang. Der Fußboden schwamm, und auf den Wellen schaukelte der dritte Band der Chronik. Ohne zu zaudern, stürzte sich Herr Kortüm in die Flut, fischte den Pergamentband – »Gott sei Dank!« murmelte er – und wollte hinaus ins Licht: aber er ging fehl. Oben stand Arcularius, flatternd vor Erregung, bleich: »Herr!! Was haben Sie getan?« »Der war's« – die Menschen in der Kirche zeigten auf ihn. Wohl war die Kirche abgesperrt, aber von Amts wegen stand genug Menschheit im Chor und im Schiff. »Es hat gebrannt«, murmelte Herr Kortüm. » Es hat gebrannt?« rief Arcularius, und seine Stimme rollte mächtig durch das Gewölbe von Joch zu Joch. »Es? Sie haben sengend und brennend in diesem Gotteshaus gewütet! Sie werden vor Ihrem Richter stehn.« Herr Kortüm stand schon vor seinem Richter. Oben im Turm verhallte eben der letzte Glockenschlag. Vor der Kirche summte es von 126 tausend Stimmen. Aber im Innern der Kirche waren nur noch die sachlichen Geräusche der Arbeit zu hören. Das Wasser platschte. Die Gruft wurde ausgeschöpft. Am fleißigsten schöpfte Monich. Er kommandierte heute nicht. Er arbeitete. Er verschwand unauffällig in der Schar seiner Fachgenossen. Allein stand Herr Kortüm im Chor, hielt die tropfende Chronik der Kortüms im Arm und vernahm des Arcularius' Rede. Arcularius sprach gewaltig: Untat, Kirchenschändung, Flammenmeer – schreckliche Worte prasselten auf Herrn Kortüm nieder. Der stand mit knickerigen Beinen da und bot einen jämmerlichen Anblick. Was sollte er tun? Leise legte er seine Chronik, Band für Band, in die Kiste. Die Blechrolle packte er hinein. Sammelte auch sonst, was an Schriftwerk herumlag . . . »Und Sie antworten mir nicht!?« schrie Arcularius. »Einfach nicht?« Der Pastor mißverstand dieses stille Zusammenräumen des alten Kortüm durchaus: der packt seinen Koffer, dachte Arcularius. Er wandte sich ab von dem Brandstifter: »Ein Protokoll, zu Bauspack, die Behörden . . .rasch!« Jetzt trat Monich leise an seinen Freund heran: »Du, Kortüm, schnell, durch die Sakristei. Die is offen. Los.« Herr Kortüm faßte den Handgriff seiner Kiste. »Die bleibt stehn. Bei Lebensgefahr immer erst de Menschen. Schnell, Kortüm. Hinten rum naus.« »Hinten rum« – dieses Wort rief Herrn Kortüm ins Leben zurück. Er richtete sich hoch auf: Hinten rum? Bin ich ein Verbrecher? Herr Kortüm blickte starr auf den feierlichen Orgelprospekt über dem Portal und ging erhobenen Hauptes durch das Schiff. Zögernd trabte Monich hinter ihm her. Die Haupttür stand offen. Der Kirchplatz war hell erleuchtet – ist es schon Abend geworden? dachte Herr Kortüm; dieser Nachmittag ist schnell vergangen – und er trat ins Freie, ins Licht der Bogenlampen. »Da is er!« schrie das Volk auf dem Kirchplatz. Ein Zurück gab es nicht mehr. Die Gruft war ebenso voll Menschen. Herr Kortüm wollte auch nicht zurück – ein Herr, ging er gerade auf die Masse zu. Verblüfft teilte sich der Menschenklumpen, und mitten durch das Volk schritt Herr Kortüm, wie sein Gevatter Torstenson, der Marschall, einst geschritten war. Aber Herr Kortüm hatte keine klirrenden Sporen, und auch kein klapperndes blitzendes Säbelgehenk verschaffte ihm Abstand von den Leuten. Die Gasse im Volk war furchtbar eng. »Der Brandstifter!« riefen die Menschen, »der Grabräuber!« Und sie zeigten mit 127 ihren Fingern auf Herrn Kortüm. Er zuckte nicht. Aber er bot einen schreckhaften Anblick: ohne Hut, das Gesicht geschwärzt, die eine Hand blutig, ein Ärmel aufgerissen. Und Monich hinter ihm gar ohne Rock, hinkend und vor Nässe triefend. Ein Wunder war es nicht, daß die Menge zwei Gesellen, die so aussahen, für ein Lumpenpack hielten und nicht für einen Herrn Kortüm und einen Herrn Hauptmann. Die Menschengasse war durchschritten, der Kreis erweiterte sich. Herr Kortüm betrat den Burgplatz. Er atmete auf – und doch war sein Schicksal mit ihm für heute noch nicht zu Ende. Als er auf den freien Raum herauskam, blies ihn der Winterwind an. Der Wind packte seine Rockschöße. Er riß sie wütend hin und her. Plötzlich rief jemand: »Da! Guckt 'nmal! Was hat denn der hinten drauf?« »'n Bild!« »Weiß Gott, der hat 'n Gemälde auf der Hose!« »Jetzt seht ihr's wieder! Eine Sonne!« »Hä! Der hat eine Sonne aufn Hintern gemalt!« Dieser gänzlich unerwartete Anblick bei einem auf frischer Tat ertappten Brandstifter traf die heute doppelt erlebensfrohen Kranichstedter an der glücklichen Stelle. Die Sonne am falschen Ort wendete in einem Nu die beweglichen Thüringer Herzen: erst lachten wenige, dann mehrere, zuletzt erfüllte den Burgplatz ein Gelächter, daß der tote Torstenson davon hätte aufstehen müssen – aber der schämte sich wahrscheinlich und blieb, wo er war. »Eine Sonne aufm Hosenboden!« Über Kranichstedt schien plötzlich eine leise Kirmesstimmung zu kommen. Das Volk witterte ein Fest. Die Menschen leckten die Lippen und schluckten im Vorgenuß. Daß es in ihrer Stadt gebrannt hatte – und zwar dort gebrannt, wo sonst in keiner Gemeinde mehr etwas brennbar ist, daß ein Sarkophag gebrannt hatte und daß dann auf der Hinterseite des Brandstifters die Sonne aufgegangen war – das mußte etwas bedeuten. Hier war etwas geschehen, hinter das man kommen mußte! Auch Professor Lichtermark, der Gesanglehrer am Gymnasium und Freund des Hauptpastors, witterte in dieser Sache irgendwie etwas Menschenfreundliches und Beruhigendes: »Sage bloß, Leberecht«, sprach er zu dem vor Erregung immer noch zitternden Pastor, »wer ist denn dieser Mann?« »Du siehst's ja: ein Hochstapler, ein Kirchenschänder!« »Na, Leberecht, eigentlich sieht er nicht so aus. Ich könnte mir eher denken –« 128 » Was kannst du dir denken, Fritz?« »Eigentlich sieht er doch wie ein ganz umgänglicher Mann aus. Im Augenblick etwas in Unordnung, ja – aber nun sieh dir auch mal den kleinen Abendschoppenonkel hinter ihm an –« »Bemerkst du nicht das Verbrecherische in dem verzerrten geschwärzten Antlitz?« »Nu, die Schwärze kommt vom Rauch, Leberecht. Der Rauch regt mich gar nicht so auf, aber erkläre mir: wie kommt die Sonne da auf seinen Hosenboden?« »Ich werde sofort ein Protokoll aufnehmen.« »Das tu mal, Leberecht. Das mit der Sonne müssen wir rauskriegen.« »Ich dächte, Fritz, hier wäre Wichtigeres, Ernsteres zu klären!« »Sag das nicht, Leberecht. Brennen kann's überall – aber die Sonne! Un grade dort, Leberecht! Sieh mal, das ist ja beinah wie mit Karl dem Fünften: vorne steckt der Deutschland in Brand, und hinten geht bei ihm Gottes Sonne ruhig weiter auf. Nee, in die Sache muß Licht. Wir sind also im ›Lamm‹. Komme gleich hin, wenn du fertig bist, hörst du?« Arcularius hatte längst nicht mehr zugehört. Er faßte im Geiste schon die Kernsätze seines Protokolls ab. »Zu Bauspack!« murmelte er und eilte durch den Trubel, der augenscheinlich immer fröhlicher wurde. Neugierig sahen ihm die Leute ins Gesicht: »Vielleicht kommt noch was. Gucke mal, wie der rennt!« »Na ja, da soll einer nich rennen, wenn sie ihm seine Kirche anstecken.« Schreiben Sie: Am Tage des Unheils, den . . .«, und nun diktierte Arcularius. Der Küster schrieb, daß die Feder spritzte, und sein Kopf hing so tief wie möglich auf dem Aktenbogen. »Jetzt fünftens: wie kommt der Kerl in die Gruft? Nun, wie fassen wir das scharf und klar?« »Auf Veranlassung vom Herrn Hauptpastor Arcularius, würde ich sagen.« Arcularius fuhr hoch: »Hier ist keine Veranlassung festzustellen, sondern der genaue Weg des Brandstifters. Schreiben Sie: Nachdem er die Kirchentür aufgeschlossen hatte – halt, genauer, Bauspack: Sie schlossen auf!« »Nee, er.« »Sie!« »Aber Herr Pastor, ich habe doch gestrichen.« 129 »Ich rede vom Schließen.« »Un iche habe je bloß 's Streichen gemeint.« »Mein Gott, was denn nur für ein Streichen!« »Mit Ölfarbe, mein ich.« »Mit –? Sie haben in der Kirche gestrichen?« »Nee, zu Hause.« Arcularius machte ein paarmal die Augen auf und zu, sah zur Decke, zwinkerte, fing an zu verstehen und schrie: »Bauspack! Wer – ich frage: wer hat diesen Menschen beaufsichtigt?« »Nu aber, Herr Pastor, wer . . . er war doch nich alleine – nee«, fügte Bauspack gedehnt und beruhigend hinzu. »Wer war bei ihm?« »Je, wer, Herr Pastor. Nu, der andere, der Kleine, wissen Se? Der Dicke, verstehn Se –« Jetzt legte sich Arcularius weit über den Tisch und stammelte: »Bauspack« – Arcularius flüsterte nur noch – »Unseliger, sollten Sie diese beiden Menschen etwa – allein – im Gotteshaus gelassen haben?« Bauspack wischte die Nase, schnüffelte und sprach dann: »Iche . . . ach Sie mein'n, ob iche – nee, ich war nich dabei.« »Elender«, sagte Arcularius dumpf und setzte sich: »Da steht dieser Mensch vor mir, ein christlicher Küster, und hat Weib und Kind und verwahrlost seinen Dienst – mit Ölfarbe streicht dieser Mensch –« »Aber ich klebte doch so, Herr Pastor –« »Sehen und begreifen Sie denn Ihre wüste Pflichtverletzung nicht? Fortgejagt werden Sie, gerichtet vor Gott und den Menschen –« Von draußen klang Musik herein, Lachen, Singen und das tiefe Meeresmurmeln eines großen Volksauflaufs. Bauspack fühlte die Schicksalsfaust an seiner Gurgel: »Iche? Sie haben aber doch ausdrücklich gesagt, der Herr Kortüm hätte alle Freiheit zum Arbeiten, er wäre so 'n Forscher, so 'n Wappenleser, ham Sie gesagt. Un er soll nur machen, was er denkt.« Bauspack hätte sich nicht so aufzuregen brauchen, wenn er weniger auf sich als auf seinen Richter geachtet hätte: jetzt fühlte nämlich Leberecht Arcularius plötzlich jene kalte Faust in seiner Halsgegend. Wie kann man das in amtlich einwandfreie Worte fassen? fragte er sich. »Das ist überhaupt nicht zu fassen!« schrie er. »Nee«, stöhnte der Küster. Der Hauptpastor ging auf und ab: Ruhe, Leberecht. Nur Ruhe. 130 Ordnen wir erst einmal die Gesamtlage. Hm. Für diese Angelegenheit findet das gewiegteste Beamtendeutsch keine Worte mehr, die harmlos klingen – Arcularius überlas das Protokoll: »Nein!« Und er nahm es und zerriß es. Hier war amtlich nicht weiterzukommen, ohne in unmittelbare Gefahr zu geraten, daß unversehens das Amt sich umwandte und seinen eigenen Diener in Stücke riß, als ob er ein ungeeignetes Protokoll wäre. Arcularius dachte angestrengt nach: verhandle, Leberecht, sagte er sich, sprich mit dem Ungeheuer Kortüm von Mensch zu Mensch. Dreh die Sache und wende sie, Leberecht, bis sie ruhig liegt. Und dann wirf schnell den Mantel der Liebe darüber. Der Pastor beschloß, ins »Lamm« zu eilen, aber nicht in die gemütliche verschmökte Gaststube im Erdgeschoß, wo der Stammtisch stand, an dem Lichtermark, Andreas Koch, der Lammwirt und alle die anderen seiner warteten – nein, Arcularius würde ins erste Stockwerk eilen, hinein in die Höhle jenes Menschenverächters, Kirchenschänders. »Bauspack«, sprach Arcularius ernst, »ich will versuchen, Sie zu retten. Aber das Beste dazu müssen Sie selber tun –« »Ach, Herr Pastor, wenn mich doch meine Frau nich so gedrängelt hätte mit dem verdammigten Streichen.« »Fluchen Sie nicht, Bauspack« – Arcularius seufzte tief – »ja, die Frauen . . . ach, dieses Drängeln . . . o Bauspack« – Arcularius nickte gedankenvoll. Dann fragte er: »Haben Sie übrigens meine Frau schon gesehen nach dem Unglück? Nein? Nun. Gott wird uns vielleicht doch beistehen. Aber Sie, Bauspack, haben das Wichtigste in dieser leidigen Sache zu tun: Sie müssen schweigen wie ein Grab.« »Wie ein Grab«, antwortete Bauspack entschlossen. »Grab« sprach der Pastor, »Grab« sprach der Küster: sie hatten beide nichts gelernt aus der Revolte der Särge – vom brennenden Sarkophag bis zum abfärbenden Kindersärglein – und die Redseligkeit der Grüfte war ihnen immer noch nicht klar geworden.   Die Sachverständigen Arcularius eilte zum »Lamm«. Er hatte sich das auch leichter vorgestellt. Im »Lamm« herrschte selbstverständlich die größte Aufregung. Vor einer Stunde hatte der Einzug Herrn Kortüms stattgefunden. 131 Ein Photograph hatte am Fuß der Gasthoftreppe seinen Apparat aufgestellt und hielt das Blitzlicht bereit. Schreckliche Worte gingen in der wartenden Menge um. Kaum ein Verbrechen wurde nicht aufgezählt – Kranichstedt, wer hätte geglaubt, daß dein Frieden und deine Ruhe so jäh geschändet werden könnten? Du lagst still in deinen schneegepolsterten Hügelbetten und sprachst im Traume von Arbeit und von Mühe, Freude, Sorge, Leid – und mit einem Male fuhrst du hoch: Feuer! Die Grüfte brennen! Aber Gott sei Dank: Kranichstedt liegt in Thüringen. Eben noch raunt das grausige »Sie hab'n 'n Brandstifter« durch die Massen – da erschallt vom Burgplatz her ein Laut, den man für Lachen halten sollte. Ja, Lachen! Ohne Zweifel: Gelächter – herrliches breites Volksgelächter schmetterte durch die klare Winterluft! Schon fliegt auch die Kunde von des Lachens Grund und Recht von Munde zu Mund. Die Menge vorm »Lamm« ist ungeheuer gespannt. Herr Kortüm naht. Aber keiner hat Lust, ihm ins geschwärzte Antlitz zu starren, nein, alles drängt sich zusammen, will Herrn Kortüm von hinten sehen. Von all den vielen und seltsamen Schicksalen des Herrn Kortüm war dieses ein besonders merkwürdiges: einer ganzen Stadt war plötzlich Herrn Kortüms Antlitz gleichgültig und Herrn Kortüms Hinterteil das Entscheidende geworden. Leider ging auf dem engen Platz vorm »Lamm« kein ordentlicher Wind, und Herr Kortüm trug, wie wir wissen, bei wichtigen Anlässen keine Jacke, sondern einen zugeknöpften Rock mit Schwänzen. Die Leute mußten sich fast bis zur Erde neigen vor Herrn Kortüms Hintern, um etwas zu sehen von dem Sonnenabdruck. Aber es ist – zur Ehre der Kranichstedter sei es betont – immer festzuhalten: nur die völlige Windstille war der Grund dieser nie dagewesenen Reverenz. Herr Kortüm erstieg die steilen Stufen der Vortreppe, er erreichte die Plattform vor der alten geschnitzten Haustür – und der Wind erreichte ihn. »Die Sonne! Da is se! Hurra!« schrien die fröhlichen Kranichstedter. Die Bestätigung der Wahrheit hat Kranichstedt stets glücklich gemacht – schon seit jenem Nachmittag, als ein Landpfleger, der nicht wußte, was Wahrheit ist, sich eine Schale mit Wasser bringen ließ und seine Hände wusch. Unter ungeheurem Beifall erreichte Herr Kortüm die Tür, schritt starr durch die Bedientenschaft – die wollte auch was sehen und war gezwungen, sich vor dem Brandstifter am Abend noch tiefer zu verneigen als vor dem geehrten Gast am Morgen – er erreichte sein Zimmer und sank längelang auf sein Bett. Monich war gleich auf dem Stuhl an der Tür sitzengeblieben und tropfte vor Nässe. 132 Herr Kortüm ächzte. Monich stieß einen fürchterlichen Fluch aus. »Wie mich das Volk anstarrte, Monich.« »Dich? Nee, Kortüm.« »Dich etwa, Monich?« »Nee. Auch nich. Aber deinen Hintern haben sie beguckt.« »Wie sie brüllten, Monich.« »Un der Photograph hat'n abgenommen mit Blitzlicht.« »Mit Fingern hat die Bande auf mich gezeigt, Monich.« »Du hast nu 'n berühmtesten Hintern von ganz Thüringen, Kortüm.« So redeten die beiden Männer noch lange, und sie verstanden sich nicht. Herr Kortüm sprach von seiner Vorderseite, und Monich meinte immer Herrn Kortüms Rückseite. Ja, Friedrich Joachim Kortüm, das Leben ist zweiseitig. Sein Sinn bleibt dunkel, denn der Mensch erblickt immer nur die eine Seite der wandelnden Gestalt, und die Menschen können sich nicht einmal verständigen, wenn sie dasselbe Wesen meinen. Eh sich's einer versieht, ist vorn und hinten verwechselt, Sonne und Mond vertauscht, Vorfahr und Nachfahr, Sarg und Bett, Tinte und Feuer, Gruft und Herberge, Leben und Tod – aus einer Brandnacht wird eine Kirmes, aus einem Feuerlöscher ein Brandstifter, Torstenson tritt als Kortüm auf, die beiden dreißigjährigen Kriege geraten durcheinander – ein großes buntes Maskenfest mit Tränen und Musik. Eine Maske tanzt mit der anderen, eine Larve steckt sich hinter die andere, und kein sterblicher Körperteil ist sicher vor dem Dämon – und alle loben Gott! Aber du, Kranichstedt, kleine Stadt in Thüringen, von der Gruft unten bis zur Glocke hinauf, vom Grammensand bis zur Badergasse in deinem Innersten – du bist von Gott geliebt, denn du hast das Lachen nicht verlernt, auch wenn die Maske an der falschen Stelle sitzt. Du siehst nicht nur den Splitter in deines Nächsten Larve, du freust dich auch über seine Sonne, wenn sie am verkehrten Ende lacht. Und da nun diese gebrechliche Welt so geordnet ist, daß auch große Herren Kortüms manchmal nur von hinten leuchten – wenn sie nur leuchten, und brächten sie den Sonnenschein selbst aus Grüften heraus – wir wollen der Stadt Kranichstedt das rechtzeitige Lachen nicht vergessen, denn am rechtzeitigen Lachen hängt das Leben. Herr Kortüm lag aus dem Bett und genoß das Leid des Gerechten: »Wie sie sich vor mir krümmten, wie sie sich bis aufs Pflaster duckten – wagte einer mich anzurühren – mich, Kortüm?« »Wir wolln erst abwarten, was noch kommt, Kortüm.« 133 »Sie werden ihn doch nich verhaften?« sagte einer der Männer vor der Treppe des »Lamms«. »Na nee du, das wäre je noch schöner.« »Wieso denn?« »Da kommt aber schon der Pastor gelaufen.« »Geht nach Hause, liebe Leute«, sprach Arcularius. »Das Abendessen wartet. Wir haben Hunger bekommen, nicht wahr? Ja, lassen wir es uns wohlschmecken. Gott hat heute seine Hand sichtbar über uns gehalten. Welche Freude, daß kein Unglück geschehen ist.« Im Eingang stand der Lammwirt: »Gar nischt is passiert, Herr Pastor?« »Gottlob, Lieber – nichts.« Arcularius eilte die Treppe hinauf und trat in das Zimmer des Herrn Kortüm. »Ei verflucht«, murmelte Monich. Herr Kortüm erhob sich langsam. Aber sein starres Gesicht lockerte sich auf, und Monich ließ den Mund offen stehen vor Verwunderung: es entwickelte sich eine manierliche, ja eine angeregte Unterhaltung. Zwar wurden die Worte gemessen, aber von beiden Seiten höflich und überlegt gesetzt. Einer stützte den anderen. Einer kam dem anderen entgegen. »Ich werde mich sogleich auf die Schriftleitung der ›Ilmpost‹ begeben und die Notiz einrücken lassen, daß der Brand glücklicherweise nicht zum eigentlichen Ausbruch gekommen sei. Einen Unfall wollen wir es nennen. Ein Mißverständnis. Ohne Bedeutung – wenn « – plötzlich stand Arcularius auf, hob den Zeigefinger und bewegte gewaltig die Lippen wie bei einer Predigt – »wenn, Herr Kortüm – hören Sie? Wenn eines geschieht: auf dieses Eine muß ich aber dringen! Unnachsichtlich, sofort und absolut!« »Herr Pastor, bitte?« »Sie werden den Schaden am Sarkophag ausbessern lassen – sofort, morgen früh bereits und auf Ihre Kosten.« Herr Kortüm erschrak: Geld? Aber ehe er reden konnte, rief Monich: »Wird gemacht!« Der schuldbeladene Feuerwehrhauptmann besann sich keine Sekunde. Er atmete auf. »Sofort und bar bezahlt?« »Sofort un gegen bar, Herr Pastor – ich heiße Monich.« Herr Kortüm blinzelte mit den Augen, als wenn ihn die Sonne blendete – die wirkliche Sonne. Er sah seinen alten Lohberg, sein 134 Schottenhaus, und keine Kerkergitter kreuzten schwarz dieses lustige bunte Bild. Ausbessern? überlegte er – »Herr Pastor, aber wer bessert aus? Weder mein Freund Monich noch ich haben je mit Sargmacherei zu tun gehabt.« »Ich werde mit dem alten Glockengießer Koch darüber reden«, antwortete Arcularius. »Der versteht sich auf Metallarbeit.« Am anderen Morgen lasen die Kranichstedter in ihrer Zeitung, es sei nichts passiert. Das nahm sie wunder. Der Volksauflauf, die Sturmglocke, die Feuerwehr und dann die Fröhlichkeit in der Nacht – nichts? Einfach nichts? Die heutige Morgenausgabe der »Ilmpost« schätzten sie nur nach ihrem Papierwert und beschlossen, die Abendausgabe gar nicht erst zu lesen: »Es steht je doch nischt drinne.« Während die Kranichstedter noch über das Rätsel des verschwundenen Ereignisses in der Kirchengruft nachdachten, standen Herr Kortüm und Monich bereits wieder vor dem Eingang dieser Gruft. Es würde gleich ein Mann kommen, ein gewisser Herr Schwartenmacher, wohnhaft in der Lorenzgasse: dieser Mann war von Andreas Koch als der einzige Hand- und Bildwerker von Kranichstedt empfohlen, welcher würdig und kunstverständig genug sei, den zinnernen Torstenson-Sarkophag wiederherzustellen, damit nicht nur der tote Marschall, sondern vor allem auch die lebendige »Ilmpost« ins Recht gesetzt würden. Die Kirchentür klappte. Der Küster schloß diesmal persönlich auf und geleitete die Sargflicker durch das Schiff der Kirche. Es kamen zwei Sachverständige: voran schritt Schwartenmacher, ein Mann mit unternehmungsfreudigem Gesicht und wallendem Künstlerhaar, wie es von Bildhauern in früheren Epochen getragen wurde, um sich aus der Masse herauszuheben. Ihm folgte der Klempnermeister Spillecke, welcher einen Blechkoffer mit sich führte. Die Männer begrüßten sich und gingen unverzüglich, wie das die Handwerker gewohnt sind, ans Werk. Spillecke legte die Leitung für eine elektrische Handlampe. Der Kindersarg wurde herausgetragen – zweihundert Jahre stand er in der Gruft, des toten Kindleins Namen kannte keiner mehr, und doch begab es sich, daß Herr Kortüm hinter diesem Transport herging und mit Recht ein Leidtragender genannt werden konnte. Sein Blick lag mißtrauisch auf der entfärbten Sonne. Die rüstigen Meister aber rückten nun die Wandsärge nach, und in wenig Stunden hatte sich Schwartenmacher einen so komfortablen Arbeitsplatz in der Gruft geschaffen, daß Monich sinnend den Kopf schüttelte, mit dem Daumen über die Schulter zeigte und zu 135 Herrn Kortüm leise sagte: »Siehste? Die haben's weg.« Herr Kortüm zuckte die Schultern: »Das macht die Übung, Monich. In der nächsten Gruft gehen wir auch anders ans Werk.« Spillecke klappte seinen Blechkoffer auf und entnahm ihm eine Fülle von Werkzeug. Lötkolben, Feilen, Raspeln, Schaber brachte er hervor, und zuletzt wickelte er aus dem Putzlappenbündel eine größere Flasche aus, welche die Aufschrift »Benzin« trug. Der Feuerwehrhauptmann las diese Inschrift nicht ohne Sorge. Spillecke stellte die Flasche neben das Schwert auf dem Sargdeckel, sah sie an, schüttelte sie, hielt sie gegen das Licht, zog den Korken, roch hinein – und plötzlich setzte er diese Benzinflasche an und nahm einen furchtbaren Schluck aus ihr. Monich entsetzte sich: »Nu hört doch alles auf – Sie sind je feuergefährlich, Meister!« »Nee«, antwortete Spillecke, »ich fühle mich frostig.« Aber diese wenigen Worte gaben Monich das Vertrauen zum Klempnerhandwerk zurück: der Meister roch deutlich nach einem Kümmeldestillat. Schwartenmacher schien ein geschickter Mann zu sein. Er modellierte nach der Zeichnung in der Chronik das zerstörte Wappen in Wachs. Spillecke feilte die Schmelzränder im Sarkophag glatt. Herr Kortüm sah aufmerksam dem Modellieren zu. »Heute abend gieße ich das Wappen in Zinn und morgen fangen wir mit dem Einsetzen an.« »Sie haben wohl schon viele Särge ausgebessert?« fragte Herr Kortüm. »Nee, solche Unfälle sind nicht sehr häufig. Aber den Turmhahn habe ich vorige Woche auf dem Kirchturm ausgebessert. Der war ausgeleiert.« »Oben auf dem Turm? Werden Sie denn da nicht schwindlig?« »Angenehm ist es nicht da oben. Aber ist es in dem Muff hier unten vielleicht schön? Turmknopp oder Gruft – Dienst ist Dienst, und im Beruf wird man nicht schwindlig.« Herr Kortüm schien anderer Meinung zu sein. In seinem Beruf war ihm wiederholt schwindlig geworden. Nach einer Weile fing er wieder an: »Sie modellieren wohl viel?« »Nee. Ich mache bloß kleine und mittlere Sachen, aber jetzt gehn bloß die großen.« »Und nun müssen Sie vom Ausbessern leben?« Schwartenmacher seufzte. »Aber Sie haben doch wenigstens ordentlich Reparaturarbeit?« »Früher war's besser.« »Ging früher mehr entzwei?« »Nee, es wurde aber mehr geflickt.« Ärgerlich schüttelte Herr Kortüm den Kopf. Er liebte die Ordnung: »Was machen denn die Leute mit den zerbrochenen Kunstgegenständen?« »Die kommen ins Museum.« »Was Sie sagen! Ins Museum!« »Sehn Sie«, belehrte ihn Schwartenmacher, »je weniger von einer Figur übrig ist, desto mehr können die Fachleute drüber schreiben.« »Aha«, sagte Herr Kortüm und dachte eine Weile über diesen Zusammenhang nach. Dann nickte er: »Natürlich. Je weniger übrig, desto besser. Das ist wie im Gaststättengewerbe. Je mehr zerbrochene leere Flaschen, desto besser die Bilanz. Nichts ist so abscheulich, wie volle Flaschen.« Spillecke hörte auf mit Feilen. In tiefem Nachdenken guckte er in das Loch im Sarg: »Je leerer, desto besser.« Er schüttelte den Kopf über dieses Jammertal, ließ seinen Blick auf dem Bauch des Gaststättenbesitzers haften und sagte: »Es is alles so untröstlich.« Aber Schwartenmacher fuhr fort: »Ja, Herr, je weniger von einer Figur vorhanden ist, desto dicker wird das Buch –« »Die Bilanz«, warf Herr Kortüm ein. »Und die dicksten Bücher in unserer Zeit handeln von Sachen; die gar nicht vorhanden sind.« »Also die Bilanz«, wiederholte Herr Kortüm vergnügt, klopfte dem Meister auf die Schulter und fing an im Chor, dann im Schiff und zuletzt auch in den Seitenschiffen herumzuwandeln. Monich benutzte die Gelegenheit, ein wenig ins Freie zu gehen. Er mußte sich erfrischen. Eingeschlossene Luft bekam ihm nicht. Herr Kortüm aber wanderte, blieb gelegentlich stehen und sprach mit sich. Offenbar arbeitete er. Endlich stand er im Chor still und rief mit starker Stimme in die Gruft hinunter: »Herr Schwartenmacher, einen Augenblick!« Der Sargflicker erschien. »Setzen Sie sich, Meister«, sagte Herr Kortüm. Da es keine andere Sitzgelegenheit im Chor gab, setzte er sich auf den Kindersarg, den sie hier abgestellt hatten. »Stehen Sie auf, Meister!« schrie Herr Kortüm. Er griff nach seinem Hosenboden. Eine grauenhafte Erinnerung stieg in ihm auf. Die Leute haben recht, dachte Schwartenmacher, der Kerl ist verrückt. Aber er sollte gleich freundlicher von Herrn Kortüm denken, der sichtlich Anstalten zu einer Rede 137 traf: er stellte das eine Bein etwas vor, zog Merkbuch und Goldbleistift heraus und sprach: »Ich habe einige sachliche Fragen an Sie zu richten. Zunächst müssen Sie wissen, daß ich Besitzer von einer außerordentlich großen Zahl zerbrochener Gegenstände bin.« »Und die wolln wir nun flicken«, sagte Schwartenmacher freudig. »Eben nicht, Lieber. Was zerbrochen ist, bleibe zerbrochen. Ja« – Herr Kortüm strich über seinen Bauch – »der Mensch soll die Gegenwart nicht am Fraße der Vergangenheit hindern, nicht wahr? Man soll sich nicht selbst die Nahrung entziehen. Ich, Kortüm, ein Gastwirt, kann nur billigen, daß man eine Sache alle werden läßt, wenn sie so weit ist.« Schwartenmacher sah ein Geschäft davonschwimmen: »Gute Sachen«, sagte er, »sind aber das Ausbessern wert. Und ich arbeite preiswert und sachverständig.« Aber Herr Kortüm fuhr mit der flachen Hand durch die Luft: »Nicht flicken. Nein. Aber Sorge wollen wir tragen, daß, was zerbrochen ist, öffentlich zerbrochen ist: die Museen haben ganz recht.« »Na ja« – Schwartenmacher begriff, daß er sich durch sein Gerede über die Museen selbst um einen schönen Auftrag gebracht hatte – »aber die vielen alten Sachen, die's gibt.« »Diese alten Sachen fangen leicht Feuer. Der Teufel hol's. Sie bereiten einem dann die größten Unannehmlichkeiten. Das habe ich gestern in der Gruft gemerkt.« Der Sargflicker lachte: »Lärm hat's genug gemacht.« »Lachen Sie nicht, Herr Schwartenmacher. Es wird heute entweder gar nicht gelacht oder an der falschen Stelle. Man muß an diesen falschen Stellen nicht lachen, sondern nur über sein Kinn streichen. Sehen Sie: so! Ja. Also: öffentlich zugänglich machen allein, ist nicht genug. Solche ehemaligen Gegenstände müssen auch trocken stehen, damit sie ihre Farbe behalten. Erstens. Und zweitens müssen sie feuersicher stehen. Die Museen haben ganz recht«, wiederholte Herr Kortüm überzeugt. »Sie sagten doch, lieber Schwartenmacher, daß der Besuch der Museen in heutiger Zeit recht zufriedenstellend ist?« Schwartenmacher nickte verdrossen. »Sehen Sie! Das ist mir eine große Beruhigung. Sagen Sie, Lieber, haben Sie nach einem Museumsbesuch nicht auch ein ausgesprochenes Hungergefühl?« In Schwartenmacher begann die Wut hochzusteigen: das hätt' er auch sonst manchmal, behauptete er. »Ausgezeichnet!« rief Herr Kortüm. »Geistige Arbeit zehrt eben! 138 Ein erfahrener alter Gastwirt weiß das! Zahlende Gäste soll man geistig anregen, damit sie sich nach einem Kotelett sehnen. Nichtzahlende, also Leute, die man gemeinhin liebe Gäste nennt, soll man in stumpfsinnigem Zustande erhalten, bis sie gehen. Dann verzehren sie weniger. Ja, nun sagen Sie mir aber: was ist bei einem Museum die Hauptsache?« »Der Katalog natürlich«, sprach Schwartenmacher trotzig. »Was für Gegenstände haben Sie denn überhaupt?« »Gegenstände? Ich sagte ja schon: alles zerbrochen und unbrauchbar.« »In welches Genre Ihre zerbrochenen Sachen fallen, meine ich.« »Oh – Urnen, Steinbeile, Knochennadeln, Schädel –« »Sehr gesucht heute«, unterbrach Schwartenmacher. »Es ist alles so untröstlich«, murmelte Spillecke an seinem Loch im Sarkophag. Herr Kortüm zählte weiter auf: »Spinnwirtel, Zähne, Ketten, Münzen, Spangen, Spiegel, Sporen, Schwertstücke – und zwar Kisten voll. Es fragt sich nur: wie fängt man mit dem Ausstellen an?« »Zuerst muß alles genau numeriert werden.« »Mit Tinte.« »Ja nicht! Sie müssen sich – wie heißen Sie? Kortüm? – Sie müssen sich Zettel drucken lassen mit der Aufschrift ›Museum Kortüm‹, und darauf schreiben Sie, was Sie denken – besser natürlich, was ein Fachmann denkt.« Herr Kortüm war sehr befriedigt: »Bitte, Meister, wenden Sie sich wieder Ihrer Arbeit zu.« Er begann seine Wanderung durch das Gotteshaus von neuem. Teils murmelte er, teils schrieb er in sein Büchlein. So fand ihn Monich, als er von seinem Ausflug in die nähere Umgebung der Marienkirche sehr angeregt zurückkam. Als er seinen Freund wandeln, murmeln und schreiben sah, wurde er ängstlich. Er kannte diese Zeichen erhöhter Geistestätigkeit. Und er kannte, bei Gott, die Folgen. »Du hast wohl was vor?« In kurzen scharfen Sätzen umriß Herr Kortüm seinen Museumsplan. Eine solche Sehenswürdigkeit begucken sich auch Einheimische und verspüren nach der Besichtigung Appetit. Sicher werden auch Gelehrte kommen. Bücher werden geschrieben, vielleicht sogar dicke Bücher, denn er habe ja kaum ein ganzes Stück in seinen Kisten. »Und die Reiseführer müssen Hinweise bringen. Du verstehst: es muß etwas geschehen. Das Schottenhaus muß Zugkraft bekommen.« 139 Monich überlegte: »Da scheint nischt passieren zu können. 's kostet auch nischt. Warum denn nich?« »Aber, Monich, zum Ausstellen brauche ich einen Fachmann.« »Um Gottes willen! Fachmann!! Kortüm, an Fachleuten sin ganze Familien, an denen sin ganze Länder un Erdteile zugrunde gegangen! Ich habe sogar 'nmal gelesen, daß 'n ganzes Sternbild ausm Himmel rausgeredt worden is. Laß bloß nich so 'n Gutachtenonkel in dein Haus. Der rein un du naus is eins. Der disputiert dir's Leben ab un beweist, daß du gar nich da bist. Das weiß ich doch: nach jedem Brande kommen die un fangen an! Taxieren heißt das bei uns in der Feuerbrangsche.« Herr Kortüm zog die Augenbrauen hoch, machte einen spitzen Mund, bückte sich nahe an Monichs Gesicht und sagte leise: »Monich, was würdest du aber zum Meister Schwartenmacher sagen?« »Bloß nich« – aber Herr Kortüm rief bereits: »Meister Schwartenmacher, einen Augenblick!« Man besprach die Sache, redete lange hin und her, und es zeigte sich, daß der Sargflicker ein sachkundiger, aber ein ordentlicher Mann war. Monichs Bedenken zerstreuten sich. Schwartenmacher war bereit, die Kisten mit den unbrauchbaren Gegenständen, welche den Boden des Schottenhauses ungebührlich einengten, zu entleeren, ihren Inhalt nach Prüfung, Untersuchung, Numerierung und Beschriftung aufzustellen, und zwar ohne Honorar, nur gegen freie Wohnung und Verpflegung. » Angemessene Verpflegung«, sagte Schwartenmacher mit erhobenem Zeigefinger, »ich habe nämlich gehört, daß Sie zwischen zahlenden und lieben Gästen einen Unterschied machen. Bin ich etwa ein lieber Gast?« Herr Kortüm lächelte und klopfte ihm auf die Schulter: »Aber lieber Freund, man schädigt doch seinesgleichen nicht.« »Na, Kortüm«, sagte Monich, »dann gibt's deinesgleichen überhaupt nich auf der Welt. Dich haben se alle geschädigt.«   Scherben Ein leicht zu befriedigendes Publikum waren die Kranichstedter nicht. Erst kürzlich hatten diese anspruchsvollen Leute beinahe das Quartett der Musikfreunde zu Fall gebracht. Nach dem ersten Stück war fast nichts von Beifall zu hören. Den Musikanten wurde himmelangst. 140 Dennoch endete die Sache gut, denn der Bratschist war ein geborener Kranichstedter und kannte die Seinen. Man muß sie menschlich berühren, sagte er: als am Ende des nächsten Stückes dieselbe abwartende Stille im Saal lastete und das Publikum Miene machte, ohne weitere Dankesäußerung in die Große Pause einzutreten, setzte das Quartett seine Geigen auf den Fußboden, damit es freie Hände bekam. Und nun begannen die vier, sich einen nicht endenwollenden Beifall zu spenden. Sie klatschten, daß sie ihren Händen in der Pause ein laues Seifenbad angedeihen lassen mußten, um überhaupt weitergeigen zu können. Verdutzt blickte Kranichstedt auf das begeistert klatschende Quartett. Und als nach dem Beifall die Künstler mit glücklichen Gesichtern aufstanden und sich dankend voreinander verbeugten, abermals in rauschenden Beifall ausbrachen und wieder sich bedanken mußten – lächelte Kranichstedt zunächst einmal verlegen. Es empfand, daß sich hier soeben vier tapfere Männer unabhängig vom Beifall der Welt gemacht hatten – wie es sonst auch um ihr Musizieren stehen mochte. Kranichstedt lächelte, dann lachte es, und als die Sache wieder losging und die vier auf dem Podium erschienen, freute sich Kranichstedt und begrüßte die Meister mit lautem Beifall: bloß weil sie da waren. Die Vorführung gelang. Herr Kortüm hatte von diesem Ereignis leider nichts gehört. Infolge des Brandes im Sarkophag war die vielbesprochene Selbstovation jenes Quartetts in den Hintergrund gedrängt worden. Von dieser Art, sich offiziell über sich selbst zu freuen, hätte Herr Kortüm auf dem Schottenhaus öfter Gebrauch machen können. In Kranichstedt freilich brauchte er kein Wohl auf sich selber auszubringen. Das Publikum war mit ihm hier sofort ohne weiteres zufrieden. »Ein wirkliches Theater!« rief der alte Lichtermark nach der Brandnacht, die so freundlich mit dem Aufgehen der Sonne auf dem Hosenboden des Brandstifters geendet hatte. Wenn der Pastor Arcularius einen Theaterzettel ausgegeben hätte – der Titel des Stückes stand fest: »Der Herr Kortüm«. Und wenn jemand an Herrn Kortüm herangetreten und neugierig gewesen wäre: was wird denn heute gegeben? so hätte er antworten müssen: Ich – werde gegeben. Dieser Titelheld gab eine seltene Aufführung in unserer Larvenwelt. Der Beifall war denn auch außerordentlich. Sogar der Stationsvorsteher, der den Herren Kortüm und Monich eigenhändig die Türe des Abteils öffnete, sagte herzlich: »Recht gute Reise, Herr Kortüm. Und kommen Sie bald wieder. Es war uns eine große Freude und Merkwürdigkeit.« Schauspieler von Beruf haben es schwerer. Von denen wollen die 141 Zuschauer die Maske: Pipin von Franken, Adalbert von Bremen, Moritz von Sachsen – an die stellte das Publikum andere Anforderungen. Konstanze kannte diese Anforderungen so genau wie irgendeiner ihrer großen Kollegen. Aber die bitteren Tage, die sie jetzt Stunde für Stunde ableben mußte, verdunkelten ihr geheimes unbewußtes tiefes Wissen um die menschliche Natur. In ihrer eigenen Not war sie viel zu sehr sie selbst, um noch das Käthchen von Heilbronn scheinen zu können, das sie vertragsgemäß zu spielen hatte. Enttäuscht gingen die Weimarer nach der Vorstellung nach Hause und sagten: »Das soll die Schröter gewesen sein?« Sie war es nur zu sehr gewesen. Konstanze lag auf ihrem Bett. Durch den Musselinvorhang sah sie die stakigen Zweige kahler Bäume, dahinter die dunkle Wand des Parks, über dieser Wand die leere Luft. Herr Kortüm hatte die Landmarke auf dem Lohberg leider noch nicht gebaut. Sonst stände vielleicht ganz fern am Horizont ein feiner silberner Strich. Ein weißer Kalksteindolmen, den der Mond bescheint. Einer von den Punkten zwischen dem Atlantik und Taschkent, die Herr Kortüm für so notwendig hielt zum Anhalten. Trockenen Auges starrte Konstanze in die gestaltlose Leere. Sie konnte nicht weinen. Auf der Bühne waren ihr ein paarmal die richtigen Tränen übers Gesicht gelaufen. Über sich selbst brachte sie keine Träne heraus. Sie lag die lange Nacht und schlief nicht ein. Am Morgen brachte Brigitte das Frühstück. »Ich bleibe heute liegen, Brigitte.« »Ach, wo fehlt's denn? Soll ich den Doktor holen?« »Bloß müde bin ich. Ich könnte immer schlafen.« »Denn schlafen Sie sich nur zurecht. Es waren auch zuviel Rollen auf einmal. Bleiben Sie schön im Bett. Ich bringe die Post und die Zeitungen.« »Bring's nicht. Das laß draußen.« »'s is aber ein Telegramm dabei.« »Dann erst recht nicht.« Konstanze bekam ein Kissen in den Rücken. Das Tablett mit der Schokolade, dem Brot und dem Obst mußte Brigitte auf die Bettdecke setzen. Konstanze nickte ihr lächelnd zu: »Nun laß mich wieder in Ruh.« Sie nahm einen Bissen und einen Schluck, dann mochte sie nicht mehr, streckte sich, lehnte den Kopf zurück und ließ die Arme müde auf der Decke liegen. Das Gefühl, sich nicht rühren zu dürfen, weil sonst der Porzellanaufbau ins Rutschen kam, tat ihr wohl. Sie hatte doch eine Aufgabe: ruhig mußte sie liegen. Folgsam mußte sie sein. Seit Jahren verdiente sie viel Geld. Seitdem brauchte sie nicht mehr zu folgen. Oder doch beinah nicht mehr – nicht so schmerzhaft wenigstens. Als ihr Vater ihre Monatsgage erfuhr, sah er sie über die Brille an: »Duuu?« hatte er besorgt gesagt. Der alte Mann kannte den Wertschwindel des Geldes. Nun war er lange tot. Ob eigentlich das Grab in Ordnung war? Sie mußte doch einmal hinfahren und nach dem Rechten sehen. Aber alle waren ja tot. Ich bin beinah allein, und ich – ich habe gestern abend schlecht gespielt. Mein Gott, bin ich bloß da für die Menschen und bloß gut für sie, wenn ich gut spiele? Lohnt es dann, da zu sein? Wenn jetzt ihr Vater zu der Tür dort hereinkäme – oh, die Türe ginge einen Spalt breit auf: Morgen, mein' Tochter. Darf ich? Dann käme er herein: Nun? Ja, es ging ihm gut. Aber dieses Wetter. Er putzte seine Brille und ging auf und ab: Böse Zeiten, mein' Tochter. Es gibt Krieg. Ja, und wir sind wieder mal allein auf der Welt. Aber denen, die allein sind, hilft der Allmächtige. Der beste Nachbar, mein' Tochter – Was war von diesem herrlichen Mann noch über Erden? Ein Bündel Briefe, seine Brille, sein Klavier, Notenstöße – ja, und die Wanduhr. Konstanze hatte sie noch. Die Wanduhr war ihr teuer. Sie besaß kein Schlagwerk. Wenn er Klavier spielte, wollte er sich nicht plötzlich von der plumpen Zeit dazwischen gongen lassen: das fehlte noch, daß mir die Zeit die Tonart verdirbt. Das letzte Lied, das er ihr vorgespielt hatte, war »Du holde Kunst, ich danke dir dafür«. Konstanze holte tief Atem. Ihre Lippen wurden schmal wie ein Strich, und zwischen den Augen saß eine häßliche Falte – ja, holde Kunst, was auf der Welt kann quälen, wie du quälst! »Ich sage nein« – Brigitte sprach gegen ihre Gewohnheit schrill und schnell – »nein, sag ich. Gnä' Frau is krank –« »Auf ein Wort doch nur« – diese Stimme war die letzte, auf die Konstanze gefaßt war – da kamen feste Schritte, die Tür ging auf, Wingen riß sie wieder zu. Brigitte stand draußen. Mit drei langen Schritten war er an ihrem Bett. Konstanze wollte schreien, aber sie zuckte nur, zog die Knie an – krach, lag Porzellan, lag Schokolade auf dem Teppich. Langsam rollte ein Apfel durch das Zimmer. »Scherben«, sagte Wingen. Er machte sich stark, sprach laut, nickte ihr zu, setzte sich auf ihren Bettrand und faßte lächelnd ihre beiden Handgelenke. Sie wurde schlaff und schloß die Augen. 143 »Konstanze.« Die Frau lag still. »Du!« Wingen setzte sich näher und warf mit dem Fuß die Geschirrtrümmer beiseite, daß sie klirrten: »Du!« Konstanze war aber doch stärker als der tapfere Mann. Sie machte ihre Augen nicht auf, als es klirrte. »Bloß Scherben«, sagte sie für sich hin. »Wir haben vor Scherben keine Angst, Konstanze. Solange es Scherben gibt, sind wir lebendig.« Blaß und schmal lag Konstanze in ihren Kissen. Wingen überkam ein Frösteln. Unterwegs zu ihr hatte er sich auf den Mann hinausgespielt: wer wußte besser Bescheid um Leben und um Männer als die große Schauspielerin, die dem Leben und dem Mann Abend für Abend entgegenspielte! Es ist so im Leben, sagte er sich. Was für ein »Es« ist so? Der Dichter versuchte sich an seinem Gedicht aus dem Sumpf zu ziehen: »Konstanze, wir – du und ich – beginnen doch jeden Tag von vorne, und du weißt es längst: alles Neue fängt mit Scherben an.« Er strich ihr über das Haar. Konstanzes Arme waren nun frei, aber sie ließ die Arme liegen, wie sie lagen, rührte kein Glied. Wingen sah zartrote Stellen an ihren Handgelenken, und er hatte sie doch so vorsichtig angefaßt. Blaß und schwächlich lag sie in ihrem Bett. Er saß mit gesundem und vom Laufen gerötetem Gesicht vor ihr. Man braucht sich doch nicht zu schämen, weil man rote Backen hat. »Wir«, sagte er, »wir müssen uns scherbenfest machen« – wieder ein feines Dichterwort. Wenn er noch lange auf der Bettkante neben der armen Blässe sitzen blieb, schüttelte er die Gedanken vielleicht nur so aus dem Ärmel. Konstanze sah ihn mit halbem Blick an. Es geht ihm gut, dachte sie. Sein Fortgang von ihr – von ihr zu dem gesunden Mädchen vom Lande, das ein bißchen Girlanden- und Maskenmachen gelernt hat – tut ihm wohl. Nur eins fehlt ihm: daß es mir nicht gut geht. Ich darf nicht leiden. Sonst fühlt er sich nicht völlig wohl. Wenn ich jetzt aus dem Bett springe und ihm was vorspiele, ganz gleich was, wenn ich ihm nur eine Maske hinhalte, irgendeine – dann ist's gut. Das ist eine Frau, sagt er dann und schreibt ein Lied auf mich: denen, die überwinden . . . Es kam ein Ton aus ihrer Brust, der Wingen erschreckte: »Konstanze! Habe ich dir jemals verschwiegen, daß meine wahre Sehnsucht das lebendige Leben ist? Habe ich dir nicht jeden Tag gesagt, daß ich 144 im wirklichen Wirrsal draußen den Mann suche und das Weib? Habe ich dich je belogen?« – Er stieß in das zerbrochene Porzellan: »Da liegt's! Wir bauen aus Scherben! Du baust auch so!« »O ja. Wie der gute Herr Kortüm einen wahren Scherben berg «, sagte Konstanze. »Ist's also nicht wahr, was ich sage?« »Wenn du es aufschreibst, wird's wahr. Und nun geh.« »Aufschreiben!« »Dann werden es Buchstaben, dann Worte, dann Sätze. Und zuletzt wird es ein Buch« – Konstanze hob müde die Hand und ließ sie wieder auf die Decke fallen – »alles, was ihr sagt und was ihr dichtet, ist – schön, ist gut« – sie lächelte mit leisem Spott – »o ja, Friedrich Wingen: aber zwischen einem Vers und dem richtigen gemeinen Hunger ist mehr Raum für Gottes Liebe als zwischen Schlaf und Wachsein.« Wingen sah sie groß an: »Nun sagst du mir zuletzt, ich machte bloß Reime aufs Leben?« »Zuletzt . . . zuletzt hat der Mensch nur den Menschen. Und zuallerletzt die Erinnerung an ihn.« Wingen beugte sich über sie: »Für unseresgleichen ist Einsamkeit nicht Unglück.« »Nein doch!« schrie Konstanze plötzlich und hob sich im Bett hoch. – »Darum geh jetzt endlich!« In der Nacht wachte Konstanze auf und las ihre Post. »Ach, der gute Junge. Den habe ich vergessen«, sagte sie. Klaus hatte in der Zeitung gelesen, daß die Aufführung des »Käthchen von Heilbronn« stattgefunden habe – aber sie sei nicht gut gewesen. Besonders die Schröter habe zur Verwunderung aller Sachverständigen versagt. Klaus hatte sich den Hut aufgesetzt und war den Ilmgraben entlanggelaufen. So! Hat sie mir eine Karte versprochen? Sie hat! Hat sie gespielt? Sie hat!! Und ich? Ich bin eben Luft für sie. Ein Nichts bin ich! Sie denkt einfach nicht an mich Null! Das ist's! Aber das Festspiel, das habe ich in Gang bringen können! Ihre großen Erfolge im Schottenhaus, die habe ich ihr vorbereiten können! Ist das der Dank? Aber der Weg am Graben ist schmal und steigt von der Mühle an steil aufwärts. Klaus kam etwas außer Atem. Er ging ruhiger. Sie soll schlecht gespielt haben? Konstanze – schlecht gespielt? Das lag an 145 der Rolle! Ich habe es ihr ja gesagt. Und sie hat noch mit mir wetten wollen – eigentlich war Klaus, wenn er das bedachte, ein bißchen stolz auf sich. Nach langer Überlegung war er aufs Postamt gegangen und hatte an Konstanze Schröter diese Depesche geschickt: »Wette gewonnen. Schart.« Das Telegramm hielt jetzt Konstanze in der Hand. Aber sie sah nicht das Papier und nicht die Maschinenschrift – sie sah eine unendlich weite wellige schneeglitzernde Landschaft. Mitten in diesem Glitzern und Funkeln lag zierlich, gelb und rot und bunt das Schottenhaus. Ein dicker alter Herr im schwarzen Rock, der wie ein Scherenschnitt in dem Weiß stand, wickelte mit ungeschickten Händen eine Krumentüte aus, Kreuzschnäbel kamen geflattert und Drosseln – und eine tiefe Stille und Ruhe lag über dieser Welt. Gedankenvoll schnitt Konstanze einen Brief auf: Absender – Klaus Schart. Sie wunderte sich, obgleich dieser Brief nur die notwendige Folge der Depesche war. Kaum hatte Klaus nämlich am Schalter bezahlt, packte ihn die Reue: Ist das nicht unanständig – »gewonnen« zu schreiben? Was muß sie von mir denken? Er wollte seinen Sieg über Konstanze wieder wettmachen, setzte sich hin und schrieb einen Brief. Da seine Reue unnütz tief war, wurde das Schriftstück unnütz lang. Er sei gesund, schrieb er. Sie hoffentlich auch. In Besenroda habe sich allerlei verändert. Herr Kortüm, erzählten die Leute, habe in einer Kirchengruft Feuer gelegt – es sei gar nicht zu verstehen. Vielleicht wäre es aber nicht wahr. Es sei ja fast alles nicht wahr. Eins stimme jedoch: nach seiner Rückkehr von einer Reise lebe Herr Kortüm ganz zurückgezogen. Was er treibe, wisse kein Mensch. Die Besenröder seien betrübt. Sie hätten doch gedacht, nach dem Festspiel werde es nun so weitergehen auf dem Schottenhaus, damit die Leute zu Gelde kämen. Aber nein: das Haus da oben sei wie eingeschneit. Den Leuten im Dorf ginge es schlecht. Maskenmacher Grees habe schon zugemacht, und Albrecht sei auch ohne Arbeit. Seine Tochter Lotte – sie wisse schon: Lotte, welche die Girlanden für das unvergeßliche herrliche Festspiel geflochten habe – die Lotte habe ganz von Hause fortgemußt – nichts sei mehr zu tun. Sie solle jetzt als Haustochter in der Stadt einen Dienst angenommen haben, sagen die Leute . . . Der schreibt ja wie ein Schriftsteller – oder wie eine alte Dame, dachte Konstanze verwundert. Alle die kleinen Besenröder Schicksale hatte sie so beteiligt gelesen, als gingen sie diese Dinge etwas an. 146 Im Schottenhaus ist es also still – die Maskenmacherei hat ein Ende – manche Leute ziehen fort – sind schon fortgezogen . . . Konstanze drehte die Nachttischlampe aus und lag im Dunkeln. Sie sah es schneien, schneien, schneien. Alles schneite zu. Nur Schneehaufen, nur Hügel, Klumpen aus Schnee lagen unterm blauen Nachthimmel dort, wo sich einmal Menschen abgequält hatten mit all ihrem dummen Zeug. In einen solchen Schneehaufen kriechen dürfen! Konstanze sah ein Eslein mit silbernem Sattel den Berg hinaufgehen. Kersch zieht an seiner Leine und schwenkt die gelbe Laterne in der Hand. Plötzlich tut sich eine Pforte in dem Schneeberg auf, Herr Kortüm reicht ihr den Arm. Führt sie in den Saal. Im Kamin brennen Buchenscheite. Der Tisch ist gedeckt, Silber, Veilchen, Kerzen – und der Wind draußen, der Schnee – auf jeder Fenstersprosse liegt ein dickes Polster – Herr Kortüm fängt an zu erzählen. Draußen schneit es lautlos weiter . . . »Brigitte!« Brigitte kam. »Packe die Koffer. Wir reisen. Ich muß Urlaub nehmen. Langen Urlaub. Ich bin fertig mit den Nerven. Hol den Sanitätsrat. Der schreibt mir schon das Zeugnis. In den Schnee muß ich. In die Winterfrische, Brigitte. Du kommst mit.« Seit Tagen hatte Konstanze nicht so frisch ausgesehen wie in diesem Augenblick – nachts um zwei. Verwundert sah Brigitte ihre Herrin an – was war denn das? »Je, ins Hochgebirge?« »Die lange Fahrerei mag ich nicht. Ich gehe aufs Schottenhaus.« Draußen schüttelte Brigitte den Kopf: »Nee. Verliebte. Früh zerschmeißen sie's Porzellan, am Tage schlafen sie, un nachts um zweie soll ich'n Koffer packen un'n Doktor holn, un so gut wie eben hat sie seit 'ner Woche nich ausgesehn.«   Dämonen, Dickschädel und Wetterfahnen Wenn jetzt ein Besenröder aus der Tiefe seines engen Tales hinausblickte zum Schottenhügel, schüttelte er den Kopf: Totenstille auf der Höhe da oben. Nichts rührte sich. Fremde Wintergäste gab es in diesem geldarmen Jahre nicht, und die Eingeborenen blieben erst recht zu Hause, brieten sich Äpfel in der Ofenröhre und zählten ihre letzten Groschen. Im Schottenhause herrschte auch beschauliche Stille. 147 Klaus Schart hatte recht berichtet an Konstanze. Herr Kortüm ordnete seinen Gesamtbesitz an zerbrochenen Gegenständen, und Schwartenmacher sonderte die Bruchstücke nach wissenschaftlichen Grundsätzen: er brachte Knochen, dann altes Eisen, Tonscherben und Bronze aus je einen Haufen für sich. Draußen schneite es in dicken Flocken. Nichts störte ihr friedliches Spiel. Nur der Eintritt in sein Haus bei der Rückkehr aus Kranichstedt war für Herrn Kortüm eine Aufregung gewesen. Nach all seinen Mühen und Widerwärtigkeiten in der Welt draußen hatte er sich mit Recht auf seinen alten Rock, auf seinen Lederstuhl und auf die braune Mappe mit seinen Plänen und Entwürfen gefreut. Der Gedanke an die Mappe erquickte ihn um so mehr, als die Errichtung der Landmarke auf dem Lohberg nicht mehr so eilte. Nach dem Kranichstedter Zwischenfall mußte Herr Kortüm ein wenig warten, bis sich die Aufregung gesetzt hatte. Der Brandgeruch störte. Herr Kortüm mußte mit Schwartenmacher zu Fuß vom Bahnhof auf den Schottenhügel steigen. Sie kamen unangemeldet, und Monich hatte große Eile gehabt, in seinen Leinwandladen zu kommen – nicht um Esel, nicht um Gepäck konnte er sich kümmern. Herr Kortüm wischte den Schweiß von der Stirn und wies auf den Lohberg, der schneeglitzernd vor dem tiefblauen Himmel in der Sonne erstrahlte: »Sehen Sie ihn an, Schwartenmacher. Dort oben werde ich eine Landmarke hinstellen.« Er seufzte: »Die Zukunft habe ich im Auge gehabt, und die Vergangenheit fing davon Feuer. Ein Wahrzeichen sollte es werden, wissen Sie, ein Meilenstein, ein Richtungspunkt – ja, und ein Sarg ist dabei in Unordnung gekommen.« Schwartenmacher nickte: »Kenn ich. Ich lebe vom Ausbessern, wie Sie wissen. Ich bin Restaurator –« »Restaurateur heißt das.« »Bei Ihnen, Herr Kortüm. In unserer Branche heißt es Restaurator. Also Ausbessern – je, niemals kann man dabei tun, was man möchte und was eigentlich richtig wäre. Der andere, der vor Hunderten von Jahren das Ding gemacht hat, ist immer mit dabei. Und wie ganz verflucht der Kerl dabei ist! Meistens steht er einem im Wege rum. Immer kann man nur fortsetzen, was schon begonnen ist. Und immer kann man es nur so fortsetzen, wie es angefangen wurde. Sonst wird's noch dümmer.« »Ach, meine Seele«, sagte Herr Kortüm und blieb wieder stehen: »Einmal neu beginnen können! Einmal sich abreißen von allem und 148 von vorne anfangen können! Mein lieber Restaurator« – das Wort gefiel Herrn Kortüm offenbar ungeheuer, weil es gar nicht auf ihn selber paßte – »einmal sagen können: das habe ich gemacht – da steckt kein andrer drin außer mir . . . Sehen Sie, da ist der alte Noah –« »Wer?« »Der Sintflutnoah, wissen Sie? Sogar dieser Noah stieg nicht aus der Arche und konnte nach der großen Flut von vorn anfangen – nein: er klappte seinen Kasten auf, und das ganze alte liebe Leben flog, flatterte, kroch, zwitscherte, brüllte, grunzte genau wieder wie früher in die frisch abgesäufte Welt hinein. Und da gibt es Leute, der Teufel soll mich holen, die dem alten Herrn übelnehmen, daß er sich vor Gram darüber gelegentlich besoffen hat. Noah hat den Weinstock entdeckt – wissen Sie das? Ganz in Ordnung, diese Entdeckung durch Herrn Noah! Dieser Mann fand die bedauerlichste Wahrheit. Und der Herr entschädigte ihn dafür mit der freundlichsten Weisheit. Oder ziehen Sie die seinerzeitige Gründung des Regenbogens vor, wie? Die Sache mit dem Regenbogen ist doch so so . . . hm. Haha, wie der alte Noah erschrocken sein mag, als er den Deckel aufklappte – surr, bumbum, begab sich das ganze alte Sündenpack in die weißgewaschne Gegend.« Herr Kortüm stand im Schnee der bösen Straße und machte mit Mund und Händen und Armen vor, wie fröhlich die Insassen der Arche ins Freie entwichen. Schwartenmacher sah ihn an und dachte: wenn ich einmal Auftrag kriege, den Noah zu modellieren, nehme ich diesen Herrn Kortüm als Modell. Aber Noahs Modell hob den einen Fuß und seufzte: »Kommen Sie, Schwartenmacher, das Schneewasser zieht durchs Sohlenleder.« Sie waren inzwischen vor dem Hause angekommen. Herr Kortüm öffnete die Türe und wollte eben sagen: legen Sie dort am Spiegel ab – aber er stieß nur zornig mit dem Stock auf und rief: »Liese!« Liese kam gerannt: »Guten Tag auch –« »Seid ihr verrückt geworden?« Herr Kortüm wies auf ein buntes Monument, das seine Diele versperrte und fast bis an die Decke reichte. »Was ist denn das?« »Ach, Herr Kortüm, das is doch die Maske von Herrn Wingen.« »Wie kommt die in mein Haus! Hinaus damit!« »Aber nee! Die stand doch bei Albrechts aufm Boden!« »Schafft sie wieder hin!« »Nee doche! Da darf sie je nich mehr stehn.« »Das geht mich nichts an!« 149 »Der Luftschutz hat's doch gesagt!« »Was?« »Nu, 's werden doch jetzt überall die Böden abgeräumt. Das muß sein. Bei uns auch. Ihre Kisten müssen auch runter.« Herr Kortüm hob den Zeigefinger und sah Schwartenmacher an: »Als ob ich's geahnt hätte, wie? Sie kommen gerade recht.« Aber schon fiel sein Blick wieder auf das bunte Ungetüm: »Hinaus damit, sage ich!« »Aber Albrecht wußte doch auch nich, wo er's hinrümpeln sollte, un da hat er gesagt, das Ding wäre von Herrn Wingen – ich glaube, Dämon heißt's – un Herr Wingen wäre der Dichter vom Schottenhaus, un da wäre 's denne.« Ehe sich Herr Kortüm diese Schlußfolgerungen verbitten konnte, sprach Schwartenmacher, der inzwischen die Maske neugierig und sachkundig angesehen hatte: »An Ihrer Stelle würde ich die Maske nicht nausschmeißen. Das Ding ist gar nicht schlecht.« »Ich kann mir doch nicht meinen Eingang damit verstellen! Den Eingang eines Gasthauses, Herr!« »Das soll's auch nicht. Wissen Sie, wo das hingehört? In unser neues Museum! Da haben wir gleich die erste Nummer. Und die zieht! Außerdem paßt die Maske recht gut als Beispiel für Heimarbeit hinein.« Herr Kortüm überlegte. Schwartenmacher aber nahm ein Blatt aus seinem Merkbuch und entwarf das Schild: »Sehen Sie, Herr Kortüm. So würde das etwa aussehen.« Herr Kortüm las: »Museum Kortüm. Nummer 1. Gegenstand: eine Kolossalmaske, sogenannter Dämon. Hersteller: Friedrich Wingen. Zeit: Gegenwart. Ort: Besenroda. Material: Pappe.« »Nun, das klingt ja ganz stattlich. Wir wollen es uns überlegen. Jetzt bring Kaffee, Liese!« Im Erdgeschoß des Schottenhauses lagen die Wirtsräume, im ersten Stock die Fremdenzimmer und die Wohnung Herrn Kortüms. Das Dachgeschoß war halb Bodenraum, halb zu Kammern ausgebaut, in denen Gerümpel untergebracht war. Diese Kammern wurden ausgeräumt, frisch geweißt, ausgebessert und gründlich gereinigt. Dann nagelte Schwartenmacher an die fünf Türen Schilder, schön in Kunstschrift geschrieben: Raum 1: Vorgeschichte; Raum 2: Eiszeit; 3: Steinzeit; 4: Bronzezeit; 5: Verschiedenes. Zu Lieses und des Hausknechts 150 Verwunderung begann jetzt, mitten im Winter, ein neues Leben im Schottenhaus, und zwar auf seinem Boden. Herr Kortüm liebte die Gegensätze. Die Gruft hatte eine schlechte Erinnerung in ihm hinterlassen. Sein Leben lang hatte es ihn nach oben gezogen. Er hätte nicht in die Gruft hinuntersteigen sollen. Ihm lagen Böden. Freilich war es in den Kammern recht kalt. Herr Kortüm trug Pelzstiefel, Pelzmütze und seinen alten Jagdpelz mit Muff. In diesen Muff steckte er seine Hände. Das konnte er ruhig tun, denn er arbeitete mehr geistig. Schwartenmacher hingegen mehr körperlich. Schwartenmacher wurde warm dabei. Herr Kortüm fror. Aber nie hätte er geglaubt, daß Museumsarbeit einem Menschen so viel Freude bereiten kann. Der Restaurator verstand meisterhaft, aus dem Gerümpelholz Klötze und Platten zu sägen und sie teils als Mahagoni oder Apfelbaum weiterbestehen zu lassen, wenn die Flächen schön gemasert waren, teils aber schwarz zu lackieren. Auf diesen Sockeln und Tafeln befestigte er mit dünnem Messingdraht die Gegenstände aufs sachverständigste. Das erbärmlichste Bruchstück, zum Beispiel ein halber Ochsenzahn, sah mit einemmal appetitlich und wissenschaftlich aus. Als die erste Wand vollgestellt war, ließen sie den Photographen aus Esperstedt kommen und sich samt der Wand abbilden. Von den Gegenständen sah man auf dem Bilde leider nicht viel. Die beiden Museumsmänner waren im Maßstab etwas zu groß geworden, da sie sich so darstellen ließen, als ob sie mit aufs äußerste entschlossenen Gesichtern eben einen wissenschaftlichen Gegenstand unter der Lupe betrachteten. Die Tage verliefen ungemein anregend. Herrlich aber waren die langen Abende, wenn sie von ihrer eisigen Höhe herabstiegen und sich am Kamin auftauten. Dann setzte Herr Kortüm einen Grog an oder, nach besonders schweren Tagen, einen Punsch – dies verstand er nun, und Schwartenmacher staunte. Schwartenmacher stellte am Tage eine Aufmachung her und befestigte dann eine Lächerlichkeit daran. Herr Kortüm jedoch füllte in die schlichteste Aufmachung, zum Beispiel in einen alten Bunzlauer Topf, einen Inhalt, der gar nicht lächerlich, sondern sehr gehaltvoll und ein wirklicher Genuß und eine Erhebung war. Messingdraht, schwarze Lackfarbe und Papierschilder belasteten den Etat des Kortüm-Museums wenig – Rotwein, unverschnittener Rum, Zitronen und echter Rohrzucker dagegen recht erheblich. Monich kam bald hinter diese Sparsamkeit am Tage und Opulenz bei Nacht. Er fing an, den »Konferenzen«, wie Herr Kortüm diese 151 Punschsitzungen nannte, auch dann beizuwohnen, wenn er als Sachverständiger nicht unbedingt nötig war – sein Urteil wurde ja nur bei Objekten mit Brandspuren gebraucht. Mit den ganz undeutlichen vorgeschichtlichen Bruchstücken glaubten Herr Kortüm und Schwartenmacher selbst fertig zu werden, namentlich wenn so wenig übrig war, daß es auf ein paar Jahrtausende nach oben oder unten nicht ankam. Nur bei den geschichtlichen Objekten, die man noch erkennen konnte, etwa vom Dreißigjährigen Kriege an, beriefen sie Klaus Schart in die Punschkonferenz. Deswegen wurden diese sogenannten Viermännerstücke – das heißt Bruchstücke aus neuerer Zeit mit Brandspuren – die kostspieligsten Objekte der Sammlung. Vier Männer: Herr Kortüm, Schwartenmacher, Monich und Schart – mußten oft bis in die tiefe Nacht an solchen Bruchstücken arbeiten, und selbst eiserne Objekte, zum Beispiel Reste von Sporen, nahmen dabei einen ganz leisen liebenswürdigen Duft von Tabak und Punsch an. »Nummer zweihundertelf, Schwartenmacher – nun, wie nennen wir das?« Herr Kortüm hatte eine schwarze Holzplatte vor sich, in deren Mitte wie ein Juwel ein Topfscherben befestigt war – wundervoll wirkte zweihundertelf! »Mäanderverzierung«, sprach Schwartenmacher sinnend. »Wo haben Sie diese Nummer her?« »Aus der dritten Kiste hinterm zweiten Dachbalken.« »Nein, wo Sie das ausgegraben haben?« »Ach so. Das hab ich mal im Walde beim Dachsgraben gefunden.« »Also Rest eines ehemaligen Grabfundes«, notierte Schwartenmacher – »sonstiger Grabinhalt verschollen.« »Hä, das war bei dem Dachsgraben an der großen Eiche, Kortüm?« rief Monich. »Ja, das weiß 'ch noch genau. Den Dachs, das Aas, haben wir nich gekriegt. Schreiben Se ruhig ›verschollen‹.« »Nun die Zeit, meine Herren. Frührömisch wollen wir sagen«, fuhr Schwartenmacher fort. »Ich würde es zwischen fünfzig und zweihundert nach Christi Geburt setzen. Eine sehr günstige Epoche. Man weiß fast nichts von ihr. Das Kranichstedter Provinzialmuseum hat auch diese Epoche besonders reichlich mit Objekten ausgestattet. Beachten Sie diese kräftige männliche Linienführung an dem Mäander, diese eherne Energie, welche aus der Borte spricht. Man hört förmlich die Legionen über die Knüppeldämme unserer Urwälder marschieren, wenn man sowas sieht.« »Hm, sagen Sie, mein lieber Restaurator, ist das Muster nicht genau 152 so wie der Rand auf unserem Punschtopf gemalt? Sehn Sie mal« – Herr Kortüm hielt das frührömische Grabobjekt neben das gegenwärtige Punschsubjekt. »O, Herr Kortüm! Das beweist gar nichts. Mäander kommt beinahe in jeder Epoche vor. Aber wo ist denn dieser Punschtopf her?« – Schwartenmacher zog ihn näher an sich heran und hob ihn in Augenhöhe – »Haben Sie die Lupe da? Sollte der etwa auch –« »Nee nee«, sagte Monich, »geben Sie mal den Topp her, mein Lieber! Da muß man aufpassen. 'ne Lupe nützt hier gar nischt. Der sauft'n aus un bindt'n dann mit Draht aufn Brett, hä!« Monich nahm dem Sachverständigen das Punschgefäß aus der Hand und schenkte sich ein. Manches aber konnte selbst die Viermännersitzung nicht unterbringen. Für solche Stücke hatte der gewiegte Fachmann Schwartenmacher Raum fünf vorgesehen. Sie kamen unter »Verschiedenes«. Hier stand auch Wingens Maskenstudie. Da die Kammer niedrig war, mußte sie auf den Fußboden gestellt werden. Der Beschauer befand sich nun in Augenhöhe mit den Larvenaugen. Am Morgen fiel das Licht von rechts ein, und infolge irgendeines Reflexes waren die linksseitigen Augenhöhlen hell – die Maske schielte. Während die Sonne weiterging, wanderte auch das Licht im Larvenauge. Gegen Abend schielte die Maske gerade nach der Tür. Herr Kortüm holte Schwartenmacher und fragte ihn an der Tür: »Bemerken Sie es? Sie sieht mich an.« »O weh«, sagte Schwartenmacher. »Da haben Sie's! Hätten wir nur das Ding rausgeschmissen. Man fürchtet sich ja.« »Der Blick kommt von der Beleuchtung«, bemerkte der Restaurator. Blicke hatte er noch nicht wiederhergestellt, und er war im Zweifel, was zu tun sei. »Wir müßten den grünen Vorhang zuziehen.« Schwartenmacher zog zu. Nun verschwanden die Sammlungsgegenstände an den Wänden in der Dämmerung beinahe, aber die leeren Augenhöhlen starrten schwärzer und furchterregender als je in die Augen der beiden Männer. »Aufziehen!« rief Herr Kortüm. »Das ist ja noch schlimmer! Ich denke, die verfluchte Maske ist aus Pappe. Die lebt ja!« »Das ist eben Plastik, Herr Kortüm. Wahre Kunst macht auch Pappe lebendig. Aber die Maske steht für ihre Größe zu niedrig. Man sieht ihr grade in die Augen.« 153 »Soll ich etwa die Decke durchbrechen? Hier drüber ist das Dach. Dann guckt dieser Dämon oben durchs Dach zu meinem Hause raus. Fort mit dem Ding!« »Zum Rausschmeißen ist die Maske zu schade.« Schwartenmacher zog die Vorhänge auf und begann einen Vorhangschal abzunesteln. »Wir binden dem Dämon einfach ein Tuch vor die Augen.« »Das sieht schlecht aus.« »Wenn ich es mache, nicht. So eine Binde muß künstlerisch geschlungen werden. Es kommt alles auf den Faltenwurf an. So etwa.« Schwartenmacher schlang den Schal um die Augen und steckte ihn hinten mit einer Nadel zusammen. Herr Kortüm hielt den Kopf schief und blinzelte: »Hm.« Schwartenmacher hielt seinen Kopf auch schief. Eine ganze Weile standen sie so nebeneinander da. Dann sagte der Künstler mit fachmännischer Bestimmtheit: »So geht es.« »Hm« – Herr Kortüm nickte – »aber nun muß sie anders heißen.« Er nahm seinen Bleistift, strich das Wort ›Dämon‹ aus und schrieb ›Die Gerechtigkeit‹ darüber. So lösten sie im Laufe der Zeit alle die schwierigen Fragen ihres Unternehmens aufs beste. Den Katalog schrieb Klaus. Der hatte die beste Handschrift. Es wurde ein dickes Buch. Nur ein Stück war bis zuletzt geblieben. Herr Kortüm berief eine Vollkonferenz ein und setzte einen vierfachen Doppelpunsch an. Vor vielen Jahren hatte er am Schottenabhang, nahe der Besenröder Ilmbrücke, das leicht gewölbte Stück einer menschlichen Schädeldecke gefunden. »Wie wollen wir nun diese Nummer bezeichnen, meine Freunde?« »Vierhundertzehn kommt dran. Der Punsch is gut. Prost, Kortüm.« »Die Zahl genügt nicht. Der Beschauer muß sich auch was dabei denken können. Vergessen Sie nicht, daß wir Eintrittsgeld erheben wollen, meine Herren.« »Guckt bloß! Das is 'n Stück von 'nem Kuhkopp! Der Knochen is je beinah fingerdicke.« »Laß die unpassenden Witze, Monich.« »Ein menschliches Schädelstück ist es ohne Frage«, sagte Klaus. »Also!« rief Herr Kortüm. »Bitte der Reihe nach, meine Herren« – Schwartenmacher schrieb das Schild – »erst einmal die Nummer. So. Nun hat die Sache schon einen gewissen Halt. Gegenstand: Bruchstück eines menschlichen 154 Schädels. Gut. Und der Ort? Wo haben Sie es gefunden? Bei Besenroda? Ort: Besenroda. Weiter. Die Zeit?« »Na, solche Köppe gibt's jetzt nicht mehr. Dunnerwetter! Wenn dem einer mitm Hammer aufn Kopp gekloppt hat – der Kerl hat gar nischt gemerkt!« »Schreiben wir vorgeschichtlich«, schlug Schwartenmacher vor. »Einverstanden? Schön. Zeit: vorgeschichtlich«, schrieb Schwartenmacher, leckte das Schild an und klebte es auf den Sockel. Auch die Arbeit war getan. Herr Kortüm öffnete die Zigarrenkiste. Herr Kortüm klopfte mit dem Fingerring an den runden Bunzlauer Tonbauch. Die vier Männer setzten sich zurecht. Das Schädelbein stand wie ein Tafelaufsatz zwischen ihren dampfenden Bechern. Fast bedauerte Herr Kortüm, als eines Tages die fünf Räume endgültig eingerichtet waren und nichts Zerbrochenes sich mehr auftreiben ließ. Plakate könnte Schwartenmacher noch entwerfen. »Ich müßte Einladungen an die Fachleute in der Hauptstadt schreiben . . .« Herr Kortüm klappte seine braune Mappe auf – aber er kam nicht weit. Liese brachte einen Brief. Feines gelbes Papier. Aus Weimar. Herr Kortüm schnitt ihn sorgsam auf, las die Unterschrift, fing dann sehr hitzig und alles auf einmal zu lesen an und schlug auf den Tisch. »Liese!!« schrie er. Frau Schröter meldete ihre Ankunft für übermorgen. Zwei Zimmer brauche sie und eins für ihre Bedienung. Nach Süden natürlich. Schon vor drei Wochen habe sie kommen wollen, aber sie hätte nicht aus ihrem Vertrag herausgekonnt. Ruhe brauche sie, nur Ruhe – die Ruhe des Schottenhauses. Sie freue sich sehr darauf. Man solle sie am Bahnhof abholen. Und ob denn die Esel noch da wären. Nun hatte Herr Kortüm keine Zeit mehr für Plakate! Er ließ die Zimmer herrichten – richtiger gesagt: er richtete sie her. Wenn Liese laut mit den Eimergriffen klapperte oder den Besen fallen ließ, schrie Herr Kortüm mit Donnerstimme: »Ruhe! Von jetzt an herrscht Ruhe in meinem Haus!« Sogar die Blumenvasen suchte Herr Kortüm persönlich aus und ging in den Wald, um besonders volle Tannenzweige zum Schmuck des großen Südzimmers abzuschneiden. Liese mußte – sie ließ den Mund offenstehen und kriegte ihn noch lange danach nicht wieder ordentlich zu – Liese mußte erleben, daß er, der Herr Kortüm, vor dem Leinenschrank stand und eigenhändig die Bettbezüge mit den breiten Spitzenkanten herauswühlte. Dies Bezüge lagen ganz 155 unten. Der Schrank würde nie mehr in Ordnung gebracht werden können. Die Konferenzen, die Freitagsgesellschaften wurden abgesagt – leidende Wintergäste kämen, die Ruhe brauchten. Wer denn das wäre, diese Dame mit Bedienung, zum Donnerwetter noch einmal. Liese wußte ihren Namen nicht. Schwartenmacher war betrübt. Herr Kortüm hatte ihn wie einen zahlenden Gast behandelt, er hatte ihn gespeist und – weiß Gott – er hatte ihn auch getränkt. Und nun war es vorbei. Oder ließe sich doch noch etwas tun? Irgend etwas! Ihm kam ein Gedanke. »Herr Kortüm«, sprach er, »Sie wissen: als Künstler habe ich mich aufopferungsfreudig in den Schatten gestellt.« »Wohin?« fragte Herr Kortüm zerstreut – er überlegte eben das in dieser Jahreszeit besonders schwierige erste Menü. Konstanze liebte leichtes Essen. »Nur an die würdige Aufstellung der alten Gegenstände habe ich gedacht. Von mir ist nichts dabei –« »Brühe von Kalbfleisch«, schrieb Herr Kortüm. »Nein«, sagte er, »Sie leben ja Gott sei Dank noch.« »Gewiß«, sagte Schwartenmacher bedrückt, »jeder Mensch möchte aber doch einmal auch selber was schaffen.« »Davon sprachen wir ja schon. Im Hinblick auf Noah, Lieber. Das ist dem Menschen nicht gegeben.« »Ich meine ja auch bloß: es gibt doch zweifellos Sachen, unter die man seinen Namen setzen kann.« »Das kommt auf die Sachen an – und auf den Namen.« »Sehen Sie! Ich heiße Schwartenmacher. Sie haben vieles. Eins aber fehlt Ihnen –« Konstanze Schröter kommt, dachte Herr Kortüm erschrocken: » Was fehlt!« fuhr er den bescheidenen Mann an. »Entschuldigen Sie bitte, aber Ihnen fehlt – sehen Sie selber nach – Ihnen fehlt die Windfahne auf dem Dach. Die haben Sie nicht. Eine Windfahne braucht der Mensch. Ohne Windfahne ist der Mensch nicht komplett. Besonders wenn er so hoch wohnt wie Sie. Sie müssen doch hier oben wissen, wie der Wind weht. Und dazu brauchen Sie nur das Blech zu liefern. Die Arbeit mache ich gegen Verpflegung wie bisher. Weiter entstehen keine Unkosten.« »Auch keine Nebenkosten, nichts Unvorhergesehenes und Sonstiges?« »Nichts!« Unrecht hatte Schwartenmacher nicht. Eine Windfahne fehlte Herrn 156 Kortüm. Schon immer sollte ein solches blechernes Fähnchen auf sein Dach kommen. Ihm war nur noch kein besonderer Gedanke eingefallen. »Was könnte die Windfahne denn darstellen, Schwartenmacher?« »Jeden Gedanken kann ich Ihnen in Blech ausführen, Herr Kortüm. Da wäre zunächst einmal eine Sonne –« »Schweigen Sie!« rief Herr Kortüm und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hosenboden. »Das hat man aber viel«, sagte Schwartenmacher kleinlaut. »Gegenüber den Mond und oben einen Stern drauf. Dreht sich ausgezeichnet im Wind. Aber es gibt ja noch mehr, etwa ein Pferd« – Herr Kortüm schüttelte den Kopf – »oder ein Schiff – ein Segelschiff –« »Hm, warum nicht?« sagte Herr Kortüm. »Oder noch besser und recht paßlich für die hiesige Gegend: an das Ende der waagrechten Drehstange setzen wir Masken, vielleicht eine lachende und eine weinende.« »Masken – ich mag die Dinger nicht.« »Aber denken Sie auch an den guten Eindruck, den Sie auf die Umgebung machen werden. Sie setzen doch gleichsam das Wahrzeichen der Heimarbeit weithin sichtbar auf Ihr Haus. Das freut die Leute. Wir machen die Achse besonders hoch, daß man die Windfahne bis weit in die Täler sieht. Und die Masken schön groß. Es gibt jetzt verchromte Bleche, die bleiben immer silberhell und blitzen in der Sonne.« Schon zeichnete Schwartenmacher eine verlockende Skizze auf ein Blatt Papier. »Wie lange wird die Arbeit dauern?« »Eine Woche höchstens.« »Aber nun die Hauptsache: machen Sie Lärm dabei?« »Nicht den geringsten Lärm, Herr Kortüm! Verlassen Sie sich ganz auf mich. Ich arbeite geräuschlos.« »Ich bekomme Gäste, die völlige Ruhe brauchen.« »Wenn ich doch mal hämmern muß, kann ich ja in den Wald gehen.« Sie unterhielten sich noch eine Weile über die Kosten verchromter Bleche, über die Größe der Windfahne, und zum Schluß sagte Herr Kortüm: »Meister, fangen Sie an!«   Der Dominantakkord Im Weimarischen wird es spät Frühling. Anfang März weht noch ein scharfer Zug durch die borstigen Bäume. Vor Jahren hatte in solcher Vorfrühlingszeit Herr Kortüm in Weimar zu tun gehabt, eine 157 schwere Erkältung bekommen und zu dem Apotheker, der ihm die schmerzlindernden Pastillen einwickelte, höchst ärgerlich gesagt: »Sie liegen falsch. Wenn man mich diese Stadt hätte gründen lassen, würde ich sie auf die andere Seite der großen Westoststraße gelegt haben. Sehen Sie« – Herr Kortüm war an die Glastür gegangen und hatte auf den blauen Höhenzug über den Dächern gezeigt – »dorthin. In den Schutz des Ettersberghanges. Hm . . . man müßte einen Entwurf machen . . .« Erschrocken hatte der Apotheker den erbitterten krächzenden Herrn angeblickt, der offenbar nachdachte, ob man diese Stadt nicht besser etwas verlegen sollte, weil ihre Lage seiner Gesundheit nicht zuträglich sei: »Nun, verehrter Herr, uns bekommt ihre Lage.« Herr Kortüm hatte sich hustend und schnupfend auf sein Schottenhaus zurückbegeben und es den Weimarern überlassen, mit ihrem März fertig zu werden. Manche Einwohner dieser wie nach Gottfried Herders, so auch nach Friedrich Joachim Kortüms Ansicht auf der falschen Seite gelegenen Stadt wurden ausgezeichnet mit dem hiesigen Vorfrühling fertig. Vom Tempelherrenhaus wandelten in Richtung auf die Ackerwand nahe nebeneinander der Organist Wingen und die Haustochter Lotte Albrecht. Wingen trug einen Band Orgelvorspiele unterm Arm und hatte den ganzen Nachmittag frei. An Lottes Arm hing ein Korb; sie mußte spätestens um sechs das Abendessen anrichten und dazu einen weiten Weg bis in das geheimrätliche Haus in der Belvedereallee zurücklegen. Es war Sonnabend nachmittag. Der Himmel hatte eine zarte blaßblaue Seidenfarbe. Wingen hob gelegentlich die Nase – ein Duft von Spätapril sömmerte ab und zu einen Herzschlag lang in dem harten Luftzug und war schon wieder weg, ehe ihn der Organist feststellen konnte. Aber der Dichter mochte seiner habhaft geworden sein, denn er blickte Lotte an: »Da hast du's.« »Was?« »Die gute Zeit ist da!« rief Wingen so laut, daß sich ein vorübergehender Herr lächelnd nach ihnen umwandte – Wingen drehte sich auch um – »das ist ja . . .« sie grüßten sich. Wingen kannte die halbe Stadt und grüßte sich mit ihr. »Red nicht so laut.« »Der weiß doch nicht, was ich meine.« »Dann denkt er sich's, und das ist noch schlimmer.« »Laß sie denken, bis sie platzen«, sagte der Organist leichtfertig und faßte Lotte fester unter den Arm. Als Organisten hätten ihn nicht so 158 viele Leute gekannt, denn Orgelspielen gehört zu den wenig ins Auge fallenden Berufszweigen. Als Organist mußte Wingen der Gemeinde grundsätzlich den Rücken zuwenden. Das liegt am Bau der Orgel. Als Dichter jedoch drehte er der Gemeinde die Vorderseite zu. Das wieder liegt am Bau des menschlichen Körpers. Wingens Vorderseite grüßten die Leute achtungsvoll. Seit er aber immer öfter mit Lotte zusammen gesehen wurde, warf ihm die Gemeinde auch Blicke in seine Rückseite. Ob denn ein Organist, also ein Mann, der amtlich zu Begräbnissen die Musik macht, unverheiratet, unverlobt, gewissermaßen ungebunden mit einem schönen, übrigens auch unbekannten Mädchen herumgehen könne, diese Frage wollten die Leute nicht vorlegen: aber ob sich dieses junge Paar in die Friedhofskapelle begeben und dort stundenlang Musik machen könne, ohne daß jemand dabei begraben würde – wirklich, das dürfe man denn doch wohl noch fragen! In Thüringen liege dieser Fall sowieso in der Luft: nur zu wohl entsinne man sich jenes einundzwanzigjährigen Organisten Johann Sebastian Bach an der Neuen Kirche zu Arnstadt. Laut actum vom 21. Februar 1706 hat dieser junge Mann auf den Passus »Verweisen, daß der Organist Bach letztverwichenen Sonntags unter der Predigt im Weinkeller gangen« geantwortet: »Sey ihm leid. Sollte nicht mehr geschehen.« Auf den ferneren Passus »Stellen ihm vor, aus was Macht er ohnlängst die frembde Jungfer auf das Chor habe bieten und musizieren lassen« hat jedoch dieser junge Organist nichts weiter zu sagen gehabt als »Habe Magister Uthe davon gesaget.« Es sei doch sehr die Frage, ob dieser Organist Wingen irgendwem von seiner fremden Jungfer aus dem Chor etwas gesagt habe. Man müsse nach dem Rechten sehen. Die Weimarer konnten nicht wissen, daß Wingen an Lotte verschuldet war und sich nun ehrlich bemühte, diese Schulden aus der Welt zu schaffen: Lotte hatte ihn in Besenroda im Maskenmachen unterrichtet, und er gab ihr nun in Weimar Gesangsstunden. Das Mädchen war unzweifelhaft musikalisch und stimmlich begabt. Unterricht mußte sie bekommen. Ein Klavier besaß Wingen nicht – es blieb nur die Orgel zum Schuldenbezahlen übrig. Der Bälgetreter Wenzel war mit den neuen Gesangsstunden sehr einverstanden: »Wenn 'r mit der Jungfer singt, kann er nich orgeln, wie er will. Da muß 'r ganz sachtchen un dusemang spielen, hähä.« Der Luftverbrauch war ungemein gering, und da Wenzel die Luft nicht hektoliterweise abgab, sondern stundenweise arbeitete, verdiente er ohne Schweißtropfen auf der Stirn. Zufrieden stieg er seine Leiter 159 in der Bälgekammer hoch, ruhig und ohne Aufregung rutschte er in den Bügeln hinab, sanft kam er auf dem Sandsack an. Dann konnte er eine Prise nehmen – umständlich und mit allen technischen Feinheiten. Er konnte auch mal nach dem Wetter sehen: das kleine Bälgekammerfenster ging wegen des Orgelrückbaues nur halb auf, aber wenn sich Wenzel in den Fensterspalt ein bißchen hineindrückte, war über den Zypressen des Friedhofs ein gut Stück Westhimmel zu sehen. Manchmal mußte Wingen auch theoretischen Unterricht in Harmonielehre einfügen. Dann konnte sich Wenzel überhaupt auf den Schemel setzen und ausruhen. Je weiter der Gesangsunterricht fortschritt, desto theoretischer schienen sich die Übungen zu gestalten. »Das laß ich mir gefalln«, sagte Wenzel und brachte am andern Tag zwei Kissen mit, ein rundes für den Sitz und ein rechteckiges für die Lehne. Es saß sich prachtvoll – jede Minute Sitzen geldeswert. Durch das Fenster fiel ein breiter Sonnenstrahl. Draußen probte ein Star sein Märzlied. Junge Menschen macht Märzluft musikalisch. Alte Leute werden schläfrig von ihr. Aus halbgeschlossenen Augen sah Wenzel den goldenwirbelnden Sonnenstäubchen zu – der viele Staub . . . Jeja, so aufm Friedhof . . . Wenzels Augen schlossen sich. Sanft schnarchte er vor sich hin. Lottes Augen standen weit offen. Was ihr der Organist erklärte, war so schwer. »Höre gut zu, Lotte. Der Dominantakkord« – Wingen spielte und summte leise die Notennamen: » G, h, d, f – hörst du's? G-f ? Die kleine Septime? Wie einen das unruhig macht, nicht? Unerträglich, den Dominantakkord schweben zu lassen. G, h, d, f – du fühlst das doch? In diesem Akkord steckt der unwiderstehliche Drang, so rasch als möglich in einen anderen Akkord einzumünden. Er kann nicht für sich bestehen. Er will aufgehen in dem, was nach ihm kommt. Es ist eigentlich ein richtiger Märzakkord. Der Klang quält dich so lange, bis du ihm seinen Frieden gibst.« » G, h, d, f «, spielte Wingen, sah Lotte lächelnd an und ging dann in die Auflösung: g, c, e . »Wirklich!« rief Lotte selbstvergessen. »Jetzt hat er Ruhe.« »Nun sing die Quinte, Lotte, sing das d . Und wenn ich in den tonischen Dreiklang gehe, nimmst du das  c .« Wingen drückte die Tasten, beugte den Kopf vor: gleich würde Lotte in das sehnlich erwartete c gehen können – da gurgelte es leise, röchelte klapp, tapp: die Orgel stand still. Der Dominantakkord blieb im Ohr, das nichterlöste d dieses Vierklanges würde nun nie in sein ruhevolles c , die sehnsuchtsvolle Septime nie in das goldene e eingehen können. 160 Donnerwetter! wollte Wingen rufen, den diese schwebende Septime körperlich bedrängte. Er war der Mann, nachts aus dem Bett aufzustehen, Licht zu machen und den Grundakkord anzuschlagen, weil jemand im Hause Klavier gespielt und, vom Herzschlag getroffen, mit dem Dominantakkord aufgehört hatte. Er griff nach dem Klingelzug. Lotte hielt seinen Arm fest: »Laß. Horch!« »Der Schurke schläft dahinten.« »Laß ihn schlafen.« Aber diesen unbedachten Satz kann nur ein Anfänger in der Harmonielehre aussprechen, und er weiß nicht, was er sagt. Ein Bälgetreter kann schlafen. Dominantakkorde finden keine Ruhe. Ganz deutlich schwebte die Septime unter den alten Gewölben. Wingen war unruhig und fuhr mit den Händen hin und her. Er drückte die Tasten des Grundakkordes nieder, aber nicht Holzstückchen mit Elfenbein belegt nahmen ihm den Hauch der Septime aus den Ohren: die Musik war in ihm und wollte ihre Lösung. Im März lösen sich diese Dominantakkorde besonders klar und strahlend auf. »Komm, Lotte, setze dich neben mich. Wir lesen die Akkorde. A -Moll. Da ist er wieder: e, gis, h, d .« Lotte fuhr mit dem Finger eifrig die Notenköpfe entlang – aber in denen stak die Musik nicht, die sie beide quälte. Der Dominantakkord dieser Liebe war gekommen und konnte nun nicht länger in der Luft hängenbleiben. Der oberste Herzton ist eben eine Septime – was man auch sage: das Herz schlägt, um endlich nicht mehr schlagen zu müssen. Wingen legte seine Hand auf ihre Hände und küßte sie auf den Mund. Es war sehr still in der Kapelle. Die Orgel schlief. Der Friedhof schlief. Das goldene e war da. »Nicht. Was soll das werden –« »Hochzeit, Lotte.« Draußen sang und schwatzte ein Star. Aber dieser heiterste und fröhlichste der Vögel kümmerte sich nicht um sie. Der hatte seine eigenen Märzsorgen. Wenzel war ein guter Bälgetreter. Ein wahrer Meister der Luft war er. Besonders mit der Märzluft ging er sachkundig um. Er wußte nicht nur genau, von wannen der Wind weht und wohin er weht – er wußte auch, daß Windstille die Menschen zuweilen am weitesten bringt, und handelte danach: Äolus schlief. 161   Erde Die Sonnenstunden verbrachte Konstanze in ihrem Liegestuhl auf dem Balkon. Herr Kortüm saß auf der Hausbank unter dem Balkon und hütete die Ruhe der Konstanze Schröter. Es war nicht rätlich, auf der Südseite des Hauses in diesen Tagen etwa laut zu singen oder zu rufen. Konstanze ließ sich wenig blicken. Aber Herr Kortüm hatte rasch die erste Enttäuschung darüber verwunden, als er ihre müden Augenlider und das ein wenig verlegene Lächeln um ihren Mund sah. Grimmig hielt er das Leben vom Schottenhaus fern. Ein solches Gasthaus hatte die Welt noch nie erlebt. In den Tälern verbreitete sich die Kunde von der unglaublichen Behandlung, der sich müde Wanderer bei der Einkehr im Schottenhaus aussetzten. Das Kaffeetrinken im Freien war überhaupt untersagt. Herr Kortüm saß wie ein dicker Drache auf der Bank und lauerte auf Ruhestörer. Plötzlich fiel ein Schatten über ihn: Konstanze in einem wundervoll patinagrünen Strickkleid stand vor der Haustür in der Sonne und blinzelte in den holden gelbgrünen Hauch der Kätzchen an den glatten Haselzweigen. »Oh«, sagte Herr Kortüm, »es ist uns ein Vergnügen.« Mit uns schien er die Frühlingslandschaft und sich zu meinen. »Am liebsten bliebe ich ganz hier oben.« »Bleiben Sie, Gnädigste.« »Und das Theater?« Herr Kortüm wies auf sein Haus: »Befehlen Sie, und in drei Tagen steht es wieder da.« »Wenn das so ginge. Aber leider gehören zum Spiel die Zuschauer.« Mit einem tiefen Seufzer antwortete Herr Kortüm: »Ich weiß. Zu mir gehören ja auch meine Gäste.« Konstanze setzte sich auf die Bank. Greller als im Sommer schien die Sonne. Fast weiß prallte sie auf das braune Land. Herr Kortüm eilte ins Haus und kam mit Kissen, Decken und einer Fußbank zurück. Sie sah ihn dankbar an: »Bleiben Sie, Herr Kortüm. Erzählen Sie mir etwas. Aber es muß lange her sein.« Herr Kortüm strich sein Kinn. Ihre Augen waren entschieden klarer. Sie beobachteten auch schon wieder leise spöttisch. Ting, ting, ting klang es aus dem Walde. »Liegt dort hinter dem Wald ein Dorf?« »Nein. Das nächste Haus steht fast eine Stunde weit von uns.« »Aber was hämmert denn da?« 162 »Ah!« – Herr Kortüm erhob sich – »ich werde es sofort verbieten.« »Nein doch! Ich frage ja nur. Es klingt reizend.« »Ja, der da hämmert, das ist . . . hm – mein Windfahnenmacher.« Konstanze kannte doch Herrn Kortüm. Aber dieser Mann nannte immer wieder Unternehmungen und verfügte über Hilfskräfte, die kein anderer Mensch aufzuweisen hatte: »Aber Herr Kortüm!« »Bitte, Gnädigste?« »Der Mensch braucht doch nicht so viel Windfahnen, daß er extra einen Nibelung im Walde sitzen hat, der ihm solche Dinger machen muß!« »Ja, gewöhnlich braucht man auch nur eine aufs Dach. Ich habe den Mann in den Wald geschickt, damit er Sie nicht stört. Morgen werde ich ihn hinter den Hachelstein setzen. Dann hören Sie gar nichts mehr.« Konstanze lachte: »Wer ist denn der Mann?« »Es ergab sich so mit ihm. Ein gewisser Schwartenmacher. Einer der besten Sargrestaurateure, die wir heute haben. Ein Metallkünstler, wissen Sie? Er hat mir wochenlang ausgezeichnete Dienste geleistet bei der Aufstellung meines Museums.« Bei dem Wort »Sargrestaurateur« hatte Konstanze gedacht, sie habe sich wohl verhört – aber jetzt sah sie Herrn Kortüm erschrocken an: »Ihr – was?« »Museum. Oh! Sie wissen das ja noch gar nicht! Ja – mein Museum.« »Was denn für ein Museum?« »Hm . . . das ist nicht leicht zu sagen. Es ist nicht eigentlich ein gewöhnliches prähistorisches Museum. Ein historisches auch nicht. Heimatmuseum kann man auch nicht sagen. Eigentlich gibt es nur eine Bezeichnung dafür.« »Da bin ich aber doch neugierig.« »Museum Kortüm heißt es. Ja.« Er machte einen ganz spitzen Mund, zog die Augenbrauen hoch und zeigte mit dem Daumen hinter sich. »Im zweiten Stock, Gnädigste. Fünf Räume. Rund vierhundertfünfzig Nummern. Katalog von hundertzwanzig Seiten.« »Und das haben Sie in der kurzen Zeit zwischen dem Festspiel und heute fertiggebracht?« Herr Kortüm schlug die Beine übereinander. Da guckt sie, dachte er und wippte mit dem Fuß. »Kann man sich das ansehen?« »Liebe gnädige Frau!« Herr Kortüm sprang auf. Konstanze brannte 163 sich eine Zigarette an. Sie stiegen die Treppen hinauf. Herr Kortüm öffnete feierlich die Tür zu Raum eins und begann sie durch sein Museum gleichen Namens zu führen. Obschon er mit dem dicken handschriftlichen Katalog neben ihr herging und eingehende Erklärungen gab, war Konstanze enttäuscht. Sie gingen schon im Raum drei herum, und das Museum war gar nicht kortümisch, sondern ebenso langweilig wie andere Museen. Im Raum vier gähnte sie und zeigte auf die Inschrift »Verschiedenes«: »Was ist denn da drin?« »Alles nicht näher Bestimmbare.« Er öffnete. »Allmächtiger!« sagte Konstanze, legte die Hand aufs Herz und starrte die ungeheure Maske mit den verbundenen Augen an, »Ein in seiner Art einziges Stück«, erläuterte Herr Kortüm und kratzte sich in den Bartstoppeln. »Ich werde es Ihnen nachher auch mit offenen Augen vorführen.« Konstanze ging zur Wand hin, an die das Schild angenagelt war. Sie las. Sie las sehr lange . . . Dann warf sie einen flüchtigen Blick auf die anderen unter »Verschiedenes« fallenden Gegenstände und ging zur Tür. Herr Kortüm nahm das Tuch von den Augen der Maske ab: »Bitte, Gnädigste – ohne Binde.« »Danke«, sagte Konstanze Schröter. Sie ging. Herr Kortüm stand mit der Augenbinde in der Hand da und hörte, wie ihre Schritte verhallten, wie die Treppe knarrte, eine entfernte Tür klappte. Dann war es still. Eine Weile ging er in Raum »Verschiedenes« hin und her. Dann faßte er das Tuch an zwei Ecken, strich es glatt und hing es ungefältelt über die Maske. Nun sah nur der Mund darunter hervor. Wütend blickte Herr Kortüm den Mund an: »Ich habe es ja gesagt. Man hätte den Unflat rausschmeißen müssen. Dieser Wingen!« An diesem Tage bekam Herr Kortüm Konstanze nicht mehr zu sehen. Brigitte holte um fünf den Tee und um sieben das Abendbrot. Noch spät sah Herr Kortüm Licht in ihrem Fenster, aber herunter kam sie nicht. Als sie am späten Vormittag des anderen Tages noch nicht sichtbar wurde, schickte Herr Kortüm Liese hinauf: ob die gnädige Frau gestatte, daß der Metallkünstler Schwartenmacher heute die Windfahne auf dem Dach befestigte. Die Geräusche würden auf ein Mindestmaß beschränkt. Konstanze lag auf ihrem Liegestuhl, ließ das Buch fallen und lachte laut: »Nein, Liese – wirklich! Euch kann man nicht böse sein.« Sie ging hinunter. Sämtliche Bewohner des Schottenhauses standen 164 im Vorgarten und starrten nach dem Dach, auf dem Schwartenmacher in weißen Segeltuchschuhen fachmännisch herumspazierte. Die eiserne Stange war schon zu sehen. »Ist die aber hoch«, sagte Konstanze. Herr Kortüm erklärte ihr, diese Höhe sei das mindeste, wenn man die Fahne in den Tälern sehen solle. Er zeigte ihr auch die beiden Angeln, in welche die Windfahne eingesetzt würde, und das Töpfchen Fett, mit dem Schwartenmacher diese Angeln schmieren würde, damit die Windfahne nicht quietschte: »Nichts, aber auch nichts werden Sie von ihr hören. Nur fürs Auge ist sie da.« Ehe Konstanze am Nachmittag ihren Tee trank, wollte sie erst einmal dem Windfahnenmacher bei der Arbeit zusehen. Sie ging in den Garten, sah hinaus und traute ihren Augen nicht: oben auf dem Dache – sie rieb sich die Augen, aber es war richtig – schwebte jetzt ein großes blitzend silberhelles Maskenpaar. Die schön gebogenen Träger waren zart gearbeitet und kaum zu erkennen, so daß ein den Masken gegenüber, am anderen Ende der Drehstange angebrachtes K in der Luft zu hängen schien. Der dicke Herr Kortüm zwängte seinen Oberkörper aus einer Dachluke heraus. Das sah gefährlich aus: wenn er sich bewegt, dachte Konstanze, reißt er das ganze Dach auf. Aber Herr Kortüm kehrte sich nicht an die Gefahr. Er gab Befehle: »Westwind!« schrie er. Der Metallkünstler saß rittlings auf dem Dachfirst, hatte in den Händen einen großen Blasebalg, wie ihn die Arbeiter zum Löten brauchen, und blies nun auf Herrn Kortüms Anweisung von Westen her die Breitseite der weinenden Maske an. Das Gestell bewegte sich um die Achse, und silbern schwebte die lachende Maske in die Weststellung. »Hab ich's nicht gesagt?« rief der Meister aus dem Dachfirst. »Das ist Schwartenmacherarbeit! Die Windfahne folgt dem leisesten Luftzug. Und wie die Masken blitzen! Das ist ein Wahrzeichen der Heimarbeit, wie es keins gibt im Lande!« »Nordwestwind!« schrie Herr Kortüm. Jetzt packte Schwartenmacher die Griffe und gab ruckweise den stärksten Wind, dessen der Blasebalg fähig war. Der Stoß traf die lachende Maske zu heftig: einmal, zweimal fuhr die Fahne herum und stand dann mit dem weinenden Gesicht nach Nordnordwest zitternd still. Hoch über dem blinkenden Maskenspiel schwebte regungslos ein großer Raubvogel im blauen Himmel. »Ha!« schrie Herr Kortüm, »Donner und Blitz und Hagelsturm!!« »Nee«, lachte Schwartenmacher, »das kann ich nicht machen.« 165 Das Museum erfreute sich eines für diese Jahreszeit immerhin erträglichen Besuches. Die Anordnung völliger Lautlosigkeit im Schottenhaus hatte Herr Kortüm auch wesentlich mildern können. Die Leute waren neugierig und kamen. Seit dem geglückten Festspiel setzte die Öffentlichkeit ein Zutrauen in Herrn Kortüms Unternehmungen. Sogar die Zeitungen berichteten über die neue Sehenswürdigkeit. Manche Pressestimmen klangen allerdings etwas belegt. Ein Professor hatte sogar den Ausdruck Dilettantismus gebraucht. Aber den brauchen ja Professoren immer. Der Leiter des Kortüm-Museums hätte sich darüber nicht aufgeregt. Man weiß, wie Museumsfachleute miteinander umgehen. Aber der Artikel ging noch weiter: an den Schluß seines sogenannten Museums habe dieser regsame Gastwirt eine große Maske gesetzt, habe sich nicht gescheut, den bekannten Dichter Wingen der Urheberschaft zu beschuldigen, habe die Maske »Dämon« genannt, dann diese Bezeichnung wieder durchgestrichen und »Gerechtigkeit« darübergeschrieben – dabei könne sich jeder auch nicht wissenschaftlich vorgebildete Besucher überzeugen, daß die Augenbinde gar nicht dazugehöre, sondern nur mit einer zeitgenössischen Sicherheitsnadel festgesteckt sei. Übrigens habe sich Berichterstatter überzeugt, daß nichts dahinter sei: die Maske habe völlig leere Augenhöhlen – und so sei die ganze Museumsunternehmung. Schwartenmacher war leider abgereist. Herr Kortüm konnte ihn nicht mehr fragen, was gegen jenen Mann zu tun sei. Er wollte eben diese Unterhaltungsbeilage in den Kasten legen, wo ja schon mehr derlei ruhte: Pfändungsdrohungen, eine Dankadresse – da sah er Konstanze am offenen Fenster sitzen. Er mußte sich aussprechen: was sie dazu sage, fragte er und hielt ihr das zerknitterte Zeitungsblatt hin. »Ich habe eben im ›Esperstedter Tageblatt‹ noch etwas viel Hübscheres gefunden«, antwortete Konstanze. Herr Kortüm las folgende fettgedruckte Überschrift: »Der Besenröder Dickschädel«. Dann ging es los: »Das neue und so anregende Museum des in weiten Kreisen wohlbekannten und geschätzten Herrn Kortüm aus dem Schottenhaus besitzt unter Nummer Vierhundertzehn ein ungemein aufschlußreiches Stück, das offenbar vielen Besuchern bisher entgangen ist. Wir weisen unsere lieben Leser eindringlich auf die genaue Besichtigung gerade dieser Nummer hin. Wie die Bezeichnung dartut, handelt es sich um das Fragment der Schädeldecke eines Einwohners von Besenroda. Wir haben durch exakte Messung feststellen können, daß der Schädel die Dicke von fünf Millimetern besitzt. Ein 166 Dickschädel solchen Ausmaßes ist unseres Wissens noch in keiner anderen Gemeinde Thüringens festgestellt worden und entschuldigt viele, unseren Lesern nur zu bekannte Vorgänge, für die bislang eine Erklärung schlechthin unauffindbar war.« Herrn Kortüms Erkenntnis, daß der Mensch der Öffentlichkeit lieber nichts zugänglich machen soll, kam zu spät. Die lachende Maske auf seinem Dache zeigte sömmernden Südwind an. Konstanze hatte sogar schon ein frühes Veilchen gefunden. Aber Blitze und Donner und Hagelschläge, die Schwartenmacher seinerzeit bei der Windfahnenprobe auf dem Dache nicht hatte beschaffen können, die brauten im Ilmtal und kamen drohend, hinter bleigrauen Wolken grollend, langsam näher und spotteten des lachenden Vorfrühlingshimmels. »Heute kommen se«, sagte Monich. »Verflucht noch 'nmal. Schartn haben sie nich mit in de Deputation genommen. Weil er dir nachm Maule redt, sagen se. Aber ich bleibe bei dir, Kortüm. Sei nur immer hübsch freundlich. Dann könn' se nischt machen.« Nicht in Zylinderhüten, ohne Dankadresse und ohne Notenbücher und Stimmgabel erstieg am späteren Nachmittag die Besenröder Deputation den Schottenhügel. Ob Herr Kortüm zu sprechen sei. »Ich lasse bitten.« Herr Kortüm stand in der Mitte des Geweihsaales, Monich einen Schritt hinter ihm. Wortkarg kam die Männerschar herein. Platz nehmen wollten sie nicht erst. Sie hätten nur eine Frage: ob es wahr wäre, daß Herr Kortüm den Aufsatz über die Besenröder Dickschädel in die Esperstedter Zeitung eingerückt hätte – man reichte ihm das Zeitungsblatt. Herr Kortüm nahm das Blatt nicht, sondern begann: »Welches –« »Kortüm«, mahnte Monich leise. Welcher Herr diesen gemeinen Schwindel aufgebracht hätte, fragte Herr Kortüm. »De Leute erzähln's.« »So!« »Eine Schande is es, daß wir Dickschädel haben solln!« »Wo wir so mitgearbeitet haben für's Theaterfest dazumals!« »Das lassen wir uns nich gefalln!« »Und woher wissen Sie denn, daß der verdammte Kopp einem Besenröder gehört hat, he?« 167 »Ich habe das Schädelfragment auf Besenröder Grund gefunden.« »'s gibt Leute genug in Besenroda, die keine Besenröder sin!« »Zum Beispiel aus Hamburg kann einer sein, der bei uns wohnt!« Herr Kortüm preßte die Lippen zusammen und schwieg. »Was wird denn nu?« fragte ein Besenröder. »Wieso'n?« fragte Monich gemütlich. »Mit dem Knochen da in der Zeitung!« »Nu will ich euch 'nmal was sagen, versteht 'r. Jetzt setzt ihr euch erst 'nmal hin. So« – Monich setzte sich – »un nu trinken wir einen, nich wahr, Kortüm?« »Gern«, sagte Herr Kortüm und setzte sich. Die Besenröder blieben stehen und sahen sich an. »So. Nu kommt der Knochen dran. Setz dich doch, August.« »Wir sind nich zum Sitzen, wir sind wegen dem Knochen gekommen und wegen der Zeitung.« »Nu, August, das is doch ganz einfach. Wir wickeln den Knochen in de Zeitung, un ihr nehmt'n mit. Liese, bringe mal Bier! Was meinst'n du zu meinem Vorschlag, Kortüm?« »Gut. Ich bin bereit, das Schädelfragment an die Gemeinde auszuliefern. Darf ich bitten, Monich: Raum zwei, Nummer vierhundertzehn.« »Nu seht ihr?« sagte Monich harmlos und ging klappernd mit den Museumsschlüsseln ab. Die Deputation trat von einem Fuß auf den andern. War das nun etwa noch schlimmer? Was sollten sie anfangen mit dem verdammten Schädelbein? Es war schlimmer – denn Herr Kortüm fuhr fort: »Und ich werde in das ›Esperstedter Tageblatt‹ setzen lassen, daß sich das Publikum zur Besichtigung nun an die Gemeinde Besenroda selbst wenden müsse, da der Knochen wieder in ihren Besitz übergegangen sei.« »Nee!! Das geht nich! Fort muß der Knochen!« »Wohin denn, meine Herren?« »Irgendwohin!« »Sonst wird keine Ruhe nich!« »Wir wolln ihn auch nich haben!« Monich erschien mit dem Knochen in der Hand. Hinter ihm kam Bilmes. Eigentlich war er im Dienst. Er trug ein Fuchseisen unterm Arm, das heute noch am Dreiherrenstein gestellt werden mußte. Aber er hatte die Besenröder auf der Schottenstraße heraufkommen sehen. Der Dickschädelaufsatz in der Zeitung beschäftigte die ganze Gegend. »Paß auf, da gibt's was«, sagte er sich und ging ein bißchen horchen. Er war gerade recht gekommen. »So, Meister, das is er« – Monich drückte dem vordersten Besenröder den hübschen schwarzglänzenden Sockel mit dem verhängnisvollen Schild vorne und dem Schädelknochen oben drauf in die Hand – »aber jetzt hab ich Durst.« Das Bier stand auf dem Tisch und schäumte lieblich. August stellte das Museumsobjekt dazu und nahm statt dessen ein Glas in die Hand. Die anderen griffen auch zu. Das Bier gluckste in den Kehlen. »Das is Sünde!« sagte Bilmes plötzlich. Er trank nicht. »Prost«, antwortete Monich freundschaftlich und klopfte ihm auf die Schulter. »Sünde is es!« Bilmes schlug sogar auf den Tisch. »Wenn ich mir denke, das wäre mein – Kopp un da sitzen sie drum rum un saufen!« »Sauf mit. Jetzt haste noch was drinne im Kopp. Wer weiß, wie lange 's dauert. Mit einmal is er leer. Wenn de erst so weit bist« – Monich drehte den Sockel um und zeigte dem Evangelisten den Schädelknochen von unten – »so weit, du, dann is es vorbei. Leer, siehste's? Reine nischt is drinne.« »Aber 's is 'n Andenken für das, was einmal drinne war. Das gräbt man nich aus der Erde raus un stellt's zum Angucken hin.« Bilmes war immer auf seiten Herrn Kortüms gewesen und hatte den einsam auf seiner Höhe wohnenden Mann gegen die ganze Umgebung verteidigt. Heute war er zornig auf ihn. Herr Kortüm legte die Hand auf seine Schulter – ja, er stützte sich sogar auf Bilmes' Schulter und stand mühsam auf: »Meine Herren, Sie irren. Ich habe dieses Schädelstück nicht ausgegraben. Es lag auf der Erde. Ein Zufall mag es ausgewaschen oder ausgepflügt haben. Ich hob nur auf, was dalag.« Er nahm den Knochen in die Hand: »Sie verleugnen ihn. Schön. Ich werde die Nummer vierhundertzehn im wissenschaftlichen Verzeichnis löschen. Bilmes, kommen Sie her. Ich überreiche Ihnen hiermit vor diesen Zeugen den Schädelknochen. Bringen Sie ihn wieder an seinen Ort.« »Wohin denne?« »Das steht auf dem Schild. Gleich links von der unteren Ilmbrücke auf den ersten Ackerstreifen.« »Na seht'r!« rief Monich. »Im Guten geht alles. Prost, Kinder.« 169 Bilmes sah mißtrauisch auf das Museumsobjekt: »Mit dem Klotz drunter soll ich's wieder eingraben?« »Weg damit!« »Grab's ein, wie's is, un's Maul halten, verstehste, sonst holt's einer aus Esperstedt wieder raus un stellt's dort aufs Rathaus. Hier haste auch de Zeitung mit dem Artikel über den Knochen. Da wickelste'n nein.« Der Schuldiener hatte Klaus berichtet, die fremde Dame mit Bedienung auf dem Schottenhaus oben sei die Schauspielerin aus Weimar, die beim Festspiel als Bauerntochter auf dem Theater so schön gestorben sei: »Ja. Sie is wieder da. Aber krank soll sie sein, hab ich gehört. Drum darf je da oben auch keiner mehr laut reden.« Konstanze auf dem Schottenhaus – und krank? Er wollte in die Schenke gehen und hören. Gleich aufs Schottenhaus getraute er sich nicht. Herr Kortüm hatte den Mitgliedern der Freitagsgesellschaft sagen lassen, sie könnten jetzt nicht kommen. Wenn Konstanze krank war, erklärte sich wenigstens, daß er nichts von ihrer Anwesenheit wußte. Klaus hoffte fast, daß sie ein ganz klein wenig krank sei. Sonst hätte sie ihm bestimmt geschrieben. Seinen Brief hatte sie doch so freundlich beantwortet: Lieber Herr Schart, hatte sie ihn angeredet. Er zog den Brief aus der Brusttasche. Immer trug er ihn bei sich. Vom vielen Lesen war das zarte gelbe Papier in den Brüchen eingerissen. »Lieber Herr Schart«, las er. Er legte den Finger auf »Herr«. »Lieber Schart«, las er nun. Oh, das verfluchte Geld! Längst hatte er wieder nach Weimar fahren wollen, Mittag bei Pfund essen, ins Theater gehen, wieder bei Pfund essen – um halb elf abends. Konstanze konnte nicht eher, hatte Wingen gesagt. Sie würde gerne mit ihm speisen – lieber Schart, las er. Klaus kam an die Ilmbrücke. Es wurde schon dunkel. Drüben auf dem Acker arbeitete noch jemand. Mit dem Spaten. Was gibt es auf einem gepflügten Acker zu graben? Wer ist der Kerl? Klaus ging über die Brücke – Bilmes! »Häh«, sagte der Evangelist ärgerlich. »Guten Abend«, antwortete Klaus. Neben dem Loch im Acker lag ein Fuchseisen und ein Päckchen. »Sie wollen wohl Füchse an der Besenröder Brücke fangen?« »Schaden könnt's nischt. Manch einen könnte man fangen un 's Fell über die Ohren ziehn.« 170 Klaus lachte: »Lassen Sie sich nicht beißen.« Bilmes grub. Nun war die Grube drei Spaten tief. Er nahm den Zeitungsballen. »Was ist'n da drin?« »Ach nischt.« »Hör'n Sie mal. Das klingt ja verdächtig.« »Nu muß ich's Ihnen doch zeigen. Aber reden dürfen Se nich, Schulmeister.« Er wickelte das Papier auf. »Der Besenröder Knochen!« Bilmes nickte. »Haben Sie den aus dem Museum weggenommen?« »Gegeben hat'n mir Herr Kortüm, versteh'n Se? Un ich soll'n hier wieder eingraben.« Bilmes erzählte den Vorgang. »Unfug!« rief Klaus. »Da könnten ja alle Museen ihre Sachen wieder eingraben!« »Könnten sie auch. Für die Sachen wär's besser un für uns auch. Bloß nischt aus der Erde holen, was sie einmal hat. Die Menschen vergessen 's Lebendge drüber. Wozu is'n die Erde da?« Bilmes legte den Knochen sanft auf den Grund seiner Grube, deckte den Zeitungsartikel darüber, schaufelte zu, stampfte fest und nahm den Spaten auf die Schulter: »So.« »So«, sagte Klaus versonnen. Man sah dem Acker nichts mehr an. Bilmes hatte das Grab der Erde gleichgemacht. »Als wenn nischt gewesen wäre, hähä.« In die Schenke mochte nun Klaus nicht mehr gehen. Das Begräbnis hier im Acker an der Ilm erinnerte ihn, daß eilig handeln muß, wer zu handeln hat. Im Nu ist alles, als ob nichts gewesen wäre. Erstaunlich – wie schnell und spurlos verschwindet eine Streitsache, wenn sie der Erde zu nahe kommt! »Diese Erde, Bilmes! Guten Abend.« Klaus ging nicht über die Brücke zurück, sondern an der Ilm entlang zum Schottenhaus hinauf.   Ein neues Sternbild Liese nahm die Teller ab und setzte bunte Tassen auf den Tisch. Konstanze speiste allein. Es hatte sich aber im Lauf der Tage gefügt, daß Herr Kortüm nach Tisch den Kaffee mit ihr trank und ein wenig plauderte. Er war der gute Wirt für Menschen wie Konstanze: das 171 Milchkännchen rückte er heran, den Zucker, öffnete das Fenster oder schloß es – wie gerade Wind und Sonne darauf standen. Er war zur Stelle und unterhielt sie, ohne daß er sprach. Herr Kortüm wartete, was ihr einfiel, und redete sich dann von ihr aus sachte in sein Allerweltserzählen hinein. Heute war es ein bißchen schwierig. Konstanze drehte Brotkügelchen. »Es wird wohl eine große Gesellschaft geben?« »Aber nein, gnädige Frau. Es klingt bloß so weitläufig: Freitagsgesellschaft. Völlig geräuschlos. Das heißt – nun, einer ist dabei, der lacht ein wenig ungeschliffen. Wenn Sie einen kleinen Spaziergang machten in der Zeit? Ich konnte die Leute nicht länger fernhalten. Ein Gastwirt, wissen Sie . . .« »Doch nicht etwa meinetwegen? Nein! Ich kann mir denken, wie neugierig die Leute auf Ihre silberne Windfahne sind. Herr Schart hat mir erzählt, jetzt endlich sähe man das Schottenhaus auch von Besenroda unten.« Abwehrend hob Herr Kortüm beide Hände: »Mein Haus nicht! Meine Windfahne sehen sie im Ilmtal unten.« »Reizend denke ich mir's. Ich werde mir nächstens den Schottenhügel vom Tal aus ansehen. Herr Schart kann von seinem Schulfenster aus mit dem Fernglas erkennen, wie der Wind hier oben steht.« »Der junge Mensch sollte sich um den Wind im Tal kümmern.« Konstanze lächelte: »Er kommt wohl oft?« »Jeden Tag. Die Hochmoorflora untersucht er. Mit Moor scheint er meinen Teich auf der Nordwiese zu meinen. Es wächst außerdem noch gar nichts.« »Er ist sehr fleißig, glaub' ich.« Herr Kortüm zog die Augenbrauen, so hoch er konnte, und schwieg. »Wenn's ihm doch nun Freude macht«, sagte Konstanze. »Sie sollten es rascher Frühling werden lassen.« »Bedenken Sie, gnädige Frau: achthundert Meter hoch.« »Ach was. Sie können alles. Sogar dem Wind befehlen, daß er weht, wie Sie wollen. Nein? Ich habe es doch gesehen! Ein Wink von Ihnen, und es gibt Westwind, Nordnordwest. Sie können einen Berg bauen, wie andre einen Stall. Theater lassen Sie spielen, Esel laufen – das kann nicht jeder.« »Nein. Jeder nicht« – Herr Kortüm ließ den Kopf tief auf die Brust hängen – »nur: ich lebe davon.« »Wir leben alle von unseren paar Kunststücken.« 172 »Aber Sie haben zahlendes Publikum. Sehen Sie: die Häuser da drüben – das ist Esperstedt. Porzellanindustrie. Dort liegt Besenroda. Masken und Thermometer. Und ich – allein hier oben.« Kortümgeld, dachte Konstanze. »Ja«, sagte sie seufzend, »das kommt vom Obensein. Hoch und für sich wohnen ist ganz schön.« Sie stützte den Kopf in die Hand. Köstlich und bunt blitzte das Licht in ihren schönen Ringen auf. »Eine knappe Stunde ist's bis zu mir, gnädige Frau!« »Die Länge macht's nicht, Herr Kortüm. Auf die Straße kommt's an. Ich habe einmal gehört – vor langer Zeit – unsereiner müßte auf die Straße bedacht sein, die zum Lebendigen führt.« Herr Kortüm richtete sich hoch auf: »Da unten soll das Lebendige sein?« fragte er und zeigte auf die Nester im Tal. »Sie sagten doch, Sie leben davon.« Eine ganze Weile war es still. »Da kommt ja Herr Schart.« Konstanze nickte ihm durchs Fenster zu. Dann klingelte die Haustür. »Schon?« Herr Kortüm sah nach der Uhr. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau. Die Herren erscheinen gleich.« »Und ich mache Platz«, sagte Konstanze und wollte Klaus im Vorübergehen begrüßen. Aber er blieb vor ihr stehen: »Oh, Sie gehen? Ich hätte Sie gern etwas gefragt. Ja.« »Was denn?« »Ich interessiere mich nämlich fürs Theater.« »Um Gottes willen! Ich denke für Hochmoorflora! Schreiben Sie etwa Theaterstücke?« »Nein. Das nicht . . .« »Hm.« »Ich verstehe aber manches nicht.« Konstanze lachte: »Ich auch nicht.« »Sie haben doch die Julia gespielt« – Konstanze sah ihn blitzschnell durch ihre dunklen Augenwimpern an – »die Julia. Ich meine die Shakespearische.« »Natürlich.« »Die Julia liebt doch den Romeo.« »Freilich.« Konstanze nickte. Klaus wurde langsam rot im Gesicht. »Also Julia liebt den Romeo. Wenn Sie spielen, sind Sie doch die Julia Capulet. Oder sind Sie noch etwas daneben?« »Nichts da. Die Julia bin ich.« »Die Julia. Und Sie lieben also den Romeo« – ganz schnell sprach 173 Klaus die letzten Worte heraus. Er bekam Angst, daß er den Mut verlieren könnte zu der Frage, die ihn brannte seit jenem Eselritt unterm silbernen Schirm in der Wolfsschluchtnacht. »Seine Maske liebt die Maske, Herr Schart.« »Seine Maske. Ja. Und nun sind Sie fertig mit Spielen. Sie ziehen sich um. Etwa so ein Strickkleid ziehn Sie hinterher an« – Klaus tippte vorsichtig mit dem Finger auf ihren Ärmel – »es steht Ihnen wundervoll.« »Wirklich?« »Herrlich! Sie müßten immer in diesem Grün gehen! Das ist noch schöner als weißer Brokat. Ihr dunkles Haar und die weiße Haut –« »Also ich ziehe mich um.« »Ja. Sie haben sich umgezogen –« »Gut –« »Und Sie sind nun keine Maske mehr.« »Weiß Gott – nein!« »Aber nun lieben Sie am anderen Abend wieder einen anderen, etwa den Grafen Strahl –« »Die Maske liebt, Herr Schart.« »Hm. Ja . . .« »Und die zieht sich dann wieder um.« »Zieht sich um. Wieder um. Gewiß. Aber das geht doch nun Abend für Abend. Woche für Woche. Monat für Monat.« »Und Jahr um Jahr, Herr Schart.« »Kann denn eine Frau – ich meine –« aber jetzt scheiterte Klaus Schart. Die Worte kamen der Sache zu nahe. Er stammelte noch ein wenig. Er wurde völlig rot und sah sie hilflos bittend an. Das ging Konstanze nahe. Wie der arme Junge im Rätsel der Maske stecken blieb. Jetzt müßte Herr Kortüm kommen und eine Eselstraße bauen. Aber sie lächelte nicht. Anfangs hatte sie gedacht: ich muß mich ernst stellen. Sie brauchte sich gar nicht ernst zu stellen: kann denn eine Frau . . . »Ja, Klaus Schart. Sie kann.« Es war gut, daß draußen Lärm entstand. Dieser unheimlichen Situation war Klaus denn doch nicht gewachsen. Er war zwischen die Masken der Konstanze und den Leib und die Seele dieser Konstanze geraten und atmete plötzlich den betäubenden Duft des Wirklichen. Vor dem Haus erschallte Kufferts dröhnendes Lachen. Konstanze drückte die Klinke nieder: »Wiedersehen!« 174 »Auf – ja – aber ich wollte noch mehr wissen –« »Es trifft sich schon mal« – Konstanze stand auf dem Treppenläufer – »nachmittags gehe ich immer spazieren.« »Morgen hole ich Sie ab!« »Morgen geht es nicht.« »Übermorgen. Ja?« Kuffert kam polternd zur anderen Türe herein. Auch Herr Kortüm und der Apotheker erschienen. Klaus hatte noch die Konstanzentür in der Hand, drückte die Klinke, als wenn er das Schloß abreißen wollte, holte tief befreiten Atem, machte die Tür ganz weit auf und schmetterte sie dann ins Schloß, daß ein Staubwölkchen aus dem Türgewänd dampfte. »Hahaha, Schulmeister! Schmeißen Se Kortüm nich die Bude ein!« »Hahaha«, lachte Klaus und gab dem Stuhl an der Tür einen Tritt. Verblüfft sah Herr Kortüm den stillen jungen Mann an. Aber Klaus rief: »Na, Apothekerchen!« und hieb Mickewitz zum Gruß auf die Schulter, »wie ist's mitm Schnaps?« »Erlauben Sie.« »Aber natürlich!« Klaus klopfte noch einmal und nahm Platz. Kuffert lachte aus vollem Halse. Er wußte nicht warum, aber der Krach freute ihn. »Dieses Wetter, Herr Kuffert! Da muß doch sogar Ihr Porzellan Knospen treiben! Ein solcher Himmel! Was? Das ist Sonne! Da wird's einem wohl zumute nach dem gottverdammten Winter –« »Mäßigen Sie sich, Herr Schart«, sprach Herr Kortüm. »Wir haben Leidende im Haus.« »Fehlt Ihnen was? Nee? Na, uns auch nich! Aber'm Apotheker. Passen Se auf, wenn der jetzt anfängt. Haben Sie 'n neusten Skandal gehört?« Mickewitz rieb seine Schulter. Er war bissig geworden: »Hehe, der Kurort Besenroda ist außer sich, und der Kurort Esperstedt ist empört.« Und nun begann der Apotheker, ohne ein Mitglied der Freitagsgesellschaft anzublicken, mit niederträchtiger Behaglichkeit zu erzählen. Er schilderte, wie eifrig die armen Leute mit den Vorbereitungen für die Ankunft der Fremden beschäftigt seien. Sie strichen, sie lüfteten, sie ließen Prospekte drucken, Reklameschilder malen. Alles war gut und hoffnungsvoll. Und da – eines Morgens, bemerkten sie mit grenzenlosem Erstaunen ein schwebendes silbernes Wesen, das über dem 175 Abhang des Schottenhügels in der blauen Luft zitterte und Strahlen warf. Das Ding bewegte sich. Es leuchtete übers ganze Land. Herr Kortüm saß immer aufrechter, machte einen spitzen Mund und kreuzte die Arme über der Brust. Schade, daß Monich das nicht hört, dachte er. Den Feuerwehrhauptmann hatte eine dienstliche Veranstaltung am Erscheinen verhindert. »Hehe«, fuhr Mickewitz fort, »bis jetzt sah man ja das Schottenhaus nicht. Wegweiser gibt's wenig in der Gegend. Es störte den Kurbetrieb nicht. Und nun plötzlich das neue Reklameschild. Außer sich sind die Leute. Ich nicht. Ich habe ja meine Apotheke. Aber die anderen, die leben müssen vom Vermieten! Ei, ei, was haben die armen Leute nun für Sorgen wegen Ihnen, Herr Kortüm. Wie sich die Ärmsten nachts schlaflos im Bette wälzen. Oh, Sie sollten sie hören, Lieber. Da sitzt dort oben, sagen die armen Leute, ein großer Mann auf seinen Besitzungen und lockt nun auch noch die paar kümmerlichen Fremden mit einer nie dagewesenen Reklame an sich. Den gesamten Kurbetrieb der Landschaft will er an sich reißen, der Herr Kortüm, sagen die Leute, hehe.« »Da haben Sie's«, lachte Kuffert. Herr Kortüm war sprachlos. Als Mickewitz anfing, bereitete er sich im stillen auf eine würdige Entgegnung vor: er hätte das Opfer gern gebracht und wolle nur hoffen, daß dieses neue schöne Wahrzeichen der Umgebung zum Segen diene. Nun kochte es in ihm, und er beging seinen alten Fehler: er berief sich auf sein Recht. Derselbe Mann, in dessen Museum die große Maske mit den verbundenen Augen stand, berief sich auf sein Recht. Musik sei ihm verboten, sagte er. Ja. Aber Windfahnen könne er auf sein Haus stellen, so viel er wolle. Und ob denn alles das, was er in den langen Jahren für die Umgebung geleistet hätte, gar nichts bedeute, ob das alles vergessen sei? Ob alle möglichen Leute, die übrigens gar nichts von der Sache verständen, sich in den Kurbetrieb hereindrängen könnten und nur er beleidigt, gekränkt, hintangesetzt und um das Seinige gebracht werden dürfe. Ob denn kein anständiger Mensch aufstünde und sage: nun gedenkt erst einmal unseres Friedrich Joachim Kortüm! »Wer bestreitet Ihre alten Verdienste, Verehrter?« sagte Mickewitz. »Es tut Ihnen ja gar keiner Unrecht! Hat die Umgegend Ihnen nicht in geradezu einziger Weise ihre Anerkennung zum Ausdruck gebracht? Mit Dankadresse und Gesang und Ansprache? Gott behüte! Als ob Ihnen jemand Unrecht tun wollte! Aber das Reklameschild auf Ihrem 176 Dache wollen Sie doch wohl nicht im Ernste eine Windfahne nennen. Diese maßlose Größe! Diese Höhe! Und wie es blitzt! Und das alles für den Wind? Hehe. Eine so rücksichtslose und über Leichen gehende Reklame, sagen die Leute unten, muß unsern Kurbetrieb ja ruinieren. Und auch damit nicht genug, sagen die Leute.« »Was denn noch?« rief Herr Kortüm. »Ich habe es gar nicht glauben wollen. Aber Fräulein Leibwein – wie jedermann weiß, eine leidende ältere Dame – klingelt mich plötzlich in der Nacht heraus und fragt, ob ich es auch sähe. Ein Komet! Ein Meteor stand am Himmel! Sie wissen natürlich nichts davon, Verehrter, aber ich muß es Ihnen doch sagen. Während wir alle, die wir hier an diesem Tische sitzen, friedlich in den Betten liegen und schlummern, haben ruchlose Hände Ihre sogenannte Windfahne grell beleuchtet« – die Augen des Apothekers standen nur noch einen Schlitz breit offen – »einen Scheinwerfer vom Motorrad müssen sie benutzt haben. Ihre neue Reklame glitzert schon am Tage aufdringlich. Aber glauben Sie: in jener Nacht warf sie Blitze. Direkt Blitze! Wir haben ja Läden an den Fenstern. Immerhin – nicht jeder verträgt das Schlafen im Dunkeln. Nun, mir kann es recht sein. Fräulein Leibwein hat in jener Nacht hundert Gramm Baldriantropfen gekauft. Hehe. Aber . . .« Herr Kortüm hing nur noch auf seinem Stuhl. Der Kerl sprach die Wahrheit. Nur war sie falsch. Diese unselige Scheinwerferlampe hatte in einem Schrank des Schottenhauses gelegen. Beim Aufräumen war sie Herrn Kortüm in die Hände gefallen. Vor langen Jahren, in der guten alten Zeit, hatte sie an Festabenden die bunte sorglose Gesellschaft auf der Wiese vorm Haus beleuchtet. Es war getanzt worden in ihrem Scheine, gelacht und getrunken. Herr Kortüm hatte die erloschene Lampe kopfschüttelnd angesehen, der alten Tage gedacht: ob sie noch brennt? Er schaltete sie ein – wahrhaftig. Das Licht war noch da. Wer aber lebte noch von denen, die sie einst beleuchtete? Da kam ihm ein Gedanke: im Sommer müßte man diese Lampe wieder in Gebrauch nehmen! Die silberne Windfahne müßte sie ein paar Nachtstunden beleuchten! Er hatte einen Versuch gemacht und siehe – wundervoll strahlte die lachende und die weinende Maske auf in der Nacht, hoch über den Tälern und schwarzen Wäldern. Herr Kortüm war ein gutes Stück in die Tannen hineingegangen. Es war ein laue feuchte Märznacht. Die Bäume dufteten und bewegten langsam ihre Wipfel. Wie sich Herr Kortüm auch stellen mochte, immer 177 sah er durch die Zweige und Nadeln sein Sternbild oben glitzern. Andächtig setzte er sich auf einen Baumstumpf und sah mitleidig die winzigen Sterne am Himmel an: das ist mein schönster Gedanke. Wie sich die Leute freuen werden, wenn sie ihr Wahrzeichen am Himmel erblicken. So war denn aus dem qualmigen Erlebnis in der Gruft, aus den Flammen des brennenden Sarges seines Vorfahren doch ein Gutes, ein Schönes erstanden! Vielleicht hatte der kränkende Abklatsch der blechernen Sonne dieses Sternbild bedeutet. Wie hätte er ohne Torstenson den Schwartenmacher gefunden, ohne Schwartenmacher das Sternbild! Wunderbar verflochten ist das Leben derer, die Gott lieb hat, dachte Herr Kortüm. Der Sommer wird gut werden. Die Fremden werden kommen und das Sternbild sehen wollen, das ich, ich Kortüm, habe aufgehen lassen über der Ilm – Und nun dieses! »Ärgern Sie sich bloß nich im Ernste, Kortüm.« »Herr Kortüm«, sprach Klaus . . . Er hörte nicht. Sein Kopf hing tief auf der Brust. Mickewitz wurde verlegen. Daß die Sache den alten Herrn so treffen würde, konnte er nicht ahnen. »Man muß auch an die anderen denken«, sagte er begütigend, »nicht wahr, Herr Kortüm? Weil doch der Mensch nun mal nicht allein lebt auf der Welt.« »Nicht allein« – Kortüm sprach heiser – »nein. Und nun sagen Sie mir, Apotheker Mickewitz: wie hoch soll ein Mensch denn über euch wohnen und wie böse muß die Straße zu ihm sein, damit er euch nicht stört?«   Konstanze im Spiegel Herr Kortüm stellte trübe Betrachtungen an: Freunde sind eine Gnade Gottes. Aber der Weg zur Hölle ist mit guten Bekannten gepflastert. Niemand kommt ohne die guten Bekannten aus. Ob man sie haben will oder nicht – sie haben jedenfalls uns, dachte Herr Kortüm. Die guten Bekannten begleiten uns freundlich durchs Leben. Begegnet uns das Glück, so feiern sie mit uns. Bleibt das Glück zu lange in unseren Armen liegen, tun sie das ihrige, daß wir es wieder los werden. Trifft uns wirkliches Leid, können wir auf ihren Kondolenzbesuch rechnen. Bedürfen wir einer Stützung, so sind sie guten Rats voll. Müssen wir fünf Mark von ihnen fordern, fehlen ihnen genau 178 fünf Mark zur Sommerreise. Aber wenn wir begraben werden – dessen sollen wir uns getrösten: die guten Bekannten stehen alle wie eine Mauer um unser Grab und geben uns die letzte Ehre. Denn wer sollte sie uns sonst geben? Herr Kortüm neigte in diesen Tagen zur Ungerechtigkeit: er hätte sich auf seinem Privatfriedhof nun auch Monich vorstellen müssen, in der Feuerwehrhauptmannsuniform, mit seinen Orden auf der Brust und einem Immortellenkranz unterm Arm. Und – an Frau Konstanze hätte er denken können – mit einem selbstgepflückten Veilchenstrauß in der Hand. Jedoch Herr Kortüm wollte , daß ihm die Welt weh tat. Bis in seine Seele war Herr Kortüm gekränkt und beleidigt. Die Selbstgerechten beugten sein Recht mit dem Schein des Rechts. Die silberne Windfahne zeigte Südwind an, und Kortüm mußte auf der Bank vor seinem Hause diesen soeben eingegangenen Brief lesen: »Der von Ihnen im Jahre 1912 am Abhang des Schottenhügels, Flurstück B 318, gepachtete Acker ist trotz dreifacher Anmahnung seit zwei Jahren und sieben Monaten nicht mehr ordnungsgemäß bestellt worden. Beweis: Augenzeugen. Ihnen wird hierdurch mitgeteilt, daß die Aufhebung des Pachtvertrages hierseits eingeleitet worden ist, ferner wird . . .« Dieser Schlag traf die Fundamente des Schottenhauses. Nicht um Kartoffeln zu bauen, hatte er die Flurstücke gepachtet, sondern um die Zupflanzung seines Grundstücks in Richtung auf den Kolmberg zu verhüten. Die Südwiese, die offene Südsonne, der freie Blick auf den schönen Berg im Süden – das war der Sinn seiner Gründung hier oben im Gebirge. Freilich ließ er diese Ackerstücke gesetzwidrig brach und unbebaut liegen. Weder Geld noch Arbeitskräfte standen ihm nach dem Kriege zur Verfügung. Sobald Herr Kortüm in Streit mit der Umgegend geriet, wurde ihm mit Wegnahme der Pacht und Aufforstung gedroht: »Da müssen eben Bäume hin! So war's je auch früher! Das Holz hält den Nordwind ab. Nachher wächst's auf den andern Äckern noch 'nmal so schöne.« Jedesmal nach einer solchen Kriegsdrohung milderte Herr Kortüm seine knappe Hamburger Aussprache, Monich vermittelte, und die unbestellten Äcker blieben bis zur nächsten Schwierigkeit unangefochten liegen. Eingeleitet worden ist die Aufhebung des Pachtvertrags, stand aber in diesem heutigen eingeschriebenen Briefe. Herr Kortüm stieg langsam die Treppe hinauf, ging in sein Zimmer und setzte sich auf 179 den Bettrand. Da drüben lag der herrliche Berg. Wie die Sonne auf die Südwiese strahlte! Dort würde nun elendes Gestrüpp hochwachsen, später Tannen – der blaue Berg verschwindet. Die Sonne kann nicht durch das Geflecht dringen. Im April noch liegt die sanft geneigte wundervolle Wiese grau und bleich da wie andere Waldblößen. Auf die Terrasse mag sich kein Mensch mehr setzen. Mit seinem Sinn verliert das Schottenhaus seinen Wert. Nie wird sich ein Käufer finden für diese nun zwecklos großen Gebäude auf einer Waldlichtung. Grübelnd ging Herr Kortüm auf und ab, auf und ab, ruhelos. Konstanze wartete vergebens mit dem Kaffee auf Herrn Kortüm. »Wo steckt er denn, Liese?« »Er hat sich eingeschlossen. Ich weiß auch nich, was is, gnä Frau.« Statt ihr etwas zu erzählen – vom Brunnenbohren, vom Türkenfriedhof in Ejub, von der Herrlichkeit alter echter Teakholzdecks – schloß er sich ein. Sie freute sich, als sie Klaus kommen sah. »Besseres Wetter für unseren Spaziergang können wir uns nicht wünschen«, sagte Klaus. Unsern Spaziergang? dachte Konstanze – sie hatte Scharts »Also übermorgen« vergessen. Er wollte mit ihr spazieren gehen. Warum nicht? Herr Kortüm konnte sich ruhig ein bißchen ärgern, wenn er hörte, daß sie mit dem jungen Mann im Walde war. »Bestelle es, Liese. Wann ich zurückkomme, weiß ich nicht.« »Ich auch nicht«, sagte Klaus. Hier standen die Veilchen.« Konstanze zeigte auf die bleichen vorjährigen Gräser, unter denen schon ein wenig frisches Grün leuchtete. Klaus suchte. Er fand keine Veilchen. Konstanze kniete ins Gras und hatte im Nu drei, vier Blüten in der Hand. »Oh«, sagte Klaus, kniete auch hin, um besser sehen zu können, hielt aber nur ihre Hand fest und roch an den Blumen: »Ja, es sind welche.« »Wenn Sie mit der Nase Veilchen suchen, haben Sie's freilich schwer.« »Ja«, seufzte Klaus und sog den Duft ihrer Hand ein, »ich habe es schwer.« »Glaub ich, Herr Schart. Der Herr Kortüm hat mir erzählt, daß Sie die Pflanzen im Teich untersuchen. Wenn Sie da auch jedesmal die Nase hineinstecken müssen, werden Sie bald ein Fisch sein.« Sie war aufgestanden. Klaus blieb selbstvergessen knien und sah sie 180 mit halboffenem Munde an. Konstanze trat einen Schritt zurück, beugte sich hinab zu ihm und rief: »Steh auf, Herr Schlei!« Klaus kam hoch, bewegte die Lippen nicht, die Arme nicht. Ungeschickt. Steif wie ein Schnitzbild. Und sah sie unverwandt an, als ob sie eine wehrlose Museumsfigur auf einem Sockel wäre. Konstanze hätte auch nicht so leichtfertig sprechen müssen. Sie war Spielen gewohnt – Jahr um Jahr spielte sie. Aber Klaus nicht. Der nahm Worte für Leben. Konstanze ahnte nichts von dem Abgrund Wirklichkeit, an dem sie lächelnd mit ihrem Veilchensträußchen spazieren ging. Ihr Weg ging unter jungen Eschen hin. Grell schien die Sonne durch die leeren Zweige, die ein huschend wechselndes Schattengitter über sie warfen. Konstanze sah durchsichtig zart in diesem zitternden Lichtspiel aus, aber kräftig, fast jungenhaft schritt sie neben Klaus hin. In ununterbrochener Übung hatte sie ihren Körper gestählt. Die biegsame beherrschte Frische dieser verletzlichen Zartheit hatte Klaus noch nie an einer Frau erlebt. Sehnsüchtig sah er Konstanze von der Seite an. Ein Vorfrühlingskleid trug sie, und viel zu früh verschwand ihr Hals in dem elegant zusammengeflickten Trödelkram. Konstanze sah nicht nach ihm hin. Sie fühlte seine Blicke und nagte lächelnd an der Unterlippe. Wenn sie einen Schal mitgehabt hätte, würde sie jetzt vielleicht sagen: es zieht, und ihren Hals einwickeln. Das hatte sie nicht nur den Dichtern aus den Rollen abgeguckt: auch gute Frauen halten solche Quälerei nicht für Raub. Sie ist ihnen vielleicht eingeboren – nur beschweren sollen sie sich nicht, wenn dann der Löwe plötzlich brüllt und mit drei Tatzenschlägen den Käfig einreißt. »Da, die Amsel!« rief Konstanze leise. »Die fliegt, wohin sie will«, sagte Klaus träumerisch und sah die Amsel nicht. »Jetzt ist sie in dem Weißdorn« – Konstanze blieb stehen. Klaus sah, wie ihre Brust atmete. Die ganze Erde hob sich atmend, daß die Zweige schwankten – kahl die Zweige, aber voll von Knospen. Über dem Weißdorn lag ein grüner Schleier. Der Weißdorn fing an sich zu drehen. Der braune Erdboden wogte – nur die Frau stand still in der drehend gewordenen Welt. Klaus mußte sich anhalten. Konstanze fühlte seinen Atem an ihrem Ohr. Sie wandte sich um und sah seine flackernden Augen. »Dort lang gehen wir«, sagte sie rasch und schritt voran. »Sehn Sie den Teich durch die Zweige? Die Nordwiese hat jetzt Sonne.« Nicht Sonne sah Klaus, nicht Wasser, nicht Amselflug: Konstanze 181 schritt vor ihm. Sie ging schnell. Wenn sie in eine Radspur kam, auf einen Stein trat, federten ihre Knöchel. Die stählerne Zartheit ihres Körpers sah Klaus durch ihr Kleid und ganz nahe vor sich. Mit einemmal stand sie still, sonnenübergossen im Licht, und dann trat Konstanze heraus aus dem Unterholz auf die freie Wiese. Sie atmete auf, ging langsamer. Da lag der Teich des Herrn Kortüm. Die Quellpumpe war angestellt. Perlend sickerte das Wasser in den Teich und zog Kreise in seinem Spiegel. Konstanze blickte ins Wasser und rückte ihr Haar zurecht, das vom raschen Gehen und von streifenden Eschenzweigen in Unordnung geraten war. »Schade«, antwortete Klaus und sah ihren Mund an, »sonst ist der Wasserspiegel ganz glatt und man kann sich darin sehen.« »Dort ist er unbewegt, in der Mitte.« Wohl zwanzig gläserne Fenster des Schottenhauses blickten auf den Teich, Konstanze fühlte sich geborgen. Gleich lockte wieder das Spiel in ihr: »Oh«, fuhr sie fort und lachte, hob Kinn und Schultern, stellte sich auf die Zehen. Ganz weit beugte sie sich über das Wasser – als wenn sie wegfliegen will, wie die Amsel drüben, dachte Klaus. »So weit kann ich mich nicht ausrecken –« Klaus fuhr über die Stirn. Wie vorhin der dicke runde Weißdorn, so drehte sich plötzlich das Ufer um den Teich – sie fällt! »Der Spiegel ist doch Wasser!« schrie er, faßte Konstanzes Schulter, zog sie rückwärts, warf seinen anderen Arm unter ihre Knie, hob sie auf, das Wasser platschte, mit drei Schritten stand er im Teich: »Hier können Sie sich sehn! Gott sei Dank! Wenn Sie hineingefallen wären!« Aber der Grund war moorig. Er sank ein. Bis ans Knie stand er im Wasser. Er mußte Konstanze hoch halten, daß sie nicht naß wurde. Auch fallen lassen durfte er sie nicht. Ganz fest drückte er sie an sich, fühlte ihre Knie, ihre Brust: »Gleich wird das Wasser wieder ruhig.« Er hielt sie. Wasser wird langsam ruhig. Ein Wellenkreis nach dem andern eilte aus sich heraus ans Ufer, noch einer, wieder – sie kräuselten immer langsamer, flacher, feiner. »Sehn Sie sich jetzt?« Konstanze regte sich nicht. Sagte nicht einen Laut. Er drückte sie fest an sich. Er fühlte ihre Brust an seiner atmen. Langsam ließ sie ihren Kopf hintüber sinken. Aber so sah sie sich erst recht nicht im Spiegel – blau, weißblau zitternd, nichts als Himmelszelt. »Jetzt ist es still, Konstanze.« Klaus mußte ihr Gesicht sehen. Ihr Kopf hing rückwärts. Ungeschickt wandte er sie in seinen Armen. Gewiß tat er ihr weh. Sie ließ ihn tun. Regte sich nicht. Hing überm Wasser. So sicher hatte sich Konstanze noch nie gefühlt vor einem Mann. Der Held! Da stand er, hielt sie in seiner Gewalt – wahrlich: in seinen Armen und in seiner Gewalt – nur wo er sie nun lassen und sie hinlegen sollte, wußte er nicht. Gepackt hatte dieser Mensch die Julia, wie er es in wilden Träumen sah – und hielt sie schwebend über dem einzigen Bette weit ringsum, in dem das Blut kalt wird. Diese Rolle hatte noch keiner geschrieben für Konstanze. Sie ließ sich ruhig und schwer in seinen Armen hängen: wenn er uns nicht ertränken will, muß er an Land. Konstanzes Leblosigkeit und Schwere wurde Klaus unheimlich. Sie ist ohnmächtig – erschrocken rauschte er ans Ufer, wollte sie sanft auf den Boden stellen – aber mit einer Wendung war sie frei. Das hatte sie auf der Bühne gelernt. »O Gott«, flüsterte Klaus. Bis in die Lippen war er blaß. In einem moorigen Teich sieht sich Liebe anders an als auf festem Land – jetzt flieht sie vor mir. Konstanze floh gar nicht. Sie zeigte ruhig nach den zwanzig gläsernen Fenstern: »Nun schämen Sie sich.« »Schämen?« fragte Klaus. »Schämen?!« rief er. Seine Knie zitterten. Er wußte nichts Besseres zu sagen: »Und wenn Sie ertrunken wären?« Unsinn, wollte Konstanze antworten. Aber sie fühlte sich schuldig. Das war kein Spiel mehr. Klaus sah schrecklich aus. Ein Gesicht – weiß, ohne Maske. »Lieber«, sagte Konstanze, »wenn einer von uns beiden eben am Ertrinken war: ich nicht.« Klaus antwortete nur mit einem bösen Laut in der Kehle. »Geben Sie mir die Hand, Schart, und sagen Sie danke zu mir.« »Konstanze!« »Wer so lebendig ist, daß er ins richtige Wasser springt, der soll denen aus dem Wege gehen, die so was spielen gelernt haben.« »Denen, ja! Aber ich habe Fleisch und Blut im Arm gehabt, und das hieß Konstanze Schröter!« Jetzt ging sie nahe an ihn heran und zog ihn ein wenig am Rockaufschlag: »Ja, Schart. Die bleibt leider immer übrig nach dem Spiel. Aber vom Spielen lebt sie. Und nun geben Sie mir die Hand, und wir wollen ›Danke schön‹ zueinander sagen.« Klaus schwieg. Die Haare hingen ihm in die Stirn. Er starrte vor 183 sich hin. Konstanze wurde das Herz groß, wie sie ihn so dastehen sah. Beinahe hätte sie ihn bei dem Haarbüschel gefaßt. Gewaltsam nahm sie sich zusammen. Sie hatte Angst vor Scherben bekommen. Scherben schneiden furchtbar. Und solche Wunden heilen schlecht. Klaus kannte diese Risse im Fleisch noch nicht. »Sehn Sie« – sie zeigte auf seine nassen Beine – »das Kostüm steht Ihnen schlecht. Sie ziehen sich jetzt um. Und heute abend erwarte ich Sie zum Essen. Um acht Uhr, Schart.« Konstanze ging nach dem Haus. Klaus sah ihr nach. Wütend: warum habe ich sie nicht geküßt? Unter den Eschen, wo die Veilchen stehen? Er fühlte sich gedemütigt. Das war auch so ein Traum: ich erwarte Sie, Schart, zu Tisch, um acht – und nun? Mit ihr essen? Ersaufen eher! In dem dreckigen Teich da. Klaus biß die Zähne zusammen. Oh, in seinem Arm hatte er diese Frau gehabt. Noch fühlte er ihr Herz an seinem schlagen. Und wie ein Rauch war sie aus seinen Händen entschwunden. Er sah seine leeren Hände an. Vor dem Schottenhaus in der Sonne stand Herr Kortüm. Eben war Konstanze an ihm vorbeigekommen, hatte ihr Haar festgesteckt und an ihrem Kleid gezupft. Und da kam dieser Jüngling. Wie sah der junge Mensch aus? Herr Kortüm zog die Augenbrauen ganz hoch. Er schob die Lippen vor und fuhr gewaltig mit der Zunge im Mund herum. Klaus bemerkte ihn überhaupt nicht. Tropfend schritt er an ihm vorbei ins Tal hinunter. Herr Kortüm aber blickte lange gedankenvoll die Tropfspur an, welche sich an seinem Hause vorbeizog. Aus der Gruft unterm Chor der Marienkirche hatte er auf seinem Hosenboden die seltene und höchst merkwürdige Erfahrung ans Licht des Tages heraufgebracht, daß ruinierte Kleider manchmal auch Leute machen. Er legte den Kopf weit zurück, kratzte sich in seinen weißen Bartstoppeln: »Nun, in seinen Jahren – zieht sich der Mensch eben um.«   Das Gespenstergelage Das Huhn verbrät«, sagte Herr Kortüm. »Ein paar Minuten noch«, antwortete Konstanze. Sie saß am großen Südfenster. Schweres Gewölk zog durch den Abendhimmel. 184 Es dunkelte mit Macht. Auf dem Tisch in der Mitte des Saales brannten Kerzen. Er war gedeckt, ganz wie an jenem Abend, als Konstanze zum erstenmal von Herrn Kortüm auf dem Schottenhaus empfangen wurde und neben ihnen Wingen saß, und Lerp, Klaus Schart, der dicke Feuerwehrhauptmann. Nur waren heute zwei Gedecke gelegt statt sechs. Aber das alte Kortümsilber schimmerte im Kerzenglanz, und Veilchen schmückten wie damals den schönen Tisch – es waren heute andere Veilchen, nicht im Esperstedter Gewächshaus gekaufte: sie waren blasser, kleinblütiger, dufteten wahrer, sie dufteten unendlich süß. Konstanze hatte sie unter den jungen Eschen gesucht. »Zur Versöhnung«, sagte sie. Der Zeiger wies bereits auf Achteinviertel. Klaus kam nicht. Konstanze stand auf und beugte sich aus dem Fenster. Bis ans Tanneneck konnte sie die Straße nach Besenroda übersehen – niemand ging da. Bloß der Wind. Herr Kortüm erschien wieder in der Tür: »Das Huhn verbrät unbedingt « – er fuhr mit der Hand waagrecht durch die Luft. Herr Kortüm mußte jede Verantwortung ablehnen. »Ja? Nun, dann fangen wir an. Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Kortüm.« Konstanze wies auf den anderen Stuhl. Herr Kortüm legte den Kopf ein wenig schief nach hinten und kniff die Lippen zusammen. Konstanze tat nicht dergleichen. Sie rückte an den Bestecken: »Reizend Ihr altes Silber. Die Salzmeste mag ich besonders gern. Haben Sie noch so ein Stück für den Pfeffer?« Herr Kortüm nahm mit hochgezogenen Brauen und sehr umständlich Platz. Es dauerte lange, bis er saß. Liese brachte eben die Tassen mit der Fleischbrühe. »Liese, im Glasschrank auf meinem Zimmer, oben links, steht eine kleine Pfefferbüchse. Hole sie« – er wandte sich an Konstanze – »Pfeffer bewahrt man lieber in Holzgefäßen auf«, sprach er gemessen. »Ich habe eine alte Büchse aus Buchsbaum. Geschnitzt. Sehr hübsch.« Die Brühe war heiß. Konstanze rührte mit dem Löffel. Herr Kortüm war einsilbig und rührte auch. »Hier is die Büchse«, sagte Liese. Konstanze drehte das schöne Buchsbaumholz in der Hand: »Hören Sie! Das Ding ist ja prachtvoll! Das gehört in Ihr Museum.« »Hm. Ein Platz wäre noch frei.« Er legte seine Stirn in tiefe Falten. Konstanze lachte laut: »Ach! Wo der Besenröder Schädel stand? Da 185 stellen Sie Ihre Pfefferbüchse ja nicht hin! Das gäbe einen herrlichen Zeitungsartikel!« »Ja, diese Besenröder Schädel«, sagte Herr Kortüm. »Ja, diese leeren Plätze«, lachte Konstanze. »Ich weiß nicht«, sprach Herr Kortüm und klopfte auf die Armlehne seines Stuhles, »ein leerer Platz ist schnell besetzt.« Konstanze nahm ein paar Salatblätter. »Sehn Sie diesen schönen alten reichgeschnitzten Stuhl an«, fuhr Herr Kortüm unerbittlich fort. »Nun sitz ich drauf. Das Huhn übrigens ist doch vier Minuten zu lange überm Feuer gewesen.« »Ich glaube, Herr Kortüm, Sie haben mir übelgenommen, daß ich Sie etwas spät gebeten habe, mit mir zu speisen.« »Liebe gnädige Frau.« »Na?« »Aber nein! Ein guter alter Gastwirt ist ein guter Lebenskenner. Als ich heute nachmittag den jungen Mann, diesen Herrn Schart, am Haus vorbeigehen sah und dann Ihre Bestellung für ein Abendessen zu zwei Gedecken entgegennahm, dachte ich: Kortüm, dachte ich, das Huhn verbrät. Bis um acht ist der junge Mensch nicht fertig.« »Womit?« »Mit Umziehn, Gnädigste.« Konstanze beugte sich über ihren Teller. Das Fleisch ging schwer ab von der Keule. Jetzt war es ab: »Was braten wir ihm nun, wenn er um neun hier ankommt?« »Oh! Um neun ist er auch noch nicht fertig!« »Erlauben Sie! Wie lange braucht denn ein Mann?« »Verschieden. Höchst verschieden. Schwer zu sagen. Gar nicht abzuschätzen. Na – sagen wir – so seine ein, zwei Jährchen wird er wohl brauchen.« Konstanze legte Messer und Gabel hin, sah Herrn Kortüm lächelnd an, aber mit einer Falte zwischen den Augenbrauen: »Sie sind mir zu weise.« »Zu alt, Gnädigste.« Konstanze nahm ihr Glas: »Auf Ihre Jugend!« Herr Kortüm verneigte sich: »Auf das, was endlich hinter uns liegt.« Jetzt kam das Gespräch in Fluß. Kortüm hatte die richtige Tonart gefunden. Er verstand, ohne Dominantakkorde zu erzählen. Aus den Tagen seiner frühen Zeit erzählte er. Die Erdkugel hatte er ja umreist. 186 Nur auf einer Stelle war er nicht gewesen – »gerade auf der nicht!« rief er. Das Kreuz der Erde, ihren Mittelpunkt, die Stelle, um die sich Politik und Religionen drehen, gerade die hatte er nie besucht! Das Hochplateau von Pamir, leider. Er hätte so gerne dort gestanden, wo alles Geschehen herkommt und wo es hingeht, sagte er. »Gerade als ich dahin wollte und nur eben noch eine kleine Reise durch Deutschland machen mußte, kam ich – es war in den Tagen vor Ostern, merkwürdige Tage, gnädige Frau, ein Tag wie heute – da kam ich auf diesen Paß im Thüringer Wald. Sah den Blick nach Süden, den Blick nach Norden, sah die Nordsüdstraße, sah die Westoststraße, begriff die Bedeutung und die Möglichkeiten dieses Ortes – und kaufte für mein Reisegeld nach Buchara dieses Gelände, baute dieses Haus – ja, und als ich fertig war, erzählte mir ein Jenenser Professor, daß diese Westoststraße vor meinem Haus – in Taschkent endigt. Sie wissen, Gnädigste? Taschkent? Der Ort am Fuße der Pamirfalten? Sehen Sie, seitdem bin ich ein Mann, der an seinem Reisewege wohnt.« »Ein unruhiges Quartier, Herr Kortüm.« Herr Kortüm schüttelte den Kopf: »Nun den Burgunder, Liese, aber vorsichtig, ganz langsam damit gehen, die Flasche so anfassen, federnd, um Gottes willen nicht schütteln« – Herr Kortüm machte eine große Armbewegung. »Ich sitze sehr schön in diesem Gebirgssattel. Kein Plateau. Nein. Aber ein Paß ist auch nicht schlecht. Seit dem Krieg, seit dem Verfall der Besenroda-Esperstedter Straße ein bißchen einsam, hm – aber Sie sehen, worüber ich verfüge: Hochwald, zwei Wiesen und einen – ja – verzeihen Sie, Gnädigste – und einen Teich.« Konstanze lächelte. Nun machte Herr Kortüm eine ungeheure Armbewegung von unten nach oben und fuhr fort: »Ich verfüge ferner über eine Quelle – schlecht gerechnet zweihundert Meter tief – über einen Saal – der ist doch schön, nicht? Es sind große Schauspieler in ihm aufgetreten – ja, und dann über die Gastzimmer.« »Und über ein Museum –« »Ah, natürlich!« »Mit einem miserabel aufgestellten Dämon aus Pappe –« »Ich werde ihn morgen beseitigen –« »Nun bleibt er stehen. Seit heute steht er gut. Aber weiter. Der Herr Kortüm verfügt über eine merkwürdige Windfahne –« 187 »Diese Windfahne!« Herr Kortüm kam plötzlich aus der Tonart. Eine sehr böse, sehr wirkliche Geschichte fing er an zu erzählen. Wie die Windfahne das Unglück seines Hauses geworden sei. Vom Kriegsausbruch Besenroda-Schottenhaus erfuhr Konstanze. Vom brachliegenden gemeinen Kartoffelacker, vom Verfall der Pachtung, von der bedrohten Südsonne und vom guten Monich, der sich redlich quäle, die Pachtung zu retten – ob es ihm jedoch gelinge . . . »Aber bestellen Sie doch die Äcker! Es ist März.« Herrn Kortüms Haupt sank tief herab. Gegen seine Not war kein Burgunder gewachsen: er erinnerte Konstanze daran, daß sie sein einziger Gast sei, und zum Ackerbestellen gehöre Geld. Konstanze saß so, daß sie durch das Südfenster sehen konnte. Über dem Berg draußen stand groß der Mond. Der Frühlingswind trieb Wolkenfetzen an ihm vorbei. Das weiße Licht zuckte auf, verschwand. Aber morgen früh würde die Sonne aufgehen und Wiese, Strauch und Haus beströmen mit goldenem Licht. Konstanze zerschnitt mit dem Obstmesser die Apfelschale in kleine Stückchen und legte sie in Gedanken zu einem Stern zusammen. Plötzlich blickte sie auf und machte Herrn Kortüm einen Vorschlag: er möge ihr die Zimmer, die sie jetzt habe, für ein Jahr vermieten. Die Südsonne in achthundert Meter Höhe wolle sie auch weiter haben. Monatelang würde sie vielleicht nicht hier wohnen können, während der Theaterzeit bestimmt nicht. Die Miete zahle sie voraus. Nur müsse Herr Kortüm versprechen, daß die Südseite offen bliebe. Mit Geld in der Hand konnte Herr Kortüm leicht versprechen: »Die Sonne bleibt!« Es war spät geworden. Konstanze sagte gute Nacht. Kaum halb waren die Kerzen heruntergebrannt. Herr Kortüm ließ eine neue Flasche kommen und schickte Liese zu Bett. Er setzte sich behaglicher in seinen Lederstuhl. Tiefer Friede kam über ihn. Er lächelte: Gott wollte ihn sich wohl noch eine Weile erhalten. »Es ist auch schön auf der Welt«, sagte Herr Kortüm. Er war dankbar. Die seltene Begabung für Dankbarkeit besaß ja Herr Kortüm überhaupt. Dankbarkeit blickt rückwärts. Darum trifft man sie nicht oft. Sie setzt starke Naturen voraus. Einen klaren Instinkt für den richtigen Weg müssen sie in sich haben, daß sie gradaus zu gehen vermögen und dennoch, sobald die Stunde da ist, im Vorwärtsgehen rückwärts blicken können. Kümmerliche Menschen geraten dabei in den Straßengraben, liegen auf der 188 Nase und schimpfen: einmal und nicht wieder. Darum lassen sich Vorsichtige gar nicht erst auf Dankbarkeit ein. Wenn sie den vollsten Kochtopf in der Ferne erkannt haben, latschen sie stracks auf ihn zu. Die Tage des Kortümgeldes hatte Herr Kortüm längst vergessen. Welch eine Zeit: da kommt so eine zarte Konstanze Schröter und sagt so nebenbei, daß ihm, Herrn Kortüm, geholfen sei. »Die Zeit der Dankbarkeit soll sie heißen!« rief er. Langsam wandte Herr Kortüm seinen alten Kopf nach hinten und blickte tief in seine gewesene Welt. Er schloß die Augen, um schärfer sehen zu können. Ganz deutlich gingen die Freunde da einher – sind sie denn nicht alle tot? Am Stranggraben ging der Weg hin. Ob ich ihn noch kenne? Oh, eben jetzt kommen dort die ersten Anemonen heraus. Weißt du noch, Arthur? – Herr Kortüm nahm die Flasche und schenkte das leere Glas neben seinem voll bis zum Rand – Setz dich näher, Freund. Du bist der Beste. Prost. Nein, sauf's aus. Wie in unsrer Klause an der Elbe mit dem Fenster nach dem Wasser. Der Strom hat Eisgang. Wo kommt das viele Eis her! Scholle an Scholle schwimmt's schaukelnd ins Meer. Mach das Fenster auf, Arthur. Und der Werrmann! Auch wieder da? Warst lange fort, mein Junge. Mit achtzehn. An einer Lungenentzündung. Ganz plötzlich. Sinnlos. Na, siehst gut aus, mein Lieber. Frisch, jung, rote Backen. Hoffentlich machst du keine Gedichte mehr. Wie mir's geht? Gott, unsereins ist länger gereist. Man wird klapprig davon. Prost. Auf daß es uns wohl ergehe im Alter. Kein Glas? – Herr Kortüm stand ächzend auf. Kein Mensch ist mehr munter im Haus, aber ohne Glas geht's nicht, nein. Er schloß den Wandschrank auf, stellte ein Glas hin – Mein Gott! Der ganze Tisch sitzt voll! Ha, Paul Loos! Mensch! Ich denke, du liegst in der Kreideerde, aus der die Franzosen den guten Wein ziehen! – Herr Kortüm setzte drei, vier, acht Gläser rings um den Tisch, rückte Stühle davor. Herr Kortüm schenkte die Gläser voll. Er zog noch eine Flasche auf, schenkte wieder ein. Prost, Paulus, mein Sohn. Du hast Staub im Hals. Ich glaube dir's – Herr Kortüm stieß mit seinem Glas am anderen Glase an, zitternd klang es durch den Riesensaal. Er saß in seinem tiefen Lederstuhl am Tisch wie auf einer kleinen Lichtinsel in der dunklen windsausenden Weltöde und rings um den Tisch Kopf an Kopf, im goldenen Kerzenlicht, lachend, mit Haaren ohne ein graues Fehl. – Kinder, wie gut habt ihr euch gehalten in den langen Jahren, seit wir uns zuletzt sahen. Wie unverschämt jung ihr 189 geblieben seid – hört mal, wenn ich euch so ansehe, kommt mir vor, als ob ihr alle auch noch so töricht seid. Ich bin weise, sagt Konstanze. Prost, Konstanze – ah, sie allein fehlt. Liegt im Bett. Pst, Kinder. Grad über uns schläft sie. Nicht zu laut! Die ist an zwei Narren wie ihr geraten. Hat Ruhe nötig. Baron, leiser! Du machst immer den meisten Krach. Aber ich habe dich lieb bis in deine Seele. Du bist, verdammt – du bist ein Mann. Was Seltenes. Hast nie Ämter gejagt, nie Ämter gestohlen. Hast es auch sauer gehabt. Ja. Aber da sitzt du nun wieder in deinem verschlissenen Jagdrock. Altes Blut. Hochgezüchtet und klar geblieben bis in den letzten Tropfen. Der Burgunder auch? Haha. Der auch! Bei Gott. Dein Wohl, mein Freund. Bitte, etwas leiser. Laß dir nichts bieten, Paulus, du kommst aus der Champagne, eine weite Reise. Der Rudolf soll sich mäßigen und nicht so schreien. Was ist Gott? Ich kann es dir jetzt nicht sagen, Rudolf. Trinke und sei still – – – Inmitten seiner Freunde saß Herr Kortüm. Alle hatte er sie versammelt um sich, stieß an mit ihnen, lachte. Mädchen gerieten auch dazwischen. Und viele Sätze fingen an mit »Weißt du noch.« Der Baron schrie wieder über den ganzen Tisch und hörte auf mit »Das bist du, Kortüm!« Wie lange das Gelage ging – die Uhr zeigte es nicht an, denn keiner sah hin zu ihr. Herr Kortüm wurde müde. Er hatte des Guten viel getan. So vielen zutrinken, so Guten, so Schönen! »Die Zeit der Dankbarkeit soll sie heißen«, murmelte er und schlief ein. Konstanze hatte sich in ihrem Bett aufgerichtet und horchte. Da war der Bengel doch noch gekommen! Wie sie anstießen und lachten, diese beiden! Sie hörte eben Herrn Kortüm einen Trinkspruch ausbringen – auf wen? Sie sprang aus dem Bett. Kalkweiße Streifen von Mondlicht lagen im Zimmer. Sie sah aus dem Fenster: wahrhaftig! Da unten ist Licht. Und Gläserklingen. Was will der Klaus hier oben? Sie warf ihre Kleider über. Nach Haus soll er sich scheren. Erst wirft er mich beinah in den Teich, dann läßt er mich mit dem verbratenen Huhn sitzen – und jetzt zecht er mit dem anderen? Hier oben? Bei Herrn Kortüm? Hier ist kein Ort für ihn. Will er auch seine Straße verlieren? Konstanze verknöpfte sich mehrmals bei dieser zornigen Rede, und es saß manches etwas schief unter ihrem Kleid, was sonst sehr hübsch und zierlich saß. Leise ging sie die Treppe hinunter, sah zur Glastür in den Saal hinein – das Licht war fast heruntergebrannt. Schart war 190 nicht da. Aber die Gläser auf dem Tisch! Und alle voll! Nur Herrn Kortüms Glas war leer. Und der schlief. Auf den Zehen trat sie ein. Ja, Herr Kortüm schlummerte. Die vielen Stühle um den Tisch standen ordentlich ausgerichtet, als ob noch jemand drauf säße. Aufgestanden konnte von den Stühlen kein Mensch von Fleisch und Blut sein. Aus den Gläsern hatte keiner getrunken. Konstanze legte die Hand auf die Brust – ein Geistergastmahl. Eine unsichtbare Gesellschaft hatte Herr Kortüm gegeben in dieser Nacht. Wer mag bei ihm gewesen sein? Oh, Kortümgeld! Säcke voll Kortümgeld hatte Herr Kortüm. Kortümmenschen! Konstanze sah die Tafel an – nun hatte er auch noch Kortümmenschen! Zehn, zwölf Gläser – eine gute Gesellschaft, eine große Gesellschaft . . . Leise ging sie hinaus, vorsichtig drückte sie die Klinke nieder. Sie zog die Decke über die Ohren. Wahrlich, dachte sie beim Einschlafen, dieser Mann hat keine Straße. Und dieser Mann hat auch keine Maske. Was hat er denn? Nur sich? Ist das nicht zu wenig auf Erden? Konstanze schlief. Über ihrem Schlafzimmer lag der Raum fünf. Da stand Wingens Maske. Er hatte sie stehen lassen. Hals über Kopf mußte er zu Tal gelaufen sein, mitten ins Volk hinein. Unterwegs hatte er auch noch Lotte eingehenkelt, damit er sich nicht aus Versehen verliefe ins Weglose. Und unter ihrem Schlafzimmer saß der alte Mann, müde von seinem Gespenstergelage. Was hatte er ihr erzählt? Eine Tropfenkette wäre am Nachmittag gesehen worden vor dem Schottenhause? Deutlich gesehen im Märzstaub? Eine Tränenspur ins Tal?   Ostersonnabend Klaus öffnete sein Fenster – täuschte er sich nicht? Oben am Rande des Schottenhügels sah er ganz klein, aber deutlich und scharf in der Märzluft den Herrn Kortüm stehen. Seine Gestalt war nicht zu verkennen. Unter ihm, am Abhang, gingen zwei Knechte mit ihren Pflügen hinter den Pferden. Zwei Pflüge zogen Furchen in das Land, einer fing am oberen Rand des Ackers an, der andere ging unten. Sie 191 mußten es eilig haben mit dem Pflügen. Das wüste Flurstück war mit einem graugrünen Pflanzenfilz bezogen. Seit Jahren wuchs dort was wollte, welkte was alt wurde, wuchs wieder, verdorrte wieder. Aber nun rissen die Pflugscharen tiefe rotbraune feuchte Furchen in die Brache. Unbeweglich wie ein Standbild sah Herr Kortüm den Pflügern zu. Seine silberne Windfahne ragte neben ihm in den Himmel und drehte sich blitzend hin und her. Zwischen Westen und Süden schwankte sie. Es wird Regen geben. Der ist gut für frischgepflügte Brache – oh, der Teufel soll sie alle holen samt Masken und Windfahnen! Seit Tagen war Klaus kaum ins Freie gekommen. Ob die Leute etwas wußten von der Geschichte im Teich? Bilmes hatte ihn an jenem Nachmittag an der Ilmbrücke unten getroffen, auf seine Hosen gezeigt: »Häh? Sie sin wohl ins Wasser geraten? Wenn Se fischen wolln, müssen Se sich 'n paar Langschäfter anziehn. Aber jetzt fängt sich doch gar nischt?« »Wasserpflanzen habe ich gesucht.« »Ach, zum Lernen. Hä. Na, dann lernen Se schöne, aber erkälten Se sich nich dabei.« – Klaus schämte sich. Nur dieser Konstanze Schröter nie, nie wieder begegnen! »Aber kennen lernen soll sie mich doch! Es gibt mehr schöne Mädchen«, sagte er trotzig. »Und was für schöne!« rief er und schlug das Fenster zu. »Was meinten Sie?« fragte Frau Albrecht. Sie brachte ihm die Kragen von der Plätterin. »Ich meinte – ja, Frau Albrecht, was ich fragen wollte: wie geht's eigentlich der Lotte in der Stadt?« »Nu, die haben jetzt eine feine Wohnung. 'n bißchen verrückt, sagt meine Schwägerin. Aber schöne.« »Wer – die?« »Nu die Wingens.« Klaus setzte sich an den Tisch und riß die Kragentüte auf: »Wer?!« »Wingens!« »Ich meine die Lotte, Frau Albrecht.« »Lieber Gott, Sie wissen wohl gar nischt?! Die haben doch geheiratet alle beide! Die hat eine feine Partie gemacht. So 'n Organiste hat sein festes Brot. Is was an den Kragen? Sonst nehme ich sie wieder hin.« Klaus besah einen Kragen so genau, daß Frau Albrecht besorgt 192 wurde. Er legte den Leinwandstreifen hin: »Lotte – wann hat Lotte – Sie sagten doch: geheiratet?« »Vor drei Tagen war's grade. Aber sie haben gar nischt davon gemacht. Heute is je alles anders, nee. 's sollte keine Sache davon gemacht werden. Im Stilln, haben sie gesagt.« »Den Kragen müssen Sie noch mal waschen lassen.« Es war so: der schöne Kragen zeigte Stellen von einer schweißigen Hand. »Nu aber so was. Die Dreckfinger hab ich gar nich gemerkt, als ich'n holte.« Frau Albrecht wunderte sich. Das kam bei der Plätterin sonst nicht vor. »Im Stillen«, sagte Klaus. »Ja. Ganz im Stilln. Der Organist is, glaub ich, überhaupt so'n bißchen anders. Wenzel, was sein Bälgetreter is, der hat zu meiner Schwägerin gesagt: ›Gut is er. Orgeln kann er auch. Aber er hat so'n bißchen eine plötzliche Natur. Un Verse macht er auch.‹ Na, das is 's schlimmste noch nich. Immer noch besser, als wenn er saufen täte. Un nach der Hochzeit, meint Wenzel, gäb sich das Versemachen manchmal auch von alleine. Wenn erst Kinder kommen –« Klaus schlug auf den Tisch, daß die Kragentüte hochflog. »Herrjes, was is denn? Nu, die kommen schon. Passen Se nur auf. Was die Lotte is, wissen Sie –« »Frau Albrecht, bitte, lassen Sie den Kragen waschen. Sofort. Heute noch! Jetzt gleich!« »Aber –« »Ich brauche ihn im Augenblick!!« Ärgerlich klinkte Frau Albrecht die Tür dieses ungehobelten Menschen zu: »So was. Der hat wohl auch plötzlich eine plötzliche Natur gekriegt.« Klaus Schart ging im Kreise in seiner Amtswohnung herum. Er sprach nicht vor sich hin dabei, er murmelte nicht, sang auch nicht, pfiff nicht – wahrscheinlich dachte er nicht einmal vernünftig nach. Denn urplötzlich sprang er mit beiden Füßen auf das wankende Sofa, riß die Masken von der Wand, die lachende mitsamt der weinenden, warf sie auf den Boden und stampfte sie zu einer unförmlichen Masse – diesen sinnigen Wandschmuck, den er um eine silberne Mark vom Hersteller selbst bezogen hatte. Dann riß er ein Blatt Kanzleipapier aus dem Tischkasten, setzte sich hin und schrieb, ohne anzuhalten, in einem Guß, an seinen vorgesetzten 193 Bezirksschulrat: um seine Versetzung nach Hörsel bäte er. Ja, nach Hörsel, ans andere Ende von Thüringen. Bei der letzten Sitzung des Ausschusses für Volksmusik hätte man allgemein bedauert, daß in jenem Gebietsteil noch zu wenig für Volksgesang geschähe. Er brächte das Opfer. Um der Sache willen. Am Ostersonnabend wanderte Klaus Schart mit leichtem Gepäck im Rucksack durch den Wald scharf nach Westen. Heute war der Wald kirchenstill. Die Leute mußten Kuchen backen. Aber da kam jemand: der hatte eine Axt auf der Schulter und eine kienglänzige Jacke an – Kersch. »Hä« – der kleine struppige Kerl stellte die Axt auf die Erde, wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und freute sich: »Heute wissen Sie 'n Weg von alleine, nich wahr? Je, wenn man so 'ne Zeitlang bei uns wohnt, lernt man sich auch ohne Wegweiser behelfen. Is es so? Nu sehn Se. 's is aber eigentlich schade, daß Se fortgehn. Se haben so schönes Leben in de Bude gebracht. Aber ausm Maskenfest is nu doch nischt geworden, hähä. Wo geht's denn hin?« »Nach Hörsel.« »Nu sehn Se. Nach Hörsel. Da is es auch nich schlecht. Da könn'n Se auf die Wartburg laufen.« »Ich freue mich drauf.« »Un hören Se, da gibts je auch Esel, wenn Se keine Lust zum Laufen ham! Hähähä. Wenn Se da mal naufreiten, da denken Se nur auch schön an uns, nich wahr?« »Ich vergesse euch nicht, Kersch« – er gab ihm die Hand – »niemand von denen, die ich hier getroffen habe. Schade, daß ich so schnell fort muß. Ich habe gar nicht richtig Lebewohl sagen können. Grüßen Sie alle schön von mir.« Nach zwei Stunden Wegs stand Klaus auf dem Heilbornhügel. Er blieb stehen, stützte sich auf seinen Stock und blickte zurück. Von hier aus sah er zum letztenmal das Ilmgelände. Auf dem ockerfarbenen Gesteinkern des Hügels entspringt ein glasklarer, auch in den heißesten Sommern nie versagender Wasserfaden. Klaus ließ das kalte Wasser über die Hände laufen, trank eine hohle Hand voll Wasser. Beim Hinknien fühlte er, daß der Erdboden schon warm war von der Sonne. Beide Hände legte er auf die Erdbrust. Irgendwo läutete eine Osterglocke. Ein Dorf sah er nicht in der Runde, 194 auch keinen Turm. Rostrot ballten sich unter ihm die Wipfel der Erlen und Haseln, die am Fuß des Hügels wuchsen. Still und leer breiteten sich hinter dem Buschwäldchen die Felder aus. Rotbraun, manchmal mit einem Streifen hellgrüner Wintersaat dazwischen. Über alle Bodenwellen und Hügel hinweg zogen diese Feldstreifen. In der Ferne blaute das Gebirge. Aber zwischen dem dunstigen Bergrücken und den osterroten Ackerwellen streckte sich der Waldriegel aus, hinter dem die Ilm floß. In diesem schwarzgrünen Tannenband erspähte Klaus eine kleine Lichtung – zartgelb im Sonnenlicht. In der Mitte dieser Lichtung stand ein Hauswürfel. Das war das Schottenhaus. Vom Erdboden stiegen die Schwaden der erwärmten Luft hoch und machten das ferne Bildchen ein wenig zittern. Hin und wieder aber blitzte das Licht – ein ganz feiner scharfer Punkt – wie in einem Spiegel auf. Klaus sah hin, bis ihm die Augen schmerzten. Spiegelte da die silberne Windfahne des Herrn Kortüm? Spiegelte der Teich des Herrn Kortüm? Zuviel Land lag schon zwischen ihm und der Lichtung, und die Luft zitterte zu unruhig: Klaus konnte es nicht für gewiß sagen, was er da zuletzt hatte blitzen sehen in der Sonne. Aber er hatte noch einen langen Weg vor sich. Es wurde Zeit – was es auch war, das dort auf der fernen Lichtung blinkte. Klaus wandte sich und sah seine Straße an, die vor ihm lag. Durch Äcker ging sie, ein Stück an der Gera hin, dann zwischen Pappeln einen Hügel hinan, wieder zwischen Feldern – wir sehen Klaus wandern: durch Äcker, am Fluß hin – wie frisch er ausschreitet. Der Bursch kommt voran: immer kleiner wird er mit der Entfernung – am Ufer schaffen viele Menschen, laufen durcheinander, Klaus verschwindet in dem Menschenknäuel – nein, da kommt er wieder hervor, geht weiter auf seiner Straße, über den Hügel, zwischen den Pappeln hin – immer kleiner wird er – die vielen Menschen auf der Straße, die heute am Ostersonnabend beizeiten zu Haus sein wollen – jetzt gerät Klaus mitten in sie hinein, die wie Pünktchen auf der Straße hin und her rücken – welcher Punkt ist nun Klaus? . . . Wir haben ihn aus den Augen verloren. Die Menschen haben ihn geborgen unter sich. Die silberne Windfahne des Herrn Kortüm aber blinkt noch von der zartgelben Lichtung herüber, und der Herr Kortüm unter ihr schlägt vielleicht eben seine braune Mappe auf, setzt sich tiefer in den Lederstuhl und macht eine ungeheure Armbewegung – es wird ihm ein großer Gedanke gekommen sein. 195 196 197   Zweites Buch Das Flügelhaus   Schatten In der Eingangshalle der Kunstakademie vollzog sich seit ein paar Wochen jeden Vormittag um zehn Uhr ein bemerkenswerter Auftritt. Am großen Mittelportal, das wegen des kalten Zugwindes in der schlechten Jahreszeit verschlossen war, erschien Herr Kortüm. Der Pförtner eilte mit dem Schlüssel herbei, öffnete das Portal, Herr Kortüm trat ein, der Pförtner schloß ab, und während Herr Kortüm durch die große Halle wandelte, begab sich der Pförtner wieder auf seinen Posten an der kleinen Tür, durch welche die gewöhnlichen Besucher der Akademie hereingelassen wurden. Nicht jeden, der zufällig gleichzeitig mit Herrn Kortüm Einlaß begehrte, freute diese Anwendung zweier verschiedener Maßstäbe zwischen Türen und Menschen. Als sich jedoch die Ursache dieses Vorganges herumgesprochen hatte, ließ man es trotz der anderslautenden Vorschriften dabei bewenden, denn in dem Bauwerk hausten ja lediglich künstlerisch veranlagte Menschen, denen der Sinn für Proportion bekanntlich eingeboren ist. Der allererste Eintritt durch das große Portal fiel natürlich auch Herrn Kortüm nicht leicht. An Hand des Stadtplanes ging er vom Gasthof nach der Akademie, wohin ihn Professor Holdermann bestellt hatte. Herr Kortüm wollte sich malen lassen. Seit langen Jahren saß nun dieser Mann aus Hamburg im Thüringer Walde oben und betrieb seine einsame Gastwirtschaft. Die Fahrstraße zum Schottenhaus war nicht besser geworden, die Thüringer Sprache verstand Herr Kortüm immer noch mangelhaft, und der knappe Hamburger Tonfall wiederum kränkte die Thüringer, die sich denn angelegen sein ließen, alle die vielen seltsamen Erlebnisse des Herrn Kortüm unverkürzt und ungemildert weiter zu erzählen. Jene festliche Theateraufführung des Dichters Wingen auf Kortüms Schottenhaus war in gleich frischer Erinnerung wie Herrn Kortüms ungedeckte Zuschüsse – nur des reichlichen eigenen Verdienstes bei diesem Spiel gedachten die Nachbarn nicht mehr ganz so genau. Von Kortüms Museum wußte man dies und das, seine silberne Windfahne glänzte auf dem Dach des Schottenhauses hoch über 198 der Gegend als ein täglich neues Ärgernis in alter Frische, und von Kortüms Erlebnissen in der Gruft von Sankt Marien zu Kranichstedt, wo er mit seinem Freund August Monich einen ehrwürdigen Sarkophag in Brand gesetzt haben sollte, gingen merkwürdige Gerüchte um. Bis auf den jungen Besenröder Schulmeister Klaus Schart, der jetzt leider in Hörsel saß, am anderen Ende Thüringens, wohnten die alten Gefährten Kortüms noch am Fuße des Schottenhügels. Auch seine Freundin, die große Schauspielerin Konstanze Schröter, beehrte das stille Gasthaus von Zeit zu Zeit mit ihrer schönen Gegenwart – kurz, Kortüm lebte, er lebte so kräftig wie je: jetzt hielt er es sogar für angebracht, sein Porträt malen zu lassen. Der Weg vom Gasthof nach der Akademie war Herrn Kortüm unbekannt, da er bisher wohl mit den theatralischen, nicht aber mit den bildenden Künsten in Berührung geraten war – jenen Sarkophag seines Vorfahren Torstenson abgerechnet. Jetzt lag das ansehnliche Gebäude mit den vielen großen Glasfenstern vor ihm. Herr Kortüm besaß ein natürliches Empfinden für die Gesetze der Architektur: genau wie es der Baumeister der Akademie durch geistvolle Linienführung berechnet hatte, führte dieser Zug der Linien Herrn Kortüm auf die Mitte der ausgedehnten Baulichkeit zu. Er stand vor dem Hauptportal. Nun kam aber Herr Kortüm vom Lande. Er wußte nicht, daß solche großangelegten Portale und Freitreppen zwar das Auge erquicken, jedoch in der Regel nicht gangbar sind, und daß ein Mann, der wirklich hinter die städtischen Fassaden gelangen will, sich besser gleich ein Schlupfloch an der Rückseite sucht. An Umwege aber hat Herr Kortüm sein Lebtag nicht gedacht. Er klopfte mit dem Fingerring scharf an die ungeheure geschliffene Glasscheibe des verschlossenen Hauptportals. Der Pförtner wies mit kurzer Handbewegung auf die kleine Nebentür. Herr Kortüm blickte wie gewöhnlich gradeaus, bemerkte weder Wink noch Seiteneingang und klopfte abermals und zwar ein wenig härter. Der Pförtner beschrieb mit beiden Armen eine heftige Kreisbewegung um seinen Oberkörper, doch nur mit dem Erfolg, daß Herr Kortüm ein drittes Mal klopfte. Jetzt duckte sich der Pförtner unter Anspannung aller seiner Muskeln zusammen und beschrieb mit geballten Fäusten diese Kreisbewegung nochmals und derart, daß er sich fast die Ärmel aus der Jacke riß. »Anders rum!« schrie er dazu. Die Riesentür war vortrefflich gebaut. Kein Ton drang heraus. Herr Kortüm rührte sich nicht von der Stelle, und der Pförtner wurde 199 bei dem Anblick dieses Herrn nun doch etwas unruhig – sollte der etwa befugt sein, Haupteingänge zu durchschreiten? Fast schien es so. Gelassen stand Herr Kortüm in der Mitte des Portals. Es paßte ihm wie Maßarbeit. »Man kann nich wissen«, sagte der Pförtner, holte den großen Schlüssel aus dem Tischkasten und öffnete. Herr Kortüm trat ein, entnahm seiner Brusttasche eine fremdartig lange Zigarre von seinem Äußeren, brannte sie sorgfältig an und fragte, ohne den Pförtner anzusehen: »Herr Professor Holdermann?« Bereitwillig erhielt er eine genaue Beschreibung des Weges, der ungemein schwierig zu finden war, da er sich durch ein nach rein künstlerischen Gesichtspunkten geschaffenes Bauwerk hinzog, in dem es mehr auf Schönheit als auf Klarheit ankommt. Der Pförtner sah gedankenvoll dem wehenden Rauchring nach, den Kortüms Zigarre in der Halle hinterlassen hatte: »Wenn jemand nischt sieht, sieht er entweder nischt oder er braucht nischt zu sehn« – in beiden Fällen würde der Pförtner dem Herrn auch weiterhin am Hauptportal behilflich sein müssen, obgleich die Verordnung hinsichtlich des Türengebrauches ihren guten Grund hatte. Wenn der Februarwind bösartig war, entstand ein unerträglicher Gegenzug. Da stand in der Mittelhalle ein Mann, der nichts von Herrn Kortüm, seinem klopfenden Fingerring und seiner Statur wußte. Als das Hauptportal aufging, zog er die Schultern hoch und sagte: »Nanu.« Am Ende des großen Ganges stand ein anderer, der sogleich die Mütze ins Genick rückte, weil er im Gegenzug Nackenschmerzen bekam. Ein dritter, der eben nachdenklich am Treppengeländer lehnte, verließ sogleich diesen unfreundlichen Ort, um seine Beschäftigung an einer geschützteren Stelle fortzusetzen. Dem fünften aber, der dienstlich einen Stoß Zeichnungen auf seinen Armen durch die Halle trug, wehten die Blätter ins Gesicht – kurz, es geschah, daß mit dem jedesmaligen Eintritt des Herrn Kortüm in die Akademie der bildenden Künste ein Windstoß durch das feierlich stille Gebäude fuhr. Nach einer Woche bereits – Holdermann hatte eben die Untermalung des Kortümporträts beendet – sagten die Insassen, wenn die Zeichenblätter wehten, die Türen und Fenster klappten und die auf offenem Gang in Nachdenken oder Zwiesprache Versunkenen ihre Rockkragen hochklappen mußten: »Herr Kortüm kommt.« Wie in Besenroda, in Esperstedt und an anderen Orten, so brachte auch hier Herrn Kortüms bloße Erscheinung, ganz ohne seine Absicht oder Schuld, Gegenzug über ruheliebende Leute. Aber – Herr 200 Kortüm stand vor Holdermanns Maleraugen, und darauf kam es diesen beiden Herren, darauf allein kommt es auch der Nachwelt an, die einst das Bildnis Kortüms von uns Zeitgenossen fordern wird, damit sie zu erkennen vermag, wer wir gewesen sind. Die Malerei ging nicht völlig glatt vonstatten. Schon vor Beginn der eigentlichen künstlerischen Arbeit waren manche Schwierigkeiten zu überwinden. Herr Kortüm nämlich mußte einen kleinen fahrbaren Sockel besteigen. Holdermann schob dieses Podium im Atelier hin und her, um die beste Beleuchtung ausfindig zu machen. Da Herr Kortüm jedoch nicht schwindelfrei war, beunruhigte ihn diese unerwartete und wendungsreiche Fahrt nach dem Licht. Er hatte nicht bedacht, daß der Mensch auf der Suche nach seiner günstigsten Beleuchtung manchmal ins Schwanken kommt und alle Mühe hat, auf den Beinen zu bleiben. Endlich war das Licht recht. Holdermann wies auf den geschnitzten Sessel, der auf dem Podium stand, und sagte: »Setzen Sie sich, Herr Kortüm.« Herr Kortüm sah den Stuhl an, setzte sich, sagte »Nein« und stand wieder auf. Keine Gründe des Malers konnten ihn zum Hinsetzen bewegen. Schließlich erläuterte er dem ärgerlich werdenden Professor, warum an Setzen nicht zu denken sei: »Im Sitzen, Meister, ist mein Gesichtsausdruck zu verbindlich. Ich weiß das von Lichtbildern. Nur im Notfalle sitze ich. Bedenken Sie, ich stehe einem großen und immer größer werdenden Hauswesen vor. Ganz abgesehen von meinem Freitagstisch, meinem Museum, meiner Quelle und vielem anderen – meine Gaststätte belebt sich dank der Empfehlung der großen Konstanze Schröter, der Schauspielerin, meiner Freundin. Es nimmt sich auf, wohin ich blicke. Ich vergrößere, ich baue: jeder will etwas von mir. Aber ich kann nicht überall zugleich sein. Sehen Sie, Meister, deshalb muß ich mich malen lassen. Das Bildnis kommt in die große Halle, über den Kamin. So ist denn mein Bild anwesend, wenn ich körperlich verhindert bin. Natürlich erfüllt das Bild nur dann seinen Zweck, wenn ich ernste durchdringende und einschüchternde Züge trage. Ich habe anfangs an Plastik gedacht. Aber eine Büste von mir, in Marmor etwa« – Herr Kortüm zuckte die Achseln – »nein nein, Meister, man wirkt in Marmor doch ausgesprochen abwesend. Für mich kommt die Malkunst in Frage.« Holdermann war bei diesem Vortrag über Sinn und Unterschied der Künste ganz tiefsinnig geworden. Er hatte doch allerlei Erfahrung, 201 aber zum Zwecke der Einschüchterung hatte sich noch niemand bei ihm malen lassen: bei Gott, dachte er, die Kunst ist groß! Ich bin alt und erblicke immer neue sinnreiche Aufgaben und Absichten. Herr Kortüm aber stellte das rechte Bein vor, stützte die linke Hand auf die Hüfte und nahm in die Rechte eine Papierrolle. Holdermann schüttelte trotz allen Verständnisses für den Zweck des Porträts den Kopf: »So stellt sich vielleicht ein General hin, nach der Schlacht –« Herr Kortüm legte den Kopf noch etwas mehr zurück und blickte weit über Holdermann weg in die Ferne. »– oder ein türkischer Großherr«, fügte der Maler ärgerlich hinzu. Herr Kortüm lächelte: »Meister, malen Sie.« Das Malen fing so an, wie sich Herr Kortüm diese Arbeit vorgestellt hatte. Der Künstler blickte ihm scharf ins Gesicht oder auf die Hände, die Weste, die Stiefel, musterte auch gelegentlich das Kortümganze und zeichnete alles, was er sah, mit einem Stück Kohle auf die mannshohe Leinwand. In der dritten Sitzung wirkte Holdermann zwar bereits mit Pinseln und Farben, aber die Art des Arbeitens fand nicht den Beifall des Objektes. Wenn Herr Kortüm das Atelier betrat, stand Holdermann bereits vor dem Bild, malte – Herr Kortüm bestieg das Podium, nahm die Papierrolle, sandte seinen Blick ins Weite – Holdermann malte, blieb mit dem Rücken zum Podium stehen, malte, sah Herrn Kortüm mit keinem Blick an, malte . . . Teufel auch, was malt der Kerl, wenn er mich nicht sieht? fragte sich Herr Kortüm. Er hustete zunächst einmal. Holdermann malte. Herr Kortüm knarrte mit den Stiefeln, wiegte sich auf den quietschenden Podiumbrettern – nichts half. »Meister –« Schweigen. »Meister, ich stehe hier.« Holdermann hörte auf zu pinseln, fuhr mit zwei Fingern über die Stirn, besann sich. Hat der Mann geschlafen? dachte Kortüm. Aber der Professor legte niedergeschlagen die Palette hin: »Warum stören Sie mich . . .« »Ich wollte nur aufmerksam machen: vor der Wand da drüben, die Sie öfter so scharf ins Auge fassen, befinde ich mich gar nicht.« »Ach, Wand! Drüben! Da! Nicht da!« – Holdermann schlug sich mit der Hand vor den Kopf – » Hier drin ist die Malerei!« 202 Herr Kortüm zog die Augenbrauen hoch und wies auf das Leinwandbildnis: »Ich bin doch erst eine Untermalung.« »Wenn man sich nach Ihnen richtete, würden Sie Ihr Leben lang eine Untermalung bleiben!« rief der Professor. »Was wissen Sie von meinen Methoden! Sie gehören zu den Objekten mit Neigung zur Verkrampfung. Solche Objekte muß man erst sich windelweich stehen lassen! Wenn Sie beinah umfallen, dann werden Sie natürlich! Die dazu nötige Zeit nutze ich aus, um die geistigen Züge, die ich bei der vorigen Sitzung wahrgenommen habe, aus der die Wahrnehmungen läuternden Erinnerung zu malen!« »Ah«, sagte Herr Kortüm. Daß er erst in halbtotem Zustande natürlich sein sollte, das kränkte ihn. Daß er sich aber nach wenigen Sitzungen bereits in die Erinnerung eines namhaften Meisters eingeprägt hatte, das wiederum behagte ihm. Er gab sich denn auch alle Mühe, recht wirkungsvoll dazustehen, und Holdermann konnte von vorn anfangen, Herrn Kortüm zu ermüden. Er versuchte es mit Gesprächen und ging, was er sonst beim Malen hartnäckig vermied, auf die Gedanken seines Objektes ein. »Meister, mir scheint, das Bild wird etwas dunkel.« »Ich bin jetzt bei der Anlage der Schatten.« »Bringen Sie nicht sehr viel Schatten in mein Bild? Leute, die mich kennen, sagen –« Holdermann unterbrach ihn kurz: »In jedem Gemälde nimmt der Schatten bekanntlich den weitaus größeren Raum ein. Licht sitzt nur hie und da.« »Sie bringen also vorwiegend Schatten hervor«, sagte Herr Kortüm nachdenklich. »Hm . . . Wie verschieden sind die Berufe, Meister! Ich als ein Wirt habe mit aller Kraft für Licht und Annehmlichkeit zu sorgen.« Holdermann schüttelte unwirsch den Kopf: »Beim künstlerischen Schaffen kommt es nicht auf Annehmlichkeit an, sondern auf Wahrheit. Ich fange das Leben mit Hilfe von Farbe ein. Das Licht aber, Herr Kortüm, stumpft die Farbe ab. In den Halbtönen und Schatten gedeiht sie am sattesten.« Herr Kortüm geriet in immer tieferes Nachdenken über die Beziehung von Schatten und Sattsein. Seine Haltung wurde dabei immer gelöster und natürlicher. Jetzt hatte ihn der Professor endlich wieder malreif. Er konnte einfach malen, was er sah. Herr Kortüm war von sich abgelenkt. Und er blieb es eine gute Weile, denn allerlei seltsame 203 Geräusche im Vorraum, den ein Vorhang vom Atelier trennte, sorgten dafür, daß er so bald nicht wieder zu sich kam. Die Eingangstür klappte. Leichte Schritte gingen hin und her. Bruchstücke einer Melodie erklangen, zierlich und leise, unverkennbar in Sopran. Holdermann malte und merkte nichts. Aber Herr Kortüm wunderte sich sehr über die zunehmend gefährlicher werdenden Geräusche. Da schienen Druckknöpfe gleich reihenweise aufgeknipst zu werden. Eine Schnalle schnappte. Ein Schuh fiel hin, ohne Zweifel ein leichter Schuh. Und jetzt – bei Gott, das klang so, als wenn nackte Füße tappten, leichte Füße . . . Herr Kortüm hatte die Augenbrauen ganz hochgezogen, den Mund gespitzt. Er hielt das linke Ohr ein wenig schief. Holdermann malte wie ein Besessener: das Objekt war hinreißend lebensvoll – Da klirrten die Vorhangringe, eine weiße Hand zeigte sich, der Vorhang ging auseinander, und in die Werkstatt trat ein Mädchen, in einen herrlichen apfelgrünen Schal gewickelt, der sich in glänzenden Falten an ihren Körper schmiegte. Daß er sich an nichts sonst als an den Körper schmiegte, stand außer jeder Frage, denn der apfelgrüne Schal reichte durchaus nicht bis zu den Knöcheln. Ein Unglück, ein Versehen in der Türnummer wahrscheinlich. Herr Kortüm, ritterlich wie er war, rührte sich nicht, als ob ihn die fremde Dame etwa für ein Kleidergestell halten sollte, für etwas Lebloses jedenfalls. Aber die Dame schien sich gar keine Gedanken zu machen, ob das Ding auf dem Podium da oben lebendig war oder nicht. Sie sah nur einen Augenblick überrascht auf und kam dann ruhig weiter in das Atelier herein, als ob sie hier zu Hause wäre. Hilfesuchend blickte Herr Kortüm zu Holdermann hin. Der Maler jedoch hielt mit der Linken seine Leinwand gepackt wie ein Wilder, malte mit zusammengebissenen Zähnen, sah nichts als das Bild und hörte offenbar überhaupt nichts. Dabei kam die Dame immer näher. – Allmächtiger, sie kommt auf mein Podium, dachte Herr Kortüm, und das Podium gerät ins Rollen, wenn man es berührt, und ich komme ins Schwanken, wenn es rollt – was tut man überhaupt in einem solchen Fall – stellt man sich vor? – ich werde – etwas nach links werde ich rücken – damit sie Platz hat . . . Nein – sie ging am Podium vorüber, summte gleichmütig die Melodie mit geschlossenen Lippen. Sie setzte sich in einen Sessel am Fenster und fing an, mit dem Eichhörnchen zu spielen, das dort in seinem Käfig saß. Sie öffnete das Gitter. Das Tier schien sie zu kennen, beschnupperte zutraulich ihre Hand. Volles Sonnenlicht fiel auf die Gruppe. Herr Kortüm war bezaubert. Rühren 204 durfte er sich nicht, nur die Augen konnte er drehen, und seine Augäpfel verdrehte er, bis sie schmerzten. Ihr schwarzes Haar glänzte seidig im Gegenlicht. Sie neckte das Eichhörnchen mit einem Pinselstiel. Das Tier fauchte, krallte sich in ihre Knie, sie lachte lautlos . . . »Mein Gott!« rief plötzlich Holdermann. Kortüms Blick schweifte rasch wieder ins Nichts. »Was machen Sie denn für Augen!« »Hm«, sprach Herr Kortüm, »die – die Anstrengung, Meister. Wir haben heute lange gearbeitet.« Der Maler sah nach der Uhr: »Ist es möglich? Für heute habe ich genug. Gehn Sie nach Hause, Kitty. Morgen um dieselbe Zeit.« Kitty nickte, ohne die Augen von dem Eichhörnchen zu wenden. Spielend, neckend sperrte sie es wieder in den Käsig, gab ihm aus dem Futterkasten eine Haselnuß, lachte, stand auf und schritt an Herrn Kortüm vorbei zum Vorhang, wie sie gekommen war: seidig apfelgrün und leuchtend. Während Holdermann die Pinsel auswusch, saß Herr Kortüm nachdenklich in dem geschnitzten Sessel, der ihm nach seiner Meinung den Gesichtsausdruck zu sehr milderte. In brummendem Baß mühte er sich, die Melodie wiederzufinden, die das Mädchen gesummt hatte. Aber Herr Kortüm war ganz unmusikalisch. Deshalb versuchte er diese apfelgrüne Melodie von einer anderen Seite in Angriff zu nehmen: »Meister«, sprach er. »Hm?« – Holdermann rieb seine Pinsel behaglich im Seifenschaum der hohlen Hand. »Meinen Sie nicht auch, man sollte jetzt einen kleinen Schluck Rotwein zu sich nehmen?« Der Maler hörte auf zu reiben, besah den Schaumberg in seiner Hand, blies hinein – Flöckchen um Flöckchen hob sich, schwebte, wehte weiß schimmernd durch die in Dämmerung sinkende hohe Werkstatt. »Ein Gedanke«, sagte Holdermann vor sich hin, »allerdings wollte meine Frau gerade heute abend – hm – Herr Kortüm: gehen wir!« Einträchtig gingen sie dahin. Zufrieden nahmen sie Platz am runden Tisch bei Fuß. Behaglich tranken sie nach den Mühen des Tages Schluck um Schluck. Und als der gewölbte Boden der Flasche apfelgrün schimmernd wie eine Insel aus dem Weinrest auftauchte, begann Herr Kortüm: »Jene Dame – malen Sie die auch?« »Welche Dame?« »Sie nannten sie Kitty, Meister.« Holdermann lachte: »Dame, na. Aber ich male sie. Freilich.« 205 Herr Kortüm legte die Hand auf Holdermanns Arm: »Doch gewiß nicht so schattig?« »Wie Ihr Bild? Nein, Herr Kortüm. Kitty hat keinen schwarzen Rock an.« »Mehr apfelgrün?« »Weniger, Verehrter: das Bild heißt ›Diana im Bade‹.« »Ahh! Also nur Licht!« »Im Gegenteil. Nur Farbe. Mit Licht ist da wenig zu machen. Ich sagte Ihnen ja schon: Halbtöne sind hier am Platze.« Herr Kortüm schenkte sich den Rest der Flasche ein, trank ihn aus und sprach: »Das gefällt mir nicht, Meister. Bei ihr« – er machte eine Handbewegung wie die Kapellmeister, wenn sie die Celli in Crescendo gehen lassen – »bei ihr ist es eine gebieterische Pflicht des Künstlers, ein tief farbiges Licht zu erfinden. Jenes Licht, das am späten Abend des siebenten Schöpfungstages über dem Paradiese des Herrn unterging« – Herr Kortüm lehnte sich weit zurück – »ihre Schönheit muß klingen wie ein Ruf aus jener denkwürdigen Nacht, in der die Liebe auf Erden begann.« Holdermann wiegte lächelnd den Kopf: »Was ihren Ruf angeht« – Herr Kortüm sah ihn groß an – »Kittys Ruf meine ich, Lieber. Nicht Evas Ruf. Also Kittys Ruf: zu dem passen die Halbtöne besser.« Herr Kortüm stieß die leere Flasche so gewaltig auf den Tisch, daß der Weinwirt Fuß nach einer neuen lief. »Meister!« rief Kortüm. »Ihr Ruf ist nämlich schlecht –«, fuhr Holdermann gelassen fort. »Meister!!« – Herr Kortüm stand auf. Eben kam Fuß mit der Flasche. Holdermann schenkte sich ein und vollendete seinen Satz: »– sauschlecht ist er.« Verstört guckte Fuß die Flasche an. »Schämen Sie sich«, sprach Herr Kortüm dumpf. Fuß roch in den Flaschenhals: »Vielleicht schmeckt er bloß nach Korken?« Aber schon sprach Herr Kortüm weiter: »Ich kenne die Frauen. Ich sehe sie an und weiß, von wannen sie kommen und wohin sie gehen!« Holdermann zuckte die Achseln: »Je, wenn Sie's besser wissen . . .« und der Weinwirt Fuß atmete auf: »Ach so, Sie reden bloß von 'nem Mädchen.« »Von einer Dame«, sprach Herr Kortüm verweisend. »Deren Vorname Kitty ist«, nickte der Maler, kniff ein Auge zu und sah Herrn Kortüm an: »Wissen Sie was? Wenn Sie Kittys Ruf kränkt – verschaffen Sie ihr doch einen anderen.« 206 »Verlassen Sie sich darauf, Herr Professor, ich werde das meinige tun. Wenn ich die junge Dame im Geiste mit dem Eichhörnchen spielen sehe . . . wie das Tierchen zutraulich auf ihrem Knie saß – und wenn ich Sie nun so schmähen höre: ich weiß, was es heißt, wenn die Leute reden und nicht wissen, was sie reden –« »Erlauben Sie –«, begann Holdermann, aber er kam nicht weiter. »Wenn Sie verleumden, nachforschen, hinterm Rücken Delikte sammeln, verdächtigen, herabsetzen, rumhören, lügen, verdrehen, unterschieben, mit den Augen blinzeln, dem anderen ins Ohr sprechen, gehört und nichts gesagt haben wollen, andeuten, jemand mit dem Ellenbogen anstoßen, ihn leise auf die Fußzehe treten, anonyme Briefe schreiben, denunzieren –« »Also, Herr Kortüm!« rief der Maler. »Alle Wetter!« Der Weinwirt staunte seinen Gast an. »Unterbrechen Sie mich nicht immer, Herr Fuß«, sprach Kortüm. Er hatte gestanden. Jetzt nahm er wieder Platz. Keiner von den Dreien sagte etwas. Aber das Mittel des Sitzens scheint wahrhaftig bei ihm anzuschlagen, dachte Holdermann. Kortüms Gesichtszüge wurden milder. Er lächelte, trank, nickte träumerisch: »Sie ist eine Dame . . .« Der Maler betrachtete ihn neugierig: »Damen sind sie alle«, sagte er. Eine Handbewegung hieß ihn schweigen – Herr Kortüm war noch nicht fertig: »Gerüchte sammeln, Bilder machen aus Straßenstaub« – er fuhr auf – »Du sollst dir von deinem Nächsten kein Bild machen aus Straßenstaub! Seht sie doch mit offenem Auge an: ein Blick sagt es – sie ist jemand. Gewiß, sie hat Schweres hinter sich. Sagen wir, hm . . . sie steht allein . . . ihre Lieben sind umgekommen . . . in Rußland« – plötzlich wandte er sich zu Fuß und sagte nahe an seinem Gesicht – »in sibirischen Graphitbergwerken, Herr Fuß!« Der Wirt fuhr zurück: »Ich glaube 's je auch. Man kennt je so 'n Mädchen auch nicht so genau. Man hört bloß dies un man hört das –« »Und klatscht dann«, sprach Herr Kortüm. Holdermann ließ keine seiner Bewegungen und Mienen aus den Augen. Er war begeistert. Das ist ein Objekt! dachte er. »Ihr klatscht«, fuhr Herr Kortüm fort, »ja, und was tut sie?« »Nu, was die Leute sind«, begann Fuß auseinanderzusetzen, »die meinen –« Er verstummte. Herr Kortüm hatte ihm nur schweigend ins Auge geblickt. Nun nickte er langsam mit dem Kopfe: »Ich will Ihnen sagen, was sie tut, Herr Fuß: sie opfert sich für die bildenden Künste in der Welt.« 207 »Opfert?« rief Holdermann. »Opfert. Sie läßt sich malen. Ich weiß, was das heißt.« Der Maler schlug mit der Hand auf den Tisch, aber Herr Kortüm ließ sich nun nicht mehr stören: »Sie lebt der Schönheit. Darum verdient sie auch ein Wohlergehn.« Lächelnd blickte Kortüm aus halbgeschlossenen Augen in den Tabakdampf und begann nun einen Lebenslauf aus Rauch zu weben, über den Kitty nicht schlecht erschrocken wäre, wenn sie sich in dem wehenden Dunst erkannt hätte: »In einem apfelgrünen Gewande sehe ich sie dahin gehen . . . einen Hochzeitszug sehe ich im Geiste . . .« Kortüm verlobte sie, er verheiratete sie, gab ihr eine ansehnliche Verwandtschaft, ja, er log ihr, die doch wenig mehr als einen apfelgrünen Schal besaß, alles an, was zur Leibesnahrung und Notdurft gehört, als Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut . . . Holdermann hütete sich, diese Reden zu unterbrechen. Er sah sein Objekt in immer neuem Lichte. Wenn es dem Wirt zu bunt wurde und sein Mund zum Reden aufging, sagte der Maler: »Herr Kortüm weiß das.« So geschah es, daß die gute Kitty im Laufe einer Nacht einen Lebenswandel bekam, den der Weinwirt Fuß nur mit Hochachtung betrachten konnte: »Wenn man das hört un wenn man dann hört, was die Leute sagen . . .« Herr Kortüm hob den Zeigefinger und machte den Weinwirt, der so viele Menschen in der Stadt kannte, haftbar für die Verbreitung eines guten Leumundes zugunsten Kittys, des Modelles. Er war unermüdlich im Erfinden. Herr Kortüm rächte sich in dieser Nacht am Klatsch. Es war ihm ein Genuß, der Welt, die fortdauernd Böses log, einmal das Gute vorzulügen. Er wollte dem Schönen eine Gasse schlagen mitten durch die Wirklichkeit, und er ahnte nicht, welche bedauerlichen Folgen dieses hochherzige Unternehmen für ihn haben mußte. Denn die Sphären der Menschen sind unverschieblich – Herr Kortüm hätte sich hüten sollen, an dem goldenen Gestänge dieses Planetariums herumzubiegen. »Also Licht, Meister!« rief er, als sie aufstanden von ihrem Tisch. »Aber die Farbe, Herr Kortüm!« »Licht ist mehr als Farbe.« Holdermann kam spät in dieser Nacht nach Hause. Seine Gattin richtete sich im Bett hoch: »Theodor!« »Guten Morgen, Liebe.« 208 »Was malst du denn jetzt eigentlich?« »Ach«, sprach Holdermann versonnen und sah vor sich hin, als ob er nachdenken müßte, was er denn zur Zeit male: »Ich würde sagen: Schatten – – wenn sie nicht so licht wären . . .«   Mauerwerk Am Rande der braunschwarzen Erdschale, aus der das Heilbornwasser quillt, steht tropfnaß ein krüpplich verwachsenes Eichenstämmchen – hier war die Stelle. Aber heute mochte Klaus Schart nicht hinknien, um eine Handvoll Wasser zu schöpfen und zu schlürfen. Die ganze Luft war ein schwebend graues Nebelwasser. Die kleine Eiche hier, dort die Quelle, der Nußbaum drüben: nach dieser Richtung mußte sich der dunkle Bergriegel hinziehen, in dessen Mitte eine zartgelbe Lichtung und inmitten der Lichtung ein buntes Hauswürfelchen schimmerte – Nebel, unbeweglicher grauer Nebel. Klaus wühlte in seiner Rocktasche, brachte einen Kompaß hervor und drehte sich nach der zitternden Nadel. Nun war er sicher, daß seine Augen der unsichtbaren Lichtung zugewandt waren, von der an jenem Ostersonnabend ein blitzender Strahl herüber spiegelte bis zu diesem Bornhügel. Nebel. Nichts konnte Klaus deutlich erkennen als nahe vor sich ein paar entlaubte Zweigstecken. An der Unterseite der glänzend braunen Stäbchen perlten Wassertropfen. Und ein Teppichstück verfilzten Grases zu seinen Füßen sah er noch. Unbewegte naßsickernde Luft sonst. Ich habe kein Glück, dachte Klaus. In Romanen geht einer in den Wald. Da kommt ein Mädchen zwischen den Bäumen heran. Wie heißt du? fragt der Mann. Henriette, sagt sie. Es kam aber kein Mädchen zwischen den Bäumen. Die Wirklichkeit war ganz anders. Da standen die nassen hölzernen Baumsäulen. Hier stand er. Und niemand sonst. Nebel noch, ja, und der liebe Gott vielleicht . . . Jung sein ist furchtbar schwer. Und jene Alten, die nie erwachsen werden, weil sie irgend etwas von dem, was die Schildbürger das Glück nennen, am Jungsein verhindert hat, die sagen zu der jugendlichen Not hehe, wenn sie männlichen – hihi, wenn sie weiblichen Geschlechtes sind, mehr wissen sie nicht. Klaus Schart tat einen bösen Fluch und stampfte ins Gras. Aber ganz vergessen und stehen gelassen im Nebel ist selten einer. Klaus fuhr hoch aus seinen Gedanken. Lärm schallte näherkommend aus 209 dem Dunst, Schreien, Lachen. Schattenhafte Gestalten tauchten auf, wurden deutlicher, Getümmel um Klaus. »Hierbleiben!« rief er, »ihr sollt euch ausruhen!« Seine Schuljungen benutzten die Wanderpause zu einem Räuberspiel. »Ihr werdet ja klatschnaß!« schrie Klaus hinter ihnen her. Der Nebel hatte den Schwarm verschluckt. Gedämpft klangen die Stimmen aus dem Tannengrund heraus. Laß sie, dachte der Schulmeister, so machen die Jungen auf ihre Art den verunglückten Ausflug lebendig. Bei einem Hügel führen alle Pfade zum Gipfel, der Sammelpunkt ist nicht zu verfehlen. Und gerade diesen Ausflug hatte er so gut vorbereitet! Weit hinten in Thüringen saß Klaus, und dachte doch an nichts als an dieses Besenroda, das er trotzig verlassen hatte, an den Schottenhügel, an den Teich auf diesem Hügel, an den Spiegel auf diesem Teich und an das Bild Konstanzes in diesem Spiegel. Wegen einer Frau war er fortgelaufen – genau gerechnet: wegen zwei Frauen hatte sich dieser junge Mann von der Behörde nach Hörsel versetzen lassen, und in all den langen Monaten war ihm nicht der Mut zu einer Reise in das Land ums Schottenhaus gekommen. Als nun Klaus aber ein lehrreiches Ziel für die diesjährige Schulwanderung auszusuchen hatte, glitt zwar sein Finger auf der Landkarte ganz richtig den Rennsteig von Hörsel bis zum Nesselhof entlang. Dort jedoch blieb er haften und statt weiterzugehen auf der grünen Rennsteiglinie nach den Dreiherrensteinen hin, rutschte er immer scharf nördlich und kreuzte unversehens jene große Straße Biskaya-Taschkent an der Stelle, wo das Schottenhaus steht, wo der Spiegelteich schimmert . . . Das Tropfen des Nebels vernahm Klaus und aus unendlichen Weiten her ganz zart das singende Hupen eines Wagens. Er summte den Durdreiklang auf dem Hupenton. Jetzt den Mollakkord. Musikalisch war er schon. Eigentlich müßte er eine Oper schreiben. Dann würde das Antlitz im Spiegel zwischen den Farnkräutern lächeln: das hast du geschrieben, Klaus Schart? . . . Ach, wieviel Jahre müßten vergehen, bis er nur das Vorspiel der Oper zu schreiben vermöchte? Und wo war dann Konstanze? Aber ein Bild könnte er malen . . . ein großes Bild . . . die Kunst des Zeichnens hatte Klaus von Generationen werktätiger Vorfahren her im Blut. In verlassenen Stunden, an endlosen Sommernachmittagen, wenn ganz Hörsel auf dem Felde war und tiefe fliegendurchsummte Stille über dem Dorfe lag, hatte Klaus ein Bild begonnen: ein riesengroßer Nachthimmel mit vielen Sternen, ein schmaler Streifen fernen Landes im weißen Mondlicht unten am Rand und in der 210 Mitte ein Hügel, darauf ein kleiner Hauswürfel . . . aber es war ja alles so falsch und dumm: gewaltig mußte der Schottenhügel im Raum stehen, nur links und rechts von ihm eine Spur Weltall zu sehen . . . nein, Musik half ihm jetzt nicht, Bilder waren lächerlich . . . Der Nebel tropfte, im moosigen Grase gluckerte das Wasser – vielleicht war gar nichts mit ihm. Vielleicht war er einer von den Vielbegabten, die für die Fachleute zum Verbrauchen da sind. Klaus biß die Zähne zusammen vor Schmerz, schloß die Augen und sah Konstanzes Bild auf dem Wasserspiegel zittern – Wellen glitten drüber hin, das Bild verzerrte sich, da – ihr Mund, ihre gelöste Haarflechte spiegelte sich schon drüben bei den Wasserrosen, jetzt fuhr ihr Lächeln auf einer Welle hin, plötzlich sah das Lächeln wie Spott aus, die Welle überschlug sich, das Gewässer lag glatt und still, und große Wolkenbilder schwebten auf dem Teich . . . Das werklose Schaffen schüttelte ihn. Die schwere Qual des jungen Menschen, der noch gar nichts konnte, der nicht einmal wußte, was er können wollte, und doch bereits mit Erleben begonnen hatte. Klaus knitterte aus der Tasche eine Zeitung und schrieb auf den freien unbedruckten Rand: »Ich decke mich zu mit der Nacht – Ich ziehe die Sterne bis ans Kinn –.« Der Bleistift zerriß das feuchte Papier, stach in seine Hand. Klaus sah die unleserlichen Worte an, schämte sich und zerknäulte das Blatt wie hundert andre Versezettelchen. Was war er denn! Ein eingeregneter Schulmeister, der heute vor Abend noch zwanzig ungezogene Lümmel auf den Besenröder Bahnhof und in der Eisenbahn bis nach Hörsel schaffen mußte. Vorsichtig stiegen Meister und Schüler auf dem glitschigen Gras den Bornhügel hinunter und stapften dann den aufgeweichten Schluchtweg entlang. Die Wanderung durch den nebelnassen Tann war langweilig und der Aufstieg zum Schottenhügel beschwerlich. Wann denn nun das Schottenhaus käme, fragte endlich Peter, dem die Beine weh taten und der sich genau gemerkt hatte, daß es in diesem Haus heiße Kartoffelsuppe mit Wurst drin geben sollte. »Dort«, sagte Klaus. Zwischen den Stämmen blinkte ein Stück freier Himmel. In diesem grauen Himmel stand ein Stern, glänzte, drehte sich und zeigte nun ein klar geschnittenes Bild – die lachende Maske der Windfahne des Herrn Kortüm. Gebäudeteile wurden sichtbar. Jetzt bahnte sich Klaus quer durchs Unterholz Bahn: dort muß der Weißdorn stehen, auf dem damals die Amsel sang – Klaus stand starr. Da lag der herrliche runde Dorn, roh gefällt. Und der Veilchenhang! 211 Weithin ein einziger Mörtelhaufen! Steinbrocken . . . War Herr Kortüm gestorben? Kalk auf den armen Veilchenblättern? Klaus nahm eine Handvoll des feuchten Teiges, drückte ihn zusammen, sah die Bröckel lange an. Die Jungen drängelten heran, guckten neugierig mit: ach, bloß Dreck. Sie stießen sich an, kicherten, blickten sich nach Besserem um – hier oben soll die Mittagspause sein, hier muß also irgendwo ihre Wurstsuppe kochen. Lärmend liefen sie voran ins Haus. Klaus folgte ihnen sehr langsam. Erbittert sah er die herrlichen wilden Farne von Leitern, Balken, Brettern geknickt, erstickt. Ganze Festungsmauern von Backsteinen waren aufgeschichtet. Durch die Lücken dieses losen Mauerwerkes blinkte Wasser. Mit einem Sprung begann Klaus hinzulaufen, kletterte über Gerümpel – sein Teich, sein Traum und Erlebnis! An einer Wasserlache stand eine Bretterbude. Ein schiefes Ofenrohr ragte aus der Wand. Im Wasser schwamm ein Holzpantoffel. Als Klaus das erstemal von diesem Ufer zum Haus ging, war ihm Konstanze entronnen, wie ein Rauch aus seinen Händen. Nun war auch der Teich tot. »Herr Kortüm ist gestorben«, murmelte Klaus. Stumpf blickte er vor sich hin, ging zum Haus. Da staken Meßpfähle in der Erde, eine tiefe Grube war ausgehoben – wenn den Schulmeister nicht der Schreck übermannt hätte vor dem gefällten Dorn und dem geschändeten Teich, hätte er längst verstanden, was er jetzt endlich begriff: »Herr Kortüm ist nicht tot! Im Gegenteil: Herr Kortüm baut!« »Guten Tag.« Liese lachte ihn an. »Herr Kortüm?« begann Klaus. »Der is verreist.« »Er baut doch!« »Ja, aber jetzt läßt er sich erst noch abmaln.« Klaus legte das eine Ohr etwas schief, als ob er den Widerhall dieses Wortes, das alte Echo vom Lohberg, abwarten wollte – »Nein . . .« sagte er leise. »Doch! Er wird abgemalt. So groß, wie er is« – wie im Traum war der Schulmeister neben Liese in den Saal getreten – »un dort, übern Kamin, da hängen wir'n hin.« Die Schulbuben saßen schon an der langen gedeckten Tafel, knufften sich um die besseren Plätze, sahen erwartungsvoll ihren Lehrer an – aber Klaus machte ein unverantwortbar dummes Gesicht. Er starrte auf die Wand über dem Kamin. Viel war eigentlich gar nicht zu sehen. Nur ein kleines buntes Bild hing dort. Zwischen Glas und Rahmen war ein Lorbeerblatt eingeklemmt. Klaus trat näher. Das Bild stellte 212 ein zierlich gemaltes Wappen dar. Das Wort »Torstenson« stand in Druckbuchstaben unter dem Wappen. »Nich wahr, die Wurst schneiden wir doch gleich nein in die Suppe?« fragte Liese. Torstenson? Hieß nicht jener Mann so, von dessen Sarkophag die dunkle Rede ging, Herr Kortüm habe ihn eines Tages heimlich in Brand gesteckt? Und nun Lorbeer? . . . Klaus sah das Lorbeerblatt an, zog es aus der Rahmenspalte – »Ich meine: gleich nein in die Suppe?« drängte Liese. Die Jungen hatten Hunger. »Natürlich«, sagte Klaus und steckte in Gedanken das Lorbeerblatt in seine Tasche. Im Saale war es still geworden. Nur die Löffel klapperten. Die Jungen aßen, als ob sie niemals satt werden wollten. Klaus konnte sie ruhig Liese und ihrem Schöpflöffel überlassen. Er setzte sich mit seiner Kaffeetasse an das große Nordfenster. Nebel, Nebel. Liese brachte Milch und Zucker. »Ja, die alten Bekannten«, begann Klaus, »kommen die noch öfter hier herauf?« »Wir waren voll besetzt. 's ganze Haus 'n ganzen Sommer.« »Herr Wingen?« »Nee, der nich.« »Hm. Aber – ja . . . Verwandte von ihm?« »Ich weiß nich.« Klaus gab sich einen Ruck: » Frau Wingen vielleicht?« »Ach die Lotte? Die war auch da.« »Na, und Schauspieler natürlich auch?« »Ich weiß nich.« »Aber Schauspielerinnen doch?« forschte Klaus vorsichtig. Eben wollte Liese wieder »ich weiß nich« sagen. Klaus war rascher. Er setzte eine sachliche Miene auf: »Frau Konstanze Schröter?« »Jaaa!« rief Liese, »die is aller Nasen lang da.« »Oh . . . öfter – wie oft? – ich meine: jetzt wohnt wohl niemand hier?« »Nee.« »Gar niemand?« »Nee.« »Wann war sie denn zuletzt hier?« 213 »Wer'n?« »Frau Konstanze Schröter«, sagte Klaus ärgerlich. »Ach so – nu, das kann so seine zwei Wochen her sein. Grade als Herr Kortüm zum Abmaln reisen wollte. Für sein Bild dortnhin.« Liese zeigte auf die Kaminwand. Aber Klaus blickte nicht nach der leeren Wand. Er sah versonnen zum Fenster hinaus auf den Teich und nickte: »Das Bild . . . Ja – der Teich spiegelt keins mehr.« »Der kommt überhaupt weg«, sagte Liese verächtlich. Der Schulmeister sah Liese erschrocken an: »Wohin denn?« Jetzt blickte Liese den Schulmeister an . . . Klaus verbesserte sich schnell: »Ich wollte sagen, warum denn?« »'s war nichts Rechts mit ihm. Zum Schwimmen zu klein un zum Waschen zu groß. Nee, der hat sich nich bewährt.« »Nein«, sagte Klaus und holte tief Atem, »der Teich hat sich nicht bewährt.« Mit einem Ruck stand er auf: »Antreten!« Die Jungen wurden auf die Landstraße geführt. Klaus hielt ihnen am Steinbruch einen lehrreichen Vortrag über Steine und ihre Schicksale. »Aber die Steine sind's nicht«, schloß er seine Rede leise für sich. Der Schulmeister hatte beim Sprechen immer mißtrauischer diese stummen, klotzig unbeweglichen Steine angesehen, diese kalten scharfkantigen Unwesen, über denen oben, hart am Rande und schon halb im Nebeldunst ein Tannenbusch wuchs, ein verlassenes Ding, das sich mit seinen paar Wurzeln anklammern mußte über dem Abgrund. Klaus befühlte den graubraunen Porphyr: wie wenig ist Stein und Haus aus Stein und Dach und Tal und Hügel aus Stein und Erde und Landesbreite – wie furchtbar wenig: und wieviel ist der Mensch! Wie man sich drehn und wenden mag, diese Welt scheint eine menschliche Welt zu sein. Was war das Schottenhaus eben ohne den Herrn Kortüm gewesen? Tausend Kubikmeter umbauter Raum. Unmenschlicher Raum. Mauerwerk. Und sogar das quellend lebendige Wasser – was war der Teich ohne Konstanzes Bild? Klaus wäre schwermütig geworden auf dieser um das Hinfälligste schwingenden Erdkugel, wenn er am Bahnhof nicht plötzlich an einen kleinen dicken Mann gerannt wäre, der gar nicht hinfällig aussah: »Herr Monich!« rief er. »Hä?« Monich drehte ihn kurzerhand nach dem Licht der Laterne. »Nee doch – Sie sind's?« »Wie geht's?« fragte Klaus. 214 »Sie sehn's je«, lachte Monich fröhlich. »Gut. Natürlich. Allen geht's gut, und mich habt Ihr vergessen.« »So 'n kurzes Gedächtnis haben wir je nu nich. Freitags, oben unter der Windfahne, redt mannich einer mannichmal von Ihnen.« »Gutes?« »'s Schlechte vergißt sich je so leichte.« Monich drückte bei diesen Worten seine Augen zu ganz schmalen Schlitzen zusammen. »Na, un was Kortüm is –« »Was sagt denn der?« »Kortüm hat erst neulich gemeint, Sie fehlten ihm hinten un vorne.« »Das freut mich!« »Sie wären der brauchbarste Mensch, hat er gesagt, der ihm vorgekommen wäre. Weil Sie noch'n undeutlicher Mensch wären, hat er gesagt.« Ein undeutlicher Mensch?« fragte sich Klaus immer wieder, als er inmitten seiner lärmenden Bande im Bahnwagen saß. »Undeutlich?« Er fröstelte, steckte die Hände in die Rocktaschen. Da knisterte etwas, stach ihn. Verwundert zog er's heraus, sah's an – ein Lorbeerblatt . . .   Der Spielverderber Sorgen um Lorbeerblätter drückten in diesen Tagen auch Friedrich Wingen – nicht vertrockneter und versehentlich gestohlener Lorbeer anderer Leute machte ihm Pein, wie Klaus dem Schulmeister, sondern frische Ware zu eigenem Gebrauch. Wingen hatte mit Lorbeer begonnen. Er war unter Beifallklatschen angetreten in der Bahn. Aber ein scharfes Gewürz wie Lorbeer erhitzt unausgegorenes Blut, und was er nun auch tun oder lassen mochte: die Menschen drückten vor allem erst ihre Nasen drauf und schnüffelten nach Lorbeergeruch. Wingen merkte, daß der Erfolg die Arbeit anfangs flüssig macht und mit der Zeit immer zäher. Das Theater probte eben ein Stück von ihm. Der bekannte Spielleiter Nothnagel hatte verlangt, er solle einen Akt umschreiben. Wingen schrieb, las es und strich's wieder durch: »Man müßte die Vorschläge der Fachleute hören«, sagte er und begann herumzugehen. Nothnagel war sich sogleich klar: »Haha! Streichen Sie Auftritt 215 sieben, stellen Sie Szene elf und dreizehn um und lassen Sie Ihren Helden Joel sich am Ende aufhängen.« Wingen schrieb wieder, las es wieder, strich abermals durch und sprach mit dem großen Schauspieler, der seinen Helden spielte. »Ich wußte, daß Sie zu mir kommen würden.« Er lächelte und gab auf Grund einer langen Erfahrung genau an, wie die Auftritte des Helden beschaffen sein müßten, um den Zuschauern Beifall zu entlocken. Das ging erst recht nicht . . . Wingen unterhielt sich mit Professor Holdermann, dem Bühnenmaler. Es sei zu dunkel in dem Stück, sagte Holdermann. Man sähe ja meistens nichts. Die Bilder kämen nicht zur satten Wirkung. Niedergeschlagen sagte sich Wingen: mit den Fachleuten ist doch auf keinem Gebiet was anzufangen. Er ging zu seiner Frau. Lotte saß am Nähtisch. Er setzte sich ihr gegenüber: sie solle sich nicht stören lassen beim Stopfen, aber gut zuhören müsse sie jetzt. Die Sache sei verdammt verwickelt. Stundenlang, die halbe Nacht hindurch dröselte er ihr das Gewebe der Handlung auf und verlangte am Ende zu wissen, ob Hinz das tut, wenn Kunz jenes anfängt. Lotte kamen am Ende beinahe die Tränen. Plötzlich nahm sie den Leuchter und sagte, sie müsse nachsehen, ob das Kind im Schlafe die Decke aus dem Bett geworfen oder sich wieder das Puppenbein in den Mund gesteckt habe. »Puppenbein!« rief Wingen verzweifelt und saß wieder da. Am anderen Morgen hatte er Dienst in der Friedhofskapelle. Er suchte eine schwere Fuge von Bach aus. Die Arbeit tat ihm wohl, aber seinen Bälgetreter brachte sie in Schweiß. »Ein Wort noch, lieber Wenzel«, sagte Wingen nach dem Schlußakkord, zog das Papierbündel mit der Aufschrift »Joel« aus der Tasche und begann zu lesen. Wenzel hörte zu. Das war immer noch besser, als wenn der Organist auf den Gedanken gekommen wäre, die Fuge noch einmal zu spielen. »Was meinen Sie nun?« fragte Wingen, als er fertig war, und gedachte bei dieser Frage sehr viel berühmterer Schriftsteller, die statt bei Fachleuten Rat zu holen, Haushälterinnen oder Fuhrknechte um ihre Meinung gebeten hatten. »Je, Herr Wingen, die Menschen in Ihrem Stück haben alle keine Arbeit – sie tun nischt. Und keinen Hunger – sie essen nischt. Auch keinen Durst – sie trinken nischt: da merkt doch jeder, der nich ganz auf den Kopp gefallen is, daß alles bloß zum Spaße is. Un für'n Spaß, so'n Abend zum Vorspielen, is das gut un viel vorteilhafter 216 als solche Musike, wie Sie mannichmal machen – meine ich als Bälgetreter.« So, sagte sich Wingen, jetzt redet der auch als Fachmann . . . Vielleicht muß man Menschen fragen, die keine Sorgen haben, keine Arbeit, keinen Hunger, keinen Durst. Diese Art von Leuten ist selten, aber er kannte einen solchen Mann. Das war Langloff, der Kapitän a. D. Langloff, sein Hauswirt. Wingen ging und klopfte an seine Tür. »Herein!« donnerte eine tiefe Stimme. Der alte Seemann liebte keine langen Umstände. Die beiden Männer waren ja auch längst gute Bekannte. Aber Wingen blieb trotz der deutlichen Hereinforderung betroffen in der geöffneten Stubentüre stehen. Herr Langloff hatte seinen Eßtisch ausgezogen. Die Platte reichte von einem Zimmerende zum anderen. Hinter der Platte, genau in der Mitte, saß eine Tabakwolke. »Bitte«, sprach es aus der Wolke. Das alles hätte Wingen nicht erschreckt. Er kannte den silberbeschlagenen Meerschaumkopf des Kapitäns. Aber die ungeheure Tischplatte trug eine Last, deren Anblick dem Organisten den Atem verschlug. Die Platte war – Wingen irrte sich nicht – die Platte war belegt mit lauter silbernen Geldstücken. Unter jeder Silberscheibe steckte ein beschriebenes Zettelchen, zwischen den Talern aber standen, wie auf den großen Karten der Generalstäbler, kleine bunte Fähnchen. Eben schob Langloff mit beiden Händen vorsichtig eine Abteilung Taler mehr nach links, stellte ein neues Fähnchen in das Silberbeet und sagte, einen Zettel beschreibend: »Augenblick, Herr Wingen . . . Haiti . . . nehmen Sie doch Platz . . . Prägung von achtzehnhundertelf . . .« Wingen rieb sich die Augen, beugte sich erschüttert über diesen Sternenhimmel, in dessen Planeten der alte Kapitän da schaltete und waltete wie ein astronomischer Bankier. »Ach so« – Wingen atmete beinah erleichtert auf – »das ist gar kein Geld.« »Wie?« »Das sind bloß Münzen.« Herr Langloff sah ihn von unten herauf an. »Ich meine«, verbesserte Wingen seine Antwort, »die gelten nicht mehr.« Der Kapitän schmunzelte und warf einen liebevollen Blick über seine auf langen Reisen zusammengebrachte Münzensammlung: »Nichts ist so wertbeständig wie eine Sache ohne Kurswert.« 217 Er klopfte mit dem Daumenknöchel auf die Tischplatte. Das Sternenzelt klirrte leise. Die Musik gefiel Wingen. Er lächelte und klopfte auch. Das Silber ohne Geltung klirrte. Wingen klopfte noch einmal – klirr klirr. Langsam blies der Kapitän eine ringelnde Wolke aus dem Meerschaum über die Sternbilder hinweg. Wingen summte leise: weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem großen Himmelszelt – dann seufzte er und nickte: »Ja, Herr Langloff, ich kann auf meinen Schreibtisch klopfen, wie ich will – da klirrt nichts.« Über den Tisch hin tippte ihm Langloff mit dem Pfeifenmundstück auf die Weste: »Das sind Altersfreuden, junger Mann.« »So!« sprach Wingen, »na, und Mannesfreude ist dann die Herstellung von Dingen ohne Kurswert, die trotzdem nicht klirren.« Jetzt war er auf das richtige Geleis gekommen und fing an: sein Theaterstück – der Teufel soll's holen, jeder wolle es anders haben. Langloffs Beruhigung, das sei doch mit dem Wetter ebenso, half nicht: das Wetter, willkommen oder nicht, ginge jedenfalls weiter. Aber sein Stück, sofern unwillkommen, liefe nicht weiter. Das Wetter müßten sich die Menschen gefallen lassen, Sonne wie Regen, Hitze wie Hagelschlag. Aber wenn es im Theater nicht wetterte, wie die Herrschaften wollten, pfiffen die Herrschaften und gingen nach Hause, und das Stück sei aus. Ja, Wingen verstieg sich zu dem Verdacht, die Menschen hätten nur deshalb die Bretter aufgeschlagen, welche die Welt bedeuten, weil sie in der richtigen Welt nichts zu sagen hätten. »Aber fragen Sie doch einfach die Herrschaften, was sie hören wollen!« rief Langloff. Wingen sprang auf: »Das ist's! Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen! Herr Langloff – Sie müssen morgen in der Probe mein Publikum sein.« Wie manchen Seemann vor ihm hatte den Kapitän ein Traum von Waldesrauschen und Bienensummen, geträumt in vielen Sturmnächten auf fernen wüsten Gewässern, zu dem Entschluß gebracht, sein Alterszelt in Thüringen aufzuschlagen. Er hatte allerlei vom Theater gehört, auch gelegentlich die Maskentänze der Neger an afrikanischen Küsten gesehen – aber Theater, von Weißen gespielt, lockte den Mann nicht, der ein Leben lang allein auf der Kommandobrücke gestanden hatte. Man hockte im Zuschauerraum unbeweglich eingequetscht und durfte sich erst bewegen und seine Meinung sagen, wenn dies der Direktor durch 218 ein Klingelzeichen erlaubte. Nun saß er unversehens in einem solchen Theater mitten drin und besah sich aus halbgekniffenen Augen wohlwollend diese ganze umständliche, kostspielige Einrichtung. Der Riesenraum war leer. Nur auf den vorderen Reihen saßen ein paar Männer. Einer von ihnen hatte den weißen Arbeitskittel an, sein Nachbar saß einfach in Hemdärmeln da. Andere sprachen erregt gegeneinander los und schlugen mit den Händen auf dicke Bündel beschriebenen Papieres. Aber sonst niemand weit und breit. Kein fremder Ellbogen drängelte. Und über der Tür beschien ein rotes Lämpchen das beruhigende Wort »Notausgang«. Wingen hatte nicht zu viel gesagt: er, Langloff, stellte hier in seiner Person das Publikum vor. Und ganz als Hauswirt könne er sich fühlen, hatte ihm Wingen ferner versichert: das Theater gehöre niemand anders als dem Publikum. Wie zu Hause säße er hier, könne sagen, was ihm nicht behage, und auf ein Klingelzeichen der Direktion brauche er dazu in einer Probe nicht zu warten. Im Gegenteil: Wingen sei ihm dankbar für ein offenes Wort. »Also gut.« Zufrieden ächzend setzte sich der Kapitän in seinem Sessel zurecht: »Denn wollen wir mal sehen, woran's fehlt.« Es war Zeit. »Nacht!« befahl der Oberspielleiter Nothnagel und nahm Platz auf seinem Stuhl, hart am Rande der Bühne. »Sterne!« fügte er mit einer gemessenen Handbewegung nach den Soffitten hinzu. Dann schloß er lächelnd die Augen, nickte ins Orchester hinunter: »Musik!« Nacht brach an, Sterne blinkten auf, gedämpfte Musik ertönte – die Probe begann. Eine Weile ging alles gut. Wenn irgendein Unbefugter eine Logentür öffnete, huschten Streifen fahlen Tageslichtes durch die Theaternacht und ließen die wenigen Zuschauer für eine Sekunde als geisterblaue Schemen aufleuchten. An der Seitenloge lehnten ein paar Schauspieler im Kostüm. Den Bühnenmaler konnte man gelegentlich erkennen. Neben ihm saß Wingen. Joel spielte. Der berühmte Schauspieler ließ sich stöhnend auf einen Baumstumpf sinken, flüsterte einen Namen, hob den Blick: »Ihr Bild . . .« Starr sah Joel die Versteifungshölzer der Kulisse an, unter denen der wachhabende Feuerwehrmann stand. Nicht Holz, nicht Mann erblickte der Schauspieler. Er breitete die Arme aus, ging einen Schritt auf die Kulisse zu: »Mein Glück!« Verlegen zog sich der Feuerwehrmann zurück. Nun stand nur noch die Rückseite der Kulisse vor Joel. Ein großer Nagel stak in dem Holz. An dem Nagel hing ein 219 Pappschild, irgendeine Warnungstafel. Joels Auge ruhte verklärt auf der Pappe: »Du letzter Zeuge goldner Tage . . .« Nothnagel versetzte dem Bühnenmeister einen Knuff und fauchte ihm ins Ohr: »Holt das Bild, schnell.« »Das ist der Abglanz lebendiger Zeit: ein Bettelrest von ausgetrockneter Farbe . . .« Der große Schauspieler näherte sich der Kulisse – Nothnagel zog sich vor Verzweiflung an seinen eigenen Haaren: das Bild war noch nicht da, dieser verruchte Bühnenmeister . . . ohne das – Bild war alles Folgende nicht spielbar. Schon stand Joel hart vor der Kulissenrückwand. In lautlos banger Erwartung starrten die Zuschauer der vorderen Reihe – jeder einzelne ein bewährter Mann vom Fach – den großen Schauspieler an. Der Spielleiter krümmte sich: jetzt, jetzt muß er nach dem Bild greifen – und das Bild ist nicht da. Joels Augen standen weit aufgerissen offen, er hob die Hände, das Haar auf seinem Kopfe schien sich zu sträuben vor Schmerz – ein Ruck, Joel riß das Pappschild an sich, kauerte nieder, hielt die Pappe mit seinen beiden Händen vor die wildatmende Brust gepreßt . . . die Kulisse schwankte leise. »Entfeßle mich, Liebe« – er schüttelte die Pappe – »gemalte Welt, blicklose Augen« – Joel verbog die Warnungstafel – »unter den bunten Krusten von Farbe atmet kein warmer Leib . . .« Zitternd krallten sich seine Finger um die Pappe, knäuelten sie, wendeten sie wie im Krampf. Da kam die Aufschrift nach vorn – das Wort »Polizeiamt« erschien, die Buchstaben verbogen sich – das Wort »verboten« war zu lesen, knickte um, verschwand – »offenes Feuer« las man – jetzt stand einen Augenblick lang die Aufschrift vor Augen der Zuschauer: das Polizeiamt verbot hiermit jegliches Rauchen und den Gebrauch offenen Feuers auf der Bühne . . . Wingen erhob sich langsam, ohne es selber zu merken. Nothnagel blieb erstarrt. Der Bühnenmeister mit dem richtigen Bild der Geliebten in der Hand faßte nach dem Drahtseil des Vorhangs, an dem er grade vorbeikam. Joels Blick aber saugte sich in grenzenloser Verzweiflung in die schwarzen Druckbuchstaben: »Ich halte dich, Phantom« – er küßte die Verbotstafel. Den atemlos zuschauenden Fachleuten lief ein Schauer über die Haut, als ob sie in das aufgeschnittene Innere eines lebenden Tieres schauten. Kein Hauch rührte sich in dem großen Theater. Kein Holz knackte. Die Heizung schlürfte nicht. Wie aus unendlicher Ferne klang ein dumpfes Wagenrollen von der Straße herein . . . es verhallte . . . Totenstille. Joel neigte das Haupt, ganz langsam. Und eine 220 Träne, eine wirkliche Träne fiel aus Joels Auge. Nothnagel, der am nächsten stand, hörte sie auf das Pappschild fallen. Er spreizte alle zehn Finger: das war mehr als spielen und mehr als leben – was war es also? Da kniete am Boden ein Mensch und zerriß seine Seele um ein Stück bedruckter Pappe, die er nicht erkennen konnte. Plötzlich polterte in der Tiefe des schwarzen Zuschauerraumes ein Sitz, Schritte tasteten . . . »Teufel«, sagte jemand, der sich offenbar ans Schienbein gestoßen hatte. Eine Streichholzschachtel klapperte – noch hielt das Spiel Joels die überwältigten Fachleute im Bann. Aber jetzt flammte ein Streichholz auf, ein gelbes Pünktchen, ganz fern, ganz hinten in der Nacht des Raumes, zitternd wie ein Irrlicht. Alle Augen wandten sich erschrocken dem neuen Schauspiel zu . . . der Zuschauerraum fing an zu spielen . . . »Wo sitzen Sie denn eigentlich«, sagte jemand – halblaut, aber im ganzen Hause vernehmlich. »Ja – zum Donnerwetter!« rief Nothnagel ratlos. »Pst«, machte Wingen, »das ist noch keine Pause.« Zu spät. Langloff hatte seinen Hausgenossen entdeckt, blies das Streichholz aus und klopfte ihm auf die Schulter: »Sehn Sie mal, wenn der Mann da oben blind ist, kann er einem doch man bloß leid tun. Der erkennt ja nun auch das richtige Fräulein nicht –« weiter kam er nicht. »Licht!« rief Nothnagel. Die großen Lampen gingen an. Der Spielverderber stand im besten Lichte da. »Herr!!« schrie Nothnagel. Wingen eilte an die Rampe: »Ein Mißverständnis, Herr Nothnagel.« In immer größerer Verlegenheit stotterte er: »Wir sind nämlich Bekannte. Herr Langloff. Ja. Und man braucht doch manchmal sozusagen die Kontrolle des gesunden Menschenverstandes, nicht wahr –« » Sie haben den Herrn in die Probe bestellt?« unterbrach ihn Nothnagel – der Oberspielleiter war außer sich vor Verblüffung und Zorn über eine solche Einmischung. »Pause!« sagte er und klatschte das Textbuch auf den Stuhlsitz. »Herr Wingen, das ist mir noch nicht begegnet. Ich muß schon sagen . . .« Aber er sagte nichts weiter und ging hallenden Schrittes über die Bretter, welche bekanntlich die Welt bedeuten. Die Schauspieler folgten ihm. Nothnagel verschwand im gemalten Wald des Hintergrundes. Wingen eilte ihm nach. 221 Das große Licht war ausgegangen. Nur ein paar Notlampen brannten. Der Kapitän stand mit einem Mal in einer tiefroten Dämmerung allein. Nein – da bewegte sich noch jemand, den man vergessen hatte. »Verzeihung«, begann Langloff und brannte wieder ein Streichholz an. »Machen Sie doch wenigstens kein offenes Licht hier!« rief eine zornige Stimme. Langloff tappte sich zu dem Mann hin, der gleichfalls Schritt für Schritt tappte. »Langloff«, sagte Herr Langloff zu dem Schatten, der nun aufhörte, durch die Theaternacht zu waten. »Holdermann«, antwortete es aus der Nacht. Zu sehen war fast nichts. »Könnten Sie mich vielleicht gütigst hier rausbringen?« fragte der Kapitän. »Mit Vergnügen«, antwortete Holdermann ärgerlich. »Sie haben da dem Wingen eine hübsche Geschichte eingebrockt.« Er wischte suchend mit der Hand auf der Tapete hin und her. »Haben Sie die verdammte Tür?« fragte Langloff. »Gott sei Dank.« Kalkweißes Tageslicht fiel blendend herein. Holdermann besah den grollenden Kapitän. Er mußte lachen: »Nun sehn Sie bloß zu, wie Sie die Sache aus der Welt schaffen, Sie Spielverderber. Herr Nothnagel ist in solchen Sachen sehr empfindlich.« Verärgert kam Langloff nach Hause, dieser Darsteller des Publikums, den Wingen selbst engagiert, dem der Dichter selbst die Rolle zugeteilt hatte. Da brächte ihn keiner wieder hin, sagte er durch die halboffene Küchentüre zu seiner Frau. »Ist die Nachricht vom Jungen da?« Sie gab ihm mit der nassen Hand den schon geöffneten Brief, der mit vielen fremden Marken beklebt war: »'s geht ihm gut«, sagte die alte Dame. Mit einem lauten »Ahhh« nahm der Kapitän Platz in seinem Lederstuhl am Fenster, schlug die Kamelhaardecke um die Beine und zog den Brief heraus, einen langen Brief seines Sohnes, der als Schiffsarzt auf fernen Meeren schwamm. »Aufgeregte Gesellschaft«, knurrte er; dann vergaß er das Theater und las, was in der Wirklichkeit vorging. Endlich nickte Langloff befriedigt, legte das Schreiben auf die Fensterbank, wickelte sich fester in die Decke: »Spielverderber haben sie mich genannt – jawoll, der einzige, der nicht blind war, bin ich gewesen.« 222   Die Verwechslung Am anderen Tage sah Langloff seinen Auftritt als Publikum etwas anders an: »Teufel, ich hätte nicht hingehn sollen.« Er hatte nicht alle Schwierigkeiten vorausbedacht, die dieser Freundschaftsdienst an seinem Mieter möglicherweise mit sich bringen konnte. In seinem Kapitänsleben war Langloff nur auf Frachtschiffen um den Erdball gefahren und hatte seine Kameraden auf den Passagierdampfern nicht beneidet. Tägliche Dinners mit Herrschaften durchmachen müssen, die alle zum Verwechseln ähnlich zu sein schienen und offenbar nur von der Seekrankheit abgehalten wurden, auch noch stets dasselbe zu reden – nein: was in den Hafenplätzen an Menschheit zu erleben war, wenn man mit ihr als gelernter Frachtschiffer rechnend und schlichtend zusammengeriet, dünkte Herrn Langloff eher ein Gewinn. Nun war der Kapitän a. D. an seinem Lebensabend in einer schwachen Stunde plötzlich auf die Seite des Passagierpublikums geraten: »aus reiner Gutmütigkeit.« Gestern noch hatte er sich für den einzigen Sehenden unter lauter mit Blindheit Geschlagenen gehalten, die ihn nichts angingen. Heute merkte Langloff, daß ihn die Sache ungemein nahe anging. Sein Mieter Wingen war gegen Mittag fast ohne Gruß an ihm vorbeigeeilt. Die Wingensche Wohnung aber vermietete sich schlecht. Die Öfen rauchten, die Türen klapperten, und die Fensterrahmen sperrten. Wer solche Mängel für nicht geringes Geld nur deshalb in Kauf nahm, weil die Haustür einen alten gotischen Rahmen aus feingemeißeltem Sandstein und weil die Treppe ein seltsames schmiedeeisernes Geländer besaß, an dem man immer mit den Kleidern hängen blieb, der mußte schon ein Liebhaber sein. Wingen war ein solcher Kunstfreund, der zudem nicht einmal neue Tapeten verlangte, um seine vielen Bücher nicht umräumen zu müssen – trotz der dringenden Vorstellungen seiner Frau. Wo fände Herr Langloff einen zweiten solchen Mieter! Wenn er sich diesen Wingen nicht hätte warmhalten wollen, wäre er doch nie in die verdammte Theaterprobe gegangen! Nun war das genaue Gegenteil erreicht. »Ich habe leider keine Zeit«, hatte Wingen kurz gesagt und war an Herrn Langloff einfach vorbeigeeilt. Womöglich, um neue Wohnungen zu besichtigen . . . Die Sache mußte beigelegt werden. Jener Professor, der Maler, schien unter allen diesen aufgeregten Leuten noch das vernünftigste Wesen zu sein. Langloff machte sich auf den Weg in die Akademie. Neue Ofen, Türen ausbessern, Tapezieren, Streichen, Doppelfenster – fünfhundert Mark 223 konnte ihn der Auszug der Familie Wingen kosten. »Das hat man von seiner Gutmütigkeit«, murmelte Langloff, als er rechnend durch die kleine Schlechtwettertür in die Halle der Akademie trat. Leider war der Pförtner zufällig einen Augenblick abwesend, und Langloff hatte Mühe, Holdermanns Tür zu finden. Er klopfte. Nichts rührte sich. Mehrmaliges Klopfen half auch nicht – nur um das letzte nicht unversucht zu lassen, drückte er die Klinke nieder. Die Tür gab nach, ging auf. Langloff trat in den Vorraum: Bilder an den Wänden, nur Bilder. Stille. Kein Ton zu hören. Da war ein Vorhang. Der Kapitän steckte vorsichtig den Kopf durch die Falten. Lauter Bilder, Staffeleien. Wie hoch so ein Atelier ist . . . Ah, da stand ja zwischen den Holzstangen und Leinwänden der Professor. Er hatte eine bunte Palette in der Hand und malte gerade an dem Bild eines Herrn in schwarzem Rock. Er malte und schien nichts zu sehen und zu hören. »Guten Morgen«, sagte Langloff. Ohne aufzublicken, ja ohne den Mund zu öffnen, antwortete der Professor mit einem nicht näher bestimmbaren, aber einladenden Laut. »Darf man eintreten?« Holdermann drückte eben ein leuchtendes Blau aus der Tube, mischte, hielt den Kopf schief, und während er sein Blau mit strengen Augen prüfte, wies er mit dem Pinselstiel flüchtig auf einen erhöht stehenden geschnitzten Sessel. Dabei murmelte er ein Wort, das man für »Bitte« halten konnte. Bei Künstlern muß man sich denn wohl über so was nicht wundern . . . Langloff nickte und dachte an die gestrige Theaterprobe. Er ging leise zu dem Podium hin und setzte sich in den ihm angewiesenen geschnitzten Sessel. Holdermann malte. Langloff besah sich die Bilder. Seestücke waren nicht darunter. Er begann sich zu langweilen, zog eine Zigarre aus der Tasche. Anbrennen konnte er sie nicht. Bedauerlicherweise hatte er zwar gestern im Theater Streichhölzer bei sich gehabt, aber heute suchte er vergebens in seinen Taschen. Holdermann stand mit dem Rücken zu ihm vor dem Bild des Herrn im schwarzen Rock und malte. Langloff wagte nicht, ihn um Feuer zu bitten und steckte die kalte Zigarre in den Mund. Wenn nicht das Eichhörnchen in seinem Käfig gekratzt und getappt hätte, wäre Totenstille in dem stark überheizten Raum gewesen. Der Kapitän hatte den Wintermantel nicht abgelegt. Er ließ den Kopf hängen, wurde müde, nickte ein. Draußen ging die Tür. Langloff hörte es schon halb im Traum. 224 Schritte klappten, Herr Kortüm trat ein, winkte mit der Rechten zu Holdermann hin: »Meister, guten Morgen!« Der Maler wies, ohne aufzublicken, mit dem Pinselstiel flüchtig auf den geschnitzten Sessel und brachte einen Laut hervor, den Herr Kortüm für »Bitte« halten konnte. Herr Kortüm wendete sich zu dem Podium – – da sah er in seinem Sessel einen fremden schlafenden Herrn sitzen. Kortüm drehte sich erschrocken nach seinem Porträt um: wahrhaftig – der Professor malte am Kortümbild, und auf dem Kortümstuhl saß – »Herr!« sprach Herr Kortüm mit starker Stimme. Langloff fuhr hoch, der Maler schreckte auf – Holdermann blickte ebenso ratlos die beiden an, wie diese beiden sich gegenseitig. »Haben Sie vielleicht das Gesicht dieses Herrn versehentlich benutzt, Meister?« »Na, Sie haben mir denn ja wohl diesen Stuhl angeboten«, sagte Langloff zu dem Professor, erhob sich und verbeugte sich knapp gegen Kortüm: »Langloff.« »Sie sind's . . .«, sagte der aus seiner Arbeit gerissene Maler, »also: Herr Kortüm vom Schottenhaus. Herr Langloff – Kapitän, wenn ich recht verstand?« »A. D.«, sagte Langloff. » Nicht a. D.«, erwiderte Herr Kortüm für seine Person diese Vorstellung, blickte zu seinem Porträt und fügte hinzu: »Meister, ich glaube –« »Ja, Herr Langloff«, bedauerte Holdermann, »ich freue mich über Ihren Besuch, aber Sie sehen: ich muß jetzt arbeiten.« »Jawohl«, sprach Herr Kortüm und griff zu der Papierrolle. »Vielleicht paßt es morgen nachmittag?« fragte Langloff. »Ich wollte mich nur mal eben über meine Theatersache mit Ihnen unterhalten.« »Ach so«, lachte der Maler. Herr Kortüm aber horchte auf, legte die Rolle weg: »Sie sind vom Theater?« »Bewahre« – Langloff schüttelte den Kopf – »ich habe nur eben eine kleine Unannehmlichkeit mit dem Theater.« Kortüm spitzte erwartungsvoll den Mund, der Kapitän fuhr fort: »In einer Probe übrigens nur – –« »Aha«, sprach Herr Kortüm. »– ein Mißverständnis –« »Das kenne ich«, unterbrach ihn Kortüm. 225 Langloff wendete sich mehr an Holdermann: »Sie wissen ja, dieser Herr Wingen –« »Den kenne ich«, sprach Herr Kortüm abermals. »– der hat« – Langloffs Stimme klang jetzt etwas schärfer – »der hat mir das ja wohl nun übelgenommen –« »Bei meinen Theateraufführungen nahm er auch alles übel«, sprach Herr Kortüm. Jetzt sah ihn der Kapitän groß an. »Ach so – Sie sind vom Theater . . .«, sagte er in entschuldigendem Ton. »Bewahre.« Herr Kortüm machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich verstand doch aber eben –« Holdermann ließ sie reden. Er machte nach den beiden in ihr Gespräch vertieften Männern heimlich eine Skizze: Kortüm und Langloff nebeneinander, beide sich mißtrauisch messend – die Zeichnung war vielversprechend, und der Maler hätte sie gerne vollendet. »Kommen Sie morgen wieder, Herr Langloff. Es wird mir eine Freude sein.« Der Pförtner stemmte die Stiefelsohlen gegen den Heizkörper. Eine sanfte Wärme stieg in seinen Hosenbeinen hoch. Es war heute auch so schön still in der Akademie. Nichts hatte er einzuwenden gegen die Welt und ihren Schöpfer. Selten kam und ging einer. Jetzt schallten ferne Schritte auf den Steinplatten der großen Halle. Der Pförtner horchte: »Nanu, is das nich . . .« Er versuchte sich umzudrehen, ohne die Sohlen vom Wärmequell zu lösen. Eine gewichtige Gestalt schritt durch die Halle, näherte sich dem Portal. »Da kommt je heute der Herr Kortüm schon.« Verwundert zog er die Schublade des Tisches auf, bis hart an seinen Bauch. Er kam so schnell nicht hoch. Der Pförtner kramte hastig nach dem Schlüssel. Schon flog die Windfangtür auf. Herr Langloff erschien, schritt eilig am Pförtner vorüber und verließ das Gebäude durch die kleine Wintertür. Offnen Mundes sah der Pförtner der Gestalt nach. Dann zwängte er sich aus der Klemme zwischen Stuhl und Schublade heraus, eilte zur Tür, quetschte die Nase ans Glas und versuchte die Erscheinung wenigstens von hinten zu fassen: »Dunnerwetter – das war er je gar nich. Oder hab ich mich verguckt un war er's doch?« 226   Der gute Ruf Über dem dunklen Chor der Friedhofskapelle glänzten die alten Glasbilder der Fenster im Licht der Wintersonne. Ein buntes Scheibchen war herausgebrochen. Dort drang der Strahl ungefärbt hindurch und traf auf dem Fußboden das steinerne Frauenbild einer Grabplatte. Gerade auf die Ziffern des Geburtstages der Begrabenen fiel das Licht – auf einen längstvergangenen Tag. Das Bild der gemeißelten Frau war abgetreten, ihr verwischter Name in der Dunkelheit nicht zu lesen. Nur auf dem Zeichen ihrer Geburt zitterte ein blauweißes Lichtoval, so daß es grell aus der Dämmerung ausstrahlte. Vor dem Chor draußen bewegte eine Linde ihre kahlen Äste im leichten Wind, und in dem Lichtoval auf der Grabplatte schwankten die Schattenbilder der Zweige hin und her, die fernen Äste blasser, die nahen ein wenig dunkler. Längs durch das Lichtoval strichen die Schattenbilder – jetzt quer darüber. Dicke Knospenköpfchen erschienen. Einmal verschleierten viele Zweige zugleich das Licht, dann strahlte es wieder ganz weiß und bebend auf dem Geburtstag der unbekannten Frau. Versonnen lächelnd nahm Wingen das Notenbuch unter den anderen Arm und sah dem Lichtspiel zu. Lotte zog ihn am Ärmel: »Du hast heute länger als sonst gespielt. Komm jetzt.« Wingen zeigte auf das Lichtoval. Langsam wanderte es, ganz langsam von Häupten zu Füßen. Eben rückte es von dem Geburtsdatum fort, begann den Hochzeitstag der Toten zu bescheinen. Auch Lotte sah nun dem Spiel zu. Jetzt leuchtete der Hochzeitstag voll auf. Wingen drückte Lottes Arm an sich. Sie lehnte sich an ihn. In dem scharfen Lichtpfeil wirbelten die Stäubchen. Wingen folgte dem Strahl mit den Augen, bis an das bunte Fenster hinauf. Dort hatte der alte Glasmaler die Himmelsleiter dargestellt, an deren Fuß ein Mensch kauert und verzweifelt die Knie des Engels umklammert, der eben die Flügel zu spreiten beginnt. »Ich lasse dich nicht, du segenest mich denne«, stand darunter geschrieben in schweren altdeutschen Buchstaben. Die Farben des Engels und des offenen Himmels glühten in tiefem Altersdunkel. Das Bild war wohlerhalten. Nur da, wo die Augen des Engels hätten blicken müssen, war ein Glasstück herausgefallen – und dort brach das klare Tageslicht durch wie eine Wirklichkeit in ihr Gedicht. Nachdenklich glitt Wingens Blick an dem Lichtstrahl wieder abwärts. Das Lichtoval auf dem Grabstein war ein wenig weitergewandelt. Eben begannen die oberen Zifferpunkte des Hochzeitsdatums zu dunkeln. 227 Der Schatten eines schweren Knospenzweiges wischte darüber, wie ein Uhrpendel, hin, her, hin. Jetzt trat ein gemeißeltes Kreuz ins Licht. Lotte zog ihren Mann mit Gewalt fort. Er zeigte im Gehen über die Schulter zurück nach der wandernden Sonnenlampe, die eben den Todestag der Unbekannten ins Licht hob, und lächelte: »Hast du Angst, daß es weitergeht? Der Todestag ist nicht das Letzte.« »Du redest, als wenn du kein Kind zu Hause in der Wiege hättest.« »Sondern das Leben selber!« Die alte Kapelle hallte wider von seinem Wort. Er küßte Lotte. Dann gab er ihr die Hand. Lotte hielt sie fest. »Kommst du denn nicht mit?« »Ich muß ins Theater – Probe.« Lotte verzog den Mund: »Laß die doch machen.« »Das könnte gut werden.« »Du hast doch die Unvollendete spielen wollen.« »Die Probe ist wichtiger.« »So. Nach jeder Aufführung hast du gesagt, was die gespielt haben, hättest du gar nicht geschrieben. Und wir setzen jedesmal zu. Beim letztenmal habe ich die große Wäsche nicht bezahlen können.« »Diesmal wird's.« »Na, was Holdermann von eurer Probe gestern erzählte, klang nicht so, als ob du unbedingt mit dabei sein müßtest. Du hast nichts gesagt. Was war denn eigentlich?« »Ach!« Wingen winkte ab. Lotte hatte eine Abneigung bekommen gegen die verschiedenen Abenteuer, welche reihenweise und unerwartet den wenigen Aufführungen von Stücken ihres Mannes entsprangen. Sie werden Gott sei Dank seltener, dachte sie und meinte die Aufführungen. Jetzt bin ich doppelt bei der Sache, dachte er und betrat das Theater durch den Schauspielereingang. Am Schwarzen Brett hing die Probenübersicht des Tages. »Joel«, der Titel seines Stückes, war heute durchgestrichen. Ist jemand erkrankt? fragte sich Wingen und stieg eilig zu Nothnagels Zimmer hinauf. Der Oberspielleiter empfing ihn mit weicher Liebenswürdigkeit: »Lieber, welche Freude«, er sah ihm dabei ganz nahe in die Augen und erfaßte freundschaftlich seine beiden Ellbogen. Beruhigt setzte sich Wingen. »Ja« – Nothnagel – bot ihm Zigaretten an – »ich hatte enorme Schwierigkeiten.« 228 »Um so besser wird es«, sagte Wingen verbindlich. »Reizend, wie Sie so etwas nehmen. Aber die Jenny Schmidt hätten Sie hören sollen. Und sehen! Sie war schon im Kostüm und geschminkt. Durch die Farbe liefen ihr die dicken Tränen. Und auf den Boden stampfte sie, schrie mich an: ›Sie – Sie – Haha! Und erst Joel! O Gott‹.« »Tränen? Die Schmidt? Und Joel?« Wingen sah Nothnagel groß an. »Ach – das kann man schließlich verstehen. Vom Standpunkt des Schauspielers aus. Wir denken über so was natürlich anders.« »Über so was?!« Der Spielleiter hatte Rock und Weste abgelegt, wie er es bei der Bühnenarbeit gewohnt war. Der Gürtel saß ganz tief. Jetzt verliert er die Hose, dachte Wingen in seiner Ratlosigkeit. Wirklich saß die Hose in üppigen Falten auf den weißen Gamaschen. »Na ja doch, wir waren schon so weit in den Proben . . .« Er sah auf die goldene Armbanduhr. »Donnerwetter, ich muß auf die Bühne.« »Ja – was denn?« fragte Wingen. »Wie meinen Sie?« »Sie sagten doch –« Nothnagel hob die Schultern, vergrub die Hände in den Hosentaschen und schaukelte die Zigarette auf dem äußersten Lippenrand: »Sagen . . . was ist da zu sagen. Die Direktion hat Ihnen ja die Gründe ausführlich schriftlich dargelegt.« »Geschrieben? Mir?« »Haben Sie etwa den Brief noch nicht?« Nothnagel nagte an den Lippen. »Ich verstehe kein Wort.« »Daß wir Ihr Stück zu unserem unendlichen Bedauern leider absetzen mußten?« Wingen wollte aufstehen. Er hatte plötzlich ein schwaches Gefühl im Magen, blieb sitzen, wo er saß, zerdrückte den Zigarettenrest langsam im Aschenbecher: »Sie wollen – Sie wollen den ›Joel‹ – nicht spielen?« fragte er nach einer Weile. »Um Gottes Willen! Nur in dieser Spielzeit nicht! Nein doch! Vielleicht schon in der übernächsten!« Nahe bei Wingen und den Arm um seine Hüfte legend fuhr er fort: »Das heißt – unverbindlich gesagt. Von Mensch zu Mensch. Sie wissen: ich bin hier nur Regisseur.« Nothnagel klopfte Wingen noch einmal freundschaftlich auf die 229 Schulter. Dann trat er zum Spiegel und knüpfte mit seinen winzigen knochenlosen Mädchenhänden sorgfältig die auffallend geschmackvolle seidene Halsbinde fest. Nun hätte Friedrich Wingen ohne jeden Umweg so rasch wie möglich nach Hause laufen sollen. Die »Unvollendete« lag im zweiten Notenständer oben links. Und im übrigen würde ihn Lotte kraft der Gnade Gottes, die ihr verliehen war, sehr bald ins irdische Gleichgewicht zurückgebracht haben. Ihren Besuch konnte sie ja wegschicken. Aber wahrscheinlich wäre dieser Besuch bei Wingens Ankunft von selber nach knapper Verbeugung verschwunden. Der alte Kapitän hatte vorsichtig in der Tür gefragt, ob Wingen da wäre. Auf Lottes »nein« war er erleichtert eingetreten. Der Teufel solle erstens ihn, den Kapitän Langloff holen, verlangte er zunächst mit tief grollender Stimme. Ferner möge der Teufel das Theater holen, und insbesondere müsse sich der Satan jenes Subjektes annehmen, dieses Schreihalses, der nicht zum letzten Kajütjungen auf seinem schlechtesten Schiff getaugt hätte, jenes verdammten – »Aber Herr Langloff.« Und nun vernahm Lotte endlich die erstaunlichen Vorgänge auf der letzten Theaterprobe ordentlich der Reihe nach und im Zusammenhang. Sie erfuhr, daß Langloff sozusagen zum Publikum ernannt worden war und den entsprechenden Gebrauch von dieser Ernennung gemacht hatte – auf Wingens ausdrücklichen Wunsch. Lotte erfuhr weiter, daß der Regisseur diese Unternehmung als eine Herausforderung empfunden habe. Und endlich, daß Wingens Stück plötzlich abgesetzt sei. Aus technischen Gründen . . . Längst hatte Lotte aufgehört, das Kinderhemdchen mit der verzwickten roten Kante zu umhäkeln. Es war eine gute Weile still im Zimmer. Dann sagte sie plötzlich leise: »Kinder und Männer haben ihren Engel.« Sie stand auf, atmete tief und war schön und jung, und ihre klare Schläfenlinie machte ihr Gesicht fest und straff. Langloff sah sie erstaunt an. Die kann ja gar nicht rechnen, dachte er; der Kapitän hatte immer gemeint, nur ihr Mann verstände nichts von Geschäften. Lotte stand am Fenster, sah nicht den Schloßturm drüben über den Dächern, die Wolken hoch über dem Turm nicht – sie lächelte und sagte: »Wirklich, sie haben Schutzengel, zwei zu Häupten, zwei zu Füßen.« Plötzlich wandte sie sich um und gab dem Kapitän die Hand: »Ich danke Ihnen schön.« 230 Langloff zog das Gesicht zusammen, machte Kapitänsaugen. Schämen wollte er sich nicht, und was hier zu sagen sei, wußte er nicht: kein Zweifel, fünfhundert Mark hatte er gerettet – auf Kosten dieser Frau etwa? Und sie merkte es nicht einmal? Langloff hatte manches Geschäft gemacht, ohne die Ursache des Gewinnes zu begreifen . . . aber das hier . . . Fast mitleidig betrachtete er die junge schöne Frau, der in diesem Augenblick doch offensichtlich die baren Honorare aus der Wirtschaftskasse wegschwammen: »Na, ›danke‹ ist denn ja wohl zu viel gesagt bei diesem Anlaß.« Lotte war redselig, wie Langloff sie nie erlebt hatte: »Mein Vater hat Masken gemacht«, erzählte sie ihm, »mein Großvater und dessen Vater, und aus den Sorgen sind sie nicht herausgekommen ihr Lebtag. Nicht Masken, Herr Langloff . . .« Nebenan begann das Kind zu weinen, es war über ihrer lauten Rede wohl aus dem Schlaf gefahren. Lotte zeigte zur Schlafzimmertür: »Er hat doch ein Kind. Ein richtiges Kind.« »Und Sie hat er ja denn auch, junge Frau«, sagte Langloff nachdenklich. Wenn Wingen jetzt eingetreten wäre! Den Kapitän hätte er zur Tür hinausschieben sollen, seine Frau ansehen oder nicht ansehen, vor Freude ein Fenster einschmeißen oder vor Wut ein Lied singen oder Lotte auf den Schoß nehmen, diese Frau aus doch man bloß einfachen Verhältnissen, diese geborene Albrecht aus Besenroda – was er auch getan hätte, nur dieses durfte er nach menschlichem Ermessen nicht tun: ins Kaffeehaus gehen. Aber dieser Mann ging hin, setzte sich auf ein Sofa, stierte dumpf in eine Tasse Kaffee hinein und sah und hörte zunächst nichts. Einmal sank das Sofa ein, wappte wieder hoch. Eine Dame hatte neben ihm Platz genommen. Sie holte einen Spiegel aus der Handtasche und betupfte ihre Wangen. Nun mußte sich ja bald zeigen, ob Lotte recht hatte und Männer gleich den Kindern ihre Schutzengel haben. Noch merkte Wingen nichts. Aber das gesamte Café nahm Kenntnis von der Anwesenheit der Dame. Vor wenig Tagen hätte man noch gesagt: Kitty ist auch da. Heute sprach das Café: Frau Dimitroff ist anwesend. Kitty war zornig. Alte Freunde grüßten sie plötzlich ehrerbietig und gingen weiter. Sind die Leute verrückt geworden? dachte Kitty. Sie hätte ihnen das längst ins Gesicht gesagt, aber die guten Bekannten machten einen raschen Bogen um sie. Kitty sah an sich nieder: sie war so hübsch wie je! Jetzt kam der Caféwirt. Früher hatte er bei Bestellung des Getränkes aus eigenem Antrieb hinzugefügt: Und etwas Gebäck darf ich beilegen? 231 Jetzt kam dieser Wirt, ließ die Arme hängen, drückte verlegen die Daumen an die Zeigefinger, machte eine ernste Verbeugung. »Esel«, sagte Kitty ärgerlich. Wingen blickte auf. Esel? Wen meint sie? Er hatte Kitty manchmal auf der Bühne als Statistin gesehen. »So ein Esel«, wiederholte sie. »Haben Sie ihn gesehen? Wie er mich grüßte! Als ob ich eine barmherzige Schwester wäre.« »Wer?« »Der dort. Der Kaffeesieder.« »Hm.« »Überhaupt, was fällt den Leuten ein? Gestern hat einer Frau Dimitroff zu mir gesagt. So heiße ich doch gar nicht. Kitty Mollenhauer heiß ich. Frau Dimitroff war doch bloß meine Rolle beim Film damals.« »Ja, Frau Di– hm, ich habe es auch so gehört.« »Was!« »Die Leute haben erfahren, daß Sie aus Rußland sind.« »O Gott.« »Und daß Sie eine große Heirat gemacht haben –« Kitty stammelte bloß: »Deshalb . . . darum . . . gehn alle so um mich rum . . .« Wingen zuckte die Achseln: »Je –« »Woher wissen Sie denn das?!« »Der Weinwirt Fuß hat es von einem gewissen Herrn Kortüm.« »Von wem? Den kenne ich ja gar nicht! Das ist ja alles gelogen!« Wingen zuckte die Achseln: »Je –« Kitty kamen beinah die Tränen. Sie rückte ihrem Gewährsmann näher. Die Gäste nahmen davon Kenntnis und sprachen: »Es ist was dran. Sie ist jemand. Wingen, ein glücklich verheirateter Mann, würde nicht in öffentlichen Lokalen mit ihr Kaffee trinken, wenn sie nicht jemand wäre.« »Aber«, begannen die besser Unterrichteten, »die Sache mit dem Bassisten damals . . .« »Ach was – Klatsch.« In Kitty dämmerte jetzt allmählich eine außerordentliche Erfahrung: daß nämlich die Verlassenheit eines Menschen manchmal von seinem guten Ruf herrührt. Der guten Kitty plötzliche Einsamkeit kam jedenfalls von ihrem plötzlich guten Leumund. »Kortüm also«, sprach sie zornig, »ein Herr Kortüm – wo wohnt denn der Mann?« 232 Wingen zuckte die Achseln: »Nicht in der Stadt. Er ist nur zeitweise hier. Gesehen habe ich ihn auch nicht. Wir verstehen uns nicht recht. Ich weiß bloß, daß er sich von Holdermann malen läßt.« Mit einem Schwung fuhr Kitty herum und sah Wingen aus blitzenden Augen an: »Ist das etwa der Herr mit der Papierrolle in der Hand?!« »Papierrolle?« »– und dem schwarzen Rock?!« »Schwarzer Rock paßt eher. Ja, und so steht er da, und beim Sprechen legt er immer den Kopf zurück, sieht einen von oben an, kratzt sich dabei am Kinn –« »Das ist er!« Kitty sprang auf: »Mit dem Mann werde ich reden!« Elastisch eilte sie durch das Kaffeehaus. Die Stühle rückten, man machte ihr ehrerbietig Platz. In schwerem Tabakgewölk wälzten sich heute die halblaut geführten seltsamen Gespräche lange hin und her. Jeder Gast hielt eine Zeitung in der Hand. Man las jedoch sehr wenig. Die geistig durchgearbeiteten Köpfe redeten bloß. Ein Fremder hätte glauben können, die Herren benutzten die Zeitung nur wie Bäuerinnen die Salatkörbe, wenn sie gar nicht pflücken, sondern bloß erzählen gehen wollen: mit Hilfe eines unbenutzten Arbeitsgerätes in der Hand gedeiht eine Rede genüßlicher. Wingen bezahlte zwei Tassen Kaffee. Kitty hatte die ihre im Zorn vergessen. Aber Lottes Glaube an die Schutzengel der Männer hatte sich als wohlbegründet erwiesen, so besonders verwickelt die Sache im Kaffeehaus heute auch gelegen hatte und so ganz andere Vorstellungen von Schutzengeln im Schwange sind. Freilich erfuhr Lotte niemals den Vornamen des Engels, der in jener finsteren Wendestunde das Gemüt ihres Gatten rücksichtslos liebenswürdig abgelenkt hatte von der eigenen Not.   Stichling Heute malte Holdermann nicht. Er ging armeschlenkernd, frei und unbeschwert in seiner Werkstatt herum und blies starken Zigarrenrauch aus seinem Munde. Das Werk war vollendet. Herr Kortüm war nun zweimal in der Welt: leiblich – für die Zeitlichkeit, bildlich – für die Ewigkeit. Und das Porträt würde sicher nicht nur seinen eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich Hausgenossen einschüchtern, Neugierige 233 scheuchen – nein, das Werk war auch wertvolle Malerei geworden. Herr Kortüm, Arm in Arm mit Holdermann, setzte seinen Fuß auf die Schwelle der Kunstgeschichte. Holdermann war hochbefriedigt. Nur noch die vereinigten drei Wappen der Heydelofs, Torstensons und Kortüms waren in die obere rechte Ecke zu malen. Herr Kortüm wollte ihm die Vorlagen bringen. Leider kam es vorläufig nicht zu dieser Bereicherung des Bildwerkes. Herr Kortüm öffnete heute die Ateliertür nicht mit jenem vornehmen Schwung, der ihm eigen war, sondern er riß sie auf. Er hing nicht seinen Mantel ins Vorzimmer, stellte nicht den Stock mit dem Elfenbeingriff in den Ständer. Nicht einmal den Hut nahm er ab. Er zerteilte den schweren Vorhang wie ein nichtiges Gewölk und rief ins Atelier: »Meister, wir sind verloren!« Holdermann hörte auf zu rauchen und sah erschrocken von dem ewigen Kortüm der Leinewand auf den zeitlichen Kortüm. Der Professor hatte lange genug gelebt, um zu wissen, daß einem Unfälle immer auf den Höhepunkten des Daseins zustoßen. Was war geschehen? »Sie will mich verklagen!« »Wer?!« »Diese – jene – Sie nannten sie Kitty, Meister!« Holdermann stand starr, dachte angestrengt nach, ob er eben recht gehört hätte, machte runde Augen, schritt auf den Zehen zu Kortüm hin, sah ihn ungläubig an: »Um Gottes willen – Sie?! « »Mich!« »Ja aber« – Holdermann flüsterte nur – »was haben Sie denn – wie konnten Sie nur – – nein! « rief er plötzlich laut. »Wenn ich's Ihnen sage!« »Nie hätte ich das für möglich gehalten.« Der Professor untersuchte forschend die gemalten Gesichtszüge des ewigen Kortüm. »Nie –«, wiederholte er leise. Dann wandte er sich halb um und sagte mit einer gewissen Zurückhaltung: »Hören Sie, dann nehmen Sie sich aber einen sehr gewitzten Rechtsanwalt.« »Ich habe ja eben einen Juristen gesprochen, einen Freund: ein solcher Fall sei weder im Bürgerlichen noch sonst in einem Gesetzbuch vorgesehen, weder in unserem noch sonst in einem Lande, nicht in diesem und nicht in einem vergangenen Jahrhundert –« »Aber mein Gott – die gute Kitty . . .« Herr Kortüm sank in den geschnitzten Sessel, nahm den Hut ab und 234 sagte: »Nein. Nicht gut. Der Auftritt war furchtbar. Mitten in der großen Halle unten. Und es sammelte sich ein Volk um uns . . . lauter Menschen in beklexten Kitteln. Ein lärmender Chor, der immer ›ja!‹ schrie und ›Los, Kitty!‹ rief – Oh, Meister, ich begriff erst gar nichts –« »Na, wissen Sie –«, warf Holdermann ärgerlich ein. »Schließlich kam es heraus. Ich hätte gelogen, behauptete sie. Ich hätte sie heimtückisch in einen falschen Ruf gebracht, in einen sogenannten guten Ruf –« Holdermann legte die Zigarre hin: »Ach so«, sagte er vor sich hin, »na, und?« »Und?!« Herr Kortüm schlug mit der Elfenbeinkrücke seines Stockes auf das Farbentischchen. »Und? Nun soll ich dieser Dame ihren alten Ruf wieder beibringen! Er wäre ihr Eigentum! rief sie. Sauer genug verdient! schrie sie. Sonst will sie mich verklagen! Auf Schadenersatz! Sie könne nicht mehr existieren! Ich soll das tun! Meister – ich!! In meinen Jahren!!« Holdermann legte andächtig die Hände auf die Brust, blickte zur Decke: »Das wurde nie erlebt.« »Nein«, sprach Herr Kortüm dumpf. »Und dabei baue ich. Brauche jeden Groschen. Was mag das kosten, bis man hier, in einer Stadt, einen schlechten Ruf bekommt?« »Allmächtiger . . .«, sagte Holdermann leise. »Und wie lange dauert das? Ich habe keine Zeit! Ich baue!!« »Herr Kortüm, ich bin sonst immer für Vergleiche in Rechtssachen, aber den Prozeß, den sollte man durchführen. Eine solche Verhandlung sollte man der Welt nicht vorenthalten. Dieses Urteil und diese Urteilsbegründung samt dem letzten Wort des Angeklagten – das sollte man dem Gerichtshof nicht ersparen.« »Auf meine Kosten!« »Vielleicht bekommen Sie recht.« »Recht! Vielleicht! Ich weiß, wie es damit steht! Schon einmal habe ich einen Unfall gehabt . . . einen ungewöhnlichen Unfall . . . wie's so geht – es kann einem allerlei zustoßen. Ich habe da – – aus Versehen, wissen Sie? – ja, ich habe seinerzeit einen Sarkophag beschädigt –« » Was haben Sie beschädigt??« »Einen Sarkophag. Aber nur von einem Verwandten, Meister. Ja. Jedenfalls nahm ich mir damals einfach einen Fachmann. Der hat ihn wiederhergestellt. Aber –« 235 »Aber Kitty ist kein Sarkophag«, sagte Holdermann und wiegte lächelnd den Kopf. »Bei Gott! Wer stellt einen schlechten Ruf wieder her! Schon ein guter Ruf ist mühsam ausgebessert. Aber ein schlechter, Meister! Wer hat da hinlängliche Erfahrung!« Der Maler war still. Nach einer Weile sah er lächelnd auf und sagte: »Ich.« »Wie?« »Ich bin Maler. Ich habe viele Menschen gemalt in meinem Leben. Und wenn das Bild gut war, kam der Mann, kam die Frau, nahm einen Spiegel, blickte hinein, verglich und sagte: das bin ich nicht. Wies auf das Spiegelbild: so bin ich – und wollte mir das Honorar verweigern. Ich habe das Porträtmalen erst nach langer Mühe gelernt. Gutes Bild, guter Ruf, schlechtes Bild, schlechter Ruf – solche Sachen taxieren die Leute nach dem Marktwert.« »Und was muß ich dabei tun?« »Abreisen, Herr Kortüm. Überlassen Sie mir das gute Kind. Sie haben es ganz falsch angefaßt.« Herr Kortüm reichte dem Professor beide Hände: »Meister! Sie wollen mir helfen?« »Was tut man nicht für zwei solche Objekte.« Plötzlich legte Herr Kortüm die Hand auf den Mund: »Ich kann ja gar nicht fort.« »Nanu.« »Ich muß aufs Amt – Bausachen.« Holdermann lachte: »Dort sind Sie für uns über alle Berge.« Herr Kortüm verließ eilig die Akademie. Die Luft war klar und erfrischend. Er sog sie befriedigt in tiefen Zügen ein und ging beschwingten Schrittes dahin. Nur die Hauptstraße, in der sich zu dieser sonnigen Mittagsstunde die jugendliche Welt auf und ab bewegte, mied er sorgfältig. Wer weiß, was ihm da zustoßen konnte. Ämter liebte er wahrlich nicht. Als er jetzt die langen grauen Flure des festungsartigen Gebäudes betrat, klopfte er lächelnd an die dicken Mauern. Beruhigt sah er zuverlässige Amtsdiener reich beladene Aktenwäglein auf Gummirädern wie Kinderwagen liebevoll vor sich herschieben. Hier war er geborgen vor den unheimlichen Äußerungen der rohen Wirklichkeit; er verzog den Mund, als ihm unversehens der bittere Gedanke an Kitty kam, und betrachtete doppelt zutraulich die Diener, die Wäglein 236 und die sauber gehefteten Papierbündel. Herr Kortüm kannte Akten noch nicht. Frauen haben ein Herz im Leibe, Mädchen erst recht, Kitty ganz sicher. Aber in Aktenbündeln atmet es nicht nach der Menschen Weise, denn sie haben nie unrecht, bedürfen darum der Herzen nicht und können gähnend die Rachen aufreißen wie Sarkophage; ohne eigene Eingeweide liegen sie und lauern, denn die sie schufen, müssen sie eines Tages auch füllen mit sich. Herr Kortüm ahnte nichts vom Wesen dieser blauen Bündel, gab ohne Bedenken seine Karte im Anmeldezimmer ab und nahm die kurze Aufforderung entgegen: »Warten, bis Sie aufgerufen werden.« Gegenüber dem Fahrstuhl, einem unablässig laufenden Paternosteraufzug, stand eine Holzbank. Herr Kortüm setzte sich. Wenn er an seine alte braune Ledermappe mit den Entwürfen und Plänen dachte und sie verglich mit diesen Mappen hier, mit diesen Wagen voll Mappen, dann begriff er leicht, daß der Mensch zu warten hat, bis er dran kommt. Geduldig lehnte er sich zurück und benutzte die Zeit, um sich seinen Fall noch einmal ins Gedächtnis zu rufen und zu einem klar aufgebauten Vortrag zu ordnen. So war es: vor einigen Monaten hatte ihn hier im Amt ein Herr Stichling empfangen. Immer vergaß Herr Kortüm den Titel dieses Mannes, und schließlich benannte er ihn für sich selbst einfach mit der Bezeichnung, die solche Leute in seiner Jugend trugen: »Amtsschösser« nannte ihn Herr Kortüm. Jene Plauderstunde mit dem Amtsschösser Stichling gehörte zu Kortüms angenehmen Erinnerungen. Seine Kämpfe um den Erweiterungsbau des Schottenhauses waren schwer. Überall fand er Widerstände. Nur Herr Stichling nötigte ihn auf das Sofa in seiner Amtsstube, behandelte ihn ausgesucht höflich, und hilfsbereit erspähte der gewitzte Amtsschösser im Gewirr der Vorschriften eine Fülle von Möglichkeiten des schon fast aufgegebenen Erfolges. Dabei scherzte Stichling so überlegen witzig über Paragraphenkram und Aktentum, daß Herrn Kortüm das Herz aufging. »Sie sitzen an der falschen Stelle, mein lieber Amtsschösser«, rief er bewundernd. Herr Stichling wehrte ab: »Man hilft an seiner bescheidenen Stelle, wie man kann. Ich bin nur ein kleiner Mann. Aber Sie mit Ihrer Weltkenntnis, Herr Kortüm!« Die beiden Herren verstanden sich, wie wenigstens Herr Kortüm meinte, von Grund aus: »Also wir machen es wie besprochen – ich stelle eine genaue Abrechnung auf, sammle die Unterlagen, Belege, 237 Quittungen, Rechnungen und sonstigen Papiere und warte bis zum geeigneten Zeitpunkt –« »Dann schreiben wir Ihnen«, unterbrach Stichling, da die Frühstücksstunde herangerückt war. »Gut – Sie schreiben, ich schicke.« Herr Kortüm war gegangen und hatte zu Hause mit großer Sorgfalt eine Fülle von Papieren zusammengetragen, nach Sachen geordnet, numeriert, kreuzweise mit einem roten Band umwunden und als ein appetitliches Ordnungsmuster mit Genuß betrachtet. Der Amtsschösser konnte schreiben, die Akten lagen bereit. Eines Morgens aber kam ein Brief, in dem unter anderem stand: »Die von Ihnen seinerzeit in Aussicht gestellten Unterlagen in Bausache Schottenhaus sind bis heute hier nicht eingetroffen. Wir verzichten nunmehr auf Ihre Mithilfe und werden« – jetzt kam eine Reihe Bedrohungen und zuletzt ein unleserlicher Name als Unterschrift. Der Brief war ungeheuer grob. Selbst in der Zeit seiner Museumsöffnung waren keine solchen Schriftstücke bei Herrn Kortüm eingelaufen. Er war empört: »Das werde ich meinem Freunde Stichling sagen!« Er suchte vergebens die Unterschrift zu entziffern. »Dem Mann werden wir es einbrocken!« Wie nun diese Erinnerung in Herrn Kortüm aufstieg, geriet er von neuem in großen Zorn. Es hätte schlecht um ihn gestanden, wenn er in dieser Aufregung an den Amtstisch getreten wäre. Aber in weiser Lebenserkenntnis sind ja überall zwischen die Menschen und ihre Helfer die Warteräume eingeschaltet. Zahnärzte legen hier bekanntlich Witzblätter aus, Großbanken dagegen Familienblätter mit einer Fülle von Ratschlägen zu verbilligter Lebensführung – dieses Amt nun hatte den Flur vor dem Paternosteraufzug erweitert, mit Sitzbänken ausgestattet und kurzweg als Warteraum bezeichnet: der Anblick des nie ruhenden Auf und Hinab dieser mit lebendigen Menschen geladenen Maschine muß schließlich auch die verfinsterten Gemüter besänftigen. Da schwebt langsam ein dicker Mann in die Höhe, das Kästchen daneben versenkt einen Jüngling, der Groschen aus der Rechten in die Linke zählt. Sein Scheitel blinkt eben noch über der Bodenfläche, seinen Fluch verschlingt schon der Mauerschacht. Ein lachendes junges Mädchen steigt auf. Unter ihr hebt sich eine stattliche Dame in Pelz und Federbusch majestätisch empor. Sie beschimpft ihren Mann nebenan im falschen Kasten – die Maschine trennt das Paar, sie fährt auf, er fährt ab. Aber das Mädchen – Herrn Kortüms Auge hängt noch an ihren 238 Fußknöcheln – weg sind die kleinen Schuhe mit den hohen roten Absätzen. Auch den schimpfenden Federbusch hat die Wand in sich aufgenommen. Ängstlich klammert sich ein Mütterchen an den Griff ihres Kastens und fährt in die Tiefe. Ihr nach schwebt einer, dem das nackte Glück der Lotterie begegnet sein muß: er singt – singt ein Lied in den Mauerschlund hinein. Mißbilligend gleitet in der begegnenden Waagschale ein ernster Aktuar durch den Raum. Und jetzt – die Drahtseile reißen nicht – zwei Menschen in einem Kasten, sie lehnt an ihm, der Raum ist eng. Aber sieh nun! denkt Herr Kortüm: der kümmerliche Invalide dort auf seinen beiden Krücken, der steigt so rasch und sicher wie die Gesunden in die Höhe – bei Gott, es geht gerecht in diesem Hause zu. Arme, Reiche, Junge, Alte, Dicke, Dünne: es sinkt, es steigt, leise rauschend arbeitet die Maschine, ohne Pause, nicht schneller, nicht langsamer. Wer einen forschenden Geist hat, kann bis in den Keller fahren, wieder aufwärts durch den Schnitt im Ameisenhaufen, über den Boden, dann abwärts – immerfort, aber einer genau wie der andre, ohne Unterschied, ein Kästchen gleicht dem andern, und alle Kästen sehen aus wie offne Särge, die im Mauerwerk des Amtes auf und nieder schweben. »Bausache Schottenhaus!« schallte die Stimme des Dieners durch den Warteraum. »Schon?« fragte Herr Kortüm fast mit Bedauern. Man führte ihn in das Gemach Nummer Hundertzehn. Herr Kortüm warf einen Blick hinein: »Dahin will ich nicht!« rief er, »zu Herrn Amtsschösser Stichling will ich.« »Bitte«, hatte der Diener nur gesagt. Schon klappte die Tür hinter Herrn Kortüm. Rasch mußte er einen Schritt in Raum Hundertzehn hinein tun, um nicht geklemmt zu werden. Am Schreibtisch saß ein Mann und rechnete halblaut: »Sechzehn, siebzehn, neunzehn –« »Kortüm«, sprach Herr Kortüm. »– zwanzig, einundzwan –« »Ich möchte mich beschweren«, sagte Herr Kortüm höflich. Die Rechenfeder stand plötzlich still, der Mann zwinkerte eine Weile mit den Augen. Er dachte offenbar über Kortüms höfliches Ansinnen nach. Dann blickte er ihm ins Auge: »Wie bitte?« Herr Kortüm legte seinen Stock auf die Schranke, zog die Handschuhe aus, holte Atem und begann seinen Fall eingehend darzulegen. Der Mann am Tisch wurde während der Rede zusehends ruhiger. 239 Jetzt tauchte er langsam seine Feder ein, drückte auf einen Klingelknopf, begann zu rechnen: »Einundzwanzig, dreiundzwanzig – bitte«, sagte er zu dem eintretenden Diener, »bringen Sie den Herrn nach Nummer Hundertvier.« »Ich möchte aber zu meinem Freund Stichling –« »Vierundzwanzig, fünfundzwanzig« – Herr Kortüm stand auf dem Flur. Er stand im Raum Hundertvier. Herr Kortüm legte in Hundertvier seinen Fall abermals dar. Auch in Hundertvier war der Mann rasch beruhigt. Herr Kortüm mußte noch in verschiedene andere Nummern eintreten und seinen Fall vortragen. Zuletzt klang seine Stimme etwas heiser, da er dauerndes Reden nicht gewohnt war. Aber er wurde nicht müde, die Sache war wichtig und das Recht auf seiner Seite. In vielen Räumen schon war sein Fall zu Gehör gebracht – nur zu seinem Freund, dem Amtsschösser Stichling, führte ihn niemand. Dafür war aber der Schreiber aus Hundertzehn eilends zu Stichling gegangen: »Haben Sie hier was verbockt?« Die beiden Männer blätterten in dem Aktenstück »Anbau Schottenhaus«. »Ach so«, sagte Stichling nach einer Weile und rieb seine Nase. »Ich hatte ihm gesagt, wir würden die Papiere abrufen. Hm. Na, gefährlich ist der Mann nicht. Was der hier alles gesagt hat – ich will nichts sagen. Im Notfall lasse ich vom Oberamt noch einen Brief an ihn schreiben, in dem nichts zu stehen braucht, der nur sachlich unanfechtbar ist. Wir haben dann einen einwandfreien letzten Vorgang. An den schließen wir neu an, dann kommen wir schon weiter.« Während sie noch überlegten, war Herr Kortüm erschöpft von seinem sechsten Vortrag des Falles aus Dreihundertacht auf den Flur getreten und sprach hier unverhohlen die Absicht aus, nunmehr zu einem der Oberherren im ersten Stockwerk hinabzusteigen und dort seine gerechte Sache vorzutragen. Er sprach sehr laut auf dem Flur. Seine Stimme schallte bis in die Kästchen des Paternosteraufzuges, in dieses sinnreiche Gleichnis der Gerechtigkeit, das Herrn Kortüm so beruhigt hatte. Da ging auf der anderen Seite des Flures eine Türe auf. Herr Stichling stand auf der Schwelle, verwundert und erfreut, Herrn Kortüm so plötzlich vor sich zu sehen. Selbstverständlich bat er ihn herein zu sich, nötigte ihn aufs Sofa. Hier in den weichen Kissen jedoch kam Herr Kortüm ganz unerwartet und tief ins Unrecht zu sitzen. Er war schon an sich schwer von Gewicht, und sein gewichtiges Recht, das er mit sich herum trug, drückte ihn an dieser Stelle noch tiefer ins Unrecht hinein. Die alten Sprungfedern des Amtssofas unter ihm 240 mußten ihr Letztes hergeben, knackten und schwangen mit bedrohlichem Singeton hin und her. In der Vorschrift –Stichling blätterte gewandt in einem dicken Buch – stand unter einem Absatz sieben, daß nach Ablauf einer gewissen Frist, welche in einem anderen Teile des Buches in einer Fußnote näher und sehr unangenehm für Herrn Kortüm erläutert war, daß also nach Ablauf dieser Frist Antragsteller das Recht auf Abruf verwirkt, selbständig die Vorlage des Obigen vorzunehmen, sowie ferner in diesem Fall laut der Bestimmung zweitausendundsechs durch Beilage der in Absatz neun sub achtzig, Gesetzessammlung des Landrechts von achtzehnhundertachtundvierzig, zu erweitern und sinngemäß zu begründen habe. Herr Kortüm war sehr erschrocken. Aber sein Freund Stichling, hilfsbereit wie immer, sprang ihm bei – im letzten Augenblick – und bewahrte den Antragsteller, der sich, man möchte fast sagen: in nahezu leichtfertiger Weise überhaupt nicht um den einschlägigen Vorschriftenkomplex gekümmert hatte – diesen Antragsteller Kortüm bewahrte er vor unausdenkbaren Verzögerungen. Die Sache kam in Ordnung. »Wenn ich Sie nicht hätte!« rief Herr Kortüm beim Abschied. Stichling stand am Fenster und blickte durch die üppig grünenden Blattgewächse zwischen den doppelten Gläsern auf die Straße. Dort ging er hin, dieser Herr Kortüm. Sein offener Mantel wehte. Den Stock schwenkte er in der Rechten. Jetzt machte er plötzlich eine scharfe Wendung, erfaßte ein Eisengeländer und stieg die ausgetretenen Sandsteinstufen einer Treppe hinab, über der das Wort »Frühstücksstube« geschrieben stand. Er verschwand in dem Mauerschlund wie in einem Paternosteraufzug der Gerechtigkeit, nur etwas langsamer. Und es dauerte auch länger, bis er wieder hochkam. So lange konnte Stichling jedenfalls nicht durch die Blattgewächse blicken. Er sah seufzend nach der Uhr: immer noch drei Stunden heute und sechsundzwanzig Fälle. Unter denen waren drei, gegen die der Fall Kortüm ein Spaß war. Dieser Herr Kortüm kostete jetzt vielleicht den ersten Bissen und sagte »ahh«. Die reichen Leute, dachte Stichling. Aber neidisch war er nicht. Seine Wohnung in der Vorstadt, Mittwochs der Kegelabend, das war ihm so lieb wie jenen Wohlhabenden die Frühstücksstuben. Wenn es übrigens nicht anders gekommen wäre, damals als das Unglück über seine Familie hereinbrach, ginge er jetzt vielleicht auch frübstücken . . . wozu? . . . um zehn Jahre früher am Schlaganfall umzukommen? – nein, neidisch war er nicht. Nur eine passende Frau müßte er noch 241 finden, eine sparsame Frau, die kochen kann. Stichling wiegte den Kopf. Er durfte sich unwidersprechbar einen rechtlichen Mann nennen. Er tat nichts, was im Gegensatz stand zu dem dicken Buche, aus dem er Herrn Kortüm vorgelesen hatte. Dazu war er, wie jedermann wußte, höflich und hilfsbereit . . . mochten sie bauen, mochten sie frühstücken: »Aber« – und das sprach Stichling laut in die Blattgewächse hinein – »aber ihnen zeigen, daß man auch wer ist . . .« Stichling nahm die kleine Gießkanne, gab der Petunie ein paar Tropfen Wasser; seine dünnen Lippen lächelten: »Und dabei merken sie nicht, wer sie so höflich, wer sie so beweglich und wer sie am Ende auch noch so dankbar macht.« Er schlug ein neues Aktenstück auf, setzte sich steif in seinen Stuhl, hielt den Kopf schief und las aus einer gewissen Entfernung, was auf dem schlechten Holzpapier da für Sorgen bebten und wieviel Hoffnung, wieviel Lebensangst.   Der erste Gast Für das Schottenhaus brachte die Abwesenheit des Bauherrn manche Schwierigkeiten und Aufregungen mit sich. Monich vertrat seinen Freund nach Kräften, und der Maurermeister Lorenz war ein verständiger Mann. Aber auch ein Maurer sieht nur, was vor Augen ist, und kann nicht in Rechnung stellen, was sich vielleicht hinter den Dingen befindet. Dort steckt aber meistens gar nicht wenig. Position eins lautete im Kostenanschlag: für Ausschachten des Baugrundes, Fällen der Bäume und Abfahren der Erde dreihundertachtzig Mark. Lorenz verstand bei dieser Veranschlagung unter dem Begriff Baugrund einen angenehmen weichen Waldboden mit vereinzelten Buchenstrünken. Still lag dieser farnkrautbewachsene Waldboden vor des Meisters scharf kalkulierendem Blick, ließ sich von der milden Morgensonne bescheinen und wartete. Lorenz und seine braven Gehilfen ergriffen zuversichtlich ihre Spaten und begannen diesen Boden auszuheben. Einen Tag lang arbeiteten die Männer, gelassen vor sich hinpfeifend. Am zweiten Tage schachteten sie langsamer aus, mehr ruckweise – und am dritten stellten sie die Spaten mit einem Fluch beiseite. Sie waren erst auf Schutt und dann auf uraltes Gemäuer gestoßen. Ein Meister ist gewohnt, mit unvorhergesehenen Störungen zu rechnen. Über Schutt und gewöhnliche Mauern hätte Lorenz nur geschimpft. 242 Aber dieses Gemäuer war sehr alt und mit jenem unbekannten Mörtel gebaut, an dem schon mancher ehrliche Maurer unserer Tage verzweifelt ist: fester als Granit stehen die verbindenden Fugen, ein furchtbares Gitterwerk, an dem sich sogar unsere stählernen Meißel umlegen. Lorenz arbeitete, daß die Funken unter dem Eisen sprühten. Vor Zeiten hatten hier Gebäude gestanden. Nicht nur aus alten Urkunden war das bekannt: Herr Kortüm hätte nicht so reiche Funde zusammenbringen und in seinem Museum ausstellen können, wenn nicht an diesem Ort nahe der Quelle und der Straße Menschen gehaust hätten. In Kriegsläuften waren die Häuser verbrannt, dann zerfallen, vergessen und versunken. Lorenz fand unter dem alten Gewölbegrund durchaus keinen Waldboden, sondern Bauschutt – wuchtige Brocken darunter, die herausgeschafft sein wollten. Der Meister stocherte mit der Spitzhacke in diesem Jammer herum . . . Steine, verkohlte Balkenreste. Da lag auch ein alter Kessel. Grimmig hieb Lorenz mit der Hacke an den runden Kesselbauch. Das Ding mußte aus Messing sein. Die Hacke hatte eine gelbe Schramme gehauen. Wie in früherer Zeit Töpfe oder Mörser und andere Geräte in Menschengestalt geformt wurden, so hatte man diesem Ding ein Äußeres gegeben, das nicht schmeichelhaft war für die Krone der Schöpfung: kugelrund der Bauch – ein Waschkessel konnte das nicht sein, denn der Bauch war allseitig geschlossen – und oben drauf ein kugelrunder Kopf. Ein verschollenes chemisches Gefäß, irgendein Apothekergerät vielleicht, war da zwischen den Trümmern liegen geblieben. Lorenz besah den Doppelkessel näher: »Nee, anfangen kann man nischt damit.« Das gespitzte Maul der Kesselfigur stand offen, hinten am Bauch war ein Henkel, im Kopf oben ein Loch. Lorenz besann sich: »Solche Dinger gibt's. In Sondershausen, im Schloß oben, steht auch so'n Unflat.« Die Bewohner des Schottenhauses fühlten sich erleichtert, als endlich Kortüms Mitteilung eintraf, er sei zu Rande mit seiner Arbeit in der Stadt. Monich empfing seinen Freund am Bahnsteig in Besenroda. »Kortüm, hähä, dein erster Gast is angekommen.« »Ich habe in diesem Sommer Gott sei Dank viele Gäste gehabt«, antwortete Herr Kortüm selbstbewußt und wies auf die silberne Windfahne, die eben im Licht über den Tannen aufstrahlte. »Ich meine, Kortüm, dein erster Gast im Flügelhaus.« 243 »Unsinn. Das hat ja noch kein Dach.« »Un angekommen is'r trotzdem. Das heißt, wenn man sich den Kerl genau beguckt, is'r eigentlich bloß 'n Bauch.« Herr Kortüm schritt rascher aus: »Mir ist jetzt nicht nach dummen Späßen zumute.« Aber Monich hielt Schritt: »Dumm? Kortüm – bei Gästen is der Bauch doch die Hauptsache.« »Ich verstehe dich nicht, Monich.« »Wenn du mich nich ausreden läßt, is das auch nich verwunderlich. Also paß auf –« Nun erzählte Monich im Zusammenhang: Lorenz habe da ein Ding gefunden, so groß wie ein Waschkessel, aber unausstehlich häßlich. Es müßte sehr alt sein, vermutete Monich, denn jetzt gäbe es solche Menschen gar nicht mehr. In der Hauptsache wäre das Scheusal ein dicker runder Bauch, wie solche – Monich strich dabei über den seinen – in Wirklichkeit nicht vorkämen. Oben auf dem Bauch säße ein runder Kopf, ein kugelrunder: »Der Kerl bläst nämlich die Backen auf. Als ob'r 'n Licht auspusten wollte, weißte? Desderhalb haben wir'n auch Püsterich genannt.« Monich kam beim Reden außer Atem. Herr Kortüm schritt immer schärfer aus. Schon die Schilderung des Fundes war ihm ein Greuel und verletzte seinen Schönheitssinn, der doch eben erst in der Akademie der Hauptstadt neu geschärft worden war. Dabei beschrieb Monich den Fund immer abscheulicher: unten an dem Messingbauch wären zwei Füße. Im Kopf oben sei ein großes Loch, der gespitzte Mund stehe offen, und hinten im Kreuz hätte das Ding eine Art Henkel. Zum Aufhängen . . . »Schweige, Monich!« »Du wirst je sehn.« Herr Kortüm war entrüstet: »So etwas hat in meinem Grund und Boden gelegen?!« »Dafür kannste nich, Kortüm«, beruhigte ihn Monich. »Für das, was unter unsrer Existenz is, un was wir nich mit Augen sehn, sin wir nich verantwortlich, und dafür zahlen wir je auch keine Steuern.« Trotzdem erklärte Kortüm, diesen gefundenen Kessel überhaupt nicht ansehen zu wollen: »Schon der Name, Monich: Püsterich!« »Na ja, Kortüm – den Namen haben wir ihm je nu gegeben. Dadran is nu wieder der Püsterich nich schuld.« Vorm Jahre noch hätte Kortüm diesen Püsterich trotz seiner 244 Scheusäligkeit in das Museum gestellt und ihm Nummer und Titel im Katalog gegeben. Als er aber nun an der Baugrube stand, blickte er nur kurz und mit Abscheu auf den Fund. Herr Kortüm baute jetzt. Er schuf hier oben wirkliches Leben. Mochten die zerbrochenen Gegenstände in seinem Museum oben darüber verstauben. Er befahl, den Fund wieder eingraben zu lassen. Nur mit großer Mühe konnte ihm Monich klar machen, daß dann die Rederei erst recht angehen würde. Vielleicht fingen die Leute an, heimlich nach dem Püsterich zu graben und die neuen Baulichkeiten zu gefährden. So blieb denn der Unhold über der Erde, aber er führte kein rühmliches Leben. Herr Kortüm ließ den Fund in den Hof stellen. Die Maurer hoben den Püsterich aus der Baugrube, trugen ihn zum Hause, setzten ihn unter heidnischen und unanständigen Reden auf den Hackeklotz neben die Küchentür und gingen ihrer Wege. Wer nach vielhundertjähriger Abwesenheit zurückkehrt in die menschliche Gesellschaft, der er doch sein Dasein verdankt, muß schon von Messing sein, um sich über eine solche Gesellschaft nicht eigene Gedanken zu machen. Gerade noch den Hinterhof stellt die Gegenwart für einen so bejahrten Gast zur Verfügung, wenn sie mit sogenannten Neubauten beschäftigt ist. Aber auch im Hinblick auf das gegenwärtige Leben waren Hof und Hackeklotz keine glückliche Lösung. Wenn Herr Kortüm selbst und seine Gäste die Küchentür zum Hof hinaus nur selten benutzten, so war Liese um so öfter gezwungen, in dieser Gegend hin und wider zu gehen. Nun hockte der kleine Satan neben der Tür, als ob er auf Liese laure. Am Tage ärgerte sie sich bloß. Bei Dunkelheit bekam sie Angst. In den dunstigen sternenlosen Frühlingsnächten war es noch erträglich gewesen. Sie hatte nichts von ihm gesehen. An diesem Abend aber blies ein tief sausender Südwind den warmen Wolkendampf vor den Sternen auseinander. Grell silberweiße Ränder säumten die hinjagenden Wolkenfetzen, und zuweilen schoß das volle Mondlicht hindurch, ein scharfes Strahlenbündel blitzte in der Nacht auf, irrte hier- und dahin und verschwand. Der Wind orgelte wütend und drückte gegen die aufgehende Tür. Liese mußte den Fuß gegen das Holz stemmen, um sich erst ihr Kopftuch festbinden zu können. Sie wollte, wie jeden Abend, den Krug Wasser für Herrn Kortüm von der Quelle holen. Mächtig rauschten die Tannen auf. Drüben am Waldrand glitten die Nachtschwalben durch die Luft – häit, häit, schrien sie. Liese lief, so schnell sie konnte, an die Quelle. Es war unheimlich in dieser warmfeuchten Frühlingsnacht. Viel zu langsam sickerte das Wasser aus 245 dem Holzrohr. Endlich war der Glaskrug voll gelaufen. Vorsichtig trug sie ihn in beiden Händen, schon stand sie vor der Tür – da fauchte der Föhn auf, zischend, hauserschütternd, und ein weißes Strahlenbündel huschte taumelnd über den Hof. Das Licht traf den Püsterich. Glitzernd hockte der Kobold neben der Tür und pustete Liese mit aufgeblasenen Backen an. Sie schrie auf, wollte die Schürze vor die Augen halten, ließ den Krug los, das Glas zerschellte. Liese rannte zur Tür und schmiß sie hinter sich zu, daß das Haus erkrachte. Häit, häit! schrie der Nachtschwalb. Herr Kortüm erhob sich knurrend, um nach dem Rechten zu sehen. »Der schöne Krug«, sagte er ärgerlich. »Nimm den Topf dort, aber mach schnell.« Liese stotterte: »Das Feuer auf dem Herd weht so vom Wind« – und sie müßte – ja, erst wollte sie . . . »Dumme Gans«, brummte Kortüm und ging selbst. Aber er war noch nicht zur Küchentür hinausgetreten, seit jener Satan im Hofe hockte. Erstaunt sah er dieses Ungeheuer, das Monich seinen ersten Gast genannt hatte, im gejagt wechselnden Mondlicht sitzen und die Backen aufblasen. Herr Kortüm blieb stehen und zog die Augenbrauen hoch. Der Püsterich machte keinen Unterschied. Er pustete auch den Herrn des Hauses an. Langsam trat Kortüm näher. Er klopfte mit dem Krug ein wenig an den erzenen Bauch des Wichtes – ein scharriger Ton. Er klopfte etwas stärker – der Bauch gab keinen Glockenklang von sich. Herr Kortüm schritt kopfschüttelnd zur Quelle, füllte den Topf, nahm einen Schluck. Der Trunk labte ihn. »Ah, ein wahres Lebenswasser.« Tief atmete er die warme Nachtluft ein und bekam Lust, ein paar Schritte auf dem moosigen Boden des Hochwaldes hinzugehen, bis zu jenem Buchenstumpf nur, von dem er damals dem nächtlichen Lichtspiel der silbernen Windfahne zugesehen hatte. Sein ganzes Anwesen lag vor ihm als dunkler Schattenriß, durchschnitten von den Stämmen der Bäume. Im Neubau hatten die Maurer einen Koksofen aufgestellt. Das dachlose Innere glühte im dunkelroten Widerschein des Kohlenfeuers. Bald würde man von dieser Stelle aus die wohnlich erleuchteten Fremdenzimmer des Westflügels sehen. Jetzt war alles noch wüst. Gerüste stakten in die Luft. Durch die zackig unfertigen Mauern sah Herr Kortüm deutlich im Hofe neben der Küchentür den Püsterich glitzern . . . »Der erste Traum in einem neuen Hause soll eine Vorbedeutung haben. Ich habe aufgepaßt, als ich vor zehn Jahren zum ersten Male im Schottenhaus schlief. Geträumt habe ich damals nichts.« 246 Mißtrauisch blickte er zu dem Unwesen im Hofe hin; das sah freilich aus wie ein Traum. Wie ein guter? Eine Wolke verschleierte plötzlich den Mond, der Spuk verschwand. Herr Kortüm nickte befriedigt: »Die Kanaille muß warten, bis Licht auf sie fällt.« Behaglich ruhte sein Auge auf dem warmen Schein des Trockenfeuers in seinem neuen Haus: ruhig und ganz unbewegt glühte das Innere des Flügelanbaues. Herr Kortüm schob den Mund vor, kratzte sich langsam in den Bartstoppeln am Kinn: »Wir leuchten aus uns selber.« Mit einem großen Schwung goß Herr Kortüm den Krug aus und ging ins Haus. Nun hätte sich endlich die Ruhe der Nacht über das Schottenhaus breiten können. Aber es gab einen Mann im Schottengelände, der den Püsterich mit anderen Augen ansah, mit fachmännischen Augen. Dieser Mann redete nicht, sondern handelte und zwar, seit Herr Kortüm aus der Hauptstadt zurück war, unter dem Schutze der Nacht. Das war der Schuldiener Albrecht. Er gedachte Herrn Kortüm zu überraschen. Während Kortüms Abwesenheit war Albrecht bei Tage erschienen und hatte an dem noch in der Baugrube liegenden Püsterich allerhand seltsame Verrichtungen vorgenommen: in das große Loch im Kopf oben einen Trichter probiert, in das offene Maul ein Glasrohr mit Korkring gepaßt. Heute morgen hatte er eine große Flasche mit einer schmierigen Flüssigkeit gebracht, einen Kohlenrost, ein Säckchen mit Holzkohlen und zu Liese gesagt: »Gib mir mal eine Hand voll Soda un heißes Wasser, Mädchen.« Herr Kortüm wäre in Esperstedt, hatte Liese gesagt, er käme erst zu Mittag zurück. »Das weiß'ch un dadrum bin ich da, un Herrn Kortüm brauch'ch nich.« Neugierig hatte ihm Liese Soda und Wasser gebracht und erstaunt zugesehen, wie Albrecht anfing, das Innere des Püsterichs zu reinigen: »Fangen Sie doch lieber außen an, da sitzt der dickste Dreck.« Albrecht hatte gelacht: »Auf's Herze kommt's an, nich auf die Haut.« Es war greulich, wie Albrecht dem Kerl mit einer Flaschenbürste das Innere rieb, ihn von Zeit zu Zeit schüttelte, dann kippte, so daß die Sodalauge zum gespitzten Maul herauslief, denn bei all diesen Arbeiten blies der Püsterich zornig die Backen auf und knirschte mit dem Scheuersand, als ob er lebte. Das arme Mädchen wurde den Anblick nicht wieder los. Bis in den Schlaf folgte ihr der kleine Satan. Liese träumte von ihm. Sie lag gebannt in Schlummer, konnte nicht fliehen und mußte mit ansehen, wie der Püsterich gähnte auf seinem Hackeklotz. Jetzt reckte er sich sogar – schrecklich, denn die Beine waren 247 viel zu klein für den Bauch. Aber klettern konnte er trotzdem: wie eine Kröte kräkelte er vom Hackeklotz herunter und spazierte mit aufgeblasenen Backen und frechen Augen in ihre Küche hinein. In allen Ecken guckte der Unhold herum. Jetzt entdeckte er das Wasserschaff, zog am Ring, kippte es und goß sich das Wasser durch das Loch im Scheitel in den Wanst hinein. Der Püsterich schwappte mit dem Wasser in seinem Bauch, lachte, setzte sich auf den Herd und schürte die Kohlen. Mit vollen Backen blies er in die Glut, flackernd leckten die Flammen hoch. Er wurde warm wie der große Waschkessel, er schwitzte von Wasser. Liese sah mit Schrecken, wie er beinah glühend wurde. Sie wollte zur Küche hinaus, aber der Unhold schrie sie an: »Rum eingießen! Vier Maß! Schnell, Mädchen! Ich koche schon. Und zwei Zitronen, sechs Hände Zucker und ein halbes Lot Nelken! Schneller doch!« Zitternd schüttelte sie ihm die kostbaren Zutaten in den Wanst. Das Gebräu brodelte. Dampf stieg aus dem Loch in seinem Kopf, und ihre Küche erfüllte ein köstlicher Duft. Schweißgebadet wachte Liese auf, schnappte nach Luft. Der Föhn preßte ihr Herz. Sie stand auf und öffnete das Fenster. Aber die Luft war bedrängend schwer. Wolken mit silberglänzenden Rändern jagten am Himmel hin. Die Tannen bogen sich tiefrauschend im stoßweis gehenden Winde, und zwischen dem Gewölk fuhr da und dort ein Bündel Mondlicht hervor, irrte über die Erde – eine unruhige gärende Nacht. Der Nachtschwalb strich nicht mehr durch die Luft. In der großen Tanne an der Hausecke mußte er sitzen und spann jetzt schnurrend und schnarchend mit aufreizender Ausdauer seinen Liebesgesang: orrr, quorrr, orrr. Liese starrte in den schwarzen Wipfel – wenn sie einen Stein gehabt hätte! Sie legte atmend die Hand auf die Brust, beugte sich aus dem Fenster. Gerade unter ihrem Fenster saß der Püsterich – orrr, quorrr – Liese sah, starrte – plötzlich schrie sie auf – ohne Halt, besessen raste sie zur Türe hinaus. Schwarze Nacht im Hause. Hier und da ein Strahl Mondlicht auf dem alten Holze – die Treppe hinab rannte sie, über den großen Flur – da, die weiße Flügeltür; sie lag im vollen Mondlicht, mit der Faust schlug sie daran: »Herr Kortüm! Herr Kortüm!!« Eine Bettstelle knarrte drin: »Was denn, was ist?« »Er bewegt sich!« »Wer?« »Er kommt ruff!« »Wer denn, in Teufels Namen?« 248 »Der Püsterich, Herr Kortüm!« Wieder krachte drinnen das Bett. Bald darauf ging die Flügeltür auf. Herr Kortüm erschien im Mondlicht. Er trug, wie er das seit seiner Weltreise gewohnt war, einen blau und orangefarben gestreiften Schlafanzug, weiche rote Lederschuhe und einen mächtigen rotseidenen Schal um den Hals. »Wer sagt das?« sprach er streng. »Ich habe doch zum Fenster naus geguckt!« »Das tut man nicht – bei solchem Wetter.« »Aber ich hab's ganz deutlich –« »In deinen Jahren sieht man gar nichts deutlich.« »– un da war's, als wenn –« »Bei Südwind in solcher Jahreszeit ist es bei deinesgleichen immer, als wenn.« »Aber –« Zuletzt mußte Herr Kortüm einfach grob werden, bis sich Liese endlich wieder in ihre Kammer hinaufgetraute. Sie kroch tief unter die Decke. Orrr, quorrr, quorrr, sang schnarchend der verliebte Nachtschwalb draußen, unaufhörlich, unaufhörlich. Der Herr des Hauses, der nach Süden wohnte, konnte von dem angeblich lebendig gewordenen Püsterich nichts sehen, wenn er sich zum Fenster hinaus lehnte. Den Nachtvogel aber, den sie auch den Nachtwanderer nennen, den hörte er gut. Eine Weile noch saß er in seinem Lehnstuhl und blickte zum eisblauen Kolmberg hinüber, um den der warme Wolkendunst wirbelte: »Wenn mein erster lebendiger Gast aufträte gleich diesem Püsterich –« Orrr, quorrr, zorrr, spann das Liebeslied in der Tanne draußen – »– und wie das Vieh dazu singt . . . wie müßte ich dann erst auftreten . . .« Liese hatte unter ihrem Federbett noch ein Weilchen geheult wegen der vielen und ungerechten Scheltworte des Herrn Kortüm und war dann eingeschlafen. Sie schlief nun fest und ungestört. Das verdankte sie ihrem guten Gewissen, denn sie war im Recht. Der Püsterich hatte sich bewegt. Der Schuldiener Albrecht nämlich wußte als ein Wetterkenner, daß der Wind den nächtlichen Himmel in wenig Stunden klar geblasen haben würde. Bei Vollmond konnte er seine Arbeit am Püsterich so gut wie am Tage, aber ungestört von dummen Fragen verrichten. Und Herr Kortüm merkte nichts vor der Zeit. Als Liese hinuntergeblickt 249 hatte, war Albrecht gerade dabei gewesen, das Glasrohr einzusetzen. Ihn ärgerte das unverschämte Antlitz des mondbeschienenen Püsterich nicht. Wenn er jetzt aus der Rocktasche ein flaches Glasfläschchen zog, auf dessen Schild der Name seiner Vaterstadt Nordhausen stand, und wenn er aus der Flasche mehrmals einen starken Schluck nahm, so galt diese Vorsicht nicht Gespenstern, sondern der ungesunden Nachtarbeit als solcher. Der Püsterich glitzerte im Mondlicht. Albrecht schaffte fleißig. Der Wind aus der Wüste orgelte. Und Herr Kortüm in seinem blau und orangefarben gestreiften Schlafanzug ging auf und ab, auf und ab in seinem Schlafzimmer und versuchte, sich die künftigen Gäste seines Hauses vorzustellen, den ersten, die vielen vielen dann und am Ende den letzten. Eine lange Reihe dachte er sich aus. Orrr, quorrr, orrr, spann das Tier im Tannicht dazu sein eintöniges Lied.   Der Schatz im Acker Jeden Morgen befühlte Herr Kortüm die Mauern des Neubaues. Sie trockneten gut. Die beträchtliche Ausgabe für den Koks, der in einem großen eisernen Korbe Nacht für Nacht im westlichen Flügelbau verglühte, mußte auf die Seite der lohnenden Unkosten gebucht werden. Herr Kortüm beschloß, einen weiteren Glühkorb aufzustellen und von nächster Woche ab auch den Ostflügel trocken zu heizen. Die Esperstedter und Besenröder würden sich wundern. Jetzt schon konnten sie in dunklen Nächten über den Tannenwipfeln der Schottenhöhe einen zarten roten Schimmer wahrnehmen. Bei vervierfachten Koksfeuern mußte nun ein deutlicher tiefroter Schein aufglimmen am Himmel über dem Schottenhaus. Bisher hatten die Esperstedter abends zueinander gesagt: »Die Sonne geht unter, ich wünsche wohl zu ruhen, Herr Nachbar.« Nun würden sie in das falsche Morgenrot über der Schottenhöhe zeigen müssen: »Bitte sehen Sie: Herr Kortüm geht auf – nach Möglichkeit eine ruhige Nacht, Verehrter.« Und Herr Kortüm ging gewaltig auf über den Bergen. Unbeweglich still stand Nacht für Nacht ein roter Glanz am dunstigen Märzhimmel, und genau im Mittelpunkt dieses geflammten Halbkreises saß sein Schöpfer, der Herr Kortüm, in seinem alten Lederstuhl, hielt die braune Mappe auf den Knien, folgte mit dem Blick den langsam wiegenden 250 Rauchringen der Zigarre und hatte seine Gedanken. Das ganze Land weithin aber sah mit Staunen den Nimbus über dem Schottenhaus und nahm inmitten des roten Scheines das weißglitzernde Gestirn der silbernen Windfahne wahr, die lachende Maske oder die weinende, wie der Wind sie drehte. Um dieser Windfahne willen war seinerzeit in den Tälern unten ein tiefer Grimm erwacht. Herr Kortüm aber hatte nachweisen können, daß Windfahnen als notwendige Gebrauchsgegenstände für einsam wohnende Persönlichkeiten angesehen werden müssen. Das silberne Gestirn blieb, und Schwartenmachers Blech war gut: es strahlte wie neu geschaffen. Die Kurorte mußten den neuen Stern, den Herr Kortüm damals am gemeinsamen Himmel aufgehen ließ, weiterleuchten lassen. Jetzt aber fügte dieser unvergleichliche Mann seinem Stern noch ein scheinbar ewiges Morgenrot hinzu. Das ganze Land ringsum sprach: »Kortüm vergrößert, Kortüm nimmt sich auf – seht seinen Schein am Himmel.« Und niemand konnte es hindern. Es muß einem Bauherrn unbenommen sein, feuchtes Gemäuer mit Gewalt zu trocknen, wenn er es eilig hat. Herr Kortüm hatte es eilig. Die Reisezeit rückte näher. Die Anfragen häuften sich. Lorenz mußte neue Arbeiter einstellen und arbeiten bis in die Dunkelheit hinein. Müde und brummig ging er am Abend nach Hause. Bei solcher Hetzerei war nicht zum Genuß der Arbeit zu kommen, der bekanntlich in den Pausen besteht, die den ruhevollen Anblick des Geschafften ermöglichen. Heute mußte er auch noch den letzten Kalkwagen selber nach Besenroda hinunterbringen. Er schirrte die Pferde ein, zündete die Laterne an und hängte sie unter das Bodenbrett des Wagens. Herr Kortüm saß in seinem Zimmer oben und hatte weder die Tischlampe noch die Hauslaterne eingeschaltet. An einem Freitagabend wie heute, an dem er Gäste erwartete, die viel redeten und spät gingen, liebte er diese stille Stunde vorher. Draußen polterte der Wagen. Riesengroß warf die Laterne unter dem Bodenbrett den Schatten des Hinterrades an die Schottenhauswand, bis an die Dachrinne hinauf. Langsam drehte sich das ungeheure Schattenrad an der Hauswand hin. Durch die Mauer und in die Gedanken Kortüms hinein drang das Bild des rollenden Rades nicht. Aber das Räderrollen hörte Herr Kortüm, den klappernden Hufschlag. »Sie müssen gleich kommen«, murmelte er und zog seinen schwarzen Rock an. Monich war der erste. Dann kam der Reihe nach die ganze Freitagsgesellschaft. Pastor Schmidt erschien, der Apotheker Mickewitz und 251 Kuffert, der Amtsrichter Labemann und zuletzt Herr Müller, der Nachfolger Klaus Scharts an der Besenröder Schule, ein stiller blonder Mensch. »Na, Kortüm«, rief Kuffert, »is denn Ihr Bild nu fertig? Man sieht doch gar nichts davon!« Die Freitagsgesellschaft erkundigte sich nach allen Einzelheiten. Man wollte die Größe des Bildes wissen und ob es einen Goldrahmen hätte. Was der Rahmen koste. Herr Kortüm sollte schildern, wie es wäre, wenn man viele Stunden stille stehen muß, auf einen Punkt gucken und trotzdem freundlich aussehen. Zuletzt mußte Kortüm die Stellung vormachen. Dieses Gespräch langweilte den Apotheker Mickewitz, der wohl den klaren Blick für die Lebensnotwendigkeiten besaß, aber dem Schönen in der Welt keine brauchbaren Seiten abgewinnen konnte. Überhaupt beunruhigte ihn die Gelassenheit Kortüms. Mickewitz konnte auf Grund mehrfacher Erfahrung erwarten, daß Herr Kortüm mit dem Hochwachsen seiner Mauern immer kleiner, mit der fortschreitenden Versteifung des Gebälkes immer wackliger wurde. Nichts davon – der Mann baute, schlug trotzdem ruhig ein Bein übers andre und gab nur hin und wieder eine Belehrung von sich, wenn das Gespräch auf ein der Freitagsgesellschaft unzugängliches Gebiet glitt. Kürzlich hatte Mickewitz auf dem Kreisamt zu tun und sich bei dieser Gelegenheit auch einmal das Grundbuch aufschlagen lassen, um einen kleinen unauffälligen Blick in die Blätter des Schottenhauses zu tun. Neue Einsichten waren leider nicht zu gewinnen. Es handelte sich eben nur um einen Anbau. Hatte dieser Gastwirt in der letzten Reisezeit tatsächlich so schamlos verdient? Oder hatte er finanzstarke Gönner, die ihm nicht amtlich eingetragenes Geld liehen, bloß weil er der Herr Kortüm war? Müßte man sich also doch beizeiten mit ihm stellen? »Hehe, ein schöner Bau«, sagte Mickewitz, nachdem er Kortüm verstohlen beobachtet hatte, »Sie geben sich da ganz neue Dimensionen.« Herr Kortüm nickte und wies mit ausladender Handbewegung zum Nordfenster hinaus: »Nach hinten hinaus.« »Ihre Vorderseite gedenken Sie nicht zu verändern?« »Ich soll die Sonne verbauen? Erlauben Sie, Herr Apotheker – ich bin verantwortlich für das Wohlbefinden meiner Gäste!« »Na, fünfzig neue Fremdenzimmer, wie man hört, wollen untergebracht sein«, sagte der Amtsrichter. Mickewitz erschrak: »Fünfzig Fremdenzimmer bauen Sie?« Der Tabakrauch belästigte Herrn Kortüm, wenn er eine längere Rede vor hatte. Er machte das Fenster eine Handbreit auf und sprach: »Wer 252 hat das gesagt? Niemand natürlich. Meine Herren, wenn Tropfen vom Himmel fallen, spricht man: es regnet. Man sollte, wenn Worte von den Lippen fallen, sagen: es lügt. Die Sache ist so –« Herr Kortüm begann mit einer Darlegung seiner Baupläne. Die Gäste erfuhren, daß an jede Seite des Schottenhauses im rechten Winkel ein Flügel angebaut würde. Die Nordwiese sollte also vom alten Haus und den Flügelbauten an drei Seiten umfaßt werden. Der Blick in die Goldene Aue hinaus bliebe frei. Jeder Flügel enthalte zehn Fremdenzimmer. Die Küche werde in den Westflügel verlegt, an ihrer Stelle ein Speisesaal eingerichtet, so daß man vom Flur aus rechts diese alte unveränderte Halle und links den Speisesaal betreten könne. Das alles seien demnach keineswegs allzu kostspielige Unternehmungen . . . Mehrmals während dieser Rede unterbrach sich Herr Kortüm. Ein fremder, aber angenehmer Duft hauchte zeitweilig durch den Raum. Herr Kortüm hob die Nase und zog die Luft ein. Auch die Gäste schnupperten. Im Laufe des weiteren Vortrages, den Herr Kortüm mit einigen Bleistiftstrichen noch klarer zu gestalten versuchte, schnüffelten die Zuhörer immer öfter. Schließlich schwieg der Redner, spitzte den Mund und sog den bezaubernden Duft gewissermaßen offiziell ein: »Meine Herren«, sprach er, »mir scheint –« »Mir auch«, sagte Monich. »Das riecht«, begann Kuffert, »das riecht nach . . .« Mickewitz nahm soviel Atmosphäre wie möglich in seine Nase. Er hatte in diesem Kreise die Sache als Fachmann zu beurteilen: »Hm . . . es gibt gewisse einwertige primäre Alkohole, welche, sofern man sie versetzt mit . . .« Er schwieg und fuhr argwöhnisch mit den Augen herum, als ob er den Duft sehen könnte, sehen und erwischen. »Gewiß«, stimmte Pastor Schmidt mit hocherhobener Nase bei, »es hat etwas Spirituelles an sich.« »Sprit?!« Kuffert roch mit Gewalt. »Na aber da soll doch . . .« Monich roch in der Richtung nach dem Fenster hin. Kortüms Nase folgte seiner Richtung: »Monich!« rief er, »du hast recht: es kommt von draußen!« und beugte sich zum Fenster hinaus. Er drehte sich betroffen nach seinen Gästen um, blickte wieder hinaus, dann sagte er leise: »Meine Herren, in meinem Hofe brennt etwas . . .« »Un das riecht so?!« Im Handumdrehen war die Freitagsgesellschaft auf den Beinen und unterwegs in den Hof. Mickewitz lief voran. Hier bot sich der Versammlung ein unerwarteter Anblick. Zunächst 253 sprach niemand, selbst Kuffert fand keine Worte. Die Herren versuchten erst einmal so viel wie möglich in der Dunkelheit zu sehen. Der Mond schien heute nicht. Die einzige Lichtquelle war ein am Boden unter eisernem Roste brennendes Holzkohlenfeuer, also eine recht schwache Beleuchtung für ungewöhnliche Betrachtungen: auf dem Rost nämlich stand ein berußter bauchiger Kessel. Dieser Kessel aber stammte nicht aus der Kortümschen Küche, sondern hätte von Rechts wegen aus dem Kortümschen Museum kommen müssen, wenn eben Herr Kortüm die sachgemäß numerierte Aufstellung in seinem derzeitigen Schönheitswahn und Baueifer nicht versäumt hätte: auf dem Rost stand der Püsterich und kochte. Der Schuldiener Albrecht stand neben dem Rost und schwitzte. Den Püsterich erhitzten die Holzkohlen, den Schuldiener der Schreck. Er hatte dem Herrn Kortüm eine freudige Überraschung bereiten wollen, und nun stand eine ganze Gesellschaft samt Herrn Kortüm da und guckte. Beide, Albrecht und Püsterich, blickten unbeweglich über die Gesellschaft weg und hinauf in den Tannenwipfel, wo gestern der Nachtschwalb Liebeslieder schnarchte. Beide schwiegen hartnäckig – Albrecht, weil er mit den Kinnbacken auf seiner Tabakspfeife kaute, der Püsterich, weil ihm der Schuldiener das offene Maul mit einem Glasrohr verstopft hatte. Da der zart duftende Dampf keinesfalls dem Scheitel Albrechts entwichen sein konnte, nahm die völlig verdutzte Freitagsgesellschaft ganz richtig an, daß er aus dem Scheitel des Püsterichs steige. Flaschen standen umher, Wannen, Trichter, Siebe, Bürsten – eine halbgefüllte und offenbar besonders wertvolle alte Geneverflasche trug der Schuldiener sorgfältig auf seinen beiden Armen. Zuerst faßte sich, wie dies von ihm als Fachmann auch erwartet werden konnte, der Apotheker Mickewitz. Mit scharfen Augen überblickte er fachkundig die ungewöhnliche Kochanstalt und brachte nach einer Weile mit zusammengekniffenen Lippen lediglich ein etwas unverständliches »Aha« hervor. Allmählich begannen auch die anderen Herren sich zu äußern. »Wie können Sie sich erlauben, auf meinem Hof . . . in der Nacht . . .^, fing Herr Kortüm einen Satz an und schwieg dann. »Du verfluchtiger Hund –«, begann Monich und schwieg danach ebenfalls. »Was is'n das?« fragte Kuffert. »Aha!« rief Mickewitz zum zweiten Male, jetzt aber deutlicher. »Ähnliche Vorrichtungen dienen dem Chemiker zur Erzeugung von Wasserstoff«, erläuterte der kleine blonde Lehrer, aber er wurde 254 unterbrochen. »Wasserstoff?« – Mickewitz lachte zornig. – »Im Gegenteil!« Pastor Schmidt jedoch nahm nun das Wort: »Wie ist es möglich, daß ein Schuldiener nächtlicherweile und heimlich solchen, ich muß geradezu sagen: teuflischen Spuk treibt mit einem Gegenstand, dessen sachlicher und ideeller Wert sich völlig seinen Maßstäben entzieht! Wie – ich frage Sie, Schuldiener Albrecht! – wie wollen Sie uns die Vermessenheit erklären, die Sie trieb, einen immerhin merkwürdigen Fund derart zu mißhandeln?« »Mißhandeln?« fragte Albrecht beleidigt. Es war Zeit, daß er nunmehr Stellung zu dem kochenden Püsterich nahm, da die Freitagsgesellschaft von diesem selbst keine vernünftige Erklärung erwarten konnte. Dieses Fundobjekt wurde sichtlich immer heißer. In langen Tropfen lief das Schwitzwasser an ihm herab, und sobald ein Tropfen in die Kohlen fiel, gab es einen kleinen Zisch. »So nehmen Sie den ehrwürdigen Kessel doch wenigstens von den Kohlen weg!« rief der Pastor. »Nee«, wehrte sich Albrecht, »nu wär's schade drum.« Mickewitz besichtigte und beroch unterdessen die Flaschen und Wannen. Albrecht drückte die große kantige Flasche fester an sich. Der Widerspruch des Schuldieners kränkte den Pastor. Er trat näher an Albrecht heran und rief: »Schade wäre es? Um den Unflat etwa, den Sie in dieses Denkmal hineingegossen haben?!« »Unflat? Nee, Herr Pastor.« Er wandte sich hilfesuchend an den immer noch herumschnüffelnden Mickewitz: »Nich wahr, nee, Herr Aptheker, das is kein Unflat nich?« Er hatte sich an den falschen Mann um Hilfe gewandt. Mickewitz dachte gar nicht daran, die Konkurrenz zu unterstützen. Als Herr Kortüm an ihn als den Fachmann die Frage stellte: »Sagen Sie, Herr Apotheker, ist dieser Mann geistesgestört?« antwortete Mickewitz erregt: »Das scheint leider durchaus nicht so!« und winkte Albrecht heran: »Woraus haben Sie die Maische hergestellt? Wie!? Oder sollten Sie einfach Beerenwein abdestilliert haben?« Albrecht schien nicht zu hören, denn er kaute wieder an seiner Pfeife und blickte in den Tannwipfel hinauf. Mickewitz rüttelte ihn am Ärmel: »Antworten Sie mir, Mann! Ihre Destillation ist einerseits sachgemäß, anderseits regelwidrig. Sie haben Kräuter zugesetzt. Man bringt keine Kräuter in das noch rohe, ja warme Destillat! Was sind das für Kräuter? Nennen Sie mir das 255 Rezept, und ich werde Ihnen ohne weiteres sagen, ob das Rezept richtig ist.« »Das möchten Se wohl, Herr Apotheker.« »Ich verstehe immer: Destillat«, sagte Herr Kortüm leise zu Monich. »Ich auch«, erwiderte sein Freund und schnüffelte stärker. »Also«, begann Albrecht, »nu hörn Se mal: Sie haben das Ding in Ihrn Hinterhof auf den Hackeklotz gestellt un Sie haben es 'n Taufbecken genannt, un Sie eine Gießkanne oder so ähnlich, un Sie , Herr Apotheker, haben's gar nich angeguckt – aber iche, ich wußte aufn ersten Blick, woran ich war –« »Wo – ran waren Sie?« Herr Kortüm, der so vieles wußte und erlebt hatte, verstand kein Wort und stellte diese Frage in berechtigter Unruhe. »Sehn Se«, sagte Albrecht, »das hab ich von meinem Vater. Der hat 'ne kleine Schnapsbrennerei gehabt. In Nordhausen nämlich haben alle kleinen Leute eine Brennerei gehabt. Im Nebengewerbe, verstehn Se? Un deshalb hab ich aufn ersten Blick gemerkt, was es mit dem Doppelkessel auf sich hat: das Ding is nämlich eine Branntweinblase.« Er klopfte an den heißen Kessel. »Da steht der Apotheker: fragen Sie'n doch. Wer von der Sache was versteht« – Albrecht klopfte stärker – »der hat Respekt vor so'n Kessel. Das is 'ne Abzugsblase, jawohl.« Er hatte gesprochen, und er trat nun auch den Wahrheitsbeweis an. Ein Glas war nicht zur Hand – gelernte Schnapsbrenner kommen für ihre Person mit der Flasche aus – aber ein Tassenkopf ohne Henkel stand auf der umgekehrten Wanne. Albrecht ließ aus der geschweiften großen Flasche, die er im Arm hielt, vorsichtig eine dunkelbraune Flüssigkeit hineintröpfeln: »Kosten Sie doch einfach 'nmal.« Er hielt die Tasse dem Hausherrn hin, aber Kortüm machte eine schroff ablehnende Handbewegung. Monich nahm die Tasse, roch hinein, ließ eine Spur des Inhalts kunstgerecht auf die Zunge gleiten, blickte augenblinzelnd zum Tannwipfel hinauf, dann sah er die Freitagsgesellschaft an . . . Pause . . . Jetzt nahm er einen regelrechten kleineren Schluck, blinzelte und schmeckte wieder . . . »Albrecht«, sagte er leise. Nunmehr goß er den gesamten Tasseninhalt in seinen Mund . . . Pause . . . »Albrecht!« rief er. Jetzt ergriff Mickewitz das Trinkgefäß, ließ sich eine Probe geben und kostete. Der Apotheker hatte seiner leidenden Kundschaft eine ansehnliche Reihe vorzüglicher Essenzen und Magenliköre zu mäßigen Preisen 256 anzubieten, und da kam ein Kerl daher, ein weder chemisch noch drogistisch vorgebildetes und durch keinerlei Fachprüfung erprobtes Subjekt, dem nur von seinen Nordhäuser Vätern her einige Handgriffe geläufig waren – und ein solcher Mensch erlaubte sich, in einem wahrscheinlich nicht einmal hinreichend gesäuberten, jedenfalls aber völlig veralteten Messingkessel ein derart duftendes Destillat abzuziehen . . . Mickewitz kostete nochmals . . . ein Destillat von unleugbar zartem und dennoch starkem Geschmack. Was hat dann Vorbildung und Fachprüfung überhaupt noch für Sinn? Er sprach zur Freitagsgesellschaft: »Mein Verdacht scheint sich zu bestätigen: dieses Produkt entstammt nicht der landesüblichen Kartoffel, vielleicht ist es aus Wein destilliert. Meine Herren, wir haben hier eine Art von Aqua vitae vor uns, ein Lebenswasser, also ein äußerst heftiges Getränk, das obendrein noch gewürzt ist mit Kräutern, was bei einem ordnungsgemäßen Aquavit nicht erlaubt ist. Mit was für Kräutern haben Sie das Destillat versetzt?!« »Hä«, antwortete Albrecht. Die Tasse ging während dieser Darlegung von Hand zu Hand. Kuffert kostete . . . dann Labemann . . . der Lehrer nahm einen ängstlichen Schluck . . . der Pastor Schmidt nahm einen erheblichen Schluck, bewegte eine Weile prüfend Zunge und Lippen und murmelte: »Kann das sein?« »Natürlich kann das sein!« rief Mickewitz. »Nichts geht natürlicher zu! Wenn jemand überhaupt die Dreistigkeit besitzt, sich dergestalt an einem altertümlichen Gegenstand zu vergreifen, so verfügt er damit allerdings über einen geradezu unverwüstlichen Doppelkessel, wie er als Destillierapparat abgebildet ist auf Kupferstichen, die aus ungesunden Zeiten stammen! Aus jenen von Seuchen geplagten Epochen, die noch kein Schimmer unserer heutigen zweckdienlichen und sanitären Technik erhellte!« »Was heißt hier Seuche un sanitär!« rief Kuffert und hielt Albrecht den Tassenkopf zum Nachschenken hin, »dagegen sind Ihre Schnäpse reine nischt , Mickewitz!« Auch Labemann hatte sich noch einen Tropfen – »nur 'ne Idee, lieber Albrecht« – eingießen lassen und sagte gewissermaßen abschließend zu Herrn Kortüm: »Püsterich hin, Püsterich her – dieses Destillat hat, ich muß sagen: etwas Bodenständiges.« »Herr Amtsrichter«, meinte Monich, »passen Se bloß auf. Wenn wir hier so weiterschlucken, hat bloß noch der Püsterich 'ne gewisse 257 Bodenständigkeit aufzuweisen. Kortüm – du solltest deinen Püsterich auch mal kosten.« Herr Kortüm nahm zögernd die Tasse, nippte, Herr Kortüm trank: »Freunde!« sprach er. . . . Spät wanderten die Gäste in ihre Täler hinunter. Eine Weile hörte Herr Kortüm noch ihre Stimmen heraufschallen, allmählich verklangen die Laute. Es war nun wieder ganz still. Eine trübe und warme windstille Nacht. Regen wird es geben, dachte Herr Kortüm und ging in tiefen Gedanken mehrmals um sein Anwesen herum, über dem heute in der dicken wäßrigen Luft der rote Schein der Trockenfeuer machtvoll groß und unbeweglich stand. Er sah an der Schottenhauswand zu den Fenstern seines vernachlässigten Museums empor und schüttelte den Kopf. Eben erst war er wochenlang mit Professor Holdermann beruflich in enger Verbindung gewesen. Die Akademie in der Hauptstadt stak bis unters Dach voll Kunst, und jedem Menschen dort war es eine ausgemachte Sache, daß man diese vieltausendfachen Formen nur genau zu betrachten brauche, um dann sagen zu können, was sie bedeuteten, was für einen Inhalt sie umschlössen. Die Guten, die Schönen erkennt man am Guten, am Schönen. Und da stand dieser erbärmliche Püsterich, ein Unflat von außen – und innen voll Süße? Ein leiser Verdacht gegen diese bekanntlich schönste der Welten stieg in Kortüm auf. Schon die Sache mit der schönen Kitty damals war ein wenig unheimlich gewesen – doch Kitty war eine Frau, und bei lebendigen schönen Frauen soll man Rückschlüsse irgendwelcher Art grundsätzlich nicht versuchen. Aber auf Messing muß doch Verlaß sein! Inhaltlich hätte er diesen Püsterich auf Grünspan, Staub und Schlacke geschätzt, und nun sprach man wohl morgen früh schon in den Tälern unten von Kortüms Püsterich und meinte damit ein magenstärkendes Getränk. Ob es dann nicht besser wäre, magenleidend zu bleiben, aber das Gute erkennen zu können am Guten und das Schöne am Schönen?   Orstveränderungen Lotte hatte im Traume geseufzt und, ohne zu erwachen, plötzlich die eine Hand schlafschwer ihrem Manne aufs Gesicht gelegt. Wingen war aus dem Schlummer geschreckt. Aber er blieb unbeweglich liegen. Dachte verschwimmend: ich träume . . . Ruhig lag die Hand mit 258 gespreizten Fingern breit auf seinem ganzen Gesicht. Er empfand den Duft der Hand, schloß die Augen, lag ganz still. Lotte atmete gleichmäßig weiter. Wingen öffnete die Augen. Fest und mütterlich lag ihre offne Hand über seinem Gesicht. Wingen lächelte und blickte durch ihre Finger. Die Schlafstube war ganz dunkel. Nur die Decke gab einen helleren Schein, und er sah zwischen Lottes Goldfinger und dem kleinen Finger, wie der Vorhang am offenen Fenster ein wenig wehte. Wingen hielt immer noch sorgsam still, aber er war nun wach geworden. Ihre Hand lag warm und reglos auf seinem Gesicht. Er hob das Kinn und bewegte die Lippen, bis er die Handfläche leise küssen konnte. Lotte atmete ruhig ein und aus. Eine gute Weile verging. Endlich schien Wingen die Hand auf seinem Antlitz immer schwerer zu werden . . . eine wahre Last . . . Er faßte sie vorsichtig, zog den Kopf unter ihr hervor und legte sie sanft auf das Kopfkissen. Lotte atmete gleichmäßig weiter. Die Taschenuhr tickte auf dem Tisch neben Wingen. Ob es bald Morgen war? Über den leuchtenden Ziffern stand ein kleiner Schein. Wingen griff nach der Uhr. Unversehens schlug die Kette laut an das Wasserglas. Lotte fuhr auf und murmelte schlaftrunken: »Fehlt dir was?« »Schlaf weiter.« »Hm? Wer fehlt?« »Du!« lachte nun Wingen und legte die Uhr hin. Sie seufzte und rieb verdrießlich mit beiden Händen ihre Augen: »Schrei doch nicht so. Das Kind wacht auf.« Sie richtete sich auf und klopfte schlaftrunken ihr Kopfkissen glatt: »Was fällt dir überhaupt ein!« Wingen lachte noch lauter: »Du – bist bei mir eingefallen!« Er faßte Lotte an den Schultern und legte sie in seinen Arm. Ihr Kopf fiel müde hintenüber. Sie gähnte und murmelte silbenweise zwischen dem Gähnen: »Un–ver–schämtheit.« Wingen küßte sie auf den Mund, daß sie nicht weiterreden konnte. Nur das Wort »Menschenfresser« brachte sie noch mit Mühe hervor. »Die sind abgeschafft«, sagte Wingen langsam. Er sagte es aber zu sich selber, ließ Lotte plötzlich los und richtete sich im Bette auf. Nun war er völlig munter. Sie rieb noch einmal umständlich ihre Augen, wollte sein Gesicht erkennen. Nur ein Schattenbild war zu erspähen: »Was hast du denn mit einmal?« »Die Menschenfresserei ist abgeschafft«, sprach er vor sich hin. »Gute Nacht und rede rein dummes Zeug mehr.« 259 »Aber Seelenfresser können es bis zum Oberspielleiter bringen.« Lotte tastete nach seiner Hand: »Was ist . . .« Wingen schwieg. Lotte drückte sich an ihn: »Ich will's wissen.« Plötzlich legte er seinen Kopf auf ihre Brust. »Lotte. Jetzt wissen es alle Theater, daß der ›Joel‹ abgesetzt ist.« Sie streichelte sein Haar: »Laß sie doch.« »Und wenn's keiner mehr aufführt?« »Was geht das dich an.« Eine Weile war Wingen still. Dann hob er den Kopf: »Ich soll für den Wind schreiben?« »Eine Frau sieht doch auch nicht nach den Leuten, wenn sie ihr Kind bekommt.« Wingen starrte dorthin, wo in der Finsternis ihr Kopf lag. Nur einen ungewissen Schimmer ihrer Stirn, ihrer Wangen vermochte er zu ahnen. Er wollte ihr antworten, aber er wußte nichts, was er ihrem Wort entgegenstellen konnte. Lotte dachte: er sorgt sich . . . »Morgen fängt dein Urlaub an, und wir fahren nach Besenroda. Dort siehst du's ganz anders an.« Ob der Holunder unter dem Fenster gewachsen ist? dachte Wingen im Einschlafen. Sie würden in der Dachstube oben wohnen, wo er damals die große Maske unter Lottes Anleitung gemacht hatte. Sachte schliefen sie ein, ohne Traumangst, und das Rauschen des Regens vor ihrem Fenster klang als das Plätschern der friedsamen Ilm in ihren Schlaf hinein. Im Abteil dritter Klasse fuhren Herr und Frau Wingen mit Kind, im Abteil zweiter Klasse des gleichen Zuges zwei andere Reisende mit dem gleichen Ziel Besenroda. Der Andrang auf dem Bahnhof war groß gewesen. Und die Scheidung der Vermögensklassen auf Erden ist bekanntlich in dem Augenblick, da sich der Mensch zum Zwecke eines Ortswechsels in öffentliche Fahrzeuge begibt – sei es Eisenbahn, sei es Dampfschiff, sei es Leichenwagen – so vorsorglich deutlich, daß die dritte Güte nichts weiß von der zweiten und die zweite erst recht nichts von der dritten, von der allerersten Güte überhaupt zu schweigen. Herr und Frau Wingen ahnten nicht, daß ihre Lokomotive auch den Professor Holdermann und den Kapitän a. D. Langloff nach Besenroda zog. Für Holdermann war die Reise aufs Schottenhaus Pflicht und höchste Zeit geworden. Der ewige Kortüm hing nun schon seit Wochen in breitem goldenem Rahmen über dem Kamin, und der leibliche 260 Kortüm mußte sich täglich von neuem ärgern über den leeren Fleck rechts oberhalb seines Hauptes. Kortüms plötzliche Abreise hatte seinerzeit leider die letzte Vollendung des Gemäldes verhindert: die Wappenbilder fehlten immer noch. Der Auftraggeber sah und hörte nichts mehr von dem Schöpfer des Werkes und setzte sich eines Tages hin und schrieb diesen Brief: »Das Bild gibt mich wieder, wie ich leibe und lebe, verehrter Meister. Aber noch immer muß der Beschauer den rohen Leinwandfleck in der Ecke oben mit vorgehaltener Hand verdecken, sonst geht die Einbildung verloren, daß ich das selbst sein soll. Man hält alles nur für bemalte Leinwand, und darunter leidet meine Ähnlichkeit.« Herr Kortüm lud den Maler zu sich aufs Schottenhaus ein. Er könne die Wappenbilder hier an Ort und Stelle vielleicht noch stimmungsvoller malen, und er, Kortüm, stände jederzeit mit seiner reichen und besonderen Erfahrung in Wappensachen zur Verfügung. Zudem sei der Aufenthalt im Schottenhaus eine Erholung für den Meister, und man könne die leider so jäh unterbrochenen Gespräche über Schönheit und Kunst ans Ende führen. Zwar baue er zur Zeit, aber nur zwei Flügel nach Norden hin. Der Herr Professor jedoch bekäme ein Zimmer nach Süden und könne ungestört leben und schaffen. Holdermann las den Brief, kramte in einer Mappe und zog jene Rötelskizze hervor, die er damals nach den beiden in Zwistigkeit geratenen Männern Kortüm und Langloff heimlich aufs Papier geworfen hatte. Er nickte. Kortüms Wappensorgen waren ihm gleichgültig: auch ohne die paar bunten Flecke war das Werk für ihn abgetan. Der gemalte Kortüm stand in seinem Goldrahmen und wartete nur noch auf die Zukunft. Aber der lebendige Kortüm erschien dem Maler noch lange nicht erledigt. Holdermann nickte immer lebhafter. Mit Vergnügen würde er reisen; liebevoll betrachtete er seine Rötelskizze: mit noch größerem Gewinn freilich, wenn er diesen Kapitän zur Mitfahrt überreden könnte. Die beiden nebeneinander – da steckt vielleicht ein Bild drin . . . ein Doppelporträt . . . das wäre allerdings ein Werk der seltensten Gattung. Der Professor ließ den Brief einige Tage liegen, bis es sich machte, daß er Langloff traf. Aber nach den ersten Worten des Malers wehrte der Kapitän mit beiden Händen ab: »Den Mann auch noch besuchen? Nein, danke.« »Besuchen sollen Sie ihn doch nicht! Ein Zimmer bestellen! Das Schottenhaus ist eine öffentliche Gaststätte. Schöne Gegend. Ihr Mieter geht übrigens auch hin.« »Wingen? Aufs Schottenhaus?« 261 »Im Dorfe nebenbei wohnen sie«, nickte Holdermann, »Wingen und Frau.« »Die Frau geht auch? Ich würde mit den Herrschaften denn ja wohl ganz gern ein vernünftiges Wort reden.« »Das dachte ich mir.« Aber Langloff dachte bei sich im stillen wesentlich mehr, als ihm Holdermann trotz seiner Maleraugen anzusehen vermochte. Wingens wegen hätte Langloff keinen Kortüm in Kauf genommen. Der Kapitän sammelte jedoch nicht nur Münzen ohne Kurswert: er trug seit einiger Zeit in dicken Mappen Werbeschriften, Bilder, Unterlagen, Erfahrungen und Preislisten zusammen über gesund gelegene größere Gaststätten. Nicht zu seinem Vergnügen sammelte er diese Fachkenntnisse: sein Sohn, der Schiffsarzt, hatte ihm geschrieben, er habe das Fahren satt und plane die Niederlassung als Arzt auf festem Grund und Boden. Die große Stadt sei ihm als altem Seefahrer zu laut, die Landpraxis sei ihm als altem Schiffsarzt zu weitläufig, aber auf dem Lande ein städtisch behagliches Genesungsheim etwa, oder ein Sanatorium – das treffe nicht nur seinen, sondern den Geschmack aller begüterten Genesungsuchenden. Und solche Leute seien die besten Patienten: der liebe Vater möge sich doch ein wenig umtun. Langloff war wohlhabend genug, um diesen Geschmack seines Sohnes ebenfalls für einen guten Geschmack zu halten. Der Vorwand, bessere Gaststätten studienhalber zu besuchen, hatte ihm schon zu mancher angenehmen kleinen Reise verholfen und in seinen Ruhestand eine gemütlich fortspinnende Tätigkeit gebracht. Der Alte horchte fleißig nach Grundstückspreisen und Wirtschaftlichkeit. Er beobachtete Bedienung, Beherbergung, Beköstigung, Preise, Sonderpreise, Aufschläge, Sonderaufschläge. Er prüfte den Zustand der Betten, unterschied bereits Daunen und Halbdaunen, Flurschoner und filzunterlegte Doppelläufer. Langloff bekam mit der Zeit einen Hotelblick, daß auch alte Oberkellner sich sogleich vor ihm in acht nahmen. Alle diese Erkundungen und kritischen Betrachtungen trug er in sein Taschenbuch ein und stellte von Zeit zu Zeit seinem Sohn Walter ausführliche Berichte zusammen. »Sie überlegen lange«, mahnte Holdermann. Wenn ein Mann wie dieser Kortüm, schloß Langloff seine Überlegungen, Gäste um sich zu sammeln und von ihnen zu existieren vermag, dann wird es einem vernünftigen Menschen wie meinem Sohn erst recht gelingen. »Dieses Schottenhaus muß sehr lehrreich sein. Ich komme mit, Herr Professor.« 262 Der Bahnsteig in Besenroda lag in tiefem Frieden, als der Zug einlief. Hier verfehlte keiner den andern. Die beiden Reisegruppen erkannten sich, und hutschwenkend schritt die zweite Klasse auf die dritte zu. Da aber Wingen beim Aufklappen des Kinderwagens seinen Sohn halten mußte, konnte er den Hauswirt Langloff nicht ganz so lebhaft begrüßen, wie Langloff, der freie Hände hatte, Lotte guten Tag wünschte. Holdermann zeigte beim Anblick des Kinderwagens eine leichte Befangenheit, die Wingen mit dem Säugling auf dem Arm sogleich mitempfand. Lotte, zwei Schirme am Arm, den Griff des Kinderwagens in der Rechten, eine kleine Handtasche und einen Korb mit Mundvorräten in der Linken, konnte die Bewillkommnung vor der Bahnsperre ihres Heimatortes nicht allein bewältigen. Man wünschte sich denn recht bald allerseits ein gutes Wiedersehen. Die Familie Wingen zog ihres Wegs an der Ilm hin ins Dorf, nachdem sie hinter der Sperre eine ansehnliche Verstärkung durch Lottes Verwandte erfahren hatte. Der Maler und der Hauswirt begannen mit dem Aufstieg zum Schottenhaus. Nach kurzer Zeit stolperte Langloff in den ausgefahrenen Geleisen und knurrte: »Wer den Mann da oben nicht kennt, merkt an der Straße, zu wem er kommt.« Holdermann hielt die Hand über die Augen, um ungeblendet von der scharfen Frühlingssonne die Landschaft zu sehen: »Kortüm wohnt gut«, sagte er bewundernd. »So?« fragte der Kapitän und rieb sein schmerzendes Fußgelenk. Herr Kortüm aber stand oben am Abhang des Hügels und betrachtete durch sein gutes Doppelglas die beiden nahenden Gäste: »Da bringt er wirklich diesen Kerl mit. Wie kann man sich in Gegenwart eines solchen Gastes über Kunst unterhalten?« Herrn Kortüm war es wieder einmal klar gemacht worden, daß er von Beruf ein Gastwirt war. In der Stadt, in der Werkstatt Holdermanns sogar, war er ein Herr gewesen. Ein Auftraggeber. Dort hatte er mit Langloff gesprochen, wie Kortüms eben mit Langloffs zu reden pflegen. Und hier, auf seinem eigenen Grund und Boden – hier mußte er hochachtungsvoll dankend eine Postkarte entgegennehmen, auf der so ein Langloff einem Kortüm in dürren Worten mitteilte, wann er einträfe, wieviel Gepäck abzuholen und welche Art von Zimmer für ihn bereitzustellen sei. Damit nicht genug: dieser Langloff hatte eine genaue Liste von Speisen beigelegt, welche man ihm nicht anbieten wolle, und ferner eine Aufstellung derjenigen festen und flüssigen Nahrungsmittel, welche ihm zuträglich seien – ja, bei einigen Rohstoffen war sogar die besondere Bereitungsart vorgeschrieben. 263 Herr Kortüm war sehr aufgebracht: »Natürlich! An Bord haben diese Herren Kapitäne schlecht gerechnet zwei Jahrzehnte lang gespeist, daß es zum Erbarmen ist. Mit Geflügelleberpasteten fangen sie morgens an, und mit schwerem Fisch und Wildbret hören sie abends noch nicht auf. Dann kommen noch Sandwiches, sie rauchen furchtbare Zigarren, trinken braunen Porter aus Krügen, weißen Burgunder aus Pokalen, bekommen Magengeschwüre, sagen dann, sie seien leidend, und unsereiner kann eine ganze Provinz absuchen nach Altendamenspeisen und milden Kräutertees, wenn die Herren mit ihren Kapitänsaugen und Magengeschwüren einem acht Tage lang die Ehre geben – und womöglich muß das Personal trotzdem noch die halbe Nacht für heiße Leibpackungen sorgen: diesen Gast soll der Teufel holen . . .« Die letzten Worte murmelte Herr Kortüm nur zwischen den Zähnen, da die beiden Ankömmlinge eben um die Ecke bogen und ihm zuwinkten. Bitte« – Herr Kortüm öffnete Fremdenzimmer Nummer sieben – »die Sonne.« Im behaglichen Gefühl des gesicherten Besitzers wies Herr Kortüm mit vorstellender Gebärde auf das voll ins Zimmer blickende Gestirn. Holdermann warf einen Blick durchs Fenster und schüttelte den Kopf: »Der runde Berg da drüben – wie heißt er? Kolmberg? – der verrennt mir die Aussicht.« »Zimmer mit Fernsicht habe ich auf der anderen Seite. Aber ohne Sonne, Meister.« Er führte den Maler in ein Nordzimmer. Der Blick ging ohne Grenzen in den Raum der Welt. »So ist es gut.« Holdermanns Auge folgte den sanften Erdwellen. Braun und grau wölbte sich eine hinter der anderen. Nur die Grünfelder der Wintersaaten leuchteten scharfbegrenzt aus den Erdfarben. Tief in der Ferne jagte ein Regenstrich über die Felder. Jetzt verschwand er als Dunst im verschwimmenden Horizont. Der Maler legte den Kopf zurück und nahm lächelnd in seine Augen hinein, was da vor ihm unendlich schimmerte. Unbewußt zog er eine Zigarre aus der Tasche, steckte sie in den Mund. »Ahh«, sagte er und sog an dem Tabak, den er anzuzünden vergessen hatte, »der Ausblick ist die Sonne wert. Was liegt dort? Nein, rechts. An dem Nußbaum vorbei – ja, ganz da draußen, meine ich.« Herr Kortüm blinzelte in die Ferne, rieb seine Bartstoppeln am Kinn und begann zu erklären: »Die Hainleite. Dahinter die Harzberge.« Holdermann kniff die Augen zusammen und strengte den 264 Blick an. »Sehen Sie? Nur ein Hauch. Dahinter kommen wieder Hügel. Hügelwellen nur. Auslaufende Landwellen, Felder. Dann kommt die Heide. Und dann, ganz hinten, ja: die Küste.« Er sah nach der Uhr, dachte einen Augenblick nach, dann nickte er: »Jetzt eben kommt sie.« »Wer?« fragte Holdermann betroffen. Er hatte sich wirklich verleiten lassen, den Kortümschen Erklärungen mit spähendem Blick zu folgen, als ob er ihm alle diese Herrlichkeit zu Füßen legen könnte: »Wer?« »Die Flut, Meister. Die Nordseeküste liegt dorthin.« Holdermanns Auge ließ den fernen Dunst los. Lächelnd lag sein Blick auf dem unbestimmten Hauch ganz da draußen, von dem ein ehrlicher Gastwirt nicht behaupten konnte, ob das noch Erde sei oder schon Himmel. »Sie haben gute Augen«, sagte der Maler. »Ich liege richtig. In der Mitte.« Herr Kortüm klopfte jetzt tatsächlich seinem verehrten Gast auf die Schulter, und wieder lag der Glanz des Besitzgenusses in seinem Auge. »Ringsum Deutschland. Jaja. Herr Professor: die Kunst, zu Hause zu sein. Eine große Kunst. Ich kenne ein gutes Stück Erdball und habe es erprobt – man muß nur darauf halten, daß man bei sich ist. Dann weiß man, was viele vor lauter Einwohnern nicht sehen: wie gewaltig dieses Land ist.« Sie sprachen von Land und von Fernblick, schritten dabei langsam die Treppe hinab und traten in die Halle. Holdermann sagte eben: »Ja, Herr Kortüm, auf Ihre Weise angesehen, steckt viel in diesem Land.« Da blieb Kortüm plötzlich stehen und zog die Stirn in unzählige Falten: »Viel, Meister« – er legte die Hand auf Holdermanns Ärmel – »unmenschlich viel« – er seufzte – »mehr, als man denkt . . .« Holdermann sah ihn erwartungsvoll an, und Kortüm begann zu erzählen von dem Unding, das in der Erde unter seinem Neubau gesteckt hatte: »Püsterich nennen es die Leute.« Der Maler wurde neugierig. »Wir können gleich durch die Küche in den Hof gehen«, sagte Herr Kortüm und öffnete eine Tür mit der Aufschrift »Privat«, welche zunächst in den sogenannten Zettelgang und aus diesem durch Anrichte und Küche in den Hof führte. In dem Halbdunkel des schlechtbeleuchteten Zettelganges war kaum etwas zu sehen. Herr Kortüm heftete hier die laufenden Speisezettel, Rechnungen, Quittungen und sonstigen 265 Tagespapiere an die Wand. Erstaunt blieb er stehen. Vor einem Zettelbündel stand ein Mann, der in den Papieren blätterte und trotz des schlechten Lichtes offenbar sogar las – – Langloff. Herr Kortüm sah ihn entrüstet an. Aber Langloff gähnte laut und sagte: »Gibt's bald Mittagessen?« »Wie kommen Sie hier herein?« »So rum. Durch die Türe da.« »An dieser Tür befindet sich die Aufschrift ›Privat‹, Herr Kapitän!« »Deshalb bin ich hier ja eingetreten. Ich suchte Sie nämlich. Sagen Sie, Herr Kortüm, Sie sitzen doch ziemlich verlassen auf dem Berg hier. Dazu spottet Ihre Straße jeder Beschreibung – wieviel Prozent müssen sie wohl zurechnen für das Heranbringen der Lebensmittel?« »Ich wohne nicht auf einem Berg, sondern in einem Gebirgssattel. Ich sitze auch keineswegs verlassen hier. Auf gängige Lebensmittel lege ich keinen Aufschlag. Nur auf Speisen für Herrschaften, die infolge reichlichen Lebens am Magen leiden. Jetzt entschuldigen Sie mich. Ich habe mit dem Herrn Professor über eine künstlerische Angelegenheit zu verhandeln. Und diese Tür hier« – er öffnete und machte eine einladende Geste nach dem Saal hin – »führt Sie in die große Halle zurück, in der Sie zwischen zwölf und ein Uhr Ihre Sondermahlzeit einzunehmen belieben wollen – bitte.« Herr Kortüm schloß die Tür hinter Langloff und fragte Holdermann, was er dazu sage! Der Maler aber dachte wieder an sein Doppelporträt und sagte gedankenverloren: »Schade, daß in dem Gang so schlechtes Licht ist.«   Der Kortümbrunnen Unter den Holzpantoffeln der Maurer verschwand allmählich auch der letzte Grasschopf in der Umgebung des Neubaues. Herr Kortüm konnte der Aufgabe, für seine alte Nordwiese einen neuen Namen zu erfinden, nicht mehr ausweichen. Am liebsten hätte er diesen freien Platz zwischen der Nordfront des alten Hauses und den beiden hufeisenförmig angesetzten einstöckigen Flügelbauten als die Seeseite des Schottenhauses bezeichnet, weil kein Hindernis den Blick nach Norden hin begrenzte: hinter der Goldenen Aue, wenn auch etwas weit hinter ihr, lag seine Vaterstadt Hamburg, und hinter Hamburg flutete und 266 ebbte die Nordsee. Aber Herr Kortüm fürchtete mit Recht Mißdeutungen. Monich hatte ihn kopfschüttelnd gefragt: »Seeseite soll das heißen? Du meinst wohl, weil dort'n der Teich gewesen is, den du zugeschütt hast? In dem erbärmlichen Ding hatten doch nich mal deine Enten Platz.« Herr Kortüm entschied sich also vorsichtshalber für den schlichten Namen Schottenhof, aber er schlug unverzüglich seine braune Ledermappe auf und begann mit Erwägungen, wie dieser leere Hof in späterer Zeit zu einer Sehenswürdigkeit ausgebildet werden konnte. Die Schottenwiese im Süden des Hauses lag im vollen Strahl der Sonne. Weitere Zutaten würden hier stören. Aber der nackte Hof im Norden bedurfte der Kortümschen Hand. Freilich entsprang diesem viereckigen Stück Erde die Quelle. Aber noch immer lief das köstliche Wasser aus dem moosigen Holzrohr in einen morschen Trog und verlor sich als Rinnsal im Walde. Hier mußte ein Brunnen errichtet werden. Herr Kortüm sah im Geiste Wasserstrahlen in Regenbogenfarben spielen, er hörte das Plätschern des Überflusses an heißen Tagen und errechnete als gewandter Gastwirt bereits den erfreulichsten Andrang von Gästen, die nach Kühlung lechzten und sich eine künstlerisch dargereichte Kühlung etwas kosten lassen würden. Alle möglichen Arten von steinernen Quellfassungen dachte sich Herr Kortüm aus – runde, eckige, flache, hohe – ja, er erwog bereits die Berufung seines Freundes Schwartenmacher, der ihm seinerzeit die silberne Windfahne so vortrefflich aufs Dach gesetzt hatte. Vielleicht könnte das Wasser aus einem Füllhorn laufen, das die Göttin der Feuchtigkeit im Arme hielt. Aber seine Gäste sollten hier oben aufatmen vom Lärm und Staub der Städte, und er hatte schon immer der Ruhe ein Denkmal setzen wollen: müßte Schwartenmacher nicht eine Göttin der Ruhe als Quellstatue errichten? Jedoch, sagte sich Kortüm, man kann die Ruhe nicht als ein Weib darstellen. Je angestrengter er nachdachte, desto schwieriger wurde die Aufgabe. Er war in Hamburg geboren und hatte nie gehört, daß die Mündung der Elbe jemals einem Menschen künstlerische Gedanken gemacht habe: »Jetzt wohne ich an einer Quelle und finde mich vor lauter Vorbildern nicht zurecht. Die Leute wollen offenbar nichts von Mündungen wissen . . . sind mehr für Quellen . . .« Es war gut, daß er seine Autorität in Schönheitsfragen zur Hand hatte: »Ich werde mit dem Meister reden.« Das hätte er sogleich tun sollen. Aber in seinem Zorn über den im Zettelgang spionierenden Langloff hatte er zunächst das kleine Schild mit der Aufschrift »Privat« von der Türe abgenommen und sogleich 267 mit der Bemalung einer doppelt so großen Tafel begonnen: »Zutritt streng verboten«. Wie viele Gesetze, so traf auch dieses Verbot den nicht mehr, der es veranlaßt hatte: der Kapitän war bereits mit einem Bericht an seinen Sohn, den Schiffsarzt, beschäftigt, der die im Zettelgang erworbenen Kenntnisse aufs beste verwendete. So zuverlässige Unterlagen hinsichtlich der prozentualen Erhöhung von Lebens- und Wirtschaftsführung in unwegsam gelegenen Gaststätten waren so bald nicht wieder zu erlangen. Kortüm malte eben an dem Wort »verboten«, und Langloff unterstrich in seinem Bericht die Worte »besonders nachahmenswert«, als Holdermann draußen auf dem Hof seine Zigarrentasche hervorzog und einer Schar Maurer winkte, die eben über den Schottenhof wandelte. Von Herrn Kortüm vergessen, hatte der Maler den Püsterich sehr bald allein gefunden. Bereitwillig änderten die Maurer ihre Marschrichtung, traten herzu, setzten die ihnen überreichten Zigarren in Brand, rochen an dem Dampf und erklärten sich auf Holdermanns Wunsch bereit, den Püsterich an jede von dem Herrn Professor gewünschte Stelle zu schaffen. Holdermann schritt kreuz und quer über den Hof, zählte seine Schritte, blieb endlich im Mittelpunkt des Platzes stehen und sagte: »Hierher! Aber das Ding muß hochstehen!« »Nee, tief«, sprachen die Männer, »sonst kriegt ihn Albrecht nich heiß.« »Heiß?« fragte Holdermann erschrocken und vernahm, welchen Lebenszweck Albrecht, der geborene Nordhäuser, in dem Püsterich begriffen und erwiesen hatte. Der Maler kannte solche alten messingnen Doppelkessel in Menschengestalt und manchmal in Tierform. Neben veralteten Waagen und Mörsern stand sie in den Ecken von Sammlungen und Apotheken. Holdermann hatte sich keine Gedanken gemacht über ihren Gebrauch. Behaglich lächelnd war er um den bejahrten Dickwanst herumgegangen und hatte ihm nur einen besseren Platz als grade den Küchenausgang gegönnt: »Ach so«, sagte er schließlich, »na, da werden wir wohl erst den Hausherrn fragen müssen.« Er wollte Kortüm suchen, aber Kortüm suchte bereits ihn. Der Postbote hatte einen Brief abgegeben, der es Herrn Kortüm geraten scheinen ließ, sogleich mit dem Bemalen der Verbotstafel aufzuhören und sich seinen Baugeschäften zu widmen. Einen Brief konnte man das Schriftstück eigentlich nicht nennen. Es war nur ein gelbliches Papierblatt, welches eine Klebemarke zusammenhielt. Herr Kortüm kannte solche briefartigen Zettel. Zögernd öffnete er und richtig: »Sollten Sie nicht bis spätestens den 14. dieses . . .« 268 Ach, Herr Kortüm baute, und der Herr aller irdenen Gehäuse erbarme sich seiner. Jetzt konnte ihm nicht einmal sein Freund Stichling helfen. Den Brief hatte eine Abteilung des Bauamtes geschickt, welche die Schönheitsfragen des zeitgenössischen Bauwesens regelte. Und diese Abteilung war offenbar sehr ergrimmt über Herrn Kortüm. Sie hätte bereits einmal geschrieben; aber der Bauherr habe nicht einmal das Schreiben bestätigt, viel weniger sei er an Amtsstelle erschienen. »Dann habe ich den ersten Brief in eine falsche Mappe gelegt!« rief Herr Kortüm. Aber das entschuldigte ihn nicht in so wichtiger Sache. Man wollte nämlich nicht dulden, eröffnete ihm das Amt, daß Herr Kortüm zwar seine nach Osten gehenden Dachflächen mit sogenannten Mansarden versehe, die westlich geneigten Dachseiten dagegen nicht ausbaue. Dadurch leide die Symmetrie. »Meine Gäste brauchen Morgensonne, aber keine Symmetrie! Oder glaubt das Amt, ich kann Symmetrie in Rechnung stellen?! Morgensonne dagegen erhöht den Zimmerpreis um wenigstens eine Mark. Ich schaffe wirtschaftliche Werte aus Morgensonne!« – Herr Kortüm suchte im ganzen Haus nach dem Professor, der eine solche Schönheitsfrage zweifellos besser beurteilte als ein Amt. Es eilte. Wenn er zur Zeit auf dem Bauamt sein wollte, mußte er den Nachmittagszug nehmen. »Meister!« rief er. »Mitten im Hofe steht er doch«, sagte Liese. Dieser Gastwirt, der eben noch den Professor Holdermann um Rat fragen wollte, wie ein Brunnen zu gestalten sei, damit er aus der Schönheit Gewinn ziehen könne, dieser selbe Herr Kortüm war jetzt unterwegs zu diesem selben Professor, um zu erfahren, wie er durch Zerstörung der symmetrischen Schönheit die Morgensonne zu verzinsen vermöge . . . Er trat in den Hof, er sah Holdermann Rauchwölkchen aus seinem Munde blasen, er sah die rauchende Schar der Maurer um ihn und inmitten dieser Männer sah er den Püsterich, der auf dem Schottenhofe saß wie eine ungeheure gelbe Kröte. »Gut, nicht?« rief ihm Holdermann entgegen, »nur zu tief.« Er deutet mit der flachen Hand die richtige Höhe an: »Die Mitte des Bauches etwa in Augenhöhe.« »In Augenhöhe!« – Herr Kortüm schluckte ein paarmal – »Meister, wenn Sie wüßten, daß dies ein gewöhnlicher Kessel ist –« 269 Holdermann lachte: »Ich weiß! Die Maurer haben mir schon erzählt, was Ihr Brennmeister darin für einen vortrefflichen Schnaps zustande bringt.« »Was für ein Meister?« Jetzt hielt Herr Kortüm nicht mehr still, er unterbrach einfach seine Autorität in Schönheitsfragen: »Mein Brennmeister, Meister?« »Na ja, der . . . wie heißt er?« fragte er die Maurerschar. »Albrecht«, sprach der Chor der Männer, »jawohl, Albrecht. Der Schuldiener. Der aus Nordhausen. Jawohl.« »Sie können jetzt Ihre eigentliche Tätigkeit wieder aufnehmen!« sprach Herr Kortüm zornig zu den Arbeitsmännern, wies nach dem Flügelbau, der ihm so viel Sorgen machte, und wandte sich an den Maler: »Zwischen mir und jenem Schuldiener, den Sie irrtümlich als meinen Brennmeister bezeichneten, besteht keinerlei Vertrag. Der Mann hat den Likör auf eigene Gefahr und probeweise abgezogen. Unverbindlich. Vor Zeugen.« »Lassen Sie ihn ruhig weiterdestillieren, Herr Kortüm. Mitten auf Ihrem Hofe. Vor Zeugen und vor aller Augen. Was macht die Thüringer Rostbratwürste so beliebt? Daß sie öffentlich gebraten werden. Welche Frauen sind berühmt landauf, landab? Die öffentlich schön sind. Wenn wir auf dem Jahrmarkt malten und Verse machten auf der Straße und Sie Ihre Menüs auf dem Hausflur kochten – wir hätten mehr Gäste als Stühle, könnten Stars werden und Filmschauspieler –« »Bratwürste! Verse! Frauen! Gemälde! Menus! – erlauben Sie, Meister –« »Jawohl! Alles das! Und dieses Schnapsbrünnlein –« »Ich besitze doch schon einen Brunnen! Einen richtigen Brunnen!« Herr Kortüm ließ seine hohle Hand voll Wasser laufen und hielt sie dem Professor vor die Nase. Holdermann sah seinen Wirt mit Maleraugen an wie damals in seiner Werkstatt, als Kortüm sein Objekt war: »Ich habe noch nie gehört, daß ein Gastwirt Wasser sagt und meint nicht ein gebranntes Wasser . . .« Aber jetzt lächelte Herr Kortüm, spitzte den Mund, zog die Augenbrauen hoch. Jetzt war er in seinem Fach, jetzt konnte er den Professor belehren: »Weil bei einem Gastwirt die Leute eintreten, wie sie belieben – sitzen bleiben, so lange es ihnen paßt – reden, was ihnen einfällt; wo käme ein Wirt hin, wenn die Leute ständen, säßen, redeten 270 – ohne Wein. Hier erkennen Sie den Segen des Weinstocks, Meister: der Wein hat die Aufgabe, die Menschen erträglich zu machen –« Holdermann lachte: »Aber der Mensch ist nicht immer unter Leuten, und wo nimmt unseresgleichen die Heiterkeit her, wenn's schief geht?« »Aus der Erinnerung, Meister. Es lernt sich.« Herr Kortüm eilte zur Bahn hinunter. Die Worte »Sollten Sie bis spätestens« setzten Herrn Kortüm in jenen hurtigen Trab, den Ämter gern für die angemessene Gangart des ihnen anvertrauten Publikums halten. Holdermann aber stand auf dem Schottenhofe, sagte: »Wunderbar«, zog sein Zeichenbuch aus der Tasche und trug das seltsame Bild ein, das er vor sich sah: links Gerüste, rechts Gerüste, im Hintergrund die Goldene Aue und darüber die Wolkenberge des Frühlingstags. Die Püsterichkröte zeichnete er in die Mitte des Schottenhofes – wie eine Brunnenfigur saß sie da. »Brunnen?« fragte sich Holdermann und betrachtete den Püsterich. »Ein Brunnen. Freilich. Und dort ist die Quelle. Ungebranntes Wasser. Man sollte es versuchen.« Holdermann sah sich den Püsterich noch einmal von allen Seiten an. Der Gedanke ließ ihm keine Ruhe mehr. Er suchte den Klempner im Neubau. »Das is 'ne Kleinigkeit.« »Dann wolln wir morgen früh gleich Herrn Kortüm fragen.« »Einfacher is es, wenn wir's erst machen un dann fragen. Auf die Weise sieht er gleich, wie's wirkt. Da Bleirohr hinein, das is keine Stunde Arbeit.« Den Künstler lockte der Versuch: »Wir können es ja wieder abnehmen.« Der Klempner nickte und holte seinen Lötkolben. Der Mann aber, der aktenmäßig als Bauherr bezeichnet wird, wußte nichts von dieser baulichen Veränderung, wie ja bekanntlich Bauherren niemals etwas wissen von den Verbesserungen, welche Künstler, Baumeister, Unternehmer, Hoch- und Tiefbauämter über ihn verhängen. Ein wahrer Bauknecht, stand dieser Bauherr im Amt, diesmal nicht in einem Aktenamt, sondern in einem Zeichenbogenamt. Gestern war er nicht bis zur richtigen Stelle vorgedrungen. Heute aber war ein Sonnabend, und um ein Uhr schloß das Zeichenbogenamt. Die Uhr zeigte auf halb eins, und nichts war entschieden. Das Richtfest stand 271 vor der Tür, und Herr Kortüm hatte kein Dach. Baue ich, überlegte er, die Ostseiten der Dächer nicht aus, fehlen mir die Fremdenzimmer: der Bau verzinst sich nicht. Baue ich die Ost- und Westseiten aus, wird der Bau zu teuer: er verzinst sich ebenfalls nicht. »Verzeihung, meine Herren, die Sache muß jetzt ins reine kommen«, sprach er höflich, stand von seinem Stuhl an der Tür auf und trat mitten unter die Zeichentafeln, an denen Männer in weißen Kitteln emsig strichelten. Sie hatten Zeichnungen vor sich, in die sie mit leuchtend roter Farbe Verbesserungen eintrugen: sie machten Türen breiter, Dächer niedriger, Türme spitzer, Dachrinnen gefälliger – kurz, sie verschönerten die Entwürfe nach Gesetzen, welche ein paar Straßen weiter in der von Kortüm so verehrten Akademie erfunden wurden. Die Männer waren sehr beschäftigt und konnten sich nicht von ihrer Arbeit ablenken lassen. »Ich muß die Bauzeichnungen heute noch zurückbekommen!« sprach Herr Kortüm, diesmal in etwas Hamburger Tonfall. Das Stricheln hörte auf. »Muß?« fragte der Oberzeichner. »Ich bin nur deswegen hergefahren.« »Dafür kann ich aber nichts«, sagte der beleidigte Oberzeichner. Herr Kortüm war sehr glücklich, daß endlich überhaupt jemand sprach: »Sie nicht«, lenkte er ein, »gewiß nicht, aber –« »Aber wir können auch nur vierundzwanzig Stunden am Tage arbeiten. Sonntags und nach Büroschluß ist hier überhaupt die einzige ruhige Arbeitszeit.« »Bitte. Ich werde gern morgen am Sonntag vorsprechen.« Der Oberzeichner sah ihn erbittert an: »Und außerdem ist Ihre Zeichnung noch gar nicht bis zu uns durch.« Er blätterte verärgert in einem Berg von Plänen, die alle noch zu verbessern waren. »Wo könnte ich mich nach dem Verbleib der Blätter erkundigen?« Kortüms Sprache hatte den Hamburger Klang verloren. Ein wenig versöhnt, riet der Mann dem Herrn Kortüm, auf sehr verzwickten Wegen einen Raum aufzusuchen, in dem möglicherweise jemand etwas Genaueres wisse. Der Bauherr machte sich auf den Weg. Zwei Minuten vor eins stand er endlich nach öfterem Fragen und Fehlgehen vor diesem zweiten Zeichensaal und riß eilig die Tür auf. Aber Herr Kortüm blieb bestürzt auf der Schwelle stehen. In diesem Raum war deutlich eine gewisse Unruhe wahrzunehmen, die man nicht als Ausbruch bezeichnen konnte, aber auch nicht als beschauliche 272 Zeichentätigkeit. Einer der Männer zog eben seinen weißen Kittel aus und rief: »Also, wer kommt mit? Hin un zurück für zwei Mark fuffz'g.« »Das is nich kostspielig«, sagte jemand. Eine andere Stimme rief: »Was gibt's denn?« »Schmorbraten un Backpflaumen.« Aber jetzt brach in dem verzweifelten Bauherrn die Wut durch: »Zu Schmorbraten reicht man keine Backpflaumen!« donnerte er in den Saal. Tiefe Stille. Aller Augen suchten den Mann, der hier plötzlich gegen Backpflaumen auftrat . . . Da schlug die Uhr eins. Herr Kortüm reiste ohne die Zeichnungen nach Hause, weil niemand Lust hatte, wegen eines solchen Bittstellers eine Sonderleistung auf sich zu nehmen.   Lieber Besuch Glücklicherweise hatte Holdermann Kortüms Worte gegen die gegorenen und gebrannten Flüssigkeiten allein vernommen. Niemand sonst war Zeuge dieser Äußerungen eines Gastwirts, und Holdermann hatte schweigen gelernt. Er war Porträtmaler. Er verstand die Kunst, den Menschen ins Herz zu sehen, und wurde dabei täglich schweigsamer. Und doch hatte er Kortüm gegenüber kein ganz reines Gewissen: da stand nun dieser wasserspeiende Brunnen im Schottenhofe, und der Besitzer hatte keine Ahnung, daß jetzt sein ehrliches Wasser durch diesen Püsterich laufen mußte. Aber der Brunnen saß so maßgerecht im Raum des Schottenhofes, daß man ihn um keinen Viertelmeter her oder hin, höher oder tiefer rücken konnte. Der Maler sollte über seine künstlerische Leistung gleich Näheres hören. Heute war ein Sonnabend, und ins Schottengelände kamen Leute, die sonst selten zu treffen waren. Vom Lohberg herab stieg der Holzhacker Kersch. Er wollte nach Besenroda hinunter und vorher auf dem Schottenhaus einen kurzen feierabendlichen Trunk zu sich nehmen. Der Waldarbeiter Bilmes kam aus der Besenröder Glasbläserei heraus und trug für den Esperstedter Apotheker eine Last Flaschen über den Berg. Mämpel war aus dem Wald hinterm Sachsstein gekommen und wartete schon eine gute Weile auf Kersch. Sie versammelten sich um die neue Sehenswürdigkeit des Herrn 273 Kortüm und guckten abwechselnd den zigarrenrauchenden Gast und den wasserspeienden Püsterich an. »Der stand doch im Hofe auf dem Hackeklotz.« Bilmes setzte seine Flaschenkiepe ab: »Gott sei Dank, daß wenigstens eine Quelle feste sitzt. Sonst schleppte die Herr Kortüm auch von einem Ort an'n andern.« »Hm«, sagte Holdermann, »guten Abend.« »Guten Abend«, antworteten die drei Männer und Kersch setzte hinzu: »Das Wasser da, das wär auch ohne den Umstand aus der Erde gelaufen.« »Dazu braucht man keine Destillasche nich«, ergänzte Mämpel. Feindselig betrachtete Kersch den Wasserstrahl: »Un dazu hat sich Albrecht die viele Arbeit nich gemacht.« »So was is Mißbrauch«, nickte Mämpel. »Is denn da gar keiner da, der sowas verbietet?« fragte Kersch. Aber Bilmes schüttelte den Kopf: »Um den Schnapskessel is es nich schade. Aber um das schöne Wasser.« »Red doch nich!« rief Kersch. »Wenn du verheiratet wärst«, knurrte Mämpel, »tätst du dir überlegen, was du redst.« »Was hat denn Schnaps mit Heiraten zu tun?« wehrte sich Bilmes. Aber Kersch winkte ihm nur mit der Hand ab: »Was weißt'n du.« »Als ob ich de Woche durch nich grade so viel Arbeit hätte wie ihr alle beide, un das kann ich dir sagen, Kersch –« Aber der Holzhacker ließ ihn nicht ausreden: »Arbeit haben wir alle. Aber wenn wir fertig sin, dann kommen wir heime, un da is de Frau, und da sin de Kinder, und da geht's Theater erst los. Aber wenn du fertig bist, dann biste fertig un hast gut predigen, alter Evangeliste du.« Holdermann hörte dem Streit zu: hm, er hätte doch vielleicht die Hände von dem Püsterich da lassen sollen . . . Liese kam mit dem Eimer, setzte ihn unter den Wasserstrahl und lachte: »So läuft's besser als erst.« Sie nahm den vollen Eimer weg. Das Wasser schäumte in das ausgespülte Erdloch und bespritzte ihre weißen Strümpfe: »Pfui!« »Hä, siehste?« »Hier kommt noch ein Becken her«, erklärte Holdermann und ritzte mit der Schuhsohle die ungefähre Größe in den Boden. Kersch sah ihm mißtrauisch zu: »Ach so«, sagte er, »Sie haben wohl den Kessel auf die Quelle gesetzt?« 274 »Ich? Nun, ich habe probiert, wie sich das ausnimmt.« Kersch schnüffelte: »Haben Sie denne n' Püsterich selber mal probiert?« »Den Püsterich? Probiert?« »Na ja, so heißt doch der Schnaps.« Holdermann schüttelte den Kopf. »Nee? Das hab ich mir gedacht. Sonst hätten Se da auch kein Wasser durchlaufen lassen.« Er schwieg und trat beiseite. Ein neuer Mann kam heran. Auch Kersch und Liese machten jetzt Platz. Bilmes kraute sich im Bart und zog vor Erwartung ein greuliches Gesicht. »Nanu!« sagte der Ankömmling, starrte verdutzt den Püsterich an, rückte die Mütze ins Genick und blickte dann den Umstehenden der Reihe nach fragend ins Gesicht. »Na, Albrecht«, begann Kersch mit umständlicher Gemütlichkeit, »nu sage mal, was meinst'n du dazu.« »Was ich meine«, fing er an – da lachte Bilmes. Albrecht trat auf ihn zu: »Du weißt noch lange nich, was ich meine. Aber ich weiß, was du meinst, un du bist 'n Ochse, Bilmes. Un nu will ich dir auch sagen, was ich meine. Wenn Herr Kortüm durch meinen Kessel Wasser laufen läßt, dann kann er's je machen. Aber durch mein Rezept kann er kein Wasser laufen lassen. Un was der Apotheker is, der Mickewitz, in Esperstedt unten, der wartet bloß auf mein Rezept.« Drin im Saal saß unter dem gemalten Kortüm der Freund des lebendigen Kortüm: da saß Monich, und Monich saß fest. Ihn kümmerte nicht die Verwandlung des Püsterichs unter den schönheitskundigen Händen Holdermanns. Die beginnende Auflehnung der Bevölkerung scherte ihn nicht, und von seines Freundes Kortüm Meinungen über die Herkunft der wahren Heiterkeit ahnte er offenbar gar nichts, denn er trank Glas um Glas und befand sich wohl dabei in seiner guten dicken Haut. Seit dem Nachmittag wartete er auf Kortüm. Von Stunde zu Stunde blickte er in den Fahrplan und sprach: »Mit dem Zug is er auch nich gekommen, denn kommt er vielleicht mit dem nächsten. Liese!« Das brave Mädchen brachte ein neues Glas. Monich leckte die Oberlippe nach links, dann nach rechts, atmete ein, setzte an und trank. Dann setzte er ächzend das Gesäß auf den Tisch und wartete weiter. Es war Pflicht für ihn, hier zu warten, denn seine Botschaft war von Gewicht 275 und eilig. Aber schließlich brachte dieses freundschaftliche Durchhalten eine gewisse Müdigkeit mit sich. Monich sah nicht mehr so genau die einlaufenden Züge nach und fuhr aus einem sanften Schlummer, als Kortüm endlich geräuschvoll den Saal betrat. »Da bist du nu!« sagte Monich und gähnte. »Jawohl!« antwortete Kortüm grimmig. Er hatte allen Grund zum Verdruß. Seine Geschäftsreise ins Zeichenbogenamt war vergeblich gewesen. »Es ist heute ein elender Tag, Monich! Im Amt bekomme ich nichts , trete in mein Haus, und da gibt mir Liese das! « Monich las eine Depesche, in der Konstanze Schröter mitteilte, daß sie vielleicht erst morgen kommen könnte. Es sei aber nicht gewiß. »Kortüm, was willst du denn bloß! Wo du dein Dach nich fertig kriegst, sei doch froh, daß sie nu 'n bißchen später kommt.« »Deswegen hätte ich doch das Richtfest feiern können.« »Reg dich nich auf, Kortüm – die eine is nich gekommen, aber dafür kommt 'ne andere.« Monich begann eine verdächtige Geschichte zu erzählen. Zunächst ging sie ganz natürlich los, und Kortüm hörte wie gewöhnlich schlecht zu. Monich hatte heute mittag Klöße gegessen. Thüringer Klöße mit Schöpsenkeule und viel Soße. Diese Klöße lagen ihm schwer im Magen. Monich bedurfte an solchen Tagen einer ungestörten Mittagsruhe und war höchst mißgelaunt, wenn es in seinem Leinwandladen klingelte. Es hatte jedoch geklingelt. Und zwar ungewöhnlich lärmend. Monich, der doch außer seinem Laden den Posten als Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr bekleidete, fuhr aus seiner Stube heraus, um den unverschämten Besenröder im Hauptmannston zu fragen, was er wünsche – da sah er gänzlich fremde Herrschaften vor sich. Eine Dame in den besten Jahren und einen Herrn. Er: mager, still, ein wenig gebückt und mehr im Hintergrund stehend. Sie: nicht mager, sehr erfreulich anzusehen und in jeder Hinsicht im Vordergrund befindlich. Dieses Ehepaar nun hatte Kortüms Freund bedenklich gestimmt: »Nich wegen den verdammigten Klößen, nee. Aber weißte, ich merke nämlich gleich, wenn einer kommt un kauft was un will eigentlich gar nischt kaufen. Ich meine, Kortüm, wenn'r kommt un will bloß so'n bißchen horchen.« Herr Kortüm war aufmerksamer geworden: »Hm. Solche Gäste gibt es.« »Kunden, Kortüm. Bei dir heißen sie Gäste. Bei mir heißen se Kunden. Also er – na ja, da is nich viel zu sagen. Er sah aus wie 276 einer, der geheiratet worden is. Er sagte auch nich viel. Aber sie! Verflucht noch mal« – Monich trank – »also sie – allabonheur! 'n Frauenzimmer – Schockschwerenot, Kortüm! Nu paß auf. Was soll ich dir sagen: die sagt zu mir, sie will für'n Groschen Rosaband kaufen. Hähä. Na weißte, nach Rosaband sah se schon aus. Aber nich bloß für'n Groschen. Nee, nee, da will ich nischt gegen sie gesagt haben. Alles da –« »Erzähle rascher, Monich.« »Schneller kann ich nich reden, Kortüm. Also paß auf: ich denke so bei mir im stilln: du un für 'n Groschen Rosaband? Jawohl! Deswegen kommste nich. Du willst was anderes. Da genügt bei mir 'n einziger Blick. Un paß auf, da kam's auch –« Herr Kortüm sah ihn gespannt an. Monich ergriff das Glas, trank aus und rief: »Liese!« »Liese!« donnerte Herr Kortüm, »etwas rascher, bitte!« »Ob, fragt sie mich, ob ich einen gewissen Herrn Kortüm kennte, fragt sie mich.« »Hm. War sie – ich meine, ob sie – ansehnlich war, Monich?« Monich schob die Lippen vor, machte die Augen groß, hob den Zeigefinger – er deutete auf alle Weise die sehr ansehnliche Erscheinung der Dame an: »Haare: schwarz –« »Schwarz . . .« wiederholte Herr Kortüm nachdenklich. »Augen: auch schwarz –« Kortüm sah ihn an: »Auch schwarz . . .« Monich bezeichnete nun mit den Händen kurz die wichtigsten Körperformen. Kortüm unterbrach leicht beunruhigt seine Darstellungen: »War sie auch ganz bestimmt mit jenem stillen Herrn im Hintergrunde verheiratet? Wie? Doch sicher, Monich. Das steht fest, nicht wahr?« »Na, wenn du mich so fragst – genau weiß ich das natürlich nich –« »Etwa nicht verheiratet? Und sie fragte nach mir? Sie kam wegen mir aus der Stadt?« »Wegen dir, Kortüm.« »Ist sie wieder abgereist?« »Nee doch, eben nich, warte doch –« »Monich!« Herr Kortüm erhob sich. »Hatte sie vielleicht einen etwas russisch klingenden Namen?« »Kunden nennen doch ihren Namen nich im Laden. Un nu auch noch russisch – das weiß ich nich.« 277 Herr Kortüm wandte sich plötzlich an Liese: »Ist Professor Holdermann im Hause?« »Der stand 'n ganzen Nachmittag mit dem Klempner im Hofe, und dann stand er mit –« »Also nu laß deinen Professor. Du wirst die Dame auch ohne den kennenlernen. Sie will dich nämlich besuchen.« »Hierher will sie kommen?!« »Aufs Schottenhaus. Un sie wären alle beide Verwandte von dir, sagen sie.« »Ver – wandt?« – Kortüm atmete ganz tief auf – »Verwandt? Nein. Verwandt ist sie nicht mit mir.« Monich sah ihn erstaunt an: »Wer is nich!« Kortüm antwortete nicht gleich. Er trank einen guten Zug. Dann setzte er das Glas langsam ab und blickte lächelnd in die Flüssigkeit . . . »Kitty«, sagte er kopfnickend vor sich hin. »Von wem redst du denn eigentlich?« »Von einer Verwechslung, Monich . . .« »Das scheint mir auch so.« Monich war verwundert, aber Herr Kortüm ging um den Tisch, er klopfte Monich auf die Schulter, er schritt zum Kamin, er sah zu seinem Bildnis auf. Kortüm begann im Saal herumzuwandeln und sagte behaglich: »Haha, Monich.« »Du scheinst je plötzlich recht beruhigt zu sein.« »Völlig.« »Na, prost Kortüm. Ich weiß je nich, was du in Verwandtschaftsangelegenheiten für Erfahrungen hast. Was mich betrifft, ich habe immer gefunden: wenn sich mit einmal Verwandtschaft meldet, die man gar nicht kennt un die gar keine richtige Verwandtschaft is, bloß so hintenrum angeheiratet, un wenn die dann auch noch in der Nachbarschaft rumgeht un was rauskriegen will –« »Rauskriegen?« »Je – die Dame hat gefragt, ob du noch manichmal an Geestemünde denken tätst. Der Sohn von deinem Vetter in Geestemünde – 'n Namen hab 'ch vergessen – der wäre der angeheiratete Onkel von ihrem Mann.« Herr Kortüm antwortete gelassen: »Das ist alles Unsinn, Monich. Meines Wissens habe ich keine lebende Verwandtschaft.« » Deines Wissens. Na ja. Das is aber manichmal sonderbar. Da kann ganz unerwartet einer auftauchen un sagen, seines Wissens.« 278 »Geschwätz, Monich.« »Kortüm, so einfach is das nich. Beim Heiraten kommt manches durcheinander, un wo du denkst, 's is nischt, da steht mit einmal 'n angeheirateter Großonkel vor dir.« »Ich kenne meinen Stamm.« »So was Ähnliches haste schon 'nmal gesagt, Kortüm. Weißte noch? In der Gruft unten? Un verflucht, am Abend war's, als ob du mit ganz Kranichstedt verwandt wärst – weißte noch, wie's brannte, un wie sie gelaufen kamen?« »Schweige, Monich. Dort hat es sich um meine verewigte Verwandtschaft gehandelt.« Herr Kortüm hörte auf zu wandern und sah wieder zu seinem Bildnis auf. »Aber hier, hat die Dame mit dem Rosaband gesagt – 'ne forsche Dame, Kortüm, alles was sein kann – hier handelt sich's um lebendige Verwandtschaft – verdammt lebendig«, murmelte Monich und trank nachdenklich. Kortüm sah ihn fragend an. Monich fuhr fort: »Sie hat nämlich auch noch gefragt, ob das wahr wäre, daß du hier oben Wälder hättest un größere Liegenschaften –« »Das fragt mancher«, sprach Herr Kortüm mit hochgezogenen Augenbrauen. Er stand sehr aufgerichtet vor dem Kamin. »Ja, un ob du nich auch eine gut gehende Luftkuranstalt betriebst, wollte sie wissen. Un du bautest doch jetzt – merkste was? Siehste, Kortüm, wenn Verwandtschaft, von der man nischt weiß un die eigentlich gar keine is, wenn die so viel von einem selber weiß un dann auch noch persönlich kommt – du, Kortüm . . .« Monich machte ein bedenkliches Gesicht. Aber leichtfertig zuckte Herr Kortüm mit den Schultern: »Eine Verwechslung. Es gibt solche Verwechslungen. Ich habe da etwas Erfahrung. Lebende Verwandtschaft hätte sich mir längst bemerklich gemacht.« »Etwa als dir's schlecht ging?!« rief Monich. »Nee, Kortüm, wenn's einem dreckig geht, macht sich lebendige Verwandtschaft meistens nich bemerkbar. Aber wenn's einem gut geht – na prost, Kortüm.« Sie tranken. Holdermann trat ein und sah sie trinken. Er setzte sich an ihren Tisch und dachte bei sich: Herr Kortüm trinkt – sieh da . . . es muß ihm also an der wahren Heiterkeit gebrechen. 279   Goldenes Gebälk Am anderen Morgen frühstückte Holdermann bei guter Zeit. Er aß hastig und konnte mit Herrn Kortüm nur wenig Worte wechseln. Noch ehe er den letzten Schluck seines Kaffees getrunken hatte, bat er, man möge sogleich eine Bockleiter in den Saal bringen und vor dem Bildnis Kortüms aufstellen. Die Malgerätschaften hatte er schon neben sich auf dem Stuhl liegen. Jetzt raffte er sie zusammen, steckte den Rest eines butterbestrichenen Hörnchens in den Mund, bestieg kauend die Leiter und begann, ohne nach links oder rechts zu sehen, mit der Wappenmalerei. Aha, dachte Herr Kortüm, jetzt ist der Meister endlich in Stimmung gekommen. Er verließ auf den Zehen den Saal und befahl draußen mit gedämpfter Stimme: »Leise reden, nicht singen, keine Türen schlagen, Ruhe – der Meister arbeitet. Aber gut aufpassen. Sobald er fertig ist, die Leiter aus dem Saal schaffen: Frau Konstanze Schröter kommt heute.« Der Meister auf der Bockleiter aber dachte: »Verflucht – jetzt geht er über den Hof und sieht den Brunnen.« Holdermann malte mit großem Eifer. Solange er malte, war er geborgen. Niemand würde ihn stören, am wenigsten Herr Kortüm. Wenn er bis Mittag auf diesem Leitersitz aushielt, war die Überraschung des Bauherrn abgeklungen – freilich, bis Mittag war noch lange hin, und das Leiterbrett war schmal. Er versuchte es so und so. Das Holz drückte auf die Dauer. Rasch kletterte er noch einmal herunter, holte ein Kissen . . . Ja, so ging es. Holdermann malte. Sehr langsam und sorgfältig. Die viele Zeit bis Mittag muß den Wappen meines Gastgebers zugute kommen, sagte sich der Professor. Die Rechnung war gut, aber das Exempel kam falsch heraus. Wohl setzte sich Herr Kortüm den Hut auf und begann mit dem Morgenrundgang durch seine Liegenschaften. Er ging durch die Anrichte in die Küche, er wollte eben die Küchentür zum Hof hinaus öffnen, als diese Türe mit einigem Schwung von selber aufging und eine buntfarbig gekleidete Dame im Türrahmen erschien. Kortüm mußte einen Schritt zurückweichen, hatte kaum Zeit zu denken: wer ist das? – da ergriff ihn die lichte Erscheinung bei seinen beiden Händen und rief: »Liebster Friedrich Joachim.« »Aber –« »Wie reizend! Da kommen wir nun herauf, und das erste, was wir erblicken, ist dein liebes Gesicht!« 280 Nur das Wort »Gesicht« ging in Kortüms Ohr – denn er starrte an der Erscheinung vorbei in den Hof und hatte dort eine andere Erscheinung . . . das Gesicht des Püsterich . . . das lebte . . . das spie Wasser, immer weiter Wasser spie es – »Ach und ganz der alte ist er geblieben! Ulrich! Komm doch mal her, Ulrich!« »Verzeihung, gnädige Frau –« Sie lachte mit einer perlend frischen Stimme: »Gnädige Frau nennt er mich! Ulrich –« Hinter ihr tauchte, soweit im Türrahmen noch Platz war, ein ältlicher Herr auf – das ist der stille Mann, durchfuhr es Kortüm, und das Weib – oh, Monichs Rosaband! »Hör doch bloß, Ulrich! Gnädige, sagt Joachim! Erkennst du mich wirklich nicht?! Aber geh, du stellst dich so! Ich bin doch die Sidonie Lautenschlager! Ulrich, komm näher. Sieh mal, Joachim, das ist mein Mann –« Herr Kortüm war sehr erschrocken: drei Gesichter im Türrahmen lachten ihn an – links Sidonie, rechts Ulrich, in der Mitte der Püsterich. Persönlich kannte er nur den letzteren. »Schüttelt euch nur recht die Hände, ihr lieben beiden! Nun lernt ihr euch doch noch kennen. Mich kennt Joachim schon. Ich freue mich ja so! Dem Ulrich habe ich viel von dir erzählt. Aus dem wird noch mal was, habe ich immer zu Ulrich gesagt. Der hat Gaben.« Sie henkelte Herrn Kortüm ein. »Auf mich kannst du dich ja noch besinnen. Gott, ich sehe dich noch vor mir. Du trugst damals so süße blaue Matrosenhöschen.« Sie führte Herrn Kortüm an der entsetzten Liese vorbei durch die Küche. Ulrich ging hinterher, der Püsterich blieb draußen und spie Kortüms Quelle von sich. Plautz! flog die Tür im Zugwind zu. Wenigstens das eine Gespenst ist weg, dachte Herr Kortüm verstört. »Mein Vetter, der angeheiratete, weißt du, Joachim, der Daniel Lautenschlager, ist doch der Bruder von unserem guten Hermann, und der –« Holdermann malte. Aber er malte seines schlechten Gewissens wegen nicht wie sonst. Der Professor hörte bei der Arbeit noch, was in der Umwelt vorging. Jetzt lauschte er mit schiefgehaltenem rechten Ohr . . . »Allmächtiger, was redet denn da so . . .« Das kam aus dem Hofe . . . Aller Berechnung nach mußte aber jetzt Herr Kortüm auf dem Hofe stehen, stumm den Püsterichbrunnen ansehen, die Augenbrauen 281 hochziehen – und nun brach da draußen eine weibliche Stimme los. Holdermann erhob sich vorsichtig auf den Leiterstufen und machte einen langen Hals. Der Hof war leer. Der wasserspeiende Püsterich stand ganz allein in der Mitte. Da schlug wieder eine Türe. Die weibliche Stimme klang bedeutend näher. Holdermann setzte sich wieder fest auf sein Kissen und malte. Die Tür des Kaminsaales ging auf. Sogleich prasselte Reden herein: »– und als wir in Geestemünde wohnten, blieb das so dabei. Damals lebte ja deine liebe Frau noch, Joachim. Die kam so oft zu uns –« »Pst«, hörte Holdermann hinter sich, »psssst.« Die Stimme brach ab. Die Türe schloß sich leise. Aber draußen, ein wenig durch das Türholz gedämpft, begann es wieder: »Aber nein doch! Genau wie bei uns, nicht wahr, Ulrich?« lachte sie, »wenn zu uns jemand auf Besuch kommt, das ist wie gemacht: da ist auch allemal ein Handwerker im Hause. Maler, Ofensetzer, Klempner –« Die Stimme verlor sich. Holdermann drehte sich vorsichtig um. Der Saal war leer. Was war das? Maler, hat sie gesagt? Und Ofensetzer? Klempner? Bin ich mit dem Maler gemeint? Und Herr Kortüm wandelt unter solchen Reden Arm in Arm mit diesem Weibe herum . . .? Hier geht was vor, sagte sich der Maler. Er überlegte eine Weile und stieg dann lautlos von der Leiter herunter. Er öffnete vorsichtig die Tür, über der »Zutritt verboten« stand. Holdermann öffnete ebenso vorsichtig die Tür der Anrichte, der Küche – alles leer. Er eilte über den Hof, drängte sich durch die Gerüststangen des östlichen Flügelbaues – und verschwand im Walde. Im Kaminsaal war Totenstille. Ein achtlos weggelegter Pinsel tropfte auf den Fußboden. Voreilige Frühjahrsfliegen summten. Jetzt knackte die Türklinke. Die Tür ging einen Spalt breit auf, und der Besitzer von Tür und Saal und Haus und Hof lugte herein – leer? Die Tür ging etwas weiter auf – leer? Der ewige Kortüm blickte aus seinem goldenen Rahmen von der Wand herab, aber weit hinweg über sein ängstliches Vorbild. Der leibliche Kortüm trat ein, schloß leise die Tür, eilte durch den Saal, durch Zettelgang, Anrichte, Küche, Hof – alles leer. Er drängte sich durch die Gerüste des westlichen Flügelbaues – und verschwand im Walde. Wieder eine Stunde Totenstille im Saal. Liese kam herein, deckte Tische, sah sich um. »Herr Kortüm!« rief sie gedämpft. Laut rufen durfte sie ja heute nicht. So konnte sie denn 282 auch niemand hören. Kopfschüttelnd klappte sie Holdermanns Leiter zusammen und trug sie hinaus. Die Sonne stieg höher. Der Mittag kam. Endlich trappten auf den Fliesen draußen kräftige Männerschritte. Ein Stock wurde in die Ecke gestellt. »Na, da sind wir denn ja wieder.« Der Kapitän trat ein und gab ein behagliches, scheinbar endloses »Ahhh« von sich. Er hatte einen guten Marsch hinter sich. Es gab in der Umgebung doch allerlei über das Schottenhaus zu hören. Heute hatte er den nordwestlichen Sektor zwischen Esperstedt und Heidstein ausgefragt: nein nein, an Abreise war noch nicht zu denken. Hier ließ sich noch viel in Erfahrung bringen. Sein Sohn, der Schiffsarzt, sollte sich freuen über die lehrreiche Ausstellung aller der Einrichtungen, die ein Gaststättenbesitzer unterlassen muß, wenn der Betrieb blühen soll . . . Aber jetzt hatte Langloff Hunger und Durst: »He! Halloh!« Nichts regte sich. »Mangelhafte Bedienung«, sagte Langloff, zog sein Taschenbuch und begann zu rechnen. Hin und wieder murmelte er Bruchstücke von Sätzen: »Bei zwanzig Zimmern vier Angestellte mehr, macht sechseinhalb Prozent Unkostenzuschlag . . .« Langloff vergaß Hunger und Durst. Langloff rechnete. Nicht einmal die Türe hörte er aufgehen hinter sich. »Wenn ich Besitzer vom Schottenhaus wäre«, überlegte er gerade, »würden die Abzüge auf viereinhalb erhöht –« »Da sitzt er!« rief Frau Lautenschlager vorwurfsvoll. »Ach so«, setzte sie hinzu, »ich dachte nämlich, Herr Kortüm wäre hier.« »Den suche ich auch«, sprach der Kapitän. »Wann bekommt man denn eigentlich was zu essen heute?« »Nicht wahr? Ulrich hat auch so'n Hunger.« »Herr Kortüm hat zu viel Abhaltungen. Das kommt vom Bauen. Wenn einer baut, soll man ihn nicht besuchen.« Unruhig forschte die Lautenschlager in seinem Gesicht: »Sie sind wohl auch bloß zu Besuch hier?« »Ich bin Gast.« »Wie schön! Ach, und ich dachte schon, Sie wären auch ein entfernter Verwandter«, sagte sie erleichtert, »wir sind nämlich ein bißchen verwandt mit Herrn Kortüm.« »Sieh da«, sprach der Kapitän. Er verbeugte sich kurz vor dem näherkommenden Ulrich und kam in ein recht aufschlußreiches Gespräch mit der Lautenschlager über Kortüm, Kortüms Unternehmungen, seine 283 Hypotheken, Sicherheiten, Aussichten und Möglichkeiten. Mit Freude erkannten die beiden, wie glücklich sich ihre Kenntnisse gegenseitig ergänzten. Inzwischen war der Schöpfer des Kortümbrunnens den Schottenhügel hinabgeschritten. Er brannte sich eine Zigarre an, bewegte behaglich die Schultern und knöpfte im Gefühl des Geborgenseins auch noch den Rock zu: »Ich kann ja ebensogut im Besenröder Gasthof Mittag essen.« Gemütlich schlenderte er um die Wegebiegung am Steinbruch, besah die wilden Steinblöcke, die hohen Wolken, die tiefbeschatteten Farne. Ruckartig hob er den Kopf: da – der Mann, der dort den Berg heraufkam – kein Zweifel, das war der Herr Kortüm. Und neben ihm eine Dame . . . Holdermann riß die Augen auf: wie geht das zu in diesem Schottengelände? Oben war er ausgerissen vor einer Dame, die Arm in Arm mit Kortüm redend im Hause umging. Und jetzt stieg dieser selbe Kortüm von unten aus dem Tal herauf, eine Dame am Arm . . . Holdermann sah sich um – nein, zur Flucht war es zu spät. Kortüm und die Dame kamen näher . . . sie redet übrigens nicht . . . alle Wetter . . . der Professor ging nur zögernd weiter: da schritt neben Herrn Kortüm eine Frau hin, deretwegen auch sehr bedeutende Maler plötzlich langsamer auf der Straße gehen. Sie blieb stehen, grade dort, wo die Steinbruchwand hart in die Tiefe bricht. »Halt!« rief Herr Kortüm, »nicht so nahe an den Rand, um Gottes willen!« »Nein«, sagte sie und trat ganz an den Abgrund heran. Holdermann sah sie bewundernd an. Wer ist diese Frau? Herr Kortüm hatte vor Schreck die Hand auf die Weste gelegt – Holdermann blieb ruhig: die ist eine von denen, die genau wissen, wie weit man an Abgründe heran kann. Kortüm wechselte seinen Platz und ging zu ihrer Rechten. Er schaltete sich zwischen sie und den Abgrund ein. In angeregtem Gespräch kamen sie heran. Der Professor grüßte höflich. Die Dame nickte. Aber dieser Herr Kortüm beachtete den Maler kaum und griff nur knapp an die Hutkrempe. Er übersah seine Autorität in Schönheitsfragen beinahe. Holdermann ärgerte sich, aber hörte doch zu, was Kortüm eben auf das dunkeläugige Wesen einzureden hatte: »Das war im Schottenhaus, Gnädigste – jetzt aber mache ich daraus ein Flügelhaus . . .« Dabei hob der Mann seine Arme ein wenig, als ob er zum Fluge 284 ansetzen wollte, fortfliegen über den schwindelnden Abgrund an seiner Seite – er, der leibliche Kortüm . . . Die freundliche Wirtin von Besenroda setzte dem Professor die Suppe vor: »Gesegneten Appetit!« Als Antwort vernahm sie nur das Bruchstück einer Melodie, welche der gedankenversunkene Gast vor sich hin summte. Neugierig sah die Wirtin den Fremden von der Seite an: »Das is auch einer vom Schottenhaus«, sagte sie leise zu ihrem Mann, der den Bierhahn putzte. »Hat er die Speisekarte gelesen?« »Nee.« »Schlag 'n Fuffz'ger drauf.« Die Wirtsleute hätten ruhig laut reden können. Holdermann malte nicht, aber er hörte jetzt trotzdem nicht, tauchte den Löffel in die Suppe, hielt still: »Eigentlich muß ich sie kennen«, murmelte er, »der Gang, die Augen, der Mund . . . hm.« Plötzlich legte er den Löffel hin und sah starr gradaus: »Aber ja doch . . . Ja! Das ist sie . . . das war die Schröter. Die Konstanze Schröter von unserem Theater . . .« Der Professor hörte auf zu murmeln. Er aß und schüttelte nur von Zeit zu Zeit den Kopf. Als er beim Nachtisch war, sagte er plötzlich halblaut zu der Himbeergrütze: »So ein alter Halunke.« Der Wirt am Bierhahn musterte mit gefalteter Stirne den Fremdling, schob die Unterlippe vor und sprach zu seiner Frau: »Jetzt nimmste 'ne Mark mehr.« Herr Kortüm hatte Konstanze bis an die Wegebiegung geführt. »Das alte Bild«, sagte sie aufatmend. »Nicht ganz das alte.« Er bat sie, ein paar Schritte zurückzutreten: Über dem schwarzgrünen Tannicht hob sich ein goldenes Gitterwerk in den tiefblauen Himmel: »Das Dachgebälk des Flügelhauses ist vollendet!« sprach er mit leichter Verbeugung. Herr Kortüm hatte sich lange auf diesen Augenblick gefreut. Er war sehr glücklich. Konstanze sah auf das sonnbeschienene Holzwerk: »Goldenes Gebälk«, sagte sie lächelnd, »schade, daß es nun bald von den Dachsteinen verdeckt wird.« »Der Regen, Gnädigste – der Schnee, der Wind . . .« »Ja, die hält auch das goldenste Gebälk nicht ab.« Herr Kortüm seufzte: »Im Alter lernt man wetterfest bauen.« 285 »Und sitzt dann trocken!« Sie lachte ihn mit blitzenden Augen an. War da ein wenig Spott dabei? Eine Spur von Spott? Herr Kortüm nahm den Hut ab und machte einen ganz spitzen Mund: »Davon« – er bemühte sich, ganz höflich dazustehen – »davon verstehen Sie nichts.« »So!« »Sonst könnten Sie ja nicht Theater spielen.« Konstanze lachte: »Nun – der Herr Kortüm, der baut hier aber ein ernstliches Haus.« Jetzt ließ Herr Kortüm den Kopf hängen: »Was baut man schon, wenn man baut . . . Gedanken aus Tagen, die längst gelebt sind.« »Aber Herr Kortüm« – sie zeigte auf das Gebälk des Flügelhauses – »das über den Tannen da drüben ist Gott sei Dank solide Gegenwart, hoff' ich.« Langsam fuhr Kortüm mit der flachen Hand hin und her und winkte dann langsam ab: »Sehen Sie . . . mein Vater, ja, der hat auch ein Haus gehabt. Ein Flügelhaus« – er wies auf die Dächer – »so eins. Wie ein Hufeisen gebaut. In der Mitte der Grasgarten, die offene Seite« – Herr Kortüm neigte den Kopf – »die offene Seite ging allerdings auf das Meer hinaus. Hm . . . morgens las mein Vater die Zeitung im Garten. Da stand im Gras ein alter Holzstuhl. Auf dem saß er. Es saß sich, glaub ich, trotzdem gut: die Apfelbäume gaben Schatten – Sie wissen, den grünen Sommerschatten mit den unruhigen Lichtflecken auf dem Papier. Ja. Solche Apfelbäume gibt's nicht mehr. Borsdorfer, Gnädigste. Recht gedeihen wollten sie nie. Der Nordwind. Und das Fohlen. Wir hatten ein Fohlen im Garten. Wenn mein Vater las, schnupperte es an der Zeitung, schnappte, dann hob es den Kopf hoch. So ruckend. Und plötzlich riß es eine Ecke Zeitung ab . . . Ja – das Haus ist schon lange abgebrochen« – er blickte zum Schottenhaus hinüber – »aber es läßt sich neu bauen. Den Garten legt man an. Ein Fohlen ist überall zu kaufen. Die Zeitung erscheint auch noch« – er rieb sich langsam in den Bartstoppeln am Kinn – »aber – es stehen andre Nachrichten drin . . .« Über dem Schottenhaus segelte schweres Frühjahrsgewölk, geballt und mächtig hochgetürmt, das Wolkengewölbe von der sinkenden Sonne gerötet. Herr Kortüm sah es nicht. Die schöne Frau neben ihm beschwingte ihn wie Musik. Ihre Schönheit hatte Herrn Kortüm angeklungen, in dem Klang wuchs unversehens die Erinnerung in ihm empor und überwucherte das lebendige Gelände vor ihm. Er suchte nach den 286 Landschaften seiner Kindheit – unruhevolle Augenblicke, gärend wie in der Jugend. Nur zielt dieser Drang umgekehrt: Herr Kortüm kam immer näher auf sich selbst zu. Er sah mit einem Male alt aus. »Um Gott«, sagte Konstanze und hielt sich mit der Hand an seinem Arm fest. Bei Kortüms Rede waren sie auf den Hof gekommen. Konstanze starrte den Brunnen an. Kortüm hatte ihr doch geschrieben von einem wunderbaren Brunnen, den er bauen wolle, einen Brunnen, der Göttin der Ruhe gewidmet. Und da stand er . . . »Verzeihung«, stotterte Herr Kortüm – nein, dieser Kortüm sah doch nicht alt aus: noch war ihm das saftvolle Erleben des Gegenwärtigen reichlich vergönnt. Das Erinnern zerstob, er stand noch in der Gnade – mitten drin im Leben: »Wirklich – ich hatte den Brunnen vergessen. Es ist so viel geschehen seit heute früh. Ich bedaure unendlich« – er verbeugte sich. »Herr Kortüm . . .«, sagte Konstanze leise und sah unverwandt das wasserspeiende Scheusal an. »Ich kann nichts dafür.« Jetzt blickte Konstanze den Herrn Kortüm an. »Wirklich«, versicherte er, »wie meine Quelle zu dem Brunnen kommt, weiß ich nicht.« »Wenn Sie das nicht sagten – einem andern glaubte ich's nicht.« Herr Kortüm zog die Stirn in Falten: »Ich werde den Brunnen sofort beseitigen lassen.« Konstanze besah den Kortümbrunnen von allen Seiten. »Das Wasser springt schön«, sagte sie endlich, »sehr schön. Der große flache Bogen . . . nein, Herr Kortüm, beseitigen nicht, aber vielleicht läßt sich's mit Kletterrosen bepflanzen. Oder mit Efeu.« »Hm. Efeu. Der deckt zu.«   Die entfernten Verwandten Als Holdermann nach dem Essen eine Tasse Kaffee verlangte, brachte die freundliche Wirtin zwei Tassen. »Eine«, sagte er. »Nee, zweie. Die hier is fürn Organisten Wingen. Albrechts, was die Schwiegereltern vom Herrn Organisten sin, die machen 'n 287 Kaffee auf Thüring'sche Art. Aber Herr Wingen will lieber richtigen Kaffee. Un darum trinkt er 'n bei mir.« Sie zeigte nach dem Fenster. »Ich habe ihn nämlich kommen sehn. Da kommt er, sehn Sie? Un darum hab ich ihn gleich mitgebracht. 'n Kaffee mein ich. Herr Wingen macht nämlich seinen Urlaub hier bei uns in Besenrode durch. Noch acht Tage hat er. Dann is es vorbei. Da is er je auch.« Sie hätte sicher auch noch den Rest von Wingens Lebensgeschichte erzählt, wenn er jetzt nicht selber erschienen wäre. »Ah!« – Holdermann stand auf und ging dem eintretenden Wingen entgegen – »ein Mensch!« »Sie scheinen ja auch allerhand Leuten begegnet zu sein!« lachte Wingen. »Und was für welchen! Denken Sie!« Der Maler erzählte seine Begegnung auf der Schottenstraße: »Die richtige Konstanze Schröter, versichre ich Ihnen! Unsre große Schauspielerin!« Wingen schien die überraschende Anwesenheit Konstanzes nicht gleichermaßen zu erfreuen. Er zog die Stirn in Falten und begann zu schweigen. Holdermann merkte nichts. Das werde reizende Stunden geben, meinte er. Wingen müsse die Schröter ja auch kennen. Von der Bühne her. Sie habe doch damals die Hauptrolle in seinem Stück gespielt. »Sagen Sie, Wingen, wie weit ist übrigens Ihr Gedicht?« Wingen verzog das Gesicht. »Es eilt«, versicherte Holdermann. Wingen sah ihn fragend an. »Den Richtfestspruch meine ich. Herr Kortüm freut sich schon auf Ihre Verse.« »Die kommen nicht mehr zustande« – Wingen schüttelte den Kopf – »ich . . . Ja, sehn Sie . . . ich reise nämlich morgen ab.« »Mann! Wo die Schröter gekommen ist?! Ich denke, Sie bleiben noch eine Woche?« Wingen stellte klirrend seine Tasse hin. Der Maler ahnte nicht, daß Wingens Entschluß zur Abreise in dem Augenblick gefaßt worden war, als er Konstanzes Ankunft erfuhr, und redete ruhig weiter: »Vielleicht haben Sie Glück und die Schröter selber spricht Ihren Richtspruch.« »Ich schreibe nichts mehr.« »Was sagen Sie?« Holdermann sah Wingen aufmerksam an: war dieser erwachsene Mensch einfach trotzig? – »Was machen Sie denn sonst?« »Musik.« 288 »Hm« – Holdermann legte begütigend die Hand auf Wingens Arm – »etwa wegen der Probe damals? Sie kennen doch die Bretter. Nothnagel hat das längst vergessen.« »Der schon.« »Na – und Sie?« »Professor Holdermann, schreiben läßt sich alles. Aber gedichtet werden kann nur eins –« Holdermann sah ihn an . . . »Und – und jetzt mach ich Musik!« sagte Wingen und schlug mit der Hand auf den Tisch. Der Maler schüttelte den Kopf. Schüttelte immer wieder den Kopf. Er verstand Wingen nicht, denn er wußte nicht, daß dieser Mann hatte dichten können einen flüchtigen warmen Sommertag lang: als er Konstanze liebte, als diese Frau lebendig in seinen Stücken stand. Dann war Lotte gekommen. Und die war nicht Spiel. Die bekam Kinder, kochte, hing Wäsche auf, flickte Kleider, sparte und sah so genau, was wirklich vorging um ihr Nest herum, daß Wingen eine Zeit ganz kleinlaut wurde: diese geborene Albrecht wußte nicht viel, und sie war doch wohl stärker als die ganze abgeguckt und ausgetüftelt gespielte Welt – diese gewendeten Kleider, dachte Wingen erschrocken . . . was bleibt? – »Wissen Sie, Holdermann, es gibt genug Leute«, begann er unvermittelt, »die erzählen, was schon erzählt ist – spielen, was längst zu Ende gespielt ist, und die ihre zweite Hälfte des Lebens benutzen, um aufzuschreiben, was sie in der ersten Hälfte erlebt haben – nein: dazu weiß ich zu genau, was eine Fuge ist von Johann Sebastian Bach.« Er schwieg eine Weile, dann fügte er in nahezu unverschämtem Ton hinzu: »Mein Lieber . . .« Und nun bewegte er seine wohlgeübten Finger gelenkig, als ob die schwarzweiß gewürfelte Tischdecke ein schwarzweißes Tastenfeld wäre. »Haha, ich reise ab.« »Wohin denn?« »Auf meine Orgelbank.« Beide schreckten sie jäh aus ihren Gedanken. »Kann 'ch hier mal schnell telephonier'n?« fuhr Monich ins Gastzimmer. Er sah die beiden Kaffeetrinker gar nicht, drehte schon am Apparat. »Nummer sechs!« – Pause – »Nee, sechse, Fräulein!« – Pause von Monich murmelnd ausgefüllt mit dem Wort: »Himmelbombenschockschwerenot.« – »Wer is da? Liese? Nee, du nich. Kortüm soll selber kommen. Ich bin's auch selber.« – Längere Pause – »Bist du's 289 jetzt endlich? Also horch drauf, Kortüm. Hörste's? 's kommt wieder ein Trupp!« – Pause – »Gäste? Nee, eben nich!« – Pause – »Na, so 'n Stücker sieben oder achte . . .« Monich zog sein bunt bedrucktes Taschentuch hervor, wischte seine Stirn und erblickte endlich den Maler und den Organisten. Aber tapfer überwand er eine kleine Anwandlung von Schwäche und setzte sich nicht und nahm nicht eine Stärkung zu sich: »Ich muß gleich nauf aufs Schottenhaus.« Holdermann lachte: »Bekommt Herr Kortüm Einquartierung?« »Schlimmer. Einquartierung wird doch vergütet. Nee, Besuch kriegt er.« Der Maler wurde neugierig. Die weibliche Stimme kam ihm in den Sinn, die ihn heute morgen von der Bockleiter vertrieben hatte. Er rückte einen Stuhl: »Setzen Sie sich doch.« Monich seufzte, aber er nahm standhaft seinen Hut: »Nee. Ich muß. Sonst sin die eher oben als ich.« Die abendliche Mahlzeit im Kaminsaal des Schottenhauses zeigte ein völlig verändertes Bild. Besuch war da. Entfernte Verwandte. Holdermann wurde an Langloffs Tisch untergebracht. Herr Kortüm bat Konstanze an den runden Tisch in der Mitte des Saales und setzte sich ihr gegenüber. Himbeergrütze wie im Besenröder Gasthof hatte der Maler jetzt nicht vor sich und mußte unfreundliche Bemerkungen über den Herrn des Hauses vorläufig in den Suppenteller murmeln. Langloff hörte nichts, da er die Menükarte abschrieb und gleich eine ungefähre Kostenrechnung für seinen Sohn, den Schiffsarzt, aufstellte. Holdermann verglich ungestört die Entfernung zwischen Konstanze und Kortüm und zwischen der schönen Frau und ihm selber. Konstanzes Koffer waren noch nicht angekommen. Sie trug heute abend nur ein einfaches Reisekleid und fiel denen nicht auf, die erst die Kleider und meistens auch dann noch nicht die Köpfe sehen. Mit dieser Art Mensch war der Kaminsaal gut besetzt, obgleich das Schottenhaus in der jetzigen Bauzeit auf zahlreichen Besuch eigentlich gar nicht eingerichtet war. Da saßen Frau und Herr Lautenschlager – Sidonie dehnte sich nach allen Seiten. Sie trug ein buntes Blumenkleid, das an den unwahrscheinlichsten Stellen mit Schleifchen benäht war. Ulrich saß in zurückhaltendem schwarzen Rock still vor seinem Teller. Am Tisch daneben speiste ein Ehepaar Tips mit Sohn. An dieser Familie war der Sohn das Bemerkenswerte, ein Gymnasiast mit Namen Willibald. Der Jüngling 290 bestellte sich ein ganzes echtes Pilsner. Als Liese das Bier brachte, kniff er sie heimlich in den Arm. Herr Kortüm aber sah es und sprach: »Zum Teufel.« Der verwunderten Konstanze erläuterte er seinen Grimm: »Diese Leute behaupten sämtlich, mit mir entfernt verwandt zu sein!« Wenn das richtig war, so hatte Herr Kortüm nicht nur eine große, sondern auch eine fröhliche Verwandtschaft. Nur Ulrich benahm sich gemessen, aber dessen Anteil Lebensfreude hatte seine Gattin Sidonie mit übernommen. Als Muster von Genußkraft fiel Herrn Kortüm ein Herr Wodtke auf: Junggeselle, gut bei Jahren, wohlbeleibt, reicherfahren und von eiserner Gesundheit. Die zarte gelbliche Dame ihm gegenüber hatte sich als Wodtkes ältere Schwester dem lieben Friedrich Joachim bekannt gemacht. Sie glaubten auch, wie die Lautenschlagers, über den Heydeloffschen Danielast mit dem Kortümstamm auf allerdings kaum noch kenntlicher Entfernung verwandt zu sein. Wodtkes hatten nichts davon geahnt und waren erst hergereist, als sie hörten, daß Lautenschlagers reisten: man kann nie wissen, hatte Wodtke gesagt. Aber Sidonie war mit ihren Koffern und ihrem Mann rasch in den Abendzug gestiegen und einen halben Tag vor den Familien Tips und Wodtke zur Stelle. Durch den guten Neffen Willibald hatte nun wieder eine ältere Dame, eine verwitwete Frau Küppen aus Geestemünde, Nachricht erhalten sowohl über ihre entfernte Verwandtschaft mit Herrn Kortüm als auch über den Reisetag der Familie Tips. Vater Tips hatte darauf zum jüngeren Tips gesagt: »Am liebsten haute ich dir eine links und eine rechts hinter die Ohren!« »Aber Vater!« »Was heißt ›aber‹, wenn die Dicke eher kommt als wir!« Überhaupt hatte die Kunde, im Thüringer Wald oben säße ein reicher verwitweter und kinderloser Verwandter, mancherlei Mißhelligkeiten unter Leute gebracht, die sich noch gar nicht richtig kannten. Eine Frau Lerche und eine Frau Mimi Schlick, beide Witwen, aber letztere noch in den allerbesten Jahren, lernten sich zum Beispiel erst hier auf dem Schottenhaus kennen. Sie aßen am gleichen Tisch, aber hatten wenig Freude aneinander. Gleich am ersten Abend stellte sich heraus, daß die Schlick mit der Gabel auf der Schüssel suchte, bis sie das vorteilhafte Stück aufspießte, welches die Lerche vor ihr bemerkt hatte. »Wie sie aussieht«, sagte nach Tisch Frau Lerche zu Frau Tips. »Das will ich Ihnen sagen«, flüsterte die Tips an ihrem Ohr, »einfach wie eine gewöhnliche Erbschleicherin sieht sie aus.« »Und wie sie sich anzieht. Hier, unter lauter anständigen Leuten. Sehn Sie mal, von hinten. 291 Wie das spannt.« Die Damen blickten weg. Die Witwe Schlick aber fuhr dem guten Friedrich Joachim über die Hand mit ihrem dicken weichen Händchen: »Nein – Alwin, wie er leibte und lebte. Alwin war mein Ideal« – sie seufzte – »ach ja, er fiel –« »Wo?« sagte Herr Kortüm erschrocken und trat etwas zurück. »Im Felde. Mein seliger Mann hat Alwin nie gemocht. Ach, Joachim, ich habe viel Schmerzliches erlebt . . .« Die älteren Damen überwogen in dieser Gesellschaft, fanden sich denn auch, setzten sich zusammen, und ehe sie begannen, den Rest der kurzen Zeit, welche Gott dem Menschen in seiner Gnade verleiht, mit Hilfe von Kartenspiel totzuschlagen, wollten sie erst ein bißchen so dasitzen – es war alles so reichlich gewesen und hatte so gut geschmeckt. Sie besahen die anderen Leute und riefen einen Kellner heran – einen unerfahrenen jungen Menschen, den Herr Kortüm in der Eile eingestellt hatte: ob es denn nicht endlich Tee gäbe. Und Gebäck. »Sofort«, sagte der Hilfskellner. »Sie sind ein Esel«, sprach Herr Kortüm zu dem erschrockenen Mann. Herr Kortüm war sehr schlechter Laune. Ehe er sich's versah, saß dieser Professor Holdermann, seine Autorität in Schönheitsfragen, mit Konstanze zusammen. Er mußte immer noch die Lebensschicksale der Schlick vor seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen. »Von Alwin habe ich auch das Interesse fürs Gastwirtschaftwesen«, sagte die Schlick eben. Herr Kortüm trat von einem Bein aufs andre. Jetzt hörte er Konstanze laut auflachen. Er sah sich um. Der Kerl schenkte ihr Wein ein . . . »Einen Augenblick«, sagte Kortüm und ging kurzerhand aus dem Saal. Herr Tips trank Wodtke zu. »Ah, jawohl«, antwortete Wodtke, »man ist so wundervoll gesättigt.« Langloff lehnte am Türrahmen und zählte die Gesellschaft. »Gutes Geschäft«, sagte er. »Na, ich danke«, antwortete ein kleiner Mann, der neben ihm stand und stirnrunzelnd in den Saal guckte. »Für diese Jahreszeit? Rechnen Sie durchschnittlich acht Mark Pension, das macht denn ja wohl, ohne Getränke, rund –« »Rund nischt«, sprach der Mann, »und mein Name is Monich.« »Langloff.« Der Kapitän verbeugte sich ein wenig. »Sehr angenehm«, antwortete Monich, »aber keiner von denen da drinne bezahlt was.« »Wie?!« 292 »Das is doch alles bloß Besuch, verdammig.« Langloff kniff die Augen zu, bis nur noch ein ganz schmaler Schlitz blieb: »Hmm . . .«, brummte er. Der Apotheker in Esperstedt schien doch recht zu haben . . . Wie kann ein Mensch so viel Besuch haben? Der Mann war doch wohl nicht ganz . . . Ja, morgen mußte Langloff leider abreisen, aber er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit im Grundbuch zu blättern . . . hm. Herr Kortüm stand im Flur und rückte an seinem Kragen. Was dachten sich diese Leute? Er baute. Das mußten sie doch sehen! Und dann wußten sie doch auch, daß ein Mann, der baut, jeden Groschen braucht! Statt dessen hatten sie ihn alle herzlich zu sich eingeladen. ›Revanchieren‹ nannten sie das. Aber gelänge es ihnen, sich zu revanchieren, würde er sich wieder revanchieren müssen, dann umgekehrt und wieder von vorn und nach der sechsten Revanche war er bankrott . . . Und morgen käme noch einer, hatte Liese gesagt. Er winkte Monich heran: »Was soll daraus werden?« »Je – Kortüm.« Bedrückt sahen sie sich an. Von drinnen schallte fröhliches Stimmengewirr heraus. »Und so plötzlich, Monich. So viele auf einen Schlag.« »Je, das is nich zu verwundern. In der verwandtschaftlichen Spekulation is sowas öfters dagewesen. Wenn da einer vom andern hört, daß er zu einem aussichtsreichen Onkel will, un wenn dann auch noch andere dahinter kommen, Kortüm, dann müssen sie doch alle auf einen Hümpel kommen, damit keiner eher kommt.« Er setzte Kortüm den Zeigefinger auf den Bauch und sagte leise und eindringlich: »Die spekulieren auf dich, Kortüm.« »Auf meinen Tod etwa?« »Das is nu gleich 'n bißchen viel gesagt. Mir kommt's so vor, als wenn du denen auch im lebendigen Zustand was wert wärst . . . das heißt . . . na ja . . . hm, vorderhand wenigstens . . .« Das war der erste Abend. Am zweiten Abend änderte sich das Gesamtbild des Kaminsaales wiederum wesentlich. Konstanzes Koffer waren angekommen. Man hatte schon Platz genommen. Auch Herr Kortüm saß und sah sich unruhig um – Konstanze fehlte noch. Die Löffel fingen an zu klappern. Das Plaudergetöse begann. Jetzt ging die Tür auf, eine Stille trat ein – Konstanze Schröter kam in den Saal. Ja, ihre Koffer waren da. Sie hatte sich hinreißend angezogen. Es wurde völlig still im Saal. Herr 293 Kortüm erhob sich, bot ihr den Arm, führte sie an ihren Platz – alles ein wenig altmodisch, aber es stand ihm. Die Verwandtschaft sah zu. Man tuschelte. Die Schlick suchte jetzt nicht mit der Gabel auf der Platte. Das erste beste Stück nahm sie. Frau Lerche zwinkerte mit den Augen: »Ach, Ihnen schmeckt's wohl heute nicht wie sonst? Jaja, auf Reisen holt man sich zu leicht was.« Unter dem Tisch der Familie Tips suchte der mütterliche Schuh aus Krokodilleder die Stiefel Willibalds, und das Krokodil versetzte dem Kalbleder keinen kleinen Stoß – mit Recht: statt Suppe zu löffeln, ließ Willibald die Augen auf Konstanzes Rückenausschnitt ruhen. Wodtke nahm einen mächtigen Zug aus seinem Glas. »Du hast ja heute einen gesegneten Durst, Udo«, sagte die Schwester. »Jawohl!« antwortete Udo, »Gott sei Dank, wunderbar!« und er nahm den Rest des Getränkes zu sich. »Denke doch wenigstens an deinen Blutdruck, Udo«, sagte die Schwester gekränkt. Überall zeigte sich eine deutliche Verstimmung. Sidonie war sogar gereizt. Auch ihrem Gatten hatte die Erscheinung Konstanzes eingeleuchtet. Er spielte mit dem Kompottlöffel und sah scheu zu ihr hin. »Iß endlich, Ulrich!« So harmonisch wie gestern ließ sich das heutige Abendessen nicht an. Und dabei war die Schönheit selbst lebendig mitten unter ihnen. Die verstimmte Verwandtschaft sah die Schönheit an, sah den lieben Friedrich Joachim an – der aber hob sein Glas daumenbreit hoch und sprach mit leiser Verneigung: »Sie spielen heute herrlich, liebe gnädige Frau.« »Ich esse doch.« Herr Kortüm nickte: »Sie brauchen nur eine Treppe hinabzugehen – das ist ein Schauspiel.« »Wenn die Treppe breit ist.« Herr Kortüm sah eine Sekunde die Gabel an, dann legte er sie weg und küßte Konstanze langsam die Hand. Jetzt schwieg die Verwandtschaft gänzlich. Die Göttin der Ruhe ging durch diesen alten Kaminsaal. Einsilbig nahm der Besuch den Rest der Mahlzeit ein, sah sich an, stand auf . . . Konstanze ließ von Liese den Pelz holen. Sie wolle ein wenig die Abendluft genießen. Herr Kortüm entschuldigte sich bei ihr für kurze Zeit. Er mußte rasch einen Blick in die Wirtschaft werfen. Die Gäste waren unter sich. Sie tuschelten weiter. Holdermann saß in einer Sofaecke und sah sich durch den Rauch 294 seiner Zigarre die Herrschaften mit Maleraugen an. Dann blickte er zu dem Bild über dem Kamin hinauf. »Er hat recht gehabt«, murmelte der Professor. Der gemalte Kortüm stand großartig in seinem goldenen Rahmen da und blickte weit weg über all den lieben Besuch zu seinen Füßen. Hin und wieder zeigte jemand vorsichtig mit dem Finger hinauf zu ihm. Das Tuscheln wurde noch leiser. Unbewegt ragte der ewige Kortüm aus dem Geflüster. »Das macht, er hat nur gemalte Ohren!« Holdermann begann wieder einmal dem Geheimnis seiner Kunst nachzudenken. Der leibliche Kortüm hatte richtige Ohren. Den ganzen Tag hatte er mit ihnen gehorcht und keinen Hauch vernehmen können von Kofferpacken, Kursbuch oder Abreise. Bei der Ankunft hatten doch alle gesagt, sie wollten bloß mal eingucken. Draußen lud der Hausknecht eben den Koffer des zuletzt gekommenen Gastes ab, der sich als ein Herr Specht aus Zittau vorstellte. Er sei ein entfernter Verwandter von Frau Schlick und habe sich deshalb erlaubt – »Das Menü kann ich Ihnen nicht mehr servieren lassen«, sagte Herr Kortüm kurz zu diesem entferntesten Verwandten. Er sprach die reine Wahrheit. Die Platten waren wie blank gefegt. In ihrer schlechten Stimmung hatten die Gäste offenbar noch stärker zugelangt als gestern. Herr Kortüm wollte Liese fragen, welcher Tisch denn um Gottes willen die schlechteste Laune habe: »Liese!« rief er in den dunklen Seitenflur. Ein Schatten bewegte sich, eine Gestalt verschwand. War das nicht dieser junge Tips? Kortüm drehte den Schaltknopf. »Ja?« fragte Liese, »wollten Sie was, Herr Kortüm?« Er sah Liese scharf an: »Was hat der junge Mensch hier gewollt?« »Ach, er hat bloß gefragt, wo ich mir die Wasserwellen machen lasse.« »So! Wasserwellen! Für eine Gans wie dich sind Wasserwellen allerdings . . .« Leider mußte er die Rede unterbrechen. Das Haus war eben voll Besuch. Jeder wollte etwas. Jetzt stand dieser Langloff da und winkte ihm, dieser . . . Kortüm seufzte tief: nein, auf den Kapitän durfte er nicht schimpfen. Der guckte nicht nur ein, der war der einzige Gast in diesem gut besuchten Hause, der bezahlte. »Bitte, Herr Kapitän?« »Ich fahre mit dem Frühzug. Meine Rechnung, Herr Kortüm.« Kortüm bat ihn auf sein Zimmer. Sie rechneten, der Kapitän bezahlte, gab ihm die Hand und sagte: »Na, denn lassen Sie sich's man recht gut gehen, Herr Kortüm.« 295 »Danke, Herr Kapitän. Auch Ihnen wünsche ich das Beste«, sagte Kortüm gemessen. »Und wenn wir uns wiedersehn, ist hier woll allerlei anders, nöch?« »Mein Haus ist dann fertig.« »Und die Hochzeit denn ja woll auch.« Langloff faltete die Quittung sorgfältig und steckte sie ein. »Bitte?« fragte Kortüm verständnislos. »Allen Respekt«, sagte der Kapitän, er suchte in seiner Tasche: »Der Gepäckschein – ach so, hier ist er ja. Alle Hochachtung, Herr Kortüm. Hoffentlich paßt sie in den Betrieb hier. Das ist immer der Hauptpunkt.« Kortüm stand langsam vom Schreibtisch auf. »Also meine besten Wünsche, haha!« Eine Weile war Stille im Zimmer. Nur Langloffs Geldstücke klimperten. Ohne es zu wissen, fuhr Kortüm mit den Fingern zwischen den Silbermünzen herum. Endlich sagte er: »Von wem sprechen Sie?« Langloff lachte gemütlich: »Frau Tips sagt, sie heißt Schröter –« Plötzlich schwieg der Kapitän. Kortüm sagte kein Wort, aber er sah grau im Gesicht aus, ließ achtlos einen Haufen Fünfmarkstücke auf die Tischplatte fallen und kam auf Langloff zu. »Je, Herr Kortüm, wenn's Ihre Verwandten sagen, dachte ich, man dürfte schon darüber sprechen.« Kortüm wandte sich und ging zum Fenster. Er sah hinaus, rührte sich nicht, hörte auch nicht, als Langloff sagte: »Na, denn alles Gute!« Kortüm starrte in die Nacht. Er öffnete langsam das Fenster. Der Kolmberg deckte die Ferne zu, die Kortüm so liebte. Aber der Himmel gab dem Auge Raum. Hinter weißgeränderten Wolken stand der Mond. Eine stille Nacht. Kein Wind. Und dennoch sagte Herr Kortüm: »Wie ruhig war das in der Gruft unterm Marienchor. Nur ich und mein Vetter Torstenson – aber . . . der war ja tot.« Dies war der zweite Abend.   Erdbeben Herr Kortüm und Monich saßen nebeneinander auf dem Bettrand in Kortüms Schlafzimmer. Eine Kerze brannte im Leuchter. »Nana«, murmelte Monich. Er hatte seine kleine dicke Hand auf Kortüms Knie gelegt. Von Zeit zu Zeit klappte er ein wenig auf das Knie. »Nana«, machte er. 296 »Ob sie es weiß?« »Beteiligte wissen nie nischt.« » Ich weiß es doch.« »Wenn der Toppgucker, der hier in allen Ecken rumkroch, wenn der Langloff dir nischt gesagt hätte – die Verwandtschaft hätte dir bestimmt nischt gesagt.« »Die muß raus.« »Das is keine Frage Kortüm: raus.« »Aber wie, Monich?« »Das is eben die Frage, Kortüm!« »Vielleicht fahren sie auch morgen mit dem Frühzug.« »Von alleine reisen die nich ab. Nu erst recht nich. Nu wolln die das erst bereden. Nu gehn die in Besenroda unten rum un in Esperstedt –« »Allmächtiger! Noch diese Nacht müssen sie raus! Ehe der Morgen kommt! Ehe sie reden können!« »Vorher! Richt'g. Aber wie denne, Kortüm?« Sie schwiegen. Das Licht flackerte. ,.Wenn man . . . hm, sie müßten einen Schreck kriegen, Monich. Wenn du nun – ich meine natürlich nur zum Schein – wenn du nun ein wenig Feuer machtest. Eine Gardine etwa. Bloß für den Schreck, weißt du?« »Nee, Kortüm. Für mich als Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr schickt sich das nich.« »Doch kein richtiges Feuer! Es soll nur so aussehen –« »Gogle nur erst! Du weißt nie, was draus wird. Eins, zwei, drei un 's is fert'g. Denke bloß an de Gruft, Kortüm.« Längeres Schweigen. »Du, Kortüm, mußt du als Gastgeber nich 'nmal nunter gucken?« »Ich . . . ich würde sie« – Kortüm knirschte mit den Zähnen – »ich würde ihnen den Schöpflöffel um die Ohren schmettern!« »Na, denn bleib lieber hier, Kortüm«, sagte Monich und klappte ihm beruhigend aufs Knie: »Nana . . .« Monich fiel etwas ein: »Kortüm, wenn du nu 'n bißchen was ins Essen tätest . . . bloß 'n bißchen un nischt Schlimmes?« »Monich! Wie könnte ich, ein Gastwirt . . .« »Siehste – das is wie bei mir mit 'n Gogeln.« »Aber morgen gehn sie im Lande herum und sagen, ich und Frau Schröter – ich wage es nicht auszusprechen!!« schrie Herr Kortüm. 297 »Also raus müssen sie!« sagte Monich. »Diese Nacht noch!« Sie brüteten weiter. Wenn unten die Saaltür aufging, hörte man Klappern und Klirren des Geschirres. Dann war wieder Stille. Der Gastwirt und sein Freund aber gingen der Reihe nach alle Plagen des menschlichen Geschlechts durch. Kein Elend der Erde und kein Strafgericht Gottes, das sie nicht auf seine sofortige Anwendbarkeit prüften. Wenn sie in ihrer Verzweiflung auch nur einen Bruchteil der Untaten verübten, die sie hier in heimlicher Zwiesprache bei kärglichem Licht flüsternd erwogen – Feuer, Wasser, Krankheit – sie hätten bis ans Ende ihrer Tage am Schandpfahl gestanden. Und – sie waren im Recht! Sie fanden es bloß nicht. Herr Kortüm stand in unmittelbarer Gefahr, seine Freundin zu verlieren, Konstanze Schröter, die große Schauspielerin, und mit ihr die Empfehlung, den Schutz und die Hilfe. Auf diesem Fels von Vertrauen stand sein Flügelhaus, stand sein Name. Er war ein verlorener Mann. Einen Augenblick dachte Kortüm an seinen Freund Stichling, der immer Auswege wußte und doch rechtens zu handeln verstand. Ach, Stichling war weit, und die Nacht war kurz. Mit dem ersten Frühlicht hauchte, rauschte, stob, plusterte aus allen Fenstern, Kellerlöchern, Bodenluken des Schottenhauses das Gerücht ins Land. Gerücht, das Herrn Kortüm verderben mußte. Lüge! Aber unwiderlegbare Lüge. Denn sobald er nur zu widerlegen begann, war es schon zu spät, weil jeglicher Angesprochene lächeln mußte – auch wenn er gar nicht wollte. Und eben dieses Lächeln, das mußte ihm die Freundschaft Konstanzes kosten. Was ist das: Recht auf Erden! Kortüms Schottenhaus war oft nahe genug am Fall, aber in all der Zeit wäre ein Herr Kortüm übrig gewesen! Vielleicht ein toter, aber doch ein toter Herr Kortüm. Jetzt? Wenn sich Konstanze langsam umwenden würde? Die Treppe hinabgehen? Zwischen dem Lächeln der Leute? Kortüm sah schon die Zeitungsausschnitte vor sich flattern wie Schneefall. Sie – belächelt? »Monich! Denke schneller nach!!« Alles erwogen sie: Feuer, Wasser, Krankheit, Gespenster, Schüsse im nächtlichen Haus. »Kortüm, damit kriegste die nich raus. Die bleiben, und je mehr los is, desto fester bleiben die kleben. Da muß schon 's Haus wackeln –« »Das Haus wackeln, Monich –« »Un die Erde beben –« »Die Erde beben, Monich –« 298 »Aber der liebe Gott sin wir beide nich, und mit der Astronomie können wir uns nich bemengen, nich wahr, Kortüm . . .« Monich klopfte seinem alten Freund traurig aufs Knie und ließ den Kopf hängen. Menschliche Hilfe versagte hier. Und doch sah Herr Kortüm grade in diesem Augenblick nicht verloren aus. Er hatte die Augenbrauen hochgezogen, blickte seitwärts, ohne etwas zu sehen, ließ den Mund offenstehen . . . er dachte nach . . . Kortüm nahm vorsichtig Monichs Hand von seinem Knie und legte sie aufs Bett, stand auf, ganz steif, als ob er seine Gedanken nicht mit einer jähen Bewegung durcheinander bringen wollte. Er ging auf den Zehen und kniewippend in der Schlafstube auf und ab. Monich sah ihn an. In der Kammer ging Kortüm. Und an der Wand ging Kortüms Schatten. Wenn das Licht flackerte, zuckte der Schatten, reckte sich gespenstisch hoch, drohend, ausgreifend . . . Unermüdlich ging Kortüm hin und her. Monich wurde aufmerksam: »Is dir was eingefallen?« Kortüm winkte ihm nur kurz mit der Hand, wandelte hin, wandelte her. Sein Schatten ging mit und verzerrte Kortüm zu einem Spuk an der Wand. Monich betrachtete den Schatten seines Freundes: »So 'ne Not . . .«, seufzte er. »Ist Lorenz in der vorderen Gaststube?« fragte Kortüm und blieb stehen. »Die haben doch heute Skat. Wo soll er 'n sonst sitzen?« »Wir müssen ihn gleich rausrufen, Monich.« »Vom Skat weg?!« Kortüm nickte nur und rieb nachdenklich das Kinn. Monich kamen Bedenken: »Du hast wohl was vor, Kortüm?« »Komm.« Vor dem Gerüst, das die Nordfront des alten Hauses vergitterte, standen Herr Kortüm, Monich und Maurer Lorenz. Kortüm blickte in die Nacht hinauf, in der die Enden der Gerüste verschwammen: »Hm – sie reichen bis an den Oberstock.« »Sonst langen wir doch nich bis nauf. Un Sie wollten doch das alte Haus auch gleich mit abputzen lassen.« Herr Kortüm ging an den Leitern hin, welche die Laufbretter trugen. Er mußte achtgeben, daß er nicht in die Lichtstreifen kam, die aus den Fenstern des Kaminsaales fielen. Ja, da drin redeten sie, redeten, redeten. 299 Wieviel redet nur ein einziges Mundwerk in einer einzigen Stunde? Kortüm wandte sich ab und blickte in den stillen Hof. Da saß der Püsterich. Am Tag noch hatte er ihn verachtet. Jetzt nickte er ihm zu. Der redete wenigstens nicht, plätscherte bloß blankes Wasser heraus. Nein, Herr Kortüm würde ihn nicht hinter Efeu verstecken. Offen hinstellen und aller Welt zeigen soll man ein Wesen, aus dessen Maul die Sauberkeit selber kommt. Aber die Nacht ist kurz, und morgen springt das Meuchelwort aus diesem Haus hervor, uneinholbar, unentrinnbar. Herr Kortüm sah eine Leiter nach der andern an: »Ja, diese an der Ecke genügt.« »Nein, die alleine nich«, begann Lorenz, aber plötzlich rief er: »Wolln Sie gleich den Bolzen in Ruhe lassen, Herr Kortüm!« »Wenn ich ihn herausziehe?« »Fällt sie um, verdammig.« »Und?« »Un? Un?! Na, dann falln die vier Bretter in jeder Etage mit runter, verflucht noch 'nmal.« »Und?« »Hören Sie, Herr Kortüm, wenn Sie mich bloß vom Skat geholt haben, daß ich draußen in der Nacht zum Narren dastehn soll –« »Ich will nur genau wissen, was dann noch wird, Lorenz.« Kortüm zeigte beharrlich auf den Bolzen. »Dunnerwetter, dann haben Sie zunächst einmal in der Gegend hier kein ganzes Fenster mehr!« Der Hausherr zählte mit den Fingern zeigend die Fenster: »Acht, elf, dreizehn. Hm. Was ist das ungefähr für ein Objekt, lieber Lorenz?« Der Maurer drehte sich zu Monich um: »Herr Monich, ich glaube . . .« – er zeigte mit dem Daumen über die Schulter zu Herrn Kortüm hin und wiegte bedenklich den Kopf. »Nu sag's doch schon, was es kostet.« Lorenz blickte nunmehr scharf von einem zum andern, um sich endgültig klar zu werden, ob etwa die beiden gemeinschaftlich einen starken Trunk getan hätten. Monich aber trat an den Maurer heran und zog ihn an der Rockklappe: »Paß auf, Lorenz. Du bist 'n ordentlicher Mann. Un Herr Kortüm gibt dir Arbeit. Was er will, weiß ich auch noch nich. Aber das weiß ich: hier is Not am Mann. Not, verstehste mich?« Diese Rede klang verständig. Betrunken konnten sie also nicht sein. Lorenz rechnete eine Weile. Dann nannte er eine erkleckliche Zahl. Jetzt 300 rechnete Kortüm, aber nur kurz: »Monich«, sagte er, »das ist noch nicht so viel wie zwei weitere Gasttage. Lorenz, sagen Sie mir: kann dieser Bolzen herausgezogen werden, ohne daß ein Mensch zu Schaden kommt?« »Nu, Herr Kortüm, wenn oben grade einer ausm Fenster guckt un die Bretter falln ihm aufn Kopp, da können schon Beschädigungen eintreten.« Herr Kortüm machte eine große Armbewegung waagrecht durch die Luft. Scheinbar rechnete er mit solchen Beschädigungen nicht: »Ich meine, ob der brave Mann, der diesen Bolzen sachgemäß lockert, zu Schaden kommen kann.« »Das kommt drauf an, wer's macht.« »Und wenn Sie es machen?« »Ich? Mein eigenes Gerüste soll ich einschmeißen? Ich als Maurer kann doch nich –« »Siehste, Kortüm? Das is wie mitm Gogeln, wenn ich gogle, un mitm Essen, wenn du was neinschmierst –« »Ich würde Ihnen hiermit sogleich den neuen Auftrag erteilen, das Gerüst übermorgen wieder in üblicher Weise herzurichten.« »Na, Dunnerwetter –« »Wollen Sie?« »Na, zum – hm – passieren kann nischt . . . aber, zum –« Schließlich war es wieder ein kleiner Sonderauftrag. Und Herrn Kortüm kannte man ja in der Gegend. Ein Bauherr schloß hier mit seinem Unternehmer zu beiderseitiger Zufriedenheit einen Vertrag, wie Lorenz noch keinen geschlossen hatte, da solche Arbeiten auf den Fachschulen nicht in Betracht gezogen werden. »Punkt vier Uhr dreißig morgen früh, Lorenz.« Und Punkt vier Uhr dreißig früh am andern Tag, als der Danielast mit allen seinen Seitenzweigen im Schlafe lag, geschah ein Schlag im Schottenhause, daß die Wände bebten. Fensterscheiben prasselten klirrend in die Zimmer. Türen flogen auf. Rufe gellten durch die Flure. Das elektrische Licht ging nicht mehr an. Es war stockdunkel. Aber der Kortümstamm war wach, der liebe Friedrich Joachim und Monich, sein Freund. Kortüm wandte sich zu der nicht vom Unheil betroffenen Südfront, Monich dagegen übernahm die Nordfront. Er war solche nächtliche Panik gewohnt. Wenn es brannte, mußte er auch zunächst die Menschen zur Vernunft bringen. Liese kam schreiend die Treppe herabgerannt. 301 »Du mußt lauter schrein, Mädchen«, rief Monich, »de Welt geht unter.« Liese schrie noch lauter. »So is es gut.« Herr Kortüm trug vorsichtig einen brennenden Kerzenleuchter in der Hand. »Darf ich die gnädige Frau sprechen?« sagte er gemessen zu Konstanzes Jungfer, die im Türspalt flatterte. Konstanze erschien schon. Beinah hätte Herr Kortüm gesagt: Auch Lachsrosa steht Ihnen. Sie zog den faltigen Mantel enger und vernahm in dem schrecklichen Getöse, das von der anderen Seite herüberschallte, Kortüms ruhige Worte: »Es ist nichts, Gnädigste –« »Nichts soll das sein?!« »Gar nichts. Eine Leiter ist umgefallen. Aber nur auf der anderen Seite« – er machte eine wegwerfende Handbewegung nach jener Seite – »und vielleicht noch einige nahezu wertlose Bretter. Leider kann im Augenblick das elektrische Licht nicht benutzt werden. Ich erlaubte mir deshalb, Ihnen diesen Leuchter zu bringen. Bitte.« »Aber Herr Kortüm! Das klang ja schrecklich. Und wie die Leute schreien.« »Lassen Sie sie schreien. Während der Zeit können die Leute nicht reden. Bitte legen Sie sich zur Ruhe. Es ist nichts. Ich bürge Ihnen, Kortüm.« Er verbeugte sich leicht. Sie schüttelte den Kopf, immer noch etwas ängstlich: »Dann bin ich neugierig auf morgen früh –« »Ich auch. Gute Nacht, liebe gnädige Frau.« Monich hatte auf der Nordseite schwereren Dienst. Er verfügte auch über keinen Leuchter. Hier war Nacht. Nacht und Lärm. »Ulrich!« hörte man rufen. »Willibald!« »Udo!« Monich begab sich mitten ins Gedränge, um zu helfen, wo er konnte. »Licht!« flehte Frau Tips. »Feuer!« antwortete Monich. »Meine Hosen sind voll Glasscherben!« ließ sich Wodtkes zornige Stimme vernehmen. »Nich barfuß gehen!« rief Monich. Seine ungereimten Worte trugen nicht zur Beruhigung bei, sie vermehrten eher die Verwirrung. »Seid ihr hier verrückt geworden?« fuhr ihn Holdermann an, der mit ihm zusammenprallte. »Pst«, mahnte Monich, »legen Sie sich gemütlich wieder aufs Ohr. Sie geht das nischt an, was wir hier vorhaben.« »Ja, aber –« »Pst. Hier is alles in Ordnung. Verlassen Sie sich auf mich. Mein Name is Monich.« 302 »Hierher!« »Sind Sie's?« »Ihre Hand!« »O Gott!« Plötzlich sah sich der hilfsbereite Monich von flatternden Gestalten umgeben. Er sah zunächst nur Schatten in der Nacht, aber sie beängstigten den beherzten Mann – – das mußten Weiber sein . . . genau sah er's nicht . . . diese Wesen trugen infolge des Schreckens nicht Kleidung, die sonst üblich ist. »Verflucht«, sagte Monich – sie waren es, die Küppen, die Schlick, die Lerche, die Tips. Erschrocken wandte sich Monich rückwärts. Aber hinter ihm stand Sidonie. Monich versuchte seitwärts durchzubrechen. Zu spät. Der Kreis hatte sich geschlossen. Jetzt war das Hilferufen an ihm: »Kortüm!« Sofort nahm der flatternde Ring um ihn die Losung auf: »Kortüm! Herr Kortüm!!« schrie das ganze Haus. Rasch duckte sich Monich und wollte entwischen. Sidonie sah es, griff nach ihm: »Was ist hier los?« »Ich will bloß erst 'n bißchen Licht suchen!« rief Monich. Sidonie hielt ihn sicher am Rock: »Antworten!« Hier gäbe es manchmal Erdstöße, stotterte Monich. Alles was Kortüm ihm eingelernt hatte, brachte er hervor: »Das macht die verdammt vulkanische Gegend hier –« Das solle er andern weismachen, rief die resolute Sidonie: »Unsinn!« Erdbeben seien kein Unsinn, grollte Wodtkes Stimme in der Finsternis. Er hatte eben die letzten Scherben aus seinen Kleidungsstücken gesammelt, soweit dies ohne Licht möglich war, und begann nun erst, das Nötigste anzuziehen. Es wurde Zeit, daß Herr Kortüm im Süden fertig war und sich nach Norden wandte. Sein Licht hatte er auf der Südseite abgegeben. Heller wurde es bei seiner Ankunft nicht, aber deutlicher. Monich war frei. Kortüm stand im Kreise, und Kortüm sah die Schatten an und sprach: gute Häuser, die ins Wanken kämen, seien ein Unglück. Ein Glück sei es aber, wenn solche Ereignisse im Angesicht lieber Angehöriger vor sich gingen – wenn er jetzt allein dastände in seiner Heimsuchung! Gleich nach Sonnaufgang würde Monich, der mehreren Gästen bereits bekannte Leinwandhändler und Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr Monich, mit einer Liste herumgehen, in die sich die Spender eintragen möchten – der Kreis um den Sprecher wurde etwas geräumiger, Kortüm konnte sich schon ganz frei bewegen – man hätte ihn, den lieben Friedrich Joachim Kortüm, allerseits so herzlich begrüßt, daß so viel Zuneigung sicher auch in den Spenden wiederzuerkennen sei. Noch ließe sich der Schaden nicht völlig übersehen – der Kreis um 303 Herrn Kortüm hatte sich in eine unregelmäßige Zickzacklinie verwandelt, die Gäste lehnten an den Wänden, am Treppengeländer, hier und da klappte eine Tür – leider, schloß Kortüm seine Rede an die Schatten, leider wäre am schwersten die Küche betroffen. Sie sei mit Scherben übersät. An Kochen sei vorläufig nicht zu denken. Man wisse ja selbst, wie leicht Scherben verschluckt würden und dann den Schlund, den Magen, die Gedärme oder noch edlere Teile verletzten. Aber die Brotkammer sei Gott sei Dank unbeschädigt geblieben. Hunger brauche keiner zu leiden. Er würde reichlich Brot vorsetzen können, gutes selbstgebackenes Thüringer Landschwarzbrot . . . Kortüm sah sich um, Monich sah sich um – sie standen allein. Die Türen hatten sich lautlos geschlossen. Es war ja auch langsam immer heller geworden. Eben ging überm Hachelstein die Sonne auf. Wie sah es hier aus! Ein Pantoffel lag da. Dort ein Handtäschchen. Taschentücher, ein Spitzenumhang, ein Pelzkragen und, oh – Monich bückte sich und hob das Kleidungsstück auf . . . rosa Kunstseide . . . »Hm«, sagte Herr Kortüm und sah das Fundobjekt mit zurückgelegtem Kopf von oben an . . . »hm«. Monich hielt die Kunstseide hoch. Es meldete sich kein Inhaber – er sah Kortüm an: »Weg sin se.« Herr Kortüm aber hob die Augenbrauen und machte ein hochmütiges Gesicht: »Siehst du, Monich, ich habe den Punkt getroffen: Geld, Monich.« Monich schlug sich leise auf den Bauch: »Un de Magengegend, Kortüm.«   Das erste Richtfest Da haste's!« Monich legte die Liste der Spender auf den Tisch. Herr Specht aus Zittau hatte eine Mark gezeichnet. Die anderen Gäste erledigten ihre Zahlungen bargeldlos. »Haben sie gesagt«, setzte Monich hinzu. »Un nu, Kortüm, wo sie abgefahren sin un wir sin unter uns, nu setze mal 'n Punsch an – viel Materie un wenig Wasser, verstehste?« »Allein sind wir nicht, Monich. Was sollte aus dem Richtfest werden! Frau Schröter ist anwesend, Herr Professor Holdermann.« Kortüm entwickelte die Richtfestpläne. In gemeinsamer Arbeit stellten beide ein gediegenes Programm auf, sahen aber zugleich ein, daß 304 infolge der letzten Ereignisse das Richtfest wiederum verschoben werden mußte: Liese hatte viel aufzuräumen, der Glaser sollte kommen – Herr Kortüm gab eine Woche zu. Jeden Morgen überflog der heimgesuchte Gastgeber die Post vergeblich nach bargeldlosen Eingängen. Dafür bekam er ein Schreiben von dem zuletzt eingetroffenen Gast, jenem Herrn Specht aus Zittau, der mit Frau verwitweter Schlick entfernt verwandt war. Dieser arme Mann hatte die weite Reise von Zittau aufs Schottenhaus gemacht, bekam bei der Ankunft kein ordentliches Menü mehr, dann fiel nachts vor seinem Fenster das Gerüst um, und morgens trat er die Reise wieder zurück nach Zittau an. Und gerade dieser entfernte Verwandte hatte nicht nur eine Spende gezeichnet, sondern auch den lebhaftesten Anteil an dem geheimnisvollen Phänomen in jener Nacht genommen. Er habe noch nie ein Erdbeben mitgemacht, hatte er Monich versichert und ihn durch allerlei fachliche Fragen in so schwere Bedrängnis gebracht, daß Monich schließlich sagte: »In Erdbebensachen müssen Sie sich an Herrn Kortüm persönlich wenden.« Kortüm aber hatte seinerzeit auf der Weltreise mancherlei gehört und gesehen und war imstande, viele sonst wenig bekannte Einzelheiten farbig zu schildern. Herr Specht schrieb nun, er hoffe, bald wieder einmal aufs Schottenhaus zu kommen. Die Gegend müsse sehr schön sein. Gesehen habe er leider nichts. Desto mehr habe ihn der Erdstoß interessiert, und es sei ihm eine Freude gewesen, beiliegenden kleinen Bericht abzufassen, welcher Herrn Kortüm hoffentlich auch Freude bereiten werde. Mit spitzen Fingern zog Herr Kortüm ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt aus dem Umschlag und begann zu lesen. »Erdbeben in Thüringen« hieß die Überschrift. »Gelegentlich einer Verwandten-Tagung« – »Tagung!« rief Herr Kortüm empört – »wurden die Teilnehmer in der bekannten Luftkuranstalt des Herrn Kortüm Zeugen eines imposanten Naturschauspiels, das Gott sei Dank ohne Schaden für die Besucher abging und nur den Inhaber des Etablissements schädigte. Die Verluste des Herrn Kortüm wurden jedoch sofort durch eine Kollekte der Angehörigen gedeckt.« An dieser Stelle machte Herr Kortüm eine kleine Pause, schluckte mehrmals, sagte jedoch nichts und las weiter: »Schon am Abend vorher wurde heftiges Wetterleuchten festgestellt. In der vierten Morgenstunde erfolgte der erste Erdstoß. Als Berichterstatter entsetzt aus dem Schlafe hochfuhr und sich besann, bemerkte er noch deutlich, wie das Handtuch an der Wand hin und her schwankte. Dabei war ein heftiges Getöse wahrnehmbar, dem 305 einzelne kurze Schläge folgten, vermutlich jene von den Erdbebenforschern als Bodenknalle bezeichneten Geräusche, die besonders in Holland beobachtet und dort ›Mistpöffers‹ genannt werden. Erfreulicherweise folgte diesem Stoß kein weiterer. Es handelt sich hier also um ein sogenanntes Kurz- oder Einstoßbeben, welches im Gegensatz zu den Lang- oder Mehrstoßbeben nur einmal auftritt, aber dafür um so heftiger. Menschenleben sind nicht zu beklagen.« Herr Kortüm schob das Blatt von sich: »So. Mistpöffers. Nun – man weiß ja, was manchmal berichtet wird . . .« Mit Recht gedachte er hier jener Pressestimmen, die ihn nach Eröffnung seines Museums so gekränkt hatten. »Mistpöffers!« Leichtfertig schob er das Blatt noch weiter von sich. Bis an den jenseitigen Tischrand. Dort bewegte es sich eine Weile im Windzug wie ein ungeschickter Schmetterling und verschwand dann. Wohl verstand Herr Kortüm eine Sache in Bewegung zu bringen, aber keine befremdende Erfahrung konnte ihn zu der Einsicht bringen, daß eine Bewegung nicht ein Stoß ist und ein Ende, sondern fernhin in Wellen weiterrollt. Nicht alle Leute nahmen solche Erdbebennachrichten auf die leichte Schulter. Wer von Berufs wegen die Natur der Erdstöße, der Bodenknalle und dergleichen Unheimlichkeiten erforscht, kann sich über keine einschlägige Notiz wegsetzen. Eines Tages erschien auf dem Schottenhaus ein Mann. Es war schönes sonniges Frühlingswetter. Liese legte gerade die Kaffeedecken auf die Gartentische und hatte viel zu tun. Am Abend sollte das Richtfest gefeiert werden. Sie musterte den Mann. Wie ein richtiger Gast sah er nicht aus. Er trug etwas zu kurze und stark verbeulte Hosen. Sein Rock, der überall mit aufgenähten und zugeknöpften Taschen versehen war, mußte ebenfalls schon manche Reise hinter sich haben. Liese hätte beinahe gesagt: wir brauchen nichts. Aber jetzt blickte sie der knochig ausgetrocknete Mann plötzlich mit zwei scharfen grauen Augen an. »Ja?« sagte Liese schnell. Er rückte an der Nickelbrille, deren Bügel nur lose oben auf den Ohrmuscheln lagen. »Ich möchte Herrn Kortüm sprechen.« »Wen darf ich melden?« »Doktor Windhebel.« Er fuhr sich über das kurz geschnittene eisgraue Haar. »Aber ich habe wenig Zeit.« Herr Kortüm schritt zunächst eilig heran, dann begann er 306 langsamer zu gehen. Er schätzte den Mann auf Nordzimmer, ohne Bad. Höchstens. »Bitte?« »Windhebel. Vom Seismographen am Landesobservatorium.« »Aha«, sagte Herr Kortüm höflich – er hatte trotzdem keine Ahnung, wo der Mann herzukommen vorgab. Wenn er nur nicht mit mir verwandt sein will, dachte Kortüm. Fortlaufen und im Lexikon nachschlagen konnte er nicht, um zu begreifen, in welche geradezu verzweifelte Verwandtschaft er rettungslos zu geraten begann – ohne Übertreibung in die des lieben Gottes, der, als Herr der Erde, auch als Herr der Erdbeben zu gelten hat. Wenigstens der bisherigen: seit dem Kortümbeben wird man wohl eine neue Ära der Erdbeben rechnen müssen. »Aha«, hatte Herr Kortüm gesagt, und der Mann antwortete: »Ich gehe zunächst durch Erdgeschoß und Kellerräume.« »Verzeihung – in meinen Keller?« Doktor Windhebel betrat bereits das Haus. Er stand in der Halle, ließ den Blick über das Mauerwerk schweifen. An einem Mauerriß blieb er stehen, bohrte mit einem Bleistiftende darin und sagte: »Alt?« Gott bewahre mich, dachte Kortüm – der Kerl kommt von einem Bauamt. »Sehr alt«, versicherte er, »außerordentlich alt.« Ich brauche nur das Richtfest anzusetzen, fuhr er still für sich fort, und schon erscheinen Hindernisse. Windhebel streifte ihn mit einem Blick. Er ging weiter. Jetzt blieb der Gelehrte vor dem Kaminbild stehen: »Das sind Sie«, sagte er. Herr Kortüm richtete sich auf, nahm die Stellung des Porträts an, um den Vergleich zu erleichtern. »Lohnt das?« fragte der Doktor. Erstarrt sah ihn Kortüm an. Aber der Mann sagte nur »na«, rückte an der Nickelbrille und schritt weiter. Den Vorratskeller durchwanderte er in Kortüms Gesellschaft, den Kohlenkeller, den Weinkeller. Er betrachtete das Mauerwerk. Da kann er gucken, wie er will, dachte Kortüm stolz – die Mauern sind gut. Er hatte recht. Wohlgefügt und wohlerhalten standen sie da. Durchs ganze Haus ging Doktor Windhebel, bis ins Museum hinauf. Hier verweilte er etwas länger, suchte nicht mehr nach Mauerrissen und sah Herrn Kortüm öfter von der Seite an. Schließlich wanderte er durch den Garten, warf gelegentlich einen Blick in die seltsame Landkarte, die er bei sich trug, und wandte sich zum Hofe. Hier aber blieb der Gelehrte stehen. Erschrocken starrte er den Püsterich an – schritt langsam um ihn herum – dann faltete er seine Karte zusammen, steckte das Merkbüchlein ein und sah Herrn Kortüm nunmehr von vorne an. 307 »Ja –«, begann er. »Bitte?« sagte Herr Kortüm. »Wir gehen besser auf die andre Seite. Da haben wir Sonne.« Herr Kortüm folgte ihm. Windhebel setzte sich an einen Gartentisch, machte ein Gesicht wie ein Arzt, der sich klar geworden ist, rückte die Brille und sagte mit einer Behaglichkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte: »So. Nun erzählen Sie mir genau der Reihe nach Ihre Wahrnehmungen.« Aber Herr Kortüm hatte jetzt das Benehmen dieses Mannes satt und sprach: »Wollen Sie mir bitte sagen, was Sie hierherführt?« »Ich sagte es doch. Haben Sie es nicht gehört?« Windhebel nahm die Brille ab und rieb sich langsam und gründlich die Augen. Dabei sprach er: »Unsere Apparate haben keine Spur von einem Erdbeben am achtzehnten dieses Monats verzeichnet.« Herr Kortüm setzte sich schnell und lächelte: »Hm. Jawohl.« »Es liegt also eine Störung vor« – Windhebel zog das Zeitungsblatt heraus – »Natürlich«, sagte Herr Kortüm höflich. »Das nimmt uns wunder«, fuhr Windhebel fort. Herr Kortüm nickte verständnisvoll. »Und deshalb komme ich selbst.« »Sehr angenehm.« Plötzlich setzte Doktor Windhebel die Nickelbrille auf und sah Herrn Kortüm an: »Diesen Bericht haben Sie abgefaßt?« »Ich fasse nie Berichte ab.« »Aber Sie kennen den Schreiber?« »Flüchtig.« »Also bitte, Herr Kortüm.« Nun begann eine Schilderung auf Leben und Tod. Klar konnte man Kortüms Darstellung nicht nennen. Das hätte Monich besser gemacht. Kortüm ließ wichtige Dinge weg, weniger wichtige, zum Beispiel das Rosafundobjekt, schilderte er mit einer Treue, die einer wissenschaftlicheren Sache würdig war. Und Monichs Erlebnisse mit den Witwen legte er dar, daß Windhebel den Wunsch äußerte, jenen Herrn Monich möchte er auch noch kennenlernen. Wodtkes Glasscherben spielten keine kleine Rolle, und zuletzt handelte es sich nur noch darum, ob sechs oder acht Bretter heruntergefallen waren. »Ausgezeichnet«, sagte Windhebel. »Es wird richtig sein, erst ein wenig zu frühstücken. Was haben Sie?« 308 Einen vorzüglichen Schinken in Burgunder mit Perlzwiebeln empfahl ihm Herr Kortüm. »Ich werde ihn selbst zubereiten«, sagte er und eilte, ohne weiteres abzuwarten, in die Küche. Windhebel sah ihm über die Nickelbrille nach: »Da läuft er. Ist das dagewesen? Ein Erdbeben simulieren?« Fachlich war sein Auftrag hier oben erledigt. Nach Tisch konnte Windhebel guten Gewissens zum Bahnhof gehen, und Herr Kortüm wünschte nichts sehnlicher. Aber trotz der Menschenverachtung, in die Leute seines Berufes nur zu leicht verfallen, ärgerte sich der Erdbebenforscher: immerhin war er doch ein weltbekannter Fachmann, und ihm hier eine solche Geschichte aufzutischen . . . an der aber zum Teufel irgendwo was Wahres sein mußte . . . Windhebel steckte achtlos die erste Gabel Essen in den Mund. Dann aß er langsam. Zuletzt ließ er Bissen um Bissen auf der Zunge zergehen. Nein – kein Wort gegen diesen Schinken! Herr Kortüm mußte ihn mit unendlicher Sorgfalt gekocht haben – ja: diesen Schinken hat also ein Erdbebensimulant gekocht – vortrefflich gekocht in gutem französischem Burgunder. Wer aber so kochen kann – wer ein solches Anwesen besitzt – Windhebel sah sich um – und in einer so friedsamen Landschaft wohnt – – und dann lügt, diese Landschaft stehe nicht mehr fest – ein solcher Mann muß seine Gründe haben. »Und solche Gründe gehen noch über den Schinken und über das Erdbeben«, sagte Windhebel und klopfte an den Tellerrand. Liese brachte die Rechnung. Aber der Gast sprach: »Ich bleibe heute hier. Ein Zimmer.« Er schlenderte durch den Garten, durch die Halle. Herrn Kortüm traf er leider nirgends. »Der arbeitet jetzt«, sagte Liese. »Arbeitet. So.« Windhebel blickte zu Kortüms Bildnis auf. Holdermann war ein großer Porträtmaler und verstand, die Seele eines Menschen zu offenbaren. Aber die letzten Dinge in Sachen Kortüm blieben trotz des guten Bildes dem Doktor Windhebel, dessen Augenmerk beruflich ja vor allem auf die Probleme des Zugrundegehens gerichtet war, vorläufig noch dunkel. Er sah nach der Uhr: »Ich werde mir das Museum dieses Mannes etwas näher ansehen.« Museen waren sonst seine Sache nicht: Sammeln lohnt nicht, pflegte er zu sagen. Windhebel wußte besser als andre um den Unbestand der Dinge – auch derjenigen Dinge, die sogar der Jurist unverfroren als Immobilien bezeichnet. Ach, es war ja alles so mobil . . . in Anschauung der 309 wandelbaren Ewigkeitswerte rings um ihn herum im Weltall glaubte Windhebel nur noch an eines: an das Erdbeben. Er sah das Glas nicht an, aus dem er trank; aber was er trank und was er aß, das wußte der Gelehrte gut – im Augenblick hielt ja die Kruste noch über dem feuerflüssigen Innern dieses Erdballes. Stück für Stück des Kortümmuseums besah er, und so wenig ihm sonst gefiel auf Erden – dieses Museum war nach seinem Sinn! Hier war alles zerbrochen, nichts mehr ganz und bei Kräften und in Form – eine lehrreiche Sammlung! »Ich werde diesen Herrn Kortüm öfter besuchen«, beschloß Doktor Windhebel. Da ertönte Musik. Dorfmusik. Er trat ans Fenster. Im Hofe unten standen Männer, die auf Trompeten bliesen, trommelten und Geigen strichen. Rostbratwürste dampften auf einem Herd. Ein bekränztes Bierfaß wurde auf einer Schubkarre herangefahren. Und da stand er ja auch selber, mitten unter den Leuten, dieser Herr Kortüm. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und sah in die Höhe. Hoch auf dem Dachgebälk des Neubaues leuchtete ein bunter Kranz mit meterlangen wehenden Bändern. Die Musikanten setzten ihre Instrumente ab. Ein Zimmermann erschien zwischen den Dachbalken, hielt ein Weinglas in der Hand und begann zu sprechen. Windhebel öffnete das Fenster. Viel verstand er nicht. Aber als der Zimmermann plötzlich das Weinglas austrank und an den Balken warf, daß es zersplitterte, nickte der Gelehrte. Neben der Feier mit den Bauleuten wollte Herr Kortüm am Abend ein kleines Essen im engsten Kreise geben. Da Wingens Gedicht nicht fertig geworden war, hatte er selbst eine Rede ausgearbeitet. »Kein Fest«, seufzte er, »scheint so vielen Zwischenfällen ausgesetzt zu sein wie ein Richtfest – je weniger Teilnehmer, desto sicherer.« Konstanze sollte mitfeiern, Holdermann und Monich. Niemand sonst. Drei Paten sollten mit ihm zusammen das Flügelhaus aus der Taufe heben, und da eine ernste und einschneidende Feier zu begehen war, hatte er festlich und mit allem Aufwand gedeckt: Silber, altes Porzellan und Damast. Auf einem Seitentischchen standen einige Rotweine und im Eiskübel mehrere Rheinweine. Prüfend überflog er die Vorbereitungen. Etwas fehlte noch . . . »Die Blumen«, murmelte er und eilte aus dem Saal. Der Gedanke an Kortüms Schinken und an Kortüms Erdbeben hatte 310 den Doktor Windhebel veranlaßt, nach einem kurzen Spaziergang die Nähe der Menschen eher aufzusuchen, als dies sonst seine Gewohnheit war. Der Gelehrte kam in den Kaminsaal, sah den gedeckten Tisch und trat näher. Für Aufmachung fehlte ihm der Sinn. Er bemerkte die festlichen Anstalten gar nicht. Aber die Flaschen zog er eine nach der andern aus dem Kübel und las sorgfältig die Schilder. Da trat Herr Kortüm ein. Er trug in beiden Händen lose Veilchen, die er diesmal nicht in ein Glas setzen, sondern über den Tisch verstreuen wollte. Das hatte er sich sehr hübsch gedacht. Nun aber stand er, die beiden veilchengefüllten Hände vor den Leib gedrückt, erschrocken vor dem Doktor Windhebel. Der klopfte an die alte Flasche Pfalzwein, die er eben in der Hand hielt: »Zu theologisch.« Der Gelehrte trank nur Mosel, bevorzugte die zuckerlosesten Jahrgänge und vertilgte sie mit dem Worte › Ubi sunt ‹ rasch von dem unzuverlässigen Erdboden. Das konnte Herr Kortüm noch nicht wissen. Auch ließ er sich nicht gerne in Sachen hineinreden, die er besser verstehen mußte. Gerne wäre er grob geworden, aber diesen Mann mußte er wie ein rohes Ei anfassen. Jeden Augenblick konnte der Kerl wieder um Näheres hinsichtlich des Achtzehnten dieses Monats bitten. Zu theologisch? Soweit er wüßte, begann Kortüm höflich, teilte man Gewächse nicht nach den Berufen der Trinker ein, sondern – »– sondern nach den Trägheitsmomenten ihrer Abkunft, ich weiß«, unterbrach ihn Windhebel, rückte einen Stuhl, setzte sich und ersuchte Herrn Kortüm mit einer Handbewegung, ebenfalls Platz zu nehmen. Der Gastgeber stand sprachlos da: glaubt dieser Mann, daß ein solcher Tisch ein gewöhnliches Abendgedeck ist? Er legte seine Veilchen auf einen Haufen neben seinen Teller und setzte sich, kochend vor Grimm, aber nur innerlich. Nach außen durfte seine wahre Meinung nicht dringen. Die Folgen konnten unabsehbar sein. Windhebel schenkte sich ein, schmeckte: »Gut. Selbstverständlich gut.« Aber nun begann er eingehender vom Wein zu reden. Seine Ansichten waren so revolutionär, daß Herr Kortüm immer in Angst schwebte, der Mensch könne jeden Augenblick und ganz zwanglos von seinem Mosel auf Erdbeben zu sprechen kommen. Er war froh, als Liese hereinkam. Kortüm konnte jetzt die Rede des Forschers unterbrechen. Er gab dem Mädchen den ausführlichen Auftrag, ein weiteres Gedeck aufzulegen. Windhebel kam auch so bald nicht wieder zu Worte, denn Konstanze erschien nun, nach ihr Holdermann. Sie hatten kein Erdbeben auf dem Gewissen, wollten vielmehr Herrn Kortüm heute gründlich zur Rede 311 stellen über die Ereignisse in jener Nacht, über die kein Mensch klare Auskunft geben konnte. Kortüms neuen Gast empfanden sie wohl als eine Überraschung, aber nicht als eine unheimliche. Sie bemerkten nur einen etwas nachlässig gekleideten Herrn, dessen Name ihnen unbekannt war. Monich kam als letzter, wußte auch nichts von der Gefahr, saß ahnungslos auf dem Vulkan und fühlte sich unendlich wohl. Konstanze merkte bald das Salz in Windhebels Worten. Sie wurde immer heiterer. Draußen im Hof hatte die richtige Feier erst begonnen. Die Kapelle war durch eine Pauke ergänzt worden und ging unter lautem Beifall in Tanzmusik über. Mädchen hatten sich eingefunden. Lachen und Fröhlichkeit schallte in den Saal. Riesige Wolken wälzten sich vom Bratwurstrost über den Hof hinaus durchs offene Gebälk des Flügelhauses in den Nachthimmel. Kortüms Sorge ließ etwas nach. Er suchte schon den Zettel mit der Festrede in seiner Rocktasche, zog ihn hervor, strich ihn glatt. »Jetzt kommt de Richtfestrede«, sagte Monich halblaut zu seinem Nachbar Windhebel. »Richtfest feiern?« fragte der Gelehrte, »ich würde mir das überlegen, Herr Kortüm. Diese Gegend scheint ein Erdbebenherd zu sein.« Herr Kortüm erschrak bis ins Mark. Aber Konstanze lachte harmlos: » Jede Gegend ist ein Erdbebenherd – fand ich wenigstens bis jetzt, Herr Doktor!« Windhebel sah sie durch die Nickelbrille an, und wenn er lächeln gelernt hätte, so würde er jetzt gelächelt haben. Er zog nur die Luft durch die Nase und sagte: »In Ihrem Sinne genauer gesagt: jede bewohnte Gegend, gnädige Frau.« »Langt auch noch nicht!« rief Holdermann. »Jede von Menschen bewohnte Gegend!« Herr Kortüm knitterte jetzt hörbar mit seinem Zettel und wollte mit der Rede beginnen, um die gefährliche Richtung des Gesprächs abzubiegen: »Und da nun, meine Verehrten, der Mensch zum Wohnen ein Haus braucht –« »In Ihrem Museum stellen Sie aber das Gegenteil fest«, sagte Windhebel. Zornig mußte Herr Kortüm zusehen, wie der Gelehrte nach dieser offenbar feindseligen Unterbrechung seiner Rede ein volles Glas des Weines hinuntergoß, den er noch kurz vorher als zu theologisch bezeichnet hatte. »Mein Museum enthält Gegenstände aus vergangenen Zeiten«, begann er, »wir aber sind am Leben –« 312 »– und wir machen nach Kräften Erdbeben und feiern dann Richtfeste . . .«, sagte Windhebel gelassen. »Sie haben wohl schon eins mitgemacht?« fragte Monich vorsichtig. Windhebel nickte. »Erzählen Sie!« sagte Konstanze. Kortüms heimliches Zuwinken hatte sie nicht rechtzeitig bemerkt. Während Holdermann Windhebels Kopf auf das Tischtuch zeichnete, begann Kortüms neuer Gast: die Herrschaften müssen sich vorstellen, daß die Erde in Wellen gehe. Etwa ellenhoch. Die Gebäude ruckten eine Bruchsekunde mit und brächen dann auseinander. Der blitzdurchzuckte Himmel sei schwarz. Nichts würde man sehen, wenn nicht hier, dort, überall Feuer aufspränge. Die Herrschaften ständen auf dem Pflaster, und unter ihnen bewege sich die Erde krachend aufwärts. Die Kirche am Abhang drüben stehe plötzlich unter ihnen, sie blickten auf das Schieferdach der Kirche, das Dach reiße auf, der Altar steige aufwärts. Sie sprängen zurück, aber hinter ihnen sei die Erde gespalten, eben verschwände ein Eisenbahnzug in dem Spalt – und es sei vorbei. Der Himmel helle sich auf, die Wolken verwehten, die Sonne scheine, und friedsam läge die Erde wieder da. Wissenschaftlich betrachtet, sei wenig verändert. Die Baulichkeiten natürlich, die seien weg . . . »Weg«, sagte Monich verdutzt. Herr Kortüm sah nach dem Fenster hin. Draußen feierten sie, tranken, lachten. Der gelbe Schein der Windlichter erhellte das Gebälk des Flügelhauses ein wenig und mit ihm den Richtkranz, der wie ein Schimmer des Regenbogens im nächtlichen Himmel stand. Musik klang herein . . . Langsam faltete Kortüm mit zitternden Fingern den Zettel zusammen, auf dem seine Festrede stand. »Das war ein freundlicher Richtspruch«, sagte er und blickte den Doktor Windhebel unter hochgezogenen Augenbrauen an. »Schade, daß ich Ihren Spruch nicht mehr höre – ich muß morgen zeitig fort« – der Gelehrte stand auf und verabschiedete sich – »aber ich bin bald wieder bei Ihnen zu Gaste. Es gefällt mir hier. Weiterhin ein gesegnetes Richtfest, meine Herrschaften.« Da stehn einem je die Haare zu Berge«, sagte Monich und sah immer noch auf die Tür, die sich hinter Windhebel geschlossen hatte. »Wer war denn der Kerl?« 313 »Ob der Mann die Nacht ein Auge zutun kann?« fragte der Professor und blickte gleichfalls die Tür an. »Was wollte der denn?« Konstanze schüttelte den Kopf: »Ins Schottenhaus kommen absonderliche Leute, Herr Kortüm.« Der Herr des Hauses nickte: »Ich weiß den Grund: weil's noch nicht fertig ist.« »Und wenn die Gerüste weg sind?« »Dann kommen endlich die regelrechten Gäste.« Holdermann sah auf: »Die regelrechten – so. Nun sagen Sie aber, was sich in den letzten Tagen hier oben eigentlich begibt.« Herr Kortüm schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Wo Gras wuchs, Herr Professor, da entsteht jetzt eine Menschenwohnung. Das wirbelt Staub auf. Aber Gott sei Dank, daß dieses Richtfest nun vorüber ist!« »Es hat noch nicht begonnen!« rief Konstanze. Herr Kortüm zeigte auf die Uhr. »Ich meine nicht heute.« Konstanze drehte eine Tischkarte um, erbat von Holdermann den Bleistift und fuhr fort: »Wer also soll das Richtfest feiern?« »Aber wir wollen doch froh sein, liebe gnädige Frau, daß wir es überstanden haben.« »Wer – sage ich!« und sie schrieb ein »Erstens« hin. »Kortüm«, schlug Monich vor. »Einverstanden!« lachte sie und schrieb. »Zweitens!« Die Tischrunde wählte zunächst einmal sich. »Weiter!« Schweigen. Dann meinte Holdermann: »Kapitän Langloff.« Herr Kortüm warf einen entsetzten Blick auf Konstanze: »Niemals!« »Der schien aber doch ein ganz umgänglicher Herr –« »Dann komm ich nicht!« rief Herr Kortüm. Monich nickte: »Ich auch nich.« »Schade«, sagte Holdermann, »wenn er so von seinen Fahrten erzählte –« »Wenn das auch so gelogen war wie das, was er von andern Leuten ihren Fahrten erzählte, die gar nich fahrn wollten, wäre er besser zu Hause geblieben.« Der Maler versuchte Herrn Kortüm zuzureden: »Ich möchte nämlich ein Bild malen, auf dem Sie beide stehen, Kortüm und Langloff nebeneinander –« 314 »Mit dem Mann in einem Rahmen!« rief Herr Kortüm entrüstet. »Also Herr Langloff nicht«, entschied Konstanze. »Nummer fünf, bitte.« »Lotte«, sagte Monich. Jetzt stockte Konstanze, obgleich niemand dagegen war. Holdermann nickte sogar: »Frau Lotte Wingen.« Zögernd schrieb Konstanze diesen Namen, aber sie schrieb gleich weiter. Holdermann sah ihr über die Schulter und buchstabierte: »Klaus Schart – wer ist das?« Herr Kortüm sah auf und sagte: »Nun, Gnädigste, Sie haben ihn ja schon hingeschrieben.« »Ja«, sagte Konstanze. Herr Kortüm blickte auf ihre Hand, die mit dem Bleistift trotzig einen Punkt hinter das Wort »Schart« machte. »Wer das is?« rief Monich. »Das is 'n Schulmeister un 'n guter Gedanke!« »Ob er aber einfach so weg kann aus seiner Schule?« gab Herr Kortüm zu bedenken. Da malte Konstanze noch einen Punkt hinter Schart. Nun war es ein Doppelpunkt. Und sie schrieb: Anfrage, wann er kann. »Wir richten uns nach ihm«, sagte sie. »Über Sonnabend und Sonntag kann jeder«, sagte Monich. »Wenn er nicht verheiratet ist«, ergänzte Holdermann. »Vor drei Wochen hab ich ihn in Besenroda getroffen. Da war er noch led'g. Darum hat er auch Zeit genug, un darum kann er auch 'n Richtspruch machen un sagen.« »Macht er Verse?« fragte der Maler. Herr Kortüm schwieg beharrlich. »Als Schulmeister muß er doch 'n Vers fertig kriegen.« »Gut«, sagte Konstanze, »er soll den Richtspruch machen. Und wenn er keine Verse machen will, ist der Spruch eben nicht gereimt.« »Gut«, sprach jetzt Herr Kortüm und blies eine Dampfwolke aus der Zigarre. »Der junge Mann spricht ungereimt.« Es war Konstanze nicht anzusehen, ob sie sich ärgerte: »Gereimt oder nicht – wenn er Lust hat, braucht er bloß einen Aufsatz zu machen. Wie jemand zu seinem Hause kommt. Oder so ähnlich. Das paßt, und das kann er.« Herr Kortüm wiegte den Kopf hin und her: »Wenn nur nicht der Doktor Windhebel wiederkommt und –« »Ach was«, sagte Konstanze, »wenn nur nicht wieder das Haus einfällt in der Nacht.« 315 »Jawohl, Kortüm«, meinte Monich, »der Schulmeister soll kommen un seinen Vers hier aufsagen.« »Das getraut er sich nicht, Monich.« »Dann lese ich ihn«, sagte Konstanze. »Halt!« rief Kortüm, »wenn Sie das Gedicht lesen wollen, mach ich's selber!« Konstanze lachte: »Nein, Herr Kortüm – Sie dichten nicht, Sie leben, was Sie sind!«   Die Festrede Wingen schlug das Notenbuch aus, setzte sich auf der Orgelbank zurecht und wartete. Es fehlte nur noch die Luft. Aber der Bälgetreter mußte gleich kommen. Er spielte einstweilen ein paar stumme Läufe, probte einige schwere Pedalgänge. So fand ihn Wenzel. »Der Schreck is mir richtig in die Glieder gefahrn, als ich hörte, Sie sin wieder da un brauchen Luft. Sie haben doch noch Ferien, un im Urlaub machen Sie doch Ihre Schreibarbeiten.« Wingen schüttelte den Kopf: »Luft, Wenzel!« »Na, dann weiß ich nich – das Schreiben hat Ihnen doch so gut getan.« »Das Schreiben schon, Wenzel. Aber nicht, was geschrieben übrig blieb.« Er griff in die Tasten. »Luft, Wenzel. Los. Wir machen Musik. Die klingt, und wenn wir aufhören, hat es wirklich ein Ende und ist vorbei.« »Bis auf meine Rückenschmerzen«, bemerkte der Bälgetreter mit Recht, denn er blickte plötzlich in eine arbeitsreiche Zukunft. »Gegen Rückenschmerzen hilft Senfspiritus. Aber gegen beschriebnes Papier hilft nicht einmal Senfpflaster.« »Un wenn Sie nu die Schreiberei hinterher verbrennen?« »Dann hat das Schreiben keinen Sinn gehabt, Wenzel! Wir wollen anfangen. Luft!« »Aber Musike hat einen gehabt, wenn sie alle is?« Wingen antwortete nicht mehr. Er war bei seinen Noten. Vielleicht hatte er den letzten Einwand des Bälgetreters schon nicht mehr gehört. Aber Wenzel ließ sich nicht irre machen. Orgelspielen konnte er nicht, schreiben auch nicht, aber philosophieren konnte er so gut wie andre 316 Leute. »Da stimmt was nich«, knurrte er auf dem Weg in seine Bälgekammer. »Aber ich komme schon noch dahinter.« Wenzel ist nie dahintergekommen, warum sein Herr alle überschüssige Kraft von nun an in Musik umwandelte und verklingen ließ mit ihr. Auch noch weit landeskundigere Philosophen als Wenzel begriffen erst viel später, wo die geheime Kraft saß, deren bloßes Dasein Bewegungen erwirkte an scheinbar ganz unverbundenen Orten – in einer fernen Bälgekammer, in einer noch ferneren Schulstube, ja in der Kabine eines Schiffes unter beinah endlos entfernten Breitengraden. Dorthin reiste jetzt ein dicker Brief, den Langloff schon auf dem Schottenhaus begonnen hatte und in dem er seinem Sohn, dem Schiffsarzt, höchst wertvolle Angaben über ein nach gesunden wirtschaftlichen Grundsätzen geleitetes Erholungsheim mitteilte – jeder Satz auf Erfahrung ruhend und Goldes wert. Langloff konnte seinem Sohn guten Gewissens raten, bald zurückzukommen und eigne Studien im Schottenhaus und seiner Umgebung anzustellen. Einen anderen Brief aus dem Kortümbereich, wenn auch nur einen dünnen und kurzen, erhielt Klaus Schart. Er stand unter dem Goldregenbusch an der Pforte des Hörseler Schulhauses, las und hatte trotz der knappen Briefseite beinahe ebenso viel Zeit zum Lesen nötig, wie Langloffs Sohn brauchte, der doch das gewichtige Material seines Vaters sorgfältig durcharbeiten mußte. Vor allem die Unterschrift schien Klaus schwer einzugehen. Er las immer wieder: »Ihre Konstanze Schröter, Ihre Konstanze Schröter, Ihre . . .« Nach einer guten halben Stunde mußte er den Sinn des Briefes wenigstens in großen Zügen verstanden haben, denn er steckte das Schriftstück so sorgfältig und umständlich in die auf der linken Herzseite befindliche Brusttasche wie ein Kapitalist sein Aktienbündel und begab sich in die Schulklasse. Es wurde Zeit: drei Straßen weit schallte der Lärm seiner in unverantwortlicher Weise sich selbst überlassenen Jungen, und der Schulmeister hätte ihn eigentlich unter seinem Goldregenbusch auch hören müssen. Trotzdem ging Klaus in seiner Klasse nicht als Gewitter auf, sondern strahlend wie eine Sonne. Das Aufsatzthema wurde denn auch nicht schwer: Wie Peter zu einem Hause kam. Das Erfinden ging los, und jeder erfand nach seiner Weise. Hans ließ den Peter selber karren und mörteln. Jochen ließ den Peter der Kürze halber das Haus erben. Fritz erkannte eine Möglichkeit im Heiraten. August nahm die Lotterie als Geldgeber an. Ein anderer 317 verlegte seine Geschichte in fremdes Land, wo der Mensch überhaupt nichts braucht, um zum Hause zu kommen. Klaus Schart las alles durch, las es nachdenklich, sagte »Paßt auf« und fing seinerseits an, eine Geschichte zu erfinden. Er erzählte einfach los, ohne die leiseste Ahnung, was im nächsten Satz geschehen würde. Solche Geschichten freuen Kinder, denn so dichten sie selber. Nur steckten sie die Köpfe zusammen und kicherten, wenn ihr Schulmeister den Namen des Helden nannte. Er sagte nicht Peter, sondern immer Pedro, als ob die Erzählung möglichst weit weg von Thüringen spielen sollte. Wo man noch seine eigene Geschichte lebendig in Gang weiß, macht man nur im Notfall erfundene Schulden – die nicht erfundenen genügen meistens. Konstanze hatte ihm geschrieben – man sprach also von ihm. Vielleicht nannte jemand eben jetzt seinen Namen im Schottengelände an der falschen Stelle . . . Sein schlechtes Gewissen trog ihn nicht: »Aber das Richtfest ist doch gewesen!« sagte Lotte Wingen erstaunt zu Holdermann, der ihr die Einladung brachte. »'s erste.« Lotte sah ihn ratlos an: »Feiert denn Herr Kortüm zwei Richtfeste?« Der Maler nickte. »O Gott . . .« »Die Richtfestrede hat nämlich gefehlt«, erläuterte Holdermann. »Ihr Mann hat sie ja nicht geschrieben.« »Wer macht denn die nun?« »Ich kenne ihn nicht. Klaus Schart heißt er, wenn ich recht verstanden habe.« Lotte sah rasch von ihrer Näherei auf und blickte Holdermann forschend an. Aber harmlos fragte er: »Also Sie kommen?« »Gerne«, sagte Lotte und lächelte ein wenig. Überhaupt tat jeder das seinige, um die Festfreude zu erhöhen. Mickewitz hielt Kuffert auf der Straße in Esperstedt an: »Sind Sie eingeladen?« »Nee.« »Ich auch nicht.« »Uns ladet er wahrscheinlich erst zum dritten Richtfest ein.« »Man sollte eine kleine Notiz ins Abendblatt rücken, damit ihm die Leute rechtzeitig gratulieren können.« »Schreiben Sie doch, wann's vierte käme, stände nich fest. 's dritte wär übermorgen.« 318 Wirklich praktische Arbeit leistete eigentlich nur Monich. Er stand im Kaminsaal und sprach, da niemand bei ihm war, mit lauter Stimme zu sich selbst: »Das is gradezu 'ne Schande. Kortüm tut diesmal reine nischt. Ich habe alles alleine aufm Halse. He!« Der Hausknecht erschien und schleppte sich mit einer langen Girlande. »Wo bleibste denn nur!« fuhr ihn Monich an. »So 'ne Girlande tragen is nich so ohne, Herr Monich. Den verfluchten Berg rauf. Einmal fällt vorne der Anfang runter, un Sie treten drauf. Oder hinten fällt's Ende runter, un Sie merken's nich gleich, dann wird die Girlande alle, un Sie müssen erst wieder 'n Berg nuntersteigen un frisch aufwickeln.« »Da mach doch 'n Faden drum!« Hm – auf den Gedanken war der Knecht nicht gekommen. »Na, nu is es zu spät. Häng sie auf. Schnell! Um sein Bild überm Kamin rum. Aber paß auf, daß der Blumenknuff in die Mitte über seinen Kopp kommt.« »Er hat wohl Geburtstag?« »Er nich, Schafskopp. 's Haus doch!« Große Bewegung war in diesem festlichen Schottenhause, aber Herr Kortüm, der sonst alles in Bewegung brachte, saß gelassen in seinem Zimmer, als wäre nun ein Kortümrichtefest die Sache der anderen. Wer aber glaubte, er sinniere nur tabakrauchend so vor sich hin, der war im Irrtum. So gut wie seine Freunde wußte er: noch einmal mißlingen durfte es nicht. Wo aber saß der gefährliche Punkt? In der Festrede. An der Rede war das erste Fest gescheitert, trotz der sonst vortrefflichen Bewirtung und Aufmachung. Und nun sollte das zweite Richtfest auf nichts stehen als dem Kopf dieses Schulmeisters da hinten in Hörsel? Das mochten schöne Frauen wagen, die nichts wissen vom Leben junger Männer. Aber er nicht, Herr Kortüm, der einer gewesen war und zu den wenigen gehörte, die es noch nicht vergessen hatten! Der Herr des Hauses arbeitete für alle Fälle eine neue Rede aus, eine gehaltvolle Rede, die nicht aus klangvollen Sätzen zu bestehen brauchte, aber Grund unter sich haben mußte, historischen Grund. Konstanze hatte das Thema vorgeschlagen: wie einer zu seinem Hause kommt. »Wie seine Ahnen«, sagte Herr Kortüm. »Nicht anders. Denn jeder Stamm hat sein Gesetz. Die Eichen, die Weinstöcke, die Haseln – und die Kortüms!« Er kramte in einem mit vergilbten Papieren gefüllten Kasten. Die Bilder seiner Urgroßeltern fand er. Briefbündel. Ein 319 Lederkästchen mit einer Elfenbeinmalerei. Den Siegelabdruck eines Torstenson. Er breitete diese Sachen vor sich aus. Ein zarter Duft aus alten Zeiten stieg auf aus den spärlichen Resten. Aber Herr Kortüm atmete ihn dankbar ein und nickte: »Das waren wir. Das sind wir.« Nach den Sorgen der letzten Tage taten ihm diese Zeugnisse seines vorigen Daseins wohl. Wie da plötzlich aus allen Windrichtungen Leute in sein Haus gedrungen waren, wie die Türen klappten, Stiefel scharrten und ein Reden begann, ein Tuscheln, ein Flüstern, das schwoll, sich dehnte, Feuer fing und die Fenster sprengte wie explodierendes Gas – ahh, der Spuk war fort! Mochte ein Gelehrter, der Erdbeben erforschte, aber nichts verstand von Erdbeben, mochte der keines haben feststellen können auf dem Schottenhaus. Er, Kortüm, hatte sein bißchen Erde zittern sehen. Zittern und beben vom Habenwollen! Denn was sonst vermöchte diese Feste, die Gott gesetzt hat, erbeben zu lassen von erbärmlichen Menschenhänden . . . »Das sind wir«, sagte er noch einmal und streichelte die Zeugnisse des Kortümblutes, die er ausgebreitet hatte vor sich auf dem großen Tisch. Herr Kortüm hatte den weiten Blick. Dieser Mann, dem bekannt war, daß eine Thüringer Straße an der Biskaya anfangen und in Taschkent aufhören kann, der dem erschrockenen Professor Holdermann vom Schottenhausfenster aus die Brandung des Meeres zeigen konnte, der vermochte sich jetzt auch wandeln zu sehen in jeglicher Gestalt nach der Tiefe der Zeit – im blauen Frack sah er sich, in Escarpins , in Eisenschienen. Die zweite Richtfestrede wurde lang.   Das andere Richtfest Zimmer Nummer Eins lag im ersten Stock des Schottenhauses. Hinter der weißlackierten Flügeltür, die von schmalen, bis auf den Fußboden reichenden Spiegeln eingefaßt war, wohnte Konstanze Schröter. Tiefe Ruhe lag zu dieser achten Morgenstunde über der Gegend um die Spiegeltür. Wenn ein unachtsamer Angestellter den Befehl des Herrn Kortüm übertreten und sich in diese Umgebung gewagt hätte, so würden dicke Flurläufer jedes Geräusch aufgesaugt haben. Aber es getraute sich niemand her. In den Dingen rings um Nummer Eins herum verstand Herr Kortüm keinen Spaß und brauchte nur in 320 größeren Zwischenräumen die Ausführungen seiner Anordnungen zu prüfen. Neu ankommende Gäste, die nicht Bescheid wußten, waren in so früher Morgenstunde nicht zu erwarten. Klaus Schart hatte den Nachtzug benutzt, von der letzten Umsteigestelle ein gutes Stück laufen müssen und kam mit taunassen Stiefeln vor dem Schottenhaus an, ohne vom Herrn des Hauses oder einem Bedienten bemerkt zu werden. Er betrachtete sich offenbar auch gar nicht als gewöhnlichen Gast, trat ins Haus und stieg die Treppe hinauf. Im Spiegel links von Konstanzes Tür tauchte zunächst sein blonder Haarschopf auf, dann sein Kopf, seine Jacke – schließlich stand der ganze Schart in dem Spiegel und sah sich an. Was er hier wollte, hätte er schwer sagen und überhaupt nicht begründen können. Er wußte es wohl selbst nicht. Denn morgens zwischen sieben und acht konnte er sich doch nicht bei Konstanze für die Einladung bedanken wollen. Für die Vorlesung seiner Richtfestrede war es auch noch zu früh. Am ehesten hätte sein Wunsch eingeleuchtet, das Kortümmuseum zu besichtigen. Aber diese Räume lagen ein Stockwerk höher, und Klaus rührte sich nicht von der Stelle, blickte in den Spiegel und sah nicht einmal etwas. Denn sonst hätte er jetzt im Spiegel rechts von der Türe eine andre Gestalt auftauchen sehen. Zunächst ganz klein. Die Gestalt kam vom Ende des Flures lautlos auf den Teppichen herangewandelt. Aber sie wurde langsam größer, immer größer, und schließlich paßte sie kaum noch in den schmalen Spiegel: Herr Kortüm stand in gleicher Höhe mit Klaus Schart vor der weißlackierten Tür, nur um die Breite des Flurläufers von dem jungen Mann getrennt. Er kratzte sich langsam am Kinn und sagte endlich zu dem benachbarten Spiegelbild: »Guten Morgen.« »Ahh – Herr Kortüm! Guten Morgen.« »Bitte sprechen Sie hier nicht so laut, Herr Schart.« Mit einer großen Handbewegung lenkte er Klaus Scharts Aufmerksamkeit auf die leeren Flurwände. »Ich würde Ihnen einen Stuhl anbieten, aber Sie sehen, an dieser Stelle ist keine Sitzgelegenheit vorgesehen. Man würde sie als unpassend empfinden. Wir gehen wohl besser in die eigentlichen Gasträume hinunter.« Herr Kortüm schritt voran. Klaus folgte auf den Zehen und sagte: »Ich bin nämlich in Ottstedt ausgestiegen und dann gelaufen.« »Und zwar gleich bis hier herauf in den ersten Stock«, nickte Herr Kortüm, »ganz recht, ich sehe es.« Die beiden Spiegel standen wieder menschenleer und vornehm gläsern neben der großen geschlossenen Flügeltüre, hinter der Konstanze schlief. 321 Herr Kortüm zeigte dem Schulmeister sein festlich bekränztes Bildnis: »Es ist erst vor kurzem fertig geworden, zeigt mich jedoch nicht nur in meinem gegenwärtigen Zustand, sondern als Kortüm überhaupt. Nur das eine Wappen rechts fehlt noch.« Staunend betrachtete Klaus den ewigen Kortüm: »Als ich zuletzt hier oben war, hing nur ein kleines Wappenbild auf der leeren Wand. Sie hielten sich damals grade in der Stadt auf.« Das Spiegelbild Scharts neben Zimmer Nummer Eins ärgerte Herrn Kortüm immer noch ein wenig, und er sagte: »Wenn Sie in Zukunft das Schottenhaus besuchen und, wie es das passendste ist, zuerst in diese Halle eintreten, werden Sie mich nicht mehr vergeblich in anderen Teilen des Hauses suchen« – er wies auf das Bild – »ich bin da.« Unwillkürlich verglich Schart Bild und Vorbild: »Das Bild ist sprechend ähnlich, aber es antwortet nicht –« »Wollten Sie mich etwas fragen?« »Ja.« Klaus nickte und fing von seinem Richtspruch an. Ein Spruch wäre es eigentlich gar nicht geworden. Aber Frau Schröter habe geschrieben, daß Verse nicht nötig seien. Er habe also eine Geschichte geschrieben: »Wie Pedro zu seinem Hause kommt.« »Wer?« »Pedro. Ich nenne den Mann in meiner Geschichte Pedro, weil er landfremd ist, wissen Sie?« »Wo spielt denn Ihre Richtfestgeschichte?« »Am Bodensee.« »Aha. Und der Held ist ein Thüringer namens Pedro.« »Nein. Ein Spanier namens Sancho, Herr Kortüm.« Eine Weile sah Kortüm den Schulmeister von der Seite an. Dann kaute er mit den Zähnen, als ob er einen fragwürdigen Geschmack im Munde habe und sagte endlich: »So. Nun . . . vielleicht wäre es nicht falsch, wenn Sie mich mit dieser spanischen Geschichte vorher bekannt machten – eben noch haben Sie den Mann doch Pedro genannt, wenn ich recht verstanden habe.« Klaus belehrte Herrn Kortüm eifrig: »Der das Haus vielleicht bekommt, das ist Pedro. Aber der richtige Held heißt Sancho.« »Erlauben Sie, junger Mann – nicht der Held, sondern der andre kriegt das Haus, und das soll eine Richtfestrede sein?« Der ganz richtige Held seiner Geschichte, erklärte Klaus weiter, wäre eigentlich auch jener Sancho nicht, sondern wieder ein andrer, und der 322 bekäme überhaupt und grundsätzlich und niemals etwas, außerdem sterbe er gleich im ersten Abschnitt und trete erst im vierten wieder auf – – Jetzt wurde Herr Kortüm ernstlich besorgt. Eine Festrede mit einem Helden, der am Anfang stirbt und hinten wieder aufsteht? »Dort, am Abhang nach Besenroda zu, steht eine neue Bank: wir wollen uns ruhig hinsetzen, und Sie erzählen mir Ihre Geschichte. Die Bank ist sehr abgelegen. Sie können mir ungestört alles sagen.« In Büschen wilder Rosen versteckt stand Kortüms neue Bank. Noch trugen die Dornenreiser kaum Knospen, aber der Sitz lag heimlich eingesponnen in das Dickicht. Steil fiel der Abhang ins Ilmtal ab. Tief unten lag das Dorf. An die Rückenlehne der Bank war ein Schild genagelt mit dieser dreizeiligen Aufschrift: »Gottesblick – Eigentümer F. J. Kortüm – Nur für meine Gäste.« Herr Kortüm nahm Platz: »Setzen Sie sich, Herr Schart.« Klaus las immer noch die Aufschrift. »Gottesblick«, murmelte er und sah von Herrn Kortüm weg prüfend in die Tiefe des Tales hinunter. Die Straßen erblickte er wie Striche auf einer Landkarte, die Häuser wie Bienenzellen, die Menschen wie hin und her rückende Spielfigürchen – unter jedem Hutpunkt ein heller Fleck: das Antlitz der Person. Ob das aber der Albrecht war oder der Monich oder der Hiebrich, konnte Klaus nicht entziffern. Und erst recht nicht, ob es in dem Fleck unter dem Hutpunkt lachte oder Sorgen fraß und Tränen verschluckte. Nur von einer Stelle auf die andre rücken sah man die unkenntlichen Figürchen vom Gottesblick aus, die große Richtung ihres Wandelns erkannte man, das bloße Lebendigsein und den maßlos leeren Raum, in dem es lebte . . . Gottesblick? Klaus schüttelte den Kopf: »Im Katechismus steht das anders. Je höher Sie Ihre Ruhebank stellen, desto mehr sieht man vom Land und desto weniger von den Einwohnern.« Herr Kortüm lächelte nur und wies mit der Krücke seines Stockes auf ein Flugzeug, das kaum sichtbar zwischen den Wolken seines Weges surrte: »Die höheren Ansichten kenne ich leider auch nicht. Vielleicht sieht man dort oben so viel, daß gar nichts mehr zu sehen ist. Nichts Lebendiges meine ich. Setzen Sie sich, Herr Schart. Ich habe genug durchgemacht, um meinen Gästen diesen Gottesblick hier guten Gewissens als hinreichend und als zuträglich empfehlen zu können.« 323 »Da würde ich die Bank aber den Kortümblick nennen.« »Nicht bei meinen Lebzeiten, junger Mann. Es ist so für alle Beteiligten unverbindlicher.« Der alte und der junge Mann vergaßen über diesen und anderen Gesprächen, vom Gottes- und vom Menschenblick nach dem Himmel zu sehen. Hinter ihnen war eine bleigraue Wolkenwand aufgestiegen. Die ersten großen Tropfen klatschten auf die Erde. Kortüm sprang auf. Die Holzarbeiten in seinem noch dachlosen Neubau kamen ihm in den Sinn. Klaus Schart war noch schlimmer dran. Er trug den Anzug auf dem Leibe, in dem er nachher Konstanze begrüßen mußte. Ohne des Richtspruches zu gedenken, eilten sie nach dem Schottenhause. Aber es goß schon, ehe sie den Gartenzaun erreichten. Klaus wurde so naß, daß er sich in die hinteren Räumlichkeiten begeben mußte, um mit Liese und Lieses Bügeleisen eine Verbesserung seines Äußeren zu versuchen. Der Schulmeister war recht niedergeschlagen. Überhaupt verlief dieser Festtag ganz anders, als er sich's gedacht hatte. Es regnete in Strömen. Feuchte Gebirgskühle wehte durch das Haus. Konstanze ließ sich wenig sehen. Außer den üblichen Begrüßungsworten, die man in Gegenwart anderer Leute findet, konnte er kein Wort mit ihr wechseln. Schließlich war sie ganz verschwunden, und Liese erzählte, daß die Dame einfach zu Bett gegangen sei und lese. Über den Professor Holdermann aber war plötzlich das Pflichtbewußtsein hereingebrochen: in dieser wirklich allerletzten Stunde stieg er auf die Bockleiter, um rasch noch das Kortümwappen fertig zu malen. Oh, wie gut erinnerte sich Klaus Schart noch jenes festlichen Abends, als die ersten Schauspieler aufs Schottenhaus gekommen waren . . . Erwartungsvoll sah er sich überall nach dem von Herrn Kortüm persönlich gedeckten Tisch um, nach dem seltenen Porzellan, dem alten Hamburger Familiensilber, den Blumen – nichts dergleichen entdeckte er. Keine Spur Festlichkeit in diesem großen ausgekühlten Hause. Holdermann antwortete auf seine Frage, wo denn das Festessen stattfinde: »Das war doch schon vorige Woche« – und malte weiter. Es wurde zeitig dunkel. Man speiste an kleinen Tischen, wie immer, ohne Aufwand. Konstanze ließ sich auch jetzt nicht blicken. Immer stiller wurde es im Festhause. Klaus kam es am Ende vor, als ob nunmehr sämtliche Insassen zu Bett gegangen wären und sich mit Lektüre beschäftigten. Er rief auf den Flur hinaus: »Liese! He!! Ist niemand hier?« Stille. Tiefe Ruhe und Dämmerung. 324 »Die liest wohl auch, verdammt nochmal!« Bei diesen Worten aber war die Haustür aufgeflogen: »Wer flucht denn hier so, verdammig!?« Ein triefender Regenschirm klemmte sich durch den Türspalt. »Ach so, Sie sin's. Guten Tag auch.« Monich klappte den Schirm umständlich zu, schälte sich aus dem Mantel und begann, die nun bloßliegenden Körperteile ächzend mit seinem rotgepunkteten Taschentuch zu reiben: »So 'ne Nässe . . . Sind Sie auch in'n Regen gekommen? Nee? Na – wo wolln Sie 'n hin?« »Auch ins Bette«, sagte Klaus trotzig. »Hä?« »Und lesen.« »Nee, mein Lieber. Jetzt wird nich gelesen. Gearbeitet wird jetzt. 's geht gleich los.« »Was geht los?« »Nu, 's Richtefest!« »Darauf warte ich seit heute früh.« »Hähä. Haben Sie mich heute schon hier oben gesehn? Nee? Also! Ehe Monich nich da is, geht auch 's Fest nich los – he!« Der Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr hatte einen anderen Ton am Leibe. Liese, der Hausknecht – eine Hilfskraft nach der anderen erschien. »Lampen aus im Saal! Lichter solln angebrannt werden. Das is Unsinn, weil's Geld kost, un man sieht trotzdem nischt. Aber's soll nu mal sein. Un du holst Brennholz. Buchenscheite! Un such trockne aus, verstehste?« Monich ergriff die Befehlsgewalt im Hause. Wahrscheinlich verschaffte ihm die besondere Art der Vorbereitung den nötigen Schwung zum Kommandieren: der Hauptmann machte eigenhändig Feuer im Kamin. Die Scheite prasselten hoch. Fauchend und funkenmitreißend stob der Qualm in den Schlot hinauf. »Noch mehr Holz! Bei dem Wetter muß erst die Esse warm werden. Sonst raucht's. Un Ihnen trän' de Augen beim Deklamieren, hähä!« Dann ließ Monich vom Hausdiener Sessel heranbringen und im Halbkreis vor dem Kamin aufstellen. Ehe er aber einen Sessel genehmigte, erprobte er ihn gewissenhaft, setzte sich hinein und schaukelte ein wenig hin und her. »Der is für Kortüm – groß, nich zu weich, un er hat eine steife Lehne. Kortüm sitzt doch am Anfang immer so grade da.« Er wandte sich an den Knecht und hob den Zeigefinger: »Aber paß auf, was er 325 trinkt. Bei Weißwein läßt'n stehn. Wenn er sich aber an 'n Rotwein macht, dann holste den Ledersessel dort her und schiebste'n hin: wenn er sich nämlich wohl fühlt, streckt er gerne de Beine von sich un legt sich hinten 'n bißchen über. Den hier« – Monich probte sorgfältig – »den nehm ich. Ich sitze bei Weiß un bei Rot weich un habe gerne so viel Polsterlehne um mich rum, daß grade noch Platz zum Einsteigen bleibt.« Monich wählte für den Professor einen Brokatstuhl, für Lotte einen mittelgroßen Sessel. Für Konstanze aber suchte er einen vergoldeten Rokokostuhl aus, den er für theatermäßig hielt, dessen Verzierungen ihr jedoch unbedingt blaue Flecke verschaffen mußten. Klaus wollte sich jetzt einmischen, aber Monich sagte: »Sie setzen sich am besten dort an die Seite vom Kamin hin. Einer muß je aufs Feuer aufpassen, un ich habe de Getränke unter mir.« Herr Kortüm sah noch einmal zur Haustür hinaus, da Monich alle Läden hatte schließen lassen. Eine Regenflut brach hernieder. Das Schottenhaus stand in schäumendem Nebel. Kortüm trat in den Saal, wo die Gäste schon um den Kamin standen und sich aufwärmten: »Heute gelingt's, meine Verehrten! Es strömt vom Himmel. Wir stecken mitten in einer Wolke. Kein Teufel findet das Schottenhaus in dieser Nacht. Wir sind geborgen.« »Das sagt ein Gastwirt!« rief Holdermann. Dieser Kortüm pries sich glücklich, daß ihn samt seinem Gasthof die Götter in einer Wolke verbargen, damit kein Gast ihn finden konnte . . . »Un trocknes Holz is auch genug da«, sagte Monich, hörte auf zu schüren und wollte nun den Gästen die Plätze anweisen: »Du dahin, Kortüm. Frau Wingen –« Weiter kam er nicht. Konstanze setzte sich aus eigner Machtvollkommenheit in Holdermanns Stuhl, winkte Klaus Schart neben sich in Monichs Sessel, Lotte saß auf der anderen Seite neben Klaus, Kortüm in der Mitte vor den Flammen und seinem bekränzten Bildnis, an seiner Seite der Maler – zuletzt blieben nur Monich und der vergoldete Rokokostuhl übrig – »Von dem verdammigten Ding hier rutsch' ich je runter«, sagte er leise zu Liese, »hilf mir den Ledersessel von drüben reinschaffen, Mädchen.« Herr Kortüm schenkte ein, trank seinen Gästen zu, dann blickte er sorgenvoll Klaus an und sprach: »Bitte.« 326 Klaus Schart zog ein schmales Heft aus der Tasche, schlug es auf – da nahm ihm Konstanze die Papiere aus der Hand und las mit ihrer warmen Altstimme: »Wie Pedro zu seinem Hause kam – eine Geschichte zur Richtfestfeier des Herrn Kortüm, von Klaus Schart.« Sie blätterte in dem Heft, überflog den Anfang, den Schluß, fing wieder von vorn an und las für sich die ganze Geschichte durch. Das dauerte eine gute Zeit. Sie blieb ganz unbefangen dabei, aber Kortüm rieb sich mit zurückgelegtem Kopf sein Kinn und betrachtete den ewigen Kortüm in der Girlande. Holdermann sah die lesende Frau mit seinen Maleraugen an. Klaus hatte die Hände in die Rocktaschen gesteckt, machte Fäuste, bis die Finger schmerzten, und hing mit dem Blick an den zarten Händen, die sein Heft hielten und langsam die Seiten umwandten. Monich heizte. Lotte hielt die Hände näher an die züngelnden Flammen. Niemand sprach. Gelegentlich hörte man einen Windstoß im Kamin fauchen. Kortüm hatte schon das dritte Mal eingeschenkt – endlich blickte Konstanze auf, sah den Schulmeister an, lächelte. Dann bat sie Holdermann, einen Kerzenleuchter so zu stellen, daß sie besseres Licht hatte, und begann: »Wie alle Festschriften, so hat auch diese keine Überschrift. Ich fange so an: Meine Freunde – In einer Turmstube des Schlosses Friedrichs von Alemannien genoß Don Quichote von der Mancha, elf Jahre nach der glücklichen Beendigung seiner vierten Ausfahrt, des Körpers müde und in der Seele ruhmessatt, den wohlverdienten Tod. Der Ritter hatte in der dritten Morgenstunde eines eisigen Dezembertages plötzlich das Gefühl, als ob ihn der furchtbare deutsche Nachtwind nichts mehr angehe. Er richtete sich im Bette auf, und wie er lauschte, hörte er in weiter Entfernung Rosinante wiehern. Aber das alte Pferd lag längst in der andalusischen Erde begraben. Da merkte Don Quichote, daß ihm ein Zeichen gegeben werde und endlich das letzte Abenteuer nahe vor ihm sei. Zum ersten Male seit elf Jahren lächelte er, streckte sich im Bette aus, so lang er war, und klingelte dem Diener. Pedro schlurfte verschlafen herein, griff im Halbdunkel nach der gewohnten Medizinflasche und den Umschlägen, aber er hielt erstaunt mit Glas und Lappen inne, als er gewahr wurde, daß seinen Herrn, der gewöhnlich um diese Nachtstunde der Besänftigung bedurfte, eine 327 Fröhlichkeit angekommen sein mußte, denn er lag ganz ruhig im Schein des Nachtlichts und lächelte. »Hierher stell dich«, sagte Don Quichote, »und mache dein Maul zu, Pedro. Du bist ein Geschenk meines gnädigen Herrn, und es paßt sich nicht, wenn königliche Gaben einen offenen Schlund haben. Paß auf: du wartest geduldig hier an meinem Bett, ich werde in aller Kürze verschieden sein. Dann legst du mir meinen Schild auf die Brust, löschst das Licht aus, gehst zum König, kniest hin und sagst: ›Herr, unser König! Don Quichote ist mit sich ins reine gekommen. Er hat in dieser Nacht den Tod getroffen und machte mit ihm einen Handel. Don Quichote nahm vom Tod das Leben und beglich es mit Verwesung. Das nunmehr ewige Leben Quichotes wird Deinen Untertanen Schatten geben, so daß sich Deine Majestät nicht mehr in ihre Sonne zu stellen braucht.‹ – Dann bummelst du nicht oder wartest gar auf das Saufgelage bei meiner Bestattung, hörst du, Pedro? sondern setzt dich schleunigst auf dein Pferd und bringst diesen Brief dem Grafen Panza aus Reichenau. Die Rolle Gold im Tischkasten gehört dir.« Fünf Tage ritt Pedro durch Schnee und Dreck, ein braver Knecht, der sein nasses Brot im Sattel aß und wenig schlief bei langer Nacht. Als er nach Allensbach kam, war der Bodensee aufgegangen, und die Eisschollen trieben auf dem Wasser. Aber Pedro fand einen fluchenden Fischer, den das Goldstück des Reiters juckte und der seinen Kahn losband. Das flache Boot erhielt manchen bösen Stoß, aber der Geist des alten Don mußte es treiben: der Bote Pedro kam glücklich ans Reichenauer Ufer, wenn auch am falschen Inselende. Der Lehnsherr hatte eben gespeist, als man ihm meldete, im Vorsaal stehe ein Mann im Lederkoller, der tropfe von Schneewasser und Schweiß wie ein Lachs, und der Kastellan müsse mit Lappen und Eimern laufen, um die Lache aufzuwaschen. Dennoch bestehe der Kerl darauf, selbst vor den Herrn Grafen zu treten, und behauptete, er habe einen Brief von einem toten Ritter bei sich. Sancho Panza war alt geworden, aber noch wohlbeleibt und von rosiger Gesichtsfarbe. Er drehte langsam sein Haupt vom Kaminfeuer weg und sagte: »Wenn uns die Toten Briefe schreiben, mögen die Briefträger wohl breite Fußtapfen in der Halle machen. Rollt meinen Stuhl ans Fenster, holt den Boten herein, und mein Schreiber soll kommen.« Der Raum war gewölbt, und als der Schreiber Sanchos die letzten Worte Don Quichotes von dem Papier ablas, blieben sie schwingend, 328 jedes Wort für sich, eine Weile im Gewölbe schweben und summten, ehe sie verklangen. Dieses Echo Don Quichotes machte den Lehnsherrn traurig, und er senkte seinen dicken Kopf auf die Brust. Der Brief lautete so: »Graf Panza zu Reichenau! Mein alter Sancho! Gute Nacht. Und diese Nacht, die ich Dir heute wünsche, ist keine Vermutung, sondern die kommt diesmal aus mir selber. Richten wir uns denn im Sattel hoch und reiten. Die Holzfeuer in der Mancha freilich hätte ich gerne noch einmal gerochen, wenn dieser Wunsch einem Ritter ziemte, der aus Beruf in der Irre zu reiten hat. Aber ich schreibe hier um Deinetwillen. Zuerst versichere ich Dir: es reitet sich beschwerlich in der Unsterblichkeit mit einem Wanst, mein Sancho. Das bedenke, besonders wenn sie Dich zu Tische rufen. Zweitens frage ich Dich: Sancho Panza, hast Du Deine Verbündeten abgeschafft? Verlaß Dich auf Dein eignes Eisen. Einzeln zuschanden geschlagen werden, läßt Heilung hoffen, ein Sieg im Bündnis nie. Bleibe für Dich, aber sieh nach Deinen Gehilfen. Frage sie nicht, sieh selber nach. Sancho, sitze beim Arbeiten nicht auf einem Polster. Steh auf aus Deinem Stuhl! Gehe heraus aus Deinem Kabinett. Die Tapeten und Schnitzereien an den Wänden und die Papiere auf Deinem Tisch verschließen den Blick ins Freie. Ziehe einen billigen Rock an, gehe zu Fuß auf die Straße, henkle die Leute ein und rede auf Du mit ihnen. Bitte den Verzweifelten um ein Stück Speck, frage den Verurteilten nach seinem Vorgesetzten, die jungen Mütter nach der Milch, den Stotterer nach der Wahrheit, den Pfaffen nach des Pharisäers Ende und sieh scharf zu, warum die Diebe bei Dir stehlen müssen. Erstatte mir Bericht über Deine Insel, aber gib mir nicht etwa die Antwort Deiner Gehilfen. Ach, Deiner Selbstsicht mißtraue ich bis ans Ende, denn Du bist faul, Sancho. Ich habe Dir oft gesagt, daß Du nur ein Schafskopf gegen mich bist, früh nicht aufstehst und nachts nicht arbeitest. Dennoch bist Du ein Lehnsherr, ich aber, von dessen Hauch Du lebst, habe nichts gewonnen mein Lebtag. Aber ich habe Dich lieb, Sancho, seit jenem Nachmittag beim Herzog, an dem Du mir gestandest, Du wolltest lieber als Sancho in den Himmel denn als Lehnsherr zur Hölle fahren. Bleibe dabei. Dann wird es auf Deiner Insel trotz Deiner Torheit schon gehen. Ich bleibe an jedem Ort im Reiche Gottes Dein Dir wohlgeneigter Don Quichote von der Mancha.« Nach der Verlesung war es eine Weile still im Saal. Dann richtete der Lehnsherr den Kopf hoch und sagte zu seinem Schreiber: »Bestelle meine Sänfte mit vier Trägern.« 329 »Herr«, rief der Schreiber, »es wird ja Nacht, und der Tauwind bringt Euch Reißen.« »Und zwei Fackelträger«, fuhr Sancho fort. »Du nimmst dein Schreibzeug und gehst neben mir.« Erschrocken eilte der Schreiber hinaus. Sancho wandte sich nun zu dem Boten Pedro, betrachtete ihn und sagte lächelnd: »Gehe in die Küche. Trockne dich, iß und trink. Ich lasse dich rufen, wenn mein Brief an den Ritter Don Quichote von der Mancha fertig ist.« »Brief? An den Ritter? Herr, ich sagte doch, der starb.« »Esel«, sprach Sancho. »Aber du mußt eilig reiten. Er soll schnell Antwort haben.« »Ich selbst habe ihm die Augen zugedrückt und den Schild auf seine Brust gelegt.« »Und dann trittst du vor den Ritter und sagst –« »Aber er ist ja längst begraben!« »Halt's Maul!« rief Sancho. »Ritte Don Quichote nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel, so sähen wir's am bewegten Himmel und hörten das Getöse der Engel, weil der Ritter von der traurigen Gestalt durch sie hinritte zum Thron Gottes.« Sancho nickte versonnen vor sich hin und fügte hinzu: »Und weil es vielleicht den Ritter ankäme, den Thron Gottes geraderichten zu wollen.« Pedro ging seitwärts wie ein Kalb durch den Saal zur Türe und schielte auf den Lehnsherrn. Er war besonderen Dienst gewohnt als Knecht des alten Don, aber diese Rede Sanchos, welche Tote als Lebende, den Himmel als seine Erde nahm und den Thron Gottes vor das Richtmaß Quichotes stellte, war ihm in die Glieder gefahren. – Der Seewind wehte dem Lehnsherrn die roten Vorhänge der Sänfte ins Gesicht, aber Sancho merkte es nicht, hörte in Gedanken versunken die Tritte der Träger ins Schneewasser platschen und sah auf seinen Schreiber, der neben dem Fenster einherschritt als ein schwarzer Schatten, auf den zuweilen der Fackelschein fiel. Er hatte befohlen, daß man ihn nach Oberzell und von da über den Rücken der ganzen Insel bis nach Unterzell trage. An der Vorhalle von St. Georg hielten seine Leute an, neugierig, was nun geschehen würde. Sancho steckte seinen Kopf durchs linke Fenster: kahle Weinberge, ein paar nasse Zweige, in der Entfernung brauste der See. Nun sah er zur rechten Seite hinaus: neben dem Turmgemäuer, in der Hütte des Weinbergwächters, war noch Licht. Es ließ sich nahe ans Fenster tragen und klopfte mit seinem Stock an 330 den Laden, der sogleich von einem alten Weibe geöffnet wurde. Sancho sah in dem kleinen Raum ein Kindlein im Korbe liegen, welches aus Leibeskräften schrie. »Wo ist die Mutter des Kindes?« fragte der Lehnsherr. »Sie liegt krank nebenan.« »Warum sorgst du nicht besser für das Wurm, daß es in der Nacht jammert zum Erbarmen?« herrschte Sancho die erschrockene Frau an. »Es liegt warm und hat die Milch gehabt«, stammelte die Alte und starrte die Fackeln und Hellebarden an. »Warum es schreit, Weib!« »Herr, ein Kindlein muß schreien. Es wird davon stark auf der Brust.« »Schreibe!« sagte Sancho zu seinem Schreiber, und ein Fackelträger hielt das flackernde Licht näher. »Zum ersten: In meinem Reiche sind die Kindlein satt und haben es warm. Damit sie jedoch stark werden, müssen sie vor Jammer schreien!« Dann klappte er mit seinem Stock der Alten den Laden vor der Nase zu und hieß die Sänfte weitertragen. Sie kamen auf die Höhe der Insel, wo nichts steht als ein windgebeugter alter Birnbaum und darunter ein kleines hölzernes Heuhaus. Sancho ließ anhalten und genoß den Blick auf seine Insel, die unter dem ziehenden Wintergewölk im wechselnden Mondlicht lag. Da war es Sancho, als ob er reden höre. Er sah zum linken und zum rechten Fenster hinaus, aber es war niemand zu sehen. So kann, dachte Sancho, die Rede nur in dem Häuschen vor sich gehen, und das wunderte ihn. Er erhob sich mit vieler Mühe aus seinen Kissen, indem er sich auf seinen vor Erstaunen sprachlosen Schreiber stützte, stieg ächzend aus seiner Sänfte heraus und ging durch die Nässe zu dem Heuhaus, neben ihm die Fackelträger, hinter ihm Schreiber und Hellebarden. Er stieß die Tür auf, das Fackellicht fiel in die grasduftende Kammer, und in dem Heu, das sich üppig und sammetfarben aufpolsterte, erblickte er die Disputanten: einen Burschen und ein Mädchen. Aber er sah nur die Köpfe, denn weil es Winter war, hatten sich die beiden tief ins Heu gesteckt und starrten jetzt mit runden Augen und offenen Mündern entsetzt auf den fackelbeglänzten dicken Mann, der in seinem Scharlachmantel blitzend wie ein Altarbild vor den Hellebarden und der blauen Nacht stand. »O ihr Bande!« sagte Sancho. »Ei, ihr Gesindel! Wie heißt du denn, mein Sohn?« 331 »Ich bin doch der Adam vom Mittelfischer.« »Der Adam, sieh!« rief Sancho seinem Schreiber zu. »Der Adam bei der Eva. Und ich – ich soll wie der Herrgott an der Pforte stehn. Denkt ihr Pack denn, daß ich Lehnsherr bin, um vor dem Paradiese draußen im Schnee zu regieren? Schreibe! Zum zweiten: In meinem Reiche liegt Eva . . . Nein, schreibe nichts, du Ochse!« schrie er seinen Schreiber an, welcher erschrocken bis an den Grabenrand zurückwich. Der konnte nicht wissen, daß dem Lehnsherrn vom langen Stehen die nasse Kühle bis ins Knie gezogen war und ihm plötzlich einen wilden Stich versetzte. Sancho warf mit eigener Hand donnernd die Tür des Häuschens zu und hinkte murmelnd zu seinen Kissen. Langsam schwankte die Sänfte den Weg entlang. Der erzürnte Sancho kroch mit seinen Fackeln wie ein Glühwurm über den Rücken seines Reiches. Der Zug kam vor das Haus des Faßbinders, welcher noch auf war, beim Schein der Laterne auf dem Holzzeug hämmerte und dabei schimpfte. »Warum schläfst du nicht, Hans, und machst Lärm in der Nacht?« fragte ihn Sancho. »Der Teufel hol's, ich wurde über Tag nicht fertig.« »Wirst du nicht satt, daß du den Tag und die Nacht verarbeiten mußt?« »Satt schon, Herr, uns geht's soweit gut. Aber die Zeiten sind unsicher, und ich will doppelt verdienen, solange es noch geht.« »Hm«, dachte Sancho, »die Kinder schreien ohne Not, und die Männer arbeiten doppelt ohne Not und schreien auch. Schreibe! Zum dritten: In meinem Reiche bringt sich ein gesättigter Mann um den Nachtschlaf, damit er mehr hat, als er über Tag verzehren kann. Weiter.« Aber die Fahrt war bald zu Ende. Vor St. Peter und Paul in Unterzell mußten sie jedoch noch einmal anhalten und blickten erstaunt zum vorderen Turm der Stiftskirche hinauf. Im Schalloch vor der Stundenglocke saß der Küster und sang mit hallender Stimme, das Haupt zum Monde gekehrt, unbekümmert um Fackeln und Sänfte unten, einen Choral: »Herr, du regierst und hältst die Welt, Ich halte dich, daß sie nicht fällt.« Eben wollte Sancho die Absicht dieses Gottesdienstes ergründen, als in dem dunklen Gebüsch am Wege etwas huschte. »Greif zu!« rief er. Die Fackelträger griffen und hielten einen Kerl am Kragen. 332 »Was schleichst du hier?« fragte der Lehnsherr. Der Mann schwieg. Aber in der Luft über ihnen erschallte ohne Pause der Lobgesang, und Sancho wurde ärgerlich. »Was hast du in dem Beutel da? Zeig her.« Der Schreiber wickelte das Tuch auseinander, zog einen langen neuen Rock hervor und sagte: »Des Küsters Kirchenrock.« »Du bist ein Dieb«, sprach Sancho. »Warum stahlst du den Rock? Du kannst ihn doch nicht tragen.« »Ich dachte, Herr Graf, es kann einmal schlimm kommen. Da hätte ich ihn denn.« »Und der Küster, Halunke?« »Der hat noch einen.« »Du hast ja auch einen eigenen an.« »Aber der Küster, Herr, hat außen um den Rock noch seine große Stiftskirche und den mächtigen Herrn Abt und zuäußerst den großmächtigen Herrn Lehnsherrn. Ich habe außen um mich bloß den Wind.« Sancho lehnte sich zurück und sann nach: warum hat der Dieb bloß den Wind und nicht den Abt und mich? »He, Kerl, warum sagst du, daß du nur den Wind hast? Bin ich nicht auch dein gnädiger Graf und Herr?« »Ja, Herr, Ihr seid gnädig und freut Euch, wenn wir zufrieden sind. Das weiß ich wohl und wollte mich deshalb auch nur zufrieden stellen.« Sancho murmelte in der Tiefe der Sänfte: »Der Schuft, wenn ich ihn nicht entlasse, beweist er mir noch, daß er stahl aus Liebe zu mir.« Polternd fuhr er ihn an: »Was hättest du denn getan, wenn ich dich nicht erwischt hätte?« »O Herr! Ich hätte den Rock auf den Boden getragen, hätte ihn befühlt, glatt gestrichen und gebürstet und wäre zufrieden gewesen wie der Kaiser. Herr, tut mir nichts! Ich hätte – den Rock hätte ich umarmt und gestreichelt und gesagt: Lieber weicher Rock, lang lebe der Herr Lehnsherr und der Herr Abt und der Herr Küster!« »Ich glaube«, sprach Sancho, »hier sagte jemand eben die Wahrheit. Mach, daß du fortkommst, und stiehl nicht wieder. Schreibe! Zum vierten: In meinem Reiche stiehlt ein berockter Dieb den andern Rock aus Wollust an der Zufriedenheit. So. Und nun holt mir den singenden Narren von seinem Turm. Der singt die ganze Insel wach.« Der Küster kam, und wie der Wind ihm sein weißes Haar ins Gesicht wehte, rührte sein hohes Alter den Sancho Panza. Er ließ ihm 333 den Rock geben und sagte: »Singe nicht, alter Mann, sondern wache über deinem Eigentum, wenn du keinen Schlaf findest.« »Darüber eben wachte ich«, antwortete der Küster. »Mit Singen? Der Rock ging dabei hin.« Der Alte schüttelte den Kopf: »Nicht um den Rock. Ich bin zu nahe am Grabe, um noch zu einem Stück Tuch mein Eigentum zu sagen.« »Wie?« fragte Sancho, »du sagtest doch, daß du über deinem Eigentum wachtest.« »Ja, Herr, mein Enkel fährt zur See. Der Sturm geht, und ich muß Gott die Wellen niederhalten helfen.« »Und der Enkel, der Lümmel«, sagte Sancho zu sich, »schnarcht auf dem Schiff oder spielt Würfel. Der Küster ist ein Tor – aber er wird dem Ritter gefallen. Schreibe! Zum fünften: In meinem Reiche kann das Alter nicht um sein Irdisches gebracht werden, aber Gott bei der Weltregierung helfen. Hm. Schreibe weiter: Sechstens, das ist in Summa: Überall in meinem Reiche fand ich die Menschen in Angst, obwohl sie eben gegessen hatten. Es geht allen erträglich, und alle schreien Zeter. Nur zwei fand ich bei Wohlsein und obendrein glücklich. Aber deren Taten liefen darauf hinaus, daß der Jammer in meinem Reiche nie aufhört, sondern immer von vorne beginnt.« Am anderen Morgen stand Pedro vor dem Rollstuhl des Lehnsherrn, der in Kissen und Decken gepackt einen Glühwein zu sich nahm. Sancho sah nicht gut aus. Die Besichtigung seiner Insel in der windigen Nacht hatte ihn angegriffen. »Pedro, hier ist der Brief.« »Lieber Gott«, ächzte der Bote. »Und dort« – Sancho zeigte mit dem Stock zum Fenster hinaus – »siehst du die Pappel?« »Ja, Herr.« »Daneben das rote Dach?« »Ja, Herr.« »Und die Mauer um den Garten? Der Anlieger dort ist gestorben. Ich gebe Baum, Haus und Garten dir, Pedro, wenn du reitest« – Sancho stand mühselig auf und packte den Pedro bei der Lederjacke und schüttelte ihn – »nein, nicht reitest, wenn du übers Land fährst wie der Seeadler. Zum Ritter hin und zu mir zurück mit seiner Antwort!« »Ach, Herr –« »Stehst du noch da!« schrie Sancho. »Toffel, dein Haus!« 334 Mein Haus? dachte Pedro beim Satteln. Mein Haus? dachte er beim Trab. Mein eigen Haus? beim Galopp. Mutter im Himmel, ganz mein eigen Haus? Und er raste durchs Land, daß die Marktweiber über ihre Körbe fielen, die Wachtmänner beiseite springen mußten und die singenden Prozessionen auseinanderstoben. Als Pedro ans Schloß kam, sah er die Fensterläden der Turmstube offen stehen und im Winterwind hin und her klappen. Er stieg ab und machte sich gedrückt und ein wenig schlechten Gewissens an den Posten, gab ihm einen Knuff mit dem Ellbogen und fragte: »Du, warum – warum heizt ihr denn nicht bei ihm?« Der Soldat sah ihn von der Seite an. »Es friert«, sagte Pedro hartnäckig. »Don Quichote wird's kalt haben« – und dachte dabei: wenn schon – mein Haus . . . Der Posten verzog das Gesicht und streckte die Nase vor, als ob er an dem Boten Pedro röche: »Du Schnapskruke. Bist wieder da? Und besoffen am frühen Morgen.« »Ich reite im Dienst«, antwortete Pedro stolz. »Bin nüchtern. Ich habe einen Brief für den Ritter Don Quichote von der Mancha. Da!« Der Posten sah bedächtig den Brief an und sah dann Pedro an und sagte: »Na ja. Der Herr war verrückt, und der Knecht hat ihn beerbt. Gleich neben dem Schloßweg, an der Kapelle – siehst du den neuen Stein? Da leg deine Epistel drunter. Und dich mit.« Pedro ging betrübt zum Stein und zog sein müdes Pferd am Zügel nach. Am Grabe Don Quichotes sprach er sein Gebet und sagte: »Amen – – ach mein Haus!« Er wog unschlüssig das Schreiben des Lehnsherrn in der Hand, befühlte das schöne Siegel, sah die Schriftzeichen an und hielt den Brief gegen das Licht. Da war das Papier ganz voll von unleserlichen Zeichen. Er führte es näher ans Auge und wieder ferner, hob den unbestellbaren Brief gegen die Sonne, und wie er ihn wieder senkte und sein Auge ein Stück Landstraße erblickte, vor dem das mächtige Siegel Sancho Panzas wie ein Uhrpendel hin und her ging, gewahrte er einen Reiter auf der Straße. Pedro sah schärfer hin: ein Ritter, ein schlechtes Pferd, eine billige Rüstung. Der Reiter kam näher. Nicht weit her, schätzte Pedro – ein langer Kerl, ein altmodischer Helm, ein gestutzter Bart . . . »Herr Gott!« schrie Pedro. »Da – kommt er!!« Scharf sah er hin, bis er stierte: weiß Gott, das ist der Ritter, ausgemergelt, die feurig schwarzen Augen, die Falten und die Güte im Antlitz! 335 Pedro sah scheu hinter sich nach dem Grabstein. Da stand unerschütterlich geschrieben: Don Quichote liegt hier. Fremd und irrend zu sich Ritt er rings durch das Land, Landend ewig bei sich. »Ewig bei sich«, stammelte Pedro und sah nun den Ritter groß und lebendig vor sich halten wie einen Traum. »Herr! Guten Tag. Wie wenig hat Euch das Sterben verändert! Ich bringe Euch Antwort von der Insel.« »Von der Insel?« Der Ritter schüttelte den Kopf. »Ich bin eben unterwegs zur Ufenau. Wer schickt Euch denn?« »Der Lehnsherr, Graf Sancho Panza.« Der Ritter schüttelte wieder den Kopf und sah Pedro aufmerksam an: »Ich glaube, Bursch, du bist im Irrtum. Auf der Insel, zu der ich reite, sitzt kein gräflicher Lehnsherr.« Aber Pedro hatte gar nicht gehört. Mein Haus! jubelte es in ihm, er muß es sein! Pedro hielt den Grabstein Don Quichotes umklammert, schwenkte die Mütze und rief: »Grüß Gott, Don Quichote! Die Leute sagen, Ihr wäret tot!« Da lachte der Reiter: »Das stimmt nun wieder, mein Freund. Sie sagen, ich wäre tot, aber sie werden merken, daß ich lebe.« »Freilich«, murmelte Pedro und kratzte sich hinter den Ohren, »freilich habe ich Euch die Augen zugedrückt.« »Das hat auch schon mancher gesagt«, sprach der Ritter, »aber meine Augen lassen sich nicht zudrücken, die gehen wieder auf.« »Nicht wahr, Herr?!« schrie Pedro, »Ihr seid's, und Ihr wollt zur Insel, und Eure Augen sind wieder aufgegangen, und hier ist der Brief!« »Quichote?« las der Ritter kopfschüttelnd. »Ich heiße Ulrich und bin aus dem Geschlecht der Hutten.« »Hutten?« fragte Pedro verdutzt. »Ach Herr, Ihr habt oft gesagt: was sind Namen! Reißt das Siegel weg, lest, und Ihr werdet sehen der Brief ist für Euch. Er ist nur unleserlich geschrieben, weil der Lehnsherr Eile hatte.« »Nun«, sagte Ulrich lächelnd, »meine Briefe sind auch unleserlich für viele und haben doch ihren Mann gefunden. Laß sehen!« Ulrich las das Schreiben Sancho Panzas. Bei den ersten Zeilen war er verwundert, aber er wurde immer freundlicher, und zuletzt lachte er: 336 »Sechstens, das ist in Summa: Adam und Eva und das ewige Leben des elenden Leibes.« »Und die Antwort, Herr?« fragte Pedro. »Hast recht, Bursch. Ein solcher Brief verdient unsere Antwort. Wir lassen dem Lehnsherrn auf der Insel sagen: Voll sein macht schwer, Zufriedenheit traurig, und der lange Friede verstopft Euch den Darm. Aber die Ritter von der traurigen Gestalt reiten noch, einer nach dem andern, in jedem Jahrhundert. Die wenden den deutschen Magen um und machen Euch leer und tüchtig. Das sagst du. Halt, noch eins: wenn euren Küster, ich meine den im Schalloch bei der Stundenglocke, die Lust ankommt, sich zu verändern, so soll er zur Ufenau reisen. Wir brauchen dort einen im Glockenläuten und Weltregiment bewanderten Mann.« »Das ist zu lang, Herr«, sagte Pedro. »Schreibt mir's auf, oder sagt es in einem Satz, den ich mir merken kann.« »Reite, Bursch, und bestelle: was jammert, sei nur die Todesangst in allem Wohlbefinden.« Pedro kam mit einiger Verspätung zur Reichenau, weil er einen Umweg nehmen mußte. Er befürchtete nämlich, die Leute an der Straße seines Hinrittes möchten ihn wiedererkennen und ihm seinen Schandritt heimzahlen. So kam er zur letzten Stunde des Lehnsherrn gerade noch zurecht, denn Sancho hatte sich nicht wieder erholen können und lag im Sterben. »Mein Haus!« rief Pedro, als er am Tor die Leute für das Leben des guten Lehnsherrn beten hörte, stürzte die Treppe hinauf, warf die Ärzte und Pfaffen am Bett auseinander, kniete hin und sagte: »Ich war an seinem Grabstein, lieber Herr.« Sancho lag bleich und steinern, als ob er nichts gehört hätte. »Rede lauter«, flüsterte der Abt, »sein Ohr ist schon zu.« Und Pedro schrie Sancho ins Ohr: »Da kam er geritten!« Über Sanchos Gesicht zog ein Lächeln. »Und er läßt Euch sagen –« Sancho streichelte seinem Boten die stopplige Wange und murmelte: »Was, mein Sohn?« »Daß er wiederkommen werde und immer wieder und die Todesangst aus allem Wohlbefinden dieser Welt schon heraustreiben wolle«, sagte der Bote Pedro nahe am Ohr des Lehnsherrn. Der Abt bekreuzigte sich und die Ärzte blickten einander verstohlen an. Sancho Panza aber wandte sich langsam zur Wand, als wolle er 337 für sich sein, lag noch eine Weile atmend da, und als der letzte Atemzug stehen blieb und die Ärzte ihn sanft auf den Rücken betteten, sahen sie, daß das Lächeln auf seinem Antlitz stehengeblieben war und er sanft entschlafen sein mußte. Von Sanchos Grabstein ist auf der Reichenau keine Spur mehr zu finden, und weder der Halunke Avellaneda noch des Miguel de Cervantes Saavedra Hoheit selbst hat über des Reichenauer Lehnsherrn irdisches Verbleiben notorische Dokumente zu überliefern für richtig befunden. Wer aber im hohen Sommer nach Betrachtung der Fresken von St. Georg durch den Torbogen, welcher die Darstellung des jüngsten Gerichts in der Oberzeller Stiftskirche mitten durchbricht, in die Vorhalle schreitet, die Türe aufklinkt und plötzlich im grünen blitzenden Licht den Weinberg seines eignen währenden Tages warm und atmend vor sich sieht – der kann über die wahre Ruhestätte dieses weltgewissen Dieners seines unsterblichen Herrn nicht im Zweifel sein.« Konstanze schloß das Heft und steckte es in ihre Handtasche: »Das behalt' ich« – sie lächelte Klaus an – »fürs Vorlesen.« Der Hausherr sah vor sich hin. Wieder einmal blickte der ewige Kortüm weit über den leiblichen Kortüm hinweg. Endlich aber schien sich der Gastwirt auf seine Pflichten zu besinnen. Er ließ Rotwein kommen, schweren Rotwein. Er schenkte dem Schulmeister ein und sagte: »Vier Helden in einer Geschichte – und keiner ist zu seinem Hause gekommen. Aber nach Hause kommen sie alle, jeder an seinen Ort. Ich lasse den Richtfestspruch gelten.« Lotte schüttelte den Kopf: »Hat denn Pedro nun das Haus oder hat er's nicht?« Holdermann nickte ihr zu: »So soll eine junge Frau fragen«, sagte er und wollte mit ihr anstoßen. Aber Lotte hielt inne: »Hab ich nicht recht?« Holdermann nickte wieder: »Von meinen Bildnissen verlangen die Leute auch Porträtähnlichkeit. Klaus Schart, Sie müssen noch Ordnung machen in Ihrer Geschichte. Der Schluß fehlt!« »Den kann er schreiben, wenn dieses Schottenhaus endlich fertig sein wird«, verteidigte Konstanze den Dichter. »Herr Kortüm hat versichert, daß dann erst die regelrechten Gäste kämen. Wir sind neugierig auf das fertige Haus, die richtigen Gäste und Herrn Scharts letzten Schluß.« 338 Kortüm erhob sich mit seinem Glas, ein wenig steif – er schien sprechen zu wollen. Auch die Gäste standen auf. Monich füllte die Gläser nach. Herr Kortüm aber sprach: »Freunde, ihr seid die letzten Gäste des Schottenhauses« – er schwieg, die Freunde sahen ihn an – »Flügelhaus heißt es von heute nacht an.« Draußen rauschte der Regen – wer bei solchem Wetter Unterkunft finden wollte in diesem Haus, der mußte selber Flügel haben, und den Gottesblick dazu, der alles von oben sieht – aber nicht zu weit von oben, daß er nicht am Lebendigen vorbeistapft im Unwetter. 339 340 341   Drittes Buch Die Gäste   Weitsicht Herr Kortüm schritt mühsam Stufe für Stufe die Bodentreppe hinauf. Unter beiden Armen trug er dicke Stöße loser Papiere, und er mußte die Ellbogen fest andrücken, denn der Wind pfiff scharf vom Oberboden herab und blätterte bedrohlich in Kortüms Papieren. Hinter ihm ging der Hausdiener und schleppte sich mit einem mittelgroßen Waschkorb, der gleichfalls mit beschriebenem Papier angefüllt war. In der ersten Bodenstube links stand ein gewaltiger Schrank, den Herr Kortüm nach vorsichtigem Absetzen seiner Last aufschloß und dessen Inneres einen überraschenden Anblick bot: wie die riesige Wabe eines Bienenstockes war er in unzählige Fächer geteilt. Jedoch enthielten diese Fächer keineswegs Honig, sondern erledigte Briefschaften. Wer wie dieser Gastwirt Kortüm viel Postsachen bekommt, weiß ja, daß in den Sendungen nur ganz ausnahmsweise Süßigkeit enthalten ist. »Wir fangen jetzt an«, sprach Herr Kortüm, »Sie reichen mir ein Blatt nach dem anderen und rufen dabei jedesmal den Anfangsbuchstaben des Absenders.« Herr Kortüm ordnete seine Briefe. Alljährlich vor Beginn der Hauptsaison räumte er in seinem Arbeitszimmer und im Geschäftsraum des Flügelhauses Schreibtische, Schubladen, Aktenschränke aus und verteilte den Inhalt alphabetisch in die Fächer seines Wabenschrankes auf dem Boden. Eine nichtswürdige Arbeit – aber Kortüm hielt auf Ordnung. Er entstammte nicht umsonst einer Hamburger Kaufmannsfamilie und saß jetzt ebensowenig umsonst mitten in Thüringen, im Schottengelände. Mit erheblichen Sorgen und Kosten hatte er sein Gasthaus zur Silbernen Windfahne durch Anbau von zwei Flügeln wesentlich vergrößert, unter dem Namen »Flügelhaus« im Amt eintragen lassen und litt nun unter entsprechend vervielfachten Posteingängen. Aber die Erfindung des Wabenschrankes erleichterte ihm seine geschäftliche Tätigkeit sehr. Das beste an diesem Schrank war sein Standort auf dem Boden: der dauernde Anblick so vielen beschriebenen Papieres beunruhigte Herrn Kortüm nicht unnötig. 342 » R !« rief der Hausknecht und hielt Kortüm das erste Blatt hin. »Das ist nicht R , sondern P «, verbesserte der Herr des Flügelhauses, »Parkettfabrik. Der Inhaber einer Fabrik, Karl, ist gleichgültig. Sein Erzeugnis ist das Wesentliche«, und er legte den Brief in die Wabe  P . » Sch !« zischte der Knecht. »Schröter. Gut. Sehr gut. Konstanze Schröter, die große Schauspielerin, meine Freundin, ohne die wir hier keine Briefe einordnen könnten, weil das Flügelhaus längst bankrott wäre, Karl. Weiter.« Der Absender Schart kam nun, Klaus Schart, der Schulmeister zu Hörsel, ein gern gesehener Gast des Flügelhauses, seit der junge Mann Herrn Kortüm einen Richtfestspruch gedichtet hatte. Kortüm legte das Schartsche Holzpapierblatt achtungsvoll auf den feinen Elfenbeinkarton Konstanzes. Und dann ging es in emsiger Arbeit eine gute Weile weiter. Zu manchen Briefen machte Kortüm Anmerkungen, die entweder seinem Grimm Ausdruck gaben, einen solchen Wisch aufheben zu müssen, oder seiner Freude, daß ein liebenswürdiger Mensch des Flügelhauses gedacht hatte. Besonders mißtrauisch betrachtete Herr Kortüm die Wabe  L . Hier lagen die knapp abgefaßten Postkarten Langloffs. »Dieser Kapitän sollte lieber wieder das Meer befahren, statt auf mein Flügelhaus zu kommen und in allen Ecken herumzuspionieren – der Teufel weiß, was einen Seemann ein Landgasthaus angeht.« Um so mehr Wohlgefallen erregte ihm ein Schriftstück  W : »Windhebel, Herr Doktor Windhebel, ein Gelehrter von der Sternwarte, der unter dem Dach des Flügelhauses sein neues Buch schreiben will. Ich erwarte, daß Sie ihm die Türen höflich und weit öffnen, Karl. Der Mann ist oft in Gedanken, von denen Sie sich schwer eine Vorstellung machen können. Weiter.« Leider fand Kortüm unter den vielen Schriftstücken wenig Absendungen aus der näheren Nachbarschaft. Sehr wenig freundliche Schreiben aus Besenroda und aus Esperstedt hatte er einzuordnen. Kortüm war der Hoffnung gewesen, daß der großzügige und die Umgebung hebende Umbau des Gasthofes sein Verhältnis zu den Umwohnern verbessern werde, aber solange Kortüm eben sein knappes Hamburgisch mit dem verdächtigen Befehlston sprach, blieben die gemütlichen Thüringer um ihn herum mißtrauisch. Man verstand einander nicht gut. Ja, diese Stunden des Briefordnens waren für Herrn Kortüm keine leichten Stunden. Das wenige Gute und das viele Schlechte in seinem Leben wurde alles wieder lebendig. 343 Jetzt aber sagte der Hausknecht noch einmal: » W !« »Wingen! Der Organist Wingen, Lottes Mann – wir hören für heute auf, Karl. Ich hätte fast vergessen, daß mich Herr Wingen um diese Stunde besuchen will.« – Ein langer guter Sommer hatte die neuen Dächer des Flügelhauses ausgeglüht, ein noch längerer böser Gebirgsherbst Nässe und Essenrauch in die offenen Poren der Ziegel gepreßt und ein endloser Winter den gebrannten Lehm mit Staub und Rauch verkittet und vereist. Als die Frühjahrssonne die Feuchtigkeit aus den vordem funkelnd roten Flügeldächern heraussog, standen sie um einen Schein dunkler über den Tannen, und Herr Kortüm stellte befriedigt fest, daß die Neuheit nun heraus sei. Keinem Ding gereiche sie zum Vorteil, sogar gebrannter Lehm werde ansehnlicher vom Leben. »Ja«, fügte er hinzu und ließ unentschieden, ob er sein Dach oder sich selber meinte, »je mehr einer durchmacht, desto anständiger steht er da. Nur wer nichts erlebt, sieht immer wie neu aus.« Kortüm saß bei diesen Worten neben Wingen auf der Bank, die er »Gottesblick« genannt hatte, und erzählte von den Beschwerden des Häuserbauens: »Die Maurer brechen die Gerüste ab, räumen ihr Werkzeug zusammen, und im letzten Augenblick bemerke ich, daß ich die Hauptsache vergessen hatte« – Herr Kortüm zeigte auf seine Weste – »mich.« »Oh«, sagte Wingen zerstreut. »Ja. Sehen Sie: bei den Flügelbauten konnte ich an nichts als meine Gäste denken. Lage der Zimmer, Größe, Beleuchtung, Belüftung – es mußte Raum für jede Art von Gast ersonnen sein. Das ist nicht leicht, denn es gibt viele Gäste und keiner gleicht dem andern. Über diesen Sorgen hatte ich den Mittelpunkt des Betriebes übersehen: mein Arbeitszimmer.« Wingen lehnte müde in der Ecke der Holzbank. Er wies mit dem Stock auf die Südfront des Flügelhauses, dessen helle Wand durch die Bäume schimmerte: »Da sind doch Ihre Fenster. Sie gehn nach der besten Himmelsrichtung. Nach Süden.« »Sie reden wie ein Architekt. Es ist trostlos. Keiner versteht was vom Bauen hier im Binnenland.« Vor ein paar Monaten hätte jetzt Wingen eine der Bemerkungen gemacht, die in Herrn Kortüm den Hamburger Tonfall weckten. Aber der krankheitshalber beurlaubte Organist hatte sich seit der ganz ernstlichen Warnung des Arztes 344 angewöhnt, schweigend die Hand zwischen den offenen Westenknöpfen durchzuschieben und vorsichtig zwischen der dritten und vierten Rippe nach dem Herzschlag zu fühlen: ja, es klopft noch. Er besah achselzuckend die Bankinschrift »Nur für meine Gäste« und ließ den Herrn des Flügelhauses reden. Ein stiller Zuhörer, den überdies von sich und seinem Leiden abzulenken die erste Pflicht des guten Wirtes ist, behagte Kortüm sehr: »Jeder Schiffbauer – nein, Herr Organist: jeder Anfänger im Fracht-, Kriegs- und Passagierschiffbau ist sich durchaus im klaren über die richtige Anordnung einer Kommandobrücke. Offenbar hat unser Zeitalter des Verkehrs die Frage, wie bewegliche Gehäuse zu dirigieren sind, sorgfältiger erwogen als die Kunst der Lenkung feststehender Baulichkeiten. Bringen Sie mir den Baumeister, der nicht in Unruhe gerät, wenn er die Arbeitsstube eines landbewohnenden Bauherrn angemessen in seinen Plänen unterbringen soll! Bitte: gedeiht solche Arbeit besser fern dem Tagesgeräusch oder mitten drin? Unten im Erdgeschoß oder möglichst hoch in den Dachkammern? Offenkundig in Frontlage? Oder vorteilhafter zurückhaltend nach hinten angeordnet? Im Schatten, bitte? Oder lieber gesund auf der Sonnenseite, wie? Bauen Sie nicht, Herr Organist, ehe Sie in dieser Grundfrage Klarheit haben!« Und Herr Kortüm berichtete dem geduldigen Wingen, der doch nur um die Erlaubnis der Südwiesenbenutzung und um einen Liegestuhl gekommen war, wie der Kortümsche Schreibtisch samt der braunen Mappe nunmehr innerhalb des Flügelhausganzen angeordnet war: mit seinem alten Südzimmer vereinigte Kortüm das gegenüberliegende Nordzimmer, indem er den trennenden Flur zubaute, aber die neuen Wände mit je einer Türe versah. Kortüms Arbeitszimmer besaß nun nicht allein die Nord- und die Südsicht; wenige Schritte brachten ihn durch die linke Türe an das Westfenster und durch die rechte an das Ostfenster der anderen Flurhälfte. »Und nun«, sagte Wingen, »sitzen Sie wie eine Kreuzspinne in der Mitte.« »Kreuz— wie eine Kreuzspinne?« Aber Herr Kortüm sah den kranken Mann an, tippte nur leise auf seinen Ärmel und verbiß eine ärgerliche Antwort: »Ein Gastwirt, Herr Organist, lockt die Leute nicht an, um sie sich einzuverleiben.« »Sondern zu füttern.« »Sie treffen es wieder nicht. Das Auge des guten Wirtes macht die Leute nicht einfach fett, sondern läßt sie nur bis an die Grenze der Behaglichkeit gedeihen. Eine gewisse Mäßigkeit nämlich ist der 345 leiblichen Gesundheit des Gastes ebenso zuträglich wie dem finanziellen Wohlbefinden des Wirtes. Deshalb eben muß das Auge des Wirtes im Hausplan so angeordnet sein, daß es jederzeit nach allen Seiten streicht.« Wingen streckte die Beine aus und lehnte den Kopf hintenüber auf die harte Holzlehne. Die Rede Kortüms war lang und der Junitag heiß, schwindelnd heiß für einen herzkranken Menschen, der sich noch mit den Anfängen in der Kunst des Leidens mühte. Über der Ferne schimmerte der weißliche Hitzedunst. Das Land lag im hellen Blaugrün des unreifen Kornes. In halber Höhe des Hügels brach die unabsehbare Getreidetafel ab wie eine Mauer, die frischgrün aus dem Boden stieg und in einen sanft verschwimmenden hellblauen Streifen überging, über dem feierlich die jungen Brotähren standen. Bis an den dunstigen Bergwaldstreifen der Ferne bedeckte die kühle Grünspanfarbe den heißen Erdboden, denn die erntezeitlichen rot und gelben Blütenblätter staken noch feingeknittert in ihren Knospenschalen. Von Zeit zu Zeit beugten sich die Ähren vor dem schwülen Talwind. Dann glänzten sie silbrig, und weiße Wellen liefen jagend über das grüne Grasmeer. Aber diese Wellen spielten bergauf. »Zu uns herauf« – Wingen wies auf die nahende fruchtverheißende Flur. Kortüm schüttelte die Hand: »Psst.« Er beugte sich lauschend vor. Schwellend und wieder verhauchend, jetzt wieder deutlicher mischte sich ein neuer Ton in das trocken blätternde Schlagen der aneinandergeblasenen Gräser: ein Choralklang tönte in den fliegendurchsummten Glutwellen aus dem Tal zu ihnen herauf – leise, dann zunehmend, nun kaum hörbar. »Da begraben sie den alten Besenröder Doktor«, sagte Herr Kortüm und lehnte sich wieder zurück. »Sie haben ihn ja gut gekannt.« »Seit mir beigebracht ist, daß es auch latente Herzfehler gibt, von denen man sein Lebtag nichts gewußt hat, kenne ich viele Ärzte.« »Nun, nun. Krank, gesund – es wechselt, Herr Organist. Wenn ich an mich denke, hm, freilich, ich bin eigentlich nie krank gewesen. Einen Zahn hat mir der alte Starcke mal gezogen. Er hatte da so eine Zange. Etwas rostig war sie. Ich glaube, mit dem Ding knippte er auch den Ferkeln die Zahnspitzen ab. Die dürfen nämlich nicht spitz sein, wissen Sie? Ferkel sollen mehr mit den Lippen saugen, so etwa.« Herr Kortüm machte es vor, und allmählich gelang es ihm wirklich, den Kranken auf freundliche Gedanken zu bringen. »Na, also da war diese 346 Zange. Ja, und ein Wassereimer. ›Mund auf, keine Angst!‹ schrie mir der alte Starcke ins Ohr. Er sprach immer ein bißchen laut. Die Bauern verstanden ihn so besser. ›Ganz ruhig, lieber Freund. So.‹ Verdammt, Herr Organist. In solcher Lage lernt man die Gesunden beneiden.« Herr Kortüm klopfte seinem Nachbar aufs Knie. »Ich verstehe Sie durchaus. Also: ›Treten Sie, wohin Sie wollen, aber nicht in meinen Bauch!‹ schreit der Doktor. Ahh, dann war er raus. Nein, wenn ich mir das so überlege – richtig krank bin ich in meinem Leben sonst nicht wieder gewesen.« »Und plötzlich ist der Knacks da.« »Nun nun«, brummte Herr Kortüm wieder. Er sah seinen Nachbar von der Seite an. Wingens Stimme hatte seltsam geklungen. Kortüm verdrehte bei seinem forschenden Blick die Augen wie in Holdermanns Atelier, damit dieser Blick verborgen blieb. Aber Kranke fühlen solche Seitenblicke. Über Wingens Gesicht mochte das trübe Lächeln des Verstehens gehuscht sein, vielleicht auch nur ein dankbares Lächeln. Kortüm faßte rasch den Besenröder Kirchturm scharf ins Auge: »Wer kommt eigentlich her für den alten Starcke?« »Den Namen habe ich vergessen. Irgendwo von der Wasserkante soll er her sein. Ein Fremder.« Wie ich etwa? wollte der Mann von der Wasserkante fragen, aber er verdrückte abermals den Groll über Wingens unbedachtes Wort. Er ist krank, dachte Kortüm. Er sieht nicht gut aus, gar nicht gut. Kortüm begnügte sich, Wingens Wort nur ein wenig zu verbessern: »Also ein guter Arzt«, sprach er. Wingens Kopf lehnte unbewegt auf dem Holz der Lehne. Er hat es gar nicht gehört, sagte sich Kortüm und wurde deutlicher: »Man versteht da oben an der Wasserkante den menschlichen Körper. Der ewige Wind. Die feuchte Luft. Die infolgedessen schwere Kost. Der aus diesem Grunde wieder ausschließliche Rotwein: das, Herr Organist, erzeugt im Laufe der Generationen eine Art medizinisches Naturgefühl. Wir haben es alle« – er rieb vor des Organisten Nase die Spitze seines Daumens am Zeigefinger – »in den Fingerspitzen, wissen Sie?« Und nun klopfte er Wingen beruhigend auf die Schulter: »Sie werden sehen, dieser fremde Doktor, wie Sie ihn soeben nannten, wird Ihren Schmerzen beikommen.« »Wenn ich wenigstens Schmerzen hätte.« Kortüm sah den Organisten ratlos an. Wingen zog nur die Augenbrauen hoch. 347 »Sie merken nichts . . . gar nichts?« »Schmerz – nein. Sonst mehr als mir, glaub ich, zukommt. Krankheit, wirkliche Krankheit, macht diese solide gesunde Welt um einem rum so . . . durchsichtig. Ja, man sieht plötzlich verdammt weit.« In Krankheitsfragen konnte Herr Kortüm nicht mitreden. Aber eine Brille für die Nähe, die hatte er sich schon vor Jahren anschaffen müssen. »Weitsichtigkeit ist kein Gebrechen, sondern eine Alterserscheinung, Herr Organist. Die Kleinigkeiten in der Nähe sieht man nicht mehr deutlich. Die Weitsichtigkeit verhindert manche Störungen.« »Nur das bißchen Leiblichkeit stört weiter«, Wingen seufzte, »besonders in der Nähe: weil's nämlich die anderen stört.« Herr Kortüm stieß mit dem Fuß einen Stein den Abhang hinunter: »Die anderen? Lieber Gott, Herr Organist, die anderen. Glauben Sie einem erfahrenen Gastwirt: hören Sie heute auf, die anderen zu stören – und Sie sind morgen allein und übermorgen vergessen. Ein einsamer Geschäftsmann ist ein trostloser Anblick. Aber stören Sie, Bester, und Sie sind mitten drin und schon wieder dreiviertel gesund.« Herr Kortüm wurde sehr nachdenklich. »Bis zu dieser Stunde habe ich gedacht, nur das Alter will einem das Wasser abgraben, damit man sich jung erhält« – er schlug Wingen plötzlich aufs Knie – »ja ja, wir beide sind vom gleichen Jahrgang!« Langsam drehte Wingen den Kopf auf dem Lehnenholz zu Kortüm hin und sagte: »Und das Naheliegende geht uns nichts mehr an . . .« Unerschüttert hob Herr Kortüm den Zeigefinger: »Nur noch das Wesentliche.« »Liegt das also nah – oder fern?« »Selbstverständlich – hm . . . Ja, nun, von Fall zu Fall. Sie fragen da, was man ein Leben lang fragt.« »Wenn man ein Leben lang – Zeit hat.« Wingen sog tief den zarten Duft des Blütenstaubes ein, der von den warmen Feldern so lebenverheißend heraufwehte. »Ich bin aber nicht bloß alt. Ich bin krank, Herr Kortüm. Und da haben wir den Unterschied zwischen uns beiden.« Bloß alt, hat er gesagt, dachte Kortüm. Bloß! Er sah Wingen von der Seite an. Der lehnte in seiner Bankecke, als ob er Herrn Kortüm über wäre. Und Kortüm begann: »Sie sind ein Organist, ich bin ein Gastwirt. Meine Lokalitäten werden mit Vorliebe von Genesung suchenden Gästen in Anspruch genommen.« »Meine kirchlichen Lokalitäten meistens auch«, sprach Wingen 348 dazwischen, aber Kortüm redete darüber weg: »Ich fuße auf meinen Erfahrungen, und ich habe gefunden, daß die in Decken gewickelten Herrschaften in ihren Liegestühlen eigentlich die starken Leute sind.« Jetzt drehte Wingen wieder den Kopf und sah Kortüm an, ob er recht höre. »Wenn Sie gesund sind, Herr Organist, stellt sich Ihnen zum Beispiel jemand vor – bitte: Sie müssen antworten. Der Fernsprecher klingelt: Sie müssen ran. Ein eingeschriebener Brief kommt: Sie müssen ihn aufmachen. Im Hause befolgen Sie eine Hausordnung. Im Freien die vorgeschriebenen Wege. Bitte: seien Sie krank, und das alles geht Sie nichts mehr an. Unsereiner tanzt sozusagen bloß um Sie rum. Darum spielen ja herrschsüchtige Leute gerne die Leidenden, weil der Kranke ein Herr ist aller Dinge.« »Zum Teufel!« Jetzt hatte Wingen genug. »Aller Dinge? – Bloß des eigenen Leibes nicht!« Herr Kortüm kaute eine Weile stumm mit den Zähnen. Er hatte sich doch nur verteidigen wollen. Weil er bloß alt sein sollte. Und dabei hatte er wieder falsch getröstet. Sich selber nämlich. Trotz Kortüms besten Absichten mißriet dieses Trostgespräch immer wieder. »Da kommen sie!« Kortüm atmete auf und zeigte ins Tal hinunter. »Wer?« »Gäste«, sagte Kortüm. Drei, vier, fünf kleine blitzende Insekten schossen den weißen Straßenstrich entlang. »Die Autos. Sehen Sie? Der Film kommt.« »Was kommt?« »Eine Filmgesellschaft. Ein Großunternehmen, Herr Organist. Jawohl: die World. Man wird Aufnahmen machen in meinem Gelände. Entschuldigen Sie mich. Ich muß nach dem Rechten sehen. Wenn Sie Decken brauchen, Erfrischungen . . .« Herr Kortüm hatte kein durchaus gutes Gewissen. »Man muß für Sie sorgen«, fügte er hinzu, »ich werde mir erlauben: ein rohes Ei, mit Zucker verrührt, dazu eine Spur Kakao, nun ein Schuß Marsala . . .« Tätlicher Trost gelang ihm besser. Aber Wingen lächelte: »Nur den Liegestuhl. In einer Stunde gehe ich wieder nach Hause. Schönen Dank, Herr Kortüm.«   Die Goldwaage Herr Kortüm eilte, um vor Ankunft der World noch einen Blick auf die Anstalten zu ihrem Empfang zu werfen. Am Ende des neuen Westflügels stand er still. Sein Werk gefiel ihm 349 jeden Tag mehr. Nur an der einen Stelle hier kamen ihm Zweifel, ob nicht gerade dieses Stück Land besser unbebaut geblieben wäre. Genau hier stand einst der Gartentisch, an dem er mit Monich und dem Lehrer Schart jenen unvergeßlichen Abend verbracht hatte, jenen verunglückten Sonntagabend ohne Gäste . . . Er sah alles noch vor sich, hörte die Stimmen. »Wissen Sie, was es heißt, keine Straße zu haben?« Wie Monich und Schart erschrocken waren, als das Echo seiner verzweifelten Frage vom Lohberg zurückgeworfen wurde! »Straße zu haben?« ». . . zu haben?« und noch einmal ganz leise: ». . . haben?« Ja, das Haben. Aber dann waren sie mutig ans Nachdenken gegangen. Ein großes Maskenfest wurde geplant, ein Theaterfestspiel kam schließlich zustande. Und statt gemalter Masken stieg eine wirkliche Konstanze Schröter wunderbar aus dem Spiel heraus in sein Leben. »Hm, das Fest ist vorbei. Eine gute Weile schon. Aber sie ist noch da. Zuweilen wenigstens. Und das alte Echo – das ist immer da.« Wenn man nämlich im letzten Zimmer des neuen Flügelbaues das große nach Norden gehende Fenster öffnete und einen vernehmlichen Gruß in die Goldene Aue hinüberrief, so schallte dieser Gruß genau so schön und geheimnisvoll zurück wie einst, einmal, zweimal, dreimal. Auf seinen Reisen hatte Herr Kortüm manche Stelle des Erdbodens betreten, an der die Natur dem Menschen antwortet. Einen Wald von jungen Steineichen wußte er, auf einer Insel – durch den ging immer, auch bei völliger Windstille, ein leiser Luftzug, in dem man so seine Gedanken haben konnte. In gottverlaßnem Felsgeröll und Sand lief ein winziges eiskaltes Quellchen, das auch die grausige Sonne jenes Landes nicht auflecken oder nur anwärmen konnte. Ja, und ein Echo, sein Echo . . . Herr Kortüm hatte sich erzählen lassen, daß fromme Leute an solchen Stätten einen Stein aufstellten, manchmal ein Bildwerk, Tempel sogar. Vielleicht fromm, aber sicher nicht reich genug war er, um nun noch ein unverzinsliches Bauwerk zu errichten, nachdem eben das Flügelhaus gerichtet war und sich hoffentlich mit sechs Prozent verzinsen würde. Aber Herr Kortüm hatte Glück gehabt. Die Erhaltung seines Echos war auch ohne Zutun gelungen. Dieses Nordfenster jedoch, das außer dem unbewegt kühlen Licht auch noch sein Echo hereinließ, das sollte nun kein gewöhnliches Fremdenzimmer mit fließendem kalten und warmen Wasser beleuchten. Herr Kortüm war eines Abends mit Rechnen beschäftigt und, wie so leicht bei Bilanzqualen, ins Nachdenken geraten. Er malte auf dem Löschpapier. Die Zahlenkolonnen regten sich, die Tintenkrakel 350 krabbelten, standen auf, wandelten schließlich, und vor Kortüms Auge zog hin in langem Zug, was diese Zahlen bedeuteten: seine Gästeschar. Da kamen zuerst die schweren Zwölfmarkkaliber mit den schönen Nebenausgaben und den Weinen über drei Mark, dann marschierte die große Achtmärkerdivision der besseren Stände auf, die Sechsmärker kamen mit Weib und Kind – ja, und zuletzt traten Leute an, die nicht unter dem Dach des Flügelhauses schliefen, weder als halbe noch als Viertelpension in der Abrechnung auftauchten und doch zum Schottengelände gehörten. Herr Kortüm hatte beim Anblick dieser Gestalten genickt: an seinem Haus vorüber zog eben eine alte Straße, die von der Biskaya kam und bis nach Taschkent lief. Aus Gründen der Reifenabnutzung befuhren die gutzahlenden Herrschaften diese schlechte Straßendecke möglichst wenig mit ihren Wagen. Aber dieselbe Sorte Mensch, welche zu König Heinrichs Zeit ihres Weges zog, war hier auch heute noch bewandert: Holzhauer, Bauern, Soldaten, Schafhirten, der Landdoktor, der Landpastor, Landmädchen und überhaupt junge Menschen ohne Ziel, alle Jahrhunderte vielleicht ein Dichter, sehr viel öfter Musikanten, Händler, Bettelmänner und Verfolgte, die im Laufen hinter sich blicken müssen, Verfolger, die schnaufend gradeaus sehen dürfen . . . »Ei, ei«, murmelte Herr Kortüm, »was für ein Heidentum.« Für die erholungsbedürftigen Herrschaften war im neuen Flügelhaus gesorgt mit Fremdenzimmern, Bädern, Schreibzimmern und einer großen Diele, in der man auch bei Regenwetter reden konnte. Was aber soll aus den nicht erholungsbedürftigen Leuten zwischen der Biskaya und Taschkent werden, wenn Sonne und Staub ihre Kehlen dörrt oder Nacht sie unversehens überfällt? In Kortüm hatte sich der pflichtbewußte Wirt geregt. Der Bleistift war von der Tischkante gerollt und Herr Kortüm schließlich aufgestanden und durch die Räume des Flügelhauses gewandert, bis in das letzte Nordzimmer des neuen Flügels. Wo setze ich die Leute hin, die keine Diele mit Palme brauchen? Die sich ohne allen Komfort unterhalten? Die keines Schreibzimmers bedürfen zum Hinschmieren ihrer merkwürdigen Notizen? Die nur Tisch und Stuhl verlangen, Trunk und Bissen und entweder gar keinen Nachbar oder einen ihrer Sorte, mit dem sie drei Stunden schweigen oder lachen können? Und wohin mit denen, die sich, wenn es Abend wird, vorsichtig aus der Gesellschaftsdiele drücken? Mit Leuten wie diesem Doktor Windhebel, der grade wieder zu Gaste war? Wohin, bei Gott, zu mancher Stunde auch mit, hm, mit ihm selber? 351 Herr Kortüm dachte scharf nach. Nicht zu nahe an die Diele und das Schreibzimmer. Solche Menschen benehmen sich beim Durstlöschen manchmal laut und stören dann die Unterhaltung der erholungsbedürftigen Herrschaften. Aber auch nicht zu weit – die Bedienung wird sonst zu beschwerlich. Anbauen? Gott soll mich bewahren! Herr Kortüm überlegte hin und her und wußte zuletzt seinem Hause keinen besseren Rat, als dieses Endzimmer des Flügelanbaues samt der Nebenstube zunächst probeweise als Gastraum zu erklären. Er ließ den Zugang zum Flur vermauern, eine Tür ins Freie schlagen und über dieser Tür eine Laterne aufhängen. Mißtrauisch hatten die Einwohner das Ding eine Weile von weitem besehen. In Kortüms Abwesenheit waren sie nähergerückt, zögernd eingetreten und hatten einen kleinen Korn verlangt. Sie guckten sich nach allen Seiten um, rochen in die Luft und forderten einen großen Korn. Dann jedoch begannen sie Platz zu nehmen. Die Sache schien nicht schlecht. Sie lebte sich ein. Herr Kortüm besah nun seinerseits nachdenklich das doppelte Gesicht des Flügelhauses: welches ist das richtige Gesicht? Welche Gäste sind die richtigen? Er wog im Geiste seine Gäste, aber er konnte sich nicht klar werden, in welcher Waagschale die zu leicht befundenen und in welcher die Gäste von Gewicht saßen. Jene Herrschaften, die er in der Regel nach ihren Zimmernummern bezeichnete, weil er sie sonst leicht verwechselte, wogen nach Markstücken berechnet voll und gut und echt – die andern mit ihrem Korn, ihrem Hellen, ihrem Moselschoppen, auch wohl mit ihrer Flasche Rot, die trugen die Kosten des Flügelhauses wahrlich nicht. Aber die Konversationsdiele: trug die den Ruhm des Flügelhauses? Immer wieder fand Herr Kortüm, daß die besonderen und merkwürdigen Köpfe unter den Zimmernummern Eins bis Achtundvierzig in der Diele gähnten, sich nach dem Ausgang umsahen, diesen überraschend zu gewinnen und sehr bald den Eingang unter der Laterne zu finden wußten, um in den schlicht tabakbraun getünchten Räumen für manche gute Stunde zu verschwinden. Verheiratete Herren nannten diesen Abgang, wenn die Gattin fragte: wohin noch? einen kleinen Abendgang tun. Unverheiratete sagten einfach: zu sich kommen. Weil also der Herr und Meister des Flügelhauses nicht klar werden konnte, in welchen Zellen dieses so verwickelt gebauten Lebewesens »Flügelhaus« denn nun eigentlich die lebendige Grundsubstanz zu finden war, die aus eigner Kraft sich bewegend neue Gästezellen ohne Kortüms schöpferische Nachhilfe zuwege brachte, wo also im 352 Flügelhaus es lebte – weil diese Frage Herr Kortüm noch nicht beantworten konnte, so beschloß er, sie aller Welt als eine offene Frage vorzulegen: er beauftragte den Steinmetzmeister Hanke in Besenroda, das Bild einer Goldwaage in ein gutes Stück Sandstein zu meißeln, darunter die Worte »Zur goldenen Waage« zu setzen und über der Eingangstür ohne Beschädigung des neuen Putzes sauber einzulassen. Gut beleuchtet von der Laterne darüber fand sie bald jeder, der hineingehörte, obgleich Kortüms »Goldene Waage« nicht unmittelbar an der Landstraße Biskaya–Taschkent lag, sondern gesucht werden wollte: von der Straße führte erst ein schmaler Pfad zwischen Fliederbüschen und dem westlichen Flügelanbau hin zu ihrer unscheinbaren Pforte. Gerade in diesen Tagen war es Herrn Kortüm vergönnt, den Erfolg dieser Gründung zu erleben: durch einen Anschlag hatte er bekannt gemacht, daß die »Goldene Waage« leider für vier Tage geschlossen werden müsse, da die Räume der World als Sitzungszimmer dienen sollten. Die Gäste würden gebeten, so lange gütigst im Hofe Platz zu nehmen. Die Nächte seien angenehm warm, und Tische sowie Stühle ständen am Püsterichbrunnen bereit. Er bäte jedoch, sich dort möglichster Ruhe befleißigen zu wollen. Die World ginge sie einen Dreck an, sagte Hiebrich, sagte Albrecht, sagte Kuffert, sagte sogar Doktor Windhebel. Kortüm hatte mit der Beschwichtigung seiner erst jenseits der Diele zu sich kommenden Gäste nicht weniger zu tun als Monich mit der Besänftigung des sonstigen ungewogenen Volkes zwischen Biskaya und Taschkent: die so weitberühmte World störe ja nicht nur, sie verspreche eine noch gar nicht abzusehende Menge von interessanter, hierorts nie erlebter Abwechslung, die für jedermann nur belehrend sei. Die Waagegäste antworteten hierauf zunächst nichts, schnüffelten nur ein bißchen und warteten. Kortüm aber prüfte die zum Sitzungsraum gewandelte Gaststube, zog die grüne Decke glatt über die zu einer langen Tafel vereinigten Kneiptische. Er rückte an den Stühlen, stellte die Schreibzeuge in eine gerade Reihe, sah nach, ob Tinte vorhanden war. Hin und wieder horchte er. Die Wagen mußten auf der schlechten Straße langsam fahren, aber nun konnten sie nahe sein. 353   Film Herr Kortüm in schwarzem Rock und mit der Perle im Halstuch stand am Eingang seines Grundstückes, um die World zu begrüßen. Er fühlte sich durchaus sicher. Alte Erfahrung kam ihm zustatten. War ihm doch vor wenig Jahren nicht nur das Theater, sondern das Staatstheater, nicht zu einer Aufführung, sondern zu einem Festspiel anvertraut worden. Er wußte, wie ein Schauspieler behandelt sein will und – ah, eine Schauspielerin! Schade, daß Konstanze Schröter nicht filmte. Die berühmte Violante Sconosciuta spielte in diesem Film die Hauptrolle. Er hatte Konstanze mehrmals angeregt: alle großen Künstler tun es. »Man merkt's«, hatte sie nur geantwortet, »aber Drama, das ist Dichtung, und Dichtung, das ist Wort.« Freilich hatte Herr Kortüm wenig Grund, jemandem zuzureden. Oft genug sagte Monich: »Komm, wir gehn nach Esperstedt nunter ins Kino.« Kortüm konnte seinem Freund Monich über Kino wenig mehr sagen, als dem Organisten Wingen über Krankheit. Als er aber der wiederholten Einladungen überdrüssig wurde, hatte er schließlich seine Weigerung begründet: »Monich, ich kenne es. Vor Jahren, vor einer ganzen Reihe von Jahren, war ich einmal in einer Bude in Sankt Pauli. Sie nannten es Bioskop. Es ist nichts für mich. Ich bin ein Gastwirt und brauche keine Eintrittskarte zum Ansehen von lebenden Bildern.« »'s soll aber verdammt spannend sein.« »Das ist es ja eben: erst spannt es, und wenn's kommen soll, merkt man, daß es ein Bioskop ist. Sieh mal, Monich, damals in Sankt Pauli – ja! Die Bude war nicht ganz wetterfest, und da kam plötzlich ein Gewitter. Ein Platzregen, sage ich dir! Mitten durchs Dach. Ich saß Gott sei Dank hinten. Aber wie da die Bilder in den Wassersturz hineinblendeten und durcheinanderfunkelten – Monich! Dann schnappte es ab, Nacht wurde es, bloß noch Blitze, Wasserplatschen, Donnerschläge und Schreien – das lebte! Wo gibt es heutzutage solche Kinos!« »Je, un nu? Nu kommt eben der Berg zum Propheten, wie der Pastor sagt«, hatte Monich hartnäckig geantwortet. »Das sagt ja gar kein christlicher Pastor, Monich.« Aber am Eingang stand Herr Kortüm jetzt doch und erwartete die Ankunft des Films. Freilich nicht als ein schaffensfreudiger Mitarbeiter, noch weniger als genießender Laie: lediglich als ein Gastwirt stand er da, der für 354 Pension, Sitzungsräume, Dreherlaubnis auf seinem Gelände, für Garagen, Getränke und allgemeine Unkosten nicht wenig von der World zu erheben gedenkt. Der erste Wagen glitt lautlos heran. Ein gewaltiger weißer Wagen. Herr Kortüm sah scharf hin. Neben dem Fahrer im weißen Mantel eine Dame – nein – aha, die Zofe. Auch in Weiß. Da, im Fond sitzt sie. Natürlich. Das ist die Sconosciuta . . . auch in Weiß. Alles weiß. Nur das Leder der Sitze siegellackrot. Und ihre Lippen. Auch siegellackrot. Teufel, dachte Kortüm: ihr Kopf schwebte über einer weißen Federboa. Sie lächelte. Herr Kortüm verbeugte sich. Der Wagen hielt. »Gestatten Sie, Gnädigste . . .« Sie sah ihn nicht an, aber sie lächelte – jenes bescheidene Lächeln der Erwartung, das nur den ganz berühmten Leuten eigen ist: laß ihn mich nur ruhig betrachten, ich bin ein Erlebnis für ihn – wie wird sich seine Begeisterung jetzt äußern? Die berühmten Leute erkennen nämlich gleich an der Art des Ausbruchs Wert und Verwendungszweck des Bewunderers. Aber Herr Kortüm stockte, sprach nichts mehr, hob die Augenbrauen, legte den Kopf zurück, musterte das Fräulein im Fond mit dem Hamburger Blick: das ist sie ja gar nicht . . . »Wo ist die Anfahrt?« rief der Fahrer den stummen schwarzberockten Herrn an. Das ist . . . das ist ja eine Gans . . . »Wo die Anfahrt ist!« Wahrscheinlich kommt sie erst im zweiten Wagen . . . »Wie? Anfahrt?« Herr Kortüm wandte sich zu dem Hausdiener, der eilfertig gelaufen kam: »Zeigen Sie dem Chauffeur den Parkplatz. Er kann wohl das Schild dort nicht erkennen. Erkundigen Sie sich nach den Namen und weisen Sie den Ankommenden die vorgemerkten Zimmer an.« Kortüm war schon dabei, sich dem zweiten Wagen zu widmen. Mit einem Ruck hielt dieses schwere Gefährt – Kortüm prallte zurück . . . Gewiß, es war heute heiß . . . Von dem Sitz dieses Autos erhob sich ächzend ein riesiger dicker Herr, der beinahe nichts anhatte. Ganz kurze weiße Beinkleider, die ein Gürtel aus Schlangenhaut mit goldener Schnalle gerade noch an ihrem Ort festhielt, im übrigen ein offenes seidnes Hemd. Der Assistent dieses sozusagen nackten gewaltigen Mannes riß die Tür auf. Ja, Sandalen noch an den Füßen . . . nichts sonst. 355 »Mein Gott«, sagte Herr Kortüm. »Utzenstorff«, sprach der große Herr und blickte Herrn Kortüm ins Schwarze der Augen. Er blickte; die fleischigen Massen seines Gesichtes gingen dabei befriedigt noch ein wenig mehr ins Breite. »Herr Kortüm?« fragte er. »Zu dienen«, sagte der erdrückte Gastwirt. »Utzenstorff«, wiederholte der Gast, »Produktionschef der World.« Mit diesen Worten stieg er aus dem Auto, wedelte sich mit dem Taschentuch Luft ins Gesicht, trat auf Herrn Kortüm zu und reichte ihm die Hand: »Habe viel von Ihnen gehört.« Wie der Abschluß eines Worldvertrages ging diese Handreichung vor sich. Kortüm empfand sehr wohl die Anerkennung in solch einem Handschlag, und er bemerkte jetzt, nachdem er überhaupt erst wieder anfing zu sehen, daß aus Utzenstorffs rundem Antlitz zwar äußerst schlaue, aber sonst eigentlich ganz gutmütige Äuglein blitzten. Noch einmal überflog Kortüms Blick die Leinwandhöschen, die Sandalen, die gewaltige halbnackte Brust . . . aber es blieb alles, wie's ihm anfangs vorgekommen war. »Sehr willkommen«, sprach er zögernd. Utzenstorff jedoch hatte, ohne seinen Körper zu rühren, den Kopf gedreht und sagte luftfächelnd zu dem Assistenten: »Warschau C drei achtundvierzig. Gewöhnlich. Aber Antwerpen siebenundsechzig dreizehn als dringend anmelden.« Des Assistenten Bleistift war wie ein Schuß über das Papier gefahren, und er selbst verschwand darauf wie der Wind um die Ecke. Herrn Kortüm wurde die Sache unheimlich wie Zauberei am hellen Tag. Utzenstorff stand eine ganze Weile still. Er schien nachzudenken. Dann wandte er den Kopf wieder, sah Herrn Kortüm an. Der Mann schmunzelt, dachte Kortüm und richtete sich auf, so grad er konnte. Aber der beleibteste der Gäste, die je das Schottengelände betreten hatten, fragte nur: »Mein Hauptquartier?« »Zimmer vier und fünf. Mit Bad, Herr Utzenstorff.« Der Chef der Produktion winkte ab: »Das hat Zeit. Die Arbeitsräume meine ich.« Alle Achtung, dachte Kortüm, bei dem Gewicht dieser Fleiß! Er geleitete Herrn Utzenstorff persönlich zur »Goldenen Waage«. Auf der Straße kamen Leute. Hoffentlich erreichen wir den Seitenweg, ehe die beiden Gäste dort heran sind. Zwei alte Damen . . . Zimmer zwölf, scheint mir. Kortüm ging rascher. Aber Utzenstorff blieb unter der Linde 356 vorm Hause stehen: »Ahh, Schatten, pwww . . . die Aussicht ist verwendbar . . .« Die Damen kamen näher. »Aber die Ruhe, Herr Kortüm: die Gegend ist geräuschfrei?« »Besonders dort um die Ecke«, beeilte sich Herr Kortüm zu sagen und lud Utzenstorff mit einer Handbewegung ein, doch sogleich mit ihm um jene Ecke zu gehen. Aber der Chef der Produktion blieb weiter stehen und überblickte und überhorchte mit dem Tonfilmsinn das morgige Schlachtfeld: »Pww . . .« Die Damen waren noch rund zwanzig Schritt entfernt. Herrn Kortüm war es höchst peinlich, von weiblichen Gästen hier im Freien mit einem nahezn unbekleideten Herrn gesehen zu werden. Aber Utzenstorff schien sich wohl zu fühlen unter diesem Lindenschatten: »Hier wird mein Stuhl hingesetzt.« Die Damen standen still, tuschelten hinter ihren Sonnenschirmen – jetzt wendeten sie sich und gingen raschen Schrittes dem Seitenweg zu. Nun sah sich Kortüm genötigt, seinen Plan ins Gegenteil zu wenden und Utzenstorff unter der Linde festzuhalten: »Der Stuhl. Natürlich, Herr Utzenstorff.« »Er kommt im Gepäcklastwagen mit. Mein Name steht drauf. Er dient nur meinen Zwecken. Da längs?« setzte er mit einer Handbewegung zum Seitenweg fragend hinzu. »Bitte«, antwortete Kortüm verzweifelt. Utzenstorff schwenkte in den Seitenweg ein. Gleich hinter der Ecke waren die beiden alten Damen stehen geblieben und wollten ein bißchen warten, bis der fremde Herr seinen Weg zur Badeanstalt eingeschlagen hatte. Aber der jähe Anblick des nahenden Chefs der Produktion der World trieb sie abermals vorwärts. Leider war der Seitenweg eine fliederverwachsene Sackgasse. Den Damen blieb nur eine Tür ins Verborgene. Sie schlüpften in die sonst von weiblichen Wesen nicht besuchte »Waage«. »Dem Allmächtigen Preis und Dank – das war ja eine furchtbare Erscheinung, Bertha.« Und die Pforte ging auf, und Herr Utzenstorff trat ein. Herr Kortüm lehnte sich an den Türpfosten und sah schon im Geiste die Damen von Nummer zwölf die Koffer packen. Utzenstorff blickte mit dem leicht verwunderten Auge eines Rauminhabers auf die Rüschen und Schleifchen und schwarzen Spitzen hinab: »Bitte?« »Ach, wir hatten uns nur verlaufen.« »Oh« – überraschend beweglich, ein vollendeter Kavalier schob er Herrn Kortüm aus dem Türrahmen – »bitte, meine Damen: gerade 357 aus, dann links – aber ich werde mir erlauben, Sie bis zur Straße –« »Nein. Ach Gott, nein. Danke. Herzlichen Dank.« Betäubt flatterten die alten Damen der Taschkenter Straße zu, die als greller Sonnenfleck am Ende der grünen Gasse blendete. Utzenstorff aber sah sich in den Räumen der »Waage« um, nickte und trat an den grünen Tisch: »Hier sitze ich. Einen Sessel, bitte. Bequem. Aber kühl: Leder.« »Sogleich«, sagte Herr Kortüm. »Fernsprecher?« »Der nächste Apparat ist in der Diele.« »Diele! Das Telegraphenamt benachrichtigen, bitte. Heute noch. Ich muß morgen früh Anschluß haben.« Kortüm starrte den Chef der Produktion an. »Zu unseren Lasten selbstverständlich«, sagte Utzenstorff. »So. Und nun eins. Die Hauptsache. Hören Sie. Die Hauptrolle hat die Sconosciuta –« »Ich weiß –« Utzenstorff sprach gedämpft: »Eine nicht ganz leicht zu behandelnde Frau. Sehr verwöhnt. Sehr. Aber – Herr Kortüm: ich vertraue auf Ihr landbekanntes Talent. Wir müssen uns verbünden. Die Sconosciuta muß, Sie verstehn mich –« »– muß –«, nickte Kortüm. »– muß«, fuhr Utzenstorff fort, »diese vier oder fünf Drehtage in guter Stimmung sein. Die Anmut dieser Frau kommt nur heraus, wenn sie sich vollkommen wohlfühlt. Im Lauwarmen sozusagen. Dann wirkt ihr Liebreiz natürlich, und das Publikum glaubt ihn. Alles kommt auf die natürliche Wirkung an. Um Gottes willen nichts Künstliches. Also Wohlbehagen verbreiten, Herr Kortüm. Der Film hängt dran. Eine Million und zweimalhunderttausend Mark hängen dran, Herr Kortüm.« Dem verantwortlichen Gastwirt lief ein Schauer über den Rücken. »Sehen Sie ihr die Wünsche an den Augen ab. Und was Sie ihr nicht abfühlen können, empfinden Sie ihr an. Man weiß, Sie verstehn das aus dem Grunde. Deswegen drehe ich bei Ihnen. Unkosten gleichgültig. Herr Kortüm – ich verlasse mich auf Sie.« Diese Rede hob Kortüms Herz. Er blickte Utzenstorff nur ins Auge und fuhr mit der rechten Hand waagrecht durch die Luft. Utzenstorff war beruhigt. Er reichte Herrn Kortüm die Hand. 358   Das Bett Zu ihr«, murmelte Herr Kortüm. Das kleine Stück Landstraße bis zum Flügelhauseingang glühte in afrikanischer Sonne. Kortüm wischte den Schweiß von der Stirn: »Wirklich – in dieser Hitze ist fast nichts anhaben sachgemäßer als schwarzer Cheviot. Dieser Gast ist überhaupt nicht so, er sieht nur in der Nähe so aus. Man muß ihn mehr von weitem betrachten.« Unter diesem Selbstgespräch erreichte er die Zimmertür Nummer eins, rückte an der Halsbinde, krümmte den Zeigefinger zum Klopfen – aber er klopfte nicht. Zu ihr, hatte er gedacht, und in dem angenehmen Gefühl, daß die Sache ja gar nicht so schlimm werden konnte, wie sie anfing, in dieser wohligen Beruhigung hatte er sich vorgestellt, wie die Türe Nummer eins aufgehen würde, Konstanze Schröter heraustreten . . ., und jetzt fiel es ihm plötzlich aufs Herz: hinter dem Türschild Nummer eins weilt in diesem Augenblick ein Star, eine Violante Sconosciuta, eine sogar für die World schwer zu behandelnde Frau, und eine ihm, dem Herrn Kortüm, ganz persönlich ans Herz gelegte Dame. Ja, da stand dieser Gastwirt: Gäste wechseln, aber die Wirte bleiben . . . Eine Million und zweimalhunderttausend Mark! Welcher ungeheuren Höflichkeit würde er sich jetzt eine Viertelstunde lang mindestens befleißigen müssen, und welch ein Andenaugenablesen wär zu bewältigen! Herr Kortüm drehte sich auf den Absätzen herum und begab sich zunächst einmal nach Nummer zwölf. Hier waren zwei alte Damen zu beruhigen, zweimal Sechsmark-Pensionen mit wenig Nebenausgaben – aber der Ruf des Namens Kortüm forderte diese Beruhigung nicht weniger als die Ausgießung von Komfort über das sconosciuteske Millionenrisiko. Vielleicht bohrte in Kortüm auch eine dunkle Sorge vor Nummer eins. Er schien das Bedürfnis zu fühlen, sich vor der Begrüßung Violantes noch ein wenig in Höflichkeit zu trainieren. Die Damen hatten die Fensterläden geschlossen. Der Raum lag im Halbdunkel. Nur ein paar nadelscharfe Sonnenstrahlen durchblitzten die Dämmerung. Die drei älteren Herrschaften sahen nicht viel voneinander. Aber im Halbdunkel ließ sich diese etwas verletzliche Sache vor den Damen umso leichter auseinandersetzen. »Glauben Sie mir, er sieht nur so aus, meine Damen. Wenn Sie ihn näher kennen würden . . .« Die jüngere der beiden alten Damen 359 hob beschwörend die Hand, aber Kortüm fuhr fort: »Ich meine, wenn Sie wüßten, was eine Persönlichkeit in seiner Stellung für Sorge und Verantwortung Tag für Tag bewältigt, wie um so einen Film die Tausendmarkscheine flattern – oh, wie Neuschnee, meine Damen – nein nein, nur sein Äußeres überrascht im ersten Augenblick. Gewiß, er wendet wenig Kleidung an sich. Aber so ein eminenter Körper wirkt auch durch einen Biberpelz formenreich. Bei beleibten Gästen muß man mehr aufs Innere sehen.« Bertha sah ihre ältere Schwester Erdmuthe an, die ein wenig gebückt in der Ecke des viel zu großen prahlerischen Polstersessels lehnte, und Kortüm hätte nichts wahrgenommen an ihr als den Ausdruck jener rührenden Hilflosigkeit einer Welt, die, flugzeugumrast, still stehen geblieben ist im geformten Geist einer tiefen Vergangenheit, wenn Erdmuthe Haupt jetzt nicht aufgeblickt und gelächelt hätte – gelächelt, als ob der Maschinenernst aufgeregter Enkel nicht mehr zu bedeuten habe wie der huschende Schatten, den die starren Flügel einer Junkersmaschine auf das Gartenbeet werfen. »Höflich war der Herr«, sagte sie, »gewiß ein wohlerzogener Mann aus gutem Haus. Absonderlichkeiten«, sie lächelte wieder, »sollen alte Leute vorsichtig beurteilen.« »Namentlich«, fiel Herr Kortüm freudig ein, »bei einem Produktionschef der World! Wie könnte das anders sein. Auch Astronomen, wie ich von einem Fachmann zuverlässig weiß, werden unruhig, wenn zwei Welten da oben aneinandergeraten: und nun vollends eine Welt und eine World, meine Damen.« Von hier an entlehnte Herr Kortüm seine Vergleiche den Wissenschaften der Physik und Astronomie. Auf diesen Gebieten war er ja nicht nur selbst praktisch tätig gewesen – seit Windhebels drittem Aufenthalt im Flügelhaus hatten sich auch seine theoretischen Kenntnisse vertieft. Und die Vergleiche aus der Sternkunde bekamen der Figur Utzenstorffs gut. Wenn man Kortüm glauben durfte, handelte es sich im vorliegenden Falle viel mehr um eine geistige als um eine körperliche Korpulenz. Mit geschickten Worten verstand er die immer noch leicht bedrückten Damen aufzuheitern, und alle drei verglichen schließlich die alte Welt friedfertig mit der neuen, in der sich die Menschen zwar immer schneller fortbewegen, aber, einmal angekommen, sogleich dasselbe dumme Zeug zustandebringen wie seinerzeit die langsamen Leute: man hatte jetzt nach Kortüms Ansicht natürlich mehr Zeit zur Torheit, weil die Bewegungsintervalle weniger Zeit verschlingen. »Ja ja, meine Damen, wie lange ist es her, daß man mit einer 360 Welt auskam. Noch in unserer Jugend. Dann erfand man das Bioskop. Nun hat die Welt die World bekommen, zum Teufel – ich wollte sagen: ein schwerer Fall. Das Leben ist doppelt lebendig. Vom Schöpfer der Natur habe ich mir nie eine rechte Vorstellung machen können, aber wie ein Produktionschef der Natürlichkeit aussieht, das weiß ich nun . . .« Die Viertelstunde wurde zur halben. Herr Kortüm plauderte aufs angeregteste. Schließlich geriet er in seine Welt hinein. Ein Sonnenpfeil streifte Erdmuthens Gesicht. Jetzt blickte ihn dieses alte Antlitz wieder aus dem Halbdunkel an, aber über dem weißen Scheitel stand noch ein Schein, in dem die Sonnenstäubchen wirbelten. Nachdenklich sah Kortüm in den zitternden Schimmer, der unruhig wölkend lichtausatmend verblich: sie ist meiner seligen Mutter ähnlich, woran liegt das? Man sollte doch einmal wieder nach Hause fahren . . . Herr Kortüm erhob sich langsam: »Und dann wollte ich nur noch sagen, daß ich erfreut bin, so verehrte Gäste in meinem Hause beherbergen zu können.« »Zwei alte Fräulein, Herr Kortüm: das Flügelhaus ist von ganz anderen Gästen besucht, wie man sieht.« »Ja, meine Damen, als ich baute, die Wahrheit zu gestehen: an die World habe ich nicht dabei gedacht. Aber sie ist da.« »Seien Sie froh.« Die alten Wesen schwiegen, eine neigte ihr Köpfchen nach links, die andre nach rechts, und endlich sagte Erdmuthe: »Unsereiner kann leider niemandem mehr zum Erfolg in der Welt verhelfen.« Herr Kortüm machte eine Bewegung, als ob er Tropfen von der Hand schüttelte: »Erfolg? Der ist in gewöhnlichen Zahlen herzusagen. Aber wenn einer lange von Hause fort ist, denkt er zuweilen, man müßte mal wieder eingucken im alten Quartier und dort die Bilanz vorlegen. Ja . . . da ließen wir uns schon loben. Aber nun hat man sich selbst sein eignes Bett gegraben, und was da an Lob so mit zufließt, das macht nichts mehr aus . . . Zu spät. Wir danken. Auf gebackenen Teig wirkt keine Hefe mehr.« Die alten Damen lächelten, lehnten in ihren Sesseln und wiederholten kopfnickend: »Zu spät.« Erst sagte es die eine, dann sagte es die andre: sie waren Herrn Kortüm um gut ein Jahrzehnt voran und bald hindurch und hatten gut lächeln. Herr Kortüm sah dieses Lächeln, und da sie nichts mehr sagten, verbeugte er sich. Er wünschte ihnen gute Erholung, versprach das Seinige zu tun und empfahl sich. 361 In Höflichkeit hatte sich Herr Kortüm nun trainiert. Ob aber gerade die feinste, die Höflichkeit der Erinnerung nämlich, die richtige Vorbereitung für den Antrittsbesuch bei Violante Sconosciuta war, wird sich ja gleich zeigen müssen. Die Flügeltür Nummer eins öffnete sich auf Kortüms Klopfen. Auf der Schwelle stand die Zofe: »Ach, Sie sind der Wirt.« »Kortüm. Kann ich die gnädige Frau sprechen?« »Na, das wird Zeit. Augenblick.« Die Tür klappte zu. Die World nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen, mahnte sich Kortüm im Hinblick auf die Figur Utzenstorffs und wartete. Es dauerte eine gute Weile. »Vielleicht«, sagte er sich, »haben Stars im Zimmer so wenig an wie Produktionschefs im Freien.« Endlich wurde er vorgelassen. Violante Sconosciuta saß im Schlafanzug auf dem Fensterbrett, von Sonnenlicht überblendet. Kortüm kam aus dem Halbdunkel der alten Damen und des Flurs, schloß eine Sekunde die Augen, machte eine Verbeugung und sagte: »Gnädigste Frau, das Schottengelände beneidet mich, der bewunderten Filmkünstlerin unter meinem bescheidenen Dach –« Das . . . das ist . . . das ist die Gans . . . Kortüm starrte sie an mit weit geöffneten Augen – eine Million und zweimalhunderttausend Mark – Kortüm, es gilt . . . . »unter meinem, meinem Dach zu dem Charme zu verhelfen, der die Welt – die World meine ich, Gnädigste – der die World –« Den erschrockenen Herrn Kortüm hatte jetzt die zweite Höflichkeit, die Höflichkeit des Lebens, umschlungen wie eine Boa constrictor, er öffnete noch einmal den Mund, aber es gelang ihm nichts mehr . . . Der Star zog beide Beine aufs Fensterbrett, umfaßte die Knie mit beiden Händen und besah sich neugierig den Herrn Kortüm. Was für einen Unsinn er redet, dachte der Star. Aber eigentlich ganz nett. Er ist benommen . . . Violante setzte sich noch hübscher hin und lächelte – nicht wie bei der Aufnahme, sondern ganz unbewußt: so hat dich noch keiner angesehen. »Bitte weiter, Herr Kortüm. Das steht Ihnen besser als Ihr Pastorengesicht vorhin am Eingang.« Herr Kortüm kannte wohl das Bioskop, nicht jedoch die World, und konnte nicht ahnen, daß Violante seine verunglückte Ansprache irrtümlich für die dritte der Höflichkeiten: für die unbeholfene Höflichkeit des Herzens hielt und schon so gut wie versöhnt war. 362 »Gnädige Frau, ich bin gekommen, um Sie nach Ihren Befehlen zu fragen.« »Ah«, sagte Violante Sconosciuta. Sie war mit dieser ritterlichen Antwort zufrieden, hupfte vom Fensterbrett und verlor dabei ihren aus rosa Federflaum bestehenden Pantoffel. Eine Million und zweimalhunderttausend Mark, stieß es in Herrn Kortüm auf. Er bückte sich, zog das Pantöffelchen mühsam unter der Kommode hervor und überreichte ihr das Fundstück – an Bekleidungsgegenständen konnte Violante offensichtlich nichts entbehren; der seidene Schlafanzug war nicht viel. Aber nun hatte Kortüm ihr Vertrauen. Sie winkte ihm mit dem Zeigefinger. Herr Kortüm folgte der Sconosciuta ins Schlafzimmer, einen heiter und hell mit einer bunten Blumentapete ausgestatteten Raum. Violante ging zum Bett hin. Kortüm folgte ihr. Er warf einen streng prüfenden Blick auf dieses neueste Modell eines sogenannten Paradiesbettes. »Gehn Sie mal weg«, hörte er sagen, vor seinem Auge verdunkelte sich etwas – er ruckte, blickte – Violante hatte einen kleinen Sprung getan und lag plötzlich auf der daunengefütterten Seidendecke, die sich blähte um sie wie ein Rosasegel. »Passen Sie auf. Jetzt steh' ich auf.« Langsam richtete sie sich hoch, stellte das linke Bein auf den Teppich: »Merken Sie was?« Herr Kortüm sah unverwandt den hochgerutschten Pyjama an. »Jawohl«, sagte er und dachte zornig: diese Gans ist außerdem ein Balg. »Ach was: jawohl! Das linke Bein, Herr Kortüm! Soll ich etwa jeden Morgen mit dem linken Bein zuerst aufstehn?« »Ah so«, Herr Kortüm sprach jetzt seinen hamburgischen Ton, »gnädige Frau sind noch abergläubisch.« Aber der Hamburger Ton kam viel zu spät. Herr Kortüm war der Violante Sconosciuta längst sympathisch geworden: »Sie nicht?« »Man wird ein neues Arrangement treffen müssen«, sprach Kortüm gemessen. »Man wird. Und man wird sofort, würdiger Herr. Sie hätten Pastor werden müssen.« Herr Kortüm schluckte – aber vor ihm stieg drohend Utzenstorffs gewaltige Statur auf. »Eine Million und zweimalhunderttausend Mark«, murmelte Kortüm wie eine heidnische Beschwörungsformel. »Wirklich: Pastor ständ' Ihnen –« »Ich werde sofort –« 363 »Pastor?!« Sie lachte ihn an, rückte die Aufschläge seines schwarzen Rockes zurecht: »Dann laß ich mich nur bei Ihnen trauen. Aber vorher muß mein Bett richtig stehen.« Jetzt hätte Herr Kortüm um ein Haar gesagt: Herkules könnte Ihr Bett vor der Trauung nicht mehr richtig stellen – aber noch drohte Utzenstorffs Geist vor den Veilchen und Gänseblumen der Tapete auf den Gastwirt herab. Kortüm drückte nur schweigend auf den Klingelknopf. Violante machte es sich auf dem Rosadaunensegel bequem. Das Zimmermädchen trat ein. Herr Kortüm zeigte ihr, wie sie den leichten Spiegeltisch wegzuschieben und das Bett an seine Stelle zu rollen habe. Der Star auf dem Rosadaunensegel vergnügte sich mit dem Versuch, den linken Federflaumpantoffel auf der rechten großen Zehe schwebend zu erhalten. Herr und Magd warteten. Der Pantoffel schwebte immer noch. Will sie etwa bei dem Transport im Bett liegen bleiben? Offenbar. Herr Kortüm hob den Kopf und gab dem Zimmermädchen einen Wink. Das Bett rollte. Violante glitt auf ihrem Rosasegel durchs Zimmer. An der anderen Wand angelangt, ließ sie ihr Pantöffelchen fallen und wurde aufmerksam. Sie prüfte die Gesamtlage. »Geht auch nicht. Beim Aufwachen seh ich doch grade ins Licht!« Auch Herr Kortüm überblickte das Verhältnis zwischen Bett und Sonne, schätzte die Lage von Fenster zu Raum und Möbel ab und sprach: »Dann muß der Schreibtisch weg.« Er klingelte nunmehr zweimal. Der Hausknecht erschien, erblickte die Dame im Bett, wollte erschrocken verschwinden, aber Kortüm hob den Zeigefinger: »Zu mir! Dieser Schreibtisch – dahin!« Der Knecht schob den Schreibtisch in die Mitte des Zimmers. »Das Bett – da längs«, sagte Herr Kortüm. Das Zimmermädchen wollte Bett samt Star weiterfahren, aber die Rollen an den Füßen standen quer; es ruckte, aber fuhr nicht. »Anfassen!« befahl Herr Kortüm. Der Knecht war von seiner Aufgabe begeistert – ein Griff, wie eine Feder fuhr das Bett durchs Zimmer. Violante prüfte wieder. Sie nickte. Da rauschte irgendwo Wasser: »Um Gotteswillen! Hier geht eine Leitung durch. Dorthin will ich, wo der Schrank ist!« Der Knecht rückte den Schreibtisch aus dem Weg, stellte Stühle und Sessel beiseite. Er packte den geschnitzten alten Schrank. Aber das Holzgebäude knackte nur und stand, wie es stand. 364 Es wurde geklingelt, eine Hilfskraft kam. Jetzt zählten sie beide – »hupp!« Und es gelang. Auch das Bett kam in Fahrt. Violante Sconosciuta prüfte wieder. »Hier zieht's ja – da die Türe, das Fenster. Nein. Dorthin.« Man rückte Kommode und Kofferbock, hing Spiegel ab und Bild, rollte Läufer und Teppich. Erneutes Klingeln rief ein zweites Zimmermädchen herbei. Trotz des Aufgebotes an Hilfskräften mußte Herr Kortüm selbst hier und da zugreifen. Es war entsetzlich heiß. Die Mehrzahl der Anwesenden war bürgerlich gekleidet, besonders Herrn Kortüm troff der Schweiß von der Stirn, und er beschloß, den nächsten Antrittsbesuch bei einem Star statt im schwarzen Rock im Pyjama zu machen. Nur Violante litt nicht unter der Hitze. Sie kommandierte. Endlich aber fuhr das Bett. Violante sah sich prüfend um und sprach: »So kann ich nicht lesen. Die Nachttischlampe muß links stehen.« »Und Ihr linkes Bein, gnädige Frau?« Herr Kortüm hatte recht: wenn die Lampe links steht, muß Violante Sconosciuta auf Grund der Naturgesetze mit dem linken Bein zuerst heraus. »Die Lampe links!« sagte Violante. »Weiter.« »Ein Zimmer hat nur vier Wände!« Jetzt verschwand Utzenstorffs Geist an der Wand; in Herrn Kortüm stieg der Zorn hoch. Aber es war, wie gesagt, zu spät. Er war dem Star sympathisch geworden – benommen, zornig, höflich, wütend oder grob: sie lächelte ihn an. »Aber Ihr Zimmer hat noch eine Mitte, Herr Pastor. Los!« Jetzt wurde die Arbeit wesentlich schwieriger. Die Knechte und Mägde mußten in gemeinsamer Arbeit erst die Mitte wieder freimachen. Die Möbel fuhren im Zimmer herum wie im Traum. Es klirrte und ächzte. Der Herr des Flügelhauses saß in einem Sessel und sah nicht mehr hin. Aber schließlich wurde Ordnung, und Violante Sconosciuta ruhte nun auf ihren Rosaseidendaunen inmitten des Zimmers. Sie lächelte: »So ist es gut« und setzte sich auf die Bettkante: »Raus!« Knechte und Mägde verließen ihre Arbeitsstätte. Kortüm wäre ebenfalls gern gegangen. Aber das »Raus« konnte er sich nicht zurechnen und mußte noch bleiben. Kortüm hätte jetzt sogar ungemein gern die World verlassen, denn Violante begann den obersten, sehr schönen großen Perlmutterknopf am Kragen ihres Pyjamas aufzumachen. »Hm. Ja. Also Gnädigste sind nun völlig zufriedengestellt?« Sie knöpfte unbefangen an der Perlmutter Nummer zwei: »So weit ja« – der dritte Knopf . . . Kortüm verbeugte sich . . . der vierte war 365 bereits der letzte, und Violante sah ihn an und lachte: »Würden Herr Kortüm meiner Zofe nebenan befehlen, sie möchte die Güte haben, mir Tee zu verschaffen?« Auf dem Gang stand der Herr dieses Hauses still, sah lange die weißlackierte Tür an, sah die Zimmernummer an. Dann sagte er vor sich hin: »Aberglaube, natürlich – und dazu Möbelrücken – Tischrücken – nun, davon hat man gehört. Spiritismus ist heute übrigens verboten.« Er ging ein paar Stufen hinab, blieb noch einmal stehen, sah wiederum die weiße Tür an, hinter der Violante Sconosciuta vermutlich ohne Pyjama auf dem rosa Daunensegel ruhte: »Na, Spiritismus . . .« Dann ging er wirklich ab und verschwand im Geschäftszimmer des Flügelhauses.   Schießbaumwolle Mitternacht war lange vorüber. Die Fenster des Flügelhauses standen dunkel gläsern in der Hauswand. Auch kein Mondlicht spiegelten sie. Der Himmel hatte sich bezogen. Eine warme sternenlose Nacht. Irdisches Licht spendeten in dieser Stunde nur noch zwei Quellen im Schottengelände: aus dem Ostfenster der »Waage« fiel ein heller Schein. Und der plätschernde Püsterich. Um den Brunnen schienen von ferne gesehen Funken zu glimmen, zu verlöschen, wieder aufzuleuchten. Herr Specht aus Zittau – jener Herr, der seinerzeit nur als Verwandter und infolge des Erdbebens nur ganz kurz bei Herrn Kortüm weilte, sich jedoch in diesem Juni als ordentlicher Gast im Flügelhaus erholte – Herr Specht hatte diese Erscheinung eine Weile von seinem Zimmer aus beobachtet. Durch frühere auffallende Naturerscheinungen in diesem Gelände gewitzigt, beschloß er, der Sache auf den Grund zu gehen. Er zog einen Regenmantel über das Nachthemd, schützte die Füße durch Hausschuhe, stieg leise durch das schlummernde Haus und näherte sich vorsichtig dem Püsterich. »Nu möcht ich wissen, was da noch im nassen Grase rumzuschleichen hat«, hörte er jemand sagen. Also nur Menschen, dachte Specht, trat heran, erkannte mehrere Männer und vermochte die beweglichen Funken als glimmende Zigarren festzustellen. »Guten Abend«, sagte er. 366 »Guten Morgen«, antwortete Herr Kortüm, »wer ist das?« »Verzeihung – Specht.« Ah, man erkannte sich. Kortüm, Monich und Doktor Windhebel saßen noch bei Wein und Tabak. »Bitte«, lud ihn Kortüm ein. »Ich bin allerdings nicht völlig im Anzug«, sprach Specht zögernd. »Das kommt in dieser Gegend sogar bei Tage vor«, beruhigte ihn Windhebel. »Nicht wahr, Herr Kortüm?« »Setzen Sie sich«, sagte Kortüm. Specht nahm Platz, und Doktor Windhebel verbreitete sich über die verschiedenen menschlichen Trachten. Er gliederte die Kostümkunde sowohl nach Erdteilen als nach Zeitaltern. Das Schottengelände sei besonders ergiebig für Trachtenforscher. Hier verwischten sich alle Grenzen. Man erblicke gleichzeitig längere schwarze Röcke, kürzere helle, – ja es seien Exemplare einer Gattung beobachtet worden, die nur mit einer Art Taschentuch bekleidet wären. Herr Kortüm war viel zu müde, um sich auf Windhebels Darlegungen einzulassen. Längst läge er in seinem Bette – wenn er den Gästen hier im Freien getraut hätte. Ohne Aufsicht konnten sie nicht bleiben. Die Ankunft des Films am Mittag hatte Lärm genug gemacht: jetzt mußte Ruhe sein im Haus. »Bist du nicht müde, Monich?« »Wenn ich was zu trinken habe, nee.« Windhebel schenkte Monichs Glas voll bis zum Rande. »Sie stecken in einer neuen wissenschaftlichen Arbeit, wie man hört, Herr Doktor, und sehnen sich gewiß auch nach Schlaf.« »Schlaf ist gut, Herr Kortüm, aber im allgemeinen nicht der Zustand, in dem wissenschaftliche Arbeiten gedeihen«, und er schenkte sich ein. Seufzend blickte Herr Kortüm nach dem erleuchteten Fenster der »Waage«. Die World redete auch noch. Seit geschlagenen acht Stunden – nun, eine Million und zweimalhunderttausend Mark: da konnte man es wenigstens verstehen. Das dumpfe Murmeln in der »Waage« schwoll von Zeit zu Zeit an wie Meeresrauschen, dann sank es wieder. Zuweilen öffnete jemand das Waagefenster, aber immer nur kurze Zeit, denn Herr Kortüm hatte im Interesse des Hausganzen dringend um Ruhe nach elf Uhr abends gebeten. Hin und wieder hörte man auch die Waagetür auf der anderen Seite klappen. Dann trat einer der Filmschaffenden ins Freie und lustwandelte ein paar Schritte. Wenn er um das Haus herumkam, sah man seine Silhouette gegen den Nachthimmel. 367 Jetzt erschien dort wieder ein solches Schattenbild, das sich aber offenbar nicht nur die Beine ein wenig vertrat. Der Schatten wuchs. Man hörte nahende Schritte. Da stand die Silhouette gewaltig neben dem plätschernden Püsterich. Utzenstorff, dachte Kortüm. »Ich kann nichts erkennen«, sprach der Schatten, »aber es riecht nach Tabak.« »Bitte, Sumatra mit Havannaeinlage.« Herr Kortüm hielt ihm die Kiste hin. » Sie sind es also. Mein Alliierter, haha! Wissen Sie, was Sie für die World getan haben? Sie wissen es nicht!« Utzenstorff reichte dem Herrn des Flügelhauses seine beiden Hände: »Herr Kortüm, ich danke Ihnen –« »Nicht der Rede wert.« »– zugleich im Namen der World. Violante Sconosciuta ist zufrieden mit Ihnen. Sie fühlt sich wohl bei Ihnen. Sie wird sich morgen nach menschlichem Ermessen voll entfalten. Ich werde Filme mit Stars nur noch bei Ihnen drehen. Haben Sie übrigens einen kleinen Tropfen Wein zur Hand?« Monich eilte zum Püsterich und entnahm dem Wasserbecken eine gekühlte Flasche sowie ein gekühltes Glas. Utzenstorff wies nach dem Himmel: »Gewölk.« Er hatte Sorgen. Wenn das Wetter umschlug, wurde es schwierig, Violante in solcher Einsamkeit bei guter Stimmung zu erhalten. »Ja«, sagte der Chef der Produktion, »wir müssen es heute zu Ende bringen. Es ist gut, daß Sie noch auf sind, Freund Kortüm.« Er stieß mit ihm an: »Sie müssen mir helfen.« »Es ist zwei Uhr vorüber.« »Deshalb, lieber Kortüm. Hören Sie. Die Sconosciuta muß geweckt werden.« »Alle Wetter«, sagte Monich. »Ich muß morgen drehen. Das Buch muß fertig sein. Da ist eine heikle Stelle. Ich wollte sie morgen mit ihr besprechen. Gewölk« – Utzenstorff wies abermals nach dem Himmel – »diese Nacht noch wird die Sache geklärt.« »Davon verstehe ich gar nichts.« »Es handelt sich nicht um die Stelle im Drehbuch. Es handelt sich ums Wecken. Wecken wir falsch, ist die Sache hoffnungslos. Aber wecken muß man. Wer weckt? Mein Assistent? Den schmeißt sie raus. Ich? Hm. Gewiß, aber das Wecken bekommt dann so etwas Dienstliches. Wenn Sie dienstlich geweckt werden, meine Herren: empfinden 368 Sie dabei das Wohlgefühl, welches bei einer Sconosciuta die Vorbedingung einer reizvollen Anmut ist?« »Nee, verdammig«, sagte der erfahrene Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr. »Also. Sie muß in guter Stimmung sein. Das Drehbuch hängt dran. Der Film hängt dran. Eine Million und zweimalhundertausend Mark hängen dran – Kortüm: Sie müssen Violante Sconosciuta wecken.« »Gott soll mich bewahren!« »Ein Mann wie Sie, ein Mann, den sie schätzt – bitte, sie hat es mir selber gesagt. Ja, wenn Sie an ihr Bett treten, wie Sie sind: im schwarzen Rock, gemessen, aber so in Ihrer Art, Kortüm, und wenn Sie zum Beispiel sagen: Violante, steh auf – ich bin's, Kortüm.« »Hähä«, sagte Monich. »Verzeihung, aber –« »Dann lächelt sie. Vielleicht lacht sie sogar. Und darauf kommt alles an –« »Aber –« »Aber! Gut: sagen Sie irgend was andres. Sagen Sie, wie es Ihnen ums Herz ist.« »Unmöglich, Herr Utzenstorff.« »So. Dann dauert eben unsre Sitzung bis morgen früh. Ich lasse sämtliche Lesarten des Dialogs aufsetzen, damit es am Drehtag wenigstens keine Schreiberei mehr gibt. Aber es ist schade. Ich bin müde. Und mein Stab ist auch müde und wird stündlich nervöser.« »Bis es Tag ist, wollen Sie in der ›Waage‹ sitzen?« »Wollen?! Ich muß, weil mich mein Alliierter vorm Feind im Stich läßt.« Durch Kortüms müdes Hirn schossen die Gedanken: nervös ist der Stab. Jetzt schon. Übermüdete Gäste werden grob. Grobe Gäste schlagen Lärm. Das Flügelhaus wird unruhig, die Kurgäste fahren aus dem Schlaf, das Flügelhaus steht auf. »Glauben Sie wirklich, daß ich, gerade ich es sein muß . . .?« »Sie. Oder keiner.« Um noch Schlimmeres zu verhüten, mußte sich jetzt der verantwortliche Herr des Flügelhauses entschließen, zu Nummer eins hinanzusteigen und den schlummernden Star zu wecken. »Genügt nicht klopfen?« »Kortüm!« rief Utzenstorff, »klopfen kann der Stiefelputzer auch. Nein. Sie treten an ihr Bett –« 369 »Das Zimmer ist verriegelt!« »Es ist nicht verriegelt. Die Sconosciuta bekommt hinter verschlossenen Türen Angstzustände. Alle Welt weiß das. Also Sie treten an ihr Bett –« Der Anschlag wurde noch einmal bis in alle Einzelheiten durchgesprochen. Utzenstorff eilte in seine Sitzung. »Mut, mein Freund!« Kortüm erhob sich langsam. Monich wollte ihn wenigstens bis an die Haustür begleiten. »Laß, Monich. Egmont ist in Antwerpen auch ohne Stütze aufs Schaffot gestiegen.« »Ja ja«, murmelte Doktor Windhebel gedankenverloren, » C 6 H 8 (NO 2 ) 2 O 5 .« »Wie meinten Sie?« »Ach – nur, daß Kollodium eine alkoholisch ätherische Lösung von Schießbaumwolle ist, aus der Sie Zelluloid machen können, wenn Sie sie nicht grade zum Sprengen brauchen. Zelluloid ist aber die Grundsubstanz des Filmes. Eine bedenkliche Verwandtschaft, Herr Kortüm.« »Feuergefährlich is sie auf jeden Fall«, sagte Monich. »Lassen Sie wenigstens Ihre Zigarre hier«, riet Windhebel. »Die paßt weder zu Zelluloid noch zu Sconosciuta nachts um zwei.« »Ich gehe jetzt« – Herr Kortüm warf die Zigarre weg – »aber ich tue diesen Gang um des Hausfriedens willen; meine Herren, reden Sie in meiner Abwesenheit gedämpft. Ganz als ob ich da wäre. Es muß nachts Ruhe sein im Flügelhaus.« Er verschwand. Die Fenster Violantes gingen nach Süden. Sehen konnte man nichts. Aber Monich war neugierig: »Ob wir mal ums Haus rum gehn? Von dem langen Sitzen werden ja die Beine steif.« Windhebel hatte keine Lust dazu. Die strategische Lage dieses Tisches zwischen »Waage« und Hoftür sei die denkbar beste. Herr Specht könnte ja auf der anderen Seite des Hauses nachsehen, ob Licht bei ihr würde. »Ich habe Hausschuhe an« – Specht sprang bereitwillig auf – »mich hört niemand.« Er knöpfte seinen Regenmantel zu und begab sich unhörbar auf die Südseite des Flügelhauses. »Wunderbar«, sagte Windhebel vor sich hin: »Der König ist am Zuge, der Läufer im Hinterhalt, die Dame blockiert – das Nichtberechenbare ist das Tiefe am Schach –« »Wodran?« 370 »– und Remis sollte man mit Gerechtigkeit übersetzen. Wunderbar«, wiederholte er, »mit der Erdkruste ist es so so, aber der Mensch ist noch gewagter konstruiert. Ihr Wohl, Herr Monich! Manches lohnt sich doch.« »Manches ja un manches nee. Prost, Herr Doktor!« Er korkte eine neue Flasche auf. Das Schottengelände lag in tiefer Stille. Über den östlichen Himmel flog ein bleigrauer Schein. Der Püsterich plätscherte. Manchmal klang das Murmeln der World aus der »Goldenen Waage« herüber. Jetzt kam jemand vom Haus her auf den Tisch am Brunnen zu. »Specht? Haben Sie was sehn können?« »Dieser Schafskopf steht auf der Südwiese. Frau Sconosciuta hat das Fenster aufgemacht und ihn gesehn. Was da für ein Kerl steht, hat sie mich gefragt. Der Nachtwächter, habe ich schnell gesagt.« »Du schon, Kortüm?« Ehe Herr Kortüm ja sagen konnte, betrat auch Specht den Platz: »Meine Herren, ich habe alles bemerkt. Erst wurde in einem Zimmer Licht, dann im andern. Dann hat sie am Fenster gestanden –« »– und hat gefragt, ob Sie wieder einen Bericht an die Presse abfassen wollten«, sprach Herr Kortüm, ohne der schlummernden Gäste zu gedenken, mit lauter zorniger Stimme. »Mistpöffers, wie?!« »Aber Herr Kortüm! Sie sind schon wieder zurück?« »Zum Teufel, Herr Specht, seit zehn Minuten warte ich, daß Sie von der Wiese weggehn!« Herr Kortüm log aus Sorge. Der Gedanke an Spechts Pressenotizen beunruhigte ihn wirklich. Seinerzeit war auf Grund der Zeitungsnachrichten nur ein Erdbebenforscher im Flügelhaus erschienen. Gott mochte wissen, wer es in diesem Fall für seinen Beruf hielt, Kortüms Weckergang zu Violante wissenschaftlich zu ergründen. »Nicht ein Wort schreiben Sie, Herr Specht!« »Wenn Sie's nicht wünschen, aber nein doch.« »Also erzählen Sie«, mahnte Windhebel. »Es gibt nichts zu erzählen. Ich weckte. Sie wunderte sich und stand auf.« »So einfach vor dir auf un raus ausm Bett?« »Solche Damen tragen nachts und manchmal auch tags allseitig geschlossene Schlafanzüge, Monich.« »Und sie hat gar nichts gesagt?« »Wenig, Herr Doktor.« »Was etwa?« 371 »Ach, sie . . . Ja, wissen Sie, die Dame muß einen Verwandten besitzen, der von Beruf Pastor ist.« »Hören Sie mal – die Sconosciuta?« »Warum nicht? Jedenfalls muß dieser Verwandte einige Ähnlichkeit mit mir haben. Wie sie so erwacht, die Augen reibt, mich ansieht, ja, da hat sie mich offenbar mit dem Herrn verwechselt. Sie verstehen, wenn man aus dem Schlaf gerissen wird . . .« Windhebel war aufs höchste verwundert. Er wagte kaum zu atmen vor Neugierde: »Wie haben Sie denn das gemerkt?« »Daß sie mich mit dem Pastor verwechselte? Ja, sie fragte mich, ob, ja ob ich sie trauen wollte. Hm.« »Trauen?« »Sie verstehen, Herr Doktor, die Dame verwechselte mich. Sie hielt mich für den Pastor. Ich erzähle das so ausführlich, damit keinerlei unsinnige Nachrichten in Umlauf kommen, Herr Specht!« Der Erdbebenforscher verstand kein Wort: »Das müssen Sie noch einmal sagen.« »Nun, Herr Doktor, wenn eine junge Dame sich nicht gleich besinnen kann, da denkt sie leicht an so was wie Trauung. Wundert Sie das? Ja, ob ich sie trauen wollte, hat sie gefragt.« »Je, wenn die Fräuleins aufwachen un plötzlich was Männliches an ihrem Bette stehn sehn, da kann das schon sein, daß sie schnell an Hochzeit denken.« »Da Sie, wie ich annehme, die Dame nicht getraut haben, Herr Kortüm, was haben Sie ihr geantwortet?« »So gut wie nichts. Bloß ganz kurz: ›Ich komme im Auftrag der World, gnädige Frau‹.« »Ah. Und sie?« »Ich sagte ja bereits, sie verwechselte mich. Sie redete mich immer als ihren Verwandten an. Herr Pastor, hat sie gesagt. Dann rieb sie sich die Augen. Was sie noch sagte, war nicht gut zu verstehen. Die Dame war sehr verschlafen. Mit der World? glaubte ich sie fragen zu hören. Sie suchte nach ihren Pantöffelchen. Dabei mußte sie lachen. Das Letzte verstand ich dann wieder: ›Mit der World gibt das aber einen Ehebruch, Herr Pastor.‹ Bitte, Monich, der Kognak steht da im Gras. Nein, dort. Komm nicht an die Brennessel. Rasch. Danke, ein Glas nicht erst.« Herr Kortüm goß von der bernsteingelben Flüssigkeit nicht wenig in sein leeres Weinglas, nahm sie in kleinen Schlucken zu sich und sprach 372 dabei: »Und nun, meine Herren, ist dieser Tag zu Ende. Gehen wir. Es wird schon hell.« Aber es kam immer noch nicht zum wohlverdienten Gutenachtwunsch. Das Murmeln in der »Waage« hatte sich inzwischen zu einem dumpfen Tosen erhoben. Das Geräusch stieg an. Kortüm hatte noch nicht das Glas auf den Tisch gestellt, da klang es schon wie der Trubel eines etwas entfernten Marktfestes. Jetzt ertönte über der gleichmäßig brausenden Mittellage ein scharfer Sopran, und im selben Augenblick brach unter dem Ganzen ein schwerer Einzelbaß hervor. Dann hörte man eine Weile keine Melodie heraus, weil sämtliche Stimmen gleich kräftig intonierten. »Dazu habe ich diesen Gang getan!« rief Herr Kortüm. »Lauf schnell hin. Vielleicht kannste sie noch beruhigen.« »Das ist wohl das einzige Mittel«, bemerkte Windhebel. Kortüm lief. Der Lärm wurde immer stärker. Kortüm lief, was er konnte. »Zu glauben is das nich: eine Stube voll Menschen kriegt so'n Krach fertig.« »Es nimmt immer noch zu.« »Ob da vielleicht was passiert is?« Windhebel antwortete nicht. Aber schon klappten im Flügelhaus einige Fenster. Im ersten Grau des Morgens bewegten sich Vorhänge. Köpfe erschienen. »Jetzt wird's ernst.« Vor allem für Herrn Kortüm wurde es ernst. Er stand in seiner »Goldenen Waage« wie an Bord eines untergehenden Schiffes, auf dem die Fahrgäste nicht mehr wissen, was sie rufen und tun. Sie schrien sich an, so laut sie konnten, aber Kortüm konnte nicht einmal verstehen, was hier im Untergang begriffen sein sollte. Einer der Herren hielt ein dickes Buch in den Fäusten, schmetterte damit unablässig auf den Tisch und rief dazu: »Für Idioten schreibe ich nicht!« Ein andrer Herr aber schrie ihm ins Ohr, er möge sich begraben lassen. Und die Sconosciuta hatte zweifellos alle Fassung verloren. Sie zerriß große Mengen beschriebenen Papieres in kleine Fetzen, trat mit den rosa Pantöffelchen darauf. Der schwere Tabaknebel hinderte an einer genauen Übersicht. Aber in einer Wolkenlücke bemerkte Kortüm einen Mann in Hemdärmeln und mit einem Rotstift zwischen den Zähnen, der am Boden herumkroch und die Manuskripte zu retten versuchte. Er sammelte die Fetzen und schimpfte dabei aus vollem Halse. Plötzlich trat 373 ihm Violante aus Versehen auf die Hand. »Hallo!« rief der Mann, ergriff ihr Fußgelenk wie ein Krebs und hielt es in der Notwehr, so fest er konnte. Jetzt aber schrie die entsetzte Sconosciuta auf. Utzenstorff befahl dem Assistenten, den Mann unterm Tisch herauszuholen. Aber der Assistent konnte nicht, er mußte die Sconosciuta in seinen Armen festhalten. »Luft!« stöhnte sie, »Luft . . .« Wie leblos lag sie an des Assistenten Schulter, der die Hinsinkende mit der Linken umfaßte, mit der rechten Hand aber verzweifelt am Griff des Fensters drehte, um Luft zu schaffen. Der Griff saß fest, es war das selten geöffnete Nordfenster. »Man schweige jetzt!« Diesen Befehl Utzenstorffs hätte man eigentlich in Besenroda hören müssen. Die World wurde noch lauter. Aber aus der Brust des Chefs der Produktion brach nun ein Löwenton: »Ruhe! Seht auf den Kern der Sache! Der Film existiert, solange er rentiert!« Über dem Getöse schwebte jetzt beherrschend sein gewaltiger Baß: »Film ist nicht allein da für uns, für eine nicht nennenswerte dünne geistige Oberschicht . . .« Endlich hatte der Assistent das Fenster auf, Violante öffnete die Augen, Utzenstorffs Schlußworte erhoben sich zum Donnerklang: »Film ist fürs Volk!« »Fürs Volk . . .« klang es vom Lohberg – Die World horchte auf – »Volk . . .« kam das Echo vom Hachelstein zurück – Totenstille in der »Goldenen Waage«. Tief aus der Goldenen Aue her klang es noch einmal ganz leise: »Volk . . .«   Volk Gelassen, in seinem alten gemeßnen Schritt, dessen Takt er einen halben Tag und beinahe eine ganze Nacht lang nicht hatte finden können, kam jetzt Herr Kortüm über den Schottenhof. Wald und Haus lagen im frühen Grau, aber durch das Gewölk schossen die ersten Sonnenstrahlen. Kortüm ging, als wenn er allein im Morgengrauen dieser Landschaft wäre, blieb stehen, sah nach dem Wetter, rieb das Kinn: er hatte nicht nur seine alte Gangart, er hatte sich wiedergefunden. Monich stand auf: »Kortüm, du verstehst's. Mausestille is es geworden. Auf einen Schlag.« »Sie können Wunder tun«, sagte Windhebel kopfschüttelnd. 374 »Ich nicht«, sprach Herr Kortüm. »Herr Specht, wecken Sie die Köchin. Sie soll Kaffee kochen. Ziehn Sie sich bitte bei dieser Gelegenheit ordentlich an. Mit dem Regenmantel und den nackten Beinen, das geht nicht, es ist Tag. Dann kommen Sie wieder –« »Gewiß, Herr Kortüm.« » Starken Kaffee!« rief ihm der Herr des Hauses nach. Windhebel betrachtete diesen Wirt. Wahrhaftig, dachte er, Holdermann hat's getroffen. Jetzt sieht er seinem Ölbild in der Halle ähnlich. »Sie haben gesagt, nicht Sie hätten Ruhe geschafft?« fragte er, »der Dicke wohl, der Filmchef oder wie er heißt?« Herr Kortüm schüttelte den Kopf: »Nimm doch die Flaschen vom Tisch, Monich! Und die Gläser. Wie sagten Sie? Ah – wer . . .? Mein Echo, Herr Doktor.« »Wer??« Kortüm legte ein Bein übers andre und sah wieder nach dem Wetter: die Wolken wälzten sich langsam umeinander, ein rotgoldner Lichtschwaden brach eben durch das graue Gewühl am Himmel. Aber Windhebel wollte Antwort haben: »Sie haben ein Echo?« Monich wußte Bescheid: »Da hinten, nee dort, da hat er eins.« »Und das ist eingesprungen, Monich. Im letzten Augenblick.« Kortüm atmete hörbar die feuchte würzige Morgenluft ein. Windhebel blickte abwechselnd seine beiden Tischgenossen ratlos an. »Wenn du grob wirst un die Gäste hörn deine Grobheiten gleich dreimal auf einmal, das merken sie.« » Meine Worte? Nein, Monich. Ihre eignen haben sie gehört. Nur so wirkt's. Wenn man sich selber im Echo vernimmt, schließt man ebenso schnell den Mund, wie man beim Anblick seines Porträts mit den Augen zwinkert. Die World ist still geworden.« »Das Verfahren müssen Sie sich patentieren lassen. Ein Echo im richtigen Augenblick käme manchem zustatten.« »Ich habe mein Echo und gönne jedem sein Echo. Eigentumsrechte würden dem Echobesitz nur schaden.« »Paßt auf«, sagte der Gelehrte in tiefen Gedanken, »wenn schon der Laie die Grenzgebiete der Physik sich nutzbar machen lernt – Sie scheinen in mehrfacher Hinsicht dafür begabt zu sein, Herr Kortüm – dann kommt der Tag, an dem jeglicher Mensch seine Rolle nach einem Drehbuch spielt, und die andern sehn ihm zu, als ob er lebte.« »Wenn das Leben selber nicht wäre!« Kortüm sprach wieder sehr überheblich. 375 Windhebel ärgerte sich und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Leben? Ihr denkt immer, ihr seht's. Und seht nichts davon. Nur sein Gerüst, das es sich baut.« Er riß einen Grashalm ab: »Da.« »Ein Gras«, sprach Herr Kortüm. »Eine Zellulosekonstruktion«, verbesserte Windhebel grob, »Gewebe. Gewiß: großartig. Aber nur die Form.« Er putzte seine Brille und knurrte dabei, hin und wieder durch die Gläser blickend: »Unverbesserliche Gesellschaft. Freilich – solange das bißchen Erde stille hält und nicht ruckt an eurer Herrlichkeit, so lange seht ihr die Form an, als ob die Leben wäre. Und wenn sie sich bewegt, geht beides in einem hin. Ja« – jetzt blickte er über Herrn Kortüm weg ins graue Frühgewölk hinaus – »ja, bewegte Erde leidet keine Form. Und in bewegte Erde könnt ihr nichts säen. Und auf bewegtem Grunde wächst nichts – Ihre Erdbeben freilich, Herr Kortüm, die scheinen das Lebensgefühl zu erhöhen.« Eine Anspielung auf den bekannten Achtzehnten jenes Monats veranlaßte den Flügelhauswirt jedesmal das Gespräch höflich aber rasch zu wenden. Er bückte sich, nicht nach einem bloßen Grashalm – eine der Glockenblumen, die um den Püsterich wuchsen, zog er vorsichtig mit den Würzelchen aus der Erde: » Wenn es ruckt. Aber es ruckt nicht« – er legte das zarte Ding mitten auf den leeren Tisch – »und es lebt.« »Das? Nein. Da drin lebt's. Meine Kollegen, die damit zu tun haben, nennen Protoplasma, was da lebt.« »Ein Fremdwort«, sprach Herr Kortüm achselzuckend. »In Ihr Museum können Sie's freilich nicht setzen . . . das heißt, hm . . . doch, Sie können, wenn Sie Lust haben.« Kortüm sah den Erdbebenforscher mitleidig an: »Das Leben?« »Sagen wir für jetzt Plasma dafür, sonst reden wir, bis es wieder Nacht ist. Also – wenn Sie wollen, können Sie es unter Nummer – welche ist dran?« »Nu«, sagte Monich nachdenkend, »so rund tausend muß dran sein.« »Ausgezeichnet. Als tausendundeintes Stück erscheint im Kortüm-Museum Seine Majestät das Leben – wohnt hierherum ein Lohgerber?« »Bitte wer?« »'n Lohgerber? Nee. Der nächste is erst in Erfurt. Da weiß ich zweie. Gleich hinterm Dom.« »Herr Kortüm, lassen wir uns von unserm Freund Monich hinter 376 den Dom führen. Die Partie lohnt. In der Lohbrühe nämlich schwimmt die Gerbrinde, und auf der lebt Leben: rein als solches, hautlos nacktes Plasma. Lohblüte sagt der Gerbermeister, aber der Mann weiß nichts. Gelb sieht es aus, ein Schleimklecks mit einem lateinischen Namen. Dieser Schleim, Herr Kortüm, kann sich fortbewegen –« »Nun . . .« begann der Herr des Flügelhauses. »Wenn schon, denken Sie. Aber einen Menschen, der Augen im Kopf hat, erschreckt das Ding mehr als ein gewöhnliches Erdbeben. Ich kenne jemanden, der ist von dem Anblick schwermütig geworden.« »Auch ein Gelehrter von der Sternwarte?« Windhebel schüttelte den Kopf und sprach langsam, damit ihm das Bild jenes Mannes unterm Reden erst wieder deutlich wurde: »Eigentlich hat er Geschichte studiert. Nach ein paar Jahren sah er wohl, wie sie auf Gott zu läuft – aber in einem einzigen Strom von Blut und Tränen. Da wollte er sich aus den schaurigen Dokumenten retten und lief zur Botanik über; scientia amabilis nannten sie noch unsere Großväter. Ja, und nach einem Jahr wußte er, daß auch sie zu Gott treibt – aber auf einem einzigen Strom von Plasma und Todesangst . . . die Kreatur, Herr Kortüm . . . Wir gehn nach Erfurt hinter den Dom und sehn uns an, wie das Leben dort beim Lohgerber lebt. Beim Hinkriechen verändert dieses gelbe Wesen seine Gestalt, unablässig seine Gestalt, Herr Kortüm. Es ist ohne Haut und ohne Form: das Leben selber lebt Ihnen da ohne feste Gestalt, ohne Maske vor der Nase.« »Ohne Gestalt«, sagte Kortüm, »wie soll das sein, wenn es sozusagen nichts ist und doch lebt?« »Nummer tausendundeins: das Leben ohne Maske. Je mehr ich überlege: das fehlt im Kortüm-Museum. Ich schreibe dem Apotheker die Lösung auf, in der wir's konservieren. Den Text verfassen besser Sie.« »Die Materie ist mir zu fremd. Ich treffe den Ton nicht.« »Sie werden ja die Grundsubstanz der irdischen Ewigkeit mit Ihren eigenen Augen sehn! Sehen, wie sie sich bewegt, ohne Gestalt zu haben. Wie sich das Klümpchen an einer Stelle zu wölben anfängt. Als wenn ein Fuß wüchse. Plötzlich ist ein Ast geworden. Noch einer stülpt sich heraus. Eben war er noch da, jetzt schrumpft er und fließt in die Masse zurück. Es war aber weder Fuß noch Ast. Scheinformen, verehrter Echobesitzer! Das Ding auf der Gerberlohe – hören Sie, Herr Kortüm? – dieses Wesen sieht so aus, wie es jeweils nötig ist.« 377 Monich hatte diese lange Darlegung mit noch mehr Widerwillen über sich ergehen lassen, als damals jene greuliche Erdbebenschilderung: »Wir bieten gottlob immer ein und denselbigten Anblick, Kleinigkeiten abgerechnet.« Windhebel sah Monich über die Brille an: »Wer – wir?« »Nu, unsereiner. 's menschliche Lebewesen.« »Scheinform«, wiederholte Windhebel in demselben singenden Ton, der Monich eben so geärgert hatte. »Scheinformen. Wie bei Fuligo varians wandelbar hervortretend aus der unbekannten Grundsubstanz.« »Wieso'n Fuligo ? Wen meinen Sie denn damit?« »Was der Gerbermeister Lohblüte nennt, das heißt so. Sie können auch Aethalium  –« »Wie das heißt, tut nischt zur Sache. Ich, iche jedenfalls, ich habe meine zuverlässige Figur un verändere mich nich, un ich komme auch nich erst aus was raus, wenn ich hier sitzen will« – er schlug mit der Hand auf den Tisch, lüftete seinen Sitz ein wenig und nahm dann wieder mit Gewalt Platz auf seinem Stuhl. Kortüm legte sich ins Mittel: »Der Herr Doktor will dich nicht beleidigen, er meint es nur bildlich, Monich. Nicht deine Person wurde als eine Scheinform bezeichnet. Im Gegenteil, nicht wahr, Herr Doktor? Ich habe bei gelehrten Gästen wiederholt eine Ausdrucksweise beobachtet, die nur ihnen selber verständlich ist.« »Unsereiner, habe ich gesagt; un Scheinform hat er geantwort'.« »Und ich verstand nur – nicht wahr, Herr Doktor? – wie Scheinform aus einer Grundmasse kommt, aus, aus –« »Aus Plasma, Herr Kortüm. Aber Herr Monich ist es gewesen, der es auf den Menschen gewendet hat, und so sagen wir in unserem menschlichen Falle: aus Volk .« Kortüm hatte zu Gunsten Windhebels vermitteln wollen, aber jetzt sah er deutlich, daß der Gelehrte von seinem Plasma auf eine Sache gekommen war, von der er nichts verstand. Hier war Kortüm, der Gastwirt, Fachmann. Ihm kamen die verschiedenen Menschenformen, deren Summe man als Volk bezeichnet, Tag für Tag unter die Hände: »Sie kennen das nicht aus Erfahrung, Herr Doktor. Man kann deutlich unterscheiden Bauern, Arbeiter, Bürger, Adel –« »Alles das« – Windhebel unterbrach ihn – »und noch viel mehr. Im Lauf der Zeiten treten solche scheinbaren Formen hervor aus einer Grundsubstanz, die wir Volk nennen, und fließen, die Gestalt wandelnd, wieder zurück in das, was sie alle zusammen sind und nach dessen 378 Lebensbedürfnis sie erschienen. Die Substanz selber hat selten ein Mensch erblickt als das Ganze, das lebt, und dann nur blitzartig, einen Augenblick, niemals einen vollen Lebenszug lang.« » Ich sehe 's Volk. In meinem Laden, un wenn's brennt«, knurrte Monich, »wenn Sie's nich sehn –« »Deswegen wollen wir ja nach Erfurt hinter den Dom, Bester. Auf der Gerberlohe, da sehn wir das ganze Wesen leben, nicht nur die Scheinglieder. In unserem menschlichen Falle ist das schwieriger. Da können wir nicht einen kleinen Ausflug machen und so vorm Essen einmal das unbekannte Ganze ins Auge fassen. Volk lebt in großen Epochen. Wenn der einzelne den Anfang eines Atemzugs Geschichte erlebt, ist er längst gestorben und verwandelt, noch ehe es wieder ausgeatmet hat. Unser Leben ist zweifellos zu kurz. Das Gehirn ist für eine Lebensdauer zu groß dimensioniert. Dieser Konstruktionsfehler ist das Erzübel und die Erztragödie.« Windhebel sprach von jetzt an sehr laut, aber Kortüm vergaß über dem Zuhören das Ruhebedürfnis seiner schlafenden Gäste. »Generationen um Generationen können hingehn, ohne je Volk bemerkt zu haben! Stände haben sie erblickt, Berufe, ja und sonst was, und haben gedacht: der Stand und der oder die und die zusammen, das ist Volk. Aber es gibt Zeiten, in denen Volk wahr und wahrhaftig bemerkbar wird wie das Protoplasma als Fuligo varians .« Windhebel machte eine Gesicht wie ein frommer Katholik, der das Kreuz schlagen will, Kortüm hatte ihn nie so gesehen. »In den ganz großen Augenblicken, alle paar Jahrhunderte, wenn alles einfallen will, wenn alle die Zweige und Füße, die sich Volk zu nennen beansprucht haben, zurückfließen, wenn alles eines ist, ohne Scheinformen – dann wird die Grundsubstanz mobil. Sie selber bewegt sich. Und dann bemerken wir sie mit unseren Sinnesorganen. Wie zwischen dem Wehen eines Vorhangs. Für furchtbare Momente. Blitz-erhellt. Wen Gott lieb hat, den läßt er dann geboren sein.« Windhebel sah Kortüm, sah Monich an und sprach grimmig weiter: »Meine Erdbeben sind ein Sommergewitter gegen die Kräfte, die dann frei werden, wenn Volk, Wesen Volk, bemerkbar wird für die, die es selber sind. Wenn es sich in Bewegung setzt, als ob es nicht nur Leben wäre, sondern als ob es Form hätte.« Windhebel riß plötzlich die Brille ab und klopfte mit dem Nickelgeschirr auf den Tisch zu den Worten, die nun kamen; die beiden Männer sahen ihn erschrocken an. »Da steht ihr und seht es leben aus sich selbst. Leben selber, ohne irdische Gestalt. Wie das vielleicht, was der Pastor Gott nennt auf der Kanzel. Oder was 379 am Anfang war. Getrieben von der einen Ureigenschaft der lebenden Substanz: den Lebensraum zu erfüllen mit sich.« Jetzt konnte Kortüm mitdenken. Er sah im Geiste den Turm der Michaeliskirche über Hamburgs Dächern und die seenbreite Unterelbe, die Alte Liebe und das offene Meer. Tausend Schiffe sah er, die mit der Elbe strömten wie dieses alte Gewässer selbst in die blaue Weite der Erdkugel. »Volk«, nickte er, besitzfroh wie damals, als er Holdermann vom Flügelhaus aus die Nordsee gezeigt hatte, »Volk, wenn sich's bewegt –« Windhebel setzte seine Brille wieder auf: »– wenn im Bewegen die formende Gewalt erwacht, die ihm Gestalt anfühlt wie der Tiegel dem flüssigen Erz in ihm einen Schmelzgang lang. Gestalt, in der es ruhend sich selber erwirkt, denn – jeder Vergleich ist nur zur Klärung gut, dann wird er dumm – denn der Mensch ist nicht Fuligo varians .« »Ruht?« rief Herr Kortüm enttäuscht. »Wie Plasma ruht: strömt in sich selbst. Damit seines Wesens unbetastbarer unanschaubarer Kern sich teilend – aus Eins in Zwei, aus Zwei in Vier, aus Vier fortschaffend ins raumerfüllend Unendliche – sein Dasein zu erfüllen vermag und durch diese ewige Spaltung seiner selbst nun aus sich selber – sich selber erschaffen kann. Ja, wissenschaftlich ausgedrückt hieße das etwa populus proplasmaticus – oder auch –« »Volk«, sagte Monich trotzig, der immer noch nicht ganz versöhnt war. »Ist aber schwer zu verstehen, Herr Monich.« Kortüm wollte abermals vermitteln: »Jeder, der eine Sache speziell bearbeitet, Monich, versteht diese seine Sache am schwersten.« Windhebel lachte: »Weiter, Herr Kortüm! Jetzt kommt ein zweites Wesentliches.« »Nee«, sagte Monich, »nu kann ich nich mehr. 'n guter Pastor soll auch nie länger als 'ne halbe Stunde predigen, un jetzt will der zweite anfangen.« Ein Morgenwind fuhr durch die Tannenwipfel. Die drei blickten auf. Höher schwebten die Wolken. Schon standen einzelne hochragende Wipfel der Bäume im Frühlicht. »Das Wetter hält sich«, sagte Herr Kortüm. »Un wir nu auch – Donnerwetter, Specht, Sie haben 'n Kaffee wohl in Besenroda unten gekocht?« 380 Specht stellte das klirrende Brett hin: »Die Köchin schlief noch. Ich wußte doch nicht, wo. Der Stiefelputzer hat mir erst ihre Kammer gezeigt. Und dann mußte ich sie erst wecken und ihr die Sache erklären.« Windhebel nickte: »Eine seltsame Nacht. Erst muß der Herr die Sconosciuta wecken und dann der Gast des Herren Magd.« »Ah, hierher!« Herr Kortüm hatte gar nicht zugehört. »Die Sahne bitte.« Der Duft des Kaffees würzte die Morgenluft auf menschliche Weise. Sie strichen frische Butter auf Thüringer Schwarzbrot. Sie schlürften. »Nach solchem Tag«, begann Herr Kortüm – »– und solcher Nacht«, fuhr Windhebel fort – »– un solchen Predigten aufn leeren Magen«, schloß Monich und schenkte ein. Von der Straße her klang das Trappen einer Schafherde. Ein Hund bellte. Kersch kam aus dem Weidwald herunter und wollte in der Küche seine Kaffeeflasche warm machen. Bilmes sahen sie mit der Kiepe auf dem Rücken nach Esperstedt hinuntergehen. »Hü!« schrie ein Fuhrmann vorm Haus. Die Mädchen klapperten mit den Eimern. Die ersten Gäste traten aus der Tür, warfen die Rucksäcke über, legten die Hände über die Augen und suchten den Himmel nach verdächtigen Wolken ab. Ein Mann wetzte die Sense und begann die Wiese zu mähen. Zwischen den Bäumen sammelten Schulkinder Tannenzapfen. Eine Schar Frauen mit Marktkörben kam schwatzend und lächelnd den Besenröder Weg herauf – die Stille des Morgengrauens war gewichen, der neue Tag stand da und die lebendige Menschheit der frühen Morgenstunde mit ihm. »Volk«, sagte Monich kauend, wies mit dem Daumen über die Schulter, sah Windhebel von der Seite an und fügte voller Heimtücke hinzu: »Hä.« »Erscheinungen des Wesens«, wollte Windhebel anfangen, aber Kortüm hatte nun keine Zeit mehr zum Reden. Er machte eine große Armbewegung, die ihn und die Kaffeetrinker und alles umfaßte, was da mit der Sonne im Schottengelände aufgestanden war: »Wir«, sagte er. 381   Der neue Doktor Weiße klare Sonnenglut stand auch heute unbeweglich über dem Schottengelände. Vielleicht der gemächliche Schritt eines Hausmädchens war auf den läuferbedeckten Fluren des Flügelhauses zu vernehmen – nichts sonst. Das Schweigen der zehnten Morgenstunde eines Schönwettertages, Herrn Kortüms liebster Stunde, hielt das Flügelhaus in langatmiger Ruhe. Die erste Post war herein, die nächste schlechte Post konnte nicht vor dem Nachmittag kommen. Auch die erholungsbedürftigsten Gäste hatten nun gefrühstückt und das Haus verlassen. Sie erschöpften im Gehen und Transpirieren ausgiebig alle die Kräfte, welche an Regentagen bekanntlich auf den Gastwirt zielen, der ihnen rücksichtslos das Geld abnimmt trotz des schlechten Wetters. Nirgends sah der Herr des Hauses unmittelbar drohende Gefahr. Sogar die World tat das beste, was sie nach der aufgeregten Nacht tun konnte: sie schlief. Möge sie sanft schlafen und lange, dachte Kortüm, hängte den Rasierspiegel an den Fenstergriff und werkelte mit Seife und Stahlklinge in aller Behaglichkeit. Zuweilen sah er von seinem Spiegelbild weg auf den Kolmberg draußen, dessen frühmorgens tiefgrüner Hut um diese Stunde blaß im zitternden Blendlicht lag. Ganz fern im Walde oben schlug eine Axt, schlug, schlug gleichmäßig wie eine Uhr. Kortüm hörte auf mit Schaben und horchte . . . Ein fleißiger Mann, wollte er sagen – ihm standen schon von der Arbeit des Rasierens die Schweißtropfen aus der Stirn. Aber er horchte schärfer. Der Kies vorm Hause knirschte, und eine gedämpfte Stimme sprach: »Der Alte schläft noch.« Zornig gedachte Kortüm einen Gutenmorgenwunsch zum Fenster hinauszurufen, als eine andre Stimme sagte: »Sie haben je auch gesoffen die ganze Nacht. Weiß Gott, bis die Sonne aufging.« Und der erste Sprecher erwiderte: »Wo sie's nur hinsaufen.« Nun legte Herr Kortüm das Rasiermesser auf die Marmorplatte und überlegte, was einem solchen Kerl zu antworten sei. Konnte man ihm etwa klarmachen, daß er, Kortüm, ein Wirt, in saurer Pflichterfüllung eine volle Nacht kein Auge zugetan und obendrein schwere Gespräche hatte führen müssen? Seine Entrüstung war so groß, daß Kortüm jetzt erst fragte: wer sind die Halunken übrigens! Vorsichtig beugte er sein zunächst nur halbseitig rasiertes Gesicht über den Fensterstein. Natürlich, der neue Kellner. Der Mensch saß auf der Türstufe, riß das Maul auf, gähnte. Neben ihm lagen die Messer und Gabeln, 382 die längst geputzt sein mußten. Und vor ihm stand der Hausknecht – »hähä« – zog langsam, langsam seine grüne Schürze über den Kopf – ob der Kerl die Schürze bis Mittag runter kriegt? »Du«, sagte der Kellner, »der Portier is auch 'n Einfaltspinsel.« »Der? 'n ganz aufgeblasner Faulenzer.« »Weißte, was er vorhin zu mir gesagt hat? Portier, hat er gesagt, is mehr als Kellner. Der Portier rennt nich bloß rum un holt, was die Gäste wollen, der Portier muß 'n Gästen auch untern Hut gucken können, wenn sie zur Türe reinkommen, un mit einem einzigen Blick raushaben, was sie ausgeben.« Der Hausdiener hatte die Schürze zu einem säuberlichen Päckchen gefaltet. Jetzt strich er die letzten Falten glatt und sprach dazu voll Verachtung: »Wenn man so denkt, wie so 'n Kerl in seinem Bratenrock mitn Goldknöppen rumsteht, reine nischt tut un bloß seinen Bauch in die Sonne hält –« »Und eure Bäuche?!« donnerte Herr Kortüm hinunter. Seine linke Gesichtshälfte, dunkelrot vor Zorn, hob sich in heraldischer Klarheit von der eingeseiften rechten Hälfte ab; wie ein sprechendes Wappenbild erschien er zu Häupten seiner erschrockenen Diener: »Wie tragt ihr eure Bäuche herum in meinem Hause?! Voll, he! So voll wie eure Schädel, die mit Niedertracht gestopft sind! Gegen mich, der die Nächte durchwachen muß, damit ich euch die Bäuche füllen kann!« Herr Kortüm schmetterte das Fenster zu, sprach sich noch rasch den Rest von Grimm aus dem Leibe und griff wieder zu seinem Rasiermesser. Erst ging es stockend, dann fuhr die Schneide sicher und ruhig durch den Seifenschaum: »So«, sagte er, »nach meiner Erfahrung hält eine Grobheit dieser Stärke zwei, vielleicht sogar drei Stunden vor. Dann bin ich wieder zurück.« Er wollte nämlich die ruhigen Schönwetterstunden und den Schlaf der World benutzen, um den Besuch des Organisten Wingen zu erwidern. Der kranke Mann in dem engen Dorfhause unten tat ihm leid. Im Laufe des großen Nachtgesprächs über das Wesen Volk war das Bild des Organisten vor ihm aufgestiegen und gegen Morgen immer deutlicher geworden – müde, hinfällig, latenter Herzfehler akut geworden: so hieß ja wohl die Formel dafür . . . Kortüm glaubte den gelehrten Doktor Windhebel verstanden zu haben. Er fühlte sich beinahe tröstlich hervorgetreten aus einer unvergänglichen Grundsubstanz als eine Scheinform, die zu ihrer Zeit in sie zurückkehren wird: also weiterleben. Aber Kortüm seufzte. Windhebels lässige Handbewegung 383 angesichts der Scheinformen drang ihm jetzt noch mit einem deutlichen, wenn auch merkwürdig erfrischenden Schmerz in die Nerven – so scharf, aber so erquickend wie das Kölnische Wasser, mit dem er die wohlrasierte Haut eben betupfte. Was, zum Teufel, macht dieses manchmal bis zum Blödsinn schwere Dasein lebenswert? Nicht doch die Begegnung mit einer passenden Scheinform im richtigen Augenblick? Lotte war mit ihren Kindern allein im Haus und ahnte nichts von dem nahenden Besuch, sonst hätte sie wohl rasch einige Vorbereitungen zu seinem Empfang getroffen. Sie stand in der Giebelstube und rührte in einem Teller Gips mit Wasser an. Dann zerklopfte sie Glasscherben mit der Kohlenschippe und mischte die Splitter in den Brei. Sie hatte alle Mühe, schön gleichmäßig zu rühren, denn ihr Töchterchen zog sie an der Schürze: »Ich will auch was!« »Das kannst du nicht essen, Hedchen.« »Bloß du?« »Ich auch nicht.« »Warum machst du das?« Lotte stellte den Teller auf den Fußboden, kniete hin und begann, mit dem Küchenmesser den Brei in ein Loch zwischen der Bodenleiste und dem Wasserrohr zu streichen. »Machst du der Maus einen Brei?« »So«, sagte Lotte und strich den Gips glatt, »nun kann die Maus nicht mehr in unsere Stube.« »Will die Maus keinen Brei?« »Knirsch machen beim Beißen die Mausezähne. Weil Scherben drin sind. Da sagt die böse Maus ›pfui‹ und läuft fort und kommt nie wieder.« Hedchens Augen wurden groß: böse ist die Maus, Scherben nimmt die Mutter, und draußen muß bleiben, was böse ist. »Die Krankheit ist auch böse.« Lotte verstand nicht, welchen Weg die Kindergedanken gingen, und nickte seufzend. »Ist Vater heute gesund?« Die Mutter hielt den Gipsteller fest, schloß die Augen. Dann sagte sie ruhig: »Vielleicht, Hedchen.« »Muß er in der Nacht wieder im Lehnstuhl sitzen?« »Wenn die Krankheit wiederkommt.« »Kommt die Krankheit wieder?« 384 »Sei still, Kind.« »Soo viel Scherben mußt du machen und soo viel Brei« – mit ihren Kinderhänden zeigte Hedchen eine Berglast Scherben – »dann kann die Krankheit nicht mehr in unsre Stube.« Hart stellte Lotte den Gipsteller hin, nahm das Kind in den Arm und drückte ihr Gesicht in das Schürzchen, das sie ringsum mit bunten Blumen bestickt hatte. Wie wollte sie in Scherben schlagen, was ihr gehörte, wenn das zertrümmerte Hab und Gut – sie riß das Kind fester an sich und preßte ihren Kopf an seinen Leib – wenn Scherben Krankheit und Tod aus dem Hause schlössen. Hedchen war erschrocken. »Mutti!« schrie sie und mühte sich, das blonde mütterliche Haupt mit den kleinen Händen aufzurichten. Im Nebenzimmer knackte ein Kinderbett. Das Brüderchen war aufgewacht und begann zu weinen. Da klopfte es an die Tür. Der Milchmann wohl. »Ja!« Lotte wischte sich mit Hedchens Schürze übers Gesicht, stellte das Mädchen auf den Boden: »Geh hinein. Gib ihm den Ball.« Das Kind nebenan schrie lauter. Es klopfte stärker an die Tür. »Ja doch«, sagte Lotte ungeduldig. Die Tür ging auf. Erstaunt starrte Lotte den Besucher an. Aber Herr Kortüm nahm ruhig den Hut ab und sagte: »Die letzte Türe war es. Teufel, eine steile Treppe!« Hat sie verweinte Augen? »Hm, guten Morgen, Frau Wingen. Wie geht's? Haha, steile Treppen halten jung und elastisch. Wenn man gesund ist –« »Bitte nehmen Sie doch Platz.« »Freilich, nicht jeder ist gesund.« Kortüm rückte sich auf dem Holzstuhl zurecht. »Die meisten Leute sind erholungsbedürftig. Ihr Mann zum Beispiel. Solche Leute sollten grundsätzlich Erdgeschosse bewohnen. Ein Schritt, man ist im Freien. Ein Schritt, man ist im Bett. Ein Schritt –« »Das geht hier im Hause nicht.« »Lassen Sie ihn bei mir wohnen. Ein Flügelhaus ist mehr als zwei Apotheken!« Herr Kortüm kam ins Plaudern. Lotte sah den Besucher immer erstaunter an, der da von dem nötigen Maß Ruhe sprach, das der Mensch brauche, wenn er nicht ein trockener Flederwisch vor der Zeit werden wolle. Als grade bei diesen Worten aus dem Schlafzimmer kräftiges Kindergeschrei schallte, machte Lotte rasch die Türe zu, aber Kortüm sagte: »Nein, nein!« Nicht er, der Gastwirt, sondern sein Gasthaus sei ruhebedürftig: die World wohne nämlich im Flügelhaus. Ohne eine theaterkundige Stütze stände seine Gaststätte 385 voraussichtlich vor weiteren Schwierigkeiten, wie sie die vergangene Nacht in ungeahntem Maße gebracht habe. Wingen sei der Mann, den er jetzt zur Hand haben müsse: »Schon der Gedanke, einen Fachmann fragen zu können, beruhigt den verantwortlichen Leiter eines solchen Unternehmens, Frau Wingen. Ich habe grade ein nettes Zimmer im Erdgeschoß frei. Wir helfen uns schlicht um schlicht: Ihr Mann bekommt für seine Ratschläge kein Honorar, ich keine Pension, und dem Ruhebedürfnis sowohl des Flügelhauses als auch Ihres Mannes ist zu meinen Gunsten aufs beste gedient.« Jetzt sah Lotte dem Herrn Kortüm ins Gesicht, der weiterhin in geschäftskühlen Worten bedauerte, daß er Wingens Erfahrungen zur Zeit nicht entbehren könne. Wingen müsse einsehen, daß man sich eben zuweilen aushelfen müsse. Lotte war Frau genug, um hinter der lauten World und dem ruhebedürftigen Flügelhaus den Herrn Kortüm stehen zu sehen, schlicht um schlicht: »Schönen Dank, Herr Kortüm. Wenn mein Mann nach Hause kommt, sage ich's ihm.« »Nicht nur sagen. Man muß zuweilen anordnen. Ich werde ihm mitteilen, was wir beschlossen haben. Wo ist er?« »Beim Doktor.« »Ah, beim Nachfolger vom alten Starcke. Wie man hört, ist der Mann aus Norddeutschland.« Kortüm konnte ihr die besten Auskünfte über die dortige Medizin geben, versprach, Wingen entgegenzugehen, und gab Lotte die Hand: »Wenn Sie mit Ihrem Mann oben im Flügelhaus wohnen wollen – willkommen. Nur die Kinder, nicht wahr« – eben schrien sie, was zu den beiden Hälsen herauswollte – »die gibt man besser der lieben Großmutter in Pflege.« Kortüm öffnete eben die Gartenpforte des Doktorhauses, als die Haustür aufging und Apotheker Mickewitz heraustrat. »Sie sind doch nicht krank, Herr Kortüm?« »Ich kann nicht klagen. Wegen eines Gastes komme ich. Wegen eines demnächstigen Gastes. Der neue Arzt und ich sind Landsleute.« »Ah ja, Sie sind ja mit seinem Vater befreundet.« »Vater?« »Mit dem alten Kapitän.« Kortüm starrte den Apotheker an. Sein Mund ging langsam auf. Aber er sagte nichts, ging ein paar Schritte, beugte seinen Kopf ganz nahe über das Türschild: » Dr. med. Walter Langloff, praktischer Arzt und Geburtshelfer« stand auf dem Messingschild. 386 Der liest lange, dachte Mickewitz. Jetzt richtete sich Herr Kortüm langsam auf und sprach: »Wer ist hier zuständig?« »Wie?« fragte der Apotheker, der nichts verstehen konnte, weil ihm Kortüm immer noch den Rücken zudrehte. »Der Alte versteht sich auf niederträchtige Glückwünsche. Und der da nennt sich auch noch Arzt?!« Mickewitz wurde vor Neugierde ganz spitz. Er kam nahe an Kortüm heran, er beroch ihn beinahe wie ein unbekanntes chemisches Präparat: »Was sagen Sie? Etwa kein Arzt?« »Ein Schiffsarzt!« »Na erlauben Sie.« »Kennen Sie seinen Vater? So. Aber ich kenne ihn. Ein magenkranker Mann. Warum macht der Sohn den nicht gesund? Als Gesellenstück sozusagen? Schiffsarzt, jawohl. Seekrank ist hier niemand. Ein Kurort braucht einen Landarzt. Der Mann versteht nichts von Landkrankheiten.« »Haben Sie bestimmte – wie soll ich sagen – haben Sie etwas gehört? Erzählt man sich etwas?« »Ich höre nichts erzählen, Herr Apotheker, ich sehe die Menschen an, und ich weiß, woran ich bin.« Nun hatte Kortüm den Doktor Langloff ja leider noch gar nicht gesehen. Nur der Stachel jenes Glückwunsches ruckte immer wieder in der Wunde, und das Herumhorchen und Herumgucken in seinem Hause hatte Kortüm dem Kapitän auch nicht vergessen. Jetzt aber sah er plötzlich die Neugierde Langloffvaters in vielleicht wohlüberlegter Absicht an den Mauern seines Flügelhauses bohren. Mit kurzem Gruß ging Kortüm eilig an Mickewitz vorbei und zur Gartenpforte hinaus, ohne im Doktorhaus eingetreten zu sein. Der Apotheker sah ihm lange nach. »Potztausend«, murmelte er, »das ist doch mal ein Positivum.«   Der Kortümweg Da Herr Kortüm in seinem Zorn und seiner Sorge kräftig ausschritt, kam er noch zur Zeit im Schottengelände an. Schon klapperten die Mädchen im Speisesaal mit den Suppentellern, und bis an das Tanneneck duftete es lieblich nach schmorenden Lendenschnitten. Auf 387 allen Zugangsstraßen waren Leute zu sehen, die nach dem Flügelhaus hinstrebten, wie Herr Kortüm munteren Schrittes, aber nicht von finsteren Gedanken getrieben, sondern erfreut, statt Tannenharz und Heugeruch diesen Bratenduft einatmen zu können in dem angenehmen Gedanken, daß es nicht bei dem bloßen Duft bliebe. Herr Kortüm blieb stehen und musterte seine heranziehenden Gäste. Da kam »Nummer achtzehn« – Doppelzimmer mit Bad – ein großer Kaufmann, der ruhig vor sich hinblickte oder an dem Vorwitzigen, der ihn anzusprechen sich erlaubte, gelassen vorbeisah. Kortüm grüßte ihn stets aufs achtungsvollste, aber der Dank von »Nummer achtzehn« wirkte immer, als ob sie abwinkte. Ebenfalls von Westen her schritt »Nummer einundzwanzig« heran, eine einzelne Dame völlig unbestimmbaren Allgemeinwesens. Hinter ihr ging »Zweiunddreißig«, ein Schiffsbaumeister aus Kortüms engerer Heimat, der selten sprach und dann stets sehr grob. Rost war sein drittes Wort. Kortüm nahm ihm die Unhöflichkeit nicht übel: was er auch baut und baut und baut, das frißt der Rost. Der Herr des Flügelhauses legte die Hand über die Augen, um die im Schatten des Waldweges nahenden Nummern zu erkennen; sie waren noch zu weit entfernt. Um so deutlicher schwirrte es von Osten her dem Bratengeruch entgegen. Eine ganze Gesellschaft . . . »Oh«, sagte Kortüm: in der Mitte des Menschenknäuels wiegte sich eine Dame, die dem Gastwirt ohne Nummer im Gedächtnis saß. Mimi Schlick winkte Kortüm mit ihrem dicken Händchen zu, und alle Schleifen und Spitzen und Patten ihres reizenden Kleides winkten mit. Ihr war das Flügelhaus trotz Erdbeben, trotz Konstanze Schröter in so lieber Erinnerung geblieben, daß sie ihre diesjährige Erholung als zahlender Gast in Herrn Kortüms Nähe suchte. Der Flügelwirt machte vor Mimi eine höfliche Verbeugung, deren zweite Hälfte er aber mit einer geschickten Wendung den folgenden Gästen zugute kommen ließ: dem ungewöhnlich kurzsichtigen Chemiker vom Rhein, der im Gehen unablässig Notizen machte und die jeweils beschriebenen Zettel seiner Frau reichte, die einen halben Schritt hinter ihm ging. Dann aber kam »Zimmer elf«, ein Professor aus Berlin, der seinen Strohhut mit einer Klammer vorn an der Weste befestigt hatte und beim Sprechen mit seinen zehn Fingern auf dem Hute wie auf einem Kalbfell trommelte. Kortüm vermied Gespräche mit dem Herrn. Wenn nämlich dem Professor die Antwort des anderen nicht behagte, trommelte er auch während der Rede des Gegners. Der Hut aber bestand aus gepreßtem Stroh und war 388 steinhart lackiert. Das Trommeln verwickelte Herrn Kortüm stets in Widersprüche, und er sagte im Ärger Sätze, die er selbst nicht glaubte. »Da sind mir sogar Leute lieber, die beim Reden künstliche Augen machen«, und er bewegte die Hand grüßend vor »Nummer einunddreißig«, einem mit solchen Augen ausgestatteten Herrn, der von Beruf Naturheilarzt war und ebenfalls Gespräche mit dem Professor aus Berlin mied. Dieser Heilkundige erfreute sich eines gewissen Rufes, denn er brauchte die Leute nur anzusehen und wußte dann über den Tag ihres Todes Bescheid. Ängstliche Naturen, die den tiefblickenden Mann kommen sahen, sprangen seitwärts in verbotene Waldwege oder mußten sich ihr Schuhband zubinden, bis er vorbei war. Nur »Zimmer neunundzwanzig«, eine ehemals berühmte Konzertsängerin – jetzt als Gesangspädagogin tätig, aber mit Hilfe von Zeitungsausschnitten, die sie in der Handtasche mit sich führte, jederzeit in der Lage, ihre große Vergangenheit schriftlich zu belegen – diese »Nummer neunundzwanzig« fürchtete den Heilkundigen nicht. Vielmehr machte dieser Mann nach dem ersten Spaziergang mit ihr durchaus natürliche Augen und sagte, die Mundbegabung der Dame stände ohne Pressestimmen fest. »Einunddreißig« griff denn jetzt auch tüchtig aus, um vor »Neunundzwanzig« den Speisesaal zu erreichen. Manche Gäste kamen noch, die Kortüms Beobachtung gelohnt hätten. Aber Doktor Windhebel war ungesehen von Kortüm herangekommen, legte ihm die Hand auf die Schulter, zeigte auf die von allen Seiten heraneilenden Gäste und sagte: »Die Prozession der Hungrigen.« »Ja«, sagte Kortüm mit Genugtuung, »aber sie haben keine Schmerzen. Künstlicher Hunger regt an, nur der sogenannte gottverdammte Hunger tut weh.« Windhebel sah die nahenden Gäste der Reihe nach an: »Wird Ihnen das nicht über, jahraus, jahrein Gäste satt machen? Sehn Sie den: der ist grob. Der da aufgeblasen. Haben Sie den am Wegweiser drüben anders als belehrend reden hören? Die brauchbaren Leute, die was vor sich gebracht haben und die Hand legen können auf eine Sache, die ohne sie nicht in der Welt wäre – schön. Aber Gastwirt sein und alle, wahllos alle Menschen berufsmäßig am Leben erhalten, die das verlangen – nein. Der ist pfiffig mit gefalteten Händen, der drängelt, der hat graue Haare und ist eitel, als ob er noch keine dreißig Jahre gelebt hätte – alle satt und immer wieder satt machen dreimal am Tag: die Gerissenen, die Stellenjäger, die Übervorteiler, Nörgler, Stänker, Zänker – und Sie rechnen aus, wieviel Roßhaar 389 in den Matratzen nötig ist, damit der Zänker weich liegt, wieviel Rindfleisch in der Suppe, damit der Stänker bei Kräften bleibt, wieviel Koks in der Heizung, damit dem Nörgler keine kalte Luft ins offene Maul zieht – Herr Gastwirt!« Kortüm hatte den Kopf immer weiter zurückgelegt, kratzte sich immer langsamer am Kinn und blickte immer lächelnder auf Windhebel herab: »Herr Doktor, Sie verstehen Ihr Fach. Was ein Erdbeben ist, wissen Sie aus dem Grunde. Aber vom Menschen, verehrter Herr Doktor, verstehen Sie nichts. Gar nichts. Bitte, das soll kein Vorwurf sein. Es verstehn überhaupt ganz wenig Leute etwas vom Menschen. Ich will Ihnen damit keineswegs zu nahe treten. Nein! Wie sollten Sie den Menschen kennen? Sie sind kein Gastwirt.« Herr Kortüm nickte vor sich hin: » Der kennt ihn, den Menschen meine ich. Bitte, lassen Sie mich ausreden. Der Gastwirt vor allem: weil die Leute von einem Wirt das angenehme Leben gegen Barzahlung verlangen können. Ja. Dabei will ich nicht behaupten, daß der Gastwirt allein in der Lage ist; die Menschen zu durchschauen. Vielleicht käme als Menschenkenner ferner in Frage der und jener alte Oberkellner, gelegentlich auch ein langgedienter Portier, hm . . . dann der Kompaniefeldwebel noch, ja . . . und der liebe Gott natürlich. Es heißt, auch Dichter. Na, meinen Erfahrungen nach: Theaterstücke und Orgelspielen und Schulstube, alles durcheinander und dazu Kerle, die Pedro heißen, Leute, die sterben und trotzdem nicht tot sind – solche Sachen schlagen nicht in mein Fach. Ich halte mich an meine Erfahrung und weiß, daß es nur zwei Sorten von Menschenbeobachtern gibt. Die einen sind Leute wie ich. Wirte, verstehn Sie? Gastwirtsnaturen. Die wissen Bescheid. Die andere Art, ja, wie soll ich sagen . . . das sind nicht Wirte . . . das sind mehr . . . Hirtenberufe. Hirtennaturen, Herr Doktor. Die verstehn nichts.« »Ich bin also Schafhirtentypus«, sprach Doktor Windhebel und sah Herrn Kortüm an. Aber der Gastwirt nickte ganz unbefangen: »Leute, die auf sich angewiesen sind, die ihre Herde nur weiden, ohne zugleich von ihr geweidet zu werden, und die deshalb immer sagen, daß sie nicht aufs Einzelne sehen sondern aufs Ganze.« »Spitzfindige Einteilungen stimmen nie. Ich sehe die Leute wie sie sind: pfiffige, drängelnde, gescheite, nörgelnde, stänkernde –« »Nichts – es tut mir leid, nichts sehen Sie, Herr Doktor. Nur das Ganze natürlich – aber wir sprachen ja von Menschenkenntnis. Sie sagen, der eine führt sich groß auf, der andre unverschämt, dieser 390 mürrisch, jener – aber deshalb brauchen doch die Leute nicht so zu sein! Ich habe das so befunden: da ist einer verlegen – er tritt hochnäsig auf. Der hat Sorgen – und ist grob. Den quält irgend eine Angst – er drängelt. Dem tut was weh – er stänkert. Ach, es geht den Menschen ja gar nicht so gut, wie die Leute denken! Jeder schleppt was rum mit sich, das keiner merken soll. Was bleibt ihm übrig? Er setzt sich so ein Ding auf, wie sie's in Besenroda unten aus Pappe machen und unter dem Namen Maske in den Handel bringen. Das Gebiet der Menschenbeobachtung liegt Herren, welche sich beruflich mit dem Blick aufs Ganze begnügen müssen, sehr fern.« Man sah, wie Herr Kortüm diesen Mangel im Interesse jener Herren bedauerte. »Ja«, fuhr er fort, »das ist eben ein sehr schwieriges Gebiet. Geben Sie sich keine Mühe. Schon zur Beobachtung der männlichen Natur konnte ich, ein Gastwirt, der es verstehen muß, auch meinem besten Freunde keinen Leitfaden geben – jedennoch, Herr Doktor: die größere Hälfte der Menschheit ist weiblichen Geschlechts. Oh« – Kortüm legte jetzt wieder den Kopf zurück und blickte über Windhebel weg in die Ferne – »Frauen kennt auch ein Gastwirt erst im reifen Alter. So um die Fünfzig beginnt es zu dämmern. Um die sechzig wird es deutlicher, um Achtzig herum mag man sich wohl klar sein, aber – dann nützt es ja nichts mehr. Schon dem Fünfziger bietet das Dämmern wenig Positives: ihm selber und, in Teufels Namen, auch den andern wenig. Weil sie einem nichts glauben –« »– dürfen«, sagte Windhebel. Diese Rede Kortüms hatte ihn versöhnt. »Wie bitte?« »In Sachen Frau nicht glauben dürfen , hab ich gemeint.« Kortüm schwieg, dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Haha.« Aber diesmal sprach er nicht nur Haha, sondern der seltene Fall trat ein, daß Herr Kortüm wirklich lachte: »Plasma, ganz recht, Herr Doktor. Volk, jaja. Damit es ewig lebt . . .« »Auf Erden«, sagte ziemlich ritardando der Erdbebenforscher vor sich hin und nickte nachdenklich. Diese Erörterungen über Menschen und Menschenkenntnis hatten den gelehrten Doktor verblüfft, aber seine Annahme ging fehl, wenn er sich nun Herrn Kortüm in seinen Mußestunden mit dem Lösen akademischer Rätsel beschäftigt vorstellte. Dieser Mann brauchte seine Zeit 391 nicht mit Philosophieren zu verlieren. Das Leben selber versorgte ihn immer von neuem und reichlich mit interessanten Aufgaben. Einige Schuld an den neuen Kortümschen Menschenbetrachtungen kam diesmal freilich ausnahmsweise auf einen anderen, auf einen bisher nur wenig sichtbaren und deshalb auch von Kortüm noch nicht hinreichend erforschten Gast, einen gewissen Herrn Repshagen, Friedrich Franz Repshagen, Gutsbesitzer in Mecklenburg. Dieser Herr gehörte vorläufig nicht einmal in eine der beiden Gastklassen des Flügelhauses. Weder betrat er die »Goldene Waage«, wenngleich offenkundig war, daß er keineswegs geistige Getränke verschmähte, noch erschien er in der Unterhaltungsdiele. Daß sich Repshagen auf das Sofa unter der großen Palme setzte, erwartete nicht einmal der in diesem Raum tätige Hilfskellner, denn der mecklenburgische Gutsbesitzer sprach so gut wie nichts. In den zwei Wochen seiner Anwesenheit hatte Repshagen eigentlich nur durch Knurren seinen Willen kundgetan. Allerdings mußte die Bedienung zugeben, daß diese Knurrlaute – zweifellos in einer jahrzehntelangen Schweigetätigkeit ausgebildet – sehr ausdrucksfähig waren. Man verstand sogleich, was Repshagen knurrte. Nur am ersten Abend waren etwas deutlicher vernehmbare Laute aus seinem Munde gekommen. Wie den meisten älteren Herren hatte man ihm nämlich eine halbe Flasche Mosel neben den Teller gestellt, Repshagen aber hatte mit dem Messerrücken an diese Flasche geklopft und dem herbeieilenden Ober gesagt, er möge den dünnen Plüwwer da vom Tische räumen. Er sagte noch mehr, aber der Kellner war zum Glück der fremden Sprache nicht mächtig. Herrn Kortüms Herzen jedoch tat der Bericht des erschrockenen Bedienten trotz der unhöflichen Form wohl. Der Herr des Flügelhauses temperierte von jetzt an die Bouteillen des Gutsbesitzers persönlich, und der Gastwirt mußte schon ein geborener Hamburger sein, um Repshagens ferneres Benehmen nicht als schnöden Undank sondern als Anerkennung zu verstehen. Der sehr kleine und sehr korpulente Herr, dessen Gesicht in einer satten Rosenfarbe leuchtete, welche der grünliche Jagdanzug außer dem Hause wesentlich hob, beantwortete Kortüms Sorgfalt nicht mit den landesüblichen Dankesworten, sondern überließ es der Heimatkunde des Gastwirts, den Erfolg seiner Bemühungen um den Bordeaux an der Art des Schlürfens abzuschätzen. Ohne Rücksicht auf die teilweise sehr feinen und infolge Arbeitsüberladung sehr reizbaren Gäste trat Repshagen fest auf mit seinen soliden Stiefeln im Speisesaal. Seitenblicke bemerkte er schon deshalb nicht, weil sein 392 runder Kopf ohne eine Halszwischenlage unmittelbar auf dem Rumpf saß und nicht wegen jeder Kleinigkeit hin- und hergedreht werden konnte. Freilich deutete der kurze Generalsschnurrbart auf seine Zugehörigkeit zu den besseren Ständen, und ein blitzender Diamant auf dem kleinen Finger verschaffte ihm selbst bei den Gästen Achtung, für deren Wesen Repshagen jedes Verständnis fehlte. Nun geschah das Merkwürdige, daß dieser Herr Repshagen den überraschten Kortüm plötzlich in deutlich verständlichen Worten ansprach. Die Wege im Wald seien zu steil, er wolle ebene Wege genannt wissen. »Bitte, Herr Repshagen, ich empfehle Ihnen meine neue Allee: wenn Sie die weitergehen –« »Allee? Da geh ich nicht.« Herr Kortüm bedauerte sehr: »Gewiß, die Eschen sind noch etwas jung –« »Die Eschen sind gut, aber was drunter sitzt – haben Sie sich das mal angesehn?« Kortüm blickte aufmerksam hin, schüttelte aber den Kopf. »Unter den Eschen, da stehn Bänke. Und die Leute, die da drauf sitzen, sind solche Leute, wie immer auf solchen Bänken sitzen.« Kortüm musterte noch aufmerksamer die Bänke und die Gäste, die drauf saßen, und schüttelte wieder verständnislos den Kopf. Repshagen stupfte ärgerlich mit dem Spazierstock auf: »De Lüd, – de kieken enen an, as wenn ik nödig wär, dat sei wat tan reden ha'n.« Herr Kortüm zuckte die Achseln: »Ein gewisses Umsichblicken ist das gute Recht jedes Erholungsuchenden, und ich kann meinen Gästen nicht verbieten, sich auf die Bänke zu setzen.« »Nee. Aber Sie können die Bänke so hinstellen, als sich das gehört.« Ratlos blickte der Herr des Flügelhauses abwechselnd die Bänke und Repshagen an. »So rüm!« rief der Mecklenburger und machte eine drehende Armbewegung. Nach einer längeren Pause des Nachdenkens sprach Kortüm gemessen: »Sie meinen doch wohl nicht, verehrter Herr, daß meine Gäste der Promenade den Rücken zukehren sollen?« Repshagen aber hatte es wirklich so gemeint: »Die Natur solln die Leute genießen!« Er klopfte Herrn Kortüm mit der Krücke seines Stockes auf die Westenwölbung und sagte schlau: »Un dann häm wi twei Fleigen up een Slag, un wi künn da wedder gahn.« 393 »Man wird diesen Vorschlag in Ruhe erwägen müssen«, sprach Kortüm höflich, und er wäre unhöflich genug gewesen, nicht weiter an diese Repshagensche Beschwerde zu denken, wenn ihm nicht die Frage der Ruhebänke in diesen Wochen erhebliche Sorgen bereitet hätte. Es fehlte an Bänken im Schottengelände. Die Zahl der Gäste hatte zugenommen, die Zahl der Sitzgelegenheiten jedoch nicht. Die Erholungsuchenden hatten sich auch bereits beschwert. Kortüms Aufzählung seines Bankbesitzes half ihm nicht: »Nein«, sagten die Gäste, »wir brauchen Bänke, auf denen man still für sich lesen und die schöne Natur genießen kann. Die eine Bank mit der Bezeichnung ›Gottesblick‹ reicht nicht. Kommt man dahin, sitzt schon immer jemand drauf. Und übrigens sind gerade die Leute auf dem ›Gottesblick‹ nicht die angenehmsten Nachbarn. Sie gucken einen an, als ob sie die ganze Bank für sich allein beanspruchten. Nimmt man aber doch Platz und will seine Blicke über die Natur schweifen lassen, so beachten sie nicht einmal die üblichen Anstandsregeln: mit Zigarrenrauch blasen sie einen an. Sie räuspern sich, wenn sie merken, daß man dem Vogelsang lauschen will. Sie trommeln mit dem Spazierstock. Der eine Herr, der mit der Nickelbrille, Astronom soll er ja wohl sein, der hat letzthin unanständige Melodien gepfiffen, bis ich gegangen bin. Nein, hier fehlen Bänke, richtige Naturgenußbänke.« Kortüm war ein pflichttreuer Gastwirt und sagte sich: die Leute haben recht. Er ließ aus der Stadt Bilder von gutgeformten Bänken mit Preisangaben schicken. Die Kosten waren hoch. Dazu kam die Anlage der Bankplätze, der Kies, der Arbeitslohn. Diese Ausgaben paßten Herrn Kortüm schlecht. Er seufzte noch unter den Baugeldresten. Unmöglich waren diese Ausgaben. »So rüm«, wiederholte der Herr des Flügelhauses nachdenklich. Im Kern hatte Repshagen nicht unrecht. Kortüm besaß zwölf wunderbare Bänke, sechs in jeder Reihe. Sie standen nur falsch. Wenn er sie herumdrehte, lag dem Sitzenden die freie Natur vor Augen, und allen war gedient. Nur von der Allee aus betrachtet, würde der Anblick der Rückenlehnen etwas ungewöhnlich sein, aber wenn einer, so verstand Herr Kortüm, daß eben leider alles Gute ungewöhnlich ist. Am Abend berief er den Hausknecht und den Stiefelputzer. Er zeigte den Männern, wie man mit einem Schraubschlüssel die Muttern an den Bankfüßen vorsichtig zu lösen und nach Umstellung der Sitzgelegenheiten wieder fest anzuziehen habe. Ohne alle Unkosten war die Arbeit in wenig Stunden geleistet. Im Mondlicht saß Herr Kortüm auf der 394 ersten Bank und erprobte den Blick in die Natur. Er war sehr zufrieden, nahm Platz auf der zweiten Bank, der dritten, und als er die linke Reihe abgesessen hatte, untersuchte er die Wirkung der rechten Seite: schwarz standen im milchigen Mondlicht die nahen, eisblau die fernen Baumgruppen. Sanft verschwamm in der Ferne das Land in die Luft der Nacht. Das war freilich eine andere Aussicht als der Blick auf eine gegenüberliegende Bank und ein paar junge stakige Eschen! Die Sonne zog am anderen Morgen so zitternd heiß am weißblauen Himmel hoch wie in den vergangenen Tagen auch. Die wanderlustigen Gäste hatten das Haus in den frühesten Morgenstunden verlassen, und die ruhebedürftigen Gäste begaben sich nach dem Frühstück gegen zehn Uhr mißmutig schweißwischend zu den Bänken der Eschenallee. Man blieb hier zunächst stehen, sah sich gegenseitig an. Dann ging man die Allee bis ans Ende und wieder zurück, blieb nochmals stehen und beschloß, gemeinschaftlich ins Hotelbüro zu gehen, Herrn Kortüm persönlich bitten zu lassen und zu fragen, was diese Verkehrtheit bedeuten solle. Aber die denkwürdige Unterredung verlief nicht ganz so, wie die erregten Leute sich's gedacht hatten, denn Kortüm hatte die Neuerung nach sorgfältiger Überlegung im Interesse seiner Gäste beschlossen: »Sie, Herr Pastor, und Sie und Sie, jawohl, meine Herrschaften, Sie sind an mich herangetreten mit dem Ersuchen, für Sitzgelegenheiten zu sorgen, die ungestörten Naturgenuß gewährleisten. Dazu seien Sie ins Schottengelände gereist.« Die solchermaßen erinnerten Herrschaften konnten nicht leugnen, und die anderen, nicht auf Naturgenuß erpichten Gäste sagten zu der Gegengruppe, da müsse man sich doch wundern . . . Aber der Professor trommelte auf seinem Strohhut und bedauerte aussprechen zu müssen, daß Herrn Kortüms Rede der Logik entbehre. Bänke aufstellen sei das eine, Bänke umstellen das andere – hier sei die Rede lediglich vom Umstellen. Ob, fielen nun die naturverbundenen Gäste ein, ob irgend ein vernünftiger Mensch bei ihrem durchaus gesunden Vorschlag auf den Gedanken hätte kommen können, daß die Hoteldirektion jetzt die Lehnen nach vorne und die Sitze nach hinten drehe! Aber Kortüm war heute gut im Zug. »Was, meine Herrschaften«, rief er, »was ist vorn, und was ist hinten?! Seit der Mensch auf 395 Erden lebt, hat er über diese Frage gestritten.« Jetzt hörte der Professor auf zu trommeln. »Entweder ist Gottes freie Natur vorn und der Mensch hinten, oder der Mensch ist vorne und die Natur hinten.« Kortüm führte weiter aus, wie der Naturgenuß in dieser Saison beeinträchtigt würde, wenn seine verehrten Gäste an die schönen Stellen kämen und dort Männer fänden, die mit Schottern und dergleichen staubaufwirbelnder Arbeit beschäftigt seien. Auch müßte doch die Umgebung der Bänke erst freigelegt werden. Wer solle dabei lesen oder auf den Vogelsang lauschen oder die Farben der Landschaft genießen! Es entwickelte sich ein angeregter Gedankenaustausch. Kortüm dankte im stillen Gott, daß bloß Zimmernummern gegeneinander und an ihn selber gerieten und nicht die World dabei war. Er dachte an die nächtliche Schlacht in der »Goldenen Waage« – hier hatte er kein rettendes Echo zur Hand. Jene redegeübten und szenegewohnten Filmgäste würden ihm anders zugesetzt haben. Kortüm vergaß die eine gute Eigenschaft der World: einen Tag später weiß sie nichts mehr selbst von dem entsetzlichsten Redegefecht. Die in Ton- und Bildwiedergabe unbewanderte Gästeschaft hingegen vergißt unangenehme Gespräche nicht, weil sie die Aufregungen nicht bloß spielt. Herr Kortüm gewann die Schlacht gegen seine Gäste, aber wie jeder Sieger sollte er noch an diese Niederlage seiner Gegner denken. Für jetzt schloß er die Unterhaltung: »Meine Damen und Herren, vergessen Sie nicht: ich habe ohne Zögern, mit Hilfe von Nachtarbeit – auch ich selbst bin noch im Mondlicht unverdrossen für Sie tätig gewesen – Sitzgelegenheiten beschafft, auf denen Sie die Natur genießen können.« »Hm. Na ja. Schon gut.« Achselzuckend begaben sich die ruhebedürftigen Herrschaften wieder zur Eschenallee, setzten sich und blickten schweißwischend in die Natur. Das Flügelhaus war nun um eine Einrichtung reicher, die einiges Aufsehen erregte. Solche Wege sieht man nicht oft. Es kamen Lichtbildner. In illustrierten Zeitungen erschienen seltsame Bilder: auf dichtbesetzten Bänken sah man Herren und Damen, die den Spaziergängern den Rücken zukehrten. Wie vielen Zeitungslesern kam eins dieser Blätter auch Konstanze Schröter in die Hände. Im Augenblick saß sie ein gutes Stück entfernt von Kortüms neuer Straße, vor der Tür eines kleinen Cafés am Lungarno in Florenz nämlich. Als sie dort das Wort »Flügelhaus« las, hielt sie das Blatt knitternd fest und versuchte die Gesichter dieser Spaziergänger zu erkennen. »Das also sind die regelrechten Gäste, von 396 denen Herr Kortüm beim Richtfest sprach?« Sie beschloß, gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland das Flügelhaus aufzusuchen. Die Gesichter der Spaziergänger hinterm Rücken der Bänkesitzer waren verwischt. Ist er das hier? . . . Nein, Klaus Schart war nicht dabei. Aber er wollte doch seine Sommerferien auf dem Flügelhaus zubringen? Konstanze seufzte: »Der schulmeistert jetzt wohl irgendwo in Thüringen, statt mir den Schluß der Richtfestgeschichte zu schreiben.« Und doch hatte Herr Kortüm mit seinem neuen Weg gerade für Leute vom Schlage Schart eine Bewegungsgrundlage geschaffen, die Nachahmung verdiente. Jede Stadt mit Vergangenheit verfügt in ihren Anlagen bekanntlich über einen Pfad, den sie Poetenweg nennt. Aber Poeten, welche diese malerisch verschlungenen Wege dichtend zu gehen versuchten, würden aller Nasen lang stolpern, ja, von besonders poetischen Pfaden, wie sie zum Beispiel die Stadt Jena dem Dichter Friedrich Schiller unterstellt, würde ein gedankenversunkener Mann beim Dichten kirchturmtief hinabstürzen. In einer Hinsicht sind diese sogenannten Poetenwege gut gemeint: sie sind blickesicher. Aber statt der forschenden Augen droht nun Absturz. Die Dichter haben die Wahl. Ja, nur schwer wollen die Menschen glauben, daß Männer, die auf sich angewiesen sind – Dichter, Musikanten, Philosophen, Staatsmänner – daß diese Männer, um ungeweckt formen zu können – was man auch sage: ebene Wege brauchen. Leider aber sind die ebenen Wege in aller Welt von den Augen der Nichtstuer bestrichen. Und nun stand Herr Kortüm auf und zeigte, wie man glatte Straßen auch für Leute gangbar machen kann, die mit sich zu tun haben, wenn sie für andre arbeiten. Eines sehr frühen Morgens fand sich am linken vorderen Eschenbaum angenagelt eine hölzerne Tafel in Gestalt einer wegweisenden Hand mit lang ausgestrecktem Zeigefinger. Auf diesem Wegweiser stand in großen Buchstaben: »Der Kortümweg«. Wer die Tafel angenagelt hatte, wußte niemand – Kortüm war es jedenfalls nicht gewesen. Denn noch ohne Kragen und unrasiert kam er gelaufen, Hammer und Zange in der Hand. Zornig suchte er die erste Nagelkuppe zu fassen. Da hielt jemand seinen Arm fest: »Halt, Herr Kortüm!« Der Herr des Hauses sah sich um. Windhebel nickte ihm zu: »Die Tafel stimmt. Sie sind der erste, 397 dem es gelungen ist, die Summe von Einsamkeit plus Gesellschaft synthetisch darzustellen.« Kortüm aber faßte die Zange fester und zog: »Was synthetisch ist, weiß ich nicht. Aber wenn Sie damit den Kerl treffen wollen, der hinterrücks solche Wegweiser anmacht, so sind wir einer Meinung.« Windhebel packte Kortüms Arm fester als Kortüms Zange den Nagel: »So sehen Sie doch wenigstens, wo die hölzerne Hand hinzeigt.« Grimmig folgte Kortüms Auge dem grobgesägten Zeigefinger: »Sieh da, nach Osten.« Eben hob sich die blendende Scheibe des aufgehenden Gestirnes über die Tannenwipfel und funkelte in morgenfrischem Golde. »Hm«, sprach Kortüm und ließ die Zange sinken. »Nach Taschkent«, nickte Windhebel. Die Tafel blieb.   Die Erde und ihre Bewohner In wenig Zeit hatte also Herr Kortüm verstanden, sein Flügelhaus um zwei bemerkenswerte Neuerungen zu bereichern: um einen Feind – im Doktorhaus an der Ilm unten, und um den Kortümweg – nahe bei sich am Hause. Zu diesen beiden Arbeiten waren die laufenden Schreibereien gekommen. Nun war er müde. In der »Waage« konnte er sich nicht niederlassen, weil immer noch die World darin hauste. Noch weniger empfahl sich ihm der leere Tisch vorm Püsterich. Er hätte ganz allein im Schottenhof gesessen und wäre in seinen Gedanken hängen geblieben – alle Leute gingen nämlich auf dem neuen Kortümweg spazieren. Dorthin etwa? Nein. Der Hausdiener hatte ihm erzählt, daß eben jemand eine kleine Blumengirlande um den Wegweiser gewickelt hätte. So wanderte denn Herr Kortüm über die Südwiese bis zum Abfall des Schottenhügels. Hier stand er lange still, zerdrückte in Gedanken eine Dolde des wilden Fenchels und sog den Duft ein. Er kannte doch diesen Blick nach Süden hin, aber heute ging da am Himmel ein gewaltiges Schauspiel vor sich, wie er es nie gesehen hatte. An diesem warmen Abend breitete sich das Tal in olivgrünen Wellen aus, vor deren schwerem Sammet ein paar Buschgruppen und Bäume eben noch tiefbraun zu erkennen waren. Aber immer rascher, vor 398 sehendem Auge, flossen Land und Busch in eines zusammen. Drüben wölbte sich der runde vulkanische Hut des Kolmberges blaugrau in die Luft. Gleichermaßen rauchigblau dämmerte der Grund des Himmels. Der Fuß des Berges hob sich schon nicht mehr ab vom Dunst der Luft. Der Kolm schien aus der Ewigkeit hochzusteigen. Erst der Gipfel des Berghutes stand klar vor einem brandig glimmenden Rot der zweiten Himmelsschicht, die ebenso rauchig in die dritte Breite, in ein grauend gedämpftes Orange überging. Gleich über diesen drei, aus Blau in Rot und in Gelb brütenden trüben Dunststreifen jedoch leuchtete kristallklar das Grün des sommerlichen Abendhimmels, durch den querüber selig ein paar endlich wahrhaft goldengelbe Wolkenstriche flogen, schrägauf und hinaus, wo das durchstrahlte Grün zur rein tiefblauen Glocke wurde, die unbewegt über allem sich rundete. In diesem blauen Gewölbe aber stand ein Stern, einer nur . . . Über den Herrn des Flügelhauses kam das Gefühl, er stände hier in einem Begebnis der Vorzeit, als noch die Berge wuchsen und dort dieser Kolmberg eben tosend aus der zitternden Erde quoll und nun durchsichtig leuchtete, umweht nur von rauchigen Schleiern. Kortüm nahm den Hut ab. Er wartete, bis die Erscheinung vorüber war und der helle Junihimmel, ein einziges Kristall, beruhigt über seinem Gelände stand. Die Erde war wieder eine Menschenerde, und Herr Kortüm wandte sich und ging langsam durch das hohe Wiesengras seinen Weg zurück. Er hatte aber des Weges nicht acht. »Als der Berg hochstieg«, murmelte er, »wie die Wolkenstriche da quer durchschwammen –« »Ich nehme Petersilche dran!« – Entsetzt wich Kortüm zurück. Menschen saßen hier . . . eine Bank, noch eine . . . »Oh, mein Weg!« Rasch strebte er von dieser Bank fort. »Und was soll ich Ihnen sagen: urplötzlich sitze ich auf dreißigtausend Pfund Sauerkraut fest, jawoll!« – »He!« schrie etwas neben diesem Sprecher, »wieso?« »Weil es kein Eisbein mehr gibt, verflucht! Ich hatte mich groß eingedeckt wie sonst – wer kann denken, daß der Krautverbrauch um fast vierundfünfzig Prozent sinkt binnen einem Monat, verdammt?« Der glühende Berg der Vorzeit war versunken in Kortüms Seele, wie mit schmutzigen Händen unter Straßenpflaster gedrückt . . . »Wie schön war es in der Vorzeit, als es noch keine Gäste gab.« Diese Worte sprach Kortüm zu seinem Freund Monich, der ihn im Dunkel des Seitenweges erkannt hatte und jetzt leise antwortete: 399 »Wenn einer so hinter deinen Gästen hin- und herspaziert, da kriegt'r was zu hörn. Wenn du dir das aufschreiben tätst, wüßtest du gleich, wer die Leute sin, besonders wenn du dir aufschreiben tätst, was se sich leise in die Ohren sagen.« »Hast du etwa gehorcht, Monich? Was die Leute laut sagen, ist genüglich. Außerdem weißt du im Dunkeln nicht, wer die Redner sind. Wenn ich ein Quaken vernehme, Monich, so sage ich: dies ist ein Frosch. Und die Kuh muht, der Löwe brüllt. Zuverlässig, Monich: quakt, muht, brüllt. Aber wenn der Mensch redet, so besagt das nichts.« In Herrn Kortüm mußte eine dumpfe Wut sitzen. Er winkte jetzt nur müde mit der Hand: »Ich erkläre dir das ein andermal. Aber es ist schwer, Monich. Zu Fragen, die ins Gebiet der Menschenkenntnis gehören, fehlt mir jetzt der Gerechtigkeitssinn. Gute Nacht.« Herr Kortüm ging geradewegs ins Bett. Das war besser, als wenn er den Kortümweg zu Ende gegangen wäre. Ganz hinten, auf der letzten Bank, saß Herr Doktor Langloff neben Frau Mimi verwitweter Schlick. Sie hatte nämlich den ganzen Tag einen unbestimmten Druck gefühlt. Einen leisen Druck nur. Aber man muß vorsichtig sein. Langloffs Untersuchung ergab einwandfrei, daß die Witwe eine kerngesunde und sehr ansehnliche Frau war. Er verordnete nur ein paar Tropfen und Diät. »Diät habe ich kochen gelernt«, sagte Frau Schlick. »Sehr wertvoll. Da können Sie in der Küche hier oben selber nach dem rechten sehen. Das Flügelhaus ist in dieser Hinsicht mangelhaft geleitet. Veraltet, wenn ich so sagen soll –« und Doktor Langloff setzte ihr auseinander, welche Kost ein Erholungsbedürftiger zu genießen hätte und was aus diesem Haus zu machen wäre, wenn die Leitung nicht in den Händen eines Mannes wie diesem Kortüm läge. Wenn statt eines Intriganten, der schlecht über andere Leute hinter deren Rücken rede, damit aber nur sein eigenes Geschäft untergrabe, wenn ein Sachverständiger dieses Haus übernähme, ein Mann, der wisse, was der Körper des Menschen braucht, ja . . . Langloff war bei diesen Worten Frau Schlick etwas näher gerückt. Die Witwe versuchte, dem Doktor in die Augen zu sehen. Aber es war zu dunkel. Nur seine angenehme ruhige feste norddeutsche Stimme hörte sie. »Herr Kortüm ist nämlich ein entfernter Verwandter von mir. Sehr entfernt natürlich. Aber er ist doch eigentlich ein netter Mann.« »Für seine Verwandten kann niemand etwas, verehrte Frau Schlick. 400 Kennen Sie übrigens die Geschichten, die man in der Stadt von ihm erzählt?« »Geschichten?« »Was er da mit Künstlermodellen vorgehabt hat?« »Oh Gott.« Mimi Schlick hatte schon vorige Woche, als sie auch einen unbestimmten Druck fühlte und den Arzt konsultierte, unbestimmte Bemerkungen von Langloff gehört, die Kortüm nicht im besten Lichte zeigten. Sie hatte gut zugehört – anhören soll man alles – aber Mimi hatte geschwankt: sie sind beide gut . . . wer ist der bessere? . . . auf die Dauer der bessere? . . . Herr Kortüm war jemand. Aber nun Geschichten? Geschichten mit . . .? Mimi rückte in Gedanken etwas ab vom Herrn des Flügelhauses und etwas näher an Langloff. Sie, die Kortüm doch blindlings getraut hätte, fühlte jetzt fast das Bedürfnis, Schutz zu suchen bei einem Mann, von dem keine Geschichten erzählt wurden. Unsicher begann sie noch einmal: »Er ist doch aber in seiner Art so gradeaus.« »Das ist er. Wenn's ihm paßt. Und wenn er hintenrum weiterkommt, dann untergräbt er ohne Gewissensbisse das Vertrauen der Patienten zu ihrem Arzt. Mehr will ich nicht sagen. Aber das kann ich hinzufügen: ich habe zuverlässige Mitteilungen von einwandfreier Seite, von beinahe medizinischer Seite. Kein Wort darüber mehr an diesem herrlichen Abend. Sehn Sie, die Milchstraße.« Frau Schlick wurde es Angst. Sie rückte noch näher an Langloff: »Man sieht doch keinem an, was hinter ihm steckt.« »Manch einer sieht das doch, Liebe, Verehrte« – der Doktor nahm ihr weiches dickes Händchen in seine männliche sehnige Hand. »Man muß nur herumgekommen sein in der Welt. Ich kenne sie von einem Ende zum andern.« »Gehen Sie wieder in die Ferne?« »Nun bleibe ich in der Heimat.« Und er begann zu erzählen von Stürmen, Schicksalswechsel und leidvollen Abenteuern auf seiner Reisen wundervoller Fahrt: von Kannibalen, die einander schlachten, Anthropophagen, Völkern, deren Kopf wächst unter ihrer Schulter . . . Ihr Blick hing an seinem Antlitz, das sie vor ihren atemlos geöffneten Lippen in der Dunkelheit der Nacht nur zu ahnen vermochte: »Ach, wie anders das dort in der Welt zugeht als bei uns.« »Es ist überall dasselbe.« Doktor Langloff drückte sie näher an sich, denn die Nachtluft wurde kühl. 401   Freilicht Im Schottenhof saß eine größere Gesellschaft einheimischer Herren, erquickte sich an kühlenden Getränken und besprach die letzten wichtigen Ereignisse. Der Bahnhofsvorstand glaubte beobachtet zu haben, daß in diesem Juni die Hasen, Füchse, Dachse und Rehe rudelweise aus den Tiefen des Waldes hervorbrachen und Quartier in den Tälern jenseits der Ilm suchten. Esperstedter Bürger wollten sogar Schwärme von Zugvögeln gesehen haben. Naturnahe Stammtischmitglieder erklärten dieses unzeitgemäße Abwandern der Tierheit des Schottengeländes für Sinnestäuschung. Der Porzellanfabrikant Kuffert hatte bisher geschwiegen. Jetzt sprach er: »Ich wundere mich bloß, daß die Blätter noch nich vor Angst von 'n Bäumen gefalln sind in Kortüm seinem Holze.« Er ließ die Neugierde der Abendschöppler noch etwas ansteigen. Dann erzählte Kuffert. Vor zwei Tagen war er nach Besenroda auf die Steuer bestellt, ging den kürzesten Weg, den Waldweg über den Dreiherrenstein durch den Buchenschlag. An der zweiten Schneise, wo Kortüms Wald anfängt, ist er stehen geblieben und hat gehorcht: »Hinter den Büschen schimpfte jemand, dann fing einer zu fluchen an. Sonst war der Wald kirchenstill. ›Hilfe‹, rief eine Stimme. Holz knackte. Die Büsche rauschten auseinander. Und ein Frauenzimmer kam aus dem Dickicht. Ein Kerl hinterher, Revolver in der Hand, das Maul aufgerissen und brüllend wie ein Heide. Ich – Ihr kennt mich – 'n Gehstock fester, den Halunken bei der Krawatte kriegen is eins.« Die Tafelrunde hob sich vor Spannung von den Sitzen: »Un?« »Un nu?!« Kuffert feuchtete die Lippen mit einem Trunke und berichtete, wie alles ganz anders kam. Zunächst schrien ihn alle beide an, das Frauenzimmer und der Kerl – ihn , den Porzellanfabrikanten. Und irgendwo aus der Luft oben kam noch eine Stimme. Die schrie am lautesten. Kuffert drehte sich erschrocken um. Da sah er im Buchengeäst auf einer Art Jägerkanzel einen Mann mit einem photographischen Apparat sitzen. Und dann ging's los. Aus allen Ecken kamen Menschen gelaufen und haben einen Lärm geschlagen und Kuffert beschimpft, daß er den Hasen und Dachsen nicht verdenken konnte, wenn sie umzogen. »Ach so«, meinte einer der Gäste. »Ja: ach so!« sagte Kuffert ärgerlich. »Hä, Kortüms Filmgesellschaft.« 402 »Da biste in eine Aufnahme gekommen.« »Un was hab ich für meinen Schreck?!« rief Kuffert. »So 'ne Gesellschaft lockt uns nu Kortüm aufn Hals.« »Das ist gar nichts«, sprach Mickewitz. »Na wissen Sie, Apotheker: Sie gehn so hin, 's is heiß, Sie denken an nischt, un plötzlich sehn Sie 'n Revolver un 'n Mädchen – wenn das nischt is . . .« Mickewitz hatte nur das Fischgrätenmuster seines Beinkleides studiert und sprach jetzt: »Mir sind ganz andere Dinge zugestoßen. Ich bin am Kalmusteich, in den Vierroder Tannen – wissen Sie? – und sehe mich da nach Acorus calamus um. Ich brauche ihn zur Likörbereitung, und er gedeiht dort recht zufriedenstellend. Mein Adoptivsohn trägt mir die Botanisiertrommel. Ich will mich eben bücken, einen Wurzelstock stechen – da traue ich meinen Augen nicht. Meine Herren, ich erblicke zwischen den Blättern – Acorus zieht sich doch gelegentlich so ein, zwei Mannslängen ins Sumpfige hinaus – ich sehe –« »Was'n??« »– wie sich etwas bewegt.« »Zwischen 'n Blättern?« »Hinter den Blättern. Im Teich draußen.« »Im Wasser drin?!« Mickewitz nickte: »Etwas Helles. Etwas Blondes sozusagen.« »Mickewitz!!« »Wellen, denke ich. Die Sonne blendet. Unmöglich, denke ich. Aber da sehe ich, wie sich Felix duckt – Felix ist mein Adoptivsohn – mit runden Augen, der Unterkiefer klappt ihm runter. ›Felix!‹ rufe ich. Da läßt er die Botanisiertrommel los, sie rollt ins Wasser, schon schwimmt sie –« »Donnerwetter, Apotheker, nu lassen Sie mal Felix'n un de Trommel – was Blondes haben Sie gesagt!« »Ich will die Botanisiertrommel noch fassen, gerate in den Schlamm – ich trage nur Halbschuhe, wegen meines Fußleidens, ich hatte doch damals das Gelenk gebrochen – da stehe ich erstarrt, merke den Schlamm gar nicht, ich sehe und sehe . . . Aber es ist wahrhaftig so: eben hebt sie den Arm, erst den linken, dann den rechten Arm, legt den Kopf zurück, ihr Haar geht auf, breitet sich aus auf dem Wasser, alles mitten in der hellen Sonne. Und nicht genug, jetzt hebt sie den Oberkörper aus dem Wasser – meine Herren, den gesamten Oberkörper! Was soll ich noch mehr sagen!« 403 »Sagen Sie ruhig alles, Apotheker. Nee nee, immer alles raus.« »Kurz und gut: dieser Herr Kortüm läßt in dem aller Welt zugänglichen Kalmusteich ein Frauenzimmer schwimmen.« »Das war auch eine vom Film, Mickewitz!« Der Apotheker seufzte: »Sie begann jedenfalls auch noch zu singen und ließ sich dabei photographieren.« »So was muß nu 'n Apotheker passieren.« »Na, im Familienbad unten schwimmen sie je schließlich auch.« »Meine Herren« – Mickewitz machte eine kleine Pause – »nackt, habe ich gesagt.« »Nee, das haben Sie noch nich gesagt . . .« Eine Weile herrschte Stille. Nur das leise Plätschern des Püsterich war zu vernehmen. »Nischt hatte sie an?« »Nichts.« »Reine gar nischt??« Mickewitz sah wieder schweigend das Fischgrätenmuster an. »Aber wie können Sie denn einfach sagen: nischt, wenn das Mädchen hinter den Blättern draußen im Teiche schwamm?« »Das merkt man doch.« »Bei den Apothekern genügt da ein einziger Blick.« »Meine Herren, das ist nicht zum Spaßen.« »Sie haben 's wohl mit der Angst gekriegt?« »Herr Kuffert« – Mickewitz wandte sich verletzt an die übrige Tafelrunde – »scheint geflissentlich zu übersehen, daß mich mein Adoptivsohn auf der Exkursion begleitete.« »Un die Botanisiertrommel, Mickewitz. Stimmt. Hoffentlich haben Sie ordentlich Kalmus gestochen. Der Likör wird gut. Sonst kann ich Ihren Schnaps nich vertragen, aber von dem Nixenkalmus nehm' ich zwei Flaschen.« »Kalmus stechen! Bei näherem Zusehen bemerkte ich, daß das ganze Ufer verdorben war. Zwischen die Kalmusblätter hatte man künstliche Blumen gesteckt, Nachahmungen von Iris florentina aus Buntpapier.« »Hä, damit die Aufnahmen naturgetreuer werden.« »Mickewitz!« schrie Kuffert, »vielleicht war das Mädchen gar kein richtiges Mädchen!« »Die war echt, Herr Kuffert.« »Haben Sie sich auch persönlich überzeugt?« 404 Mickewitz schwieg, rückte sein Bierglas zirkelgenau in die Mitte des Untersetzers, dann sah er die Tischrunde an und sprach: »Und wenn – aber sie lebte – und wenn sie künstlich gewesen wäre, hätte das die Anstößigkeit verringert?« Ja, das war die Frage. Um den Püsterichbrunnen herum wurde dieses Problem noch lange erörtert an diesem Abend. Als man Herrn Kortüm diese Erlebnisse der Einwohner hinterbrachte, sah er ein, daß mit Utzenstorff gesprochen werden müsse. Der Chef der Produktion der World war selbstverständlich zu einer Unterredung mit dem Chef des Flügelhauses gern bereit. Kortüm jedoch sagte sich, daß man auf diese etwas gebrechliche Angelegenheit nicht so ohne weiteres stoßen könne und begann, wie das leider seine Gewohnheit war, mit dem mehr Allgemeinen. Er sagte, die Aufnahmefähigkeit der Menschen sei verschieden. Utzenstorff schenkte sein Glas voll, kostete und antwortete: »Dem läßt sich nicht widersprechen.« Insbesondere stoße die Fähigkeit, Schönheit aufzunehmen, bei Laien leicht an eine gewisse Grenze, fuhr Kortüm fort. »Jawohl, mein Freund«, sprach Utzenstorff melancholisch, »Genußfähigkeit ist beschränkt bei Laien und bei Fachleuten.« Jetzt hatte Kortüm den Ansatzpunkt. Er stimmte dem Produktionschef eifrig bei: »Zu viel Bilder verwirren. Zu viel Silber wirkt blechern. Zu viel Wohnkultur kann der Mensch nicht konsumieren. Und, Herr Utzenstorff, zu viel Schönheit beängstigt.« »Jaja, mein Freund. Die Materie hat ihr eignes Gewicht. Dieses Besitzen . . . Eigentlich sind die sehr vermöglichen Leute nur die Genußunternehmer für andre.« »Genußunternehmer«, wiederholte Kortüm nachdenklich murmelnd. »Ein Chef der Produktion hat hier tiefere Einsichten: soviel Ansprüche die Einverleibung von Vorhandenem an unsere Verdauungskraft stellt, um soviel sinkt die Produktion von Nochnichtvorhandenem.« Die Unterhaltung drohte philosophische Ausmaße anzunehmen. Aber das Essen für Herrn Utzenstorff kam, und Kortüm hoffte nun, vom Menü des Produktionschefs auf die schwimmende Dame und den Apotheker und des Apothekers Adoptivsohn kommen zu können, ohne die World zu verstimmen. Utzenstorff kräuselte die Lippen und schmeckte mit der Zungenspitze: »Ist das mit Butter gekocht?« 405 Herr Kortüm lächelte: »Mit Öl. Aber: mit frischem Öl. Zuverlässig frisch geschlagen. Ich habe da eine Quelle. Wenn das Öl noch den ganz zarten grünlichen Stich hat –« »Ah. Mm.« »Wunder können mit solchem Öl vollbracht werden, Herr Utzenstorff! Aus den einfachsten Bestandteilen! Da ist zum Beispiel Melanzana, Sie wissen? Man nimmt eine Pfanne. Selbstverständlich eine irdene Pfanne. Um Gotteswillen keine aus Metall« – Herr Kortüm lief fort, kam mit einer Pfanne wieder – »So eine, sehen Sie? Unglasiert. Aber Sie müssen für jedes Gericht eine eigne Pfanne haben. Die feinsten aromatischen Kräfte ziehn sich mit der Zeit in den rohen Ton. Die Pfanne wird immer besser mit der Zeit. Nach Jahren ist sie eine Kostbarkeit. Unter Verschluß aufzubewahren. So. Diese Pfanne. Öl hinein: sehr heiß. Eine Prise Salz. Jetzt die Melanzane nehmen. Schneiden. Aber so.« Kortüm machte die Geste des Schneidens, des Schneidens mit Genuß. »Immer längs schneiden. Nicht quer. Beileibe nicht! Die Scheiben nun ins Öl. Goldgelb sieden.« »Mmm.« »Der Boden muß gut bedeckt sein. Darauf eine Schicht Mozarella – Sie wissen? Haha. Schicht um Schicht abwechselnd. Das Ganze backen. Dreißig Minuten. Weg von der Flamme. In der Pfanne servieren und . . .« Herr Kortüm spitzte die Lippen, sog die Luft ein, schloß die Augen, spreizte die Finger, daß nur Daumen und Zeigefinger sich zart berührten. Utzenstorff hatte Messer und Gabel hingelegt, sog mit geschlossenen Augen und gespitztem Munde die Luft ein: so wunderbar hatte Kortüm mit behenden Gebärden die Zubereitung von Melanzana alla Mozzarella vorgemacht, daß die beiden wahrhaftig genossen, was sie nicht hatten. »So ist es« – Kortüm ging triumphierend zum Angriff vor – »so ist es mit unbekleideten Damen, die singend im Wasser schwimmen, wenn ein Apotheker mit seinem Adoptivsohn kommt!« Utzenstorff starrte Kortüm an: »Nichts von Adoption und Apotheke, Freund, in diesem Zusammenhang«, vermochte der verdutzte Produktionschef nur zu murmeln. Herr Kortüm aber schilderte nun die Ereignisse am Kalmusteich und die gefahrdrohende Stimmung der Umgebung. Utzenstorff speiste bei dieser Erzählung gelassen weiter, zeigte keine Spur Aufregung, sondern sagte nach Kortüms Schlußwort ruhig: »Das ist so.« »Vielleicht aber –«, begann Kortüm. 406 »Nein. Nicht vielleicht. Das läßt sich um der Natürlichkeit willen nicht ändern.« »Aber mit Stacheldraht etwa. Man könnte einen größeren Umkreis einzäunen.« Utzenstorff schüttelte den Kopf: »Mit Stacheldraht können Sie vielleicht den Sturmangriff einer kriegsstarken Division aushalten. Aber nicht Adoptivsöhne und andere Söhne und deren Väter, Herr Kortüm.« Der verantwortliche Lenker des Flügelhauses schlief schlecht in dieser Nacht. Wo will das hinaus mit der World, wenn ihren Chef solche Grundsätze beseelen? Wenn der kauend und schluckend gleichmütig erklärt, solche Unzuträglichkeiten lägen im Wesen der Natürlichkeit? Die World versteht sich vielleicht auf die Seele von New York, von Berlin oder London, aber nicht auf die Seele Besenrodas und Esperstedts. Was kann hier geschehen, wenn infolge der Tätigkeit solcher Gäste keine Talsenke, keine Berghöhe, kein Teich mehr sicher ist vor Liebesszenen, Revolvern und schwimmenden Damen? Die World, Allmächtiger! war ja noch gefährlicher als die entfernte Verwandtschaft! Kortüm wälzte sich in Sorgen hin und her, er überlegte, er plante – schließlich streckte er die Hand nach dem Lichtschalter aus – aber plötzlich war die Stube blendend hell, und hart darauf erkrachte ein Donnerschlag. Kurz und drohend. »Das muß über uns stehen.« Kortüm lief zum Fenster. Wieder zuckte ein Blitz über dem Ilmtal. Und da stand auch das Nordfenster in zuckendem Schein. Die Donnerschläge rollten zusammen. Schlag auf Schlag flammte schwefelgelb blendend über dem Schottengelände. Die Fenster klirrten. Jetzt fielen Tropfen. Tief brausender Wind wühlte sich durch die aufrauschenden Bäume. Im Hause wurde es lebendig. Kortüm eilte beim Anziehen abwechselnd vom nördlichen zum südlichen Fenster. Aber ehe er noch den Kragen angeknöpft hatte, begann er ruhiger zu gehen. Er blieb am Südfenster stehen, machte eine beschwichtigende Handbewegung: auf den Hachelstein zu wälzte sich das blitzende Gewölk. Kortüm kannte die Gewitter über dem Schottenpaß. Es war nun schon fast vorbei. Nur die würzige, leicht atembare Luft blieb und erfüllte das Schlafzimmer. Er begann die Stiefel wieder aufzuschnüren. Wie ein Wasserfall brach der Regen in das Schottengelände. Kortüm drehte das Licht wieder aus. »Morgen«, sagte er und meinte seine Worldsorgen. Die starke kühle Luft schenkte ihm einen so tiefen 407 Schlaf, daß er erst hochfuhr, als eine Stimme im Zimmer »Kortüm!« rief. Im Erwachen sah er ein Wesen an seinem Lager stehen, riesenhaft im Morgengrauen: »Bleiben Sie liegen, mein Freund!« Utzenstorff! Kortüm rieb die Augen. Wie sah der Mann aus? Einen englischen Gummimantel mit Schulterschutz trug er, und auf seinem Kopf saß eine Art Südwester, wie sie in Kortüms Heimat die Rettungsmannschaften bei Seenot tragen. »Ist Ihnen etwas zugestoßen?« Vor Kortüms schlaftrunkenen Augen hob sich der Kalmusteich, von dem er eben geträumt hatte, wie eine Wasserhose, in der Violante ihr blondes Haar ausstrahlen ließ. Die Wasserhose aber trug einen Südwester und sprach zornig: »Nun ist das Wetter umgeschlagen.« Kortüm sah nach dem Fenster: ein rauschender Vorhang, ein wassergewebt graues Tuch zog fädig hernieder, gleichförmig endlos, rauschend, gurgelnd. »Regen«, sprach Herr Kortüm. »Landregen«, antwortete Utzenstorff grollend. »Ich habe noch diese Nacht den Filmwettersonderbericht angefordert. Zwei Tage Regen. Dann drei Tage trübe. Ich muß die Atelieraufnahmen einschieben. Wir fahren ab. Um elf Uhr können wir bereits drehen. Mein Assistent bleibt hier. Rechnet ab mit Ihnen. In fünf Tagen rund sind wir wieder hier und drehn den Rest.« Kortüm fand keine Zeit, sich zu dem Drehrest zu äußern, denn Utzenstorff hatte ihm die Hand gedrückt und war verschwunden. Herr Kortüm starrte in das Wasserrauschen vor seinem Fenster. Langsam rauschte ihm ins Bewußtsein: die World ist fort, die World ist fort. Aber sie kommt wieder! Ah, was kann in fünf Tagen sein? Die World ist fort: ohne Geldverlust, ohne Krach. Nicht einmal ein Erdbeben war nötig gewesen. Fortgespült hatte sie die Sintflut da draußen, verschwunden war sie in der Nässe. Elastisch stieg Herr Kortüm aus seinem Bett. »Haha«, sagte er, als draußen die Motoren angingen. Ein kurzes Fauchen war zu hören, gleich wieder verschluckt vom Regenplatschen. Der Herr des Flügelhauses sah zum Fenster hinaus: »Gute Fahrt!« – Wo sind sie? Weit beugte er sich über den Fensterstein – nichts mehr zu sehen. 408   Diät Jemand da?« fragte Langloff. Er nahm eilig seinen Hut ab, von dem ein Wasserschwapp stürzte, und gab der Haushälterin den triefenden Schirm. »Bloß Herr Wingen.« Langloff wies fragend auf die Sprechzimmertür. »Nein, er ist fortgegangen. Er will derweile 'n bißchen orgeln.« »Geben Sie den Schirm wieder her.« Doktor Langloff stieg von neuem hinein in das Unwetter. Er stand in diesen Tagen vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens. Langloffs Schreibtisch barg zwei Kästen mit Karten: die laufenden Fälle enthielt die Kartei A. Mit O bezeichnete Langloff den Organisationsplan einer Pension mit Diätküche für leidende Fremde. Zwischen diesem A und O bewegten sich Langloffs Erwägungen. Wer überarbeitet ist, erfreut sich in der Regel einer gewissen Wohlhabenheit, die er auf Grund jener Überarbeitung erwarb und nun wieder zur Heilung der Folgen von Überarbeitung braucht, wobei er voll Genugtuung zu sich selber spricht: welch ein Segen ist greifbarer Besitz in Fällen der Not. »Jawohl«, sagte Langloff, »diese Welt ist gerecht im Kerne.« Auch bei Sonne lag in der kleinen Kirche Bank und Kanzel und Altar in friedlicher Dämmerung. Heute hing der Regen vor die dunklen Glasfenster noch einen schweren Überhang. Auf der Empore oben brannte eine Lampe. Einzelne Akkorde schwebten, brachen ab, klangen wieder auf. Er übt nur, dachte Langloff und ging den Mittelweg entlang. Aber da in der Ecke saß wahrhaftig ein Zuhörer. Erkennen konnte der Doktor den Mann nicht. Vielleicht weiß er nicht, wohin bei dem Regen. Vorsichtig tappte Langloff die Wendelstiege zur Orgelempore hinauf. Dieser Wingen übte wirklich merkwürdige Musik. Manchmal hörte es ganz auf. Dann klang es wie Vogelruf. Zwei Töne nur, ein hoher und ein tiefer. Ums Pfingstfest ruft der Pirol so, aber weiter draußen im warmen Tal der Goldenen Aue. Auf ein paar Sommerwochen kommt er da zu Besuch, dann reist er wieder in sein tropisches Asyl und ruft die zwei ewigen Töne von Palmen hinaus in die heißen Nächte. Doktor Langloff hatte wirklich keine phantastischen Anwandlungen. Dazu war sein Beruf zu ernst. Aber wie er jetzt die Wendelstiege hochtappte, glaubte er in einem hohlen Baumstamm emporzusteigen, der sich oben, wo das warme Licht funkelt, in tausend 409 Zweigen ausbreitet und sonderbaren Vögeln Unterkunft gibt. Zum Glück die letzte Stufe jetzt – da pfeift wieder der Pirol die zwei Tropentöne. Langloff wollte einen Scherz machen, das Wort blieb ihm in der Kehle: da saß Wingen, hielt den Kopf schief, horchte dem fremden Vogelruf nach. Jetzt hob er langsam seine beiden Arme, die Finger gespreizt – ganz hoch die Arme. Wingen saß wie eine Holzfigur. Totenstille in der Kirche. Man hörte den Regen draußen rauschen. Und jetzt ließ Wingen seine Hände mit den zehn Fingern in die Tasten einbrechen wie Hämmer. Die Orgel brüllte auf – der erschrockene Doktor sah nur die zwei Hände: Sie bewegten sich, nein, sie knäuelten sich, als ob sie die Tasten zerkneten wollten – »laß mich Engeln ähnlich sein, letzte Stunde, brich herein!« Der praktische Arzt wußte nichts von Johann Sebastian Bachs Musik, und noch viel weniger wußte er von Patienten, die diesen Bachschen Schrecken in Augenblicken gotteslästerlicher Angst für nichts als einen Ruf nehmen aus ferner Nacht, den sie halsbrecherisch zu modulieren wagen in ihre eigene Jammersprache. Langloff hatte das Gefühl, daß die ausgetretenen Holzbretter der Empore in der Gewalt der Töne zu zittern begannen. Er tastete sich an der Wand bis zu dem Chorfenster und merkte nicht, wie Staub und Spinneweben seine Hand beschmierten. Er setzte sich auf die Stufe der Fensternische und dachte nicht an seinen feinen schwarzen Rock, in dem er heute Abend noch eine Rede im Diätverein in Jena halten wollte. Sein Auge glitt von den wütenden Händen dieses Organisten langsam zu den zuckenden Schultern hoch, zum Kopf: Wingen hatte ihn weit zurückgelegt und sah angestrengt auf einen festen Punkt, als ob dort etwas anderes gewesen wäre als der gekalkte Schwibbogen über dem Orgelprospekt. Und – jetzt stand Langloff auf und trat näher an die Orgel, noch näher: kann das sein? Der Mann singt. Wingen hatte den Mund offen, die Halsmuskeln waren gespannt, arbeiteten: Wingen sang. Er mußte mit gewaltiger Stimme singen, aber Langloff hörte keinen Laut aus seinem Munde kommen – die dröhnende Orgel schmolz jeden menschlichen Laut in ihre furchtbare Musik hinein. Nun griff der erschrockene Doktor doch nach Wingens Arm. Wingen ließ die Tasten los – mit eins brach die Musik ab. Die jähe Stille schien noch zermalmender zu dröhnen. Langloff schüttelte die Zeigefinger in den Ohren: »Herr Wingen!« rief er. Abwesend starrte der Organist ihn an. »Verstehen Sie, was ich sage?« 410 Wingen schloß einen Augenblick die Augen. Dann sah er Langloff an. Allmählich sah er ihn wirklich, lachte leise auf und schüttelte stumm den Kopf. »Meinen Patienten besuche ich! Hören Sie? Und ich sage Ihnen: Schluß damit.« Er faßte Wingens Arm fester, zog ihn von der Orgelbank hoch. Wingen wankte. Der Doktor hielt ihn, aber des Organisten Fuß streifte die Pedale. Wie Tierlaute brummten ein paar Dissonanzen auf. Langloff zog Wingen das herausgerissene Halstuch zurecht und sagte: »So. Diese Orgelspielerei, Herr Wingen – nie wieder. Ich habe Ihnen bisher nur eine leibliche Diät verordnet. Davon« – er zeigte auf die Orgelpfeifen – »davon wußte ich nichts. Sie haben geistige Diät nötig. Ein Mann mit Ihrem Herzen hat sich solcher Exaltationen gefälligst zu enthalten. Das kann – ich wollte sagen, das könnten wir sonst eines Tages sehr bedauern müssen. Nun setzen Sie sich erst mal hin. So.« Langloff drückte den Organisten in den abgeschabten Ledersessel, der den Kantoren der Besenröder Kirche seit Generationen gedient hatte. Tief sank Wingen in das alte Polster und wollte sich zurechtrücken, als Schritte auf der Emporentreppe tappten. Im Halbdunkel tauchte über den Bodenbrettern ein Kopf auf, die ganze Gestalt stieg aus dem hohlen Baum hoch – »Klaus Schart«, murmelte Wingen, »sieh da. Er selber.« »Ich habe unten zugehört . . .« Klaus verstummte und sah Wingen groß an. »Ist Ihnen nicht gut?« Wingen lehnte sich zurück in den Sessel, lächelte ein wenig und wies auf Langloff: »Der Doktor behauptet es.« »Langloff«, antwortete der Arzt auf Scharts Vorstellung und rieb den Staub von seinem Rock. So fragend ihn Klaus ansah, er konnte in Wingens Gegenwart kein Bild der Krankheitsgeschichte entwerfen und sagte nur: »Sie begleiten ihn wohl nach Hause? Er muß aber noch eine Viertelstunde ruhig sitzen bleiben. Ich kann leider nicht länger warten. Mein Zug geht. Ich halte einen Vortrag in Jena.« Langloff ging. »Da bin ich ja zur rechten Stunde erschienen«, sagte Schart, »ich komme vom Bahnhof, will aufs Flügelhaus –« »Ferien?« Der Schulmeister nickte: »Ein paar Wochen. Ja, und wie ich an der Kirche vorbeigehe, höre ich Musik. Die Türe war angelehnt – geht's wieder? Jetzt sehn Sie schon viel besser aus!« 411 »Machen Sie keine Umstände, Schart. Ich weiß Bescheid.« Klaus sagte, was ein junger Mensch in der Verlegenheit eben auf solche Worte zutage bringt: von Wingens Krankheit hätte er wohl gehört, aber gedacht . . . er kam nicht recht weiter. Wingen streckte die Beine von sich und lehnte den Kopf ans Polster. Dabei sah er Klaus an und sagte unvermittelt: »Schart – Sie schreiben jetzt?« Klaus war wieder verlegen. »Bücher?« fragte Wingen. Die Antwort war so gewunden, daß über Wingens Gesicht ein flüchtiges Lächeln flog: »Das erste Buch, ja . . . Eine Frage. Aber die Wahrheit! Ich lüge auch nicht mehr. Warum schreiben Sie?« Der Schulmeister starrte den kranken Mann an. Schließlich brachte er heraus: »Warum regnet es?« Lächelnd nickte Wingen langsam mit dem Kopfe: »Ja, warum. Weil das Barometer fällt. Worte . . . eine unergründliche Sache, dieses ewige Fallen . . . von Wort zu Wort . . . bis ins Leben.« Der Regen draußen mußte zugenommen haben. Oder Langloff hatte die Tür nicht eingeklinkt. Das ebenmäßige Wasserrauschen war eine tief beruhigende Musik. »Ich wollte«, sagte Klaus, »ich könnte das Leben sehen, da, unter den Worten. Aber es ist schwer zu erkennen –« »– und trägt doch Ihren Namen.« Klaus sah ihn fragend an. Wingen nickte: »Meins heißt Friedrich Wingen. Dem sein's da oben hinterm Berge heißt Kortüm. Ihres heißt Schart.« Wingen richtete sich plötzlich auf: »Oder wissen Sie's anders?« Klaus Schart hatte wohl von Wingens Krankheit gehört. Aber daß der Mann krank war auf Tod und Leben, das wußte der eben erst im Schottengelände Angekommene auch jetzt noch nicht. Es war Klaus zu verzeihen, daß er den überhöhten Augenpunkt Wingens nicht gleich fand und mit dem Seufzer antwortete: »Wenn ich den Namen hätte, der das Leben trägt! Kein Mensch kennt mich. Wie komme ich zu Namen, Wingen . . .« Der Kranke, der wenigstens eine Viertelstunde ruhen sollte, stand mit einem Ruck auf, ging hin und her und sagte dabei: »Weiß Gott, Schart, jetzt haben Sie mir eine Freude gemacht. Eine richtige Freude, mit Ihrer blöden Frage, Schart! Ich fühle zum ersten Male wieder, daß ich was wert bin – nein, seien Sie still! Man lebt also noch! 412 Man kann etwas tun. Ja. Ich will Ihnen handfest helfen, mein Lieber. Wie man zu Namen kommt? Wer so fragt, dem kann nur so geantwortet werden: indem man Verbindungen knüpft, he? Oder: die Persönlichkeit einsetzt, wie das anstandshalber manchmal ausgedrückt wird . . .« Wingen stand jetzt still vor dem Schulmeister. Gerade hinter dem Organisten sah Klaus, der auf der Holzstufe vor der Orgel saß, in der gotischen Glasfensterrose ein paar glühende Farben funkeln. »Ich habe das getan, Schart. Kam ich hier nicht vorwärts, versuchte ich's dort, wo jemand saß, der einen kannte, welcher die Stelle wußte, die helfen konnte – auf anderer Kosten. Verschlungene Pfade. Kulissenwege nennt man das, ja? Meine halbe Lebenskraft habe ich zugebracht auf Nebenwegen. Rechne die vertrödelte Schaffenszeit nach. Aber die verlorne Kraft und Zeit ist es ja gar nicht. Paß gut auf, Schart. Ich bin nicht dumm genug, um nicht zu sehn, daß auch anständige Leute hinter Kulissen rumgehen müssen. Vielleicht nicht einmal um ihrer selbst willen: tatsächlich, die Sache selber kann zuweilen Labyrinthengänge fordern. Jeder mag das tun. Alle. Bis auf einen: bis auf dich, Schart – wenn du das Verschwemmte um dich herum dichten willst. Du verletzt die Dichtkraft. Andre überleben es. Du bist ein Schwindler geworden. Die anderen nicht. Aber du. Und bist du etwa schon drin in der Herumgeherei, reiß dich raus. Ich weiß, das tut weh. Es reißt viel Gutes mit ab. Laß es reißen. Die Leute werden sagen, es sei kein Verlaß auf dich. Laß sie's sagen. Das ist ein Übergang. Hältst du's aus, kommt die Stunde, in der sie dich messen müssen an dem, was du herausgestellt hast aus dir und nun dasteht als dein Du. Aber ich rede damit nicht von deinem Namenstag, von deinem Rühmchen, mein Junge, einem zeitlichen oder sogenannten ewigen. Das ist Unsinn. Wie das Volk vor tausend Jahren gesprochen hat, versteht das Volk heute nicht mehr. Wer weiß, wie in tausend Jahren Liebe heißt oder was sie sagen für das, was wir heute mit Ruhm meinen oder mit – Schart. Nimm keine falsche Münze. Sonst gibst du falsche Münze aus. Alles was hier erreicht werden kann, ist das: einmal sich zu erleben als das Ganze. Um dich hat es gelebt, lebt es, wird es leben: und du warst in einer Gottesstunde – sie alle. Das kann dir keiner verleihen oder bescheinigen. Das kannst nur du wissen und in dir haben. Und das ist deine Ewigkeit. Die Menschen zwingen dich nicht zu dem, was du tun willst. Wenn dich aber etwas anderes zwingt, so ist es ratsam, dem zu gehorchen, das dich gezwungen hat. 413 Zwischen diesen zwei Sätzen ist nicht Raum für ein einziges Wort mehr.« Wenn Herr Kortüm das gehört hätte oder ein um zwanzig Jahre älterer Klaus Schart, so wäre der erschrocken: kann einer so reden, der das Werkzeug noch in der Hand hält? Der junge Klaus Schart aber griff nach Wingens Hand: »Ich sitze in dem Nest dahinten an der Hörsel, kein Mann, mit dem ich reden könnte –« Wingen steckte seine Hand in die Hosentasche: »Mit einem Mann? Auf diese Sprache hören nur tote Männer – und, manchmal, lebende Frauen.« »Wingen!« »Halt 's Maul. Dreh 's Licht aus. Komm. Hilf mir diese miserable Treppe hinunter.«   Das große Landespreiskochen Inzwischen waren die Tage der Küchen- und Kellerwoche herangekommen – eine anspannende Zeit im Gastwirtsgewerbe. Auf dem Flügelhaus war bisher niemand von dieser gastronomischen Unruhe gestört worden, denn Herr Kortüm konnte kochen, wußte, daß er kochen konnte, bereiste deshalb nicht die Landeskochtage, sondern sprach zu sich und den weißgekleideten Gestalten in der angenehm durchdüfteten Flügelküche: »Kochen wir! Aber kümmern wir uns um unsere Töpfe. Denn die zu füllen sind wir bestellt. Und füllen wir sie an mit Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit, so merken wir am Appetit der unserer Fürsorge anvertrauten Gäste, was unsere wahre Aufgabe ist und wo der Reingewinn wirklich herkommt.« Da Herr Kortüm ferner nicht das Bedürfnis fühlte, sich laufend mit Berufsbrüdern über die Vorkommnisse in Gewerbe und Umwelt zu besprechen – eher noch mit Erdbebenforschern, Schauspielerinnen, Leinwandhändlern und Schulmeistern – so gab er zur Zeit der Landesfestkochwoche die Anordnung, am Fernsprecher zu sagen: Herr Kortüm baue grade und könne nicht abkommen. Diese Auskunft war nun schon zweimal an die Berufsgenossenschaft gegeben worden, und im dritten Jahre sagten sich die Geschäftsfreunde: Herr Kortüm sei zwar ein anerkannt bewegungsfreudiger Gastronom – aber ein Mann könne doch nicht immer bauen, und ein Bau, sogar 414 ein Umbau, müsse doch auch einmal fertig werden. Die Spitzen des Landespreiskochausschusses setzten sich persönlich in Bewegung, um die Vorgänge im Schottengelände mit eigenen Augen zu sehen. Bei ihrer Ankunft auf dem Schottenhügel standen die Herren des Ausschusses still, sahen sich rings um und sprachen zueinander in großem Erstaunen: »Welch ein Friede hier! Entzieht sich dieser Mann etwa mit Gewalt einer Preiskrönung?« Keine Spur von Kalk und Kelle, Staub und Steinschlag war zu merken. Kortüms Arbeitszimmer lag, wie wir wissen, gleich der Kommandobrücke eines Schiffes blickfrei nach allen Seiten. Er bemerkte denn auch sofort die drei Ankömmlinge und sagte zu Monich, der ihm Proben von neuen rotweiß gestreiften Sonnenvorhängen gebracht hatte: »Sieh da, Monich – drei Kollegen vor meiner Tür: der lange dort ist Hotel Disch, links – der mit dem Klemmer – ist der Gasthof auf dem Schneeberg, und der Dicke mit dem Taschentuch, das Grand Hotel.« »Alle Wetter. Was wollen denn die, Kortüm?« »Zunächst speisen. Packe den Drell weg. Komm mit. Wir werden hören.« – Die drei Ausschußspitzen betasteten bei Tisch Herrn Kortüm und besonders den Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr Monich sorgfältig von allen Seiten. Aber sie kamen zu keinem sicheren Ergebnis. Herr Kortüm war ausgesucht höflich und beantwortete gelegentliche kleine Versuchsstiche mit noch größerer Höflichkeit. Der Ausschuß sagte sich: er kommt selten in unsere Mitte, aber unsere Gebräuche sind ihm dennoch vertraut – es ist schwer, ihm auf den Zahn zu fühlen. Bekanntlich speisen Hoteliers, wenn sie zu dreien, vieren auftreten, vorzüglicher als Filmstars und werden ganz bestimmt besser bedient als regierende Fürsten. Die Kellner gleiten durch den Raum, wenn drei, wenn vier Fachmänner so einen scheinbar beiläufigen, etwas müden Blick auf ihre Bewegungen fallen lassen – die Schüsseln schweben in der Luft, und die Getränke sickern von selber in die Gläser. Oh, und die Speisen! Die erholungsuchenden richtigen Gäste hätten heute Hungers sterben können: die Küche dachte an nichts als an den runden Tisch in der Ecke unter der Lampe mit dem gelben Schirm: dort saßen vier lebende Hoteliers, sachverständige Chefs, Gewitzte von Grund aus, denen mit Redensarten, Pfiffen und Kniffen zu kommen nicht geraten war. Die stachen mit den silbernen Gabeln durch jegliche Aufmachung und befühlten den Kern der Sache. Der Kern war denn heute auch danach: 415 Monich aß mit Wonne, sah und hörte nichts und sprach kein Wort. Der Erfolg war natürlich dieser: der Landesausschuß hielt den ihm unbekannten Mann für den allergescheitesten Kollegen und aß vorläufig weiter. Kortüm jedoch, meinte Hotel Disch, also mit Herrn Kortüm wäre ja alles klar. Der käme dies Jahr. Die Landeskochwoche fände doch ganz in der Nähe statt, in Jena diesmal. »Nein«, sagte Herr Kortüm. »Man kann doch wenigstens ein paar Tage abkommen«, redete der Schneeberg zu. Herr Kortüm bedauerte: »Ich habe Bausorgen.« Das Grand Hotel befestigte ein Scheibchen sanft schmelzender Kräuterbutter auf dem untadelig tiefrot schimmernden Steakwürfel, nahm diese Komposition zu sich, ließ einen Tropfen Hochheimer Spätlese Witwe Kober 1935 nachgleiten, tupfte mit dem Tüchlein die Stirn und sprach: »Pardon, Verehrter – umbauen? Wir sahen nichts.« »Natürlich nicht. Ich baue eben an einem Weg, am Kortümweg, meine Herren. Ich werde Sie nach dem Kaffee dort spazieren zu führen die Ehre haben.« Aber Kortüm kam so leichten Spieles nicht davon. Man verglich den Bau von Gasthäusern und Gaststraßen. Die drei Herren waren zu verhandeln gewohnt, und ehe das Flügelhaus wußte wie, waren ihm die Fittiche zusammengebunden. »Ihr Wohl!« rief der Schneeberg. »Was wollen Sie?« Das Grand Hotel kostete von einem Eskarolblatt. »Eben aus der Erde? Selbst gezogen? Glückliche Landbewohner. Ja, was wollen Sie, Kollege: Sie sind einfach dran . Wir haben doch schon alle den Preis. Und eh es wieder reihum geht, müssen Sie ihn haben.« »Es gibt eine Tafel, die Sie an der Hauswand befestigen können. Blaue Emaille mit Gold. Sehr geschmackvoll. Außerdem die Schlipsnadel.« Herr Kortüm wollte nach weiteren Ausreden suchen, aber Monich sagte im Friedensbedürfnis des absoluten Sattseins: »Kortüm – fahre. So ein Schild am Haus, das macht sich immer gut. Du fährst nach Jena, Kortüm, un ich, ich komme mit.« »Morgen mit dem Frühzug«, sagte Hotel Disch befriedigt. Aber Kortüm entschied: »Übermorgen.« »Da wird die Zeit zum Preiskochen knapp«, warnte der Schneeberg. »Die meisten Wettbewerber treffen bereits heute ihre Vorbereitungen.« 416 »Dann gar nicht. Ich habe verstanden, daß man mich zur Überreichung des Preises nach Jena bittet.« Das Grand Hotel sah die bereits geschaffene Grundlage wanken und schnitt seinen beiden Berufsgenossen mit einer vornehmen Handbewegung das Wort ab. »Selbstverständlich ist das dortige Kochen für eine gastronomische Persönlichkeit Ihres Ranges, Herr Kortüm, eine Formalität. Freilich eine nicht zu umgehende. Können Sie uns morgen durchaus nicht die Freude machen?« »Durchaus nicht. Ich habe da einen Gast unterzubringen. Besonderer Fall. Ein kranker Organist. Wohnt in vier engen Pfählen. Unten im Ort. Er muß bei mir wohnen. Auf der Höhe. Sonnig. Ich habe meine Gründe.« »Gründe«, sagte das Grand Hotel zustimmend, »verstehe. Geschäft ist Geschäft . . .« Ge— Geschäft? . . . wollte Kortüm fragen, aber er besann sich rechtzeitig. Wenn die drei Herren eine Ahnung von Wingens Vermögenslage bekämen, müßte er ja wohl auf der Stelle mitfahren. Schon begann Monich: »Na weißte, Kortüm –« »Du hast recht, Monich. Geschäft geht allem vor. Übermorgen.« Man verstand sich gegenseitig völlig an diesem Tisch und goß vorsichtig die heiße Schokoladentunke auf das Pistazieneis. Herr Kortüm reiste zum Landeskochen nach Jena. Da er preisgekrönt werden würde, führte er im größeren Handkoffer den schwarzen Anzug, die weiße Wäsche und die Lackstiefel mit sich, in einem kleineren runden Behälter den Zylinderhut und in einem dritten Köfferchen die Zutaten, die er beim Kochen brauchte. Monich, dieser dem Landesausschuß völlig unbekannte Mensch, bedurfte weit weniger Ausstattungsstücke. Er kam an Zutaten mit einer halben Flasche Weinbrand aus, für den Fall körperlicher Mißhelligkeiten, und sagte: »Kortüm, wann bringst du nu endlich den Püsterichschnaps heraus? Wer auf die Reise geht, schleppt sich mit nischt nich gerne. Vom Püsterich eine Viertelpulle, un ich habe bei halb soviel Materie doppelt soviel Stoff wie in der halben hier.« Kortüm gab nur eine knurrige Antwort. Seine Stimmung war nicht die beste. Er hätte ruhig gestern fahren können, dann wäre er einen Tag früher wieder zu Hause gewesen. Wingen war noch nicht aufs Flügelhaus gezogen. Langloff hatte dringend abraten müssen: grade in den letzten Tagen sei der Patient zu unruhig gewesen, um eine Ortsveränderung als 417 wohltuend zu empfinden. Wingens aufgeregtes Orgelspielen war der Umgebung zu Ohren gekommen. Kortüm konnte nichts gegen Langloffs Rat sagen, er konnte nur schlechte Laune haben. Bei ihrer Ankunft fanden der Herr des Flügelhauses und sein Freund Monich die Stadt Jena mit Besuchern bereits völlig angefüllt. Ohne Monichs gutes Zureden hätte Herr Kortüm wahrscheinlich schroff abgelehnt, das Getümmel um seine Person zu vermehren. Drei Menschenansammlungen tagten gleichzeitig. Erstens war Markttag, zweitens hatte die Landeskochwoche begonnen, und drittens versammelte sich die Gesellschaft der Freunde geistiger und körperlicher Diät. Die erstgenannte Versammlung leitete heute wie seit so vielen Jahren schon der alte gute Kurfürst Johann Friedrich, der in Bronze inmitten des bunten Wimmelns steht und unter dem Namen Hanfriede als der behaglich schmunzelnde Vater dieser Versammlung verehrt wird. Die Landeskochwoche unterstand keiner echten Bronze, sondern dem nur als rocher de bronce wirkenden Besitzer des Grand Hotel. Und die Gesellschaft der Freunde geistiger und körperlicher Diät hatte sich dem zwar in der Gegend noch etwas neuen, aber äußerst tüchtigen und unermüdlichen Doktor Langloff anvertraut. Wenn diese beiden ortsfremden Herren ihre Sache annähernd so gut machten wie der Hanfriede, konnte von den kommenden Ereignissen nur das Beste erwartet werden. Infolge gänzlicher Verstopfung der Hauptstraßen schlugen sich Kortüm und Monich durch Nebengassen. Nach einigem Kreuz und Quer kamen sie in eine gefährlich enge Gasse, und plötzlich waren sie auf dem Markt. Hier ging ihnen ein wunderbarer Anblick auf, dem auch Herr Kortüm nicht widerstehen konnte. Oben am Fenster des Rathauses standen zwischen wehenden Fahnen die Stadtmusikanten und bliesen – nur weil Markttag war, bliesen sie auf Trompeten. Um den Brunnen glühten die Holzkohlen unter den Eisenrosten. Weißblaue Wolken dampften in die Linden vor dem Rathaus, die Würste dehnten sich über der Glut, bräunten sich, dufteten. Herr Kortüm beobachtete fachmännisch, wie die Leute ohne Teller, Messer und Gabel mit den fettgeladenen Würsten zwischen den länglichen Semmeln fertig wurden. »Jeder auf seine Weise«, sagte er, »an der Behandlung dieser beiden Wurstenden, die aus der Semmel herausgucken, erkennst du den Charakter des Essers, Monich.« Der eine aß zuerst die beiden überstehenden Enden reine Wurst. »Das ist eine Nach-mir-die-Sündflut-Natur. Was ich habe, hab' ich.« Der ältere 418 Herr dort verspeiste nur das eine Wurstende, dann ordnungsgemäß die Mitte samt Semmel. Nun besah er genießerisch das übrige Ende Reinwurst und aß es langsam mit dem Hochgefühl des belohnten Sparers auf, während ihm ein Barfußjunge die Bissen in den Mund zählte. »Der Weise, Monich.« Eine junge wunderhübsche Frau mit dem Marktnetz voll Gemüse, einer Tüte Obst und einem riesigen Strauß Bauernblumen – diesen unter den Arm geklemmt – machte es ganz anders. Sie biß erst das eine Wurstende ab, dann das andere. Nun aber schob sie die Wurst mit dem zierlichen Zeigefinger durch die Semmel hindurch und zuletzt – steckte sie die leere Semmel in das Netz . . . »Eva«, sprach Herr Kortüm bewunderungsvoll. »Eva – gegen die ist auch der Weise nur ein Esel.« Aber die junge Thüringerin merkte mit der diesen liebenswürdigen Frauen eigenen Helligkeit sofort des fremden Herrn Gedankengänge, zog die Stirne kraus, drückte den blonden Zopf in den Nacken und ging mit den Augen gradaus an Kortüm vorbei. »Aber hat sie nicht recht? Hinsichtlich der Kürze des menschlichen Daseins, Monich?« Der alte Kurfürst stand über dem lachend gelb und knallrot und grün und blauen Wogen, hielt sein Schwert hoch – nur hoch hielt es der Gute, nicht um zu schlagen mit des Schwertes Schneide. Hanfriede sah seine Kinder um sich versammelt und sagte: Gott, laß uns leben. Eilt euch. Seht mich an. Seit vierhundert Jahren schon ist all diese Herrlichkeit für mich vorbei. Die Körbe quollen über von frischem Gemüse, die Eierwannen wölbten sich, Butterwecken lagen zuhauf, vom Fisch und Krebs und Huhn bis zur Kalbshaxe jegliches Fleisch. Und die Blumen! Sträuße, Gebüsche von Bauernblumen in Konservenbüchsen und Kübeln auf dem Marktpflaster; in Händchen, Händen, Fäusten diese halbwilden Bauernblumen, um vier Uhr morgens in den Gärten hinterm Ettersberge und im Schatten des Fuchsturms abgepflückt und als fröhliche Fracht auf die Körbe mit Freßbarkeiten noch in den schon fahrenden Wagen geworfen. Hier war wirklich ein Fest, ein Kaufereifest, ein Handelsfest mit Musik. Alles schleppte, alles schwatzte, lachte, speiste und tränkte sich. Neben Kortüm sog ein Mann kühles Lichtenhainer Bier aus einem Holzkrug. »Ah«, sagte der Trinker und klappte den Deckel zu. Eine Frau mit der schweren Milchkanne in der Hand stieß ihn an: »Was machst denn du hier?« »Hä, du siehst's doch: nischt.« Dieses genüßliche »Nischt« brachte Herrn Kortüm zu sich. Er riß sich 419 los von der Lebenspracht, von diesem wunderbaren Volksfest ohne Programm und ohne Ansager: »Monich, wir müssen endlich an unsern Ort.« Monich aber stand gedankenverloren vor einer Holzlatte, an der eine Reihe Schöpsenkeulen hingen – vorigen Sonntag hatte er sich an solchem Hammelbraten und Thüringer Klößen furchtbar den Magen verdorben. Vorwurfsvoll sah er sie an, wie sie so scheinheilig dahingen: »Ihr Ääster!« knurrte er. »Monich, komm doch endlich!« – Herr Kortüm hatte keine leichten Tage. Von früh an war er in der Preisküche tätig und ging am Abend zeitig zu Bett. Dafür schlief er in dem angenehmen Bewußtsein, daß ihm die Arbeit gut von der Hand ging und geistvolle Einfälle von selber zuströmten. Wie er die Berufsfreunde da um sich herum mühsam stoppeln und verstohlen Zettel aus den Taschen ziehen und Rezepte vor sich hinsagen sah, wo er aus Eigenem und ohne Rezepte die Gerichte hinzauberte wie ein leichtes Gespräch nach Tisch, trug er den Kopf immer höher. Immer schärfer aber trafen die Blicke der Fachmannschaft seine ansehnliche Rückseite, um zu ergründen, wo der Mann ablas, was er da zutage brachte. Herr Kortüm stand erhobenen Hauptes in seinem schneeweißen Kittel am großen Herd, sah ruhevoll auf die Armee von Schüsseln, Tiegeln und Töpfen, in denen es brodelte. Zuweilen drückte er das Kinn an den Hals, kratzte sich nachdenklich in den Bartstoppeln. Dann näherte sich seine Hand einem Gewürzkasten und entnahm ihm einige kaum sichtbare Körnchen. Mit einem gewissen Schwung und doch wie von ungefähr fuhr seine Hand über einen der Tiegel – und es war etwas geworden, was in keinem Kochbuch stand. Je länger er am Feuer wirkte, desto großartiger wurden diese Handbewegungen. Er bot mehr den Anblick eines Dirigenten, der sein eigenes Werk aufführt, als den des Koches. Kortüm sah überhaupt keinen mehr –»eingebildet wie er ist«, sprachen seine Mitköche. Ach, sie hatten unrecht und wußten es nicht. Kortüm brauchte Haltung: Herr Kortüm litt Hunger. Richtigen Hunger hatte er. Und aß nicht. Denn eben hier lag das Geheimnis seines Könnens. Ein satter Koch, sagte Kortüm, behandelt die Gottesgaben als Gewichtsteile fertiger Rezepte, die in Büchern stehen. Aber ein hungriger Koch ist durchdrungen vom Gefühl der Leere. Und die Leere ist der geheimnisvolle Schmerz, aus dem einem schöpferischen Koch die Fülle quillt. Allein dem Hungrigen fallen tausendfach Eßbarkeiten ein, die ein Satter nicht ahnt – 420 »Niegegessenes, Monich! Sei nur nicht satt, mein Freund, und du hast Gedanken.« »Na weißte, Kortüm – im allgemeinen – von dir abgesehn – gibt's aber leider viel mehr Gedanken in der Welt als Beefsteaks.« Monich sah Kortüm wenig in diesen Tagen. Er war auf sich selber angewiesen und nutzte denn diese Jenaer Zeit nach Kräften. Bald wußte er mehr von Jenas geheimer und öffentlicher Gegenwart, als die mit diesem Studium fachlich beauftragten Persönlichkeiten. Monich bedurfte dazu keinerlei Akten. Hier nahm er einen Schoppen zu sich, dort ein Lichtenhainer vom Eis. Er vertrieb die schädliche Kühle in seinem Leib wieder mit einem Kaffee und stellte das Gleichgewicht der Kräfte mit Hilfe eines Kümmels her. Monich aß eine Rostbratwurst, er verspeiste einen warmen Speckkuchen und verglich ihn in einer anderen Backstube kritisch mit heißem Zwiebelkuchen. Zur Einnahme der drei geordneten Mahlzeiten kam der vielbeschäftigte Mann gar nicht. Aber wo er probte oder pröbelte, dort blieb er eine Weile, lehnte sich über den Ladentisch, nahm Platz auf einem Faß oder auf einem Mehlsack, wie sich's gerade machte, und begann eine Unterhaltung mit den Verkäufern dieser verschiedenen Nahrungsmittel, zog auch ihre Frauen, ihre Kinder und die sonstige greifbare Verwandtschaft ins Gespräch: Monich horchte die ganze Stadt ab und wußte nach zwei Tagen schlechthin alles. Seltsamerweise münden ja auch die geheimsten Besprechungen, Absichten und Pläne in die Öffentlichkeit, und die Moniche schweigen sie weiter von Ohr zu Ohr. Kortüms Monich sah den Doktor Langloff mit Frau Mimi Schlick im Schatten eines Lindenbaumes zu Mittag essen und aß seinerseits am Nebentisch einen kleinen Imbiß. Er beobachtete das Gespräch des Hotels Disch mit einem Vorstandsmitglied des Diätvereins. Ja, er hörte sich sogar einen Diätvortrag Langloffs an! Allerdings dauerte diese Rede unvorhergesehen lange, und trotz der vielen Kostproben, die er tagsüber in verschiedenen Stadtteilen studienhalber zu sich genommen hatte, empfand er jetzt zum ersten Male wieder richtigen Appetit. Monich ging eilends zu Kämmer Karl, bestellte mit dem Hinweis, es sei eilig, ein Eisbein mit Erbsen und Sauerkraut und versicherte dem Kellner, nichts mache den Menschen so hungrig wie ein Diätvortrag; wenn er sich einmal aus Geschäftsrücksichten den Magen ein bißchen überladen habe und trotzdem so recht angenehm hungrig werden wolle: »In den Diätverein!« Monich ging auch wirklich zur Geschäftsstelle, erkundigte sich nach den Bedingungen des Eintritts sowie nach den Pflichten und Rechten der Mitglieder. Er 421 studierte eingehend die Liste der Mitglieder. »Heute«, sagte der Schreiber einladend, »ist das Grand Hotel Ehrenmitglied geworden.« »Dunnerwetter«, antwortete Monich, schob das zum Unterschreiben dargereichte Formular – »Name, Vorname, Geburtstag, Geburtsort, Beruf, Herkunft, Adresse, Körpergewicht, Angabe von Lieblingsbeschäftigungen genügt« – Monich schob dieses Formular zurück und sagte, er käme morgen wieder. Im »Blauen Engel«, wo Frau Mimi Schlick Wohnung genommen hatte, trank er rasch eine Portion Kaffee, aß Quarkkuchen dazu und fragte den Kellner nach Frau Schlick aus. »Die Dame, die da am Tisch in der Ecke schreibt?« »Gucke, da sitzt se.« Monich erfuhr, daß die Dame sehr viel zu tun habe. Der Diätverein trete ja auch im Rahmen der Landespreiskochwoche auf, und Frau Schlick koche den Wettbewerb. Monich war mit dem Kaffee des »Blauen Engels« recht zufrieden. Auch die Speisekarte bot eine reiche Auswahl. Er nahm nun öfter eine Kleinigkeit in der Gaststube des »Engels« zu sich, und am Abend wurde er hier Zeuge eines bedeutsamen gastronomischen Vorganges. Das Grand Hotel speiste hier mit Frau Schlick und Doktor Langloff zu Abend. Der Portier wußte das Nähere: Frau Schlick hatte das Diner selbst zubereitet und wollte dem Grand Hotel beweisen, daß man auch im Rahmen einer gewissen Diät köstlich essen könne. Teile des verbindlich gedämpften Trinkspruchs hörte Monich mit eigenen Ohren: nicht auf Zutaten komme es an – auf die Liebe! Mit Liebe müsse gekocht werden. Monich wußte wie gesagt alles. Jena lag als eine Kinderfibel aufgeschlagen vor seinen Augen – mit Ausnahme des Universitätsviertels, aber in der Universitätsgegend herrschte ja Ruhe. Die Stürme selbst von drei Tagungen solcher Art pfiffen nicht in die Fensterhöhlen der Wissenschaft. Diesen Bezirk konnte Monich unbeschadet links liegen lassen bei seinen Studien. In der ersten ruhigen Stunde mit Kortüm sprach er: »Kortüm, rücke mal 'n bißchen ran. Weißte was? Doktor Langloff is auch da.« »Daran tut der junge Mensch gut. Er wird in hiesiger Klinik seine Kenntnisse in Landkrankheiten zu vervollständigen suchen.« »Nee. Der vervollständigt was anderes. Weißte, was der macht? Der kocht auch.« Kortüm sah Monich an. So konnte nur ein wirklicher Koch herabblicken auf einen, der von Köchen sprach. 422 Aber Monich schüttelte besserwissend diesen Blick ab: »Indirekt kocht er. Verstehst du?« »Nein, Monich. Indirekt kann niemand essen, also auch nicht kochen.« » Der kann's. Der quirlt nich in den Töppen rum, weißte? Der quirlt was ganz anderes. Die Vorstandschaft quirlt der. Un sie , sie kocht. Die kleine Rundliche, die immer so um dich rum war, die Dicke, wie heißt sie?« »Frau Schlick?« »Hä, Kortüm: die kocht.« »Wo?!« »Auf der Landespreiskochwoche! Genau so wie wir alle beide! Jawoll. Das heißt, mir hat der Büfettier vom ›Engel‹ vorhin gesagt: genau genommen kocht die Schlick'n auch nich – der Diätverein kocht. Langloff'n seine Appelmusmänner. Die Schlick'n stellt Langloff bloß vorne hin – merkste was?« Herr Kortüm machte eine lässige Handbewegung: »Wir brauchen es ja nicht zu essen, Monich.«   Die blaue Flamme Der alte Marktplatz hat im Lauf der Jahrhunderte viel Sinn und Unsinn auf sich herumgehn lassen müssen und ist davon nicht größer geworden oder enger, verschlossener oder offener, sondern das alte gutmütige Menschentheater geblieben, das er immer war: stets bereit zu Aufführungen. Heute trug er bei aller angeborenen Fröhlichkeit eine gewisse Würde zur Schau, die den Kenner dieser Örtlichkeit ein wenig besorgt machen konnte. Gegenüber dem bronzenen Hanfried war ein bekränztes Podium aufgebaut. Vorläufig befand sich nur der gute Kurfürst auf seinem Platz, der andere Sockel stand noch leer. Zwischen Johann Friedrich und der unbekannten Podiumfigur fand sich, etwas erhöht und aller Welt sichtbar, ein langer weißgedeckter blumengeschmückter Speisetisch, vor dem die Musik saß. Obgleich der Marktplatz gedrängt voll Menschen stand, fehlten die blauweißen Rauchfahnen der Rostbratstände. Der Duft gewöhnlicher Bratwürste paßte heute nicht zu den erlesenen Genießbarkeiten, die zu erwarten waren. Die Kapelle begann zu spielen, die Leute reckten die Hälse, eine 423 Bewegung ging durch die Festversammlung – die Preisrichter betraten den Platz. Voran schritt das Grand Hotel und nahm in dem Armsessel in der Mitte der Tafel Platz. Seine Mitrichter rückten die Stühle, setzten sich. Die Musik spielte alla marcia maestoso : in langem Zug erschienen weißgekleidete Kochlehrlinge und begannen die Speisen aufzutragen. Schüssel um Schüssel, Platte um Platte – wahrlich ein Anblick nur für gesättigte Zuschauer. Aber in dieser Hinsicht beruhigte schon ein kurzer Blick in die Runde. Die da den Markt füllten, schienen alle einen guten Grund gelegt zu haben. Zudem nahmen ja auch die Zuschauer teil an den Genüssen der Preisrichter, denn der Ansager schlug bei jedem neu erscheinenden Gericht auf die Pauke und rief hallend den Namen der Speise: »Forellen in Tokayer!«, »Trüffeln in der Asche!«, »Gebratenes Spanferkel!« Und sofort nach der Titelangabe betrat, von Zurufen der Festteilnehmer begrüßt, der jeweilige Schöpfer des Gerichtes das Podium, verbeugte sich und nannte das Rezept: »Sechs Stangen Porree, vierhundertachtzig Gramm Hammelfleisch, zwei Goldparmänen ohne Schalen und Kerne« – so ging es endlos weiter. Lernbegierige Zuschauer schrieben die wunderbaren Rezepte nach. Auf dem Marktpflaster standen ungezählte Festteilnehmer und sahen die Preisrichter speisen – aber man sage nicht, daß nun die Zuschauer nichts gehabt hätten von den Köstlichkeiten, die dort ab- und zugetragen wurden: nach jeder Probe erhob sich ein Mitglied der Tafel und schilderte den gehabten Genuß. Den Vorgeschmack in Betrachtung der Außenform gab der Redner an, die Hauptwürze, den Duft, die feiner mitschwingenden Nebenwürzen, den Nachgeschmack als das eigentlich Bleibende und zuletzt die voraussichtliche Verdaulichkeit. Da er vor Fachleuten referierte, konnte er gewiß sein, völlig verstanden zu werden – eine andere Speisung der Fünftausend: hier nahmen fünf Männer das Mahl zu sich, und fünftausend wurden satt. Die Stimmung hob sich immer mehr. Über den Köpfen der Zuschauer sah man Pasteten zur Tafel tragen und wieder abtragen, getrüffelte Fasanen, Bauernschüsseln mit dampfenden Klößen, Schaumweinkaltschalen, chinesische Reisgerichte, und eine gewichtige weißgekleidete Figur nach der anderen mit der ungeheuren weißen Mütze auf dem behaglich schmunzelnden Kopf stand auf dem Podium gegenüber dem guten Kurfürsten mit dem nackten Schwert in der landesväterlichen Faust. Achtungsvoll betrachtete die Menge das unerschütterlich weiterspeisende Preisrichterkollegium, das, ohne zu zögern, ohne zu murren, eine Feinkost nach der anderen im Interesse des Ganzen zu sich nahm. Hochrufe 424 dankten den weißbekittelten und weißbemützten Meistern, die so Herrliches bereiten konnten. Plötzlich aber stand da ein schwarzer Mann auf dem Podium und im Angesichte des Herzogs Johann Friedrich! Ein Herr in Schwarz, der langsam die Hand zur Krempe seines Zylinders hob, den hohen Hut ein wenig lüftete und – immer den Hut halbrechts neben dem Kopf – mit ruhiger Stimme seine Schöpfungen analysierte. Aber nicht wie ein Gelehrter nach Gramm und Kubikzentimeter, sondern wie ein Künstler: »Die Hummerschalen in einem porzellanenen Mörser zerstoßen. Der Mörser handwarm. Auch das Pistill wenigstens Körperwärme. Nun Basilikum, ein Fiederchen des Blattes, oder zwei – ob eben der Hummer aus dem Nordseewasser kommt oder nur aus dem geschmacklich weniger günstigen des Atlantik . . .« Es war sehr still auf dem Marktplatz geworden: hier konnte man lernen und, zum Teufel, auch wieder nicht lernen! Kortüms Handbewegungen sagten mehr aus über die Gerichte als seine Worte. Das Preisgericht kaute nicht mehr, das Gericht sah ihm zu: der Mann geht nicht von Regeln aus, sondern vom Gefühl und von der Substanz. »Der kann's«, sagte die Festkochwoche, als Herr Kortüm seinen Zylinder wieder aufsetzte und gelassen die Treppe herabstieg. Das Grand Hotel erhob sich persönlich und referierte über den einnehmenden Vorgeschmack, den soliden Kaugeschmack, den überaus leichten Schluckgeschmack und den unvergeßlichen Nachgeschmack der Kortümschen Gerichte. »Kortüm! Hoch Kortüm!« schrie es. Es begann jemand zu singen, und die Musik – im Traume wohl oder schon ein bißchen angezecht oder genarrt von dem plötzlich frohen Tosen auf diesem Markt, um den noch die alten Giebel standen, in den die alten Haustüren mündeten, über dem vielleicht auch die alten Sommerwolken noch schwebten – die Musik geriet unversehens in ein Lied, das sie in versunkener Zeit manches Mal hier hatte spielen müssen bei Sonnen- und bei Fackellicht: » Factus de materia levis elementi / Folio sum similis  –« »Auf ein Wort, Verehrter –« »– de quo ludunt venti –« »– es ist nämlich so«, das Grand Hotel zupfte Kortüm am Ärmel: wahrhaftig, in eigener Person, herabgestiegen vom Richtertisch auf das Pflaster . . . »Daß Sie kochen können, weiß die Welt! Hören Sie den Markt, Kortüm? Sie bedürfen keiner Bestätigung mehr. Sie sind bestätigt. Aber« – er wies auf das Podium: jetzt waren die Köchinnen dran; eben erstieg Mimi Schlick die oberste Stufe. 425 »Lieber Gott«, murmelte Kortüm. »Sie haben vollkommen recht. So ist es. Wir müssen ihr helfen, Kortüm. Um der Sache willen. Unsere Lebensarbeit zielt nicht nur auf eine bloße Besänftigung des Gaumens. Um den Magen geht es, um die Gesundheit, wir sind mitverantwortlich.« Das Grand Hotel öffnete in Gedanken die unteren drei Westenknöpfe, dieses viele Sprechen nach der anstrengenden Richtertätigkeit griff ihn an, er japste nach Luft. »Wir müssen den ersten Schritt tun, Kortüm –« Der Marktplatz sah die beiden Herren verhandeln. »Der da is der Präsidente.« »Nee, der doch. Der Große is Kortüm.« »Ach, der mit'm ersten Preis?« »Kortüm! Kortüm!!« rief es aus der Menge. »Aber da trägt doch einer der Köchin 'n Blumenstrauß nauf.« »Darum«, sprach das Grand Hotel weiter, »sind die Preisrichter mit Ihnen einig, Kortüm: wir können Sie gar nicht krönen. Sie sind gekrönt.« Herrn Kortüm gab es einen Ruck. Er wollte etwas sagen, aber Fanfarenstöße schmetterten über den Markt. Am Richtertisch erhob sich ein Herr und hielt eine kurze einleitende Ansprache. »Und darum«, sprach das Grand Hotel leise weiter, »bekommt in der gewöhnlichen Preisverteilung hier den, wenn ich so sagen soll, nur materiell sichtbaren Preis der fleißigste unter den derzeitigen Diätköchen –« Der Herr oben an der Tafel hatte seine Rede geschlossen. Es kam jetzt wieder ein so heftiges Musikstück, daß Privatgespräche unmöglich wurden. Aber danach stand Hotel Disch auf und hielt eine freudig aufgenommene, mit Scherzen gewürzte Ansprache über das Essen im allgemeinen und über die Kunst der Verdauung im besonderen – essen könne jeder, aber verdauen! Und zu einer guten Verdauung gehörten immer zwei: der eigentliche Verdauer und der Koch, der die Verdauung anzubahnen verstehe. »Hören Sie, Kortüm? Disch gibt der Meinung aller Ausdruck. Der Öffentlichkeit muß unter solchen Umständen die Mimi Schlick vorgestellt werden – wir unter uns können ja essen, was wir wollen, aber« – Wieder zerschmetterte Trommel- und Paukenschlag die Rede der beiden Herren. Ein Kochgeselle überreichte auf einer silbernen Platte dem Grand Hotel eine Pergamentrolle, an der das Siegel in Gestalt eines Hummers hing. Herr Kortüm trat zurück, er hatte das Gefühl, 426 die Stielaugen dieses Hummers tasteten nach ihm, er öffne die Scheren – das Grand Hotel aber fürchtete den Panzerkrebs nicht, nahm die Rolle, legte sie, da Kortüm die Hand nicht öffnete, in Kortüms Arm, stieg einige Stufen des Podiums hinan und rief: »Der beste Koch der Gegenwart, Herr Friedrich Joachim Kortüm, –« »Kortüm hoch!« »– wird in seiner Eigenschaft als der erste Meister seines Fachs vor der verehrlichen Festversammlung das Dokument der Preisverteilung zu überreichen die Ehre haben an Frau Mimi Schlick, die bekannte Diätköchin von Besenroda!« »Von wo?« murmelte Kortüm. Irgendein Rüpel schrie da aus einer entfernten Marktecke: »Appelmus!« Herr Kortüm hatte eben einen Henkel der silbernen Platte ergriffen, zog sie samt dem widerstrebenden Kochgesellen näher, wollte das ihm in den Arm gelegte Pergament wieder auf die Platte legen – da blickte er bei dem rohen Ruf »Appelmus« auf zum Podium. Er sah das hilflose erhitzte Gesichtchen der guten kleinen Frau – Gelächter war aufgeklungen. »Kohlrüben!« rief es aus einer anderen Ecke. Kortüm sah, wie Mimis Augen rote Ränder bekamen, wie sie sich mit Wasser füllten – »Zwibbeln, Zwibbeln, Tränenzwibbeln« . . . das Gelächter wuchs an – »Spielen Sie einen Walzer!« rief Hotel Disch der Musik zu, »zum Teufel, los doch!« »Mm, da läuft das Tränchen über ihre Backe«, murmelte Kortüm. Mimis Hand tastete nach dem Treppengeländer, sie griff daneben, in das stachlige Tannicht der Girlande, das Händchen fuhr zurück; Kortüm sah alles genau . . . die Musik hatte ungleich eingesetzt, fiepte, quiekte, schwieg. Das Gelächter toste – »Ein Fest«, sprach Herr Kortüm, und sein Auge suchte zornig die Schreier und Lacher, »verdammt, ein Fest auf Kosten einer Frau?!« Er sah das hilflose Wesen an – da ging er die Stufen hinan, gab ihr die Hand – »Kortüm!!« schrie der Markt. »Jawohl!« rief Herr Kortüm. »Hoch!« schrie die Festversammlung, »Herr Kortüm hat's gesagt. Hoch!!« Es war ja so gleich, wer hier hoch lebte, wir leben alle hoch: »Hoch!!« Die Schüsseln und die Platten und die Töpfe dampften, die 427 ganze Stadt duftete nach Gebratenem, Gebackenem, Gesottenem – Feiertag ist, Musik mit Pauken und Trompeten: Gott, laß uns leben. Und der alte Kurfürst sagte ja dazu und hob schmunzelnd sein friedliches Schwert. Kortüm aber hob jetzt das Pergament – der Markt wurde still: »Jawohl. Ich bin noch da!« Und grimmig legte Kortüm das Pergament in Mimis Arm. Die Musik spielte einen Tusch. Herr Kortüm stieg die Treppe hinab. Auf dem Podium stand Mimi Schlick. Die Musik blies und paukte auf des geistesgegenwärtigen Hotel Disch Anweisung kraftvoll weiter. Das Grand Hotel konnte im Augenblick keine Anweisungen geben. Es atmete tief, ganz tief auf. Der anerkannt beste Koch der Gegenwart aber hatte seinen Festzylinder abgenommen, schaffte sich mit einigen Handbewegungen Raum, schritt eilig durch die Menge und verschwand. Monich suchte über all den Köpfen nach dem glänzenden schwarzen Rohr. Nirgends war es zu sehen. »Bombenelement, Nachbar, un verflucht, was is denn das?« »Da steht se«, sagte der Nachbar verdutzt. – Kortüm ging in tiefen Gedanken durch leere Straßen. Wenn Schiffe scheitern, gehören die Boote zuerst den Frauen – darüber war kein Wort zu verlieren. Erstens war sie eine Frau, und zweitens konnte auf dem aus den Fugen gegangenen Markt nur er, kein andrer als er, der Herr Kortüm, ins hin- und herschlagende Steuer greifen. Der Gedanke schmeichelte ihm ein bißchen. Trotz eines höchst fremdartigen Untergefühles gewährte ihm diese Eroberung Jenas eine Befriedigung: die Leute wußten nicht wie, aber Kortüm war gekommen, als alle ratlos waren. Kortüm hatte sich nicht einmal mit einer Rede angestrengt, eigentlich nur den Arm hatte er hochgehoben – und die hilflose Frau war gerettet. Und die Kochfestwoche war gerettet. Und der Diätverein war gerettet, alle waren gerettet . . . »Ja ja«, murmelte Herr Kortüm, sah sich um und bemerkte, daß er vor der Bahnhofshalle angekommen war – ganz unversehens. »Also gut«, sprach er, »heute abend bin ich in meinem Haus.« Er hätte lieber ein Flugzeug nehmen sollen. In fünfzehn Minuten wäre er dann im Flügelhause gewesen und gerade noch zur rechten Zeit angekommen. Konstanze Schröter nämlich mußte ihren Wagen, den sie von Florenz über München in kleinen Tagereisen gemächlich bis aufs Flügelhaus gesteuert hatte, schon vorne am Tanneneck zum Halten bringen, weil sie nicht am Portal des Flügelhauses vorfahren konnte. Auto hinter Auto stand da. Hausdiener luden Koffer ab. Sie hupte. 428 »Was ist denn bei euch passiert?« fragte sie den herbeieilenden Portier. »Die World, gnädige Frau.« Du lieber Gott, wollte Konstanze sagen, aber sie fragte nach Herrn Kortüm. Bedauernd hob der Mann mit den Goldknöpfen die Schultern: »Verreist.« »Wenn die World zu ihm kommt?!« »Nur auf kurze Zeit. Auch die World bleibt höchstens zwei Tage.« Nein, da fuhr sie schon lieber weiter. Das Flügelhaus ohne Kortüm war eine halbe Sache. Aber ohne Kortüm und mit World? »Ich komme in den nächsten Wochen wieder vorbei. Bestellen Sie einen Gruß.« Der Schaffner prüfte die Fahrkarten und sagte zu Herrn Kortüm: »In Ottstedt umsteigen.« »Ich will ja nach Esperstedt.« »In Ottstedt umsteigen.« »Das ist kein direkter Zug? Teufel, wann habe ich Anschluß?« »Acht Uhr zehn.« Kortüm sah nach der Uhr: »Drei Stunden Aufenthalt!« »Drei Stunden sind es bis zwanzig Uhr zehn, mein Herr. Um acht ist es bekanntlich morgens früh.« »Was?! Ich habe heute keinen Anschluß mehr?« »Acht Uhr zehn.« Man soll nicht in Gedanken gehn. Aber man soll noch weniger in Gedanken fahren. Denn beim Fahren kommt man in Gedanken sehr viel weiter. Herr Kortüm suchte also das Gasthaus in Ottstedt auf. Er fand es bald, aber es verging eine gute Weile, bis jemand kam. Die erhitzte Wirtin erklärte ihm, es sei nämlich heute gerade große Wäsche. Das riecht man, dachte Kortüm und folgte der Frau. Hm, das Zimmer war niedrig, aber groß, die Fenster wohlverschlossen – »daß die Fliegen nich so reinkommen« – das Bett war von gewaltigen rotkarierten Federkissen aufgebläht. »Die Hälfte genügt«, sagte Kortüm und ließ den Bettberg abtragen. Er öffnete auch das Fenster und bat um ein Stück Seife – nichts hatte er bei sich: sein Koffer stand ja in Jena. Die Wirtin sah seinen Rock, seinen Zylinder an: »Ach, der Herr kommt wohl von einem Begräbnis?« Kortüms Kopf fuhr herum, aber er sagte nichts. 429 »Da müssen wir vor allem erst mal was in'n Magen kriegen, nich wahr?« fragte die teilnehmende Frau. »Danke. Ich werde vorläufig nicht essen. Aber, ja« – er strich über seine Weste – »ein Glühwein vielleicht.« »Roten haben wir nich.« »Aber Weinbrand? Hm . . . Ja, wissen Sie – Kortüm ist mein Name, Kortüm vom Flügelhaus.« »Ach nee doch! Kortüm?! Der Herr Kortüm! Aber so was! Waren Sie denn das nich, der dazumal in Kranichstedt –« »Liebe Frau«, unterbrach sie Herr Kortüm hier mit Recht, denn wer eben eine ganze Stadt regiert hat, mag nichts von Städten hören, in denen er regiert worden ist, »liebe Frau, das wollte nur besagen: ich bin vom Fach. Und mir ist im Augenblick etwas flau im Magen. Man hat da so seine eignen Rezepte.« »Natürlich! Aber ja doch, Herr Kortüm! Wir sin doch von ein un derselbigten Brangsche!« »Also bringen Sie mir einen Spirituskocher, einen sauberen irdenen Topf, Cognak, einige Gewürznelken, eine halbe Zitrone, etwas Zucker und ein kleines Glas Himbeer. Dazu zwei Löffel und ein Glas.« »Hier rauf? Wollen Sie gleich ins Bette?« »Ich habe vorm Haus einen Tisch stehen sehen. Unter der Linde. Dahin.« – Herr Kortüm kochte seinen Wein, trank ihn, sah auf die abendwarmen Hügel drüben, und wenn auf der Landstraße, an der das Wirtshaus lag, ein Auto vorüberglitt, blickte er dem Wagen nach: »Der fährt vielleicht nach Jena, und dort wäre jetzt vielleicht Revolution, wenn ich nicht eben in Jena gewesen wäre und nun hier säße. Wie wenig die Leute von dem Boden wissen, auf dem sie herumfahren.« Die Nacht brach ein. Kortüm verspürte keine Lust, von seinem Stuhl unter der Linde aufzustehen, wohl aber war ihm im Laufe des Abends nun doch ein Hungergefühl gekommen nach all den Tagen des beruflichen Fastens. Die Wirtin mußte ihm Schwarzbrot bringen und Schinken. Er aß mit Genuß, und als die Zigarre brannte, fehlte ihm ein Trunk. Ein Schluck Wein würde die Erinnerung an die eben verlebten Stunden verklären. Rotwein gab es nicht. Herr Kortüm beschloß, zum zweiten Male die Selbstbereitung eines rotweinähnlichen Getränkes vorzunehmen. Unter der mächtigen Linde war es schon völlig Nacht. Kortüm mußte aufpassen, daß er den Brennspiritus nicht am Kocher vorbeigoß. – 430 Konstanze hatte im Esperstedter Gasthof zu Abend gegessen. Dann setzte sie sich in ihren Wagen. Hinbummeln wollte sie im Auto, ganz gemächlich nach Weimar fahren. Ihr ging Florenz durch den Sinn, die Hügel am Arno sah sie, die weißen Villen an den Hängen. Ihr Auge glitt über das Thüringer Land. Nachtbeschattete Hügel, breitgelagert wie Bastionen. Auf so einer Festung wohnte nun dieser Herr Kortüm. Und die World war gekommen und belagerte ihn. Konstanze lächelte. Die gute Straße ging immer eben weiter, ohne Kurven. Ohne Gefahr konnte sie ein wenig sinnieren beim Fahren. Aber da kamen Scheunen, Häuser . . . wo sie wohl war? Da – was ist das? Im schwärzesten Schatten tanzt ein Irrlicht, eine Flamme. Plötzlich packte sie das Steuerrad fest mit den zwei Händen und trat im Schreck den Gashebel herunter. Der Wagen war im Nu durchs Dorf geglitten, aus der Häuserzeile gehuscht ins Freie. »Gespenster«, flüsterte Konstanze, »eine Erscheinung hab' ich gehabt . . . Ich denke an einen Menschen . . . und da seh ich ihn lebendig . . .« Sie hätte schwören können: dort hinten in dem fremden Dorf, an einem Steintisch unter einem großen Baum hatte sie Herrn Kortüm sitzen sehen. Nacht und Nichts – nur Kortüms Kopf, aber in einem unheimlichen blauen Licht; und der Kopf nickte und sprach, sprach bei Gott mit einem Irrlicht, mit einer wunderbar blauen tanzenden Flamme, die oben in goldene schlängelnde Spitzen auslief – eine zitternde lebendige Krone. »Unsinn!« Konstanze setzte sich in ihrem Wagen zurecht, schüttelte den Mitternachtsspuk ab und gab gut acht auf den Weg, daß nicht noch ein Unglück geschah. »Aber ähnlich sähe 's ihm schon«, lächelte sie, als die tröstlichen Lichter der Stadt vor ihrem Blick auftauchten. – Herr Kortüm blieb lange auf. Er hatte Angst vor dem rotkarierten Riesenbett und gedachte wehmütig seines Koffers, der mit allem Notwendigen wohlversehen im leeren Gasthofzimmer stand, zum Glück in Monichs Schutz. Aber schließlich mußte er doch einmal Ernst machen mit dem Schlafen. In seinem Begräbnisanzug stieg der Sieger von Jena die Treppe hinauf, und nach längeren Vorbereitungen lag er in seinem gestärkten festlichen Oberhemd höchst unbehaglich im Bett und gab sich Mühe einzuschlafen. Er träumte von seinem gestohlenen Koffer, von Monich, der ihn 431 rettete, der ihn aufs Flügelhaus brachte – aber wie der ihn hinstellte, war er verwechselt: Monich hatte den Kurfürsten aus Jena mitgebracht. Der Traum wurde immer quälender: da stand nun der Hanfried mit erhobenem Schwert auf dem Schottenhof, der Püsterich schnitt ihm Gesichter – das Gewicht der ländlichen Bettdecke drückte Kortüm. Tief in der Nacht fuhr der Reisende hoch. War das ein Hochruf? Hoch, rief in der Ferne jemand. Erschrocken sah er sich im Zimmer um. Ach ja, das ist Ottstedt. Das Mondlicht brach wie ein mächtiger silberner Balken durch das kleine Bauernfenster. Grade auf den Tisch schlug die blitzende Flut, und auf dem Tisch stand einsam Kortüms einziges Gepäck: sein Zylinder. Wie der glänzende Hut das Licht spiegelte! Herr Kortüm lächelte im Einschlafen. Sah es nicht ganz so aus, als ob da gleich über der Krempe ein paar schmale Lorbeerblättchen an seines Hutes metallisch kriegerische Rundung zärtlich sich schmiegten?   Mächler Herr Kortüm hatte für die Reise von Jena aufs Flügelhaus viel Zeit gebraucht. Aufmerksame Leute, wie der Doktor Langloff, kümmern sich vorher um ihre Anschlüsse und reisen schneller. Während Kortüm unter der Linde in Ottstedt seinen Morgenkaffee schlürfte, saß Langloff bereits am Schreibtisch und arbeitete fleißig mit Tinte, Schreibmaschine, Rotstift und Fernsprecher. Am gleichen Abend noch konnte der endlich heimgekehrte Gastwirt die Früchte Langloffscher Tüchtigkeit würdigen. Das erste vollsaftige Ergebnis wurde ihm auf dem Papier des »Anzeigers« überreicht, frisch aus der Druckerei und noch etwas feucht. – »Bringen Sie mir ein Windlicht«, sagte Kortüm zu Bilmes, der dieser Tage auf dem Schottenhofe scharwerkte. »Auf den Tisch am Püsterich. Ich verstehe nicht, wo sich der Hausdiener rumtreibt. Kaum wendet man den Rücken –« »Der schafft doch Koffer nach Besenroda nunter.« »Koffer? Wohin??« »'s sind doch heute wieder viere ausgezogen. Nach Besenroda nunter.« »Die Straße«, murmelte Kortüm, »daran ist die schlechte Straße zu mir herauf schuld. Wer in Besenroda wohnt, merkt nichts von ihr.« 432 Bilmes kam. Es wurde Licht. Kortüm entfaltete die Zeitung. Nun sollte er gleich erfahren, daß nicht nur die schlechte Schottenstraße seine Geschäfte schädigte. In großen Lettern brachte der »Anzeiger« unter der Überschrift: »Die diesjährige Preiskochwoche – ein voller Erfolg!« seinen Lesern folgende Nachrichten: »Mimi Schlick preisgekrönt. Die Kochkunst erobert Neuland. Wir haben wieder essen gelernt. Wie hätte die Preiskrönung der bekannten Diätköchin Mimi Schlick, über deren Verlauf unser in die Feststadt entsandter Berichterstatter Näheres berichtet, eindrucksvoller vor sich gehen können, als daß es gerade ein Vertreter der alten Schule war, der ihr Wirken und Schaffen rückhaltlos anzuerkennen sich gedrungen fühlte, nämlich der in den betreffenden Kreisen bekannte Gastronom Fr. J. Kortüm? Als im Augenblick der Krönung die rauschende Musik einsetzte, als die hervorragendsten Vertreter der Kochkunst der mit einem Schlage in die ihr zukommende Stelle eingerückten Meisterin ihres Faches von Herzen kommende und zu Herzen gehende . . .« Herr Kortüm las immer noch ganz ruhig weiter. Dann aber kam folgendes: »Für unseren schon von der Natur so überreich begünstigten Luftkurort ist es aber eine besonders freudige Überraschung, daß – wie wir kurz vor Redaktionsschluß aus zuverlässiger Quelle hören – Besenroda ausersehen ist, der Mittelpunkt des Diätkochens zu werden: in aller Stille ist in den letzten Wochen die ehemalige Villa des verstorbenen Glasfabrikanten Hackemann zu einem allen Anforderungen der Neuzeit entsprechenden Pensionshaus umgestaltet und damit einem längst gefühlten Bedürfnis endlich abgeholfen worden. Die Küchenleitung der Pension Hackemann liegt in den Händen der soeben preisgekrönten Frau Mimi Schlick und steht unter ständiger Aufsicht des auf diesem Gebiet als bahnbrechend weit über die engeren Grenzen unserer Heimat hinaus bekannt gewordenen Doktor Langloff.« – »Guten Abend! Ich habe Sie im ganzen Hause gesucht«, sagte Klaus Schart. Er mußte Kortüm sagen, daß er für einige Tage nach Weimar wolle; Kortüm schien ihn gar nicht zu hören. »Ein Brief ist Ihnen runtergefallen.« Klaus bückte sich und gab Herrn Kortüm das Schriftstück, oder vielmehr: er legte es in die offene, reglos auf der Tischplatte liegende Kortümsche Hand. Der Herr des Flügelhauses wendete langsam den Kopf, er sah den achtunggebietenden Umschlag an, er wendete das Schreiben um und um: »Ja«, sagte er, »ein Hummer hängt diesmal nicht dran.« 433 »Wer hängt nicht?« »Sind Sie schon einmal in eine Hummerzange gekommen, junger Mann?« »Wohin?« Kortüm hielt wohl eine Antwort nicht für nötig. Er zog die eingeschlagene Klappe des Umschlags heraus. Kortüm las. Es mußte ein langes Schreiben sein. Oder ein fremdsprachiges, Kortüm schien den Inhalt nicht recht zu verstehen. Er gab den Büttenkarton an Klaus: »Herr Schart, bei diesem flackernden Licht . . . die Buchstaben . . . bitte lesen Sie es mir langsam vor.« Dem Schulmeister verschwammen die Lettern nicht: »Mimi Schlick, verwitwete Radebogen – Doktor Walter Langloff, praktischer Arzt – Verlobte. Besenroda, den . . .« »So. Danke. Da habe ich doch recht gelesen.« Klaus legte die Anzeige verwundert auf den Tisch: »Wie rasch die Menschen in einem Ort wechseln. Ich habe doch auch in Besenroda gelebt. Die Namen habe ich nie gehört. Kennen Sie die Leute?« »Mein Freund – seit heute.« Der Ton dieser Stimme ließ Klaus aufsehen. Ihm ist was in die Quere gekommen. Man muß ihn aufmuntern: »Also ich fahre morgen nach Weimar. Ich werde Frau Schröter sehen. Soll ich Grüße bestellen?« »Glückliche Reise.« »Sie will übrigens bald ins Schottengelände kommen, hat sie mir geschrieben.« »Wohnt sie auch bei Hackemann?« Der schläft ja, dachte Klaus. »Also, auf Wiedersehen.« Kortüm sah ihm nach: »Er geht auch, ja ja. ›Im Stillen‹, steht in der Zeitung. Das haben sie fein gemächelt. Hinter den Kulissen.« Jetzt begriff er, warum am Tage seiner Abreise nach Jena plötzlich außer Frau Schlick auch die Zimmernummern sechs, neun, vierzehn und dreiunddreißig abgereist waren mit der Weisung, ihr Gepäck nicht zur Bahn, sondern nur nach Besenroda zu bringen. Und von den naturverbundenen Gästen, die er beim Streit um den Kortümweg so geschickt mundtot gemacht hatte, waren auch drei Nummern beim Kofferpacken. Ja, ohne Zweifel: er, der Herr Kortüm, hatte gestern nicht nur einer bedrängten Dame auf einem girlandenbekränzten Podium ritterlich Platz gemacht, hatte nicht nur einem Marktplatz Schweigen befohlen und die Festkochwoche gerettet – er hatte ganz offenbar auch dem ihm viel näher liegenden Kurort von einem längst 434 gefühlten Bedürfnis abgeholfen. »Hoch!« hörte er in weiter Ferne rufen, »hoch!« Kortüm glaubte allein zu sein und murmelte vor sich hin. Er sah sich auf dem Schottenhof stehen, sah Langloff Sohn, Langloff Vater, Mimi Schlick, seine entfernte Verwandtschaft sah er dastehen. Die Angeklagten etwas zurück, so. Der Kläger bitte. Ein Herr Kortüm, ja. So ging die murmelnde Verhandlung eine Weile hin. Bilmes kam zurück, wollte ihm sagen, der Hausknecht sei noch nicht da. Er hörte Kortüm vor sich hin reden. Er trat ihm näher. Noch einen Schritt. Jetzt stand er neben dem Stuhl . . . »Aber«, murmelte Kortüm, »der Kläger zieht seinen Antrag zurück. Kortüm hat seine Existenz wieder ein Stück näher an die menschliche Natur gerückt. Er klagt diesen Ruck nicht ein, nur was seinen Atem betrifft, den Lebensodem, hoher Gerichtshof . . .« »Unsern Odem«, sagte Bilmes und legte seine Hand sachte auf Kortüms Rockärmel, »den muß unsereiner festhalten. Wenn er raus is, kriegt man ihn nich wieder. Die Luft kann man nich anfassen.« Herr Kortüm war gar nicht erschrocken. Er lächelte sogar ein wenig, als er Bilmes ansah: »Evangeliste . . . Sagen die Leute nicht so zu Ihnen? Ja, die Luft können wir nicht fassen.« Kortüm erhob sich. Hinter dem Lohberg breitete sich am Himmel weißliches Licht aus. Der Mond mußte grade hinter dem Gipfel stehen. Kortüm nickte nachdenklich: »Viel zu schnell wird Luft, was man erlebt. Wir wollen uns heute eine Notiz machen. Ich vergesse zu leicht. Da oben« – er zeigte nach dem Lohberggipfel – »wollte ich schon immer ein Zeichen aufstellen. Eine Landmarke. Ich hatte nur immer keinen passenden Stein. Jetzt liegen da die Bruchsteine vom Terrassenbau. Kommen Sie, Bilmes. Ich zeige Ihnen, wie sie stehen sollen.« »Diese Nacht?!« »Morgen mörteln Sie die Steine fest. Morgen habe ich aber keine Zeit. Morgen ist ein saurer Tag. Ich habe Ihnen rasch gesagt, wie es sein muß.« Bilmes ging verwundert hinter Kortüm her den schmalen steilen Pfad zwischen den Tannen empor zur Höhe. Kortüm zeigte genau die Stelle am Absturz des Berges: »Mannshoch. Nach oben zu spitzer. Eine steinerne Nadel, Bilmes. Man soll sie sehen bis nach Weimar hin, wo Frau Konstanze Schröter wohnt.« »Spitz nach oben? Dann zeigt sie da naus«, nickte Bilmes. Herr Kortüm folgte dem Finger des Evangelisten. Er mußte den Kopf weit zurücklegen. »Ein schöner Stern. Der da – der dort auch. Und wie still! Sagen Sie, Bilmes, die Leute haben sich den lieben Gott doch immer als einen Mann gedacht?« »Als 'n alten Mann, Herr Kortüm.« »Soso. Und nun warten sie auf Antwort. Da können sie lange die Ohren aufsperren. Alte Männer wissen viel zu viel. Die antworten auf nichts. Aber die Gottheit« – Kortüm reckte den Arm aus nach dem Sternbild des Großen Bären und wischte mit der Hand gewaltig über den glitzernden Himmel, beim Benetnasch beginnend – »die Gottheit als ein Weib gedacht«, rief er, den Polarstern streifend und bis zur Cassiopeia hinüber und bis zum Stern Algol ausgreifend, dem geheimnisvoll veränderlichen am Himmel einer Welt, die aus dem Schoß des Weiblichen geboren wird – nach Herrn Kortüms diesnächtlicher Ansicht. Unverwandt sah Herr Kortüm die Sternbilder an über der steinernen Nadel, die Bilmes morgen mauern wird. Der alte Evangeliste stand wieder mit offenem Munde da und rückte seinem Brotherrn langsam näher: »Herr Kortüm, mit solchen Gedanken täten Sie besser, wenn Sie nich da nauf guckten, sondern lieber da nunter.« Kortüm warf nur einen kurzen hochmütigen Blick in die Täler: die lagen sternlos in ihrem Dunst. Bilmes mit seinen Eulenaugen konnte trotz Nacht und Dunst in die Täler hineinsehen, ins Ilmtal dort, ins Esperstedter Tal auf der anderen Seite und in den Flügelhausbezirk auf dem Paßweg zwischen beiden. Kortüm sagte oft, je älter er würde, desto besser sähen seine Augen. Aber die Mitmenschen gehen ja meistens durch das Dunkel nicht als Sternbilder, nicht einmal als Glühwürmer. Nichts sah Kortüm von ihnen mit seinen guten Augen: nicht, wie Mickewitz von Besenroda nach Esperstedt ging, der alte Langloff aus seinem Esperstedter Hotel in Fischers Gasthof nach Besenroda, Kuffert von Haus Hackemann über den Paßweg in die »Forelle«, der junge Langloff von der »Ilmpost« ins »Esperstedter Tageblatt«, Hiebrich aus seiner Räucherkammer in die Hackemannküche, Fräulein Leibwein zu Frau Schlick, Frau Schlick . . . ach, wenn ihnen der Glühwurmfunken am Hut gesteckt hätte, würde jetzt der Herr Kortüm vom Lohberggipfel aus ein haarfeines Netz gesehen haben, das diese Leuchtspurleute ins Schottengelände zogen, ein ungreifbares Fischernetz ums Flügelhaus. Herr Kortüm hatte nicht die Augen für die Mächlerspuren im Dunkeln. 436   Tee Holdermanns sonst wohlverschlossene Ateliertüre ging heute unablässig auf und klappte wieder zu. Die Staffeleien waren in die Ecken geschoben und Sessel, Stühle, Hocker standen in Gruppen um kleine Tische, die nicht mit Skizzen und Malgeräten behäuft waren, sondern Teetassen Raum gaben, die höflich ausgetrunken wurden von den versammelten Freunden und Feinden des Malers. Das Gespräch summte. Jeder fand die Meinung des anderen anhörenswert und antwortete – mit bestem Dank für die freundliche Einladung – so geistvoll er konnte. Konstanze Schröter stand vor einem kleinen Aquarell: »Was ist denn das?« Holdermann machte ein verlegenes Gesicht: »Ja, wissen Sie, gnädige Frau, das ist die Gramme. Die Gramme ist ein Bach. Hinterm Ettersberg.« Konstanze lachte: »Ach. Und die Häuser bedeuten wahrscheinlich ein Dorf.« »Das Dorf heißt Zimmern. Und eine halbe Stunde hinter Zimmern liegt ein Feld, auf dem Weiden gezogen werden. Der Zimmernsche Korbmacher holt sich von Zeit zu Zeit eine Fuhre, stellt die Weiden in die Gramme, und wenn die Stecken eine Weile im Wasser gestanden haben, schlagen sie wieder aus und stehn da als wunderbare grüne Garben.« »Herr Schart«, sagte Konstanze zu dem Schulmeister, der nicht aus ihrem Bannkreis wich, »malen Sie niemals abgeschnittene Stecken, die wieder ausschlagen und dann dastehn, als ob sie lebten.« »Ich male gar nicht mehr.« »Und wenn Sie«, fuhr Konstanze fort, »etwa schreiben sollten: geschrieben ist dieses Phänomen noch mißverständlicher.« Holdermann mußte einen neuen Gast begrüßen. Konstanze gab einem Herrn von der Presse Auskunft, welche Rollen sie diesen Winter spielen werde, und Klaus fragte sich, was wohl Frau Schröter von ihm am liebsten dargestellt wünsche. Sobald sie ihrem Ausfrager entronnen war, kam Klaus mit seiner Frage. »Das werde ich beantworten, sobald ich den wohl nun endlich fertiggestellten Richtspruch kenne. Ich wünsche ihn an einem Abend dieser Woche vorgelesen zu bekommen.« »Oh, ich danke Ihnen. Morgen?« 437 »Morgen also. Ist die Geschichte lang geworden?« »Welche – ach so. Daran habe ich noch gar nicht wieder gearbeitet.« Konstanze lachte: »Sie kommen aber trotzdem?« Im Jahr vorher wäre Klaus jetzt ängstlich geworden. Heute sprach er: »Ja. Ohne.« Konstanze sah ihn nachdenklich lächelnd an: »Macht Ihnen das Schreiben Mühe?« »Mühe?« Klaus suchte nach Worten, wischte mit ein paar Fingern über Hand und Gesicht und sagte: »Mühe . . . Alle Poren stehen offen, keine dichte Haut mehr, alles strömt nach außen. Als ob man verrinnt. Mühe ist es nicht. Aber man ist froh, wenn man aufwacht und wieder überlegen und für sich leben kann.« »Für sich«, Konstanze nickte mit dem Kopfe, »das könnte euch passen. Die Türe zweimal rumgeschlossen, Zigarren paffen, oder wenn's den Herren beliebt, ein bißchen im Tumult rumgehn, die Hände in den Taschen natürlich –« Auf der Orgelempore in Besenroda hatte ihm einer gesagt, tote Männer oder lebende Frauen wären die einzigen, deren Augen manchmal bis auf den Grund reichten, für den der Blick der lebendigen Männer zu kurz sei. Vor Klaus saß eine wunderbare lebende Frau. Und er begann: »Wer berühmt ist wie Sie, hat gut reden.« »Sieh mal. Geben Sie mir eine Zigarette. So. Danke. Ja – berühmter Herr, was werden Sie zuerst tun? Ein Auto kaufen? Erster Klasse fahren? In lautlosen Hotels wohnen? Solche schönen Dinge aber geben Abstand, Herr Schart. Sie verändern das Lebensgefühl. Aus den teuren schnellen Wagen heraus, aus Ehrenlogen, Grandhotels und Häusern mit Parks sieht die Welt freilich anders aus. Leider aber: falsch. So ist sie gar nicht, wie sie scheint, wenn man gefeiert wird. Macht Ihnen nun die Welt was vor – bleibt Ihnen da andres übrig, als ihr was vorzuspielen? Der berühmte Schart muß sich nun schon eine Maske leisten. Aber so Dinger, wie unsereiner sie trägt beim Schauspielen und die sich hinterher wieder abwaschen lassen, die langen nicht.« Sie hielt einen Herrn fest, der eben an ihrem Sessel vorüberging: »Nicht wahr, Herr Professor, wir beide brauchen in unserem Beruf die Maske nur als Zwischenhilfe?« Der alte Herr rückte schmunzelnd an der goldenen Brille: »Gnädige Frau?« » Sie freilich«, fuhr Konstanze fort, »tröpfeln Chloroform hinein.« 438 »Was soll ein Chirurg tun? Wir müssen schmerzlos arbeiten können.« »Und wir«, lachte Konstanze, »kriegen das ohne Chloroform fertig.« Der alte Herr neigte artig den Kopf vor der schönen Frau: » Wenn – ein Dichter hinter Ihnen steht.« »Also ein Gesicht«, sie rüttelte Klaus am Ärmel. »Hören Sie's, Schart?« Der ehemalige Besenröder Schulmeister glaubte doch das Maskenwesen an Ort und Stelle aus dem Grunde studiert zu haben, konnte lachende und weinende Masken unterscheiden, hatte auch seinerzeit ein paar besessen, aber bei einer anderen Gelegenheit wieder zerknüllt – an diese dritte Art von anderem Gesicht jedoch hatte er bisher nicht gedacht: »Ob es etwa – noch mehr Maskensorten gibt?« »Das will ich hoffen«, mischte sich der herantretende Holdermann in das Gespräch, »sonst könnte sich ein Porträtmaler aufhängen. Freilich«, der Maler nahm Platz an Konstanzes Tisch, »freilich fragt man sich immer wieder, wo die Wirklichkeit aufhört und das Bild anfängt. Besonders im Schottengelände scheinen da wieder merkwürdige Ereignisse zu spielen.« »Lieber Gott«, sagte Konstanze ergeben und wartete der Dinge, die man jetzt hören werde. »Sie wohnen doch im Flügelhause, Schart«, sagte Holdermann, »was ist mit unserem Freunde Wingen?« Klaus' Auge streifte Konstanze. Aber die Schauspielerin rührte mit marmornem Gesicht in ihrem Tee herum. »Wingen?« fragte Klaus, »der ist krank.« Holdermann nickte: »Deshalb ist er beurlaubt. Aber die Leute erzählen hier, es müsse ihm ausgezeichnet gehen, denn er spiele Orgel, daß es ganz Besenroda in den Ohren dröhnt.« »Wer sagt das?!« rief Klaus. »Entschuldigen Sie – ich nicht. Aber wenn er dort wochentags orgelt, könnte er's hier im Amte ja auch Sonntags, sagt man. ›Man‹ ist der Superlativ von alle – uns ausgenommen. Könnten Sie nicht mal mit Wingen reden? Ich glaube, ›man‹ will ihm an den Kragen.« »Das ist ein Skandal!« »Wie es uns Künstlern geht: wenn wir am besten arbeiten – und das heißt doch für alle arbeiten – dann vergessen wir den Allerleikram, und man sagt: dem Kerl muß es gut gehen, der kümmert sich um nichts.« 439 »Aber Wingen kann doch gar nicht arbeiten!« rief Klaus. »Ich bin erschrocken, als ich ihn sah. Er hat in der Besenröder Kirche Orgel gespielt, so gegen Abend meist –« »Da haben Sie's.« Klaus erzählte sein Erlebnis auf der Besenröder Orgelempore. Er war kein guter Advokat. Dem Publikum an diesem Tisch freilich konnte er ohne viel Mühe deutlich machen, daß Orgelspiel und Orgeldienst zweierlei ist. Konstanze schwieg und sah an Klaus vorbei auf das Aquarell mit den grünenden Garben der toten Weidenstecken im Grammebach. Holdermann wiegte bedenklich den Kopf: »Schart, gehn Sie morgen zu Lobedanz. Das ist der Vorstand von der, vom – ich glaube, vom Orgelausschuß, oder wie der Verein heißt. Stellen Sie dem Mann die Sache vor. Wenn ich recht verstanden habe, was geredet wird, eilt es. Also: Lobedanz. Hinter der Kirche wohnt er. In dem hohen Giebelhaus.«   Sicherheit Bilmes verrührte knurrend zwei Teile Zement und fünf Teile Sand mit Wasser in einer hölzernen Mulde und sagte: »Eine kostspielige Mischung. Die Hälfte Beton wäre für so 'ne Arbeit auch genug. Jeja, der Herr Kortüm!« Bilmes rührte die Mischung kräftig durch und brachte dabei stoßweise hervor: »Einer baut – der nächste braucht Steine – oder auch bloß Platz braucht er – un schmeißt den Dreck wieder ein – immer umschichtig.« Gegen Ende dieser Rede rührte Bilmes immer langsamer, kratzte sich mit dem Kellenstiel in seinem struppigen weißen Bart und hörte schließlich ganz auf. Er setzte sich auf die bereits geschaffene Steinschicht und sah sich nachdenklich um. Daß der Evangeliste predigen konnte, wußte das Schottengelände. Daß er rechnen konnte, war nicht einmal ihm persönlich bekannt. Aber Bilmes hatte bei allem Philosophentum genau soviel Pfiffigkeit in sich wie alle Bedürftigen, denen die Natur selber das Leben sichert. Voll Schadenfreude sagte er zu den Berufsrechnern bei jeder Gelegenheit, sie könnten zählen, wie sie wollten, der Teufel holte sie, wann er wollte, und er ärgerte mit dieser Behauptung das Schottengelände nicht wenig, denn man rechnete hier bekanntlich gut und mit Liebe. Wenn Bilmes aber jemanden traf, der 440 erst schaffte und dann zu rechnen versuchte – »wenn« ist falsch gesagt: er war überhaupt nur einem dieser Art begegnet, und dieser Mann war Kortüm – wenn Bilmes Herrn Kortüm ansah, hätte er sich seiner gern erbarmt und wäre ihm mit Rechnen beigesprungen. Da Herr Kortüm ein reicher Mann war (wenn er oft auch kein Geld besaß), und da Bilmes ein armer Mann war (wenn auch sein Sparkassenbuch ein Gewichtchen hatte), so rechnete Bilmes viel pfiffiger als Kortüm, der nicht unter dem Schutz der Natur stand. Der Lohberggipfel bot einen trefflichen Rechenblick: da unten lag das Flügelhaus mit seinen alten und neuen Dächern, seiner Windfahne und seinem Portal. Bilmes sah den Hausdiener einen Koffer die schlechte Straße hinabkarren. Geht er links oder rechts? »Wieder rechts, verdammig«, murmelte Bilmes: links lag der Bahnhof, rechts lag die Pension Hackemann. Dem Kalender nach war heute der sechsundzwanzigste Juni. Die Hochsaison begann. Statt ankommender Gäste sah Bilmes seit zwei Tagen abziehende. Und Herr Kortüm? Der baute ein Denkzeichen angesichts dieser Ereignisse und nannte es die steinerne Nadel. Bilmes sah überlegsam in die Ferne. Der Blick in die Weite Thüringens war freilich wunderbar. Hinter den letzten blauen Hügelwellen rundum am Horizont ließen sich immer fernere Wellen ahnen. Für diese Art von Endlichkeit fehlte Bilmes der Sinn. Er hob mißtrauisch eine Prise aus der Holzdose und behielt das Flügelhaus im Auge. Seine Philosophie gedieh auf verläßlichem Grund: »Da sitzt er drinne. Da kocht er. Und da dienert er. Un da sagen de Gäste: adjehs auch, Herr Kortüm . . .« Bilmes hatte die Prise an ihren Ort gebracht, mit dem Daumen nachgerieben und geschnuppt. Jetzt aber sah er scharf auf die blanke weiße Flügelhauswand unten, bewegte noch einmal den Daumen zur Nase, jedoch ohne Tabak, rieb und schnuppte abermals und sagte: »Nu gucke mal.« Auf dem Lohberggipfel saß Bilmes, schräg hinter Bilmes am Himmel stand die Sonne, und auf der weißen fensterlosen Ostwand des Flügelhauses saß des Bilmes Schattenbild, hob den Daumen, rieb und schnuppte. Herr Kortüm war auf seinem Inspektionsmorgengang auch auf den Lohberggipfel gekommen, stand eben jetzt hinter Bilmes und sah mißbilligend seines Arbeiters Muße und Schnuppsucht an, denn Bilmes wiederholte das interessante optische Experiment zum drittenmal. Kortüm dachte zornig: aha. Aber Bilmes sagte: »Hä, Sie denken wohl, ich sehe Sie nich? Da stehn Sie un nicken.« »Ich sehe, daß nichts als eine einzige Steinschicht auf der Erde ist.« 441 »Nee, dort! Dortn!!« rief Bilmes und zeigte auf die Flügelhauswand. »Sehn Sie uns alle beide?« Kortüm sah hin und konnte nicht leugnen: da stand er, unverkennbar. Kortüms ansehnlicher Schatten stand an der Wand des Flügelhauses. Er vergaß über seinem Anblick den säumigen Arbeiter und sah lange hin. Sein Hut reichte bis an die Dachrinne, sein Bauch berührte eben die Hausecke. Aber die Sonne bewegt sich. Und siehe, da ist von seinem Bauch ein Segment abgeschnitten. Gebannt betrachtete Kortüm dieses Schauspiel. Wieder ein Scheibchen. Herr Kortüm wurde immer magerer. Schon stand er schlank und rank da und gleich würde er ganz um die Ecke sein . . . wohin? »Bilmes – das ist eine Sonnenuhr!« »Un Herr Kortüm is der Zeiger.« Der Herr des Flügelhauses war sehr erfreut: »Man malt Stundenziffern an die Wand, und die steinerne Nadel zeigt die Zeit an. Oder ich selbst, wenn ich hier oben bin.« Kortüm verstand, wie man sieht, doch nicht sehr viel von Astronomie und verwandten Wissenschaften. Zum Glück war aber Doktor Windhebel Gast seines Hauses und dachte nicht daran, die vielbesprochene neue Pension Hackemann zu erproben. Der Gelehrte wird wohl Herrn Kortüm von seiner schiefen Auffassung des Sonnenuhrproblems ebenso überzeugen wie von der völligen Nichteignung Kortüms als Stundenzeiger. – Dem guten Klaus Schart stand kein Erdbebenforscher zur Seite. Und er hätte jetzt so dringend eines solchen Ratgebers bedurft! Schart stand vor Lobedanz. Keiner, dem die Physik des sogenannten gesunden Menschenverstandes vertraut war, flüsterte dem vor Erregung zitternden Schulmeister die Worte ins Ohr, die in einem Lobedanz dort ankommen, wo Nichtphysiker die Seele vermuten – welche als ein Pflichtteil der menschlichen Natur sämtliche Scharts ja leider bis an ihr seliges Ende vorauszusetzen pflegen. »Nicht von Herrn Wingen ist hier die Rede.« Lobedanz wehrte erschrocken mit beiden Händen ab. »Um Gottes willen! So wenig, als meine Person in Frage kommt! Oder Ihre, Herr Schart! Personelles scheidet überhaupt aus. Ich erlaube mir doch nicht Kritik zu üben an einem bekannten und mir übrigens durchaus sympathischen Künstler wie Wingen! Um die Sache geht es. Um nichts als die Sache, Herr Schart. Verstehen wir uns jetzt?« Klaus war bis in die Lippen blaß: nehmen wir jetzt an, dieser 442 Mensch ist eine Sache, und ich nehme eine Axt und spalte diese Sache in zwei Sachen . . . »Wo käme die Welt hin, Herr Schart, wenn es safety first hieße! Sehn Sie. Da sind wir gleich einig. Haha. Stellen Sie sich eine verantwortliche Abrechnung vor« – Lobedanz wies auf einen Stoß von Papieren, die mit lauter Linien und Zahlen bedeckt waren – »in der es heißt: das ist der Organist A. Zur Zeit spielt A jedoch nicht bei uns, sondern anderswo Orgel. Wir stellen dieserhalb den Organisten B ein. Und da B, sagen wir gesundheitshalber, auch nicht bei uns, sondern wieder wo anders die Orgel spielt – und so weiter: habe ich recht? Sie sind Lehrer? Also. Da brauche ich Ihnen nicht zu erklären, wann ein Fall zum Präzedenzfall wird. Dazu kommt das Spielen selbst. Manche Organisten glauben, sie müßten Konzerte geben, wenn sie orgeln. Selbstverständlich: das sind die besten Künstler. Aber« – so ging es weiter. Klaus war ein schlechter Advokat. Er wurde grob. In Holdermanns Atelier hatte er gut plädieren können. Dort hatte er Menschen vor sich, deren Wesenswurzeln so tief im Erlebten gebettet lagen, daß sie sogar Präzedenzfälle für einen Luftzug nahmen, der mit dem Winde wechselt. Aber ein Lobedanz erlebte überhaupt nicht, der mußte sich mit Leben begnügen und fragte hier rechtens, was aus einer Welt werden solle, die sich um das Menschliche drehe. Und Klaus als ein gelernter Schulmeister antwortete rechtens, daß Gott angeblich den Menschen ihm zum Bilde geschaffen habe – aber war hier in Lobedanz' Amtsstube Gottesdienst? Es war Sonnabend. Es war zehn Uhr. Kirche ist morgen. Morgen früh elf Uhr: Ordnung, Herr Schart. Nicht alles durcheinanderbringen, Klaus Schart. Aber Klaus wurde, wie gesagt, grob, als er in dem Drahtverhau der Richtigkeit und Ordnung festsaß. Den Lobedanz jedoch trug ein zu ernstes Verantwortungsbewußtsein, um den flegelhaften fremden jungen Mann nunmehr endlich hinauszuwerfen. Er bedauerte die Begriffsverwirrung mindestens ebensosehr wie Wingens Krankheit, wenngleich letztere offenbar den Organisten an der Ausübung seines Berufes nicht so hinderte wie diesen Herrn Schart an dem Ton, dessen sich die Jugend vor dem Alter zu befleißigen hat. »Aber auch Krankheit ist vorgesehen. Wir leben nicht in der Wildnis, Herr Schart. Nur ist sie Sache einer anderen Abteilung.« Lobedanz nannte dem groben jungen Mann höflich eine Reihe von Namen und Stellen, die hier in Frage kommen. Lobedanz schrieb sie ihm sogar eigenhändig auf einen Zettel, und Klaus konnte nichts anderes als »Danke« sagen, als er den Zettel einsteckte. 443 Erschüttert stieg er die gewendelte Holztreppe hinab. Er blieb in der Haustür stehen, schöpfte tief Luft. Die kleine Gasse war leer. Nur die graue Kirchenmauer stand vor ihm, ein bruchsteinerner Bau. »Der ist eine Sache . . . ich bin eine Sache, Wingen ist eine, und Lotte – ist Lotte auch eine Sache?« Klaus tat einen schweren Fluch. Da schien sich in dem uralten Quadergemäuer die kleine Holztür zu bewegen. Klaus trat erschrocken in den Hausflur zurück – der Zorn hatte ihn fiebrig gemacht, er war im Traum: in dem gotischen Steinrahmen stand ein alter Mann – ja, da drüben stand sein Vater. Der war doch tot. Tot lange Jahre: ›Klaus, tu's nicht. Mache dein Examen. Dann hast du deine Sicherheit. Ein Amt und festes Brot. Jeden Ersten holst du dir dein Lehrergehalt. Ich bin bloß Kirchner. Ein kleines Amt. Aber niemand kann mir den Boden untern Füßen nehmen. Ein Recht, Klaus! Ich habe viele Menschen untergehn sehen. Kaiser, Könige, die halbe Welt hab' ich sich umkrempeln sehen. Was hoch stand, fiel. Mein bißchen Kirchnergeld haben sie mir immer ausgezahlt. Glaube mir, Klaus: es ist nicht wahr, es gibt keine Stufen, die da sind und die einer hinaufgehen kann. Es gibt keine Stufen, Klaus! In der Luft mußt du hoch. Vielleicht gelingt dir's. Aber wenn du oben bist, hast du wieder nur die Luft unter dir. Kannst du die Gestürzten in deinen Geschichtsbüchern zusammenzählen?‹ – Jetzt streckte der alte Mann den Kopf vor, ob einer käme. Von links? Von rechts? Nein, es war alles still, der Wind wehte dem Alten den Bart und das weiße Haar auf dem Kopf. Klaus klammerte sich an Lobedanz' messingene Türklinke. ›Die mit Macht und Pracht in die Luft hinauf sind, haben einen Namen in den Büchern‹, sagte der Vater leise durch die hohle Hand, ›hinter denen sind Heere hergewesen, Klaus. Heere! Wenn eine Herrlichkeit der Welt hinfällt, klirrt die Erde, und ihr Sturz ist noch glorreich. Du hast bloß einen Federhalter, Klaus. Wenn der Geist hinfällt, fliegt kein Sperling weg, und nur die Barmherzigkeit schafft seinen Rest beiseite. Die Sicherheit, Klaus. Die Sicherheit.‹ Klaus atmete nicht, sah den Toten in der Kirchenpforte stehen. Der Alte nickte, lächelte: ›Habe ich dir's nicht gesagt?‹ Der Schulmeister packte die Klinke fester. Die Türglocke läutete über ihm. Klaus fuhr übers Gesicht mit der Hand. Die angelehnte Kirchenpforte drüben drehte sich im Winde ein wenig hin und her, jetzt ging sie ganz auf, blieb offen – es stand ja gar niemand drin . . . Die Türglocke über Klaus läutete immer noch. Er erschrak. Ja, hinter ihm regierte Lobedanz die Sachen. Mit einem Krach flog die Pforte drüben 444 ins Schloß und blieb zu. Die elende, die gottverdammte Lebensangst hatte Klaus zum ersten Male an der Kehle, schüttelte, würgte ihn. »Und der Mensch, der lebende Mensch?!« Der lebende Mensch, Herr Kortüm, ist ein wenig brauchbarer Uhrzeiger«, sagte Doktor Windhebel. »Aber auch die steinerne Nadel da oben ist nicht geeignet. Eine Sonnenuhr muß ganz anders konstruiert sein.« »Aber diese Uhr würde –« »– die Leute irreführen!« »Ich mache sie doch für mich!« »Wenn Sie eine Uhr öffentlich gehen lassen, haben die Leute ein Recht auf richtige Zeitangabe. Oder, hm . . . Sie errichten eine Kortümuhr, Herr Kortüm. Ein paar Punkte an der Wand, die der Schatten der steinernen Nadel jedes Jahr zur bestimmten Stunde zeigt, will ich Ihnen ausrechnen. Aber das ist gar nicht so einfach, und ich bin hier im Urlaub. Also sagen wir: vier Stunden im Jahr. Welche zuerst? Ihr Geburtstag?« »Nein. Danke, Herr Doktor. Ich habe in meinem Leben viel mit mir zu tun gehabt. Mein Geburtstag gibt mir noch keinen Anlaß zu einer befriedigenden Zeitmarke. Aber . . . Ja, da wäre der siebente Mai, mittags zwei Uhr. In dieser Stunde wurde hier der erste Spatenstich am Schottenhaus getan.« Windhebel schrieb das Datum auf: »Sie müssen den Punkt, den ich Ihnen an der Wand bezeichnen werde, dauerhaft markieren. Hier lassen Sie vielleicht einen Spaten hinmalen.« »Ich würde sagen: ein Zelt.« »Also Zelt. Weiter.« »Nun käme der zwölfte März abends neun Uhr.« »Nein. Zu der Stunde kann ich Ihnen keine Sonne mehr beschaffen.« »Vielleicht Mondlicht?« »Wissenschaftlich unbrauchbar«, bedauerte Windhebel. »So. Ach. Aber diese Stunde muß angezeigt werden, denn in ihr war ich eines schönen Jahres ruiniert. Ja. Und da kam eine Frau, eine Dame, Konstanze Schröter, die Schauspielerin, meine Freundin. Sie speiste mit mir zu Abend. Eigentlich hatte sie einen anderen Herrn eingeladen, einen gewissen Schart. Aber der war abgehalten. Die Rede kam auf meine Schwierigkeiten, sie mietete mir für die Dauer Zimmer ab, empfahl mich ihren Bekannten, es nahm sich wieder auf, ich baute um – nein, diese Stunde ist unentbehrlich.« 445 Windhebel war ein großer Mathematiker. Aber diese Sonnenuhrstunde blieb unerrechenbar. Der Gelehrte mußte Kortüm in die Schranken der Naturgesetze zurückweisen. Kortüm war beleidigt, und Windhebel sagte nach einer Weile: »Vielleicht ging an dem Tage noch was vor, aber bei Sonnenlicht?« »Ja«, begann der Herr des Flügelhauses zögernd, »aber es paßt nur ungefähr. Ich habe beobachtet, daß die Dame an jenem Tage beinahe ertrunken wäre. In meinem Teich. Damals war da noch ein Teich. Aber Herr Schart rettete sie. Er trug sie jedenfalls an Land. Man dürfte sagen, daß mir nicht hätte geholfen werden können, wenn der junge Mensch sie nicht ans Ufer gebracht hätte.« »Wann geschah das Malheur?« »Um vier Uhr widerfuhr das Glück dem jungen Mann. Mir dagegen kam es erst nach Einbruch der Dunkelheit.« »Vier Uhr geht noch.« Windhebel schrieb und meinte: »An die Stelle passen ein paar blaue Wellen.« »Und ein Anker.« »Weiter.« »Der dritte Punkt muß noch offen bleiben«, sprach Herr Kortüm mit einer entschiedenen Handbewegung. »Und der vierte?« »Mein Todestag, Herr Doktor.« Jetzt machte Windhebel die entschiedene Handbewegung: »Herr Kortüm, wenn ich auch in Urlaub bin, ich bleibe in jeder Lage ein Vertreter der exakten Naturwissenschaft. Wegen der Berechnung Ihrer Todesstunde müssen Sie sich an den Heilkundigen wenden, der bei Ihnen wohnt.« »Nein. An den nicht. Aber ich werde an mein Testament eine Klausel hängen – zu meinem Testamentsvollstrecker habe ich den Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr Monich bestimmt – eine Klausel, auf Grund welcher Herr Doktor Windhebel nach meinem Ableben die Güte hat, den Punkt vier auszurechnen, und Monich diesen Punkt auf der –« »– Kortümuhr –« »– der Flügeluhr zu vermerken hat mit –« »– mit einem Kreuz, Herr Kortüm –« ^ – mit einem Flügelpaar, Herr Doktor.« 446   Der große Dominantakkord Alte Linden verbergen die Besenröder Kirche bis an den Dachfirst. Nur der Turm ragt über die Wipfel. Auf dem breiten Prellstein der Ilmbrücke, die von den Kirchenlinden noch zur Hälfte überschattet ist, saß Wingen, atmete die durchsonnte Luft ein, blickte in das grüne Dach und sagte: »Ein paar Wochen – dann blühen sie wieder.« Geruhsam schritten Leute mit Gesangbüchern in den Händen den Uferpfad entlang. Nach dem Wetter brauchten sie nicht zu sehen: der Himmel erglänzte in wolkenlosem Blau. Im Wasser watete ein Junge und trieb die Gänse vor sich her. Auf der Fahrstraße rollte ein hochrädriger Korbwagen – Frau und Kinder in buntem Staat, der Bauer hatte den Sonntagsrock mit dem obersten Knopf zugespannt, hielt eine Zigarre in den Zähnen und ließ die Peitsche ein wenig knallen. Der dicke Ackergaul nahm diesen Wink nicht an, ging ruhig Schritt für Schritt weiter. Der Fuhrmann war's zufrieden. Er sah wohl die Straße gar nicht, sein Pferd ging alleine. Er hatte die Augen im Licht halbgekniffen und blickte einem weißen Taubenschwarm nach. Der Friede dieser Stunde ergriff auch Wingen. Alle hatten Zeit. Er hatte auch Zeit. Aber da kam doch jemand, den irgendeine sonntagswidrige Kraft in Trab setzte. Wingen beugte sich lächelnd vor, um ihn zu sehen. Der Postbote. Früher hatte Wingen auch Stöße von Briefen bekommen. Jetzt wollte keiner mehr was von ihm. Ist auch gut. Er hatte Zeit. Der Bote kam näher. Er winkte mit einem Brief. Meint er mich? Wingen sah sich um. Niemand stand hinter ihm. Der Brief ist wirklich für mich . . . »Einschreiben nämlich«, sagte der Postbote. »Und Ihre Frau sagte, Sie gingen hier grade 'n bißchen in der Sonne rum, und ich dachte, trag ihn hin, da bist du ihn los.« Wingen nahm den Brief, unterschrieb, riß den Umschlag auf und las. »Guten Morgen auch«, sagte ein vorübergehender Kirchgänger. Wingen las. Die Leute sahen ihn an und gingen weiter. »Guten Morgen« hätte er schon antworten können. Die erste Glocke begann zu läuten. Die zweite. Das volle Geläut wogte über dem Lindendach. Die Glocken schwangen aus. Die Kirchbesucher gingen rascher. Die erste Glocke schwieg. Die zweite. Noch ein einzelner Schlag, noch einer. Dann war es still. Die letzten verspäteten Kirchgänger hatten keine Muße mehr, auf den Briefleser zu achten. Wingen saß auf dem Prellstein. Er war fertig 447 mit Lesen. Er saß an den Brückenpfeiler gelehnt. Der Kopf hing ihm tief auf die Brust. In der Kirche erhob sich Choralgesang. Wenn die Tür aufging, klang es lauter, dann wieder gedämpft. Jetzt schwieg die Musik. Eine Goldammer setzte sich auf den Brückenpfosten und sang ihre kleine Melodie. Immer dieselben paar feinen Töne. Niemand störte sie. Das Dorf lag in der Ruhe der Kirchenstunde. Wingens Hand, die den Brief hielt, glitt von seinem Knie, schlug hart auf die Steinkante. Wingen schrak auf. In schlankem Bogen flog die Goldammer fort über die Ilm. Jetzt war gar kein Ton mehr zu hören. »Warum spielt der nicht?« murmelte Wingen. Er stand auf – rasch mußte er nach dem Pfosten fassen . . . die Erde hatte sich wogend gehoben . . . Nein, sie stand fest. Wingen auch. Und die Orgel drin rührte sich auch nicht. »Sie muß doch spielen.« In der Rechten hielt Wingen den Umschlag mit den bunten Marken, Stempeln und Vermerken, in der Linken das Briefblatt. Er hatte die Papiere in seinen Händen vergessen. Lauschend neigte er den Kopf, ging einen Schritt, noch einen. Er stand vor der Kirchentür . . . »Darf der auch nicht mehr Orgel spielen?« Oh, ihm gehorchte die Hundertstimmige, wenn er wollte. Wollte er? Wingen lächelte. Mit dem Knie drückte er die schwere Holztür auf, die Hände hatte er ja nicht frei. Die Kirche voll von Menschen. Der Pfarrer las aus einem Buch. Wingen nickte. So war es. So ging der Gottesdienst vor sich. Durch die Fensterrose hinter ihm über der Eingangstür brach der Sonnenschein, von den Lindenblättern grün durchwebt traf er die Orgel. Das Kirchenschiff lag im Dunkeln. Alles versunken in Schatten; schwarze Röcke, erdroter Fußboden – nur die zinnernen Pfeifen leuchteten, ein grünschimmernder stummer Wald: »Er schläft noch. Ich will ihn wecken.« Wingen ging durch den Mittelweg. Er stieg die Wendeltreppe zur Empore hinauf. Der alte Kantor stand eben aus seinem Lehnstuhl auf, gab der Brille auf seiner Stirn einen Stoß, sie fiel ihm auf die Nase. Er wandte sich zur Orgelbank. Da sah er Wingen zur Bank gehen. Der Alte starrte seinen Kollegen an: »Aber?« – der Kantor verstummte. Wingen ging zur Bank. So sieht doch kein Lebender aus, dachte der Kantor. Aber Wingen lebte doch. Er stand schon an der Bank, setzte sich. Wingen hatte manchmal dem Kantor die Arbeit abgenommen. Spielen will er –? Der Alte stellte das aufgeschlagene Choralbuch 448 auf den Notenhalter. Wingen sah die Noten an, nickte. Er stellte das Briefblatt auf den Notenhalter. »Sieh da, eine eigne Komposition«, flüsterte der Kantor dem Vorsänger zu. Pause. Er gab Wingen einen kleinen Stoß. Pause. »Jetzt«, mahnte der Alte leise. Pause. In der Kirche war es still. »Los jetzt.« Wingen fingerte unruhig hin und her. Ach so: der Umschlag. Seine Linke hielt noch den Umschlag. Er öffnete die Hand. Der Wisch fiel auf die Pedale. Nun waren Wingens zehn Finger frei. Er begann. »Zu leise.« Der Kantor zog ein, zwei Register. Ah ja – so klang der Choral. Wingen spielte. C-Dur. Die Melodie hatte er immer geliebt. Von wem war sie eigentlich? Rechts oben über den Noten stand es. Wingen sah unterm Spielen hin. 1525. Amt? Stand da Straßburger Schulamt? Wingen spielte entschieden zu langsam. Der Kantor zögerte, ihn irre zu machen. »Allegro«, mahnte er nur leise. Amt?? Kann ein Amt C-Dur schreiben? Gott sei Dank, dachte der Kantor, das war der letzte Vers, der Mann ist nicht bei der Sache. Die Gemeinde stellte die Gesangbücher auf die Pultbretter. »Allmächtiger – halt!« Wingen begann den vierten Vers, der gar nicht auf der Tafel stand. Unsicher setzten die Leute ein. »Na, nu muß er'n zu Ende spielen.« Ein Amt? Ja, da stand es gedruckt. Wie hieß der Komponist? Über den Noten stand kein Name. Aber da, auf dem Blatt – Wingen war doch so, als ob da ein Amt und ein Name gestanden hätten – ach ja. Lobedanz. Ein lebender Autor. Gar nicht fünfzehnhundertfünfundzwanzig. Aber Lobedanz sollte nicht in C-Dur komponieren. Oh weh. Lächelnd lag Wingens Auge auf den Schreibmaschinenbuchstaben des Briefes. Eine schlechte Melodie, Lobedanz. Du bist ja ein musikalischer Schweinehund, Lobedanz. Weißt du, wie C-Dur klingt? Du weißt's nicht. Wingen lachte still in sich hinein. Noch die drei Schlußakkorde. Dann paß auf, Lobedanz. Knöpf dir die Hosen doppelt an, Lobedanz. Jetzt! Den Rock zu, Lobedanz, sonst schlägt dir mein C-Dur die Herzwand ein. Hast du denn eine? Wingen hob die Hände – links rechts links flogen die Register heraus, ehe der entsetzte Kantor es hindern konnte, brach aus dem silbergrün schimmernden Säulenwald ein strahlend klares C-Dur . . . Fremd und fern ertönt die kalte Luft. Die Erzengel zu Füßen des Herrn stehn auf, heben die Posaunen. Der Grundakkord blättert auseinander, entfaltet sich, eine Melodie tastet in dem Tonsturm, hie und da schon Klarheit im ganz fernen Raum 449 draußen, das warme Gewölk vorm Herrn und seinen Engeln wälzt sich, bläht auf, zerstiebt, und die Himmelsglocke steht silbern in zitterndem Grün. Der Orgeltonhimmel tönt sich selber aus. Wie kaltes Metall schmettert der Klang in die verstörte Gemeinde. Ein Kind weint. Das schütternde Kirchgemäuer zergeht wie Rauch, steht offen als eine Tür. Gott der Herr lächelt vor sich hin. Stiebendes Rauschen, über der Erde fliegen die Adler tiefer. Da – vier Engel, acht, hundert Engel – Engelheere! wachsen aus der grün flammenden Glocke. Die Melodie vom Ende der Tage. Der Herr erhebt sich, winkt – es ist gut. Die Adler plustern ihr Gefieder, das Getier duckt sich, starrt scheu hinter sich. Die Gemeinde dreht sich um, sieht zur Empore hinauf, der Pfarrer öffnet erschrocken die Sakristeitür. Der Klang erhebt sich, sammelt sich, ein Marsch, ein Schrittedröhnen Ungezählter. Die Melodie dreht nicht mehr im Kreise, die Welt wohl auch nicht – sie schießt vorwärts, durch die grüne Luft hindurch, das silberne Zittern wird grau. Näher ans Nichts, dunkler. Noch dunkler. Da ist sie endlich, die herrliche schwarze Nacht. Nur der furchtbare Ton wächst noch. Die Menschen legen die Hände an die Ohren. Aber das ist nicht mehr Musik, die Allmacht tönt, dringt durch und durch. Und endlich mündet der Ton in den Dominantakkord . . . Jetzt . . . Jetzt . . . noch nicht. Die verdammte Dominante! Hinaus doch. Einen halben Ton hinaus. Nur den halben Ton noch. Hört dieser Akkord jetzt auf, oder hört er nicht auf –? Plötzlich zuckt der Dominantakkord, reißt noch einmal an. Dann gellen zwei, drei Diskantschreie auf, die Musik verknäuelt sich – zwei feindliche Gewitter packen sich! – Jähe Stille. – Ein paar irre Pedaldissonanzen poltern – Totenstille. Schritte tappen. Jemand sagt etwas auf der Empore. Ein Notenpult fällt um. Die Gemeinde hat sich erhoben. Der Pastor mit der Bibel in den Fäusten steht im Mittelgang. Die Leute drängen sich aneinander. »Tot«, hört die Gemeinde den Kantor auf der Orgelempore sagen.   Die letzte Ehre Wie der Pfarrer auf die Kanzel gekommen ist, konnte er später niemandem sagen. Aber er stand oben, hielt sich an der Brüstung fest und fühlte mit geschlossenen Augen, daß die entsetzte Gemeinde ihn ansah und wartete. Seine Predigt? Der Spruch vom heutigen fünften Sonntage nach Trinitatis war ihm ganz aus dem Gedächtnis 450 geschlagen. Er dachte nichts, hörte noch immer auf den großen Dominantakkord, für den kein irdisches C-Dur reichte zur Auflösung. Er öffnete die Augen, sah die Gesichter seiner Herde und hob die Hand. Der Pfarrer sprach über das Thema: Wir haben einen Menschen zu Gott gehen hören. Mancher von diesen Ohrenzeugen in der Kirche hatte im Kriege an den Fronten gelegen und glaubte, das wüste Gröhlen des Todes gut zu kennen. Daß aber Sterben eine Melodie haben kann, das war ihnen aufgegangen an diesem fünften Sonntag nach Trinitatis. Musikanten waren sie nicht. Der unfaßbaren Fuge hatten sie nicht folgen können. Nur wie der Tod überhaupt klang, das wußten sie und hörten den majestätischen Widerhall bis an den letzten ihrer Tage. Der alte Kantor war schlimmer dran. Der hatte Musizieren gelernt. Ihn quälte von diesem fünften Trinitatissonntage an die Sorge vor dem endgültigen Verhallen jener Töne. Das Briefblatt auf dem Notenhalter, das Wingen hinterlassen hatte, bot keinen Anhalt. Da stand keine Note drauf. Niemals hatte der Kantor dieses strahlende Hinschreiten einer Musik vernommen, nie dieses letzte Hinaufstoßen in einen endlosen furchtbaren Dominantakkord. Tage und Nächte saß der alte Mann und tastete auf dem Notenpapier nach Wingens C-Dur. Er schrieb Akkorde, schlug sie auf dem Klavier an, horchte sie auf der Orgel ab. Aber der Klang wollte nicht heraus aus stählernen Saiten und Rohren von Zinn und Holz. Es verging viel Zeit, ehe der Kantor sich wieder in seinem Stuhl am Fenster zusammenrücken und durch die Tabakwolken in den kleinen Garten hinterm Kantorhaus sinnieren konnte: »Was sie da in den Konzertsälen aufführen und was die Meister von Namen sich ermusizieren können – ich habe mehr gehört. Ich, der alte Kantor von Besenroda. Mein Vater war Stellmacher und meine Mutter Tagelöhnerin – ich bin der einzige lebende Musikant, der Musik von drüben gehört hat. Ja, wenn das auf der Empore da oben losgebrochen wäre vor zweithalbhundert Jahren und mein großer Kollege von der Thomaskirche hätte den Sturz aufgehalten in seinen Armen, da wäre vielleicht ein Schimmer davon über der Erde geblieben. Ich find's nicht wieder. Aber vielleicht ist zwischen den fünf Notenlinien gar kein Platz dafür. Und 's ist vielleicht besser so . . .« Wer damals in Besenroda miterlebt hat, wie dieses Dominantenspiel des Todes, Gottes einfallsreichsten Dieners mit seinen heute graziösen, morgen geistvollen, dann wieder bärenplump dummen 451 Tanzschritten, ein Leben beendete, der mochte dem Kantor wohl zustimmen: 's ist vielleicht besser so. Die Besenröder hatten alle eben noch dagesessen und wichtig getan, und plötzlich hatte einer den andern im Phosphorlicht von der anderen Seite gesehen. Den alten Kantor hatte der Tod mit dem elfenbeinernen Taktstöckchen gestreift. Der kalte Luftzug, den der dirigierende große Herr auf der Empore machte, hatte dem Pastor den Predigttext auf der Kanzel verblättert. Die Gemeinde wollte nun ihren Schrecken dahin tragen, wo er hingehörte; aber Frau Lotte war am Tage des Dominantenspiels nicht in der Kirche gewesen, und sie blieb für die Teilnahme auch unsichtbar bis zum Tage des Begräbnisses. Wer durchaus mehr wissen wollte, als Wingen auf der Orgel selber mitgeteilt hatte, mußte sehen, daß er Doktor Langloff gelegentlich auf der Straße traf. Die Umgebung, das ganze Land horchte auf bei der Nachricht von diesem Sterben eines Organisten an Ort und Stelle. Wer Wingen gekannt hatte, trauerte um ihn. Auf einen aber wirkte Wingens Ende absonderlich, ja befremdend: auf den Herrn Kortüm. Herr Kortüm nämlich trauerte vorläufig nicht. Er befleißigte sich keineswegs der üblichen leidtragenden Gebärden: Herr Kortüm nahm eine drohende Haltung an. Besenroda und Umgebung konnte ihre Mißbilligung nicht unterdrücken angesichts dieser Gefühllosigkeit: »Da habt Ihr'n, wie er wirklich is!« Sie hatten ihn nicht, wie sie ihn nie gehabt hatten: Kortüm mußte handeln, um leben zu können. Und er hatte zu handeln begonnen! Weitsichtig und planvoll! Des kranken Organisten und seine eigenen Interessen erwiesen sich Kortüm als gleichlaufend. Der Kranke brauchte Ruhe. Kortüm brauchte einen Gast. Einen wirklichen Gast. Nicht einen, der bezahlte, sondern der die Kunst verstand, Gast zu sein. Was da nach Zimmernummern geordnet auf dem Flügelhaus wohnte, war Geschäft. Und die Anderen? Windhebel war wenig zu sehen. Er arbeitete an seinem Buch. Repshagen schwieg sich von Bouteille zu Bouteille. Der Film war endgültig fort. Die beiden alten Damen – die gingen um neun zu Bett. Konstanze reiste in der Welt herum. Und was dieser Schart dauernd in Weimar zu suchen hatte, wußte der Teufel. Wingen! Einer von den Gästen der »Silbernen Windfahne«! So redete Kortüm vor sich hin, weil ihm als einem verantwortlichen kühlen Geschäftsmann genierlich war einzugestehen, daß er einem so braven Mädchen wie Lotte den Mann wieder reparieren wollte. Mit Wingen hatte er sich immer gehäkelt, aber Lotte – da wollte er schon 452 das seinige tun, ja ja. Und nun? Wer, wer hatte ihm diesen Mann vor den Augen zu Tode gebracht? Kortüm suchte den Schuldigen. Zuvörderst verdächtigte er die halbe Provinz. Den alten Albrechts sagte er nach, sie hätten dem Mann nicht die nötige Ruhe im Haus gelassen. Kortüm sprach schlecht von Kantoren, Pastoren, von der ganzen Kirchgemeinde. Er beschimpfte den Apothekerstand samt Chemie und chemischer Fabrik. Er wollte sogar fragen, warum Lotte ihren Mann nicht aufs Flügelhaus geschickt hätte – verschluckte es aber und begann von neuem: »Monich! Sitze nicht da wie ein Sack, der sich nicht regt! Habe ich das Unglück nicht längst prophezeit?! So tu doch den Mund auf, Monich! Habe ich's nicht vorausgesagt? Ein Schiffsarzt! Ah, dieser verlobte Hackemann! Er hat Wingen umgebracht, er wird mich umbringen, dich wird er umbringen, uns alle wird er – was?! Ich soll das nicht sagen? Du willst mir verbieten, in meinem Hause zu reden?! Ein Schiffsarzt! Und eine Diätköchin! Du wirst noch an mich denken, wenn du umgebracht bist, Monich!« Als nun aber Herr Kortüm von Klaus Schart erfuhr, was Wingen vor seinem Tode von Amts wegen hatte durchleiden müssen, da geriet er außer sich. Es war nicht mehr rätlich, in Herrn Kortüms Nähe zu kommen. Als ihm der neue Kellner um vier Uhr den Tee brachte, Herr Kortüm den Kannendeckel hob, den Tee ansah und die ausgelaugten Teeblätter in dem Absud schwimmen sah, nahm er das Tablett samt Kanne und Tasse, schmetterte es dem entsetzten Mann vor die Füße und schrie ihn an: »Sie sind auch ein Kerl, der den Leuten ›Wohl bekomm's‹ sagt und sie dann mit Teïn unter die Erde bringt! Wissen Sie überhaupt, was Teïn ist?! Nichts wissen Sie Rindvieh!!« Der Kellner stand zunächst starr, dann ergriff er die Flucht und kündigte diese Stelle noch in der gleichen Nacht. Am Morgen des Begräbnistages erstieg Herr Kortüm den Lohberggipfel, um sich etwas zu sammeln. Er befand sich schon in Trauerkleidung. Höchst unzufrieden betrachtete er die steinerne Nadel: »Dies sehe einer an! Unten ist sie dick und oben dünn. Da hinauf zeigt sie nun.« Herr Kortüm erwog, den Unsinn wieder einreißen zu lassen und neu aufzubauen: oben dick und unten dünn. Kortüm ahnte nicht, daß er mit dieser Erwägung eins der tiefsten Bauprobleme aus uralten Zeiten wieder aufnahm. Damals hielten die Menschen ebenfalls nach oben verdickte Säulen für wahre Säulen. Erfreulicherweise 453 verhinderten die kommenden ernsten Ereignisse die Ausführung dieser Absicht, sonst gäbe es außer Kortümgeld, Kortümmenschen, Kortümwegen, Kortümuhren auch noch Kortümsäulen. In diesem Augenblick aber war die Sache dem Herrn in Trauerkleidung auf dem Lohberggipfel ernst. »Da hinunter soll sie zeigen«, sprach er grimmig. Der Entschluß zum Handeln erleichterte sein Herz. Er wandte das Auge der Landschaft zu, die er so liebte, nahm den Zylinder ab, stülpte den hohen Hut auf die steinerne Nadel, sah sich nochmals ringsum die Erde an und sprach: »Ja. Da liegst du: mit Bäumen und Büschen besetzt, mit Gras bemäntelt und mit Blumen aufgetakelt, alte Jungfer. Läßt dich von der Sonne bescheinen, Wolken am Kapotthut und drehst dich im Kreise – und innen drin? Voll, ich sage: voll von Gebein. Dick, rund und gefräßig. Oben piepsen die sogenannten gefiederten Sänger, und innen drin schmatzen Würmer. Aber die sind stumm. Man hält auf Anstand: ja, wer so was in sich hat, muß auf angenehmes Äußere halten. Feuer soll sie in sich haben. Feuer, sagt Doktor Windhebel. Der hat dich noch nicht gefühlt.« Wuchtig setzte sich Herr Kortüm seinen Zylinder wieder auf. Nach dieser vorläufig ersten Grabrede gönnte Herr Kortüm der Erde keinen weiteren Blick, schritt den Waldpfad, dann die schlechte Straße hinab, ging zornig durch die Ortschaft Besenroda und betrat den Friedhof. Der Gottesacker war klein, Kortüm sah die Trauergesellschaft am Ende des Mittelweges bereits versammelt. Langsam ging er den Weg entlang . . . oh – Lotte. Unbeweglich stand die schlanke große Frau. Herr Kortüm grüßte sie ehrerbietig. Da schien es, als ob ein Schüttern durch ihren Körper ginge. Die Besenröder sahen scharf hin – nein, sie stand schwarz und verschleiert und ohne Bewegung. Herr Kortüm stellte sich so, daß er dem Doktor Langloff den vollen Rücken zukehrte. Wenn er aber glaubte, sich damit einen einigermaßen erträglichen Anblick gesichert zu haben, täuschte sich Kortüm. Ihm gegenüber standen vier fremde Herren. Wer die seien? »Der Orgelausschuß«, flüsterte Klaus, »der zweite von links ist Lobedanz.« Kortüm riß die Augen auf. Er suchte die Figur des Lobedanz von unten bis oben mit den Augen ab und dann wieder von oben bis zu den schwarzen Schnürstiefeln. Dann kamen Kortüms Augen wieder im Gesicht des Vorstehers an. Er starrte ihm in den Mund, der beim Singen weit offen stand. Mit schallender Stimme sang der musikalisch nicht unbegabte Lobedanz den Choral »Jesus meine Zuversicht«. 454 Kortüm wurde blaß. Auch sein Mund fing an sich zu bewegen. Aber nicht zum Singen. Er sprach unhörbar vor sich hin. Besorgt betrachtete Monich seinen Freund Kortüm und kam während der Feier gar nicht zur Sammlung: Der macht sich eine Ansprache zurecht, lieber Gott, wenn er bloß nicht am Grabe redet. Da schnappt er nach Luft. Barmherziger, der redt . . . Aber die Feier ging ohne Sonderansprache vorüber. Die Schulkinder sangen »Wie sie so sanft ruhn«. Kortüm preßte den Mund zusammen. Sanft? Ja . . . und sein Auge suchte Lotte. Aber auch die Arie ging vorüber. Die Trauergäste traten zu Lotte, drückten ihr die Hand. Monich atmete auf. Schon begannen die Leidtragenden still auseinander zu gehen. Herr Kortüm wendete sich noch einmal um: vielleicht gab es sich, daß er Lotte seine Begleitung anbieten mußte. Der letzte Leidtragende trat zu Lotte: Lobedanz. Er streckte ihr seine schwarzbehandschuhten Hände entgegen. Kortüm sah diesen Handschlag. Lobedanz wollte nun ebenfalls still den Friedhof verlassen. Herr Kortüm trat ihm in den Weg. Der Vorsteher kannte den imponierenden Herrn nicht – eine Amtsperson wohl, aus Weimar vielleicht. Herr Kortüm winkte Lobedanz durch Heben des Kinnes etwas näher an sich. Lobedanz trat verwundert und neugierig einen Schritt heran. Kortüms Stimme zitterte etwas: »Sie sind« – er mußte sich räuspern, sein Ton klang belegt – »Sie sind der Vorsteher?« »Lobedanz ist mein Name.« Herr Kortüm trat näher an den kleinen Herrn heran – er war fast noch einmal so groß: »Sie haben der Witwe die Hand gedrückt?« Er zeigte dabei aber auf den Erdwall, den die Schippe des Totengräbers abzufressen begann. Lobedanz gab durch Heben der Schultern und Seitwärtsneigen des Kopfes seiner Teilnahme Ausdruck – im übrigen mußte er jetzt zum Bahnhof. Außer dem fremden Herrn und ihm befand sich nur noch der Totengräber am Platz. Aber der war in die Grube gestiegen und stach Erdreich ab. Kortüm bemerkte Lobedanz' Blick nach dem Friedhofstor, er nickte: »Das kann ich mir denken«, und trat Lobedanz abermals näher, damit der ihn verstand, denn Kortüm sprach gar nicht laut. Ängstlich sah sich der Vorsteher beim abermaligen Zurücktreten um – es hatte sich gemacht, daß er dem Erdwall, hinter dem Wingen lag, immer näher kam. »Ich hörte Sie ›Jesus meine Zuversicht‹ singen.« Fragend blickte Lobedanz den großen Herrn an. »Sie haben eine schöne Stimme«, sprach Herr Kortüm weiter. 455 »Man singt, wie man kann«, er klopfte sich auf die Brust. »Wenn's von innen kommt . . .« »Von innen. Wo die Zuversicht sitzt. Aha. Sie glauben zuversichtlich an die göttliche Gerechtigkeit in dieser Lausewelt?« Kortüm war plötzlich bis in die Lippen blaß geworden. »Ja?!« Ratlos starrte ihn Lobedanz an. »Es ist bei Gott eine schöne Zuversicht, deren Sie sich erfreuen, Herr Vorsteher. Wenn der da« – er zeigte auf das Grab und trat dicht an Lobedanz heran, ohne zu bemerken, daß sein verblüffter Zuhörer schon mit den Absätzen am Lehmrand stand – »wenn der da nicht so tot wäre, wie Sie lebendig, möchte ich fast Ihrer soeben geäußerten Ansicht beitreten.« Gänzlich verdonnert stand, nein: balancierte der Vorsteher an dem Rande der Grube und sah hinauf zu dem Herrn, der wahrscheinlich eine Amtsperson war und jedes Wort langsam mit diplomatischer Exaktheit aussprach: »So wie die Dinge aber wirklich liegen, bleibt uns nichts übrig, als außer den sonstigen Tagespflichten auch noch die doppelte Buchführung über die Untaten der Nullen auf sich zu nehmen, mit denen die Vorsehung unsereinen zu allem übrigen behelligt. Sie halten die Nullenchronik für Zeitverschwendung? Oh, Not, Unglück, Lebensangst, Armut – das alles kann eine gewöhnliche Null durch ihr bloßes Vorhandensein verzehnfachen. Sie haben es gekonnt. Und das muß von Zeit zu Zeit korrigiert werden. Nicht für uns. Aber wir wollen doch dagewesen sein, um denen, die nach uns kommen, das Dasein leichter zu machen. Verstehen Sie, was ich sage, Herr Lobedanz?« »Herr, Herr –« »Ganz recht. Wenn ich einmal nicht mehr genötigt bin, auf Friedhöfen zu reden statt wie der da andre reden zu lassen, dann wird man meine Buchführung nachlesen. Auch Sie werden darin eine Position einnehmen, Herr Lobedanz. Ängstigen Sie sich nicht. Dann sind Sie ja auch längst hier untergekrochen.« Kortüm wies auf den braunen Erdhaufen. »Aber um dem Leben seinen Sinn zu lassen, ist Gerechtigkeit vonnöten. Die Sterne am Himmel können da oben auch nicht herumreisen, wie's ihnen paßt. Man muß die große Ordnung fühlen. Wie ist Ihr Vorname? Willy?« Herr Kortüm notierte. »Der Name Willy Lobedanz soll kommenden Geschlechtern eine Warnung sein. Gott, so viel ich sehe, wohl nicht – die Sonne trotz des bekannten Verses auch nicht: nur der Mensch bringt den Menschen an den Tag. Gehen Sie jetzt, Lobedanz.« 456 Herr Kortüm trat zur Seite. Der Vorsteher sprang von dem Abgrund weg auf festes Land, wollte reden – aber die Gedanken überstürzten sich. Auch etwas Ähnliches war ihm nie begegnet. Der große Herr schrieb, er beachtete Lobedanz gar nicht, schrieb. Der Vorsteher wich ein paar Schritte zurück. Zeugen, sagte er sich, Zeugen. Ja – wo auf einem leeren Friedhof Zeugen hernehmen! Hier bezeugte niemand mehr etwas. Doch, der Totengräber. Der Kerl schippte stumpfsinnig. Ob er überhaupt etwas gehört hatte? Und dann mußte Lobedanz an dem großen Herrn vorbei, wenn er an das Grab wollte. Rechtsanwalt . . . Ja! So schnell er konnte, eilte Lobedanz dem Ausgang des Friedhofes zu. Am Tor stand er plötzlich still: was aber hilft ein Rechtsanwalt ohne Zeugen? Er blickte noch einmal nach Kortüm hin. Der steckte eben sein Notizbuch ein, sah auf. Lobedanz verschwand. Herr Kortüm zog jetzt statt des Notizbuches die Zigarrentasche heraus. Ahh . . . er fühlte sich wieder Mensch. Gemächlich nahm er Platz auf einer benachbarten Grabplatte, schnitt sorgfältig der Brasil die Spitze ab, zündete die Zigarre an, stellte den Zylinder auf den gemeißelten Palmenzweig und sah behaglich dem Totengräber zu. Bis jetzt hatte der Brave fleißig geschippt. Nun hob er hin und wieder den Kopf. Endlich richtete er sich ganz auf, schnupperte in der Luft, sah sich um und gewahrte erstaunt einen mit Genuß rauchenden Herrn in Trauerkleidung, der mit dem Gehstock lächelnd Figuren in den Sand malte. Der Totengräber schnüffelte vernehmlich. Herr Kortüm hörte es, fühlte den Blick, entnahm, ohne aufzusehen, der Tasche eine Zigarre, reichte sie dem fleißigen Arbeiter und schrieb weiter in den Sand. Der Totengräber roch an dem Tabak: »Alle Wetter. Schönen Dank auch, Herr. So eine rauch ich aber erst nach der Arbeit.« »Ich rauche auch grundsätzlich nur nach der Arbeit«, sprach Herr Kortüm und blies ein blaues Wölkchen über Wingens Grab.   Nacht Der Mensch wird nicht einmal geboren, sondern vielemal, und er stirbt nicht nur einmal, sondern vielemal. Bei seiner Lebzeit und nach ihr kommt er, geht, kommt wieder, geht wieder – wie sein Blut war oder wie der Geist war, den er bedeutete, und wie dieser Geist 457 den Geist der Zeiten antrifft im Gang der Geschichte. Wer durch das Blut lebte, wird im Blut wiedergeboren und stirbt wieder, kommt, geht, kommt in seinen Kindern. Und wer auch den Geist trägt, lebt im Geist der Geister. Wenn Leben Bindung ist, wäre Freiheit gerichtet auf den Tod, weil aber Tod die Bindung nicht löst, ist Leben nur ein kurzer Aufenthalt zwischen Freiheit und Freiheit. Ungefähr diese Gedanken sagte der trauernde Kortüm in seiner Sprache und in immer neuer Abwandlung vor sich hin. Er vergaß, daß Windhebel neben ihm saß, merkte nicht, daß es Nacht geworden war und das Gras feucht von Tau. Aber der Gelehrte stellte seine Füße auf das Querholz des Stuhles und sagte: »Ich glaube, wir gehen unter Dach.« Kortüm sah auf, erblickte das sternbesäte blausamtene Dach über sich und sprach: »Einiges steht aber doch schon zu Lebzeiten fest. Wenn auch nicht auf der Erde. Sehen Sie diesen Mond, Herr Doktor. Blendend silberweiß und voll. Wie sicher er schwebt.« »Ich weiß nicht. Irgend jemand, Ovid glaub ich, versichert, daß die Bewohner von Arcadien älter seien als der Mond. Bei jeder Gelegenheit betonten sie mit Stolz, daß ihre Urväter auf einer mondlosen Erde gelebt haben.« »Der Mensch hat also bereits in Urzeiten gelogen.« »Hinter Sagen hat Wirklichkeit gestanden« – Windhebel stellte die Bahnen einiger Gestirne dar, erwähnte die entsetzliche Möglichkeit, daß ein Komet beim Schwingen um die Sonne auf seiner elliptischen Bahn einem anderen Stern zu nahe kommen könne und nun um diesen laufen müsse, als ein Mond um eine Erde. Er zeigte viele Lichtpunkte am Himmel, deren Namen Kortüm noch nicht gehört hatte, nannte furchtbare Zahlen, deutete unentwirrbare Laufbahnen an. »Ja«, schloß Windhebel, als er seinen Wirt bedrückt in den Weltenraum hinausblicken sah, »in den Jahren, als Wolfram hier in Ihrer Gegend den Parzifal entwarf – merkwürdige Jahre – hat ein spanischer König lebhaft bedauert, daß ihn Gott bei Erschaffung der Welt nicht zu Rate gezogen hätte: er würde ihm dringend etwas mehr Einfachheit empfohlen haben. Man hat den König übrigens bei passender Gelegenheit wegen Gotteslästerung über die Grenze abgeschoben.« Kortüm hatte nur halb zugehört. Sein Auge hing noch immer am Sirius, und er versuchte, sich die Lichtjahre seiner Entfernung vom Flügelhaus einzuprägen: »Ich habe gedacht, Sie befassen sich jetzt mit der Erforschung der Erde, Herr Doktor.« 458 »Zuweilen. Von Beruf ist man Astronom.« Nach einer Pause fragte Herr Kortüm unvermittelt: »Ist ein Fernrohr teuer?« Der Gelehrte rückte diese Frage zurecht und nannte dann einige Zahlen für bescheidene Instrumente. Kortüm rechnete, ging um den Püsterichbrunnen herum, und als er wieder bei Windhebel angekommen war, sagte er: »Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Gehn wir jetzt unter Dach.« Für Herrn Kortüm endete dieser Begräbnistag mit dem Entschluß, sich ein Fernrohr zu kaufen. In Albrechts Hause war es an diesem Abend so still wie in dem Weltraum, den sich etwas näher zu rücken Herr Kortüm eben beschlossen hatte. Wenigstens Menschenohren vernehmen nichts von den Furchtbarkeiten, die sich auf Sternbahnen abspielen, und nichts von den Frostschauern um das eingewinterte Menschenherz, aus dem so wenig ein Laut in die dumpfe Stallwärme der Behaglichkeit dringt wie aus den planetarischen Räumen herab. Lotte saß auf dem Stuhl vorm Tisch. Das Licht brannte nicht. Die Nächte sind hell im Juni. Sie traute sich nicht ins Schlafzimmer. Die Küche war besser. Alles sah ordentlich aus. Wer sie ihr aufgeräumt hatte, wußte sie nicht. Nur eine Puppe war auf dem Tisch liegen geblieben. Auf ihrem Gesicht lag das Spielzeug, wie müde Kinderhände es liegen lassen. Lottes Hand fuhr über die Puppenkleider, zupfte an dem Schürzchen, strich über das Flachshaar, setzte sie richtig hin, legte ihre Porzellanhände ineinander. Der Kopf der Puppe fiel dabei hintenüber. Blöd lächelte die Puppe in die Höhe, reglos. Der törichte Porzellanmund lächelte. Lotte sah im ungewissen Licht die steinernen Augen, sah das dumme steinerne Glück in bunten Lappen – jäh legte sie die Hände auf das Gespenst, warf die Arme darüber, preßte den Kopf auf die Arme. Lotte biß die Zähne in den schwarzen Kleidärmel, drückte die Zunge an das trockene faserige Gewebe: nur kein Laut . . . Ihre ganze Kraft verbrauchte die Frau, um das Schluchzen ins Herz hinunterzudrücken. Hedchen wacht sonst auf. Lotte müßte sterben, wenn das Kind noch einmal fragte: Wann kommt Vater wieder? Die Dorfuhr schlug die zehnte Stunde. Es war die Zeit der hellen Nächte. Aber der Himmel leuchtete nicht mehr durchsichtig. Gewölk zog von Westen herüber. Lotte lag still mit dem Kopf auf den Armen. 459 Sie war ja so todmüde. Aber ganz wach dabei. Wenn sie jetzt nur ihre Augen fest an den Arm drückte, brauchte sie eine Weile nichts mehr zu sehen . . . vielleicht eine Stunde lang. Eine volle Stunde nichts sehen müssen! Das Tuch zog Lotte um die Ohren. Nun ist auch noch Totenstille . . . eine Stunde, vielleicht noch eine . . . es geht schon. Nur ganz ruhig so liegen bleiben. Auf der Treppe tappten vorsichtig fühlende Schritte. Lotte hätte sie heute auch ohne Wolltuch nicht gehört. Die Türklinke bewegte sich. Die Tür drehte in den Angeln, knackte. Lotte hob den Kopf nicht, nur die Augen machte sie ein wenig auf. Im Spiegel sah sie, wie die Tür weiter aufging. Ein Lichtglanz fiel herein, kein stechendes Licht, flackernder Schimmer nur. Lotte erblickte eine Hand, die ein Kerzenstümpchen hielt . . . eine alte Frau kam herein, eine fremde, eine Dame mit einem Spitzenhäubchen. Sie hob die Kerze, sah sich um, erblickte Lotte. »Guten Abend«, sagte sie lächelnd. Lotte konnte längst nicht mehr erschrecken. Willenlos sah sie die Erscheinung an, und als die alte Dame ihr zunickte, nickte sie auch ein bißchen. »Das Licht will gar nicht halten« – der fremde Besuch tupfte ein paar Lichttropfen auf die Linoleumplatte, hielt die Kerze ein Weilchen: »So . . . so . . .« Der Wind ging jetzt draußen. Ein Luftzug wehte durch den Fensterspalt. Das Licht flackerte, und die Flamme wurde groß. Lotte rieb die Augen. Die alte Dame nickte ihr wieder lächelnd zu: »Sie kennen mich nicht. Aber ich kenne Sie. Ich bin nämlich das Fräulein Erdmuthe Haupt.« Sie hob ein paar Herdplatten hoch, schürte mit dem Eisen in der Glut. »Da brennt's ja noch. Ich wohne mit meiner Schwester beim Herrn Kortüm oben.« Das alte Fräulein goß den Wasserkessel aus, ließ aus der Leitung frisches Wasser einlaufen, stellte den Kessel aufs Feuer. »Ist das der Tee? Man hört's am Rascheln. So. Nicht zu viel Blätter. Die Hauptsache ist heiß.« Lotte sah mit großen Augen zu, wie das fremde Fräulein in ihrer Küche waltete. »Ja, der Herr Kortüm. Ich dachte, geht denn das? Aber Herr Kortüm sagte: ›Nehmen Sie nur ein Licht mit. Die Treppe ist so winklig. Im zweiten Stock ist's. Die Tür links.‹ Ja. Es geht alles. Nur auf die Zeit muß man es setzen.« Eine Weile horchte das alte Fräulein auf den Wind. Lotte dachte auch: der Wind plötzlich. Als dann der Kessel zu summen anfing, war 460 es Lotte, als müsse das alles so sein. Sie war zu Hause. Und Fräulein Haupt war zu Hause. Der Wind mochte den Staub draußen jagen: der Kessel summte noch lauter. Jetzt klapperte der Deckel: »Da kocht's schon«, sagte Fräulein Haupt. Sie goß das dampfende Wasser auf die Teeblätter. Lotte richtete sich aus ihrem Stuhl hoch, wollte aufstehn. Sie wurde langsam wach, die Hausfrau wurde wach. Aber das alte Fräulein zog den Schemel heran: »Sie sind heute älter als ich.« Lotte hatte beinahe alles vergessen. Da war das Gefühl in der Kehle wieder, und in der Brust kroch es dornig und eiskalt hoch. Verzweifelt sah Lotte die Frau an, die sie wach gemacht hatte. »Ich weiß schon«, sagte Fräulein Haupt ruhig und klapperte mit den Tassen, »Ihre Mutter ist krank. Es gibt aber Stunden, in denen ist ein fremdes Gesicht das beste.« Lotte hatte die Arme vom Tisch genommen: sie hat eine Puppe im Arm gehabt . . . Erdmuthes altes Herz zog sich zusammen. »'s Töchterchen«, sagte sie. Und Lotte sagte leise vor sich hin: »Der Vater.« Da faltete Erdmuthe Haupt ihre welken Hände: »Vater –« Das Wasser in Lottes Augen ließ den Schein um die Kerze zittern, wachsen. Sie sah ihren Mann im Licht der Orgellampe: »Unser Vater«, sagte sie. Erdmuthe lächelte: »Dein Name ist heilig.« Sie sprach das mit sachlicher ruhiger Stimme. Durch Tränen sieht der Mensch nichts Rechtes – Lotte sah nur den Flackerschein der Kerze. »Dein Reich kommt«, nickte das Fräulein. »Es kommt.« Lotte faltete die Hände, wie sie es als Kind gelernt hatte vor vielen Jahren. Dazu habe ich's gelernt? Ach . . . dazu. »Ja«, nickte Erdmuthe, »wie unruhig das Licht brennt . . . Unser nötiges Brot gib uns jeden Tag«, und nun sprach sie Wort für Wort langsam aus, ohne eines der Worte besonders hervorzuheben, ein Regentropfen wie der andere am Fensterglas: »Du vergibst uns unsere Schuld, wie wir jedem vergeben, der in unserer Schuld ist. Und führe uns nicht in Versuchung.« Der Schall der Dorfuhr wehte im Wind. »Solches Wetter. Nun muß ich warten.« Der Regen rauschte ebenmäßig nieder. Ein herb duftender Wasserhauch wehte in die Küche. Lotte atmete ihn ein. Ganz tief: die Luft läßt sich ja wirklich atmen. Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen. Wie ein Uhrgewicht zog die Müdigkeit an ihren armen Gedanken. 461 Regenrauschen. Der Schlaf umfing sie. Schon schlummernd sagte Lotte: »Gute Nacht« und ließ sich zu Bett bringen wie ein Kind. Sie ließ sich zudecken. Richtig zudecken, das Bett schön zustopfen an den Seiten. Geborgen. Hier war sie zu Hause. Die Welt? Wo denn. Irgendwo. »Dazu, ach«, hörte sie das alte Fräulein noch einmal sagen. Aber Lotte schlief schon ganz fest.   Drei Bälgetreter Frühmorgens gegen halb fünf stieg Fräulein Erdmuthe Haupt vorsichtig die winklige Treppe des Albrechtschen Hauses hinab. Der Ort lag in der Ruhe des frühen Morgens. Nur in den Ställen rumpelte es. Ketten klirrten, Kühe brüllten, Eimer klapperten. Die Straße war ganz leer. Als aber Fräulein Haupt an die Ilmbrücke kam, sah sie auf der Steinbank einen Mann sitzen, der trotz der frühen Stunde eine Zigarre rauchte. Mit ihren Augen war nicht mehr viel. Nur, daß sich jetzt der frühzeitige Mann von der Steinbank erhob, das erkannte sie. Nun trat er an sie heran, bot ihr den Arm: »Gnädiges Fräulein.« »Herr Kortüm!« »Ja. Ein Gastwirt hat es schwer. Heute gibt es nämlich Forellen. Essen Sie Forellen gern? Ja? Da muß man beizeiten dem Fischer einschärfen, daß unsereiner Portionsforellen braucht. So ein Kerl fischt drauf los, und was er fischt, schüttet er in die Wanne: 's ist ja bloß für die Fremden, sagt er sich.« Fräulein Haupt erfuhr auf dem Wege von der Ilmbrücke bis in das Frühstückszimmer des Flügelhauses sämtliche technischen Feinheiten des Forellenfanges, des Transportes lebender Forellen, und über die verschiedenen Zubereitungsweisen gab Kortüm eine lehrreiche Übersicht. Gelegentlich sah Fräulein Haupt den unaufhörlich redenden Gastwirt von der Seite an und lächelte, als ob sie das alles besser verstände. Sie ließ sich von dem mit nichts als dem Forellenproblem beschäftigten Kortüm die schlechte Straße hinauf am Arme führen und sah ihn, oben angekommen, etwas hilflos an, als er fragte: »Was werden Sie frühstücken? Kaffee, Tee, Schokolade, Porridge?« »Aber Herr Kortüm.« Den Frühkellner schickte Kortüm mit dem Befehl, nachzusehen, ob die Dachrinnen noch liefen, in den Hof und ums Haus herum. Die 462 Bedienung des Fräulein Erdmuthe Haupt übernahm der Herr des Flügelhauses persönlich an diesem Morgen. Er deckte den Tisch mit einem frischen Tuch, was ihm durchaus nicht so elegant von der Hand ging, wie er es Fräulein Haupt gern vorgeführt hätte. Er brachte ihr den Kaffee, er servierte das eigenhändig drei Minuten gekochte Ei. Auf der Butter lag ein Stück Eis. Das Wasser in der Karaffe perlte. Von der Honigdose nahm Herr Kortüm den Deckel ab, damit sich sein Gast nicht zu bemühen brauchte. Es fehlte nur noch, daß er das frisch geröstete Brot mit Butter bestrich und ihr an den Mund hielt. »Nu gucke mal 'n Alten an«, sagte der zurückgekehrte Frühkellner leise zum eigentlichen Frühstückskellner, der inzwischen erschienen war. »Je, wenn einer stirbt, is es ihm egal. Aber wenn eine Dame mit'm kleinen Finger winkt, un wenn sie achtzig is, weiß er nich, wie er um sie rum sein soll. Nu gucke bloß.« »Der hat's in sich.« Das sagten Kellner: Leute, welche Menschen bedienen. Persönlichkeiten dagegen, welche Orgeln bedienen, haben einen Blick für das Gute. Zudem schärft der viele Umgang mit Luft den Blick fürs Unmenschliche und Außermenschliche. Denn Orgeln leben von Luft, Menschen von Kalbshaxen oder wenigstens von Apfelmus – jedenfalls nicht von Luft. Wenzel, des verstorbenen Wingen langjähriger Bälgetreter, war selbstverständlich auch zur Begräbnisfeier seines Herrn am Platz erschienen und hatte sich nicht nehmen lassen, die Bälge zur Totenmusik zu treten. Der von ihm beiseite gerückte Besenröder Bälgetreter hieß Knackfuß. Dieser Knackfuß wohnte am Gänseanger, Wenzel in einem der Bedientenzimmer des Flügelhauses. Er gehörte ja eigentlich zum Flügelhaus. Wenzel war bei der ersten Begegnung seines Herrn mit Lotte Albrecht zugegen gewesen. Ihre Verlobung an der Orgel hatte er infolge seiner Tätigkeit in der Bälgekammer nicht miterlebt, aber er hatte sie durch Einschlafen wesentlich gefördert. Wenzel tat auf den Wingenschen Kindtaufen das Seinige – ja, und nun hatte er Wingen mit begraben helfen. Was an Luft für Musik gebraucht wurde in diesen traurigen Tagen, Wenzel stellte sie bereit. Nur in einer Stunde war Wenzel nicht bei seinem Herrn und Meister gewesen: als Wingen den Lobedanzschen Kündigungsbrief aufs Notenpult gestellt und eine Musik auf der Besenröder Orgel geschlagen hatte, wie sie Knackfuß noch nie vorgekommen war. »Das hättest du erleben sollen, Wenzel! Ich – rauf, runter, rauf. Un alles kam wie mit einemmal – erst ganz ordentlich un dann . . .« 463 »Der Dichter. Jeja. Das is die plötzliche Natur.« »Was für eine Natur?« »Das verstehst du nich, Knackfuß. Erzähle weiter.« Knackfuß erzählte. Wenzel hörte genau zu. Am Schluß nickte er und sagte: »Ihr versteht eben nischt. Dumm seid ihr. Nich im Koppe. Da seid ihr helle. Aber dort, wo der Bälgetreter was merken muß, da seid ihr wie verholzt. Das habe ich auch Lobedanzen gesagt. Frei weg in die Visasche 'nein habe ich das gesagt in der ersten Aufregung. ›Fangen Sie auch an?‹ hat er da mich angeschrien. ›Auch?‹ hab ich 'n gefragt. Da is nu Lobedanz erst eine Weile im Kreise rumgerannt, immer an seiner Teppichkante hin. Dann hat er sich vor mich hingestellt: ob ich einen gewissen Herrn Kortüm kennte! ›Den kennt jeder‹, habe ich da geantwortet, ›Kortüm is 'n Mann, der 'n Nagel aufn Kopp trifft.‹ Zum Deiwel soll ich mich schern, hat Lobedanz da gerufen. Un ich habe ihn gefragt, ob er das etwa in der Bibel gelesen hätte, un dann bin ich gegangen. Jetzt hast du am längsten Bälge getreten, habe ich mir da gedacht. Aber hat sich was, hä. Auf die Leber hat sich's bei Lobedanzen gelegt. Jawoll, un da liegt er auf der Plautze.« »Na, ich habe 's so gut gemacht, wie ich konnte. Mir sin die Schweißtroppen runter gelaufen beim Lufttreten –« »Schweißtroppen! Du denkst wohl, die Arbeit macht's? Wenn du merkst, daß was nich stimmt un daß du mit'm Balg dicke Luft in die Orgel drückst, da hörst du eben auf mit Treten!« »Da wär doch die Musike ausgewesen!« »Das is es ja! Aus! Bums!« »Un?« »Un?! Hä, Wingen hätte dagesessen un hätte nischt mehr rausgekriegt aus der Orgel un hätte sich besonnen – ob er wollte oder nich. Jeja. Bälgetreten is 'ne Kunst. Von der haben auch Musikanten un Dichter un Pastoren meistens keine Ahnung.« Als Knackfuß längst wieder in seiner Stube saß und beim Abendessen nachdenklich die Kartoffeln schälte, brütete Wenzel immer noch in seiner dunklen Ecke der »Goldenen Waage« vor sich hin. So fand ihn Herr Kortüm auf seinem Rundgang vor dem Abendessen der Gäste. Um diese Stunde war die »Waage« leer. »So sieht man sich wieder im Leben, Wenzel. Ein trauriger Anlaß.« »'n ganz verdammt verfluchtiger un erbärmlicher.« »Nun, diese Ausdrücke, Wenzel –« »– sin noch gar nischt.« Er berichtete Herrn Kortüm Einzelheiten 464 aus der Orgelmusikverwaltung. Kortüm horchte auf, als der Name Lobedanz fiel. Kortüm rieb mit unsäglicher Langsamkeit sein Kinn, als er hörte, daß Lobedanz schwer erregt war. Kortüm schnitt beim Kinnreiben unglaubliche Gesichter, als er die Lobedanzsche Erregung auf die Lobedanzsche Leber übergreifen sah. Wenzel saß jetzt stumm vor seinem bis auf den Restschluck geleerten Schoppen. »Was mir eben einfällt, lieber Wenzel – ich erinnere mich doch – recht: Sie tranken seinerzeit, als wir das Festspiel aufführten, so gern Tee –« Erschrocken sah Wenzel auf. »– mit Rum«, vollendete Kortüm seinen Satz. »Das schon eher.« »Für meinen Freund Wenzel«, befahl Herr Kortüm dem Kellner, »eine Portion Tee mit Rum – halt!« Der Kellner kam zurück. Der Gastwirt klapperte in seiner Tasche mit Schlüsseln. Jetzt hatte er den richtigen, gab ihn dem Kellner und sagte: »Zweiter Schrank links. In der oberen Reihe. Jamaika.« Der Kellner sah Herrn Kortüm groß an: »Da liegt doch der Unverschnittene.« Kortüm machte nur eine Handbewegung. Der Tee kam. Die Flasche Jamaika kam. Diese Flasche zu öffnen, hatte der Kellner nicht gewagt. Vielleicht war das doch ein Mißverständnis. Kortüm zog den Korken selbst, roch an dem Flaschenhals, sagte: »In der Tat . . .« Dann rückte er Tee und Rum handrecht in seines Gastes Nähe und wandte sich wieder zu dem erstaunten Kellner: »Mir meinen Rotwein.« Wenzel tat Kortüms Tee alle Ehre an: er schonte ihn, wie er konnte. Man merkte noch nach einer Stunde kaum, daß in der Kanne etwas fehlte. Auf den Rum nahm der Bälgetreter nicht so viel Rücksicht. Der Oberflächenspiegel des Jamaika senkte sich bedrohlich dem oberen Rand des vornehmen schwarzgoldenen Flaschenschildes entgegen. Auch Herr Kortüm trank mit vielem Behagen seinen Rotwein. Es ließen sich an diesem warmen Juniabend nicht leicht zwei Männer finden, welche solche Getränke für zeitgemäß und bekömmlich hielten. Daß sie ihnen aber wohl taten, bewiesen die friedlichen behaglichen tiefschürfenden Gespräche der beiden Leidtragenden: ihr Zorn ging angesichts einer, wenn auch nur ganz blaß in der Ferne auftauchenden Gerechtigkeit in eine Art Guillotinengemütlichkeit über, die den hilflosen Trauerschmerz für eine Weile dämpfte – bis plötzlich ein paar kurze Worte fielen, 465 deren schlichter Klang so dröhnend hineinfiel in diese Wirtsstube, welche den Namen »Goldwaage« führte, daß der eine den Jamaika und der andre den Rotwein wegrückte und beide sich eine Weile stumm ansahen: »Un die Witwe?« hatte der gewiegte Lebenspraktiker Wenzel den großen Lebensbeweger Kortüm gefragt. »Und Lotte?« fragte Herr Kortüm. Zunächst beantwortete keiner dem anderen die schwierige Frage. »Nischt kriegt sie«, begann nach einer Weile Wenzel. »Die Sache is schlau gemacht. Am vierunzwanzigsten haben sie Wingen gekündigt zum Ersten. Nach dem Anstellungsvertrag kriegt sie nischt.« »Ich werde ihr einen Rechtsanwalt nehmen.« »Nischt. Vertrag is Vertrag. Aber das sag ich Ihnen, Herr Kortüm: wenn Lobedanz stirbt, dem kann seine Witwe 'n Wind in die Orgel blasen – ich, iche nich! Un mein Name is Wenzel. Prost.« Herr Kortüm sprang auf: »Gießen Sie nicht so viel Rum in den Tee! Sie wissen nicht mehr, was Sie sagen? Hier in diesem Raum hat die World einem Menschen einmalhundertzwanzigtausend Mark gegeben für das Spiel einer Rolle, die vor hundert Jahren ein Dichter ersonnen hat, dessen Nachlaß um achteinhalben Taler versteigert wurde. Das tut die World. Als ob nun die Welt einen verdienten und bekannten Mann wie Wingen –« »Als ob? Die Welt hat je gekonnt, ob ich nu meinen Tee mit Rum trinke oder ohne.« »Man kann nicht, Mensch!« »Un wenn ich zehnmal 'n Mensch bin, mit Kündigung un Vertrag un sowas hat Mensch gar nischt zu tun, hä.« Kortüm war in der Gaststube herumgegangen, hatte an Stühlen und Tischen gerückt. Nun stand er vor dem Teetrinker still und sagte traurig: »Ich habe nicht gewußt, daß ein Bälgetreter ein Gottesleugner sein kann.« »Ein was??« »Ein Atheist, Wenzel.« »Ich bin vielleicht kein schlechtrer Evangelscher als wie Sie«, sagte der beleidigte Bälgetreter. »Sie leugnen den Menschen und behaupten, daß Sie Gott nicht leugnen?« »Ich meinte doch bloß, wenn 'n Vertrag so is, dann is er so.« Das, genau das, war der Punkt, an dem Herr Kortüm nicht weiterdenken konnte. 466 Eine lange Weile sagte er nichts, trank seinen Rotwein, sah vor sich hin. Wenzel trank Jamaika und sah auch vor sich hin. Der eine war im Recht vor Gott. Der andre war im Recht vor der Welt. Wer ist im Recht?! Kortüm stand jetzt haarscharf vor Kortüm: erkennen konnte er sich erfreulicherweise nicht. Sonst hätte die Welt plötzlich einen Kortüm erlebt, dessen Nachlaß mehr als achteinhalb Taler wert ist, weil dieser Mann in der Welt der Leistung, der Tat, der Hingabe, Sendung und Bewegung mit Röntgenaugen das Weltskelett des Buchstabens und der Zahl erkannt hätte. Soviel Kortüms gab es nicht, daß der Genius der Deutschen ihm diese Klarheit jetzt schon gönnen durfte und auf die Kortümbewegung verzichten. Eine Weile mußte dieser Mann schon noch seine Regenbogenbrücken schlagen und Wege bauen, wo Konstrukteure keine Ansatzpunkte für ihre Träger mehr sehen. Daß diese wunderbaren Regenbögen nicht in jedem Falle hielten – errechnete Brücken brechen auch zuweilen – was machte das: die Kortüms bauen ja auf ihre Kosten, und der lebensversichertste Talbewohner liest gerne noch die kostbaren Scherben aus, wenn ein Kortümbau wirklich einmal geborsten sein sollte. Nein, wenn durch ein Taschenspielerstück, das jedoch in Gottes Weltbauplan nicht vorgesehen ist, dieser Herr Kortüm in einem Nu hätte erkennen dürfen, was er ist, so würde er wohl für achteinhalben Taler ein Denkmal errichtet haben mit der Inschrift: »Den Kortüms« – und dieses Buch wäre aus und zu Ende. »Herr Kortüm, wenn ich mir das in Ruhe überlege – Bälgetreter is kein Beruf, den jemand einfach lernen kann, wie 'n gewöhnliches Handwerk; Bälgetreten is Gefühlssache – aber ich glaube, Sie hätten die Begabung.«   Hackemann Nur zu vier Prozent gerechnet gibt das fünftausendzweihundertachtundsiebzig Mark mehr, mein Junge – jawoll«, sagte der alte Kapitän Langloff zu seinem Sohn, sah ihm dabei mit runden Augen nahe ins Gesicht und lachte. Der Doktor lachte nicht. Er hatte das Leben beruflich von der Krankheit aus sehen gelernt, der Alte von der offenen See aus, und wenn das Wasser keine Balken hat – der Mensch erschien dem Doktor viel unberechenbarer. Die Augenpunkte des Vaters und des Sohnes lagen weit auseinander. »Und wenn Kortüm nicht verkauft, Vater?« 467 »Macht er pleite. Hast du 'n Streichholz?« »Bitte. Brennt's? Ja . . . die Leute, Vater, sagen dies gegen Kortüm und das. Aber wenn du genau hinhörst, merkst du, daß sie nur deshalb auf ihn schimpfen, weil sie ihn brauchen.« »Geld braucht der Mensch. Und Kapital besitzt er nicht. Kortüm hat sogar 'n ganz nettes Pöstchen mehr verbaut, als er besessen hat.« »Hm. Und dann? Und wenn wir's Flügelhaus kaufen? Dann hab ich zwei Häuser auf dem Hals. ›Hackemann‹ hier unten und den Kasten da oben.« »In Deuwels Namen, man nimmt eine brauchbare Wirtschafterin! Da ist doch die Schwester von Sidonie, die in Geestemünde, die – wie heißt die alte Schachtel? – ja, Tante Elvira. Tüchtig, energisch –« »Lieber nicht, Vater. Die Besenröder kenne ich besser. Wir sind schon nicht von hier. Und nun noch eine von Hamburg?« »Also 'ne Einheimische. Inserat. Fertig. Übrigens – wie ist es mit der Witwe von dem verrückten Organisten, der sich da neulich zu Tode georgelt haben soll?« »Frau Wingen?« »So heißt sie ja wohl.« »Ich kann sie mir mal daraufhin ansehen –« »Ja doch, Walter – aber das sind ja jetzt alles Nebensachen. Den Kurs im Auge behalten. Wenn man sich einmal klar geworden ist – unabänderliche Tatsachen schaffen. Du hast die Praxis. Gut. Du hast ›Hackemann‹. Auch gut. Und nun nicht dies und das – jetzt wird geheiratet. Sofort hat die Sache auch im Ansehn der Leute 'ne solide Façon. 's ist doch alles klar! Sie hat 'n paar Groschen. Paßt in den Laden. Also los.« Vater und Sohn berieten noch eine gute Weile: der Doktor wird die gemietete Wohnung im alten Starckehaus aufgeben, Haus Hackemann als Arztwohnung einrichten, und das Flügelhaus ist das geborene Sanatorium. Der einzige ernste Mangel war die schlechte Zufahrtstraße. Aber der Alte lachte nur: »Kriegen wir. Wenn wir man erst im Hafen festgemacht haben.« So blieb denn nur noch ein letzter Punkt: »Und Kortüm?« fragte der Doktor. »Seine Sache.« »Du unterschätzt ihn.« Der Kapitän suchte aus seiner Brieftasche einen Zettel hervor und hielt ihn dem Sohn vor die Nase: »Da.« 468 »Ich habe die Zahlen ja schon gelesen, Vater. So sind seine Geldverhältnisse. Aber die bedeuten noch nicht den ganzen Kortüm.« »Nee. Dazu kommt noch der Blödsinn, mit dem er die Leute vor den Kopf stößt.« Der Doktor schüttelte den Kopf: »Dazu kommt noch etwas. Ich kann's nicht gleich sagen. Siehst du, der Mann kann doch nur so gebaut haben, weil irgend jemand oder irgend was hinter ihm steht. Ich sehe nicht klar, wo er seine Kraft hernimmt.« »Aber ich. Die Leute, mein Junge, die ihn ins Geschäft gebracht haben, waren seine Freunde. Aber die Leute, die nun kommen, das sind – Gäste. Ob der Besitzer blaue Augen hat oder braune: wenn die Betten gut sind und 's Essen gut und die Preise bezahlbar, ist denen ganz gleich, wem der Kasten da oben gehört. Meinetwegen soll er durch Freundschaft und Einfluß 's Geschäft in Gang gebracht haben – schön. Aber nun ist Geschäft Geschäft.« Diese Unterredung fand in Doktor Langloffs Sprechzimmer statt. Der Kapitän verbesserte die leicht medizinisch durchdüftete Luft mit Zigarrendampf und klopfte beim Auf- und Abgehen prüfend an die eine und andere geschliffene Scheibe der Instrumentenschränke. Der Doktor stand grübelnd am Fenster. Seit seinem Steuermannsexamen war der Alte gewohnt, auf sein Ziel loszufahren, und er hatte erlebt, wie man mit guter Laune und genügend Wolle um den Magen Hafen um Hafen erreicht. Sein Sohn sah den Fall »Sanatorium Flügelhaus« mit den zögernd beobachtenden Augen des Arztes an. Der Fall Kortüm hatte ihn lange beschäftigt, und je länger je weniger klar wurde er ihm, jedenfalls nicht so durchsichtig wie seinem Vater und den knurrenden Einwohnern, die doch diesen Herrn Kortüm im Grunde recht achtungsvoll umknurrten. »Wie wunderbar verflochten sind die Wege derer, die Gott lieb hat«, sagte Herr Kortüm vor Jahren einmal – in jener gedankenvollen Nacht, als er das Gespenstergastmahl gab. Solche Sprüche sind für die Langloffs Verse aus Kinderliedern – nein, worauf stand der Mann wirklich ! Doktor Langloff konnte es nicht sehen. »Hm, Vater. Ja. Was ich sagen wollte – das gescheiteste ist immer, eine Begabung zu benutzen, statt sie zu demolieren. Man hat mehr davon. Und das Risiko ist geringer. Wie könnte man mit diesem Kortüm ein gütliches Übereinkommen finden?« »Haha. Das kann ich dir sagen: indem du abwrackst. Dich nämlich. Eine Praxis in Geestemünde aufmachst oder in Partenkirchen.« Der 469 Alte klopfte seinem Sohn jetzt Satz für Satz auf die Schulter. »Du hast Beweise, daß er dir die Bodenventile aufmachen will. Du wärst gar kein richtiger Arzt, sagt er hinter deinem Rücken. Ja oder nein! Leider will dieser Apotheker die Sache nicht beschwören. Sonst hätten wir ihn gleich. Was geht mich der Kortüm übrigens an. Gar nichts. Aber du gehst mich man was an. Und du hast nicht mehr die Wahl, mein Junge. Du oder er. Kortüm im Schottengelände – oder Langloff.« Der Doktor nickte seufzend. Sein Vater hatte den Punkt getroffen. »Also«, sagte der Alte. »Möglich, daß der verdrehte Kerl irgend was hinter sich hat, was wir nicht wissen. Geld – nicht! Das Geld haben wir. Und damit die gute Meinung der Leute. So ist die Welt. Und Kortüm ändert sie nicht.« Die weiteren Maßnahmen waren nun rasch beschlossen: Hochzeit nächsten Monat, die Feier nicht in Frau Schlicks Wohnort, sondern in Besenroda. Schon aus Gründen der Kundenwerbung. In Haus Hackemann wird Hochzeit gefeiert. Die ausgebreitete Verwandtschaft lernt dabei diese angenehme und empfehlenswerte Pension kennen und schätzen. »Haha«, lachte der Kapitän, »ich werde den Verwandten man beibringen, daß es sich gehört, anschließend eine Woche Pension zu nehmen in Haus Hackemann. Das hilft dem jungen Paar sehr.« Die Liste der Hochzeitsgäste ließ sich leicht zusammenstellen. Die Langloffs hatten nicht mehr viel Verwandtschaft. Eigentlich nur die gute Tante Lina. Aber Frau Schlick: da waren die Wodtkes, Bruder und Schwester. Die Sidonie Lautenschlager samt Ulrich, ihrem Gatten. Die Familie Tips, er, sie und dann noch der Bengel, der, wie man hört, nichts als Dummheiten macht. »Wetter, 'ne ordentliche Hochzeitsgesellschaft. Wodtke ißt und trinkt für fünfe. Überhaupt Walter: macht nicht so viel in Diät. Wie? Diätpublikum? Das weiß ich von mir, mein Magen – na, du kennst's ja, 'n alter Seemannsmagen. Diätpublikum verlangt viel und verbraucht wenig. So ganz dusemang würde ich den Kurs um zwei Grad auf Rehrücken und Sahnensoße drehen, wie?« Der Doktor nickte zerstreut. Dann sagte er: »Vater, weißt du, daß wir in der Liste einen Verwandten Mimis vergessen haben?« »Noch einen?!« »Ja. Einen gewissen Herrn – Kortüm.« Die Langloffs sahen sich an. »Geht nicht.« 470 »Was geht nicht, Vater?« »Einladen.« »Nichteinladen geht erst recht nicht.« »Deuwel und verflucht nochmal.« »Ja . . .« »Ach was«, sagte der Alte, »da er doch absagt, tun wir harmlos und schicken ihm 'ne nette Einladung.« Der Mann, dem die Ehre zuteil wurde, auf die Liste von Mimis Hochzeitsgästen gesetzt zu werden, verlebte eben eine denkwürdige Teestunde im Geschäftszimmer des Flügelhauses. Lotte Wingen hatte ihn sprechen wollen – aber nicht in den Gasträumen. Allein möchte sie Herrn Kortüm gern ein paar Minuten sprechen. Nun saßen sie zwischen Schreibmaschine, Stößen unbeschriebener Speisekarten, Aktenregalen und Schlüsselbrettern. In knappen, klaren Worten sagte Lotte, daß sie eine Stelle annehmen müsse, und bat Herrn Kortüm, der doch eine ausgebreitete Bekanntschaft besaß, um eine Empfehlung: »Ich brauche die Stelle gleich. So bald als möglich. Ich habe kein Geld.« Herr Kortüm erhob sich, stellte sich vor das Schlüsselbrett und betrachtete in tiefen Gedanken das schwarze Brett mit den weißen Nummern. Plötzlich nahm er den Schlüssel Nummer sechzehn ab und sprach: »Bitte – sehn Sie es? Sechzehn hängt auf Haken neunzehn. Überall hängt bei mir sechzehn nicht auf sechzehn. Jeder will etwas von mir. Ich kann nicht überall zugleich sein. In einen solchen Betrieb gehören außer den weitblickenden Augen des Unternehmers Augen, wie sie manche Frauen besitzen. Frau Wingen, ich schlage folgendes vor –« Kortüm empfahl der erstaunten Lotte, aufs Flügelhaus zu ziehen und hier eine Stellung einzunehmen, wie sie auf den Gütern etwa die Mamsell inne hat. Freilich – angemessen könne er im Augenblick eine solche Stellung nicht honorieren. Er sprach ganz offen: die Geschäftslage war seit ein paar Wochen schlecht und seit ein paar Tagen war sie . . . »Hm, also das Flügelhaus ist nicht zu einem Fünftel mehr besetzt: Hackemann. Aber lassen wir ›Hackemann‹. Wie stehen Sie zu meinem Vorschlag!« »Ich habe zwei Kinder, Herr Kortüm.« »Oh, die nimmt die liebe Großmutter.« »Das hätte ich früher nicht gekonnt. Jetzt kann ich's gar nicht«, sagte Lotte leise. Herr Kortüm besah das Messingschild von Schlüssel sechzehn, begann 471 es langsam abzudrehen . . . zwei Kinder. Er hatte keine Kinder gehabt. Herrn Kortüm fehlte denn auch jegliches Gefühl für die geräuschvolle Munterkeit kindlicher Spiele. Er starrte das Schlüsselbrett an. Aber schwärzer als das schwarze Brett sah Kortüm die Flügel des Todes hinter dieser Frau waagrecht gespreitet unbeweglich stehn und ihre paar Tische und Stühle und Blumentöpfe verdecken. Kortüm ergriff den Schlüssel Nummer eins: »Frau Wingen, dies ist der Hauptschlüssel. Bitte: Sie gehen jetzt durchs Flügelhaus, von oben bis unten, von vorne bis hinten, kommen dann wieder und machen mir einen Vorschlag, wo Sie vielleicht so wohnen könnten, daß keine Störung zu befürchten ist. Ich muß es aussprechen: ich bin ein Gasthaus und lebe von der Ungestörtheit und dem Wohlbefinden meiner Gäste.« Lotte ging. Kortüm begann ein langes Selbstgespräch: »Wo will sie unterkommen mit zwei Kindern? Die Leute reden von Kindern, aber die Last müssen sie den Müttern lassen – freilich auch die Freude.« Kortüm wußte leider nicht, wie es um die Freude an dem wieder jung gewordenen Blut beschaffen ist, und überlegte, wie es sei, wenn er jetzt zweimal in der Welt wäre: alt und Erlebens voll und noch einmal jung und neugierig wie ein Sohn oder eine Tochter. Dann wäre auf dem Flügelhaus vieles wohl ganz anders? Doppelt kortümsch nämlich . . . oder etwa – halb kortümsch? Lotte riß ihn aus den unlösbaren Erwägungen, ob Kinder ein Leben verdoppeln oder halbieren. Sie nannte ihm eine Zimmernummer, die allerdings nicht auf einem richtigen Emailleschildchen an der Tür stand, sondern nur mit Kreide angeschrieben war. »Dort können Sie nicht wohnen!« »Störe ich da auch?« »Aber, aber« – Kortüm war ganz erschrocken – »da sind ja gleich die Dachziegel drüber, habe ich gemeint. Und kein Wasser den ganzen Korridor entlang.« »Ach, ob mich da was stört? Nein, Herr Kortüm, solche Dinge stören mich nicht mehr.« Nach drei Tagen war Lotte Wingen Wirtschafterin im Flügelhause des Herrn Kortüm. Sie stand früh auf, kam spät ins Bett, und nach abermals drei Tagen kündigten zwei Mädchen, ein Stiefelputzer und ein Kellner; sie hätten keine Lust, unter Polizeiaufsicht zu stehen, bemerkten sie bei ihrem Abschied. Herr Kortüm aber rieb längere Zeit seine Nase und sah, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich dumm aus, wie er da in der Diele den gemalten imposanten Herrn Kortüm betrachtete 472 – ein Glück, daß ihn der Maler nicht so im Atelier hatte dastehen sehen. »Hm, das ist mir in der Tat entgangen«, murmelte er und studierte den Zettel in seiner Hand noch einmal von vorn. Lotte hatte ihn mit ein wenig ungeschickten Buchstaben beschrieben und war mit dem Bleistift beim Schreiben gelegentlich durch das schlechte Zeitungspapier in die Tischdecke gefahren – fein sah das Schriftstück nicht aus, aber es war sehr lesenswert und verdiente durchaus einen Platz unter L im Wabenschrank: so viel Tischtücher in der Wäsche verchlort, so viel hatten Zigarrenbrandlöcher, bei so viel Dutzend fehlten jeweils so viel. Und so viel Bestecke konnte Lotte nicht finden, so viel angestoßene Gläser hatten in der Reihe hinter den anderen gestanden. So viel, so viel . . .   Leinen und Seide Klaus Schart, Schulmeister von Beruf, wohnhaft in Hörsel, einem abgelegenen Dorfe hinter dem Wald hinter Eisenach, drückte auf den Klingelknopf, über dem ein Messingschild den Namen der sehr berühmten und schönen Konstanze Schröter trug. Gewiß war er ein wenig befangen, denn der Druck auf Klingelknöpfe anderer Leute erzeugt fast mit der Zuverlässigkeit eines Naturgesetzes im Leib des Angreifers ein Vakuum. Aber hatte Konstanze Schröter den Hörseler Schulmeister zu Tisch geladen? Schart hatte sie eingeladen, jawohl, vielleicht sogar Klaus, jedenfalls den Verfasser des Richtfestspruches zur Einweihung des Flügelhauses. Allerdings führte Klaus jenes Gedicht jetzt nicht bei sich. Der Schluß, den Konstanze nun endlich hören wollte, war ihm immer noch nicht gelungen. Dafür brachte Klaus einen Strauß roter Rosen mit, welche indes, häufigeren Vorkommens halber, bei jungen und schönen Schauspielerinnen nicht so hoch in Gunst stehen wie gute Dichtung. Als Klaus nun in Konstanzes Empfangszimmer stand, auf die Herrin des Hauses wartete und sich rasch ein wenig umsah, war er auf sich selber angewiesen. Der Rosenstrauß half ihm nicht, wenn er sich sagte, daß er nichts war als eben Klaus Schart, der sich herausnahm, eine Frau zu lieben, die in solchen Gemächern wohnte. Scheu glitt sein Auge über die Sessel, Tische und Teppiche. Er wickelte die Rosen aus dem Seidenpapier. In seiner Stube in Hörsel sah es anders aus . . . 473 Dafür – er richtete sich auf, und wenn es Konstanze gesehen hätte, würde sie ihm zugenickt haben – dafür war an diesem Tisch aus Rosenholz nicht ein Richtfestgedicht geschrieben worden wie auf dem kiefernen Pult in der geweißten Stube hinterm Wald hinter Eisenach. Nur, wie gesagt, er hatte das vollendete Werk leider nicht zur Hand. Im Augenblick konnte er Konstanze nichts weiter als sich zur Verfügung stellen, sich und ein paar Blumen. Sie trat ein. Daß sie die Rosen schön fand, war zu erwarten gewesen. Daß sie jetzt aber von den Rosen ohne weiteres auf Arbeit zu sprechen kam, das hatte Klaus nicht voraussehen können. Aber er kam schon nach wenigen Monaten dahinter, daß in großen Schauspielern dieser Gedanke vor allen Gedanken lebt: gebt mir die Rolle, die nur für mich erdacht ist, aus mir erlebt, mir auf den Leib geschrieben. Von dem schönen Frauenleib, dem ein Gedicht zu schreiben sicherlich sehr großer Meister würdig war, hätte Klaus gerne gesprochen. Jedoch Konstanze blieb bei der Rolle. Diese Wendung gefiel ihm nicht. »Ich glaube, Sie sind faul!« rief Konstanze. Oh, dachte Klaus, so nicht. Er saß in dem Sessel ihr gegenüber am Kamin, lässig, als brauche er nur in den Schatz seines Geistes zu greifen und mit beiden Händen Rollen herauszuziehen, Rollen! Aber Konstanze wußte, daß man nicht nur etwas sein, sondern allerlei gelernt haben muß, um eine Rolle hinstellen zu können, und sagte das in hörenswerten Worten. Klaus hatte jedoch nicht auf den Klingelknopf gedrückt und das peinliche Vakuum tapfer überwunden, um hier zu lernen. Es beliebte ihm daher zu sagen: »Ein Schauspiel zu schreiben, hat heute wenig Sinn. Das Theater war nie so gut. Wir leben in einer Zeit des Schauspielers« – er sah das milde gedämpfte Licht auf ihrem dunklen Haar glänzen – »nicht des Dichters«, schloß er seinen Satz. » Also des dramatischen Dichters, haben Sie wahrscheinlich sagen wollen!« »Des Schauspielers«, sprach Klaus hartnäckig – wer ist hier Herr, nun, nicht Herr aber: wer ist hier Mann im Hause – »das dramatische Gedicht wird heute vom Schauspieler gemessen an der Tiefe des Lebensraumes, den es dem – Schauspieler gibt.« Dies an dieser Stelle vor diesen Ohren gesagt, war nun sozusagen eine Unverschämtheit. Konstanze sah ihn ganz verblüfft an: »Und wann war das jemals anders, hochverehrter Mann?« 474 »Als«, sagte Klaus trotzig, »der Schauspieler und das gedichtete Wort noch vor dem Theaterbesucher standen. Jetzt lebt das Publikum in den Vorstellungen der Filmwirklichkeit – nicht der Lebenswirklichkeit. Wie soll auch eine ungeheuer in die Breite wirkende Gewalt wie der Tonfilm, der doch scheinbar das wirkliche Leben packt, spurlos an der Bühne vorübergehen. Das Schaupublikum braucht nicht mehr den großen Dichter, sondern den großen Regisseur. Und der Regisseur braucht außer dem Schauspieler einen anständigen Text, mit dessen Hilfe er das Schauspiel optisch in Gang bringt. Da es insgesamt nur sechs oder sieben Handlungsmöglichkeiten überhaupt gibt und diese in den dramatischen Büros der Filmgesellschaften täglich an den Hauptdarstellern und Spielabsichten auf ihren Sitz geprüft werden, ist es wahrscheinlich sinnvoll, hier gutes Handwerk zu leisten und von ihm zu existieren, damit die Phantasie leben und die Stöße des wirklichen Lebens aufnehmen kann, aus dem eine neue Epik zu erschaffen ist. Epochales Schicksal.« Konstanze sah vor sich hin und nickte: »Die Wirklichkeit ist das Schicksal.« »Nur war seinerzeit ihre Gestaltung zu erleben in einem gegebenen Bühnenausschnitt, einem ruhenden, festen, sicheren: also in einer Form. Jetzt ist das Auge der Kamera – und damit das Auge des Publikums – beweglich geworden und sucht, was es braucht, dort, wo es annähernd paßt: für die Dichtung kein geringerer Einschnitt als Kopernikus' Umkehrung aller Dinge.« »Wenn ich jetzt die Augen zumache, könnte ich denken, ein alter Herr murmelt mir Weisheit vor.« »Lassen Sie die Augen zu« – aufatmend erhob sich Klaus. »Es ist angerichtet«, meldete das Mädchen und schob die breite Tür zum Speisezimmer auf. Bei Tisch, zwischen Tellern und Gläsern eingeklemmt und in Erwartung, jeden Augenblick die Bedienung eintreten zu sehen, kann natürlich auch der entschlossenste Verliebte nicht von sich reden. Vom Schottengelände sprach man. Das gehörte ja ihnen beiden. Ein Ereignis freilich, das dort eingebrochen und durch alle Zeitungen gelaufen war, berührte Klaus nicht. Daß Konstanze um Wingens Tod wußte, sah er, wenn sie beim Aufklingen der Worte Ilm, Besenroda, Flügelhaus Brot zerkrümelte und zerstreut auf dem Tischtuch hin und herschob. Sie hatte Wingen einmal geliebt . . . Das Gespräch stockte. Klaus mußte sich Mühe geben, Konstanze zum Bewußtsein seiner 475 Anwesenheit zu bringen. Von Herrn Kortüm soll man reden, dachte er und erzählte von Kortüms neuesten Sorgen und wie er ihnen zu Leibe ging. »Jetzt hat Lotte Wingen die Stellung als Wirtschafterin auf dem Flügelhaus. Sie scheint nicht schlecht aufzuräumen.« »Wer?« fragte Konstanze erschreckt. Klaus antwortete nicht sofort. »Ich meine«, sagte Konstanze, »wo wohnt sie?« »Auf dem Flügelhaus.« »Für immer?« »Sie ist in Stellung bei Herrn Kortüm.« »Hat sie nicht Kinder?« »Die wohnen auch mit oben.« »Auf dem Flügelhaus?« »Im Ostflügel, glaube ich. In einem Dachzimmer.« Nun wurde Konstanze erst recht einsilbig. Eben hatte sie sagen wollen: übermorgen fahre ich für eine Woche aufs Flügelhaus. Sie schwieg. Klaus hatte es wieder schlecht getroffen. Konstanze dachte nun beinahe wie der Bälgetreter Wenzel und der Gastwirt Kortüm: Wingen könnte heute noch leben. Wenzel beschuldigte unter vier Augen Knackfuß, Kortüm gab vor sämtlichen Ohren dem Vorsteher Lobedanz, dem Doktor, der Kirchgemeinde, der halben Provinz die Schuld. Konstanze öffnete den Mund nicht, sagte auch später nie ein Wort – aber leben, das hieß für sie Gestalt machen aus Liebe. Kaum mit Lotte verheiratet, hatte Wingen aufgehört, Leben zu erfinden in seinen Theaterstücken. Er hatte gemerkt, wie süß es ist, so sich zu verwirklichen: selber zu leben. Konstanze empfand fast körperlichen Schmerz bei dem Gedanken: was ist darüber aus ihm geworden? Ein Organist – ein Mann, der ein Instrument spielt, das ihm nicht gehört. Ein abhängiger Mann, dem ein Amt, ein Vorgesetzter das Instrument zuschlagen konnte. Und zuallerletzt war Wingen daran gestorben! Die Tage ihrer Liebe zu Wingen waren längst versunken, die Erinnerung an jene Liebe hatte sie längst überspielt auf den Brettern. Nun konnte sie nicht mehr sehen, daß jede Frau nehmend gibt, und heute wollte sie nicht sehen, was Lotte ihrem Mann an Leben gegeben hatte für das, was sie ihm verdeckte. Verstohlen blickte Klaus die stumme schöne Frau neben sich an. Die gefährlichste Eifersucht regte sich in ihm, die Eifersucht auf einen Unüberwindlichen: auf einen Toten. Aber Konstanze lächelte melancholisch vor sich hin. Sie dachte eben nicht an Wingen, nicht an Klaus: Herrn 476 Kortüm sah sie. Sie sah den Mann vor sich stehen und tief erstaunt sein Kinn reiben. Ja, auf Kortüms Webstuhl hatten sich alle diese vielen Fäden zu einem schweren Trauerkleid verwebt. Und Kortüm müßte nicht Kortüm gewesen sein, wenn er nun nicht von oben mit einer großartigen Handbewegung das unheimlich fleißige Weberschiffchen angehalten und ihm eine neue Bewegung vorgeschrieben hätte – wie es einem Manne, der die Menschen kennt, wohl ansteht: er brachte die beraubte Lotte unter Dach und in vier Wände, half in großer Weisheit ihr und sich damit zugleich, wie das so seine Gewohnheit war, und – schloß Konstanze Schröter aus seinem Haus. Das hatte der Webmeister nicht bedacht. Lotte und Konstanze – Leinen und Seide können wohl leichter verwebt werden, als zwei Frauen zusammengeführt an der Domtür zu Worms, deren eine mit Freuden gewann, was die andre mit Schmerzen verlor. Konstanze lächelte traurig vor sich hin, oh, sie hörte ihn: sie besucht mich nicht mehr? Konstanze Schröter, die große Schauspielerin, meine Freundin? Unbewußt drehte sie das Weinglas um sich selber. Ja, Friedrich Joachim Kortüm, Gottesblick heißt deine Bank, Weltregieren ist leicht, aber Menschenregieren ist schwer; wenn die Menschen nicht so verschieden sein sollten voneinander, hätte Gott dem Tonklümpchen nicht seinen Odem einzublasen brauchen. Sein Mitarbeiter, der mit der Hahnenfeder am Hut, konnte sie ausstanzen nach Gottes Bild, einen wie den andern. Man muß doch aber, rief Herr Kortüm bei ähnlichen Schwierigkeiten ein wenig altmodisch, die Guten und die Schönen versammeln können um seinen Tisch! Auf Geistergastmählern vielleicht, Herr Kortüm. Wenn der Odem nicht mehr in ihnen ist, der vom Anfang her, der unabänderliche. Ohne den Nachtisch zu berühren, stand Konstanze auf, immer noch benommen sah sie gedankenlos ihre Armbanduhr an: »Und nun den Kaffee, Herr Schart?« »Falls Sie noch etwas Zeit haben.« Was hat er gesagt? dachte sie. Ach, Klaus Schart! »Ja, so sind Schauspieler« – sie schüttelte sich, nahm seinen Arm und lachte: »Ich war in Gedanken in eine andere Rolle geraten.« Sie führte ihn ins andere Zimmer. »In eine gute Rolle?« fragte Klaus, »Sie haben gelächelt.« Konstanze lehnte am Kaminsims, stützte die Ellbogen auf und sah Klaus lächelnd an: »Jetzt fragen Sie nach einer Rolle?« Das geräumige Zimmer wirkte kleiner, als es war. Roter Damast überspannte die Wände. Nur auf dem niedrigen Teetisch brannte eine 477 Lampe. Konstanze stand in diesem bühnenhaften Raum fast wie im Rampenlicht. Klaus sah sie an, schwieg. »Ich denke, Sie sind nicht fürs Theater«, lächelte Konstanze. Klaus sah sie unverwandt an. Sein Herz begann plötzlich so laut zu schlagen, daß er hoffte, sie müsse die Schläge hören. Und er begann, langsam und ruhig, ohne sich von der Stelle zu rühren: »Theater? Ich mag es nicht. Ich bin eifersüchtig aufs Theater. Ich gönne ihm Konstanze Schröter nicht. Weil ich sie lieb habe, Konstanze.« Das hatte er zustande gebracht, als ob er es aus einem Buche vorläse. Die nicht nur schöne, sondern auch sehr gescheite Frau starrte ihn an, öffnete den Mund ein wenig, schien den verwegenen Worten nachzuhören . . . Klaus hatte seine Sache schon gut gemacht. Hilflos sah Konstanze eine Sekunde lang den unbeweglichen Klaus an. Aber Klaus war noch kein Mann. Er half ihr nicht. Was er an Tapferkeit bei sich hatte, war vorläufig ausgegeben. Den Rest brauchte er zum Stehenbleiben. Konstanze mußte sich selber helfen. »Und so ein Mann schreibt keine Theaterstücke!« rief sie, griff in die Zigarettendose, hielt sie auch Klaus hin und setzte sich in den Sessel. Jedoch dieser Klaus klaubte eine Zigarette heraus, legte sie auf den Kaminsims, nahm Konstanze die Zigarette aus dem Mund, legte sie auch weg und setzte sich auf die Armlehne ihres Sessels. Konstanze hatte in der Schrecksekunde, die der dumme Klaus versäumte, das Spiel wieder in die Hand genommen: »Das ist mein Sessel, Klaus Schart. Nicht Kortüms Teich.« Gar nichts antwortete Klaus. Er legte die Stirn an die Sessellehne. Sein Mund war nahe über Konstanzes Schulter. Langsam glitt seine Stirn an dem harten Brokatstoff hinab. Seine Lippen berührten ihre nackte Schulter, ganz sachte und unbewegt, als ob er Marmor berühre. Konstanze saß still, sie sah seitwärts auf seinen blonden Scheitel, lehnte leise den Kopf zurück. Ihr Haar strich über seine Wange. Klaus faßte mit beiden Händen Konstanzes Kopf, drehte die zerbrechliche Kostbarkeit zart zu sich hin. Konstanze ließ ihn, aber sie blickte Klaus ruhig an, ruhig, ob sie gleich einen Schimmer wie Wasser in seinen Augen flimmern sah. Einen Augenblick lang hätte sie wohl ihren Kopf mit seiner Schwere in Klaus' Hände gelegt, aber sie schloß die Augen nicht, hielt den klaren Blick fest. »Konstanze!« »Träume nicht.« »Bist du denn wach?« 478 Ein paar Herzschläge lang fühlte Konstanze wehrlos die Seligkeit, von einer Woge getragen zu werden. Nahe sah Klaus ihre geöffneten Lippen vor sich, sie atmete schon seinen Hauch, da wandte sie leicht den Kopf unter seinem Arm seitwärts und war frei: »Morgen vielleicht –« »Morgen, sagst du . . . Konstanze.« »Und wieder morgen. Immer wieder morgen –« »Ich habe dich lieb –« Sie lächelte schwermütig: »Die Liebe hast du, Klaus; mich – wenn du nicht mehr zu erschrecken brauchst und fragen, was du mit mir anfangen willst vor den Leuten. Die vier Wände hier stehn nicht immer um uns.« »Vor den Menschen?!« Klaus trat zurück. »Vor der Welt. Oder« – sie griff nach dem Lichtschalter, aus blitzenden Prismen blendete es wie heller Tag – »oder soll ich dich in Hörsel besuchen?« Diese Frau in meinen vier gekalkten Wänden? Der jähe Glanz der Pracht um ihn tat seinen Augen weh. Er blinzelte in das Licht. »Wenn's Fenster auf ist, hören wir das Ilmwehr. Es rauscht stark jetzt. Bitte, Klaus.« Er gehorchte. Im offenen Fensterrahmen stand der sommerliche Nachthimmel, an dem die Sterne ihre vorgezeichneten Bahnen ziehen – schade, die Frauen müssen es den Männern schwer machen, den Männern gerade, von denen sie geliebt sein möchten. Aber sie müssen eben Frauen bleiben, um solche Liebe zu verdienen. Wenn der Herr des Flügelhauses, der weise Webmeister, eine Kortümliebe weben könnte – aus Sternlicht und Musik! Aber das kann wohl auch Herr Kortüm nicht; er müßte Leinen nehmen oder Seide, und die haben beide einen irdischen Wert.   Hochzeit Der alte Langloff schob den Fenstervorhang beiseite und sah nach dem Sonnenstand. Er konnte ohne Augenschmerzen mitten in die Sonne sehen. Sein wetterbraunes Gesicht legte sich dabei in viele Falten und Fältchen. Wenn er auf der Kommandobrücke seine Gedanken gehabt hatte über Kurs und Wind und Gegenwind, war ihm die Sonnenscheibe ein zuverlässiger Fangpunkt gewesen. Südsüdost stand sie heute und schien scharf in das Esperstedter Gasthofzimmer, in 479 dem er wohnte. Sein Sohn bat ihn immer wieder, doch in Besenroda Quartier zu nehmen, da das Flügelhaus zur Zeit leider nicht in Betracht kam. Dem Kapitän konnte im Doktorhaus ein Zimmer eingerichtet werden. Aber das nächstliegende, das eigentlich selbstverständliche Hotel für ihn wäre doch »Hackemann« gewesen. Er hatte dort viel Gesellschaft. »Hackemann« war ausgezeichnet besucht. »Laß man«, sagte der Alte beharrlich. Er wollte jetzt mal ein paar Tage in Esperstedt wohnen. Erstens mußte er auf dem Wege nach Besenroda den gesunden Spaziergang durch das Schottengelände machen. Dabei kam er am Flügelhaus vorbei, und der Anblick dieses stattlichen Gebäudes wirkte auf seine Berechnungen wie das Weiterdrehen des Maschinenhebels auf die Fahrt des Schiffes; dieser erfreuliche Anblick drückte frischen Dampf in seine Überlegungen. Zweitens aber konnte es nicht schaden, ein wenig unter den Esperstedtern herumzuhören. So geschah es, daß der nach Besenroda gerichtete Brief, mit dem Langloff jetzt auf das Fensterbrett klopfte, einen halben Tag zu spät in seine Hände kam. Der Doktor hatte ihn mit dem Apothekerboten geschickt. Sehr mißtrauisch sah der Alte in die Sonne. Wer war dieser Kortüm? Da schrieb, da wagte dieser Kerl seinem Sohn zu schreiben, daß er, Kortüm, für die Einladung zur Hochzeit ergebenst danke und mit Vergnügen erscheinen werde . . . »Alle Wetter«, murmelte Langloff. Er nahm den Hut, machte sich auf den Weg und schritt tüchtig aus. Etwas ungelegen kam er gerade zur Sprechstunde im Doktorhaus an. »Ich muß meinen Sohn sofort sprechen«, fuhr er die Haushälterin an. Nach wenig Minuten trat der Doktor heraus: »Vater?« »Auf zwei Worte.« Im Wartezimmer saßen Patienten. Das alte Starckehaus war klein. Verlegen, wo sie miteinander sprechen könnten, traten sie in die Küche und schickten die Haushälterin hinaus. »Was sagst du nun? Der Kerl kommt!« Der Doktor zuckte mit den Achseln: »Ich habe dir's ja gesagt: man kann nie voraussehen, was er tut.« »Ja, aber . . . nach der Preisgeschichte in Jena . . . nach der Eröffnung von ›Hackemann‹, sein Haus leer, unseres voll – er kann doch gar nicht zusagen, Schockschwerenot!« »Du siehst's ja. Er kann. Ganz harmlos kann er. Und paß auf: der redet noch bei Tisch.« 480 »Was? Haha. Verhindr' ich.« »Wie denn?« »Oho! Wie redet er über dich! Und über mich! Da soll doch –« »Das« – der Doktor machte eine Handbewegung – »na ja. Wir reden ja auch über ihn. Ich habe nur Sorge, was alles auf der Hochzeit passieren kann.« »Glatt unverschämt«, murmelte der Alte. So sagte Langloffvater: unverschämt. Erst ließ sich Herr Kortüm von dem schlauen Kapitän Zug um Zug Bauer, Springer, Turm und Dame nehmen und dann, bei Gott! dann erschien der Geschlagene auf des anderen Siegesgastmahl ergebenst und mit Vergnügen . . . »Alle Achtung«, murmelte der Kapitän Langloff widerwillig hochachtungsvoll. Die Vorbereitungen zur Hochzeit boten aber noch andre Schwierigkeiten. Mimi Schlick wollte durchaus das schönste Fest des Lebens auch diesmal wieder in ihrer Heimat, in Geestemünde feiern. »Nein«, antworteten Langloffvater und Langloffsohn. Sie begründeten das Nein unwidersprechbar: »Dieses Hochzeitsfest muß, wie alles liegt und steht, vor allem vom Gesichtspunkt der Werbung aus betrachtet werden. Wir brauchen die gute Meinung der hiesigen Umgebung. Also muß Geld unter die Leute gebracht werden. Wir machen uns angenehm und nützlich. Nichts überzeugt so wie Benutzbarkeit. Doktorrechnungen sind nie angenehm. Also lassen wir uns mal einen ordentlichen Haufen Rechnungen von den Nachbarn schicken und bezahlen wir sie postwendend.« Mimi war traurig. Sie hatte ein gefühlvolles Herz. Der alte Kirchturm zu Hause, die verschnittenen Linden, der wohlvertraute Altar – sie hatte es sich so poetisch gedacht. Nun sollte aber die Feier wenigstens ganz das heimatliche Gepräge tragen. »Besenröder Gepräge«, mahnte der Alte. »Nun, Vater – da muß man auf Mimis Wünsche Rücksicht nehmen. Was meinst du zum Beispiel, Liebe?« »Es muß so sein: die Hochzeitsgäste und Zuschauer sitzen schon, und die Orgel spielt, und nun betritt das Brautpaar die Kirche. Wir kommen langsam herein«, sie nahm den Arm ihres Bräutigams und ging mit ihm auf dem Teppich hin, »und nun hört der Organist mit dem Präludium auf und spielt – aber ganz leise bloß – weltliche Lieder. Passende Lieder natürlich. ›Wir winden dir‹ und ›Aus der Jugendzeit‹ 481 und so was, Walter. Wenn das so langsam und leise klingt und man geht so hin dabei, die Tränen kommen einem in die Augen, so schön ist es. Bis wir an den Altar kommen. Nun fängt wieder die richtige geistliche Musik an. Aber die macht sich jetzt nochmal so weihevoll.« »Ach, in der Art«, sagte der Alte beruhigt und steckte sich eine neue Zigarre an. »Das schad' nicht.« »Und nun die Tischordnung. Die hab ich mir so ausgedacht. Die Schlicks, die Wodtkes, die Langloffs –« »– die Kortüms«, knurrte der Kapitän. Aber am Ende war auch Mimis Tischordnung zu genehmigen. »Jetzt die Speisenfolge«, begann die Braut von neuem, »wir müssen eine Doppelspeisenfolge reichen lassen: Vollküche und Diätküche –« »– da haben wir's ja«, seufzte der Alte. »– und dazu unsre heimischen Gerichte.« »Dreifach also, mein Kind. Na ja. Da braucht keiner, wenn er nicht Diät will. Und eure Geestemünder Leberwurst zum ersten Frühstück – da laßt euch man was kommen.« Als schließlich der Hochzeitstag anbrach, war die Braut ganz erschöpft von Versuchen, fremde Gebräuche in Besenröder Sitten einzubauen. Der Widerstand gegen gewisse heimische Sondergerichte nahm gefährliche Formen an. In der norddeutschen Wurst hatte die Thüringer Köchin Rosinen entdeckt. Erst dachte sie, es wären bloß Fliegen: »Nee!«, schrie die arme Frau aus, »das duld' ich nich! Das kost mich meinen guten Ruf! In meinem Leben krieg' ich keine Stelle wieder. Die Wurscht muß naus!« Nur des alten Kapitäns Autorität rettete schließlich die Würste vor Mißhandlungen. »Holt doch euern Verwandten Kortüm zum Kochen, Deuwel noch mal«, grollte der Alte, wenn sich die Kämpfe in der Küche bis an seinen Lehnstuhl zogen. Dieser Kortüm bereitete ihm mehr Sorgen, als Rosinen in der Wurst waren. Es stand tatsächlich zuverlässig fest, daß der Besenröder Schneider gestern Morgen gegen elf Uhr Kortüms Frack samt weißer Weste frisch gebügelt aufs Flügelhaus getragen hatte: »Der Kerl kommt wirklich!« »Na, denn komm du man her, Elvira, altes Mädchen. Dunnerkiel, was hast du dir aufgetakelt. Die rote Rose da in Backbord. Wie 'ne Notlampe, Elvira.« Elvira war beleidigt. Aber man kannte ja den Grobian, und was er ihr nun weiter zu eröffnen hatte, klang besser, klang sehr gut: Elvira 482 solle sich bereit halten. Sein Sohn würde sie – na, so in drei, vier Monaten in eins seiner Häuser setzen: »Deine Leibrente ist man mager, Elvira. Wir wollten eigentlich 'ne Hiesige nehmen. Aber die hat uns der neue Verwandte weggeschnappt, dieser Gastronom. Kortüm heißt der Kerl. Merk dir den Namen, Elvira. Und hab Achtung. Hörst du? Jetzt red ich im Ernst. Immer scharf Backbord, wenn du'n siehst. Und wenn mal was besondres sein sollte – es kann ab und an was besondres sein! – wend dich an mich, Elvira.« Treppauf, treppab hastete es in der Pension Hackemann. Die Gäste wollten natürlich auch etwas sehen, und die Bänke im Mittelschiff der Kirche waren bereits gut besetzt. In der Mitte der ersten Reihe hatte Herr Kortüm Platz genommen. Immer noch kamen Leute. Auf der Orgelempore verteilte der Organist Notenblätter an die Singekinder. Der alte Kantor leitete heute die Aufführungen nicht – der kränkelte seit jenem Dominantenspiel des Todes. Mimi war auch ganz zufrieden, einem jungen Mann ohne Vorurteile ihr Musikprogramm darlegen und ihre Lieblingsmelodien aus der Jugendzeit nennen zu können. Der jugendliche Vertreter des Kantors fand den Gedanken sehr reizvoll. Zum Glück ist der Alte krank und hört's nicht, dachte er und stellte mit Mimi eine hübsche Liederfolge zusammen. Mit Hilfe eines flinken Bengels, der um die Kirchenecke gucken und Botschaft auf die Empore bringen mußte, gelang auch alles aufs beste. Das feierliche geistliche Präludium erschallte. Knackfuß trat Luft, reichlich Luft. Es war ja Hochzeit, es gab ein Aufgeld, und es gab außerdem auch noch Getränke. Sicherlich gab es auf dieser Hochzeit Langloff reichlich Getränke aller Art: als er heute früh zur Probe gegangen war, hatte Knackfuß seinen Orgelspieler, des alten Kantors jungen Vertreter, den keiner recht kannte im Ort, den hatte er am offenen Fenster des Hackemannhauses stehen, mit Frau Mimi reden und dabei aus einem Glase eine dunkelbraune Flüssigkeit zu sich nehmen sehen. »Na, ich hol es nach«, tröstete sich Knackfuß, als er den jungen Organisten recht beschwingt und fröhlich die Emporentreppe hinanklimmen sah, »aber genehmigt hat der schon einen.« Fleißig trat er die Bälge. Das Präludium klang feierlich. Der junge Mensch spielte nicht schlecht. Knackfuß war zufrieden. Unterm Leitersteigen und Hinabrutschen in der Bälgekammer gedachte er des dunkelbraunen Getränkes: »Was es bloß war, verdammig. Schnaps? Nee, dazu sind die Langloffs zu fein. Bier? Der Schaum fehlte. Rotwein? Nicht rot genug. Weißwein? Zu rot . . .« 483 Plötzlich packte Knackfuß in jähem Schreck die Haltestange – was war das? »Ich hab mir's doch gedacht! Der hat ein' genehmigt! Verdammig, der spielt je Walzer in der Kirche!« . . . Knackfuß horchte: »Lieber Gott, jetzt macht er 'ne Polka.« Den Tod eines Organisten kann sich ein Bälgetreter aufs Gewissen laden bei leichtsinnigem Luftmachen, er hatte es doch erlebt – ein Ruck, Knackfuß hob das Gegengewicht aus – er atmete auf: tiefe Stille in der Kirche. »Sauferei verdammigte. Der junge Mensch hätte je sich ums Brot gebracht.« Wie eine abgelaufene Spieluhr waren in der Kirche Musik und Hochzeitszug stehen geblieben. »O wie liegt so weit, was« – Schluß. Rosen lagen auf dem Läufer verstreut, Nelken – Mimis linker weißseidener Schuh berührte eben mit der Spitze den Boden – Schluß. Das kunstvolle Uhrwerk stand. Lackstiefel und Silberschuh – reglos. Frackröcke und Seidenbausch – puppenhaft starr . . . nicht einmal die Köpfe drehten, wendeten sich: jedes Ohr lauschte . . . gleich mußte es wieder anfangen zu spielen. Quälende Sekunden, als nun der erste begann, den andern fragend anzusehen. Da erhob sich eine gewichtige Gestalt – Herr Kortüm. Er verbeugte sich leicht vor dem Brautpaar, das gerade in Höhe seiner Bank erstarrt war, machte eine einladende Handbewegung zum Altar hin und sprach gedämpft: »Ohne Bedenken« – er setzte sich, näherte den Mund dem Ohre seines Nachbars, Wodtke saß neben ihm, und sprach wiederum gedämpft, aber der ganzen Kirche vernehmlich: »Thüringer Festivitäten. Ich kenne das. Es ist hier so.« Der Zug kam wieder in Gang, musikalisch freilich nur begleitet von dem zornigen Bimmeln der Orgelklingel in der Bälgekammer. Der Organist riß beinahe den Ziehknopf ab in seiner Verzweiflung, bis der Vorsänger mündlich die Bestellung auf Luft in die Kammer brachte. Nun hatte Knackfuß keine Verantwortung mehr. Er hatte das seinige getan. Knackfuß konnte sich wieder an seine Dienstvorschrift halten. »Ein böses Omen«, flüsterte Mimi auf den Altarstufen. »Unsinn«, murmelte der ebenfalls erschrockene Doktor. Da setzte die Orgel wieder ein. Die feierliche Handlung ging ohne weiteren Zwischenfall zu Ende. Auf dem Rückweg machten die Herren bereits wieder Späße über das außer Atem gekommene Lied. Nur der alte Langloff kniff die Augen noch fester zusammen, und die braune Seemannshaut seines schlauen biederen Gesichtes war in unzählige Fältchen geknittert: alle, sagte er sich, hatten beim Versagen der 484 Orgel die Fassung verloren, alle – bis auf einen! Wer nicht? Kortüm nicht! Warum nicht? Natürlich: der wußte eben Bescheid. In Langloff stieg ein schwarzer Verdacht auf. Der Kerl stak dahinter! Wer sollte heute auch an einem Ärgernis eine Freude haben? Niemand. Denn alle verdienten an der Hochzeit. Nur einer verdiente nicht: Kortüm nicht! Man erzählte sich da allerlei von einem Erdbeben, das auf dem Flügelhaus stattgefunden haben sollte. Wenn ein Kerl schon der Musik den Wind aus der Orgel genommen hat, was konnte der noch planen? Langloffvater bekam Angst. Er bog in den Seitenweg ein, betrat vor den Gästen das Haus. Er guckte unter den Tisch, ob die Beine etwa angesägt waren, denn wer Erdbeben machen kann . . . Hatte dieser Kortüm vielleicht nur zugesagt, er, der nicht mit Lieferungen und Leistungen für die Hochzeit Bedachte, um . . . Langloffvater lief in die Küche, stach mit der Gabel in die Braten, kostete die Soßen – kurz, der alte Kapitän kränkte die Köchin auf alle Weise. Sie sagte ihm denn in deutlicher Besenröder Sprache, was hierzu zu sagen war. Da hielt Langloff plötzlich den Kostelöffel reglos vorm Mund, eine Weile starrte er in scharfem Nachdenken geradeaus, dann warf er den Löffel hin und verschwand aus der Küche. Die geprüfte Köchin irrte aber, wenn sie glaubte, ihr Thüringer Zorn habe ihn vertrieben. Der Kapitän hatte die fremden Laute gar nicht verstanden. Nein, die Hauptsache war ihm eingefallen! Der Festwein! Der Gasthof »Zur Forelle« hatte ihn geliefert. Man wollte doch auch Esperstedter Einwohnern Verdienst zuwenden. Es hieß, eine Sorte sei in der »Forelle« nicht vorrätig gewesen und der Forellenwirt habe Herrn Kortüm um Aushilfe gebeten. Langloff eilte ins Badezimmer. Anscheinend harmlos ragte die gewaltige Flaschenbatterie Hals neben Hals aus dem Eiswasser. Welche Flaschen kamen aus Kortüms Keller? Freundlich blickten ihn die Hälse an. Aber wer traut dem Teufel? Dem alten Kapitän kam das kleine nette Arracfäßchen in den Sinn, das sie einmal im Hafen von Rangoon vor vielen Jahren in einer lustigen Nacht angebohrt, abgefüllt und – gut mit Petroleum wieder vollgegossen – kunstreich verschlossen hatten. Hm, der Alte besah schmunzelnd die Bouteillen in der Wanne: nach London war es fakturiert; wer mag das gewesen sein, der sich damals gewundert hat über den Arrac in London? Zum Teufel, ihm, dem Kapitän Langloff, sollte man nicht so kommen! Von Orgelmusik verstand er nichts. Aber – ha! Der Alte zog den Badehocker heran, setzte sich, holte den Korkenzieher aus der Tasche, öffnete die erste Flasche und nahm einen Probeschluck. »Ahh!« Diese Flasche jedenfalls war 485 gut. Er stellte sie links von sich. Flasche um Flasche hob der gewissenhafte Hochzeitvater aus der Badewanne und stellte sie nicht eher links zu den gutbefundenen, bis einwandfrei feststand: auch diese ist gut. Da die Wanne mit vielen verschiedenen Sorten gefüllt war – von den Gewächsen der Mosel, der Saar, Rheinhessens bis hin zu dem Saft der schweren Pfalz – und da die öligen Ausbrüche der fremdländischen Nachtischweine um den Badeofen herum auf dem Fußboden standen – nur der Rotwein war in der Anrichte aufgestapelt, da würde er nachher mal hingehn – da also allerlei in diesem Badezimmer auf seine Bestimmung wartete und der Alte die Creszenzen in der knappen Zeit unmöglich erst in bekömmliche Probiergruppen ordnen konnte, gestaltete sich die Prüfung gar nicht leicht. Mancher Flasche mußte er einen zweiten, einen dritten, ja einen vierten Probeschluck entnehmen, ehe er hinter den Eigengeschmack und seine verläßliche Reinheit kam. Freilich drängten ihm die Kräfte, welche im Weine schlummern, je länger desto beschwingter entgegen und verliehen ihm eine von Probe zu Probe steigende Prüflust. Schon stand ein ansehnlicher Posten einwandfreien Getränkes links von ihm, und der Alte zog weiter Gewächs um Gewächs frischen Mutes wie Unkraut aus dem Eisteich. Bekanntlich genießt eine noch nicht aufgetaute größere Hochzeitsgesellschaft zwischen Kirche und Tafel das eine oder andere Törtchen, wohl auch einen Happen gewürzten Fleisches, und sie trinkt einen kleinen Schluck Vortischwein dazu. Die Stimmung hebt sich dabei, ohne gleich zu wohltemperiert zu werden. Die Hochzeitsgäste standen in den Festräumen herum, unterhielten sich ein wenig, begutachteten und verglichen die Hochzeitsgeschenke nach Geld- und Geschmackswert und sahen sich von Viertelstunde zu Viertelstunde länger nach der Flügeltür um, hinter welcher sie die Hochzeitstafel ahnten. Sidonie sagte: »Bei uns geht man auf Hochzeiten spätestens eine Viertelstunde nach der Trauung zu Tisch.« Ulrich: »In meiner Heimat auch.« Frau Tips: »Wenn unser Willi mal heiratet, überlegen wir die Zeiteinteilung vorher.« Der Gymnasiast Willi: »Ich habe Hunger.« Wodtke aber sagte – freilich leise und nur zu seiner Schwester: »Himmelschocksternbombenelement, fängt die verfluchte Fresserei nu an oder nich!« Es duftete ja auch längst nach Braten. Die Köchin hatte den 486 Lohndiener schon zweimal geschickt: es wäre höchste Zeit, die Kruste brutzelte schon. Die Jugend begann eine zwanglose Gruppe zu bilden, welche immer lauter wurde. Die Alten sahen nicht ein, warum sie stehen sollten, nahmen Platz und gähnten. Alles war da und bereit – nur einer fehlte: der liebe Vater. Wo war der Kapitän? Man suchte im Schlafzimmer, auf dem Balkon, im Garten. Man klopfte an Türen, hinter denen er allenfalls noch einmal rasch verschwunden sein könnte. Es wird ihm doch nichts zugestoßen sein? Auf dem Weg von der Kirche zu »Hackemann« war er zuletzt gesehen worden. Wodtke erinnerte sich, daß ihm der alte Herr da schon sonderbar vorgekommen wäre – so in sich gekehrt. Herr Kortüm stand neben seiner Tischdame Elvira, und Elvira sah ihn forschend an: »Sie wissen auch nichts?« Aber Kortüm machte nur eine scharf waagrechte Handbewegung: »Thüringer Festivitäten. Ich sagte es bereits. Das ist hier so.« Die Lage wurde bedrohlich. Ohne den Vater ging's doch nicht. Der Doktor lief schließlich selber durchs Haus, riß alle Türen auf: »Vater!« und fand ihn hinter der letzten: »Aber Vater . . .« »Jawoll, haha!« – in der Badewanne befand sich kein prüfbarer Stoff mehr. Der Alte war mit seinem Hocker an den Badeofen gerückt, untersuchte die Nachtischweine und drehte der Türe dabei den Rücken zu. Die Enden seiner Frackschöße saugten sich auf dem Kachelboden voll Wasser, Korkstöpsel lagen herum wie Schrapnellkugeln nach schwerem Gefecht. Dem Alten mußte das enge Badezimmer zugesagt haben, vielleicht waren Kajütenerinnerungen in ihm aufgestiegen. Er rauchte eine mächtige Hochzeitsnachtischzigarre mit rotgoldner Binde – »Haha!« – und zeigte auf das geprüfte Material: »Ohne Bedenken! Ganz ohne Bedenken, mein Junge!« Am Arme seines Sohnes betrat der Kapitän die blumengeschmückten Festgemächer. Vor seinem inneren Auge verwandelte sich die Enge der Kajüte in die Weite des Sonnendecks, die Flieder- und Rosensträuße in Palmenwedel: »Na Kinnings, denn wollen wir man losheiraten« – und er begann den seltsamen Verlauf einer Hochzeitsfeier in Olohombo zu schildern, die er mitgemacht hatte. Die Braut schlug die Augen nieder angesichts der Gebräuche jener zivilisatorisch noch unberührten Negerbevölkerung. Die Hochzeitsgesellschaft traute ihren Ohren nicht. Herr Kortüm zog die Augenbrauen ganz hoch. Er hatte ja auch viel von der Welt gesehen und wußte besser als die sonstige Verwandtschaft, was von der schwarzen Mary ohne Gnade jetzt noch zutage 487 kommen würde, wenn der fröhliche Kapitän sein Garn unbehindert weiterzuspinnen vermochte. »Also, Elvira: sie nimmt den Palmschurz ab –« » He thinks the Mary «, unterbrach ihn Kortüm, griff nach Langloffs Arm, henkelte ihn ein – da standen die beiden großen Männer des Schottengeländes Arm in Arm! Er oder ich! hatte Langloff gesagt. Und Holdermann hatte die zwei malen wollen als ein Doppelbildnis . . . »– den Palmschurz also –« »– ab. Ganz recht. Ich habe mir einen solchen Palmschurz mitgebracht –« »– man bloß nicht aufschneiden –« »– er hängt in meinem Museum, Herr Kapitän: überzeugen Sie sich –« Und Herr Kortüm führte den ungläubigen Kapitän vor den Augen der dankbaren Hochzeitsgesellschaft aus dem Saal. Aber noch innerhalb des Festraumes begann Langloff von gefälschten Palmschürzen zu reden, von der Tatsache, daß Schürzen als solchen, ob Kattun oder Palmenblatt, nicht zu trauen sei, von falschem Wein, falschen Orgeln und falschen Gastronomen. Der Lohndiener jedoch öffnete weit die Flügeltür, und die Festgäste nahmen endlich Platz. Das Tischgespräch war ein zweiteiliges: wie Diät- und Vollküche, so gab es Diät- und Vollsätze. Laut unterhielt man sich vom Krieg in China, leise von der Erscheinung Langloffs und dem Verschwinden der beiden Senioren dieser Tafelrunde. Wie man weiß, verwandeln sich mündliche Nachrichten, besonders wenn sie pianissimo weitergegeben werden müssen, auf ihrem Wege in ganz merkwürdiger Weise. Sie folgen jenem von der Sprachwissenschaft leider noch nicht erforschten Gesetz einer geheimnisvollen Lautverschiebung. Aus dem Wort »proben« zum Beispiel wird »zechen«, die Selbst- und Mitlaute von »zechen« verunstalten sich zu »saufen« und dieses alte Wort »saufen« tritt dann auch noch aus dem Indikativ Präsentis in das abschließende Partizipium perfecti »besoffen«. Der alte Langloff – »haha, Herr Kortüm!« – ließ sich nicht ins Kortümmuseum führen. »Nee nee, wer weiß . . .« Er suchte sich einen schönen Ledersessel im leeren Schreibzimmer der Pension Hackemann, erzählte Herrn Kortüm noch dies und das von Olohombo, sprach von Liebe und Ehe in fremden Erdteilen – was man jedoch nicht in diesem Buche finden, sondern in den einschlägigen ethnographischen Werken nachlesen wolle – und schlief ein. 488 Kortüm ging in tiefen Gedanken um den Stuhl seines nicht gemalten Pendants der Holdermannschen Bildidee herum. Aber Langloff schnarchte so mächtig, daß Kortüm sich aus dem Fenster lehnte, um nachzusehen, ob dieses Schreibzimmer etwa über dem Speisesaal läge und der Kapitän die Unterhaltung der Hochzeitsgesellschaft beeinträchtigen könne. Nein, es lag genug Raum zwischen der Hochzeit und dem Hochzeitsvater. Ihm ist geholfen, dachte Kortüm, fühlte die Leere in seinem Magen und sagte laut: »Helfen wir nun uns.« Als ihn der Lohndiener auf dem Flur erblickte, öffnete er weit die Flügeltür. Herr Kortüm betrat die Schwelle des Saales. Es muß berichtet werden, daß bei seinem Anblick ein deutlich vernehmbares »Ahh« im Speisesaal hörbar wurde. Zwei leere Stühle – Stühle, den Würdigsten gestellt! – bedrücken jede Tafelrunde. Jetzt nahte wenigstens der eine Präsident. »Wunderbar!« rief Wodtke, »nun kriegen wir auch noch unsre Tischrede.« Kortüm sah ihn fragend an. »Ach ja«, flüsterte die tief erregte Mimi, »Schwiegervater hält ja die Begrüßungsrede heute doch wohl nicht mehr.« »Wohl nicht« – Herr Kortüm trat zu dem leeren Stuhl in der Mitte der Tafel, so daß er neben Mimis Platz stand. Elvira mußte heute auf einen Tischherrn verzichten. Es war nicht so gedacht, aber es hatte sich so gemacht. Und Herr Kortüm ließ sein Auge über die Festgäste schweifen, nickte ihnen zu und begrüßte sie in Vertretung des Herrn Kapitäns, der erst später in ihrer Mitte erscheinen werde. Kortüm wies auf die Schüsseln, Platten und Flaschen: man greife freudig zu. Hochzeit sei eine seltene Feier. Man esse und trinke nach Kräften, so daß es dem Hausherrn noch in späten Tagen eine Lust wäre, so feierfroher Gäste zu gedenken. Er, Kortüm, wisse es: ein Festprogramm sei nur der magere Umriß – die Gäste erst malen ihn aus in bunten Farben, und der Wirt brauche sich dann nur des leuchtenden Bildes zu freuen. »Ja, meine Verehrten, ein Wirt denkt, und der Gast lenkt: feiern wir! Genießen wir, was uns in Fülle geboten! Zum Wohle! Es lebe das junge Paar!« rief Kortüm, der Hochzeitsgast, und hob sein Glas. Es wurde doch noch eine schöne Feier. 489   Schlummerlied Doktor Walter Langloff und Gattin begaben sich auf eine kleine Hochzeitsreise. Der Esperstedter Kollege übernahm die Vertretung, und der alte Kapitän, der den zweiten Teil des Hochzeitstages etwas still, aber doch noch recht angenehm in der Mitte der Seinigen verbracht hatte, versprach, die nicht medizinischen Belange in der Umgegend zu beobachten. Dazu war er jetzt sehr geeignet. Ein Hochzeitsvater, der keinen geringen Teil des Festes für sich im Badezimmer feiert, war ihnen neu. Sie gaben der Langloffschen Hochzeit den Namen Kortümhochzeit, so daß in der weiteren Umgebung jedermann zunächst einen Schreck bekam, der dieses Wort hörte, bis ihn jemand beruhigte: nicht Kortüm selber habe geheiratet. Die Besenröder erleben doch auf ihren Hochzeiten auch allerlei – die Kortümhochzeit weckte ihre Neugierde. Gern ließen sie sich mit dem Kapitän in längere Gespräche ein. Auch Klaus rüstete sich zur Abreise vom Schottenhaus. In der Stille seiner gekalkten Stube in Hörsel wollte er arbeiten, ein Werk schaffen, irgend etwas – ein Drehbuch vielleicht, das ihm Bresche schlug in die große Welt, Geld brachte und Namen. Konstanzes Frage saß ihm als Stachel im Herzen: was sollte er anfangen mit ihr, in Hörsel, hinterm Walde? Die Liebe trieb ihn in die Welt, und Klaus war ja jung genug, um irren zu dürfen – wenn das ein Irrtum war. Er warf seine Wäsche in den Koffer, stopfte Stiefel, Bücher, Handschriften und Entwürfe nach, drückte gewaltsam den Deckel zu und machte sich reisefertig. Im Speisesaal saßen nur noch ein paar alte Damen. Der Kellner mußte Klaus die letzte Mahlzeit in die »Waage« bringen. »Das ganze Haus schläft ja ein«, sagte er. Der Bediente hob nur bedauernd die Schultern. »Also Sie nun auch«, sagte Herr Kortüm langsam und legte die Rechnung auf den Tisch. »Ich muß arbeiten. Einen Film vielleicht. Sie sind doch mit Utzenstorff befreundet. Könnten Sie mich nicht einmal mit ihm bekannt machen?« »Zu meiner Zeit hatten wir soviel in der Welt zu tun, daß wir in Ihrem Alter nicht auch noch in der World hätten tätig sein können.« Klaus lächelte. Davon versteht Kortüm nichts, dachte er. Lesen, Rechnen, Deutsch, Naturgeschichte, Schreiben, Singen und Turnen mußte er geben in wenig Wochen und suchte zwischen diesen Pflichtgewalten nach einer Fuge, weil Klaus hinter der grauen Mauer einen 490 Garten witterte, eine Freiheit, in der Orangen blühten und Konstanze lustwandelte mit ihresgleichen. Herr Kortüm entzündete mit sehr langsamen Bewegungen die erloschene Zigarre, sah durch Feuer und Rauch seinen Gast an und begann endlich: »Herr Schart, ich würde die richtige Welt nutzen. In der erlebt man mehr. Heute zum Beispiel: da kommt das alte Fräulein Haupt zu mir. Erdmuthe Haupt, wissen Sie? Die Damen reisen ja morgen leider auch schon ab. Die andre, das Fräulein Bertha, ist kränklich. Will wieder nach Hause. Also Fräulein Erdmuthe bestellt die Rechnung, ordnet dies und das noch und kommt ins Erzählen. Ihr Bruder, sagt sie, ist Missionar. Ja, denken Sie: Missionar, Herr Schart. Vor fünfundzwanzig Jahren ist er in die Welt gegangen. Hierhin, dahin. Er war in Kaschgar, in Jarkand – immer so um den Pamir herum. Ich kenne die Gegend leider noch nicht. Sehr bemerkenswerte Landschaft. Die letzte Nachricht bekamen die Damen von einer englischen Station, Gilghit glaub ich. Das war vor zehn Jahren. Seitdem nichts. Verschollen. Nun stellen Sie sich vor: die zwei alten Damen, hier auf meinem Flügelhaus« – Kortüm stand auf und machte eine große Armbewegung nach Osten – »dort kommt erst der Hachelstein, weiter östlich die Saale, dann die böhmische Elbe, Herr Schart, immer weiter nach Osten – Donau, schwarzes Meer, Euphrat – noch weiter, Herr Schart! Noch ein Meer, Wüsten, dann tauchen Berge auf, immer höhere Berge, Riesenberge: ganz fern, blaßgrau, ein Hauch: der Pamir! Tausend Gipfel, zehntausend Schluchten, Täler, Ströme. Und dahin blicken nun die beiden alten Fräuleins Tag für Tag – von meinem kleinen Lohberg aus! Und nachts horchen sie, ob hinter den Felsen, dem Eis und dem Sand jemand ihren Namen ruft – über den Euphrat weg, donau-, elb-, saalüber und zu allerletzt noch über den Hachelstein weg: Herr Schart« – jetzt sprach Kortüm geradezu zornig – »leben Sie nicht in der World und tun Sie nicht Dinge, die es nicht gibt! Sollten Sie sich nicht besser der Dinge annehmen, die es leider gibt, wie?! Könnten Sie nicht mit sehr viel mehr Grund gelegentlich in die Pamirgegend reisen, nachdem Sie wissen, was ich Ihnen eben erzählt habe? Welchen Trost, und keinen bloß abendfüllenden, könnten Sie zwei alten Herzen geben. Sie sehen mich an, als ob Sie meinen Vorschlag weitläufig fänden – bitte: ist die World nicht viel weiter weg als Gilghit und Pamir?!« Immer mehr redete Herr Kortüm, und als er jetzt auch noch anfing, die Realitäten ernstlich zu erwägen: die Fräuleins seien nicht 491 völlig unvermögend, würden möglicherweise seine Reise unterstützen – da ging Klaus vor Staunen der Mund auf. Er wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Klaus hatte, um Geld und Namen und Freiheit zu gewinnen, zu Utzenstorff gewollt – und dieser Mann empfahl ihm dafür, den verschollenen Missionar Haupt in der Wüste hinter Kaschgar suchen zu gehn! Konstanze, oh . . . Wo ist Klaus Schart? würde sie fragen. In Gilghit, Gnädigste, antwortete dann Herr Kortüm. Klaus sah ihn ja vor sich, wie er das sagen würde: so ganz nebenbei. Etwa wie: In Eisenach . . . Klaus erkannte, daß eher Utzenstorffs World eine Grenze habe als Kortüms Welt – übrigens eine tiefe Erkenntnis, aber sie nützte ihm nichts, weil er sie noch nicht anzuwenden vermochte. Er wollte nun seine Meinung zur Geltung bringen. Aber Kortüm bekam die Antwort auf Gilghit via Hachelstein plötzlich von einer anderen Seite: »Herr Kortüm«, sagte die eilig eintretende Frau Lotte Wingen, »ich habe die Rechnungen durchgesehen. Es fehlen ja alle Restrechnungen vom Umbau in der Mappe.« »Die gehören nicht zur Saisonabrechnung, Frau Wingen.« »Aber sie müssen doch bezahlt werden.« Die furchtbare Richtigkeit dieser Worte konnte Kortüm so wenig von sich ablenken wie ein Nickelmantelgeschoß, das eben den gezogenen Stahllauf verlassen hat. »Hm. Nun. Jawohl. Herr Schart, ich muß mich jetzt von Ihnen verabschieden. Wünsche Ihnen gute Arbeit. Aber an Ort und Stelle. Auf der Erde, hören Sie?« Erde – Gilghit etwa? dachte Klaus und sah ihm nach, wie er sorgenvoll hinter Lotte in sein Geschäftszimmer ging. Lotte hatte wenig Phantasie, aber sie sah scharf und unverrückt die Tatsachen. Keine noch so großartige Handbewegung Kortüms konnte sie über Lücken in der Abrechnung wegbringen. Wie sollte sie das Kortümsche: »Oh, da fällt uns schon etwas ein – morgen!« – wie sollte sie das in Ziffern hinschreiben? Heute ließ sie ihn gar nicht erst ins Planen kommen. Er mußte zuhören, bis sie alles gesagt hatte. Respektvoll hörte Kortüm zu, aber tun konnte er im Augenblick nichts als die Augenbrauen hochziehen. Man kann so schnell nicht einen neuen Weg entwerfen. Gewiß, es stand ums Flügelhaus nicht gut. Halb war es einen Monat besetzt, im nächsten ein Drittel, in diesen Tagen stand es vorübergehend zufällig fast leer. Das kommt vor im Gastwirtsgewerbe. Lotte kannte das nicht. 492 »Sie können dann die Bauzinsen am ersten Oktober nicht bezahlen. Die Vorräte für die Wintersaison, die Sie ausgeschrieben haben, kaufen wir nicht.« Nachdem Kortüm mehrmals an dem Schrank mit den Kontobüchern vorübergegangen war, begann er wirklich zu rechnen. Mit Ziffern. Lotte erfuhr zunächst nichts von dem Ergebnis. Herr Kortüm schwieg. Eine Woche verging. Noch eine. Die letzten Gäste waren abgereist. Das Wetter war nicht günstig. Schon vor dem Umbau, in der »Silbernen Windfahne«, war es in solchen regnerischen Wochen lautlos still gewesen: im großen Flügelhaus mit seinen langen leeren Gängen wurde diese Stille beängstigend. Das Flügelhaus schlief ein. Ein früher Herbstwind sang das Schlummerlied. Die ersten Blätter fielen. Auf der Erde platzten die Kastanien auf. Lotte ließ die Gartentische und Stühle im Hof zusammentragen und scheuern. In Besenroda unten wurde der Zeitungsständer auseinandergenommen und fortgeschafft. Aber der Uhrmacher nahm die Juwelen noch nicht aus dem Schaufenster, denn noch wohnten in Haus Hackemann genug Fremde – dem Aussehen nach bessere Leute, die gerade an Regentagen leicht einmal auf den Gedanken kamen, sich einen silbernen Tafelaufsatz zu kaufen. Auch die Auslage im Leinwandladen Monichs wurde neu gruppiert. Besenroda war noch recht lebendig. Auf den guten Wegen im Tal ließen sich auch bei Nässe Spaziergänge machen, welche – »hä« – im Schottengelände ums Flügelhaus oben längst unmöglich waren für zartbeschuhte Leute. Die Gäste in Haus Hackemann konnten ruhig eine Weile zusehen, wie das Wetter wurde. In der nun früheren Dunkelheit setzte der Uhrmacher die Lichtreklame in Gang, die Besenrodas Hauptstraße erst das kurortliche Aussehen gab. Und im »Besenröder Anzeiger« stand sogar ein Inserat, demzufolge Frau Mimi Langloff noch ein tüchtiges Hausmädchen benötigte. Lotte hatte soviel Bedienung entlassen, daß Frau Langloff leicht etwas Passendes fand. Herr Kortüm versuchte mehrfach, Einspruch zu erheben: »Das macht keinen guten Eindruck.« Als aber eines Morgens das Zimmermädchen Hannchen in Hut und Mantel bei ihm eintrat und um ihre Papiere bat, beschloß Kortüm ernstlich mit Lotte zu reden: wollte sie das ganze Schottengelände schließen? Mißbilligend sah er die Gartenstühle im Schuppen bereits übereinandergestapelt. Er fand Lotte beim Bettenklopfen. »Es können noch schöne Tage kommen, Frau Wingen.« 493 »Dann müssen die Gäste in die ›Waage‹ gehen. Ich habe kein Geld mehr in der Kasse.« »Achtung, Herr Kortüm!« rief der Hausknecht, der mit dem Laufjungen einen Palmenkübel schleppte. Er trat zurück, wäre aber fast von einer Gardinenstange getroffen worden. Die Waschfrau nahm die Vorhänge ab. »Halt!« befahl Herr Kortüm. »Das Erdgeschoß bleibt in Gang.« »Neunhundert macht die Rate für den Dachdecker mit den Bauzinsen, Herr Kortüm«, sagte Lotte leise. »Zweihundert brauche ich für Löhne. Und dazu die Kassen. Sie können doch nicht Ihre Reserven ins Blinde ausgeben.« Da war wieder das Nickelmantelgeschoß! Kortüm beschloß, die Lage noch einmal im ganzen zu überprüfen. »Überblick ist alles«, sagte er und verschwand wieder in seinem Geschäftszimmer. Hier hatte Lotte wenigstens die Gardinen hängen lassen. »Sie hat ja recht«, murmelte er, »nur . . . hat sie ein wenig – spät recht.« Wenn er schon vorm Jahre eine solche Hilfe gehabt hätte, ginge es jetzt anders. Jedoch wahrscheinlich stände dann der ganze Neubau nicht. »Nein, nein. Sie hat vieles, aber ihr fehlt der Weitblick.« Kortüm vertiefte sich in seine Papiere, weniger um zu rechnen – es gab ja nichts mehr zu berechnen – als um zu planen und einen wohldurchdachten Werbefeldzug zu entwerfen. Es gelang ihm bis zum Abendbrot aufs trefflichste: die Sache war großzügig, schlechthin zwingend – freilich ein wenig kostspielig. »Und wenn sie wieder sagt: Geld?« Lotte saß in ihrer Giebelstube und stopfte Strümpfe. Sie mußte aufpassen dabei. Die Lampe gab kein scharfes Licht. In diesem Raum hatte man den Glühkörper nur in eine Fassung an der Decke geschraubt. Das Zimmer war wenigstens nicht hoch. Herr Kortüm hatte ihr eine geschmackvolle Hängelampe in Esperstedt kaufen wollen: »Sie sind nicht mehr teuer heute, man kann sie auf- und niederziehen, und sie blenden nicht.« »Ach danke«, hatte Lotte gesagt. »Es geht so.« Die Stube war überhaupt ein recht schlichter Raum, hatte die zufällige Restform, wie sie sich manchmal beim Bauen von selbst ergibt. Niemand hatte die Wände harmonisch in die Dachschräge zu ziehen versucht. Aus des Malermeisters Pinsel war ein heller, graugrünlicher 494 Ton geflossen – ein paar Wochen zu früh wahrscheinlich für den frischen Putz, denn die Flächen durchzogen unzählbare feine Sprünge. Aber Lotte war zufrieden. In Haus und Hof hatte sie viel zu tun und freute sich, daß die kleinen Stuben leicht in der klaren Ordnung gehalten werden konnten, die sie zum Leben brauchte. Abends freilich und des Nachts war es um die Stube herum sehr still. Auch wenn das Flügelhaus bewohnt war, drang kaum ein Laut hier herauf. In diesen Regentagen aber hauste sie in einer gästeleeren Welt. Nebenan schliefen die Kinder. Der Herbstwind blies in die Ziegel des Daches, und wo er konnte, klapperte er mit ihnen. Lotte legte Nadel und Faden weg. Ein Windstoß hatte den Laden drüben aufgeschlagen. Sie hakte ihn ein und schloß rasch das Fenster, gegen das sich der Wind stemmte. Aber das Brüderchen war doch aufgewacht, wälzte sich um und um in seinem Bett und verzog den Mund. Gleich würde das Schreien losgehen. Sie nahm das Kind aus den Kissen, drückte es an sich, flüsterte ihm Koseworte in die Ohren. Aber das Männlein blieb verdrießlich. Lotte nahm es lächelnd auf ihren Schoß und sang ihm leise das Schlummerlied vor, das immer geholfen hatte: Im Dunkeln huscht die Fledermaus, Drück deinen Kopf in meinen Arm. Das Käuzchen schreit in seinem Haus, Du bist geborgen und liegst warm. Die Orgel hat den Klang verloren, Sei still, schlaf ein, du hörst im Traum Ein Lied, das nun für Gottes Ohren Dein Vater spielt im Sternenraum. Wer wacht, der hört die Menschen gehn, Wer wacht, der sieht die Erde drehn. Schlafe, schließ die Augen zu: Und du Bist du.   Geld Eines bösen Herbsttages tauchte im triefendnassen Thüringer Wald ein Gerücht auf, das nicht Regen, nicht Nebel aufhalten konnte. Die Wasserpfützen platschten breit über den Weg, wenn ein nachrichtengeladner guter Freund gelaufen kam, und der Nebel ließ den lieben 495 Nachbar im Laternenschein so gespenstergroß erscheinen, daß er an die tropfenden Tannenzweige stieß mit der Nase. »Herr Kortüm muß verkaufen!« »Siehst du . . .« »Da haben wir's.« Hiebrich griff nach dem Anschreibebuch und las murmelnd: »Zwei Schöpsenkeulen, sieben Haxen. Du, Frau, hat der Kortüm die drei Lendenbraten bezahlt damals, he?!« – Mickewitz stand in der Offizin, pfiff leise, sah die Regenschwaden außen an den Glasfenstern hinabrinnen und sagte zu seinem Adoptivsohn: »Lege noch vier Briketts nach, Felix. Behaglich hier. Sehr gemütliches Wetter. Je enger die Wände, desto sicherer die Existenz. Nur nicht zu groß. Man sieht ja, wie's geht.« Er nahm einen Hustenzucker aus der Glasbüchse, schälte das Buntpapier ab und steckte ihn in den Mund. Kuffert trat ein und rief noch im Klingeln der Türglocke: »Na?! Kaufen Sie's Flügelhaus? Nee? Hm. Wer weiß, wer nu kommt. Schade. 's hat sich gut gesessen da oben bei Kortüm. Manchen Abend, Mickewitz.« – Doktor Windhebel stand auf der hinteren Plattform der Jenaer Straßenbahn und fuhr zur Universität, als eine vor dem Regen flüchtende und den Wagen stürmende Menschenwelle Windhebels Buchbinder auf die Elektrische wälzte, kräftig an den Gelehrten anquetschte und dem Buchbinder folgende Mitteilung auspreßte: »Sie fuhren doch immer aufs Flügelhaus, Herr Doktor – nu hat sich's ausgefahren. Was mein Bruder is, der Sparkassensekretär in Besenroda, der schreibt mir heute morgen, 's Flügelhaus soll pleite sein.« »Universität!« rief der Schaffner. Aber Windhebel sah den Verkehrsbeamten verständnislos an und fuhr weiter, fuhr bis zur Endhaltestelle und wurde hier vom Schaffner ersucht, nunmehr die Straßenbahn zu verlassen, seine Fahrkarte sei abgelaufen. Windhebel stieg aus, spannte den Schirm auf und ging in tiefen Gedanken – »Kortüm, Kortüm« – zu Fuße nach der Universität zurück. Windhebel erreichte völlig durchnäßt den Hörsaal elf pünktlich mit dem Klingelzeichen, das den Schluß der Windhebelschen Vorlesung verkündete und sagte zu den verwunderten Studenten: »Meine Herren, es tut mir leid – ich wollte heute über Ursprung und Entstehung der Mondkrater lesen. Aber« – 496 Windhebel hob ein wenig die Arme, bewegte die Beine, damit das Wasser besser von ihm ablaufen konnte – »aber«, sprach er und spiegelte sich nachdenklich in der blanken Pfütze, die sich um seine Füße bildete – »aber, wenn ich so sagen soll: der Mann im Monde kam dazwischen, ja, das Ungemeine, meine Herren. Sie lächeln. Und Sie, Herr Schmidt, lachen. Lassen Sie mir bitte in meiner augenblicklichen Verfassung die Beruhigung, daß die mimischen Ausdrucksbewegungen Ihrer Gesichtsmuskulatur ausnahmsweise einmal nicht in Zusammenhang stehen mit dem gemeinhinnigen Heiterkeitsbedürfnis, sondern auf einem leider mit dem mißbrauchten Wort Humor bezeichneten Bewußtheitszustand beruhen. Meine Herren, wir als Astronomen wissen: Humor ist metamorphosierte Tragik. Heiterkeit hat mit Humor an sich gar nichts zu tun, Herr Schmidt. So wenig wie die Unlustgefühle erzeugenden Lebenslagen – Tod zum Beispiel oder Geldmangel – an sich für Tragik angesprochen werden dürfen. Leider aber zieht in einem Falle der Musculus risorius die Mundwinkel nach oben, im anderen Falle erzeugt der Quadratus labii superioris , die Oberlippe anziehend, einen sogenannten schmerzlichen Ausdruck. Aber Lachen oder Weinen, meine Herren Astronomen, bezeichnen mitnichten entweder Humor oder Tragik. Und die Rückseite des Mondes bleibt uns auch dann unbekannt, wenn wir im Anblick seiner Vorderseite einen tragischen oder einen humorischen Gesichtsausdruck im Mondantlitz wahrzunehmen glauben. Die völlige Verwirrung in diesem Fragenkomplex hat leider die gerade hier zuständige neuere Schauspielkunst über uns gebracht, als sie auf die antike Maske verzichtete und durch persönliches Gesichterschneiden jeweils Humor oder Tragik zu agieren gedachte. Da jedoch – und damit trete ich wieder in unseren eigentlichen mathematisch-astronomischen Bezirk zurück – Tragik und Humor in ihrer Verlängerung in einem Punkt sich schneiden, in der Seele nämlich, müssen wir sie – so leid es mir tut – innerhalb der Seele als eines ansehen und können dahingestellt sein lassen, ob das Resultat der Divergenz dieser Strahlen nach Austritt aus der menschlichen Seele an ihren erfreulicherweise unvorstellbaren Endpunkten etwa gleich ist der Strecke zwischen dem Fußpunkt und dem Scheitelpunkt Gottes. Jedenfalls aber – entschuldigen Sie diese Feststellung einer Selbstverständlichkeit in diesen Universitätsräumen, Herr Schmidt – ist die Vortragsweise, die Erscheinung, sei es die heitere, die tragische oder die tragihumorische, nicht ohne weiteres identisch mit der Substanz. Wir leben leider in einer menschlichen Welt und müssen uns hinsichtlich der Bedeutung der 497 Erscheinungsformen in manchem bescheiden. Mit Hilfe der Spektralanalyse können wir den wahren Grundstoff der Gestirne ermitteln, aber wir können das Spektroskop nicht in dem Sinne auf den Menschen und seine Werke richten, daß wir beispielsweise aus Trauer- oder Wander- oder Hochzeitsgewand oder aus einer sonstigen Maskerade auf den Wesensgehalt der Träger mit der Sicherheit schließen dürfen, wie sie unser Herz stärkt bei der Analyse der Sterne, Herr Schmidt. Nach diesen mehr allgemeinen Bemerkungen noch kurz die Mitteilung, daß ich die nächste Vorlesung im kleinen Kuppelsaal des Observatoriums Mittwoch zehn Uhr halte und dort das soeben nur angedeutete Thema: Über Ursprung und Entstehung der Krater auf dem Monde, nachhole.« Doktor Windhebel schloß mit kräftigem Griff die Tür des Auditoriums hinter sich zu, ging nach Hause und befahl seiner Wirtin, eine Leine zu ziehen, damit er seine Kleidungsstücke trocknen könne. – Also mit dem Elf-Uhr-Zug, Vater.« Doktor Langloff legte den Hörer hin. In Weimar ließ der alte Kapitän den Hörer unsanft in die Gabel fallen und begann einen längeren Spaziergang in seinem Zimmer. »Es ist soweit. Wir sind denn woll soweit.« Er schloß den Geldschrank auf, zog eine Mappe heraus: »'n bißchen kurz angerannt.« Er zählte, schrieb, rechnete, ging wieder im Zimmer herum, rechnete noch einmal. Am anderen Morgen saß er in der Bahn. Gegen Mittag stieg er in Besenroda aus. Aber Langloff ging nicht in die Pension Hackemann, wo er dringend erwartet wurde, sondern graden Weges aufs Flügelhaus: »Der Junge redet mir da man bloß zwischen mang.« – Herr Kapitän?« »Raus auf die Brücke, wenn's Fahrwasser schmal ist, haha: wir alle beide raus, Herr Kortüm. Sie sehn ja aber doch recht frisch dabei aus. Greift Sie gar nicht an? Na, denn fangen wir man gleich an. Wenn Geschäft, dann erst 's Geschäft.« »Sie haben Geschäfte in hiesiger Gegend?« Langloff sah Kortüm verdutzt an: »Sie denn ja woll auch, denk ich.« Er klopfte an seine Mappe: »Ich komme zu Ihnen als ernsthaftiger Reflektant.« »Freut mich«, sprach Herr Kortüm, »nehmen Sie Platz. Ein Zimmer mit Bad. Wie damals? Hat es Ihnen konveniert? Nummer 498 achtzehn war es. Ist im Moment nicht ganz in Ordnung. In einer Viertelstunde steht aber alles bereit.« Herr Kortüm griff nach dem Schlüssel achtzehn am schwarzen Brett. Langloff ließ ihn den Schlüssel abnehmen, er kaute mit den Zähnen, sah Kortüm an. Kortüm hielt ihm den Schlüssel hin, zog die Augenbrauen hoch, sah Langloff an . . . »Teufel, Herr Kortüm – wir wolln doch wohl nicht so lange Worte machen, daß ich die ganze Nacht hier überliegen muß?« »So lange, wie es Ihnen beliebt, Herr Kapitän. Sie stören leider niemand. Mein Haus ist im Augenblick schwach besetzt.« Jetzt lehnte sich Langloff zurück, sah Herrn Kortüm schlau an, rieb wie geldzählend den Daumen am Zeigefinger: »Wenn das hier man nicht so lange dauert, haha. Aber 's ist ja wirklich 'n bißchen leer geworden bei Ihnen. Also kurz und gut: was kostet Ihr Etablissement, wie's steht und liegt?« »So fragt zuweilen ein Finanzamt, Herr Kapitän.« »Und die Käufers, Herr Kortüm. Die fragen immer so zuerst. Ich reflektiere. Wenn wir sonst einig werden könnten – das Objekt ist 'n bißchen verbaut, Geld hierhinein, Geld dahinein, aber 's kann 'n ganz ansehenswertes Sanatorium dabei rauskommen. Sie haben in mir 'n ernsten Reflektanten – wenn man die Gelegenheit nicht zu doll in die Talers geht.« »Da wollen Sie völlig beruhigt sein, Herr Kapitän. Die Gelegenheit geht nicht in die Taler.« Langloff klopfte Herrn Kortüm aufs Knie: »Hab ich all immer gesagt: mit dem Herrn Kortüm gibt das kein Hin und Her.« Der Herr des Flügelhauses nickte: »Habe ich mir auch immer in den letzten Wochen gesagt, Herr Kapitän: nur nicht verkaufen. Unabsehbar, so ein Verkauf.« »Sie – wie?« »Herr Kapitän?« »Ja . . . aber Sie müssen man – doch nun so ganz allmählich . . .« »Wenn ich alles getan hätte, was ich müßte – könnte ich Ihnen jetzt keine Zigarre anbieten, Herr Kapitän. Bitte. Ganz frische Brasil. Sind heute besser als die Sumatra.« »Bauraten, Herr Kortüm, müssen aber man immer gemußt werden. Und dann die Hypothekenzinsen, Herr Kortüm, und der Wechsel bei Stopf und Sohn, Herr Kortüm, ist 'n Soll, dem nur 'n Haben gegenüber steht von Gästen, die wir man nicht haben, Herr Kortüm.« 499 »Habe ich mir auch gesagt, Herr Kapitän. Sie sind ja ausgezeichnet informiert, Herr Kapitän. Ja . . . .« – Kortüm griff nach einem Telegramm, das auf dem Schreibtisch lag – »und da habe ich mich vor ein paar Wochen mit der World in Verbindung gesetzt, Sie wissen: die World. Ich bin befreundet mit ihr. Ja . . .« Langloff war ganz langsam aufgestanden, stützte die gewaltigen braunen Fäuste auf die Tischplatte: »Der Film – reflektiert??« »Sollte man? Was meinen Sie! Die Esperstädter hätten es um mich verdient, daß sich der Film hierhersetzt zum Drehn und zum Erholen vom Drehn. Auch die Besenröder wären wert, daß ich ihnen einmal von einem noch nicht gefühlten Bedürfnis abhülfe. Der Kurort hat ja jetzt die Pension Hackemann.« »Sie verkaufen an den Film?« »Ich sagte schon, Herr Kapitän: ich verkaufe nicht. Ich verpachte.« Mit vielen Falten in der Stirn sah der Kapitän zu, wie Kortüm in Gedanken die Worlddepesche sorgfältig zusammenkniff. Ein einziges Mal in seinem Leben war er auf Grund geraten. Im Kattegatt war das. Als längst pensionierter Kapitän hörte er das Knirschen noch im Traum, wenn er mal abends ein bißchen stark gegessen hatte: jetzt knirschte es wieder unterm Kiel. Langsam rieb er seine Nase. Kortüm blies Zigarrenrauch auf den Schreibtisch. Er war sehr zufrieden mit sich. Aber Langloff – – dieses verrückte Haus hier oben – nein, mit einem ernstzunehmenden Wettbewerber konnte er wirklich nicht gerechnet haben. Und nun saß er auf der Pension Hackemann fest. »Der Film wird die Umgebung beunruhigen«, sagte Langloff. Die Leute hätten sich bereits beschwert. »Die Leute beschweren sich immer und über alles, Herr Kapitän.« Was die World könne, ein Kapitän Langloff könne das auch: der Alte klopfte auf seine Mappe. Kortüm antwortete höflich, man brauche sich ja nur mal ein wenig über die Pachtung zu unterhalten. »Auf Pachtung reflektiere ich nicht.« »Über Kauf, Herr Kapitän, muß ich vorher mit der World sprechen. Die Depesche traf vor Ihnen bei mir ein. Einen Mann wie Utzenstorff stößt man nicht vor den Kopf.« Langloff wiegte den Kopf hin und her: »Hm. Nun ja. Oho.« Dann empfahl er sich und sagte, man würde ja vielleicht morgen wohl noch voneinander hören. Herr Kortüm aber stieg über Treppen und Gänge hinan in den Oberstock, klopfte an Lottes Tür und begann noch auf der Schwelle mit 500 vielen Hahas und Jawohls zu erzählen, daß der Kapitän Langloff vielleicht ein Frachtschiff lenken könne, aber nicht ihn, den Herrn Kortüm. Er gebrauchte Worte wie abgestochen, abgestunken und abgerutscht. Lotte hörte zu, ließ den Herrn des Flügelhauses austriumphieren und sagte dann: »In zwölf Tagen brauchen Sie viertausend Mark, Herr Kortüm. Und das mit dem Film haben Sie dem Herrn Kapitän doch bloß halb gesagt. Das ist ja auch besser so. Aber die Gesellschaft will das Schottengelände nur als Ganzes kaufen. Samt ›Waage‹ und Lohberg. Sie müßten also fort von hier, wenn Sie an die verkaufen. Und das wollen Sie doch eben nicht, haben Sie gesagt. Hoffentlich reist Herr Langloff nun nicht gleich ab, sondern kommt morgen wieder.« Daß der Lotte Wingen der Weitblick fehlte, hatte Herr Kortüm schon öfter festgestellt, daß sie trotzdem manchmal recht hatte, bestätigte der Herr des Flügelhauses meistens erst am anderen Tage und dann im stillen und bei sich. Jetzt aber hatte Lotte derart recht, daß es Kortüm auf der Stelle einsah. Beinahe hätte er dem Kapitän gleich einen kleinen Gegenbesuch gemacht. Lotte hielt ihn mit Mühe von dieser Höflichkeit ab. Das könne er immer noch. – Der Kapitän trat etwas kleinlaut in das Zimmer seines Sohnes, der ihn ungeduldig erwartet hatte und schon glaubte, sein Vater hätte sich die Sache anders überlegt und käme gar nicht: »Gott sei Dank, Vater!« rief er ihm entgegen. »Nichts zu danken«, sagte der Alte. »Gar nichts. Der Kerl verhandelt schon.« »Was?!« »Und mit wem? He? Mit seinem Anhang!« »Der hat kein Geld.« »So? Himmeldonnerwetter! Weißt du, mit wem? Mit dem Film, Schockschwerenot.« Die beiden großen Männer des Schottengeländes schliefen in dieser Nacht so unruhig wie Wellington in Mont Saint Jean und Napoleon in Caillou, ehe Blücher kam und unter dem Namen Waterloo die Angelegenheit ordnete: Kortüm sah im Traume Papiere aufs Flügelhaus marschieren in Reih und Glied, voran eines, das besonders bunt mit Marken und Siegeln geschmückt war und die stolze Zahl Viertausend am Helmbusch trug. Mit Schrecken sah er diese Armee Quartier nehmen in seinem Haus, sah die dürren Papiere statt der Gäste die leeren Plätze im Speisesaal besetzen, sah sie zu fressen 501 anheben, dicker werden, immer fetter – und er, der Herr Kortüm, das Mundtuch unter den Arm geklemmt, bediente sie höflich, denn jedes Papier trug die Unterschrift: »Fr. J. Kortüm«. Der Herr des Flügelhauses stöhnte träumend auf. Was kommt dort für ein Wagen? Ah, Herr Utzenstorff! Nur mit einer seidenen Badehose und einem goldenen Gürtel bekleidet, entstieg der Chef der Produktion dem ungeheuren Gefährt, reichte Kortüm beide Hände: Haha, das macht gar nichts, mein Freund – nehmen Sie ruhig meinen Wagen. Chauffeur! Fahren Sie meinen Freund Kortüm zum Bahnhof! Und Kortüm sah sich einsteigen, mit einem sogenannten Necessaire unterm Arm. Meine silberne Windfahne! schrie Kortüm auf, wollte nach der drehenden schimmernden Doppelmaske greifen – da wachte er auf, richtete sich im Bette hoch . . . Langloff aber sah sich im Traum vor dem Schalter des Esperstedter Tageblattes stehen und ein Inserat entwerfen: Pension Hackemann, vor kurzem völlig renoviert, umständehalber per sofort zu verkaufen. Offerten unter Kattegatt . . . Am andern, sehr frühen Morgen träumte der Kapitän nicht mehr, sondern hörte sich – freilich unter mehrfachem Nana, Nanu und Oho – die Rede seines Sohnes an, des Doktors Walter Langloff. Eine kleine Landpraxis sei ja nun doch nicht das Ziel seines Lebens gewesen! Habe er das nicht stets gesagt? Und eine solche anstrengende Praxis nach den langen Jahren auf See mit der Diätpension Hackemann auf dem Halse, die der Teufel im gleichen Augenblick hole, in dem da oben der Film einziehe – nein: einem Sanatorium habe all die viele Mühe gegolten! Habe denn er so überstürzt heiraten und sich hier festsetzen wollen? – »Oder hast du mir zugeredet, lieber Vater! Aber du warst ja nur halb auf meiner Hochzeit – nichts für ungut: nun sei wenigstens nicht nur halb bei dem Sanatorium Flügelhaus, lieber Vater.« Kortüm und Langloff frühstückten an diesem Tage zwar beide in tiefen Gedanken, aber beide rasch, ohne größere Umstände und ohne die anschließende Morgenzigarre zu genehmigen. Kortüm griff eben nach seinem Hut, als Lotte einen erleichterten Seufzer tat und sagte: »Da kommt er.« Langloff trat ein: »Wünsche allerseits schönsten guten Morgen.« »Ich danke, Herr Kapitän –« »Bin Ihrer Meinung, Herr Kortüm –« »Ohne viel Drumrum.« 502 »Zur Sache.« »Wie sich's für uns schickt.« »Was hülfen viele Worte.« »Nur Snack, Herr Kortüm.« »Also.« Eine Stunde redeten sie. Zwei, drei Stunden. Sie machten einen gemeinsamen kleinen Gang ums Haus. Dann sprachen sie wieder eine Stunde. Aber am Mittag speisten sie beide gemeinsam in der »Goldenen Waage«, nachdem sie Doktor Langloff durch einen expressen Boten eingeladen hatten, ebenfalls ein paar Happen daselbst einnehmen zu wollen. Friedrich Joachim Kortüm hatte das Flügelhaus an den Dr. med. Langloff verpachtet, vorläufig auf fünf Jahre. Leider aber ging gerade, als der Vertrag in einzelnen Punkten skizziert werden sollte, Frau Wingen mit einem Stoß Tischtüchern durch die »Waage«, und Langloff konnte nicht verhindern, daß Kortüm diese Person einlud, Platz zu nehmen und daß sie sitzen blieb bis zum letzten Strich an dem Vertragswerk. Nicht einmal die Einladung zum Mittagessen an den Doktor übergab sie dem Boten außerhalb des Gastzimmers, sondern sie klingelte den Kerl herein zu sich. So geschickt der alte Kapitän den Strom aufwärts kreuzte, so ruhig fuhr ihn Lotte mit gelegentlichen Zwischenbemerkungen und Vorschlägen abwärts. Langloff mußte mit einer an sich ungehörig ansehnlichen Vorauszahlung herausrücken. Er fand sich auch mit Kortüms wichtigster Bedingung ab, weil dieser Gastronom andernfalls sofort an die World verkauft hätte: Kortüm behielt außer der für Langloff unwichtigen kleinen Wirtschaft auf dem Lohberg die »Waage« – da werden wir dich verfluchten Kerl bald rausgeräuchert haben, und wenn wir den Bordeaux um eine Mark fünfzig die Flasche verkaufen sollten, tröstete sich der Kapitän. Zu den »Waage«-Räumen verlangte Kortüm die nötigen Stuben für die Bedienung und sein Arbeitszimmer. Angesichts dieses feindlichen Zimmerkeils in dem künftigen Sanatorium aber blieb der Kapitän fest. Es kam fast zum Bruch. Lotte mußte vermitteln. Grollend – Herr Kortüm vergaß das Lotte nie! – gab er sein Arbeitszimmer preis, um sich mit einem Gelaß über der »Waage« zu begnügen. Es glückte dem Kapitän, der in diesem Punkte nicht zu erschüttern war, an Hand des Hausplanes das gesamte Kortümwesen auf einem gar nicht weiträumigen Bezirk um die »Waage« herum zusammenzudrängen und Kortüm zu veranlassen, die nötigen baulichen Abgrenzungen und Änderungen auf seine Kosten durchzuführen: 503 »Scharfe Grenze. Keine Türen zwischen uns. Keine Fenster.« »Und mein Personal?« sprach Kortüm drohend. »Wen brauchen Sie denn schon.« »Zuvörderst die Wirtschafterin – derzeit ist das Frau Wingen.« Langloff hatte im Laufe der Besprechung vor dieser Wirtschafterin Respekt bekommen, und plötzlich stieg dem Kapitän ein Gedanke auf . . . scharf sah er Kortüm aus halbgekniffenen Augen an: »Sagen Sie mal, Herr Kortüm – wollen Sie etwa Zimmer vermieten in der Saison? Wie?« Man einigte sich auf einen weiteren Passus, nach dem Herr Kortüm die »Waage« nur als Ausschanklokal betreiben, keinesfalls aber zur Pension ausbauen dürfe. »Wie die Pension Hackemann?« fragte Kortüm. »Nein, Herr Kapitän. Aber in der Wirtschaft auf dem Lohberg – dort muß ich Wanderern ein Nachtlager verabreichen können.« Langloff nickte. Diese Leute kümmerten ihn so wenig wie der Püsterich, den Kortüm für sich verlangte: »Dann muß das Scheusal aber von dem Hofe weg. Dagegen hat kein Mensch was einzuwenden.« »Und die Quelle, Herr Kapitän?« »Zwanzig Meter Rohr und die läuft hin, wo Sie wollen.« »Ich werde den Fliederweg vor der ›Waage‹ zu einem kleinen Fliederplatz erweitern und den Püsterich dort hinstellen.« »Auf Ihre Kosten«, sagte der Kapitän und trocknete den Schweiß auf seiner Stirn. Auch das allerletzte kam in Ordnung: der Vertrag trat in Kraft am kommenden ersten Januar. – Gegen Abend kam Monich. Kortüm ging mit seinem alten Freund langsam um das Anwesen herum. Auf der Südwiese standen sie still. »Und in fünf Jahren habe ich mich finanziell erholt und übernehme es wieder, Monich.« »Da feierst du dann 's dritte Richtefest.« Herr Kortüm nickte: »Weißt du, Monich, der Vertrag könnte günstiger sein. Aber Frau Wingen sieht nur das nächstliegende. Frauen sind kurzsichtig.« »Kortüm, jetzt bist du stille: wenn ich dich richtig verstanden habe, is jeder Punkt, der günstig is, von Lotten.« »Aber mein Arbeitszimmer! Wenn ich denke, daß darin nun dieser Doktor die Leute zu Tode kuriert!« »Pscht. Nich so laut, Kortüm. Der junge Langloff is 'n ganz ordentlicher Doktor. Mein Reißen hat keiner weggekriegt – der hat's geschafft. Un du, Kortüm, du hast in deinem Arbeitszimmer 'n Gästen 504 zum guten Leben verholfen, aber dich, dich hast du um ein Haar pleite kuriert.« »In meinem neuen ›Waagen‹-Betrieb soll das ganz anders angefaßt werden. Ich plane eine neuartige –« »Kortüm! Hast du Lotten vorher gefragt?! Nee? Um Gottes willen, plane jetzt nur nischt! Jetzt sitze mal 'n bißchen stille und verkaufe den Gästen, die zu dir kommen, was sie haben wollen un mache zivile Preise, un weiter machst du nischt vorderhand. Mir wollen schon Gäste kriegen, verdammig. Du unterbietst Langloffn 'n bißchen, du kannst auch 'n kleinen Rabatt geben –« »Ist verboten, Monich.« »In meiner Brangsche is es verboten. Bei Leinewand. Aber bei dir – da wolln wir uns doch erst 'n bißchen rumhörn. Un wenn du immer 'n kleinen Finger übern Eichstrich einschänkst, is das etwa auch verboten? Das wolln wir doch sehn, ob dir das einer verbieten kann! Und dann paßt du gut auf, was es bei Langloffen zu essen gibt: macht der . . . sagen wir mal Rindfleisch mit Zwibbelsoße, machst du's auch un, Kortüm: un gibst hinterher Kartoffelpuffer zu mit Preißelbeeren als Nachtisch. Un ich gehe überall rum und erzähle das so unter der Hand. Un paß auf – in zwei Jahren hast du den Hund verdammigten pleite.« »Monich – schäme dich. Das ist ja niederträchtig, was du da redest –« »Besser wie deine Pläne is es auf jeden Fall, das sag'ch dir.« »So. Und wenn Langloff pleite ist: Monich, wer zahlt mir meine Pacht?« »Hm. Kortüm – Lotte steht jetzt nich hinter dir: jetzt hast du von alleine was Richtiges gesagt. Diesmal hast du's getroffen. Nee, pleite is zuviel auf einen Hieb. Aber die Suppe versalzen kannst du'n, daß der Kerl jeden Abend betet: lieber Gott, wer weiß, was morgen kommt.« Bei diesen Ratschlägen seines hilfsbereiten Freundes glitt Kortüms Auge langsam über seinen Flügelhausbesitz, wie er da baumumrauscht zwischen dem steilen Lohberg im Westen und dem Hachelstein im Osten geborgen lag: »Weißt du noch, Monich? Das Festspiel damals? Es war schön. Frau Konstanze Schröter ist lange nicht hier gewesen. Einmal habe ich sie leider verfehlt. In Jena war ich zu der Zeit. Sie wird sich auch wundern, wenn sie's hört. Aber ich richte ihr zwei Zimmer im Lohberghaus her. Da hat sie einen noch weiteren Ausblick. Ach ja. Diese Frau hat einen Weitblick. Als mir damals Schwartenmacher die silberne Windfahne aufs Dach setzte, sagte sie –« 505 »Richtig, Kortüm! Deine Windfahne! Gucke mal, wie sie sich dreht. Um die is es eigentlich schade. Wozu braucht denn der Kerl, der Langloff, eine Windfahne?« Schwermütig sah Kortüm die Fahne mit der lachenden und weinenden Maske an. »Mach sie doch ab.« Die beiden Männer blickten sich eine Weile an, sie nickten, sie lächelten . . . »In der Tat, Monich –« »Gleich morgen früh.« »Morgen früh lasse ich den Schlosser holen.« »Un dann setzst du sie heimlich bei dir auf den Boden. Bis zum dritten Richtefest.« Kortüm rieb sein Kinn. Dann sagte er: »Ich werde durch den runden Tisch, der in der großen Stube in der ›Waage‹ steht, ein Loch bohren lassen. Da stecken wir sie durch. Die großen Sonnenschirme werden ja im Sommer auch in dieser Weise befestigt.« »Siehst du, Kortüm, das is 'n Plan: kostet nischt un macht was her.«   Die Tafelrunde Auf den regnerischen Herbst folgte ein scharfer Winter. Herr Kortüm war umgezogen aus seinem großen Arbeitszimmer in die Stube über der »Waage«, von der er leider nur den Blick in die Goldene Aue hatte. Lotte richtete sich ihre Behausung in zwei Gelassen der Dachausbauten ein. Der Püsterich stand auf dem kleinen Platz vor der Eingangstür der »Waage«. Die silberne Windfahne mit der lachenden und der weinenden Maske, welche seinerzeit die Umgebung so geärgert hatte, schwebte nun über dem Haupttisch des Gastzimmers. Dieser Zimmerschmuck gab zu vielem Gerede im Schottengelände Anlaß, vor allem aber weckte sie in jedermann den Wunsch, das Ding mit eigenen Augen zu sehen. Die Leute kamen, die Leute blieben: die »Waage« hatte Gäste. »Weiß der Deiwel«, sagten die Besenröder, »der Kortüm scheint auch diesmal wieder auf die Beine zu kommen. Nu hat ihn Langloff nausgedrängelt aus seinem Flügelhaus, un er is eigentlich radikal fertig, un nu? Nu klebt er wie eine Schwalbe außen dran am Flügelhaus un lebt ganz lebendig weiter.« 506 »Un wir mit. 's sitzt sich gar nich schlecht hier. Un wie gut er einschenkt. Gucke mal. Hä. Na, prost.« Herr Kortüm hatte auch den unentbehrlichen Wabenschrank mit ins neue Heim genommen. Dieser Behälter seiner Korrespondenz beanspruchte allerdings rund ein Viertel des Arbeitszimmers. Die Bodentreppe war im Flügelanbau zu schmal für das Ungeheuer. Er mußte es schon bei sich dulden. Aber ein Mann wie Kortüm, der im öffentlichen Leben steht, ist ja froh, wenn ihm die Korrespondenz überhaupt noch eine Ecke zum Leben übrig läßt. Das Briefeschreiben hatte in der »Waage« durchaus nicht abgenommen. Kurz vor Weihnachten war sogar ein Schreiben eingelaufen, dessen Umschlag den Ausdruck »Grand Hotel« trug. Beinah hätte Kortüm den Brief ungelesen in den Ofen geworfen. Jedoch nicht das Grand Hotel selbst war der Absender, nur ein Hotelgast: Utzenstorff. Er weile hier zum Wintersport, schrieb er. Es sei entsetzlich vornehm in diesem Hotel, fein wie die feine Welt im Film und zum Sterben langweilig. Silvester gedenke er nicht in diesem Paradies zu verleben, sondern in der »Goldenen Waage«. Er bäte, die nötigen Vorbereitungen zu treffen: »Kortüm, mein Freund: alle Vorbereitungen!« Diese Bitte leuchtete Herrn Kortüm ein! »Was brauche ich? Rum drei Flaschen, Arrac eine Flasche, zwei Bündel Knallbonbons, Hutzucker, Zitronen. Nein, vorher brauche ich etwas ganz anderes: Gäste!« Und Herr Kortüm schrieb an Doktor Windhebel, Professor Holdermann, Konstanze Schröter, Repshagen, Klaus Schart. Er überlegte weiter: Monich. Dem würde er es persönlich sagen. Und . . . ach ja, Wingen. Der lag unterm Schnee. Tief eingefroren. Den erreichte keine Einladung zur Feier eines Zeitwechsels mehr. Kortüm wurde traurig: die eingeholte Windfahne sah nun Wingen nicht in ihrem Interim, dieses drehbare Denkmal guter Stunden, diese zweigesichtige Fahne ohne Wind . . . gewiß: Lotte wird bei der Feier sein, etwas Wingensches also doch. Aber sicherlich nur bis zum Neujahrsläuten. Dann würde sie Gute Nacht sagen, in ihre Stube gehn und auf einen Zettel schreiben, was morgen früh zuerst zu tun sei. Wie aber wäre es – bei Gott! wie wäre es mit Wenzel? Mit des toten Meisters lebendigem Bälgetreter?! Herr Kortüm legte einen anderen Briefbogen zurecht, tauchte die Feder ein und beehrte sich, Herrn Emil Wenzel, Bälgetreter bei St. Marien, zu einer kleinen Silvesterfeier in die »Goldene Waage« 507 einzuladen: »Beginn neun Uhr. Dunkler Straßenanzug. U. A. w. g. Fr. J. Kortüm.« Dann nahm Kortüm sämtliche Einladungen noch einmal vor und schrieb post scriptum : »Man empfiehlt, Wohnung in der ›Forelle‹ in Esperstedt zu nehmen. Ich selbst bin augenblicklich vertraglich gehalten, keine Zimmer an Gäste zu vermieten, und die Lokalitäten aus dem Lohberggipfel sind bei zehn Grad unter Null nicht gemütlich. Ich bitte jedoch, den erwähnten Passus im Vertrag nicht dahin verstehen zu wollen, daß man nachts in die ›Forelle‹ hinunterlaufen müsse: im Gegenteil – bis zum Hellwerden und nach demselben ist man mir bestens willkommen, und sofern die verehrten Gäste in der ›Goldenen Waage‹ nicht einschlafen, kann von Vertragsbruch keine Rede sein. Der Obige.« Konstanze telegraphierte aus Frankfurt, ein Gastspiel mache ihre Anwesenheit unmöglich. Repshagen schrieb: im Winter verlasse er Mecklenburg grundsätzlich nicht. Aber er sende mit gleicher Post ein Paket Frischgeschlachtetes, bäte um einen Gruß an die Silvestergesellschaft, der die kleine Frühstücksbeigabe am anderen Morgen vielleicht willkommen sei und wünsche allen Benutzern des Kortümweges ein gutes neues Jahr. Außerdem wünsche er für das erwähnte gute Jahr die baldige Zusendung einer Photographie des Gasthofes »Zur Forelle« unter Angabe von Preisen. Auch eine Abbildung des Wirtes der »Forelle« sei ihm erwünscht. Windhebel sandte eine einfache Postkarte, in deren eine Ecke er mit seiner Stecknadelschrift gekritzelt hatte: »Eintreffe Mittwoch Mittag. W.« Klaus teilte Herrn Kortüm in einem verschlossenen Brief mit, daß er selbstverständlich komme, aber trotz der von Herrn Kortüm erwähnten Bedenken im Lohberghaus oben schlafen möchte, da seinen augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnissen Höhenluft zuträglicher sei als der Aufenthalt in einem Hotel. Professor Holdermann bedauerte, seine Frau habe zur Feier des Jahresschlusses bereits seit längerer Zeit eine kleinere Gesellschaft eingeladen, die mit dem Mittagessen beginne. Bis zur Teestunde mindestens müsse er teilnehmen, erreiche aber dann gerade noch den Sechsuhrzug und würde also erst gegen zehn Uhr abends in der »Goldenen Waage« eintreffen. Wenzel sandte an Herrn Kortüm einen schwer leserlichen Brief in der Landessprache, dessen erster Teil die Versicherung enthielt, daß er Punkt neun Uhr zur Stelle sein werde. Im zweiten längeren Teil 508 erfuhr Kortüm, daß den Bälgetreter diese Einladung gerührt habe – die Thüringischen Worte für »wirklich gerührt« waren jedoch durchaus nicht zu verstehen, und Kortüm mußte erst Monich um eine Übersetzung ins Deutsche bemühen. Im dritten Abschnitt aber teilte Wenzel mit, daß er keinen dunklen Straßenanzug besitze, nur seinen hellgrauen Sommeranzug. Er müsse sich deshalb erlauben, das schwarze Lüsterjackett anzuziehen, das er beim Bälgetreten anhabe. Da man voraussichtlich bei der Feier hauptsächlich sitzen werde, befänden sich ja seine hellen Hosen meistens unterm Tisch und fielen nicht auf: »Und obenrum, hochgeehrter Herr Kortüm, sehe ich je stockschwarz aus in meinem Lüster un passe zu den andern.« Holdermann trat als letzter Gast, beschneit und durchfroren, über die Schwelle der »Waage«, erblickte im Kerzenschein die Gesellschaft, blieb aber trotz des tröstlichen Duftes nach Punsch im Türrahmen stehen, wie jeder der nacheinander eintreffenden Gäste stehen geblieben war und die mächtige lachende und weinende Maske angestarrt hatte, die da zu Häupten der Gäste feierlich und überlebensgroß im wehenden Schein der Lichter blitzte: »Sieh da! Die silberne Windfahne auf Halbmast!« »Aber in bester Gesellschaft«, sprach Herr Kortüm. »Der Wind«, meinte Klaus, »war auch kein schlechter Kumpan, als er sie noch drehte.« »Daß junge Leute es nicht lassen können, bei jeder Gelegenheit auf die Liebe anzuspielen«, sagte Utzenstorff mißbilligend. Holdermann zog seinen Pelz aus, rieb die Hände warm und ging auf Kortüm zu: »Alles Gute –« »Bloß nich vorher gratuliern!« rief Monich. »– im neuen alten Heim«, fuhr Holdermann fort. »Sie haben uns einen bösen Schrecken eingejagt.« Aber Kortüm war nicht der Mann, einen lebendigen Zustand an einem historischen messen zu lassen. Er schnitt weitere Anmerkungen über das Gewesene ab: »Einen Schreck eingejagt hat mir vor allem unser Freund Wenzel da. Statt ruhig in seinem hellen Sommeranzug zu kommen –« »Aber Kortüm!« rief Utzenstorff vorwurfsvoll. »Wenzels Sommeranzug gleicht nicht der Kleidung, welche Sie im Sommer tragen«; bedeutete Kortüm dem Chef der Produktion der World, »statt in hellgrau kommt er bei diesem Wetter in Lüster!« 509 »Nee nee, Herr Kortüm, das mit dunklem Anzug hab' ich schon verstanden. Das weiß ich von meinem Dienst: Je schwärzer, je feierlicher un je gehobner das Gemüt. Aber eins habe ich nich verstanden: warum sagen Sie denne U. A. w. g. statt herzlichen Gruß?« »U.A. w. g., Herr Wenzel«^ belehrte ihn Doktor Windhebel, »heißt: um Antwort wird gebeten. Echobesitzer brauchen Antwort.« »Echo! Oh« – Utzenstorffs Auge schweifte durch den Raum – »welche glorreiche Erinnerung. Mein Freund, öffnen Sie dieses Fenster. Wir wollen das Echo im alten Jahre noch einmal probieren.« »Laß es zu, Kortüm!« rief Monich erschrocken. »Sonst ruft Herr Utzenstorff wieder ›Volk‹ zum Fenster naus, un 's Echo kommt, un Herr Doktor Windhebel redet wieder eine geschlagene Stunde, un ich habe jetzt wieder nischt im Magen!« »Magen«, sprach Utzenstorff, sah Kortüm an und strich über seinen Bauch – »in der Tat . . .« »Herr Schart, wollen Sie uns bitte da vom Nebentisch die Pappschachtel –« »– Pappschachtel?? Freund, ich fürchte, die ändert wenig an meinem Zustand« – »– herübergeben«, vollendete Kortüm seinen Satz, öffnete den Deckel und bot Utzenstorff ein Knallbonbon an. Einer nach dem anderen langte zu. Die Herren saßen nun mit den bunt und golden ausgefransten, knallgeladenen Orakeln da, und Holdermann begann zögernd: »Angenehm fröhliche Farben. Aber offen gestanden, Herr Kortüm: wäre es nicht gut, so ganz allmählich etwas Substanzielleres zu sich zu nehmen, als in diesen Papierwickeln auch günstigsten Falles enthalten sein kann?« Herr Kortüm erhob sich, machte eine leichte Verbeugung: »Meine Herren! Ich habe es so gedacht: der Karpfen kommt in« – er nahm seine Uhr heraus – »in zwanzig, höchstens zweiundzwanzig Minuten. Wenn wir in Ruhe speisen, gelingt es uns, die Zeit bis zum Einläuten des neuen Jahres in Beschäftigung hinzubringen. Ich sehe den Grund, am Silvesterabend Karpfen zu essen, darin, daß ein Fisch Gräten hat und unsre Aufmerksamkeit bindet. Nichts ist gefährlicher als die letzte halbe Stunde eines Jahres, wenn man sie – von Zeit zu Zeit nach der Uhr blickend – untätig bei versiegendem Gespräch in einer immer nachdenklicher werdenden Gesellschaft verbringt. Für diesen Fall würde ich traumlosen Schlaf unbedingt vorziehen. Da nun Karpfengräten nicht Hechtgräten sind, eine milde Form von Gräten nur, aber Gräte 510 immerhin – so sind wir bis zum Läuten angenehm gefesselt von dem Karpfen, den ich mir von Oppenheimer Krötenbrunnen Spätlese begleitet denke. Wunderbar werden unsre letzten Viertelstunden verrinnen, und eh wir uns dessen versehen, öffnet Herr Schart das Echofenster, wir heben die Gläser und sind ohne Beschwerde dort angekommen, wo wir seit dem letzten Silvester hinwollten.« »Diese Ansprache«, versicherte Windhebel, »bedeutet für uns, ganz abgesehen von ihrem Inhalt, rein als Zeitablauf gewürdigt, einen Reingewinn von hundertvierzig Sekunden: nun kommt der Karpfen in achtzehn Minuten.« »Halten Sie noch so eine Rede!« rief Holdermann. »Lassen wir das Orakel reden. Bitte, der Jüngste fängt an.« Kortüm griff nach Klaus Scharts Knallbonbon und zog mit ihm. Es knallte. Klaus wickelte das Röllchen auf. Er las. Er las recht lange . . . »Nun?« fragte Herr Kortüm endlich. »Laut bitte«, mahnte Utzenstorff. Klaus las: »Allein die Liebe soll erfüllen, Adam, den Begehrten? Dann müßten alle seine Rippen flinke Evas werden – Oh Adam ohne Rippenbein bei solcher Lieb auf Erden! – halt!« rief Klaus, als alle zugleich ihre Meinung zu dem Sprüchlein sagen wollten – »so muß es heißen« – er nahm seinen Bleistift, strich aus, schrieb drüber: »Ja, so: Ach Eva, du hast Adams Liebe – Was hilft's dir, daß er Rippen hat: Wenn dich der Engel nicht vertriebe, Du äßest dich an Äpfeln satt Erkenntnisfroh im Garten Eden Und ließest Adam hungrig beten.« »Hing an dem Baum der Schlange so viel Obst, Herr Schart?« »War nicht dabei. Ich kenne die Geschichte nur vom Hörensagen, Doktor Windhebel.« »Nu endlich klappert's draußen!« rief Monich. Die Türe ging auf, und Lotte trat ein mit der Karpfenschüssel. Ein Mädchen folgte ihr mit Tellern, Platten, Soßenschalen. Im Begrüßen Lottes, bei dem Stuhlrücken und Zurechtsetzen versank Scharts Vers. Die schönen Ohren, denen er galt, hörten ihn ja doch 511 nicht. Konstanze hätte die Antwort nicht verschluckt. Allerdings würde sie ihm diese Antwort auf den liebenswürdigen Silvestervers vermutlich unter vier Augen gegeben haben. Nur den Chef der Produktion beschäftigte trotz der Karpfengräten Scharts gereimtes Produkt: »Sagen Sie«, sprach er gedämpft, »was sind Sie von Beruf, junge Unschuld?« Der Schulmeister zu Hörsel hinter dem Walde hinter Eisenach – wollte Klaus eben sagen, aber Holdermann hatte Utzenstorffs leise Worte verstanden und kam Klaus zuvor: dieser Herr Schart verstände recht lesbare Sätze mit Tinte auf weißes Papier zu schreiben. Man werde schon aufmerksam auf ihn. Er, Holdermann, habe das kürzlich auch von der Konstanze Schröter gehört. »Mmm . . . Schart: besuchen Sie mich.« Strahlend sah ihn Klaus an: »In Gilghit«, kam es fast lautlos, unbewußt von seinen Lippen. Utzenstorff verhörte das – er nickte: »In Berlin.« Lottes Anwesenheit verhinderte Einzelgespräche. Ohne weitere allzu freudige Aufregungen verlief die Mahlzeit, wie dies Herr Kortüm gewollt hatte. Mitternacht war längst vorüber. Das große Nordfenster hatte Wenzel wieder gut gedichtet gegen Echoruf und Winterwind. Die Herren waren unter sich. Utzenstorff hatte den Rock ausgezogen, denn er vertrug wenig Wärme. Der Raum war gut geheizt. Die Tafelrunde wurde immer stiller. Keiner wollte den anderen stören. Draußen schneite es. Wenn eine Flocke nahe ans Fensterglas wirbelte, blitzte sie golden auf vor der tiefblauen Nacht, tanzte, hob sich, sank, stieg, verschwand in der Finsternis . . . die nächste . . . »Laßt sie herein.« »Frostige Gäste.« »Und wiegen könnte sie der Wirt ›Zur goldenen Waage‹ auch nicht.« »Der wiegt nicht mehr«, sagte Herr Kortüm. »Ich habe nur noch eine Waagschale. Die andere hat mir Langloff abgehängt.« »Einerlei Gäste.« Holdermann bewegte beide Hände im Kreise, als ob er Herrn Kortüm die Tafelrunde vorstellen wollte: »Ihr Wirtshausschild trifft nicht mehr zu.« Herr Kortüm lächelte: »Wir malen morgen drüber: ›Zur Echostube‹.« »Kortüm«, brummte Monich leise, »taufe doch nich immer dein Lokal um. Du hast doch nischt wie Unkosten davon.« 512 »Sei still, Monich. Was wir tun, was aus unseren Händen hervorgeht, das ändert sein Gesicht. Seht in den Spiegel: selbst unser eigenstes Eigentum verwandelt sich, unser Antlitz von Zeitwende zu Wende.« Er senkte den Kopf und sprach langsam: »Es ist ein ewiger Silvester.« Utzenstorff griff nach seinem Glas – Holdermann, Monich, Wenzel, Klaus Schart, jeder nahm für sich einen Schluck. Wenn der alte Kapitän am Schlüsselloch draußen vor der Türe gehorcht hätte, müßte jetzt der Verdacht in ihm aufgestiegen sein, Kortüm habe bereits am ersten Tage des Vertragsbeginnes den Pakt gebrochen und seine Gäste schliefen in der Echostube. »Mm«, sagte Utzenstorff. »M«, antwortete ihm Holdermann nach fünf Minuten. »Je«, murmelte Wenzel. Nach einer Viertelstunde nickte ihm Monich bejahend zu. Wieder eine Viertelstunde . . . Aber sie schliefen nicht. Es war nur jene wunderbare Höhe der Übereinstimmung erreicht, auf welcher Rede und Gegenrede überflüssig geworden sind, weil alle dasselbe denken und alle gelassen im gleichen Daseinsgefühl schweigen. Ein Laut, ein abgerissenes Wort reichen hin, um der Tafelrunde zu bestätigen von Zeit zu Zeit, daß der Gedankenschnee weiterfällt im gleichen Zeitmaß, lautlos, Flocke um Flocke, im gleichen Wehen zum gleichen Ort, einhüllend, was sich verschneien läßt. Nicht wenig schneit ein, wenn eine solche Tafelrunde sich und die Dinge der Welt eine Nacht lang beschweigt. 513 514 515   Viertes Buch Die Echostube   Der Pächter Eigenhändig öffnete Herr Kortüm heute sämtliche Fenster der Echostube. Dann ging er in die Küche, in die Wohn- und Schlafzimmer, sogar auf den Boden bemühte er sich, und wo Kortüm ein Fenster oder wenigstens eine Luke fand, machte er sie auf, so weit er konnte. Zwischen den weißgrauen Märzwolken hatte er ein Stück zartblauen Himmels entdeckt. Der harte Frühjahrswind konnte ihn nicht beirren, trieb der doch das Gewölk nach Westen und blies endlich den Dunst vor der Sonne weg, die das Schottengelände lange Wintermonate hindurch nicht gesehen hatte. Heute fiel ein erster klarer Lichtstrahl durch die Bodenluke. Herr Kortüm stellte sich auf die Zehen – so muß Noah zum Dachfenster seiner Arche hinausgeblickt haben: der Frühling, ist er da? Entlegene Dachfenster klemmen oft und knirschen im Rost beim Öffnen. Diese Luke aber ging merkwürdig leicht auf. Herr Kortüm schob das kleine Dachfenster täglich hoch, klemmte mühsam seinen Kopf in den engen Eisenrahmen und hielt Umschau. Sein ganzer Trost war die Luke, und vorwurfsvoll hatte er mehrmals zu Lotte gesagt: »Wir waren zu nachgiebig. Man hat uns übers Ohr gehauen. Ich bin eingemauert. Langloff will mich lebendig begraben. Oder sehn Sie etwas, wenn Sie ein Fenster unten im Hause öffnen, wie?!« Kortüms Fenster ging ebenso wie das Echofenster der darunter gelegenen Gaststube nach der Goldenen Aue hin. Der Echowirt konnte, wenn ihn die Lust ankam, beliebig weit nach Norden blicken mit seinen guten Augen, aber er sah nur die Aue, manchmal den Brocken, und mit dem ahnenden Blick die Heide dahinter, die Nordsee ganz draußen . . . Was er seinerzeit dem Professor Holdermann gezeigt hatte, das sah er – mehr nicht. Jedoch Herr Kortüm wollte in diesen aufregenden Wochen weder den Brocken kontrollieren noch die Nordsee: den Schottenhof wollte er sehen! Die Südwiese! Das Flügelhausganze! Nichts sah er davon. Die meisten Fenster seines ihm verbliebenen Echobezirks waren nach Norden gerichtet und die paar anderen nur nach Westen, zum Lohberg hin. Aber die Lohberghütte bewirtschaftete er selbst. Dort 516 konnte er jederzeit persönlich erscheinen und nach dem Rechten sehen. Langloffs Flügelhaus, dessen Schottenhof und Südwiese, Wand an Wand und Pfad an Pfad mit ihm, die vermochte er nicht zu betreten. Was trieb dieser Pächter Langloff im Verborgenen? Herr Kortüm nannte den Doktor seit dem letzten Januar nur noch seinen Pächter und lehnte sich beim Aussprechen dieses Titels so vornehm im Stuhl zurück, daß er wiederholt schon Anstoß erregt hatte. Ja, was plante, dachte und unternahm dieser Pächter! In dem doch immerhin noch ihm, dem Herrn Kortüm gehörigen Flügelhaus hämmerte, stäubte, klopfte es, daß sich der Besitzer zornig fragte, was der Kerl an Schimpf und Schande seinem Besitz wohl antun möge. Der Echowirt besaß ja sein herrliches Arbeitszimmer nicht mehr, das ihm freien Blick nach allen Seiten gewährt hatte wie eine wohlkonstruierte Kommandobrücke. Auf den Boden mußte Herr Kortüm steigen, die letzte elende Dachluke links hinten öffnen und sich auf die Zehen stellen, wenn er etwas sehen wollte. Und was sah er selbst von dort oben! Ein knappes Drittel des Schottenhofes, einen Teil der Flügelhausdächer samt Essen, Blitzableitern und Fahnenstangen – den Ostflügel noch und ein paar Fenster vom Haupthaus. Zu einem klaren Urteil über seinen Pächter reichte dieser Ausblick keineswegs hin. Unruhig ging Kortüm auf dem Boden spazieren. Traurig stieg er die schmale Treppe wieder hinab, trat in seine Stube, stellte sich stumm vor die olivgrün tapezierte Ostwand und starrte diese Wand an. Das war eine seiner neusten Angewohnheiten geworden. Manchmal pochte er auch mit dem Knöchel an die Stelle der Ostwand, wo sein Lehnstuhl stand und von Rechts wegen ein Fenster in der verdammten Mauer hätte sein müssen! Schon konnte man an der Tapete einen dunklen Fleck an der Klopfstelle bemerken. Kortüm war sein ganzes Leben lang einen geraden und offenen Weg gegangen – aber jetzt regte sich in mancher Stunde die Lust in ihm, heimlich ein Loch in diese Wand zu bohren. Freilich war er vertraglich gebunden, keine Öffnung in Richtung des Langloffschen Sanatoriums zu schlagen. Aber ein Guckloch? Die Wände haben Ohren, sagt ein altes Sprichwort. Warum sollen Wände keine Augen haben? Er hatte doch die Pflicht, seinen Pächter im Auge zu behalten. Auf Spaziergängen, die immer mehr einer Schneckenlinie um das Flügelhaus ähnelten, konnte er schon von weitem bemerken, daß der Pächter wichtige Veränderungen vornahm. Die riesigen neuen Schilder mit der Aufschrift »Sanatorium Flügelhaus« beunruhigten Kortüm noch nicht so, wie die bunt bemalten Pfähle, die er alle paar hundert Meter 517 an der schlechten Straße von Besenroda zum Flügelhaus hinaus längs des Straßengrabens eingerammt sah. Eines Tages brachte Monich Bescheid: »Straßenbauer kommen! Du kriegst 'ne neue Straße zu dir raus, Kortüm!« Kortüm sah Monich an: »Ich . . . Monich?« »Nu wer denn sonst – ach so. Je . . .« »Dieser Langloff bekommt die Straße!« rief der Echowirt. »Das is nu so, Kortüm.« »Nein! Es ist so!« donnerte Herr Kortüm und schlug seine braune Mappe auf. »Sieh her: im Lauf der Jahre bin ich fünfmal persönlich wegen der Straße im Provinzialamt gewesen! Dreizehn Eingaben habe ich gemacht« – er suchte ein Papier heraus – »das ist die letzte! Lies sie, Monich. Kann man eindringlicher schreiben? Kann ein Mensch mehr Tatsachen zu seinen Gunsten vorbringen? In wärmeren Worten?« Monich las den langen Brief. Er nickte immer öfter beim Lesen. Dann sagte er: »Das haste gut geschrieben, Kortüm. Da muß dir jeder, der's liest, recht geben.« »Aber – wo ist meine Straße geblieben, Monich? Und wo kommt nun plötzlich die Langloff-Straße her, Monich?!« »Gucke mal, Kortüm, das is vielleicht so – du schreibst: ich brauche 'ne Straße zu meinem Lokal, ich baue um, ich vergrößere, ich brauche nu erst recht 'ne gute Straße« – jetzt zog Monich die neuste Nummer des Besenröder Anzeigers aus der Tasche, entfaltete sie, klopfte mit dem Handrücken auf eine besondere Stelle dieses Blattes und fuhr fort: »Hier steht das auch ungefähr so, wie du das geschrieben hast in deinem Brief. Aber hier steht nichts davon, daß Langloff 'ne gute Straße zum Sanatorium Flügelhaus braucht. Nee, hier liest du bloß: die Provinz braucht sie. Un der Volksgesundheit wäre sie zuträglich. Hä, du bist rumgelaufen un hast überall gesagt: ich muß die Straße haben. Je, da haben sie dich eben angeguckt un gesagt: ›Sie?‹ Aber der da, der Hackemann verdammigte« – Monich schlug heftig auf den Besenröder Anzeiger – »der schreibt in dem Zeitungsartikel, daß er für sich gar nischt braucht. Der tritt in dem Artikel bloß für die gute Sache ein un für seine Mitmenschen. Un das, siehst du, das klingt gleich ganz anders. Wenn du sagst: ich – das macht sich nicht halb so gut, als wenn du sagst: die andern.« Monich ging. Kortüm aber stieg wieder mühsam auf den Boden, stellte sich an der Dachluke auf die Zehen, klemmte seinen weißhaarigen Kopf in den Eisenrahmen und sah in zornigem Staunen, daß da unten 518 auf dem Schottenhof schon wieder fremde Männer herumgingen und haufenweise Stangen abluden mit rotgrünen Schildern. Ein Mann trug ein Dreibein, auf dem ein kleines Fernrohr befestigt war. Jemand brachte rotweiß lackierte Meßlatten. Das geschah auf dem kleinen Streifen Land, den Kortüm zu erblicken vermochte – was mochte erst im Verborgenen vor sich gehen! Ja, Kortüm war eingemauert und eingezäunt. Wenn er mehr wissen wollte, müßte er höflich an Doktor Langloffs Türe klopfen, ergebenst fragen – unmöglich! Kein Besitzer kann sich der Gefahr aussetzen, von seinem Pächter die Mitteilung entgegenzunehmen: Ich habe grade keine Zeit. Herr Kortüm konnte vorläufig nichts tun als Rätsel ratend zur Dachluke hinausgucken. Und das eine Rätsel war ja fast gelöst: was wollten die Leute da unten anderes, als die gute Straße von Besenroda zum Sanatorium Flügelhaus bauen, die sich niemals sanft und glatt hatte hinaufschlängeln wollen zum Flügelhaus Kortüms! – »Jawoll«, sagte der alte Kapitän zu seinem Sohn, »so macht man das. Haha. Der Kortüm hat das Flügelhaus man bloß bauen können. Aber wir machen es rentabel. Das ist wie mitm Schiff, mein Junge: der eine baut's, damit der andre fährt.« Kortüm hörte diese Worte nicht, aber er fühlte sie. Der neue Wind hier oben blies ihn hart an wie die scharfe Märzluft. Er klappte die Dachluke zu, stieg langsam die Bodentreppe hinab, setzte sich in seinen Lehnstuhl und klopfte hin und wieder an die Stelle der grünen Tapete, die besser nicht vermauert wäre. Es kann keiner in einem Hause wohnen, der größer ist als das Haus.   Die Inschriftenwand Seit dem Zeitungsbericht über den Hergang des Landespreiskochens in Jena und die Gründung der Pension Hackemann las Herr Kortüm nur noch selten den »Besenröder Anzeiger«. Monich machte ihn mit den wichtigeren Ereignissen, zum Beispiel mit dem Flügelstraßenbau, hinreichend bekannt. Da Kortüm das Blatt jedoch weiter bezog und auch bezahlte, nahm ihm die Schriftleitung seine Gleichgültigkeit nicht übel. Vielleicht erfuhr sie auch gar nicht, daß der Echowirt das Blatt nach Ablieferung durch die Zeitungsfrau ohne weiteres im Zeitungsständer unterbrachte. Aber ohne es selbst zu merken, 519 geriet Herr Kortüm trotz dieser für ihn so schweren Tage plötzlich mitten ins Zeitungswesen hinein. Er wurde eine für das Schottengelände maßgebende Persönlichkeit im öffentlichen Nachrichtenwesen und teilte mit den neuen Berufsgenossen unversehens Freud und Leid dieser sorgenvollen Tätigkeit. Der Holzhacker Kersch hatte sich mit dem Gelegenheitsarbeiter Bilmes verabredet auf Montag Punkt halb eins in der Echostube. Kersch wußte dann, wo diese Woche Holz geschlagen wurde, und sein Freund Bilmes konnte an Hand dieses Wissens rasch zum Förster laufen und sich zum Reisigkauf melden. Kleinholz war gesucht, und wer es haben wollte, mußte zusehen, daß er als Erster kam. Kersch saß zur Zeit in der Echostube. Aber Bilmes kam nicht. Die Mittagspause war kurz, lange konnte Kersch nicht warten. Herr Kortüm hatte in Besenroda zu tun, Lotte in Esperstedt, und der Kellner benutzte die passende Gelegenheit, um Doktor Langloff zu fragen, ob das Sanatorium vielleicht einen tüchtigen Kellner brauche. Den kleinen Korn mußte der Aushilfsjunge dem Holzhacker Kersch bringen, der dem ungeduldigen Gast versicherte, alle drei – Kortüm, Frau Wingen, der Kellner – würden gleich wieder da sein. Aber niemand ließ sich blicken, dem Kersch eine so schwierige Botschaft allenfalls anvertraut hätte. Schließlich sagte er zu dem Jungen: »Paß auf! Im Schlage siebzehn, zweite Hälfte, hinter den Buchen, gleich neben der Kiefernschonung is der Förster, so um sechse, sieben rum! Hast du's verstanden?!« »Nä.« »Du, paß auf, sag ich dir!« schrie Kersch den Jungen an, damit er besser hörte. Er wiederholte die Botschaft: »Weißt du's nu?!« Da Kersch eine Handbewegung machte, als ob er dem Jungen eine hinter die Ohren hauen wollte, sagte dieser vorbeugend: »Ja.« »Dann sag mir's mal her.« Der zur Zeit einzige Vertreter des Echostubenpersonals hatte sich auch alles ordentlich gemerkt, nur saßen die einzelnen Teile der Botschaft nicht an der richtigen Stelle: er redete etwas von siebzehn Förstern, die um sechse hinter den Kiefern ständen. »Schafskopp – gib mir Bleistift un Papier her.« Der Bleistift wurde gefunden. »Papier hab ich keins.« Nun wies aber der Zeiger auf zehn Minuten vor eins. Kersch mußte an seine Arbeit. Er sah sich um. Dann schrieb er einfach an die leere Wand, was er zu berichten hatte, und sagte zu dem Jungen: »Wenn Bilmes kommt, sagst du ihm, hier ständ's dran. Un wenn ich nach 520 Hause gehe heute abend, komm ich hier durch, un du sagst mir, was Bilmes gesagt hat.« Kersch ging. Nach einer Weile erschien Bilmes, las die Botschaft und schrieb darunter: »Ich habe schon Reisig. Hinterm Fuchsloch is es billiger. Bilmes.« Am Abend las sein Freund Kersch diese Nachricht und schrieb drunter: »Du bist ein Ochse. Das hinterm Fuchsloch is Dreck. Kersch.« Herr Kortüm aber entdeckte den Notenwechsel am späten Abend, als er eben zur Ruhe gehen wollte. Mißbilligend sah er die schöne Wand an, diese größte freie Fläche der Echostube; hier wollte Kortüm sein Ölbildnis aufhängen, für das er noch immer nicht den rechten Platz gefunden hatte. »Narrenhände beschmieren Tisch und Wände«, sagte er zornig. »Ich werde mit Frau Wingen reden. Wir müssen es sorgfältig entfernen.« Er legte sich schlafen. Gegen vier Uhr dreißig am anderen Morgen kam der Viehhändler von Esperstedt heraus. Der kalte Frühjahrsmorgen bewog den Mann, sich den Magen ein bißchen anzuwärmen. Er trat in die Echostube und trappte mit dem Gläschen in der Hand tüchtig hin und her – da fiel sein Blick auf die Inschriften. »Das is je großartig«, murmelte er, zog seinen Blaustift aus der Tasche und schrieb in schönen deutlichen Buchstaben an: »Zwei einjährige Kälber zu verkaufen! Albert Steiger, Esperstedt, Krumme Gasse 6.« Und nach vollbrachter Tat entfernte sich Albert Steiger. Der Fleischermeister Hiebrich berührte die Echostube auf seinem Wege nach Esperstedt ungefähr in der fünften Morgenstunde, las die Anzeige, stand knapp dreißig Minuten später in Albert Steigers Stall und kaufte die beiden Kälber. Gegen sechs erreichte er die Schottenhöhe auf dem Rückweg nach Besenroda, band die Kälber an eine Tanne, ging abermals in die Echostube, trank einen großen Korn und schrieb mit Rotstift an: »Heute frische Blut- und Leberwurst. Hiebrich.« Hochbefriedigt wanderte er seinem Hause zu. Ehe Herr Kortüm am Frühstückstisch saß, wußte ein guter Teil der geschäftstätigen Bevölkerung in der Umgegend von der neuen Einrichtung, von ihrem durchschlagenden Erfolg, und als der Herr der Echostube seinen ersten Rundgang unternahm, las er außer den bereits bekannten Inschriften noch die Bekanntmachung, daß der Bauer Götze einen Sack Linsen und Frau Untucht eine Legehenne mit zehn Kücken abzugeben habe. Herrn Kortüms Empörung war grenzenlos: »Ich werde die 521 Verunreiniger dieser Wand gerichtlich zur Rechenschaft ziehen! Lassen Sie alles stehen, Frau Wingen! Ich brauche Beweise! Nichts abwischen!« Er ging in sein Zimmer, suchte einen Bogen feinen Papieres in Aktenformat und begann dem Amtsgericht in Esperstedt auseinanderzusetzen, daß ein neuer Anstrich der Echostube achtundvierzig Mark koste, daß hierzu die Reinigungskosten sowie die Kranken-, Invaliditäts- sowie sonstigen Kassenbeiträge für die einzustellende Scheuerfrau kämen und nicht zuletzt die erlittene Aufregung in Rechnung zu stellen sei. Während Herr Kortüm die Gerechtigkeit anrief, standen die Esperstedter und Besenröder in den Haustüren und unterhielten sich. »Kortüm is gar nich dumm.« »Das wissen wir längst.« »Der hat's in sich.« »Un immer was Neues fällt ihm ein.« »Hast du auch schon so 'ne Kortümanzeige aufgegeben?« »Billiger kann's einem je gar nich kommen. Wir wollten doch schon immer den alten Kastenwagen verkaufen. Meine Frau is eben nauf auf die Echostube.« »Deine Frau?! Da kannst du mir leid tun, August. 's beste an so 'ner Kortümanzeige is doch, daß du dabei einen nehmen mußt. Der kostet dreißig Pfennige, wenn du'n Großen trinkst. 'ne Anzeige im Besenröder kriegste nich unter einer Mark. Un was haste da? 'ne Anzeige. Un bei Kortüm? 'n Schnaps. Hä!« Der Echowirt war in seiner Anklageschrift noch nicht bei Punkt fünf angekommen, als bereits ein gutes Viertel der Inschriftenwand bedeckt war mit Angeboten, Anfragen und Bekanntmachungen aller Art in schwarzen, blauen und roten Schriftzeichen. »Ein Pianino zu verkaufen.« Noch am selben Vormittag fand sich auf der bisher noch nicht angetasteten Südwand die Mitteilung in Rotschrift: »Biete 80 Mark. Ich hol es auch selber ab. Karl Gutsche, Gänsegasse 4.« Ohne eines Organisators zu bedürfen, hatte das Schottengelände sofort dieses Kortümsche Anzeigenwesen von sich aus geordnet, nachdem nur der Grundgedanke einmal begriffen war. So kurz vor den Feiertagen herrschte natürlich eine besonders lebhafte Geschäftstätigkeit. Jeder wollte die wenigen Tage der Zahlbereitschaft noch rasch benutzen. In ohnmächtigem Grimm las Herr Kortüm: »Zum Osterfest! Eierfarbe und Pappeier billig. Papierwaren Rückert.« 522 Mehrmals hatte der Echowirt die Abfassung der Anklageschrift unterbrochen, um einen solchen Kerl auf frischer Tat zu packen, aber immer hatte es sich gemacht, daß der Inserent gerade wieder fort war. Hinsichtlich der Anklage war die Ergreifung des Täters auch nicht wichtig. Die Leute hatten ja die Unverfrorenheit, ihre volle Anschrift auf Herrn Kortüms Wände zu setzen. Leider brachte Lotte vor diesen Untaten an Kortüms Wänden nicht den rechten Ernst auf. Sie hatte eine Weile gelesen und dann lachen müssen. Kortüm sah sie groß an . . . Jetzt, dachte er, habe ich sie zum ersten Male wieder lachen sehen seit dem Tode ihres Mannes. Fast hätte ihr das Kortüm in seiner Freude auch gesagt. Aber er schloß schnell den Mund: ein Glück, daß sie es endlich einmal hat vergessen können. Mit der Anklageschrift in der Hand ging der Echowirt lächelnd vor den geschändeten Wänden auf und ab. »Die Zeit«, murmelte er, »nein – nicht die Zeit, das unverfrorene Leben ist die wahre Arzenei. Gott laß uns leben!« Er blieb vor der mit unzähligen Schriftzeichen bedeckten Wand stehen, aber, in Nachdenken versunken, erkannte er die einzelnen Krakel nicht. Kortüm sah nur, daß das lebendige Leben auf der Wand da webte und wirkte, das allmächtige, das unwiderstehliche herrliche Leben. »Oh, welcher Tag ist heute? Der elfte März. Hm. Seit das letztemal Sommer war, hat sie heute zum ersten Male ganz frei aus sich herausgelacht. Ja, so lange braucht der Mensch, vom Juli, einen Winter durch und bis in den März hinein. Und jeder Tag ist so ein Zeichen wie die da an meiner Wand, ein unleserliches manchmal, zuweilen ein deutliches, das uns ins Fleisch schneidet, hm hm. Das im Sommer damals haben wir verstanden; vergessen wir nun auch dieses Elften nicht«, und er nahm in tiefen Gedanken seinen Bleistift aus der Tasche und schrieb unbewußt, ohne das Geschriebene zu sehen: »Am elften März, das Echo.« In seiner Versunkenheit hatte er nicht bemerkt, daß unterdessen ein flinkes Männchen in die Stube gewischt war, den Stift aus der Tasche zog und mit geschickten Strichen ein Insekt an die Wand malte. Darunter entstanden jetzt die Worte: »Wanzen, prompt und geruchlos vernichtet Kammerjäger Dumke Esp – –« »Mann!!« schrie Kortüm und packte den Kammerjäger Dumke am Arm. »Wieso denn?« »Was erlauben Sie sich?! Wie können Sie meine Wände beschmieren!« 523 »Aber Sie inserieren doch selber hier!« und Dumke zeigte auf Herrn Kortüms Merkschrift. »Sie sind –«, begann Herr Kortüm, sprach jedoch das Folgende wesentlich gedämpfter: »Wie? Erlauben Sie –« Teufel, dachte Kortüm, was soll ich getan haben? Ja, da hielt er den Bleistift noch in der Hand, in dem dankbaren Gefühl, daß diese Inschriftenwand des Lebens es war, die Lotte endlich das Lachen entlockte; diese plötzliche Einsicht hatte das Ruchlose solcher Schreibetätigkeit in seinem Denken verwischt, und ihm war tatsächlich selber der Stift unbewußt schreibend an der Wand hingeglitten . . . Kortüm ging hin zu der Stelle. Dumke kam eifrig mit. »Sehn Sie's?« »Hm.« »Ganz deutlich. Da steht auch's Datum. Sehn Sie's? Der elfte März. Den haben wir heute. Un da steht – was soll das heißen?« Kortüm sah scharf hin. »Das Echo«, murmelte er. »Sehn Se: Sie warn's! Hä. Was einer selber schreibt, kann'r selber auch am besten lesen.« »Nun. Wie dem sei. Das sind meine Wände, Herr Dumke.« »Aber nu freilich! Ich will's je auch nicht umsonst! Wer sagt denn das! He! Sie! Kellner! 'n Helles. 'n ganzes Helles.« Herr Kortüm faltete die Anklageschrift sorgfältig viermal zusammen und steckte sie in die Brusttasche. Er mußte sich jetzt seinem Geschäft zuwenden. Neue Gäste kamen. Der eine holte sein dickes ledernes Notizbuch heraus, schnappte das Gummiband ab und begann zu blättern. Der andere suchte den Landwirtschaftskalender hervor und schrieb etwas von der Wand ab. Sie tranken Bier. Sie lasen an den Wänden, sie schrieben, sie begannen die Bekanntmachungen kritisch zu besprechen und abzuwägen. Immer wieder traten neue Gäste ein, bestellten Kaffee und gingen mit den Tassen in den Händen lesend an den Wänden hin. Auch Käse und Butterbrot wurde verlangt, und die neusten Angebote wurden kauend gewürdigt oder verworfen. Mit ratlosem Erstaunen sah Herr Kortüm in seiner Echostube sich plötzlich Leben entfalten, wie er das nur in Ländern des Südens gesehen hatte. »Es bewegt sich«, murmelte Herr Kortüm, »hm, sieh da.« 524   König Heinrich Leider konnte Herr Kortüm dieses neu erwachte Leben nicht gleich in seinen ersten Regungen betreuen und in gute Bahnen lenken. Der Postbote legte einen schwarz geränderten Brief auf den großen Tisch unter der Windfahne. Kortüm las ihn und wurde vom Lesen so betrübt, daß er seine Echowände darüber vergaß. Erdmuthe Haupt zeigte an, daß ihre Schwester Bertha in ihrem vierundsiebenzigsten Lebensjahre sanft entschlafen war und auf dem Friedhof in Memleben am kommenden Donnerstag um elf Uhr begraben würde. Heute war Dienstag. Kortüm kannte die Verbindung des Schottengeländes mit Memleben; sie war äußerst verwickelt und zeitraubend. »Ich muß also schon morgen fahren«, sagte er zu Frau Wingen. Das alte Fräulein allein hinter dem Sarge ihrer Schwester hergehen zu lassen, kam Herrn Kortüm nicht in den Sinn. Sie wird in diesen Tagen immer an ihren Bruder denken, den Missionar im Pamir, dachte Kortüm. Der ist verschollen. Die Schwester tot. Und sie – ja, Geschwister sehen sich alt werden, aber im letzten Überlebenden verjüngt sich dann unversehens die Erinnerung in der Einsamkeit. Man sieht sich wieder im Elternhaus und denkt nach, wo der Weihnachtsbaum gestanden hat, und sieht sich vor dem Ladenfenster stehen und im Glasspiegel die Taschenuhr herausziehen, die man eben bekommen hat. Gefährlich. Man verlernt das Leben darüber. »Ich reise.« Monich wollte seinen alten Freund die traurige Reise nicht allein tun lassen – Kortüms Gesundheit war angegriffen. Die Aufregungen der letzten Monate hatten ihn mitgenommen. »Ich komme mit«, sagte Monich und suchte seine Trauerkleidung zusammen. Überrascht und gerührt sah Fräulein Erdmuthe den Herrn Kortüm in Gehrock und Zylinder die Dorfstraße entlangkommen und mit einem ebenfalls feierlich gekleideten unbekannten Herrn ihr kleines weinumranktes Haus betreten. Armdick bespannten die kahlen Reben das niedrige Fachwerk bis über das Dach. Auf dem Hausflur roch es nach frischgestreutem feuchtem Sand, in dem die Tritte der Ankömmlinge knirschten. Erdmuthe stand auf der Schwelle der Wohnstube: »Die Welt ist so groß, und man ist doch nicht vergessen.« 525 »Mein Freund Monich«, stellte Kortüm vor. »Groß? Oh, nicht größer als die Erinnerung.« Die Herren traten ein, die Tür schloß sich hinter ihnen. Die Memleber sahen nichts mehr. Sie mußten sich nun schon gegenseitig ansehen; Memleben hätte nicht gedacht, daß »das alte Pastorfräulein« über so achtunggebietende Verwandtschaft verfügte. – Die Fremden wohnten im Gasthof. Herr Kortüm langweilte sich. In der Ferne grollte der Donner eines Frühjahrsgewitters. Es begann zu regnen. »Monich, sehen wir uns die Umgebung an.« »'s regnet je.« »Aber die Luft ist erfrischend. Wir können das alte Fräulein heute nicht mit unserem Besuch belästigen. Wir betrachten uns den Ort.« Monich lehnte die Einladung ab. Er hatte sich vorgenommen, einen Schoppen in der Gaststube unten zu nehmen. Kortüm spannte seinen Schirm auf und machte sich allein auf den Weg. Die kahlen Dorfstraßen erheiterten den Trauergast nicht. Ein Haus wie das andere. Schon wollte er umkehren, als Kortüm einen riesenhaften Torbogen erblickte, der einsam und drohend für sich stand. Was dieses Ungeheuer zu bedeuten habe, fragte Kortüm einen jungen Menschen, der vom Felde kam und gegen die Nässe Kopf und Schultern mit einem Kartoffelsack umwickelt hatte. »Das gehört zum Kloster.« »Kloster? Ich sehe keins.« »Das ist auch weg. Bloß da drüben rechts steht noch was davon. Da hat König Heinrich gewohnt.« Kortüm hob den Kopf – der König Heinrich . . . Ja, jetzt fiel ihm ein, warum das Wort Memleben so feierlich klang und gar nicht passen wollte zu den gelben Autoschildern, auf denen es wie eine bloße Ortsbezeichnung stand. Hier hat der König Heinrich gewohnt, nahebei an der Riade seine große Schlacht geschlagen, und hier ist er auch gestorben. Nach Quedlinburg haben sie den Toten getragen. Aber sein Herz ist hier herum irgendwo beigesetzt. »Der Gründer des Reichs«, murmelte Kortüm. »Und nur ein leeres Tor ist übrig?« »Der Dom noch. Aber viel is auch nich mehr da. Dort. Nee, da drüben!« 526 Kortüm ging ein paar Schritte, um das Gotteshaus des Mannes zu sehen, der das Reich gebaut hatte. »So rum müssen Sie gehn« – der Memleber zeigte dem Fremden den Pfad durch die Büsche. Kortüm trat in König Heinrichs Haus, wie der Wanderer in einen Wald eintritt: der freie Himmel bleibt offen über ihm, weil nur noch Pfeiler und Gewänd dastehen, wie Baum und Busch am Boden im Walde steht. Der Regen troff herein und sickerte in den Erdboden des steinernen Schiffs. Wie glasübergossen schimmerte das nasse Gemäuer. Der Memleber suchte an einem Pfeiler ein wenig Schutz vor dem Regen. Kortüm aber legte den Schirm zurück und sprach: »Treten Sie beiseite – was ist das?« An dem Pfeiler leuchtete ein Bild unter dem rinnenden Wasser; ein Herr war da an die Wand gemalt, der Kopfhaltung nach ein großer Herr, sein Schwert war zu erkennen und der königliche Mantel um die Schultern. »Das is er.« Kortüm achtete des Regens nicht. Er sah den König an. Vor tausend Jahren war er hier gestorben, später hatten sie ihn ehrfurchtsvoll an die Wand gemalt. Nun war das Haus zerbrochen, kein Gestühl, kein Altar mehr – nur der König war noch da. Das märzkahle tropfende Gebüsch bewegte sich im Wind. In der Ferne grummelte das Frühjahrsgewitter. Langsam ging Kortüm nach dem Gasthof zurück. Ihn fröstelte. Er wollte sich in der Gaststube nach einem wärmenden Getränk umsehn, aber er traf es besser: der Wirt hatte inzwischen den Kachelofen geheizt. Mit dem Rücken an den Kacheln saß Monich und sagte vorwurfsvoll: »Bei dem Wetter kannst du dir je sonstwas holen.« Kortüm schüttelte den Kopf und sagte: »Morgen mit dem frühesten, ob es regnet oder nicht, kommst du mit. Ich habe das Bild des Königs Heinrich gesehen.« An den Fensterscheiben lief der Regen herab. Monich wollte eine Einwendung machen. Aber Herr Kortüm wischte über die Tischplatte: »Du mußt den König sehen. Wenn der nicht gelebt hätte, Monich, kämen die Deutschen nur noch in den Geschichtsbüchern anderer Völker vor, als Anmerkungen im Anhang.« Monich sah sich in der warmen Gaststube um: »Kortüm, wer wohnte denn da hier?« Herr Kortüm zuckte mit den Schultern: »Wie vor der Riadeschlacht – die Hunnen vielleicht.« 527 »So haben sie je uns genannt im Kriege.« »Eine Verwechslung, Monich. Damals trieben sich in Europa allerlei farbige Leute herum. Seit undenklichen Zeiten spiegeln sich im Rheinstrom die Dome, Ende neunzehnhundertachtzehn aber spiegelten sich plötzlich Negerköpfe im Rhein. Ja, Europa war sich denn eine Verwechslung schuldig geworden, und es verging eine gute Zeit, bis die Europäer wieder erkennen konnten, wer zueinander gehört. Vieles ist vergessen, denn alles Leben ist ein Durchgang. Aber die große europäische Verwechslung soll festsitzen im Gedächtnis, damit sich Europa nicht noch einmal verwechselt: das wäre schade um Europa. Wir gehen in die Morgenandacht zu König Heinrich. Ich hätte nicht gedacht, daß man sein Bild noch an der Wand sieht und sein Herz schlagen hört in der alten Erde hier.« Monich war nachdenklich geworden: »Der muß es auch nich leicht gehabt haben zu seiner Zeit. Die um uns rum haben uns nich geschätzt.« »Dafür brauchen wir uns nicht mehr umzusehen, ob uns einer schätzt. Wir lieben. Was wir lieben wollen. Und wenn es uns gefällt zu lieben.« Am anderen Morgen schien die schönste Sonne. Kortüm und Monich legten die Trauerkleidung an und gingen zur Domruine. Unterwegs erzählte Kortüm seinem Freund, was er wußte von Heinrich, dem König der Könige, der hier auf diesem Stück Erde im Jahre neunhundertsechsunddreißig in die Ewigkeit eingegangen war. Von Heinrichs Sohn sprach Kortüm, der auch in Memleben gestorben war und dem sie den Beinamen »Der Große« gegeben hatten. »Auf die anderen Pfeiler der Kirche sind auch Bilder gemalt«, sagte Kortüm. »Gewiß stellt ein Bild Otto den Großen dar, wir müssen alles genau betrachten. Gestern habe ich nur an König Heinrich gedacht.« In Monich aber war seit dem vergangenen Abend die Erinnerung an den Krieg und die Jahre nach dem Krieg aufgestiegen. Er hatte schlecht geschlafen, qualvoll geträumt und wollte sich nun die Leiden jener dunklen Zeit von der Seele reden. Kortüm hörte eine Weile zu, dann blieb er stehen und legte die Hand auf Monichs Arm: »Du hast dir's gut gemerkt. Ich habe es mir sogar aufgeschrieben, damit ich's nicht vergesse. Von Zeit zu Zeit liest man es wieder. Da und dort muß man ein Wort, einen Satz ausstreichen, andres drüberschreiben. Kürzlich habe ich einen ganzen Abschnitt zukleben müssen – Monich, 528 wir leben in einer wunderbaren Zeit. Die Geschichte läuft heute schnell. Deine Tinte ist noch nicht trocken, und Klio, das alte Mädchen, ist schon vorbei, auf Flügeln davon – und du sitzt da. Sieh mal, du hast immer da 'nüber gesehn, sagst du, nach der Grenze, und wie du dir auch die Augen aus dem Kopf gestarrt hast: immer blickte dich nur die schwarze Höhlung eines Geschützrohres an – ›Seele‹ nennt der Artillerist das Innere des Kanonenrohrs: merkwürdiger Ausdruck, Monich, wie? – ja, und eines anderen Tages? Da blickt dich von dort und derselben Stelle wirklich eine Seele an, ein menschliches Menschenantlitz – aber da ist der Heinrichsdom!« Immer erwartungsvoller war Monich geworden. Jetzt schlug er die Büsche auseinander, sie traten ein in die Kathedrale ohne Dach und Gewölbe, in dieses Gotteshaus des deutschen Wesens mit dem offenen Himmel über sich und dem Herz des Gründers des Reiches im Erdboden unter sich. Monich starrte die grauen Pfeiler an. Kortüm hob die Augenbrauen hoch und sah auch Pfeiler um Pfeiler an: hier war es doch . . . nein, vielleicht dort . . . doch, hier! Nichts war zu sehen als grauer Stein und bröckliges Mauerwerk. Da und da ein bleicher Hauch von Farbe vielleicht – nichts sonst! Monich sah Kortüm an. Kortüm ging nochmals alle Pfeiler ab. Er suchte den Pfad wieder, den er gestern gekommen war, stellte sich an dieselbe Stelle, nahm den Zylinder ab, sah scharf den Pfeiler an: klares, märzlich hartes Sonnenlicht beschien die Quadern . . . es blieb dabei, nichts war zu sehen. Ein Hauch, eine Ahnung von Farbe. Aber kein König, kein Kaiser . . . »Ich verstehe es nicht, Monich.« »Die Reise, Kortüm, 's Wetter, die Anstrengung – du hast's im Traume gesehn.« »Dort an dem Pfeiler habe ich König Heinrich gesehen.« »Dann is es Zauberei gewesen.« »Es war Wirklichkeit!« »Je, Kortüm . . .« Auf dem Boden lag ein altes verstümmeltes Kapitäl. Mühsam setzte sich Herr Kortüm. Er war sehr nachdenklich geworden. Schließlich mahnte ihn Monich: »'s is nu Zeit. Sie läuten schon.« Die Trauergäste gingen zu Fräulein Erdmuthes Haus, sie wandelten hinter Berthas Sarg her. Unruhig hörte Herr Kortüm die Leichenrede an. Der Pastor sprach vom Verschwinden des Menschen von der Erde. Kortüm grübelte über das Verschwinden König Heinrichs. 529 Fräulein Erdmuthe hatte die beiden auswärtigen Herren zu Tisch geladen. Sie war ruhig und gefaßt. Die alte Dame stand zu hoch in Jahren, um dem Tod allzuviel Reverenz zu erweisen. Ihre Gedanken gingen rückwärts. Von Ernst Haupt erzählte sie, dem Missionar, ihrem Bruder. Beim Kaffee suchte sie eine Landkarte hervor und zeigte Herrn Kortüm den Weg, den der mutige Mann gezogen war. Fräulein Erdmuthe brachte schließlich eine alte perlenbestickte Ledermappe und zog eine Photographie ihres Bruders heraus. Kortüm betrachtete lange das vergilbte Bildchen: »Seltsam. Er sieht aus wie ein Prediger in Halle an der Saale, und in Wahrheit lebt er hinter dem Euphrat, im Pamir.« »Das sind seine letzten Briefe.« Die Blätter waren mit dünnem Bleistift sauber beschrieben, aber am Briefkopf standen wunderbare Worte aus Tausendundeiner Nacht: Kaschgar, Gilghit, Taschkent. Kortüm genoß diese Schreiben wie der Musiker eine Partitur. Wo der Laie nur schwarze Notenköpfe sieht, wogt dem Kenner ein Tönemeer entgegen. Kortüm sah die frommen Papierblättchen an und erblickte eine ungeheure gelbgraue Sandewigkeit. »Die Sonne geht eben unter, liebe Schwester«, las er, und über einem vereisten rissigen Felsgrat hing ein glutroter Ball, Kamelreiter stiebten aus dem Sand, verschwanden wie Spuk . . . Und Herr Kortüm begann zu erzählen von seinen großen Reisen. »Ich werde doch noch vorm Ende meiner Tage den Mittelpunkt der Erde betreten«, schloß er. Das alte Fräulein lächelte, sann eine Weile vor sich hin – jetzt nahm sie die Photographie, das Briefbündel, wand einen Faden darum und sagte: »Nehmen Sie das, Herr Kortüm. Wenn Sie auch selber nicht hinkommen – Sie kennen viele Menschen. Leute aus aller Welt kommen zu Ihnen. Wer kommt noch zu mir? Heben Sie die Papiere meines Bruders auf. Ich suche noch das andere zusammen, was ich habe. Denken Sie immer einmal daran. Fragen Sie den und jenen, der bei Ihnen einkehrt. Und wenn Sie etwas hören, so sagen Sie mir's. Wenn ich nicht mehr lebe, sagen Sie mir's doch. Ich fühle es dann.« Monich hatte die Kortümschen Erzählungen aus weiter Welt mißtrauisch angehört. Die Überreichung dieser Papiere beunruhigte ihn vollends: »Kortüm, bleib hier. Wenn du so siehst, wie da draußen der Mensch abhanden kommt – hier weißte doch, wo du bist.« »Weiß ich das?« rief Herr Kortüm. »Alles ist unsicher«, und er erzählte das unheimliche Erlebnis im Heinrichsdom. 530 »Waren Sie gestern dort? Beim Gewitter?« fragte Fräulein Erdmuthe. »Ja, dann hat es schon seine Richtigkeit. Es ist merkwürdig mit den Memleber Bildern. Mein Vater und mein Großvater waren Pastoren hier in der Gegend, und zu deren Zeit wußte man es auch schon. Bei trockenem Wetter, wenn die Sonne scheint, sind die Bilder so gut wie unsichtbar. Aber bei Unwetter, wenn es regnet und eist, treten sie hervor. Ein Gelehrter hat meinem Vater einmal erzählt: wie die Bilder gemalt wären, wüßte man nicht genau, aber daß sie unter dem Wasser deutlich würden, das stimme schon.« Kortüm stand auf und sprach: »Man hat es gehört. Es ist an dem. Uns ist ein Zeichen gegeben. Im Unwetter tritt König Heinrich hervor aus der Wand, die gebaut ist über seinem Herzen. Und wird uns sichtbar. Dieses Wunder geschieht mitten unter uns. Seit Generationen. Wir werden in jedem Jahre, einmal im Regen, das andere Mal bei Sonne, über Deutschland nachdenken auf diesem Stück Erde hier, in der König Heinrichs Herz ruht und über der er in Erscheinung tritt, wenn wir im Unwetter sind.« Herr Kortüm zwang Monich, noch zwei Tage in Memleben zu bleiben. Am dritten regnete es endlich wieder, und Monich sah den König. Kortüm verbrachte die Nachmittage bei Fräulein Erdmuthe, ließ sich erzählen und erzählte selber viel vom Mittelpunkt der Erde, den er immer noch nicht betreten habe. Er lernte den verschollenen Missionar kennen, als ob er mit ihm aufgewachsen wäre, und verwahrte sorgfältig die Dokumente seines Daseins, die ihm Erdmuthe Haupt anvertraute.   Schwarz und Weiß Verantwortlich für den Inseratenteil des »Besenröder Anzeigers« war Herr Menger. Unruhig rutschte Herr Menger auf seinem Schreibtischstuhl herum: die »Kleinen Anzeigen« ließen auffallend nach, während doch das Geschäft ringsum im Schottengelände blühte. Man war wiederholt genötigt, große Anzeigen einrücken zu lassen, in denen sich die Druckerei des »Anzeigers« zur Ausführung von Verlobungskarten, Festgedichten, Diplomen, Ehrenurkunden und sonstigen Dokumenten aufs wärmste empfahl. Gewiß hatten auch solche Selbstanzeigen ihren Wert, aber sie brachten nichts unmittelbar ein. 531 Die Redaktion legte denn eines Tages Papierschere, Kleisterpinsel und was sonst zur Herstellung von Nachrichten notwendig ist, aus der Hand und beriet. Alle Fehlerquellen wurden erwogen, farbige Zeichnungen vom Schottengelände entworfen und an jede Herdstelle eines erfolgreich Gewerbetätigen ein Fähnchen gesteckt. Zuletzt warf jemand sogar die Frage einer Herabsetzung der Anzeigenpreise auf. Bevor es jedoch zu diesem Äußersten kam, sollte Herr Menger das Schottengelände bewandern. Von Tür zu Türe sollte er gehen, die Kunst des Zeitunglesens kurz erörtern, er sollte die Liebe und das Vertrauen zur Zeitung stärken, insbesondere aber den Sinn für Werbung kräftigen. Herr Menger sollte kein Blatt vor den Mund nehmen und ruhig die unter Fachleuten bekannte Tatsache auch der Laienwelt mitteilen, daß man nämlich mit Hilfe sachgemäßer Werbung einem Mann, der keine Nudeln ißt, mühelos einen Zentner Makkaroni verkaufen kann – ohne Werbung jedoch nicht einmal ein längst anerkannt gutes Buch wie etwa Dantes »Göttliche Komödie« mit Erfolg auf den Markt zu werfen vermag. Herr Menger sollte auch Belohnungen für treue Inserenten in Aussicht stellen; man könne zum Beispiel ohne nennenswerte Unkosten die Photographien bewährter Geschäftsfreunde gelegentlich ihrer fünfzigsten Wiegenfeste oder anderer wichtiger Jubeltage im Anzeiger bringen. Herr Menger griff nach Hut, Lodenmantel und Regenschirm und machte sich auf den Weg. Schon nach zwei Tagen erstattete er den ersten Wanderbericht. Die Gesamtstimmung sei ungemein günstig. Nirgends habe er Widerstand oder auch nur Widerrede gefunden, vielmehr habe ihn jeder ruhig reden lassen und dann gesagt: »Jo, jo.« Trotzdem zeigt das Barometer in der Abteilung »Kleine Anzeigen« keinerlei Änderung des Anzeigendruckes an. Schlapp wie bisher hing die Nadel auf der Seite, als wenn sie gar nicht mehr mit inneren Lebenskräften in Verbindung stände. Herr Menger wanderte weiter. Er hatte nach knapp fünf Tagen acht Pfund abgenommen, und seine Frau kam bei der Geschäftsleitung um eine Wanderzulage ein; sie müsse ihrem Mann Stärkungsmittel zuwenden. Eines Tages erschien der Abgesandte des »Anzeigers« auf dem Flügelhaus. Mit Interesse besichtigte er die neuen Anlagen des Sanatoriums und hatte die Genugtuung, vom leitenden Arzt, Herrn Doktor Langloff, persönlich in die alles Dagewesene weit in den Schatten rückende Liegehalle und in den nach letzten Errungenschaften der Akustik 532 konstruierten Ruheraum geführt zu werden. Als Herr Menger auf den Werbegedanken im allgemeinen und die Kuranzeigen im besonderen zu sprechen kam, fand er bei Doktor Langloff volles Verständnis für diese Art, das Publikum zu bearbeiten, und freute sich, aussprechen zu können, daß man doch immer wieder feststellen müsse, wie lebhaft die Großzügigkeit der königlichen Kaufleute aus dem Norden des Reiches absteche von dem gemütlichen Betrieb der mehr südlich gewachsenen Geschäftscharaktere. Doktor Langloff hatte dies auch schon bemerkt und wunderte sich nur, daß in der Presse des Schottengeländes so wenig geschehe, um diese Tatsache im Volke zu verbreiten. Die Herren kamen überein – vorbehaltlich der Entscheidung des Chefredakteurs – einen reich bebilderten Artikel im »Anzeiger« zu bringen unter der Überschrift »Das Schottengelände marschiert wieder voran!« und zwar gleichzeitig mit der ersten jener sechs von Langloff soeben in Auftrag gegebenen halbseitigen Anzeigen des Sanatoriums. Unter den besten Wünschen für beiderseitiges Wohlergehen in Geschäft und Familie empfahl sich Herr Menger und wandte seine Schritte nach Besenroda. »Wo wollen Sie denn hin?« rief ihm der Doktor nach. »In den Ort hinunter. Da habe ich noch –« »Aber – besuchen Sie denn nicht auch die Echostube?« Oh, dieses Lokal hätte Herr Menger übersehen: »Ist das nicht nur so eine Art Wegschenke?« »Das gewiß – aber gehn Sie ruhig mal hin. Meinen Informationen nach würde ich mich wundern, wenn Sie sich in der Echostube nicht wundern müßten, Herr Menger.« Unten is einer von der Presse, hat'r gesagt!« »Wo ist er her?« Kortüm schob seine Rechenbücher beiseite und sah mißtrauisch den Laufjungen an. »Von der Presse. Er muß Sie dringend un sofort sprechen, hat 'r gesagt.« »Dringend, so. Und sofort, hm.« Am liebsten hätte der Echowirt bestellen lassen, er lese wenig, wisse deshalb so gut wie nichts und käme nicht. Da Kortüm aber die Erfahrung gemacht hatte, daß Selbstnichtlesen wenig daran ändert, daß andere lesen, entschloß er sich sehr schlechtgelaunt, in die Gaststube hinunterzugehen. Herr Menger saß am Mitteltisch, trommelte mit den Fingern der linken Hand auf der Tischplatte, sah die ungeheure silberne Windfahne zu seinen Häupten an, wies aber dabei mit der rechten Hand auf die 533 Wände der Echostube und sprach: »Was haben Sie dem ›Besenröder Anzeiger‹ hierzu zu sagen?« Herr Kortüm verneigte sich ein wenig und sagte: »Kortüm.« Herr Menger verneigte sich nun auch etwas: »Menger.« »Bitte, Herr Menger?« »Was ist das?« Der Vertreter des »Besenröder Anzeigers« wies abermals auf Kortüms Inschriftenwände. »Die Echostube ist diese Gaststätte benannt. Und dies, Herr Menger, sind ihre vier Wände.« Kortüms Blick schweifte über die Wandflächen. »Sie finden es befremdend? Ich auch. Am Anfang wenigstens. Jetzt nicht mehr. Diese Gaststube steht eben an einem Kreuzweg. Jeder muß hier durch. Ja, die Mitte, Herr Menger. Liegen Sie einmal in der Mitte! Da werden Sie vieles erleben, was Sie – am Rande wohnend – nicht für möglich halten. Aber wenn ich nun so das Ganze überblicke, muß ich sagen: sofern einer oder zwei oder drei an saubere Wände mit Blei- oder Rotstift schreiben, sieht das niederträchtig aus. Denn eine geringfügige Schreiberei stört die reine große Fläche. In diesem Falle haben Narrenhände die Wände beschmiert. Wenn aber dieselbe Tätigkeit ausgeübt wird von hundert und noch mehr Narren, so wirken die Wände merkwürdigerweise nicht mehr beschmiert. Sie haben vielmehr ein eigenes Leben gewonnen. Es lebt. Wie ein von oben bis unten mit Schriftzeichen bedecktes reines weißes Papier nicht mehr als beschmiertes Papier wirkt – denken Sie etwa an ein Blatt des ›Besenröder Anzeigers‹. Ja«, Herr Kortüm wies mit großer Armbewegung von einer Wand zur anderen, »als ein Lebewesen eigner Art lebt es. Es muß ein Gesetz der Multiplikation geben, wonach die Quantität eine Qualität erwirkt – für einen Koch und Gastwirt, Sie verstehen, ein schmerzlicher Gedanke – aber«, Herr Kortüm klopfte mit dem Fingerknöchel an die Wand, »aber als eines ist's ein Fleck; mal Million jedoch sieht's aus, als müsse es so sein.« Tief erstaunt hörte Herr Menger diese Rede an. Dann aber faßte er sich und fragte nur kurz: »Und was nehmen Sie für die zweizeilige Anzeige?« »Nehmen? Nichts, Herr Menger. Nicht einmal Kenntnis nehme ich in der Regel von diesen Inschriften. Ich lese überhaupt nicht viel.« Menger sah Herrn Kortüm ratlos an. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Echowirt sprach, klang so echt. Und dazu dieser ganze Anblick: die silberne Windfahne, und wie dieser Herr Kortüm da stand und sich abhob von diesen Wänden, die wie bei den alten Ägyptern bedeckt 534 waren mit Schriftzeichen von oben bis unten; eigentlich war es zum Fürchten. »Sagen Sie, Herr Kortüm, wann schreiben denn die Leute ihre Anzeigen hier an?« »Früh, vormittags, mittags, nachmittags, nachts.« Jetzt sah Menger den Echowirt verstohlen an und fragte: »Die Gäste trinken dabei natürlich?« »Manche essen auch beim Lesen.« »Da haben wir's!« Herr Menger stand plötzlich auf, die Windfahne zitterte leise und blitzte im Licht: »Sie erheben also indirekte Gebühren.« »Ich bin ein Gastwirt. Was sollte aus mir werden, wenn alle Gäste so dasäßen wie Sie, Herr Menger, und nichts verzehrten?« Gleich am Tage nach Mengers Besuch bot sich Herrn Kortüm die Möglichkeit, dem ganzen Schottengelände zu beweisen, daß Gäste an die Wände schreiben können, so viel sie wollen, wenn der Wirt es nicht verbietet. Und wenn schon die Bevölkerung die Wände der Echostube »Die Kortümzeitung« nennt – »ein Zeitungsblatt ist ein papierener Gegenstand«, sagte Herr Kortüm und schlug heftig auf zwei eingeschriebene Briefe, die sehr ähnlich lauteten, obgleich sie aus zwei verschiedenen Schreibmaschinen kamen; den einen hatte der »Besenröder Anzeiger« und den anderen das »Esperstedter Tageblatt« geschrieben. In beiden Briefen war von gewerbsmäßig betriebenem Anzeigenwesen die Rede, von indirekten Gewinnen aus dieser gewerblichen Tätigkeit und sogar von unlauterem Wettbewerb. Früher hätte Kortüm den Streit ums Recht aufgenommen. Aber die Echostube war eben nicht mehr das Flügelhaus. Der Echowirt Kortüm glich freilich dem Flügelhauswirt Kortüm noch aufs Haar – nur sein Lebensraum hatte sich verengt. Wie Kortüm sich drehen mochte, er stieß an Wände. Wohin er blickte, überall so eine verdammte Mauer. Kortüm riß wie Noah die Dachluken auf, ja. Aber so freie Luft wie früher atmete er nicht mehr. Und wenn ihm einmal ein großer Gedanke kam und er sich ganz aufrecken wollte, mußte er fürchten, ans Gewölbe zu stoßen. Wenn jedoch die Torheit, die Trägheit, der Zopf und das Bankkonto, in weiteren Kreisen bekannt unter dem zusammenfassenden Namen »Schicksal«, diesen Herrn Kortüm in ein Schneckenhaus steckte, so barst eben die Kalkschachtel, und das Leben flutete unaufhaltsam an ihn heran und schrieb seine wundersamen Zeichen an seine Wände, mehr Zeichen, als die Wände fassen konnten. Gott, laß uns leben: mit 535 diesem Spruch trank sich Kortüm früher im stillen selber zu – jetzt sagte er beim ersten Schluck ziemlich laut vor sich hin: »Auf den Tag!« Jeden gottlob durchlebten Tag strich er aus auf dem Wandkalender; in fünf Jahren war der Pachtvertrag abgelaufen, dann kam Kortüms großer Silvester. »Auf den Tag« murmelte Kortüm, »vier Jahre und dreihundertvierzig Tage muß ich noch mit mir reden lassen.« Und Kortüm überwand sich, tauchte die Feder ein und teilte den beiden Zeitungen höflich mit, daß er das Beschreiben seiner Wände verbieten werde. Ja, er bestellte in den Druckereien der beiden Zeitungen gleich die nötigen Verbotstafeln, zwei in Esperstedt, zwei in Besenroda. Da Kortüm nur verlangt hatte, die Tafeln auf gutes haltbares Papier zu drucken und auf dicke Pappe zu kleben, läßt sich denken, daß die Druckereien nun das ihrige taten, um dem Unwesen zu steuern. Die Verbotstafeln hatten die Maße von mittleren Fensterläden. Jedoch Kortüm überwand sich abermals und hing sie auf, an jeder Wand eine Tafel. Der Erfolg war erstaunlich. »Das laß ich mir gefallen«, sagte Kersch, »die Wände waren grade voll. Aber nu is je wieder Platz«, und machte auf dem breiten freien Rand einer Verbotstafel bekannt, daß er einen stubenreinen Hund zu verkaufen habe. Wohl viermal am Tage untersagte der Echowirt das Beschreiben der Verbotstafeln. In seiner Gegenwart inserierte auch niemand. Aber nach acht Tagen waren die vier Tafeln vollgeschrieben, und Hiebrich riet Herrn Kortüm, nun doch etwas größere Tafeln drucken zu lassen, auf die mehr draufginge. Es kam nicht zu einem erweiterten Neudruck. Als Herr Menger von dem Mißbrauch der Verbotstafeln erfuhr, entschloß er sich zu einer Lokalbesichtigung und nahm zwei Berufsfreunde mit. Die Angelegenheit war für beide Teile strittig. Man suchte nach einem Mittelweg. »Lassen Sie die Wände schwarz anstreichen«, sagte Herr Menger. Kortüm antwortete gar nicht auf einen solchen Vorschlag. »Die silberne Windfahne«, redete ein Mitarbeiter Mengers zu, »wird sich dann sehr wirkungsvoll abheben.« »Jawohl!« rief Kortüm zornig, »wie in einem Sarggeschäft!« Am Ende einigten sich die Gegner auf eine tiefdunkle neutrale Ölfarbe. »So können Sie Ihre Wände ja doch nicht auf die Dauer lassen«, tröstete einer der Presseherren den Echowirt. – 536 Als der Malermeister seine Leitern aufstellte, murmelte er: »So was hat die Welt noch nich gesehn.« Auch Lotte bedauerte die Vernichtung der Schreibflächen. Die Echokasse hatte sich recht gut dabei gestanden. Als aber der Maler wieder abgezogen war und das Schottengelände den neuen Tatbestand vierundzwanzig Stunden geprüft hatte, ging mit Kortüms Wänden eine Veränderung vor sich, die bewies, daß das Volk sich gutwillig keine schlechte Angewohnheit nehmen läßt, die sich bewährt hat. Zunächst war der Zulauf so stark, daß Kortüm einen Hilfskellner einstellen mußte. Jeder wollte eine Gaststube sehen, wie es keine zweite auf Erden gab, düster, geheimnisvoll. Die Zecher saßen wie in Klostergewölben bei hundertjährigem Wein; so hat Auerbachs Keller ausgesehen, ehe das helle Jahrhundert die faustische Dämonie hinaustrieb. Auch im »Blutgericht«, dem alten Weinkeller unter dem Königsberger Schloß, weht von den Kurfürsten her noch ein warmer Hauch des Raumgeistes wie in Kortüms dunkler Stube um den zartduftenden Wein. Alle wollten das Mirakel des Schottengeländes mit eigenen Augen sehen. Manch einer erlebte es sogar. Der alte Kapitän Langloff, der gerade zu Besuch bei seinem Sohn im Sanatorium weilte, erschien in Kortüms Abwesenheit, um eigentlich nur einmal hineinzugucken. Als aber der Echowirt von seinem Geschäftsgang zurückkam, saß er immer noch fest vor Anker im tiefen Lederstuhl am runden Tisch unter der silbernen Windfahne, hatte eine Flasche Bordeaux vor sich und, wenn ihn Kortüm recht verstand, murmelte er, widerwillig mit dem Kopfe nickend: »Jederlei Hochachtung . . .« Uralte rissige Steinfugen geben ehrwürdigen Gewölben die Hoheit der überlebten Zeit; die Echostube hatte keine alten echten Mörtelfugen, aber siehe – reizvoller als Fugenfiligran, spinniger als Spinneweben belebten Kortüms Wände buchstabgewordene List, Hoffnung, Geldgier, Rüpelei, Lebensangst und Sorge; in wenig Wochen überzog sich das schwärzliche Gewände von neuem, nur noch gespenstischer als vordem, mit Wirklichkeit. Bleistift und Rotstift hinterließen keine werbekräftige Spur auf der Ölfarbenwand – die Inserenten zogen Kreide aus der Tasche und schrieben weiß auf schwarz, was sie los sein oder haben wollten. In wenig Wochen bedeckte das Leben Kortüms Wände von unten bis oben mit seinen geheimnisvollen Zeichen. Im Anzeigenteil der Zeitungen ist manchmal Lebendigeres zu lesen als vorne in den Leitartikeln; unsichtbare Hände schrieben an Kortüms Wände Wahrheit 537 um Wahrheit. Groß waren die Echostuben nicht, keine Säle jedenfalls, aber wer hier saß, glaubte im gesamten Schottengelände zu sitzen, das dieser Herr Kortüm für seine Gäste nur ein wenig zusammengerückt und unter Dach gebracht hatte.   Leere Welt Die Echostube trug die Zeichen und Narben des Lebens an sich von der Bodenleiste bis zur Decke. Bereits die alten Ägypter hatten mit diesem Verfahren, die Wände zu beschreiben, gute Erfahrungen gemacht. Kortüms noch beträchtlich hinter Ägypten liegender Pamir mit seinen Märchenorten wahrscheinlich auch. Es gibt aber Wände mit schwer leserlicher oder für Neulinge ganz unsichtbarer Schrift, und Klaus Schart hatte Mut genug, sein Quartier bis auf weiteres in eine solche Wandschaft zu verlegen, statt auf Kortüms Rat nach Gilghit oder Taschkent; er folgte Utzenstorffs Rat und reiste nach Berlin, wo er die große Welt vermutete – Leistungsmöglichkeit, Ruf, Ellbogenfreiheit und am Ende Werk, Ruhm, Besitz und – Konstanze. Nun, man wird ja sehen. Die Behörde hatte jedenfalls sein Gesuch um Urlaub nach einigem Hin und Her auf Grund erwiesenen Talentes unter der Bezeichnung »Begrenzte Studienzeit« gewährt. Klaus Scharts Vorbereitungen waren entsprechend seiner knappen Kasse nicht ungeschickt. Er bat Professor Holdermann um Auskunft, wo ein Mann mit möglichst wenig Geld möglichst lange in Berlin sein Leben fristen kann. Der Maler schrieb ihm, seine Schüler wohnten bei einer gewissen Frau Mollenhauer in der Benkestraße, nicht weit vom Vergnügungspark »Traumland«, ein oder zwei Haltestellen hinter Pankow Nordbahnhof. Frau Mollenhauer wäre die Mutter seines ehemaligen Modelles Kitty, das jetzt in Berlin tätig zu sein schiene. Holdermann hätte noch keine Klagen gehört, Klaus solle es versuchen und nicht vergessen, den Produktionschef der World, Herrn Utzenstorff, bestens von ihm zu grüßen. Wo man in Berlin wohnen könne, war von Klaus sorgfältig erkundet worden. Wann ein Fremder aber am besten in Berlin eintrifft, das hatte er zu erfragen vergessen. In dem begreiflichen Wunsch, auch nicht einen einzigen Tag zu verlieren, fuhr Klaus in der ersten Urlaubsstunde ab nach Berlin. Das war ein Sonntagmorgen. Nachmittags traf 538 er auf dem Anhalter Bahnhof ein, bestieg die richtige elektrische Straßenbahn, verließ sie aber an der falschen Haltestelle und ging nun mit seinem leichten Koffer zu Fuße die Linienstraße entlang – man wolle es bedenken: an einem sonnigen Sonntagnachmittag zwischen vier und fünf Uhr ging Klaus Schart die Linienstraße entlang . . . Nicht Vulkanausbrüche oder Springfluten können die Seele des Menschen lähmen mit dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Daseins, wohl aber der Anblick einer endlosen menschenleeren Vorortstraße im Fünfuhrlicht eines sogenannten schönen Riesenstadtsonntags. Die eine Häuserreihe der Linienstraße lag im Schatten, die andere beschien jene Sonne, die nur Sonntag nachmittags gegen Fünf scheint. Ein Fenster wie das andere, ein Balkon wie der andere, zehntausend Balkons, hunderttausend Fenster. Eine Haustür glich der anderen, ein Torweg dem anderen, und die Seitenstraßen waren nicht zu unterscheiden. Kein Mensch zu sehen – doch, da ging einer. Klaus wäre ihm fast nachgelaufen, um ihn zu begrüßen. Und dort an der Ecke stand ein Schutzmann, blickte in den blauen wolkenlosen Himmel hinauf und gähnte. Die Straßenbahn kam gerattert – sie war leer. Alles war leer, steinern, still und leblos. Nur ein Radio näselte irgendwo in der Ferne. Klaus stellte den Koffer hin und horchte: dort müßte nach menschlichem Ermessen ein lebender Berliner sein. Wo aber waren die anderen? Ob sie schliefen? Auf alles war der Mann aus Hörsel hinterm Wald hinter Eisenach gefaßt – auf das atemlose Hasten der Weltstadt, das Durcheinander der Millionen, aber nicht auf leere Bürgersteige, blank gefegte Fahrdämme, auf Öde und trostloses Nachmittagslicht. Er nahm seinen Koffer wieder auf – diese Linienstraße! Ohne Anhalten lief sie auf ein Etwas zu, das es in Wirklichkeit nicht gibt, aber im Zeichenunterricht Fluchtpunkt genannt wird. Klaus überkam das Gefühl, ins Garnichts zu wandern. Endlich schien sich etwas zu ändern: die Häuserreihe, obgleich sie gradlinig ins mathematisch Unendliche weiterfloh, hatte eine Lücke. Ein großer leerer Platz tat sich auf. Klaus zögerte, ihn zu überschreiten. Oh, wenn jetzt ein Milchwagen gekommen wäre, in der Mitte des Platzes ein Rad verloren und als Trümmerhaufen dem Auge einen Ruhepunkt gegönnt hätte! Linien ohne Ziel zwingen wenigstens zum Fortbewegen, aber dieser Platz ohne Mittelpunkt schien selbst ganz leise zu schwanken. Klaus ging an den Häusern hin. In einer Seitenstraße sah er eine Autotaxe stehen. Er weckte den schlafenden Chauffeur und nannte ihm die Wohnung der Frau Mollenhauer. 539 Nach wenigen Minuten stand Klaus vor einem Haus, das denen glich, die seinen Weg zum Fluchtpunkt seit einer Stunde begleitet hatten. Im Erdgeschoß wohnte links Becker, rechts Schmidt. Klaus stieg die Treppen hinauf und ging vorbei an den Türschildern Fischer, Vogel, Schwarz, Müller, Krause, Hofmann bis in den vierten Stock hinauf, wo gegenüber einem gewissen Richter endlich das Porzellanschild mit der Aufschrift »Mollenhauer« zu ihm sagte: »Hier erwartet dich jemand. »Grade noch«, sagte Frau Mollenhauer. Sie wollte eben in die Nachmittagsvorstellung des Kinos gehen und konnte es bei ihrer Leibesfülle nicht auf die letzte Minute ankommen lassen. Grade noch den Flur- und Hausschlüssel vermochte sie Klaus einzuhändigen. »Eingewöhnen« mußte er sich selber. Es war eben Sonntagnachmittag. Der Untermieter Klaus Schart setzte sich auf einen Stuhl, einen sogenannten Wiener Rohrstuhl, und war bei sich zu Hause: ein Waschtisch, ein Salontisch, ein zweiter Rohrstuhl und das Bett. Über dem Bett ein Bild, das die Kahnfahrt eines Liebespaares auf einem Parkteich darstellte, vorn Schwäne, hinten ein Schloß. Klaus trat zum Fenster. Häuser mit gleichen Fenstern und gleichen Balkons. Je zwei Fensterpaare schienen zu einer Wohnung zu gehören; durch die einen Fenster sah Klaus die Kopfenden der Betten, hinter den anderen Fenstergläsern Blumentöpfe. Betten, Pelargonien, Betten – Klaus fing an zu zählen. Die einzige Abwechslung boten die Eimer, die auf den Balkons standen; einmal waren sie blau emailliert, einmal weiß. Manchmal lehnte auch eine Küchenleiter neben der Balkontür, und dort drüben hatte jemand seine Briketts aufgeschichtet. Über den Dächern der wolkenlose Himmel. Sonntagnachmittagsstille. Offenbar befand sich Klaus allein in Berlin. Die übrigen vierdreiviertel Millionen Berliner waren verschwunden – bis auf Frau Mollenhauer, einen Schutzmann, ein paar Chauffeure und Straßenbahner und zwei oder drei Dutzend sonntäglich gekleidete vergessene Passanten. Heute früh, als Klaus in Hörsel die Gartentüre aufschloß, hatte ein Zweig des Fliederbusches mit dicken Knospen sein Gesicht gestreift. Klaus öffnete das Fenster, sah in schwindelnde Tiefe hinunter, sah straßauf, straßab: Stein, Stein. Und Glas. Und der blaulackierte Himmel. Er starrte die beiden Schlüssel an, die er immer noch in der Hand hielt. Das also schließen die auf? Plötzlich horchte Klaus. Er riß die Tür auf. Der Gang war leer. Aber hinter der verglasten halboffenen Küchentüre klapperte Geschirr. Ein Mensch! Klaus klopfte an. 540 »Ja?« Der Untermieter Schart stand auf der Schwelle still; auf dem Küchentisch saß eine geschmackvoll angezogene junge Dame, die eben kein Auge wenden konnte, weil sie aus einer Blechdose vorsichtig Kaffeebohnen in das Lot laufen ließ. Da fiel eine Bohne vorbei. »Guten Tag«, sagte Klaus. »So.« Das Lot war voll. »Guten Tag.« Die Bohnen prasselten in die Mühle. »Der Professor Holdermann hat Ihnen unsre Adresse gegeben, ich weiß.« Klaus lehnte am Küchenherd. Die Tochter ihrer Mutter wäre sie, erklärte ihm das hübsche Kind, Kitty Mollenhauer, ja, und sie habe es sehr eilig, weil Sonntag wäre. Nur einen Schluck Kaffee noch rasch. Woher Klaus käme, wollte sie wissen. »Hörsel, ach.« Kitty begann, dem Fremdling mit viel Sachkunde den Unterschied zwischen dem kleinen Ort Thüringen und dem großen Ort Berlin klarzumachen. Eine Weile hörte er zu. Dann sagte er: »Eins möchte ich wissen, Fräulein Mollenhauer: wo sind Sie heute nachmittag gewesen?« Kitty stellte ihre Tasse hin: »Das laß ich mir gefallen – der fragt einen doch mal grade ins Gesicht hinein!« »Nein, ich meine das so: ich bin auf dem Bahnhof angekommen, habe mich verlaufen. Die Straßen sehen hier alle so ähnlich aus. Die Menschen übrigens Gott sei Dank nicht«, er verbeugte sich leicht vor Kitty. »Ja, aber wo sind die Leute? Die Stadt ist leer.« »Frage! Bei so'n Wetter? Aufm Müggelsee und so. Ich muß auch gleich wieder fort.« »Hoffentlich sind die Herrschaften Montag früh wieder zurück. Sonst steh ich morgen allein in der World.« »Im Film?! Sie sind vom Film!« Als Kitty vernahm, daß dieser Untermieter morgen vom Chef der Produktion der World empfangen werden sollte, sprang sie vom Tisch. Klaus gab sich alle Mühe, Kitty zu überzeugen, daß er in der World vorläufig gar nichts zu bedeuten habe, jedenfalls noch keine Gäste mitbringen könne. Kitty hörte gar nicht zu. Das war einmal ein Untermieter! Sonst wohnten hier Amtsanwärter oder günstigenfalls Amtssekretäre mit Pensionsberechtigung, manchmal auch Kunstmaler ohne Pensionsberechtigung, dafür wieder mit anderen Vorzügen ausgestattet, aber ein netter junger Mann, der zum Chef der Produktion der World bestellt ist, der hatte noch nicht bei Kittys Mutter in der Benkestraße gewohnt! Es tat Kitty aufrichtig leid, daß sie jetzt fort mußte: »Aber Verabredungen halte ich 541 ein. Das ist mein Prinzip.« Sie versicherte ihm, daß ihr noch niemals eine Verabredung so leid getan hätte, aber daß sie sich morgen wiedersehen würden. Bis um sieben sei sie im Geschäft. »Bei Schmidt. Von der Haustür nach rechts, dann dritte Straße links, das große Eckhaus.« Am anderen Morgen gab Klaus in der World seine Karte ab und erhielt den Bescheid, Herr Utzenstorff befinde sich in einer Sitzung. Klaus wartete. Er trat zum Fenster. Die Einwohner waren wieder anwesend. Verkehrsschutzleute ordneten den Festzug der Arbeit und des Geldes. Selbstvergessen sah Klaus diesem gewaltigen Spiel um Tod und Leben zu, bis ihn ein Diener aus seiner Betrachtung riß: Herr Schart könne Herrn Utzenstorff erst übermorgen sprechen. Der Chef sei eben auf dem Wege zum Flugplatz. Ganz plötzlich. Er lasse grüßen. Leider verhinderten auch am übernächsten Tage drei unerwartete Sitzungen, die zwischen vier festgelegte Konferenzen eingeschoben werden mußten, den Empfang. Aber an einem abermals übermorgigen Tage gelang es. Klaus wurde in ein holzgetäfeltes Sitzungszimmer geführt. An langem Tisch saß in der Mitte zwischen fünf oder sechs anderen Herren der Chef: »Mm . . . Klaus Schart.« Utzenstorff stellte den Untermieter aus der Benkestraße den Anwesenden vor, die sämtlich zweifellos keine Untermieter waren. »Doktor Halske, die Lage. In drei Worten«, befahl Utzenstorff. Klaus erfuhr folgendes: »Milieu Achtzehnhundertsiebzig. Zwei Männer lieben ein und dieselbe. Sie liebt A. A verschwindet aus der Handlung. B bekommt sie. Drehbuch brauchbar, aber die vertraglich feststehende Darstellerin findet den resignierenden Ton in den letzten hundert Metern nicht. Demnach die neue Aufgabe: Grundschema unverändert – zwei lieben dieselbe. Sie liebt A, muß sich aus zwingenden Gründen für B entscheiden. B ist jedoch der Freund des A. Er überwindet sich, Seelenkämpfe und so weiter. B sagt nein. Sie bekommt A.« »Schart«, sprach Utzenstorff, »Sie bauen uns den Handlungsentwurf auf. Schlüssige Motivierung. Vor allem bitte: neuartig. Nicht so Sachen wie Armut contra Reichtum oder Kriegsausbruch oder der Vater will nicht: neu! Doktor Halske – die Einzelheiten.« Der Assistent erhob sich. Klaus merkte, daß er entlassen war, und folgte Halske, der in einen erstbesten leeren Raum eintrat und Klaus die Termine, das Honorar und einige technische Bedingungen bekanntgab. »Kasse Erdgeschoß links, bitte.« 542 Ehe sich's Klaus versah, befand er sich in einem Menschenpaket, das die Verkehrsschutzleute von Kreuzung zu Kreuzung weiterbeförderten. »In zwanzig Tagen muß der Entwurf fertig sein«, murmelte er bei Rot. »Aber ich habe fünfhundert Mark Anzahlung in der Tasche«, sagte er bei Gelb. Und als der Strom bei Grün wieder floß, tat er einen Sprung seitwärts ans Ufer, landete in einer komfortablen Gaststätte und nahm die Speisekarte und Getränketafel entgegen, die man ihm höflich überreichte. Klaus speiste wie ein Mann, der mit Problemen im Gehirn, aber zehn Fünfzigmarkscheinen in der Tasche zu speisen pflegt. Dann fuhr er in die Benkestraße, kaufte tausend Blatt glattes Schreibpapier, legte den Papierstoß auf den achteckigen Salontisch und setzte sich auf den Wiener Stuhl mit dem Rücken gegen Schloß und Schwäne. Er hatte nun den Waschtisch vor sich. Wenn er den Kopf hob, sah er im Spiegel das Bild eines Mannes, der – durchaus nicht ohne Geldmittel – nunmehr zur Sache kommt. Einen Tag schrieb Klaus, zwei Tage, auch am dritten versuchte er es noch, dann standen ihm die Gedanken still. Die Leute im Haus gingen alle früh zur Arbeit. Nur ausnahmsweise schallte einmal Lärm oder Musik bis an seinen Salontisch. Aber fast auf den Schlag vier Uhr dreißig Minuten öffneten die Rundfunkgeräte im Haus, neben, unter und über dem Haus ihre Rachen. Manche Ärzte wollen bei uns Zeitgenossen eine merkbare Abstumpfung des Gehöres bemerken können, die sie aus Überbeanspruchung infolge gewaltsamen Einbruchs der Zivilisation zurückführen. Den Segen des Rundfunks verwandeln Schwerhörige bekanntlich nur zu leicht in Fluch; unglücklicherweise war das Haus Benkestraße offenbar nur von Schwerhörigen bewohnt. Klaus hatte es schlecht getroffen mit seiner ersten Berliner Wohnung. Selbst Kittys freundliche optische Erscheinung änderte nichts an dem akustischen Unglück. Alle Funkgeräte rings um Klaus gaben mit Gewalt von sich, was Europa bis gegen zehn oder elf Uhr nachts zu singen und zu sagen hatte – manchmal auch etwas länger, wenn bei Richters oder Hofmanns Geburtstag war. Klaus packte seinen Koffer. Kitty half ihm dabei trotz ihrer Betrübnis und versprach fest, in der neuen Wohnung auch wieder auspacken zu helfen. Der Schriftsteller der World begab sich jetzt in eine sogenannte bessere Gegend. Er war ja nicht ohne Geldmittel. Im zweiten Stockwerk eines eleganten Hauses der Graf-Witt-Straße setzte er seinen Koffer nieder. Der Preis für das Graf-Witt-Zimmer war beträchtlich höher, aber statt des Rohrstuhles gab es hier Plüschsessel und statt des 543 Liebespaares mit Schwan und Schloß eine Heidelandschaft. Im übrigen erfüllte sich die Hoffnung des arbeit- und gedankenbedrängten Mannes nicht. Unter seinem Zimmer wohnten Herrschaften, die zwar auch Krause hießen, aber zur Zeit in Ägypten weilten und deren treue Hausgehilfin, einsam und nur mit dem Hüten der Wohnung beschäftigt, das Radio zum Morgenkaffee in Gang setzte und dann weiterlaufen ließ. Über Klaus wohnten Herrschaften, die Vogel hießen, vier Töchter zwischen zwanzig und dreißig besaßen und scheinbar einen Tag um den anderen ein kleines Tanzfest veranstalteten mit nicht nur schwerhörigen, sondern völlig mit Taubheit geschlagenen Gästen. Klaus verknäuelten und zerrissen die Gedanken. Er schwankte zwei Tage zwischen Weinkrämpfen und Wutanfällen und klagte am dritten abends Kitty seine Not. Das gescheite Mädchen nickte. Sie hatte schon einmal jemand gekannt, der so dumm war, daß sie ihm die Schnürsenkel in die Schuhösen ziehen mußte, und dabei so voll Gedanken gefüllt, daß die schon von ein bißchen bayrischer Biermusik in Unordnung gerieten; solche Männer tun besser, zum Beispiel in der Meisengasse zu wohnen. »Wo??« Kitty beschrieb die Siedlung: idyllisch im Grünen gelegen, wenige Minuten vom See und gar nicht teuer. Die Manuskripte wurden abermals verpackt, und Klaus bezog ein sonniges reizendes Zimmer eines niedlichen Neubaus im Kuckucksgrund, nahe Meisengasse, nicht weit vom See. In dieser Gegend standen die Leute um Fünf des Morgens auf, gingen halb Neun zu Bett. Aber wenn sie ihre Gärten umgruben oder düngten, stellten sie das Radio an und öffneten die Fenster, damit sie bei ihrer Arbeit auch etwas von der Musik hatten. Die Häuser und die Gärten waren klein, die Nachbarn in allem wesentlichen einer Meinung, so daß die herrliche freie Landschaft widerhallte von der »lustigen Musik am Vormittag«, von der »fröhlichen Stunde nach Tisch« und von dem »heiteren Konzert am Nachmittag«. Jetzt geriet Klaus auf Selbstmordgedanken. Eines Tages ging er zu Doktor Halfke und gab offiziell folgende Erklärung in der World ab: »Ein Viertel des Entwurfs ist fertig. Ich selbst bin ganz fertig. Hier kann ich nicht arbeiten. Ich reise ab. Vorher wollte ich nur noch fragen: was ist dieses Berlin überhaupt? An einer Stelle ein Dorf. An einer anderen Chikago. Weimar gibt's auch hier – ist diese Stadt alles zugleich?« Halfke nickte: »Ich habe auch jahrelang eine Wohnung gesucht. Es gibt hier keine. Nur Provisorien. Eines Tages glauben Sie, Ihr 544 Unterkommen gefunden zu haben. Und am andern Morgen erkennen Sie die Gegend nicht wieder. Provisorisch kann ich Ihnen vielleicht helfen. Mein Bruder ist wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am ägyptischen Museum. Er wohnt dort. Ich will mal hören.« Kitty hatte in ihrem jungen Leben vielen Künstlern beim Umzug geholfen. Jetzt aber geschah, was auch Kitty noch nicht erlebt hatte. Klaus bezog ein gewölbtes kleines Gelaß in den Substruktionen des Staatsmuseums – eiserne Bettstelle, Holzstuhl, Tisch, nichts sonst. Hier hatte früher der Nachtwächter gewohnt, war jedoch im Laus der Jahre in Melancholie verfallen und in eine Stube im Dachgeschoß versetzt worden. Seitdem ging es ihm besser. Klaus Schart aber sah seine Kammer an, breitete die Arme aus, legte sie zärtlich an die graue Wand, streichelte den Beton und murmelte: »Zwei – ja, zwei Meter dick!« Er legte die Wange an den rauhen Stein und sagte: »Beton, du bist verkannt. Ein häßliches Pulver scheinst du zu sein, Zentner für Zentner verpackt in staubige Papiersäcke, und in Wahrheit bist du das schützende Element der zeitgenössischen Dichtung. In alten Zeiten hielten die Musen Blütenzweige über ihren Dichter, Hypnos bestreute den Müden mit Mohnkörnern und säte den schöpferischen Schlaf in seine Seele – heute aber, oh Muse, rührst du denen, die du lieb hast, zart grauen Beton mit köstlich klarem Wasser an, streust goldgelben Kies in die sanfte Mischung, baust Gemäuer um den Dichter, meterdick, und hältst ihm die Ohren zu mit deinen Fingerchen, du Gute!« Endlich konnte Klaus arbeiten! Wenn er nachts mit der Taschenlampe an den Mumien vor seiner Kammertür hinging, sah er seine Nachbarn aus dunklen Augenhöhlen in die Ewigkeit starren. Ihre Teller, ihre Becher, Kämme und Nagelscheren lagen in Glaskästen, und ihre Papyrusrollen standen in langen Reihen daneben. Heute kehrte er später als sonst zurück. Im Museum war es dunkel. Klaus öffnete seine Mappe, ließ jedoch die Papiere drin und holte einen walzenförmigen Gegenstand heraus, den er vorsichtig aus dem Seidenpapier auswickelte – eine Weinflasche! Eine volle Flasche – und mit Recht: Klaus Schart hatte seine Arbeit beendet. Er zog den Korken heraus, und da er kein Glas besaß, die Becher der ägyptischen Herrschaften jedoch unter Verschluß standen, nahm Klaus einen Schluck aus der Flasche, noch einen, mehrere – er setzte sich auf eine Treppenstufe, von der aus er die Mumie im Mondlicht sah, und sagte zu dem König von Theben: »Majestät! Fünftausend Jahre sahen Sie die Menschen vorübergehen. Sie sind Eurer Ewigkeit bekannter als meinen 545 achtundzwanzig Jahren, und Majestät wissen: der keimende Gedanke birgt den künftigen Geist. Warum wird das Verbrechen gegen das keimende Leben immer nur einseitig bestraft, warum gehen die Zerstörer der keimenden Idee straflos aus? Die Denker, Erfinder, Maler, Ingenieure, Dichter, Musiker sind heute nicht wohlhabender als zu Euer Majestät irdischer Regierungszeit. Vor fünftausend Jahren aber konnte noch niemand mit einem Fingerdruck frühmorgens ein Orchester anstellen und in Gang halten, bis die Sonne hinter der Sahara unterging. Gedankeninhaber sind nicht immer Parkinhaber. Oh König, ziehe die gedankenlosen Räuber des Schaffens zur Rechenschaft, beuge die harmlosen Mörder der Idee unter das Gesetz und rufe sechsmal am Tage von der Freitreppe des Alten Museums zu Berlin in die Welt hinaus: Schützt den keimenden Geist!« »Ich sage ja: 'n unjesundes Jewölbe. Nu hat's den auch. Un so 'n junger Mensch noch!« Schreckhaft war Klaus sonst nicht, aber als es hinter ihm mit Menschenstimme murmelte, drehte er sich entsetzt herum. »Sie, Herr Doktor –« Klaus atmete auf: das Wesen da zwischen den Mumien trug eine Amtsmütze und hatte blanke Wappenknöpfe am Rock. »Ob hier Privatpersonen Ansprachen halten dürfen, das frage ich mir. Ob aber Privatpersonen hier 'n Jelage halten dürfen, das frage ich mir nich: das is unter allen Umständen verboten.« »Ich wohne doch hier. Sie wissen doch, ich habe Erlaubnis –« »Entschuldigen Sie: aber Sie wohnen dort. Hinter der Tür. Was haben Sie denn da?« »Das ist bloß eine Flasche, Herr Aufseher.« »Seh ich – aber was für 'ne Flasche?« Klaus hielt sie ins Licht der Taschenlampe. Der Nachtwächter las das Schild, er roch hinein. »Da ist nur Wein drin«, sagte Klaus beruhigend. »Anjeblich.« Der Nachtwächter nahm einen Schluck. »Hm. So was führen wir hier nich. Ägyptisch schmeckt sie nich. Jestohlen ist sie nich.« Er nahm einen Schluck: »Nee, janz zeitjenössisch.« Er reichte Klaus die Flasche zurück und sprach väterlich: »Und wenn ich Ihnen raten darf, Herr Doktor, jehn Sie jetzt ins Bette und ziehn Sie morgenden Tages hier aus.« Klaus schüttelte den Kopf: »Es ist so schön still hier.« »Das eben ist das Jift. Wenn's in Zossen stille is, is das jut so. 546 Wenn's aber in Berlin wo stille is, hat da was nich seine Richtigkeit. Wer sich mang die abjelebten Zeiten hier nich jrault, bei dem jeht schon so 'n bißchen 'n Sprung durchs Porzellan. Nehm' Sie juten Rat an un denken Sie an Ihre jeistige Jesundheit.« Der Nachtwächter ging seinen Amtsweg weiter. Klaus sah ihm nach. Im Mondlicht tauchte die Uniformmütze neben dem thronenden König Echnaton auf, der seine Frau in den Armen hält und auf den Mund küßt, nun schon im dreitausendunddreihundertachten Jahr. Jetzt zieht der wandelnde Schatten über die bunten Holzsärge an der Wand hin. Die Lampe blitzt auf. Ihr Schein huscht über das zarte Köpfchen einer mondänen Fürstin. Der Wächter verschwindet zwischen den Granitsäulen. Seine Schritte verhallen. Es ist totenstill. Schaffensstill. Klaus hält seine Flasche ins Mondlicht: etwas ist noch drin. Er sucht seine Tür. Das Türschloß knackt ein. Stumm wie die Funktürme rundum auf dem Erdball, so stumm wie diese Türme, die schweigend zu reden vermögen, stehn die Jahrtausende in diesem Saal und sehn sich an.   Der kürzeste Weg Dieses Kapitel des Kortümschen Daseins beginnt mit einem Donnerschlag. Mit einem so blitzkrachwummernden Hall, daß die Fenster zitterten, die silberne Windfahne von selber eine Vierteldrehung machte und Herr Kortüm die eben angehobene Kaffeetasse klirrend an der Untertasse vorbeisetzte, umstieß und den Stuhl beim Hochspringen an die Wand warf. Ein paar Sekunden tiefe Stille. Mit offenem Munde und schiefgehaltenem Kopfe horchte Kortüm. Jetzt rief draußen jemand, ein anderer antwortete in der Ferne etwas. Wieder Stille. Kortüm lief ins Freie. Ist das Sanatorium in die Lust geflogen? Die Gebäude standen aufrecht, keine Rauchwolken zu sehen, keine Trümmer. Aber da vorn rannten Leute. Kortüm eilte ihnen nach. Als er ans Tanneck kam, sah er die Straße bis zur großen Biegung vor sich. Ja – war denn das aber die Straßenbiegung? Kortüm sah sich um. Er stand richtig: von hier aus erblickte er jeden Morgen den alten farnumwucherten Felsstock, den die Einwohner die Schottennase nennen und dessen scharfkantigen Gipfel der erste Strahl der aufgehenden 547 Sonne traf. Kortüm ging zögernd weiter: wo die Schottennase gestanden hatte, war Luft – leere Luft, und durch die Luft erblickte Kortüm ferne Höhenzüge. Im Näherkommen schritt er über Steinsplitter, dann über Felsbrocken. Herr Kortüm trat heran. Die Zuschauer machten ihm Platz, stellten sich im achtungsvollen Halbkreis um ihn herum; der Herr des Schottengeländes starrte stumm die Zerstörung an. Arbeiter mit Karren kamen, Männer mit Bohrmaschinen liefen herum. Ein fremder Herr schrieb etwas in ein Buch, gab Anweisungen. Als aber nun ein Auto vorfuhr, der fremde Herr zu dem Fahrer sagte: »Zum Gasthof oben!« und sich anschickte einzusteigen, legte Kortüm den Kopf zurück, kratzte sich in den Bartstoppeln und sprach: »Wollen Sie dort weitersprengen?« Der Herr lächelte: »Zunächst nur frühstücken. Sind Sie der Wirt?« »Kortüm«, sprach Herr Kortüm mit leichter Kopfbewegung. »Ingenieur Müller«, stellte sich der Fremde vor. »Herr Ingenieur, falls Sie mit dieser Demolierung der Landschaft beruflich zu tun haben sollten, erlaube ich mir Ihre Aufmerksamkeit nur noch rasch auf die Umgangsformen zu lenken, die außer in Kriegszeiten in bewohnten Landstrichen üblich sind: wer nichtsahnend neben einer Pulvermine wohnt, darf bitten, vor der Sprengung verständigt zu werden.« Diese wohlgesetzte Rede bewog den sonst stets eiligen Ingenieur Müller, Herrn Kortüm aufmerksam zu betrachten. »Dies ist Staatsgrund, Herr Kortüm. Übrigens haben Sie einen Brief mit der Ankündigung bekommen.« »Nein.« »Dem Inhaber des Sanatoriums Flügelhaus ist mitgeteilt worden, daß wir heute morgen acht Uhr sprengen. Ich selbst habe den Brief gezeichnet.« »Dann hat man das Schreiben meinem Pächter eingehändigt!« rief Kortüm empört. »Es war ja alles hinreichend abgesperrt«, beruhigte Müller den aufgebrachten Wirt. »Vor allem mich sperrt man ab! Man unterschlägt meine Briefe! Ich werde mich beschweren!« »Sache der Post. Aber, Herr Kortüm, jetzt muß ich wirklich frühstücken. Ich habe wenig Zeit – bitte?« Der Ingenieur wies auf seinen Wagen. Kortüm zögerte. Dann stieg er ein und fuhr mit dem Ingenieur die Straße hinauf. Am Flügelhauseingang bremste der Fahrer. 548 »Weiter«, sprach Herr Kortüm. Verwundert fuhr der Mann wieder los. »Rechts um die Ecke!«, befahl Kortüm, und am Püsterichbrunnen sagte er: »Halt.« Die Herren stiegen aus. Kortüm machte an der Tür der Echostube eine einladende Handbewegung: »Bitte.« Der Ingenieur blieb auf der Schwelle stehen, sah die silberne Windfahne an, die beschriebenen Wände, er sah Herrn Kortüm an. »Nehmen Sie Platz«, sprach der Echowirt gemessen und traf alle Vorsorge, daß sogleich ein so vorzügliches Frühstück auf den Tisch kam, wie es dem Ingenieur sonst nur in großen Hotels vorgesetzt wurde. Nachdem er die erste Tasse Kaffee im Magen hatte, war er etwas gefaßter, blickte sich noch einmal in der Gaststube um und sagte dann: »Nein. Hier oben wollen wir lieber nicht sprengen. Das gibt es nicht zweimal in der Welt.« »Nein«, antwortete Herr Kortüm, »aber was hilft der angenehmste Aufenthalt, wenn man nicht sicher ist, daß einem vor der Haustür Minen explodieren?« »Das fragen sich die Kriegsminister von Washington bis Tokio ebenfalls jeden Tag.« »Ich bin kein Kriegsminister. Im Gegenteil ist meine Aufgabe, meine Gäste zu erquicken. Noch eine Scheibe Schinken, Herr Ingenieur? Oh! Nein! Dazu dieses Brot bitte. Hausbackenes Schwarzbrot.« Wie Doktor Windhebel gehörte dieser Ingenieur Müller zu den Männern, die, mager und wach, dennoch so mit ihren Gedanken beschäftigt sind, daß sie sich zu unterbrechen scheinen, wenn sie mit anderen Leuten reden. Aber der Kaffee, das Brot, die Butter, die Eier waren so unerwartbar schmackhaft und so reich serviert, daß der Gast immer wieder den Wirt verstohlen von der Seite ansah und unverhohlen diese Stube betrachtete. »Hier ist gut sein«, nickte er und aß behaglich weiter. Auch Kortüm musterte seinen Gast. Es lohnt, ihn zu bewirten, dachte er. Vielleicht lohnt es auch, das Wesen dieses gefährlichen Gastes zu ergründen. »Warum«, begann Kortüm, »sprengen Sie meinem Gelände die Nase aus dem Gesicht? Wie kann es Ihnen so gut schmecken nach einer solchen Tat, Herr Ingenieur?« »Unübersichtliche Kurve.« »Die Straße bleibt dort immer schmal.« »Ich spanne eine Brücke über die Stelle.« »Eine . . .« 549 Der Ingenieur schüttelte beruhigend den Kopf. »So nur« – Er zeigte mit der Gabel in der Luft die Form – »Parallelträger.« »In die wunderbaren Basaltfelsen vor meinem Schottengelände wollen Sie eine eiserne Spinnenwebe ziehn?! So hoch wuchsen die Farne dort! Und dahinter auf der Höhe die Buchen – Professor Holdermann hat das Bild gemalt.« »Der lernt auch Eisen und Beton malen.« »Und rechts die Felsen, links der Blick auf die Ilmschleife und im Tal unten Besenroda . . . man blieb immer stehn bei den Farnen. Früh hat man gewartet, bis die Sonnenstrahlen den Kirchturm trafen. Dann lief das Licht an dem Turm herunter. Die Dächer bekamen Sonne, erst die hohen, dann –« »Das bleibt ja alles.« »Nein, Herr Ingenieur! Es ist schon fort! Weil das Bild keinen Rahmen mehr hat. Geben Sie mir meinen Felsen wieder.« »Felsen sind keine Ewigkeitswerte. Die Butter, ah, danke. Ja, und wir leben nicht zum Bilderansehn, Herr Kortüm.« »Sondern zum Sprengen!«, gab es Kortüm dem Ingenieur zornig zurück. Müller ließ seinen Blick wieder durch die Echostube schweifen und lächelte: »In Ihrem Sinne leben wir vielleicht nur noch halb. Die Maschine hat uns so viel Arbeit abgenommen und reicht so tief in unser Tun und Lassen hinein, daß wir ihr schon ein gut Teil Lebenswirklichkeit zugestehen und uns als den anderen Teil ansehen müssen.« »Teil? Ich stehe vor dem, was da ist, und bin unter allen Umständen Friedrich Joachim Kortüm. Je mehr ich erlebe, desto mehr werde ich Kortüm. Und Sie werden hoffentlich auch von Erlebnis zu Erlebnis mehr Müller. Wenn ich das nicht mehr kann, lebe ich nicht mehr.« Der Ingenieur lächelte immer noch: »Tod« – er zuckte mit den Schultern – »der Teil wird ausgewechselt, die Maschine bleibt«, er sah Herrn Kortüm an, »die ist eben nicht etwas Eingebildetes und Gemaltes; die ist da.« Kortüm zog die Augenbrauen hoch und rieb das Kinn: »Sind die Teile so leicht auszuwechseln?« »Ihre Gaststube ist freilich nicht auswechselbar und offenbar von keinem Ding ein Teil. Wenn man lange auswärts war und nach Europa zurückkommt, sieht man noch manches, das nicht auswechselbar ist. Der Okzident hat Schwierigkeiten im Maschinenweltalter. Der Islam ist besser dran. Ihr werdet ihn noch gewahr werden.« 550 »Ah! Asien haben Sie bereist?« Kortüm stand auf. »Die kleine Arbeit hier mache ich nur in Vertretung eines erkrankten Kollegen, weil ich zufällig in Europa bin.« »Also im Orient arbeiten Sie? In Bagdad? Oder in Teheran vielleicht? Sagen Sie, Herr Ingenieur, haben Sie auf Ihren Wegen dort zufällig einmal einen gewissen Haupt getroffen? Einen Ernst Haupt?« Der Ingenieur schüttelte den Kopf. »Missionar von Beruf. Nein?« forschte Kortüm weiter. »Irgendwo um den Pamir herum lebt er – oder ist er begraben.« Der Ingenieur bestrich ein Weißbrot mit Honig und sagte kopfschüttelnd: »Sie suchen einen einzelnen Menschen in Asien?« »Freilich, die Einöden sind groß dortzuland.« »Die Maschine macht sie täglich kleiner. Aber der Mensch wird dabei erst recht unauffindbar. Das mechanisierte Asien ist noch unendlicher. Suchen Sie nicht. Sie bekämen die Platzangst dabei.« Herr Kortüm setzte sich umständlich wieder an den Tisch unter der silbernen Windfahne und sagte sehr von oben: »Ich, Herr Ingenieur, habe nirgends Platzangst. Nicht einmal hier zwischen Besenroda und Esperstedt habe ich sie bekommen.« »Also schlechthin furchtlos.« Der leichte Spott entging Herrn Kortüm nicht. Wie so oft antwortete er in seinem Ärger auch jetzt mit einer Rede, die den Gastwirt um einen guten Teil des Ansehens brachte, das er mit dem trefflichen Frühstück bei dem Ingenieur Müller bereits erworben hatte. »Ja«, sagte Kortüm, »man ist so. Man ist so gewachsen. Das Gewachsene hat keine Angst. Maschinenteile wachsen freilich nicht. Die rechnet jemand aus. Dann drehn sie sich eine Zeitlang. Und dann, wenn ich so sagen darf, sind sie eines Tages alle geworden. Seien dies nun Motorteile, Lokomotivteile oder Menschheitsteile. Darf ich Ihnen noch einmal Kaffee eingießen?« Südlich Bendar Schah, auf der schwierigen Strecke der transiranischen Bahn, hatte der Ingenieur Müller so viel ungangbares Land wegsam gemacht und mit seinen Brücken und Schienen so viel tote Erde belebt, daß er wohl zu wissen glaubte, was wirklich Leben schafft auf Erden. Er lachte: »So. Na. Also ich fahre jetzt nach Besenroda« – er stand auf. Kortüm begleitete ihn bis zur Tür. Sie blieben stehen und sahen in die offene sonnbestrahlte Landschaft hinaus. Der Ingenieur kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. »Wir stehen wieder da wie am ersten Schöpfungstag, aber«, Müller zeigte in die 551 Weite, »jetzt ist sie unsre Materie. Auf Wiedersehen. Alles Gute, Herr Kortüm.« Der Echowirt sah seinem neuesten Gaste nach. Dann ging er gemächlich zum Tanneneck und weiter bis zur Sprengstelle. Kortüm legte den Kopf zurück, rieb sein Kinn und schaute in die Ferne, welche Müller vor zwei Stunden mit einer Prise Dynamit bloßgelegt hatte. »Man fängt also von vorne an?« Er setzte sich auf einen der gesprengten Blöcke. »Freilich, die Welt beginnt täglich neu . . . und sucht immer nach dem kürzesten Wege.« »Hier müssen Sie aufstehn«, sagte ein Arbeiter und warf ein Bündel Stricke auf den Boden. Kortüm war tief in Gedanken und hörte nicht. »Wir schaffen jetzt den Block fort. Stehn Sie auf«, sagte nun ein anderer Mann, der zwei eiserne Rollwalzen heranschleppte. »Stören Sie mich nicht.« Herr Kortüm bewegte nur die rechte Hand ein wenig. Die Leute sahen sich an. Sie waren fremd in der Gegend, kannten Herrn Kortüm nicht. »Was hat er gesagt?« fragte der eine den Gefährten. »Vielleicht is es bei dem nich ganz richtig hier oben. Komm, wir holen 'n Techniker.« Sie betrachteten noch einmal den Herrn, der in seinem schwarzen Rock dasaß, als ob er in Vertretung des gesprengten Felsens beruflich hier zu sitzen hätte und sich im übrigen um nichts zu kümmern brauche. Die Arbeiter gingen. Kortüm aber zog ein Blatt Papier hervor, schraubte seinen Füllhalter auf und begann: »Sehr geehrter Herr Doktor Langloff.« Nein, der Steinsitz drückte. Er suchte einen glatteren Block und ließ sich nieder mit vielem Behagen. Der Maimorgen war angenehm durchsonnt, Kortüm nicht weniger. Das Gespräch mit dem Ingenieur hatte in ihm ein wohliges Gefühl seiner selbst zurückgelassen. Selbstgewiß und selbstverständlich wie ein noch nicht gesprengter Fels saß er in diesen Steintrümmern. Endlich fühlte sich Kortüm wieder einmal von der Welt bestätigt. Er sah die stählernen Gelenke im Weltmaschinensaal skeletthaft sich bewegen, hörte das tiefe Brummen geheimnisvoll in sich selbst rasender Dynamos und fühlte die Maschen eines ungeheuren Netzes den Erdball umspannen wie das Drahtgewebe den gesprungenen Topf, die Scherben verbindend auf den kürzesten Wegen. Herr Kortüm zog die Weste straff, setzte sich aufrecht hin und hatte Freude an sich. 552 Keine Freude hatte der Techniker Gasch an der Mitteilung seiner Arbeiter, daß auf Block sieben ein Mann sitze, nichts tue, aber behaupte, daß er arbeite, und keinerlei Anstalt mache aufzustehen, so daß keine Möglichkeit bestünde, Block sieben auftragsgemäß abzutransportieren. »Zum Donnerwetter – ich gehe nachher selber hin. Nehmt inzwischen Block elf.« »Der is aber schwerer. Da reichen unsre Stricke nich.« »Holt die Ketten. Schnell 'n bißchen.« Die Arbeiter wanderten zur Gerätebude, beluden sich mit den Ketten, kamen arbeitsfreudig zum Arbeitsplatz – aber Herr Kortüm hatte seinen Sitz gewechselt und saß jetzt unglücklicherweise auf dem zur Frage stehenden Block elf. Wenn die Braven noch ihre Stricke zur Hand gehabt hätten, würden sie sich vielleicht dem Block sieben zugewandt haben. Aber nun lagen die Stricke wieder in der Gerätebude. »Stehn Sie auf hier.« Herr Kortüm schrieb mit dem Goldfüllfederhalter den Beschwerdebrief an Doktor Langloff. Er war in seiner augenblicklichen Stimmung bestens im Zuge. »Sie solln hier aufstehn, verdammig.« »Wollen Sie sich an Herrn Ingenieur Müller wenden und weitere Störungen nunmehr bitte unterlassen.« Kortüm schrieb. »Da hört doch aber gottverdammig alles auf.« »Je, Fritze, da gibt's bloß eins: mir müssen erst den Herrn abschleppen un nachher 'n Steinblock.« Zu dieser ungewöhnlichen Akkordarbeit konnten sie sich jedoch nicht entschließen und begaben sich vorsichtshalber wieder zu dem Techniker Gasch, der aber inzwischen auf einen ziemlich entfernten Arbeitsplatz geeilt war. Kortüm hatte also vorläufig Ruhe. Er konnte den Brief an seinen Pächter mit Überlegung schreiben und ihm volle Aufklärung zuteil werden lassen über den Unterschied von Besitz und Pachtung; Briefe mit der Aufschrift »An den Besitzer« wolle man in Zukunft an ihn, den Herrn Kortüm, abliefern. Kortüm schrieb deutlich und in flüssigem Stil. Jedes an die richtige Stelle gesetzte Wort hob ihn ein Stück aus der wochenlangen Daseinshemmung heraus, in die er im Gefühl des Eingemauertseins gesunken war. »Ich kann gar nicht eingemauert sein«, murmelte er, »denn ich bin immer bei mir.« Bei Windhebels Fingerzeigen in den Weltraum hinaus hatte sich Kortüm als ein im Universum gaukelndes Staubkorn empfunden: Müllers Mechanik hatte den Kortüm in Kortüm bestätigt. »Wir sind selten«, sagte er und klebte den Brief zu. Als der Techniker Gasch gelaufen kam, erhitzt und aufgeregt, sprach Herr Kortüm: »Ruhig. Eine Sprengung ist freilich der kürzeste Weg zwischen einem Felsen und einem Trümmerhaufen«, er griff einen scharfkantig gesprengten Basaltsplitter auf, »aber sehen Sie, das war vergangne Nacht noch Felsen, und jetzt ist es ein Bruchstück, das warten muß, bis es wieder irgendwo hingehört. Zerwirken Sie, Herr Techniker« – er neigte den Kopf ein wenig – »ich, Kortüm, beherberge von Beruf«, er sah den Steinsplitter mitleidig an, »bei Gott, es muß auch Leute geben, die unter Dach bringen.« Kortüm stand auf und ging. Aber nach ein paar Schritten wendete er sich noch einmal um und sagte zu dem Techniker, der dem Herrn im schwarzen Rock mit offenem Munde nachsah: »Sie sprengen auf dem kürzesten Wege, unsereiner geht den längeren – aber auf eigenen Füßen. Beide zum gleichen Ziel. Kommen Sie gut an. Ick bün all doar.« Herr Kortüm zog höflich den Hut und ging nun, ohne noch einmal umzuwenden, seines Weges.   Die Sachen Wenn der viele Lärm dieses Buch nicht aus den Fugen zu bringen drohte, müßte eigentlich auch dieser Bericht über Klaus Scharts Berliner Taten mit einem Sprengschuß oder wenigstens mit einem Salutschuß eröffnet werden. Klaus führte sich auf, als ob ihn der Salut der World über sämtliche Mumien und was sonst an Herrlichkeit um seinen stillen Wohnbezirk aufgehäuft war, so hoch hinausgetragen hätte, wie seinerzeit die Kanonenkugel den Baron Münchhausen über dessen fragwürdige Umgebung. Doktor Halfke schrieb im Austrag des Chefs der Produktion, die World sei zufrieden mit seiner Leistung, erteile ihm hierdurch den Auftrag, das Drehbuch zu schreiben, und Herr Utzenstorff erwarte Klaus Schart heute abend acht Uhr dreißig Minuten bei Dreihub – Dreihub am Kurfürstendamm, im dritten Raum vom Eingang aus gerechnet, in der sogenannten fraisfarbenen Stube. Gegen acht Uhr stieg Klaus an der Gedächtniskirche aus dem Omnibus. Wenn er nicht gerade tief Luft holte an den vergasten 554 Straßenübergängen, wo die Autoherden auf das grüne Signal warteten, atmete er eine zarte Abendluft ein, die selbst der beurlaubte Schulmeister aus Hörsel hinterm Wald hinter Eisenach für den Odem des Monats Mai halten konnte. Auch das rote, gelbe, blaue und weiße Licht der blitzenden Lichtreklamen der Stadtwildnis war er inzwischen gewohnt. Es verwirrte seine Augen nicht schlimmer als das ungewisse Mondlicht, das im weglosen Walddickicht seiner Heimat auf nassen Blättern spiegelt. Nur das beängstigende Summen des Berliner Föhns griff ihn an; Lärm konnte er das unheimliche Sausen nicht nennen, dieses pausenlose Rauschen der Gummireifen auf den Fahrbahnen und das schwebend gleichmäßige Menschenmurmeln, das selten etwas anderes unterbrach als das Quietschen des Eisens auf Eisen, wenn das neunzehnte Jahrhundert in Gestalt der elektrischen Straßenbahn gepoltert kam. Klaus ging ein Stück dammauf, dammab, besah die köstlichen Schaustücke in den Läden und machte sich vor manchen Dingen Gedanken, wozu der Mensch so etwas wohl brauchen könne. Kitty erhellte ihm allerlei dunkle Flecke im Antlitz Berlins. Sie tat es gern und wußte viel. Das gute Kind war ihm dankbar. Auf Klaus Scharts Empfehlung durfte sie eines Tages in der World erscheinen, in schwarzem Kleid und weißem Häubchen einer Dame den Tee ans Bett bringen und Guten Morgen sagen. Täglich erwartete sie nun die Zuteilung der Rolle als Zofe der Sconosciuta. Aber Klaus begegnete auf dem abendlichen Kurfürstendamm vielen Leuten, die hier auf ihre Rolle zu warten schienen. Die Uhr zeigte fast halb neun. Für den erfolgreichen Autor der World war es nun so weit, daß er seine Antrittsvorstellung im Mittelpunkt der feinen Welt bei Dreihub gab. Die auffallend schlichte Vorderseite des Hauses machte ihn irre, jedoch ein riesiger Hummer in dem Glaskasten neben der Tür, eine Kaviardose und eine Schale mit Weinbergschnecken deuteten auf ein nicht gleichermaßen schlichtes Hausinnere. Bedenklich sah Klaus das Schneckenungeziefer an, aber er sprach zu sich: »Und ich fresse es doch, wenn's sein muß.« Wie man der Garderobefrau nachlässig Hut und Sommermantel in die Hände gleiten läßt, hatte er schon öfter bei hervorstechenden Persönlichkeiten in der World beobachtet. Es gelang ihm. Die Frau merkte nicht, daß da einer zum ersten Male kam. Im vorderen Raum war es noch fast leer, im zweiten mußte sich Klaus schon Mühe geben, die gelassene Haltung zu bewahren. Hier saßen Herren in Gesellschaftskleidung und Damen, die im wesentlichen nur ihre Vorderseite bekleidet 555 hatten. In der Mitte des Raumes stand ein Herr im Frack, eine ernste Hornbrille vor den Augen. Klaus hielt ihn für etwa einen ausländischen Staatssekretär. Von einer Filmprobe her glaubte er zu wissen, daß solche Männer ungefähr so aussehen. Eichenholz und Rindleder gab den beiden ersten Zimmern ein würdiges dunkles Äußere, das dem Ernst entsprach, mit dem man hier speiste. Aber jetzt schob ein wunderbar uniformierter junger Mensch den Vorhang beiseite – Klaus betrat den Fraisraum. Die Wände und Teppiche schimmerten im gleichen sanften Erdbeerton wie die zum Platzen aufgeschwollenen Polster und Kissen. »Mm«, sagte Utzenstorff und winkte. In den Polstern ruhte Violante Sconosciuta – märchenhaft angezogen. Was ihr an Kleidungsstoff fehlte, hatte sie durch Parfüm ersetzt. Klaus konnte an diesem Tisch auch Doktor Halfke begrüßen. Er bekam die Hand gedrückt von einem Herrn der Misr Film Company Gizeh-Kairo. Er neigte sich ehrfurchtsvoll vor einer sehr alten Dame mit steinern unbewegtem Gesicht, erlebte jedoch nach wenigen Minuten, daß diese Dame die unwahrscheinlichsten Anekdoten erzählte, ohne den starren Ernst ihrer Gesichtszüge dabei im mindesten zu verändern. »Sie sind zum erstenmal bei Dreihub?« fragte Utzenstorff. »Es ist hier so: in den sachlichen vorderen Räumen ißt man, wenn man speisen will. Unserer hochverehrten Sconosciuta hat es jedoch gefallen, frais und indirektes Licht zu befehlen. Herr Samoroff!« Der auswärtige Herr in Frack und Hornbrille erschien und überreichte dem Chef der Produktion ein ansehnliches Manuskriptbündel, in dem Utzenstorff sehr gewandt blätterte und eine Reihe von Speisen und Getränken fand, die Herr Samoroff zunächst in Auftrag nehmen wolle – einige Kleinigkeiten, die man zwanglos vorweg zu sich nimmt. Klaus paßte gut auf, wie und mit welchen Werkzeugen die anderen dieser Gerichte Herr wurden. Er ahnte nicht, was er aß. Er verstand auch nur wenig von dem, was man in frais und indirektem Licht hier redete. Das Parfüm Violantes war stark, die Weine waren schwer, die Reden wurden mit der Zeit leichter, die Polster blieben tief. Und die Nacht war lang. Vor Dreihubs Tür, hinter der Gedächtniskirche, begann es zu tagen. Den Himmel verfärbte jenes Bleigrau, das die frühesten Morgenstunden der Weltstädte so adelt. Im Fraisraum schimmerte das gleiche Erdbeerlicht wie seit langen Stunden. Durch Zigarettendunst und 556 Weinnebel leuchtete – ein unwandelbarer Schein seit den Tagen Korinths – dieses ewige Licht nun auch auf diesen Klaus Schart, und er glaubte, in dieser Nacht endlich drinnen gewesen zu sein im Innern von Berlin, vor dessen Ausfahrtsstraßen, ganz draußen, die Bauern um diese Stunde die Pflugschar in die Erde drückten und die Soldaten in Schützenlinie ausschwärmten. Im Traume stand er mit den andern auf. Schwebend ging er mit den andern durch den schlichten Hausflur. Lächelnd stand er mit ihnen auf dem bleigrauen Kurfürstendamm. Utzenstorffs Chauffeur öffnete die Wagentür. »Wen kann ich mitnehmen?« fragte der Produktionschef. »Schart?« »Danke, ich wohne – dort wohne ich, im Zentrum.« »Wo wohnt er?« Halfke lächelte. Utzenstorff sah von einem zum andern. »Ja«, sagte Klaus, »wegen der Ruhe. Ich brauche Ruhe beim Schreiben.« »Dazu wohnen Sie im – Zentrum?« Eben hatten sich die Herrschaften die Hand gegeben und nach ihren Wagen gewandt. Jetzt traten sie wieder zusammen. Der neue Autor der World mußte eine Schilderung der Einzelheiten geben und hatte damit fast noch mehr Erfolg als mit seinem Filmentwurf. Utzenstorff forderte die Anwesenden auf, gemeinsam nach Scharts Wohnung zu fahren und dort einen letzten Kaffee einzunehmen. Die Sconosciuta aber betrachtete jetzt erst den jungen Mann mit wirklicher Teilnahme. Selbst in diesem bleichen Frühdämmer sah Klaus doch recht sympathisch aus. » Mir kocht er den Kaffee«, sagte sie, stieg in ihren Wagen, zog Klaus am Ohrläppchen nach, und das schöne weiße Auto verschwand in Richtung Halensee. »Er aber wohnt entgegengesetzt«, bemerkte Utzenstorff nachdenklich und richtete sein Auge nach dem Osten. »Halfke, das geht nicht. Das Drehbuch muß unbedingt zum festgesetzten Termin fertig sein. Auf die Weise kriegen wir es nie. Wo arbeitet die Sconosciuta jetzt?« »Im Atelier.« »Ändern Sie den Aufnahmeplan: sie wird erst die Freilichtaufnahmen machen.« »In Usedom?« »Die Strandaufnahmen. Sofort. Sie sind mir verantwortlich.« Halfke sorgte, daß Violante anderntags in Usedom filmte und daß Klaus am übernächsten Tage in eine Wohnung mit Fernsprechanschluß übersiedelte, ungesäumt an die Arbeit ging und bei der Arbeit blieb, 557 denn Scharts Gehirn war laut Drehbuchvertrag für fünf Wochen in das ausschließliche Eigentum der World übergegangen. Selten sah Klaus das, was er seit der Dreihubnacht für Berlin hielt. Er lernte, eingeklemmt zwischen Fernsprecher, Auto und Sitzungen, die Arbeit des Drehbuchschreibens kennen. Je weiter er kam, desto schmerzhafter wurden die Störungen. Utzenstorff bestellte ihn zu einer Besprechung ans andere Ende von Berlin, früh halb neun. Um elf Uhr zehn sprach man sich zwischen zwei Ferngesprächen. Aber vor Beginn der Sitzung um acht am Abend könnte man weiterreden. Die heikle Stelle wurde geklärt. In einem leeren Nebenraum schrieb Klaus die Szene um. Müde ging er die Nachttreppe hinunter und stand im Torweg erstaunt still; da hielten die großen Wagen immer noch. Die Fahrer schliefen oder rauchten; die Sitzung beim Chef der Produktion war noch nicht zu Ende. Benommen von der Arbeit schlenderte Klaus die Straße längs, versonnen blieb er vor dem Schaufenster eines wahrhaft fürstlichen Möbelladens stehen und besah ein ungeheures Rokokobett, aus intarsierten seltenen Hölzern gebaut und von einem blauseidenen Betthimmel überdacht, den eine geschnitzte und bemalte Amorette hielt. Solche Betten kaufen sie, dachte Klaus, aber in solchen Sitzungen wachen sie nachts, damit sie diese köstlichen Betten bezahlen können. Wenn die Arbeitskraft lahmt, fliegen sie durch die Luft in Hotels, die auch so aussehen wie das Bett da. Und wenn das Ausruhen am Ende nicht mehr hilft, kaufen sie sich ein Grabmal, das wieder ungefähr so aussieht wie das Bett, nur statt Amorette die Aschenurne drauf. Und das genügt ihnen? Es geht ihnen prächtig, ja, aber sie ruhen nicht in ihrer Pracht. Sie arbeiten. Teure englische Anzüge ziehn sie dazu an, Nerz im Winter, japanische Seide im Sommer; sie lächeln, sie geben lächelnd ihren Dienern Hut und Mantel. Lächelnd überfliegen sie in den Büros die Eingänge, wenn ihnen jemand dabei zusieht; aber die Finger zittern nervös, wenn sie in den Papieren blättern. Nacht für Nacht scheinen sie bei Dreihub zu sitzen, aber bei Dreihub ist gar nicht so viel Raum: sie arbeiten. Und wenn sie allein sind, verschlucken sie Chemikalien, damit sie lächelnd von der Arbeit aufstehn können. Sie sagen einer Frau Verbindlichkeiten und denken an die ungeheure Steuerrate, die nächste Woche fällig ist und noch rasch erarbeitet sein will. Auf holländisch Bütten mit Mattgoldschnitt notieren sie Zahlen. »Und wenn ich mich nicht sehr irre«, sagte Klaus laut vor sich hin, »schreiben sie im ganzen gesehen nichts andres, als die Leute in 558 Besenroda und Hörsel auch aufschreiben, nur auf Holzpapier ohne Goldschnitt und mit weniger Nullen hinter den Zahlen. Ja, sollte das, was sie hier immer ›Die Sache‹ nennen, sollte das hinter dem Menschen stehen wie die Nullen hinter den Zahlen? Und der Mensch? Der lächelt.« Klaus dachte an sein eigenes Bett, das ohne Intarsien, ohne Himmel und Amorette auf den Todmüden wartete. Aber es kam anders. Als er das Licht einschaltete, fand er auf seinem Tisch ein Stadttelegramm: »Sobald Sie diese Depesche finden, bitte zu mir. Auch nachts. Dringend. Halfke.« Beim Eintreten wünschte Klaus dem Doktor Halfke nicht »Guten Abend«, sondern grimmig auf die Uhr zeigend, wahrheitsgemäß »Gute Nacht«, und legte sich auf Halfkes Sofa, dem Zimmer und seinem Insassen den Rücken zuwendend. »Hm«, meinte der mit einem interessanten, gelbblau gestreiften Schlafrock angetane Doktor, »Sie irren aber doch. Wir haben nicht mehr Nacht. Es wird bereits hell. Also guten Morgen, Schart. Wo, Verzeihung, haben Sie sich übrigens bis jetzt herumgetrieben?« »In der World!!« schrie ihn Klaus an und sprang auf. »Ausgezeichnet. Das hört man gern. Bleiben wir also in der World. Hören Sie gütigst ein wenig zu. Es hat sich herausgestellt, daß im letzten Drittel des Films ein dramatischer Effekt fehlt. Etwa so – ich rede in Hausnummern: Nacht –« »Es ist Morgen!« »Nacht! Vielleicht Gewitter. Die riesigen Mauern des Stauwerkes. Der Ingenieur kommt. Sieht sich um. Dreht das Stellrad –« »– der Donner kracht, Blitze zucken«, unterbrach ihn Klaus zornig. »Ganz recht. – Jetzt ein Schrei. Der Schleusenwärter stürzt heran: meine Frau ist auf der Talsohle! Halt! –« »Wecken Sie die Nachbarn nicht auf!« »– der Ingenieur aber reißt mit unmenschlicher Energie das Rad ganz herum, das Wasser braust. Bitte: hochtragisch.« »Machen Sie sich doch nicht lächerlich, Halfke.« »Lächerlich? Das ist Seelenmassage fürs Publikum.« »Die Frau des Wärters ist ein Mensch, der lebendig gemacht ist. Der lebt, Halfke! Wie kann ich diese Frau mir nichts dir nichts ertrinken lassen wegen Ihrer Effekte! Diese Frau!« »Frau. Diese Frau. Sie reden manchmal, als ob die Spielfiguren Ihre Angehörigen wären. Film, Schart! Praktische Kinematographie!« »Ah! Der Film ist wohl auch eine Sache, wie?« 559 »Bitte?« »Und Rokokobetten sind Sachen –« »Sagen Sie mal, Sie kommen wohl gar nicht aus der World? Rokokobetten . . .« »– und Dichtung ist eine Sache, ja? Sie sind eine Sache!!« »Eine lebendige«, nickte Halfke freundlich. »Lebendige Sachen . . .« Klaus sah den Doktor Halfke jetzt geradezu verächtlich an. »Die sind in Summa: das Leben.« Klaus starrte den Assistenten an, der seelenruhig einen Löffel voll gemahlenen Kaffee in eine komplizierte kleine Maschine schüttete: »Sehn Sie mal. Espresso. Das Ding habe ich mir aus Italien mitgebracht. Ohne diese glorreiche Erfindung würde ich nur rund die Hälfte meiner sogenannten Tagespflichten getan haben. Da«, er zeigte zum Fenster, »da kommt der neue Tag.« Klaus öffnete das Fenster. Stumm sah er auf die Stadt. Halfke wohnte hoch. Weit über die Dächer ging der Blick. Ein Turm, eine Gasanstalt, die Lichterketten unendlicher Straßenzeilen. Und Dächer, Dächer, Dächer . . . plötzlich sah Klaus Berlin, das ganze Berlin, das nicht Linienstraße war oder Dreihub oder Kuckucksgrund oder Fabrik oder World oder geheime Arbeit mit zusammengebissenen Zähnen Nächte durch. Klaus sah – nicht das Werden sah er – er sah Berlin: diese Summe des Gewordenen, des Getanen, des Geleisteten. Er sah mit einem Male diesen Akkumulator der getanen Tat und des gedachten Gedankens. Er fühlte den metallenen Maßstab an seinem Fleisch, den kühlen aber, oh ja! den zuverlässigen Maßstab, mit dem hier gemessen wird. Und Klaus begriff: dieses Maß irrt nicht. Klaus fühlte das Geheimnis der Riesin Berlin; diese Stadt hält sich an nichts als das Meßbare und baut sich auf, gewaltig, aus Meßbarkeiten: aus Sachen, aus Gewordenem. Und im selben Augenblick fühlte Klaus Schart das Unmeßbare in sich und seinesgleichen, das Dunkle, das ewig Werdende. Er sah seinen toten Vater wirken, seine gestorbene Mutter wesen, litt Lottes Leiden, Wingens Tod, hörte das gefährliche unterirdische Rollen des Vulkanes Mensch. Wenn es wahr ist, daß der Mensch, der lebende Mensch, der Wirklichkeiten letzte ist, das Menschliche das Wesentliche – war dann Klaus allein in dieser Stadt? Wie Heimweh schnitt diese Frage in sein Herz. Der Löwenzahn mußte jetzt blühen am Hörselufer, ganz gelb der Wiesengrund sein: vor Klaus' Augen die Dächer, die Dächer, 560 die Dächer da unten in sprossendem Löwenzahn, der wuchs, wuchs zu einem Wald von Löwenzahn, glatte wunderbare grüne Stämme; über ihm leuchtete im Sonnenglanz ein maßloser Goldschein. Klar und scharf sah er in den strahlendurchschossenen Morgenhimmel ragen – blitzend wie Kortüms silberne Doppelmaske im Wind des Schottengeländes – die beiden wechselnden Gewalten, die in Wahrheit um die Erde ringen: den lebenden Menschen, das ewige Werden – und das Gewordene, die Sachen, das statuarisch lächelnde Haben. Die Kinder Gottes schaffen, und was sie schaffen, dessen müssen sie sich erwehren auf Tod und auf Leben: damit sie werden können, leben, wirklich sein können. Vier Stunden hatte Klaus an diesem Morgen geschrieben. Das Telephon zerklingelte klirrend den schweren Dialog, den er eben zu haben glaubte. »Unmöglich so!« rief die World, »wenn das Mädchen den Toten findet, darf es nicht bloß aufschreien, sondern muß etwas sagen!« Etwas sagen . . . Er warf die Feder hin und ging einen Teller Suppe irgendwo essen. Als er wiederkam, fand er einen Zettel: »Den Satz, der die gefälschte Unterschrift enthüllt, in die zweite Liebesszene einbauen.« Klaus strich aus, schnitt aus, klebte an, schrieb: »Kind, sei vernünftig . . .« Er vergaß, wie er weiterschreiben wollte, und schrieb in dem Manuskript weiter: »Sehr geehrtes Fräulein Müller und lieber Herr Schmidt, wenn Sie im Parkett sitzen, sich zurücklehnen im Samtsessel, den Sie für eine Mark gemietet haben, wenn Sie die Cellophantüte aufknaupeln, die gebrannten Mandeln in den Mund stecken und gelassen die Personenliste lesen, die da über die weiße Wand gleitet, vergessen Sie freundlichst nicht die schlaflosen Nächte, die auch ein mißlungener Film gekostet hat, die Sorge und Qual – aber essen Sie weiter. Lassen Sie sich's gut schmecken und sagen Sie zum Schluß: na ja. Hinterher erholen Sie sich im Café Corso. Dort spielt eine Kapelle, so lustig, daß man nicht denken sollte, wie solche fidelen Musikanten so viel Sorgen mit dem Geigenkasten auf der letzten Elektrischen Richtung Alexanderplatz fortschleppen können. Und dann kommt die Nacht, ja – der übriggebliebene Nachtrest. Halb sieben rasselt der Wecker und nun – geht's Ihnen bei Tageslicht, bis zum Beginn der Großstadtnacht, wie's der andern Schicht erging bei künstlichem Licht.« Diesen und anderen Unsinn schrieb der übermüdete Mann. Dann kroch er fröstelnd in sein Bett. 561 Am anderen Morgen hob Klaus den Kopf vom Kissen. Er ließ ihn wieder sinken. Wüste Gedanken und Bildfetzen fegten durch sein Gehirn: wir haben Mai . . . wo kommt die Hitze her? Am späten Vormittag wurde Klaus allmählich klar, daß er Fieber hatte. Der Arzt verschrieb Umschläge, Tropfen, Bettruhe. Die Wirtin hatte auf Klaus' Bitten zweimal den dringendsten Anrufern am Fernsprecher gesagt, Herr Schart könne nicht an den Apparat kommen. Gegen Elf stand Halfke an Scharts Bett, sah betreten den Kranken an und sagte: »Bleiben Sie ruhig liegen. Ich gebe Ihr Manuskript Graumann. Sie brauchen gar keine Sorge zu haben.« »Halfke, morgen bin ich wieder gesund. Nehmen Sie mir mein Buch nicht weg.« »Die Verträge, Schart. Es eilt.« »Einen Tag.« »Wenn das Utzenstorff merkt, bin ich draußen.« Halfke nahm es auf seine Seele. Klaus erschien in einer entscheidenden Korrektursitzung nicht, Halfke redete ihn heraus. Am Abend vor seiner Erkrankung hatte Klaus durch das steinerne Meer Berlin hindurch auf den Grund dieser Stadt gesehen. In Augenblicken beginnender körperlicher Wehrlosigkeit liegen die Nerven bloß, die Reizschwelle senkt sich, dem inneren Wesen selbst scheinen Sinne zu eignen, und der Mensch sieht mehr, als er nach der Erfahrung zu sehen berechtigt ist. Unbedeutende, aber glücklich ineinander greifende Erlebnisse hatten in jener Stunde zwischen Rokokobett und Espressomaschine Klaus' Seele gelockert – unbewußt fiebernd bereits hatte er sich stehen sehen in Vierdreiviertelmillionen mitten drin. Jetzt aber war sein Körper wirklich wehrlos, Klaus konnte nichts tun als krank sein, und nun bestätigte sich jener vorweggenommene Einblick; vollkommen einsam lag er auf einer Matratze zwischen Sachen und Sachmenschen. »Wenn ich sterbe, wer merkt es?« Halfke mußte am anderen Tag melden, daß der Autor des Drehbuchs »Der Staudamm« erkrankt war. Utzenstorff sprang auf: »Das hat gefehlt!« »Aber das Drehbuch ist ausgezeichnet und noch vierundzwanzig Stunden Risiko wert.« »Sie haben gut reden. Aber ich! Wenn die Termine umfallen, bin ich dran.« Aber Utzenstorff gab seinem guten Herzen einen Stoß und bewilligte einen weiteren Tag, ehe neue Entscheidungen hinsichtlich Abgabe des 562 Drehbuchs an einen anderen Autor getroffen werden sollten. Klaus durfte also weiterfiebern, Löwenzahnbäume am Hörselufer wachsen sehen und ruhig im Bette liegen bleiben. Von dem gefährlichen Gespräch in der World ahnte er nichts. Erst später erfuhr er, daß Utzenstorff sogar nochmals vierundzwanzig Stunden zugelegt hatte. Klaus war todmüde. Am vierten Tag der Krankheit schlief er immer noch den dumpfen Schlaf des Überarbeiteten, den sich der Grippebazillus als willkommenen Nährboden ausersehen hat. Stundenlang hatte er Ruhe im Unbewußten, dann lag er eine Weile in halbwachem Dämmer. Ein vertrauter Duft umschwebte ihn. Wo war das nur? Klaus lächelte, aber er konnte sich nicht besinnen. Dufteten die blühenden Haselbüsche in Hörsel so? Ohne den Kopf zu wenden, schlug er die Augen auf; an seinem Tisch saß jemand. Ein Damenmantel hing über der Stuhllehne. Die Sconosciuta, dachte er. Ist sie zurück aus Usedom? Und gleich besucht sie mich. Es webte vor seinen Augen, er ließ sie wieder zufallen; er sog den zarten Duft ein, er kannte ihn doch. Da war ein Brokatsessel, ja, und das Ilmwehr rauschte. Klaus öffnete die Augen: da saß . . . an seinem Tisch saß Konstanze. Ihr Hut lag auf den Büchern, sie hatte den Kopf in die Hand gestützt. Eine Weile lag Klaus wieder mit geschlossenen Augen. Er versuchte zu denken, dann zu sehen; sie war es. Konstanze las in seinem Manuskript, hatte den Bleistift in der Hand. Jetzt schrieb sie etwas. Blätterte, schrieb wieder, lächelte dabei. Klaus drehte den Kopf zu ihr hin. Konstanze sah auf. Sie sahen sich an. Seine Augen blickten klar, sie fühlte das, warf den Bleistift hin, kam zu ihm, setzte sich auf den Bettrand, die Arme auf die Kissen gestützt. Klaus' Kopf lag zwischen ihren Händen. »Ich stecke dich an.« Konstanze schüttelte den Kopf: »Hast du Schmerzen?« »Durst.« Sie gab ihm das Glas. Klaus wollte sich aufrichten. Aber Konstanze drückte seine Schulter auf das Kissen und hielt ihm das Glas an die Lippen. Er trank und blickte ihr dabei unverwandt in die Augen. »Wo kommst du her?« »Dein Name läuft einem schon ein bißchen entgegen, wenn man gut hinhört.« »Gott sei Dank, daß du da bist.« Er atmete tief auf. Konstanze 563 lächelte. Vielleicht ahnte sie, wieviel Erlebnis wohl diesen neuen Einwohner Berlins so aufatmen machte. »Aber dein Buch wird gut.« »Es wäre anständig geworden. Nun kriege ich's zum Termin nicht mehr zustande. Es entgleitet mir. So geht es.« »So geht es nicht, Dummerling.« »Utzenstorff kann nicht länger warten.« »Er kann. Ich fahre zu ihm.« Klaus schüttelte den Kopf. Konstanze hob den Kopf und sagte ein bißchen von oben: »Wir leben bekanntlich in einer Welt des Schauspielers . . .« »Das hat sie nicht vergessen!« »Eine solche Schlechtigkeit vergißt man nicht. Ich fahre zu Utzenstorff und sage ihm, daß mir die Rolle der Octavia gefällt und daß ich sie spielen will.« Mit einem Ruck richtete sich Klaus hoch: »Du?« »So bleib doch liegen.« »Du?!« »Wenn du Lärm schlägst, spiele ich nicht.« An diesem wunderbaren Maiabend begab sich der Chef der Produktion der World zu Dreihub, und zwar allein. Er ging nicht in den Fraisraum. Utzenstorff nahm Platz im Rindlederzimmer, ließ rings um sich auftischen und aß in der festen Absicht, heute endlich einmal wieder zu speisen. Der Produktionschef hatte allen Grund, an diesem Abend auf sein Wohl zu speisen und zu trinken. »Dieser Erfolg ist – ja, ist eine Sache«, murmelte er und sagte viel damit, denn eine höhere Lobpreisung kann ein Berliner nicht spenden. »Bei Gott, das ist eine Sache«, sprach er noch einmal. Zärtlich lag beim Speisen sein Blick auf der dicken Schlagzeile in der Abteilung »Kunstnachrichten« des Abendblattes: »Konstanze Schröter filmt!« Dann ging es weiter: »Sie hat die Rolle der Octavia in dem neusten Drehbuchwerk Klaus Scharts übernommen. Es ist dem Chef der Produktion der World gelungen, endlich die große Künstlerin für den Film zu gewinnen! Wie man hört, ist Schart –« Ach ja, Utzenstorffs Stern . . . er glaubte an ihn. Wie er da strahlte in frischem Glanz. »Mmm.« Und Utzenstorff winkte dem Kellner: »Lassen Sie mir den Geflügelsalat ganz wie damals zubereiten – Sie wissen? Nur Champignons.« Der sachverständige Vertraute der diffizilsten Gäste Dreihubs hob 564 nur das Kinn ein wenig. Einen Salat aus den Bruststücken dreier Hamburger Kücken serviert ein Samoroff einem Utzenstorff selbstverständlich nur mit Champignons, allerdings ein wenig getrüffelt: die gezüchteten Pilze gewinnen durch einen Hauch Périgord. Der Frühling wälzte den alten Adam um. Die Birkenzweige wehten. Viel Frühlingswehen atmete Klaus nicht ein. Er sah noch blaß aus. Aber er arbeitete wieder. Anfang Juni trieb der Phlox dicke Knospendolden, und der erste Rittersporn begann zu blühen. Mitte Juni aber mochte es blühen oder nicht: Klaus war frei. Das hieß: ein Abendblatt brachte sein Bild, ein Mittagsblatt besprach Scharts Gedichte, und ein Morgenblatt druckte eine Novelle von ihm ab. Der Verleger Osthoff fragte an, ob er vielleicht an einem Roman arbeite. Ein Mann, der gerade dabei war, aus zwölf Büchern das dreizehnte zu machen, bat Klaus um die hochdramatische Schleusenszene für sein Sammelwerk; Honorar dürfe der Autor allerdings nicht erwarten, aber der Beifall einer breiten Leserwelt sei ein edleres Entgelt als schnödes Gold. Halfke vertraute Klaus an, man habe gehört, jemand solle gesprächsweise geäußert haben, daß man sich in München erzähle, in Königsberg käme ein neues Werk heraus, das Schart eben in Frankfurt am Main für das Theater in Breslau geschrieben habe, aber Breslau lehne ab, weil Schart in Düsseldorf gegen das »Hamburger Abendblatt« intrigiere. Klaus hatte immerhin lange genug in Berlin gewohnt, um darauf erstaunt zu fragen: »Wie haben die Leute das bloß erfahren?« Klaus bekam eine Einladung, in Walkenried aus seinen Werken zu lesen. Er erhielt eine Aufforderung vom Finanzamt, unverzüglich sein Einkommen wahrheitsgemäß anzugeben, andernfalls man ihn belangen werde. Klaus fand auch zwei anonyme Briefe auf seinem Tisch. Aus dem ersten Schreiben erfuhr er, daß die Konstanze Schröter mit einem gewissen Wingen in Weimar heimlich verlobt sei, und das andere Schriftstück eröffnete ihm, Klaus Schart sei ein ganz gewöhnlicher Konjunkturschreiber. Dies alles und noch viel mehr bekam er: Klaus war also da! Klaus Schart war anwesend! Und eines Tages hielt Konstanzes Auto vor seiner Haustür. Sie rückte auf den Platz neben dem Steuer. Klaus schüttelte den Kopf: »Ich kann nicht fahren.« »Was? Morgen früh fängst du in der Fahrschule an!« »Dazu habe ich jetzt keine Zeit.« »Zeit hat niemand. Aber von sieben bis acht jeden Morgen lernst du 565 fahren«, und gnädig setzte sie hinzu: »Einstweilen will ich dich noch mitnehmen.« Zoo, Gedächtniskirche, der Damm, die Halenseer Brücke, Grunewald – dann öffnete sich das freie Feld. Durch ein märkisches Dorf fuhren sie mit seinen nüchternen Stadthäusern. Jetzt kamen sie in den Wald. Klaus beugte lauschend den Kopf vor. »Ist was?« fragte Konstanze. »Hörst du's nicht? Kann ein Hinterrad locker sein?« Auch Konstanze horchte auf verdächtige Geräusche. »Jetzt wieder«, sagte Klaus. Sie schüttelte den Kopf, hielt an, sprang aus dem Wagen, besah ihn von allen Seiten. Sie zog den Handschuh aus, betastete die Radschrauben – plötzlich fühlte sie sich von Klaus umfaßt. »Oh, du Schuft . . .« Er bog ihren Kopf zurück, küßte sie. In den Gründen des Waldes schimmerte die Sonne. Ein Sonnenbusch schob sich vor den anderen. Aus der unendlichen Wirrnis von Blättern, Moos und Sonnenstrahlen rief unermüdlich der Kuckuck in die frischduftende Sommerluft.   Das lebende Bild Ausgezeichnet«, sagte der Ingenieur Müller zu Herrn Kortüm, legte das Mundtuch neben den Teller und lehnte sich zurück. Kortüms Bewirtung wurde jeden Tag besser. Er übertraf sich selbst in diesen Wochen. Und doch hätte der Ingenieur, Messer und Gabel hinlegend, sagen sollen: Müller, das hast du gut gemacht. Aber selbst in dem durchdringenden Verstand des Ingenieurs dämmerte keine Ahnung, daß diese Höhe Kortümschen Wirttums keinem anderen als ihm, dem tüchtigen Müller, zu verdanken war. Der Langloffsche Stoß, dem im vorigen Winter Kortüms Flügelhausherrschaft erlegen war, hatte auch Kortüm selbst getroffen. Jene Tage, in denen er seinen weißhaarigen Kopf in den eisernen Rahmen des Dachfensters zwängte und Umschau zu halten versuchte, waren Kortüms gefährliche Zeit gewesen. Er war nahe daran, seine Fähigkeiten in Torheiten zu vergeuden, von denen er schließlich nicht mehr leben konnte. Es ist ja nicht so, daß ein Kortüm, der rings um sich Bewegung schaffen und das Leben in Gang halten 566 muß, um selbst zu leben, etwa eines Tages aus Mangel an Aufgaben erstickt oder zwei Helle mehr trinkt und abends Stammtischreden über die Zukunft Arabiens führt und also umgekrempelt fortlebt; der Motor in ihm dreht weiter, von der unbekannten Gewalt getrieben, immer weiter, und wenn der Kortüm an nichts Bewegenswürdiges mehr stößt, das sich in Gang bringen läßt, treibt er eben den Irrtum, ja den Unsinn um sich selber um. »Wunderbar verflochten ist das Leben derer, die Gott lieb hat«, mit diesen Worten pflegte Herr Kortüm Reden über günstige Schicksalswendungen einzuleiten; er sollte den Ingenieur Müller nur recht gut füttern und tränken – der Mann hatte es um ihn verdient. Dieser Müller, ein Techniker, war es, ganz ohne seine Absicht freilich, der Herrn Kortüm eine große Aufgabe wahrnehmbar gemacht hatte: die Ökonomie der gestauten Kräfte. Im seitenverkehrenden Spiegel der Maschinenmechanik hatte Kortüm sich plötzlich wieder richtig zu sehen bekommen, war wieder zum Bewußtsein seiner selbst gebracht. Nun fühlte er mit seiner Existenz auch seinen Beruf wieder. Herr Kortüm verbreitete Wohlbehagen in weitem Kreis um sich herum wie kaum in seinen besten Tagen. Man aß vorzüglich in der Echostube. Ein paarmal hatte Müller auch im Sanatorium das Mittagsmahl eingenommen, und er mußte zugeben, Elvira, die Wirtschafterin des Doktor Langloff, kochte gut; Mimi Langloff reichte auf Wunsch eine bemerkenswert bekömmliche Diätkost. Aber Lotte kochte besser. Und Kortüm konnte kleinere Preise nehmen, denn seine Unkosten lagen ja erheblich niedriger. Was ihm an Liegehalle und Konversationsraum abging, ersetzte er durch jene breite ruhevolle Art des unauffällig noblen Auftischens, das er in den großen Hotels der englischen Kolonien erlebt hatte. Immer mehr Gäste des Sanatoriums nahmen »wenigstens eine Mahlzeit« in der Echostube, und daß die männlichen Gäste ihren Abendwein in Kortüms Gaststube tranken, braucht nicht erst gesagt zu werden. Zu fast allen Stunden des Tages aber kamen dazu die Einwohner des Schottengeländes, welche nach den neusten Anzeigen auf den Inschriftenwänden Ausschau halten wollten – sämtlich Leute mit ansehenswerten Köpfen und so anhörenswerten Meinungen, wie man sie in Konversationsdielen nicht vernimmt. Eine eigene Art von Gästen sammelte sich in der Echostube, Leute mit Gesicht, die ihresgleichen nach sich zogen. Nie hatte sich die silberne Windfahne unter dem freien Himmel über einem so befriedigten und zusammengehörigen Kollegium gedreht wie jetzt unter dem sonnenlosen Gewölbe dieser Gaststube. 567 In dem alten Kapitän befestigte sich von einem Besuch bei seinem Sohn zum anderen stärker die Ansicht, daß die Echostube verdammt gut sei. »Mein Junge, die Echostube müssen wir je eher je lieber dicht machen. Laß man. Der macht schon mal wieder eine Kapitaldummheit – dann aber zugreifen.« Der Kapitän sah sich in dem eleganten Speisesaal um und schüttelte den Kopf: »Das hier ist man alles 'n bißchen frostig. Zuweilen auch notwendig. Aber an seinem Ort. So'n großartiger Stil hat leicht so was Kleinleutehaftes, weißt du? Das ist wie beim Schiffbau. Sieh dir heute so'n Luxusdampfer an – alles hochfein, daß es gar kein Schiff mehr ist. So vor zweihundert Jahren, da haben sie Kajüten bauen können. Massiv Mahagoni, silberne Öllampen, Balkendecke, schräge Wände: wunderbar.« Er wies auf die Wände des Saales: »Wer das entworfen hat, versteht weder was vom Essen noch vom Trinken. Reißbrett. Alles fürn Photographen. Nicht für die Gäste. Und nun sieh dir mal die Echostube an.« Den Langloffs machte die Echostube Beschwerden, aber Kortüm stak längst in anderen Sorgen. Immer öfter stand er auf dem Lohberggipfel und sah prüfend das Lohberghaus von allen Seiten an, dieses Unterkunftshaus, nach Südost gerichtet, schwer in Holz gezimmert auf einem Granitsockel, mit Schindeln gedeckt. Durch die Eingangstür betrat man den Flur, von dem es nach links in die Gaststube, rechts in den Speiseraum – beide aus gescheuertem Holz gezimmert – und hinten in die Küche ging. Den Oberstock hatte Kortüm für die nächtigenden Wanderer in kleine Kammern geteilt. Kortüm nahm ein Blatt Papier und begann zu zeichnen. Rings um das Haus müßte eine breite Veranda laufen, deren Dach die Balkons für den Oberstock gab. Nahm nun Kortüm im Obergeschoß zwischen je zwei Kammern eine Wand heraus, so gewann er ordentliche Schlafzimmer. Die Unterkunftsräume konnten im Dach eingebaut werden. Er stieg in den Oberstock, öffnete ein Fenster und sah ins Land hinaus, dessen wälderbewachsene Hügelwellen weit draußen am Horizont verschwammen. »Warum wohne ich eigentlich nicht hier?« Ach ja, in dem grimmigen Wunsch, nicht von den Mauern seines Flügelhauses zu weichen, hatte er die Möglichkeit schöner zu wohnen, gar nicht erwogen. Hier oben auf dem Lohberg hätte er nicht eingemauert gesessen, aber von seines Pächters Taten würde Kortüm erst recht nichts gesehen haben. Vielleicht mit Hilfe eines Fernrohres. »Ich werde den Doktor Windhebel noch einmal daran erinnern. Er wollte sich umtun nach einem solchen Glas für mich.« 568 Kortüm nahm einen größeren Bogen, zeichnete das Lohberghaus mit ungelenken Strichen und setzte die Veranden und Balkons daran. Er war sehr zufrieden mit der Wirkung. In den nächsten Tagen verschönerte er den Entwurf immer mehr. Zuletzt stand ein säulenumgebener Tempel auf dem Papier. Auf das Holz kam es Kortüm nicht an. Das besaß er. Nur die Arbeitslöhne; besorgt sah er Meister Lorenz die Brille aufsetzen und rechnen. Lorenz rechnete, dann knurrte er eine Weile und schließlich griff auch er zum Zeichenstift und begann in Kortüms Linien hineinzuzeichnen. Kortüm sah ihm über die Schulter und rief: »Halt!« Aber Lorenz zeichnete weiter. Der Säulentraum verwandelte sich unter des kundigen Meisters harter Hand in Reihen von ungehobelten gebeizten Rohbalken, die das Verandendach trugen, die Säulenkapitäle – Kortüm hatte die ionische Ordnung gewählt – verschwanden ganz, sogar das über die Kapitäle vorkragende Gebälkprofil radierte der Meister weg. Nichts blieb übrig als ein Berghaus, um welches eine breite Veranda lief, deren Dach mit einem schlichten Balkongitter umgeben war. »Nein«, sagte Herr Kortüm. »Ja«, sprach Lorenz und setzte hinzu: »Viertausend Mark runder Summe, und es steht da.« Das war nun freilich ein Wort, welchem nicht leichtherzig ein Nein entgegenzusetzen war. Wenn der Umbau für viertausend Mark hinzustellen ging, konnte Kortüm ohne weiteres anfangen. Die Echostube brachte Geld. Dazu kam Langloffs Pacht. »Meister, fangen Sie an.« Der Auftrag war gegeben, aber noch war Herrn Kortüm nicht ganz frei ums Herz. Was würde Frau Wingen sagen? Kortüm kostete den Streuselkuchen, den sie eben aus dem Ofen brachte. Er lobte ihn über die Maßen. Er schlürfte den Kaffee und fragte, ob sie etwa die Bohnen frisch geröstet habe. »Solchen Kaffee habe ich lange nicht getrunken!« Dann zog er ein Bündel Papiere aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, sprach: »Was ich eben noch sagen wollte«, und bat Frau Wingen, doch Platz zu nehmen und den Kaffee mit ihm zu trinken. Lotte band die Schürze ab, setzte sich, trank, biß von dem Kuchen ab, und Herr Kortüm begann zunächst zu sprechen von dem Grundbedürfnis eines jeden Menschen, in die Ferne zu schauen. Er sprach sehr gewählt und allgemein und kam Satz für Satz von des Meisters Lorenz Anschlag weiter weg. Aber die Zeichnungen waren auf Pauspapier kopiert, Lotte sah wie durch einen leichten Schleier, jedoch 569 hinreichend klar die stattliche Zahlenkolonne und deren Endsumme, welche zweimal mit Lineal unterstrichen war, und während Kortüm noch verweilte bei der Ursehnsucht aller menschlichen Gäste, möglichst hoch zu sitzen beim Erholen, wußte sie längst, worauf die lange Rede hinauslief. An der Unterlippe nagend, überlegte sie. Kortüms einleitende allgemeine philosophische Betrachtung über Weitblick und Hochsitz hörte sie gar nicht, sah angespannt vor sich hin, aber der Echowirt freute sich von Herzen über die aufmerksame Zuhörerin. Wenn sie noch eine halbe Stunde so sitzen blieb, wollte er die Sache schon kriegen. Wie beiläufig blätterte er eine der Zeichnungen auf, kam auf die alten Ritterburgen zu sprechen, die auch nicht ohne Grund so hoch auf Gipfeln gelegen und ihren Inhabern eben wegen des Weitblicks über die Straßen der Kaufleute einen nicht zu verachtenden Gewinn eingebracht hätten. »Sehen Sie, Frau Wingen, genau wie jene hochsituierten Raubritter müßte eigentlich auch ich –« »Es kommt drauf an, was die Bauerei alles eingerechnet kostet«, sagte da plötzlich diese Frau zu Herrn Kortüms nicht geringer Überraschung. »Oh!« Kortüm bediente sie sogleich mit Zahlen, von denen eine niedriger war als die andre, und schloß: »Das Balkongitter könnte man ja selber streichen.« »Wenn Sie es bar bezahlen können, macht sich's gewiß bezahlt. Zur Kaffeezeit ist da oben kein freier Stuhl zu finden. Die Gäste vom Sanatorium kommen alle.« »Frau Wingen«, Kortüm strich seine Pläne ein, »Sie haben bei Ihrer Tätigkeit in meinen Betrieben bereits einen Blick bekommen – nein nein, allen Respekt: Sie unterscheiden das Wesentliche schon vom Unbedeutenden, zum Beispiel von den wenig bedeutenden Unkosten, die in diesem Falle erwachsen.« So. Nun wäre noch Monichs Zustimmung erwünscht. Dieser Monich setzte seit dem Einholen der silbernen Windfahne allen Neuerungen Kortüms eine unausstehliche Dickfelligkeit entgegen. Kortüm hielt auch im Falle Monich die zart diplomatische Behandlung für die aussichtsreichste. Als er den Feuerhauptmann abendschoppenfreudig ums Tanneneck biegen sah, befahl er, das kleine Gebinde Münchner anzustechen, begrüßte den Freund nach guter Wirtssitte schon unter der Tür und setzte sich mit ihm in eine stille Ecke. »Also, Kortüm, da is 'ne eigne Sache. Horche mal –« »Dies nachher, Monich. Die Sache ist die –« Kortüm begann. 570 Diesen Mann, dem der Sinn für Hochsitz und dergleichen gänzlich abging, mußte Kortüm von einer anderen Seite nehmen. Er beschwor die Erinnerung goldener Stunden: »Weißt du noch, mein Museum?« »Natürlich, Kortüm. Das weiß ich noch.« Er griff nach der Tasche. »Denke mal, da krieg ich heute –« »Nachher, Monich. Wie wir es aufstellten? Es war im Winter. Schmeckt dir das Bier? Sehr gut, wie? Ja, da war doch der Metallkünstler, dieser Schwartenmacher –« »Hä, wo steckt'n eigentlich der Kerl jetzt?« »Er wird bald wieder unter uns weilen.« »Wann kommt er denne? Mit dem ließ sich's sitzen.« »Bald kommt er, Monich. Eher, als du denkst. Meine Sammlungen, in Kisten verpackt, auf dem Boden; ist das nicht erbärmlich?« »Je, hier is kein Platz.« Kortüm erinnerte an den prähistorischen Punschtopf, an die vielen durchtrunkenen und durchrauchten Stunden der Numerierung und Beschriftung von Kortüms zerbrochenen Gegenständen. Monich wurde weich: »Verdammig, das war 'ne gute Zeit dazumals.« »Eine schöne Zeit. Wir beleben sie neu. Wir rufen sie zurück! Wir stellen die Museumsschätze wieder aus!« »Wohin denn?« »Ins Lohberghaus, Monich.« »Da is doch erst recht kein Platz.« »Und der andere Museumsgegenstand, Holdermanns Porträt von mir! Auch dieses –« »Donnerwetter, Kortüm – du hast mich ganz abgebracht. Verflucht, da hätte ich je beinahe die Hauptsache vergessen. Aber mit deinem Bild hast du mich wieder drauf gebracht.« Er wühlte in den Taschen: »Da hab ich's.« Er brachte ein etwas zerknittertes Blatt aus einer illustrierten Zeitschrift zutage: »Hähä, nu gucke mal. Wer is'n das?« Nur einen Blick warf Kortüm auf das Papier: »Monich!« »Siehst du. So kam mir's auch gleich vor.« » Wie kam es dir vor?« »Nu, daß du das bist!« »Ich habe mich ja aber gar nicht photographieren lassen.« »Das is es je! Das bist du gar nich!« »Wie ich leibe und lebe, Monich!« »Nee. Du nich. Dein Ebenbild bloß.« 571 »Ich bin nur einmal da!« »Von heute an zweimal, Kortüm.« » Einmal! Jeden Menschen gibt's nur einmal!« »Kortüm, was ich sage: dein Ebenbild. Un damit gut. Gucke doch erstmal hin, was drunter steht.« Kortüm las: »Wilhelm Lerp in der Rolle des Andermann – zur Erstaufführung des Worldfilms ›Andermann‹ in Erfurt.« Ratlos blickte Kortüm auf, sah Monich an, sah Lerp – nein, sah Andermann – nein, sich sah er an. »Siehst du. Aber ich habe dir's gleich gesagt, laß dich nich mit dem Film ein. Du weißt nich, was dir da passieren kann. Nu gehst du zweimal rum, Kortüm: einmal im Schottengelände und zu gleicher Zeit in Erfurt. Un wer weiß wo noch.« Eine Weile lag tiefes Schweigen über dem Tisch. Immer wieder nahm Kortüm das Bild und sah es an. »Je«, meinte Monich. »Findest du nicht, man hat mich gut wiedergegeben? Ich gleiche mir.« »Wie ein Ei 'm andern.« »Andermann. Hm, glaubst du, Monich, daß ich eine gute Rolle spiele?« »Da werden wir gleich dahinter gekommen sein. Daß wir jetzt alle beide nach Erfurt fahren, is doch klar, Kortüm.« »Ins Bioskop, Monich? Ich soll dasitzen und mich sehen?« »Du guckst doch auch dein Ölbild an.« »Das ist Malerei!« »Un das in Erfurt is lebendig.« »Lebendig? Ja, man kann's nicht anders nennen. Ob man will oder nicht. Eine gefährliche Zeit, Monich. Sie vervielfältigt die lebendigen Menschen – mich vervielfältigt sie! Ja ja! Wenn sie einen brauchen, den sie zeigen können, dann nehmen sie unsereinen. Monich, wir fahren nach Erfurt. Ich werde mich ansehen.« Herr Kortüm traf mit Monich fahrplanmäßig in Erfurt ein. Sie gingen die Bahnhofstraße entlang, bogen in den Anger ein und blieben hier erschrocken vor der Plakatsäule stehen, welche die Straße schräg vor dem Regierungsgebäude schmückt. Da war Kortüm abgebildet, groß, aufrecht, im schwarzen Rock, die Perle im Halstuch. »Komm, Kortüm. Schnell. Wenn dich die Menschen sehn, wie du dich da anguckst.« 572 In der Tat konnte jeder Schuljunge an Hand dieses Bildes an der Plakatsäule Herrn Kortüm als Andermann rekognoszieren, obgleich Erfurt eine große Stadt ist, in der die Menschen längst darauf verzichtet haben, den anderen zu kennen. Die Vereinigung vieler Lebewesen, die einander fremd sind, ist eine Wurzel vieler Übel, aber jetzt war das Fremdsein Kortüms Glück. Er verschwand unerkannt in einem Kaffeehaus. »Monich – es ist ja erhebend, sich so als ein Vorbild verwendet zu sehen. Aber wiederum ist es auch lästig. Noch immer ist es sehr hell draußen.« »Je, Kortüm, du fällst eben auf.« Dies ging Herrn Kortüm gut ein. »Warum falle ich auf? Sieh mal, diesen Anzug habe ich mir vor sechs Jahren machen lassen. Müller, der Ingenieur Müller, sieht immer wie neu aus; aber hängt man den in bunten Farben an Plakatsäulen auf? Man tut es nicht. Man müßte es eigentlich, denn er kann Eisenbahnen im Irak bauen, und ich vermag nur ein genießbares Steak auf dem Rost zu braten und anständig aufzutischen. Aber so ist es: die wahre Werbekraft hat man in sich.« Kortüm füllte die Zeit bis zum Beginn des Kinos mit Briefschreiben aus. Er wundere sich zwar, schrieb er an Utzenstorff, daß man ihn auf seine Vorführung nicht vorbereitet habe, freue sich jedoch, einen solchen Eindruck auf die World gemacht zu haben. Rechtzeitig standen sie an der Kasse. Kortüm wählte Logensessel. Er kannte diese Plätze vom Theater her. In Logen saß man etwas verborgen; je teurer die Karten, desto zurückgezogener saß man. Auch ließen ich kleine rote Vorhänge vorziehen. Beim Betreten des Kinos mußte Herr Kortüm jedoch bemerken, daß er einen Platz belegt hatte, den man im richtigen Theater Mitte Mittelbalkon erste Reihe nennen würde. Im Kino sind solche Plätze weniger beliebt. Man geht nicht ins Kino, um gesehen zu werden. Kortüm und Monich saßen denn auch völlig einsam auf ihrem prachtvollen Balkon. An der Decke vor ihnen strahlte der Kronleuchter, links und rechts hinter ihnen schimmerten zwei Wandleuchter. »Ich gehe wieder, Monich.« In diesem Augenblick wurde es dunkel im Saal. »Siehst du, Kortüm. Immer Ruhe. Deshalb gehn je die Leute ins Kino, weil's schummerig is.« Zunächst gab es bunte Reklamebilder zu sehen. Dazu machte ein Apparat scharfe Musik. 573 »Wie in Sankt Pauli, Monich.« Kortüm war sehr erleichtert, daß der Kronleuchter, eine Pause andeutend, nur kurze Zeit aufleuchtete und in der wohltätigen Dunkelheit nun die Werbebilder für den Andermannfilm abrollten. Ein Ozeandampfer – Andermann im Liegestuhl die Times lesend. »Wie findest du mich, Monich?« »Alles, was sein kann.« Monich lachte so laut, daß ihm Kortüm einen Stoß gab. »Gucke mal, wie du da 'n Dampf aus der Zigarre bläst. Genau so, wie du's machst, hähä.« Die Leute sahen sich nach dem fröhlichen und offenbar bereits jetzt schon befriedigten Zuschauer um. Kortüm stieß ihn noch einmal an. Aber schon erschien auf der Wand der elegante Liebhaber. Eine reizende junge Dame zeigte sich im nassen Badeanzug. Dann frühstückten die jungen Herrschaften in einem herrlichen Hotel. Ein sogenannter Seebär trat auf und spuckte über die Reling. Die übrigen Darsteller wurden kürzer vorgeführt. Nun blitzte das Licht im Saal wieder auf, und der größere Teil des Parketts drehte sich noch einmal herum, um die zwei Herren auf dem Mittellogenbalkon richtig anzusehen. Man tuschelte, man drehte sich mit dem ganzen Oberkörper herum. Herr Kortüm fühlte zum zweiten Male in seinem Leben, was es heißt, wenn einem eine große Menschenansammlung genau in die Augen zu sehen versucht. Damals, auf dem Marktplatz in Jena aber, hatte Kortüm handeln können, da war beinahe Revolution ausgebrochen; aus Mimis Augen rollten Tränen, und Kortüm hatte einen gewaltigen Zorn im Leibe gehabt. Jetzt saß er einsam und wehrlos mit Monich auf dem leeren Logenbalkon, konnte gar nichts tun, nur sich ein wenig zurücklehnen und scheinbar gelassen auf einen angenommenen Punkt blicken. Gerade diese Haltung jedoch glich so völlig dem Times lesenden Andermann, daß die Besucher einig waren: »Er is es.« Der Lichtspielhausdirektor kam in seine Nähe, um eine Verbeugung anzubringen und das Programm zu überreichen. Kortüm starrte unbeweglich auf die imaginierte Times. Der Direktor mußte sich begnügen, das Programm Monich einzuhändigen. »Das is er ganz bestimmt«, sagte das Publikum und bewunderte die großartige Haltung des Herrn Kortüm, der seinerseits das Tuscheln in der Tiefe nur zu gut hörte. Die Lage wurde ihm unerträglich. Ohne sich sonst zu rühren, machte er eine kleine Handbewegung zum Direktor hin: »Bitte weiter.« Der Mann eilte fort. Da Kortüm aber noch nicht seine weißen 574 Wildlederhandschuhe ausgezogen hatte und einen schwarzen Sommermantel trug, machte gerade dieser weiße Handschuhwink vor dem Rot und Gold des Hintergrundes einen überwältigenden Eindruck. »Da habt ihr's, er is es.« Die Aufführung in Erfurt begann für den Direktor unter glückverheißenden Vorzeichen. Das Publikum war aufs höchste gespannt. Die Handlung enttäuschte auch nicht. Sie enthielt alles, was im Leben vorkommen kann: reicher junger Mann und reiches junges Mädchen lieben sich und kriegen sich nur deshalb nicht gleich in der ersten Szene, weil eine Bande hocheleganter Mädchenhändler furchtbare Pläne schmiedet, welche Andermann, der eine leise Altersneigung für das Mädchen spürt, mit starker Hand im Hafen von Karatschi, wo gerade ein Erdbeben stattfindet, zerreißt. In den Trümmern der Kapelle des dortigen Grandhotels legt er das Mädchen in die Arme des Jünglings. Eine dankbare Rolle für Andermann. Er bot alles, was man vom Greisenalter zu verlangen berechtigt ist: Entsagung, Gelassenheit, Weisheit, unergründliche Menschenkenntnis, die schlechthin alles voraussieht, dazu Todesverachtung, tiefes Verständnis für die Seele des Vierundzwanzigjährigen, feinstes Gefühl für ein zwanzigjähriges Mädchenherz, ja, und beliebig viel Geld natürlich, das er jederzeit für edle Zwecke zu opfern bereit ist. Ende. Herr Kortüm erhob sich, zog die weißen Handschuhe straff und schritt, gefolgt von Monich, die läuferbelegte Treppe hinab, auf deren unterster Stufe der Lichtspielhausdirektor stand und eine Verbeugung machte. Der Vorraum stand voll Menschen. Kein lauter Zuruf wie in Jena wurde hörbar. Dazu waren die Leute noch zu ergriffen. Aus großen Augen sahen die jungen Fräulein Herrn Kortüm an: ob er auch mich retten würde? Die Jünglinge betrachteten Herrn Andermann von der Seite: so einer könnte mir helfen. Andre dachten: wo er sie doch auch geliebt hat. Alle aber grüßten Herrn Kortüm achtungsvoll, der langsam durch die Menge schritt. Auf der Straße atmete er die frische Nachtluft ein. »Dunkles oder Helles, Kortüm? Da drüben, im Augustiner: Kortüm, das zischt, wenn's auf die Zunge kommt.« Herr Kortüm hörte nicht. Er schritt den Anger entlang. Kleine Gassen durchwanderte er, über Brücken ging Kortüm, unter denen Mühlwasser rauschten. Jetzt standen sie auf dem Riesenplatz vor dem Dom. Verdrossen war Monich seinem Freunde gefolgt. »Ja, Monich – das Kino hat sich doch sehr verändert. Wenn ich 575 da an die Bude in Sankt Pauli denke –«, er ging auf die Domtreppe zu. »Willst du etwa auch da noch nauf?« »Es ist ja eigentlich Unsinn, Monich. So sieht es gar nicht aus in Karatschi. Ich kenne den Hafen. Und die englischen Soldaten schießen auch zu gut für so ein Vorkommnis wie da am Quai. Überhaupt Zivilisten bei Erdbeben . . .« »Kortüm, weiter geh ich nu nich.« Herr Kortüm setzte sich auf die Rampe am ersten Treppenabsatz: »Nein. Weiter nicht. Nur ein wenig Luft noch. Damit man's wieder los wird.« »Da drüben, wo die Lampe brennt, siehst du's? Da weiß ich auch 'n ganz passabeln Ausschank.« »Ich habe sehr viel Gutes getan in dem Stück. Alles in zwei Stunden, immer hinternanderweg.« Kortüm dachte an alle die Szenen, in denen er im letzten Augenblick noch das Verhängnis aufhielt. »Merkwürdig, die Leute haben es geglaubt. Hast du es auch geglaubt, Monich?« »Nu, 's war je mannichmal 'n bißchen bunt, aber 's hat einen doch mächtig aufgeregt.« »Aufgeregt? Warum kann man eigentlich nicht die wirklich gute Tat, die unsichtbare Tat, im Theater sichtbar machen? Sieh mal – Frau Wingen, wenn die ein Loch im Strumpfe stopft und sich und zwei Kinder, ohne ein Wort zu verlieren, durchs Leben schlägt, ist mehr als Karatschi, Andermann und Erdbebentrauung.« »Je, was wir wirklich tun, das sieht eben niemand.« »Da hast du's, Monich. Es ist doch bloß ein Bioskop.« Kortüm wollte die Erinnerung an das Schwindelspiel los werden, sah am Domturm hoch. Er zeigte hinauf. »Man kann sie nicht erkennen.« »Die Glocke?« »Die Gloriosa.« »Wie sie die damals bloß da 'nauf gebracht haben!« »Einfach, Monich. Mit dreihundert Zentner Steinen als Gegengewicht.« »Na, un die Steine?« »Die hat ein Delinquent hinaufgeschleppt. Die Erfurter haben ihm dafür das Leben geschenkt. Stein für Stein warf er in der leeren Glockenstube in einen riesigen Kasten, bis so viel Steingewicht oben war, wie die Gloriosa wog. Dann hatten sie leicht hinaufziehen.« 576 »Hm. Steine un Glocke: dasselbe Gewicht.« Das Mondlicht beschien Turm und Dom strahlend weiß. Kortüm stand im Schatten der Severikirche. Nur seine weißen Handschuhe waren zu erkennen, die sich geisterhaft im Dunkeln auf und ab bewegten und den Gang der Lasten zeigten, die hier vor vierhundert Jahren an den Turmflanken schwebten. »Steine – Glocke, haha: die World – die Welt, Monich. Wie da zur Linken und zur Rechten des Turmes die beiden Riesengewichte schwebten und einander auslöschten – wie die eine Gewalt, sich senkend, die andere hob, doch keine mehr etwas selber wog – Steine, Glocke –« »Eins wiegt so viel wie's andere.« »Aber was läutet, Freund – das ist die Glocke .«   Die Taufe der Gestirne Mächtig stieg der Sommer aus den Tälern bergan. Unbewegt stand die heiße Luft unter den schwarzgrünen Tannenzweigen. Schatten im Freien erquickte nicht mehr. Jetzt wurde die Echostube ein Zufluchtsort der Gäste im Schottengelände, die ohne Rock und Weste mit aufgeknöpftem Hemdkragen mehrere Stunden gesundheitshalber herumlaufen mußten, bis sie mit allen Anzeichen beginnender Auflösung wieder anlangten und nach Erfrischung lechzten. Kortüm lobte seine Nordlage, besprühte den Rasenplatz vor der Tür mit dem kühlen Wasser des Püsterichbrunnens und schenkte ein treffliches eisgekühltes Gemisch dieses Quellwassers mit zartem Moselwein aus. In den beschlagenen dünnen Gläsern perlte der Trunk, und es war ein Genuß, vor dem ersten Schluck die Bläschen auf der zitternden Oberfläche leise sprühend zerspringen zu sehen. Die beiden Wirte des Schottengeländes hatten rechtzeitig die Werbetrommel gerührt, um die Blicke der erholungsbedürftigen Mitwelt auf ihre Anstalten zu lenken. Freilich reichten Kortüms Mittel bei weitem nicht zu der Propaganda aus, die das Sanatorium entfaltete. Kortüm mußte feststellen, daß Doktor Langloffs Sanatorium gut besetzt war. Ebensowenig vermochte aber Langloff zu übersehen, daß die Sanatoriumsgäste Kortüms Echostube für ein vortreffliches Lokal hielten. Der Raum hätte noch einmal so groß sein können. Wer einen guten Platz haben wollte, mußte beizeiten kommen. Späte Gäste, die nur noch 577 in Restlücken nahe den Wänden Unterkommen fanden, beschmierten sich dann leicht die Ärmel mit Kreide, und ein körperlich etwas ungewandter Gast wie der gestern im Sanatorium eingetroffene und heute bereits in der Echostube nur mal zwischendurch einen kleinen Imbiß nehmende Superintendent Arcularius trug auf dem Rücken eine ganze Annonce fort. Aber Herr Kortüm eilte ihm mit der Kleiderbürste in der Hand nach. Persönlich bürstete der Echowirt die Anzeige von des verehrten Gastes Rücken. Ein Arcularius sollte über nichts zu klagen haben! Der erholungsbedürftige Superintendent hatte im »Kranichstedter Anzeiger« wiederholt Artikel über die Schönheit des Schottengeländes und die hervorragende Leitung des Sanatoriums gelesen. Er war mit seinem Freund Lichtermark in eine Besprechung unter vier Augen eingetreten. Eines Tages erfuhren die Gattinnen der beiden, daß es für den Pastor und den Professor höchste Zeit sei, endlich einmal auch etwas für sich zu tun. Die Freunde weilten nun ohne weibliche Fürsorge und Aufsicht im Flügelhaus, und es konnte nicht fehlen, daß sie mittags bei Diät im Sanatorium darbten und sich abends bei Kortüm wieder herstellten. »Hören Sie mal, Verehrter«, sagte Arcularius zu Kortüm, der Strich für Strich sachgemäß die Bürste über des Superintendenten Rücken führte, »ist es nicht wunderbar, wie gewisse Ereignisse als der Persönlichkeit beigeordnet und anhänglich betrachtet werden müssen und die periodale Wiederkehr jener Vorkommnisse fast ein natürlicher und unabwendbarer Lebensprozeß zu sein scheint? Sie zum Beispiel, Herr Kortüm, waren immer fürs Abfärben.« »Die Sonne, Herr Kortüm! Die Sonne!« rief Lichtermark. »Wissen Sie noch? Als Sie nach dem Brand im Sarkophag aus der Gruft von Sankt Marien heraufstiegen?« »Wie man abfärbt, habe ich erst vor ein paar Tagen in Erfurt gemerkt«, murmelte Kortüm und bürstete stärker. »Ist Ihnen dort Ähnliches zugestoßen? Hm. Nun, wie ich sage. Was uns im Leben begegnet, kommt nicht von außen: wir tragen unsere Erlebnisse in uns. Das reichhaltige Leben veranlaßt nur durch seine listenvollen Wendungen, daß wir die Erlebnisse zur Welt bringen. Ach ja, Herr Kortüm, Sie sollten uns doch bald mal wieder die Freude Ihres Besuches machen. Wer weiß. Es braucht ja nicht wieder Sankt Marien zu sein; Sie könnten vielleicht im Amtsgericht ein Geschäft haben oder in der Molkerei.« »Wo es auch sei«, fügte Lichtermark hinzu, »Sie sind uns stets willkommen. Wir reden noch oft von Ihnen im ›Lamm‹. Die 578 Geflügelpastete übrigens vorhin – wundervoll. So leicht, so zart, so mild sättigend. Und Ihr Bordeaux, oh. Haben Sie meinen Namen auf das Flaschenschild geschrieben?« »Ja, verehrtester Echowirt, man kann kaum erwarten, bis man den ersten Imbiß verdaut hat, damit der zweite eingenommen werden kann.« Doktor Langloff ging in Mimis blitzblanker Küche auf und ab: »Ich mühe mich, die Gäste gesund zu machen, und dieser Kortüm in der vermaledeiten Echostube drüben vergiftet sie wieder. Immer umschichtig: Kortüm – Langloff – Kortüm – Langloff. Jeder von uns beiden hat sie zwölf Stunden in Behandlung, aber – es ist zum Verzweifeln: bei mir sind sie nachts, und von den zwölf verschlafen sie mindestens acht ohne irgendwelchen Konsum.« Seit Müllers Sprengschuß das Kortümsche Selbstgefühl wieder freigemacht und seine Tatenfreude geweckt hatte, war die Lage im Schottengelände von Grund aus geändert. Den Gebäuden war äußerlich nichts anzusehen. Auch die Gäste befanden sich ausgezeichnet. Aber wirkliche Kenner der Verhältnisse wie Bilmes guckten hinter die Dinge und die Gäste und die Speisekarten und konnten von Kriegszustand reden. Vertraglich waren ja die Gemarkungen der beiden Wirte scharf abgesteckt – leider so genau, daß weder Kortüm diesem Langloff, noch Langloff diesem Kortüm an den Kragen konnte. »Sieh dir den Echowirt an!« rief Langloff, »was wir mit Unkosten säen, erntet dieser Kerl mit Reingewinn!« Herr Kortüm aber rief: »Sieh dir den Langloff an! Was ich auferbaut habe mit Geist und Phantasie, saugt dieser Kerl aus.« Er klatschte mit der flachen Hand an die Wand: »Flügelhausmauer! Jawohl! Und nicht einmal schlafen dürfen meine Gäste in meinen vier Wänden laut Vertrag!« Monich stellte diese schroffe Ansicht richtig. Gewiß durften im Echobezirk keine Gastzimmer vermietet werden, aber in den inzwischen umgebauten Stuben des Lohberghauses wohnten Sommergäste. Ihr Schlaf wurde da oben nicht vom Vertrag berührt. Der Doktor Windhebel schlief schon vier Nächte dort und war durchaus zufrieden. Auch der Ingenieur Müller klagte nicht, und der letzt zugereiste Gast, der Metallbildhauer Schwartenmacher, gab seiner Genugtuung über das schöne Bett und die angenehme Aussicht bei jeder Gelegenheit Ausdruck. Die beiden letzteren Gäste, Müller und Schwartenmacher, weilten 579 allerdings nicht zu ihrem Vergnügen im Schottengelände. Müller baute die Brücke, und Schwartenmacher stellte in emsiger Arbeit das Kortümmuseum in den Fluren, Fremden- und Gastzimmern des Lohberghauses auf. Es ging dem Meister wirtschaftlich immer noch nicht zum besten. Er war bei Kortüm schlicht um schlicht zu Gaste, arbeitete ohne Honorar und aß, trank und schlief ohne Berechnung. Seine Tätigkeit war jetzt freilich wesentlich schwieriger als seinerzeit in den goldenen Tagen der »Silbernen Windfahne«, als Herr Kortüm uneingeschränkter Herrscher in seiner Behausung war. Jetzt mußte der Meister mit einer Wirtschafterin rechnen, mit Lotte Wingen, die wenig Empfinden für die Bedürfnisse der bildenden Künste besaß, namentlich wenn man sie ihr in Gestalt von unkenntlichen Bruchstücken anbot. Gleich in den ersten Tagen kam es zu einem heftigen Zusammenstoß. Bekanntlich leiden alle Museumsmänner an Platzmangel. Noch nie hat man von einem Museum gehört, das zu groß gewesen wäre. Auch Schwartenmacher ging mit tiefen Falten in der Stirn und einem Zollstock in der Hand im ganzen Lohberghaus herum. Aufstellen mußte er die Sammlungsstücke: das hatte Herr Kortüm zur Bedingung gemacht, und Kortüms Verpflegung war vorzüglich. »Also wird aufgestellt«, sprach Schwartenmacher, ging in die glücklicherweise gerade unbewachte Küche, räumte die Aluminiumtöpfe von den Regalen und stellte seine Fundstücke auf: prähistorische Schüsseln und Krüge. Sprachlos vor Ärger fand Lotte am Nachmittag auf ihren Borden lauter unbrauchbare Töpfe. Die Gäste saßen schon draußen. Rasch räumte sie auf, warf die Scherben auf den Müllhaufen hinter dem Haus und kam mit den ersten zehn Portionen Kaffee gerade noch zurecht – die Gäste wollten schon aufstehen. Schwartenmacher sträubte sich das Haar, als ihm das Aufwaschmädchen diesen Roheitsakt schilderte. Stundenlang kniete er nun vor dem Abfall und suchte mühsam heraus, was sich als nicht zeitgenössisch wenigstens noch einigermaßen sicher feststellen ließ. Er stellte die Schätze auf einem Tisch in eine Reihe, holte Herrn Kortüm und sagte: »Bitte, das – das! hat sie in den Müll geworfen!« Kortüm schüttelte traurig den Kopf, sprach von weiblicher Ignoranz und Anmaßlichkeit. Er schwieg; eben kam Frau Wingen vorbei und trug in ihren Händen ein Kuchenblech. Sie hatte es eilig, der schützende weiße Papierbogen wehte ein wenig hoch, und ein Apfelkuchen wurde sichtbar, nur einen Augenblick lang, aber man sah es: ein Apfelkuchen, drei Zentimeter hoch, leuchtend gelb und golden braun, unten eine 580 Idee Teig und oben drauf Sulf. Lotte war mit dem Kuchen verschwunden. Die beiden Männer sahen sich an. Kortüm kaute mit den Zähnen, wie das seine Gewohnheit war und sagte nichts. Schwartenmacher blähte ein wenig die Nasenflügel: noch schwebte ein Ruch von Kuchenduft um sie. »Meister«, begann Herr Kortüm, »wir schaffen diese Museumsgegenstände einstweilen in das Zimmer des Doktor Windhebel. Er ist ein Gelehrter und wird sie nicht beschädigen.« »Bloß wegen einer Frau, die keine Ahnung hat von Kunst und Altertum?!« »Haben Sie den Apfelkuchen gesehen? Spüren Sie seinen Duft noch? Dagegen kommen wir nicht auf mit Prähistorik. Der Apfelkuchen ist da, und diese zerbrochenen Gegenstände, soviel sie uns bedeuten, waren einmal da. Frauen, die solche Apfelkuchen backen können, haben diese Erkenntnis im Gefühl, denn sie selber sind ja derart da und gegenwärtig auf Erden, daß unsereiner alle Mühe hat, neben ihnen vorhanden zu bleiben, Meister.« Murrend gehorchte Schwartenmacher. Kritisch begutachtete er von jetzt an Lotte Wingens Taten und Erzeugnisse. Einmal war der Kaffee zu dünn, die Linsensuppe zu dick, die Milch nicht rahmartig genug. Die Kritik half ihm nicht. Lotte ärgerte sich nicht, sondern lächelte nur: ein Metallkünstler verstehe etwas von Blech, was aber einen Kaffee, eine Linsensuppe und eine Rahmmilch genießenswürdig mache, das wisse sie, Lotte Wingen. Herr Kortüm mußte mehrfach am Tage aus der vollbesetzten Echostube auf den Lohberg eilen, um Meinungsverschiedenheiten zu schlichten, denn Lotte gab nicht nach, hatte außerdem Schwartenmachers Tätigkeit mehrfach für dummes Zeug erklärt, und wenn der Meister sich an seinem künstlerischen Gewissen gepackt fühlte, hörte man seine zornige Stimme über das ganze Schottengelände schallen. Trotz solcher und anderer Ruhestörungen schienen sich die Gäste beider Wirte äußerst wohl zu fühlen. Kortüms engere Tafelrunde auf dem Lohberg rückte an milden Abenden ihren Tisch ins Freie. Es saß sich gut auf dieser Höhe. Repshagen freilich klagte über den steilen Aufstieg. Er wohnte in der »Forelle« in Esperstedt. Das Auto konnte ihn nur bis zu der Stelle bringen, wo der schmale Lohbergpfad begann. Pustend kam er oben an. Der Ingenieur Müller schüttelte den Kopf: »Setzen Sie sich, Herr Repshagen. So. Nicht reden. Erst das Herz wieder beruhigen. Hier gehört ein Aufzug her, Herr Kortüm.« 581 »Wäre eine Sänfte nicht wesentlich billiger und sachgemäßer in diesem Terrain?« fragte Windhebel. »Im Rathausschuppen in Ilmenau unten steht je noch so 'n Ding«, meinte Monich. »Frag doch, was es kostet, Kortüm.« Zweckdienlichen und fortschrittlichen Neuerungen war Herr Kortüm nie abgeneigt: »Sänfte, hm. Man hat sie nicht mehr. Aber hier wäre sie praktisch und billig. Dazu distinguiert.« Er versprach, die nötigen Schritte zu tun. »Aber gleich morgen früh. Der Berg is bannig steil«, ächzte Repshagen. Müller sah die Herren der Reihe nach an in der Erwartung, daß sie nun allzusammen in ein Gelächter ausbrechen würden. Nein, sie lachten nicht. »Erlauben Sie«, begann er, »wer trägt denn heutzutage eine Sänfte mit Herrn Repshagen drin?« »Vorne Bilmes«, sagte Monich, »un hinten Kersch. Großartig. Kostet so gut wie nischt, un nich drei Minuten, un Herr Repshagen is oben.« Arcularius war diesen Reden aufmerksam gefolgt: »Man sieht, meine Verehrten, es gibt bleibende Werte. Wir leben in der Epoche der Blitzbahnen, Autos, Flugzeuge und elektrischen Aufzüge. Aber in gewissen Formationen und unter gewissen Bedingungen entsprechen die Unkosten solcher Apparate nicht ihren Leistungen. Wer hätte gedacht, daß die alte ehrwürdige Sänfte es ist, welche in Hinsicht des schmalen steilen Lohbergpfades und unseres lieben, etwas korpulenten Mitgastes Repshagen alle Errungenschaften der Neuzeit weit hinter sich läßt. Mit Büchern ist es nicht anders. Lesen Sie die älteren Philosophen oder Dichter, meine Herrn: Sie glauben in einer Sänfte zu sitzen, und Sie kommen in gewissen Lagen eher an, reisen sicherer und haben weniger Spesen als bei Benutzung neuerer philosophischer oder dichterischer Verkehrsmittel.« Arcularius verbreitete sich mit unendlichem Genuß über dieses Thema und schloß: »Zudem, meine Lieben, kommt ja Herr Repshagen nur abends. Dann ist es dunkel, und man sieht die Sänfte gar nicht.« »Hoffentlich is sie nich wurmstichig«, meinte Monich, »daß Herr Repshagen keinen Unfall hat un etwan unten durchfällt.« »Da sehen Sie, wie recht ich mit meinem Vergleich hatte!« Arcularius war sehr erfreut, seine Darlegungen ergänzen zu können: »Ein Unfall mit einem neueren Verkehrsmittel ist eine Katastrophe: was aber hat ein Unfall bei dem gemäßigten Tempo eines älteren Vehikels 582 zu bedeuten? Nichts! Denn das alte Fahrzeug hat sein Maß genommen an der menschlichen Natur, nicht an der Wolke oder dem vom Sturme verwehten Staubkorn. Gewiß bringen wir es weit, aber, Verehrteste – weit von uns weg. Lassen Sie wirklich unseren lieben Repshagen durch den Boden der Sänfte fallen –« »Na, hören Sie mal –« Herr Kortüm schnitt diese unfruchtbare Erörterung kurz ab: »Man prüft das Vehikel vorher auf seine Verkehrssicherheit. Wir haben ja die Freude, einen Fachmann in unserem Kreise zu wissen, einen berühmten Ingenieur. Nicht wahr, Herr Müller, Sie würden die Sänfte einer Durchsicht unterziehen?« Müller hatte das deutliche Gefühl, in einem Kreise von Irren zu sitzen, die entsetzlicherweise infolge besonders gelagerter Verhältnisse recht hatten. Freilich war diese lächerliche Sänfte für diesen sparsamen Wirt mit seinen großartigen Gebärden und für diesen dicken Repshagen mit seinem kurzen Atem auf diesem schlecht angelegten steilen Bergpfad das billigste und beste. Und der Ingenieur fragte sich, ob es seinem Ruf nicht schaden könne, wenn er in diesem Kreise weiter verkehre und gesehen würde. Aber der Kreis war doch merkwürdig reichhaltig; drei Gästeklassen wären zu unterscheiden, sagte Kortüm eben, die Echogäste, die Langloffgäste und drittens die Diätgäste, welche im Sanatorium wohnten und sich in der Echostube nur restaurierten. In der früheren Zeit war Herr Kortüm die mächtige Klammer gewesen, welche das Flügelhausganze umfaßte und zusammenhielt. Heute saßen im Flügelhausbezirk zwei Wirte: der eine hatte Geld, der andere besaß nur sich. Aber man sah es: Kortümsein ist auch ein Wert. Er hatte keine Orden, keine Titel, kein Kapital – aber er war etwas, auch in ausgefransten Hosen. Der Herr des Flügelhauses entfaltete in dem ihm verbliebenen Arbeitswinkel eine Wirtskunst und eine Wirtsgüte, die der Sanatoriumsleitung vom Doktor bis zur Tante Elvira angst und bange machte, da sie nun auch das Lohberghaus, die bisher nicht ernst genommene »Unterkunft«, zu einer gutgehenden Wirtschaft sich entwickeln sahen. Schon hatte man erfahren, daß Frau Wingen, die Wirtschafterin, ganz aufs Lohberghaus ziehen werde. Auch dieser Kortümbetrieb verlangte und lohnte also bereits eine dauernde Beaufsichtigung. Kortüms Leistung als Wirt hielt die Gästegruppen dauernd in Fluß. Gestern sahen die Gäste im Sanatorium ein, daß es gut ist, halb zehn zu Bett zu gehen. Heute waren sie morgens halb zehn noch nicht beim Frühstück, weil sie am Abend vorher unter der silbernen 583 Windfahne, am Püsterichbrunnen oder zu Füßen der steinernen Nadel einen ungemein anregenden Abend verbracht hatten. Kortüm führte Tabellen, von denen die jeweilige Hinneigung der ambulanten Gästegruppe auf einen Blick ablesbar war wie die Temperaturkurve auf den Tabellen in Krankenhäusern. Windhebel unterzog Kortüms Tabellenwerk einer kritischen Durchsicht: »Die Namen der Gäste. Ganz gut. Aber hier stehen Zahlen. Was bedeuten sie?« »Auch Gäste. Und zwar solche Herrschaften, die man leicht verwechselt. Früher benannte ich solche Herrschaften nach Zimmernummern. Die weiß ich jetzt nicht, da mein Flügelhaus zur Zeit ja von einem Pächter geführt wird. Deshalb gebe ich dieser Art Gast eine laufende Nummer. Der Reihe nach, wie sie ankommen, verstehen Sie?« »Er tauft sie einfach um«, murmelte der Doktor. »Ein Wiedertäufer«, sagte Lichtermark. »Was meinst du dazu, Arcularius?« »Oh, Leberecht, so läßt sich der Mensch nicht umtaufen. Die Ziffer erreicht die Seele nicht.« Mißtrauisch sah Müller den Superintendenten an, der bei seinen Worten eine gewaltige Tabakswolke über den Tisch geblasen hatte, um schon wieder neuen Qualm aus dem veralteten Porzellankopf seiner Pfeife zu saugen. Auch Windhebel betrachtete den rauchenden Pastor, aber mehr nachdenklich: »Ja«, nickte er, »dieses Taufen. Es macht auch unsereinem zuweilen Not.« »Ich glaubte in Ihnen einem Astronomen begegnet zu sein?« Windhebel zuckte mit den Schultern: »Unsre verewigten Kollegen sind ja ursprünglich von einer Fakultät gewesen, Herr Pastor. Erst als die Sache komplizierter wurde, beschränkte sich der eine auf die Kanzel und der andere auf das Observatorium. Jedenfalls tauften unsre gemeinsamen heidnischen Vorfahren die Gestirne auf die Namen ihrer Götter: Jupiter, Mars, Neptun. Aber es gab viele Sterne: die Göttinnen kamen dran, Venus zuerst.« »Wie höflich Heiden sind«, warf Lichtermark ein. »Leberecht!« »Mehr Sterne erschienen«, fuhr Windhebel fort, »die Halbgötter, die Halbgöttinnen mußten ihre Namen hergeben. Immer bessere Gläser errechneten die Optiker. Die berühmten Frauen der Geschichte sprangen ein. Die Refraktoren wurden aber noch gewaltiger.« 584 Einen seltsamen Anblick bot die Tafelrunde: Windhebel sah sinnend in sein Weinglas, aber alle anderen hatten die Köpfe weit in die Nacken gelegt und starrten hinauf in den sternbesäten Weltraum. »Zu Hunderten tauchten die Asteroiden im Raume auf. Seltsame Namen wurden ausgesucht. Zuletzt sagte man sich: wir müssen sie auf Zahlen taufen.« Windhebel seufzte: »Ach ja, meine Herren, Zahlen sind gut, aber es gibt nicht nur bejahrte gesetzte Astronomen. Nein. Es gibt auch junge. Und was tut so ein Kerl auf der Sternwarte in Straßburg, der eben einen neuen Planetoiden im Andromedanebel entdeckt hat?« Die Zuhörer senkten langsam ihre Köpfe in die normale Lage und blickten erwartungsvoll den Gelehrten an. »Ja, was tut der? Seine Braut versetzt er unter die Sterne: Friederike nennt dieser Mensch den neuen Stern.« »Darf er denn das?« fragte Herr Kortüm erschrocken. »Wer entdeckt, benennt das Neue. Ein unbestreitbares Grundrecht. Aber die Folgen! Die Sache hatte nämlich einen Haken. Ein anderer, auch noch nicht vom abgeklärteren Jahrgang, einer von der Licksternwarte, wollte denselben Planetoiden einen Tag eher gesehen haben und hatte ihn nach seiner Geliebten getauft: Hannchen.« »Oh!« sagte die Tafelrunde mitleidig, und der gute Leberecht fügte hinzu: »Konnten sie sich nicht auf Hannerieke einigen?« Windhebel schüttelte den Kopf: »Prioritätsprobleme und Liebesangelegenheiten sind nie auf eine mittlere Linie zu bringen. Aus eins und zwei ist schnell Gamma gemacht, aber aus Friederike und Hannchen im Leben keine Hannerieke. Ersparen Sie mir die eingehende Schilderung dessen, was nun unausweichlich kam. Jahrelang boten die Dissertationen einen erbarmungswürdigen Anblick – ich bitte Sie, wenn man lesen muß: ›Riekchens Atmosphäre‹ oder ›Hannchens Umdrehung um sich selbst‹.« »Lieber Gott.« Kortüm war es, der wieder den Kern der Frage traf: »Und die beiden lebenden jungen Damen?« »Riekchen hat einen Theologen geheiratet und Hannchen einen Gastwirt.« »Ah! Dann hat der Mann auf der Licksternwarte recht gesehn!« entschied Herr Kortüm. »Lebt dieses Hannchen, das einen Gastwirt zum Manne nahm, noch? Geht es dem Ehepaar gut? Floriert ihr Geschäft?« 585 Windhebel lächelte: »Sie lebt noch. Der Mann ist tot. Aber sie ist inzwischen ein Stern im Baedeker geworden: das Savoy in Port Said bewirtschaftet sie.« »Ha!« rief Kortüm. »Und die Straße?!« »Quai François-Joseph.« »Meine Herren«, Kortüm hob das Glas, »die Wirtin von Port Said!« Er suchte nach einem Blatt Papier: »Wir schicken ihr als späte Genugtuung einen Gruß! Ein Gastwirt, ein Superintendent, ein Astronom, Leinwandhändler, Gutsbesitzer, Musikant und Ingenieur – wie heißt doch gleich das lateinische Sprichwort: Per aspera – Herr Doktor?« »Hm«, murmelte Windhebel, » ad astra . Schreiben Sie deutsch: Durch Sternennebel zur guten Wirtschaft.« So schrieben sie in dieser Julinacht an Hannchen Savoy, den ehemaligen Planetoiden im Andromedanebel, zur Zeit Port Said, Quai François-Joseph.   Die eigenen Wege Festliche Einweihung der Schottenstraße: an diesem Tage konnte Herr Kortüm seine Gästekurve nicht einzeichnen. Der Andrang spottete jeder Registrierung. Zu den standörtlichen Gästegruppen Echostube – Sanatorium kam heute das Schottengelände insgesamt. Von den Kinderwageninsassen und Fußgängern, den Last-, Kalesch- und Mietwagenbenutzern bis zu den eigentlichen Autoinhabern bewegte sich alles Lebendige in Richtung Schottengelände. Herr Menger schrieb in einem begeisterten Aufsatz: »Nur die Toten auf den Friedhöfen blieben an ihrem Ort!« Im Speisesaal des Sanatoriums wurde ein Mahl eingenommen, ein Festmahl – kein Wort gegen Elvira! Der Apotheker Mickewitz speiste mit, sah seine Nachbarn speisen und eilte zwischen Eisbombe und Käseplatte in die Fernsprechzelle: sogleich, unverzüglich, möge der Provisor die Magenmittelbestände auffüllen. Hiebrich ließ sich vom Gesellen eine Holzmolle voll Bratwürste nach der andern in den Fliederweg vor der Echostube bringen, wo sein Rost dampfte. Kortüms Gaststätte war besetzt: die Echostube, die Treppenstufen zum ersten Stockwerk, die Türschwelle und der Püsterichplatz. Ein Leierkastendreher 586 machte Musik dazu. Ein Mann mit Luftballons verkaufte seine Ware trotz Kortüms Einspruch: »Sie beengen mit diesen Ballons auch noch den Raum über den Köpfen!« Schon war auch auf dem Lohberg kein Platz mehr zu finden, und die Leute machten sich auf dem Pfad zum Gipfel seßhaft. Kortüms Organisationsgabe feierte Triumphe. Bis nachmittags vier Uhr hatte er bereits zwei Kaffee-Hilfskochstellen und drei Faßausschenken errichtet. Nicht eine Minute gönnte er sich Ruhe, verschlang im Laufen ein paar Bissen und trank gar nichts, denn die Sonne schien heiß, und an solchem Festtage widerstrebte es ihm, seinen schwarzen Rock abzulegen. Schwartenmacher befestigte in aller Eile die wertvolleren Museumsobjekte mit Draht: die Funde standen recht ungeschützt in Flur und Gang des Lohberghauses. Windhebel sah ihm schadenfroh zu: »Mit Draht anbinden würde ich an Ihrer Stelle nur den Katalog des Kortüm-Museums. Der ist das einzige, was nicht wieder zu beschaffen ist in eurem Museum.« Arcularius saß auf einem Bierfaß, die Kaffeetasse auf den Knien, und, sie mit der freien Hand sorglich vor den Vorüberdrängelnden schützend, sagte er zu Kortüm: »Gratuliere, Verehrtester.« Der Echowirt wischte den Schweiß von der Stirn und lehnte sich erschöpft an die steinerne Nadel: »Ja, Umsatz wohin man blickt – die neue Schottenstraße läßt sich gut an.« Es war ein großer Festtag. Am anderen Morgen jedoch wollten Windhebel, am nächsten Arcularius, am dritten Schwartenmacher und an den folgenden Tagen wollten noch ein paar andere Leute bemerken können, daß die Schottenstraße einen Fehler habe. Aber Männer dieses Schlages stellen leicht unbillige Forderungen. Herr Kortüm versuchte sich selber ein Urteil zu bilden. In endloser Kette glitten die Autos über die glatte Bahn. Neben dem Betonstreifen lief der Fußweg hin. Auch dieser Pfad wurde ordnungsmäßig begangen. Bilmes fuhr seine Schubkarre bergab, Kersch stieg mit der Axt auf der Schulter bergan. Eine Bauernfrau zog den Handwagen mit dem Eierkorb hinter sich her. Der Zeitungsjunge, der Briefträger, Fleischermeister Hiebrich mit einem Kalb – alles noch nicht motorisierte Lebendige zog hier seines Weges. Aber es gab Leute, die nun eigentlich auf der Bordsteinkante zwischen Betonbahn und Seitenweg hätten gehen müssen. Wenn den Doktor Windhebel ein Gedanke bewegte, liebte er nach Besenroda hinabzusteigen und den Anblick der Tiefe, Schritt für Schritt in sie hineintauchend, beruhigend in sich aufzunehmen. Sst – sauste ein Auto an ihm vorbei. 587 Windhebel fuhr zusammen. Wenn, begann er seine letzte Überlegung von neuem, wenn die Quadrate der Umlaufzeiten sich wie die Kuben der mittleren Abstände . . . Rrrum ruckelte drohend ein Lastzug heran. Kam der Wagen von vorn, ging der Doktor unwillkürlich so weit wie möglich an den jenseitigen Rand des Pfades; huschte er von hinten plötzlich heran, erschrak er. »Bloß 'n Momentchen«, sagte ein wandelndes Reisigbündel und schob den Gelehrten in die Büsche, »so, danke schön. Da bin ich ja schon vorbei« – mit seiner tiefen Berechnung war es nun freilich auch vorbei. Abends behauptete Windhebel: »Zu Fuße kann man weder mehr nach Besenroda noch nach Esperstedt gelangen. Das Schottengelände ist abgeriegelt von den Wäldern im Süden und der Goldenen Aue im Norden.« Lichtermark vermochte auf den Wegen nach Besenroda und Esperstedt keine Motive mehr vor sich hinzusummen. Der meditierende Arcularius verlor den Faden. Wirtschaftlich rollte auf dem neuen Betonband ein gutes Stück Geld ins Sanatorium. Auch bei Kortüm guckten manche Fahrgäste gelegentlich ein in der Hoffnung, da sei es billiger. Wenn sie in großen eigenen Wagen reisten, sagten sie: »Originell«, wenn sie in kleineren Wagen älterer Bauart oder in Autobussen erschienen: »Nu gucke bloß, hä«, und gingen dann in der Regel ins sogenannte Haupthaus. Diese Einkehrer registrierte Herr Kortüm auch dann nicht, wenn sie wirklich Platz nahmen und die Speisekarte verlangten: »Das sind keine Gäste, sondern Reisende«, sagte er und überließ ihre Bedienung dem Kellner. Auf der Straße ins Schottengelände bewegten sich innerhalb des Betonbandes die Reisenden in Autos und daneben auf dem Fußweg die Einheimischen mit ihren Körben und Schubkarren. Diese Scheidung bewährte sich vortrefflich: keiner behinderte den anderen. Aber der Volksteil, welcher auf Erden weder Autos noch Schubkarren bewegt, sondern beim Gehen, beim nachdenklichen Arbeitswandern so seine Gedanken hat, der wurde von den fahrenden Kolonnen abgedrängt. Es gab ja viele völlig verkehrslose stille Waldwege im Schottengelände, aber der uralte Nordsüdweg gehörte ebenso zum Wesen des Schottenhauses wie die Westoststraße von der Biskaya her nach Taschkent. Nun lag das Haus plötzlich an einer neuen Stelle: entweder an einer nordsüdlichen Verkehrsader oder an einem westöstlichen Triftweg. »West und Ost und Nord und Süden«, sagte Kortüm. Denn leider auch die Unberäderten mußten Besenroda und Esperstedt erreichen können, wenn sie nicht verzichten wollten auf die Wanderungen in die 588 tiefen Wälder jenseits der Ilm im Süden und die weiträumigen Hügelwellen zu den Harzbergen hin nach Norden. Ohne daß der geldsäckelnde Langloff es merkte, hatte sich sein Sanatorium verlagert. Doktor Langloff strich Geld ein, setzte um und war bester Laune. Kortüm saß lange Stunden in seinem Lehnstuhl und tat scheinbar nichts. Er sann vor sich hin. Als die Straße schlecht war, hatte er sich beschwert. Nun war sie glatt und grade. Sollte er jetzt etwa wieder Klage erheben gegen Gott und alle Welt? Dazu war Herr Kortüm ein zu guter Wirt und Lebenskenner. Er sah deutlich, daß weder die alte Schlaglöcherstraße noch die neue Betonglätte zu ihm führten, daß also die »Silberne Windfahne« regelrecht, offiziell und aktenkundig scheinbar überhaupt nicht zu erreichen war. Kortüm schlug schallend mit der flachen Hand auf seine braune Mappe: er mußte denn seinen eigenen Pfad finden zwischen Schubkarre und Maschine. Herr Kortüm stand vor keiner geringeren Aufgabe, als die Straße zur »Silbernen Windfahne« zu erfühlen zwischen Erde und Gestein, wie sie schon einmal erfühlt worden war in alten Zeiten zwischen der Biskaya und Taschkent, zwischen Adria und Nordsee. Er fing an, auf Seitenwegen zu gehen; er wanderte auf Jägerpfaden, als ob ihm Doktor Langloff eine verzweifelte Laufkur verordnet hätte. Jeden Wildsteig, der von Besenroda über die Schottenhöhe nach Esperstedt führte oder der sich zwischen bemoosten Felsblöcken und Buchenstämmen in dieser Richtung erahnen ließ, schritt er unermüdlich auf und ab. Alle diese Pfade trug er in die Generalstabskarte ein, verglich sie, maß die Gehzeit mit der Uhr in der Hand, schließlich trug er mit roter Tinte den besten Fußweg in seine Karte ein und ging zum Besenröder Malermeister. Als seinerzeit Herr Kortüm seine Echostube streichen ließ, hatte sich der Meister nicht wenig über den befremdlichen Auftrag gewundert. Jetzt wunderte er sich noch mehr. Aber er führte auftragsgemäß die Arbeiten aus: zwölf kleine Wegweiser und zwei große Holztafeln mit schöner und klarer Schrift waren zu bemalen. Eines Tages standen zwei neue große Schilder in der Landschaft. Die eine Tafel lenkte am Ausgang von Besenroda den Blick auf sich. Sie wies auf den Fußpfad, den Kortüm mit schwerer Mühe durch den einsamen Bergwald längs einer Wildspur gefunden hatte, und enthielt diese weithin leuchtende Inschrift: »Goetheweg.« Darunter stand: »Hier erstieg J. W. v. Goethe im Jahre 1779 die Schottenhöhe, auf der jetzt Kortüms Echostube steht.« Und in kleineren Buchstaben las man ferner: »Bis zur Echostube 15 Minuten.« Die andere Tafel erhob sich 589 am Ausgang von Esperstedt, wies auf den Fußpfad, der von Norden her zur Schottenhöhe hinaufführte und verkündete den erstaunten Wanderern: »Wolframweg«. In derselben Anordnung wie auf der Besenröder Tafel folgte in kleineren Buchstaben die Mitteilung: »Hier verließ Wolfram von Eschenbach im Jahre 1203 die Schottenhöhe, auf der jetzt Kortüms Echostube steht. Der Dichter befand sich auf der Reise zum Sängerkrieg auf der Wartburg. Bis zur Echostube 18 Minuten.« Es konnte nicht fehlen, daß diese neuen Straßenanlagen und ihre historische Begründung das größte Aufsehen in näherer, in weiterer, ja in allerweitester Umgebung erregten. Bei der Goethe-Gesellschaft liefen Anfragen ein, wem die Entdeckung dieses Pfades geglückt wäre, bisher habe man doch nur gewußt, daß der Dichter sereno die quieta mente den vierten Iphigenienakt in jener Gegend an einem Sommertag geschrieben habe. Der Teil der Bevölkerung, welcher Goethe und Wolfram gelesen hatte, besah sich in tiefer Verwunderung die neuen Pfade. Hoch standen hier die Kerzen der Fingerhutstauden, lautlos schwebten bunt schillernde Fliegen in den paar Sonnenstrahlen, die das Blätterdach durchbrechen konnten, dicke Moospolster sänftigten den Tritt, Felstrümmer luden zum Ruhen und Nachdenken ein, und wer lauschend den Kopf neigte, vernahm nichts als das Rauschen des leisen Sommerwindes in den Zweigen. Die Goethe- und Wolframkenner wiegten die Köpfe hin und her, und endlich setzte sich diese Gemeinde auf einen Felsblock – sie bestand aus zwei älteren Herren – und sprach zueinander: »Hm . . . ach so . . . nun, es sei.« Ein anderer Teil der Ein- und Umwohner, jener nämlich, der wenig las, dem aber aus sonstiger Kenntnis oder Berufstätigkeit ein Urteil zustand, rief aus: »Nichts ist diesem Kortüm heilig! Da wagt dieser Gastwirt, seinen Namen zu nennen in gleichem Atem mit den Namen unserer beiden großen Geistesheroen!« Ein dritter Volksteil aber faßte sich kurz und sagte nur: »Hä«. Wenn diese erfreulichen Einwohner rasch mal zwischen saurer Arbeit ein kleines Lichtenhainer in der Echostube zu sich nehmen wollten, kamen sie von Süden wie von Norden her auf den neuen Pfaden Kortüms sehr viel rascher an Ort und Stelle. Und alle die Gäste, welche spazieren zu gehen scheinen, aber in Wahrheit gehend arbeiten und ihre Gedanken haben oder bekommen, die Gelehrten, die Ingenieure, die Künstler und die Seelenhirten – die erklärten übereinstimmend: »Herr Kortüm, Sie haben es wohlgemacht – freilich ist Ihre Zugangsstraße nun noch etwas beschwerlicher geworden, als es die alte Schlaglöcherstraße schon war.« 590 Der Kapitän dagegen drückte sein Mißbehagen, den Doktor an der Rockklappe an sich heranziehend, so aus: »Jetzt Schluß! Merkst du was? Der will die Bücherleser an sich ziehen, die Leute mit sitzender Lebensweise, verstehst du? Die sitzen nämlich abends in seiner Echostube am längsten.« Der Kampf begann. Herrn Kortüms Sache stand rechtlich auf schwachen Beinen. Einen Jägerpfad ausbeuten mit irreführender Reklame – was sollte werden, wenn jeder . . . Aber Kortüm hatte ja inzwischen manches dazugelernt, brachte diesmal die dritte Person auf seine Seite und stellte sie rechtzeitig vor sich hin. Auch in seinen Eingaben stand nun nicht mehr: »Ich brauche«; Kortüm schrieb: »Die geistig schwer arbeitenden Teile der Bevölkerung brauchen.« Von diesen Leuten sprach und schrieb er in beweglichen Worten und erwies schlagend ihre Verlorenheit zwischen Schubkarren und Betonband: »Wem sollen auf einer Bordsteinkante große Gedanken kommen?!« rief Kortüm aus. Tapfer drang er in die Festungen der Behörden; er erstieg die Stockwerke, in denen weder Stichling noch Lobedanz noch das Landrecht von achtzehnhundertvierzig das Wort haben, wo die Treppen noch breit und mit Läufern belegt sind. Die hier hausenden Herren saßen selber halb zu Tod gearbeitet zwischen Aktenhaufen, strichen sich seufzend über die Stirnen, wenn von Ruhebedürftigkeit die Rede war und klappten das Aktenbündel »Eigenmächtige Aneignung zweier Wildpfade mit Hilfe irreführender Werbung« mit einem Ruck zu: »Der sogenannte Goetheweg und der sogenannte Wolframweg können einstweilen und auf Widerruf benutzt werden.« Manche dieser Herren schrieben sich in ihre Merkbüchlein sogar die Anschrift des Inhabers der Echostube und sagten beim Abendessen zu ihren Gattinnen: »Was würdest du zu einem gelegentlichen Aufenthalt in Thüringen sagen? Auf dem Lohberg etwa? Bei einem gewissen Herrn Kortüm, der nach meinen Akten kein schlechter Wirt sein kann, Liebe?« Herr Kortüm reiste befriedigt aus der Hauptstadt ab, verließ in Besenroda sein Abteil, drückte das Kinn an den Kragen und sagte zu den Chauffeuren auf dem Bahnhofsplatz höflich: »Danke.« Er wanderte bis zur Kortümtafel und stieg von da aus in fünfzehn Minuten den Goetheweg hinauf zur Echostube. Am Abend eröffnete er der erstaunten Tafelrunde, daß von heute und hier an die große und rund viertausend Jahre alte Nordsüdstraße einen etwas anderen Verlauf nehme: »Sie wissen? Adria, Nordsee, dann 591 weiter Island, Grönland, Alaska. Diese Straße ist ab heute verlegt – soweit sie mich und meine Gäste betrifft. Ja.« Bisher war Doktor Windhebel der Mann, der an diesem Tisch auf Grund seiner Himmelskenntnisse den tiefsten Eindruck hervorzubringen verstand. Nicht einmal der Pastor Arcularius konnte ihn an Unwidersprechbarkeit überbieten. Jetzt starrten sie Kortüm an: »Die Wege sind tatsächlich genehmigt?!« Herr Kortüm nickte: »Auf Widerruf. Aber, meine Herren, haben Sie seit den Tagen Babels ein Bauwerk gesehen, das nicht auf Widerruf errichtet worden wäre? Und leben wir nicht selber auf Widerruf?« Er schenkte ein: »Herr Doktor, Herr Superintendent, Herr Ingenieur, lieber Monich!« Er hob das Glas: »Den Menschen auf Widerruf und ihren Pfaden!« Sie stießen an und tranken. Der Ingenieur trank das ganze Glas aus und hielt sich dann das leere Gefäß nachdenklich vors Auge, als ob er nach einem Tropfen Wein darin forschte: »Es ist doch zu überlegen«, murmelte er, »ob ich mir hinter Bendar Schah nicht gleichfalls ein Stück Land stehle und die Bahn dadurch baue. Hm, man braucht ja, wie wir sehen, einfach eine Tafel aufzustellen gleich der des Herrn Kortüm –« »Nur« – Kortüm beugte sich weit über den Tisch dem Ingenieur entgegen und sagte mit hochgezogenen Augenbrauen und spitzem Munde – »nur würde dortzulande nicht leicht jemand an der Tafel vorbeikommen, der sie lesen kann. Das erst, was die zwei Namen bedeuten, welche ich den Pfaden zu geben mir erlaubt habe, macht ja Schriftzeichen leserlich. Schenke ein, Monich.« Der siegesbewußte Konkurrent des Ingenieur Müller hob wieder sein Glas: »Mögen die zwei Schutzpatrone jeden unserer Schritte segnen, den wir tun müssen auf selbstgebauten Wegen.«   Einstweilen Auf der Bank, die eine Tafel als »Gottesblick« bezeichnete, saß Herr Kortüm, hielt ein Streichholz in der Hand – aber er ratschte es nicht an. Die Stille ringsherum war sumsend tief, schwebte so weitausgeschwungen über dem Schottengelände, daß auch Herr Kortüm sich nicht zu rühren getraute. Er saß da mit halbgeschlossenen Augen und 592 geneigtem Kopf, gelöst in dem unendlichen Frieden dieser Abendstunde. Er ließ das Holz fallen, die Zigarre in die Tasche gleiten, ganz vorsichtig, daß kein Laut, kein Ruck die Stille störte. Herr Kortüm war heute allein im Schottengelände – oder fast allein: nur den Lohbergpfad stieg Frau Wingen herauf und wieder hinab, Kopfkissen unter dem Arm, Schuhe, ein Stück Seife in der Hand. Sie zog in eine Stube des Lohberghauses ein. Emsig trug sie das Nötigste hinauf. Das machte keinen Lärm. Ihre Kinder waren schon oben und spielten auf dem Sandhaufen. Die Stimmchen läuteten und klingelten nicht über den ersten Tannenkranz hinaus, der den Gipfel umgab. Lotte trug Waschnäpfe, einen Spiegel. Zuletzt brachte sie ihre Anschreibebücher. Sie nahm die Kinder an die Hand, ging ins Haus mit ihnen, die Türe klappte. Auch auf dem Lohberggipfel war es nun ganz still. Herr Kortüm befand sich allein in seiner Welt – ein seltenes Ereignis. Denn wer die Leute mit immer neuen Gedanken in Gang hält wie dieser Echowirt, verbringt eben einen guten Teil seiner Zeit im Gedränge. Heute erlebte Kortüm zum ersten Male in staunender Genugtuung, daß es möglich ist, seine gesamte Umgebung auf die Beine zu bringen und dabei selbst geruhig auf einer Bank zu sitzen, als ob der große Gottesfrieden angebrochen wäre. Alle Welt sagte in diesem Augenblick »Kortüm«, und Herr Kortüm saß so in Frieden, daß er sich scheute vor dem Ratschen eines Streichholzes und dem Knarren seiner Stiefel. Befriedigt blickte er hinunter auf den Ort seiner Wirksamkeit: dort unten lag Besenroda. Er sah deutlich den Kirchplatz. Vor der Kirche führte die Lange Gasse zum Roßmarkt. Diese Lange Gasse und dieser Roßmarkt wimmelten von Menschen, und was da Kopf an Kopf ging, drängte auf einen im roten und grünen Reklamelicht strahlenden Punkt zu: ins Kino strebten die Leute. Heute wurde »Andermann« gegeben. Auch in Esperstedt gab man, zum ersten Male in dieser Gegend, diesen Film. Was über achtzehn Lebensjahre zählte oder doch so aussah, drängelte sich an die Kassen: »Kortüm wollen wir sehn.« Herr Kortüm aber saß ruhevoll auf seiner Bank, hielt in der einen Hand ein Fernrohr und streichelte von Zeit zu Zeit das alte Instrument mit der anderen Hand. Vor ein paar Stunden hatte ihn Windhebel gefragt, ob er das Ding haben wolle: »Ein nettes kleines Rohr.« Dankbar hatte Kortüm das wenige Geld dafür erlegt und war zu seiner Bank gewandelt. Noch war die Leuchtkraft des schwindenden Sonnenlichtes zu stark und blendete über die Sternpunkte weg: 593 »Einstweilen soll es mir die hiesige Welt näherrücken«, murmelte er, zog die Tuben auseinander und richtete das Glas auf den Roßmarkt. »Haha, wie sie rennen! Und da schreibt mir Utzenstorff einen Entschuldigungsbrief. Es hätte keine Figur gegeben, die so passend wäre wie meine. Ein großer Gedanke. Wenn ich einmal ein reicher Mann bin, werde ich mir einen Schauspieler halten, der mich spielt. Er geht auf die Ämter, er wünscht den Gästen Guten Appetit – und ich, oh, ich sitze unterdessen auf dieser Bank.« Tiefer Abendfrieden. Die Vögel sangen nicht mehr. Auch der Wind ging nicht. Reglos hingen die Blätter. Kortüm setzte das Fernrohr ab. Die Leute in den Straßenzeilen da unten hatten sich verloren. Auch auf dem Roßmarkt stand niemand mehr. Ein wenig Musik klang noch herauf . . . Jetzt verhallte sie. Man hatte wohl die Türen des Kinos geschlossen. »Andermann« begann. Die lebendige Vervielfältigung des Ichs war für Kortüm ein neues Erlebnis. Immer hatte er sich persönlich schinden und herumdrängeln müssen, wenn er sich den Leuten vor die Augen rücken wollte. Auch das Holdermannsche Ölbild erfüllte seinen Zweck nicht völlig: wenn ein solches Werk eine Weile in seinem Goldrahmen an der Wand gehangen hat, sehen es die Leute nicht mehr. Aber mehrfach vorhanden sein in lebendigem Zustand: »Oh! Sobald mir meine Mittel eine Vervielfältigung erlauben, stelle ich einen Schauspieler ein. Vielleicht gibt er mich besser als ich mich selbst. Aber was bewegt sich dort?« Er richtete sein Glas auf den Hügel hinter Besenroda, der im schweren Orangelicht der untergehenden Sonne glühte. »Ein Erntewagen«, murmelte Kortüm, »die denken, es kommt Regen. Wie der Knecht das Maul aufreißt und die Tiere anschreit – schreit? Nein. Man hört nichts. Man sieht ihn nur schreien. Ah, da kommt die Eisenbahn . . .« Kortüm folgte der Wagenschlange mit dem Fernrohr. Wunderbar glitt sie hin. Aber Kortüm hörte sie nicht fahren. Das dicke Lastauto auf der Straße – es bremst – jetzt ist es an dem Erntewagen vorbei. Wie das Ding nun wieder losbraust – lautlos. Kortüm legte das Fernrohr auf die Knie und dachte nach; ein Punkt war das Auto, ein Strich die Eisenbahn, ein Stäubchen der Knecht. Punkt, Strich und Stäubchen rückten die geschliffenen Gläser heran und machten Wagen, Bahnschlange und Knecht aus ihnen, die Nichtse bekamen Formen: scharf und rein umrissen. So muß dastehn, was lebt: ein Baum oder ein Gras oder eine schöne Frau – es geht einem durch die Augen und stärkt das Herz, denn es steht so selbstverständlich da, als müsse es für 594 alle Zeit so sein. Freilich, die Augen ändern sich. Und das Herz . . . Als mein Vater älter wurde, sah er nicht mehr danach hin. Er lächelte nur, suchte mit den Augen ganz andere Dinge. So allerlei Sachen erquickten ihn dann, die keinen Umriß haben, nicht dastehn wie für alle Zeit gestellt: besonders nach den Wolken sah er und freute sich, wie sie sich ewig verändern. Mein Schottenhaus, in den Tagen, als das Gerüst weggenommen wurde, meine junge Frau . . . mein Vater nickte nur, so wie er war: gütig, vielleicht ein bißchen mitleidig. Hm, und dann sah er wieder nach den Wolken. Er war schon ein sehr alter Mann damals. Das hohe Alter hält sich wohl an die Kraft selber, die formt. Ans Formlose – nun, mich freut noch die scharfe Linie meines Hauses, wie es da aus dem Grasboden steigt. Und eine schöne Frau erquickt mich, wenn ich sie gehen oder spielen sehe. Ja, wo ist sie eigentlich? Warum kommt sie nicht? Die große Schauspielerin? Meine Freundin? Konstanze Schröter? Die Mondsichel stand weiß und klar im Abendhimmel. Kortüm sah die Gestirne, eines nach dem anderen, nun ganze Saaten von Sternen, gezogen kommen. Aber ihm war entschwunden, daß er doch mit seinem Glas zu dieser Bank gewandelt war, um sich den Weltraum näher zu rücken. Nur die fernen Menschen hatte er näher an sich gezogen, und als der letzte Widerschein der Sonne verblich und die Erde dunkel vor ihm lag, sagte Kortüm sogar: »Nun ist gar nichts mehr zu erkennen.« Er schob die Tuben zusammen. Doktor Windhebel würde Herrn Kortüm sehr befremdet angesehen und in den Weltraum hinaufgedeutet haben: »Da sind sie ja eben gekommen.« Dieser Mann blieb bei seiner Gastwirtsphysik. Kortüm sah nur, daß es dunkler und dunkler wurde und sagte: »Morgen« – nachdenklich zog er die Lederschlaufe des Futterals in die Schnalle – »wenn wir wieder Licht haben.« Jetzt ging er an seinen Schreibtisch, schaltete die Lampe ein und verfaßte einen Brief an Konstanze Schröter, in dem er ihr den Ausblick vom Mittelfenster im Oberstock des Lohberghauses schilderte. Auf den Umschlag schrieb er: »Weimar«. Der Brief reiste eine gute Weile hinter ihr her, bis er sie endlich in Berlin antraf. Aber auch in Berlin war Konstanze Schröter schwer von Briefen zu erreichen. Du!« sagte Konstanze leise. Klaus hatte zum Kellner gesagt: »Eine Flasche Sekt!« und richtete nun an die Dame, für deren Wohlergehen er sich verantwortlich 595 fühlte, die teilnehmende Frage: »Trinkst du keinen? Möchtest du lieber ein Glas Tee? Oder – Herr Ober, eine Tasse Schokolade noch, bitte.« »Blas dich doch nicht so auf. Was fällt dir überhaupt ein?« Sie hatten die bunten Ankündigungen des Kabaretts auf der Straße eine Weile angesehen und dann lachend gesagt: »Wollen wir?« Und da saßen sie nun. Geduldig hörte Konstanze ein lächerliches Lied an. Als der Kellner mit viel Umstand die aufgetakelte Flasche brachte, öffnete und aufstellte, wurde Klaus ein wenig befangen: »Ich muß mich einmal herausreißen«, sagte er erklärend. »Woraus?« Klaus sparte nicht mit Worten. Der Champagner erleichterte ihm das Reden. In starken Farben schilderte er den letzten Schwung, den er der Arbeit, die zu Hause auf seinem Tische lag, noch geben wolle – ja, er gebrauchte das Wort »Aufschwung«. Konstanze ließ ihn ausreden, trank, sah ihn beim Trinken über den Rand des Glases mit halbgeschlossenen Augen an. Dann sagte sie: »Ach. Vor Verdun ist ein Onkel von mir gefallen –« »Was redest du?« »Sei gefälligst still – der war Artillerieoffizier. Aktiver. Als er das letztemal auf Urlaub war, hat er meinem Vater erzählt, wie es ist, wenn's losgeht. Aufgeregt wäre er nicht gewesen. Auch nicht, was man zu Hause begeistert nennt oder todbereit und was es da sonst für Worte gibt. Er hätte immer viel zu viel mit Entfernungsschätzen und solchen Sachen zu tun gehabt. Schon vor dem Kriege, in den Manövern, neunzehnhundertzwölf, dreizehn, wären eigentlich nur – natürlich bloß in den ersten Tagen, dann auch nicht mehr – die Reserveoffiziere aufgeregt gewesen. Du, weißt du was? Ich glaube, ein Dichter ist gar nicht aufgeregt. Bloß Reservedichter.« Klaus setzte mit einem Schwupp das Glas hin: »Ich gehe.« »Ich auch.« – Als sie draußen auf der Straße waren, henkelte sie Klaus ein und tat ganz harmlos. »Wie hast du das eigentlich gemeint?« fragte Klaus zornig. »So, Klaus: es gibt Dinge, über die kann man nicht reden, ohne sich lächerlich zu machen. Stelle dir einen Bauer vor, der schildert, wie er den Spaten in die Erde setzt, langsam das braune Erdreich mit dem Eisen durchschneidet, dann den Spatenstiel kräftig niederdrückt – der 596 Bauer sagt gar nichts, höchstens, ob es geregnet hat. Das andre denken sich die Schreiber aus.« Klaus war stehen geblieben. Nach einer guten Weile sagte er: »Wir sehen uns eigentlich viel zu selten.« »Berlin« – Konstanze zuckte die Schultern: »Das ist eine der größten Merkwürdigkeiten dieser Stadt: man sieht sich nicht, aber man fühlt sich.« Sie schlenderten die Straße entlang; noch eine. Jetzt standen sie vor Korbsesseln, die ein Caféwirt auf den Bürgersteig zwischen Kübelpflanzen vor kleine Tische gestellt hatte. »Komm«, sagte Klaus und zeigte auf eine verlockende stille Ecke, wo die Sessel besonders tief und die Büsche dicht standen. »Wenn du nicht wieder Wein bestellst.« »Was willst du haben?« »Schokolade.« Trotzig bestellte Klaus: »Zwei Tassen Schokolade.« »Einstweilen«, lachte Konstanze. »Alles ist einstweilen, sobald man mündig geworden ist«, er streckt die Beine aus, »zu Hause sind nur die Kinder. Konstanze, ich muß dich damals schon gekannt haben.« »In Hörsel?« »Meine Eltern wohnten auf der anderen Seite vom Hörselberg.« »Ein berüchtigter Berg, Klaus.« »Mit guter Aussicht. Die bekannte Kalksteinhöhle ist übrigens nur zwanzig Meter lang und zuverlässig leer. Ich war oft drin. Habe keine schlechten Erfahrungen gemacht.« »Bis du in die Welt gingst.« Klaus nickte: »Die Welt ist keine Kalksteinhöhle – offen nach allen Seiten.« »Einstweilen.« Er gab seinem Stuhl einen Ruck und saß dicht neben ihr: »Schließ sie zu.« Konstanze warf einen Blick auf die Leute an den Nebentischen. Aber die saßen auch alle nur einstweilig hier und lasen die einstweiligen Abendnachrichten. »Von außen zuschließen?« fragte sie, »oder von innen?« »Von innen: richtig zu!« »Nicht so laut.« »Konstanze, du –« 597 »Keine Reservedichtertöne –« Klaus seufzte. Dieses »du« klang freilich falsch. In Berlin ist es schwer, den Ton zu finden: »Pflaster, Omnibus, Großer Sieg der Japaner und roter Strich unter der Schlagzeile – weißt du noch: am Heilborn hin, wo er in die Gramme mündet links ab, mitten durch die Büsche –« »Ich blieb mit dem Haar an einem Zweig hängen –« »– ganz verhäkelt, aber ich bekam's los.« »Hast viel Zeit gebraucht.« »Du mußtest stillehalten.« »Statt mir zu helfen, hast du mir die Schuhe ausgezogen.« »Der Waldboden war ein Teppich von Haselwurz.« »Weich und trocken, aber –« »– aber ich trug dich doch lieber durch das Gebüsch, als die Haarsträhne los war vom Dorn, damit in deinem Strumpf keine Masche aufging. Die hätte ich nicht reparieren können.« »Und wie würde ich dann dagestanden haben ohne linken Strumpf?« »In der Lichtung, die gleich hinter den Büschen kam? Oh, wie die Spiräen, die vor den Haselbüschen blühten, hättest du dagestanden: elfenbeinweiß –« »Zweite Nachtausgabe!! Zweite! Zweite Nachtausgabe!!!« schrie es hinter ihnen. »Weitweg . . .« sagte Klaus ergeben. »Einstweilen«, antwortete Konstanze.   Herrenloses Land Zwei Wirte zugleich im Schottengelände haben schwer regieren, denn die Gäste konnten Herrn Kortüm ersuchen, doch gelegentlich den neunundzwanziger Bordeaux bei Langloff zu kosten: der sei um fünfunddreißig Pfennige billiger. Und Elvira fand auf einer ihrer Speisekarten neben dem Angebot »Grießschmarren eine Mark zehn« die von unbekannter Hand mit Bleistift geschriebene Anmerkung: »Vergleiche Echostube – um gleichen Preis Kaiserschmarren!« Aber gar kein Wirt im Schottengelände, mitten in der Hauptsaison, das ist noch schlimmer. Sanatorium, Echostube, Lohberghaus standen, wenn auch voraussichtlich nur für einige Tage, plötzlich verwaist. Die Regierungsgewalt lag drüben in den Händen der Frau 598 Mimi Langloff und des Fräulein Elvira und hüben in denen Lottes. Der Kampf drehte sich also mit einem Male nicht mehr um Ideen, sondern um Dinge. Männer verlieren bei Feindseligkeiten die allgemeinen Gesichtspunkte nicht aus den Augen und haben oft unerwartete mildernde Einfälle, welche die Waffen abstumpfen. Lotte jedoch und Elvira ließen sich weder auf Gesichtspunkte ein, noch schlugen sie in ihren hineilenden Gedanken plötzlich den bekannten männlichen Winkel, der beim von Hunden verfolgten Hasen »Haken« genannt wird. Lotte und Elvira standen jetzt noch eine Stunde früher auf, heizten ihre Küchenherde an und zeigten einander vom ersten Frühstück bis zum letzten kleinen Mitternachtshappen, was sie konnten: »Die da drüben soll ja nicht denken, daß es ohne 'n Herrn nicht geht.« Und – wahrhaftig, es ging herrlich! Die Gäste lebten im Paradiese. Schwerste Anforderungen mußten sie an ihre Verdauungskräfte stellen. Früher speisten sie »mal hier, mal da«. Jetzt nahmen sie erst Lottes Hauptgericht zu sich und anschließend Elviras Spezialplatte. Selbst ein Gast wie Wodtke, der unter Doktor Langloffs Aufsicht eine dringen nötige Abmagerungskur im Sanatorium vollzog, konnte solchem Wohlgeschmack bei solcher Preiswürdigkeit nicht widerstehen: Wodtke blickt seitwärts, wenn er an der Personenwaage vorbeikam. Vorgestern früh hatte Doktor Langloff mit seinem Handköfferchen auf dem Bahnsteig gestanden und den Achtuhrzug erwartet. Kurz vor dem Achtuhrzug lief jedoch, ebenfalls mit einem Handköfferchen versehen, Herr Kortüm ein. »Ah.« »Ah.« Das war doch für beide eine Beruhigung: der Kerl verreist auch, dachten beide. »Ein betrübender Anlaß für mich«, sprach Herr Kortüm gemessen. Langloff seufzte. »Auch für Sie, Herr Doktor?« »Mein Vater ist erkrankt. Keine ernsten Bedenken, hoffe ich. Aber es ist besser, man sieht gleich nach dem Rechten.« »Unbedingt ist das besser. Bei den Jahren des Herrn Kapitäns ist Vorsicht geboten. Bleiben Sie so lange als möglich an seinem Krankenlager.« Das könnte dir passen, dachte Langloff und fragte: »Gedenken Sie längere Zeit zu verreisen, Herr Kortüm?« »Mich veranlaßt leider ein Todesfall, mein Haus für einige Tage zu verlassen.« 599 »Oh . . .« »Ja. Das Ereignis geht mir nach.« »Darf man fragen –« Aber da lief der Zug ein. Langloff suchte ein Nichtraucherabteil; Kortüm reiste grundsätzlich »Raucher«, seit die Reichsbahn die Frauenabteile abgeschafft hat. »Gute Besserung für Ihren Herrn Vater!« rief Herr Kortüm. »Gleichfalls gute Besserung!« antwortete Langloff eilig, der schon zwei Abteile voll besetzt gefunden hatte und nun die dritte Türe aufriß. »Besserung?« murmelte Kortüm und sah dem Doktor nach. »Wem? Mir?« Aber er mußte sich beeilen. »'n bißchen los!« sagte der Schaffner und half ihm einsteigen. Herr Kortüm traf es gut. In der Ecke des Abteils saß eine Dampfwolke und in dieser Wolke ein Forstmann, der Kortüm sofort Feuer anbot. Herr Kortüm rauchte Brasil, der Förster jedoch eine von leichter Sumatradecke verhüllte Pfälzer Einlage. Kortüm rauchte stark, um den Pfälzer niederzurauchen. Es gelang ihm nach der dritten Haltestelle. Der Förster probierte gern einmal eine der angebotenen Brasilzigarren. Nachdem Kortüm solchermaßen die Einheitlichkeit der Doppelwolke hergestellt hatte, begann er ein Gespräch. Der Förster reiste zur Jagdausstellung nach Berlin und vernahm mit Interesse, daß Herr Kortüm zu einer Auktion führe: »Kein Spaß so was. Verdammt nochmal. Kenn ich von den Holzauktionen. 'n ganzen Tag stehen und aufpassen. Vorne wird auktioniert und hinten gestohlen. Auktioniert der Herr auch im Freien?« Herr Kortüm schüttelte den Kopf: »Hausrat. Todesfall.« »Oh – kondoliere. Kondoliere bestens.« »Danke. Schmerzlich. Ganz überraschend teilt mir das Gericht mit, daß ich Universalerbe bin.« »Ach so – haha. Gratuliere. Gratuliere bestens!« Aber Kortüm wies mit einer vornehmen Handbewegung die Erbfreudigkeit von sich: »Ach – erben . . .« Der Förster nahm die Zigarre aus dem Munde, zog die Stirn in unzählige Falten, hob den Zeigefinger und sprach abermals: »Ach so!« Er glaubte jetzt den sonst unverständlichen schmerzlichen Ausdruck im Gesicht seines Reisegefährten zu verstehen: »Verpflichtungen ohne Positivum dahinter? Ablehnen, sage ich dem Herrn. Rundweg ›Nee-Danke‹ sagen. Ich habe mal 'n Hund geerbt. 'n Hühnerhund. Schönes 600 Tier. Und als ich ihn hatte, zeigte sich's, daß die Steuer von einem Jahr nicht bezahlt war. Kann ja heute nicht mehr vorkommen, Gott sei Dank. Jetzt wird man eine Woche nach dem Termin gepfändet. Aber damals hatte man's noch nicht so gut. Da erbte man, und dann kam ein Brief vom Vater Staat: ›Sie werden hiermit nochmals erinnert, daß die Hundesteuer des vergangenen Jahres‹ – na ja. Ohne Positivum – bloß Nee-Danke sagen.« »Von all diesen Dingen«, sagte Kortüm, »weiß ich vorläufig noch gar nichts Näheres. Die Hinterlassenschaft ist mir nicht sehr wichtig. Aber sie selbst, die alte Dame . . .« »Wie alt, wenn ich fragen darf?« »Hoch siebzig.« »Nu – da kann man nichts gegen sagen.« »Doch. Man kann. Man kann viel sagen! Es ist nicht wahr, daß niemand unersetzlich ist.« »Ich habe je bloß . . .«, begann der Förster. »Auch ich, Herr Förster, wollte nur sagen: kein guter Mensch ist ersetzlich. Die alte Dame war meine Freundin. Wenn Sie das Glück gehabt hätten, sie zu kennen –« »Wie hieß sie denn?« »Erdmuthe Haupt. In der Umgebung von Memleben nannten sie die Leute das alte Pastorfräulein. Sie stirbt. Und ich weiß nichts davon. Sie wird begraben. Und ich war nicht dabei.« »Kommt vor«, tröstete der Förster. »Wenn einer zuletzt noch ganz allein dasteht im Leben. Das Fräulein hat gar keinen Verwandten mehr gehabt?« »Einen Bruder. Einen gewissen Missionar Ernst Haupt. Der lebte in der Gegend um den Pamir herum, wissen Sie?« »Und Sie treten nu als Universalerbe auf? Ob Sie da nicht besser gleich mitm Rechtsanwalt gereist wären?« »Der Missionar ist seit zwanzig Jahren verschollen.« »Hm. Dann is die Sache klar – nee, nich klar! In Erbschaftsachen ist noch nie was klar gewesen. Ich würde doch –« Herr Kortüm hörte die Ratschläge nicht mehr. Er ließ seinen Reisegefährten reden und nickte nur von Zeit zu Zeit. Kortüm sah Erdmuthe Haupt im Geiste. Ja, die war nun auch tot. Der Förster bemerkte die Versunkenheit Kortüms und sagte: »Je, wenn der Mensch sich mitm andern so zusammengelebt hat, jahrelang –« »Sie war mein Gast«, murmelte Kortüm. 601 »Ach bloß so zu Besuch?« Der fremde Brasilraucher wurde für den Forstmann immer rätselhafter. »Ich bin Gastwirt«, sprach Kortüm und neigte leicht den Kopf: »Kortüm«. »Rab, Revierförster Rab . . . sagen Sie mal – Kortüm? Herr Kortüm? Sind Sie das, der im Buchenschlag Oberilm die Wege angelegt hat? Gegen die 's Forstamt damals Einspruch erhob? 'n Goetheweg und – und –« »Und den Wolframweg.« »Verflucht nochmal – die Brasil des Herrn ist gut, aber die Wege sind nicht gut.« »Bitte?« »Nee. Dort gehörn keine Fremden hin. Durch die neue Schottenstraße ist das Hochwild grade genug beunruhigt.« »Meine Gäste auch.« Kortüm legte dem Förster eingehend die Notwendigkeit der beiden neuen Pfade dar, erzählte dem erstaunten Mann, was es alles für Gäste auf Erden gibt und schloß: »Leute, welche diese beiden Wege gehen, stören nicht. Sie können nur gestört werden. Denn sie benehmen sich ebenso wie Ihr Wild. Hochwild und, wenn ich so sagen darf, Hochgäste müssen geschützt werden. Naturschutz. Von Reichs wegen Naturschutz, Herr Förster! Sonst wird eines Tages Denkmalsschutz notwendig für sie. Und das wäre doch sehr traurig. Ich verstehe mich auf Denkmalspflege. Ich besitze ein Museum. Es wäre wirklich betrübend, wenn solche Gäste nur noch als numerierte Fragmente – Fragment heißt soviel wie Scherben – nur noch als Scherben und in Museen vorkämen. Nein nein: meine Wege sind gut. Auch für das Wild. Sie zeigen Ihrem Wild den Menschen in der Form, wie er wahrscheinlich am sechsten Schöpfungstage gedacht war.« Rab und Kortüm hatten beim Abschied ihre eigenen Gedanken. Der Revierförster war zu seinem grenzenlosen Erstaunen mit einem Herrn gereist, der es für möglich hielt, daß Menschen auf Sechzehnender einen guten Eindruck machen – freilich, dieser Herr begab sich zu einer Auktion in der Eigenschaft als Universalerbe: in solcher Lage finden die Leute manchmal für das, was sie sagen wollen, nicht die richtigen Worte. Kortüm aber schritt langsam durch Memleben und dachte an Erdmuthe Haupt. Er machte ihr seinen Besuch auf dem Friedhof und begrüßte dann König Heinrich, von dem bei diesem sonnenwarmen Wetter ebenfalls wenig zu sehen war. Kortüm nickte seufzend: »Es ist so. Wir bedürfen des Unwetters, um uns darzustellen.« 602 Die weiteren Besuche liefen für den Universalerben nicht so glimpflich ab. Er fand im übrigen die Menschen und die Akten in voller Wirksamkeit an ihrem Platz. Am anderen Tage mußte Kortüm sogar nach der Hauptstadt fahren, um mit Hilfe eines Rechtsanwalts sehr verwickelte Geschäfte mühsam aufzuknoten. Erdmuthe Haupt hatte Herrn Kortüm zum Erben ihrer Hinterlassenschaft eingesetzt, aber dem Testament einen Nachsatz angehängt: »Gewiß lebt der Mensch, um bald oder erst an einem äußersten Punkt der Zeit vergessen zu sein. Aber der Mensch wäre wirklich ein Staub, wenn er selber zu vergessen vermöchte, so lange er lebt, und da die Summe der Zeit nicht Ewigkeit heißen dürfte, wenn ein Tag, eine einzige Sekunde verloren gehen könnte und fehlen, so müssen wir im Zusammenhang das Leben erkennen. Was ich vermag, soll denn getan sein, daß mein Bruder unvergessen bleibt. Weil ich nun über Ernst Haupts irdisches Verbleiben keine zuverlässige Kunde erhalten konnte und es doch den Jahren nach möglich ist, daß er noch lebt, habe ich nicht über mich gebracht, ihm auf dem Friedhof einen Denkstein setzen zu lassen: so hinterlasse ich denn meinem Erben meine Erinnerung und bestimme, daß er aus meiner und meines Bruders Hinterlassenschaft dem Missionar Ernst Haupt neben unseren Gräbern auf dem Friedhof zu Memleben einen Stein errichtet, sofern auch die Bemühungen meines Erben, Ernst Haupts Aufenthalt zu ermitteln, erfolglos bleiben. Unter seinem Namen soll in den Stein gemeißelt werden: Geboren am zwölften Dezember 1866, als evangelischer Missionar nach Kaschgar gegangen im Jahre 1895, verschollen seit 1919. Alsdann soll mein Erbe den folgenden Vers nach dem Evangelium Johannis, Kapitel vierzehn, Vers zwei, in den Stein graben lassen: für den Toten spricht der Denkstein: Lebendig gewesen bin ich, Beweglich durchfeuchtet wie du, Der grübelnd die Inschrift entziffert. Zu steinern Kristall nun gewandelt Erkennst du mich schwer im Kristallschlaf – Doch küßt du den Stein, grüßt du mich. Geduld, Freund! Den Zeitlauf durchwechselnd Begegnet mein Wesen dir wieder: Erwacht und sich mehrend im Saft Der wandelnden Wirklichkeit Gott.« 603 Dies waren also die letzten Worte des alten Pastorfräuleins. Herr Kortüm nahm die fromme Bitte in sein Herz auf und sprach: »So, oder so, hier oder dort.« Längere Zeit gedankenvoll nach Osten, nach Asien hinzublicken, hatte er jetzt freilich keine Zeit. Ungezählte Vorschriften, Paragraphen und Formalitäten mußte er über sich ergehen lassen, denn aus der Hinterlassenschaft Erdmuthes ging hervor, daß auch das Guthaben des verschollenen Ernst Haupt bei der früheren Ottomanbank, zur Zeit von der Handelsbank Isch Bankassi Istanbul geführt, in den Besitz Kortüms übergegangen war – mit jener Bedingung, die auf Ordnung der Begräbnisstätte des einstigen Besitzers, wenn nicht auf Erkundung seiner Schicksale in Gilghit, Taschkent und Umgebung, bedacht war. Noch am selben Abend mußte Kortüm mit dem Autobus aus der Hauptstadt nach Memleben zurückfahren, da am anderen Tage um zwölf Uhr die Auktion des Hauptschen Hausrates anberaumt war und Kortüm zur Sicherung der Andenkenstücke für sich selbst zeitig am Ort sein wollte. Aber er hatte noch Zeit, einen Bissen zu essen, trat in einen Gasthof, und es muß gesagt werden, daß Herr Kortüm trotz aller Trauer ziemlich breit auf einem Sofa Platz nahm, sehr behaglich das Mundtuch entfaltete und dabei murmelte: »Hinsichtlich meines Kontos bei der Isch Bankassi werde ich zunächst veranlassen – ah, Herr Ober«, sagte er laut zu dem herantretenden Kellner, unterbrach seine ottomanischen Dispositionen und bat um ein Lendenbeefsteak: »Aber etwas rasch. Ich habe Eile.« Das weinumrankte Haus Erdmuthes war von einer ansehnlichen Schar Neugieriger umgeben, die achtungsvoll dem Herrn Kortüm Platz machten. Auf der Schwelle stockte der Schritt des Universalerben. Im engen Hausflur roch es nicht wie sonst nach sauber frischgestreutem Sand. Menschen drängelten, lachten, rauchten Tabak. Gewiß öffnete sich auch hier sogleich vor Herrn Kortüm eine Gasse. Als er aber vorüber war, steckten sie die Köpfe zusammen. »So is es nu. Wo was is, kommt was hin.« »Un wer nischt hat, kriegt auch nischt dazu.« »Gucke mal, wie er auftritt.« »Uns hat sie keinen Groschen vermacht.« »Und der hat's doch weiß Gott nich nötig gehabt.« »Aber grade so einer erbt!« »In China auch noch.« 604 »Nee, soweit hinten nich – wie heißt's gleich?« »In Indien.« »Nee doch. In der Türkei.« »Eine Million!« »Na nee du, so viel hat sie nich gehabt.« »Seckerts Fritze wird's doch besser wissen wie du Ochse.« Herr Kortüm war in die große niedrige Stube eingetreten. Hier hatte er damals mit Erdmuthe und Monich Kaffee getrunken und von den Heinrichsbildern gesprochen – ein Glück für ihn, daß die Gäste den Raum mit Tabakdampf eingenebelt hatten und nicht gleich der erste Blick zeigte, was es hier zu sehen gab. Die Stube stand gedrängt voll Menschen. Auf den Fensterbrettern saßen Frauen und befühlten die Gardinen. Ein Bauer hob den Spiegel vom Haken und besah ihn von hinten. Auf das schönste Stück des Zimmers, den großen runden Mahagonitisch, malte ein Junge mit dem Finger Figuren in den Staub. »Nu gucke mal, Gustav«, sagte seine Mutter, »wie niedlich Robertchen malen kann.« Am Porzellantisch wurden Teller und Tassen beklopft. Die Tür zum Glasschrank stand weit offen. Drei Neugierige steckten die Köpfe hinein, befingerten Stück für Stück: eine seltsame Seemuschel, ein paar Kinderschühchen, eine Medizinflasche, in der kunstreich ein papierner Weihnachtsbaum aufgebaut war. Aus dem untersten Fach zog ein Mädchen zwei altmodische weißseidne Schuhe hervor – Kortüm wußte: das waren die Brautschuhe von Erdmuthes Mutter. »Rike, das is was für dich! Ein Groschen zum ersten!« Der Auktionator lief eifrig mit einer Liste herum. »Hören Sie!« ein Bauer hielt ihn am Ärmel fest, »wo sind die Betten? Da drin?« Die Leute drängten ihm nach, schlugen Erdmuthes Bett auf, sie fühlten, schüttelten – »Sie, is da auch noch Roßhaar drin? Echtes?« Ein Leben lang stellt der Mensch Geräte um sich und pflegt sie. Wenn es allmählich einsamer um ihn wird, weil die Freunde sterben und der geschärfte Blick die anderen zu deutlich wahrnimmt, wachsen diese Geräte von Tag zu Tag in einen geheimnisvollen Kosmos zusammen. Im allgemeinen Schwindel hat sich wenig bewährt, der Plunder an Dingen und Menschen ist am Wege zurückgeblieben und zerstäubt. Aber das Notenschränkchen von Erdmuthes Vater hat gehalten. Das verschließbare Fach unten barg seine Zigarrenkisten, den Klavierstimmschlüssel und verjährte Papiere. Auf den offenen Brettern darüber 605 lagen die schweren Notenbücher, und oben drauf standen ein nie benutztes Prachttintenfaß und eine Photographie des alten Kaisers. »Ob ich biete?« fragte der Sägemüller seine Frau. »Was willst du 'n bloß damit?« Der Müller drehte den Rahmen herum: »Hier geht's aufzuklappen. Das Bild nehm ich raus un mache das Bild von unserm Linchen nein.« Der Mensch stellt um sich herum Geräte und sorgt für sie, denn sie sorgen für seine Seele. Eines Tages aber lassen die erstarrenden Finger das Gerät los, werden kalt. Das Ding steht eine Weile herum, dann hebt es einer an, bewegt es, und nach wieder einer Weile ist es verschwunden. Herr Kortüm sah ungewaschene Hände die Glasplatten beschmieren, über das weiße Linnen fahren, jetzt auch noch die Schärfe der Tischmesser schabend prüfen – der Tabaknebel nahm ihm die Luft: »Stehn Sie auf«, sagte Herr Kortüm zu den beiden Frauen auf dem Fensterbrett. Er stand in einiger Entfernung und bedeutete sie mit dem linken Zeigefinger. Erschrocken erhoben sich die Frauen. »Na nu!« rief ein Mann. Kortüm riß das Fenster auf. Aber zu einer Auseinandersetzung kam es nicht, denn der Auktionator stieg eben auf einen Stuhl, legte seine Papiere auf die Kiste, die den Tisch zum Rednerpult erhöhte und schrie: »Achtung! Ich eröffne die Versteigerung! Ruhe! Es wird angefangen mit den Kleidern un mit den Betten! Achtung! Ein schwarzer Wintermantel! Reine Wolle!« »Zwei Mark!« »Zwei Mark zum ersten!« »Zwei Mark zwanzig.« »Zwei Mark zwanzig zum ersten!« »Zwei dreißig.« Kleider wurden versteigert, Unterröcke. Vom seligen Vater Erdmuthes, dem alten Pastor, der Gehrock. Jetzt reichte der Gehilfe dem Versteigerer eine große Pappschachtel hinauf. »Damenhüte!« schrie der Mann und setzte einen Stoß von Stroh-, Samt- und Filzhüten auf den Tisch, deren Schleier, Blumen und Agraffen um achtzehnhundertsiebzig Mode waren; ein bißchen zierlich, ein wenig gespreizt, aber die vergangene Grazie war verdrückt, verblichen, verbogen. »Einen Groschen!« schrie der Bauer Deinhardt zum Spaße – er 606 war nur im Vorbeigehen neugierig eingetreten. Aber hier stand er nicht in der Schenke zum Witzemachen. Zur Verblüffung des Bieters schmetterte der Hammer zum dritten Male: »Zehn Pfennige zum letzten!« und man schob dem alten Skatspieler Pappschachtel samt Hüten hin. Ungeheures Gelächter schmetterte gegen die niedrige Decke. Deinhardt besann sich kurz, ergriff den obersten Hut und stülpte ihn auf den Kopf eines Bengels, der sich nun großtat: er ließ die Schultern hängen, machte ein paar zimperliche Schrittchen wie das alte Pastorfräulein. Sogar der Auktionator lachte aus vollem Halse mit – der erfahrene Mann wußte Volksfeststimmung geschäftlich zu schätzen. Aber plötzlich war das Fest aus. Es hatte einen klatschenden Schlag getan, der Samthut flog jemand ins Gesicht und der Junge dem Sägemüller vor den Bauch. »Dunnerwetter!« Der Junge heulte auf, hielt seine Backe. Die Mutter kam gelaufen: »Robertchen, aber – nee doch, aber –« Aus dem Gelächter wurde Lärm, wurde Zuruf. Herr Kortüm aber, der dem Jungen hinter die Ohren geschlagen hatte, bückte sich langsam, hob den Samthut auf, blies den Staub ab, zog die Schleife glatt. Den Hut hatte Erdmuthe das letztemal aufgehabt. Utzenstorff war damals auf dem Flügelhaus, ja . . . Ganz säuberlich konnte Kortüm den Samt nicht abstäuben. Die Memleber hatten sich von ihrem Schreck erholt, riefen durcheinander, rückten näher. Der Kreis um Herrn Kortüm mit dem Kapotthut in der Hand wurde sehr eng. Glücklicherweise verstand er schlecht thüringisch, er sah nur, daß der Kreis noch enger wurde. Eine Türe schlug. Im Hintergrund drängte jemand und rief: »He, was?! Mein' Robert? Geschlagen? Wer hat hier –« Bis in die vorderste Reihe kam jedoch Robertchens Vater nicht, die Memleber drängten zurück – es ereignete sich etwas. Herr Kortüm hatte den Hut auf den Tisch gelegt, nahm dem Versteigerer die Listen aus der Hand, ruhig, gelassen, als ob er hier allein wäre. Er zerriß die sorgfältig beschriebenen Papiere, ließ die Fetzen fallen, er stieß die Kiste vom Tisch und ergriff nun den Versteigerer an der Rockklappe, aber nur mit Daumen und Zeigefinger, zog den Mann vom Stuhl und sagte – nicht laut, nicht aufgeregt: die Maulschelle aus Robertchens Backe hatte eine tief beruhigende Wirkung auf Kortüms Gemüt ausgeübt – er sprach: »Ich habe Sie auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen, deren Kenntnis ich bei Ihnen voraussetzen darf, zum Auktionator berufen – nicht jedoch zum Hanswurst.« 607 Herr Kortüm hielt den Mann immer noch an der Rockklappe, winkte ein wenig mit der linken Hand, die Leute machten Platz: jetzt passirt was, jetzt . . . Das Publikum wartete gespannt auf ein Ereignis, selbst Robertchen schluchzte nicht mehr. Kortüm führte den Auktionator bis zur Tür, ließ ihn los und vollendete seinen Satz: »Gehen Sie jetzt.« »Ich?! Was? Ganz vorschriftsmäßig habe ich . . . Soll mir etwa 's Lachen verboten sein, wenn mich einer zum Lachen macht?« Kortüm hatte die Tür geöffnet: »Bitte.« »Das is, das – un meine Gebühren?!« »Die werden Ihnen bezahlt.« Kortüm wandte sich an die Memleber und sprach mit einem Hinweis auf die Tür: »Die Auktion ist beendet.« Das Publikum starrte Herrn Kortüm an: gibt's das denn? . . . Kortüm betrachtete die Leute: das gibt's . . . Er sah die runden Augen auf sich gerichtet, sah den zerdrückten kleinen Samthut – er war wohl unter einen Bauernschuh geraten. Ja, im Fliedergang damals, da hatte ihn Erdmuthe getragen. Der Grimm stieg noch einmal in Kortüm hoch, es wurde dunkel vor seinen Augen, drehte sich. Er faßte den Hammer des Auktionators, hob ihn: »Beendet, meine Damen und Herren – zum ersten, zum zweiten und bei Gott, zum letzten!« Schmetternd krachte der Hammer auf die Mahagoniplatte des Tisches, daß das edle spröde Holz zersplitternd aufspaltete und knisternd weiterriß von dem Schlag. Da stand der ottomanische Universalerbe, der Herr des Kontos bei Isch Bankassi Istanbul. »Meine Damen und Herren« hatte er seine derzeitigen Gäste angeredet, aber er stand da vor der zerschmetterten kostbaren Mahagoniplatte, dem wertvollsten Gerät des Hauptschen Nachlasses, und der Hammer zitterte in Kortüms Hand. Kortüm bot einen Anblick, wie ihn diese Schilderung seines Lebens und Wirkens in Thüringen noch nicht zu verzeichnen hatte. Nach wenig Minuten war der Erbe allein in Erdmuthes weinumranktem Haus. Herr Kortüm hob noch zwei andere alte Hüte vom Boden auf. Er rückte die Andenken im Glasschrank an ihre Stelle, verschloß ihn, er stellte das Bild wieder an seinen Ort, deckte Erdmuthes Bett zu. Herr Kortüm schloß die Fenster, die Haustür. Er schob den Sessel an den zerschmetterten Tisch, nahm Platz, stützte den Kopf in die Hand und saß lange Zeit reglos inmitten seiner Erbschaft. Ja, dort wo der Hammer das Holz getroffen hatte, stand damals ein Anemonenstrauß . . . Die Welt ist so groß, und man ist doch nicht vergessen, hatte sie 608 damals gesagt. »Nein, Erdmuthe. Nicht vergessen. Ich werde alles, was hier steht und liegt, aufs Flügelhaus schaffen lassen.« Gewiß sind in einem Flügelhaus viele Stuben, nur vergaß Kortüm jetzt, daß er in diesem Haus nichts mehr zu sagen, geschweige denn unterzubringen hatte. »Diesen Tisch«, fuhr er fort, laut mit sich zu reden, »den setze ich in die Echostube. An dem wollen wir sitzen, wenn wieder einmal ein Gedankenschlag vonnöten ist. Man braucht solche Schläge ab und an. Ich bin ihrer bedürftig. Holdermann kann sie nicht entbehren. Und Windhebel. Arcularius nicht zuletzt. Wir alle. Der Tisch kommt uns zupaß. Nur leider – man wird ihn den Kortümtisch nennen. Immerhin: sein Anblick tut unseren Gedanken wohl. Und das andere?« Kortüm sah sich um. »Das Notenschränkchen nehme ich zu mir. Auch das alte Bild. Und den Stimmschlüssel fürs Klavier. Wird wenig gebraucht zur Zeit. Radio ist ja immer auf Kammerton gestimmt. Aber es ändert sich alles. Wir sehn es ja hier. Der Stimmschlüssel kommt mir sehr durabel vor. Vornehm gearbeitet. Hm . . . und der Kleiderschrank dort? Und dieses Glasschränkchen?« Herr Kortüm ging im Haus herum wie auf einem Wrack, das die Felsklippe eben noch hält. Er wollte auf sein Fahrzeug retten, was sich vorm Untergang bewahren ließ. Kortüm war dabei, das Zarteste und Feinste zu bergen: die Erinnerung, ein kostbares, aber kostspielig zu hütendes Eigentum. Er zog ein Papier aus der Tasche, zeichnete den Grundriß der Flügelhausräume darauf und trug die Geräte ein, wie er sie dort unterbringen wollte. Kortüm kannte ja jeden Winkel des Flügelhauses, war zu Hause in jeder Ecke. Zu Hause? »Ach so . . . nicht zu Hause. Nein.« Eine Art von Heimweh kam über Herrn Kortüm. Er hatte auf dem Flügelhaus nichts mehr anzuordnen. »Ich werde diese Sachen verschenken. Lotte soll sie bekommen.« Was tut sie damit? dachte Kortüm und sah im Geiste den Lohberg, den Hachelstein und zwischen ihnen in der Einsattelung den gelben Hauswürfel des Flügelhauses, über dessen Dach sich keine silberne Windfahne drehte und dessen Türe ihm verschlossen war. »Verschlossen? Mir?!« Kortüm sah scharf in die Ferne, sein Mund stand halb offen, er sagte leise: »Zum ersten, zum zweiten . . .« Kortüm erhob sich. Ihm war ein großer Gedanke gekommen. Er sagte laut, daß die wüsten Stuben und Kammern widerhallten: »Und, bei Gott, zum letzten!« Kortüm 609 drehte das Papier mit dem Flügelhausgrundriß um und schrieb auf die Rückseite folgenden Telegrammentwurf: »Sanatorium Flügelhaus Post Besenroda. Ankomme heute abend Stop Ein Südzimmer mit Bad Stop Friedrich Joachim Kortüm.« Zu vielen großen Gedanken fügte Herr Kortüm heute seinen bisher größten: Kortüm reiste, ein erholungsbedürftiger Gast, aufs Flügelhaus.   Der Gast Herr Kortüm verließ auf dem Bahnhof Besenroda sein Abteil und gab den Handkoffer einem Gepäckträger. »Guten Abend auch, Herr Kortüm«, sagte der Mann und wollte den Koffer auf seine Schubkarre legen. Aber der Echowirt befahl: »Zum Auto.« »Nanu?« Gelassen stieg Kortüm in eines der Mietautos, die vor dem Bahnhof hielten. Der Fahrer hatte ruhig die Zeitung weitergelesen, bis Kortüm den Griff der Wagentüre niederdrückte. Jeder Bewohner des Schottengeländes wußte, daß Kortüms Gepäck auf einer Schubkarre die Betonstraße hinaufgefahren wurde und er selbst seinen Goetheweg ging, wenn er von einer Reise zurückkehrte. Überrascht nahm der Fahrer die Pfeife aus dem Munde und hätte beinahe gefragt: »Fehlt Ihnen was, daß Sie heute fahren?« Aber schon sprach Kortüm: »Flügelhaus.« Der Fahrer nickte, stellte den Koffer neben sich: »Echostube.« »Sanatorium«, berichtigte der Reisende. »Echo –« »Haupteingang Sanatorium«, schloß der Echowirt das Gespräch und lehnte sich zurück. Der Fahrer blickte den Träger an, der Träger den Fahrer – dann glitt das Auto befehlsgemäß die Betonstraße entlang und hielt vor dem Portal des Flügelhauses. Kortüms denkwürdige Ankunft vor Langloffs Sanatorium vollzog sich unter Einhaltung aller Formalitäten, die eine wohlberufene Gaststätte beim Eintreffen der Fremden von Rang und Namen zu beachten pflegt. Der Portier riß die Wagentür auf, der Hausknecht ergriff den Koffer, der diensthabende Oberkellner Klemm geleitete Herrn Kortüm über die Schwelle des Hauses, und in der Diele stand Mimi: »Gott, Herr Kortüm . . .« 610 »Guten Abend.« »Ich habe die Depesche hin und her gelesen und dachte, 's wäre doch vielleicht ein anderer . . .« »Es gibt nur mich unter dem Namen Friedrich Joachim Kortüm. Hat man mir ein Südzimmer reservieren können?« »Aber natürlich. 's Mittelzimmer ist grade frei geworden.« Herr Kortüm schritt zur Treppe. »Hm, gelb – mein blauer Velourläufer hat besser zu dem braunen Holz gepaßt«, dachte der Gast. Mimi kam langsam zu sich: »Was das aber meinem Mann leid tun wird. Er ist nämlich immer noch in Weimar.« »Wie geht es seinem Herrn Vater, dem Kapitän?« »Ach, noch gar nicht gut – aber, was ich fragen wollte: Sie essen ja wohl drüben zu Abend?« Mimi wies dabei in Richtung Echostube. »Bitte legen Sie für mich im Speisezimmer ein Gedeck auf – wenn möglich an dem Tisch, hm . . . ich war . . . Ja, ich bin längere Zeit nicht in diesem Saal gewesen. Gibt es den Tisch noch, an dem ich seinerzeit mit Frau Schröter zu speisen pflegte?« »Freilich, Herr Kortüm. Da sitzt jetzt ein Herr Hudson.« »Mister Hudson setzen wir um, nicht wahr? Ausgezeichnet, ahh«, er atmete die Flügelhausluft ein wie ein Pferd, das seinen Stall wittert. »Haha«, sagte er unvermittelt zu dem Hausdiener, der ihm den Koffer nachtrug. »Hähä«, antwortete der Knecht: da ging er also wieder hinter seinem richtigen Herrn her. Während sich der neu eingetroffene Fremde zur Tafel umkleidete, brach in der Küche eine Aufregung aus, die an den Umsturz bei Einweihung der Straße erinnerte. »'s kann nicht sein, Frau Doktor!« rief Elvira. »Lieber Gott, wenn ich's doch sage! Er nimmt sogar das Diner bei uns!« »Zum Spionieren ist er gekommen«, ächzte Elvira. »Und wer weiß, wozu sonst noch!« Elvira, altes Mädchen, hatte der Kapitän am Hochzeitstage seines Sohnes gemahnt, wenn du ihn siehst – hart Backbord steuern! Und gib Achtung, Elvira, hörst du? Wenn mal was ist – es wird sicher was sein – wende dich an mich. Und nun lag der Kapitän krank! Und der junge Herr war nicht zu Hause! Ob man depeschiert? Etwa: Kortüm ist da, kommt sofort. Dann regt sich der Kapitän auf, und der Doktor kann erst recht nicht vom Krankenlager seines Vaters fort. Elvira hatte unbewußt 611 einen der vielen Porzellankästen aufgezogen und blickte angestrengt hinein. An den Zimmetstengeln war nichts Neues zu sehen. Aber der würzige Duft brachte sie auf den Gedanken, der für eine Wirtschafterin unter allen Umständen der erste zu sein hat: Kochen. Gut kochen! Sehr gut kochen! Ihre nordische Kaltblütigkeit kehrte nach Überwindung des ersten Schreckens zurück. Umsichtig traf sie ihre Anordnungen. Die Menükarten wurden umgeschrieben. Elvira legte einen Gang ein, an dem sich dieser spionierende Echowirt die Neidzähne ausbeißen sollte. Die Frau Langloff konnte heute mit ihrer Diätkost nichts ausrichten. Mit einer Aalpastete wollte Elvira diesem Kortüm vor Augen führen, was ein Unternehmen wie das Doktor Langloffsche Sanatorium zu bedeuten hat. Aalpastete konnte nur Elvira bereiten! Das Rezept stammte von ihrer Großmutter und stand in einem Büchlein, das in roten Sammet gebunden war und das sie zusammen mit dem Sparkassenbuch im innersten Besitzkern verbarg. Unterweilen hatte sich Herr Kortüm sorgfältig angezogen, stand am offenen Fenster und rauchte eine Zigarette. Ein wunderlicher Anblick, dieser Kortüm mit solch einem weißen Papierwickel im Munde; aber auf seinen früheren Reisen im Orient hatte er nie etwas anderes geraucht. »Isch Bankassi Istanbul«, murmelte er, sah endlich wieder seinen geliebten Kolmberg vom richtigen Blickpunkt aus vor sich, blies in ottomanischem Wohlgefühl den parfümierten Rauch von sich und bemerkte nicht, daß unten ein Mann stehen blieb und erschrocken hinaufstarrte zu ihm: Monich war auf dem Wege zur Echostube; es war schon dämmerig, und Monich hatte – er hatte zum ersten Male in seinem Leinwandhändlerdasein eine Vision: da oben stand – »Nee«, knurrte Monich; der Herr am Fenster war ins Innere des dunklen Zimmers zurückgetreten. Aber Monich trank vier Schoppen mehr an diesem Abend. Drei trank er aus Sorge um sein geistiges Befinden. Spukerscheinungen sind immer ein bedenkliches Zeichen. Das vierte Glas gab er aus Langeweile zu. Die Echostube blieb heute merkwürdig leer. Windhebel war von seinem Ausflug noch nicht zurück. Schwartenmacher numerierte auf dem Lohberg Urnen – aber wo blieben Arcularius, Lichtermark? Wo alle die Flügelhausgäste, die sonst immer gegen neun Uhr hier erschienen? Wo blieben ferner Kuffert? Mickewitz? Monich verschöppelte einsam seine Gedanken, seinen Abend – und die Gelegenheit, seinen Freund Kortüm den Speisesaal des Sanatoriums betreten zu sehen! Die Wirkung des Kortümschen Eintritts in den Saal war gewaltig. Wenn ein einzelner eine 612 Erscheinung hat, kann er hoffen, ihr mit Hilfe einiger Schoppen beizukommen. Wenn aber einem ganzen Saal voll Gästen der Geist erscheint, muß das Menü sehr gut sein, wenn es noch schmecken soll. In diesem Speiseraum schmeckte das Essen heute nur einem einzigen Gast. Kortüm war geruhsam zu seinem Tisch geschritten, hatte Platz genommen, mit sehr hochgezogenen Augenbrauen die Menükarte gelesen, sich dann umgesehen und, nach allen Seiten grüßend, ein wenig den Kopf geneigt. Dann begann er behaglich zu löffeln, zu gabeln, zu kosten und genüßlich zu schlucken: Elviras Aalpastete hatte einen fast befremdend eigenen Wohlgeschmack. Bissen für Bissen nahm Herr Kortüm mit Bewußtsein zu sich. Er speiste als Fachmann – erratend, nachschaffend. Kortüm hatte jetzt keine Zeit, seine Mitgäste zu mustern. An den übrigen Teilnehmern des Abendessens gingen die Gerichte ungewürdigt vorüber. Sie sahen die Spargelköpfe in den Suppentassen nicht. Sie ahnten nicht, daß vor ihnen eine Aalpastete stand, deren Bereitung Geheimnis war. Sie fühlten beim Anschneiden der Steaks nichts von den Seelenkämpfen Elviras; vielleicht doch lieber noch eine halbe Minute auf dem Feuer? Nichts sahen die Gäste als ihren neuen Mitgast, wie er an der Perle im Halstuch rückte, wie er den Kopf kostend ein wenig zurücklegte, wie er jetzt einen Tropfen Wein über die Lippen gleiten ließ. Wodtke hatte vor Erstaunen den Mund aufstehen. Irgendwo fiel eine Gabel herunter. »Der Herr dort ist nämlich der eigentliche Besitzer«, erklärte Frau Tips einer fremden Dame die Erscheinung am Mitteltisch unter dem Kronleuchter. »Ob was passiert ist?« flüsterte Sidonie ihrem Mann ins Ohr. »Wer weiß«, antwortete Ulrich. »Du weißt nie etwas!« Sidonie war stets auf sich angewiesen im Leben. Sogar Mister Hudson gönnte Herrn Kortüm einen Blick: dieser Steakesser könnte fast ein Engländer sein. Wodtke reichte Sidonie die Salatschale: »Da gehen hinter den Kulissen große Dinge vor.« Ja, es mußte etwas geschehen. »Ulrich«, sagte Sidonie, »wenn wir aufstehn, gehst du gleich hinter Herrn Kortüm her und sagst etwas zu ihm.« Ulrichs hilfloser Blick ärgerte Sidonie. »Liebe Zeit – bloß damit er stehn bleibt, sollst du mit ihm reden. Verstehst du? Dann«, wandte sie sich an Wodtke, »kommen wir und fangen ein richtiges Gespräch an.« 613 Wodtke nickte: »Und klopfen mal 'n bißchen an: woher, wohin, haha.« »Nicht so laut.« Aber diesem Kortüm war schwer beizukommen. Der Portier erschien in der Tür, winkte dem Kellner. Sie flüsterten. Der Kellner trat an Kortüms Tisch, flüsterte. Kortüm aß noch seinen Pfirsich zu Ende, erhob sich, neigte leicht den Kopf gegen seine Mitgäste, schritt zu der sich weit vor ihm öffnenden Tür und verschwand. Die Tür schloß sich – eine vornehme Tür: mattweiß gestrichen, ihre Felder durch schmale Goldleisten abgesetzt vom Elfenbeinton der Fläche. Die Gäste blickten die weiße Tür an . . . die Goldleisten . . . sie blickten sich an . . . Ah!« sagte Herr Kortüm zu Monich. »Haha!« »Du bist's also wirklich!« »Wirklich!« »Aber was machst du denn bloß hier drinne mittenmang deiner Feindschaft, Kortüm?!« »Ich habe soeben vorzüglich zu Abend gegessen – nein nein, es war gut. Der Wahrheit die Ehre, Monich. Eine Aalpastete, sage ich dir – hast du je Aalpastete gegessen? Nein? Teufel, Monich, sie war so würzig, so – ich möchte sagen, so knisternd leicht, dabei gehaltvoll, sie hatte bei aller Sanftheit eine Völle, eine Tiefe –« »Nu lasse mal die Pastete, verdammig; Kortüm, sage bloß –« »Gern, Monich. Was willst du hören?« »Was das heißen soll, Kortüm!« flüsterte Monich. »Als es Lotte hörte, is sie beinah umgefallen.« »Ah, richtig. Frau Wingen. Fast hätte ich es vergessen. Bitte, sage ihr doch, wenn du sie morgen siehst – ich gedenke nämlich noch einige Tage in diesem Haus meiner Gesundheit zu dienen – ja, also wenn du Lotte siehst, bestelle ihr meinen Gruß. Ich hätte mir erlaubt, ihr den Hauptschen Nachlaß an Mobilien – Geräte, Kleider, Betten und was sich derart in der Hinterlassenschaft findet – zum Geschenk zu machen.« »Hm. Nu . . . Aber sage doch bloß, was du hier machst?« »Hörtest du es nicht? Ich erhole mich. Warum soll sich ein Wirt nicht auch einmal bewirten lassen? Ist das nicht ein allgemeines Menschenrecht, Monich?« »Die Pension hier is nich billig.« »Aber man wird auch nicht überteuert. Die Aalpastete –« 614 »Also hat's doch seine Richtigkeit.« »Was ist richtig, Monich?« »Daß du geerbt hast.« »Das habe ich dir ja schon vor meiner Abreise nach Memleben gesagt.« »Erben un erben is zweierlei. Aber daß du in der Türkei eine Million geerbt hast –« »Bitte, wie?« Monich eröffnete nun Herrn Kortüm die soeben eingetroffenen neusten Nachrichten über Kortüm. »Ich habe dir schon oft gesagt und wiederhole es, Monich: es ist stets alles gelogen.« »Nu, immer alles nich, Kortüm.« »Wenn eine Neuigkeit ausnahmsweise wahr sein sollte, so nur deshalb, weil jemand diese Wahrheit zum Lügen braucht. Es ist so: mit dem Erbe des verstorbenen Fräulein Haupt ist auch das Guthaben ihres Bruders Ernst an mich gefallen.« »Siehste!« »Nein, nicht ›siehst du‹. Es handelt sich lediglich um seine Rücklagen. Er hat noch nach Indien gewollt. In unserem Geld so an siebentausend Mark. Oder acht. Oder neun. Es steht noch nicht fest – im übrigen habe ich es satt und werde ein Exempel statuieren: wer hat diese Lügen über mich ausgestreut, Monich?« »Je, Kortüm – der Autobusfahrer hat's auf der Endstation seiner Frau erzählt, un die is die Schwägerin von Wollfaßn, vom Lokomotivführer auf der Kleinbahn, weißt du? Un weil dem seine Frau in den Wochen is, hat nu die Schwägerin dem Wollfaßn 'n Proviant gebracht. 's war je ein Weg, un sie hat nu auch gleich erzählt, was der Autobusonkel gesagt hat. Un Wollfaß hat's bei der Ankunft in Besenroda dem Gepäckträger Krull gesagt, un von Krulln hat der Eismann den Schubkarrn geborgt, weil Elvira heute plötzlich ein Festessen gegeben hat. Un weil da der Eismann heute abend hier noch einmal rauf gemußt hat, hat er's Elvira'n gesagt, un weil er noch 'n bißchen Eis übrig hatte un Elvira 's nich haben wollte, hat er Lotten gefragt, ob die das Eis brauchen könnte, un dabei hat er's Lotten gesagt – je, un die hat gemeint, die Leute im Schottengelände werden jeden Tag dümmer.« Mit finster zusammengezogenen Augenbrauen hatte Kortüm den Anfang dieses Kreislaufes vernommen, die Mitte veranlaßte ihn zu einem langsamen Kinnreiben, das Ende aber schien er zu genießen wie Elviras Aalpastete: »Jaja, Monich – Frau Wingen. Diese Frau 615 Wingen. Sie bekommt in meinen Betrieben einen immer helleren Weitblick.« Während dieser Zwiesprache öffnete sich abermals die Tür mit den Goldleisten. Die Gäste betraten die Diele. Eigentlich waren sie auf dem Weg zum Konversationsraum, aber beim Anblick Kortüms zögerten sie, blieben in Gruppen auf der Diele stehen, und ihre Seitenblicke auf Kortüm sagten deutlich, was sie dachten: sie wußten alles. Die neusten Nachrichten über Kortüm hatten ungefähr gleichzeitig mit dem Auftischen des Zitroneneises auch sie erreicht, leider war ihnen aber nicht zugleich auch Lottes Ansicht von der Sache übermittelt worden; sie wußten also vorläufig alles . Mimi Langloff kam aus ihrem Zimmer und mischte sich unter die Gäste. Sogar Elvira hatte rasch das Schwarzseidne angezogen und erschien angesichts der ungeheuren Nachrichten im Hintergrund: vielleicht wurde man sich gemeinschaftlich klar, ob etwas Furchtbares geschehen und eine Depesche an den Kapitän doch nicht zu umgehen sei. »Monich«, sagte Kortüm, »tritt ein«; er öffnete die Türe des Konversationsraumes. »In dem Anzug? Nee.« »Haha, tritt ein, sage ich.« Kortüm war offenbar in glänzender Stimmung: »Du bist in Unterhosen ansehnlicher als jener Herr dort im Smoking – nein, der da, der an der Stukkolustrosäule lehnt. Anzug! Es gibt Gäste, die doppelsohlige Wanderstiefel für etwas Vornehmeres halten als einen Achtzylinder-Motor. Hinein, Monich!« Herr Kortüm setzte sich in die Mitte des Sofas unter die Palme. Früher, als Wirt, hatte er sich das nie erlaubt. Aber heute war er ja Gast. Gerade über seinem Kopf wölbte sich gespreizt ein mächtiger Palmenwedel. Und Kortüm sagte leise zum Kellner: »Der Bordeaux, Klemm – der zweiundzwanziger, aus meiner Zeit – wissen Sie? Habt ihr noch etwas davon?« Klemm strahlte und sagte nahe an seines ehemaligen Herren Ohr: »Siebzehn Flaschen.« »Sind reserviert. Jetzt zunächst eine – aber: Klemm!« Kortüm hob die Hand und legte zart die Spitze des Mittelfingers an den gekrümmten Daumen. »Temperatur, Herr Kortüm: Milch, frisch gemolken.« Alle Herren bestellten heute abend Wein und nahmen an den Tischen Platz, als ob sie ein Gelage vorhätten. Als sogar Sidonie für Ulrich eine halbe Flasche leichten Rheinwein kommen ließ, wurde dem 616 Personal klar, daß hier nicht nur ein Stündchen vorm Zubettgehen geplaudert werden sollte. Das Haus richtete sich auf eine längere Unternehmung ein. Nachdem Herr Kortüm den Bordeaux gekostet hatte, sah er Klemm an und schloß dabei das linke Auge halb. Klemm atmete auf. Der gastierende Gastwirt aber beugte sich zu Monich und sagte leise: »Gut, wie? Haha, sechzehn noch. Nach der letzten gehe ich wieder in die Echostube«, und laut fuhr er fort: »Ach ja, Monich, seit dem Zusammenbruch des Großsultanats und der Übernahme von Auslandskonten der liquidierten Kaiserlichen Ottomanbank durch die Isch Bankassi erfordern Transaktionen vorkrieglicher Kapitalien Umsicht.« Herr Kortüm nahm einen zweiten Schluck. »Der Herr Kortüm hat nämlich viel im Ausland geweilt«, sagte Sidonie zu dem fremden Engländer. »Aoh«, antwortete Mr. Hudson, und Frau Tips glaubte dem hinzufügen zu sollen: »Der Herr Kortüm ist nämlich unser Verwandter.« »Aoh«, wiederholte der Engländer. »Man wird sich mit der Reichsbank in Verbindung setzen müssen«, fuhr Kortüm zu Monich gewandt fort. »Der Reichsbankpräsident soll die Bewegung der Auslandguthaben nicht ohne Interesse verfolgen. Ja, man wird sich persönlich nach Berlin begeben müssen. Was meinst du, Monich, kämst du mit?« »Sie müssen nun ja wohl auch mal nach Konstantinopel reisen?« begann Wodtke zu forschen. »Nun nun«, antwortete der Herr des Schottengeländes unverbindlich. »Ach, wer so in der weiten Welt herumreisen und alles Schöne und Interessante besichtigen kann«, sagte Sidonie. Bei diesen Worten trat Doktor Windhebel ein. Die Nachricht, Kortüm sei im Sanatorium Flügelhaus abgestiegen, hatte ihn vor fünf Minuten erreicht. Konversationsräume besuchte Windhebel sonst nicht, aber jetzt kam er, ohne sich die Zeit zum Rockwechseln zu nehmen. Auch Schwartenmacher schob das Kästchen mit den Klebeschildern von sich, ließ die Urnen Töpfe sein und machte sich auf zum Sanatorium. Repshagen war ebenfalls unterwegs, und Mickewitz hatte schon seine Filzschuhe an, als ihn Kuffert aus dem Abendfrieden aufscheuchte und zu einem Abendtrunk im Sanatorium veranlaßte. Die Kellner mußten noch Stühle und Tische in den Konversationsraum tragen. Mimi stellte das Radio ab. Heute ging es ohne Musik. 617 »Herr Kortüm ist nämlich in früheren Jahren einmal um die Welt gereist«, sagte Wodtke zu Windhebel. »Rundum«, nickte der Gelehrte und vernahm mit Interesse die Ansicht der Frau Tips von der Sache: »Darum kennt er auch alle Merkwürdigkeiten.« Sogar Ulrich öffnete seinen Mund: »Er war überall.« »Nein. In Mecklenburg war er noch nicht.« Repshagen traf es. »Vielleicht macht es sich gelegentlich meiner Berliner Reise«, Kortüm nickte dem Gutsbesitzer zu. »Es wird mir eine Freude sein. In der Tat: zwei Landschaften kenne ich noch nicht – Mecklenburg und das Pamirplateau.« »Da würde ich doch aber erst in die interessante Pamirgegend fahren«, meinte Elvira. Sie war eine treue Wirtschafterin und hatte stets das Interesse der Familie Langloff im Auge. »Sobald ich hier entbehrlich bin, Fräulein Elvira«, antwortete der weitgereiste Gast. »Allerorten erlebt der Mensch Merkwürdiges – Güstrow oder Gilghit, Südsee oder Ostsee –« »Ostsee? Zum Baden ist sie gut, na ja. Sonst ist da nicht viel zu finden.« Schwartenmacher war nicht für Ostsee. »Überall sieht sie gleich aus.« »Dann fehlt es Ihnen an der Gabe, Wunderbares zu erleben, Meister!« rief Kortüm. »Ich sage Ihnen, wenn die Geschichtenschreiber erzählen wollten, was wirklich vorgeht, läse freilich kein Mensch ihre Bücher, weil das Publikum wenig Lust hat, sich mit Unwahrscheinlichkeiten traktieren zu lassen. Es muß schwer sein, die Wirklichkeit auch nur einigermaßen glaubhaft zu machen, denn, meine Damen und Herren, es gibt ja nichts, was ohne Grund wirklich ist. Man glaubt nicht, wie geheimnisvoll das ist, was wirklich geschieht. Ich könnte Ihnen Begebenheiten erzählen – auch von der Ostsee, welche Sie soeben als eine Art Badestrand hinzustellen beliebten, Meister . . .« »Erzählen Sie«, sagte Windhebel. Dieses wohlberechnete Wort schlug ein. Die Stühle wurden näher gerückt, sogar die Tische. In großem Halbkreis belagerte die Gästeschaft des Schottengeländes diesen soeben erst zugereisten neuen Gast, der in ottomanischem Behagen unter dem Palmwedel saß, eine Weile stumm mit den Zähnen kaute und alsdann sagte: »Klemm!« Kortüm deutete auf die Bordeauxflasche. Auch die anderen Herrschaften versorgten sich mit Getränken. Dann wurde es still. Herr Kortüm begann. 618 »Die Begebenheit spielt auf dem Meeresgrund. Unweit Riga, meine Herrschaften. Über Wasser alles durchaus normal. Wollen Sie sich bitte denken: Luft klar. See ruhig. Himmel weißblau. Barometer bei 775 fest. Wettervoraussage günstig. An Bord des Bergungsschiffes ›Jacob Witt‹. Regelmäßiger Tagesdienst. Der Taucher ist im Wasser. Rund fünfzehn Meter unter der Oberfläche – also ebenfalls ganz durchschnittliche Sache. Kein sehr beanspruchender Druck. Der Auftrag des Tauchers: nichts Ungewöhnliches – Zündung hat versagt, Kontrolle der Zündschnur. Die Uhr zeigt elf Uhr vormittags. Zur Sprengung des Wracks ausreichend Zeit. Keine Hast, keine besondere Nervenbeanspruchung. Die Wache lehnt über die Reling, guckt ins Wasser. Viel Quallen an der Stelle, weiße, blaue, rote. Schweben durcheinander. Sehr behaglich, die bunten Schirme so steigen, sinken, drehen und ihre Schleier sich schlängeln zu sehen. Heißer Tag. Alles sehr still. Ungeheure Ruhe in Nähe und Weite. Die See liegt wie ein Teich. Plötzlich ruckt die Taucherleine, zwei-, dreimal! Die Signallampe zeigt rot. Die Wache fährt auf. Dem Kerl fällt vor Schreck die Tabakspfeife ins Wasser. Er preßt das Ohr ans Sprachrohr. Der ruft von unten! Was ruft er? Der Taucher ruft laut, er schreit etwas, aber so durcheinander, daß nichts zu verstehn ist. Die Wache gibt den Alarmpfiff. Es poltert auf dem Deck. Die Leute kommen gerannt. Das zweite Boot wird ausgeschwenkt – Verzeihung, lieber Monich, rücke mir doch mal den Bordeaux eine Handbreit näher, so, danke.« Herr Kortüm trank, gebannt starrte ihn die Zuhörerschaft an, sah Kortüms Gurgel auf- und niedergehen; die Herren hoben auch ihre Gläser, aber sie tranken unbewußt, nur weil Herr Kortüm trank. Die Gurgeln der Gäste des Schottengeländes gingen langsam auf und nieder . . . mein Gott, was mag jetzt in der Tiefe des Meeres vorgehen? . . . »Ahh!« Herr Kortüm setzte das Glas hin. »Ja. Also die Leute beugen sich weit über die Reling. Starren ins Wasser. Da! Da blinkt der kupferne Helm des Tauchers im blauen Wasser auf. Fehlt ihm was?! Der Luftschlauch . . . die Ventile – ist doch alles in Ordnung! ›Zum Düwel nochmal‹, knurrt der Kapitän. Aber völlig richtig scheint die Sache nicht zu stehen. Der Taucher macht heftige Armbewegungen. Er will das Taucherzeug los sein. Der Steuermann schickt einen Jungen nach dem Arzneikasten. Einer hängt dem Taucher das bleierne Herz ab. Zwei Leute schrauben. Jetzt nur noch der Hebel herunter. Der Helm ab – aber kaum ist die Kupferkugel halb hoch, eben hat der Taucher frische Luft – Röpke heißt der Mann – da schreit der: ›Hievt den Anker! 619 'n Gespenst! Direkt unter uns!‹ ›Nana, man Ruhe, Röpke.‹ ›Da auf dem Grund reitet es. Um den Schiffsschatten rum. Macht, daß ihr hier fortkommt. So hoch! Bis an den roten Schornsteinring da oben reicht es, wenn's rauf kommt.‹ Der Taucher, meine Herrschaften, hat seit zehn Jahren Dienst getan. Seit drei Jahren auf der ›Jacob Witt‹. Vernünftiger Mann. Besonnener Mann. Hat schwere Sachen hinter sich. Nie was vorgekommen. Immer ganz ruhig – wie man bei uns in Norddeutschland seine Arbeit tut. Auch an der dänischen Küste, als die Luftleitung versagte und die Geschichte beinah schief ging – Röpke machte es. ›Düwel ook‹, fing der Käptn wieder an, ›is doch 'n reiner Unsinn. Nu rede man. Aber der Reihe nach.‹ Der Taucher schnappt nach Luft, kippt einen Kognak hinter die Gummibinde. Dann fängt er an: ›Also ich trete immer längs der Zündschnur hin. Liegt gut. Kein Knick. Ich komme vom Heck her auf das Wrack zu, un wie ich längsseit bin, seh ich – da seh ich – wahrhaftigen Gott, da hab ich 'n Reiter gesehn, 'n Riesenpferd, 'n Riesenkerl. Der Reiter setzt die Sporen ein, das Pferd bäumt‹ – Röpke konnte nicht weiter reden, er ließ sich erst einen zweiten Kognak geben. Sie können das verstehen, meine Herrschaften.« Herr Kortüm hielt hier ebenfalls inne, trank ebenfalls ein Glas, und dann erzählte Kortüm weiter: »Ja, und dann erzählte Röpke weiter: ›In fünfzehn Meter Tiefe sieht man noch ganz gut bei solchem Wetter. 's is schon dämmrig. So das grünliche Schummern. Aber unsereiner ist das gewohnt. Ich habe meinen Blick. Bin siebenhundertmal auf Grund getaucht. Da gibt's nichts gegen zu sagen. Ich sehe, was ich sehe. Ganz deutlich. Pferd und Mann reiten hinterm Wrack über den Grund. Der Reiter hat einen Hut auf. Solche Hüte gibt's heute nicht mehr. Zwischen seinem Gesicht und dem Pferdehals schwimmt eben 'n großer Dorsch durch. Unterm Pferdebauch kommt 'n Schwarm Schollen vor – ich habe alles genau gesehn. Aber jetzt bewegt der Reiter den Kopf. 's geschah ja alles in 'n paar Sekunden. So schnell kann ich das nicht erzähln. Wenn er mich sieht, denk ich noch – un rauf un da bin ich. Zu schnell gestiegen. Da pumpt's hier nicht mehr ordentlich durch.‹ Der Taucher drückt die Fäuste auf die Brust und setzt sich – und wie gesagt, meine Damen und Herren – Röpke ist ein nüchterner, verständiger, altgedienter Mann.« Herr Kortüm lehnte sich zurück und tat wie Röpke nach Beendigung seiner wahrheitsgetreuen Schilderung an Bord der ›Jacob Witt‹: er trank das dritte Glas. Seine Mitgäste tranken diesmal nicht mit, denn keiner hat Freude am Wein und am Leben überhaupt, wenn er auf 620 Grund unbezweifelbarer Tatsachenberichte die Weltordnung wanken sieht. »Aber«, begann ein Gast nach dem anderen. »Aber das kann der Taucher doch gar nicht gesehen haben!« »Er hat. Und er ist ein nüchterner altgedienter Fachmann mit guten Augen.« »Aber, Herr Kortüm«, mahnte nun auch Windhebel. »Tut mir leid: es war so.« Kortüms Unnachgiebigkeit zwang seine Zuhörer zur Selbstverteidigung; wenn solche Begebenheiten zugelassen würden, brauchte ja überhaupt keine Rechnung mehr zu stimmen. Röpke hat sich getäuscht. Auf dem Grunde der Ostsee reiten keine Gespenster. Die Gäste und Einwohner des Schottengeländes handelten nur in Notwehr, wenn sie jetzt nach Erklärungen suchten. Unermüdlich erwogen sie Möglichkeiten. Der furchtbare Reiter in der grünen Dämmerung auf dem Meeresboden mußte entweder eine Sinnestäuschung sein oder er ist unter einer Fernsprechnummer zu erreichen. Ein drittes darf es nicht geben. »Oh!« Herr Kortüm hob beschwichtigend die Hände: »Die schöne Geschichte! Warum sie denn umbringen mit einer Erklärung!« »Sie scheinen zu wissen, was es mit dem Reiter auf sich hat?« fragte Arcularius vorsichtig. »Leider, Herr Superintendent.« »So sagen Sie's!« riefen die Zuhörer. »Rasch!« »Ist es nicht genug, daß Röpke den wunderbaren Reiter wirklich gesehen hat und Sie, meine Herrschaften, nun ebenfalls die Freude hatten?« »Was ist auf dem Meeresgrund vorgegangen, Herr Kortüm?« »Schade. Ich soll es wirklich sagen? Noch ist es nicht zu spät. Noch reitet der Reiter.« Nachdenklich blies Windhebel den Tabakrauch gegen den glimmenden Brand seiner Zigarre, daß sie rot aufglühte. Er schwieg. Aber die anderen Gäste riefen wie aus einem Munde: »Die Wahrheit, Herr Kortüm!« Und Arcularius fügte hinzu: »Sie sehen, man kann nicht umhin, Verehrter! Ich kenne das. Jeder wünscht das Wunder, aber es muß wundern innerhalb der Grenzen der praktischen Vernunft.« Herr Kortüm zuckte die Achseln: »Vernunft! Also – neunzehnhundertfünfzehn. Die russische Front muß zurück. Was kriegswichtig ist, nehmen die Kosaken mit. Riga wird ausgeräumt, die 621 Kirchenglocken von Sankt Peter, vom Dom, das Denkmal des Bischofs Albert. Und natürlich auch das kolossale Reiterstandbild Peters des Großen. Der englische Dreitausendtonnendampfer ›Serbino‹ nimmt das Gut an Bord. Nahe der estländischen Insel Worms torpediert ihn ein deutsches Unterseeboot. ›Serbino‹ sinkt. Beim Aufprallen auf den Grund ist das schwere Monument vom Deck abgeglitten und liegt nun auf dem Meeresboden. So hat es Röpke gesehen. In den Strudeln der Strömung schienen sich Reiter und Pferd zu bewegen.« »Ach so . . .« »Ja – ach so. Nun wissen Sie's. Aber nun ist's zu spät.« »Und wie kam es dann?« fragte Wodtke. Kortüm rieb langsam sein Kinn: »Dann? Je nun, Herr Wodtke, Peter der Große reitet nicht mehr über den Grund der Ostsee, um die er sein Lebtag kämpfte. Man hat ihm eine Zimmernummer aufgeklebt –« »Eine – was?« »Eine Erkennungsnummer. Er stand ja nun bei einer Hamburger Speditionsfirma im Schuppen und wurde im Lagerbuch geführt.« »Die Rigaer werden das Kunstwerk doch nun wieder aufstellen?« Sidonie liebte die Ordnung. »Sicherlich, gnädige Frau. Vielleicht in der Innenstadt. Auf dem Markt. Vor dem Barockhaus mit dem geschweiften Giebel.« Im Konversationszimmer breitete sich unverkennbar eine behagliche Zustimmung aus. Man fühlte sich wieder geborgen: wenn's brennt, kommt die Feuerwehr, bei Überfällen die Schutzpolizei, im Falle sonstiger Veränderungen häuslicher oder beruflicher Art der zuständige Beamte mit einem Formular, und die Erbssuppe mit Schweinsohren kocht auf dem Gas, das die Stadt in einem eisernen Rohr bis unter den Erbsentopf zu leiten verpflichtet ist. Aber dieses Trugbild vom Leben konnte Kortüm um den Tod nicht vertragen: »Meine Damen und Herren«, begann er, »wenn man nicht Geschichtenerzähler von Beruf ist, sondern ein Gastwirt, sollte man Begebenheiten solcher Art besser für sich behalten. Unsereiner kriegt sie nur rundum rund – nun, wie ein Polizeiprotokoll etwa. Wenn solche Geschehnisse ihren Kern behalten sollen, muß die Schale kunstvoller gearbeitet sein, als sie ein Gastwirt neben seinen vielen sonstigen Pflichten zubereiten kann. So eine Geschichte muß allseitig geschlossen vor Ihnen stehen wie ein Sarkophag – zuverlässig –« »Zuverlässig? Ein Sarkophag?« Arcularius hob warnend den Zeigefinger: »Herr Kortüm?« 622 »Hm. Ganz recht. Ihr Wohl, Herr Superintendent. Jedoch es gibt zuverlässige Sarkophage, rundum geschlossene, nicht zu öffnende – nicht in Kranichstedt, nein. Aber in Quedlinburg. Sie kennen den Steinsarg der Königin Mathilde? Der Gattin des Königs Heinrich? Nein? Sie müssen unbedingt nach Quedlinburg fahren. Im Dom steht er. Die Königin befahl, sie nach ihrem Tode in einen Sarg aus Granit zu legen und – meine Herrschaften: und auf den Deckel des Sarkophags eine der tragenden Säulen des Gewölbes zu stellen. Wer den Deckel heben will, muß die Säule wegnehmen. Wer aber die Säule anrührt, dem fällt das Gewölbe auf den Kopf. Das sind Verschlüsse!« »Herr Kortüm«, sagte Windhebel, »Sie sollten uns Geschichten mit verschloßnem Kern erzählen. Unerklärbare.« »Aber wirklich geschehene!« »Ich seh's Ihnen an: Sie wissen eine«, drängte Lichtermark. »Solche Geschichten – ohne Bedenken«, sagte Kortüm freigebig. Die Zuhörer rückten noch enger zusammen. Die Kellner brachten Wein. Die Gäste vergaßen die Zeit. Kortüm war unerschöpflich. Wunderbar spann er seine Zuhörer ein. Er begann von Schiffen zu erzählen, die verschwunden waren – nicht vor dreihundert Jahren, als es noch den Fliegenden Holländer gab, sondern gestern und heute verschwanden sie samt ihren doppelten Funkanlagen aus der Welt. Und nicht etwa in Sturm und Seenot – bei klarem Wetter! Weg waren sie. Ins Nichts. Mit einer Segelschiffgeschichte begann Kortüm. Von der ›Kövenhavn‹ erzählte er, dem herrlichen, ganz neu gebauten dänischen Fünfmaster. »Ordnungsmäßig hatte er Buenos Aires verlassen mit Kurs nach Dänemark. Auf dem ganzen Atlantik gutes Wetter. Und – Geheimnis! – weitab von ihrer Route ist die ›Kövenhavn‹ noch einmal gesichtet worden. Tief im Süden, bei der Insel Tristan da Cunha. Einwandfrei beobachtet vom amtlich bestellten Leuchtturmwärter dort. Dann nie mehr. Gutes Wetter. Auf dem ganzen Atlantik. Ja, meine Herrschaften.« »Aber –« »Haha!« Jetzt lachte Kortüm. »Nein. Dies ist unerklärt. Die Welt ist Gott sei Dank zuweilen über alle Erklärung groß. Nicht einmal der alte Matrose kann Ihnen Bescheid sagen, der die Sterbeglocke der Schiffe im Gebäude von Lloyds in London anschlägt. Auch von dem Norweger, ›Wyer Sargent‹ hieß er, der an der Ostküste von Südamerika unterging, hatte der Glöckner von Lloyds die Todesnachricht an das schwarze Brett genagelt – ja, und im Jahr drauf wurde der 623 Norweger im Golf von Mexiko wieder gesehen: von einem Passagierdampfer, an dem er halb untergetaucht im Abenddunkel lautlos vorbeitrieb. Meine Herrschaften, noch siebenundzwanzigmal hat man dieses menschenleere Schiff gesehen!« Mitternacht war längst vorüber. Kein Mensch stand auf . . . der große Zar reitet über Wiesen von Seetang, und Schellfische begleiten ihn. Tote Schiffe, die nicht sinken können, geistern durch die Weltmeere. Ein weißer Fünfmaster streicht schwanenhaft an einer einsamen Insel tief im Süden vorbei, die selber fast eine Sage ist. Und wird nie mehr gesehen. Und alles ist wahr, alles geschieht heute. Unseresgleichen zieht diese geheimnisvollen Reisewege, gerüstet mit allen Nachrichtenmaschinen dieser Zeit. »Die Welt«, sagte Herr Kortüm, »ist nicht so maschinierbar, wie Sie bei elektrischer Beleuchtung manchmal glauben.« »Voll von Geheimnis«, sagte Arcularius. Mimi Langloff nickte: »Wunderbar.« Sie hatte sich neben ihn aufs Sofa gesetzt und drückte ihm die Hand. Kortüm brummte leise, trank, Kortüm erzählte. Die Gäste waren bezaubert. Auch Elvira hing an den Reden dieses gefährlichen Gastes. Nicht Backbord steuerte sie, wie ihr das der alte Kapitän doch so dringlich geraten hatte. Aufmerksam verfolgte sie trotz Kortüms Geschichten den Geschäftsgang im Konversationsraum; ob sie es gern zugeben wollte oder ungern: der glänzende Umsatz in dieser Nacht war unbestreitbar. Wenn Kortüm noch drei Abende so weitererzählte, hatten diese paar Stunden mehr eingebracht als ebensoviel Tage. Wein, Bier, Tee, Limonaden, Mineralwässer, kleine Kuchen, mittelgroße belegte Brötchen und tellergroße Ohnmachtshappen nahmen die Gäste zu sich. Sie hatten Durst, wurden vom Trinken hungrig, vom Essen durstig und hörten Herrn Kortüm zu, bis plötzlich jemand sagte: »Geht die Uhr dort etwa richtig?« Die zweite Nachtstunde schlug sie. »Schade«, sagten die Gäste beim Aufstehen, »der Abend war so kurz.« »Morgen wieder!« rief Wodtke. Kortüm schüttelte den Kopf: »Glauben Sie einem alten Gastwirt: nichts dergleichen ist wiederholbar. Dieser Abend ist verschwunden wie der weiße Fünfmaster vor Tristan da Cunha. Aber der Bordeaux ist gut. Es müßte sich morgen in der Tat etwas Neues ergeben.« »Tanzen«, lachte ein junges Mädchen. »Sieh da«, sprach Herr Kortüm, »tanzen; aber hat sie nicht recht? Die Konversation heute nacht war ausgesprochen männlich.« »Nun . . . tanzen –«, begann Arcularius. 624 Windhebel sah sich mißbilligend um: »Wenn eben die Damen in der Überzahl sind –« »– müssen«, setzte Kortüm den Satz des Gelehrten fort, »müssen wir für Tänzer sorgen.« »Im August?« fragte die erfahrene Sidonie, »da kommt keiner.« »Oh, ich wüßte viele«, widersprach Kortüm, »nur – man muß ihnen etwas bieten für die Anstrengung.« »Eine Bowle?« »Die trinken sie auch so. Nein. Mehr! Sagen wir . . . ein Maskenfest.« »Herr Kortüm!« riefen die jungen Mädchen. »Bei der Hitze?« »Man maskiert sich eben leicht«, sagte Kortüm. »Nur einen Flor oder –« »Herr Kortüm!!« riefen die jüngeren Damen zum zweitenmal und sprangen auf. Seine Geschichten hatten ihnen gefallen – aber ein leichtes Maskenfest, in leichter Kleidung, in einer leichten Sommernacht: »Morgen, Herr Kortüm!« Monich wandte sich an Mickewitz: »Was meinen Sie denn dazu? Nich schlecht, was? Masken; die Heimarbeit in Besenroda unten will auch leben.« Mickewitz war heute abend wenig zu Worte gekommen und begnügte sich mit der Antwort: »Der Leinen- und Kunstseidenhandel wohl auch, Herr Monich?« »Nu freilich. Samt den Apothekern. Nu kommt's Maskenfest vielleicht doch noch.« Niemand konnte einen triftigen Grund gegen ein sommerliches Maskenfest vorbringen, am wenigsten Elvira und die Frau Langloff: nach dem Erfolg dieses Abends ließ sich ein ungeheurer Umsatz erwarten. »Morgen also!« riefen die Gäste. »Drei Tage müssen zwischen heute und dem Fest liegen«, Kortüm schnitt jeden Widerspruch kurz ab, »das verstehe ich besser. Wir sind viel zu wenige für ein Maskenfest im Freien. Wenn es gelingen soll, müssen alle Freunde des Schottengeländes erscheinen.« Im Geiste sah Elvira die Bratenschüsseln und Flaschenkörbe, Mimi die werbekräftigen Zeitungsbesprechungen, Kuffert die Bierfässer, Bratwürste und Mädchen, Mickewitz die Erkältungen, und Windhebel sah Herrn Kortüm an und sagte: »Freitag also.« »Freitag!!« rief der Chor. 625 »Und die Musik?« fragte Lichtermark. Kortüm legte den Kopf zurück und blickte das Palmblatt über sich an: »Musik, ja . . . eine Augustnacht, Herr Professor . . . Neumond, Hochwald.« Kortüm machte eine große Armbewegung. »Wir fangen Pianissimo an. Streicher. Um diese Nachtstunde ungefähr spielen wir voll. Und gegen Morgengrauen klingen wir ab. Mit Holzbläsern etwa?« »Ich will sehen, wen ich auftreiben kann.« Sidonie schneiderte schon in Gedanken: »Und wenn man dann als Maske herumgeht, im Freien, und die Wiese und der Wald hell erleuchtet –« »Im Gegenteil, gnädige Frau«, sagte Herr Kortüm, »Licht behindert. Aber überlassen Sie das mir.«   Aufforderung zum Tanz Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, Halfke! Und mit solchen Dummheiten kommen Sie mir!« Utzenstorff schlug auf seinen Schreibtisch. »Jede gute Wetterstunde brauche ich für die Freilichtaufnahmen.« »Eben dazu ladet uns ja Herr Kortüm ein. Wir drehn ›Die große Nacht‹ im Schottengelände.« »Nach dem Leben drehn? Sie sind ein Dilettant, junger Mann. Sie bekommen die Hälfte Gehalt zuviel. Wollen Sie die wichtigsten zweihundert Meter wie eine Wochenschau aufnehmen?« »Nachtaufnahmen, Herr Utzenstorff.« »Die brauchen doch erst recht Regie!« Halfke gab nicht nach. Es habe, wandte er ein, noch nie eine schlechte Wochenschau gegeben. Niemals sei der Film stärker, als wenn er das tatsächliche Leben packe, das ungestellte, das nicht zurechtgemachte. Das könne nur der Film. »Lassen Sie mich in Ruhe. Wer weiß, was da irgendeiner im Schottengelände für Unsinn anstellt. Ein Maskenfest von Dilettanten, Halfke!« »Nein – von Kortüm, Herr Utzenstorff.« »Hm.« »Natürlich müssen wir vor der Aufnahme wahrscheinlich überall gruppieren, ordnen, ohne daß es jemand merkt. Wir können ja auch 626 die Architekten mitnehmen. Jedenfalls sollte man Nothnagel fragen, was er zu dem Versuch sagt.« »Versuch . . .« Utzenstorff überlegte. Er lächelte beim Überlegen. Gegen den Andermannfilm damals war er auch gewesen, und doch hatte sich der Bildstreifen glänzend rentiert. Kortüm . . . mit Kortüm eine Maskennacht . . . »Den Versuch sind die paar hundert Meter Zelluloid wert, Herr Utzenstorff. Pech mit dem Wetter, und uns kann auch die schönste gestellte Freilichtaufnahme flöten gehn. Schlimmstenfalls ist anderthalb Tag verloren.« »Mm, wer käme mit?« »Das technische Personal, die Sconosciuta, die Kitty, Lerp, ja – und so an zehn, zwölf Mädchen, aufnahmefähig geschminkt, die der Regisseur fest in der Hand hat und einsetzen kann nach Bedarf.« »Wir können uns schwer blamieren . . .« »Wir können eine wunderbare Aufnahme schnappen.« Herr Kortüm hatte mit Hilfe Lichtermarks nur den Generalplan aufgestellt. Um Nebensachen konnte er sich nicht kümmern. Kortüm ging bloß auf und ab und hatte Gedanken. Mimi schrieb die Einladungen, die Kortüm diktierte. Sinnreich formte Herr Kortüm diese Einladungen: für jeden Gast fand er den besonderen Ton. In der Gattin Langloffs stieg eine leise Ahnung auf von Kortüms Geheimnis, nach dem ihr Mann seinerzeit vergebens getastet hatte. Man mußte diesen Gastwirt eben das tun sehen, was er arbeiten nannte: mit den Händen auf dem Rücken am offenen Fenster stehen, Zigarrenrauch in die heiße Sommerluft blasen und zuweilen das Kinn reiben . . . Kortüm ersuchte den Amtsrichter Heydenreich um sein Erscheinen beim Maskenfest des Schottengeländes, als ob der Richter auf einem Lokaltermin erwartet würde, der ohne seine Anwesenheit als von vornherein gescheitert angesehen werden müsse. Er lud den Ingenieur Müller zu dem technisch interessanten Versuch ein, eine Nacht lang ohne elektrische Beleuchtung zu tanzen und sich trotzdem nicht zu verwechseln. Herrn Specht aus Zittau berief Kortüm ins Schottengelände und tat ihm kund, in welchem Kostüm er aufzutreten habe. Aber es gingen auch andere Einladungen in die Welt. Kortüm bat Leute, von denen Frau Langloff nie etwas gehört hatte, einen gewissen Wenzel, Bälgetreter zu Weimar, einen Revierförster Rab, einen Küster Bauspack in Kranichstedt lud Kortüm ein, dazu den Maskenmacher Albrecht – und 627 jetzt auch noch den Maurermeister Lorenz in Besenroda. Wenn Mimi einen vorsichtigen Einwand erheben wollte, schnitt ihr Kortüm das Wort kurz ab: »Das verstehe ich , Frau Doktor. Farbe, Verehrteste, Farbe! Wir wollen ein wirkliches Maskenfest machen. Ich brauche diese Figur. Bitte schreiben Sie –« Er diktierte weiter, Mimi schrieb, aber ihr begannen die Finger beim Schreiben zu zittern; zu ihrem Erstaunen lud Herr Kortüm jetzt kaltblütig die gesamte Konkurrenz ein: »Aber ich denke, Sie sind verfeindet mit den Herren!« »Verfeindet?« fragte Kortüm verwundert, »darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Und sollte der eine oder andre glauben, mein Feind zu sein – wir können deswegen unser Maskenfest doch nicht einer solch markanten Figur berauben. Bitte, wollen Sie ferner schreiben: Grand Hotel – haben Sie es? Also: ›Es gereicht mir zu höchster Genugtuung, Euer Hochwohlgeboren diese Einladung unterbreiten zu dürfen und im Fall einer gütigen Zusage das große Fest des Schottengeländes dem maßgeblich fachmännischen Urteil unterstellt zu wissen‹ . . .« Hotel Disch lud Kortüm ein, den großen Beerberg, den Brocken, den Feldberg, und ein letzter Brief war gerichtet an einen Amtsschösser Stichling, Hochbauamt zwei, Abteilung römisch drei Komma arabisch elf. An Frau Konstanze Schröter, Professor Holdermann und Klaus Schart sandte Herr Kortüm Handschreiben. »Sehr bedauerlich«, sagte er nach Vollendung des Einladungswerkes, »daß man den Kapitän a. D. Langloff nicht bitten kann. Hoffentlich kommt wenigstens sein Sohn zu diesem Fest.« In Elviras Kopf gingen die Gedanken im Kreise. Sie wachte nachts und fragte sich immer wieder, ob man nicht doch den Kapitän zu Rate ziehen müsse. Aber den armen kranken Mann durfte sie nicht aufregen, nein, Gott würde ihr schon Kraft geben. Daß sie unbedingt alle ihre Geisteskräfte wachhalten mußte, sah sie an den Lieferwagen, die früh, nachmittags und manchmal noch spät abends an der Echostube vorfuhren: diese Frau Wingen da drüben würde sicher auf dem Damme sein. Schwere Sorgen machte sich Elvira, aber wie sie auch grübelte, das konnte sie der Frau Langloff nicht bestreiten, der Umsatz würde ganz groß werden. Alle hatten zugesagt! Als erster Festgast traf Klaus Schart ein. Er fand das Gelände in tiefer Ruhe. Kein Wunder: die Bäcker backten, die Fleischer schlachteten, 628 die Maskenmacher malten, die Väter berieten und rauchten Tabak dazu, die Mütter schneiderten, und die erwachsenen Töchter schickten heimlich Einladungen ab, von denen weder Herr Kortüm noch die Väter und Mütter etwas wußten. Frau Tips: »Haben Sie gesehen, was die anziehn will?« Frau Lautenschlager: »Haben Sie von so einer was anderes erwartet?« Fräulein Wodtke: »Die fällt noch nackend aus ihrem Kostüm.« Frau Sidonie Lautenschlager blickte mit schiefgehaltenem Kopf in den Spiegel und hob das ungarische Röckchen drei Finger höher: »Aber das geht doch noch?« Solche Sorgen drückten Klaus nicht. Er hatte in die Aktenmappe neben Seife und Zahnbürste einen Domino gestopft und wanderte mit seinem leichten Gepäck unbeschwert den Goetheweg hinauf. Als er die Schottenhöhe erreichte, sah er den Mann auf einer Bank sitzen, in den heute alle Sorgen des Schottengeländes mündeten. Kortüm rückte beiseite: »Setzen Sie sich, Herr Schart.« Klaus bedankte sich für die Einladung. »Alle Gäste haben zugesagt –« »Bei dem Wetter!« rief Klaus. »– bis auf einen Gast«, sprach Kortüm seinen Satz zu Ende. Klaus nestelte verlegen am Verschluß seiner Aktenmappe. Kortüm sah ihn an: »Warum kommt Frau Schröter nicht?« Der Wald war kirchenstill. Es ließ sich leicht die Wahrheit reden in diesem menschenleeren Hochwald. Aber nun sah Klaus Schart Herrn Kortüm an. Er fühlte, was Kortüm hören wollte. Und er sagte das: »Sie – sie bereitet eine neue Rolle vor in diesen Tagen.« Die Lüge erschafft Zustände und Ereignisse und stellt sie zwischen die Wirklichkeiten. Die Lüge vermehrt den Bestand an Tatsachen, nimmt nicht wie der Dieb, sondern erweitert Anschauung und Erlebnis, und da Erfindung so lebensähnlich zwischen der wurzelbestockten Gestalt wachsen, blühen und Frucht tragen kann, durchschaut der Mensch – wenn überhaupt – nicht in jungen Jahren die ganze Furchtbarkeit der menschlichen Existenz. Denn Klaus hatte jetzt nicht gelogen, um Kortüm etwas zu nehmen oder sich zu verstecken – er war stolz, daß Konstanze Schröter den Klaus Schart liebte – sondern um Kortüm Gutes zu tun. Er sah denn auch, wie der Herr des Schottengeländes den Kopf ein wenig 629 zurücklegte und in den Sonnenstrahl blinzelte, der scharf durch das Blätterdach schoß: »Hm hm. So so. Nun freilich. Sie ist eine große Künstlerin.« Auch Klaus war nicht töricht genug zu glauben, daß Kortüm etwa mit dem Gedanken spielen könne, eine Konstanze Schröter einzuspinnen in sein eigenes hinalterndes Leben. Aber Klaus Schart fühlte recht gut, daß Kortüm mit dem Glanz ihres Wesens sich selber erhellte, durch die Freundschaft dieser Frau sich selber bestätigt fand und seine unendlichen Sorgen gelassen ein wenig beiseite zu schieben und der neugierigen Welt das gleichmütige Angesicht zu zeigen vermochte, das ja zuletzt Kortüms Geheimnis und Kraft war in der Welt. Lieben mag Konstanze, wen sie will – Gott bewahre mich, dachte Herr Kortüm; er würde wahrscheinlich den glücklichen jungen Mann scharf von der Seite besehen und dann ungefähr geäußert haben: »Nun, er hat zwanzig Jahre weniger erlebt als ich, gut gut.« So glaubte Kortüm zu denken, aber mit dem verpanzerten Liebesgefühl eines ältelnden Herzens hatte er sich seit Monaten in einsamen Stunden gefragt: wo bleibt sie? Auch ein Mann, der bereits einer warmen Altstimme lauschen kann wie einem Vogellaut und der dabei zufrieden tun und sich entweder mit braver oder mit großartiger Gebärde am Ewigmännlichen vorbeizulügen vermag, kommt nur schwer auf den Gedanken, daß auch die wunderbarste Frau alles erleiden kann – nur dieses eine nicht: den Schatten der anderen, der sich ihr einmal in die Sonne stellte. Frauen kennen sich genau. Zehn Kortüms können im Schottengelände regieren: wenn ein selbstgewisses Wesen wie Lotte Wingen waltet an dem Ort, atmet der ihr Wesen aus. Dem Manne mag die Zeit gehören – der Raum gehört Eva. Von alters her. Von diesen haarfeinen, aber platinhaft unschmelzbaren Netzfäden ahnte Klaus nichts. Jedoch – er sah Kortüm an; dieser Mann war es doch, der das ganze herrliche Lebenstheater hier oben aufgeschlagen hatte. Klaus verehrte ihn, vielleicht liebte er sogar sein Wesen. Und Klaus Schart hatte denn einen guten Tag herbeigelogen, und Herr Kortüm war zufrieden, seine große Frage los zu sein: Frist verlangt – zwei Männer. Lotte und Konstanze hätten das anders gemacht. Die eine würde nicht gelogen und die andre nicht so rasch aufgehört haben mit Fragen. Freilich hätte es dann vielleicht kein Maskenfest gegeben diese Nacht – dafür aber auch keine Demaskierung übers Jahr. Es ist leider nicht so, daß die Lüge am besten gedeiht auf leichtem 630 Boden, auf Lumperei und Angst. Solche Lügen bläst der nächste Wind als Papierblumen übers Feld. Die Herzensgüte ist der schwere Boden, auf dem sie mächtiger aufschießt, lebensgefährlicher wuchert. Es gab also seit heute zwei Konstanzen: Klaus war so gütig gewesen, für Herrn Kortüms Spezialbedürfnisse eine zweite zu erschaffen – Verehrung ist großzügig wie die Liebe. Golden rot lag das Abendlicht auf den runden Buchengewölben. Die Singdrossel flötete ihre Strophen, unverwüstlich heiter, hanswurstiger Einfälle voll. »Ein schöner Abend«, sprach Herr Kortüm. Klaus neigte horchend den Kopf: »Ich glaube, die Musikanten im Schottenhof stimmen schon.« Kortüm stand auf: »Es ist an der Zeit.«   Die offene Wand Auf dem Aussichtsturm des Brockens standen heute noch spät abends die Harzreisenden und blickten durch ihre Gläser nach dem Feuerschein im Süden. Von der Holzwarte des Inselberges starrten die Wanderer nach Südosten. Die nach abgekühlter Luft lechzenden Jenaer ließen ihre Lichtenhainer Holzkrüge stehen, kletterten auf den Fuchsturm und äugten nach Südwesten. Nur der Wärter des Schutzhauses auf dem Kolmberg stand einsam auf der Höhe und besah die Lichterscheinung im Schottengelände drüben; Wanderer, die dem Flügelhaus so nahe gekommen waren auf ihrer Reise, stiegen nicht erst auf den Kolmberg, sondern wanderten eine Stunde länger und feierten als ungeladene Gäste das große Maskenfest persönlich mit. Vier Festplätze hatte Herr Kortüm im Schottengelände rüsten und beleuchten lassen auf viererlei dem Orte jeweils angemessener Art. In der Echostube brannten nur ein paar Kerzen auf dem runden Tisch unter der silbernen Windfahne. Den Schottenhof, die Festmitte, beleuchteten Fackeln. Rings um das Lohberghaus schwankten bunte Papierlaternen im Abendwinde. Auf dem Hachelstein aber loderte unter Aufsicht des Revierförsters Rab und einiger amtlich bestellter Waldhüter ein gewaltiges Feuer. Auch musikalisch gab Kortüm jedem Gast das Seine. In der Echostube herrschte Ruhe. Es gibt ja immer noch Leute, die beim Trinken wie beim Arbeiten der Stille bedürftig sind. Auch auf dem Lohberg saß 631 keine Kapelle. Der weite Blick in die nächtliche Weite regte zum gelassenen Sprechen an, zum Erzählen. Wer zum Tanzen zu alt und zum Trinken zu jung war, fand hier oben eine anmutige Gesellschaft. Vor den knisternden Flammen des hoch aufbrennenden Holzstoßes auf dem Hachelstein aber saß auf einem Felsblock ein einsamer Musikant. Unter sich auf den kalten Stein hatte der Mann ein Federkissen gelegt und neben sich ins Gras eine Flasche gestellt, die ein laufender Bote Kortüms in billigen Abständen durch eine volle ersetzte. Die knatternden Flammen fraßen sich lohend durch das trockene Geäst des Scheiterhaufens und winkten mit ihren goldenen Fahnen. Liebespaare wagten Hand in Hand den Anlauf, den Sprung durchs Feuer; andere lagerten Arm in Arm unter den Bäumen. Grellrot angestrahlt saß der verlassene Musikant Stunde um Stunde und blies auf Kortüms Befehl seine Oboe – nicht die scharfe Pikkola selbstverständlich, sondern die sanfte tiefere Oboe d'amore. Die Singvögel des Hachelgeheges blinzelten verwundert durch die Blätter; die Menschenkinder benahmen sich ja in dieser Augustnacht so still und friedevoll wie die sonstige Kreatur in warmen Nächten. Freilich kostete diese von einem einzigen Mann bestrittene Musikalisierung des Hachelsteins Herrn Kortüm nicht so wenig, wie man denken könnte. Der Holzbläser mußte mit Hilfe immer edlerer Weine gegen die Versuchung gestärkt werden, das schöne Instrument mit den blitzenden Silberklappen in das samtgefütterte Futteral zu packen und damit heimlich zu entweichen. Aber der köstliche Wein in ihm und das Raunen, das Schweben der lautlosen Liebe unsichtbar rings um ihn herum ließen den Musikanten immer singvogeliger, immer graziöser seine Gänge blasen. Über dem Hachelstein wölbte sich der nächtliche Augusthimmel. Die Stimmen und die Musik vom Schottenhofe klangen, eine abgerückte Welt, gedämpft hier herauf. Und am Anfang des einzigen Pfades, der zum Hachelstein führte, saß unter einem alten Eibenbusch Emil Wenzel, der Bälgetreter von der Friedhofskapelle zu Weimar. Wenzel wachte. Der undurchdringliche Schatten des giftigen Eibenbusches barg eine Fülle von Proviant – Wenzel konnte der Nacht ruhig ins Auge blicken und tat freudig seine Pflicht. Jedes Paar, das hinauf wollte und das große Feuer ansehen, hielt Wenzel an: »Ruhe hier, verstehn Sie?« »Wir haben ja gar nichts gesagt.« »Leise reden. Ich habe ja auch nischt weiter gesagt als: Ruhe. Weitergehn.« Wenzel verschwand in der Tiefe des schwarzen Eibenbusches. Die erstaunten Gäste stiegen den Pfad hinan, sahen den Holzbläser, 632 sahen die züngelnden Flammen. Sie blickten sich um. Da schwankte ein tiefrot beschienener Zweig, stand wieder still. Ein Schatten bewegte sich im Gesträuch. Aus dem Walde klang leises Mädchenlachen. Rasch fand sich die Oboe in den Durklang, echote das Lachen. Nein, in dem Bergahorn dort saß eine Wildtaube; die lachte wohl eben . . . Wenzel wachte. Er ließ nicht mit sich spaßen. Da kam zum Beispiel Doktor Halfke in Begleitung eines Technikers der World, der unter jedem Arm einen viereckigen Kasten trug, aus dem Drahtkabel heraushingen. »Sie können hier nich rauf.« »Wir sind Gäste.« »Mit Ihren Photographierkästen können Sie hier nich rauf, sag ich.« »Das sind ja gar keine photographischen Apparate.« »Mit was für Apparaten is mir schnuppe: hier kann mit überhaupt keinem Apparat raufgegangen werden.« »Na erlauben Sie mal, ich bin Doktor Halfke von der World –« »Un ich bin der Bälgetreter Wenzel von der Friedhofskirche in Weimar.« »Ja, zum Himmeldonnerwetter – wer darf denn da nauf?!« »Ruhe! Erstens, wer 's Maul nich so aufreißt. Un zweitens, wer nich etwan glaubt, er kann da oben seinen Beruf ausüben.« Es blieb Halfke nichts übrig, als den Techniker fortzuschicken und Kitty zu suchen. Wenzel trank gerade, als die beiden kamen. Er wies nur mit dem Daumen über die Schulter. Halfke und Kitty waren schon halb oben, als Wenzel die Flasche absetzte und einladend sprach: »Bitte – ahh«, er wischte sich den Mund, »so laß ich mir 's eher gefallen.« Die ganze Nacht bewachte Wenzel den Frieden des Hachelsteins. Er verstand sich ja auf Dominantakkorde. Erst das aufsteigende Morgenlicht fand den Treuen schlafend zwischen seinen Flaschen im Eibenbusch, und den Oboenbläser traf die Morgensonne schlummernd und das große Feuer verglimmend. Die Liebespaare waren angewiesen auf die Musik der Drosseln und Meisen, die schon bald nach drei Uhr morgens kameradschaftlich für den immer langsamer blasenden Oboisten eingesprungen waren. Den Knotenpunkt des Festes behielt Herr Kortüm selbst im Auge; der fackelbeglänzte Schottenhof war nicht so leicht zu bewachen wie der Hachelstein. Für Wenzel genügte zur Maskierung der Eibenbusch. Kortüm mußte mehr an sich wenden. Ein langer weißer Bart, ein bis zu den Füßen reichender weißer Mantel, die weiße Mütze und weißen Schuhe trugen ihm den Namen Nordpol ein, aber sie entstellten ihn völlig. Niemand erkannte den weißen Mann. Eigensinnig hatte Kortüm darauf bestanden, daß die auf dem Podium in der Mitte des Schottenhofes spielende Kapelle zunächst nur die Streicher zu Tone kommen ließ und auch diese bloß con sordino . Die Leute machten zudem so altmodische Musik, daß kein vernünftiger Mensch danach tanzen konnte. Herr Kortüm befand eben die Gäste und die Stimmung noch nicht tanzhaft. Der erste Geiger spielte seine Melodie, Bratsche und Cello begleiteten sie wie Quellenmurmeln. Die Masken strichen aneinander vorbei; sie lächelten, warteten – es mußte doch bald Licht werden, Musik werden . . . Als Utzenstorff den Schottenhof betrat und im schwankenden düsteren Fackellicht den Frauen ins Gesicht zu blickten versuchte, aber nur das farbige Wallen der Masken sah, die gedämpfte Geigenmusik vernahm, ging es diesem Spielgewohnten nicht anders als allen anderen: er glaubte das Fest nur zu träumen. Zum Tanzen brachten die Geigen die Gäste noch nicht, aber sie hielten sie in Bewegung – con sordino du und du. »Ich wollte also von links her einen Zug Tänzerinnen –«, begann Nothnagel. »Lieber, wollen Sie bitte noch nichts – ich bin sehr neugierig, was das wird. Ah, wenn du Violante sein solltest, schöne Frau –« »– müßtest du meine runde World sein – halte meinen Umhang, Weltkugel. Es wird mir heiß.« Utzenstorff stand mit dem Rosaflorhauch in Händen da, sah Violante im Gewühl verschwinden: »Wenn sie noch zweien so antwortet, hat die Gute nichts mehr an. Mmm!« Er legte das Mäntelchen um die Schultern seines Barockkostüms. »Geben Sie acht, Nothnagel, damit der Film nicht für Jugendliche verboten wird. Wo steht übrigens die Kamera?« »Im ersten Stock. Zweites Flurfenster von links. Niemand ahnt etwas.« »Mm.« Utzenstorff suchte in den Besitz einer Sektflasche zu gelangen. Eben hatte Kortüm zu dem Kapellmeister gesagt: »Nun crescendo , mein Freund.« Die Musik schwoll an. Die Tänzer umfaßten die Frauen. Windhebel suchte sich rasch in Sicherheit zu bringen. Hart ging er an Kortüm vorüber. Aber er erkannte den Nordpol nicht. Hochbefriedigt lüftete Kortüm die Mütze ein wenig. Da legte sich ein Arm um ihn, eine Frau nahm den Erschrockenen ein paar Tanzschritte mit. »Steht mein Bett diese Nacht richtig, Herr Pastor?« sagte sie ihm ins Ohr. 634 Noch hatte sich Kortüm nicht von dem Schrecken erholt, da hörte er hinter sich sagen: »Ist es zu glauben? Uns hat dieser Kortüm das Kostüm zur Pflicht gemacht, in jede Kleinigkeit hineingeredet – und er? Da steht er in Zivil, mitten auf dem Podium und hat sich angezogen wie immer.« Kortüm starrte nach dem Podium – – auf dem Podium stand Herr Kortüm und dirigierte mit einem riesigen weißen Taktstock – nicht die Musiker, das Fest dirigierte er! Er lenkte winkend eine Schar sehr gut tanzender und sehr geschminkter Mädchen zu einem Tisch, an dem festsitzende Trinker Zuflucht gesucht hatten. Die Mädchen scheuchten die Dunkelmänner aus ihrer Ecke. »Bravo, Kortüm!« Fast hätte Kortüm wie auf dem Podium in Holdermanns Atelier gerufen: »Ich stehe doch hier!« Aber er besann sich: »Dieser Kerl ist Lerp. Er tritt als Andermann auf. Sieh da«, fügte er lächelnd hinzu und sah sich neugierig auf dem Podium stehen. Andermanns Augen waren überall – eben dirigierte er ein entzückendes Worldmädchen dem Grand Hotel in die kurzen Arme, um ihm beim Champagnertrinken behilflich zu sein. Holdermann betrachtete scharfen Auges den unermüdlichen Andermann: »Fabelhaft«, sagte er bewundernd, »eine geschlagene Stunde habe ich ihn für echt gehalten.« »Den da?« fragte ein Perser den Maler. »Wenn Sie Kortüm meinen – der ist nur so echt wie die alte Stephenson-Lokomotive im Kensington-Museum in London.« »Nur«, Holdermann zeigte auf Andermann, »Kortüm fährt noch wirklich.« »Umwege.« Holdermann lachte: »Trinken wir auf die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, Ingenieur Müller. Es gibt schöne Mädchen hier, die haben noch das Gefühl für Ihren Grundsatz. Aber Sie müssen sich besser maskieren. Man erkennt Sie.« Das Fest schwoll an. Kuffert spülte den Staub mit einem Pilsner hinunter und gab seinem Nachbar in der Türnische einen kleinen Stoß: »Ihrem blauen Frack sieht man auch von weitem an, daß Mickewitz drin steckt.« »Dem da auf dem Podium sieht man den Kortüm noch eher an.« »Das is was anderes, Mickewitz: Dem Kortüm steht Kortüm am besten. Der braucht sich nicht zu kostümieren.« 635 Immer rauschender spielte die Musik. Vom Lohberg schallte Lachen. Nur das Feuer auf dem Hachelstein lohte schweigend in die Nacht hinaus. Kortüm war auf dem Wege in die Echostube halben Weges wieder umgekehrt. Dort würden sie ihn nach drei Worten erkennen. Seit er durch Lerps Andermannmaske sein Inkognito doppelt gesichert wußte, fühlte er sich wohl im Verborgenen. Nur vor der Sconosciuta hatte er Angst. Kortüm begann hinter den Fackelbränden eine stille Ecke zu suchen – keine leichte Mühe. Die jüngeren Damen und Herren waren vor ihm auf den Gedanken gekommen. Unter der silbernen Windfahne hätte sich's besser gesessen. Hier tranken die Masken, denen die Maskierung hoffnungslos mißlungen war. Jeder erkannte den Doktor Windhebel trotz seines Pierrotkostüms an der Nickelbrille und der schiefsitzenden Krawatte. Schwartenmacher hatte sich mit dem Umbinden eines ledernen Schurzfelles begnügt, und Monich verstand die Maskenfreiheit so, daß der Gast nicht nur den Rock, sondern auch die Weste ausziehen durfte, wenn er schwitzte. Warm genug war die Nacht. Schweißwischend trat Utzenstorff in die kühle Echostube und klopfte Windhebel auf die Schulter: »Wunderbar! Sie sollten eine Rede halten auf diesen Kortüm.« Der Gelehrte nickte: »Der hat ein Hoch verdient diese Nacht.« »Hoch soll er leben!« rief der Maurermeister Lorenz. »Damit ist es nicht getan, Meister,« antwortete Utzenstorff nachdenklich. »Eigentlich wären Sie der Mann, welcher diesem Fest für Kortüm und die World zugleich den Glanzpunkt aufsetzen könnte.« »Ich? Hä. Ich kann nich reden. Ich kann bloß mauern.« »Eben deshalb; Sie könnten dem eingemauerten Herrn des Flügelhauses für eine Maskennacht den Weg freihacken in sein Eigentum.« Utzenstorff blinzelte aus ganz kleinen schlauen Augen in die Wachskerze: »Meister Lorenz schlägt Herrn Kortüm durch diese Wand ein Türloch auf den Schottenhof hinaus.« »Los, Meister«, sagte Monich. »Arbeiten soll ich?!« »Wir helfen.« »Das sagen Sie jetzt, un nachher gucken Sie zu un saufen«, sprach der erfahrene Mann. »Doch bloß so groß, daß einer grade durchkann«, redete Monich zu, »die paar Steine hast du in einer halben Stunde nausgeschmissen.« »Aber wer macht's morgen wieder zu?« fragte Windhebel bedenklich. »Sehn Sie?!« rief Lorenz, »nischt wie Arbeit.« 636 »Hinsichtlich der Kosten halten Sie sich an mich«, sagte Utzenstorff. »Ach so. Aber das hört man draußen, wenn ich hier kloppe.« »Die halbe Wand können Sie einschlagen – niemand achtet mehr drauf. Die Masken haben jetzt mit sich zu tun.« »Vielleicht kannst du mit der Musike im Takte kloppen, Lorenz. 's muß sich noch 'nmal so schöne hier drinne sitzen, wenn's draußen vorbeitanzt.« Die Musik brauste. Ein Gast nach dem andern war trotz des Kostüms allmählich Mensch ohne Maske geworden – vom Gymnasiasten Willy Tips bis zum Pastor Arcularius, von Violante Sconosciuta bis zu Elvira. Selbst Utzenstorff hatte ungeachtet seiner hier noch auf ihn wartenden Berufsarbeit alle Mühe, annähernd so nüchtern zu bleiben wie der Regisseur Nothnagel, der als einziger das kalte Blut bewahrte und auch weiterhin Fachinger trank. Weit in die Täler hinab hallte die Musik, und weit ins Land schimmerte der Lichtschein. Sehnsüchtig blickte der Provisor der Mickewitz-Apotheke aus der Tiefe Esperstedts hinauf in den Glanz der Festnacht, und der Besenröder Bahnhofsvorsteher sagte knurrend zu dem einzigen Fahrgast, der aus dem Nachtzug kletterte: »Un unsereiner – der hat Dienst.« »Träger!« Es kam keiner. Diese Nachtarbeit gewohnten Männer betreuten heute die Garderoben und die Bierfässer. »Auto!« Es kam keins. Die Wagen standen vor dem Portal des Flügelhauses. Die tiefe Ruhe auf dem Bahnhof machte den schlaftrunkenen Ankömmling munter. Ärgerlich wollte er den Bahnhofsvorsteher zur Rede stellen, aber er schwieg und starrte in die feuerscheinerleuchtete und musikumbrauste Höhe, wo er sein stilles Sanatorium wußte. »Sie kommen grade noch zurecht, Herr Doktor«, sagte der Bahnhofsvorstand und begab sich in sein Dienstzimmer, nachdem er noch höflich gefragt hatte: »Geht's dem Herrn Vater wieder besser?« »Ein Fest . . . ein Fest? . . . ein Fest!« rief Langloff auf dem leeren Bahnsteig. Nach einer Weile sagte er: »Also so war die Postkarte gemeint?« Die ansteigende Kurve der Einnahmen in Mimis Berichten hatte den Doktor gefreut, aber über Elviras Karte hatte er vergeblich nachgedacht: »Ein Gast ist angekommen, und wenn Sie bald abkommen könnten, wäre uns das eine rechte Beruhigung.« Was ist das für ein Gast? Und was ist das für ein Fest? 637 Langloff stellte seinen Handkoffer in das Dienstzimmer des Vorstandes und eilte die Betonstraße hinauf. Mit jedem der Laufschritte mehrte sich seine Sorge. Schweigend glühte nur, tiefrot und erhaben, der Hachelstein. Wer weiß, was dort geschah? Was im Flügelhaus vorging, konnte der Doktor auch noch nicht erkennen, aber er hörte es. Mit einem Sprung setzte er über die drei Stufen des Aufgangs, wollte die Diele erreichen . . . »Halt!« rief ein Mensch mit einer lachenden Maske vorm Gesicht und hielt den Herrn des Hauses am Ärmel fest. »Lassen Sie mich los!« »Hier haben bloß Masken Zutritt!« »Ich bin der Herr des Hauses!« »Herr Kortüm is hier Herre.« »Mensch!!« »Zu dienen. Bauspack is mein Name. Küster an Sankt Marien.« Langloff riß sich los. Aber nach ein paar Schritten blieb er schon wieder stehen. Da trank seine Frau aus einem Sektglas, stellte das Glas auf die Marmorplatte, auf die Kante nur, es kippte, zersplitterte am Boden. »Haha!« lachte ein junger Mann, warf sein Glas zu Mimis Splittern, umfaßte sie zärtlich und tanzte mit Mimi ab. Ehe der Doktor dem entschwebenden Paar nacheilen und dem Tänzer eine hinter die Ohren hauen konnte, bot sich ihm ein so lähmender Anblick, daß Langloff nach der Stirne griff: »Bin ich tot? Erlebe ich das im Jenseits? Denn hienieden kann das doch nicht sein.« Auf dem Sofa in der Kaminecke saß Elvira, die Wirtschafterin Elvira, sein Anker und seine Küchenhoffnung, die Verläßlichkeit in ihrer norddeutschesten Form – und ein kleiner spitzer Biedermeierherr beugte sich über ihre Hand, küßte diese, küßte Elviras Unterarm, ihren Oberarm. Elvira aber flüsterte: »Und wie heißt du wirklich?« »Stichling, Teure. In meinen Jahren scherzt man nicht.« »Ahh«, stöhnte Langloff, »der Gast. Das ist der Gast. Stichling heißt der Hund! Oder träume ich das alles nur?« Da strich doch eben Klemm, sein Oberkellner Klemm mit seligem Lächeln an ihm vorbei, sah ihm ins Gesicht und kannte ihn nicht. Langloff stierte in einen Pfeilerspiegel: »Ich bin's doch aber! – He, Kerl, kennt man hier im Hause nicht mehr den Herrn?« Klemm drehte sich gar nicht herum. Er schlenkerte nur die Hand ein wenig in Richtung der Hoftür: »Auf dem Podium sitzt er«, sprach er lallend und trank ein volles Sektglas leer. Langloff gab der Tür einen Fußtritt. Sie flog auf – – – 638 Langloff schüttelte verständnislos den Kopf, er schüttelte ihn eine ganze Weile, als ob er ihn leerschütteln wollte. Da draußen auf seinem Schottenhofe, wo die Liegestühle für die Genesenden stehen müßten, wogte im düster glühenden wallenden Fackellicht tief farbig, glitzernd, schillernd eine Maskenmenschheit, sie wogte, drehte sich. Die Musik umströmte diese Menschen, die sich da küßten vor aller Augen, schmeichelnd, lockend – und – – Da: Der Gast! Der Gast!! In der Mitte des Podiums saß in einem geschnitzten Sessel der Herr Kortüm . . . Andermann war das Stehen lang geworden. Er hatte Platz genommen: Bacchos im Kreise der Nymphen und Hirten, der Geist des Weinstockes, mächtig des Geheimnisses, Wasser in Wein zu verwandeln, den Tau der Wolke durch den Rebstock in Feuer. Inmitten der Seinen thronte Andermann, neben sich die Flasche, mit feuchtem Efeu kühlend umwickelt. Keiner von denen, die hier tanzten, sah eben jetzt den wahren Bacchos dieser Nacht in seine Echostube eintreten. Von Arcularius geführt, hörte Kortüm tief erstaunt des Meisters Lorenz Spitzhacke in die Steine der Mauer krachen. »Gleich gleich«, sagte Utzenstorff zu Kortüm. »Gleich«, sagte Windhebel auf der anderen Seite der Wand im Schottenhofe zu sich selbst: der Kalk rieselte schon, bröckelte . . . Zitternd vor Zorn aber wand sich Langloff durch das Maskengewühl und empfand einen fast körperlichen Schmerz; Gäste, die er von einem Bronchialkatarrh beinahe geheilt hatte, hielten eine dicke schwarzhäutige Zigarre in den Zähnen, Nervenleidende ein schlankes weißhäutiges Mädchen in den Armen, Herzkranke eine schwere volle Sektflasche in den Händen! Mit kräftigen Fäusten zerteilte der Doktor die Menge. Jetzt stand er vor Andermann: »Herr Kortüm!« rief er drohend. Andermann schien sich zu entsetzen: »Ein Mensch ohne Maske?!« »Aus!« schrie Langloff die Musik an. »Blast ihn hinweg!« Andermann hob gewaltig den weißen Taktstock: »Hörner, Trompeten! Die Baßtuba – wettert ihn hinaus!« »Sie ruinieren mich und mein Haus!« Mit einem Zauberschlag ergoß sich eine grellweiße Lichtflut über den Schottenhof, blendend schossen baumstarke Lichtbündel aus Scheinwerfern vom Dache herab. Das Fest lag in blitzendem Tageslicht. Näher kommender Gesang klang aus. Aber ehe sich Langloff noch gefaßt hatte, polterten, rumpelten Steine, krachend brach die Wand auf – 639 »Mein Haus stürzt ein!« In dem weißblauen Licht blitzte eine Spitzhacke auf. Eine Schar Tänzerinnen, ein lebendiger Schleier, wehte heran – durch die aufgerissene Mauer trat ein Mann, ein Mann ohne Maske, im schwarzen Rock: der Herr Kortüm! Langloff sah zurück, er wurde irre an sich; auf dem Podium im geschnitzten Sessel saß Herr Kortüm – der Kortüm winkte dem Kortüm zu . . . Langloff stolperte über einen Draht am Boden, der Draht bewegte, straffte sich. Langloff sah neben sich einen maskierten Menschen einen Fernsprecher an den Mund nehmen und hörte ihn hinter der schützenden Hand sagen: »Scheinwerfer drei mit Blauscheibe. Rechts mehr dämpfen. Volles Licht auf die Gruppe links.« »Halt!!« schrie Langloff – da war es Nacht. Allmählich erst sah das geblendete Auge die düster lohenden Fackeln wieder, die tanzenden Masken . . .   Die wandernde Windfahne Der Oboenbläser am verschwelenden Hachelfeuer schlief, und Wenzel im Eibenbusch schlummerte noch, als Herr Kortüm bereits die Bilanz der großen Maskennacht zog. Lorenz brauchte das Türloch nicht wieder zu vermauern. Er erweiterte die Türöffnung – nicht auf Anordnung Utzenstorffs oder gar Kortüms, sondern in Langloffschen Diensten. Der Doktor hatte die Schrecken der vergangenen Nacht überwunden. Er handelte jetzt. In kalter Entschlossenheit. Mit erhobener Stimme erteilte Langloff einem Trupp fleißiger Dienstmänner und schwatzender Aufwartefrauen seine Befehle, lenkte sie planmäßig hierhin und dorthin, um unverzüglich die überall in Haus und Hof herumliegenden traurigen Überbleibsel des Kortümfestes zu beseitigen. Auf dem Podium stand er nicht, aber er benutzte diesen grauen Morgen nicht weniger umsichtig, als Andermann die fackelbeglänzte Nacht zu nutzen verstanden hatte: »Die Tische und Stühle aus der Echostube hinter die Garagen! Frau Wolle! Frau Kersch! Heißes Wasser und Soda. Den Schläfer dort hinter der Efeuwand nach Zimmer Nummer sechzehn tragen! Vorsichtig! Liese, er bekommt kalte Kompresse. Viertelstündlich wechseln.« »Vielleicht dürfte ich auch bei dieser Gelegenheit wieder an meine Eheunachtin-Tabletten erinnern, Herr Doktor?« fragte Mickewitz. 640 »Auch das«, entschied Langloff, »alle zwei Stunden eine Tablette in Wasser. So – Bilmes! Die herumliegenden Kleidungsstücke aufsammeln. Auf den Tisch da! Und die Weinflaschen auflesen – Klemm! . . . Klemm!!« Eine Stimme aus dem Trupp der Arbeiter: »Der is doch noch besoffen.« Langloffs Kehle entrang sich nur ein röchelnder Laut. »Regen Sie sich nicht auf, Herr Doktor«, mahnte Mickewitz, »der Fall ist ja klar.« »Klar und zu Ende!« Obgleich eigentlich alles ganz anders lag, stand jetzt bereits auf Grund zuverlässiger Aussagen folgendes fest: Kortüm hatte die Abwesenheit des Doktor Langloff benutzt, um die unberatenen Frauen für ein niemals für möglich gehaltenes Fest zu gewinnen. Kortüm hatte das Sanatorium verwandelt in ein Vergnügungslokal von unwahrscheinlichen Ausmaßen. Noch ein, zwei Tage, und Kortüm wäre es endgültig gelungen, den Ruf dieses ärztlich aufs sorgfältigste geleiteten Instituts zu erschüttern. Und Kortüm hatte dieses Maskenunternehmen im Sanatorium mit Unterstützung einer Filmgesellschaft ins Leben gerufen und im lebenden Bilde verewigt . . . »Womöglich bin ich selber mit drauf auf dem Bild!« rief Doktor Langloff. »Ohne Maske! Aller Welt kenntlich! Und Sie sind auch drauf! Und unter dem Bild steht: Der leitende Arzt des Sanatoriums mit seinem Apotheker bei einer Abendveranstaltung im Genesungsheim! Ohh!« »Den Rechtsweg beschreiten, Herr Doktor! Daß im Sanatorium gefilmt worden ist, soll heute abend bereits im Besenröder Anzeiger stehen! Rasch auf den Rechtsweg!« »Der Teufel soll mich holen!« Langloff lachte nur rauh auf: »Selbsthilfe führt hier zum Ziel. Nichts sonst. Vor Kortüm schützt einen kein Vertrag und kein Gesetzbuch! Sie haben es ja erlebt: er war zweimal vorhanden! Wer mit dem Mann zu tun kriegt, lernt an seinem Verstande zweifeln! Hier saß er in einem Sessel – dort trat er durch eine achtunddreißig Zentimeter starke Backsteinwand hindurch! Und Kortüm winkte Kortüm zu!« »Ich habe 's ja auch gesehen«, sagte Mickewitz leise. »Nur eins gibt's hier: raus! In die Echostube kommt er nicht wieder. Raus aus meinem Haus!« »Haben Sie damals den Film ›Andermann‹ gesehen, Herr Doktor? Da ist Kortüm bereits –« 641 »Erwähnen Sie bitte das Wort Film nicht mehr, Herr Apotheker, ja? Bitte auch das Wort Rechtsweg nicht. Wie? Ich habe mich vertraglich geschützt, Punkt für Punkt, und er kommt als Gast, und nicht zwei Tage, da nennt ihn Personal wie Gästeschaft den Herrn des Hauses!! – Schluß, sage ich!« Wie gesagt, lag ja die Sache völlig anders. Herr Kortüm hätte an Hand von Zahlen vor Gericht nachweisen können, daß er, Kortüm, der beste Gast des Sanatoriums gewesen war seit dem Bestehen dieser Anstalt. Von Filmaufnahmen war ihm so wenig wie jedem anderen etwas bekannt gewesen – das mochte Langloff mit Utzenstorff ausmachen. Die offene Wand war ein Maskenscherz seiner Freunde für eine Nacht; in Köln am Rheine schlagen die Leute am Rosenmontag noch viel mehr entzwei als ein paar Ziegelsteine. Das Maskenfest selbst aber hatten Kortüms Mitgäste ausdrücklich gewünscht. Und wer von den Gästen konnte den Erfolg dieses Gesellschaftsabends leugnen? Sechs öffentliche Verlobungen waren zustande gekommen – der anderen zu schweigen. Nichts als Segen hatte Herr Kortüm gestiftet – Segen und Freude, Liebe, Eintracht, Verlobung und Hochzeit, und eine ungeheure Propaganda für das Flügelhausganze: »Ha!« Herr Kortüm begann eine Verteidigungsschrift aufzusetzen. Aber Lotte unterbrach ihn bei seiner Arbeit: »Als Sie im Sanatorium abstiegen, haben Sie mich ja auch nicht nach meiner Meinung gefragt.« »Bitte, Frau Wingen, das verstehen Sie nicht. Sie wissen, wie hoch ich Sie schätze. Aber Sie sind eine, wenn ich so sagen darf, etwas nüchterne Natur. Es kam über mich. Jawohl. Einfach über mich. Das ist mein Flügelhaus. Und Gast kann jeder sein. Auch ein Wirt kann Gast sein. Ich auch. Ich erst recht. Und ich mußte einmal wieder einkehren dort, wo ich eigentlich zu Hause bin!« »Andre möchten auch gerne einmal wieder einkehren, wo sie eigentlich zu Hause sind, aber – ja, Herr Kortüm, es ist manchmal mit Efeu zugewachsen, und man muß bleiben, wo man ist.« Herr Kortüm sah Lotte von der Seite an, ging ans Westfenster der Lohbergstube und sah hinüber nach den runden bewaldeten Bergkuppen. Noch schaukelten ein paar halbverbrannte Papierlaternen vor dem Bild der Ferne. »Hm«, sprach Kortüm nach einer Weile, »man muß diese Laternen abnehmen. Sie sehen nicht gut aus.« »Ich hatte noch keine Zeit dazu. Ich habe die Abrechnung gemacht und wollte Ihnen sagen: an dem Tag vorm Fest und am Festtag selber 642 haben Sie hundertachtzig Mark mehr verdient als in den letzten drei Wochen zusammen.« Herr Kortüm zog die Augenbrauen ganz hoch, rieb das Kinn und blickte Lotte an: »So stehn wir da!« »Hier oben, Herr Kortüm. Aber in der Echostube unten sitzt jetzt Herr Doktor Langloff. Und freiwillig gibt er sie nicht wieder her, seit Sie ihm die Wand nach dem Schottenhof selber aufgeschlagen haben. Einen größeren Gefallen konnten Sie ihm gar nicht tun.« »Ich?! Utzenstorff –« »– auf Sie kommt's doch. Zuletzt sind Sie verantwortlich für Vorgänge in Ihrer Gaststube.« »Ich kann vor Gericht erweisen –« »– daß Sie das Fest angestellt haben. Natürlich können Sie prozessieren, einen Monat, zwei, ein ganzes Jahr lang und länger. Tun Sie's nicht. Langloff hält's länger aus. Der geht jetzt auf Biegen und Brechen.« »Ich soll meinem Pächter die Echostube lassen?!« »Sie ist ja demoliert. Sie selber haben damit angefangen und Sie haben sich auch noch photographieren lassen, als Sie durch die Mauer in Langloffs Schottenhof gingen. Jedenfalls ist fraglich, ob Sie den Prozeß gewinnen. Aber sicher ist, daß er Sie mehr Geld kostet, als Sie verdienen können.« Lotte hatte recht, und Kortüm hatte recht – aber Kortüm konnte nicht leugnen: den Vertrag hatte er gebrochen, er, der Echowirt, zur Zeit Gast des Sanatoriums Flügelhaus . . . Am Abend stand Doktor Windhebel auf seinen Stock gestützt und sah Kortüms Umzug ins Lohberghaus zu. »Ich sage mir«, hatte Kortüm zu ihm gesagt, »besser als ein Prozeß. In wenig mehr als drei Jahren läuft die Pacht ja ab. Und wenn ich umziehe, dann lieber gleich. Es gehört so gewissermaßen mit zum Maskenfest.« Die Betten, Tische, Stühle waren schon oben. Jetzt kamen die drei letzten Stücke des Kortümschen Besitzes. Wenzel trug die silberne Windfahne den Bergpfad hinan. Zuweilen blitzte ein letzter goldroter Sonnenstrahl auf der lachenden und weinenden Maske, die da wie eine wirkliche wehende Fahne durch den dämmernden Wald zog. »Es gehört gewissermaßen mit zum Maskenfest«, sagte Windhebel vor sich hin. 643 Nun kamen Bilmes und der Küster Bauspack. Sie hatten den Püsterich auf ein Brett geschnürt und trugen den schweren erzenen Kobold mühsam den Berg hinauf. Das alte Götzenbild ruckelte auf seiner Tragbahre. Es schien vor Lachen zu rucken. »Vielleicht freut sich das Scheusal«, dachte der Gelehrte, »daß Kortüm die Quelle unten lassen muß, die er ihm ein paar Jahre lang durch den Schlund laufen ließ.« Als Windhebel aber das dritte Stück den Pfad heraufschleppen sah, sprach er noch einmal: »Es gehört bei Gott zum Maskenfest.« Ein ganzer Trupp starker Männer ächzte heran und brachte Kortüms schwerstes Gerät, den Wabenschrank. Die Leute mußten oft »Ho hupp!« durch den immer tiefer in Dunkelheit versinkenden Wald schreien, ehe das Ungeheuer auf dem Gipfel war. Die Windfahne kam in die Gaststube des Lohberghauses. Der Püsterich wurde vor das Haus gestellt, der Wabenschrank jedoch hinters Haus; es erwies sich, daß keine Türe, kein Fenster groß genug für diesen Schrank war. Es blieb Kortüm nichts übrig, als ihn für die erste Nacht ungeschützt im Freien stehen zu lassen. Am anderen Tag erschien der Zimmermann, baute vier Wände aus Brettern um ihn, deckte ihn mit einem Schindeldach gegen Wind und Wetter und schlug Haken und Krampe ein, damit die Brettertür nicht von selber aufgehen konnte. Freilich mußte Kortüm schon nach ein paar Tagen ein Schild an der Türe anbringen lassen: »Privat.« Es kam immer wieder vor, daß suchende Gäste ums Haus gingen, eilig die Türe öffneten, froh eintreten wollten und zornig gewahr wurden, daß hinter der Tür noch eine war, die sich nicht öffnen ließ. Bei anderen solchen Bretterhäuschen in anderen Gaststätten hatten sie das noch nicht erlebt. Kortüm kam in den Verdacht, sich mit seinen Gästen unpassende Scherze zu erlauben, als er ihnen wahrheitsgemäß versicherte, dieses Häuschen sei erbaut zur Bergung seiner Korrespondenz. Der Lohbergwirt mußte erst die innere Tür mehreren glaubwürdigen Gästen öffnen und ihnen die Waben vor Augen führen, ehe diese und später allmählich auch die anderen Gäste von der Tatsache überzeugt waren. – So«, sagte Kersch beim Nachhausegehn zu Bilmes, »das waren je recht dicke Nebenverdienste die Tage daher.« Bilmes blieb stehen. Es war schon Nacht. Er sah nach dem Gipfel des Lohberges hinauf: »Je, nu is er oben.« »Ganz oben, Bilmes. Höher kann er nu nich. Nu hat er bloß noch die Luft über sich.« »Un die Sterne. Du, Kersch, paß auf: Kortüm kann noch höher.« 644 645 646 647   Fünftes Buch Die weiten Wege   Versunken Die Treppe des Lohberghauses war immer schlecht beleuchtet gewesen. Auch der Umbau im vorigen Jahre hatte dem Licht keinen volleren Einfall verschafft. Wer die Stufen hinaufging, fühlte vorsichtig ein bißchen mit den Schuhen, stupste mit den Stiefelspitzen. Kam er aber ohne Unfall oben an und stand gerade Kortüms Türe zum Mittelzimmer offen, so entschädigte ein überraschender Anblick die Mühe des Aufstieges: in den braunen Rahmen des Holzwerks eingefaßt ein leuchtendes Stück ferner Welt, an schönen Tagen meerblau wie ein Aquamarin und an diesem späten Herbstnachmittag so strahlend, daß die holzgetäfelte Stube Kortüms überblendet in vorzeitiger Dunkelheit zu dämmern schien. Stille ringsum. Nur eine alte Standuhr auf dem Flur tickte eilig und ihre metallenen Eingeweide rasselten zuweilen. Die Balkontür stand offen. Kortüm, ein schwarzer Schatten, lichtblau umflossen, saß draußen und hob und drehte an dem Dreibein, das sein Fernrohr trug. Unbeweglich saß Herr Kortüm. Nur die Hand rückte zuweilen an dem Tubus. Er wanderte mit dem Auge die fernen Waldwege entlang. Manchmal sah er von ihnen nur einen dunklen Strich, der sich in dem Wipfelpolster abzeichnete, dann wieder, nach einer Biegung des Pfades, konnte er in ihn hineinblicken, als ob er ihn entlangwandelte. Kortüm schraubte, stellte schärfer ein; die roten Fliegenpilze meinte er zu sehen, die da am Wegrande standen. Herr Kortüm bewanderte sein Gelände mit den Augen. Gerne tat er das und oft, seit er hier oben wohnte. Die Luft war herbstfrisch und kristallklar. Kortüm konnte mit den Augen gehen, soweit er wollte. Hob er sein Rohr daumenbreit, so versanken in dem Glas die zackig ausgeschnittenen Tannenwipfel, eine blaue Flut erfüllte das Glasrund, blendend zuerst, dann aber unterschied Kortüm feines bräunliches Geäder: die Feldwege in der Goldenen Aue draußen. Er rückte ein wenig am Fernrohr – nun stand der Brocken im Bild, ein lichtgraues Pünktchen auf dem Gipfel, der Brockenturm. Darüber weitete sich dann nur noch die blaue Luft aus. 648 Nicht leer, freilich nicht, aber die Sternfunken leuchteten noch nicht durch den besonnten Lebensnebel der Erde. An klaren Tagen saß Kortüm lange auf seinem Balkon und ließ in dem Aquamarin die Dinge der Welt an sich vorüberziehen; jeden Tag gewann er das einsame Spiel lieber und merkte noch nicht die Gefahr für Leib und Leben, die hinter diesem verlockenden Fernsehen steckt: das Auge rückt die Dinge an die Seele – nicht an den Leib. Je bildervoller die Seele wird, desto leichter welkt der Körper. Der muß schon eigenfüßig die Wege gehen, wie die Feder eigenhändig geführt sein will über das Papier, wenn das Herz diktiert. Es wurde rasch Abend. Kortüm lenkte sein Glas auf die Flügelhausdächer tief unter ihm. Er zählte die Gäste in den Liegestühlen, ja, er vermochte die Zuckerstückchen auf dem Kaffeetablett zu zählen, das der Kellner zu einem Gast auf die Südwiese hinaustrug. »So nahe«, dachte Kortüm, »bloß die Luft dazwischen, und abgerissen von mir wie die Toten.« »Herr Kortüm«, sagte Frau Wingen zur offenen Türe herein, »es wird Abend, und der Kerl sitzt immer noch in der Gaststube auf demselben Fleck.« »Wovon redet er denn die ganze Zeit?« »Nichts sagt er. Kein Wort. Den Kopf stützt er in die Hände, flegelt die Arme auf den Tisch, trinkt alle Stunden einen Schnaps und guckt vor sich hin.« »Ich komme gleich hinunter, Frau Wingen.« Kortüm verwahrte sorgsam sein Fernrohr, labte sich noch einmal an dem Blick in die Weite, aber mit bloßen Augen am ganzen Bild. Stern nach Stern trat blaß aus dem Raum hervor. Die Ruhe war unendlich, kein Laut hörbar ringsum. Kortüm schloß denn auch leise die Balkontür und stieg hinab ins Erdgeschoß. »Bringen Sie mir einen Schluck Rotwein«, sagte er zu dem Kellner, trat in die Gaststube und setzte sich in die Ofenecke. Da saß der Kerl ihm gegenüber in der anderen Ecke. Kortüm musterte ihn. Der derbe Anzug ordentlich, die groben Fäuste gewaschen. »Hat er viel getrunken?« fragte Kortüm leise. »Gar nicht viel«, antwortete der Kellner kopfschüttelnd, »seit Mittag sitzt er so da.« Kortüm trank seinen Abendwein. Der Mann schläft, dachte er. Aber es sah nur so aus. Zuweilen bewegte er sich, wühlte durch die Haare. Der Lohbergwirt ergriff denn sein Glas, ging zu dem Tisch des unheimlichen Gastes und nahm Platz: »Guten Abend.« 649 Der Mann sah nicht auf. Ein Ton aus der tiefen Kehle sollte wohl der Dank für den Gruß des Wirtes sein. »Es dunkelt früh. Wir sind schon ein gutes Stück im Herbst. Wenn Sie noch weiter wollen –« »Weiter?« Der Fremde hob den Kopf und sah Kortüm finster an. Aber der erfahrene Gastwirt nickte ihm ruhig zu; der Kerl schob den Unterkiefer nur so vor, weil irgend ein Groll in ihm fraß. Kortüm las ihm leicht die Gutmütigkeit an den zornig gekniffenen Augen ab und sagte. »Ich denke, ja. Weiter. Es wandert sich nicht gut bei Dunkelheit. Hier herum wird überall an den Straßen gebaut.« Schweigen. »Wo wollen wir denn heute noch hin, Freund?« »Zum Deuwel will ich« – der Mann lachte kurz auf – »oder nach Hamburg. Un von da in 'n nächsten Kesselraum aufm Kasten, der bald ablegt.« »Soso. Hamburg. Ein Landsmann. Aber Sie sprechen gar nicht wie wir.« Der Fremde hatte seinen Schädel wieder in die Fäuste gestützt und ließ Kortüm reden. »Oder sind Sie hier herum zu Hause?« Da nahm der Mann die Fäuste von den Schläfen, setzte sie vor sich auf den Tisch, als ob er die Platte durchdrücken wollte: »Zu Hause? In Düwelsdreck bin ich zu Hause, aber nich auf dieser« – er verschluckte ein Matrosenwort, Kortüm verstand nur »Welt«. »Nun nun, die Angehörigen verlieren, vielleicht auch das Haus daheim – die Zeit geht eben hin. Aber die Heimat bleibt, Freund« – Kortüm nickte langsam vor sich hin – »das einzige, was wir behalten am Ende.« »Sie vielleicht.« »Jeder, Mann.« »Herr!« Der Kerl starrte Kortüm in die Augen. »Reden Sie nich, wenn Sie nischt verstehn! Angehörige? Lange tot. Haus – seit wann is das hin. Aber wenn ich nach Ollenberg gekommen bin, alle drei, vier Jahre, wie unsereiner eben an Land kann, da war ich doch unter Dach dort. Weil ich hingehörte. Die Dorfstraße. Die Schenke. Na, un der Friedhof un was so is.« Herr Kortüm nickte: »So meine ich's: die Heimat.« »Verschwunden is sie! Weg!!« Kortüm hob die Augenbrauen und neigte den Kopf etwas, um dem 650 Mann ins Gesicht zu sehen. Dem Herrn Kortüm war so vielerlei Seltsames begegnet, daß er nicht zu lachen vermochte, wenn jemand ungereimtes Zeug redete. Der Gast griff nach dem leeren Schnapsglas. Kortüm winkte dem Kellner: »Ein Weinglas.« Er schenkte seinem Gast aus der Rotweinflasche ein. Der Fremde stierte eine Weile in die dunkelrote Flüssigkeit, trank in langem Zug das Glas leer und stellte es hin: »Auf Ihr Wohl war's, Herr.« »Danke. Aber . . . Ja, verschwunden, haben Sie gesagt? Sie sind einer von draußen? Auslandsdeutscher, wie?« »Von hier bin ich. Un Stannebein heiß ich.« »Stanne –« »– bein. Georg Stannebein.« »George« – Herr Kortüm sprach wohl den Vornamen englisch aus, um sich an den Nachnamen zu gewöhnen. Es sah fast aus, als wenn der fremde grobe Geselle jetzt gelächelt hätte. »George«, nickte er, »so nennen sie mich an Bord.« »Man ist aus Hamburg«, sagte Kortüm mit einer gegen seine Weste gerichteten vorstellenden Handbewegung, »aber sagen Sie: verschwunden?« »Also, wenn Sie's durchaus hören wolln: Stannebein heiß ich. Un in Ollenberg bin ich gebürtig. Da drüben an der Saale. Willst mal wieder Rostbratwurscht essen, denk ich. Ja, un auf dem Friedhof sollte man sich auch mal wieder umgucken. Un fahre los. Ich bin erst am Nachmittag in Sankt Pauli an Land gekommen. Fährst lieber gleich, denk ich. Sonst versaufst du 's Reisegeld. Jena umsteigen. Saalfeld noch mal. Da war's denn so um drei heute morgen, daß ich in Wurzbach endlich die Eisenbahn los bin un auf Ollenberg zugehe. Dreiviertelstunde Wegs. Stockdunkel. Aber man kennt ja jede Ecke un jeden Busch. Hier hast du als Junge Weiden geschnitten un da Pflaumen gestohlen, dort hat die alte Liebstocken ihr Krautfeld. Un hier is der Steg. Schwämme wuchsen damals auch schon an den morschen Bohlen. 's schwankte auch so, wenn man drüber ging. Ich sage das alles bloß, weil ich nachher dachte, ich wäre im Düs gegangen un falsch. Ich war aber nich im Düs. Ging den alten Waldweg – hier war doch 'n Erlenbusch. Ich kenne 's nich wieder. Je, ich muß mich weiß Gott verlaufen haben. Umkehren. Aber nu paß Achtung. Ich sehe scharf aufn Weg. Herr – glauben Sie's? Ich bin wieder falsch gegangen. Sonnaufgang kann nich weit sein. Durch die Bäume wischt schon so'n grauer Schein. Wer mit der Nase den alten Stall riecht von weitem un mit'n Füßen irre geht, der is 651 verhext. Ich dreh mich, wende mich – wo ich bin, weiß ich nich. Da seh ich jemanden durchs Unterholz kommen. Kommt mir recht, der alte Kühnel, der Gemeindediener. Na, aber schwummerig is es einem doch: 'ne Viertelstunde von zu Hause Kühneln fragen, wo der Weg geht. ›Der Georg!‹ sagt der, ›woher?‹ Wir geben uns die Hände. ›Ach, von daher. Sumatra.‹ ›Hehe. Wo der Tabak wächst.‹ Ich nicke un fange dann an: ›Sage mal, Kühnel, das is hier so anders.‹ 's graut immer mehr, 's nebelt auch 'n bißchen. ›Da muß doch der Erlenbusch stehn, he?‹ Kühnel sieht mich groß an: ›Großer Gott, Georg, so lange warst du nich hier . . .‹ ›Wie lang?‹ ruf ich. ›Hehe‹, antwortet der bloß un lacht in sich nein un hinkt los. Herr, ich sage Ihnen: wie verhext alles! Mich faßt die Wut. ›Krummer Hund!‹ schrei ich, ›was los is, will ich wissen!‹ Kühnel winkt bloß. Ich ihm nach. Da werden die Bäume lichter, 's Unterholz dünner. Un 's blitzt was wie – ›Wie Wasser etwan, Georg?‹ fragt Kühnel. Ich stehe an 'm See. An 'm richtigen großen See. Aber auch wieder kein richtiger. Am Ufer eine junge Eiche halb im Wasser. 'n ganzer Trupp Kiefern, halb ersoffen. Un in der Mitte vom See, da muß – ›Ollenberg!‹ schrei ich. 's hat seine Richtigkeit gehabt. Kühnel erzählt. Ein Stauwerk haben sie hier in den Jahren daher gebaut. Ollenberg is weg!« Plötzlich sprang Stannebein auf: »Ertränkt, Herr!« schrie er Kortüm ins Ohr. »Wie'n Ratzennest!« Der Lohbergwirt zuckte nicht zusammen, wenn er gleich gut vernahm, daß der Schrei tiefer aus der Seele kam, als Ollenberg unter dem Wasserspiegel lag. Kortüm sah unbeweglich in seinen roten Wein. Dann nahm er die Flasche und goß dem Georg Stannebein das Glas voll. Der packte das schwappende Glas, soff's leer: »Auf den Menschen, das Vieh«, murmelte der Matrose beim Hinstellen des Glases und wischte sich über den Mund. Kortüm hob die Hand, aber der Fremde fing wieder an: »Ich habe mir 'n Boot genommen, das nahebei festgemacht war. Zum Spaße, Herr« – er lachte und sah an Kortüm vorbei – »'s Wasser lag glatt in der Morgenfrühe. Ich habe 'n Kirchturm gesehen. Von oben. Merkwürdige Ansicht für einen, der bislang unten zur Türe reinging. Halb rechts hinter der Kirche liegt mein Vater begraben. Un meine Mutter 'n Stück weiter nach der Mauer hin. War aber nichts zu sehen. Der Stausee is tief.« »Tief«, murmelte Kortüm. Stannebein wollte in Matrosensprache das Schlußwort hinter diese Geschichte setzen, aber Kortüm hob wieder die Hand: »Halt. Wasser, George. Luft, George. Was ist der Unterschied? Der eine sieht das 652 Seinige durch Wasser und kann nicht hin. Der andere durch Luft – oh, schön klar. Das ganze Flügelhaus sieht er. Und kann nicht hin. Und wieder einer, die Frau Wingen draußen – wie hat sie gesagt? Sie wäre auch gerne mal wieder zu Hause. Und kann nicht hin. Erde dazwischen. Die Elemente, George Stannebein: Wasser, Luft und Erde. Immer zwischen uns und unsrer Welt. Und wir? Ja, wir müssen denn wohl 's letzte Element von den vieren sein und flackern, bis das Feuer aus ist.« Kortüm sah auf. Es war ganz dunkel geworden. Er konnte Stannebein nicht mehr erkennen, griff rückwärts nach dem Schalter. Die Lampe über dem Tisch leuchtete auf. Der fremde Gast blinzelte mit den Augen, betrachtete den Herrn Kortüm und sagte: »Der Herr scheint auch Bescheid zu wissen.« »Nun nun«, lächelte Kortüm, »es geht so.« Er gab der Hängelampe einen kleinen Stoß. Sie schwankte, kreiste, pendelte langsam aus. Der Lohbergwirt zeigte auf den gläsernen Glühkörper: »Ja, George, dazu haben sie den Stausee gebraucht. Kraft. Strom. Licht.« »Stände lieber im Finstern. Und könnte denen heimleuchten, die Licht gemacht haben und Kraft und Strom, aus meiner Heimat.«   Messing Ein Matrose«, sagte Kortüm am anderen Morgen zu Frau Wingen. »Ich habe ihn oben im Unterkunftsraum schlafen lassen. Sie sollten sich den Mann mal ansehn. Wir brauchen jemand hier oben.« »In Dienst wollen Sie den nehmen?« fragte Lotte erschrocken. »Gestern früh hat der Kellner das Wasser raufgeholt, und als ich nachmittags auf meinem Balkon saß, habe ich Sie mit dem Eimer gehen sehen. Das sollten Sie nicht, Frau Wingen.« Das Lohberghaus war eine wohleingerichtete kleine Wirtschaft. Sie bot Schutz vor schlechtem Wetter, Licht und Wärme am Abend, gute Betten bei Nacht; nur eines gab es auf dem Lohberg nicht: Wasser. Dreimal, viermal am Tage mußte die schwappende Last heraufgeschleppt werden. »Wir brauchen einen Wasserholer, Frau Wingen. Der Mann kann auch den Garten besorgen, die Feuerung – kurzum ein Mensch, der immer da ist und alles kann. Sehen Sie sich den Mann mal in Ruhe von der Seite an. Er ist jemand.« 653 Georg Stannebein wurde als Wasserholer und Hausknecht auf dem Lohberghaus angestellt. Das Schottengelände war um einen bemerkenswerten Einwohner reicher. Dem Wirt behagte es, in seinem Hause nach einem Diener rufen zu können, der zwar nicht in Hamburg geboren war, aber doch »den Hafen« kannte. Es tat seinem alten Herzen wohl, endlich wieder einen lebenden Menschen ungefähr so anreden zu können: »Jaa, George, wir in Hamburg . . .« Kortüm begann seine Sätze sehr oft mit diesen Worten, besonders dann, wenn Lotte eben anderer Meinung gewesen war als Herr Kortüm. Stannebein, der nie und um niemandes willen seine Hände aus den Hosentaschen zog, stellte sich bei solcher Anrede vor Kortüm auf, wie er an Bord vor dem Kapitän gestanden hatte, und antwortete in einer seltsamen Mischung von Hamburger und Thüringer Mundart, die Kortüm bisher leider noch nicht gelungen war: »Düwel ok, was verschtehn hierzulanne de Lüt von unsereen.« Die Lohbergbewohner lebten sich gut ineinander. Stannebein war ein grober Kerl und blieb es, aber nach ein paar Wochen begann doch in seinem Matrosenherzen jener mißmutige Respekt zu keimen, der auch den rauhesten Lebensmusketier übermannt vor einer Frau, die nachweislich zu wirtschaften versteht. Wenngleich Stannebein sich lediglich als den Diener seines Herrn empfand und den Rest der Umwelt nur eben knurrend in Kauf nahm, führte er doch Lottes Anordnungen so aus, daß ihr von Georges grundsätzlich anderer Ansicht nichts zu Ohren kam. Herr Kortüm aber konnte nur immer wieder in höchster Zufriedenheit zu Frau Wingen sagen: »Der hat uns noch gefehlt.« Wenn Kortüm sprach: »George, ich will eben mal für eine Stunde oder zwei an mein Fernrohr, bin für niemand da«, so setzte sich Stannebein auf die Hausschwelle und sorgte dafür, daß sein Herr nicht mehr vorhanden war. Eine angenehmere Aufgabe konnte es ja auch nicht geben – keine andere Leistung wurde von Stannebein erwartet, als erforderlichenfalls grob zu werden. Herr Kortüm konnte ungestört durch seinen Aquamarin blicken. Ihn behelligte jetzt bestimmt niemand. Stannebein besaß Verständnis für das Wesen des Fernrohres. Kapitäne blicken durch Fernrohre. Das ist so. Überhaupt fühlte sich Stannebein jeden Tag mehr geborgen und an Bord auf dem Lohberg. Der einzige kleine Mangel war dieser: der Lohberg schwankte nicht, sonst hätte Stannebein vollends glauben können, in der Takelage zu stehen, hoch oben windflatternd in freier Luft, weltweiter Blick ringsum. 654 Und das Schwanken – nun, hier ist der Ort, einen kleinen Fehler Stannebeins anzudeuten: der Lohberg nicht, aber George schwankte manchmal – nicht oft! Auch nur ein klein wenig und kaum wahrnehmbar. Nicht einmal Lotte bemerkte es. Aber der Herr Kortüm. »George!« sprach er kopfschüttelnd. »Käptn?« – in solchen Augenblicken gab Stannebein seinem Herrn die Amtsbezeichnung, in der für seine Begriffe die Hochachtung schlechthin zusammengefaßt war. Auch nahm Stannebein dann manchmal Stellung vor Kortüm. »Sie sollen nicht saufen.« »Nee, Käptn.« George kannte keinen Widerspruch vor dem Lenker des Lohberges. »Nich saufen, nee nee«, versicherte er und ging an seine Arbeit, die Stannebein in solch gehobenen Augenblicken nicht etwa lässiger verrichtete, sondern doppelt gut. Gewiß konnte es nun vorkommen, daß er beim Absetzen der Wasserbutte in der Küche nicht scharf den Tisch traf. Dann klatschte ein Schwapp auf den Fußboden. »Dummheit!« sagte Lotte. »Gleich wischen Sie's auf.« »Dafür kann ich nich. Dadran is der Tisch schuld. Der Buttentisch is zu klein«, widersprach Stannebein. »Da ist das Scheuertuch« – diese Frau Wingen ließ sich überhaupt nicht auf die Verkettung von Ursache und Wirkung ein. Der Wasserholer schnüffelte verdrossen. Er fing an zu wischen. »Wenn nämlich der Tisch nich so klein wäre, fände man ihn viel leichter. 'n verständiger Mensch sollte sich doch überlegen, daß man dem Tisch 'n Hintern zudrehn muß, wenn die Butte abgesetzt wird. Das kommt daher, daß man die Butte hinten trägt. Anders geht das eben nich. Man kann den Tisch nich sehn. Weil der Mensch hinten keine Augen hat.« Er drückte das Wasser aus dem Lappen. »Un nich bloß ich habe hinten keine Augen, manche andre auch nich, un wenn sie noch so gescheit reden.« Stannebein wischte wieder. »Die Butte absetzen, das is gar nich so leichte. Das is Gefühlssache. Manchen Tag hat man 's Gefühl un manchen nich.« Lotte rührte in ihren Töpfen und ließ Stannebein reden. Ein Vorzug eignete diesem neuen Hausknecht, den Lotte in solcher Vollendung an noch keiner Hilfskraft erlebt hatte. Stannebein konnte Messing putzen. Das war ihm an Bord beigebracht worden. Er entdeckte das kleinste Häkchen und Knöpfchen im Hause und zauberte ihm jenen grünlichgelben Goldglanz an, der gepflegtes Messing in die Nähe der Edelmetalle rückt. Wie andre Leute ein Taschentuch, so trug Stannebein 655 einen kreidestäubigen Wollstrumpf in der Hosentasche mit sich herum, den er im Vorübergehen über die Messinggegenstände streicheln ließ. Eines Tages kam er dahinter, daß der von Wetter und Ruß schwärzlich verdreckte Püsterich durch und durch aus schönstem Messing bestand. Als sich Kortüm mittags zu Tische setzte, blitzte draußen im Sonnenlicht der Püsterich wie ein Satan. Die Augen taten Kortüm weh. Er mußte wegsehen. Nach dem Essen rief er Stannebein. »Hat das Frau Wingen angeordnet?« fragte er zunächst vorsichtig. »Nee. Aber sie hat gefragt, ob Sie das angeordnet haben.« »Unfug, George. Nun fällt das Scheusal noch mehr in die Augen.« Er schilderte in kurzen Sätzen den Sinn und Zweck des Gebildes und schloß: »Ein dunkles Äußere steht ihm besser an.« Stannebein horchte auf: »Schnaps . . . Donnerwetter, da drinne?« »In alten Zeiten, George.« Nun erinnerte sich Stannebein mancher seltsamen Aufbereitung gärungsfähiger Vegetabilien in fernen Ländern, die heute noch im Schwange war. Worte wie Gin fielen, Raki, Uso, Black and White und Namen wie Bahia, Aden, Albany klangen auf. Kortüm lächelte. Aus halbgeschlossenen Augen blickte er in die Ferne: Ob er diese Plätze kannte! Herr Kortüm ergänzte Stannebeins Erfahrungen; Stannebein versah Kortüms Angaben mit Anmerkungen – sie reisten um die Welt. Merkwürdige Häfen wurden genannt, geheimnisvolle Getränke, dunkle Viertel hinter den Docks, ja, und dahinter wogte das warmviolette Meer . . . Sie reisten von Hafen zu Hafen, bis Kortüm nachdenklich sagte: »George, wissen Sie – es braucht nicht immer weit her zu sein. In dem Püsterich da ist vor nicht viel Jahren einmal Likör gebraut worden, in einer Sommernacht, George – ein Likör . . .« Kortüm trat an seinen Schreibtisch und suchte Albrechts Rezept: »Ich habe es seinerzeit erworben. Hat nicht wenig gekostet. Es ging aber nicht anders. Albrecht war gekränkt. Mit Recht vielleicht. Man hat . . . hm, das ging auch nicht anders, man hat diesen Püsterich als Brunnenfigur benutzen müssen. Jahr und Tag ist Wasser durch ihn gelaufen. Jetzt aber überlege ich mir: der Lohberg hat keine Quelle, der Püsterich steht trocken – sollte man es mit ihm vielleicht wieder einmal anders versuchen?« In gleicher Stunde machte sich Stannebein auf den Weg zum alten Albrecht. Er klopfte auch in Kortüms Auftrag bei Monich an. Stannebein trug den Püsterich hinter das Haus. In der Nähe des Kortümarchivs wurde ein eiserner Rost aufgebaut. Albrecht begann. Kortüm 656 saß auf einem Gartenstuhl daneben und beaufsichtigte die Arbeit. Die Küche konnte über Wassermangel klagen, wie sie wollte – Stannebein kauerte vor dem Püsterich, half, ließ kein Auge von der Sache. Der Kobold verlor seinen Glanz in diesen Tagen. Er bekam ihn nie mehr wieder. In den Schenken am Wege und in den besseren Gaststätten etwas abseits vom Wege konnten bald Einheimische und Fremde neben anderen magenstärkenden Mitteln auch einen »Püsterich« verlangen, und sie bekamen ihn. Kortüms Name lief wieder einmal über das Schottengelände – ja, diesmal weit ins Reich hinein. Längst gab der kleine altmodische Messingkessel nicht so viel »Püsterich« her, wie die Welt von Kortüm forderte. Mit Albrechts Hilfe wurde im Schuppen ein zeitgemäßer Destillierapparat aufgestellt. Schwartenmacher entwarf ein buntes Flaschenschild, und auf diesem Schild war zu lesen, daß Friedrich Joachim Kortüm der Alleinhersteller dieses Labsals sei und jede Nachahmung unnachsichtlich verfolgen werde. »Das kann aus einer Quelle werden, George«, sprach Kortüm und wußte nicht recht, ob er seufzen oder lächeln sollte. Stannebein nickte: »'s kommt eben alles aufn Zusatz an.« Monich aber schlückelte an seinem Glas und hob den Zeigefinger: »Aufn Geist, Stannebein.«   Zwei Sträuße Kortüm war bergentrückt. Nur schwer konnte ein unbescholtener Mann noch unschädlicher gemacht werden als dieser Herr Kortüm, der auf einen Berggipfel von keinem Drittel Hektar Bodenfläche verbannt und dort vertraglich festgesetzt war. Trotzdem blickte der Doktor Langloff sorgenvoll hinauf zur Höhe des Lohberges; er sah das Schindeldach über den Baumwipfeln, sah das verdächtige Rauchwölkchen auf dem neugebauten Schornstein lustig in die helle Luft kräuseln. Herunter von da oben und Langloffs Wege kreuzen konnte dieser Mann bis auf weiteres nicht – und siehe, da rannen von Kortüms Berg herab ins Tal nach allen vier Windrichtungen still gluckernd dunkelbraune Saftfädlein, und wo sie rannen, blieben die Leute stehen, bückten sich, leckten an dem milden und starken Brünnlein. »Mm . . . Kortüm!« riefen sie, »der Herr Kortüm!« 657 Geheimnisvolle Geschichten erzählten sie sich von diesem Trank: wie ihn der Lohbergwirt mit den Seinen nächtlicherweile braue in einem alten Götzenbild und wie der eherne Götze geglüht werde und die Kraft aus dem tausend Jahre alten Erz einströme in das würzige Destillat, wie sie den heißen Saft durchdringe und anreichere mit den Gewalten der Heidenzeit. Raus! hatte Doktor Langloff gerufen und gemeint, diesen Kortüm endlich aufs Trockene gesetzt zu haben. Jawohl, der schlug mit seinem Andermannstab an den Felsen des Lohberges, ließ sein Getränk in die Ferne strömen und gewann – endlich auf die paar Lohberggäste beschränkt – eine unzählbare Gästeschar in Lokalen, die ihm nicht gehörten. Das Flügelhaus hatte erst heute wieder den Hausdiener aufs Lohberghaus schicken müssen, der Herr Doktor ließe um eine Fünfflaschenpackung bitten. »Bestellen Sie meinen Gruß. Es freut mich, daß mein Erzeugnis Anklang findet im Sanatorium«, sprach Herr Kortüm, und Stannebein händigte dem Boten die geschmackvoll in Stroh gebundene Packung ein. Langloff nahm den Gruß entgegen mit dem Gefühl des Alpenbewohners, der im Winter besorgt nach dem Felshang über seinem Hüttendach blickt: die Lawine, kommt sie? Aber Kortüm geriet nicht in Bewegung. Jede Woche hatte er von neuem beschlossen, nach Berlin zu fahren. Die Hauptsche Hinterlassenschaft bei der Isch Bankassi mußte endlich geordnet werden. Nun fiel schon der erste Schnee. Kortüm verschob die Reise nochmals. Er fühlte sich nicht wohl. Seine Krankheit war eine von denen, die den Entschluß lähmen, zum Arzt zu gehen. Kortüm schritt mißmutig durch das Haus, umwanderte den engen Gipfelbezirk. Das Fernrohr half ihm auch nicht mehr, denn zum offenen Fenster wehte eisiger Wind herein. Das Fenster blieb geschlossen, das Rohr im Futteral. Kortüm litt nun nicht nur an der körperlichen, sondern auch an der geistigen Bewegungslosigkeit. Es gab wenig zu planen, nichts zu bauen – die Gipfelkrankheit zehrte an Herrn Kortüm. Er war eben nunmehr oben. Hob er den Kopf, erblickte er nichts mehr über sich. Aber dazu war er nicht alt genug. Er vermochte noch nicht von dem Ameisenkrabbeln und dem Zahnradwesen wegzusehen ins ewig wandelbar umwälzende Gewölk, in das wallend Formlose hinaus. Kortüm kannte diesen Blick des Alters von seinem Vater her. So weit war er noch nicht! Er glaubte immer noch in den ziehenden Wolken wenigstens ein Kamel, ein Wiesel 658 hier, einen Walfisch da sich aufbauschen, bewegen und hingehn zu sehen. Er wollte noch etwas wahrnehmen. Die Jahreszeit war nicht günstig dafür. Tagelang lag das Lohberghaus im Dezembernebel. Als Schatten standen die Tannen im Dunst. An den Fenstern rieselten Tropfen herunter. Kortüm kam der Gedanke, ein neues Silvester zu feiern. Er verwarf den Gedanken, so rasch er gekommen war. Nichts ist wiederholbar. Und nichts dergleichen kann gewollt werden, wenn es gelingen soll. Es muß sich ergeben. Kortüm hatte ein zu feines Gefühl für den fruchtbaren Augenblick der Freundschaft. Er blieb in seinem Lederstuhl sitzen und wartete. Es kam denn auch ein Gruß aus der Welt auf seinen Lohberggipfel, der ihn wenigstens wieder in Gang brachte. Kortüm bekam Weihnachtsgeschenke. Fast erschrocken betrachtete er die beiden Gaben. Im Lauf vieler Jahre hatte er ganz vergessen, was es heißen will, beschenkt zu werden. Er war nur immer ersucht worden zu geben, mehr zu geben, noch mehr zu geben, und wenn ihm einer rechtlich geben mußte, so machte der ein erstauntes Gesicht: »Ich? Ihm? Wieso denn?« Wer sollte dem verwitweten kinderlosen Mann auch Gaben bringen! Hedchen Wingen hatte mit Hilfe ihrer Mutter auf eine Holzschachtel einen Blumenstrauß gemalt, unter dem die Worte standen: »Dem Herrn Kortüm.« Lange betrachtete der Beschenkte die kleine bunte Schachtel. Er nahm den Deckel ab, guckte hinein. Er roch an dem bemalten Spanwerk . . . Ja, das war der Duft . . . so war es zu Weihnachten. Frau Wingen sah Kortüm die Schachtel immer wieder wenden, jedes einzelne rot und blau und grün bemalte Blatt betrachten. »Wir haben 's nicht feiner gekonnt«, sagte sie. Da nahm Herr Kortüm das Töchterchen des verstorbenen Organisten Wingen auf den Arm und gab ihm einen Kuß, ein bißchen ungeschickt – Hedchen war froh, als sie wieder auf ihren neuen Weihnachtsschuhen und auf festem Boden stand. »Liebe Frau Wingen«, sprach Kortüm und trug die Holzschachtel in sein Zimmer. Er hatte sie eben in die Mitte der Schreibtischplatte gestellt, als die Abendpost noch eine Schachtel brachte, aus Pappe. Absender? Der Name war verwischt. Kortüm entzifferte die Worte »Blumenhandlung« und »Kurfürstendamm«. Erstaunt schnitt er den Faden auf. Frische Veilchen! Und eine Visitenkarte: »Konstanze Schröter«. Auf der Rückseite stand von ihrer Hand geschrieben: »Ein gutes Fest und guten Mut!« Konstanze? Kortüm spürte den Duft der Veilchen. Er folgte den 659 Zügen ihrer Feder. »Man ist noch da«, murmelte er und sah seinen Gabentisch an. Dann drückte Kortüm zweimal auf den Klingelknopf. Stannebein erschien. »Ich muß mal eben nach Besenroda hinunter. Auf die Post.« »Is zu.« Kortüm schüttelte den Kopf: »Depesche.« Stannebein schüttelte ebenfalls den Kopf: »Die trage ich nunter.« »Ich selbst, George.« »Geht nich.« Kortüm blickte strafend den hartnäckigen Diener an. Aber Stannebein wiederholte nur: »Geht nich. Glatteis. Wie poliert. Ich trage sie nunter.« »Ich! – in diesem Fall.« Stannebein kannte die Kaptäns. Wenn die plötzlich in diesem Ton sagen: »So is der Kurs«, dann ist der Kurs so. Und wenn er noch so gefährlich ist. Stannebein dachte nach. Nach einer Weile nickte er: »Jawoll.« »Meinen Mantel bitte, George!« Ehe Stannebein an den großen Kleiderschrank auf dem Flur draußen ging, stieg er in den Keller hinunter, füllte den Verkaufskasten des Zigarettenjungen, der im Winter unbenutzt am Nagel hing, mit Asche voll – »Bis nunter langt's, unten fülle ich ihn wieder« – hängte den Gurt um den Hals, holte den Mantel und erschien solchermaßen gerüstet vor seinem Herrn. Kortüm sah den Kasten an, den Stannebein vor seinem Bauche trug, nahm prüfend eine Prise zwischen die Finger, und dann sagte er mit sehr hochgezogenen Augenbrauen: »Mein Freund.« Die beiden schritten zu Tal. Stannebein ging voran und streute Asche. Wer die zwei Schatten durch die Dunkelheit wandeln sah, dachte an das Gleichnis vom Säemann. Trotz Winter, Eis und Schnee. Mit großen Armbewegungen säte Stannebein bergab. Herr Kortüm depeschierte seinen Gruß nach Berlin. Konstanzes Wohnung wußte er nicht, er hatte aber gelesen, daß sie im Schauspielhaus auftrat. Die Post brachte Kortüms Gruß in das hellerleuchtete Haus am Gendarmenmarkt. Stannebein säte bergauf. Kortüm saß noch lange in seinem Ledersessel und trank roten Wein. Wenn Stannebein zuweilen eintrat und nach dem Rechten sah, nickte 660 ihm der Lohbergwirt zu: ob er auch da gewesen sei oder dort, auf seinen Fahrten? Er, Kortüm, müsse sich doch sehr irren, wenn nicht eben die Veilchen aufgingen da oder dort. Er spürte dem Veilchenduft nach. Was, fragte sich Kortüm an diesem heiligen Abend, was ist vorgegangen in der Stunde, die ihr eingab, an mich zu denken? Die Beantwortung dieser Frage kostete Kortüm freilich mehr als eine Nacht.   Schattenspiel Konstanze Schröter war nicht auf einem Berggipfel eingefroren. Sie spielte viele Rollen und mitten im Leben. Aber auch für Kortüm kam der Tag, an dem er Hedchen auf die Südwiese hinunterschicken konnte: Veilchen möchte sie ihm pflücken, auch Veilchenknospen, wenn nur schon das Blaue hervorgucke. Er umhüllte den Strauß mit feuchtem Moos, legte ihn in die Pappschachtel, die er sich vom Weihnachtsabend her aufgehoben hatte, und schickte das Päckchen an die Absenderin zurück mit der Mitteilung: »Sie sehen, gnädige Frau: die gute Zeit ist auf dem Wege.« Konstanze erhielt die Sendung nicht. Der Postbote händigte sie Herrn Kortüm nach ein paar Tagen wieder ein mit dem Vermerk: »Verreist, Aufenthaltsort unbekannt.« Die Büros in großen Theatern können nicht immer wissen, wo ein Künstler, der als Gast bei ihnen auftrat, eben herumfährt. In dem feuchten Moos hatten die Veilchen die Reise von Besenroda nach Berlin und zurück besser überstanden, als mancher Mensch sie aushält. Kortüm konnte sie in ein Wasserglas stellen, die hängenden Blumenköpfchen sich aufrichten sehen, ihren Duft einatmen und warten, bis sie wieder verwelkten. Konstanze Schröter war aufgefordert worden, im Theatersaal des Schlosses in Ettersburg zur diesjährigen Tagung der Attischen Gesellschaft, welche mit einer Hippolytosaufführung enden sollte, die Artemis zu sprechen – wenig Verse, aber sie bewegten Konstanze: »Dichtung auf der Bühne – ohne Theater. Komm mit, Klaus. Du sagst mir unterwegs den Bericht des Boten vor, wenn ich die Strophen lerne, damit ich den Ton des ›Horch auf‹ finde. Schwer, Klaus. Ich habe nicht gewußt, daß es solche Stücke gibt.« 661 Klaus Schart konnte eigentlich nicht auf Reisen gehen. Er bedurfte jeder Stunde zur Erledigung eines befristeten Auftrages; den Text für ein Singspiel schrieb er. Klaus brauchte Geld. Aber man kann ja solches Handwerk auch unterwegs betreiben. Das Tagelöhnern wurde ihm in Ettersburg sauer gemacht. Im Traume ging er herum auf dem verzauberten Berg, dessen Wege wie in einem Irrgarten plötzlich verwachsen waren und an einer schwer zu findenden Stelle mitten im Dickicht wieder begannen und in der alten Richtung weitergingen. Er kam immer wieder aus seinen Gedanken, denn diese bestellten Gedanken gingen flach, und die Wege im Walde gingen tief. »Wieviel Seiten muß ich noch schreiben?« – Klaus blätterte besorgt in seinen Papieren und – legte den Trödel weg. Der Ettersberg spann ihn ein. Er ging auf diesem weichen Moosboden herum wie damals in den Wäldern von Hörsel, als er noch glaubte, die Welt wäre irgendwo draußen und er müsse sich aufmachen, sie zu suchen. Aber nicht nur Baum und Moos und Stille erinnerten Klaus an das Nest hinter den Wäldern von Eisenach. In dem weißgekalkten Gästezimmer des Schlosses knarrten die gescheuerten Holzdielen unter seinen Füßen nicht anders als in der weißgekalkten Schulstube von Hörsel. Er sah den Porzellanleuchter auf dem Tische in tiefen Gedanken an, nahm versonnen ein Streichholz aus der Schachtel, brannte die Kerze an. »Es ist ja noch Tag!« lachte Konstanze. »Tag . . .« Klaus blies das Licht wieder aus, drückte die klemmende Balkontür auf und trat auf die winzige Platte hinaus. Über der Erdfarbe des Landes schwebten grüne Pünktchen wie die Knoten eines Schleiers. Der Wald stand noch kahl. Langsam wurde es Abend. Die Luft wehte warm aus Südwesten. Die Balkontüre blieb offen stehen. Auf dem Tisch brannte die Kerze, bewegte leise ihre Flamme. Klaus schrieb. Was ihm einkam, schrieb er schräg auf ein Stück Packpapier. Konstanze lag auf dem Bett. Sie hatte ihre Strophen im Sinn. Hippolytos: Siehst du denn, Herrin, wie es um mich steht? – Artemis: Ich seh es wohl, und wär' ich sterblich, würd' ich weinen . . . »Du, Klaus –« »Hm . . .«, sagte Klaus und hörte nicht. Die Reise hatte Konstanze müde gemacht. Sie dehnte sich, reckte die Arme – da sah sie an der weißen Wand ihr Schattenbild. Ruhig 662 brannte die Kerze in dem Leuchter. Nur zuweilen zuckte sie ein wenig und wehte, dann zuckte und wehte das Bild an der Wand. Konstanze hielt ihre Hand ins Licht – sie drehte den Kopf, daß sein Schattenriß scharf an der Wand erschien – sie fing schließlich an, Schattenbilder zu spielen. Erst verschränkte sie ihre zehn Finger, machte einen Vogelkopf. Zwei Köpfe, die sich hackten. Ein Rabe mit bösem Schnabel, eine flügelflatternde Taube. Lächelnd, dann lautlos lachend sah sie ihre Glieder alle Insassen der Arche Noä an der Wand spielen. Sie zog die Knie an, ließ auf dem runden Gipfelschatten, den ihre Beine ins Licht zauberten, ein Männlein spazieren, stehen, in die Luft gucken. Ein Stückchen Spitzenhäkelei wucherte im Schatten als ein Märchenwald hoch; das Männlein trat ein, sein Schatten bewegte sich hinter dem Gezweig. Der Lindwurm kroch heran, schlängelte den Hals, der Schattenmann wich zurück, der Urwald bebte – zierlich bog Konstanze Finger und Handgelenke. Klaus hatte sein Papier weggeschoben und sah dem lautlosen Spiel zu. Leise stand er auf. Da kam er ins Licht – die spielenden Figuren versanken in Finsternis. »Ach«, sagte Konstanze. Klaus setzte sich auf den Bettrand. Sie zeigte auf seinen Schatten an der Wand: »So mußt du den Kopf halten« – an der Nase drehte sie ihn gewaltsam ins Schattenprofil. »Mund auf. Weiter auf! Jetzt kommen dir die gebratenen Tauben ins Maul geflogen« – ein Schattenvöglein, zwei – Klaus schnappte nach ihnen, hielt Konstanzes Finger mit den Zähnen fest. Vorsichtig biß er zu, aber er hielt den Finger. »Das tut doch weh!« Klaus hielt fest. »Da siehst du's« – Konstanze packte mit der freien Hand sein Ohr und drehte Klaus' Gesicht nach dem Schattenbild an der Wand – »Konstanze Schröter hat einem Mann den kleinen Finger gegeben!« »Der nimmt« – im Sprechen mußte er ihre Finger loslassen – »der nimmt die ganze Hand«, flüsterte Klaus an ihrem Ohr, »den Kopf nimmt er, das Herz –« »Das Herz?« Sie zeigte an die weiße Wand: »ein Herz siehst du nicht!« Eine kleine Weile war Stille. »Es wirft nur keinen Schatten«^ sagte Klaus langsam. 663 Konstanze sah ihn lächelnd an, gebannt von dem Wort, richtete sich langsam auf – die Schattenbilder an der Wand näherten sich, Konstanzes Schatten ließ den Kopf zurücksinken. Da wuchsen die Schatten riesengroß, zuckten . . . Nacht. Die Kerze war zu Ende. Noch glomm der Docht im heißen Wachs, flammte noch einmal hoch, verlöschte ganz. In breitem Strome flutete das Mondlicht herein, grünsilbern rieselte es über die Dielen, von keinem Flammenlicht mehr gestört. Ein Luftzug atmete in den knospenden Büschen vor ihren Fenstern. In der Ferne schlug eine Uhr. »Hörst du's?« »Die Kirchenuhr.« »Ich dachte, die fingen an, Hochzeit zu läuten, Klaus.« Euripideische Verse umhauchten diesen mondbeschienenen waldigen Berg. Aber Konstanze opferte nicht wie ihre attischen Schwestern das braune Haar in dieser Nacht dem Hippolytos. Wie durfte sie? Konstanze mußte morgen Artemis spielen: Schattenbilder, Schattenbilder. Grünsilbern breitete sich das Licht des höhersteigenden Mondes aus an den Wänden der Stube und durchstrahlte den Raum von der Decke zu den Dielen, den Wänden, daß er, und was er barg, selber Licht aussendend über den märzlichen Wäldern des Berges zu schweben schien, schattenlos silbern wie ein neuer Planet, durch Stunden und Stunden sichtbar in dieser Nacht. Irdisches Licht kann den Schatten der Liebe nicht an die Wand malen, denn Liebe brennt innen, und Herzen werfen keine Schatten, wenn sie selber leuchtend geworden sind.   Mehr Bewegung Der Schatten, den der Lohberg auf das Flügelhaus warf, wurde immer länger. Die Leitung des Sanatoriums trat in eine gemeinsame Beratung der Lage ein. Doktor Langloff, Mimi und der alte Kapitän überlegten ernstlich, was in der nahenden Saison anders zu werden habe. »Wie macht das dieser Kortüm eigentlich?« murmelte der Kapitän. Nach Langloffscher Berechnung mußte der Lohbergwirt eigentlich am Ende sein nach diesem Winter und anfragen, was ihm die Langloffs für die Bewirtschaftung des Lohberghauses bieten wollten, er 664 habe keine Freude mehr an dem Betrieb. Aber Kortüm schien gar nicht an ein Zurruhesetzen zu denken. Er bereitete vielleicht sogar etwas Neues vor . . . Mimi sah den Fall Kortüm nach Frauenart an: »Man müßte Herrn Kortüm nachmachen?« Aber trotz Andermann gab es eben nur einen Kortüm, und einer ist immer mehr als zwei. Ein Kortüm ist nur dann weniger als drei Langloffs, wenn er vom Stuhl aufstehen will, einen Schwindelanfall bekommt und, seiner nicht mächtig, von Stannebein gerade noch am Arm gepackt und hinauf in sein Bett getragen wird. Eine Stunde lang war Herr Kortüm beinahe gar nichts mehr. Die Nachricht von der Erkrankung Kortüms traf während der Sitzung im Sanatorium ein. »Im Bette hält er gleich Ruhe«, knurrte der Kapitän. »Nicht leicht zu nehmen, meine Herrschaften«, sagte Mickewitz, der im Vorübergehen das neueste Ereignis doch auch dem Herrn Doktor Langloff erzählen wollte. »Schlaganfall etwa?« fragte etwas beunruhigt der Kapitän, dessen eigene Gesundheit die Teilnahme im Falle ernster Krankheit nahe genug legte. Der eintretende Kellner unterbrach das Gespräch: draußen stände Stannebein – ob der Herr Doktor gleich mal aufs Lohberghaus kommen wollte. In das tiefe Schweigen sprach Langloff: »Ich komme.« Der Kellner ging. Die Vier sahen sich an. » Dich läßt er rufen?« sagte Mimi endlich. Ein dunkler Streif zog durch ihre Gedanken: es ist vielleicht alles ganz anders. Minuten vergingen, bis der alte Langloff die Verlegenheit brach. » Dich holt er. Da habt ihr ihn. Das ist Kortüm. Nun sieh man zu, mein Jung, un komm 'n bißchen rasch wieder. Ich bin doch neugierig –« Der Doktor hatte an der Unterlippe genagt. Er griff nach seinem Hut und schüttelte den Kopf: »Jetzt bin ich Arzt. Sonst nichts.« »Deuwel nochmal. Dieser Kortüm« – der Kapitän suchte nach seiner Mütze – »er stellt uns einfach an. Heute so, morgen anders. Als ob er bloß zu winken brauchte.« »Ich sage ja«, begann Mickewitz. »Hoffentlich ist es nicht schlimm«, sagte Mimi und zupfte an ihrer Bluse. Die Sitzung war beendet. Der Kapitän stapfte durch die Diele. Er 665 blieb am Barometer stehen, klopfte ans Glas, sah den blauen Zeiger an, bemerkte aber nicht den Wettergrad, den er zeigte. »Der ist uns über«, brummte er und begann seinen Morgenspaziergang. Doktor Langloff konnte erfreulicherweise Frau Wingen versichern, die Sache sei nicht bedenklich, aber der Kranke müsse das seinige tun. »Kortüms Konstitution. Zu wenig Bewegung. Na ja, er läuft nicht genug. Hier oben auf dem Lohberggipfel – das reicht nicht. Ordentlich bewegen. Ausschreiten. Er muß sich weite Wege machen.« Langloff traute seinen Ohren nicht, als er diese Verordnung aus seinem Munde klingen hörte. Sekundenlang schloß er die Augen und kam sich irre vor, wie damals auf dem Maskenfest, als zwei Kortüms vor seinen Augen gestanden hatten. Wenn Doktor Langloff philosophischen Anwandlungen ausgesetzt gewesen wäre, hätte er sich jetzt in die Gaststube des Lohberghauses gesetzt, eine Flasche Wein verlangt und die alte Frage gestellt, was Leben eigentlich zu bedeuten hat. Der Leiter des Sanatoriums unterlag solchen Versuchungen nicht, er wiederholte nur noch einmal in aller Deutlichkeit seine ärztliche Verordnung: »Mehr Bewegung.« Für die nächsten Tage verlangte er natürlich unbedingte Ruhe. Doktor Langloff schrieb auch eine Arznei auf und gab die Diätvorschrift. Langsam stieg er den Bergpfad hinab. Auf der Bank unten vorm Hause saß sein Vater. »Na?« In ein paar Worten schilderte Langloff den Zustand Kortüms. Der Kapitän war selber alt und hatte vor nicht langer Zeit so einen gewissen Erdgeruch in nächster Nähe verspürt. Wenn andre Leute mit einem blauen Auge davonkommen, ist das eigentlich nur ein Trost. Der Alte war beruhigt: »Wird also von selber wieder.« Der Doktor sah an seinem Vater vorbei. Aus Nordwesten zogen Wolken hoch, bleigrau mit weißen Rändern . . . wenn das nur nicht Hagel gibt, die ersten Obstblüten sind schon auf. »Von selber?« Der Doktor schüttelte den Kopf. »Nich ganz von selber« – der Kapitän nickte – »was die Doktors eben verordnen. Troppen –« »Die würden ihm auch nicht helfen, Vater. Dieser Herr Kortüm da oben führt eine sitzende Lebensweise. Bewegung braucht er. Dann ist er gleich gesund.« Da fegten die Wolken heran. Rasselnd spritzten die weißen Körner 666 auf die Steinplatten. Die beiden Langloffs traten in den Hausflur. Es war plötzlich dunkel. Der Hagel prasselte an die Scheiben. »Meine Aprikosen sind hin«, seufzte der Doktor. »Du, sage mal, du – du hast Kortüm mehr Bewegung verordnet?« »Das einzige wirksame Mittel bei seiner Konstitution.« »Hm. Ja. Natürlich. Wenn der Funker SOS aufnimmt, dreht man eben das Schiff in Richtung SOS und fragt nich, wer drin sitzt im Malheur. Ist selbstverständlich. Aber . . . hm . . . das laß ich mir gefallen. Deuwel, Dunnerkiel und Schwerenot, das ist doch mal was: Langloff verordnet Kortüm mehr Bewegung. Hm. Davon solln denn ja woll die Leute noch reden, solange hier 'n Stein auf 'm andern steht – du!« fuhr er den Kellnerjungen an, »bring mich mal 'n Püsterich. Aber 'n büschen fixing, du.« Im Schottengelände hieß es erst, Kortüm sei tot. Monich mußte im Laufe des Tages an mehreren Orten sehr grob werden, ehe das Gerücht sich legte. »Hanke«, sagte er zum Steinmetzmeister, der sich in seinem weißen Kittel an den Zaun des Werkplatzes gelehnt hatte, »dir nehme ich's ja zuletzt übel, wenn du sowas sagst. Du mit deinem Grabsteingeschäft un deinem Sargladen lebst eben vom Sterben. Wenn keiner stirbt, kannst du keine Steine setzen un keine Särge loswerden. Aber ihr solltet doch erst 's Maul abwischen, eh ihr sowas weiterredet.« »Nischt für ungut, Monich. Ich habe je bloß gefragt, ob's wahr is.« »Un dabei dein Sortiment angeguckt, ob was drunter is, was für Kortüm paßlich sein könnte, he? 'n schönen schwarzen Granit mit Engelskopp oder 'n Sandstein mit Palme – ich weiß schon.« »Je, Monich – du verkaufst Unterhosen un Spitzenhemden un brauchst Lebend'ge dazu. Un ich, ich brauche eben schön viel Sterbefälle, sonst sitz ich da auf meinem Steinlager.« Monich nickte zu der verständigen Rede des Meisters. »Jeder nach seinem Brot, Hanke. Aber 'n Spitzenhemde is eine lieblichere Ware als deine Grabkonfektion. Kortüm is so gesund wie du un ich; was meinste 'n, wenn wir auf sein Wohl einen zu uns nähmen?« Die beiden Männer setzten sich an den Ecktisch im Dorfgasthof und besprachen die Aussicht der Fabrikation von Kunstseide, von Kunststein, und zuletzt betrachteten sie den Schaden an der verhagelten Obstblüte. 667 Mit dem Nachmittagszug traf Doktor Windhebel in Besenroda ein, um nach Schluß des Wintersemesters ein paar Wochen auf dem Lohberg in der Stille zu arbeiten. Monichs Aufklärungstätigkeit im Ort bewahrte ihn beim Aussteigen vor der Nachricht von Kortüms plötzlichem Ableben. Der Gepäckträger teilte dem bekannten Kortümgast nur die schwere Erkrankung des Lohbergwirtes mit. Betroffen stieg Windhebel den falschen Weg zur Schottenhöhe hinauf. Die Betonstraße ging er. »Wie geht's Herrn Kortüm?« rief Windhebel dem Milchmann zu, der mit seinem Wagen bergab fuhr. Der Mann hob statt einer mündlichen Antwort nur bedauernd die Peitsche und legte den Kopf auf die Seite. Frau Wingen begrüßte den Gast und gab klarere Auskunft. »Hm, kann man zu ihm?« »Freilich. Er wird sich freuen.« Lotte nahm ihren Armkorb und ging nach Besenroda hinunter. Windhebel sah erst in das Gastzimmer. Es war leer. Er stieg die dunkle Treppe hinauf. Oben strauchelte er und wäre fast gefallen. »Wer sitzt denn hier, zum Teufel? Tun Sie doch den Mund auf, wenn Sie jemand die Treppe heraufkommen hören.« Windhebel wollte auf die Mitteltür des Flures zugehen. »Hier geht's nich rein«, sprach eine grobe Stimme. »Ich will Herrn Kortüm besuchen.« »Is nich zu sprechen.« »Sagen Sie ihm, Doktor Windhebel wäre da.« »Nee.« Als nun Windhebel Miene machte, an die Tür zu klopfen, hielt ihn der Mensch am Rockzipfel fest: »Ankloppen is auch nich gestattet.« »Ich wohne doch hier im Hause.« »Ich auch. Un ich habe meine Order« – der Kerl zeigte unmißverständlich die Treppe hinunter – »un hoffentlich merkt das der Herr nich erst, wenn's zu spät is.« Windhebel blieb nichts übrig, als auf Lottes Rückkehr zu warten. Er fragte, was da oben auf der Treppe im Dunkeln für ein Flegel sitze. »Ach, das habe ich vergessen zu sagen. Sie kennen den Mann ja noch nicht!« rief Lotte. »Stannebein ist das. Ja, da kann ich auch nichts tun. Mich läßt er auch nicht hinein. Der Arzt hat Ruhe verordnet. Kaum, daß Monich einmal über die Schwelle darf.« Windhebel überlegte eine Weile, dann ließ er sich einen Briefbogen 668 geben und schrieb: »Verehrter Herr Kortüm! Ich wollte Ihnen guten Tag sagen, aber vor Ihrer Tür sitzt ein Subjekt, das mich nicht anklopfen läßt. Ich begrüße Sie auf diesem Wege und wünsche gute Besserung. W. (Anschrift: Dr. Windhebel, zur Zeit Lohberghaus, Post Besenroda, Thüringen.)« Der Gelehrte ging nach Besenroda, gab den Brief mit dem Vermerk ›Durch Eilboten bestellen‹ zur Post und berechnete, daß er frühestens übermorgen früh Antwort haben könne.   Der Lehrer Ehe noch Windhebels Brief den Lohbergwirt erreichte, trafen neue Gäste ein, dreißig auf einmal, junges Volk, lebendig und laut; man hörte es schon auf halber Schottenhöhe herankommen. Und Kortüm mußte im Bett liegen! »Stannebein, ich stehe auf.« »Noch zwei Tage Ruhe, hat der Doktor gesagt. 's is jetzt um zehne, hier sin die Troppen.« Er hielt seinem höchst ungeduldigen Herrn Arznei und Wasserglas hin und schloß beruhigend: »Für die Jungen sorge ich schon.« Stannebein erwartete die Jungvolkschar an der Haustür, versammelte sie um sich und sagte drohend, im Hause hier läge ein Kranker, der Ruhe brauche. Die neuen Gäste gingen denn auf ihren benagelten Doppelsohlen die Treppe hinauf und richteten sich im Schlafraum ein. Da sie aber leise gingen, leise schwatzten, leise lachten und sich vorsichtig drängelten, ergaben diese Geräusche insgesamt einen summenden, tappenden, scharrenden Ton ganz neuer Art im Lohberghaus. Es war, als ob das Haus auf Rädern führe. Kortüm richtete sich im Bett hoch. »Das kommt von dem vielen Holz im Hause«, sagte Stannebein entschuldigend, »auf den alten Segelschiffen klingt das auch so, wenn einer in der Koje liegt un drüber is was los. Aber ich habe den Jungen eingeschärft, sie sollen leise sein.« »Ganz falsch, George, das klingt ja unheimlich. Wenn dreißig Jungen leise tun, brummt das erst recht. Ich muß unbedingt aufstehn!« »Nee, Sie bleiben liegen.« »Gehen Sie sofort hinauf und ordnen Sie an, die Jungen sollen sich so benehmen, daß man weiß, mit wem man es zu tun hat.« 669 »Jawoll«, sagte Stannebein und überreichte Herrn Kortüm den vor einer Stunde eingetroffenen Eilbrief. Kortüm öffnete und war sehr zornig. »Über meine Person wird auch dann nicht disponiert, wenn sie krank ist! Einen Mann wie den Doktor Windhebel nicht eintreten lassen, George! Sie rufen den Herrn. Sie sagen ihm, er sei mir hochwillkommen!« Murrend führte Stannebein diesen Befehl aus. Windhebel stieg die Treppe hinauf. War das Kortüms Tür? Nein, hier wohl. »Da drin is er!« sagte ein flinker Junge, »soll ich klopfen?« Windhebel nickte. »Herein! Ah, Herr Doktor! Man bittet! Und einen von den neusten Gästen kriegt man endlich auch zu Gesicht. Beide herein!« Kortüm schien ja recht munter zu sein. Windhebel nahm den Jungen bei der Hand und trat an Kortüms Bett. Das Auge des Kranken war klar. Kortüm sah frisch aus. Bald wandte sich das Gespräch von der Krankheit weg. »Aber Sie, Herr Doktor! Und Ihre Arbeit. Wird es Ihnen nun nicht zu laut werden?« Kortüm sah den Jungen an, einen schlank aufgeschossenen Zwölfjährigen mit Kinderaugen, feinen Gelenken, sehnig und straff. »Wie heißt du, mein Sohn?« »Hans Kühne.« »Hans. Aha. Sehr schön. Hat gute Art, Herr Doktor, wie? Die Erdbeeren sind aber noch nicht reif, Hans. Pflaumen gibt's auch noch keine. Die Buben hätten noch vier Wochen die Hosen auf der Schulbank durchscheuern sollen, Herr Doktor. Lernt ihr denn auch ordentlich, wenn ihr in der Schulzeit in der Welt rumlauft?« Hans antwortete zuversichtlich: »Ja.« »Ja, sagt er. Haben Sie gehört, Herr Doktor? Ich wünsche, ich könnte auch so prompt ja sagen. Habe nicht viel gelernt in meiner Jugend. Weiß von vielem allerlei. Man nennt das Halbbildung, wie? Hm. Nun, ich kann kochen und –« »– und allerlei noch, Herr Kortüm: leben, zum Beispiel.« »Schon gut« – der Kranke zeigte auf die Medizinflasche – »was man so leben nennt zuweilen.« Kortüm wiegte den Kopf hin und her. Er hatte seit Tagen nichts zu tun, als grübelnd in den Federbetten zu liegen, und wäre sich mit Vollbildung wohl komfortabler vorgekommen in seinem untätigen Zustand. »Bei dem Sohne eines Gastes habe ich vergangenen Sommer Schulbücher gesehen – Herr Doktor, die haben es heute gut. Man liest und versteht alles. So einfach geschrieben, so klar gemacht.« 670 Windhebel fing an, seine Brille zu rücken. »Im ersten Heft war die Erdkunde im Umriß enthalten«, fuhr Kortüm fort, »ich kenne die Erde ja nur von meinen Reisen, aber wie sie einem da in Zeichnungen deutlich gemacht wurde« – Kortüm schüttelte den Kopf – »und im nächsten Heft wieder eine Stufe deutlicher, und so aufwärts, von Stufe zu Stufe, ja Herr Doktor, unsereiner überlegt sich denn, auf welcher Bildungsstufe man sich selbst eigentlich befindet.« Windhebel hatte während dieser Worte seine Brille mehrmals abgenommen und wieder aufgesetzt. Jetzt klappte er die Bügel zusammen und trommelte mit der Nickelbrille auf der Marmorplatte des Nachttisches. Kortüm sah dem Trommeln zu, hob die Augenbrauen. »Stufe«, murmelte Windhebel, »Unterstufe, Oberstufe – Stufe!« rief er plötzlich laut. »Ihre Treppe hat Stufen. Sehr schlecht beleuchtete Stufen. Aber das Leben hat keine Stufen. Der Mensch schreitet auch nicht von Stufe zu Stufe – wohin denn!« Hans hatte die anschwellende Rede des Gelehrten benutzt, um zu verschwinden. »Warum schreit denn der Kerl da drinne so?« fragte Stannebein. »Ich weiß nich, sie reden von Stufen«, antwortete Hans. »In einem Krankenzimmer?« grollte Stannebein, »wenn er so weiter schreit, schmeiß ich'n naus.« Aber Windhebel sprach schon wieder ruhig, mitleidig beinahe. »Der Mensch«, sagte er, »kommt nicht aus dem Mutterleib wie ein Hohlglas aus dem Glasbläserofen – leer nämlich, das nun stufenweise mit Bildung gefüllt wird, bis es voll ist. Oder auch vielleicht überläuft.« Windhebel fing wieder zornig zu trommeln an. »Der Mensch ist fertig von der ersten Zelle an, die sich teilt und wiederteilend wächst und in der Substanz die Einheit bleibt, die sie war. Herr Kortüm, Worte haben auch ein Leben, sind jung, werden reif, welken ab, sterben; das Wort Bildung war einmal frisch und war gut. Oh, herrlich war es! Jetzt ist das Wort nicht mehr zu verwenden. Mit Bildung, Halbbildung, Unbildung treffen Sie wenig Lebendiges mehr. Der sogenannte Bildungsstoff ist längst zu weiträumig und zu abgründig geworden, um mit seiner Hilfe die Persönlichkeit schaffen zu können, auf die man vor hundert Jahren mit Bildung zielte. Sagt Formung! Es ist nicht dasselbe. Die Millionen Einzelformen, deren persönliche Substanz gegeben ist von der ersten Zelle an, unveränderlich in sich selbst, einformen ins Ganze! Nicht Bildung ist in etwas Leeres zu füllen, sondern die Formbarkeiten außerhalb der Substanz sind zu ergründen; dann wird der 671 einfältige Mensch und der vielfältige gleichwertig einformbar in Volk – ohne aufgelöst zu sein.« Kortüm sah vor sich hin. »Ich bin froh«, sagte er, »daß ich nur ein Gasthaus zu leiten habe und keine Schule.« »Sagen Sie für Schule – Schulmeister«, antwortete Windhebel. »Der ist der einzige Mensch, den zeitlebens, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr Jugend beleuchtet. In diesem Licht ist er der Meister geworden, der das Leben wirklich in der Hand hat und zu haben vermag. Der Einzige. Die anderen Berufe bewerten ihre Leistung am Erzeugnis. Den Lehrer sieht keiner säen, und die Ernte erlebt er selber nicht mehr. Dem Schulmeister würde nur die Zukunft zu danken vermögen, wenn seine größte Leistung nicht eben – der unbekannte Schulmeister wäre.« Der Lärm vor dem Hause hatte sich zum Tosen erhoben. Windhebel riß das Fenster auf: »Wollt ihr stille sein!« »Vielleicht hatten sie eben einen guten Lehrer«, meinte Kortüm und rieb langsam sein Kinn. »Der sie formt«, sagte Windhebel und schloß das Fenster. »Und der sie belehrt.« » Das – tut die Schule«, antwortete Windhebel und setzte seine Nickelbrille wieder auf.   Das Testament In den nächsten Tagen konnte Kortüm das Zimmer verlassen und besah sich seine neuen Gäste näher, wenn sie zum Essen im Lohberghaus erschienen. »Das ist der kranke Mann«, flüsterten sie sich ins Ohr. Sie guckten diesen Mann forschend ablehnend an, als er einen Stuhl heranzog und zwischen ihnen Platz nahm. Jugend ist doch etwas sehr Exklusives, dachte Herr Kortüm, aber er verstand das Eis zu brechen. Seine kleinen Gäste waren dabei, eine ungeheure Schüssel Milchreis zu vertilgen. Selbst der erfahrene Gastwirt Kortüm sah erstaunt, wie rasch das Blumenmuster auf dem Grunde der Porzellanschüssel sichtbar wurde. »Der Mensch«, sagte Kortüm mahnend, »ißt doppelt, wenn er langsam speist. Man versteht in Europa nicht, gut gekochten Reis zu sich zu nehmen. Die Chinesen machen es so . . .« Er holte zwei Holzstäbchen aus einem Schrank, die er einst aus Hanoi mitgebracht hatte, 672 und zeigte den Jungen, wie Leute, die Reis anbauen, ihn auch sachgemäß zu verspeisen wissen. Und da Herr Kortüm in der glücklichen Lage war, ungefähr so fortfahren zu können: »Ja, da kommt also der Chinese auf mich zu – ich sehe ihn noch – ein großer Kerl in schwefelgelben Hosen . . .«, da Kortüm so zu reden befugt war, erlebte er, daß nun die Jungen näher an ihn heranrückten. Sie fuhren mit Kortüm auf einem dunkelblauen Meer, legten wegen Maschinendefekts an einer Kokosinsel an – ja, vielleicht wäre es Kortüm beigekommen zu versuchen, ob er, der Herr Kortüm, vielleicht einer von den großen deutschen Schulmeistern sei, die der Kunst mächtig sind, die Welt und den Lauf der Welt sichtbar zu machen und in den Knaben die Sehnsucht zu wecken, Männer zu werden. Leider hatte Kortüm keine Zeit zu solchem Versuch. Auch ein überwundener Schwindelanfall, der in eine tiefe Ohnmacht übergegangen ist, bleibt doch eine eigene Sache. Kortüm konnte es nicht vergessen: er stand auf seinem Grundbesitz, und der begann sich mit einem Male zu drehen, von links nach rechts, ein wenig schwankend in der Horizontale. Rasch wollte Kortüm zugreifen, in der Drehung mitgehen, aber so schnell konnte er nicht – das sauste ja. Gottlob, es wurde dunkel, aber eben dieses mütterlich schwere Eindunkeln einer verrückt gewordenen Welt, die jähe betäubende Süße des schmerzlosen Sinkens, Sinkens – das war ihm unvergeßlich. Kortüm wußte nicht, wohin er sank; das Sterben konnte nicht viel anders vor sich gehen. Wenn ich nicht wieder aufgewacht wäre, sagte er zu sich selber, hätten sich die Leute gewundert, haha. Er sah sie im Geiste gelaufen kommen, Stannebein, Frau Wingen, Monich. Aber nicht nur diese würden gekommen sein: der Arzt, das Gericht. Kortüm bekam beinahe noch eine Ohnmacht: Auktion! Wie in Erdmuthes kleinem Hause würden sie drängeln, schwatzen, rauchen, scharren, die Schränke aufschließen, anfassen, was dasteht, herauszerren, was verborgen ist. Sie würden den Wabenschrank öffnen, die Briefe lesen, oh! und sie würden in seiner braunen Mappe blättern . . . »Ein solches Ende haben wir nicht verdient!« sprach er, mißachtete für eine Woche die Anweisung des Arztes, sich Bewegung zu machen, und befahl Stannebein, jede Störung fernzuhalten. »Ich arbeite.« Von Doktor Windhebel verabschiedete sich Herr Kortüm persönlich. Der Gelehrte nickte: »Aha. Nach Berlin. Wegen der türkischen Kapitalien. Wenn Sie da –« Kortüm unterbrach ihn: »Ich verreise nicht.« 673 »Ich habe eben verstanden, wir würden uns erst Mittwoch wiedersehen.« »Ich arbeite.« Windhebel starrte Kortüm an. »Ich schreibe –« Jetzt trat Windhebel einen Schritt zurück. Aber Kortüm ging nahe an ihn heran, legte Stillschweigen gebietend den Finger auf den Mund und sprach leise: »Mein Testament.« »Drei Tage braucht der Mann zur Abfassung seines Testamentes?« murmelte der Doktor, »ist er vielleicht doch Millionär im mittleren Orient?« Kortüm hatte nicht die volle Wahrheit gesagt. Die Aufsetzung seines letzten Willens verschlang freilich nicht drei Tage. Aber der Schrecken in Erdmuthe Haupts großer Stube saß ihm tief in den Gliedern. Kortüm wollte nicht nur das Testament, sondern seine sämtlichen letzten Angelegenheiten gründlich ordnen. Dazu gehörte erstens das Testament. In wenig Sätzen schrieb er seinen Willen nieder, schrieb ferner einen Brief an Monich und versiegelte beide Papiere in einem Umschlag mit der Aufschrift: »Herrn August Monich. Sofort öffnen im Falle meines Todes.« Zweitens bestimmte Kortüm Form und Inschrift seines Grabsteins sowie die Lage seines Grabes auf dem Kortümschen Privatfriedhof. Und drittens machte er sich an die zeitraubendste Arbeit: Herr Kortüm verfaßte die Grabrede, welche ihm Pastor Arcularius halten solle. Aus vielerlei Erlebnissen wußte der weltkundige Gastwirt, was die Leute reden und wie hartnäckig die dümmsten Reden durchs Land laufen, rundum, rundum, immer von vorne derselbe Unsinn. Viel Ärger, unzählige Streitigkeiten, unendliche Mißverständnisse hatte Kortüm erlebt. Was kann solche Unwahrheiten gründlicher zu Boden schlagen als eine gediegene Grabrede, welche nichts als die Wahrheit sagt? Herr Kortüm schraubte den Halter auf und schrieb: »Teure Trauergemeinde! Nun ist er denn dahin, unser lieber Friedrich Joachim Kortüm! Vor wenig Tagen sahen wir ihn noch rüstig und gedankenvoll durch sein Gelände wandeln. Wer weiß, welche Pläne ihn da zum Gedeihen unserer Heimat bewegt haben mögen! Wir wissen es nicht. Ach, meine Lieben, wer wird nun an seiner Statt für uns Gedanken haben? Von Norden her ist er in das alte Thüringen eingezogen, nachdem er eben die große Tour um die Erde gemacht hatte. Eigentlich wollte er gleich weiterreisen, aber dieses Schottengelände – unsere engere Heimat, meine Lieben! – tat es ihm an. Thüringen 674 schien dem teuren Entschlafenen nicht Norden zu sein, nicht Süden, überhaupt keine Himmelsrichtung, sondern die Mitte! Der große Gedanke, für den Rest seines Lebens in der Mitte sitzen zu können, wo sich das Gute und auch das nicht ganz so Gute aus allen Richtungen der Windrose in einem Punkte verknotet, dieser Gedanke erhob Kortüms Herz. Wie du weißt, liebe Trauergemeinde, wurde dieser Punkt das Schottenhaus, später Silberne Windfahne, dann Flügelhaus, Goldwaage sodann, zuletzt Echostube und zuallerletzt Lohberghaus genannt. Ob jedoch Schottenwirt, ob Flügel-, Waagen-, Echo- oder Lohbergwirt – eines war unser unvergeßlicher teurer Toter stets: Friedrich Joachim Kortüm. Und glaube mir, trauervolle Versammlung, er ist es heute noch. Die Erde kann nur seinen Leib nehmen, seine großen Gedanken leben! Wenn aber er, der ganze Kortüm, noch einmal aufstehn könnte und euch hier um seine Grube stehen sähe, so würde ihm eure Trauer ein großer Genuß sein, und er riefe euch zu: ›Freunde, gehabt euch wohl! Sorgt, daß auch ihr bleibt, was ihr wart. Es wäre schade um euch. Ich, Kortüm, habe euer Gelände belebt nach Kräften, ihr habt für eure Ruhe gesorgt, wie ihr konntet, und wir haben beide unser Brot gefunden dabei. Habt ihr aber festgesessen auf eurem Besitz, so zog ich auf meinem Besitz herum von Gaststätte zu Gaststätte und vermißte die Sicherheit, welche Gott dem Fuchs in seiner Höhle gewährt und die der Mensch schuldig sein sollte dem, der für ihn die Gedanken hat. Thüringen hat mir die Sicherheit nicht gegeben; der Norden, aus dem ich kam, auch nicht. So habt ihr mich in der Fremde gehalten hier und da, und ich habe in Sorge gelebt von einem Tage zum andern. Wenn jemand sagt, das sei kein Ruhm für euch, so entgegnet ihm: wir haben Kortüm dafür seines Dankes enthoben. Liebe Umstehende, lebt wohl!‹ Dies, teure Trauergemeinde, würde dir der Entschlafene zum Abschied sagen und Gott bitten, dir bei Lebzeiten fernerhin den guten Schlaf zu erhalten, dessen er sich seit dreien Tagen endlich auch freuen darf. Wir aber würden nun unseren Freund Kortüm den Sargdeckel zuklappen sehen und könnten ihm nur noch rasch zurufen: ›Da liegst du nun, Kortüm, und hast zum letzten Male recht, und das Recht hilft dir zum letzten Male nicht.‹ Aber, meine Teuren, blicken wir weg von dieser traurigen Veranstaltung da unten in der Grube, die am Abschluß eines Menschenlebens unerläßlich ist, werfen wir Erde auf die Bretter, erheben wir das Haupt und sehen wir, was uns von unserem Kortüm bleibt! Richtet die tränenden Augen auf die Taten Kortüms! Seht die Gaststätten des 675 Entschlafenen an, liebe Mittrauernde; wenn immer die eine fertig war und Gestalt hatte, dann zog er aus und in die nächste; es machte sich so. Nun aber, meine Lieben, hat sich Kortüm zum letzten Male umquartiert. Diese Gaststätte kann er euch leider nicht abtreten, aber seid dessen gewiß: er gönnte sie euch, denn Kortüm wußte wohl, wie ihr die Ruhe liebt. Ihr bewohntet vor Kortüms Zeit dieses Ilmgelände als friedliche Gewerbetreibende. Unser teurer Entschlafener aber zog mit Kochen und mit Weinschenken, mit Reden und mit Schweigen die Kunst ins Land und die Wissenschaft. Schauspiel, Lichtspiel, Malerei, Astronomie, Dichtung und Musik – ja, liebe Trauerversammlung, unser Kortüm war es, der das Unvergängliche bodenständig gemacht hat im Schottengelände. Ach, mein lieber Friedrich Joachim Kortüm – ruhe sanft. Du hast manche Flasche getrunken, manche Pastete gegessen, aber du hast auch manche Flasche dem Durstigen eingeschenkt und manche Pastete dem Hungrigen dargereicht; ein solcher Wirt bleibt unvergessen den Hungernden und den Gesättigten!« Aufatmend warf Kortüm die Feder hin. Zwei Tage hatte er an der Grabrede gearbeitet. Er überlas das Schriftstück und war hochbefriedigt. Nur, sagte er sich, konnte die Rede bei schlechtem Wetter vielleicht etwas zu lang sein. Dann müßte man einiges streichen oder besser, die Regenwettersätze in Klammern setzen. »Wir wollen es gleich haben«, brummte er, hakte die Taschenuhr ab, legte sie auf den Tisch, schloß das Fenster und stellte sich mit dem Manuskript in der Hand so auf, wie er den Pastor Arcularius beim Predigen hatte dastehn sehen. Dann begann er mit tiefer, rollend feierlicher Stimme: »Teure Trauergemeinde –« Im Zimmer nebenan wohnte Doktor Windhebel. Wir wissen, daß das Lohberghaus nur dünne Wände, Herr Kortüm aber eine starke Stimme hatte. Der Gelehrte saß über der Arbeit. Nicht nur vertieft war er, sondern, wie schon seine Rede über Bildung und Formung gezeigt hatte, gereizt und nervös; es lag nämlich nicht außer dem Bereich der Möglichkeit, daß Windhebel letzthin einen neuen Planetoiden gesehen hatte. »Teure Trauergemeinde«, erschallte es plötzlich hinter der Sternkarte Hora XII, die er an die Wand gezweckt hatte. »Nun ist er dahin, unser lieber Friedrich Joachim Kortüm.« Satz für Satz schwang eine Leichenrede durch die Räume nach dem großen alten Muster: Und Kortüm ist ein ehrenwerter Mann. Die schwere Frage, ob Windhebel einen neuen Stern gesehen oder geirrt habe, ging aus wie ein Dreierlicht vor 676 dieser furchtbaren Predigt hinter Hora XII. Langsam hob sich Windhebel von seinem Sitz, stützte sich schwer auf die Tischplatte, horchte . . . »So habt ihr mich in der Fremde gehalten hier und da, habt mich hintan gesetzt, wo ihr konntet, und euch's wohl sein lassen von dem, was mir zukam. Aber ihr irrt auf die Länge, die Welt ist nicht so« – Kortüm mußte in der Erregung aus dem Konzept gekommen sein; er räusperte sich, brummte, fing wieder rückgreifend an: »Gehabt euch wohl, Freunde.« Jede Silbe, jedes Schnaufen war zu vernehmen, aber in seinem Schrecken tat Windhebel, was er noch nie getan hatte in seinem Leben: er legte sein Ohr an die Wand, um noch besser zu erhorchen, ob denn wirklich erklänge, was er da höre. Kortüm predigte gewaltig. Dem Horcher entging nichts. Als jedoch donnernd das Stichwort Astronomie erschallte, fuhr der Gelehrte zurück. Auf den Zehen ging er aus dem Zimmer. Der Flur hallte von Kortüms Leichenrede – »Du hast manche Flasche getrunken, manche Pastete gegessen, manchen Spruch getan« – jetzt öffnete Windhebel die Tür. »Ruhe sanft«, sprach Kortüm eben. Windhebel starrte seinen Wirt an. Kortüm nickte ihm bewegt zu: »Jaja . . . haben Sie einiges verstehen können?« »Herr Kortüm . . .« »Hat Ihnen die Diktion gefallen? Ich finde eben, man könnte die Rede – gutes Begräbniswetter vorausgesetzt – gegen Ende noch ein wenig erweitern und steigern, wie? Ruhe sanft, nein, ruhe sanft . . . Wenn ich da an des Organisten Wingen Beerdigung denke: man muß ihnen anders kommen. Aber man möchte sich doch auch nicht ins Angesicht seiner eigenen Leiche hinein loben vor diesen Leuten. Bitte hören Sie noch einmal, Herr Doktor!« Kortüm stellte sich wieder aufrecht hin, las in schwingendem Predigerton den Schluß der Rede und schüttelte den Kopf am Ende: »Etwas flau. Finden Sie nicht? Ich habe das Gefühl, man müßte dem Leichenredner gegen den Schluß hin noch einen Stoß versetzen, daß er in Aufschwung kommt und die Trauergemeinde mit sich fortreißt. Der Aufschwung fehlt zuletzt, zum Teufel!« Windhebel setzte sich auf einen Stuhl. Er begann etwas zu stottern. Einen richtigen Satz zu sprechen, vermochte er noch nicht. Kortüm bemerkte seine Erschütterung, nickte schwermütig lächelnd, klopfte dem Gelehrten auf die Schulter: »Ich verstehe. Man ist ja selbst bewegt.« Er überreichte Windhebel die Handschrift. »So im ersten Trauergefühl des Verlustes läßt sich der große Schluß nicht finden. Behalten 677 Sie diesen Entwurf den Tag über. Bitte, Herr Doktor, überprüfen Sie das Ganze noch einmal in Ruhe und merken Sie an, wo etwas fehlt, wo hie und da noch ein Licht aufzusetzen wäre und welcher Gedanke allenfalls den Schlußpassus zu heben geeignet sein könnte.« »Aber – Herr Kortüm – Sie haben Ihre eigene Grabrede –« »Nun, ist es nicht billig, angesichts der Schnellfertigkeit des Nachredewesens das letzte Wort lieber selbst zu sagen?« »Ja – Sie sind doch aber wieder gesund. Denken Sie denn an Sterben?« »Haha, nur an die Leute denke ich, welche eines Tages im Kreise um meine Grube herumstehen und im Kreise zu lügen versuchen werden.« Gestern fand Windhebel flüssige Worte genug, als Kortüm von den Stufen geredet hatte, die angeblich zur Bildung hinaufführen sollten. Vor diesen Stufen jetzt, die angeblich zur Auflösung hinunterführen, fand er noch weniger Worte als vor dem Kartenabschnitt Hora XII, in dem er einen neuen Stern gesehen zu haben glaubte, ehe der große Wetterumschlag den Himmel für voraussichtlich vierzehn Tage mit Wolken bezog. Windhebel schwieg zunächst. Aber sie einigten sich auf eine gemütliche Stunde ruhigen Nachdenkens. – Am Abend zog Kortüm unter der silbernen Windfahne eine Flasche Rotwein auf. Sie begannen, die Leichenrede Satz für Satz durchzunehmen. Fraglos gewann sie nach Form und Inhalt bei dieser Revision. Windhebel trat auch hinsichtlich des Schlusses der Kortümschen Ansicht bei. »›Ruhe sanft‹ ist nichts für Sie, Herr Kortüm. Ihr Wohl!« »Das Ihre, Herr Doktor. Wie wäre es mit: ›Reise gut?‹« »Auch nicht das Letzte. Ruhen drückt einen Ihrer Natur nicht gemäßen Zustand aus, Reisen hinwiederum nur eine Fortbewegung an sich.« »Hm. Ich verstehe. Man müßte . . .« begann Kortüm und verstummte. »Ja. Man könnte . . .« sprach Windhebel und verstummte gleichfalls. Nach einer Weile sagte Windhebel versonnen: »Wie wäre es so: ›Auf Wiedersehn, alter Friedrich Joachim Kortüm, und bewege inzwischen da oben in der besseren Welt, wo das Gesetz der Erhaltung von Kraft und Stoff noch Geltung hat, was du an göttlichen Immobilien für veloziferisch befindest.‹« »Dies, Herr Doktor, ist nun wieder zu wissenschaftlich. Leichenreden müssen jeder Bildungsstufe zugänglich sein.« 678   Steuern Wie werde ich arm!« rief Klaus Schart und sah fragend die Papierstöße auf seinem Schreibtisch an. Die Papiere schwiegen. Konstanze war auf einer Gastspielreise und konnte ihm auch nicht helfen. Klaus mußte selber nachdenken. Wer in einem Trümmerhaufen sitzt, denkt rasch. Um Klaus herum lagen die Splitter eines trefflich fein und schlau erdachten Arbeitsgerüstes. Im vergangenen Jahre hatte er drei Drehbücher geschrieben, Geld verdient und am Silvesterabend lächelnd die Perlen im Glase steigen sehen. »Es ist geschafft. Jetzt bin ich frei und kann in Ruhe an mein wirkliches Werk gehen.« Es wurde auch Zeit, daß er zur Arbeit kam. Die Leute mußten endlich ein Werk oder ein Werkchen, zwischen zwei Pappdeckel gebunden, von ihm selber und von ihm allein geschaffen, in die Hände bekommen. Klaus konnte nun nach seiner Meinung zwei Jahre leben vom Verdienten und in aller Ruhe zu formen versuchen, was er in sich werden fühlte. Er wurde sparsam. Nicht nur Geld sparte Klaus, er hielt Haus mit seiner Zeit. Auf ein Werk sammelte er seine Kraft und lebte in Zurückgezogenheit und Stille. So geizig wurde Klaus, so eifersüchtig auf sein Werklein, daß er Utzenstorffs Ersuchen, ein neues Drehbuch zu schreiben, dankend ablehnte. Seine Arbeit rundete sich, die beschriebenen Menschen gewannen Blut und Gestalt. Schon erblickte er im Nebel des Schaffens die ferne Schattenform des Ganzen. Aber eines Tages erhielt Klaus vom Finanzamt ein Schreiben, in dem ihm die Summen genannt wurden, die er auf Grund seines vorjährigen Einkommens als Vorauszahlungen zu leisten habe. Viel hatte er im vorigen Jahr verdient, nichts in diesem. Die Ernte des vergangenen Jahres sollte ja das Arbeitsfundament sein für die kommenden zwei Schaffensjahre; Dichtung kümmert zwischen klingelnden Telephonen und Geldsorgen. Klaus Schart eilte aufs Amt und stellte den Herren seine Lage vor. Finanzbeamte erleben viel, und wenn sie gelegentlich einmal einen Roman schrieben, könnte auf diesen Seiten die gedichtete Wirklichkeit majestätisch aufsteigen. Der Beamte lächelte melancholisch. »Herr Schart, wenn es so ginge, würde uns jeder, der gut verdient hat, die Mitteilung zukommen lassen, er wolle nun schaffen und könne diesmal keine Steuern zahlen. Dann kann der Staat zumachen. Verlassen Sie sich drauf: von vierzig 679 Millionen Steuerzahlern müssen dann schlecht gerechnet dreißig plötzlich in der Stille ein Werk schaffen. Wir glauben Ihnen, was Sie sagen. Ihr Fall ist schmerzlich, aber der Arzt bei Ihrem Leiden kann leider nicht das Finanzamt sein.« Das erste Stück von Klaus Scharts Lebenswerk zerstiebte, aber er konnte kein Wort gegen die Rede des Beamten einwenden. Einen Paragraphen über die Behandlung schöpferischer Arbeit hat die Gesetzgebung wohl deshalb nicht vorgesehen, weil es schwer ist, eine Arbeit, die nicht vorhanden ist, amtlich zu bewerten. Schweren Herzens verließ der Steuerzahler das Amt, ging über die Straße, setzte sich niedergeschlagen in ein Kaffeehaus und überlegte. Das Café war gut besucht. Herren mit Notizbüchern, Kurszetteln, Kommissions- und Durchschreibebüchern rauchten und redeten. Aufmerksam sah Klaus diese seine Mitsteuerzahler der Reihe nach an. »Freilich«, murmelte er, »die alle werden nächstes Jahr nichts verdienen, um schaffen zu können.« Erschrocken stand Klaus Schart vor der Tatsache, daß beide Teile nicht nur formal oder nur gefühlsmäßig, sondern wirklich recht haben und recht behalten müssen. Er stand plötzlich über dem ganz schmalen Spalt im Leben, aus dem die echte Tragödie aufsteigt in die ganz gewöhnliche Alltäglichkeit. Der gute Bürger äußert sich zu einem solchen Fall mit dem Wort: »Hähä.« Aber auch Klaus hatte vorläufig nur Talent, dichten konnte er das Leben in dieser Gestalt noch lange nicht. Zudem überlagerte der wirkliche Geldmangel in dem wenig Erfahrenen die gewaltige Frage, welche sich hinter Büroregalen, Jackettanzügen und Schreibmaschinen jäh auftat, blitzartig ein schweres Leben erhellte und dann gleich wieder verschwand in Büroregalen, Schreibmaschinen und allem Gerät und Gelump, mit dem wir unsere Existenz zu decken jeden Tag von neuem versuchen müssen. Klaus blickte nach Rettung aus . . . Utzenstorff! »Mmm« – der Chef der Produktion der World musterte den jungen Mann, der da erhitzt in sein Arbeitszimmer gestolpert kam. »Kann ich das Drehbuch ›Zarte Stunden‹ noch kriegen?« »Sie müssen es schreiben?« »Ja.« »Ja? Schart – ich habe Sie immer geschätzt. So ehrlich wie Sie ist nur ein ehrlicher Mann. Aber merken Sie sich für den Fall, daß in diesem Sessel kein Utzenstorff sitzen sollte: was einer braucht, bezahlt er doppelt. Verstehen Sie? Nein? Statt für sechstausend tun Sie's jetzt für drei. Mmm, da sieht er mich an mit seinen blauen 680 Kinderaugen. Jedoch, geh in Frieden, mein Sohn, der Vertragsentwurf liegt noch da. Schreiben Sie eilends das Wort Schart darunter und gehn Sie in sich. Der Mensch lebt vom Raube. Nicht jeder Mensch. Nein. Sonst brauchte ich Ihnen ja keine Rede über den guten Ton des schmutzigen Geldes zu halten. Sie nicht, Schart. Sie leben nicht vom Raube.« Klaus erzählte nun den Grund seines plötzlichen Entschlußwechsels. »Gut. Sehr gut. Wo sollten die besseren Filme herkommen, wenn man die Dichter sich selber überließe? An die Arbeit. Fleißig, fleißig.« Die Sorgen war Klaus los. Er schrieb, saß in Sitzungen, schrieb, saß, schrieb. Als Konstanze von ihrer Reise zurückkam, saß Klaus gerade in der World. Erstaunt betrachtete sie den stattlichen Stoß frisch beschriebenen Papieres auf dem Schreibtisch. Sie las noch mit dem Hut auf dem Kopf die letzte Zeile. Da stand: »Aber geh, Schatz.« Konstanze sank in den Stuhl und las noch weitere Zeilen. – »Schämst du dich nicht?« begrüßte sie den Heimkehrenden. Klaus fiel ihr um den Hals: »Gott sei Dank!« Konstanze hielt still. Dann sagte sie: »Aber geh, Schatz.« »Ach so. Du hast gesehen, was ich arbeite?« »Und deine wirkliche Arbeit?« Statt der Verse überreichte ihr Klaus ein gelbliches Papier: »Am dritten März 800 Mark, am . . .«, las sie murmelnd. »Na, und?« »Und! Und!! Und nun verdiene ich so viel wie voriges Jahr, damit ich die Vorauszahlungen beschaffen kann! Oder ich nehme das Gesparte – meine eigene Arbeit kann ich so und so nicht weiterbringen.« »Ich habe ja Geld auf meinem Konto.« Klaus schüttelte den Kopf. »Hat je so ein Schaf im Sande gestanden und das Gras nicht gesehen?« »Eigner Sand ist Goldes wert.« »Man sieht's.« Konstanze zeigte auf die Brotarbeit: »Mach's nur! Es wird ja wohl bezahlt«, zitierte sie aus »Künstlers Erdenwallen« den alten bösen Klagevers. Klaus sah das Leben noch endlos vor sich. Er hatte ja Zeit. Er glaubte noch nicht an den furchtbaren Zwang, dem Werk alles opfern zu müssen. Jedenfalls nicht seine junge männliche Selbständigkeit. Klaus Schart vermochte zu leben vom Selbstverdienten. Konstanzes Geld brauchte er nicht. 681 Sie gerieten aneinander. »Du bist so dumm, daß dir nicht zu helfen ist«, sagte Konstanze traurig. Sie wurde immer einsilbiger, sah den amtlosen Steuerzahler an: »Ja, Klaus – selbstbefohlene Ämter gelten nicht, wie du siehst. Dann mußt du eben eine Lücke im festbesoldeten Dasein ausfüllen.« »Also schulmeistern!« rief Klaus. Sie lächelte: »So weit warst du auch schon einmal.« »An dem Abend, als das Ilmwehr vor deinem Fenster rauschte und du mich fragtest, was ich mit dir anfangen wolle als Schulmeister in Hörsel?« Klaus nahm sie in seine Arme: »Nein, Konstanze. Damals war ich nur halb so weit.«   Kapital Herr Kortüm hatte nicht nur die Krankheit überwunden, sondern auch die Folgen: das Testament, die Grabsteinanweisung und die Leichenrede waren vollendet. Er begann nun, die Verordnung des Arztes zu befolgen, um das Inkrafttreten seines letzten Willens nach Möglichkeit hinauszuschieben. Kortüm machte sich Bewegung. Frühmorgens zog er seinen alten Jagdanzug an, setzte das grüne Hütchen auf, ergriff den derben Rebenstock und stieg von seinem Berg hinab ins Flügelhausgelände und von diesem Schauplatz ehemaliger Taten ins Ilmtal hinunter. Kortüm erregte Aufsehen, als er in rüstigem Wanderschritt durch den Ort ging, das Ilmtal ein gutes Stück aufwärts und dann gegen Mittag die Hauptstraße Besenrodas in umgekehrter Richtung entlangwandelte – wohlig, gelenkig und erfrischt. Dem alten Kapitän hatte gleich nichts Gutes geschwant, als er damals von der ärztlichen Verordnung seines Sohnes hörte. Ruhe hätte sein Sohn diesem Kortüm verordnen sollen. »Bewegt er sich erst, weiß niemand, wen und was er mitbewegt.« Windhebel war abgereist, und Kortüm hatte sich heute ausgiebig bewegt. Auf dem Heimweg sah er vor dem Gasthof Fischer eine ansehnliche Menschenansammlung stehen, Männer und Frauen, die kleine Koffer in den Händen und große Rucksäcke auf den Rücken trugen. Ein Wanderverein, dachte Kortüm. Er kannte diese Vereine von früher. Sie wanderten immer vorbei am Schottenhof und ließen Kortüm nichts verdienen. Ein Mann mit einer Binde um den Arm las von 682 einem Zettel Namen vor: Vogel, Schwarz, Krause, Hofmann. Die Aufgerufenen gingen in den Gasthof. »So«, sagte der Mann mit der Armbinde zu den Zurückgebliebenen, »wir gehn nu auf die Schottenhöhe.« Kortüm trat an den Leiter heran: »Sie benutzen am besten den Goetheweg. Nächste Verbindung. Schattig. Keine Fahrzeuge.« »Goetheweg«, murmelte der Mann und fuhr mit dem Finger auf seiner Landkarte herum, »Goetheweg . . . gibt's nich.« »Auf Ihrer Karte nicht. Ich habe ihn erst kürzlich geschaffen. Kortüm«, sagte Kortüm und lüftete sein grünes Hütchen. Der Fremde nannte seinen Namen: »Frieback.« Der Reiseleiter Frieback schilderte Kortüm einige kleine Reisezufälle, welche die unvorhergesehene Unterbringung mehrerer Teilnehmer erforderlich machten. »Und nun wollen wir sehen, daß wir im Lohberghaus unterkommen.« »Ah!« rief Herr Kortüm, »das bin ich.« Die Reisegesellschaft hatte sich inzwischen im Kreise um Kortüm aufgestellt. Eine stattliche Zahl Besenröder bildete um diesen inneren Kreis von Zuhörern einen äußeren, der sich zusehends verstärkte. Mit Interesse vernahmen beide Kreise Kortüms Darlegung der Vorzüge des Lohberghauses. Der Wirt hob die augenblickliche Leere dieser Gaststätte hervor und lobte seine Küche, seine Betten, seine niedrigen Preise. Herr Frieback sprach: »Gemacht.« Kortüm setzte sich an die Spitze des Zuges. Er führte ihn durch Besenroda, erläuterte die Sehenswürdigkeiten des Ortes: »In diesem Giebel sehen Sie noch eine Kanonenkugel aus den Befreiungskriegen. Das Rathaus dort ist in jenem heißen Sommer neunzehnhundertelf, dessen sich die älteren Herrschaften wohl noch erinnern werden, leider abgebrannt. Bitte beachten Sie die Wiederherstellung – Sie haben hier eins der abschreckendsten Beispiele der neueren Baukunst vor sich. Ansichtskarten davon bekommen Sie bei Frau Wolke. Gleich dort an der Ecke. In dieser Kirche gab der Dichter und Organist Friedrich Wingen sein letztes Orgelkonzert und verschied daselbst.« Kortüm leitete den Zug auf den anmutigsten Wegen zur Ilmbrücke, stellte sich in der Mitte der Brücke auf, hielt eine kleine Rede über die Bedeutung der Ilm: »Ilmwasser – meine Herrschaften, es bekommt nicht jedem, aber es ist was dran – ahh, Herr Apotheker! Bitte, meine Damen und Herren, wollen Sie etwas nach rechts treten, damit der Herr durch kann. So!« – und Herr Kortüm zog mit der Schar über die sonnigen blumengeschmückten Ilmwiesen, sprach im Gehen sehr lehrreich über 683 eine prähistorische Siedlung, welche hier gelegen haben sollte. Am Beginn des Goetheweges machte er abermals halt, zeigte auf die hohe Tanne oben rechts, unter der Goethe gesessen hatte, und gab eine kurze Darstellung der Entstehungsgeschichte des Goetheweges. »Ein herrlicher Bergpfad für Wanderer, den ich, wie schon vorhin bemerkt, voriges Jahr ins Leben gerufen habe.« »Der redt wie 'n Buch«, sagte Frau Fischer. »Das ham wir getroffen«, sagte Herr Becker. Und Herr Vogel bemerkte: »Is eben 'n Einheimischer. Man hat da gleich 'n Bild.« Während nun Kortüm den Fremden die Sehenswürdigkeiten von Besenroda und Umgebung zeigte, zog sich der übriggebliebene äußere Zuhörerkreis in der Besenröder Hauptstraße zusammen wie ein Gummiband, das sofort enger wird, wenn kein Widerstand es mehr dehnt. Mickewitz blieb stehen und hörte zu. »Hat einer schon so was erlebt?« fragte jemand. »Dazu rennt er 'n ganzen Tag in der Gegend rum? Der sammelt sich Gäste auf den Straßen auf?« Der Apotheker nickte . . . Wie war das doch in dem alten Gleichnis von dem Gastgeber, der seine Gäste von der Straße holte, weil die Geladenen nicht kamen? Kortüm aber zog an der Spitze seiner Gäste im Lohberghaus ein und rief: »Stannebein!« In diesen Wochen des späteren Frühlings ließ sich der voraussichtliche Fremdenandrang der nahenden Saison an Hand der einlaufenden Anfragen bereits abschätzen. Das gesamte Schottengelände hatte Grund zur Sorge. Daß im Lohberghaus zunächst gar keine Anfragen einliefen, konnte nicht wundernehmen. Kortüms Werbearbeit war durch seine Krankheit und dann durch die Arbeit an seinem letzten Willen stark verzögert. Langloffs Büro brachte jedoch die Werbung rechtzeitig und planmäßig in Gang. Trotzdem verlangten nicht Erholungsbedürftige in ganzen Scharen, wie sie dieser Kortüm in der Gegend herumführte, den genaueren Kostenanschlag, sondern nur einzelne Neugierige. Schon im vorigen Geschäftsabschnitt mußte das Büro feststellen: »Es könnte besser sein.« In diesem Jahre drohte offensichtlich ein weiteres Nachlassen. Gab es nicht mehr soviel erholungsbedürftige Herrschaften wie früher? Irgend etwas schien sich verändert, umgeschichtet zu haben – nicht außen; tief drinnen im Geklüft des Geldgebirges mußten die 684 Wasser anders laufen. Sie liefen. Liefen kraftvoll. Aber offenbar flossen sie nicht auf das Sanatorium zu. Doktor Langloff grübelte nach dem Irrtum in seinen Berechnungen. Der alte Kapitän grübelte nicht: »Sturm nimmt den Kapitän eines guten Segelschiffes nicht so mit wie Flaute. Windstille verbraucht die Nerven! Flaute, mein Junge. Also: Nerven.« Er begab sich auf seinen Spaziergang. Der Alte trat fest auf. Ruhig schritt er gradeaus, denn er konnte sich ja jederzeit auf seinen Besitz setzen. »Nur Ruhe. An die Substanz geht mich das noch lange nicht.« Der Kapitän hatte lange Jahre, Jahrzehnte, an seinem Besitz gemauert und gemörtelt und war nun über dieser Mühe zu alt geworden, um sich von seinem Sohn, dem Arzt, dem Naturwissenschaftler, die Antwort geben zu lassen: »Substanz, Vater, scheint aber etwas Lebendiges zu sein . . . merkst du's nicht?« Ahnungsvoll schweifte das Auge des Doktors über neue geheimnisvolle Ebben und Fluten im Meer der Gästeschaft. Finanzielles und geistiges Kapital machen freilich hiebfest wie Lindwurmblut. Aber man weiß: sobald die Philosophen erst ihr geistiges Kapital in Systemen mündelsicher angelegt haben, bewegen sie sich innerhalb der Grenzen ihrer Systeme; Kapitalisten sind selten Hasardeure. An materiellem Kapital hatten die Langloffs nicht wenig in dieses Sanatorium gesteckt; sie bewegten sich nun eben auch innerhalb ihres Betriebes. Das Sanatorium war ein solides Unternehmen. Daß es vorläufig umständehalber nur auf einen Pachtvertrag hatte gebaut werden müssen, verschlug nicht viel. Wie es um Herrn Kortüm stand, wußte alle Welt: »Höher hinauf kann er nun nicht mehr.« Schottenhaus, Flügelhaus, Waage, Echostube – mit Kortüms fünfter Verwandlung war bald fertig zu werden. Was redete man schon hinter seinem Rücken: er läse die Gäste bereits auf der Straße auf, brächte sie zu billigem Preis in seine Herberge, treibe ja beinahe unlauteren Wettbewerb. So rechneten die Langloffs, so logen die Zuschauer; Kapital und Bewegung standen einander gegenüber wie Gold und Geld – anscheinend das eine das andre erwirkend, in Wahrheit ringend auf Tod und Leben. Kortüm, der eben von einer Krankheit und einer Leichenrede genesene Kortüm, bewegte sich nach Anweisung seines Arztes Doktor Langloff mit anerkennenswerter Ausdauer weithin rundum im Freien. Monich sah mißtrauisch zu. Er kannte Kortüm genau. Stand es doch nicht so gut um seine Gesundheit, wie er immer sagte? Die Urlauber aber hatten einen wahren Schatz an dem solchermaßen beweglich gemachten 685 Kortüm gefunden. Er führte seine Gäste zu den schönsten Punkten der Umgebung und erzählte ihnen dabei unzählige Geschichten. Ja, eines Tages erkühnte sich Kortüm, das Flügelhausgelände an der Spitze seiner Schar zu betreten. Die Quelle zeigte er den Fremden, welche ja nun wieder aus einem Holzrohr floß vor der vermauerten Türe seiner ehemaligen Echostube. »Früher, meine Herrschaften, zu meiner Zeit, stand hier ein uraltes Götzenbild, der sogenannte Püsterich, dessen Besichtigung Sie oben auf dem Lohberghaus nicht versäumen wollen. Der Püsterich ist hohl. Ich benutzte ihn als Brunnenfigur. Das Quellwasser lief ihm zum Maul heraus. In grauer Vorzeit jedoch haben die Götzendiener Feuer in seinem Inneren angemacht. Er wurde unsichtbar von unten geheizt und die Flammen schlugen ihm zum Maul heraus – gewiß noch heute ein merkwürdiges Gleichnis auf den Menschen, meine Damen und Herren. Heute dient der Püsterich der Likörfabrikation. Er nähert sich also wieder seinem Urzweck. Das erzielte Destillat führt den Namen ›Püsterich‹ und hat sich seiner stärkenden Eigenschaften halber sehr aufgenommen. Der kleine Originaldestillierapparat genügt den Anforderungen nicht mehr. Wir verwenden deshalb eine moderne kupferne Doppelblase. Aber ich bin Alleinhersteller und bürge für stets gleichbleibende Qualität. Die Flasche stellt sich auf drei Mark fünfzig, der kleine Taschenflakon für Leidende, welche die stärkende Wirkung des ›Püsterich‹ auch unterwegs nicht entbehren wollen, auf eine Mark. Ich will Ihnen nun noch, meine Herrschaften, den eigentlichen Quellpunkt zeigen. Hier nebenbei, wo Sie die helle Stelle im Putz sehen, habe ich nämlich früher eine Tür besessen, welche in ein von mir bewirtschaftetes Lokal namens Echostube führte. Sie haben wohl schon von dieser Gaststätte gehört?« Während der Lohbergwirt die weiteren Einzelheiten erzählte, führte er seine Gäste um den Westflügel des Sanatoriums herum und stellte sie in der Mitte des Schottenhofes auf. Der Kapitän stand am Fenster des Speisesaales und sah sprachlos Kortüms Gäste an. Leise öffnete er das Fenster, um zu hören, was dieser Wirt so lange zu reden habe: »Alles das wirkt als Landschaft aus der Höhe betrachtet natürlich großzügiger. Man kann sich gar nicht oft und lange genug oben auf den Bergen aufhalten.« Kortüm reckte den Arm aus und wies in die Höhe. Der alte Langloff bückte sich, um der zeigenden Hand folgen zu können; genau dort oben lag das Lohberghaus. »Kundenwerbung? Das ist Gästediebstahl.« 686 Diebstahl . . . wie war das doch in dem alten Gleichnis von dem Gastgeber, der allein saß am gedeckten Tisch? Dieser Vortrag beschloß die Reihe der Kortümschen Führungen. Am folgenden Tage mußten die Urlauber abreisen. Den letzten Abend verlebte der Wirt im Kreise seiner Gäste. »Das hat mir hier gefallen«, sagte Herr Becker zu Herrn Kortüm, und Frau Vogel fügte hinzu: »Was es allens gibt!« »Ein Thüringer Gastwirt, meine Herrschaften, kann allerlei erzählen.« »'n Berliner auch«, antwortete Herr Vogel so schlagend schnell, daß Vogels und Kortüms Satz wie einer klangen. Nur Berliner saßen jetzt um Kortüm herum und bestätigten prostsagend mit der immer wachen, immer selbstbespöttelnden Sicherheit dieser Hauptstädter ihres Kameraden Lob aus Berlin. Kortüm sah Vogel forschend an: »Sie sind in der Gaststättenbranche tätig?« »Ich bin bei Schwarzkoppn. Former.« »Haha. Prost, Herr Vogel. Former. Das sind wir alle.« Der Mann von Schwarzkoppn schmunzelte: »Na? So acht Stündeken, auch mal zehne, un immer« – er machte mit den Fäusten die stampfende Bewegung des Sandeinformens – »immer wupp. Jawoll. Übermorgen um sieben is es wieder in Gang. Das staubt, Herr Kortüm, un macht 'n krummes Kreuze un is, was man ne Sache nennt.« »Kreuzschmerzen. Ja. Und Staub. Ganz recht. Als ich vor zwanzig Jahren hier auf die Schottenhöhe kam, stand ein Wegweiser da. Sonst nichts. Was Sie sehen, habe ich geformt. Hat auch allerlei Staub aufgewirbelt, und man faßte sich gelegentlich ins Kreuz und sagte zuweilen – verzeihen Sie, meine Damen! – ›verflucht und gottverdammt‹.« »Aber nu steht's da, un Sie sitzen mittenmang. Is ne feine Sache.« »Da sagen Sie schon wieder ›Sache‹, Herr Vogel. Das ist es eben, was Ihnen und mir Staub in die Kehle bläst und einen am Ende kreuzlahm macht: wir formen nicht Sachen und stellen sie dann weg. Was einer formt, wird er nicht los; das lebt, das zeigt auf ihn und ruft vor allen Leuten ›Vater‹. Dagegen hilft kein Ohrenzuhalten. Ihnen stellt es da ein Bein oder dort, ich weiß es nicht. Andre Leute kriegt es zu fassen vorne oder hinten: mit Titeln, Orden, Preisen, Geld oder mit 687 eingeschriebenen Briefen, Zahlungsbefehlen, Steuerpfändungen, Wechseln, Hypotheken, Zustellungen – jaja, Zustellungen aller Art. Wenn man sich darauf eingelassen hat, etwas in die Welt zu setzen, erschwert man sich die Verständigung mit seinen Nachbarn auf Erden.« »Is auch kein Spaß sowas«, nickte Frau Krause, deren versorgtem Gesicht anzusehen war, daß auch ihre Nachbarn manchmal anders wollten als sie. »Geht Ihr Laden nich?« fragte Frieback auf kurz und gut berlinisch. Kortüm rückte an der Halsbinde: »So so. Von Tag zu Tag.« »Von einem zum andern – na ja: das sagen wir auch, wenn wir in die Lohntüte gucken.« »Wir« – Kortüm hatte schon einmal ›Wir!‹ gesagt. Damals war eben die Sonne im Aufgehn gewesen und Doktor Windhebel hatte eine große Rede gehalten über Plasma und über Volk. »Wir«, sagte Kortüm und beschrieb heute wieder mit dem Finger einen Kreis um die Tafelrunde, in der er drin saß. »Überall dasselbige«, meinte Hofmann. »Unter uns bedeutet ›Wir‹ dasselbige«, antwortete Herr Kortüm.   Die dritte Richtfestrede In den letzten Tagen war die Ortsbezeichnung Berlin so oft im Lohberghaus ausgesprochen und auf Ansichtspostkarten geschrieben worden, daß sie sich Herrn Kortüm endlich unverlierbar eingeprägt hatte. »Isch Bankassi«, murmelte er, »es wird Zeit, in Sachen Haupt auf die Reichsbank zu gehen.« Er winkte Stannebein heran und sagte: »Wir verreisen, George. Aber zu niemand davon reden. Ich habe lange Jahre festgesessen und hatte es vergessen: man schweigt, wenn man auf Reisen gehn will. Ich erlebte kürzlich auf mehreren Abstechern Mißhelligkeiten, weil ich den Leuten sagte, wo ich hinwollte. Also Schweigen, George.« Heimlich packte Kortüm das Nötigste ein. In der stillen Mittagsstunde verschwand er mit Stannebein. Frau Wingen fand einen Zettel: »Geschäftsreise. In wenig Tagen zurück.« Wenn zwei weitgereiste Männer wie Kortüm und Stannebein in die Eisenbahn steigen, ist kein Zwischenfall zu erwarten. Sie führten wenig Gepäck mit sich, Kortüm hatte ausreichend Geld eingesteckt, das Wetter war klar und sonnig. Zur rechten Zeit kamen sie auf dem Anhalter Bahnhof an. In einer Stadt wie Berlin sieht sich niemand nach einem Herrn Kortüm um. Hier kommen ganz andere Reisende an, aus China, aus Lappland. Kortüm, ein gemessen einherschreitender Herr, machte vorläufig keinen Eindruck auf die ihm begegnenden Einwohner der Hauptstadt, eher noch der ihm mit dem Koffer in der Hand vorausgehende Diener Stannebein, welcher gröblich die Menge zerteilend seinem Herrn den Weg zum nahen Hotel bahnte. In der weiten Halle des Gasthofes blieb Kortüm tiefatmend stehen: »Es hängt mir noch an, George. Im Schottengelände war ich drüber weg, aber in dem Trubel hier merke ich es wieder. Ich gehe heute abend nicht aus. Aber wenn Sie sich Berlin ansehn wollen?« Stannebein nickte so zustimmend, daß Kortüm warnend den Zeigefinger hob: »George!« »Drei Dunkle. Sagen wir viere.« »Vier. Gut. Nicht saufen, George. Wo wollen Sie hin? Kennen Sie zum Beispiel –? Herr Ober!« der vorübereilende Kellner blieb stehen – »wo kann ich die Liste der abendlichen Vergnügungen einsehen?« »Bitte!« In einem Messingrahmen hingen die Zettel der Theater und sonstigen Schaustellungen. »Da wäre also«, begann Kortüm, »ja, hier hätten wir zunächst die Staatstheater . . . Oper: Götterdämmerung –« »Ach nee, Herr Kortüm.« »Augenblick . . . Schauspielhaus – Teufel! George!« – Stannebein versuchte mißtrauisch den Titel des Stückes zu lesen, aber Kortüm zeigte gar nicht auf einen Titel, auf einen Namen zeigte er. »Konstanze Schröter: George, ich gehe heute abend ins Theater.« »Lassen Sie mich das machen, Herr Kortüm. Denken Sie lieber an Ihre Gesundheit. Die Reise hat Sie mitgenommen. Gestern sahen Sie besser aus.« Kein Wort hatte Kortüm gehört. »Konstanze«, murmelte er, »Frau Schröter, die große Schauspielerin, meine Freundin.« Er wandte sich dem Herrn dieser Halle zu: »Portier, ich brauche unbedingt eine Karte fürs Schauspielhaus!« Der Herr in Rot und Gold blätterte gelassen in einem Heft, er telephonierte in der überlegen nachlässigen Art, wie Leute telephonieren, die sich in der Hauptsache fernmündlich verständigen. »Erstes Parkett?« fragte er dann. 689 »Vorderste Reihe«, antwortete Kortüm. »Nur noch achte Reihe. Guter Platz.« Kortüm war auch über diesen Platz glücklich. »Und Sie, George?« »Ich stehe halb elfe am Theater un hole Sie ab, Herr Kortüm.« »Sehr beruhigend. Dann weiß man, daß Sie keine Dummheiten machen.« Kortüm erkundigte sich noch rasch nach der Reichsbank, bat um Angabe der Sprechstunden in der Direktion und mußte sich nun beeilen, wenn er noch einen Bissen essen und den Anzug wechseln wollte. Stannebein speiste nicht im Hotel, verschmähte auch, seine kostbare Zeit im Bräukeller des Gasthofs mit Essen zu vergeuden. Der reisegewandte und durchaus ortskundige George eilte zur Stadtbahn, fuhr nach Haltestelle Holzmarkt, wo er in der Nähe des Spreehafens seit alter Zeit eine zwar nicht geräumige, aber sehr anziehende Gaststätte wußte, die nur für Landbewohner im Verborgenen blühte, Seeleuten wie Spreeschiffern jedoch wohlbekannt war. Die enge Straße hallte wider von den frohen Weisen, die aus dem Inneren des Etablissements schallten. Das Bier war vortrefflich. Streng genommen hatte Stannebein eigentlich Dienst, jedenfalls konnte er nicht mehr als vier ganze Dunkle trinken. Über die Schnäpse zwischen diesen dunklen Ganzen war jedoch zwischen ihm und seinem Herrn nichts Näheres vereinbart worden. Bier trank Stannebein vertragsmäßig, Schnaps nahm er nach Belieben zu sich. Die Musik donnerte und bummste, aber die Kapelle trug Matrosenjacken und die Mädchen waren so wenig zimperlich wie in anderen Hafenorten auch. Hier lebte sich's anders als in Besenroda. »Schwerenot, 's wurde Zeit, daß wir uns mal wieder auf die Socken gemacht haben.« Hier lebt es sich anders als in Esperstedt«, murmelte Herr Kortüm, als er an Marmor, Bronze und Spiegelglas hinwandelte, um auf seinen Parkettplatz zu gelangen. Bei ihm im alten Schottenhaus war ja auch ein Theaterstück aufgeführt worden, ein Festspiel sogar, freilich ohne Marmor und Bronze. »Wie mag sie nun in diesem Aufwand spielen?« Nach ihren ersten Worten wußte Kortüm: sie spielt so schön wie je. Konstanze hatte zu geben, und sie gab mit vollen Händen. Sie ist jünger geworden, dachte Kortüm. Als der Vorhang fiel und der Beifall aufbrauste, schwoll Kortüm 690 das Herz. Er regte keine Hand, rief nicht Bravo, saß ganz still; fast ein wenig zusammengesunken saß er da vor innerem Stolz: wenn diese beifalltobenden Leute wüßten, daß hier in Reihe acht auf Platz neunzehn ein Mann aus Besenroda sitzt, dem sie zu Weihnachten einen Strauß Veilchen geschickt hat! Er sah sich um, musterte das Publikum und sprach: »Gut gut.« Kortüm war zufrieden mit diesen Leuten. Sie spendeten unermüdlich Beifall. »In Berlin scheinen dankbare Leute zu wohnen.« Aber wie er sich auch umsah, er kannte niemand. Alles unbekannte Gesichter. Bis auf den letzten Platz war das Theater ausverkauft. Kortüms Blick glitt an der Gesichterreihe im zweiten Rang hin; im ersten, als er die Logenbesucher streifte, hielt er still – da war ein bekanntes Gesicht! Oder nicht? Der Mann saß im Halbschatten. Kortüm erhob sich und bat den Logenschließer um ein Opernglas. Er stellte es ein, schraubte, und im Glasrund stand der Kopf Klaus Scharts. »Er ist es doch. Ein wenig älter geworden. Ich kenne ihn noch als undeutlichen Menschen.« Kortüm schraubte, stellte schärfer ein – »Sieh da, aus Kindern werden Leute. Hm . . . und aus Leuten werden –« Es wurde dunkel. Der zweite Akt begann. In Stannebeins Hafenbar erreichte eben die dritte Nummer des Programmes ihren Höhepunkt. Goldbraun geschminkte und hier und da mit einer Papierblume bekleidete Mädchen führten Südseetänze vor. Der Hafenspielleiter hatte es leichter als sein Kollege am Gendarmenmarkt. Das Publikum nahm ihm die halbe Arbeit ab. Die Zuschauer sangen mit. Nur der fallende Vorhang verhinderte, daß die Gäste im Parkett den braunen Mädchen auf der Bühne auch noch tanzen halfen. Tabakrauch vernebelte den Raum, aber man fand sich. Lisette trank mit George aus einem Glas. Eben sang ein Fräulein auf der Bühne ›Das Elterngrab‹. Stannebein und Lisette wurden traurig und rückten einander näher – sie hatten beide keine Eltern mehr. Vor Kortüms Augen trugen in dieser Stunde große Schauspieler die Last des dritten Aktes über die Bühne. Der Theatermond schien sehnsüchtiger in eine Schlafstube mit schlichten gekalkten Wänden, als das wirkliche Gestirn flimmernd durch Fenstergitter zu tasten vermag. Eine Uhr schlug auf der Bühne, glockenhaft. Kortüm sah nur Konstanzes lächelnden Mund und hörte ihn sagen während der langsamen tiefen Uhrschläge: 691 »Solange der Erde Schwerkraft zieht Nach unten das Gewicht der Uhr, Treibt uns ihr Zeiger in Gottes Gebiet Über Menschenspur. Die Wolken ziehn heimlos durch blauenden Duft: Ihr Zeltdach wurde des Geistes Raub, Als Menschenwitz die blaue Luft Erkannte für besonnten Staub.« Die Falten des Vorhanges rauschten zusammen. Kortüm sprang auf, drängte sich durch die Leute, ging über Treppen und Gänge nach der linken Seite hinüber, wo Klaus Schart seinen Platz hatte. Die Loge war leer, als Kortüm kam. Er suchte Klaus in der Halle, auf den Treppen, vor dem Büfett. Nirgends war er zu sehen. Bei Konstanze mochte sich Kortüm in der Pause nicht melden lassen. Die Schauspielerin braucht die paar Minuten zum Ruhen, sagte er sich. »Aber ich werde sie nach Schluß der Vorstellung zu treffen suchen.« Das erste Klingelzeichen mahnte. Ermüdet eilte Kortüm nach dem Parkett, drängte sich vor den pünktlicheren Zuschauern auf seinen Sitz. Er hätte heute am Reisetag doch nicht ins Theater gehen sollen. Dem letzten Akt folgte er mit Mühe. Konstanze vermochte seine Unruhe nicht wegzuspielen. Zuweilen sah er nach der Loge hinüber. Der Platz Scharts blieb während des letzten Aktes leer. »Wie kann der junge Mann es über sich bringen, nach Hause zu gehn, wenn Konstanze Schröter spielt?« dachte Kortüm, »man muß morgen seine Adresse feststellen und ihm die Meinung sagen.« Nach Schluß der Vorstellung trat Kortüm an den Logenschließer: »Sagen Sie, wo treffe ich jetzt Frau Konstanze Schröter?« »Vielleicht am Bühnenausgang«, sagte der Mann eilig und half den Leuten in die Abendmäntel. Kortüm hätte ebenfalls Hut und Mantel nehmen und ins Hotel fahren sollen. Die Reise hatte ihn angestrengt, die Vorstellung bewegt, und das Suchen und Hasten brachte ihn vollends um die gewohnte Gelassenheit. Unbewußt drehte er am Stellrad des Opernglases und murmelte: »Bühnenausgang?« Kortüm ging ein paar Schritte im Strom der Menschen mit, ein paar Treppenstufen. »Der Bühnenausgang?« fragte er einen mit Damenmänteln beladenen Herrn. »Ums Haus rum natürlich«, war die kurze Antwort. 692 »Frau Schröter will ich nicht auch verpassen.« Er trat unter das Vordach des Haupteinganges, ging nach links, ging schließlich um das ganze Theater. Auf der rechten Seite sah er endlich eine offene beleuchtete Tür. Er musterte die Leute, die da herauskamen. »Ja, das sind Schauspieler«, sagte er sich. Erst kamen viele auf einmal, zerstreuten sich. Dann traten einzelne Damen und Herren heraus, wandten sich zu den Privatwagen, die in der Straße standen. Kortüm wartete . . . »Ich habe sie verpaßt.« Jetzt erschien noch ein großer stattlicher Herr, dahinter – das ist sie! Kortüm wollte herantreten. Aber gleich hinter Konstanze ging ein Mann – Schart! Klaus Schart nahm Konstanzes Arm. Sie blieb einen Augenblick stehen, atmete die Abendluft ein. »Frisch und gut«, sagte sie leise. »Warm und dunkel!« rief da dieser Schart, nahm ihre beiden Arme an den Ellbogen – es sah fast aus, als wollte der Mensch Frau Schröter küssen! »Was fällt dir ein?« lachte sie. »Die Nacht«, antwortete Klaus leise und sah sie an . . . »Komm«, sie lächelte – »nach Hause.« Kortüm sah Konstanze in einen Wagen steigen. Er sah Klaus das Steuer nehmen. Der Motor surrte leise. Das Auto fuhr an, glitt die Jägerstraße hinunter. Kortüm sprang vor, an die Bordkante. Das Schlußlicht blinkte jetzt zwischen anderen Lichtern, aber er sah es noch. Da klappte der rote Winker heraus. »Halt!« rief Kortüm. Der Wagen war verschwunden. Andre Wagen sausten die Straße entlang, andre Schlußlichter leuchteten, andre Autos winkten, verschwanden, wieder andre, unzählige, ein Strom. Kortüm wußte nicht, daß er ohne Hut und Mantel auf der Straße stand, nur das Opernglas in der Hand hielt und den Blick starr auf die Ecke Markgrafenstraße–Jägerstraße gerichtet hielt. Hinter Kortüm klappte eine Tür. Ein Schlüssel rasselte. Die Lampe über dem Eingang erlosch. Kortüm starrte auf die ferne Straßenecke; wie sie winkten! Wieder zeigte ein glühender Finger dorthin. Immer mehr Lichter . . . Der Polizist wurde schließlich auf den Mann mit dem Opernglas aufmerksam. Er schritt erst einmal nahe an ihm vorbei. Der Theaterbesucher sah gebannt auf die Markgrafenecke. Der Schutzmann blickte auch hin – nichts Besonderes zu entdecken. Er sah nun Kortüm an, trat zu ihm: »Haben Sie Ihren Hut in der Garderobe vergessen?« »Vergessen? Nein . . . nur belogen bin ich.« »Nanu.« 693 »Ja. Betrogen. Schart . . . am Abend vorm Maskenfest . . . mir ins Gesicht hinein gelogen?« Der Schutzmann griff nach dem Arm des Fremden. »He, Düwel un Ankerspill, Hallo!« Stannebein kam um die Ecke gerannt. »Da bin ich!« Kortüm rieb das Kinn. »Sie kennen den Herrn?« Der Schutzmann hatte sich an Stannebein gewandt. »Melde mir zur Stelle.« »Zeit wird's, daß Sie sich um ihn kümmern. Sehn Sie mal.« Kortüm rieb noch immer das Kinn. Der Beamte musterte die beiden. »Denn wolln wir wohl«, summte Stannebein im Ton der Südseemelodie. »Ah, George« – Kortüm erkannte Stannebein – »man singt. Die Veilchen, weißt du noch, als ich depeschierte? Du streutest Asche. Die Straße war glatt. Haha. Die Veilchen sind wohl aus ihrem Hochzeitsbukett gewesen.« »Asche, Herr Kortüm? Is richtig. Aber Hochzeit, Herr Kortüm?« Stannebein hatte doch ziemlich viel außervertragliche Schnäpse zwischen die Ganzen geschaltet. »Also nun reden Sie nicht mehr«, sagte der Beamte zu Stannebein, »und bringen Sie den Herrn nach Hause. Sehn Sie nicht?« Durch einen leichten Schleier sah Stannebein seinen Herrn an der Straßenlaterne lehnen. Das grünkalte Licht stand Herrn Kortüm gar nicht zu Gesicht. Grau sah er aus. »Da is es wieder« – Stannebein wurde nüchtern vor Schreck. Der Schutzmann winkte: »Auto!« Stannebein half Kortüm einsteigen. So leicht ging das nicht. Der Beamte mußte unter den anderen Arm greifen. »Hotel Exzelsior!« rief Stannebein durch die Glasscheibe. Kortüm hob langsam die Hand: »Anhalter Bahnhof.« Stannebein wollte dazwischen reden, aber der Schutzmann unterbrach ihn: »Bahnhof. Da haben Sie 'n Arzt. Nu man los 'n bißchen.« In wenig Minuten hielt der Wagen unter der Vorhalle des Bahnhofs. Der Fahrer und Stannebein führten Herrn Kortüm in den Warteraum. »Hier, 'n Schluck Wasser, Herr Kortüm.« »Nach Hause«, sagte Kortüm und schob das Glas weg. Der Fahrer war nach dem Bahnhofsarzt gelaufen. Ein Bahnbeamter betrachtete den 694 Kranken und fragte Stannebein leise: »Der Herr hat sich wohl hier in der Charité untersuchen lassen wollen?« »Nee. Bloß in die Reichsbank hat er gewollt.« »Wohin? Das is das Richtige für einen, der nich ganz aufm Damme is.« Der Arzt kam, untersuchte Kortüm. »Ja«, sagte er nachdenklich, »wir nehmen am besten einen Wagen. In die Dessauer Straße –« »Ich fahre nach Hause«, sprach Kortüm und richtete sich auf. »Sofort.« Der Bahnbeamte schüttelte den Kopf. »Der nächste Zug geht erst in anderthalb Stunden.« »George, ich fahre in anderthalb Stunden nach Hause.« Er gab ihm seine Brieftasche. »Nimm zwei Karten. Erster Klasse.« Die Ruhe des Sitzens hatte ihn ein wenig zu sich gebracht. Der Arzt zuckte die Schultern: »Warten Sie noch mit dem Kartenkaufen. Wir wollen sehen.« – Herr Kortüm war eingestiegen. Er lag mit geschlossenen Augen ausgestreckt auf den Polstern. Stannebein war völlig nüchtern geworden und murmelte vor sich hin. Der Arzt hatte Kortüm nur mit Bedenken fahren lassen. Kortüm hörte nicht, was Stannebein murmelte. Sehr hörenswert war das auch nicht – eigentlich nur eine lückenlose Kette von Seemannsflüchen brachte er zutage. Als nämlich der Zug Trebbin passierte, wollte Stannebein seinem Herrn die leichte Wolldecke auf die Füße legen, griff ins Gepäcknetz und bemerkte, daß sie als einziges Reisegepäck ein Opernglas mit sich führten, welches übrigens nicht ihnen, sondern dem Logenschließer an der Tür vor Reihe acht im Parkett rechts gehörte. Mantel und Hut hingen im Fundbüro des Theaters. Der Koffer stand im Hotel Exzelsior. Kortüm war schon einmal unter Zurücklassung des Gepäcks abgereist, aber damals als ein Sieger, als der Herr des Marktplatzes von Jena. Auf dem Gendarmenmarkt zu Berlin hatte sich heute nacht bei Kortüms Abgang kein Beifall hören lassen, kein Trompetenschmettern. Ein Schutzmann mußte bemüht werden, um Kortüm in den Wagen zu helfen. »George, in der Deckeltasche des Koffers, links, steckt meine Arzneiflasche. Bitte.« »Herr Kortüm . . . verdammig, den Koffer hab ich in der Aufregung vergessen. Wir reisen ohne allens.« »Ohne alles. So so. Wie der Mann in der Richtfestgeschichte. Die 695 hat mir der Klaus Schart geschrieben. Und Konstanze hat sie gelesen. Ja, es reist sich angenehm ohne alles, wenn es von Hause weggeht. Wenn ich aber ankomme morgen früh und sage: ohne alles – so ist das eine erbärmliche Rückkunft.« »Wir sind nicht vor Abend da«, tröstete Stannebein, »der Zug hat überall keinen Anschluß.« Kortüm war tief ermüdet. Er sinnierte weiter für sich: »Morgen abend? Was ist der Unterschied – einmal fällt der Schatten nach links, und dann fällt er nach rechts.« »Wir haben Mondlicht, wenn wir ankommen, Herr Kortüm.« »Mich fröstelt's«, sagte Kortüm. Stannebein zog seine Jacke aus und deckte seinen Herrn zu, wie sich's eben machen ließ. »Mondlicht . . . Ja, Windhebel sagt, Monduhren gäbe es nicht. Schade. Gerade wenn die Sonne fort ist, muß man zuweilen die Stunde wissen, in der man lebt.« »'s is gleich um drei, Herr Kortüm. Nich mehr lange, dann wird's hell.« »George, wenn wir ankommen, holst du mir gleich Monich herauf. Haha, der wird Augen machen, wenn ich ihm erzähle, wie sie Theater gespielt haben in Berlin.« »Was es da zu lachen geben soll für Herrn Monich, weiß ich je nu nich.« »Aber ich. Er wird sich über meine Grabrede freuen.« »Was – wird'r?« »Endlich habe ich den Schluß. Doktor Windhebel hat ihn nicht gefunden. Aber ich! Nimm einen Bleistift, George. Weißes Papier ist da in meiner Rocktasche. So. Nun genau nachschreiben, was ich sage. Also: – Punkt. Großes P und S, Stannebein. Das heißt post scriptum . Hast du's? Weiter: Eine Grabrede, liebe Trauergemeinde –« »Was soll ich schreiben?« »Schreib!« Kortüm wiederholte die Worte und fuhr langsam fort: »Eine Grabrede ist zugleich ein Richtfestspruch. Das Haus steht fertig. Wir haben es geschafft. Setzen wir denn den Richtkranz! Lange Bänder dran, fröhlich flatternd und schön bunt, liebe Trauergemeinde! Und sagen wir nun den dritten Richtfestspruch, den endgültigen! Ja, drei sind nötig gewesen. Der erste mißlang unserem lieben Entschlafenen. Der zweiten Richtfestrede aber fehlte bis zu dieser Stunde der Schluß. Nun ist der Schluß gefunden. Der Richtfestschreiber hat das Ende der Geschichte dem Bauherrn persönlich vorgespielt auf dem 696 Gendarmenmarkt – höchst sinnreich und sehr tief: du lebst, solang du baust. Solange du bauen kannst, bist du am Leben, denn wenn du's Haus verlierst und seine Türen sich dir schließen – die Steine her, Gebälk und Mörtel, du fängst neu an. Dann wieder neu. Und wieder neu. Du lebst und legst die Kelle nur beiseite . . .« Kortüm schwieg hier eine Weile, dann fuhr er fort: »– wenn du am Ende nicht mehr weißt, für wen du mörtelst. Wer die Freunde verloren hat, soll nicht mehr bauen. Denn sonst baut der ein leeres Haus, das widerhallt von seinen eignen Schritten. Dachdecker! Ans Werk. Deckt zu. Kortüm will seine Ruhe haben.« Stannebein steckte den Bleistift ein: »Nich'n Wort schreib ich mehr, Herr Kortüm. Jetzt liegen Sie ganz stille da.« Kortüm sah aus, als wollte er wirklich endlich Ruhe haben. Von den Ereignissen, die nun kamen, wurde nicht nur im Schottengelände gesprochen durch Jahre und Jahre. Das ganze Land horchte auf. Niemand vermochte die dunklen Vorgänge zu erklären, nicht einmal die Staatsanwaltschaft; die beiden einzigen Wissenden antworteten auf keine Frage. Aber auch mit seinem bisher letzten uns bekannt gewordenen Unternehmen verbreitete Herr Kortüm nichts als Segen und Wohlfahrt. Der »Besenröder Anzeiger« wurde eine vielgelesene Zeitung, wahrhaft fruchtbarer Anzeigenboden für Herrn Menger. Das »Esperstedter Tageblatt« hielt sogar das Hotel Exzelsior in Berlin. Brachten doch diese beiden Organe laufend die neuesten Gerüchte über Herrn Kortüm. Seine denkwürdigste Geschichte erzählte Herr Kortüm diesmal nicht behaglich unter der Palme im Konversationsraum auf dem Sofa sitzend, Rotwein schlürfend und Brasiltabak rauchend; er lebte dem Lande die unerklärbare Geschichte vor, und der weiße dänische Fünfmaster an der Insel Tristan da Cunha tief im Süden des Atlantik bedeutete wenig gegen Herrn Kortüm. Stannebein beklagte beim Umsteigen in Saalfeld und beim Aussteigen in Besenroda nicht mehr, daß der Koffer in Berlin geblieben war. Um Gepäck konnte er sich nicht kümmern. Die beiden 697 einzigen Stücke, das Opernglas und das Postskriptum der Grabrede, konnte er in der Tasche unterbringen. Seine freien Hände brauchte er für Herrn Kortüm, der sich jetzt ganz auf ihn verlassen mußte. Rasch und ohne Stöße brachte das Auto die Reisenden auf die Schottenhöhe. Jetzt hätte Kortüm die glatte Betonstraße gelobt, wenn er derlei Zusammenhänge noch beachtet haben würde. Aber noch war die Lohberghöhe zu überwinden. In Stannebeins Matrosenarmen spannten sich holzharte Muskelfasern. Sanfter als Sänften trug George heute nacht die Last den Berg hinauf. So kam denn Kortüm zuletzt heim ganz ohne Maschine. Zuallerletzt trägt den Menschen der Mensch. Die Haustür war verschlossen. Stannebein trat mit dem Absatz vor die Tür: »He! Hallo!« Stannebein trommelte an die Türe. Oben klappte ein Fenster. Lotte warf einen Mantel um, lief die Treppe herunter. Die Schlüssel rasselten, die Tür ging auf: »Lieber Gott.« Am Treppenabsatz stand Hedchen im Hemd und sah mit großen Augen, wie der große Herr Kortüm nach Hause kam. Im Schlafzimmer weinte der Junge. »'n Arzt holn«, keuchte Stannebein. Endlich lag Herr Kortüm auf seinem Bett. Ein unendliches Friedensgefühl durchströmte ihn; nun macht alle, was ihr wollt. »Gott sei Dank, daß wir keine Gäste haben«, dachte Lotte, fuhr in die nötigsten Kleider, trieb die Kinder ins Bett: »Gar nichts weiter ist. Herr Kortüm hat es bloß wieder auf der Brust. Gleich kommt der Doktor, und 's ist wieder gut.« Der Mond beschien den Lohbergpfad. Wie ein Vogelschatten huschte Lotte zwischen den Baumstämmen hin, abkürzend, so rasch sie konnte. Sie riß am Portal des Sanatoriums die Klingel. Zweimal. Dreimal. Es dauerte seine Zeit, bis der Hausknecht munter wurde. Zeit verging, bis er Licht und Schlüssel und Türe fand. Und Zeit verging, bis die Frau Doktor in ihrem Schlafrock erschrocken auf der Treppe stand: »Aber Frau Wingen. 's war doch schon wieder alles gut! Mein Mann? Ja, der ist in Esperstedt. Zu einer Entbindung.« »Bitte telephonieren Sie!« »Bei Rickelts ist er. Die haben kein Telephon. Er muß aber jeden Augenblick wiederkommen.« Wiederkommen . . . Lotte hatte den Tod und seine Lebensart kennengelernt. Sie rieb mit der Hand das Stück Treppengeländer blank, an dem sie sich festhielt. »Ich laufe selber hin«, sagte sie, »bei Rickelts in der Gänsegasse?« 698 »So schlimm ist es?« Aber Lotte war schon zur Tür hinaus. Mimi stand auf dem Treppenflur allein. Wer ist nun bei ihm? dachte sie. Niemand. Bloß der grobe Kerl, der Matrose. Aber ihr Mann mußte doch gleich kommen. Sie trat ans Flurfenster. Das Auto war in ein paar Minuten oben. Wenn er nur erst weg konnte von Rickelts! Im Mondlicht sah sie Frau Wingen das grellweiß beschienene Betonband entlanglaufen. Jetzt verschwand sie hinter den Tannen . . . Eine Viertelstunde verging. Sie weckte den Portier. »Kellert, Sie müssen sich anziehn!« rief sie durch die Tür. »Rasch! Aufs Lohberghaus. Herr Kortüm ist krank geworden.« Mimi holte auch Frau Wissel aus dem Bett, die Wirtschafterin. »Gleich, Frau Doktorn. Gleich.« »Und schicken Sie den Hausknecht zu Monich hinunter. Er soll zu Kortüm raufgehn. Vielleicht steht's schlimm mit ihm.« »Ehe die Leute in Gang kommen«, schalt sie und zog sich an. – Stannebein hatte das Licht eingeschaltet. Die Lampe blendete den Kranken: »Mach sie aus, George. Dort, den Leuchter.« Die Kerze brannte. Stannebein suchte nach Wasser. »Da haben wir's« – die Kanne war leer. Niemand hatte Kortüm heute zurückerwartet. Der Wasserträger fehlte eben einen Tag. »Da muß ich in die Küche.« »Nicht, George. Hole frisches.« In mächtigen Sätzen eilte Stannebein den Pfad hinab zur Quelle. Ruhe, hätte Kortüm gesagt, langsam, George. Es geht uns schon besser. Beinahe gut geht es uns. Ah, das eigne Bett. Kortüm sah ihn nicht laufen. Er lag still, ganz still, lächelte. Das Liegen im Halbdunkel beruhigte ihn. Der Atem begann die Sperre zu überwinden. Ganz fein erst, ein winziger Faden Luft, sickerte der Lebenshauch wieder durch den gequollenen Riegel in der Brust. Wieder ein wenig mehr Luft, noch tiefer, beinahe schöpft es voll . . . es wird, nur Ruhe. Schon die besorgte Hilfsbereitschaft rings um ihn beruhigte – da lief einer für ihn, dort rannte Frau Wingen. »Man ist noch nicht allein.« Seine Blicke glitten über die vertrauten vier Wände, über die Geräte, die ihn groß und glänzend im milden Kerzenlicht umstanden und sagten: alter Kortüm, wir sind da. In Gedanken ging Kortüm durchs Zimmer, an den Schränken hin. Wie hell geschabt die Schreibtischplatte; man hat manches gerechnet an dem Tisch . . . Sein Geist 699 war schon wieder beweglich. Er zog die Schublade in Gedanken auf: dort liegt das Bargeld, da die Verträge und – oh, hier haben wir das Testament und die Grabrede. Kortüm stützte sich auf den Ellbogen. »Das Testament ist gut, aber die Rede – wo hat George den Schluß der Rede hingelegt?« Kortüm richtete sich höher, sah sich im Zimmer um. »Das Papier muß in die Mappe.« Kortüm stand vorsichtig auf. Da lagen die Zettel zerknüllt. »George . . . ein braver Mann, aber der Sinn für Papier geht ihm ab.« Er bückte sich, wendete den Oberkörper. Plötzlich hatte Kortüm das Gefühl, als ob das Licht weiterrückte. Er drehte sich, das Licht drehte auch, Kortüm wollte ihm folgen, das Licht schoß in Kreisen um ihn herum. Kortüm griff nach der Kerze, griff fehl, schlug im Fallen beinern hart mit dem Kopf auf die scharfe Ecke des Tisches und blieb leblos am Boden liegen. Die Papiere flatterten über Tisch und Teppich. Dann blieben sie auch liegen. Der Flur im Lohberghaus war hell erleuchtet. Lotte und Stannebein hatten den Schalter auf Licht gedreht stehen lassen. Als Stannebein mit der Wasserkanne in das halbdunkle Zimmer kam, erblickte er im schwachen Kerzenlicht zuerst nur die weiße Papiersaat am Boden. Das Bett – – »Herr Kortüm!« Er sah ihn leblos liegen, riß den Leuchter vom Tisch, ließ den Schein auf Kortüms Gesicht fallen. Lange sah Stannebein in das Antlitz des Mannes, der ihn ins Haus genommen hatte, als ihm seine Heimat in einem künstlichen See ertränkt worden war. In solche ruhevollen Gesichter hatte der altgediente Matrose schon manches Mal gesehen. Er stellte langsam das Licht auf den Boden. Er faßte Kortüm, hob ihn – Kortüm war plötzlich so schwer, daß Stannebein ruckte und alle Kraft zusammennehmen mußte. Er legte Kortüm auf das Bett. Draußen klangen gedämpfte Stimmen. Geschäftig wollte Mimi ins Zimmer treten. Hinter ihr hob Kellert den Kopf, um was zu sehen. Frau Wissel drückte sich in der Tür an der erschrocken stehen gebliebenen Frau Doktor vorbei: »Ach . . .« »Wenn 'n Doktor so spät kommt«, sagte Stannebein. Frau Wissel hob den Leuchter, Mimi trat ans Bett. Sie sah Stannebein an, aber der Kerl stand wie ein Klotz, den Mund vorgeschoben, rührte sich nicht. Die Doktorsfrau winkte den Leuchter näher, blickte Kortüm in die weitoffenen Augen, sie faßte auch nach dem Puls, stand eine Weile unbeweglich. Dann trat sie zurück. »Nun kommt er zu spät« – sie senkte 700 ihren Kopf ein wenig auf die Seite und faltete die Hände. Kellert und die Wissel starrten schweigend den Mann auf dem unordentlich zerwühlten Bett an. Dann falteten sie auch die Hände. Das Licht flackerte. In der Stube war Totenstille. Stannebein schob langsam die Fäuste in die Hosentaschen. Die Haustür schlug. Schritte. Ächzend tappte jemand auf Filzsohlen die Treppe hoch. Man hörte Monichs Stimme knurren: »Verdammte Reiserei, verdammigte. Nu geht's wieder von vorne los.« Jetzt hatte er den oberen Flur erreicht. Die Tür ging auf. Ohne Kragen, in Hausschuhen, den Rockkragen hochgeklappt, erschien Monich im Türrahmen. Helles Licht flutete herein. Monich blieb auf der Schwelle stehen, zog verdutzt die Tür hinter sich zu, sah von einem zum andern. Er trat einen Schritt ins Zimmer, erblickte Kortüm. Monich sah Mimi an . . . sie nickte nur ein paarmal langsam mit dem Kopf. Monich stand eine gute Weile unbeweglich. Dann setzte er sich auf den Bettrand. Keiner regte sich. »So hast du dir das gedacht, Kortüm . . .« Er fuhr mit seiner Hand über Kortüms Hand. Knöpfte den oberen Knopf an Kortüms Weste zu, alles ganz langsam. Mit Schweigen ging wieder eine Zeit hin. Die Frau Doktor tauchte ein Handtuch in das kalte Wasser, faltete das Tuch und legte die Kompresse auf Kortüms Stirn. Monich sah in Kortüms Augen und schüttelte den Kopf. Mimi seufzte: »'s ist doch was getan.« Zu ihren Leuten sagte sie leise: »Wartet, bis mein Mann kommt. Räumt draußen ein bißchen auf.« Sie ging. Frau Wissel begann, die Papiere aufzulesen. Ein weißes Blatt nach dem andern verschwand vom Fußboden. Stumpf sah Monich zu. Die Frau ging nicht gut um mit dem Papier. »Weg da, Wisseln!« Monich nahm ihr die Schriftstücke aus der Hand. »Seht draußen nach. Wer hat'n den Schrank aufgerissen?« Er bückte sich nach den Papieren. Die Wissel und Kellert gingen auf den Zehenspitzen hinaus. Monich blätterte in den Schreibereien, ohne Buchstaben zu lesen: »Kortüm . . . gucke mal; was er sich alles aufgeschrieben hat . . .« Wieder saß er eine Weile auf der Bettkante und sah seinen Freund Kortüm an. Er schüttelte nur den Kopf von Zeit zu Zeit. »Stannebein!« George gab einen Laut des Verstehens von sich. 701 »Stannebein, gib mir seinen Schreibtischschlüssel her. Wer weiß was das für Papiere sind.« Stannebein schluckte erst ein paarmal, dann suchte er in Kortüms Tasche den Schlüsselbund. Monich öffnete den Tischkasten, aber er legte die Papiere nicht hinein. Mit großen Augen nahm er den obenauf liegenden Brief heraus und las halblaut: »An August Monich. Sofort öffnen im Falle meines Todes. Kortüm.« Nach allen Seiten wendete er den Brief: »Je ja . . . Stannebein . . . hat'r noch was gesagt?« Der Diener zuckte die Schultern: »Ich habe Wasser unten geholt und hab'n dann so gefunden. Auf dem Fußboden. 's letzte, was er zu mir gesagt hat, eh' ich ging, war: Hole frisches.« »Frisches« – tief seufzte Monich auf – »Stannebein, 's is nich viel mit uns. Da lebt einer un lebt, un auf einmal, wenn er an nischt denkt . . . hm. Stannebein, aber warum man lebt? Je.« Der Matrose schloß Monichs unvollendete Betrachtung über das Leben mit einem halbzerdrückten Matrosenwort. Monich sah ihn betrübt an: »Stannebein, schämen Sie sich.« »Nee.« Sie schwiegen. Dann begann Monich wieder: »Da sitz ich. Un da liegste, Kortüm. Un was hab ich? 'n Brief . . .« Wieder verging eine Zeit. »Stannebein, ich rede gerne mal ein Wort. Aber ich kann keins mehr reden. Nich eins. Nu gefällt mir's auch nich mehr.« Er stand auf, ging Schritt für Schritt zur Tür. »Ich komme nachher wieder rauf.« In der Tür drehte er sich noch einmal um. »Je, was hab ich 'n nu? Den Brief hier hab ich. Sein Sie stille, Stannebein. Sagen Sie nischt.« Monich ging und redete vor sich hin: »Nee. Nee, ich sage nu nischt mehr. Kein Wort. 's is je alles . . . Je.« Am Schottenhang, wo die ersten Besenröder Häuser anfangen, steht eine Bank. Monich setzte sich. Die Ilm plätscherte und gurgelte leise hinter den Erlenbüschen. »'ne warme Nacht. Welchen haben wir'n heute: 'n dritten. Je, Monich, das hast du dir am zweiten nich denken können.« Monich begann die erste längere Unterhaltung mit sich selbst in seinem Leben. Die Anworten, welche die Ilm gibt, der Morgenwind oder ein 702 Grashalm, genügten wohl dem Herrn Kortüm. Monich hörte diese Antworten auch, aber er verstand sie nicht. Und Kortüm übersetzte sie ihm nicht mehr. August Monich ließ den Kopf hängen und sah die Erdkrümel an, scharrte sie ein wenig mit der Schuhsohle auf – diese schwarzkrümelige fruchtbare Erde, die Leben verschlingend das Leben gebiert, dem Tod antwortet mit Geburt. Auf dem engen Flur im Hause des Gemüsehändlers Rickelt stand Lotte Wingen. Sie hatte schon zweimal an die Wohnstubentür geklopft, und zweimal hatte sie Rickelt angefahren: »Ja doch.« Die Küchentür ging auf. Ein Mädchen lief mit einem dampfenden Wassertopf die Treppe hinauf. Die Hebamme rannte mit Tüchern. Jetzt faßte Lotte die Frau fest am Arm: »Frau Lämmel, is denn nun der Doktor bald fertig?« »Bei uns geht's heute auch um Leben un Tod, Frau Wingen. Laufen Sie doch zu Doktor Stemmlern.« »Der is ja über Land auf Praxis!« »Je lieber Gott, so is es mitm Menschen. Einer kommt, einer geht.« Verzweifelt setzte sich Lotte auf die Holztruhe im Flur. Sie stand wieder auf und ging hin und her. Dann stieg sie ein paar Treppenstufen hinauf, horchte, kehrte wieder um auf halbem Weg. Sie öffnete die Haustür. Alles dunkel und still draußen. Die Standlampen des Langloffschen Autos beleuchteten schwach ein Stück leerer Straße. Kein Mensch zu sehen. Oben schrie ein Kinderstimmchen, ein hilfloser Tierlaut. Quälende Unruhe trieb Lotte von der Straße in den Flur und wieder auf die Straße. »Eins kommt, eins geht«, flüsterte die Frau vor sich hin. Sie sah am Haus hinauf. Dunkel die Fenster. Die Schlafstube lag auf der Hofseite. »Lieber Gott, es jammert, wenn's in die Welt kommt und wenn's mühsam sich wieder losmacht.« Monich hatte nicht den Trost des ewigen Zuges vor Augen, des scheinbaren Kommens und Gehens – wie auf der Bühne verschwinden sie links und kommen rechts wieder herein. Der endlose Zug, Lamento mit Kränzen und Reden links, Geburtstagswünschen und Blumensträußen rechts. Monich saß auf der Bank, kein Menschenlaut, kein Tierlaut in dieser Stunde. Selbst die Blätter regten sich nicht. Die Nacht war warm. Es fiel kein Tau. Hier fragte den Monich wenigstens keiner, ob es denn wahr wäre. Ganz allmählich nur wurde ihm klar, was geschehen war. »Nee nee, nu mach' ich mich am besten auch 703 marschfertig«, murmelte er, stand auf und setzte sich wieder hin. »Die Zeit geht hin. Wie sie hingeht . . . Als Kortüm zum erstenmal in meinen Laden kam, das war in dem Jahre, als sie die Ilmbrücke bauten – da kam er un fragte, wem das Land da oben an der Esperstedter Straße gehörte, un wie er da groß auftrat, un ich ihm antwortete: so einfach is das hier nich. Da kann man nich bloß die Brieftasche rausziehn un die Tausendmarkscheine aufblättern. Je ja . . . die langen Jahre.« Monich ließ dieses ineinandergewickelte verknotete bunte Garn der Erlebnisse ablaufen wie ein Knäuel, bis er die leere Spule sah. »Un was übrig is, das bin nu ich.« Er sah den Brief in seiner Hand an. Zum Lesen war es zu dunkel. Was da wohl drin stand? »Hat Zeit«, dachte Monich, »nu hat ja gleich alles Zeit für Kortüm. Nu eilt gleich nischt mehr. Nu können auch die Leute reden, nu können sie sagen, was sie wolln, nu laß ich sie ruhig zu Worte kommen.« Nur einen ließ Monich nicht zu Worte kommen, ehe er den Brief öffnete in dieser Nacht: den Doktor Langloff. Der war ja auch immer noch in Rickelts Wohnstube. Die Ankunft des kleinen Esperstedters verwirrte den Abgang des großen Kortüm heillos. Nur billig war es, daß der Vater Rickelt vier Wochen später seinem Sohn in der Taufe die Vornamen Friedrich Joachim gab. Aber der ungefragte Pate lag auf dem Bett mit steinernem Gesicht, und wer so weit ist, dem genügt ein Heilgehilfe vom Schlage Stannebeins. An kalten Kompressen ließ er es nicht fehlen. Was sollte er auch tun . . . ganz allein. Mit dem tropfenden Tuch in der Hand stand er still, verwünschte den Doktor nicht mehr, warf das Tuch klatschend in die Ecke. »Laß . . .« Er sah Kortüm an. Das Licht flackerte, sonst hätte er geglaubt, das Augenlid Kortüms zuckte. Er drehte das große Licht an. Nein. »Die Doktors«, knurrte er. Wo sind sie, wenn man sie braucht? Na ja, an Bord hatten sie auch keinen gehabt. Wenn einer so dalag – Zähne auseinander, Zunge raus, mit den Armen pumpen, so wurde es ihnen beigebracht auf der Seemannsschule. Stannebein horchte nach der Treppe. Nein, das waren die beiden draußen beim Aufräumen. Was bloß die Wisseln zu kramen hat mit dem Kellert. Der Doktor kam nicht. »Nee«, sagte Stannebein, »die Zähne auseinander.« Manchmal hat das geholfen. Nun die Zunge raus. Mit dem Bettuchzipfel ging's. Stannebein war nicht zaghaft. Und nun den einen Arm über den Kopf heben. Zurück. Den andern hoch, zurück. Im Takte, wie eine 704 Maschine. Besser als danebenstehn und nichts tun. Die Minuten rannen hin. »Was das Pack da draußen zu schwatzen hat«, murrte er im Takte. Der Schweiß trat Stannebein auf die Stirn. Immer weiter, im Takte. »Da sind bloß Männerkleider drin«, hörte er die Wisseln draußen sagen. »Jetzt schmeiß ich sie naus«, sagte Stannebein, ließ Kortüms Arm los; da sah er, daß die Zunge in Kortüms offenem Munde sich ein wenig krümmte, der Mund ging langsam zu, öffnete sich einen winzigen Spalt breit wieder. Stannebein fuhr mit dem Kopf vor, starrte nahe in Kortüms Gesicht. Das war wie ein Hauch. Manchmal kommt das aber von selber, ohne Leben . . . nein Kortüms Westenknopf hob sich, senkte sich. Mit einem Schwung über das Bett kniete Stannebein über seinem Herrn, drückte die stopplige Wange an Kortüms Gesicht . . . Kortüm atmete. Jetzt schloß er die Augenlider. Nach einer Weile legte Kortüm den Kopf auf die linke Seite, wie er im Schlafen lag. Auf dem Kissen war ein Blutfleck. Stannebein fühlte: bloß vom Schlag auf eine Kante. Wie eine Katze sprang der vierschrötige Matrose vom Bett. Den Lappen – die Wasserkanne war leer. Er riß die Türe auf: »Kellert! Hol frisches Wasser. Aber los, he.« »Nu nu«, sagte der Portier. Die Tür schlug zu – der Matrose hatte keine leichte Hand. Kortüm öffnete die Augen, die Lider zitterten. Stannebein drehte den Schalter. Das milde Kerzenlicht hüllte mehr ein, als es beleuchtete. Es sah fast aus, als ob Kortüm lächelte. Nein, er verzog nur den Mund. »Der Kerl bringt gleich frisches Wasser«, versuchte Stannebein zu flüstern in seinem Knurrbaß. »Ich gehe nich noch 'nmal«, setzte er hinzu. Hatte Kortüm das verstanden? Er blickte Stannebein mit klaren Augen an. Er drückte ein paarmal den Kopf ein wenig nach hinten. »Weiß schon« – Stannebein schob noch ein Kissen unter den Kopf. Aber Kortüm schien noch nicht zufrieden. »Noch höher?« Herr Kortüm saß fast im Bett. Und jetzt öffnete er den Mund und holte Atem. Tief. Immer wieder. Er zeigte nach dem Fenster. Stannebein riß es auf. Die kühle Luft der letzten Nachtstunden strömte herein. Kortüm saugte sie in sich. »Meine Tropfen, George. Dort.« »Er red' . . .« »Auch das andere Fenster«, sagte Kortüm und richtete sich höher. 705 Auf dem Flur draußen war eine Frauenstimme zu hören: »Nu wart ich nich länger, Kellert.« »Rufe Frau Wingen herein, George.« »Die is in den Ort 'nunter nach dem Doktor gelaufen. Da draußen, das is die Wisseln.« Man hörte die Frau auf dem Flur fragen: »Ham Sie'n 's Wasser geholt?« und Kellerts Antwort: »Wozu 'n? Kortüm braucht keins mehr. Un der Matrose kann sich 's selber holn.« Stannebein machte eine jähe Bewegung zur Tür, Kortüm hielt ihn am Arm: »Laß. Es ist schön, wieder reden zu hören, George.« Aber die Frau auf dem Flur draußen sprach schon weiter, gedämpft, doch jedes Wort verständlich: »Kommen Sie denn nu mit, Kellert?« »Je«, antwortete der Portier, »gucken Sie bloß. 's steht viel rum in der kleinen Holzbude hier oben. Wie vollgestoppt. Was denken Sie'n, Frau Wisseln, wer das nu 'nmal kriegt?« »Aber Kellert, wer denn wohl! Die Frau Doktern.« – »Alles? Hm. 'n schöner Schrank. Grade so ein' könnt ich brauchen.« – »Die Doktern hat je selber 's Haus voll. Vielleicht verauktioniert sie's.« – »Täten Sie mit bieten, Frau Wisseln?« – »Wissen Sie, Kellert, ich bin eben so 'n bißchen rumgegangn im Hause. 's is manniches hier. Haben Sie das Porzellan angeguckt?« – »Im Buffet? Nee.« – »Der Schlüssel steckt. Gucken Sie mal nein. Sehn Sie mal hier das Muster mit den Rosen.« – Man hörte Kellert leise durch die Zähne pfeifen und nun sagen: »Nehmen Sie das etwa mit?« – »Nu mit, Kellert, ich will mir's unten nur 'nmal 'n bißchen in Ruhe ansehn.« – »Da kann ich aber nur sagen: die Kledasche hier vom alten Kortüm un die Unterwäsche, wie aus'm Laden, sehn Sie? Die tät ich mir gönnen.« – »Kellert, ins Grab nimmt keiner was mit.« Die Tropfen hatten Kortüm etwas geholfen. Was ihn aber gestärkt hatte in seinem Leben von je, das war der Zorn. Während der Zwiesprache der beiden Menschen da draußen, die eine Musterung seines Eigentums vornahmen, richtete er sich immer höher auf. Kortüm sah im Geiste eine große niedrige Stube, einen Mahagonitisch, rauchende Menschen, die anfaßten, beschmierten, was einem Toten heilig gewesen ist. Kortüm schüttelte den Finger im Ohr, es rauschte so – war das wohl das gröhlende Lachen in Erdmuthes alter Stube? Nein, das Blut rauschte. »George –« »Jetzt schlag ich'n die Zähne in die Fresse –« »Still, horch, George!« 706 Vom unteren Flur herauf war die leise Frage der Wissel zu vernehmen: »Kellert, haben Sie'n nich 'n Korb gesehn? Oder 'ne Pappschachtel?« »Hilf mir aufstehn, George.« »Hinlegen, Herr Kortüm. Ich mache's schon. Momentchen. Jetzt sollen Sie Ihre Freude haben. Die beiden brechen alle Rippen im Nausfliegen.« Kortüm winkte nur mit der Hand: »Laß die. Lohberg, Gendarmenmarkt – was ist der Unterschied? George, ich will nicht mehr.« Er legte sich in die Kissen zurück, schloß die Augen. »Nich aufregen, bloß nich wieder aufregen!« Kortüm lächelte: »Nein, George.« Er lag eine Weile ruhig, atmete tief. Dann sagte er: »In meinem Schreibtisch links, die Mappe –« Kortüm unterbrach sich. Man hörte Kellert und die Wissel auf dem Flur gehen. Jetzt schlug die Haustür. »So, Freund« – er blieb ruhig liegen, atmend, die Augen geschlossen – »die sind fort, das Haus ist sauber. Hast du die Mappe?« »Die hier?« Kortüm blätterte die Papiere nach, nickte. »In dem Fach liegt ein Doppelschlüssel . . . das ist er. Schließ das Stahlkästchen auf, hinter den Ordnern steht es. So. Gib mir das Geld her.« Kortüm barg die Scheine in der Brusttasche. »Und meinen Paß, George. Deine Papiere liegen im Fach drunter. Steck sie ein.« Kortüm richtete sich wieder hoch, verwahrte die Papiere in der Mappe: »Die Mappe trägst du.« »Herr, wollen Sie sich den Tod richtig holen?« »Hilf mir auf.« »Nee!« »Unterm Arm anfassen. So. Es geht. Haha. Nun faß wieder an. Komm.« Kortüm konnte sich auf Stannebein gelehnt ganz gut forthelfen. »Herr Kortüm, ich lasse Sie jetzt los!« »Die Treppe ist nicht gut gebaut. Faß fester. Ist ja nichts. Bin nur gefallen. Unglücklich gefallen. Nein. Nicht unglücklich. Glücklich, George! In Berlin traf's böser. Hier war es nur die Tischkante. Und die Leute, die erben wollen. Was liegt da? Mein brauner Rock. Den haben sie verloren. Laß ihn liegen. Komm.« Sie standen vor der Haustür. »Hast du den Schlüssel? Ach so . . . Frau Wingen. Laß auf. Komm.« Den Lohbergpfad hinunter ging es schwieriger. Kortüm setzte sich 707 zum Ausruhen auf einen Baumstumpf. »Laß, George« – er klopfte sich auf die Brust – »die alte Barkasse hält noch viel aus. Nur nicht außer Atem kommen.« »Aber, Herr Kortüm, der Doktor kann doch in jeder Minute da sein. So verfehlen Sie ihn erst recht.« Kortüm machte sich wieder auf den Weg. Der erste Frühwind rauschte wühlend durch die Wipfel. »Zum Arzt will ich, hast du gedacht?« – Kortüm blieb stehen – »George Stannebein, dir haben sie Haus und Heimat unter Wasser gesetzt. In deiner Mutter Wochenstube schwimmen jetzt Hechte. Hast du's huschen sehen um meinen Lohberg die Nacht? Ich will nicht mehr hier. Die Gäste gehn zu Ende. Übrig sein zum Schluß mag ich nicht. Auch nicht mit Veilchen in der Hand. Das steht uns nicht zu Gesicht, George. Und geplündert schafft sich das Tagewerk nicht gut. Hast du sie erben hören hinter der Türe? Aber die kamen doch zu spät. Ich bin schon auf dem Gendarmenmarkt versteigert gewesen. Zum ersten, hat der Auktionator gelogen vorm Jahr, als ich ihn nach Frau Schröter fragte. Zum zweiten, die Veilchen haben keine Wurzeln. Und zum dritten – ich habe keine Gäste mehr. Komm.« Nach wenig Schritten blieb Kortüm noch einmal stehen: »Siehst du den Kirchturm da unten? Da wohnt Monich. Zu dem sagte ich gerne noch: ›Jawohl, alter Freund, haha.‹ Aber dann käm' ich nicht fort. Es wird Zeit. Der Himmel graut schon.« Kortüm ging an Stannebeins Arm den Außenweg hinter dem Schottenhof entlang, dann ein Stück auf dem Waldpfad an der Betonstraße hin. Nun bog er in den Weg mit den Ruhebänken unter den jungen Eschen ein. Am Ende blieb Kortüm stehen und zeigte auf eine Tafel: »Kannst du's lesen?« So viel Licht gab der Frühdämmer eben her: »Kor–tüm–weg«, entzifferte Stannebein. »Da!« – er zeigte wie die hölzerne Weiserhand – »da geht er hin. Weite Wege. Aber wir sind sie gewohnt, George.« Monich hatte auf seiner Bank gedacht: nun lasse ich sie ruhig zu Worte kommen. Der erste, welcher eine andre Meinung hatte als Monich, war Bilmes. Er stellte den Rechen zur Erde, als er Monich zu dieser frühen Stunde in Filzschuhen und ohne Kragen auf der Bank sitzen sah; er zog aus der Hosentasche ein Birkenholzbüchschen, entnahm ihm eine Prise und sagte: »Nanu. Schönen guten Morgen.« 708 »Je ja, Bilmes.« »Was denn: jeja?« »Wissen Sie's schon?« »Ich komme doch eben erst ausm Bette. Kommen Sie etwa nich ausm Bette?« »Na, da sin Sie der erste, der's weiß. Kortüm is tot, Bilmes.« Nach längerem Schweigen schüttelte Bilmes den Kopf: »Nee.« Monich stützte die Ellbogen auf die dicken kurzen Beine und sah vor sich hin. »Nee!« wiederholte Bilmes. Monich seufzte und ließ den Kopf tiefer hängen. Bilmes schüttelte immer nur den Kopf. »Ich komme je eben von ihm her, Bilmes.« »Wenn Kortüm gestorben wäre die Nacht, hätt' ich was gemerkt. Ich seh 'n lebendig.« Monich hätte sich seine Wissenschaft gerne abstreiten lassen. Bewegt sagte er: »Sie sin 'n Spintisierer un Phantaste, Bilmes. Wenn – wenn Sie's besser wüßten, ach Bilmes – –«. Der Satz blieb unvollendet. Monich stand kurz auf, ging auf die Häuser zu und an Hankes Zaun hin. Das Leben des neuen Tages kam in Gang. Die Fensterladen klappten auf. In der Ferne dengelte jemand die Sense. Der erste Wagen polterte vorbei. Auf Hankes Werkplatz pickte ein Hammer. Monich trat an die Weißdornhecke. »Noch munter, Monich, oder schon?« rief Meister Hanke und lachte, daß die Straße hallte. Monich sah ihn an und nickte nur langsam mit dem Kopfe. Hanke trat über den Grabstein weg, an dem er meißelte, und kam an den Zaun: »Was hast'n?« »Vor 'n paar Tagen haben wir alle beide auf Kortüm seine Gesundheit getrunken . . .« Hanke schmeckte mit den Lippen: »Is es ihm gut bekommen?« »Besser als mir vielleicht.« »Fehlt dir was?« Monich holte Atem: »Ja, Hanke . . . Kortüm fehlt mir, seit heute nacht.« Monichs Ton und Blick sagten mehr als das Wort. »Aber Monich.« »Je, Hanke, nu kannst du anfangen.« »Kortüm is –« »Tot, Hanke.« »So schnell is es gekommen? Siehst du, Monich, ich habe für sowas 709 das Gefühl. Aber nu komm nur erst einmal rein. Wie is'n das so plötzlich gekommen?« Er öffnete die Lattentür. Hanke kam ja beruflich nur mit Hinterbliebenen zusammen. Er war im ersten Augenblick von Monichs Nachricht betroffen, weil er vor ein paar Tagen Herrn Kortüm noch frisch und rüstig die Straße hatte entlanggehen sehen, aber Hanke kannte ja die vielen Formen des Todes alle – den kurzen, den langen, den blitzhaften, den gesunden, den sinnlosen, den grausigen, väterlichen, mütterlichen, den pfiffigen Tod. Die unzähligen Masken des großen Verwandlungskünstlers waren dem Meister des Grabmalgeschäftes und Inhaber eines reichhaltigen Sarglagers im Laufe langer Jahre vollzählig bekannt geworden. Er fand sich rasch ins Leben zurück und sagte zu Monich, der wie aus dem Schlafe gerissen auf einem Grabstein saß: »Nu gucke mal. Da hat er sich aber schnell fortgemacht. Was nehmen wir denn nu da?« »Je . . .« Monich zog Kortüms Brief aus der Rocktasche. »Hier muß alles drinnestehn. Er hat mir einmal gesagt: Monich, ich schreibe alles genau auf. Du weißt je, Hanke, er schrieb doch immer alles auf. Je. Das hier . . . hm, das les' ich zu Hause.« »Wenn du's hier lesen willst, Monich – ich bringe dir 'n Stuhl. Lies ruhig, Monich.« »Nee, Hanke. Zu Hause. Aber hier kommt was . . . Grabrede, nee, dabei kann's auch nich sein. Is das aber lang! Hier kommt's. Hier haben wir's. Siehste, da steht's. Gucke mal, das hat er noch selber geschrieben.« Monich ließ den Zettel sinken und starrte vor sich hin. Hanke kannte aus seiner Geschäftspraxis diese jähen Trauerstöße, er wartete taktvoll. »Was hilft's denn, Meister . . . also, lies mit: Ein Meter fünfzig hoch. Ganz glatt. Keine Verzierung. Bloß Inschrift. Un die heißt – schreib dir's auf, Hanke: ›Hier ruht‹ – nu die zweite Zeile: ›Friedrich Joachim Kortüm.‹ Nischt weiter. Aber so was, Hanke. Auch kein Datum. Je . . .« »Das woll'n manche so, Monich. Jeder hat da seinen Geschmack. Aber das mit dem Stein, das paßt. Sieh dir 'nmal den an. Is das nich 'n schönes Steinichen? Steht er nich da wie aus der Erde gewachsen? Kein Untätchen dran. Un ich brauche dir bloß die Buchstaben neinzukloppen, und fertig is er. Vom Lager weg is immer eine glatte Sache. Du weißt, was du kriegst.« »Der Stein is gut, Meister« – Monich seufzte und stand auf – »aber daß du 'n setzen mußt, das is nich gut. Na, mach's gut, Hanke.« »Nu, Monich, wart 'nmal. Da is noch mehr zu reden. Der Stein 710 kostet ohne Fundament, frei Lager, mit Inschrift vergoldet hundertachtzig Mark.« »Gut, Meister.« Monich griff nach der Türklinke. »Nee, Monich, wart 'nmal. Da is doch auch noch der Sarg. Wie willst du's denn mit dem machen?« Auch über den Sarg wurden sie einig. Hanke redete ab von der gewöhnlichen Dutzendware: »Ich sage dir, Monich, das sin heute die reinen Spanschachteln. Das is nischt für Kortüm. Nimm einen soliden. Auf die paar Mark kommt's nu auch nich an, un du kriegst was für die Dauer. Du hast was für dein Geld. Ich sage immer zu meiner Kundschaft: reell is reell, sage ich. Ich habe grade kein Muster davon im Laden. Aber bis heute abend is er an Ort un Stelle. Beschläge sind da dran, Monich! Die Griffe haben zwei Löwenköpfe, un an der Seite Palmwedel, alles auf Silber lackiert – du hast deine Freude dran. Was kann man denn für seine Entschlafenen noch tun? sag ich immer. 'ne anständige Leichenausstattung kaufen.« »Gut, Hanke, wir machen's denn so.« Auch über diesen Preis wurden sie rasch einig. Ein Trauernder kargt nicht. »Also mach's gut.« »Warte mal, Monich. Da is noch was anderes. Wie machst du's denn mit der Annonce und was sonst zur Aufmachung gehört?« Monich nickte nur. Der gefällige und tüchtige Fachmann übernahm alles: »Ohne Aufschlag« – das Geschäft war glatt und gut. »Is gut, Meister. Du rechnest mit mir ab. Is gut, daß du mir das abnimmst. Ich muß nu nach Hause. Du siehst je hier – der Brief. Ich habe 'n Kopp nu anderst voll.« »Je ja, Monich, wenn nur einer stirbt, da merkt man erst, daß er gelebt hat.« Inzwischen war Kortüm in Begleitung Stannebeins an der Betonstraße angekommen. Beide waren froh, endlich auf der glatten Bahn weitergehen zu können, als Kortüm plötzlich Stannebein fester am Arm faßte und hinter einen Haselbusch trat. Von Esperstedt her kam ein Wagen. Die Lampen leuchteten flau in die Morgendämmerung. »Ich glaube, da saß Frau Wingen drin.« Stannebein nickte: »Der Doktorwagen.« »George, es fehlt mir ein wenig in den Beinen. Ich muß mich setzen.« 711 »Ich habe 's doch gleich gesagt.« »Sei still.« Stannebein kaute an einem Grashalm und sagte kauend: »Da kommt wieder 'n Auto. Von Besenroda 'rauf.« »Halt es an.« Stannebein trat in die Straßenmitte, winkte. Der Wagen fuhr langsamer. »Nee«, rief Stannebein, »das is'n Ausländer.« Auch Kortüm hatte gewinkt. Das Auto glitt noch ein Stück vorwärts, hielt. Ein offener Wagen. Nur der Herr am Steuer saß drin. NL konnten sie am Rückschild lesen. »Verzeihen Sie die Störung«, sagte Kortüm, »ich fühle mich nicht wohl im Augenblick. Würden Sie mir helfen, zu dieser ungewohnten Stunde ein Stück vorwärts zu kommen?« Der fremde Autofahrer tat nur einen Blick in Kortüms krankes Gesicht. »Oh«, sagte er in fremdem Akzent und griff rückwärts nach der Türklinke. Kortüm sank in die Polsterecke. »Nehmen Sie Decken«, rief der Holländer zurück. Der Wagen fuhr an. Stannebein wickelte seinen Herrn ein. Der Kilometerzeiger stieg. Achtzig, neunzig. Die Frühluft schnitt ins Gesicht. Kortüm zog den Deckenzipfel über sein Gesicht, setzte sich, so tief er konnte, und schloß die Augen. Hundert, Hundertzehn . . . Nach einer guten Weile hörte ihn Stannebein sagen: »Jetzt sieh rückwärts, George. Wir müssen bald so weit sein. Von hier aus sieht man die ›Silberne Windfahne‹ noch einmal.« Stannebein drehte sich um: »Fahne? Nee.« »Wälder?« »Rübenfelder. Und drüben links liegt eine Stadt.« Hundertzwanzig . . . fast hundertdreißig . . . »Was siehst du jetzt?« »Felder. Einen Bauer, der schneidt Klee. Und die Straße.« »Die Straße.« Lotte klinkte die Haustür auf: »Rasch. Bitte.« »Liegt er oben?« fragte Doktor Langloff. »Die Treppe hoch, Herr Doktor. Gleich die erste Tür.« Langloff war todmüde. Seufzend öffnete er Kortüms Stubentüre, blieb auf der Schwelle stehen und sah sich fragend nach Lotte um. Auf 712 dem Boden lag das Kopfkissen. Ein durchnäßtes Handtuch hing über der Stuhllehne – tropf, tropf, tropf. Die Kerze schwelte in einer Stearinpfütze. An den weit offenen Fenstern blähten sich die Gardinen. Lotte trat ein. Das Bett leer, der Schreibtisch offen, der Schlüsselbund hing dran. Die Arzneiflasche war umgefallen, die braune Flüssigkeit in das grüne Tischplattentuch gesaugt. Langloff und Lotte blickten sich an. Lotte legte langsam die Hand aufs Herz. Das Auge des Doktors glitt noch einmal prüfend durch das Zimmer, dann seufzte er ergeben: »Kortüm.« Worüber wunderte er sich denn? Kortüm, antwortete man auf eine solche Frage, dachte er, und die Frage ist beantwortet, auch die Frage der bis ins Herz erschrockenen Frau Wingen. Noch standen sie reglos auf derselben Stelle, als Doktor Stemmler eintrat. Lotte hatte in der Verzweiflung des Wartens schließlich die Nachtglocke an Stemmlers Haus noch einmal gezogen und gebeten, er möchte doch gleich nach seiner Rückkehr auf das Lohberghaus kommen. Auch die Kräfte eines Arztes haben Grenzen. Die beiden Herren hatten in dieser Nacht noch kein Auge zugetan – sie atmeten jetzt fast auf. »Ja, Frau Wingen«, sagte Langloff, »ohne Patienten sind selbst zwei Ärzte machtlos.« Mit einer vorstellenden Handbewegung gegen das leere Bett fügte er hinzu: »Er ist totgesagt, aber trotzdem nicht anwesend – das ist so Kortüms Art.« »Was fehlte ihm denn, Kollege?« fragte Stemmler. Schrittweise wagte sich Lotte weiter ins Zimmer, trat an Kortüms Bett, faßte zaghaft die Kissen an. Von der gelehrten Unterhaltung der beiden Ärzte verstand sie wenig; kardiales Asthma und manche andere fremde Worte vernahm sie, aber was half hier Wissenschaft, wenn der ganze Kortüm fehlte? »Und Stannebein? Wo ist der?« Vielleicht wußten die Kinder etwas. Sie weckte Hedchen. Das kleine Mädchen hatte geschlafen. Lotte lief durch das ganze Haus, auf den Boden, in den Keller. »Herr Kortüm!« Die Ärzte hörten es in dem leeren Hause rufen, unten, oben, hier, da: »Kortüm! Kortüm!« Langloff und Stemmler kamen die Treppe herunter. Lotte legte in ihrer Angst die Hand auf Langloffs Arm, hielt ihn fest. »Lieber Gott«, flüsterte sie vor sich hin. Da ging die Haustür auf. Ein Junge kam herein: »Frau Wingen! 713 Frau Wingen, Sie sollen gleich zu Herrn Monich kommen. Aber gleich. Un fix sollen Sie machen. 's wäre wichtig.« Langloff lachte: »Da haben Sie's! Vielleicht sitzt der Tote auf Monichs Sofa und trinkt Kaffee.« »Was wir uns nun auch gönnen wollen«, sprach Doktor Stemmler, »Sie haben eine schwere Nacht hinter sich, wie ich höre?« Langloff nickte: »Entbindung.« »Na, und uns hat denn Herr Kortüm ja von unserer ärztlichen Pflicht entbunden.«   Das offene Siegel Lotte riß Monichs Türe auf: »Herr Kortüm!« Langsam hob Monich die Hand, bewegte sie beschwichtigend – fast so gemessen wie einst sein Freund Kortüm. Monich hatte seinen schwarzen Anzug angelegt, eine schwarze Halsbinde um den Kragen gebunden. Er sprach: »Ruhe, Frau Wingen.« »Aber mein Gott –« »Setzen Se sich!« Auf thüringisch erklang hier wahrhaftig, was Herr Kortüm bei Lebzeiten so wunderbar hamburgisch zu sagen verstand. Lotte sank auf das Sofa. Ihre Hände zitterten. Sie faltete die Hände, entfaltete sie wieder, zog an der Bluse. Monich schüttelte den Kopf: »Das ändert nu nischt. Un ich habe Kortüm je länger gekannt wie Sie un muß auch stille halten.« »So reden Sie doch bloß, Herr Monich!« »Gleich fang' ich an. Aber wenn einer redet, muß der andere auch zuhörn. Un zum Zuhörn gehört Ruhe. Unser lieber Kortüm sagte immer . . .« jetzt packte ihn wieder die Bewegung – »je ja, hat er gesagt, nu sagt er nischt mehr, nu is er tot.« »Tot?« schrie Frau Wingen und sprang auf. »Hat's Ihnen denn die Frau Doktern nich gesagt?« »Ich habe sie gar nich gesehen. Ich habe doch –« »Sie haben. Gut. Aber nu haben Sie mal eine Weile nischt un hörn Sie drauf. Nu habe ich's Ihnen gesagt. Wir haben hier wichtige Sachen zu verhandeln. Ruhe. Ich habe jetzt sozusagen amtlich zu sprechen. Sitzen Sie stille. Ich habe auch stille sitzen müssen. Wir müssen alle stille sitzen, un 's geht weg über unser Fell. Passen Sie auf. Was ich 714 hier habe, das is ein Brief. Der Brief war versiegelt. Ich habe 's Siegel aufgemacht. Sehn Sie's? Un ich habe den Brief gelesen. Den Brief hat Kortüm geschrieben. Eigenhändig. Sehn Sie's? Hörn Sie auf jedes Wort!« Nach diesen und anderen langwierigen Vorbereitungen fing Monich endlich an mit Vorlesen. Aber zunächst mit der Aufschrift des Umschlags: »Im Falle meines Todes sofort zu öffnen«, las Monich. Aus trockenen rotgeränderten Augen starrte Lotte den schwarzgekleideten Leinwandhändler an, der mit Hilfe von Räuspern, Platzwechseln, Glattstreichen des Briefes immer neue Umstände machte. »Tot«, flüsterte Lotte. »Sagen Sie nischt. Seien Sie ruhig!« Plötzlich rief er laut: »Denken Sie vielleicht, mir is es jetzt zumute wie Geschäfte erledigen, he? Halt . . . Ruhe, Monich!« mahnte sich der trauernde alte Freund selbst und nahm umständlich im Plüschsessel Platz. »So. Nu genau zuhörn. Kortüm hat in den Umschlag hier zwei Briefe getan. Einen an mich. Der geht Sie nischt an. Aber der andere, das is sein Testament. Ich bin Testamentsvollstrecker. Hörn Sie auch, was ich sage? In dieser meiniger Eigenschaft als Testamentsvollstrecker habe ich für Auszahlung von Legaten zu sorgen, Möblemangbestimmungen un so was – das geht Sie jetzt auch nischt an. Bloß ein Satz geht Sie was an. Hier steht er. Sehn Sie's? Bleiben Sie sitzen. Ich les'n jetzt vor. Der Satz heißt folgendermaßen – na, nu hörn Sie recht schöne zu: ›Ich‹ – das heißt also so viel wie Kortüm, nich wahr? ›Ich habe weder nähere noch bedürftige Verwandtschaft und bestimme deshalb hiermit, abzüglich der unten genannten Legate, Frau Lotte Wingen, die Witwe des Organisten Friedrich Wingen, zu meiner Alleinerbin. Ich treffe diese Bestimmung nach langer Erwägung im Hinblick auf die glückliche Zukunft des Flügelhauses und des Schottengeländes. Kein anderer als Frau Wingen vermag meine hinterlassenen Betriebe gedeihlich weiterzuführen. Sie hat von mir gelernt und einen Blick bekommen, und in Einem ist sie mir über: Lotte Wingen ist geboren und beheimatet im Schottengelände.‹ So. Haben Sie alles gut verstanden? Hier steht's Datum. Sehn Sie's? Un hier steht der Name: Friedrich Joachim Kortüm. Haben Sie's gesehn?« Lotte Wingen sah über Monich weg ins Leere. Plötzlich preßte sie den Kopf in die Hände, ließ sich auf die Sofalehne fallen und fing an, bitterlich zu schluchzen. Eine Weile sah ihr Monich zu. Das Schluchzen klang immer wilder. August Monich fing an, seine Nase zu schneuzen, auch immer 715 gewaltiger. Dann nickte er, immer wohlgefälliger nickte er, je herzlicher die Frau weinte: der erste Trost seit langen Stunden! Wie eine Osterglocke läutete den verwaisten Freund dieser jähe Ausbruch der sonst so gefaßten Frau an. In einem großen Halbbogen ging er immer von neuem um Lotte herum: »Je ja. Da haben Sie ihn. Das war er. So is er gewesen.« Lotte richtete sich langsam hoch. Sie suchte nach einem Taschentuch, aber wo mochte das liegen? Sie war ja kaum richtig angezogen. Monich ging in den Laden, holte ein fabrikneues Tuch: »Rein Leinen noch.« Lotte trocknete ihr Gesicht. Dann sagte sie leise: »Kann ich ihn einmal sehen?« Monich klappte den Taschentuchkarton zu: »Wen?« »Herrn Kortüm.« »Wie meinten Sie?« Lotte stand auf: »Ich möchte ihn sehen.« »Wen?« »Herrn Kortüm.« »Sie kommen doch von oben.« Lotte nickte. Der Testamentsvollstrecker hatte eben noch Frau Wingen um mehr Fassung ersucht. Jetzt stotterte er: »Je . . .« »Wo er liegt, hab' ich gefragt, Herr Monich.« »Wovon reden Sie denn eigentlich?« Jetzt sah ihn Lotte groß an: »Von Herrn Kortüm.« »Wo, sagen Sie? Wo . . . na, oben doch.« Lotte starrte Monich an: »Im Lohberghaus?« Sie schüttelte den Kopf: »Hier.« »Wo?« Ja . . . Herr Kortüm war verschwunden. Weg. Versunken. Oder in der Luft verhaucht. Trotz zweier Ärzte und eines Testamentsvollstreckers. Monich setzte sich wieder in den Plüschsessel und faltete die Hände: »Frau Wingen . . .?« Lotte stammelte: »Herr Monich . . .?« Noch einmal versuchte Monich durch Zusammenfassung seiner Geisteskräfte der Vernunft zu dem Rechte zu verhelfen, welches sie bekanntlich ausübt in dieser Welt. »Frau Wingen, hörn Sie mal ganz ruhig zu. Eine Testamentseröffnung macht mannigmal den, der was kriegt, un den, der nischt kriegt, 'n bißchen konfus im Koppe. Seien Sie stille. 716 Ruhe. Passen Sie auf. Jetzt frage ich Sie was. Nich als Privatperson. In meiner Eigenschaft als Testamentsvollstrecker. Hörn Sie's? Also jetzt frag' ich: Frau Wingen, is Kortüm in seinem Bette oben, oder is Kortüm nich in seinem Bette oben?« Lotte erzählte, was sich seit ihrer Suche nach dem Arzt und ihrer Rückkehr mit Doktor Langloff zugetragen hatte. Sie erzählte diese Vorgänge noch ein zweites Mal. Monich saß unbeweglich in seinem Plüsch. Kein Wort sagte er. Schließlich mußte Lotte fortgehen; das Haus oben stand offen, ihre Kinder waren ohne Aufsicht. Monich öffnete seinen Mund nicht. Er saß in dem Sessel und stierte vor sich hin. Gegen Mittag etwa stand er plötzlich auf und lief in großer Eile ohne Hut und Stock, ohne links oder rechts zu sehen, nach Esperstedt. Erhitzt und ächzend betrat er das Amtsgericht, klopfte an irgendeine Tür, brachte einige verwirrte und unglaubhafte Angaben vor und verlangte zu wissen, was für ein Rechtsfall hier wirksam geworden sei. Er wurde an die richtige Stelle verwiesen und dort zunächst gefragt: »Haben Sie den Totenschein?« Mit abwesendem Gesichtsausdruck sah Monich den Beamten an: »Ha?« »Was haben Sie denn da für ein Papier?« »'s Testament.« Der Beamte las, nickte. »In Ordnung«, murmelte er, »hm, Sie haben es geöffnet?« »Auf dem Umschlag stand: ›Sofort nach meinem Tode zu öffnen‹.« »Ja – war er denn tot?« »Ich habe doch, un Stannebein hat, wir haben doch, un die Wisseln hat die Hände gefaltet, un Kellert auch, wir haben –« »Ruhe, Herr Monich«, mahnte der Beamte. »Setzen Sie sich erst einmal hin. So. Also Sie haben den Toten gesehen?« »Un die Frau Doktern hat's gesehn, daß er tot war. Er war je schon vor drei Wochen so krank un beinah tot. Un wir haben's alle gesehn. Un die Frau Doktern hat ihm 'n Puls gefühlt un ans Herze gehorcht. Nischt. Aus. Tot. Un da haben wir alle die Hände gefaltet un um ihn rumgestanden.« »Der Verstorbene liegt oben auf dem Lohberg?« »Aber desdrwegen bin ich doch hier!« schrie Monich. »Er is doch weg!« Nach einer längeren Pause fragte der Beamte: »Wer war der behandelnde Arzt?« 717 »Doktor Langloff. Un nachher is, glaub' ich, auch Herr Doktor Stemmler noch gekommen.« Jetzt begann zwischen dem Beamten und Doktor Langloff und anschließend noch mit Doktor Stemmler ein Telephongespräch, das ganz ähnlich verlief wie der Versuch einer Verständigung zwischen Lotte und Monich über Kortüms Aufenthalt. Nach Einbruch der Dunkelheit kam Monich in trostlosem Zustand nach Hause, schloß die Tür hinter sich zu und ging stracks ins Bett. Im Einschlafen murmelte der zu Tode erschöpfte Testamentsvollstrecker: »Hoffentlich kriege ich die Nacht auch 'n Schlag und bin morgen weg – schnuppe wohin. Bloß weg.« Monich hatte Schweres erlebt. Von einem Amtszimmer ins andre war er gewandert. Zuletzt landete er im Polizeirevier, um ausgefragt zu werden. Nun, ausgefragt eigentlich nicht, man mußte schon sagen: verhört. Was Monich sagte, schrieb ein Beamter genau nach. »Kortüm, Kortüm«, murmelte Monich halb im Traum schon. Diese selben Worte und sonst nichts sagte Lotte den Tag über. Das ganze Lohberghaus hatte sie noch einmal abgesucht. Am späten Nachmittag kam ein Polizeibeamter und half ihr suchen. Kopfschüttelnd ging der Mann nach einer Stunde wieder. Lotte räumte auf. »Und morgen – kommen die Neugierigen. Aber als Gäste. Und ich muß sie bedienen.« Sie schloß das Haus ab und ging zu ihren Kindern. Hedchen malte. Der kleine Fritz Wingen aber jubelte, endlich einmal mit seiner vielgeplagten Mutter spielen zu können. Eine Festung mußte sie mit ihm bauen, hohe Mauern drum. So hoch, daß die Bauklötze wackelten. »Nicht zu hoch«, flüsterte sie, nahm den Jungen auf den Schoß und drückte ihn an sich. Der kleine Wingen sperrte sich gewaltig gegen diese aufdringlichen Zärtlichkeiten. »Nicht zu hoch« – sie hielt ihn ab von sich und sah ihn an. Bist du nun reich geworden über Nacht? wollte sie fragen, aber gleich verbarg sie die Frage in ihrem Mutterherzen, so tief und so gut sie konnte. Es klopfte unten an die Haustür. Heute mochten Gäste kommen, wie sie wollten, Lotte öffnete niemandem das Lohberghaus. »Heh!« Es klopfte lauter. Gröblich schlug es an die Tür. Halb ärgerlich, halb ängstlich ging sie hinunter und öffnete – Lotte schrie laut auf. Die Kinder trappten auf dem Flur oben. »Gleich geht in die Stube und macht zu.« rief sie und wollte die Haustüre zudrücken. 718 »Na na«, knurrten die Männer draußen, und der vordere stellte den Fuß zwischen Tür und Schwelle, »man muß sich nich gleich so haben.« Die Männer brachten den Sarg. »Von Meister Hanken kommen wir. Aber wir haben 'n Sarg erst vom Lager in Esperstedt geholt. Drei Mark fuffzig kriegen wir. Na nu! Na zum Himmelbombenelement nochmal – he!!« Lotte hatte, als der Mann seinen Fuß von der Schwelle nahm und den Sarggriff fassen wollte, die Türe zugeworfen und den Schlüssel umgedreht. »Verdammig! Was sagst'n nu, Karl? Sin die Weiber nich immer gleich oben naus? He! Aufmachen!« Lotte stemmte sich gegen die verschlossene Tür. »Nein, nein, nein«, flüsterte sie. Aber die zwei braven Männer vor der Türe draußen hatten keine Lust, Kortüms Sarg den Lohberg wieder hinunter zu tragen und morgen noch einmal hinauf, bloß weil so ein Weibsbild Angst hat vor dem schwarzsilbernen Ding. Sie hämmerten so lange an die Türe, bis die Kinder oben schrien und weinten und Lotte nachgab. »Aber nu hört sich doch alles auf, Frau Wingen. Wenn's noch Ihr eigner wäre. Nee, sowas haben wir in unserm Leben noch nich erlebt. Hier is der Lieferzettel. Na, nehm' Sie'n nur, er beißt nich. Faß an, Karl. Soll er die Treppe nauf?« »Stellen Sie'n« – Lotte sah sich scheu um – »daher.« »Was? Einfach so hier aufn Flur?« Eine weitere Antwort bekamen sie nicht. Lotte lief einfach die Treppe hinauf, huschte ins Zimmer, schloß zu, nahm ihre Kinder in die Arme und preßte sie an sich. »Waren die Männer böse?« »Die Männer nicht, Hedchen.« »Haben die uns was gebracht?« Lotte schauerte zusammen: »Komm, Hedchen, nimm das Häkelzeug. Ich mache 's dir vor. Erst nimmst du rotes Garn. Nein, faß mal die Nadel selber an.« Über den Schwierigkeiten der Häkelkunst vergaß Hedchen ihre Fragen. Als Lotte die Kinder zu Bett brachte, betete sie mit ihnen. Hedchen konnte ihren Vers auswendig. Fritz zog die Strophen wie allabendlich in den bündigen Spruch zusammen: »Lieber Gott, betrete dich über mich kleines Kind« – und fügte heute hinzu: »Ich will was zu trinken.« 719 »Morgen, Fritz.« »Jetzt! Jetzt gleich!« Aber Lotte, der vielleicht Haus und Hof und Land und Wald ringsum gehörte, Lotte Wingen getraute sich nicht die Treppe hinunter. Im Flur, neben der Küchentür, stand Kortüms leerer Sarg. »Ich kann dir nichts zu trinken geben. Sei lieb. Sei gut. Nicht weinen. Hab deine Mutter lieb. So. Gute Nacht.« »Ich hab so'n Doorst!« »Ein Zuckerplätzchen geb ich dir. Das schmeckt fein. Ja? Nun geht der Durst weg. Da ist er schon fort, mein süßer kleiner Jung, mein Flügelkind . . .«   Ein Museumsstück Die dreimal vierundzwanzig Stunden zwischen Sterben und Begraben flechten sich für die Hinterbliebenen dornig zusammen, mühsame Schmerzenstage, zähe, bleiern. Unausdenkbar drückend aber wird ihre Last für den Leiter der Veranstaltungen, wenn die Hauptperson, der Verblichene, vorzeitig abhanden gekommen ist. Ganz unsagbar drohend jedoch wölken sich die Konflikte über des Veranstalters Haupt, wenn ihm zu alledem auch noch einige der unerläßlichen Papiere fehlen, die das Gotteskind auf Erden bekanntlich erst zum Menschen machen oder aber von diesem Ehrentitel befreien: Geburts- und Totenschein. Zum Glück hatte Monich wenigstens die eidesstattlichen Erklärungen dreier achtbarer Einwohner anzuführen. Frau Mimi Langloff, Frau Wissel und Herr Kellert hatten Kortüm in totem Zustand daliegen sehen, und die Doktorsfrau, geübt in dem, was man als Erste Hilfe bezeichnet, war der Frage sogar noch näher getreten. Doktor Langloff konnte nicht anders als Kenntnis nehmen von Monichs Feststellung, daß seine Gattin weder Puls und Herzschlag noch Atembewegungen bei dem Dahingegangenen wahrzunehmen vermocht hatte. Achselzuckend mußte der Doktor zugeben, daß solche Zustände todhafter Ohnmacht denkbar sind, daß jedoch Kortüms Leiden an sich nicht ohne weiteres in Zusammenhang mit einem solchen Anfall zu bringen sei. Die ärztliche Untersuchung fehle eben. Um einigermaßen klar zu sehen, müßte man wissen, welche Umstände unmittelbar vor dem angeblichen Hinscheiden des Kranken gewaltet hätten. 720 Ja, wo war der einzige Zeuge? Stannebein war doch ebenfalls unauffindbar! Und niemand sonst hatte im Augenblick der Katastrophe an Kortüms Lager geweilt. Die Behörden taten das ihrige – Monich das seinige. Das erste, was er mit Beginn des neuen Jammertages zu tun hatte, war die Lektüre des ihm vom Zeitungsjungen selbstverständlich so rasch wie möglich überreichten »Besenröder Anzeigers«. Monich, noch in Unterkleidung, nahm das Blatt durch den Türspalt entgegen und las auf der letzten Seite in würdigen schwarzen Rahmen gefaßt die Anzeige: »Heute verschied unerwartet und nach kurzem Leiden Friedrich Joachim –« Monich legte das Blatt auf die Flurkommode, ging ins Schlafzimmer, stieg ins Bett und zog die Decke über den Kopf. Nicht lange war seines Bleibens an diesem Ort des Friedens. Der Depeschenbote klingelte. Er klingelte beharrlich weiter, bis sich Monichs Türe abermals spaltbreit öffnete: »Eintreffe heute mittag. Arcularius.« Es muß hier gesagt werden, daß Monich von diesem wohltuenden Beweis der Teilnahme des bekannten Kanzelredners, dem Monich doch selber gestern früh gelegentlich der Vollstreckung des Kortümschen letzten Willens auftragsgemäß das Manuskript der Grabrede gesandt hatte, lediglich mit einem nicht endenwollenden Fluch Kenntnis nahm. Er begann sich anzukleiden. Aber sofort stand wieder das Problem in seiner ganzen Furchtbarkeit vor Monich; sollte er jetzt mit den Beinen in die schwarzen Hosen fahren oder nicht! Er ging eine Weile hin und her. Schließlich murmelte Monich: »Auf jeden Fall is Kortüm weg – also schwarz, verdammig.« Angemessene Kleidung gibt dem Menschen eine gewisse Haltung. Von oben bis unten schwarz, sah Monich recht stattlich aus. Aber oh, Monich wußte ja eben nicht , ob er angemessen gekleidet war! »Kortüm, Kortüm« . . . . Ja, Kortüm fehlte. In den ganz schwierigen Fällen des Lebens war Herrn Kortüm zuletzt immer etwas eingefallen. Monich stand plötzlich allein im Leben. »Nich einen einzigen Schritt setze ich vor die Bude«, sagte er, verschloß die Haustür und legte Riegel und Kette vor. Sogar die Aufwartefrau mußte umkehren. Der Plan, ein festes Winterlager zu beziehen, war gut. Durchführen ließ er sich nicht. Als er hinter der Gardine guckte, wer denn schon wieder draußen klingelte, sah er Lotte Wingen stehen und aufgeregt von einem Bein aufs andre treten. Vor der Alleinerbin mußte der 721 Testamentsvollstrecker schon seinen Bau öffnen. In fliegender Hast berichtete Lotte von der Ankunft des Sarges: »So kann er doch nicht da stehn bleiben!« »Nee. Absolutemang nich.« »Haben Sie ihn bestellt?« Monich seufzte. Frauen wie Lotte fragen immer so direkt. Freilich, Monich wußte ja: wegen dieser unbequemen Art, klar zu sehen und klar sehen zu wollen, hatte ihr Kortüm sein Lebenswerk in die Hände gegeben. Monich antwortete zunächst ein wenig ausweichend: »Wie kann denn aber der Kerl, der Hanke, der elendige, auch so prompt liefern!« Lotte hätte nun einwenden können, daß die Beerdigungsindustrie ihrem Wesen nach auf schlagartige Leistung eingerichtet ist. Nur die Rüstungsindustrie sei ihr an Promptheit annähernd zu vergleichen. Jedoch Lotte erörterte jetzt gar nichts, sondern stellte abermals eine schlichte Frage: »Was soll'n nun werden?« »Je, Frau Wingen, Sie sind Universalerbin!« »Um Gottes willen, seien Sie still! Was mit dem Sarg werden soll, frage ich!« Herr Kortüm war eben nicht da! Wie sollte Monich eine solche Frage beantworten? Kortüm hätte unbedingt gesagt: »Wohin? Haha. In mein Museum, Monich!« Ja, sie hätten ein Nummernschild drangeklebt; Zeit, Ort, Material und Bestimmungszweck auf einem Täfelchen vermerkt, dieses Schild an die Stirnseite der Neuerwerbung genagelt, und im Katalog eine entsprechende Eintragung unter der Abteilung ›Gebrauchsgegenstände und heimischer Kunstfleiß‹ vorgenommen. Auf diesen angemessensten aller Gedanken kam Monich nicht. »Hanke soll'n wieder abholn«, entschied er. »Bitte, sagen Sie ihm das aber gleich, Herr Monich. Was sollen die Gäste denken, wenn –« »Iche? Nee! Auf der Straße laß ich mich heute nich sehn! Na nee! Ich lasse mich jetzt von niemandem ansprechen! Ih, da sollte mich je eher der Deiwel holn. Außerdem kommt nachher der Pastor, der 's Begräbnis macht.« »Wer, Herr Monich, wer kommt? Wozu??« »Verflucht nochmal, kann ich'n etwa nausschmeißen?« Monich wurde immer aufgeregter. »Soll ich etwa sagen: ›Herr Superndente, hier is nischt zu begraben. Der Tote is weg. Zu predigen gibt's da nischt. Wir wissen auch nich, wo er is.‹ Nee, nee, Frau Wingen, das muß ich Arculariussen doch erst auseinandersetzen. Ganz sukzessive und 722 sachtemang. Das geht nich, wie Sie sich das denken. Das begreift doch auch 'n Studierter nich gleich.« »Herr Monich, das mag sein, wie's will. Der Sarg, den Sie bestell haben, muß aus dem Haus. Sie haben das Geschäft mit Hanke gemacht, und Sie müssen Hanken sagen, er soll'n wieder abholen.« Monich ging zum Fenster, er zog die Gardine glatt, er rückte am Wandspiegel, dann begann er: »Wie wär's denn nu, wenn Sie nur drweile, bloß drweile, wissen Sie? wenn Sie ein Tuch drüber hängen täten? Kein schwarzes, nee, 'n bißchen was Freundliches. Vielleicht eine bunte Vitrasche? Ich habe da 'n paar hübsche neue Muster in meinem Laden, wenn Sie gleich mal rein kommen wollen –« »Nichts da, Herr Monich. Der Sarg muß fort. Das gibt Gerede, und er vertreibt mir die Gäste.« Eine Weile beschränkte sich Monich auf die Aneinanderreihung von gemurmelten Flüchen. Dann schwieg er. Nach wieder einiger Zeit murmelte er: »Kortüm, Kortüm . . .« Wie einen Schutzpatron rief er den abgeschiedenen Herrn und Meister des Schottengeländes an. Das schien zu helfen: »Nu weiß'ch was. Passen Sie auf. Wir rücken eine Anzeige in 'n ›Besenröder‹. Sie gehn je vorbei un können den Zettel gleich mitnehmen, Frau Wingen. Deswegen brauche ich doch nich erst hin. Wir schreiben einfach: Sarg, schwarz mit Silberbeschlag – er hat doch Silberbeschlag? Sehn Se! – also mit Silberbeschlag un so gut wie neu, is vorteilhaft abzugeben. Angebote unter –« »Herr Monich, der Sarg muß heute morgen noch aus dem Haus.« »Na ja doch!« schrie der verzweifelte Monich jetzt. »Ich gehe je schon! Aber ich werde mir doch wohl erst noch meinen Kaffee kochen können, wo heute die Aufwartefrau nich kommt! Un 'n Bäffchen Brot werde ich doch noch genehmigen können! Oder soll ich etwa mit nüchternem Magen so ein gottverdammigtes Geschäft erledigen?!« »Gewiß, Herr Monich. Also schön. Und ich danke Ihnen auch vielmals.« Zur Rücknahme einer gelieferten Begräbnisausstattung war Hanke in seiner bisherigen Praxis noch nicht aufgefordert worden. Er wehrte sich aufs entschiedenste und beklagte sich zugleich bitterlich: »Ich konnte mir's je denken, daß da was passiert, wenn's mit Kortüm zu tun hat! Aber daß einem jemand so kommen kann, wie du mir, Monich – nee nee, geliefert is geliefert.« Fledermaushaft huschten seit ein paar Stunden die Spukgeschichten 723 durch das Schottengelände. Kortüm hatte unzählige Unwahrscheinlichkeiten ins Land gebracht – Theaterspiel, Film, Maskenfest, einen Sarkophag hatte er in Brand gesetzt, ein Erdbeben in Gang – alles war höchst erstaunlich, jedoch erträglich und auch einträglich gewesen. Aber jetzt, aber jetzt brachte dieser unvergleichliche Gastwirt einen Totentanz in der Besenröder und Esperstedter friedsamem Lande zur Aufführung, einen Totentanz, dem kein Attribut fehlte – – nur, bei Gott, der Tote! Noch wollten die Leute selbstverständlich nicht alles glauben, was da geredet wurde. Es war ja schlechterdings unmöglich! Wir leben doch in einem polizierten Staat; zu seinem Maskenfest war Herr Kortüm zweimal anwesend und zu seinem Begräbnis überhaupt nicht! Alles hat Grenzen! »Nee«, sagte Hanke, »das wollen wir doch 'nmal sehn, ob sich einer von seinem eigenen Begräbnis drücken kann.« Bei seinen wohlausgebauten Geschäftsverbindungen hatte er sofort gehört, daß mit dem Verstorbenen auf dem Lohberg nicht alles in Ordnung sei. Hanke war ein Mann der Tat, ein Praktiker des Lebens, ein tüchtiger Mann, der vorwärts kommen wollte. Beim ersten Hauch des Gerüchtes griff er ungesäumt nach Hammer und Meißel und hieb Kortüms Namen in den granitenen Stein: »Nu muß er 'n nehmen, hä.« Von dieser Steinarbeit erwähnte der gewitzte Meister vorderhand noch nichts. »Eins nachm andern«, dachte er, »erst die Sargsache.« Monich erreichte nach schwerer Verhandlung denn auch nicht mehr als Hankes Bereitwilligkeit, den Sarg auf Monichs Kosten wieder abzuholen und im Schaufenster seines Ladens als verkäuflich zur Schau zu stellen. Falls sich ein Käufer finden sollte, würde Hanke an Monich den Erlös auszahlen, abzüglich der Unkosten für Pflege, Aufpolieren sowie der Zinsen. Hanke hatte natürlich angesichts des vorliegenden Objektes einen Sarg feinster Ausführung geschickt, wie man sie sonst nur in großen Städten sieht. Mit Recht prangte dieses sehenswerte Extrastück nun in der Mitte von Hankes Ladenfenster und wurde von allen Vorübergehenden bewundert. Den Kortümsarg nannten ihn die Einwohner. Leider wurde er nie verkauft. Die Leute fürchteten sich vor dieser fürstlich geschmückten Truhe. Von einem guten Sarg muß ja auch verlangt werden, daß er wenigstens keine Geschichte hat. Der Kortümsarg steht heute noch bei Hanke im Schaufenster. Der Abschluß des Vertrages Monich-Hanke gelang erst kurz vor Mittag. Und noch konnte Kortüms Testamentsvollstrecker nicht ans 724 Essen denken. Arcularius trat ein, reichte Monich beide Hände und sprach: »Gottes Wege sind dunkel.« »Rabenschwarz«, antwortete Monich, »keine Handbreit Helligkeit um mich armes Luder. Ich kann mir die Augen ausgucken un sehe nich, wo ich hin soll, Herr Superndent. Na, nu nehmen Sie erst einmal Platz« – Monich stieß einen tiefen Seufzer aus – »un fangen wir denn an.« Äußerlich paßten die beiden Disputanten gut zueinander – feierlich und schwarz von den Stiefeln bis zu den Kragenknöpfen saßen sie einander gegenüber. Der Pastor zog Kortüms Leichenrede aus der Tasche und begann: »Diese Rede, mein Wertester, ist für einen Laien eine erstaunliche Leistung. Sie ist an sich und als solche ein Dokument von Rang, aber sie enthält Gedankengänge, die auf einem Friedhof und an einem offenen Grabe befremdend anmuten würden. Bitte, lieber Herr Monich, stellen Sie sich vor: hier stehe ich, dort die Trauergemeinde, und da unten in der Grube steht der Sarg –« »Nee, da steht er nich, verdammig – mit Verlaub gesagt, Herr Superndent. Entschuldigen Sie, daß ich eben ein bißchen fluchte, aber in meinem Kopp geht heute alles durcheinander. Nee, da steht der Sarg eben nich, verdammig. Der steht wieder an seinem Ort. In Hanken seinem Laden nämlich. Un Hanke is 'n Halunke. Un ich habe auf dem Sarg sozusagen eine Hypothek drauf.« »Setzen wir uns«, antwortete Arcularius erschrocken und bedachte nicht, daß ja beide schon saßen, jeder in einem Plüschsessel. »Wir haben uns wohl mißverstanden.« »Das is es! Mißverstanden! Sehn Se, die ganze Sache kommt mir seit anderthalb Tagen schon ganz verflucht mißverständlich vor. Passen Sie mal auf, Herr Superndent, das is nämlich alles ganz anders: ich mache also Kortüm seinen Brief mitn letzten Anordnungen auf un fange an anzuordnen. Man denkt doch, tot is tot, un man kauft die Ausstattung un man annonciert un man eröffnet's Testament – un nachher? Un nu? Himmelbomben –« »Herr Monich!« »Nischt für ungut. Un nu? Jetzt hörn Sie gut zu, Herr Superndent, jetzt sagen Sie auch ›verdammig noch 'nmal‹ wie unsereiner! Jetzt, hä, jetzt weiß keiner, wo Kortüm is.« »Ein Christ, Herr Monich, weiß , wo er ist«, sprach Arcularius. »Na, da bin ich doch neugierig! Da wärn Sie doch der erste! Hä, wo is 'r 'n?« 725 »Diese Frageweise –« Monich sprang auf und schrie: » Weg is'r! Fort! Verschwunden!« August Monich berichtete nun den wahren Sachverhalt der Reihe nach, sah Arcularius' Gesicht immer länger, Arcularius' Augen immer größer werden und sammelte entladungsfroh allen Jammer, alle Sorge dieser furchtbaren Tage in einem Schlußsatz, in der entsetzlichen Frage: »Also, Herr Superndent, wo is er? Wissen Sie's? Ich weiß es nich. Lotte weiß es nich. Hanke weiß es nich. Der Doktor weiß es nich. 's Gericht weiß es nich. Die Polizei weiß es nich. Niemand weiß es nich. Aber Sie wissen's vielleicht?« Oh . . . wahrhaftig! Dieses Problem lag jenseits von Bibel, Koran und Upanischaden. Am ehesten hätte Arcularius vielleicht in den totemistischen Kulturen Anhaltspunkte gefunden. Aber um in diesen entlegenen Quellen zu suchen, war Arcularius viel zu tief in sein Menschentum hinein erschrocken. »Unser Kortüm?« fragte Arcularius nur. Diese zwei Worte hoben August Monich auch endlich wieder aus dem Straßenstaub. »Je«, sagte er still vor sich hin und schwieg. »Wir werden suchen und Licht in die Sache bringen, Herr Monich.« »Ob wir ihn finden? 's gibt Sachen, Herr Superndent, mit denen is es nich richtig – nischt für ungut, aber ich weiß es: Kortüm hat einmal Bilder gesucht – in Memleben is es gewesen – un die Bilder waren bloß deswegen nich zu finden, weil die Sonne draufschien.«   Neueste Nachricht Als Kortüms Abhandenkommen nicht mehr zu bezweifeln war, bemächtigte sich des Schottengeländes eine ungeheure Aufregung. Als aber der Inhalt seines Testamentes bekannt wurde, schienen die Leute die Läden schließen und einen Redetag abhalten zu wollen. Allein die fahrplanmäßigen Verkehrsmittel bewegten sich noch in gewohnter Weise. Die übrige menschliche Tätigkeit wirkte jetzt im Schottengelände nur scheinbar fort; der Schmied hämmerte beim Reden daneben, der Schneider fand das Nadelöhr beim Horchen nicht, Hiebrich stopfte seine Würste zu dünn, dem Bäcker blieb das Brot sitzen, Lorenz zerschlug mit der Spitzhacke nachdenklich sein frischgemörteltes Mäuerlein. Das 726 Schottengelände gehörte einst uns, sagten die Leute. Kortüm kam, brachte das Land an sich, wandelte es um, machte es lebendig, baute und schaffte, sorgte und mühte sich, befruchtete – geringen Boden, den niemand gekannt hatte. Aber nun sprach alle Welt von diesem Land, es verzinste sich, sog fremdes Geld an, sprühte das Geld den Einwohnern in die Taschen. Kortüm verschwand – und siehe: das Schottengelände ist zurückgekehrt in sich, es gehört Lotten, unsereinem gehört es! Nur lebendig ist es geworden in des fremden Schaffers Händen, reich und wertvoll uns hinterlassen – ja, einer schafft, die andern leben. Wir besitzen, und die Schaffer gehn nur durch – – so redete das Schottengelände. Es fehlte bloß, daß sie ihre Haustüren bekränzten. Einer hielt den andern auf der Straße an und von der Arbeit ab. Nichts und niemand kam voran, nur das Lohberghaus blühte und gedieh. Wie in den Weltstädten tranken hier die Neugierigen schon von morgens zehn Uhr an Kaffee, und abends um zehn tranken sie noch. Der Segen des Dahingegangenen ruhte sichtlich auf seinem hinterlassenen Werk. Unwiderstehlich sog das Lohberghaus die Gäste aus dem Sanatorium zu sich herauf. Doktor Langloff hatte seinem Vater eine kurze Schilderung der letzten außerordentlichen Begebenheiten gesandt und gebeten: »Besuche uns, sobald du irgend kannst. Die Sache ist nicht geheuer. Kommt Kortüm wieder, ist die Katastrophe da; alle Welt will diesen Mann sehen und bei ihm wohnen. Kommt er nicht wieder, ist es noch schlimmer; Frau Wingen wird Besitzerin, sie ist eine Hiesige, ist nicht fremd wie wir. Die Leute reden schon, als ob das Schottengelände zurückgekehrt wäre in sich selbst – kurz, lieber Vater, ich habe es satt und gehe lieber heute als morgen von hier fort.« Diesen Brief konnte sich Langloff sparen. Sein Vater hatte die ungeheuerlichen Nachrichten bereits in der Zeitung gelesen. Er saß schon in der Bahn. Als ihn sein Sohn ins Haus führen wollte, sagte der Alte: »Wir wollen mal erst 'n bißchen im Freien reden. Da weiß man, daß einen niemand behorchen kann.« Der Doktor vertraute seinem Vater an, daß Mimi ein Kind erwarte und in ihrem Zustand an der Angst leide, den neuen Langloff in dieser Gegend zur Welt bringen zu müssen. Die unheimlichen Geschichten, die ewige Unruhe: »Lieber eine kleine Praxis in Geestemünde, als noch länger hier im Schatten Kortüms.« Der Kapitän brummte vor sich hin. Sie waren eben um die östliche 727 Hausecke gebogen. Hier war es still. An der Mauer wucherten Brennesseln. Der Alte packte plötzlich den Arm seines Sohnes und blieb angewurzelt stehen. »Da«, sagte er, »da!« Der Doktor zuckte die Schultern: »Mir ist schon alles gleich. Hanke hat das Ding heute heraufgeschickt. Die Leute haben es da an die Wand gelehnt. Sie wußten nicht, wohin damit. Morgen lasse ich es auf Kortüms Privatfriedhof schaffen.« An der Wand lehnte ein Grabstein aus geschliffenem Granit. Die Inschrift lautete: »Hier ruht Friedrich Joachim Kortüm.« Kein Wort sonst war in den Stein gemeißelt. Der Alte las. Er bog mit dem Stock die Brennesseln auseinander, um von den zitternden Blätterschatten ungestört die Buchstaben klar und unzweifelhaft zu sehen. »Nee du«, sagte er leise, »nich auf den Friedhof. Da steht der Stein dann, und 's ist nichts drunter. Tu 's nicht, mein Junge. Eigentlich is es zum Fürchten. Ich bin sonst kein furchtsamer Mann. 'n Sturm, weißt du, ist 'n großer Wind, und wenn er einen falsch zu fassen kriegt, sackt das Schiff ab. Aber hier oben bläst was, auch 'n Wind, 'n stiller Sturm, ich kann's nich recht sagen – man fühlt's, du?« Kortüm war fort. Fort, bestätigte das Polizeiamt; Aufenthaltsort unbekannt. Und es bewegte sich doch etwas Kortümsches, hauchte, wehte, wühlte auf, etwas von dem ewigen deutschen Wind, der zum Träumen bringt, was schlafen möchte; stampfend an den Trossen zerren läßt, was ankert; und in Fahrt und Fliegen reißt, was bewegbar ist. Viele lasen diese Inschrift im Granit, alle lasen die erstaunlichen Nachrichten aus dem Schottengelände in der Zeitung. Holdermann schüttelte den Kopf: »Nun hängt mein Kortümbild da oben in dem Berghaus. In die Nationalgalerie gehört es.« Sidonie schob die Kaffeetasse weg und schlug auf das Zeitungsblatt: »Ich habe es gleich gesagt, Ulrich! Du, du erbst nie etwas.« Frieback schrieb einen Brief mit folgender Anschrift: »An Kortüm Nachfolger, Lohberghaus, Post Besenroda« und stellte die Frage: »Kann ich mit zwanzig Urlaubern trotzdem kommen?« Der Bälgetreter Wenzel sagte traurig: »Je, Herr Kortüm – wer so stirbt, dem kann ich keine Luft in die Bälge treten.« Der Küster Bauspack aber sprach zu seinem von dem fehlgeschlagenen Begräbnis heimkehrenden Pastor: »Herr Superndent, dieser Herr Kortüm stand zu Begräbnisangelegenheiten schon immer auf gespanntem Fuße. Das weiß keiner besser als wir in Kranichstedt. Denken 728 Sie bloß an den Brand im Sarkophag. Nee nee, der gogelt 'n lieber an, als daß er sich 'neinlegt.« Repshagen las und knurrte nur: »Das glaub ich nich.« Das Grand Hotel jedoch erließ im Fachblatt des Gaststättengewerbes einen Nachruf: »Kortüm ist dahingegangen! Wir vermögen es fast nicht zu glauben. Wer entsinnt sich bei dieser Nachricht nicht jener denkwürdigen Stunde auf dem Jenaer Marktplatz, als Kortüm den Preis der Kochfestwoche überreichte und unserem Fest eine so angenehme Wendung gab! Wir erheben uns im Geiste von unseren Plätzen und rufen: Du bleibst unser!« Utzenstorff las die Nachricht unter der Aufschrift »Rätselhafte Vorgänge im Schottengelände – der verschwundene Tote.« Kortüm! Wenn wir das drehten . . . ! Aber ich drehe es nicht, das ist kein Film mehr. Er hob das Rotweinglas; spiegelte sich nicht die silberne Windfahne darin, das Kerzenlicht einer Silvesternacht? – »Wir lassen es ruhn – Kortüm, wo du auch bist!« sagte er und leerte das Glas. Windhebel aber fuhr bei der Nachricht aus tiefem Arbeitsrausch auf und rief: »Unbegrabbar!« Konstanze prüfte noch einmal das Datum der Zeitung: »Ich habe dir's gesagt, Klaus. Es muß Kortüm gewesen sein. Der Logenschließer, dem das Opernglas fehlt, hat mich gefragt, wer der Herr gewesen sein könnte. Der Fremde hat zu mir gewollt. Ich habe ihn mir beschreiben lassen – Kortüm, wie er leibte und lebte.« »Dann wäre er doch zu dir gekommen.« Sie spielte versonnen mit Klaus' Bleistift: »Er hat das Flügelhaus einer Frau vermacht, die wirtschaften kann.« »Einer Frau, die zu Hause ist im Schottengelände; Kortüm gibt zurück, was er von der Erde geliehen hat«, lächelte Klaus. »Wenn wir das könnten mit unserer Arbeit, du? Die größte der Künste, Klaus.« »Aber die letzte.«   Gedächtnissitzungen Pastor Arcularius kam nicht dazu, Kortüm die Grabrede zu halten. Utzenstorff dagegen versammelte eine ungeheure Gemeinde zu Kortüms Gedächtnis. Arcularius mußte eben seine Rede auf einen reellen Toten gründen können. Utzenstorff brauchte nur Kortüms 729 lebendes Bild, die runden Blechschachteln mit den zweitausendzweihundert Meter langen Zelluloidstreifen darin. Ein paar Federn schnappten ein, der Motor summte, Zahnräder bewegten das Bildband und Kortüm erschien, ein Timeslesender Andermann, vor dem halb erschrockenen, halb gerührten Publikum. Herr Kortüm selbst blieb verschwunden, und das Schottengelände blieb unruhig. Konnte doch jeder Tag eine umstürzende Nachricht bringen. Abenteuerliche Gerüchte tauchten auf. Die Behörden hatten viel Ärger und Schreiberei. Mancher Bogen wurde mit überflüssigen Worten beschrieben, namentlich seit ein Gerede tuschelte, Kortüm lebe und halte sich irgendwo im Ausland auf. Sogar englische und französische Konsulate beklagten sich über unnötige Scherereien. Nichts Sicheres war festzustellen. Wieder einmal erwies sich, daß der Mensch, dem auf der Erde aus irgendwelchen Gründen kein ordnungsmäßiger Aufenthalt erwünscht scheint, sich am besten in die Erde begibt, und zwar nicht auf einem privaten, sondern auf dem behördlich geregelten Wege. Alle Abschweifungen von dieser bestens bewährten Abgangsweise bringen nur Schwierigkeiten. Nachdem Lotte Wingen und Monich im Lauf der nächsten Wochen an die verschiedensten Amtstische gerufen worden waren, bestellte sie nun auch der Amtsrichter Heydenreich nach Esperstedt. Er eröffnete ihnen die Rechtslage: wenn der Aufenthaltsort eines abwesenden Volljährigen nicht bekannt ist, wird für seine Vermögensangelegenheiten ein Abwesenheitspfleger eingesetzt. Der Amtmann Lehnert in Esperstedt sei vom Gericht als Pfleger bestellt und werde seine Tätigkeit bis zur Rückkehr Kortüms ausüben. Nach zehn Jahren Abwesenheit trete dann das Testament des nicht vorhandenen Kortüm in Kraft. Auf dem Nachhauseweg sagte Monich: »Auf jedes Unglück paßt ein Paragraph. Wenn man aus dem Amte wieder 'naus is un nun weiß, wie alles geregelt is auf Erden, kommt einem doch die unheimlichste Angelegenheit ordnungsmäßig vor.« Die Wochen gingen hin. Die Hauptsaison begann. Auf dem Lohberg wurde viel Geld umgesetzt. Im Sanatorium blieb es still. Aber Doktor Langloff war daran selber schuld. Er unternahm in dieser wichtigen Geschäftszeit wiederholt Reisen, prüfte die Niederlassungsfrage in Geestemünde und anderen Orten, statt sich um das Flügelhaus zu kümmern. Im Schottengelände lebte er still und zurückgezogen. Freilich konnte man Langloffs Gründe verstehen. Jeden Tag jedem Gast die Frage beantworten zu müssen: »Im Vertrauen, wie ist das nun 730 eigentlich mit Kortüm, Herr Doktor?« – diese ewige Übermacht selbst des nicht mehr existenten Kortüm wurmte den Doktor. Er sah den Leuten schon von weitem an, wenn sie mit der großen Frage auf den Lippen herantraten. Und erst die Nebenfragen: Sarg, Leichenrede, Grabstein – wie Mücken an gewitterwarmen Tagen surrten die Rätsel in der Luft. Langloff hatte keine Lust, sich stechen zu lassen. Wer Näheres hören wollte, mußte schon aufs Lohberghaus gehen. Bei Lotte freilich kamen die Aushorcher schief an. Sie schüttelte nur stumm den Kopf und ging an ihre Arbeit. Zudem war sie eine Respektsperson geworden, die vorsichtig angefaßt sein wollte. Wenn sie sichtbar wurde, deutete der ältere Gast mit dem Daumen über die Schulter und sagte zu dem jüngst eingetroffenen: »Das ist sie.« Aber im Lohberghaus stand ja noch der runde Tisch mit Kortüms silberner Windfahne. Alle die älteren Herren, welche sich rühmen konnten, zu Kortüm in einem näheren Verhältnis gestanden zu haben, versammelten sich hier: Mickewitz, Kuffert, Menger, Rab, auch Lehrer, Pastor und Amtsrichter. Nur Monich kam nicht mehr. Er besuchte Lotte zuweilen in den ruhigen Mittagsstunden, wenn die Gaststube leer war, sagte: »Je ja, Frau Wingen«, trank seinen Schoppen und ging wieder. Je weiter die Jahreszeit vorrückte, desto fester gründete sich der sogenannte Kortümtisch, dem die angeseheneren Einwohner der Umgebung angehörten. Der alte Freitagstisch hatte sich in den letzten Jahren immer mehr verkleinert und zuletzt aufgelöst. Mit Recht sagte Mickewitz: »Meine Herren, man muß auch vergessen können. Der Dahingeschiedene hat manche Unruhe in unsere Gegend gebracht, gewiß. Aber manchmal kam er auf nutzbringende Gedanken. Nun er fort ist, lassen Sie uns ruhig eingestehen: dieser Tisch im Lohberghaus hat seinen Wert.« »Bloß Monich fehlt.« »Regulär«, meinte Kuffert, »dauert 's Trauerjahr sechs Monate. Passen Sie auf, zu Weihnachten sitzt er hier mittenmang.« So sicher stand Monichs Rückkehr aber nicht fest. An warmen Abenden saß er jetzt auf der Bank vor dem Leinwandladen und brummte vor sich hin. Seine Augen mußten nachgelassen haben: »Er hat mich wieder nich gesehn«, sagte mancher Besenröder, »auf drei Schritte bin ich an ihm vorbeigegangen, un er hat mich nich gesehn.« Ein paar Leute aber erkannte Monich stets. Wenn Bilmes vorbeikam, rief ihn Monich an. Sie tranken einen Püsterich zusammen und besprachen das große Rätsel ihres Lebens. 731 »Mir is immer so, Herr Monich, als müßte Kortüm ganz hier in der Nähe sein.« Monich erschrak: »Aber Bilmes.« »Je, ich kann mir nich helfen. Mir is es so.« »Das will ich Ihnen sagen, warum's Ihnen so is. Horchen Sie mal gut drauf. Wie 'n Dicker im Leben mehr Platz braucht als 'n Zwirnsfaden, so hat eben Kortüm eine sozusagen geistige Korpulenz gehabt, un was das Geistige is, das bleibt. Das kommt von der Dimension, verstehn Sie? Kortüm hat eine Dimension gehabt. Wir werden noch lange dasitzen, un uns wird's sein, als wenn Kortüm neben uns säße.« »Nee, so nich. Kortüm – ich lasse mir das nich nehmen – Kortüm is lebendig un lebt hier irgendwo lebendig.« Er näherte sich Monichs Ohr und sagte leise: »Wer weiß, was der vor hat.« »Bilmes, wenn das die Polizei hört!« »Da hört sie's eben. Wenn ich im Walde zu tun habe un 's knackt was hinter mir, da fahre ich allemal rum un denke: Kortüm, bist du's?« Monich schüttelte traurig den Kopf: »Im Walde? Nee, Bilmes. Da haben Sie Kortüm schlecht gekannt. Im Walde? Dazu war Kortüm zu komfortabel. Auf Moos un Kleinholz, mit einem langen Bart un als wilder Mann? Jawoll, alle zwei Tage einen frischen Kragen un untern Honig erst 'n Schichtchen Butter. Nee, im Walde nich.« »Wenn er nu heimlich im Lohberghaus wohnen täte?« »Ich glaube, Sie sin verrückt geworden!« »Je, wär das denn wirklich so dumm? Kortüm sagt Lotten heimlich, wie sie's machen muß? Merken Sie denn nich, was das für einen Aufschwung nimmt auf dem Lohberg? Un wo 'n Aufschwung is, da is Leben, un wo Leben is, da is Kortüm.« Monich ging ins Haus, holte die Püsterichflasche und ein paar Gläser: »Prost, Bilmes. Mir is es ganz schwächlich geworden. Sagen Sie sowas nich wieder. Ich getraue mir doch gar nich einzuschlafen, wenn ich denke, 's kloppt plötzlich an den Fensterladen, un ich gucke 'naus, un Kortüm steht da in der Nacht.« Der kleine unentgeltliche Püsterichausschank vor dem Leinwandladen war noch einigen anderen Besenrödern bekannt. Von ungefähr kam Kersch seines Weges, sah die Püsterichflasche im Grase stehen, bot einen schönen guten Abend und nahm teil an der Gedächtnissitzung. Selten ließ sich einer der Trauergäste einen Püsterich einschenken, ohne dafür eine neue Nachricht zu spenden. 732 »Der alten Schellert'n«, begann Kersch, »gehören doch die Haselbüsche zwischen dem Mühlholz un der Ilmwiese. Hä, wissen Sie, was der passiert is? Die hat sich gestern abend nach dem Behang umgeguckt. 's haben schön viel Nüsse angesetzt. 's wird 'n Nußjahr, denkt sie, un da kommt einer – na nu, denkt sie, in meinen Haseln? Sie guckt, un die Kiepe fallen lassen un ausreißen is eins. Wissen Sie, wen sie gesehn hat?« »Kersch!« rief Monich drohend. »Nu, ich will nischt gesagt haben. Aber er hat keinen Hut aufgehabt un 'n schwarzen Rock angehabt.« »Sehn Sie?« unterbrach Bilmes die aufregende Schilderung. »Sehn Sie!« – Monich wurde zornig. »Was heißt'n das: sehn Sie?! Der neue Organiste geht auch mannigmal im bloßen Koppe rum, un jeder Mensch im Orte weiß, daß er jetzt seinen alten Gehrock abträgt, zum Donnerwetter!« Kersch wiegte schweigend seinen Kopf. Bilmes wiegte schweigend seinen Kopf. Monich trank einen Püsterich, ohne Erleichterung zu spüren. Er begrüßte deshalb die Ankunft des vierten Mannes, sagte, daß jetzt Gott sei Dank ein vernünftiger Mensch komme, und fügte hinzu: »Die beiden hier, Albrecht, die sind reine dumm im Koppe! Wie geht's 'n, Albrecht?« »Man wird alt. 's geht nich mehr wie sonst, un 's muß doch gehn.« Monich holte ein weiteres Glas und schenkte ein: »Trinken Sie 'n Püsterich, Albrecht. Der vertreibt die Sorgen.« »Der eben grade nich; der macht mir je die Sorgen.« »Nanu?« »Gearbeitet un gearbeitet, un nu fange ich von vorne an.« »Was fehlt'n?« »'s Rezept! 's Püsterichrezept. Wie's erst war, das weiß ich je ausm Koppe. Aber dann haben wir doch 's Rezept ändern müssen. Als Kortüm den großen Kessel kaufte. Damit's zur neuen Destillasche paßte. Sowas is gar nich einfach. Das haben wir nu alles genau aufgeschrieben. Un das is weg. Lotte findt's auch nich. Kortüm muß es mitgenomm' haben.« »He!« rief Kersch, »nu sin wir gleich 'n Schrittchen weiter!« »Schämen Sie sich«, knurrte Monich, »'n anständiger Mensch macht sich Gedanken, daß nu Kortüm in der ewigen Seligkeit is, un der Kerl kommt weiß Gott auf die Idee, Kortüm macht Schnaps irgendwo.« »Je, wenn er aber das Rezept mitgenommen hat«, sagte Bilmes. 733 »Das weiß doch Albrecht gar nich! Er denkt's doch bloß! Oder wissen Sie's?« »Nu, wissen . . .« Nichts wußte man. Nur dieses eine: Kortüm war lebendiger denn je im Schottengelände! Kortüm ging um. »Der Pastor Arcularius hat schon recht gehabt«, brummte Monich, »wir haben keine Ruhe, ehe Kortüm wieder da is.« »Suchen«, sagte Bilmes und blickte nach der im Nachtdunkel verdämmernden Schottenhöhe hinauf. »Aber wo?« »Vielleicht 'nmal in der Kranichstedter Gegend?« »Da kennen ihn doch alle.« »Oder – je . . .« »Die Welt is so groß . . .«   Der Grabstein Brennesseln gedeihen nicht überall; wo der Mensch hingeht, da gehen sie auch hin. Und wo er einmal gelebt hat, da sind sie die zuverlässigsten Zeugen seines verschwundenen Daseins. Brennesseln im Urwald oder an der Küste von Grönland: hier lebten Menschen. Die Hinterlassenschaft der menschlichen Existenz behagt der Nessel. Auf Schutt wuchert sie mannshoch – ein grünendes Denkmal, das man allerdings am besten mit Handschuhen anfaßt. »Ruderaltisch« nannte Doktor Windhebel bei seiner Ankunft an einem Freitagabend im Lohberghaus die unter Mickewitz' Vorsitz am Tisch der Silbernen Windfahne versammelten Herren: »Sie gedeihen auf Schutt.« Grimmig ließ er sich das Getränk auf sein Zimmer bringen. Am folgenden Donnerstag reiste Windhebel wieder ab, um diesen Tisch nicht noch ein zweites Mal in Kauf nehmen zu müssen. Das Lohberghaus war ja dünn gebaut, und das ungehemmt breite Lachen, das behaglich summende Gespräch schallte bis an Windhebels Arbeitstisch, den in dieser Zeit Papiere mit schweren Überlegungen belasteten. Von der Püsterichbank vor Monichs Leinwandladen wußte der Gelehrte nichts, sonst würde er dort manche Ruhestunde angenehm und tröstlich zugleich verbracht haben. Der abgeschiedene Gastwirt hatte sich viel Mühe mit dem Erfinden passender Namen für seine jeweilige Gastwirtschaft gegeben. Diese 734 Namen verschwanden allmählich. Windhebel hörte niemand mehr vom Schottenhaus, von der Silbernen Windfahne, von Goldwaage oder Echostube reden. Auf die Frage: »Wohin?« antworteten die Leute: »Zu Kortüm«, und wenn sie »bei Kortüm« sagten, meinten sie das Schottengelände. Dieser Name wurde zur Ortsbezeichnung, ja zu einem geographischen Begriff. Da nun jeder ungewöhnliche, unheimliche und unerklärliche Vorgang in der Gegend ebenfalls auf Kortüm zurückgeführt wurde, konnte es nicht fehlen, daß der Dahingegangene noch öfter genannt wurde als einst der lebende, und der lebendige Kortüm war doch gewiß ein vielgenannter Mann gewesen. Frieback reiste mit seinen Urlaubern »zu Kortüm«. Auf den Anschlägen an den Berliner Plakatsäulen war eine »Kortümreise« verzeichnet. Am Tage vor seiner Abreise hatte Windhebel dem Holzhacker Kersch ein blankes Fünfmarkstück in die Hand gedrückt: »Sie pflücken mir dafür einen schönen großen Brennesselstrauß und stellen den morgen auf den Ruderaltisch.« »Auf was?« »Auf den Stammtisch, an dem die Freitagsgesellschaft sitzt.« »Mach ich. Un schönen Dank auch, Herr Doktor.« Wenn Windhebel, ein Gelehrter, der Brennessel zu einer angemessenen Stellung im Schottengelände verhelfen wollte wegen ihrer Vorliebe für Stickstoff und wegen der verkieselten Brennhaare, die beim Berühren Gift absondern, so unternahm Professor Holdermann, ein Künstler, die Ausrottung von Urtica diocea . Er sah bei seinem Besuch im Schottengelände den Grabstein Kortüms, sah das Brennesseldickicht, welches diesen Stein schon halb verbarg, und wandte sich an Doktor Langloff: »Das geht doch nicht. Die Nesseln müssen weg. Ein paar Stauden sollten da gepflanzt werden.« »Wenn Sie meinen«, sagte Langloff gleichgültig. »Gewiß meine ich das«, antwortete Holdermann nicht ohne Schärfe. »Nun – ich meine dieses«, entgegnete der Doktor. »Mit unendlicher Mühe, mit Kosten und mit Hilfe einer großzügigen Werbung habe ich dieses Sanatorium aufgebaut. Was ist das Ergebnis? Kortümhaus heißt dieses Haus! Ich wohne bei Kortüm! Man reist zu Kortüm! Man . . . ach –« Langloff machte eine müde Handbewegung. Aber Mimi sorgte, daß die Nesseln in den nächsten Tagen abgesichelt, der Boden umgegraben und ein paar Blumen gepflanzt wurden. Holdermanns künstlerisches Empfinden hatte diese Verschönerung veranlaßt. Dem Maler war dabei nicht in den Sinn gekommen, daß 735 die paar Blumen außer dem Doktor Langloff auch Leute beunruhigen könnten, die beinah am andern Ende der Welt wohnten. Auf Monichs Bank saßen abends kleine Leute, die vor der Aufgabe, Kortüm in der weiten Welt zu suchen, verzagten, denn kleine Leute wandern auf ihren Füßen durch eine große Welt. Die Großen aber fliegen in ihren Maschinen rasch durch eine recht kleine Welt, sobald in ihren Akten Vermerke auftauchen, die bedenklich klingen. Die Kortümgerüchte gingen weite Wege, flogen in ferne Länder, stiebten mit dem heißen Sande durch Wüsten und huschten schließlich auch durch die Aktenregale der Stationen, in denen gewacht wird über jenen Wegen – kein Wunder, gab es doch Menschen, die sich nicht abbringen ließen von dem Gedanken, Kortüm selber ginge jetzt diese weiten Wege, bis in die Türkei und noch viel weiter. Im englischen Konsulat in Istanbul unterstrich der Beamte auf seinem Aktenbogen den Namen »Kortüm« und sagte zu seinem Mitarbeiter: »Also Sie kennen den Mann persönlich, Hudson?« »Kennen – ich habe ihn einen Abend gesehen und erzählen hören; wenn dieser Mann derselbe ist, den ich voriges Jahr auf meiner Reise durch Deutschland in einem Sanatorium Flügelhaus gesehen habe.« Lister nickte: »Jedenfalls gibt es diesen Kortüm.« Hudson stand am Fenster und zeigte auf die Agia Sophia, die aus acht Halbkuppeln aufsteigend in die neunte, in die breitgelagerte Riesenkuppel, mit ihren vier Minaretten rotglühend im Sonnenuntergangslicht vor dem grünen Abendhimmel Istanbuls stand. »Wie es den Bau da gibt, Lister. Er scheint ein Haus zu sein und ist ein Traum. Bei den Akten liegt jedenfalls der Zeitungsausschnitt mit Kortüms Todesanzeige.« »Und auf dem nächsten Blatt steht die Randnotiz, dieser Tote sei in lebendem Zustand in Istanbul gewesen, habe irgendwelche Geschäfte abgewickelt, sei angeblich der Hersteller eines konkurrenzfähigen Brandy und wäre weitergereist. Nach Osten.« »Die Sache geht uns den Teufel an«, murmelte Hudson. »Warum die ganze Arbeit!« Lister lächelte: »Weil er tot ist. Tote waren immer die besten Agenten. Keiner braucht was zu wissen.« Und das Kortümgerücht hob sich, flatterte, flog weiter . . . Als sich Kortüm vor Jahren von Professor Holdermann malen ließ, entstand bei seinem jedesmaligen Eintritt in die große Halle der Akademie ein unleidlicher Gegenzug. Nun war die Todesanzeige des 736 Abgeschiedenen in allen Händen, und Leute, die keinen Zugwind vertrugen, mußten immer noch den Rockkragen hochklappen, wenn etwas Kortümsches spürbar wurde. Die Sonntagsnummer der »Bengali News« brachte ein Bild mit dieser Unterschrift: »Kortüms Grab«. Die Inschrift des mit frischen Blumen geschmückten Grabes konnte der News-Leser deutlich entziffern. Eine kurze Erklärung unter dem Bild besagte, daß hier zu sehen sei die letzte Ruhestätte eines berühmten deutschen Schnapsbrenners, den kurz nach seinem Tode lebenswichtige interests in Gebiete zu führen schienen, welche durch Black and White bereits hinreichend mit Spirituosen versorgt seien. Übrigens wäre der Name des Brandys, den der Verstorbene herstelle, unaussprechbar und der Flascheninhalt mit dem Wort breath nur annähernd bezeichnet. Es läßt sich denken, wie erstaunt die Leserwelt von einer solchen Mitteilung der »Bengali News« Kenntnis nahm. Nicht allein der deutsche Zugwind an sich, nicht einmal die interests als solche, wohl aber die bemerkenswerte Tatsache, daß sich ein Mann nach seinem Tode aufmacht, um die interests anderer ehrenwerter Leute zu berühren, veranlaßte mehrere Abonnenten der »Bengali News«, sich unter Eingesandt zu dem Fall zu äußern. Wie, fragte Mr. Smith, der Vertreter von Black and White, wie ist es möglich, daß ein Bewohner jener südlich von Dänemark liegenden und durch Richard Wagners Opern in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Landstriche stirbt und trotzdem interests behindert? Was, fragte Mr. Byng, nützen Beschlüsse, wenn sich die Deutschen nicht einmal mehr an den seit Adams Sündenfall mit dem Tod vereinbarten Weltdeputationshauptschluß halten, sondern leben und interests nachgehen, obgleich sie rechtens tot zu sein haben? Ja, es muß wohl noch viel Weizen ins Meer geschüttet werden, ehe dieses Volk sich das Totbleiben angewöhnt hat. Alle »News« und »Times« und »Temps« haben mit dem »Besenröder Anzeiger« den Wunsch gemeinsam, ihren Lesern diejenigen Einzelgeschehnisse in leichtfaßlicher Form zu berichten, welche bei hinreichender Verallgemeinerung dunkle Gebiete zwischen Erde und Himmel ein wenig aufzulichten vermögen. Der Fall Kortüm war besonders dunkel. Auch Herr Menger konnte ihn nicht klären, aber er war so glücklich, dem Kortümgelände einen Artikel aus der Feder eines Kenners Frankreichs bieten zu können, der zwar nicht die Unbegrabbarkeit illustriert – aber diese Geschichte biete doch, rief Menger den Abonnenten zu, wenigstens einen kleinen Beitrag zum Problem der Verschwindbarkeit alles Menschlichen. 737 »Vor wenig Jahren, lieber Leser, läuft im Innenministerium ein Bericht des Präfekten von Clerval ein, der die Entdeckung eines Dorfes namens Verry meldet. Der Präfekt bittet um Verhaltungsmaßregeln. Der Innenminister gerät in Verlegenheit. Das Dorf Verry findet sich in keiner Liste, nicht einmal in den Steuerverzeichnissen und Stammrollen. Der Minister schickt einen Beamten, der nach viel Fragen und Beschwerden endlich inmitten eines rauchenden Trümmerhaufens steht und folgendes feststellt: Dieser soeben abgebrannte Ort Verry ist seit der Präsidentschaft Sadi Carnots aus vorläufig unaufklärbaren Gründen in völlige Vergessenheit geraten. Nach nun vierzig Jahren Verschwundenseins läßt sich nur noch der Hergang von Verrys Ausscheiden aus dem öffentlichen Leben verfolgen. Zuerst blieb der Steuererheber aus. Verry wartete. Der Mann kam nicht. Verry verhielt sich still. Eines Tages kam auch die Post nicht mehr. Sie brachte auch früher selten genug Briefe; als sie aber gar nicht mehr erschien, fiel es Verry doch auf. Da setzten sich denn die Verwandten Tartarins von Tarascon zusammen und fragten sich, was auf die Dauer schwerer zu ertragen sei: der Mangel an Steuerzetteln oder der Mangel an Briefen. Sie sahen sich an, schwiegen und verhielten sich weiterhin still. Die Militärkommission blieb aus. Alles blieb aus. Aber Verrys Boden ist fruchtbar. Die Wege draußen verfielen, und die Wälder der Franche Comté wuchsen um Verry zusammen. Der Weizen sproß, blühte, gab Korn und Mehl – sproß, blühte, reifte, fiel unter der Sense, vierzig friedliche Jahre lang. Da brach eines Nachts Feuer aus. In Asche sank Verry: achthundert Seelen in Schnee und Asche, ohne Obdach und Brot. Der Dorfälteste tat einen Seufzer, griff nach Hut und Wanderstab, schlug sich mühsam durch den Wälderwall, kam nach tagelangem Irregehen nach Clerval, und der erstaunte Präfekt nahm Kenntnis von der Tatsache, daß das nicht vorhandene Verry nicht mehr existiere und dringend Hilfe brauche.« Bis hierher der Gewährsmann des »Besenröder Anzeigers«. Menger setzte mit eigener Feder hinzu: »Nichts gegen Europa! Noch riecht dieser Erdteil nach dem Urwaldboden unverwüstlicher Erlebniskräfte!« Leider aber läßt die Verbindung der Zeitungen untereinander immer noch manches zu wünschen übrig. »Bengali News« erfuhr so wenig von dem Besenröder Verrybericht, als dem Schriftleiter Menger jemals das Bild von Kortüms Grab mit der Unterschrift Tomb Kortüm vor Augen kam. Das Leben mußte allein weiterdichten, was locker verstreut an 738 Wunderbarem geschah auf der großen Westoststraße Verry – Kortümgelände – Pamir.   Der wandernde Regenbogen Die Monate zogen ihre wechselnden Kleider über das Kortümgelände. Im Oktobergold strahlte die Landschaft, troff von Regen im späten Herbst, schneite ein, grüne Knospenpunkte bestickten die braune Erde, das Grüne blätterte auf, quoll in duftender Breite aus der Ackerkrume, zitterte lechzend im Sonnenlicht. Das Lohberghaus hallte wider von Stimmen lufthungriger Urlauber. Im Sanatorium erholten sich Gäste, die es bezahlen konnten. Langloff ließ sich wenig blicken. Lotte wirkte von früh bis spät. Die Blumen an Kortüms Grab strahlten in lachenden Farben. Von dem Inhaber dieser Stätte, von Friedrich Joachim Kortüm, war trotz emsigen Forschens nicht mehr zu sehen, als man von Grundbesitzern solcher Art auch sonst zu erblicken vermag. Kortüm blieb unsichtbar. Seine Abwesenheit durfte immer zuverlässiger als dauerndes Verschwundensein betrachtet werden. Aber die sehr erwünschte Ruhe, welche sogar Mickewitz als das beste Heilmittel für erholungsuchende Gäste bezeichnete, kehrte damit leider nicht im Schottengelände ein. Eigentlich war es hier nicht viel anders als in der Zeit, da Kortüm noch in Person regierte: jeden Augenblick kann etwas Unerwartetes geschehen – ja, es mußte etwas geschehen! »Hat man etwas erfahren?« war die ewige Frage. Im dunklen Gebüsch schwankten Zweige; der späte Wanderer schauerte zusammen. Erhob sich da im Halbdunkel der tote Kortüm? Wer seinen Mitgast im tiefen Walde traf, sagte nicht mehr lobend: »Wunderbar einsamer Weg«, sondern sah sich um und sprach: »Nun, bisher ohne Bedenken.« Mancher kam wohl aus Neugierde in das nun weitberühmte Schottengelände, aber wenn er die Koffer ausgepackt, die ersten Spaziergänge gemacht und die ersten Fragen gestellt hatte, wollte er selbstverständlich neben gutem Essen nunmehr Ruhe haben. Die Urlauber auf dem Lohberghaus brachten die Wirtin in keine solchen Verlegenheiten. Ihre Nerven waren unverbraucht. Sie hätten viel darum gegeben, dem Toten einmal zu begegnen im Walde. Das glückte keinem. Als Entschädigung beteiligten sie sich an der Vermehrung der Kortümgeschichten, mit denen schon die Einwohner allein die Direktion des Sanatoriums zur Verzweiflung brachten. 739 Elvira Stichling wohnte in diesem Sommer im Flügelhaus, gewissermaßen als Halbgast. Frau Langloff hatte sie dringend gebeten, die guten Wochen der Saison in ihrem Hause zuzubringen und nach dem Rechten zu sehen, da die jetzige Wirtschafterin, die Wissel, seit jener furchtbaren Kortümnacht ganz verdreht und unzuverlässig war. Nun wohnte Elvira zwar umsonst, aber ohne ihren Gatten in dieser schönen Gegend. Der Urlaub des Amtsschössers begann diesmal erst Mitte August. Keiner hatte mehr Grund, den Kortüm zu fürchten, als Elvira; sie hatte Kortüm sich verdoppeln sehen auf dem Maskenfest, sie war dabei in jener Nacht im Konversationsraum, als er eine große Gesellschaft bezauberte mit seinen Geschichten. »Hier ruht Friedrich Joachim Kortüm«, versicherte ihr der Grabstein an der Hauswand: jawohl! Elvira kannte den Kortüm! Jeden Augenblick war sie seiner gewärtig. Zweimal hatte Elvira das Zimmer gewechselt, weil etwas knackte. Jetzt wohnte sie im ersten Stock. Nebenan lag die kleine Kammer, in der das Zimmermädchen Mariechen schlief, welches den Nachtdienst versah. Hier fühlte sich Elvira sicherer. Aber es knackte erst recht. Einmal gab es sogar einen Polterschlag, als ob ein Mensch längelang ins Zimmer gefallen wäre. Unheimlicherweise hatte Mariechen nicht das geringste Geräusch gehört. Lange saß Elvira wach in ihrem Bett. Wodtke aber, der das unter Elviras Kammer liegende Zimmer bewohnte, tat in dieser Nacht überhaupt kein Auge zu. Beim Abendessen war Wodtke eine Kleinigkeit über das erlaubte Maß hinausgegangen. Er nahm Tropfen und konnte trotzdem nicht schlafen. Wehmütig gedachte er der köstlichen Kortümschen Geflügelpasteten, die leicht waren wie ein lieblicher Gedanke. Wo sind diese Pasteten hin! Da geschah etwas – in dieser Kortümgegend geschah immer etwas: oben, gleich unter der Gardinenstange, erschien auf dem weißen Vorhang ein Schattenbild – Fußzehen, Füße, Beine kamen herab, es flatterte etwas – lautlos schwebte eine Gestalt hernieder – verschwand – Wodtke blieb erstarrt liegen, nur den dicken runden Kopf erhob er mit Kraft vom Kissen, die Augen traten ihm aus den Höhlen. Lange lag er so. Dann stand er leise auf, schlich ans Fenster, horchte, lugte durch den Vorhangspalt. Er riß plötzlich den Vorhang auf, schloß ihn ebenso rasch wieder, horchte. Alles blieb still. Jetzt erst begann er vorsichtig den Vorhang wirklich zu öffnen; nichts war zu sehen. Das klare Mondlicht lag breit und silbern glitzernd auf dem Land. Wodtke schüttelte den Kopf; was er gesehen hatte in dieser Nacht 740 vom Sonnabend zum Sonntag, hatte er gesehen. Mit seinen Augen! Niemand, der Nachtwächter nicht, Mariechen nicht, konnte ergründen, wer geschwebt war in dieser Nacht. Als dem Doktor Langloff nun das allerneuste Gerücht zu Ohren kam, Kortüm wohne heimlich in einer abgelegenen Kammer des Ostflügels, erklärte er in scharfen Worten, sein Sanatorium sei ein auf wissenschaftlicher Grundlage ruhendes modernes Institut und beherberge keine Abwesenden. Am anderen Morgen hatte Wodtke einsilbig neben seiner Schwester gesessen, gefrühstückt und wiederholt auf die Uhr gesehen. »Emilie, sage mal, was meinst 'n du, wenn wir heute morgen 'n bißchen so nach Besenroda zu gingen? Durch die Anlagen, ja? So nach der Kirche hin, wie? Oder auch mal in die Kirche, du?« Emilie hörte auf zu kauen und sah ihren Bruder sprachlos an. »Ich meine bloß, weißt du? Der Pastor in Besenroda soll gar nicht schlecht predigen. Warum guckste'n so? Wieso denn? Ich zahle doch auch meine Kirchensteuer. Alles können die Ärzte auch nicht machen. Nee nee. Weshalb soll ich denn nich mal in die Kirche gehen? Selbstverständlich gehe ich in die Kirche, wenn mir das paßt.« Es geschah. Geschwister Wodtke gingen in die Kirche. Auf dem Wege sprach Wodtke: »Als er da war, hat's gespukt.« »Vom wem redest du, Udo?« »Na, von wem! Von Kortüm. Da spukte es. Weißt du noch, das Erdbeben? Un nu is er fort, un 's spukt erst recht. In diese Gegend komme ich nich noch einmal. Nee. Ich nich. Udo Wodtke nich!« Arcularius predigte jetzt in Kranichstedt. Er sah die Wodtkes nicht sitzen und beten und singen. Keine Ahnung hatte er von diesen verwickelten Zusammenhängen: allgemeine Kortümunruhe, Polterschlag in Mariechens Kammer, Wodtkes Vision, Kirchgang . . . »O Kortüm!« hätte Arcularius nach der Kirche gesagt, die Kortümsche Grabrede wieder einmal aus dem Schubfach geholt und sich lesend und meditierend im Sessel zurechtgerückt: »O Kortüm, deine Physik buk den Gästen Pasteten, aber deine Metaphysik drückt ihnen das Gesangbuch in die Hand.« Ein Sonnenstrahl fiel durch die farbigen Fenster der Besenröder Kirche auf die soliden glaubwürdigen Grabsteine an der Chorwand, der Organist spielte, die Gemeinde sang, und Wodtke betete, daß doch alles rechtens zugehen möge auf Erden – ein weitverbreitetes Gebet. Der Präfekt von Clerval richtete seine Augen nicht weniger erschrocken nach oben, wo die Physiker ein treffliches Gewebe silbern schimmernder 741 fliegender Maschinen zwischen die Metaphysiker und den Himmel gesponnen habe; Mr. Smith, dem jene dunkle Notiz der »Bengali News« bis in seine heiligsten interests gefahren war, blickte gleichermaßen hilfesuchend nach oben, wo die Imperial Airways Ltd. wohnt: möge es rechtens zugehen auf Erden. Und der Konsularbeamte Lister folgte dem Leuchtschild an der Stirnwand seiner Flugkabine – »Bitte anschnallen« – mit einem Seufzer der Erleichterung, ließ den Schlauch der Zusatzluft los, tastete nach den Lederriemen: »Stickig heiß, und unsereiner muß in der Luft herumfliegen, damit es in den interests rechtens zugehe.« Er hatte viel Mühe, Notizen über einen angeblich toten Deutschen zu sammeln. Als er zum Schluß die wenigen zuverlässigen Erkundungen in seinem Büchlein überflog, konnte er nur von zwei deutschen Reisenden sprechen, die angeblich noch weiter ostwärts gegangen waren, um das Grab eines dritten Deutschen zu suchen, eines gewissen Missionars Haupt, der ebenfalls hier durchgekommen wäre, vor langer Zeit aber, vor dreißig Jahren angeblich. Das wenige Neue, was Lister notieren konnte, war die Feststellung, daß sich der Fall nicht um breath zu drehen scheine, sondern um tomb . Breath and tomb – wie reimt sich das: Puste und Grab? Aber Mr. Lister war froh, überhaupt wieder europäischen Boden in Gestalt von läuferbelegtem Aluminium unter den Füßen zu haben und ein unnützes Aktenstück mehr zu dem übrigen legen zu können. Der Rückflug dauerte länger. Über einer Falte klotzigen Gefelses faßten Böen die Maschine. Der schwarze Dickkopf draußen vor dem Kabinenfenster senkte sich, stieg. Die Maschine flog an dem Gebirgsstock hin. Von Süden her trieb kobaltblauer Duft gegen die Sonne, die weit in der Ferne ein Häuflein weißer Hauspunkte aufglänzen ließ. Da ist der wunderbare blaue Duft heran; die Maschine schwankt und stampft. Ein paar Augenblicke zerreißt das stahlgraue Gewölk unter ihnen. Die Schleife eines ockerroten Flusses wird in der Tiefe sichtbar. In fahlem Licht erglänzen messerscharf die kahlen Felsen, an denen das Flugzeug entlangfliegt. Das Gewölk zieht die Wand rasch wieder zu, und die Maschine braust nun an einem Gewitter hin, das zwischen ihr und der Felswand in gleicher Richtung wie das Flugzeug vorwärtsjagt, eine gießende Regenwolke, in der gelbe Blitze herumzucken. Mit höchster Kraft fährt die Maschine, aber das Gewitter hält das Rennen. Blitzend wälzt der Wolkenballen nebenher. Da steht plötzlich vor der tiefgrauen Wolke ein ungeheurer flacher Regenbogen, die Maschine 742 scheint in seiner Scheitelhöhe zu fliegen. Um den strahlenden Bogen bildet sich der zweite. Gebannt hängen Listers Augen an diesem Farbenspiel. Die Maschine rast vorwärts – wir müssen den herrlichen Bogen gleich zurückgelassen, verloren haben. Nein! Der Bogen wandert mit. Unten in der Tiefe erscheint wieder der rote Fluß, schon breiter jetzt. Ein Dorf. Eine Brücke. Der Fuß des Regenbogens zieht flimmernd bunt über den Fluß, das Dorf, die Brücke; der strahlende Doppelbogen weht so schnell dahin wie die zitternde Maschine. Der Bogen Gottes steht nicht über der Erde; wir sehen ihn nur stehen, wenn wir ruhen. Wie wir wandern, wandert er mit, Verheißung des Friedens seit Sintflutzeiten. Die Verheißung ist nicht gegründet in diese Erde. Wir sehen sie bloß gegründet, und wie wir gehen, geht sie mit: vergoldend, rubinenflimmernd, überblauend, grünend wie die Saaten. »Bitte anschnallen«, sagt die Lichtscheibe an der Wand der schwankenden, von Böen geschüttelten Maschine. Sie schwenkt links ein. Regenflut prasselt gegen die Scheiben, die Flügel neigen sich: eine baumlos kahle Stadt Asiens, in eine sanfte, baumlos kahle Kalkschale gelehnt, ein Feld mit Fähnchen, Dächer . . . landen – – – Die Besenröder Kirchtür geht auf. Dröhnend braust das Orgelnachspiel in das sommerheiß ruhende Thüringer Sonntagsnest. »Du, Emilie – ich lasse mich mal verbrennen.« »Udo!« »Sicher is sicher, Emilie.«   Fragen Ob er wiederkommt? Die Bank vor dem Leinwandladen neigte an manchen Tagen zu dem Spruch: Ja, er kommt. Monich konnte für seinen Glauben einen gewaltigen Zeugen vor die Schranken seines Ladens rufen: den König Heinrich. Der stieg auch immer wieder aus dem Gemäuer – nur bei Unwetter freilich, aber er kam. Bilmes war bekanntlich der Ansicht, Kortüm sei gar nicht fort, er lebe hier herum nur im Verborgenen. Albrecht schüttelte den Kopf zu Bilmes' freventlichen Reden, er teilte auch Monichs Glauben nicht. Aber Kortüms alter Freund vermochte ein Weiteres zu Kortüms Gunsten vorbringen: »Der Schulmeister, der 743 Schart, wißt Ihr? – jetzt soll er ja Schulmeister in Berlin sein un nebenher Bücher schreiben. Also Schart hat dazumal bei Kortüms Richtefest eine Geschichte aufgeschrieben von jemandem mit einem ausländischen Namen, den ich vergessen habe; aber der war auch gestorben un nich tot.« Hier aber widersprachen nicht nur Bilmes und Albrecht, jeder Bücherleser muß sich auflehnen gegen eine solche Behauptung. Selbst Mr. Lister würde das nicht schweigend hingenommen haben, wenn er die Freude gehabt hätte, auf dieser Abendbank vor Monichs Laden mit sitzen zu dürfen. »Diese Deutschen«, hätte Lister gesagt, Monich um einen weiteren breath gebeten und die Sache dahin berichtigt, daß jener Mann namens Quichote nach dem fünfundsiebzigsten Kapitel im zweiten Buch nicht nur gestorben, sondern auch tot gewesen sei laut urkundlicher Beglaubigung durch den anwesenden Arzt und Notarius. Lediglich ein späterer Zusatz, wohl auf Grund neuerer Erfahrungen, versuche jetzt den Don Quichote für lebend auszugeben: » Please, still a little breath, Mr. Monich « – hätte Lister gesagt; aber er saß nicht auf dieser Bank, weil sich ein Mr. Lister auf eine solche Bank überhaupt nicht setzt und deshalb das Volk der Dichter, Denker, Musikanten und sonstiger interests so ungeheuer schwer zu verstehen vermag. Ob er wiederkommt? Herr Kortüm war ein Kinderlied geworden. Die Mütter im Schottengelände sangen an den Wiegen: »Kortüm sitzt am Hachelstein – Horcht, ob böse Kinder schrein.« Und auf den Straßen lief ein Lied von Besenroda nach Kranichstedt und weiter bis nach Verry, wieder zurück auf der Taschkenter Straße, übers Schottengelände, nach Osten hin: Einer schafft, der andre lebt, Wir besitzen, Kortüm schwebt – Unser ist die goldne Erde, Kortüm ächzt und plagt: es werde. Ob er wiederkommt? Die ruhebedürftigen Gäste des Sanatoriums sagten: »Nein – denn er ist ja da! Tot oder anders. Der Teufel hol's, in dieser Unruhe mag sich erholen, wer will.« Wenn auch die Langloffs einig waren, das Flügelhaus aufzugeben nach Ablauf der Pachtzeit, mußten 744 sie doch nun allen Ernstes zu Rate gehn. Auf diese Weise verzinste sich das Langloffsche Kapital jeden Monat schlechter. Man kann Ruheräume bauen, die jeglichen störenden Schall abhalten, den gerüchtsicheren Innenraum hat die moderne Technik noch immer nicht konstruiert, und leider werden nervöse Herrschaften von Gerüchten mehr gestört als von Paukenschlägen und Trompetenstößen. Das Lohberghaus hatte die große Frage: ob er wiederkommt? ebenfalls beantwortet, aber etwas anders. Wenn nach Bilmes Ansicht Herr Kortüm wirklich noch heimlich im Schottengelände lebte und umginge, würde er sicherlich eines Tages an Lotte herangetreten sein: Frau Wingen, was für ein Fest feiern meine Gäste seit acht Tagen? Oh, kein besonderes, würde Lotte dann antworten; sie sind bloß da. Frieback hatte die Kortümtage nicht vergessen. Die Urlauber kamen wieder, ihre Bekannten kamen nach, und der Gastwirt hätte auf dem Treppenabsatz gestanden, erstaunt gehorcht und dasselbe Wort vor sich hingemurmelt, mit dem er das plötzliche Erwachen des Lebens vor den beschriebenen Wänden der Echostube begrüßt hatte: Sieh da, es lebt. S'il revenait? « fragte auch der Konsul Haguenin Frau Hannchen, die Wirtin des Savoy in Port Said, deren Liebes- und Ehegeschichte der Doktor Windhebel Herrn Kortüms Tafelrunde auf dem Lohberg seinerzeit dargelegt hatte, soweit sie als wissenschaftlich bemerkenswert bezeichnet werden konnte. Haguenin war ein feiner alter Herr, der nachdenklich seinen weißen Schnurrbart strich, mit der silbernen Krücke des Stockes spielte und die Nachtluft genoß, die leise von der See herüberwehte. » S'il revenait? « »Das weiß ich nicht.« »Sie haben schon früher mit ihm korrespondiert?« »Ja. Aber warum, Herr Konsul?« »Oh, eine Bagatelle. Wirklich nichts von Belang. Man will nur eine Randbemerkung machen können und ein Aktenstück weiterreichen.« Die Wirtin nickte: »Einen Brief habe ich mal von Herrn Kortüm bekommen. Aber nur einen scherzhaften Brief« – sie lächelte vor sich hin. »Ich bin nämlich früher ein Stern gewesen.« » Cela va sans dire, madame « – Haguenin neigte verbindlich den Kopf. »Aber ein richtiger, Herr Haguenin!« Sie zeigte über die Dattelpalme weg in den Sternhimmel hinauf: »So einer.« »Ah . . . vielleicht ist Herr Kortüm auch nur ein Phantom? Ich bin 745 kein Astrolog von Fach; Sie müssen mir schon mehr erzählen, wenn ich das Wunder fassen soll.« Hannchen Savoy brachte denn das Wenige und höchst Unzulängliche zutage, was sie von Kortüm wußte. Etwas ausführlicher berichtete sie dafür ihr Erscheinen am Sternhimmel. Herr Haguenin verstand die feine Kunst des Zuhörens, so daß Hannchen ihre ganze traurige Liebesgeschichte im Schatten der Licksternwarte zum besten gab samt dem beruhigenden Ende im Savoy Port Said und dem nun nach so langen Jahren erfolgten Kortümschen Nachtrag. » Nous voilà! « Haguenin schlürfte den eisgekühlten Sorbet. » L'étoile allemande  . . . . Er ist da, er ist nicht da. Er ist so und ist anders –« » Ist da und ist so, Herr Haguenin«, sagte Frau Hannchen, »ich wohne weit von Hause, aber meine Landsleute sehe ich deutlich. Und Sie sehen sie auch.« Haguenin fuhr mit der silbernen Krücke langsam über sein Kinn: »Das Statuarische sieht man, Madame. Die Deutschen fühlen sich. Und jetzt, glaube ich, jetzt fühlen sie auch ihre Form.« Er rückte das Glas auf dem Tische hin und her. »Oh, gefühlte Form . . . Ich gebe das Aktenstück Kortüm ohne Marginal weiter.« »Und der Nächste gibt's weiter«, lachte Hannchen Savoy, »immer weiter –« » L'allemand éternel. «   Gesichtet Das abgeschirmte Licht fiel auf Papiere, die mit Ziffern und Gleichungen bedeckt waren. Windhebel sprang auf, stolperte über Atlanten, die am Fußboden lagen, drehte die Lampe über einer Sternkarte auf. Tiefe Stille. Der Bleistift scharrte leise, Papiere raschelten. Vor Jahren hatte Kortüm auf seinem Dach eine silberne Windfahne aufgestellt und ließ sie anstrahlen, damit sie auch in der Nacht weit ins Land leuchten konnte. Er war damals ein Stück in den Wald hineingegangen. Die Bäume dufteten und bewegten langsam ihre Wipfel. Kortüm hatte durch die Zweige seine silberne Windfahne blitzen sehen: 746 das ist mein schönster Gedanke, hatte er gesagt, und mitleidig die kleinen Sterne am Himmel verglichen mit seinem Sternbild – wer Sternenähnliches schafft, versieht sich leicht in den Maßen, denn das steht den Augen nahe und verdeckt die Sternwirklichkeiten, die durch die Ferne des Raumes ziehen. Soweit die Refraktoren den Blick in die Weltnacht dringen lassen, kannte Doktor Windhebel die Gestirne – seit heute nacht aber war er endlich der Gewißheit froh geworden, einen Stern mehr zu kennen als andre Menschen: an der Entdeckung des neuen Planetoiden bestand kein Zweifel mehr. Ein zartgrün schimmerndes zitterndes Licht gab der Stern. Welcher Stern? Wie hieß er? Windhebel lächelte trübe. Er hatte nie ein Mädchen gefunden, deren Name seinen Stern wert war. Sein schweres Gelehrtendasein zog an ihm vorüber, die stummen Gedankenqualen, die Einsamkeit in dem eisigen Raum des Geistes, die Enttäuschungen im stallwarmen Raum des Daseins – »Urtica werde ich ihn nennen.« Aber er dachte an den zart schimmernden Lichthauch in der Tiefe des Weltraumes, der ihm gehörte: »Nein . . . die Nessel lebt von gelebtem Dasein. Was aber aus sich selber lebt, erlebt bewegend« – Windhebel schwieg, er sah im Geiste die Nesseln schwanken um einen schwarzen Stein: ›Hier ruht Kortüm‹. Windhebel stand auf: »Daß er nicht drunter ruht, das eben ist's!« Er blickte nach dem Bezirk des nächtlichen Himmels, in dem jetzt, einem bloßen Auge unsichtbar, der neue Stern seine Bahn zog . . . Windhebel lächelte: »Kortüm sollst du heißen.« Die Nachricht von dem neuen Stern ging in die Welt. In den kommenden Nächten begannen sich rings auf dem Erdkreis die Kuppeln der Observatorien langsam zu drehen. Die Refraktoren hoben sich, senkten sich; sie suchten den Kortüm. Schweigende Nacht, unendlich . . . Die Zyklopenaugen starrten in den Weltraum hinaus, suchten, suchten. Eines Morgens hielt Doktor Windhebel ein Kabel von der Licksternwarte in der Hand: »Unseren Glückwunsch! Kortüm gesichtet.«   Ende .